Liebe Mama,

seit einigen Tagen kann ich nur noch eine halbe Stunde am Tag aufrecht im Bett sitzen. Meist liege ich flach. Mein Herz will nicht mehr. Heute früh sagte der Professor etwas – es klang wie eine Vorbereitung, aber worauf? Es muss furchtbar sein, jung zu sterben! Ich muss damit rechnen, dass ich am Anfang dieser Woche vielleicht schon nicht mehr lebe. Und ich bin nicht vorbereitet. Es erscheint mir wirklich unerträglich, nicht vorbereitet zu sein. Das Schlimmste ist, wenn ich zum Himmel blicke und er dunkel ist. Es wird Nacht, kein Stern leuchtet über mir, wo ich doch nur hätte aufsteigen wollen, um endlos zu schauen.

 

Mama, ich war nie gottesfürchtig. Aber jetzt spüre ich, dass da eine Macht ist, in wessen Hände ich fallen werde – der ich auf alle Fragen eine Antwort geben muss. Das ist meine Qual. Ich weiß nicht, wie es wäre, wenn ich Ihn kennen würde.
Mama, erinnerst du dich, wie du früher abends mit uns durch den Wald gegangen bist? Du bist Papa entgegengegangen, der von der Arbeit kam. Manchmal liefen wir dir davon und waren eine Weile ganz allein. Dann hörten wir Schritte im dunklen Abend – und was für eine Angst vor diesen fremden Schritten! Aber was für eine Freude, wenn wir sie als deine erkannten – du, Mama, die uns so sehr liebte.


Jetzt höre ich in der Einsamkeit wieder Schritte – aber ich kenne sie nicht. Warum kenne ich sie nicht? Du hast mir einst gesagt, wie ich mich kleiden soll, wie ich essen soll, wie ich durchs Leben gehen soll.

 

Du hast dich um mich gekümmert, du wurdest nie müde all deiner Sorgen. Ich erinnere mich auch, dass du mit uns an Weihnachten zur Mitternachtsmesse gegangen bist. Ich erinnere mich an das Abendgebet, das du mir manchmal leise ins Ohr geflüstert hast. Immer hast du mich zur Ehrlichkeit ermahnt.


Doch all das zerfällt mir jetzt wie brüchiges Material. Warum hast du uns von so vielem erzählt – aber nicht von Jesus Christus? Warum hast du mich nicht mit dem Klang Seiner Schritte vertraut gemacht, sodass ich erkennen könnte, ob Er in dieser letzten Nacht und Todeseinsamkeit zu mir kommt? Damit ich wüsste, ob Der, der auf mich wartet, ein Vater ist.
Wie könnte ich sonst sterben?

 

(Albert Biesinger – „Kinder nicht um Gott betrügen“)

(Nach dem Tod dieses jungen Mädchens wurde dieser Brief von einer Krankenschwester gefunden.)