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Schrifterklärungen 1. Kapitel – Eine gute Regel zum
nutzbringenden Lesen des Alten und Neuen Wortes. 20. Dezember 1843 abends Bibeltexte und
ihr geheimer Sinn, durch das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber. [Ste.01_001,01]
Meine lieben Kinder! Mit diesen folgenden ‚Nacherinnerungen‘ will Ich euch
eine gar wichtige und nützliche Regel geben, ohne die ihr euch durch die
Lesung was immer für geistiger guter Bücher keinen Nutzen verschaffen könnet.
Ihr möget die Heilige Schrift, wie auch dieses Neue Wort tausendmal
nacheinander durchlesen, so werdet ihr aber dennoch ohne diese Regel stets
auf dem alten Flecke stehenbleiben. [Ste.01_001,02]
Ihr habt euch durch das öftere Lesen wohl euer Gedächtnis so recht gepfropft
voll angestopft; fraget aber euren Geist, was er davon gewonnen hat, und
seine stumpfe Antwort wird also lauten: [Ste.01_001,03]
„Ich bin wohl chaotisch von allerlei Baumaterialien umlagert, und da liegen
Balken und Steine bergartig übereinander; aber aus allen diesen
Baumaterialien ist noch nicht einmal irgendeine schlechte Keusche erbaut, in
der ich frei zu wohnen vermöchte. Ihr häufet zwar das Baumaterial fortwährend
auf – lauter Edelsteine und das schönste Zedernholz liegt in plumpen Haufen
vor mir –, und ich vermag es nicht zu ordnen. Und habe ich hier und da auch
irgend angefangen, eine kleine Ordnung herzustellen, da führt ihr schon
wieder eine kolossale Menge neuen Materials dazu, so daß ich notwendig in
meiner Tätigkeit ermüden muß und am Ende beim Anblick der Größe des zu
ordnenden Materials erschaudere und mit Wehmut denke, wann doch einmal all
dieses Material zu einer Wohnung wird geordnet werden können.“ [Ste.01_001,04]
Sehet, das ist eine ganz gründliche Antwort des Geistes, die ein jeder
Mensch, der irgend viel gelesen hat, in sich selbst auf das allerklarste
finden muß. [Ste.01_001,05]
Wenn so jemand sein Leben hindurch ein paar tausend Bücher durchgelesen hat,
welch ein Chaos hat er am Ende in seinem Gedächtnisse! Und wenn es gut geht,
so wird er nach einer solchen reichhaltigen Belesenheit mit genauer Not so
viel hervorbringen, daß er jetzt erst einsieht, daß er nichts weiß. [Ste.01_001,06]
Was aber ist dieses Geständnis? Es ist nichts anderes als eine und dieselbe
wehmütige Klage des Geistes, der dadurch das sagen will, daß er bei dieser
ungeheuren Menge des Baumaterials nicht einmal eine allerschlechteste Keusche
zur freien Wohnung erbaut überkam! [Ste.01_001,07]
Also gibt es Menschen, die das Alte und Neue Testament von Wort zu Wort
auswendig kennen; fraget sie aber um den inneren Sinn nur eines einzigen
Verses, so werden sie da geradesoviel wissen wie diejenigen, die nicht einen
einzigen Vers auswendig können, ja oft kaum wissen, daß da eine Heilige
Schrift existiert. Was nützt also denen dieses herrliche Material? [Ste.01_001,08]
Der Geist wohnt nur im Geistigen: Kann ihm aus diesem Material nicht einmal
eine schlechte Keusche erbaut werden im inneren Geiste der Wahrheit, wo soll
er dann wohnen, wo seine Rechnung führen, und von welchem Punkte aus soll er
das Material zu ordnen anfangen? [Ste.01_001,09]
Ist es denn nicht besser, weniger Material zu besitzen, aus demselben aber
für den Geist sogleich eine kleine respektable Wohnung zu erbauen, damit der
Geist dann einen festen und freien Platz bekommt, von welchem aus er seine
nächsten Pläne machen kann und verwenden nach denselben ein neu anlangendes
Material? [Ste.01_001,10]
Was wird ein Acker wohl für ein Gesicht bekommen, wenn er auch das beste
Erdreich ist, so ihr tausenderlei Samen, in der größten Unordnung
durcheinandergemengt, zu gleicher Zeit auf denselben aussät? Die Samen werden
richtig aufgehen; aber zu welchem Nutzen für den Sämann? Fürwahr, der Ertrag
dieses Ackers wird kaum für eine schlechte Fütterung des Viehes taugen. Die
stärkeren Pflanzen werden die schwächeren ersticken, das Unkraut wird
wuchern, und das Weizenkorn wird nur hier und da sparsam und sehr verkümmert
und brandig zum Vorschein kommen. [Ste.01_001,11]
Aus diesem aber geht hervor, daß überall, wo für euch ein Nutzen heraussehen
soll, eine Ordnung bewerkstelligt sein muß, ohne die ihr Dornen, Disteln,
Kraut und Rüben durcheinanderbaut, was euch nimmer
irgend nützen kann. [Ste.01_001,12]
Worin aber besteht diese Ordnung? [Ste.01_001,13]
Wenn ihr einen geläuterten Weizen habt, so säet ihn auf einen reinen und
guten Acker, und ihr werdet eine reine und gute Ernte bekommen. [Ste.01_001,14]
Wer da eine gute Baustelle hat und hat Material dazu, der warte nicht, bis er
eher einen überflüssigen Haufen Baumaterial zusammenbekommen hat, bis er dann
erst sein Haus zu bauen anfangen möchte; denn er wird sich mit dem großen
Haufen Baumaterial am Ende den ganzen Bauplatz voll anführen. [Ste.01_001,15]
Und so dann der Baumeister kommen wird und wird ihn fragen: „Freund, an
welcher Stelle willst du denn das Haus aufgeführt haben?“, was wird er ihm
dann entgegnen? Sicher nichts anderes als: „Allda, Freund, wo der große
Haufen des Baumaterials liegt!“ [Ste.01_001,16]
Und der Baumeister wird zu ihm sagen: „Warum ließest du denn dieses Material
auf dem Bauplatze zuvor aufhäufen, bevor wir den Plan gemacht und den Grund
gegraben haben? Willst du nun das Haus auf dieser Stelle haben, so mußt du
all dieses Material eher zur Seite schaffen und mußt den Platz ganz frei
machen. Dann erst werde ich kommen, werde den Platz ausmessen, den Plan
entwerfen, danach den Grund graben lassen und am Ende erst das Material
prüfen, ob es durchaus zur Erbauung deines Hauses taugt.“ [Ste.01_001,17]
Sehet, aus diesem Gleichnis könnt ihr schon ziemlich klar entnehmen, wie
wenig jemandem eine große Belesenheit nützt, wenn er mit derselben nicht in
der wahren Ordnung fortschreitet. [Ste.01_001,18]
Worin aber besteht diese wahre Ordnung? Diese wahre Ordnung besteht ganz
einfach darin, daß ein jeder eine jede neue Ladung oder Überkommung des
Materials alsogleich zu einem Wohngebäude zu ordnen anfängt und nicht eher
nach einer zweiten Ladung greift, als bis er die erste verarbeitet hat. Auf
diese Weise wird er in seinem Bau rasch vorwärtsschreiten und wird um
denselben immer genug freien Raum haben, auf welchem er in guter Ordnung ein
hinlängliches neues Baumaterial aufschichten kann. [Ste.01_001,19]
Auf deutsch und ganz verständlich gesagt aber besteht diese Ordnung darin,
daß jeder nach dem Gelesenen sogleich tätig werde und sein Leben danach
einrichte, – so wird ihm das Gelesene nützen, im Gegenteil aber schaden; denn
jeder sei nicht nur ein purer Hörer des Wortes, sondern ein Täter desselben! [Ste.01_001,20]
Nächstens der Erinnerungen mehr! 2. Kapitel – Ein
Einwand und seine Widerlegung.
21. Dezember 1843 abends [Ste.01_002,01]
Es wird zwar jemand hier sagen: „Solches ist ganz richtig, daß man nur durch
ein tatsächliches Lesen die wahre Frucht des Lesens ernten kann; aber wenn
jemandem so viel Material gegeben wird, so kann man es ja doch des Tuns wegen
beiseite stellen und davon nur so viel lesen, wovon man überzeugt ist, daß
man es in die Tätigkeit aufnehmen kann. [Ste.01_002,02]
Man bedenke nur die große Masse des Gegebenen in der Heiligen Schrift des Alten
wie des Neuen Testaments, daneben die übergroße Masse wahrhaft
geistig-exegetischer Bücher! Wenn man alles das nur nach dem Grade der
Tätigkeit lesen würde, fürwahr, da möchte man wohl sein ganzes Leben hindurch
im höchsten Falle kaum mit ein paar Kapiteln fertig werden.“ [Ste.01_002,03]
Ich aber sage: Die Sache von diesem Standpunkte betrachtet, hat der Einwender
freilich wohl recht; denn wenn man nur so viel und nicht mehr lesen möchte,
als von wieviel man umständlich überzeugt ist, es tatsächlich auszuüben, dann
freilich wären noch ein paar Kapitel zuviel! Aber diese Sache von einem
andern Standpunkte aus betrachtet, wird des gegebenen Materials nie zuviel,
und der Leser kann alles Gelesene alsogleich in die Tatsächlichkeit
umwandeln. [Ste.01_002,04]
Denn man könnte ja auch beispielsweise sagen: So irgendein Landmann im Besitz
eines großen Stückes guterdigen Ackers ist, der ihm eine hundertfältige Ernte
abwirft, warum besät er den ganzen Acker nicht? Ein Zehntel desselben trägt
ja so viel, was der Landmann für seinen Bedarf vonnöten hat. [Ste.01_002,05]
Ich frage aber: Wenn dieser Landmann den ganzen Acker besät mit gutem Korn,
und der Acker bringt ihm hundertfältige Ernte, davon ein Zehntel zu seinem
Unterhalt genügt, werden ihm darum die überflüssigen neun Zehnteile zum
Schaden sein? O sicher nicht! Denn die Hälfte von dem Überfluß kann er an
Dürftige verteilen, die ihm dafür überaus dankbar sein werden, und die andere
Hälfte des Überflusses kann er auf den Markt bringen. Und da es ein gutes
Getreide ist, so wird er viele Käufer finden, die es ihm um vorteilhafte
Preise abnehmen werden, und er kann dann mit dem gewonnenen Gelde sein
anderes Hauswesen bestellen und wird dadurch ein ansehnlicher und reicher
Landmann werden. [Ste.01_002,06]
Nun sehet, aus diesem Beispiel geht klar hervor, daß so jemand in sich einen
guten Acker hat und hat dazu des guten Samens in großer Menge, da soll er in
der Aussaat nicht sparsam sein. Denn wer reichlich sät, der wird auch
reichlich ernten; wer aber sparsam sät, der wird sparsam ernten! Und was
braucht es denn dazu? Wenn einmal nur das Erdreich des Ackers gut bearbeitet
ist, so möget ihr auf demselben noch soviel guten Kornes aussäen, und es wird
dennoch kein Korn zugrunde gehen in dem guten Erdreiche, sondern ein jedes Korn
wird seinen reichlichen Halm schießen. [Ste.01_002,07]
Also ist es auch in dieser Sache, was eben durch das Lesen die geistige
Aussaat des Wortes betrifft. [Ste.01_002,08]
Zur Bearbeitung des geistigen Bodens braucht der Mensch nicht mehr als die
zwei Gebote der Liebe; mit diesen bearbeitet er gar leicht seinen geistigen
Acker. Ist dieser bearbeitet, dann kann jeder soviel in desselben Erdreich
säen, als er nur immer kann und mag; oder er kann soviel des guten Gegebenen
lesen, als er nur irgend desselben sich in gerechter Menge verschaffen kann –
die ganze Heilige Schrift und alle auf dieselbe Bezug habenden Erklärungen –,
und er wird nichts aus allem dem in sich aufnehmen, was ihm nicht eine
reichliche Ernte abgeben sollte. [Ste.01_002,09]
Denn der Unterschied zwischen dem unfruchtbaren und dem fruchtbaren Lesen
besteht in dem: [Ste.01_002,10]
So jemand zum Beispiel sich durch das alleinige Lesen möchte bearbeiten und
erwecken, so gleicht dieses Unternehmen gerade dem, als so da jemand möchte
auf einem unbearbeiteten Acker, der weder gedüngt noch gepflügt ist, den
Samen ausstreuen. Werden da nicht alsbald die Vögel aus der Luft kommen und
denselben in kurzer Zeit zum großen Teile auffressen? Und wird ein geringer
Teil, der unter das Unkraut des Ackers fiel, nicht alsbald von diesem
erstickt werden, auf daß da am Ende zur Zeit der Ernte auch nicht ein Korn in
einen Halm geschossen irgendwo zu erblicken sein wird? [Ste.01_002,11]
Da aber der Sämann oder der Leser keine Ernte seiner Mühe erblickt, wird er
da nicht mißmutig und verwünscht endlich den Acker und all das gesäte Korn,
das ihm zu keiner Ernte ward?! [Ste.01_002,12]
Auf deutsch gesagt: Solche Menschen werden dann ungläubig, fallen von der
ganzen guten Sache ab und halten sie am Ende für einen puren Betrug. [Ste.01_002,13]
Aber ganz anders ist es, so da jemand früher durch die wahre Liebe zu Mir und
dem Nächsten seinen Geist lebendig oder vielmehr aus Mir heraus frei gemacht
hat und hat eben dadurch seinen Acker gehörig gedüngt und gepflügt; der liest
dann die Schriften Meiner Gnade und Erbarmung nicht, damit diese ihn zu einem
guten Acker erst bearbeiten sollen, sondern er liest sie aus dem Grunde, um
Mich, der Ich in ihm den Geist durch seine Liebe zu Mir erweckt habe,
fortwährend von Angesicht zu Angesicht mehr und mehr zu beschauen und dadurch
auch möglicherweise stets mehr und mehr zu wachsen in der Liebe zu Mir und
daraus zum Nächsten. [Ste.01_002,14]
Wird er in diesem Falle nicht jedes Wort von Mir lebendig finden und ewig
wahr, so er in sich selbst vorher schon lebendig ist? Ist er aber nicht
vorher in sich selbst lebendig, wird da nicht selbst das lebendigste Wort in
ihm ertötet werden? [Ste.01_002,15]
Werfet Goldstücke in eine stinkende Pfütze, und das grobe schweflige Salz der
Pfütze wird die Goldstücke auflösen und sie ebenfalls in schmutzigen Schlamm
verwandeln. Werfet aber im Gegenteil unedlere Metalle in eine echte
Goldtinktur, so werden sie alle am Ende dem edlen Golde gleich werden. [Ste.01_002,16]
Seht, also ist es auch gerade hier der Fall! Durch das Lesen Meines Wortes,
wie durch das Anhören desselben kann ein jeder Mensch für sich und für seine
Brüder einen unermeßlichen Gewinn überkommen, wenn er sich selbst zuvor durch
die Beachtung der zwei Gesetze zu einer Goldtinktur umgewandelt hat. Wenn er
aber noch eine Pfütze ist, da werden noch soviele in dieselbe geworfene
Goldstücke sie (die Pfütze nämlich) sicher nicht zu einer Goldtinktur machen. [Ste.01_002,17]
So heißt es ja auch: „Wer da hat, dem wird's gegeben werden, daß er in der
Fülle habe; wer aber nicht hat, der wird aber auch noch verlieren, was er
hat!“ Unter ‚haben‘ wird hier verstanden: im Besitze eines guten, gedüngten
und gepflügten Ackers sein oder in sich selbst sein ein vollkommenes Gefäß,
voll der echten wahren Goldtinktur, welche da ist ein freier, lebendiger
Geist. Unter ‚nicht haben‘ aber wird verstanden: einen Samen auf ein
unbearbeitetes Feld streuen, wodurch der Sämann nicht nur keine Ernte zu
erwarten hat, sondern er verliert auch den Samen, den er ausgestreut hat; oder
es heißt auch: in sich eine grobschwefelsalzhaltige Pfütze sein, welche nicht
nur nimmer zu einer Goldtinktur durch das hineingeworfene Gold umgewandelt
werden kann, sondern es geht das Gold, das hineingeworfen wurde, noch
obendrein verloren. [Ste.01_002,18]
Ich meine, das dürfte doch so ziemlich klar sein! Wer beim Lichte dieser
Fackel die Wahrheit noch nicht ersieht, der dürfte wohl schwerlich je von
seinem Augenstare befreit werden. Da aber, wie schon gesagt, der blinde
Mensch des Lichtes nie zuviel hat, so will Ich auch bei der Gabe dieser Sonne
noch gegen das Ende das Licht aller Zentralsonnen auf einen Punkt
zusammenziehen, damit sich in solchem allerheftigsten Lichte um so klarer
wird entnehmen lassen, wer da im Ernste ganz vollkommen blind ist! –
Nächstens darum solcher Nacherinnerungen mehr! 3. Kapitel – Das
Gleichnis vom klugen und unklugen Bauherrn und seine Deutung. (Matthäus
7,24-27)
22. Dezember 1843 abends [Ste.01_003,01]
Im Neuen Testament leset ihr ein Gleichnis folgenden Inhalts von einem klugen
und wieder von einem unklugen Bauführer: Der eine baute sein Haus auf einen
Felsen und der andere auf lockeren Sand. Und ein Sturmwind kam, und ein
Platzregen fiel. Das Haus auf dem Felsen trotzte beiden; aber das Haus auf
dem Sande ward zugrunde gerichtet. [Ste.01_003,02]
Wer dieses Gleichnis nur von fernehin betrachtet, der muß ja auf der Stelle
zwei Zentralsonnen auf einen Blick erschauen. [Ste.01_003,03]
Wem gleicht denn wohl der kluge Bauführer? – Sicher demjenigen, der sich
früher durch die bekannten zwei Gebote vollkommen fest gestellt hat. Und wenn
dann die Stürme und die gewaltigen Regen kommen, so können sie dem Bauführer
nicht nur nichts anhaben, sondern sie befestigen sogar sein Haus auf dem
Felsen; denn die Winde trocknen das Gemäuer des Hauses recht aus und machen
es durstig nach einer Befeuchtung. Kommt dann der Regen, so saugt er sich in
die trockenen Wände des Hauses ein, löst hier und da an den Fugen die
Teilchen auf, diese werden klebrig und verbinden bei öfterer
Wiederholung solcher Szene das Mauerwerk immer fester und fester miteinander. [Ste.01_003,04]
Naturmäßige Beispiele dieser Wahrheit findet ihr an jeder alten Burgruine,
welche oft Jahrhunderten trotzt; und wenn sie etwa irgend abgerissen werden
sollte, da bricht man leichter ein frisches Gestein als ein solches Gemäuer
ab. Die Ursache davon ist der Regen, der durch seine auflösende Kraft gewisse
Teile des Steines in eine kalkig-klebrige Masse verwandelt und dadurch das
ganze Mauerwerk mit der Zeit zu einem Ganzen verbindet. [Ste.01_003,05]
Und seht, also steht es auch mit einem durch die Gesetze der Liebe geweckten
Menschen! Er ist ein Gebäude auf einem Felsen. Die Winde, die da kommen und
ans Gebäude stoßen und dasselbe trocken und durstig machen, sind die edlen
Begierden, stets mehr und mehr den Urheber aller Dinge zu erkennen, um in
solcher Erkenntnis in der Liebe zu Ihm wachsen zu können. Der darauf folgende
Platzregen sind die Werke, die der Durstige zu lesen bekommt. Gar begierig
saugt er diese in sich und wird allzeit danach gewahr, wie durch deren
Einfluß die noch leeren, unverbundenen Klüfte in ihm nach und nach ausgefüllt
und zu einer Feste gemacht werden. Und je mehr der Platzregen da auf dieses
Gebäude niederfällt, desto fester auch wird nach einem jeden Platzregen das
Gebäude. [Ste.01_003,06]
Aber von welch ganz anderer Wirkung sind die Winde und Platzregen bei dem
Gebäude, das da in der Tiefe auf lockerem Sande auferbaut
ward! Wenn da die Winde kommen und stoßen an das locker stehende Gebäude und
erschüttern dasselbe und dann das Gewässer kommt, welches der Platzregen
verursachte, so ist es mit dem Gebäude auch zu Ende. Denn die Winde zerstoßen
das häufig schon geritzte Gemäuer, an dessen Ritzen und Sprüngen der
schlechte Grund die Ursache ist; und kommt dann das Gewässer, so reißt es das
ganze Gebäude mit leichter Mühe nieder und spült es in irgendeinen nahen
Strom des Verderbens. [Ste.01_003,07]
Ich meine, das dürfte doch auch zentralsonnenhaft klar sein! Denn ein Mensch,
der von einer geistigen Vorbereitung nicht einmal eine Ahnung hat, muß doch
offenbar zugrunde gehen, wenn er aus der Absicht die geistigen Winde und den
geistigen Platzregen über sich kommen läßt, damit diese aus ihm ein festes
Gebäude oder einen festen, geistig-weisen Menschen machen sollten. [Ste.01_003,08]
Gebet einem entweder ganzen oder doch wenigstens halben Weltmenschen die
Bibel in die Hand und saget zu ihm: „Freund! Da lies fleißig darin, und du
wirst das finden, was dir abgeht: einen verborgenen Schatz, nach dem du immer
fragst, bestehend aus Gold, Silber und Edelsteinen, welcher ist ein
vollkommenes Leben deiner Seele“, – und der Freund wird auf dieses Anraten
sich gleich irgendeiner Bibel bemächtigen und wird sie mit großer
Aufmerksamkeit lesen. [Ste.01_003,09]
Aber je begieriger und je aufmerksamer er dieses Werk lesen wird, auf desto
mehr äußere Widersprüche wird er auch stoßen und wird bald zu seinem Freunde
sagen: „Freund, ich habe nun das von dir angeratene Buch wenigstens schon
sechs- bis siebenmal durchgelesen; aber je öfter und je aufmerksamer ich es
durchlese, auf desto mehr Widersprüche und Unsinn komme ich auch. Was soll es
mit all diesem bunten Firlefanz, was mit diesen mysteriösen Prophetien, die
geradesoviel Zusammenhang zu haben scheinen wie der Chimborasso in Amerika
mit dem Himalajagebirge in Asien? [Ste.01_003,10]
Daß diese zwei Berge sicher auf einer und derselben Erde stehen, das ist
klar; also stehen auch ähnliche Prophetien in einem und demselben Buche, das
ist auch klar. Aber wie solche prophetischen Stellen sinnreich zusammenhängen,
oder wie allenfalls der Chimborasso durch den ganzen Mittelpunkt der Erde mit
dem Himalajagebirge in Asien zusammenhängt, solches zu ermitteln wird
schwerlich einem irdischen Naturforscher gelingen, solange er noch das Feuer
fürchtet und für seinen mäßigen Durst am großen Gewässer des Meeres einen zu
mächtigen Löschapparat findet. [Ste.01_003,11]
Ich kann dir sagen, mein lieber Freund und Bruder, als ich dieses Buch das
erste Mal durchgelesen habe, da kam es mir im Ernste vor, als hätte es irgendeinen
verborgenen weisen Sinn; aber je öfter und je kritischer aufmerksam ich es
darauf wieder durchlas, desto mehr überzeugte ich mich auch, daß dieses ganze
Buch nichts anderes ist als eine allerreichhaltigste Schatzkammer des
allerkrassesten Unsinns. Denn abgerechnet einige praktikable alte
Weisheitssprüche drängt ein Unsinn den andern, und die alleinigen wenigen
Sprüche, welche geradewegs wohl auch nicht das reinste Gold sind,
abgerechnet, ist dieses Buch ganz dazu geeignet, der Dummheit der Menschen
seiner mystischen Form wegen noch einen jahrhundertelangen Unterhalt zu
verschaffen.“ [Ste.01_003,12]
Aus diesem Raisonnement könnt ihr hinreichend
entnehmen, was die Winde und dieser Platzregen aus der Bibel bei unserem
weltlichen Sandgebäude für einen Effekt gemacht haben. Ist ein solcher Mensch
von einem Sandgebäude aber einmal also zerstört, dann sammle ihn zusammen,
wer ihn will; denn Ich und alle Meine Engel finden eine solche Arbeit als
eine der allerschwierigsten, und es ist leichter, zehntausend Menschen von
allen Gassen und Straßen zum großen Gastmahl des Lebens hereinzubekommen, als
einen einzigen solchen Menschen, der mit der Lesung der Bibel auf einen
Ochsenkauf ausging. [Ste.01_003,13]
Wie es sich aber mit der Lesung der Bibel verhält, geradeso verhält es sich
auch mit der Lesung aller ihrer inneren, geistigen Exegesen. Denn da wird ein
jeder sagen: „Wenn das ihr Sinn ist, warum ist sie denn nicht so abgefaßt?“ [Ste.01_003,14]
Und gebt ihr ihm den Grund ihrer bildlichen Form auch noch so klar an, so
wird er euch dafür nur ins Gesicht lachen und wird sagen: „Nach der Tat läßt
sich leicht prophezeien! Denn jeder Unsinn läßt sich drehen und wenden wie
ein Teig, und man kann aus ihm formen, was man will; denn das Chaos ist der
Grund aller Dinge, – aus ihm läßt sich mit der Zeit alles formen. Aber warum
nicht eine Prophezeiung so geben, wie sie tatsächlich geschieht? Der Grund
ist: weil man das im voraus nicht wissen kann; daher gibt man dann einen
mystischen Unsinn, aus dem sich dann jede Tat formen läßt, die in der Zukunft
erfolgt.“ [Ste.01_003,15]
Das ist dann auch das Endurteil, welches durch keine Zentralsonnenmacht mehr
wohl erleuchtet aufgehoben werden kann. – Ich meine, das wird auch klar sein;
aber dessenungeachtet wollen wir noch mehrere Zentralsonnen zusammenbringen.
Nächstens darum wieder eine Zentralsonne mehr! 4. Kapitel – „Ich
bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch
Mich.“ (Johannes 14,6)
27. Dezember 1843 abends [Ste.01_004,01]
Wird es wohl schwer sein, noch eine Zentralsonne hierher zu zitieren? O nein,
nicht im geringsten! Denn wir dürfen nur jeden nächsten besten Text aus dem
Buche des Neuen Testaments hierhersetzen, und eine neue Zentralsonne ist vor
euch mit demselben Urlichte und mit derselben Kraft und Wirkung desselben.
Zum Beispiel: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum
Vater – denn durch Mich.“ [Ste.01_004,02]
Seht, da haben wir gleich eine Zentralsonne! Wer deren Licht in sich
erschauen kann, der wird in solcher Beleuchtung sicher einsehen, daß durch
das absolute Lesen soviel wie nichts ausgerichtet ist zum Gewinne des ewigen
Lebens. [Ste.01_004,03]
Der Vater ist die ewige Liebe in Mir, wie Ich in allem Meinem göttlichen
Wesen von Ewigkeit her vollkommen in ihr bin. Denn Ich und der Vater sind
Eins, oder Ich und Meine ewige Liebe sind Eins, oder wie die Liebe in ihrer
Weisheit lebendig wohnt ewiglich, also wohnt auch die Weisheit in der Liebe,
aus der sie hervorgeht, ewiglich. [Ste.01_004,04]
Der Vater oder die Liebe ist das Grundleben alles Lebens; wer nicht zu diesem
lebendigen Urborn alles Lebens zurückkommt, der bleibt tot und kann nirgends
woanders ein Leben überkommen. [Ste.01_004,05]
Wo aber ist die Tür zum Vater? Und wer ist diese Tür? Sind es die vielen
Bücher und Schriften, die jemand liest, oder bin Ich es? [Ste.01_004,06]
Ja, man wird hier bessererseits wohl gleich
einstimmen und wird sagen: „Ja fürwahr, wenn man die Lehre Christi genau
durchprüft, so kann man nicht leichtlich mehr einer andern Meinung sein als
allein der nur, daß man nur allein durch die Befolgung dieser Lehre ein
ewiges Leben für Geist und Seele erreichen kann. Und in dieser Hinsicht ist
ganz richtig, was Christus von Sich ausgesagt hat, daß nämlich Er allein der
Weg, die Wahrheit und zugleich das Leben Selbst ist!“ [Ste.01_004,07]
Und Ich aber sage euch fürwahr: Es gibt Tausende und abermals Tausende, die
ein solches Bekenntnis ablegen, und das aus dem Grunde ihrer guten Einsicht;
und dennoch sage Ich: Sie sind tot und haben weder den Weg, die Wahrheit,
noch die Tür und das Leben gefunden. [Ste.01_004,08]
Man wird hier sagen: „Diese Sache klingt grob und schonungslos! Wie läßt sich
so etwas von der allerhöchsten Liebe Gottes hören? Was kann der Mensch mehr
tun, als durch den Fleiß seines Studiums zur vollkommenen Einsicht der großen
Wahrheit und Göttlichkeit des großen Lehrmeisters zu gelangen? Was Höheres
kann der Mensch wohl tun, als so er die wahre, höchste, heilige Würde des
göttlichen Wortes evident zu erkennen strebt und durch seinen Fleiß auch
wirklich erkennt?“ [Ste.01_004,09]
Ich aber sage: Das ist einerseits wohl wahr, – es ist sicher besser, so etwas
zu tun, als alles zu verwerfen und dann dem Hochmute der Welt zu frönen; aber
in der Schrift heißt es auch: „Es werden zu der Zeit viele zu Mir sagen:
‚Herr, Herr!‘“, und dagegen heißt es dann, daß Ich zu ihnen sagen werde:
„Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch nie erkannt!“ [Ste.01_004,10]
Das ist der Grund der euch sicher bekannten Stelle im Neuen Testament. Unter
dem Spruche „Herr, Herr!“ wird dargetan, daß Christus wohl als der Weg, die
Wahrheit und das Leben erkannt wird. Aber was nützt diese Erkenntnis, so
niemand auf dem Wege wandeln will und mag nicht tätig ergreifen die Wahrheit,
um durch sie zu gelangen zum Leben? [Ste.01_004,11]
Ein Schauspieler bin Ich doch wohl sicher nicht, daß Ich Mich begnügen möchte
allein an dem leeren Beifallsgeklatsche, sondern Meine Sache ist voll des
ewigen Ernstes, und Ich verlange daher auch eine ernste Tätigkeit und nicht
den leeren alleinigen Beifall! [Ste.01_004,12]
Was würde wohl ein reicher Bräutigam für ein Gesicht machen, wenn ihm
verschiedene Bräute allen Beifall bezeigen möchten und möchten ihn loben und
rühmen; so er aber eine oder die andere ergreifen möchte, so liefe sie dann
davon und möchte noch in ihrem Herzen obendrauf schmähen über eine solche
Dreistigkeit? [Ste.01_004,13]
Saget, wird der Bräutigam wohl eine von solchen törichten Bräuten zum Weibe
nehmen? Fürwahr, er wird hinausgehen und wird sich nach einer Hure umsehen
und wird zu ihr sagen: „Ich kenne dich, daß du eine Hure bist; aber ich sage
dir: Laß ab von deinem Getriebe, und ich will dich zum Weibe nehmen!“ [Ste.01_004,14]
Und die Hure wird ablassen, von ihrer wahren, neu erwachten Liebe genötigt,
und wird dem Bräutigam zu einem vielgeliebten Weibe werden – und wird
gleichen einer Magdalena, die ehedem unter allen Weibern Israels die Letzte
war; als sie aber der rechte Bräutigam rief, da ward sie die Erste unter
allen Weibern, die mit dem Bräutigam Selbst die große Auferstehung zum ewigen
Leben feierte! [Ste.01_004,15]
Fürwahr, ihre Sache war nicht das Lesen der Bücher; aber als sie den Rechten
erkannt hatte, da stand sie alsbald ab von ihrem Weltgetriebe und faßte eine
starke, unvertilgbare Liebe zu Dem, den sie als den Rechten erkannt hatte,
und brachte Ihm ihrer großen Liebe wegen alles zum Opfer, was sie auf dieser
Welt hatte. [Ste.01_004,16]
Sehet, für eine solche Braut war Ich in der wirklichen lebendigen Tätigkeit
der Weg, die Wahrheit und das Leben! [Ste.01_004,17]
Es gab aber gar viele andere zu der Zeit, die Mich auch als das erkannt
hatten, aber von der Tätigkeit wollten sie nichts wissen; daher gehört für
sie auch der Text: „Also werden die Ersten die Letzten und die Letzten die
Ersten sein!“ [Ste.01_004,18]
Ist denn aber der Weg, die Wahrheit und das Leben in der Tat im Ernste so
schwer? Heißt es nicht: „Mein Joch ist sanft und Meine Bürde leicht!“? – Ja
fürwahr, also ist es auch! Der ganze Weg, die Wahrheit und das Leben und das
sanfte Joch und die leichte Bürde stecken in den zwei Geboten der Liebe. [Ste.01_004,19]
Ist es denn gar so schwer, Den zu lieben, der die ewige Liebe Selbst ist, und
ist es wohl schwer, zu lieben den eigenen Bruder? O fürwahr! Nichts ist
leichter als das, – nehmet nur die Welt, diese alte Pest des Geistes, aus
eurer Brust, und ihr werdet erfahren, wie süß und leicht es ist, zu lieben
die ewige Liebe und zu lieben den Bruder! [Ste.01_004,20]
Aber schwer freilich wohl ist es, zu lieben die ewige Liebe und den Bruder,
wenn das Herz voll ist der Welt, voll der Weltrechnungen, voll des Geldes,
voll der Spekulation und voll der höllischen Mathematik, die da auf ein Haar
zu berechnen versteht, was ein Groschen auf dem Wege des Wuchers in einem
Jahr für Prozente abwerfen muß. [Ste.01_004,21]
Ja fürwahr, wo das Herz dieser Kunst voll ist, da wird der „Herr, Herr“ nicht
viel helfen, und der Weg, die Wahrheit und das Leben wird so schmal und
dornig ausfallen, daß er wohl schwerlich je wird überwandelt werden können. [Ste.01_004,22]
Was nützt da das Lesen von tausend und tausend noch so wahrheitsvollen
Büchern? Werden sie jemanden zum Leben erwecken, der tagtäglich besorgt ist,
sein Herz stets mehr und mehr von Tag zu Tag mit allem Unrat der Welt
vollzustopfen? [Ste.01_004,23]
Saget, wird jemand von euch mit einer Bildsäule Kinder zeugen können? Oder
wird ein noch so kunstvoll gemaltes Samenkorn aufgehen, so ihr es in das
Erdreich setzet? Sicher weder das eine noch das andere! Das Lebendige kann
nur mit dem Lebendigen wieder Lebendiges zeugen; also kann auch das lebendige
Wort nur im lebendigen Herzen wieder Früchte bringen. [Ste.01_004,24]
Für den geistig Toten aber ist auch das lebendige Wort nichts als ein
gemalter Same und er mag zahllose solche Körner in sich streuen, so wird er
aber dennoch nie eine Frucht erzielen; weil er das Wort nicht belebt, so wird
das Wort auch nicht lebendig in ihm. [Ste.01_004,25]
Wer aber nur weniges hört und tut danach, der ist ein Täter des Wortes und
sucht das Reich Gottes wahrhaftig, und alles andere wird ihm hinzugegeben.
Ich meine, das ist auch klar; doch nächstens der Zentralsonnen mehr! 5. Kapitel – „Mich
dürstet!“ – „Es ist vollbracht!“ (Johannes 19,28 u. 30)
28. Dezember 1843 abends [Ste.01_005,01]
Damit ihr aber nicht etwa am Ende sagen möchtet, als sei nicht ein jeder Text
eine völlige Zentralsonne, sondern nur ein solcher etwa, den Ich Selbst
hierher setze, so wählet euch denn selbst einen Text, wie ihr ihn nur immer
wollt, und wir werden dann sehen, ob er nicht ganz einen und denselben
Hauptgrund als eine gleiche Zentralsonne vor den Augen des Geistes
allerhellst erleuchtet. Und also tuet solches! [Ste.01_005,02]
Ihr habt die beiden kleinen Texte genommen: „Mich dürstet!“ und „Es ist
vollbracht!“ [Ste.01_005,03]
Bevor wir aber zu der klaren Beleuchtung übergehen, muß Ich euch schon die
Versicherung geben, daß Ich euch die Wahl vollkommen freigelassen habe; denn
sonst könntet ihr am Ende sagen, Ich hätte euch gerade das eingegeben, was
Ich brauchen kann. Und nun erst gehen wir zur Hauptsache über! [Ste.01_005,04]
„Mich dürstet!“ Wonach? Nach der Liebe, die die Welt nicht hat, – darum sie
Mir auch nur Essig und Galle zur Stillung Meines Durstes statt des belebenden
Wassers reichte und noch bis jetzt fortan immer reicht. [Ste.01_005,05]
„Mich dürstet!“ Wonach? Nach dem Leben, das Ich Selbst ursprünglich von
Ewigkeit Selbst bin, und das Ich in so reichlicher Fülle von Urbeginn an ewig
zahllose Wesen verschwendet habe! [Ste.01_005,06]
Also nach diesem Leben dürstet Mich! Endlos vielfach ist dieses Leben in den
Tod übergegangen. Ich kam, um es dem Tode zu entreißen. Darum dürstete Mich
gar sehr im Augenblick der großen Erlösung nach diesem verschwendeten Leben;
aber der Tod hatte so sehr überhandgenommen, daß ihn das ewig lebendige Blut
der Liebe nicht zu erwecken vermochte! [Ste.01_005,07]
Als Ich verlangte zu trinken das Leben, da gab man Mir aber dennoch nicht das
Leben, sondern man gab Mir zu trinken den Tod! Essig und Galle war der Trank;
Essig als das Symbol des Zusammenziehenden und Verhärtenden und die Galle als
das Symbol des Hasses, Zornes und Grimmes. [Ste.01_005,08]
Dieses Bild ist klar und deutlich dargestellt, und wir wollen sehen, wie es
fürderhin für unsere Sache taugt. [Ste.01_005,09]
Sehet, also rufe Ich zu aller Welt, wie zu euch, fortwährend: „Mich dürstet!“,
oder was ein und dasselbe ist: „Liebet Mich, gebet Mir zu trinken eure Liebe!
Liebet Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst! Das ist das Wasser
des Lebens, danach Mich in euch dürstet.“ [Ste.01_005,10]
Frage: Reichet ihr Mir wohl dieses Wasser? Oder reichet ihr Mir nicht
vielmehr auch Essig und Galle? [Ste.01_005,11]
Das wenige, das Ich von euch verlange, ist nichts als die Liebe und die Tat
danach. Wenn ihr aber anstatt der wahren, lebendigen Liebetat nur leset und
dabei nichts tut, außer was eurem Weltsinne so oder so zusagt, – Frage: Ist
das nicht Essig mit Galle, das ihr Mir an Stelle des lebendigen Wassers
reicht? Ja, Ich sage euch: Je mehr ihr zusammenleset und dabei aber nichts
tut, als was euch nach eurem Sinne weltlich erfreut, desto saurer wird der
Essig und desto bitterer die Galle. [Ste.01_005,12]
Es heißt dann freilich: „Es ist vollbracht!“ Aber was? – Mein eigener Kampf
um euch; denn mehr kann Ich nicht tun, als als euer
Schöpfer, Gott und Herr und das ewige Leben Selbst euren Tod auf Mich nehmen! [Ste.01_005,13]
Daß aber Ich nicht getötet werden kann in Meinem ewigen Geiste, das braucht
keiner weiteren Erklärung. Nur den Kampf für euer Leben kann Ich bis zur
endlos höchsten Stufe treiben. Aber da ihr selbst endlich seid, so muß auch
dieser Kampf irgend ein möglich höchstes Ziel haben. Ist dieses Ziel
erreicht, dann ist der Kampf vollbracht, von Mir aus betrachtet, – aber
nichtsdestoweniger etwa auch bei euch, die ihr Mir, dem vollbringenden
Kämpfer um euer Leben, aus lauter Dankbarkeit statt des lebendigen
Liebewassers nur Essig mit Galle reichet. [Ste.01_005,14]
Es ist freilich vollbracht; aber nicht für euch, sondern leider nur für Mich
Selbst, oder: Ich habe für euch alles getan, was nur immer in der göttlichen
Möglichkeit steht; darum habe Ich Mein Werk um euch vollbracht. Aber tut auch
ihr danach, daß dieses Werk in euch vollbracht wäre? [Ste.01_005,15]
O ja, – ihr leset fleißig, ihr schreibet auch fleißig, ihr besprechet euch
auch gern von Mir; aber wenn Ich sage: „Widmet Mir an Stelle eurer gewissen
Weltgedanken und an Stelle eurer so manchen Welterheiterungen nur eine volle
Stunde am Tage; heiliget sie dazu, daß ihr euch in derselben mit nichts als
nur mit Mir in eurem Herzen abgebet!“, – oh, da werdet ihr hundert Anstände
für einen finden, und hundert weltliche Gedanken werden sich um einen
einzigen schwachen geistigen wie ein Wirbelwind drehen! [Ste.01_005,16]
Allerlei weltliche Rücksichten werdet ihr da zum Vorschein bringen; und wenn
sich auch jemand für eine solche Stunde entschließen möchte, so wird er sich
sicher nicht zu sehr freuen auf diese, sondern wird vielmehr eine kleine
unbehagliche Scheu vor derselben haben und wird dabei fleißig die Minuten auf
dem Zifferblatt seiner Uhr zählen und nicht selten mit Ungeduld auf das Ende
des Mir geweihten Stündleins harren. [Ste.01_005,17]
Und käme da nur irgendein unbedeutendes Weltgeschäftlein dazwischen, so wird
das Stündlein entweder gar kassiert oder wenigstens in eine solche Periode
des Tages versetzt, in welcher sich gewöhnlich schon der wohltätige Schlaf
über die Sterblichen senkt, und in welcher, besonders beim weiblichen
Geschlecht, keine angenehmen Besuche mehr zu erwarten und keine
nervenstärkenden Promenaden mehr zu unternehmen sind. [Ste.01_005,18]
Sehet, das alles ist Essig und Galle! Und es ist in euch dadurch nicht
vollbracht, wenn Ich zufolge Meiner unendlichen Liebe alles Erdenkliche tue,
um euch auf den rechten Weg des Lebens zu bringen; denn zur Vollbringung in
euch ist nötig, daß ein jeder sich selbst verleugne aus wahrer Liebe zu Mir,
sein Kreuz auf sich nehme und Mir treulich nachfolge. [Ste.01_005,19]
Wer aber tut das? Das weibliche Geschlecht kann wohl, wenn es gut geht, den
ganzen Tag für den Leib stechen und heften und kann sich putzen und nicht
selten über die Maßen freuen auf irgendeinen Besuch; aber wenn Ich dazu sagen
möchte: „Bleibet daheim in eurem Kämmerlein, und gedenket in eurem Herzen
Mein!“, da werden sie traurig, lassen ihre Gesichter hübsch weit herabhängen
und sagen: „Aber auf der Welt haben wir doch nichts Gutes!“ [Ste.01_005,20]
Frage: Ist das nicht Essig und Galle, wie sich's gehört? Oder halten solche
weiblichen Menschen in ihrem Herzen nicht eine noch so nichtssagende
Welterheiterung höher denn Mich? Haben solche Menschen auch in sich vollbracht,
wie Ich am Kreuze für sie den großen Kampf vollbracht habe? [Ste.01_005,21]
Gebet ihnen angenehme Bücherchen mit allerlei
Histörchen, die Meinetwegen auf Mich Bezug haben sollen; sie werden sie recht
gern lesen, besonders wenn darin dann und wann von einer romantischen Heirat
die Rede ist oder darin wunderbare Märchen vorkommen. Gebt ihnen aber nur ein
etwas ernster abgefaßtes Büchlein; das werden sie gerade mit einem solchen
Appetit lesen, als mit welchem da frißt ein an gute Speisen gewöhnter Hund eine
ihm dargereichte dürre Brotkrume, die er höchstens anschnüffelt, sie aber
dann bald mit gesenktem Schweif und hängenden Ohren verläßt. [Ste.01_005,22]
Da aber das Tun doch immer noch etwas Ernsteres ist als das alleinige Lesen
selbst des ernstesten Buches, so erklärt sich die Sache von selbst, mit
welcher Schwierigkeit da das Tun wird zu kämpfen haben. [Ste.01_005,23]
Es gibt viele, die eine gute Musik gern von Künstlern hören; aber wie wenige
darunter wollen sich dahin selbstverleugnen, um durch ein angestrengtes
Studium selbst Künstler zu werden. [Ste.01_005,24]
Es ist leicht das Hören und nicht schwer das Lesen und ebenso leicht das
Zuschauen; aber das Selbsttun ist für jedermann von keinem großen Reiz. Was
nützt aber jemandem das Wissen und Nicht-Tun-danach? [Ste.01_005,25]
Sehet, das alles ist Essig mit Galle und bringt das Vollbringen nicht zuwege!
In Mir wohl, indem Ich jedermann alles Erdenkliche dazu gebe, – aber nicht in
dem Menschen, der das nicht also und dazu benutzen will, wie und warum Ich es
ihm gebe. [Ste.01_005,26]
Daher seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes! Denn nur als Täter
löschet ihr Meinen Durst mit dem lebendigen Liebewasser, sonst aber reichet
ihr Mir allzeit Essig und Galle. [Ste.01_005,27]
Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch der Zentralsonnen
mehr! 6. Kapitel – „Und
da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“ (Matthäus
28,17)
29. Dezember 1843 abends [Ste.01_006,01]
Auch hier habt ihr wieder die freie Wahl eines Textes; wählet daher, und wir
wollen sehen, ob er auch als Zentralsonne für diese unsere vorliegende Sache
taugt. [Ste.01_006,02]
„Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an; einige aber zweifelten.“ [Ste.01_006,03]
Ihr habt diesen Text bestimmt und habt damit auch schon wieder den Nagel auf
den Kopf getroffen. Fürwahr, es könnte dieser Text für eine Hauptzentralsonne
angesehen werden! [Ste.01_006,04]
„Als sie Ihn sahen, beteten sie Ihn an.“ Wen sahen sie denn, und womit sahen
sie Ihn, und wie beteten sie Ihn an? [Ste.01_006,05]
Sie sahen Mich, den Herrn. Womit denn? Mit ihren Augen. Und wie beteten sie
Mich an? Mit ihrem Munde. Warum beteten sie Mich denn an? Weil sie durch das
Wunder wußten, wer Ich bin; sie wußten nämlich, daß Ich der Herr bin. Woher
wußten sie aber das? Sie wußten das durch Meine Lehre, und durch Meine Taten,
und durch das Wunder Meiner Auferstehung. [Ste.01_006,06]
Nun wollen wir sehen, ob ihr nicht desgleichen tut! [Ste.01_006,07]
Ihr sehet Mich zwar nicht mit euren Augen, aber desto mehr sehet ihr Mich mit
euren Ohren und mit den Augen der Seele, welche da sind euer gutes
Verständnis. Denn das Sehen mit den Augen ist wohl das wenigste, weil die
Bilder, die in dasselbe fallen, sehr flüchtig sind und keinen Bestand nehmen.
Das alte Sprichwort ist richtig: „Aus den Augen, aus dem Sinn!“ [Ste.01_006,08]
Aber was ihr wahrnehmet mit den Ohren, ist schon bleibender; denn ein
vernommenes Wort könnt ihr zu jeder Zeit so getreu wiedergeben, wie ihr es
vernommen habt. Aber versuchet dasselbe auch mit einem geschauten Objekt.
Selbst einem sehr gewandten Bildner oder Maler wird es nicht leichtlich
gelingen, ein geschautes Objekt so getreu wiederzugeben, wie er es geschaut
hat. [Ste.01_006,09]
Aber Objekte, Bilder und Begriffe, die das Ohr aufgenommen hat, bleiben haften,
und das überaus getreu; und dieser Treue zufolge könnt ihr reden, und das in
verschiedenen Zungen, und könnt das einmal Gehörte oder Gelesene, ja selbst
das Geschaute getreu wiedergeben, wie ihr es gehört, gelesen und geschaut
habt, und das nach längeren Zeiträumen noch ohne die geringste Verwischung
des Eindruckes, – während ihr zufolge eures Augenlichtes nicht einmal ein vor
euch liegendes Bild also getreu nachzuzeichnen imstande seid, wie ihr es
erschauet. [Ste.01_006,10]
Daraus aber geht doch klar hervor, daß das Schauen mit dem Ohr ums
unvergleichliche bei weitem höher steht als das Schauen mit dem Auge. Also
steht das auch viel höher, den Ton eines Wortes verständlich zu hören, als
die äußere Form eines Bildes zu beschauen. [Ste.01_006,11]
Ein Blinder kann gar wohl ein Weiser sein, aber ein Stummer wird es nicht
leichtlich dahin bringen; denn die Stummheit ist die gewöhnliche Folge der
Taubheit. Und dennoch haben die Stummen gewöhnlich ein viel schärferes Auge,
als die da hören und darum nicht stumm sind. [Ste.01_006,12]
Aus dem geht wieder hervor, daß das Schauen mit dem Ohr bei weitem höher
steht als das Schauen mit dem Auge. Das Schauen mit dem Auge kann jemand wohl
entzücken und überraschen, besonders wenn Objekte von großer Seltenheit zum
Vorschein kommen; aber die Lehre nimmt nur das Ohr auf. [Ste.01_006,13]
Aus dem geht also wieder hervor, daß es besser ist zu hören, als zu sehen.
Denn was durch das Gehör eingeht, das erleuchtet und ordnet den Verstand; was
aber durch das Auge eingeht, das verwirrt denselben nicht selten gar
gewaltig. [Ste.01_006,14]
Wenn zum Beispiel das weibliche Geschlecht nur von fernher von einer neuen
Modekleidertracht etwas hören würde, aber nie etwas davon zu Gesichte bekäme,
da bliebe ihr Sinn geordnet, und es ließe sich nicht leichtlich ein
Frauenzimmer eine neue törichte Mode auf den Leib hängen; wenn sie aber dazu
Bilder zu Gesichte bekommt, so verwirren diese den guten, einfachen Sinn und
machen aus dem Weibe gar bald eine eitel törichte Putzdocke, die Mir ärgerlicher
ist als zehntausend Tollhäusler. [Ste.01_006,15]
Aus dem geht wieder hervor, um wie vieles in jeder Hinsicht das Hören besser
ist als das Sehen. [Ste.01_006,16]
Also aber sehet ihr Mich auch täglich, und das durch das Ohr eures Leibes, so
ihr Mein Wort leset, und durch das Ohr eurer Seele, welches ist euer besseres
Verständnis; und weil ihr Mich also sehet, wie Ich auch bei euch auferstehe,
so erkennet ihr Mich gar wohl und betet Mich auch an, und das mit eurem
Verständnisse und danach auch mit eurem Munde. [Ste.01_006,17]
Nun aber frage Ich: War das von seiten derjenigen, die Mich da nach der
Auferstehung sahen und anbeteten, auch schon genug, um dadurch das ewige
Leben zu überkommen? [Ste.01_006,18]
Die drei Fragen, welche Petrus von Mir empfing, ob er Mich liebe, zeigen mehr
als hinreichend, daß das alleinige Sehen und das Anbeten danach noch nicht
genügt, einzunehmen Mein Reich und das ewige Leben mit ihm, – so wie es nicht
genügt, allein zu sagen: „Herr, Herr!“ [Ste.01_006,19]
Geradeso aber schauet auch ihr Mich, so ihr Mein Wort leset, und betet Mich
auch an durch das Verständnis und durch die Aufmerksamkeit, mit welcher ihr
Mein Wort leset. Also könnet auch ihr sagen: „Wir sehen Dich und beten Dich
an!“ [Ste.01_006,20]
Aber Ich erscheine noch einmal und frage euch Petrusse
nicht nur dreimal, sondern zu öfteren Malen: „Liebet ihr Mich?“ – Da sagt
euer Mund: „Ja!“ – Aber wenn Ich so recht genau in euer Herz blicke, da
erschaue Ich dasselbe gar nicht selten wie einen verdrießlichen Herbsttag, in
allerlei schmutzige Weltnebel verhüllt, und Ich mag dann vor lauter Nebeln
nicht erschauen, ob dieses Ja wohl im Ernste im Grunde eurer Herzen
geschrieben steht mit glühender Schrift. Es mag ja sein, daß es drinnen
geschrieben ist; aber warum so viele Nebel, die das Herz nicht selten so sehr
verdüstern, daß man diese lebendige Inschrift der Liebe zu Mir nicht wohl
ausnehmen kann?! [Ste.01_006,21]
Weg also mit diesen Nebeln! Weg mit der alleinigen Anschauung und Anbetung,
damit diese Inschrift, welche ein Werk der Tätigkeit nach dem Worte ist,
vollends lebendig ersichtlich wird – und Ich Selbst am Ende zufolge des stets
heller werdenden Lichtes dieser geheiligten lebendigen Inschrift in eurem
Herzen! [Ste.01_006,22]
Was nützt sonach das viele Lesen und Verstehen, wenn die Tat ausbleibt? Was
nützt Sehen und Anbeten, aber sich dabei fortwährend fragen lassen: „Petrus,
liebst du Mich?“ [Ste.01_006,23]
Magdalena sah Mich auch; aber Ich fragte sie nicht: „Magdalena, liebst du
Mich?“ Ich mußte sie vor lauter Liebe nur abhalten; denn nur gar zu mächtig
erwachte sofort beim ersten Anblick ihre Liebe zu Mir. „Rühre Mich nicht
an!“, mußte Ich zu der sagen, deren Herz beim ersten Anblick in den hellsten
Flammen aufloderte. [Ste.01_006,24]
Aber zum Thomas mußte Ich sagen: „Lege deine Hände in Meine Wundmale!“, und
den Petrus mußte Ich fragen, ob er Mich liebe. Da wäre das „Rühre Mich nicht
an!“ nicht wohl angewendet gewesen; denn weder im Petrus und noch weniger im
Thomas pochte ein Herz Magdalenens Mir entgegen. [Ste.01_006,25]
Also brauche Ich auch zu euch nicht zu sagen: „Rühret Mich nicht an!“,
sondern Ich sage zu euch mehr noch wie zu einem Thomas: „Leget gleichsam
nicht nur eure Hände in Meine Wundmale, sondern leget eure Augen, Ohren,
Hände und Füße in alle Meine Schöpfung, in alle Meine Himmel und in alle
Meine euch enthüllten Wunder des ewigen Lebens, und glaubet dann, daß Ich es
bin, der euch solches gibt! Und Ich verlange darum nichts, als daß ihr Mich
liebet!“ [Ste.01_006,26]
Aber da sehe Ich denn immer noch den Petrus am Ufer des Meeres in euch, der
sich fortwährend fragen läßt: „Petrus, liebst du Mich?“ Denn Petrusse seid ihr wohl in eurem Glauben, aber noch lange
keine Magdalenen und keine Johannesse, den Ich auch nicht fragte, ob er Mich
liebe; denn Ich wußte wohl, warum er Mir folgte, wenn Ich auch zu ihm nicht
sagte wie zum Petrus: „Folge Mir!“ [Ste.01_006,27]
Petrus folgte Mir, weil Ich ihn Mir folgen hieß; Johannes aber folgte Mir,
weil ihn sein Herz dazu trieb. Was wohl dürfte hier besser sein? [Ste.01_006,28]
Petrus ward eifersüchtig auf Johannes, weil er ihn für geringer achtete als
sich selbst; Johannes aber ward von Mir verteidigt, und ihm ward auch im
selben Moment das Bleiben zugesichert, und das ist mehr als das „Folge Mir!“
Denn besser ist, zu dem Ich sage: „Bleibe, wie du bist!“, als daß Ich ihm
gebiete, Mir zu folgen. [Ste.01_006,29]
Also ist auch die wahre, tätige Liebe besser als Glauben, Schauen und Anbeten
und besser als von Mir viel lesen, viel verstehen, aber dafür wenig lieben! [Ste.01_006,30]
Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch nächstens der
Zentralsonnen mehr! 7. Kapitel –
„Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“ (Lukas 23,52)
2. Januar 1844 abends [Ste.01_007,01]
Wieder sei euch auch hier die freie Wahl gelassen, eine solche Zentralsonne
aus dem Buche des Lebens zu zitieren; und also wählet einen Text! [Ste.01_007,02]
„Dieser ging zu Pilatus und bat um den Leichnam Jesu.“ [Ste.01_007,03]
Ihr habet den Text gewählt; aber Ich kann euch nicht helfen, wenn ihr gerade
solche Texte wählet, die schnurgerade auf unsere Sache passen. [Ste.01_007,04]
Joseph von Arimathia ging hin zu Pilatus und bat um
des Herrn Leichnam, der ihm von Pilatus auch gegeben ward. [Ste.01_007,05]
Dieser Joseph von Arimathia war ein Freund des
Nikodemus und tat solches mehr im guten Namen seines Freundes als in seinem
eigenen. Denn Nikodemus war ein großer, geheimer Verehrer Christi, aber aus
einer gewissen Furcht vor den Hohenpriestern und Pharisäern getraute er sich
nicht, solches ganz offenbar zu unternehmen; daher übertrug er solches seinem
Freunde, der ebenfalls auch ein großer Freund Christi war, aber ganz im
geheimen. Diese kurze Aufklärung ist notwendig, damit man das Folgende klarer
fasse. [Ste.01_007,06]
Wie paßt denn aber demnach dieser Text und überhaupt diese kleine Begebenheit
auf unsere Sache? [Ste.01_007,07]
Stellet euch unter ‚Nikodemus‘ die verborgene Liebe zum Herrn vor; unter
‚Joseph von Arimathia‘ aber stellt euch vor den
Glauben an den Herrn. [Ste.01_007,08]
Was ist der Glaube bezüglich der Liebe? Er ist derselben Handlanger. Also war
auch Joseph von Arimathia hier ein Handlanger des
den Herrn geheim liebenden Nikodemus. [Ste.01_007,09]
Was verlangte aber der Glaube von Pilatus? Er verlangte den Leichnam des
Herrn, wickelte ihn, als er ihn vom Kreuze genommen hatte, in weiße Linnen,
nachdem er den Leichnam zuvor mit köstlicher Spezerei gesalbt hatte, und
legte ihn dann in ein frisches Felsengrab im eigenen Garten, in welchem Grabe
noch nie jemand gelegen war. [Ste.01_007,10]
Was bezeichnet wohl solches alles? – Das alles bezeichnet die Wißbegierde des
Glaubens in ihrer Befriedigung. Diese an und für sich edle Wißbegierde sucht
alles Erdenkliche auf, um darin eine lebendige Befriedigung zu finden. [Ste.01_007,11]
Zu Pilatus geht sie und erbittet sich die Erlaubnis; das heißt soviel als:
Solche Wißbegierde geht zur Welt und sucht in derselben alles Mögliche auf,
was ihr zur Bestätigung der Wahrheit dienen könnte. [Ste.01_007,12]
Hat sie von der Welt alles empfangen, was sie suchte, dann wendet sie sich zu
dem Gekreuzigten. Aber wie? Sie sucht da alle Worte und alle Erklärungen ins
helle Licht zu stellen, alsonach zu befreien von den geheimnisvollen
scheinbaren Widersprüchen, welche in der Heiligen Schrift vorkommen. [Ste.01_007,13]
Dieses gelingt ihr auch; sie hat den Leichnam richtig von dem Kreuze, das in
seiner Gestalt eben einen Widerspruch darstellt, befreit. Aber was hat sie,
diese edle Wißbegierde nämlich, nun vor sich? Sehet, einen toten Leichnam, in
dem nun kein Leben ist! [Ste.01_007,14]
Diese edle Wißbegierde sieht das auch ein; aber sie ist dennoch in sich
erfreut über diese glückliche Befreiung vom Kreuze. Sie salbt den Leichnam
mit köstlichen Spezereien, wickelt ihn in weiße Linnen und legt ihn dann in
ein neues Grab, darin noch nie jemand gelegen ist. [Ste.01_007,15]
Was will das wohl besagen? Durch solche gründliche Beleuchtung des Wortes in
der Heiligen Schrift wird unfehlbar die Göttlichkeit desselben ersichtlich
und wird auch also geachtet und hochgeehrt. Das ist die Salbung. Denn nicht
selten drückt sich da jemand in den erhabensten Ausdrücken aus über die Würde
und göttliche Hoheit der Heiligen Schrift; aber alles das ist die Salbung des
Leichnams. [Ste.01_007,16]
Der Mensch mit dieser edlen Wißbegierde umwickelt solche erkannte Wahrheit
mit der höchsten und reinsten Hochachtung, – ja er erschaudert über die Größe
der Weisheit in diesem Buche; und das ist nichts anderes als die Einwicklung
des Leichnams in weiße Linnen. Wie unschuldsvoll und rein an und für sich solche
Linnen sind, also auch ist eine gleiche demütige Erkenntnis; aber der
Leichnam, die Salbe wie die Linnen sind nicht lebendig und geben auch kein
Leben. [Ste.01_007,17]
Man wird aber nun diesen Leichnam in ein neues Grab legen. Was ist denn das?
– Die Erkenntnisse, die der Mensch zufolge seiner edlen Wißbegierde sich zu
eigen gemacht hat, geben ihm kein Leben, keine lebendige Überzeugung; daher
faßt er sie alle zusammen und legt sie in das Grab seines tieferen
Verstandes, legt da einen Stein darüber, was soviel heißt als: er legt über
alle diese rein erkannten Wahrheiten einen recht schweren Zweifel; denn er
spricht: „Alle diese Lösungen der verborgenen Geheimnisse in der Heiligen
Schrift lassen sich wohl überaus gut hören; aber die anschauliche Überzeugung
geben sie dennoch nicht.“ [Ste.01_007,18]
Und seht nun, das ist ja der buchstäbliche Zustand eines jeden Viellesers! Er
kann all das Gelesene noch so gut verstehen, vom naturmäßigen bis zum
innersten geistigen Sinn; will er aber von all dem wohl Erkannten eine
tatsächliche Probe, da erfährt er, daß sich nicht einmal ein Sonnenstäubchen
vor seinem Willen beugt. Und will er das Leben des Geistes schauen, so
begegnet ihm statt desselben allzeit die Grabesnacht, in die er den Leichnam
gelegt hat; oder mit anderen Worten gesagt: er bekommt über das Jenseits
keine in sich selbst anschauliche Gewißheit, sondern alles ist bei ihm eine
Diktion und durchaus nicht mehr, also ein Leichnam im Grabe. [Ste.01_007,19]
Was aber ist ihm wohl damit geholfen? Wenn er noch so viel gelesen hat, kann
aber durch all das Gelesene zu keiner lebendigen Überzeugung gelangen, so
gleicht er fortwährend einem Joseph von Arimathia,
der wohl einen Leichnam um den andern vom Kreuze nimmt und salbt ihn und
wickelt ihn in weiße Linnen, – aber der Leichnam bleibt Leichnam und wird
allzeit ins Grab getragen. [Ste.01_007,20]
Betrachten wir aber daneben wieder unsere Magdalena! Sie hat zwar auch dieser
Handlung beigewohnt; aber sie wickelte den Leichnam oder das Wort nicht in
Leinen und legte es nicht in das Grab, sondern in ihr liebeglühendes Herz;
und als sie dann zum Grabe kam, war der Stein des Zweifels durch die Macht
der Liebe hinweggewälzt. Die Leinen lagen gut geordnet zusammengelegt im
Grabe, welches soviel sagt als: ihre Liebe hat das göttliche Wort in ihr
lebendig geordnet. Sie fand keinen Leichnam mehr, aber dafür fand sie den
Lebendigen, der aus dem Grabe auferstanden ist. [Ste.01_007,21]
Was ist nun wohl besser: den Leichnam in das Grab legen, oder den Lebendigen
über dem Grabe finden? – Ich meine, es wird offenbar das Zweite besser sein
denn das Erste. [Ste.01_007,22]
Warum aber fand die Magdalena, was Joseph von Arimathia
nicht gefunden hat? Weil sie wenig gelesen, aber viel geliebt hat; Joseph aus
Arimathia aber hat viel gelesen – wie Nikodemus –,
aber dafür weniger geliebt. Daher hatte er auch mit dem Leichnam zu tun, –
Maria aber mit dem Lebendigen! [Ste.01_007,23]
Ich meine, das wird auch klar sein; aber nächstens dennoch wieder eine
Zentralsonne mehr! 8. Kapitel – „Und
Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafür hielt,
ein Sohn Josephs.“ (Lukas 3,23)
3. Januar 1844 abends [Ste.01_008,01]
Setzet nur alsogleich wieder einen von euch gewählten Text an, und wir werden
sehen, ob in ihm für unsere Sache irgendein Licht vorhanden ist. [Ste.01_008,02]
„Und Er, Jesus, war, als Er begann, etwa dreißig Jahre alt, wie man dafür
hielt, ein Sohn Josephs.“ [Ste.01_008,03]
Der Text ist gegeben und ein übermächtig strahlend Licht mit ihm! Fürwahr,
bei diesem Texte solltet ihr sogar selbst auf den ersten Augenblick der
Sache, die hier zum Zwecke taugt, auf den Grund schauen. Wir wollen aber
sehen, ob ihr nach einer geringen Vorleitung nicht selbst das Licht erschauen
möget. [Ste.01_008,04]
Er war etwa dreißig Jahre alt, als Er das Lehramt antrat, und man hielt Ihn
für den leiblichen Sohn Josephs, des Zimmermanns. [Ste.01_008,05]
Wer ist der ‚Er‘? – Dieser ‚Er‘ ist der Herr Selbst, der von Ewigkeit war und
ewig sein wird ebenderselbe Herr! [Ste.01_008,06]
Wie war Er aber etwa dreißig Jahre alt, Er, der ewig war? Der Ewige erschuf
Sich hier Selbst zum ersten und zum letzten Male zu einem Menschen, und als
ein Mensch zählte auch Er an Sich die Zeit, die aus Ihm war von Ewigkeiten. [Ste.01_008,07]
Er war nahe dreißig Jahre. Was will denn das sagen? Konnte Er als Gott
dreißig Jahre zählen? Sicher nicht, denn Er war ewig; also nur als Mensch
konnte Er das. [Ste.01_008,08]
Er trat da Sein Lehramt an. Wie denn? Als Gott oder als Mensch? Durch den
Beisatz: „Und man hielt Ihn für den leiblichen Sohn Josephs, des
Zimmermanns“, wird hinreichend bezeugt, daß der kaum dreißigjährige ‚Er‘
nicht als Gott, sondern nur als Mensch Sein Lehramt angetreten hatte; denn
der Gott in Ihm verhielt Sich zu dem kaum dreißigjährigen Zimmermannssohne,
wie sich zu einem jeden Menschen verhält sein innerer Geist. Dieser muß zuvor
durch entsprechende äußere Tätigkeit, welche aus der Liebe hervorgeht,
erweckt werden, bis er dann erst als ein eigenmächtiges, selbsttätiges Wesen
handelnd auftritt. [Ste.01_008,09]
Dieser kaum dreißigjährige Sohn des Zimmermanns Joseph dem Außen nach, trat
demnach Sein Lehramt vollkommen als Mensch und durchaus nicht als Gott an.
Die Gottheit trat in Ihm nur bei Gelegenheiten in dem Maße wirkend auf, als
Er als Mensch durch Seine Taten dieselbe in Sich flott machte; aber ohne
Taten tauchte die Gottheit nicht auf. [Ste.01_008,10]
Frage: Wie konnte aber dieser kaum dreißigjährige Mensch ein Lehramt
antreten, wozu doch eine große Gelehrtheit erforderlich ist, welche viel
Studium und eine große Belesenheit voraussetzt? Woher kam denn diesem die
Weisheit? [Ste.01_008,11]
„Denn wir kennen ihn ja; er ist des Zimmermanns Sohn und hat die Profession
seines Vaters oft genug vor unseren Augen betrieben. Wir wissen, daß er nie
Schulen besucht hat; auch können wir uns nicht leichtlich erinnern, daß er
irgend bei Zeit und Gelegenheit etwa das Buch in die Hand nahm und darinnen
las. Er war ein gemeiner Handwerker bis zur Stunde beinahe, und sehet, der
ist nun ein Lehrer, und Seine Lehre ist voll Salbung und voll tiefer
Weisheit, obschon ihm sonst noch überall der Zimmermann herausschaut. Wie
lange wird es denn sein, als er mit seinen Brüdern bei uns einen Eselsstall
baute? Seht nur seine echt zimmermannsknoperigen
Hände an, und siehe da, er ist ein Lehrer und ein Prophet sogar, ohne je in
die Prophetenschule der Essäer hineingeschmeckt zu haben. Wie sollen wir das
nehmen?“ [Ste.01_008,12]
Sehet, das ist ein buchstäblich wahres Zeugnis, welches dem Zimmermannssohne
zu Kapernaum gegeben ward! Aus diesem Zeugnis aber geht klar hervor, daß in
diesem kaum dreißigjährigen Zimmermanne eben nicht viel von der Gottheit
hervorgeschaut haben muß; denn sonst müßte man ihn doch eines anderen
Zeugnisses gewürdigt haben. [Ste.01_008,13]
Woher aber nahm denn dieser ganz reine Mensch solche Lehramtsfähigkeit, da er
weder studiert noch irgend viel gelesen hatte? Dieser Mensch hatte seine
Lehramtsfähigkeit lediglich seinem Tun zu verdanken. [Ste.01_008,14]
Sein Handeln ging lediglich aus seiner fortwährend großen Liebe zum Göttlichen
und eben also auch aus der Liebe zu dem Nächsten hervor. Er opferte jede
Handlung Gott auf und übte sie also, daß er dabei nie seinen Vorteil, sondern
bloß den seines Nächsten vor Augen hatte. Daneben verwendete dieser Mensch
tagtäglich eine Zeit von drei Stunden der allgemeinen Ruhe in Gott. [Ste.01_008,15]
Dadurch erweckte er stets mehr und mehr die in ihm in aller ihrer Fülle
schlummernde Gottheit und machte sie sich nach dem Maße und Grade seiner
Tätigkeit zinspflichtig. Und als er, wie gesagt, kaum das dreißigste Jahr
erreicht hatte, war die Gottheit in ihm bis zu dem Grade erwacht, daß er
durch ihren Weisheitsgeist diejenige erhabene Fähigkeit überkam, um das
bekannte Lehramt, zu dem er berufen ward, anzutreten. [Ste.01_008,16]
Nach dieser Vorleitung frage Ich euch, ob ihr in diesem Texte das überaus
stark leuchtende Licht noch nicht erschaut? Ja, ihr erschauet es schon und
sehet auch, wo es hinaus will, daher werden wir uns im Nachsatz auch nur ganz
kurz fassen, um der Sache nicht eine überflüssige Ausdehnung zu geben. [Ste.01_008,17]
Wie soll denn aber demnach der Nachsatz heißen? Sehet, ganz kurz also: „Gehet
hin, und tuet desgleichen!“ [Ste.01_008,18]
Denket nicht, daß man nur durch ein vieles Lesen und Studieren den göttlichen
Geist in sich erweckt; denn dadurch tötet man eher denselben und trägt ihn
als einen Leichnam zu Grabe. Seid aber dafür tätig nach der Grundregel des
Lebens, so wird euer Geist lebendig und wird in sich alles finden, was ihr
sonst durch das Lesen von tausend Büchern sicher nicht gefunden hättet! [Ste.01_008,19]
Wenn aber der Geist lebendig ist, so möget ihr auch lesen, und ihr werdet
dann durch das Lesen oder durch das Anhören Meines Wortes Früchte sammeln,
welche einen lebendigen Kern oder Grund haben. Ohne die frühere Erweckung des
Geistes aber erntet ihr nur leere Hülsen der Frucht, darin kein lebendiger
Kern ist; der lebendige Kern aber ist das innere, lebendige geistige
Verständnis. [Ste.01_008,20]
Woher aber sollte das kommen, wenn der Geist zuvor nicht freitätig und
lebendig gemacht ward? Der Leib ist eine äußere Hülse, welche abfällt und
verwest; die Seele ist des Geistes Nahrung und Leib. So ihr aber bloß leset,
um eure äußere naturmäßige Erkenntnis zu bereichern, was soll da auf den
Geist kommen, der noch nicht im gerechten Maße lebenstätig ist und darum
nicht jedem gelesenen Worte alsogleich mit seiner lebendigen geistigen
Erkenntnis entgegenkommt und das von außen herein hülsenhaft gelesene Wort
mit seinem lebendigen Kern erfüllt und es dadurch erst lebendig und wirksam
macht? [Ste.01_008,21]
Daher gilt immer der alte Grundsatz: Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter
des Wortes, so erst werdet ihr des Göttlichen desselben lebendig in euch
bewußt werden! [Ste.01_008,22]
Ich meine, das wird doch auch klar sein; aber da der Mensch, wie schon öfter
gesagt, des Lichtes nie genug hat, so wollen wir abermals zu einer von euch
gewählten Zentralsonne schreiten. 9. Kapitel – „Da es
nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“ (Markus 14,17)
4. Januar 1844 abends [Ste.01_009,01]
Setzet daher nur wieder einen Text an, und wir werden schon sehen, wie er für
unsere Sache paßt! [Ste.01_009,02]
„Da es nun Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“ [Ste.01_009,03]
Wir hätten also den Text vor uns, und Ich muß schon wieder die alte Bemerkung
machen, daß ihr noch immer nicht einen Text habet finden können, der für
unsere Sache nicht auf das allergenaueste taugen möchte. Der vorliegende Text
scheint zwar dem Außen nach mit unserer Sache eben keine zu große
Gemeinschaft zu haben, aber das ist mitnichten der Fall; im Gegenteil, er hat
eben mit unserer Sache die allergrößte Gemeinschaft, und hättet ihr ihn nicht
gewählt, so hätte Ich ihn gewählt! [Ste.01_009,04]
„Als es Abend war, kam Er mit den Zwölfen.“ [Ste.01_009,05]
Wer kam? Der Herr von Ewigkeit kam. [Ste.01_009,06]
Wann denn? Am Abend. [Ste.01_009,07]
Und wohin kam Er denn? – In den von Seinen Jüngern bereiteten Speisesaal. [Ste.01_009,08]
Mit wem? – Mit Seinen erwählten zwölf Aposteln. [Ste.01_009,09]
Was tat Er dann in dem Speisesaal? – Er hielt ein Abendmahl, an welchem sich
einige sättigten und einige ärgerten; und zugleich wurde am selben Abend beim
Abendmahle der Verräter bezeichnet. [Ste.01_009,10]
Hier liegt einmal das komplette Bild vor euch, und seine Sache ist mit den
Händen zu greifen. [Ste.01_009,11]
Was ist der Abend? Er ist ein halblichter Zustand des Tages, bei dem das
Licht im fortwährenden Schwinden ist, so lange, bis endlich nicht eine
Wirkung der Sonnenstrahlen irgend mehr zu entdecken ist. [Ste.01_009,12]
Wann aber ist beim Menschen ein solcher Abend? – Sicher, in geistiger
Hinsicht nämlich betrachtet, dann, wenn er schon sehr viel gelesen und
durchstudiert hat, welches viele Lesen und Durchstudieren dem Einfallen der
Sonnenstrahlen den ganzen Tag hindurch gleicht. Wie aber diese Sonnenstrahlen
in ihrer Erscheinlichkeit naturmäßiger Art sind, so sind auch die Lese- und
Studierstrahlen naturmäßiger Art. Die Sonne aber geht am Ende des Tages
unter, und es wird dann alsbald darauf Abend und endlich auch Nacht. [Ste.01_009,13]
Also geht es auch mit dem Lese- und Studierlicht; der Leser und Studierer wird endlich müde und verdrießlich, weil er
durch all sein Lesen und Studieren sein inneres Licht nicht zu vermehren
vermochte, so wenig, wie das Licht der Sonne irgend vermehrt werden kann,
sondern es bleibt in seinem gleichmäßigen Verhältnisse. Im Sommer ist es
stärker und im Winter schwächer, und das immer im gleich auf- und abnehmenden
Verhältnis. Also auch ist das Morgenlicht schwächer; bis gegen den Mittag ist
es im Zunehmen, und gegen den Abend hin wird es ebenfalls schwächer. [Ste.01_009,14]
Gerade also geht es auch mit der äußeren Lese- und Studierbildung des
Menschen. Wenn er anfängt zu lesen und zu studieren in einer wohlgenährten
Bibliothek, so ist bei ihm der Lese- und Studiermorgen. [Ste.01_009,15]
Wenn er sich im Verlaufe von mehreren Jahren die Augen wund gelesen hat und
schon der Meinung ist, Salomos Weisheit mit dem Löffel gefressen zu haben,
dann ist bei ihm der Mittag, oder auch der Sommer. [Ste.01_009,16]
Er liest dann weiter und studiert, findet aber leider nichts Neues mehr,
sondern stößt auf lauter ihm schon bekannte Ideen. Dadurch wird er ermüdet,
weil er fürs erste keine neue erquickende Nahrung mehr bekommen kann, und
fürs zweite findet er an all den weiteren Lese- und Studierpartien durchaus
keine Belege für seine eingesogenen Theorien, sondern nicht selten die
gewaltigsten Widerlegungen alles dessen, was er sich mit so großem Eifer und
großer Mühe zu eigen gemacht hat. [Ste.01_009,17]
Sein echt vermeintes Gold wird nicht selten zu Blei, und wenn er dieses wenig
werte Metall in sich statt des Goldes erkannt hat, da wird er bei sich
grämlich und mißmutig, verliert jeden Grund und steht am Ende da wie ein
Wanderer auf einer Alpe, wenn ihn dichte Nebel umfangen haben. [Ste.01_009,18]
Sehet, dieser Zustand ist der Abend des Menschen; gewöhnlich sagt man: „Wenn
beim Menschen alle Stricke gerissen sind, so kriecht er dann zu Kreuze!“, –
was freilich besser wäre, wenn man sagen möchte: „Das Kreuz kriecht über
ihn.“ [Ste.01_009,19]
Also in der Not fängt dann der Mensch an zu denken, ob an der Lehre Christi
wohl etwas sei, und dieser Gedanke gleicht diesem Texte: „Und Er, der Herr
nämlich, kam mit den Zwölfen dahin am Abend.“ Denn der Herr wird hier von dem
Bedrängten als der Stifter der Lehre und die Zwölfe als die Lehre selbst
verstanden. [Ste.01_009,20]
Wohin kommt Er denn mit den Zwölfen? – In den mit Speise und Trank bereiteten
Saal! [Ste.01_009,21]
Wer ist dieser Saal? Der Mensch selbst an seinem Abend. Denn er hat eine Menge
Speise und Trank in sich. Aber da Derjenige nicht da ist, für den solche
Speise bereitet ist oder sein sollte, so stehen die Speisen so lange da, bis
Derjenige kommt, der die Speise segnen und dann genießen möchte; denn ohne
Konsumenten ist die Speise vergeblich und hat keinen Wert. [Ste.01_009,22]
So hat auch alle Wissenschaft und Belesenheit keinen Wert, und der Mensch hat
vergeblich seinen geistigen Speisesaal und Speisetisch damit bestellt, so
Derjenige nicht da ist, der diese Speise segne, dann verzehre und sie in
einen den Geist belebenden Saft verkehre. [Ste.01_009,23]
Der Herr aber kommt am Abend mit den Zwölfen, oder der Gründer mit Seiner
Lehre, geht in den Saal ein, setzt Sich zu Tische, segnet und verzehrt die
Speise. Weil aber die Speise naturmäßiger Art ist, so ist ihre Wirkung gleich
der Wirkung jenes Abendmahls, bei dem der Herr ein wahres lebendiges
Abendmahl in den Werken der Liebe einsetzt – daran sich dann viele Jünger
ärgern und sagen: „Was ist das für eine harte Lehre! Wer kann das glauben und
befolgen?“ Die Jünger entfernen sich darauf, und bald wird der Verräter
bezeichnet. [Ste.01_009,24]
Wer sind denn die Jünger, die sich ärgern und davongehen? Das sind die
falschen Begründungen aus all dem Gelesenen und Studierten. Diese werden den
Grundsätzen der Lehre Christi als abhold entgegengehalten; dann erhebt sich
bald ein allgemeiner Widerspruch, welcher also lautet: „Eine Lehre, die so
voll von einzelnen Widersprüchen ist, kann unmöglich göttlichen Ursprungs
sein; also ist sie nur ein temporäres seichtes Produkt wissenschaftlich
ungebildeter und daher auch notwendig inkonsequenter Menschen, welche irgend
in einer rohen Vorzeit auf dem Wege des Eklektizismus irgend etwas mühsam
zusammengestoppelt haben, um sich dadurch die arme Menschheit tribut- und
zinspflichtig zu machen.“ [Ste.01_009,25]
Dadurch wird, wie ihr zu sagen pflegt, das Kind samt dem Bade weggeschüttet,
oder der Verräter wird bezeichnet, entfernt sich dann bald und tut das, als
was er bezeichnet ward: Er überliefert das Lebendige dem Tode und geht dabei
selbst zugrunde, und das ist dann die auf den Abend gefolgte Nacht, oder nun
ist alles tot im Menschen. [Ste.01_009,26]
Und also komme Ich im Ernste zu jedermann am Abend mit den Zwölfen, finde den
Speisesaal und den Speisetisch besetzt, aber es sind lauter naturmäßige
Speisen. Verzehre Ich diese auch, oder billige Ich sie unter dem Bedingnisse, daß man diese Speisen in werktätige
Liebespeisen umwandeln solle, und sage, daß man solches zu Meinem
Gedächtnisse oder in Meinem Namen und nicht im eigenen der Eigenliebe,
Eigenehre und des Eigenlobes wegen tun solle, da fangen die Jünger an sich zu
ärgern und werden Mir abhold; der Judas sitzt dann bald nackt da, und es
dauert gar nicht lange, daß Mir auf dem Wege solchen Verrates das Todesurteil
publiziert wird. [Ste.01_009,27]
Daher wartet nicht ab den Abend, sondern rufet Mich lieber am Morgen, da ihr
noch vollkräftig und aufnahmefähig seid, und Ich werde dann zu euch kommen
und werde zu euch sagen: Geht nicht zu sehr in den Strahlen der Sonne umher,
diese ermüden euch und machen euch untätig, sondern stärket euch unter dem
kühlenden Schatten des Lebensbaumes, auf daß ihr für den ganzen Tag
tatkräftig bleibet! Und werde Ich dann auch am Abend zu euch kommen, so
werdet ihr Mich gar wohl erkennen; und wenn Ich euch fragen werde: „Wie ist
euer Speisesaal bestellt, habt ihr etwa nichts zu essen, hungert es euch?“,
so werdet ihr Mir zwar nur einen geringen und dürftigen Speisevorrat
aufzuweisen haben, aber Ich werde ihn segnen und werde Mich mit euch zu dem
Tische setzen, an dem kein Verräter mehr Meiner harrt, oder: die wenigen
Kenntnisse, die ihr habt, werde Ich zu Zentralsonnen ausdehnen, auf daß ihr
daraus des Lichtes in endloser Überfülle haben sollet. [Ste.01_009,28]
Ich meine, der Text: „Und Er kam mit den Zwölfen am Abend dahin ...“ dürfte
hier wohl überaus klar vor jedermanns Augen stehen und die Sache völlig
erschöpfen. Aber dessenungeachtet will Ich Meiner Freigebigkeit noch nicht
die Grenze setzen. 10. Kapitel – „Er
kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ (Johannes 1,11)
„Pilatus antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“ (Johannes
19,22)
8. Januar 1844 abends [Ste.01_010,01]
Ihr aber könnt, wie früher, wieder einen Text wählen; tut demnach solches
frei! – [Ste.01_010,02]
„Er kam in Sein Eigentum; und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ – „Pilatus
antwortete: ‚Was ich geschrieben, habe ich geschrieben!‘“ [Ste.01_010,03]
Die Texte sind gut und richtig gewählt und bezeichnen die Sache schon in
ihrer ersten Stellung, wie ihr zu sagen pfleget, auf ein Haar. [Ste.01_010,04]
Wer kam in Sein Eigentum, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf? Wer der ‚Er‘
ist, wird hoffentlich bekannt sein; Sein Eigentum sind die Menschen, wie sie
sein sollten in der von Mir aus geschaffenen Ordnung, liebtätig nämlich gegen
ihre Brüder und voll Ernst der Liebe gegen Gott, ihren Schöpfer. [Ste.01_010,05]
„Aber die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ – Die Seinen sind, die Er von
Anbeginn zumeist für Sich erzogen hatte und hat zu ihnen allzeit gesandt
Lehrer und Propheten und hat sie geführt und geleitet wunderbar. [Ste.01_010,06]
Warum nahmen sie Ihn denn nicht auf? – Weil Er sie die wahren Wege der
tätigen Liebe zum ewigen Leben lehrte; die Seinen aber waren Freunde der
Trägheit, Freunde des Wohllebens und Freunde der Herrschaft und Herrlichkeit,
und diese vereinbart sich nicht mit der Lehre von der Demut und der tätigen
Liebe. [Ste.01_010,07]
Sie sprachen: „Wir haben Moses und die Propheten, welche wir lesen; was
brauchen wir da mehr? Was brauchen wir von dir, der du den Sabbat schändest
und gering achtest Moses und die Propheten, indem du ihre Satzungen nicht
hältst? Ist es nicht genug, so wir die Schrift lesen und studieren und
darüber ellenlange Erklärungen schreiben? Was willst du von uns für eine
andere, Gottes würdigere Tätigkeit? [Ste.01_010,08]
Ist Gott nicht ein Geist, dessen Wesen man sich unter keinem Bilde vorstellen
soll? Wie sollte man diesen wohl würdiger ehren und preisen, als wenn man
Sein Wort, welches Er durch Moses und die Propheten geredet hat, fortwährend
von Anfang bis zu Ende liest und dasselbe sich selbst und anderen erklärt,
damit Gott in Seinem Wollen stets klarer und klarer begriffen werde? [Ste.01_010,09]
Was machst du aus dir selbst? Wir haben Abraham zum Vater und haben Moses und
die Propheten-, bist du denn mehr denn diese? Was willst du uns lehren, das
uns diese nicht gelehrt hätten? [Ste.01_010,10]
Was ist wohl des Menschen Liebetat vor Gott? Sie ist nichts als ein eitler
Gedanke. Der Mensch kann nichts tun; denn in Gott allein wohnt alle Tatkraft.
Also bist du ein falscher Lehrer und ein falscher Prophet und bist ein
Volksaufwiegler! [Ste.01_010,11]
Wir haben die Schrift vom Alpha bis zum Omega in unserem Kopfe; ist das nicht
Tätigkeit genug? Oder sollten wir etwa die Schrift nicht studieren und
dadurch gering achten die heilige Gabe, welche uns der Herr Gott Zebaoth
durch Moses und die Propheten beschieden hat? [Ste.01_010,12]
Du bist einer, der dem göttlichen Willen widerstrebt und sich dennoch für
einen Lehrer und Propheten Gottes ausgibt! Steht es aber nicht geschrieben,
daß ein jeder falsche Prophet und Zauberer solle mit dem Feuertode bestraft
werden? [Ste.01_010,13]
Dieser gemeine Zimmermannssohn, der kaum zu lesen versteht und ebensowenig
etwa imstande ist, seinen Namen zu schreiben, unterfängt sich, uns alten
Schriftgelehrten eine Lehre, welche dem Geiste Mosis schnurgerade
entgegenstrebt, aufzubürden!“ [Ste.01_010,14]
Sehet, das sind eine Menge Entgegnungen, laut welcher Derjenige, der in Sein
Eigentum gekommen war, von den Seinigen nicht aufgenommen wurde. [Ste.01_010,15]
Warum? Weil Ihn die Seinigen, wie es auch geschrieben steht, nicht erkannt
haben! [Ste.01_010,16]
Warum aber erkannten sie Ihn nicht? Weil sie nur pure Leser und
Auswendiglerner, aber nie Täter des Wortes Gottes waren. [Ste.01_010,17]
Auf dieselbe Weise komme Ich auch jetzt fortwährend in Mein Eigentum; aber
die Meinen wollen Mich nicht aufnehmen und erkennen, daß Ich es bin! [Ste.01_010,18]
Warum wollen sie denn das nicht? Weil ihnen auch, im besten Falle sogar, das
Lesen und Hören, wie auch das Angaffen Meiner Werke lieber ist als eine
kleine Tätigkeit nach Meinem Worte. Daher aber wird auch der Geist in Meinem
Eigentum, welches das Herz ist, nicht lebendig und erkennt Mich nicht, weil
Mich Mein Eigentum nicht lebendig tätig aufnehmen will. [Ste.01_010,19]
Ich aber sage: Alle diese Schriftgelehrten werden dereinst auch sagen: „Herr!
Herr! Wir haben ja in Deinem Namen aus Deinem Worte heraus geweissagt,
gepredigt und gelehrt!“ [Ste.01_010,20]
Ich aber werde zu ihnen sagen: „Weichet von Mir; Ich habe euch noch nie
erkannt! Wer euch zu Lehrern und Weisen gedungen hat, zu dem gehet auch hin,
damit euch euer Lohn werde! Ich kam wohl zu euch und habe bei euch an die
Türe Meines Eigentums geklopft; aber niemand von euch sprach: ‚Komme herein,
und belebe unsren Geist, auf daß wir tätig und kräftig werden möchten nach
Deinem Worte!‘ Ihr begnügtet euch mit den Schätzen eures Kopfes; aber Meine
Scheuern in eurem Herzen habt ihr leer gelassen und habt all Mein Eigentum in
euch verwirkt. Daher möget ihr nun ‚Herr! Herr!‘ schreien, wie ihr wollt, so
mag Ich euch aber dennoch nicht erkennen; denn die Meinen erkenne Ich an
Meinem Eigentum in ihnen. Ihr aber habt kein Eigentum aus Mir in euch; darum
mag Ich euch auch nicht erkennen!“ [Ste.01_010,21]
Pilatus bekannte Mich auch auf diese Weise: Er heftete das Zeugnis seines
Bekenntnisses über den schmählich Getöteten, während er früher den Lebendigen
geißeln und ans Kreuz heften ließ. Sein Bekenntnis steht auch geschrieben,
und zwar über dem Haupte des Gekreuzigten zum Zeugnisse für alle die, welche
das Bekenntnis Gottes wohl in ihrem Kopfe, aber keines in ihrem Herzen
tragen. Über ihrer Stirne steht es wohl geschrieben: „JESUS NAZARENUS, REX
JUDAEORUM“, und sie beharren auch auf dieser Inschrift, welche soviel sagt
als: „Herr! Herr!“; aber im Herzen ist keine Inschrift, welche da sagen
möchte: „O Herr, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“ „Vater unser“
ist im Kopfe; aber „Lieber Vater“ ist nicht im Herzen. [Ste.01_010,22]
Pilatus beharrte wohl auf seiner Inschrift und wollte keine andere
hinaufsetzen; denn er sprach selbst: „Was geschrieben ist, das ist
geschrieben!“ Warum erwies er aber dem Lebendigen früher nicht die Ehre wie
hernach dem Toten? [Ste.01_010,23]
Der Grund liegt in dem, warum auch alle die Gelehrten lieber bei ihren
Kopfbegründungen und der daraus hervorgehenden toten Verehrung verbleiben,
als nur in die geringste lebendige Tat der wahren Liebe eingehen wollen. Denn
sie sind Zwielichtler, welche glauben oder vielmehr
der Meinung sind: „Ist an der Sache etwas, so wollen wir durch unser
Bekenntnis ihr nicht in den Weg treten; ist aber an der Sache nichts, so
haben wir so oder so dadurch nichts verloren. Denn bringt man dem eine Ehre,
das da irgend sein soll, so gewinnt man, wenn ‚es‘ ist, und verliert nichts,
wenn ‚es‘ nicht ist.“ [Ste.01_010,24]
Desgleichen dachte auch Pilatus: „Ist der Gekreuzigte ein höheres Wesen, so
habe ich ihm meine Ehre bezeigt; ist er es aber nicht, so bin ich auch
gerechtfertigt; denn in dem Falle dient meine Inschrift als ein amtliches
Pasquill, aus dem jeder ersehen kann, aus welchem Grunde dieser hier
gekreuzigt ward.“ [Ste.01_010,25]
Meinet ihr, daß bei Mir der erste Grund gelten wird, so es mit dem zweiten
seine geweisten Wege hat? – Ich sage euch: Da wird es vorzüglich darauf
ankommen, daß diejenigen, die so zu Mir „Herr! Herr!“ rufen, von Mir sicher
nicht angehört, erkannt und angenommen werden. Denn das Bekenntnis des Kopfes
wird niemand dem ewigen Leben auch nur um ein Haar näher bringen; denn wer zu
Mir will, der muß Mich vorher durch die lebendige Liebe in sich aufnehmen,
und seine eigene Liebe zu Mir wird es ihm sagen, daß Ich bin und zu ihm komme
und ihm gebe das ewige Leben. [Ste.01_010,26]
Niemand aber kann das lieben, das nicht ist; wohl aber kann er in seinem
Kopfe über alles Nicht-Seiende verschiedene Phantome aufstellen, und also
auch Mich Selbst darunter. Aber da bin Ich nicht, und da wird Mich auch nie
jemand finden und wird nie zur lebendigen Überzeugung von Mir und vom ewigen
Leben gelangen; denn da hänge Ich tot unter der Inschrift Pilati! [Ste.01_010,27]
Nur wer da ein Täter wird sein Meines Wortes, der wird an Meinem Grabe, da er
den Toten suchte, mit der Flamme seines Herzens den Auferstandenen und den
ewig Lebendigen finden! [Ste.01_010,28]
Ich meine, das dürfte doch auch wieder klar sein; aber darum nächstens
dennoch um eine Zentralsonne weiter. 11. Kapitel – „Da
warf er sein Gewand ab, sprang auf und kam zu Ihm.“ (Markus 10,50)
9. Januar 1844 abends [Ste.01_011,01]
Wenn ihr gewählt habet, so schreibet nur geschwinde nieder den gewählten
Text. [Ste.01_011,02]
„Da warf er (Bartimäus) sein Gewand ab, sprang auf
und kam zu Ihm.“ [Ste.01_011,03]
Ihr habt einen überaus passenden Text gewählt; dieser Text sollte allen, die
auf dieser Welt blind sind, zu einem mächtigen Leitfaden dienen, auf daß sie
täten, wie dieser Blinde getan hat, um zu bekommen das wahre Licht der Augen
des Geistes. [Ste.01_011,04]
Warum warf denn der Blinde das Gewand weg? Er hätte ja mit dem Gewande auch
zum Herrn hineilen können, als ihn dieser gerufen hatte. Der Blinde war klug,
er wußte und berechnete es wohl, daß ihm das schwere Außengewand im schnellen
Zuge zum Herrn hin hinderlich sein würde. Darum warf er behende das schwere
Gewand weg und entledigte sich dadurch des Hinderungsmittels, welches seinen
Gang schwerfällig gemacht hätte, – und der Vorteil war, daß er dadurch um so
schneller zum Herrn gelangte und von Ihm das Licht seiner Augen wiederbekam. [Ste.01_011,05]
Wer ist denn so ganz eigentlich dieser Blinde? Dieser Blinde ist ein
gelehrter Weltmensch, der aber das Gute hat, daß er seiner Blindheit gewahr
ist, und zugleich das Gute hat, daß er weiß, wer ihn von seiner Blindheit
heilen kann. [Ste.01_011,06]
Es sitzen gar viele solche Blinde an den Wegen, und gar viele tappen in allen
Ecken herum. Aber die am Wege sitzen, die schlafen ein, ganz berauscht vom
Opiumtrank ihrer Gelehrtheit, und träumen dann also, als ob sie sehen
möchten. Diese wissen in der Betäubung ihres gelehrten Traumes nicht, wann
der Herr Seinen Weg bei ihnen vorüberzieht, und wissen auch nicht, daß sie
blind sind; daher rufen sie auch nicht: „Sohn Davids, hilf mir!“ [Ste.01_011,07]
Andere aber, die in allen Winkeln herumtappen und wohl zur Hälfte Den suchen,
der sie sehend machen könnte, entfernen sich vom Wege; und wenn der Sohn
Davids vorüberzieht, sind sie nicht da und versäumen durch ihr dummes Suchen
den Augenblick, wo der Sohn Davids den Weg nach Jericho zieht; daher rufen
auch sie nicht und bleiben in ihrer Blindheit. [Ste.01_011,08]
Was ist denn dieser Weg? Dieser ‚Weg‘ ist die prüfende Bahn durch diese Welt;
und ‚Jericho‘ ist der endliche Stapelplatz für die, welche diesen Weg
zurückgelegt haben, oder mit anderen Worten: es ist zunächst die Geisterwelt. [Ste.01_011,09]
Unser Blinder scheute nicht die ihn bedrohenden Jünger, denn er wußte gar
wohl, daß der Herr mächtiger und barmherziger ist als Seine Jünger, die ihn
bedroht hatten; daher aber erhörte ihn der Herr auch, und als Er ihn rief, so
warf er sogar das letzte Hinderungsmittel von sich, nämlich seinen Rock, um
ja so schnell und so sicher als möglich zu Dem zu gelangen, der ihn gerufen
hatte. [Ste.01_011,10]
Dieser Blinde ist also ein rechtes Muster, und Ich sage euch: Tut ihr alle
desgleichen, die ihr ebenfalls Blinde am Wege seid! Harret des Herrn am Wege,
und so Er vorüberzieht, da lasset euch nicht abschrecken von der Welt,
sondern rufet zu Ihm in eurem Herzen, daß Er Sich euer erbarme und euch das
Licht des ewigen Lebens gebe. Und wahrlich, Er wird Sich euer erbarmen und
wird euch geben, um was ihr gerufen habt! [Ste.01_011,11]
Der Blinde warf sein Gewand weg. Was ist das Gewand? Es ist die Welt, wie
auch alle die Belesenheit und Gelehrtheit des äußeren Verstandes. Werfet
diese hinweg, so Ich euch doch tagtäglich rufe, auf daß sie euch nicht
hindern im Gange zu Mir! [Ste.01_011,12]
Wäre es aber von dem Blinden klug gewesen, so er sich bei der Gelegenheit, da
Ich ihn gerufen hatte, in noch mehr Röcke eingepanzert hätte? Fürwahr, diese
hätten ihn am Ende also beschwert, daß er sich nicht hätte vom Boden erheben
können und dann noch weniger schnellen Schrittes hineilen zu Dem, der ihn
gerufen hatte. [Ste.01_011,13]
Wenn Ich euch aber täglich rufe, also wie Ich den Blinden gerufen habe, wäre
es da klug, so ihr euch dazu mit allen möglichen Röcken und Mänteln
weltlicher Gelehrtheit bekleiden wolltet? Sicher wäre das die größte Torheit!
Werfet vielmehr lieber alles hinweg, und eilet in eurem Herzen zu Mir, und
Ich werde euch die Augen öffnen und werde euch sehend machen in eurem Geiste
lebendig, auf daß ihr dann mit einem Blick mehr ausrichten werdet, als so ihr
in eurer Blindheit Tausende von Jahren herumtappen möchtet! [Ste.01_011,14]
Was nützt dem Blinden sein phantastisches Augenlicht im Traume? Wenn er
erwacht, so ist er dennoch also blind, und blinder noch wie zuvor. [Ste.01_011,15]
Was nützt einem alles Gewand von noch so tiefer und schwerer gelehrter
Weisheit? Es beschwert ihn, daß er sich nimmer erheben mag, so er gerufen
wird zum Empfange des lebendigen Lichtes. [Ste.01_011,16]
Der Geist des Menschen hat ja ohnehin alles in sich; er bedarf nichts weiter
als der Öffnung seiner Augen, um zu schauen die endlose Lebenswunderfülle in
sich selbst. [Ste.01_011,17]
Was gewinnt aber dadurch der Geist, so der Mensch mit lauter toten Hülsen und
Schatten sein Gedächtnis und seinen Verstand anfüllt? Nichts; sondern er
verliert noch dabei und wird in ein Chaos von äußerer Rinde, von den Hülsen
und allerlei Schatten eingepanzert, daß er ja nicht leichtlich je zu einer
Freiheit und noch weniger zum Empfange des lebendigen Lichtes seiner Augen
gelangen kann. [Ste.01_011,18]
Nehmet an, ihr hättet die ganze Bibel auswendig in eurem Kopfe; ein anderer
hat nur ein paar Verse sich zu eigen gemacht, hat aber sein Leben streng
danach eingerichtet. Bei diesem werden die zwei Verse lebendig und machen
frei seinen Geist; bei euch aber liegt die ganze Schrift tot, und ihr
versteht auch nicht einen Vers lebendig. [Ste.01_011,19]
Was ist nun besser: die zwei lebenstätigen Verslein, oder der ganze
Buchstabenwust der Heiligen Schrift, davon aber auch nicht ein einziger Vers
ins Leben aufgenommen ward? Sicher werden hier die zwei lebenstätigen Verse
besser sein! [Ste.01_011,20]
Man wird hier etwa sagen: „So jemand mehr weiß, da kann er ja auch desto mehr
in seine lebendige Tätigkeit aufnehmen!“ Ich aber sage: Der Mensch ist Mein
Werk, und darum weiß Ich es am besten, was ihm frommt. [Ste.01_011,21]
Nehmt einen Schüler – Ich setze den Fall, in der Musik –, leget ihm gleich
beim Anfange eine ganze große Schule vor, und laßt ihn mit allen Kapiteln
derselben zugleich anfangen. Saget, was wird aus dem? Sicher nichts! Denn er
wird vor der Masse ermüden und bald das ganze Studium an den Nagel hängen. [Ste.01_011,22]
Nehmet aber eine kleine Schule, und fanget bei der ersten Skala an, und
lasset ihn diese wohl einüben. Wenn er mit leichter Mühe die erste Skala
recht bald fertig durchspielen wird können, wird das nicht mehr sein als der
erste Versuch mit der ganzen Schule auf einmal? [Ste.01_011,23]
Daher sage Ich zu euch: Werfet weg das überflüssige Gewand; machet klein die
Schule, und ihr werdet gleich dem Blinden am Wege euch desto leichter erheben
und desto schnelleren Schrittes dahin eilen, wohin Ich euch jetzt, wie
tagtäglich, rufe. [Ste.01_011,24]
Fürwahr, ihr möget alle Bibliotheken der Welt zusammenlesen, so werdet ihr
darob vor Mir um kein Haar besser stehen und mehr wissen, als so ihr nie
etwas gelesen hättet. Warum denn? Weil ihr, wenn ihr von Mir das Licht
erhalten wollt, das alles müsset fahren lassen; denn das alles ist nichts als
leeres Hülsenwerk und leeres Stroh, welches fürs Feuer bestimmt ist. [Ste.01_011,25]
Schaffet ihr dieses leere Hülsen- und Strohwerk nicht aus euch, bevor Mein
Liebeflammenlicht zu euch kommt, so wird dieses Feuer das Strohwerk
ergreifen, und es wird da zu einem verzweifelten Brande in euch kommen.
Schaffet ihr aber zuvor all diesen Quark hinaus und werfet weg das eiteldumme
Gewand, – und wenn da Mein Feuerlicht in euch kommen wird, so wird es keinen Brand
verursachen, sondern es wird euch sogleich lieblich durchwärmen und
erleuchten euren ganzen Geist, – also wie auch der Blinde am Wege im
Augenblick sehend ward, als er zu Mir kam. [Ste.01_011,26]
Ich meine, dieses Bild kann unmöglich klarer und deutlicher gegeben werden;
aber es muß, wie alle früheren, ins Leben aufgenommen sein, wenn es eine
lebendige Leuchte abgeben soll. Solange das nicht der Fall ist, werdet ihr es
wohl beifällig lesen und dann sagen: „Das ist wirklich recht schön!“ Und Ich
kann dazu dann nichts anderes sagen als: Das ist wirklich recht dumm von
euch; denn solange ihr Meinen lebendigen Ruf für nichts weiter als nur für
recht schön findet, da baut ihr Häuser auf dem Sande, und Mein lebendiger
Same fällt bei euch auf den Weg und wird leicht zertreten werden und wird
keine Frucht bringen. [Ste.01_011,27]
Wenn ihr aber das sogleich lebendig in euch aufnehmet und tuet danach, so
seid ihr klug; denn da baut ihr das Haus auf den Felsen, und Mein Same fällt
in gutes Erdreich. [Ste.01_011,28]
Mir liegt wenig daran, ob ihr diese Meine Worte schön oder nicht schön
findet, aber es liegt Mir alles daran, daß ihr danach handelt; denn nicht der
Bewunderung wegen, sondern eures eigenen Heiles willen gebe Ich sie euch. [Ste.01_011,29]
Solches sei von euch wohl erwogen; denn sonst wird es euch keinen Nutzen
bringen! – Nächstens wieder um eine Zentralsonne weiter! 12. Kapitel –
„Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den Kaiser gestellt werden; und
siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir im Schiffe sind.“
(Apostelgeschichte 27,24)
10. Januar 1844 abends [Ste.01_012,01]
Schreibet nur nieder, was ihr habt! [Ste.01_012,02]
„Und (der Engel Gottes) sprach: ‚Fürchte dich nicht, Paulus! Du mußt vor den
Kaiser gestellt werden; und siehe, Gott hat dir geschenkt alle, die mit dir
im Schiffe sind.‘“ [Ste.01_012,03]
Ihr habt den Text gewählt, – freilich diesmal keine Zentral-, sondern nur
eine Nebensonne; denn die Zentralsonnen sind nur in den Propheten und in den
vier Evangelisten, insoweit sie eben nur die vier Evangelien beschreiben. Was
außer dem ist, ist mehr historische Gelegenheitssache und betrifft weniger
die Allgemeinheit, sondern vielmehr diejenige enger gefaßte Sphäre, in
welcher der historische Teil vor sich ging. [Ste.01_012,04]
Und so ist eben der gewählte Text, obschon von einem Engel gesprochen, eine
Botschaft an den Paulus, bei dem er dann auch in der Geltung als völlig
abgeschlossen erscheint, und ist demnach, wie ihr leicht begreifen könnt,
keine Zentral-, sondern nur eine Neben- oder Planetarsonne. [Ste.01_012,05]
Aber dessenungeachtet hat er dennoch in sich selbst Geistiges und somit auch
weit um sich Leuchtendes; denn es ist ein großer Unterschied, ob da ein Engel
aus dem Herrn spricht oder handelt, oder wenn der Herr Selbst aus Sich Selbst
spricht oder handelt. [Ste.01_012,06]
Solches war notwendig voraus zu erinnern, damit ihr des Herrn Worte und des
Herrn Handlungen vor den Worten und Handlungen der Engel und Apostel zu
würdigen und klar zu unterscheiden vermöget. Und da ihr nun solches wißt, so
wollen wir sehen, was und wieviel des allgemeinen Lichtes in dem angeführten
Texte für unsere Sache vorhanden ist. [Ste.01_012,07]
„Fürchte dich nicht, Paulus“, spricht der Engel, „denn du mußt dem Kaiser
vorgestellt werden!“ besagt soviel als: „Du Täter des Wortes des Herrn,
fürchte dich nicht; denn der Herr will es, daß dich die Welt erkenne in
deinem Tun. Und wird dich die Welt erkennen, so wird sie dir nachfolgen!“ Und
in dieser Nachfolge besteht die versprochene Dotation derjenigen Männer, die
mit Paulus im Schiffe sind. Denn sie besagt, daß eben diese Männer ebenso,
wie Paulus selbst, nicht nur Hörer, sondern wahre Täter des Wortes Gottes
werden werden. [Ste.01_012,08]
Aus dieser kurzen Darstellung geht dann auch klar hervor, daß der Herr dem
Paulus dadurch nicht hat andeuten wollen, als hätte er etwa darum sollen dem
Kaiser vorgestellt werden, um vor ihm entweder einen berühmten Redner oder
einen Schauspieler zu machen, oder daß ihm der Herr die Männer des Schiffes
darum zu einem Geschenk gemacht habe, damit Paulus aus ihnen eine Redner-
oder Schauspielertruppe hätte gestalten sollen, welche sich dann unter seiner
Direktion etwa vor dem Kaiser Roms produzieren sollte. [Ste.01_012,09]
Der Herr hat dem Paulus also zu keinem weltschimmernden Zwecke seine
Schiffsgenossen geschenkt und hat sie auch sicher nicht etwa zu Leibeigenen
des Paulus gemacht, sondern das Geschenk bestand darin, daß der Herr die
Herzen der Schiffsgenossen Pauli erwärmte durch ein neu angefachtes
Liebefeuer, durch welches sie dann die kurze Lehre Pauli verstanden und
alsbald danach tätig wurden. [Ste.01_012,10]
Also in der lebendigen Nachfolge des Beispiels Pauli von seiten seiner
Schiffsgenossenschaft bestand das Geschenk des Herrn an den Paulus; und also
mußte Paulus auch nicht als ein gelehrter Philosoph und Zungenkünstler dem
Kaiser vorgestellt werden, sondern als ein Täter des Guten, und zwar unter
dem Zeugnisse der ganzen Schiffsmannschaft, welche durch die tatkräftige
Weisheit Pauli zum Wohle Roms, wie des Kaisers, ist vor dem Untergang bewahrt
worden. [Ste.01_012,11]
Aus diesem könnt ihr nun noch klarer erschauen, daß es da, bei Mir nämlich,
weder auf Viel-Worte-Machen noch auf allerlei nichtige zeremonielle Spektakel
ankommt, um irgend zum wahren Lichte zu gelangen, sondern allein auf das Tun
nach Meinem Worte. Denn käme es auf viele Worte an, so hätte der zu Paulus
gesandte Engel gut drei Tage lang reden können; aber er sprach nur weniges,
und Paulus tat darauf vieles. Und das war besser, als wenn der Engel zu
Paulus vieles geredet, Paulus aber darauf sehr weniges getan hätte. [Ste.01_012,12]
Bei Mir geht es nicht also zu wie bei euren Advokaten auf der Welt, die viel
schreiben und auch viel reden, und wenn am Ende viel geschrieben und geredet
ward, so kommt dann als Tat alles dessen für den Klienten ganz spottwenig
heraus. [Ste.01_012,13]
Und auch geht es bei Mir nicht also wie bei euren Predigern auf der Welt, die
allzeit von der Kanzel eine komplette Stunde lang allerlei Zeug
herabschreien; wenn aber die Predigt fertig ist, gehen sie selbst also von
der Kanzel, daß sie hernach nicht mit einem Finger das tatsächlich anrühren,
was sie gepredigt haben, und neun Zehntel der Zuhörer gehen aus dem Bethaus,
ohne sich nur drei Worte von der ganzen Predigt gemerkt zu haben, und ein
Zehntel der Zuhörer, die sich etwas von der Predigt gemerkt haben, spricht am
Ende: „Heute hat er wieder recht schön gepredigt!“ [Ste.01_012,14]
Wenn aber einige Schritte außerhalb des Bethauses ihm ein armer, dürftiger
Mensch begegnet und ihn um ein Almosen anspricht, so bekommt er als Frucht
einer so schönen Predigt, wenn es gut geht, etwa gar einen kupfernen Kreuzer,
welchen der Geber nicht selten mit ärgerlicher Mühe aus einem ganzen Sack
voll besserer Münzen hervorsucht; oder der Angeredete spricht zum armen Almosenfleher: „Helf Gott! Ein anderes Mal; heute habe
ich nichts Kleines bei mir!“ [Ste.01_012,15]
Seht, aus diesen aus dem Leben gegriffenen Beispielen wird etwa doch klar
genug hervorgehen, wie schandmäßig klein und gering
die Handlung auf eine so ungeheure Predigt folgt. Wäre es nicht besser, wenn
die Predigt in wenigen Worten bestünde, nach diesen Worten aber dann der
Prediger selbst seinen Zuhörern mit einer tatsächlichen Predigt als Muster
gleich dem Paulus vorangehen möchte, welches Beispiel eine große Anzahl von
seinen Zuhörern zur gleichen Tätigkeit anfachen würde, auf daß Ich zu dem
Prediger dann ebenfalls sagen könnte: „Siehe, alle die hier in diesem Hause
sind, habe Ich dir geschenkt, weil du sie durch deine Tat zu Tätern Meines
Wortes gemacht hast.“ [Ste.01_012,16]
Es steht freilich wohl geschrieben, daß man Wohltaten im Verborgenen üben
soll. Das ist auch richtig und wahr. Wenn es sich bloß um die Unterstützung
handelt, dann auch soll die Tat verborgen bleiben; aber wenn die Tat eine Lehre
sein soll, dann darf ihr Licht nicht unter einen Scheffel gestellt sein,
sondern da ist es notwendig, daß Paulus dem Kaiser vorgestellt werde. Und wer
da lehrt durch die Tat, dem sollen auch die geschenkt sein, die er durch
seine Tat erweckt hat! [Ste.01_012,17]
So aber jemand nur durch Beredung zu einer guten Tat bewogen hat, dann bleibt
es auch gewöhnlich nur bei der beredeten Tat; und soll da eine zweite
ausgeübt werden, so gehört dazu ebenfalls wieder eine ellenlange Rede, wovon
ihr in den vielen Wohltätigkeitsaufrufen die sprechendsten
Beispiele findet. [Ste.01_012,18]
So in irgendeiner Zeitung ein privilegierter Marktschreier, gewöhnlich laut
eines amtlichen Ansuchens, einen solchen Wohltätigkeitsaufruf ergehen läßt,
da tun dann viele etwas, damit ihre Namen allenfalls auch in der Zeitung
bekanntgemacht werden und allenfalls die nächsten öffentlichen Behörden
solche Wohltäter in eine gute Note nehmen, – aber aus wirklicher Liebe tut
keiner etwas. Und ist der Aufruf einmal verklungen, da kräht kein Hahn mehr
nach denjenigen Dürftigen, für die der Aufruf galt. [Ste.01_012,19]
Sollen etwa solche Wohltäter dann auch dem Aufrufmacher zum Geschenke werden?
O nein! Die gehen ihn so wenig an als euch der Mittelpunkt derjenigen Sonne,
die eher vergehen wird, als bis ihr Licht auf eurer Erde anlangen wird. [Ste.01_012,20]
Ich meine, das Licht dieser ‚Nebensonne‘ wird auch klar genug sein; wer es
benutzt, wird mit einer Zentralsonne belohnt. Wir aber wollen dieser Klarheit
ungeachtet dennoch abermals zu einer anderen Zentralsonne schreiten! 13. Kapitel –
„Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des
Menschensohnes.“ (Matthäus 24,37)
11. Januar 1844 abends [Ste.01_013,01]
Schreibet nur nieder, was ihr habt! [Ste.01_013,02]
„Gleich aber wie da waren die Tage Noahs, so wird auch sein die Ankunft des
Menschensohnes.“ [Ste.01_013,03]
Ihr habt den Text angesetzt und schon wieder den rechten getroffen; nur liegt
die Sache in diesem Texte zu offenkundig vor Augen, oder: diese Zentralsonne
steht außerordentlich nahe, so daß es im Ernste wunderlich ist, wenn ihr
selbst dieselbe nicht auf den ersten Augenblick erschauet, – besonders aus
dem Grunde um so wunderlicher, da ihr die Zeit Noahs nun schon beinahe ganz
aufgedeckt vor euch habt. [Ste.01_013,04]
Ihr wisset ja, wie ebenfalls zu den Zeiten Noahs die Völker der Tiefe sich in
allerlei Literatur und Wissenschaft geworfen haben. Ein euch bekannter König
der Tiefe war ein großer Schriftsteller. Seinem Beispiel folgten Tausende,
und in kurzer Zeit war die damalige Welt mit einer Unzahl von Büchern und
Schriften überschwemmt. [Ste.01_013,05]
Je mehr diese Literatur überhandnahm, je mehr die Menschen lasen und
studierten, desto kälter wurden sie in ihren Herzen, – aber zugleich desto
raffinierter zur Erfindung aller erdenklichen Bosheit. [Ste.01_013,06]
Man fing durch die Politik die Menschen zu fangen an, und bald scheute man
kein Mittel mehr, wenn es noch so himmelschreiend war, um durch dasselbe
irgendeinen eitlen, vorgesteckten herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Man
kam am Ende so weit, daß man die Menschen allein nach dem Golde schätzte; wer
solches nicht besaß, ward zum Sklaven, ja zum förmlichen Lasttier bestimmt,
und man trieb in dieser Weise die Greuelszenen so weit, daß Mir endlich alle Geduld
brechen mußte und Ich die Erde nur durch ein allgemeines Gericht vor dem
Untergang bewahren konnte. [Ste.01_013,07]
Also standen – wie euch ziemlich bekannt – die Sachen zu Noahs Zeiten. Wie
stehen sie denn jetzt? [Ste.01_013,08]
Ich habe euch schon vor einer längeren Zeit in den sogenannten ‚Zwölf
Stunden‘ gezeigt, wie die Sachen stehen. Wenn Ich euch nun wieder eine neue
solche Enthüllung machen würde, da würdet ihr sehr bedeutende Fortschritte
der Weltpolitik und der Grausamkeit entdecken; und Ich sage euch: Es fehlt
gar nicht mehr viel, daß ihr völlig in die Zeiten Noahs kommen werdet, wo man
am Ende sogar gläserne Häuser bauen mußte, damit die Männer der
abgefeimtesten Politik allzeit ohne große Schwierigkeit beobachten konnten,
was die Untertanen taten. [Ste.01_013,09]
Doch es bedarf der gläsernen Häuser nicht; die geheime Politik ist auch in
eurer Zeit so weit gediehen, daß sie nicht ein Mittel unversucht läßt, um
dadurch ihren herrschsüchtigen Zweck zu erreichen. Würdet ihr eingeweiht sein
in die Geheimnisse so mancher Staaten, fürwahr, ihr würdet über Hals und Kopf
schreien: „Herr, so schlage doch einmal zu! Denn ärger kann es ja doch in der
tiefsten Hölle nicht zugehen als da!“ [Ste.01_013,10]
Ich aber will euch nicht einweihen in solche Geheimnisse; denn so ihr nur ein
kleines Augenmerk auf die Früchte hinwerfet, so kann es euch nicht entgehen,
mit der größten Bestimmtheit zu erschauen, wessen Geistes Kinder solche
Propheten sind, die so herrliche Früchte zum Vorschein bringen. Und worin
liegt von allem dem der Grund? [Ste.01_013,11]
Gehen wir in dasjenige Königreich, welches vom Meer umflossen ist. In diesem
Königreich findet ihr Bibliotheken und Zeitschriften in einer solchen Menge,
daß man mit den Blättern Europa und Asien dreimal belegen könnte, und
nirgends wird so viel gelesen wie in diesem Königreich; aber auch nicht
leichtlich findet ihr irgendwo eine größere Gefühllosigkeit und gänzliche
Verhärtung der Herzen als in eben diesem Königreich! Mit der größten
Gleichgültigkeit von der Welt kann da ein vom Golde strotzender,
vielbelesener und gelehrter Großer tausend arme, wehklagende, brot- und
dachlose Menschen vor seinem Palaste des Hungertodes sterben sehen, ohne im
geringsten etwa dazu bewegt zu werden, auch nur einem von den vielen Sterbenden
ein Stück Brot zu reichen. [Ste.01_013,12]
Frage: Ist das nicht eine herrliche Frucht der großen Belesenheit und nicht
selten tiefer mathematischer und mechanischer Weisheit? [Ste.01_013,13]
Ist es nicht herrlich, wenn man sich durch derlei mathematische und
mechanische Weisheit arbeitende Maschinen erbauen kann, durch welche Tausende
armer Menschen mit einem Schlage brotlos und dem Hungertode preisgegeben
werden? [Ste.01_013,14]
Ist es nicht herrlich, Eisenbahnen zu errichten, durch welche fürs erste eine
Menge Fuhrleute und andere Handwerksarbeiter um ihren Verdienst kommen, und
fürs zweite durch ebendiese Prachtstraßen dem Landmann so viele Grundstücke
zerstört werden, daß er nachher bald genötigt ist, den Bettelstab zu
ergreifen? Und welch ein anderer großer Nutzen sieht erst fürs dritte heraus:
dieser besteht darin, daß auf solchen Wegen aller Luxus und alle Industrie
desselben um so schneller befördert werden kann, damit die arme Menschheit ja
desto geschwinder leiblich wie geistig zugrunde gerichtet wird und die Herzen
der Reichen baldmöglichst so fest werden wie die Straßen, auf denen sie
miteinander durch Handel, Wechsel und Trug konversieren. [Ste.01_013,15]
Sind das nicht herrliche Früchte großer Belesenheit und daraus hervorgehender
Gelehrtheit? [Ste.01_013,16]
Heißt man nicht den einen gescheiten Mann, der sich seinen Verstand zu Geld
machen kann? [Ste.01_013,17]
Eben darum aber, weil der Verstand so viel Geld einträgt, ist die Liebe ganz
außer Kurs gekommen, und die Tätigkeit nach ihr kennt man beinahe nicht mehr.
Denn man hat ja Maschinen genug, die aus dem Verstande heraus tätig sind;
wozu der Menschenhände? [Ste.01_013,18]
Denn Menschenhände könnten durch ihre Tätigkeit ja etwa gar in einem oder dem
andern großen Geschäftsmann Liebe zu seinen Arbeitern erwecken. Um sich
dieser Gefahr nicht auszusetzen, lasse man ja fleißig Maschinen errichten;
denn diese arbeiten viel geschwinder und nehmen nie das Herz des Besitzers in
Anspruch, sondern höchstens dann und wann, wenn zufälligerweise an ihnen etwas
beschädigt wird, den Verstand, der das Beschädigte wieder allenfalls auf dem
Wege einer Minuendo-Lizitation ausbessern läßt. [Ste.01_013,19]
Saget, ob es nicht bei euch buchstäblich also geht? [Ste.01_013,20]
Das Betteln ist untersagt; aber das Maschinenbauen wird mit Prämien belohnt.
Was denn hernach mit den Armen? Oh, da wird ja auch gesorgt! Es gibt ja eine
Menge Armenhäuser und Armenväter; es werden Sammlungen angestellt und werden
Theater und Bälle gegeben. Dadurch ist für die Armen schon so gut gesorgt,
daß die ersteren zu Halbarrestanten werden, und die zweiten, noch Freien,
bekommen monatlich eine so erstaunliche Summe, daß sie sich mit derselben
höchstens an einem Tage einmal halbwegs satt essen könnten. Wieviel aus der
Armenkasse so ein Armer bekommt, brauche Ich euch nicht bekanntzugeben; das
wißt ihr hoffentlich selbst. [Ste.01_013,21]
Stellet aber neben solcher Beteilung das menschliche Bedürfnis auf und das
Verbot zu betteln, so wird es euch sicher klar, wie ‚vortrefflich‘ für jene
Arme gesorgt ist, die noch glücklicherweise aus irgendeinem solchen Fonds
beteiligt sind. Was aber bleibt für diejenigen übrig, die bei den Armenvätern
noch kein Gehör gefunden haben!? [Ste.01_013,22]
Seht, was das für herrliche Früchte der Literatur, der Belesenheit und der
großen Kultur des Verstandes sind! [Ste.01_013,23]
Wäre es denn nicht besser, weniger zu lesen und zu lernen? Und das bestehe
darin, daß man wisse, was die Pflicht eines Menschen, ja gar eines Christen
sei! [Ste.01_013,24]
Wäre es, wie gesagt, nicht besser, nach solcher wenigen, aber nützlichen
Wissenschaft vollauf tätig zu sein und dadurch die wahre Pflicht eines
Menschen zu erfüllen, als die Zeit seines ganzen Lebens hindurch zu lesen und
zu schreiben, aber die Tätigkeit nach Meinem Worte gänzlich zu vergessen? [Ste.01_013,25]
Ich sprach es: „Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter des Wortes!“ Wo aber
sind diese Täter nun? Sind es etwa die Maschinen- und Luxusfabrikanten? Oder
sind es die Eisenbahndirektoren und Unternehmer? Sind es etwa die Industrieritter
oder die Zuckerplantageninhaber in Amerika? Oder ist es etwa die geld-, gold-
und herrschsüchtige Geistlichkeit? Fürwahr, Ich bin doch gewiß mit überaus
weitsehenden und scharfen Augen versehen – und bin genötigt, Mir ebenfalls
stark vergrößernde Fernrohre zu kreieren, um mit denselben die Täter Meines
Wortes auf der Erde aufzusuchen. Bei trillionenmaliger
Vergrößerung geht es Mir noch schlecht; denn da zeigt sich die Zahl noch so
klein, daß Ich sie fürwahr noch nicht recht ausnehmen kann, ob sie ein
Tausender, ein Hunderter, ein Zehner oder gar eine Null ist. [Ste.01_013,26]
Ich habe daher jetzt ein viel größeres Fernrohr in der Arbeit! Ihr werdet
sicher verstehen, was Ich damit sagen will, indem ihr selbst ein wenig daran
arbeitet; eine ganze Zentralsonnenscheibe soll zum Objektive dienen. Durch
dieses will Ich die Zahl der Täter Meines Wortes genau beschauen. Sollte etwa
für die ganze Erde sich ein reiner Zehner darstellen, so will Ich Mein
Gericht noch auf tausend Jahre verschieben; wenn aber die Zahl unter Zehn
steht, so werde Ich Meine Geduld bis zu einem großen allgemeinen Gericht auf
die Zahl der Täter Meines Wortes beschränken, – das heißt für jeden Täter ein
Jahr. [Ste.01_013,27]
Man wird freilich sagen: „Herr! Es gibt ja noch recht viele wohltätige
Menschen!“; Ich aber sage darauf: „Ja, es gibt recht viele
einhunderttausendstel, einzehntausendstel und eintausendstel, wohl auch
einhundertstel Täter Meines Wortes. Wenn Ich sie aber zusammenaddiere, so
wird kaum einer daraus!“ [Ste.01_013,28]
Wieso aber? Was ist der, so er Hunderttausende besitzt und gibt davon an die
Armen jährlich höchstens den zehntausendsten Teil seines Vermögens und kennt
aber dennoch Mein Wort, das Ich zu dem reichen Jüngling gesprochen habe?
Frage: Ist ein solcher mehr als ein Zehntausendstel-Täter Meines Wortes?
Wahrlich, nach solchen frage Ich nicht; diese werden sich in Meinem Fernrohre
auch nicht ausnehmen, sondern nur die Ganzen! [Ste.01_013,29]
Zu Noahs Zeiten hatte Ich ebenfalls einen solchen Tubus aufgerichtet; und da
Ich nicht mehr fand als acht alleinige Täter Meines Wortes, so ließ Ich das
Gericht ergehen. Ich fürchte nun, ob Ich bei der gegenwärtigen Beschauung die
Zahl Noahs treffen werde, und das aus dem Grunde, weil die Politik und die
Industrie diesmal schon einen bei weitem höheren Gipfel erreicht hat als zu
den Zeiten Noahs; und was die allenthalben vorkommende Grausamkeit betrifft,
so steht Hanoch nicht um ein Haar vor! Nehmt nur die ‚Zwölf Stunden‘ zur Hand
und vergleichet! [Ste.01_013,30]
Also ist es jetzt, wie es zu den Zeiten Noahs war, eine reife Frucht der
Literatur und der großen Belesenheit. Daraus aber wird auch klar, daß das
Heil des Menschen nie vom Viellesen und Vielhören, sondern vom Tun nach dem
Gesetze der Liebe abhängt! [Ste.01_013,31]
Ich meine, das dürfte auch klar sein; aber darum nächstens doch eine
Zentralsonne mehr wegen der Vergrößerung des Objektivglases auf Meinem
Fernrohre! 14. Kapitel – „Wenn
sie euch da sagen: ‚Siehe, Er ist in der Wüste!‘, so gehet nicht hinaus, –
‚Siehe, Er ist in der Kammer!‘, so glaubet es nicht!“ (Matthäus 24,26) – „Wo
ein Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“ (Matthäus 24,28)
12. Januar 1844 abends [Ste.01_014,01]
Schreibet nur hin, was ihr habt! [Ste.01_014,02]
„Wenn sie euch da sagen: ‚Siehe, Er ist in der Wüste!‘, so gehet nicht
hinaus, – ‚Siehe, Er ist in den Kammern!‘, so glaubet es nicht!“ – „Wo ein
Aas ist, da werden sich sammeln die Adler.“ [Ste.01_014,03]
Ihr habt gerade wieder solche Texte gewählt, die das, was wir für unsere
Sache brauchen, als ein offenes Schild gerade auf der Nase tragen. Es wäre
wirklich hoch zu verwundern, wenn ihr das sogar mit dem bloßen Verstande
nicht auf den ersten Blick recht tüchtig wahrnehmen solltet. [Ste.01_014,04]
Was ist denn eine Wüste? Eine Wüste ist ein Boden, da kein Leben ist. Was ist
denn aber eine geistige Wüste? Sicher nichts anderes als ebenfalls ein Feld
oder ein Boden, auf welchem Ich nicht wandle und daher auch niemals
anzutreffen bin. [Ste.01_014,05]
Wo ist aber dieses Feld oder dieser Boden, auf den so häufig hinausgegangen
wird, um allda zu finden die Wahrheit und den Grund des Lebens? – Es ist
dieser Boden und dieses Feld nichts anderes als die gesamte Literatur! Und
demnach könnte dieser Text auch also heißen: [Ste.01_014,06]
„Wenn man zu euch sagen wird: ‚Siehe, die wahre Weisheit, die lebendige
Wahrheit ist in den Büchern; leset sie, und ihr werdet sie finden!‘, da sage
Ich dann darauf: ‚Gehet nicht hinaus in diese Wüste; denn da ist weder
Weisheit noch die innere, lebendige Wahrheit zu finden!‘, sondern Ich sage:
‚Gehet in die Liebe zu Mir und zu eurem Nächsten, suchet in der Tat Mein
Reich, so wird euch alles andere in der höchsten Überfülle hinzugegeben
werden!‘“ [Ste.01_014,07]
Ich meine, über diesen Text bedarf es wohl keiner weiteren Erklärung mehr,
indem seine Bedeutung nur zu sehr mit den Händen zu greifen ist. So leicht
aber der erste Text ist, ebenso leicht ist auch der zweite, demzufolge
niemand glauben soll, daß Ich in den Kammern sei, wenn man das von Mir
aussagt. [Ste.01_014,08]
Was sind denn diese ‚Kammern‘? – Kammern sind in naturmäßiger Sphäre geheime
Gemächer, in denen nicht leichtlich etwas Offenkundiges zum Vorschein kommt.
Gewöhnlich sind sie die Werkstätten mehr oder weniger politischer
Falschmünzerei. So hat auch ein jeder Mensch ein paar Herzkammern und weiß
nie, was in ihnen vorgeht. Nun wüßten wir so ziemlich die naturmäßige
Bedeutung einer Kammer. Selbst eine sogenannte Rumpelkammer enthält
gewöhnlich Gegenstände, die von der Öffentlichkeit abgesperrt sind; und der Besitzer
von einer solchen Rumpelkammer weiß oft selbst kaum, was alles für unnützes
Zeug in ihr der Vermoderung und dem Schimmel übergeben ist. [Ste.01_014,09]
Was aber ist nach solchem naturmäßigen Vorbild eine geistige Kammer? Ich
brauche euch dafür keine eigene Erklärung zu geben, sondern euch bloß einige
solcher Kammern anzuführen, und ihr werdet auf der Stelle auf ein Haar
wissen, wie ihr damit daran seid. Diese geistigen Kammern heißen: allerlei
Konfessionen, Sekten, klösterliche Vereine, Konklaven, allerlei Mystizismen,
Konzilien, Konsistorien. Wir haben genug; denn ihr könnt euch selbst noch
eine Menge derlei Vereine, Kongregationen und Brüderschaften hinzudenken.
Diese passen alle hierher. [Ste.01_014,10]
Demnach könnte der Text so heißen: „Wenn man euch sagen wird: ‚Das Reich
Gottes oder die lebendige Wahrheit oder die reine Lehre Christi ist in dieser
oder jener Konfession oder Sekte‘, usw., oder: ‚Das ist die
alleinseligmachende Kammer!‘, so glaubet es nicht; denn der Herr ist nur bei
denen, die Ihn lieben im Herzen und in Werken!“ [Ste.01_014,11]
Wo zwei oder drei in Meinem Namen oder in Meiner Liebe (es versteht sich von
selbst) tätig beisammen sind, da bin Ich mitten unter ihnen; aber da sicher
nicht, wo man sich statt über Mein Wort und Meine Liebe nur über weltliche,
militärische und Geldangelegenheiten beratet, – wo diejenigen, die sich Meine
Priester nennen, auch Festungsbau, Maschinenwesen und Eisenbahnen
projektieren. [Ste.01_014,12]
Auch hier, meine Ich wieder, daß der Text so klar gegeben ist, daß ihn wohl
auch jedermann mit den Händen greifen kann, wie er genau für unsere Sache
paßt, in der es ebenfalls nicht genügt, daß man nur in ihr Geheimnis eingeht
wie in eine Kammer, sondern daß man danach tätig ist. [Ste.01_014,13]
Das ist alles richtig. Wir haben aber noch einen dritten Text. Wie werden wir
diesen hierherbringen, daß er auch passe für unsere Sache? Das wird noch
leichter gehen, als wie mit den zwei früheren! [Ste.01_014,14]
„Wo ein Aas ist, da sammeln sich die Adler.“ [Ste.01_014,15]
Wer ist denn das ‚Aas‘ nun auf dieser Welt, vor dem sie sich ihre Nüstern
verstopft und es sie ekelt, wenn man von diesem Aase spricht? Dieses Aas habe
Ich leider die Ehre Selbst zu sein! [Ste.01_014,16]
Wer sind denn die freilich wohl etwas selten gewordenen ‚Adler‘? – Das sind
die wenigen ganzen Liebhaber Dessen, der euch hier dieses kundgibt! Diese
wenigen Liebhaber haben ein scharfes Gesicht und eine scharfe Nase; oder sie
haben ein tiefes lebendiges Gefühl und demzufolge eine untrügliche
Urteilskraft, was zusammengenommen ist der lebendige Glaube. [Ste.01_014,17]
Warum versammeln sich denn die Adler, wo ein Aas ist? Weil ihnen ihr
Instinktgefühl sagt: „Da gibt's für uns eine lebendige Kost!“ Darum fliegen
sie denn auch hin und sättigen sich zur Übergenüge. [Ste.01_014,18]
Also wissen es auch Meine wahrhaftigen Verehrer und Liebhaber, daß Ich ein
wahres Brot des ewigen Lebens bin, und dieses Brot ist Meine Liebe; diese
genießen sie in vollen Zügen und ernähren sich dadurch zu einem Leben, das
ewig nimmer von ihnen genommen wird. [Ste.01_014,19]
Also weiß es der Hungrige, daß er essen muß vom wahren Brote, wenn er
gesättigt werden will. Wird er aber auch satt, so ihr ihm statt des Brotes
ein Kochbuch zu lesen geben möchtet? [Ste.01_014,20]
Oder was würde ein Adler in kurzer Zeit für ein Gesicht machen, so ihr ihn
fangen und dann einsperren möchtet in eine Rumpelkammer? Wird er sich wohl
sättigen an den verschimmelten und vermoderten Gegenständen? Sicher nicht; er
wird darin schwach werden und der Tod wird über ihn kommen! [Ste.01_014,21]
Also gehet auch ihr nicht in die Kammern, darinnen wohl ein Aas des Todes,
ein Aas Balaams, ein Aas des Heiden- und Götzentums
modert, sondern flieget mit den Adlern hinauf in die Höhe, und ihr werdet
leicht gewahr, wo das Aas ist, das euch Leben bringt! [Ste.01_014,22]
Die Höhe ist die reine Erkenntnis Meines Wortes, und das Aas ist das
lebendige Wort, das der Welt zum Ekel geworden ist, und die Welt es flieht
wie die Pest, wo sie dasselbe wittert. Wollt ihr das erfahren, so fangt nur
an, mit einem Weltmenschen, Nummer eins, über die Bibel und dann, Nummer
zwei, gar über die Möglichkeit eines inneren, lebendigen Wortes aus Mir zu
reden, so wird er euch im besten Falle fürs Narrenhaus zeitig finden; oder
wenn es etwas schlimmer geht, so wird er euch sogleich als staatsgefährliche
Narren publik machen, und es wird bei euch hoch an der Zeit sein, sich aus
seiner Sphäre zu begeben. [Ste.01_014,23]
Aus dem aber geht doch etwa klar hervor, wer nun das ‚Aas‘ ist und wer die
‚Adler‘, und was die ‚Kammern‘, und was die ‚Wüste‘! [Ste.01_014,24]
Gehet daher auch ihr weder in die Wüste noch in die Kammern, sondern suchet
in der Freiheit eures Geistes das Aas, so werdet ihr das wahre Leben finden! [Ste.01_014,25]
Ich meine, das wird auch wieder klar sein; aber darum dennoch das nächste Mal
wieder um eine Zentralsonne weiter! 15. Kapitel – „Und
sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe, und Er
setzte Sich darauf.“ (Matthäus 21,7)
13. Januar 1844 abends [Ste.01_015,01]
Schreibet nur, wie gewöhnlich, euren Text nieder! [Ste.01_015,02]
„Und sie führten das Füllen zu Jesus und legten ihre Kleider über dasselbe,
und Er setzte Sich darauf.“ [Ste.01_015,03]
Kurz, aber gut ist der Text; den können wir gerade sehr gut gebrauchen, –
denn er zeigt im lebendig-klaren Bild, mit beiden Händen zugleich
begreiflich, was da für unsere Sache taugt. [Ste.01_015,04]
Sie führten die Eselin zu Ihm hin, belegten dieselbe mit ihren Kleidern, und
dann erst setzte Sich der Herr auf die Eselin. [Ste.01_015,05]
Die Eselin war angebunden, als die Jünger sie fanden, und war noch das
Eigentum eines Menschen in der Welt. Was will das sagen? Solches bezeichnet
die gebundene Einfalt, Demut und Liebe, welche noch von der Welt gebunden
ist, oder den Geist im Menschen, der noch nicht frei gemacht ward, obschon er
seiner demütigen und liebevollen Beschaffenheit wegen völlig zum Herrn
gewendet ist und somit seine ganze Bestimmung in und für den Herrn ist. Da
aber der Herr sieht einen solchen Geist, da sendet Er alsbald Seine Diener
hin, daß sie ihn frei machen und hinführen zum Herrn, und die Welt hat
alsbald alles scheinbare Recht und alle Macht auf den verloren, zu dem der
Herr spricht: „Ich bedarf seiner!“ [Ste.01_015,06]
Warum ist es denn aber eine Eselin und kein Esel? Weil das Weiblein hier noch
schärfer die tiefste Demut bezeichnet und die fruchtbare Liebe als das
Männlein. [Ste.01_015,07]
Nun befindet sich die Eselin beim Herrn; und die Jünger bedecken sie mit
ihren Kleidern. – Dieses bezeichnet, wie die wahre Demut und fruchtbare
Liebe, sobald sie zum Herrn gelangt ist, sogleich mit der wahren Weisheit
bekleidet wird. Denn Kleider bezeichnen die Weisheit in ihrer Nutzwirkung. Je
einfacher sie sind, einen desto höheren Grad der Weisheit aus dem Herrn bezeichnen
sie auch; denn die alleinige Liebe und Demut ist nackt. [Ste.01_015,08]
Wenn darüber sehr ausgezeichnete und prachtvolle Kleider kommen, so
bezeichnet das, wie die Weisheit größer und stärker ist als die Liebe, darum
auch zum Beispiel die Engelsgeister in dem Weisheitshimmel mit übergroßer
Pracht bekleidet sind; aber die Engelsgeister des höchsten Himmels, die pur
Liebe zum Herrn sind, erscheinen höchst dürftig bekleidet, ja manchmal ganz
nackt, besonders wenn ihre Liebe zum Herrn den möglich höchsten Grad erreicht
hat. [Ste.01_015,09]
Also bezeichnen auch hier die dürftigen Kleider der Jünger, mit denen die
Eselin bedeckt ward, die reine göttliche Weisheit, und wenn solche fruchtbare
Liebe aus ihrer Demut heraus mit solcher rein göttlichen Weisheit bekleidet
wird, dann erst ist sie vollkommen tauglich, den Herrn aufzunehmen und zu
tragen, und ist mit dem Herrn dann auch völlig eins. [Ste.01_015,10]
Solche fruchtbare Liebe, mit der Weisheit bekleidet, trägt den Herrn; der
Herr aber leitet sie Selbst, damit sie unmöglich je irgendeinen Fehltritt
machen kann, und der Ritt geht dann schnurgerade auf die Stadt Gottes zu,
welche bezeichnet das ewige Reich Gottes oder das wahre ewige Leben! – Hier
ist das Bild und seine Bedeutung. [Ste.01_015,11]
Man wird sagen: „Es ist alles richtig dargestellt; aber also, wie es da ist,
sehen wir noch nicht recht ein, wie es für unsere Sache taugen sollte!“ [Ste.01_015,12]
Ich aber sage: Wenn das Licht einmal da ist, möget ihr es stellen, wohin ihr
wollt, und es paßt überall also hin, als wenn es schon von Ewigkeit für
diesen Punkt bestimmt wäre. [Ste.01_015,13]
Versuchet das nur einmal mit einer Kerze, so sie brennt! Stellt sie auf
verschiedene Punkte in eurem Zimmer, und sie wird nirgends wie fremd und
unheimlich erscheinen, sondern sie wird überall recht freundlich hinpassen. [Ste.01_015,14]
Also wechseln ja auch die verschiedenen Sterne am Firmament wenigstens
scheinbar für euer Auge fortwährend den früheren Platz; könnt ihr aber sagen,
ob sich etwa der Orion im Aufgang oder im Mittag oder im Abend des Firmaments
besser ausnimmt? Wo er steht, da erscheint er schon auch auf seinem
eigentümlichsten Platze. Ebenso nimmt sich auch die Sonne überall gleich
herrlich aus; und wo ihr Licht hinfällt, da verrichtet sie den gleichen
Dienst. [Ste.01_015,15]
Gerade aber also verhält es sich auch mit dem hell angefachten Lichte unseres
Textes. Ihr könnt dasselbe hinsetzen, wohin ihr wollt, so wird es überall gar
herrlich also genau passen, als wäre es alleinig dafür gegeben. Ob es nun auch
für unsere Sache paßt, wollen wir sogleich einen Versuch machen; und wir
werden es hinzustellen, und es wird sich allda also ausnehmen, als wäre es
einzig und allein dafür gegeben. Und so höret denn; wir wollen's
versuchen! [Ste.01_015,16]
Frage: Hätte der Herr Sich nicht ebensogut können ein Pferd oder wenigstens
einen wohl zugerittenen Esel statt der Eselin bringen lassen? Sicher! Jedes
Tier hätte dem Herrn in diesem Falle unwiderstehlich denselben Dienst leisten
müssen. Ein Löwe, ein Tiger, ein Panther, ein Kamel, ein Elefant, ein Pferd,
ein Maulesel, alles das wäre fürs erste viel stärker gewesen und hätte dem
Herrn der Unendlichkeit, dem allmächtigen Schöpfer aller Dinge, auf einen
Wink gehorchen müssen; und dazu wäre ein solcher Ritt doch offenbar
ansehnlicher gewesen als der auf einer schwachen Eselin. [Ste.01_015,17]
Das wäre allerdings wahr, bloß ad hominem genommen;
aber ad Dominum verhält sich die Sache anders. –
Derjenige, der die Grundordnung und Grundbedeutung aller Dinge ist, handelte
nicht wie ein Mensch, dem es so oder so gleich ist, sondern bei Ihm war alles
in der allerunverrückbarsten Ordnung vorbildend und für die Ewigkeit
belehrend. [Ste.01_015,18]
Diese kräftigeren Tiere bezeichnen zumeist Erkenntnisse und Weisheit für
sich; aber es fehlt ihnen das Fruchtbare der Liebe und die Demut derselben in
ihrer tiefsten Einfalt. [Ste.01_015,19]
Hätte der Herr ein solches Tier gewählt, so hätte Er dadurch tatsächlich
angezeigt, daß sich der Mensch nur vorzüglich auf die Bereicherung der
Wissenschaften, auf alle möglichen Erkenntnisse und auf alle Weisheit daraus
werfen solle. Ja, Er hätte ihm dadurch angezeigt, daß er alle Bibliotheken
der Welt oder wenigstens soviel als möglich durchstudieren solle; allein der
Herr wußte, was Er tat, und es blieb hier derjenige Grundsatz feststehend,
den der Herr schon im Anfange aufgestellt hat, indem Er sprach: „Sobald du
vom Baume der Erkenntnis essen wirst, wirst du sterben!“ [Ste.01_015,20]
Aber eben dadurch, daß der Herr eine mit dürftigen Kleidern bedeckte Eselin
ritt, zeigte der Herr bildlich und tatsächlich allen Menschen an, daß sie
geistig dasselbe tun sollten und allein auf die fruchtbare wahre Liebe aus
ihrer Demut heraus halten sollten; dann wird sie der Herr frei machen von
aller Welt und wird sie mit Kleidern der wahren Weisheit bekleiden, und Er
Selbst wird sie also führen, wie sie Ihn trägt, solche Liebe nämlich, in
ihrem Herzen und auf dem Rücken ihrer Demut. [Ste.01_015,21]
Aber nicht Pferde, Elefanten, Kamele, Löwen, Panther und Tiger soll der
Mensch reiten; oder auf deutsch: Nicht nach Erkenntnissen und nach
Gelehrtheit und Weisheit soll der Mensch jagen – denn das alles ist Frucht
des Erkenntnisbaumes –, sondern in der wahren Liebe und Demut soll der Mensch
des Herrn harren! Und wenn es zur rechten Zeit sein wird, wird der Herr
kommen und wird ihn frei machen und wird segnen dann den Baum der Erkenntnis;
oder die Eselin wird mit den Kleidern belegt, und der Mensch wird dann von
diesem gesegneten Baume alle Frucht der wahren Weisheit für Ewigkeiten
genießen können. [Ste.01_015,22]
Nun frage Ich, ob das Licht dieses Textes für unsere Sache paßt oder nicht! –
Ich meine, die Sache ist mit Händen zu greifen; aber darum dennoch nächstens
um eine Zentralsonne weiter! 16. Kapitel –
„Jesus spricht: ‚Hebet den Stein ab!‘ Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester
des Gestorbenen: ‚Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!‘“ (Johannes
11,39)
15. Januar 1844 abends [Ste.01_016,01]
Schreibet die Zentralsonne nur hin, wie gewöhnlich! [Ste.01_016,02]
„Jesus spricht: ‚Hebet den Stein ab!‘ Es spricht zu Ihm Martha, die Schwester
des Gestorbenen: ‚Herr, er riecht schon; denn er liegt vier Tage!‘“ [Ste.01_016,03]
Wenn ihr immer so leichte Texte wählet, deren Verständnis auf den ersten
Augenblick mit den Händen zu greifen ist, so kann Ich euch darüber nicht
allzeit zehn volle Seiten vorsagen; denn dieser Text hat schon in seiner
ersten Stellung vollkommen dasselbe in sich, was Ich euch durch den Verlauf
dieses ganzen Nachtrages fortwährend handgreiflichst
kundgebe. [Ste.01_016,04]
Auch zu euch sage Ich: Hebet den Todesstein der Welt vom Grabe eurer Liebe
hinweg! Oder auf deutsch gesagt: Trachtet nicht dadurch das Leben zu
erreichen, daß ihr euch durch allerlei Bereicherungen des Verstandes aus der
Gelehrtheit der Welt versehet, sondern hebet diesen Stein hinweg, auf daß, so
Ich zu eurem Grabe komme, Meine lebendige Stimme ungehindert in euer Grab
dringe und erwecke vom Tode euren gefesselten und gebundenen Lazarus, welcher
da ist euer Geist, gebunden und geknebelt von noch so manchen Banden der
Welt! [Ste.01_016,05]
Es tritt wohl auch da die ‚Martha‘ zu Mir, die weltbekümmerte Vernunft
nämlich, und spricht: „Herr, er liegt schon vier Tage im Grabe und riecht
bereits übel!“; Ich aber werde dennoch, um die Herrlichkeit Gottes zu zeigen,
auch den schon vier Tage im Grabe Modernden zu einem neuen Leben erwecken, so
nur der Stein hinweggewälzt sein wird. [Ste.01_016,06]
Also aber, wie die Martha spricht, spricht – wie schon bemerkt – auch des
Menschen törichte Vernunft und sagt: „Ja, was sollen wir da tun? In unserem
Knabenalter, dann als Jünglinge, darauf als Männer und auch sogar als Greise
haben wir uns fortwährend mit der Welt beschäftigt; unser Geist liegt also
diese vier Lebenstage hindurch im Grabe der Welt, gebunden mit ihren Banden,
und riecht übel von allen Sünden, die wir diese vier Tage hindurch begangen
haben! [Ste.01_016,07]
Wird der Herr wohl soviel Barmherzigkeit haben, daß Er uns darob offenbarlich wunderbar erweckete
zum Leben? Wie können wir solches von dem Allerheiligsten erwarten, gegen
dessen Gebote wir so oft gesündigt haben und haben es durch diese Sünde so
weit gebracht, daß unser Geist also abgestorben ist, daß wir nicht einmal
mehr wissen, ob wir einen Geist haben, und was er ist, ja nicht einmal mehr
ganz vollkommen, ob in unserem Leibe eine lebendige Seele vorhanden ist oder
nicht? [Ste.01_016,08]
Und haben wir auch einen lebendigen Geist und eine lebendige Seele, so ist
aber doch sicher der Geist, wie die Seele, zu sehr in die Masse unseres
Fleisches begraben und zu sehr gebunden mit dessen Banden, als daß wir je
erwarten könnten, daß der Herr, der über alles Heilige, Sich so tief
herablassen möchte, um diesen Lazarus in uns mit der Allmacht Seiner Stimme
wieder zu erwecken und ihn dann seiner ewigen Bestimmung zuzuführen. Zudem
können wir uns auch nicht leichtlich so völlig von der Welt losmachen, als
daß wir solches vom Herrn erwarten könnten“. [Ste.01_016,09]
Dagegen aber sage Ich: Ich rufe nicht und sage: „Setzet euch gänzlich außer
allen zu eurer zeitlichen Existenz notwendigen Verkehr mit der Welt!“; denn
dergleichen habe Ich ja Selbst nicht getan, als Ich auf der Welt war. Ich
Selbst habe in der Welt gearbeitet und habe der Welt gar viele und gute
Dienste mit Meinen eigenen Händen getan. Und so sage Ich zu euch niemals:
„Habet mit der Welt vollkommen nichts zu tun!“; aber das sage Ich euch: [Ste.01_016,10]
Den Stein, ja den schweren Stein hebet hinweg von eurem Lazarusgrabe, und ihr
sollet alsbald in euch der Herrlichkeit Gottes gewahr werden! Nur geöffnet
muß das Grab sein, und es werden sodann die in den Gräbern sind, Meine Stimme
vernehmen und werden erweckt werden! [Ste.01_016,11]
Aber solange ihr den Stein nicht vom Grabe hebet, so lange seid ihr zu sehr
Gefangene des Todes, und Ich kann schreien gleich einem Nachtwächter, und
dennoch mag Mich euer Lazarus nicht vernehmen; denn durch den Stein dringt
der Liebe Stimme nicht, weil der Stein in sich selbst das wahrhaftige Symbol
aller Lieblosigkeit ist. Ein Stein kann nur durch die Stimme Meines Grimmes
zertrümmert und vernichtet werden; aber Meine Liebe bedient Sich nicht eines
Steines vor dem Munde statt einer Posaune. [Ste.01_016,12]
Solch ein Stein ist eure weltgelehrte Verstandesbegründung; sie ist fest und
schwer, und es gehört viel Kraftanstrengung dazu, um sie vom Grabe
wegzuheben. Aber alles dessen ungeachtet muß sie dennoch hinweg, sonst dringt
Meine erweckende Stimme nicht zum toten Lazarus in euch. [Ste.01_016,13]
Der Stein verhindert wohl, daß die Nüstern der Welt den üblen Geruch des
modernden Lazarus in euch überkommen; Ich aber sage: Wohl dem, bei dem der
Stein vom Grabe gewälzt wird und dann seine Weltnüstern vom Übelgeruche des
modernden Lazarus berührt werden; denn wo solches nicht vor sich gehen wird,
wo der Mensch nach hinweggehobenem Steine in seinem Weltlichen nicht
erschaudert in einer wahren Reue darüber, wie sein Lazarus bestellt ist, da
wird Mein erweckender Ruf nicht in das Grab zu dem modernden Lazarus dringen,
ihn erwecken und ihm dann lösen lassen die Bande des Todes! [Ste.01_016,14]
Ich meine, klarer kann man darüber wohl nimmer sprechen, und ihr habt damit
zur vollkommensten Beleuchtung dieser großwichtigen Hauptsache auch mehr als
ein hinreichend mächtiges Licht erhalten. [Ste.01_016,15]
Es hängt nun ganz von euch ab, danach zu handeln. Werdet ihr danach handeln,
so werdet ihr auch die lebendige Überzeugung überkommen, daß diese
Veroffenbarung nicht aus dem Munde eines Menschen, sondern aus Meinem eigenen
kommt. Werdet ihr es aber nur lesen wie ein anderes Weltbuch, dann wird es
für euch auch nur ein Weltbuch und wie ein Werk eines Menschen sein! [Ste.01_016,16]
Und mit diesen Worten schließe Ich auch diese Meine große Gabe an euch. Wollt
ihr aber jedoch als außerordentlichen Nachtrag noch mehr solcher Leuchten, so
überlasse Ich das eurer Liebe und eurem Begehren; Ich aber werde allzeit der
freundliche Geber sein. Amen. 17. Kapitel –
„Mußte nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“
(Lukas 24,26)
17. Januar 1844 abends [Ste.01_017,01]
„Mußte nicht Christus solches leiden und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“ [Ste.01_017,02]
In diesem oben angesetzten Texte liegt ja wieder gar augenscheinlichst,
daß die Herrlichkeit des ewigen Lebens nicht durch große Belesenheit und
Gelehrtheit, sondern lediglich durch die Tat der Liebe erreicht werden kann. [Ste.01_017,03]
Man wird hier freilich sagen: „Christus war ja ohnehin das ewige Leben Selbst
und besaß in Sich alle Herrlichkeit desselben; warum mußte Er denn hernach
leiden, um in diese Herrlichkeit einzugehen?“ [Ste.01_017,04]
Ich aber sage: Christus war nur ein Mensch und mußte Sich als erstes
Grundvorbild die vollkommene Herrlichkeit Gottes erst durch Seine Taten
vollkommen zu eigen machen. Und hätte Er dieses nicht getan, so wäre es um
die ganze Schöpfung geschehen gewesen; denn in Ihm erst ward Vater und Sohn
wieder Eins oder – was dasselbe ist – die göttliche Liebe und die göttliche
Weisheit. Denn zuvor hatte sich die Liebe abgezogen von der Weisheit, weil
die Weisheit in ihrer Heiligkeit sich zu unerreichbar allerhöchst aufgestellt
hatte, und ihre Forderungen waren über alle Erfüllungsmöglichkeit gestellt. [Ste.01_017,05]
Aber die Weisheit war öde ohne die innigste Vereinigung mit Ihrer Liebe; wie
konnte sich aber jene mit der Liebe wieder vereinigen? Sie mußte in dem
Menschen Jesus die von ihr gestellten Aussöhnungsbedingungen selbst erfüllen;
sie mußte sich demütigen bis auf den kleinsten Punkt, und dadurch erst ward
sie vollkommen wieder Eins mit ihrer Liebe, welche der ‚Vater‘ ist. [Ste.01_017,06]
Darum verschmähte denn auch Christus, als Selbst die ewige, allmächtige
Grundweisheit des Vaters, alle Weisheit der Weisen der Welt; und alle
Schriftgelehrten mußten Ihm ein Greuel sein, so ihre Taten nicht aus dem
Grunde des Lebens der Schrift gemäß waren. [Ste.01_017,07]
Er als die ewige Weisheit des Vaters mußte Werke der Liebe tun und lehren die
Menschen das alleinige Gesetz der Liebe; ja, Er mußte am Ende Sich von der
Weisheit der gelehrten Priester gefangennehmen und kreuzigen lassen und mußte
auf diese Weise als das urewige Licht des Vaters oder der Liebe die größte
Schmach und an Sich Selbst die größte Verfinsterung erleiden, – darum Er denn
auch ausrief: „Vater! Warum hast Du Mich verlassen?“ [Ste.01_017,08]
Daß aber Er als das urewige Licht der ganzen Unendlichkeit in Sich Selbst
eine gänzliche Verfinsterung erdulden mußte, beweist jener bisher noch von
niemandem verstandene Augenblick, in welchem nach dem Verscheiden Christi am
Kreuz eine vollkommene Verfinsterung der ganzen unendlichen Schöpfung eintrat
und das Licht nicht nur der Erdsonne, sondern aller Sonnen in der ganzen
Unendlichkeit auf eine Zeit von drei Stunden erlosch! [Ste.01_017,09]
Und es war dieser Verfinsterungsmoment auch gleich dem, von dem ihr wißt, daß
in ihm die Seele Christi nach dem Tode in die Hölle hinabstieg, um da die
Geister, welche in der alten Weisheit gefangen waren, zu erlösen und sie zu
führen an das neue Licht, welches aus der Wiedervereinigung des Sohnes mit
dem Vater alle Unendlichkeit zu erfüllen anfing. [Ste.01_017,10]
Christus mußte daher das alte Gesetz der Weisheit in Sich Selbst bis auf ein
Häkchen erfüllen, um dadurch alle Irrungen wider dieselbe vor dem Angesichte
des Vaters zu sühnen; oder es mußte alle Weisheit gekreuzigt werden, damit
dadurch die Liebe des Vaters gerechtfertigt ward. [Ste.01_017,11]
Nun, das tat also Gott Selbst; was wollet denn dann ihr tun? Meinet ihr wohl,
daß ihr durch die Rechtfertigung eurer Weisheit in die Herrlichkeit des
ewigen Lebens eingehen werdet? [Ste.01_017,12]
Wenn Christus als die göttliche Weisheit Selbst Werke der Liebe tun und
lebendigst predigen mußte und alle Seine Weisheit kreuzigen und in die größte
Finsternis übergehen lassen mußte, um dadurch vollkommen wieder einzugehen in
die Herrlichkeit des Vaters, welcher die getrennte Liebe in Christus Selbst
war, so werden doch auch die Menschen ebenfalls diesen Weg wandeln müssen und
werden Christus nachfolgen müssen, so sie mit Ihm in die Herrlichkeit Seiner
väterlichen Liebe eingehen wollen. [Ste.01_017,13]
In der Urkirche der Welt hieß es: „Ihr Menschen könnt nur durch die Liebe
Gottes gelangen zu der sonst unerreichbaren göttlichen Weisheit!“ Mit
Christus aber heißt es: „Nun bin Ich als die göttliche Weisheit Selbst, als
der Weg und das Leben die Tür zur Liebe oder zum Vater. Wer nun zum Vater
will, der muß durch Mich eingehen!“ [Ste.01_017,14]
Wie aber? Etwa durch die Weisheit, weil Christus als die Tür die göttliche
Weisheit Selbst ist? – O nein! Denn eben diese Weisheit ließ Sich demütigen
bis auf das letzte Atom. Sie als die unantastbare Heiligkeit Gottes stieg
unter alle Sünder tief herab; diejenige Weisheit, die ehedem kein
allervollkommenster Engelsgeist in Ihrem Grundlichte ansehen durfte, ging
jetzt mit Sündern um und speiste unter ihrem Dache und mußte Sich am Ende von
heidnischen Kriegsknechten und Schergen ans Kreuz schlagen lassen! [Ste.01_017,15]
Aus dieser endlosen Demütigung der göttlichen Weisheit Selbst aber geht doch
mehr als sonnenklar hervor, daß da niemand etwa mit seiner aufgeblasenen
Weisheit in die Herrlichkeit des ewigen Lebens gelangen wird. Niemandem
werden seine durchstudierten Bücher und Schriften zu Stufen in das
Himmelreich werden, sondern allein seine wahre Demut und die wahre werktätige
lebendige Liebe zum Vater. [Ste.01_017,16]
In Christus ging alle urgöttliche Weisheit in die Liebe zum Vater über;
dadurch ward aus Sohn und Vater Eins. Desgleichen muß es aber auch bei dem
Menschen der Fall sein. Bevor er nicht in seinem hochmütigen Verstande und in
allen Begehrungen desselben, welche auf allerlei Ehrungen hinauslaufen, bis
auf den letzten Tropfen gedemütigt wird, – ja, bevor er nicht alles der Liebe
zu Füßen legen wird und darum erleiden wird eine kurze Verfinsterung aller
seiner weltlichen Weisheit, wird er wahrlich nicht in die Herrlichkeit des
Vaters eingehen. [Ste.01_017,17]
Christus mußte solches leiden und tun, um in die Herrlichkeit des Vaters
einzugehen; also muß es auch ein jeder Mensch tun und muß Christus lebendig
nachfolgen, wenn er in die Herrlichkeit des Vaters eingehen will. [Ste.01_017,18]
Christus aber hatte nicht auf Hochschulen studiert, um dadurch als ein
hochgelehrter Weiser in die Herrlichkeit des Vaters einzugehen, sondern Seine
Schule hieß: Demut und werktätige Liebe! Wenn aber Christus mit dieser Schule
voranging, wie wollet denn ihr mit einer anderen ins Reich Gottes gelangen? [Ste.01_017,19]
Ich meine, mehr hierüber wäre wohl unnötig; denn aus der tiefsten Weisheit
ist dieses sonnenklar erläutert. Tuet daher desgleichen, so werdet ihr leben!
Amen. 18. Kapitel – „Wenn
Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das Reich
Gottes zu euch gekommen!“ (Lukas 11,20)
18. Januar 1844 abends [Ste.01_018,01]
„Wenn Ich aber durch den Finger Gottes die Teufel austreibe, so ist ja das
Reich Gottes zu euch gekommen!“ [Ste.01_018,02]
Dieser Text besagt gerade das, was Ich immer zu euch rede. Was ist der
‚Finger Gottes‘, was der ‚Teufel‘ und seine Austreibung, und was das ‚Reich
Gottes‘, das zu euch kommt? Was bezeigt der Finger überhaupt? [Ste.01_018,03]
Der Finger bezeigt die Tätigkeit im kleinen, wie die Hand die Tätigkeit im
großen. Der ‚Teufel‘ ist die Welt, welche durch die kleine Tätigkeit der
Liebe von den Menschen weichen soll. Das zu euch kommende Reich Gottes ist
das Gnadenlicht der Liebe und die damit verbundene Gabe des ewigen Lebens. [Ste.01_018,04]
Also bezeigt hier der Finger Gottes Meine liebsorgliche Tätigkeit im
Sonderheitlichen bei euch Menschen, und die Gaben, die Ich euch gebe, rühren
von Meinem Finger. Denn wenn Ich sagen würde: „Ich treibe bei euch die Teufel
aus mit Meiner Hand!“, so hieße das soviel als: „Ich sende über euch ein
allgemeines Gericht, wie es zu den Zeiten Noahs der Fall war!“ Ich aber
treibe nur mit dem Finger die Welt aus euch, und so empfanget ihr kein
Gericht, sondern ein Gnadenlicht nur. [Ste.01_018,05]
„Ich treibe mit Meinem Finger die Welt aus euch“, heißt auch soviel als: Ich
suche diejenigen auf, die besseren Geistes sind, aber dennoch in weltlicher
Bedrängnis leben. Diese rühre Ich mit Meinem Finger an, auf daß ihnen Mein
inneres Gnadenlicht werde. [Ste.01_018,06]
In diesem Gnadenlichte zeige Ich, was ihr zu tun habet und wie Leichtes und
wie Geringes, um das ewige Leben zu erlangen und einzunehmen das Reich
Gottes, wie es also in diesem Gnadenlichte lebendig zu euch kommt; und das
besagt ebenfalls soviel als, daß Ich von euch nur eine kleine Tätigkeit, also
keine Tätigkeit der Hand, sondern nur die eines Fingers verlange, welche in
nichts anderem besteht als in dem nur, daß ihr Mich lieben sollet mehr als
die Welt und sollet Gutes tun nach euren Kräften euren Brüdern und
Schwestern. [Ste.01_018,07]
Würde Ich eine große Tätigkeit verlangen, so müßtet ihr das tun, was einst
die Apostel tun mußten, nämlich alles in der Welt verlassen und am Ende sogar
den Kreuzestod schmecken. [Ste.01_018,08]
Also nur mit dem Finger treibe Ich bei euch die Welt hinaus, und euch kommt
das schon viel vor! Was würdet ihr denn sagen, wenn Ich Meine Hand aufheben
möchte? Wieviel erlasse Ich euch, und dennoch kommt euch das viel vor, was
Ich von euch verlange. [Ste.01_018,09]
Ich sage zu euch: Machet euch durchaus keine Mühe der Welt wegen; denn sie
ist derselben nicht wert! Warum stopfet ihr denn eure Köpfe mühsam mit
allerlei weltgelehrtem Dreck an, so Ich euch das Gold des Lebens in Überfülle
biete und geben will, so ihr die Welt lasset und Mich in eurem Herzen
erfasset? [Ste.01_018,10]
Was möchtet ihr denn zu einem Menschen sagen, welcher in seinem Garten einen
Fruchtbaum hatte? Die Frucht dieses Baumes war reif, und der Mensch hätte sie
leicht mit einer geringen Ausstreckung seiner Hand erreicht, und mit einem
Finger angerührt, wäre sie in seiner Hand gewesen. [Ste.01_018,11]
Was tat aber der törichte Mensch, um diese Frucht bequemer erreichen zu
können und dadurch gewisserart zu zeigen, welch großen Wert er auf diese
reife Frucht setze? Er ließ ein Fundament graben und unter der Frucht vom
Fundamente aus einen Stufenaltar mauern, um auf demselben dann ganz bequem
die reife Frucht zu erreichen. Der Altar ward fertiggemacht nach etlichen
Wochen; aber unterdessen war die Frucht am Baum faul geworden, und so empfing
er nach Vollendung seiner großen, törichten Mühe statt einer frischen und
lebendigen eine faule und somit tote Frucht vom Baum. [Ste.01_018,12]
Diesem törichten Menschen gleichen alle diejenigen, welche in der großen
Gelehrtheit das Reich der Wahrheit suchen, welches mit einer geringen
Erhebung des Herzens zu Mir so leicht und lebendig zu erreichen wäre. Solche
Gelehrte machen und graben Fundamente über Fundamente und bauen dann aus
denselben heraus mühsame und kostspielige Stufenaltäre, und sind sie mit
denselben fertig geworden, so haben sie für all ihre Mühe und Arbeit nichts
als eine tote und faule Frucht erreicht, welche weder für die Welt, noch viel
weniger aber für den Geist irgendeinen Wert hat. Für die Welt nicht, weil
diese sagt: „Wozu solche Unkosten und so viel Mühe wegen so geringer
Prozente?“, und für den Geist noch weniger, weil dieser aus seiner
Lebenssphäre spricht: „Ich kann nichts Moderndes und Totes brauchen!“ [Ste.01_018,13]
Die ehedem reife Frucht aber ist eben der wohlgeordnete Geist im Menschen.
Wozu so viele Mühe, um den reifen Geist frei zu machen, was jeder mit einer
ganz geringen Mühe, mit der Mühe eines Fingers erreichen kann? Wozu ganze
Bibliotheken im Kopfe, wo das einzige: „Liebe Gott über alles und deinen
Nächsten wie dich selbst!“ hinreichend genügt? [Ste.01_018,14]
Ich brauche keine bewaffneten Heere, um die Teufel auszutreiben, sondern
einen Finger nur, welcher ist Mein vollernstlicher Liebewille; desgleichen tuet
auch ihr: Seid ernstlich liebewillig, und tuet den guten Rat, den Ich euch
gebe, und ihr werdet ebenfalls mit der leichtesten Mühe aller Welt ledig
werden, und Mein Reich wird sicher zu euch kommen lebendig! Amen. 19. Kapitel – „Ich
will euch nicht als Waisen lassen, Ich will zu euch kommen!“ (Johannes 14,18)
19. Januar 1844 abends [Ste.01_019,01]
„Ich will euch nicht als Waisen lassen; Ich will zu euch kommen!“ [Ste.01_019,02]
Dieser Text besagt wieder ganz dasselbe, was fürs erste vor euch liegt, was
Ich zu euch immer rede, und was Ich soeben jetzt auch wieder mit dieser neuen
Gabe treulich und lebendig bestätige. [Ste.01_019,03]
„Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, sondern, wie es auch heißt:
„Ich verbleibe bei euch bis ans Ende der Zeiten!“, aber freilich nicht in
eurer Weltklugheit und großen Gelehrtheit, vor der Mich ekelt, sondern in der
Liebe und Demut eures Herzens. [Ste.01_019,04]
„Ich will euch nicht als Waisen hinterlassen!“, will nicht etwa gesagt haben:
„Ich will euch mit Büchern aller Art versehen und daneben mit Bethäusern
voller Schnitzwerke und mit Meinen Portraiten, in
allen möglichen Situationen gemalt und geschnitzt, welche in das Reich des
Heidentums gehören!“; denn jede äußere Anschauung gehört der Welt an und
hindert die Eröffnung der inneren Sehe, gleichwie derjenige Mensch, der sein
Auge nicht schließt, nicht zum Schlafen kommt und im Schlafe noch weniger zu
einem Traume, welcher ist eine innere Anschauung dessen, was der Geisterwelt
angehört. [Ste.01_019,05]
Also nicht dadurch will Ich euch nicht als Waisen hinterlassen, so Ich durch
Meine Zulassung es gestatte, daß ihr eine Menge äußerer Spektakel, die
allenfalls auf Mich Bezug haben, ins Werk setzen könnet und zugleich aus
eurem Verstande heraus eine ebenso große, wo nicht noch größere Menge Bücher
schreiben könnt, in denen nach Wahrheit geforscht wird, auf die gleiche
Weise, wie ihr in die Lotterie setzt, da niemand weiß, ob die Ziffer gezogen
wird, die er gesetzt hat, sondern jeder auf gut Glück setzt. Und ist da zufällig
die Ziffer gezogen worden, so weiß er ebensowenig den Grund dieses Gelingens,
als er im entgegengesetzten Fall den Grund des Nichtgelingens gewußt hätte.
Denn ein jeder Setzer ist der Meinung, seine Ziffer werde die beste sein;
sonst hätte er sie sicher nicht gesetzt. Die Folge erst zeigt ihm ein anderes
Licht, daß nämlich eine andere Ziffer besser war. Er spricht da freilich:
„Aber ich habe diese Ziffer schon auf dem Papier gehabt, – warum mußte ich
eine andere wählen?“ [Ste.01_019,06]
Und sehet, dieses Beispiel paßt genau auf alle die große Zahl von
Schriftstellern. Ein jeder meint so oder so den Nagel auf den Kopf getroffen
zu haben. Aber es dauert nicht lange, da taucht schon ein anderer auf,
welcher dem ersten auf ein Haar beweist, daß er einen ungeheuren Fehlhieb
gemacht hat. Und so geht das fort und fort, und am Ende weiß der Letzte es so
wenig wie der Erste, ob er den Nagel auf den Kopf getroffen hat oder nicht. [Ste.01_019,07]
Gelingt es auch hier und da einem oder dem andern, in einem oder dem andern
Fach an die Wahrheit zu stoßen, so weiß er aber dennoch nicht, ob er im
Ernste an sie gestoßen ist oder nicht. Das einzige Kriterium liegt für ihn
darin, daß er mit seinem Werke der Welt einen allgemeinen Beifall abgelockt
hat, er bedenkt aber nicht, daß, um diesen Beifall zu erreichen, eben nicht
zu außerordentlich viel dazu gehört. [Ste.01_019,08]
Man darf es ja nur mit der Schriftstellerei also machen, wie es die
Lotteristen vor der Ziehung mit ihren Losziffern machen, nämlich alles recht
durcheinandermengen, so daß daraus niemand klug wird, was der Schriftsteller
so ganz eigentlich damit gewollt hat, so bleibt dann jede Kritik vor einem
solch kolossalen Werke bescheiden zurück, und der Schriftsteller hat dann mit
seinem Werke einen offenbaren Weltbeifallstreffer gemacht. [Ste.01_019,09]
Frage aber: „Sitzt etwa der von Mir versprochene Heilige Geist in solchen
Werken?“ O nein! Fürwahr, die sind Waisen; bei denen bin Ich nicht! Für die
gilt der Text nicht, um den es sich hier handelt. [Ste.01_019,10]
Aber vielleicht gilt er für die Maler, Kupferstecher, Bildhauer und
Vergolder, die sich ganz besonders mit der bildlichen Darstellung der
sogenannten heiligen Gegenstände abgeben – wenn sie aber bezahlt werden, da
liefern sie auch Schlachtstücke und noch allerlei andere obszöne
Darstellungen –, Ich sage: auch diese sind Waisen, und der Text hat mit ihnen
nichts zu tun. [Ste.01_019,11]
Aber es werden vielleicht die Predigt- und Gebetbuchdichter es sein, wie auch
musikalische Komponisten für die sogenannte Kirchenmusik? O nein! Auch für
diese gilt der Text nicht; denn auch diese drehen den Mantel nach dem Wind
und sind für alles erbötig ums Geld. Der Erste schreibt heute einen erhabenen
Gesang, ein Gebet, einen Psalm, der dem David, in äußerer Hinsicht betrachtet,
keine Schande gemacht hätte, wenn er ihn geschrieben hätte; morgen aber
schreibt er, wenn er bezahlt wird, mit dem gleichen Enthusiasmus ein
erhabenes Gedicht über die Hure eines Großen und macht auch im Notfall ein
erhabenes Epitaphium für ein verstorbenes Schoßhündchen einer Prinzessin. Der
Zweite aber komponiert heute ein Oratorium, gleich allernächst darauf, wenn
er bezahlt wird, schreibt er aber auch ein Ballet oder eine noch niedrigere
Tanzmusik. [Ste.01_019,12]
Frage: Schaut da wohl eine Wirkung des Heiligen Geistes heraus? – Ich finde
sie nicht; und wenn Ich sie nicht finde, da werdet ihr sie sicher noch
weniger finden, und möchtet ihr sie mit Laternen suchen, in denen statt einer
schlechten Kerze eine Zentralsonne brennete. [Ste.01_019,13]
Aber der Heilige Geist wird etwa in den weisen Staatsgesetzen, in
Kriegsgesetzen, allerlei Verordnungen und gar in den scharfen, mannigfachen
kirchlichen Disziplinargesetzen stecken? – Fürwahr, Ich finde keinen! [Ste.01_019,14]
Warum denn nicht? Weil in allem dem nicht Ich, sondern nur weltliche
Herrschvorteile der Grund sind. Alles will herrschen, der Kaiser und der
König, der Fürst, der Graf, der Baron, der Ritter, der Herr ‚von‘, der
Kaufmann, der Bürger, auch der Bauer, und vom Kaiser abwärts natürlicherweise
alle seine Beamten also, als wären sie nahezu überall die Persönlichkeit des
Kaisers selbst. [Ste.01_019,15]
Es muß ja wohl ein Kaiser sein und ein König und ein Fürst: aber des
Herrschens wegen sollen sie nicht sein, sondern der Leitung wegen, daß die
Völker durch ihre Leitung zu Mir geleitet würden. Aber so werden sie nur
vielfach von Mir abgeleitet und zur Welt gewendet, werden nicht stark,
sondern nur schwach gemacht, auf daß sie dann in ihrer Schwäche desto
leichter zu beherrschen sind. [Ste.01_019,16]
Frage: Ist das eine Wirkung des Heiligen Geistes, wenn der Herrscher in
seinen Untertanen nichts als Leibeigene erblickt, die sein Wort zu jeder Zeit
vernichten kann, wenn er es nur ausspricht? – Der Herrscher soll ein Leiter
und ein Tröster seines Volkes sein und soll ihnen Gesetze geben, die nicht
von den heidnischen, sondern die von den Meinen erklärlich abgeleitet sind;
dann wäre er ein rechter Regent und der Heilige Geist wirkete
mit ihm, wie er mit David und noch anderen würdigen Regenten gewirkt hat. [Ste.01_019,17]
Aber in den Erfindungen von allerlei der armen Menschen Hände überflüssig
machenden Maschinen, in der Förderung der Industrie, in der Errichtung der
Eisenbahnen und in der Aufstellung großer Kriegsmächte wirkt der Heilige
Geist ewig nie! Denn all dergleichen war auch vor der Sündflut zu Noahs
Zeiten gang und gäbe durch die Wirkung des Weltgeistes, welcher ist der
Teufel in seiner Gesamtheit. Also ging es auch zu in Sodom und Gomorrha und
in Babel. [Ste.01_019,18]
Wer aber wird da behaupten wollen, als hätte solches der Heilige Geist
gewirkt? Also folgte denn auch auf solche dem Heiligen Geiste schnurgerade
zuwiderlaufende Handlungsweise allzeit ein mächtiges Gericht; ein gleiches
Ich auch jetzt schon in der Bereitschaft halte, um daraus zu zeigen, daß Mein
Heiliger Geist in der jetzigen Handlungsweise der Welt durchaus nirgends
zugegen ist, daher alle diese Welt vollkommen als Waise dasteht. Ich lasse
sie aber noch einige Zeit steigen, bis sie die rechte Fallhöhe wird erreicht
haben, und dann – ein Blitz vom Aufgang bis zum Niedergang, und es wird sich
in dessen Licht zeigen, wieviel der Wirkungen des Heiligen Geistes jetzt in
der Welt vorhanden sind! [Ste.01_019,19]
Ja, wenn aber also, wo sind denn dann diejenigen, die Ich nicht als Waisen
hinterlassen will? [Ste.01_019,20]
Ich sage: Es gibt deren schon auch hier und da; aber sie sind jetzt beinahe
seltener und köstlicher geworden als große Krondiamanten. Diese leben
schlicht, von der Welt soviel als möglich abgezogen, und ihre Freude bin Ich,
und der Gegenstand ihrer Gespräche bin auch Ich. Warum denn? Weil der Mund
davon übergeht, wes das Herz voll ist! Also bin Ich auch der Gegenstand, mit
dem sich ihr Herz beschäftigt, und alles andere in der Welt ist ihnen um eine
hohle Nuß feil. [Ste.01_019,21]
Diese sind fürwahr keine Waisen; denn Ich bin ja mitten unter ihnen, rede
tagtäglich mit ihnen und lehre sie Selbst und ziehe sie Selbst. Diese hören
allzeit Meine Stimme und erkennen auch diese Stimme als die des rechten
Hirten und nicht als die eines Mietlings, der sie nicht folgen, weil sie die
Stimme eines feilen Mietlings ist. Diese also sind es denn auch, für die der
vorliegende Text gestellt ist. [Ste.01_019,22]
Ich brauche sonach keine Gelehrten, keine Dichter, keine Bildner und keine Tonsetzer,
keine Maschinenerfinder und keine Weltgesetzgeber, sondern nur demütige, Mich
liebende Herzen brauche Ich. Wo Ich das finde, da werde Ich auch schon alles
andere hinzufügen, und das sicher in besserer Art, als es die Welt erfindet;
und dann wird alles eine Wirkung des Heiligen Geistes sein, und es wird keine
Waisen in der Welt geben. Aber also sind es nur sehr wenige, deren Ohr für
Meine Stimme empfänglich ist. [Ste.01_019,23]
Ich meine, ihr werdet aus diesem Gesagten wohl sehr leicht begreifen, welche
die sind, für die der Text gestellt ist. Daß ihr auch derzeit dazu gehört,
beweist, was vor euch liegt. Aber wenn ihr erst vollkommen danach handeln
werdet, dann erst wird euch die große Überzeugung von dieser Wahrheit werden.
Solches bedenket! Amen. 20. Kapitel – „Und
Er sah, daß sie Not hatten im Rudern, denn der Wind war ihnen entgegen. Und
Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er wollte
neben ihnen vorübergehen.“ (Markus 6,48)
22. Januar 1844 abends [Ste.01_020,01]
„Und Er sah, daß sie Not hatten im Rudern; denn der Wind war ihnen entgegen.
Und Er kam um die vierte Nachtwache zu ihnen, wandelnd auf dem See; und Er
wollte neben ihnen vorübergehen.“ [Ste.01_020,02]
Lange Verse brauchen kurze Erklärung, weil sie zumeist die Erklärung schon in
sich führen. Kurze Verse aber brauchen eine längere Erklärung, weil sie fürs
erste ihrer Kürze wegen noch keine mit sich führen, und fürs zweite, weil in
ihnen gewöhnlich das Licht gedrängter und fester verschlossen ist, und es
daher mehr erfordert, all ihr Licht frei zu machen, als bei längeren Versen,
die ohnehin schon in ihrer Stellung stark genug leuchten. [Ste.01_020,03]
Aus diesem Grunde kann Ich euch auch über den vorliegenden Text keine
gedehnte Erklärung geben, weil sein Licht ohnehin sehr stark ist; und wenn
ihr nur ein wenig darüber nachdenken wollet, so müßt ihr es von selbst mit
Händen und Füßen zugleich begreifen. Damit ihr aber solches einsehet, so will
Ich euch nur durch ganz kurze Winke darauf hinleiten, und ihr werdet zum
Verständnis dieses Textes daran zur Genüge haben. Und so höret denn! [Ste.01_020,04]
Der ‚See‘ bedeutet die Welt; die widrigen ‚Winde‘ sind das Tun und Treiben
der Welt und ihre Begierlichkeiten, gegen die ein rechter Schiffer bis zur
vierten Nachtwache, die seine letzten Lebenstage bezeichnet, also die ganze
Lebenszeit hindurch zu kämpfen hat; denn unter ‚Nacht‘ wird das materielle
Leben auf dieser Welt verstanden. [Ste.01_020,05]
Der Herr ist nicht im Schiffe. Warum denn nicht? Weil nicht in der Welt; denn
das Schiff bezeichnet den in der Welt lebenden Menschen, mit welchem seiner
Freiheit wegen der Herr nicht ist. [Ste.01_020,06]
Der Herr aber wandelt dennoch dem Schiffer wunderbar nach und geht über all
die Wogen und Wellen der Welt also hinweg, als wären sie festes Land. Er
kümmert Sich nicht der Schiffer auf dem See; wo Er einen antrifft, da zieht
Er vorüber, damit Er ihn nicht in seiner Freiheit störe. [Ste.01_020,07]
Wenn Er aber trifft ein Schiff, das Seine Jünger trägt, das heißt solche
Menschen, die Ihn erkennen und anrufen, so nähert er Sich dennoch dem
Schiffe, obschon Er sonst auch vorbeigehen würde; denn das Schiff trägt ja
Seine Jünger, oder: In dem Menschen ist ein Herz da, welches den Herrn liebt,
an Ihn lebendig glaubt und Ihn anruft. [Ste.01_020,08]
Das Herz fürchtet sich zwar im Anfange und hält Ihn für ein Gespenst, das
heißt: ein Mensch, welcher noch voll irriger Vorstellungen über Mich ist,
hält es für unmöglich oder gar für eine Chimäre, daß Ich Mich ihm auf der
Welt nahen könnte und gar besteigen sein Schiff. [Ste.01_020,09]
Wenn er aber dennoch darum in seiner Liebe nicht nachläßt, so komme Ich
seinem Schiffe näher und melde Mich ihm; und hat er Meine Stimme vernommen,
so Ich zu ihm spreche: „Fürchte dich nicht; denn Ich bin es ja, dein Meister,
dein Herr, dein Gott und dein Vater!“, da wird die Furcht vor dem Gespenst
alsbald vergehen, und der Mensch wird Mich mit übergroßen Freuden in sein
Schiff aufnehmen. [Ste.01_020,10]
Sehet, das ist schon die ganze Erklärung dieses Textes. Nur eine Frage bleibt
noch übrig, nämlich: Wie muß das Schiff bestellt sein, das da Meine Jünger
trägt? Ist es etwa ein gelehrt zusammengestelltes Dampfschiff, oder ist es
etwa ein dreimastiges, mit hundertsechzig Kanonen bestelltes Linienschiff,
etwa eine Fregatte, ein Schoner, eine Brigg oder etwa ein reich beladenes
Kauffahrteischiff? – O nein! Alle diese Schiffsgattungen tragen Meine Jünger
nicht; denen weiche Ich auch gewöhnlich so weit aus, daß sie Mich nicht
einmal als ein Gespenst irgend erschauen. Wer möchte sich aber auch solchen
Schiffen nahen, die mit Kanonen versehen sind? Ihr Schutz ist der Tod; aber
die Schiffe, welche den Tod zum Schutze haben, gehen ja auch sicher vor dem
Tode, – denn der Tod hat vor dem Tode nichts zu fürchten. Aber wo der Tod um
ein Schiff seinen weiten Umkreis hält (Schußweite der Kanonen), da geht das
Leben fern von dannen vorbei. [Ste.01_020,11]
Wie muß denn aber hernach das Schiff aussehen, das die Jünger trägt? Ich sage
euch: Ganz außerordentlich einfach! Es ist bloß ein von mehreren festen
Balken zusammengebundenes und gefestetes, der Oberfläche des Wassers fast
ganz gleich hoch seiendes Floß, wo die Schiffahrer höchstens um ein paar Fuß
über der Oberfläche des Wassers gestellt sind. Es darf keine Segel haben,
damit es nicht vom Winde der Welt bemeistert wird, sondern nur nach jeder
Seite hin feste Ruder, damit es soviel als möglich unberührt von den
verschiedenen Weltwinden von dem Willen der Seefahrer durch die festen Ruder
frei überallhin geleitet werden kann. [Ste.01_020,12]
Wenn Ich auf ein solch demütiges Schiff komme, das erkenne Ich dann als ein
solches, das Meine Jünger trägt; solch einem Schiffe nähere Ich Mich dann und
besteige es. Warum denn? Weil so ein Schiff fürs erste keine so schnelle
Bewegung hat, weil keine Segel und keine Dampfräder, sondern pur Ruder nur,
durch welche keine so geschwinde Bewegung hervorgebracht wird; und Ich kann
es dann leicht einholen; fürs zweite aber, weil ein solches Schiff keinen
Todesumkreis hat, dessen Freund Ich als das Leben Selbst nicht bin; und fürs
dritte, weil so ein Schiff seiner großen Niedrigkeit wegen von der Oberfläche
des Wassers hinweg ohne allen Anstand und ohne alle Anstrengung leicht
bestiegen werden kann. [Ste.01_020,13]
Ich aber bin durchaus kein Freund von großen Anstrengungen; was bei Mir nicht
mit der größten Leichtigkeit, wie nahezu frei von sich selbst, geschehen
kann, das lasse Ich gehen, wie es geht. – Ihr werdet es leicht begreifen,
warum? Denn ein jeder Mensch hat seine vollkommene Freiheit, die von Mir nie
beirrt wird! [Ste.01_020,14]
Wo Ich aber dennoch so ein ganz niederes und bequem zu besteigendes
Schifflein über den schwankenden Wogen der Welt antreffe und werde vom selben
erkannt, da steige Ich auch ein, und wenn Ich auch willens wäre vorüberzugehen.
Und bin Ich einmal auf dem Schifflein, da wird's auch sogleich Tag, und am
Tage ersieht man leicht das sichere Ufer, – und Ich als ein guter
Schiffsmeister werde dann wohl etwa das Ufer nicht verfehlen. [Ste.01_020,15]
Ich meine, ihr werdet diese Erklärung verstehen. Besteiget daher auch ihr so
ein Schifflein; je niedriger es ist, desto besser; und Ich werde auch diesem
Schifflein Mich nahen und werde es dann völlig besteigen! Amen. 21. Kapitel –
„Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören!“
(Matthäus 13,16)
24. Januar 1844 abends [Ste.01_021,01]
„Selig aber sind eure Augen, daß sie sehen, und eure Ohren, daß sie hören!“ [Ste.01_021,02]
Was möchtet ihr wohl meinen, was dieser Text besagt? Ihr saget da sogleich:
„Wir wissen es nicht!“ [Ste.01_021,03]
Denn so ihr sagen würdet: „Wir wissen es!“, da würdet ihr offenbar lügen.
Denn ihr müßt zuvor erst den Text im äußeren Buchstabensinne recht genau
betrachten. Findet ihr den Text nach dem gewöhnlichen Verständnis sehr klug,
so seid ihr der Wahrheit und dem Lichte, das in diesem Texte steckt, noch
fern. So ihr aber findet, daß dieser Text für den gewöhnlichen Verstand ein
Unsinn ist, so seid ihr der Wahrheit und dem Licht dieses Textes um vieles
näher. [Ste.01_021,04]
Es dürfte hier freilich mancher Witzler sagen: „Mit
dem bin ich einverstanden; und wer die ganze Bibel als einen Unsinn erkennt,
der ist schon das Licht und die Wahrheit selbst.“ Aber in diesem weltwitzigweisen Sinne meine Ich es nicht, wenn Ich sage:
„Ihr müßt den Text aus eurem Weltverständnis heraus erst als einen Unsinn
finden, wollt ihr seinem Lichte näherkommen.“ [Ste.01_021,05]
Warum denn sage Ich solches? Weil dieser Text einen rein himmlischen Sinn
hat, der allem Weltverständnissinne schnurgerade entgegen ist. [Ste.01_021,06]
Wie aber ist dieser Text nach dem Weltverständnis ein Unsinn? – Höret! Ich
will es euch kundgeben. [Ste.01_021,07]
Ihr wisset, daß in euch nur das Herz oder die Liebe allein des Wonnegefühls
oder irgendeiner Seligkeit fähig ist; und das aus dem Grunde, weil eben nur
die Liebe oder der Geist im Menschen allein das Leben ist und somit auch
allein nur jeder Empfindung fähig ist. Und somit kann die Seligkeit nicht
auch auf das Auge und das Ohr taugen; denn das Auge und das Ohr sind nur
Sinneswerkzeuge, die lediglich dem Geiste zu seinen lebendigen Verrichtungen
dienen müssen, und es kann weder das Auge noch das Ohr für sich je einer
Seligkeit fähig sein, wohl aber der Geist durch das Auge und durch das Ohr,
wie auch noch durch die anderen Sinneswerkzeuge. [Ste.01_021,08]
Wenn es demnach in dem Texte heißt: „Selig die Augen, die das sehen; und
selig die Ohren, die das hören!“, so ist damit dem Weltverständnis nach
offenbar etwas Widersinniges gesagt. Nun wollen wir aber sehen, ob es sich
mit der Sache auch also verhält! [Ste.01_021,09]
Die gewöhnlichen, etwas besseren Weltchristen verstehen das so, als wären nur
diejenigen Augen selig und ebendieselben Ohren, die Mich bei Meinen Lebzeiten
auf Erden gesehen und gehört haben, und man sagt, das Ganze sei nur eine
etwas schönere Redefigur, in der man das Zeichen statt der Sache setze, Teile
eines Ganzen für das Ganze selbst, oder wie sich die Redekünstler gelehrter
ausdrücken: Signum pro re; pars pro toto. Im Grunde
aber heiße es dennoch soviel als: Selig sind die Menschen, die Mich Selbst
gesehen und gehört haben! [Ste.01_021,10]
Ist das nicht die rechte Erklärung, und nota bene aus dem Munde der besseren
Weltchristen? Das ist sicher; aber Ich muß nur gleich daneben kundgeben, daß
weder Ich noch der genannte Evangelist je die Rhetorik studiert haben und da
gar keine Rücksicht nahmen auf irgendeine Synekdoche, noch auf die allerlei
Arten von Syllogismen. [Ste.01_021,11]
Unsere Redefigur hatte den alleinigen Namen: Innere göttlich-geistige
Wahrheit. Und nach dieser Redefigur, die in Meiner Rhetorik vorkommt, gehört
obenangeführter Text weder zur Synekdoche noch zu irgendeiner Art des
Syllogismus; er ist auch keine Paraphrase und auch nicht ein Pro- und Epilog,
sondern, wie gesagt, er ist eine reine, allerinwendigste, göttlich-geistige
Wahrheit! [Ste.01_021,12]
Und diese besteht darin: Alle Menschen in der Welt haben gewöhnlich eine
große Furcht vor dem Tode des Leibes, und das aus dem Grunde, weil sie
weltlich sind und daher nichts erschauen können, was des Geistes ist, und
auch nicht zu vernehmen imstande sind, was da wäre eine lebendige Lehre für
ihren Geist. [Ste.01_021,13]
In diesem Text aber liegt eine himmlische Lobpreisung derjenigen, welche
durch ein wahrhaftiges Liebeleben es dahin gebracht haben, daß die Welt mit
ihrer Nacht wie eine schwere Decke von ihren Augen fiel und das Ohr ihres
Geistes geöffnet ward, um zu vernehmen Meine Vaterstimme, und sagt im ganzen
soviel als: „Glücklich sind die Wiedergeborenen!“ Und in dieser Stellung
bezieht es sich in gar keiner äußeren Bedeutung zurück auf allenfalls
diejenigen Menschen, die Meine Landes- und Zeitgenossen waren, sondern die
Beziehung erstreckt sich auf alle Menschen, die je auf der Erde gelebt haben
und noch leben werden, wie auch auf die Bewohner aller anderen Welten. [Ste.01_021,14]
Denn alles muß geistig regeneriert werden, bevor es ins Geistige und somit
ewig Lebendige, wahrhaft Beseligende eingehen will. Und so wird hier unter
‚Augen‘ das Erkennen des Göttlich-Wahren und unter ‚Ohren‘ das Insichaufnehmen desselben und Danach-Tätigwerden
verstanden, und es heißt dann auch soviel als: Selig ist der Mensch in seinem
geistigen Verständnis, so er das Göttlich-Wahre vollends erkennt; und
wahrhaft selig ist er, wenn er das Göttlich-Wahre in sein Leben aufnimmt und
danach ausschließlich tätig wird! Denn dadurch erst wird er die Wiedergeburt
des Geistes überkommen, aus welcher heraus er ewig keinen Tod mehr sehen,
fühlen und schmecken wird. [Ste.01_021,15]
Das ist also die richtige Bedeutung dieses Textes! Aber ganz irrig wäre
dieser Text auf diejenigen angewendet, die mittels ihrer Augen recht viele
Bücher durchschauen und durchlesen und suchen dadurch das Licht, oder auf
jene Menschen, welche, wenn sie schon nicht lesen können, aber dennoch viele
Predigten, Christenlehren und Beichtspiegel anhören; denn die gehen allzeit
also wieder aus der Predigt heraus, als wie sie hineingekommen sind. [Ste.01_021,16]
Ja, gar viele wissen schon oft an der Türschwelle des Bethauses kein Wort
mehr, was da gepredigt ward, und bei so mancher Predigt sind die Ohren der
Zuhörer nichts weniger als selig, besonders wenn manches Mal ein eben nicht
mit zu viel Bruderliebe behafteter Prediger seinen Zuhörern die Hölle so heiß
wie möglich und den Weg zum Himmel aber überaus schmal, steil und dornig
ansetzt, daß am Ende seinen Zuhörern beinahe die Wahl schwer wird, welchen
Weg sie wandeln sollen und also denken: „Die Hölle ist zwar heiß; aber es
führt ein überaus bequemer Weg dahin. Der Himmel bietet wohl die höchste
Seligkeit; aber wer mag ihn erreichen, wenn er nur auf so einem nahezu
unmöglich besteigbaren Wege zu erreichen ist?“ [Ste.01_021,17]
Also derlei Ohren dürften gerade nicht die seligsten sein, ebensowenig wie
die Augen der Gelehrten, die zwar vieles sehen, aber das, was sie am liebsten
erschauen möchten, dennoch nie zu Gesichte bekommen können. Darum sind nur
selig, die sich der Wiedergeburt des Geistes befleißen und sie auch stets
mehr und mehr erreichen. [Ste.01_021,18]
Es wird aber niemand auf einmal wiedergeboren, sondern nur nach und nach;
aber es fängt auch bei niemand der Akt der Wiedergeburt früher an, als bis er
die göttliche Wahrheit angefangen hat zu erkennen, und niemand wird früher
vollends wiedergeboren und zur vollkommenen inneren Anschauung und Anhörung
des lebendigen Wortes gelangen, als bis er die Welt – was so ganz eigentlich
die Sünde ist – freitätig aus sich verbannt hat. Und da erst kommt also im
rein himmlischen Lichte der angeführte Text in die tröstliche Anwendung, und
dann erst sind auch die Augen selig, die das sehen, und die Ohren, die das
hören. [Ste.01_021,19]
Ich meine, dieser Text wird auch wieder klar genug dargestellt sein. Trachtet
daher aber auch ihr nach seiner Realisierung in euch! Amen. 22. Kapitel – „Und
Er sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier, die den
Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der
Kraft!‘“ (Markus 9,1)
26. Januar 1844 abends [Ste.01_022,01]
„Und Er sprach zu ihnen: ‚Wahrlich, Ich sage euch, es stehen etliche hier,
die den Tod nicht kosten werden, bis sie sehen das Reich Gottes kommen in der
Kraft!‘“ [Ste.01_022,02]
Das ist wieder ein etwas längerer Text und braucht daher eine etwas kürzere
Erklärung. Man darf nur wissen, wer die einigen sind, die den Tod nicht
verkosten werden, bis sie werden kommen sehen das Reich Gottes in seiner
Herrlichkeit; weiß man die, so weiß man dann auch schon beinahe den ganzen
Sinn dieses Textes. [Ste.01_022,03]
Wer sind also die etlichen? Das sind die Gläubigen und die danach Hoffenden.
Wer da fest glaubt, der wird in seinem Glauben auch seine Hoffnung realisiert
finden; denn es heißt ja auch: „Wer da Glauben hat so groß wie ein
Senfkörnlein und zweifelt nicht an dem, was er glaubt, der kann Berge
versetzen mit der Kraft seines Glaubens!“ [Ste.01_022,04]
Also werden unter den ‚etlichen‘ die Gläubigen verstanden, und das geht noch
ferner aus dem hervor, daß der Gläubige fortwährend von dem Wunsche beseelt
ist, das zu sehen mit seinen Augen, was er glaubt. Darum ist denn diese
Verheißung auch also gestellt, daß sie anzeigt, wie der innere Wunsch solcher
Gläubigen solle realisiert werden; und sie sollen nicht eher irgendeinen Tod
verkosten, als bis sie das erschauen, was sie glauben. [Ste.01_022,05]
Was glaubten denn diese etlichen? Diese etlichen glaubten fest, daß Ich der
verheißene Messias bin, glaubten auch, daß durch Mich die Herrlichkeit des
Reiches Gottes, also eine vollkommene Theokratie auf der Erde gegründet wird
und fürder nimmer ein Ende haben wird. Des Menschen Sohn wird die
Herrlichkeit des Vaters auf der Erde übernehmen, und vor Seiner Macht werden
sich dann beugen müssen alle Königreiche und alle Knie derjenigen, die unter
der Erde, auf der Erde und über der Erde sind. [Ste.01_022,06]
Das war der feste Glaube dieser etlichen. Darum ward es denn auch zu ihnen
gesagt, daß sie nicht eher irgendeinen Tod schmecken sollen, als bis sie die
Herrlichkeit des Reiches Gottes werden kommen sehen; freilich nicht in der
Art, wie sie es glaubten, sondern nur in der Entsprechung ihres Glaubens. [Ste.01_022,07]
Was meint ihr aber, warum diesen etlichen nach der Anschauung der Ankunft der
Herrlichkeit des Reiches Gottes dennoch das Verkosten des Todes
bedingungsweise belassen ist, das heißt, daß sie, nachdem sie die Ankunft des
Reiches Gottes werden gesehen haben, dennoch den Tod werden verkosten müssen?
Der Grund liegt darin, weil der Glaube für sich, wenn er noch so fest ist,
kein Leben erzeugt, wenn er nicht die Liebe voraus zum Grunde hat, die allein
unsterblich ist! [Ste.01_022,08]
Solche etliche gibt es jetzt auch eine Menge auf der Welt, die pur auf den
allein seligmachenden Glauben halten, aber nicht bedenken, daß der Glaube nur
eine Ausstrahlung des Gnadenlichtes Meiner Liebe ist, der wohl vorbereitet
und im Inneren so wirkt, wie das Licht wirkt naturmäßig auf der Erde. Wenn es
im Sommer stark auffällt, so erwärmt es auch das Erdreich und lockt allerlei
Früchte aus demselben; aber das Licht kann nicht immer gleich stark sein, und
wenn demnach der Winter anrückt und der Sonnenstrahl schwächer und schwächer
wird, da sterben bald alle die Produkte des Sommerlichtes ab und werden unter
Schnee und Eis begraben. [Ste.01_022,09]
Warum belebt denn da die Erde im Winter ihre im Sommer so prunkenden Kinder
nicht? Warum müssen sie den Tod schmecken, wenn sie auch zuvor die
Herrlichkeit des Lichtes aus der Sonne empfunden haben? Weil die Erde viel
zuwenig eigene Wärme besitzt. [Ste.01_022,10]
Gerade also steht es auch mit den Glaubenshelden. Sie glauben fest und sind
voll Eifer und voll Tätigkeit, solange sie von Meinem Gnadenstrahl
durchleuchtet und erwärmt werden; wenn sie aber dann auf die Probe gestellt
werden, wieviel der eigenen Wärme sie in sich haben, da werden sie welk, die
Früchte samt den Blättern fallen von den Bäumen, und sie stehen nackt und
kahl da, und statt der früheren Früchte rastet bald Schnee und Eis über ihren
Ästen und Zweigen. [Ste.01_022,11]
In Meinem höchsten Sommergnadenlichte erblicken sie sicher die Herrlichkeit
Meines Reiches in den Früchten, die sie aus diesem Lichte bringen; aber diese
Früchte sind fremden Ursprungs, das heißt, sie werden nicht durch die Kraft
der eigenen Wärme erzeugt, und darum bleibt die Verkostung des Todes
unfehlbar im Hintergrunde. [Ste.01_022,12]
Aber nicht also steht es mit denen, welche in ihrem Inneren in ihrer großen
Liebe zu Mir selbst eine Sonne haben; zu denen sage Ich: Wahrlich, wahrlich,
die Mich lieben und sind tätig nach Meinem Worte, die werden den Tod in
Ewigkeit weder fühlen noch irgend schmecken! [Ste.01_022,13]
Der Glaube kann auch durch die Lesung rechter Bücher erreicht werden; aber
die Liebe kommt nur aus dem Herzen. Daher fraget auch ihr mehr euer Herz als
die Bücher, wie dieses gegen Mich beschaffen ist, und ihr werdet dann nicht
zu den etlichen gehören. Solches bedenket allzeit! Amen. 23. Kapitel – „Ihr
verblendeten Führer, die ihr die Mücken seiget und verschlucket das Kamel!“
(Matthäus 23,24)
27. Januar 1844 abends [Ste.01_023,01]
„Ihr verblendeten Führer, die ihr die Mücken seiget und verschlucket das
Kamel!“ [Ste.01_023,02]
Das ist ebenfalls wieder ein Vers, der für alle Zeiten taugt, und dessen Sinn
aber auch sogleich mit den Händen zu greifen ist, wie das auch bei anderen
der Fall ist. [Ste.01_023,03]
Wer sind denn diese verblendeten oder blinden Führer? Das sind die
sogenannten Kleinfehlerdrescher oder die Buchstabenreiter des Gesetzes. Da
reinigen sie und plärren den ganzen Tag drauflos; die großen Fehler aber, von
denen das ganze Heil und Leben des Menschen abhängt, kennen sie oft gar
nicht, und wenn sie dieselben schon kennen, so drücken sie aus politischen
Rücksichten die Augen zu, als wäre daran gar nichts gelegen. [Ste.01_023,04]
Um diese Sache so klar als möglich zu machen, will Ich euch nur Beispiele
anführen! Wir wollen da vom Kleinen bis zum Großen aufsteigen, oder vom
Sonderheitlichen zum Allgemeinen. [Ste.01_023,05]
Sehen wir in eine Familie, also in ein einzelnes Haus! Der Vater hat Kinder
beiderlei Geschlechts; die Knaben werden bei einem etwas vermöglicheren
Hause emsig zum Studieren angehalten, und die Mädchen haben ebenfalls
verschiedene Meister. Da lernen sie irgendeine fremde Sprache radebrechen,
Zeichnen, Musik und daneben auch andere feine weibliche Arbeiten. [Ste.01_023,06]
Die Söhne werden mit allem Eifer zum Studieren angehalten. Eminenter müssen
sie sein, sonst gibt es üble Stunden; jede Vernachlässigung wird da mit
Schärfe gerügt, und Pönitenzen bleiben nicht aus. Desgleichen werden auch die
anderen sogenannten Wohlstandsregeln fest gehandhabt, und wehe dem Knaben,
der sich leichtsinnigermaßen dagegen versündigt!
Und es penzt da der Vater, der Instruktor und der
öffentliche Lehrer tagtäglich. [Ste.01_023,07]
Man wird fragen: „Ja, ist denn das gefehlt?“ Ich sage darauf nichts als: Hier
werden ebenfalls Mücklein geseigt, das Kamel aber unbeachtet verschluckt. [Ste.01_023,08]
Was ist denn aber hier das Kamel? Das Kamel ist eben das Studieren selbst und
die polierte Weltlichmachung eines jungen Menschen.
Durch dieses verschluckte Kamel verliert der junge Mensch zuallermeist den
letzten Tropfen dessen, was in ihm das Leben des Geistes hätte erwecken
können, und wird dadurch ganz in die allerblankste Welt hinausgestoßen. [Ste.01_023,09]
Desgleichen geht es auch mit den Mädchen. Die gestrenge Mutter redet sich den
ganzen Tag beinahe die Zunge wund; denn die eine Tochter hat einen Stich
etwas zu lang gemacht, bei der andern wird ein kleiner Fleck irgendwo
entdeckt, die dritte hat ihre Lektion in dem oder dem Fache nicht gut genug
gekonnt, die eine hat ihre Haare nicht recht in der Ordnung, kurz und gut,
jede schiefe Haltung und dergleichen noch eine Menge kaum beachtbarer
Fehler werden nicht selten mit einer Erbitterung gerügt, und es gibt da den
ganzen Tag vollauf zu korrigieren, zu penzen und
anzueifern. [Ste.01_023,10]
Sehet, da werden ebenfalls wieder Mücklein geseigt; aber daß die Mädchen
durch all diesen weltlichen Firlefanz rein für alles innere, geistige Leben
getötet werden, ist das Kamel, das ohne alles Bedenken verschluckt wird. [Ste.01_023,11]
Ich meine, diesem Beispiel braucht man keine Erklärung mehr hinzuzufügen, indem
es in sich selbst überaus klar ist. Gehen wir auf ein allgemeineres Beispiel: [Ste.01_023,12]
Also wird von der Kirche, wie sie bei euch ist, überaus darauf gesehen, daß
besonders von dem gemeinen Teile des Volkes die sogenannten kirchlichen
Satzungen bei Vorenthaltung der Absolution beachtet werden. Wer das beachtet,
dem wird bei gewissen Gelegenheiten von kirchlicher Seite kein Anstand
gemacht; dafür wird auch alle Sonn- und Feiertage scharf gepredigt und einem
armen Sünder an einer solchen kirchlichen Satzung wird die Hölle ganz
entsetzlich heiß gemacht, und er hat zu tun, bis er sich wieder in die Gnade
der Kirche gesetzt hat. Bei einem Reichen geht es freilich etwas leichter;
aber der Arme hat seine Not! [Ste.01_023,13]
Wie sieht es denn aber mit der lebendigen Bekanntmachung Meines Wortes und
mit der Führung nach demselben aus? Also: Wenn der Christ nur seine
kirchlichen Pflichten erfüllt, da darf er sich auch an so manchem Meiner
Gebote versündigen, und er darf versichert sein, daß er darob keine scharfe
Buße bekommen wird. [Ste.01_023,14]
Wenn er nur den Sonntagvormittag den kirchlichen Zeremonien ausweislich
beigewohnt hat, so darf er dann nachmittags ohne Bedenken Spiel- und
Wirtshäuser, wie auch Tanzböden besuchen. Er kann spielen und schwelgen, tanzen
und huren die ganze Nacht hindurch; er kann auch noch mitunter betrügen,
Leute ausrichten, lügen, geizig sein, einem andern einen Schaden zufügen,
freilich auf politisch-rechtlichem Wege. [Ste.01_023,15]
Das alles geht bei der nächsten Beichte, besonders bei einem diskreten
Beichtvater, um fünf Vaterunser und Ave-Maria und schon gar gewiß um eine
bezahlte Messe hinweg. Hat sich unser Beichtkind etwa gar noch mit einem
Ablaß auszuweisen, dann geht es wie eine Sonne makellos vom Beichtstuhl zum
Tische des Herrn, und von da wie ein Engel aus der Kirche. [Ste.01_023,16]
Wer wird in diesem Beispiel nicht ersehen die Seigung
der Mücklein und die gar grobe Verschluckung des Kamels?! [Ste.01_023,17]
Ich will das freilich wohl nicht allen Beichtigern zum Vorwurf machen; denn
es gibt auch hier und da mehrere, die es mit der Sache von der besseren Seite
ernstlich meinen; aber nur im allgemeinen ist das gewöhnlich der Fall. [Ste.01_023,18]
Nikodemus gehörte auch zu den Pharisäern und Schriftgelehrten; aber er machte
eine Ausnahme unter ihnen und war somit kein Mückenseiger und Kamelverschlucker; denn er kannte Mich und hielt auf Mein
Wort. Darin wird für getreue Beichtiger Entschuldigung genug sein. Und so
gehen wir auf ein allgemeines großes Beispiel über! [Ste.01_023,19]
Also geben die Fürsten der Welt eine Menge, ja eine schauerliche Menge
Gesetze, deren Übertretung – ob wissentlich oder unwissentlich – nach den
Paragraphen streng geahndet wird. Was aber da Meine Gesetze betrifft, so
werden nur diejenigen als Staatsgesetze mit aufgenommen, durch die eine
weltliche Sicherstellung bezweckt werden kann. Dergleichen sind vorzugsweise
das siebente, das fünfte und in einem zu offenbar argen Betriebe das sechste
Gebot; um die andern sieben kümmert sich der Staat nicht viel, – es müßten
nur politische Rücksichten ihn dazu veranlassen. Also kümmert sich ein Staat
um die Leitung der Völker nach Meinem Worte überaus wenig oder gar nicht und
spricht dabei: „Das andere überlassen wir nur der Geistlichkeit!“ [Ste.01_023,20]
Da werden dann von beiden Seiten Mücklein geseigt und Kamele zu Tausenden
verschluckt, und die Art der Pharisäer stirbt nie aus; denn fängt man sie auf
der einen Seite, so macht sich die andere Seite um so mehr Luft, und man kann
tun, wie man will, so kommt man zumeist vom Regen in die Traufe. [Ste.01_023,21]
Die Welt will herrschen, und zu diesem Behufe kann sie sich alles tauglich
machen; göttliche und weltliche Gesetze werden in ein Joch gespannt und
müssen das Volk ins Verderben ziehen. [Ste.01_023,22]
Was nützt es denn, wenn ein Mensch noch so poliert und staatstauglich
dasteht? Was nützt es, wenn in einem Staate, weltlich genommen, die beste
Verfassung ist, so aber dabei dennoch allzeit die Hauptsache, um die sich
alles Leben des Geistes dreht, gänzlich unberücksichtigt gelassen wird? [Ste.01_023,23]
Ich meine aber, es wäre besser, so da jemand als ein weltlicher Krüppel zum
Leben eingeht, als ein Weltpolierter in den ewigen Tod. [Ste.01_023,24]
Mehr darüber zu sagen wäre unnötig. Sehet aber daher auch ihr nicht so sehr
auf die Mücklein, sondern vielmehr darauf, daß ihr keine Kamele verschluckt,
so werdet ihr das ewige Leben haben! Amen. 24. Kapitel – „Und
Jesus weinte.“ (Johannes 11,35)
29. Januar 1844 abends [Ste.01_024,01]
„Und Jesus weinte.“ [Ste.01_024,02]
Dieser Text ist überaus kurz, besteht aus drei Wörtchen; aber er ist bei all
seiner Kürze so vielsagend und bezeichnend, daß ihr, so Ich euch diesen Text
nur einigermaßen auseinandergesetzt darstellen würde, eine ganze Welt voll
Bücher zu schreiben hättet. Seine volle Enthüllung aber werdet ihr wohl in
Ewigkeit nicht in ihrer Volltiefe zu fassen imstande sein! [Ste.01_024,03]
Zahllose Male steht in der Schrift das Bindewort ‚und‘; doch auf keinem
Platze verbindet es so viel wie hier; denn hier verbindet es zwei unendliche
Dinge, nämlich die unendliche Liebe und die unendliche Weisheit, Kraft und
Macht Gottes in Eines. Denn Jesus ist die Weisheit, die Macht und Kraft und
somit der Gewalthaber über alles, was da geistig und naturmäßig die Ewigkeit
und Unendlichkeit erfüllt. [Ste.01_024,04]
Dieser Jesus aber weinte. Wie und warum denn? Weil Er mit dem Vater und mit
der ewigen Liebe Eins ward in der Fülle. Denn einst hieß es bei Moses, als er
verlangte, Gott zu sehen: „Gott kann niemand sehen und leben zugleich!“ In
Jesus aber sahen viele Gott, und Er ward ihr Leben; und sie starben nicht,
darum sie Ihn sahen. [Ste.01_024,05]
Zu Mosis Zeiten weinte die Gottheit nicht; aber Sie richtete zu Tode die
Übertreter des Gesetzes, und niemand ward erweckt, der einmal dem Tode
verfiel. Hier war dieselbe Gottheit; aber Sie hielt nicht mehr in Ihrem
unerforschlichen Zentrum Ihre Liebe und Erbarmung verborgen, sondern Sie
weinte und erregte Sich dann und löste die Bande des Todes an dem, der im
Grabe moderte. [Ste.01_024,06]
Verstehet ihr nun etwas, was das Weinen des Jesu hier bedeutet? – Das Weinen
bedeutet hier ein unendlich tiefes Erbarmen der unendlichen Liebe in Gott! [Ste.01_024,07]
Über wen erbarmt Sie Sich? – Über den schon vier Tage im Grabe Modernden. [Ste.01_024,08]
Wer von euch hat denn soviel Weisheit, um zu fassen dies endloser Bedeutung
vollste Bild? Meinet ihr, Jesus tat hier nur ein örtliches Wunder, um dadurch
fürs erste den zwei trauernden Schwestern ihren vielgeliebten Bruder
wiederzugeben, und fürs zweite, um dadurch den Juden einen Beweis zu liefern,
wie vor Ihm nie jemand solches tat? [Ste.01_024,09]
O sehet, das sind ganz unbedeutende Nebenumstände; denn fürs erste hatte
Jesus schon vorher Wundertaten in großer Genüge ausgeübt, die mit dieser ganz
gleich gewichtig waren; was aber die Tröstung der beiden Schwestern betrifft,
so wäre Er sicher nicht verlegen gewesen, Er, der aller Menschen Herzen in
Seiner Hand hält, sie mit einem Blick, ja mit einem leisesten Wink selbst
also seligst zu machen, daß sie des verstorbenen
Bruders nicht leichtlich wieder trauernd, sondern jubelnd nur gedacht hätten! [Ste.01_024,10]
Das war sonach nicht der Hauptgrund; was denn aber? Ja, darin liegt die
eigentliche für euch nicht erfaßbare Tiefe dieser Tat Gottes! Ich kann sie
euch nur durch entfernte Winke andeuten, aber nicht vollends erläutern, indem
ein Vollicht in dieser Sache euch das Leben kosten würde. Denn eben bei
dieser Tat heißt es ja, daß sie geschieht, auf daß die Herrlichkeit des
Vaters im Sohne offenbar werde. [Ste.01_024,11]
Was stellen die zwei trauernden Schwestern vor, die Martha und die Maria? Sie
sind Bilder der Vor- und Nachzeit; das eine mehr äußerer, also vorbildender,
das andere mehr innerer und somit geistiger, in sich selbst der Wahrheit
voller Art. Im weiter umfassenden Sinne stellen sie unter der ‚Martha‘ die
ganze naturmäßige Schöpfung und unter der ‚Maria‘ alle himmlisch-geistige
Schöpfung dar. – Sehet, das sind die zwei trauernden Schwestern! [Ste.01_024,12]
Um wen trauern sie denn? – Um einen Bruder, der vier gar lange Tage schon im
Grabe modert. Die vier Tage bezeichnen vier Schöpfungszustände. [Ste.01_024,13]
Wer ist nun der Bruder? Doch von hier nichts mehr weiter!!! – Wer von euch
nur ein Scherflein Weisheit besitzt, der mag rechnen; aber eine nähere
Kundgabe von Mir aus wäre lebensgefährlich! [Ste.01_024,14]
Ihr möget aber aus dem Gesagten immer so viel entnehmen, eine wie große Tiefe
und welche Unerforschlichkeit in den drei Worten „Und Jesus weinte!“ liegt.
Wenn ihr bedenket, wer Jesus ist, so werdet ihr es auch wenigstens zu ahnen
vermögen, daß Seine Tränen etwas ganz anderes und Größeres bedeuten als die
einer halberblindeten Romanleserin. Das Gemüt Jesu war kein durch Lektüre
reizbar gewordenes, – sondern das war die ewige Liebe Selbst als Vater im
Sohne! [Ste.01_024,15]
Als nachzuahmendes Beispiel aber zeigen sie (die Tränen), daß auch ihr aus
der wahren Lebenstiefe heraus barmherzig sein sollet; denn eine durch
Romanlektüre bewirkte Weichherzigkeit und Erbarmung hat bei Mir durchaus
keinen Wert und ist um nicht vieles besser als eine Blindliebe und Heirat auf
dem Theater. Solchen ‚barmherzigen‘ Menschen will Ich einst auch den Lohn
geben, der der Grund ihrer Barmherzigkeit war. Sie sollen auch jenseits große
Bibliotheken von zahllosen Romanen antreffen und werden nicht eher aus
denselben gelangen, bis sie es lebendig an sich erfahren werden, daß eine
geschriebene Liebe und ein geschriebenes Leben durchaus keine Liebe und kein
Leben sind. [Ste.01_024,16]
Wer nicht aus Mir liebt und nicht von Mir lernt, der tut alles, was er tut,
wie ein Toter und wird nicht eher seinem Grabe entsteigen, als bis Jesus
nicht über seinem Grabe weinen wird. – Verstehet solches wohl; es ist eine
große Tiefe darinnen, und so sei das Leben euer Amen! 25. Kapitel – „Seid
also nicht besorgt, und saget nicht: ‚Was werden wir essen? Was werden wir
trinken? Womit werden wir uns kleiden?‘ Nach solchem allem trachten die
Heiden. Denn euer Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet.“ (Matthäus 6,31-32)
31. Januar 1844 abends [Ste.01_025,01]
„Seid also nicht besorgt, und saget nicht: ‚Was werden wir essen? Was werden
wir trinken? Womit werden wir uns kleiden?‘ Nach solchem allem trachten die
Heiden. Denn euer Vater weiß, daß ihr das alles bedürfet.“ [Ste.01_025,02]
Sehet, Meine Lieben, das sind wieder ein paar viel längere Texte; aber dafür
sind sie auch schon in all ihrer Bedeutung frei und offen gestellt und haben
ihren geistigen Sinn also offen tragend, daß ihn beinahe ein jeder Mensch für
seinen Bedarf mit den Händen greifen kann. Überhaupt aber könnt ihr euch das
merken, daß nicht in Meiner Mundlehre das Schwierigste zu begreifen liegt,
sondern das Schwierigste liegt allezeit in Meinen Taten. Warum denn? [Ste.01_025,03]
Die Lehre mußte ja also gestellt sein, daß sie auch von der Welt ohne viele
Mühe begriffen werden kann; denn was nützte aller Welt eine in tiefster
Weisheit abgefaßte Lehre? Die wäre für die Welt gerade das, was für euch
ungefähr die japanische Sprache ist; sie würde nie auch nur ein Jota davon
verstehen. [Ste.01_025,04]
Nehmet zum Beispiel die in etwas tieferer Weisheit abgefaßte Offenbarung
Johannis! Ihr habt doch schon so manche Erklärungen darüber gelesen – und
wisset im Grunde doch noch nicht, was ihr aus dieser Offenbarung machen
sollet, und wozu sie neben dem Evangelium gut ist. [Ste.01_025,05]
Darum aber war Meine Lehre allzeit also gestellt, daß sie von aller Welt
sogleich in ihrer wahren Bedeutung verstanden werden kann. Wer den überaus
zweckdienlichen und leichtfaßlichen Buchstabensinn beachtet, der kommt dann
schon um so leichter auf den sehr offen liegenden geistigen Sinn. [Ste.01_025,06]
Und also gehören die zwei vorliegenden Texte zu demjenigen Teil Meiner Lehre,
welcher von Meinen Jüngern nicht hart genannt wurde; auch nicht zu den
Gleichnissen, die Meine Jünger nicht immer verstanden, sondern sie gehören –
die zwei Texte nämlich – zu demjenigen Teil Meiner Lehre, wo Meine Jünger
sagten: „Nun redest Du offen heraus, was Du willst, und wir verstehen Dich!“ [Ste.01_025,07]
Was enthalten demnach diese zwei Texte? Nichts als eine einfache
brüderlich-freundschaftliche Warnung vor der Welt, und Ich will damit
anzeigen, daß die Menschen alle Sorge auf Mich legen sollen und nur in der
Tat Mein Reich suchen sollen; alles andere wird ihnen eine freie Hinzugabe werden. [Ste.01_025,08]
Das ist demnach der ganz natürliche Sinn dieser Texte; in diesem ist aber der
geistige auch schon mit den Händen zu greifen. Denn was da widerraten ist für
den Leib, dasselbe gilt auch für die Seele und für den Geist und möchte ungefähr
also lauten: [Ste.01_025,09]
Seid nicht ängstlich bekümmert, eure geistigen Seelenkräfte durch allerlei
mühsames Studium auszubilden! Sorget euch nicht um die Universitäten und um
allerlei Doktordiplome, sondern liebet Mich, euren Vater, und Ich werde euch
umsonst die Weisheit der Engel geben; und das wird doch mehr sein, als so ihr
alle Doktorhüte und Diplome euch auf der Welt erworben hättet! [Ste.01_025,10]
Denn alle noch so großen Gelehrten der Welt bringen samt ihren Diplomen und
Doktorhüten nicht heraus, was mit dem Menschen nach seines Leibes Tode
geschieht, während der, dem Ich die Weisheit gab, solches im kleinen Finger
mit der überzeugendsten Evidenz herumträgt. [Ste.01_025,11]
Ja, Ich sage euch: In dieser Hinsicht sind die Tiere mit ihrem dumpfen
Ahnungsvermögen besser daran als so manche großen Weltweisen. Dahierher gehört auch der Text: „Was nützt es dem
Menschen, so er die ganze Welt gewönne, aber dabei an seiner Seele Schaden
litte?“ [Ste.01_025,12]
Wer da nicht weiß, was einst mit ihm wird, der zeigt schon, daß er eine
schadhafte Seele hat. Wie aber ein Künstler auf einem beschädigten Instrument
nichts Erhebliches zu leisten imstande ist, also kann auch ein Geist durch
eine von der Welt stark beschädigte Seele nichts Erhebliches fürs ewige Leben
wirken; denn er muß ja seine Kraft dahin verwenden, die Lücken der Seele zu
ergänzen. Wie sollte er aber als ein ewiger Flickschuster je einen gesunden,
vollkommenen Stiefel zuwege bringen, in dem sein fester Lebensfuß einen
gerechten Schutz und eine feste Unterlage fände? [Ste.01_025,13]
Darum soll sich alsdann niemand wie in leiblicher, also auch in seelischer
Hinsicht sorgen, was er essen und trinken und womit er sich bekleiden wird;
denn für alles das werde schon Ich sorgen, wenn er tätig ist aus der Liebe zu
Mir nach Meiner Lehre. [Ste.01_025,14]
Das ist der ganze, leicht faßliche Sinn; wer ihn lebendig beachten wird, der
wird auch besser daran sein als alle Spekulanten, Wucherer und Gelehrten
aller Art. Amen. 26. Kapitel – „Doch
jene Meine Feinde, die Mich nicht zum Könige über sich haben wollten, bringet
her, und erwürget sie vor Mir!“ (Lukas 19,27)
3. Februar 1844 abends [Ste.01_026,01]
„Doch jene Meine Feinde, die Mich nicht zum Könige über sich haben wollten,
bringet her, und erwürget sie vor Mir!“ [Ste.01_026,02]
Vorliegender Text ist beinahe wohl zu leicht, als daß man darüber eine lange
Erklärung geben sollte, und gehört ebenfalls zu denjenigen, worüber die
Jünger nicht fragten: „Wie sollen wir das verstehen?“ Denn diesen Text
verstanden sogar die blinden Pharisäer, die da genau wußten, daß Ich unter
den zu erwürgenden Bürgern der Stadt sie gemeint habe. [Ste.01_026,03]
Das wäre aber freilich wohl ein enger Sinn; dessenungeachtet aber ist auch
der allgemeine durchaus nicht schwer zu erkennen, man braucht nur zu wissen,
daß ‚erwürgen‘ soviel wie ‚richten‘ heißt, so hat man dann schon das Ganze. [Ste.01_026,04]
Wer sind denn die ‚Bürger‘ der Stadt, die den König nicht wollten? Blicket
hinaus in die Welt, und ihr werdet solche Bürger in allen Straßen, Ecken und
Winkeln in einer Unzahl erblicken, die den König nicht wollen! – Die ‚Stadt‘
ist die Welt; ihre ‚Bürger‘ sind die Weltmenschen, die von Mir nichts wissen
wollen. [Ste.01_026,05]
Die zehn mit den Pfunden Beteilten sind die wenigen Auserwählten, die unter
diesen Weltbürgern leben; darunter aber selbst noch einer träge ist und will
nicht wirtschaften mit dem einen ihm anvertrauten Pfunde. [Ste.01_026,06]
Unter diesem ‚einen‘ werden verstanden diejenigen, welche das Wort Gottes
wohl annehmen und anerkennen, aber sie sind zu träge, danach zu handeln;
darum wird ihnen auch am Ende das genommen, was sie haben, und es wird dem
gegeben, der da zehn Pfunde hat. [Ste.01_026,07]
Warum denn? – Weil der vollkommen nach Meinem Worte gelebt hat, daher in der
Volliebe zu Mir ist, also im Vollfeuer und Volleifer; daher gebührt ihm auch,
wie einer Sonne, das komplette Vollicht. [Ste.01_026,08]
Wer aber kein Feuer hat, der hat auch kein Licht und gleicht einem Planeten,
der nur mit fremdem Lichte prunkt, welches ihm nicht bleiben kann. Wird er
von seiner Sonne genommen, so schwebt er dann als ein finsterer Klumpen in
seiner durch sich selbst gerichteten Verworfenheit von einer Unendlichkeit
zur andern! [Ste.01_026,09]
Aus diesem Gesagten läßt sich schon sehr leicht erkennen, was obenangeführter
Text in sich trägt, – nichts anderes nämlich als das Gericht alles
Welttümlichen. [Ste.01_026,10]
Nur kommt hier noch eine dritte Art Wesen vor, zu denen der Herr oder der
König spricht: „Bringet die Bürger der Stadt hierher, die Mich nicht zum
Könige wollten, auf daß sie erwürgt werden!“ [Ste.01_026,11]
Wer sind diese? – Wer sonst wohl als die Engel der Himmel, von denen ihr
schon lange wisset, wie sie allenthalben die Leiter Meiner Gerichte sind.
Diese werden die Welt allzeit richten. [Ste.01_026,12]
Warum denn? – Weil sie, Nummer eins, Eins sind mit Mir, und darum, Nummer
zwei, der schroffste Gegensatz zur Welt. Darum sie Eins sind mit Mir, haben
sie alle Macht und Gewalt aus Mir; und darum sie der schroffste Gegensatz
sind zur Welt, darum auch wird diese allezeit von ihnen gerichtet. [Ste.01_026,13]
Das ist der ganz einfache, wohl zu beachtende Sinn dieses Textes. [Ste.01_026,14]
Manchmal wurden unter den ausgeteilten Pfunden die verschiedenen
auszubildenden menschlichen Anlagen verstanden. Doch solches ist grundfalsch.
Denn würde das gelten, da wäre dadurch der höchst gotteslästerliche St. Simonismus eine Gott über alles wohlgefällige Sache, der
auch die Ausbildung des Diebes- und Mördertalentes als eine billige Sache
ansieht. Das ist aber doch sicher nicht der Sinn, der den ausgeteilten
Talenten oder Pfunden zugrunde liegt. [Ste.01_026,15]
Diese ausgeteilten Talente und Pfunde sind allein das ausgeteilte Wort
Gottes. Wer es zugleich lebendig hat, der hat die zehn Pfunde; lebendig aber
hat er es, wenn er es in seiner Liebe hat oder in seinem Herzen. [Ste.01_026,16]
Wer aber die fünf Pfunde hat, der hat das Wort in seinem lebendigen Glauben,
danach er tätig in der Liebe werden kann. [Ste.01_026,17]
Wer die drei Pfunde hat, der hat das Wort Gottes in seinem Verständnis; wenn
er danach tätig wird, so wird er die Weisheit erlangen. [Ste.01_026,18]
Wer aber nur ein Pfund hat, der hat zwar auch das Wort Gottes in seiner
Erkenntnis; aber es ficht ihn nicht an. Er hat zwar nichts gegen dasselbe, –
er hält es im Gegenteil für schön, gut und wahr; aber wenn er vollernstlich
danach tätig werden soll, da spricht er: [Ste.01_026,19]
„Ja, wenn man nicht auf die Welt hier beschränkt wäre und müßte darum das
Weltliche der Welt wegen tun, da wäre es freilich sehr löblich, vollkommen
dieser Lehre gemäß zu leben. Aber man muß einmal in der Welt leben, und so
muß man sich auch nach ihr richten, sonst wird man leichtlich als ein
Sonderling ausgeschrien; man verliert seine Ehre und Reputation und stellt
sich dadurch also isoliert dar, daß man dann auch nicht mehr in der Welt zu
wirken imstande ist, wo es zu wirken zu einem guten Zwecke notwendig gewesen
wäre!“ [Ste.01_026,20]
Der Reiche spricht: „Ich wollte mit meinem Vermögen ja wohl evangelisch gebaren,
wenn die Zeitumstände anders wären; aber die Welt ist nun einmal Welt, und da
heißt es mit dem Vermögen also umgehen, daß man fürs erste im Alter selbst
nicht darben muß, und daß auch die Kinder mit der Zeit diejenige nötige
Versorgung finden, die sie vor der Welt unabhängig stellt.“ [Ste.01_026,21]
Der Beamte aber spricht: „Mein Gott! Wo sollte ich die Zeit hernehmen? Amts-
und Herrendienst geht vor Gottesdienst! Wenn ich mich einmal in den Ruhestand
setzen werde, dann will ich auch in Gottes Namen den Rosenkranz zur Hand
nehmen, oder: ich will nach dem Evangelium leben, soviel es sich ohne große
Beschränkung meiner Verhältnisse tun läßt!“ [Ste.01_026,22]
Der Geistliche spricht: „Wenn man nur die Pflichten seines Standes erfüllt,
den man in der Welt bekleidet, und das alles Gott aufopfert, so hat man genug
getan!“ [Ste.01_026,23]
Ich aber sage dazu: „Das sind lauter einpfündige Pfundvergräber,
und es wird ihnen allen ergehen, wie es von dem evangelischen
Einpfund-Inhaber gesagt ist!“ [Ste.01_026,24]
Warum denn? – Weil da in keinem auch nur ein Fünklein Liebe zu Mir werktätig
anzutreffen ist! Diese ziehen eine gewisse Bequemlichkeit ihres irdischen
Lebens allzeit Mir vor. [Ste.01_026,25]
Der Reiche ist mit Mir zufrieden, solange er durch sein Geld sich und seine
Familie überaus wohl versorgt erblickt; welche lebendige Liebe aber hat er
aufzuweisen und welches Vertrauen zu Mir in der Tat, so er selbst nach allen
Kräften sorgt, daß er und seine Familie einst nicht darben möchten? Für ein
solches Zutrauen wird sich ein jeder bedanken. [Ste.01_026,26]
Wenn ein Wechsler einen Sachwalter bestellt, ihm aber nie einen Groschen
ernstlich anvertraut, wird der Sachwalter da nicht bald sagen: „Wie, mein
Freund, hältst du mich denn für einen Spitzbuben und meine große Kaution für
null und nichtig, daß du mir nicht um einen Groschen Zutrauen schenkst?
Verwalte dein Vermögen selbst; ich aber fordere meine Kaution zurück.“ [Ste.01_026,27]
Dasselbe werde auch Ich mit solchen reichen Christgläubigen tun und werde
Meine Kaution von ihnen nehmen; denn für einen Narren lasse Ich Mich von
ihnen nicht halten und noch weniger für einen Lügner und Betrüger, für das
sie Mich werktätig halten, darum sie Mir nicht trauen und daher selbst für
ihr Bestehen sorgen. [Ste.01_026,28]
Desgleichen werde Ich auch zu jenen Beamten und Geistlichen aller Sekten
sagen, die den Weltdienst und die Erfüllung der Standespflichten für den
Gottesdienst halten: „Habt ihr umsonst gedient? Hat euch die Erfüllung der
Pflichten eures Standes keinen Gewinn abgeworfen? Habt ihr aus Liebe zu Mir
oder aus Liebe zu den Vorteilen, die aus der Erfüllung der Standespflichten
folgen, eben diese eure Standespflichten erfüllt?“ [Ste.01_026,29]
Wenn sie sagen werden: „Wir taten das Gute und das Rechtliche des Guten und
des Rechtlichen selbst willen und durften auch mit gutem Gewissen diejenigen
Vorteile genießen, die die Folge guter und rechtlicher Handlungen sind“, [Ste.01_026,30]
dann aber werde Ich sagen: „Also seid ihr ja bezahlte Arbeiter gewesen und
habt euren Lohn empfangen. Wieviel aber habt ihr dabei mit dem einen, euch
anvertrauten Pfunde für Mich gewonnen? Zeiget den Gewinn!“ [Ste.01_026,31]
Und wahrlich, da werden alle diese das nackte Pfund aufweisen und werden
sagen müssen: „Herr, das Pfund war in den Verhältnissen, in die wir auf der
Welt gestellt waren, nicht zu gebrauchen; wir aber erkannten es als ein
Heiligtum, darum tasteten wir es auch nicht an.“ [Ste.01_026,32]
Und Ich sage: Da wird mit ihnen ebenfalls das geschehen, was von dem
evangelischen Einpfündler ausgesagt ist, und diese Einpfündler werden jenseits ganz entsetzlich lange zu tun
haben, bis sie sich auf einen Heller werden heraufgearbeitet haben. Da wird
viel Heulens und Zähneklapperns vorangehen! [Ste.01_026,33]
Ich meine, das wird auch klar sein; beachtet es, auf daß ihr nicht unter die Einpfündler geraten möchtet! Amen. 27. Kapitel – „Ich
nehme nicht Ehre von Menschen.“ (Johannes 5,41)
5. Februar 1844 abends [Ste.01_027,01]
„Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“ [Ste.01_027,02]
Dieser Text gibt in kurzen Worten kund, welchen Bund Ich mit den Menschen
habe, nämlich keinen Bund der Ehre. Denn die Menschen, wie sie sind, sind Mir
wirklich keine Ehre. Dazu habe Ich die Menschen auch nicht erschaffen, daß
sie Mich ehren sollen. [Ste.01_027,03]
Einen Bund aber habe Ich mit den Menschen, und dieser heißt Liebe und besagt
etwas ganz anderes als die Ehrung. [Ste.01_027,04]
Wer sind die, die sich ehren lassen? Das sind die Fürsten und Großen der
Welt. [Ste.01_027,05]
Warum lassen sie sich ehren? Weil sie mehr sein möchten als Menschen, obschon
ihnen ihr Bewußtsein sagt, daß sie nicht mehr als Menschen sind. [Ste.01_027,06]
Was ist die Ehre, die man jemandem erzeigt? Sie ist nichts anderes als
urgründlich die Furcht vor dem Stärkeren und Mächtigeren. Denn der Schwächere
fürchtet die Schläge des Mächtigeren und dessen Unbarmherzigkeit; darum
kriecht er vor ihm und ehrt ihn und betet ihn förmlich an, damit der
Mächtigere, durch solche Schmeichelei bestochen, ihm die Schläge erlassen
möchte. Je ehrfurchtsvoller aber der Schwächere gegen den Stärkeren wird,
desto ehrsüchtiger und grausamer wird auch der Stärkere. [Ste.01_027,07]
Frage hier: Ist solche Ehrung eine Frucht edlen oder bösen Samens? Ich meine:
Wie die Frucht, so wird auch der Same sein! [Ste.01_027,08]
Meinet ihr aber demnach, daß Ich das von den Menschen nehmen sollte, was vor
Mir ein Greuel und der scheußlichste Ekelgeruch ist? [Ste.01_027,09]
Aus welchem Grunde sollte Ich Mich von den Menschen ehren lassen? Etwa weil
Ich Gott, und die Menschen Meine Geschöpfe sind? Weil Ich allmächtig und alle
Menschen gegen Mich gar nichts sind? [Ste.01_027,10]
Was würde Ich wohl haben von solch einer Ehre? Werde Ich dadurch etwa mehr
Gott, und wird dadurch Meine Allmacht größer? [Ste.01_027,11]
Bei den Menschen ist dieser Akt noch verzeihlicher; denn so viel Schwächere
einen Stärkeren hoch ehren, so gewinnt er dadurch an Macht und Ansehen. Wo
sieht aber für Mich ein Gewinn heraus, so Mich die Menschen wie andere Große
auf der Erde ehren? Ich meine, diesen Gewinn dürfte wohl ein
allerscharfsichtigster Cherub mit dem allerbesten Mikroskop, das ein Atom bis
zu einer Hauptzentralsonne vergrößern möchte, nicht entdecken; denn Ich bin
Gott, allmächtig von Ewigkeit. [Ste.01_027,12]
Könnte Ich durch die Ehrungen der Menschen wohl noch mehr werden? – Ich meine
kaum; daher habe Ich auch nirgends ein Gesetz erlassen: „Du sollst Gott,
deinen Herrn, ehren über alles!“, sondern nur lieben über alles. Darum heißt
es denn auch im vorliegenden Verse, daß Ich nicht die Ehre bei den Menschen suche;
denn da ist schon in Mir Einer, der Mich wahrhaft ehrt von Ewigkeit. [Ste.01_027,13]
Welche Freude Ich aber danach an den „Ad maiorem
Dei gloriam“-Taten habe, oder wie man bei euch auf
der Welt zu sagen pflegt: „Alles zur Ehre Gottes!“, könnet ihr aus diesem
Verslein leicht ersehen; denn wer Mich nicht ehrt in seinem Herzen wie eine
vor Liebe brennende Braut ihren Bräutigam, des Ehre ist vor Mir ein Greuel! [Ste.01_027,14]
Was habe Ich von dem tausendfachen „Herr, wir ehren Dich!“, wobei aber die
Herzen voll Dreckes sind? – Auf eine solche Ehre soll von der ganzen Hölle
aus geschmissen werden! [Ste.01_027,15]
Denn alle, die Mich ehren auf solche zeremonielle Weise, sind die
„Herr-Herr!“-Rufer, und sie mögen Mir tausend Litaneien vorsumsen und sagen:
„Herr, wir ehren Dich und preisen Deine Stärke!“, „Herr, wir bitten Dich,
erhöre uns!“ und „Herr, erbarme Dich unser!“ und mögen tausendmal hinzusagen
„Ehre sei Gott dem Vater!“ usw. [Ste.01_027,16]
Ich aber werde ein solches Gewäsch dennoch nie erhören und werde allzeit zu
den „Herr-Herr!“-Sagenden sprechen: „Weichet von Mir; denn Ich habe euch noch
nie erkannt! Ihr habt der Ehrgebete und Litaneien in großer Menge gehabt;
warum aber habt ihr nicht auch eine Litanei erfunden, in der es lebendigermaßen heißen möchte – nicht: „Herr, wir ehren
Dich!“, sondern: „Lieber heiliger Vater, wir lieben Dich!“? [Ste.01_027,17]
Man wird hier freilich einwenden und sagen: „Die Ehre Gottes muß sein! Denn
sie ist eine edle Frucht der wahren Gottesfurcht; denn wer Gott nicht fürchtet,
der ist aller bösen Taten fähig.“ [Ste.01_027,18]
Ich aber sage: Wennschon Gottesfurcht besser ist, als böse Taten üben, so
wird aber dennoch aus einer solchen Gottesfurcht für niemanden ein ewiges
Leben erwachsen, weil ein furchtsames Gemüt schon ein gerichtetes ist. [Ste.01_027,19]
Denn wer das Schlechte nur aus Furcht vor Mir unterläßt, der wird eine harte
Probe zu bestehen haben; denn in der Furcht vor Mir ist keines Menschen Geist
einer Beseligung fähig, und es wird ihm zuvor die Furcht benommen werden, und
es wird sich dann zeigen, was er ohne Furcht vor Mir tun wird. [Ste.01_027,20]
Also sind wohl auf der Erde auch viele Sträflinge in den Kerkern durch die
Furcht vor der Strafe in der gesetzlichen Ordnung erhalten; werden sie aber
nach der Strafzeit auf freien Fuß gestellt, so sind sie zehnmal ärger denn
früher. [Ste.01_027,21]
Alle Höllengeister leben und bestehen in der größten Furcht vor Mir; Mich nur
von ferne zu erschauen oder Meinen Namen zu vernehmen, ist für sie das
Schrecklichste! Welcher Tor aber wird da behaupten, daß die Höllengeister
darum gut seien, weil sie eine so große Furcht vor Mir haben? [Ste.01_027,22]
Ich setze aber ein Beispiel: Es gäbe irgend auf der Erde einen so überaus
guten Menschen, der zwar überaus wohlhabend wäre, dabei aber die größte
Liebe, Sanftmut und Zuvorkommenheit selbst, und jeder Mensch, der zu ihm käme
– welchen Standes er auch sein möchte, welcher Nation, ob Freund oder Feind
–, würde von ihm allzeit auf das liebreichste aufgenommen werden. Frage: Welcher
Mensch müßte da wohl ein so großer Tor sein und möchte so einen Menschen
fürchten ärger denn einen Scharfrichter? [Ste.01_027,23]
Welcher Mensch aber ist wohl besser, liebreicher und sanftmütiger als Ich?
Und dennoch will man sich lieber fürchten vor Mir, als Mich lieben mit der
größten Zutraulichkeit! [Ste.01_027,24]
Dennoch aber sage Ich: Die Mich fürchten und ehren, die scheinen das aus
gutem Grunde zu tun; denn sie wissen, daß ihr Herz aller Liebe ledig ist.
Darum wollen sie das durch die Furcht bei Mir ersetzen. [Ste.01_027,25]
Aber es geht ihnen dabei wie einer Braut, die ihrem allergetreuesten
Bräutigam untreu geworden ist und ward zu einer Hure. Warum ward sie das?
Weil sie die Liebe in ihrem Herzen zu ihrem Bräutigam vergab. [Ste.01_027,26]
So aber der Bräutigam kommen wird, wird er die mit bebender Furcht erfüllte
Braut auch also ansehen und annehmen, als so sie ihm flammenden Herzens wäre
entgegengekommen? Wird er nicht etwa zu ihr sagen: [Ste.01_027,27]
„Wie siehst du aus? Also habe ich dich nie gesehen! Warum bebst du vor mir,
der dich über alles liebte? Wahrlich, in diesem Zustande mag ich dich nicht
erkennen! Was habe ich dir je getan, daß du mich fürchtest? Wie hat solche
Furcht deine ehemalige Liebe verdrängen können? Wie soll ich dich nun glücklich
machen, ich, den du nicht liebst, sondern fürchtest?! – Also muß ich weichen
von dir aus Liebe zu dir, auf daß die Furcht vor mir in deinem Herzen dich
nicht länger quäle!“ [Ste.01_027,28]
Sehet, in diesem Beispiel liegt das „Ich kenne euch nicht, ihr
‚Herr-Herr!‘-Sager!“ klar und deutlich erklärt, und darum will Ich nicht die
Ehre der Menschen als die Frucht der Furcht, sondern die getreue kindliche
Liebe will Ich! [Ste.01_027,29]
Danach trachtet ihr in eurem Herzen, so werde Ich Mich euch nahen können,
aber nicht in eurer Ehrung und Furcht! Seid liebfreie, aber nicht durch
Furcht gerichtete Täter Meines Wortes; darin werdet ihr das ewige Leben
finden und Mich, euren Vater! Amen. 28. Kapitel –
„Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“
(Johannes 6,66)
8. Februar 1844 abends [Ste.01_028,01]
„Danach gingen viele Seiner Jünger zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“ [Ste.01_028,02]
Dieser Text paßt, wie ihr zu sagen pfleget, auf ein Haar für unsere Sache in
jeder Beziehung. [Ste.01_028,03]
Warum gingen denn viele Meiner Jünger von Mir und wollten nicht mehr mit Mir
wandeln, da Ich ihnen die Lehre vom Genusse Meines Fleisches und Blutes gab?
– Die Ursache dieser Erscheinung lag vorerst in der Trägheit Meiner Jünger,
darauf folgend aber auch sogleich in ihrem Hochmute. [Ste.01_028,04]
In der Trägheit lag der Grund darum, weil sie nicht wollten sich so viel
Gewalt antun, daß sie Mich wenigstens frageten, wie
es hernach Meine Brüder taten, wie solche Lehre zu verstehen sei. [Ste.01_028,05]
Und der Hochmut war darauf also die Folge: Da die Jünger vorerst zu träge
waren, sich einer höheren Erkenntnis zu befleißen, aber dennoch Meine Schüler
waren, so verdroß es sie nun, daß Ich eine Lehre gab, die über ihren
Erkenntnishorizont hinausging. Sie fühlten sich dadurch vor dem andern Volke
beschämt, weil sie Mich auch nicht verstanden hatten, wollten Mich aber nun
auch zufolge dieses Hochmutspitzels nicht fragen vor dem Volke, um sich
dadurch nicht das Zeugnis zu geben, als hätten sie Mich als Meine Schüler
nicht verstanden. [Ste.01_028,06]
Denn gewöhnlich geschah es, daß nach einer Lehre von Mir Meine Jünger von dem
Volke häufig gefragt wurden, wie dieses oder jenes zu verstehen sei. Da gab
es dann gewöhnlich allzeit eine Menge Seitenerklärungen von seiten Meiner
Jünger, und ihrem Ehrgeize schmeckte oft so manche Belobung über ihre
verständige Erklärung irgendeiner fürs Volk etwas schwer verständlichen
Lehre. [Ste.01_028,07]
Auch bei dieser Gelegenheit waren viele dieser Jünger über den Sinn dieser
Lehre befragt, konnten aber diesmal keine Erklärer abgeben, weil sie die
Lehre selbst nicht verstanden hatten; daher zogen sie sich diesmal auf eine
andere Art aus der Schlinge. Sie beschuldigten Mich einer harten Lehre wegen,
die kein Mensch verstehen könne, und da ihnen solches zu keiner Ehre vor dem
Volke gereichte, so schmähten sie lieber über Mich, erklärten alle Meine
frühere Lehre für gleichlautend mit dieser und glaubten nicht mehr an Mich
und verließen Mich. [Ste.01_028,08]
Aus dieser ganz getreuest aus dem damaligen Leben
gegriffenen Darstellung kann jedermann mit der größten Leichtigkeit erkennen,
daß an diesem üblen Begebnis nichts schuld war als vorerst die Trägheit und
dann der Hochmut Meiner Jünger. Die Trägheit, weil sie immer um Mich waren
und glaubten ebensoviel zu verstehen wie Ich – wozu sollten sie sich dann
irgendeine Mühe geben, um dadurch tiefer in den Geist Meiner Lehre
einzudringen? Der Hochmut aber ward rege, als Ich sie einmal auf die Probe
stellte, wie viel sie verstehen, und ihnen handgreiflich zeigte, daß der
Jünger nicht ist über den Meister. [Ste.01_028,09]
Und sehet, diese zwei Grundursachen sind auch die Hauptstützen der meisten
Verderbtheit des menschlichen Geschlechtes! Denn zuerst ist der Mensch träge
und steht müßig da den ganzen Tag über. Wenn er aber dann gefragt wird:
„Warum stehst du den ganzen Tag müßig?“, so wird er sagen: „Es hat mich ja
niemand gedungen!“ [Ste.01_028,10]
Und wenn Ich dann zu ihm sage: „So gehe doch wenigstens nun am Abende hin,
und arbeite eine Stunde, und Ich will dir geben, was recht ist!“, da wird er
sagen: „Herr, wie kannst Du mir diese Schande antun und mich hinstellen zum
Gelächter derjenigen, die den ganzen Tag gearbeitet haben? Willst Du mir
schon etwas geben, so schenke es mir lieber, aber mache mich nicht als einen
Faulenzer ruchbar vor den Arbeitern!“ [Ste.01_028,11]
Sehet, hier will der Träge anfangs nicht arbeiten; am Ende aber schämt er
sich zu arbeiten vor den Fleißigen. Warum denn? Weil das seinem verborgenen
Hochmute nicht schmeichelt! Er möchte wohl fürs Wohltun seinem Hochmute mit
den Fleißigen gleichen Lohn haben; aber zur Arbeit ist er anfangs zu träge
und bald darauf zu hochmütig. [Ste.01_028,12]
Der Herr aber wird nicht so unweise sein und die Trägheit und den Hochmut dem
Fleiße gleichsetzen und wie ihn belohnen. [Ste.01_028,13]
Daß solches alles höchst richtig ist, will Ich euch noch durch mehrere kleine
Beispiele zeigen: [Ste.01_028,14]
Nehmen wir an zwei Studierende; der eine ist von Anfang an fleißig und der andere
träge. Der Fleißige wird auch am Ende die Früchte seiner Mühe ernten; was
aber wird der Träge am Ende für einen Vorwand und für eine Gunstrede für
seine Trägheit hervorbringen? Er wird sagen: [Ste.01_028,15]
„Der Fleißige war ein dummer Kerl und hat nicht eingesehen, daß er lauter
dummes Zeug in seinen Gehirnkasten hineinschoppt;
ich aber fand das entsetzlich Alberne der Lehrgegenstände und habe es den
ersten Augenblick für unwürdig gefunden, meinen viel erhabeneren Kopf mit
solcher Torheit anzustopfen. Und da nichts anderes vorgetragen ward, so fand
ich diese meine erste Erkenntnis für viel höher und besser als all den zu
erlernenden Quark!“ [Ste.01_028,16]
Seht, da geht offenbar der Hochmut aus der Trägheit hervor! Wer sich davon
werktätig überzeugen will, der setze sich nur in eine vertrauliche
Zwiesprache mit derlei Individuen, und er wird alles das von Punkt zu Punkt
bestätigt finden. [Ste.01_028,17]
Nehmen wir aber zwei Musiker; der eine hat es durch seinen Fleiß zu einer
großen Kunstfertigkeit sowohl in praktischer als in theoretischer Hinsicht
gebracht, der andere aber, ein Sohn der Trägheit, blieb zufolge seiner
geringen Mühe bei der untersten stümperhaften Mittelmäßigkeit stehen. Nun
fraget ihn aber, warum er es nicht auch so weit gebracht habe wie sein
Mitschüler. Da wird er sagen: [Ste.01_028,18]
„Weil ich nicht so wie jener blutarme Teufel darauf angestanden habe; denn
ich bin ohnehin reich. Warum sollte ich mich da also plagen? Solcher Fleiß
gehört nur für arme Teufel, und was liegt denn daran, ob man solch schweren
musikalischen Quark selbst spielen kann oder nicht? Wenn man ihn nur
versteht, wozu eben nicht viel gehört; spielen werden ihn schon solche armen
Teufel, damit sie dadurch auch sich ein Stückchen Brot verdienen können.
Zudem rührt ja auch alle solche schwere Musik von armen Teufeln her, und es
wäre für einen Reichen eine barste Schande, sich mit derlei Früchten der
Armseligkeit zu befassen.“ [Ste.01_028,19]
Sehet hier wieder ein aus dem Leben gegriffenes Beispiel, und ihr werdet daraus
wieder ersehen, aus welchem Grunde Meine Jünger Mich verließen. Gehen wir
aber weiter! [Ste.01_028,20]
Also spricht jemand, der gefragt wird, warum er sich nicht eifriger mit der
Erkenntnis der rein christlichen Religionsgrundsätze befaßt: „Ich verstehe
diese Sachen nicht und habe mich auch nie damit abgegeben, und das aus dem
Grunde, weil ich es fürs erste für eine Läpperei halte, an der nicht viel
daran ist, und fürs zweite, weil man durch derlei religiöse Grübeleien am
Ende höchstens ein Narr werden kann.“ [Ste.01_028,21]
Sehet, bei diesem Menschen war zuerst die Trägheit und dann sein daraus
hervorgehender Hochmut der Grund, daß er gleich diesen Jüngern spricht: „Wer
kann solch eine Lehre für wahr halten und sich daran kehren? Daher ist es
besser, gleich diesen Jüngern den Herrn im Stiche zu lassen.“ [Ste.01_028,22]
So sagt auch ein verarmter Lump, wenn er gefragt wird: „Warum bist denn du in
solche Armut gekommen? Du hattest doch, wie nicht leichtlich ein anderer,
Gelegenheit, dir so manchen Groschen zu ersparen.“ Und seine Schutzrede
lautet: „Ich habe solches Sparen zufolge Meiner erhabenen Natur für zu
bettelhaft armselig gefunden, und es gehört nun zu meiner Ehre, daß ich
dürftig umhergehe.“ [Ste.01_028,23]
Sehet, da ist wieder ein Beispiel, wo ein Mensch zuerst träge ist und sich
nicht insoweit verleugnen kann, seinem Wesen einen Abbruch zu tun, um sich
dadurch ein Vermögen zu sammeln; am Ende aber, da es ihm klar wird, daß er
nichts hat, da wird er erst hochmütig und pocht noch obendrauf auf seinen
lumpigen Zustand. [Ste.01_028,24]
Ich meine, wir haben der Beispiele genug, um aus ihnen allerklarst
einzusehen, wie vielseitig Ich bei jeder Gelegenheit von Meinen Jüngern
verlassen werde, wenn es heißt: „Von jetzt an leidet das Himmelreich Gewalt!“ [Ste.01_028,25]
Also gehen auch eine Menge Wanderer auf ein hohes Gebirge. Solange es bequem
geht, da gehen alle recht hurtig mit; wenn aber die Steilen des Hochgebirges
kommen und es heißt: „Von da an braucht die Besteigung des Berges Gewalt und
Kraft!“, da kehren sie um, und nur sehr wenigen gelingt es, die Spitzen des
Hochgebirges zu erklimmen. [Ste.01_028,26]
Demselben Sinne unterliegt auch das: Solange der Mensch Mein Reich beim
Lesepult sucht, da geht es gut; aber wenn es heißt: „Das Lesen genügt nicht,
sondern nur der Handlung gebührt die Krone. Denn das Fleisch ist zu nichts
nütze. Der Buchstabe tötet; nur der Geist ist es, der lebendig macht!“, da
wird der Herr auch allzumeist von Seinen Jüngern
verlassen, wie der Text zeigt. [Ste.01_028,27]
Beachtet somit diese Erklärung tätig, so werdet ihr nicht, wie die Jünger,
euren Herrn verlassen! Amen. 29. Kapitel – „Und
die Teufel baten Ihn und sprachen: ‚Schicke uns zu den Säuen, daß wir in sie
fahren!‘“ (Markus 5,12)
9. Februar 1844 abends [Ste.01_029,01]
„Und die Teufel baten Ihn und sprachen: ,Schicke uns zu den Säuen, daß wir in
sie fahren!“ [Ste.01_029,02]
Ich habe euch schon einmal gesagt, daß durchgehends in allen Meinen Taten die
bei weitem tieferen und verborgeneren Geheimnisse
Meines Seins im Fleische auf der Erde stecken. Denn die Worte habe Ich zu
jedermanns Verständnis gestellt; aber nicht also steht es mit Meinen Taten.
Diese verstanden selbst Meine Brüder nicht, bevor nicht der Heilige Geist
über sie kam; und als sie sie verstanden, da ward es ihnen auch vom Geiste
gesagt, daß sie vor niemandem sollen den tiefen Sinn der Taten kundgeben,
weil die Welt ihn nie fassen kann und wird. [Ste.01_029,03]
Und so verhält es sich auch mit dieser Tatsache! Möchte Ich euch ihren
tiefsten Sinn vollständig dartun, so müßtet ihr die ganze Oberfläche der Erde
dreimal überschreiben, um nur mit der Einleitung fertig zu werden. Zu der
Hauptbedeutung dieser Tatsache aber hätte ein ganzes Sonnengebiet zu wenig
Raum, um alle die Bücher zu fassen, die darüber geschrieben werden möchten.
Daraus aber könnt ihr doch sicher abnehmen, was alles hinter einer solchen
Tatsache steckt. [Ste.01_029,04]
Wenn aber von einem Worte schon gesagt ist, wie es gleich ist einem
Samenkorn, das in die Erde gesät wird und vielfache Frucht bringt, was kann
da erst von einer wirklichen Tat Gottes gesagt werden? Denn es ist ein
Unterschied zwischen dem „Gott sprach: ‚Es werde!‘“ und dem dann darauf
gefolgten: „Es ward.“ [Ste.01_029,05]
Damit ihr euch aber dennoch von der Größe einer solchen Tat einen leisen
Begriff machen könnet, so will Ich euch in aller Kürze einiges davon
enthüllend kundgeben. [Ste.01_029,06]
Warum richtet hier der Herr an den Dämon die Frage, wie er heiße, nachdem
doch dem Allwissenden solches sicher bekannt war, daß in diesem besessenen
Menschen nicht nur einer, sondern eine ganze Legion von Dämonen böswirkend
vorhanden war? Der Herr fragte sicher nicht darum, als wollte Er den Namen
dieser argen Geister erfahren; warum aber fragte Er hernach? [Ste.01_029,07]
Er fragte, um diesen Dämonen kundzugeben, wer Er ist; denn aus der Frage
erkennt man leichter die Beschaffenheit eines Wesens als aus der Antwort.
Fraget einen Narren, und er kann euch eine Antwort geben, die euch stutzen
machen wird. Lasset aber den Narren euch um etwas fragen, und ihr werdet ihn
sogleich an seiner Frage erkennen. Im Geistigen aber ist es die einzige Art,
sich zu erkennen durch die Frage, und so fragte auch der Herr hier nicht, um
eine Antwort zu bekommen, sondern um Sich auf diese geistige Weise den Dämonen
zu erkennen zu geben, wer Er ist. [Ste.01_029,08]
Ähnliche Situationen kennt ihr auch und habt ihr auch schon bei den
sogenannten Somnambulen beobachten können. Denn wenn ihr eine Somnambule
fragt, so hat das nicht den Charakter im Leben der Somnambule, als wolltet
ihr von ihr etwas erfahren, sondern eure Frage hat den Charakter einer
Entblößung vor dem Leben der Somnambule, durch die euch die Somnambule
inwendig beschaut, euch erkennt und dann den in euch vorgefundenen Mangel
durch ihre Lebenstätigkeit ergänzt. [Ste.01_029,09]
Diese Art ist freilich nur eine Mittelstufe zwischen einer rein weltlichen
und rein geistigen Frage; dennoch aber hat sie für den tieferen Denker schon
den geistigen Charakter in sich. [Ste.01_029,10]
Also aber heißt demnach diese Frage des Herrn an die Dämonen soviel, als so
Er gesagt hätte: „Sehet her! Eine Blöße in Mir, die ist, daß in Mir kein
Böses ist!“ [Ste.01_029,11]
Und die Dämonen erschauen diese heilige Blöße und erkennen alsbald den Herrn
der Ewigkeit in ihr; und daß sie dann sprechen: „Unser ist eine Legion!“, –
dadurch geben sie etwa nicht ihre positive Zahl an, sondern sie geben dadurch
nur in geistiger Weise kund, daß im Angesichte der höchsten Reinheit Gottes
ihres Bösen in übergroßer Menge vorhanden ist. [Ste.01_029,12]
Die Reinheit des Herrn selbst aber zwingt sie, zu weichen vor ihr. Aber die
Bösen erschauen auch in der Mitte der göttlichen Reinheit die göttliche
Erbarmung und wenden sich an diese. Sie nehmen in diesem Augenblick die
Zuflucht zur Demut und verlangen da ihrem bösen Charakter gemäß, in den
Schweinen Wohnung nehmen zu dürfen; und die Erbarmung des Herrn gewährt
ihnen, was sie aus solcher Demut sich erbitten. [Ste.01_029,13]
Als sie aber in die Schweine fahren, da erst erwacht wieder ihr vor dem Herrn
verborgener Hochmut, und sie treiben die Schweine ins Meer, auf daß diese
zugrunde gehen und sie, die Dämonen nämlich, sich darauf frei als Ungetüme in
den Gewässern umherbewegen können. [Ste.01_029,14]
Also sieht dieses Bild aus. Wer aber ist dieser besessene Mensch? – Dieser
besessene Mensch ist geradewegs die Welt; in dieser sind diese Legion
Dämonen, wie sie in diesem Menschen vorkommen. [Ste.01_029,15]
Der Herr kommt zu dieser besessenen Welt in Seinem Worte. Die Welt möchte
frei werden von ihrer geheimen Plage, und der Herr macht die Welt frei. Aber
ihre innere böse Lebenstätigkeit ist in ihrem freien Zustande ärger als in
ihrem gebundenen. [Ste.01_029,16]
Wenn sie gebunden ist, da klagt sie über Druck und Plage; wenn Ich sie aber
frei mache, da fliegt ihre Tätigkeit in die Schweine und stürzt sich von
selbst in das Meer des Verderbens, und die etwas besseren Menschen der Welt
suchen Mich auch noch obendrauf von sich zu entfernen, weil Ich ihnen für
ihre Weltindustrie durchaus nicht zusage. Denn diese Gerasener besagen soviel
als die Träger des Welttums, oder noch deutscher gesprochen: sie sind die
eigentlichen Industrieritter. [Ste.01_029,17]
Die Dämonen aber, die in die Schweine fahren, sind die Stutzer,
Wohlschmecker, Wollüstlinge, Betrüger und allerlei Ränke- und Schwänkemacher. Wollt ihr diese sich ins Meer stürzenden
Schweine von allerlei Farbe erblicken auf der Welt, so ziehet in die
besonders großen Hauptstädte; da werdet ihr sie in großen Herden antreffen,
welche vollkommen lebensgetreu der evangelischen gleichen. Ihrer ist auch
eine gar große Legion; sie sind alle von den unlautersten Dämonen besessen,
und diese treiben sie ebenfalls in das Meer des sicheren Verderbens. [Ste.01_029,18]
Sehet, das ist der für euch nutzbarerweise zu erkennende Sinn in dieser
evangelischen Tat des Herrn. Daß aber hinter diesem ein endlos weit
ausgebreiteter, noch viel inwendigerer Sinn vorhanden ist, braucht nicht zum
zweiten Male näher angezeigt zu werden; denn fürs erste würdet ihr ihn nimmer
fassen, und fürs zweite würde er euch keinen Nutzen, sondern nur einen
Schaden bringen. [Ste.01_029,19]
Darum begnüget euch mit dem; denn die Unendlichkeit ist zu groß, die Zahl der
Geschöpfe in ihr unendlich, ihre Bestimmung für euch zu vielfach
unerklärlich. Also könnt ihr auch unmöglich erfassen, wie der Besessene die
ganze materielle Schöpfung und seine Inwohnerschaft
die alten Gefangenen darstellt! – Dieser Besessene ruht in den Gräbern und
ist böse über die Maßen; sehet an die endlose Zahl der Gräber in der
Unendlichkeit! [Ste.01_029,20]
Doch genug davon! für euch ist es diesseits nicht an der Zeit, solches in der
Tiefe zu erfassen. Beachtet somit das erste; solches wird euch nützen! Amen. 30. Kapitel – „Und
Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibet aber in der Stadt,
bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“ (Lukas 24,49)
12. Februar 1844 abends [Ste.01_030,01]
„Und Ich sende die Verheißung Meines Vaters auf euch. Bleibet aber in der
Stadt, bis ihr angetan werdet mit Kraft aus der Höhe!“ [Ste.01_030,02]
Dieser Vers hat schon offenkundig in seinem Buchstabensinne, was er innerlich
in sich trägt, und gleicht in dieser Hinsicht einem freundlichen Menschen,
der sozusagen sein Herz auf der offenen Hand seinen Freunden entgegenträgt,
darum ihn auch nicht leichtlich jemand verkennen kann und jedermann auf den
ersten Blick errät, was dieser freundliche Mann im Schilde führt. [Ste.01_030,03]
Der gleiche Fall ist es, wie gesagt, mit diesem Text. Denn wenn der Sohn
auffährt, so kommt in Fülle die Verheißung des Vaters zu denen, die in der
wahren Hoffnung aus der Liebe auf solche Verheißung harrten. [Ste.01_030,04]
Was besagt aber die Auffahrt des Sohnes, damit dadurch den Harrenden und den
Zeugen die Verheißung des Vaters zugesandt werde? – Ihr wisset, was unter
‚Sohn‘ zu verstehen ist, die Weisheit des Vaters nämlich. Dem Sohne
entspricht hernach auch alles in einem jeden Menschen, was da ein Angehör der
Weisheit ist. Dergleichen Angehör ist der Verstand, die Vernunft, allerlei
Wissenschaft und Erkenntnis. [Ste.01_030,05]
Dieses Angehör der Weisheit muß aber zugleich auch in einem jeden Menschen
diejenige Demütigung, gleichsam die Kreuzigung durchmachen, muß dann wie
getötet in ein neues Grab im Herzen gelegt werden, von da wieder auferstehen
und sich dann, dem Vater gänzlich hingebend und aufopfernd, in die Höhe
begeben, um eins zu werden mit dem Vater. [Ste.01_030,06]
Ist solches geschehen, dann erst wird die Verheißung des Vaters, welche ist
das ewige Leben, in des Menschen Leben offenbar werden. Das ist der Akt der
Wiedergeburt. [Ste.01_030,07]
Aber nicht zugleich mit diesem Akt erfolgt die Taufe mit dem Geiste der
Kraft, wie auch niemand alsogleich ein Kind nach der Geburt taufen soll,
sondern wenigstens einige Tage danach, – wie solches bei den Juden auch
ehestens erst am achten, zehnten oder zwölften Tage üblich war. Manchmal aber
erfolgte die Beschneidungs-Taufe auch um vieles später; und so wird es denn
hier auch zu den Aposteln und Jüngern gesagt, daß sie nach Meiner Auffahrt
eine Zeitlang in der Stadt beisammenbleiben sollen, bis die Kraft aus der
Höhe über sie kommen wird. [Ste.01_030,08]
Diesen Zustand soll auch ein jeder Mensch beachten und sich nicht eher
hinauswagen, als bis er die Taufe des Geistes empfangen hat! Denn ohne diese
gleicht der wiedergeborene Geist einem schwachen Kinde, das wohl in jeder
Hinsicht rein wie ein Engel da ist, aber Mangel habend an der wirkenden Kraft
und an der dazu erforderlichen freien Einsicht. [Ste.01_030,09]
Ihr wisset es, daß die Daniederkunft der Kraft aus
der Höhe über die Jünger und Apostel am zehnten Tage nach der Auffahrt
erfolgt ist. Was besagt solches wohl? Solches besagt und bezeugt die
vollkommene Unterjochung des mosaischen Zehngesetzes im freigewordenen Leben
des Geistes. Also muß ja der Geist zuvor von allen Fesseln und Banden
freigemacht werden, als bis er das Gewand der göttlichen Kraft aus der Höhe
anziehen kann. [Ste.01_030,10]
Wenn diese über ihn gekommen ist, so ist er dann vollkommen eine neue Kreatur
aus dem Geiste der Liebe und aller Kraft aus ihr und kann dann erst wirken in
der Vollkraft der göttlichen Liebe und Erbarmung. Denn durch solch eine Taufe
des Heiligen Geistes aus der Höhe erst wird der Mensch von allen Banden des
Todes gelöst und wird eins mit und in Christo und kann dann auch sagen: „Nun
lebe nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir! Nicht mehr ich bin nun
mein Ich, sondern Christus Selbst ist das Ich in mir!“ [Ste.01_030,11]
Darum aber muß auch zuvor – wie schon früher gezeigt wurde – alles dem Sohne
Entsprechende im Menschen den Weg des Menschensohnes gehen, und für jeden
heißt es unwiderruflich: „Nimm dein Kreuz und folge Mir nach, sonst kannst du
nicht zur Auferstehung und zur Auffahrt zum Vater gelangen!“ [Ste.01_030,12]
Und hierher paßt auch wieder unsere Sache auf ein Haar, daß nämlich kein
Mensch durch die vielseitige Ausbildung seines Verstandes mit Hilfe
wohlgenährter Bibliotheken und hochtrabender Universitätsprofessoren zur
Wiedergeburt und zur Taufe des Heiligen Geistes gelangen kann, sondern
lediglich nur durch die Demut und große Liebe seines Herzens. [Ste.01_030,13]
Er muß alles, was er von der Welt hat, bis auf den letzten Heller der Welt
zurückgeben, also auch die hochmütig machenden Wissenschaften seines Kopfes,
sonst wird es mit der Wiedergeburt und Krafttaufe seines Geistes ganz
entsetzlich schmal aussehen. [Ste.01_030,14]
Glaubet ja nicht, daß jemand schon dadurch sogleich ins Himmelreich eingehen
wird, so er auch sein ganzes Vermögen an die Armen verabreicht hätte, und
würde aber dennoch bei sich gedenken und sagen: „Herr! Wie ich barmherzig
war, also sei auch Du barmherzig gegen mich!“ Wer also spricht, dem fehlt
noch ziemlich viel vom Reiche Gottes; denn da sind er und Christus noch nicht
eins, sondern offenbar zwei, wo der eine dem andern gewisserart billige
Bedingungen vorschreibt. [Ste.01_030,15]
Der Ärmste unter euch Menschen bin immer Ich, oder auf deutsch gesprochen: Am
dürftigsten und am ärmsten ist bei jedem Menschen die eigentliche Lebenskraft
seines Herzens. Diese muß zuerst gehörig reichlich dotiert werden, wenn eine
andere Dotation nach außen einen Wert haben soll; oder euer Herz muß vollends
lebendig werden aus der Liebe zu Mir. Ich Selbst muß eure ganze Liebe
ausmachen; dann erst könnet ihr aus dieser Liebe wahrhaft Verdienstliches zum
ewigen Leben wirken, und das darum, weil da das Verdienstliche allein Mir
zukommt. Ihr aber bleibet bloße reine Konsumenten Meiner Liebe, Gnade und
Erbarmung. [Ste.01_030,16]
Denn sobald noch jemand sagt: „Ich habe getan, und ich habe gegeben!“, da ist
er noch ferne von dem, der da spricht: „Ich bin allzeit ein fauler und
unnützer Knecht gewesen!“ und ist somit auch noch fern von Meinem Reiche. Nur
wenn er in sich lebendig bekennt und spricht: „Herr, mein Gott und Vater! Ich
bin in allem nichts, wie auch alle Menschen vor Dir gar nichts sind, sondern
Du allein bist Alles in Allem!“, dann ist er Meinem Reiche nahe, und Mein
Reich ist nahe zu ihm gekommen. [Ste.01_030,17]
Desgleichen aber beachtet auch ihr alles, was euch da gesagt wird, so werdet
auch ihr zur Auffahrt und zur Taufe mit der Kraft Meines Geistes gelangen;
denn auch zu euch wird soeben des Vaters Verheißung gesandt. Amen. 31. Kapitel – „Und
er (Zachäus) lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf daß er Ihn
sähe; denn allda würde Er vorbeikommen.“ (Lukas 19,4)
14. Februar 1844 abends [Ste.01_031,01]
„Und er (Zachäus) lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, auf daß er
Ihn sähe; denn allda würde Er vorbeikommen.“ [Ste.01_031,02]
Dieser Vers enthält zwar auch nur die Angabe einer Tatsache, und ihr könntet
zufolge einer vorangeschickten Lehre meinen, daß darin ebenfalls ein ewig nie
voll zu erfassender tiefer Sinn verborgen liege; allein das ist hier eben
nicht der Fall, und das aus dem Grunde, weil sie nicht vom Herrn, sondern nur
von einem Menschen ausgeübt wird. Dessenungeachtet aber hat dennoch diese
unbedeutend scheinende Szene einen inneren, geistigen Gehalt und wird aus dem
Grunde im Evangelium erzählt, weil in ihr eine gar gute anwendbare Lehre für
jeden Menschen enthalten ist. [Ste.01_031,03]
Es dürfte hier freilich so mancher Weltweise sagen: „Was kann wohl hinter
dieser höchst gewöhnlich alltäglichen Sache stecken? Was wußte der Zachäus
von Christus anderes, als wir heutzutage allenfalls von einem sogenannten
Tausendkünstler wissen? [Ste.01_031,04]
Wenn wir aber in einem Orte im voraus erfahren, daß ein solcher weltberühmter
Tausendkünstler durch denselben ziehen wird, da wird sich auch alles hinaus
auf die Gassen und Straßen machen und wird mit großer Sehnsucht den Einzug
des Wundermannes erwarten. Sind nun glücklicherweise irgend leicht
besteigbare Bäume bei der Straße, so werden sie sicher von den Knaben und
auch mitunter von größeren, aber ebenfalls sehr neugierigen Menschen in
Beschlag genommen werden. [Ste.01_031,05]
Was für ein Sinn liegt wohl hinter dieser Erscheinung? Sicher kein anderer
als der mit den Händen zu greifende, daß nämlich mehrere neugierige Laffen
den Wundermann auch haben zu Gesichte bekommen wollen. [Ste.01_031,06]
Die Moral, die sich daraus entnehmen ließe, könnte höchstens also lauten:
„Höret, ihr Buben und neugierigen Menschen, und ihr Kleingewachsenen auch,
die ihr nicht vermöget über die großen Lümmel hinwegzusehen! Bemühet euch bei
solchen Gelegenheiten frühzeitig, euch der Bäume zu bemächtigen, damit auch
ihr bei solchen Gelegenheiten eure Gafflust befriedigen könnet, ohne darauf
Rücksicht zu nehmen, ob durch die Beachtung dieser Moral auch so mancher Baum
beschädigt wird!“ [Ste.01_031,07]
Da hätten wir eine Exegese, wie sie die Welt gibt. Ich gab sie hier darum im
vorhinein, um es der Welt zu erleichtern, damit sie hernach bei der
Beurteilung Meiner für sie unverständlichen Exegesen eine leichtere Arbeit im
Satyrisieren hat. [Ste.01_031,08]
Wir aber wollen nun sehen, welch ein ganz anderer Sinn und welch ganz andere
Moral hinter diesem einfachen Texte steckt. Wir wollen diese Erklärung so
sonderbar als möglich anfangen und wollen das Praktische vorausschicken und
das Theoretische dann hinterdrein gewisserart von sich selbst verstehen
lassen. [Ste.01_031,09]
Und so sage Ich: Die ganze Welt ist voll Zachäusse,
und ihr selbst seid es nicht minder! Tuet demnach, was dieser tat, und Ich
werde dann auch zu euch sagen und tun, was Ich zu diesem Zachäus sagte und
hernach tat. Der Weg, den Ich mit den Meinigen zu ziehen pflege, ist euch bekannt;
ihr seid gleichwie der Zachäus sündige Zöllner der Welt. [Ste.01_031,10]
Was tat aber Zachäus, um Mich am Wege zu erschauen? Er war klein von Person;
er lief voraus und stieg auf einen Maulbeerbaum, das heißt soviel als: Der
sündige Mensch erkannte seinen Unwert vor Mir, er war somit voll Demut und
glich oder gleicht dem Zöllner im Tempel, der sich auch nicht getraute, sein
Haupt aufwärts zu erheben. [Ste.01_031,11]
Aber die Demut ist die Hauptnahrung der Liebe. Die Liebe wird dadurch
mächtiger und kräftiger zu Dem, vor dem sie ihren großen Unwert fühlt. Und je
unwürdiger sie sich fühlt, desto größer wird ihr Zug zu Ihm, weil ihre
Achtung in dem Grade wächst, als sie in ihrem eigenen Werte sinkt. Solche
Liebe denkt dann nur an Den, den sie als ihr höchstes Gut allerhöchst achtet. [Ste.01_031,12]
In dieser Beschäftigung mit dem für solche Liebe höchst achtbaren Gegenstande
liegt ein stets heller werdendes Licht, in welchem der Mensch denkt und denkt
und sucht und sucht, wie er seinen erhabensten Gegenstand seiner Beschauung
näherbringen könnte. Und dieses Denken und Denken und Suchen und Suchen
gleicht dem Vorauseilen des Zachäus. [Ste.01_031,13]
Er ist am richtigen Wege; aber er weiß auch, daß der Herr das Inwendigste
aller Dinge ist, und ist somit in großem Gedränge und wird somit auf diesem
zwar rechten Wege dennoch nicht zu erspähen sein. Aber die Begierde, den
Herrn zu schauen, ist mächtiger als dieser Einwurf und mächtiger als dieses
Gedrängehindernis und fordert alle Kräfte in dem Menschen auf, sich dahin zu
erheben und einen solchen Standpunkt zu erreichen, von dem aus man über das
Gedränge und inmitten des Gedränges dennoch den Herrn erschauen könnte. [Ste.01_031,14]
Ein Baum wird erwählt und bestiegen: ein Maulbeerbaum, gleich dem
Erkenntnisbaume, in dessen Blättern der feine glänzende Stoff zu den
Königskleidern verborgen ist. Also durch höhere Erkenntnisse und durch das
Licht des Glaubens will der Mensch den Herrn erschauen; darum eilt er voraus
und besteigt den symbolischen Baum der Erkenntnis, der zwar eine süße Frucht
hat, die aber dennoch niemandem zur Sättigung gereicht. Sie sättigt wohl
scheinhalber, aber nach solcher Scheinsättigung folgt gewöhnlich ein größerer
Hunger, als ihn jemand zuvor hatte. [Ste.01_031,15]
Also verhält es sich auch mit den höheren Erkenntnissen auf dem Wege der
Verstandesforschungen. Diese Erkenntnisse scheinen zwar auch im Anfange den
Geist überraschend zu sättigen; aber kurze Zeit darauf spricht sein
begehrender Magen: „Die wenigen Süßträublein haben
mich nur schläfrig gemacht, aber nicht gesättigt; ich hatte wohl ein kurzes
Gefühl von Sattsein, war aber dessenungeachtet leer!“ [Ste.01_031,16]
Sehet, das ist ein klares Bild, was der Maulbeerbaum bezeichnet, den der
Zachäus freilich in der allerbesten Absicht bestieg, und es wäre gut für alle
solche weltgelehrten Zöllner und Sünder, so sie in der Absicht des Zachäus
den Baum der Erkenntnis am Wege des Herrn besteigen möchten. Sie würden eben
das erreichen, was der Zachäus erreicht hat. [Ste.01_031,17]
Aber leider wird der Erkenntnisbaum nur höchst selten in der Weise des
Zachäus bestiegen, und so manche Zachäusse
besteigen wohl auch in einer etwas besseren Absicht den Baum der Erkenntnis,
aber gewöhnlich einen solchen, der nicht am Wege des Herrn steht. [Ste.01_031,18]
Bis hierher wäre alles klar; nun aber fragt es sich: Genügt es schon zum
ewigen Leben, wenn man in solcher allerbesten Absicht einen Zachäus macht? [Ste.01_031,19]
Diese Frage beantwortet die Stelle des Evangeliums, wo der Herr zum auf dem
Baume spähenden Zachäus spricht: „Steige herab; denn Ich muß heute noch in
deinem Hause speisen!“ [Ste.01_031,20]
Das heißt soviel gesagt als: „Zachäus! Enthebe dich deiner hohen Spekulation
über Mich, und steige herab in das Gemach deiner Liebe zu Mir; in diesem
deinem Hause ist Kost für Mich, da werde Ich einziehen und werde essen in
diesem deinem Hause!“ [Ste.01_031,21]
Und noch deutlicher gesprochen heißt das soviel als: „Zachäus! Steige in
deine erste Demut und Liebe herab; also werde Ich bei dir einziehen und Mich erquicken
an solcher Frucht deines Herzens!“ [Ste.01_031,22]
Sehet, das ist das Praktisch-Theoretische dieses Textes, und die Moral heißt
ganz kurz: „Sehet hin auf euren Bruder Zachäus, und folget seinem Beispiele,
so wird auch euch das werden, was dem Zachäus geworden ist!“ [Ste.01_031,23]
Ich meine, eine jede weitere Theorie wird hier völlig überflüssig sein; denn
das Gesagte ist ohnehin von der größten Klarheit. Wer es lesen und beachten
wird, der wird auch den Anteil des Zachäus unverrückbar finden, und Ich werde
zu Ihm sagen, was Ich zum Zachäus gesagt habe. [Ste.01_031,24]
Solches sei von euch allen gar überaus wohl beachtet! Amen. 32. Kapitel –
„Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er liebhatte,
spricht zu Seiner Mutter: ‚Weib, siehe, dein Sohn!‘ Danach spricht Er zu dem
Jünger: ‚Siehe, deine Mutter!‘ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu
sich.“ (Johannes 19,26-27)
16. Februar 1844 abends [Ste.01_032,01]
„Jesus nun, der Seine Mutter sah und den Jünger dastehen, den Er liebhatte,
spricht zu Seiner Mutter: ‚Weib, siehe, dein Sohn!‘ Danach spricht Er zu dem
Jünger: ‚Siehe, deine Mutter!‘ Und von der Stunde an nahm sie der Jünger zu
sich.“ [Ste.01_032,02]
Es ist bei euch auf der Welt ja auch üblich, so jemand seines Leibes Tod vor
Augen sieht, daß er mit seinem Nachlasse irgendeine letzte Willensanordnung
trifft, die bei euch unter dem Namen ‚Testament‘ vorkommt. Also war es ja
auch bei Mir notwendig der Fall, daß Ich mit Meinem Nachlasse eine letzte
Willensanordnung treffen mußte. Maria, Meines Leibes Gebärerin, war ein
solcher Nachlaß, und sie mußte doch für ihre noch übrigen Lebenstage auf der
Erde eine nötigste Versorgung haben. [Ste.01_032,03]
Es dürfte freilich hier und da jemand fragen: „Hatte denn der Joseph gar
nichts hinterlassen? Er selbst hatte ja Kinder, eigene und auch fremde, die
er auferzogen hatte; konnten diese denn nicht auch sorgen für die Maria?“ [Ste.01_032,04]
Darauf kann erwidert werden: Joseph hatte fürs erste nie ein völliges
Eigentum besessen und konnte somit auch keines hinterlassen. Seine Kinder,
sowohl die eigenen als auch die aufgenommenen, befanden sich fürs zweite
selbst in der größten Armut und sind Mir zumeist nachgefolgt; und darunter
war eben auch Johannes selbst, der sich viel im Hause des Joseph aufhielt und
gleichsam ebenfalls ein Züchtling dieses Hauses
war. Denn sein Vater war noch dürftiger als Joseph selbst und gab daher
seinen Sohn dahin, daß er erlernen möchte die Kunst Josephs. Er erlernte sie
auch und war ein recht geschickter Zimmermann und Schreiner zugleich und
wußte auch mit dem Drechseln umzugehen. Zudem hatte er die Maria, so wie
Mich, und das ganze Haus Josephs ungemein lieb, und Maria konnte keinen
besseren und getreueren Händen anvertraut werden als eben diesem Sohne des
Zebedäus. [Ste.01_032,05]
Seht, das ist nun das ganz natürliche Testament, und das ist demnach auch der
ganz naturgerechte Buchstabensinn dieser Meiner Worte vom Kreuze. [Ste.01_032,06]
Da aber diese Worte nicht nur allein der Mensch Jesus, sondern der Sohn Gottes
oder die ewige Weisheit des Vaters geredet hat, so liegt hinter ihnen
freilich noch ein ganz tiefer und allerhöchst göttlich-geistig-himmlischer
Sinn, den ihr aber freilich je ebensowenig in seiner Volltiefe werdet zu
erfassen imstande sein wie so manchen anderen Tatengrund des Gottmenschen. [Ste.01_032,07]
Ich kann euch daher nur Andeutungen aus dem Gebiete der Weisheit darüber
geben. Forschet aber dann nicht zu viel darinnen; denn ihr wisset, daß sich
Dinge der Weisheit nie so begreifen lassen wie Dinge, die aus der reinen
Liebe hervorgehen, wie euch solches schon die Natur zeigt. [Ste.01_032,08]
Ihr könnt allda wohl die leuchtenden Dinge wie die glänzenden erfassen, sie
hin und her legen und betrachten von allen Seiten; könnt ihr aber wohl auch
solches tun mit den freien Lichtstrahlen, die den leuchtenden Körpern
entströmen? [Ste.01_032,09]
Diese Strahlen führen die Abbilder von zahllosen Dingen unverfälscht mit
sich, wovon euch die neuentdeckten Lichtbilder einen hinreichenden Beweis
geben. Fraget euch aber selbst, ob ihr trotz allen Mühens mit euren Sinnen in
den freien Strahlen solche Bilder entdecken möget. Sicher werdet ihr diese
Frage verneinend beantworten müssen. [Ste.01_032,10]
Daher gilt auch der frühere Wink, daß ihr über gegebene Dinge aus der
Weisheit nicht zu viel Spekulationen machen sollt; denn ihr werdet da noch
weniger ausrichten als bei der allfälligen Beschauung der Gebilde in den
freien Lichtstrahlen. [Ste.01_032,11]
Ihr könnt zwar optische Vorrichtungen machen, durch die der freie Strahl
genötigt wird, sein getragenes Bild eurer Beschauung auszuliefern; habt ihr
aber auch eine optische Vorrichtung, durch welche die Bilder der Strahlen aus
dem Urlichte in ihrer Tiefe abgeprägt werden können? [Ste.01_032,12]
Ja, ihr habt wohl eine solche geistig-optische Vorrichtung in euch, aber
diese fängt erst dann an wirksam zu werden, wenn ihr des Weltlichtes völlig
ledig werdet. Die Welt muß eher in die volle Finsternis übergehen, bevor das
Licht des Geistes seine getragenen Bilder in eurem Geiste wohlbeschaulich
abgibt. Eure eigenen Träume geben euch davon einen gültigen Beweis, und die
Gesichte der Verzückten oder, nach eurem Ausdruck, der Somnambulen liefern
einen noch haltbareren und klareren Beweis. [Ste.01_032,13]
Diese Vorerinnerung war notwendig, und so können wir zu den betreffenden
Andeutungen über diese Worte am Kreuz übergehen. [Ste.01_032,14]
„Weib, siehe deinen Sohn!“ und: „Sohn, siehe deine Mutter!“ heißt tiefer
soviel als: „Du Welt, siehe des Menschen Sohn, und du Menschensohn, siehe an
die Welt, und richte sie nicht, sondern erweise ihr Liebe!“ [Ste.01_032,15]
Tiefer gesprochen: „Du göttliche Weisheit, neige dich hin zu deinem ewigen
Urgrunde, und du, ewiger Urgrund, siehe an und nimm auf zur Einswerdung
deinen ausstrahlenden Sohn!“ [Ste.01_032,16]
Weiter: „Du Eine, die du einst das Allerheiligste trugst, siehe an den Tod
deines Werkes, und Du Getöteter, so Du auferstehen wirst, gedenke der, die
einst das Allerheiligste, das Licht der ewigen Liebe nämlich, trug!“ [Ste.01_032,17]
Sehet, in diesen kurzen Andeutungen liegt die unendliche Tiefe, die kein
geschaffenes Wesen je völlig erfassen wird, weil der Inhalt dieser Tiefe an
und für sich schon unendlich ist und sich dazu noch in einem jeden Augenblick
verunendlichfältigt. [Ste.01_032,18]
So viel aber sagte Ich euch darüber darum, auf daß ihr daraus ersehen sollet,
daß Derjenige, der solches vom Kreuze herab geredet hat, mehr war als nach
der Meinung vieler ein bloß einfacher israelitischer Delinquent unter dem
Scharfgerichte Roms, weil Er als ein Volksaufwiegler und Rebell gegen Rom
angeklagt ward. [Ste.01_032,19]
Das ist demnach der tiefere geistige Sinn. Ihr aber bleibet für euch bei dem
natürlichen Testament! Denn auch ihr seid Meine Jünger, und die Armen der
Welt sind Meine Mutter. Und so sage Ich auch zu dieser Mutter: „Siehe, deine
Söhne!“ Und zu euch sage Ich: „Sehet, eure Mutter!“ [Ste.01_032,20]
Wahrlich, wenn ihr da tun werdet gleich dem Johannes, so sollt ihr auch
seinen Lohn haben ewig! Amen. 33. Kapitel –
„Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, da ihr euch zerstreuen
werdet, jeder an seinen Ort, und Mich allein lassen! Und Ich bin nicht
allein, denn der Vater ist mit Mir.“ (Johannes 16,32)
19. Februar 1844 abends [Ste.01_033,01]
„Siehe, es kommt die Stunde und ist schon gekommen, da ihr euch zerstreuen
werdet, jeder an seinen Ort, und Mich allein lassen! Und Ich bin nicht
allein; denn der Vater ist mit Mir.“ [Ste.01_033,02]
Dieser Text besagt, was soeben vor euren Augen allenthalben offenkundig liegt
und schon nach Meiner Auffahrt da war. Also ist denn auch dieser Text einer
von den leichtesten, indem sein Sinn allenthalben mit Händen und Füßen
zugleich zu greifen ist. [Ste.01_033,03]
Nur solches muß hier bemerkt werden, welch ein Unterschied darin liegt
zwischen dem, so es hie und da heißt: „Es kommt die Zeit ...“, oder so es
heißt: „Es kommt die Stunde ...“. Unter der ‚Zeit‘ wird ein verzüglicher Termin verstanden, welcher kommen wird unter
einem unbestimmten ‚Wann‘. Unter der ‚Stunde‘ aber wird ein alsogleich eintretender
Erfolgstermin der Aussage bezeichnet. [Ste.01_033,04]
Hier und da dürftet ihr auch bei diesem Texte die Zeit anstatt der Stunde
finden. Dann ist es aber falsch; denn es muß heißen: „Es kommt die Stunde
...“ – und das darum, weil da sogleich der Erfolg nach dieser prophetischen
Aussage eintraf. [Ste.01_033,05]
Was wird denn unter dieser Zerstreuung verstanden? Etwa das persönliche
Auseinandergehen Meiner Jünger und Apostel, und zwar ein jeglicher an einen
andern Ort? O nein! Das war ja ihre Bestimmung, und zu dem habe Ich sie
berufen, daß sie ausgehen sollen in alle Lande und predigen das Evangelium
aller Kreatur. [Ste.01_033,06]
Wäre es nicht unsinnig gewesen von Mir, so Ich ihnen aus ihrem Berufe eine
üble Prophezeiung hätte machen wollen? Denn auf diese Weise hätten sich die
berufenen Austräger Meines Wortes, um nicht Übles zu tun, fortwährend in
einem Haufen zusammen aufhalten müssen wie allenfalls in eurer Zeit so manche
Orden, die in ihrer Wesenheit ebensowenig Ersprießliches für die Menschheit leisten
wie ein Haufen Meteorsteine im Grunde des Meeres, welche auch den, der sie
ins Meer stürzen sieht, großartige und furchtbare Wirkungen ahnen lassen;
wenn sie aber einmal den ruhigen Grund des Meeres erreicht haben, so ruhen
sie wirkungslos da und dienen höchstens einigen gefräßigen Polypen zur
Unterlage. [Ste.01_033,07]
Also von einer persönlichen und örtlichen Zerstreuung ist in dieser
Vorhersage nicht die allerleiseste Spur vorhanden, wovon aber auch schon der
Text selbst zeugt, da es heißt: „Wenn ihr Mich aber auch verlassen werdet, da
werde Ich dennoch nicht allein sein; denn der Vater ist in Mir.“ [Ste.01_033,08]
Urteilet nun selbst: Kann Mich persönlicher und örtlicherweise jemand
verlassen? Wohin wohl sollte er gehen, daß er Mir ferner oder näher zu stehen
komme? Wo wird er wohl weiter von Mir sein, ob er ist in Südamerika oder in
Nordasien? Ich meine, das wird für Mich, den Allgegenwärtigen, doch ganz
sicher so ziemlich einerlei sein. Also von einer persönlichen und örtlichen
Zerstreuung ist hier, wie schon gesagt, keine Rede. [Ste.01_033,09]
Was für eine Zerstreuung wird denn aber hier gemeint? Sehet hin auf die
Sekten, die gegenwärtig vor euren Augen existieren und schon zu Meinen
Lebzeiten unter den Aposteln kleinspurlich vorhanden waren, – aus welchem
Grunde Ich auch diese Vorhersage gemacht habe. Und wenn ihr auf die Debatten
zwischen Meinen zwei ersten Aposteln blicket, es euch um so klarer werden
muß, was unter dieser Zerstreuung bezeichnet ward, und ihr werdet es, wie
anfangs bemerkt, mit Händen und Füßen begreifen können, von welcher
Zerstreuung Ich da Meinen Aposteln und Jüngern eine Vorsage gemacht habe. [Ste.01_033,10]
In wenigen Jahrhunderten nach Meiner Auffahrt war die Zerstreuung schon so
groß, daß da niemand mehr recht wußte, wer da Koch und Kellner ist. Man mußte
zu großartigen Konzilien schreiten, blieb aber nach dem Konzil so, wie vor
demselben, zerstreut. [Ste.01_033,11]
Wie es jetzt aussieht, brauche Ich euch doch sicher nicht zu zeigen; denn, wo
ihr nur immer hinblickt, werdet ihr die Zerstreuung entdecken. [Ste.01_033,12]
Es heißt: „Ein jeglicher an seinen Ort.“ Das besagt soviel als: „Eine jede
Sekte hält sich für die beste und reinste.“ Bin Ich aber darum allein? O
nein! Der Vater ist ja in Mir, oder die erste Liebe. [Ste.01_033,13]
An der Liebe erkenne Ich die Meinigen, aber nicht an der Sekte! Wer Mich
liebt und hält Mein Wort, der hat die Liebe des Vaters in sich, wie Ich den
Vater habe in Mir, und der ist Eins mit Mir, wie Ich Eins bin mit dem Vater!
Darum bin Ich nicht allein; denn wie der Vater in Mir ist, so bin Ich in
einem jeden, und ein jeder ist also in Mir, der Mich liebt und Mir nachfolgt. [Ste.01_033,14]
Da gibt die Sekte keinen Unterschied, und verflucht sei derjenige, der
vorzugsweise aus weltlichen Rücksichten eine Sekte vor der andern bevorzugt!
Denn in keiner Sekte ist Wahrheit und Leben; alles wird auf den Zwangsglauben
und auf den Überredungsglauben, der um kein Haar besser ist, angelegt. Frage:
Wo bleibt da der freie Mensch? [Ste.01_033,15]
Wann habe Ich je jemanden zum Glauben genötigt? Ich ließ es einem jeden frei.
Wem Meine Werke nicht genügten und seine eigene innere Überzeugung, der ward
durch kein anderes Mittel gezwungen; denn Ich habe Meine Lehre nicht für den
Glauben, sondern nur für die Tat gegeben. [Ste.01_033,16]
Ich habe nicht gesagt: „Wer Mir glauben wird, aus dessen Lenden werden die
Ströme lebendigen Wassers fließen!“, sondern Ich habe gesagt: „Wer nach
Meinem Worte handeln wird, der wird es erfahren, ob Meine Lehre von Gott oder
von Menschen ist!“ [Ste.01_033,17]
Was hätte aber auch eine Aufforderung zum Glauben genützt? Denn so viel mußte
Ich denn doch voraussehen, daß ein und dasselbe Licht die Gegenstände, dahin
es fällt, also verschieden beleuchtet, wie verschieden die Gegenstände selbst
sind. [Ste.01_033,18]
Also ist auch das Licht des Glaubens! Je nachdem es auf ein verschieden
gefärbtes menschliches Gemüt fällt, also muß es dasselbe auch beleuchten.
Eine Forderung aber, daß ein und dasselbe Licht von all den tausendfarbigen
Gemütern vollkommen weiß nur zurückstrahlen soll, ist daher doch sicher die
größte Torheit. [Ste.01_033,19]
Die Wirkung des Lichtes muß ja verschieden sein; aber die Wirkung der Liebe
bleibt dieselbe, wie an und für sich die Wärme nur eine Wirkung hat, nämlich:
sie erwärmt das Rot auf dieselbe Weise wie das Blau, und alles kann glühend
gemacht werden, und die Farbe der wahren lebendigen Liebesglut ist ewig eine
und dieselbe, und ein glühendes Gold unterscheidet sich nicht von einem
glühenden Stück Eisen. [Ste.01_033,20]
Seht, das ist die Bedeutung dieses Textes! Zerstreuet euch daher nicht,
sondern bleibet in der Liebe, so werdet ihr leben! Amen. 34. Kapitel – „Wer
an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme des
lebendigen Wassers fließen.“ (Johannes 7,38)
21. Februar 1844 abends [Ste.01_034,01]
„Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden, wie die Schrift sagt, Ströme
des lebendigen Wassers fließen.“ [Ste.01_034,02]
Dieser Text ist gegeben wie eine Mausefalle und ist gemacht wie eine Grube,
in die man Löwen, Panther und Tiger fängt; auch ist er wie ein Eckstein, über
den gar viele in der Nacht stolpern und zerfallen sich gewaltig. Und Ich
sage: Wer sich daran stößt und fällt, der wird viel Mühe haben, um wieder
aufzustehen. [Ste.01_034,03]
Warum das? Ich gebot ja doch hie und da den Glauben und predigte allenthalben
die Liebe durch Tat und Worte. Ich sagte: „So ihr Glauben hättet, möget ihr
Berge versetzen!“ [Ste.01_034,04]
Ich sagte auch, was der gegenwärtige Text anzeigt; und dennoch sage Ich wieder:
Ich sagte nicht, was der Text anzeigt; denn Ich sagte: „Seid Täter und nicht
alleinige Hörer Meines Wortes!“ [Ste.01_034,05]
Also sagte Ich auch, daß diejenigen, die zu Mir „Herr, Herr!“ sagen, also an
den Sohn Gottes glauben, nicht werden in das Himmelreich eingehen, sondern
allein nur, die den Willen Meines Vaters tun! [Ste.01_034,06]
Also sagte Ich auch: „Wer nach Meinem Worte lebt, der ist es, der Mich liebt;
wer Mich aber liebt, zu dem werde Ich kommen in aller Fülle und werde Mich
ihm Selbst offenbaren!“ [Ste.01_034,07]
Also sagte Ich auch: „Nur ein einziges Gebot gebe Ich euch, daß ihr euch
untereinander liebet, also wie Ich euch liebe! Daran wird man erkennen, daß
ihr wahrhaft Meine Jünger seid.“ [Ste.01_034,08]
Nun frage Ich: Was soll denn der Mensch tun? Soll er sich einerseits bloß
begnügen mit dem Glauben, der angeraten ist für sich, oder soll er bloß sich
an die Liebe halten und nichts glauben, als was ihm die Liebe zu Mir gibt,
die er sich durch die Tätigkeit nach Meinem Worte zu eigen gemacht hat? [Ste.01_034,09]
Denn die Liebtätigkeit habe Ich ja Selbst als das einzig geltende Kriterium
angeführt, dadurch man erkennen kann, ob Meine Lehre menschlich oder göttlich
ist; denn Ich sagte es ja: „Wer nach Meinem Worte handeln wird, der wird es
erkennen, ob Meine Lehre von den Menschen oder von Gott ist!“ [Ste.01_034,10]
Wie heißt es denn hernach hier: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe oder
Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“? Das lebendige Wasser
bezeichnet aber ja auch die lebendige Weisheit aus den Himmeln, welche doch
auch als ein sicheres Kriterium über die Göttlichkeit Meines Wortes gelten
muß! [Ste.01_034,11]
Und so hätten wir hier zwei Prüfungsgründe vor uns, wo der eine immer in dem
andern seinen Gegner findet. Denn unter dem „Herr, Herr!“-Sagen wird auch der
vollkommene Glaube an den Menschensohn verstanden; aber da heißt es, daß
dieser Glaube das Himmelreich nicht erwirken wird, – und im vorliegenden
Texte werden auf den alleinigen Glauben Ströme des lebendigen Wassers
verheißen. [Ste.01_034,12]
Nun fragt es sich: War Ich ein Doppellehrer? Oder war Ich einer, der bei
jeder Gelegenheit den Mantel nach dem Winde gedreht hat, und habe bei
Gelegenheit einer gläubigen Gesellschaft vom alleinigen Wert des Glaubens und
bei einer tätigen Gesellschaft vom alleinigen Wert der Tätigkeit gepredigt?
Auf diese Weise mußte Ich ja in Mir Selbst im offenbarsten Widerspruche
stehen. [Ste.01_034,13]
Die Pharisäer glaubten ja eisenfest an die Satzungen Mosis, und das aus
zeitlichen und einst auch geistigen Rücksichten, und dennoch wurden sie
sämtlich von Mir ihres Unglaubens willen zu öfteren Malen auf das
allerempfindlichste angegriffen. [Ste.01_034,14]
Warum begnügte Ich Mich hier nicht mit ihrem ersten Glauben, und warum griff
Ich sie an, daß sie an Mich nicht glauben wollten, und wurden von Mir ‚Täter
des Übels‘ genannt, weil sie im buchstäblichen Sinne lebten nach dem Gesetze
und wollten sich nicht kehren an Meine Lehre? [Ste.01_034,15]
Warum ließ Ich den das Gesetz allzeit erfüllenden Pharisäer ungerechtfertigt
und den mit Sünden belasteten Zöllner gerechtfertigt aus dem Tempel ziehen? [Ste.01_034,16]
Warum überhaupt respektierte Ich denn nicht die Satzung Mosis, daß Ich darum
nicht achtete des Sabbats? Warum ärgerte Ich Selbst dadurch die Pharisäer und
lehrte Selbst: „Wehe dem, der seinen Nächsten ärgert!“? [Ste.01_034,17]
Ja, Ich gab sogar eine Lehre, laut welcher ein Mensch ein Glied, das ihn
ärgert, von sich entfernen solle und solle lieber verstümmelt ins Himmelreich
als geraden Wesens in die Hölle eingehen. Saget hier: Wie verhält sich alles
dieses? Ein ganzer Haufen von Widersprüchen liegt vor euch; wie werdet ihr
alle diese Widersprüche übereinbringen? [Ste.01_034,18]
Ich sage euch: Aus euch selbst möchtet ihr aus diesem Labyrinthe wohl nimmer
den Ausweg finden; Ich aber will hier, gleich dem Helden Mazedoniens, den
Knoten mit einem leichten Hiebe entwirren. Und so höret denn! [Ste.01_034,19]
Es ist ein Unterschied zwischen dem, was Ich nur sagte, und dem, was Ich
anbefohlen habe. Es liegt aber auch ein Unterschied zwischen dem Sagen und
Sagen: das eine Sagen ist wie ein verneinendes und das andere wie ein
bejahendes. Ein verneinendes ist gleich wie ein naturmäßiges, – ein
bejahendes gleich wie ein geistiges. In dem naturmäßigen liegt kein Gebot,
aber in dem geistigen liegt ein Gebot. [Ste.01_034,20]
Darum, wenn es heißt: „Ich sagte nicht“, so heißt das soviel als: „Ich habe
es nicht geboten“; und wenn es heißt: „Ich sagte es“, so heißt das soviel
als: „Ich habe es geboten.“ [Ste.01_034,21]
Wenn Ich aber vom Glauben sprach, so verstand Ich darunter allzeit den
lebendigen, also mit Liebe gepaarten Glauben; aber einen Glauben für sich
allein verwarf Ich allzeit. [Ste.01_034,22]
Darum sagte Ich euch auch letzthin: „Ich sagte nicht: ‚Wer glaubt an den
Menschensohn, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers
fließen!‘“ Das ist soviel als: „Niemand wird durch den alleinigen Glauben zum
Lichte gelangen, sondern allein durch die Tat nach Meinem Worte!“ [Ste.01_034,23]
Wie Ich aber hier sage: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe werden Ströme
des lebendigen Wassers fließen!“, da sage Ich soviel als: „Wer einen
lebendigen, also mit Liebe gepaarten Glauben hat, der wird in die Weisheit
der Himmel eingeführt werden; und so ihr nur einigermaßen denken könnt, so
werdet ihr leicht ersehen, daß damit nur der Himmel unterster Grad verheißen
ist. [Ste.01_034,24]
Daß aber auf den lediglichen Glauben gar kein
Himmelsgrad verheißen ist, das lehrt euch eure eigene Erfahrung. Denn ihr
habt ja auch von Kindheit an geglaubt an Mich; fraget euch aber selbst, wie
viele Tropfen irgendeines lebendigen Wassers darum aus eurem Leibe geflossen
sind. Habt ihr es durch euren vierzig Jahre alten Glauben dahin gebracht, daß
ihr in euch zufolge irgendeines lebendigen Wassertropfens die Unsterblichkeit
eures inneren Wesens vollkommen evident gefunden hättet? [Ste.01_034,25]
Ich habe euch jetzt schon so viel des allerechtesten lebendigen Wassers
zukommen lassen, und noch seid ihr in so manchem über euer inneres
Fortbestehen nach dem Tode des Leibes nicht im reinen. Ich aber bin doch kein
Lügner; Ich habe auf den Glauben Ströme des lebendigen Wassers verheißen. Wo
sind sie denn bei euch Gläubigen? [Ste.01_034,26]
Aus dieser eurer eigenen Erfahrung aber könnt ihr ja hinreichend abnehmen,
daß Ich als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst im vorliegenden Texte
unmöglich den alleinigen Glauben habe verstehen können, sondern nur den allen
Meinen Jüngern wohlbekannten, mit der Liebe zu Gott und dem Nächsten
gepaarten. [Ste.01_034,27]
Denn der alleinige Glaube für sich kann ebensowenig Ersprießliches zum ewigen
Leben wirken, als wie wenig ein Ehegatte mit und aus sich selbst Kinder zu
zeugen vermag. Er muß sich vermählen mit einer Gattin und kann erst im Brande
seiner Liebe Kinder zeugen mit der Gattin. [Ste.01_034,28]
Die Kinder sind in naturmäßiger Bedeutung gleich entsprechend den Strömen des
lebendigen Wassers aus den Lenden des Leibes. Zudem besagt eben der ‚Leib‘
oder die ‚Lenden‘ in diesem Text als ein materielles Bild die Liebtätigkeit
selbst, und der ganze Text lautet im enthüllten Zustande also: „Wer in seinem
Herzen auf Mich hält, dessen Tätigkeit wird ersprießlich sein zum ewigen
Leben!“ [Ste.01_034,29]
Aus dieser höchst klaren Bedeutung aber geht ja doch auch höchst klar hervor,
daß Ich vom alleinigen Glauben allzeit nur verneinend, aber nie bejahend
gesprochen habe; denn sonst hätte Ich Mir ja offenbar vor den Augen und Ohren
aller Welt auf das allerschmählichste widersprochen. [Ste.01_034,30]
Wenn demnach irgendwo in Meinem Worte vom Glauben die Rede ist, da ist
derselbe allzeit also zu nehmen, als wenn ihr von einer Börse redet. Wer da
sagt: „Ich habe ihm meine Börse gegeben!“, da versteht sich das ‚gefüllt‘ von
selbst; denn mit einer leeren wird wohl niemand in etwas gedient sein. Also
ist es auch, von Meiner Seite aus betrachtet, mit dem Glauben der Fall. Ich
verstehe darunter nie den leeren, sondern allzeit den mit Liebe gefüllten. [Ste.01_034,31]
Darum sage Ich noch einmal: Ich sagte nicht: „Wer an Mich glaubt, aus dessen
Leibe oder Lenden werden Ströme des lebendigen Wassers fließen!“, – sondern
Ich sagte: „Wer an Mich glaubt, aus dessen Leibe oder Lenden werden Ströme
des lebendigen Wassers fließen!“ [Ste.01_034,32]
Im ersten Verneinungsfalle wird bloß der leere Glaube verstanden, der nie
auch nur den kleinsten Tropfen des lebendigen Wassers gibt; im zweiten Falle
aber wird der gefüllte Glaube verstanden, dem dann freilich die Ströme des
lebendigen Wassers folgen, und es ist das, wo Ich darauf bejahend sage: „Wer
den Willen Meines Vaters tut, der wird es erkennen, woher die Lehre ist!“ [Ste.01_034,33]
Der Vater aber ist die Liebe, und diese begnügt sich nie mit einem luftigen
Schein, sondern ganz allein nur mit dem wirklichen Sein. Was nützt euch des
alleinigen Glaubens mattester Laternenschimmer in dem unendlichen
Schöpfungsgebiet? Du magst greifen hin und her und blicken auf und ab: matte
Strahlen nur kommen dir entgegen; aber ferne sind diejenigen Dinge, von denen
du von weiter Ferne her nichts als matte Strahlen empfängst. Denn dem
Schlafenden genügt wohl der Traum. Er hält ihn so lange für Wirklichkeit, als
er schläft; wenn er aber erwacht, da sucht er Wirklichkeit und Bestimmtheit
überall. [Ste.01_034,34]
Wie aber, wenn der Mensch sein ganzes irdisches Leben hindurch schläft und
hält die Traumgebilde für Wirklichkeiten? Was wird sein, wenn er nach der
Ablegung seines Leibes aus solch einem irdischen Traumleben erwacht? Wonach
wird er greifen? An was wird er sich halten? Von allen Seiten wird er mit Nacht
umlagert sein; woher wird er das Licht nehmen, um die wirreste
Nacht um sich zu erleuchten? [Ste.01_034,35]
Ich sage darum: es ist besser für den, der sich hier in allerlei Zweifel
gefangengenommen fühlt, denn der bekundet, daß er einen wachen Geist hat, der
sich aber noch in der Nacht befindet. Er hat die Nichtigkeit der Traumbilder
frühzeitig erfahren und ruft mit großer Sehnsucht den Tag in sich. [Ste.01_034,36]
Aber der Träumer weiß nichts von der eigenen Nacht; er ist ein Herr, tut, was
er will, ißt und trinkt und meint, alles das sei Wirklichkeit. Wenn er aber
erwachen wird, dann erst wird er der großen Leere in sich gewahr werden; aber
freilich leider zu spät. Denn wenn der Glaube, der gefüllte nämlich, nicht
bei Leibesleben Ströme des lebendigen Wassers aus den Lenden bewirkt, wie
soll er es hernach bewirken, wenn die Lenden abgefallen sind? [Ste.01_034,37]
Oder so jemand kein Geld in der dazu geeigneten Börse erhalten kann, wie wird
er es denn erhalten, wenn er keine Börse und kein Geld hat? Oder wenn jemand
das Leben nicht erhalten kann, wenn er es hat samt dem dazu nötigen
Lebenssacke, wie wird er es denn erhalten, wenn er des Sackes samt dem Leben
ledig wird? [Ste.01_034,38]
Wer nicht sein kann, wenn er ist, – wie wird er denn sein, wenn er nicht ist?
Es wird aber nur dem gegeben, der es hat, und der nichts hat, dem wird auch
genommen, was er hat! [Ste.01_034,39]
Ich meine, diese ziemlich gedehnte Erklärung dürfte wohl klar genug sein.
Trachtet daher auch ihr nach dem gefüllten Glauben; denn der leere ist nichts
als ein purer Traum. Wollt ihr Ströme des lebendigen Wassers aus euren Lenden
fließen sehen, da muß euer Glaube durch die Werke der Liebe lebendig werden!
Amen. 35. Kapitel –
„Solches habe Ich zu euch geredet, auf daß ihr Frieden habet in Mir. In der
Welt werdet ihr Bedrängnis haben; aber vertrauet, Ich habe die Welt
überwunden!“ (Johannes 16,33)
23. Februar 1844 abends [Ste.01_035,01]
„Solches habe Ich zu euch geredet, auf daß ihr Frieden habet in Mir. In der
Welt werdet ihr Bedrängnis haben; aber vertrauet, Ich habe die Welt
überwunden!“ [Ste.01_035,02]
Dieser Text gehört wieder zu denjenigen, die sehr durchsichtig sind und
jedermann den geistigen Sinn schon in dem Buchstaben auf den ersten Griff
ertappen kann. Ich will euch daher den Sinn dieses Textes alsogleich mit
wenigen Worten dartun, und ihr werdet in diesen wenigen Worten erkennen den
vollkommen richtigen geistigen Sinn dieses Textes; und so höret! [Ste.01_035,03]
Alles das, was Ich eben jetzt zu euch rede, ist auch von dieser Art, daß es
euch in jeder Lage eures Lebens den wahren, inneren Herzensfrieden in der
Liebe zu Mir geben muß, wenn ihr eben dieses Gesagte nur einigermaßen
werktätig beachtet. [Ste.01_035,04]
Die Welt möchte euch auch bedrängen von allen Seiten; aber sie kann es nicht,
weil sie von Mir überwunden ist. So ihr aber durch eure Liebe Mich in euch
habet, so habet ihr ja auch den ewigen Überwinder der Welt in euch. Die Welt
aber hat Meine Macht erfahren; daher darf und kann sie dem kein Haar krümmen,
der wahrhaftig Meinen Frieden in seinem Herzen birgt. [Ste.01_035,05]
Sobald aber jemand sich aus diesem Frieden erheben will und wirft selbst der
Welt den Handschuh zum Kampfe hin, der hat sich's dann nur selbst
zuzuschreiben, wenn er von der Welt gefangengenommen und mißhandelt wird. Wer
aber wahrhaftig bleibet in Meinem Frieden, der ist geborgen für die Ewigkeit,
und kein weltlicher Hauch wird ihm je ein Haar krümmen. [Ste.01_035,06]
Es wird hier freilich mancher sagen: „O Herr! Siehe, die Apostel und Deine
Jünger und so viele der ersten Christen und auch in der späteren Zeit eifrige
Streiter um das reine Evangelium sind zu Märtyrern geworden, und die Welt hat
sich schändlichst grauenhaft an diesen von Deinem
Frieden Erfüllten gerächt. Warum, o Herr, hat sie Dein Friede nicht geschützt
vor den Krallen der Welt? Denn Du hast doch Selbst geredet vor Deinem Leiden,
daß der Fürst der Welt gerichtet ist. Wie mochte dann der Gerichtete wohl
Gewalt haben, die Welt gegen Deine Friedensträger also grauenhaft zu
entrüsten?“ [Ste.01_035,07]
Diese Frage ist eitel genug, und wer nur einigermaßen in der Geschichte
bewandert ist, der wird es klar finden, daß alle die Märtyrer von den
Aposteln angefangen bis in die späteren Zeiten abwärts nicht durch
irgendeinen Zwang oder durch irgendeine zulässige Bestimmung von Mir, sondern
freiwillig aus einem Liebeheroismus in den Martertod darum gegangen sind,
weil Ich, ihr Meister, Selbst gekreuzigt ward. [Ste.01_035,08]
Ich sage euch: Ein jeder Märtyrer hätte auch, ohne ein Märtyrer zu werden,
Mein Evangelium ausbreiten können. Aber die Ausbreiter kannten Mich, hatten
das ewige Leben vor Augen, und so hatten sie denn auch keine große Lust,
lange in der Welt umherzugehen, sondern konnten den Zeitpunkt kaum erwarten,
in dem ihnen ihr Fleisch abgenommen würde, auf daß sie dahin gelangen
möchten, wohin Ich vorangegangen bin. [Ste.01_035,09]
Johannes aber hatte die größte Liebe zu Mir; darum scheute er die
Verfolgungen der Welt nicht und wollte sie lieber bis auf den letzten Tropfen
verzehren, als daß er Mir von seiner bestimmten irdischen Lebenszeit etwas
gewisserart abgebettelt hätte. Er war somit mit Meiner Ordnung vollkommen
zufrieden, während viele andere Bettler waren und sich lieber die
schmählichsten Leibesmartern wollten gefallen lassen, als noch einige Jahre
länger zu wirken für Mein Reich. [Ste.01_035,10]
Da aber bei Mir ein jeder das haben kann, um was er ernstlich und vollgläubig
bittet, so konnte Ich ja doch auch nicht bei diesen ersten Zeugen Mein Wort
zurücknehmen, das da spricht: „Um was immer ihr Mich bitten werdet, das werde
Ich euch geben!“ [Ste.01_035,11]
Aus dieser Beleuchtung geht nun klar hervor, daß Mein Wort der Blutzeugen
nicht bedurfte; denn Ich habe ja den Einen ewig gültigen Zeugen, Meinen
Heiligen Geist Selbst allen denen verheißen, die Meine Lehre annehmen und
nach derselben leben werden. Und dieser Zeuge ist der bleibende, während das
Blut der ersten Märtyrer schon lange für alle späteren Zeiten sogar
geschichtlich spurlos geworden ist. [Ste.01_035,12]
Wenn aber dieser Geist ein ewiger Zeuge ist, wozu sollte Ich die
Blutzeugenschaft Meiner Nachfolger verlangen? Wer selbst ein Blutzeuge werden
will, der soll es auch werden; aber es glaube ja niemand, daß er Mir dadurch
einen Dienst erweist, sondern ein jeder, der das tut, der tut es zum eigenen,
aber nicht zu Meinem Vorteile! [Ste.01_035,13]
Es ist, als so ein Vater zu seinen Kindern, deren Kleider noch gut sind, sagete: „Ich werde euch gar herrliche neue Kleider geben,
so ihr diese zuvor abgetragen habt!“ Einige Kinder aber lassen sich von der
Hoffnung und Vorliebe zu den neuen Kleidern verleiten und schonen die alten
Kleider nicht im geringsten mehr. Wenn die Kleider bald schleußig
sind, da schafft ihnen der Vater freilich die verheißenen; aber einige dieser
Kinder, die den Vater mehr lieben als die Kleider, schonen weise die alten,
um den Vater nicht vor der Zeit in die Unkosten zu sprengen. [Ste.01_035,14]
Obschon aber bei Mir von gewissen Unkosten keine Rede sein kann, so sind aber
dabei andere Unkosten, nämlich die einer kleinen Bewerkstelligung einer
Unordnung zu berücksichtigen. Denn Ich habe jedem Menschen aus Meiner Ordnung
ein bestimmtes Lebensziel gesetzt, und dieses besteht nicht im Schwerte, noch
im Feuer; denn der Tod durch Schwert und Feuer ist ein Gericht. Wer aber sonach
in was immer Meiner Ordnung eigenwillig und eigenmächtig vorgreift, der muß
sich dann freilich insoweit ein kleines Gericht gefallen lassen, insoweit er
Meiner gesetzten Ordnung vorgegriffen hat. [Ste.01_035,15]
Daniel wollte nicht sterben; darum ward er erhalten in der Löwengrube und
desgleichen die Jünglinge im Feuerofen, und mehrere ähnliche Beispiele. Und
sehet, ihnen allen ward kein Haar gekrümmt, und gar vielen Tausenden Meiner
Liebhaber ward ebenfalls kein Haar gekrümmt, weil sie die Kraft Meines
Friedens in ihrem Herzen ungestört erhielten. Aber ein jeder, der sich über
diesen Frieden hinausschwingen wollte, der mußte dafür aber auch den
Unfrieden der Welt verkosten. [Ste.01_035,16]
Man wird freilich auch hier sagen: „Wenn also, da ist es ja am besten, die
Welt Welt sein zu lassen in all ihrem schändlichen
Getriebe, und ein jeder Bessere lebe ganz unbekümmert um die Welt in seinem
Frieden fort; und wenn es alle also machen, wird da die Welt nicht bald bis
zu den Sternen mit Greueln angefüllt sein?“ [Ste.01_035,17]
Gut, sage Ich, berechnet das zurück! Seit den Zeiten der Apostel hat es doch
sicher eine Unzahl Eiferer gegeben, die gewisserart mit glühendem Schwerte in
der Hand die Welt bessern wollten. Ströme von Blut wurden vergossen. Fraget
euch selbst, mit welchem Erfolg? Blicket dann in die Welt hinaus, und sie
wird euch von allen Seiten her die sonnenklare Antwort geben. [Ste.01_035,18]
Bis auf eure Zeit sollte die große Zahl der Eiferer doch einen solchen
Nachruf hinterlassen haben, daß ihm zufolge die ganze Welt offenbar ein
Paradies sein müßte, und dennoch ist die Welt eben in dieser eurer Zeit
zehnmal schlechter, als sie zu den Zeiten Noahs war! [Ste.01_035,19]
Warum sagte denn David: „O Herr, wie gar nichts sind alle Menschen gegen
Dich, und alle Menschenhilfe ist kein nütze!“? – David sagte das, weil er
Mich kannte; ihr aber redet anders, weil ihr Mich nicht also kennet, wie Mich
David gekannt hat! [Ste.01_035,20]
Meinet ihr denn, Ich weiß nicht, was die Welt tut, und sei etwa zu lau, um
die Welt für ihre Untaten zu züchtigen? Ich sage euch: Glaubet etwas anderes,
und überlasset die Leitung der Welt Mir! [Ste.01_035,21]
Wer das Schwert zieht, der kommt auch durch das Schwert um. Mit offener
Gewalt wird nie jemand etwas ausrichten gegen die Welt; denn wo die Welt
Gewalt sieht, da begegnet sie derselben wieder mit Gewalt, und auf diese
Weise würgt fortwährend ein Volk das andere. [Ste.01_035,22]
Wer aber die Welt bekämpfen will, der muß sie mit heimlichen Waffen
bekämpfen, und diese Waffen sind Meine Liebe und Mein Friede in euch! Jeder
aber muß zuerst mit diesen Waffen die eigene Welt in sich besiegen, dann erst
wird er eben diese Waffen allzeit siegreich gegen die Außenwelt gebrauchen
können. [Ste.01_035,23]
Wahrlich, wer nicht innerlich ein Meister der Welt ist, der wird es äußerlich
um so weniger werden! Jeder aber, der in sich noch einen fluchähnlichen
Feuereifer verspürt, der ist noch nicht fertig mit seiner eigenen Welt; denn
dieser Eifer rührt noch von dem geheimen Zweikampf zwischen Meinem Frieden
und der Welt im Menschen her. [Ste.01_035,24]
Denn die Welt ist's, die da eifert und richtet und Feuer vom Himmel ruft, um
sich dadurch listigerweise für Meine Sache zu maskieren; Mein Geist aber und
Mein Friede eifert nicht, sondern wirkt mächtig im stillen nur und gänzlich
unbemerkt von aller Welt und hat kein anderes Außenschild als die Werke der
Liebe und in der Erscheinlichkeit die Demut. Wegen der wahren Liebe und Demut
aber ist Meines Wissens seit Meinem Johannes noch nie jemand von der Welt
gerichtet worden. [Ste.01_035,25]
Sehet, darin also besteht der wahre innere Friede und darin auch derjenige
mächtige Sieg über die Welt, den Ich Selbst erfochten habe! Beachtet demnach
diese Erklärung, so werdet ihr die Welt in euch und jede andere allzeit und
ewig besiegen durch Meinen Namen und durch Meinen Frieden! Amen. 36. Kapitel – „Als
Er das Buch zugerollt hatte, gab Er's dem Diener und setzte Sich. Und die
Augen aller in der Synagoge waren auf Ihn gerichtet.“ (Lukas 4,20)
26. Februar 1844 abends [Ste.01_036,01]
„Als Er das Buch zugerollt hatte, gab Er's dem Diener und setzte Sich. Und
die Augen aller in der Synagoge waren auf Ihn gerichtet.“ [Ste.01_036,02]
Meine lieben Kinder! In diesem Texte wird bloß eine natürliche Aktion
dargestellt, die auf das frühere Werk des Vorlesens des Propheten Jesajas
notwendigerweise folgen mußte. Da aber in jeder Tat des Herrn ein innerer und
allerinnerster Grund liegt, so liegt auch in dieser höchst natürlich
scheinenden Bewegung ein solcher Grund; und in diesem Grunde muß ebenfalls
wieder ein untrügliches Kriterium liegen, durch welches die volle
Göttlichkeit Christi und somit auch aller Seiner Handlungen für alle Zeiten
und für alle Ewigkeit beurkundet wird. [Ste.01_036,03]
Daß solches richtig ist, wollen wir sogleich durch eine kleine Betrachtung
und Vergleichung dieses Textes mit den darauffolgenden Zeitverhältnissen so
klar als nur möglich vor jedermanns Augen führen. Und so höret denn! [Ste.01_036,04]
Jesus las aus dem Propheten in einer Synagoge stehend vor. – Was bezeichnet
dieses? [Ste.01_036,05]
Die ‚Synagoge‘ ist die Welt. Der Herr, der da aus dem Propheten stehend
vorliest, bezeichnet, daß Er allzeit wachend und alle Verhältnisse und
Geheimnisse überschauend Sein Wort der Welt nicht enthüllt, sondern verhüllt
im naturmäßigen Sinne gibt. Denn der ‚Prophet‘ bezeichnet das Verborgene in
dem Naturmäßigen; und der Herr aber zeigt, daß alles solches Verborgene
nirgends anders enthüllt anzutreffen ist und auch nirgends anders erfüllt ist
als nur in Ihm Selbst! [Ste.01_036,06]
Als der Herr das Buch gelesen hatte, da rollte Er es zu und übergab es dem
Diener; Er aber setzte Sich, und die Augen und Ohren aller waren auf Ihn
gerichtet. – Was besagt wohl dieses? [Ste.01_036,07]
„Der Herr rollt das Buch zusammen“ bezeichnet, daß Er auch für die Nachwelt
den geistigen Sinn des Wortes verschließt. „Dann übergibt Er das
zusammengerollte Buch dem Diener der Synagoge“, das besagt soviel: Er
übergibt die verborgene Weisheit dem, der in ihrem Tempel, welcher für die
Zukunft das Herz des Menschen ist, arbeitet. [Ste.01_036,08]
Darauf setzt Sich der Herr zur Ruhe, und aller Augen und Ohren sind auf Ihn
gerichtet. Dieser Akt ist vorbildend und entsprechend dem Zustande, welcher
sich seit der Auffahrt bis zu dieser Zeit in der Welt bei den Menschen
vorfindet, da der Herr auch für die Außenwelt ruht wie nach einer Arbeit. [Ste.01_036,09]
Vieler Augen und Ohren sind auf Ihn gerichtet; aber Er schweigt und läßt Sich
nicht erschauen wie in der Tätigkeit körperlich, sondern wie in Seinem Heiligtume
langmütig ruhend, mit den Augen des Glaubens nur. Warum denn also? Weil die
Menschen nur ihre Augen und Ohren, oder ihre Wißbegierde, nicht aber ihre
Herzen nach Ihm richten. [Ste.01_036,10]
Der Herr aber spricht dennoch ein wenig durch die Worte, da Er sagt: „Nun ist
es vor euren Augen erfüllt, was der Prophet gesprochen.“ – Sehet, das ist
soeben auch bei euch der Fall; denn nach der langen Ruhe ist Mein Geist auch
über euch gekommen, da ihr Ihn gesucht habet, und enthüllt euch das
zusammengerollte Buch, welches auch die Diener zu aller Zeit nur verhüllt in
ihren Gemächern aufbewahrt hatten. [Ste.01_036,11]
Diese Diener sind gleich demjenigen in naturmäßiger Bedeutung, dem das Buch
zusammengerollt übergeben ward. Es sind darunter zu verstehen alle
diejenigen, die ihr in was immer für einer Kirche mit dem Namen ‚Priester‘
bezeichnet. Diese Diener werden das Buch nicht enthüllt bekommen, solange sie
Diener der Synagoge sind. [Ste.01_036,12]
Aber ein jeder Mensch, wenn er ein rechter Diener ist in der wahren, neuen
Synagoge seines Herzens, bekommt auch zuerst das Buch zusammengerollt und
nicht enthüllt. So er aber in diesem Tempel ein getreuer Diener ist und fegt
und reinigt ihn und achtet die heilige Rolle, da kommt der Herr und setzt
Sich in dieser Synagoge, und es wird Ruhe und Friede werden in dieser
Synagoge. Und wenn allda aus allen Teilen des Herzens Aug' und Ohr auf den
Herrn gerichtet wird, da auch wird Er sagen: „Nun ist der Geist des Herrn
über dir, und es ist enthüllt und erfüllt die heilige Rolle in deiner
lebendigen Synagoge!“ [Ste.01_036,13]
Sehet, das ist der überklare Sinn dieses ganz unscheinbaren Textes! [Ste.01_036,14]
Ich sage euch: Es mag jemand trachten und forschen, wie er will, um zu
enthüllen diese Rolle; er mag alle Menschen, alle Geister und Engel fragen,
so wird er aber dennoch nichts erreichen, – denn Ich allein bin die Tür! [Ste.01_036,15]
Was nützt es dem Menschen, so er sich fragt: „Habe ich ein ewiges Leben in
mir?“ und darauf die Antwort erhält: „Das ewige Leben ist mir ein Rätsel, ein
Zweifel; nichts habe ich davon in mir als die Begierde nach demselben!“ [Ste.01_036,16]
Frage: Wem kann wohl dieser Trost genügen? Ist er nicht gleichbedeutend mit
jenem Philosophem, mit dem sich der Weltweise also tröstet: „Gibt es ein Fortbestehen
meines denkenden Ichs, so gewinne ich, – und gibt es kein Fortbestehen, so
gewinne ich auch; denn für das Nichtsein ist das Plus und Minus eine gleiche
Größe.“ [Ste.01_036,17]
Ich aber frage wieder: Wem wohl kann solch ein Trost genügen, der den Wert
des Lebens kennt? Kann's dem Lebendigen gleichgültig sein, ob er ist oder
nicht ist? Wie aber kann überhaupt ein Mensch, der da ist, das Nichtdasein
rühmen, da er ja doch unmöglich wissen kann, wie der Zustand des Nichtseins
irgend beschaffen ist?! [Ste.01_036,18]
Ein jeder aber kann aus dem leicht ersehen, wie blind ein solcher Forscher
sein muß, wenn er in der Mitte eines unendlichen Seins, in dem kein Nichtsein
stattfinden kann, sich am Ende mit einem gänzlich unmöglichen Nichtsein
vertrösten kann. [Ste.01_036,19]
Meinet ihr, in Meinem unendlichen Sein ist irgend eine Vernichtung möglich –
oder irgend ein Platz, in dem das Nichts zu Hause wäre? [Ste.01_036,20]
Schon die naturmäßige Welt zeigt, so weit in die Tiefen Meiner Schöpfung euer
Auge reicht, euch den schroffsten Gegensatz von irgendeinem Nichtsplätzchen;
denn da erblicket ihr entweder Weltkörper oder den großen freien Raum, aber
erfüllt mit Lichtäther und mit kreuz und quer waltenden Kräften aus Mir!
Frage: Ist das nichts? [Ste.01_036,21]
Ich brauche diesen Satz nicht weiter auszudehnen, um zu zeigen die Torheit
eines solchen Satzes. Aber für jeden will Ich sogleich hinzusetzen die echte
Prüfung, wie er erforschen kann, ob irgend ein Nichts vorhanden ist, und
sage: [Ste.01_036,22]
Durchfliege mit deinen Gedanken die Räume der Unendlichkeit! Wo du einen Raum
finden wirst, dahinein dein Gedanke nicht zu dringen vermag, da magst du das
Nichts suchen. Daß dir aber solche Arbeit ewig und unmöglich je gelingen
wird, dessen kannst du völlig versichert sein! Denn wo der Gedanke hinreicht,
da ist Sein, wo aber wird es sein, wo der Gedanke nicht hinreicht? Ich kenne
dieses Wo nicht, und so wird es ein Weltweiser sicher noch weniger kennen. [Ste.01_036,23]
Haltet euch daher nicht ans eitle Forschen und törichte Erfahren; denn das
wird euch nie Früchte bringen! Machet euch den Weg nicht vergeblich schwer,
der so leicht ist, sondern ein jeglicher komme zu Mir, und er wird allda
alles in der Fülle antreffen, was er auf sonstigen Wegen in Ewigkeit nicht
erreichen wird; denn Ich allein bin die Tür allzeit wie ewig! Amen. 37. Kapitel – „Aber
Ich kenne euch; die Liebe Gottes habt ihr nicht in euch!“ (Johannes 5,42)
27. Februar 1844 abends [Ste.01_037,01]
„Aber Ich kenne euch; die Liebe Gottes habt ihr nicht in euch!“ – Dieser Vers
paßt genau, wie gemessen auf den Schluß des Nachtrages. [Ste.01_037,02]
Solches aber habe Ich zu den Juden geredet; denn in ihnen war der tote
Buchstabe des Gesetzes. Das Werk der Zeremonie, das Werk des Scheines galt
ihnen mehr als der Lebendige Selbst, der solches zu ihnen geredet hatte. [Ste.01_037,03]
Darum aber waren sie auch mit Blindheit geschlagen und sahen in Dem, der ewig
lebendig ist, nichts als einen gewöhnlichen, ganz ordinären Menschen und
wunderten sich höchstens über eine auffallende Wundertat, manchmal auch über
ein weises Wort, wenn sie gerade zugegen waren, da solches geschah oder
gesprochen ward; und waren sie nicht zugegen, so glaubten sie es nicht, daß
Ich dieses oder jenes gewirkt oder gesprochen hätte, und suchten auf alle
mögliche Weise die Sache zu verdächtigen. Wo sie mit der Vernaturalisierung
oder auch mit der gänzlichen Wegleugnung nicht auslangten, da mußte Ich ein
Besessener sein und durch die Macht des Teufels wirken. [Ste.01_037,04]
Warum aber erkannten sie den Herrn des Lebens nicht, indem es doch der Wille
und die Absicht des Herrn war, daß sie Ihn hätten erkennen sollen? Der Grund
liegt im Texte, der da spricht: „Und die Liebe ist nicht in euch!“ [Ste.01_037,05]
Warum kann man denn ohne die Liebe den Herrn nicht erkennen? Das kann man
ohne die Liebe aus demselben Grunde nicht, aus welchem ein Blinder nicht
sehen kann, was ihn umgibt, und ein Tauber nicht hören kann die Stimme seines
Freundes. [Ste.01_037,06]
Denn die Liebe ist das Leben; das Leben aber kann ganz allein für sich nur
sehen und hören, denn der Tod vermag solches nicht. Also konnten denn auch
die Juden den Herrn des Lebens unter sich nicht erkennen, weil sie kein Leben
der Liebe in sich hatten, welches Leben da ist ein freies Leben aus Gott, während
alles andere Leben nur ein gerichtetes ist, welches aber ist im Gegensatze
des wahren Liebelebens der barste Tod. [Ste.01_037,07]
Denn wer kein Liebeleben hat, der ist nichts als eine eitle Maschine, die
lediglich von den Welttrieben in Bewegung gesetzt wird, und sein Schauen,
Hören und Empfinden ist eitel mechanisch und kann sich nie über die
gerichtete Sphäre der gerichteten Beschränkung erheben. Nur das wahre
Liebeleben ist ein selbständig freies und kann darum aus sich heraus alle
Schranken zertrümmern und sich zu Dem emporschwingen, Der sein inwendigster
Grund ist. [Ste.01_037,08]
Niemand kann in seiner natürlichen Sphäre etwas erschauen, was er nicht
ehedem in sich hat; wie könnte aber jemand Mein Wesen erschauen und erkennen,
wenn er nichts davon in seinem Herzen birgt? [Ste.01_037,09]
Daher sage Ich zu euch: Lasset alles fahren, – allein die Liebe behaltet, so
werdet ihr erkennen, was die Juden nicht erkannt haben, und erschauen, dafür
ihre Augen keinen Schein hatten. [Ste.01_037,10]
Es gibt jetzt ebenfalls gar viele in der Welt, in denen die Liebe nicht ist.
Daher aber halten sie auch den Schatten, der nichts ist, für Wirklichkeit;
Mich aber, der Ich unter ihnen allzeit bin und wandle, erschauen und erkennen
sie nicht, weil sie keine Liebe haben. [Ste.01_037,11]
Also gibt es auch unter euch welche, die da suchen, wo nichts zu finden ist;
wo es aber lebendig vor ihnen einhergeht und leuchtet, mögen sie nicht
erschauen und erkennen. [Ste.01_037,12]
Diese wägen noch immer die Diamanten zugleich mit den Kieseln in einer
Waagschale. Wozu aber des Kiesels Gewicht neben dem Diamanten? Warum den Mist
aus der Ferne anstaunen und vor dem Gold im eigenen Hause gleichgültig
vorüberziehen? [Ste.01_037,13]
Es ist nicht genug, daß man den Goldwert kennt, – sondern man muß das Gold
auch vor dem Miste, wenn er auch aus der Ferne kommt, lebendig zu würdigen
verstehen. Das kann nur der, der die Liebe hat vollkommen; wer aber zwischen
dieser hin und her schweift, der kann das noch nicht und wird es auch noch
lange nicht können. Darum aber wird es ihm auch gehen wie den Juden, die den
Herrn auch von einem ganz gewöhnlichen Menschen nicht zu unterscheiden
vermochten. [Ste.01_037,14]
Ich sage euch daher und erinnere euch, daß Ich euch viel gegeben habe; aber
nur der wird es als eine reine Gabe von Mir erkennen, der die Liebe in sich
hat. [Ste.01_037,15]
Wer da rechnet in der Liebe und zählt, was er tut und gibt, dem will Ich
desgleichen tun, und der Rechner wird nicht frei und der Zähler nicht ledig
werden so lange vor Mir, bis er das Rechnen und Zählen von sich verbannen
wird. Also aber muß die Liebe frei sein und muß sich in ihrer inneren
Tätigkeit nicht zuvor Rates im Kopfe holen. [Ste.01_037,16]
Den weisen Spender will Ich mit Weisheit belohnen; dem freien Liebespender
aber werde Ich Selbst zum Lohn! Jeder aber, der nicht aus der freien Liebe
tätig wird, wird das Angesicht des Herrn nicht eher erschauen, als bis er
tätig wird aus der freien Liebe! [Ste.01_037,17]
Das sage Ich, der ewig Getreue, der Wahrhaftige, der Erste und der Letzte,
als Vater in aller Liebe zur vollkommenen Beachtung zu euch! ___ Amen. 1.
Eine gute Regel zum nutzbringenden
Lesen des Alten und Neuen Wortes. 2.
Ein Einwand und seine Widerlegung. 3.
Das Gleichnis vom klugen und unklugen
Bauherrn und seine Deutung. (Matthäus 7,24-27) 5.
„Mich dürstet!“ – „Es ist vollbracht!“
(Johannes 19,28 u. 30) 6.
„Und da sie Ihn sahen, beteten sie Ihn
an; einige aber zweifelten.“ (Matthäus 28,17) 7.
„Dieser ging zu Pilatus und bat um den
Leichnam Jesu.“ (Lukas 23,52) 9.
„Da es nun Abend war, kam Er mit den
Zwölfen.“ (Markus 14,17) 11.
„Da warf er sein Gewand ab, sprang auf
und kam zu Ihm.“ (Markus 10,50) 17.
„Mußte nicht Christus solches leiden
und so eingehen in Seine Herrlichkeit?“ (Lukas 24,26) 19.
„Ich will euch nicht als Waisen
lassen, Ich will zu euch kommen!“ (Johannes 14,18) 21.
„Selig aber sind eure Augen, daß sie
sehen, und eure Ohren, daß sie hören!“ (Matthäus 13,16) 24.
„Und Jesus weinte.“ (Johannes 11,35) 27.
„Ich nehme nicht Ehre von Menschen.“
(Johannes 5,41) 28.
„Danach gingen viele Seiner Jünger
zurück und wandelten nicht mehr mit Ihm.“ (Johannes 6,66) 37. „Aber Ich kenne euch; die Liebe Gottes habt
ihr nicht in euch!“ (Johannes 5,42) _______ *
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