Jakob Böhme

Von der Gnadenwahl

Herausgegeben und erläutert von Gerhard Wehr

 

 

 

      »Von der Gnadenwahl« behandelt das Thema der Theologie und die Philosophie der Freiheit. Jakob Böhme wirft hier die zentrale Frage nach der Willens- und Entscheidungsfreiheit des Menschen auf. Er weiß: Ohne diese Freiheit ist alles Denken, Glauben und Streben eitel, zum Scheitern verurteilt. Kraft seines dynamischen, anschauenden Denkens dringt Böhme tief ein in die Geheimniswelt von Gottheit und Schöpfung. Auch vor dem Mysterium des Bösen schreckt er nicht zurück. Auf diese Weise gelingt es ihm, ein Wirklichkeitsbild von außerordentlicher Geschlossenheit zu entwerfen. Erregend ist es, Abschnitt für Abschnitt zu verfolgen, wie dieser geistesbegabte Seher mit der Sprache ringt, um selbst Unsagbares, durch kein Gleichnis Umgreifbares in den Erlebnishorizont des Lesers zu rücken. »Von der Gnadenwahl« wurde von Dichtern und Denkern über Jahrhunderte als wesentlicher Anstoß empfunden: »Der gleichen ward seit Heraklit nicht mehr gehört!«

Ernst Bloch

 

 

      Wer in das an Dunkelheiten und an Erleuchtungen reiche, berühmte Erstlingswerk Jakob Böhmes, nämlich in die »Aurora oder Morgenröte im Aufgang« eingedrungen ist, der verlangt da und dort nach weiteren Aufschlüssen. Der Autor war sich dieser Tatsache bewußt. In dem vorliegenden Buch »Von der Gnadenwahl« kommt der Görlitzer Meister diesem Bedürfnis entgegen. Gemäß einem Selbstzeugnis ist es nicht allein sein »klarstes« Buch. In ihm wirft Böhme auch die vielerörterte Frage  nach der Entscheidungsfreiheit des Menschen angesichts seiner ewigen Bestimmung auf. Im Gegensatz etwa zu den Reformatoren bekennt er sich leidenschaftlich zur Willensfreiheit. Das geschieht in klarer Frontstellung zu den »Gnadenwählern«, die den Menschen durch das Dogma einer Vorherbestimmungslehre festlegen möchten.

Andererseits wird deutlich, inwiefern der Autor der »Aurora« eine Entwicklung in der Darlegung seiner mystisch theosophischen Lehre durchgemacht hat. Anders als in diesem Erstling beschränkt er sich nicht allein darauf, sich selbst »zum Memorial« zu schreiben. So läßt er beispielsweise im zweiten Teil durchblicken, daß es ihm darum geht, andere auf den Weg einer spirituellen Entwicklung zu bringen. Es ist das Thema, das in seiner »Christosophia« bis hin zu praktischen Ratschlägen entfaltet worden ist. Gleichzeitig nimmt: Böhme kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die jeweils zu erringende innere Erfahrung über das konfessionalistische »Maul- und Titelchristentum« zu stellen.

Die Textgestaltung erfolgt nach den bisher angewandten Gesichtspunkten. Zugrundegelegt ist die maßgebliche Gesamtausgabe von 1730. Der Text wird ungekürzt geboten. Kapitelweise Erläuterungen und Fußnoten sollen dazu beitragen, an die Böhmeschen Gedanken heranzuführen. — Als Motto sei diesem Band ein Wort vorangeschickt, mit dem Jakob Böhme sein Buch »Von der Gnadenwahl« beschließt:

»Es lieget alles, was die Sonne bescheinet und der Himmel begreifet, sowohl die Hölle und alle Tiefen im Menschen; er ist ein unausschöpflicher Quel.«

[Schwarzenbruck bei Nürnberg, Ostern 1991 — Gerhard Wehr]

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      In seinem Briefwechsel mit Reinhold Schneider kommt der seit langem vergessene Philosoph Leopold Ziegler im August 1941 auf jenes »Schicksals-buch« zu sprechen, das Luthers Auseinandersetzung mit Erasmus von Rotterdam darstellt:

»De servo arbitrio — Vom geknechteten Willen«. Und Ziegler argumentiert: »Hier verzichtet der Mensch des Abendlandes restlos auf seine Menschen-freiheit, ″ein Pferd, welches der Teufel reitet″, wenn es dem Herrgott nicht gefällt, diesen aus dem Sattel zu werfen und sich selber drauf zu setzen. Sehr ermutigt, dieser Verfratzung der Ebenbildlichkeit entgegenzutreten, hat mich Jakob Böhme, dessen Schriftchen über die Gnadenwahl ich zu den tiefsten Erleuchtungen der ganzen Christenheit rechnen möchte.«

Dieser Hinweis des Philosophen ist geeignet, das Buch des Görlitzer Schusters — es ist wohl mehr als »ein Schriftchen« — vor einen großen geistesgeschicht-lichen Horizont zu rücken. Hier wird kein geringeres Thema als das der Theologie und der Philosophie der Freiheit aufgeworfen. Vor allem geht es um die Reichweite dessen, was Luther die »Freiheit des Christenmenschen« genannt hat. Die Frage drängt sich auf: Verfügt der um Frieden und Bruderliebe bemühte Görlitzer Handwerker über den geistigen Heroismus, der nötig ist, um dem Wittenberger Reformator und dem Heer seiner beamteten Nachfolger entgegenzutreten? Ist das fromme Gemeindeglied nicht längst durch den Bannspruch seines lutherischen Seelsorgers, des Görlitzer Oberpfarrers Gregor Richter, in aller Öffentlichkeit als gefährlicher Ketzer gebrandmarkt?

Nicht darum ist es Böhme zu tun, mit Martin Luther die Klinge zu kreuzen. Sein Name bleibt ohnehin unerwähnt. Immerhin, Böhme hat Antwort zu geben. Konnte er von seinem geheimnisträchtigen Erstlingswerk, der »Aurora« sagen, er habe das Manuskript sich selbst »zum Memorial« geschrieben und an keine Veröffentlichung gedacht, so trifft das für das neue Werk nicht zu. Als er zum Jahresbeginn 1623 zur Feder greift, um vom Willen Gottes über die Menschheit Zeugnis abzulegen, da hat er bereits den Höhepunkt seines schriftstellerischen Schaffens erreicht. Ungeachtet des kirchlichen Verbots sind seit 1618/19 in rascher Folge etwa zwei Dutzend Bücher und Traktate entstanden, die einerseits von der Fülle seiner geistigen Schau, andererseits von der spirituellen Erfahrung als Geisteslehrer und als Seelenführer künden.

Ein Garnhandel, den der Schuster zusammen mit seiner Frau seit wenigen Jahren betreibt, um seine Familie schlecht und recht zu ernähren, gibt ihm Gelegenheit zu wiederholten Reisen durch Schlesien. Böhme hat infolge der wiederholten Angriffe Anlaß, das Inkognito eines fahrenden Händlers zu nutzen. So ist es ihm möglich, seine Freunde und geistlichen Schüler im Lande zu besuchen. Wir wissen von einigen schlesischen Reisen; wir hören von vertrauten Gesprächen mit alchymistisch Laborierenden. Böhme weiß aber diesen Unterredungen immer wieder die Wendung zu geben, daß es nicht um ein äußeres Werk gehe, denn das alchymistische Opus der Transmutation hat im Menschen zu beginnen. Im Menschen hat es sich zu vollenden. Unerläßlich ist daher die Klärung der Frage nach der ewigen Bestimmung des Menschen: Ist der Mensch zum Guten oder zum Bösen prädestiniert, etwa im Sinn von Jean Calvin, — oder ist der menschliche Wille frei?

Nicht nur Freunde und Anhänger, Ärzte und Angehörige des lausitzisch-schlesischen Landadels sind es, die sich mit ihrem spirituellen Meister beraten wollen. Auch philosophisch gebildete, in der gelehrten Diskussion geübte Zeitgenossen, die der Botschaft des Görlitzers skeptisch gegenüberstehen, verlangen nach begründeten Aufschlüssen. Wir hören von einer literarisch vorgetragenen Polemik eines gewissen Tilke oder Tölke, der den Autor der »Aurora« vehement attackiert. Böhme schlägt Anfang 1621 in Gestalt seiner ersten »Schutzschrift wider Balthasar Tilke« zurück: »Was darfst du einen solchen schädlichen Pasquill (Schmähschrift) unter die Leute aussprengen und meine geschriebne ungedruckte Schriften, die ich nur für mich selber zu einem Memorial hatte geschrieben, welche mir ohne meinen Willen ans Licht kommen, richten und mich also leichtfertig, ganz nach teuflischer Art verdammen? Ist dirs befohlen worden, du Splitter-Richter? Es war dir nicht um den Autor des Buchs (d.h. der »Aurora«) zu tun, sondern daß du deine schönen, hochverständigen Gedanken möchtest sehen lassen, wie du ein Meister der Schrift und ein verständiger Mann wärst. Ich befinde dich aber in Babel mit einem unchristlichen Gemüt …« (I, 429f).

Als sich Böhme Ende April/Anfang Mai des gleichen Jahres von Görlitz aus in das Gebiet von Striegau aufmacht, trifft er auf dieser seiner ersten schlesischen Reise mit einer kleinen Gruppe von Männern zusammen, um mit ihnen über dieses Thema der Gnadenwahl zu sprechen. Welchen Verlauf die Diskussion genommen haben wird, ist in Andeutungen in Böhmes schriftlichen Antworten und Briefen enthalten. Denn gleich nach der Rückkehr aus dem Striegauischen setzt Böhme zur zweiten Verteidigungsschrift gegen Tilke an. Mit welchem Selbstbewußtsein er sich dem Gegner stellt, besagen die Sätze: »Ich habe meine Erkenntnis von Gott und nicht von euren Tand-Schulen, da ihr um Worte zanket und beißet als ein Hund um ein Bein« (Tilke II, 257). Ferner: »Ich habe meine Wissenschaft nicht von Wahn oder Meinungen wie ihr, sondern ich habe eine lebendige Wissenschaft in der Beschaulichkeit und Empfindlichkeit. Ich darf (d.h. brauche) keinen Doktor von der Schule dieser Welt dazu.« (Tilke II, 53).

So ist Böhme überzeugt, daß er genug legitimiert sei, Stichhaltiges zum zentralen Thema zu sagen. Wenngleich die zweite Schutzschrift wider Tilke als Traktat über die Gnadenwahl ausgegeben wird, hält es der Autor für nötig, sich in einer gesonderten Darlegung zu äußern. Daher heißt es im Begleitschreiben an den Striegauer Arzt Johann Daniel Koschwitz: »Ich bin aber bedacht, ein ganz Buch davon zu schreiben, sofern ich werde vernehmen, daß man mir nicht wird also giftig widerstreben ohne Erkenntnis, wes Geistes Kind ich sei.«

Kaum ist Böhme von seiner dritten schlesischen Reise zurückgekehrt, macht er sich an die Arbeit der Niederschrift. Binnen weniger Wochen entsteht unser Buch »Von der Gnadenwahl«. Schon am 8. Februar 1623 kann er das in den ersten Januartagen begonnene Manuskript abschließen. Dafür bleibt das offensichtlich vor der Reise begonnene kleine Werk »Die hochteure Pforte von göttlicher Beschaulichkeit« (Theoscopia) unvollendet. Und um die vier leer gebliebenen Blätter des Manuskripts zu nützen, schreibt Böhme tags darauf seine »Kurze Andeutung von dem Schlüssel zum Verstande göttlicher Geheimnisse«. Unter dem Titel »Von wahrer Buße — das zweite Büchlein« (De Poenitentia — Liber 2) hat dieser Zusatz in späteren Ausgaben, so auch in der von 1730, Aufnahme gefunden1.

1) Beide Schriften »Theoscopia« und »De Poenitentia II« sind in dem Band »Christosophia« — Ein christlicher Einweihungsweg (Insel Verlag Frankfurt 1991) enthalten.

Wenn Leopold Ziegler das Buch »Von der Gnadenwahl« zu den »tiefsten Erleuchtungen der ganzen Christenheit« rechnen möchte, dann bleibt nur noch anzufügen, wie Böhme seine Schrift selbst bewertet hat. In »Clavis oder Schlüssel« nennt er diesen Traktat »sehr scharf im Verstande und eines der klaresten unter meinen Schriften«. — Ungeachtet dieses Selbstzeugnisses verlangt der Autor seinem Leser ein nicht unerhebliches Maß an Geduld und auch an Kongenialität ab. Gemeint ist die Bereitschaft, der spiralförmigen Denkbewegung Böhmes zu folgen und sich gleichsam von innen her diesem leidenschaftlichen Plädoyer zu nähern, das die Übermacht der göttlichen Gnade mit der Entscheidungsfreiheit des Menschen in Einklang zu bringen strebt.

Was im Zusammenhang des Kommentars zu den christosophischen Schriften zu sagen war, in denen Böhme die Stationen eines christlichen Einweihungswegs bezeichnet, das gilt im Grunde auch hier: Je länger man sich mit Böhmes Aufzeichnungen befaßt, desto deutlicher wird, daß er nicht nur die Inhalte seines Schauens und Sinnens mitteilen will. Seine eigentliche Absicht besteht darin, den Suchenden, Fragenden, Anklopfenden, vor allem den Angefochtenen unter seinen Lesern einen Weg zu zeigen, der zum Ziel der Menschwerdung des Menschen führt. So ist Böhme auch hier beides: ein Geisteslehrer, der die Ergebnisse seiner Erkenntnis darstellt, und er ist ein Seelenführer, der die Suchenden auf den Pfad der inneren Entwicklung stellt1.

1) Vgl. Gerhard Wehr: Die deutsche Mystik. O. W. Barth Verlag München 1988, 238 ff; desgleichen: Esoterisches Christentum. Verlag Klett-Cotta Stuttgart 1995.

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Und was sein Buch »Von der Gnadenwahl« anlangt, so ist sich Jakob Böhme seiner Adressaten gewiß, wenn er dort Kap. 13, 16 abschließend schreibt:

»Wer aus Christo ist, der wird es wohl verstehen; den anderen Spöttern und Klüglingen, welche die Vernunft zum Meister haben, denen haben wir nichts geschrieben.«

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Vorrede des Autoris

Bereits die ersten Zeilen der Vorrede nennen den eigentlichen Kontrahenten, den der Verfasser ins Visier zu fassen gedenkt: Es ist »die Vernunft«. Böhme versteht darunter durchwegs den »kreatürlichen Wahn« (2) als den Inbegriff eines Mangels an tief lotender und umfassender Erkenntnis. Wie fern Böhme einem etwaigen Erkenntnisskeptizismus oder Agnostizismus ist, besagt der unmittelbare Kontext: Gottes Wesen und Wille sind sehr wohl erkennbar, und zwar nicht als Objekte in einem undefinierbaren, »fremden« Jenseits »außer dem Orte dieser Welt, hoch über dem Gestirne«. Vielmehr gelten nach wie vor die Worte, mit denen er etwa elf Jahre zuvor seine »Aurora« intoniert hat, wo es im 1. Kapitel heißt:

»So man aber will von Gott reden, was Gott sei, so muß man fleißig erwägen die Kräfte in der Natur, dazu die ganze Schöpfung, Himmel und Erden.

Der Ansatz von der Basis eines universalen Gottes- und Wirklichkeitsbildes ist somit da wie dort der gleiche. Daraus sind nun entsprechende Folgerungen für die Frage der Vorherbestimmung und Freiheit des Menschen zu ziehen. Auch diesbezüglich ist Böhmes Zielangabe bereits in den ersten Abschnitten der Vorrede (2f.) klar: In einem »streitigen Wahn« ist der verhaftet, der von einer unabänderlichen göttlichen Vorherbestimmung (»Vorsatz«) ausgeht. Der bibelvertraute Verfasser faßt sogleich auch das Problem ins Auge, wonach die Hl. Schrift Widersprüchliches (»Contraria«) zum Thema sagt. Seine Aufgabe schließt demnach eine Auslegung kontroverser Stellen ein, wie sie seine theologischen Gegner ins Feld geführt haben.

Der um brüderliches Einvernehmen bemühte Schreiber versäumt auch nicht, die wohlmeinende Absicht seines Tuns zu bekräftigen, ein Zug, den er trotz klarer Ablehnung der Position der »Gnadenwähler« bis ins letzte Kapitel hinein durchzuhalten gedenkt. Kennen wir von der ersten »Schutzschrift wider Balthasar Tilke« her mancherlei polemische Wendungen, so hat Böhme den Geist der Versöhnlichkeit längst zurückgewonnen, geht es ihm doch darum (5), die Ursachen von »Streit und Widerwillen, auch Spaltungen und Trennungen« aufzudecken, um zu »mehrerem Verstande des göttlichen Willens« (6) durchzudringen. Die Imagination des Baums, von der »Aurora« her wohlvertraut, dient dazu, die Gemeinschaft im Geist der »wirkenden Liebe im Seinsgrund Christi« (7) zu veranschaulichen.

 

1. Kapitel: Von dem einigen Willen Gottes

Daß Böhme alles andere als ein naiver Bibelleser ist, zeigen die einleitenden Abschnitte, die auf die Spannungsgeladenheit alttestamentlicher Aussagen über Gott hindeuten. Das Bekenntnis zum »einen Gott« und zum »ewigen Einen« (1,3) duldet keine Annäherung, etwa an platonisch-neuplatonische Vorstellun-gen. Der Böhmesche Zentralbegriff des »Ungrundes«, der die Gegensätze von Licht und Finsternis, von Liebe und Zorn usw. übersteigt, ist »ungründlicher, unfaßlicher, unnatürlicher und unkreatürlicher Wille« (1,4). Von diesem Ungrund heißt es in dem umfänglichen Genesis »Mysterium Magnum« (1,4) einmal, er sei »das Chaos, da alles innen lieget«.

Das Gottes- und Schöpfungsgeheimnis liegt für Böhme darin, daß dieser Ungrund als ein mit allen schöpferischen Potenzen gefülltes »Nichts« zu einem »Etwas« findet (1,5). Das Mysterium einer einzigen großen Selbstentäußerung Gottes wird Ereignis. Das erste Kapitel der »Gnadenwahl« möchte nun in der Weise den Schleier, der darüberliegt, lüften, daß der verborgene Gott als der vorgestellt wird, der sich in seiner Dreigestalt entbirgt (1,6 f.; 1,22 ff.), und zwar — anscheinend — über das trinitarische Bild des christlichen Dogmas hinaus. Eine vierte Manifestation kommt in den Blick, nämlich »Gottes Weisheit und Beschaulichkeit«. Damit ist die kosmologische Seite des Sophien-Geheimnisses berührt. Wir wissen von der göttlichen Sophia aus der althebräischen weisheits-literatur und nicht zuletzt aus der kabbalistischen Tradition. Jakob Böhme ist nun derjenige, der der göttlichen Sophia im Raum der nachreformatorischen Mystik Heimat recht verschafft hat. Zu den ersten großen Dokumenten gehört das bedeutsame Werk »Das Geheimnis der göttlichen Sophia«, das der unter dem Einfluß Böhmes stehende Gottfried Arnold im Jahre 1700 hinausgehen ließ. Die große anthropologische Bedeutung der »Jungfrau Sophia« und die geistliche Vermählung mit ihr kennen wir bereits aus den in dem Band »Christosophia« vereinigten Schriften.

Hier möchte Böhme die göttliche Sophia offensichtlich nicht als Teil einer Quaternität (Vierheit) sehen, weshalb er nach der Nennung der vier Manifesta-tionsweisen der Gottheit (1,7) ausdrücklich fortfährt: »Dieses dreifaltige Wesen …« Von Manifestationsweisen zu sprechen kann übrigens nur einen recht vorläufigen, uneigentlichen Sinn haben, denn Vater, Sohn und Geist im Spiegel der Weisheit sind »vor« aller, jenseits aller Schöpfung; sie sind jenseits aller Kategorien (1,8) Inbegriff des »einigen Willens«. Es ist im besonderen der Wille und die Lust zur Selbstoffenbarung des im Status des Ungrundes befindlichen Gottes.

Um inhaltlich-theosophische Aussagen handelt es sich hier und in den folgenden Abschnitten insofern, als Böhme den Blick des Lesers (1,18 ff.) auf den »Gott außer der Natur und Kreatur« richtet, wobei Jehova (1,16) — Böhme schreibt diesen Gottesnamen meist in großen Lettern! — jenen kraftenden Willen meint, der der Trinität und der göttlichen Weisheit zugrunde liegt, jenseits von Gut und Böse (1,20 ff.), jenseits aller Differenzierung (1,23) und nicht lokalisierbar (1,27). Böhmes Aufforderung, in einem meditativen Akt die Vorstellung vom »ausgesprochenen, geformten Wort« wegzunehmen, um des »ewigsprechenden Wortes« der puren Gottheit inne zu werden, unterstreicht die Vorläufigkeit und Uneigentlichkeit der Gottesbilder überhaupt 1,29). Da überrascht der Hinweis (1,29), daß es trotz allem einen Weg zu Gott gebe und daß der nicht lokalisierbare Gott nirgends anders ist als im Menschen selbst. Von diesem Vorverständnis aus hofft der Verfasser des Buches »Von der Gnadenwahl« (1,30 f) Licht in die Probleme seines Werkes zu tragen.

 

2. Kapitel: Vom Urstand Gottes

Wie schon eingangs festgestellt, ist es die »kreatürliche Vernunft« (2,1), die dazu neigt, von ihrer bedingten Existenz auf den Unbedingten zu schließen. Dabei bedarf dieser Unbedingte nicht einmal eines Ratschlusses (2,4). Aber weil das »Nichts« zum »Etwas« dringt, weil die Selbstentfaltungstendenz das Wesen dieses fortzeugend-gebärenden Gottes ausmacht, deshalb gibt es Offenbarung. Dieser Dynamik, die in Gott und über ihn hinaus zur Darstellung strebt, begegnen wir bei Böhme auf Schritt und Tritt. Ein Ausdruck ist bisweilen der Begriff der »Qual« (Quall), der das Motiv des Quellens enthält. Ein anderer Terminus ist der der »Scienz« (2,9 und mehrfach). Gemeint ist nicht in erster Linie das darin anlautende lateinische Wort »scientia«, Weisheit, sondern der Willens- und Bewegungsimpuls des »Ziehens«, auch des Tendierens oder Strebens. Wieder ist es die dynamische Grundbedeutung, die diesem Böhmeschen Begriff innewohnt. Des halb kann der Autor (2,24) davon sprechen, daß »Scienz« als das »magnetische Ziehen« und als der »Anfang der Natur« anzusehen sei. Und die »ewige Scienz« (2,19) entspricht dann der »kräftigen Offenbarung seines Wortes«. Unnötig zu sagen, daß das göttliche Wort nicht verbal verkürzt zu denken ist. Es ist gemäß Röm. 1,16 eine »Dynamis«.

Während diese »Scienz« in die »Schiedlichkeit«, das heißt in die Bezirke des Kreatürlichen hineindrängt, verharrt Jehova im Stande der »Temperatur« ist der andere, in diesem Buch häufig gebrauchte Terminus Böhmes für Harmonie und Ausgewogenheit (2,20), wie sie vor jeder Aufspaltung und Differenzierung besteht. Die Stadien des großen Entfaltungsprozesses der Gottheit sind demnach: der »Urstand« des ewigen Willens, dem harmonische »Temperatur« eignet, sodann; das »Aushauchen« seiner Kraft »in eine Scienz zur Schiedlichkeit und zur Offenbarung der Kräfte«; es ist der Umschlag von der undifferenzierten Einheit des »ewigsprechenden Wortes« zur differenzierten, endlich auch wahrnehmbaren Vielheit des »ausgesprochenen Wortes«.

Jetzt erst kann von dem »Mysterium Magnum« (2,22) gesprochen werden, in dem der verborgene Gott zum offenbaren Gott geworden ist. Und im Blick auf das Thema des Böhmeschen Buches; Jetzt erst zeigt sich Gott, der zuvor in sich selbst ruhte, bald als der liebende, bald als der zürnende Gott. Die Kreatürlichkeit stellt sich dar im »Spiritus Mundi«, wörtlich: Geist der Welt, konkret: im Zeichen von Sulphur, Mercurius, Sal (2,23 f). Man muß sich nur hüten, Sulphur mit Schwefel, Mercurius mit Quecksilber, Sal mit Salz gleichzusetzen. Noch haben wir es nicht mit chemischen Stoffen zu tun, sondern eher mit dem alchymistischen Urprinzip des Stofflichen überhaupt. Erst in ihm »urständen« die Elemente und Qualitäten, die sich in der Schöpfung finden. Nicht zu übersehen ist die trinitarische Struktur, die durch diese drei »Ersten«, wie Böhme die Dreiheit dieser Prinzipien auch nennt, signalisiert wird.

Auf die Frage, warum eigentlich der verborgene Gott, »Jehova«, hervortritt und die »Widerwärtigkeit« des Geschöpflichen auf sich nimmt, gibt Böhme die Antwort: Er tut es um seiner Selbstoffenbarung willen. Erst am Widerstand der »Peinlichkeit« und des Sterbens, dem alles Geschöpfliche unterworfen ist, wird das den Tod überwindende »heilige Leben« (2,31 f) gewonnen.

Wenngleich Böhme sein Buch als eine seiner »klarsten« Schriften ausgibt, ist es an manchen Stellen schwer verständlich. Aber aus einer gedanklich und sprachlich so überladenen Satzkonstruktion wie 2,34 geht doch zweierlei hervor: Der Mensch ist — ähnlich wie Adam durch Luzifer — gefährdet; zum andern gibt es für ihn eine Überwindung der »verderbten adamischen Scienz«, nämlich durch Christus. Diese Überwindung ist möglich, weil Gott das Böse, somit das Unheil im Sinn einer Prädestination des Menschen zur Verdammnis nicht will (2,37).

 

3. Kapitel: Von der Einführung der feurischen Scienz

Böhme ist bestrebt, seine theosophisch-kosmosophische Schau biblisch zu verankern. Andererseits legitimiert ihn seine besondere Spiritualität zur Interpretation der Heiligen Schrift. — Die ersten Zeilen der Genesis und des Johannes Prologs bilden einen Ausgangspunkt für seine Bezugnahme. Die »Scienz« nimmt ihren Anfang in dem Schöpfungswillen Gottes. Sie wird so zum »Anfang der Natur« (3,2). Dieser Anfang drückt sich in einer Reihe von sieben »Species Naturae« (3,3 ff) aus. Ein Vergleich mit kabbalistischen Emanations-vorstellungen liegt nahe, obwohl Böhme grundsätzlich weit davon entfernt ist, etwaige Vorlagen lediglich zu kopieren.

Wieder begegnen wir einer trinitarischen Struktur (3,6 ff). Zum einen wird an ihr die Beziehung zur Gottheit von Vater, Sohn und Hl. Geist deutlich; zum andern repräsentiert sie Prinzipien des Stofflichen in Sal, Sulphur und Mercurius (3,10). Die Tendenz des Schöpfungswillens ist klar: Leibwerdung, »Leiblichkeit ist das Ende der Wege Gottes« (Oetinger). Alles Irdische »urständet« im Geistigen, doch erst die durch die »Scienz« bewirkte »Compaction« oder Verdichtung des Geistigen ermöglicht die Selbstoffenbarung Gottes. Fremd ist Böhme der gnostische Dualismus, der Geist und Materie in tragischer Weise auseinandergerissen hat. Die Offenbarung ist nicht möglich, ohne daß sich Licht und Feuer, Liebe und Zorn im »Schrack« — also geradezu in einem kosmischen Schreckerlebnis — begegnen, wodurch die »Schiedlichkeit« der Kräfte empfunden werden kann (3,16). Licht und Feuer treten auf als Erscheinungs-weisen Gottes (3,18).

Etwaigen Mißverständnissen, die in Einreden enthalten sind, Böhme materiali-siere oder vermenschliche seine theosophisch-kosmosophischen Schilderungen, tritt er mit dem Hinweis entgegen, das von Gott und vom Mysterium des Kosmos Gesagte sei nicht »irdisch« zu verstehen. Es handelt sich vielmehr um eine Maßnahme, mit der der Autor dem Leser entgegenkommen möchte, indem er dem Geheimnis »nachsinnet und sich in den innern Grund schwinget« (3,19). Dieser methodische Wink ist von grundsätzlicher Wichtigkeit. Unser Autor will und darf nicht buchstäblich genommen werden. Geisteslehrer und Seelenführer ist Böhme gerade darin, daß er den Empfängern seiner Bücher mit dem »Nachsinnen« eine Denkbemühung zumutet; das ist das eine. »Sich in den innern Grund einschwingen«, das deutet auf einen meditativ-kontemplativen Akt hin.

Nur so ist es zu verstehen, daß Böhme seine Lehrmitteilungen mit anthropo-sophischen, das heißt mit menschenkundlichen Auskünften und Appellen verquickt1. Denn nicht nur auf der Ebene von Gottheit und Schöpfung gibt es jene »Auswickelung« aus dem Zustand der »Temperatur«. Der Mensch selbst umfaßte in seinem Urbild beide »Tinkturen«, die des Männlichen und des Weiblichen. Die ursprüngliche harmonische Ganzheit ist infolge des Falls zerbrochen. Christus ist es, der die verlorene Einheit wieder hergestellt hat (3,22). Und wenn Böhme (3,23) sagen kann: »Allhie lieget das Perilein der ganzen Welt«, so deutet er auf das Mysterium hin, das auch in alchymistischen Zusammenhängen zu er gründen und zu realisieren gesucht wurde2.

1) Einschlägige Texte sind zusammengetragen und erläutert in Jakob Böhme: Die Morgenröte bricht an. Freiburg 1983 (Herder-Bücherei 1077).

2) Gerhard Wehr: Esoterisches Christentum. Von der Antike zur Gegenwart. Verlag Klett-Cotta Stuttgart, 2. erweiterte Auflage 1995. — Ders.: Heilige Hochzeit. Kösel Verlag München 1986.

Und nicht zufällig appelliert Böhme (3,23) an »die Weisen«; es sind »die Unsern«, die Geistesverwandten, Initiierten und innerlich Gereiften. Das Signum für wirkliches Verstehen und Gereiftsein aber ist die Demut (3,28). Allein diese Seelenhaltung ist der Begegnung mit der »Jungfrau Sophia« gewachsen, sonst droht eine luziferische Überwältigung. Die Tiefenpsychologie C. G. Jungs spricht von der Inflation, bei der Inhalte des Unbewußten die Persönlichkeitsstruktur überfluten und die Konsistenz des Ichbewußten gefährden.

Im Verlauf seiner Schilderung der sieben »Species Naturae«, die uns an die »sieben Naturgeister« der »Aurora« erinnern, gelangt Böhme (3,38) zu einer wichtigen Feststellung, die für sein Wirklichkeitsverständnis charakteristisch ist: Wir sehen die Welt insofern nur halb, als sich das »gebärende Wesen in den Schleier des Sichtbaren eingehüllt hat. Ewigkeit birgt sich in der Zeit (3,40). Und ist nicht alles Äußere ein »in Geheimniszustand erhobenes Inneres (Novalis)?

 

4. Kapitel: Vom Urstande der Creation

Es liegt Jakob Böhme immer wieder daran, sich als denjenigen auszuweisen, dem eine »Pforte« aufgetan ist, nämlich »zu wissen, was der Herr zu dieser Zeit in den Menschen wissen will« (4,2). Der Mensch ist somit der eigentliche Ort der Offenbarung und des Wunders. Von daher eröffnet sich auch »die ganze Creation«, die im Urgrund wurzelt (4,3 f.) und die sich als »sprechendes Wort« wieder, und zwar in sichtbarer, wahrnehmbarer Weise »ausspricht« (4,6 ff)

In diesem Zusammenhang macht uns Böhme mit seiner Lehre von den drei Prinzipien bekannt, die in seinem gesamten Denken und Sinnen von großer Bedeutung sind: erste Prinzip des göttlichen Schöpfungswillens liegt im Zentrum der Natur, in einem grimmigen, dunklen Feuer (4,8), Ausdruck des zornigen, eifrigen Gottes. — Das zweite Prinzip entfaltet das Wesen der Liebe Gottes, eine Fülle des Lichts (4,9). Erst im dritten Prinzip wird das Sieben-Tage-Werk der Schöpfung erreicht (4,10; vgl. 3,39f), nämlich in ihrer urbildlichen paradiesischen Gestalt. Böhme bezeichnet diesen Weltzustand als ein »ringend Liebe-Spiel« (4,12). Das Schöpfungswort »fiat«, es werde, ist es, das das »Begreifliche« aus dem »geistlichen Wesen« heraussetzt (4,14 ff). Die Abschnitte 4,17 ff. fassen das bisher Dargestellte knapp zusammen. Wenn sich Böhme hier und später des Bildes vom »Uhrwerk« bedient, dann liegt ihm nichts ferner, als die Dynamik in der Natur zu einer Maschine zu degradieren. Es geht ihm mehr um die innere und die äußere Gesetzmäßigkeit eines großen Kreislaufs. Im übrigen werden wir in Rechnung stellen sollen, daß der gelernte Schuster ein Uhrwerk unvoreingenommen bestaunen konnte.

Indem Böhme auf den Dienst der Engel in den drei Hierarchien oder Prinzipien zu sprechen kommt (4,21 ff) legt er dar, wie der freie Wille in ihnen, aber auch im »Particular«, das heißt im Bereich der Schiedlichkeit zur Geltung komme (4,25 ff). Böhme deduziert, er leitet Verhältnisse in den Teilen vom Ganzen, Vehältnisse in der Schöpfung vom Schöpfer ab. Entsprechendes gilt für den Fall Luzifers, von dem er Auswirkungen auf Natur und Menschheit ableitet (4,27 ff).

Für unser Thema ist es aufschlußreich zu sehen, wie sehr es dem Verfasser der »Gnadenwahl« daran liegt nachzuweisen, daß selbst Luzifer in freier Entscheidung gehandelt habe (4,32 ff). Ausgangspunkt für Böhmes Erwägungen ist die Feststellung: Am Anfang »ist kein Vorsatz, sondern eine Geburt« (4,42). Der einzige Vorsatz und Wille ist der, »daß Gott will Gott gebären und durch Natur offenbaren«. Alles Fragen nach Vorherbestimmung und Gnadenwahl — so werden wir im Sinne Böhmes folgern dürfen — hat sich daran zu orientieren.

 

5. Kapitel: Vom Urstand des Menschen

Was Böhme mit seinem Werk im Sinne hat, das sagt er (5,11) mit aller Deutlichkeit. Es ist der Versuch, das Woher und das Wohin, Urbild, Fall und Wiederherstellung des Menschen aufzuzeigen. Das ist Thema und Inhalt seiner Lehre. Das biblische Zeugnis soll schließlich die Probe aufs Exempel liefern.

Daß Gott den Menschen nach seinem Bild geschaffen hat, möchte der  Autor als die Zugrundelegung einer archetypischen Figur (»Model«) deuten. Gott sieht auf diese Weise — Böhme sagt: »im Spiegel der Weisheit« (5,12) — den Menschen und alle Dinge. So ist, wie wir bereits gesehen haben, das ganze Werk der Schöpfung »das geformte Wort Gottes«. In der Natur spricht sich Gott selbst aus, wiewohl er — entgegen der pantheistischen Deutung — nicht einfach mit der Natur identisch ist oder in ihr aufgeht (5,16). Jedem Element wohnt die zugehörige archetypische Geistgestalt inne (5,17). Böhme entfaltet eine Entsprechungslehre, die an die hermetische Tabula Smaradina erinnert: »Wie Oben, so Unten«. Doch er meint nicht nur ein Analogieverhältnis, sondern lebendige, lebenzeugende Wechselbeziehung (5,19 f.). Göttliche Kraft durchwirkt die Natur im Geist der Liebe, während sein Zorn im »Zentrum der Finsternis« waltet (5,23).

Wenngleich Böhme die stoffliche Leiblichkeit der Schöpfung wie auch des Menschen bejaht, liegt ihm doch sehr daran, die Wortstruktur des göttlichen »Fiat« zu betonen. Als ein Kenner der Natursprache, in der Vokale und Konsonanten jeweils bestimmten Form- und Wirkkräften entsprechen, mag er geahnt haben, daß die Schöpfungsworte der Genesis den Charakter von Mantras haben1. Böhme weiß um die Kraft des »Fiat«.

1) Hermann Beckh: Neue Wege zur Ursprache (dort besonders: Es werde Licht, Schöpfungsworte der Bibel). Verlag Urachhaus, Stuttgart 1954.

Andererseits wäre es ihm zu wenig gewesen, wenn man die spirituellen Gehalte des Genesis-Buches auf die gedanklichen Abstraktionen einiger theologischer daß-Sätze verkürzt hätte. Nicht umsonst unterscheidet er (z.B. 11,34) deutlich zwischen dem »geschriebenen Wort« der bloßen Buchstaben und dem »lebendigen Wort«, das erst die Voraussetzung allen Sprechens ist. (Bezüglich bloßer daß-Sätze hat sich Böhme ebenfalls geäußert, z.B. Kap. 10,34).

In einem geistesgeschichtlichen Augenblick, in dem sich eine einseitige naturwissenschaftlich-materialistische Betrachtung des Menschen ankündigt, tritt Böhme als Anwalt eines Menschenbildes auf, in dem wohl die äußere physische Wesensseite voll respektiert wird. Als leibfeindlicher Spiritualist aber ist gerade Böhme nicht zu verdächtigen. Doch liegt ihm daran, die Einzigartig-keit der physischen Leiblichkeit des Menschen besonders herauszustellen. Denn »der Mensch ist ein Bild der ganzen Creation aller drei Prinzipien, nicht allein im Ente der äußern Natur ...« (5,29). Die andere Besonderheit des Menschen ist die, daß sein Urbild Adam nackt und doch »mit der großen Herrlichkeit bekleidet« war als »eine männliche Jungfrau«, als eine androgyne Ganzheit. Zusammen mit anderen Stellen im Werk Böhmes stellen die letzten Abschnitte des 5. Kapitels einen wesentlichen Beitrag zu einer spirituellen Menschenkunde und Erotik dar1.

1) Ernst Benz: Adam, der Mythus vom Urmenschen. O. W. Barth Verlag, München-Planegg 1956. / Gerhard Wehr: Der Urmensch und der Mensch der Zukunft. Das Androgyn-Problem männlich-weiblicher Ganzheit im Lichte der Anthroposophie Rudolf Steiners. Verlag Die Kommenden, Freiburg 1977; ders: Heilige Hochzeit. Kösel Verlag München 1986, 91 ff.

Böhme blickt nicht zurück auf das verlorene androgyne Menschenbild; er blickt auch prophetisch nach vorne auf den »Heiland und Wiedergebärer«, der das gefallene Bild des Menschen erneuert. Urbild und Zukunftsbild sind miteinander verbunden.

 

6. Kapitel: Vom Falle des Menschen und seinem Weibe.

Indem Böhme widersprüchlich anmutende Schriftstellen zu seinem Thema zitiert, setzt er seine Erörterung des androgynen Menschen fort (6,3 ff.) Damit verbindet er die Thematik seines Buches. Danach urständet der Anfang der »Schiedlichkeit« nicht in Gott. Sie sei vielmehr auf die »feurische Scienz« in der »ewigen Natur« zurückzuführen, also auf die dem Schöpfungsgeschehen innewohnende Dynamik (6,10). Bemerkenswert ist zweierlei: Die Menschheitstragik wird durch »Fürst Luzifer« ausgelöst; gleichzeitig wird der »heilige Name Jesus« — Böhme schreibt ihn mit großen Lettern! — »zu einem Wiedergebärer« einverleibt. Schöpfung und Erlösung sind auf diese Weise in einen unmittelbaren Zusammenhang gebracht. Immer wieder betont er, daß sich nicht irgendein Vorsatz Gottes schicksalsbestimmend ausgewirkt habe, sondern daß die Kräfte der Scienz, die zur Schöpfung drängten, sich in ihr verwirklichten, vom Göttlichen »abbrachen« (6,22). Und eben darin manifestiert sich freier Wille (6,23). Selbst das Jüngste Gericht setzt die Willensfreiheit voraus (6,24). Nicht von außen empfängt die Kreatur den Impuls zum Bösen oder Guten; der Wille dazu entsteht in ihr (6,30). Es liegt auf der Hand, daß wir in all dem, was Böhme zu seinem Problem zu sagen hat, weniger Argumente oder gar Beweise erwarten dürfen. Eher handelt es sich um Bekenntnisse, die letztlich für sich sprechen müssen.

Beispiele für die Art der Böhmeschen Bibelauslegung, wie sie sich u.a. 6,43 ff. finden, zeigen, daß er auch in der Schrift mancherlei Entsprechungen entdeckt. In alttestamentlichen Bildern und Berichten erblickt Böhme Vorschattungen des kommenden Heils. Demnach ist Adam vor dem Fall eine allegorische »Figur« für Christus. Die Zahl vierzig legt ohnehin Vergleiche nahe, die Verbindungs-linien, etwa zwischen der vierzigjährigen Wüstenwanderung Israels und der vierzigtägigen Versuchung Jesu, ziehen lassen. Wichtiger ist Böhme, daß der »Todesschlaf« Jesu die neutestamentliche Überwindung des »Schlafes« Adams signalisiert: Christus mußte »in ihm«, das heißt in sich, Adam »im Reiche Gottes wieder aufwecken« (6,44). So hofft der Interpret den »Grund des Alten und Neuen Testaments« auszuloten. Und was Böhme einst das »ausgesprochene Wort« nannte, das sieht er nun durch Adam personifiziert, während Christus das »ewigsprechende Wort«, nämlich der neuen Schöpfung, darstellt.

So gesehen, wurde die urbildliche Harmonie bereits durch die Erschaffung Evas »zerbrochen« (6,46). Das ursprüngliche im Androgyn Adam aufgehobene weibliche Prinzip ist ja die Frucht jenes Schlafs. Durch sein Sterben und Auferstehen hat Christus die Ganzheit wiederhergestellt. Daß Böhme gelegentlich die Geschlechtsmerkmale als »viehische Glieder« schmäht, ist letztlich wohl nur als Ausdruck der Trauer über den Verlust der einstigen Lichtgestalt Adams (vgl. 5,35) zu erklären.

Der Baum der Erkenntnis, an dem der paradiesmensch scheitert, wird bei Böhme zum »Versuchbaum«, an dem sich erstmals der freie Wille erweisen kann, »wohin sich die menschliche, seelische Scienz … würde hinwenden wollen« (6,47). Daraus ergibt sich die Tragik des Sündenfalls.

 

7. Kapitel: Von der tierischen Offenbarung im Menschen

Die Folge des Sündenfalls gleicht einem Sterben bzw. Einschlafen im Reich Gottes und einem Aufwachen im Reich der Natur. Der lichtumkleidete Adam nimmt animalische Gestalt an (7,6). Gott wird für ihn zum »zornigen Gott«. Erst wenn die Gestirne der äußeren Natur am Karfreitag ihren Schein verlieren, wenn Jesus stirbt, kann das im Sündenfall erloschene »ewige Licht« von neuem aufleuchten. Böhme deutet diese Zusammenhänge als einen einzigen großen Gestaltwandel. Da gibt es keinen endgültigen Tod, sondern nur eine Metamorphose vom Geistigen ins Leibliche und umgekehrt.

Wichtig ist dem Autor der »Gnadenwahl«, daß sich Gott der menschlichen Seele nicht etwa völlig entzog. »sondern die Scienz des freien Willens entzog sich Gotte« (7,12). Das heißt doch: die Gültigkeit des freien Willens erweist sich gerade darin, daß ein Nein zum Willen Gottes möglich ist und auch tatsächlich gesprochen wird. Wiederholt zieht Böhme die Distel für sein Gleichnis heran, denn wiewohl sie das Licht und die Wärme der Sonne empfängt, beharrt sie in ihrem stacheligen Wesen. Böhme will sagen: sie setzt ihren Willen gegen die Sonne durch.

Böhme kehrt zu seinem zentralen Thema zurück, wenn er aufs neue von dem Liebeswillen Gottes spricht, der »vor der Welt Grunde« seiner Schöpfung »den heiligen Namen Jesu« gleichsam fermentartig eingefügt hat (7,16). So wird das in Adam verbliebene Menschenbild als »das Ziel seines ewigen heiligen Willens« zu einer Hoffnung auf Erlösung und Wiederherstellung für die Menschheit und für den ganzen Kosmos. Adam und Eva sind durch ihren Fall nicht endgültig von Gott getrennt, vielmehr ist es Eva, die Mutter der Lebendigen und Repräsentantin des Weiblichen schlechthin, die als Heilsträgerin ausersehen wird. Sie soll gemäß dem Genesis Bericht »dem Teufel den Kopf zertreten« (7,19). So liegen in Eva die Anfänge von Unheil und Heil, »ehe sie eines Kindes schwanger ward« (7,22).

Wenn Böhme Mal um Mal anhebt, widersprüchlich scheinende Stellen der Schrift zu deuten, ist er von »brüderlichen« Gesinnung gegenüber jenen erfüllt, die andere Auffassungen als er vertreten (7,25 ff). Aus den windungsreichen, oft schwer zu durchschauenden Gedankengängen heben sich bei Böhme immer wieder solche Passagen heraus, in denen er wie im Klartext redet. Eine solche Stelle ist auch 7,29: Das widrige Zorn-Feuer und somit alles Widrige, Negative sind demnach nicht Selbstzweck, sondern sie dienen dazu, den dunklen Hintergrund zu bilden, von dem das »Liebe-Feuer« bzw. Liebe-Licht um so strahlender offenbar werden kann. Schelling kann später formulieren: Wäre das Nein nicht, so wäre das Ja ohne Kraft.

Böhme spricht ein Geheimnis aus, wenn er einerseits in »Jehova« den heilwirkenden Namen Jesu wahrnimmt, andererseits den weiblichen Part Adams vor dem Fall mit der »Jungfrau Sophia« und mit der Kraft der Liebe identifiziert. Schließlich ist der »allerinwendigste Grund im Menschen Christus« (7,37). Von daher ergibt sich eine anthropologische Dreigliederung, denn als »zweiter Grund« erscheint die Seele als »ewige Natur« des Menschen und als Gefäß Christi; der »dritte Grund« ist sodann der physische Leib, den der Mensch mit den vier Elementen teilt bzw. durch sie aufbaut. Wir haben demnach ein christozentrisches Menschenbild vor uns, das jedoch nicht nur ein für allemal vorgegeben ist, sondern das je und je der Aktualisierung bedarf (7,45). Was Böhme in seinen christosophischen Schriften die »Vermählung mit der Jungfrau Sophia« nennt, heißt hier »Neugeburt aus Sophia«. Diese Neugeburt ist ein innerer Vorgang der Verwirklichung. Er läßt sich keinesfalls durch eine »angenommene auswendige Gnade« ersetzen (7,42). Damit wendet er sich gegen eine Veräußerlichung von Gnade und Glaube, wie sie ihm in seiner eigenen Kirche, gerade in ihr, begegnet ist. Gemeint ist, daß sich der »Gläubige« mit dem verbalen Zuspruch zufrieden gibt, ohne sich in der Tiefe seines Wesens zu verändern. Böhme läßt daher die Berufung auf die Tat Christi ebenso wenig gelten wie eine angebliche Vorherbestimmung zum Guten, denn sie machte jeden Willenseinsatz überflüssig (7,65). Im übrigen soll gesagt sein, daß Gottes »Wahl« und Bestimmung erst einsetzt »zur Erntezeit« des Endgerichts, das heißt nachdem eine Zeit der freien Entscheidung und Bewährung eingeräumt worden ist.

 

8. Kapitel: Von den Sprüchen Hl. Schrift.

Böhme wird nicht müde, seine Lehre von den drei Prinzipien darzustellen und in der Sprache des Gleichnisses die Brücke zwischen sinnlicher und übersinnlicher Wirklichkeit zu schlagen. Vor allem kehrt das Motiv des Baums, das wir von der »Aurora« her kennen, wieder (8,9-18). Hier wird es als Gleichnis für den Urstand und die Herkunft des Menschen gebraucht, der seinerseits in den Lebenszusammenhang mit den Kräften und Elementen des Kosmos eingefügt erscheint.

Das »ewige Mysterium« manifestiert sich »im äußern Mysterium«, in dem sich das »ewige Wort« ausspricht (8,25). So sind es vertraute Gedankengänge, die Böhme wiederholt. Denkbewegung und Darstellungsart entsprechen sich.

Was nun den göttlichen »Vorsatz« anlangt, so besteht er einerseits im Willen zur Schöpfung, andererseits (8,31) in der »Ein-Bildung« des Namens Jesu, wodurch die enge Beziehung von Schöpfung und Erlösung bestätigt wird. Bedeutsam für den Menschen ist es, daß der als Träger des Heils verstandene Jesus als ein neues Leben stiftendes »Gnadengeschenk umschließt (8,37 ff). Freilich weiß Böhme auch von der Tatsache, daß schon beim Lebensbeginn eines jeden Menschen der »erweckte Zorn Gottes« mitgegeben ist (8,40). Deshalb kommt es zum »Streit um den Menschen« (8,47). Das »Reich der Gnade« und das der vom Zorn-Feuer erfüllten Natur stehen gegeneinander. Der Geist Christi ist es, der sich in den Seelengrund »eindrängt« (8,58). Böhme verwendet das vor allem in der Alchymie gebräuchliche Bild der Coniunction, bei der der männliche Same in den weiblichen Schoß »eindrängt« (8,52). Gezeugt wird »das Geisteskind im Seelenschoß« (Rudolf Steiner).

Böhme widmet sich im besonderen jenen Schriftstellen, die den einladenden Charakter des Evangeliums hervorheben (8,66; 8,70) und somit zur Entscheidung für oder gegen Christus auffordern. Deshalb zieht er eine Summe, die Taufe und Verkündigung zu einer ständigen Anrede des zur Entscheidung rufenden Gottes werden lassen (8,71 ff). Von ausschlaggebender Bedeutung ist, daß auch der vom Bösen Infizierte »inwendigen Centro« der Seele von Christus erfüllt ist. Auch, ja gerade der Sünder hat die Möglichkeit der Umkehr (8,84). Die seelenaktive Grundhaltung des Menschen ist unerläßlich. Selbst der irdische Leib muß »in sich Christus helfen gebären«. Freilich ist diese mystische Gott-Geburt im Seelengrund immer eine »Kreuz-Geburt« (8,94). Daraus leitet Böhme jedoch keinen Leidenspessimismus ab. Er weiß sich zugleich geborgen im Frieden und in der Freude Christi. So fängt die Neugeburt nicht erst in der zukünftigen Auferstehung an, sondern bereits jetzt (8,97 ff). Daher der Appell zu friedlicher Eintracht; denn »Christus ist funden worden« (8,104). Religiöse Streitigkeiten sind absurd.

 

9. Kapitel: Vom Gegensatz der Sprüche der Schrift.

Die ersten Abschnitte halten nochmals fest, daß der in sich ruhende, außer und vor der Kreatur wesende Gott »kein Macher« (9,7) ist, somit auch nicht vorherbestimmend auf den Menschen einwirke. Die Entscheidungsinstanz liege im Menschen selber.

Böhme setzt von neuem zur Bibelauslegung an, indem er in alttestamentlichen Gestalten Typen einer zukünftigen Erfüllung sieht. So wie Adam vor dem Fall auf den zweiten Adam Christus hinweist, so ist auch Abel eine gleichnishafte »Figur im Bilde Christi« (9,21). Die Adamssöhne Kain und Abel personifizieren demnach die beiden Wesensseiten Adams, das heißt des Menschen — Kain die naturhafte, Abel die Gnaden (9,23). Entsprechendes gilt für Ismael und Isaak sowie für Esau und Jakob. Diese gegensätzlichen Brüderpaare der altisraelischen Erzvätergeschichte stehen letztlich für die innere Gegensätzlichkeit des Menschen schlecht hin. In der christologischen Perspektive ist es »adamischer Wille«, durch den Christus stirbt (9,39). Und dieser Wille ist — so paradox es scheint — heilsnotwendig (9,40 f.).

Die weiteren ausführlichen, meist umständlichen Erwägungen zur Willensfrei-heit Adams und Kains führen zu dem bereits bekannten Ergebnis: Nicht Gott hat die Ursache zur »Verstockung« gegeben, weil und sofern er »nur eine brennende Liebe« ist. Der Grund liegt im Menschen selbst (9,57 ff). Verdammenswert ist jedoch nicht der böse Mensch, sondern die böse Tat (9,61). Sie wiederum geht letztlich auf die Machenschaften des Teufels zurück. Dagegen ist es Christus, der »in dem inwendigen, in Adam eingesprochenen Grunde der Gnade« den Menschen anredet und einlädt (9,63).

Den Vorgang der Entfernung Adams, das heißt des Menschen von Gott, veranschaulicht sich Böhme anhand der Schicksale von Abrahams und Saras Magd Hagar und deren Sohn Ismael (9,65 ff). Christusbezüge werden herge-stellt. Zug um Zug überträgt Böhme in der Weise allegorischer Bibelauslegung Einzelelemente des alttestamentlichen Berichts ins Neutestamentliche. Eine christologische Entsprechung anderer Art — nämlich als ein »Gegenspiel« — ist nach Böhme das dritte ungleiche Brüderpaar Esau und Jakob (9,81 ff). So wie Jakob die Seinen fluchtartig verlassen mußte, wurde auch Christus von den Seinen, von der Welt, die ihn nicht aufnehmen wollte, verstoßen. Beide Male geht es um mehr als eine nur äußere Schilderung. Böhme setzt die Kenntnis der jeweiligen biblischen Wortlaute ohnehin voraus. Christi Heilstat bestand demnach darin, die Kains-, Ismaels- und Esau-Naturen zu retten (9,93).

Was nun die »Wiederbringung des ersten Wesens«, das heißt Adams im Vergleich zu dem zweiten Adam anlangt, so ist dieser dem ersten überlegen, weil er ganz aus Glaube, Liebe und Hoffnung besteht (9,97). So sind Abel, Isaak und Jakob Typen, genauer: Präfigurationen (Vor-Bildungen) des Menschen, in dem ein neues Leben anhebt (9,106). Ausführlich hat Böhme die Zusammenn-änge in seinem großen Genesis-Kommentar »Mysterium Magnum« (1622/23) dargestellt.

 

10. und 11. Kapitel: Schriftvergleiche

Böhme setzt in diesen Kapiteln seine Schriftvergleiche und Deutungen fort. Weiterhin ist es ihm darum zu tun, Widersprüchliches aufzuschlüsseln. Kap. 10,16 zeigt, auf welche Weise ihm die Harmonisierung gelingt. Zwar lehnt auch Böhme das Prinzip beliebiger Machbarkeit ab; Neugeburt ist und bleibt Gnade (10,18). Doch ist die Bereitschaft zur Buße, der Wille zur Veränderung, die in jedem einzelnen zu beginnen hat, unerläßlich.

Es liegt im Wesen Böhmeschen Denkens und Darstellens, daß er zu bereits besprochenen Themen immer wieder zurückkehrt und früher Gesagtes in kaum modifizierter Form wiederholt. Die Kritik an einer Veräußerlichung der Gnade ist ein solches Thema. Die bloße Berufung auf den »rechten Weg zur Seligkeit« und auf die reine Lehre im Sinne der Orthodoxie, etwa auf die lutherische Rechtfertigungslehre, erklärt er für nichtig (10,27 ff). Entsprechend hart und drastisch fällt das Urteil aus, das er über die »blinde Hure Babylon« fällt (10,28). Ausschlaggebend ist allein das In-Christo-Sein (10,29). Es ist bezeichnend für Böhme, daß er den Schwerpunkt des theologischen Problems nicht auf der Ebene der Argumentation sucht, sondern — als Seelenführer — auf dem Weg zu Christus (vgl. Texte und Erläuterungen in dem Band »Christosophia«). Das Wissen um theologische Tatbestände muß einer existentiellen Erfahrung weichen, der, daß Christi Leben, Sterben und Auferstehen »auch in mir geschehe« (10,34). Böhmes Landsmann und spirituellem Schüler Angelus Silesius (Johannes Scheffler) verdanken wir in seinem berühmten »Cherubinischen Wandersmann« die Verse:

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem geboren,

Und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren.

Das Kreuz zu Golgatha kann dich nicht von dem Bösen,

Wo es nicht auch in dir wird aufgericht‘, erlösen.

Und um den Realitätsgrad dessen, was »essentialiter« statt gefunden haben muß, anzuzeigen, greift Böhme gelegentlich auf alchymistische Termini zurück, etwa auf den der »Transmutation« (10,38), die eine bis in die Wesenstiefen des Menschen hineinreichende Wandlung meint. Bloßes »Mund-bekennen«, das sich mit der Wiederholung von frommen Formeln begnügt, trägt das Stigma des Antichrists (10,43). Umgekehrt läßt Böhme dort einen inneren Zugang zu Christus gelten, wo eine äußere Begegnung mit der Christusbotschaft nicht möglich war (10,44 ff; 11,3).

Böhme ist sich seiner Situation in und am Rande der verfaßten Kirche längst bewußt. Denn seitdem er in der »Aurora« sein Schauen mitgeteilt hat und dafür als ein gefährlicher Irrlehrer öffentlich verleumdet worden ist, gilt er auf der Seite seiner lutherischen Kirche als »Schwärmer«, der das »Amt« verachte (11,14). Somit besteht gerade hier ein Gegensatz zwischen ihm als dem geisterfahrenen Charismatiker und dem auf Bekenntnisformeln schwörenden Amtsträger, dessen spirituelle Unerfahrenheit offenkundig wird. Gotteserkennt-nis gründet nicht allein auf »Buchstaben«, sondern auf dem »lebendigen Wort, das den Buchstaben hat ausgesprochen« (11,34). So ist spirituelle Eigenerfahrung die Legitimation für den Umgang mit Lehre und Verkündigung (11,38). Skepsis gegenüber spirituellen Möglichkeiten verrät Unerfahrenheit (11,41).

 

12. Kapitel: Kurzer Bericht etlicher Fragen

Wie immer die Art der äußeren Anrede und Verkündigung erfolgen mag, wesentlich ist, daß »die Stunde des inwendigen Hörens« (12,11) schlägt. Der Ort dieses Hörens liegt nirgends anders als im »Abgrund« der Seele (12,16), wo Gott selbst von Ewigkeit her Wohnung genommen hat. Das ist auch die von der Tiefenpsychologie zu bestätigende Beobachtung, wonach Selbsterfahrung und Gotteserfahrung aufs engste zusammengehören. Von einer nur psychologischen Sicht unterscheidet sich Böhme dadurch, daß er die Notwendigkeit einer spirituellen Aktivität hervorhebt: Nur dort tritt der anklopfende Christus ins Seeleninnere ein, wo der Mensch ihn einläßt. Das sagt einer, der sich selbst als »ein Bote aus Gottes Gerechtigkeit« versteht (12,27), wodurch der Ernst der Stunde eindringlich hervorgehoben wird.

Das Mysterium des Bösen, das im gesamten Werk Böhmes eine große Rolle spielt, wird in diesem Kapitel dort berührt, wo (12,48 ff) sich der Autor der meist venachlässigten Schattengestalt des Judas annimmt und sie in ihrer Heilsnotwendigkeit für die Fortdauer des Prozesses Christi ausdrücklich bestätigt1.

1) Zum theologisch-tiefenpsychologischen Aspekt vgl. Gerhard Wehr: Tiefenpsychologie und Christentum — C. G. Jung. Pattloch Verlag Augsburg 1990. — Ders.: Selbsterfahrung durch C. G. Jung. Freiburg 1995 (Herder/Spektrum 4376).

 

13. Kapitel: Summarischer Schluß

Das Ergebnis seines teils in Form allegorischer Bibelauslegung, teils im Katechismusstil vorgetragenen Traktats lautet: Gottes Gerechtigkeit und Gnade sind beide unermeßlich (13,3). Diese Spannung von Grimm und Liebe ist auszuhalten, doch von zwingender Vorherbestimmung kann nicht die Rede sein.

Das Gnadenangebot gilt jedem. Die aktive Hinwendung zu diesem Angebot aber bleibt unerläßlich (13,7). Verbale oder formale Beteuerungen, denen keine Wesenswandlung zugrunde liegt, nützen nichts (13,9); ebenso wenig ein zeitlicher Aufschub der Buße. Christi Apostel empfangen ihre Bevollmächti-gung allein dadurch, daß sie »selber in Christo leben … und Christi Stimme in sich haben« (13,11).

Es ist die Stimme dessen, der zur Freiheit »vom Gesetz der Sünden« befreit hat (13,13). Aus dieser Freiheit heraus appel liert Jakob Böhme an die unmittelbaren Empfänger seines, wie er meint, knapp ausgeführten Buches, indem er zu einer brüderlichen Gesinnung aufruft und sich selbst an der Geist- erkenntnis anderer erfreuen will (13,20). Wesentlich ist, daß die Ausgangsbasis, Christus, dieselbe bleibt.

Fassen wir zusammen: Wohl besteht da und dort die Gefahr, daß der an eine klare Gedankenführung gewöhnte heutige Leser angesichts des oft weit ausholenden Böhmeschen Gedankengangs Thema und Ziel des Werks aus dem Blick verliert. Und doch dienen auch gelegentliche weitschweifige Exkurse letztlich der Antwort auf die Frage nach der sogenannten Gnadenwahl, das heißt sie dienen der Beantwortung der Frage nach Vorherbestimmung oder Freiheit des Menschen. Dieses existentielle Thema, das gerade vom religiös suchenden Menschen immer wieder aufgeworfen wird, behält Böhme selbst im Auge. Er stellt sich entschieden auf die Seite derer, die für die Freiheit des Christenmenschen, ja für die Freiheit des Menschen überhaupt eintreten. Und so stellt das Buch »Von der Gnadenwahl« den Versuch dar, einer wie auch immer gearteten Vorherbestimmungslehre und einem darauf gründenden Fatalismus entgegenzutreten.

Der »Schluß«, das. Resultat, zu dem Böhme gelangt, ist spätestens im 11. Kapitel deutlich ausgesprochen: »Darum ist das unser wahrer Schluß, daß über keinem Menschen ein vorsätzlicher Schluß zur Verdammnis sei gemacht, daß es nicht möglich sei, daß er könne bekehret werden. Denn obwohl der Mensch sich selber nicht kann bekehren, so hat aber seine Seele Macht, von ihrem Urstande, aus der ewigen Scienz des Ungrundes her sich in den Abgrund zu schwingen und in den Grund, darinnen Gott sein Wort gebieret … Daß aber einer sagen wollte, die Seele könne sich nicht in den Abgrund schwingen, der redet als einer, der noch lange nichts vom Geheimnis Gottes versteht …«. — Und gerade darin besteht die Absicht des Görlitzer Geisteslehrers und Seelenführers, bei seinen Lesern spirituelles Verstehen in Gang zu bringen und den Weg zum Mysterium zu zeigen.

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Eine wichtige Ergänzung des Buches »Von der Gnadenwahl« stellen Böhmes »Theosophische Sendbriefe« (1618-22) dar, zumal sie auch biographische Zusammenhänge beleuchten.

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Von der Gnadenwahl

oder

Von dem Willen Gottes über die Menschen

 

 

 

Vorrede des Autoris an den Leser

Wenn die Vernunft höret von Gott reden, was er nach seinem Wesen und Willen sei, so bildet sie sich ein, als sei Gott etwas Fernes und Fremdes, welcher außer dem Orte dieser Welt, hoch über dem Gestirne wohne und regiere also nur durch seinen Geist mit einer allgegenwärtigen Kraft im Loco (Ort) dieser Welt; seine Majestät aber in Dreifaltigkeit, da Gott insonderheit offenbar sei, wohne im Himmel außer dem Loco dieser Welt.

2. Und daher fället sie auch in einen kreatürlichen Wahn, als ob Gott was Fremdes sei und habe vor Zeiten der Schöpfung der Kreaturen und dieser Welt einen Ratschlag in sich selber in seiner Dreiheit durch die Weisheit gehalten, was er machen wollte und wozu alles Wesen solle, und habe also ihm (Gott) einen Vorsatz in sich selber geschöpfet, wohin er ein jedes Ding ordnen wollte.

3. Aus welchem der streitige (umstrittene) Wahn entstanden ist vom Ratschlag über die Menschen, als hätte Gott aus seinem Vorsatz einen Teil der Menschen zum Himmelreich in seine heilige Wonne erkoren und das andere Teil zur ewigen Verdammnis, in denen er wollte seinen Zorn offenbaren, und hingegen an den andern Auserwählten seine Gnade. Und habe also aus seinem Vorsatz einen Unterschied gemacht, seine Macht in Liebe und Zorn sehen zu lassen; und derowegen müßten alle Dinge notwendig also geschehen, und werde das Teil des Zorns aus Gottes Vorsatz also verstocket und verworfen, daß keine Möglichkeit mehr zur Hulde Gottes sei, hingegen in den andern keine Möglichkeit zur Verdammnis.

4. Und obwohl die Hl. Schrift mit fast dergleichen Sprüchen redet, auch die kreatürliche Vernunft mit einstimmet, welche nicht verstehet, was Gott ist, so redet sie doch auch hingegen viel mehr das Contrarium (Gegenteil), daß Gott nichts Böses wolle oder aus seinem Vorsatz gemachet habe. Diese beiden Contraria nun, wie das in seinem Grunde eigentlich zu verstehen sei, wollen wir dem christlichen unparteiischen Leser, des Grundes und der Wahrheit Suchern und Liebhabern, sie zu einigen und den wahren Verstand zu gründen, eine kurze Andeutung geben nachzusinnen und unsere empfangene Gaben, wie das ergriffen worden in Gnaden des höchsten Gutes, ihm zu erwägen wohlmeinend darstellen. Nicht der Meinung, jemanden dadurch anzugreifen oder zu verachten wegen seiner ergriffenen Meinung, sondern zu christlicher und brüderlicher Vereinigung unserer Gaben, die wir untereinander haben aus göttlicher Gnaden.

5. Gleichwie die Äste und Zweige eines Baumes einander nicht allerdings (in jeder Hinsicht) gleich in der Form stehen und doch in einem Stamme stehen und einer dem andern Ens (Sein) und Kraft giebet und einführet und sich in einem Stamme alle erfreuen, blühen und Frucht tragen, und keine Mißgunst wegen der Stärke und Ungleichheit ist, und ein jeder Ast zu seiner Frucht und Ernte arbeitet, also mag es mit unsern ungleichen Gaben auch wohl geschehen. So wir nur unsere Begierde in die rechte wahre Mutter, als in unsern Stamm, einführen und je ein Ast des Baums dem andern immerdar seine Kraft in gutem Willen giebet und uns nicht in eine Selbheit und eigene Lust eigener Liebe, als in Hoffart, — in willens über unsere Mutter, in der wir stehen und über alle ihre Kinder auszufahren und ein eigener Baum sein wollen — einführen noch des Teufels Gift der Eigenheit und falschen magnetischen Impression (Beinflussung) in uns nehmen, daraus Streit und Widerwillen, auch Spaltungen und Trennungen entstehen; da sich je ein Zweig des menschlichen Baumes vom andern abtrennet und ihm sein Ens und Kraft nicht gönnet, auch für abtrünnig und falsch ausrufet, sich aber auch nur selber als seinen abtrünnigen Zweig seiner Brüder im falschen Glanze darstellet und erkannt wird, daraus die vielen der Streite unter den Menschen entstanden sind.

6. Denen allen wollen wir andeuten, was des Streites Ursprung sei und woraus die Meinungen und Spaltungen natürlich urständen; auch denen andeuten, was der wahre Grund der einigen Religion sei, daraus so viel Meinungen und Spaltungen entstanden sind und woher das Contrarium von der Welt her sei entstanden, zu mehrerem (besseren) Verstande des göttlichen Willens nach Liebe und Zorn, wie das alles gründlich zu verstehen sei.

7. Und vermahne den liebhabenden Leser, sich in göttlicher Demut in Gott und seine Mit-Äste oder Brüder zu ersenken, so mag er unsern empfangenen tiefen Sinn und Begriff wohl ergreifen und von allen Irrungen in die wahre Ruhe, allda alle Dinge im Wort und Kraft Gottes inne ruhen, eingekehret werden. Und empfehlen ihn der wirkenden Liebe im Ente (Seinsgrund) Christi und unserm wohlgemeinten Willen und Begierde in seinem Willen.       Amen.

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Von dem einigen Willen Gottes und von Einführung seines Wesens seiner Offenbarung

Was der einige Gott sei

 

1,1  Gott spricht im Mose in einer offenbarten Stimme zu dem Volke Israel, unter welcher Stimme er sich aus seiner Verborgenheit in einen offenbaren Schall auf förmlich kreatürliche Art einführte und hören ließ, auf daß ihn die Kreatur möchte fassen: Ich, der Herr, dein Gott, bin ein einiger Gott; du sollst keine anderen Götter neben mir ehren (Exod. 20,2.3; Deut. 6,4) Item (desgleichen) Moses saget: Der Herr unser Gott ist ein zorniger, eifriger Gott und ein verzehrend Feuer. Item am andern Ort: Gott ist ein barmherziger Gott. Item: Sein Geist ist eine Flamme der Liebe (Deut. 4,24.31).

1,2. Diese jetzt erzählten Sprüche scheinen alles ein Contrarium (Widerspruch) zu sein, indem sich Gott einen zornigen Gott und ein verzehrend Feuer nennet, und dann auch eine Flamme der Liebe, welcher nichts als alleine gut sein kann, sonst wäre er nicht Gott als das einige Gute.

1,3. Denn man kann nicht von Gott sagen, daß er dies oder das sei, böse oder gut, daß er in sich selber Unterschiede habe. Denn er ist in sich selber naturlos, sowohl affekt- und kreaturlos. Er hat keine Neiglichkeit zu etwas, denn es ist nichts vor ihm, dazu er sich könnte neigen, weder Böses noch Gutes. Er ist in sich selber der Ungrund, ohne einigen Willen gegen der Natur und Kreatur, als ein ewig Nichts. Es ist keine Qual (Qualität im irdischen Sinne) in ihm, noch etwas, das sich zu ihm oder von ihm könnte neigen. Er ist das einige Wesen und nichts ist vor ihm oder nach ihm, daran oder darinnen er sich könnte einen Willen schöpfen oder fassen. Er hat auch nichts, das ihn gebäret oder giebet. Er ist das Nichts und das Alles, und ist ein einiger Wille, in dem die Welt und die ganze Kreation lieget. In ihm ist alles gleich-ewig ohne Anfang, in gleichem Gewichte, Maß und Ziel. Er ist weder Licht noch Finsternis, weder Liebe noch Zorn, sondern das ewige Eine. Darum saget Moses: Der Herr ist ein einiger Gott (Deut. 6,4).

1,4. Derselbe ungründliche, unfaßliche, unnatürliche und unkreatürliche Wille, welcher nur einer ist, und nichts vor ihm noch hinter ihm hat, welcher in sich selber nur eines ist, welcher als ein Nichts und doch alles ist. Der ist und heißet der einige Gott, welcher sich in sich selber fasset und findet und Gott aus Gott gebieret.

1,5. Als nämlich: Der erste unanfängliche einige Wille, welcher weder böse noch gut ist, gebieret in sich das einige ewige Gute als einen faßlichen Willen, welcher des ungründlichen Willens Sohn ist, und doch in dem unanfänglichen Willen gleich-ewig; und derselbe andere Wille ist des ersten Willens ewige Empfindlichkeit und Findlichkeit, da sich das Nichts in sich selber zu Etwas findet. Und das Unfindliche, als der ungründliche Wille, gehet durch sein ewig Gefundenes aus und führet sich in eine ewige Beschaulichkeit seiner selber.

1,6. Also: (1) heißet der ungründliche Wille ewiger Vater; (2) und der gefundene, gefassete, geborne Wille des Ungrundes heißet Ens (Sein und Wesen) darinnen sich der Ungrund im Grund fasset. (3) Und der Ausgang des ungründlichen Willens, durch den gefasseten Sohn oder Ens heißet Geist, denn er führet das gefaßte Ens aus sich aus in ein Weben oder Leben des Willens, als ein Leben des Vaters und des Sohnes. (4) Und das Ausgegangene ist die Lust als das Gefundene des ewigen Nichts, da sich der Vater, Sohn und Geist innen siehet und findet, und heißet Gottes Weisheit oder Beschaulichkeit.

1,7. Dieses dreifaltige Wesen in seiner Geburt, in seiner Selbst-Beschaulichkeit der Weisheit, ist von Ewigkeit je gewesen und besitzt in sich selber keinen andern Grund noch Stätte als nur sich selber. Es ist ein einig Leben und ein einiger Wille ohne Begierde, und ist weder Dickes noch Dünnes, weder hoch noch tief; es ist kein Raum, Zeit noch Stätte, besitzet auch in sich weder Dickes noch Dünnes, weder Höhe noch Tiefe noch Raum oder Zeit, sondern ist durch alles in allem, und dem allem doch als ein unfaßlich Nichts.

1,8. Gleich wie der Sonnen Glanz in der ganzen Welt, in allem und durch alles wirket, und dasselbe All kann doch der Sonnen nichts nehmen, sondern muß sie leiden und mit der Sonnen Kraft wirken, auf solche Weise wird Gott betrachtet, was er außer der Natur und Kreatur in sich selber, in einem selbstfaßlichen Chaos außer Grund Zeit und Stätte sei, da sich das ewige Nichts in ein Auge oder ewig Sehen fasset zu seiner Selbst-Beschaulichkeit, Empfindlichkeit und Findlich keit, da man nicht sagen kann, Gott hat zwei Willen, als (das heißt) einen zum Bösen und den andern zum Guten.

1,9. Denn in der unnatürlichen, unkreatürlichen Gottheit ist nichts mehr als ein einiger Wille, welcher auch der einige Gott heißt. Der will auch in sich selber nichts mehr als nur sich selber finden und fassen und aus sich selber ausgehen und sich mit dem Ausgehen in eine Beschaulichkeit (Sichtbarkeit) einführen, darinnen man die Dreiheit der Gottheit samt dem Spiegel seiner Weisheit als dem Auge seines Sehens, verstehet: darinnen alle Kräfte, Farben, Wunder und Wesen in der ewigen einigen Weisheit, in gleichem Gewichte und Maß ohne Eigenschaften verstanden werden als ein einiger Grund des Wesens aller Wesen; eine in sich selber gefundene Lust oder Begierde zum Etwas, eine Lust zur Offenbarung oder Findung der Eigenschaften, welche göttliche Lust oder Weisheit in sich selber, im ersten Grunde doch ganz ohne Eigenschaften, ist. Denn wären Eigenschaften, so müßte auch etwas sein, das die Eigenschaften gäbe und verursachte. Nun aber ist keine Ursache zu den göttlichen Kräften und zu der göttlichen Lust oder Weisheit, als nur bloß der einige Wille, nämlich der einige Gott, welcher sich in eine Dreiheit selber einführet als in eine Faßlichkeit seiner selber. Welche Faßlichkeit das Zentrum als das ewige gefaßte Eine ist. Und wird das Herze der Sitz des ewigen Willens Gottes geheißen, da sich der Ungrund in einem Grunde besitzet, welches die einige Stätte Gottes ist, und doch in keiner Teiligkeit oder Schiedlichkeit, denn es ist nichts davor, damit es möchte gegleichet werden.

1,10.     Dieses Herze oder Zentrum des Ungrundes ist das ewige Gemüte, als des Wollens, und hat doch nichts vor ihm das es wollen kann als nur den einigen Willen der sich in dieses Zentrum einfasset. So hat auch der erste Wille zum Centro auch nichts, das er wollen könnte, als nur diese einige Stätte seiner Selbst-Findlichkeit. Also ist der erste Wille der Vater seines Herzens oder der Stätte seines Findens, und ein Besitzer des Gefundenen als seines eingebornen Willens oder Sohnes.

1,11.     Der ungründliche Wille, welcher der Vater und alles Wesens ein Anfang ist, gebieret in sich selber zu einer Stätte der Faßlichkeit; oder besitzet die Stätte, und die Stätte ist der Grund und Anfang aller Wesen und besitzet hinwieder den ungründlichen Willen, der der Vater des Anfangs zum Grund ist.

1,12.     Also ist der Vater und sein Sohn als die Stätte zu einer Selbheit ein einiger Vater eines einigen Willens; welcher einige Wille, in der gefasseten Stätte des Grundes, aus sich selber aus der Fassung ausgehet, wo er mit seinem Ausgehen ein Geist genannt wird, und scheidet sich der einige Wille des Ungrundes mit der ersten, ewigen, unanfänglichen Fassung in dreierlei Wirkung, und bleibet doch nur ein Wille. Als der erste Wille, so Vater heißet, der wirket in sich den Sohn als die Stätte der Gottheit. Und die Stätte der Gottheit, welche des Vaters Sohn ist, wirket in sich in der Findlichkeit als die Kraft der Weisheit; welche Kräfte alle in dem Sohne urständen, und sind allhie alle Kräfte doch nur eine einige Kraft, und die ist die empfindliche, findliche Gottheit in sich selber, in einem einigen Willen und Wesen, in keiner Unterschiedlichkeit.

1,13.     Diese gefundenen, gebornen und gewirkten Kräfte als das Zentrum aller Wesen Anfänge hauchet der erste Wille, welcher Vater heißet, in der Empfindlichkeit seiner selber aus der einigen Kraft, welche sein Sitz oder Sohn ist, aus sich aus, auf Art gleichwie der Sonnen Strahlen aus dem magischen Feuer der Sonnen aus sich ausschießen und der Sonnen Kraft offenbaren. Also ist derselbe Ausgang ein Strahl der Kraft Gottes als ein bewegend Leben der Gottheit, das sich der ungründliche Wille hat in einen Grund eingeführet als in eine wallende Kraft. Dieselbe haucht der Wille zur Kraft aus der Kraft aus, und der Ausgang heißet der Geist Gottes und machet die dritte Wirkung als ein Leben oder Weben in der Kraft.

1,14.     Die vierte Wirkung geschiehet nun in der ausgehauchten Kraft als in der göttlichen Beschaulichkeit oder Weisheit, da der Geist Gottes, welcher aus der Kraft urständet, mit den ausgehaucheten Kräften als mit einer einigen Kraft mit sich selber spielet, da er sich in der Kraft in Formungen in der göttlichen Lust einführet, gleich als wollte er ein Bilde dieser Gebärung der Dreiheit in einen besondern Willen und Leben einführen als eine Fürmodelung (Ausgestaltung) der einigen Dreiheit. Und dasselbe eingemodelte Bild ist die Lust der göttlichen Beschaulichkeit. Und da man doch nicht soll ein faßlich kreatürlich Bild einer Umschriebenheit verstehen, sondern die göttliche Imagination als den ersten Grund der Magiae, daraus die Kreation ihren Anfang und Urstand genommen hat.

1,15.     Auch wird in derselben Inmodelung oder magischen Fassung in der Weisheit das englische und seelische wahre Bilde Gottes verstanden, da Moses saget (Gen. 1,27): Gott schuf den Menschen in seinem Bilde — das ist: in dem Bilde dieser göttlichen Einmodelung nach dem Geiste; und zum Bilde Gottes schuf er ihn nach der Kreatur der geschaffenen leiblichen Bildlichkeit. Also auch ist es mit den Engeln, nach dem göttlichen Wesen aus göttlicher Weisheit zu verstehen. Der kreatürliche Grund aber soll hernach angedeutet werden, darinnen die Eigenschaften liegen.

1,16.     In dieser obgemeldeten Erzählung verstehen wir nun kurz summarisch, was Gott außer Natur und Kreatur sei, da er im Mose saget: Ich, der Herr dein Gott, bin ein einiger Gott. — Dessen Name heißet in der sensualischen Zungen (dem geistigen Sinne nach), da sich diese göttliche Gebärung in den Kräften der einigen Weisheit in eine Fassung der Bildnis seiner selber einführet, Jehova, als eine eingefassete Lust des Nichts in Etwas oder das ewige Eine, welches etwann möchte auf eine Art entworfen werden mit einer solchen Bildung, und da es doch kein meßlich (meßbar, begrenzbar) oder abteilig Bilde oder Wesen ist, sondern dem Gemüte nachzusinnen.

1,17.     Denn diese in sich selber Inbildung ist weder groß noch klein und hat nirgend keinen Anfang noch Ende, als nur, wo sich die göttliche Lust in ein Wesen seiner Beschaulichkeit einführet als in der Kreation; in sich selber aber ist die Bildung unendlich und die Formung unumschrieben. Gleichwie die Einmodelung des Menschen Gemütes unmeßlich in einer immerwährenden Form stehet, da sich unzählig viel Sinnen mögen in dem einigen Gemüte modeln und fassen, welche in der irdischen Kreatur doch meistenteils aus der Phantasei des Sternen-Gemütes urständen und nicht aus den Kräften des innern Grundes der göttlichen Weisheit.

1,18.     Allhie wollen wir nun den Leser erinnern, wie daß Gott in sich selber, soviel er Gott außer der Natur und Kreatur heißet, nicht mehr als nur einen einigen Willen habe, der ist, daß er sich selber giebet und gebieret. Der Gott Jehova gebäret nichts als Gott, das ist: es gebäret sich nur ein Vater, Sohn und Hl. Geist in die einige göttliche Kraft und Weisheit.

1,19.     Gleichwie die Sonne nur einen einigen Willen hat, der ist, daß sie sich selber giebet und mit ihrer Begierde in allen Dingen ausdringet und wächset, und allem Leben Kraft und sich selber einergiebet, also auch in gleichem ist Gott außer Natur und Kreatur das einige Gute, das nichts als Gott oder das Gute geben kann noch will.

1,20.     Er ist außer der Natur die größeste Sanftmut und Demut, darinnen weder ein Wille zu guter noch böser Neiglichkeit gespüret wird, denn es ist weder Böses noch Gutes vor ihm, Er ist selber das ewige einige Gute und ein Anfang alles guten Wesens und Willens. Es ist auch nicht möglich, daß sich etwas Böses in ihn, soviel er dasselbe einige Gute ist, könne eindringen, denn er ist allen Dingen, was nach ihm ist, ein Nichts. Er ist eine in sich selber wirkliche, wesentliche, geistliche Kraft, die allerhöchste einfältigste Demut und Wohltun, als Liebe-Fühlen, Liebe- und Wohl-Schmecken, im Sensu der süßen Gebärung, Wohl- und Gerne-Hören.

1,21.     Denn alle Sensus qualifizieren in gleicher Konkordierung (Harmonie) und ist nichts als nur ein lieblich Wallen des Hl. Geistes in der einigen Weisheit. Da kann man nicht sagen: ein zorniger Gott, auch nicht sagen: ein barmherziger Gott, denn hierinnen ist keine Ursache zum Zorn, auch keine Ursache, etwas zu lieben, denn er ist die einige Liebe selber, der sich in eitel Liebe in Dreifaltigkeit einführet und gebieret.

1,22.     Der erste Wille, so Vater heißet, liebet seinen Sohn als sein Herz seiner Selbst-Offenbarung, darum daß er seine Findlichkeit und Kraft ist. Gleichwie die Seele den Leib liebet, also auch in gleichem ist der gefassete Wille des Vaters seine Kraft und geistlicher Leib als das Zentrum der Gottheit oder des göttlichen Etwas, darin der erste Wille etwas ist.

1,23.     Und der Sohn ist des ersten Willens als des Vaters Demut und begehret hinwieder also mächtig des Vaters Willen, denn er wäre ohne den Vater ein Nichts, und er wird recht des Vaters Lust oder Begierde zur Offenbarung der Kräften genennet als des Vaters Geschmack, Geruch, Gehör, sein Fühlen und Sehen. Und da man doch allhie nicht soll Unterschiede verstehen, denn alle Sensus liegen in gleichem Gewichte in der einigen Gottheit. Allein denket nur, daß diese Sensus, welche im Grunde der Natur urständen, in dem der Vater diese Kräfte aus sich in eine Schiedlichkeit ausspricht, urständen.

1,24.     Und der Hl. Geist wird darum heilig und eine Flamme der Liebe genannt, daß er die ausgehende Kraft aus dem Vater und Sohne ist als das bewegende Leben im ersten Willen des Vaters und im andern Willen des Sohnes in seiner Kraft, und daß er ein Formierer, Wirker und Führer in der ausgegangenen Lust des Vaters und des Sohnes, als in der Weisheit, ist.

1,25.     Also, ihr lieben Brüder, ihr armen von Babel verwirreten Menschen, welche euch durch des Satans Neid verwirret hat, merket dieses: Wenn man euch saget von drei Personen der Gottheit und vom göttlichen Willen, so wisset, daß der Herr unser Gott ein einiger Gott ist, welcher nichts Böses wollen kann noch will. Denn wollte er etwas Böses und dann auch etwas Gutes in sich selber, so wäre eine Trennung in ihm, und so müßte auch etwas sein, das eine Ursache eines Contrarii (Gegensatzes) wäre.

1,26.     So denn nichts vor Gott ist, so mag ihn auch nichts zu etwas bewegen, denn so ihn etwas bewegte, so wäre dasselbe ehe und mehr als er selber und dürfe geschehen, daß Gott in sich selber uneinig und zertrennt wäre, so müßte auch dasselbe Bewegliche von einem Anfange sein, dieweil sichs bewegete.

1,27.     Wir aber sagen euch in der Sage des Einen, daß Gottes Wesen, soviel das der einige Gott heißet, außer Grund, Stätte und Zeit in sich selber wohnend verstanden werde und an keinem Orte sonderlich betrachtet werde mit einer sonderlichen Wohne (Wohnung). Willst du aber wissen, wo Gott wohnet, so nimm weg Natur und Kreatur, alsdann so ist Gott alles. Nimm weg das ausgesprochene geformte Wort, so siehest du das ewigsprechende Wort, das der Vater im Sohne ausspricht, und siehest die verborgene Weisheit Gottes.

1,28.     Sprichst du aber: Ich kann nicht die Natur und Kreatur von mir wegnehmen, denn so das geschähe, so wäre ich ein Nichts. Darum so muß ich mir die Gottheit durch Bilde einmodeln, dieweil ich sehe, daß in mir Böses und Gutes ist, so wohl in der ganzen Kreatur also verstanden wird.

1,29.     Höre, mein Bruder, Gott sprach im Mose: Du sollst dir kein Bildnis machen einiges Gottes, weder im Himmel, auf Erden noch im Wasser oder in etwas, anzudeuten, daß er kein Bild sei, auch keine Stätte zu einem Sitze bedürfe und man ihn nirgend an einem Orte suchen solle als nur in seinem geformten ausgesprochenen Worte als im Bilde Gottes, im Menschen selber, wie geschrieben stehet: Das Wort ist dir nahe als nämlich in deinem Mund und Herzen (Röm. 10,8). Und ist das der nächste Weg zu Gott, daß das Bild Gottes in sich selber allen eingemodelten Bilden, ersinke und alle Bilde, Disputat und Streite in sich verlasse und an eigenem Wollen, Begehren und Meinen verzage und sich bloß alleine in das ewige Eine als in die lautere einige Liebe Gottes ersenke und vertraue, welche er nach des Menschen Fall in Christo in die Menschheit hat wieder eingeführet.

1,30.     Dieses habe ich darum etwas weitläufig vorgebildet, daß der Leser den ersten Grund verstehen lerne, was Gott sei und wolle, und daß er nicht einen bösen und guten Willen in dem einigen unnatürlichen, unkreatürlichen Gotte suche und daß er aus den Bilden (Abbildhaftigkeit) von der Kreatur ausgehe, wenn er will Gott, seinen Willen und sein ewig sprechendes Wort betrachten, und wenn er will betrachten, wovon Böses und Gutes urstände, davon sich Gott einen zornigen, eiferigen Gott nennet. Daß er sich zur ewigen Natur als zum ausgesprochenen, kompaktierten, geformten Worte und dann zur Natur wende als zur anfänglichen, zeitlichen Natur, darinnen die Kreation dieser Welt lieget.

1,31.     So wollen wir nun den Leser ferner von Gottes Wort, das er aus seinen Kräften ausspricht, berichten und ihm andeuten die Scheidung als (1) den Urstand der Eigenschaften, daraus ein guter und böser Wille urstände, (2) und zu was Ende solches unvermeidlich sein müsse, (3) und wie alle Dinge in der Unvermeidlichkeit stehen, (4) und wie die Bosheit in der Kreatur urstände.

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Vom Urstand Gottes ewigsprechenden Wortes und von der Offenbarung göttlicher Kraft als von Natur und Eigenschaft

 

2,1. Die kreatürliche Vernunft stehet in dem geformten, gefasseten, ausgespro-chenen Worte. Darum ist sie ein bildlich Wesen und denket immerdar, Gott sei auch ein bildlich Wesen, der sich möge erzürnen und in Eigenschaften zum Bösen und Guten einführen. Inmaßen sie sich denn von diesem hohen Artikul (Gegenstand) göttlichen Willens hat eingebildet, Gott habe sich von Ewigkeit einen Vorsatz und Wahl gemachet, was er mit seinem Geschöpf tun wollte, und habe sich also in eine Rache eingeführet, auf daß er seine Liebe und Barmherzigkeit an seinen Auserwählten könne und möge offenbaren, und müsse also sein Grimm eine Ursache sein, daß seine Barmherzigkeit erkannt werde, welches alles im Grunde also ist, daß Gottes Zorn seine Majestät muß offenbaren gleichwie das Feuer das Licht.

2,2. Aber von dem Willen Gottes, sowohl von der Schiedlichkeit des geformten Wortes und der Kreatur, hat sie keinen rechten Begriff. Denn hätte Gott jemals einen Rat in sich gehalten, sich also zu offenbaren, so wäre seine Offenbarung nicht von Ewigkeit außer Gemüte und Stätte, so müßte auch derselbe Rat jemals einen Anfang genommen haben und müßte eine Ursache in der Gottheit gewesen sein, um welcher willen sich Gott in seiner Dreiheit beratsch hätte, so müßten auch Gedanken in Gott sein, welche ihm also in Gestaltnis einmodelte, wie er wollte einem Dinge begegnen.

2,3. Nun aber ist er selber das Einige und der Grund aller Dinge und das Auge aller Wesen und die Ursache aller Essenz. Aus seiner Eigenschaft entstehet Natur und Kreatur; was wollte er denn mit sich selber ratschlagen, so kein Feind vor ihm noch hinter ihm ist und er alleine selber alles ist, das Wollen, Können und Vermögen.

2,4. Darum sollen wir, so wir wollen von Gottes unwandelbarem Wesen einig allein reden, was er wolle, was er gewollt habe und immer will, nicht von seinem Ratschlag sagen, denn es ist kein Ratschlag in ihm. Er ist das Auge alles Sehens und der Grund aller Wesen. Er will und tut in sich selber immer dar nur ein Ding, als: er gebäret sich in Vater, Sohn, Hl. Geist in die Weisheit seiner Offenbarung. Sonst will der einige, ungründliche Gott in sich selber nichts, hat auch in sich selber um mehrers keinen Ratschlag. Denn wollte er in sich ein mehrers, so müßte er demselben Wollen solches zu vollbringen nicht genug sein; so er auch in sich selber nichts mehr als nur sich selber wollen, denn was er je von Ewigkeit gewollt hat, das ist er selber. Also ist er alleine Eines und nichts mehr. So kann auch ein einig Ding mit ihm nicht streitig werden, davon ein Ratschlag entstünde, die Streite zu scheiden.

2,5. Also ist auch von denen Dingen zu denken, welche aus dem ewigen, unanfänglichen Grunde herrühren, daß ein jedes Ding, das aus dem ewigen Grunde ist, ein Ding in seiner Selbheit sei und ein eigener Wille, der nichts vor ihm hat, das ihn zerbrechen mag, er führe sich denn selber in eine fremde Fassung ein, welche dem ersten Grunde, daraus er ist entstanden, nicht ähnlich siehet, so ists eine Abtrennung vom Ganzen. Als uns denn vom gefallenen Teufel und der Seele des Menschen zu verstehen ist, daß sich die Kreatur hat vom ganzen Willen abgebrochen und in eine Eigenheit anderer Fassung, der göttlichen einigen Gebärung zuwider, eingeführet. Dieses aber zu verstehen, müssen wir auf die Hauptursache sehen, wie das hat mögen geschehen.

2,6. Denn hätten sich nicht die Kräfte der einigen göttlichen Eigenschaft in Schiedlichkeit eingeführet, so hätte das nicht sein mögen und wäre weder Engel noch andere Kreatur worden, auch wäre keine Natur noch Eigenschaft und wäre ihm der unsichtbare Gott alleine in der stillen wirkenden Weisheit in sich selber offenbar, und wären alle Wesen ein einig Wesen, da man doch nicht könnte von Wesen sagen, sondern von einer in sich selber wirkenden Lust, welche zwar in dem einigen Gott also nur ist und nicht mehrers.

2,7. Wenn wir aber betrachten die göttliche Offenbarung in der ganzen Kreation in allen Dingen und sehen an die Schriften der Heiligen, so sehen, finden und begreifen wir den wahren Grund; denn Joh. am 1,1-3 stehet: Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und Gott war das Wort; dasselbe war im Anfang bei Gott. Alle Dinge sind durch dasselbe gemacht, und ohne dasselbe ist nichts gemachet, was gemachet ist.

2,8. In dieser kurzen Beschreibung lieget der ganze Grund göttlicher und natürlicher Offenbarung; im Wesen aller Wesen. Denn »im Anfang« heißet allhie der ewige Anfang im Willen des Ungrundes zum Grunde als zur göttlichen Fassung, da sich der Wille ins Zentrum zu einem Grunde fasset als zum Wesen Gottes und in sich einführet in Kraft und aus der Kraft ausgehet in Geist und im Geiste sich modelt in Empfindlichkeit der Kräfte. Also sind dieselben Kräfte, welche alle in einer Kraft liegen, der Urstand des Worts. Denn der einige Wille fasset sich in der einigen Kraft, da alle Verborgenheit innen lieget und hauchet sich durch die Kraft aus in die Beschaulichkeit des ewigen Gemütes als der Umblickung seiner selber. Das heißet nun: Das Wort war im Anfang bei Gott und war Gott selber.

2,9. Der Wille ist der Anfang, der heißet Gott Vater, der sich fasset in Kraft, und heißet Gott Sohn; und das Ens (Sein) ist die Scienz (Wurzel, vgl. 2,14)) und Ursache des Sprechens als der Essenz oder der Schiedlichkeit der einigenden Kraft als die Austeilung des Gemütes, welches der Geist mit seinem Ausgehen aus der Kraft schiedlich machet.

2,10.     Nun möchte aber kein Aussprechen oder Schallen geschehen, denn die Kräfte stehen alle in einer einigen Kraft in großer Stille; wenn sich nicht dieselbe einige Lust in der Kraft in eine Begierde als in einer Scienz oder Einziehen fassete, das ist: die freie Lust fasset sich in eine Scienz seiner selber zu einer Formung der Kräfte, auf daß die Kräfte in eine Kompaktion zu einem lautbaren Halle eingehen, davon die sensualische (sinnliche) Zunge der fünf Sensuum (Sinne) entstehet als eine innigliche Beschauung, Fühlung, Hörung, Riechung und Schmeckung, welches doch allhie nicht kreatürlicher, sondern nur auf Art der ersten Empfindlichkeit und Findlichkeit sensualischer Art soll verstanden werden.

2,11.     So heißet es alsdann allhier das Wort als die geformte Kraft war im Anfange bei Gott, denn allhier werden nun zwei Wesen verstanden als die ungeformte Kraft, das ist »In«. Und die geformte Kraft, das heißt »Bei«, denn sie ist in das Etwas zur Beweglichkeit getreten. Das »In« ist stille, aber das »Bei« ist gefaßt. Und aus dieser Fassung und Scienz urständet Natur und Kreatur samt allem Wesen.

2,12.     Und sollen allhier unsere Augen des Verstandes weit auftun, auf daß wir wissen, zwischen Gott und der Natur zu unterscheiden und nicht nur sagen: Gott will, Gott schuf. Es ist nicht genug, daß man mit dem Hl. Geiste gaukele, und heißet ihn einen Teufel, wie die gefangene Vernunft tut, welche saget: Gott will das Böse. Denn aller böse Wille ist ein Teufel als ein selbstgefaßter Wille zur Eigenheit, ein abtrünniger vom ganzen Wesen und eine Phantasei.

2,13.     Darum ich den Leser hoch vermahne, unsern Sinn recht zu ergreifen und von der Phantasei der Schluß-Reden (falsche Schlüsse ziehen) ohne den waren inniglichen Grund sich zu meiden. Wir wollen ihm allhier den wahren Grund darstellen.

2,14.     Verstehet: Die Kräfte zum Wort sind Gott; und die Scienz als das magnetische Ziehen ist der Anfang der Natur. Nun möchten die Kräfte nicht offenbar werden ohne diese Begierde des Ziehens. Gottes Majestät in wirklicher Kraft zur Freude und Herrlichkeit würde nicht offenbar ohne das Anziehen der Begierde, und wäre auch kein Licht in göttlicher Kraft, wenn sich nicht die Begierde einzöge und überschattete, darinnen der Grund der Finsternis verstanden wird, welcher sich denn führet bis zu des Feuers Anzündung, allda sich Gott einen zornigen Gott und ein verzehrend Feuer nennet, da die große Schiedlichkeit, auch der Tod und Sterben und dann das große lautbare kreatürliche Leben urständet und verstanden wird.

2,15.     Wie ihr dessen ein Gleichnis an einer brennenden Kerzen habet, da das Feuer die Kerze in sich zeucht (zieht) und verzehret, allda das Wesen erstirbet, das ist: in dem Sterben der Finsternis sich im Feuer in einen Geist und in eine andere Qual (Qualität) als im Lichte verstanden wird, transmutieret (verwandelt), da man in der Kerzen kein recht fühlich Leben verstehet, aber mit des Feuers Anzündung sich das Ens der Kerzen in die Verzehrung in ein peinlich fühlich Weben und Leben einführet, aus welchem peinlichen, fühlenden Leben das Nichts als das Eine in einem großen Gemach scheinlich und lichte wird.

2,16.     Also ist uns auch von Gott zu sinnen, daß er seinen Willen darum in eine Scienz zur Natur einführet, daß seine Kraft im Licht und Majestät offenbar und ein Freudenreich werde. Denn wenn in dem ewigen Einen keine Natur entstünde, so wäre alles stille. Aber die Natur führet uns in Peinlichkeit, Empfindlichkeit und Findlichkeit ein, auf daß die ewige Stille beweglich werde und die Kräfte zum Wort lautbar werden. Nicht daß darum das Ewige peinlich werde, so wenig das Licht vom Feuer peinlich wird, sondern daß die feuernde Eigenschaft in der Peinlichkeit die stille Lust bewege.

2,17.     Die Natur ist der stillen Ewigkeit Werkzeug, damit sie formiere, mache und scheide und sich selber darinnen in eine Freudenreich fasse, denn der ewige Wille offenbaret sein Wort durch die Natur. Das Wort nimmt in der Scienz Natur an sich. Aber das ewige Eine als der Gott Jehovah nimmt keine Natur an sich, sondern wohnet durch die Natur gleichwie die Sonne in den Elementen oder wie das Nichts im Lichte des Feuers, denn des Feuers Glanz machet das Nichts scheinlich, und da man doch nicht sagen soll ein Nichts; denn das Nichts ist Gott und alles. Allein wir reden also, damit wir dem Leser könnten unsern Sinn und Begriff geben.

2,18.     Die Natur mit ihrem Urstande in der Scienz als in der anziehenden Begierde wird verstanden wie folget: Ich will ein Gleichnis fürstellen vom Feuer und Licht, damit der Leser sich möchte in den wahren Sinn und Verstand in Beistand göttlicher Kraft einführen.

2,19.     Siehe an eine angezündete Kerze, so siehest du ein Gleichnis, beides des göttlichen und auch des natürlichen Wesens. In der Kerze lieget alles untereinander in einem Wesen in gleichem Gewichte ohne Unterschied als das Fette, das Feuer, das Licht, die Luft, das Wasser, die Erde: Item der Schwefel, der Mercurius, das Salz und das Öle, aus welchem das Feuer, Licht, Luft und das Wasser urständet; da kann man in der Kerze keinen Unterschied halten und sagen, das ist Feuer, das ist Licht, das ist Luft, das ist irdisch. Man sieht keine Ursache des Schwefels, Salzes noch Öles. Man saget, es ist ein Fettes, und ist auch wahr, aber alle diese Eigenschaften liegen darinnen, und doch in keinem Unterscheide der Erkenntnis, denn sie stehen alle in gleichem Gewichte in der Temperatur (Ausgewogenheit).

2,20.     Also auch in gleichem ist uns zu erkennen von dem ewigen Einen als von dem verborgenen, unoffenbaren Gott außer der ewigen Scienz, das ist: außer seiner kräftigen Offenbarung seines Wortes. Es liegen alle Kräfte und Eigenschaften in dem unanfänglichen Gott Jehovah in der Temperatur. Aber indem der ewige Wille, welcher der Vater aller Wesen und allen Urstandes ist, sich in der Weisheit in einem Gemüte zu seinem Selbst-Sitz und zur Kraft einfasset und dasselbe Infassen aushauchet, so fasset sich sein Wille in dem Aushauchen seiner Kraft in der Temperatur in dem Ausgehen seiner selber in eine Scienz zur Schiedlichkeit und zur Offenbarung der Kräfte, daß in dem Einen eine unendliche Vielheit der Kräfte als ein ewiger Blick erscheine, auf daß das ewige Eine schiedlich, empfindlich, sichtlich, fühlich und wesentlich sei.

2,21.     Und in derselben Scienz oder inziehenden Begierde, wie man das etwa zum Verstande geben könnte, anfänget sich die ewige Natur, und in der Natur das Wesen; versteht ein geistlich Wesen als Mysterium Magnum (großes Geheimnis) als der offenbare Gott oder wie man es setzen möchte: die göttliche Offenbarung — da die heilige Schrift von Gott von Unterschieden redet als: Gott ist gut; item: Gott ist zornig und eifrig; item: Gott kann nichts Böses wollen; item: Gott verstockt ihr Herze, daß sie nicht glauben und (nicht) selig werden; item: es ist oder geschiehet kein Übels in der Stadt, das der Herr nicht tut; item: darum habe ich dich erwecket, daß ich meines Zornes Macht an dir erzeigete; item die ganze Wahl (Vorherbestimmung) des Guten und Bösen in der Schöpfung, als da sind böse und gute Kreaturen; item in Metallen, Erden, Steinen, Kräutern, Bäumen und Elementen also zu sehen, das hat alles seinen Anfang und Urstand daher.

2,22.     Und ist in der Natur immer eines wider das andere gesetzt, daß eines des andern Feind sei, und doch nicht zu dem Ende (Zweck), daß sichs feinde, sondern daß eines das andere im Streite bewege und in sich offenbare, auf daß das Mysterium Magnum in Schiedlichkeit eingehe und in dem ewigen Einen eine Erheblichkeit und Freudenreich sei, auf daß das Nichts in und mit Etwas zu wirken und zu spielen habe als der Geist Gottes, welcher sich durch die Weisheit hat von Ewigkeit in ein solch geistlich Mysterium eingeführet zu seiner selbst Beschaulichkeit; welch Mysterium er (Gott) auch in einen Anfang zur Kreation und zur Zeit eingeführet und in ein Wesen und Weben der vier Elementen gefasset und das unsichtbare Geistliche mit und in der Zeit sichtbar gemachet.

2,23.     Nun zeigen wir euch dessen ein wahres Bild an der Welt als an der Sonne, Sternen und Elementen und des Mysterii, daraus die vier Elemente urständen. Wir sehen, daß die Sonne in der Tiefe der Welt leuchtet, und ihre Strahlen zünden das Ens der Erden an, daraus alles wächset. Auch verstehen wir, daß sie das Ens im Mysterio Magno als im Spiritus Mundi (Geist der Welt) nämlich im Sulphure, Mercurio und Sale1 anzündet, darinnen das magische Feuer eröffnet wird, als welchem die Luft, das Wasser und die Irdigkeit seinen Urstand nimmt. Das ist: Das einige im Mysterio Magno oder äußern Welt scheidet sich darnach in vier Elemente, welche wohl zuvorhin im Mysterio liegen. Aber sie stehen in der Scienz in der magischen Impression ineinander im großen Mysterio verborgen und liegen in einem Wesen.

1) die drei alchymistischen Grundstoffe und Aggregatzustände

2,24.     Nun gleichwie der Sonnen Kraft und Strahlen das Mysterium der äußern Welt aufschließen, daß Kreaturen und Gewächse daraus gehen, also auch hingegen ist das Mysterium der äußern Welt eine Ursache, darinnen sich der Sonnen Strahlen aufschließen und anzünden. Wenn nicht das große Mysterium in Sulphure, Sale und Mercurio geistlicher Art im Spiritu Mundi läge als in der Scienz der Sternen Eigenschaften, welche eine Quinta Essentia1 über die vier Elemente ist, so möchten der Sonnen Strahlen nicht offenbar werden. Weil aber die Sonne edler und einen Grad tiefer in der Natur ist als das Mysterium der äußern Welt, nämlich als der Spiritus Mundi in Sulphur, Sale und Mercurio in der Quinta Essentia der Sternen, so eindringet sie sich in das äußere Mysterium und zündet das an und auch hiemit sich selber, daß ihre Strahlen feurig werden, denn sonst wären sie nicht feurig ohne die Scienz im Mysterio dieser Welt.

1) die allem Stoff zugrundeliegende fünfte Essenz

2,25.     Und wie nun die Sonne ihre Begierde heftig in die Scienz ins Mysterium als in diese drei ersten, nämlich Sulphur, Mercurium und Sal einführet, sich in ihnen anzuzünden und zu offenbaren, also auch führet die Scienz ihre Begierde aus der Quinta Essentia der Sternen durch diese drei ersten — als Sulphur, Mercurium und Sal — also heftig gegen der Sonnen als ihrem Naturgotte, welche eine Seele der Mysterii Magni in der äußern elementischen Welt ist, als ein Gleichnis des innern verborgenen Gottes.

2,26.     Auch siehet man, wie die Sterne also gierig und hungerig nach der Sonnen Kraft sind, daß sie ihre Scienz und Begierde magnetischer Art im Spiritu Mundi in die drei ersten einführen und der Sonnen Kraft in sich ziehen; hingegen sich die Sonne auch mächtig in sie eindringet, ihre Scienz zu empfangen; derowegen sie aus der Sonnen Kraft ihren Schein haben, daß sie hinwieder ihre angezündete Kraft als eine Frucht in die vier Elemente einwerfen und also ineinander qualifizieren, und je eines des andern Offenbarung auch Kraft und Leben ist, sowohl auch des andern Zerbrechung, auf daß nicht eine Eigenschaft über die andern alle aufsteiget.

2,27.     So hat es der Höchste also in ein Gleichnis nach seinem eigenem Wesen aus seinem ewig sprechenden Wort, aus dem ewigen großen Mysterio, welches ganz geistlich ist, in eine Zeit gesprochen und das ewige in einer Zeit mit einer Figur dargestellet, in welchem alles kreatürliche Leben urständet, auch darinnen sein Regiment führet, ausgenommen die Engel und ewigen Geister, sowohl die rechte innere Seele des wahren Menschen. Diese haben ihren Urstand aus der ewigen uranfänglichen Scienz oder Natur, wie hernach soll gemeldet werden.

2,28.     Nun verstehet dies angezogene Gleichnis: Gott ist die ewige Sonne als das ewige einige Gute. Er wäre aber außer der ewigen Scienz als der ewigen Natur mit seiner Sonnenkraft als der Majestät, nicht offenbar ohne die ewige geistliche Natur. Denn es wäre nichts außer der Natur, darinnen Gott in seiner Kraft könnte offenbar sein, denn er ist der Anfang der Natur und führet sich doch nicht darum aus dem ewigen Einen in einen ewigen Anfang zur Natur, daß er will etwas Böses sein, sondern daß seine Kraft möge in Majestät als in Schiedlichkeit und Empfindlichkeit1 zu kommen, und daß ein Bewegen und Spielen in ihm sei, da die Kräfte miteinander spielen und sich in ihrem Liebesspiel und Ringen also selber offenbaren, und empfinden, davon das große unmeßliche Liebe-Feuer im Bande und in der Geburt der Hl. Dreifaltigkeit wirkend sei.

1) Fähigkeit, wahrgenommen zu werden

2,29.     Dessen geben wir euch noch mehr Gleichnis am Feuer und Lichte: Das Feuer deutet uns an in seiner Peinlichkeit die Natur in der Scienz, und das Licht deutet uns an das göttliche Liebe-Feuer. Denn das Licht ist auch ein Feuer, aber ein gebendes Feuer, denn es giebet sich selber in alle Dinge. Und in seinem Geben ist Leben und Wesen, nämlich Luft und ein geistlich Wasser, in welchem ölischen Wasser das Liebe-Feuer des Lichts sein Leben führet, denn es ist des Lichtes Speise. Denn wenn das Licht sollte eingesperret werden und das geistliche Wasser von der feuernden Art sich nicht scheiden möchte und sich in sich mit dem Nichts als mit dem Ungrunde resolvieren (auflösen) sollte, so erlöschte das Licht. Indem sichs aber mit dem Ungrunde, darin doch der ewige Grund lieget, resolvieret als mit der Temperatur, da die Kräfte alle in einer liegen, so zeucht das Licht- oder Liebe-Feuer dasselbe geistliche Wasser (welches vielmehr in der Resolvierung ein Öl oder Tinktur wird, als eine Kraft vom Feuer und Lichtsglanz) wieder in sich zu seiner Speise.

2,30.     Und allhie liegt das größte Arcanum (Geheimnis) geistlich zu essen. Lieben Söhne, ob ihr das wüßtest, so hättet ihr den Grund aller Heimlichkeit und des Wesens aller Wesen. Und von diesem sagte uns Christus, er wollte uns Wasser des ewigen Lebens geben; das würde in uns in einen Quellbrunnen des ewigen Lebens quellen, Joh. 4,14; nicht das äußere vom äußern Licht-Feuer, sondern das innere vom göttlichen Licht-Feuer erboren, dessen das äußere ein Bild ist.

2,31.     Also wisset und versteht dies Gleichnis: Das ewige, einige Gute als das Wort der heiligen mentalischen Zungen, welches der allerheiligste Jehovah aus der Temperatur (Harmonie) seines eigenen Wesens in die Scienz zur Natur spricht, das spricht er nur darum in eine Scienz der Schiedlichkeit als in eine Widerwärtigkeit, daß seine heiligen Kräfte schiedlich werden, in den Glanz der Majestät kommen, denn sie müssen durch die feuernde Natur offenbar werden. Denn der ewige Wille, welcher Vater heißt, führet sein Herz oder Sohn als seine Kraft durch das Feuer aus in einen großen Triumph der Freudenreich.

2,32.     Im Feuer ist der Tod, als das ewige Nichts erstirbet im Feuer. Und aus dem Sterben kommt das heilige Leben. Nicht daß es ein Sterben sei, sondern also urständet das Liebe-Leben aus der Peinlichkeit. Das Nichts oder die Einheit nimmt also ein ewig Leben in sich, daß es fühlend sei, und gehet aber wieder aus dem Feuer aus, als ein Nichts, wie wir denn sehen, daß das Licht vom Feuer ausscheinet, und doch als ein Nichts als nur eine liebliche, gebende, wirkende Kraft ist.

2,33.     Also versteht — in der Scheidung der Scienz, da sich Feuer und Licht scheidet — mit dem Feuer die ewige Natur. Darinnen spricht Gott, daß er ein zorniger, eiferiger Gott und als ein verzehrend Feuer sei, welches nicht der heilige Gott genannt wird, sondern sein Eifer als eine Verzehrlichkeit dessen, was die Begierde in die Schiedlichkeit in der Scienz in sich fasset.

2,34.     Als da sich eine Schiedlichkeit in der Scienz in einen eigenen Willen über die Temperatur auszufahren erhebet, sich infasset und sich vom ganzen Willen abbricht und in die Phantasei einführet, wie Herr Luzifer und die Seele Adams getan haben und noch heute in der menschlichen Scienz und in der seelischen Eigenschaft geschieht, daraus ein Distel-Kind falscher Scienz (teuflischer Art) geboren wird, welcher der Geist Gottes kennet, von welchen Christus sagete, sie wären nicht seine Schafe, Joh. 10,26; item daß der allein Gottes Kind sei, dessen Seele nicht vom Fleisch noch Blut noch von dem Willen eines Mannes, sondern von Gott, das ist: aus rechter göttlicher Scienz, aus der Temperatur als aus der Wurzel des Liebe-Feuers entsprossen sei, Joh. 1,13. In welche verderbte adamische Scienz Gott sein Liebe-Feuer in Christo wieder eingeführet und wieder in des Lichtes Temperatur als in des Lichtes Scienz eingewurzelt hat; davon hernach soll weiter gehandelt werden.

2,35.     Und wie wir nun in der Feuersanzündung zwei Wesen verstehen als eines im Feuer und das andere im Licht und also zwei Principia, also ist uns auch von Gott zu verstehen. Er heißet alleine Gott nach dem Lichte als in den Kräften des Lichtes, da gleich auch die Scienz innen offenbar ist und auch in unendlicher Schiedlichkeit, aber alle im Liebe-Feuer, da alle Eigenschaften der Kräfte ihren Willen in einem als in die göttliche Temperatur geben, da in allen Eigenschaften nur ein einiger Geist und Wille regieret und sich die Eigenschaften alle in eine große Liebe gegeneinander und ineinander begeben, da je eine Eigenschaft die andere in großer feurischer Liebe begehret zu schmecken und alles nur eine ganz liebliche, ineinander inqualierende (zusammenwirkende) Kraft ist, und aber sich durch die Schiedlichkeit der Scienz in mancherlei Farben, Kräften und Tugenden einführen zur Offenbarung der unendlichen göttlichen Weisheit.

2,36.     Wie wir dessen ein Exempel an der blühenden Erden haben, an den Kräutern, da aus der Scienz der Temperatur aus dem guten Teil schöne liebliche Früchte wachsen und dagegen aus der Scienz der feurischen Natur mit Einfassung des Fluchs der Erden — indem sie der Herr wegen des Menschen und des Teufels Falls halben verflucht und zu einem Abtreiben auf seinem Test vorbehalten hat — eitel (nur) böse, stachlichte, distlichte Früchte wachsen, welche doch noch ein Gutes in sich haben wegen ihres Urstandes, da in der Quinta Essentia die Temperatur noch innen lieget und auch am Ende soll geschieden werden.

2,37.     Und sollen es an diesem Orte recht verstehen, daß in der göttlichen Kraft, soviel Gott Gott heißet, als im Worte der göttlichen Eigenschaften kein Wille zum Bösen sein könne, auch keine Wissenschaft vom Bösen inne sei, sondern nur bloß in dem ist die Erkenntnis (des) Guten und Bösen, da sich der ungründliche Wille in die feurische Scienz scheidet, da der natürliche und kreatürliche Grund innen lieget.

2,38.     Denn aus der göttlichen Liebe-Scienz mag keine Kreatur einig alleine bestehen und geborgen werden, sondern sie muß den feurischen Triangel der feurischen Scienz nach der Peinlichkeit in sich haben, als nämlich einen eigenen Willen, welcher ein Particul (Teil) als eine ausgehauchte Scienz und als ein Strahl vom ganzen Willen aus der Temperatur des ersten ungründlichen Willens ausgehet, da sich das Wort der Kräfte im Feuer scheidet und aus dem Feuer wieder in das Licht.

2,39.     Allda urständen die Engel und Seele des Menschen als aus der feurischen Scienz des Anfanges der ewigen Natur, da sich derselbe Strahl der feurischen Scienz wieder soll in die Lichts-Temperatur eineignen als in das Ganze. So isset sie von der heiligen Tinktur des Feuers und des Lichts, nämlich aus dem geistlichen Wasser, darin das Feuer ein Freudenreich wird.

2,40.     Denn das Geist-Wasser ist eine tägliche Ertötung der feurischen Scienz, dadurch die feurische Scienz mit dem Liebe-Feuer eine Temperatur wird, so ist alsdann auch nur ein einiger Wille darinnen, als nämlich alles zu lieben, das in dieser Wurzel stehet, wie solches von den Engeln Gottes, auch von der seligen Seelen verstanden werden soll, welche allesamt ihren Urstand aus der Feuers-Scienz haben, in welcher Scienz das Licht Gottes scheinet, daß sie einen steten Hunger nach göttlicher Kraft und Liebe haben und ihrem Feuer die heilige Liebe zu einer Speise einführen, dadurch der feurische Triangel in eitel Heiligkeit und Liebe in große Freude verwandelt wird. Denn nichts ist oder besteht ewig, es habe denn seinen Urstand aus dem ewigen unanfänglichen Willen, aus der feurischen Scienz des Wortes Gottes, wie hernach soll gemeldet werden.

*   *   *

 

 

Von der Einführung der feurischen Scienz in Gestaltnis zur Natur und zum Wesen; wie sich die Scienz in Feuer einführe, was das sei und wie die Vielfältigung entstehe.

 

Die Porte des großen Mysterii aller Heimlichkeiten

3,1. Als der teure Moses die Schöpfung der Welt beschreibet, spricht er, Gott habe gesprochen, es werde! Gen. 1,3, so sei es worden. Und dann spricht er: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erden, Gen. 1,1, und Joh. 1,12 stehet, Gott habe alle Dinge aus seinem Worte gemacht.

3,2. In diesem lieget nun der Grund und tiefe Verstand, denn von Ewigkeit ist nichts als nur Gott in seiner Dreifaltigkeit in seiner Weisheit gewesen, wie vorne gemeldet, und darinnen die Scienz als das Sprechen, aus sich Aushauchen, Fassen, Formen und in Eigenschaften Führen. Das Fassen ist das »Schuf« und die Scienz als die Begierde ist der Anfang aus der Temperatur1 zur Unterschiedlichkeit. Denn der ganze Grund lieget in dem, da gesagt wird: Gott schuf durchs Wort. Das Wort bleibet in Gott und gehet mit der Scienz als mit der Begierde aus sich aus in eine Teilung. Die ist also zu verstehen: die Scienz ist ewig im Worte, denn sie urständet im Willen. Im Worte ist sie Gott und in der Teilung als in der Fassung ist sie der Anfang zur Natur.

1) harmonische Einheit in Gott, dem Schöpfer

 

Die erste Species Naturae

3,3. Der Natur erste Gestalt ist Herbe als die Faßlichkeit seiner selber. Ihre Gestaltnisse, so in ihrer Infassung entstehen, sind diese: als 1.) Finsternis, denn die Fassung überschattet den freien Willen in der Scienz; zum 2.) ist es die Ursache der Härtigkeit, denn das Angezogene ist hart und rauh und soll doch im Ewigen nur Geist verstanden werden; zum 3.) ist es eine Ursache der Schärfe; zum 4.) eine Ursache der Kälte als der kaltfeuernden Eigenschaft; zum 5.) eine Ursache aller Wesenheit oder Begreiflichkeit, und ist im Mysterio Magno die Mutter aller Salze und eine Wurzel der Natur und wird im Mysterio mit einem Wort Sal genannt als eine geistliche Schärfe, der Urstand Gottes Zornes, auch der Urstand der Freudenreich.

 

Von der zweiten Specie Naturae

3,4. Die zweite Gestalt in der Scienz ist der Stachel der Empfindlichkeit als das Ziehen selber, davon das Fühlen und die Empfindlichkeit urständet. Denn je mehr sich die Herbigkeit impresset, je größer wird dieser Stachel als ein Wüter, Tober und Zerbrecher. Seine Teilung in Gestaltnissen sind diese: als Bitter, Wehe, Pein, Regen, Anfang des Widerwillens in der Temperatur, eine Ursache des Geist-Lebens, auch eine Ursache des Quallens. Ein Vater oder Wurzel des merkurialischen Lebens in den Lebhaften und Wachsenden, eine Ursache der fliegenden Sinne, auch eine der erheblichen Freuden im Lichte und eine Ursache der feindlichen Widerwärtigkeit in der strengen Impression der Härtigkeit, daraus der Streit und Widerwille entstehet.

 

Von der dritten Specie Naturae

3,5. Die dritte Gestalt in der Scienz ist die Angst, welche in der Widerwärtigkeit der Herbigkeit und stachlichten Bitterkeit entstehet als ein Ens des Fühlens, der Anfang der Essenz und des Gemütes, eine Wurzel des Feuers und aller Peinlichkeit, ein Hunger und Durst nach der Freiheit als nach dem Ungrunde, eine Offenbarung des ewigen, ungründlichen Willens in der Scienz, da sich der Wille in geistliche Gestaltnis einführet, auch eine Ursache des Sterbens, als die Geburt des Todes, da doch nicht Tod, sondern der Anfang des Natur-Lebens entstehet, und ist eben die Wurzel, da Gott und Natur unterschieden wird. Nicht als eine Abtrennung, sondern wegen der Temperatur in der Gottheit, daß allhie das lautbare sensualische (sinnliche) Leben entstehet, daraus die Creation ihren Urstand genommen hat.

3,6. Diese drei obgemeldete Gestalten als Herbe, Bitter-Stachel und Angst, sind die drei ersten in der Scienz des einigen Willens, welcher Vater aller Wesen heißet, und nehmen ihren Grund und Urstand in der Scienz aus der Dreiheit der Gottheit.

3,7. Nicht zu verstehen, daß sie Gott sind, sondern seine Offenbarung in seinem Wort der Kraft als 1. Herbe, welches der Anfang zur Stärke und Macht ist als ein Grund, daraus alles kommt und urständet, aus des Vaters Eigenschaft im Worte.

3,8. Zum zweiten der bittere Stachel als des Lebens Anfang hat seinen Urstand aus des Sohnes Eigenschaft aus dem Wort. Denn es ist eine Ursache aller Kräfte und Schiedlichkeiten, auch des Redens, Verstandes und der fünf Sinnen.

3,9. Zum dritten die Angst, die urständet aus des Hl. Geistes Eigenschaft im Worte, denn sie ist die Ursache beider Feuer als des Lichtes Liebe-Feuers und des peinlichen Feuers der Verzehrlichkeit und der wahre Urstand des gefundenen kreatürlichen Lebens, auch des Sterbens zu Freud und Leid, die Wurzel alles Lebens aus der Scienz des einigen ewigen Willens.

3,10.     Diese drei Ersten werden in der Creation im Natur Leben nach der Compaction (Verfestigung) in der Schöpfung, Sal, Sulphur und Mercurius genannt, da sich das Geist-Leben hat in eine sichtliche, begreifliche Materiam eingeführet, welche Materia in allen Dingen ist als in dem Leben, im Fleische und in den Wachsenden der Erden, beides spiritualisch und korporalisch, nichts ausgenommen, denn alle Wesen dieser Welt stehen darinnen wie solches vor Augen und den Erfahrnen bekannt ist.

3,11.     Denn also hat sich das Unsichtbare als die geistliche Welt mit diesen drei ersten Gestalten in ein sichtbar, greiflich Wesen eingeführet als nach den Geistern geistlich und nach den Körpern begreiflich. Auch urständet die ganze Erde mit allen Materien daraus, sowohl das ganze Gestirne mit den Elementen. Jedoch muß man weiter sehen und durch alle sieben Gestalten gehen, wenn man die Sonne, Sternen und Elementen andeuten will, wie ferner folget.

 

Von der vierten Specie Naturae

3,12.     Die vierte Gestalt in der Scienz aus dem einigen Willen ist nun des Feuers Anzündung, da sich Licht und Finsternis scheiden, ein jedes in ein Principium, denn allhie ist des Lichts Urstand, sowohl des rechten Lebens in der Empfindlichkeit der drei Ersten (3,10), auch der rechten Scheidung zwischen der Angst und Freude, und dies geschieht also:

3,13.     Der erste Wille in Dreifaltigkeit, welche Gott außer der Natur und Kreatur heißet, fasset sich in sich selber zu seinem eigenen Sitz in der Gebärung der Dreiheit mit der Scienz und führet sich in Kraft. Und in der Kraft in das gebärende Wort als in einen essentialischen (wesenhaften) Schall zur Offenbarung der Kräfte; und weiter in eine Begierde zur Empfindlichkeit und Findlichkeit der Kräfte als in die drei Ersten zur Natur, wie oben gemeldet worden.

3,14.     Als er aber in die Angst sich geführet nach dem Anfang zur Natur, als in den Urstand des spiritualischen Lebens, so fasset er sich wieder in sich mit der Lust der Freiheit, von der Angst frei zu sein, das ist: er fasset den Ungrund als die Temperatur der göttlichen Lust und Weisheit in sich, welche also lieblich, sanft und stille ist. Und in dieser Infassung geschieht in der Angst ein großer Schrack, da die Pein vor der großen Sanft erschrickt und in sich ersinkt als ein Zittern, davon das Gift-Leben in der Natur seinen Grund und Anfang hat. Denn im Schracke ist der Tod, und im Schracke fasset sich die Herbigkeit in Wesen als in ein merkurialisch Geist-Wasser, aus welchem in der Impression im Anfange der Schöpfung der Erden, Steine, Metalle und das merkurialische, sulphurische Wasser erboren worden, daraus Metalle und Steine ihren Urstand haben.

3,15.     Dieser Schrack macht in den drei ersten als in Herbe, Bitter und Angst nach der finstern Impression in sich das feindliche, schreckliche Leben des Grimmes oder Zornes Gottes, des Fressens und Verzehrens. Denn es ist des Feuers Anzündung als die Essenz der Peinlichkeit oder Verzehrlichkeit des Feuers und wird nach der finstern Impression die Hölle oder Höhle genannt als ein eigen in sich selber infassend peinlich Leben, das nur in sich selber empfindlich und offenbar ist und gegen dem ganzen Ungrunde billig eine verborgene Höhle genannt wird, welche im Lichte nicht offenbar ist und doch eine Ursache des Lichts Anzündung ist. Auf Art zu verstehen: wie die Nacht im Tage wohnet und keines das ander ist.

3,16.     So verstehet nun des Feuers Anzündung recht: Es geschiehet durch eine Coniunction der drei Ersten in ihrer Einfassung in Grimm, und am andern Teil von der lieblichen Freiheit des Entis (des Seienden) in der Temperatur (Harmonie) da Liebe und Zorn ineinander gehen. Denn gleich so man Wasser ins Feuer gießt, so ists ein Schrack, also auch, wenn die Liebe in den Zorn eingehet, so geschieht auch ein Schrack. In der Liebe ist der Schrack ein Anfang des Blitzes oder Glastes (Lichtscheins) da sich die einige Liebe empfindlich macht als majestätisch oder scheinend als der Anfang der Freudenreich, auf Art wie das Licht im Feuer scheinend wird. Auch ist in der Liebe der Anfang der Schiedlichkeit der Kräfte, daß die Kräfte im Schracke ausdringend werden, davon der Ruch und Schmack der Unterschiede entstehet. Und in den drei Ersten wird die peinliche Natur des Feuers verstanden.

3,17.     Denn 1. Herbe impresset und frisset, und 2. Bitter ist der Stachel des Wehes, und 3. Angst ist nun der Tod und auch das neue Feuer-Leben, denn es ist die Mutter des Schwefels. Und der Liebe Ens (Sein) giebet der Angst als der Schwefel-Mutter eine Erquickung zum neuen Leben, aus welchem der Glanz des Feuers urständet. Denn wir sehen, daß das Licht sanft ist und das Feuer peinlich. Also verstehen wir, daß des Lichtes Grund aus der Temperatur als aus der Einigung aus dem Ungrunde der einigen Liebe, welche Gott heißt, urständet und das Feuer aus dem führenden Willen im Worte, aus der Scienz durch die Impression und Einführung in die drei Ersten.

3,18.     Im Lichte wird nun das Reich Gottes verstanden als das Reich der Liebe. Und im Feuer wird Gottes Stärke und Allmacht verstanden als das geistliche Kreatur-Leben. Und in der Finsternis wird der Tod, Hölle und Zorn Gottes und das ängstliche Gift-Leben verstanden, wie solches an Erde, Steinen, Metallen und Kreaturen der äußern geschaffenen Welt zu verstehen ist.

3,19.     Und vermahne den Leser, nur den hohen übernatürlichen Sinn, da ich von Gott und der Gebärung des Mysterii Magni rede, nicht irdisch zu verstehen. Denn ich deute damit nur den Grund an, woraus das Irdische worden sei. Also muß ich zum öftern reden, daß es der Leser versteht und ihm nachsinnet und sich in den innern Grund schwinget, denn ich muß dem Himmlischen öfters irdischen Namen geben, um des willen, daß das Irdische davon ausgesprochen worden.

3,20.     In der Feuers-Anzündung lieget der ganze Grund aller Heimlichkeit, denn der Schrack der Anzündung heißet in der Natur Sal Nitri als eine Wurzel aller Salze der Kräfte, eine Schiedlichkeit der Natur, da sich die Scienz in unendlich scheidet und doch immerdar im Schracke als ein Schrack der Scheidung im Wesen also bleibet. In des Feuers Anzündung — nach dem innern magischen Feuer verstanden — macht sich der Geist Gottes webend auf Art, wie sich die Luft aus dem Feuer urständet. Denn allda urständet das einige Element, welches in der äußeren Welt in vier Elemente sich ausgewickelt hat. Das verstehet also:

3,21.     Im Blicke des Feuers und Lichts ist die Scheidung. Der Geist scheidet sich über sich, versteht: in die feurische Scienz der Kräfte. Denn er gehet aus dem Feuer-Schracke aus als ein neu Leben, und ist doch kein neues Leben, sondern er hat nur also die Natur angenommen. Und das Ens der Liebe bleibet inmitten als ein Centrum des Geistes stehen, und gibt aus sich ein Öle, verstehet geistlich, in welchem das Licht lebet, denn es ist das Ens der feurischen Liebe. Aus diesem feurischen Ente der Liebe gehet mit dem Geiste, über sich in die Höhe aus, die Tinktur als das Geist-Wässerlein, die Kraft vom Feuer und Lichte, welches Name heißt Jungfrau Sophia, 4. Esra 14,39 ff.

3,22.     Ihr lieben Weisen, ob ihr sie kennet, gut wäre es euch. Dasselbe Wässerlein ist die wahre Demut, welche sich also balde mit der Temperatur transmutieret und vom Lichte wieder eingezogen wird. Denn es ist des Lichtes Seele nach der Liebe, und das Feuer ist der Mann als des Vaters Eigenschaft, nämlich die Feuer-Seele. Und hierinnen liegen die beiden Tinkturen als Mann und Weib, die zwei Lieben, welche in der Temperatur göttlich sind, welche in Adam geschieden worden, als sich die Imagination aus der Temperatur auswendete und in Christo wieder geeiniget worden.

3,23.     O ihr lieben Weisen, verstehet diesen Sinn, denn es lieget allhie das Perllein der ganzen Welt, den Unseren (den geistig Gereiften) genug verstanden, und sollen es nicht den Tieren geben.

3,24.     Die dritte Scheidung aus dem Feuer kommt aus der Ertötung des Feuers als aus dem Wesen der drei Ersten, aus dem Spiritu Sulphuris, Mercurii und Salis, und gehet als ein stumm, unfühlend Leben unter sich, und ist der Wasser- Geist, aus welchem das materialische Wasser der äußern Welt seinen Anfang hat, darin die drei Ersten mit ihrer Wirkung haben Metalle, Steine und Erden aus den Eigenschaften des Salnitri erboren; darinnen man doch auch das obere Wesen aus der Impression des Liebe-Entis verstehen soll als in den edlen Metallen und Steinen. Dieser salnitrische Grund wird durch die Sonne aufgeschlossen, daß er ein wachsendes Leben hat, den Unsern allhie genug verstanden, denn er ist mit dem Fluche bedeckt. Wir lassen uns billig an dem begnügen, was uns ewig erfreuet, und wollen dem Tier nicht einen Freuden-Affen einjagen und doch hernach andeuten, was uns nützet.

3,25.     Die vierte Scheidung geht in die Finsternis, da auch alle Wesen innen liegen und webend sind wie in der Licht-Welt und in der äußern elementischen Welt. Aber es gehet alles in die Phantasei nach der Qualität Eigenschaft, davon wir allhie nichts weiter melden wollen wegen des falschen Lichts, so darinnen verstanden wird und auch der Menschen Verwegenheit halber. Jedoch wird dem Pharisaeo1 hiermit angedeutet, daß er keinen wahren Verstand von der Höllen und der Phantasei habe, was ihre Qualität und Fürhaben sei und wozu das sei, sintemal2 außer Gott nichts ist und doch außer Gott ist, aber nur in anderer Qual und ein ander Leben, auch ein ander Natur-Licht, den Magis3 bewußt.

1) Unverständigen 2) zumal 3)Wissenden

 

Von der fünften Specie Naturae

3,26.     Die fünfte Gestalt in der Scienz ist nun das wahre Liebe-Feuer, das sich in dem Lichte aus dem peinlichen Feuer scheidet, darinnen nun die göttliche Liebe im Wesen verstanden wird. Denn die Kräfte scheiden sich im Feuer-Schracke und werden in sich begierig, da man alle Art der drei Ersten auch darinnen verstehet, aber nun nicht mehr in Peinlichkeit, sondern in Freudenreich und in ihrem Hunger oder Begierde, wie man es setzen möchte. Als in der Scienz ziehen sie sich selber in Wesen, sie ziehen die Tinktur vom Feuer und Lichte, nämlich die Jungfrau Sophiam in sich; die ist ihre Speise als die größte Sänfte. Das Wohltun und Wohlschmecken, das fasset sich in der Begierde der drei Ersten im Wesen, welches das Corpus der Tinktur heißt als die göttliche Wesenheit, Christi himmlische Leiblichkeit.

3,27.     Lieben Söhne, wo ihr es verstehet, da Christus Joh. 3,13 saget, er wäre vom Himmel kommen und wäre im Himmel, — diese Tinktur ist die Kraft des Sprechens im Worte und das Wesen ist seine Infassung, da das Wort wesentlich wird. Das Wesen ist das Geist-Wasser, davon Christus sagte, er wollte uns das zu trinken geben; das würde uns in einen Quellbrunnen des ewigen Lebensquellen. Die Tinktur wandelt es in geistlich Blut, denn sie ist ihre Seele. Es ist Vater und Sohn, aus welchen der Hl. Geist als die Kraft ausgehet.

3,28.     O ihr lieben Söhne, so ihr dieses verstehet, so lasset es eurem Geist nicht zu, sich darinnen in Freude zu erheben, sondern bieget ihn in die allergrößte Demut vor Gott. Und zeiget ihm seine noch Unwürdigkeit, daß er nicht damit in eigene Liebe und Willen fahre, wie Adam und Luzifer taten, welche das Perllein in die Phantasei (Illusion) einführten und sich vom Ganzen abbrachen. Bedenket wohl, in welcher schweren Herberge die Seele gefangen lieget. Demut und nichts wollen als nur Gottes Erbarmen, ist denen, welche Jungfrau Sophiam erkannt haben, das beste und nützeste, das sie in Übung nehmen sollen. Es ist ein Hohes, das euch Gott offenbaret. Sehet wohl zu, was ihr tut; macht nicht einen fliegenden Luzifer daraus, oder es wird euch ewig reuen.

3,29.     Diese fünfte Gestalt hat alle Kräfte der göttlichen Weisheit in sich und ist das Centrum, darinnen sich Gott der Vater in seinem Sohne durchs sprechende Wort offenbaret. Es ist der Stock des Gewächses des ewigen Lebens, item der geistlichen Kreaturen, eine Speise der feurischen Seelen, sowohl der Engel und was man nicht aussprechen kann. Denn es ist die ewige immerwährende Offenbarung der dreieinigen Gottheit, da alle Eigenschaften der heiligen Weisheit in sensualischer (geistig-sinnlicher) Art innen qualifizieren als ein Geschmack, Ruch und ineinanderqualifizierendes Leben des Liebe-Feuers. Und heißt die Kraft der Herrlichkeit Gottes, welche sich mit in der Kreation in alle geschaffene Dinge hat ausgegossen, und lieget in jedem Dinge nach des Dinges Eigenschaft im Centro verborgen als eine Tinktur in dem lebendigen Corpore, aus welcher Scienz alle Dinge wachsen und blühen und ihre Früchte geben; welche Kraft in der Quinta Essentia innen lieget und eine Cura (Heilung) der Krankheiten ist.

3,30.     So die vier Elemente mögen in die Temperatur gesetzt werden, so ist das herrliche Perllein in seiner Wirkung offenbar. Aber der Fluch des Zorns Gottes hält es wegen der Menschen Unwürdigkeit in sich gefangen, den Medicis (Ärzten) wohl verstanden.

 

Von der sechsten Specie der Natur

3,31.     Die sechste Gestalt in der Scienz ist in der göttlichen Kraft das Sprechen als der göttliche Mund, der Schall der Kräfte, da sich der Hl. Geist in der Liebe-Infassung lautbarlich aus der ingefaßten Kraft ausführet, als uns am Bilde Gottes am Menschen in seiner Rede zu verstehen ist. Also ist auch ein sensualisch, wirkend Sprechen in der göttlichen Kraft in der Temperatur, welches wirkende Sprechen in den fünf Sensibus (Sinnen) recht verstanden wird als ein geistlich Sehen, Hören, Riechen, Schmecken und Fühlen, da die Offenbarung einen lautbaren Hall ausspricht, wie am Menschen zu verstehen ist, sowohl auch an dem ausgesprochenem Wort in den geschaffenen Kreaturen, den Lebhaften auch den stummenden Wachsenden (Pflanzen) und dergleichen.

3,32.     Denn allda wird verstanden, wie sich die geistliche Welt als der geistliche Hall mit in der Schöpfung hat eingegeben, davon der Schall aller Wesen urständet, welcher in den Materien eine merkurialische Kraft aus der feurischen Härte genannt wird, darinnen die andern Kräfte ihre Mitwirkung haben und geben, daß es ein Klang oder Sang wird, wie an den Lebhaften zu erkennen ist, in den Stummen aber ein Klang ist, und wie man an einem Saitenspiel siehet, wie alle Melodeien ineinander in einem einigen Werke liegen, welche der Verstand kann hervorbringen.

3,33.     Mehr ist uns in der sechsten Gestalt der wahre Verstand der Sensuum zu verstehen, denn wenn sich der Geist aus den Eigenschaften hat ausgeführet, so ist er wieder in der Temperatur und hat alle Eigenschaften in ihm. Wessen das Corpus eine wesentliche Kraft ist, dessen ist der Geist eine fliegende Kraft als eine sinnliche, in welcher das Gemüte verstanden wird, daraus die Sinnen urständen. Denn die Sinnen urständen aus der Viele (Vielheit) der unendlichen Eigenschaften aus dem Feuerschracke. Darum haben sie beide Centra als Gottes Liebe und Zorn in sich. Weil sie in der Temperatur (Gleichgewicht) stehen, so sind sie gerecht; sobald sie aber daraus ausgehen und sich in eigene Proba ihrer selber schwingen, sich selber in Eigenschaften zu finden und selber zu erkennen, so ist die Lüge geboren, daß sie vom eigenen Willen reden und die andern Eigenschaften für falsch halten und verachten, und führen sich alsobalde in eigene Lust, in welcher der schwere Fall Adams und Luzifers uns zu betrachten und zu erkennen ist.

3,34.     Denn Adam war in die Temperatur mit den Eigenschaften gesetzet. Aber seine Scienz führete sich in die Zerteilung in falsche Lust durch des Teufels Infizierung und sein Einhallen oder Einreden; in welchem Einreden die Lust sich in der Temperatur erhob und in die Viele der Eigenschaften einführete als eine jede Eigenschaft in eine Selbheit.

3,35.     Denn die Seele wollte schmecken, wie es schmeckte, wenn die Temperatur auseinanderginge als nämlich, wie die Hitze und Kälte, dazu Trocken und Naß, Hart und Weich, Herbe, Süße, Bitter und Sauer und also fort alle Eigenschaften schmeckten in der Unterschiedlichkeit, welches doch Gott ihm verbot, nicht zu essen von diesem Gewächse, das ist: von der Offenbarung der Erkenntnis des Bösen und Guten, in welchem Schmacke erst der feurige Hunger entstund, daß die Lebensgestaltnisse des Manna als Gottes Brot aus der Liebe Wesen verloren und nicht mehr schmecken konnten, wie es in der Temperatur in einem einigen Willen wäre; davon die Lebensgestaltnisse alsobald sich in einen großen Hunger infasseten und die Viele der Eigenschaften sich impresseten, dadurch die Grobheit des Fleisches entstand und die viehische Begierde in der Vielheit der Scienz, der Eigenschaften und der Kräfte in ihm offenbar worden und auch zuhand (sogleich) die zerteilten Eigenschaften im Spiritu Mundi in ihm eingedrungen als Hitze und Kälte, auch das bitter-stachlichte Wehe ihn rührete, welches alles in der Temperatur nicht hätte sein mögen, davon ihm auch zuhand Krankheiten entstanden, denn die Eigenschaften waren in den Streit und Widerwillen kommen.

3,36.     Sobald sich nun jetzo eine über die ander erhebet oder durch etwas angezündet wird, daß sie sich in die Höhe schwinget in der Qualifizierung, so ist es den andern ein feindlicher Widerwille, davon entstehet Wehe und Krankheit. Denn der Streit führet sich alsobald in die drei Ersten ein, da sich alsdann die Turba (Verwirrung) erbieret und des Todes Kammer aufweckt, daß die Gift-Qual das Regiment bekommt. Und das ist eben der schwere Fall Adams.

 

Von der siebenten Specie Naturae

3,37.     Die siebente Gestalt in der Scienz ist in der göttlichen Kraft das ingefassete Wesen aller Kräfte, da sich der Schall als das sprechende Wort in der Scienz fasset als ein Wesen, darinnen sich der Schall zur Lautbarkeit fasset. Die fünfte Einfassung mit der Liebe als in der fünften Gestalt ist ganz geistlich als die allerlauterste Wesenheit. Diese siebente aber ist eine Infassung aller Eigenschaft und heißet billig die ganze Natur oder das geformte Wort, das ausgesprochene Wort als der innere göttliche Himmel, welcher ungeschaffen ist, sondern mit in der göttlichen wirklichen Geburt der Temperatur inne stehet und heißet das Paradeis als ein gründend Wesen der gefasseten wirklichen göttlichen Kräfte, da man die wachsende Seele inne verstehet auf Art wie die Scienz sich aus der Erden durch der Sonnen Begierde in ein Gewächse des Holzes, Kräuter und Grases zeucht, denn die Scienz der Erden hat auch ihren Urstand daher.

3,38.     Denn als Gott die geistliche Welt nach allen Eigenschaften in ein äußerlich Wesen einführete, so blieb das Innere im Äußern als das Äußere als ein Geschöpf, das Innere aber als ein gebärendes Wesen. Und derentwegen sehen wir die Welt nur halb, denn das Paradeis als die innere Welt, welches in Adams Unschuld durch die äußere Erden mit ausgrünete, haben wir verloren.

3,39.     Mehrers ist uns zu verstehen, daß die sieben Tage mit ihren Namen aus diesen sieben Gestalten urständen, als nämlich alle sieben aus einem Einigen, welcher war der Anfang der Bewegung des Mysterii Magni. Und der siebente ist der Ruhetag, darinnen das wirkende Leben der sechs Eigenschaften innen ruhet, und ist eben die Temperatur im Wesen, da das wirkende Leben der göttlichen Kräfte innen ruhet. Darum befahl Gott in demselben zu ruhen, denn es ist das wahre Bild Gottes, da sich Gott darinnen in ein ewig Wesen von Ewigkeit immerdar gebildet. Und so wir doch sehen wollten, so ist er Christus, nämlich der rechte in Adam geschaffene Mensch, welcher fiel und sich in den sechs Tagewerken mit der Scienz in Unruhe einführte und die finstere Welt erweckte und emporführte, welche Gott mit seiner höchsten Liebe-Tinktur in dem Namen Jesus in dem Menschen wieder tingierte und in dem ewigen Sabbath der Ruhe einführte.

3,40.     Dieses sind also die sieben Eigenschaften der ewigen und zeitlichen Natur als nach der Ewigkeit geistlich und in heller, kristallinischer, durchscheinender Wesenheit also zu vergleichen und nach der äußern geschaffnen Welt in Böse und Gut untereinander im Streite zu dem Ende (Zweck) also worden, daß sich die inneren, geistlichen Kräfte durch die streitende Scienz in kreatürliche Formen und Geburten einführeten, da die göttliche Weisheit in Wundern der Formungen in mancherlei Leben offenbar würde. Denn in der Temperatur mag keine Kreatur geboren werden, denn sie ist der einige Gott. Aber im Ausgange der Scienz des einigen Willens, in dem er sich in Particular scheidet (aufteilt), so mag eine Kreatur als ein Bild des geformeten Wortes urständen.

*   *   *

 

 

Vom Urstande der Creation

 

4,1. Günstiger Leser, ich vermahne dich, sei ein Mensch und nicht ein unvernünftig Tier und laß dich der Sophisten (Unweisen) Geschwätz nicht irren mit ihrem Kälberverstande, die da nicht wissen, was sie schwatzen, welche nur zanken und beißen, wissen und verstehen aber nicht, was sie geilen, und haben keinen Grund im Sensu.

4,2. Laß dich auch nicht irren diese Feder oder Hand der Feder (des Autors). Der höchste hat sie also geschnitzet und seinen Odem dareingeblasen, deshalben wir ein solches wohl wissen, sehen und erkennen und nicht aus Wahn von anderer Hand oder durch astralische Einfälle als wir beschuldiget werden. Uns ist eine Pforte in Ternario Sancto (Hl. Dreifaltigkeit) aufgetan zu sehen und zu wissen, was der Herr zu dieser Zeit in den Menschen wissen will, auf daß der Streit ein Ende nehme, daß man nicht mehr um Gott zanke. Darum so offenbaret er sich selber, und das soll kein Wunder sein, sondern wir sollen selber dasselbe Wunder sein, das er mit Erfüllung der Zeit geboren hat, so wir uns erkennen, was wir sind und vom Streite ausgehen in die Temperatur des einigen Willen, und uns untereinander lieben.

4,3. Die ganze Creation beides, der ewigen und auch der zeitlichen Kreaturen und Wesen, stehet in dem Worte göttlicher Kraft.

4,4. Die Ewigen urständen aus der Scienz des Sprechens als aus dem einigen Willen des Ungrundes, welcher mit dem Wort des Sprechens mit der Scienz sich hat in Particular eingeführet.

4,5. Und die Zeitlichen urständen in dem ausgesprochenen Worte als in einer Bildlichkeit der Ewigen, da sich das ausgesprochene Wort in seiner Substanz in einen äußerlichen Spiegel zu seiner Beschaulichkeit wieder eingeführet hat.

4,6. Der Scienz Austeilung aus dem Ungrund in den Grund mit der Einführung des sprechenden Worts in ein Wieder-Aussprechen des Wesens aller Wesen, zu und in Bösem und Guten, stehet also: Es gebären sich drei Principia in dem Wesen aller Wesen, da je eines des andern Ursach ist, darinnen man auch dreierlei Leben verstehet als drei Unterschiede göttlicher Offenbarung.

4,7. Erstlich die wahre Gottheit in sich selber in Dreifaltigkeit in der Scienz des Ungrundes im einigen Willen, da Gott Gott gebieret, als nämlich der einige Wille, der sich in die Dreiheit einführet, der ist kein Principium, denn es ist nichts vor ihm. So kann er auch keinen Anfang von etwas haben, sondern er ist selber sein Anfang, das Nichts und auch sein Etwas.

4,8. Aber im Wort der einigen göttlichen Kraft, da sich die einige Scienz der Gebärung der Dreiheit aus sich selber aushaucht, allda urständet der Anfang des ersten Principii, und doch nicht im Grunde des Sprechens als der Dreiheit, sondern in der Fassung der Unterschiedlichkeit, da sich die Unterschiedlichkeit in Natur infasset zur Empfindlichkeit und Beweglichkeit, da sich die Empfindlichkeit in zwei Wesen scheidet als in den Grimm nach der Impression in der Finsternis in ein kalt peinlich Feuer, darinnen die Hitze urständet, da verstehet man das erste Principium in der Feuerwurzel, welche ist das Centrum der Natur.

4,9. Und das ander Principium verstehet man in der Scheidung des Feuers, da sich die göttliche Scienz im Feuer ins Licht scheidet, allda sie sich hat in Natur und Wesen eingeführet zur Offenbarung der göttlichen Freudenreich, da das Wort der Kräfte in einer wirklichen Gebärung inne stehet, da das Mens im Ens (das göttliche Gemüt im Wesen) wirket. Allda ist die Scheidung zwischen zweien Prinzipien, da sich Gott nach dem ersten einen zornigen, eiferigen Gott und ein verzehrend Feuer nennet, und nach dem andern einen lieben, barmherzigen Gott, der nicht das Böse will oder wollen kann.

4,10.     Das dritte Principium wird in den sieben Tagewerken verstanden, allda sich die sieben Eigenschaften der Natur in der siebenten in ein Wesen zur Faßlichkeit eingeführet; welch Wesen in sich selber heilig, rein und gut ist und der ewige, ungeschaffene Himmel heißet als die Stätte Gottes oder das Reich Gottes, item: Paradeis, das reine Element, das göttliche Ens oder wie man es nach seiner Eigenschaft etwa nennen möchte.

4,11.     Dasselbe einige Wesen des göttlichen Gewirkes, welches von Ewigkeit je gewesen ist, hat Gott mit der Scienz seines ungründlichen Willens gefasset und beweget und in das Wort seines Sprechens ingefasset und aus dem ersten Principio der peinlichen, finstern Feuer-Welt und aus der heiligen lichtflammenden Liebe-Welt ausgesprochen als eine Fürmodlung (Urbild) der innern geistlichen Welt.

4,12.     Und das ist nun die äußere sichtbare Welt mit Sternen und Elementen, doch nicht zu verstehen, daß es vorhin sei in einem geistlichen Wesen im Unterschiede gewesen. Es ist das Mysterium Magnum gewesen, da alle Dinge in der Weisheit in geistlicher Form in der Scienz des Feuers und Lichts in einem ringenden Liebe-Spiel gestanden ist, nicht in kreatürlichen Geistern, sondern in der Scienz solcher Inmodelung, da die Weisheit also mit sich selber in der Kraft gespielet hat. Dieselbe Inmodelung hat der einige Wille ins Wort gefasset und die Scienz aus dem einigen Willen frei gehen lassen, daß sich eine jede Kraft in der Scheidung im eigenen Willen in der freigelassenen Scienz in eine Form einführe nach ihrer Eigenschaft.

4,13.     Solches hat das göttliche »Schuf« als die Begierde der ewigen Natur, welche das Fiat1 der Kräfte heißet, eingefasset als in eine Compaction2 der Eigenschaften. So spricht nun Moses, Gott habe im Anfang als in derselben Infassung Mysterii Magni3 Himmel und Erde geschaffen und gesaget: Es sollen allerlei Kreaturen hervorgehen, ein jedes nach seiner Eigenschaft.

1) »es werde« 2) Zusammenfassung 3) des großen Mysteriums der Schöpfung

4,14.     Das ist uns nun zu verstehen, daß in dem Verbo Fiat ist das Mysterium Magnum gefasset worden in ein Wesen als aus dem innern geistlichen Wesen in ein greifliches; und in der Begreiflichkeit ist die Scienz des Lebens gelegen, und solches in zwei Eigenschaften als in einer mentalischen und entalischen (Mens und Ens), das ist in einer recht lebendigen aus dem Grunde der Ewigkeit, welche stehet in der Weisheit des Worts und in einer ausgrünenden aus des Wesens selbst eigener in sich erborner Scienz, welche das Wachstum ist, darinnen das wachsende Leben stehet als das stumme Leben.

4,15.     Aus diesem Mysterio ist anfänglich die Quinta Essentia als das Ens des Wortes offenbar und wesentlich worden, an welcher nun alle drei Principia gehangen sind, da sich denn das Wesen hat geschieden, als nämlich das Geistliche in geistlich Wesen und das Stumme in stumm Wesen, als da sind Erde, Steine, Metalle und das materialische Wasser.

4,16.     Die drei Ersten haben sich erstlich gefasset in ein geistlich Wesen als in Himmel, Feuer und Luft; denn Moses saget: Im Anfang schuf Gott Himmel und Erden. — Das Wort »Himmel« begreift das geistliche Element als die geistliche Oberwelt mit der Wirkung der vier Elemente, da sich das einige Element hat ausgewickelt mit der Eigenschaft der drei Ersten, darinnen die Natur in ihren sieben Gestalten innen lieget. Dasselbe geistliche hat von sich ausgestoßen das grobe, gefassete, stumme Wesen als die Materiam der Erden und was darinnen begriffen ist nach und aus Eigenschaft der sieben Gestalten der Natur und ihrer Austeilung, da sich denn jede Gestalt mit ihrer Austeilung oder Vielfältigung hat in Wesen eingeführet, wie man das an dem wachsenden Geiste siehet, welcher aus dem salnitrischen Sude (materieller Grund) der beiden Feuer die Scienz jeder Eigenschaft aus sich in die Höhe ausführet in die Begierde des obern Geist-Lebens, von welchem denn auch die Erde Kraft empfängt. In welcher obern und untern Kraft sich der Erden Scienz in ein Gewächse einführet, welch Gewächse die Sonne mit ihrem Licht-Feuer anzündet, daß Frucht daraus wächst auf Art wie die innere magische Sonne des Lichts Gottes die innere Natur entzündet, darinnen das Paradeis wachsend und grünend stehet, verstehet: in der Temperatur des einigen Elements, welches dem Irdischen verborgen ist. In einer Summe wollen wir dem Leser andeuten, was das Wesen aller Wesen ist.

4,17.     Die innere, heilige, geistliche Welt ist das aussprechende Wort Gottes, welches sich in Wesen und Wirkung einführet nach Liebe und Zorn, da man in der Impression der Finsternis das Böse verstehet, und ist doch in Gott nicht böse, sondern nur in seiner eigenen Fassung der Selbstheit als in einer Kreatur, und da es doch auch gut ist, soferne nur die Kreatur in der Temperatur innen stehet.

4,18.     Und in der Fassung des Lichts verstehet man das Reich als den offenbaren Gott mit seiner wirklichen Kraft, welche sich in der feuernden Natur in ein lautbar Wort fasset zur göttlichen Offenbarung im Hl. Geiste. Dasselbe wirkende Wort aus allen Kräften, aus Gutem und Bösen als aus dem Licht- und Liebe-Feuer und aus dem peinlichen und finstern Natur-Feuer, welches in der Ewigkeit in einem wirklichen Wesen in zweien Principiis als im Licht und Finsternis gestanden, hat sich ausgesprochen in eine Zeit und eingeführet in ein Wesen eines Anfanges und Endes und gebildet in die Creation zu seiner Selbstoffenbarung.

4,19.     Das ist diese äußere Welt mit ihren Heeren und alledem, was darinnen lebet und webet; das ist geschlossen in eine Zeit eines Uhrwerks, das läuft nun von seinem Anfange immerdar wieder zum Ende als wieder in das erste, daraus es gegangen ist. Und das ist zu dem Ende also offenbar worden, auf daß das ewige Wort in seiner wirklichen Kraft kreatürlich und bildlich sei, daß gleichwie sichs von Ewigkeit in der Weisheit geformieret und gebildet hat, also auch in einem Particular-Leben gebildet sei zur Herrlichkeit und Freude des Hl. Geistes im Worte des Lebens in ihm selber.

4,20.     Und darum hat Gott in der ewigen Scienz des ewigen ungründlichen Willens Engel geschaffen aus beiden Feuern als aus dem Feuer der Natur und aus dem Feuer der Liebe; wiewohl das Liebe-Feuer keine Kreatur geben mag, sondern es wohnet in der Kreatur und erfüllet sie wie die Sonne die Welt oder die Natur in der Zeit der Welt, auf daß der Hl. Geist also ein Freudenspiel in sich selber habe.

4,21.     Und sollet uns von den Engeln recht und wohl verstehen, denn allhie lieget der Grund, darum die Frage wegen der Gnadenwahl gehandelt wird, darinnen die Vernunft irreläuft.

4,22.     Die heilige Schrift nennet die Engel Feuer- und Licht-Flammen, Psalm 104,4, und auch dienstbare Geister, Hebr. 1,7. Dem ist also: und ob sie wohl ihre hochfürstlichen Regimente haben, so sind sie doch allesamt nur ein zugerichtetes Instrument des einigen Geistes Gottes in seiner Freude, welche er mit ihnen offenbaret, denn er offenbaret sich selber durch sie.

4,23.     Ihre Substanz und Wesen, soviel sie ein Eigentum sind und Kreaturen genannt werden, ist eine Infassung der ewigen Natur, welche ohne Anfang in göttlicher Wirkung zu seiner Selbstoffenbarung in der ewigen Gebärung stehet. Verstehet: nach der Kreatur sind sie der ewigen Natur aller sieben Gestalten in großer Unterschiedlichkeit der Kräfte auf Art wie sich die drei Ersten in der Natur in unendliche Unterschiede einführen und formen, also ist auch ihre Kreatur in vielen Eigenschaften zu verstehen, ein jeder in seiner Eigenschaft.

4,24.     Und sind uns vornehmlich sieben hohe Regimente in dreien Hierarchien zu verstehen nach dem Quel der sieben Eigenschaften der Natur, da sich denn eine jede Gestalt der ewigen Natur in einen Thron gefasset als zu einem Regiment, darinnen die Unterschiede verstanden werden, auch der Wille des Gehorsams gegen den Thronfürsten.

4,25.     Dieses haben sie in Verwaltung als Kreaturen göttlicher Gaben, da ihnen Gott das Wesen, dessen sie ein Bild sind, zum Besitz gegeben, darin sie wohnen, welches ist die heilige, geistliche Kraft der Welt der Temperatur. Ihr allerinnerlichster Grund, welcher aus göttlicher Eigenschaft von Ewigkeit urständet, ist der einige Wille des Ungrundes in Grund. Also urständen sie nach dem Anfange zur Natur aus der Scienz des freien Willens, aus welchem und in welchem freien Willen Gott sein Wort gebieret. Derselbe freie Wille hat sich in der Natur-Geburt als im ersten Principio des Feuers Anzündung in Schiedlichkeit eingeführet, und aus derselben Schiedlichkeit im Urstande des Feuers sind die Engel im freien Willen als ein Particular des ungründlichen freien Willens eingeführet worden, sich mit dem freien Willen in das erste oder andere Principium einzuwenden und zu offenbaren.

4,26.     Gleichwie Gott selber in demselben freien Willen frei und alles ist und sich im selben freien Willen in der Natur im Feuer, Licht und Finsternis, in Pein und Qual sowohl in Liebe und Freude einführet, also auch hat das Particular Macht, aus dem ganzen freien Willen sich in kreatürliche Eigenschaft einzuführen in den dreien Hierarchien oder Prinzipien, wie sie wollen. Als, die Scienz mag sich in den dreien Hierarchien fassen und offenbaren, worinnen sie Gewalt hat, gleichwie die göttliche Scienz sich in Wesen und Wirkung hat eingeführet als ein Teil im feurischen nach der Kälte, das andere im feurischen nach der Hitze, das dritte im feurischen nach dem Lichte, das vierte in die Phantasei als in ein Spiel der Natur Selbheit, da sie mit sich selber in der Ungleichheit spielet in den Eigenschaften.

4,27.     Die drei Hierarchien sind uns in dreien Prinzipien zu verstehen als in dreierlei Naturlicht: die erste Hierarchia stehet im Wesen des ewigen Vaters Eigenschaft nach dem Feuer der Stärke als in der Feuers-Tinktur im Wesen der Natur; die andere Hierarchia steht in der Licht-Feuer-Tinktur nach des Sohnes Eigenschaft in der ewigen Natur und ist die heiligste; die dritte Hierarchia stehet in der Natur Selbheit, als da sie in den Eigenschaften gegeneinander spielet wie die vier Elemente in der Sterne Kraft spielen. Und diese ist nach dem Centro der Finsternis offenbar, und sie hat auch ein Natur-Licht in sich als den kalten und hitzigen Feuer-Blitz oder Blick, darinnen die Verwandlung verstanden wird, als da sich die Kreatur mag bald in diese oder andere Form verwandeln. Und wird in der Natur die falsche Magia genannt, in welche Hierarchiam Fürst Luzifer sich gewendet hat und sich aus der Temperatur mit der Scienz ausgeben, dessen Reich eine Höhle oder Hölle genannt wird, darum daß es in sich selber in der Finsternis wohnet und ein falsch Licht hat, das nicht mit in der Temperatur innen stehet, sondern führet eine Lust und Begierde der Phantasei (Wahn) des Bauens und Zerbrechens, da jetzt eine Gestaltnis formieret und gar bald nach den ringenden Gestaltnissen der Natur wieder zerbrochen und in ein anders gewandelt wird; welch Reich mit im Loco (Ort) der Welt im Geschöpfe im Regiment stehet, zwar nicht nach den vier Elementen und dem Gestirne, aber doch darinnen verborgen und sich mit in die Geschöpfe eindringend, darin die Teufel und Geister der Phantasei in den vier Elementen wohnen.

4,28.     Wenn die Sonne und das Wasser sollten aufhören, so wäre dasselbe Reich offenbar. Es bildet sich mit in etliche Gewächse, item in Metalle, welche nicht fix sind und im Feuer bestehen, item in Kräuter, Bäume und Kreaturen, darinnen die falsche Magia der Zauberei verstanden wird und darinnen Christus den Teufel einen Fürsten dieser Welt nennet.

4,29.     Denn da er aus dem Licht verstoßen ward, fiel er in das Reich der Phantasei, ins Centrum der Natur, außer der Temperatur in die Finsternis, da er sich mag ein falsch Licht aus dem hitzigen und kalten Feuer durch die Scienz der Macht der Ewigkeit eröffnen. Denn das ist Luzifers Fall, daß er mit eigenem Willen das Reich der Phantasei in seiner Kreatur offenbarte, daß er den ewigen Willen aus der Temperatur in die Zertrennung als in die Ungleichheit der Phantasei einführte, welche Phantasei ihn auch zuhand fing und darin in einen unerlöschlichen kalten und hitzigen Feuerquall in die Widerwärtigkeit der Gestaltnisse einführte.

4,30.     Denn der Grimm der ewigen Natur, welcher Gottes Zorn heißet, offenbarte sich in ihnen und führte ihren Willen in die Phantasei, und darin leben sie noch und mögen nun anders nicht tun, als was der Phantasei Eigenschaft ist, nämlich Narretei treiben, sich verwandeln, das Wesen zerbrechen, item in kalter und hitziger Feuers-Macht sich erheben, einen Willen in sich fassen über die Hierarchien Gottes, der hl. Engel, auszufahren, sich in prächtiger Feuers-Macht nach dem ersten Principio in ihrem Grimme sehen zu lassen. Ihr Wille ist eine lautere Hoffart, item ein Geiz zur Vielheit der Eigenschaften, ein stachlichter Neid aus dem bittern Wehe, ein Zorn aus dem Feuer, ein Verzweifeln aus der Angst.

4,31.     In Summa: wie die drei Ersten als der Spiritus der Natur im geistlichen Sulphure, Sale und Mercurio ist, also ist auch ihr Gemüte, daraus die Sinnen kommen. Verstehet: wie die drei Ersten außer dem Lichte Gottes in ihrem Urstande sind, also ist auch der Teufel in seinem Willen und Gemüte, denn seine Erhebung war nach dem ersten Principio, daß er möchte ein Herr über und in allem Wesen, auch über alle englische Heere sein. Und darum wandte er sich von der Demut der Liebe ab und wollte in Feuers-Macht darinnen herrschen, welche ihn aus sich ausgespeiet und sich zu einem Richter und ihm die göttliche Gewalt genommen hat.

4,32.     Und wegen dieser Erhebung ist uns zu betrachten und hoch erkenntlich: Dieweil die Engel vor der Zeit des dritten Principii in der ersten göttlichen Bewegung geschaffen worden, wie sich das Reich der Phantasei im Grimme der Natur so gewaltig beweget, geimpresset und gefasset hat, in welcher Fassung die Erde und Steine ihren Urstand genommen haben, nicht daß sie die Teufel geursachet haben, sondern sie haben die Mutter der Natur, als nämlich den Grimm Gottes geursachet, daß er ihnen das Wesen hat in eine Compaction (Verfestigung) verschlossen und in einen Klumpen gebracht, weil sie wollten ihre Gaukelei in der Matrix Naturae (Schoß der Natur) treiben. Dasselbe ist ihnen nun entzogen, daß sie nun müssen im spiritualischen Grunde in derselben Mutter der Phantasei gefangen liegen; und sind die ärmsten Kreaturen, denn sie haben Gott und sein Wesen verloren. Der da gar zu reich sein wollte, der ward arm. In der Demut hatte er alles gehabt und mit Gott gewirket, aber in der Selbheit ist er närrisch, auf daß erkannt werde, was Torheit oder Weisheit sei. Also hat ihn Gott in seinen eigenen Willen durch sein eigen Erheben in die Torheit geschlossen als in eine ewige Gefängnis.

4,33.     So spricht die Vernunft: Es ist Gottes Wille gewesen, auf daß seine Weisheit von der Torheit unterschieden würde und daß verstanden werde, was Weisheit oder Torheit sei; sonst wüßte man nicht, was Weisheit wäre. Darum hat ihn Gott fallen lassen und verstockt, daß er es hat tun müssen, sonst wäre es nicht geschehen. — Alsoweit kommt die Vernunft, und mehr verstehet sie nicht.

4,34.     Antwort: Als sich der Ungrund mit dem einigen Willen in eine feurische Scheidung eingeführet, da ward die Scienz in der Teilung in ihren eigenen Willen. Und die Viele (Vielheit) der Willen wurden alle in die Temperatur gestelltet und hatten an sich hangen die drei Hierarchien, Licht, Feuer, Finsternis. Da mochte sich ein jedes Heer mit Einfassung seiner Kreatur in diesen drei ersten in eine Hierarchiam einführen, wie es wollte. Und daß dies wahr sei, ist offenbar an dem, denn die Teufel waren im Urstande Engel und stunden in der Temperatur im freien Willen. Nun mochten sie sich wenden, wohin sie wollten, dahin sollten sie bestätiget werden.

4,35.     Sprichst du: Nein, Gott machte mit ihnen, was er wollte. — Antwort: So verstehe es nur recht; die Scienz ist in Natur und Kreatur eingeführet. Allein in der Scienz der Kreatur entstand der Wille, sich in die Phantasei als ins Centrum zum Feuer-Leben einzuführen. Und darauf folgte die Bestätigung und Scheidung, auch die Ausstoßung aus der Temperatur in den Quall, darein sich die Scienz mit dem freien Willen gewandt hatte.

4,36.     Dieselbe Hierarchia der Finsternis und der Phantasei nahm denselben Willen an und bestätigte ihn in ihr. Also ward aus einem Engel ein Teufel als ein Fürst im Grimme Gottes, allda innen ist er gut; denn wie Gottes Zorn ist, also ist auch sein ingeborner Thronfürste. Er ist und bleibt ewig ein Fürst mit seinen Legionen, aber nur im Reiche der Phantasei. Denn wie das Reich derselben Kräfte in sich ist, also ist auch sein ingeborner Fürst. Des grimmen Reiches Qual ist die Mutter seiner Selbheit als sein Gott. Er muß nun tun, was sein Gott will. Und also ist er ein Feind des Guten, denn die Liebe ist sein Gift und Töten. Und wenn er gleich in heiliger Kraft im Lichte säße, so zöge er doch nur Giftqual in sich, denn sie wäre sein Leben und Natur. Gleich als ob man eine Kröte in eine Zuckerbüchse setzte, so zöge sie doch nur Gift daraus und vergiftete den Zucker.

4,37.     So spricht nun die Vernunft: Hätte ihm Gott seine Liebe wieder eingegossen, so wäre er wieder ein Engel worden; darum lieget es an Gottes Vorsatz — Antwort: Höre, Vernunft, siehe eine Distel oder Nessel an, auf welche die Sonne einen ganzen Tag scheinet und mit ihrer Kraft sich in dieselbe auch eindringet und ihr gar gerne ihre Liebe-Strahlen in ihr stachlichtes Ens eingiebet. Diese Distel freuet sich auch in der Sonnen Ente (Wesen). Aber sie wächset dadurch nur in eine Distel desto stachlichter. Sie wird dadurch nur stolzer. Also auch mit dem Teufel zu verstehen wäre: Ob ihm gleich Gott hätte seine Liebe eingegossen, so hätte sich aber die Scienz des ungründlichen Willens in Distel-Art eingeführet, nämlich der ewige Wille, welcher außer Grund und Stätte in sich selber ein Wille ist, welchen nichts brechen mag.

4,38.     Und ist uns doch nicht zu verstehen, daß es der Wille des Ungrundes getan hat, denn derselbe ist weder böse noch gut, sondern ist bloß ein Wille, das ist: eine Scienz ohne Verstand (bloßer Wille) zu etwas oder in etwas, denn er ist nur ein Ding, und ist weder Begierde noch Lust, sondern er ist das Wallen oder Wollen.

4,39.     Gleichwie die äußere Welt im Spiritu Mundi auch einen Willen hat oder wie die Luft ein Wallen ist und weder böse noch gut, allein man verstehet, wie sich die drei Ersten mit dem sensualischen Grunde darein eindringen und den Willen in ihre Habhaftigkeit einnehmen; und da sie doch aus demselben Willen urständen, noch dennoch fassen sie ihn in ihr Eigentum.

4,40.     Also auch in gleichem ist uns von der Scienz als des einigen ewigen Willens aus dem Ungrunde zu verstehen, welcher aus dem ewigen Einen urständet und sich mit in die Kreatur der Phantasei als in den Grimm der ewigen Natur zum Bösen hat eingegeben. Derselbe Wille ist nicht Ursache der Phantasei, sondern die drei Ersten, darinnen die Kreatur verstanden wird als die Natur im ewigen Band, aus welcher und in welcher der Verstand sowohl die Phantasei urstände; dieselbe ist Ursache des Falls. Denn der ungründliche Wille ist nicht die Kreatur, denn er ist keine Bildung. Allein in der ewigen Natur urständet die Bildung und der kreatürliche Wille zum Etwas oder zur Vielheit.

4,41.     Der ungründliche Wille ist Gottes, denn er ist in dem Einen, und ist doch nicht Gott; denn Gott wird allein verstanden in dem. Oder wenn sich der Wille des Ungrundes in ein Centrum der Dreiheit in der Gebärung einschleußt und in die Lust der Weisheit ausführet.

4,42.     Aus dem Willen, darein sich die Gottheit in die Dreiheit schleußt (schließt) ist auch der Grund der Natur von Ewigkeit geboren worden. Denn da ist kein Vorsatz, sondern eine Geburt. Die ewige Geburt ist der Vorsatz, als daß Gott will Gott gebären und durch Natur offenbaren.

4,43.     Nun schleußt sich die Natur in eigenen Willen als in ein peinlich und feindlich Leben. Und dasselbe feindliche Leben ist die Ursache des Falls, denn es hat sich in der Natur Phantasei oder Spiel der Gebärung eingegeben und sich zum Führer oder Herrn derselben phantaseiischen Natur gemacht. Und die Phantasei hat dasselbe Leben in sich genommen und sich demselben Leben ganz eingegeben. Jetzt ist nun die Phantasei und das Leben ein Ding worden und hat den Willen des Ungrundes als die göttliche Scienz, darinnen sich Gott in Gott gebieret, in sich. Aber in dieser eingeschlossenen Scienz gebieret sich Gott nicht. Er gebieret sich wohl darinnen, aber er wird in der Scienz, soviel sie die Natur fasset und begreift, nicht offenbar. Gott ist unbeweglich und unwirkend darinnen. Er gebieret nicht darinnen einen Vater, Sohn, Hl. Geist und Weisheit, sondern eine Phantasei nach der finstern Welt Eigenschaft. Gott ist wohl darinnen ein Gott, aber nur in sich selber wohnend, nicht in der Kreatur, sondern im Ungrunde außer der Beweglichkeit und außer dem Willen der Kreatur und außer dem Leben der Kreatur.

4,44.     So nun die Kreatur etwas tut, so tut es nicht Gott in dem Willen des Ungrundes, welcher auch in der Kreatur ist, sondern das Leben und das Wollen des Lebens der Kreatur tut es, als uns denn zu erkennen ist an dem Teufel. Ihn reuet es, daß er ein Teufel geworden ist, dieweil er ein Engel war. Nun reuet ihn das nicht in seines Lebens Willen nach der Kreatur, sondern nach dem Willen des Ungrundes, darinnen ihm Gott also nahe ist. Daselbst schämet er sich vor Gottes Heiligkeit, daß er ein heiliger Engel war und nun ein Teufel ist. Denn die Scienz des Ungrundes schämet sich, daß ein solch Bild in ihrer Offenbarung an ihr stehet und daß sie im Äußeren eine Phantasei ist. Derselbe Wille aber mag die Phantasei nicht brechen, denn er ist nur eines und ist in sich keine Qual, auch keine Empfindlichkeit der Phantasei, sondern er ist eine Scienz, darein die Phantasei sich bildet. Und dieselbe Phantasei nimmt nichts an sich als nur eine Gleichheit. Die Gleichheit ist die Kraft ihres Lebens. Käme aber was anders darein, so müßte die Phantasei vergehen. Also verginge auch das mit, daraus sie geboren wird, nämlich die Natur. Und so die Natur verginge, so wäre das Wort der göttlichen Kraft nicht sprechend oder offenbar, und bliebe Gott verborgen.

4,45.     Also verstehet, daß es alles ein unvermeidlich Ding sei, daß Gutes und Böses ist, denn in Gott ist alles gut, aber in der Kreatur ist der Unterschied. Das Leben der ewigen Kreatur ist in seinem Anfange ganz frei gewesen, denn es ward in der Temperatur offenbar, als im Himmel wurden die Engel geschaffen aus derselben Natur, Qualität und Eigenschaft. Die finstere Welt mit dem Reiche der Phantasei war darinnen, aber im Himmel nicht offenbar. Aber der freie Wille in den gefallenen Engeln machte das in sich offenbar, denn er neigte sich in die Phantasei. Also ergriff sie ihn auch und ergab sich ihm in sein Leben.

4,46.     Nun ist dasselbe finstere Reich und die Phantasei und die Kreatur der gefallenen Engel jetzo ganz ein Ding:, ein Wille und Wesen. Weil aber derselbe abtrünnige Wille nicht allein in der Phantasei wollte wohnen und regieren, sondern auch zugleich in der heiligen Kraft, darinnen er anfänglich stand, so stieß ihn die heilige Kraft als die Scienz im Lichte Gottes aus sich und verbarg sich vor ihm. Das ist: der innere Himmel beschleußt ihn, daß er Gott nicht siehet, welches soviel gesaget ist: er starb am Himmelreich des guten Willens und ist anjetzo in Gott, gleichwie die Nacht im Tage ist. Denn sie ist am Tage in der Sonnen Glanz nicht offenbar und ist doch, wohnet aber nur in sich selber, wie Joh. 1,5 stehet: Das Licht scheinet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen. — Also auch nunmehr vom Teufel und Gott zu verstehen ist, denn er ist in Gott, aber in der göttlichen Nacht, im Centro der Natur, mit Finsternis in der Essenz seines Lebens beschlossen, und führet ein magisch Feuer-Licht vom Ens der Kälte und Hitze als ein schrecklich Licht vor unseren Augen; ihm aber ist es gut.

4,47.     Die Schrift saget, der Großfürst Michael habe mit dem Drachen gestritten und der Drache habe nicht gesieget, Apok.12,7.8; und an einem andern Orte saget Christus: Ich sah den Satan vom Himmel fallen als einen Blitz, Luk. 10,18. Dieser Fürst Michael ist ein Thronengel und hat in der Kraft Christi als im Worte der heiligen Kraft mit ihm gestritten, in welches Wort Adam geschaffen ward.

4,48.     Dasselbe Wort der Kraft wird in allen drei Prinzipien verstanden, denn als Luzifer fiel und sich in das Reich der Phantasei begab, so verlor er das Reich in heiliger Kraft und ward ausgestoßen. Und solches geschah von der Engel Wirksamkeit, welche ihn als einen Abtrünnigen durch göttliche Kraft ausstießen. Und in derselben Kraft, im Wort aus allen drei Prinzipien, ward der Mensch geschaffen.

4,49.     Als aber den Menschen das Reich des Grimmes überwältigte und ihn aus der Temperatur ausstieß, so offenbarte sich der höchste Name der Gottheit in ihm als die allersüßeste Kraft Jesu, welche das Reich der Phantasei und des Grimmes überwand und mit der höchsten Liebe tingierte. Und allda ward dem Teufel sein Reich und Gewalt in der Kraft des Menschen zerbrochen. Und daher urständet der Name Christus.

*   *   *

 

 

Vom Urstand des Menschen

 

5,1. Moses sagt: Gott schuf den Menschen aus einem Erdenklos, Gen. 2,7, verstehet: den Leib, der ist ein Limus der Erden; und die Erde ist ein Ens aus allen drei Principiis, eine ausgehauchte, gefassete, koagulierte (verdichtete) Kraft aus dem Worte aller drei Prinzipien, aus dem Mysterio Magno als aus den drei ersten, aus den sieben Gestalten der Natur, welche sich in der entzündeten Begierde als im Fiat ("es werde") eingefasset und in ein Wesen geführet, eine jede Eigenschaft in sich selber zu einer Compaction, welche Gott im Fiat als in der wesentlichen Scienz hat in einen Klumpen gefasset, in welchem alle Kräfte der geistlichen Welt nach Gottes Liebe und Zorn, auch nach der Phantasei in einer Fixheit inne liegen, nicht nach Art des entis, sondern nach Art des Entis.

5,2. Im Mens (Gemüt, Geist des Menschen) wird die lebendige Wesenheit, welche geistlich ist, verstanden als ein ganz geistlich Wesen, ein geistlich Ens der Tinktur, da sich die höchste Kraft vom Feuer und Licht in ein Ens einführet.

5,3. Und im Ens wird das Leben der sieben Eigenschaften der Natur verstanden als das empfindliche wachsende Leben, nämlich das ausgesprochene Wort, welches sich im Wachstum wieder ausspricht, formet und coagulieret.

5,4. Das Mens aber lieget im Ens wie die Seele im Leibe. Das mentalische Wort spricht aus das entalische. Der Himmel beschleußt das Mens und die Phantasei das Ens. Das verstehet also: Im Mens wird verstanden die göttliche heilige Kraft in der Fassung des Worts, da sich das Wort der Kräfte einfasset in ein geistlich Wesen, da das Wort der Kräfte wesentlich ist.

5,5. So ist das Mens das geistliche Wasser; und die Kraft darinnen, welche sich im Geistwasser formet, ist nun die höchste Tinktur, welche in der Temperatur stehet. Und der Grund derselben Tinktur ist die göttliche Weisheit; und der Grund der Weisheit ist die Dreiheit der ungründlichen Gottheit; und der Grund der Dreiheit ist der einige unerforschliche Wille; und des Willens Grund ist das Nichts.

5,6. Also soll das Gemüte von ehe lernen unterscheiden, was in der Erden verstanden werde, ehe es saget, der Mensch ist Erde, und die Erde nicht ansehen als eine Kuh tut, welche denkt, die Erde ist eine Mutter des Grases, die auch nicht mehr bedarf als Gras und Kraut.

5,7. Der Mensch aber will das Beste aus der Erden essen. Darum soll er auch lernen erkennen, daß er das Beste aus der Erden sei, denn ein jedes Ens begehrt von seiner Mutter zu essen, daraus es ist herkommen. Und wir sehen ja wohl, daß der Mensch nicht begehret von der Grobheit des irdischen Entis zu essen, sondern von der Subtilheit als die Quintam Essentiam begehret zu seiner Lebenskraft, welche er auch im Paradeis zur Speise hatte.

5,8. Als er aber aus der Temperatur ausging in die Scienz der Unterschied-lichkeiten, so setzte Gott den Fluch zwischen das Element der Temperatur und vier Elementen, daß als der Mensch war mit der Begierde in die Ungleichheit der Eigenschaften gegangen — welche sich auch in ihm in ein solch tierisch, hart, begreiflich, fühlich und empfindlich der Feindschaft in die Phantasei gefasset hatte als in die vierelementische Grobheit der Hitze und Kälte, auch in die Giftqual der finstern Welt als in die Tödlichkeit — er auch nun mußte dieselben Eigenschaften in sich essen. Denn der Ungleichheit gehöret nicht die Temperatur des einigen heiligen Elements, sondern die vier Elemente gehören ihr. Darum ist der Fluch das Scheideziel, daß nicht das Unreine in das Reine eingehe, denn der Fluch ist anders nichts als ein Fliehen des Guten, daß sich das einige Element in sich selber gefasset und vor dem Wesen der Bosheit sich verborgen hat.

5,9. Denn in Adams Unschuld grünete das heilige Element in der Temperatur durch die vier Elemente aus und gebar auch die vier Elemente himmlische Früchte, welche lieblich anzusehen und gut zu essen waren, wie Moses saget. Und in dem selben Ausgrünen wird das Paradeis verstanden, denn dieselbe Frucht stand in der Qualität in der Temperatur, und Adam stand auch in der Temperatur. Also sollte und konnte der Mensch Paradeisfrüchte essen.

5,10.     Als Adam aber mit der Lust in die Vielheit der Eigenschaften als in die Phantasei der Ungleichheit ins Zentrum sich einführte und wollte alles wissen und klug werden und schmecken, wie Hitze und Kälte und alle anderen Eigenschaften im ringenden Streite schmeckten, so fingen ihn auch dieselben Eigenschaften im Streite und wachten in ihm auf und fasseten sich mit der Begierde ins Wesen der Phantasei. Also ward das Bild Gottes in der Temperatur zerstöret, und verlosch das Licht im Wesen des heiligen Elements in ihm, darinnen er Gott erkannt. Also starb er in der Temperatur und wachte auf in den vier Elementen und der ungleichen Scienz, welche ihn nun kränken und endlich töten. Und das ist der wahre Grund.

5,11.     Damit wir aber dem suchenden Gemüte, welches nach seinem Vaterland fraget und auf dem Pilgrimswege ist, genug tun, so wollen wir ihm den Menschen vorstellen, 1.) was er eigentlich sei, 2.) woraus er erschaffen, 3.) was seine Seele und Leib sei, 4.) auch seinen Fall und 5.) seine Erlösung oder Wiederbringung, damit wir ihm können den Grund göttlichen Willens gegen ihn recht gründlich weisen. Hernach wollen wir es mit der Heiligen Schrift belegen und dieselbe mit ihrem vermeinten Contrario (Widerspruch) weisen, ob jemandem möchten seine Augen dadurch offen werden, welches wir treulich nach unsern Gaben tun sollen.

5,12.     Moses spricht gar recht: Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, ja zum Bilde Gottes schuf er ihn; item: Gott machte den Menschen aus dem Limo (Stoff) der Erden. Indem Moses spricht: Gott schuf den Menschen in seinem Bilde, — so versteht Moses nicht, daß Gott ein Bild sei, daß er den Menschen habe nach seinem Model geschaffen, sondern er verstehet die Scienz in der Kraft, da sich von Ewigkeit die Dinge in der Scienz, in der Temperatur, in den Kräften haben im Geiste der Weisheit eingemodelt, nicht als Kreaturen, sondern gleichwie ein Schatten oder Fürmodelung Abbild) in einem Spiegel, da Gott von Ewigkeit in seiner Weisheit gesehen hat, was werden könnte. Mit welcher Bildung der Geist Gottes in der Weisheit gespielet hat. In dem ingefasseten Model, da sich der Geist der Scienz in der Weisheit in der Natur Kräften hat von Ewigkeit in ein Spiel gemodelt, welches Model keine Kreatur, sondern als ein Schatten einer Kreatur gewesen, hat Gott den kreatürlichen Menschen erschaffen als in des Menschen eigen Bilde, welcher doch kein Mensch war, sondern Gottes Bildnis, darinnen sich der Geist Gottes aus allen Principiis in einen Schatten einer Gleichförmigkeit des Wesens aller Wesen einmodelte. Gleich als wie sich ein Mensch vor einem Spiegel besiehet, da im Spiegel sein Bildnis ist, aber in keinem Leben, also ist uns auch das Bild Gottes des Menschen von Ewigkeit zu betrachten, sowohl die ganze Creation, wie Gott alle Dinge von Ewigkeit gesehen hat im Spiegel der Weisheit.

5,13.     Als Gott alle Kräfte aller drei Prinzipien in der Scienz hatte in ein Wesen gefasset und in einen Klumpen gezogen, welcher Erde heißt, als nämlich in eine Fixheit der gebärenden geistlichen Kräfte, so bescheidete er die Elemente in der Temperatur des einigen Elements in vier Elemente zu einem webenden Leben und fassete weiter die geistlichen Kräfte der Natur — aus welchen die materialische Fixheit, so in der Erden in den Materien verstanden werden — in Sternen. Denn wessen Wesens die Erde korporalisch ist, dessen sind die Sterne spiritualisch, und doch nicht als lebendige Geister, sondern ein geistlich Ens als Kräfte, eine Quinta Essentia, nämlich die subtile Kraft, davon sich die Erde als die Gröbe geschieden hat, welche Gott in der Scienz seines Sprechens in Unterschiedlichkeit der Kräfte formte.

5,14.     Sie heißen darum Sterne, daß es ein bewegliches, hartgieriges, strenges Ens ist, darinnen der Natur Eigenschaften verstanden werden alles dessen, was die Natur in sich spiritualisch in der Temperatur ist, das sind die Sterne in ihrer Schiedlichkeit, als ich setze es also zu verstehen. Wenn die Sterne alle zergingen und wieder in das Eine träten, daraus sie gegangen sind, so wäre es die Natur, wie es von Ewigkeit gewesen ist, denn es stünde wieder in der Temperatur, wie es denn also am Ende geschehen soll, jedoch daß alle Wesen durchs Feuer probieret und in ihr eigen Principium geschieden werden. Mit dieser Zerteilung und Infassung der Kräfte der Sterne und der vier Elemente verstehen wir die Zeit und den kreatürlichen Anfang dieser Welt.

5,15.     Als nun Gott die Erde und das Firmament der Sterne geschaffen und in Mitten das planetische Rad der sieben Eigenschaften der Natur mit ihrem Regenten der Sonne geordnet hatte, so eröffnete sich der Spiritus Mundi aus allen Eigenschaften der Kräfte, aus Sternen und Elementen. Denn eine jede Kraft ist ausgehend nach der ewigen Natur Recht (Naturordnung) im aussprechenden Wort, welch ewiges Wort sich allhier aus dem Mysterio Magno hatte in eine Zeit als in eine Figur des geistlichen Mysterii Magni eingefasset und geschlossen als ein großes Uhrwerk, darinnen man das spiritualische Wort in einem Werk verstehet.

5,16.     Das ganze Werk ist das geformte Wort Gottes, verstehet: das natürliche Wort, in dem das lebendige Wort Gottes, das Gott selber ist, im Innern verstanden wird. Das spricht sich durch die Natur aus in einen Spiritum Mundi als in eine Seele der Creation. Und im Aussprechen ist wieder die Scheidung in der feurischen astralischen Scienz im Spiritu Mundi, da sich die feurische Scienz in eine geistliche Scheidung ausführet; in welcher Scheidung die Geister in den Elementen verstanden werden, und solche nach Entscheidung der vielen Elemente, in jedem Element nach seiner Eigenschaft.

5,17.     Denn es hat in jedem Element seine inwohnenden Geister, nach desselben Elements Qualität, welche ein Schatten und Bild des Ewigen sind, und aber doch in einem wahrhaftigen Leben aus der Scienz der Natur des ausgesprochenen geformten Wortes, aus dem Mysterio Magno; nicht aus dem rechten göttlichen Leben, sondern aus dem natürlichen, welche da herrschen im Feuer, in der Luft, im Wasser und in der Erden, in Ordnungen wie das Gestirne seine instehende Ordnung hat; also auch unter jedem Himmelspol zu verstehen ist.

5,18.     Der Spiritus Mundi ist nun das Leben der äußern Welt. Das Gestirne stehet rings umher und hat die drei Ersten (Sal, Sulphur, Mercurium) in harter feurischer Scienz in sich. Ja, sie sind eben desselben Wesens selber, aber in großer Teiligkeit und Schiedlichkeit. Diese Schiedlichkeiten der Kräfte gehen aus sich aus und sind ein Hunger nach ihrem gehabten Wesen als nach der Erden und derer Materien in ihren Eigenschaften. Und die Erde ist ein Hunger nach dem Spiritus Mundi, denn sie ist aus ihm entschieden.

5,19.     Also begehret das Obere des Untern und das Untere des Obern. Des Oberen Hunger stehet mächtig nach der Erden, und der Erden Hunger nach dem Oberen. Darum fallen alle Dinge, was materialisch ist, nach der Erden, wie denn auch das Wasser gegen die Erde gezogen wird; und hingegen zeucht der feurische Spiritus im Oberen das Wasser wieder in die Höhe in sich zu seiner Erlabung. Er gebierets und gibts von sich, und zeuchts auch, nachdem sichs hat mit der Erden temperieret, wieder in sich. Und sind beide gegeneinander wie Leib und Seele oder wie Mann und Weib, welche miteinander Kinder gebären.

5,20.     Aus dieser Geburt als der Matrice der Natur hat Gott im Verbo Fiat das ist in der wesentlichen Begierde der Kräfte, am fünften Tage alle Kreaturen aus jeder Scienz aus ihrer Eigenschaft heißen hervorgehen als das Corpus aus der Fixheit der Erden und den Geist aus dem Spiritu Mundi. Das ist geschehen in der Coniunction des Obern und Untern. Das ist: das innere göttliche Wort sprach sich durch das äußere ausgesprochene Wort in jeder Scienz aus der feurischen Eigenschaft der Kräfte in ein kreatürlich Leben. Das sind nun die Kreaturen auf Erden, im Wasser und in der Luft die Vögel, eine jede Kreatur aus seiner eigenen Scienz, aus Gutem und Bösem, nach aller drei Prinzipien Eigenschaft, nach jedem ein Bild der Gleichnis des innern Grundes, aus dem Reiche der Phantasei sowohl als auch dem urständlichen guten Leben; wie man das vor Augen siehet, daß gute und böse Kreaturen sind, als giftige Tiere und Würmer nach dem Centro der Natur der Finsternis, aus Gewalt der grimmen Eigenschaft, welche auch nur begehren im Finstern zu wohnen, als da sind diejenigen, so in den Löchern wohnen und sich vor der Sonnen verbergen. Dagegen findet man auch viel Kreaturen, mit denen der Spiritus Mundi sich aus dem Reiche der Phantasei gebildet hat, als da sind Affen und dergleichen Tiere und Vögel, welche nur Possen treiben und andere Kreaturen plagen und verunruhigen, daß also je eines des andern Feind ist und alles gegeneinander streitet, auf Art wie die drei Principia miteinander in ihren Kräften spielen. Also hat Gott dasselbe Spiel vor sich mit dem Spiritu Mundi in seiner Scienz in ein lebendig kreatürlich Wesen eingeführet, wie man denn auch gute freundliche Kreaturen in Nachmodelung der englischen Welt findet, da sich der Spiritus Mundi in die guten ausgesprochenen Kräfte eingebildet hat, welches die zahmen Tiere und Vögel sind, und da sich doch auch viel böse Tiere als böse Eigenschaften mit unter die zahmen mengen, welche also in vermischten Eigenschaften sind ergriffen worden. An jedes Tieres Essen und Wohnung siehet man, woraus das herkommen sei, denn eine jede Kreatur begehret in seiner Mutter zu wohnen und sehnet sich nach ihr, wie das klar vor Augen ist.

5,21.     Der Spiritus Mundi, daraus alle äußeren Kreaturen nach dem Geiste sind herkommen, ist geschlossen in eine Zeit, Ziel und Maß, wie lange das währen soll und ist wie ein Uhrwerk aus den Sternen und Elementen, darin der höchste Gott wohnet und dies Uhrwerk zu seinem Werkzeuge brauchet, und hat sein Machen darein geschlossen. Das gehet frei vor sich und gebieret nach seinen Minuten, wie man es etwa gleichen möchte. Alle Dinge liegen darinnen, was in der Welt geschehen ist und noch geschehen soll. Es ist Gottes Fürsatz (Bestimmung) zur Kreatur und in der Kreatur, darinnen er alles waltet mit diesem Regiment der Natur.

5,22.     In Gott selber, soviel er Gott heißet und ist, ist kein Vorsatz zum Bösen oder zu etwas, denn er ist das einige Gute und hat keine andere Faßlichkeit in sich als nur sich selber. Und in seinem Worte, das er von sich hat ausgesprochen als den Spiritum Mundi aus dem Mysterio Magno der ewigen Natur, da hat er seinen Vorsatz gefasset und eingeschlossen in das freie Uhrwerk, in den Spiritum Mundi. Das gebieret nun und zerbricht alles nach seinem Instehen und Lauf, und bringet Fruchtbarkeit und Unfruchtbarkeit.

5,23.     Gott aber in seinem Wesen geußt seine Liebe-Kraft darein. Das ist: er geußt sich selber darein gleichwie die Sonne in die Scienz der Elemente und der Früchte. Das ist: die heilige göttliche Scienz gibt Kraft der natürlichen Scienz. Gott liebet alle seine Werke und kann sonst nichts tun als lieben. Denn er ist die einige Liebe selber. Sein Zorn aber wird in der ewigen und zeitlichen Natur verstanden als in der ewigen im Centro der Finsternis, im kalten und hitzigen Feuer-Quall. Und in der zeitlichen als im Spiritu Mundi wird er auch in der feurischen Scienz der Scheidung aller Eigenschaften verstanden.

5,24.     Und so nun eine Stadt, Land oder Kreatur denselben Zorn in der feurischen Scienz im Spiritu Mundi in sich erweckt, das ist: daß er den Ekel in Grimm einführet, so ist er wie ein Holz im Feuer, darinnen der Grimm qualifizierend wird und um sich frisset und das Leben in der Scienz der Kreatur in höchste Peinlichkeit setzet.

5,25.     So spricht alsdann das zornige, feurische Wort in der erweckten Turba (Grimm der Natur) durch den prophetischen Geist in der Turba Magna: Ich will rufen dem Unglück über Stadt und Land, und will meine Lust daran sehen, wie der Zorn den Ekel frisset und wie er das böse Volk verzehret. Denn das ist eben eine Freude und starke Macht des Grimmes in der Natur, wenn man ihm (Gott) solch Feuerholz als Gotteslästern und andere Sünden und Schanden einführet. Das frisset und verzehret er, denn es ist seine Speise, sonderlich dieses, wenn die menschliche Scienz von Gottes Liebe sich abbricht und huret mit dem Grimm der Natur. Allda mästet er sich stark, bis sich das Uhrwerk in eine feurische Scienz einführet, da alle Wesen in der Proba stehen. Da zündet er sich alsdann darin an, nachdem die Turba im Rade des Uhrwerks entzündet wird, daß eine Eigenschaft darinnen offenbar wird. Also gehet auch alsdann die Plage und also wird sie ausgeschüttet über dasselbe Land, Stadt und Kreatur, als oft mit Gift, mit Pestilenz, öfters mit Unfruchtbarkeit, oft mit Verbitterung der Gemüter der Obern, daraus Krieg urständet.

 

Vom Menschen

5,26.     Aus diesem großen Uhrwerk als aus dem Obern und Untern, da alles ineinander innelieget, ist der Mensch geschaffen worden zum Bilde Gottes, denn Moses saget, der Herr habe gesprochen: Lasset uns Menschen machen, ein Bild nach uns, das da herrsche über allen Kreaturen auf Erden, in die Tiere, Vögel, Fische und in alle Erde und Gewürme, das da auf Erden kreucht, Gen. 1,28. Sollen nun die Menschen in diese alle herrschen, so müssen sie auch eben aus demselben Grunde und dazu aus der besten Kraft desselben sein. Denn kein Ding herrschet tiefer als seine Mutter ist, daraus es kommt, es werde denn in ein Besseres transmutieret, so herrschet es auch in dasselbe Bessere, und nicht weiter als deren Grund ist.

5,27.     Weiter saget Moses: Gott machte den Menschen aus dem Erdenklos und blies ihm ein den lebendigen Odem. Da ward der Mensch eine lebendige Seele, Gen. 2,7. Hier ist uns nicht zu verstehen, daß Gott sei auf persönliche kreatürliche Art gleich einem Menschen dagestanden und habe einen Klumpen Erde genommen und einen Leib daraus gemacht. Nein, das ist nicht, sondern das Wort Gottes, als das Sprechen (Fiat) war in allen Eigenschaften — im Spiritu Mundi und im Ente der Erden aus dem Spiritu Mundi — rege und sprach in alle Essentien ein Leben, nämlich das Fiat, welches die Begierde des Worts in der Scienz ist. Das war in dem ewig gesehenen Modell des Menschen, welches in der Weisheit gestanden war, und zog das Ens aller Eigenschaften der Erden und was darinnen immer sein mag, in eine Massam (Masse, Urmaterie) die war eine Quinta Essentia aus den vier Elementen, in welcher die Tinktur aller Kräfte aus allen drei Prinzipien lag, dazu die Eigenschaft der ganzen Kreation aller Kreaturen als des Wesens aller Wesen, daraus alle Kreaturen waren entstanden.

5,28.     Denn verstehet es recht: Die irdischen Kreaturen der Zeit sind mit dem Corpore aus den vier Elementen. Aber der Leib des Menschen ist aus der Temperatur, da alle vier Elemente ineinander in einem Wesen liegen, daraus Erde, Steine und Metalle samt allen irdischen Kreaturen ihren Urstand haben. Wohl aus dem Limo der Erden, aber nicht aus der Grobheit des eingefasseten Wesens der Zertrennung in den Eigenschaften, da sich eine jede Eigenschaft in ein sonderlich Wesen der Erde, Steine und Metalle gefasset hat, sondern aus der Quinta Essentia, darinnen die vier Elemente in der Temperatur inneliegen, da weder Hitze noch Kälte offenbar war, sondern sie waren alle im gleichem Gewichte.

5,29.     Denn sollte der Mensch in alle Kreaturen herrschen, so müßte er ja die höhere Macht als das höchste Ens der Kreatur in sich haben, daraus die Kreaturen einen Grad äußerlicher oder niedriger — oder wie man es geben möchte geringer — waren, damit das Mächtige in dem Ohnmächtigen herrsche, gleichwie Gott in der Natur, welche auch geringer ist denn er. Doch nicht zu gedenken, daß im Menschen sollten die tierischen Eigenschaften kreatürlich oder offenbar sein, sondern das Ens aller Kreaturen lag im menschlichen Ente in der Temperatur. Der Mensch ist ein Bild der ganzen Creation aller drei Prinzipien, nicht allein im Ente der äußern Natur der Sterne und vier Elemente als der geschaffenen Welt, sondern auch aus der innern geistlichen Welt Ente aus göttlicher Wesenheit. Denn das heilige Wort in seinem Ente fasset sich mit in das ausgesprochene Wort, als nämlich der Himmel fassete sich mit in das Wesen der äußern Welt sowohl das Grünen in der innern Welt Wesen als das Paradeis; das heilige Element war in dem wallenden Regiment.

5,30.     In Summa: Das menschliche Corpus ist ein Limus aus dem Wesen aller Wesen, sonst möchte es nicht ein Gleichnis Gottes oder ein Bild Gottes genennet werden. Der unsichtbare Gott, welcher sich hat von Ewigkeit in Wesen eingeführet und auch mit dieser Welt in eine Zeit, der hat sich mit dem Menschenbilde aus allen Wesen in ein kreatürlich Bild gemodelt als in eine Figur des unsichtbaren Wesens. Hierzu hat er ihm nicht das kreatürliche, tierische Leben aus der Scienz der Kreatur gegeben, denn dasselbe Leben mußte in der Temperatur ungeschieden bleiben stehen; sondern er blies ihm ein den lebendigen Odem als das wahre verständliche Leben im Worte der göttlichen Kraft, das ist: er blies ihm ein die wahre Seele aller drei Prinzipien in der Temperatur.

5,31.     (1) Als von innen die magische Feuer-Welt als das Zentrum der Natur — wie schon oben gemeldet — welche die wahre kreatürliche Feuer-Seele ist, davon sich Gott nennet einen starken, eiferigen Gott und ein verzehrend Feuer, als die ewige Natur.

5,32.     (2) Und hiermit auch zugleich die Licht-Welt als das Reich der Kraft Gottes; gleichwie Feuer und Licht ineinander sind ungeschieden, also auch allhie zu verstehen ist.

5,33.     (3) Und von außen blies er ihm auch hiemit zugleich den Spiritum Mundi mit der Luft-Seele ein. Es blies das ganze sprechende Wort sich in aller Natur ein nach Zeit und Ewigkeit, denn der Mensch war ein Bild Gottes, in dem der unsichtbare Gott offenbar war, ein wahrer Tempel des Geistes Gottes, wie Joh. 1,4 stehet, das Leben der Menschen sei im Wort gewesen und dem geschaffenen Bilde eingeblasen worden. Als der Geist Gottes blies ihm ein das Leben der Natur in der Temperatur als den Geist göttlicher Offenbarung, da sich die göttliche Scienz in ein natürlich Leben einführet. Dasselbe göttliche, natürliche Leben ist der Mensch, gleich den Engeln Gottes nach der Seelen, als der geistlichen Welt, Matth. 23,43 und 22,30, da geschrieben stehet: In der Auferstehung sind sie gleich den Engeln Gottes. Nun kommen wir doch nur wieder in das erste geschaffene göttliche Bild und nicht in eine andere Kreatur.

5,34.     Also ist uns der Mensch recht zu erkennen: erstlich was er in der Unschuld gewesen sei, zum andern was er hernach worden sei. Er war im Paradeis. Dies ist die Temperatur. Er ward in einen gewissen Ort gesetzt, da die heilige Welt durch die Erde ausgrünete und Paradeis-Früchte trug, welche in der Essenz auch in der Temperatur standen; die waren gut und lieblich anzusehen, auch gut auf himmlische Art zu essen, nicht in einen Madensack wie jetzt in der aufgewachten tierischen Eigenschaft, sondern auf magische Art; wohl im Mund, aber im Munde waren die Centra der Scheidung, als ein jedes Principium in das seine auf Art, wie das in Ewigkeit sein mag. Gleichwie der Spiritus Mundi aus den drei Ersten als aus dem feurischen Sulphure, Mercurio und Sale das Wasser gebieret und von sich gibt als im Salniter der Scheidung und auch wieder in sich zeucht von der Erden auf, und doch dessen nicht voll wird; — also auch vom Menschen zu verstehen.

5,35.     Adam war nackend und doch mit der größten Herrlichkeit bekleidet als mit dem Paradeis, ein ganz schön hell, kristallinisch Bild, kein Mann, kein Weib, sondern beides als eine männliche Jungfrau, mit beiden Tinkturen in der Temperatur als die himmlische Matrix im gebärenden Liebe-Feuer; und dann auch der Limbus aus der Natur des essentialischen Feuers, darinnen in diesen beiden das erste und andere Principium der heiligen göttlichen Natur verstanden wird, da Veneris Tinktur — als das Gebären und Geben aus des Sohnes Eigenschaft — das Weib als die Mutter der Gebärerin ist und verstanden wird; und die feurische Eigenschaft aus des Vaters Eigenschaft als die Scienz der Mann verstanden wird, welche zwei Eigenschaften sich hernach in Mann und Weib geschieden haben.

5,36.     Denn so Adam hätte mögen bestehen, so wäre die Geburt und Vermehrung der Menschen magisch gewesen als einer aus dem andern, gleichwie die Sonne das Glas durchdringet und es doch nicht zerbricht; weil es aber Gott wohl erkannte, daß Adam nicht also bestehen würde, so hat er ihm den Heiland und Wiedergebärer vor der Welt Grunde geordnet und ihn aber ins wahre rechte Bild anfänglich geschaffen und in das Paradeis gestellet, darin er ewig sein soll und allda die Proba über ihn kommen lassen, auf daß er in paradeisische Scienz fiele und daß das heilige Wort nicht dürfte in viehische Scienz eingehen zur neuen Wiedergeburt, sondern in das, das allda verbleichen würde als in das wahre Bild Gottes, wie hernach soll gemeldet werden.

*   *   *

 

 

Vom Falle des Menschen und seinem Weibe

 

6,1. Allhie wollen wir nun den Liebhaber der Wahrheit vermahnen, unsern Sinn recht zu fassen, denn wir wollen es ihm also weisen, daß er wird genug haben. Mag er uns nur verstehen, wo der göttliche Wille zu Gutem und Bösem urstände, da die Schrift saget: Er verstocket ihre Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden, Joh. 12,40; und auch hingegen wiederum: Gott will nicht den Tod des Sünders, Ezech. 33,21. Damit er nicht nur also auf dem Wahn stehe, als hätte ihm Gott einen Vorsatz (Vorbestimmung) gemacht, den einen Haufen zu verdammen und den andern in seinem Vorsatz aus Gnaden selig zu machen; daß er es lerne recht gründlich verstehen, wie es die Schrift, die also redet, verstehet.

6,2. Nun betrachtet nur das Bild Gottes in Adam vor seiner Eva, das in der Temperatur im Paradeis stand, denn Moses saget: Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war alles sehr gut. — Hernach aber sprach er: Es ist nicht gut, daß der Mensch alleine sei; — auch verfluchte er die Erde um des Menschen willen.

6,3. Lieber Mensch, sage mir: Warum machte nicht Gott bald im Anfang Mann und Weib wie bei den andern Kreaturen? Was war die Ursache, daß er sie nicht zugleich aus einer Massa schuf? — Antwort: Das war die Ursache, daß das Leben beider Tinkturen nur ein einiger Mensch im Bilde Gottes ist und in der Ewigkeit nicht in zweierlei Leben als männlich und weiblich stehen mag nach Art des Vaters und Sohnes Eigenschaft, welche ineinander nur ein Gott sind und nicht geschieden.

6,4. Also auch schuf er sein Bild und Gleichnis in ein einiges Bild, denn in einer Tinktur stehet nicht die vollkommene Liebe, aber in beiden stehet sie. Da eine in die andere eingehet, da entstehet die große feurische Begierde der Liebe als das Feuer gibt das Licht und das Licht gibt dem Feuer Kraft, Schein und Wesen zu seinem Leben, und machen diese beiden nur einen Spiritum als Luft, und der Spiritus gibt Wesen als Wasser. Weil und solange aber diese vier als Feuer, Licht, Luft und Wasser sich voneinander scheiden, so ist kein Ewiges da. Wenn sie aber einander in der Temperatur gebären und nicht voneinander fliehen, so ist es ein Ewiges.

6,5. Also ist es auch mit Adam zu verstehen: Da des Lichts und Wassers Tinktur von ihm in ein Weib geschieden ward, so mochte er in diesem Bilde, das er hernach ward, nicht ewig bestehen, denn sein Paradeis-Rosengarten in ihm ward ihm genommen, darinnen er sich liebte.

6,6. So spricht die Vernunft: Warum tat Gott das, daß er Adam zertrennte und in zwei Bilder brachte? Es muß ja sein Vorsatz also gewesen sein, sonst hätte er es nicht getan. Dazu so hat er es vor der Welt Grunde gesehen, daß er es tun werde und wolle. — Und allhie lieget die Vernunft nun tot und kann ohne Gottes Wissen im Hl. Geist nicht weiter; und aus diesem kommt aller Disputat und Streit.

6,7. Gottes Vorsatz und Verordnen und Gottes Vorhin-Sehen und -Wissen ist nicht ein Ding. Es sind alle Dinge im ausgehenden Geiste, aus des Feuers und Lichts Scienz, in der Weisheit Gottes von Ewigkeit gesehen worden, was werden möchte, so sich Gottes Wesen nach der Gebärerin der Natur bewegt.

6,8. Als in der Eigenschaft der feurischen Scienz nach der Finsternis ist es gar wohl gesehen worden, was ein Teufel sein würde; item auch in des Lichts-Feuers Scienz, was ein Engel sein würde, so sich die feurische Scienz vom Lichte scheidete. Gott schuf aber keinen Teufel; wäre ein göttlicher Vorsatz je gewesen, so wäre ein Teufel in demselben Vorsatz geschaffen worden. Der einige Wille Gottes gab sich allein in die engelische Figur. Aber die feurische Scienz nach der finstern Welt Eigenschaft drang hervor und faßte sich in einen Vorsatz und wollte auch kreatürlich sein.

6,9. Da das Licht und das scheinende Feuer kreatürlich war, so drang auch das finstere, kalte, peinliche Feuer mit der Bildung der Phantasei hervor und eineignete sich in die feurische Scienz, welche die feurische Scienz in sich als einen Freud-Affen einfassete und aus der Temperatur ausdrang. Also war der neue Wille wider die Temperatur geboren, welcher außer Gott verstoßen ward.

6,10.     Man muß verstehen, daß der Anfang der Schiedlichkeit nicht in Gott urstände, daß sich Gott habe in einen Willen zum Teufel gefasset, sondern die feurische Scienz in der ewigen Natur im Aussprechen des Worts nach Feuer und Licht. Aus den drei Ersten ist das geschehen, daß sich ein fürstlicher Thron in der feurischen Scienz hat in das Reich als in die Archiam (Herrschaft) der Phantasei geschieden.

6,11.     Das Reich der Phantasei nach der Finsternis aber ist von Ewigkeit gewesen, welches auch eine Ursache des Teufels Falles ist, wiewohl die feurische Scienz Luzifers in einem Willen stund und sich ohne Zwang und Drang darein begab.

6,12.     Der Mensch aber ward vom Teufel betrogen, daß er fiel. Denn als Fürst Luzifer vor der Welt Grunde in der ersten Bewegung oder Infassung der Natur fiel und aus seinem königlichen Loco ausgestoßen ward, so ward Adam in seine Stätte geschaffen. Und weil der Luzifer nicht war bestanden, so schuf Gott den Adam nach dem Leibe in ein materialisches Wesen als in einen Wasser-Quall, daß er ihm helfen möchte.

6,13.     Und al hat sich auch der heilige Name Jesus alsbald in den Menschen mit eingeleibet zu einem Wiedergebärer. Denn der Christus in Adam sollte den königlichen Stuhl Luzifers besitzen, weil er sich von Gott gewandt hatte. Und daher kommt auch der große Neid, da der Teufel dem Menschen gram ist. Auch urständet an diesem Ort die Versuchung Christi in der Wüsten, dieweil er dem Teufel seinen Stuhl nehmen und seine Gewalt brechen sollte in der Creation und sein Richter werden, der ihn ewig verstieße.

6,14.     Die Seele des Menschen und die Teufel, sowohl alle heiligen Engel, kommen alle aus dem einen Grunde, nur daß der Mensch auch das Teil der äußern Welt an sich hat, welche doch auch der Teufel hat, aber in einem andern Principio als in der Phantasei, in der falschen Magia. Derowegen konnte der Teufel den Adam betrügen, denn er sprach des Adams feurische Scienz in der Seelen ein und lobte ihm die Ungleichheit der Eigenschaften und führte seine falsche Begierde in Adam; davon Adams freier Wille in der feurischen Scienz infizieret ward, gleich als wie ein Gift in den Leib kommt, welches anhebt zu qualifizieren, davon ein anfänglicher Wille zur eigenen Lust entstand. Da war es geschehen um die Temperatur, denn die Eigenschaften der Creation, welche alle in Adam in der Temperatur lagen, wachten, eine jede in ihrer Eigenheit auf, und zogen den freien Willen in sich und wollten offenbar sein.

6,15.     Auch zog der Spiritus Mundi der äußern Welt aus Adam die Temperatur als das Teil der äußern Welt in Adam in sich und wollte in Adam herrschen. Item das Reich der Phantasei griff auch nach Adam und wollte im Bilde Gottes offenbar sein, sowohl der Grimm der Natur als Gottes Zorn in des Teufels Neid. Alles zog an Adam.

6,16.     Allda stand er nun in der Proba, ob er wollte bestehen. Denn die Scienz — aus der Scheidung des magischen Feuers im Worte der Kräfte, aus des Vaters Eigenschaft, aus dem Willen des Ungrundes war frei. Sie stand in drei Prinzipien in der Temperatur. Sie mochte sich in eines wenden, wohin sie wollte. Nicht daß sie in der Kreatur wäre frei gewesen, denn der ward das Gebot gegeben, sich nicht von Gott abzuwenden in die Gelust des Bösen und Guten. Aber der Grund der Kreatur als die feurische Scienz, als die Wurzel der Seelen, stand in dem ungründlichen Willen des Anfangs aller Wesen und war ein Particular (Teil) des ewigen Willens, welcher ewige Wille im feurischen Worte der Scheidung der Natur sich in unterschiedliche Scienz geschieden hatte. So war die Seele ein Teil der Schiedlichkeit, welche Schiedlichkeit im Worte der Kräfte in der Natur — als in den drei ersten und in den sieben Gestalten der Natur und ihrer Ausbreitung — in Kreaturen der Engel und hohen ewigen Geistern figurieret ward, darinnen man auch die feurische eingeblasene Seele verstehet.

6,17.     Aber das ganze, heilige, sprechende Wort Gottes nach der Liebe als nach der Dreiheit der ungründlichen Gottheit gab der feurischen Scienz der Seelen ein Gebot und sprach: Iß nicht vom Gewächse der Erkenntnis des Guten und Bösen, oder wo du das tust, so wirst du desselben Tages des Bildes Gottes ersterben, Gen. 2,17. Das ist: die feurische Seele wird das Licht verlieren; und also wird die göttliche Kraft im heiligen Ente aus dem andern Principio in der Wirkung des Hl. Geistes verlöschen.

6,18.     Der Geist Gottes offenbaret sich in keiner tierischen Eigenschaft, viel weniger im Reiche der Phantasei. Darum sagte ihm Gott, er sollte nicht von der Temperatur in die Lust der Eigenschaften eingehen, noch dieselben in ihren Unterschiedlichkeiten probieren in ihrem Schmacke (Geschmack). Es würde sich sonst die Tödlichkeit hervorwinden und sich in ihm offenbaren als der finstern Welt Eigenschaft aus dem Centro der drei Ersten, und würde das Reich Gottes in ihm verschlingen, wie denn auch geschah.

6,19.     So spricht die Vernunft: Warum wehrete ihm das nicht Gott in seiner heiligen Kraft? Ist er nicht allmächtig, daß er mochte die feurische Scienz, daraus der Wille zur Lust entstand, brechen?

6,20.     Höre Vernunft: Die feurische Scienz ist aus dem Willen des Ungrundes, welcher Wille ein Vater aller Wesen heißet, in welchem Gott geboren wird als vom Vater der Sohn, welcher Wille sich in Kräften zum Worte als zum Aussprechen einführet.

6,21.     So wisse nun, daß ein Particular der höchsten Allmacht, des Wesens aller Wesen, in der Seelen verstanden wird als in der Scienz, welche von Ewigkeit gewesen ist, welche Scienz durch Bewegung des Worts aller Kräfte sich in ein Bild in den drei Ersten fassete. So ist nun dieselbe Scienz eine Eigenheit aus dem Willen des Ungrundes, denn nichts ist vor ihr, das sie brechen mag. Die Kreatur ist wohl nach ihr mit der Kreatur als in den drei Ersten in Lust wider die Temperatur in der Natur eingeführet. Es ward ihr das Gebot gegeben, sie sollte die Kreatur in der Temperatur behalten. Das ist: sie sollte die Eigenschaften der Natur in der Gleichheit halten, denn sie war die Macht, die es tun konnte als ein Funke der Allmöglichkeit. Dazu hatte sie das Reich der heiligen Kraft im Lichte Gottes in sich. Was sollte ihr Gott mehr geben, sie zu bändigen? Er hatte sich ihr selber gegeben wie denn auch also dem Könige Luzifer.

6,22.     Die Scienz aber brach sich von Gottes Kraft und Lichte ab und wollte ein Eigenes sein. Sie wollte ein eigener wirkender Gott nach den Eigenschaften der Natur sein und in Böse und Gut wirken, und solches Gewirke im Reiche der heiligen Kraft offenbaren. Dieses war ein Widerwille in göttlicher Kraft und Eigenschaft. Und um dieses willen ward König Luzifer und auch Adam aus dem Reiche der heiligen Kraft ausgestoßen, nämlich Luzifer in das Reich der Phantasei in die Finsternis, und Adam in die Ungleichheit der Creation in die tierische Eigenschaft und in den Spiritum Mundi, daß also zuhand aller Kreaturen Eigenschaften in Bös und Gut in ihm aufwachten, um welches willen Gott das endliche Gerichte im Spiritu Mundi das Böse und Gute zu scheiden und alle Dinge, ein jedes in sein Principium einzuernten, gesetzet hat.

6,23.     Alldarinnen dann alle Dinge — was das große Uhrwerk im Mysterio Magno im Spiritu sowohl nach der innern geistlichen Welt hat erboren — sollen auf den Test des Feuers gesetzt werden. Das ist: es soll durchs Feuer der ewigen Natur, da sich Gott ein verzehrend Feuer heißet, probieret werden. Denn wie wollte Gott sonst die Kreatur richten, so sie eben nur das täte, das sie unvermeidlich tun müßte, so sie keinen freien Willen hätte gehabt?

6,24.     Das Jüngste Gericht ist anders nichts als eine Einernte des Vaters aller Wesen und alles dessen, was er hat durch sein Wort erboren und worein sich ein jedes Ding hat im freien Willen geschieden, darein wird es auch gehen; denn in demselben ewigen Behalter, nach desselben Principii Eigenschaft, ist es gut.

6,25.     Gott hat ihm nichts zuwider geboren. In ihm ist alles gut, aber ein jedes Ding in seiner Mutter. Solange es aber in einer fremden Mutter lauft, so ist es im Widerwillen. Dessen geben wir ein Gleichnis: Sehet an Hitze, Kälte, auch Feuer und Wasser. Diese kommen aus einem Urstande und teilen sich auseinander, und gehet jedes in eigenen Willen als zu einem eigenen Quall. Nun, so sie sollen wieder ineinandergehen, so ist es Feindschaft, tötet eines das ander. Das macht der eigene Wille einer jeden Eigenschaft. Weil sie beieinander liegen in der Temperatur, so haben sie großen Frieden. Sobald sie aber auseinander ausgehen, so will ein jedes ein Eigenes sein und über das andere herrschen. Daher auch der Streit im Spiritu Mundi ist zwischen den vier Elementen als zwischen Hitze und Kälte. Ein jedes will herrschen, und sieget gar bald eines, gar bald das andere. Bald regnets, bald wird es kalt, bald heiß, bald reißet die Luft, jetzo so, bald anders, alles nach Gewalt der sieben Eigenschaften der Natur und ihren Ausgängen in den drei Ersten, daraus alles geschöpfet wird, was sich reget.

6,26.     So spricht die Vernunft: Gott regieret dies, daß es so gehet? — Antwort: Ja, das ist wahr, aber die Vernunft ist blind und siehet nicht, womit Gott regieret und wie das zugehet. Sie verstehet nicht das entschiedene Wort in den Eigenschaften, darinnen dieses Regiment stehet.

6,27.     Denn im Spiritu Mundi kommt viel böser Wirkung hervor, welche scheinet wider Gott zu sein; item daß eine Kreatur die andere erwürget und beleidiget; item daß Krieg, Pestilenz, Donner und Hagel kommt. Dieses alles lieget im Spiritu Mundi und entstehet aus den drei Ersten Sale, Sulphure und Mercurio, darinnen sich die Eigenschaften in ihrem Widerwillen schöpfen.

6,28.     Denn Gott kann nichts als Gutes geben. Denn er ist alleine das einige Gut und wandelt sich nimmermehr in einiges Böses. Er kann auch nicht, sonst wäre er nicht mehr Gott. Aber in dem Wort seiner Offenbarung, da die Gestaltnisse urständen, als die Natur und Kreatur urständet, allda entstehet die Wirkung im Bösen und Guten.

6,29.     Dasselbe Wort hat sich in ein Uhrwerk einer Zeit gefasset. Und darin stehet nun das Machen des Bösen und Guten nach der Schiedlichkeit der Kräfte im Wort, wie sich die Kräfte göttlicher Offenbarung im Anfange in unterschiedene Principia geschieden haben als in die Pein und in die Freude, in Finsternis und Licht, in ein Liebe-Feuer des Lichts und in ein peinlich Feuer der Natur, wie schon oben gemeldet worden. Darinnen wird nun der ganze Grund des göttlichen Willens in den Unterschiedlichkeiten verstanden.

6,30.     Es darf keine Kreatur sagen, daß ihr ein Wille von außen gegeben werde, sondern der Wille zum Bösen und Guten entstehet in der Kreatur. Aber durch auswendige Zufälle vom Bösen und Guten wird die Kreatur infizieret, gleich als wenn eine auswendige, giftige Luft den Leib ansteckt und vergiftet. Also auch verderben die auswendigen Dinge den eigenen Willen der Kreatur, daß sich der eigene Wille im Bösen und Guten fasset.

6,31.     Und darum hat Gott dem Menschen Lehre und Gesetze gegeben, daß er soll am Gebot Ursache nehmen, die bösen Einflüsse zu verwerfen und nicht zu sagen: Tue ich etwas Böses, so muß ichs tun, denn ich bin der bösen Neiglichkeit. Er aber soll wissen, daß der Seelen Scienz, welche sich hat können in das Böse fassen, eben auch in das Gute sich hat fassen können, und daß Gott keine Ursache an des Menschen noch des Teufels Fall ist, hat ihn auch darein nicht gezogen, soviel er Gott heißet.

6,32.     Sondern die Unterschiedlichkeit des geoffenbarten Worts der Kräfte, nachdem sie sich in Eigenschaften eingeführet haben, dieselben haben ihn gezogen. Er stand in der Temperatur, aber die äußern Einflüsse vom Teufel und von der finstern Welt, sowohl in der Creation im Spiritu Mundi, die haben ihn als in das Bilde Gottes eingehaucht und die Unterschiedlichkeit im Bilde Gottes in seiner Temperatur erweckt, daß sich die ewige Scienz der Seelen hat in eine Lust zur Offenbarung der Eigenschaften gegeben.

6,33.     Das verstehet also: Dieselbe seelische Scienz vergaffte sich an der Creation des geformten Wortes in seiner Schiedlichkeit und wußte in sich eben auch denselben Gewalt zur Unterschiedlichkeit, und erhub sich in Lust zur Schiedlichkeit. Alsobald ward auch die Schiedlichkeit in der Kreatur nach Seele und Leib offenbar. Aber der Teufel war die größte Ursache daran.

6,34.     Denn als er als ein feurischer Geist war aus der Temperatur ausgangen aus dem Bilde Gottes, also führte er nun auch seine Begierde in die seelische Scienz des Menschen, dieselbe in eine Lust einzuführen. Denn er merkte wohl, was Adam war, nämlich ein Thron-Fürste in seinem gehabten Stuhl im Reiche Gottes. Aber den Namen Jesu wußte er nicht, daß sich derselbe in der Zeit im Menschen würde offenbaren, denn sein Wissen in Gottes Liebe, darinnen der Name Jesu die höchste Süßigkeit der Gottheit ist, war in seinem Abfall gestorben. Das ist: es hatte sich in die Bosheit transmutieret. Darum wußte er anjetzo nur die Bosheit.

6,35.     Also verstehet man nun den Grund und Anfang des Teufels und des Menschen Fall, nicht daß man sagen kann, Gott habe den gewollt, soviel er Gott ist, sondern die Schiedlichkeit aus der Natur in die Kreatur, die hat ihn gewollt; die heißet nicht Gott.

6,36.     Gott führet seinen einigen Willen in die Formung und Fassung seines Worts zur Schiedlichkeit als zur Offenbarung Gottes. Allda stehet die Schiedlichkeit im freien Willen. Denn die Schiedlichkeit ist die Natur und auch die Creation. Und in der Schiedlichkeit will Gott Böses und Gutes als in dem, das sich in das Gute hat geschieden als die heiligen Engel. Da will er Gutes innen. Und indem, das sich hat in das Böse geschieden als die Teufel, da will er Böses innen, wie die Schrift saget: Welch ein Volk das ist, einen solchen Gott hat es auch; in den Heiligen bist du heilig und in den Verkehrten verkehrt, Ps. 18,26.27.

6,37.     So spricht nun die Vernunft: So denn Gott in seinem ausgeflossenen, geformten Worte selber alles ist als Böses und Gutes, Leben und Tod, worinnen stehet dann der menschliche Streit, daß man um Gottes Willen streitet, nachdem Gott in seinem geformten Wort alles ist und auch alles will, es sei böse oder gut, ein jedes in seiner Eigenschaft, daraus es urständlich herkommen ist?

6,38.     Siehe, darinnen stehet der Streit, daß die Vernunft in ihrem Dünkel ohne göttliches Licht eine Närrin ist vor Gott und nicht weiß, was Gott ist. Sie bildet ihr immer ein etwas Fremdes und Fernes, wenn sie will von Gott reden, und macht in dem Ewigen, Unwandelbaren Gottes in seiner ewigen Dreiheit einen anfänglichen Willen und Vorsatz und versteht nichts, wie alle Anfänge und Vorsätze in dem geformten Worte durch die Natur urständen; allda sich das Wort in Natur fasset und formet, und daß die Anfänge alle in der Formung des Worts als in der Schöpfung oder Creation innen liegen als in dem großen Mysterio der Schiedlichkeit, darinnen die Kreaturen urständen; also daß alles Übel aus der Natur und Kreatur herkommt und daß die Verstockung in der Natur und Kreatur in der Scienz der kreatürlichen Selbheit urstände, daß, so sie sich in Grimm der Natur einwendet, daß sie darin ergriffen und verstockt werde; daß sie das Sprechen im Zorne infasset und in sich hält und daß alles — wenn geschrieben stehet: er verstocke ihre Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden — im geformten Worte der ewigen und zeitlichen Natur geschehe.

6,39.     Denn daraus redet auch Gott, wenn er im Psalm Davids saget: Du wirst sehen und deine Lust daran haben, wie es den Gottlosen vergolten wird, Ps. 91,8. Item, du wirst dich freuen, wenn der Gottlose gestürzet wird, das ist: wenn der Gottlose im Grimm verschlungen wird, welcher dem Heiligen ist ein Gegensatz und stete Vergiftung gewesen, Ps. 64,8, wenn dasselbe Gift von der heiligen Seelen weggenommen wird, so freuet sie sich, daß sie aus der Not erlöset ist. Und darum stehet auch das Wort in Pein der Natur, auf daß die Freude offenbar werde, aber die Schiedlichkeit aus dem Wort gehet ohne Zwang in freiem Willen, eine jede Eigenschaft in sein Eigenes. Denn im heiligen Wort ist alles gut, aber in der Einführung des eigenen Willens wird es böse.

6,40.     Das geschieht nun in der Natur und Kreatur und gar nicht in Gott, sonst müßte im Wort Gottes auch des Teufels Wille sein, so Gott in seinem Wort alle Dinge in eine Unvermeidlichkeit triebe. Aber des Teufels Wille, sowohl Adams sündiger Wille entstand in eigener Scienz in der Kreatur und nicht in Gott. Sondern im Centro der Natur fassete sich die eigene Scienz in einen Willen der Hoffart, wollend dem sprechenden Worte in der Dreiheit der Gottheit gleich und noch mehr sein. Die Demut ward verachtet und verlassen und war an dessen Statt die Feuers-Macht angenommen.

6,41.     Das ist der Fall, daß Adam und Luzifer die Phantasei an Gottes Stätte setzten; da wich der Hl. Geist aus ihrer Natur. Nun sind sie ein Geist in eigenem Willen und sind in der Phantasei gefangen, als wir denn das in Adam erkennen. Als sich der Seelen Scienz durch des Teufels Einhalten oder Infizieren erhub, so wich der Hl. Geist in sein Principium. Da ward Adam im Bilde Gottes matt und schwach als in der Temperatur und konnte nicht in der Gleichheit magisch seines gleichen aus sich hervorbringen. Seine Allmacht, welche er in der Temperatur hatte, war ihm gebrochen, denn die tierischen Eigenschaften der Creation wurden in ihm rege.

6,42.     Spricht nun Moses: Gott ließ ihn in einen tiefen Schlaf fallen, und er entschlief, Gen. 2,21. Allhie ist er nun in der Temperatur eingeschlafen (verstehe: der göttlichen Welt). Aus diesem Schlafe muß ihn nun Christus aufwecken oder er mag in der Kreatur nicht mehr Gott sehen, denn das Einschlafen war anders nichts als Gottes Licht in der Liebe, als das Liebe-Feuer verlieren. Das verlosch in dem Ens von der himmlischen Welt Wesen. Also war er schon halb tot.

6,43.     Die Zeit, solange Adam im rechten Bilde Gottes gestanden, wird dir in den Figuren Mosis und Christi fürgestellet, sowohl die Zeit des Schlafs. Bist du sehend, so stelle Mosen in Christi Figur und Christum in Adams Figur, als Adam in der Unschuld stand.

6,44.     Vierzig Tage war Moses auf dem Berge, als Israel probieret war. Vierzig Jahre war Israel in der Wüsten und vierzig Tage stand Christus in Adams Proba in der Versuchung in der Wüsten. Und vierzig Tage wandelte er nach seiner Auferstehung in der rechten vollkommenen Proba, da Adam inne sollte wandeln in seiner Unschuld vor seiner Bestätigung zur magischen Geburt. Weil es aber nicht sein mochte — welches zwar in Gott wohl erkannt war — so fiel Adam in den Schlaf. So mußte hernach Christus in Adams Schlafe vierzig Stunden ruhen und Adam in ihm im Reiche Gottes wieder aufwecken. Diesem denke nach, so wirst du allen Grund im Prozeß Christi lernen verstehen. Stelle nun Christum in Adams Stelle, so findest du allen Grund des Alten und Neuen Testaments. Stelle Adam in das geformte Wort der Creation und laß ihn das Bilde der äußern und innern ewigen Natur aller drei Prinzipien sein. Und stelle Christum in das ewigsprechende Wort nach der wahren göttlichen Eigenschaft, darinnen kein Böses entstehen mag, sondern nur die Liebe-Geburt göttlicher Offenbarung nach dem Reiche der Herrlichkeit ist; und führe Christum in Adam ein, daß Christus den Adam in sich neu gebäre und mit der Liebe tingiere, daß er aus dem tiefen Schlaf aufwache, so hast du den ganzen Prozeß Adams und Christi.

6,45.     Denn Adam ist das ausgesprochene, geformte, kreatürliche Wort; und Christus ist das heilige, ewigsprechende Wort. Also wirst du die Zeit in die Ewigkeit einführen und wirst mehr sehen als du in allen Büchern der Menschen lernen magst.

6,46.     Denn als Eva in Adams Schlaf aus Adam gemacht ward, so geschah das im Verbo Fiat im Spiritu Mundi. Allda wurden sie zu Kreaturen der äußern Welt als in das äußere natürliche Leben in die Sterblichkeit als in das tierische Leben gebildet, mit viehischen Gliedern in der Form, auch mit einem Madensack zur irdischen Speise. Denn nachdem das Weib aus Adam kam, so war schon das Bild Gottes in der Temperatur zerbrochen und mochte allda das Paradeis in ihm nicht bestehen. Denn das Reich Gottes stehet nicht in Essen und Trinken, saget die Schrift, sondern in Friede und Freude in dem Hl. Geist, Röm 14,17. Das mochte in Adam und Eva nicht sein, denn sie hatten schon das Zeichen zu tierischer Art, obwohl die tierische Art noch nicht ganz aufgewacht war, so war sie doch in der Lust schon aufgewacht.

6,47.     Der Versuch-Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen war eben die Proba, wohin sich die menschliche, seelische Scienz aus dem Willen des Ungrundes würde hinwenden wollen, ob sie wollte in der Kreatur in der Temperatur bleiben stehen oder ob sie wollte in den Spiritum Mundi in die entschiedene Eigenschaften sich einwenden,

6,48.     So spricht die Vernunft: Warum ließ ihn Gott wachsen? — Antwort: Höre Vernunft, dieser Welt Proba ist besser als das Centrum im Feuer nach der Ewigkeit Recht zu probieren, wie Luzifer probieret ward. Auch erkannte Gott wohl des Menschen Fall im Spiritu Mundi, denn was eine Scienz der Seelen begehrte, das mußte die Erde geben. Denn ihre Lust ging in die Eigenschaft der Erden. Also mußte die Erde der Lust fürstellen, was sie haben wollte. Denn die Scienz der Seelen ist göttlicher Eigenschaft nach der Allmacht. Und hierinnen lieget der Grund aller Verborgenheit, und bleibt der Fall einmal wie das ander auf menschlichem eigenen Willen und in des Teufels Trug.

6,49.     Der rechte wahre Fall des Menschen ist dieses: Als Eva aus Adam gemacht ward, so stellete sich der Teufel in die Schlange und legte sich an den Versuch-Baum und beredete die Eva, sie sollte davon essen, so würden ihre Augen aufgetan werden und sie wie Gott sein. Sie würde wissen, was in allen Eigenschaften wäre und was darinnen für ein Ens und Geschmack sei, wie alle Kräfte in ihren Eigenschaften wären. Welches wohl alles wahr war, aber ihre nackete Gestalt und wie Hitze und Kälte in sie dringen würde, das sagte ihr der Teufel nicht. Auch kam er nicht in eigener Form, sondern in der Form des listigsten Tieres. Auch so war es dem Teufel eben darum zu tun, daß er Evam als die Matricem in Veneris Tinktur möchte monstrosisch (irdisch) machen, daß sie sich an der Schlangen Listigkeit vergaffte, daraus ihr die Lust entstand, Böses und Gutes zu wissen. Als es dann in der Schlangen List war, da sich die Scienz der Natur hatte in die Phantasei in eine solche List eingeführet. Nicht wie die Vernunft saget: Gott habe der Schlangen die Zunge gewappnet, daß sie hätte das tun müssen. Man kann wohl sagen, der Teufel habe sie ihr aus dem Reiche der Phantasei gewappnet, daß sie es getan habe. Aber von Gott kann man das nicht sagen.

6,50.     Die Schlange ist ein Ens in den drei Ersten gewesen, nämlich in Sal, Sulphur und Mercurio, in der natürlichen Scienz, da sich das Feuer und Licht scheidet, da der Verstand noch in feurischer Schärfe innen lieget. Denn der Geist des Verstandes ist noch nicht vom Centro der drei Ersten geschieden, sondern er ist mit der Peinlichkeit als mit der Wurzel der Gift-Qual gemenget. Darum lieget in ihr die höchste Ursache zum Gift und dem falschen listigen Willen. Und dann auch lieget in ihr die höchste Praeservation (Schutz) wider Gift, wenn von ihr das Gift geschieden wird, wie solches vom Luzifer und seinen Anhang zu denken ist.

6,51.     Der Satan war auch der höchsten feurischen Scienz nach dem Reiche der Natur und der schönsten einer im Himmel, dessen die feurische Scienz der Natur eine Ursache war zu seiner glänzenden Herrlichkeit. Er hatte das Böseste und auch das Beste an sich genommen, verstehet: die ewige Scienz hatte die feurische Natur nach der höchsten Beweglichkeit, daraus die Stärke und Macht bestehet oder entstehet, an sich genommen, darinnen sich denn auch die Scienz des Ungrundes in eigenem Willen nach der Listigkeit Art hatte geschöpfet und sich von der Demut abgebrochen und im Lichte Gottes, in seinem Glaste (Schein), Leuchtkraft) in allen Kräften herrschen wollen, als er denn auch in seinem Anfang tat; dadurch er das Wesen in der Scienz der Natur mit solcher Eigenschaft vergiftete, aus welchem vergifteten Ens auch die Schlange ihren Urstand in der Schöpfung genommen hat. Um welcher Vergiftung halben auch Gott die Erde verfluchte, nachdem sie der Mensch noch mehr mit des Teufels Gift und List vergiftete durch seine eingeführte falsche Lust, damit er die Scienz im Wesen, daraus er war ausgezogen worden, vergiftete, daß sich ihm das Paradeis entzog.

6,52.     Also stellete auch nun der Teufel sein vergiftetes Wesen mit der Schlange an den Baum, darin er hat sein Egest (Abschaum) und listigen Willen vor Zeiten der Schöpfung der Erden in die Scienz der Natur und ihr geistliches Wesen eingeführet, welches Wesen in der Scienz der Natur im Anfang der Schöpfung der Creation auch mit in die Kreatur einging, wie denn an allen giftigen Würmern dergleichen nachzudenken ist. Nicht daß sie der Teufel habe geschaffen. Nein, sondern er ist nur ein Vergifter der Natur gewesen auf Art, wie er seine eigene Natur sowohl die menschliche Natur vergiftet hat. Das Fiat aber hat sie gemacht, eine jede Eigenschaft der zerteilten Scienz in seine gleiche Form. Wie der Wille in der Scienz war in der wirkenden Figur, also ward auch die Kreatur.

6,53.     Denn das sprechende Wort in jeder Scienz Eigenschaft führte sich in ein Bild. Also war die Schlange dem Teufel nahe in der Scienz der Natur, denn er hatte ihr seinen giftigen Willen eingeschmeißt, da sie noch kein Wurm war. Jedoch daß man mit den irdischen Kreaturen einen Unterschied halte zwischen den ewigen. Denn der Teufel ist der ewigen Scienz als der ewigen Natur und die Schlange aus der Zeit. Aber die Zeit ist aus der Ewigkeit ausgesprochen. Darum sind sie auseinander geschieden.

6,54.     Dieses giftige, listige Geschmeiß als das Egest des Teufels stellete der Teufel der Eva für an dem Baum, daß sie sich sollte an ihrer List vergaffen und monstrosisch machen, als denn auch geschah. Als Eva nach der listigen Klugheit lüsterte, da schlüpfete der Teufel mit seiner Begierde mit dem Schlangen-Monstro in die Scienz der Eva als in Seele und Leib. Denn Eva ward begehrend der List als der Klugheit, daß ihre Augen mochten offen sein und Böses und Gutes erkennen. Also führet er ihr der Schlangen Ens magischer Art ein auf Art und Weise, wie die falsche Magia mit der Incantation (Beschwörung) umgehet und dem Menschen ein böses Gift in die Scienz seines Lebens einführet; und davon kriegte Eva den Willen, Gott ungehorsam zu sein, und wagte es und aß von dem Baum der Irdigkeit, da Böses und Gutes offenbar war, wie wir denn noch heutigen Tages nach dem Fall eitel solche Früchte essen. Und als sie aß und nicht bald niederfiel und starb, so gab sie Adam auch, und er aß auch davon, denn Adam hatte schon eingetaucht, da er im Bilde Gottes stand, aber noch nicht in den Leib gessen bis anhero.

*   *   *

 

 

Von der tierischen Offenbarung im Menschen, wie Adam und Eva ihre Augen aufgetan worden und wie das im Grunde zu verstehen sei, nebst Beantwortung etlicher Fragen zum Verstande der Sprüche von der Gnadenwahl und der Menschen Verstockung.

 

7,1. Wenn wir das Ebenbildnis recht in seinem magischen Grunde betrachten, wie das zugehet, daß sich im Spiritu Mundi nach allen Dingen ein Gegenbildnis formieret, wie wir das in einem Spiegel, sowohl im Wasser und am Schatten sehen, so kommen wir bald und nahe auf den Grund, wie alle Wesen aus einem Einigen urständen und wie alle Kreaturen im Spiritu Mundi als in dem ausgesprochnen Worte Gottes innen liegen. Darum wir wohl mit Grunde sagen können, daß alle Kreaturen auch in Adam sind gelegen, nicht daß sie aus Adam sind ausgegangen und in das Geschöpfe getreten, sondern in der ewigen Scienz der Seelen, in welcher Scienz das Wort Gottes sich formieret und bildet in einen natürlichen und kreatürlichen Grund, darinnen werden alle Eigenschaften verstanden, wie solches Moses bezeuget, daß der Mensch habe sollen in alle Kreaturen herrschen. Aber nun nach dem Fall herrschen sie in ihm.

7,2. Denn als die Seele in der Temperatur innen stund, so drang der Willen-Geist der Seelen durch alle Kreaturen und ward von keiner verletzt, denn keine konnte ihn greifen. Gleichwie keine Kreatur mag der Sonnen Kraft und Schein in einem Willen begreifen, sondern muß es leiden, daß sie durch sie dringet, also war auch der Willen-Geist des Menschen. Als er aber in dem Gift der Schlange im Willen des Teufels gefangen ward, so ward er allen Kreaturen ein Feind und verlor diese Macht.

7,3. Auch kriegten die Kreaturen Gewalt in ihm und erhuben sich in ihm, wie es denn nun vor Augen ist, da mancher in der Eigenschaft einer listigen Schlange voller arger List und giftiger Bosheit ist, item ein anderer hat Kröten-Eigenschaft in ihm, mancher eines Hundes, item einer Katzen, eines Basilisken, Löwen, Bären, Wolfes und so fort, durch alle Eigenschaften der Tiere und Würmer.

7,4. Sie haben von außen das erste figurierte Bild wohl an sich, aber in der Eigenschaft sitzt ein böses Tier. Dergleichen ist auch von den guten zahmen Tieren zu verstehen, daß mancher in der Eigenschaft eines guten Tieres Art ist. Und ist wohl ein Mensch aus Adams Samen gezeuget, der nicht in dem irdischen Leibe etwa eines Tieres Eigenschaft an sich habe; mancher ein böses, mancher ein gutes.

7,5. Dieses wird nun in dem Falle verstanden, daß sich alle Eigenschaften in dem Spiritu Mundi haben in dem Menschen geoffenbaret, alle feurische Scienz nach Hitze und Kälte, auch alle andere Qualitäten insonderheit; item der ganzen Natur Eigenschaft ward in ihm offenbart nach Bösem und Guten. Denn sobald sie der irdischen Frucht in dem Leib aßen, so ging die Temperatur auseinander und ward der Leib nach allen Eigenschaften in dem Spiritu Mundi offenbar. Da fiel Hitze und Kälte auf ihn und drangen in ihn ein. Item alle Eigenschaften der Natur, darinnen der kreatürliche Grund stehet, drängeten sich in ihm in einen Widerwillen, davon ihm Krankheit und der Tod der Zerbrechung entstand.

7,6. Und in diesem Bissen starb er an Gottes Reich und wachte auf dem Reiche der Natur, und ward aus der Unleidlichkeit in die Leidlichkeit gesetzt und ward nach dem äußern Leibe ein Tier aller Tiere als das tierische Bild Gottes, da sich das Wort Gottes hat in irdischer Bildnis offenbaret. Also ward der Mensch nach dem äußern Leibe ein Meister und Fürst aller Tiere, und war doch selber nur ein Tier, aber einer edleren Essenz als ein Tier, und nichts destoweniger hatte er ein Tier in der Eigenschaft.

7,7. Und zu dieser Stunde war im Menschen eine Pforte der finstern Welt in Gottes Zorn offen, nämlich die Hölle oder der Schlund des Teufels sowohl das Reich der Phantasei ward in ihm offenbar. Der zornige Gott — also nach dem Reiche der Finsternis genannt — ward in ihm offenbar und fing ihn nach der seelischen Scienz in der Kreatur. Nicht der Grund der seelischen Scienz mag gebrochen werden, sondern die Kreatur aus den drei Ersten, Sale, Sulphure und Mercurio als die ewige Natur und auch die zeitliche Natur im Spiritu Mundi. Die zeitliche Natur ward in die irdische Eigenschaft gesetzt und die ewige Natur in dem Grimm der finstern Welt dem Teufel zum Nachbarn.

7,8. Als nun diese Gefängnisse im Tode Christi sollten in beiden Naturen gebrochen werden, so erzitterte die Erde darüber und verlor die Sonne ihren Schein, anzudeuten: weil das ewige Licht nun wiedergeboren sei worden, so müsse das zeitliche aufhören.

7,9. Dieses recht zu betrachten, was am Menschen sei im Fall gestorben, so müssen wir nicht nur allein den zeitlichen Tod ansehen, wie der Mensch stirbet und verweset. Denn das ist nur der tierische Tod und nicht der ewige Tod. Auch müssen wir nicht also blind sein und sagen, die Seele sei gestorben in ihrer Kreatur. Nein, das mochte nicht sein, denn was aus dem Ewigen ist, das nimmt keinen Tod an, sondern das Ebenbildnis Gottes, das sich in die kreatürliche Seele hat eingebildet als das göttliche Ens, dasselbe verblich, wie der Feuer-Grimm aufwachte. Denn in Gott ist kein Sterben, sondern nur eine Scheidung der Prinzipien auf Art zu verstehen, wie wir sehen, daß die Nacht den Tag in sich verschlinget und der Tag die Nacht. Also ist eines im andern wie tot, denn es mag sich nicht erzeigen.

7,10.     Dies in einem Gleichnis zu verstehen: als ob die Sonne verginge, so würde der Spiritus Mundi eine eitele rauhe Feindlichkeit und würde eine immerwährende Nacht. So möchten die vier Elemente in jetziger Eigenschaft nicht qualifizieren, und wüchse keine Frucht. Auch möchte keine Kreatur in den vier Elementen leben. Also auch ingleichen starb Adam und seine Eva des Reichs der göttlichen Sonnen-Kraft als des göttlichen Wesens und Willens, und wachten auf der grimmen Natur, von innen nach der Seelen und auch von außen in der tierischen Eigenschaft.

7,11.     Der Seelen Scienz aus dem ungründlichen Willen, darinnen Gott gebieret, die ist nicht gestorben. Denn nichts mag sie zerbrechen, sondern sie bleibet ewig ein freier Wille. Aber ihre Form der Kreatur als die Seele, welche vom Geiste Gottes in ein Bilde formieret ward, dasselbe Bilde aus der ewigen Natur, das verlor das heilige Ens, darinnen Gottes Licht und Liebe-Feuer brannte. Nicht daß dasselbe Ens sei ein Nichts worden. Wohl ward es der kreatürlichen Seelen ein Nichts als unempfindlich, sondern die heilige Kraft als der Geist Gottes, welcher das wirkende Leben darinnen war, die verbarg sich. Nicht aus Vorsatz seiner selber, sondern die ewige Scienz als der ungründliche Wille zur seelischen Kreatur ging vom Liebe-Willen aus in sein stachlicht Eigentum der seelischen Natur.

7,12.     Gott entzog sich der Seelen nicht, sondern die Scienz des freien Willens entzog sich Gotte, gleichwie die Sonne der Distel nicht entzeucht, aber die Distel entzeucht der Sonnen ihre stachlichte Scienz und führet sie in stachlicht Wesen. Je mehr die Sonne darauf scheinet, je stachlichter und stärker wird die Scienz des wirkenden Willens. Also ist es auch von der Seelen zu verstehen.

7,13.     Gott wohnet durch alles, auch durch die Finsternis und durch die Teufel. Aber die Finsternis ergreift ihn nicht, also auch der Teufel und die gottlose Seele nicht. Sprichst du: warum das? Darum der kreatürliche Wille zur wahren gelassenen Demut, unter Gottes Gehorsam sich zu begeben, ist tot und ist nur ein Distel- und Dornen-Wille im Leben der Kreatur. Also hält der Dorn-Wille die edle Scienz des ungründlichen ewigen Willens des Ungrundes in sich gefangen oder verdeckt, und sind ineinander wie Tag und Nacht.

7,14.     Die kreatürliche Seele ward zur Nacht. Der Spiritus Mundi, welcher im Anfange in der Temperatur im Leibe stand, der stand noch in Bösem und Gutem, wie alle zeitlichen Dinge stehen. Aber des Teufels Distel-Samen war darein kommen, darinnen der zeitliche Tod inne lag, und war allda anders nichts zu verstehen als ein Tier aller Tiere. Die Gleichheit des geformten, ausgesprochenen Worts stund in der Feindschaft und Widerwillen. Das engelische Bild war ganz zerstöret, beides am Gemüte und Sinnen, wie wir denn heute noch sehen, daß die Sinnen immerdar sich im tierischen Willen zur eigenen Liebe fassen und gar schwerlich dahin kommen, daß sie Gott und die Gleichheit lieben, sondern nur immerdar sich emporschwingen und wollen alles alleine im Besitz haben, wollen gerne das schönste Kind im Hause sein, davon die Hoffart, Geiz, Neid und Haß entstehn. Das alles ist der Schlangen Ens und des Teufels eingeführete Eigenschaft, welches das Reich Gottes nicht erben kann.

7,15.     Diesem nun kam das lebendige ewigsprechende Wort der höchsten Liebe Eigenschaft aus lauter Gnaden zu Hilfe und sprach sich wieder in das verblichene Ens von dem himmlischen Welt-Wesen, zu einem wirkenden Leben ein. Gleichwie des Teufels Wort sich hatte in die Seele eingesprochen, also kam das Wort der Liebe Gottes und sprach sich wieder in das verblichene Ens ein: mit anzudeuten, daß es sei ein Ziel eines ewigen Gnaden-Bundes, darinnen Gottes Liebe in dem Namen Jesu wollte dem Teufel seine Werke zerstören, und wollte das lebendige heilige Ens in den Namen Jesu in dieses Einsprechen oder eingesprochenes Wort wieder einführen, welches in Christi Menschwerdung geschah1.

1) Vgl. Jakob Böhme: Von der Menschwerdung Jesu Christi. Insel Verlag Frankfurt 1995 (it 1737).

7,16.     Allhie ist uns nun die Vorsehung oder Einsehung zu verstehen, daß der Geist Gottes vor der Welt Grunde habe ins Feuer und Grimmes Eigenschaft der Natur diesen Fall gesehen und den heiligen Namen Jesu mit dem höchsten Liebes Ens darein versehen zu einem Wiedergebärer. Denn eine einige Wurzel des Entis aus göttlicher Liebe — als das himmlische Welt-Wesen — verblich in Adam als das wahre Ebenbild Gottes nach göttlicher Heiligkeit Eigenschaft. Und dasselbe einige Bild, das in Adam in Gott verblich, hatte Gott das Ziel seines ewigen heiligen Willens in Christo einverleibet. In dasselbe sprach Gottes heiliges Wort, als jetzt die arme kreatürliche Seele an Gott war blind worden. Des Weibes Samen soll der Schlangen Kopf zertreten. Und in derselben eingesprochenen Stimme kriegte die arme Seele wieder göttlichen Odem und Leben. Und dieselbe eingesprochene Stimme ward im menschlichen Leben als eine Figur des wahren Ebenbildes in diesem Ziel des Bundes Gottes, welchen er hatte in dem göttlichen Ens vor der Welt Grunde eingesehen (hinfort) von Mensch auf Mensch als ein Gnaden-Bund gepflanzet.

7,17.     Denn das Einsprechen des Teufels, daraus ein böser Wille entstand, das geschah erstlich in Adam, da er Mann und Weib und doch der keines, sondern ein Bild Gottes war; und drang von Adam in Eva, welche die Sünde anfing. Also kam auch nun das Einsprechen Gottes und drang in Evam als in die Mutter aller Menschen, und setzte sich dem angefangenen Sünden-Quall durch Evam in Adam entgegen, denn in Eva lag die Tinktur vom Lichte und vom geistlichen Wasser. Und in dieselbe leibte sich die heilige Tinktur im Worte in dem Namen Jesu ein, daß sie wollte die tierische Matricem zerbrechen und in eine heilige verwandeln.

7,18.     Denn nicht durch Adams Feuer-Tinktur sollte es geschehen, sondern durch und in dem Teil der adamischen Lichts-Tinktur, darinnen die Liebe brannte, welche in das Weib geschieden war als in die Gebärerin aller Menschen. Darein verhieß sich Gottes Stimme wieder das lebendige heilige Ens vom Himmel einzuführen und das verblichene Bild Gottes, welches darinnen stand, in göttlicher Kraft neu zu gebären.

7,19.     Johannes im dritten Kapitel Vers 13 spricht Christus, er sei vom Himmel gekommen. Da verstehet man Wesen, denn das Wort bedarf keines Kommens. Es ist vorhin da und darf sich nur bewegen. Nun lagen alle Menschen nach der verderbten seelischen Eigenschaft im Samen Adams; und lagen hinwieder alle Menschen in Veneris Matrice als in der weiblichen Eigenschaft in Eva. Und in Eva als in die Matricem der Liebe von der himmlischen Welt Wesen, welches in Adam und Eva verblich als in das Teil vom Reiche Gottes, setzte Gott seinen Bund und führte darein sein Wort, daß des Weibes Same — verstehet: den himmlischen Samen, welchen das Wort wollte wieder einführen, darinnen Gott und Mensch sollte wieder eine Person sein — sollte der Schlangen Egest (Abschaum) und des Teufels Willen den Kopf seiner Macht zertreten und des Teufels Werke, welche er würde in Seele und Leib wirken, zerstören.

7,20.     Verstehet es recht: Der erste in Adam geschaffene Mensch als das Teil von der himmlischen Welt-Wesen und dann zweitens das Teil, das im Worte Gottes sollte eingeführet und drittens mit dem Menschlichen sollte ein Wesen werden, der sollte es tun, als der Gott-Mensch und Mensch-Gott sollte er es tun; nicht ganz ein fremder Christus, sondern dasselbe Wort, das den Menschen aus sich in ein Bild Gottes gemacht hatte. So sollte es nun das machende Wort und das gemachte Wort in Kraft des Hl. Geistes tun. Das himmlische Ens im Worte als der Tempel des Hl. Geistes sollte im Weibes Samen einen seelischen Samen an sich nehmen und auch einen leiblichen von Adams Wesen aus dem Limo der Erden, auf Art wie Gott die Welt an sich hat genommen und wohnet doch im Himmel im heiligen Ente.

7,21.     Also nahm das Wort von innen das verblichene heilige Ens an sein lebendiges und machte das verblichene in seiner Kraft lebendig. Und die seelische und leibliche Natur von der innern (äußern) Welt hing am selben Ente an, wie die Natur an Gott anhanget, durch welche er sich offenbaret. Also wollte auch allhie das heilige Wort mit dem heiligen Ente durch die seelische und leibliche Natur sich offenbaren und die Seele mit der höchsten Tinktur wieder tingieren und dem Teufel sein gemachtes Raubschloß im Grimm der ewigen Natur darinnen zerbrechen, welches alles im Prozeß Christi erfüllet worden ist.

7,22.     Nun sage mir jetzo allhie die Vernunft, wo der vorsätzliche Wille Gottes zur Verstockung des Menschen urstände? Wo ist der Vorsatz, daß er einen Haufen hat in seinem Vorsatz zum Verdammnis und den andern zum ewigen Leben geordnet? Denn in Eva fing die Sünde an, und in Eva fing auch die Gnade an, ehe sie eines Kindes schwanger ward. Sie lagen alle in Eva in gleichem Tode, und lagen auch alle in dem einigen Gnaden-Bunde im Leben, wie denn der Apostel saget, Röm. 5,18: Gleichwie die Sünde von einem kam und drang auf alle, also kam auch die Gnade von einem und drang auf alle. Denn der Bund ging nicht nur auf ein Particular als auf ein Stück aus Eva, sondern auf die ganze Evam, ohne des Teufels Werke, welche er hatte in sie geschmeißt. Dies sollte Christus zerbrechen.

7,23.     Es sollte und konnte keine Seele aus des Teufels eingeführtem Ente geboren werden, denn das Wort Gottes mit dem Bunde stand dazwischen. So drang der Bund auf Evas Seele in Adam als aus des Lichtes Tinktur in Adams feurische Tinktur. Denn Adam und Eva waren im Wort ein Mensch. Also drang auch die Gnade auf denselben einigen Menschen Adam und Eva.

7,24.     Wo ist nun der göttliche ewige Vorsatz, davon die Vernunft saget? Sie will denselben mit der Hl. Schrift beweisen und verstehet dieselbe nicht, denn der Schrift Worte sind wahr. Aber es gehöret ein Verstand dazu, nicht ein auswendiger Wahn, da man von einem fremden Gotte dichtet, der etwa weit und hoch in einem Himmel alleine wohnet.

7,25.     Brüderlich wollen wir der Vernunft andeuten, wie die Schrift zu verstehen ist, da sie vom Vorsatz und von Gottes Wahl redet, und ihr den wahren Verstand geben, wie die Wahl urstände und was der Vorsatz sei, und wollen gar niemanden darinnen oder damit in seiner gefaßten Meinung verachten, sondern zu mehrerer Erkenntnis und christlicher Einigung des Verstandes wollen wir die Schrift erklären, zu welchem Ende auch dies Büchlein geschrieben ist.

7,26.     Dasselbe nun zu verstehen, so wollen wir das erste und andere Principium — als das Reich der Natur zu göttlicher Offenbarung, darinnen Gottes Zorn und Verstockung verstanden wird, und dann das Reich der Gnaden als das wahre göttliche Wesen — gegeneinander stellen und sehen, wie der Grund der Verstockung urstände. Und wollen die Sprüche der Schrift, welche scheinen widereinander zu sein, damit probieren, auf daß ein jeder seiner Meinung Grund sehen möge. Und wollen uns an keine Meinung binden, jemanden zu gefallen, sondern den Grund dartun, und solches allen Parteien der Meinungen in Liebe zu brüderlicher Einigung:

7,27.     Als Adam und Eva waren gefallen, so waren sie am Reiche Gottes blind und als tot, und war keine Möglichkeit in ihnen, etwas Gutes zutun, verstehet: nach der seelischen und leiblichen Kreatur. Aber die Scienz des Ungrundes aus des Vaters Eigenschaft, in welcher eine Seele in dem feurischen Wort formieret war, die ward ungebunden, weder böse noch gut. Denn sie ist der einige Wille. In welchem ewigen Willen Gott der Vater seinen Sohn gebieret, und heißet außer der Gebärung als der göttlichen Kraft nicht Vater, auch nicht Gott, sondern der ewige ungründliche Wille zu etwas. In welchem Willen die Geburt der Hl. Dreiheit sowohl der Urstand der Natur und aller Wesen Anfang verstanden werden.

7,28.     Derselbe Wille ist der ewige Anfang zu göttlicher Weisheit als zur Beschaulichkeit des Ungrundes. Und ist auch der Anfang zum Worte als zum Aussprechen des Feuers und Lichts. Das Sprechen aber geschieht nicht im Willen des Ungrundes, sondern in der Fassung der Scienz, da sich derselbe Wille in die Stätte Gottes als in die Dreiheit der Gebärung einfasset. Allda spricht sich das Wort der Kraft in der Unterschiedlichkeit. Und in derselben Unterschiedlichkeit der aussprechenden Scienz ist das Bild Gottes als der Mensch, in göttlicher Kraft und Weisheit, in magischer Form ohne Kreatur, von Ewigkeit gesehen worden. Und in diesem gesehenen Bilde hat sich Gottes Geist in der höchsten Liebe, welche der Name Jesus ist, selber geliebet, denn es ist eine Figur seiner Gleichheit nach der Kraft und Geburt gewesen.

7,29.     Weil aber Gottes Liebe ohne die ewige Natur nicht offenbar wäre gewesen, als das Liebe-Feuer wäre nicht offenbar ohne das Zorn-Feuer, so ist die Wurzel der Scienz in seinem Grunde der Natur das Zorn-Feuer gewesen. Und die Offenbarung des Zorn-Feuers ist das Liebe-Feuer gewesen, auf Art wie das Licht aus dem Feuer kommt; und allhie verstehen wir den Grund.

7,30.     Als das Licht in der kreatürlichen, ewigen, natürlichen Seelen verlosch, so war die kreatürliche Seele nur ein Quall Gottes Zornes als eine feurische Natur, Nun aber hatte sich Gottes Liebe als der hl. Name Jesus, welcher das Unum (das Eine, das nottut) ist, wie man ihm möchte nachsinnen, in dem ewig gesehenen Bilde in die Scienz des Aussprechens — verstehet: in das menschliche ewige Bilde, darein die kreatürliche Seele geschaffen war — eingeleibet. Und in dieser Einleibung ist der Mensch in Christo Jesu versehen worden vor der Welt Grunde. Als aber die kreatürliche natürliche Seele fiel und das Licht verlor, so sprach sich das Wort der Kraft, welches die Seele in der feurischen Scienz hatte geformet, in den Willen des Ungrundes zur Kreatur ein.

7,31.     Von Ewigkeit ist der Name Jesus in einer unbeweglichen Liebe im Menschen als in dem Gleichnis Gottes gestanden. Denn wäre sie beweglich gewesen, so hätte das Bild ein recht Leben gehabt; nun aber war das wahre Leben allein im Worte der Kräfte, Joh. 1,4. Als aber die Seele das Licht verlor, so sprach das Wort den Namen Jesus in der Beweglichkeit und das verblichne Ens von der himmlischen Welt Wesen ein.

7,32.     Adam hatte das göttliche Licht vor seinem Fall aus Jehova, das ist aus dem einigen Gott, in welchem der hohe Name Jesus verborgen stund. Nicht in Gott stund er verborgen, sondern in der Kreatur, verstehet: in der Scienz zur Kreatur stund er verborgen. Aber in dieser Not, als die Seele fiel, so offenbarte Gott den Reichtum seiner Herrlichkeit und Heiligkeit in dem ungründlichen Willen der Seelen als in dem ewiggesehenem Bild, und leibte sich mit der lebendigen Stimme des Worts aus dem göttlichen Liebe-Feuer in das ewige Bildnis ein zu einem Panier der Seelen, dahin sie sollte dringen. Und wiewohl sie kein Eindringen vermochte, denn sie war an Gott als wie tot, so drang aber der göttliche Odem in sie und vermahnte sie zum Stillstande der boshaftigen Wirkung, auf daß seine Stimme in der Seelen wieder möchte anheben zu wirken.

7,33.     Und das ists, daß sich Gottes Stimme bei der Eva in des Weibes Samen einsprach, denn das rechte Weib von der himmlischen Welt Wesen, da es noch in Adam war, verstehet nach der Lichts-Natur, war Jungfrau Sophia als die ewige Jungfrauschaft oder die Liebe des Mannes. Die war in Jehova in Adam offenbar. Und jetzt ward sie in der Stimme des Einsprechens im Namen Jesu offenbar, welcher sich hatte aus Jehova ausgewickelt mit solchem Bunde, daß der Name Jesus wollte in Erfüllung der Zeit das heilige Wesen der Sophia als das himmlische heilige Wesen aus der Liebe, damit die Liebe umschlossen ist oder — wie man es setzen möchte, darin die feurische Liebe ein Wesen ist — in das verblichene Wesen aus Jehova einführen.

7,34.     Daß ich aber sage, das Wesen aus Jehova sei im Fall verblichen, das ist wahr. Und ist eben der Tod, darinnen Adam und Eva starben, denn sie verloren das rechte Feuer, und wachte in ihnen auf das hitzige und kalte Feuer der Feindschaft, in welchem Feuer Sophia nicht offenbar ist. Denn es ist nicht das göttliche Feuer-Leben, sondern das natürliche, und in diesem natürlichen Feuer-Leben der Seelen ist nun der Unterschied zwischen Gottes Liebe und Zorn.

7,35.     Das natürliche Feuer-Leben ohne das Licht ist Gottes Zorn, der will nur seinesgleichen haben. Dieser oder der verstockt die Seele und führet sie in eigenen fremden Willen wie der des Liebe-Feuers Eigenschaft. Nun aber fähret nicht etwa ein freier Wille eines Zorn-Feuers in die natürliche Seele, das die Seele einnähme, sondern das eigene Feuer, dessen die Seele ein Wesen ist.

7,36.     Der Grimm eigener Natur verstockt sich mit Einfassung des Ekels in den drei ersten der Natur Urständen — Sale, Sulphure, Mercurio — als in der finstern Welt Eigenschaft, welche in der falschen Begierde offenbar wird, und dann auch von den auswendigen Zufällen, welches die falsche Lust aus der feurischen Begierde in sich fasset, gleichwie sich Adam und Eva mit der eingeführten Schlangensucht verstockten und vergifteten, da dann alsbald dasselbe eingeführte Gift auch anfing zu hungern nach solcher Eigenschaft als es selber war; da dann ein Ekel den andern gebar, wie der Apostel Paulus davon saget, Röm. 7, daß nicht er im Geiste Christi die Sünde wolle und wirke, sondern die Sünde im Fleische, das ist: die in der Natur ist als der offenbare Grimm der ewigen und zeitlichen Natur. Und dasjenige, was die viehische Lust in das Fleisch einführet, das tut es.

7,37.     So verstehet mich nun recht: der erste und allerinwendigste Grund im Menschen ist Christus, nicht nach der Natur des Menschen, sondern nach göttlicher Eigenschaft in dem himmlischen Wesen, welches er hat neugeboren. Und der zweite Grund der Natur ist die Seele, versteht: die ewige Natur, darinnen sich Christus offenbarte und sie annahm, Und der dritte Grund ist der geschaffene Mensch aus dem Limo der Erden mit Sternen und vier Elementen.

7,38.     In dem ersten Grunde, welcher Christus ist, ist das wirkende Leben ingöttlicher Liebe. Und in dem andern Grunde ist das natürliche Feuer-Leben der kreatürlichen Seele; darinnen nennet sich Gott einen eiferigen Gott. Und in dem dritten Grunde lieget die Creation aller Eigenschaften, welche in Adam in der Temperatur stand und im Fall auseinanderging.

7,39.     Im ersten Grund ist der Gott Jehova. Der hat die Menschen, welche im Anfang seine waren, dem Namen und der offenbaren Kraft Jesu gegeben, wie Christus saget, Joh. 17,6: Vater, die Menschen waren dein, und du hast sie mir gegeben, und ich gebe ihnen das ewige Leben. — Erstlich stunden sie in Jehova in des Vaters Eigenschaft. Nun stehen sie in des Sohnes Eigenschaft nach dem inwendigen Grunde des Himmelreichs. Denn der inwendige Grund ist der innere Himmel. Er ist der Sabbath als Christus, welchen wir heiligen sollen, das ist: von unserm eigenen Willen und Werken ruhen, auf daß der Sabbath Christus in uns wirke.

7,40.     Der andere Grund ist nun das Reich der ewigen Natur nach des Vaters Eigenschaft, darinnen Gottes Zorn und die finstere Welt verstanden wird, darüber Gott seinen Sohn zum Richter gesetzt hat. Denn Christus spricht Matth. 28,18: Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden von meinem Vater gegeben worden. — In denen Worten ist auch das Gerichte aller Dinge begriffen.

 

Etliche Fragen und deren Beantwortung

7,41.     Dieser Jesus spricht nun Matth. 11,28: Kommt alle zu mir her, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.

7,42.     Frage: Nun ist die Frage: Warum sie nicht alle mühselig und beladen sind und zu der Erquickung als zur neuen Geburt kommen. — Antwort: So spricht Christus Joh. 6,44: Niemand kommt zu mir, es ziehe ihn denn mein himmlischer Vater.

7,43.     Frage: So ist nun die Frage: Welche zeucht der Vater zu Christo? — Antwort: Die Schrift antwortet Joh. 1,13: Die nicht vom Fleische noch Geblüte noch vom Willen eines Mannes, sondern von Gott geboren sind.

7,43.     Frage: Welche sind nun dieselben? — Antwort: Diese sind es, die aus der Gnade geboren werden, die erwählet er ihm.

7,44.     Frage: Was ist  die Gnade? — Antwort: Es ist der inwendige Grund als Christus, der sich als eine Gnade in den verblichenen innern Grund wieder eingab. Welche nun aus demselben inwendigen Grunde, aus Sophia als der himmlischen Jungfrauschaft neugeboren werden, die sind Glieder an Christi Leibe und ein Tempel Gottes. Diese werden zu Kindern erwählet, die andern sind verstockt, wie die Schrift durchaus saget.

7,46.     Frage: Wie kommts, daß sie verstockt sind?—Antwort: Sie sind in Adam alle gestorben und können ohne die Gnade in Christo nicht das göttliche Leben haben oder erlangen.

7,47.     Frage: Kann ihr denn die kreatürliche Seele in eigenem Vermögen und Willen in ihrer Selbheit nichts von der Gnade nehmen? — Antwort: Nein, sie kann nicht, denn es lieget nicht an jemandes Selbst-Wollen, Laufen oder Rennen, sondern an Gottes Erbarmen, Röm. 9,16, welches einig in Christo in der Gnade ist.

7,48.     Frage: Nun fragt sichs weiter: Wie kommt denn das Erbarmen in die Seele und daß sie unter die Wahl kommt? — Antwort: Wie oben gesagt, die nicht vom Fleische noch Blute, noch vom Willen des Mannes, sondern vom gebenedeiten Saiten des Weibes geboren werden als aus dem inwendigen Grunde, da die Seele Christus in sich zeucht. Nicht von einer angenommenen auswendigen Gnade, wie die Vernunft saget, daß Gott den sündigen Menschen in Christo, welcher in Sünden tot lieget, durch die vorgesetzte Gnadenwahl annehme, auf daß er kund tue den Reichtum seiner Gnade, Röm. 9,23. Nein, das gilt nicht, denn die Schrift saget Matth. 18,3: Es sei denn, daß ihr umkehret und werdet als die Kinder, und werdet durch das Wasser und Geist neugeboren, sonst sollt ihr Gottes Reich nicht schauen, Joh. 3,5. Die inwendige, ingeborne Gnade der Kindschaft gilt alleine, denn Christus saget Joh. 3,6; Was vom Geist geboren ist, das ist Geist, und was vom Fleisch geboren ist, das ist Fleisch. Und weiter: Fleisch und Blut soll Gottes Reich nicht erben, 1. Kor. 15,50.

7,49.     Frage: Nun fragt sichs, wie ist denn die ingeborne kindliche Geburt, sintemal sie in Adam alle tot sind? So müssen ihr ja nur etliche aus einem Vorsatz zu Gottes Kindern geboren und erwählet werden und die andern in Gottes Vorsatz verstockt bleiben? Was kann das Kind dazu, so es Gott nicht haben will? — Antwort: Allhie heget die Nuß nun aufzubeißen, darum der Streit ist.

7,50.     Christus spricht Matth. 7,18: Ein fauler Baum kann nicht gute Früchte tragen, und ein guter Baum kann nicht arge Früchte tragen. — So wir nun dieses gründen wollen, so müssen wir denselben Baum des Wissens gründen, der da ist böse und gut, und sehen, was er für Früchte tragen und aus welcher Essenz eine jede Frucht wachse, so kommen wir zum Zweck als wir denn sehen, wie sich eine jede Kraft in ein Ens und Willen einzeucht.

7,51.     Die Schrift saget Sap. 11,22: Gott hat alle Dinge in Zahl, Maß und Gewicht eingeschlossen, wie es gehen soll. Nun können wir aber nicht vom Menschen sagen, daß er im Anfang sei in die Zeit geschlossen gewesen, denn er war im Paradeis in die Ewigkeit geschlossen. Gott hatte ihn in sein Bild geschaffen. Als er aber fiel, so ergriff ihn derselbe Schluß der Zeit, da alle Dinge in Zahl, Maß und Gewichte inne stehen, und dasselbe Uhrwerk ist das ausgesprochene geformte Wort Gottes nach Liebe und Zorn, darinnen lieget die ganze Creation samt dem Menschen nach der Natur und Kreatur.

7,52.     Nun hat sich in diesem ausgesprochenen Worte des Vaters Eigenschaft der Name Jesus offenbaret, indem ihm alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben ist. Also ist alles sein, das Böse und das Gute, nicht in der Habhaftigkeit seiner Selbst-Eigenschaft, sondern dem Guten zum Heil und dem Bösen zum Richter. Und ist alles gegeneinander gesetzt, die Liebe wider den Zorn und der Zorn wider die Liebe, auf daß eines im andern offenbar werde zum Scheidetage des Richters, da er alle Dinge scheiden soll. Denn wenn er nicht ein Herr über alles Böse wäre, so könnte er kein Richter der Teufel und Gottlosen sein.

Dieser Baum des Wissens stehet nun in höchster Ängstlichkeit in der Geburt. An einem Teil ist er Christus und am andern Teil ist er das Reich der Natur im Grimme Gottes des Vaters nach der finstern und Feuer-Welt Eigenschaft. Die feurische Welt gibt Ens zum Geist-Leben. Und Christus in der Liebe gibt Ens zum Wesen der Frucht und tingieret (verwandelt) den Grimm daß er ein Freudenreich wird in dem Wesen aller Wesen.

7,54.     Hierinnen ist nun der Streit, denn in was für ein Ens das Centrum der Natur als der Wille des Ungrundes in des ewigen Vaters Eigenschaft sich einführet und bildet, entweder in der Gnade Christi in Sophia oder in des grimmen Feuers Macht zur Phantasei, ein solch Bild stehet nach der Seelen da, denn allhie gibt der Vater die Seele seinem Sohne Christo. Denn in des Vaters Eigenschaft ist die Bildung der Seelen und in des Sohnes Eigenschaft ist die edle Bildung Sophiae als der ewigen Jungfrauschaft in Christo. Nun liegt es allhier jetzo am Willen des Ungrundes außer der Natur zur seligen Kreatur, wohin dieselbe sich scheide, entweder in Selbheit, wie Luzifer tat, oder in der Gebärung zur Hl. Dreiheit der Gottheit, auf daß er sich in Gott einlasse oder selber wolle, laufe und renne.

7,55.     Allhie ist nun die Wahl darüber und heißet nun allhie wie St. Paulus saget Röm. 6,16: Welchem ihr euch begebt zu Knechten in Gehorsam, dessen Knecht seid ihr, entweder der Sünde zum Tode oder dem Gehorsam Gottes zur Gerechtigkeit.

7,56.     So spricht die Vernunft: Was mag dessen ein Kind, daß es zu einer Distel wird, ehe es sein Leben und Verstand hat? — Antwort: Höre, was mag auch dessen Gottes Liebe in Christo, daß Adam aus der Temperatur in den Baum des Wissens Gutes und Böses einging als in den Streit? Hatte er doch freien Willen, warum brach er denselben selber wider Gottes Willen in ihm. Warum ward er Gott ungehorsam?

7,57.     So spricht die Vernunft weiter: Kommen denn alle Menschen in solchem Begriff zur Welt? — Antwort: Nein, in keinem Wege aus Gottes Fürsatz also, sondern aus dem Quall der wirklichen Sünden der Eltern und Voreltern. Denn Gott spricht im Mose Exod. 20,5.6: Ich will heimsuchen und strafen die Sünde der Eltern an den Kindern bis ins dritte und vierte Glied. Aber denen, so mich lieben, tue ich wohl bis in tausend Glied.

7,58.     Hierinnen lieget nun der wahre Grund der Distel-Kinder und die Verstockung, daß nämlich die Eltern des Teufels Bosheit in Fleisch und Blut in das Mysterium des geformten ausgesprochenen Wortes Gottes einladen, als Falschheit, Lügen, Hoffart, Geiz, Neid, Bosheit, auch öfters starke Flüche, so ihnen aus Ursachen durch einen andern in Leib und Seele eingewünschet werden. Und so sie derselbe Mensch verursacht hat, so bleiben sie ihm in dem Baume seines Lebens und werden alsdann solche Zweige daraus geboren, welche das Ens Christi nicht mögen erreichen, sondern werden nur von der Eltern Fleisch und Blut im Willen des Mannes und Weibes geboren, da sich das seelische Ens in eine Distel-Art einführet, öfters in Schlangen, Hunde oder greulicher Tiere Eigenschaft.

7,59.     Und über diese Distel-Kinder, welche auf Erden nichts Gutes wollen noch tun, gehet die Wahl. Und ob gleich die Eltern öfters noch einen Funken göttlicher Entis in sich haben oder behalten und endlich in die Buße zur neuen Geburt treten, so werden doch in mittler1 Zeit solche Distel-Kinder gezeuget.

1) mit der Zeit, inzwischen

7,60.     Auch ist es gar ein sehr großer Unterscheid zwischen denselben, welche der göttliche Ruf ergreift im wirkenden Baum des Lebens. Denn Christus saget: Viele sind berufen, aber wenige sind auserwählet, Matth. 20,16. Der Ruf ist nun also zu verstehen: Christus ist der Ruf, der rufet ohne Unterlaß in der Essenz des Baumes: Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. — Er strecket seine Hand den ganzen Tag aus zu einem ungehorsamen Volke, das sich nicht will ziehen lassen und das sich seinen Geist nicht will strafen lassen, wie die Schrift durchaus klaget.

7,61.     Nun der Ruf gehet über alle Menschen. Er ruft sie alle; denn es stehet geschrieben: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, 1. Tim. 2,4. Item: Du bist nicht ein Gott, der das Böse will, Ps. — Gott will nicht in seinem eigenen Willen, daß nur ein einig Distel-Kind geboren werde. Aber sein Grimm nach der Natur ergreift sie. Aber es geschieht doch, daß der göttliche Ruf auch etwas haftet und sich mit einwurzelt, daß in manchem ein Funke von Christi Ens ist als vom göttlichen Gehöre der Stimme Gottes. Diesen lässet nun Gott predigen und lehren und offenbaret ihnen seinen Willen. Denn sie sind diejenigen, welche mit Sünden hart beladen sind und halb tot zu Jericho liegen. Denen hat Christus die Taufe und Nachtmahl geordnet, und ruft allezeit: Kommt, kommt, und arbeitet in meinem Weinberge. Nehmt mein Joch auf euch, Matth. 11,29, nämlich die verderbte Natur des geformten ausgesprochenen Wortes, welches Christo zu einem Joch worden ist, darinnen der Menschen Sünden liegen.

7,62.     Von denselben saget nun Christus: Einem sei ein Pfund, dem andern zwei, dem dritten drei, dem vierten vier, dem fünften fünf gegeben worden. Damit sollen sie wuchern und vier erwerben, Matth. 25,14.15. Ein solcher nun, der nur ein Fünklein von Gottes Stimme in sich hat, der mag, so er selber will, darinnen wirken und es in einen großen Baum ziehen. Denn solchen hat er Macht gegeben, Gottes Kinder zu werden, Joh. 1,12, nicht in eigenem Willen oder Vermögen, sondern in dieses Fünkleins Vermögen. Denn die Seele ruhet darinnen und der Zug des Vaters in der Seelen zu Christo geschieht allda. Denn sobald die Seele Gottes Gnade schmeckt, so eilet des Vaters Wille in der ungründlichen Scienz zu dem Quellbrunnen Christo. Und ob gleich das Reich Gottes erstlich klein ist als ein Senfkorn, so es nur die Seele annimmt und mit ihrer feurischen Begierde darinnen wirket, so wächset es endlich groß als ein Lorbeerbaum.

7,63.     Welche Seele aber dessen sich nicht annehmen will, sondern gehet in die Fleischeslust und buhlet mit dem Teufel, von denen saget Christus: Wer da hat, dem soll gegeben werden; — das ist: wer da wirket in dem Wenigen, dem soll gegeben werden; — wer aber nicht hat, — das ist: wer da etwas hat und darinnen nicht wirken will, — von dem soll es genommen werden und dem gegeben werden, der da viel hat, Matth. 25,29. Und allhie heißet es: Viele sind berufen, aber wenige auserwählet, Matth. 20,16.

7,64.     Denn ihrer viele haben das Pfand der Gnaden, aber sie treten es mit Füßen und achten dessen nicht; ein Teil wegen der auswendigen Zufälle und ein Teil wegen der Grobheit der viehischen Eigenschaft. Denn Christus säet seine Stimme in seinem Worte aus wie ein Sämann seinen Samen. Es wird allen Menschen gesäet, den Gottlosen sowohl als den Frommen. Nun liegets anjetzo, wenn der Same gesäet wird, an der Qualität des Ackers, dahin der Same fällt. Fället er in einen harten Weg als in eine viehische Eigenschaft, da im Fleische in der Eigenschaft ein grobes Tier sitzt, so wird er von der Grobheit und Unachtsamkeit zertreten. Sitzet aber ein geiziges Tier als ein Hund, Wolf oder dergleichen Eigenschaft darinnen, so liegen die Sorgen des Geizes im Wege und ersticken den Samen. Fället er aber in ein hohes Gemüte, das in der Welt Macht und Ehre sitzet, so hat die Hoffart sich in den Weg gesetzt. Dieser Same ist auf einen Felsen gefallen und bringt keine Frucht. Fället er aber in eine gute Vernunft, da in der Eigenschaft ein Mensch als eine wahre Demut ist, da wird er gefangen, und ein solcher ist ein guter Acker. Denn Gottes Wesen ist Demut. So ist diese Eigenschaft eine Gleichheit mit ihr. Allda gehet er auf und träget viel Früchte.

7,65.     Darum soll man die Schrift recht betrachten, wenn sie saget: Viele sind berufen, aber wenige auserwählet. — Sie verstehet es also: Sehr viel, ja der meiste Hauf' ist im göttlichen Ruf ergriffen, und könnten zur Kindschaft kommen. Aber ihr gottloses Leben, darein sie sich begeben und durch auswendige Zufälle verderbet werden, das verstockt sie. Darum ist öfters ein Kind seliger als ein Alter, und Christus saget auch: Lasset die Kindlein zu mir kommen, denn solcher ist das Reich Gottes. Christus hat sie in seinen Ruf oder Bund eingenommen. Wenn aber der Mensch zu den Jahren kommt und aus dem göttlichen Ruf ausschreitet und ins Teufels Willen sich einergiebet und tröstet sich gleichwohl einer von außen angenommenen Gnaden-Kindschaft, wie Babel tut, und saget: O Christus hat es getan, er hat bezahlet, ich darf mich des nur trösten und annehmen, seine Gnade wird mir als ein Geschenke zugerechnet, ich werde in Gottes Vorsatz1 selig sein ohne alle Werke meines Willens — bin ich wohl in Sünden tot und kann ohne ihn nichts Gutes tun, er ziehe mich denn darein. Aber er wird an mir kundtun seinen Vorsatz und mich zum Gnaden-Kinde machen durch sein von Außen-Annehmen und mir meine Sünde schenken, ob ich gleich böslich lebe, so bin ich doch ein Gnaden-Kind in seinem Vorsatze.

1) allein aufgrund angeblicher Vorherbestimmung

7,66.     Von diesem saget die Schrift Psalm 69,23: Mache ihren Weg zum Stricke und zum Fall. Item, er läßt ihr Licht mitten in der Finsternis verlöschen und verstockt sie in ihrem eigenen Wahn, denn ihre Wege sind schädlich. Über diese gehet die Wahl, denn sie sind anfänglich berufen und werden noch allezeit berufen, aber sie wollen nicht kommen.

7,67.     So spricht denn Christus: Wir haben euch gepfiffen, und ihr habet nicht getanzt, Matth. 11,17. Item: O Jerusalem, wie oft habe ich deine Kinder versammeln wollen wie eine Gluckhenne ihre Küchlein unter ihre Flügel, und du selber hast nicht gewollt, Matth. 23,37. Du bist im Rufe Gottes ergriffen worden und hast dich selber davon abgewandt in eigenen Willen.

7,68.     So spricht die Vernunft: Sie haben nicht gekonnt. — Antwort: Warum haben sie nicht gekonnt, so sie doch berufen waren? Der kann nicht, der nicht im Rufe ist. Wer will aber sagen, wer der sei? Der Teufel in ihnen will nicht. Der reißet das Wort von ihren Herzen, daß sie nicht glauben noch selig werden, wie Christus saget. Darum werden sie in der Wahl verworfen. Denn die Wahl gehet über sie zur Erntezeit, wenn das Kraut reif ist und wenn die Missetat im Maße voll ist. Alsdann wenn man worfelt, so bleibt die Spreu, welche zu leicht im Gewichte ist, dahinten.

7,69.     Es gehet wie Christus saget: Das Himmelreich ist gleich einem Sämanne, der guten Weizen aussäet. Alsdann kommt der Feind und säet das Unkraut darein, Matth. 13,25. Und wenn das Unkraut aufwächst, so verdammet es den Weizen, daß er nicht kann wachsen und Früchte tragen, also auch mit dem Menschen. Es ist manche Seele ein gutes Körnlein, aber des Teufels Unkraut verderbet das.

7,70.     Sprichst du: Das kann nicht sein, dieweil Christus saget Joh. 10,28: Meine Schäflein sind in meinen Händen, niemand kann sie mir herausreißen. — Antwort: Dieses ist alles wahr; aber merke: solange der Wille der Seelen in Gott bleibet, so kann sie der Teufel nicht daraus reißen. Aber wenn sich die Seele abbricht vom Willen Gottes, so wird die Scienz des ungründlichen Willens, darinnen Christus wohnet, verdunkelt, und wird Christus in seinen Gliedern gekreuziget und getötet, und wird aus dem Tempel des Hl. Geistes ein Hurentempel gemacht, verstehet: nach der Seelen. Nicht daß Christus getötet werde, sondern sein Tempel als sein Gliedmaß. Denn allhie ist die Scheidung in der Wahl.

7,71.     Die Wahl ist der Geist Christi. Der gehet alsdann vor einer solchen Seele vorüber, denn seine Stimme ist nicht mehr in der Seele. Sie hat kein göttlich Gehör mehr, denn sie ist außer Gott. Darum spricht Christus: Wer von Gott ist, der höret Gottes Wort, darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott, Joh. 8,47. Sie haben die göttliche Stimme in sich verloren und haben des Teufels Stimme eingenommen.   

*   *   *

 

 

Von den Sprüchen Hl. Schrift ... und von dem Baum des Lebens und der Erkenntnis des Guten und Bösen

 

8,1. Wir wollen die hohen Geheimnisse in einem Bilde vorstellen dem Schwachen, nachzusinnen wie die Kinder Gottes, und dann die Kinder der Verderbnis von ihrem Urstand, und dann die Zeit ihres Lebens auf Erden geboren werden.

8,2. Sehet an einen Baum, welcher aus seinem Ente und Samen wächst, in welchem Samen die Tinktur des Wachstums samt dem Wesen des Corporis als des Holzes inne liegen, darinnen alle vier Elemente samt dem Gestirne inne liegen, so wohl der Sonnen Kraft.

8,3. Der Same fällt in die Erde. Die nimmt ihn an, denn sie ist auch ein Wesen des Gestirnes und der Elemente. Und das Gestirne und Elemente sind ein Wesen des Spiritus Mundi. Und der Spiritus Mundi ist Mysterium Magnum als das geformte ausgesprochene Wort Gottes aus dem ewigen Sprechen. Und in dem ewigen Sprechen wird die Schiedlichkeit zu Liebe und Zorn, als zu Feuer und Licht verstanden.

8,4. Das Schiedliche aus dem Sprechen ist die ewige Natur. Und das Sprechen in sich selber ist Gottes Wort. Das urständet aus der Kraft der Weisheit. Und die Weisheit ist das ausgehauchte der Dreiheit als Gottes Findlichkeit, darinnen der Ungrund im Grunde sich findet. Und die Findlichkeit ist der einige ewige Wille. Der führet sich in sich selber in eine Scienz zur Gebärung der Gottheit, welche er selbst ist, ein. Also sehen wir, wie sich das Innerste hat ausgegossen in ein Äußerliches. Und wie nun das Innerliche seine Gebärung und Wirkung hat, also hat es auch das Äußerliche.

8,5. Es werden vornehmlich drei Principia in dieser allwesenden Gebärung verstanden, darinnen auch dreierlei Leben sind, und sind doch ineinander als eines; alleine ein jedes ist in seiner Eigenschaft ihm selber offenbar und dem andern nicht. So aber diese dreierlei Leben in einem Ding zugleich ineinander offenbar sind, daß eines das andere in sich siehet und begreifet, so ist das Ding göttlich, denn es stehet in der Temperatur.

8,6. Das eine Leben ist das feurische als das natürliche Leben. Das andere ist das lichtische als das gebende Leben und das dritte ist das schallende als das fühlende, wirkende Leben. Das feurische gibt Schiedlichkeit, und das lichtische gibt Ens und Wesenheit, und das schallende gibt Kraft und Willen als im Wesen ein Wachstum, und im Leben des Feuers und Lichts eine Vernunft der Sinnlichkeit.

8,7. Das erste Principium ist das feuernde Leben und die erste Offenbarung Gottes, darinnen die Natur verstanden wird. Das andere Principium ist Licht, darin das heilige Leben des Verstandes samt dem Urstande des Wesens verstanden wird, und wird Gottes Reich genannt. Das dritte Principium kommt aus der Kraft des Wesens und hat seinen Anfang aus der Kraft des Feuers und Lichts, aus dem feurischen Aushauchen aus Feuer und Licht in eine Form. Das ist Mysterium Magnum, darinnen alles lieget, und dieselbe Form ist doch kein Bild sondern ein Ens. Das ist der Spiritus Mundi, welchen das feurische Leben in der hungerigen Scienz fasset und in Schiedlichkeit der wirkenden Kräfte einführet und sich darinnen in eine Form führet, als das Feuer-Leben fasset das gegebene Wesen des Lichts und zeucht sich darinnen auf in eine Form, wie man das in einem Samen siehet sowohl in den vier Elementen, welche alle nur ein Corpus des Spiritus Mundi aus dem Mysterio Magno sind.

8,8. Und ist uns fein zu verstehen, wie daß das Mysterium Magnum zum Bösen und Guten in jedem Dinge lieget, welch Mysterium an ihm selber gut ist und kein Böses in ihm gespüret wird, aber in seiner Auswickelung, indem es sich in Schiedlichkeit führet, so wird es ein Contrarium der Eigenschaften, da eine die andere überwältiget und abwirft von der Gemeinschaft, darinnen wir die großen Geheimnisse Gottes verstehen, wie es mit der ganzen Creation bewandt sei.

8,9. Sehet an einen Kern zu einem Baume, wie oben angedeutet. Darinnen lieget das Mysterium Magnum nach des Kernes Eigenschaft, denn es lieget der ganze Baum samt der Wurzel und Frucht darinnen, und ist doch keines nicht offenbar, solange es nur ein Same ist. Sobald es aber in seine Mutter in die Erde eingesäet wird, so wird es offenbar und hebet an, in der feurischen Scienz zu treiben. Nun vermöchte die Erde das Ens im Kerne nicht anzuzünden, darinnen sich die drei Ersten (Sal, Sulphur, Mercurius) offenbaren, wenn die Sonne als das Licht sie nicht zuvor anzündet. Denn diese drei Ersten liegen in der Erden in dem kalten Feuer verschlossen. Wenn aber die Sonne sie anzündet, so wickelt das hitzige Feuer sich aus, aus welchem das Licht der Natur urständet. Das ist: es wickelt sich auch darinnen aus, und in dieselbe Auswicklung wird der Kern eingenommen; als die Kraft der Erden empfänget allda in dem Kern ihren lieben Sohn, der aus ihr geboren ist, und nimmt ihn mit Freuden an, denn er ist edler als seine Mutter nach dem Wesen.

8,10.     Nun ist uns der Grund der Erden zu betrachten: Ob die drei Ersten an einem Orte, da der Kern hingesäet wird, in ihrem gewirketen Ente dem Kerne in seiner Qualität ähnlich sind; wo dieses ist, so nehmen sie den Kern als einen lieben Sohn mit Freuden an. Also auch hinwiederum ergiebet sich des Kernes Ens mit einer großen Begierde in seine Mutter die Erde, denn es findet seine rechte Mutter, aus deren Eigenschaft es ist geboren worden. Also auch findet der Erden Ens einen rechten gar lieben Sohn am Ente des Kernes, und er freuet sich eines des andern und gehet das Wachstum an.

8,11.     Ist aber das Ens der Erden am selben Orte dem Enti des Kernes ungleich, so nimmt es die Erde wohl an, aber nur als einen Stiefsohn. Sie führet ihre Freude und Begierde nicht darein, sondern sie lässet den Stiefsohn stehen. Er mag Ens aus seiner rechten Mutter, welche an diesem Orte sehr tief verborgen ist, aussaugen, von welcher Verborgenheit manch Kern verweset, ehe er mag seine rechte Mutter seiner Eigenschaft erreichen. Und ob es gleich Ens von der Ungleichheit annimmt, so stehet es doch in großer Gefahr, ehe es sich kann in fremdes Ens mit seiner Essenz einverwandeln; und wird nimmermehr also ein guter starker Baum, als so er wäre mit dem Kerne in seine rechte Mutter eingesäet worden. Denn das widerwärtige Ens ist ihm doch immerdar zuwider, und stehen die Essentien im Streite, davon der Baum also höckricht und krumm wird, auch so wenige und oft — wenn äußerlich eine böse Konstellation (ungünstiger Gestirnstand) auf ihn fällt — böse Früchte träget, auch wohl gar verdorret und stirbet. Denn so sich das Ens der Erden mit der widerwärtigen Konstellation vermenget und dieselbe einnimmt, so erfreuet sich die Erde in derselben Konstellation Eigenschaft, weil sie gleicher Eigenschaft eines Willens sind und wollen ihrer Koniunction einen neuen Sohn gebären, so wird alsdann der Baum von dem Ente der Erden verlassen und verdirbet oder bringet böse und wenige oder keine Früchte.

8,12.     So wir nun desselben Baumes Wachstum betrachten, so finden wir erst den verborgenen Grund aller Heimlichkeit. Denn erstlich nimmt er der Stiefmutter Ens an sich und ergibt sein Ens der Stiefmutter, welche des Samens Ens auch annimmt, aber nicht in solcher Freude, als wenn es ein gleiches Ens wäre. Sie zeucht wohl das Ens des Samens an sich, darinnen die Wurzel entstehet. Aber es ist bald Widerwillen in den drei Ersten der Mutter, davon die Wurzel knörricht und bucklicht wird.

8,13.     In diesem Streite zündet sich nun das Feuer im Ens des Samens durch der Sonnen Gewalt an, in welchem Anzünden das Mysterium Magnum im Spiritu Mundi offenbar wird. Diesen ergreift der Sonnen Ens und erfreut sich in ihm, denn der Sonnen Kraft wird darinnen wesentlich und zeucht das Ens des Samens aus der Wurzel in sich in die Höhe, daß sich möge eine Frucht darinnen gebären.

8,14.     Die Sonne gibt sich mit ihrer Kraft ohne Unterscheid darein. Sie liebet eine jede Frucht und Gewächse und entzeucht sich keinem Dinge. Sie will anders nichts als in einem jeden Kraute oder was das ist eine gute Frucht aufziehen. Sie nimmt alle an, sie sind böse oder gut, und gibt ihnen ihren Liebe-Willen. Denn anders kann sie nicht tun, sie ist kein ander Wesen, als was sie in sich selber ist.

8,15.     Aber wir müssen das recht betrachten, wie sie dem Bösen auch ein Gift ist und dem Guten ein Gutes, denn in ihrer Kraft entsteht die wachsende Seele und in ihrer Gewalt verdirbet sie auch. Das verstehet also: Sind die Gestaltnisse der Natur in den drei Ersten in der Wurzel des Baumes mit der Mutter der Erden in gleichem Willen, so gibt die Erde der Wurzel mit großer Begierde ihre Kraft und Saft. Da erfreuet sich der Sonnen Kraft darinnen und eilet zum Wachstum. Ist aber die Erde und Wurzel einander widerwärtig, so wird der Wurzel der Erden Kraft und Saft verhalten. So alsdann die Sonne mit ihren Lichtstrahlen die Wurzel und den Baum anzünden, so entzünden sich die drei Ersten als Sal, Sulphur und Mercurius darinnen in ihrer Bosheit und verbrennen das Ens der Sonnen und vertrocknen das Wasser, so verdorren der Stamm oder die Äste. Wenn aber die drei Ersten mögen der Erden Saft haben, so bleiben sie in der Gleichheit und erwecken sich nicht im Streite, sondern konkordieren (harmonieren) mit der Sonnen Lichtstrahlen, wie wir solches auch im Mysterio im Spiritu Mundi sehen, wenn sich die feurische Eigenschaft emporwindet, daß dieselbe die Sonne anzünden kann, wie alsdann eine dörrende Hitze entstehet, daß Kraut und Gras niedergedrückt wird.

8,16.     Mehrers sehen wir in dieser Figur, wie es zugehet im Wachstum der Äste. Wenn der Stamm aufgehet, so gehet der Streit in der Natur mit auf, denn wenn die Natur in ihrer Temperatur angezündet wird, so stehet sie ohne Unterlaß in der Schiedlichkeit der Sonnen-Kraft, will immer die Bosheit der drei Ersten von sich werfen, und sie eilen auch selber in eigenem Willen. Aus welchem Trennen und voneinander-Gehen die Zweige aus dem Stamme ausdringen. Im Winter schließt sie die Kälte mit ihrem Streite ein, und so der Frühling kommt, daß sie nur können die Hitze erreichen, so treten sie wieder in den Streit. Alsdann dringet sich der Streit wieder in Äste und Zweige aus, wie man denn an jedem Baume seine Jahr-Gewächse also siehet.

8,17.     So ist uns aber der innere Grund mit dem Austreiben der Äste zu betrachten. Denn wir sehen, daß ein Ast groß wächst und Frucht träget, und der ander verdorret. Das verstehen wir nun in der Schiedlichkeit der Natur durch den Spiritum Mundi, da sich die Eigenschaften eine jede in eine Eigenheit im Ente des Baumes fassen wollen und die Gleichheit verlassen. Welche Eigenheit nun aus der Gleichheit in ihrer Hoffart über die andern in der Feuers-Macht ausdringet und nicht will in dem Sonnen-Willen in der Temperatur stehen bleiben, wie sie dieselbe in ihr aufzeucht, die erstickt, wenn sie aus dem Stamme ausgedrungen ist. Denn dieselbe Scienz in derselben Eigenschaft hat sich in eigenen Willen eingeführet, und wollen in Hoffart eher ausdringen als die andern in der Gleichheit, und haben nicht Kraft genug. Wenn dann von außen eine starke Konstellation des Gestirns in diese hoffärtigen Zweige eindringet und sie sichtet und probieret, ob sie aus der Gleichheit sind, so werden sie vergiftet und verdorren, denn sie sind abtrünnige Zweige, auch dorret sie der Sonnen Hitze im Spiritu Mundi aus.

8,18.     Die andern Äste aber kommen aus der Temperatur und kommen aus der gewaltigen Ausziehung der Sonnen, da sich die Sonne in den Eigenschaften erfreut und die Eigenschaften temperieret und sich in ihnen auszeucht. Dieselben Äste zeucht die Sonne in ihrer Kraft groß, denn die Eigenschaften stehen in ihrem Willen. Ein mehrers sehen wir, wie sich die Eigenschaften der Natur in den Ästen, wenn sie auswachsen, von den auswendigen Zufällen verderben als von dem Gestirne, item von der unreinen Luft, da die Sonne mit ihren Strahlen nicht dazu kann, daß sie höckricht, krumm und bucklicht werden, auch mancher Ast dadurch vertrocknet wird und abgeworfen, daß er verdorret.

8,19.     Und wie es nun zugehet mit dem Urstande und Gewächse des Baumes, also auch gehet es zu mit dem Urstande und Gewächse des Menschen. Ob gleich der Mensch in der Eigenschaft der Natur und des Lichts höher ist als die Gewächse der Erden, so ist es doch aber alles in einer Ordnung, denn es gehet aus einem Grunde als durch das ausgesprochene Wort Gottes, darinnen das göttliche Sprechen im Mysterio Magno mitwirket, allein daß der Mensch in seinem Ente des Leibes einen Grad höher ist als die Erde und ihre Frucht, und mit der Seelen noch höher ist als der Spiritus Mundi. Aber sonst gehet es alles in seinem Urstande aus einem Grunde und scheidet sich aber auseinander und fasset sich in sonderliche Anfänge in der Creation.

8,20.     Gottes einiger Vorsatz ist sein ewigsprechendes Wort, daß er durch die Weisheit aus seiner Kraft in der Scienz der Schiedlichkeit zu seiner Offenbarung ausspricht. Er hat keinen andern Vorsatz in sich mehr und mag auch nicht sein, daß er mehr Vorsätze habe. Denn so das wäre, so müßte etwas sein vor ihm, daran er Ursache nähme zu einem Vorsatz.

8,21.     So ist nun das Sprechen seiner Kraft zu seiner Selbst-Offenbarung der einige göttliche Vorsatz, nicht aber ein anfänglicher, sondern ein gebärender Vorsatz. Und des Worts Vorsatz ist die Scienz der Schiedlichkeit und Förmlichkeit der einige Gott in seiner Dreiheit hat von Ewigkeit in einen Anfang durch das Wort ausgesprochen als in ein Ens aller Eigenschaften der Schiedlichkeit, da alle Schiedlichkeiten ineinander innen liegen. Und dasselbe Ausgesprochene ist das Mysterium Magnum und ein rechter einiger Vorsatz des Worts.

8,22.     Das Wort begehrt nichts mehr als nur seine heilige Kraft durch die Schiedlichkeit zu offenbaren. Und in dem Worte wird die Gottheit in der Schiedlichkeit durchs Feuer und Licht offenbar. Also sind die zwei als das Wort und Mysterium Magnum ineinander wie Seele und Leib. Denn das Mysterium Magnum ist des Wortes Wesenheit, darinnen und damit der unsichtbare Gott in seiner Dreiheit offenbar ist und von Ewigkeit in Ewigkeit offenbar wird. Denn dessen das Wort in Kraft und Schall ist, dessen ist das Mysterium Magnum ein Wesen, es ist das ewige wesentliche Wort Gottes.

8,23.     So verstehet uns nun recht: das geistliche, schallende Wort ist der göttliche Verstand, der hat sich durch das Mysterium Magnum als durch das ewige Wesen des Worts ausgesprochen in eine Förmlichkeit als in einen Anfang und Zeit und Schiedlichkeit, so im Mysterio Magno in einem wirken den Ente lieget, hat der ewigsprechende Geist offenbar gemacht, dessen es ein wallendes, fassendes gebärendes Leben sei. Und dasselbe ist nun der Spiritus der äußeren Welt. Sein Weben ist das kreatürliche Leben. Sein Wesen sind die vier Elemente; die Scienz der Schiedlichkeit im Spiritu Mundi ist das Gestirne, darinnen das wachsende Leben stehet.

8,24.     Dieses ewige Mysterium Magnum hat sich im Anfange seiner Schiedlichkeit durch das Aussprechen des Worts der Gottheit entschieden als das subtile Ens von dem groben, koagulierten (verdichteten). Das subtilere Ens ist das Gestirne als eine Quinta Essentia, und das grobe, koagulierte Ens ist die Abwerfung, dasselbe ist die Erde, Steine und Metalle. Die Abwerfung ist geschehen, daß in dem Spiritu Mundi eine Lauterkeit als ein scheinlich, sinnlich Leben sein möge. Die Abwerfung ist auch zweierlei Eigenschaft als eine subtile aus des Lichts Kraft im Worte und eine grobe nach der Infassung der Finsternis in dem Urstande zum Feuer. Mit der groben wird die Erde verstanden und mit der subtilen die Kraft im Ente der Erden, aus welcher Kraft in der Schiedlichkeit Kräuter, Bäume und Metalle wachsen. Auch kommt alles Fleisch aus dem subtilen Ente der Erden her. Alles was einig allein aus der Zeit ist und im Leben des Spiritus Mundi innen stehet, das hat sein Corpus aus dem Ente der subtilen Erden.

8,25.     Dieser Spiritus Mundi mit dem Gestirne seiner Scienz und mit dem subtilen Corpore des Feuers, Wassers und der Luft samt seiner Fixheit der Erden und was darinnen ist, der ist nun das ausgesprochene Leben und Wesen aus dem innern ewigen Mysterio als aus dem innern wesentlichen Worte Gottes, welches ewige Wort Gottes im innern Grund in heiliger Kraft wirket und wohnet und mit dem Anfang dieser Welt durch das innere Mysterium in ein äußer Mysterium sich ausgesprochen hat. Und aus demselben äußern Mysterio ist die ganze Creation der äußern Welt gegangen, und ist darein beschlossen als in seiner Mutter Leibe, darinnen sich das ewige Wort mit der Scienz der Schiedlichkeit aus den Kräften in ein figürlich Leben eingeführet hat.

8,26.     Dieses äußere Mysterium des geformten Wortes ist nun in ein Rad gleich einem Uhrwerk mit seinem gebärenden Leben eingeschlossen, da die Eigenschaften im Ringen um den Primat sind. Bald ist eine oben, gar bald die andere, dritte, vierte, fünfte, sechste und siebente, wie es denn auch mit den sieben Eigenschaften, ihren Ausgängen also zu verstehen ist. Denn gar bald sieget der Spiritus im Feuer, davon die Hitze entstehet, gar bald im Wasser, davon es regnet, gar bald in der Luft, davon sie sich erhebet, gar bald in der Irdigkeit, davon die Kälte urständet. Was eine Eigenschaft bauet, das zerbricht die ander. Eine Eigenschaft gibt, die ander verstockt das Geben, daß es verdirbet. Eine gibt gutes Ens und Willen, die ander gibt bösen darein und verhindert das Gute, auf daß eines im andern offenbar werde.

8,27.     In dieses äußere Mysterium der Eigenschaften, in welchem die Schiedlichkeit des ausgesprochenen Wortes verstanden wird, hat nun Gott das Licht der Natur aus dem Mysterio Magno durch und aus Kraft des ewigen Lichts eingesprochen, daß also in dem bösen Ente ein guter Grund inne lieget als eine gute Kraft aus dem heiligen Worte, und daß kein Böses ohne das Gute allein ist.

8,28.     Mehr hat Gott die Sonne zu einem wirkenden Leben in die Eigenschaften der äußeren Welt eingegeben, daß sich alle Dinge mögen darinnen fassen und in eine Gleichheit des Streits einführen, darinnen sie wachsen und Frucht tragen mögen. Und ob gleich nun das Licht der Natur aus göttlicher Kraft in allen Dingen mitwirket und auch die Sonne von außen in alle lebendigen und wachsenden Dinge sich eingibt und eindränget, noch dennoch ist die feurische Eigenschaft im Grimme also stark, daß sich die Eigenschaften also hart impressen aus Gewalt der Finsternis, daß viel Kreaturen und Gewächse müssen in der Bosheit leben. Denn der Hunger in der finstern Impression ist also stark, daß er alle Kreaturen in seiner Gewalt hält.

8,29.     Dieses wirkende Wesen in den Eigenschaften mit Licht und Finsternis, darinnen nun die ganze Kreation begriffen, ist nun der einige Vorsatz Gottes Worts, als nämlich daß er Leben und Kreaturen gebäre und das ausgesprochene Wort in Bildlichkeit einführe, daß jede Kraft in der Scienz der Schiedlichkeit in einem Leben und Bilde stehe, beides nach der Eigenschaft der Licht-Kraft des hl. Wortes und nach den Eigenschaften der Feuer-Kraft. Das Licht aber ist allen Dingen zu einer Temperatur gegeben, nicht daß das Licht alleine das Wesen von außen anscheine, sondern es ist allem Ente mitwirklich1 in alledem, das da lebet und wächst. 1) es wirkt in allem Wesen mit

8,30.     Darum hat keine Kreatur über ihren Schöpfer zu klagen, daß er sie zum Bösen erschaffen habe. Alleine der Grimm in der Natur verstockt ein Ding und verhindert des Lichtes Kraft. Zum andern verhindert es der Fluch, daß die heilige Tinktur des hl. Grundes des sprechenden Worts in dem ewigen Licht — von des Teufels, sowohl des Menschen und der Kreaturen Eitelkeit wegen — in sich wieder gegangen ist und sich nur allein dem eingibt, das in ein Bild der Licht-Kraft sich einführet und mit der Scienz, die sich in dem Grimm der Finsternis eingibt, nicht wirken will. Denn Ursache ist dieses: die Finsternis ergreifet sonst die heilige Kraft und führet sie in ihre Bosheit. So heißet es alsdann nach der Schrift, Psalm 18,26.27: Bei den Verkehrten bist du verkehrt, und bei den Heiligen bist du heilig. Gleichwie die Sonne leiden muß, daß die Distel ihr gutes Ens in ihre stachlichte Eigenheit verschlinget und zu ihren Stacheln braucht, also will die höchste Tinktur in das falsche der Scienz sich nicht eingeben, da sich der ewige ungründliche Wille in ein Bilde der finstern Welt Eigenschaft gewandelt.

8,31.     Der ander Vorsatz Gottes, durch das aussprechende Wort Gottes, damit sich Gott durch das Mysterium Magnum hat wollen offenbaren, ist der hochteuere hl. Name Jesus. Nachdem sich der Mensch von Gott in die Kreatur gewandt hatte, da hatte er Gottes Stimme verloren; die sprach ihm Gott in Gnaden in des Weibes Samen wieder ein mit dem eingebildeten Namen Jesus als mit dem andern Vorsatz aus dem göttlichen Grunde.

8,32.     Der erste Vorsatz mit der Natur und Kreatur ist aus des Vaters Eigenschaft. Der ander Vorsatz, die Natur und Kreatur zu erlösen vom Fluche und der Peinlichkeit, ist der Name Jesus als die höchste Tinktur der göttlichen Kraft, dieselbe zu offenbaren durch das geformte, ausgesprochene Wort in der Eigenschaft des Guten, das in den Bösen gefangen gehalten wird.

8,33.     Diesen Namen Jesus hat Gott als den Vorsatz seiner Liebe in die Mutter aller Menschen eingesprochen und als eine lebendige Kraft in einen ewigen Bund eingeleibet und denselben Bund mit Einführung göttlichen Entis in menschlicher Eigenschaft erfüllet; daß, gleichwie sie nun alle den Fluch und die Verderbung mit zur Welt bringen, darinnen sie alle Kinder des Zornes Gottes sind und unter dem Fluche beschlossen sind, also bringen sie auch alle den Gnadenbund in dem eingeleibten Jesus mit zur Welt, welchen Bund Gott in Christo mit dem Siegel der Kindertaufe bestätiget hat und bei den Alten mit der Beschneidung der Vorhaut.

8,34.     So wisset nun, daß Gott keinen andern Vorsatz hat durch sein Wort geoffenbaret als den Grund der Creation, als die Natur der Schiedlichkeit, darinnen die Vorsätze zur Bosheit urständen, da sich die Scienz des gründlichen Willens in der feurischen Schiedlichkeit ein Teil in die Licht-Kraft einführet und das ander Teil in die feurische Eigenschaft der Peinlichkeit, und das dritte Teil in die Phantasei nach Feuer, Licht und Finsternis als in die Eigenheit der Hoffart, wie Luzifer und Adam getan haben. Was aber in die Kraft des Lichts geschieden wird, das ist gut, und was in der Temperatur bleibet, stehet in der feurischen Scheidung, dem eineignet sich in die höchste Tinktur der Kräfte. Den andern aber in der Schiedlichkeit eineignet sich die Tinktur der Sonnen und des Spiritus Mundi.

8,35.     Auf diesen Grund wollen wir euch die Gleichnis mit dem Baume in dem Menschen von seiner Pflanzung zum Guten und Bösen ausführen und weisen, was der Vorsatz Gottes, sowohl der Zug des Vaters im Guten und Bösen wie auch die Wahl über die Menschen sei, und es hernach mit den Sprüchen der Schrift vergleichen.

8,36.     Der Mensch ist aus dem Vorsatze des ewigen und zeitlichen Wesens Anfange in ein Bild aus dem sprechenden und ausgesprochenen Wort eingeführet worden, in dem das sprechende Wort der Schiedlichkeit selber innen lieget. Denn er ist nach dem äußern Leibe ein Ens der vier Elementen und nach dem äußern Leben ein Ens des Spiritus Mundi. Und nach dem innern Leibe ist er ein Ens des ewigen Worts Gottes als des höchsten Mysterii der wesentlichen Kräfte Gottes. Nach dem inneren Geiste aber ist er in zweien Eigenschaften, als erstlich die kreatürliche Seele ist aus des Vaters Natur als aus der ewigen Scheidung des Worts Gottes im Licht und Finsternis. Diese Eigenschaft ist der kreatürlichen Seelen Eigenschaft aus dem Grunde des ewigen Willens herrührend. Die andere Eigenschaft ist die wahre göttliche in des Lichtes Kraft, das ist Christus, in dem der Name Jesus offenbar worden ist. Und die ist der wahre ewige Vorsatz Gottes vor der Welt Grunde, da die Seele noch keine Kreatur, sondern nur ein Ens im Mysterio Magno war.

8,37.     Diese andere Eigenschaft war im Menschen im Anfange vor der Sünden in Jehova offenbar. Als sich aber die Seele davon abbrach und in die Creation einwandte, so erstummete die kreatürliche Seele an Gott. Allda tat sich der Fürsatz in dem heiligen Jesus als ein Gnadengeschenke hervor und trat in des Lebens Licht. Dieses Gnadengeschenke ist nun nicht der kreatürlichen Seelen Eigenheit. Sie hat es nicht für Naturrecht und bekommt es auch ewiglich nicht für Naturrecht, sondern es stehet in der Seelen in einem eigenen Centro und rufet der Seelen und bietet sich ihr an, sich in ihr zu offenbaren.

8,38.     Die Seele soll von der Bildlichkeit der irdischen Kreaturen stille stehen und nicht irdisches Ens in ihr Feuer-Leben einführen, daraus ein falsch Licht entstehet. So will dieser göttliche Vorsatz in der höchsten Tinktur aus dem heiligen Liebe-Feuer mit dem heiligen Licht sich offenbaren auf Art wie ein Feuer das Eisen durchglühet, daß das Eisen scheinet, lauter Feuer zu sein. Also auch wandelt das Liebe-Feuer dieses Vorsatzes des Gnadengeschenkes die Seele in seine Eigenschaft; und behält doch die Seele ihre Natur, gleichwie das Eisen im Feuer seine Natur behält.

8,39.     Ein jedes Kind, aus Mannes- und Weibessamen geboren, hat dieses Gnadengeschenke in seinem innern Grunde in des Lebens Licht entgegenstehen. Es beut sich einer jeden Seelen an und recket seine Begierde, die ganze Zeit des Menschen Lebens gegen der Seelen aus und rufet ihr: Komm her zu mir und gehe von der irdischen Bildlichkeit im Grimme und von der Phantasei aus.

8,40.     Dagegen stehet zum andern auch in einer jeden Seelen, alsbald ihr Leben sich anfängt, der grimme erweckte Zorn Gottes in der Essenz der Schiedlichkeit, darinnen auch das eingeführte Schlangengift mit des Teufels Begierde innen lieget.

8,41.     Zum dritten stehet ein jeder Same des Leibes nach der äußern Welt in Gewalt des Spiritus Mundi in der Konstellation, wie das große Uhrwerk zu der Zeit in der Figur innen stehet. Eine solche Figur gibt ihm auch der Spiritus Mundi in der Eigenschaft des äußern Lebens. Ein solch Tier modelt es ihm in die äußere Lebenseigenschaft ein. Denn der Spiritus der äußern Welt aus den Elementen kann anders nichts geben als ein Tier. Und solches Tier entsteht aus dem, daß im Menschen die ganze Creation lieget und daß er sich hat aus der Temperatur in irdische Begierde und Bildlichkeit im Falle eingeführet, daß der Spiritus Mundi in ihm mit seiner Schiedlichkeit offenbar worden ist.

8,42.     Und also scheidet er sich nun noch immerdar in jedes Kindes Lebensanfang in eine solche Figur. Wie das Gestirne in seinem Rade stehet, ein solch Bild macht er in die Eigenschaft aus dem Limo (Stoff) der Erden als in die vier Elemente, davon mancher Mensch von Mutterleibe nach dem äußern Menschen einer bösen giftigen Schlangen, Wolfes, Hundes, Kröten, schlimmen Fuchses, hoffärtigen Löwen, unflätigen Säuen, stolzen Pfaues, item mutigen Rosses oder auch anderer guter, zahmer Tiere Art ist, alles nachdem die Figur im Spiritu Mundi ist. Also füget auch dieselbe Konstellation aus dem äußern Vorsatze des geformten Wortes manchem gute Vernunft und Sinnen, dazu Ehre und weltlich Glücke ein, und manchem Elend, Unglück, Torheit, Bosheit, Schalkheit, bösen Willen, dazu Laster, darauf mancher Mensch, so er nicht das irdische eingepflanzte Tier immerdar tötet und den bösen Willen mit dem göttlichen Gnadengeschenke bricht, dem Henker in seine Hände kommt.

8,43.     Nun siehe Mensch, das bringet dir der äußere Vorsatz des geformten und ausgesprochenen Wortes, da Böses und Gutes innen lieget, da die Scienz des Samens in des Lebens Anfang sich in eine Eigenschaft scheidet. Und hierinnen lieget nun der Zug aus des Vaters Eigenschaft zum Bösen oder Guten. Und in was für ein Ens das Leben sich konstellieret hat, also zeucht sich dieselbe Konstellation in seine Gleichheit. Es will immerdar gleiches bei und in gleichem wohnen, als ein frommer Mann wohnet gerne bei Frommen und ein Spötter bei Spöttern, ein Dieb bei Dieben, ein Fresser, Säufer, Spieler, Hurer und dergleichen auch bei seinesgleichen. Dazu zeucht ihn seine Natur aus der Eigenschaft des Zornes Gottes. So kommen auch die wirklichen Sünden der Eltern mit in die Eigenschaft, denn ein jedes Kind wird aus dem Samen der Eltern geboren. Wessen nun die Eltern sind, dessen ist auch das Kind, jedoch wandelt es oft die Konstellation mit Gewalt und zwinget es in ihre Macht, so sie stark ist.

8,44.     Nun siehe: das ist der Zug des äußern Lebens, da Gott spricht: Wen ich verstocke, den verstocke ich. Also wird der äußere Mensch verstockt und auch fromm und sinnlich zur Demut und Hoffart gezogen. Das ist nun Gottes Vorsatz nach seinem Zorn, welchen der Mensch in sich erweckt hat. Denn er ist das äußere gebärende Wort Gottes, dadurch Gott mit der äußern Kreatur tut, wie er sie in seinem Uhrwerk ergreifet, durch welches Uhrwerk er auch seine Herrlichkeit offenbaret, beides nach Feuer und Licht, nach Verstand und Torheit, auf daß eines im andern offenbar und erkannt werde, was gut sei.

8,45.     Nun ist aber dieses Uhrwerk des ausgesprochenen Worts nicht Gott selber. Es ist nur ein Bilde nach ihm als nämlich das äußere wesentliche Wort, darein er die Creation beschlossen und daraus geschaffen hat. Denn aus ganz göttlicher Eigenschaft mag keine Kreatur kommen, weil sie keinen Grund noch Anfang hat. So mag sie sich auch anders in keinen Anfang formen als durchs Wort der Kräfte, durch die Schiedlichkeit und aus der Schiedlichkeit des Sprechens, da sich das Sprechen muß in Natur einführen, sonst würde das Wort nicht offenbar.

8,46.     Die innere Eigenschaft der Seelen lieget nun in der ersten geschaffenen Konstellation, im ewigen anfänglichen Grunde. Die wird nicht in die äußere tierische Konstellation mitgebildet. Denn die seelische Scienz hat einerlei Form als ein magischer Feuer-Quall und scheidet sich im Leben selber in die Figur des Leibes. Darinnen lieget nun der Grund der ewigen Natur und ist zum Guten und Bösen tüchtig. Denn es ist die Ursache zum Feuer und Lichte, aber er lieget hart und schwer in den Sünden gefangen. Denn allhie liegen die Erbsünden im Centro der Natur; da hat der Teufel einen Sitz bekommen. Item allhie liegen nun die angeerbten Sünden von Eltern und Großeltern als wie ein böses Gift, davon Gott saget, er wollte sie an den Kindern strafen bis ins dritte und vierte Glied. Auch liegen hierinnen der Eltern Wohltaten und Gottes Segen, so über die Kinder gehen, Exod. 20,5.6. Diese Eigenschaften konstellieren sich nun auch in eine Figur nach ihrer Art. Damit figurieret sich die Seele entweder in ein Bild der Engel oder der Teufel.

8,47.     Und hier lieget nun der schwere Grund, da die Wahl Gottes siehet, was allda für ein Engel werden wird. Jedoch ist kein Schluß darüber gemacht, denn das Gnadengeschenk stehet im innern Grunde und eineignet sich dem Centro der Scienz des Ungrundes der Seelen als dem Willen des ewigen Vaters. Allhie bittet Christus für die arme gefangene Seele, wie die Schrift saget. Denn die Seele lieget an den Banden von Gottes Zorns und ist in ihren Sünden verstockt. Allhier zeucht sich das Leben durch den Tod und prüft das, ob irgend ein gutes Fünklein darinnen sei, das der göttlichen Kraft fähig sei, so wird es gezogen. Denn Christus will offenbar sein, so will der Grimm der Natur auch offenbar sein. So stehen nun diese beiden Vorsätze in geformtem Wort im Streite um den Menschen als um das Bilde Gottes. Das Reich der Gnaden im Lichte will das besitzen und sich in ihm offenbaren. So will es das Reich der Natur im Grimm des Feuers in der Natur Schiedlichkeit auch haben und sich in ihm offenbaren. Und dieses beides lieget im geformten Worte als des Vaters Eigenschaft im Grimme und des Sohnes Liebe-Eigenschaft im Lichte.

8,48.     So merket nun auf die angedeutete Figur vom Gleichnis des Baums: Das Weib ist der Acker und der Mann ist das Korn zum menschlichen Baume, das gesäet wird. So spricht die Vernunft: Gott füget sie zusammen, wie er sie haben will? — Antwort: Ja, recht, aber durch seinen Vorsatz, welchen er im Wort durch das große Uhrwerk der Natur in ein Regiment gefasset hat. Die Constellationes im Uhrwerk ziehen sie zusammen, aber die meisten werden durch eigenem Willen zusammengezogen, da sich der menschliche Wille, welcher aus dem ewigen Grunde ist, selber konstellieret, da dann die äußere Konstellation gebrochen wird.

8,49.     Das sehen wir an dem, wie sich die Reichen mit den Reichen konstellieren, item die Adeligen mit den Adeligen; sonst so dem Spiritu Mundi seine Konstellation nicht gehorchen würde, so würde manche arme Dienstmagd einem Edelmann zugefüget, welche äußerlich im Spiritu Mundi miteinander konstellieren. Aber dieselbe gemachte menschliche seelische Konstellation aus dem hohen Grunde ist mächtiger als die Konstellation im Spiritu Mundi. Darum gehet es oft und meistenteils nach der Seelen Konstellation, welche die äußere Welt in der Macht und Hoheit übertrifft. Gleichwie es am Sämanne lieget, wo er sein Korn hinsäet, ob es gleich ein anderer Acker besser fähig wäre.

8,50.     So aber die Seele ihren Willen Gott ergibt und sich nicht selber in diesen Orden konstellieret, sondern befiehlet sich dem Vorsatz Gottes, so wird die männliche und weibliche Tinktur ins Wort eingefasset und in der rechten göttlichen Ordnung nach der Seelen im Mysterio Magno und nach dem Leibe im Spiritu Mundi konstellieret. Allda wird eine Liebe nach der wahren Gleichheit seiner Eigenschaft in ihm erweckt. Und so alsdann der Mensch derselben folget und siehet nicht an Reichtum, Adel oder Schönheit und Wohlgeschicklichkeit, so krieget seine eigene Konstellation, die er von Natur hat, die rechte wahre Gleichheit, und ist ein Acker, der dem Korne gleich und angenehm ist. Also erhebet sich nicht also leicht und balde der Streit in der Frucht, denn sie stehen miteinander in der Gleichheit. Und allda kann sich die innere und äußere Sonne besser in der Frucht mit konstellieren.

8,51.     Aber wie es in der Welt gehet, das siehet man dann, was die Natur zusammenführet und bindet, da oft zwei junge Leute in höchster Liebe sich konstellieren, welches aus dem großen Vorsatz der wahren Konstellation im Spiritu Mundi im geformten Wort geschiehet. Das brechen die Eltern und Freunde wegen Armut und Hoheit halber. So spricht denn Gott zu Noah: Die Menschen wollen sich meinen Geist nicht ziehen lassen und nehmen zur Ehe und beschlafen die Töchter der Menschen, nach dem, wie sie schöne sein, Gen. 6,2.3, reich und edel, welches alles doch Menschenwerk ist. Daher kommen dann aus ihnen Mächtige und Tyrannen, welchen Gott die Sintflut seines Zornes in ihre gemachte Konstellation entgegensetzet und ihren eigenen Willen verstockt. Denn manche Leute wegen Hoheit oder Reichtum zusammen-gezwungen und gekuppelt werden, die hernach einander feind werden und ihr Leben lang im Gemüte den Tod und die Trennung wünschen.

8,52.     Diese sollen nun ihre Tinkturen im Samen in eine Coniunction zu einem menschlichen Leben eines Kindes ineinander einführen. Das Weib ist nun der Acker und der Mann säet das Korn. Wenn nun die zwei Tinkturen ineinander sollen eingehen und sich in eine wandeln als in dem weiblichen und männlichen Samen, da sich das Ens soll in eine freudenreiche Gleichheit einführen, so sind sie einander ungleich im Willen. Der Acker empfänget allda mit dem Korne einen Stiefsohn. Er muß ja das Korn annehmen, denn es dränget sich ein und zeucht das Ens aus dem Acker in sich. Aber der Acker gibt ihm nicht seinen guten Willen. So muß das Ens des Samens seine Gleichheit im weiblichen Samen suchen. Die lieget ihm aber alsdann in der Konstellation zu tief verschlossen und kann sie schwerlich erreichen, daraus dann Unfruchtbarkeit und der Natur Ekel entstehet. Und ob es nun geschieht, daß das Korn in die weibliche Tinktur des Ackers eingewurzelt wird, so ist ihm doch die äußere Konstellation im Spiritu Mundi in der wahren Ordnung des geformten ausgesprochenen Wortes gram. Denn es stehet nicht in der Figur der Freudenreich im großen Uhrwerke der Natur, sondern führet alsbald seine Feindstrahlen aus der Turba Magna1 mit in Formierung der Kreatur, dadurch manche Frucht verdirbt, ehe sie das Leben bekommt. 1) Zorn Gottes in der Natur

8,53.     Was nun allhie für eine Wirkung im Centro der Natur zum Leben sein möge, gebe ich der Vernunft nachzusinnen, und wie sich die Natur in ihrer Widerwärtigkeit verstocke. Was für ein seelisch Feuer sie in sich erwecke und gebäre, ist wohl zu ersinnen, davon die Schrift saget, Gottes Zorn verstocke sie, daß sie nicht zum wahren heiligen Licht kommen. Denn wessen Eigenschaft das seelische Feuer ist, ein solches Licht urständet auch daraus. Und im seelischen Lichte stehet nun das Leben. Darum saget die Schrift: Bei den Heiligen bist du heilig und bei den Verkehrten bist du verkehrt, Psalm 18,26.27; welch ein Volk das ist, einen solchen Gott hat es auch.

8,54.     Das Licht der Natur, darinnen die Stimme Gottes im Paradeis in des Weibes Samen sich wieder eingeleibet hat, in welchem Christus empfangen und geboren ist, das stehet nun in dem inwendigen Grunde und soll sich durch das angezündete Seelenfeuer offenbaren und mit in der Kreatur eingehen und wirken. Die Seele soll nun dem Geiste Christi stillestehen, daß er in sie wirken möge. Aber sie — verstehet: die seelische Eigenschaft, darinnen das Seelenfeuer brennet und lebend wird — ist im Grimme des Streits.

8,55.     Allhie ist nun der Zug im Zorne und auch der Zug Christi durch das Licht der Natur, und heißet allhie recht. Wo sich die Scienz des ungründlichen Willens aus der ewigen Natur Grunde in der seelischen Eigenschaft hinwendet und zum Knecht in Gehorsam eingibt, dessen Knecht ist sie, entweder dem Zorne Gottes im Grimme der ewigen Natur oder dem Leben Christi in der Gnade, wie St. Paulus saget Röm. 6,16.

8,56.     So spricht die Vernunft: Die seelische Essenz kann nicht, sie muß leiden, was Gott mit ihr tut, dazu so ist sie verderbet und zum Grimm geneiget? — Antwort: Ja, sie kann in ihrer Eigenheit nicht; aber Christus, als er die seelische Eigenschaft annahm, hat den Grimm und die Turbam des falschen Willens mit der Liebe zersprengt und seine Liebe in das kreatürliche Wort eingeführet und dem seelischen Ente zum Gehilfen gegeben. Es lieget nur bloß an dem, welche Eigenschaft die andere übertrifft, entweder die licht-feurische oder die zorn-feurische, Gottes Liebe oder sein Zorn. Denn das Ens zur Seelen hat noch keinen Verstand, aber den Grund des Willens hat es aus dem ungründlichen ewigen Willen zur Gebärung der Stätte Gottes, da des Vaters ungründlicher Wille den Sohn gebieret als die Kraft.

8,57.     In diesem ungründlichen Willen stehet der Seelen Ens und will Gott von ihm haben. Es soll göttliche Kraft gebären, und da es doch das nach seinem Falle in eigenem Vermögen nicht tun kann, so hat er ihm das Reich seiner Gnaden eingeleibet und in dem Namen Jesu offenbaret. So sich nun der seelische ungründliche Wille dem Geiste Christi im inwendigen Grunde aneignet, so ergreift ihn Christus und zeucht ihn in sich auf. Allda urständet das Können, denn die Essenz des Zorns ist mit der eingeleibten Stimme göttlicher Liebe zerschellet, und der Geist Christi durchdringet das Licht der Natur in der seelischen Eigenschaft und wirket in sie, gleichwie das Licht der Natur in der Erden in dem Samen zum Baume wirket und sich eindränget, daß der Same möge einwurzeln.

8,58.     Und diese Eindrängung des Geistes Christi in das Ens der Seelen ist der göttliche Beruf, davon die Schrift saget: Viele sind berufen etc. Denn also werden sie im seelischen Grunde berufen, ehe die Seele das Leben hat.

8,59.     Frage: Warum saget aber die Schrift »viele« und nicht »alle«? — Antwort: Christus stehet allen entgegen und rufet sie alle, denn die Schrift saget: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, 1. Tim, 2,4. Aber sie sind nicht alle des Rufs fähig, denn manches Ens ist mehr teuflisch als menschlich; dasselbe hat der Zorn überwältiget und verstocket.

8,60.     Allda scheinet nun das Licht in sich selber in der Finsternis, und die finstere Essenz der Seelen hat es nicht begriffen. Vor dieser seelischen Essenz gehet nun der Ruf vorüber, denn die seelische Eigenschaft ist in der Finsternis ergriffen. Das Licht durchdringet sie wohl, es findet aber kein Ens der Liebe darinnen, daß es sich darinnen könnte anzünden. Darum bleibet der kreatürlichen Seelen Ens außer Gott in sich selber wohnend und Christus bleibet auch in sich selber wohnend, und sind doch einander nahe. Aber ein Principium scheidet sie als die große Kluft beim reichen Mann und armen Lazaro (Luk. 16,20), denn sie sind gegeneinander wie das Leben und der Tod.

8,61.     Von diesen wird nun verstanden, daß Gott kund tue seinen Zorn und sie verstocke, aber nicht aus einem fremden oder göttlichen Willen oder Vorsatze, sondern aus dem, da er sein Wort in Natur und Schiedlichkeit eingeführet hat. Nicht der heilige Wille Gottes entzeucht sich ihnen, daß sie verstockt müssen bleiben, wie die Vernunft allhie irret. Denn er ist in ihnen und wollte sie gerne haben und sich in ihnen offenbaren als im Bilde Gottes. Aber der Grimm im Centro der Natur, da sich der Wille des Ungrundes in die Finsternis scheidet, hat sie ergriffen und die zersprengten Porten der göttlichen Liebe mit Greueln der angeerbten Sünden erfüllet.

8,62.     Wozu die widerwärtige Konstellation der Ungleichheit hilft, da der Mann und das Weib in ihrer beider Willen gegeneinander nur Haß und Fluch und eitel Todeswillen ineinander einsäen. Sie fassen ihre Lebenstinktur in einen feindlichen Willen und kommen nur in Vermischung ihres Samens in viehischer Lust zusammen. Kein Wille ist dem andern treu, und meinen nur Gift und Tod, fluchen einander alle Stunden und leben beieinander als Hunde und Katzen. Wie nun ihr Leben und steter Wille ist, also ist auch ihre seelische Tinktur im Samen. Darum saget Christus: Ein arger Baum kann nicht gute Früchte tragen; — denn in ihrer Tinktur des Samens ist schon die Verstockung. Was mag dessen nun Gott, daß sie eine Distel pflanzen?

8,63.     So sprichst du: Was mag dessen aber das Kind — Antwort: Das Kind und die Eltern sind ein Baum. Das Kind ist ein Ast am selben Baume. Darum höre, Vernunft: Wann verändert die Sonnen einen Ast am saurem Baume, daß er süße wird? Soll denn Gott seinen Vorsatz wider seinen Vorsatz seines ausgesprochenen Willens um einer Distel willen handeln? Bedarf doch das Reich der Finsternis auch Kreaturen, sie sind Gott alle nütze. Der Gottlose ist Gott ein guter Geruch zum Tode, und der Heilige ein guter Geruch zum Leben, 2. Kor. 2,15.16.

8,64.     Darum urständet der Wille zum Verderben im Ente zur Kreatur. Und der Wille zum heiligen Leben urständet aus Gott in Christo. Und diese sind beide ineinander als ein Ding. Aber in zweien Prinzipien verstanden. Weil sie beide in Wirkung der Kreaturen sind, so werden sie auch von beiden gezogen. Ist es aber, daß Christus keine Stätte seiner Ruhe finden mag, so besitzt der Teufel die Stätte, da Christus sollte wirken.

8,65.     Und allhie saget nun Christus: Wenige sind auserwählet, Matth. 20,16. Warum? — Ihrer viele haben noch ein Fünklein des guten Entis in ihnen, darinnen Christus wirket und sie ohne Unterlaß warnet und rufet. Aber das falsche Ens ist also viel und stark, und zeucht einen Haufen böser Einfälle von außen an sich und verdunkelt das Bild Gottes, und tötet das gute Ens und Willen, und kreuziget das Bild Christi, das Christus hat in seinem Durchbrechen mit seinem Blute besprenget und mit seinem Tode erlöset. Das kreuziget er in ihm mit der Sünde und tötet Christus in seinem Gliede.

8,66.     Und wenn dann der Hausvater kommt, seine eingeladenen Gäste zu besehen zu der Hochzeit des Lammes, so siehet er, daß dieses erlösete Bild Christi, das zur Hochzeit eingeladen ist, kein hochzeitlich Kleid anhat, so heißet er seinen Zornknecht, diesem Gaste an Christi Stätte die Hände und Füße im Ente des Lebens zu binden und in die Finsternis hinauswerfen, da Heulen und Zähneklappern ist, wie Christus im Evangelio saget, Matth. 22,12.13.

8,67.     Dieser böse Hochzeitsgast, ob er gleich Christi Namens sich rühmet, wird nicht auserwählet zum ewigen Abendmahl des Lammes, sondern nur diejenigen, deren Seelen Christum anziehen und den Willen der Sünden im Fleische kreuzigen und immerdar töten.

8,68.     Darum saget Christus: Wenige sind auserwählet. Denn nur diese werden zu Kindern Gottes in Christo erwählet, welche der Stimme Christi in ihnen gehorchen, welche in ihrem guten Fünklein auf die Stimme des Bräutigams hören, wenn Christus in ihnen spricht: Kehre um, tue Buße, tritt in den Weinberg Christi! So sie das annehmen hören und tun und nicht auf das warten, bis Gott den falschen Willen überfällt und mit Gewalt bricht und selig macht, wie die Vernunft die Sprache von der Gnadenwahl also irrig annimmt allen Gleichnissen in den Worten Christi zuwider.

8,69.     Denn Christus sprach zu seinen Jüngern, als er ihnen seinen Leib zur Speise darbot: Nehmet, esset; nehmet und trinket, das ist mein Fleisch und Blut, Matth. 26,26.28. Er hieß die Seele zugreifen und nehmen. Also auch im inwendigen Grunde, wenn er sich der Seelen anbietet im Lebenslichte, so er spricht: Komm zu mir, ich will dich erquicken; nimm mich an, sperre nur deine Begierde gegen mir auf und tue die Türe deines Willens auf, so will ich bei dir einziehen.

8,70.     Er stehet vor der Tür des Seelen-Entis und klopfet an, und welche Seele ihm auftut, bei der zeucht er ein und hält das Abendmahl mit ihr (Offb. 3,20). Sein Rufen und Anklopfen ist sein Ziehen und Wollen; aber die Seele hat auch ein ewig Wollen und einen ungründlichen Willen.

8,71.     In Summa: Die Seele ist des ewigen Vaters natürlicher Feuer-Wille, und Christus ist des ewigen Lichts Liebe-Wille. Die stehen ineinander. Christus begehret sich in diese Kreatur zu bilden, so begehret sich der Feuer-Wille in seiner Eigenheit zu bilden. Welcher nun sieget, darinnen stehet die Bildung. Dieser Streit der Bildung gehet alsbald im Samen an mit der Bildung der Kreaturen in der Ungleichheit des Samens und Ackers, da mancher Zweig alsobald in der Widerwärtigkeit und Feindlichkeit der Tinkturen zu einer wilden Distel wird; welchem Distelkinde das Licht der Natur, darinnen Christus im innern Grunde wohnet, sich doch nicht entzeucht, bis der Wille der Seelen selber in seinem Naturlichte mit Gift des Zorns sich verdunkelt.

8,72.     Gleichwie sich der Streit in der Wurzel des Baumes in einem widerwärtigen Acker selber entzündet, davon der Zweig aus der Wurzel verdirbet, ehe er aufwächst; und wie nun die Sonne dem Zweige des Baumes zu Hilfe kommt mit ihrem Licht und Kraft, sobald er aus der Wurzel aussprosset, also auch kommt Christus der Seelen, alsbald sie nur aus Mutterleibe kommt, von außen wegen der bösen Zufälle zu Hilfe, und hat ein Bad der Wiedergeburt mit der Taufe in seinen Bund gesetzt, darinnen er die kleinen Kinder mit der ewigen Sonnen anscheinet und in sie dadurch wirket und sich ihnen in seinem Bunde eingießt, ob sie seelische Essenz der angebotenen Gnade fähig sei.

8,73.     Hernach wenn die Seele zur Vernunft kommt, so zeucht und ruft er sie durch sein geoffenbartes, gelehrtes Wort aus dem Munde der Kinder Gottes und bietet sich der Seelen für die Zeit des ganzen äußern Lebens an, und schallet alle Tage und Stunden mit seinem Wort und Kraft in sie, ob sie ihm von der tierischen Bildlichkeit stille stehen wolle, daß er sie neu gebären möge.

8,74.     Gleichwie der Sonnen Kraft im Ens des Holzes im Baume sich mit aufzeucht und die Eigenschaft der streitigen Natur temperieret, also auch wendet sich Christus mit seiner Kraft aus dem innern Grunde ohne Unterlaß in die Seele und temperieret die Lebensgestalten, daß sie sich nicht sollen in den Widerwillen und Feindschaft trennen und von der Gleichheit in falsche Lust ausgehen, durch welche falsche Lust die Eigenschaft der Seelen den Giftquall in sich einführet.

8,75.     Und wie der Stamm mit seinen Ästen am Baume höckricht und krumm wird durch den innerlichen Streit der Natur und durch die äußerlichen Einfälle der Konstellationen, also führet sie auch die Seele durch die innerliche Widerwärtigkeit der Ungleichheit der Naturen von Vater und Mutter und dann durch die äußern Einfälle von der Welt Bosheit in eine unförmliche Figur vor Gott.

8,76.     Da dann das Hochzeitskleid der Taufe in eine tierische Larve gewandelt wird, da auch die Wahl vorübergehet, solange die Seele dieses höckrichte Larvenbildnis an sich hat.

8,77.     Diese Larve verhindert das Ens Christi, daß es nicht mag Frucht zum Lobe Gottes wirken, denn der Teufel säet stets seine Begierde in diese Larve, daß falsche junge Zweige daraus wachsen mit falschem abtrünnigen Willen, welche sich in Hoffart in des Teufels Willen einführen und von der Demut ausbrechen, wie die jungen Zweige aus dem Baume aus der Temperatur ausbrechen und wollen eigene Bäume sein. Und wenn sie dann ausgebrochen sind, so stehen sie in der Konstellation der Welt wie die Sprossen am Baume. So prüft sie denn die Konstellation des Gestirnes mit spitzfindigen Menschen und führet sie aus einem Vorwitz in den andern. Da fället Hoffart ein, gar bald der Geiz, bald Neid, Zorn, Lügen, Trügen und alles das, was in der Welt regieret. Da will der junge stolze Zweig in Künsten aufsteigen und verbrennet sich in allen Dingen. Ists nun, daß die göttliche Sonne darein scheinet und will dem abtrünnigen Zweige zu Hilfe kommen, und solches das feurische Leben empfindet. So schwinget sich dasselbe in die Höhe wie Luzifer und misset ihm selber Klugheit und Verstand zu und verachtet das Albere (Geringe). Daher kommen dann die Vernunftweisen Leute, welche voll Hoffart und eigenehriger Lust stecken, und verbrennen sich nur durch das Licht, das in ihnen aus Gnaden scheinet, und brauchen es zur Fleischeslust. Also muß Christus ihrer Schalkheit Deckel1 sein. 1) Verbrämung ihrer Falschheit

8,78.     Diese alle sind falsche Zweige, über welche die Wahl der Erntezeit vorübergehet, denn sie sind in Christi Geiste berufen. Er hat sich ihnen eingegeben, mit ihnen gewirket und ihre Vernunft erleuchtet. Aber sie sind nicht aus Christi Geiste geboren worden, sondern in der Welt Wollust. Sie haben Christum nur mit Füßen getreten und ihm nie gedienet. Christus ist ihnen hungerig, durstig, krank, gefangen, nackend und elend gewesen, und sie haben ihm nie gedienet (Math. 25). Sein Name hat wohl in ihrem Munde geschwebet, aber ihre Seele hat sich stets in eigene Lust der Welt und des Teufels eingewendet, und haben Christum lassen stehen und das Licht zu ihrer Bosheit gehalten.

8,79.     Diese haben sich aus dem Stamme der Temperatur ausgewandt, und sind nicht in der wahren Sonnen Christi aufgewachsen und aus Gott geboren worden, sondern in ihrer Natur eigenem Willen. Darum sind ihre Früchte auch nur Menschentand. Und ob sie gleich in der Welt hohe Leute werden, viel Künste und Sprachen lernen, so ists doch alles aus der Eitelkeit der Natur geboren, und sind alle ihre Werke vor Gott wie ein beflecktes und besudeltes Tuch.

8,80.     Welche Seele aber in einem guten Acker ihren Ursprung nimmt, da die Eltern ihren Willen in Gott setzen und in rechtem Liebesbande stehen als in ihrer wahren Konstellation und ihre Hoffnung in Gott setzen, da Christus in ihnen wirket, lebet und ist, aus denen entspringen Ströme lebendigen Wassers, wie Christus saget. Und obgleich nun die adamische Verderbung in ihrem Fleische ist und auch öfters eine böse Konstellation ins Fleisch fället als in den Sündenquall, so bleibet doch Christus im inwendigen Grunde der Seele in ihnen.

8,81.     So wird nun die Seele von der Seelen geboren und der Leib von dem Samen des Leibes. Ob nun gleich der äußere Same irdisch und böse ist, und in einer solchen Konstellation vergiftet wird, so besitzt doch Christus den seelischen Grund im inwendigen Centro, und ist und bleibet doch im Ente der Seelen der Ens Christi, und wird die Seele im Ens Christi empfangen und geboren.

8,82.     Und allhie saget nun Christus: Wer aus Gott geboren ist, der höret Gottes Wort, Joh. 8,47. Und zu den stolzen Pharisäern sagte er: Darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht aus Gott; das ist: ob sie gleich sein Wort und Gesetze im Munde führten, so war doch ihre Seele nicht im göttlichen Ente geboren. Ob sie gleich das Licht der Natur hatten, so schien es doch aus einem fremden Feuer, da Christus wohl hindurchschien, aber sie waren seiner nicht fähig, denn ihr Grund war falsch.

8,83.     Also wird ein guter Same gesäet, auch wohl bisweilen in einen bösen Acker. Noch ist der Grund des Samens gut. Wo aber ein falsch Korn in einen bösen Acker gesäet wird, so wächset hieraus die Gleichheit ihres Wesens. Und wie nun ein gutes Korn öfters in einem bösen Acker stehen muß und doch Frucht träget, so es die äußern Einfälle nicht verderben, also wird öfters ein Glaubenssame von der einen Tinktur entweder Mannes oder Weibes gesäet. Und das andere säet darein sein Gift, dadurch der äußere Mensch wilde und zum Argen geneiget wird. Aber der inwendige Grund ist noch gut. Er tut gar balde etwas Böses, daß ihn auch alsobald gereuet und er in die Abstinenz eingehet.

8,84.     Item: Mancher wird so an dem einen Teile mit dem Sündenquall vergiftet, daß er eine böse Neiglichkeit in sich hat zum Stehlen, Rauben und Morden; item zur Unzucht, falscher Verleumdung etc. Aber das andere Teil in Christi Ente zeucht ihn immerdar davon ab. Und ob er in Schwachheit übertritt durch des Teufels Eingriffe, so kommt ihm doch noch das göttliche Ens zur Hilfe, so er nicht bleibt in Sünde und Tod liegen, wie dem Schächer am Kreuze, Maria Magdalena und andern großen Sündern mehr widerfahren.

8,85.     Denn es ist auch wohl kein Mensch, der nicht im Fleische einen Sündenquall hätte aus Begierde seines tierischen Fleisches. Und wie nun ein Baum muß aufwachsen im Streit und Widerwillen, da allenthalben Unwillen auf ihn fället, bald Hitze, bald Kälte, bald drücket ihn der Wind, daß er brechen möchte, bald fället ein Gift vom Gestirne auf ihn. Noch wächset er in der Sonnen Kraft und in seinem inwendigen Licht-Ente (Lichtwesenheit) der Natur auf und träget gute Früchte, welche nicht der Erden Schmack haben, sondern die edle Tinktur hat sich also in ein gut wohlschmeckend Corpus eingeführet; also ist es auch mit dem Menschen zu verstehen.

8,86.     Das göttliche Ens, welches geistlich ist, mag nicht offenbar werden als durch den Streit der Natur. Es säet sich mit in das seelische Ens der ewigen Natur und gibt sich in den Streit der Schiedlichkeit des Feuers, da es dann sein Licht empfänget und aus dem Feuer in Kraft und Eigenschaften der Liebe-Begierde sich ausführet. Im Feuer der Seelen empfänget es Eigenschaften und Willen. Denn in Gott ist es einig und nur ein einiger Wille. Der ist das ewige Gut, aber also ist er ihm nicht selber offenbar. In der feurischen Schiedlichkeit aber der Seelen wird er ihm offenbar, daß die Kraft in vielen Kräften der wirkenden Tugenden in eine Form und Bildung herfürgehen; gleichwie der Baum im Streite mit seinen Ästen und Früchten offenbar wird, daß man siehet, was im Mysterio des Korns zum Baume gelegen ist.

8,87.     Und darum eineignet sich die göttliche Kraft der Seelen des Menschen, daß sie darinnen mit aufwachse und ihre Tugend in der feurischen Schiedlichkeit möge offenbaren, da Böses und Gutes untereinander wirket. Also dränget der Geist Gottes in Christo in dem Guten aus und wirket zur Frucht als zur göttlichen Förmlichkeit. Dieses möchte oder mag nun nicht geschehen, das seelische Feuer esse denn des göttlichen Entis in sich, als welchem Feuer-Essen eine rechte Kraft in dem Lichte der Natur ausgehet.

8,88.     Das Feuer der Seelen muß ein recht Holz haben, soll es ein schön kräftig Licht geben, denn aus dem Seelenfeuer wird Gottes Geist in seiner Kraft schiedlich und offenbar in der Natur der Seelen; gleichwie das Licht aus dem Feuer und die Luft aus dem Feuer und Licht offenbar wird und aus der Luft ein subtiles Wässerlein ausgehet, welches nach seinem Ausgehen wesentlich wird, davon das Licht die Kraft wieder in sich zeucht zu seiner Speise. Darum sagte Christus Joh. 6,53: Wer nicht isset das Fleisch des Menschensohns und trinkt sein Blut, der hat kein Leben in ihm.

8,89.     Gleichwie der Baum nicht wachsen noch Frucht tragen könnte ohne das Licht der Natur, welches die Sonne, die darein dringet, lebendig macht, und wie das Licht der Natur sowohl der Sonnen Kraft nicht möchte im Baume offenbar und wirkend werden ohne die feurische Scienz, nämlich den feurischen Grund der Natur, welcher des Baums Seele ist.

8,90.     Also auch im gleichen mag Christus im Menschen nicht offenbar werden, ob er gleich in ihm ist und ihn zeucht und rufet, sich auch der Seelen eindringet; die Seele esse denn des göttlichen Entis in ihre feurische Eigenschaft, welche dem Hoffart-Feuer schwer eingehet, daß es soll vom Wasserquall des Liebe-Lebens und der Sanftmut essen; es äße lieber vom Sulphure und Mercurio als von seiner Gleichheit. So es aber isset, so wird der Geist der Liebe und Demut als das göttliche Ens feurig, und greifet die Feuerwurzel aus den drei Ersten an als Sal, Sulphur, Mercurium, und transmutieret (wandelt) sie in sich, gleichwie eine Tinktur auf ein glühend Eisen fället und wandelt das Eisen in Gold. Also auch allhie wird das seelische Centrum aus des Vaters Feuernatur in ein Liebe—Feuer gewandelt, in welchem Liebe-Feuer Christus offenbar und in der Seelen geboren wird; da alsdann aus dem Seelenfeuer der rechte göttliche Luft-Geist aus dem Feuer und Licht ausgehet und sein geistlich Wasser aus sich ausführet aus dem Lichte, welches wesentlich wird, davon die Kraft des Lichts isset und sich in der Liebe-Begierde in ein heilig Wesen darein einführet als in eine geistliche Leiblichkeit, darinnen die Hl. Dreifaltigkeit wohnet, welches Wesen der wahre Tempel des Hl. Geistes ist, ja Gott in seiner Offenbarung selber.

8,91.     Und das ists, das Christus sagte, er wollte uns Wasser des ewigen Lebens geben, das werde uns in einen Quellbrunnen des ewigen Lebens quellen, Joh. 4,14. Und das geschieht nun, wenn die Seele sein Wort annimmt, das er selber ist. So gießt er seine wesentliche Kraft, die er in unserer Menscheit hat offenbar gemacht, in sie ein. Das ist ihre Tinktur, die ihre Feindlichkeit der feurischen Eigenschaft in ein Liebe-Feuer wandelt. Denn allda stehet Christus in der abgestorbenen seelischen Eigenschaft vom Tode auf, und wird die Seele ein Glied an Christi Leibe und zeucht Christus an sich, ja sie wird nach der Liebe Eigenschaft ganz in Christus gepflanzt. Darum saget Christus: Wer mein Fleisch isset und trinket mein Blut, der bleibet in mir und ich in ihm, Joh. 6,56. Also geschieht das. Item, er saget: Wir wollen zu euch kommen und Wohnung in euch machen, Joh. 14,23; das ist: der ganze Gott wird in dieser neuen Geburt in Christo in der Seelen offenbar und wirket gute göttliche Früchte.

8,92.     Gleichwie der Sonnen Kraft im Baume offenbar wird und im Ente des Schwefel-Geistes, im Mercurio, als in der harzigen Eigenschaft das Licht anzündet, darinnen der Baum wächst und Frucht träget. Also auch wird Gott in seinem geformten ausgesprochenen Worte als im Menschen, in welchem er seine höchste Liebe-Tinktur in dem Namen Jesu eingeführet hat — offenbar und tingieret die feurige Seele als den geistlichen Sulphur und Mercurium, darinnen das Licht der ewigen Natur offenbar und scheinend wird, darinnen Christus in seinem geformten Worte geboren wird und in einen herrlichen göttlichen Baum, der also in das Bild Gottes wächst und viel guter göttlicher Früchte träget.

8,93.     Alsdann redet dieser Mensch aus Gott Gottes Wort. Das sind alsdann göttliche Früchte, da Gottes geformtes Wort als die kreatürliche Seele den Quellbrunnen göttlichen Sprechens aus sich spricht und Gottes Wort aus sich ausspricht, und in seinem Aussprechen gebieret, gleichwie der einige Gott sein Wort aus sich ausspricht und immerdar gebiert und das Sprechen doch in ihm bleibet und das Sprechen und das Ausgesprochene ist.

8,94.     Und obgleich diesem Menschen die verderbte Art im Fleisch der irdischen tierischen Eigenschaft anhanget und ihn zuwider der Seelen anficht, das schadet ihm nicht. Denn die Seele hat nun in Christo die grimme, verderbte, feurische Eigenschaft überwunden; und Christus in der Seelen zertritt der Schlangen Gift im irdischen Fleische stets den Kopf, und wirket durch das Fleisch, und zeucht sich im Fleisch in einen neuen Leib auf Art, wie in einem groben Steine ein köstlich Gold innen lieget und wächset, da die Grobheit muß helfen wirken, ob sie gleich dem Golde nicht gleich ist. Also auch muß der irdische Leib in sich Christus helfen gebären, ob er gleich nicht Christus ist noch in Ewigkeit nicht wird, auch zum Reiche Gottes kein nütze ist. Dennoch muß er ein Werkzeug zu helfen sein, ob er gleich gar andern falschen Willen und Begierde hat und ein Raubschloß des Teufels ist; noch braucht ihn Gott zu seinem Werkzeuge. Und davon sagte Christus, es wäre sein Joch, nämlich unser irdischer Leib, den er uns hilft tragen. Der ist sein Joch in uns. Das soll die hl. Seele in Geduld auf sich nehmen und lassen alles Unglück von außen, auch mit des Fleisches Anfechtung vom Teufel und der Welt Bosheit über sich gehen und unter die Kreuz- Geburt Christi unter sein Joch sich bücken und in Geduld fassen, und also in Trübsal mit dem edlen Perlen-Bäumlein Christi unter allen bösen Wesen aufwachsen und nach dem wahren Gewächse eitel gute, heilige, himmlische Früchte wirken und gebären, welche nicht von dieser Welt als von den vier Elementen nach dem Spiritu Mundi von außen sind, sondern wie Paulus saget: Unser Wandel ist im Himmel, Phil. 3,20. Item: ich habe euch von der Welt berufen, daß ihr seid, wo ich bin, und darum hasset euch die Welt, daß sie weder mich noch euch noch meinen Vater erkennet. Aber seid getrost, in mir habt ihr Friede, in der Welt habt ihr Angst, Joh. 16,33. Das ist: in mir, im inwendigen Grunde der neuen Geburt habt ihr Friede mit Gott. Aber im äußern Fleisch, in der Welt habt ihr Angst. Aber ich will wieder zu euch kommen und euch zu mir nehmen, da ich bin, saget Christus. Das ist: er will wiederkommen zu dem Menschen, der aus dem Limo der Erden geschaffen ward, und will ihn wieder an sich als an den neuen geistlichen Menschen annehmen und ewig anbehalten. Aber er soll von ehe in die Putrefaktion (nach Alchymie – Verwesung) der Erden und der Schlangen Ens samt dem eingemodelten Tiere und alle gewirkte Falschheit ablegen. Alsdann will er wieder zu ihm kommen und den adamischen Leib vom Tode aufwecken und an sich nehmen und ihm alle seine Tränen abwischen und in Freude wandeln, Joh. 14,3.

8,95.     Dieses ist, mein lieber Leser, der wahre Grund der neuen Wiedergeburt und gar in keinem andern Wege, wie die Vernunft meinet, nämlich daß wir von außen angenommene Gnadenkinder sein; item, daß wir durch einen göttlichen Vorsatz von Sünden losgesprochen werden. Nein, es muß neugeboren sein aus diesem obengenannten Wasser und dem Hl. Geiste.

8,96.     Die Seele muß aus ihrem eigenen Willen im Zuge Christi umwenden und ihren begehrenden Willen gegen der Begierde Christ — welche mächtig gegen ihn, in ihm mit der Begierde in ihn eindringet — führen und den feurischen Rachen als den geistlichen Schwefel-Wurm im Mercurio des Geist-Lebens aufsperren, so dringet Christi Geist in die Essenz der Seelen ein. Und das heißet glauben und nehmen, nicht nur wissen, trösten, kitzeln und Christi Mantel von außen um sich nehmen und immerdar von Gnade sagen und wollen in der Bosheit des Teufels Gnaden-Kinder sein. Sondern man muß im Geiste Christi werden als ein Kind an seiner Mutter Brust, das nur der Mutter Brüste begehret zu saugen und nichts mehr, denn in Christi Ente wächset alleine der rechte neue Mensch.

8,97.     Daß aber die Vernunft saget: Wir werden erst in der Auferstehung neugeboren werden und im Fleische Christum anziehen, das ist Babel und kein Verstand der Worte Christi.

8,98.     Der Leib aus der Erden soll erst in der Auferstehung Christum essentialiter (wesenhaft) anziehen. Die Seele muß in dieser Zeit Christum in seinem himmlischen Fleische anziehen. Und in Christo muß der Seelen der neue Leib gegeben werden, nicht von Mannsblut noch vom Fleisch, sondern aus dem Wort und göttlichen Ente in das Verblichene vom göttlichen Ente, das in Adam verderblich und an Gottes Wirkung stumm und unfühlend ward. In demselben muß Christus neugeboren und ein Gott-Mensch und der Mensch ein Mensch-Gott werden.

8,99.     Also, lieben Brüder, verstehet es, daß an einem Teile Christus der göttliche Vorsatz und Gnadenwille ist. Wer aus dem geboren wird und ihn anzeucht, der ist in Christo versehen und ein Gnadenkind. Und am andern Teil ist der Vorsatz Gottes der feurische Wille der Seelen aus dem Centro der ewigen Natur, da sich Licht und Finsternis als nämlich der grobe phantastische Sulphur, der subtile, reine aber gehet ins Licht. Worein nun die Scienz des ungründlichen Willens zur Natur sich scheidet, darinnen wird er eine Kreatur, entweder im Lichte oder in der Finsternis.

8,100.   Der Vorsatz Gottes gehet durchaus aus dem seelischen Grunde. Denn der innere Grund der Seelen ist die göttliche Natur zum ewigsprechenden Worte, und ist weder gut noch böse. Aber in der Schiedlichkeit des Feuers als im angezündeten Leben der Seelen, da scheidet sich derselbe Wille entweder in Gottes Zorn oder in Gottes Liebe-Feuer. Und das geschieht anders nicht als durch die Eigenschaft, deren die seelische Essenz in sich selber ist. Sie ist selber ihr Grund zum Bösen oder Guten, denn sie ist das Zentrum Gottes, da Gottes Liebe und Zorn in einem Grunde unausgewickelt lieget.

8,101.   Also ist das der Vorsatz Gottes, daß er sich durch das ausgesprochene geformte Wort, dessen die Seele im Sprechen der Schiedlichkeit ein Wesen ist, will offenbaren. Da verstockt sich die Grobheit in den angeerbten sowohl in den wirklichen eingefasseten Greueln selber.

8,102.   Denn es ist sonst kein anderer Wille Gottes in dieser Welt Wesen als nur der, der aus dem ewigen Grunde in Feuer und Licht, sowohl in Finsternis offenbar wird. Die Seele wird in ihr selber zum Gnadenkinde erwählet, wenn sie aus Christo geboren wird, aus dem göttlichen Ente, welches der einige Vorsatz göttlicher Gnade ist, daraus Gottes Gnade in der Seelen offenbar wird. Und sie wird auch in ihr selber zur Verdammnis erwählet aus dem Grunde ihres eigenen Wesens, das ein falsches Ens ist, darin kein Licht mag geboren werden.

8,103.   Gottes Vorsatz zur Verstockung ist in ihrem, der Seelen, eigenem Wesen als der ungründliche Wille zur Natur. Der offenbaret sich in jedem Wesen, wie des Wesens Eigenschaft ist, als wir dann denken, daß er sich mit seiner Infassung der Grobheit hat in die finstere Welt oder Hölle gefasset und geschieden. Denn der Wille, der in der Hölle ist, und der Wille, der im Himmel offenbar ist, die sind im inwendigen Grunde außer der Offenbarung ein Ding. Denn im Aussprechen des Worts ist erst die Scheidung; ist doch Himmel und Hölle ineinander wie Tag und Nacht. Und die Hölle ist ein Grund des Himmels, denn Gottes Zorn-Feuer ist ein Grund seiner Liebe als des Lichtes.

8,104.   Darum, liebe Brüder, werdet doch sehend! Zanket nimmer um den Willen Gottes! Wir sind selber Gottes Wille zu Bösem und Gutem; welcher in uns offenbar wird, das sind wir, entweder Himmel oder Hölle, unsere eigene Hölle in uns verstockt uns, nämlich dieselbe Eigenschaft. Und unser eigen Himmel in uns macht uns auch, so er mag offenbar werden, selig. Es ist alles ein Tand, darum man bishero so lange Zeit gezanket hat. Christus ist funden worden. Dafür sei ihm ewig Lob und Dank, auch Macht, Ehre und Reichtum samt aller Gewalt im Himmel und auf Erden, Matth. 28,18.

*   *   *

 

 

Vom Gegensatz der Sprüche in der Schrift, als vom rechten Verstande der Schrift.

 

9,1. Hat nicht ein Töpfer Macht, aus einem Klumpen Ton zu machen ein Gefäß zu Ehren und das andere zu Unehren? Röm. 9,21. — Antwort: Der Klumpen Ton deutet an das Mysterium Magnum, da der ewige Gott durchs Wort sich ausgesprochen hat, da aus einem Wesen zwei Wesen gehen, als eines in der feurischen Scheidung in die Finsternis nach der Grobheit der Impression, und das ander im Lichte nach der göttlichen Eigenschaft Wesen. Diese beiden kommen aus einem Grund. Desgleichen die falsche Seele und die heilige Seele kommen beide aus Adams Seele als aus einem Klumpen des Grundes, da man doch nur Geist im Mysterio verstehen soll. Aber doch scheidet sich eine Seele ins Licht und der andere in die Finsternis.

9,2. Dieser Töpfer machet aus jeder Scheidung ein Gefäße, wozu die abgeschiedene Materia nütze ist. Er nimmt nicht heiliges Ens und machet selber einen Teufel daraus, sondern wie das Ens der Seelen ist, also ist auch der Wille zum Machen. Gott sitzet nicht über dem Willen und machet ihn wie der Töpfer den Ton, sondern er gebieret ihn aus seiner Eigenschaft. Warum wollte nun der Gottlose sagen: Warum machst du mich also, daß ich böse bin?

9,3. Gott wirket ein Leben aus allen Dingen; aus bösem Ente ein böses Leben und aus gutem Ente ein gutes, wie geschrieben stehet: Bei den Heiligen bist du heilig und bei den Verkehrten bist du verkehrt, Psalm 18,27. Darum kann Gott niemand beschuldigen, daß er ihm ein böses Leben gewirket habe. Wäre der Ton besser gewesen, so hätte er ihm ein Gefäße zu Ehren daraus gemacht. So er aber ihm zu Unehren diente, so macht er ihm ein Gefäß seines Zornes daraus.

9,4. Denn Gottes Wort ist aller Dinge Leben, Wesen und Anfang. Weil aber auch der Zorn-Eifer darinnen ist, so führet er sich auch in ein Leben, denn wer will ihm das wehren? Dem Menschen aber ist Christus zum Gehilfen aus dem ewigen Wort kommen, und spricht: So wahr ich lebe, ich will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe, Ez. 33,11. Ob aber der Seelen Ens so böse und untüchtig wäre und des göttlichen Entis unfähig, was vermag hier Christus? — Gottes Zorn macht keinen Willen mehr außer der Kreatur, denn Christus sprach Matth. 28,18: Mir ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden gegeben. — So hat Christus nun alleine alle Gewalt in allen Dingen. Also spricht er auch Joh. 3,16: Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn selig werde. — So er nun alle Gewalt hat, so ist kein anderer Macher zu Unehren vorhanden als der im Ente der Seelen aus ihrem Centro entstehet. Denn es ist eben der zornige Gott selber, der macht ihm ein Bild aus seinem Wesen, das seinesgleichen ist. Darum saget Paulus: Hat der Töpfer nicht Macht zu machen, was er will? — Dieser Töpfer ist Gott in dem Sprechen seiner Schiedlichkeit, dadurch er seine Herrlichkeit offenbaret, wie vorne hinreichend nachgewiesen.

9,5. Denn weil Christus allein alle Gewalt hat, so mag kein ander Wille zu machen außer ihm sein. Darum darf der Gottlose nicht sagen, Gott macht mich böse. Sondern der Gott in ihm, in dessen Grund er stehet, der macht ihn, wozu er sein kann nach der Möglichkeit. Der Grund seines Wesens, dessen er selber ist, ist der Anfang. Sobald das Leben daraus geboren wird, so ist der Macher im Leben als der zornige Gott; der wird ihm allda offenbar, der macht ihn.

9,6. Gleichwie Christus seine Kinder in ihnen seinen Willen einführet, welche in ihm geboren werden, also auch Gottes Zorn in ihm mit seinen Kindern tut, die aus ihm geboren werden. Denn in der Seelen ist Gott offenbar, entweder in Liebe oder Zorn; die Natur ist die Seele, und das wirkende Leben ist Gott selber, verstehet: nach dem Wort der Schiedlichkeit.

9,7. Denn der pure lautere Gott ohne Natur ist kein Macher der Willen, denn er ist nur eines. Aber in seinem Worte, da es sich in Schiedlichkeit einführet, da urständen die Willen zum Bösen und Guten. Aus jeder Schiedlichkeit der Geschiedenen urständet ein Wille nach der selben Eigenschaft, in was Qual der ungründliche Wille in der Schiedlichkeit sich hat eingeführet, ein solcher Wille entstehet.

9,8. Adam aber hat sich in sich selber aus der Temperatur in die Schiedlichkeit geführet. Nun stehen seine Zweige in der Schiedlichkeit, von denen kommt ein neumachender Wille. Ein jedes Ens bekommt einen Willen nach seinem Wesen. Der Vorsatz aber führet das Regiment, nämlich das feurische Wort der Natur und das Liebe-Wort der Gnaden, diese beiden sind die Macher zu Ehren und Unehren des Gefäßes, und die beiden sind im Menschen.

 

Die höchste Porte von Kain und Abel, item von Ismael und Isaak, von Esau und Jacob

9,9. Das Reich der Natur ist der Grund des sprechenden Worts, denn soll eine Kreatur sein, so muß von ehe Natur sein. So ist nun das Wort Gottes der Grund aller Wesen, der Eigenschaf ten Anfang. Das Wort ist das Sprechen Gottes und bleibt in Gott. Aber das Aussprechen als der Ausgang vom Wort, da sich der ungründliche Wille in Schiedlichkeit durch das Aussprechen einführet, das ist Natur und Eigenschaft, auch ein eigener Wille. Denn der ungründliche Wille scheidet sich vom Sprechen und fasset sich in ein Selbst-Eigensprechen in die Schiedlichkeit als in einen anfänglichen Willen. Aus dem einigen, ewigen, ganzen Willen sind die Eigenschaften entstanden und aus den Eigenschaften die Kreation als alle Kreaturen.

9,10.     Dieses ist nun der erste Vorsatz Gottes, da sich das Wort der Kraft aus sich hat für sich gesetzt als das ungründliche, unfaßliche Wort des Lebens in eine Faßlichkeit, darinnen es lebe. Diese Faßlichkeit ist Natur, und das unfaßliche Leben in der Natur ist Gottes ewigsprechendes Wort, das in Gott bleibet und Gott selber ist.

9,11.     Der ander Vorsatz des Wortes ist dieser, daß die Faßlichkeit als der eigene gefassete Wille, soll den unfaßlichen einigen Willen Gottes in sich wohnen lassen. Denn also hat das einige Leben sich in die Faßlichkeit eingesetzet und will in der Faßlichkeit offenbar werden. Die Faßlichkeit soll das unfaßliche Leben in sich fassen und faßlich machen, wie man dessen ein Exempel im Feuer und Lichte hat. Denn das Feuer ist die Natur als das faßliche Leben, das fasset in sich das unnatürliche Leben, nämlich das Licht. Denn im Lichte werden die Kräfte des unnatürlichen Lebens durchs Feuer offenbar. So wohnet alsdann das Licht im Feuer und wird das unnatürliche Leben im Lichte, in Kraft eingeführet als in Tinktur, Luft und Wasser.

9,12.     Also auch verstehet, daß Gottes heiliges Leben ohne Natur nicht offenbar würde als nur in einer ewigen Stille, da nichts inne sein möchte, ohne das Aussprechen und die Faßlichkeit. Gottes Heiligkeit und Liebe würde nicht offenbar. Soll sie aber offenbar sein oder werden, so muß etwas sein, dem die Liebe und Gnade not tut und das der Liebe und Gnade nicht gleich ist. Das ist nun der Wille der Natur, welcher in Widerwärtigkeit in seinem Leben stehet. Diesem ist die Liebe und Gnade nötig, damit seine Peinlichkeit möge in Freude gewandelt werden.

9,13.     Und in derselben Wandlung wird das heilige unfaßliche Leben im Worte offenbar als ein mitwirkend Leben in der Natur. Denn die Peinlichkeit ursachet, daß sich der Wille des Ungrundes — welcher im Aussprechen in Eigenheit sich geschieden hat — dem heiligen ungründlichen Leben wieder eineignet, daß er gesänftiget wird. Und in der Sänftigung wird er im Leben Gottes offenbar. Denn er fasset sich in dasselbe in seine Begierde, und wird also auch das heilige Leben des Ungrundes in ihm offenbar.

9,14.     Und in dieser Offenbarung des heiligen Lebens in der Natur heißet das heilige Leben Kraft, und die Infaßlichkeit der Natur, die das begreifet, heißet Tinktur. Denn es ist die Kraft vom Glanz des Feuers und Lichts, und so dieses nicht wäre, so wäre kein Feuer scheinlich, denn der eigene Wille der Natur ist nicht scheinlich, denn die Faßlichkeit ist eine Einschließung und ist der Grund der Finsternis.

9,15.     Also führen wir unsern tiefen Grund auf Adam und ferner auf Kain und Abel. In Adam stund das Reich der Gnaden als das göttliche Leben offenbar, denn er stund in der Temperatur der Eigenschaften. Er wußte es aber nicht, daß Gott in ihm offenbar wäre, denn er hatte kein Böses erkannt. So wußte der eigene Wille nicht, was gut wäre, denn wie wollte eine Freude sein, so kein Wissen von Pein oder Traurigkeit wäre?

9,16.     Das ist Freude, wenn die Natur als der eigene Wille von seiner Pein erlöset wird, so freuet er sich des Guten, wenn es ihm widerfähret. So er aber dasselbe Gute in eigener Macht hätte zu nehmen, so wäre es keine Freude, denn der eigene Wille lebte wie er wollte, und er hätte keine Hoffnung, wenn er alles selber vermöchte. So er es aber selber nicht vermag, so freuet er sich dessen, was ihm aus Gnaden widerfähret oder dessen, das er hoffet, was ihm widerfahren soll. Alle Freude stehet in der Gnaden Hoffnung, welche ihm immerdar ohne die Macht seines Könnens und Nehmens widerfähret.

9,17.     Und darum so stehet die Natur in Pein und Streit, daß das Gnadenreich der Liebe in ihr offenbar werde und sie zu einer Freudenreich werde aus dem, daß ihr immerdar widerfähret, indem Gottes Leben in ihr offenbar wird und sie dadurch eine heilige Tinktur erlanget, welche die Pein tingieret und in Freude als in ein Bilde des heiligen Lebens wandelt.

9,18.     Als Adam in der Gleichheit stund, so wußte er das nicht. Er wußte nicht, was das Böse in der Natur wäre; so wußte er auch nichts vom Reiche der Gnaden, denn sie stunden beide in der Temperatur. Als aber der freie Wille in die Schiedlichkeit des Worts der Kräfte sich einführete, so ward die Peinlichkeit des Reichs der Natur in ihm offenbar. Allhie tat nun not, daß sich die Kraft der Gnaden in ihm auch bewegte, welche das Reich der Natur nicht tun konnte. Denn es ist keine Möglichkeit in ihrem eigenen Willen, denn er ist faßlich, so in das Reich der Gnaden unfaßlich. Darum konnte ihr die Seele als der faßliche Wille von dem unfaßlichen Leben nichts nehmen. Aber also wäre auch Gott in diesem Bilde verborgen blieben und selber nicht offenbar worden.

9,19.     Darum sprach sich das unfaßliche heilige Leben in seiner Liebe in das seelische faßliche, auf daß es etwas hätte, das es zu lieben Ursache hätte; und formte sich mit in die Eigenschaften der seelischen Natur zu einem Gehilfen.

9,20.     Und das war der Schlangentreter1 welcher der Schlange eingeführtes Gift und dem Willen der Peinlichkeit mit der Liebe-Begierde wollte den Kopf zertreten. Dieselbe Infaßlichkeit kam dem Reiche der Natur zuhilfe und stellete sich mit in die Figur. Und die jetzt hungerige Natur nach der Gnaden ließ sich mit einfassen in ein Bilde der natürlichen Seelen und des Leibes.

1) 1. Mose 3,15 als Hinweis auf Christus

9,21.     Und dieses Bild war Abel eine Figur im Bilde Christi, bis solange in Erfüllung der Zeit dieselbe Infaßlichkeit der Liebe sich noch eines bewegte und in ein Ens des Wesens in menschlicher Eigenschaft infassete, also daß die Gottheit selber ein Wesen im menschlichen Wesen wäre; welches Wesen wohl zuvor in Adam lag, aber er wußte es nicht. Und da er sich mit dem eigenen Willen der Natur von diesem Wesen ausführte, so ward die Seele an Gott blind und lebte nur in sich selber.

9,22.     So wir nun jetzt sehen wollen und uns nicht selber blind machen, so sehen wir den Kain und Abel. Kain muß der erste sein, denn er ist Adams Bilde nach dem Fall, denn Adam war in das Reich Gottes geschaffen worden.

9,23.     Kain ist das Reich der Natur als ein wahres Bilde, was Adam in sich selber war außer der Gnaden. Und Abel ist das Bilde, was Adam in der wiedereingesprochenen Gnade war. Das deutete Christum an, der sich wollte in eine menschliche Natur eingeben und die Gnade der verderbten Natur in Kains Bilde einsprechen.

9,24.     Darum sagte Christus, ihm wäre alle Gewalt von seinem Vater übergeben worden, auf daß er Macht hätte, die Gnade in den Willen der Natur einzusprechen.

9,25.     So stellete nun Gott die Figur mit Kain und Abel, auch mit Ismael und Isaak, sowohl in Esau und Jakob dar, wie Gott wollte Christum in das Fleisch senden, welchen er allhie in Adam und Eva in der Stimme seines Worts in Kraft hatte eingesprochen als einen Quell zum Leben.

9,26.     Dieselbe Kraft wollte er mit menschlichem Wesen erfüllen, welches in Christo geschah, welchem Menschen Christo in derselben Kraft und Stimme war Macht gegeben worden, die Sünde durch seine eigene Stimme zu tilgen und die Natur wieder in ihm lebendig zu machen eines göttlichen Lebens.

9,27.     Sollte aber solches geschehen, so mußte die Gnade in der Kraft der Liebe in die Widerwärtigkeit der peinlichen Natur eingehen und in ihrem eigenen Willen sich einergeben, daß sie die Natur fassete. Und in dem Infassen der hohen Liebe ward die Natur in den göttlichen Liebe-Willen transmutieret und erstarb des eigenen gefasseten Willens, nicht als ein Sterben des Todes, sondern als eine Verlierung des eigenen Willens, welches in Christo in unserer Menschheit geschah.

9,28.     Wenn nun der eigene Wille sein Recht verlieret, so wird das eingesprochene Wort wesentlich, welches eher nicht sein mag, der eigene Wille der Scienz des Ungrundes übergebe denn sein Recht. Sonst zeucht er das göttliche Ens in die Eigenheit und wandelt das in seine Bosheit, wie Luzifer und sein Anhang tat, welche Engel waren und das göttliche Ens in sich hatten, darinnen ihr Licht ein Schein war. Aber der eigene Wille aus der Scienz des Ungrundes verderbte das.

9,29.     Wer will uns nun jetzt mit Grunde sagen, daß in Kain nicht sei die göttliche Stimme der Gnaden, welche in des Weibes Samen sich einsprach, gelegen? Welche Schrift saget das? — Antwort: Wohl keine. Denn als Gott sein Opfer ungnädig ansah, so ergrimmte er in sich über Abel als über Christi Figur, welche von ihm aus Adams Ente sich geschieden hatte. So sprach ja die eingeleibte Gnadenstimme in ihm: Herrsche über die Sünde und laß ihr nicht die Gewalt. Denn das mag Gottes Vorsatz im Zorne in ihm nicht sagen, sondern wohl die eingeleibte Gnadenstimme.

9,30.     Wie kam es aber, daß Kain über die Sünde nicht herrschte, konnte er denn nicht? Antwort: Nein, er konnte nicht. — Warum konnte er nicht; hatte ihn Gott verstockt, daß er nicht konnte? — Antwort: Gott hatte ihn nicht verstockt, sondern der adamische eigene Wille aus der Scienz des Ungrundes hatte sich in Adam mit der Imagination in die tierische Eitelkeit als in der Selbstbildung in Böses und Gutes eingeführet, darein der Teufel der Schlangen giftiges Ens eingeschmeißt hatte, welches Eva hatte eingenommen.

9,3. Dieses war die Verstockung im eigenen Willen. Denn der Vorsatz Gottes nach der grimmen Natur hatte sich darinnen in Kain gefasset und taub gemacht, daß er die eingeleibte Gnadenstimme nicht hören konnte. Denn ob er sie gleich von außen hörete, so hörete er sie aber nicht im Ente der Seelen, sonst hätte sich die Gnade beweget, daß die Seele über der Schlangen Gift geherrschet hätte. Er meinte, er wollte und sollte von außen über die Sünde herrschen, darum erhob er sich über Abel.

9,32.     Gleichwie die jetzige Vernunft meinet, von außen in einer angenommenen Weise die Kindschaft zu erreichen als mit auswendigen Werken durch eine Gnadendecke unter Christi Leiden und Tod als eine auswendige Genugtuum für die Sünde, derer man sich nur von auswendig dürfte trösten und annehmen, ob gleich der eigene Wille in der Schlangen Gift zur Herberge bliebe. Aber dieses gilt soviel als beim Kain, es werde denn der innwendige Grund angeregt, daß die Gnade in der Seele beweglich werde als die eingeleibte Stimme Gottes in des Weibes Samen, welche ist Christus in uns, daß die Seele Gottes Stimme in ihrer Essenz beweglich höret.

9,33.     So spricht die Vernunft: So die Gnadenstimme in Kain unter der Sündendecke gelegen ist, bewegte sie dann nicht Gottes Einsprechen, da er sprach: Herrsche über die Sünde und laß ihr nicht die Gewalt. Denn so er den inwendigen Grund der Seelen in der eingeleibten Gnadenstimme beweget hätte, so hätte er ihn inwendig in der Seelen gehöret, welche ein Herr des Leibes ist, so hätte sich der auswendige Grund nicht erheben mögen?

9,34.     Antwort: Die Stimme, welche zu Kain geschah: Herrsche über die Sünde und laß ihr nicht die Gewalt, — die war Gottes Gerechtigkeit in seinem Vorsatze, nämlich in dem sprechenden Worte, da die göttliche Stimme will, daß der eigene Wille der Scienz des ungründlichen ewigen Willens sich in eine göttliche Gebärung zum Guten einführen soll. Dasselbe Wort fordert Gottes Gerechtigkeit, daß er nicht das Böse will; und ist der wahre Grund des Gesetzes im Alten Testament. Aber er erreicht nicht die Gnade, denn er fordert das eigene Vermögen. Er ergibt sich auch nicht der Gnade, denn Gott bedarf keiner Gnade. Die Gnade muß sich in ihn einergeben als in Gottes Gerechtigkeit. Wie sich dann die Gnade, welche in Christo offenbaret ward als in der eingeleibten Gnadenstimme in Gottes Gerechtigkeit einergeben mußte, als nämlich dem ewigen einigen Vorsatz zur Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in seinem sprechenden Worte als in die Schiedlichkeit des Vaters; und mußte den Willen des Menschen, welcher von dem Vorsatz der Gerechtigkeit war abgewichen, in das Zornfeuer Gottes in sich und in seine Gerechtigkeit als in den Urstand der Seelen einführen und der Seelen Willen, welcher war aus der Gerechtigkeit abgewichen, in seinem Blute aus göttlichem heiligen Ente der Liebe ersäufen, auf daß die Seele in der Gnaden in derselben Liebe Blut in dem Vorsatz der Gerechtigkeit offenbar würde.

9,35.     Und darum mußte Christus in der Gerechtigkeit Gottes in unserer Menscheit in uns leiden und sterben, auf daß die Gnade in der Gerechtigkeit offenbar würde. Denn in Kain war sie nicht in der Gerechtigkeit Gottes offenbar, denn sie hatte noch keine Seele in sich genommen bis die Gnade in Christo die Seele annahm.

9,36.     So lag nun die Gerechtigkeit Gottes in der Seelen, denn sie war Gottes Bilde. So forderte Gott seine Gerechtigkeit von der Seelen, daß sie sollte über das Böse herrschen, gleichwie Gott über den abtrünnigen Willen der Teufel herrschte und sie von der guten Ordnung der Gerechtigkeit ausstieß, als die abtrünnig worden. Also auch allhie sollte Kain den Sündenquall von sich ausstoßen. Aber es war ihm nicht möglich, denn die Sünde hatte ihn als den freien Willen besessen, das menschliche Können war verloren und lag jetzt nun in dem andern Vorsatz der eingesprochenen Gerechtigkeit in die Gnade, daß die Seele ihren Willen derselben gebe und demselben Einsprechen stille stünde. Denn im Sprechen der Gerechtigkeit Gottes war in der Seelen jetzt eitel Not und Widerwillen. Denn die Gerechtigkeit forderte die Temperatur, nämlich Gott stille stehen, als sein Werkzeug, dadurch er seine Stimme wollte offenbaren. Aber das Werkzeug war zerbrochen und aus göttlicher Harmonei ausgegangen. Darum lag es jetzt nicht mehr an Kains Wollen, Laufen oder Rennen, sondern an der Gnade als am Erbarmen.

9,37.     So spricht nun St. Paulus: Er erbarmet sich, welcher er will, und verstocket, welche er will. — In diesem lieget nun der ganze Grund der Irrung in der Vernunft. Sie verstehet das Gnaden-Wollen nicht, wie das geschehe, denn was die Gnade will, das ist auch ein Wollen mit der Gnade.

9,38.     Denn die Gnade hat kein Wollen im Teufel oder in der Höllen, sondern in dem, was aus Gott geboren ist. Nicht ist das Gnadenwollen in dem Willen des Fleisches und Blutes noch in dem Willen eines Mannes eigenem Samen  (Joh. 1,13) sondern im göttlichen Ente. Nicht in Kains eingeführten Schlangensamen wollte die Gnade sich einsprechen, sondern viel mehr demselben den Kopf zertreten. Denn sie war ja auch aus Adams Seele entsprossen, sondern der Schlangen Samen in der Seele, aber der Schlangen Gift hatte die Seele in sich also und dem Zorne der Gerechtigkeit einergab, daß sie derselbe annahm und zum Werkzeuge brauchte, da die Gerechtigkeit in der Gnade den Menschen Christum als in seinem Vorbilde in Abel tötete.

9,39.     Denn durch menschliche Werke war die Sünde in die Seele kommen. Also mußte sie auch durch menschliche Werke in der Gnade in Gottes Gerechtigkeit getötet werden als es in der Menschheit Christi geschah durch Menschen-Töten von den Pharisäern, welche das Gesetze Gottes der Gerechtigkeit führten und hatten.

9,40.     Darum mußte Abel als Christi Vorbild und auch Christus selber durch Menschenwerke des eigenen adamischen Willens in Gottes Gerechtigkeit sterben; und mußten diejenigen, welche Gottes Gerechtigkeit im Grimme seines Vorsatzes ergriffen hatte, ein Werkzeug dazu sein, daß die Gnade von Gott in der Gerechtigkeit des Vorsatzes in dem Zorne offenbar würde. Denn es stehet geschrieben Matth. 18,7: Wehe dem Menschen der Ärgernis halben! Jedoch müssen Ärgernisse sein, auf daß die Gerechtigkeit und Wahrheit mitten in der Unwahrheit offenbar werde.

9,41.     Denn die Gnade wäre sonst nicht offenbar, so nicht das Falsche ein Gegensatz der Wahrheit wäre. Gleichwie der freie Wille nicht hätte mögen in der Gnaden offenbar werden, wenn nicht die Gerechtigkeit denselben ertötet hätte, welchen die Gnade, nachdem er den selbsterwählten Willen verlor, in sich lebendig machte, auf daß er nicht mehr ihm selber wolle und lebe, sondern der Gnade lebe und wolle, welche in Christo offenbar ward.

9,42.     Darum sind wir in Christo in dem Gnaden-Leben alle nur einer, denn wir haben das natürliche Leben der Gerechtigkeit Gottes in seinem ewigen Vorsatze verloren und bekommen die Kindschaft in der Gnade.

9,43.     Darum saget die Schrift: Gott will, daß allen Menschen geholfen werde, 1. Tim. 2,4. Nämlich die Gnade will solches, denn sie kann nichts anders wollen als Erbarmen, denn sie ist sonst nichts in ihrem eigenen Wesen.

9,44.     Aber die natürliche Gerechtigkeit im Vorsatze Gottes fordert die Seele in den Gehorsam göttlicher Ordnung ohne Gnade, denn sie ward nicht in die Gnade geschaffen, sondern in die Ordnung. Wo sie nun dieselbe nicht darinnen findet, da nimmt sie dieselbe in ihre Eigenschaft der Schiedlichkeit des Worts, derer die Seele ein Wesen ist. Also, ist sie ein falsches Ens, so nimmt sie dieselbe Gleichheit an; also auch in Kain zu verstehen ist, da sich der abgewichene adamische Wille habe in eine kreatürliche Eigenheit eingeführet. Und die Einführung derselben Seelen-Entis in das Schlangengift ist eine Distel1 welche der Gnade nicht fähig ist. Denn obwohl die eingesprochene Gnadenstimme darinnen im innern Grunde lieget, so wächset doch dasselbe Ens in eine Distel und kreuziget Christum in sich und wird an seinem Tode schuldig.

1) Unkraut, zugleich Sinnbild des Widergöttlichen

9,45.     Gleichwie der Sonnen Ens in der Distel sich muß stechen lassen, aber die Sonne entzeucht ihr den guten Willen als das heilige Leben, daß sie in einem guten Kraute sonst offenbarete und lässet die Distel aus ihrem Ente machen, was sie will, also auch gehet es dem gottlosen Distel-Enti der Menschen, wie die Schrift saget Prov. 20,20. Er lässet ihr Licht mitten in der Finsternis verlöschen als das heilige Leben in der eingeleibten Gnadenstimme.

9,46.     Sprichst du: Warum das? Denn so er das heilige Leben in ihnen offenbarte, so würde die Seele heilig? — Antwort: Nein, ein Exempel haben wir am Teufel, in welchem das heilige Leben offenbar war. Aber sein Willen-Ens war eine Distel. Also auch braucht ein Distel-Kind die Gnade nur zur Hoffart wie Luzifer. Denn Gott kennet die Scienz des Ungrundes, wie sie sich in Grund geformet oder offenbaret hat, ob sie eine Wurzel aus der Finsternis als aus dem finstern Feuerleben sei oder eine Wurzel aus dem scheinlichen Feuerleben.

9,47.     So sprichst du: So ist Kain eine Wurzel aus dem finstern Feuer, darum mag er die Gnade nicht erreichen? — Antwort: Nein, denn er war aus Adams Seele. Aber das finstere Feuer aus dem Zorne oder die Eigenschaft der finstern Welt hatte sich in die wahre Seele eingedränget, nicht von außen, sondern aus dem Centro hatte es sich emporgeschwungen, und zwar solches im Fall Adams. Aus welcher Wurzel Kain herkam. Darum mußte er ein Knecht sein der Gerechtigkeit Gottes, damit die Gerechtigkeit den freien Willen in Abel in der Gnade tötete.

9,48.     Denn in Adams Samen schieden sich die Eigenschaften, nämlich der wahre seelische, verstehet: der wahre seelische Wille, welcher im Anfang des Bildes Gottes im Vorsatze Gottes in der einigen Seelen offenbar war, welcher ein freier Wille war und aber vergiftet ward, daß er an Gott blind ward. Der scheidete sich im Tode seiner Selbheit, denn Gott sagte: Du wirst sterben, so du von Gut und Böse issest. Dieser trat ins Sterben, und in das Sterben sprach Gott seine Stimme ein, auf daß der erste Wille in der Gnaden wieder lebendig würde; und aus diesem kam Abel.

9,49.     Der andere, in der Sünden neugeborene Wille, welcher nicht im Anfange war gewesen, sondern im Falle entstanden war, der scheidete sich in das Natur-Leben. Der war Kain. Darum war dieser Wille ein Distel-Kind, welches Gott nicht geschaffen hatte, sondern es war aus dem Centro der Seelen gegangen.

9,50.     Nachdem die einige Seele aus der Temperatur ausging, daß sich der finstere Grund in Kain offenbarete, so kam die Finsternis in ein Wollen der Seelen, welches im Anfang nicht war. Nach der Seelen Wesen kamen sie beide, Abel und Kain, aus einer Essenz. Aber nach dem Willen scheideten sie sich. Nicht daß Abel sei rein und ohne Sünde geboren. Denn die Sünde ging ihm am Willen des Todes an, da es doch kein Tod recht ist, sondern die Stimme der Gerechtigkeit in der Gnade tötete ihn, auf daß sie ihn in ihr lebendig mache. Aber im Fleische war der Wille der Sünden offenbar. Darum tötete ihn die Gerechtigkeit Gottes durch Kain, denn er war auch nach dem Fleische dem Gesetze der Sünden untertan. Aber den Willen der Seelen hatte die Gnadenstimme in ihm getötet und in sich lebendig gemacht. Darum war er auch ein Vorbild Christi und im Bilde Christi instehend.

9,51.     Darum ist das der wahre Grund von Kains Verstockung, daß ihn nicht Gott aus seinem göttlichen Willen verstocket hat, denn der kann auch nicht, weil er allein gut ist. Alleine der neue entstandene Wille aus dem Centro der Seelen verstockte sich in eigener Begierde. Denn als die Begierde im Grimm der Natur in seine Gleichheit einging, so fand er in dem Vorsatz der Natur als in der Schiedlichkeit der Finsternis und des Lichts seine Gleichheit. Diese nahm ihn ein und besaß ihn, verstehet: den neuerstandenen falschen Willen, welcher ein Mörder und Knecht Gottes Zorns war. Aber die wahre geschaffene gebildete Seele aus Adams Essenz, darinnen die eingeleibte Stimme Gottes lag, die war noch nicht gerichtet oder zur Verdammnis prädestinieret (vorherbestimmt), wie die Vernunft also irret, welches Gerichte keinem Menschen zustehet, sondern der Gerechtigkeit Gottes.

9,52.     Und ist gar nicht also, wie etliche meinen, als ob Kain sei aus des Teufels Willen, aus der Schlangen Samen geboren worden, sondern aus Adams Seele und Leib. Aber Adams angenommener natürlicher Wille regierte ihn. Er war ein Bild des gefallenen, unwiedergeborenen Adams, in dem die Verheißung und die eingesprochene göttliche Stimme ohne ein wirklich Leben inne lag als eine wahre Möglichkeit zur neuen Geburt. Aber dieselbe Möglichkeit stund nicht in Kains Gewalt nach dem falschen Willen, sondern im Grunde der Seelen lag sie und wartete auf Christi Stimme, der in derselben Möglichkeit sich in dem teuren Namen Jesus erweckte und die armen Sünden zu Gnaden annahm und mit seiner Stimme in die verschlossenen Sünder einrief und denselben stillstehenden Grund der ersten Einsprechung erweckte, wie dem Schächer am Kreuz und vielen mehr also geschehen ist.

9,53.     Denn so das wäre, daß Gott in seinem vorgesetzten Willen hätte Kain verstockt, so möchte kein Gericht durch die Gerechtigkeit Gottes über Kain ergehen. Auch hätte kein Fluch in ihn mögen eingehen, denn was Gottes Vorsatz machte, das verflucht nicht Gottes Gerechtigkeit, wie Kain geschah.

9,54.     Denn die Gerechtigkeit ist die Ordnung des anfänglichen ausgesprochenen Worts, daß alle Dinge in der Ordnung stehen bleiben, wie sie das Sprechen in ein Leben hat eingeführet, und fället nichts ins Gerichte, was in seiner Ordnung, darein es geschaffen worden, stehen bleibet.

9,55.     So nun ein Wille aus Gottes Vorsatz, verstehet: aus göttlichem Vorsatz, den Adam und Kain verstocket hätte, so hätte die Gerechtigkeit keinen Einspruch, denn dieser Wille der Verstockung stünde in göttlicher Ordnung.

9,56.     Darum so ist der Wille zur Verstockung in Adam und Kain im Abfall entstanden, in der Ungleichheit der zerteilten Eigenschaften, da sich jede Eigenschaften im Wesen fasseten und das Bild im Lichte verdunkelten und töteten.

9,57.     Gottes Vorsatz ist das Centrum des menschlichen Grundes, welches das ausgesprochene und wiedersprechende Wort Gottes ist. Und ist derselbe gefassete menschliche Wille recht in demselben Vorsatz Gottes verstockt worden, wie die Schrift saget. Aber niemand will den Grund verstehen, sondern man saget nur Gottes Vorsatz tut es, und niemand will des Vorsatzes Grund forschen, daß er im Menschen selber liege und nicht in Gott.

9,58.     So Gott hätte einen Vorsatz zum Teufel gehabt, so wäre derselbe Vorsatz ein Wille des Teufels. Aber in der Schiedlichkeit des Sprechens ist der Vorsatz zur Bosheit in ein Principium getreten, und ist in sich selber in der gefasseten Schiedlichkeit aus dem Mysterio Magno offenbar worden, nach welchem sich Gott einen zornigen Gott nennet, und ist doch nicht Gott, sondern das Centrum der Natur als die Ursache göttlicher Offenbarung zur Freudenreich. Denn in Gott ist kein Zorn offenbar, sondern nur eine brennende Liebe.

9,59.     Denn so in Gott ein Wille zur Verstockung wäre, so wären diese Sprüche nicht wahr, die da sagen Psalm 5‚5: Du bist nicht ein Gott, dem gottloses Wesen gefällt, item Ez. 1,23 und 33,11: So wahr ich lebe, ich will nicht den Tod des Sünders; item die zehn Gebote, so das Böse verbieten.

9,60.     So Gott hat wollen haben, daß Kain den Abel tötete, so ist das fünfte Gebot nicht recht. Auch setzte Gott beim Kain eine schwere Strafe ein: Wer Menschenblut vergieße, des Blut sollte wieder vergossen werden durch Menschen, Gen. 9,6. So er es will haben, so dürfte (brauchte) niemand seine Gebote halten. Wo bliebe dann seine Gerechtigkeit und das Gerichte in der Wahrheit? Hos. 13,9. saget die Schrift: Israel, dein Unheil kommt aus dir selber.

9,61.     So sollen wir nun niemand verdammen als nur die Laster und Sünden, so an dem Gottlosen offenbarlich erscheinen. Denn diese gehen aus dem kainischen und adamischen entstandenen eigenen Willen, aus dem Centro der finstern Welt, welchen Willen Gott im Menschen im Anfange nicht hat offenbaret oder erboren, sondern der Teufel ist schuld daran.

9,62.     Diesen falschen Willen in seinem Wesen und Tun sollen wir verdammen und nicht die arme Seele, welche in diesem schweren Gefängnis in der eingesprochenen Gnadenstimme verborgen lieget; welche Gnadenstimme der ersten Einleibung (Menschwerdung) im Paradeis nach dem Falle wohl mag durch Christi Stimme erwecket werden durch seine Kinder, in denen der Geist Christi wohnet, wie am Schächer am Kreuze, am Zöllner, auch an Maria Magdalena und viel hunderttausend armen gefangenen Seelen geschehen ist. Denn die Schrift saget 1. Tim. 1,15: Es ist ein teures, wertes Wort, daß Jesus Christus kommen ist in die Welt, alle armen Sünder selig zu machen. — Und Apok. 3,20 stehet: Er stehe vor der Türe und klopfe an, nämlich an der armen gefangenen Seelen Türe; und Matth, 11,28: Kommt zu mir, alle Mühselige und Beladene, ich will euch erquicken.

9,63.     Er stehet in dem inwendigen, in Adam eingesprochenem Grunde der Gnaden, im Centro der Seelen, und rufet ihr, solange die Seele den Leib auf Erden träget, ob die arme Seele sich wollte gegen ihn wenden. So spricht er alsdann, wenn es geschieht, daß sie sich zu ihm wendet: Klopfe an, so wird dir aufgetan! Klopfe an die eingeleibte erste Gnadenstimme, so wird sie sich bewegen. Item: Bittet, so werdet ihr nehmen; item: mein Vater will den Hl. Geist geben, denen die ihn darum bitten, Luk. 11,9.13.

9,64.     So lieget es nun jetzt nicht am Selber-Können und -Nehmen, sondern am Bitten und Anklopfen, denn die Gnadenverheißung hat sich in Christo Jesu in das Bitten eingesprochen, daß sie sich will dem Bitten einergeben. Denn es stehet geschrieben: Christus ist kommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist, Matth. 15,24 und 18,11.

9,65.     Frage: Wer sind nun die Verlornen? — Antwort: Kain, Ismael, Esau und alle in der Sünde gefangenen verstockten Menschen. Diese ist Christus kommen zu suchen und selig zu machen, und will, daß sie nicht verloren werden. Aber den selbsterbornen falschen Mörder in Kain will er nicht, auch nicht den Spötter in Ismael, sowohl den Jäger in Esau will er auch nicht, sondern den wahren Grund der erstgebornen Seelen, in welchem die Gnadenstimme lieget.

9,66.     Darum daß er den Spötter Ismael nicht will, so stieß er ihn mit seiner Mutter aus dem Hause, verstehet: den Spötter in Ismael als den selbstgefasseten und in Adam entstandenen bösen Willen, samt der Hagar als die schiedliche Natur, verstehet: die zertrennte Eigenschaft der Natur.

9,67.     Erstlich entlief Hagar von Sara und wollte sich nicht züchtigen lassen, denn sie wollte mit dem Spötter herrschen in Abrahams Gütern. Als sie aber in die Wüsten kam, sprach der Engel Gottes zu ihr: Wo kommst du her, Sarai (Abrahams Weib Sara) Magd? Und sie sprach: Ich bin von meiner Frauen entflohen. Und er hieß sie wieder umkehren und sich vor der Frauen demütigen, und sprach weiter zu ihr: Ich will deinen Samen also mehren, daß er vor großer Menge nicht soll gezählet werden. Du bist schwanger und wirst einen Sohn gebären, des Namen sollst du Ismael heißen, darum daß der Herr dein Elend erhöret hat. Er wird ein wilder Mensch sein, seine Hand wider jedermann und jedermanns Hand wider ihn; und wird gegen alle seine Brüder wohnen. Gen. 16,8-16.

9,68.     Diese Figur (Gleichnis) stellet uns den wahren Grund vor, wie Adam mit dem Reiche der Natur sei von Gott ausgelaufen in die Wüsten der tierischen Eigenschaften als von der Freien welche ist die Temperatur, und ist in der eigenen Begierde als in dem eigenen entstandenen Willen des Spötters schwanger worden. Nämlich das Reich der Natur hatte sich in den Eigenschaften getrennt, daß je eine wider die andere ging, wie allhie von Ismael wird: seine Hand wider jedermann, und jedermanns Hand wider ihn. Aber die Eigenschaften der Natur waren darum nicht von Gott abgetrennt, wie allhie bei Hagar zu sehen ist. Denn der Engel sprach zu ihr: Er wollte ihren Samen also mehren, daß er vor großer Menge nicht sollte gezählet werden. Aber sie sollte wieder umkehren zu der Freien und sich unter ihre Hand demütigen. Das deutet an die Buße und Umkehrung des armen Sünders, daß ihm Christus mit seiner Stimme in ihm in seiner Wüste der Welt begegnet und ihn tröstet, und spricht ihm ins Gemüte ein: Ich habe dein Elend erhöret, du arme gefangene Seele, in dieser Wüstenei. Kehre wieder um, du bist ja des Spötters schwanger aus dem Reiche der Natur deiner Konstellation, und wirst ihn gebären. Aber ich will dich segnen, und sollst aus dem Reiche der Natur zwölf Fürsten gebären, welche sollen in meinem Segen kommen, derer Samen (Nachkommen) nicht mag gezählet werden vor großer Menge. Und wie der arme Sünder, wenn er nur in diesem Rufe des Engels wieder umkehret in dieselbe zwölfapostolische Gnade kommt, aber er muß wieder zur Freien gehen mit der Seelen Willen. Der Spötter aber wird in seiner Konstellation mit einem eigenen Willen geboren, welcher Wille nicht soll Gottes Reich erben.

9,69.     Denn Abraham mußte den Spötter hinaus aus der Erbschaft der Güter stoßen, aber nicht ohne Geschenke. Denn solches wollte die Freie als die Temperatur im Reiche Christi haben, daß der spöttische eigene Wille verstoßen würde. Welche Freie die Sara andeutet, welches Gott dem Abraham in Christi Figur hieß willigen. Das Geschenke aber, das Abraham der Hagar und Ismael mitgab, das deutet nun das wahre Geschenke im Paradeis an.

9,70.     Als Adam ausgestoßen ward, so gab ihm Gott von ehe das Geschenke als das eingesprochene Gnadenwort. Und in demselben Geschenke stund der Segen. Aber das Reich der Natur mußte die zwölf Fürsten geben. Das deutet an, daß die Seele      aus der ewigen Natur her sei, und dieselbe Ordnung müsse bleiben; es könne keine neue Kreatur in dem Menschen hervorkommen, ob sie gleich in den zerteilten Lebensgestalten einen Spötter geben, so sei doch der inwendige Grund Gottes Wort.

9,71.     Darum soll die Natur nicht vergehen, sondern nur der falsche selbstentstandene Wille aus der Ungleichheit soll ausgestoßen werden und sterben. Dessen haben wir allhie die Figur. Denn als Hagar mit Ismael ausgelaufen war und sie doch      noch des Ismael schwanger war, daß sie der Engel tröstete, so hieß sie den Namen des Herrn, der mit ihr redet: »Du Gott siehst mich«, das ist: du siehst meinen inwendigen Grund der Seelen, darinnen das adamische Geschenke inne lieget, denn sie sprach: Hier habe ich gewißlich gesehen den, der mich hernach angesehen hat. Das ist, die arme Seele sprach: Ich war von der Freien — nämlich der Temperatur, von Gottes Reich — ausgelaufen und war blind worden an Gott. Nun aber hab ich den gesehen, der mich in meinem Blende mit seinem Einsehen der Gnade angesehen hat. Das ist: Hernach sah er mich, da ich schon blind war an Gottes Sehen, das heißet hernach, da schon das Reich der Natur war ein Spötter worden mit dem neuen Willen. Darum hieß sie denselben Brunnen einen Brunnen des Lebendigen, der mich angesehen hat, welcher Brunnen ist zwischen Kades und Bared.

9,72.     Dieser Brunn ist Christus in dem eingesprochenen Gnadenworte. In demselben Gnadenworte des Schlangentreters ist der Brunnquell der süßen Liebe Gottes in dem Namen Jesu aus Jehova. Der ist der Brunn des Lebendigen, der die arme Seele nach dem Fall ansah und der die Hagar und Ismael im Mutterleibe ansah. Denn der Spötter aus den zerteilten Eigenschaften der Natur als derselbe spöttische Wille war ihr angedeutet, daß er würde aus dem Reiche der Natur urständen, welchen die arme Seele in ihrem Gefängnis und Blindheit würde müssen tragen. Aber Gott habe ihr und des Knaben Elend angesehen aus dem Brunnen des Lebendigen als im Centro der Seelen in ihrem inwendigen Grunde. Denn der auswendige werde wohl ein Spötter sein. Aber Gott wollte ihm aus dem inwendigen Grunde, da sich die Gnade hatte darein verleibet, zwölf Fürsten hervorbringen, deren Same unzählig sein würde. Aber auswendig würde die Natur in zwölf Fürsten der verderbten Natur im Regiment stehen, als dann zwölf Fürsten äußerlich aus ihm kamen. Also deutet der Geist Gottes in Mose auf den innern Grund, und wir sehen das klar vor Augen.

9,73.     Denn als Ismael geboren war, so war der auswendige Grund nach dem verderbten Reiche der Natur ein Spötter. Diesen hieß Gott ausstoßen. Als er aber ausgestoßen ward und die Hagar den Knaben von ihr weggetan hatte, daß sie ihn nicht sehen dürfte, wie er stürbe in der Wüsten, so lag der Knabe Ismael und weinete. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief vom Himmel der Hagar zu und sprach: Was ist, Hagar? Fürchte dich nicht, stehe auf, nimm den Knaben und führe ihn bei der Hand; denn ich will ihn zum großen Volke machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, daß sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllete die Flasche mit Wasser und tränkte den Knaben. Und Gott war mit dem Knaben, Gen. 21,17-20. Und sie wohnten in der Wüste Bersaba bei dem Brunnen des Lebendigen und Sehenden.

9,74.     Diese Figur ist also sonnenklar und offenbar wider die irrigen Meinungen, die da Ismael richten und verdammen, daß sie nicht klarer sein könnte, wenn sie nur ihre irrige Meinung sehen möchten. Denn der Spötter Ismael im äußern Reiche der Natur war böse und aus der Kindschaft verstoßen. Aber als er lag und weinete, welches die Buße andeutet, so tat Gott der Hagar als dem Reiche der innern Natur nach der Seelen die Augen in dem eingeleibten Gnadenbrunnen auf, daß sie den Brunnquell Christi sah, und tränkte den Knaben als die arme Seele aus dem Brunnen zu Bersaba, als in den zerteilten Lebenseigenschaften.

9,75.     Welches Tränken die Taufe samt der Beschneidung andeutet, da Christus aus seinem Brunnen wollte die zerteilten Lebensgestalten in ihrem Durste tränken. Aber Ismael, der Spötter nach der äußern Natur, sollte von ehe durch die Beschneidung abgeschnitten werden, welches durch Buße und Abwerfung des spöttischen Willens geschieht. Alsdann taufet Christus aus dem Brunnen des Lebendigen und Sehenden mit dem Hl. Geiste. So wohnet alsdann die Seele bei demselben Brunnen und Gott ist mit ihr wie mit dem Ismael.

9,76.     Denn nicht der spöttische Wille ist der Same, welchen Gott segnete, sondern der innere Grund in dem Gnadengeschenke. Denn Gott sprach zu Abraham: In Isaak soll dir der Same gesegnet sein, als in Christo soll Ismael den Segen haben. Denn nicht der verderbte Naturwille soll der Erbe sein in Gottes Reich, sondern er soll allezeit verstoßen sein. Aber die Natur in ihrem Grunde und Urstande ist Gottes Wort als das ausgesprochene Wort in seiner Schiedlichkeit, darinnen der Brunnquell des Lebens aus Jehova ist, als der Quell der Liebe im Namen Jesu entsprossen; der soll es erben.

9,77.     Diese innerliche Natur deutet auch an den Japhet, Gen. 9,27, welchem der Geist Noahs sagte, er sollte in Sems Hütten wohnen, nämlich in Isaaks, das ist: in Christi Brunnen. Die Hütte Sems deutet an die neue Geburt aus Christo, darein Japhet und Ismael sollten kommen. Denn der Text saget: Und Gott war mit dem Knaben Ismael, nicht aber mit dem Spötter, sondern im inwendigen Grunde, welcher sollte in Christo offenbar werden. So denn Gott mit ihm gewesen und er samt seiner Mutter haben bei dem Brunnen des Lebendigen als bei Christo in seinem Gnadengeschenke gewohnet, wer will ihn denn verdammen, wie die irrige Welt tut? Wohl recht wird der äußere Ismael als der Wille der Spötterei verdammet, aber nicht Abrahams angeerbte rechte Natur aus dem Segen, sondern Abrahams irdischer Wille aus der Schlangen Samen.

9,78.     Denn Ismael ist ein Bild des Reichs der Natur nach dem armen verderbten Adam, welcher in uns muß sterben und verwesen und aber nach dem erstgeschaffenen Bilde in Christo wieder auferstehen und den Spötter Ismael in der Erden lassen. Und Isaak ist ein Bild des neuen Menschen, in der Menschheit Christi, da Adams Natur und Christus ineinander sind, da der falsche Wille in Christo tot ist. Obwohl Adams Natur allda ist, so lebet sie aber im Geiste Christi, Gal. 2,20.

9,7. Darum nahm Jesus Adams Natur an sich, aber nicht Adams selbsterbornen falschen Willen, sondern die arme zertrennte Lebensgestalt in der Natur in Gottes Gerechtigkeit und Vorsatze, auf daß der erste Adam in Christo in seiner Gerechtigkeit bestünde.

9,80.     Also war Ismael aus dem Bilde der Gerechtigkeit Gottes, das er in Adam schuf, und Isaak im Bilde der Gnaden, das sich in Christo in Gottes Gerechtigkeit eingab und sie mit Liebe erfüllete und den Zorn stillete. Denn Christus sollte den Spötter in Ismael, welcher war in Gottes Gerechtigkeit offenbar worden, mit seiner Liebe-Tinktur seines Bluts verwandeln, daß er könnte in Christo wieder zur Kindschaft kommen, daraus ihn die Gerechtigkeit als aus Abrahams Gütern hatte ausgestoßen, als vom Erbe der Natur des geformten und ausgesprochenen Worts Gottes.

9,81.     Die Figur mit Jakob und Esau ist nun das Gegenspiel, wie Christus aus dem Reiche der Natur ihres erbornen falschen Willens ausgestoßen werde. Denn als er hatte unsere Sünde in der adamischen Natur, verstehet: den Quell, daraus die Sünde quallet, als die zerteilten Lebensgestalten in menschlicher Natur, auf und an sich genommen, so sprach er darnach Joh. 18,36: Mein Reich ist nicht von dieser Welt, als in den zerteilten vier Elementen, sondern in der Temperatur.

9,82.     Weil aber Christus die Menschheit in den zerteilten Eigenschaften hatte angenommen, so wollte ihn die Gerechtigkeit der äußern Ordnung in sich auch nicht dulden, denn er war aus einer andern als aus der himmlischen Gerechtigkeit entsprossen und kam in unsere arme Menschheit, in dieser Welt Eigenschaft, uns zu helfen.

9,83.     Darum sagt er: Des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege, Matth. 8,20, und sagte doch auch, ihm sei alle Gewalt gegeben im Himmel und auf Erden von seinem Vater, Matth. 28,18. Da meinte er den innern Grund aller Wesen, nämlich die Ewigkeit, welche in dieser Welt verborgen heget und in Christo war offenbar worden. Dieselbe Offenbarung war nicht in dieser Welt daheim und besaß nichts von dieser Welt Wesen zum Besitz und Eigentum.

9,84.     Dies Bild, wie Christus sollte von dieser Welt ausgestoßen und vertrieben werden, das war Jakob, welchen sein Bruder Esau als das Reich der äußern Naturgerechtigkeit immerdar wollte töten, daß Jakob vor Esau mußte fliehen, wie auch Christus vor der pharisäischen Gerechtigkeit im Reiche der Natur, bis solange, daß Jakob mit seinem Geschenke von Laban kam und zu Esau einging und sich ihm ergab, ob er ihn tötete oder lebendig ließe. Aber Jakob war noch nicht der rechte, welchen die Gerechtigkeit der Natur in Gottes Vorsatz sollte fassen und töten, sondern Christus war es.

9,85.     So sehen wir nun allhie abermal die Figur Christi und Adams, so war Esaus Zorn zerschellet und in große Erbarmung gestellet, daß er Jakob um den Hals fiel und weinete, Gen. 33,4 und ihm nichts tat, sondern in Liebe annahm. Also ist die Figur von Christo in unserer Menschheit.

9,86.     In unserer Menschheit lag der Zorn des Vaters als der zornige Esau in der Gerechtigkeit im Zorne erweckt, wie Esau wider Jakob. Aber Christus schickte sein Gnadengeschenke als die Liebe in seinem Blute von der himmlischen Welt Wesen dem Zorne des Vaters in unsere Natur in Gottes Gerechtigkeit als in die erste adamische Geburt, der Natur entgegen. Und als sie diese in sich sah und fühlete, so ward Gottes Zorn in seiner Gerechtigkeit der Natur in große Erbarmung gesetzt, davon der Zorn all sein Recht verloren und zerschellet war, davon die Sonne ihren Schein in Gottes Gerechtigkeit verlor und die Erde in dieser Zerschellung erbebte, die Felsen zerklüben und die Toten, welche Gottes Gerechtigkeit hatte im Tode verschlungen, in dieser Erbarmung aufstunden.

9,87.     Denn dem Esau war es um die Gerechtigkeit der Erstgeburt zu tun, welche er Jakob verkauft hatte, und doch nicht wußte wie es Gott also geschickt hatte, daß er die Figur Christi und Adams also vormalte. Und darum feindete er den Jakob an, daß Jakob den Segen Abrahams hatte. Denn die Gerechtigkeit des eigenen Naturwillens wollte ihn in Esau als in Adams verderbte Natur haben. Aber die Natur des eigenen Willens hatte das Erbe Gottes verloren, das brachte der andere, neue Adam in Christo wieder in die Natur. Also mußte nun das erste Recht als das erste natürliche Leben sterben und in Christo wieder lebendig werden, und konnte Esau in seinem Jäger Gottes Reich in der Gerechtigkeit nicht erben, sondern er war ausgestoßen, auch noch im Mutterleibe, da die Kinder weder Böses noch Gutes getan hatten, auf daß Gottes Gerechtigkeit in seinem Vorsatze der Schöpfung der Kreaturen genug geschehe.

9,88.     Aber in Christo nahm er ihn (Esau) nach dem Gnadengeschenke nach dem innern Grund des rechten adamischen Menschen wieder an; nicht nach dem Rechte seiner Lebensnatur, darinnen er Esau hieß oder genennet war. Denn des »E« ist der innere Grund, da das paradeisische Geschenke innen lag. Aber die »sau« war das verworfene Tier des Reichs, des eigenen Willens nach der Irdigkeit, von dem die Schrift saget Röm. 9,13: Esau hab ich gehasset, da er noch im Mutterleibe war, auf daß die Wahl Gottes bestünde, daß nicht Esau in seinem falschen eigenen Naturleben sollte Gottes Kind sein, sondern Christus in der rechten adamischen Natur in Esau.

9,89.     Die adamische Natur sollte ihr Recht ganz in »sau« verlieren nach ihrem Willen und Leben. Aber das Wesen der adamischen Natur, welches war das geformte ausgesprochene Wort Gottes, sollte in Christo bleiben und mit dem Geschenke Christi im Zorne versöhnet werden; welches Bild war, da Jakob dem Esau das Geschenke entgegenschickte und ihn seinen Herrn hieß. Da ward der Zorn in Esau wegen des Naturrechts versöhnet und hub an, sich in die größte Erbarmung einzustellen, und fiel dem Jakob um seinen Hals und küßte ihn und gab seinen Willen in die Erstgeburt in Jakob, Gen. 33,4.

9,90.     Denn Christus mußte sich ganz in den Tod eingeben und das menschliche Naturrecht seinem Vater als der Gerechtigkeit untergeben. Da starb Esau ab. So weckte Gott den ersten Adam als den rechten Menschen, der in Gottes Vorsatze war geschaffen worden, in der Gnade der Liebe, welche hatte die Gerechtigkeit vor Gott erfüllt, auf; da war es nicht mehr Esau, sondern ein Glied Christi.

9,91.     Daß aber die Schrift also auf die Prädestination gehet, das ist gar recht. Denn Esau ist das Bild Gottes Zornes, das in Adam entstund. Und das ist verdammt, auf daß der Gerechtigkeit Gottes genug geschehe und der Reichtum seiner Gnade in Jakob als in Christo in Gottes Gerechtigkeit offenbar werde. Denn das Leben in dem Naturwillen, das Esau hieß, war Adams neues Leben nach den aufgewachten Eigenschaften der finstern Welt, wie auch bei Kain und Ismael also. Dieses Leben hatte Gottes Gerechtigkeit im Zorne ergriffen und sich darin offenbaret. Und das war verdammt, aber nicht der seelische Grund als das ganze Centrum der Natur, nämlich das geformte Wort nach der Seelen, das war darum nicht von Gott verstoßen; nein, nein, sie waren aus den Kindern der Heiligen entsprossen, nicht von der »Sau« wie jetzo in vielen geschieht, da der innere Grund voll Teufel ist.

9,92.     Das Gnadengeschenke der eingeleibten Stimme lag im innern Grunde, aber nicht im Ente des Lebens als wie in Jakob, Isaak und Abel, welches Ens Christus war, der sich mit seiner Stimme in dieses eingesprochene Wort, in dem innern Grund der armen Seelen im Zorne Gottes gefangen, einsprechen wollte, wie geschrieben stehet: Ich bin kommen, zu suchen und selig zu machen, das verloren ist, — nämlich den Ismael, Esau und ihresgleichen, welche in Gottes Haß ergriffen und verloren waren. So sagte Christus nun, er wäre kommen, den armen Sünder zu suchen, der verloren wäre, und nicht den Gerechten, Matth. 9,13.

9,93.     Denn Jakob, Isaak und Abel waren die Gerechten, denn die Gnade hatte sich in ihnen offenbaret und den eigenen Willen der Sünden im Seelenleben ertötet und sich dem wahren erstgehabten Lebensgrunde zu einem neuen Leben eingegeben. Also waren sie nun in demselben neuen Leben gerecht und hatten Frieden mit Gottes Gerechtigkeit, verstehet: nach der Seelen. Aber nach dem äußern Leben waren sie noch unter dem Fluche. Darum mußte ihr äußerer Leib sterben. Denn nicht sie selber von Natur waren die Gerechten, sondern die Gnade machte sie gerecht; welche Gnade in ihnen in ein Ens des Lebens sich einergab, darinnen das Leben brannte, welches neue göttliche Feuer den Haß Gottes Zorns in Liebe wandelte, darinnen sie gerecht waren.

9,94.     So sprichst du: Warum auch nicht also in Kain, Ismael und Esau? — Antwort: Nein, der Vorsatz Gottes muß bestehen, nämlich die Ordnung seines ausgesprochenen Worts. Er wendet dasselbe nicht wieder zurücke; sein Zorn mußte nicht getötet und zerbrochen werden, denn er ist eine Ursache, daß die Gnade offenbar würde. Dazu ist er die Ursache, daß die Gnade in Freudenreich verwandelt wird. Auch ist er die Ursache, daß die Gnade eine feurische Liebe wird. Christus aber ist der andere Vorsatz. Denselben offenbarete er in Abel, Isaak und Jakob, und stellete die Figur dar, wie es gehen sollte.

9,95.     Denn Christus sollte in der Gerechtigkeit Gottes Zornes offenbar werden, daß erkannt würde, was Gnade wäre. Adam stund in Gottes Gnade und in seinem Zorn. Aber in der Temperatur war keines in seinem Leben offenbar, denn sie stunden in gleichem Gewichte. Sollte nun die Gnade offenbar werden, so mußte der Zorn vorhin oder zuerst offenbar werden, auf daß die Gnade geursachet würde, sich im Zorne zu bewegen, und dem Zorne zu ergeben und ihn zu tilgen; welches Einergeben und Tilgen die Ursache der göttlichen Freudenreich und feurischen Liebe im Leben des Menschen ist, daraus Gottes Erbarmen auch Glauben, Liebe und Hoffnung als das Vertrauen in Gott, seinen Urstand im Menschen genommen hat, welches in der Temperatur nicht sein mochte.

9,96.     Denn ein Ding, das in gleichem Gewichte inne stehet, das hat kein Bewegen oder Begehren zu etwas. Es ist eines und ist sein selber. Wenn es aus der Temperatur ausgehet, so ists viel, dazu zerbrechlich, und verlieret die Selbheit. Dem tut nun Hilfe, als Gnade und Erbarmen not. So aber das nicht bald geschieht, daß ihm geholfen wird, so tritt es doch in die Hoffnung. Und so der Hoffnung zugesaget wird, daß ihr soll Hilfe geschehen, so tritt es in Glauben. Und der Glaube ursachet die Begierde in der Hoffnung. Und die Begierde nimmt die Zusage in sich ein und fasset dieselbe in sich, daß sie wesentlich wird. Und in demselben Wesen ist nun die Gnade und das Erbarmen. Denn dasselbe Wesen wird in der Zusage genommen und in Wesen gefasset; welches Wesen sich dem ersten Rechte, das das Ding in sich gemacht hat, einergeben muß. Und so das geschieht, findet das erste machende ein neu Leben in sich, das aus der Hoffnung und aus dem Glauben und der Begierde mit dem Insich-Fassen entstanden ist, und findet, daß es mehr geistlich ist als das erste, daraus das Ding entstanden ist. Darum kann es ihm nicht Widerstand tun, sondern muß das geistliche Leben lassen in sich wohnen.

9,97.     Und allhie urständet die Wiederbringung des ersten Wesens, das sich zerbrochen hatte, und daß der letzte Leib besser ist als der erste, denn er ist ganz geistlich, aus Glauben, Hoffnung und Liebe erboren. Denselben entzündet das erste Feuer mit seiner Begierde, davon die feuernde Liebe entstehet.

9,98.     Also verstehet uns doch nur recht: Adam war das ganze Bild Gottes in Liebe und Zorn. Aber er stund in der Gleichheit der Eigenschaften, und war keines vorm andern offenbar. Als er sich aber durch des Teufels Trug und Lust verführen ließ, so zerbrach dasselbe Bild und entschieden sich die Eigenschaften der Temperatur. Nun tat ihm Hilfe not; so sprach ihm Gott das Wort ein. Das nahm die hungerige Begierde nach der Hilfe an und faßte das und setzte seinen Willen darein als in eine Hoffnung, daß ihm würde geraten werden. Und die Begierde fassete die Hoffnung in ein Ens des Wesens. Jetzt ward das eingesprochene Wort wesentlich und hieß Glaube, als Einnehmen, das die Scienz des ewigen Willens in sich nahm und sich darein ergab. Denn dieses Wesen war edler als das erste aus dem Vorsatz des gesprochenen Worts. Also ging die feurische Liebe aus dem Zornfeuer in dem Vorsatze der ewigen Natur an. Denn dies Ens des Glaubens war unzerbrechlich und bestund im Zornfeuer. Und in diesem Einnehmen des Zornfeuers ward das Feuer des Grimmes in die freudenreiche Liebe gewandelt.

9,99.     Und dieses ist nun der Grund Christi aus dem eingesprochenen Worte. Der scheidete sich in Adam in eine eigene Figur in dem Ente der Natur. Daraus kam Abel, und aus der zerbrochenen Figur kam Kain. Nun hatte aber Abel auch Kains Natur in dem Glaubens-Ente, darinnen die Seele stund. Aber der zerbrochene Wille war verwandelt in einen ganzen, denn die Zerbrechung ruhete im Ente des Glaubens; das war Christi Figur. Nun war aber Adams Seele zugesagt, verstehet: der zerbrochenen Natur der seelischen und des Leibes Eigenschaft, daß des Weibes Same sollte der eingeführten Schlangeneigenschaft den Kopf zertreten und Adam helfen. Also mußte derselbe Schlangentreter eine andere Person sein als Adam, in welchem Gott offenbar wäre, der das tun könnte und der in Adam das eingesprochene Wort erweckte, das ist: auch die Macht und Kraft des Einsprechens hätte.

9,100.   Denn obwohl das Einsprechen in Adam lebendig und offenbar war, so war es aber doch um seine Kinder zu tun, welcher eingesprochene Grund mit der Sünden bedecket und noch nicht geschieden war wie mit Kain und Abel, und auch darum, daß das menschliche Ens in dem Sünder, welches Gottes Gerechtigkeit im Zorn ergriffen hatte, eine Gnadenstimme hätte, die in ihn einsprach und den innern ersten eingesprochenen Grund des Worts göttlicher Kraft erweckte.

9,101.   Denn der Gott Jehova sprach den Namen Jesus in Adam, nach dem Fall, in ein wirklich Leben, das ist: er offenbarte ihn im himmlischen Ente, welches verblichen war. Derselbe Name Jesus ward in der Seelen, indem ihn Gott in die Seele einsprach, ein Leben; durch welch Einsprechen der Seelen Adams wieder eine göttliche Begierde aus dem Sterben erwecket ward. Dasselbe fassete der Seelen erweckte Begierde in sich, und dieselbe erweckte Begierde ward der Anfang des Glaubens. Die scheidete sich von der falschen Begierde Eigenschaft in ein Bild als in ein Ens; daraus kam Abel; und aus der adamischen Seelen Eigenheit nach der irdischen Lust kam Kain.

9,102.   Nun lag aber im Grunde der Seelen Eigenheit in dem kainischen Ente auch der Schall des Worts, das Gott einsprach. Aber dies Ens war des göttlichen Lebens im Einsprechen des Worts nicht fähig, denn der aufgewachte Grimm Gottes in seinem Vorsatze des Aussprechens zur Natur in der Schiedlichkeit war darinnen offenbar worden. So bedurfte jetzt dasselbe seelische Ens eines andern und noch mehr Einsprechens in das ausgesprochene Wort, daß es auch lebendig im Seelen-Ente wurde.

9,103.   Dieses mochte nun nicht geschehen, es käm denn aus einem göttlichen Halle oder Einsprechen, da das Sprechen zugleich aus göttlichem Leben und auch aus seelischem Lebensgrunde ging, da eine göttliche heilige Seele wäre, die sich der verderbten und an Gott blinden Seele in seelischer und göttlicher Kraft einspräche, daß die seelische in das Seelische und die göttliche in das Göttliche einginge und sich eines im andern aufweckte.

9,104.   Denn darum war es Gott zutun, daß er die arme verderbte, recht adamische Seele nicht wollte verlassen, sondern stellete sie in Kains Bilde dar und stellete den Namen Jesus in der andern Linea gegen ihn, darinnen auch der seelische Grund war, daß sich der Name Jesus mit dem neuen Leben des seelischen Grundes in Kains Seele einsprechen sollte. Und dieses Bild war Abel, aus welcher Linea Christus nach unserer Menschheit kam. Und der war kommen, den armen, im Haß Gottes gefangenen Sünder zur Buße zu rufen. Der hatte eine menschliche in Gott neugeborne Seele, und konnte in die Seele und auch in das eingesprochene Wort Gottes, im Paradeis geschehen, einsprechen und die Seele in einem neuen göttlichen Hunger in sich erwecken, daß sie dies eingesprochene angeerbte Wort in sich einnahm, davon ihr auch ein neu Leben entstund.

9,105.   Darum versteht uns recht, wir reden teuer, als wir es wohl erkennen in Gottes Gnade. Das Bild Kains, Ismaels, Esaus und ihresgleichen sind alle unwiedergeborne Menschen und sie sind der rechte Adam nach dem Fall. Diese rufet Gott mit seinem einsprechenden Worte, das er uns in Christo gelehrt hat und das er noch heute in den neugebornen Kindern in diese verderbte adamische Kinder einspricht und sie damit rufet: Kommt alle zu mir? — nicht nur etliche, sondern alle.

9,106.   Und das Bild Abels, Isaaks und Jakobs sind alle Menschen, welche sich durch das Einsprechen lassen erwecken, in denen das göttliche Einsprechen anfängt. Diese bekommen in der Seelen ein neu Leben und Willen als einen göttlichen Hunger, welcher Hunger das erste paradeisische eingeleibte Wort in sich in dem Namen Jesus anfängt, infasset und wesentlich machet. Da alsdann Christus in ihnen geboren ist und sie nach demselben neugebornen Grunde nicht mehr in dieser Welt sind, sondern im Himmel. Denn es ist selber der heilige Himmel als der wahre Tempel Gottes, da Gott Mensch und Gott innen ist, da das Wort Fleisch wird, verstehet: himmlisch geistlich Fleisch, welches heilige Seelenfeuer von Christi Fleisch isset und sein Leben davon hat.

9,107.   Also stellen wir euch nun das Verständnis mit Esau vor, da die Schrift saget, er habe Esau gehasset und Jakob geliebet, da die Kinder weder Böses noch Gutes getan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde, Röm. 9,11.13. Esau war Adams verderbtes Bild, und Jakob war das Bild Christi. Das zeiget Gott allhie in der Figur, wie der Haß im Vorsatze des ausgesprochenen Worts sei in Adam offenbar worden, darinnen er im Tode und Gottes Zorn lag und ein lauterer Haß Gottes war. Denn das heilige Leben war tot, dessen Bild war Esau. Er war in Gottes Haß im Mutterleibe empfangen. Denn das Bild Christi hatte sich von ihm in Jakob geschieden. Das stund nun mit einer heiligen Seele gegen Esau und sollte in Esau einsprechen und die arme, kranke, gefangene Seele mit seinem inwohnenden göttlichen Halle bewegen, daß die verderbte adamische Seele in dem Einsprechen des Namens Jesus erwecket würde.

9,108.   Aber das Einsprechen sollte nicht vorübergehen, sondern in Gottes Gerechtigkeit als in den Haß und Zorn sich einergeben, gleichwie Christus in Gottes Haß in die Gerechtigkeit sich einergeben mußte und das Erbarmen mit seiner Liebe in dem Namen Jesu erwecken und das Zornfeuer mit seinem Einergeben in ein Liebefeuer als in eine große sehnende Erbarmung der lieben Kindschaft verwandeln. Gleichwie Jakob seines Bruders Esau Zorn in große Erbarmung wandelte, als er ihm sein Geschenke zuvor hinschickte und ihm sagen hieß, er ergebe sich in seine Gnade als in seinen gerechten Zorn in ihm ein. Weil er ihm hatte die Erstgeburt weggenommen und daß er möchte durch dieses Geschenke Gnade bei ihm erlangen, so wollte er sich mit allem dem, was er hatte, dem Esau, seinem Bruder, zum Eigentum ergeben, welches in Christo erfüllet ward. Denn er hatte unsere Seele in sich genommen. Aber er hatte das heilige Kleinod Gottes, das in Adam verborgen lag, mit aus Adam in sich genommen, darum der Haß entstanden war um die erste Geburt als um die Gerechtigkeit Gottes. Denn das Kleinod gebührte dem ersten adamischen Bilde in Gottes Gleichnis; das nahm Gott mit Abel in eine neue Figur aus Adam.

9,109.   Und allhie war nun der Haß in dem Bilde wegen Gottes Gerechtigkeit um das Kleinod, darum Esau mit seinem Bruder Jakob in Christi Bilde zürnete. Darum mußte Jakob dem Esau sich mit samt dem Kleinod und alledem, das er hatte, einergeben. Also auch mußte Christus sich mit demselben Kleinod des Namens Jesu der Gerechtigkeit des Vorsatzes Gottes ganz einergeben und das Kleinod in den Haß des Vorsatzes wieder einergeben.

9,110.   So sprichst du: Warum führte Gott solch einen Prozeß? Mochte er das Kleinod dem Adam nicht lassen, der es in Naturrecht als der Erstgeborne im Wort des Vorsatzes Gottes in göttlicher Bildung hatte? Antwort: Nein. — Frage: Warum? — Antwort: Darum daß das Kleinod in der höchsten Liebe Gottes im Menschen als im Bilde Gottes wäre verborgen blieben. Also mußte es durch solchen Prozeß in der Wiedergeburt offenbar werden, auf daß die Liebe und Gnade Gottes erkannt und im Menschen offenbar würde, und daß der Mensch Ursache hätte, Gott zu lieben und sein Lob in die Gnade zu erheben. Welches Erheben eine lautere göttliche Formung und Gebärung in der Weisheit Gottes ist, da das Wort Gottes auch dadurch im Menschen geboren wird und der Mensch auch Gott gebieret, daß er also ein wesentlicher Gott sei und als eine Harmonie der göttlichen Freudenreich.

9,111.   Denn als Christus das Kleinod der Gerechtigkeit Gottes in den Haß einergab, so wandelte sich der Zorn in eine hoch triumphierende Freudenreich und ward das Lob Gottes offenbar, welches in Adam nicht sein mochte, als er in der Temperatur stund. Denn der Grimm erfreuete sich nun, daß er war aus der Feindschaft in ein Feuer der Liebe verwandelt worden.

9,112.   Und dieses ist nun die Auferstehung Christi und seiner Kinder, die er also in ein Liebe-Feuer durch seinen Prozeß wandelt, daß wenn sich die Seele lässet ziehen, wenn ihr Christus in ihr rufet, so muß sie sich in ihn ergeben. Alsdann so stehet Christus im Zorn-Feuer auf und wandelt dasselbe in göttliche Freudenreich in das Lob Gottes.

9,113.   So vernehmt es doch, lieben Brüder, wie Gott habe Esau gehasset, wiewohl nicht Gott, sondern Gottes Vorsatz als die Gerechtigkeit in der schiedlichen Scienz dieses hassete dies Bild, darum daß es nicht das erste rechte Bild war, das in der Gerechtigkeit war geschaffen worden. Denn das Kleinod als das Ens göttlicher Liebe war darinnen verloschen, und Jakob hatte dasselbe. So hassete nun der Vorsatz Gottes dieses Bild Esau, daß es nicht Gottes erstes Bild in der Liebe war, sondern im Zorne.

9,114.   Esau war das Bild des Hasses selber, denn nicht Gott konnte ihn hassen, sondern der Vorsatz als die feurische Natur in der Schiedlichkeit seines Sprechens, da sich das Feuer anzündet und in ein Principium zur Offenbarung Gottes infasset, darin das kreatürliche Leben stehet.

9,115.   So verstehet es doch nur, daß das kreatürliche Leben ohne die Offenbarung des Lichtes ein lauter Feuer, Haß, Zorn und Neid ist. Und das war Adam nach dem Fall, ohne das Wieder-Gnaden-Einsprechen, sowohl Kain, Ismael, Esau und alle Menschen außer dem Gnaden-Ente der Liebe, daraus das Licht urständet.

9,116.   Nun ist jetzt die Frage, ob Gottes Gerechtigkeit in dem Vorsatze habe Esau zum ewigen Verderben gehasset. — Antwort: Ja, in eigener Macht konnte anders nichts mehr sein. — Mehr fraget sichs: War das des lautern, wahren Gottes Wille, daß Esau, Kain und viel tausend ewig verderben sollten? — Antwort: Nein, sondern Christus war Gottes Vorsatz, soviel Gott ein Gott heißet.

9,117.   In Christo will Gott, daß allen Menschen geholfen werde, 1. Tim. 2,4; aber sein Zorn will alle verschlingen, in denen er offenbar ist. Aber die Schrift saget: Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt als in die Menschheit gesandt, daß er sie richte, verstocke und verderbe, sondern daß er sie selig mache, Joh. 3,17. So sprichst du: Ja, welche er will. — Antwort: Ja, er rufet sie alle zu ihm, sie sollen alle kommen. Warum kommen sie nicht alle? So sprichst du: Er zeucht sie nicht in ihnen zu sich. — Antwort: Das ist nicht wahr; er zeucht sie alle, er lehret alle in ihnen, denn sie wissen im Lichte der Natur, da er dem Gottlosen in seinem Verstande entgegnet und ihm das Recht weiset, was recht ist, welches sie auch selber lehren und bekennen, daß es recht sei, aber nicht tun. Frage: Warum aber das? — Antwort: Christus spricht: Vater, ich will, daß die, so du mir gegeben hast, seien, wo ich bin, Joh. 27,24. Item: Es kommt niemand zu mir, es ziehe ihn denn mein Vater zu mir, Joh. 6,44. — Frage: Wie gehet das zu, daß er sie nicht alle zeucht? — Antwort: Da lieget der Grund, liebes besudeltes Hölzlein; rieche in deinem Busen! Wonach riechst du? Bist du nur im Vorsatze des Grimmes in seiner Konstellation ergriffen wie Esau, Ismael und dergleichen, so ist wohl Rat. Bist du aber eine Distel aus der angeerbten wirklichen Sünde, da sich Gottes Vorsatz im Zorne in eine Figur des Lebens eingemodelt hat, davon Gott sagte in seiner Gerechtigkeit des Vorsatzes, er wolle die Sünde der Eltern an den Kindern strafen bis ins dritte und vierte Glied, so ist es gefährlich. Denn dieser lebendige Vorsatz im Zorne Gottes hat schon vorhin eine Figur in der Scienz des sprechenden Worts, und ist aufs neue von dem eingeleibten Grunde der Gnaden geschieden, nicht aus Gottes Vorsatz, sondern durch den Quell der Sünden. Welcher Quell mit dem Zorne im Vorsatze sich ganz vereiniget hat und in ein Leben der Finsternis eingeführet. Allda lieget die eingeleibte Gnade ferne, und ist Christus gestorben und ruhet im Grabe. Und ehe er aufstehet, so ist dieser böse Geist in den Abgrund gefahren. Diese hält nun der Vorsatz Gottes und gibt sie nicht der Gnaden Christi, denn sie sind Distel. Ihr Wille ist ein lebendiger Teufel in Engelsgestalt unter andern Menschen.

9,118.   Der Vorsatz Gottes kennet ein jedes Ens, solange es noch ein Same in Mann und Weib ist, und weiß, wozu dieses Holz, wenn es wird zum Baume werden, nütze ist. Und nicht allein kommt die Distel vom Mutterleibe aus dem ersten Grunde, sondern auch durch äußerliche Einfälle der Zeit, da dann die meisten verderben.

9,119.   Diese alle rufet Christus. Ihrer viel haben auch noch ein Fünklein göttlichen Zuges in ihnen, daß sie der Vorsatz Christo als seiner Stimme gibt, daß sie zu Zeiten Christum in ihnen hören lehren. Und diese sind nun gerufen und berufen. Aber die äußeren Einfälle verderben das wieder und kreuzigen Christi Stimme und Einrufen, ehe er in ihnen Mensch geboren wird, und führen an Christi Stätte das Schlangen Ens ein. Und wenn es dann zur Wahl kommt in der Erntezeit, da man das Korn ausdrischt und worfelt, so ist dies nur eine Spreu des Korns und hat nicht göttlich Gewicht und Schwere in sich. Da bleibts alsdann dahinten im Centro der Finsternis in Gottes Gerechtigkeit im Zorne. So heißts alsdann: Wenig sind auserwählet; — denn der Vater wählet ihm nur die gute Frucht zu seiner Speise. Das ander gibt er dem Vieh, also auch allhie. Was nicht im göttlichen Ente aufwächst und aus Gott geboren wird, das kann Gott nicht schauen.

9,120.   So sprichst du nun: Ist dann Esau aus Gottes Haß endlich neugeboren und selig worden? — Antwort: Das sollen wir nicht richten, denn Gott spricht: die Rache ist mein, ich will in meiner Gerechtigkeit vergelten, Röm. 12,19. — Wir sagen mit Grunde, daß Esau in Adams Sünde als ein wahres Bild Adams nach dem Fall geboren und im Mutterleibe im Vorsatz Gottes Zorn ergriffen gewesen wie alle armen Sünder; und Jakob im Bilde Christi in der neugebornen Liebe als ein Vorbild Christi, welcher Christus kommen war, den armen Sünder zu rufen und ihn selig zu machen, so ferne ihn die Gerechtigkeit Gottes im Zorne lässet folgen wegen der angeerbten und in die ewige Scienz eingefasseten Greuel, so wohl der wirklichen Greuel, welche das Halten sind.

9,121.   Weil aber Esau von heiligen Eltern herkommen und geboren ist und nur in der Schiedlichkeit als ein Bild der verderbten Natur allda stund und Gott auch das Bild Christi aus demselben seiner Eltern Samen geschieden hatte, als seinen Bruder Jakob, und gegen ihn gestellet; welcher Jakob ihn auch letztlich in die größte Erbarmung durch sein Geschenk und Demut brachte, welches das Geschenk Christi in Esau andeutet, daß ihn also wollte umwenden und aus dem zornigen ergriffenen Vorsatze der Gerechtigkeit Gottes ziehen, daß er in Reue seines bösen Willens sollte also weinen und Buße tun, wie er tat, da er den Jakob umfing und an seinem Halse weinete und den Mordgeist sinken ließ wider Jakob, — so sollen wir ihn mit nichten verdammen. Wir verdammen ihn nur nach der Schrift, welche ihn in Adams Bosheit, als er noch nicht neugeboren war, verdammet; in welchem Begriff Gottes Gerechtigkeit genug geschieht und aber die Gnade in der Buße offenbar wird.

9,122.   Wir wissen nicht, ob ihn Gott nicht bekehret habe, welches die Figur, als Jakob von Laban zu ihm kam, wohl andeutet. Denn in Adam war er tot, aber in Christo mochte er lebendig werden, denn die Gnadenpforte stund gegen ihn sowohl offen als seinen Eltern, welche in Christi Linea waren, Daß sie aber auch Adams Gift und Tod im Fleische gehabt haben und den Quell der Sünden von Adam, das bewähret sich an Esau, Ismael und Kain. (Vgl. die Zusammenhänge Gen. 29 ff.)

9,123.   Aber der Vernunft sollen wir allhie nicht glauben, die da saget, Gott habe Esau verstocket, und zwar zur ewigen Verdammnis geurteilet. Es ist in heiliger Schrift nicht zu beweisen, daß Gott den Esau verstocket habe und daß es der göttliche Wille sei; sondern der Vorsatz in Gottes Gerechtigkeit, der hat es getan, nicht durch einen Eingriff eines gefasseten göttlichen Willens, sondern aus der verderblichen Natur aus Adams Eigenschaft in Esau seinem Wesen selber, und nicht ein fremder Zufall oder Eingriff, wie die Vernunft richtet, welche nichts von Gott weiß, was er ist, und immerdar den Menschen weit von Gott malet, da doch Gott in allen Menschen offenbar ist, in jedem Menschen nach seiner Eigenschaft seines Lebens. Diesen Grund haben wir dem Leser also weitläufig erkläret, daß er unsern Sinn in nachfolgenden kurzen Schlüssen verstehe.

*   *   *

 

 

Kurze Verfassung der Schrift Einwürfe, welche die Vernunft gefangen halten, wie sie zu verstehen sind

 

10,1.     Die Epistel an die Römer, sonderlich das 9. und 11. Kapitel, irritieren die Vernunft und sind den Gottlosen ein Stein des Anstoßes und ein Fels der Ärgernis, aber den Heiligen ein Licht des Lebens. Denn allda stehet Röm. 9,7-9: Sie sind nicht alle Israeliten, die von Israel sind, auch nicht alle, die Abrahams Same sind, sind darum auch Kinder; sondern in Isaak soll dir der Same genennet sein. Denn das sind nicht Kinder die nach dem Fleische Kinder sind, sondern die Kinder der Verheißung werden für Samen gerechnet; denn das ist ein Wort der Verheißung, da er spricht: Um diese Zeit will ich kommen und Sara soll einen Sohn haben.

10,2.     Erklärung: Die Vernunft verstehet, als ob die Verheißung in diesem Abrahams-Samen anfange. Wir aber sehen, daß die Verheißung im Paradeis sich angefangen hat und allhie beim Abraham in eine Figur nach dem Reiche der Natur in Ismael und nach dem Reiche der Gnaden in Isaak sich geformet als in ein Bild des Künftigen, wie denn auch mit Kain und Abel.

10,3.     Das Reich der Natur war im Menschen im ursprünglichen Fürsatze zum Menschenbilde im Zorn ergriffen worden. Und das konnte nicht mehr Gottes Kinder und rechten Samen Gottes gebären, sondern Kinder des Zorns und des verderbten Fleisches. Darum sagte Paulus, daß nicht alle Kinder und Samen von Abraham Kinder Gottes werden, sondern die aus der Verheißung neugeboren werden als aus dem eingeleibten Worte im Paradeis, welches Gott in Abraham verneuerte, als er sein Bildnis aus der Verheißung darstellen wollte.

10,4.     Denn ein jeder Mensch, der da selig soll werden, in dem muß das Wort der Verheißung von der Gnade ein Ens und Wesen werden, welches nicht allen im Mutterleibe geschieht wie dem Isaak, sondern in der Buße und Bekehrung, wie Gott im Jesaja saget Kap. 1,18: Ob eure Sünden blutrot wären, so ihr euch bekehret, so sollen sie schneeweiß als Wolle werden. — Das geschieht, wenn sich das Reich der Gnaden im Reiche der Natur offenbaret, das heißt: recht wie zu Abraham gesaget ward Gen. 18,10: Das ist der Bund; um diese Zeit will ich kommen, soll Sara einen Sohn haben, Röm. 9,9.

10,5.     Das ist, wenn der arme Sünder nun Buße tut, so kommt Gott in Christi Geiste und gebieret einen neuen Sohn aus Christi Fleische und Blute in ihm; das ist: die Seele ergreift Christum in sich im Glauben und in der Hoffnung und impressete die Hoffnung in ein Ens, darinnen das lebendige verheißende Wort innenlieget. Allda gehet die Schwängerung der neuen Menschheit aus Christo an. Das ist alsdann ein rechter Glaubenssame, daraus Gottes Kinder geboren werden, wie der Tau aus der Morgenröte. Alsdann hanget ihnen der alte Adam nur an, wie an dem Abraham, Isaak und Jakob, welche nach dem äußern Menschen auch sterblich und sündlich waren, aber der Tempel Gottes des inwendigen Menschen in ihnen war heilig; also auch in uns.

10,6.     Ferner Röm. 9,10.13: Nicht allein aber ists mit dem also, sondern auch da Rebekka von dem einigen Isaak, unserm Vater, schwanger ward, ehe die Kinder geboren waren und weder Böses noch Gutes getan hatten, auf daß der Vorsatz Gottes bestünde nach der Wahl, ward zu ihr gesaget — nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus Gnade des Berufes — also: Der Größere soll dienstbar werden dem Kleinem, wie denn geschrieben stehet: Jakob habe ich geliebet, aber Esau habe ich gehasset. — Erklärung: Allhie lieget nun die Vernunft blind, und es ist eben wie vorne nach der Länge erkläret. Denn das war Gottes Vorsatz, welchen er Adam nach dem Fall schenkte. Der erste Vorsatz ist der natürliche erste Adam. Der war der Größere als das erste Bild Gottes im Vorsatz der göttlichen Scienz aus dem sprechenden Wort der Schiedlichkeit der Kräfte. Aber in ihm war die Gnade nicht offenbar, viel weniger die große Liebe und Demut in Jesu.

10,7.     Darum kam Gott mit dem andern Vorsatz, der in der Gnade verborgen lag, und gab ihn in das erste Bild ein und offenbarte die Gnade durch das erste Bild, und tötete das erste Leben in der Gnaden, und erhub das Leben der Gnaden in dem ersten Vorsatze über den Vorsatz des größern Bildes als des ersten Natürlichen.

10,8.     Darum saget der Text in Mose zu Rebekka: Der Größere soll dem Kleinem dienen, Gen. 25,23, auf daß der Vorsatz in der Gnadenoffenbarung bestünde. Denn Esau in dem größern ersten Bilde Adams habe ich gehasset, da er wollte ein eigener Herr sein und in Böse und Gut leben und die Gnade nicht erkennen. Aber Jakob in meinem rechten göttlichen Vorsatze, welchen ich aus meinem göttlichen Willen der Gnade von Ewigkeit geboren habe, den habe ich geliebet und ihn zum Herrn über die Natur gesetzet. Darum sagte Christus, ihm wäre alle Gewalt gegeben worden, Matth. 28,18; denn er war der Kleinere als aus Gottes Demut und Liebe; die setzte Gott über das Reich seines Zorns, auf daß das Reich seines Zorns in dem Kleinem als in Gottes Gnaden Gott diene und offenbar werde.

10,9.     Und darum ward auch dem Ismael äußerlich das Erbe entzogen, anzudeuten, daß Gott hätte das Erbe dem Menschen, welcher aus der Gnaden geboren würde, gegeben. In diesem Hassen irret nun die Vernunft und versteht nicht den Grund, wie oben gemeldet.

10,10.   Ferner Röm. 9,14-18: Was wollen wir denn hie sagen? Ist denn Gott ungerecht? Das sei ferne, denn er spricht zu Mose: Welchem ich gnädig bin, dem bin ich gnädig, und welches ich mich erbarme, des erbarme ich mich. So liegt es nun nicht an jemandes Wollen oder Laufen, sondern an Gottes Erbarmen. Denn die Schrift saget zu Pharao: Eben darum habe ich dich erwecket, daß ich an dir meine Macht erzeige, auf daß mein Name verkündiget werde in allen Landen. So erbarmet er sich nun, welches er will, und verstocket, welchen er will. — Erklärung: Also lieget die Vernunft gar tot und ohne göttlich Licht, wie denn geschrieben stehet: Der natürliche Mensch vernimmt nichts vom Geheimnis Gottes; es ist ihm eine Torheit, 1. Kor. 2,14.

10,11.   Also verteidiget St. Paulus Gott und saget, daß er recht tue oder richte, indem er sich erbarmet, welcher er will, Röm. 9,14.15. Und das ist auch eben der Grund, denn er will keiner in seinem Erbarmen als nur dieser, die aus seinem Vorsatz der Gnaden aus Christo geboren werden. Dieser armen gefangenen Seelen erbarmet er sich, das ist: wenn die Seele das Wort der Verheißung ergreifet und fasset wie Abraham, so wird ihm dieselbe Fassung des neuen Gnaden-Entis zur Gerechtigkeit gerechnet wie dem Abraham, da geschrieben stehet: Abraham glaubte Gott, und das ward ihm zur Gerechtigkeit gerechnet, Röm. 4,3.

10,12.   Denn Glauben heißet Nehmen und Infassen, nämlich das Wort der Verheißung in sich fassen, daß es wesentlich wird. Da gehet das Erbarmen darinnen auf, denn der Kleinere, welcher anfänglich nur ein Wort der Kraft ist, der wird also groß, daß er den Großen als die feurische Seele der ewigen Natur an Gottes ersten ewigen Vorsatz überwältiget.

10,13.   Daß aber stehet: Er erbarmet sich, welcher er will, und verstocket, welche er will, — das verstehet man in den zweien Vorsätzen, als in Christo ist der Göttliche. Da erbarmet er sich derer, denn Christus ist sein Wollen zum Erbarmen. Es ist sonst kein ander Wollen in Gott zum Erbarmen als nur das einige, das er in Christo hat geoffenbaret.

10,14.   Denn das erste göttliche Wollen in Adams erstem Bildnis, da er in Unschuld war, ist im Menschen verblichen, wie ein Licht in der Kerzen auslischt. Dasselbe Wohl-Wollen ist verloren, nicht in Gott, sondern im Menschen. Und aus dem selben Wohl-Wollen, welch Wollen der Name Jehova ist, hat sich das Wollen der Liebe und Gnade in dem Namen Jesu in Adam nach dem Fall eröffnet durch das Einsprechen vom Schlangentreter (Christu). Denn mit diesem neuen Wohl-Wollen in dem Namen Jesu gab Gott das Wohl-Wollen im Menschen seinem Sohn Jesu, wie Christus sagte Joh. 17,6: Vater — das ist: du großer Gott oder Jehova im Feuer und Licht — die Menschen waren dein, und du hast sie mir gegeben, und ich gebe ihnen das ewige Leben.

10,15.   Das ander Wollen ist in dem Vorsatz des ersten Grundes des Gottes Jehova, da das Teil des Lichtes in Adam verblich. So ward die feurische Eigenschaft in diesem Wollen als der zornige Gott offenbar. Dieser will nun nach seiner Eigenschaft alles verzehren und in die Finsternis setzen.

10,16.   So redet nun allhie der Geist in Mose vom Wollen Gottes nach Liebe und Zorn aus beiden Vorsätzen als aus der ersten Gerechtigkeit, darinnen Gott den Adam schuf, und dann aus dem Vorsatz Christi aus der Gnade, als: welches ich mich erbarme in der Liebe — und welchen ich darin ergreife — des erbarme ich mich; und welchen ich in meinem Zorn finde mit der Todsünde befleckt und im Sündenquall eines falschen Lebens einer Distel und Teufelswillen, denselben verstocke ich in meinem Vorsatze des Eifers. Er kennet sie wohl, wozu ein jeder dienet.

10,17.   Soll man allhie durchaus nicht erwähnen, daß in Gottes Vorsatz soviel er Gott heißet, ein Wille zur Verstockung von außen in den Menschen fahre, sondern in des Menschen eigenen Grund, im Vorsatz der Gerechtigkeit Gottes ist der Quell und Urstand zur Verstockung, denn es ist des Zorns Wollen; darein verstockt er, welchen er will. Denn die ganze Kreatur des Menschen in Gottes Zorne ist dasselbe Wollen zur Verstockung, denn sie will nur die Eitelkeit und die verstocket sie auch.

10,18.   So lieget es nun nicht am Wollen, daß der Gottlose will selig werden, auch nicht an dem Werke seiner Hände, sondern an Gottes Erbarmen, daß er umkehre und werde mit dem falschen Willen als ein Kind, und werde aus dem Erbarmen der Gnade neugeboren. Sonst so es am Wollen der eigenen Natur läge, so könnte die adamische verderbte Natur zur Kindschaft kommen. Aber nein, sie muß des eigenen Willens sterben und aus dem Willen der Gnaden geboren werden, daß die Gnade Christi in Gottes Willen offenbar werde, darinnen ist allein das Erbarmen und Wohlwollen. Das heißet nun: welche er will in Liebe und Zorn; den Gottlosen will er im Zorn und den Heiligen in der Gnade, einen jeden aus und in seinem Grunde.

10,19.   Das verstehet recht: Zu Pharao ward gesaget: Darum habe ich dich erwecket und verstocket, daß ich meinen Namen kundmache allen Landen, Röm. 9,17. Pharao war nicht aus der Gnade als aus dem Gnaden-Wollen geboren, sondern aus dem Zorn-Wollen. Und da Gott wollte seinen Namen kundmachen, wie er ein Herr sei und wie seine Gnade über den Zorn herrsche, so erweckte er den Zorn in dem verstockten Pharao und ergriff ihn im Vorsatze seines Zornes in ihm, und hielt ihn, daß er die Werke Gottes nicht sehen mochte, denn er war an Gott blind, bis Gott die Gestalten seines Grimmes in Turba magna1 sehen ließ.

1) im großen Zorn Gottes

10,20.   Daß aber diesmal die Missetat der Ägypter sei alle gewesen, das deutet die Schrift an, da sie saget, daß Israel würde den Ägyptern dienen müssen vierhundert Jahr. Und alsdann wollte Gott dasselbe Volk richten, denn ihre Missetat zur Verstockung sei noch nicht alle, Gen. 15,13. Aber beim Pharao war sie alle und die Verstockung bei ihm vorhanden, darum so brachte ihn der Vorsatz Gottes im Zorne zum Werkzeug. Denn die Ägypter hatten die Plagen erwecket so mußte sie auch zur herrlichen Offenbarung göttlicher Gnaden über Gottes Kinder dienen, daß Gott also: an den Gottlosen seinen Zorn und an seinen Kindern die Gnade sehen ließe.

10,21.   Denn die Zeit Pharaos war eine Zeit eines Zieles, da alle Dinge in Ziel, Zeit, Maß und Gewichte innenliegen, Sap. 11,22.

10,22.   Der vermeinte Vorsatz von außen wird in diesem einigen Texte St. Pauli gewaltig zu Boden geworfen, da die Vernunft meinet, Gott erwähle ihm etwa ein sonderlich Volk sonderlichen Namens, wie die Sekten in ihrem Streit also wüten, und wollen in ihrem Namen selig und berufene Kinder sein vor andern Völkern.

10,23.   Ferner: Da St. Paulus saget Röm. 9,24.26: Welche er berufen hat, nämlich uns, nicht allein aus den Juden, sondern auch aus den Heiden; wie er denn auch durch Hoseam spricht: Ich will das mein Volk heißen, das nicht mein Volk war, und meine Liebe, die nicht die Liebe war; und soll geschehen an dem Ort, da ihnen gesaget ward, ihr seid nicht mein Volk, sollen sie Kinder des lebendigen Gottes genennet werden. — Erklärung: Allhie sehen wir den ersten Beruf im Paradeis, durch das eingesprochene Gnadenwort gewaltig, welches von einem auf alle dringet.

10,24.   Denn die Heiden waren nicht aus Abrahams Samen, mit dem Gott einen Bund machte. Es lag aber der erste Bund des in Gnaden eingesprochenen Worts in ihnen als ein Grund. Darum saget St. Paulus, daß Gott nicht allein die Juden in ihrem Bunde, sondern auch die Heiden im Bunde Christi berufen und erwählet habe, und habe das Volk seine Liebe geheißen, das ihn nicht kannte und von außen in der Unbekenntnis nicht sein Volk war. Aber der Vorsatz der Gnade, welcher sich im Paradeis nach dem Falle hatte einverleibet durch das Einsprechen. Der lag in ihnen; nach demselben nannte sie Gott seine Liebe, welches eingeleibte Wort er in ihnen durch den Geist Christi als dieselbe Gnadenstimme hatte eine Seele angenommen erweckte, daß ihre Seele, welche in der Finsternis verschlossen lag, die eingeleibte Gnadenstimme in der Stimme Christi als durch ein Erwecken eines neuen Einsprechens hörte und die Liebe in der Seelen angezündet ward; und daß Gott nicht nur auf der Menschen Wissen sehen und ihm also ein Volk aus seinem Vorsatze zur Kindschaft erwähle, das vor andern Völkern von seinem Namen wisse zu reden, sondern daß Gott auf seinen Vorsatz im Paradeis aufgerichtet, welchen Vorsatz er von Ewigkeit in der unbildlichen Figur des Menschen gehabt, sehe, als auf den ersten Grund zur Menschheit, da der Mensch im Namen Jesu in göttlicher Weisheit ohne Kreatur in magischer Inbildung gesehen worden ist. Welche Inbildung auch nach dem innern Grunde in den Heiden gewesen ist als von einer Inbildung auf alle, ausgenommen die Kinder des Zorns, da sich dieselbe Inbildung im Zorne gebildet hat. Welche Inbildung des Zorns nicht über ganze Völker gehet, sondern über die, im Vorsatze des Zorns, in ihren angeerbten und wirklichen Sünden ergriffene Distel-Kinder.

10,25.   Wie denn zu Elia gesaget ward, als er zu Gott sagte: Israel ist ganz von dir abgewichen, und ich bin alleine übrig blieben, und sie stehen mir auch nach dem Leben, — antwortete Gott: Ich habe mir lassen noch siebentausend überbleiben, die ihre Knie vor dem Baal nicht gebeuget haben (1. Kön. 19,18). Das sind diese, welche, ob sie wohl von außen mit den Heiden liefen und unter den falschen Juden wohnten, so war ihr Herz doch in den wahren Gott gerichtet, und eiferten in Blindheit und Unverstand wie Saulus, bis sich die Gnade in Saulo erweckte, daß er sehend ward.

10,26.   Denn Saulus meinte, er täte dem wahren Gott einen Dienst daran, wenn er diejenigen vertilgete, welche das göttliche Gesetze wollten in einen andern Schein, den er nicht konnte wandeln. Er eiferte im Gesetz Gottes aus seines Herzens Grunde, Gott damit zu gefallen. Das tat er nun nicht aus dem Vorsatz Gottes Zorns, daß ihn derselbe ergriffen und in das Leben der Finsternis versetzt hatte, und daß ihn Gott als einen ganz im Tode Verstockten aus einem sonderlichen Vorsatze sonderlicher Wahl angesehen habe. — Nein, er war auch einer unter den siebentausend, in welchen der Bund der Gnaden vom wahren Samen Abrahams und der Verheißung im Paradeis innen lag. Aber der Weg zu derselben Gnade war ihm noch nicht offenbar. Er eiferte im Gesetze der Gerechtigkeit und forderte das, was er selber nicht tun konnte. Aber die verborgene Gnade in ihm konnte es tun, welche sich in seinem Eifer offenbarete und zum Werkzeuge des Zeugnisses von der Gnade brauchte.

10,27.   Darum ist das eine Blindheit und Unwissenheit, daß ein Volk saget: Wir haben Christi Lehre, Gott lässet bei uns Christum predigen und bei jenem Volke nicht. Darum hat uns Gott aus seinem Vorsatze zu Kindern der Gnade erwählet. Und ob wir wohl im Leben nicht besser sind als jene, so hat er uns aber in seinem Vorsatze erwählet und in Christo unsere wirklichen und angeerbten Sünden gebüßet, daß wir uns dessen nur dürfen trösten und es als ein Gnadengeschenk annehmen. Denn unsere Werke gelten nichts vor Gott, sondern die Wahl seines Vorsatzes, da er den Gottlosen in seinem Vorsatze gerecht machet, da er mit dem Vorsatze seines Willens den Gottlosen aus der Hölle zeucht und selig machet.

10,28.   Höre, du blinde Babylon, unter Christi Purpurmantel bedecket als eine Hure unter einem Kranze, welche voll Lust der Hurerei stecket und sich doch Jungfrau nennet: was ist die Wahl und die Gnade derer du dich tröstest und denselben Mantel der Gnaden über deine Hurerei und Laster aller Bosheit über dich deckest? Wo stehet das in der Schrift, daß eine Hure zur Jungfrau werde durch Herrenbriefe und Gnadengeschenke? Welcher Kaiser kann eine Geschändete zur Jungfrau machen, wegen seiner Gunst und Wohlwollens? Mag das auch sein? Wo bleibet die Jungfrau im Herzen und in der Keuschheit? Gott fordert den Abgrund des Herzens und saget Matth. 5,18: Es soll nicht ein einiger Punkt seines Gesetzes der Gerechtigkeit vergehen, bis alles erfüllet werde. Womit willst du die Gerechtigkeit erfüllen, so du ohne göttlich Wesen in dir bist?

10,29.   Sprichst du: Christus hat sie einmal für mich erfüllet und dem Gesetze genug getan. — Antwort: Das ist wahr, was gehet aber dich das an, der du außer Christo bist und wandelst? Bist du nicht in Christo in der wirklichen Gnade, so hast du keinen Teil an ihm, denn er sagte: Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich, und wer nicht mit mir sammelt, der zerstreuet, Luk. 11,23.

10,30.   Es gilt keine zugerechnete Gnade von außen zu, sondern eine ingeborne kindliche, aus Christi Fleisch und Blut, die das Verdienst Christi in sich anziehe. Nicht der Mensch von Mann und Weib geboren aus der verderbten Natur erlanget die Gnade der Kindschaft, daß sich dieselbe dürfte trösten und sagen: Christus hat es getan, er spricht mich von Sünden los, ich darf es nur glauben, daß es geschehen sei. — Nein, der Teufel weiß das auch, sowohl der Verdammte, welcher sich dieser zugerechneten Gerechtigkeit und Gnade tröstet. Was hilft ihm aber das, da er doch verdammt wird? Denn nicht alle, die da sagen: Herr, Herr, sollen in das Himmelreich eingehen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel, saget Christus Matth. 7,21.

10,31.   Was ist aber derselbe Wille, den sie tun müssen, daß sie zur Kindschaft kommen? Da saget Christus: Die da umkehren und werden als die Kinder, Matth. 18,3, und werden aus Wasser und Geist aus Gott geboren, Joh. 3,5. Diese sind es, denn Christus ist der Wille Gottes, und die denselben tun wollen, die müssen aus Christo, aus seinem Fleisch und Blut, aus dem Worte, das Mensch ward, das den Tod und die Sünde in der Menschheit tilgete und in die Liebe wandelte, geboren werden. Und das Verdienst Christi in der Seelen anziehen und nach dem innern eingeleibten Gnadengrunde der lebendige Christus werden als eine wahre Rebe an seinem Weinstocke.

10,32.   Nicht durch Trösten eines angenommenen fremden Scheins, sondern essentialiter (wesenhafte) selbständige, wesentliche Kinder Christi, da der eingesprochene Gnadenbund mit dem Wesen erfüllet wird, da die Seele von Christi Fleische und Blute isset und lebet, und solches nicht von außen, sondern an ihr selber, da Christus immerdar zur feurischen Seele in Gottes Gerechtigkeit spricht: Nimm und iß mein Fleisch und trink mein Blut, so bleibest du in mir und ich in dir, Joh. 6,56.

10,33.   Die feurische Scienz der Seelen nach dem innern ewigen Grunde der wahren Gerechtigkeit Gottes in seinem Vorsatz zur Kreatur der Seelen muß sich in Christi Fleisch und Blut in ein Wesen einführen, und nicht durch fremden Schein, sondern durch den, welchen Gott in Adam nach dem Falle offenbarte und in Christo mit der Menschheit erfüllete, da Gott Mensch und Mensch Gott ward; also auch nun in seinen Gliedern, die aus derselben Wurzel entsprießen, in denen Christus im eingeleibten Gnadenbunde lebendig wird und die Seele und Menschheit an sich nimmt.

10,34.   So lieget es nun jetzo nicht allein am äußern Wissen, daß ich weiß, daß ich einen gnädigen Gott in Christo habe, der die Sünde der Menschheit hat getilget, sondern an dem lieget es: 1.) daß es auch in mir geschehe, daß Christus, der vom Tode auferstanden, auch in mir auferstehe und über die Sünde in mir herrsche; 2.) daß er auch die Sünde als die Natur in ihrem bösen Willen in mir töte, daß derselbe in Christo in mir auch gekreuziget und getötet werde; 3.) und ein neuer Wille aus der Natur in Christi Geiste, Leben und Willen in mir aufstehe, welcher Gott wolle, ihm lebe und gehorsame, welcher das Gesetze erfülle, das ist: der sich in Gehorsam ins Gesetze einergiebet und dasselbe mit dem göttlichen Liebe-Willen erfüllet, daß das Gesetze in seiner Gerechtigkeit der Liebe-Begierde untertan werde und sich auch in der Liebe mit erfreue.

10,35.   Alsdann sinket der Zorn Gottes von der Seelen. Und sie wird im Liebe-Geist von Pein erlöset und lebet in Gott. Dazu gehöret nun ernste Buße, in welcher die arme Seele ihren Rachen als den Feuermund in Gottes Vorsatz des Zorns aufsperret und fasset sich in der eingeleibten Gnade mit der Verheißung Christi, daß er will den Hl. Geist geben denen, die ihn darum bitten, Luk. 11,13. Diese angebotene Gnade muß als ein lebendiges sprechendes Wort in den innern Grund der ersten in Adam eingesprochenen Gnadenstimme eingefasset werden durch die Seele als durch das Centrum der Natur und durch die göttliche Scienz des Ungrundes, daß es ein Vorsatz zur Buße und zur Umwendung des Greuel-Willens werde, in welchem Vorsatze der Geist Christi im ersten Grunde der eingeleibten Gnade, da sie von einem auf alle dringet vermöge der Schrift, ein neu Leben gebieret; in welchem neuen Leben der Wille zur Sünde stirbet und untergehet und ein wahrer Ast aus Christi Baume auswächset, da die Sünde hernach nur in dem sterblichen Fleische herrschet. Derselbe neue Zweig aber ist in Christo durch den Zorn Gottes in dem Vorsatze des Zorns durch den ewigen Tod zum Leben der Gnaden hindurchgedrungen, wie Christus saget: Wer an mich glaubet, der wird nimmermehr sterben, sondern er ist vom Tode zum Leben hindurchgedrungen, Joh. 5,24.

10,36.   So ist nun der Glaube nicht ein auswendig Ding, daß einer saget: bei uns ist die Gnadenwahl, denn es wird Christus gelehret und bekannt, er hat uns vor andern Völkern erwählet, daß wir seine Stimme hören; ob wir wohl böse sind, so hat er uns aber unsere Sünde in seinem Vorsatze vergeben und in Christi Verdienste getötet, wir dürfen uns nur dessen annehmen und trösten, es wird uns von außen zugerechnet und als eine Gnade geschenket.

10,37.   Nein, nein, es gilt nicht. Christus selber ist die zugerechnete Gnade und das Geschenke samt dem Verdienst. Wer den in sich hat und derselbe in seinem innern Grund selber ist, der ist ein Christ, und ist mit Christo gekreuziget und gestorben und lebet in seiner Auferstehung. Dem ist die Gnade in Christi Geiste und Leben zugerechnet, denn er darf sich nicht auch lassen ans Kreuze hängen, sondern zeucht Christum in seinem ganzen Verdienst an. Er zeucht den gekreuzigten und auferstandenen Christum in sich an und nimmt nun sein Joch auf sich. Aber es heißet nicht nur Wissen und Trösten, denn Christus wohnet nicht im Leibe der Bosheit.

10,38.   Soll Christus in dir auferstehen, so muß der Wille des Todes und Teufels in dir sterben. Denn Christus hat den Tod zerbrochen, die Hölle zerstöret und ist ein Herr über Tod und Hölle worden. Wo er in einem Menschen einzeucht, allda muß Tod und Hölle in dem innern Grunde als in der Seelen alles zerbrechen und weichen. Er zerstöret dem Teufel sein Reich in der Seelen und gebieret sie zu Gottes Kinde und zu seinem Tempel, und gibt ihr seinen Willen und tötet den Willen der verderbten Natur. Das ist: er transmutieret ihn in das wahre Bild Gottes, denn es stehet geschrieben 1. Kor. 1,30: Christus ist uns zur Gerechtigkeit gemachet worden durch sein Blut — will nun ein Mensch diese Gerechtigkeit haben, so muß er sein Blut trinken, daß es ihn rechtfertige, denn die Rechtfertigung geschieht im Blute Christi im Menschen, in der Seele selber, nicht durch äußerlichen, zugerechneten, fremden Schein.

10,39.   Das ist der zugerechnete fremde Schein, der uns im Blute Christi in der Gnade gegeben wird, da wir in Sünden tot sind. So gibt uns Gott dieses Gnadengeschenk in uns zu einem neuen Leben, welches neue Leben die Sünde und den Tod tötet und uns als Kinder der Gnaden vor Gott stellet Denn Christus erfüllet mit seinem Blute der Liebe in uns Gottes Gerechtigkeit im Zorne und wandelt denselben in göttliche Freude.

10,40.   So sich nun ein Mensch in göttlichem Willen oder ja in einer herzlichen Begierde zum Wollen nicht befindet, daß er gerne wollte Buße tun und Gott gehorsamen und Christum anziehen, der sage nicht, daß er ein wahrer Christ sei, das Mundgeschwätze, da man mit der Zungen Christum für Gottes Sohn bekennet und sich seiner Gnade tröstet und aber die Schlange mit ihrem Giftwillen zur Hoffart, Geiz, Neid und Bosheit im Herzen — nur wollend ferner Übel tun — behält. Das hilft alles nichts. Ein solcher Mensch kreuziget nur Christum und spottet seines Verdiensts, denn mit der Zungen bekennet er ihn und mit dem Schlangen Gift im Herzen wirfet er ihn mit Kot und Steinen. Er tut nichts mehr als die Teufel, welche Christum für die Kraft Gottes bekannten, wenn er sie aus den Besessenen trieb.

10,41.   Denn nicht die Christum allein mit dem Mund bekennen, sind darum Kinder, sondern die den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist, also in Christo selber. Denn Christus ist des Vaters guter Wille, den niemand tun kann, er sei den in Christo und tue ihn in Christi Geiste und Leben.

10,42.   Denn nicht alle, die von Abraham kommen, sind Gottes Kinder, sondern die Kinder des verheißenen Samens, aus demselben neugeboren, die sind Kinder, welche aus dem Blute Christi neugeboren werden, des ersten Grundes im Blute Christi, in der Gnade und Liebe Gottes ersterben und auferstehen ein neuer Mensch, der in Gerechtigkeit und Reinigkeit vor Gott lebet1, denen nur die Sünde im tierischen, sterblichen Fleische mit einer Lust anhanget, über welche Sünde der neue Mensch in Christo herrschet und dieselbe zähmet und des Fleisches Willen verwirfet. Welcher aber nach des Fleisches Willen lebet und tut, der ist lebendig tot, und sein Mundbekennen hilft ihm nichts.

1) Anspielung auf M. Luthers Kleinen Katechismus, Hauptstück von der Taufe

10,43.   Denn das Mundbekennen ohne den innern wesentlichen Grund Christi ist der wahre Antichrist, der da Christum bekennet und mit der Kraft verleugnet und sich selbst in Christi Stelle gesetzet hat. Ein anders saget er und ein anders will und tut er. Darum saget der Prophet Hosea, daß der Herr das seine Liebe nennet, das nicht seine Liebe war, Hos. 2,23, nämlich diese, welche Christum im Namen und Wesen nicht kennen und von seiner Offenbarung in der Menschheit nichts wissen, und gehen aber mit der Seelen in ihren inwendigen Grund, da die Gnade im Paradeis mit dem Einsprechen eingeleibet ward und ergreifen die Gnade in Gottes Erbarmen. Das ist: die das Evangelium nicht hören noch haben, glauben aber an den einigen Gott und geben sich in allen Kräften in ihn ein und wollen gerne Gott erkennen und lieben, wüßten sie nur, was sie tun sollten, eifern auch mit ganzem Herzen der Gerechtigkeit, — dieselben, weil sie Christum in seiner geoffenbarten Stimme nicht hören noch kennen, sind äußerlich nicht Gottes Liebe. Aber nach dem inwendigen Grunde sind sie in die Liebe der Gnaden als in den paradeisischen Grund in das eingeleibte Wort eingewurzelt. Diese, saget Gott, wollte er herzuführen zu seinem Abendmahl, denn sie waren seine Liebe. Und eben darum, daß sie bezeugen in der Kraft, daß des Gesetzes Werk und die Liebe der Gnaden Gottes sei in ihr Herz geschrieben, so sind sie ihnen selber ein Gesetz, Röm. 2,14. Welches Gesetze Christus in seiner Gnade einmal durch sein Blut erfüllet hat, welches von einem auf alle drang, auf alle, die aus der eingeleibten Gnade im Willen-Geiste geboren werden.

10,44.   Denn obwohl der Text Joh. 3,18 saget: Wer nicht glaubet an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes, der ist schon gerichtet, — so kann man aber nicht sagen, daß diese Vorgenannten nicht an ihn glauben. Zwar der äußere Mensch an ihnen glaubet und bekennet ihn nicht, denn sie wissen nicht, daß Gottes Sohn Mensch worden ist. Aber derselbe ihr innerer eingeleibter Grund des eingesprochenen Worts der Gnade, dem sie sich haben mit der Seelen verleibet, der glaubet in ihnen, bis auf den Tag der Offenbarung Jesu Christi, da er sein Reich will offenbaren.

10,45.   Denn auch die Väter der Juden kannten Christum nicht im Fleisch, sondern im Vorbilde als in der eingeleibten Gnade, welche sich mit der Figur im Bunde in ihrem Gesetze offenbarte, und zogen Christum nicht im Fleische an bis auf seine Offenbarung im Fleisch. Aber im ersten eingeleibten Bunde und Worte in der Kraft zogen sie ihn an. Als aber Christus denselben Bund mit der Menschheit erfüllete und das Gesetze des Zorns in der Sünden mit seinem Blut erfüllete und die Sünde in ihren, welche die Menschheit hatte aufgehalten, tötete, da zogen sie Christum im Fleische an. Alle, die an ihn in seinem Bunde geglaubet hatten, das ist: welche den Bund in der Kraft als im Geiste hatten angezogen, in denen ward der Bund mit himmlischen Wesen erfüllet. Auch in denen, welche nach dem äußern Leibe waren lange verweset, deren Seele im Bunde der Kraft lebte. Alle diese zogen Christum in seiner Auferstehung in ihnen an, und stunden ihrer viel mit ihm nach seiner Auferstehung auf vom Tode in seinem Leibe und ließen sich zu Jerusalem sehen zu einem Zeugnis, daß sie in Christo waren auferstanden, und hatten Christum im Fleische angezogen, welcher ihren Glauben in der Menschheit erfüllet hat.

10,46.   Darum wird dirs gesaget, du blinde Christenheit mit deinem Mundgeschwätz, daß du ohne Christo im Fleische so weit und viel weiter von Christo bist als die frommen Heiden, Türken und Völker, welche Christum nicht kennen und gehen aber auf den inwendigen ersten Grund.

10,47.   Denn außer Christo hat der Mensch keinen Gott, denn der Gott Jehova hat die Menschen Christo als den Namen und der Kraft Jesu, welche sich aus Jehova offenbaret, gegeben. So nun ein Fremdling zu dem Gott Jehova sich nahet und ihm sich einergiebet, demselben gibt der Gott Jehova Christo. Denn Christus sagte auch: Vater — das ist Jehova — ich habe der keinen verloren, die du mir gegeben hast; das ist: der Gott Jehova wird in der Seelen offenbar in dem bekehrten Sünder. Dieser Offenbarung giebet sich der eingeleibte Gnadenbund zum Eigentum, welcher Gnadenbund mit seiner Einnehmung der Seelen soll offenbar werden, wenn Gott das Verborgene der Menschheit offenbaren wird an dem Tage der Wiederkunft des Fleisches und der Auferstehung von den Toten.

10,48.   Darum wird dir, du Titel- und Maulchristenheit, gesaget im Eifer Gottes, daß du in deinem Mundgeschwätze ohne Christi Geist, Fleisch und Blut in dir — ebenso wohl heidnisch, türkisch (moslemisch) und vor Gott fremd bist als sie. Deine vermeinte Wahl sonderlicher Annehmung der Kindschaft außer der neuen Geburt ist dein Strick und Fall. Der Zorn Gottes machet deinen falschen Weg, welchen du gehest, zum Strick deiner Berückung und führet dich in deinem auswendigen Schmuck in die Grube des Todes und der Höllen, daß deine Kinder nichts als Mörder, Geizige, Hurer, Diebe, Neidige, Boshaftige, Meineidige, Treulose, Störrige, der Wahrheit Widerstrebende, Hoffärtige, im Sinn des Teufels nach Macht, Ehren und Gewalt Stehende, den Elenden zu unterdrücken und untertreten im Herzen sind. Auswendig gleißen sie mit einer Heuchelei und decken die Gnade Christi über diese Falschheit. Deine Wahl und Vorsatz, o Gott, muß ihrer Schalkheit Deckel sein, da du dir doch nichts als Christum in den Gliedern, so aus ihm geboren sind, erwählet hast und nur Christus die Gnadenwahl selber ist. Aber deine Gerechtigkeit in deinem Eifer, nicht Gott, findet sie in deinem Grimm; darum gehet es so übel zu.

10,49.   O tiefe Gnade Gottes, erwecke dich doch noch in uns armen, verwirrten, blinden Kindern und reiß ab des Antichrists und des Teufels Stuhl, welchen er in Gleißnerei hat aufgebauet, und laß uns doch einst sehen dein Antlitz. Gott, die Zeit deiner Heimsuchung ist ja da, wer kennet aber deinen Arm vor der großen Eitelkeit des Widerchrists in seinem aufgebauten Reiche! Zerstöre du ihn, Herr, und reiß ab seine Macht, auf daß dein Kind Jesus offenbar werde allen Zungen und Völkern und wir von des Widerchrists Macht, Hoffart und Geiz erlöset werden. Halleluja! Von Aufgang der Mitternacht zischet der Herr mit seiner Kraft und Macht, wer will das wehren? Halleluja. In alle Land siehet sein Auge der Liebe und seine Wahrheit bleibet ewiglich. Halleluja. Wir sind erlöset vom Joch des Treibers, das soll niemand mehr aufbauen, denn der Herr hats beschlossen in seinen Wundern!

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Weitere Vergleichung und Erklärung der Sprüche von der Wahl

 

11,1.     St. Paulus spricht Röm. 10,6-9: Die Gerechtigkeit aus dem Glauben spricht also: Sprich nicht in deinem Herzen, wer will hinauf gen Himmel fahren. Das ist nicht anders, denn Christum herabholen. Oder wer will hinab in die Tiefe fahren, das ist nichts anders, denn Christum von den Toten holen. Aber was saget sie? Das Wort ist dir nahe, nämlich in deinem Munde und in deinem Herzen. Dies ist das Wort vom Glauben, das wir predigen. — Erklärung: Wer will uns von einer fremden angenommenen Gnade predigen, so daß das Wort vom Glauben allein ist, das in unserm Munde und Herzen in Kraft schwebet?

11,2.     Wie will der Gottlose bekehret werden durch fremden Schein einer angenommenen Kindschaft, er nehme denn das Wort, das er in seinem Munde führet, da er Christentum mit bekennet, in sein Herze, daß es die Seele fasse in ihrem allerinnersten Grunde? Wo ist die angenommene Kindschaft, ohne wo das Wort im Herzen der Seelen wurzelt und wohnet? Wo nimmt Gott die in Sünden toten Menschen an, in welchen allein sein Zorn lebet und zwinget sie durch eine absonderliche Wahl in den Vorsatz seiner Gnaden? Er lässet das Wort in dem Munde des Gottlosen schweben, auch in seinen Ohren. So es aber sein Herze in der Seelen nicht fasset, so lässet er das Licht im Wort in der Gottlosen Ohren und Herzen verlöschen, und solches darum, daß der Gottlose im Vorsatz seines Zorns ergriffen und die Seele das Leben der Finsternis mit ihrer angeerbten und eingeführten Eitelkeit erwecket und angezündet hat, daß es ein Distel- und Schlangen-Leben ist, dem sich das Wort Gottes der Liebe nicht eineignet.

11,3.     So uns nun das Wort, das in unsern Mund und Herzen schwebet, zu den Kindern des Glaubens machet, so mag keine fremde Annehmung gelten durch sonderlichen von außen erwählten Schein, sondern das Ingeborene und wieder aus der selben Ingeburt aussprechende Wort, da Christus aus seinem Grunde mit der Seelen und durch die Seele redet, das ist die Kindschaft der Annehmung. Denn so du mit deinem Munde bekennest Jesum, daß er der Herr sei, und glaubest in deinem Herzen, daß ihn Gott von den Toten auferweckt hat, so wirst du selig, Röm. 10,9. Aber nicht durch einen absonderlichen Wahn, sondern der Geist Christi muß in dir bekennen, daß Jesus Christus in dir von den Toten auferstanden sei. Dein Maul-Bekennen ohne die Auferstehung Christi in dir hilft dich nichts, denn Christus sprach: Ohne mich könnt ihr nichts tun; item: niemand kann Gott einen Herrn heißen, ohne Christum in ihm. Denn er ergreift das Wort Herr ohne Christum nicht in der Kraft, darum ist sein Herr-Heißen ohne Leben. Denn es ist kein Unterscheid unter Juden und Griechen, es ist allzumal ein Herr, reich über alle, die ihn anrufen, Röm. 10,12.

11,4.     Ferner Röm. 10,13: Denn wer den Namen des Herrn wird anrufen, der soll selig werden. — Erklärung: Hie macht St. Paulus keinen Unterschied unter den Völkern, sondern wer Gott in seinem Herzen begehret, dem giebet er die Seligkeit, welche er in Christo anbietet.

11,5.     Wo bleibet nun allhie das erwählte Volk, das sich rühmet, Gott habe es vor andern Völkern erwählet, daß es kann von Christi Menschheit sagen, so er sein Reich unter Juden und Griechen hat und daß der allein ein Jude ist und ein Christ, der es im Herzen der Seelen ist? Wo ist denn die auswendige zugerechnete Gnade ohne die Kindschaft der Seelen? Wann hat Gott einen Teufel erwählet und zum Kinde Gottes gemacht? Wohl niemalen.

11,6.     Also merke das: Die Gnade kommt nicht aus Verdienst der Werke, sondern aus dem Lebensbrunnen Christi alleine, aber die Werke bezeugen, daß die Gnade in Christo in der Seelen lebendig sei. Denn folget das Werk nicht, so ist Christus in dir noch nicht auferstanden aus dem Tode, denn wer aus Gott geboren ist, der tut göttliche Werke. Wer aber aus der Sünde ist, der dient der Sünden mit seinen Werken.

11,7.     Es soll sich keiner einen Christen rühmen, er begehre denn göttliche Werke in der Liebe Christi zu wirken, anders ist es nur ein fremder Schein ohne das Leben Christi.

11,8.     Die Wahl zur Kindschaft gehet allein über diese, welche in der Gnade lebendig sind und in der Gnade gute Werke wirken. Die andern aber, so sich der Kindschaft durch eine Gnadenannehmung trösten und in ihren Herzen nur Greuel wirken, die verstocket der Vorsatz des Zorns Gottes. Von denjenigen aber, welche nicht aus der Gnade geboren sind und wollen aber durch ihre Werke und Verdienst dazu kommen, welche auswendig gleißen und inwendig tot und nur zum Schein also gleißen, saget St. Paulus.

11,9.     Röm. 11,7: Wie denn nun, was Israel sucht, das erlanget er nicht. Die Wahl aber erlanget es, die andern sind verstockt, wie geschrieben stehet Jes. 6,10. Gott hat ihnen gegeben einen erbitterten Geist, Augen, daß sie nicht sehen, und Ohren, daß sie nicht hören, bis auf den heutigen Tag. Und David spricht: Laß ihren Tisch zu einem Strick werden und zu einer Berückung und zum Ärgernis und ihnen zur Vergeltung. Verblende ihre Augen, daß sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit, Ps. 69,23.24.

11,10.   Erklärung: Welche von Israel meinet allhie der Geist, Jes. 6,10 und St. Paulus, die nicht unter der Wahl sind, daß sie Gott wolle in seinem Zorn also verstocken? — Antwort: Diese meinet er, welche, wenn sie das Wort hören, so nehmen sie das in ihre Ohren und fassen das in bloße Lehre in die Vernunft und fassen es nicht in die Seele ein, daß es in den Abgrund wurzelt. Es erreicht nicht die erste eingeleibte Gnade, denn die Hoffart und Eigenheit lieget davor, auch die Sorge des Bauchs. Der Geiz ist ein Riegel davor und die Hoffart der Selbheit, eigene Fleischesliebe hat sich an Gottes Statt gesetzt.

11,11.   Diese prangen auswendig mit der Gnade und fassen dieselbe in ihrer Hände Werk und wollen die Gnade durch das Werk verdienen, wie die falschen Juden taten, welche allein am Werk hingen und den Glauben nicht im Grunde der Seelen hatten. Von denen saget St. Paulus: Das Israel im Werke suchet, das erlanget er nicht, die Wahl aber erlanget es, Röm. 11,7. Denn die Wahl ging nur auf diese Juden, welche im Abgrunde der Seelen Juden und aus dem Glaubenssamen geboren waren, welche aus dem verheißenen Samen als aus dem eingesprochenen Wort in dem Bunde Abrahams und Adams geboren waren, welche durch das Wort in ihrem Herzen beschnitten worden.

11,12.   Denn nicht die Beschneidung der Vorhaut am Fleische galt vor Gott, sondern die im Herzen. Die im Fleische aber war das Siegel und Zeichen des inwendigen Grundes, wie die Gnade die Sünde von der Seele abschnitte. Bei denen aber, so nur mit dem äußern Werk umgingen, war es nicht also, denn sie waren unter Israel wie Unkraut unter dem Weizen, welches sich über den Weizen ausbreitet und groß daherflattert und will gesehen sein, daß es ein groß Gewächse sei. Aber es träget keine gute Frucht und ist auch sonst nichts nütze, als daß man es verbrenne zur Erntezeit, denn es sticht nur um sich und nimmt den Raum ein.

11,13.   Also auch der falsche Mensch setzet sich wohl in den Tempel Gottes und nennet sich einen Christen, treibet auch viel Scheinwerke, dadurch er will das Ansehen haben, als sei er der beste Christ. Er lernet Kunst, studieret und weiß viel von Gott zu sagen. Er lehret andere, aber um Nutzens und Ehre willen, wie die Pharisäer taten, welche große Heiligkeit vorgaben und große Säume an den Pfaffenröcken trugen und lange Gebete zum Schein äußerlicher Frömmigkeit verwendeten.

11,14.   Aber Christus sagte: Sie fressen der Witwen Häuser und umzogen Land und Wasser und macheten einen Judengenossen, und wenn sie den gemachet hatten, so machten sie ein Kind der Höllen aus ihm, zwiefältig mehr als sie waren, Matth. 23,25. Das sind nun diejenigen, welche solchen großen Schein vorgeben und sagen, sie sitzen an Christi Stätte, ihre Worte sind Gottes Wort. Diese breiten sich aus und ziehen sich selber groß und trachten im Herzen nur nach Ehren, Geiz und Hoffart. Was sie sagen, soll man halten, als ob es Gottes Stimme vom Himmel sei. Und ob gleich die Stimme aus falschem Gemüte sich in das geschriebene Wort hat eingesetzet und unter dem Buchstaben des Worts wie Unkraut unter dem Weizen flattert, noch soll es Gottes Wort sein. Wer dawiderredet und das falsche Kind andeutet, da schreiet die eigene Hoffart: er ist ein Schwärmer und verachtet das Amt; hütet euch vor ihm, er verführet euch; kommt nur zu mir her, denn allhie ist das rechte Amt, das von Gott eingesetzet ist. — Und ob sie gleich nicht von Gott, sondern durch Menschengunst eingesetzet sind, und auch nicht Gott dienen, sondern ihrem Bauche, der Hoffart und eigenen Liebe; noch sind sie in ihrem Gemüt das schöne Kind der Gnaden, welche vermeinen, soviel Gnade zum Überfluß zu haben, daß sie es andern aus der Gewalt vermeinter großer Heiligkeit ums Geld teuer verkaufen mögen. Aber wer das kauft, der kauft eine Distel für guten Samen.

11,15.   Der andere Part der falschen Israeliten von Abrahams natürlichem Samen sind diese, welche aus der Macht der Natur über Israel zu Fürsten und Regierern in allen Ämtern, wie sie einen Namen haben, vom größten bis zum kleinsten gesetzt werden, daß sie sollen Beschirmer der Gerechtigkeit sein. Diese alle geben einen großen Schein unter der Wahrheit vor und ziehen sich unter den Ämtern also hoch in eigenem Dünkel, daß sie meinen, sie sind eigenmächtige Götter; sie tun, was sie wollen, so sei es recht; ihr Amt habe die Gewalt, daß man müsse alles recht heißen, was sie tun, und suchen doch nicht die Gerechtigkeit Gottes in seinem Fürsatze der Ordnung der Natur, viel weniger die Gerechtigkeit in der Liebe, welche er hat durch die Gnade Christi offenbaret, sondern setzen ihre eigene erdichtete Gerechtigkeit zu ihren eigenen Ehren der fleischlichen, wollüstigen Hoffart an die Seele göttlicher Gerechtigkeit und Wahrheit, und schweben nur im Munde mit dem Gesetze Gottes, das Herze aber hat sich in das Recht einer Distel gefasset, welche über das gute Kraut flattert und um sich sticht und sich weit ausbreitet, und träget selber keinen guten Samen.

11,16.   Diese beiden Parten — ausgenommen die Kinder Gottes, so noch darunter sind, — die sind nun die Hure und das Tier in der Offenbarung Johannis, durch welche der Teufel ein Fürst dieser Welt unter den Menschen ist, das der Engel in Abgrund des Schwefelpfuhls stürzet; und sind nicht rechte Israeliten aus dem Samen der Verheißung geboren, und erreichen nicht die Kindschaft, sondern die Wahl, welche allein des Glaubens Kinder in der Gerechtigkeit der Gnade suchet und annimmt, die erreichet es. Die Hure samt dem Tier aber sind in ihren Lüsten der Bosheit, der Hoffart, Geizes, Neides, Zorns und der Ungerechtigkeit verstocket, und sind der Antichrist als der Titel- und Maulchrist, ein Teufel in Engelsgestalt, wie Luzifer im Himmel war, welcher ausgeworfen ward als ein falscher Same, also auch diese.

11,17.   Denn die Wahl des Hausvaters aller Wesen suchet nur guten Samen. Sie wählet nicht Distelsamen und machet Weizenkorn daraus, wie die Vernunft meinet, Gott nehme den ganzen falschen Samen und mache ein Kind Gottes daraus, daß er also seinen Reichtum der Gnaden eines sonderlichen Vorsatzes sehen ließe. Nein, das geschieht nicht. Der Gottlose, das ist, welcher aus einem rechten Samen entsprossen ist und aber durch seine angeerbte Konstellation die Neiglichkeit der Greuel in sich eingeführet hat, der tue Buße und gehe in seinen inwendigen Grund und werde aus der Gnade geboren, so mag es geschehen.

11,18.   Denn Gott sagte zu Mose: Ich will wohltun an denen, die mich lieben und meine Gebote halten, ins tausendste Glied, Exod. 20,6. Dieses Wohltun ist anders nichts als eine Pflanzung des Gnadenbundes in ihrem Samen, wie Abraham, Isaak, Jakob und David verheißen ward, daß er ihren Samen nach der verheißenen, eingeleibten Gnade also sehr segnen und mehren wolle, daß er nicht möge gezählet werden.

11,19.   Aber das Reich der Natur in Gottes Vorsatze der Gerechtigkeit stund auch mit in diesem Samen nach der seelischen Eigenschaft. Das sollte mitwirken, aber in vielen wendete sich der Seelen Willen von dem Reiche des Fürsatzes der Gnaden ab; welcher Seelen nun im Reiche der Natur im Zorne ergriffen und in die Distel wuchsen, das war nun nicht Gottes Schuld, sondern der Scienz des seelischen Grundes aus dem ewigen Grunde zur Natur als des freien Willens des Ungrundes zum Naturgrunde der Seelen.

11,20.   Allda lieget der erste Grund der Distelkinder, welche die eingeleibte Gnade des eingesprochenen Worts mit Füßen ihrer falschen Lust treten und nicht wollen der Gnadenkinder sein, davon Christus als diese Pforte der Gnaden selber saget, Mich. 7,1 er wäre wie ein Weingärtner, der da nachlieset; item, er habe Israel seine Kinder oft versammeln wollen als eine Gluckhenne ihre Küchlein unter ihre Flügel, aber sie haben nicht gewollt, Matth. 23,27.

11,21.   So spricht die Vernunft: Sie haben nicht gekonnt, ja sie können nicht. — Antwort: Warum? — Vernunft: Sie sind Distelkinder. — Antwort: Warum? — Vernunft: Es ist aus Gottes Vorsatz. — Antwort: Aus dem Vorsatz göttlicher Gerechtigkeit nach der Ordnung der Schöpfung der Natur als aus der Schiedlichkeit des Sprechens im Wort, da sich die Scienz als die Selbheit des Ungrundes in ihren ersten Grund fasset, das ist es. Denn daselbst fasset sich Gottes Grimm im Centro der Natur in dem Samen der Menschen aus ihren angeerbten Sünden, sowohl künftiger wirklicher Greuel mit ein; da Gottes Zorn öfters eine Wurzel in der Eltern Sünde machet und sich in die Scienz des Ungrundes einfasset, daraus hernach im Samen eine Distelwurzel entstehet, da Gott die Sünde der Eltern an ihrem Samen strafet bis ins dritte und vierte Glied, vermöge der Schrift.

11,22.   Diese Distelkinder kommen alsdann auch von Israel, aber nicht aus der Gnade, das ist: die Gnade, so in sie im Paradeis eingeleibet ist, wächset ihnen in ihnen zum Gericht. Gleichwie der Sonnen hitziges Ens sich wohl in die Distel giebet, aber nicht nach der Liebe-Tinktur, sondern nach der Distel Art, denn die Distel kann sie anders nicht einnehmen als in ihrer Essenz Gleichheit, wie eine Kröte auch nur Gift aus dem guten Ente sauget.

11,23.   Und wie der Sonne Hitze die Distel endlich ausdorret und sie in ihrem Leben hinrichtet, also auch sitzet Christus mit seiner eingeleibten Gnade in dem gottlosen Menschen auf seinem Richterstuhl. Es lässet ihn den heiligen Namen Gottes eine zeitlang zum Schwur seiner Falschheit in seinem Munde mißbrauchen und sich unter Christi Verdienst in seinem vermeinten Amte — damit er meinet Gott zu dienen und die Gnade zu erwecken — rühmen, er sei ein wahrer Christ. Er lässet ihn heucheln und gleißen wie er will, lässet ihn auch in Christi Namen weissagen wie Kaiphas, welcher riet, es wäre besser, daß ein Mensch für das Volk stürbe, als daß es gar verdürbe. Er lässet ihn auch in seinem pharisäischen Amte sich wohl mästen und großziehen. Er giebet ihm auch die berufene Gnade in seinen Testamenten, gleichwie die Sonne mit ihrer guten Kraft sich der Distel eingiebet, und lässet sich die Distel darinnen mästen und großziehen bis zur Erntezeit. Alsdann dörret sie dieselbe aus und richtet sie zum Tod, denn sie hat falschen Samen in ihr geboren. Darum jätet sie der Hausvater aus und wirft sie ins Feuer.

11,24.   Davon saget allhie St. Paulus und zitiert den Propheten Jesaja an, Kap. 6,10 und den königlichen Propheten David, Ps. 69,23: Laß ihren Tisch zu einer Berückung werden, — das ist: sie essen von Gottes Wort in ihrem Munde, aber es wird ihnen von ihrem Herzen der Seelen weggerücket, daß das Heilige nicht in die Distel eingehe. Und der Satan, saget Christus, reißet das Wort von ihren Herzen, daß sie nicht glauben und selig werden, denn der Satan sitzet in der Distel des Grundes der Seelen. Und allhie nennet ihn Christus einen Fürsten dieser Welt.

11,25.   Und der Zorn Gottes hat ihnen gegeben einen verbitterten Geist, Augen, daß sie den Grund der Gnade nicht sehen, und Ohren, daß sie Christi lebendige Stimme nicht hören. Darum saget Christus zu den Pharisäern: Ihr seid von unten her, von dem Vater dieser Welt; item: von dem Vater, dem Teufel, Joh. 8,44, und höret meine Worte nicht, denn ihr seid nicht von Gott. Wer von Gott geboren ist, der höret Gottes Wort. Darum höret ihr nicht, denn ihr seid nicht von Gott.

11,26.   Also auch die jetzigen Streiter, Zänker und Verächter der Kinder Gottes sind nicht von Gott, sondern nur aus dem Mundgeschwätze, aus der pharisäischen Wurzel, und hören nicht Christum in ihnen lehren. Sie wollen auch nicht, sondern stoßen ihn vorsätzlich von ihnen und setzen sich an seine Stelle. Sie sind nicht Apostel Christi, noch ihre Nachfolger, sondern dienen ihrem Abgott Mausim, der in ihrem Munde schwebet als eine Distel über dem Weizen. Sie laufen, und niemand hat sie gesandt als nur ihres Herzens Gedichte zur Wollust menschlicher Ehren, und dienen dem Amt Mausim des Antichrists, welchen sie haben zu Christi Statthalter gesetzet. Christus nennet sie reißende Wölfe, Joh. 10,12, welche die einfältige Herde mit ihrem Lästern fressen und mit Gift der Spötterei Christi töten und sich als Disteln unter dem Weizen emporschwingen und in menschliche Lehre setzen, und verwirren die Welt, und ursachen, daß die Distelkinder Krieg und Verwüstung der Länder und Leute anrichten, dazu sie getreulich mit ihrem giftigen verbitterten Geiste helfen einraten und dienen. Darum sind diejenigen, davon St. Paulus saget, Röm. 11,8-10, welcher den Propheten David zitiert, Ps. 69,23: Laß ihren Tisch zu einem Strick werden und zu einer Berückung und zum Ärgernis und ihnen zur Vergeltung: Verblende ihre Augen, daß sie nicht sehen, und beuge ihren Rücken allezeit. Das ist, daß sie ihnen vergelten einander selber in ihrer Blindheit, indem sie in Christi Amte nur nach Macht und Wollust trachten, daß sie einander verfolgen, schmähen, verachten und Christi Namen in ihnen dem Teufel zuschreiben, auf ihrem Lager nur dahin trachten, wie sie einander wollen mit Listen begegnen und ihre Sache mit der Schrift beschönigen, als täten sie das aus göttlichem Eifer der Wahrheit, Gott zu gefallen und ihren Brüdern damit zu dienen.

11,27.   Diese laufen als die rasenden Hunde, Wölfe und böse unsinnige im Grimm des entzündeten Zorns Gottes und fressen den Namen Christi aus der Laien Munde, und schütten ihre Herzen und Mund voll Lästerei ihres Herzens falschen Gedichtes, daß ein Mensch den andern um Christi Namen, um ihrer gedichteten Meinung halben verachtet, lästert und verketzert und für untüchtig hält; und fressen sich doch nur selber also, daß eine Partei die andere ausrottet, und vergelten einander ihre Bosheit und Falschheit, wie allhie David saget.

11,28.   Diese sind es nun, davon Christus sagte, die in der Schulen obenan sitzen und auf dem Markte sich gerne grüßen lassen, Matth. 23,6.7., welche vernünftigen Schein vorgehen, aber ihre Herzen sind voll bitterer Galle. Und ihre Wege sind schädlich, Ottergift ist unter ihren Lippen, und dienen mir vergeblich, sagt der Prophet. Diese alle sind nicht unter der Wahl der Kinder Gottes, sondern nur diese, davon Christus saget: Liebet einander; dabei wird man erkennen, daß ihr meine Jünger seid, Joh. 13,35; item: so ihr an meiner Rede bleibet, selig seid ihr, so ihrs tut, Joh. 13,17; item: wer nicht verlässet Häuser, Geld, Gut, Weib, Kinder und verleugnet sich selber und folget mir nach, der ist nicht mein Diener, Luk 14,26.33. Alles muß das Herze übergeben und nichts für eigen halten, sondern denken, daß er nur ein Diener Gottes und seiner Brüder sei in seinem Stande und mit dem er das zu verwalten hat, also tun sollte, wie es Gott von ihm fordert und haben will, und nicht den Mantel Christi mit seinem Verdienste über sich decken und darunter ein Geiziger, Hoffärtiger, Neidiger, Zorniger bleiben.

11,29.   Diese alle, so viele derer sind, so lange sie solche sind, sind diese, davon St. Paulus und David allhie sagen, sie seien wohl berufen, aber nicht unter der Wahl der Gnaden, sie kehren denn in Zeit der Gnaden um und verlassen alles in ihrem Herzen und folgen Christo nach.

11,30.   Keine von außen zugerechnete Gnade nimmt sie an, sie werden denn Kinder der Gnaden. Alsdann nimmt sie die zugerechnete Gnade, welche ist Christus, in sich ein. Außer Christo sind lauter Pharisäer und Heuchler. Sie gleißen gleich mit der zugerechneten Gnade wie sie wollen, so sind es Wölfe, vor denen uns Christus hüten heißt. Ob sie gleich sagen: Hie ist Christi Kirche, — so ist es alles nichts; an ihren Werken sollt ihr sie erkennen, saget Christus Matth. 7,16. Folgen sie Christo nicht nach, so sind sie Diebe und Mörder, saget Christus. Ob sie gleich das einwerfen, daß das Amt Menschen zu hohen Priestern mache, welche Schwachheiten haben und sich damit wollen decken, so gilt es alles nichts. Das Herze muß in Christo sein und wandeln. Und obwohl St. Paulus sagete, daß dem Fleische die Lust anhanget und die Sünde im äußern fleische wohnet, Röm. 7,17, so siehet man doch wohl, welche die Lust zu töten und Christo nachzufolgen begehren, denn wo Geiz und Hoffart innen ist, da ist ein Pharisäer zur Herberge. Entschuldige dich, wie du willst, so hast du ihn am Halse.

11,31.   Ferner Röm. 11, 15.16: Denn so ihrer, der Juden Verlust der Welt Versöhnung ist, was wäre das anders denn das Leben von den Toten nehmen? Ist der Anbruch heilig, so ist auch der ganze Teig heilig. Und so die Wurzel heilig ist, so sind auch die Zweige heilig. — Erklärung: Dieser einige Text wirft alle Meinungen, daß Gott dem Gottlosen die Gnade zurechne, zu Boden und setzet es auf den Grund der Wurzel und deutet an, daß Gott nicht aus seinem Willen etliche verstocke, daß er wolle durch dieselben beweisen, was seine Gnade sei. Denn also saget St. Paulus: Was wäre das anders als das Leben von den Toten nehmen ! Er setzet die Verstockung auf die Wurzel, nämlich daß ein böser Baum böse Früchte trage und ein heiliger Baum heilige Zweige und der Zorn Gottes Kinder des Zorns gebäre, und solches aus der Menschen Sünde und Eitelkeit, welches doch den Heiden zum Lichte dienen muß, wie er Röm. 8,28 saget: Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Besten dienen, welche aus dem Vorsatz der Gnaden berufen und geboren sind.

11,32.   Die Vergebung der Sünde, da die Schrift saget, er vergiebet ihnen die Sünde und rechnet ihnen die Gnade zu zu einer Rechtfertigung, gehet allein über diese, in welchem inwendigen Grunde Christus lebet und ihnen die Sünde im Fleische, wie David und andern mehr, anhanget, daß sie oft fallen, denen hilft die Gnade in ihnen wieder auf und tilget die Sünde und Übertretung.

11,33.   Den Verstockten ohne Buße und ganzer Umwendung gehet das nicht an. Sie dürfen darauf nicht sündigen, indem sie in ihrem Willen in Sünden tot liegen, daß Gott werde eine Ursache an ihrer Verdammung nehmen. Seine Gnade an ihnen mit einem sonderlichen Ruf und Zwange sie zu bekehren, sehen zu lassen, als ob er aus einem Teufel einen Engel mache aus sonderlichem Vorsatze, sonst hätte das Luzifer mit den Seinen auch zu hoffen. Sondern er lässet ihnen seine Sonne den ganzen Tag ihres Lebens in ihren Munde und Ohren scheinen, und rufet sie und saget: Verstocket eure Herzen nicht mit der wirklichen Sünde, daß das Wort möge in eure Herzen schallen und wurzeln.

11,34.   Denn es ist wohl möglich, daß ein armer toter Sünder bekehret werde, so er will von den Bildern (der Scheinwelt) stillestehn und einen Augenblick hören, was der Herr in ihm redet. Aber der verstockte, verbitterte Geist will des Herrn Stimme in ihm selber nicht hören reden, sondern saget nur: Buchstabe, Buchstabe — das geschriebene Wort sei es allein. Das zeucht ihn hin und her, und er rühmet sich dessen, aber das lebendige Wort, das den Buchstaben hat ausgesprochen, das will er in ihm nicht dulden noch hören. Soll er aber zur Erkenntnis kommen, so muß er sich den Buchstaben vorhin töten lassen. Alsdann machet ihn der Geist im Buchstaben erst recht lebendig. Das ist, er muß allen Buchstaben absterben und sich so unwürdig halten, daß er des buchstabischen Worts nicht wert sei, wie der arme Zöllner im Tempel; und daß er keine Gerechtigkeit mehr am buchstabischen Worte habe als der alles verloren habe und nicht wert sei, daß er die Augen zu Gott aufhebe und daß ihn die Erde trage und er unter die Zahl der Kinder Gottes solle gerechnet werden. Also hat er alles verloren, und hat ihn der Buchstabe getötet, denn er giebet sich also in Gottes Gerichte ein. Hierbei muß er nur auf die lautere Barmherzigkeit Gottes ohne alle seine Würdigkeit hoffen und in dieselbe sich einersenken als ein Toter, der kein Leben in ihm hat, was die mit ihm immer tue, und muß an allen seinen Werken verzagen und bloß mit der Hoffnung in die allerinnerste, lauterste Gnade Gottes sich ersenken.

11,35.   Das muß die Seele tun. Und so sie das tut und also einen Augenblick darinnen verharren mag, so ergreifet sie der erste eingeleibte Bund als die geschenkte Gnade und giebet sich der Seelen ein. Jetzt, sobald das geschieht, so stehet der Geist Christi als das insprechende lebendige Wort in der Seelen auf, und hebet an, Gottes Wort zu sprechen, und gehet zur Stund der Hl. Geist allda vom Vater und Sohne aus und vertritt die Seele in Gottes Gerechtigkeit mit unaussprechlichem Seufzen im Gebete, wie geschrieben stehet Röm. 8,26.

11,36.   Wir, das ist: die arme Seele, weiß nicht, was sie beten soll, sondern der Geist Gottes vertritt sie mit unaussprechlichem Seufzen, wie es Gott gefället. Und allda machet der Buchstabe, welcher im Gesetze der Gerechtigkeit Gottes sie getötet hat, wieder lebendig und setzet sie ein zum Lehrer seines Worts, beides in der Kraft des lebendigen Worts und in dem buchstabischen Worte. Denn diese gehen hernach erst zur Türe in den Schafstall Christi ein, und die Schafe hören ihre Stimme, wie Christus saget.

11,37.   Die andern aber alle miteinander, wes Namens die sind, welche nicht durch die Türe des lebendigen Worts durch das buchstabische Wort eingehen, die steigen anderswo hinein und sind Diebe und Mörder, Joh. 10,1-3, wie Christus sagte, und die Schafe hören nicht ihre Stimme.

11,38.   Denn Christus alleine ist die Türe, verstehet: der lebendige Christus in seinem Leben und Sprechen in und aus der Seelen. Der gehet durch das buchstabische Wort in die Herzen der Menschen wie durch Petri Predigt am Pfingsttage. Wer sich anders zu einem Lehrer des buchstabischen Wortes aufwirft, der ist nicht von Gott gesandt und kommt nur, daß er stehlen will, nämlich Christus will er seine Ehre stehlen und ihm nehmen.

11,39.   Und also mag der arme in Gottes Zorn getötete Mensch wieder lebendig werden, ob er gleich schon tot wäre. Denn Christus ist kommen, die Sünder zur Buße zu rufen und nicht die Gerechten. Und so ein solcher im Zorn Gottes verschlossener armer Sünder kommt, so ist Freude im Himmel vor Gottes Engeln mehr als über neunundneunzig Gerechten, Luk. 15,7, die da sind ergriffen und Zweige der Heiligen sind und solchen Grundes nicht erst bedürfen, sondern der Grund lieget vorhin in ihnen. Bei diesen aber wird der Grund in Gottes Zorn offenbar. Und allhie beweiset Gott an denen, wie das Leben aus dem Tode entsprosse und wie Christus dem Teufel sein Reich zerstöre und die Hölle zerbreche.

11,40.   Darum ist das unser wahrer Schluß, daß über keinem Menschen ein vorsätzlicher Schluß zur Verdammnis sei gemacht, daß es nicht möglich sei, daß er könne bekehret werden. Denn ob wohl der Mensch sich selber nicht kann bekehren, so hat aber seine Seele Macht, von ihrem Unstande aus der ewigen Scienz des Ungrundes her sich in den Abgrund zu schwingen, in den Grund, darinnen Gott sein Wort gebieret und spricht. In welchem Abgrund der Kreatur das Gnadengeschenke in allen Menschen innelieget und sehr gegen die Seele sich neiget als die Seele gegen diese tiefe Gnade. Allda mag die Seele in Gottes Gnade wohl ergriffen werden, daß sie Christo in seine Arme also einfället, welcher ihr das Können und Vermögen viel lieber giebet als sie es begehret.

11,41.   Daß aber einer sagen wollte, die Seele könne sich nicht in den Abgrund schwingen, der redet als einer, der noch lange nichts vom Geheimnis Gottes verstehet, was die Seele und was ein Engel ist, und will den Zweig vom Baume abbrechen, darinnen er doch stehet.

11,42.   Die Seele ist aus dem Abgrunde in eine Kreatur gesprochen worden. Wer will nun der Ewigkeit ihr Recht brechen, daß der ewige Wille der Seelen der aus dem ewigen Willen der Kreatur sich nicht wieder dürfte in seine Mutter einschwingen, daraus er gegangen ist?

11,43.   In das Licht, welches dem Willen erloschen ist, kann er in eigenem Vermögen sich nicht einschwingen. Aber in die Ursache zum Lichte, da weder Böses noch Gutes innen ist, kann er sich schwingen, denn er ist selber derselbe Grund. So er sich nur aus seiner Bildlichkeit in sich selber auf den Abgrund ersenket, so ist er schon da. Und in diesem Abgrunde lieget sein Perllein, und Christus stehet allda vom Tode auf und sitzet allda zur Rechten in der Kraft Gottes im Himmel im Menschen. Ob wir doch einst sehen wollten, wo Christus zur Rechten Gottes sitzet.

11,44.   O ihr Menschen, seid doch nicht also blind! Wie tut euch Gott seine Gnadentüre so weit auf, nehmets doch in acht. Sehet doch die Zeit an, eure Heimsuchung ist geboren. Tretet doch in das Gnadengeschenke göttlicher Gnadenoffenbarung nicht mit Füßen eurer tauben Vernunft.

11,45.   Weil der Mensch lebet, so hat er eine offene Gnadenpforte gegen ihn. Es ist kein Schluß aus göttlichem Willen über ihn zum Tode, denn der Vater hat den Schluß seiner Gerechtigkeit in die Gnade Christi als seinen Sohn gegeben. Eure Verstockung kommt aus euch selber. Gottes Zorn verstocket euch in euren angeerbten und wirklichen Sünden, und kein fremder einfahrender Wille.

*   *   *

 

 

Kurzer Bericht etlicher Fragen, welche die Vernunft irren, darinnen sie meinet, Gott verstocke den Menschen

 

12,1.     In der Apostelgeschichte Kap. 13,48 stehet: Es wurden gläubig, soviel ihrer zum ewigen Leben versehen waren. — Das ist der Vernunft ein Anstoß, und verstehet es nicht.

12,2.     Wann hat die Vorsehung angefangen? Sprichst du, von Ewigkeit vor der Kreatur? — Ja, ich sage auch also, aber in der Kreatur nicht von Ewigkeit, denn sie war noch nicht.

12,3.     Gott sah in Liebe und Zorn, was werden würde, so er die ewige Natur in Kreatur infassete. Denn er sah von Ewigkeit in sich wohl, so sich die Temperatur würde in eine Schiedlichkeit ausführen und die Schiedlichkeit in kreatürlichen Willen sich einfassen würde, daß es würde ein Contrarium sein, und ist auch eben der Grund göttlicher Offenbarung. Die Schrift saget aber nicht, daß Gott die Willen in der Schiedlichkeit von Ewigkeit zum ewigen bösen Wollen und zum ewigen guten Wollen verordnet habe, daß sie ein jedes, wozu es unvermeidlich geordnet, also wollen müssen. Denn das beweiset Luzifers und Adams Veränderung ihres Wollens, daß sie frei waren im Wollen, aber im Fall verlor Adam das Wohlwollen.

12,4.     Nun im angezogenen Text Apg. 13,48 heißt es jetzt allhier nach dem Fall: Die aus dem ewigen Wollen hierzu auf diesmal versehen waren, denn der Text lautet: Und der Herr tat hinzu, soviel ihrer versehen waren oder im Gnadenlichte ersehen waren, denen das göttliche Auge offen war, die waren diesmal aus- und in dem inwendigen Grunde ersehen und versehen, wie Apg. 2,47 klarer stehet: Der Herr tat hinzu täglich, die da selig wurden. — Nicht die da von Ewigkeit selig waren, sondern die da selig wurden, sagt der Text, die da aus der ewigen Wahl in Christo Jesu selig wurden, die tat er täglich zu der Gemeinde.

12,5.     Frage: Warum nicht auf einmal? — Antwort: Sie waren noch nicht selig geworden, sie waren wohl in der Versehung oder Sehung Gottes, daß sie würden selig werden, aber die Verordnung kam erst mit dem Zutun zu der Gemeinde, wenn sie selig wurden.

12,6.     Warum bekehrten sich am Pfingsttage nur dreitausend Seelen und doch hernach mehr? — Antwort: Sie waren noch nicht in ihnen versehen, das ist: versehen an diesem Orte, wenn sich die Gnade erhebet und durch das "ver" als durch den Zorn bricht, so gehet das Versehen aus dem ewigen Gnaden sehen oder Einsehen an. Denn wie mag ein Ding von Ewigkeit verordnet werden, das nicht von Ewigkeit gewesen ist?

12,7.     Wie mag die Seele von Ewigkeit, als sie noch ein Ens und Spiel in göttlicher Weisheit war, verordnet sein worden, daß sie solle ein Teufel werden, welches greulich zu denken oder zu reden wäre und doch keinen andern Verstand leiden würde, so man auf eine von Ewigkeit Verordnung gehen wollte, also wäre alle Lehre umsonst? Was darf die Gnade denen predigen, die nicht irren noch fallen mögen und die in einer unwidersprechlichen Prädestination stehen?

12,8.     Dieses von Ewigkeit Versehen verstehet man in Christo, daß welche gläubig worden, die waren von Ewigkeit in der Weisheit versehen, daß wenn sich Gott einst bewegen würde und die Natur in Schiedlichkeit zur kreatürlichen Offenbarung einführen, der Name Jesus als die höchste Liebe Gottes sich in die Scienz des feurischen Willens in der Schiedlichkeit einergeben und in der feurischen Scienz in die Freudenreich sich einführen und den Grimm in ein Liebe-Feuer in der Seelen des Menschen, welche aus der feurischen Scienz mußte urständen, wandeln wollte, da die Gnade in dem Namen Jesu zu einem Panier in den seelischen Grund sich einvermählen wollte, wie denn im Paradeis nach dem Fall geschehn. Das selbe Panier ward in des einigen Weibes Samen gestecket, da die Versehung innen lag, aus welcher alle Menschen herkommen. Aber die Schiedlichkeit in der feurischen Scienz die wäret also lange, als Seelen geboren werden.

12,9.     Es ist keine gewisse Verordnung von Ewigkeit über jede Seele, die da sollte geboren werden, sondern nur eine allgemeine Gnadenversehung. Die Verordnung gehet mit der Zeit des Baumes an. Auch ist das Sehen noch in dem Samen, ehe er eine Kreatur wird, so kennet Gott den Grund, was werden wird, aber das Gerichte gehöret der Erntezeit, wie Christus in allen Gleichnissen also redet.

12,10.   Von der Purpurkrämerin Lydia, da geschrieben stehet Apg. 16,14: Der Herr tat ihr das Herz auf, daß sie vernahm, was Paulus redete, und gläubig ward an den Namen Jesus. — Das ist es eben mit der Lydia wie mit allen fremden Völkern, welche den Namen Jesu nicht kennen, und gehen aber auf den inwendigen Grund außer aller Bildlichkeit und begehren den einigen Gott zu erkennen und ihm sich zu ergeben. Die werden von der eingeleibten Gnade des eingesprochenen Worts ergriffen und ohne der Vernunft Wissen zu Kindern der Gnaden erwählet und geboren, als denn auch von dieser Lydia zu gedenken ist. Ob sie wohl anfangs Paulum für einen fremden Lehrer mochte gehalten haben. Als sie aber hörte, daß er das Gesetz der Gerechtigkeit predigte, wie daß das Gesetz der Sünden, welches den Menschen gefangen hält, sei in einer solchen Gnade erfüllet worden, so bewegte sich in ihrem Hunger nach der Rechtferti-gung der innerste Grund in der eingeleibten Gnade, und ward Christus in ihr lebendig, daß sie Christi Stimme in den Worten Pauli vernahm, was Christus in ihr lehrte, denn Christus ward in ihr hörend.

12,11.   Den andern Heiden aber war es nicht also, denn sie stunden nur in der Bildlichkeit. Ihr Herze war nicht zu dem einigen Gott gerichtet, denselben zu erkennen, denn sie hatten ihre heidnischen Abgötter, denen sie dienten, und wollten nur etwas neues von Paulo hören. Nichts desto weniger ging das Wort in ihre Ohren hinein und drängte sich in diese ein, welche eines guten Grundes waren, welche sich hernach noch haben bekehret, als sie mehr hörten von Christo predigen; wie ihrer denn hernach an demselben Orte viel tausend bekehret worden, da sie das Wort noch mehr ergriff. Also sind auch ihrer noch viel von denen hernach bekehret worden, welche Petrum am Pfingsttage hörten, und noch denselben Tag ihn verspotteten. Als ihnen aber das Wort mehr einschaltete, so kam die Stunde ihres inwendigen Hörens. Gleichwie Longino1 der Christum in die Seite stach, auch erst die Stunde seiner Bekehrung kam, als er hörte von vielen sagen, Christus wäre Gottes Sohn; und ward ein Märtyrer um Christi willen, wie die Historien melden.

1) in der Legende der römische Hauptmann Longinus

12,12.   Und soll man allhie nicht sagen, Lydia sei vor andern von Ewigkeit hierzu verordnet worden, daß sie Paulum allein hören sollte, Apg. 16. Sie war diesmal in göttlicher Bereitung und wollte gerne den wahren Grund von Gott verstehen. Ihr Herze sehnte sich danach. Darum tat ihr Gott das Herze auf. Die andern aber waren diesmal noch nicht bereitet, sondern da der Hl. Geist begann, an ihr Herz anzuklopfen, fasseten sie es nur in die Ohren, bis sie ihm auftaten, und dachten dem nach und forschten in der Schrift, obs sichs also verhielte, wie Paulus sagte, Apg. 17,11. Als auch von den Ephesern gesaget wird, da sie das Wort mehr hörten, so hatten sie schon eine hungerige Tür des Herzens offen, da Christus mit seinem Wort Raum hatte.

12,13.   Also ist es mit allen Heiden ergangen und auch mit den Juden, welche Christum erstlich spotteten, als er am Kreuze hing. Als sie aber sahen, was da geschah, schlugen ihrer viel an ihre Herzen, wendeten um und sagten: Wahrlich, dieser ist ein frommer Mensch und Gottes Sohn gewesen, Luk. 23,47.

12,14.   Dieses geschah denen Juden, welcher inwendiger Grund diesmal offenstund, denen tat Gott die eingeleibte Gnade im Geiste Christi auf, als man denn in Historien viel findet, daß mancher Mensch in seiner eingemodelten heidnischen Bildlichkeit eine lange Zeit Christum verspottet und doch endlich, wenn er ist in den ernsten Grund seiner selber gegangen, und eigentlich vernehmen wollen, was doch für Fabeln von Christo gesaget würden, bekehret worden.

12,15.   Denn sobald das Herze von der Bildlichkeit stillestehet und sich in den Grund seiner selber schwinget, so dringet die Stimme Christi im Worte hinein und klopfet in der Essenz der Seele an.

12,16.   Die Einbildlichkeit des irdischen Wesens verhindert das Herze, daß es nicht mag Gott stille stehen und in seinen inwendigen Grund, da Gott lehret und höret, kommen. Denn, ist doch Gott selbst an allen Orten durch alles gegenwärtig, wie geschrieben stehet: Bin ichs nicht, der alles erfüllt? Jer. 23,24. Was braucht denn die Seele sich anders wohin schwingen, Gott zu hören, als nur eben in ihren Abgrund? Da ist und wohnet Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit. Er darf nur in der Kreatur offenbar werden. Dazu stehet er in dem Geiste Christi in demselben innern Grunde und klopfet an die Seele an. So sich nun die Seele gegen ihn wendet, so machet ihr Christus die Gnadentüre selber auf und zeucht bei ihr ein und isset das Abendmahl mit ihr und sie mit ihm, Apok. 3,20. — Erklärung des Spruchs Matth. 13,11 und Luk. 8,10.

12,17.   In diesen Orten stehet: Euch ist gegeben das Reich Gottes zu verstehen, den andern aber im Gleichnis, daß sie es hören und nicht verstehen. Item: er legte ihnen das Gleichnis aus, und den andern nicht.

12,18.   Allhie liegt nun die Vernunft also tot, daß sie nichts siehet ohne das göttliche Licht, und meinet anders nicht, als Christus habe es den andern nicht gönnen wollen, sie wären dessen nicht wert gewesen, unangesehen daß ihm das Volk nachzog und mit hungriger Begierde ihn hörete lehren. Aber es hat allhie ein ander ABC und Verstand. Christus sagte zu seinen Jüngern: Mein Vater will euch einen andern Tröster senden, den Geist der Wahrheit, der vom Vater ausgehet; wenn der kommen wird, der wird euch erinnern alles dessen, was ich euch gesaget habe, denn von dem Meinen wird er es nehmen und euch verkündigen, Joh. 16,13.14.

12,19.   Nicht des Vaters Stimme in Christo in Gottes Gerechtigkeit sollte in der Laien und Zuhörer Herzen und Ohren also eingehen, ausgenommen etliche, durch welche der Vater Wunder wirken wollte, sondern diese Stimme sollte in sie eingehen, welche der Hl. Geist aus Christi Leiden, Tod und Auferstehung mitbrachte als die Stimme der offenen Gnadentüre.

12,20.   Denn vor Christi Leiden war die Stimme des Hl. Geistes in Christo noch in Gottes Gerechtigkeit als im Gesetze. Aber in Christi Tode ward das Gesetze der Gerechtigkeit Gottes erfüllet. Also ging hernach der Hl. Geist durch die Erfüllung, durch Christi Wunden, Blut und Tod in der größten Erbarmung im Geisti Christi aus. Diese sollten die armen Sünder hören, welche ihm mit Begierde nachzogen. Den Jüngern aber ward des Vaters Stimme in Gottes Gerechtigkeit gegeben, daß sie die aus Christo sollten hören. Denn sie sollten erstlich mit derselben feurischen Gerechtigkeit angetan werden, in welcher des Vaters Allmacht stund als der seelische Grund. Hernach ward ihnen am Pfingsttage der Hl. Geist aus der Gnadenliebe aus Christi Erfüllung der Gerechtigkeit gegeben in die feurische Gerechtigkeit des Vaters.

12,21.   Da das geschah, so wurden in ihnen die Zungen als des Vaters Gerechtigkeit zerteilet, und ging der Geist Christi durch die Zerteilung Gottes Gerechtigkeit mit der Liebe Flamme aus. Und das geschah ihnen darum, daß sie im Geiste des Gesetzes und Evangelii von der Gnade im Geiste gegründet würden, denn sie sollten Wunder tun. So kommt aber die Kraft der Wunder aus des Vaters Allmacht und Eigenschaft und nicht durch die Eigenschaft der Liebe und Demut, welche nur leiden soll und sich in Gottes Gesetze und Gerechtigkeit in Zorn einergeben und den Zorn mit Lieben und Leiden erfüllen und auch in Liebe der Erbarmung wandeln, wie wir solches klar an Christi Person sehen.

12,22.   Wenn Christus wollte Wunder tun, so betete er erst zu seinem Vater als in die feurische Allmacht, in die Gerechtigkeit. Als er aber des Vaters Gerechtigkeit mit seiner Liebe und Demut in seinem Blut der Liebe-Tinktur des Namens Jesu erfüllet hatte, so ward des Vaters Gerechtigkeit im Zorne der Liebe Christi untertan. Und aus derselben Untertänigkeit sollten die andern Menschen außer den Jüngern nach Christi Himmelfahrt den Hl. Geist hören reden und die Gleichnisse Christi verstehen, als es denn auch also geschah, daß sie hernach alle Geheimnisse wohl verstunden. Denn der Geist Christi aus seiner Erfüllung aus seiner Auferstehung tat ihnen das Verständnis auf, wie dann auch den beiden Jüngern auf dem Wege nach Emmaus und dem großen Volke, das den Geist Christi aus der Apostel Munde nach seiner Auferstehung durch den rechten Sender aus Christi Leiden und Tod hörete die Gleichnisse ohne Sprichwort reden.

12,23.   Darum lehret Christus, als er auf Erden vor seinem Leiden wandelte, in eitel Gleichnissen, daß sie denselben Geist Christi nicht sollten empfangen als in des Vaters Gerechtigkeit. Denn es war noch nicht der Grund, den er ihnen wollte aus seiner Gnade schenken, sondern der war es, der am Pfingsttage aus seinem Verdienste, da er die Sünde getilget und in Gottes Gerechtigkeit zugesiegelt hatte, kam, Matth. 13,34.

12,24.   Sie sollten nicht alle in Wundern und Taten einhergehen, wie die Jünger, welche dazu verordnet waren aus des Vaters Gaben, da Christus sagte: Vater, ich habe der keinen verloren, die du mir aus deiner Gerechtigkeit gegeben hast, als nur das verlorne Kind, — das vorhin verloren war, daß die Schrift erfüllet würde. Joh. 17,12. Damit meinete Christus diejenigen, welche ihm sein Vater hatte zur Ordnung und zum Amte des Einladens in sein Reich gegeben. Die andern aber sollten durch den Geist der Demut aus Christi Liebe, aus dem Prozeß des Leidens und Todes Christi geboren werden und ihm in seinem Prozeß unter der Kreuzfahne in Geduld nachfahren und sich aus Gottes Gerechtigkeit mit ihrer Demut im Geiste Christi einergeben und aufopfern, aus welchem das Morden der Juden und Heiden anfing.

12,25.   Denn durch der Christen Blut ward Gottes Gerechtigkeit im Zorne in die große Liebe-Erbarmung gebracht, daß in Gottes Gerechtigkeit solche Wunder und Taten in der Demut Christi bei den Christen geschehn, welches jetzo eine zeitlang wohl gefehlet hat, seit man den Geist Christi im Menschen hat wollen auf weiche Kissen und fette Bäuche in Macht, Pracht und Herrlichkeit setzen, welcher doch nur darum ist erschienen und offenbar worden, daß er will leiden und Gottes Zorn in seiner Gerechtigkeit mit Einergeben seines Leidens erfüllen.

12,26.   Darum beschaue dich, du genannte Christenheit, ob deine Gerechtigkeit in der Geduld des Leidens Christi jetzo stehet? Ob du auch was mehrers in deinem Christennamen suchest, als daß Christus mit seiner Liebe in seinem Leiden und Tode in dir offenbar werde, daß du allein begehrest, seinem Bilde, damit er Gottes Gerechtigkeit erfüllet hat, ähnlich zu werden.

12,27.   Beschaue dich doch nur, suchest du nicht eitel Ausflüchte und deckest das Leiden Christi über dein heidnisches, abgöttisches Bilde? Was tust du, du vermeinte Christenheit? Mit Disputieren und Forschen willst du ein Christ sein, fremde Sprachen sollen dich zum Apostel machen, Streiten, Greinen und Zanken ist dein apostolisch Herze, darunter nichts als deine eigene Ehre steckt, voller Sucht des schwarzen Teufels. Wo hast du das Leiden und die Geduld Christi in seinem Gehorsam hingetan? Du Böse, siehe, es kommt ein Bote aus Gottes Gerechtigkeit und fordert das von deinem angehängeten Christennamen mit Feuer und Schwert, dich als treulos zu vertilgen und seine wahren Kinder des Gehorsams in seiner Liebe zu offenbaren. Das wirst du nahe erfahren; reden wir, als wir sollen. Amen.

 

Von den Worten Christi: Vater, vergib ihnen!

12,28.   Item; es werden auch die Worte Christi am Kreuz mit eingeworfen, da er sagte: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, Luk. 23,34. — Erklärung: Wie oben gemeldet worden, den Juden waren die Geheimnisse vom Reiche Christi und von der wahren Rechtfertigung des armen Sünders vor Gott ehe nicht offenbar, bis die Rechtfertigung im Blute Christi geschehen war. Also sollten nun diejenigen, welche der Vater zum Werkzeuge und Prozeß Christi erkoren hatte, zuvorhin nicht wissen, was sie taten. Aber nachdem sie es getan hatten, so tat ihnen Gott das Verständnis zur Bekehrung auf. Darum hat Christus des Vaters Gerechtigkeit, welche diese Mörder und Blutrichter im Zorne verschlingen wollte, daß Gottes Gerechtigkeit ihnen in Christi Blute vergeben wollte.

12,29.   Niemand kannte den Weltheiland recht, auch die Apostel selber nicht, bis auf die Offenbarung aus seinem Tode, und soll man nicht sagen, Gott habe diese Männer in Sonderheit dazu verstocket, daß sie Christum nicht haben kennen mögen. Nein, es kannte ihn wohl keiner recht, was sein Amt war, bis nach seiner Erfüllung dessen, darum er kommen war.

12,30.   Diese Männer, welche Christum urteilten und töteten, die saßen im Amte des Gesetzes der Gerechtigkeit Gottes. Das Gesetze als Gottes Gerechtigkeit tötete Christum. Sie aber meinten, sie taten Gott einen Dienst daran, und eiferten in Gesetze Gottes Gerechtigkeit, welches Gesetze sie auch zum Werkzeuge der Erfüllung des Gesetzes in Christo als des Gesetzes Amtleute erkoren hatte.

12,31.   Wie denn auch Saulum also, daß er in dem Gesetze der Gerechtigkeit Gottes eiferte mit wahrem göttlichen Eifer, wie es das Gesetz erforderte, bis ihn die Erfüllung des Gesetzes im Eifer seines Fürhabens ergriff und ihm andeutete, daß dieser Eifer im Gesetze sei mit Blut erfüllet worden. Er sollte hinfüro nicht mehr im Gesetze der Gerechtigkeit des Vaters im Feuer eifern, sondern in der Erfüllung in der Liebe Christi.

12,32.   Denn das sind nicht die größesten Sünder, die Christum gekreuziget haben, denn sie sollten es tun vermöge des Amts im Gesetze, das sie trugen; sondern das sind vielmehr die größesten Sünder, welche nach des Gesetzes Erfüllung Christum spotten und in seinen Gliedern töten, auch selber in Sünden tot bleiben, nachdem ihnen schon die Gnade in des Gesetzes Erfüllung in Geistes Kraft mit Wundern und Taten war angeboten, welche ihre Ohren zustopften und nur dawider lästerten. Diese lästerten den Hl. Geist im Verdienst Christi in seiner herrlichen Offenbarung und angebotenen Gnade.

12,33.   Darum sollen wir die Schrift recht ansehen und nicht von einer sonderlichen Verstockung sagen, indem Christus sagte: Sie wissen es nicht, was sie tun. — Es wußte es keiner, wer Christus war, bis in seinen Tod; da erkannten sie ihn erst.

12,34.   Ob nun hernach einer nach den Worten Christi sagen wollte: Ich tue dies und das und weiß nicht, was ich tue, Gott hat mich also verstocket, ich muß es tun. Item, ich muß stehlen, lügen, auch wuchern, geizen und zürnen und damit Hoffart treiben. Der sehe sich wohl an, was er ist und ob er nicht ein Kind des Teufels sei, welcher ihn mit solcher Einbildung verstocket habe. So ihn Gott also verstocket hat, daß er tun muß, so ist das Gesetze seiner Gerechtigkeit von ihm ab und auch die Lehre des Evangelii, denn er tut, was er tun soll und muß und kann unvermeidlich anders nicht sein. Welches alles wider das Gesetze der Gerechtigkeit des Vaters und wider das Gesetze des Sohnes in seinem Evangelio läuft und er dessen keinen Beweis hat, damit er sich entschuldige, wenn ihn Gottes Wahrheit als einen Lügner in die Hölle wirft, deren Kind er im ergriffenen Zorn Gottes auch ist als aus dem Vater der Lügen geboren, wie Christus vom Satan sagte, Joh. 8,44.

12,35.   Mehr wirft die Vernunft ein: Christus bat für Petrum, daß sein Glaube nicht aufhöre, Luk. 12,32, warum auch nicht für die andern, daß deren Glaube nicht aufhöre? Also muß ja ein Vorsatz sein, saget die Vernunft.

12,36.   Erklärung: Wie schon gesagt worden, Petrus und die andern Apostel empfingen den Grund des Glaubens aus Christi Stimme vor der Erfüllung des Gesetzes. Ihr Glaube ruhete noch im Gesetze des Vaters als im Geiste der Gerechtigkeit Gottes. Darum sagte Christus zu ihnen, er wollte ihnen einen anderen Tröster senden als den Geist der Wahrheit, der den Glauben aus Christi Erfüllung und Tode aus seiner Auferstehung und Wiederbringung nehmen würde, der würde bei ihnen bleiben und sie in alle Wahrheit leiten, und es von dem Seinen nehmen und in ihnen verkündigen.

12,37.   Der erste Glaube ward ihnen aus dem Vater gegeben, da er sie zu seinen Jüngern gab, darinnen lag noch Gottes Gerechtigkeit im Zorn. Diesen Glauben begehrte der Satan zu sichten und zu durchdringen, ob er der sei, der ihm solle und wolle sein Reich im Menschen nehmen und die Hölle zerstören. Welcher Glaube im Zorn Gottes auf dem rechten Teste der Probierung im Feuer noch nicht bestehen konnte, darum habe der Name Jesus für sie, daß doch dieser Grund, darinnen sie hernach in dem Glauben, der Liebe und Demut sollten Wunder tun, in ihnen nicht aufhörte, sonst würden die Wunder also feurisch nicht sein erfolget über Leben und Tod als über Gottes Gerechtigkeit, welche die Liebe im Blut Christi überwand.

12,38.   Den andern aber war dieser Glaube noch nicht gegeben, denn sie waren nicht Apostel, sondern mußten warten auf die Verheißung. Da ward ihnen der Gnadenglaube gegeben, und in demselben Gnadenglauben bittet Christus auch für sie, wie für Petrum, daß ihr Glaube nicht aufhöre, wie geschrieben stehet: Er sitzt zur Rechten Gottes und vertritt uns, und bittet ohne Aufhören die Gerechtigkeit Gottes mit unaussprechlichem Seufzen für uns in uns selber. So wir doch die Schrift wollten einmal lernen sehen und verstehen und von dem unnützen Geschwätze ausgehen in den Grund der Wahrheit!

12,39.   So soll nun niemand sagen, Christus bitte nicht für alle Menschen, wie er für Petrum bat, daß ihr Glaube nicht aufhöre, denn er ist das wirkliche Bitten als das Gebet in uns selber. Was gaukeln wir denn lange mit solchen Einwürfen? Welche wir auf Begehren haben erklären sollen, und meinen es treulich, denn da Christus sagte: Vater, vergib ihnen, sie wissen nicht, was sie tun, — da bat er für alle, die ihn noch nicht kannten und aber noch würden kennen lernen.

12,40.   Daß aber eingeworfen wird, Judam ließ er verzagen, — da siehe die Schrift an, was sie von Judas saget. Christus saget Joh. 17,12: Ich habe der keinen verloren, die du mir gegeben hast, ohne das verlorne Kind, daß die Schrift erfüllet würde, die da saget, der mein Brot isset, tritt mich mit Füßen, Psalm 41,10. Siehest du nicht, daß Christus ihn ein verloren Kind hieß, welcher schon vorhin eine Distel war, welchen der Zorn in Gottes Gerechtigkeit in sich geboren hatte zu seinem Leben.

12,41.   Also mußte dieser Judas zu einer Figur und zum Verräter Christi ein Apostel genennet sein, anzudeuten, was für Leute unter Christi Lehren künftig sein würden, als sie würden das Brot des Kelchs Christi essen unter dem Scheine großer Heiligkeit, und würden doch nur Christum in seinen Gliedern verraten und zum Tode helfen urteilen, wie solches eine lange Zeit die Diener der antichristlichen Kirchen in den Sekten getan haben und noch heute tun, welche die wahren Christen nur verraten und sie verleumden und Christum helfen kreuzigen und töten.

12,42.   Also sagte Christus, daß dadurch die Schrift müsse erfüllet werden, welche von Christo deutet, daß er stets in seinen Gliedern also verraten und getötet werden sollte, auf das Gottes Gerechtigkeit stets auch in Christi Gliedern bis an der Welt Ende erfüllet werde. Also müssen diese Judas-Brüder ein Werkzeug der Gerechtigkeit Gottes im Zorne dazu sein und müssen mit unter die Apostel gezählet werden, daß man ihnen glaubet, sie sind Apostel.

12,43.   Sie müssen apostolischen Beruf von Menschen haben und an Christi Stelle sitzen und das Brot Christi essen, auf daß ja Christus in seinem Prozeß in seinen Gliedern immerdar verraten werde und der Prozeß Christi nicht aufhöre, bis er wiederkomme und seine Braut heimhole. Denn diese Judas-Brüder dienen auch Gott in seiner strengen Gerechtigkeit, auf daß dieselbe stets im Blute Christi in seinen Gliedern erfüllet werde. Denn der Gottlose ist Gott ein guter Geruch zum Tode und der Heilige zum Leben.

12,44.   Weil denn Gott ein zorniger und auch ein lieber Gott ist, so mußte und muß noch allezeit die Figur in Christi Amte nebeneinanderstehen, auf daß eine die andere treibe und ineinander offenbar werden, zum Lobe der Herrlichkeit Gottes am Tage seiner Erscheinung.

12,45.   Es kann niemand mit Grund sagen, daß Gott Judam aus sonderlichen Willen und Vorsatz verstocket habe, daß er sich nicht hätte bekehren können, sondern die Gerechtigkeit Gottes im Zorne hatte ihn ergriffen und in eine Distel formieret und geboren, ehe er ein Apostel war, auch noch im Samen, ehe die Seele geboren ward, als aus angeerbter Sünde, da Gott bis ins dritte und vierte Glied strafet.

12,46.   Also stellt Gottes Gerechtigkeit mit Juda eine Figur dar, wie der Mensch zum Verdammnis des Todes in Gottes Gerechtigkeit Christum zum Tode offenbaren sollte, daß er solle in der Gerechtigkeit für das Volk der Sünden sterben und der Gerechtigkeit genug tun. Also stellete der Zorn seine eigene Figur mit dem Juda neben Christo in sein Amt, daß man erkennen sollte, es wäre Gottes Wille, daß sein Zorn im Menschen sollte getilget werden, und blieb doch des Zornes eigener Wille in Gottes Gerechtigkeit in sich selber wohnend als ein Zentrum zur Offenbarung Gottes, wie vorne vom Centro ausgeführet worden.

12,47.   Daß aber einer sagen wolle, was mag des ein Kind im Mutterleibe, daß es eine Distel wird, — dem wird gesaget, daß es der Wurzel, dessen die Distel selber ist, schuld ist, wie Christus sagte Matth. 7,18: Ein arger Baum kann nicht gute Früchte bringen. — Der Zorn Gottes will auch kreatürlich sein, aber solches nicht aus Gottes Vorsatze, sondern aus des Grimmes Vorsatz der ewigen Natur selber, welcher aber nicht Gott, sondern Grimm und als eine Ursach des Feuers ist, daraus das Licht offenbar wird. Siehest du allhie nichts, so rate dir Gott!

12,48.   Daß man aber sagen wollte, Juda sei sein Verbrechen leid gewesen, das ist wohl wahr, ist es doch dem Teufel auch leid, daß er nicht ein guter Engel sein kann, sondern ein Teufel, und daß er solches nicht sein kann. So verzaget er an der Gnade Gottes, das ist seine ewige Hölle.

12,49.   Also auch Judas; ihm war leid, daß er von Gottes Gnade verstoßen war. Aber der Gnade begehrte er nicht, denn der Quell zum Gnaden-Begehren war nicht in ihm. Er war nicht aus dem Glauben geboren als aus dem verheißenen Samen. Und ob er wohl aus derselben Natur herkam, da der Glaube innen lag und auch das eingeleibte Wort im Abgrunde der Seelen hatte, so hatte aber seine Seele schon eine Figur der Finsternis, welche in der Gnade ganz tot und gar untüchtig zum Leben war. Denn obgleich eine Distel mit Honig gesetzet würde, so wüchse doch nur eine fette Distel aus. Diesen gehöret nicht die Gnade, denn Christus sagte seinen Jüngern: Nehmet hin und trinket, das ist mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird. Im Blute war die Tinktur. Die Sonne giebet ihre heilige Tinktur nicht der Distel, welche Distel ein falsch Leben gegen die Tinktur hat. Die giebet ihr wohl Ens und Wesen, aber des Kleinods ist die Distel nicht fähig. Sie ziehet nur aus der Sonnen eine Eigenschaft nach ihr, wie sie ihr dienet. Also ist es auch allda zu verstehen. St. Paulus saget: Darum daß ihr nicht unterscheidet den Leib des Herrn, empfänget ihn der Gottlose zum Gerichte wie die Distel die Sonne, 1. Kor. 11,29.

12,50.   Item, es wird ferner in der Vernunft eingeworfen vom Blinden, Joh. 9,2, da die Jünger Christi fragten: Wer hat gesündiget, dieser oder seine Eltern? — denen Christus zur Antwort gab: Es haben weder seine Eltern noch dieser gesündiget, sondern daß die Werke Gottes offenbar würden.

12,51.   Erklärung: Gott hat das Reich dieser Welt in Zeit, Ziel, Maß und Gewichte eingeschlossen, Sap. 11,22. Und stehen die Werke Gottes in einer wirkenden Figur. Wenn die Figur soll offenbar werden, so stehet auch dasselbe da, darinnen und damit es soll offenbar werden.

12,52.   Da Christus in diesem gläubigen Blindgebornen sollte offenbar werden vor seinem Leiden und Erfüllung des Gesetzes der Natur, so mußte ihn das Gesetze mit den Augen der Natur von ehe töten, auf daß ihm Christus die Augen des Glaubens möchte auftun, welche Glaubensaugen hernach auch die Natur ihre Augen durch die Gnade auftun. Und war eine Figur, wie wir in Adam an Gott blind worden waren und wie wir in Christo wieder sehend würden. Denn diesem Blinden kam seine Blindheit nicht aus sonderlicher angeerbter Sünde. Denn er war ein Glaubenssamen, in welchem Christus mit seiner Annehmung der Menschheit war rege geworden, darinnen er auch an ihn glaubte. Aber dies innerliche Glaubenssehen aus Christo galt noch nicht. Er sollte erst durch menschliche Stimme sehend werden.

12,53.   Denn als Jesus Mensch ward, da ward das Menschliche in Gottes Sehen geboren. Aber das Gesetze Gottes hielt dies Sehen in den armen Sündern noch gefangen, bis unsere Augen aus seinem Tode aus des Gesetzes Erfüllung sahen. Darum da dieser in Glaubenssamen im Mutterleibe durch Christi Eingehung und Offenbarung in der Menschheit sehend worden war, so tötete die Natur sein Sehen, daß er nicht mußte mit dem Glauben durch das Licht der Natur sehen, denn es war Gottes Gerechtigkeit im Gesetze der Natur noch nicht geschehen.

12,54.   Also mußte dieser blind geboren werden, auf daß das göttliche Auge im Glauben ihn sehend machte, durch das Einsprechen des heiligen Namens Jesu, daß die Herrlichkeit Gottes offenbar würde. Und soll man nicht sagen, daß dieser Blinde durch einen sonderlichen Vorsatz blind sei geboren worden, sondern er war einer aus der Wurzel des Glaubenssamens, welchen Glauben der Name Jesu als Gottes Licht in der Liebe sehend machen sollte. Er war einer im Uhrwerke Christi zu seinem Prozeß von Gott dem Vater Christo gegeben, gleichwie die Pharisäer im Uhrwerke des Gesetzes der Gerechtigkeit Gottes auch mit zum Prozeß Christi kamen.

12,55.   Item: Es wird auch der Spruch Matth. 24,24 in der Vernunft eingeworfen, damit sie will erhalten, Gott wolle, daß die Menschen verführet und verdammet würden, da Christus spricht: Es werden falsche Christi und falsche Propheten aufstehen, daß in Irrtum, so es möglich wäre, auch die Auserwählten verführet würden.

12,56.   Erklärung: Dieser Text saget, sie werden aufstehen; er saget aber nicht, daß sie von Gott gesandt seien, viel weniger aus Christo, dem alle Gewalt gegeben war im Himmel und auf Erden.

12,57.   So sollten diese falschen Propheten aus dem Vorsatz Gottes Zorns als aus dem Eifer der Gerechtigkeit entstehen und der falschen Maulchristen Herze sichten, welche sich Christen nennen. Diese sollten durch diesen verbitterten Geist Gottes Zorns aus dem Prozeß Christi gesichtet werden, daß sie glauben den Geistern der Lügen, dieweil sie sich Christen nennen und aber nicht Christus in ihnen ist, sondern sie Kinder des Zornes sind. So sollten sie ihre Bilder der Greuel und falschen Deutelei darstellen, auf daß ihnen die Kinder des falschen Namens Christi, mit Christi Purpurmantel bedecket, anhingen und sich die wahren Christen von ihnen absonderten, auf daß erkannt würde, wer Christus sei, und auch durch die falschen Propheten der Prozeß Christi mit Beraten, Töten und Leiden offenbar und immerdar Christus von den Pharisäern und Heiden um ihres falschen Gottesdienstes willen getötet würde.

12,58.   Denn Gottes Gerechtigkeit fordert die Kirche Christi im Blute und stellet immerdar eine Ursache mit falschen Propheten und Christen dar, welche falschen Propheten mit den Heiden als Tyrannen ohne Unterlaß Christum in seinen Gliedern töten und der Gerechtigkeit Gottes aufopfern, dadurch Gottes Zorn in den wahren Christen getötet wird.

12,59.   Wenn man dieselben falschen Propheten jetzo will kennen, wer die sind, so sehe man nur diese an, welche ihnen den Buchstaben Meinung zusammengefasset haben und etwaige stattliche Postillenz (Andachtsbücher) voller Schmähkarten und Knitteln des Zorns Gottes gesetzet, da eine Sekte die ander mit in die Augen schläget und für falsch ausschreiet, und leben doch dieselben Schreier einer wie der ander, und schreiben nur zu ihren Ehren, daß sie wollen für hochgelehrte Leute gesehen sein, auf welche alle Welt sehen soll, daß sie Christus sind, und sind aber nur der Titel- und Maul-Christus ohne die Gnade, leben auch ganz außer Christi Prozeß in eitel Gelüsten des Fleisches, und dichten täglich mehr, wie sie mögen Ränke erdenken eines neuen Ordens und Gottesdienstes, darunter sie einen gleißenden Schein bekommen und man sie desto besser ehret und mit Reichtum zur Bauchfülle ihres Gottes Mausim des Bauchs begabet.

12,60.   Diese haben nicht Christi Geist in ihnen, sind auch nicht Apostel Christi, sondern alle miteinander nur falsche Propheten, welche aus dem Buchstaben ohne Wissen deuten, denn was sie sagen, das wissen und glauben sie selber nicht, und sind eben die reißenden Wölfe, von denen Christus sagte, sie haben nicht Christi Wissen in ihnen und weissagen auch.

12,61.   Aber von denen, welche in Christo sind, sagte er, es sei nicht möglich, daß sie mögen verführet werden. Das sind nun diese, in welchen Christus ist Mensch worden. Die sind nach dem innern Grunde in Christo im Himmel, in Gott, und hören Christum in ihnen reden, denn sie hören nur Gottes Wort und nicht die falschen Propheten. Wenn man dieselben falschen Propheten jetzo in allen Sekten sollte ausjäten, so würde die apostolische Schar klein werden, welche sich Apostel nennen.

12,62.   Darum soll man mitnichten sagen, daß Gott darum verhänge, daß solche falschen Propheten kommen, daß er den Menschen, welche sonst möchten zur Seligkeit kommen, die Seligkeit nicht gönnen wollte, wie die Vernunft also irret, daß ihm Gott einen Haufen zur Seligkeit geordnet habe und den andern zur Verdammnis, und das wolle Gott haben, darum sende er ihnen kräftigen Irrtum, daß sie nur fallen sollen, daß er möge seinen Zorn an ihnen beweisen.

12,63.   Ihr lieben Brüder, die ihr mit solchem Wahn bestürzet seid, wir raten euch das: Lehret nicht Wahn, seid dessen von ehe in Christi Geiste in euch aus dem Grunde versichert, ihr werdet sonst in Gottes Gerechtigkeit mit in der falschen Propheten Zahl ergriffen. Habt ihr nicht die Türe Christi in eurer Seelen offen, daß ihr möget im Geiste Christi aus- und eingehen und wahre gewisse Weide für die Schafe finden, daß ihr sie möget in Christi Grase weiden, so lasset es nur bleiben.

12,64.   Eure Schulenkunst, da ihr einander mit Worten der Vernunft schlaget und überwindet und hernach solche Vernunft-Überwindung für Christi Wahrheit schreibet und lehret, das gilt euch nichts vor Gott, denn Christus hieß diese Diebe und Mörder, welche außer seinem Geiste und Wissen zu einer andern Türe als durch Vernunft-Schlüsse ohne Christi Wissen und Willen einstiegen. Seid ihr nicht mit Christi Geist gewappnet, so ziehet nicht in den Krieg wider einen solchen mächtigen feind, den Teufel und wider Gottes Gerechtigkeit im Zorne; ihr werdet mit euren Vernunft-Schlüssen ohne das Blut Christi in euch allda nichts erhalten, sondern ihr werdet nur in Gottes strenger Gerechtigkeit in euren Vernunft-Schlüssen gefangen und zu falschen Propheten im Zorne Gottes erwählet.

12,65.   Denn keiner ist ein Prophet, er sei denn in dem großen Uhrwerk göttlicher Ordnung im ausgesprochenen Wort, im Ziel derselben Zeit, aus Gottes Gerechtigkeit geboren, da der Hl. Geist Gottes durch dasselbe Ziel in göttlicher Ordnung redet. Er muß ein Ziel sein in dem Uhrwerk im Mysterio Magno durch welches der Geist Gottes auf ein ander Ziel der Offenbarung deutet. Wie denn die Propheten solche waren und noch heute sind, welche im Ziel des großen Uhrwerks in der Gnaden-Versehung in Christo Jesu stehen, da uns Gott in Christo Jesu vor der Welt Grund versehen als gesehen hat. Er muß in Gottes Gerechtigkeit mit seinem prophetischen Geist inne stehen. Und eben in dem Ziel, da Gott hat den Namen seiner Liebe in die Gerechtigkeit einversehen, auf daß er aus dem Grunde des Gesetzes der Gerechtigkeit Gottes Vorsatzes und dann auch aus dem Grunde der vorgesetzten Gnade geboren sei, daß er möge Gesetz als Gottes Gerechtigkeit und auch Evangelium als Gottes Liebe und des Gesetzes Erfüllung lehren.

12,66.   Dieser ist ein rechter Prophet und kein anderer, denn er ist das Ziel eines Reichs im Mysterio Magno, dadurch und daraus die Ordnung der Reiche auf Erden urständen. Er ist desselben Reichs Mund. Weil er aber lehren muß, wie daß Gottes Gerechtigkeit im Zorne mit der Gnaden getötet werden soll und daß die Gnade von ehe dem Zorn sich ganz einer geben müsse in die Tötung der Gerechtigkeit, so wird er auch im Prozeß Christi derselben Gerechtigkeit Gottes von den falschen Propheten und Pharisäern mitgeopfert. Denn das soll und muß sein, auf daß sein Ziel auch im Blut Christi hindurch durch den Zorn geführet werde und das Ziel der Gerechtigkeit in die Gnade gesetzt werde. Darum müssen die Propheten Christi Märtyrer werden.

12,67.   Dieses merket wohl alle, die ihr wollet lehren und meinen, ihr seid dazu berufen! Sehet euren Beruf in euch wohlan, ob ihr auch von Gott in seinem Uhrwerk in Christo berufen seid. Ob euch Christus in euch mit seiner Stimme hat berufen, wo nicht, so seid ihr anders nichts als nur falsche Propheten, die da ungesendet laufen und nicht zur Türe Christi in den Schafstall eingehen.

12,68.   Daß ihr euch auf Menschenruf steuret, das gilt wohl vor Menschen, und Gott lässet sich das auch gefallen, was Menschen tun, wenn es in seiner Ordnung geschieht, sonderlich wenn ihr euch aus Menschenruf in Gottesruf einergebet und auch denket, wie ihr des göttlichen Rufs in eurem Menschenrufe fähig werden wollet. Wo das nicht ist und ihr nur im Menschenrufe in eigenem Willen bleibet, so sitzet ihr auf dem Stuhle der Pestilenz und seid Pharisäer und falsche Propheten. Und wenn eurer gleich viel hunderttausend wären, so machet das Amt euch nicht zu Propheten und Hirten Christi, ihr gehet denn durch Christi lebendige Tür ein. Und ob dieses wohl dem Pharisäo nicht schmecken wird, so ist doch die Zeit geboren und das Ziel vorhanden, daß es soll offenbar werden, und davor hilft keine Menschenlist mehr. Weh dem Volk, das dieses verachtet, es wird in Gottes Gerechtigkeit im Eifer gefressen werden.

12,69.   Item, die Vernunft wirft auch den Propheten Jonam ein zu ihrem Beweis, daß Gott die Menschen zum Bösen und Guten als zu seinem Vorsatz zwinge, wie er Jonam zwang, daß er mußte gen Ninive gehen, Jona 1.

12,70.   Erklärung: Höre, Vernunft, irre dich nicht! Gottes Geist lässet sich nicht von der Vernunft richten. Jonas war ein Prophet, geboren aus dem Ziel des Bundes, und stund in Christi Figur1 wie Christus dem Zorne Gottes im Rachen des großen Walfisches göttlicher Gerechtigkeit, dieselbe zu erfüllen, eingeworfen werden sollte, wie er in das Meer des Todes eingehen sollte und wie ihn der Zorn Gottes, welchen er in demselben Walfische des Todes überwand, wieder lebendig und ledig aus sich ausgehen lassen sollte, wie Jonas aus dem Bauche des Walfisches.

1) d.h. ein Gleichnis auf Christus hin

12,71.   Es war eine Figur Christi und aus dem Ziel des großen Uhrwerks, aus Mysterio Magno, aus beiden Vorsätzen Gottes als aus seiner Gnade und aus seiner Gerechtigkeit geboren und zur Figur als zu einem Spiel des Geistes Gottes dargestellet, da der Geist in dieser Figur auf Christum sah und deutet, wie die Menschheit Christi als unsere angenommene Menschheit vor Ninive als vor der Gefahr des Lebens sich entsetzen würde, wie denn Christus sagte, als jetzt die Zeit da war, daß er sollte gen Ninive als in Gottes Zorn eingehen: Vater, ist es möglich, so gehe dieser Kelch von mir, Luk. 22,42. Item, er verbarg sich öfters vor den Pharisäern als den Niniviten wie Jonas vor Ninive.

12,72.   Auch deutet diese Figur an, daß wenn wir arme Joniten dem Volke die Strafe und Gerichte Gottes ansagen sollen und unser Leben unter sie um der Wahrheit willen wagen müssen, wie man Ausflüchte suchet und sich auf das Meer der Welt begiebet, unter die fetten Tage, und fleucht vor Gottes Befehl, schweiget stille aus Furcht vor den Niniviten, als dann kommt der Walfisch Gottes Zornes und schlinget die Propheten in seinen Mund.

12,73.   Daß aber Jonas mit Gewalt hinzugetrieben ward, deutet an, daß der Vorsatz Gottes des Vaters in Christo sollte und mußte bestehen, daß, obgleich Adam von Gottes Gehorsam sich abgewandt in die Bildlichkeit dieser Welt, dadurch der Mensch dem großen Walfische, dem Tode, übergeben war, noch sollte Gottes Vorsatz bestehen und Adam in Christo aus dem Bauch des Todes aufstehen.

12,74.   Das ist die Figur mit Jona, ihr lieben Brüder, und nicht euer Vorsatz und Zwang zum Bösen und Guten. Es ist Christi Figur, darum lasset ab von solchen Schlüssen und lästert nicht den Hl. Geist in seinen Wundern in der Figur Christi  mit Andeutung irriger Meinung, oder ihr werdet mit euren Schlüssen in das Meer Gottes Zorns geworfen werden, sollen und wollen wir euch in Liebe brüderlich warnen.

*   *   *

 

 

Summarischer Schluß aller dieser Fragen

 

13,1.     Die Vernunft führet auch endlich den Spruch Christi ein, Joh. 17,6, da er saget: Vater, ich habe deinen Namen offenbaret den Menschen, die du mir von der Welt gegeben hast. — Damit will sie beweisen, daß Christus seinen Namen niemandem offenbare, der Vater gebe ihn denn ihm zuvorhin aus seinem Vorsatze, ob er wolle oder nicht.

13,2.     Erklärung: O du gar jämmerlich verblendete Vernunft, wie bist du so blind! Weißestes du, was des Vaters Geben ist? Es ist das Centrum der Seele als des Vaters Willen in der Scienz der ewigen Gerechtigkeit, da die Scienz entweder mit Begierde des Greuels oder mit göttlicher Liebe der Gnaden beladen wird, dahin giebet sie das sprechende Wort in Gottes Gerechtigkeit, entweder in eine Wurzel einer Distel oder in eine Wurzel des Glaubenssamens. Der Wurzel im Glaubenssamen wird Christus offenbar, denn es ist Christi Wurzel, daraus ein Christ in Christo geboren wird. Denen oder diesen Christenmenschen hat Christus von der Welt her sich immerdar offenbaret und ihnen Gottes Namen gegeben, denn er selber ist Gottes Name.

13,3.     Dieser Text ist nicht zu verstehen, als wenn Gott vor dem Anfange der Welt einen Schluß gemachet hätte und den Schluß in eine gewisse Ordnung und Zwang gesetzet, wieviel er ihm geben wollte und welche; und darüber könnte nicht geschritten werden, wie es die gefangene Vernunft also verstehet: Nein, nein, der Baum Christi ist unmeßlich, Gottes Gnade und auch seine Gerechtigkeit im Feuer sind unmeßlich alle beide. Denn hätte Gott ein Ziel in Liebe und Zorn gesetzet, so stünde dasselbe in einer Meßlichkeit in einem Anfange, also müßte man auch denken, daß es ein Ende nehmen würde. Nein, nein, der Baum der Erkenntnis Gutes und Böses stehet in dem ewigen Grunde, da keine Zeit noch Ziel innen ist. Gottes Gnade in Christo ist unmeßlich und von Ewigkeit, also auch das Reich der Natur im Mysterio Magno, daraus die feurische Scienz aus dem Willen des Ungrundes sich offenbaret hat. Wie Christus den Menschen als der Wurzel des Glaubenssamens vom Anfange der Welt Namen offenbaret hat, also auch bis ans Ende der Welt, denn also sagte er auch zu seinen Jüngern, als sie ihn vom Ende der Welt fragten: Wie der Blitz aufgehet und scheinet bis zum Niedergang, also sollte auch sein die Zukunft des Menschensohns, Matth. 24,27. Wie die Sonne den ganzen Tag allen Dingen sich einer giebet und auf sie scheinet und in alle Dinge sich eindränget, es sei gut oder böse, also auch die göttliche Sonne Christi als das wahre Licht der Welt.

13,4.     Christus entzeucht sich niemandem mit seinem Licht der Gnaden. Er rufet sie alle und scheinet mit seiner Stimme in sie, gar keinen ausgenommen. Aber sie hören und sehen ihn nicht alle, denn sie sind nicht von Gott. Die Scienz des ungründlichen Willens des Vaters der seelischen Kreatur hat sich in fremde Bildlichkeit zu einer Distel der Schlangen eingeführet. Diese siehet und höret nichts, wenn Gottes Gerechtigkeit an ihr spricht: Tue recht oder ich will dich töten, denn dies und das ist Sünde; tue es nicht oder du wirst von Gott verstoßen.

13,5.     Wenn dieses die Seele in ihr höret, so kommt der Teufel in seinem Schlangengebilde und spricht in die Scienz: Harre noch im Fleische in dieser und jener Lust als in Geiz, Hoffart, Neid, Zorn, Hurerei, Völlerei und Spötterei, es ist noch wohl Zeit, daß du Buße an deinem Ende tuest; sammle dir von ehe einen großen Schatz, daß du der Welt nicht mehr bedarfst, alsdann tritt in ein frommes Leben, so kannst du einsam leben, ohne der Welt Spott, und bedarfst ihrer nicht.

13,6.     Also wird ein Tag und Jahr auf das ander gesetzt bis an die Stunde des Todes. Alsdann will man auch ein Gnadenkind und selig sein, da man doch die ganze Zeit in der Schlangen gesteckt hat. Da soll denn der Priester mit Gottes Leichnam kommen und die neue Engelsgeburt mitbringen, da sie mancher Priester selber nicht hat und eben auch an dem Orte zu Gast ist.

13,7.     Diese, weil sie in der Schlangen stecken, sind Christo nicht gegeben, sondern dem Zorn Gottes. Der Zorn lässet sie nicht los, die Scienz der Seelen wende sich denn in ihr zu der Gnaden. Und so das geschieht, so ist es das Geben, denn die göttliche Sonne scheinet alsbald in die stillstehende Scienz und zündet sie an. Und das Anzünden ist nun der Name Gottes welchen Christus der Seelen giebet, davon sie anhebet, in Christo zu schöpfen und Buße der Vergebung zu wirken, wenn sie anhebt, von der Einbildung der Falschheit stillezustehen.

13,8.     Denn man spricht: Nichts mehr tun ist die größte Buße. Das geschieht, wenn der Grund der Seelen anhebt, stille zu sein von der Einbildung und gehet in ihren Abgrund, welches sie zu tun Macht hat, sie sei denn schon eine Distel, so laufet und wächset sie ans Ende der Zeit. Jedoch ist kein Gerichte von außen über sie als nur ihr eigen Gerichte, weil sie im Leben dieser Welt ist bis zur Erntezeit. Aber schwer ists, so der innere und auch der äußere Grund der äußern Konstellation falsch ist; die laufen gemeiniglich bis ans Ende also. Als dann kommt nur Judas-Buße, und hilft sie das Kitzeln mit dem Leiden Christi wenig, wenn nicht das Ens des Glaubens da ist.

13,9.     Die Pracht mit den herrlichen Begräbnissen des toten Tiers ist nur des Teufels Spott, daß er sie damit spottet, denn die zugerechnete Gnade gilt nicht von außen, daß wir mit auswendigen Gnadenworten losgesprochen werden, wie ein Herr oder Fürst einem Mörder das Leben aus Gnaden schenket. Nein, nein, es muß die zugerechnete Gnade Christi in uns in dem inwendigen Grunde der Seelen offenbar und unser Leben werden.

13,10.   Man soll die Buße nicht ans Ende sparen, denn ein alter Baum wurzelt übel, ist Christus nicht in der Seelen, so ist keine Gnade oder Vergebung der Sünden. Denn Christus selber ist die Vergebung der Sünden, welcher die eingeführten Greuel in Gottes Zorne in der Seelen mit seinem Blute in uns transmutieret und in das göttliche Feuer verwandelt, wie er zu den Pharisäern bei dem gichtbrüchigen Menschen sagte, als er sprach: Deine Sünden sind dir vergeben. — Das geschah, da er Christi Stimme in seiner Seelen fing, da vergab ihm das lebendige Wort in ihm seine Sünde, das ist: er überwältigte die Sünden und trat der Schlangen eingeführten Greuel mit dem Feuer der Liebe auf den Kopf ihres Willens.

13,11.   So kann nun niemand die Sünde vergeben als Christus im Menschen, denn da Christus sagte: Nehmet hin den Hl. Geist; welchen ihr die Sünden erlasset, denen sind sie erlassen; und welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten. — Das gehet auf die wahren Apostel und ihre rechten Nachfolger, welche den Hl. Geist aus Christo genommen haben und welche selber in Christo leben und sind und Christi Stimme in sich haben. Diese haben Macht, in die hungerige Seele einzusprechen das lebendige Wort Christi, das in ihnen wohnet, und der andern keiner nicht, sie heißen und gleißen gleich wie sie wollen. So müssen sie Christi Apostel sein, wollen sie sein Amt verwalten, sonst sind sie nur Pharisäer und Wölfe.

13,12.   Auch so muß die Seele ihren hungerigen Mund gegen das Einsprechen auftun, sonst gehet das Wort in sie nicht ein. Als es dann nicht in alle ging, wenn Christus selber predigte und lehrte, sondern nur in die hungerigen und durstigen Seelen, von welchen Christus sagte: Selig sind, die da hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden, — verstehet: mit der Fülle seines Wortes.

13,13.   Denn nicht bei Menschen stehet das Sünden-vergeben, sondern in Gewalt des Worts Christi, das im Menschen wohnet. Nicht des Menschen Sprechen vergiebet die Sünde, sondern Gottes Sprechen im Menschenwort. Das gehet nun nicht in die falsche Distel, sondern in die Seele, wo der Glaubenssame im Schall der Bewegnis lieget und wo die Seele von der Bildung der Schlangenbegierde stillestehet.

13,14.   Darum verlasset euch nicht auf Menschen! Sie können euch die Sünde nicht vergeben und die Gnade nicht geben, ihr hungert denn und dürstet selber nach der Gerechtigkeit. Die Buße sparen bis an das Ende, das ist eine Judas-Buße. Es gilt nicht nur Trösten, sondern Neu-geboren-werden.

13,15.   Also, ihr lieben Brüder, habe ich auf angeregte Punkte kurz aus dem Grunde antworten wollen, und ist dies meine Meinung, daß der Schrift Sprüche alle wahr sind, aber die eigene Vernunft irret und verstehet dieselben außer Christo nicht. Der Apostel saget: Wir haben nicht einen knechtischen Geist empfangen, daß wir uns abermal fürchten dürfen, sondern einen kindlichen Geist, der da schreiet Abba, lieber Vater, Röm. 8,15. Nicht der Welt oder des Fleisches Sinn haben wir empfangen in der verheißenen Gnade, sondern den kindlichen Sinn Christi, der uns freigemachet hat von dem Gesetz der Sünden. Darum soll ein jeder gesinnet sein wie Jesus Christus, der einige Mensch in Gnaden, sagt der Apostel Phil. 2,5. Und wer diesen Sinn nicht hat, der vernimmt nichts, was des Geistes Gottes ist. Es ist ihm eine Torheit und begreift es nicht, 1. Kor. 2,14.

13,16.   Ob wir nun in die sehr scharfen Ausführung manchem stumm sein möchten und ein Anstoß oder Ärgernis, indem er sagen wollte, wir brauchten fremde ungewöhnliche Reden in unserm Grunde, so sagen wir mit Wahrheit vor Gottes Augen, daß wir es anders als es uns in Christi Sinn ist gegeben worden zu geben nicht haben. Wer aus Christo ist, der wird es wohl verstehen. Den andern Spöttern und Klüglingen, welche die Vernunft zum Meister haben, denen haben wir nichts geschrieben.

13,17.   Wir vermahnen aber unsere lieben Brüder in Christo, solchen Traktat mit Geduld durchzusehen und zu lesen, denn sein Name heißet »Je länger je lieber«, je mehr gesucht, je mehr gefunden. Weil Christus uns selber heißet suchen, anklopfen und bitten und uns die Verheißung getan, daß wir sollen empfangen und finden, so sollen wir nicht in Sünden wollen stillestehen und auf das warten, bis uns die Gnade Gottes überfalle und zwinge, auch gar nicht denken, daß Gottes Geist aus Bös ein Gutes machen wollte als nur den armen Sünder, welcher noch nicht gar eine Distel ist, denselben überfället er freilich manchmal in seinen Sünden und zeucht ihn davon ab. Lässet er sich nun ziehen, so ist es gut; will er aber gar nicht, sondern tritt wieder in die Schlange und kreuziget Christum, der lästert den Hl. Geist, von dem die Schrift saget, er habe keine Vergebung ewiglich, Hebr, 6,6.7; Kap. 10,26.

13,18.   Es ist kein Mensch, welcher sagen darf, er sei nicht etwa etliche Male gezogen worden, sonderlich in seinen Gedanken, auch der Gottlose also. Christus scheinet allen Völkern, einem wie dem andern; dem einen in seinem geoffenbarten Namen, dem andern Volke aber in einem Namen des einigen Gottes. Er zeucht sie alle. Und wegen seines Zuges und der Wissenheit, welche in ihre Herzen geschrieben sind, daß sie wissen, daß ein Gott sei, welchen sie ehren sollen, und sie das nicht tun, so werden sie gerichtet werden.

13,19.   Wieviel mehr aber werden wir gerichtet werden, die wir uns Christen nennen und das wahre Wissen haben, halten aber die Wahrheit auf und verwandeln sie in Lügen um einer gefasseten Meinung willen, die wir uns einmal eingebildet und bei der Welt damit bekannt gemacht haben. Und ob wir hernach gleich an das Licht geführet werden, so gönnen wir uns der Ehren mehr als Gott und wollen das Licht mit fremder Deutelei verbergen, beschmuddeln und zudecken, auf daß der Menschen Wahn als ein Abgott in Christi Stelle sitze, wie es denn vielmal also gehet und Babel ganz darinne stehet, daß mancher nicht nachlässet, seine einmal bekannte Meinung zu verteidigen, und sollte er die ganze Schrift bei den Haaren herbeiziehen.

13,20.   Liebe Herren und Brüder, lasset uns Christo die Ehre geben und uns untereinander freundlich mit züchtigen Worten und Unterweisung begegnen. Tue einer dem andern seine Gaben im brüderlichen Willen dar, denn es sind mancherlei Erkenntnis und Auslegungen. So sie nur aus dem Sinne Christi gehen, so stehen sie alle in einem Grunde.

13,21.   Wir sollen uns wegen der ungleichen Gaben nicht verfolgen, sondern vielmehr in der Liebe untereinander erfreuen, daß Gottes Weisheit so unausschöpflich ist, und denken auf das Künftige, wie uns so wohl geschehen soll, wenn alle diese Wissenheit wird aus einer und in einer Seelen offenbar werden, daß wir alle Gottes Gaben erkennen und unsere Freude aneinander haben werden, und sich jeder des andern Gabe erfreuen wird, wie die schönen Blumen in ihren unterschiedlichen Farben und Tugenden auf Erden nebeneinander in einer Mutter sich erfreuen. Also auch ist unsere Auferstehung und Wiederkunft.

13,22.   Was wollen wir denn allhie zanken um eine Wissenheit der Gabe? In Christo liegen alle Schätze der Weisheit; wenn wir den haben, so haben wir alles; verlieren wir aber den, so haben wir alles verloren und auch uns selber.

13,23.   Der einige Grund unserer Religion ist, daß wir Christum in uns lieben und uns untereinander lieben, wie uns Christum geliebet hat, daß er hat sein Leben für uns in Tod gegeben. Welche Liebe in uns nicht offenbar wird, es werde denn Christus in uns Mensch geboren und offenbar, der giebet uns seine Liebe, daß wir uns in ihm lieben, wie er uns liebet. Denn er giebet unserer Seelen sein Fleisch und Blut immerdar zu essen und zu trinken, und welche Seele dieses nicht isset und trinket, die hat kein göttlich Leben in ihr, Joh. 6,54.

13,24.   Darum vermahne ich den liebhabenden Leser, ob ihm in diesem Traktat etwas zu scharfsinnig sei; er wollte Gott die Ehre geben, beten und dies recht lesen. Es lieget alles, was die Sonne bescheinet und der Himmel begreifet, sowohl die Hölle und alle Tiefen im Menschen. Er ist ein unausschöpflicher Quell. Er mag diesen hohen Grund, den uns Gott als einem einfältigen Menschen gegeben hat, mit der Weile gänzlich und gar wohl begreifen und ergreifen.

13,25.   Allein vor Schmähen wollen wir ihn, als lieb ihm Seele und Ewigkeit ist, gewarnet haben, denn er wird uns nicht rühren, sondern den grimmen Zorn Gottes in ihm selber. Mich aber, der ich zu diesem Werk verursachet gewesen bin, kann er wohl rühren, denn ich stehe ohne sein Rühmen in Christi Banden. Ich will ihn aber in Liebe vermahnet haben, sich als einen Bruder in Christo zu erzeigen und wo er es in göttlichen Gaben vermag, eine noch hellere Erklärung zu machen. So ich alsdann dieselbe sehen werde, so will ich mich in seiner Gabe erfreuen und dem Höchsten danken, der uns allerlei Gaben so reichlich giebet.  

      Amen.

 

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Vollendet am 8. Februar 1623.

 

       Inhalt

 

Vorwort

Jakob Böhmes »Von der Gnadenwahl« im Kontext von Leben und Werk

Kommentar

Von der Gnadenwahl

Vorrede des Autoris an den Leser

Das 1. Kapitel

Von dem einigen Willen Gottes und von Einführung seines Wesens seiner Offenbarung

Das 2. Kapitel

Vom Urstand Gottes ewigsprechenden Wortes und von der Offenbarung göttlicher Kraft als von Natur und Eigenschaft

Das 3. Kapitel

Von der Einführung der feurischen Scienz in Gestaltnis zur Natur und zum Wesen; wie sich die Scienz in Feuer einführe, was das sei und wie die Vielfältigung entstehe.

Das 4. Kapitel

Vom Urstande der Creation

Das 5. Kapitel

Vom Urstand des Menschen

Das 6. Kapitel

Vom Falle des Menschen und seinem Weibe

Das 7. Kapitel

Von der tierischen Offenbarung im Menschen, wie Adam und Eva ihre Augen aufgetan worden und wie das im Grunde zu verstehen sei, nebst Beantwortung etlicher Fragen zum Verstande der Sprüche von der Gnadenwahl und der Menschen Verstockung.

Das 8. Kapitel

Von den Sprüchen Hl. Schrift ... und von dem Baum des Lebens und der Erkenntnis des Guten und Bösen

Das 9. Kapitel

Vom Gegensatz der Sprüche in der Schrift, als vom rechten Verstande der Schrift.

Das 10. Kapitel

Kurze Verfassung der Schrift Einwürfe, welche die Vernunft gefangen halten, wie sie zu verstehen sind

Das 11. Kapitel

Weitere Vergleichung und Erklärung der Sprüche von der Wahl

Das 12. Kapitel

Kurzer Bericht etlicher Fragen, welche die Vernunft irren, darinnen sie meinet, Gott verstocke den Menschen

Das 13. Kapitel

Summarischer Schluß aller dieser Fragen

 

 

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