DIE ERDE
Durch das Innere
Wort empfangen und niedergeschrieben von Jakob Lorber.
Nach dem
Nachdruck der 4. Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Die Turmuhr. Ein
Gleichnis.
Empfangen vom
Herrn durch Jakob Lorber am 4. Juni 1847
[Er.01_000,01]
Auf einem hohen Turme in einer Stadt dieser Zeit ließ ein Herzog eine
prachtvolle Uhr aufrichten. Da der Turm achteckig war, so ließ er an jeder der
acht Flächen, die natürlich zwischen die acht Ecken fielen, ein Zifferblatt
machen, auf daß jedermann von allen möglichen Punkten aus die Stunden bemerken,
sehen und sich überzeugen könne, um die wievielte Tagesstunde, Minute und
Sekunde es sei.
[Er.01_000,02]
Nebst der genauesten Zeiteinteilung von der Stunde bis zur Sekunde zeigte die
Uhr aber auch das monatliche Tagesdatum, den Stand des Mondes und auch den
Stand der anderen Planeten, sowie die tägliche Dauer des Lichtes vom Aufgange
bis zum Niedergange der Sonne, und danebst auch die vier Jahreszeiten, – aber
natürlich alle diese besonderen astronomischen Daten auf eigenen, unter dem
Hauptuhrblatte angebrachten astronomischen Zifferblättern.
[Er.01_000,03]
Nebst all dem aber, was diese Uhr auf ihren Zifferblättern zeigte, hatte sie
auch ein ganz vortreffliches Stunden- und Viertelstundenschlagwerk und dabei
auch noch ein allerreinstes Glockenspielwerk – und für all diesen überaus
kompliziert künstlichen Mechanismus nur ein einziges Triebgewicht; kurz und
gut, diese Uhr suchte vergeblich ihresgleichen irgendwo in der ganzen
gebildeten Welt!
[Er.01_000,04]
Allein daran liegt nichts, auch daran nicht, daß sie einen so verschiedenen
Dienst so überaus richtig verrichtete; aber daß da alle diese unter sich sehr
verschiedenen Verrichtungen nur von einem und demselben Triebgewichte in die
zweckdienlichste Bewegung gesetzt wurden, das war das eigentliche Wunderbare
bei dieser Uhr.
[Er.01_000,05]
Als ein Fremder in diese Stadt kam, da fiel ihm die also ersichtliche Uhr wohl
zuerst auf, und er fragte den nächsten besten, wie viele Triebfedern und
Gewichte wohl etwa diese Uhr habe. Als man ihn beschied: „Nur eines!“, da ward
er völlig verblüfft und ungläubig und sprach: „Das ist eine Unmöglichkeit! So
viele und so verschiedene Verrichtungen und nur eine Triebkraft!? Nein, nein,
das geht nicht, das ist unmöglich!“
[Er.01_000,06]
Wieder kam ein anderer von der Fremde und besah die Uhr und verwunderte sich
über und über, als man ihm erklärte, was die Uhr alles verrichte. Er meinte, es
müsse da ein jedes Zifferblatt ein eigenes Triebwerk haben, wodurch der Turm
natürlich von lauter verschiedenen Uhren angestopft sein müßte. Als man ihm
aber erklärte, daß da nur ein einziges Triebwerk all die Zeiger bewege, ward er
völlig aufgebracht, da er meinte, daß man sich ob seiner Unwissenheit mit ihm
nur einen Spaß erlaube, und er ging von dannen und erkundigte sich nicht weiter
um dies Uhrwerk.
[Er.01_000,07]
Und wieder kam ein anderer aus der Fremde und bewunderte diese Uhr und fragte
nach dem Meister derselben und man gab ihm zur Antwort: „Der Meister dieser Uhr
war ein ganz schlichter Landmann, und es ist nicht gewiß, ob er des Lesens und
Schreibens kundig war!“
[Er.01_000,08]
Diese richtige Antwort brachte den Fremden in eine förmliche Wut, daß er darob
schwieg und bald ging, weil er nicht gekommen sei, um sich da für einen blöden
Narren auf eine so plumpe Art schelten zu lassen.
[Er.01_000,09]
Und so kamen noch eine Menge und fragten wie die ersten; als man sie aber näher
in die Geheimnisse dieses Kunstwerkes einweihen wollte, da wurden sie alle
ärgerlich und sprachen: „Bis wir das mit eigenen Augen gesehen haben, können
wir es nicht glauben!“
[Er.01_000,10]
Und siehe, man führte sie in den Turm. Als sie aber da das nahezu zahllose
Räderwerk, die vielen Hebel, Zylinder, Haken, Stangen und noch tausend andere
mechanische Vorrichtungen und Verbindungen erblickten, da wurden sie förmlich
unsinnig und sprachen und schrieen: „Wer kann dieses Werk durchschauen und
begreifen? Das kann kein Mensch gemacht haben! Da gehören hundert Menschenalter
dazu, um nur die Bestandteile dieses Werkes abzuzählen, geschweige erst zu
machen!“ – Und all diese Fremden gingen ganz unsinnig von dannen.
[Er.01_000,11]
Nur wenige ließen sich über die Richtigkeit dieses Werkes belehren, obwohl den
wenigen Besseren der zu schlichte und unwissenschaftlich gebildete Werkmeister
ein Stein des Anstoßes blieb – mehr oder weniger.
[Er.01_000,12]
Was wohl lehret dieses Bild? Was ist dessen innerer, geheimer Sinn? – Darüber
denke jeder ein wenig nach und übe sich also im Aufsuchen der inneren
Wahrheiten und entdecke darin so viel, als ihm möglich ist, bis seiner Zeit die
vollkommene Löse gegeben werden wird! Amen.
Die natürliche
Erde
Natürliche und
metaphysische oder geistige Darstellung des Mittelpunktes der Erde.
1. Kapitel – Der
Schwerpunkt der Erde.
28. Dezember
1846
[Er.01_001,01]
Wenn ihr einen Körper, wie gestaltig er auch immer beschaffen sein mag, mit
prüfendem Geiste und Auge betrachtet, so werdet ihr leicht und bald gewahr, daß
an diesem Körper drei Dinge beobachtet werden, und zwar zuerst seine bildliche
Außengestalt, d.i. seine Form mit all den natürlichen Attributen, als da sind
sein Umfang, seine Oberfläche nach allen Seiten und die Färbung dieser
Oberfläche; fürs zweite werdet ihr an diesem Körper notwendig ein gewisses
Volumen wahrnehmen, das irgend einen Durchmesser nach der Länge, Breite und
Dicke hat, welches Volumen des Körpers nach seiner Art irgend ein Gewicht oder
eine Schwere nach irgend einer Richtung hin ganz besonders erkennen läßt.
[Er.01_001,02]
So ihr z.B. irgend einen Stein oder auch einen anderen regelmäßigen oder
unregelmäßigen Klumpen beobachtet, so wird es sich bald zeigen, daß dessen
Schwerpunkt sich nicht an allen Teilen desselben gleich beurkundet; besonders
könnet ihr das bei einem etwas unförmigen Holzpflocke dadurch am leichtesten
ersehen, so ihr denselben auf das Wasser leget, wo er immer seinen Schwerpunkt
sicher am tiefsten in das Wasser senken wird. Das wäre sonach der zweite Punkt,
den jedermann bei jedem Gegenstande leicht finden kann.
[Er.01_001,03]
Der dritte Punkt bei einem Körper ist dessen wirkliches Zentrum, welches aber
jedoch niemals mit dem Schwerpunkte eines Körpers zu verwechseln ist; und es
hat sonach jeder Körper zwei Mittelpunkte, nämlich einen der Schwere und einen
seines körperlichen Maßes. Ihr möget auch Körper von was immer für einer Art
sogestaltig prüfen, und nimmer werdet ihr es finden, daß der
Schwere-Mittelpunkt und das Körpermaß-Zentrum völlig in eines zusammenfallen;
nicht einmal bei einer vollkommen mathematisch richtig gegossenen Metallkugel,
und das aus dem Grunde, weil durchaus kein Körper aus so vollkommen gleichen
Teilen besteht, denen zufolge der Schwerpunkt mit dem eigentlichen
Körpermaßmittelpunkte vollkommen in eines zusammenfallen könnte.
[Er.01_001,04]
Nehmet ihr z.B. einen reinen Stahl als einen unter allen Metallen solidesten
Metallkörper, brechet eine solche Stahlstange entzwei, und ihr werdet an dem
weißen Bruche leicht das kristallische Gefüge erkennen, welches dem freien Auge
wohl frappant gleichförmig vorkommen wird; aber mit einem Mikroskope
beobachtet, wird diese Bruchfläche ein Aussehen bekommen, als wie der Anblick
solches kundgibt, so jemand von einem hohen Berge unter sich allerlei größere
und kleinere Erhöhungen entdeckt. So aber solch ein Unterschied in dem
kristallischen Gefüge eines der solidesten Metallkörper wahrgenommen werden
kann, um wieviel größer ist solch ein Unterschied erst bei jenen bei weitem
unsolideren Körpern, deren kristallinisches Gefüge sich oft zwischen groß und
klein, dicht und weniger dicht schon für das freie Auge leicht wahrnehmbar
beurkundet; und es ist demnach obiger aufgestellter Satz um so vollkommener
wahr, daß der Schwere-Punkt und der Körpermaß-Mittelpunkt niemals in eines
zusammenfallen können.
[Er.01_001,05]
Diesen Grundsatz könnte auch jedermann bei der Bereitung einer Waage sehr
leicht erschauen. Es solle jemand aus möglichst gleich dichtem Metalle einen
vollkommen mathematisch ebenmäßigen Waagbalken konstruieren, selben dann in die
Waaggabel hängen, und er wird sich überzeugen, daß selbst bei solch einer
höchst mathematisch richtigen Ebenmäßigkeit die beiden Waagebalken oder
vielmehr die beiden Teile desselben Waagebalkens niemals vollkommen eine
horizontale Ebene bilden werden, sondern der eine wird dem andern etwas
vorschlagen, und der Fabrikant der Waage wird dann entweder auf der einen oder auf
der andern Seite dem Waagebalken mit einer Feile oder mit einem Hammer zu Hilfe
kommen müssen. Die Ursache von dem liegt natürlich in obigem Grundsatze.
[Er.01_001,06]
Wie sich aber sonach bei allen Körpern dieses Verhältnis kundgibt, also ist
dasselbe um so mehr bei denjenigen Körpern vollkommen eigentümlich zu Hause,
die nicht durch Menschenhände eine Form erhielten, sondern die Meine Kraft so
gestaltet hat, wie sie gestaltet sein müssen, um zu bestehen. Es läßt sich
daher Schwerpunkt und Maßmittelpunkt so wenig auf einem und demselben Platze
denken, als positive und negative Polarität.
[Er.01_001,07]
Ihr werdet freilich wohl fragen: Wie ist das zu verstehen? Da frage Ich aber,
euch eben darüber belehrend, entgegen: Warum finden sich bei einem magnetischen
Stabe die beiden Pole nicht in der mathematischen Mitte desselben, sondern nur
zumeist an den beiden Enden eines solchen Stabes?
[Er.01_001,08]
Warum ist das Keimhülschen bei einem Samenkorne nicht in der Mitte desselben,
sondern zumeist nur an einem Teile des Samenkornes, während desselben
Mittelpunkt und dessen entgegengesetzter Pol sich zumeist um ein bis drei
Viertelteile des ganzen Samenkörperinhaltes von dem Keimhülschen weiter
körperein- und auswärts befinden?
[Er.01_001,09]
Warum hat weder der Mensch noch irgend ein Tier das Herz nicht in seinem
Maßzentrum?
[Er.01_001,10]
Sehet, aus diesen Fragen geht schon von selbst erläuternd hervor, daß der
Schwerpunkt eines Körpers ganz etwas anderes als wie dessen Maßmittelpunkt ist.
[Er.01_001,11]
Wenn es sich demnach um die Enthüllung des Mittelpunktes der Erde handelt, so
ist darunter nicht so sehr der Maßmittelpunkt, als wie vielmehr der eigentliche
Lebens- oder Schwerpunkt der Erde zu verstehen; denn eine Enthüllung des bloßen
Maßmittelpunktes der Erde wäre, genau betrachtet, eine überaus bedeutende
Lächerlichkeit, was sich aus dem sehr leicht ersehen läßt, so man den
Mittelpunkt eines jeden Körpers, somit auch den der Erde, nur als ein ideales
Pünktchen annehmen muß, das schon nach euren mathematischen Begriffen richtig
definiert ein Etwas ist, welches weder in die Länge, noch in die Breite, noch
in die Dicke auch nur den denkbar möglich kleinsten Durchmesser zuläßt, somit
sicher in seiner Art das Allerminutissimum aller Dinge ist, und ihr es sicher
annehmen könnt, daß schon in einem atomistischen Tierchen, das nicht einmal das
stärkste Sonnenmikroskop mehr zu entdecken imstande ist, wohl sicher noch
zahllose Milliarden von solchen Punkten Platz hätten. Frage demnach: Was wohl
hätten wir von diesem endlos kleinen Wesen, das so ganz eigentlich in das
barste Nichts verschwindet, zu enthüllen? Man dürfte bloß sagen: Der
Mittelpunkt der Erde besteht aus nichts, so wäre er auch schon vollkommen
naturmäßig und geistig enthüllt. Denn das Nichts ist sowohl körperlich als
geistig betrachtet gleichbedeutend; denn wo nichts ist, da hört ganz natürlich
alles auf, und es ist ein Nichts natürlich und geistig auch wirklich in nichts
anderem denkbar als in einem solchen mathematischen Maßmittelpunkte, – aus
welchem Grunde wir uns denn auch von diesem wenigsagenden Mittelpunkte der Erde
entfernen wollen und wollen uns zu dem überaus vielbedeutenden Schwerpunkte der
Erde wenden, welcher natürlich voluminöser und bei einem so großen Körper, wie
die Erde da ist, auch von einer bedeutend voluminösen Ausdehnung sein muß, um
auf ihre eigentümliche weltkörperliche Lebenstätigkeit den entsprechend
wirkenden Ausschlag zu geben.
[Er.01_001,12]
Ich sehe es euch schon durch und durch an, daß ihr in euch schon fraget: Wie
sieht dieser Schwerpunkt der Erde dann aus? Woraus besteht er? Ist er ein
Diamantklumpen, oder ist er etwa pures Gold oder Eisen oder etwa gar Magnet?
Oder ist er etwa gar ein hohler Raum, erfüllt mit nichts als einem ewig
unerlöschlichen Feuer, und dient etwa wohl gar zum Aufenthalte der Verdammten
und führt den respektablen Titel „Hölle“, von der die hie und da auf der Erde
verstreuten feuerspeienden Berge gewisserart etwa Kamine sind?
[Er.01_001,13]
Da sage Ich: Von allem dem ist im Schwerpunkte der Erde keine Rede, ebensowenig
wie physisch genommen bei dem Herzen eines Menschen von allem dem die Rede sein
kann. Das Herz ist weder ein Diamant noch ein Goldklumpen, noch ist es Eisen
und Magnetstein und ebensowenig ein hohler, mit Feuer erfüllter Raum, sondern
das Herz ist physisch betrachtet ein überaus kunstvolles Zellengewebe,
innerhalb dessen die lebendige Seele, und in ihr der Geist des Menschen, wie
ein Weber auf seinem Webstuhle tätig ist und auch sein kann, weil dieser
Webstuhl zur Bildung des natürlichen Lebens und zur zeitgerechten Erhaltung
desselben gerade so eingerichtet ist, daß durch seine kunstgerechte
Konstruktion in den Händen der Seele alles das erzeugt werden kann, was zur
Darstellung des physischen Lebens notwendig ist. Ist dieser Webstuhl einmal in
seiner natürlichen Konstruktion in irgend etwas untüchtig geworden, so geht es
dann mit dem Forterzeugen des physischen Lebens nicht mehr so ganz recht
vonstatten. Ist er aber endlich vollkommen untüchtig und ungeschickt geworden,
dann kann ihn die Seele auch nicht mehr brauchen, und es ist dann Zeit für sie,
diese eitle Werkstatt zu verlassen.
[Er.01_001,14]
Sehet, ebendasselbe ist der Schwerpunkt der Erde. Wie? Das wird der Gegenstand
unserer nächsten Betrachtung sein.
2. Kapitel – Das
Herz der Erde.
29. Dezember
1846
[Er.01_002,01]
Wie sieht also der Schwerpunkt der Erde aus?
[Er.01_002,02]
Ich sagte schon oben, daß er eine ganz ähnliche Beschaffenheit hat, wie da ist
die des menschlichen oder wohl auch eines anderen, tierischen Herzens. Es ist
dieser Schwerpunkt sonach ebenfalls ein im Verhältnisse zum großen Erdkörper
stehendes großes Erdherz, welches ebenso wie das Herz im Menschen der Webstuhl
oder die Werkstätte des gesamten organischen Lebens der Erde ist.
[Er.01_002,03]
Wie groß, fraget ihr, wohl dieses Herz sein dürfte? Ihr wisset es ja, daß bei
Mir in allen Dingen diejenige Proportion getroffen ist, die da notwendig ist;
also ist es auch sicher bei dem Herzen der Erde der Fall. Wie da die Erde groß
ist, so muß auch ein verhältnismäßig großes Herz oder Schwerpunkt in selber
vorhanden sein, damit in dessen zahllos vielen Gemächern jene Kraft erzeugt
werden kann, die da hinreichend mächtig ist, alle die verschiedenartigen
Lebenssäfte der Erde in die weitgedehnten Organe hinauszutreiben und, wenn die
Säfte ihren Dienst verrichtet, sie dann zur ferneren Sättigung wieder an sich
zu ziehen.
[Er.01_002,04]
Aus dem geht hernach hervor, daß das Herz der Erde so ziemlich groß sein muß;
jedoch kann selbes mit einer genauen Maßzahl aus dem Grunde nicht völlig genau bestimmt
werden, weil dieses Herz der Erde je nach der Notwendigkeit bald um ein
bedeutendes erweitert, bald wieder um ein bedeutendes verringert wird. Aber so
im Durchschnitte kann wenigstens der Platz für diesen Schwerpunkt auf hundert
Meilen im Durchmesser angenommen werden, kann sich aber bis auf zweihundert
Meilen weiter ausdehnen und bis auf fünfzig Meilen im Gegensatze verringern.
[Er.01_002,05]
Woraus aber besteht dieses sogenannte Herz der Erde?
[Er.01_002,06]
Dieses Herz der Erde ist nicht so sehr irgend eine Materie, als wie da etwa das
Herz eines Tieres oder eines Menschen, sondern dieses Herz ist mehr eine
substanzielle Kraft, die in einem dazu geschickten, aber sonst festen
Organismus sich wirkend bewegt und durch dieses Wirken auf den ganzen andern
Organismus des Erdkörpers seine Wirkung äußert.
[Er.01_002,07]
Es wird zwar jemand meinen und sagen: Wenn dieser Organismus ein fester und
somit spröder ist, wie kann er sich ausdehnen, und wie kann er einer andern
substanziellen Kraft durch die Länge der Zeit zum unverwüstlichen Stützpunkte
dienen, ohne dabei selbst in seinen zahllosen Teilen eine Beschädigung zu
erhalten?
[Er.01_002,08]
Meine Lieben, dafür ist schon gesorgt! Die Knochen bei den Tieren sind auch ein
fester Organismus; die Säfte und das Blut werden immer durch ihre vielen Poren
getrieben, und doch halten sie am längsten alle möglichen Kraftreaktionen aus.
Es kommt da nur auf eine gewisse Art der festen Materie an, und sie ist dann
fest genug gegen jede in ihr entwickelte Kraftäußerung.
[Er.01_002,09]
Wie z.B. die Materie in den Gedärmen der Tiere. – Wie häufig und wie gewaltig
wird diese Materie genützt, und doch dauert sie, obschon sie dem Anscheine nach
nur schwach ist, jenen bedeutenden Kraftäußerungen zum Trotze, eine geraume
Zeit unverwüstlich fort. Wenn ihr noch ferner die viel zarteren Organe bei den
Vögeln betrachtet, in denen sogar Steine zerrieben und verzehrt werden, so muß
es euch noch klarer werden, wie es da einzig und allein nur auf eine gewisse
Qualität der Materie ankommt, der zufolge sie fest genug gestellt ist, um die
in ihr entwickelten Kräfte ohne Schaden in sich selbst wirken zu lassen.
[Er.01_002,10]
Wenn aber schon diese zartere Materie von Mir aus so qualifiziert ist, daß sie
als ein hinreichend fester Stützpunkt für die in ihr wirkenden Kräfte sich
darstellt, um wieviel mehr wird es Mir möglich sein, in der Erde einen festen
Organismus von einer solchen qualifizierten Materie aufzustellen, dem die
allergewaltigst wirkenden Kräfte des Erdinnern Jahrmillionen wenig oder gar
nichts anhaben können.
[Er.01_002,11]
So ihr bauen würdet, saget, wie stark müßte das Gewölbe sein, um einen
Großglockner zu tragen? Ein solches würdet ihr nicht zuwege bringen; allein
Ich, als der Meister aller Dinge, habe schon überall also das richtige
Verhältnis getroffen, daß alle die Stützpunkte fest und dauerhaft genug sind,
um die auf ihnen ruhenden Lasten mit der größten Leichtigkeit zu tragen; und
also ist es auch mit dem Organismus für das Walten des substanziellen Herzens
der Erde der Fall.
[Er.01_002,12]
Es wird euch wohl in den nördlichen Gegenden der Erde ein gewisses Metall unter
dem Namen Platina schon oft vorgekommen sein. Sehet, dieses Metall ist schon
etwas Ähnliches derjenigen Materie, welche als Organismus der waltenden Zentralkraft
der Erde dient; jedoch müßt ihr euch dabei nicht etwa denken, als sei dieses
Metall etwa ganz dieselbe Materie, aus welcher obbesagter Organismus besteht.
Überhaupt müßt ihr euch das Innere der Erde nicht von gleicher materieller
Beschaffenheit denken mit derjenigen Materie, welche die Oberfläche der Erde
zur Schau bietet; denn diese ist nur eine äußere, unfühlbare Haut der Erde,
während das Innere derselben sich wie Fleisch und Blut zur Außenhaut, ebenso zu
der äußeren, unfühlbaren Rinde verhält; und sonach kann Ich euch, für euch
faßlich, über die innere Materie der Erde nichts anderes sagen als:
[Er.01_002,13]
Diese ist eine Art Fleisch, Blut und Knochen, welches tierische Bestandmaterial
des Erdkörpers aber dennoch nicht als ein völlig Ähnliches und gleich
Beschaffenes eines tierischen Körpers zu betrachten ist, sondern es ist ganz
eigentümlich also nur ein Erdfleisch, ein Erdblut und Erdknochen.
[Er.01_002,14]
Euch die Sache in materieller Hinsicht weiter zu erklären, wäre eine unnütze
Arbeit, und zwar aus dem Grunde, weil ihr im körperlichen Zustande unmöglich je
dahin gelangen könntet, um euch nach der Lehre eine überzeugende Anschauung zu
verschaffen; und somit begnüget euch hinsichtlich der Qualität der Materie des
Inneren des Erdwesens mit dem, was bisher gesagt wurde. In der geistigen
Darstellung wird euch alles dieses schon ohnehin klarer werden.
[Er.01_002,15]
Wir haben somit nur noch eine Frage, nämlich: woseitig im Erdkörper sich so
ganz eigentlich dieser Schwerpunkt befindet.
[Er.01_002,16]
Die bedeutend wichtige Antwort auf diese Frage wird der Gegenstand unserer
nächsten Betrachtung sein.
3. Kapitel –
Lage und Veränderlichkeit des Erdherzens.
31. Dezember
1846
[Er.01_003,01]
Wo also befindet sich dieser Schwerpunkt oder das Herz der Erde? In der Mitte
nicht, was schon oben gezeigt wurde, wie auch zum Teile, warum nicht; welches
„Warum nicht“ am rechten Platze noch deutlicher erklärt wird. Der Mittelpunkt
der Erde, d. i. der Maßmittelpunkt, wäre hinsichtlich der Ortsbestimmung
freilich wohl am leichtesten und am sichersten als Ort oder Platz des
Schwerpunktes anzuzeigen, weil er einen sicher unverrückten Platz für alle
Zeiten einnehmen muß; denn solange die Erde das bleibt, was sie ist, in
gleicher Form, Größe und Gestalt, muß auch der Maßmittelpunkt stets ein und
derselbe bleiben.
[Er.01_003,02]
Aber nicht also steht es mit dem Schwerpunkte der Erde. Von diesem kann man
nicht sagen, hier oder da befindet er sich; sondern er ist bald da und bald
dort. Sein Standpunkt kann sehr bedeutenden Veränderungen unterworfen sein.
Wohl ist die innere Disposition des Erdkörpers also beschaffen, daß durch sie
der Schwerpunkt sowohl nördlicher, als nach Beschaffenheit auch südlicherseits
seinen wirkenden Platz einnehmen kann, aber an eine Festbannung dieser
wirkenden Substanz, durch die allein der Schwerpunkt der Erde bedingt wird, ist
durchaus nicht zu gedenken.
[Er.01_003,03]
Daß dieser eine Materie belebende Schwerpunkt nicht nur im Erdkörper, sondern
auch schon bei anderen Körpern auf der Erdoberfläche in seiner Art ersichtlich
wird, könnet ihr sehr leicht schon bei sehr vielen Gewächsen, als da sind
Bäume, Gesträuche und anderweitige Pflanzen aller Art, ersehen.
[Er.01_003,04]
Wenn ihr einen Baum betrachtet, so werdet ihr mit Leichtigkeit gewahr, daß sein
Wachstum wie auch seine Fruchtbarkeit sich bald auf den einen, bald wieder auf
den andern Teil hinneigt. In diesem Jahre wird er nördlicherseits üppig
treiben, hingegen südlicherseits wird sich alles schwächer gestalten; in einem
andern Jahre werdet ihr bei demselben Baume einen auffallenden polarischen
Wechsel entdecken: seine Südseite wird die üppigste, wohingegen die Nordseite
wie verkümmert aussehen wird. Auch werden sich bald auf der einen, bald wieder
auf der andern Seite des Baumes mehr oder weniger abgestorbene Äste oder Zweige
zeigen; also wird auch bald auf der einen, bald auf der andern Seite des Baumes
das Laub zur Herbstzeit früher oder später welk.
[Er.01_003,05]
Sehet, diese und noch eine Menge derartiger Erscheinungen an einem Baume haben
sämtlich einen und denselben Grund, nämlich den stets veränderten Standpunkt
des belebenden Schwerpunktes oder der eigentlichen belebenden positiven
Polarität. Derselbe Fall findet auch natürlicherweise bei anderen Gewächsen und
Pflanzen statt.
[Er.01_003,06]
Ihr werdet freilich da wohl fragen, warum dieser belebende Schwerpunkt bei den
Körpern also veränderlich ist.
[Er.01_003,07]
Der Grund liegt sehr tief. Wäre ein Bestehen der Materie der Zweck derselben,
so könnte dieser polarische Schwerpunkt auch so gestellt werden, daß die
Materie stets dasselbe bleiben müßte, was sie ist. Der Apfelbaum würde
Apfelbaum bleiben in Ewigkeit, und so jedes Ding als das, was es ist; aber es
ginge dann dem Apfelbaume und der Pflanze nicht viel besser als wie einem
Diamanten. Denn wo in einem Körper diese Polarität mehr und mehr fixiert ist
und mit dem Maßmittelpunkte desselben beinahe eins ausmacht, desto fester und
dauerhafter wird zwar wohl der Körper; aber dieser Körper ist dann zufolge eben
solcher seiner Fixierung zu nichts anderem mehr tüchtig als eben nur für seine
eigene unveränderliche Fortbestehung, und es würde mit der Kost für die
lebenden Wesen auf einem Erdkörper ganz verzweifelt mager aussehen, wenn diese
von diamantenen Bäumen und derart anderen Gewächsen ihre Nahrungsfrüchte ernten
sollten. Ebenso würde sich's auf einem diamantenen Erdkörper gewiß sehr hart
wohnen lassen.
[Er.01_003,08]
Aus dieser erklärenden Darstellung wird jedermann leicht den Grund einsehen,
warum aus natürlichen Rücksichten dieser polarisch belebende Schwerpunkt kein
fixierter, sondern ein veränderlicher sein muß, ebenso wie das Blut bei den
Tieren wie auch bei den Menschen etwas diesem Schwerpunkte Ähnliches darstellt.
Mit einem fixierten Blute und noch mehr mit einem festgebannten Herzen wäre
sicher keinem lebenden Wesen gedient; in den tierischen Körpern jedoch, die
eine freie Bewegung haben, kann dem eigentlichen Herzen schon ein mehr
bestimmter Standpunkt eingeräumt sein, weil die freie Bewegung eines tierischen
Körpers, wie auch des Menschen, schon in sich selbst allerlei Reaktionen
bewirkt, was, wie leicht faßlich, bei jenen Körpern, die keiner freien Bewegung
fähig sind, doch sicher nicht der Fall sein kann. Bei diesen müssen dann die
verschiedenartigen notwendigen Reaktionen durch den stets veränderten
Standpunkt des polarischen Schwerpunktes bewerkstelligt werden.
[Er.01_003,09]
Sonach macht das Tier Bewegungen, wie auch der Mensch, und hat darum einen mehr
bestimmten Platz für seinen Lebensschwerpunkt, nämlich das Herz. Bei den
Körpern aber, die keiner freien Bewegung fähig sind, muß daher ihr
Lebensschwerpunkt im Innern herum gewisserart Reisen machen, um die
zweckdienlichen Reaktionen in allen Teilen des Körpers zuwege zu bringen.
[Er.01_003,10]
Aus dieser leicht faßlichen Darstellung wird auch jedermann, der nur etwas
reinen Geistes ist, leicht einsehen, daß das Wo des Schwerpunktes der Erde
festweg zu bestimmen nicht nur eine platterdings unmögliche, sondern eine rein
läppische und närrische Sache wäre. Nur soviel kann ungefähr für jetzt und
allenfalls für ein nächstes Jahr bestimmt oder wenigstens annehmbar angegeben
werden, daß sich der Schwerpunkt ungefähr in der Gegend unter Island, einem
Teile von Norwegen, Schweden und Lappland befindet; er ist aber dessenungeachtet
so tätig, daß er gewisserart seine Pulsbewegung sogar bis unter Kamtschatka und
auch südlicherseits bis in die Gegend unter das Mittelländische Meer verändert
ausdehnen kann.
[Er.01_003,11]
An einem freilich etwas schmutzigen Tiere, nämlich bei einer Kopflaus, könnt
ihr durch ein Mikroskop an der Bewegung ihres Lebenssaftes ungefähr ein
ähnliches Phänomen entdecken. Aber natürlich kann das nur im kleinsten Maßstabe
als eine leise Ähnlichkeit angesehen werden; denn Tiere auf den untersten
Stufen haben bezüglich auf die Unbeständigkeit des lebenden Schwerpunktes noch
die meiste Ähnlichkeit mit jenen Körpern, die keine freie Bewegung haben.
[Er.01_003,12]
Soviel über das Wo des Schwerpunktes der Erde. Nächstens wollen wir den
weiteren Grund solcher Veränderung der Polarität in jenen Körpern bestimmen,
die keiner freien Bewegung fähig sind.
4. Kapitel – Vom
Wesen der Materie und ihrer Urgrundgeister.
2. Januar 1847
[Er.01_004,01]
Es ist schon oben bemerkt worden, daß der Zweck der Materie nicht im Bestehen
derselben liegen kann.
[Er.01_004,02]
Daß dieses richtig ist, ersieht jeder Mensch leicht an dem fortwährend neuen
Entstehen und Wiedervergehen derselben Materie. Das Laub, das in einem Jahre
den Baum ziert, fällt im Herbste ab, und kommt das Frühjahr, so ist schon wenig
mehr vom abgefallenen Laube unter den Bäumen zu entdecken, höchstens noch
einige wenige Blattskelette, von denen keines den nächsten Herbst in seiner Art
erlebt. Also geht es mit dem Grase, wie auch mit den Früchten der Bäume; aber
nicht nur diese vegetabilischen Gegenstände, sondern auch Mineralien und
hauptsächlich Tiere jeder Gattung entstehen und vergehen. Berge, deren Spitzen
vor ein paar Jahrtausenden sich über die höchsten Wolkenregionen erhoben, sind
jetzt um wenigstens zwei Viertel niederer; denn die Schärfe der Winde, die
auflösende Kraft des Blitzes und des Eises haben diese stolzen Spitzen verweht
wie Spreu, und nichts als höchstens irgend ein zerbröckelter Felsblock löst
sich noch irgend langsam in einem tiefen Graben auf, und ein nichtiges Gerölle
muß sich's gefallen lassen, durch die Einflüsse von Regen, Wind und
Elektrizität in den sandigen Alpentriften nach und nach verwittert und
vernichtet zu werden. Alles das ist eine Folge des veränderten Schwerpunktes
der Materie.
[Er.01_004,03]
Es gab einst übergroße Tiere auf dem Erdkörper, sowie auch Urwälder, besetzt
mit riesenhaften Bäumen. Wo sind diese nun? Wo ein Mamelhud? Wo einer von den
Bäumen, die da einem Jahrtausende trotzten, wo ein Baum mehr Holz hatte als
jetzt ein Wald von hundert Joch? Fluten kamen, versenkten dieses alles tiefer
in den Schoß der Erdrinde, vernichteten also ein ganzes Geschlecht, ja nicht
nur eines, sondern tausend Geschlechter von Bäumen und Tieren, und nichts mehr
von allem dem trägt nun die Erdoberfläche.
[Er.01_004,04]
Von jenen Tieren werden nur hie und da versteinerte Knochen vorgefunden und
aufbewahrt in den von Menschen errichteten wissenschaftlichen Kunst- und
Naturmuseen bis zu einer Feuersbrunst, welche noch die letzten Überreste von
den Schwerpunkten in diesen aus der Urzeit überbliebenen Knochenresten der
riesigen Urweltstiere in jene staubige Materie verwandelt, deren Dasein
gewöhnlich die Wäscherinnen ein vollkommenes Ende machen; es ist nämlich die
Asche, als das letzte, überaus flüchtige Überbleibsel aller Materie.
[Er.01_004,05]
Was die endliche Vernichtung jener Urweltsbäume betrifft, deren Reste
gegenwärtig noch häufig unter dem Namen Steinkohle angetroffen werden, braucht
keine besondere Erklärung; denn alle diese feurigen und dampfenden Erfindungen
dieser Zeit werden in eben nicht gar zu langer Zeit die letzten Reste aus der
Erdrinde geholt und verzehrt haben. Und so verrichtet hier die neuerfundene
Industrie der Menschen dieses letzte Vernichtungswerk durch Feuer und Dampf an
den letzten Überresten dieser Urweltsbäume. Also verändert hier das Feuer noch
den letzten Schwerpunkt dieser Materie, und sehet: von ihr bleibt nichts mehr
übrig als eben wieder ein wenig Asche, welche auf Äcker und Wiesen gestreut in
längstens einem Jahre durch die Einwirkung des Regens und der Elektrizität in
der Luft gänzlich wieder aufgelöst wird, sodaß somit auch ein solcher Baum, der
einst über hundert Morgen Landes bedeckte, in seinem letzten Reste vollkommen
sein materielles Dasein verloren hat.
[Er.01_004,06]
Aber, wird mancher sagen, das ist eben auch das Traurige, daß alles Dasein
einer gewissen Vernichtung entgegengeht.
[Er.01_004,07]
Ich aber sage: Das ist gar nicht traurig; denn die Materie ist der Tod, wie das
Fleisch Sünde ist durch den Tod.
[Er.01_004,08]
Soll denn der Tod und die Sünde bleiben? Ich meine, daß es wohl besser ist,
alle Materie und alles Fleisch mit der Zeit zu verderben und dadurch das im
Tode gefangene Leben aus der Materie wieder frei zu machen, als die Materie zu
unterstützen und am Ende alles freie Leben in den Tod der Materie übergehen zu
lassen, was doch in Meiner Absicht nie liegen kann, indem Ich Selbst als die
ewige, allmächtige Urkraft und Macht aller Kräfte und Mächte Selbst das
allereigentlichste Leben bin und somit nicht für den Tod, sondern nur für das
Leben wirken kann.
[Er.01_004,09]
Da sonach aber die Materie nur als ein Mittel zur Regulierung und Freimachung
des freien Lebens da ist, so kann ja das unveränderliche Bestehen der Materie
nie möglich ein Zweck derselben sein. Sie ist sonach nur so lange da, als sie
als Mittel zum Zwecke da sein muß; ist durch sie irgend ein Lebenszweck
erreicht worden, dann vergeht sie wieder also, als wäre sie nie dagewesen.
[Er.01_004,10]
Überhaupt ist die Materie, wie ihr schon wisset, in sich nichts anderes als
eine zweckmäßige Erscheinlichkeit Meines aus Mir Selbst fixierten Willens.
[Er.01_004,11]
Aus dem aber geht hervor, daß sie eben auf die Art wieder kann aufgelöst
werden, als wie sie fixiert wurde.
[Er.01_004,12] Diese
Fixierung aber eben ist der Hauptschwerpunkt in der Materie, oder das belebende
und erhaltende Prinzip; wird dieses nun von irgend einem materiellen Körper
zurückgezogen, dann ist es mit der Materie auch gar.
[Er.01_004,13]
Damit aber dennoch vor den Augen der Menschen nicht zu urplötzliche
Entstehungen und Vergehungen geschehen, so lasse Ich dieses obenerwähnte
Prinzip Meines Willens niemals also plötzlich zurücktreten, wie auch niemals
einen Punkt also plötzlich ergreifen, daß dadurch sogleich ein Ding ins Dasein
träte, wie im Gegenteile vergehe. Am langsamsten geht freilich auf diese Weise
das Werden und Vergehen bei den großen Weltkörpern vor sich; das Warum könnet
ihr jetzt schon leicht fassen. Also ist es aber eben auch bei der Erde der
Fall, daß der Schwerpunkt, der sie belebt, nach und nach verringert wird, und
so fort und fort, bis sie endlich auch das Los aller Materie teilen wird.
[Er.01_004,14]
Nun wüßten wir so gründlich als möglich den Grund der Veränderung des
Schwerpunktes in der Materie, wie deren dadurch bewirkte Vergänglichkeit, und
wüßten auch, worin das eigentliche Hauptprinzip des Schwerpunktes in der
Materie besteht.
[Er.01_004,15]
Aber dennoch sehe Ich, daß ihr das Wesen dieses Prinzipes gewisserart bildlich
beschauen möchtet; auch das soll hier gezeigt werden.
[Er.01_004,16]
Für das materielle Auge beschaulich, wenn es möglich wäre, würde sich dieser in
dem Erdkörper agierende Schwerpunkt als ein Feuer darstellen, welches in für
euch unglaublicher Schnelligkeit die bestimmten Organe der Erde, die dazu
geeignet sind, durchzuckt und dadurch die zur Erhaltung des Erdkörpers in allen
Teilen desselben erforderliche Reaktion bewirkt.
[Er.01_004,17]
Könntet ihr aber dieses Feuer mit geistigen Augen betrachten, so würdet ihr da
ein zahlloses Geisterheer entdecken, das eben von Meinem Willen hier gehalten
und zu der zweckmäßigen, bestimmten Tätigkeit angetrieben wird.
[Er.01_004,18]
Das sind demnach die Urgrundgeister, gebannt zur tätigen Belebung jener sie
umgebenden Materie, durch die sie zeitgerecht endlich selbst höher und höher
aufsteigen und dann, in leichtere Materie gekleidet, von Stufe zu Stufe in das
vollkommene, freie Leben übergehen können.
[Er.01_004,19]
Diese Art Geister, die sich dem sinnlichen Auge als ein Feuer darstellen, bestimmen
sonach den tätigen und die ganze Materie belebenden Schwerpunkt.
[Er.01_004,20]
Wie gestaltig aber durch diesen Schwerpunkt durch die verschiedenen
Schichtungen des Erdkörpers, d. i. durch dessen Knochen, Eingeweide, Fleisch
und Blut auch die zahllosen Nebenschwerpunkte des Erdkörpers zur
zweckdienlichen Tätigkeit angetrieben werden, davon wollen wir in der nächsten
Mitteilung das Nähere dartun.
5. Kapitel – Der
innere Bau der Erde.
4. Januar 1847
[Er.01_005,01]
Wenn ihr einen tierischen Körper, was immer für einer Art, betrachtet, so
werdet ihr, ohne weiter die Anatomie aller Tierkörperwelt studiert zu haben,
gar leicht begreifen und einsehen, daß entweder das Blut oder die Säfte durch
alle Adern und anderen Gefäße ebenso durchgehen, als wie durch diejenigen Adern
und Gefäße, die im eigentlichen tierischen Herzen vorhanden sind, und daß an
allen Punkten im selben Augenblicke wie im eigentlichen Herzen der Puls- oder
Triebstoß geschieht; und es ist leicht einzusehen, daß in einem tierischen
Körper darum nicht mehrere Triebkräfte vorhanden zu sein nötig haben, als eben
nur eine, die hinreicht für zahllose Gefäße.
[Er.01_005,02]
Also ist es auch mit dem Herzen der Erde der Fall. Durch seinen Puls- oder
Triebstoß, der von 6 zu 6 Stunden sich wiederholt, werden die
verschiedenartigsten Erhaltungssäfte des Erdinnern in alle Teile des Erdkörpers
getrieben, und es bedarf da keiner zweiten, vierten oder fünften anderartigen
Triebkraft; da hängen demnach alle Erscheinungen als Erdkörper-Lebensprozeß von
dieser alleinigen Triebkraft ab.
[Er.01_005,03]
Flut und Ebbe und sonstige Erhöhungen der äußeren Erdrinde, wie auch die davon
abgeleiteten Winde haben alle da ihren Ursprung; denn dieses Herz der Erde
vertritt zugleich auch die Stelle der Lunge im tierischen Körper, woraus dann
erklärlich ist, daß sowohl die regelmäßigen als auch die unregelmäßigen
Ausdehnungen und Wiederzusammenschrumpfungen des Erdkörpers lediglich daher
rühren.
[Er.01_005,04]
Um aber dieses allgemein Vorausgeschickte desto gründlicher zu fassen, wird es
sonach notwendig sein, den inneren Erdbau so viel als möglich in der Kürze zu
durchblicken, um durch dieses Bild zu jener Anschauung zu gelangen, wie von dem
einen Hauptschwerpunkte sowohl in dem Erdkörper selbst, wie auch in den
tierischen Körpern die zahllosen anderen Nebenschwerpunkte in die gleiche
Bewegung gesetzt werden.
[Er.01_005,05]
Wie sieht demnach der innere Bau der Erde aus?
[Er.01_005,06]
Um diesen einigermaßen gründlich zu beschauen, muß vorerst das aufgefaßt
werden, wie nicht nur die Erde, sondern sogar ein jedes Gewächs, eine jede
Frucht am Baume, sowie jedes Tier und endlich der Mensch selbst sich körperlich
gewisserart in drei Körper in sich selbst absondert.
[Er.01_005,07]
Gehen wir zu einem Baume. Was ist wohl das erste, das wir an ihm entdecken? Es
ist die Rinde, die sich wieder in sich selbst absondert in die äußere, tote und
in die innere, lebendige Rinde, Splint genannt; das ist der erste Baum. Der
zweite Baum, von dem ersten ganz verschieden, ist das eigentliche feste Holz,
eine Kombination von zahllosen Röhrchen, die da nebeneinander in der schönsten
Ordnung fortlaufen. Das ist der zweite Baum. Der dritte oder der innerste Baum
ist der Kern, gewöhnlich eine weitere Röhre, die durchaus mit einem
schwammartigen Zellengewebe angefüllt ist, welche Zellen die Säfte aus der Erde
vorerst einsaugen, in sich läutern und dann durch ihre extensive und
kompressive Kraft in alle die zahllosen Organe des anderen Baumes
hinaustreiben.
[Er.01_005,08]
Auf diese Weise habt ihr nun bei einem Baume drei Bäume gesehen.
[Er.01_005,09]
Betrachten wir eine Frucht am Baume. Was entdecken wir zuerst z.B. bei einer
Nuß, Kastanie, Eichel, kurz bei was immer für einer Frucht? Das erste ist die
Rinde, die ebenso wie die Baumrinde zweifach ist. Dann kommt die Schutzschale
als der zweite Teil der Frucht, der gewöhnlich der festeste ist. Hinter dieser
Schale ist erst der dritte und Hauptteil der Frucht vorhanden, in welchem Teile
erst das Herz oder die Keimhülse wirkend rastet.
[Er.01_005,10]
Gehen wir zu einem Tiere. Das erste an den Tieren ist für jedermann ersichtlich
die Haut als das erste Tier, welche ausgestopft die ganze Gestalt des Tieres
zur Schau stellt. Innerhalb der oft mehrfachen Haut ist das feste Gerippe mit
einer muskulösen und teils knorpeligen Fleischmasse aneinander gebunden und
gefestet, gleich der harten Schale bei einer Nuß, oder wie bei einem jeden
Kopfe die Hirnschale. Das ist das zweite Tier, auch Knochentier genannt.
Innerhalb dieses Tieres sind dessen Eingeweide, als: Lunge, Leber, Milz,
Gedärme, und in diesen edleren Teilen des Tieres das lebenerzeugende Herz
selbst; das ist eben wieder das dritte Tier, durch welches die beiden äußeren
ihre Nahrung und Belebung erhalten, und zwar durch zahllose Organe und Gefäße,
die von dem inneren Tiere in die zwei äußeren ausgehen.
[Er.01_005,11]
Dasselbe Verhältnis findet ihr bei eurem Körperbaue selbst. Wollt ihr es noch
deutlicher sehen, so nehmet ein Ei zur Hand, da werdet ihr wieder dasselbe
finden. Kurz und gut, ihr möget von allen Gewächsen nehmen, das welche ihr
wollt, und dessen Früchte oder Samen betrachten, wie ihr nur immer wollt,
ebenso möget ihr das ganze Reich der Tiere durchgehen, und ihr werdet überall
ein und dasselbe Verhältnis finden.
[Er.01_005,12]
Warum aber ist dieses Verhältnis also gleichartig? Die Antwort darauf ist sehr
leicht, und es ergibt sich aus derselben jener sehr beschauliche Grund, aus
welchem Kinder ihren Eltern gleichen und die Früchte den Samenkörnern, aus
denen sie wieder als Samenkörner zum Vorschein kommen, wie da z.B. das
Weizenkorn ein Same ist, welches in die Erde gestreut wieder gleiche
Samenkörner als Frucht zum Vorschein bringt. Also trägt auch alles organische,
mehr oder weniger belebte Körperwesen auf der Erdoberfläche den Typus des
Erdkörpers selbst.
[Er.01_005,13]
Auch bei dem Erdkörper ist das Äußere gewisserart die tote Rinde, innerhalb
welcher eine schon mehr lebendige und fühlbare Rinde sich befindet. Wie aber
gleichsam die Rinde bei einem Baume, wennschon manchmal sehr zerklüftet, aber
dennoch nicht so ganz tot ist, daß sie nicht vermöchte den auf ihr zum
Vorschein kommenden Moospflänzchen eine genügende Nahrung zu verschaffen, und
wie auch die äußere Haut bei den Tieren nicht also tot ist, daß durch sie nicht
zahllose Haare und Härchen, und nicht selten auch Schmarotzertierchen ihre
genügende Nahrung zu bekommen vermöchten, ebenalso ist auch die äußere, nur
unter gewissen Bedingungen tote oder vielmehr unfühlbare Erdrinde nicht so ganz
tot, daß durch sie alle zahllosen Gewächse und Tiere nicht die ihnen zusagende
Nahrung zu bekommen vermöchten.
[Er.01_005,14]
Innerhalb dieser äußeren Erdrinde, die bei zwanzig deutsche Meilen, mitunter
wohl auch weniger dick ist, fängt die zweite Erde an. Das ist der eigentliche
festeste Teil des Erdkörpers, freilich wohl nicht allenthalben gleichfest, aber
dessenungeachtet noch überall fest genug, um die über sie ausgebreitete äußere
Erdrinde mit der größten Leichtigkeit zu tragen.
[Er.01_005,15]
Innerhalb dieser zweiten Erde ist endlich der eigentlich lebendige Teil des
Erdkörpers oder das Eingeweide desselben, in welchem Eingeweide erst so ganz
eigentlich das Herz des Erdkörpers sich befindet.
[Er.01_005,16]
Wie aber nun diese drei Erden miteinander verbunden sind, wie durch sie die
innere Herzenstriebkraft wirkt, das werden wir in der nächsten Darstellung
näher besprechen.
6. Kapitel – Von
den Schwerpunkten und den Säften der Erde.
5. Januar 1847
[Er.01_006,01]
Wenn ihr es vermöchtet, mit gleich einem starken Mikroskope vergrößernden Augen
einen Baumstamm von dessen Kern bis zur Außenrinde mit einem Male zu
durchblicken und so auch von der untersten Wurzelfaser bis hinauf zur äußersten
Knospenspitze, so würdet ihr da neben den aufsteigenden Röhren, welche mit
zahllosen Pumpen, Schlußklappen und Öffnungsventilen versehen sind, noch eine
Menge kleinerer Querorgane entdecken, welche vom Kern des Baumes bis zur
äußersten Rinde in den mannigfaltigsten Windungen und Krümmungen sich
erstrecken und allenthalben, wo sie durch eine aufsteigende Röhre gehen, mit
einer elastischen Klappenöffnung versehen sind. Alle diese Pumpen, Klappen,
Ventile sind gewisserart sonderheitliche Schwerpunkte, durch welche das
Lebensprinzip in den ganzen Baum verteilt wird, und alle diese Haupt- und
Seitenröhren oder die euch bekannten drei Bäume sind verbunden durch die
bezeichneten Querröhrchen, die sich vom Marke bis zur Rinde hinaus erstrecken.
Durch diese wirkt dann das Hauptlebensprinzip des Baumes, oder gewisserart das
Herz desselben, in alle Teile des eben bezeichneten Baumes.
[Er.01_006,02]
Wir haben schon einmal oben angedeutet, daß neben dem Hauptschwerpunkte noch
eine Menge anderer, kleinerer Schwerpunkte in der Materie vorhanden sind,
jedoch das „Wo“ zur deutlichen Erklärung für die Folge vorbehalten. Eben hier aber
ist der Punkt und der rechte Platz, wo sich eben dieses „Wo“ der
Nebenschwerpunkte auf eine sehr beschauliche Weise bestimmen läßt. Soviel
wissen wir nun schon aus dieser Mitteilung, daß der Schwerpunkt in der
organischen Materie der eigentliche, dieselbe belebende Wirkungspunkt ist; ist
das aber unwidersprechlich der Fall, so ist gewisserart auf jedem Platze in der
Materie eben auch ein kleiner Nebenschwer- oder Wirkungspunkt, wo eben die oben
besprochenen Querorgane die aufsteigenden Organe gewisserart durchbohren und in
den aufsteigenden Organen eben auf dem Durchgangspunkte eine besondere Wirkung
hervorbringen, was sich jemand auch durch andere Behelfe bildlich vorstellen
kann.
[Er.01_006,03]
Man lege z. B nur zwei Hölzer quer übereinander, so wird bei diesen Hölzern
sicher auf dem Punkte, wo sie sich berühren, eine leicht wahrnehmbare Wirkung
entstehen; nämlich das untere Stück des Querholzes wird im Augenblicke der
Berührung des obenauf liegenden Stückes dessen Gewicht mit dem seinen vereinen.
Will nun jemand den unteren Querbalken aufheben, so hat er es nicht nur mit
dessen eigenem Gewichte, sondern auch mit dem Gewichte des querüber liegenden
Balkens zu tun, aus welcher Erscheinung klar und deutlich hervorgeht, daß
dieser neue Berührungspunkt eine offenbare Gewichtsveränderung in dem unter ihm
liegenden Balken und somit einen neuen Schwerpunkt zuwege gebracht hat. Wird
das obenliegende Querholz gar mit dem untenliegenden entweder mittelst Band
oder Heftnagel gefestigt, so haben beide Teile ihre Schwere verändert, weil ein
jeder das Gewicht des andern durch eben diesen Berührungspunkt annimmt.
[Er.01_006,04]
Durch dieses Beispiel habt ihr schon einen kleinen Begriff bekommen, wie
gewisse Berührungspunkte der Materie auf dieselbe wirken.
[Er.01_006,05]
Hier war bloß von einer Gewichtsveränderung die Rede, welche allerdings auch
eine bedeutende Veränderung ist, weil dadurch ein Doppelgewicht von diesen zwei
Körpern in ein potenziertes verwandelt wird. Gehen wir aber zu einem andern
Beispiele:
[Er.01_006,06]
Stellt euch eine Wasserleitung vor, bei der es sich auf einem Punkte handelt,
daß zwei Wasserleitungsröhren, in denen das Wasser von einem Bassin auf zwei
Punkte hingeleitet werden muß, sich durchbrechen müssen. Ein Wasserstrahl muß
da gewisserart durch den andern; dadurch aber hemmt auf dem
Durchschneidungspunkte ein Wasserstrahl den andern. Über diesen
durchschneidenden Hemmungspunkt hinaus geht dann das Wasser wieder seinen
ordentlichen Weg fort, so wie es bis zu diesem Punkte her gegangen ist.
[Er.01_006,07]
Was wohl wird dieser Hemmungspunkt für Erscheinungen bieten? – Es wird das
Wasser beider Röhren sich erst wirbelnd vereinen, und aus diesem Wirbel wird
dann das vereinte Wasser in die beiden, weiter fortgesetzten Röhren dringen,
was noch dadurch ersichtlicher und begreiflicher würde, so die eine Röhre
Wasser und die andere Wein leitete. Bis zu diesem Punkte würde sicher jedermann
aus der einen Röhre Wein und aus der anderen Wasser bekommen; über diesen Punkt
hinaus aber wird dann jede Röhre gleich einen gewässerten Wein führen.
[Er.01_006,08]
Sehet, aus dem Beispiele geht schon eine bedeutend merklichere Wirkung hervor,
welche durch diesen Durchgangspunkt, der sonach ein Nebenschwerpunkt ist,
hervorgebracht wird. Etwas Ähnliches bewirken aber eben auch in einem Baume die
Querröhrchen in den Punkten, wo sie die aufsteigenden Röhrchen durchschneiden.
[Er.01_006,09]
Nachdem wir dieses Beispiel, das schon deutlicher als das erste ist, genau
durchschaut haben, wollen wir noch zu einem dritten, ähnlichen, aber
zusammengesetzteren schreiten.
[Er.01_006,10]
Stellet euch wieder eine Wasserleitung vor, bei der aber auf einem Punkte sich
eine Anzahl von etwa zehn, oder noch darüber, Röhren strahlenförmig
durchschneiden möchten. Wenn in einer jeden Röhre nur Wasser geleitet würde, so
würde sich das Wasser in diesem Röhrenvereinigungspunkte durch eine starke
Wirbelbewegung vermengen und so erst von da weiter in die weiteren
Ableitungsröhren als gemengt fortdringen, so daß jeder am Ende einer jeden
Röhre gewisserart ein zehn- oder mehrfach gemengtes Wasser bekäme.
[Er.01_006,11]
Um diese aber wieder deutlicher zu erkennen, lassen wir durch jede Vor- oder
Einleitungsröhre eine ganz andere Flüssigkeit leiten, wie z.B. durch die eine
wohl Brunnenwasser, durch die zweite einen Sauerbrunnen, durch die dritte Wein,
durch die vierte Bier, durch die fünfte Milch, durch die sechste Essig, durch
die siebente Spiritus, durch die achte Oel, durch die neunte Lauge und durch
die zehnte gar Met. Bis zu dem vereinigten Durchgangspunkte wird ein jeder, so
er die Röhre öffnen würde, die ursprüngliche Flüssigkeit erhalten; nach dem
Vereinigungspunkte aber wird jede Fortleitungsröhre ganz sicher ein Gemenge von
allen obgenannten zehn Flüssigkeiten haben und sicher kein lauteres Aussehen mehr
besitzen.
[Er.01_006,12]
Sehet, solche nun beschriebene kleine Aquädukte hat unser Baum in zahlloser
Menge, und je weiter gegen die Rinde hinaus, desto vielfältiger diese
Leitungskanäle, und auch desto mehrstrahliger in einem Punkte; daher gewöhnlich
die Rinde eines Baumes ein ähnlicher Flüssigkeitsgemenge-Auswurf ist, und man
findet in der Rinde das Schwammartige des Kernes, das Faserartige des Holzes,
wie noch eine Menge anderer Bestandteile untereinandergemengt, die im inneren
Baume mehr abgesondert in den verschiedenartigen Röhren aufsteigen und ihren
speziellen Zweck entweder in der Bildung eines oder des anderen Teiles am Baume
erreichen.
[Er.01_006,13]
Nun, da haben wir wieder einen noch klarer vor uns stehenden Nebenschwerpunkt,
durch den die frühere Beschaffenheit der Lebenssäfte eines Körpers in eine ganz
andere übergeht und auch wieder ganz eigene Effekte zuwege bringt, was auch bei
einem quer durchschnittenen Baume eben nicht schwer zu erschauen ist.
[Er.01_006,14]
Diese verschiedenen Ringe, die euch unter dem Namen „die Jahre“ bekannt sind,
und der zwischen ihnen liegende weichere und weißere Splint, wie auch vom
Zentrum bis zur Rinde hinausgehende Strahlen bezeugen hinreichend die Wirkung
obbeschriebener kleinen Nebenschwerpunkte, was freilich lauter Nachwirkungen
sind von einer hauptbelebenden Wirkung, welche sich ungefähr dort in dem Baume
befindet, wo aus allen Wurzeln und Wurzen die Kerne in den Hauptkern des
Stammes einmünden, allwo denn auch der Hauptschwerpunkt oder das gewöhnliche Herz
des Baumes seinen Sitz hat, dessen Verletzung dem Baume auch unrettbar den Tod
bringt.
[Er.01_006,15]
Wie ihr aber jetzt bei dem Baume gesehen habt, daß in ihm die schon
bekanntgestellten drei Bäume durch diese verschiedenen Kanäle verbunden sind,
und wie da die verschiedenen Wirkungen hervorgebracht werden, eben also ist es
auch bei unserem Erdkörper der Fall; nur natürlich in einem verhältnismäßig
größeren und ausgedehnteren Verhältnisse, was wieder leicht zu begreifen ist,
weil die Erde doch sicher ein größerer Körper ist als ein Baum.
[Er.01_006,16]
Wie aber bei einem Baume aus dessen Herzen zahllose Kanäle aufsteigen, und wie
von dem Kerne des Baumes, der gewisserart eine Fortsetzung des Baumherzens ist,
eben wieder eine Menge noch kleinerer Querröhrchen auslaufen und die
aufsteigenden Kanäle, besonders gegen die Rinde hinaus, stets vielfältiger und
durchkreuzter durchbrechen, eben also ist es auch bei dem Erdkörper der Fall:
Je näher beim Herzen desselben die Organe liegen, desto größer sind sie; je weiter
davon, desto kleiner werden sie, aber auch desto bis ins Unendliche
verzweigter.
[Er.01_006,17]
Aus dieser möglichst klaren Darstellung aber könnt ihr nun auch begreifen und
sicher recht gut einsehen, wie die schon bekanntgegebenen drei Erden in einer
miteinander verbunden sind, und wie der Hauptschwerpunkt der Erde durch die
zahllosen Kanäle und durch die sich häufigere Durchschneidung derselben bis zur
Oberfläche herauf wirkt, und wie gestaltig die sogenannten Nebenschwerpunkte
beschaffen und eingerichtet sind.
[Er.01_006,18]
Ich höre aber soeben, wie nach der Durchlesung dieser Zeilen jemand fragt: „Das
ist richtig, und man kann dagegen nichts einwenden; aber woher nimmt denn das
Erdherz alle die verschiedenartigen Säfte, die es ursprünglich in einzelnen
größeren Kanälen fortleitet und sie erst dann bei den Durchschnittspunkten in
eine zweite, gemischte Substanz verwandelt, und das – je weiter gegen die
Oberfläche herauf, desto gemischter?“
[Er.01_006,19]
Da, Meine Lieben, muß Ich euch diese Lehre geben:
[Er.01_006,20]
Auch ein Baum saugt nichts als Regentropfen und den Tau der Erde durch seine
Wurzelfasern ein; aber in seinem Herzen und Magen zugleich habe Ich schon Meine
wohlkonditionierten Chemiker hingestellt, die diese eingesogenen Säfte gehörig zu
sondieren und gewisserart wohl zu richten verstehen, und das zwar auf eine Art
und Weise, wie solche nie auch ein allergelehrtester Chemiker erforschen und
erkennen wird.
[Er.01_006,21]
Eben also ist das auch mit den inneren Säften der Erde der Fall. Mögen sie in
noch so einfacher Substanz in dasselbe Erdherz aufgenommen werden, so werden
sie aber von den daselbst angestellten Hauptchemikern dennoch so sorgfältig
geschieden und in dem gerechtesten Maße in die entsprechenden
Fortleitungskanäle eingeleitet und fortgeführt, daß da nicht ein Tropfen zu
viel oder zu wenig von einer oder der andern Substanz zu seiner Bestimmung
gelangt.
[Er.01_006,22]
Wie aber solches geschieht, kann auf dem naturmäßigen Wege niemals erörtert
werden, wohl aber auf dem geistigen, auf den wir aber erst später hinauskommen
werden; daher solle auch da niemand albernerweise fragen: Was sind diese
Ursubstanzen in naturmäßiger Hinsicht für ein Material?“, und solle auch
niemand auf Kohlen- und Sauerstoff und auf was noch für allerlei Stoffwerk
raten; denn wenn es sich um Substanzen handelt, da gibt es wenig Stoffartiges
dabei. So ist auch die Seele der Tiere sowie des Menschen eine Substanz, und es
gibt da wenig Kohlen- und Sauerstoff dabei.
[Er.01_006,23]
Da wir aber nun die Erde insoweit schon beschaut haben, daß wir nun wissen, wie
deren innerer Bau im allgemeinen beschaffen ist, so wollen wir nun eben diesen
Bau in der Folge mehr, insoweit es nötig ist, speziell betrachten, oder wir
wollen die inneren Gemächer des Erdkörpers mit dem geistigen Auge gewisserart
durchwandern und uns in jeder der vorerwähnten drei Erden überall ein wenig
aufhalten, wo es etwas besonders Denkwürdiges zu beschauen gibt.
7. Kapitel –
Ernährung und Rotation der Erde.
11. Januar 1847
[Er.01_007,01] Da
die Erde gewisserart ein organischer großartiger Tierkörper ist, so muß er als
solcher, um fortbestehen zu können, Nahrung zu sich nehmen; um aber Nahrung zu
sich zu nehmen, werden – wie bei jedem Tiere – oder wie selbst bei jeder
Pflanze, entweder ein Mund oder auch mehrere Freß- oder Saugrüssel
erforderlich. Gewisse Tiere, wie z. B die Polypen und noch andere dergleichen
haben eine Menge solcher Saug- und Freßrüssel. Ein Saugrüssel unterscheidet
sich von einem sogenannten Freßrüssel dadurch, daß der Saugrüssel bloß nur rein
flüssige Substanzen in sich aufnimmt und sie zur weiteren Ernährung des
tierischen Leibes in die gehörigen Verdauungsorgane leitet; ein Freßrüssel aber
nimmt auch Körper, als allerlei Insekten, auch gewisse kleine Wurzelpflanzen in
sich auf, zerquetscht diese durch seine sich aneinander reibenden festen
Muskeln und führt sie dann erst also zermalmt in die weiteren Verdauungsorgane.
[Er.01_007,02]
Dasselbe ist auch mit allen Pflanzen, Bäumen und Gesträuchen mehr oder weniger
der Fall, da besonders ihre Wurzeln nichts als polypenartige Saugrüssel sind;
ihre Blüten und namentlich die Staubfäden in denselben sind größtenteils als
Freßrüssel zu betrachten, die, wennschon auf kurze Zeit, die befruchteten
Blütenstaubeierchen in sich aufnehmen, sie alsbald zerquetschen und so den
befruchteten Saft zur Belebung und ersten Ernährung der werdenden Frucht
leiten. Zugleich aber hat noch jeder tierische sowohl als auch planetarische
Körper eine Menge kleiner Saugspitzen auf sich, die durch ihre Beschaffenheit
passendst geeignet sind, den elektrischen und ätherischen Lebensstoff aus der
freien Luft in sich einzusaugen.
[Er.01_007,03]
Da aber alle diese Dinge, als Tiere und Pflanzen, kleinähnlich-typische
Hervorbringungen des Erdkörpers sind, so versteht es sich schon wie von selbst,
daß bei dem Erdkörper alles dieses in der größten Fülle anzutreffen sein muß.
Die Erde hat demnach, wie jedes Tier, einen ganz ihrem Wesen angemessenen
Hauptmund, durch den sie auch die Hauptnahrung in sich aufnimmt; neben diesem
Hauptmunde aber hat sie auch noch allenthalben eine zahllose Menge größerer und
kleinerer Saug- und Freßrüssel, wo im Gegenteile sie dann eben wieder einen
entsprechenden Hauptentleerungskanal, und neben dem auch noch eine zahllose
Menge kleinerer Entleerungskanäle hat.
[Er.01_007,04]
Wir werden, um bei dieser Sache nicht unnötig zu weitläufig zu werden, uns
vorerst zur Beschauung an den Hauptmund und an den entsprechenden
Hauptentleerungskanal machen, weil dieser auf die rotierende Bewegung der Erde den
Haupteinfluß übt. Was aber ferner die zahllosen kleinen Ernährungs- und
Ableitungsmünde oder Kanäle betrifft, das werden wir bloß einer kurzen
allgemeinen Betrachtung unterziehen; und sonach gehen wir zu dem Hauptmunde
über.
[Er.01_007,05]
Der Nordpol ist des Erdkörpers Hauptnährmund, wie der Südpol dessen
entsprechender Hauptentleerungskanal.
[Er.01_007,06]
Wie sieht denn dieser Mund aus? Er ist ziemlich groß; sein Durchmesser am
äußersten Rande, wo die Einmündung trichterförmig beginnt, hat ein Maß im
Durchschnitte zwischen 20 und 30 Meilen, beengt sich aber am Ende bis auf eine
Achtelmeile, in welcher Weite dann dieser Schlund bis zum Magen des Erdkörpers
fortgeht, und zwar in ziemlich gerader Richtung. Die Wände dieses Schlundes
sind jedoch sehr uneben und sehen sehr rissig und mitunter große Strecken
fortlaufend also spitzig oder vielmehr mit Spitzen besetzt aus, als ob sie mit
der Haut eines Riesenigels überzogen wären.
[Er.01_007,07]
Der Magen der Erde ist gleich unter dem Herzen, so ziemlich in der Mitte des
Erdkörpers. Dieser ist ein bei zehn Quadratmeilen in sich fassender hohler
Raum, den aber jedoch allerlei kleinere und größere Querstreifen, manche im
Durchmesser von 200 Klaftern, gewisserart säulenförmig nach allen Richtungen
hin zum Teil ausdehnen und zum Teil unterstützen. Dieser Magen und diese im
selben befindlichen Querstützen, die das Aussehen von ovalen Streifen, auch
ovalen Säulen in obbesagtem Durchmesser haben, sind nicht von einer festen
Masse, sondern sie sind ungefähr von der nämlichen Beschaffenheit als wie ein
großer Gummielastikumbeutel, dessen innere Wände gegenseitig mit der gleichen
Masse ausgepolzt wären, damit sie nicht über einander gedrückt werden mögen
durch eine von außen auf sie einwirkende Schwerkraft.
[Er.01_007,08] Von
diesem nun beschriebenen Magen geht dann ein schraubenartig gewundener
Hauptkanal durch den ganzen Erdkörper hindurch und mündet dann im Südpole aus
und ist von gleicher Materie wie der Magen; nur wird er gegen die Ausmündung
verhältnismäßig fester und fester.
[Er.01_007,09]
Daß von diesem Hauptmagen der Erde und von deren Hauptentleerungskanale
zahllose Nährkanäle und Gefäße auslaufen, braucht kaum erwähnt zu werden,
nachdem sich solches wohl von selbst versteht. Und so hätten wir nun den Mund,
den Magen und den Entleerungskanal der Erde beschaut, und das so gut, wie es
bei diesem großen Gegenstande in möglichster Kürze nur immer tunlich ist.
[Er.01_007,10]
Aber da wir nun dieses kennen, nämlich Mund, Magen und Entleerungskanal, so
fragt es sich nun um das Futter, womit die Erde durch diesen Mund gespeist
wird; und weil das der Hauptmund ist, so handelt es sich hier auch um das
Hauptfutter. Worin besteht dieses, und woher kommt es?
[Er.01_007,11]
Wer je die Gelegenheit hatte, sehr tief nach Norden auf der Oberfläche der Erde
fortzukommen und dabei aber auch Kenntnisse im Reiche der Natur besitzt, der
wird in dieser höchsten Polargegend so manche Erscheinungen entdecken, die er
sonst auf der Erdoberfläche wohl nirgends antreffen dürfte. Fürs erste eine sehr
kalte Luftregion, welche besonders zur Winterszeit einen für eure Instrumente
kaum meßbaren hohen Grad erreicht. Mit dieser schweren und kalten Luft wird
sich eine stets dichter werdende Dunstmasse vereinen, welche gegen den Nordpol
hin, besonders um die winterliche Zeit, von zahllosen sternschnuppenartigen
Lichtknäueln durchzischt wird; dabei aber wird er auch noch um den weiten
Polrand eine ungeheure dammartige Anhäufung von Schneekristallen und mitunter
auch von ganzen mehrere Klafter hohen Eisspitzen antreffen.
[Er.01_007,12]
Sehet, da haben wir das Futter schon; dieses alles zieht dieser magnetische
Erdmund mit großer Kraft in sich und leitet es in den großen Magen, an dessen
Wänden und Querspreizen oder Stützen sich dann dieses Futter kristallartig ansetzt;
und wenn der Magen gewisserart gefüllt ist, so tritt dann die Wärme des
Erdherzens hinzu, setzt diese großen Magenwände in eine vibrierende Bewegung,
und die inneren Querspreizen des Magens ziehen sich dann auch bald enger
zusammen und dehnen sich auch bald wieder weit aus. Dadurch wird nun diese Kost
gerieben, zermalmt und durch diese Aktion ein neuer elektrischer Stoff
gewonnen, der in dem Magen die nahrhaften Wasserteile zersetzt und sie in die
zahllosen Nährkanäle ableitet, während dann ein ausgeschiedener, negativ
elektrischer Strom die unverdaulichen Überreste in dem Magen ergreift und sie
dann durch den schraubenartig gewundenen Entleerungskanal mit großer Gewalt
forttreibt, auf welchem Wege diese exkrementarischen Nährteile, zufolge fortwährender
mächtiger Reibung, noch die letzten Reste ihrer erdernährenden Substanz abgeben
müssen, aus welchem Grunde denn auch der nördliche Teil der Erde viel kompakter
ist als der südliche, weil auf diesen letzteren auch zumeist die letzten und
schlechtesten Nahrungsteile kommen.
[Er.01_007,13]
Durch den endlichen Abtrieb der letzten Exkremente der Erde wird auch die
Rotation des Erdkörpers bewerkstelligt, und zwar dadurch, daß diese freilich
sehr luftig aussehenden Exkremente in der gewundenen Richtung hinaus auf den
freien Äther stoßen und der Erde dergestaltig einen Rollschwung geben, wie eine
Rakete, die um ein Rad gewunden ist, das Rad in Bewegung setzt, wenn sie
angezündet wird, und das aus dem Grunde, weil die aus der Rakete entweichende
Luft so heftig ist, daß ihr die äußere Luft nicht in gleich schnellem Grade
ausweichen oder Platz machen kann, wodurch dann zwischen der ausströmenden Luft
aus der Rakete und der äußeren Luft eine ununterbrochene Drucksäule gebildet
wird, die das Rad, auf dem die Rakete befestigt ist, in den notwendigen
Umschwung bringt, – so wie eine sogenannte Steigrakete eben eine ähnliche unter
ihr schnell wachsende Luftsäule in die Höhe trägt.
[Er.01_007,14]
Aus diesem leicht faßlichen Beispiele könnet ihr nun auch ziemlich leicht ersehen,
wie die tägliche Rotation der Erde durch ihren eigenen ganz natürlichen
Mechanismus hervorgebracht und fortwährend gleichmäßig unterstützt wird. Und so
hätten wir damit auch einen der wichtigsten Plätze des Erdinnern beschaut, und
zwar in der Kürze so richtig und gut wie möglich. Auf gleiche Weise werden wir
nächstens uns einen anderen nicht minder wichtigen Platz aussuchen und in ihm
eine kurze Zeit betrachtend verweilen.
8. Kapitel –
Lunge und Atmung der Erde.
12. Januar 1847
[Er.01_008,01]
Ihr wisset, daß zum physischen Leben nicht nur allein das Herz und der Magen,
sondern auch eine Lunge notwendig ist. Jedes Tier hat ein solches Atmungswerk
in sich; auch Bäume und Pflanzen müssen solche Transpirationsorgane haben,
durch die sie binnen 24 Stunden ein- und ausatmen.
[Er.01_008,02]
Das Atemholen des Erdkörpers verspürt jedermann leicht an den Gestaden des
Meeres, so er das Meer regelmäßig anschwellen und wieder zurücksinken sieht. So
aber nun einmal eine solche äußere Erscheinung vorhanden ist, da kann doch auch
jedermann mit Sicherheit schließen, daß sie nur von einem inneren Grunde, nie
aber von einem äußeren herrühren kann.
[Er.01_008,03]
Wer dieses nicht völlig fassen sollte, dem stellet eine Wanne mit Wasser vor,
wie Ich euch schon bei einer anderen Gelegenheit gezeigt habe; hänget über der
Wanne Wassers etwa in einer Entfernung von 5 Klaftern eine bedeutend große
Kugel auf, und diese Kugel soll noch obendrauf aus Magneteisen bestehen,
bringet dann diese Kugel über der Wanne Wassers in einen Umschwung und
betrachtet dann das Wasser in der Wanne, ob es sich irgend rühren werde. Ihr
könnt völlig versichert sein, daß darum das Wasser ganz in der völligen Ruhe
verbleiben wird. – Nun lege sich aber jemand in das Wasser hinein und atme
darin wie gewöhnlich, und jeder Betrachter wird sich überzeugen, daß bei jedem
Atemzuge das Wasser in der Wanne etwas steigen und beim Ausstoßen des Atems
wieder fallen wird. Was wir hier im kleinen sehen können, das geschieht beim
Erdkörper im großen:
[Er.01_008,04]
Die Erde zieht die Luft in sich, da dehnt sich die weichere Bauchgegend der
Erde, die gewöhnlich vom Meere bedeckt ist, mehr aus, und das über ihr
befindliche Meerwasser steigt auf den festen Ufern höher; stößt die Erde, oder
vielmehr ihre Lunge, den Atem wieder aus, dann sinkt der Bauch wieder tiefer
hinab, und das Meerwasser tritt von den festeren Ufern ebenfalls wieder zurück.
[Er.01_008,05]
Dieses mußte darum vorher erwähnt werden, auf daß ihr einsehet, daß die Erde
atme, und daß sie zu dem Behufe auch natürlicherweise ihre Atmungswerkzeuge
haben muß, welche Werkzeuge, wie noch einige andere, als Eingeweide der Erde
alsonach die innere Erde ausmachen.
[Er.01_008,06]
Nun fragt es sich: Wo befindet sich diese Erdlunge, wo holt sie ihren Atem ein,
und wo stößt sie ihn auch wieder aus? Und endlich: Wie sieht diese Lunge aus?
[Er.01_008,07]
Diese Erdlunge, die wohl einen kubischen Inhalt von tausend Kubikmeilen hat,
befindet sich zunächst unter der harten und festen Erde und begrenzt eine
Fläche von etwas mehr als 5000 Quadratmeilen. Diese Lunge ist ein großartiges
Zellengeflecht, innerhalb welchen Geflechtes sich eine Menge Hohlkammern
befinden, welche durch kleinere und größere Röhren miteinander verbunden sind.
Diese Röhren haben zwei Eigenschaften: erstens die Luft in die Kammern zu
führen und wieder abzuleiten, und zweitens können diese Röhren sich vermöge
ihrer fühlbaren Elastizität, wie Muskeln oder Sehnadern bei den Tieren,
zusammenziehen und wieder ausdehnen, welche Zusammenziehung und Ausdehnung
durch den steten Polarwechsel oder durch die Verwandlung des positiven in den
negativen Pol bewirkt wird, welche Verwandlung lediglich in der seelischen
Substanz begründet liegt, ohne welche Verwandlung keine freie Bewegung in den
Körpern denkbar wäre.
[Er.01_008,08]
Wenn sich nun diese Röhren ausdehnen, so werden die Kammern beengt oder
gewisserart mehr zusammengedrückt; dadurch geschieht das Ausstoßen der Luft.
Ziehen sich die Röhren wieder näher zusammen, so dehnen sich natürlich die
Kammern wieder weiter aus, wodurch dann das Einatmen bewerkstelligt wird.
[Er.01_008,09]
Die Verkehrung der Polarität wird – so viel möglich, als es nur physischerweise
erklärbar ist – dadurch bewirkt, daß, sobald die Seele den Lebensstoff aus der
eingeatmeten Luft in ihre belebende Substanz aufgenommen hat, in der Lunge nur
die Stickluft zurückbleibt und das bewirkt, daß der vormals beim Akte des
Einatmens positive Pol alsbald in den negativen verwandelt wird, weil er mit
der Stickluft in keiner Korrespondenz steht.
[Er.01_008,10]
Auf diese Weise tritt dann alsbald die Zusammenziehung der Röhren ein, und es
wird alsbald wieder eine neue Luft eingeatmet, wo dann natürlich wieder während
des Einatmens der negative Pol positiv wird, und so umgekehrt.
[Er.01_008,11]
Nun wüßten wir, wie das Atmungsgeschäft der Erde vor sich geht, und wo die
Lunge ist. Wo atmet sie aber ein, und wo aus? Das tut die Erde auf dieselbe
Weise wie das Tier; nämlich das Tier atmet durch Mund und Nase, sowie auch der
Mensch; desgleichen auch die Erde. Durch denselben Hauptmund, durch den sie die
Nahrung einnimmt, zieht sie auch den Atem ein; nur auf dem halben Wege geht von
dieser Hauptmündung eine Seitenmündung, welche sich, so wie beim Tiere,
beliebig öffnen und schließen kann. Diese große Seitenmündung führt in die große
Lunge; von je 6 zu 6 Stunden wird da einmal eingeatmet und nach 6 Stunden
wieder ausgeatmet. Während des Einatmens schließt sich der Nährschlund in den
Magen; wenn eine gehörige Portion Luft einmal eingeatmet ist, schließt sich wie
durch einen Kehlkopf die Lungenröhre, – dafür aber wird der Speiseschlund
wieder geöffnet. Wird die Luft von der Lunge wieder hinausgestoßen, so schließt
sich wieder der Nährschlund, und so ist diese Sache so eingerichtet, daß die
Erde wohl durch die Lunge in obbemeldeten Perioden fortwährend genährt wird,
aber durch den eigentlichen Nährschlund in den Magen nur von 12 zu 12 Stunden,
und in der Zeit die Nahrung zu sich nimmt, in welcher die Lunge die eingesogene
Luft in sich gewisserart chemisch zerlegt und den Lebensstoff zerteilt; und so
kann man diese Bestimmung annehmen, daß die Erde in 24 Stunden zweimal ein- und
zweimal ausatmet und dabei aber nur zweimal die Nahrung in den Magen aufnimmt.
[Er.01_008,12]
Nun wüßten wir denn auch, wo und wie die Erde ein- und ausatmet und haben daher
bloß nur einen Blick zu tun, wie allenfalls diese Lunge der Gestalt nach
aussieht.
[Er.01_008,13]
Die Gestalt der Erdlunge euch so recht anschaulich vor die Augen zu stellen, wird
etwas schwer sein, außer ihr könntet je irgend einmal die Lunge eines Elefanten
zu Gesichte bekommen; noch deutlicher und ähnlicher wäre die Lunge eines
Mamelhuds, aber diese zu Gesichte zu bekommen, wäre in dieser Zeit fast ganz
unmöglich, da dieses Tier gänzlich ausgestorben ist. Es gibt zwar wohl noch
eine ähnliche Gattung in Mittelasiens Urwäldern; allein diese ist sehr
verkümmert gegen die frühere Riesenart, und somit ist die Lunge eines Elefanten
noch das Ähnlichste, die bei einem ausgewachsenen so groß ist, daß sie mit
Leichtigkeit über hundert Kubikfuß Luft fassen kann. Ihre Farbe ist
bläulich-grau und ihre Gestalt nahe die von einer großen, hohlen Kokosnuß,
innerhalb welcher sich aber natürlich noch das Herz, der Magen, die Leber, die
Milz und die Nieren befinden müssen.
[Er.01_008,14]
Stellt euch nun diese Lunge in der obbeschriebenen großen Dimension vor, so
werdet ihr euch so ungefähr ein ziemlich ähnliches Bild entwerfen können. Eine
nähere Beschreibung davon würde euch wenig nützen, weil ihr euch
dessenungeachtet dieses große Erdatmungswerkzeug niemals auf einmal
übersichtlich vorstellen könntet. Da wäre schon eine Kammer dieser Lunge zu
groß, als daß ihr sie auf einmal übersehen könntet. Ebenso wäre es auch unnütz,
euch den elastischen Stoff der Lunge zu detaillieren, indem ihr doch den Stoff
einer tierischen Lunge nicht begreifen könnet, woraus sie verfertigt ist; um
wieviel weniger würdet ihr erst den Stoff der Erdlunge begreifen! Daß sie aber
Ähnlichkeit hat mit dem Stoffe der tierischen Lunge, das mag daraus ersichtlich
sein, weil jede tierische Lunge, freilich in sehr verfeinertem Maßstabe, aus
dieser großen Erdlunge abstammt. Woher würde man aber auch den Stoff für alle
die tierischen Körperteile nehmen, wenn derselbe nicht in der Erde vorhanden
wäre?
[Er.01_008,15]
Die Erde muß von allem dem, was in ihr ist, auf die Oberfläche durch die
zahllosen Organe transpirierend ausliefern; dieses Ausgelieferte wird zunächst
von den Pflanzen und endlich von den Tieren aufgenommen und wird in ihnen
wieder in das verwandelt, was es ursprünglich war. Woher auch sollte das Tier
das Blut nehmen, so es nicht zuvor in der Erde vorhanden wäre? Woher sollte das
Wasser kommen, wenn es nicht zuvor in der Erde wäre? Kurz und gut, der
Erdkörper muß alles das in sich haben, was die auf ihm lebenden Wesen haben, so
wie eine Kopflaus das nämliche, natürlich in wohlverändertem und kleinerem
Maßstabe, in sich hat als wie das Tier oder auch der Mensch, der diesem kleinen
Tiere ebenfalls ein Weltkörper ist.
[Er.01_008,16]
Ich meine, dieses Beispiel sollte euch die Sache so ziemlich anschaulich
machen; und so hätten wir nun einen zweiten großen Platz in der Erde besichtigt
und wollen nächstens wieder einen andern zur Beschauung wählen.
9. Kapitel – Die
Milz der Erde.
14. Januar 1847
[Er.01_009,01]
Bei jedem Tiere kommt nach der Lunge als eines der wichtigsten Eingeweide,
welches der eigentliche Feuerherd in jedem tierischen Körper ist, die Milz in
Betrachtung. Dieses Eingeweide ist zur Erhaltung des tierischen Lebens ebenso
notwendig als wie das Herz, der Magen und die Lunge; denn ohne dieses
Eingeweide würden die früheren tot in jedem tierischen Körper sein.
[Er.01_009,02]
Ich sagte, es ist der Feuerherd im tierischen Körper. Der Feuerherd ist in
jedem Hause zum Kochen der Speisen und zur Erwärmung der Zimmer das
Notwendigste; mag er wie immer gestaltig aussehen, so muß er doch da sein und
war auch schon das allererste Bedürfnis der Menschen, und die allerersten
Menschen der Erde lernten auch das Feuer früher kennen als alles andere, und
hätten sie es nicht gekannt, so hätten Kain und Abel keine Brandopfer opfern
können.
[Er.01_009,03]
Die Wichtigkeit eines solchen Feuerherdes, und was eigentlich ein solcher
Feuerherd ist, mit einem Beispiele aus eurer neueren Zeit so recht armdick
anschaulich zu machen, wollen wir einen Blick auf die gegenwärtig bestehenden
sogenannten Lokomotiven werfen.
[Er.01_009,04]
Sehet, eine solche Lokomotive ist sehr kunstvoll, nach menschlicher Weise
genommen, eingerichtet. Füllen wir den Kessel mit Wasser, geben aber kein Feuer
unterhalb auf den Herd, durch welches das Wasser in die treibenden Dämpfe
zersetzt wird, so wird es sich sogleich zeigen, daß dieser ganze Mechanismus
umsonst ist. Das Feuer ist somit die eigentliche Triebkraft; es setzt zuerst
das Wasser in Dämpfe, und die Dämpfe greifen dann erst mit ihrer Kraft in den
Mechanismus ein, und ein solcher Dampfwagen kommt dann in seine bekannte
schnelle Bewegung.
[Er.01_009,05]
Ähnliche, freilich wohl unendlich künstlichere Lokomotiven sind tierische
Körper; aber ihr ganzer Mechanismus, der aus zahllosen Teilen und Organen
besteht, wäre umsonst, wenn in ihm der Feuerherd mangeln würde. Erst dieser
zersetzt alle die zu sich genommenen Nahrungsteile und treibt sie durch seine
eigene Kraft in die Gefäße weiter, wo sie ins Blut übergehen, als solches dann
erst zu dem Herzen und von diesem hinaus zu ihrer eigentlichen Bestimmung
gelangen.
[Er.01_009,06]
Dieser Feuerherd im tierischen Körper, Milz genannt, besteht darum auch aus
einer eigenen, lockeren Masse, die in ihrem kreuz und quer durchflochtenen
Zellengewebe vollkommen geeignet ist, das elektromagnetische Feuer in sich zu
erzeugen und zu erhalten, und zwar dadurch zu erzeugen, daß sie durch eine
beständige Reibung ihres Zellengewebes dieses elektromagnetische Feuer bewirkt
und dann in ihren zahllosen, beutelartigen Gefäßen wie in kleinen elektrischen
Flaschen aufbewahrt und gewisserart immer damit gesättigt ist, um dadurch in
jedem Augenblicke den negativen Teil dem Magen und den positiven Teil dem
Herzen zuzuführen.
[Er.01_009,07]
Ich weiß es wohl, daß gar viele Ärzte und Naturkundige bis auf diesen
Augenblick noch nicht wissen, was sie aus der Milz machen sollen, welches zu
erfahren aber auch darum schwer ist, weil niemand ein Tier im lebendigen
Zustande innerlich betrachten kann, um so die Milz zu erforschen, was sie tut.
Ist aber das Tier einmal tot, so setzt das ja ohnehin schon lange früher den
Tod der Milz voraus; aber nun sei es euch hiermit bekanntgegeben, was die Milz
ist, und wozu sie dient.
[Er.01_009,08]
Wir haben sonach aus dem ersehen, daß die Milz eines der notwendigsten
Eingeweide im tierischen Körper ist, weil sie gleichsam die eigentliche
Triebkraft für den ganzen tierischen Mechanismus in sich erzeugt, trägt und an
die anderen Teile abgibt.
[Er.01_009,09]
Wie aber sonach dieses ganz unbedeutend scheinende Eingeweide eines der
wichtigsten im tierischen Körper ist, ebenso ist auch in der Erde selbst ein
solches Eingeweide vorhanden, das da mit gleichem Rechte die Erdmilz genannt werden
kann. Diese Erdmilz ist so wie bei den tierischen Körpern zunächst an den Magen
angebracht, steht aber anderseits auch mit dem Erdherzen in der nächsten
organischen Verbindung, und das darum, weil der Magen von dieser Milz seine
Verdauungswärme und das Herz seine pulsierende Kraft aus diesem Haupteingeweide
schöpfen muß, – so wie nicht minder auch die Tätigkeit der Lunge mehr oder
weniger von diesem Eingeweidestücke herrührt, obschon die Lunge auch zur Hälfte
eine ganz freie Bewegung hat, welche mit dem Willen der Seele verbunden ist,
aus welchem Grunde besonders der Mensch willkürlich bald schneller, bald
langsamer atmen kann.
[Er.01_009,10]
Da demnach die Milz, auch in unserem Erdkörper eine der wichtigsten
Belebungsrollen spielt, so ist es auch nicht mehr als billig, daß man diesem
Eingeweidestücke eine ganz besondere Aufmerksamkeit spendet.
[Er.01_009,11]
Um dieses aber auch also einzusehen, wollen wir in Kürze die Wirkungen unserer
Erdmilz ein wenig durchschauen.
[Er.01_009,12]
Sehet auf alle die feuerspeienden Berge der Erde! Sie sind freilich nur ganz
unbedeutende Ausläufer dieser Hauptfeuerwerkstätte, können aber
dessenungeachtet einen überzeugenden Anblick gewähren, wie es in unserer
Hauptfeuerküche des Erdkörpers zugeht. – Das wäre eine Wirkung, die sich auf
der Oberfläche der Erde bekundet.
[Er.01_009,13]
Dann betrachten wir die zahllose Menge der siedendheißen Wasserquellen, die da
ebenfalls ihre Erwärmung von diesem Haupteingeweide der Erde nehmen, wenn schon
nicht unmittelbar, so doch mittelbar durch jene feurigen Organe, welche mit
diesem Erdeingeweidestücke in innigster Verbindung stehen. Da hätten wir eine
zweite Wirkung dieses Erdeingeweidestückes auf der Erdoberfläche.
[Er.01_009,14]
Betrachten wir weiter die Wolken und Nebelgebilde und die Winde auch, die sie
bewegen. Alles das ist ein Produkt dieses Erdeingeweides; denn dessen
Hauptzentralfeuer dringt durch zahllose Organe der Erde hindurch und erwärmt
diese in all ihren Teilen auf eine hinreichende Weise. Es dürfte jemand nur
etwas über eine deutsche Meile tief in das Erdinnere dringen, und er würde sich
überzeugen, wie mächtig schon hier dieser innere Erderwärmungsapparat wirkt.
Wenn nun das Wasser in diese Tiefen dringt, so wird es bald in Dämpfe
aufgelöst; diese blähen dann die Erdhaut auf und dringen dann entweder nach und
nach als Gase oder Dämpfe durch die Poren, Klüfte und anderen Höhlungen der
Erdrinde, erfüllen also die Luft und stören das Gleichgewicht derselben, woher
dann die Winde ihre Entstehung nehmen; oder wenn diese innerlich gebildeten
Wasserdämpfe und Gase manchmal zufolge einer Überfüllung einen gewaltsameren
Ausweg nehmen, so wird dadurch wohl ein größeres oder kleineres Erdbeben
bewirkt und in der Gegend des Ausbruches werden alles vernichtende Orkane,
Wind- und manchmal auch Feuerhosen zutage gefördert. – Da hätten wir nun wieder
eine dritte anschauliche Erscheinung auf der Erdoberfläche, die von diesem
Erdeingeweidestücke herrührt.
[Er.01_009,15]
Eben auf eine ähnliche Weise rührt die Bewegung des Meeres (doch nicht die Ebbe
und Flut, sondern bloß jene wogende und stürmische), sowie auch alle die
Strömungen des Meeres von eben diesem Eingeweide her. Auch das Gesalzensein des
Meeres, was nur dadurch geschehen kann, wenn gewisse Substanzen zuvor durch das
Feuer aufgelöst werden und dann als Salz zur Salzung des Meeres durch zahllose
Organe heraufgetrieben werden, rührt daher. So rühren auch daher alle die
meteorischen Erscheinungen, welche im Luftkreise der Erde zum Vorschein kommen,
wie nicht minder auch alle Vegetationskraft der Erde. Nebst diesen gibt es noch
eine zahllose Menge von Erscheinungen in und über der Erde, die alle von diesem
Eingeweidestücke herrühren, mit deren sämtlicher Aufzählung hundert Schreiber
in hundert Jahren nicht fertig würden. Daher wäre es hier auch eine höchst
unzweckmäßige und lächerliche Arbeit, alle diese Erscheinungen sonderheitlich
aufzuzählen und zu besprechen, und das um so unzweckmäßiger, weil alle diese
Erscheinungen aus der späteren Betrachtung des geistigen Teiles ohnehin überaus
leicht werden begriffen werden können. Daher ist es genug, daß wir hier diese
Sache nur im allgemeinen berühren, obschon es anderseits eben auch niemandem
gleichgültig sein darf, im voraus bei diesem sehr wichtigen Punkte sich eine
etwas tiefere Information zu verschaffen, ohne welche er das Geistige eben
nicht gar zu tief verstehen würde.
[Er.01_009,16]
Wir haben nun einige Haupterscheinungen dieses Eingeweidestückes aufgezählt,
und zwar aus dem Grunde, um dieses überaus wichtige Eingeweidestück desto tiefer
würdigend zu begreifen; um es aber noch tiefer zu beschauen und zu würdigen,
werden wir uns nächstens in dieses Eingeweidestück selbst wie persönlich
begeben und werden in demselben eine recht zweckmäßige kleine Wanderung
vornehmen und zugleich dahin unsere Aufmerksamkeit lenken, wie dieses
Eingeweidestück gebaut ist, woher es sein Feuer und das Feuerungsmaterial
bezieht.
10. Kapitel –
Bau der Milz und Bereitung des Blutes.
15. Januar 1847
[Er.01_010,01]
Wenn ihr ein kleines Stückchen von einer tierischen Milz durch ein gutes
Mikroskop beobachten würdet, so würdet ihr da eine Menge kleiner Kämmerchen
entdecken, die zumeist viereckigen oder kubischen Inhaltes sind, manchmal aber
auch dreieckige Pyramiden bildend; seltener sind diese Kämmerchen eiförmig rund.
Diese Kämmerchen sind an den Ecken durch kleine Zylinderchen organisch
verbunden; die Wände dieser Kämmerchen aber sind frei, daher auch eine Milz
sehr weich und locker anzufühlen ist. Zwischen den Reihen der
aneinandergebundenen Kämmerchen ziehen sich eine Menge Blutgefäße hindurch,
welche Gefäße nicht aus gleichförmigen Röhren, sondern aus solchen nur
bestehen, welche bald eng, bald weit sind und dem Auge sich ungefähr so
darstellen als der Faden einer Kreuzspinne, wenn sie ihn mit ihren grauweißlichen
Klebperlen besetzt hat; denn solches werdet ihr wohl schon gesehen haben, wie
dieses Tier seinen elastischstarken Faden mit eigens kleinen Klebperlen
schmückt, welche dazu dienen, daß ein Insekt im Augenblicke, als es den Faden
berührt, wie ein Vogel an die Leimspindel angeklebt wird und sich nimmer davon
entfernen kann.
[Er.01_010,02]
Sogestaltig ist also ein Blutgefäß in der Milz beschaffen; noch faßlicher wird
es für euch sein, so Ich es mit einer sehr feinen Schnur kleinster Zahlperlchen
vergleiche. Dergleichen Blutgefäße gibt es durch die ganze Länge der Milz wie
auch durch die Quere derselben eine überaus große Menge. Diese Blutgefäße
beginnen in einem einzigen Gefäße, das mit dem Magen in Verbindung steht, und
endigen wieder mit einem Hauptgefäße, das mit dem Herzen in der rechten
Verbindung steht; zugleich ist dieses ganze Milzgewebe von einer zarten Haut
umfaßt, durch welche die Milzkämmerchen und perlschnurartigen Blutgefäße wie
dunkelrote Wärzchen hervorblicken. Da aber diese Milz bei den Tieren ein
äußerst zartes Gewebe ist, so ist sie noch extra mit einem Fettnetze umgeben,
damit sie erstens gesicherter ist und fürs zweite ihrer steten sich reibenden
Tätigkeit wegen auch einen guten Fettstoff um sich hat, damit sie sich solcher
Tätigkeit zufolge nicht irgend wehtue.
[Er.01_010,03]
Nun haben wir so gut als in der Kürze möglich eine gewisserart anatomische
Beschreibung der Milz vor uns, welche im toten Zustande freilich wohl eine von
dieser jetzt beschriebenen sehr veränderte Form annimmt; nun müssen wir aber
auch wissen, was sie hier so ganz eigentlich mit dieser ihrer Einrichtung für
ein Geschäft verrichtet, und wie ihr zu diesem Geschäfte eben diese Einrichtung
zweckdienlich ist.
[Er.01_010,04] Wir
haben schon gehört, daß die Milz mit ihren Blutgefäßen mit dem Magen und mit
dem Herzen zusammenhängt; warum das? Weil sie vom Magen die ins Blut
übergehenden Säfte in sich aufnimmt, sie so ganz eigentlich ins Blut verwandelt
und sie als solches an das Herz abliefert; daher kann es auch bei vollblütigen
Menschen sehr leicht geschehen, daß die Milz zu überfüllt wird mit Blut – weil
sie nicht alles ans Herz absetzen kann, was in ihr erzeugt wird –, daß dann das
Blut, das sich in der Milz angehäuft hat, in den Magen zurücktritt und der
Mensch dann das Blutbrechen bekommt. Und findet das Blut da den Ausgang nicht,
so kann daraus sehr leicht eine Entzündung und mit der Zeit, was noch
schlechter ist, eine Erhärtung dieses Haupteingeweides zuwege gebracht werden;
daher kommt auch das häufig vorkommende Blutbrechen meistens nur von der Milz
und höchst selten von der Lunge her.
[Er.01_010,05]
Auf diese Weise aber hätten wir nun schon eine Verrichtung der Milz belauscht;
nur fragt es sich jetzt, wie die Milz das Blut erzeugt. – Auch das wollen wir
in aller Kürze beschauen.
[Er.01_010,06]
Wenn der wie Eiweiß aussehende Saft aus dem Magen in die Milz übergeht, so
bleibt er in diesen perlschnurartigen Blutadern gewisse Perioden hindurch
sitzen und rückt nur mit jedem Pulsschlage um eine Perle weiter. Zu gleicher
Zeit aber wird mit jedem Pulsschlage eine Reibung der Milzkammern gemacht.
Durch diese Reibung füllen sich diese Kämmerchen mit elektrischem Feuer,
welches sich gegen die Magengegend hin als positiv und gegen die Herzgegend hin
als negativ darstellt; daher auch die Kämmerchen gegen die Magengegend viel
mehr scharfkantig sind, während sie in der Gegend gegen das Herz hin sich mehr
ins Eiförmige verlieren.
[Er.01_010,07]
Durch dieses elektrische Feuer werden die Kämmerchen natürlicherweise bald sehr
ausgedehnt, bald wieder sehr zusammengedrückt; und da diese Kämmerchen an den
Kanten sowohl unter sich, wie auch mit einem jeden solchen Blutgefäßkügelchen
durch kleine Zylinderchen in Verbindung stehen, so wird dadurch bewirkt, daß
die Säfte in den Blutgefäßen stets mehr und mehr in eine kleine Gärung geraten.
Durch diese Gärung scheidet sich der in ihnen noch etwas zu häufig vorhandene
Kohlenstoff aus und wird dann durch die Kämmerchen teils an die Galle, teils
aber auch an das Fett abgeliefert. Zugleich entstehen durch diese Gärung lauter
kleine Bläschen, welche, wenn sie unter die Herrschaft der negativen
Elektrizität gelangen, mehr zusammenschrumpfen und eine linsenartige Gestalt
annehmen.
[Er.01_010,08]
Als solche werden sie dann mit eben dieser negativen Elektrizität zur Hälfte
angefüllt, bekommen dadurch eine safranartig gelbliche Farbe und treten also
schon als Blut in die Herzkammer; denn das Blut ist nicht eine kontinuierliche
Flüssigkeit, sondern es ist ein kleinlinsenförmiger Brei, welcher in seinen
Kleinlinsen, die auf ihrer Oberfläche sehr glatt und schlüpfrig sind, die
negative Elektrizität in den ganzen Körper herumbringt und verteilt.
[Er.01_010,09]
Diese Elektrizität erwärmt dann auch den ganzen Organismus; und wo diese Linsen
dann durch sehr enge Gefäße getrieben werden, da zerplatzen sie, nach welcher
Zerplatzung die Hülse flüssig wird und in die sogenannten lymphatischen Säfte
übergeht, während der durch dieses Zerplatzen freigewordene elektrische Stoff als
ein eisenhaltiger Äther zur Belebung der Nerven verbraucht wird.
[Er.01_010,10]
Nun hätten wir in möglichster Kürze unsere Milz in ihrer Beschaffenheit und in
ihrer Verrichtung durchblickt; und da wir nun auf diese Art einen recht
anschaulichen Grund haben, so können wir uns nun ganz wohlgemut und möglichst
gut vorbereitet wenigstens vorderhand in eine freilich etwas größere
Feuerkammer unserer Erdmilz wagen.
[Er.01_010,11]
Der Bau derselben ist ähnlich dem Kleinbaue obbeschriebener tierischer Milz, zu
der auch die menschliche gerechnet werden kann; nur ist freilich eine jede
solche Kammer um mehrere Billionen Male größer als eine solche Tiermilzkammer,
ja in mancher solchen Erdmilzkammer hätten wohl mehrere Millionen Menschen
aneinandergestellt Platz, von welchem Verhältnisse sich schon im voraus
entnehmen läßt, daß der Erdmilzbau schon ein sehr großartiger sein muß, – noch
größer der einer Sonne und noch sehr bedeutend größer der einer
Hauptzentralsonne, deren Bau jedoch, wie überhaupt der Bau der Sonnen, sehr
verschieden ist von dem Bau eines Erdkörpers, wie schon überhaupt der Bau eines
Erdkörpers mit dem Baue eines andern Erdkörpers so große Verschiedenheiten in
sich hat, daß nur das Auge des Schöpfers das Allgemein-Ähnliche in ihm
erschauen kann. Daher müßt ihr auch nicht denken, so ihr das Erdinnere kennet,
daß ihr darum schon auch das Erdinnere eines Jupiter oder eines anderen
Planeten erkennen würdet; und somit wollen wir uns nun in eine solche
Erdmilzkammer begeben und sehen, wie es da zugeht.
[Er.01_010,12]
Sehet die graubraunen Wände, wie sie in jedem Augenblicke von zahllosen Blitzen
durchzuckt werden; da ist fortwährend ein allergrößter Millionendonner zu
vernehmen. Und sehet, aus den Kammern gehen weite Kanäle; durch sie stürzt eine
gewaltige Flut herein; die fortwährenden elektrischen Flammen lösen die Flut in
stark spannende Dämpfe auf; mit für euch unmeßbarer Gewalt dringen diese Dämpfe
mit dem furchtbarsten Toben durch andere Kanäle weiter; wieder stürzen neue
Fluten in die Kammer; da ist wieder ein Sieden, Brausen und Sausen, wie auf der
Oberfläche der Erde so etwas noch nie vernommen wurde. Gehet aus der Kammer
hinaus und sehet die Blutgefäße an, die sich in obbeschriebener gleicher
Gestalt zwischen den Kammerreihen hinziehen, und horchet, wie durch dieselben
die gewaltigsten Fluten stürmen, wie sich hie und da diese Kanäle, wo sie enger
sind, gleich großen, urweltlichen Riesenschlangen grauenerregend
zusammenziehen, bald sich wieder ausdehnen, um dadurch die in ihnen vorhandenen
gewaltigen Fluten weiterzubefördern. Sehet, wie hier im Großen ein Gleiches
geschieht und geschehen muß wie in der Tiermilz im Kleinen.
[Er.01_010,13]
Daß diese Säfte, so wie beim Tiere, vom Magen in die Milz übergehen und von da
an das Herz abgesetzt werden, und zwar als das alles ernährende Erdblut,
braucht kaum näher erwähnt zu werden.
[Er.01_010,14]
Auf diese Weise hätten wir nun dieses Eingeweidestück so genau, als es in der
Kürze möglich ist, kennengelernt und werden uns somit nächstens zu einem andern
Eingeweidestücke der Erde begeben.
11. Kapitel –
Die Leber der Erde.
16. Januar 1847
[Er.01_011,01]
Nach der Milz kommt offenbar die Leber als eines der triftigsten
Eingeweidestücke zum Vorschein. Die Leber ist der Absonderungsapparat im
tierischen wie in unserem tellurischen Körper und verdient daher, gleich der
Milz, eine besondere Beachtung.
[Er.01_011,02]
Der Mensch, wie das Tier, genießt Speisen, die ebensoviel tötenden Giftstoffes
als wie des belebenden Nährstoffes enthalten; demzufolge wäre jeder Mensch, wie
auch jedes Tier, nach der eingenommenen Mahlzeit dem Leibe nach getötet, wenn
nicht in dem Körper ein solcher Apparat angebracht wäre, der alle diese
giftigen Stoffe, als hauptsächlich den Kohlenstoff und den blausauren
Bitterstoff, gierig an sich zöge und selben zum Teile in einem eigenen Behälter
aufsammelte und zum Teile durch den Harngang ableitete. Dieser Apparat ist eben
die besprochene Leber; ihr Bau ist dem der Milz ziemlich ähnlich, d. h. was die
innere Konstruktion anbelangt; allein die Form hat mehr Ähnlichkeit mit der der
Lunge.
[Er.01_011,03]
Dieses Eingeweidestück besteht demnach ebenfalls aus einer Menge
aneinandergereihter Kämmerlein, welche so wie die der Milz, aber nur etwas
enger, miteinander verbunden sind. Nebst diesen Kämmerlein durchkreuzen die
Leber hauptsächlich vier verschiedene Gefäßröhrchen, welche jedoch nicht die
Gestalt haben wie jene, welche durch die Milz gehen; sondern sie sind
gleichförmig fortlaufende Organe, welche untereinander mit noch kleineren
Durchgangsgefäßen verbunden sind, durch welche Gefäße alle Organe dieses
Eingeweidestückes in einer wechselseitigen Verbindung stehen.
[Er.01_011,04]
Ein Teil dieser Gefäße geht aus dem Herzen und führt ziemlich reichlich Blut in
dieses Eingeweide, damit das Blut hier mit dem nötigen Grade des Kohlenstoffs,
wie auch mit einer verhältnismäßig kleinen Dosis Blausauerstoff gesättigt wird,
wo es dann erst also gesättigt tauglich ist, die Verdauung in den
Verdauungsgefäßen zu bewerkstelligen und von da weiter hinaus auch die äußere Haut
zu bilden; denn zum innerlichen Gebrauche ist ein solches Blut nicht mehr
anwendbar, daher sich auch Leberkrankheiten hauptsächlich an der äußeren Haut
sehr leicht kenntlich bemerkbar machen. – Das ist eine Gattung der
durchlaufenden Gefäße.
[Er.01_011,05]
Eine zweite Gattung geht vom Magen in die Leber. Diese nimmt alle die
wässerigen Substanzen auf, in denen eben der Blausauerstoff sehr verdünnt
abgeleitet, in der Leber durch die kleinen Verbindungsgefäße in einem gerechten
Verhältnisse an das Blut abgesetzt und der übrige Teil aus der Leber durch die
Nieren an die Harnblase abgegeben wird, die es dann als unnützen Stoff durch
die Harnröhre von sich stößt und gänzlich aus dem Leibe befördert. – Das ist
die zweite Gattung der Gefäße, die dieses Eingeweidestück durchziehen.
[Er.01_011,06]
Eine dritte Gattung der Gefäße geht eben wieder vom Magen aus und setzt
besonders die Schleimhäute desselben mit der Gallenblase in der Leber in
Verbindung. Durch diese Gefäße wird der schleimichte Kohlen- oder Gallenstoff
von den Speisen im Magen abgesondert und wird zum größten Teile in der
Gallenblase aufbewahrt zum Behufe, so der Mensch oder das Tier etwa zu wenig
dieses Verdauungsstoffes durch die in sich genommenen Speisen in dem Magen
entwickeln würde, so muß dann die Leber von ihrem Vorrate wieder etwas zurück
an den Magen abliefern; denn alle Verdauung besteht in einer Art Gärung, deren
bekanntlich einige Nährstoffe mehr als andere fähig sind. Wieder haben einige
Stoffe sehr wässerigen Inhaltes nur sehr wenig Gärungsstoff in sich, was jeder
schon in der Außennatur merken kann. Man nehme nur in ein Gefäß pures Wasser
und gebe ein wenig Kleienmehl hinein, so wird das Gemisch lange stehen dürfen,
bis es zum Gären kommen wird; man fülle aber ein anderes Gefäß mit Weinmost und
tue zum Überflusse noch etwas Gersten- oder Reismehl hinein, so wird er in
einigen Stunden eine solche Gärung bewirken, daß man sich dabei kaum zu raten
wissen wird. Wenn aber daraus ersichtlich ist, daß einige Stoffe, die der
Mensch wie das Tier als Nahrung zu sich nimmt, mehr oder weniger Kohlen- oder
Gärungsstoff in sich haben, so muß es auch klar sein, daß für das Plus dieses
Stoffes in eben unserer Leber ein Behälter sein muß, um damit dem Minus dieses
Stoffes zu Hilfe zu kommen, wenn derselbe in den zu sich genommenen Nährmitteln
in einem zu geringen Verhältnisse vorhanden ist. – Durch diese Gefäße haben wir
nun die dritte Gattung kennengelernt.
[Er.01_011,07]
Eine vierte Gattung der Gefäße, die dieses Eingeweidestück durchziehen, sind
die kleinen Windadern, welche von der Lunge ausgehend durch die Leber in
verschiedenen Krümmungen und Windungen geleitet sind. Durch diese Gefäße wird
die Gallenblase zum Teile gebildet und zum Teile in einer fortwährend
gleichmäßigen Spannung erhalten. Zugleich wird durch diese Gefäße stets eine
gerechte Menge atmosphärischer Luft in die Galle gebracht und durch die
atmosphärische Luft so viel Sauerstoff, damit die Galle nicht zu sehr zu gären
anfängt und durch diese Gärung dann jenen bösartigen Stoff im Leibe erzeugt,
aus dem hauptsächlich allerlei Entzündungen, Rheumatismen, Gicht und
dergleichen mehr zum Vorschein kommen; daher es für die Menschen auch sehr
schlecht ist, sich in solchen Örtern und Gemächern aufzuhalten, in denen sie
statt der belebenden, rein atmosphärischen Luft nur Stickluft einatmen, in der
nur sehr wenig Sauerstoff, aber desto mehr giftigen Stickstoffes vorhanden ist,
und nota bene besonders in jenen verfluchten Wirtskneipen, in denen sich die
Gäste durch den allerabscheulichsten Tabakrauch für den Gestank der Hölle auf
das kräftigste vorbereiten.
[Er.01_011,08]
Auf diese Weise haben wir nun die vier Gefäßgattungen in unserer Leber
kennengelernt, deren Aktion und Reaktion eben wieder, wie bei der Milz, durch
das elektrische Fluidum bewerkstelligt wird, das in den vorerwähnten
Kämmerlein, so wie bei der Milz, durch eine sich reibende Bewegung dieser
Kämmerchen hervorgebracht wird. Natürlich aber wird das elektrische Feuer der
Leber hauptsächlich durch das Feuer der Milz angeregt; denn die Leber wäre ohne
die Milz ganz tot und untätig.
[Er.01_011,09]
Dieses Eingeweidestück befindet sich bei den Menschen wie bei allen Tieren um
den Magen herum, weil es da auch am nötigsten ist. Eben also ist dieses
Eingeweidestück in freilich größtem Maßstabe in der Erde angebracht; seine
Verrichtung ist ganz dieselbe wie die der Leber bei den Tieren. Wenn es schon
nur eine sekundäre Verrichtung ausübt dessen, was die Milz primo loco tut, so
ist es aber dessenungeachtet ein nicht minder mächtiges Belebungsstück in jedem
tierisch-organischen Körper; denn aus der Leber der Erde kommt gewisserart
zunächst alles hervor, was die Erdrinde in sich und auf der Oberfläche auf sich
trägt. Also ist eben auch das ganze Meerwasser daher abstammend und ist im
Grunde nichts anderes als der ausgestoßene Urin des Erdkörpers, welcher Urin
aber dessenungeachtet, sich wieder verdunstend, in Wolken übergeht, welche in
der Luft durch die Einwirkung des Lichtes in süßes Nährwasser umgewandelt
werden.
[Er.01_011,10]
Wir haben nun auf diese Weise in aller Kürze so gründlich als möglich auch
dieses Eingeweidestück der Erde kennengelernt und werden demnach nächstens
wieder zu einem andern übergehen.
12. Kapitel –
Die Niere der Erde.
18. Januar 1847
[Er.01_012,01]
Nächst der Leber kommt noch die Niere in die Betrachtung. Dieses
Eingeweidestück ist in dreifacher Hinsicht ein sehr beachtenswertes
Lebenswerkzeug im tierischen Organismus; denn es hat drei wesentliche und
überaus wichtige Bestimmungen, ohne die das animalische Leben gar nicht bestehen
könnte und die Fortpflanzung nicht denkbar wäre, so wie auch ein jedes Wesen
ohne dieses Eingeweidestück nie in ein fröhliches Empfinden sich hineindenken
könnte; denn eine gewisse physische Heiterkeit kommt aus den Nieren, daher auch
dieses Eingeweidestück oft in der hl. Schrift besonders angeführt und benannt
wird.
[Er.01_012,02]
Sonach hat dieses Eingeweidestück vorerst diese Verrichtung, daß es das aus der
Leber abgeführte, zum Leben des Organismus untaugliche Wasser aufnimmt, das,
was bei dem Wasser noch zum Leben dienlich ist, davon absorbiert und den ganz
unnützen Teil des Wassers in die Urinblase befördert.
[Er.01_012,03]
Der absorbierte, edlere Teil ist der eigentlich materielle Stoff des befruchtenden
Samens, der freilich wohl noch vorher vom Blute aufgenommen und dann vom selben
in ganz eigene Gefäße geleitet wird, woselbst er dann als positiv-polarische
Kraft durch die gleiche negative Kraft der sogenannten Beutelniere zum Zeugen
unterstützt und tauglich gemacht wird. – Das ist sonach eine zweite wichtige
Verrichtung.
[Er.01_012,04]
Die dritte, noch wichtigere Verrichtung dieses Eingeweidestückes besteht, wie
schon voraus bemeldet, in dem, daß eben dieses Eingeweidestück durch ganz
eigene, sehr kleine und mehr verborgen liegende Gefäße mit Herz, Lunge, Magen,
Milz und Leber in einer sehr innigen Verbindung steht und daher – mehr geistig
betrachtet –, solange ein Mensch oder ein Tier lebt, der Seele zeitweilig
gewisserart zu einem eben bei der Zeugung notwendigen Absteigequartier dient;
und weil auf diese Weise dieses Eingeweidestück das ist, so erzeugt es im
natürlichen Leben ein gewisses heiteres Wohlbefinden, welches natürlich nicht
dem Leibe, sondern der Seele und noch mehr dem in ihr zugrunde liegenden Geiste
zuzuschreiben ist.
[Er.01_012,05]
Wer wohl weiß sich nicht zu erinnern, der je rechtlichermaßen den Beischlaf
gepflogen hat, wie dieser in ihm durch seinen ganzen Organismus ein überaus
wonniges Gefühl und ein überaus reizendes Wohlbehagen verbreitet hat. Wer auch
weiß sich nicht zu erinnern, daß, so er längere Zeit sich des unnötigen
Beischlafes enthalten, ihn dann ein fortwährendes heiteres Wohlbehagen
ergriffen hat, in welchem er oft, ohne zu wissen warum, so fröhlich und heiter
war, daß er an allem was er ansah, eine erbauliche Freude fand.
[Er.01_012,06]
Dieses alles wird physisch in der Niere bereitet, darum dieses Eingeweidestück
auch nahe das Aussehen hat wie ein wohlzubereitetes Polster, und man könnte da
sagen: „Siehe, da ist ein angenehmer, weicher Sitz; auf diesem läßt sich gut
ruhen!“ So ist, was die physische Glückseligkeit betrifft, durch dieses
Eingeweidestück dafür gesorgt, daß die sonst nur im Herzen und Haupte tätige
Seele hier einen gewissen Ausruheplatz hat und sich, wie man zu sagen pflegt,
allda manchmal recht wohl geschehen läßt.
[Er.01_012,07]
Auch bei dem sogenannten tierischen Somnambulismus tritt die Seele zumeist in
dieses Eingeweidestück, welches durch die sogenannten Gangliennerven mit der
Magengrube in der innigsten Verbindung steht, durch welche Gegend dann die
Seele in solchem Zustande auch gewöhnlich schaut, hört, fühlt und sich, wenn es
nötig, auch mit der Außenwelt in die Verbindung setzt.
[Er.01_012,08]
Wenn aber nun dieses Eingeweidestück eine so löbliche Bestimmung hat, so wird
es auch nötig sein, dessen Bau ein wenig zu durchblicken. Der Bau dieses
Eingeweidestückes hat eben wieder eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem der Milz
und der Leber, nur mit dem Unterschiede, daß dieses Eingeweidestück durch die
bekannte polsterartige Abteilung sich von den andern wesentlich unterscheidet;
es hat zu beiden Seiten gewisse Wamssäcke, welche durch eine bedeutende
Eindrückung und durch ein weißlichtes Zellengewebe voneinander geschieden sind,
und hängen nur mit der Mittellinie als ein Ganzes zusammen, welche Mittellinie
ebenfalls ein weißes Zellengewebe ist, durch welches die Hauptwasserkanäle sich
hindurchziehen und den edlen Samenstoff in die Wämse abliefern, welchen sie,
wie schon oben bemerkt, von dem aus der Leber kommenden Wasser absorbieren. In
den Wämsen wird dieser Saft durch die in ihnen erzeugte Elektrizität reifer
gemacht und subtiler und flüssiger, als solcher er dann in die zarten
Blutgefäße in diesem Eingeweide aufgenommen und mit dem Blute vereinigt zum
Herzen geführt wird, von wo aus er dann erst wieder durch ganz eigene Gefäße in
die für ihn bestimmten Vorratskammern geleitet wird, allwo er dann für seine
brauchbare Bestimmung fortwährend von der sogenannten Beutelniere seine Nahrung
und daraus erfolgte Brauchbarkeit erhält. Nun hätten wir auch, soviel für
unsern Zweck nötig, den Bau dieses Eingeweidestückes durchschaut und können nun
dasselbe Eingeweidestück in unserem Erdkörper aufsuchen.
[Er.01_012,09]
Dieses Eingeweidestück liegt schon ziemlich südlich, also etwas über den
Äquator der Erde hinaus, und sonach näher dem Südpole als dem Nordpole. Dieses
Eingeweidestück der Erde hat der Form nach eine bedeutende Ähnlichkeit mit dem
gleichen Eingeweidestück einer Sau und noch mehr mit dem eines Elefanten, der
im Grunde auch zum Geschlechte der Schweine gehört. Dieses Eingeweidestück hat
in der Erde fast nahe ganz dieselbe Bestimmung als wie bei den Tieren; es ist
fürs erste der Grundbrunnen, aus welchem das ganze Meer sein Wasser schöpft,
und aus welchem auch nach und nach alles Gewässer auf der Oberfläche der Erde
herkommt.
[Er.01_012,10]
Freilich hat die Erde, bevor das Meer kommt, noch eine Menge Urinblasen, welche
meistens zwischen der äußeren Erde – welche die Erdhaut genannt werden kann –
und zwischen der zweiten, festen Erde als sehr große Wasserbassins vorkommen,
von denen einige größer sind als ein ganzer Weltteil, wie da ist Europa. Aus
diesen großen Erdurinblasen bekommen dann erst das Meer und die anderen
Gewässer des festen Landes ihre Nahrung und ihren stets gleichen Zuwachs an
Wasser. Das ist die erste Verrichtung dieses Eingeweidestückes der Erde.
[Er.01_012,11]
Die zweite Verrichtung ist die Absonderung des edlen Zeugungswassers aus dem
groben Erdurinwasser. Dieses edle Zeugungswasser steigt dann nicht sogleich zur
Oberfläche der Erde herauf, sondern wird vorerst, so wie bei den Tieren, in das
Herz der Erde zurück- und von da aus erst durch eigene Kanäle und Adern herauf
zur Oberfläche der Erde geleitet, wo es sich zum Teil als süßes Quellwasser und
zum Teil als der alle Pflanzenwelt am meisten befruchtende Tau beurkundet. Das
ist die zweite Verrichtung der Niere. Nächstens wollen wir die dritte und
allermerkwürdigste in Betracht ziehen.
13. Kapitel –
Die Erde als Mann und Weib.
19. Januar 1847
[Er.01_013,01]
Manchmal wird jeder von euch schon ein Gefühl in sich wahrgenommen haben, das
ihm überaus wohl behagte. Die ganze Gegend hatte ein überaus freundliches
Aussehen; was einem Betrachter nur in die Augen fiel, erquickte ihn mit
vielfacher Wonne. Die Wolken am Firmamente oder in der Luft hatten eine ganz
besonders freundliche Gestaltung und liebliche Färbung, und die Luft fächelte
einem so sanft und zart in das Antlitz und bereitete einem das Gefühl, als wenn
er von tausend unsichtbaren reizendsten Engelslippen beküßt worden wäre, und
dabei sprudelte die Seele völlig in Freude auf. Sehet, diese jetzt dargestellte
Empfindung des Menschen zu gewissen Zeiten ist eine mitgeteilte
Afterempfindung, welche sich von dem zeitweiligen Ruhe- und Wohlbehagen des
Erdkörpers herschreibt und ist ähnlich jener Fröhlichkeit der Nieren im
Menschen, welche auch bei Tieren leicht beobachtet werden kann.
[Er.01_013,02]
Eine solche Heiterzeit auf dem Erdkörper geschieht dann, wenn die große, besser
allgemeine Erdseele sich in ihre Niere setzt und allda gewisserart sich ihre
nötige Erholung oder Ruhe gönnt. Zu dieser Zeit geschieht es dann auch auf der
Oberfläche der Erde, daß sich da alles so gewisserart friedsam stimmt und alles
einen gewissen weichen und sanften Charakter annimmt. Auf eine solche
Heiterzeit der Erde aber folgt dann auch gewöhnlich ein düsteres und
stürmisches Wetter, in welchem wieder alles einen widerlichen, abstoßenden und
manchmal sogar schrecklichen Charakter annimmt. Das geschieht, so die allgemeine
Erdseele wieder in ihre gewöhnlichen tellurischen Tätigkeitsorgane
zurückgetreten ist. Bei der Erde geschieht es jedoch nie ganz so wie beim
Menschen, daß die Seele völlig in dieses Ruhe- und Schlafgemach überginge;
sondern nur ein Teil der allgemeinen Seele ruht allda mehr oder weniger aus,
während ein anderer Teil fortwährend gleich tätig sein muß.
[Er.01_013,03]
Dies ist gewisserart bildlich so zu verstehen als wie manche Handlung des
Menschen, der da eine Zeitlang mit der rechten Hand eine gewisse Arbeit
verrichtet hat; ist diese müde geworden, so steckt er diese Hand in die Tasche
zur Ruhe und arbeitet in der Zeit mit der linken Hand so lange fort, bis sich
die Rechte wieder etwas erholt hat. Oder das Bild ist auch gleich einem
Menschen, der eine Zeitlang mit dem Kopfe gearbeitet hat, bis dieser müde
geworden ist; dann gönnt er ihm die Ruhe und setzt dafür die Füße in Bewegung.
Oder das Bild der partiellen Ruhe der allgemeinen Erdseele ist auch gleich
einer Nachtwache, die zwei Menschen beziehen: der eine wacht von Abend bis
Mitternacht, während welcher Zeit sein Gefährte geruht hat, dann begibt sich
der zuerst Wachende zur Ruhe, und der Ausgeruhte tritt an seine Stelle und
versieht die Wache bis zum Morgen.
[Er.01_013,04]
Also müßt ihr euch diese Handlung der allgemeinen Erdseele bildlich
versinnlichen, und sonach kann die Erde auch nie in jenes völlige, allgemeine
Wohlbehagen gelangen, in welches der Mensch oder auch ein Tier durch den
nächtlichen Schlaf gelangen kann, sondern nur in jenes der partiellen Ruhe des
Menschen, die ebenfalls ein nicht unbedeutendes Wohlbehagen mit sich führt. Daß
aber bei der Erde ein solcher völliger, allgemeiner, wohlbehaglicher Ruhestand
nicht eintreten kann, dafür sorgt schon fürs erste die tägliche Rotation und fürs
zweite der jährliche Umschwung der Erde um die Sonne, demzufolge bald der
nördliche, bald wieder der südliche Teil der Erde dem sogenannten Winterschlafe
ausgesetzt ist, während der entgegengesetzte Teil dafür sich wieder in der
größten Tätigkeit befindet.
[Er.01_013,05]
Da also die Erde auch diese von jedermann leicht wahrnehmbare Eigenschaft der
Niere besitzt, gleichwie der Mensch und das Tier, so fragt es sich auch, ob die
Erde nicht zeugungsfähig ist. Allerdings, und das bedeutend mehrfach und sehr verschiedenartiger
als jeder Mensch, jedes Tier oder jede Pflanze.
[Er.01_013,06]
Aus diesem Grunde aber ist die Erde gewisserart auch als ein Hermaphrodit zu
betrachten, oder als Mann und Weib zugleich in einem Wesen, und ist in der
Hinsicht ähnlich dem ersten Menschen, der ursprünglich auch in sich Mann und
Weib zugleich war, und ähnlich den vollkommenen Geistern des Himmels, die auch
männlicher- und weiblicherseits völlig eines sind.
[Er.01_013,07]
Diese Vorbestimmung dieser Sache ist darum nötig, um das Nachfolgende richtiger
auffassen zu können. Da demnach die Erde zeugungsfähig ist, so fragt es sich
wieder; wie und was zeugt sie, und wo sind ihre hauptsächlichen Zeugungsorgane?
[Er.01_013,08]
Das Hauptzeugungsorgan ist so wie bei den Tieren der stark aufgewulstete
Südpol; vermöge dieses Zeugungsorganes ist die Erde weiblich, weil auch der
ganze Südpol als negativ gleich dem weiblichen Wesen ist, das sich eben auch
als negativ gegen das positiv-polarische Mannwesen verhält. Die Erde aber, von
diesem Punkte aus als Weib betrachtet, ist dann nicht selbst zeugungsfähig,
sondern bloß nur fähig zur Aufnahme der Zeugung. Hier fragt es sich dann: wer
zeugt da mit der Erde? (Antwort:) Die Sonne, durch ihre entgegengesetzte
polarische Kraft. Und was zeugt sie, oder was hat sie gezeugt?
[Er.01_013,09]
Ein Hauptkind der Erde, auf diese Weise gezeugt, ist der Mond, und zwar das
älteste Kind dieses tellurischen Weibes.
[Er.01_013,10]
Hat sie nicht mehrere ähnliche Kinder? – O ja, eine bedeutende Menge Kometen,
die sich einesteils in dem weiten Ätherraume hinausgeboren kreisend befinden,
teils aber sind solche Kinder, die von dieser Zeugung herrühren, die fast
tagtäglich und zumeist um die Äquinoktialzeiten nahe zahllos zum Vorschein
kommenden sogenannten Sternschnuppen. Daß sie nichts anderes sind als kleine,
von der Erde neu ausgeborene, kometähnliche Planetchen, beweist ihr allzeit
elliptischer Lauf und ihre runde Gestalt, wenn sie der Erde so nahe kommen, daß
die Menschen mit ihrem Auge ihren Durchmesser näher betrachten können. Diese
Planetchen werden jedoch von der Erde, so wie alle ihre sonstigen Zeugungen,
wieder aufgespeist, ähnlich der Fabel des Saturnus, der seine Kinder
verschlang.
[Er.01_013,11]
Woher und woraus werden denn diese Kinder dann von der Erde ausgeboren? – Die
Erde hat eine zahllose Menge solcher Ausgeburtskanäle. Der Hauptausgeburtskanal
auf der Erde jedoch befindet sich in der Mitte des stillen großen Weltozeans,
nicht ferne vom Äquator, und zwar in der Gegend der Inselgruppe von den
sogenannten Taiti und Otahaiti; von dort aus ward der Mond von der Erde
geschieden, und noch nachträglich eine ziemliche Menge noch bestehender
Kometen.
[Er.01_013,12]
Das ist somit ein Hauptgeburtskanal der Erde. Andere Geburtskanäle sind eine
Menge Seen, Sümpfe und Höhlen in den Bergen, aus denen nicht selten solche
Planetchen in eine bedeutende Höhe durch eine polarische Kraft
hinausgeschleudert werden. Da sie aber zu wenig Körper haben, so wird – durch
die überwiegende polarische Kraft der Erde – ihr kleiner Reichtum von der
entgegengesetzten Polarität verzehrt, und sie werden von der Erde wieder an
sich gezogen, auf die sie dann bald als schlackenartige Massen, manchmal auch
als Steine, herabfallen; als Steine kommen sie aber nur dann wieder herab, wenn
sie vorerst im Ätherraume explodiert sind und dann als Teile des Ganzen
herabstürzen.
[Er.01_013,13]
Das ist eine Art der Zeugung, bei der die Erde bloß als Weib auftritt.
Nächstens wollen wir die bei weitem merkwürdigere tausendfältige Zeugung
betrachten, wo die Erde als Mann und Weib zugleich tätig ist.
14. Kapitel –
Mannweibliche Zeugungen der Erde.
20. Januar 1847
[Er.01_014,01]
Von dieser Zeugung nimmt alles mineralische Wesen, sowie die Pflanzen- und die
Tierwelt ihren materiellen Ursprung. Die Erde, als Mann und Weib in einem
betrachtet, zeugt hier und gebiert auch auf die mannigfaltigste Weise, und zwar
derart, daß sie einerseits gleichsam lebendige Junge zur Außenwelt bringt, dann
auch wieder, wie die Vögel, Eier legt, und wieder so, wie die Pflanzen, Samen gebiert
und für Mineralien gewisse Blüten hervortreibt, in denen die Kraft liegt, alles
das ihnen Ähnliche an sich zu ziehen und sich als solches in weiten Kreisen
auszudehnen. – Das ist die vierartige Zeugung der Erde unter beiderlei
Gestalten in einer.
[Er.01_014,02]
Es würde hier freilich jemand fragen: Wenn die Erde alles das tue, wozu dann
die Reproduktionskraft in der Pflanzen- und Tierwelt? Und warum muß die
Pflanze, wie gestaltet sie auch ist, zu ihrer Fortpflanzung den eigentümlichen
Samen bringen, warum der Vogel das Ei, warum das Tier seinesgleichen und warum
Amphibien ihre breiartigen Rogen, die eigentlich auch Eier sind?
[Er.01_014,03]
Die Antwort auf diese Frage ist freilich wohl nicht so einfach möglich, als
sich's jemand denken möchte; aber nichtsdestoweniger ist sie für den, der nur
ein wenig tiefer blicken kann, schon in der ganzen Natur vollkommen
ausgesprochen vorhanden.
[Er.01_014,04]
Es heißt ja gleich anfangs im Verlaufe dieses Artikels, daß die Erde hier
zugleich Mann und Weib ist. Als Weib zeugt sie nicht, sondern nimmt das
Gezeugte nur auf und gebiert es; als Mann aber zeugt sie bloß und gebiert es
nicht, sondern das Gezeugte muß erst von derjenigen Art und Gattung ausgereift
und ausgeboren werden, in die es von der Erde als Mannwesen hineingezeugt
wurde.
[Er.01_014,05]
Um dieses deutlicher einzusehen, wollen wir zuerst einen Baum in Wechselwirkung
mit dem Erdkörper betrachten. Eine nur einigermaßen gründliche Einsicht in
dieses Verhältnis wird die Sache sicher sonnenklar darstellen. Nehmen wir an,
daß der Same offenbar früher dasein mußte als der Baum, auf dem er sich dann
wieder reproduziert, welche Annahme auch schon darum die richtige ist, weil ein
Same doch für jeden Fall leichter in der Erde sich erzeugen läßt als wie ein
ganzer, vollends ausgewachsener Baum. Auch kann man den leichten Samen überall
hinlegen, und eine kleine Kraft wird erforderlich sein, um die leichten
Sämereien von oft größten Bäumen in alle vier Weltgegenden hin zu zerstreuen;
und wenn leichte Winde wehen und diese leichten Samenkörner mit sich führen, so
wird durch diesen Akt nicht einmal eine Mücke beleidigt, geschweige denn ein
größeres Tier oder gar ein Mensch. Wie schwer und mit welcher Kraftanwendung
würde eine solche Operation, und mit welcher Gefahr daneben, mit schon
vollkommen ausgewachsenen Bäumen vor sich gehen! Was würden die Menschen wohl
sagen, wenn sich auf einmal so ein ganzer großer Eichwald, von mächtigen
Orkanen herbeigeführt, über ihren Häuptern niederließe und in die Erde seine
Wurzeln setzte? Und für einen solchen Wald können gesunde Eichelnüsse auf einem
einzigen Wagen herbeigeführt werden, können dann in aller Stille in die Erde
gesteckt werden, worüber sicher kein Mensch den Kopf verlieren wird, so nach
der Zeit die Eichelnüsse ganz zarte Triebe über die Erde langsam werden zu
erheben anfangen. Wem wohl hat es je wehgetan, der durch einen Wald gegangen
ist, so ihm ein überaus leichtes Tannensamenkörnchen auf seinen Hut
niederflatterte? Was für ein Gesicht aber würde ein Mensch dazu machen, so ihm
statt eines so leichten Samenkörnchens ein ganz vollkommen ausgewachsener,
riesiger Tannenbaum vor der Nase niederflatterte?
[Er.01_014,06]
Schon aus diesen wenigen Beispielen ist es jedermann vernünftigermaßen leicht
ersichtlich, daß der Same früher dasein mußte als der Baum.
[Er.01_014,07]
Bei Tieren ist freilich wieder ein umgekehrter Fall. Da mußte wohl der Vogel
früher sein als das Ei, weil zum Ausbrüten des Eies schon die tierische Wärme
gehört; aber nichtsdestoweniger ist der Vogel gleich als Vogel dagewesen,
sondern in dieser ersten Zeugungsperiode legte auch da die Erde das erste Ei,
und die Erde war somit der erste, allgemeine Vogel.
[Er.01_014,08]
War der erste Vogel erst einmal ausgeboren, dann legte er freilich das Ei, das
etwas anders eingerichtet war als das erste, und gebar aus dem Ei einen zweiten
ihm ähnlichen Vogel.
[Er.01_014,09]
Man kann sonach auch bei dem Vogel, wie auch bei den Amphibien das erste Ei als
den Samen annehmen, und da war wieder der Same früher als das aus ihm hervorgegangene
Tier. Nur wenn man zwischen der Qualität des Erd- und des Vogeleies einen
wesentlichen Unterschied findet, so war dann freilich der Vogel früher als das
Ei, das er legte, und durch dasselbe er seinesgleichen wieder hervorbrachte.
Aber nicht also war es mit dem Pflanzensamen; der wurde schon von der Erde also
ausgeboren, wie ihn die Pflanze wiederbringt. Also ist es auch mit allen
anderen Tieren der Fall; jede Gattung wurde zuerst von der Erde schon als ein
Säugetier ausgeboren und bekam die Fähigkeit, sich durch ein eigenes
Zeugungsvermögen wieder fortzupflanzen.
[Er.01_014,10]
Wir haben, um die zeugende und gebärende Kraft der Erde zu erläutern, einen
Baum als ein erläuterndes Beispiel angenommen. Diese Erläuterung mußte die
gegenwärtige obige Betrachtung voranhaben, ohne welche die Sache nicht so recht
klar geworden wäre. Jetzt aber, da wir eine solche Betrachtung angestellt
haben, wird es euch auf einmal klar, wie einerseits die Erde als Mann zeugt und
anderseits als Weib wieder gebiert, und wie sie sich zu unserem als Beispiel
angeführten Baume bald als Weib und bald als Mann verhält.
[Er.01_014,11]
Nehmen wir an: ein Same, der auf dem Baume reif geworden ist, wird in die Erde
gelegt; da verhält sich die Erde wie ein Weib, wenn sie empfängt und das
Empfangene durch die ihm eigene Kraft ausreift und ausgebiert. Wann aber der
Baum dasteht, da nimmt er gegen die Erde den weiblichen Charakter an, und die
Erde tritt als Mann gegen den Baum auf und zeugt in dem Baume neuen Samen für
dessen Befruchtung.
[Er.01_014,12]
Aus diesem Beispiele wäre nun das männliche und weibliche Wirken der Erde zum
Teile schon klar ersichtlich, und es ginge aus dem hervor, daß die Erde, um
solches zu leisten, notwendig die beiden Naturen in sich vereinigen muß. Aber
bei diesem Beispiele tritt die Erde und der Baum in die Wechselwirkung. Das ist
nicht allein genug, sondern wir müssen diese Wechselwirkung auch in der Erde
selbst erschauen. Wie aber werden wir das zuwege bringen? – Das wird eben nicht
so schwer sein.
[Er.01_014,13]
Ihr wisset, daß die Erde einen Süd- und einen Nordpol hat. Diese beiden Pole
bleiben in Hinsicht auf die Hauptwirkung der Erde stets das, was sie sind,
nämlich der eine der Südpol und der andere der Nordpol, oder der eine negativ
und der andere positiv, oder der eine anziehend und der andere abstoßend, – was
dann zur Folge hat, daß sich zwei solche ungleiche Polaritäten notwendig sehr
gut nebeneinander vertragen können; denn der eine Pol ist der Geber und der
andere der Empfänger. Bei diesem Polverhältnisse tritt diese Wechselwirkung
schon stark hervor. Ursprünglich oder in der Ausmündung ist der positive
Nordpol der Empfänger, weil er die gesamte Nahrung für den Erdkörper in sich
aufnimmt, und der Südpol ist in seiner äußeren Ausmündung derjenige, der von
außen her nichts aufnimmt, sondern alles nur hintangibt; aber im Inneren ist
der Nordpol gegen den Südpol der Geber und der Südpol der Empfänger.
[Er.01_014,14]
Sehet, da geht schon etwas hervor, wie das Erdwesen innerlich durch seine
polarische Aktion wechselweise in seinen beiden Polaritäten zum Teile männlich
und zum Teile weiblich auftritt.
[Er.01_014,15]
Noch auffallender geschieht diese wechselseitige, stets veränderte polarische
Wirkung durch den Wechsel des Sommers und des Winters, da ein halbes Jahr auf
der nördlichen Hälfte der Erde Winter ist, während zu gleicher Zeit auf der
südlichen der Sommer waltet, und also im nächsten halben Jahre umgekehrt, was
sich also verhält und auch also verstanden werden muß: der Winter ist der
männliche Teil und der Sommer der weibliche; der Winter zeugt in dem weiblichen
Sommer, und dieser gebiert dann aus, was der Winter gezeugt hat. Sonach ist zur
Winterszeit die eine Erdhälfte männlich, während die andere ganz weiblich ist,
und da tritt auch der sonst weibliche Südpol männlich auf gegen den weiblich
gewordenen Nordpol, und also auch umgekehrt. Nur ist dabei doch immer der
merkliche Unterschied, daß die Früchte von der südlichen Hälfte der Erde zwar
süßer, weicher und voller, aber nicht so kräftig als die des Nordens sind, weil
im südlichen Teile das Weibliche dem Männlichen vorschlägt, während im
nördlichen Teile das Männliche vor dem Weiblichen sich mehr auszeichnet, und
man könnte dies etymologisch also bezeichnen: Im Norden ist die Erde ein
Mannweib, und im Süden ist sie ein Weibmann.
[Er.01_014,16]
Aus dieser Darstellung wird das Doppelwesen der Erde sicher schon nahe ganz
klar ersichtlich. Zur vollkommenen Anschauung aber gehört noch, daß man weiß,
daß die Erde durch den Tag und durch die Nacht ebenalso ihr Wesen wechselt. Die
Nacht ist stets weiblich und der Tag männlich; was der Tag gezeugt hat, das
gebiert die Nacht in ihrem dunklen Schoße wieder aus. Demzufolge wird jeder
Same von der Erde als männliches Wesen gezeugt und befruchtet und wird von
derselben Erde als weibliches Wesen ausgereift und ausgeboren.
[Er.01_014,17]
Daß die Erde wirklich Samen erzeugt für allerlei Pflanzen und Tiere, kann aus
vielen Erscheinungen auf der Erdoberfläche abgenommen werden. Zu diesen
Erscheinungen gehören die ursprüngliche Bewaldung der Gebirge wie die Moos- und
Grasüberwachsung mancher früheren wüsten Steppen, auf denen ein Jahrtausend
hindurch nichts gewachsen ist. Schimmel und Schwämme haben noch bis jetzt
keinen anderen Samen. Dann gehören zu den diese Sache erklärenden Erscheinungen
die jener – wennschon etwas seltener, aber im ganzen doch noch häufig genug
vorkommenden – Art, wo es Getreide und allerlei Körner geregnet hat; und
besonders sind diese Sache erklärend die nicht selten vorkommenden Fisch-,
Schlangen- und Krötenregen und noch andere dergleichen Erscheinungen, von denen
kein sogenannter Naturforscher sagen kann – wenn er nur einen Gran gesunden
Verstandes hat –, daß sie etwa gar irgend ein Wirbelwind von der Erde
aufgehoben und dann wieder niedergeschleudert hat; denn da müßte er doch irgend
nachweisen können, daß auf der Erde sich ein solcher Platz vorfindet, auf dem
solche Wesen in nicht selten trillionenfältiger Anzahl vorhanden gewesen sind,
und würde er auch das tun können, so würde er nichts weniger tun, als eben die
eigentümliche Zeugungskraft der Erde um so auffallender beweisen, wie eben die
Erde aus sich selbst dergleichen hervorbringen kann. Wie aber solche
Erscheinungen so ganz eigentlich geschehen, werden wir nächstens noch tiefer
betrachten.
15. Kapitel –
Der allgemeine Stufengang der Lebewesen.
22. Januar 1847
[Er.01_015,01]
Diese Erscheinungen geschehen scheinbar wohl also, daß jemand glauben könnte,
sie seien gewisserart Sammlungen von gewissen Wirbelwinden, die sich aber dann
in der Luft in irgend einen Knaul vereinigten und sodann wieder herunterfielen,
so die Hebekraft des Wirbelwindes nachgelassen hätte. Allein für einen nur
etwas tieferen Forscher wird diese Erklärungsweise sicher nicht genügend sein;
denn um Frösche, Kröten und Schlangen zu heben, würde ein ungeheuer starker
Wirbelorkan oder gar eine allerheftigste Windhose vonnöten sein. So aber diese
mehr lockeren Tierkörper einer solchen zerstörenden Wut der Winde preisgegeben
würden, so müßten sie fürs erste ja eher in die kleinsten Stücke zerrissen
sein, bevor sie wieder zur Erde fielen, und mit dem Lebendigbleiben solcher
Tiere hätte es dann sicher seine geweisten Wege. Fürs zweite müßte eine solche
Windhose, um etwa irgend einen ganzen See oder einen Morast, der oft mehrere
Stunden in der Länge und Breite hat, auszufischen, selbst einen ungeheuren
Durchmesser haben und eine Kraftäußerung daneben, der kein Berg widerstehen
könnte, was doch nicht leichtlich ein Naturforscher annehmen kann. Und fürs
dritte würde ein solcher Wind oder eine solche gewaltige Windhose wohl das
Wasser des Sees bis auf den letzten Tropfen oder auch einen ganzen Morast
dergestalt ausputzen, daß da nicht auch nur ein lockeres Sandkörnchen
zurückbliebe, wo dann, wenn es diese Tiere niederregnete, auch Wasser, Schlamm
und noch eine Menge anderer Ingredienzien herabfallen müßten, was aber
gewöhnlich bei diesen sogenannten Amphibienregen niemals der Fall ist. Wohl
aber entstehen diese Erscheinungen auf folgende Art:
[Er.01_015,02]
Die Erde zeugt als ein Doppelwesen in irgend einer Gegend aus ihren Eingeweiden
heraus eine gewöhnlich zahllose Menge solcher Eierchen. Diese sind sehr klein
und werden leicht durch die Poren und Kanäle der Erde hinausgetrieben. Durch
den in ihnen zugrunde liegenden Gärstoff werden sie, je weiter herauf sie
kommen, desto mehr ausgedehnt, wodurch sie am Ende leichter als die
atmosphärische Luft werden, und steigen dann, so sie die Oberfläche der Erde
erreicht haben, in der Gestalt dunkler Nebel nach Art eines Luftballons in eine
bestimmte Höhe, wo sie in eine stark elektrische Strömung geraten, und das zwar
leicht, weil sie von dieser eigens angezogen werden. In dieser Strömung werden
sie dann schnell ausgereift und ausgeboren, und das nicht selten in einer
Anzahl von vielen tausend Millionen. Weil sich diese Tierchen aber dann aus der
Luft durch die elektrische Strömung einen spezifisch schwereren Leib gebildet
haben, als die Luft selbst ist, so können sie sich auch in der Luft nicht mehr
lange aufhalten, sondern senken sich zur Erde herab; aber, weil sie dennoch
ziemlich leicht sind, nicht so schnell, daß sie durch einen solchen Fall
plötzlich zerplatzten und somit natürlich alsogleich getötet würden, sondern
sie kommen allezeit ziemlich wohlbehalten herab und können nach dem Herabfallen
noch einige Stunden lang leben. Aber weil diese Gestaltung ein Stufenübersprung
ist und nicht mit dem ordnungsmäßigen Vorwärtsschreiten geistiger Intelligenzen
aus dem Erdkörper im Einklange steht, so vergehen sie auch bald wieder aus dem
erscheinlichen Dasein, werden von der Erde wieder aufgesogen und in das
Pflanzenreich getrieben, wobei zu bemerken ist, daß solche Erzeugnisse dann
wohl früher in die vormals erscheinliche Tierstufe übergehen, als wenn solche
Tierstufen nach der gewöhnlichen Ordnung vorerst eine ganze Legion
Pflanzenleben durchmachen müssen. Denn man kann da sagen „Tierstufen“, weil sie
schon als solche aus der Erde alsogleich als tierische Wesen in die
Erscheinlichkeit treten, welche aber freilich vorher noch einen Schritt in das
Pflanzliche zurücktun müssen, bevor sie den intensiv tierischen Charakter
annehmen können.
[Er.01_015,03]
Ganz anders verhält es sich mit den ursprünglichen Pflanzenstufen, die schon
als solche in das erste Dasein treten; diese müssen vorher alle Pflanzenstufen
durchgehen, die in ihrer Fortschreitungslinie stehen, bevor sie in das
tierische Leben aufgenommen werden können. Da es aber auch einen gewaltigen
Unterschied zwischen Pflanzen und Pflanzen gibt, als da sind edle und nicht
edle, gute und nicht gute, so folgt auch daraus, daß besonders die edlen den
Tierstufen und die edelsten sogar der Menschenstufe so nahe stehen, daß sie
alsbald – wenigstens zum Teile – in das menschliche Wesen und zum größten Teile
in das edlere Tierreich aufgenommen werden können. Von solchen Pflanzen sagt
man: diese haben eine kurze Übergangslinie; aber da gibt es eine große Menge
unedler Pflanzen; bei denen geht es sehr lange her, bis sie in die edleren
aufgenommen werden, und da sagt man: diese haben eine lange Übergangslinie.
[Er.01_015,04] Dasselbe
ist auch bei den Tieren der Fall. So wie aber derlei Tiere unmittelbar aus dem
Doppelwesen der Erde gezeugt werden, so werden auch Sämereien für Pflanzen frei
erzeugt. Hauptsächlich geschieht dieses in den tropischen Ländern, etwa so wie
im steinigen Arabien, in einigen Gegenden Afrikas und Amerikas. Da gibt es noch
heutigestags große Wüsten und Steppen. Diese Wüsten haben gewisse
Ausgeburtspunkte für derlei Sämereien; allda wird man auch überall einen
üppigen Pflanzenwuchs antreffen. Wo aber solche Sämereien-Ausgeburtsquellen
mangeln, da bleibt die Erde wüste und leer.
[Er.01_015,05]
Also haben auch die neu entstandenen Inseln den von der Erde erzeugten
Sämereien ihren Pflanzenwuchs zu verdanken, und wenn dieser einmal eine
hinreichende Stufenreihe durchgebildet ist, so werden sich auch Tierstufen zu
entwickeln anfangen, jedoch nur bis zu den noch sehr unvollkommenen,
kriechenden Tieren und Insekten; weiter hinauf reicht der freie natürliche
Übergang nicht. Da muß dann schon eine höhere Kraft auftreten, um ein
entsprechendes, auf einer höheren Stufe stehendes Tier zu kreieren, in das die
vorhergehenden Stufen übergehen können, und so nicht selten aufwärts bis zum
Menschen, der jedoch nimmer neu kreiert wird, sondern zu rechter Zeit durch
Übersiedlung dahingebracht wird.
[Er.01_015,06]
Ich meine, diese Darstellung wird dem inneren Denker genügen, um die Zeugungs-
und Reproduktionskraft der Erde als ein Doppelwesen einzusehen, und wie diese
äußeren Erscheinungen auf die vorgezeichnete Weise hauptsächlich aus der Niere
der Erde ihren Ursprung nehmen, weil in derselben der allgemeine Samenstoff
gebildet und zur weiteren Tauglichwerdung auf dem vorgeschriebenen Wege
befruchtet wird.
[Er.01_015,07]
Damit ist aber auch das eigentliche aktive Wesen des Erdinnern so vollständig
als möglich erschöpft, und wenn es sich in dieser Mitteilung um die Enthüllung
des Erdinnern handelte, so ist dieses Erdinnere in aller möglichsten Kürze so
gut als möglich und dem menschlichen Verstande erfaßbar enthüllt. Da es aber jedoch
mit der alleinigen Kenntnis des Erdinnern für die völlige Erkenntnis der ganzen
Erde nicht gedient wäre, so müssen wir von diesem Erdinnern oder von der
inwendigsten Erde zu der zweiten, festen Erde übergehen und diese ein wenig
durchblicken, damit uns dann die äußere Erde desto leichter faßlich und
begreiflich wird; denn es gibt auf der äußeren Erde eine so große Menge von
Erscheinungen, von denen sich die gelehrtetsten Forscher nimmer eine Erklärung
geben können. Alle diese Erscheinungen aber können erst dann ganz gut und
richtig eingesehen werden, wenn man ihre Grundlage kennt; daher müßt ihr euch
das feste Gebilde etwa nicht als gar zu einfach vorstellen, sondern überaus
kompliziert und als den bei weitem größten Teil der Erde einnehmend. Er ist gewisserart
das feste Holz des Baumes, das eben auch die größte Masse des Baumes ausmacht;
und wie in dem festen Holze des Baumes eben der kunstvollste Mechanismus
angebracht ist, also ist das eben auch bei der Erde der Fall. Dieser feste Teil
der Erde ist daher auch als eine Schule anzusehen, durch welche die aus der
innersten Erde aufsteigenden, erst plump geformten Wesen eine eigentliche
Färbung und Gestaltung bekommen. Aus diesem Grunde muß diese zweite, feste Erde
auch recht scharf durchblickt werden, und wir wollen darum nächstens diese
zweite Erde ein wenig zu durchwandern beginnen.
16. Kapitel –
Material und Konstruktion der zweiten Erde.
23. Januar 1847
[Er.01_016,01]
Diese zweite, feste Erde besteht aus einer ganz eigentümlichen Masse, die sich,
so wie das Holz eines Baumes, fast durchgehends gleich ist; nur ist sie
natürlich gegen das Innere zu etwas weniger intensiv; wohl aber nimmt die
Intensität gegen außen immer mehr zu, was auch notwendig ist. Denn wo es sich
darum handelt, große Lasten zu tragen, da muß die Festigkeit groß sein. Gegen
innen zu aber, wo die polarischen Kräfte durch die Eingeweide der Erde wirken,
muß die Dichtigkeit etwas abnehmen und etwas zäh und nachgiebig sein, damit sie
nicht bei gewaltigem inneren Kraftandrange zerberste und die sehr fühlbaren
Eingeweidestücke bei ihrem Hin- und Her- und Auf- und Abwallen durch einen
anfälligen Anstoß an die sie umgebende etwa irgend zu feste Wand nicht Schaden
leiden. Aber gegen oben zu, da wird diese zweite Erde in ihrem künstlichen Gefüge
äußerst fest, welche gleiche Festigkeit schon durchaus einen Durchmesser von
nahe 200 Meilen hat, welche Dicke hinreichend stark genug ist, um die ganze
dritte, äußere Erde mit all ihren Meeren, Ländern und Bergen mit einer solchen
Leichtigkeit zu tragen, als wie leicht der Elefant eine über ihn gebreitete
Decke trägt.
[Er.01_016,02]
Aus was für einem Materiale besteht denn demnach diese zweite, feste Erde? –
Euch dieses Material zu erklären, wird wohl etwas schwer sein, weil sich davon
auf der Oberfläche der Erde wohl nirgends etwas Ähnliches vorfindet und auch
nicht vorfinden kann, da die Bestandteile einer jeden Erde ganz
verschiedenartig sind, was ihr auch bei der Betrachtung einer Nuß recht leicht
ersehet, wo die äußere, grüne Rinde durchaus nichts von der harten Schale in
sich enthält, so wie der innere Kern auch nichts, und ist ein jedes, wenn schon
miteinander verbunden, dennoch für sich wie ganz ausgeschieden da. Also verhält
es sich auch mit der Masse dieser zweiten, festen Erde. Sie ist weder Gestein,
noch Metall, durchaus kein Diamant und noch weniger irgend Gold oder Platina;
denn wäre diese Masse etwas Ähnliches, so würde sie fürs erste das innere
Feuer, das den Eingeweiden entströmt, nicht aushalten. Sie würde bald
geschmolzen und endlich in Schlacke und Asche verwandelt sein. Ebensowenig
würde sie den mächtigen Durchgang von zahllosen Quellen von Feuer und anderen
zerstörenden Substanzen aushalten, würde sich bald abnützen und anderseits in
diesen Durchgangsteilen verwittern, in welchem Zustande sie dann zu ferneren
Operationen untüchtig würde.
[Er.01_016,03]
Ist sie vielleicht eine ganz eigentümliche Knochenmasse? – Das wohl noch
weniger als etwas anderes. Am ähnlichsten noch ist sie dem sogenannten Asbeste
oder der Steinwolle, wenn diese in fester Masse beisammen ist; denn diese
Steinwolle ist im Feuer wie in allen Säuren nahe gänzlich unzerstörbar, obschon
sie doch chemisch aufgelöst werden kann; und das ist eben der Unterschied, der
die völlige Ähnlichkeit zwischen der festen Masse der zweiten Erde und zwischen
unserer Steinwolle bedingt. Existiert irgend auf der Erdoberfläche noch irgend
etwas Ähnlicheres als die Steinwolle, so ist das eine gewisse Gattung
Bimssteine, die aber nicht irgend anders als bloß nur in der Nähe des Südpoles
angetroffen werden, welche Steinart jedoch bis jetzt noch in keinem gelehrten
Naturalienkabinett anzutreffen ist, weil bisher noch kein Naturforscher fürs
erste dem Südpol so nahe gekommen ist – und wenn es jemandem auch gelingen
würde, sich diesem äußerst gefährlichen Punkte der Erde zu nähern, so müßte er
sehr tief ins Eis graben, um ein solches Stück irgend zu bekommen –, und fürs
zweite müßte er auch notwendigerweise vorher wissen, wo sich dergleichen
Bimsstücke befinden, sonst würde er umsonst eine Mine in das Eis schlagen. Ein
Gran solchen Gesteins wäre freilich mehr wert als eine zentnerschwere Perle,
und zwar wegen seiner enormen, glänzenden Farbenpracht und wegen seiner
gänzlichen Unzerstörbarkeit; aber dieser allerkostbarste Kot der Erde ist eben
darum so sorgfältig verborgen gehalten, um die metall- und mineralsüchtige Welt
nicht noch ärger als Gold und Diamanten zu verblenden. Dieses Mineral ist, wie
gesagt, der Masse unserer zweiten, festen Erde am ähnlichsten.
[Er.01_016,04]
Was die Farbe unseres festen Erdmaterials betrifft, so ist dasselbe gegen oben
herauf mehr weiß-graulicht und würde beim Sonnenlichte ungefähr also aussehen
wie eine Perle; weiter hinab aber wird es immer dunkler und hat die
wunderlichsten Färbungen, fast durchgehends so spielend wie eine sogenannte
Goldperlenmuschel. Zugleich ist dieses Material überaus schwer – und muß es
auch sein; denn in ihm liegt der Hauptrotationsschwung der Erde, was auf der
äußeren Erde, die mehr locker und schwammig ist, nicht zu diesem Zwecke
dienlich vorkommen kann.
[Er.01_016,05]
Nun hätten wir einiges zur Erkenntnis der Masse dieser mittleren Erde
aufgedeckt und können nun auf die Konstruktion derselben übergehen. Den
deutlichsten Begriff von dieser zweiten, festen Erde – was ihr künstliches
Gefüge betrifft – kann euch eine tüchtige Betrachtung eines Knochens einer
Hirnschale, auch die Betrachtung einer gewöhnlichen Nuß, am besten und
zweckmäßigsten zeigen, und darum zeigen, weil diese Gegenstände gewisserart wie
Lehrer neben euch sich aufrichten, die mit einem Finger oder Zeigegriffel euer
Auge auf das Gefüge hinlenken, in welchem Gefüge und Organenwesen ihr dann
leicht jenen Begriff erst findet, welchen ihr dann gewaltig ausdehnen müsset,
um in dieser Ausdehnung euch erst den wahren Begriff machen zu können, wie
künstlich und zweckmäßig diese feste Erde gebaut ist. Denn das müßt ihr euch
schon bei allem merken, daß es sehr unrichtig wäre, so jemand behaupten möchte,
wenn er zwei ähnliche Dinge vergleichend betrachtet, daß er sich darum schon
einen Begriff davon machen kann, – sondern er muß zuerst durch die
vergleichende Betrachtung einen Begriff finden. Hat er den gefunden, dann erst
muß er ihn anatomisch auseinandersetzen und dehnen; dann erst hat er sich einen
eigentlichen Begriff von der Sache gemacht.
[Er.01_016,06]
Also wollen wir uns nun auch von dem künstlichen Bau der mittleren, festen Erde
einen Begriff machen. Wie aber? Das wird nun eben nicht so schwer gehen. Was
bei den Knochen die sichtbaren Poren sind, das sind bei dieser zweiten Erde
weit ausgehende, manchmal viele Klafter im Durchmesser habende Kanäle, welche
auf verschiedenen Punkten mit den mannigfaltigsten Schlußklappen versehen sind.
Auf manchen anderen Orten durchkreuzen sich wieder mehrere Kanäle auf einem
Punkte; ein jeder führt bis zu diesem Punkte eine eigene Flüssigkeit, welche
sämtlichen Flüssigkeiten sich in einem solchen Vereinigungs-, auch
Nebenschwerpunkte, zu einer ganz neuen Mischung vereinen und von da wieder in
viele, weiter fortgehende Kanäle als eine und dieselbe vereinte Flüssigkeit
vorwärtsdringen. Alle Kanäle aber sind fortwährend mit einer zahllosen Menge
von Schlußklappen versehen, die sich nach aufwärts öffnen und nach einwärts
schließen.
[Er.01_016,07]
Warum sind denn diese Schlußklappen in den zahllosen Kanälen angebracht? –
Diese Schlußklappen dienen dazu, daß die von den Eingeweiden verschiedenartig
ausgetriebenen Nahrungs- und Belebungssäfte nicht wieder, vermöge ihrer
Schwere, zurück in die Eingeweide fallen können; denn jeder Pulsschlag des
großen Erdherzens treibt die verschiedenen Säfte in die zahllosen Organe.
Würden nun diese Organe nicht gleich beim Eintritte der Säfte schon mit einer
Schlußklappe versehen sein, so würden diese Säfte, zufolge ihrer Schwere, sich
wieder zurückergießen; allein, wie sie da in die Organe aufsteigen, so öffnen
sich durch den Druck von unten her diese Schlußklappen, und die Flüssigkeiten
dringen hinein. Wenn aber der Stoß nachläßt und neues Material holt, da drücken
die in die Organe eingestoßenen Säfte auf diese Schlußklappen zurück und
versperren sich auf diese Weise durch ihre eigene Schwere den Rückweg.
[Er.01_016,08]
Daß eine solche große Erdader mehrere solche Schlußklappen in ihrem, nicht
selten mehrere hundert Meilen weiten Verlaufe haben muß, versteht sich schon
von selbst, weil sonst ohne mehrere solcher Stützpunkte die Flüssigkeit in
einer so langen Röhre zu schwer würde, um durch den Pulsstoß weiter gehoben zu
werden, und durch ihre Schwere am Ende die einzige Schlußklappe durchbrechen
und zerstören würde. Große Kanäle oder große Adern haben nebst solchen
Schlußklappen auch noch große Fallwindungen und separate Druckpumpen, durch
welche dem Pulsstoße eine große Überhilfe geleistet wird. Ähnliche
Schlußklappen findet ihr auch in allen Adern der tierischen Körperwelt. Ihr
dürft nur ein anatomisches Werk oder auch durch ein Mikroskop eine Holzfaser
betrachten, so werdet ihr längs des Röhrchens eine Menge solcher Schlußklappen
antreffen.
[Er.01_016,09]
Denket über das Bisherige ein wenig nach, was den Mechanismus dieser festen
Erde betrifft, so werdet ihr eine recht nützliche Erkenntnis der Dinge in der
Natur bekommen; und so ihr euch in dieser ersten, mechanischen Darstellung
werdet ein wenig eingefunden haben, so werdet ihr die nächste, bei weitem
künstlichere Eröffnung dieses Mechanismus desto leichter fassen.
17. Kapitel –
Die Kräftigung der Erdsäfte.
25. Januar 1847
[Er.01_017,01]
Wir haben in der letzten Mitteilung gesehen, wie die Säfte von dem Innern der
Erde durch die Mittel- oder feste Erde heraufgetrieben werden. Der Mechanismus
ist, wie ihr aus der Beschreibung leicht werdet ersehen haben, im Grunde
äußerst einfach, aber dabei in seiner Einrichtung vollkommen zweckdienlich. Die
Säfte aber, die durch diesen einfachen Mechanismus heraufbefördert werden,
würden bald ihre ursprüngliche Kraft, die ihrer Wesenheit substantiell
beigemischt ist, verlieren, – besonders bei einem Wege, der nicht selten
mehrere hundert Meilen beträgt. Um diesem leicht erfolgbaren Übelstande
abzuhelfen, mußte von einer andern Seite her durch einen überaus kunstvollen
Mechanismus zu Hilfe gekommen werden, und das zwar also wie folgt: In der
Richtung von Norden nach Süden gehen zahllose, überaus feine Mineralfäden, die
von Norden nach Süden meistenteils rein eisenhaltig, und umgekehrt die von Süden
nach Norden platin- und manchmal auch kupferhaltig sind. Diese Fäden sind, wie
schon bemerkt, überaus fein, so zwar, daß der Faden einer Spinne geteilt netto
zehntausend solcher Fäden abgeben würde, das doch sicher eine sehr feine Arbeit
ist. Diese Fäden laufen nicht etwa gleichmäßig in geraden Linien fort, sondern
sehr geringelt, ungefähr so, wie der Kamm einer Säge, und dabei noch in manchen
anderen Windungen, besonders in den Gegenden, wo sie an die aus dem Innern der
Erde aufsteigenden Adern und Kanäle streichen. Das ist aber auch notwendig;
denn eben an jenen Stellen müssen diese Leitfäden ihre Wirkung am meisten
betätigend auftreten lassen.
[Er.01_017,02]
Diese Fäden sind nicht Röhrchen, sondern lauter aneinandergereihte
verschiedenartige Kristalle, welche wie Glieder einer Kette aneinander
verbunden sind. Ihre Stellung ist so, als so ihr ungefähr mehrere dreikantige
Pyramiden also aufeinander setzen würdet, daß die Spitze genau in die Mitte der
unteren Fläche der nachfolgenden Pyramide zu stehen kommt, und zwar die
eisenhaltigen Pyramiden also gewendet, daß die Spitzen gegen Norden gerichtet
sind, und die platin- und kupferhaltigen die Spitzen gegen Süden gekehrt haben.
Wenn ihr euch das so recht vor Augen stellet, so habt ihr ein richtiges Bild, wie
diese Leitfäden konstruiert sind. Diese Leitung muß darum also mechanisch
geordnet sein, weil jede anders geordnete, glatte Leitung, wie etwa durch einen
Draht, das wirkende elektromagnetische Fluidum bei einer Länge von nicht selten
dreitausend Meilen verlieren würde.
[Er.01_017,03]
Daß glatte Leitungen mit der Zeit das Fluidum mehr und mehr verlieren, können
in diesem Manipulationsfache mehr geübte Naturkundige schon aus dem abnehmen,
daß ein weitgeleiteter elektrischer Funke nicht mehr jene kräftige Wirkung hat
als in der Nähe eines Konduktors, der zuerst entweder von einer geriebenen
Glasscheibe oder von mehreren in die Salz- oder Schwefelsäure getauchten
Kupfer- oder Zinkplatten zunächst das elektromagnetische Fluidum aufnimmt.
Allein diese Pyramidallinie würde auch noch nicht für einen etliche tausend
Meilen fortlaufenden Konduktor völlig dienlich sein, so sie nicht in einer
eigenen Röhre fortliefe, welche von einer solchen Masse gebildet ist, durch die
kein elektrischer Funke durchdringt.
[Er.01_017,04]
Aus diesem könnt ihr schon ein wenig ersehen, wie überaus kunstvoll dieser
Mechanismus fortgewebt ist; aber damit wäre noch wenig gewonnen, wenn diese
Fäden den elektromagnetischen Stoff hin und her wechseln ließen. Es müssen
daher an gewissen Punkten, besonders in der Gegend der aufsteigenden Kanäle,
Sammelkammern angebracht sein, in denen sich dieser Stoff sammelt; und wenn
eine solche Kammer vollgeladen ist, so wirkt sie dann auf die Flüssigkeit im
Kanale und verleiht ihm wieder neue Kraft. Das ist eine Bestimmung dieser
zahllosen Sammelkammern, die bald größer und bald kleiner sind, und die auch
bald negativ und bald positiv sind, auf daß, wenn die Substanz in einer
aufsteigenden Flüssigkeit durch die positive Elektrizität zu gewaltig heiß
gekräftigt würde, die negative dann wieder das Superplus in sich aufnimmt und
sogleich in ihresgleichen verwandelt, oder so ganz deutsch gesprochen: Was die
positive Elektrizität zu viel erhitzt, das kühlt die negative wieder ab.
[Er.01_017,05]
Eine andere Bestimmung dieser nun bekanntgegebenen Leitungsfäden ist, die
vielen Triebpumpen in den Kanälen in die Bewegung zu setzen, welche Triebpumpen
eine Unterstützung der ursprünglichen Triebkraft des Erdherzenspulsschlages
sind; ohne diese Unterstützung würde diese erste Kraft notwendig bald erlahmen
müssen, wenn sie bei jedem Stoße mit gar vielen trillionen Zentnern zu tun
hätte, welches Gewicht die mit jedem Pulsschlage herausgestoßenen Säfte auch im
allergeringsten Maßstabe sicher haben. Durch die obbezeichneten, in den Kanälen
eigens angebrachten Druckpumpen wird der Pulskraft des Erdherzens aber so sehr
geholfen, daß diese nur mit einem bedeutend geringeren Gewichte zu kämpfen hat.
Euch aber den Mechanismus einer solchen Druckpumpe näher zu zergliedern, wäre
eine vergebliche Mühe, und ihr würdet bei der möglich klarsten Darstellung
dennoch nie eine vollkommene Einsicht in die Sache bekommen, die ein zu
kompliziertes Werk ist, in welches nur ein Geist, nie aber das Auge des
Fleisches vollkommen beschaulich eindringen kann, – daher sich auch dergleichen
kunstvolle Präparate bei der geistigen Darstellung des Erdkörpers viel leichter
und faßlicher werden darstellen lassen als jetzt bei der bloß materiellen.
[Er.01_017,06]
Wir haben nun auf diese Weise einen sehr kunstvollen Mechanismus in dieser
Mittelerde kennengelernt. Es geht uns zur vollen Kenntnis dieses
Erdkörperteiles nur noch etwas weniges ab, dann werden wir mit ihm fertig sein.
Dieses wenige besteht in den sogenannten Rückleitungs- oder
Wiederaufsaugungsgefäßen, durch welche – wie bei dem tierischen Körper das Blut
durch die Adern – die überflüssigen Säfte, die noch zur Ernährung der Erde
nicht vollkommen präpariert sind, wieder zum Herzen derselben zurückdringen, um
dort neue Kraft und Stärkung zu holen. Diese rückführenden Kanäle sind
ebenfalls mit Aufhaltsklappen versehen, welche sich nur dann öffnen, wenn das
Herz der Erde sich zusammenzieht. Dehnt es sich wieder aus, da schließen sich
diese Klappen und lassen die rücksteigenden Säfte nicht fortsteigen; nur schließen
diese Klappen nicht so genau wie jene in den aufsteigenden Gefäßen, – was aber
auch nicht so notwendig ist. Fürs erste sind diese Rückleitungskanäle
durchgehends enger als die aufsteigenden, daher die in ihnen enthaltene
Füssigkeitssäule keine so große Schwere in sich faßt; fürs zweite ist die in
ihnen enthaltene Flüssigkeit auch viel träger als die in den aufsteigenden
Kanälen; und fürs dritte haben diese oberwähnten Klappen nur das zu
bewerkstelligen, daß diese Kanäle beim Ausstoß nicht ganz unterbrochen, sondern
nur beengt werden, – welche mechanische Einrichtung ihr auch bei den Adern
tierischer Körper antreffen könnet, sowie auch in den euch bekannten Röhrchen
des Holzes, wo aber jedoch die Rückleitungsgefäße zwischen der äußeren Rinde
und dem Holze vorkommen.
[Er.01_017,07]
Das ist nun alles, was von unserer Mittelerde in materiell-mechanischer
Hinsicht noch zu sagen übrig war; und da wir auf diese Weise mit diesem
Gegenstande zu Ende sind, so werden wir uns fürs nächste Mal über die dritte
oder äußere Erde machen.
18. Kapitel –
Die Rinde der Erde.
26. Januar 1847
[Er.01_018,01]
Nachdem wir die Mittelerde durchgemacht haben, begeben wir uns, wie schon
vorerwähnt, auf die äußere Erde, die gewisserart die Haut oder die Rinde der
Erde ausmacht.
[Er.01_018,02]
Dieser äußere Teil der Erde hat ein am allerwenigsten mechanisch-kunstvolles
Bauwerk in sich; aber was ihm in dieser Sphäre mangelt, das wird bei ihm durch
andere zahllose Bildungsformen ersetzt, und es herrscht in ihm eine gewisserart
gemengte Fülle von allem dergestalt, daß es keinem Menschenverstande zu fassen
und zu begreifen möglich wäre, wie und was alles in dieser Erdrinde vor sich
geht.
[Er.01_018,03]
Bei den früheren zwei Erden haben wir alles mehr einfach gefunden, so wie die
Wirkung nebst der ihr vorhergehenden Tätigkeit gewisserart eine sehr einfache
ist. Man könnte die innere Tätigkeit und das innere Wirken vergleichen einem
ganz einfachen Triebrade, bei dem man nichts anderes erblickt, als daß es sich
fleißig und kräftig um seine Achse dreht; geht man aber dann in die Kammer, wo
ein sehr komplizierter Mechanismus durch die einfache Wirkung des ersten
Triebrades in die mannigfaltigste Bewegung gesetzt wird, und wo durch dieses
viele Räder- und Spindelwerk die seltensten Effekte bewirkt werden, so erstaunt
man, wenn man zurückdenkt, daß das alles das draußige einfache Triebrad zuwege
bringt.
[Er.01_018,04]
So kann man auch die einfache Tätigkeit im Innersten der Erde als ein einfaches
Triebrad betrachten, durch welches aber eben auf unserer dritten oder äußersten
Erde zahllose allermannigfaltigste Wirkungen hervorgebracht werden. Nur müßt
ihr euch die äußere Erde nicht etwa als durch einen leeren Luftraum oder durch
ein Zwischensein – etwa eines unterirdischen Meeres – geschieden vorstellen;
sondern diese beiden Erden sind so innig und fest miteinander verbunden, als
wie die Rinde mit dem Holze eines Baumes.
[Er.01_018,05]
Zunächst an der festen Erde ruht eine noch mehrere Meilen dicke, fühlende Haut
der Erde, über welcher Haut dann erst die Epidermis oder die eigentliche,
unfühlende Haut der Erde folgt, in welcher sich die Wirkungen des inneren,
organischen Lebens der Erde erst so recht vertausendfältigen. Allda wird erst
alles geformt in sich wie außer sich, d. h. es wird der Same, wie er als Same
in sich beschaffen ist, entweder frisch gebildet, wie auch in sich so
dargestellt, was einst seine entkeimte Außenform sein solle; oder für den Samen
wird hier die Kraft bereitet und je nach ihrer Art geschieden, wie sie tauglich
zur Belebung des schon vorhandenen Samens sowohl für Pflanzen als Tiere ist,
von dem sie nach und nach durch das Pflanzenreich, wie durch das Wasser und
durch zahllose kleine Tierchen, aufgenommen und dann ganz intelligent verwendet
wird.
[Er.01_018,06]
Zu solcher Präparierung gehört sicher auch eine unendliche Kompliziertheit
vorerst der mechanisch-organischen Konstruktion dieses Erdteiles. Allein mit
der wäre da noch sehr wenig gedient; denn all solche Mechanik würde da sehr
wenig oder gar nichts leisten, sondern die Einrichtung dieses Erdteiles muß
nebst der wunderbarst kompliziertesten mechanischen Einrichtung zur Sonderung
und Verteilung der aus dem Innersten der Erde aufsteigenden Säfte und Kräfte
noch eine zweite, noch ins Unendliche mehr komplizierte Einrichtung zu dem
Zwecke haben, vermöge welchem die gar subtilen Einwirkungen aus dem äußeren,
unendlichen Weltenraume aufgenommen und der rechten Bestimmung zugeführt
werden.
[Er.01_018,07]
Daß für diesen Behuf mit einer einfachen Vorrichtung nicht gedient wäre, das könnt
ihr euch wohl leicht vorstellen, wenn ihr nur eine einzige Pflanze recht
aufmerksam betrachtet, welch mannigfaltige Teile sie besitzt, und welche Unzahl
von jedem Teile an einer Pflanze vorhanden sein muß, wie z.B. Stacheln, Haare,
Ecken, Winkel, Fasern, Fäden, Flüssigkeiten, Fette und dergleichen noch mehr,
und das alles verbunden durch einen kunstvollsten Mechanismus bloß zur
Darstellung dieser einzigen Pflanze. Wenn aber schon eine Pflanze soviel
erfordert, wieviel von solcher allermannigfaltigsten Einrichtung wird da in
diesem dritten Erdteile vorhanden sein müssen, wo es sich um die Bildung fürs
erste des mannigfachen und reichen Außenminerales, dann um die ganze
Pflanzenwelt und endlich um die zahllos vielfache Tierwelt handelt!
[Er.01_018,08] Ein
Sandkörnchen, als doch sicher das einfachste Mineral, ist so kunstvoll
zusammengefügt, daß ihr euch vor lauter Verwunderung ganz umkehren würdet, so
ihr es also erblicken könntet, wie es in sich selbst kunstvollst zusammengefügt
ist. Da würdet ihr eine Menge der verschiedenartigsten Kristalle entdecken, die
so geregelt aneinandergefügt sind, daß sie der allergeschickteste Mathematiker
nie so genau berechnen könnte. Das ist aber noch das wenigste. Wenn ihr dann
diese einzelnen Kristalle erst genauer untersuchen würdet, so würdet ihr
finden, daß sie nichts als Komplexionen von lauter tierischen Kadavern sind,
und das von einer Art Infusorien, die aber viel kleiner sind als jene schon bei
weitem vorgerücktere Art, die im gärenden Wassertropfen zum Vorschein kommt;
und würdet ihr dann selbst wieder diese Infusionstierkadaver näher untersuchen,
so würdet ihr in einem jeden solchen Kadaver eine zahllose Menge atomistischer
Tierchen entdecken, welche zur Lebenszeit dieser nun in Kristallformen
aneinandergeklebten Infusorien eben diesen Infusorien als Speise und Nahrung
gedient haben. Und wäre es euch möglich, ein solches atomistisches Tierchen,
freilich mehr mit geistigen als wie mit den schärfst bewaffneten Naturaugen,
untersuchend zu betrachten, da würdet ihr in einem jeden solchen atomistischen
Tierchen eine Mignon-Hülsenglobe entdecken, in welcher im kleinsten Maßstabe
das ganze Universum wie abgebildet zum Vorscheine kommt. Fasset da Millionen in
ein solches Kristallchen zusammen, das aus 1000 Infusorien gefügt ist, und das
Sandkörnchen aus hundert solchen Kristallen, so werdet ihr euch wenigstens
einen kleinen Begriff von der höchst kunstvollen Darstellung dieses
allereinfachsten Mineralstückes machen, besser zeigen können.
[Er.01_018,09]
Was gehört demnach dazu, um ein solch allereinfachstes Mineralstückchen zuwege
zu bringen! Wie kunstvoll muß der Mechanismus sein in der Werkstätte, in der
bloß nur Sandkörner fabriziert werden, da einem solchen Sandkörnchen schon zwei
tierische Generationen vorangehen müssen, wo jedes Tierchen einen so
kunstvollen Organismus besitzt, daß ihr euch von der allerkünstlichsten Art
desselben nie einen Begriff zeigen könntet! Denn ein solches Tierchen hat
Augen, hat Ohren, hat andere Gefühlsorgane und hat dazu eine ganz freie Bewegung.
Hört, das darzustellen, geht schon bei weitem über alle menschlichen Begriffe!
Noch mehr ans Rätselhafte geht das Bild des Universums in einem atomistischen
eiförmigen Kugeltierchen. Um aus allem dem dann erst ein Sandkörnchen
darzustellen, dazu gehört gewiß ein allerkunstvollster Reproduktionsmechanismus
in unserer äußeren Erde. Wieviel aber gehört dann dazu, um andere Mineralien zu
gestalten, ihnen die bestimmte Eigenschaft und Form zu geben, und was gehört
dazu, die vielen verschiedenartigsten Pflanzen zu gestalten, und was gehört
endlich zur Gestaltung der zahllos vielen Tiergattungen, wofür die Zahl „eine
Million” zu wenig ist!
[Er.01_018,10]
Aus dieser nur höchst oberflächlich die Sache berührenden Darstellung werdet
ihr leicht begreifen, daß hier eine spezielle Darstellung dieses
allerkompliziertesten Bildungsorganismus so gut wie rein unmöglich ist; und
wollten wir wirklich die Sache speziell darstellen, so hätten tausend Schreiber
netto eine Billion von Jahren zu tun. Und wer sich aus solch einem Werke dann
informieren müßte, der müßte demnach tausend Billionen Jahre leben, um so ein
Werk wenigstens einmal in solchem seinem langen Leben durchzulesen. Kurz und
gut, das Lächerliche einer solcher Unternehmung muß sich schon beim ersten
Anblick klar darstellen. Daher werden wir bei der Betrachtung dieses äußeren
Erdstückes nur ganz oberflächlich und im allgemeinen das hervorheben, wodurch
manche äußeren Erscheinungen näher erklärt werden können. Alles übrige wird
sich, wie schon öfter erwähnt, im geistigen Teile leicht begreifen lassen, und
wird eine Minute fruchtbringender sein als eine ganze Million irdischer Jahre.
Somit nächstens bloß nur noch etwas über die besondere Einrichtung dieser
äußeren Erde.
19. Kapitel –
Die fühlende Haut der Erde.
27. Januar 1847
[Er.01_019,01]
Was die fühlbare Haut der Erde betrifft, so ist diese von zahllosen, kreuz und
quer laufenden Kanälen durchzogen, und zwischen diesen Kanälen gibt es wieder
eine Menge große und kleinere Sammelplätze oder Behälter für allerlei aus dem
Innern der Erde aufsteigende Flüssigkeiten, dann auch wieder solche Behälter,
welche die retrograden Säfte aufnehmen und sie dann durch die schon
bekanntgegebenen Rückgangskanäle in das Innerste der Erde zurückleiten. Diese
Behältnisse haben, also wie die Seen auf der Oberfläche der Erde, verschiedene
Gestaltungen; die meisten jedoch sind eiförmig. Diese Behältnisse dienen
hauptsächlich dazu, daß die dahin gelangten Säfte in eine Art Gärung kommen,
durch welche sie wieder wie chemisch geschieden und dann als geschieden wieder
zu bestimmten Zwecken weitergeleitet werden. Diese Behälter jedoch sind nicht
zu verwechseln mit jenen großen, unterirdischen Wasserbassins, aus denen schon
das trinkbare Wasser auf die Oberfläche der Erde zum Vorschein kommt, und
welche Bassins an manchen Stellen schon mit den sogenannten artesischen
Erdbohrern erreicht werden können. Diese großen Wasserbassins befinden sich
schon sämtlich in der unfühlenden Erdrinde, während die vorerwähnten
Erdsäftebehälter noch alle in der fühlenden Erdrinde zu Hause sind. Welchen
Zweck aber diese Behälter noch haben, werden wir auch im geistigen Teile
gründlich durchschauen können.
[Er.01_019,02]
Das wäre einmal eine Beschaffenheit dieser Erdrinde; eine andere besteht in
einer säulenähnlichen Unterstützung, auf der die ganze obere, unfühlende
Erdhaut samt ihren Meeren, Seen und Bergen ruht. Diese Säulen basieren zunächst
auf der festen Erde und ziehen sich von da wie ein Gerippe auf die Oberfläche
der Erde herauf, sind aber nicht also fest wie die Steine auf der Oberfläche
der Erde, sondern sie haben mehr eine knorpelartige Festigkeit, welche mit
einem bedeutenden Grade von Elastizität verbunden ist, was auch notwendig ist,
weil sich nicht selten zwischen der fühlenden und unfühlenden Haut der Erde
jene euch schon bekannten Gase bilden, welche ganz bedeutende hohle Räume
machen, die äußere Erdrinde oft bedeutend emporheben, diese dann nicht selten
irgend örtlich auseinandertrennen und dadurch Erdbeben und gewaltige Orkane
bewirken. Wären diese vorbenannten Stützen sehr fest, dann wäre es um die
Oberfläche der Erde, und noch mehr um ihre Bewohner, bald geschehen; so aber,
weil diese Stützen dehnbar sind, kann da weiter nichts geschehen, als daß
irgend örtlicherweise auf der Oberfläche der Erde einige Sandkörner, manchmal
einige Maulwurfhügel und manchmal einige gemauerte Schneckenhäuser der Menschen
einen kleinen Leck bekommen.
[Er.01_019,03]
Diese dehnbaren Stützsäulen werden endlich in der unfühlenden Erdrinde derartig
nach und nach fester, wie bei den Tieren die festen Knochen endlich auch in die
Knorpel auslaufen, und also umgekehrt, wie nämlich die Knorpel nach und nach
fester werden und endlich gar in die festen Knochen übergehen. Diese festen
Knochen der Erde sind dann schon hier und da auf der Oberfläche der Erde als
Urgestein ersichtlich, unter dem Namen Urkalk, auch Granit, mitunter auch
Quarz. Diese Steinarten werden aber jedoch, je weiter herauf, desto mehr
gemengt, somit auch desto unreiner, gröber, härter und spröder; ihre Ausläufer
sind gewöhnlich die hohen Urgebirge, die sich in allen Teilen der Erdoberfläche
recht deutlich von den anderen, später gebildeten Gebirgen, unterscheiden durch
Form, Höhe und Masse. Die anderen Gebirge sind spätere Erscheinungen, deren Art
der Entstehung euch schon bekannt ist, so wie auch, daß unter diesen Gebirgen,
wie auch sonstigen Ländereien, sich unterirdische Wasserbassins vorfinden, die
wieder, wie euch schon bekannt sein wird, durch eigene Säulen unterstützt sind,
d. h. die Decke über diesen Bassins, damit sie natürlicherweise nicht irgend
einstürze und dadurch ein großes Stück fruchtbaren Landes in einen See
verwandle, was schon hie und da geschehen ist.
[Er.01_019,04]
Nun wäre nur noch zu erwähnen, woher das Meer zunächst die Hauptnahrung
bekommt. – Zunächst bekommt es die Hauptnahrung von den vielen Säftebehältern
in der fühlenden Haut, die gewisserart die eigentliche Harnblase der Erde
bilden; dann bekommt aber das Meer auch von den zuletzt besprochenen, großen
Wasserbassins durch alle die großen Flüsse und Bäche einen überaus bedeutenden
Zuwachs, der äußerst notwendig ist, weil die aus der eigentlichen Urinblase der
Erde aufsteigende Flüssigkeit zu sehr salzig ist und ohne Beimischung des süßen
Wassers bald so sehr in eine feste Masse überginge, daß an der Stelle des
Meeres nichts als lauter himmelansteigende Salzberge entstehen würden, welche
die Luft mit der Zeit so sehr versäuern würden, daß darob kein lebend Wesen
bestehen könnte; zugleich aber würde das auch bei der Erde selbst die
gefährliche Krankheit der Urinsperre bewirken, wodurch die Erde in der
kürzesten Zeit in den völligen Brand überginge, dann völlig stürbe und in
solchem Zustande für kein lebendes Wesen zu tragen mehr tauglich wäre, so wenig
als das Polareis tauglich wäre, ein lebendes Wesen zu progenerieren und dann zu
erhalten.
[Er.01_019,05]
Nun wüßten wir auch das. Das Reich der Fossilien haben wir schon letzthin
angezogen; so bleibt uns für die natürliche Betrachtung des Erdkörpers nichts
mehr übrig als die Luft, welche die Erde in allem bis zu einer Höhe von zehn
deutschen Meilen in drei hauptunterschiedlichen Sphären umgibt. Und so wollen
wir nächstens diesen äußeren Teil der Erde noch durchgehen und wollen uns
endlich, wenn wir den Äther werden erreicht haben, auf seinen Lichtschwingen in
die Geisterwelt hinüberschwingen.
20. Kapitel –
Wesen und Bestandteile der Luft.
29. Januar 1847
[Er.01_020,01]
Das Wasser des Meeres, wie auch das in den Seen des Festlandes, bildet zwar
auch eine Art verdichtete Luft, in welcher Tiere leben können. Aber diese Luft
gehört so ganz eigentlich noch zum Erdkörper selbst, und zwar zu dessen
äußerster Rinde; daher es nicht in die atmosphärische Luft hinzugenommen werden
kann, sondern zur atmosphärischen Luft kann nur jener Teil des Wassers genommen
werden, welcher sich in den Nebeln und Wolken vorfindet, so wie auch das freie
Wasserstoffgas in der Luft selbst, wenn es sich auch nicht als Nebel oder Wolke
beschauen läßt.
[Er.01_020,02]
Woraus besteht dann wohl die atmosphärische Luft in all ihren Teilen?
[Er.01_020,03]
Die atmosphärische Luft oder die Einatmungsluft besteht aus einer Unzahl von
allerlei Luftarten, die alle den Namen Gase oder besser einfache Luftarten
haben.
[Er.01_020,04]
Die Naturforscher sind zwar mit der Aufzählung der Gase, woraus die
atmosphärische Luft besteht, bald fertig; nach ihnen besteht die Luft aus einem
gewissen Verhältnisse von Sauerstoff, Wasserstoff, Kohlenstoff und eigentlichem
Stickstoffgas. Allein mit diesen vier Spezies wäre der eigentlichen
atmosphärischen Luft ganz entsetzlich wenig gedient, wenn sie nicht noch andere
Luftarten in sich besäße; und besäße die Luft solche andere, den Naturforschern
nicht bekannte Luftarten nicht in sich, so würde es mit dem Wachstume der
Pflanzen, mit der Entstehung der Mineralien, und gar überaus schlecht mit der
Tierwelt aussehen.
[Er.01_020,05]
Jede Pflanze saugt aus der atmosphärischen Luft die ihr allein zusagende
einfache Luftart in sich und scheidet jede andere aus. Wenn das nicht der Fall
wäre, so hätte nicht jede Pflanze nach ihrer Art ihre ganz eigene Gestalt,
ihren ganz eigenen Geschmack und Geruch. Wenn aber jede Pflanze nach ihrer Art
nur eine mit ihr korrespondierende, einfache Luftart einsaugt, so wird es wohl
auch so ganz eigentlich soviel einfache Luftarten geben müssen, als wie
vielfach in der Art und Weise die Konsumenten da sind.
[Er.01_020,06]
Daß aber dies wirklich der Fall ist und sein muß, beweist ja schon sonnenklar
der Geruch einer jeden einzelnen Pflanze und noch mehr ihr innerer Stoff. Man
berieche doch eine Rose, eine Nelke, eine Lilie, ein Veilchen, dann ein
Bilsenkraut, und frage sich dann selbst, ob da die eine Blume riecht wie die
andere.
[Er.01_020,07]
Der Geruch der Rose wird stärkend auf die Geruchsorgane einwirken und das
Gesicht schärfen. Die Nelke wird zusammenziehend die Geruchsorgane berühren und
das Gesicht schwächen. Die Lilie wird die Geruchsorgane schlaff machen und mit
der Zeit sogar übel auf die Magenorgane einwirken, wodurch nicht selten im
Kopfe ein Schmerz erzeugt wird. Das Veilchen wird erheiternd auf die
Geruchsorgane einwirken und sogar das Gehirn stärken, während das
schmutziggelbe Bilsenblümchen augenblicklichen Ekel und bei längerer Beriechung
Schwindel und Erweiterung der Sehpupille zur Folge haben wird.
[Er.01_020,08]
Frage: Kann das allein den vier bekannten, einfachen Gasarten zugeschrieben
werden, oder kann das allein ihre etwa verschieden verhältnismäßige Mischung
zuwege bringen? Ja, wenn diese vier Gase wirklich die vier einfachen
Grundstoffe wären, aus denen endlich alle Dinge gebildet sind, da wäre es ja
doch eine barste Schande für die hochgelehrten Chemiker, daß sie daraus nicht
lange schon Gold, Silber und Diamanten im größten Überflusse zuwege gebracht
hätten; denn zwischen vier einfachen Spezies können doch bald eine Menge allerartige
Quantitätsmischungen bewerkstelligt werden, und es müßte da aus jeder Mischung,
wennschon eben nicht gerade gleich das Gold, so doch vielleicht irgend eine
neue Pflanze oder gar irgend eine neue Rasse von Miniaturochsen, Eseln und
Kälbern oder sonst etwas dergleichen zum Vorschein kommen. Aber siehe, so etwas
geschieht trotz der allergelehrtesten Gesichtsmuskelverziehungen solcher
Weisheitshelden nicht und kommt nichts zum Vorschein als höchstens irgend ein
weißlichter Staub, der, mit Mikroskopen untersucht, sich als kleine
Kristallchen erkennen läßt, womit es aber eben nicht viel gesagt haben will,
weil solchen Kristallstaub die Natur im Freien ohne die chemische Küche noch
bei weitem besser und mannigfaltiger erzeugt. Ihr brauchet im Herbste nur eine
reife Pflaume oder eine reife Traube, auch verschiedene Baumblätter zu
beobachten, so werdet ihr zum Überfluß solchen Staub als sogenannten Reim auf
den obbenannten Früchten und Blättern entdecken. Ein Mikroskop hinzugesteckt, –
und es wird da von den allerschönsten Kristallen wimmeln!
[Er.01_020,09]
Aus dem geht wieder hervor, daß es noch mehrere einfache Luftarten geben muß
als die vier bekannten allein. So gibt es auch Pflanzen, die eine so überaus
schädliche Luft aushauchen, daß in derselben Tiere und andere Pflanzen sogleich
sterben müssen, wie es auch wieder andere, wundersame Pflanzen gibt, durch die
sogar Tote, wenn sie nicht zu lange tot sind, wieder belebt werden könnten.
Diese beiderlei Pflanzenarten – die eine überaus tötend, die andere überaus
belebend – müssen doch jede nach ihrer Art einen ganz eigentümlichen Grundstoff
aus der Luft einsaugen, ansonst sie das nicht würden, was sie sind.
[Er.01_020,10]
Wenn aber das unleugbar der Fall ist, so geht es ja doch wieder klar hervor,
wie vielartig zusammengesetzt die atmosphärische Luft sein muß, um der
Vielartigkeit der geschaffenen Dinge in ihr, jedem nach seiner Art, nährend zu
dienen. Wenn aber schon die Pflanzen so viele Grundarten in der atmosphärischen
Luft zu ihrer Existenz vonnöten haben, um wieviel mehr muß da erst der Tiere
wegen in der atmosphärischen Luft verschieden Grundstoffartiges vorhanden sein,
damit jedes Tier in der atmosphärischen Luft den ihm zusagenden Einatmungsstoff
findet.
[Er.01_020,11]
Es atmet zwar jedes Tier das ganze atmosphärische Luftgehaltsvolumen in sich
ein, behält aber nur in sich dasjenige aus dem eingeatmeten Volumen, was seiner
Natur homogen ist; alles andere stößt es wieder hinaus.
[Er.01_020,12]
Ich meine, für den, der nur ein wenig reifer zu denken vermag, wird es mit dem
bisher Gesagten genug sein, um einzusehen, wie höchst kompliziert die
atmosphärische Luft sein muß, damit in ihr alle die zahllos vielen,
verschiedenartigsten Wesen das finden, was mit ihrer Natur korrespondiert. Wenn
wir aber nun solches sicher leicht begriffen haben, da wird es eben auch nicht
so schwer sein, die zahllos vielen und sonderlich gearteten Erscheinungen in
der atmosphärischen Luft insoweit zu begreifen, inwieweit jeder nach seiner
sinnlichen Wahrnehmung in der Art der Erscheinungen einen Unterschied findet
und bei sich sagen muß: Diese Erscheinung hat zwar Ähnlichkeit mit einer
früheren, jedoch ist ihre Formung verschieden von einer früheren, und wenn das
der Fall, muß auch ein fremder, früher noch nicht dagewesener Grund vorhanden
sein.
[Er.01_020,13]
Und wieder werdet ihr Erscheinungen erblicken, die sich stets gleich bleiben;
diese werden auch sicher den stets gleichen Grund haben.
[Er.01_020,14]
Es hat einst auf der Erde Pflanzen und Tiere gegeben, die bekanntlich gegenwärtig
auf diesem Weltkörper nicht mehr existieren; dafür aber sind andere Pflanzen-
und Tiergattungen entstanden, die damals nicht vorhanden waren. Sehet, das sind
Erscheinungen, die sich in gewissen Beziehungen wohl ähnlich sind, in gewissen
aber wieder sehr unähnlich. Das Mamelhud hat Ähnlichkeit mit dem heute lebenden
Elefanten, so der Riesenochs mit dem heutigen kleineren. Diese beiden Tiere
haben Ähnlichkeit in einer Hinsicht: sie gehören nämlich zu einer und derselben
Art, aber sie sind sich in der Größe und noch in der sonstigen Gestaltung sehr
unähnlich. So hat es einst Riesenbäume gegeben, wie deren schon gleich anfangs
dieser Mitteilung erwähnt wurde; auch gegenwärtig gibt es noch, besonders in
den Tropenländern, eine vielstämmige Baumart, die mit dem einstigen größten
Baume Ähnlichkeit hat, aber dennoch nicht mehr das ist, was einst dieser Baum
war. Da ist ein großer Unterschied sowohl in der Größe als in der Gestaltung.
[Er.01_020,15]
Alle diese Erscheinungen rühren daher: weil die früheren Riesenarten die ihnen
entsprechende Nahrung in der atmosphärischen Luft nicht mehr gefunden haben, so
sind sie am Ende gänzlich ausgestorben. Da wäre also ein Grundluftstoff nicht
mehr da, der einst da war; dafür kam aber ein anderer zum Vorschein, der einst
nicht da war. Ein solcher Grund liegt auch zumeist in den nicht selten neu
auftauchenden Krankheiten, sowohl für Pflanzen als auch für Tiere, bei denen
die Ärzte auch ein solches Gesicht machen wie die Chemiker, wenn sie sich aufs
Goldmachen verlegen und am Ende statt des Goldes einen Klumpen sehr stark
stinkenden Dreckes gewinnen. Es lassen sich zwar Ähnlichkeiten zuwege bringen;
so können auch neu entstandene Krankheiten mit früher schon dagewesenen eine
Ähnlichkeit haben, – allein, vergleicht man das künstliche Gold mit dem
natürlichen, so wird da ein Unterschied wie zwischen 1000 und 1 sein. Also ist
es auch, wenn man eine neue Krankheit mit jener Medizin heilen will, durch
welche eine frühere, ähnliche Krankheit geheilt wurde, so wird man sich damit
gewaltig schneiden; denn diese neue Krankheit ist die Folge der Ermangelung
eines Grundstoffes in der Luft, wenn selber durch irgend eine Veranlassung
verzehrt und alsbald nicht wieder erzeugt wurde; und da dürfte es wohl schwer
sein, eine Medizin zu finden, die den abgängigen Grundstoff in sich enthielte,
durch welchen die neue Krankheit freilich augenblicklich gehoben werden könnte.
Da aber diese Sache für die Menschheit, wenn diese in bessere Kenntnis geleitet
wird, vom wesentlichsten Nutzen sein kann, so wollen wir nächstens noch
wesentlicher davon sprechen und einen Blick auf die Ursachen werfen, durch die
gewisse Grundstoffe in der Luft entweder ganz oder zum Teile verlorengehen und
manchmal andere an ihre Stelle treten.
21. Kapitel – Die
Wirkung des Lichtes auf die Luft.
30. Januar 1847
[Er.01_021,01]
Um, wie gesagt, noch gründlicher einzusehen, daß in der atmosphärischen Luft
eine zahllose Menge von Grundluftstoffen oder – wie sie die Gelehrten der Welt
nennen – Spezifika vorhanden seien, muß man dahin geleitet sein, wo man zu der
Einsicht gelangt und gewisserart bei sich selbst unwidersprechlich einsieht,
woher diese Spezifika rühren, und was der Grund ihrer Entstehung, ihres Daseins
und auch ihres Aufhörens ist.
[Er.01_021,02]
Dieses alles einzusehen, ist für den gar nicht schwer, der nur einigen guten
Willen besitzt und nicht ein diplomatisch begründeter Gelehrter ist, welche
Diplomatie ihm wie die Decke dem Moses vor den Augen hängt, nur nicht aus
gleichem Grunde, auf daß er ja das nicht erschaue und begreife, was mit
leichter Mühe der einfachste Mensch erschauen, wahrnehmen und begreifen kann.
Wer also nur einigermaßen – Ich sage es noch einmal – einen guten Willen und
keine Decke vor den Augen hat, der wird es mit Händen greifen, daß diese
zahllosen Spezifika in der atmosphärischen Luft nicht irgend aus der Luft
gegriffen sind, sondern so wie jedes Ding ihren vollkommen tüchtigen Grund
haben.
[Er.01_021,03]
Sehet hinauf: wie zahllos prangen die Sterne in den fernen Räumen des unendlichen
Äthers, der nirgends einen Anfang und nirgends ein Ende hat! Der Mensch wird
ganz entzückt, wenn das Schimmerlicht von all den Millionen Sternen in sein
Auge fällt; und wie traurig ist er, wenn etwa manchmal einige trübe Nächte ihm
den herrlichen Anblick des gestirnten Himmels verleiden.
[Er.01_021,04]
Ist das keine Wirkung, die so wohltätig begeisternd das menschliche Gemüt
ergreift? Ja, das ist alles Wirkung des Lichtes aus jenen fernen Gebieten; und
das Licht ist es, was die atmosphärische Luft, dieses große Weltauge, um die
Weltkörper bildet, wie es das Licht nur ist, welches das Auge bildet im
Menschen und es ihm verwandt macht; denn wäre das Auge nicht Licht, nimmer
könnte es das Licht erschauen.
[Er.01_021,05]
Wenn der Mensch mit seinem Auge, mit dieser kleinen Sonne in seinem Leibe, den
gestirnten Himmel betrachtet, da wird sein Auge selbst zu einer kleinen
Hülsenglobe, in der Milliarden Sonnen kreisen und Zentralsonnen ihr Urlicht in
endlose Fernen hinausschleudern. Eine ganze unendliche Schöpfung trägt dann das
Auge des Menschen, und das Strahlen und Widerstrahlen der Sonnen im
sonnenverwandten Auge des Menschen bewirkt die wonnige Empfindung in der Seele
ob solchen Wunders, wie das Größte sich im Kleinen wiederfindet und sich selbst
als das erkennt, was es in sich selbst ist.
[Er.01_021,06]
Wer kann das leugnen? Höchstens ein wirklich Blinder oder ein Mensch, wie es
jetzt deren sehr viele gibt, dem ein stinkender Tabakzuzel in seinem stinkenden
Maule mehr ist als der ganze gestirnte Himmel, den er bloß in seinem eigenen
Wandspiegel ersieht, wenn er sich betrachtet, wie ihm sein enger Rock, den er
dem Schneider noch schuldig ist, steht, und wie sich sein abscheulicher
Tabakzuzel neben dem engen, noch schuldigen Rocke ausnimmt. Allein von solchen menschlichen
Larven wird hier nicht geredet; die sind eigentlich darum auf der Welt, als
warum die Schmeißfliegen auf einem Schmeißhaufen sind: ihr Schatz ist der
Dreck, weil sie selbst Dreck sind. Solche Menschen sehen freilich nicht nach
den Sternen und haben kein Auge für Meine Werke!
[Er.01_021,07]
Aber Menschen, wie es deren auch noch so manche gibt, die doch öfter ihr Auge
emporheben und bei sich selbst heimlich sagen: „O Vater, in Deinem großen
Reiche sind wohl gar unzählig viele Wohnungen!“, – solche Menschen werden die
obbezeichneten Wirkungen ob des Anblickes des gestirnten Himmels sicher nicht
vermissen und werden auch nimmer leugnen können, daß das Licht der Sterne
mächtig durch ihr Auge auf ihr Gemüt einwirkt.
[Er.01_021,08]
Wenn aber das Licht der Sterne durch das Auge des Menschen im höchst verjüngten
Maßstabe schon eine so entschiedene Wirkung hervorbringt, wieviel stärker wird
die Wirkung des Sternenlichtes durch das große Erdauge auf die Erde selbst
sein! Denn die atmosphärische Luft ist auf ihrer Oberfläche, wo der Äther auf
ihr ruht, ein glänzender Spiegel, in dem sich ein jedes Gestirn schon sehr
bedeutend groß abbildet. Das Bild wird nun ganz bis zur festen Erdoberfläche
geleitet, und zwar in stets mehr konzentrierter Lichtkraft nach den bekannten
optischen Grundsätzen. Die Einwirkung dieses konzentrierten Lichtes, oder
dieses konzentrierte Licht selbst, ist in sich schon ein solches ganz einfaches
Spezifikum in der atmosphärischen Luft, weil es auf die ihm zusagenden Teile in
der Erde und auf der Oberfläche derselben entweder auflösend oder
zusammenziehend wirkt. Nun dürftet ihr nur die zahllosen Sterne zählen – wenn
ihr es könnt –, so werdet ihr sogleich auch die Unzahl der einfachen Spezifika
in eurer atmosphärischen Luft haben. Alles, was körperlich auf der Erde und in
der Erde vorhanden ist, ist alles gegenseitige Wirkung der Sterne, und das
darum, weil Ich, der Schöpfer, den großen Weltenmechanismus also eingerichtet
habe.
[Er.01_021,09]
Astronomen auf der Erde haben schon zwei recht wichtige Beobachtungen gemacht.
Der einen zufolge sind früher dagewesene Gestirne gänzlich verschwunden; da muß
ja auch das durch sie bewirkte Spezifikum auf der Erde verschwunden sein und
mit ihm jene Wesen, die durch selbes ins physische Dasein treten konnten.
[Er.01_021,10]
Eine andere Entdeckung der Astronomen ist die, derzufolge das Licht von sehr
entfernten Sternengebieten auf die Erde entweder jetzt oder manchmal erst nach
vielen Jahren zum ersten Male eintreffen wird. Dieser Erscheinung zufolge müssen
dann ja auch neue Spezifika auf der Erde zum Vorschein kommen und ihnen zufolge
auch neue Gebilde auf der Erde, die für die früher schon vorhandenen Wesen
entweder günstig oder nachteilig wirken, je nachdem der Stern, von dem das
Spezifikum ausgeht, ein guter oder ein böser ist; denn es gibt gute und böse
Sterne, so wie es ihnen zufolge gute und böse Pflanzen und gute und böse Tiere
gibt.
[Er.01_021,11]
Also gibt es auch Doppelsterne, die sich in gewissen Zeiträumen gegenseitig
bedecken; von denen ist gewöhnlich der eine guter und der andere schlechter
Natur. Ist der gute vor dem schlechten, so hebt er die Wirkung des schlechten
auf; scheinen beide zugleich nebeneinander, so wird der schlechte Einfluß des
schlechten Sternes durch den guten gemildert; tritt der schlechte vor den
guten, so hebt er die Wirkung des guten ganz auf, und es wird sich auf jenem
Teile der Erde, über dem ein solches Gestirn im Zenite steht, bald eine
schlechte Wirkung verspüren lassen, die sich entweder durch übles Wetter oder
durch Mißwuchs mancher Pflanzengattungen oder durch Krankheiten der Tiere und
Menschen zu erkennen gibt.
[Er.01_021,12]
So üben auch die Sternbedeckungen durch Planeten einen üblen Einfluß, manchmal
aber auch einen guten, auf die Erde aus; und von diesem Standpunkte aus
bestimmten die alten Weisen auch das jetzt nunmehr fabelhaft klingende
„Regiment der Planeten“, welches nicht so leer ist, als wie es sich die neuen,
bloß mit Ziffern rechnenden Gelehrten einbilden.
[Er.01_021,13]
Auch alte Vorbestimmungen in der Witterungskunde hatten in dieser Betrachtung
ihren Grund, worüber jetzt ebenfalls gelacht wird; dessenungeachtet aber bleibt
die alte Weisheit sich noch stets gleich.
[Er.01_021,14]
Auf eine gleiche Weise üben auch die Kometen und andere Lichtmeteore, wenn sie
noch so kurze Zeit dauern, einen merklichen Einfluß auf die Erde aus, sowie
nicht minder der Lichtwechsel des Mondes und besonders fühlbar die
Lichtdauerveränderung der Sonne; denn wer den Unterschied zwischen Sommer und
Winter nicht verspürt, der ist sicher im höchsten Grade zu bedauern. Daß aber
auch das Licht, wenn es noch so kurz dauert, auf irgend ein Ding auf der Erde
sicher einen mächtigen Einfluß ausübt, beweist das gewiß allerkürzest dauernde
Licht des Blitzes, welches bekanntlich die Krebse tötet, wenn sich diese nicht
vor dem Gewitter in ihre Schlammgemächer verkrochen haben. Aus dem bisher
Gesagten wird dem, der nur eine kleine, aber etwas bessere Einsicht hat, sicher
handgreiflich klar, woher die vielen Spezifika in der Luft rühren, wie sie
bewirkt werden, und was sie selbst notwendig bewirken.
[Er.01_021,15]
Da wir aber nun dieses durchgemacht und dadurch auch den ersten und untersten
Luftkreis kennengelernt haben, so können wir diesen Luftkreis nun verlassen und
uns in den zweiten hinaufschwingen, von welchem aus wir die Erscheinungen
erkennen werden, wie sie tagtäglich in den mannigfaltigsten Wolkengebilden zum
Vorschein kommen, und da werden wir auch einsehen, warum die Luft in den
höheren Regionen reiner und gesünder als in den unteren ist.
22. Kapitel –
Die zwölf Himmelszeichen und ihre Wirkung.
1. Februar 1847
[Er.01_022,01]
Unter so manchem andern, was ihr gelesen habt, werdet ihr auch in manchen alten
Kalendern gefunden haben, daß die sogenannten zwölf Himmelszeichen auf die
vegetative Kraft der Erde irgend einen Einfluß nehmen, so wie es auch hie und
da gewisserart mystisch-prophetisch eingeschaltet ist, daß derlei
Himmelszeichen, wie auch mit ihnen die Planeten, auf die Geburt der Tiere und
Menschen Einfluß haben, und daß bei den Menschen sogar ihre Zukunft sich darin
abspiegle.
[Er.01_022,02]
Die Landleute halten heutigestages hie und da noch große Stücke darauf;
besonders nehmen sie darauf Rücksicht, wann sie ihre Früchte aussäen und
einernten.
[Er.01_022,03]
So heißt es: Im Krebse, im Skorpion, in der Waage und im Wassermann ist nicht
gut zu säen, weil die Früchte da gern früher zugrunde gehen, ehe sie zu keimen
anfangen; dergleichen Regeln gibt es eine Menge, von denen sich auch so manche
euch wohlbekannte Witterungslostage herdatieren. Daß solches unter den Leuten
noch heutigestags, freilich sehr verunstaltet, vorhanden ist, unterliegt sicher
keinem Zweifel. Bauernkalender sind noch heutigestags Witterungspropheten und
zeigen jeden Tag an, welches Himmelszeichen auf ihn Einfluß nimmt, und das
jeden Monat auf eine doppelte Weise; fürs erste, wie der Mond die
Himmelszeichen durchläuft, und fürs zweite, unter welchem Zeichen sich die
Sonne befindet, und in welches sie geht.
[Er.01_022,04]
Sehet, an der Sache ist wirklich etwas, aber freilich nicht in der euch
bekannten, sehr verunreinigten Art, sondern in einer solchen, wie sie euch in
der vorherigen Mitteilung auf eine sehr anschauliche Art bekanntgegeben wurde.
[Er.01_022,05]
Der Mond durchläuft richtig binnen 29 Tagen seine Bahn, die sich freilich wohl
in sehr engem Kreise unter den sogenannten zwölf Himmelszeichen hindurchzieht,
und es muß sich damit ereignen, daß der Mond auf diese Weise während des
Verlaufes seiner Umlaufszeit ganz natürlich nach und nach unter jedes der zwölf
Himmelszeichen zu stehen kommt.
[Er.01_022,06]
Ebendasselbe ist scheinbar mit der Sonne der Fall, obschon da eigentlich nur
die Erde der bewegte Körper ist und die zwölf Himmelszeichen durchwandert.
Dessenungeachtet aber scheint es doch, daß die Sonne um ein Himmelszeichen
ungefähr monatlich fortrückt; daher auch in den Kalendern in jedem Monate ein
anderes Himmelszeichen angezeigt ist. Durch dieses Fortrücken unter diesen
Hauptsternbildern geschieht es natürlich, daß, sowohl durch den Mond als durch
die Sonne, fortwährend einige Sterne dieser Sternbilder durch diese zwei
Himmelsgestirne bedeckt werden. Durch diese Bedeckung wird dann
natürlicherweise auf eine kurze Zeit der Einfluß unterbrochen, welchen obige
Sterne in den Sternbildern auf den Erdkörper ausüben. Zufolge solcher
Erscheinlichkeit muß dann schon nach früher erwähnten Grundsätzen auf dem
Erdkörper irgend eine Veränderung verspürt werden, und zwar besonders bei jenen
Gegenständen, die aus dem Einflusse dieser Sterne eben mit diesen Sternen
irgend eine ähnliche Beschaffenheit haben, weil ihr Bestehen ein Spezifikum
vonnöten hat, das dem Lichte dieser Sterne entstammt.
[Er.01_022,07]
Diese Wirkung jedoch kann von keiner Dauer sein, weil diese Sterne von den zwei
Gestirnen nie auf eine lange Zeit bedeckt werden; aber eine andere Situation
kommt dabei vor, aus der allerdings ein sehr fühlbarer Einfluß auf die Erde
herrührt.
[Er.01_022,08]
Diese Situation obbenannter zwölf Sternbilder ist jenes weniger bekannte
Schwanken sowohl der Erde in ihrer Bahn um die Sonne, als auch besonders die
Schwankungen des Mondes, der in vielen hundert Jahren kaum einmal vollkommen
wieder jene Bahn einschlägt, die er schon einmal gegangen ist. Durch diese
Schwankungen wird ganz natürlich der Zenitstand obiger zwölf Himmelszeichensterne
verändert, und diese Veränderung läßt dann sehr fühlbare und empfindliche
Veränderungen auf der Erde ins Dasein treten.
[Er.01_022,09]
Zu diesen veränderten Situationen gesellen sich noch die steten Veränderungen der
Planeten in ihren Standpunkten, welche kaum in tausend Jahren wieder vollkommen
in jene Stellung kommen, in der sie schon einmal ihren Einfluß auf die Erde
ausgeübt haben.
[Er.01_022,10]
Nebst diesen besonders zu beachtenden Situationen sind noch die Eruptionen des
Sonnenkörpers in die besondere Betrachtung zu ziehen; durch sie wird das Licht
der Sonne geschwächt und kann nicht mit jener zerteilenden Kraft auf die Erde
einwirken, als wenn sie ganz – ohne jene eruptiven Makeln – ihr Vollicht der
Erde spendet.
[Er.01_022,11]
Die Wirkungen jedoch, die von den oberwähnten Erscheinungen herrühren, werden
nicht so sehr in der untersten Luftregion wahrgenommen, als vielmehr nur in der
zweiten, die aber erst bei einer Höhe von manchmal fünf-, sechs- bis siebentausend
Fuß über dem Meeresspiegel ihren Anfang nimmt.
[Er.01_022,12]
Man wird hier sagen: Diese zweite Luftregion müßte ja wohl auch diejenigen
Wirkungen in sich verspüren, welche in der untersten Luftregion in ein
zahllosfältiges Dasein treten.
[Er.01_022,13]
Dazu sei aber gesagt, daß solch eine Behauptung sogar mathematisch unrichtig
wäre; denn die Strahlen von jenen überaus vielen, sehr weit entfernten Sternen
sind in dieser Höhe noch zu wenig kondensiert, können daher dort jene Spezifika
noch nicht bewirken, die sie ungefähr um 1000 Klafter tiefer sicher bewirken,
was schon aus dem Umstande leicht deduziert werden kann, daß man von einer
solchen Höhe zur Nachtzeit Sterne der vierten, fünften und sechsten Größe mit
freiem Auge gar nicht mehr erblickt, noch weniger jene der siebenten, achten
und so weiteren Größe, während jedermann mit gesunden Augen, besonders an den
Meeresküsten, in einer heiteren Nacht noch Sterne siebenter und achter Größe
mit freiem Auge erblicken kann.
[Er.01_022,14]
Warum kann er das auf einem siebentausend Fuß hohen Berge nicht und noch
weniger auf höheren Bergen? – Weil die einfallenden Strahlen von diesen sehr
fernen Sternen noch zu wenig kondensiert sind; der Einfallswinkel ist noch zu
spitzig, als daß ihn das Auge wahrnehmen könnte; auch hat er zu wenig
Lichtkörper, um irgend eine Wirkung hervorzubringen, und je höher hinauf es
steigt, desto mehr wird sich diese Theorie bestätigt finden. Daher geschieht es
denn aber auch, daß auf solchen Höhen die Vegetation abnimmt und am Ende gar
aufhört. Man glaube ja nicht, daß das lediglich von den alleinigen
Sonnenstrahlen herrühre, welche freilich, je höher hinauf, auch desto
schütterer werden. Die Sonne wirkt nur mittelbar; sie unterstützt das aus den
Sternen einfallende Licht, und zwar eben mit demselben Lichte, das sie aus
denselben Sternen genommen hat; sie ist also nur eine Unterstützerin, aber
nicht die Alleinspenderin.
23. Kapitel –
Die Erdatmosphäre und ihre Niederschläge.
3. Februar 1847
[Er.01_023,01]
Daß die Sonne leichtbegreiflichermaßen nur die Unterstützerin, nicht aber die
so ganz eigentliche Selbstspenderin des Lichtes ist, erhellt leicht aus dem,
daß die Sonne zuvor das Licht aus den zahllosen Sonnen auf ihrer
Glanzoberfläche aufnimmt und es dann wie ein vereintes Licht in die weiten
Ätherräume hinauswirft. Dieses hinausgeworfene, vereinte Vielsternenlicht
begegnet allenthalben auch denjenigen Lichtstrahlen, welche unmittelbar von den
Sternen auf diese Erde einfallen, vereinigt sich dann mit diesen Lichtstrahlen
und fällt dann gemeinschaftlich mit ihnen auf die Erde. Darin liegt die
Unterstützung, und es wäre das alleinige Sonnenlicht sehr matt, wenn das Licht
der Sterne nicht mit demselben wirkte; so wie das alleinige Licht des Mondes
sehr schwach wäre, wenn dasselbe nicht von dem Sonnenlichte, wie dieses von dem
Sternenlichte, unterstützt würde.
[Er.01_023,02]
Daß ein Licht aber das andere unterstützen kann, das beweisen euch mehrere in
einem Zimmer angezündete Lichter, die doch offenbar eine größere Helle
verbreiten als ein einzelnes.
[Er.01_023,03]
Auf der schon bekanntgegebenen Höhe der Berge kann aber diese Unterstützung
darum nicht von solcher Wirkung sein wie in der tiefer gelegenen Gegend, weil,
wie schon oben erwähnt, die Strahlen noch nicht die hinreichende Dichtigkeit
erreicht haben, welches daher rührt, weil der Luftkreis um die Erde ein
linsenförmig runder, durchsichtiger Körper ist, gleichsam wie ein großes
Brennglas, bei dem der Sonnenstrahl, wenn er durch dasselbe geleitet ist, nicht
sogleich hinter dem Glase die Brennstärke bekommt, sondern erst in jener
Entfernung, die gleich ist dem halben Durchmesser jener Peripherie, aus der die
kugelichte Oberfläche des Brennglases genommen ist; aber der Strahl tritt
hinter dem Brennglase stets enger zusammen und wird daher auch stets wirkender,
bis er endlich in der Brennpunktweite seine vollste Kraft erreicht. Der
Brennpunkt der großen Luftlinse wäre freilich erst im Mittelpunkte der Erde,
wohin aber nie ein Sonnenstrahl gelangt; aber dessenungeachtet wird der
Lichtstrahl, der auf die Oberfläche dieser großen Erdlinse fällt, innerhalb
derselben, gegen die Erde zu, sich gleichsam dem Brennpunkte nähernd, stets
dichter und wirksamer. Gegenstände, als da sind die Berge, kommen dann schon
mehr in den weniger dichten Teil der Lichtstrahlen als die tief gelegenen Täler
und besonders die Meeresgegenden der Erde; daher die Strahlen aus den
entfernteren Sternen da noch keine fühlbare Verdichtung haben können und daher
auch noch keinen Einfluß auf die Vegetation ausüben, oder mit anderen Worten
gesagt: Diese Lichtstrahlen bilden in solchen Höhen noch keine Spezifika; daher
auch jene verschiedenen Pflanzengattungen, die derlei Spezifika vonnöten haben,
auf solchen Höhen nicht mehr fortkommen.
[Er.01_023,04]
Aus diesem Grunde ist aber auch auf solchen Höhen die Luft in sich stets reiner
und reiner, was im Grunde ganz natürlich ist; denn: je weniger Gemenge sich in
einer Flüssigkeit befindet, desto reiner muß die Flüssigkeit für sich dastehen,
so wie auch ein Mensch in seinem Herzen stets reiner, frischer und kräftiger
wird, je mehr er das vielartige Gemenge von allerlei Leidenschaften,
Begehrungen und Bedürfnissen aus sich verbannt hat.
[Er.01_023,05]
Weil aber eben auf solchen Höhen oder, besser gesagt, in diesen Regionen die
Strahlen aus den kleineren Sternen, wie selbst die aus der Sonne, zufolge ihrer
geringen Verdichtung noch keine solche Wirkung haben können als tiefer herab,
so ist eine solche Höhenregion gewisserart ein Übergangspunkt von der früheren
Nichtwirkung zur gleich darauf schon mehr und mehr entstehenden Wirkung; oder:
auf solchen Höhen fangen die Strahlen an, sich zu verdichten, teils durch ihre
eigene Verdichtung und teils durch den Reflex oder jene zurückgehenden
Strahlen, welche von der Erdoberfläche wieder abprallen. – Durch dieses
Strahlen und Gegenstrahlen werden dann in dem Lichte gewisse Evolutionen
bewirkt, welches in sich wie eine Art Wogen aussieht. Wenn dieses Wogen eine
Zeit fortdauert, so wird durch dasselbe auch ein Spezifikum aus dem Grunde
hervorgerufen, weil eben dieses Wogen schon ein, nach eurer gelehrten Art zu
sprechen, chemischer Lichtprozeß ist; und dieses Spezifikum, das in sich
natürlich ein gemengtes, gar vielfaches ist, tritt dann zuerst als ein
Hochgebirgsnebel in die Erscheinlichkeit; und wird dieser chemische Lichtprozeß
nicht durch etwas unterbrochen, so werden aus den Nebeln bald Wolkenmassen in
dieser Höhenregion zum Vorscheine kommen, die sich nach und nach stets mehr
verdichten und endlich gar in Regentropfen oder, in Winterszeit, auch in Schneeflocken
zur Erde herabfallen.
[Er.01_023,06]
Daß der Regen und alle diese aus der Luft herabfallenden Dinge aus dem Lichte
hervorgehen, beweist so manche Erscheinung auf der Erdoberfläche, besonders in
den tropischen Ländern, wo nicht selten ein Regen fällt, der alles mit einem
phosphorartigen Lichtschimmer überzieht, worauf er nur immer fällt; sogar die
Meeresoberfläche glänzt oft so stark, als wäre sie ganz glühend. Auch
Gegenstände, die von dem Meere befeuchtet werden, schimmern wie Moderholz in
den Wäldern.
[Er.01_023,07]
Nicht minder hat der Schnee ein eigenes Licht und zeigt deutlich, daß er ein
Produkt des Lichtes ist.
[Er.01_023,08]
Auf diese Weise entstehen alsdann, aus natürlicher Begebnisweise betrachtet,
die Nebel und Wolkengebilde in unserer zweiten Luftregion, wobei aber freilich
die gegenseitig polarisch wirkende Kraft des Nord- und Südpols, die besonders
in dieser Region sich tätigst kundgibt, nicht außer acht zu lassen ist; denn
durch sie werden diese Neugebilde mit der tellurischen Elektrizität gesättigt
und bekommen durch diese Sättigung erst jene Kondensation, durch welche sie
dann dem Erdkörper als eine Nahrung für dessen Pflanzen- und Tierwelt zugeführt
werden.
[Er.01_023,09]
Die gesättigten Wolken, die so das Tellurische in sich aufgenommen haben,
bekommen gewöhnlich eine dunkle Färbung, während die ungesättigten, reinen viel
weißer und auch leichter aussehen. Diese Doppelart von Wolken bildet dann unter
sich selbst eine entgegengesetzte Polarität, wo sich die gesättigte, dunkle als
negativ und die ungesättigte, reine, weiße als positiv darstellt.
[Er.01_023,10]
Daß da allzeit die negative das kürzere ziehen muß, versteht sich von selbst.
Denn: was schwer ist und stets schwerer wird, muß herabfallen. Daher auch
Menschen, die ihr Herz mit zu viel tellurischen, negativen Albernheiten
sättigen und dasselbe dadurch stets mehr und mehr beschweren und es eben
dadurch auch dichter, undurchsichtiger und fürs Licht untauglicher machen,
nicht geschickt sind, in das Reich des Lichtes aufzusteigen, wohl aber es
dadurch tauglicher und tauglicher machen für den Hinabsturz in die Reiche der
Finsternis.
[Er.01_023,11]
Eine gewöhnliche Erscheinung auf solchen Höhen ist das, daß Menschen, die sich
die Mühe nehmen, eine solche Höhe zu ersteigen, gewöhnlich auf eben so einer
erstiegenen Höhe sehr heiter und fröhlich werden und leicht aller der
Beschwerden vergessen, mit denen sie in der Tiefe zu kämpfen hatten.
[Er.01_023,12]
Zugleich bekommen die meisten auch eine bedeutende, starke Lust zum Essen und
zum Trinken und können oft auf einer solchen Höhe Speisen genießen, ohne irgend
eine Magenbeschwerde sich zuzuziehen, welche Speisen sie in der Tiefe nicht
einmal anschauen durften. Die Ursache davon liegt lediglich in der größeren
Reinheit der Luft und hat eine große Ähnlichkeit mit dem Zustande der Seligen,
die auch alles genießen dürfen, ohne daß es ihnen etwas schadet, weil in dem
Reinen alles mehr und mehr gereinigt wird und das Schädliche dort nicht mehr
schädlich werden kann, wo es in Ermangelung der dazu erforderlichen Spezifika
keine weiter ausbildende Nahrung mehr findet.
[Er.01_023,13]
Das wäre somit eine genügende Darstellung der zweiten Luftregion, welche sich
über 10000 Klafter über dem Meeresspiegel erhebt und natürlich, je weiter
aufwärts, stets reiner wird. – Nächstens werden wir daher uns in die dritte
Luftregion begeben und sehen, was da geschieht, und wozu diese Luftregion
dienlich ist.
24. Kapitel –
Das Auge der Erde.
5. Februar 1847
[Er.01_024,01]
Die dritte Luftregion ruht auf der zweiten ungefähr sogestaltig, als so jemand
ein sehr reines, ätherisches Öl über ein reines Wasser geben würde, wo dieses
Öl dann sich nicht mit dem Wasser vermengt, sondern, obschon knapp an der
Wasseroberfläche liegend, aber jedoch nicht die Reinheit des Wasserspiegels
beeinträchtigend, im Gegenteile diesem Spiegel einen doppelt schönen Glanz
verleiht. Diese dritte Luftregion ist auch gleich wie ein ätherisches Öl; sie
ist gewisserart das Schmalz, womit die beiden unteren Luftschichten geschmalzen
werden, und ist zugleich das ätherische Salz, welches die unteren Luftschichten
salzt und sie somit zum Genusse für Tiere und Pflanzen wohlschmeckend macht.
[Er.01_024,02]
Alle Wohlgerüche kommen von dieser dritten Luftregion herab, wo sie durch das
Licht und Salz – d. i. ein ätherisches Salz – herabgeführt werden, um durch die
in der Nähe der Pflanzen angesammelte Elektrizität in die Pflanzen selbst
geleitet zu werden und ihnen das ätherische Öl und mit demselben den
mannigfaltigsten Wohlgeruch zu geben. Bei manchen Pflanzen kann man dieses Öl
in sehr kleinen, höchst durchsichtigen Harzkügelchen mit freiem Auge, sehr gut
aber mit einem Mikroskope, entdecken.
[Er.01_024,03]
Kurz und gut, mit einem gesagt: Der Geruch, auch zum größten Teile der
Wohlgeschmack, und die mannigfaltige schöne Färbung, besonders der Blumen wie
auch der Früchte, rühren hauptsächlich von dieser dritten Luftregion her; denn
der Geschmack, der Geruch, wie auch zum größten Teile die schöne Färbung, sind
rein ätherische Substanzen und können daher nur von dort ihren Ursprung haben,
wo sie am nächsten dem Äther sind, von dem alle diese zahllos vielen
ätherischen Spezifikalsubstanzen herrühren.
[Er.01_024,04]
Diese spezifikalätherischen Substanzen ergreifen sich in dieser dritten
Luftregion und machen gewisserart ein Fluidum aus, welches aber in den
durchgehenden, verschiedenartigen Strahlen aus den zahllosen vielen Sternen
seine gewisserart chemische Verwandtschaft findet, sich mit denselben vereinigt
und zu der Erde herabkommt und diejenigen Pflanzen oder Tiere substanziell
erfüllt, welche mit den verschiedenen Lichtspezifikalgrundstoffen entsprechende
Verwandtschaft haben.
[Er.01_024,05]
Diese dritte Luftregion entspricht auch jeder Pflanze, und zwar dem Außenteile derselben;
dieser Außenteil bei den Pflanzen ist allezeit die Knospe, die Blüte und auch
die Frucht, sowie auch die Blätter und die elektrizitätsaugenden Spitzen an
denselben. Alle diese Teile an den Pflanzen haben ein ätherisch reines
Aussehen. Dieses ist gleichentsprechend der dritten Luftregion. Denn gewöhnlich
ist es äußerst zart, subtil und wohlschmeckend, bei manchen Pflanzen freilich
auch widerlich riechend; allein dieser widerliche Geruch ist nur eine Folge der
Überwiegenheit der inneren, tellurischen Säfte, welche gewisserart von diesen
reinen, himmlischen Substanzen nicht überboten werden können.
[Er.01_024,06]
Bei den Tieren findet man noch auffallender die Substanzen aus dieser dritten
Luftregion vereinigt. Aber freilich sind sie hier gewisserart schon in der
zweiten Hand, daher auch nicht so rein ätherisch wie bei manchen Pflanzen;
jedoch das Mark im Kopfe, welches gewöhnlich durch die Haare aus der Luft
absorbiert wird, und ganz besonders die höchst reinen Flüssigkeiten im Auge –
besonders jene unter der ersten Hornhaut, wie auch die Hornhaut selbst – werden
durch die Augenbrauen und Augenlider aus der Luft absorbiert und dann in das
Auge geleitet; und demnach ist diese dritte Luftregion dem Auge gewisserart
ähnlich, und zwar auch aus dem Grunde ähnlich, da sie nebst den schon oben
angezeigten Zwecken auch diesen Zweck hat für die gesamte Erde, welchen Zweck
das Auge bei den Menschen und bei den Tieren hat.
[Er.01_024,07]
Diese dritte Luftregion ist also auch so ganz eigentlich das Auge der Erde; denn
hätte die Erde nicht ein solches allgemeines Sehvermögen, so würde auch kein
Wesen auf ihr eines haben; denn die Sache ist ganz natürlich: Was jemand nicht
hat, das kann er nicht geben; hat man es aber, so kann man es geben; wie auch:
Wo nichts ist, hat Kaiser und Tod sein Recht verloren.
[Er.01_024,08]
Aber nicht nur allein die Erde hat in dieser dritten Luftregion ihr Auge,
welches um die ganze Erde ausgebreitet ist, sondern auch jede Pflanze hat in
ihren, dieser dritten Luftregion entsprechenden Teilen ein Sehvermögen oder
gewisserart ein Auge, durch welches sie das Licht in sich aufnimmt. Daß die
Pflanze aber gewiß und bestimmt auch ein Auge hat oder besser ein ihr
eigentümliches Sehvermögen, rührt ganz begreiflich schon aus dem Umstande her,
daß die meisten, ja fast alle Pflanzen ihre Blumenkelche der Sonne zuwenden, um
von ihr das Licht einzusaugen; auch kann man diese Wahrheit daraus erkennen,
daß eine Pflanze, welche in einem finstern Keller emporkeimt, ihren Keim genau
dahin treibt, wo sich eine Lichtöffnung befindet, und hat sie diese gefunden,
dann beugt sie ihren Kopf ja nicht mehr zurück, sondern schiebt denselben
fortwährend stets mehr dem helleren Lichte entgegen.
[Er.01_024,09]
Es dürfte wohl mancher fragen: Wozu braucht wohl die Erde nach allem dem also
ein großes allgemeines Auge? Was schaut sie damit, und kann sie sich von dem
wohl eine Vorstellung machen, was sie schaut?
[Er.01_024,10]
Da sage Ich: Alles nach seiner Art! Die Erde schaut fortwährend den ganzen
unendlichen Raum um sich herum, und diese allgemeine Anschauung erzeugt in der
Erde selbst bei allen in ihr wohnenden Geistern eine allgemeine entsprechende
Vorstellung, aus welcher jedes einzelne geistige Wesen seine Intelligenz
schöpft, und zwar jene für die Außenwelt. Das aber wäre unmöglich ohne das
allgemeine, große Sehvermögen der Erde. Die Erde als Körper weiß in ihrem
Allgemeinwesen freilich nichts von dem, was sie schaut; und es wäre auch nicht
notwendig, der Erde eine eigene, sich selbst bewußte Erkenntnis zu geben, weil sie
– wie wir es in dem späteren, geistigen Teile hören werden – kein für sich
einzeln selbständiges Wesen ist, sondern sie ist ein endlos vielfaches Wesen
und besteht aus zahllosen einzelnen Intelligenzen. Diese Intelligenzen aber
sind es, die des großen, allgemeinen Erdauges bedürfen, so wie auch jeder
Mensch und jedes Tier ohne dieses allgemeine Erdauge mit seinem eigenen Auge
nichts sehen würde, denn durch eben dieses Auge schaut der Mensch die Sonne,
den Mond und die Sterne. Denn das wird etwa doch klar sein, daß der Mensch mit
seinem kleinen Auge unmöglich je die große Sonne übersehen könnte, wenn nicht
zuvor das große Erdauge ein Kleinbild von der Sonne aufnehmen und dieses dann
erst dem menschlichen Auge zuführen würde. Und so sieht niemand etwa die Sonne
oder den Mond und die Sterne, wie sie da sind in ihrer Eigentümlichkeit und in
ihrer weiten Ferne, sondern nur deren Abbilder von der Oberfläche des großen
allgemeinen Erdauges, dessen Oberfläche – wie schon einmal bemerkt – noch mehr
als der reinste Wasserspiegel glänzend und daher sehr geeignet zur Aufnahme der
Bilder von den großen, sie umgebenden Weltkörpern ist.
[Er.01_024,11]
Dieser Eigenschaft der Erde zufolge hat es dann auch wirklich schon Narren von
Astronomen gegeben, welche die Sonne für höchstens zehn Meilen entfernt
angenommen haben und die Sonne für ein Meteor hielten, welches leicht binnen 24
Stunden um die Erde kreise. Allein zu dieser törichten Meinung hat sie bloß die
Erscheinlichkeit geleitet, derzufolge das von euch gesehene Bild der Sonne
wirklich nicht viel weiter von der Erde absteht. Aber dieses Bild ist nicht die
Wirklichkeit, sondern ist nur ein Kleinbild jener großen Sonne, die über 20
Millionen Meilen von der Erde absteht. Zugleich aber nimmt dieses Auge auch
Bilder von der Oberfläche des Erdkörpers auf und führt dieselben weiter zu den
anderen Weltkörpern, so wie auch die anderen Weltkörper ihre Oberflächen durch
ihr allgemeines Auge zu dem allgemeinen Auge dieser Erde führen. Aus dieser
Eigenschaft sind besonders in den tropischen Ländern die sogenannten Fata
Morgana-Erscheinungen zu erklären, und in den tropischen Ländern darum, weil
dort diese dritte Luftregion zuweilen sogar unter manche, nicht einmal sehr
bedeutende Berghöhen sich senkt. Auch sind die in den tropischen Ländern,
besonders auf den Gebirgen, nicht selten vorkommenden balsamischen Düfte ein
Grund davon, daß sich diese dritte Luftregion manchmal so tief hinabsenkt; denn
da würdet ihr vor lauter Wohlgeruch nicht bestehen können.
[Er.01_024,12]
Was diese dritte Luftregion noch für Eigenschaften hat, welche Erscheinungen
noch in ihr ersichtlich vorkommen, und wie sie manchmal von der Erde aus
gesehen wird, darüber werden wir nächstens noch einige Betrachtungen anstellen.
25. Kapitel –
Das Wesen des Feuers.
6. Februar 1847
[Er.01_025,01]
Diese dritte Luftregion, die, wie schon oben bemerkt, als die reinste, somit
auch durchsichtigste, wie ein ätherisches Öl auf der zweiten Luftregion ruht,
hat nebst den bereits schon erwähnten Eigenschaften auch diese ganz besondere,
daß sie durch irgend eine Störung sich überaus leicht entzündet; besonders aber
leicht entzündlich ist sie an jenen Stellen, wo irgend ein Körper, als z.B. ein
Meteorit, in ihre Region gerät und sie gewisserart eine bedeutende Strecke hin
durchschneidet. Diese Entzündung ist jedoch ganz eigentümlicher Art, und das
darum, weil dabei kein Verbrennen stattfindet. Es ist ein Leuchten, aber kein
Verbrennen. Dieses Leuchten und diese ganz besondere Art der Entzündung zu
erklären, wird für eure Begriffe freilich wohl etwas schwer sein; aber
dessenungeachtet werden wir trachten, die Sache so klar wie möglich zu machen.
[Er.01_025,02]
Um diesen besonderen Akt zu verstehen, muß vorerst über das Entzünden oder
überhaupt über die Natur des Entzündens etwas Näheres gesagt werden.
[Er.01_025,03]
Was ist denn eigentlich das Entzünden? – Da würden freilich manche sagen: Wenn
man brennbare Gegenstände an das Feuer bringt oder sie überhaupt einer großen
Hitze aussetzt, so entzünden sie sich und verbrennen nachher. Allein mit dieser
Erklärung wird niemand gar zu weit kommen, denn das weiß die einfachste
Küchenmagd, daß sich Holz und andere brennbare Gegenstände entzünden, wenn man
sie ins Feuer bringt.
[Er.01_025,04]
Aber: Was ist das Feuer, welches in sich selbst die Entzündung ist? Das kann
auf keinem physischen Wege mehr erklärt werden, weil das, was eigentlich Feuer
ist, allzeit schon ins rein Geistige greift; ob gut oder böse, das ist hier
einerlei.
[Er.01_025,05]
In aller Materie sind Geister. Wenn diese irgend angeregt werden, so entzünden
sie sich, oder sie kommen in einen stets größeren Eifer, in welchem sich ihre
Tätigkeit und ihre Kraftäußerung vermehrt. In solcher Potenzierung des Eifers
und der Kraft geschieht dann auch eine übergroße regsame Bewegung, welche sich
wie überaus schnelle Schwingungen aufeinander folgt. Durch diese Bewegung wird
die Materie zerstört, der große Eifer reißt alles in die allerkleinsten Atome
auseinander. Die Geister werden endlich nach der völligen Besiegung der Materie
flott und suchen in der Erscheinlichkeit der aufsteigenden Rauchsäule ihre
Freiheit, und die Materie bleibt als Asche zurück.
[Er.01_025,06]
Demnach ist das Entzünden ein Erregen des Geistigen in der Materie, und die
Fortdauer und das stets Mächtigerwerden des Erregens ist der Akt des
Verbrennens. Das Leuchten des Feuers liegt in der überaus starken und schnellen
Bewegung des Geistigen, und die Fortpflanzung des Lichtes von dem Feuer ist
ebenfalls eine Erregung der gleichen Geister in der gesamten Materie wie im
gesamten Luftkreise. Darin besteht der Akt des Entzündens und Verbrennens.
[Er.01_025,07]
Aber wohlgemerkt, hier auf der Erde geschieht das gewöhnlich durch die
Erregtheit noch unlauterer und unreiner Geister; daher das Feuer gewöhnlich
schmutzig und rötlich, gewisserart noch grimm- und zornsprühend, aussieht.
[Er.01_025,08]
Es kann aber auch eine andere Entzündung stattfinden, nämlich durch den Eifer
der Liebe; diese Entzündung ist jedoch nicht zerstörend und verderbend.
[Er.01_025,09]
Etwas Ähnliches von einer solchen Entzündung ist das Widerstrahlen des
Sonnenlichtes von der Oberfläche des Wassers. Durch das Liebelicht der Sonne
werden die friedlichen Geister des Wassers eben auch sehr erregt, aber sie
zerstören in dieser Erregsamkeit nichts. Es wird zwar die ganze Oberfläche des
Wassers entzündet und sprüht weit und breit die Strahlen wieder von sich
hinaus; aber dennoch verbrennt dabei nichts.
[Er.01_025,10]
Gleicherweise geschieht auch im Spiegel eine Entzündung, wenn der Strahl darauf
fällt; aber es geht dabei kein Akt des Verbrennens vor sich, weil da eine
Anregung des Gutgeistigen stattfindet. Wird aber ein gutgeistiger Sonnenstrahl
der Liebe potenziert auf Körper geleitet, die noch unlauteres Geistiges in sich
haben, da entzündet er auch mit dem Akte des Verbrennens.
[Er.01_025,11]
Nun sehet, da wir einmal den Akt des Entzündens für euch so faßlich als möglich
erörtert haben, so ist es nun ein Leichtes, das Entzünden dieses
Ätherluftgehaltes in der dritten Luftregion, wenn diese durch einen Körper in
ihrer gewöhnlichen Ruhe gestört wird, zu erklären. Ein durch diese dritte
Luftsphäre fallendes oder fliegendes Meteor reißt die Luft natürlich
auseinander; dadurch bekommt diese Luft ob der gewöhnlich sehr schnellen
Bewegung solcher Körper einen hohlen Raum. Dieser hohle Raum bildet aber eine
Spiegelfläche, in welcher sich in dem Augenblicke die Lichtstrahlen von
zahllosen Sternen wie in einem Hohlspiegel, oder noch besser, wie in einem
Zylinderspiegel konzentrieren, und dieser Strahlenreflex hat, von der Erde aus
gesehen, das Ansehen eines Feuers; allein es ist durchaus kein Feuer, sondern
bloß die reflektierende, obbeschriebene Wirkung des Sternenlichtes in dem
neugebildeten Luftzylinderspiegel.
[Er.01_025,12]
Diese Erscheinlichkeit in dieser dritten Luftregion ist demnach eine ganz
besondere Eigenschaft eben dieser dritten Luftregion, weil eine gleiche
Erscheinlichkeit in den unteren Luftregionen darum nicht vorkommen kann, weil
in ihnen die Luft zu schwer ist und zu schnell hinter einem sie
durchschneidenden Körper zusammenfällt, während die sehr leichte Luft der
dritten Region nur sukzessiert zusammenfällt, aus welcher Ursache hinter einem
solchen fliegenden Meteore noch ein langer, drachenähnlicher Schweif zu sehen
ist.
26. Kapitel –
Erscheinungen in der dritten Luftregion.
8. Februar 1847
[Er.01_026,01]
Alle derlei Erscheinungen müssen aber dennoch nicht als völlig gleichartig
betrachtet werden, da es unter den leuchtenden Meteoren auch wirklich einige
gibt, die sich derart entzünden, daß da mit der Entzündung auch wirklich ein
Verbrennen vor sich geht; aber dessenungeachtet rührt die Entzündung solcher
meteorischer Körper dennoch von der dritten Luftregion her, wobei aber der Akt
des Verbrennens erst dann eintritt, wenn ein solches Meteor von einem größeren
Durchmesser in die zweite, oder manchmal wohl gar in die erste Luftregion der
Erde gelangt und eine sehr schnelle Bewegung hat. Denn eine mittelschnelle oder
schon mehr einer starken Verzögerung sich nähernde Bewegung bedingt die
verbrennbare Entzündung nicht. Ein Meteor muß in einer Sekunde wenigstens eine
bis fünf deutsche Meilen zurücklegen, wenn es sich wirklich verbrennbar
entzünden soll; ist die Bewegung langsamer, so erfolgt keine Entzündung, mit
der das Verbrennen verbunden ist.
[Er.01_026,02]
Als eine besondere Erscheinlichkeit bei der Entzündung oder noch besser beim
Leuchten der durch die dritte Luftregion fallenden Meteore ist das anzusehen,
daß besonders der Kopf eines solchen Meteors am meisten leuchtet. Dieses
Leuchten des Kopfes, solange derselbe die dritte Luftregion durchschneidet, ist
ganz homogen dem Leuchten dessen Schweifes; es ist ein konzentrierter
Strahlenreflex, und das darum, weil der feste Körper, der dazu noch gewöhnlich
rund ist, um sich ganz natürlich die leichte, ätherische Luft auseinandertrennt
und um sich, besonders am vorderen Teile des Kopfes, eine Lufthülse bildet,
welche um den Körper eine hohlspiegelartig glänzende Fläche macht, die das
Licht von den leuchtenden Weltkörpern aufnimmt und es dann weiter zur Erde
herabspendet; und so jemand einen runden Stein sehr heftig in ein reines Wasser
werfen möchte, der könnte sich von einer ähnlichen Erscheinung ein kleines
Ebenbild machen, – denn wenn der Stein auch schwarz ist, so wird man ihn unter
dem Wasser mit einem ganz weißen Kopfe vordringen sehen. Dieses Weiße des
Kopfes ist nichts anderes als ein durch den schnellen Vordrang des Steines
gebildeter Wasserhohlspiegel, der die in das Wasser fallenden Strahlen
konzentrierter aufnimmt und wieder zurückwirft. Aus eben diesem Grunde erscheint
auch der Schaum des Wasser weiß, weil die Wasserblasen gewisserart lauter
Hohlspiegel sind, welche in sich eine Menge Strahlen aufnehmen und sie dann
konzentriert wieder ausstrahlen lassen. Was hier das Wasser zeigt, das zeigt
dort das Leuchten eines Meteors, nämlich nichts anderes als einen
konzentrierten Reflex des Lichtes.
[Er.01_026,03]
Wann aber ein dem Volumen nach größeres Meteor in die zweite Luftregion
herabkommt, dann entzündet es sich oft wirklich, und zwar durch die Reibung in
der schwereren Luftschicht. Ist die Bewegung sehr schnell, so kann ein solches
Meteor sogar noch wirklich brennend auf die Erde herabkommen, was jedoch
äußerst selten geschieht. Bei einer verzögerten Bewegung, welche in der
dichteren Luftregion leicht erklärbar ist, tritt dann bald das Erlöschen ein,
und der Körper fällt dann ganz finster irgendwo zur Erde nieder. Doch würde
selbst ein größeres Meteor bei sehr schneller Bewegung sich dennoch nicht
entzünden, wenn es nicht zuvor mit der sehr leicht brennbaren ätherischen Luft
der dritten Region gesättigt worden wäre. Diese ätherische Luft ist dann das
eigentliche brennbare Wesen eines solchen Meteors, wenn dasselbe in die
dichtere Luftregion gelangt ist.
[Er.01_026,04] Das
ist nun das Gesamte von der besonderen Erscheinlichkeit in unserer dritten
Luftregion und auch das besonders Eigenschaftliche eben dieser Region mit in
sich begreifend. Es handelt sich nun nur noch darzutun, wie diese Luft und die
in ihr vorkommenden Erscheinungen von der Erde aus gesehen werden. Was das
Wie-Gesehenwerden der Meteore anbelangt, das braucht wohl keine weitere
Erklärung mehr; aber es gibt noch andere Erscheinlichkeiten, die aus dieser
Luft herrühren, und diese müssen wir auch noch berühren, damit wir dann alles
wissen, was zum Materialismus des Erdkörpers gehört.
[Er.01_026,05]
Ihr werdet schon oft so ganz weiße, fein geriegelte sogenannte Lämmerwolken
gesehen haben. Diese Wolken sind äußerst subtil und so durchsichtig, daß sie
selbst das Licht der Sterne beinahe ganz ungetrübt durchscheinen lassen. Diese
Lämmerwolken sind die höchsten, die über dem Erdkörper vorkommen; diese Wolken
entstehen durch eine gewisse Art Vermählung des reinen Äthers mit der
Oberfläche der dritten Luftregion; sie sind eigentlich gar keine Wolken,
sondern bloß wellenartige Bewegungen auf der höchsten Oberfläche der dritten
Luftregion, die dadurch hervorgerufen werden, wenn durch den weiten Äther
gewisse Lichtwesen sich der Erde zu nähern anfangen, welche Lichtwesen auf euch
schon bekanntem Wege den Sonnenkörpern entstammen. Da diese substanziellen
Wesenheiten schon eine gewisse Ponderabilität haben, so bringen sie durch den
Aufsturz auf die leicht erregbare Oberfläche der dritten Luftregion eine
wellenartige Bewegung auf selbiger hervor, welche Bewegung das auffallende
Sonnenlicht nicht mehr geradlinig, sondern mit manchen Brechungen durchgehen
läßt; und diese verschiedenartige Brechung auf den Wellen der dritten
Luftregion bewirkt dann eben jene Erscheinung, die sich wie weiße,
feingeriegelte Lämmerwölkchen ausnehmen läßt.
[Er.01_026,06]
Daß nach solchen Erscheinungen gewöhnlich gern Ungewitter eintreten, das rührt
doch ganz klar von der Ankunft fremder Gäste her, die von den geistigen
Erdbewohnern gewisserart gefragt werden, woher des Landes, und was sie hier
machen. Bei solchen Fragen gibt es dann immer manche Reibungen und
Anstaltenmachungen, wie solche neue Ankömmlinge auf eine für die Erde
unschädliche Art allda Platz finden können. Wollen sich die neuen Ankömmlinge
geduldig fügen, was selten der Fall ist, dann erfolgt auf die Lämmerwölkchen
kein Ungewitter; wenn aber das nicht der Fall ist, so wird geordnete Macht für
Recht gebracht, und dann muß sich das fügen, was sich früher freiwillig fügen
sollte. – Das wäre demnach wieder eine eigentümliche Erscheinung aus dieser
dritten Luftregion, und auch, wie sie von der Erde aus gesehen wird.
[Er.01_026,07]
Endlich aber gibt es noch eine, die wohl seltener gesehen wird, aber
dessenungeachtet sehr beachtenswert ist, weil sie sozusagen eine rein geistige
Erscheinlichkeit ist, welche aber dennoch mit dem fleischlichen Auge
wahrgenommen werden kann. Diese Erscheinung kommt nur in äußerst warmen Tagen
zum Vorschein und ist in einer Art weißblauer Streifen ersichtlich. Diese Streifen
sind ein Moment der seligen Geister, wo diese gewisserart gesellschaftlich
zusammentreten, in der Ruhe sich vergnügen und dann weiter beraten, was sie tun
werden, und wie die Ämter neuen Geistern zur Verwaltung unterbreitet werden. An
solchem Tage ist dann auch auf dem Erdboden beinahe Totenstille; da regt sich
kein Blättchen, kein Wölkchen von gewöhnlicher Art ist irgend zu erschauen, und
auf der Erde ist es drückend heiß. Dieser Zustand aber dauert nie lange. Wird
gewisserart diese Sitzung aufgehoben, dann bemerkt man schon wieder Regungen,
und besonders wenn neue Geister zur Beherrschung der Luft, der Gebirge, der
Meere usw. gestellt werden, dann ist es nicht selten auch der Fall, daß die
neuen Besen reiner kehren als die alten; daher wird es nach solchen
Erscheinungen auch bald eine Menge von allerlei Winden geben, und die
Luftschweremesser werden fleißig auf „Veränderlich“ stehen, daher es bei einer
solchen Erscheinung mit der Beständigkeit des Wetters auf eine Zeitlang ein
Ende hat.
[Er.01_026,08]
Diese obbeschriebenen weißblauen Streifen sind demnach nichts anderes als
gewisserart ruhig beisammenstehende Geisterheere, und zwar auf der Oberfläche
der dritten und reinsten Luftregion, welche auf diese nun beschriebene Art
sogar vom fleischlichen Auge des Menschen gesehen werden können.
[Er.01_026,09]
Geistig bestellte Menschen, deren Sehe eine doppelte ist, würden da mehr als
bloß weißblaue Streifen sehen; allein derart Menschen sind in dieser Zeit, wo
man alles aus Eisen zu modellieren anfängt, noch seltener geworden als die
Diamanten in den Nordgegenden der Erde, wo sie zwar wohl auch vorkommen, aber,
wie gesagt, überaus selten; und wann sie schon vorkommen, so sind sie klein,
unansehnlich und somit auch von keinem besonders großen Werte, – oder: es gibt
nun ganz verzweifelt wenig Paulusse und Petrusse mehr.
[Er.01_026,10]
Damit ist aber auch die natürliche oder materielle Darstellung der Erde zu
Ende, und wir werden somit nächstens uns über die geistige Erde beschaulich
machen.
Die geistige
Erde
27. Kapitel –
Entstehung und Zweck der Materie.
9. Februar 1847
[Er.01_027,01]
Bei der Betrachtung des geistigen Teiles der Erde werden wir, um uns gründlich
zu instruieren, eine retrograde Bewegung machen und werden nicht aus der Tiefe
in die Höhe, sondern aus der Höhe in die Tiefe steigen, was da ganz in der
Ordnung ist, weil man nicht von innen nach außen, sondern von außen nach innen
sich kehren muß, um zu dem eigentlich Geistigen zu gelangen, das da bei jedem
Dinge das Tiefste und das Inwendigste ist.
[Er.01_027,02]
Es ist euch schon zu oftmals gezeigt worden, daß innerhalb des Materiellen sich
allezeit Geistiges birgt, und wie die eigentlich schaubare Materie an und für
sich im Grunde nichts anderes ist als gefangenes, gefesseltes und fixiertes
Geistiges; dennoch aber soll auch hier zur gründlicheren Erkenntnis dessen noch
so manches Erläuternde folgen.
[Er.01_027,03]
Ihr könnt was immer für eine Materie betrachten, so werdet ihr es dennoch nicht
finden, daß diese nur irgend als vollkommen solid in die Erscheinlichkeit
tritt, sondern jede Materie ist teilbar, weil sie aus Teilen besteht, und
zwischen diesen Teilen sind noch immer Räumchen, die von den Naturkundigen
Poren genannt werden.
[Er.01_027,04]
Über die Teilung der Materie ist bis jetzt noch kein Gelehrter im reinen, und
niemand kann es bestimmen, in welche endlich kleinsten Teile die Materie
teilbar ist. Man nehme nur z.B. einen Gran Moschus, lege ihn in einem großen
Gemache auf irgend einen Platz: in kurzer Zeit wird das große Gemach in all
seinen Räumen mit dem Moschusdufte erfüllt sein, und man darf ein solches
Stückchen viele Jahre liegen lassen, und es wird weder an seinem Volumen noch
an seinem Gewichte etwas Merkliches verlieren; und doch mußten in jeder Sekunde
viele Millionen Teilchen sich von diesem Stückchen flüchtig abgelöst haben, um
fortwährend die weiten Räumlichkeiten des Gemaches mit dem Moschusdufte zu
erfüllen. Dergleichen Beispiele könnten noch eine große Menge angeführt werden;
allein für unsere Sache genügt dieses einzige, um einzusehen, daß es da mit
irgend einer definitiven Bestimmung über die endliche Teilbarkeit der Materie
sicher seine geweisten Wege hat. Wenn aber nun dargetan ist, daß wenigstens für
eure Begriffe alle Materie bis in ein nahe unendliches Minimun teilbar ist, so
ist es doch anderseits mehr als klar, daß die Materie notwendig aus Teilen
zusammengesetzt sein muß. Wer aber zieht diese Teile zusammen und klebt sie so
fest aneinander, daß sie endlich wie eine einfache Masse aussehen, die manchmal
mehr, manchmal weniger fest ist? – Sehet, da ist schon die erste Stufe, auf
welcher das Geistige beginnt.
[Er.01_027,05]
Diese endlos kleinen Teile sind ursprünglich nichts als lediglich eine
Ideenkraft aus Mir, dem Schöpfer aller Dinge; diese Ideenkraft bekommt Form,
und die Form bekommt Leben aus dem Leben des Schöpfers.
[Er.01_027,06]
Der Schöpfer gibt die neubelebte Form frei von Sich, gibt ihr aus Seinem
eigenen Urlichte ein Eigenlicht und mit diesem Lichte, das lebendig ist, die
eigene Intelligenz, durch die die neubelebte Form sich erkennt und ihrer selbst
wie ein selbständiges Wesen bewußt wird.
[Er.01_027,07]
Hat die Form sich also erkannt, da wird ihr die Ordnung, ein Gesetz alles
Seins, gegeben, mit dieser Ordnung das innerste Feuer der Gottheit, ein Funke
der ewigen Liebe; aus dem geht hervor der Wille. Nun hat die neubelebte Form
Licht, Selbsterkenntnis, Selbstbewußtsein, die Ordnung und den Willen und kann
ihren Willen der Ordnung gemäß einrichten oder auch dieser Ordnung
dawiderhandeln.
[Er.01_027,08]
Handelt und bewegt sich so ein neues Geschöpf der Ordnung gemäß, so wird es wie
ein Baum erfesten und wird als ein vollkommenes, freies Wesen in dem großen
Schöpfungsraume auftreten zum ewigen Fortbestehen, weil all sein Wesen aus Mir,
der Ich doch sicher ewig bin und ewig sein werde, geschöpft ist; und darum ist
der Mensch ein Geschöpf, weil all sein Wesen aus Mir geschöpft ist, und sein
Los kann kein anderes sein als Mein eigenes, weil das seinige aus Mir geschöpft
ist, so, als wenn jemand aus dem Brunnen ein Wasser schöpft, das Wasser im
Gefäße gleich ist dem Wasser im Brunnen und die gleiche Bestimmung hat als das
Grundwasser im Brunnen, aus dem es geschöpft wurde.
[Er.01_027,09]
Wenn aber so ein neues Wesen oder Geschöpf mit seinem freien Willen der
gegebenen Ordnung nicht Folge leistet, so geht es natürlich seinem Untergange
oder seiner Auflösung entgegen, was ganz natürlich leicht begriffen werden
kann.
[Er.01_027,10]
Wenn jemand eine Pflanze in die Erde setzt, gönnt ihr aber keine Feuchtigkeit,
kein Sonnenlicht und keine Wärme, – was wird wohl mit der Pflanze? Nehmen wir
aber an, die Pflanze hätte freies Bewußtsein und könnte sich nehmen Wasser,
Licht und Wärme, sie wollte aber nicht, – was wird aus ihr? Sie wird verdorren
und vergehen.
[Er.01_027,11]
Oder jemand wollte sich von einem Maler vollkommen ähnlich abbilden lassen,
will aber sein Antlitz dem Maler nie zuwenden, – was wird das am Ende für ein
Abbild werden?
[Er.01_027,12]
Mir, dem Schöpfer, aber kann es nicht gleichgültig sein, ob ein Wesen, das
nicht bloß von Mir nur wie ein Bild in der Idee gefaßt, sondern auf
obbeschriebene Weise aus der Fülle Meiner göttlichen Wesenheit geschöpft wurde,
nur eine Zeitlang oder ewig besteht. Das erste müßte offenbar einen Teil aus
Mir vernichten können, was unmöglich ist; also es kann, wenn es einmal
geschöpft ist, nur für Ewigkeiten geschöpft sein.
[Er.01_027,13]
Aber ein solches Geschöpf kann sich in Meiner Ordnung verkehren, und das ist
ebensoviel als gewisserart für Mich aufhören zu sein; denn der nicht für Mich
ist, der ist wider Mich. Auf diesem Wege aber würde sich mit der Zeit neben Mir
eine entgegengesetzte Kraft und Machtpotenz bilden, die Meinem freien Wirken
Störungen entgegensetzen würde, was mit anderen Worten nichts anderes heißen
würde als: Ich, die allerhöchste Vollkommenheit, müßte Selbst unvollkommen
sein, um eine Unvollkommenheit neben Mir zu dulden.
[Er.01_027,14]
Um diesem allerhöchsten Übel zu steuern, wird ein Geschöpf, welches sich nicht
in Meine gegebene Ordnung fügen will, alsogleich gefangengenommen und wird
fixiert auf einen Punkt und auf eine Stelle; und sehet, diese Fixierung ist
das, was ihr als Materie kennet, sehet und empfindet.
[Er.01_027,15]
In den endlos vielen Teilchen der Materie liegt die endlose Intelligenz des
neugeschaffenen, aber nun gefangengenommenen Wesens zugrunde, welche
Intelligenz nimmer zugrunde gehen kann; aber sie ist gefestet und gegen die
Sonne des Geistes gekehrt auf so lange, bis sie zu jener Reife gelangt ist, wie
ein Spiegel, der so lange das Licht der Sonne aufnimmt, bis die Sonne ihn
verkehret und ihn blind macht für alles andere, als bloß allein nur am Ende
noch fähig, das Licht der Sonne aufzunehmen. Dem Außen nach wird der Spiegel
freilich immer matter, und seine Materie wird lockerer und poröser; aber diese Materie
wird eben dadurch stets fähiger, in all ihren aufgelösten Teilen das Bild der
Sonne, wenn auch höchst verjüngt, aufzunehmen, und das ist eigentlich der gute
Übergang: daß ein solches Wesen anfängt, in all seinen Teilen die Gottheit
aufzunehmen, und nicht nur in einem einzelnen Teile. Und so ist es nicht genug,
daß da jemand sagt: „Herr, Herr!“, sondern er muß den Herrn in alle seine
Lebensfibern aufgenommen haben; dann erst ist er reif, wieder dahin
zurückzukehren, von wannen er gekommen ist.
[Er.01_027,16]
Aus diesem Grunde muß endlich alle Materie wieder in das Minutissimum aufgelöst
werden, damit kein Teilchen da mehr vorkommt, das nicht fähig wäre, das Bild
der ewigen Sonne aufzunehmen; und in dieser Aufnahme des ewigen Urbildes ist
dann wieder die neue Schöpfung, in der sich die vorher gefangenen, nun aber
wieder frei gewordenen endlosen Intelligenzen eines Wesens wieder ergreifen, in
die erste Urform zurückgehen und wieder das werden, was sie schon im Urbeginne
hätten werden sollen.
[Er.01_027,17]
Aus dieser Vorleitung wird euch sicher klar, daß in der Materie unmöglich etwas
anderes als lediglich nur Geistiges sein kann; und wir können nun auf
wohlerleuchteten Wegen unsere Wanderungen über und in die geistige Erde machen.
28. Kapitel – Die
Geister der obersten Luftregion.
10. Februar 1847
[Er.01_028,01]
Wenden wir uns zuerst in die oberste Luftregion und sehen uns da um, was dahier
für geistige Wesen zu Hause sind, und wie sie schalten und walten.
[Er.01_028,02]
In dieser Region sind schon lauter vollkommene Geister, und lauter solche, die
ehedem leibliche Menschen auf dem Erdkörper waren. Diese genießen schon
fortwährend Licht; denn auch natürlichermaßen wird es in solcher Höhe nimmer
vollkommen finster. Aber in der geistigen Natur ist da schon ein fortwährender,
ununterbrochener Tag; denn diese dritte Region beurkundet schon ein drittes,
ganz reines geistiges Stadium, während die zweite Region noch nicht rein und
sehr häufigen Trübungen ausgesetzt ist; noch mehr aber ist es die erste oder
unterste Luftregion, in welcher, gleichsam im ersten Stadium, Gutes und Böses
wie Kraut und Rüben untereinander wallet.
[Er.01_028,03]
Wir wissen nun, daß in der dritten Region die reinsten Geister von dieser Erde
zu Hause sind. Warum aber? Was machen sie da?
[Er.01_028,04]
Kein Geist, der von dieser äußeren natürlichen Erde auch noch so vollendet in
die geistige übergeht, kann sogleich in das eigentliche große Himmelreich
emporsteigen, und das darum nicht, weil zu seiner endlichen Vollendung noch
immer etwas im Erdkörper zurückbleibt, was er nur nach und nach aufnehmen kann.
Erst wann er den letzten Rest dessen, was ihm angehörte, veredelt und
vergeistigt in sein Wesen aufgenommen hat, kann er diese Region verlassen und
in eine wirkliche erste Stufe des Himmelreiches eingehen.
[Er.01_028,05]
Der Geist zwar an und für sich, als das Urprinzip des Lebens aus Mir, braucht
freilich wohl nichts aus dem Erdkörper zu seiner Vollendung; aber seine
formelle Wesenheit, die da ist die Seele, diese muß das wieder in sich vereinen
bis auf das letzte Atom, was ihr einst aus der endlosen Fülle Meiner sie
formenden Idee gegeben ward. Dieses Gegebene besteht in den endlos vielen
Intelligenzpartikeln, welche natürlicherweise beim Absterben des Menschen nicht
auf einmal flottgemacht werden können. Da sind Teile seines Leibes und
Spezifika, die er Zeit seines Lebens ein- und ausgehaucht hat, auch alle
Abfälle seines Leibes, seine Tränen, auch sonstige Auswürfe seines Leibes,
sogar seine Kleidung, seine Behausung; kurz alles, was er irgendwann durch
seine Kraft hervorgebracht und getan hat, das alles muß mit der Zeit als
gewisserart ein geläutertes psychisches Spezifikum von der Psyche aufgenommen
werden, damit der Geist dann in sich selbst eine vollendete Beschauung und
durch diese Beschauung eine klarste Rückerinnerung an alles das hat, was mit
seiner kompletten Wesenheit vor sich gegangen ist, und wie der ganze, lange Weg
beschaffen war, auf welchem er wieder zu dieser seiner urersten Vollkommenheit
gelangt ist.
[Er.01_028,06] Diese
gewisserart spezielle Rückerinnerung könnte aber der Geist nicht bekommen, wenn
in seine psychische Wesenheit nicht alles das aufgenommen würde, was
urursprünglich zu seiner Wesenheit gehörte, und was alles er auf diesem langen
Kreiswege sich angeeignet hatte. Darum heißt es auch, daß alle Haare auf dem
Haupte gezählt sind, und nur derjenige, der nach Meiner Lehre wandelt, der
sammelt; wer aber anders handelt, der zerstreuet. Also muß der Geist noch eine
Zeit warten, bis all das Seinige von seiner Wesenheit aufgenommen worden ist.
[Er.01_028,07]
Wie aber erkennt da der Geist das Seinige? – Das liegt schon in der ewigen
Ordnung. Wie jedes Gras sein Spezifikum aus dem endlosen Spezifikalgemenge
genau herausfindet, noch genauer findet der Geist das Seinige.
[Er.01_028,08]
Was tut aber der Geist unterdessen? – Er handelt nach den Gesetzen der Liebe
und herrscht also in dieser Region und bewirkt durch seine Gegenwart und durch
sein Liebehandeln, daß diese dritte Luft da ist, und schlichtet und ordnet die
Wege fürs erste jenen, die als Neulinge in diese Region emporkommen, und weist
ihnen Ort und Handlung an; dann beherrscht er belehrend die schon reineren
Geister in der unteren Region; und wenn allda Reibungen und Trübungen
vorkommen, so senkt er sich wie alle seinesgleichen als Friedensstifter herab
und wirkt da energisch.
[Er.01_028,09]
Wenn aber fremde Geister aus anderen Weltkörpern hier anlangen, da prüft er
sie, und wenn er sie als tüchtig befindet, so führt er sie auf den rechten
Wegen zur Erde nieder, ist bei den Zeugungen durch seinen Einfluß zugegen,
hilft solchen neuen angekommenen Geistern auf den Weg des Fleisches dieser Erde
und sorgt dann auch, daß diese Geister genau jene prüfenden Wege im Fleische
durchgeführt werden, welche Wege sie anderweltenorts, um Kinder des Herrn zu
werden, zu wandeln beschlossen haben.
[Er.01_028,10]
In dieser dritten Region wandeln und wohnen dann so ganz eigentlich die euch
wohlbekannten sogenannten Schutzgeister der Menschen. Doch aber sind diese
reinen Geister noch nicht ledigliche Alleinherrscher und können es auch noch
nicht sein, weil ihnen noch in gar vielem die vollendete Erkenntnis aus
obbekanntgegebenen Gründen mangelt; daher sind auch fortwährend vollkommene
Engelsgeister über und unter ihnen, welche diesen Geistern allezeit die
richtige Anweisung geben, was sie zu tun und zu schlichten haben. Aber für die
Geister dieser dritten Region ist eben diese dritte Region ein gar herrliches
Paradies, wo sie alles haben, was nur immer ihr Herz in der Liebe zu Gott erfreuen
kann.
[Er.01_028,11]
Da gibt es gar herrliche Gegenden, welche sich jedoch nach der Beschaffenheit
des Geistes richten; denn da wird schon jeder Geist der Schöpfer seines
Fußbodens und der Gegend, in der er zu Hause ist. Diese Gegend ist überaus
fruchtreich und reich an allen Dingen. Der Geist genießt da alles in der Fülle,
und der Hunger in allem ist ferne von ihm. Und sehet, eben in diesem Genusse
nimmt dann der Geist nach und nach alles das auf, was noch von seiner Wesenheit
an der Erde kleben geblieben ist; und diese Früchte und die Gegenden werden
gewisserart auf eine reflektierende Weise von der Erde aufsteigend in dieser
dritten Region psychisch spezifisch gebildet, und der Geist erkennt sie als das
Seinige, nimmt sie in seine Erkenntnis auf und kommt dann erst aus dieser
seiner Erkenntnis in ein förmliches Schauen dessen, was das Seinige ist,
genießt dann auch ebendasselbe und nimmt es völlig in seine Wesenheit auf. Wenn
er nun alles dieses aufgenommen hat und er der Erde und sie ihm gewisserart nichts
mehr schuldig ist, dann hat er erst seine völlige Solidität erreicht und kann
dann zur höheren Vollendung in das Reich der Himmel aufgenommen werden.
[Er.01_028,12]
Es kann aber jedoch auch Geister geben, die noch manches ihnen Gehörige aus
euch schon bekannten Gründen in anderen Weltkörpern haben. Diese steigen dann
auch zu den Sphären jener Weltkörper empor, woher sie entweder ihr
Hauptspezifikum bezogen, oder wo sie einst schon körperlich gelebt haben, um
auch dort das ihnen Gehörige abzuholen, – aber das alles auf dem Wege der
Liebe, welche allein das anziehende Prinzip ist. Und das muß alles durch freie
Wahl geschehen, in der ein jeder Geist anstrebt, in sich das zu sammeln, was
Mein ist, und es Mir dann in seiner großen Liebe zu Mir vollkommen wiederzubringen.
29. Kapitel –
Aufenthalt und Seligkeit der reinen Geister.
11. Februar 1847
[Er.01_029,01]
In dem Wiederbringen, und zwar in dem vollkommenen Wiederbringen, liegt eben
der einstige vollkommene, vollkommenste und allervollkommenste Grad der Seligkeit;
aber es wird nicht gefordert oder von dem Geiste eine Rechnung verlangt
bezüglich der Wiederbringung alles desjenigen, was zu seiner Wesenheit gehörte,
daß er das gewisserart auf eigene Rechnung wiederbringen sollte, was ihm
ursprünglich und auf seiner ganzen Wanderung gegeben ward.
[Er.01_029,02]
Was immer seinen Leib betrifft und sein Vorgängiges, überhaupt alles
Spezifikalische, erhält er in der ordnungsmäßigen Zeitfolge ohne sein Zutun;
aber ein anderes ist es hinsichtlich seiner Befähigung, das alles wieder
aufzunehmen, was einst zu seinem Wesen gehörte. Über die Befähigung wird er
gewisserart tatsächlich zur Rechenschaft gezogen werden, und das darum, weil
sich solche Befähigung jeder Geist aus den Vorschriften der reinen Religion
erwerben kann und erwerben soll. Wer da nicht will tätig sein und vergräbt sein
Talent und gibt sich lieber mit dem ab, was des Fleisches als was des Geistes
ist, der muß es sich dann selbst zuschreiben, wenn er gerichtet wird durch das
Wort, was ihm gegeben ward aus den Himmeln als ein getreuer Wegweiser, wie er
das Leben wieder sammeln und dahin wiederbringen solle, von woher er
ursprünglich gekommen ist.
[Er.01_029,03]
Daß darob die schon rein gewordenen Geister längere Zeit noch in dieser dritten
Region verweilen müssen, um ihre psychischen Spezifika aufzunehmen, oder mehr
auf deutsch gesagt: weil sie in der dritten Region so lange warten müssen, bis
gewisserart ihr Irdisches verweset und aus den Verwesungen in ihr Seelisches
übergangen ist, so ist das nicht etwa als eine Strafe zu betrachten, sondern
als eine gleiche Notwendigkeit wie die Dauer des Leibeslebens auf der Erde,
welche auch eine gewisse Zeit währen muß, bei manchem kürzer, bei manchem
länger, damit in dieser Lebensdauer der Geist Zeit gewinne, sich in seinem
Wesen wieder mehr und mehr zu entwickeln und zu manifestieren.
[Er.01_029,04]
Wer könnte da behaupten, daß da jemand von der Zeit, die er auf der Erde im
Körper zugebracht hat, irgend eine Rechnung geben müßte? Denn diese ist eine
Notwendigkeit und liegt außer dem Willensbereiche des Geistes, – ebenso wie
auch niemand darüber wird eine Rechenschaft ablegen müssen, wie lang etwa sein
Haar gewachsen wäre oder die Nägel an seinen Fingern, sowie auch nicht über die
Pulsschläge seines Herzens und über das, wie oft er Atem geholt hat; denn das
alles ist eine Notwendigkeit. Die Rechnung, oder besser das Gericht, liegt
lediglich in dem tätigen Willen; alles andere ist gleichgültig, ist ganz in der
Ordnung und gibt sich frei, wenn nur der Wille nach der reinen Erkenntnis
Meines göttlichen Willens in die Ordnung gebracht wurde.
[Er.01_029,05]
Wenn manchmal solche reine Geister auch mehrere hundert Jahre in dieser dritten
Region verweilen, so verlieren sie dadurch nicht nur nichts, sondern sie können
nur gewinnen; denn fürs erste geht ihnen durchaus nichts mehr ab, sie sind
überaus glücklich und selig. Was aber ihre stets zunehmende Intelligenz
betrifft, so ist das ja offenbar ein stetes Gewinnen, und je mehr sie da
gewinnen, desto vollkommener werden sie dahin kehren, wo es sich um ihre
endliche und ewige Bestimmung handelt. Haben sie da nur ein kleines Geschäft
über sich und haben dieses ordentlich und weise zu verwalten sich eigen
gemacht, so werden sie einst desto tauglicher sein, Großes zu verwalten, wo sie
als Engelsgeister nicht nur über einzelne Teile eines Weltkörpers, sondern über
ganze Weltenalle und Sonnengebiete geistig, und von da aus durch und durch in
die Materie, werden ihre Tatkraft ausüben müssen. Und dazu gehört sicher mehr,
als hier bloß nur einzelne Gegenden zu überwachen, und das unter der
Oberleitung der Engelsgeister, denen diese gesamte Erde vom Mittelpunkte aus
bis zur Sonne hin zu überwachen anvertraut ist.
[Er.01_029,06]
Ja, Meine Lieben, wo ihr mit euren Augen wenig oder nichts erblickt, da gehen
gar große Dinge vor, und es ist also, wie einst ein Weiser sagte: Zwischen der
Erde und der Sonne gehen Dinge vor, von denen sich die menschliche Vernunft
noch nichts hatte vorträumen lassen.
[Er.01_029,07]
Diese reinen Geister kommen auch nicht selten in die zweite, manchmal auch in
die erste Region herab; hauptsächlich aber sind jene Stellen auf der Erde ihre
sichtbaren Niederkunftsplätze, die ihrer bedeutenden Höhe wegen fortwährend mit
Schnee und Eis bedeckt sind. Und darin liegt auch der Grund, warum solche
Gegenden für fast jeden Menschen eine – wie ihr zu sagen pflegt – magische,
beseligende und zugleich das ganze menschliche Gemüt erheiternde, stärkende und
beruhigende Anziehungskraft haben. Wer da traurigen Herzens ist und voll Unruhe
in seinem Gemüte, der begebe sich in Meinem Namen auf eine solche Höhe oder
gehe wenigstens in ihre Nähe, und sein Gemüt wird wie mit einem stärkenden
Balsam übergossen werden.
[Er.01_029,08]
Während das Gemüt in den tieferen Regionen stets dumpfer, schwieriger und
leidender wird, ähnlich dem Gefühle eines Bergschluchten- und Höhlenbesteigers,
wird eben das Gefühl bei einem, der eine solche reinere Höhe erstiegen hat,
heiterer und heiterer, und wer da hinaufkommt, mag füglicherweise ausrufen:
„Herr, hier ist gut sein!“ – Aber da sage Ich dann dazu: „Es ist noch nicht an
der Zeit für dich, hier zu bleiben!“ Aber dessenungeachtet sage Ich dennoch:
[Er.01_029,09]
Gehet gerne auf Berge! Denn auch Ich, als Ich im Leibe wandelte auf der Erde,
ging häufig auf Berge. Auf einem Berge ward Ich verklärt; auf einem Berge trieb
Ich den größten Versucher von dannen; auf einem Berge predigte Ich das
Himmelreich; auf einem Berge betete Ich, und auf einem Berge ward Ich
gekreuzigt!
[Er.01_029,10]
Auf diese Weise aber haben wir auch die dritte geistige Region der Erde
durchwandert, und es bleibt darüber nur noch weniges zu erwähnen übrig, und
dieses wenige besteht darin, daß die Erstlinge der reinen Geister sich zuerst
dort aufhalten, wo sie bei Leibeslebzeiten auf der Erde gewohnt haben. Wenn sie
aber schon vollkommener geworden sind, dann dehnt sich ihr Wirkungskreis über
alle Punkte der Erde aus; die stärksten jedoch bewachen die Polargegenden, die
weicheren, sanfteren und schwächeren die Tropengegenden der Erde, und diejenigen,
die sehr regsam sind, bewachen das Meer, die Seen und die Flüsse, und den
Anfängern werden größere oder kleinere Gebirge zur Überwachung anvertraut und
alles was sich da befindet.
[Er.01_029,11]
Dieses könnet ihr euch noch dazu anmerken, daß die weiblichen Geister zumeist
das Pflanzenleben überwachen und üben auch den Einfluß auf die gesamte
Vegetation der Erdoberfläche aus.
[Er.01_029,12]
Nachdem wir nun auch dieses wissen, können wir uns schon in die zweite
Luftregion herabsenken, allda es schon viel bunter zugeht als in der dritten
Friedensregion. Nächstens also von der zweiten Region!
30. Kapitel –
Die zweite Luftregion und ihre Geister.
13. Februar 1847
[Er.01_030,01]
In gleicher Weise, wie bei einem Menschen aus dem rein Geistigen in das Fleischliche
der Übergang ist, ist auch zwischen der obersten und der mittleren Region ein
Übergang, und es verhalten sich die beiden Regionen wie Seele und Geist. Der
Geist wirkt in die Seele ein und kann dieselbe durchdringen; die Seele aber
kann nie über die Schranken des Geistes hinaustreten, sondern muß dasein, um
von dem Geiste durchdrungen zu werden, während der Geist nicht da ist, um von
der Seele durchdrungen zu werden; aber die Seele kann von dem Geiste
aufgenommen werden, wo sie selbst geistig wird.
[Er.01_030,02]
In gleicher Weise können auch die Geister der zweiten Region in die dritte
übergehen, wenn ihre Seelen oder gewisserart ihre substanziellen Leiber stets
mehr und mehr sich vergeistigen und mit dem Geiste völlig eins werden. Die
Seele für sich als ein Kompendium von zahllosen substanziellen
Intelligenzpartikeln ist demnach auch angestopft von allerlei Trieben, die sie
als Spezifika in sich enthält.
[Er.01_030,03]
Wenn sich hie und da ein oder das andere Spezifikum mehr hervortut, so neigen
sich alle anderen Spezifika auf den Punkt, wo eine solche Spezifikal-Eminenz
auftritt. Eine solche Hinneigung bewirkt dann in der Seele irgend eine
Leidenschaft; diese Leidenschaft aber kann alsbald mit einer andern
ausgetauscht werden, wenn irgend ein anderer spezifischer
Seelenintelligenzpunkt wie hervorragend auftritt, gewisserart alle anderen
seelischen Spezifikalintelligenzpunkte übertäubt und überstrahlt und dieselben
sich geneigt macht.
[Er.01_030,04]
Es wird durch diese Darstellung jedermann leicht ersichtlich, wie manche Seele,
bei der der Geist nicht wach ist, von zahllosen Leidenschaften und Begierden
von einem Pol zum andern getrieben wird. Was aber da in der Seele gewisserart
in einem Wesen wie in einem Punkte konzentriert auftritt, das ist im allgemeinen
in unserer zweiten Region umsomehr der Fall, weil in dieser lauter Seelen
wohnen, bei welchen der Geist noch nicht völlig erwacht ist. Die eine Seele hat
diesen Haupttrieb, die andere einen andern, und Millionen Seelen haben eben
millionenartig verschiedene Neigungen und Triebe; die eine will kämpfen, die
andere will Ruhe haben; die eine sucht nichts als die Geheimnisse der
Schöpfung, die andere botanisiert; eine andere wieder macht fortwährend Reisen,
und so hat eine jede aus Millionen einen anders gearteten Trieb.
[Er.01_030,05]
Welch ein buntes Seelengewirre muß daher in dieser zweiten Region
zusammenkommen, und welche zahllosen, verschiedenartigsten Erscheinungen müssen
da bewirkt werden, welche Erscheinungen endlich gleichsam wie verdichtet in die
naturmäßige Welt, für fleischliche Augen sichtbar, übergehen müssen! Und also
ist es auch. Alle die verschiedenartigsten Wolkengebilde und noch eine zahllose
Menge anderer Erscheinungen in dieser mittleren Region rühren daher, und da
bringt kein Tag und keine Nacht vollkommen ganz wieder dasselbe der Gestalt
nach, was schon einmal da war.
[Er.01_030,06]
Betrachtet nur einmal an einem Tage die Wolkenformation und zeichnet sie euch
ab; ihr möget da wohl hundert Jahre und viel länger noch an jedem Tage die
neuen Wolkenformationen mit dieser von euch einmal gezeichneten vergleichen, –
und nie werdet ihr dieselbe ganz wieder also zu Gesichte bekommen, als wie sie
einst schon da war! So werdet ihr auch noch eine Menge anderer Erscheinungen
entdecken, welche sich stets der Art nach zwar wiederholend gleichbleiben,
jedoch der Form nach nie. Und da sieht nicht eine Schneeflocke der andern
vollends gleich, und kein Regentropfen ist gleich so groß wie der andere, und
wenn es hagelt, da vergleichet einmal zwei Hagelkörner, ob sie einander völlig
ähnlich sind! Es wird sich sowohl in der Gestalt als im Gewichte ein
Unterschied finden lassen. Eis wird zwar Eis sein, – allein das ist die Art;
aber die Weise, wie sich das Eis gestaltet, ist eine ebenso ungleiche, als wie
ungleich die leidenschaftlichen Gestaltungen aus den Seelenwesen sind. Das läßt
sich aber auch schon auf dieser Erdoberfläche erkennen bei noch lebenden
Menschen.
[Er.01_030,07]
Betrachtet nur die Häuser in einer Stadt: In der Art sind sie sich zwar alle
gleich, sie müssen Wände, Fenster und ein Dach haben; aber nicht leichtlich
werdet ihr irgend zwei Häuser treffen, die sich einander völlig ähnlich waren.
Das eine ist etwas höher, das andere etwas niederer; das eine so, das andere
ist so gefärbt; und so noch eine zahllose Menge Verschiedenheiten.
[Er.01_030,08]
Diese Verschiedenheit in der Gestaltung rührt von der verschiedenen
Seelenneigung dessen her, der ein oder das andere Haus hat erbauen lassen. Also
hat auch ein jeder Mensch einen andern Rock, und kein Schneider macht denselben
gleich wie ein anderer. Und so ist auch eine große Verschiedenheit in anderen
Kunstprodukten der Menschen; ein jeder, der schreiben gelernt hat, hat eine
eigentümliche Schrift, die mit der andern nichts gemein hat, da sicher kein
Strich auf den Strich der andern paßt. Die Gestaltung ist sonach überall
anders, wenn auch die Art die gleiche bleibt.
[Er.01_030,09]
Oder lasset von mehreren, gleich geschickten Malern einen und denselben
Gegenstand malen; es wird ihn zwar ein jeder treffen, aber die Art der
Darstellung, d. i. die Form, wird überall eine ganz eigene sein. Oder gebet
zehn Tondichtern ein und dasselbe Gedicht, jeder solle in seiner Art und Weise
eine Musik darauf setzen; da wird es sich gar auffallend zeigen, wie ein jeder
eine ganz andere Melodie auf das Gedicht gefunden hat.
[Er.01_030,10]
Alle diese Verschiedenheiten in der formellen Darstellung liegen in den zahllos
verschiedenartigen Spezifikalintelligenzpunkten in der Seele. Je nachdem einer
oder der andere von diesen Punkten vorherrschend ist, je nachdem auch richtet
sich die Handlungsweise der Seele. Da geht also fortwährend ein anderer Wind;
da kommen fortwährend neue Erscheinungen zum Vorscheine, und nie findet ein
schon Dagewesenes eine vollkommene Wiederholung, besonders da schon am
allerwenigsten, wo die produzierenden Intelligenzen sich unter keinem positiven
Gerichte befinden, was eben bei den Seelen der Menschen der Fall ist, weil sie
sich in die ursprüngliche Freiheit wieder hineinarbeiten müssen. Nur ist zwischen
einer abgeschiedenen und einer noch im Leibe lebenden Seele der Unterschied:
[Er.01_030,11]
Die Seele im noch lebenden Leibe kann eine Menge Leidenschaften durchwandern,
und so ist der Mensch fast jeden Tag ein anderer; heute fühlt und denkt er so
und macht sich diese oder jene Vorsätze, morgen ist das wie weggewischt, und er
handelt schon wieder nach einem andern intellektuellen,
substanziell-spezifischen Seelenschwerpunkte. Heute ist jemand freigebig, – ein
jeder Arme hätte es gut, so er heute zu ihm käme; morgen tritt an die Stelle
dieses liberalen ein filziger Schwerpunkt auf, und dem heute Freigebigen ist
morgen jeder Bettler zuwider, und es reut ihn sogar seine vortägige
Liberalität.
[Er.01_030,12]
Aber bei der abgeschiedenen Seele ist es anders: Bei dieser tritt gewöhnlich
nur eine Hauptleidenschaft auf, beherrscht die Seele stets mehr und mehr und
zieht nach und nach alle Intelligenzpartikel in ihr Bereich; darum auch ein
Paulus spricht: „Wie der Baum fällt, so bleibt er liegen!“, – was eben nicht
sagen will, daß eine abgeschiedene Seele gewisserart unverbesserlich ist,
sondern nur, daß sie in einer ihrer Hauptleidenschaften gefangenbleibt, bis
diese alle anderen Spezifikalintelligenzpartikel gewisserart aufgezehrt hat,
was dann eine große Armut der Seele bewirkt, und diese dann in einen Zustand
des Abödens übergeht, wo sie sich wie völlig nackt und in Nacht und Nebel
befindet. In dieser Abödung kann dann erst der Geist frei werden und seine
Seele zu durchdringen anfangen, und das ist dann der Übergang von der zweiten
in die dritte Region. Aber bevor dieser Zustand nicht eingetreten ist, kann der
Geist sich nicht ausbreiten und kann die Seele nicht durchdringen, weil deren
Spezifika noch zu materiell und somit noch zu ungeistig sind.
[Er.01_030,13]
Da auf obige Art sonach eine Menge verschiedengestimmter Seelen in der zweiten
Region zusammenkommt, wo eine jede ihre Hauptleidenschaft in sich trägt und
nach derselben lebt und wirkt, so ist es diesem leicht faßlichen Grundsatze
zufolge ja überaus leicht ersichtlich, daß die Erscheinungen, die in dieser
seelischen Mannigfaltigkeit ihren Ursprung haben, der Form nach ja eben auch
höchst verschieden erscheinend auftreten müssen. Daher hat ein jeder Blitz
einen anderen Zickzack, daher jede Wolke und jedes Wölkchen eine andere
Gestaltung und Bewegung; daher Winde kreuz und quer, und aus eben diesem Grunde
bald ein Wolkenbruch, bald ein Platzregen, bald ein Hagel, bald ein Staubregen,
bald große, bald mittlere, bald kleine Schneeflocken und dergleichen tausend
Erscheinungen mehr, welche besonders in den Tropengegenden und in den
Polarländern der Erde überaus häufig vorkommen.
[Er.01_030,14]
Dies also als eine notwendige Vorleitung im allgemeinen; nächstens werden wir
die Sache mehr speziell betrachten.
31. Kapitel –
Geistertreiben in der zweiten Luftregion.
15. Februar 1847
[Er.01_031,01]
Hier läßt sich gleich anfänglich die Frage anbringen: Ist das Geisterwesen
dieser zweiten Region gut oder böse, und ist es im Aufsteigen oder im
Abwärtsgehen begriffen?
[Er.01_031,02]
Diese Frage wird eben durch einige spezielle Betrachtungen des Geisterwesens in
der zweiten Region hinreichend klar beantwortet, und es wird da jeder leicht
herausfinden können, was daran entweder gut oder böse ist, und wohin es geht.
[Er.01_031,03]
Diese zweite Region gleicht am meisten dem irdischen Leben der Menschen auf der
Erdoberfläche. Da ist ein fortwährendes Hin- und Herrennen, ein Zusammenrotten
der Gleichgesinnten, Krieg, Mord, Gefangennehmung, Besiegung, Durchgehen,
Stehlen und Rauben, Böses tun, wieder Gutes zufügen. Das alles kann man in
dieser zweiten Region haben. Sie ist der eigentliche Kampfplatz der Geister;
daher auch Gebirge, die sich zumeist in dieser Region befinden, gewöhnlich
höchst zerstört aussehen, gleich einer Festung, die mehrere Jahre eine
Belagerung ausgehalten hat.
[Er.01_031,04]
Schon der Anblick dieser Höhen zeigt hinreichend, wie streitend und kämpfend es
in dieser Region zugeht. Da herrscht aber auch eine Freiheit, wie sonst
nirgends, – und das darum, weil eben da der Vorbereitungsplatz ist, wo die
Geister entweder für den Himmel, oder aber auch für die Hölle vorbereitet
werden; denn eines jeden Verstorbenen Seele und Geist kommt gleich nach dem
Tode zunächst in diese Region, in welcher er gerade so fortlebt, als wie er auf
der Erde fortgelebt hat. Er genießt die volle Freiheit und sucht sich da ganz
natürlich seinesgleichen auf; da geschehen dann vereinliche Zusammenrottungen,
und wo mehrere einmal in einem Vereine beisammen sind, da werden bald Pläne
geschmiedet, wie dieses oder etwas anderes, gewöhnlich durch Gewalt oder durch
List, erreicht werden könnte.
[Er.01_031,05]
Unter solchen Vereinen gibt es dann auch wieder Verräter, die einen Plan ihres
Vereines einem andern, mächtigeren Vereine verraten. So zwei Vereine, oder
manchmal auch mehrere, durch die Verräter in die Kenntnis gegenseitig arg
gefaßter Pläne kommen, da gehen schon Rüstungen vor sich, welche in der
naturmäßigen Welt sich als stets zunehmende Wolkentrübungen erschauen lassen.
Es dauert nicht lange, und die erbitterten Heere ziehen gegen einander. Allein
über ihnen sind leider die alles durchblickenden, mächtigen Friedensgeister;
diese senken sich herab, nehmen die erbitterten Heere so ganz solo gefangen und
schmeißen sie zur Erde herab, allwo es dann wieder eine Zeit dauert, bis sie
sich sozusagen wieder zusammengeklaubt und Kraft und Mut gesammelt haben, um
wieder nach und nach so ganz piano dorthin wieder zurückzukehren, von wo sie
wie ein schlechter Gast aus einem Wirtshause hinaus- und herabgeworfen worden
sind, welches sich aber in der geistigen Sphäre nicht also ausnimmt, wie es
hier in der materiellen Welt in die Erscheinlichkeit kommt, sondern also, als
wenn hier so ein rechtes Lumpengesindel von der Polizeiwache gefangengenommen,
gebunden und dann in einen gehörigen Arrest eingesperrt wird. Der Arrest ist
die Materie, in der sie wieder eingefangen werden, und die Polizeiwache sind
die Friedensgeister aus der dritten Region. Wenn nach einer solchen kräftigen
Zurechtweisung die Geister sich demütigen und durch diese Demütigung in den
Stand gebracht werden, Meinen Namen aussprechen zu können und zu wollen und in
diesem Namen Hilfe, Rettung und Heil zu suchen, so werden solche Geister
alsbald von den Friedensgeistern ganz überaus freundlich begrüßt, schnurgerade
in die dritte Region geleitet und dort, freilich im Anfange zu unterst, in
diese Region einquartiert, wo sie dann schon fortwährend in Konnexionen mit
diesen reinen Geistern leben und von da nach dem Grade der Zunahme der Liebe zu
Mir und Meiner Ordnung stets höher und höher aufsteigen.
[Er.01_031,06]
Ein solcher Akt kann auch von der naturmäßigen Welt aus gesehen werden, und
zwar in der nicht selten vorkommenden Erscheinlichkeit des Wolkenverschwindens
am Firmamente, – wo im Gegenteile, wenn böse Zusammenrottungen im Anzuge sind,
sich plötzlich frei am Firmamente, besonders um die Spitzen hoher Berge, Wolken
zu bilden anfangen, wo früher noch die reinste Luft zu sehen war.
[Er.01_031,07]
Diese Erscheinlichkeit rührt daher, weil solche Geister stets
leidenschaftlicher und leidenschaftlicher werden, wodurch sie sich eben in dem
Grade mehr und mehr materialisieren, je kombinierter und aneinandergedrängter
in ihnen die bösen Leidenschaften aufsteigen; denn alle Materie ist am
entferntesten und am weitesten von Mir und ist in sich nichts als der Abdruck
der verkehrtesten Leidenschaft.
[Er.01_031,08]
Wenn demnach ein Geist wieder von der Leidenschaftlichkeit seiner Seele
gefangengenommen wird, so entfernt er sich von Mir; und je mehr er sich von Mir
entfernt, desto plumper und materieller wird er, bis er endlich sogar auf der
materiellen Welt unter irgend einer, seiner Leidenschaft entsprechenden
materiellen Form sichtbar wird, wo er dann bald, zu schwer für diese zweite
Region, wie ein gefangener, grobmaterieller Körper herabgeworfen wird durch
seine eigene Schwere, die da gleich ist dem Willen der Friedensgeister, wie
dieser gleich dem Meinen; denn Mein Wille ist die eigentliche Schwere aller
Körper.
[Er.01_031,09]
Daß dann solche Geister oft ganz materiell bleiben und aus ihrem eigenen bösen
Willen lieber Schmeißhaufen, die schmutzigsten Tiere und häßlichsten Pflanzen
bewohnen, als daß sie sich demütigten, davon zeugen zu allen Zeiten eine Menge
Beispiele, und es muß hier eine gute Direktion gehandhabt werden, auf daß
solches herabgeworfene Geschmeiß sich in seiner Bosheit nicht auf edle Früchte
und edle Tiere wirft; denn geschähe das, so würden Frucht und Tier zugrunde
gerichtet.
[Er.01_031,10] Einen
ganz gleichen Ursprung hat die vorjährige Erdäpfelseuche; wenn manchmal Korn-
und Weizenfelder plötzlich brandig werden, so ist das wieder eine Frucht, die
durch die Besitznahme solcher argen Geister materiell zum Vorschein kam. Nicht
selten werfen sich solche Unholde auch über allerlei Tiere; da gibt es dann
bald eine Art Seuche unter den Tieren, sogar die Fische im Wasser sind von
ihnen nicht verschont. So ist auch meistens die eigentliche Pest, wie auch
andere epidemische Krankheiten bei den Menschen, eine Folge solcher böser
Geister, die die Menschenleiber irgend in Besitz nehmen und durch diese
Besitznahme den Leib auf eine oder die andere Art gewisserart zerstören, auf
welche Zerstörung leicht der natürliche Tod erfolgt, wenn nicht alsbald solche
Spezifikalmittel in Meinem Namen angewendet werden, denen solche Unholde
weichen müssen.
[Er.01_031,11]
Nun wisset ihr schon so manches, ob diese Geister gut oder böse sind, und wohin
sie sich begeben und wie. Auf daß ihr aber auch so recht augenscheinlich
begreifet, wie solche Geister mit ihrer Intelligenz sich in die scheinbar tote
Materie bannen lassen können, und wie sie diese gewisserart dämonisch in Besitz
nehmen, davon werden wir nächstens noch speziellere Betrachtungen anstellen.
32. Kapitel – Die
Besitznahme der Materie durch Geister.
16. Februar 1847
[Er.01_032,01]
Es ist freilich wohl schwer, sich vorzustellen, daß in so einem Regentropfen,
in einer Schneeflocke, in einem Hagelkorne oder gar in einem Wölkchen ein oder
mehrere Geister sollten gewisserart zusammengeknebelt und zusammengepreßt sein
und in einem solchen Volumen irgend ein Gewicht bekommen, vermöge dessen sie
leichtlich herabfallen oder herabgeworfen werden können; allein eine nähere
Beschreibung wird euch die Sache ganz klarmachen und wird euch zeigen, wie die
Sache möglich ist.
[Er.01_032,02]
Ihr müsset euch nicht etwa denken, der Geist mit seiner Seele wird da etwa wie
ein Bogen Papier zusammengeknetet, bis er endlich wie ein etwas ungeschicktes
Kügelchen aussieht. Das ist mitnichten der Fall. Die menschliche Form des
Geistes bleibt unversehrt, nur das Seelische, und eben auch nicht ihre Form,
sondern ihre Spezifika werden in der Gegend des Herzens zusammengedrängt und
kommen dann in dieser Zusammendrängung, je nachdem diese mehr oder weniger
heftig ist, unter obgenannten meteorischen Gebilden in die Erscheinlichkeit.
[Er.01_032,03]
Also müßt ihr euch nicht etwa vorstellen, daß in so einem Hagelkorne irgend ein
ganzer Geist mit seiner Seele zusammengeknault herabfällt, sondern nur seine
materiellen Wünsche. Diese werden endlich wegen ihrer materiellen Sinnlichkeit
von den Friedensgeistern zusammengedrängt und werden materiell und schwer. Da
diese aber lebendiger Besitz des Geistes und seiner Seele sind, so wird der
Geist mit seiner Seele selbst mit diesem seinem neugebildeten, materiellen
Schwerpunkte dahin gezogen, wohin dieser ob seiner materiellen Eigenschaft
seine notwendige Richtung nehmen muß.
[Er.01_032,04]
Um euch die Sache noch deutlicher vorzustellen, wollen wir ein euch leicht
begreifliches Bild vorstellen. Denket euch eine menschliche Form, welche aus
den sogenannten Goldschlägerhäutchen zusammengefügt wäre, gleichsam zu einem
Luftballon, der ebenso wie ein anderer Ball mit Wasserstoffgas angefüllt werden
könnte und, so er angefüllt wäre, eine menschliche Form hätte und sicher
alsobald aufstiege in die höheren Luftregionen. Wenn dieser mit Wasserstoffgas
gefüllte Ballonmensch in sich aber auf einmal eine Zusammendichtung des
Wasserstoffgases bekäme, da würde so ein allfälliger Wasserknaul natürlich
schwer werden und würde vermöge seiner Schwere auch natürlich zur Erde
herabfallen; da er sich aber nicht außerhalb, sondern innerhalb unseres
Ballonmenschen befindet, der durch eben diese innere Zusammenraffung des
Wasserstoffgases an der notwendigen Expansion verloren hat, so wird dann auch
dieser Ballonmensch mit seinem schweren Wasserknaul wieder mit zur Erde
herabgezogen werden. Die Form des Ballonmenschen hat nichts verloren, als daß
sie hie und da eingeschrumpft und gewisserart magerer geworden ist, konnte sich
aber vermöge ihres neugebildeten Schwerpunktes nicht mehr in der hohen
Luftregion erhalten. Wenn aber auf der Erde unten, also auf dem materiellen
Boden, sich der verdichtete Wasserknaul durch eine neue Wärme wieder in das
vorige Gas auflöst, so wird der Ballonmensch wieder aufsteigen.
[Er.01_032,05]
Sehet, das ist, obschon ein ganz materielles, aber doch entsprechend das
Geistige darstellend, ein recht wohl treffendes Bild, aus dem ihr entnehmen
könnet, wie sich gewisserart der geistige Mensch, dessen Seele eine geistig
ballonartige Außenform ist, in seinem Inwendigen verdichtet, dadurch schwer
wird und von seiner Höhe zu der wirklichen Materie seine Richtung nimmt, wo
aber diese materielle Verdichtung seiner sinnlichen Wünsche durch das Feuer
seiner in der Demut erwachten Liebe bald wieder aufgelöst wird und er dann mehr
gedemütigt wieder allgemach dahin aufsteigt, wo seines Wesens entsprechender
Ort ist.
[Er.01_032,06]
Sehr arg Gesinnte werden oft zu Steinen verdichtet und fallen als solche herab,
wo es dann mit der Auflösung schon sehr bedeutend länger hergeht, als wenn
diese Verdichtung bloß unter der Erscheinlichkeit obangeführter Meteore in das
materielle Dasein tritt. Manche werden aber selbst unter obiger Erscheinung
lange gehalten, welche über hohen Gebirgen und besonders über den Polargegenden
der Erde zum Falle gebracht werden; allein das müssen schon so ganz besonders
bösgesinnte Geister sein, in denen viel Hochmut waltet, der natürlich schon
Höllisches in sich trägt.
[Er.01_032,07]
Was mit den Geistern nach solchen Lektionen vor sich geht, das wird noch die
Folge deutlicher zeigen; vorderhand aber ist es genug, daß ihr euch davon einen
möglichst klaren Begriff machet, wie und warum hinter den natürlichen Erscheinungen,
die dem fleischlichen Auge sichtbar sind, sich allezeit Geistiges befindet. Und
so werden wir über eben dieses Wie und Warum nächstens noch mehrere
Betrachtungen anstellen.
33. Kapitel –
Naturgeister und Menschenseelen.
18. Februar 1847
[Er.01_033,01]
Der Regen fällt in Tropfen zur Erde, bald in kleineren, bald in größeren; so
ebenfalls der Schnee. Desgleichen findet man auch beim Hagel, wo manchmal nur
kleinwinzige Körnchen herunterfallen, manchmal aber pfundschwere, ja auf
Hochgebirgen manchmal sogar zentnerschwere Schloßen, und gewöhnlich in einer
überaus großen Anzahl, die manchmal so groß sein dürfte, daß sie kaum
auszusprechen wäre. Da läßt sich denn hernach fragen: Wie, – wenn ein jedes
Regentröpfchen, eine jede Schneeflocke oder ein jedes Hagelkorn einen Geist mit
sich zieht, woher eine solche Unzahl von Geistern? Und wann es zu Adams Zeiten
geregnet hat und geschneit und gehagelt, woher damals die Geister, so noch
niemand auf der Erde aus der Zahl der Menschen gestorben war? Allein, wer die Sache
von diesem Standpunkte aus betrachten würde, der müßte in einen noch bei weitem
größeren Irrtum verfallen, als wie groß da ist die ganze Erde.
[Er.01_033,02]
Was die Geister der auf der Erde verstorbenen Menschen betrifft, so können sie
solcher Begebnisse teilhaftig werden, welche an jenen geistigen Wesen ausgeübt
werden müssen, die erst die Wanderung durch das Fleisch antreten. Wenn es
demnach schneit, so sind in den Schneeflocken allezeit geistige Potenzen, d. h.
neu anlangende Geister, die mit den aus der Erde befreiten Seelen Gemeinschaft
machen und mit denselben die Wanderung durch das Reich der natürlichen
Erscheinungen zu machen beginnen.
[Er.01_033,03]
Das sind demnach nicht Geister verstorbener Menschen, sondern sie sind
gewisserart neue Ankömmlinge, oder wenn man noch bezeichnender sagen möchte:
sie sind neue Auftauchlinge aus dem langen Schlafe der Erdmaterie.
[Er.01_033,04]
Aber es können auch Geister verstorbener Menschen, welche sich die
fortschreitende Ordnung nicht gefallen lassen wollen, wieder auf demselben Wege
zurückgedrängt werden, welchen die neuen Auftauchlinge zu gehen haben; aber die
neuen bleiben in der Erde und müssen da ihren bestimmten Weg antreten, die
Geister der Verstorbenen dagegen kehren nach einer kurzen Demütigungsfrist
wieder zurück, was sich auch schon in der naturmäßigen Welt beschauen läßt.
Denn so es regnet, da dringt der Regen in die Erde und wird dort von Pflanzen
und Tieren, wie auch von Mineralien verspeist; aber hie und da sieht man schon,
entweder während des Regens oder nach demselben, wie sich besonders in höheren
Gegenden weißlichte Nebelchen erheben und aufwärts ziehen. Das ist wohl
freilich der kleinste Teil eines solchen Regenherabfalles, der da wieder in
diesen Nebeln zurück in die Höhe steigt. Es ist aber dies auch jener kleinste
Teil der Geister, welche von verstorbenen Menschen herrühren, gegen den großen
Teil jener Geister, welche neu ankommen.
[Er.01_033,05]
In der Erscheinlichkeit ist da gar kein Unterschied; aber in der Art und Weise,
wie die Erscheinlichkeit bewirkt wird, und wie sich das Geistwesen an die
Erscheinlichkeit bindet, da ist ein überaus großer Unterschied. Bei den neu
anlangenden Geistern und neuen seelischen Auftauchungen ist das Geistige wie
das Seelische noch vollkommen in die Materie eingeschlossen. Da ist die Materie
nicht ein zur Erscheinlichkeit kommender innerer Schwerpunkt, der den Geist,
wie der Wasserknaul in unserem Ballonmenschen, herabzieht; sondern da ist das
Geistige wie das Seelische noch sehr zerteilt, so daß kaum in einer Million
Regentropfen, Schneeflocken oder Hagelkörner das Wesen eines einzigen Geistes
und dessen Seele vollständig in die Erde gesäet wird, – wo hingegen bei einem
schon kompletten Geist es ein ganz anderer Fall ist, da bei ihm nur seine
materiellen Wünsche und Neigungen in solch materieller Form, in eins
zusammengedrängt werden und dann auf eine kurze Zeit das sehr herbe Los mit
jenen geistigen Potenzen teilen, welche unter obigen Erscheinlichkeiten den
großen Kreis zu ihrer Freiwerdung beginnen.
[Er.01_033,06]
Es wäre sehr schwer zu ermitteln, in welchem Regentropfen oder in welcher
Schneeflocke ein natürlicher oder ein schon alle Natur verlassender Geist
herabfiel, denn die äußere Erscheinlichkeit ist gleich; aber das kann ungefähr
als etwas angesehen werden, wenn entweder die Regentropfen, Schneeflocken oder
auch Hagelkörner größer und gewichtiger sind. In einem solchen großen
Hagelkorne ist nicht selten ein gedemütigter Geist, der schon seine irdische
Bahn durchgemacht hat. Was aber die kleineren Erscheinungen sind, das sind
lauter sogenannte Naturgeister, deren es natürlich eine unaussprechlich große
Anzahl geben muß, weil sie nicht als ganz, sondern als in unendlich viele
geistig-spezifische Partikel geteilt zur Erde kommen, so wie nie eine ganze Seele
mit all ihren geistigen Spezifiken der Erde entsteigt, sondern allzeit im
höchsten Grade geteilt; und warum denn eigentlich so geteilt?
[Er.01_033,07]
Diese Teilung hat einen doppelt wichtigen Grund: Der erste liegt in dem
urgeistigen Wesen selbst, wo sich ein jeder Geist durch sein Großwerdenwollen
bis ins Unendliche zerteilt und zerrissen hat; und der zweite Grund liegt
darinnen, weil durch eben diese Teilung ein solcher urgeschaffener Geist sich
ganz natürlich auch bis auf den letzten Tropfen seiner Kraft geschwächt hat,
zufolge welcher Schwächung er dann auch seine Hochmutspläne nimmer ausführen
konnte.
[Er.01_033,08]
Eine solche Zerstreuung des Geistes hat Ähnlichkeit mit der babylonischen
Sprachenverwirrung. Wie sich dort die Völker zerstreuen mußten, so mußten sich
bei einem Geiste seine Begriffe zerstreuen, so daß er nimmer einen vollen
Gedanken, noch weniger irgend einen Plan in sich fassen konnte.
[Er.01_033,09]
Aus diesem Grunde ist der Satan noch heutigestags auf das allereifrigste
bemüht, in den einzelnen Menschenseelen und Geistern sein eigenes Urwesen
wieder in eins zusammenzufangen, um dadurch zu jener Kraft zu gelangen, die ihm
uranfänglich eigen war.
[Er.01_033,10]
Damit er aber zu dieser Kraft nimmer gelangen kann, so ist er geteilt und
zerstreut durch die ganze Schöpfung, und sein Geistiges ward verkehret in
Materielles, daraus nun das Seelische eines jeden Menschen hervorgeht, welchem
Seelischen ein neues Geistiges eingehaucht wird, damit da aus einem jeden
solchen Teile ein ganzes Wesen hervorgehe, welches gleich sei demjenigen
urgeschaffenen Wesen, das sich durch seine Hoffart oder Ideenausdehnung über
Gott erheben wollte, sich aber dadurch gewisserart selbst zersprengt und in
Unendliches zersplittert hat, so daß nun von ihm nichts übrig blieb als sein
Ich und mit demselben sein grundböser Wille; aber alle seine Fähigkeiten, alle
seine Ideen und zahllosen Begriffsvollkommenheiten sind ihm genommen worden,
und diese sind es eben nun, die da fortwährend zu den Weltkörpern gelangen, zum
größten Teile schon in den Weltkörpern selbst gebannt gegenwärtig sind und sich
dadurch in Seelisches und Geistiges abteilen, da in dem Seelischen das gegebene
Ich und das Selbstbewußtsein wieder auftaucht aus der Materie, und in dem
Geistigen die Erkenntnis Gottes wieder in das Seelische eingepflanzt wird, ohne
dem die Seele, wie die Pflanze ohne Regen und Sonnenschein, bald verdorren und
ersterben würde.
[Er.01_033,11]
In der Pflanze taucht, wie ihr wisset, zuerst das seelische Leben auf; dieses
kann nicht fortkommen, wenn es nicht geistige Nahrung aus der Luft bekommt.
[Er.01_033,12]
Daraus aber wird ersichtlich, wie und warum so viel Geistiges in
obbeschriebenen Erscheinlichkeiten zur Erde herabkommt, und es kann auch leicht
begriffen werden, daß es zu der Vielheit dieser Erscheinungen nicht notwendig
ist, daß auf Erden darum schon so viele Menschen müßten gelebt haben; wohl aber
geht hervor, daß auf ihr noch sehr viele leben werden. – Wenn aber einmal alles
Geistige und Seelische dieser Erde erschöpft sein wird, dann wird an der Stelle
der natürlichen eine vollkommene geistige Erde Platz nehmen, welche nicht mehr
aus gebannten, sondern aus freien Geistern und Seelen bestehen wird.
[Er.01_033,13]
Daß die Erde aber jetzt aus lauter gebannten Seelen und Geistern besteht, das
zeigen nicht nur die tagtäglich häufig wiederkehrenden meteorischen
Erscheinungen, sondern das zeigen auch besonders für jene einfachen Menschen,
die das Vermögen haben, Geistiges und Seelisches zu schauen, jene oft zahllosen
Heere von Wasser-, Erd-, Berg- und Luftgeistern, die noch zu allen Zeiten von
einem oder dem andern gesehen worden sind.
[Er.01_033,14]
Die gelehrte Welt sieht dergleichen freilich nicht; aber sie sieht auch so
manches andere nicht, was ihr noch näher und nötiger wäre, als zu schauen
derlei in der Erdmaterie gebannte Geister. Aber ob Glaube oder Nichtglaube bei
den Weltgelehrten, deswegen bleiben die Urdinge doch wie sie sind, und der
Vogel kann heutigestags so wie vor Urzeiten die Luft bemeistern, obschon er nie
auf einer Pariser Universität in der Aerostatik (Luftschiffahrt) die strengen
Prüfungen gemacht hat.
[Er.01_033,15]
Also gibt es denn auch heutzutage noch eine Menge ganz einfache Menschen, die in
ihrer Einfalt mehr sehen und nicht selten mehr wissen als eine ganz gelehrte
Fakultät. Es gibt wohl auch bessere Gelehrte, die solches wenigstens nicht
bezweifeln; aber zum Schauen bringen es doch wenige.
[Er.01_033,16]
Auf dieses nun können wir noch so manche nützliche Betrachtung hinzufügen, aus
welchen Betrachtungen es uns dann ein sehr leichtes sein wird, die ganze übrige
geistige Erde mit einem Blicke zu übersehen. Nächstens somit einige
Betrachtungen derart weiter und manche Denkwürdigkeiten dazu!
34. Kapitel –
Luft-, Berg- und Wandergeister.
19. Februar 1847
[Er.01_034,01]
Die Nebelchen, die so hie und da, besonders auf hohen Steingebirgen bald über
einem oder über dem andern Felsenkranz, sich entwickeln, sind, wenn kein Regen
vorhergegangen ist oder auch kein Schnee und dergleichen, zumeist Naturgeister,
die nicht von verstorbenen Menschen herrühren, sondern erst nach Zeiten
Menschenseelen und Geister werden können.
[Er.01_034,02]
Diese Geister, die sich so gern in die Luft erheben, ja manchmal dieselbe sogar
ganz überziehen, sind die sogenannten Luftgeister, die schon mehr Freiheit als
die festeren Erdgeister genießen, aber dennoch in diesem ihrem freien Zustande
von den reinen Friedensgeistern sorgfältigst überwacht werden müssen, ansonst
sie leicht irgend einen großen Schaden anrichten könnten.
[Er.01_034,03]
Diese Geister werden selten von Menschen gesehen, und die Geister verhüten das
auch auf das sorgfältigste, weil sie eine große Furcht vor allem haben, was
Materie heißt, vor allem aber vor derjenigen, bei der sie ein starkes
Wahrnehmungsvermögen verspüren. Eben diese Furcht aber flößt ihnen auch eine
Art Haß gegen die Materie, in der sie so lange gefangengehalten waren, ein, aus
welchem Grunde dann eine sorgfältige Überwachung dieser Geister sehr
begreiflich ist; denn jeder Geist, wenn er einmal von der Materie losgeworden
ist, ist um keinen Preis mehr irgend der Materie nahe zu bringen. Selbst die
Geister verstorbener Menschen haben einen großen Ekel davor, obschon bei ihnen
eine vollkommene Intelligenz vorhanden ist. Wie groß erst ist vor der Materie
die Scheu jener Geister, die erst vor einigen Augenblicken durch besondere
Zulassung aus den Banden der härtesten Gefangenschaft zu der verlangten
Freiheit gelangt sind, in welcher vollkommen zu sein sie vorgaben, ohne den
fatalen und mühsamen langen Weg des Fleisches zu durchwandeln.
[Er.01_034,04]
Solch ein Begehren wird ihnen gewährt, nach welcher Gewährung aber gewöhnlich
nie Wort gehalten wird; denn diese Geister werden aus Abscheu und Haß gegen die
Materie entweder boshaft und rachsüchtig, oder sie rotten sich zu vielen
Millionen zusammen und wollen hinaus in die weite Unendlichkeit entfliehen. Die
Boshaften und Rachsüchtigen werden wieder gefangengenommen und unter obigen
meteorischen Erscheinlichkeiten zur Erde herabgeführt, wo sie alsbald in den
Pflanzenregionen zu arbeiten angewiesen werden. Haben sie aber dazu keine Lust,
so werden sie in der Erscheinlichkeit des Wassers in Bäche, Flüsse, Seen und
Meere getrieben, wo sie dann auch, euch schon bekanntermaßen, nicht selten ihr
mannigfaltiges Unwesen treiben. Sind sie aber äußerst boshaft geworden und
haben sich darinnen mit den herben Geistern des Meeres vereinigt, da kann es
sogar geschehen und geschieht es auch gar häufig, daß solche arge Patrone
wieder in das Innerste der Erde zurückgetrieben werden, was ein höchst
bedauernswürdiges Los ist. Geben sich aber diese Geister fleißíg mit dem
Betriebe des Pflanzenwuchses ab, so können sie entweder den Weg des Fleisches
antreten, oder sie können nach einer gewissen zurückgelegten Dienstperiode,
welche sich längstens bis zweihundert Jahre und etwas darüber erstrecken kann,
wieder in ihren vorigen freien Zustand zurückkehren, in welchem freien Zustande
sie dann entweder die Luft, die Gebirge, das Erdreich, Wälder, manchmal auch
Seen und Flüsse bewohnen können.
[Er.01_034,05]
Diese Art Geister hat dann eine vollkommene Intelligenz; sie sind in den Dingen
der Natur äußerst bewandert und können alles sehen und hören, was auf der Erde
geschieht, und was da geredet wird.
[Er.01_034,06]
Diese Geister können sogar mit Menschen umgehen und ihnen manchmal entschiedene
Dienste leisten, nur muß sich ein jeder hüten, ihnen in was immer zu nahe zu
treten; denn da werden sie leicht erbittert und können jenem, der sie erbittert
hatte, einen bedeutenden Schaden zufügen, und das darum, weil, obschon sie die
Materie bewohnen, sie aber dennoch Todfeinde derselben sind.
[Er.01_034,07]
Gegenden, in denen sie vorzugsweise wohnen, müssen abgelegen und ruhig sein; in
einer solchen Gegend ist es auch niemandem zu raten, laut zu schreien, zu
pfeifen, noch weniger zu fluchen und zu schelten, weil dadurch die noch in der
Materie gefangenen Geister angeregt und rebellisch werden könnten, was dann den
schon freier gewordenen in ihrer Idee Schaden bringen könnte.
[Er.01_034,08]
Um das zu verhüten, suchen sie die Wanderer in solchen Gegenden durch allerlei
Erscheinlichkeiten zu schrecken, damit diese ja so schnell wie tunlich eine
solche Gegend räumen möchten. Besonders heiklich sind sie in den Bergen, und
namentlich in den Stollen und Schachten, wo sie schon oft für die in den Bergen
Arbeitenden die größten Unglücke bewirkt haben. Hie und da ein plötzliches
Zusammensinken der Schachte und Stollen, böse Luft in denselben, oft plötzliche
Überschwemmungen, Verschwinden der Metalladern und dergleichen tolles Zeug mehr
ist alles ein Werk solcher Geister, wie auf hohen Bergen auch Erdabstürze und
große Schneelawinen zumeist von diesen Unholden bewerkstelligt werden.
[Er.01_034,09]
Wenn diese Geister manchmal in irgend etwas den Menschen wohlwollen oder ihnen
wenigstens nichts Arges anzutun im Sinne haben, so erscheinen sie gewöhnlich in
einer Zwerggestalt, und zwar entweder in ganz dunkler, grauer, blauer oder
grüner Farbe. Diese kleine Form zeigt an, daß sie sich zu den Menschen
herabwürdigen, um ihnen Gutes zu tun, weil sie in ihnen den gebannten Geist
gewisserart bedauern. Wann aber ein Mensch sich dann gegen solche Geister
ungebührlich benimmt, so wachsen sie nicht selten zu einer ungeheueren
Riesengröße an, in welcher Gestalt es dann nicht mehr gut ist, in ihrer Nähe zu
verweilen, – und ohne Anrufung Meines Namens schon gar nicht.
[Er.01_034,10]
Daß solche Geister aber also vorhanden sind, ist schon in der letzten
Mitteilung dargetan worden. Es fragt sich demnach nur noch, ob solche Geister
auch den Weg des Fleisches durchwandern werden oder nicht.
[Er.01_034,11]
Wenn sie sich auf der Erde sehr nützlich und tätig zeigen, so kann ihnen auf
der Erde das Fleisch wohl nachgesehen werden; dafür aber kommen sie entweder in
den Mond oder in einen anderen Planeten, wo sie dennoch eine Inkarnation
annehmen müssen, und auch meist williger annehmen, weil die Inkarnation auf den
anderen Weltkörpern gewöhnlich flüchtiger und leichter ist.
[Er.01_034,12] Diese
Geister werden dann gewöhnlich Wandergeister genannt, indem sie von einem
Planeten auf den andern kommen, mit welcher Wanderschaft nicht selten auch
Geister verstorbener Menschen eine gemeinschaftliche Sache machen, zu welcher
sich besonders die sogenannten Naturphilosophen und Astronomen bekennen, denen
diese Wandergeister, welche auf der Welt nicht inkarniert wurden, gewöhnlich
erwünschte Dienste leisten. Denn die Geister der Verstorbenen könnten ohne
Hilfe dieser wandernden Naturgeister auf den anderen Weltkörpern nichts zu
Gesichte bekommen. Da verhelfen ihnen aber diese Naturgeister zu dem Wege in
die Menschen anderer Weltkörper und machen, daß solche Geister dann durch die
Augen jener Menschen die Dinge auf den fremden Weltkörpern beschauen können.
[Er.01_034,13]
Wenn dergleichen Naturgeister mit der Länge der Zeit des Herumgaffens müde
werden, dann geschieht es gewöhnlich, daß sie doch wieder zur Erde zurückkehren
und sich dann die schwere Inkarnation gefallen lassen, ohne welche nie an eine
Kindschaft Gottes zu denken ist; denn alles, was Kind Gottes werden will, muß
auch von A bis Z den Weg Gottes gehen, aus welchem Grunde – wie euch schon
bekanntgegeben wurde – Geister aus zahllosen anderen Weltkörpern zu der Erde
dringen, um da die Inkarnation des Menschensohnes durchzumachen. Denn so wie es
nur einen Gott, eine Wahrheit und ein Leben gibt, so gibt es auch nur einen Weg
dazu, wovon es aber nicht eine notwendige Folge ist, daß darum alle Bewohner
anderer Weltkörper diesen Weg machen müßten, um in ihrer Art selig zu sein, –
wie es auch bei einem menschlichen Leibe eine zahllose Menge anderer gesunder
Nerven und Fibern geben kann, ohne daß sie Nerven und Fibern des Herzens sind.
[Er.01_034,14]
Durch diese Betrachtung und denkwürdige Anführung wird sich ein jeder in der
zweiten geistigen Region sicher schon ganz leicht zurechtfinden. Nächstens
daher nur noch einige denkwürdige Histörchen, und dann geschwind in die erste
Luftregion herab!
35. Kapitel –
Von Hexen und Hexenprozessen.
22. Februar 1847
[Er.01_035,01]
Es wird kaum einen Menschen geben, der noch nie von den sogenannten Hexen etwas
gehört hätte; denn es ist von der Zeit eben noch nicht gar so lange her, in
welcher noch Gerichte Hexenprozesse führten und unter diesem Namen eine große
Menge der allerunschuldigsten Menschen mit dem schmerzhaftesten Tode aus dieser
in die andere Welt beförderten.
[Er.01_035,02]
Wie kam aber die Menschheit zu den Hexen? – Diese Frage wollen wir mit einigen
Histörchen beantworten.
[Er.01_035,03]
In den früheren Zeiten, in denen die Menschen noch viel einfacher lebten als
jetzt, gab es häufig solche, die das sogenannte doppelte Gesicht hatten und
ganz naturgemäß in den beiden Welten lebten. Es könnten auch Menschen in dieser
Zeit gar leicht dahin gelangen, so ihre Kost einfacher wäre; aber zu allermeist
schadet ihnen die gegenwärtige, komplizierte Kost. Mit der Kost verpatzen und
verdummen sie ihre Natur so, daß in selber die Seele wie ein Vogel unter den
Leimspindeln sich verwickelt und verkleistert, daß sie unmöglich zu jener
Regsamkeit und Gewandtheit gelangen kann, in der ihr ein freier Auf- und
Ausflug möglich wäre.
[Er.01_035,04]
Worin bestand denn dann die Kost jener früheren, einfachen Menschen?
[Er.01_035,05]
Die Kost bestand zumeist in Hülsenfrüchten, die ganz einfach, weich gekocht,
etwas gesalzen und dann nie in heißem Zustande genossen wurden. So war auch
einfaches Brot, Milch und Honig ebenfalls eine gar uralte, einfache Kost, bei
welcher die Menschen zumeist ein sehr hohes Alter erreichten und fortwährend
bis zum letzten Augenblicke ihres Lebens im Besitze des zweiten Gesichtes
waren.
[Er.01_035,06]
Wohl kann jedermann dann und wann mäßig den Wein genießen, jedoch nie soviel,
daß er sich berauscht fühlen würde.
[Er.01_035,07]
Fleischspeisen sollten nur zu gewissen Zeiten, und da nie länger als sieben
Tage nacheinander, sehr mäßig und allezeit von frisch geschlachteten Tieren
genossen werden, und da ist das Fleisch der Fische besser als das Fleisch der
Tauben, das Fleisch der Tauben besser als das der Hühner, das Fleisch der
Hühner besser als das Lämmerfleisch, dieses besser als das Ziegenfleisch, und
dieses besser als das Kälber- und Rindfleisch, – wie unter den Brotarten das
Weizenbrot das dienlichste ist; jedoch soll von den angezeigten Speisen nie
mehr als eine mit etwas Brot genossen werden, so wie auch das Obst allezeit nur
mäßig und allezeit von bester Reife nur sollte genossen werden, desgleichen
auch einige Wurzelfrüchte, aber nur eine auf einmal.
[Er.01_035,08] Bei
solcher Kost würde der Leib nie zu jener Wülstigkeit gelangen, in welcher er
träg, schläfrig und schwerfällig wird, daß dann die Seele über Hals und Kopf zu
tun hat, solch eine schwerfällige Maschine in der Bewegung zu erhalten,
geschweige, daß sie sich neben solch einer Arbeit noch mit etwas anderem
beschäftigen könnte.
[Er.01_035,09]
Sehet, so einfach lebende Menschen, wie schon oben bemerkt, gab es in der
früheren Zeit viele, und besonders einfach lebten jene Menschen, die sich an
Bergen ihre Wohnstätten aufgerichtet hatten. Diese Menschen hatten denn auch
beständig das zweite Gesicht, hatten bei Tag und Nacht einen ganz natürlichen
Umgang mit den Geistern und ließen sich von ihnen in den mannigfachsten Sachen
belehren. Die Geister zeigten ihnen die Wirkungen der Kräuter und zeigten ihnen
auch an, wo hie und da das eine oder das andere edle oder unedle Metall in den
Bergen verborgen lag, lehrten sie auch das Metall aus den Bergen zu bekommen
und durch Schmelzen und Schmieden zu allerlei nützlichen Dingen brauchbar zu
machen.
[Er.01_035,10]
Kurz und gut, es war da selten ein Haus auf den Bergen, das da nicht seine
eigenen Hausgeister gehabt hätte, die wie ein anderes Hausgesinde ganz
gewöhnlich zum Hause gehörten. Dadurch aber gab es denn auch eine Menge Weiser,
namentlich auf den Bergen, welche mit den geheimen Kräften der Natur, mit
unseren Geistern nämlich, in der größten Vertrautheit lebten, – oder diese
Kräfte oder Geister standen ihnen sozusagen fast allezeit zu Gebote.
[Er.01_035,11]
Wenn dann Menschen aus den tieferen Gegenden, als wie aus größeren Dörfern,
Märkten und Städten, zu diesen weisen Gebirgsmenschen kamen, so mußte ihnen da
freilich so manches für sie Unheimliche und Geheimnisvolle überaus auffallen,
und besonders, wenn oft Bösgesinnte es mit einem solchen Bergbewohner in irgend
einer Sache streitend aufnehmen wollten; denn so ein Streiter bekam sicher
irgend einen für ihn unbegreiflichen sogenannten Merks-Tölpel, von dem er
freilich nichts anderes halten konnte, als dieser sei ihm von dem leibhaftigen
Satan oder wenigstens von seinen Helfershelfern beigebracht worden.
[Er.01_035,12]
Was war die Folge? – Der auf diese Weise gewitzigte Märktler, Dörfler oder
Städter ging sogleich zu seinem Ortsgeistlichen, der in der Zeit gewöhnlich
entweder noch dümmer oder doch wenigstens boshafter als der Kläger war. Da
wurden Messen, Prozessionen und Exorzismen angeordnet, natürlich fürs bare
Geld, welches allezeit eine ganz tüchtige Summe, wenn nicht das sämtliche
Vermögen samt Haus und Hof des in jedem Falle verhexten, wo nicht schon durch
und durch verteufelten Klägers ausmachen mußte.
[Er.01_035,13]
Hatte der Kläger seinem Geistlichen auf diese Weise Genüge geleistet, so wurde
der Fall dem weltlichen Gerichte angezeigt. Dieses ging dann mit allerlei, von
dem Geistlichen verordneten, geweihten antihexischen und antiteuflischen
Apparaten zu dem Hause, wo der Kläger vermeintlicherweise verhext oder
verteufelt worden war. Dieses weltliche Gericht nahm dann gewöhnlich die ganze
Einwohnerschaft auf eine scheußliche Weise gefangen, führte sie oft ohne
weiteres Verhör schnurgerade auf den brennenden Scheiterhaufen und nahm alle
Schätze samt Haus und Grund – aber freilich nach vorhergehender siebenmaliger
exorzistischer Weihe – in den Beschlag, für welche Weihe aber freilich wieder
ganz tüchtig bezahlt werden mußte.
[Er.01_035,14]
In der späteren Zeit trieb man es oft noch ärger; denn da wurde am Ende schon
ein jeder, der außer dem geistlichen Stande im schwarzen Rocke gesehen ward und
schneller gehen konnte als ein anderer, für einen baren Teufelskerl gehalten,
und es brauchte nur eines einigermaßen boshaften Klägers, und der
Schwarzberockte ward vor das Hexengericht gestellt, – bis in der jetzigen
neueren Zeit die Naturforscher und Chemiker es endlich doch dahin gebracht
haben, daß die überaus dumme Menschheit einzusehen angefangen hat, daß ihre
vermeintliche Hexerei eine allerbarste Dummheit ist.
[Er.01_035,15]
Aber man ging da von einem Extrem zum andern und vergaß des Sprichwortes: In
medio beati; denn so gefehlt es ist, sich als natürlicher Mensch ganz mit
Geistern herumbalgen zu wollen, so und noch mehr gefehlt ist es, das ganze
Geisterreich zu verbannen und als null und nichtig zu erklären.
[Er.01_035,16]
Es ist freilich wohl nicht zu leugnen, daß sich in dieser früheren Zeit
manchmal Menschen mit bösen Geistern in einen Konflikt gesetzt haben, mit deren
Hilfe sie manchmal irgend einen örtlichen Schaden angerichtet haben; aber eben
diese Bösen hatten allezeit eine ganz tüchtige Kontrolle und ganz tüchtige Zuchtmeister
an ihren guten Nachbarn, welche auf ein Haar wußten, was irgend ein Böser in
seinem argen Sinne hatte. Allein darauf nahm damals die Geistlichkeit, so wie
jetzt, gar keine Rücksicht, und es mußte, ob Engel oder Teufel, alles ins
Feuer; denn da sah man nicht, ob gut oder böse, sondern nur ob es was einträgt.
Hatte der Kläger kein Vermögen und der vermeintliche Zauberer auch keines, so
war es: Requiescant in pace! Nur wenn bei einem oder dem anderen Teile einiges
Vermögen verspürt wurde, da lief die Sache freilich nicht so gut und friedlich
ab. Es war damals mit diesen Hexen fast also, als wie gegenwärtig mit den
Begräbnissen, wo bei dem Reichen alle möglichen Zeremonien und Gebete
verrichtet werden, und der Arme muß sich bloß mit einem Pater noster und
requiescat in pace begnügen; und kann der Arme durchaus nichts zahlen, so mag
er sich bloß mit der geweihten Erde begnügen!
[Er.01_035,17]
Heißt das nicht auch Zauberei treiben? – Ah nein! Da heißt es: Der Arme kommt
ohnedies in den Himmel; nur der Reiche soll noch vorher etwas schwitzen, bevor
ihm die Himmelspforte aufgetan wird! – Oh, das wird im Geisterreiche ganz
hübsche Komödien abgeben!
[Er.01_035,18]
Diese Handlungsweisen hält jedermann für ehrbar und rechtlich, während sie in
geistiger Hinsicht noch viel ärger sind als alle früheren Hexenprozesse; den
deren Grund war gewöhnlich Dummheit, hier aber ist es reine Habsucht, und ein
Hexenprozeß aus Habsucht ist viel ärger als einer aus Dummheit. Und was ist so
ein Exequienwesen anderes als ein Hexenprozeß, durch den man an dem
Verstorbenen noch so manches Teuflische wegzuexorzieren wähnt.
[Er.01_035,19]
Ich meine, diese Sache ist klar; daher fürs nächste nur noch ein paar
Histörchen hinzu, und dann weiter!
36. Kapitel –
Von den Zauberbergen.
23. Februar 1847
[Er.01_036,01]
Daß in der früheren Zeit ganz zuverlässig sicher auf den Bergen hellsehende
Menschen gewohnt haben, die mit den Geistern Umgang pflogen, davon zeugen noch
heutigestages, wenn sonst auch nicht viel mehr, so doch noch die eigentümlichen
Benennungen der Berge.
[Er.01_036,02]
In eurem Lande gibt es eine Menge solcher Berge, die in ihrem Namen noch das
bergen, was sich in der früheren Zeit zutrug. In Kärnten, in Tirol und in der
Schweiz, in Savoyen, auf den Bergen Deutschlands und allenthalben, wo Berge
sind, gibt es eine Menge Berge, aus deren Namen leicht zu entnehmen ist, was
sich einst auf ihnen zutrug. So ist euer Schöckel schon ein solcher Berg, der
seinen Namen von daher hat; denn nach einer alten Landessprache bedeutete das
Wort „Schögeln“ soviel als Wettermachen. Es hieß aber auch bei einem Menschen,
der so einige Naturkünste zuwege brachte etwa in der Art wie die heutigen
Taschenspieler, daß er ein Schögler ist. Auch Menschen, die auf dem Seile
tanzten und sonst gewaltige Sprünge machten, wurden Schögler genannt. Dieses
Wort „Schögeln“ ist ein gar uraltes, asiatisches Wort, nach welchem die
dortigen Zauberer auch Jongleurs, Jogles heißen.
[Er.01_036,03]
In der deutschen Sprache ist noch heutigestags ein gangbares Wort, aber freilich
etwas veraltet, das von diesem abstammt, nämlich das Wort „Schock“, z.B. ein
Schock Menschen oder ein Schock Garben. Man benannte ein gewisses Häuflein
Menschen darum einen Schock, weil man darunter gewöhnlich einen Menschen
vorhanden glaubte, der etwas mehr weiß als die anderen, der sonach sicher ein
Schögler war und die Menge daher von ihm den Namen Schock hatte. Auch sah man
die Menschen auf den Bergen gewöhnlich schockweise beisammen, was auf den
Bergen ganz natürlich ist, da es nicht ratsam wäre, wenn so hie und da
vereinzelte Menschen Arbeiten vornehmen, zu denen fürs erste eine einzelne
Menschenkraft nicht hinreichen würde, und fürs zweite, wenn sie auch noch
hinreichte, so könnte dem Arbeiter doch etwas zustoßen, wo er dann niemand zur
Hilfeleistung um sich hätte. In dieser früheren Zeit aber dachten da die
Talbewohner alsogleich, wenn sie so ein Schöckchen Menschen auf einem Berge
erblickten und etwa zufälligerweise irgend ein Wölkchen über dem Berge, daß
sich nun diese Menschen schon mit der Zauberei abgeben und auf jeden Fall ein
Wetter zu machen anfangen. Auf diesem eurem Schöckel war dieses in früherer
Zeit, wie noch jetzt, bis aufs Wettermachen, der Fall.
[Er.01_036,04]
Dieser Berg war bei weitem eher bewohnt als die Talgegenden, und sein urerster
Name war „Freitauer“; als aber in späterer Zeit die Täler von verweichlichteren
Menschen bewohnt wurden, da fingen bald die Talbewohner diese Bergler als
Zauberer zu verdächtigen an, und der Name „Freitauer“ hat sich bald in den
Namen „Schöckel“ oder „Zauberberg“ umgewandelt, und es hat Zeiten gegeben, von
denen kaum noch hundert Jahre her sind, wo dieser Berg noch so berüchtigt war,
daß sich kein ehrlicher Christ wagte, seinen obersten Scheitel zu besteigen,
weil jedermann, der einigen katholisch-christlichen Sinn hatte, vor der
Schöckelhexe auf das eindringlichste gewarnt wurde. Man hat darum auch seine
höchste Kuppe entwaldet, um dadurch der Schöckelhexe die Schlupfwinkel
wegzunehmen, damit sie sich nicht verbergen könnte, wenn von allen Seiten mittelst
geweihten Pulvers auf sie geschossen wurde. Das Wetterloch ist noch zu sehen;
daß daraus aber nie ein Wetter kam und noch weniger je eine Hexe den Schöckel
bewohnt hat, das braucht euch kaum näher gezeigt zu werden; daß aber in der
früheren Zeit dieser Berg, wie auch noch jetzt, von sehr vielen sogenannten
Berggeistern bewohnt war, mit denen die alten Bewohner dieses Berges nicht
selten ganz natürlichen Umgang pflegten und darum auch um vieles weiser waren
als die Talbewohner, das könnt ihr ganz unbezweifelt annehmen, sowie auch, daß
dieser Berg einst ein Feuerspeier war und seine Wetterlöcher nichts als noch
offengebliebene Krater sind.
[Er.01_036,05]
So aber wie der Schöckel haben noch eine Menge Berge von Steiermark ihre
geheimnisvollen Namen, welche alle erörternd herzusetzen der Raum dieser
Mitteilung nicht gestatten würde. So ist die „Raxalpe“ eben ähnlichen
Ursprungs; denn das Wort „Rax“ ist gewisserart apostrophiert von „Racker“, der
so gewisserart ein halber Teufel ist. – Das „Tote Weib“ hat schon in dem Namen
das tüchtigste Kennzeichen, was dieser Berg einst war, nämlich ein Boden voll
Hexen, durch die einst ein Weib, welches von ihnen abgefangen wurde, sich aber
ihrem Willen nicht fügen wollte, in einen Stein verwandelt ward. Mit dieser
Verwandlung war sie natürlich auch tot.
[Er.01_036,06]
In der späteren Zeit hat man tiefer unten eine Eremitage eingerichtet, in
welcher auch einmal ein Weib tot gefunden wurde, und wie sich noch mehrere
dergleichen Sagen an diesen Berg knüpfen, welche aber natürlich ebensoviel
Wahres an sich haben als die Lüge selbst; sondern der Grund der Verdächtigung
und der üblen Benennung solcher Berge ist der gleiche, wie er schon im ganzen
Verlaufe dieser beigefügten denkwürdigen Histörchen angegeben ist.
[Er.01_036,07]
So ist der „Hohe Schwab“ ebenfalls gar überaus berühmt als ein Zauberberg. Sein
Name rührt von einem Abkömmlinge oder Auswanderer Schwabenlands her, welcher
als einer der berühmtesten Zauberer in dieser Gegend existierte und dort sein
Unwesen trieb, bis ihm dann der nahe errichtete Wallfahrtsort, den ihr wohl
kennet, ein Ende machte. So existiert auch ein „Teufelsstein“; diesen weiter zu
erkären ist unnötig. Der „Predigerstuhl“ ist gleichen Ursprungs; denn da soll
einst der leibhaftige Satan den Hexenmeistern die Verhaltungsregeln
vorgepredigt haben.
[Er.01_036,08]
So ist der „Grimming“ auch in einem gleichen verdächtigen Ansehen. Besonders
verdächtig aber war das ziemlich weit und breit gedehnte „Tragelgebirge“,
welches die Grenze zwischen Salzburg, Oberösterreich und Steiermark bildet.
Dieses Tragelgebirge war gewisserart die Hochschule für alle Zauberer und
Hexenmeister von ganz Steiermark, Österreich und Salzburg; denn der Name ist
noch heutigestags überaus verdächtig, und noch ist kein Bewohner etwa von Altaussee
oder von der Ramsau leicht dazu zu bewegen – besonders wenn er mehr der
sogenannten unteren Volksklasse angehört –, auf dieses kahle Gebirge zu gehen,
außer Raubschützen, die freilich wohlweislichermaßen auf die Hexen nichts mehr
halten, aber um desto mehr auf die fetten Gemsen, die auf diesem weitgedehnten
Bergstocke so ganz eigentlich zu Hause sind.
[Er.01_036,09]
Wir brächten noch wenigstens ein paar hundert solcher Berge in Steiermark
zusammen, wollen uns aber mit den bis jetzt angeführten begnügen und fürs
nächste noch über ein paar Berge Kärntens, Tirols und auch einen aus der
Schweiz in obiger histörchenartiger Hinsicht uns besprechend hermachen, welche
Berge noch vor ungefähr hundertzwanzig Jahren eine ganz außerordentlich
mystische Rolle gespielt haben.
37. Kapitel –
Berge mit berüchtigten Namen.
24. Februar 1847
[Er.01_037,01]
In einer Gegend des oberen Kärntens, und zwar unfern des Draustromes, befindet
sich ein Berg unter dem Namen der „Hohestaff“. Dieser Berg beherrscht mit
seiner Spitze das Drautal beinahe von der Grenze Tirols bis gegen Klagenfurt,
d. h. bis in die Nähe dieser Stadt; zugleich ist südwestlicherseits an dessen
Fuß der sogenannte „Weiße See“ angelehnt. Er hat eine Höhe von 8000 Fuß, und
von seiner Spitze genießt sicher jeder, der ihn bestiegen hat, die
bezauberndste Aussicht. Dieser Berg war einst überaus berüchtigt und war
sozusagen ein Hauptsammelplatz für die Hexen und deren Meister, – natürlich
nach der Sage der noch jetzt lebenden Landleute, welche diesen Berg nach allen
Seiten herum bewohnen. Seine Ausläufer hatten die noch jetzt führenden Namen
von seiner einstigen zauberischen Berühmtheit erhalten; so nennt man einen
Ausläufer nach Norden den „Goldeck“, einen nach Nordwest die „Siflitz“, einen
nach Westen „Bärenbuck“, einen nach Süden das „Silberne Grab“; den senkrechten
Felsen der höchsten Spitze nennt man die „Hohe Freiung“ und eine etwas unter
dieser liegende Wand die „Unterfreiung“, so wie der Sattel zwischen dem Hohen
und Niederen Staff manchesmal „Hexen-“ und manchesmal „Teufelsritt“ heißt. So
ist auch vor eben diesem Sattel ein nackter Steingraben, welcher das
„Rutschbrett des Teufels“ genannt wird; auch ein anderer Graben, der sich gegen
Westen neigt, heißt das „Wilde G'jad“. Diese Benennungen und noch mehrere dergleichen,
die sich an diesen Berg anreihen, als: ein „Hexensprung“, „Teufelsritt“,
„Wehrwolfsnest“ und dergleichen noch eine Menge, bezeichnen hinreichend, in
welchem Ansehen einst dieser Berg gestanden ist. Abgesehen aber von allen
diesen Seitenbenennungen genügt schon der Name „Staff“, um zu sehen, daß das
ein Hauptzauberberg war.
[Er.01_037,02]
Das Wort „Staff“ war bei diesen früheren Gebirgsbewohnern ein Ausdruck, durch
den sie die Eigenschaft eines außerordentlichen Dinges bezeichneten.
Außerordentlich aber war bei ihnen dasjenige, was sowohl für die Elemente, als
da sind Luft mit ihren Erscheinungen und das Wasser mit den seinigen, sowie
auch für Menschen und Tiere als ein Richtpunkt diente, aus welchem Grunde man
in späterer Zeit diesem Berge einen neuen Namen gab, welcher den ersten nur
gewisserart in ein mehr neues Deutsch übersetzte.
[Er.01_037,03]
Der neue Name war und ist noch jetzt „Landschnur“, von welchem Namen später die
sich dort aufhaltenden Franzosen einen „Landjour“ gemacht haben. Sonach
bezeichnet das Wort „Staff“ in dieser alten Bergsprache gewisserart ein Gericht
und „Hochstaff“ ein hohes Gericht, und das darum, weil jeder Unbefugte, in die
Zaubermysterien dieses Berges nicht Eingeweihte, alsogleich auf das
schrecklichste gerichtet wurde, natürlich von den Hexenmeistern, wenn er sich
erdreistete, diesen Berg nur so hoch zu besteigen, wo die Waldregion aufhört;
denn ein solcher Gast wurde plötzlich von unsichtbaren Händen ergriffen und in
Blitzesschnelle, wie die Sage lautet, auf die höchste Spitze entrückt. Dort
wurde er von ebenfalls unsichtbaren Kräften mehrere Stunden lang auf das
schmerzvollste und grausamste gequält und mit Donnerstimme genötigt, dem
Hexenbunde beizutreten; wollte er das nicht, so ward er von dem höchsten
Punkte, der darum die „Hohe Freiung“ hieß, auf die „Untere Freiung“ geworfen,
jedoch so zauberhaft, daß er nicht getötet wurde. Auf der Unteren Freiung kamen
dann die zauberhaft reizendsten Sylphiden über ihn und berauschten ihn durch
den Reiz ihrer Gestalt; hat er sich ihnen da ergeben, so ward er plötzlich
wieder auf die Hohe Freiung gehoben und daselbst in ihre Mysterien eingeweiht.
Wollte er aber sich durch den Sylphidenreiz nicht berücken lassen, so kam er
auf das Rutschbrett des Teufels und mußte dort eine schreckliche Reise in das
Tal herab machen, bei welcher Reise freilich alle Glieder, wie ihr zu sagen
pfleget, komplett aus dem Leim gingen. Hatte er aber bei dem Sylphidenreize so
einen halben Willen gezeigt, so wurde er auf den Goldeck gestellt, wo er von
dem enormen Reichtume, der in Massen blanken Goldes bestand, geblendet ward.
Und war das auch noch nicht genug, so wurde er südwärts in die Gegend des
Silbernen Grabes geführt. Dieses war eigentlich kein Grab, sondern eine
feenhaft wunderschönste Gegend dieses Berges, welche diesen Neugeworbenen so
bezauberte, daß er nun nicht mehr umhin konnte, dem Hexenbunde vollkommen
beizutreten.
[Er.01_037,04]
Natürlich ist alles dieses bloße Volkssage, und zwar zumeist des Volkes,
welches die unterste Talgegend bewohnte.
[Er.01_037,05]
Die weiseren Bergbewohner, die wegen der Dummheit der unteren Talbewohner nicht
selten ein schändliches Strafgericht aushalten mußten, wußten von all dem
Hexenwesen nichts, wohl aber von den Geistern, die diesen Berg nach allen
Richtungen, wie sonst selten einen andern Berg, überschwenglich reichlichst
bewohnten. – Warum denn gerade diesen Berg? – Der Grund, warum solche Wesen oft
einen Berg mehr als einen anderen in Besitz nehmen, ist verschieden; teils
hängt es von der Lage und von einer gewissen Höhe des Berges ab, teils von dem
Inhalte eines solchen Berges, meistens aber von einer ziemlich freien Stellung,
nach der ein Berg von anderen Bergen von allen Seiten herum gewisserart
abgeschnitten ist, damit die Geister anderer Berge, die oft böser Natur sind,
nicht leichtlich zu diesen Geistern gelangen können und Unordnung unter ihnen
stiften. Hauptsächlich aber wird ein solcher Berg aus dem Grunde von
obbeschriebenen Geistern in Besitz genommen, wenn er infolge seiner freien
Stellung eine reizende Aussicht nach allen Gegenden herum unbeschränkt gewährt.
Denn auch diese Geister haben sämtlich das Vermögen, so sie wollen, die
naturmäßige Welt anzuschauen; und indem sie auch zum sogenannten Wettermachen
verwendet werden und fortwährend ein wachsames Auge auf die benachbarten
Gebirgsgeister haben müssen, so sind ihnen auch solche Berge am liebsten, wo
sie in ihrer Wachhabung durch nichts beschränkt werden können. Solchen Geistern
sind freilich auch schon vollkommenere Geister beigegeben, die sie beherrschen
und leiten; aber dessenungeachtet wird keinem Geiste für seine eigene
Individualität seine Freitätigkeit und die mit ihr verbundene Wonne benommen.
[Er.01_037,06]
Das wäre sonach ein hauptberühmter Berg dieses Landes. Ein zweiter seines
Gelichters ist der „Unholde“, der noch ärger als der Hochstaff berüchtigt war;
denn schon die Benennungen, die diesem Bergstocke noch heutigestages ankleben,
wie auch seine beinahe ins Mystische gehende wildromantisch-groteske Gestaltung
sind mehr als sprechende Beweise von seiner einstigen zauberischen Berühmtheit.
Wir wollen nur einige Namen seiner Ausläufer und seiner Räumlichkeiten
anführen, die uns hinreichend belehren werden, wie es einst mit diesem Berge
ausgesehen haben soll, aber natürlicherweise nie also ausgesehen hat.
[Er.01_037,07]
Die höchste Spitze dieses Berges heißt der „Hohe Stadl“, d. i. soviel als ein
hoher Platz und eine hohe Wohnung, in der die Hexen Winter und Sommer zugebracht
haben. Eine Seitenspitze dieses Berges heißt auch die „Niedere Freiung“ und
eine sich über diese erhebende Spitze die „Hohe Freiung“. Eine Freiung ist ein
Platz, auf welchem auf früher beschriebene Weise ganz unschuldige Menschen zu
Zauberern geworben wurden. Gleich unter diesen beiden Freiungen ist ein
ziemlich gedehnter Platz, wo die neuen Ankömmlinge zaubern lernen mußten;
dieser Platz heißt noch heutzutage „Zaubrad“ oder der „Zauberplatz“.
[Er.01_037,08]
Über diesem Zauberplatz erhebt sich mehr südlich eine andere Felsenkuppe unter
dem Namen „Ruhdnik“; das war der Platz der Erholung für die neuen Schüler der
Zauberei. Unter dem Ruhdnik noch mehr südlich befand sich ein großer, freier
Platz unter dem Namen „Gerlize“. Das Wort „Gerlize“ hat in der damaligen dummen
Zaubersprache so viel geheißen als: ein Platz der ausgelassensten Freude und
sogleich auch ein Platz des Zauberspieles; daher noch heutigestags sich gegen
die Felswände des Hohen Stadels hinzu mehrere Quellen befinden, die nur genau
um ½12 Uhr einen Wasserstrahl hinausstoßen, von welchen Quellen sich bis jetzt
nur eine noch erhalten hat und „Halbzwölfuhrbrünndl“ heißt.
[Er.01_037,09]
Noch mehr südlich von diesem Platze erhebt sich die noch heutigestags so
genannte „Hohe Truth“, deren Name bezüglich der einstigen Bedeutung kaum näher
beschrieben werden darf. Über dieser Hohen Truth kommt die sogenannte „Rote
Wand“ auch „Blutwand“ genannt, und an diese sollen Abtrünnige oder Verräter des
Zaubertums von den Teufeln geschleudert worden sein.
[Er.01_037,10]
Wieder über dieser hohen Roten Wand befindet sich die sogenannte
„Dreihexenspitze“, nach der jetzigen Sprache auch „Dreihexenköffel“, welche
fortwährend von den drei ärgsten Hexen bewohnt war, die da Wache halten mußten.
[Er.01_037,11]
Ober dieser Dreihexenspitze erhebt sich der ziemlich steile Rücken bis zum
Hohen Stadl unter dem Namen „Hexenstieg“, welcher sich – wie schon bemerkt –
bis zur höchsten Spitze hinanzieht, auf welche der Stadl oder die Burg des
Hexenkönigs war. Nördlich, parallel mit der höchsten Spitze, läuft ein zehn
Klafter langer und bei drei Klafter breiter Felsenkamm; dieser hat jetzt den
Namen „Hohebrüstung“, früher aber hieß er „Hexentrui“. „Trui“ heißt soviel als
„Trieb“; da wurden sie hinausgetrieben in die freie Luft und mußten die Nebel
ergreifen, die aus der Spitze, namens „Deuwand“ (in neuere Sprache übersetzt:
„Teufelswand“) aufstiegen.
[Er.01_037,12]
Mehr nördlich von der Deuwand ist die Deudreispitz'; noch mehr nördlich der
Böse Sieg, und noch etwas mehr nördlich die hohe Siebenwand, auch „Hohle
Spitze“ genannt, welche von den allerärgsten Geistern sollte bewohnt worden
sein.
[Er.01_037,13]
Mehr südlich vom Hohen Stadl befindet sich eine sehr steile Spitze unter dem
Namen: die „Verdammte Bucht“, in der neueren Zeit auch „Sandriß“. Noch mehr
südlich, aber etwas tiefer unten, ist der Teufelsgalgen, und von da etwas mehr
südwestlich das Böse Weib.
[Er.01_037,14]
Aus diesen Namen geht ganz klar hervor, in welcher Berühmtheit einst dieser
Gebirgsstock gestanden ist. Schon der alleinige Name „Unholden“ zeigt
hinreichend den einstig gekannten Charakter dieses Gebirges, welches zum Teil
Kärnten, zum Teil Tirol und auch einen tüchtigen Teil von Welschland
beherrschte.
[Er.01_037,15]
Daß hinter diesen Sagen wieder nichts anderes steckt als was Ich nun schon bis
zum sonnenklarsten Anschauen erklärte, versteht sich von selbst.
[Er.01_037,16]
Eben dieser Hochstadl ist auch ein so frei gestellter Berg und daher ein
Lieblingsaufenthalt solcher euch schon bekanntgemachter, mehr frei gewordener
Naturgeister, welche mit den am Fuße dieses Berges wohnenden Landleuten in euch
schon bekanntem Konflikte standen. Daß sich aber an den Namen dieses Berges und
seiner Ausläufer so manche traurige Hexeninquisitionsgeschichte knüpft, das
braucht kaum einer näheren Erörterung; denn an der Drau ist noch heutigestags
die Hexengerichtsstätte der alten Herrschaft Flaschberg ersichtlich, deren Name
schon eine hinreichende Beschreibung von dem in sich schließt, was einst hier
verübt wurde.
[Er.01_037,17]
Ähnliche Berge gibt es in Tirol noch eine Menge; so ist die Gantspitze, der
Hohe böse Ring, der Böse Stein, der Hohe Helm, der Brenner, der Ötzer, die
Vintschgauer Hochkuppe, das Wurmserjoch und dergleichen noch mehrere, überaus
berüchtigt, in der Schweiz das bekannte Wetterhorn, das Finstere Achhorn, der
Hohe Mönch, das Wöllerhorn, die Pilatusspitze, auch der Bernhardsberg, die
Teufelsbrücke und dergleichen noch eine Menge, – lauter Berge von gleichem
Kaliber.
[Er.01_037,18]
Doch im höchsten Grade berüchtigt sind die Berge Savoyens. Denn da waren nach
den Volkssagen die höchsten Häupter der bösen Geister zu Hause, und jeder
Savoyarde war noch vor eben nicht gar zu langer Zeit mit einer derartigen
Verachtung angesehen, daß man ihn kaum für etwas höher hielt als die Tiere, so
wie auch noch vor nicht gar langer Zeit die Bewohner der Pyrenäen unter dem
Namen „Chacots“ von den Spaniern mehr als der gemeinste Hund verachtet wurden.
[Er.01_037,19]
Nachdem wir nun zur Beleuchtung des Daseins der Geister in unserer zweiten Region
durch diese Histörchen hinreichend viel erörternd dargetan haben und nun sehen,
wie es in dieser zweiten Region zugeht, so werden wir uns fürs nächste sogleich
in die erste Region herabbegeben und sehen, wie es da geistig zugeht.
38. Kapitel –
Die erste, unterste Luftregion.
25. Februar 1847
[Er.01_038,01]
Die erste Region, welche natürlicherweise die unterste ist, nimmt eben da
Platz, wo die naturmäßige atmosphärische Luft, in welcher Pflanzen, Tiere und
Menschen leben, über der Erdoberfläche rastet. Das Geistige ist mit dem
Naturmäßigen so eng verwebt, daß ein Weiser offenbar also reden müßte:
[Er.01_038,02]
„Ich finde in dieser ganzen untersten Luftregion nichts als Geistiges; nur das,
was durch die geistige Aktion fixiert wird, entweder momentan oder sukzessiv,
das allein hat das Ansehen des Naturmäßigen unter der formellen
Erscheinlichkeit; im Grunde des Grundes aber ist dennoch alles vollkommen
geistig.“
[Er.01_038,03]
Warum sagt man hier „geistig“ und nicht komplett „Geist“? – Weil in dieser Region
die geistigen, also auch seelischen einzelnen Spezifikalintelligenzen sich erst
nach und nach ergreifen, vereinen und in eine ganze, vollkommene geistige Form
wieder als komplett und als ein Wesen, seiner selbst bewußt, sich finden
müssen.
[Er.01_038,04]
Wie ist denn dieses so ganz eigentlich zu verstehen? – Ich sage euch: leichter,
als ihr es meint.
[Er.01_038,05]
Überall ist für die komplette Vereinigung aller der geistigen Spezifika ein
gewisses Zentrum gegeben. Dieses Zentrum ist der eigentlich engst gefesselte
Urgeist oder der Liebesfunke aus Mir. Dieser zieht mächtig all dasjenige an
sich, was seines Wesens ist; und möge dieses noch so zerstreut sein, so wird es
sich gerade an jenes geistige Zentrum anfügen, zu dem es gehört, und wird, wenn
auch von gleicher Qualität, bei jedem Zentrum andereigenschaftlich.
[Er.01_038,06]
Ein Beispiel wird euch die Sache vollkommen klarmachen.
[Er.01_038,07]
Betrachtet z.B. die Bildung eines Menschen oder mehrerer Menschen in einer
Schule. Hundert Schüler haben einen und denselben Meister, sie lernen aus
denselben Büchern, sie lernen alle nach einer Vorschrift schreiben, – und
betrachtet sie hernach als Menschen, die in dieser Schule gebildet wurden, da
werden nicht zwei die vollkommen gleiche Denkweise haben, nicht zwei die
gleiche Schrift, und dergleichen Unterschiede mehr! Und doch war die geistige
Bildungsspezifikalkost die gleiche; aber jeder Geist dieser Schüler hat von
dieser allgemeinen Unterrichtskost sein eigenes, ihm zusagendes Spezifikum
genau herausgefunden, ohne daß für diesen Zweck der Lehrer nur im geringsten
etwas beigetragen hat.
[Er.01_038,08]
Aus diesem Beispiele läßt sich nun ganz klar erschauen, wie ein jedes geistige
Zentrum ganz genau aus der unendlichen Vielzahl der Intelligenzspezifika sein Eigentümliches
findet, ebenso, wie das in einem jeden Samenkorn gegebene
Zentralseelenspezifikum aus demselben Wasser, aus derselben Luft, aus derselben
Erde, wie auch aus demselben Lichte genau dasjenige findet und an sich zieht,
was zu seinem Wesen gehört.
[Er.01_038,09]
Also konzentrieren sich die seelischen Intelligenzen um das ihnen eigentümliche
geistige Zentrum oder sie strömen dahin, wo ihr geistiges Zentrum ist,
ergreifen sich da zu einer intelligenten Form und eigenschaften sich nach dem
Grundwesen ihres geistigen Zentrums, welches gewöhnlich im Menschen vor sich
geht, weil das eigentliche geistige Zentrum erst in der Form des Menschen
wieder gegeben wird.
[Er.01_038,10]
Auch ist das Wort ein gar treffliches Beispiel zur Beleuchtung dieser Sache.
[Er.01_038,11]
Ein Wort wird gegeben, und dieses Wort, wie es gegeben ist, zieht in dem
Augenblicke all dasjenige an sich, was zur Erfüllung seines Begriffes notwendig
ist.
[Er.01_038,12]
Nehmen wir das Wort „Gebot“; dieses Wort ist ein Zentrum, zieht aber in dem
Augenblicke alles dasjenige an sich und vereinigt es ebenfalls sogleich in
sich, was es vonnöten hat, um ein Gebot zu sein.
[Er.01_038,13]
Daß aber, um den Begriff „Gebot“ in eins aus den vielfachen Begriffen zu
komplettieren, es etwas Außerordentliches ist und durchgehends keine so leichte
Aufgabe, als sich jemand denken würde, das versteht sich von selbst; denn was
gehört zu einem Gebote? Fürs erste ein weises gebietendes Wesen, das eine
große, in allen Dingen durchgreifende Einsicht hat, warum es ein Gebot gibt und
wem. Zweitens muß ein freies Wesen dasein, begabt mit vieler Einsicht und damit
gebundener Willenskraft, damit es das Gebot annehmen, verstehen und halten
kann. Was gehört dazu, um ein solches Wesen zu erschaffen, und welche Eigenschaften
muß der Schöpfer haben, um ein solches Wesen erschaffen zu können?! Drittens:
das Gebot muß auch sanktioniert sein; was gehört wieder dazu, um ein Gebot
weise, gerecht und werktätig sanktionieren zu können?!
[Er.01_038,14]
Sehet, was für eine unendliche Anzahl von Begriffen und Grundideen und Kräften
mit dem einzigen Begriff „Gebot“ verbunden ist, so zwar, daß jemand sagen
könnte: „Ja, wenn dieses Wort „Gebot“ das alles als eigentümlich in sich
schließt, was bleibt dann für ein anderes nicht minder vielbedeutendes Wort
übrig?“
[Er.01_038,15]
Da kommt es eben jetzt zu der Haupterklärung. Jedes Wort bildet für sich ein
gewisses geistiges Zentrum, zieht von einer und derselben Unzahl der Begriffe
an sich und vereinigt dieselben ganz für sich eigens eigenschaftlich, so daß
dieselben Begriffe sich in diesem Worte zu etwas ganz anderem qualifizieren
müssen, als zu was sie sich in einem anderen, früheren Worte qualifiziert
haben.
[Er.01_038,16]
Es ist nicht nötig, euch zu dem Behufe noch eine Menge Worte oder Begriffe
herzusetzen, um diese Sache noch klarer zu machen, als sie es ohnedies schon
ist; das könnt ihr euch selbst tun. Denn zu dem Begriffe „Liebe“, „Tugend“,
„Demut“, „Gott“ und dergleichen mehr, gehört ebensoviel als wie zum „Gebot“;
aber was im Gebote zu Gebot wird, dasselbe wird in der Liebe zur Liebe, in der
Tugend zur Tugend, in der Demut zur Demut und in Gott zu Gott, – so wie
dieselben Elementarspezifika im Klee zu Klee, in der Rübe zur Rübe, in dem
Weinstocke zum Weinstocke usw. werden.
[Er.01_038,17]
Wenn ihr nun dieses jetzt Gesagte nur einigermaßen aufgefaßt habt, so werdet
ihr es kinderleicht einsehen, ja sogar mit den Händen greifen, daß diese untere
Region so ganz eigentlich und gewisserart die Reproduktions- und
Wiedervereinigungswerkstätte des vereinzelten Geistigen und Seelischen in einen
kompletten Geist ist und mit all dem die höchste Ähnlichkeit hat, was hier vor
jedermanns Augen in die vegetative und produktive Erscheinlichkeit tritt, wo
überall – wie sich jedermann überzeugen kann – aus endlos vielen Partikeln ein
sonderheitliches Ganzes dargestellt wird. Kurz und gut: hier ist der Platz für
die Aussaat, es ist der Acker, wo in einem jeden geistigen Samenkorne eine ganz
eigentümliche geistige Ideenassoziation (Ideenverbindung) in eine Form
zusammengefaßt wird, – oder es ist der Sammelplatz alles zerstreuten Seelischen
um ein gegebenes, geistiges Zentrum.
[Er.01_038,18]
Da ihr nun dieses sicher und leicht aufgefaßt habt, so wird es für die nächste
Mitteilung ein leichtes sein, sich in dieser Sphäre weiterzubewegen.
39. Kapitel –
Die leitenden Geister der unteren Luftregion.
27. Februar 1847
[Er.01_039,01]
Überall, wo nur immer ein großes Geschäft betrieben wird, mag es wie immer
gestaltet sein, müssen Geschäftsleiter bei dem Geschäfte angestellt sein,
welche alles ordnen, leiten, die Maschinen in der Ordnung erhalten und die
Kräfte in denselben bemessen. Ohne solche Direktoren würde was immer für eine
Arbeit entweder gar nicht oder nur höchst schlecht vonstatten gehen. Also ist
es auch in unserer unteren geistigen Luftregion.
[Er.01_039,02]
Es ist wahr, daß diese eigentlich nur der Sammelplatz ist, wo vereinzelte und
zerstreute seelische Intelligenzen sich um ein geistiges Zentrum gewisserart
instinktmäßig ansammeln, weil sie dieses als das ihnen Eigentümliche erkennen.
Diese Ansammlung aber würde dennoch äußerst plump und klumpenhaft ausfallen,
wenn sie nicht nach einer festgesetzten, bestimmten Ordnung geschähe. Es wäre
gerade also, als wenn jemand alles Baumaterial, das für ein Haus bestimmt ist,
übereinanderwerfen ließe. Dadurch würden wohl auch Steine, Kalk, Mörtel, Holz,
Läden, Dachziegel und alles, was zu einem Hause gehört, in einen Haufen
zusammenzuliegen kommen; aber welch ein Unterschied wäre da wohl zwischen einem
solchen Haufen und zwischen einem ordnungsmäßig aufgeführten Hause, wo ein
jedes Material seinen ordnungsmäßigen und baukunstgerechten Platz einnimmt.
[Er.01_039,03]
Wie es aber bei einem Hause, das erbaut werden sollte, der Fall ist, so das
Material einmal vorhanden ist, ebenso ist es auch in geistiger Hinsicht in
unserer unteren Bausphäre. Es ist hier Material im Überfluß,
Intelligential-Seelenspezifika und geistige Zentra in Überfülle vorhanden; aber
das Material, wennschon in einem jeden Partikel eine eigene lebendige Intelligenz
ruht, kann sich doch nicht selber zu einem vollkommenen Menschenwesen erbauen,
und das darum nicht, weil eine jede einzelne Intelligenz auch nur in sich ein
Einziges aus dem zahllos Vielen erkennt. Wenn die zahllos vielen, zu einem
Wesen erforderlichen Intelligenzen erst unter einer Form und in einem Wesen
durch die geistigen Baumeister verbunden werden, sodann erst kann ein solches
Wesen nach und nach auch zu einer allgemeinen, alle Ordnung übersehenden
Erkenntnis gelangen, was aber freilich erst nach und nach geschehen kann, wie
es euch eure eigene Erfahrung lehrt, derzufolge – wie ihr sagt – noch nie ein
Gelehrter vom Himmel gefallen ist, noch weniger ein Weiser.
[Er.01_039,04]
Was heißt aber „Lernen“? – Das heißt nichts anderes, als die einzelnen
Intelligenzen der Seele wecken und sie dann miteinander zu einem gemeinsamen
Wirken verbinden.
[Er.01_039,05]
Je mehr solcher Intelligenzen jemand durch Fleiß und Eifer in sich geweckt und
miteinander verbunden hat, desto gelehrter und desto vielwissender wird er.
Aber diese Gelehrtheit ist noch lange keine Weisheit; denn die Weisheit ist
eine Erweckung des Geistes, welcher, so er einmal völlig erweckt wurde, alle
zahllosen Intelligenzen seiner Seele in einem Nu durchdringt, sie erweckt und
alle in sich selbst zu einem vollkommenen, gottähnlichen Wissen vereinigt.
[Er.01_039,06]
Es ist damit der gleiche Fall, als so jemand bei stockfinsterer Nacht in ein
großes Kunstmuseum hineingeführt würde. Wenn ihn da auch jemand darin
herumführt und ihn die Kunstgegenstände betasten und fühlen läßt und erklärt
ihm dabei den befühlten Gegenstand noch so klar, so wird der in das Museum
Geführte dennoch eine sehr matte Vorstellung – und das nur von wenigen
Gegenständen des Museums – bekommen; denn wo ein zahlreicher Kunstreichtum
vorhanden ist, wieviel davon läßt sich wohl in einer kurzen Zeit von dem ins
Museum Geführten betasten und wie viele Kunstschätze können da erklärt werden?
Sicher wird der Hineingeführte zu seinem Professor sagen: „Herr, wenn da nur
Licht wäre, so würden wir ja mit der größten Leichtigkeit gar vieles mit einem
Blicke übersehen können, das wir hier im Finstern mühsam und unsicher mit
unserem groben Tastsinne erkennen!“ Dieser hat recht; denn also fragt auch der
Geist im Menschen, und also ist dann ein solcher aus der Finsternis des Museums
Unterrichteter ein Gelehrter.
[Er.01_039,07]
Wann aber für jemanden, der sich in diesem Museum befindet, auf einmal die
Sonne aufgeht und das Museum in allen Räumen durch und durch beleuchtet, wird
er wohl auch noch herumzutappen notwendig haben, um die Gegenstände zu
erkennen? O nein, er übersieht sie ja auf einmal mit einem Blicke und übersieht
alles, was im Museum ist, und nicht nur teilweise. Und sind die Gegenstände des
Museums geordnet, so wird er auch mit leichter Mühe den Hauptzweck der in
diesem Museum aufgestellten Kunstgegenstände, wie auch den speziellen Zweck
eines jeden einzelnen Gegenstandes mit großer Leichtigkeit erkennen.
[Er.01_039,08]
Sehet, da ist die erste Bildung gleich dem mechanischen Lernen, und eine aus
diesem Lernen möglichst vielfache Sichzueigenmachung der Gegenstände in dem
Museum ist dann gewöhnlich die Gelehrtheit der Weltmenschen.
[Er.01_039,09]
Die Weisheit aber ist das Zweite; sie schaut das endlos Viele auf einmal im
klarsten Lichte, was die Gelehrtheit nur teilweise in der Nacht betappt.
[Er.01_039,10]
Aus dem geht aber hervor, daß mit der ordnungsmäßigen Zusammenfassung aller der
zu einem Wesen gehörigen seelischen Partikelintelligenzen noch bei weitem nicht
jene allgemeine Erkenntnis verbunden ist, welche dazu erforderlich ist, um eben
in unserer unteren Wesenbauregion die einzelnen seelischen Intelligenzen um ein
geistiges Zentrum so zu ordnen und zu verbinden, daß daraus mit der Zeit
wirklich ein vollkommenes Erkennen hervorgehen kann. Es ist daher auch
begreiflich, daß sich unsere oberwähnten Seelenintelligenzpartikel nicht von
selbst ordnen können, sondern es müssen da solche Wesen fortwährend gegenwärtig
sein, die über solche Wesenbauordnung zu wachen und dieselbe zu leiten haben.
[Er.01_039,11]
Wer sind aber diese Baumeister? – Das wird sehr leicht zu erraten sein. Das
sind zuerst als oberste Leiter die Engel; also gibt es in eurer Region sehr
häufig und sehr viele Engel.
[Er.01_039,12]
Als der oberste Leiter dieses großen Geschäftes bin Nr. 1 Ich Selbst, der Ich
sicher nicht weit von euch sein kann, indem Ich eben hier Selbst euch in eurem
Kunstmuseum ein Licht um das andere aufstecke und anzünde, – und da, wo Ich
Mich aufhalte, halten sich noch gar viele auf, die gerne um Mich sind und zu
allen Zeiten gern um Mich waren.
[Er.01_039,13]
Aber es ist hier eben darum auch ein großer Konflikt; denn wo der Himmel seine
größte Tätigkeit entwickelt, da ist eben auch die Hölle nicht minder tätig. Es
muß aber auch hier also sein; denn sonst wäre keine Freischwebe zwischen diesen
beiden Polarpunkten denkbar.
[Er.01_039,14]
Wie aber Engel unter Meiner Leitung und andere gute Geister unter der Leitung
der Engel obbesagten Wesenbau von der Pflanze bis zum Menschen fortführen, das
wird der Gegenstand unserer nächsten Betrachtung sein.
40. Kapitel –
Die Tätigkeit der Geister im Erdinnern.
1. März 1847
[Er.01_040,01]
Ihr habt schon bei der natürlichen Darstellung der Erde gesehen, wie die Erde als
ein organisch lebendes Wesen ihre Nahrung nimmt, dieselbe in sich verdaut und
die Nährsäfte dann durch zahllose Organe hinaus bis zur Oberfläche leitet, und
wie anderseits die gröberen, unverdaulichen Exkremente gegen den Südpol
hingeleitet werden. Diese Nahrung oder Kost der Erde ist, wie ihr nun leicht
begreifet, nur dem Sehen nach materiell, dem Wesen nach aber ist sie geistig;
denn da dringen fortwährend eine zahllose Menge Geister und geistige Spezifika
von besserer Art in das Innerste der Erde, wo gewöhnlich die ärgsten Geister
gebannt sind.
[Er.01_040,02]
Dieses Hineindringen der besseren Geister in das Innerste des Erdwesens hat
einen mehrfachen Zweck. Fürs erste werden die Seelen und Geister böser Menschen
dahin gerichtet und einer – wie ihr zu sagen pfleget – ewigen höllischen
Gefangenschaft preisgegeben; denn solche Meuterer gegen die göttliche Ordnung
müssen tief und fest verwahrt werden, damit sie die göttliche Ordnung fürder
nicht stören können, indem vor solcher Einkerkerung viele tausend Besserungsversuche
fruchtlos geblieben sind.
[Er.01_040,03]
Ein zweiter Grund dieses Hineindringens der Geister und geistigen Spezifika in
das Innerste des Erdwesens ist der, daß es in diesem Innern wieder Geister
gibt, die – so wie ihr zu sagen pflegt – für ihre Tollwut in dieser
Gefangenschaft schon ein gehöriges Lehrgeld bezahlt haben, sehr stark gewitzigt
worden sind und wieder einen sehnlichsten Wunsch haben, in die Freiheit zu
gelangen. Solche Geister werden dann durch die hineingedrungenen besseren Geister
auf den ordnungsmäßigen Wegen von ihrer Gefangenschaft befreit und herauf zu
der größeren Freiheit geführt, wo sie dann wieder zur Tätigkeit verwendet
werden. Da müssen sie zuerst, weil noch etwas Böses in ihnen ist, sich an die
Giftpflanzen wie auch an giftige Tiere machen und die zum Wachstume
erforderlichen psychischen Urspezifika ordnen und dadurch solch einer giftigen
Pflanze oder giftigen Tiere jene Gestalt und Beschaffenheit geben, in der sie
fortwährend ordnungsgemäß in die Erscheinlichkeit treten müssen. Tun solche
Geister dann gut, so werden sie zu der Direktion besserer Pflanzen und Tiere
geleitet; tun sie aber nicht gut – da sie oft ausarten und die schädlichen
Spezifika, statt selbe in die Pflanzen zu leiten, sogleich in die Tiere oder Menschen
leiten, wodurch dann epidemische Krankheiten entstehen –, so werden sie von
solchem Geschäfte wieder weggenommen und in die Erde in engere Haft getan, wo
sie sich mit der Bildung der Metalle und der Steine abgeben müssen, welche
Arbeit natürlicherweise viel schwerer und langwieriger ist. Eine Befreiung von
solch einem Zustande kann erst dann erfolgen, wenn ein solcher Geist nach sehr
vielen Jahren sein angewiesenes Geschäft getreu und zum Nutzen für die Erlösung
in der Materie gefangener Seelen vollführt hat. – Das ist also wieder ein
Grund, aus welchem die besseren Geister in das Innere der Erde sich
hinabbegeben.
[Er.01_040,04]
Ein weiterer Grund ist der, daß die gefangenen Urseelen befreit und als
freilich noch sehr stark geteilte Spezifika in der Erscheinlichkeit von
allerlei Flüssigkeiten auf die Erdoberfläche heraufgeleitet werden und da ihren
Erlösungsweg durch die euch bekannten Stufen des Pflanzen- und Tierreiches nach
der Leitung der dieses Geschäft überwachenden und leitenden Geister geführt werden;
denn in der Erde gibt es allenthalben gefangene Geister, die entweder schon den
Weg des Fleisches durchgemacht oder die sich ohne diesen Weg als komplette
Geister manifestiert haben, welche Geister euch schon näher bekanntgegeben
worden sind. Es sind nämlich Erd-, Berg-, Wasser-, Feuer- und Luftgeister. –
Neben diesen zwei Arten von Geistern aber gibt es noch eine zahllose Menge von
Seelenspezifika, die erst flottgemacht und dann gesammelt und geordnet werden
müssen in ein Wesen, das ihnen auf jeder Stufe ihres Emporsteigens
ordnungsmäßig entspricht.
[Er.01_040,05]
Da dergleichen Geister und Seelenatome, je tiefer in die Erde hinein, auch
desto ärger sind, so muß da eine übergroße Aufsicht geführt werden, daß
besonders bei den Seelenpartikeln, die von aller Erde auf der Oberfläche
derselben zusammenkommen, ja nur die reinsten zu der Komplettierung der
eigentlichen Seele verwendet, die gröberen und böseren aber zur Gestaltung der
materiellen Körper beschieden werden.
[Er.01_040,06]
Also besteht auch der menschliche Leib aus puren Seelenpartikeln; aber jene,
die den Leib machen, sind noch grob, arg und unlauter, daher sie auch noch
zuvor wieder in die Erde kommen, dort verwesen müssen und dann erst von da auf
die euch schon bekanntgegebene Weise aus der Verwesung aufsteigen, um sich zur
Komplettierung desjenigen Wesens, dem sie einst leiblich angehörten,
anzuschicken. Dies ergibt sich gewöhnlich – wie euch schon bekanntgegeben – in
der dritten oder obersten Erdgeistersphäre, wodurch dann natürlich erst ein
jeder reine Geist vollkommen wird, wenn er nämlich all das Seinige wieder in
sich aufgenommen hat, – welches Aufnehmen die sogenannte Auferstehung des
Fleisches ist und den Spruch Pauli rechtfertigt, der da spricht: „Ich werde in
meinem Fleische Gott schauen.“
[Er.01_040,07]
Daß dabei die in dieser ersten Region angestellten Geister über Hals und Kopf
zu tun haben, versteht sich von selbst; es sind auch aus diesem Grunde auf der
Erde Ruhezeiten anberaumt, in denen solche geschäftige Geister Ruhe und Erholung
haben, d. h. sie haben da eben nicht so viel zu tun als wie in einer
Geschäftszeit.
[Er.01_040,08]
Eine solche Ruhezeit ist der Winter, der aber freilich unter dem Äquator viel
kürzer dauert, als gegen die Pole hin. Darum aber werden auch, je mehr gegen
die Pole, sowie auch auf den höheren Gegenden der Erde, schwächere Geister
angestellt; und je tiefer herab, desto kräftiger müssen die Arbeiter sein, –
was auch die Produkte gar anschaulich zeigen.
[Er.01_040,09]
Nun wisset ihr schon etwas, wie Engel, Geister und auch Naturgeister bei der
Gestaltung der Wesen tätig sind. Weil aber dieses Geschäft mit überaus großen
Schwierigkeiten und Kombinationen verbunden ist, so werden wir eben über diesen
Punkt noch so manches sprechen müssen, bis die Sache euch vollends klar wird;
daher nächstens in dieser Sphäre weiter!
41. Kapitel –
Substanz und Materie, Kraft und Stoff.
2. März 1847
[Er.01_041,01]
Ein sogenannter Sittenspruch, freilich etwas schlecht und die Sache nicht ganz
richtig bezeichnend, lautet bei euch: Memento homo, quia pulvis es, in pulverem
reverteris. – Dieser Spruch bezeichnet zwar in dem Worte „Staub“ wohl auch eine
Totalauflösung des Leibes, ist aber in der Bedeutung unrichtig, weil jedermann
unter „Staub“ jene zermalmten Erd- und Steinpartikelchen versteht, welche der
Wind leicht aufhebt und in die Luft trägt. Auch kann darunter der noch feinere
Sonnenstaub gemeint sein, welcher freilich etwas feiner als der Straßenstaub
ist. Würde der Leib in einen solchen Staub aufgelöst, da wäre ihm und seiner
Seele wenig geholfen; denn der allerfeinste Staub, der noch in der naturmäßigen
Welt erschaut werden kann, ist dennoch immer Materie und kann sich so lange mit
der Seele und dem Geiste nicht vereinen, als er noch Materie bleibt. Besser als
„Staub” wäre: „spezifisches Seelenatom“; ein solches ist nicht mehr materiell,
sondern substanziell. Zwischen Materie und Substanz ist aber ein himmelhoher
Unterschied.
[Er.01_041,02]
Um das Ganze so recht zu fassen, müßt ihr diesen Unterschied so recht genau
kennen. Nehmet einen Magneten; was an ihm ersichtlich ist, das ist Materie; was
aber in dem Magnete anziehend oder abstoßend wirkt, das ist Substanz. Diese
Substanz kann mit dem fleischlichen Auge nicht gesehen werden; allein das Auge
ist ja auch nicht der alleinige Fühler und Ansager des Daseins seelischer oder
geistiger Dinge, sondern der Mensch hat ja noch andere Sinne, die der Seele
näher liegen als das Gesicht, welches ungefähr der alleräußerste Sinn des
Menschen ist. Das Gehör ist schon tiefer, der Geruch und der Geschmack noch
tiefer, und ganz mit der Seele vereint ist das Gefühl oder der Tastsinn.
[Er.01_041,03]
Wenn jemand dann zwei Magnete einander näher bringt, so wird er alsbald den
gegenseitigen Zug fühlen, und das ist genug, um daraus auch für seine äußeren
Sinne den Schluß zu ziehen, daß da eine besondere, wenn auch unsichtbare Kraft
oder Substanz in dem Magnete vorhanden sein muß, die solchen Zug bewirkt.
[Er.01_041,04]
Hier merkt ein jeder leicht den Unterschied zwischen Materie und Substanz. Auch
bei einer sogenannten Elektrisiermaschine unterscheidet jedermann leicht das
Materielle von der Substanz. Materie dabei sind: die Glasscheibe, die
Reibpolster, der metallene Konduktor und noch einige Flaschen. Wenn die
Maschine ruhig steht, empfindet nichts, was sich der Maschine nähert, irgend
eine Regung; wird aber die Maschine in den Umschwung gebracht, dann wird die in
ihr und in der Luft ruhende Substanz aufgeregt, und so sich da jemand der
Maschine nähert, da empfindet er gleich ein Ziehen an seinen Haaren, und wenn
er sich noch mehr nähert, wird er auch die Substanz in knisternden Funken, die
manchmal bedeutend stechen – und wenn sie stärker sind, Muskelschläge bewirken
– erblicken. Ein solcher elektrischer Funke, obschon in der materiellen Zeit
und im materiellen Raume ersichtlich, ist aber jedoch keine Materie mehr,
sondern seelenähnliche Substanz oder Kraft, welche in der Materie ruht; wenn
sie aber erregt wird, so äußert sie augenblicklich eine alles durchdringende
Kraft, der kein materielles Hindernis als hemmend entgegengestellt werden kann.
[Er.01_041,05]
Hier habt ihr wieder ein gutes Beispiel von Materie und Substanz. Betrachtet
das euch wohlbekannte Schießpulver, welches aus Schwefel, Salniter und
Kohlenstaub besteht. Das Körnchen ist ruhig und fällt wie jede andere Materie
von der Höhe in die Tiefe; aber es ist in dem Körnchen eine Menge
substanzieller Kraft gebunden. Wird diese Substanz durch etwas ihr Ähnliches
erregt, da reißt sie in Blitzesschnelle ihr Gefängnis in atomkleine Stücke und
tritt dann in die Sphäre ihrer Freiheit. Das Feuer ist dieser Substanz verwandt
und ist daher das Erregungsmittel für dieselbe; da zeigt sie sich ebenfalls als
eine substanzielle Kraft, der kein Naturhindernis Schranken setzen kann. – So
ist in dem Wasser ebenfalls die substanzielle Kraft vorhanden, welche durch
einen hohen Grad von Wärme erregt wird. Will diese Kraft nun jemand einsperren,
so wird sie jedes noch so starke Sperrgefäß zersprengen und sich dann ausdehnen
in ihrer Freiheit. Also ist aber auch fast in jeder Materie eine Substanz
vorhanden; nur kommt es darauf an, wie und wodurch sie erregt werden kann, um
sich wirkend kundzutun.
[Er.01_041,06]
Die Naturforscher, diese nicht selten sehr eitlen Naturgecken, haben wohl in
aller Materie gewisse Grundkräfte entdeckt, als da sind die anziehende und die
abstoßende Kraft, wovon die anziehende als die Kohäsions- oder Schwerkraft, und
die abstoßende als die Zentrifugalkraft als bekannt angenommen wurde. Daneben
ist noch die Elastizität oder die Expansivkraft, die Teilbarkeit und die
Durchdringbarkeit der Materie ganz gelehrt abgehandelt und ebenfalls unter die
grundeigenschaftlichen Kräfte der Materie eingeteilt worden. Allein, hätten
diese gelehrten Naturgecken, als selbst lebende Wesen, nur einen einzigen Schritt
weiter getan und hätten der alles beherrschenden und alles erfüllenden
Lebenskraft einen Platz in ihren Faszikeln eingeräumt, so hätten sie schon
lange in ihrem Wissen eine ganz gewaltige Stufe vorwärts gemacht und hätten
nicht notwendig, tote Kräfte – was ein allerbarster Unsinn ist – abzuwägen und
zu zergliedern, sondern sie hätten alsogleich mit jener Grundbedingung alles
Seins zu tun bekommen, in welcher sie sich selbst und alle Materie vom rechten,
allein wirkenden, wahren Standpunkte schon lange vollkommen und leicht erkannt
hätten; aber so tappen – was eigentlich das Allerdümmste und Lächerlichste ist
– die Lebendigen in lauter toten Kräften herum und wollen am Ende etwa gar noch
beweisen, daß die lebende Kraft ein Mixtum und Kompositum aus lauter toten
Kräften ist!
[Er.01_041,07] O
schaudervoller Unsinn über allen Unsinn! In welcher Logik kann denn eine
wirkende Kraft als tot angesehen werden? Kann es etwas Unsinnigeres geben, als
gewissen ersichtlichen Wirkungen einen toten Grund zu unterbreiten, was
ebensogut wäre, als wenn man von jeglicher Wirkung gar keinen Grund annähme;
denn tot ist in gewisser Rücksicht noch weniger als nichts, und nur eine Sache
kann als tot betrachtet werden, und zwar so lange, als sie aus irgend einer
Wirkungssphäre verbannt wurde; und des Menschen Seele und Geist können tot
sein, wenn sie sich durch die schlechte Anwendung ihrer Freiheitsprobe die
ordnungsmäßige Notwendigkeit zugezogen haben, wieder in jene Gefangenschaft zu
geraten, in der sie von jeder effektiven Wirkung abgeschnitten sind.
[Er.01_041,08]
Wenn aber in und an der Materie wirkende Kräfte entdeckt werden, so sind sie
nicht tot, sondern lebendig und intelligent; denn ohne Intelligenz in einer
oder der andern bestimmten Art läßt sich ebensowenig eine Wirkung denken, als
ohne Kraft.
[Er.01_041,09]
Wie sich aber die Kraft aus der Wirkung erkennen läßt, so läßt sich auch die
Intelligenz der Kraft aus der stets gleichmäßig geordneten planimetrischen
Theorie erkennen. Geht nicht der Graswuchs und der Wuchs jeder anderen Pflanze
nach einer inneren planmäßigen Theorie vor sich, die sich doch leicht erkennen
läßt von jedem, der nur je eine Pflanze gesehen hat. Ebenso ist es mit der
Verwesung der Fall und mit allen Erscheinungen, denen Kräfte unterbreitet sein
müssen, woraus jeder leicht den Schluß ziehen kann:
[Er.01_041,10]
Wo nichts als lauter Wirkungen erschaut werden, da muß es auch ebenso viele
Kräfte als Wirkungen geben; und weil alle diese Wirkungen geordnete und
planmäßige sind, so müssen auch ebenso viele Intelligenzen als Kräfte vorhanden
sein. Und aus diesem Schlusse wird dann auch begreiflich, daß die Materie aus
lauter Seelen, also Intelligenzen besteht, welche von höheren Kräften und
Intelligenzen nach Ordnung und Notdurft zeitweilig festgehalten werden können.
Wenn aber die Zeit des Festhaltens aus ist, da erwachen die einzelnen
Intelligenzen und einen sich als Ursubstanz wieder in jenem Wesen, in welchem
sie uranfänglich aus Mir, dem Schöpfer, gestaltet worden sind; und diese
Wiedereinigung ist dann zum Teil das Werk der Intelligenzen selbst und zum Teil
aber der euch schon bekannten höheren Geister.
42. Kapitel –
Gottes Wirken durch Geister.
3. März 1847
[Er.01_042,01]
Es kann demnach, so jemand die Sache nur ein wenig aufgefaßt hat, im
eigentlichsten Sinne gar keine Materie geben, indem die Materie selbst nur eine
Wirkung der Kräfte ist, welche Wirkung in einer Art, Beschaffenheit und Form in
die Erscheinlichkeit tritt und eben dadurch an sich selbst erkennen läßt, daß
die wirkenden Kräfte nicht ohne Intelligenz wirken; denn wo immer an einer
Sache oder an einem Wesen eine bestimmte Form, Art und Eigenschaft zu entdecken
ist, da kann auch niemand die Intelligenz der darin wirkenden Kraft leugnen.
[Er.01_042,02]
Freilich wird da ein frommer Pilger – etwa nach Mariazell – die Bemerkung
machen und sagen: „Das tut ja alles unser lieber Herrgott; wozu da noch andere
Intelligenzen?“ – Das ist sicher ganz richtig; denn also spricht ja der Herr:
„Himmel und Erde und alles, was darinnen ist, habe Ich gemacht und – nota bene!
– mache es noch jetzt; aber wenn man es mit diesem Machen zu weit treibt, da
müßte Ich auf der Welt auch noch manches machen, was Ich eigentlich nicht
gemacht habe und jetzt auch nicht mache, sondern habe solches Machen den
Menschen anheimgestellt, damit sie auch etwas zu tun hätten. Sie machen es
freilich nur mit Meiner ihnen verliehenen Kraft, und Ich mache dasselbe demnach
mittelbar, – und das ist auch soviel, als so Ich es gemacht hätte. So wie ich
aber durch die Hände der Menschen zahllose Dinge machen lasse, ebenso lasse Ich
auch durch die Kraft der Liebe und Weisheit in Meinen Engeln und Geistern
diejenigen Dinge auf der Erde, wie auch auf anderen Weltkörpern, machen, die
von den Menschen nicht gemacht werden können.
[Er.01_042,03]
Die Menschen können wohl Häuser bauen, Kleiderstoffe bereiten und Werkzeuge
machen; aber die Materie dazu können sie nicht machen. Sie können kein Gras
machen, kein Gesträuch und keinen Baum und ebensowenig ein Tier; aber die durch
und durch lebendigen Geister und Engel können das wohl, weil sie zu dem Behufe
mit jener Kraft aus Mir ausgerüstet sind, um solches in Meinem Namen vollführen
zu können.
[Er.01_042,04]
Wie aber einzelne Intelligenzen in einer und derselben Art wirken können und
wirken, andere Intelligenzen wieder in einer anderen Art – und das alles unter
der Direktion höherer Geister –, wollen wir in mehreren leicht faßlichen
Beispielen sonnenklar und handgreiflich dartun.
[Er.01_042,05] Betrachtet
einmal eine Spinne! In diesem Tierchen werdet ihr zwei vereinigte Intelligenzen
finden. – Die erste ist die Erkennung der ihr zusagenden Nahrung; diese Nahrung
in sich zu einem doppelten Zwecke zu benützen, nämlich zur Ernährung ihres
Tierwesens und zur Bereitung jenes klebrigen Saftes, aus dem sie ihr Netz
spinnt, das ist nämlich eben die eine Intelligenz. Die zweite Intelligenz ist
die eigentümliche Kunst der Spinne, den Faden aus sich herauszuziehen, ihn an
kleine Häkchen anzuhängen und ein Netz zu spinnen oder vielmehr zu flechten,
dieses Netz dann mit einem perlartig klebrigen Safte zu überziehen, um dadurch
jene Tiere zu fangen, die ihr neue Nahrung geben. Aus dieser Handlungsweise muß
doch ein jeder ersehen, daß der Spinne doch offenbar eine Intelligenz
innewohnen muß; und es ist da die Intelligenz dasselbe, was die Naturforscher –
freilich etwas unrichtigerweise – „Instinkt“ nennen; denn Instinkt ist
gewisserart ein innerer Trieb, eine gewisse Verrichtung in einer bestimmten Art
ins Werk setzen zu müssen. Allein das, was die Gelehrten Instinkt nennen, das
ist nicht mehr Intelligenz des Tierchens, sondern das ist schon Direktion oder
Richtung von seiten höhergestellter Geister; denn es ist doch offenbar
zweierlei: irgend eine bestimmte Fertigkeit zu besitzen, und: nach dieser
Fertigkeit ein bestimmtes Geschäft zu vollführen. Mit dem Besitze solcher
Fähigkeit ist die notwendige Vollführung noch nicht verbunden, sondern dazu muß
ein anderer Trieb kommen, und da ist der Besitz solcher Fähigkeiten und
Fertigkeiten in einem Wesen oder in einem psychischen Spezifikum eben die
Intelligenz, während die Nötigung, nach solcher innewohnenden Intelligenz tätig
zu sein, nicht in dem Wesen selbst als ein Instinkt niedergelegt ist, sondern
das ist nötigende Leitung von seiten höherer und vollkommener Geister, die z.B.
eben unserer Spinne den Ort, wo, und die Zeit, wann sie ihre eigentümlichen
Fertigkeiten ins Werk setzen soll, anzeigen. Denn wäre das nicht der Fall, da
würde eine Spinne entweder gar nie oder fort und fort spinnen und würde sogar
das Gesicht des Menschen nicht verschonen und ihm ein Netz über die Augen
herspinnen, was aber nie der Fall ist, sondern sie muß spinnen, so sie zu
spinnen genötigt wird, und wo ihr Spezifikum zweckdienlich ist, so es sich mit
dem Spezifikum der dortigen Materie in Verbindung setzt und dasselbe in sich
sammelt zu einen höheren Leben.
[Er.01_042,06]
Also spinnt auch die Seidenraupe ihren Faden, und das darum, weil sie in sich
aus der Kost und aus dem freien Spezifikum in der Luft jene Intelligenzen in
sich zusammensammelt, aus welchem sie dann jene Fertigkeit erreicht und
gewisserart zu jener Einsicht kommt, aus der zu sich genommenen Nahrung zuerst
in sich jenen zähen Saft zu bereiten und diesen Saft dann, wenn er zur rechten
Reife gelangt ist, um sich herum wie ein Ei zu spinnen.
[Er.01_042,07]
Hier ist ebenfalls überaus deutlich, daß die Fähigkeit zu solcher Arbeit und
die Nötigung, solche Arbeit zu rechter Zeit und am rechten Orte zu vollbringen,
wesentlich zweierlei sind, wie dies auch sicher zweierlei ist, so jemand unter
den Menschen ein Künstler ist, entweder ein Musiker oder ein Maler. Der Musiker
trägt immer die Fähigkeit in sich, ein Konzert oder ein anderes Musikstück zu
spielen, so wie der Maler, ein Stück zu malen; aber spielt darum der Musiker
wegen solcher künstlerischen Fähigkeit in sich Tag und Nacht fort und fort ein
Konzert aufs andere, und legt der Maler nie den Pinsel und die Farben je auf
die Seite? – Sehet, obschon beide Künstler fortwährend die gleiche Fähigkeit in
sich tragen, so wird aber der Tonkünstler doch nur bei einer gegebenen
Gelegenheit aus seiner permanenten künstlerischen Fähigkeit etwas produzieren,
so wie der Maler nur dann ein Stück malen wird, so jemand ein solches bei ihm
bestellt hat, oder wann er eines so entweder für den Verkauf oder für sein
eigenes Vergnügen zu malen sich die Pflicht auferlegt. Das erste ist hier
gleichwie die Intelligenz des Künstlers, das zweite aber eine Aufforderung von
was immer für einer Seite her, solche Intelligenz ins Werk zu setzen.
[Er.01_042,08]
Wenn aber schon Menschen für größere Produktionen der Kunstfähigkeiten
einzelner Menschen Direktoren aufstellen, welche z.B. die Zeit eines Konzertes
festsetzen, Stücke bestimmen und dann dieselben dirigieren, – um wieviel
notwendiger sind da erst unter so zahllosartigen künstlerischen Intelligenzen
Direktoren nötig, wo es sich um die Erhaltung und zweckdienliche Fortführung
ganzer Weltenalle handelt!
[Er.01_042,09]
Da dieser Gegenstand für eure klare Erkenntnis in dieser Sache von höchster
Wichtigkeit ist, so werden wir in diesem Gebiete noch sehr bedeutend weiter
fortfahren.
43. Kapitel –
Eindrücke der Materie auf Seele und Geist.
4. März 1847
[Er.01_043,01]
Ihr möget die Tierwelt wie die Pflanzenwelt durchgehen, ja selbst die
Mineralwelt nicht außer acht lassen, – und überall werdet ihr eine selbständige
Intelligenz, neben dieser Intelligenz aber auch eine Nötigung finden. Diese
selbständige Intelligenz läßt sich nicht nur aus dem verschiedenartigen
eigenschaftlichen Charakter erkennen, sondern auch – was besonders für
Psychologen wichtig ist – aus dem Eindrucke, den die verschiedenen Dinge und
Sachen auf das menschliche Gemüt machen.
[Er.01_043,02]
Auf wen kann der Eindruck gemacht werden? – Auf einen Menschen, und zwar allein
nur auf die Seele und auf den Geist desselben.
[Er.01_043,03]
Wie muß aber der Mensch eigenschaftlich beschaffen sein, damit er für Eindrücke
aufnahmefähig ist?
[Er.01_043,04]
Er muß lebendig und vollkommen intelligent sein; und damit auf ihn alles einen
Eindruck machen kann, so muß er schon vorher alle Intelligenzen in sich, d. i.
in seiner Seele vereinigen, – also er muß lebendig und komplett intelligent
sein.
[Er.01_043,05]
Frage: Wie kann aber dann eine tote Sache oder ein totes Ding auf den Menschen
irgend einen Eindruck machen, da der Eindruck ja eine Wirkung ist? Wie kann
aber ein totes Ding oder eine tote Sache wirken?
[Er.01_043,06]
Wie kann ein totes Wesen in dem lebendigen Wesen sein ähnliches Ebenbild
hervorrufen? Hieße das nicht das Leben foppen und für einen Narren halten, wenn
man im Ernste so toll sein könnte zu behaupten, der Tod als ein Objekt kann
sich aus dem Leben eines anderen Objektes wieder einen Tod erwecken?
[Er.01_043,07]
Wenn aber von der Erweckung die Rede ist, wie kann da ein Tod erweckt werden,
wenn er tot ist? Der Begriff „Tod“ setzt entweder eine gänzliche Wesenlosigkeit
oder wenigstens eine vollkommene Wirkungslosigkeit eines Wesens voraus, was im
Grunde eines und dasselbe ist; denn gar kein Wesen kann sicher auf niemand
einen Eindruck machen, weil es gar nicht da ist, ebenso auch ein völlig
wirkungsloses Wesen; denn würde solch ein Wesen auf jemand einen Eindruck
machen können, da wäre es doch sicher nicht ganz wirkungslos, weil der Eindruck
doch sicher eine Wirkung ist.
[Er.01_043,08]
Aus dem geht aber hervor, daß all dasjenige, was auf die menschliche Seele
irgend einen Eindruck macht, nicht tot, sondern insoweit intelligent lebendig
sein muß, um in der lebendigen Seele sein gleichlebendiges Intelligenzspezifikum
zu erregen und es als das ihm Ähnliche vor die Augen der Seele zu einer
beschaulichen Vorstellung zu bringen, welche Vorstellung dann eben der
obbezeichnete Eindruck ist, den irgend ein Ding oder eine Sache auf den
Menschen gemacht hat. Aus dem aber geht auch noch hervor, daß es – was schon
einige bessere Naturforscher schwachweg gefunden haben – in der Körperwelt
selbst nirgends einen Tod gibt; sondern das, was der kurzsichtige Mensch „Tod“
nennt, ist nur ein Übergang von einer weniger intelligenten Form in eine
höhere, wo die Intelligenzen schon vielfacher vereinigt sind.
[Er.01_043,09]
Sicher bemächtigen sich des Menschen verschiedene Gefühle beim Anblicke von
Steinmassen. „Ja, die Steine sind ja tot, –“ sagt man; „wie können sie dann in
der lebendigen Seele ein Gefühl hervorrufen? Sollten etwa die toten Bilder in
der Seele gleiche lebendige hervorrufen?“ – Eine solche Behauptung oder
Mutmaßung wäre noch ums unvergleichliche dümmer, als so jemand behaupten
wollte, daß, wenn man Samenkörner über einen ruhigen Wasserspiegel hielte, in
dem sie sich abspiegelten, diese abgespiegelten Samenkörnerbilder im Wasser zu
keimen anfangen werden und wahrscheinlich die Wurzeln in die Luft hinaustreiben
und Früchte unter dem Wasserspiegel reifen lassen. Allein, dieses wäre nicht
einmal so dumm; denn da wäre das Objekt, das sich im Wasserspiegel abspiegelt,
nicht tot, und es wäre von ihm eher zu vermuten, daß es imstande wäre, durch
sein Ebenbild im Wasser etwas Lebendiges seinesgleichen hervorzurufen, als daß
ein vollkommen totes Objekt es vermöchte, in der lebendigen Seele eine
lebendige Vorstellung zu erzeugen.
[Er.01_043,10]
Steingruppen und Felsenmassen bewirken aber in der menschlichen Seele lebendige
Gefühle, die manchmal voll Anmut, manchmal voll Begeisterung und voll
Bewunderung sind. Sollte wohl der tote Stein diese lebendigen Gefühle
hervorrufen können? – Da sage Ich auch: Wer Ohren hat, der höre, und wer Augen
hat, der schaue, was der lebendige Geist zu dem lebendigen Geiste spricht!
[Er.01_043,11]
Diese Steinmassen sind so gut wie der allerlebendigste Cherub aus der
allmächtigen ewigen Kraft Gottes hervorgegangen. Wie könnte denn auch wohl das
ewige Urleben alles Lebens sage „tote“ Steine erschaffen?!
[Er.01_043,12]
Ich als der Urschöpfer kann wohl die endlose Fülle Meiner Ideen fixieren – also
spricht der Herr – und kann die lebendigen Intelligenzen wie gleichsam einzelne
Gedanken in der erscheinlichen Materie des Steines festhalten, sie nach und
nach frei machen und in der Fülle und Herrlichkeit beschaulich Mir, dem
Schöpfer, und denen, die aus Mir sind, vorführen, auf daß nicht alle endlose
Fülle Meiner Ideen als wie ein ganzes unveränderliches Bild vor Meinen Augen
schwebe; denn eben in dieser materiellen Schöpfung sperrt Sich der Schöpfer
Selbst die zu endlose Ideenfülle ab und führt sie Sich durch das Freiwerden und
Auflösen der Materie wieder wie einzelne Gedanken zu Seiner göttlichen
Beschaulichkeit vor.
[Er.01_043,13]
Wenn aber demnach der Schöpfer Seine Ideen und Gedanken, die sicher nicht tot
sind, in der Erscheinlichkeit der Materie gewisserart wie der Buchbinder ein
Buch eingebunden hat, so dürfte wohl auch in dem Steine Leben vorhanden sein,
also eine große Menge Intelligenzen, welche sich in der lebendigen menschlichen
Seele, die ihren lebendigen Teil davon schon genommen hat, wieder finden, um
sich gewisserart als lebendig wieder in der Seele zu regenerieren.
[Er.01_043,14]
Sehet, das ist die Charakteristik, die aus jedem Dinge oder aus jeder Sache in
die lebendige Seele des Menschen hineinstrahlt, und diese Charakteristik rührt
von den lebendigen intelligenten Kräften her, welche in der Materie
festgehalten sind.
[Er.01_043,15]
Diese Charakteristik beurkundet die freie Intelligenz, durch die ein jedes Ding
in seiner Art einer oder mehrerer Fähigkeiten und Fertigkeiten gewisserart sich
selbst bewußt ist. Neben dieser Charakteristik aber beurkundet sich auch eine
Nötigung, wie z.B.: daß der Stein fest sein muß, die Pflanze unter dieser oder
jener Gestalt wachsen und Früchte tragen muß, sowie das Tier in seiner Art das
sein und tun muß, wozu es bestimmt ist. Diese Nötigung liegt nicht in der
Materie, sondern das ist ein Werk der vollkommenen Geister, denen solches
Geschäft gegeben ist.
[Er.01_043,16]
Wie aber die Geister solches Geschäft hier in dieser Region verrichten, werden
wir in der Folge durch gewisserart dramatische Darstellungen und Erzählungen so
klar als nur immer möglich beleuchten.
44. Kapitel –
Aufsichtsgeister im Naturreiche.
5. März 1847
[Er.01_044,01]
Ihr wisset, wie zu gewissen Zeiten Gärtner und Ackersleute den Samen in die
Erde streuen, und daß bald darauf jedes in die Erde gestreute Samenkorn
anzuschwellen anfängt, endlich an der Stelle, da der Keim sich befindet,
aufspringt und ein kleines, weißgrünliches Spitzchen aus dem Samenkorne
hervorkommt. Das ist der Keim. Fast sichtbar wächst dieser Keim ganz zart
weiter und weiter empor, und da, wo früher nur ein Spitzchen zu sehen war,
entfalten sich jetzt schon zwei, drei und mehrere Blätter, und fort und fort
dehnt sich das Gewächs mehr aus, gewinnt an Festigkeit und Kraft, und bald
darauf erblickt man auch schon die Blütenknöspchen. Von Stunde zu Stunde werden
sie strotzender, springen endlich auf, entfalten sich, die Blüte kommt zum
Vorschein und in ihrem Kelche sitzt schon die neue Frucht, wie eine junge Biene
in ihrer Zelle, und wird zuerst als Säugling genährt von dem ambrosischen Dufte
der Blume; und ist die neue Frucht durch diese Himmelskost zur gerechten Stärke
gelangt, dann empfängt sie ihre Nahrung vom Stamme und ihr Leben vom Lichte.
[Er.01_044,02]
Sehet, das ist so der natürliche Verlauf während des Wachsens einer Pflanze;
denn das Wachsen beginnt mit der ersten Einlage des Samenkorns in die Erde und
endet mit der Reife der Frucht.
[Er.01_044,03] Das
Samenkorn für sich hätte wohl so wenig die Kraft, sich selbst die Nahrung zu
suchen, als ein neugeborenes Kind, ja noch weniger als ein Kind im Mutterleibe,
wenn nicht Geister da wären, die jenen seelischen Intelligenzspezifika jene
Richtung gäben, durch welche eben diese Spezifika sich auf den bestimmten Punkt
begeben müssen, allwo für sie der eigentümliche Wirkungskreis angewiesen ist.
[Er.01_044,04]
Um dieses so recht bildlich zu sehen, nehmen wir nun ein Weizenkorn. Das
Weizenkorn hat folgende Intelligenzspezifika in sich: zuerst Teilchen der
Liebe, d. i. der eigentliche Nährstoff in dem Samenkorne des Weizens. Ein
zweites Spezifikum ist das geistige oder eigentlich spirituelle Substrat,
vermöge dessen aus dem Weizenkorne auch, so wie aus anderen Früchten, der
Alkohol gewonnen werden kann. Ein weiteres Spezifikum ist der Kohlenstoff, der
beim Verbrennen augenblicklich ersichtlich wird, daher es auch oft geschieht,
daß, wenn in einem Halme zu viel dieses Spezifikums aufsteigt, das Samenkorn
schon auf dem Felde brandig und endlich schwarz wird. Wieder ein anderes
Spezifikum in diesem Korne ist der Sauer- auch Braustoff, vermöge dessen aus
diesem Samenkorne auch, so wie aus Gerste, Hafer und Korn, ein wohlschmeckendes
Bier bereitet werden kann. Noch ein anderes Spezifikum ist der ätherische
Schwefel, welcher eben die Verbrennbarkeit des Samenkorns bewirkt. Und wieder
ein anderes Spezifikum ist der Ölstoff, demzufolge aus dem Weizen-, wie aus
jedem anderen Korne, ein recht wohlschmeckendes Öl gezogen werden kann. Wieder
ein anderer Stoff ist der Zuckerstoff, der in dem Weizensamenkorne sehr
reichlich vorhanden ist. Und noch ein anderer Stoff oder Spezifikum ist der
gummiartige Schleimstoff, demzufolge das sogenannte Stärkemehl aus diesem
Samenkorne gewonnen werden kann.
[Er.01_044,05]
Dann ist noch in dem Samenkorne eine ganz tüchtige Portion des ganz reinsten
und einfachsten Wasserstoffgasspezifikums, welches überhaupt einen
Hauptbestandteil des Weizenhalmes, wie auch von allen anderen
Pflanzengattungen, ausmacht; denn dieser Stoff oder dieses Spezifikum füllt
fortwährend die hohle Röhre des Halmes aus und hält ihn eben aufrecht. Ohne
diesen Stoff könnte der Halm nicht in die Höhe wachsen, und so ist demnach der
hohle Halm ein an seine in der Erde steckende Wurzeln angebundener Ballon, der
das Fleisch der Pflanze aufrecht hält, solange diese nicht die eigene
notwendige Festigkeit bekommen hat. Hat aber diese einmal ihre nötige
Festigkeit erlangt, dann zieht sich dieses Spezifikum stets mehr und mehr in
das reifer und reifer werdende Samenkorn und wird da als ein Grundspezifikum
aufbewahrt, um bei der nächsten Aussaat als erste Hauptsache beim Geschäfte des
Wachsens in gerechtem Maße vorhanden zu sein.
[Er.01_044,06]
Aus dieser Aufzählung der Spezifika in unserem Weizenkorne haben wir gesehen,
wie vielerlei Grundspezifika vorhanden und tätig sein müssen. Wie werden sie
aber angeführt? – Durch zu dem Behufe angestellte Geister, wobei aber immer
eine Unterabteilung der Geister stattfindet, die ihr Geschäft territorialweise
unter sich haben.
[Er.01_044,07]
Von der untersten Art der Geister hat ein jeder nur etwa einen Acker, ungefähr
so, wie die natürlichen Äcker unter die Menschen auf der Oberfläche der Erde
ausgeteilt sind. Ein solcher Geist hat die dazu nötige Weisheit und Kraft und
leitet die einzelnen Spezifika bloß mit seinem Wollen, und dieses Wollen ist
wie ein Gericht für die freiwerdenden Seelenspezifika. Dieser Geist kennt genau
die Spezifika in dem in die Erde gelegten Samenkorne; er kennt, wieviel davon aus
der Erde, wieviel herab aus den Sternen vorhanden ist, und in welcher Art und
in welchem Verhältnisse.
[Er.01_044,08]
Wenn dann das Samenkorn in die Erde gelegt wird, so haucht er über den Acker
seinen Willen, welcher Wille, homogen mit den bestimmten Spezifiken, diese
Spezifika ergreift und sie dahin nötigt, wo für sie die bestimmte Stelle ist.
Da strömen sie dann nach ihrer auf diesen Punkt gerichteten Intelligenz und
beginnen da in der Form infusionstierchenartiger Wesen ihr Geschäft, zu dem sie
Intelligenz und die angemessene Kraft besitzen. Da bilden sie die Wurzeln, die
Röhren; andere steigen wieder in diese Wurzeln hinein und nähren oder
vergrößern dieselben; andere steigen wieder durch die Wurzeln in den Stamm; es
ergreifen sich da die Gleichen und Gleichen in der Ordnung ihrer Intelligenz,
und eine Art von ihnen bildet die Röhrchen im Stamme, die andern bilden
Klappen, Pumpen und Ventile; wieder andere und reinere steigen durch diese
Röhren auf und bilden Blätter in der Ordnung und Form ihrer Intelligenz; wieder
noch reinere steigen wieder höher durch die Röhren und bilden die Knospe, die
Blüte; und die reinsten und durch diesen Akt selbst geläutertsten bilden die
Frucht, und die gar geistigen, gewisserart Zentralintelligenzen vereinen sich
in der Frucht zum Keime und umschließen sich mit einem Gewebe, durch das die
äußeren und noch nicht so reinen Intelligenzen nicht dringen können.
[Er.01_044,09]
Ist durch dieses Geschäft mit der Zeit die Reife bewirkt worden, dann hat der
Geist dieses Ackers seine Arbeit auch verrichtet und überläßt das Weitere den
Menschen und etwas dabei den Naturgeistern, welche dann die Verwesung, oder
besser, die weitere Auflösung jener Teile bewirken, welche nicht zur Frucht
gehören, damit diese Spezifika dann im nächsten Zeitraume in eine feinere Form
aufsteigen können.
[Er.01_044,10]
Nun denkt euch ebensoviel solcher Geister, als es da Äcker und verschiedene
Pflanzengattungen gibt; ein jeder bekommt eine bestimmte Gattung auf einem
bestimmten Territorium und muß da sorgen, daß diese Gattung in der fortwährend
gleichen Beschaffenheit und Form fortkommt.
[Er.01_044,11]
Die geringste Unaufmerksamkeit von seiten eines solchen geschäftsführenden
Geistes hat einen Mißwachs und eine Mißernte zur Folge, was manchmal bei den
Geistern eben nichts Seltenes ist, indem sie hinsichtlich dieses ihres Wirkens
eben keinen gerichteten, sondern einen vollkommen freien Willen haben, was
notwendig ist, weil in einem gerichteten Willen keine Kraft liegen kann. Daher
braucht es nichts mehr und nichts weniger, so die Menschen mit einer Mißernte
sollen gezüchtigt werden, als dieses Geschäft mehr lauen Geistern
anzuvertrauen, die sich selbes nicht so sehr angelegen sein lassen, – und die
Mißernte ist fertig. Denn wenn diese über die Vegetation wachenden Geister die
ordnungsmäßig entbundenen Seelenspezifika nicht in rechter Ordnung und Anzahl
gewisserart unters Dach bringen, so steigen die unbeschäftigten sogleich auf in
die zweite Region, vereinigen sich da zu Selbstwesen und zu Naturgeistern,
bewirken dann üble Witterungen, schlechte Miasmen, und das alles wirkt schlecht
auf das Pflanzenwachstum.
[Er.01_044,12]
Damit aber dies doch so selten wie möglich und nur an wenigen Orten geschehe,
so haben diese Geister wieder einen höheren und vollkommeneren Geist über sich,
der schon ein viel größeres Territorium zu überwachen hat. Ein solcher Geist
ist gleichsam wie ein Gutsherr und hat schon vieles unter sich. Stellt euch die
einzelnen Geister wie Untertanen und den über sie Gestellten wie einen
Gutsherrn vor, und ihr habt ein so ziemlich richtiges Verhältnis, – oder wie da
ist ein Herr, der in seinem Bezirke verschiedene Geschäfte hat und eingeweiht
ist in jedes einzelne Geschäft. Seine Arbeiter verrichten jeder nur ein
einzelnes; er aber übersieht sie alle und teilt ihnen die Arbeiten nach ihren
Talenten aus.
[Er.01_044,13]
Ein Gutsherr oder ein solcher Herr seines Bezirkes aber greift nicht hinüber in
den Bezirk eines anderen. Damit aber doch in allen Bezirken eine gleiche
Ordnung herrsche nach der Art der Bezirke, so ist über die Bezirksherren wieder
ein geistiger Gouverneur gestellt, der gewisserart schon ein ganzes Land in
allem übersieht und leitet. Das ist schon ein Geist aus der dritten Region. Ihr
wisset aber, daß mehrere Länder ein Reich ausmachen; darüber wacht ein
Engelsfürst. Über alle Reiche aber wacht der Fürst der Fürsten, wie Er auch
wacht – was kein Geist tun kann – in einem jeden einzelnen Spezifikum; und es
ist darum, daß des Herrn Auge überall sieht, was da ist und geschieht.
45. Kapitel – Mineral,
Pflanze und Tier.
6. März 1847
[Er.01_045,01]
Das Pflanzenreich, über dessen Entstehung wir soeben gesprochen haben, ist
gewisserart der Übergangspunkt vom Mineral und dem Äther, welcher aus den
Gestirnen darniedertaut, in das Tierreich.
[Er.01_045,02]
Im Grunde des Grundes aber gibt es weder ein Mineral- noch ein Pflanzenreich;
denn sowohl das Mineral- als das Pflanzenreich ist im eigentlichsten Sinne auch
ein Tierreich, und es besteht ein jedes Mineral aus ebensoviel sogenannten
infusorischen Tiergattungen, als an ihm für den Geist der Weisheit einzelne
psychische Spezifikalintelligenzen entdeckbar sind, was für den gewöhnlichen
Verstandesmenschen freilich wohl etwas Undenkbares ist. Aber so jemand nur
irgend etwas von der wahren Weisheit und Klugheit des Geistes besitzt, für den
wird es eben nicht zu schwer sein, in jedem Mineral wie in jeder Pflanze die
intellektuellen, psychischen Grundspezifika herauszufinden, und zwar auf dem
Wege, wie er bisher gezeigt wurde.
[Er.01_045,03]
Ihr dürft nur an einem Mineral oder an einer Pflanze alle möglichen
Eigenschaften herausfinden, so werdet ihr damit auch ebenso viele
Grundspezifika auffinden, von denen ein jedes ein ganz eigenartiges ist und
daher auch nur mit einer Intelligenz einen bestimmten Zweck in dem Mineral
erfüllt.
[Er.01_045,04]
Damit aber ein Mineral das werde, was es ist und sein soll, so müssen eben die
zu ihm gehörenden verschiedenartigen Spezifika sich wie in eins vereinen, um
durch diese Vereinigung eben jenes Mineral darzustellen, welches der Ordnung
gemäß notwendig darzustellen ist.
[Er.01_045,05]
Um das so ganz gut einzusehen, werden wir zu einem Beispiele schreiten.
[Er.01_045,06]
Nehmen wir das Eisen an! Wie viele Spezifika werden zur Herstellung dieses
Metalles wohl erforderlich sein? – Wir werden durch die Aufzählung der
einzelnen Eigenschaften dieses Metalles sehen, was zu seiner Darstellung
vonnöten ist.
[Er.01_045,07]
Einmal ist das Eisen schwer. Wodurch wird diese Schwere bewirkt? – Durch ein
Spezifikum, das aus den innersten Gemächern der Erde aufsteigt, daher es,
wennschon hier an dieses Metall gebunden, noch immerwährend seinen
intelligenten Zug dahin richtet, wo es durch so lange Zeiten gebannt lag. Es
ist gleichsam in diesem Spezifikum die Liebe nach unten.
[Er.01_045,08]
Weiter bemerkt man die Eigenschaft der Härte an dem Eisen. Dieses
eigenschaftliche, einzeln für sich dastehende Spezifikum birgt in sich die
ledige Intelligenz der völligen Selbstsucht und somit Härte und
Unbestechlichkeit gegen jede Nachbarschaft. Dieses Spezifikum ist, so wie die
Schwere, von unten.
[Er.01_045,09]
Ferner entdecken wir an dem Eisen eine geschmeidige Biegsamkeit. Das ist ein
Spezifikum oder eine seelische Intelligenz, die, vielseitig durchgeprüft, in
sich die Willfährigkeit trägt. Dieses Spezifikum ist darum auch schon mächtiger
als die beiden ersten. Sie verlieren zwar durch das Beisein dieses Spezifikums
in ihrer Eigentümlichkeit nichts, aber dennoch müssen sie sich nach diesem
Spezifikum richten, das da eine demütige Willfährigkeit in sich birgt, – daher
das Eisen auch um so beugsamer und geschmeidiger wird, so es erhitzt ist, und
dieses Geschmeidiger- und Biegsamersein des Eisens im erhitzten Zustande
entspricht um so mehr der willfährigen Demut, weil die Demut und der Wille
desto geschmeidiger werden, je mehr sie durch die Feuerprobe versucht oder
geprüft worden sind. Dieses Spezifikum ist zwar auch noch von unten, aber schon
von guter Art, weil es sich fügt, da es durch viele Prüfungen sich fügen
gelernt hat.
[Er.01_045,10]
Ein weiteres eigenschaftliches Spezifikum ist die Auflösbarkeit; denn ihr
wisset, daß sich das Eisen auflösen läßt durch Säuren, wie durchs Feuer. In
diesem Spezifikum liegt die Intelligenz des Freiseins, welches Spezifikum alle
die früher benannten mit sich reißt, wenn es in seiner Intelligenz die
Unterstützung gefunden hat, sich frei zu machen und frei zu werden. Zugleich
entspricht dieses Spezifikum auch in naturmäßiger Hinsicht der Zentrifugal-
oder ausdehnenden Kraft, die, so sie keine Beschränkung hätte, sich bis ins Unendliche
ausdehnen würde.
[Er.01_045,11]
Damit aber das nicht geschieht, so entdecken wir gleich wieder eine andere
Eigenschaft daneben oder ein Intelligenzspezifikum, welches gewisserart den
ledigen Stoizismus in sich enthält. Dieses will sich daher auf das Minutissimum
zurück zusammenziehen. Dieses Spezifikum ist daher der Kontrolleur für das
frühere und beschränkt es in seinem Ausdehnungsdurste, während im Gegenteile
aber auch das frühere Zentrifugalspezifikum dieses letztere
Zentripetalspezifikum kontrolliert.
[Er.01_045,12]
Wieder bemerken wir eine andere Eigenschaft dieses Metalles: es ist das leichte
Glühendwerden am Feuer. Dies ist ein Zornspezifikum im Eisen, welches zwar
sonst gewöhnlich ruht; wenn es aber erregt wird, dann tritt es mächtigst auf,
verschlingt alle früheren Spezifika und setzt sie in seinen Zustand. Diese
Spezifika, die wir bis jetzther an diesem Metalle aufgezählt haben, sind
sämtlich von unten her und würden das eigentliche Eisen noch lange nicht
darstellen, so sie nicht mit den edleren Spezifiken aus den Sternen gesättigt
wären.
[Er.01_045,13]
Wie aber kann man diese Spezifika erkennen? – So wie die früheren durch die
noch weitere Aufzählung der verschiedenen Eigenschaften dieses Metalles.
[Er.01_045,14]
Wenn das Eisen gerieben wird, so gibt es einen eigenen, metallsäuerlichen
Geruch von sich. Dieser Geruch ist ein Spezifikum mit einer Intelligenz, in
welcher sich schon tätige Liebe ausspricht; denn so wie in aller Säure oder in
dem eigentlichen Sauerstoffe die euch bekannte Lebensluft vorhanden ist, ebenso
ist es in geistiger Hinsicht die tätige Liebe, welche – wie ihr schon lange
wisset – im ganz eigentlichsten Sinne das Leben ist. Dieses Spezifikum ist das
hauptvereinende Prinzip dieses Metalles; denn es durchdringt dasselbe nicht nur
ganz, sondern umgibt dasselbe auch wie eine eigene Atmosphäre; daher auch der
Geruch des Eisens.
[Er.01_045,15]
Eine andere Eigenschaft dieses Metalles ist, daß es zur Aufnahme der
Elektrizität eine große Bereitwilligkeit zeigt. Die Ursache davon ist das
gleiche Spezifikum in diesem Metalle; es ist die Intelligenz der Beweglichkeit
und mit ihr der Durst nach gesellschaftlicher Vereinigung. Dieses Spezifikum
ist ebenfalls nicht so wie die früheren ein festgebundenes, sondern, so wie das
vorhergenannte, nur ein dieses Metall durchdringendes und umgebendes. Da es
aber doch mit den früheren Spezifiken mehr oder weniger verwandt ist, so hält
es bei ihnen gewisserart ein Standquartier und ist fortwährend bemüht, sie frei
zu machen und sie dann für sich zu gewinnen. Es tritt gewöhnlich in der
Erscheinlichkeit des Rostes auf, welcher Rost, wie ihr schon oft werdet
erfahren haben, mit der Zeit das ganze Eisen in sich verkehrt und nach und nach
ganz auflöst.
[Er.01_045,16] Der
Rost für sich ist nicht das eigentliche elektrische Spezifikum, welches
fortwährend frei bleibt, sondern das sind die anderen früheren, schon
gewisserart an dieses freie Spezifikum angeschlossenen Spezifika, welche sich
bemühen, jedes in seiner Art, diesem Spezifikum gleich zu werden. Sehet, dieses
Spezifikum ist demnach auch von oben.
[Er.01_045,17]
Wieder eine andere Eigenschaft ist das Schimmern oder Glänzen des Eisens, und
zwar in einer weißlicht-grauen Farbe. Dieses Spezifikum faßt den Begriff „Ruhe“
in sich; nur in der Ruhe kann sich alles ausgleichen, und wenn alles
ausgeglichen ist, dann tritt eine gleiche Fläche in Vorschein, und diese ist
fürs Licht aufnahmefähig so wie die Fläche eines Spiegels. Dieses Spezifikum
ist dem ganzen Eisen eigen; aber es ist kein an dasselbe fest gebundenes,
sondern vereinigt sich erst dann mit demselben, sobald dieses auf seiner
Oberfläche rein geputzt, geflächt und dann geglättet wird. Würden aber seine
Teile, die auf der Oberfläche in die größte gleichmäßige Ruhe getreten sind,
durch irgend etwas in derselben gestört, so ist dieses Spezifikum schon dahin,
– und wenn nicht ganz, so doch teilweise, woraus aber auch hervorgeht, daß auch
die Seele des Menschen in ihrer Komplettheit nur dann fürs Licht aufnahmefähig
ist, wenn sie sich in die Ruhe ihres Geistes begibt. Denn der Geist ist das
Hauptprinzip der Ruhe, aus welchem Grunde auch die alten Weisen einer
abgeschiedenen Seele nichts außer Ruhe und Licht nachwünschten.
[Er.01_045,18]
Um alle die Spezifika in diesem Metalle noch weiter aufzufinden, dadurch den
Weg dieser wichtigen Arbeit noch mehr zu bezeichnen, das Tierreich im Mineral-
und Pflanzenreiche recht erschaulich zu machen, und wie dann das Tierreich aus
diesem hervorgeht, werden wir nächstens des Eisens siderische
Spezifikaleigenschaften noch weiter verfolgen.
46. Kapitel –
Die Zusammensetzung der Intelligenzspezifika in den Lebewesen.
8. März 1847
[Er.01_046,01]
Wenn das Metall, Eisen nämlich, gehämmert wird, so wird es elastisch. Die
Elastizität ist ebenfalls ein Spezifikum von oben und ist gleich einer
geordneten Willenskraft, die nicht heute das und morgen etwas anderes will;
sondern mag da diese Kraft beugen wollen, was da will, so bleibt sie aber
dennoch niemals in dieser Richtung, sondern nimmt allezeit die früher geordnete
wieder ein. Diese Spezifikalkraft ist eine der häufigsten, die sich in dieser
unteren Luftsphäre aufhält und jedes Luftatom durchdringt, daher auch die Luft
selbst im höchsten Grade elastisch ist.
[Er.01_046,02]
Diese Kraft, obschon von oben herabkommend, durchdringt zugleich auch den
ganzen Erdball und ist die Hauptursache aller Bewegung in und an demselben; sie
ist auch das eigentliche Grundwesen, welches in allen Körpern die Bewegung und
ihre eigene, mit der Hand fühlbare Elastizität bewirkt. Nur im Feuer läßt sie
nach, weil sie durch dieses in eine zu große Tätigkeit gesetzt wird, aber
zugrunde gehen mag sie wohl nimmer, diese allerwichtigste Kraft; denn wenn
schon das glühende Eisen diese Kraft scheinbar verloren hatte, so darf man aber
das kaltgewordene Eisen nur wieder hämmern, und siehe, die scheinbar
verlorengegangene elastische Kraft ist so wie zuvor wieder vorhanden.
[Er.01_046,03]
Dieses Spezifikum ist dem Lichte nächstverwandt und besteht aus lauter
Lichtatomen. Der Form nach ist es kugelförmig oder noch besser gesagt: Dieses
Spezifikum wird in einem freilich wohl überaus kleinen und höchst
durchsichtigen Bläschen getragen, welches in alle Poren der Materie
hineindringt. Werden nun die Poren, wie beim Eisen, durch das Hämmern verrieben
und verschlossen, so daß diese elastischen Spezifikalbläschen beim Beugen
dieses Metalles nicht entweichen können, so lassen sie sogleich ihre kräftige
Anwesenheit merken, wenn das Eisen gebogen wird, und lassen es nicht in der
Richtung ruhen, in die es gebogen ward, sondern treiben es sogleich wieder in
jene Richtung zurück, welche ihrer gedrückten Lage am entsprechendsten ist.
[Er.01_046,04]
Diese Lichtatome werden von einigen Naturforschern auch ätherische Lichtmonaden
genannt, welcher Name ziemlich gut ist, weil durch den Ausdruck „Monade“
gewisserart ein Einzelnes oder ein Alleiniges in seiner Art bezeichnet wird.
Dieses Spezifikum ist, weil dem Lichte entstammend, höchst eigentümlich in
seiner intellektuellen Sphäre. Es liebt die Ruhe und sucht dieselbe mit der
größten Beharrlichkeit; aber eben darum, weil es in sich selbst gewisserart das
Gesetz der Ruhe selbst ist, so übt es in jeder Beschränkung und Bedrückung, den
vorigen Ruhestand suchend, die größte bewegende Kraft aus, welcher Kraft ebenfalls
nichts widerstehen kann, wenn sie durch irgend etwas aus ihrem Gleichgewichte
gebracht wurde.
[Er.01_046,05]
Sehet, das ist sonach wieder ein neues Spezifikum, also eine neue Intelligenz
in diesem Metalle und beurkundet sich in dem scheinbar toten Metalle, auf eine
gleiche Weise wirkend wie bei den Pflanzen und Tieren, – woraus aber wieder
hervorgeht, daß das Eisen unmöglich ein toter Körper sein kann, da in ihm eine
und dieselbe intellektuelle Kraft ebenso wie bei den Tieren tätig wird, wenn sie
durch die rechten Mittel erregt wird.
[Er.01_046,06]
Worin besteht denn so ganz eigentlich dieses Spezifikum? – In einem für euch
unbegreiflich kleinen Lichtfünkchen in dem vorerwähnten Bläschen. Dieses
Lichtfünkchen ist eine psychische Willensbeharrlichkeitsintelligenz und bleibt
so lange ruhig in seinem Kerkerchen, solange es nicht durch irgend einen Stoß
oder Druck beleidigt wird; wird es aber beleidigt, dann erwacht es in seiner
Hülse und treibt die Wände derselben auseinander, wie die Luft die Wände einer
Blase, wenn sie in dieselbe kommt. Ist der Druck oder ein Stoß nur gering und
schwach, da beurkundet es sein Dasein durch ein Zittern, von welchem gewöhnlich
der Ton herrührt; wird aber der Druck oder Schlag heftiger, dann zerreißt es
seine Hülsen und sprüht als helleuchtende Feuerfunken hervor, – daher auch im
Feuer dieses Spezifikum frei wirkend in die Erscheinlichkeit tritt und alles
zerstört, was ihm unterkommt.
[Er.01_046,07]
Ich meine nun, nachdem ihr diese Spezifika kennengelernt und eingesehen habt,
daß sie wirklich in diesem Metalle vorhanden sind – gleich so, wie sie in dem
Pflanzen- und Tierreiche vorhanden sind –, was soll uns demnach hindern, mit
gerechtem Grunde anzunehmen, daß das tierische Leben auch in den Metallen und
anderen Mineralien so gut vorhanden ist als wie bei den Tieren selbst? Denn die
einzelnen Intelligenzen sind immer dieselben, ob in Mineralien, Pflanzen oder
Tieren, nur mit dem Unterschiede, daß in den Mineralien nur noch ganz wenig
Intelligenzen vereint in die Erscheinlichkeit treten, während in den Pflanzen
und besonders in dem ausgebildeteren Tierreiche schon eine bei weitem größere
Menge wirkend vorhanden ist. Wo das Mineral etwa acht, neun, zehn, höchstens
bis zwanzig Intelligenzen zählt, da sind bei mancher Pflanze schon viele
Tausende, bei manchem Tiere viele Millionen und millionenmal Millionen und bei
dem Menschen zahllose aus allen Sternen und aus allen atomistischen Teilchen
der Erde.
[Er.01_046,08]
Das Mehr oder Weniger aber schließt das tierische Lebendigsein in den
Mineralien nicht aus, und das darum nicht, weil fürs erste diese
intellektuellen Spezifika sich selbst in allerlei lebendigen tierischen
Gestalten dem bewaffneten Auge eines Forschers offenbaren, und weil fürs zweite
diese Intelligenzen in den Metallen und Mineralien auf ein Haar dieselben sind
wie in den Tieren.
[Er.01_046,09]
Wer da ein solches Mikroskop hätte, das da die Gegenstände gegen sechs
millionenmal vergrößern würde, der würde mittelst dieses Mikroskopes in einem
einzigen Wassertropfen eine ungeheure Menge von den allerseltensten tierischen
Gestalten entdecken. Diese Gestalten sind nichts als Träger von verschiedenen
einzelnen Intelligenzen, welche sich fortwährend feindlich begegnen, sich
ergreifen und scheinbar zerstören; aber an ihre Stelle tritt dann bald eine
neue Gestalt, die alle die früheren in sich aufnimmt und sie gleichsam
verzehrt. Hat eine solche Gestalt sich hinreichend gesättigt, dann kommt sie
zur Ruhe und sinkt zu Boden.
[Er.01_046,10]
Wenn aber dann eine zahllose Menge solcher Gestalten zur Ruhe und zum Sinken
gekommen ist, so kleben sie sich dann in der Ruhe als höchst verwandte Wesen
fest aneinander, und siehe, daraus wird für euer Auge eine scheinbar tote
Materie. Allein das ist sie mitnichten; sie ist nur eine Anzahl von gefangenen
einzelnen Intelligenzen, welche, wieder aufgelöst, lebendig werden und
verbunden werden können zu einer anderen Form, welche Arbeit – wie ihr schon
wisset – unsere schon sehr wohlbekannten Geister eben also verrichten, wie wir
sie in dem Pflanzenreiche in ihrer Tätigkeit belauscht haben.
[Er.01_046,11]
Und nachdem wir diese Vorleitung gründlich durchgemacht haben, so wollen wir
fürs nächste uns in das Tierreich begeben und sehen, wie dort die Geister
wirken.
47. Kapitel
9. März 1847
[Er.01_047,01]
Es ist manchmal nicht überflüssig, um das Folgende desto mehr anschaulich und
begreiflich zu machen, eine Wiedererinnerung dessen, was schon gesagt wurde;
und so wollen auch wir über die verschiedenen Qualitätsverhältnisse der
Spezifikalintelligenzen aus den drei Reichen einiges erwähnen. Es ist nämlich
oben gesagt worden:
[Er.01_047,02]
Wenn in der Materie, im Metall- oder Mineralreiche, zehn bis zwanzig
Intelligenzen vorkommen, so kommen sie im Pflanzenreiche tausend bis tausendmal
tausend vor, im Tierreiche auf höherer Stufe millionen- und millionenmal
Millionen, im Menschen aber gehen sie ins unendliche. Daß dies wirklich so der
Fall ist, wollen wir durch eine vergleichende Beispielsweise näher vor die
Augen stellen.
[Er.01_047,03]
Man kann das Eisen glühend machen, es umschmieden, das, was früher vorne war,
wegnehmen und rückwärts anschweißen und dergleichen Veränderungen mehr, – und
das Eisen bleibt Eisen nachher wie zuvor; der gleiche Fall ist es mit allen
anderen Metallen.
[Er.01_047,04]
Die Steine stehen dem Pflanzenreiche schon etwas näher, haben auch schon mehr
Spezifika als die Metalle, und zwar je gemeiner sie sind, desto edler und
reichhaltiger in spezifischer Hinsicht, – daher, wenn man sie zerstört, sie
nicht leichtlich in ihren früheren kompletten Zustand gesetzt werden können.
Sie bleiben zwar auch als zerbröckelte Teile eines früheren kompletten größeren
Steines noch dieselbe Materie, können aber nicht, so wie die Metalle, durch das
Feuer zu einer und derselben materiellen Masse zusammengefügt werden; denn das
Feuer versetzt sie schon in einen ganz andern Zustand, welcher dem früheren
nimmer gleicht.
[Er.01_047,05]
Die Ursache dieser Erscheinung ist die Mehrzahl von Spezifikalintelligenzen,
welche schon in einer größeren Ordnung sich ergreifen müssen als wie in den
Metallen; und wird diese Ordnung durch irgend etwas gestört, wodurch oder wobei
sich mehrere Intelligenzen empfohlen haben, so wird die Materie nicht mehr
dieselbe, als sie früher war.
[Er.01_047,06]
Nehmet nur einen Kalkstein im rohen und dann im gebrannten Zustande. Im rohen
mag er wohl tausend Jahre im Wasser liegen, so wird er sich nicht nur nicht
auflösen, sondern nur fester werden, weil sich im Wasser mehrere Spezifika mit
ihm vereinen. Werfet aber einen gebrannten Kalkstein ins Wasser, so wird er
sich in wenigen Minuten in einen ganz weißen Brei auflösen. Die Ursache von
dieser Erscheinung ist, weil durch das Feuer eine gewisse Anzahl von Spezifiken
entwichen ist, welche früher dem Steine Dichtigkeit und Festigkeit gegeben haben;
kommt endlich noch vollends Wasser dazu, so werden dadurch noch mehrere
Spezifika frei, und die wenigen sich noch haltenden verlieren den nötigen
Zusammenhang und fallen dann als ein Brei auseinander. Wird dem Brei das Wasser
wieder genommen, so treten dann wieder einige frei gewordene Spezifika in den
Brei zurück und bewirken, daß dieser Brei wieder zu einer größeren Festigkeit
kommt, aus welchem Grunde er dann auch bei Mauerwerken als Bindungsmaterial
gebraucht wird.
[Er.01_047,07]
Aus diesem Beispiele haben wir nun gesehen, daß die Steine nicht mehr so wie
die Metalle mit sich manipulieren lassen, ohne ihre vorige Eigenschaft zu
verlieren. Noch mehr ist das mit dem Ton der Fall, der, so er einmal gebrannt
ist, ganz und gar seine frühere Eigenschaft verliert; denn aus einem gut
gebackenen Ziegel wird nimmer Tonerde, noch weniger ein sogenannter
Tonschiefer. Mehr aber noch als der Ton ist der Lehm heiklig; denn ein
Lehmkuchen, in das Feuer gelegt, verglüht beinahe so wie Torf oder Steinkohle;
nur versteht sich das vom reinen Lehm. Der Lehm aber läßt sich noch durch das
Wasser erweichen und in verschiedene Formen kneten und bleibt ebenfalls noch
Lehm, was auch beim Ton der Fall ist.
[Er.01_047,08]
Aber welch ein ganz anderer Fall ist das schon bei der gemeinsten Pflanze; da
ist schon eine so feste Ordnung, daß sie auch nirgends um ein Atom verrückt
werden darf, ohne der Beschaffenheit der Pflanze zu schaden. Der Grund liegt
darin, weil in der Pflanze, selbst von der allereinfachsten Art, schon alle
Spezifika wohlgeordnet vorhanden sein müssen, welche sonst in dem ganzen
Mineralreiche verschieden geteilt und gesondert anzutreffen sind.
[Er.01_047,09]
Nehmen wir z.B. einmal eine Moospflanze her, oder gar einen von heute bis
morgen wachsenden Schwamm. Da kann nicht das, was in der Wurzel ist, den
Stengel bilden, und selbst in der Wurzel ist schon eine so feste Ordnung, daß
ein Spezifikum, welches gegen Mittag in der Wurzel tätig ist, gegen Mitternacht
am ungeeignetsten Platze wäre und in dem Gewächse eine solche Unordnung
bewirken würde, daß es verdorrete und abstürbe.
[Er.01_047,10]
Daher sollten sich auch die Gärtner, wenn sie ihre Bäume gut versetzen wollen,
genau die Himmelsgegenden merken, unter denen ein Bäumchen mit seinen Wurzeln und
Ästen früher gestanden ist; denn verkehren sie diese Ordnung, so wird das
übersetzte Bäumchen entweder schwer oder gar nicht fortkommen, und das darum,
weil zwischen den nördlichen und südlichen Spezifiken ein bedeutender
Unterschied ist. Besonders heiklig sind in diesem Punkte die Nadelhölzer. Wenn
bei diesen die Himmelsgegend nicht getroffen ist, so dorren sie ab. Dasselbe
ist auch bei den Pfropfreisern der Fall. Ein Pfropfreis von einem nördlichen
Zweige auf einen südlichen Zweig eines anderen Bäumchens gepfropft, wird
allezeit verdorren, weil die Spezifika nicht homogen sind.
[Er.01_047,11]
Aus diesem aber könnt ihr ersehen, mit welcher großen Genauigkeit die Ordnung
in Hinsicht der Stellung der Spezifika gehandhabt werden muß; denn da hat ein
jedes atomgroße Plätzchen eines Blattes schon ein anderes Spezifikum, welches
zwar mit seinem Nachbar die größte Verwandtschaft hat, aber dennoch nicht
völlig dasselbe ist. Denn wäre das nicht der Fall, da könnte nie ein Blatt
konstruiert werden; und wer dieses bezweifeln möchte, der solle nur versuchen
ein gleich rundes Stückchen aus einem Blatte herauszustechen und es auf einen
gleich großen Ausstich desselben Blattes anzufügen, und er wird sich
überzeugen, daß da nimmer eine Verbindung vor sich gehen wird. Ja, Ich sage
euch, da ist schon eine so große Ordnung vorhanden, daß sie keine menschliche
Weisheit je in der Fülle erfassen kann, solange der Geist des Menschen in
seiner sterblichen Hülle wohnt. Und je weiter in die Extremitäten (äußerste
Enden) einer Pflanze hinaus, desto reichhaltiger ist die Zahl der Intelligenzen
und desto unverrückbarer ihre Ordnung, welche eben in den Zweigen, besonders
junger Bäume, noch nicht so ausgebildet ist, – daher diese auch übersetzt oder
ineinandergepfropft werden können.
[Er.01_047,12]
Wenn aber schon bei Pflanzen eine so große Ordnung gehandhabt werden muß, damit
sie das werden, was sie sein sollen, nämlich verschiedene Erlösungsanstalten
zur Freiwerdung seelischer Intelligenzen –, wie groß muß dann erst die Ordnung
dort sein, wo das Pflanzenreich in das Tierreich übergeht!
[Er.01_047,13]
Um diese Ordnung so gründlich als möglich einzusehen, werden wir nächstens
durch lauter anschauliche Beispiele diese Sache beleuchten und die Tätigkeit
und Weisheit der hierbei angestellten geschäftsleitenden Geister bewundern.
48. Kapitel –
Die Grenzen zwischen den Naturreichen.
12. März 1847
[Er.01_048,01]
Noch bis zur heutigen Stunde haben es die Naturforscher nicht ausgemacht, wo
das Mineralreich ins Pflanzenreich und dieses in das Tierreich übergeht, oder:
Wo hört das eine Reich auf und wo fängt das andere an? Wo ist wohl die letzte
und vollkommenste Pflanze, nach der keine Pflanzenstufe mehr kommt, sondern
sogleich ein erstes, freilich sehr unvollkommenes Tier an seine Stelle tritt? –
[Er.01_048,02]
Sehet, das sind noch Sachen, die bis jetzt noch in großer Dunkelheit stehen;
denn es gibt auf der Erdoberfläche eine große Menge Pflanzen, die eher
tierischer als pflanzlicher Natur zu sein scheinen, und wieder gibt es Tiere,
die bei weitem eher einer Pflanze als einem Tiere gleichsehen. Also gibt es
auch Mineralien, die eher für Pflanzen als für Mineralien gehalten werden
könnten, und wieder gibt es Pflanzen, die eher für Mineralien als für Pflanzen
gelten könnten; und so gibt es auch viele Tiere, die noch pflanzenähnliche
Extremitäten zur Schau tragen, und wieder gibt es Pflanzen, aus denen ein
beinahe ganz gut ausgebildetes Tier herausschaut.
[Er.01_048,03]
Da die Sachen sich so verhalten, so wird jedermann leicht einsehen, daß da eine
genaue Grenzermittlung ein überaus schweres Stück Arbeit für jeden
Naturforscher sein dürfte, und das hauptsächlich auch aus dem Grunde, weil es
noch eine ungeheure Anzahl sowohl von Tier- als Pflanzengattungen gibt, die den
Naturforschern noch gar nicht bekannt sind und schwerlich je werden bekannt
werden; denn die größte Anzahl der merkwürdigsten Pflanzen und Tiere wächst und
wohnt in den Tiefen des Meeres. Die großen unterseeischen Flächen aber sind für
Botaniker und Zoologen etwas schwer zugänglich, daher auch eine Bekanntschaft
mit den Tieren und Pflanzen dieses feuchten Bodens schwer zu machen ist.
[Er.01_048,04]
Zudem aber gibt es auch noch eine Menge Tiere und Pflanzen auf der
Erdoberfläche selbst, die den Naturforschern darum unbekannt sind, weil diese,
für ihren Forschungsgeist etwas unbequem gelegenen Ländereien selbst noch nicht
bekannt sind.
[Er.01_048,05]
Die Naturforscher wundern sich schon über die Korallen, und noch ist es nicht
völlig ausgemacht, ob sie zum Mineral-, Pflanzen- oder Tierreiche gehören; denn
es weiß ein jeder Naturforscher, daß die Korallen durch eine Art Würmchen
gebildet werden, welche sehr klein sind, sich aneinander kleben und also einen
Korallenzweig ausbilden. Die Würmchen sind sicher Tiere; wenn sie aber
verhärten, da ist ihre Masse so fest wie Edelgestein. Die Form aber, in der
diese Tierchen durch ihr Aneinanderkleben nach und nach sich ausbilden, gleicht
einem entlaubten Bäumchen, das Äste, Zweige und ganz kleine Zweige hat. Also
ist dieses Gewächs der Bildung nach ein Tiervolumen aus zahllos vielen Tieren,
als Masse ein Mineral und als Bild und Form ein Bäumchen.
[Er.01_048,06]
Was demnach die Koralle eigentlich ist, wäre mit einem Ausdrucke schwer zu
bestimmen; aber daß die Koralle das ist, als was sie vorhin bestimmt wurde,
kann jeder leicht einsehen und annehmen: also zum Teile Tier, zum Teile Mineral
und zum Teile Pflanze.
[Er.01_048,07]
Diesem Gewächse ähnlich sind auch die verschiedenartigen Metallblüten, die samt
und sämtlich auf gleiche Weise entstehen. Im Meere aber gibt es noch eine Menge
kleiner und großer Tiere, die mehr noch als die Korallen die drei Reiche auf
das augenscheinlichste in sich schließen.
[Er.01_048,08]
Betrachten wir beispielsweise den großen Kraken. Dieser ist wohl das größte
Tier der Erde; denn er ist in seinem völlig ausgewachsenen Zustande über
fünfhundert Klafter lang und bei hundert Klafter breit und dick. Dieses Tier
hat keine bestimmte Gestalt, sondern sieht, wenn es manchmal auf die Oberfläche
des Meeres kommt, einer ziemlich plumpen Insel gleich, welche hie und da eine
recht üppige Vegetation zeigt. Auf seinem Rücken wächst nicht selten Moos,
Meergras und sogar kleine Seebäumchen, die sogar eine runde, rote Frucht
tragen, die ihr schon selbst öfter gesehen habt und namentlich bei den Goldarbeitern,
die diese Frucht in Gold faßten und sie als Zierde eines Uhrbandes verkauften.
[Er.01_048,09]
Diese Frucht, welche öfter an den Meeresufern frei schwimmend angetroffen wird,
wächst und reift meistens auf dem Rücken unseres Kraken, den nur ein böses
unterseeisches Wetter auf die Oberfläche des Meeres treibt. Nebst diesen
Gewächsen aber findet man auch eine Menge roter, felsartiger Erhöhungen auf dem
Rücken dieses Tieres, welche nicht selten abgeworfen werden und eine Zeitlang,
solange sie noch nicht völlig gefestet sind gleich dunkelroten Bimssteinen auf
der Oberfläche des Meeres herumschwimmen und häufig an manchen Meeresufern,
manchmal wohl auch auf festem Lande, wo einmal ein Meer gestanden ist, unter
dem Namen „Drachenblut“ aufgefunden werden. Dieses Drachenblut hat eine große
Ähnlichkeit mit dem Roteisenstein, manchmal auch mit der quecksilberhaltigen
peritomischen Hornblende. Dieses Blut ist ganz Mineral, welches auf dem Rücken
dieses Tieres einzig und allein echt vorkommt.
[Er.01_048,10]
Dem Ansehen nach ist dieses Tier somit Pflanze und Mineral zugleich; aber wenn
unglücklicherweise etwa ein Schiff, oder manchmal auch mehrere, über dem Rücken
dieses ungeheuren Tieres zu stehen kommen, dann taucht das Tier schnell
aufwärts, hebt ganze Schiffe über den Meeresspiegel hinaus, daß sie bald
umstürzen und, außer dem Wasser zu stehen kommend, sich nicht mehr von diesem
Boden des sicheren Unterganges flüchten können; denn so das Tier einmal
gewahrt, daß die Schiffe auf seinem Rücken umgestürzt liegen, so erhebt es von
allen Seiten tausend blendendweiße Arme, gleich großen Elefantenrüsseln, in
eine Höhe von dreißig Klaftern und in einer Dicke von nicht selten acht Schuh
im Durchmesser.
[Er.01_048,11]
Hat es die Arme einmal, wie die Schnecke ihre Fühlhörner, weit genug
hinausgetrieben, so beugt es dann diese fürchterlichen Arme zu den Schiffen,
die auf seinem Rücken liegen, hinab, zerquetscht sie in einem Nu, trägt dann
mit diesen tausend Armen das zerquetschte Schiff unter sich in seinen unmäßig
weiten Schlund und verzehrt auf diese Weise das ganze Schiff mit allem, was
darinnen war. In seinem Magen liegt eine solche Verdauungskraft, der gar nichts
widersteht; Steine, Metalle, Holz, sogar Diamanten verzehrt es so ganz und gar,
daß da nicht das kleinste unverdaute Restchen überbleibt.
[Er.01_048,12]
Weil aber dieses Tier so viel Verschiedenartiges verdaut, so ist es dann auch
erklärlich, daß auf seiner Oberfläche, wie auf der Oberfläche eines kleinen
Wasserplaneten, eine Menge vegetabilischer und mineralischer Aftergebilde zum
Vorschein kommt.
[Er.01_048,13]
Da ließe sich denn auch fragen, zu welchem Reiche man dieses Tier zählen solle:
zum Tier-, Pflanzen- oder Mineralreiche? Denn vermöge seiner Gestalt ist es
ganz mineralisch aussehend, wie ein Stück Erde oder ein Stück Landes, auf dem
ein recht üppiger, verschiedenartiger Pflanzenwuchs vorkommt; da aber auf
diesem Wesen verschiedenartige Pflanzen vorkommen, so könnte man es auch für
eine große Meerpflanzenwurzelknolle halten oder gleichsam für eine übergroße,
unterseeische Mimose, welche da Schiffe, wie die kleine Mimose auf dem Lande
einzelne Insekten, umschlingt und dann in ihren Blumenkelchrachen hinabzieht.
[Er.01_048,14]
Wenn jemand diese Punkte so recht kritisch beleuchtet, so wird es ihm ebenso
schwer werden, dieses Wesen in ein bestimmtes Reich einzureihen, als wie schwer
es jedem Naturforscher fallen dürfte, die Erde selbst in eine bestimmte Klasse
einzuteilen. Denn die Erde selbst ist allem Anscheine nach doch sicher Mineral,
weil sie auf ihrem Rücken eine so ungeheuere Menge Mineralien erzeugt; aber sie
ist auch ebenso sicher Pflanze, weil sie so viele Afterpflanzen gebiert, und
noch sicherer ist sie ein Tier, weil sie ein so ungeheuer reichhaltiges
Tierleben produziert.
[Er.01_048,15]
Aus allemdem geht aber etwas, für euch freilich auf den ersten Anblick
Sonderbares hervor. Denn im Grunde des Grundes gibt es weder ein Mineral-, noch
ein Pflanzen-, noch ein Tierreich als abgesondert für sich, sondern es gibt im
ganzen nur ein Reich, und das ist das Wesenreich unter allerlei Formen, und
alles ist ursprünglich Tier und nicht Mineral und nicht Pflanze. Darin liegt
der Grund, warum die Unterscheidungsmerkmale zwischen den drei vermeintlichen
Reichen auf fortwährend gleich lockeren und unhaltbaren Füßen stehen.
[Er.01_048,16]
Nur in der Ordnung des Aufsteigens der Wesen sind gewisse Stufen gestellt, die
jedermann leicht als gesondert ersieht; denn wer einen Felsen von einem Baume,
einen Baum von einem Ochsen und endlich einen Ochsen von einem Esel nicht unterscheiden
kann, bei dem ist – wie ihr zu sagen pflegt – Taufe und Chrisam verdorben, und
mit der Astronomie wird er sich schwer abgeben und noch schwerer mit unserer
Theorie über die geistige Erde.
[Er.01_048,17]
Da wir aber das nun wissen, so wird es uns von nun an immer leichter, die
Tätigkeit unserer schon oft besprochenen Geister zu belauschen.
49. Kapitel –
Die Tierseele und ihre Beeinflussung durch Geister.
13. März 1847
[Er.01_049,01]
Wie die Geister beim Mineralreiche und Pflanzenreiche die Spezifikalintelligenzen
zu einem Wesen ordnen, und wie sie die siderischen und tellurischen miteinander
verbinden, das haben wir bereits schon zur Genüge abgehandelt; es bleibt uns da
nur noch der Übergang oder so ganz eigentlich das Werden des Tieres aus dem früheren
Reiche zu betrachten übrig und zu beobachten, was alles hier die Geister dabei
selbst zu beobachten und zu tun haben.
[Er.01_049,02]
In einem jeden Tiere ist schon eine mehr oder weniger ausgebildete Seele
wirksam zugegen, welche durch den sie allezeit umgebenden sogenannten
Nervengeist in ihrem Körper, der eine noch grobe Materie ist, wirkt. Und darin
unterscheidet sich auch so ganz eigentlich das Tier- von dem Pflanzenreiche und
noch mehr von dem Mineralreiche: daß das Tier schon eine freie Psyche hat,
während diese im Pflanzen-, und besonders im Mineralreiche noch mit der Materie
also verwebt und geteilt ist wie etwa der Weingeist in der Traube, da auch
jemand sehr viele Trauben verzehren kann und nicht rauschig wird, während der
Spiritus aus zwanzig Trauben genügte, zehn Menschen zu berauschen. Man versteht
hier von selbst große, gute und reife Trauben.
[Er.01_049,03]
Wo hält sich wohl dieser Spiritus in der Traube auf, dieser feuriggeistige Äther?
– In der Traube ist er noch sehr geteilt und kann nicht eine Wirkung äußern, da
in einem jeden Traubensaftbeerchen unter tausend Spezifikalien auch ein solches
ätherisches Spezifikum beigemischt ist. Wenn aber durch einen euch bekannten
Sonderungsapparat dieses einzelne Spezifikum aus den vielen anderen Spezifiken
herausgezogen und in ein Gefäß gesammelt wird, so äußert es dann erst seine
Kraft.
[Er.01_049,04]
Also ist es auch mit der Tierseele der Fall. Sie ist eine Ansammlung von einer
Menge ätherisch substanzieller Spezifika, welche schon für sich ein insoweit
intelligentes freieres Wesen bilden, je mehrartig sie sich zu eben diesem Wesen
vereinigt haben.
[Er.01_049,05]
Wenn bei den Tieren der Akt der Zeugung eintritt, so treiben die Geister durch ihren
Willen diese psychischen Tierwesen in die materiellen Zeugungsorgane der Tiere
und umschließen sie im Augenblicke der Zeugung mit einem materiellen Häutchen;
in diesem Häutchen wird dann diese Psyche tätig und fängt an, nach der
Komplettheit ihrer Intelligenz sich selbst zu ordnen.
[Er.01_049,06]
Hat die Seele oder die Psyche in dieser ersten Behausung und in sich selbst die
bestimmten Anordnungen getroffen, so sorgen dann die Geister, daß diese Psyche
durch neue, eigens dazu gebildete Organe aus dem Mutterleibe die entsprechende
Nahrung und damit das Baumaterial für ihren künftigen Leib erhält, den sie zu
bewohnen und durch den sie zu wirken hat.
[Er.01_049,07]
Diesen Leib bildet die Seele selbst; aber freilich unter fortwährender Leitung
der Geister, die dabei zwar keine Hand, sondern bloß nur ihren Willen ans Werk
zu legen haben.
[Er.01_049,08]
Die Ausbildung des Leibes geht aber auf diese Weise vor sich:
[Er.01_049,09]
Die ätherisch-substanzielle Psyche hat zuerst ihre Intelligenzen geordnet, oder
diese Intelligenzen ordnen sich vielmehr von selbst nach den in ihnen wohnenden
Gesetzen der Assimilation, da sich Schwarz eint mit Schwarz, Weiß mit Weiß, Rot
mit Rot, Grün mit Grün, Blau mit Blau, Hart mit Hart, Weich mit Weich, Zähe mit
Zähe, Süß mit Süß, Bitter mit Bitter, Sauer mit Sauer, Licht mit Licht usw. Da
aber ein jedes solches ätherische und nun schon substanzielle
Intelligenzspezifikum eine vollkommene Idee in sich trägt, welche Idee sich in
einer bestimmten Form plastiziert, so geht diese Eigenschaft der Seele in der
Bildungsperiode des Leibes eben auf den Leib über, und der Leib ist dann bei
seiner vollen Ausbildung nichts als die typische Form der ganzen Seele, die da
bei der Zeugung in den Mutterleib eines Tieres im Augenblicke der Zeugung gegeben
ward.
[Er.01_049,10]
Ist die Form im Mutterleibe einmal vollends ausgebildet, und hat die Seele nach
ihrer Gestaltung sich gewisserart in der Form des Leibes wiedergestaltet, dann
hat sie auf eine gewisse Zeit Rast, und der Leib bildet dann durch die noch im
Mutterleibe ferner eingenommene Nahrung sich weiter aus, freilich durch
Unterstützung der Seele insoweit, als diese dann bloß nur in den
Haupteingeweiden ihre neue Tätigkeit beginnt.
[Er.01_049,11]
Da fängt nämlich der Pulsschlag an, und die Säfte fangen in dem neuen Leibe zu
zirkulieren an; die neue Nahrung wird schon in den Magen aufgenommen, der sein
Verdauungsgeschäft damit beginnt.
[Er.01_049,12]
In dieser Zeit wird der sogenannte Fötus im Mutterleibe leiblich lebendig.
[Er.01_049,13]
Wenn dann der Leib durch diesen Vorgang ganz geregelt wird, alle Organe sich
geöffnet haben, Pulsschlag und Verdauung in den geregelten Gang getreten sind,
die Nerven gesättigt wurden und in ihnen sich ein der Seele nächstverwandter
Nervengeist durch einen eigenen, elektromagnetischen Gärungsprozeß gebildet
hat, so treten dann wieder Geister mit ihrem Willen hinzu, lösen die Bande
zwischen dem Fötus und dem Mutterleibe und treiben dann das neue Wesen aus dem
Mutterleibe hinaus, und das ist die Geburt.
[Er.01_049,14]
Nach der Geburt muß das neugeborene Tier noch eine kurze Zeit aus dem
Mutterleibe genährt werden, wie z.B. bei den Säugetieren durch die Milch, beim
Geflügel durch die Überschleimung der Nährmittel, womit die Alten die Jungen in
den Nestern füttern, bei den Wasseramphibien ebenfalls durch einen Schleim, den
diese im Wasser unter einer milchigen Gestalt von sich lassen und bei den
Amphibien am Lande durch einen Saft, den die Alten entweder aus ihren Warzen
oder wohl auch aus ihrem Rachen ausfließen lassen. Bei dieser Nahrung wird der
Leib dahin weiter ausgebildet, daß er dann die ihm bestimmte Nahrung selbst
suchen, finden und verzehren kann.
[Er.01_049,15]
Von dem Augenblicke an, wo der Leib seine Nahrung frei findet und genießt,
fängt die in ihm wohnende Psyche nach der Leitung der Geister die materiellen
Spezifika des Leibes in substanzielle zu verkehren an und bildet sich auf diese
Weise durch die Lebensdauer ihres Leibes zu einer reicheren und somit auch
vollkommeneren Seele aus, welche, wenn sie in einem Leibe die höchstmöglichste
Ausbildung erreicht hat, dann denselben nach und nach stets mehr außer acht
läßt.
[Er.01_049,16]
Durch diese Außerachtlassung siecht der Körper stets mehr und mehr, bis er der
Seele vollends lästig und zum weiteren Wirken untauglich wird, was der Seele
zwar durch den Nervengeist einen Schmerz verursacht, welcher Schmerz aber dann
eben dazu beiträgt, daß die Seele sich solch ihrer Last endlich gänzlich
entledigt; dann fällt der Leib wie tot und regungslos dahin, die Seele aber wird
wieder frei, wird durch die Geister wieder gefangen und zu der Zeugung einer
höheren Tierstufe genötigt, wo sie dann auf eine ganz gleiche Weise, wie sie
jetzt beschrieben ward, nur komplizierter, tätig wird.
[Er.01_049,17]
Die Spezifika des abgelegten Leibes aber müssen wieder aufgelöst werden, weil
sie noch nicht in eine bestimmte, sondern in eine nur notfällige Ordnung von
der Seele zusammengerafft worden sind. Durch die nochmalige Auflösung aber
werden sie dann in eine bestimmtere Ordnung gestellt und bilden im Verlaufe der
fortrückenden Tierstufen die weibliche Psyche, während die freie, eigentliche
Psyche, von der wir jetzt gehandelt haben, die männliche ist: und so kommt die
„Eva“ überall aus den Rippen des Mannes hervor.
[Er.01_049,18]
Man könnte hier freilich fragen: Was geschieht denn dann mit den Spezifiken
abgelegter weiblicher Leiber? –
[Er.01_049,19]
Sie werden mit den männlichen vereinigt; durch diese Vereinigung sind sie dann
erst in einer nächsten Stufe fähig, in sich Weibliches und Männliches
auszubilden. Denn daß aus einem und demselben Mutterleibe Männlein und Weiblein
hervorgehen, braucht kaum mehr erwähnt zu werden; denn soweit hat es von euch
wohl jeder schon in der Zoognosie gebracht.
[Er.01_049,20]
Wenn aber die Mutter nicht zugleich weibliche und männliche Spezifika in ihrem
Leibe vereinigte, woher würde sie das Weiblein und woher das Männlein ernähren?
Ich meine, diese Sache ist schon so klar, daß es eine förmliche leere
Mundwetzerei wäre, ein mehreres davon zu sagen, und lächerlich und über die
Maßen langweilig, so Ich euch speziell alles durch Worte zeigen möchte, wie
allenfalls dem Vogel die Federn wachsen, der Sau die Borsten, dem Ochsen die
Hörner und dem Esel die langen Ohren; denn das alles liegt in der Ordnung der
Seele, wie nämlich diese auf vorbezeichnete Art ihre Intelligenzen nach den
Gesetzen der Assimilation ordnet.
[Er.01_049,21]
Da wir aber nun das Wirken der Geister auch bei diesem Reiche – wennschon durch
wenige Andeutungen, aber doch klar genug – gesehen haben, so werden wir
nächstens noch den Übergang in den Menschen besichtigen und uns dann bald etwas
tiefer in der Erde umsehen, d. h. in der geistigen Erde.
50. Kapitel –
Geistereinflüsse bei der Zeugung des Menschen.
15. März 1847
[Er.01_050,01]
Es ist euch zwar schon über das Wesen des Menschen, dessen Seele und Geist so
viel gesagt worden, daß ihr sozusagen schon fast das meiste wisset, was das
ganze Wesen des Menschen betrifft; auch die Zeugung ist euch schon auf die
mannigfaltigste Weise gezeigt worden. Es bleibt demnach nur noch übrig, euch
den Einfluß der Geister zu zeigen, den diese bei der Zeugung des Menschen
haben.
[Er.01_050,02]
Was die materielle Zeugung betrifft, so unterscheidet sie sich von der
gemein-tierischen wenig oder gar nicht; der Unterschied liegt mehr im Innern.
[Er.01_050,03]
Die Seele muß natürlicherweise schon vor der Zeugung komplett da sein, d. h.
sie muß alle substanziellen Spezifika in sich vereinen, welche sonst im ganzen
Universum verteilt sind und ihr von allen Seiten zugeführt werden.
[Er.01_050,04]
Ein solches vollkommenes substanzielles Spezifikalkompendium ist dann schon die
Seele; nur sind die Spezifika in ihr gewisserart chaotisch also
untereinandergemengt, daß man allenfalls sagen könnte: die Seele ist vor der
Zeugung ein Knäuel, ein sogenannter gordischer Knoten, der erst entwirrt werden
muß, um zu einer Form zu gelangen. Die Entwirrung dieses Knotens beginnt eben
mit dem Akte der Zeugung; denn da wird dieser gordische Seelenknoten in den
Mutterleib getrieben und umhülst.
[Er.01_050,05]
Innerhalb dieser Umhülsung fangen dann die korrespondierenden Intelligenzen an
sich zu erkennen, sich einander zu nähern und einander zu ergreifen. Damit sie
aber das können, verschaffen ihnen die Geister in ihre Umhülsung Licht, in
welchem Lichte sich diese substanziellen Spezifikalintelligenzen erkennen,
aussondern, sich dann einander annähern, ergreifen und verbinden, und das alles
durch die Nötigung aus dem Willen jener Geister, denen dieses Geschäft
anvertraut ist. Diese Geister aber sind das, was ihr „Schutzgeister“ nennt, und
es sind Engel und große Engel, die alle da Einfluß nehmen: und da gibt es
keinen Menschen, der nicht wenigstens drei Schutzgeister, zwei Engel und einen
großen Engel hätte, über die noch ein Siebenter wacht, Den ihr schon wohl
kennet!
[Er.01_050,06]
Diese Schutzgeister und Engel sind vom Augenblicke der Zeugung fortan um die
neugezeugte Seele und sorgen unablässig für die ordnungsmäßige Ausbildung
derselben.
[Er.01_050,07]
Hat die Seele einmal in ihrer Umhülsung die menschliche Form wieder bekommen,
so werden ihr dann aus dem Mutterleibe entsprechende Spezifika zugeführt. Diese
Spezifika verwendet endlich die Seele zu ihrer eigenen festeren
Aneinanderbindung ihrer Intelligenzen.
[Er.01_050,08] Ist
das geschehen, so strömen aus dem Mutterleibe schon wieder andere und neue
Spezifika in den Ort der neuen Menschwerdung im Mutterleibe; diese werden schon
zur Bildung der Nerven verwendet. Die Nerven sind gewisserart Stricke und
Schnüre, die von der Seele überall ergriffen und angezogen werden können, um
dadurch dem nachfolgenden Leibe eben durch diese Schnüre und Stricke jede
mögliche Bewegung geben zu können.
[Er.01_050,09]
Sind die Nerven in ihren Grundlagen und Verbindungen fertig, dann strömen schon
wieder neue Spezifika nach. Diese werden zur Bildung der Eingeweide angeordnet;
und sind die Haupteingeweide in den ersten organischen Grundlagen dargestellt,
so werden sie dann sogleich mit den Hauptnerven verbunden.
[Er.01_050,10]
Nach dieser Arbeit geht es dann mit schon wieder etwas anderen Spezifiken an
die völlige Ausbildung der Eingeweide. Da aber natürlich in dem Kopfe die
meisten Nerven zusammenlaufen, und zwar hauptsächlich im Hinterhaupte, in dem
auch die Seele ihren Kopf hat, so beginnt zugleich mit der Bildung der
Eingeweide auch die Bildung des Kopfes, welcher das entsprechendste Bild der
Seele ist, weil alle Intelligenz der Seele sich durch gewisse
Hauptausstrahlungen im Kopfe konzentriert. Und weil die Augen das
allervollkommenste Symbol der Intelligenz sind, so wird auch der Kopf und
besonders die Augen am ersten ersichtlich sein; denn in den Augen strömen alle
Ausstrahlungen der einzelnen Intelligenzen der Seele durcheinander und bilden
durch eben dieses Durcheinanderströmen die naturmäßige Sehkraft der Seele,
mittelst welcher sie die Außenwelt in sich selbst hineinschauen kann.
[Er.01_050,11]
Ist die Seele mit dieser Arbeit durch die Willenshilfe der Geister fertig, so
werden ihr wieder neue Spezifika zugeführt; aus denen werden dann schon
allerlei Dinge des menschlichen Leibes geordnet. Es braucht hier nicht des
Machens oder Schaffens; die Sache macht sich von selbst, wenn ihr nur der Weg
in die Ordnung angezeigt ist. Und so wird hier Fleisch, Knorpel, Muskeln,
Sehnadern und Knochen gestaltet, und es ergreift sich von selbst, was zu einem
und demselben gehört; nur würde die Richtung verfehlt sein, und dadurch auch
die Form, wenn die Geister den Intelligenzspezifiken durch ihre weise
Willenskraft nicht den rechten Weg vorzeichneten, was sogar manchmal geschehen
kann, wenn sich die Mutter, die so ein Kind in sich trägt, manchmal in ihrem
Gemüte in die Hölle begibt, wo dann freilich Meine guten Geister und Engel
nicht volle werktätige Gesellschaft leisten können. Die Folge solchen Übels ist
gewöhnlich eine Mißgeburt oder manchmal gar ein Einschiebling aus der Hölle,
welchen das sogenannte gemeine Volk einen „Wechselbalg“ nennt, – daher es jeder
Mutter zu empfehlen wäre, sich während der Schwangerschaft so christlich
tugendhaft als möglich zu betragen.
51. Kapitel –
Die Entwicklung der menschlichen Leibesfrucht.
18. März 1847
[Er.01_051,01]
Wenn die Seele obbeschriebene Knorpeln, Muskeln, Knochen und Sehnadern
ausgebildet hat, so wird von ihr weitere Sorge dahin getragen, die äußersten
Extremitäten durch richtige und ordnungsmäßige Verwendung der dazu gehörigen
Spezifika zur völligen Vollendung zu bringen.
[Er.01_051,02]
Wenn auch das getan ist, dann zieht sich die Seele in die Eingeweide zurück und
beginnt die Muskeln des Herzens in Bewegung zu setzen, durch welche Bewegung
zuerst durch eigene, wasserklare Säfte die Organe geöffnet und gewisserart
durchstoßen werden.
[Er.01_051,03]
Ist dieser Durchstoß geschehen, dann setzt die Seele alsbald die Milz in
Tätigkeit; dadurch wird sogleich das Blut erzeugt und in die Herzkammern
geführt, von denen aus es dann auch alsbald in die durchstoßenen Organe
getrieben wird.
[Er.01_051,04]
Hat das Blut einmal den ersten Kreislauf gemacht, so wird der Magen in
Tätigkeit gesetzt und beginnt sogleich die in ihm liegenden Nährsäfte in eine
größere Gärung zu bringen, wodurch dann schon die edleren, mehr substanziellen
Spezifika ausgesondert, die gröberen, unverdaulichen, schleimigeren
Flüssigkeiten aber hinausgestoßen werden durch den natürlichen
Entleerungskanal, wodurch dann auch die Flüssigkeit in der Mutterblase
herkommt, welche gewisserart nichts anderes ist als der Unrat des nun schon im
Mutterleibe leiblich lebenden Kindes.
[Er.01_051,05]
Wenn diese Frucht im Mutterleibe dem Leibe nach lebend bei drei Monate zugebracht
hat, so wird der ruhig gewordenen Seele, deren seelisches Herz eine gewisse
Solidität erreicht hat, durch einen Engelsgeist ein ewiger Geist in eben das
Herz der Seele unter siebenfacher Umhülsung eingelegt; natürlich muß sich hier
niemand eine materielle Umhülsung denken, sondern eine geistige, welche viel
kräftiger und haltbarer ist als eine materielle, – was sich auch schon aus
vielen Dingen auf der Welt ersehen läßt, wo es ein leichteres ist, einen
materiellen Kerker zu durchbrechen, als einen geistigen.
[Er.01_051,06]
Nehmet nur einmal einen dürftigen und dann einen überaus reichen Menschen!
Stellt den dürftigen Menschen zu einer dicken Mauer hin und sagt ihm, daß er
diese Mauer durchbreche, – und er wird ein Brecheisen und einen starken Hammer
nehmen und wird damit Meister der starken Mauer. Wenn er aber zu dem reichen,
hartherzigen Menschen kommt, da wird er weder mit Brecheisen noch mit dem
Hammer und noch weniger durch Bitten das Herz des Reichen bemeistern; denn
dieses ist mit geistigen Banden umschlossen, die keine irdische Macht zu
durchbrechen vermag. Das vermag allein nur der Geist aller Geister!
[Er.01_051,07]
Nach der Einlegung des Geistes in das Herz der Seele, welche Handlung bei
einigen Kindern früher, bei anderen später geschieht, bei vielen drei Tage vor
der Geburt, wird der Leib schneller ausgereift, und die Geburt wird vor sich
gehen.
[Er.01_051,08]
In dieser Zeit soll eine Mutter sich überaus von allen Reizungen und Begierden
enthalten; denn diese Begierden und Reizungen stammen meistens von der Hölle
ab, und wo immer sich die Mutter in einem solchen Reizzustande berührt, da
erregt sich als entgegengesetzter Pol der in die Seele gelegte Geist und
zeichnet die Seele durch Entsprechung an der erregten Stelle. Diese Zeichnung
der Seele aber reproduziert sich dann auch auf dem Leibe; daher haben auch die
sogenannten Muttermale der Kinder ihren Ursprung.
[Er.01_051,09]
Daß ein solches Zeichen nur eine örtliche, kleine Stelle einnimmt und nicht
anfänglich die ganze Seele und nachträglich den ganzen Leib, das bewirken die
Geister; denn würde das nicht der Fall sein, so könnte durch eine solche
unvorsichtige Berührung und darauf erfolgte gänzliche Brandmarkung der Hölle
eine ganze Verderbung der Seele und mit derselben der Tod des Leibes erfolgen,
und das wäre eben, was die Hölle bezwecken möchte.
[Er.01_051,10]
Daher sollte sich auch jedermann vor solchen Menschen, die viele und
ansehnliche obbeschriebene Muttermale am Leibe tragen, ein wenig in acht
nehmen; denn nicht selten werden die höllischen Spezifika in einem solchen
Wesen mehr oder weniger wach, – und wenn sie wach sind, dann ist dasjenige
Individuum, das mehrere solche und ansehnlich große Zeichnungen am Leibe trägt,
nicht selten böse in einer oder der anderen Sphäre. Entweder glauben solche
Menschen nichts, oder sie sind der Unzucht oder bösem Leumunde ergeben, und es
kann in einer Hinsicht auch hier die Warnung gelten: „Nehmet euch in acht vor
den Gezeichneten!“ Denn die Hölle zeichnet alles, was sie gibt, damit es ihr
nicht abgenommen werden könnte und sie das Ihrige wieder nach abgelaufener
Frist wohl erkennend rechtwähnig zurückfordern möchte.
[Er.01_051,11]
Es geht da fast so zu wie auf der Welt. Die himmlischen Menschen geben auch von
ihrer Habe ihren Brüdern und Schwestern ohne Schuldschein und Siegel; denn sie
geben es, um es nicht wieder zu nehmen, – und da gibt es nie einen Prozeß.
[Er.01_051,12]
Die Weltmenschen geben zwar auch, aber niemals ohne Schuldschein und Siegel,
auf daß sie es nach abgelaufener Frist wieder nehmen können; und können die
Schuldner es ihnen nicht wieder zurückbezahlen, so gibt es Klage und Prozeß, –
und das ist höllisch, denn die Hölle klagt und prozessiert ewig.
[Er.01_051,13]
Jedoch müßt ihr diese Muttermalzeichnung nicht so genau nehmen; denn wenn diese
Male nur wenige und sehr klein sind, so haben sie entweder nur sehr wenig und
zumeist auch gar keinen Bezug auf obige Beleuchtung. Wie es schon oben gezeigt
wurde, so verhindern die schützenden und werkführenden Geister die Hölle an
solch argem Tun und Treiben; und wenn auch ein Kind da während des Kampfes der
guten Geister mit den bösen einige Zeichen bekommt, so sind aber das dennoch
nur Zeichen, die keine Folgen in sich tragen, weil die höllischen Spezifika von
ihnen weggeschafft sind.
[Er.01_051,14]
Es könnte hier freilich ein Psychologe fragen und sagen:
[Er.01_051,15]
„Wie kann aber der Herr, so Er einer ist, samt Seinem zahllosen
Engelgeisterheere, das mit aller Macht und Weisheit ausgerüstet ist, zulassen,
daß die scheußliche Hölle solches verübe an der unschuldigsten Frucht im
Mutterleibe? Das ist ja höchst unweise und klingt sehr stark nach einer
Ohnmacht!“
[Er.01_051,16]
Da aber sage Ich: Jedem das Seinige! Lasset das Unkraut mit dem Weizen wuchern
bis zur Zeit der Ernte; dann wird man alles Höllische von dem Himmlischen
höchst genau sondern, das Himmlische zuführen dem Himmel und das Höllische
wieder der Hölle. Und darob wird keine Seele verlorengehen, und ob sie schon
tausend höllische Marken in sich trüge; denn diese werden ihr genommen und der
Hölle zugewiesen werden. Alles aber wird davon abhängen, daß die Seele sich
durch die Demut über die Befreiung ihres Geistes hergemacht hat. Hat sie diesen
frei gemacht, dann wird auch sie frei von allem durch ihn; hat sie aber das
nicht, so wird sie selbst gefangen bleiben so lange, bis der Geist seine
siebenfache Umhüllung verloren hat und darnach eins geworden ist mit der Seele.
[Er.01_051,17]
Wenn das Kind vom Mutterleibe ausgeboren wird, so wird die Lunge in die
Tätigkeit gesetzt, und das Kind fängt dann an, aus der Luft durch jeden Atemzug
eine zahllose Menge Spezifika in sich aufzunehmen, welche sofort zur Bildung
des Nervengeistes und zur Kräftigung der Seele verwendet werden, d. h. was ihr
substanziell-formelles Wesen betrifft. Was aber ihre innere Spezifikal- und
Intelligenzialnahrung betrifft, das bekommt sie durch die Sinne des Leibes, und
das alles geordnet von den guten Geistern in dieser Sphäre.
[Er.01_051,18]
Mit dieser nunmaligen Aufklärung habt ihr die geistige Sphäre der ersten Region,
was darinnen ist und geschieht, so klar als für euch möglich, enthüllt
bekommen.
[Er.01_051,19]
Eine größere und gründlichere Enthüllung dieser Sache läßt sich aus dem Grunde
nicht denken, weil das Geistige durch irdische Worte nimmer in der Klarheit gegeben
werden kann, als es in sich selbst ist; wer aber ein rechtes Gefühl besitzt und
mit demselben hören, schauen, tasten und fühlen kann, der wird mit großer
Leichtigkeit darinnen die gründliche Überzeugung dessen unwidersprechlich in
größter Klarheit finden, was hier gesagt wurde.
[Er.01_051,20]
Somit aber wären wir auch mit dieser ersten Region fertig, und werden uns fürs
nächste noch ganz kurz in das Innere der Erde begeben und damit diese
Mitteilung schließen.
52. Kapitel –
Seele und Geist im Menschen.
20. März 1847
[Er.01_052,01]
Was die natürliche Erde betrifft, das haben wir in dem natürlichen Teile dieser
Mitteilung so genau als möglich abgehandelt; daß aber diese scheinbar natürliche
Erde nichts weniger als natürlich, d. h. materiell ist, werden wir eben durch
die gegenwärtige weitere Enthüllung noch genauer erkennen, als wir es bisher
erkannt haben.
[Er.01_052,02]
Um aber in dieser Sache zu einer gründlichen Kenntnis zu gelangen, müssen wir
das wohl recht fundamentalisch verstehen, was so ganz eigentlich Seele und
Geist ist.
[Er.01_052,03]
Es ist zwar dieser Unterschied schon gezeigt worden, und für sehr lichte
Gemüter wäre das bereits Gesagte hinlänglich, um das Wesen des Geistes und der
Seele voneinander gehörig zu sondern; aber für euch, die ihr in dem Fache des
inneren Lebens noch nicht die richtige Beschaulichkeit habt, muß die Sache
schon noch etwas klarer abgefaßt werden, damit ihr dadurch zu einer richtigen
Beschaulichkeit gelangen könnet.
[Er.01_052,04]
Die Seele ist das Aufnahmeorgan für alle endlos vielen Ideen des Urgrundes, aus
dem sie wie ein Hauch hervorgegangen ist. Sie ist der Träger der Formen, der
Verhältnisse und der Handlungsweisen. Alle diese Ideen, Formen, Verhältnisse
und Handlungsweisen sind in ihr in kleinsten Umhüllungen niedergelegt.
[Er.01_052,05]
Ein gerechtes Maß von allem dem in ein Wesen zusammengefaßt bildet eine
vollkommene Menschenseele. Weil die Seele aber eben ein Kompendium von einer
zahllosen Menge verschiedenartiger substanzieller Intelligenzpartikeln ist, so
kann sie als ein Zusammengesetztes auch wieder getrennt werden in ihren Teilen,
gleichsam wie die Luft, die zwar auch ein Kontinuum bildet und darstellt, aber
dennoch einer unendlichen Trennung fähig ist.
[Er.01_052,06]
Daß die Luft in größeren, kleineren und kleinsten Partien voneinander
abgesondert werden kann, das beweist euch der nächste beste Schaum, der aus
nichts als aus lauter Luftbläschen besteht, die durch die Bewegung einer etwas
zähen Flüssigkeit entstanden sind. Wenn die Bläschen vergehen, so ist die darin
verschlossene Luft gleich wieder eins mit der ganzen Masse; solange aber die
Bläschen bleiben, schließen sie einen Teil Luft in sich und sondern diese durch
die durchsichtige Wand von der äußeren Luft – wie ihr zu sagen pflegt –
hermetisch geschlossen ab.
[Er.01_052,07]
So ist auch das ganze Universum, ja die ganze Unendlichkeit erfüllt mit den
Ideen der Gottheit, und dieselben, die die ganze Unendlichkeit ausfüllen, sind
auch in einer Monade alle anzutreffen, aber natürlich in dem möglichst
verjüngtesten Maßstabe, gleichwie die Luft im kleinsten Seifenbläschen alle
dieselben Teile in sich faßt, welche in der allgemeinen Luft anzutreffen sind.
– Das wäre sonach die Seele.
[Er.01_052,08]
„Ja, was ist denn hernach der Geist?“ wird mancher Psychologe fragen. –
[Er.01_052,09]
Der Geist ist in sich zwar keine Form, aber er ist eben dasjenige Wesen, das
die Formen schafft; und erst, wenn die Formen geschaffen sind, kann er in eben
diesen geschaffenen Formen selbst als Form wirkend auftreten, – was ebensoviel
sagen will als:
[Er.01_052,10]
Jede Kraft, wenn sie sich als solche beurkunden soll, muß sich eine Gegenkraft
stellen; erst zufolge dieses geschaffenen Stützpunktes kann die Kraft ihre
Wirkungen äußern und zur Erscheinlichkeit bringen.
[Er.01_052,11]
Der Geist ist demnach gleich dem Lichte, welches in sich selbst zwar ewig Licht
bleibt, aber als Licht so lange nicht bemerkbar auftreten kann, solange es
keine Gegenstände gibt, die es erleuchtete.
[Er.01_052,12]
Das Licht geht, wie ihr z.B. auch schon bei der Sonne seht, fortwährend
gleichmäßig von ihr aus; aber ohne Gegenstand kann kein Auge sein Dasein
merken. Eine mondlose Nacht hat ebensoviel von der Sonne ausgehendes Licht als
eine mondhelle; aber im ersten Falle hat das Licht keinen Gegenstand droben im
hohen Äther, und darum merkt es niemand, daß es vorhanden ist. Steht aber der
Mond als ein tüchtiger Körper zur Nachtzeit im hohen Äther, da wird das
ausgehende Sonnenlicht gleich sehr gewaltig wahrgenommen, und jedermann, der
nur einigermaßen mit der Sternkunde vertraut ist, wird es leicht merken, wie
und woher der Mond von der Sonne beschienen wird.
[Er.01_052,13]
Die geistige Wirkung des Lichtes möget ihr sehr leicht in der Natur schon
merken. Es liegt zwar in der Erde und in der Luft alles vorhanden, alle Formen
des Seins und Werdens liegen in der scheinbaren Materie bewegungs- und
regungslos beisammen, und es rührt sich nichts in ihnen; aber wenn das Licht
kommt, da bekommen die wie tot beisammenliegenden Formen Leben, ergreifen sich
und werden zu neuen Formen. Vergleicht nur den Winter und den Sommer
miteinander, und des Lichts geistiges Wirken kann euch nicht entgehen!
[Er.01_052,14]
Nun wisset ihr auch, was so ganz eigentlich der Geist ist: er ist das Licht,
welches aus seiner eigenen Wärme sich von Ewigkeiten zu Ewigkeiten erzeugt, und
ist gleich der Wärme die Liebe und gleich dem Lichte die Weisheit.
[Er.01_052,15]
So ein Mensch auch eine noch so vollkommene Seele hat, hat aber wenig oder gar
kein Licht, so wird er in seiner Seele und auch in seinem Leibe wenig oder gar
keine Tätigkeit besitzen. Kommt aber in diese Seele Licht, so wird sie tätig
nach dem Maße des Lichts in ihr.
[Er.01_052,16]
Die Seele z.B. eines Kretins ist in sich ebenso vollkommen als die eines
Doktors der Philosophie; aber der Leib dieser Seele ist zu plump und schwer und
läßt nur äußerst wenig oder gar kein Licht in die Seele, – oder der Lichtfunke,
der in die Seele gelegt ist, kann nicht auflodern, weil er zu sehr gedrückt
wird von der plumpen Fleischmasse. Die Seele eines Philosophen aber läßt viel
Licht durch; die Fleischmasse ist durch das viele Lernen lockerer geworden und
drückt nicht so sehr die geistige Flamme auf einen Punkt zusammen.
[Er.01_052,17]
Aus diesem Grunde wird man im ersten Falle entweder gar keine oder nur sehr
wenig Tätigkeit finden; im zweiten Falle aber wird das erleuchtete Individuum
vor lauter Tätigkeit fast keine Rast und Ruhe haben.
[Er.01_052,18]
Es ist hier freilich noch nicht von der Weisheit die Rede, wo in der Seele
alles licht wird, sondern es ist hier nur die Rede von wenig oder gar keinem
Lichte und von mehr und viel Licht, daraus sich auch schon ganz klar ersehen
läßt, daß ohne Geist oder Licht alles tot und keiner weiteren Entwicklung und
Vervollkommnung fähig ist, während im Lichte alles lebendig tätig sich
ausbildend und vervollkommnend wird.
[Er.01_052,19]
Licht hat für sich sicher ebenfalls keine Form; aber es schafft die Formen und
wirkt dann selbst als Form in den Formen. Die Formen können getrennt oder
zusammengebunden und neue Formen zahllosartig gestaltet werden; das Licht aber
kann nicht getrennt werden, sondern es durchdringt alles ohne Unterbrechung,
was fürs Licht aufnahmefähig ist; was aber fürs Licht nicht aufnahmefähig ist,
das bleibt in sich finster und tot, – denn ein lichtloser Zustand der Seele ist
ihr Tod.
[Er.01_052,20]
Es versteht sich nämlich von selbst, daß hier von dem ewigen, gleichen Lichte
die Rede ist, welches allein das Leben bedingt, und nicht von einem Schuß-,
Blitz-, also Zornlichte, welches nur auf Augenblicke eine zweifelhafte
Erleuchtung gibt; wann es aber aufhört, dann wird es zehnfach finsterer denn
vorher. Ein solches Licht ist gleich dem höllischen Lichte. Da gibt es auch
solche Aufloderungen; aber nach jeder gibt es allezeit eine zehnfach größere
Finsternis.
[Er.01_052,21]
Da wir nun den Unterschied zwischen Seele und Geist hoffentlich klar genug
gesehen haben werden, so können wir dann auch leicht fassen, daß die Erde in
ihrer Feste nichts als die gefangene Seele Satans ist, während dessen Geist in
neue, undurchdringliche Bande gefesselt in ihr haftet.
[Er.01_052,22]
Nächstens wollen wir diese Sache näher beleuchten.
53. Kapitel –
Die Seele Satanas.
23. März 1847
[Er.01_053,01]
Wir haben schon letzthin berührt, daß eine Seele, indem sie aus zahllosen
substanziellen Intelligenzpartikeln besteht oder, noch deutlicher zu sprechen,
aus zahllosen Miniaturbegriffsbildern, ebenfalls wieder geteilt werden kann,
entweder zu einer gänzlichen Auflösung oder in gewisse Kompendien, die je nach
der verschiedenen Zahl und Art der in ihnen zusammengefaßten einzelnen
substanziellen Intelligenzpartikeln verschiedene entsprechende Gestaltungen und
Formen abgeben können.
[Er.01_053,02]
Beispiele davon existieren auf der Erdoberfläche und in der Erde selbst eine
zahllose Menge. Seht nur die verschiedenen Metallgattungen und die
verschiedenen Pflanzen und Tiere an, da habt ihr sogleich plastische Beispiele
in Menge, zu welch seltenen Formen seelische Kompendien sich ausgestalten
können.
[Er.01_053,03]
Es sind das freilich wohl materielle Typen; allein sie sind eben materielle
Außenbilder oder Typen der inneren Seelenformen. Denn die äußere Form kann
keine andere sein als eine solche nur, die in plastischer Hinsicht ganz der
inneren entspricht, – oder: wie die innere Kraft, so die äußere Wirkung.
[Er.01_053,04]
Eine solche Seelenteilung geschah auch bei der Erschaffung des ersten Menschenpaares,
da aus einer Seele zwei wurden. Denn es heißt nicht, daß der Schöpfer auch der
Eva einen lebendigen Odem in ihre Nüstern blies, sondern die Eva ging samt Leib
und Seele aus dem Adam hervor; und in diese zweite Seele wurde auch ein unsterblicher
Geist gelegt, und so wurden aus einem Menschen und aus einer Seele zwei und
waren dennoch ein Fleisch und eine Seele. Eine solche Seelenteilung kann man
auch an den Kindern der Eltern gar leicht erkennen; denn daß die Seele der
Kinder auch zum Teil aus der Seele der Eltern genommen ist, beweist die
physiognomische Ähnlichkeit der Kinder mit den Eltern. Was darin fremdartig
ist, das bleibt fremdartig und physiognomisch unähnlich den Zeugern; was aber
aus den Zeugern ist, das spricht sich ebenbildlich durch das Ebenbildliche mit
den Zeugern sympathetisch aus, und die Eltern erkennen daran ihre Kinder. – Aus
diesen angeführten Beispielen läßt sich die Teilbarkeit der Seele leicht
erkennen und begreifen.
[Er.01_053,05]
Noch auffallender aber stellt sich diese Teilbarkeit in der geistigen Welt
durch zahllose allerseltenste Erscheinlichkeiten dar. Eine Seele, die durch
einen solchen Lebenswandel die irdische Zeit durchlebt hat, der nicht in den
strahlenden Paragraphen des Lebensbuches geschrieben ist, oder welcher
Lebenswandel nicht nach dem Evangelium in allen Teilen genügend durchgeschult
ist, erscheint in der geistigen Welt notwendig unter den mannigfachsten
Gestaltungen, welche sich bis zu den scheußlichsten Tiergestalten
zurückerstrecken. Der Grund davon ist, weil die Seele durch das irdische Leben
eine Portion zu ihrer Vollgestaltung nötiger Spezifika vergeudet hat. Diese
sind nach der Abscheidung der Seele vom Leibe nicht mehr da, daher die Gestalt
der Seele außerhalb des Leibes nur eine höchst unvollkommene sein muß, – so wie
auch einige und gar viele Seelen sich auf ein oder das andere sinnliche Wesen
zu sehr hinneigen und dadurch ein zu großes Übermaß der für ihr Wesen nicht
mehr tauglichen und nötigen Spezifika erlangen. Solche Seelen bekommen dann in der
geistigen Welt, sobald sie außer dem Leibe sind, eine Menge der seltensten und
zumeist grausigsten Auswüchse. Stützköpfe z.B., weil das noch eine tierische
Eigenschaft ist, bekommen nach dem Maße ihrer Stützigkeit Geweihe oder Hörner;
Unzüchtige, die nur mit den weiblichen Genitalien sich beschäftigen, strotzen
oft am ganzen Wesen von lauter weiblichen Genitalien, so auch umgekehrt das
weibliche Geschlecht von den membris virilibus.
[Er.01_053,06]
Je nachdem hier irgend ein Mensch vorzugsweise eine sinnliche Neigung hat, eben
nach dem wird sich diese ausprägen in der Seele, und dies ob des Übermaßes
solcher substanzieller Intelligenzspezifika, die nach der Regel des
Lebensbuches und nach dessen festgestellter Ordnung nicht mehr zur rein
menschlichen Form der Seele gehören.
[Er.01_053,07]
Bei manchen Menschen sind ähnliche Abnormitäten der Seele schon im noch
irdischen Leibe ersichtlich, was freilich nicht immer der Fall ist, weil der
Leib nicht so leicht fremde Spezifika so empfindlich aufnimmt wie die Seele;
nur wenn die Seele schon zu frühzeitig oder manchmal auch zufolge der
elterlichen Sünden untaugliche Spezifika aufgenommen hat, so werden sie auch,
wenn der Leib noch aufnahmefähiger ist, auf denselben wohlmerklich übertragen.
[Er.01_053,08]
Aus dieser bisherigen Darstellung wird hoffentlich überaus klar dargetan sein,
daß die Seele nicht nur materiell ersichtlich gefestet, sondern sowohl als
gefestete und auch schon als freie Seele geteilt werden kann.
[Er.01_053,09]
Wir sagten aber oben, daß die ganze gefestete Erde eine Seele des Satans ist;
ja, nicht nur die Erde allein, sondern auch alle anderen zahllosen übrigen
Weltkörper sind gestaltet aus dieser einen Seele, welche eben in diesen
Weltkörpern schon in zahllose Kompendien geteilt wurde.
[Er.01_053,10]
Der Geist aber ist nicht teilbar; sondern wo er als eine Einheit in eine große
oder kleine Seele gelegt wurde, da bleibt er auch als eine Einheit. War einst
die Seele des Luzifer auch noch so groß, so konnte in ihr aber doch nicht mehr
als ein Geist wohnen; und dieser eine, durch sich selbst gefallene Geist kann
nicht in all den zahllos geteilten Kompendien seiner einstigen konkreten
Urseele wohnhaft sein. Seine Wohnung ist lediglich auf diese von euch bewohnte
Erde beschränkt. Alle anderen Weltkörper, obschon Teile dieser einstigen Seele,
sind von dieser Einwohnerschaft frei; daher können aber auch die Menschen jener
Weltkörper, obschon in ihrer Natur gewöhnlich besser als hier auf der Erde,
dennoch nie zu jener vollkommen gottähnlichen Höhe gelangen wie die Kinder aus
dieser Erde, welche zwar das im Geiste von Gott Allerentfernteste und das
Allerletzte ist, aber eben darum im Besserungsfalle das Allerhöchste und
Allergottähnlichste werden kann.
[Er.01_053,11]
Und aus eben diesem Grunde wählte auch Ich als der Herr diese Erde zum
Schauplatze Meiner höchsten Erbarmungen und schuf auf ihrem Boden alle Himmel
neu.
[Er.01_053,12]
Jeder Mensch, der hier geboren wird, bekommt einen Geist aus Mir und kann
unbestreitbar nach der vorgeschriebenen Ordnung die vollkommene Kindschaft
Gottes erhalten.
[Er.01_053,13]
Auf den anderen Weltkörpern aber bekommen die Menschen Geister aus den Engeln.
Denn ein jeder Engel ist ein Kind Gottes und mußte auf dieser Erde, so wie Ich
Selbst und wie jeder Erzengel, den Weg des Fleisches durchgemacht haben, aus
welchem Grunde er dann auch die schöpferische Kraft in sich hat, die er aus dem
Überflusse seiner Liebe und seines Lichtes nehmen, sie in die neu werdenden
Menschen anderer Planeten legen und sich auf diese Weise wie ein Gott Kinder
seines Namens ziehen kann. Diese Kinder sind demnach nur Afterkinder, aber
nicht wirkliche Kinder aus Gott, können aber wohl auch auf dem Wege einer
Wiederfleischwerdung auf dieser Erde zur Kindschaft Gottes gelangen.
[Er.01_053,14]
Sehet, das ist einerseits für die Menschen dieser Erde zwar ein Nachteil, weil
sie so nahe dem Bösesten aller Geister wohnen, der ihnen viel zu schaffen
macht; aber auf der anderen Seite haben sie auch den unendlichen Vorteil, daß
sie fürs erste einen kräftigen Geist aus Gott haben, mit dem sie leicht, wenn
sie nur wollen, die Bosheit des Bösesten bekämpfen können, um dadurch fürs
zweite vollkommene Kinder Gottes zu werden.
[Er.01_053,15]
Es dürfte hier freilich jemand den schwachen Einwurf machen: Woher sind denn
Geister für andere Planetarmenschen genommen worden zur Zeit, als die Erde noch
keinen Menschen trug, wo doch vorausgesetzt werden könnte, daß andere, viel
ältere, besonders Sonnenweltkörper, sicher schon um einige Billionen Jahre
früher als die Erde menschliche Wesen trugen? – Diesem schwachen Einwurfe kann
man auch nur schwach entgegnen: Jene viel älteren Weltkörper entstammen fürs
erste, wie schon oben bemerkt, einer und derselben Seele; dann: je größer die
Pflanze, desto längere Zeit braucht es, bis sie Frucht bringt.
[Er.01_053,16]
Legt ein Weizenkorn und eine Eichelnuß in die Erde und fragt euch dann selbst,
welcher Same hier früher die Frucht bringen wird! Das Weizenkorn wird in
einigen Monaten sein Gleiches hervorbringen; bei der Eiche werden viele Jahre
dazu erforderlich sein. Infusionstierchen können in einer Minute einige hundert
Generationen erleben; der Elefant braucht über zwei Jahre, bis er ein Junges
zur Welt bringt, und bis er zeugungs- und empfängnisfähig wird, dürften wohl
einige 20 Jahre erforderlich sein. Stellt dann den Unterschied zwischen dem
Infusionstierchen und zwischen dem Elefanten fest; wieviel Generationen der
Infusorien dürfte wohl eine Elefantengeneration zählen?
[Er.01_053,17]
Ich meine, dieses Beispiel ist handgreiflich genug, daß ihr durch selbes
einsehet, daß, obschon allenfalls eine Ursonne um mehrere Dezillionen von
Erdjahren älter ist als die Erde, welche doch auch schon einige Quintillionen
von Jahren alt ist, sie aber dennoch, da sie viel größer ist als die Erde, in
eben dem Maße auch viel später ihre Aussaat zur Reife bringt; und für diesen
Fall ist schon von Mir ganz wohlberechnet vorgesehen worden, daß die Früchte
aller Weltkörper bis dahin die Ausreifung bekommen können und bekommen müssen,
bis der Zentralpunkt der geistigen Schöpfung so weit gediehen ist, seine
geistige Lebensüberschwenglichkeit den Früchten anderer Weltkörper einpflanzen
zu können.
[Er.01_053,18]
Es ist wahr, daß z.B. namentlich auf der euch bekannten Urzentralsonne Urka
menschliche Wesen eher existiert haben, als die Erde noch aus ihrer Sonne
getrennt ward; aber diese Menschenwesen haben auch eine andere Lebenszeit als
die Menschen dieser Erde. Denn wenn ein solcher Urkamensch nur zehn Urkajahre
alt ist, so ist er schon älter als diese ganze Erde, woraus aber sehr leicht zu
erkennen ist, daß die Erstgeborenen dieses Weltkörpers noch ganz wohlerhalten
bis zu dieser Stunde leben können, und noch einige, die jetzt geboren werden,
so lange leben werden, als diese Erde stehen wird. Hieraus kann dann ebenfalls leicht
eingesehen werden, daß es da mit der Zeit ein leichtes hat, in welcher alle
Engel samt Mir den Weg des Fleisches durchgemacht haben und nun schon lange als
Meine Kinder aus dem großen Überflusse ihres Lebens nehmen und einpflanzen
können in solche Kinder anderer Weltkörper.
[Er.01_053,19]
Aus allem ist nun für jedermann, der Geist und Licht hat, ersichtlich, daß fürs
erste die Seele teilbar ist, und somit ganz besonders die Urseele des
erstgeschaffenen Urgeistes; und fürs zweite haben wir auch eingesehen, daß eben
diese Erde jener Teil aus jener Urseele ist, der noch allein von dem
urgeschaffenen Geiste bewohnt wird.
[Er.01_053,20]
Nächstens wollen wir daher, da wir nun dieses wissen, über die eigentliche Art
der seelischen Teilung uns hermachen und sehen, wie aus dieser einen Seele nun
fortwährend eine zahllose Menge neuer Seelen genommen wird.
54. Kapitel –
Das Gesetz der Seelenteilung.
24. März 1847
[Er.01_054,01]
Es ist euch schon zum Teile gezeigt worden, und zwar in der Darstellung des
Mineral- und Pflanzenreiches, wie da fortwährend eine zahllose Menge
tellurischer Spezifika aufsteigt, die sich ergreifen und verbinden und sich
ordnen nach dem dazwischenkommenden Willen der Geister, welche dies Geschäft zu
besorgen haben, und daß gewisserart alles Seele ist, was immer nur auf der Erde
in die Erscheinlichkeit tritt. Dieses brauchen wir demnach nicht mehr zu
wiederholen; aber etwas Selteneres und überaus Denkwürdiges kommt hier als ein
heller Zuwachs.
[Er.01_054,02]
Diese Teilung ist, was euch sicher etwas rätselhaft klingen wird – also
geordnet nach einem geheimen Gesetze, das man gewisserart göttliche Politik
nennen könnte, vermöge welcher der Satan selbst zum ersten Handlanger dieser
Teilung genötigt wird.
[Er.01_054,03]
Er will seine Seele durch seine Kraft frei machen und ihr wieder die vorige
Ausdehnung geben; daher erbrennt er fortwährend im Innern seiner
zusammengedrückten tellurisch-spezifischen Totalseele. Durch dieses
fortwährende Aufbrennen will er die scheinbare Materie ganz zur subtilen Substanz
machen. Diese seine Bemühung wird unter ordnungsmäßiger Beschränkung
fortwährend zugelassen, und zu diesem Behufe ist auch der Organismus des
Erdwesens also gestellt und geordnet, daß der böse Geist in solcher seiner
Beharrlichkeit fortwährend gleich tätig bleiben muß.
[Er.01_054,04]
Er ist auch wirklich in diesem Wahne, daß er durch solche seine Tätigkeit schon
beinahe seine ganze gefangene Seele frei gemacht hat; darum treibt er
fortwährend die psychischen Spezifika aus dem Innern der Erde heraus. Daß aber
diese Spezifika dann hier von den mächtigeren Geistern aufgefangen und zu
neuen, vollkommenen Menschengestalten eingeordnet werden, von dem weiß er wenig
oder nichts.
[Er.01_054,05]
Aber eben diese Spezifika, die von dorther kommen, sind natürlich ganz
höllischer Art und sind grundböse; daher sie durch eine übergroße
Wesenstufenreihe aufsteigen und durchgären müssen, bevor sie zur Konsistierung
eines Menschen tauglich sind.
[Er.01_054,06]
Das Höllische dieser Spezifika zeigt sich an den vielen Wesen ganz klar, die
dem Menschen vorangehen. Betrachtet das giftige Wesen fast sämtlicher Metalle,
das Gift in den Pflanzen, dann das Gift in den Tieren, die große Wut derselben,
besonders bei den reißenden Tieren, und die gräßliche Verschmitztheit und Tücke
des giftigen Gewürms, – und es wird euch das höllisch Böse in diesen Wesen
nicht entgehen. Ja selbst bei den Menschen äußert sich dieses Böse, rein
Höllische, oft noch in einem so hohen Grade, daß nicht selten zwischen manchem
Menschen und zwischen dem Fürsten der Finsternis wenig oder gar kein
Unterschied vorhanden ist.
[Er.01_054,07]
Dieses rein höllisch Böse wird erst durch die Dazwischenkunft des mächtigsten
Spezifikums, des Wortes Gottes, einer neuen Gärung ausgesetzt, in welcher erst
dann das Höllische gesänftet und in Himmlisches verkehrt wird, – aber auch
nicht mit einem Male.
[Er.01_054,08]
Die Spezifika in der eigentlichen Seele des Menschen werden zwar für sich schon
rein himmlisch, wenn sie von dem Geiste im Leibe durchdrungen worden sind, aber
der Leib oder das Fleisch des Menschen ist in all seinen Teilen noch eitel
böse, also noch immer höllisch; daher muß dieses Fleisch noch eine Menge
demütigende Prüfungen erleiden, bis es erst nach und nach ein übereinstimmender
Teil der schon früher reineren Psyche werden kann.
[Er.01_054,09]
Aus diesem Grunde muß der Leib noch einmal sterben oder, besser gesagt,
aufgelöst werden, muß in allen seinen Teilen in allerlei Gewürm übergehen, in
diesen wieder sterben oder aufgelöst werden und geht nach dieser Auflösung in
zahllose Infusorien über. Diese gehen wieder ins Pflanzenwesen über; die
Pflanzen erst verwesen dann in allerlei Zuständen zum Teile in der Erde, zum
Teile im Feuer, zum Teile in den Magen der Tiere, und das so lange fort, bis
das letzte Atom frei aufgelöst wurde, wozu bei manchem Menschen mehrere hundert
Jahre erforderlich sein werden, bei manchen eitlen, ihr Fleisch liebenden Toren
wohl gar etliche tausend Jahre, bis ihres zurückgelassenen Leibes völlige
Auflösung erfolgen wird. Es wird zwar von jedem Leibe die eigentliche, rein
höllische Hefe für alle Zeiten unverweslich bleiben als das eigentlichste
Grundangehör des Satans, damit demselben ein fortwährender Körper bleibe; aber
was nur immer als ein Minutissimum seelischer Substanz an demselben klebt, wird
davon genommen und der eigentlichen Seele des Menschen einverleibt werden. Und
so wird nach und nach die ganze Seele des Satans auferstehen in vielen
Menschen, davon ein jeder vollkommener sein wird denn der ganze frühere große
Geist. Und damit eine jede Seele ein vollkommenes göttliches Ebenmaß bekomme,
wird einer jeden Seele ein neuer Geist aus Gott eingepflanzt, und sie dadurch
eine neue Kreatur werden. Und das ist die neue Schöpfung, die durch das Feuer
der göttlichen Liebe ganz und gar umgestaltet wird; die alte Schöpfung aber
wird zurücksinken in ihren Staub und in ihre stets größer werdende Ohnmacht und
wird verhärten und zu einer Unterlage und zu einem Schemel der neuen werden.
55. Kapitel –
Rückführung und Erlösung Satanas.
26. März 1847
[Er.01_055,01]
Wenn sich die Sache so verhält, da dürfte wohl mancher sagen: „Auf diese Weise
sieht es mit der gewünschten Besserung des ersten gefallenen Geistes und seiner
Helfershelfer sehr schmal aus. Denn wenn gewisserart der verworfenste Teil
seiner Seele als Bodensatz und Schlacke aller Materie zurückbleiben wird, als
ein Untergrund einer neuen Schöpfung, da wird innerhalb dieser Schlackenerde
doch wohl auch der Geist gefangen bleiben; denn es verläßt ja nie ein Geist
seine Seele, mag diese substanziell oder materiell sein.“
[Er.01_055,02]
Ja wohl, sage Ich; mit der Besserung und Rückkehr dieses Geistes und seiner
Helfershelfer wird es schier etwas schmal aussehen! Es ist wohl gerade noch ein
Funke Möglichkeit vorhanden; aber dieser Funke ist so klein, daß er kaum mit
einem Mikroskope, das wenigstens eine trillionenmalige Vergrößerung hätte,
wahrgenommen werden möchte. Das wird sich erst nach einer Hauptprüfung dieses
Geistes zeigen, und zwar nach einer derartigen, durch die dieser Geist in die
klarste Erfahrung bringen wird, daß all sein Seelisches ihm genommen wurde und
sich in die Herrlichkeit Gottes begeben hat. Da wird keine Sonne mehr sein und
keine Erde irgend im weiten Schöpfungsraume; denn da werden alle sichtbaren
Körper ihre Gefangenen schon völlig ausgeliefert haben, und da wird keine
Materie irgend mehr zu finden sein – außer die geistige eines neuen Himmels und
einer neuen Erde. Die alte Erde aber wird zusammenschrumpfen wie ein Apfel, so
er faul geworden ist und in seiner Fäulnis nach und nach eindorrte; und das
aber wird auch alles sein, was von aller Materie übrigbleiben wird, nämlich die
letzte Schlacke echt satanischer, psychisch allerbösester Intelligenzpartikel,
welche der Geist des Satans nicht verlassen wird samt seinen Spießgesellen.
[Er.01_055,03]
Wann aber dieses eintreffen wird, das zu bestimmen würde niemandem etwas
nützen; denn auf dieser naturmäßigen Erde wird es wohl kein Mensch erleben, und
in der geistigen Welt aber wird es jeden vollkommenen Geist spottwenig kümmern,
was mit dem Unrate geschehen ist, – so wie es schon auf dieser Welt sicher
unter einer Million von Menschen kaum einen geben wird, der sich ängstlich und
trauernd um den Kot erkundigen würde, der vor dreißig Jahren seinem Leibe
entfiel. Dieser Unrat wäre aber noch besser als der andere.
[Er.01_055,04]
Das aber wird geschehen: daß dann dieser Geist mit seiner allerfestesten
Schlackenumhüllung geworfen werden wird in alle Unendlichkeit, und sein Fall
wird nimmer ein Ende finden.
[Er.01_055,05]
Aber in aller Tiefe der Tiefen wird er fallen in das Zornmeer, in das er immer
tiefer und tiefer dringen wird, und wird stets mehr und mehr Qual finden, je
endlos tiefer er in das stets heftigere Zornmeer, das kein Ende hat, dringen
wird.
[Er.01_055,06]
Obschon aber dieses Zornmeer ist ein Feuer alles Feuers, so wird es aber
dennoch diese Behausung nimmer auflösen, – und da wird es sein, wie es
geschrieben ist:
[Er.01_055,07]
„Alle Bosheit ist hinabgesunken in den ewigen Abgrund und wurde verschlungen
auf ewig, und fürder wird nimmer eine Bosheit sein in allen Räumen der
Unendlichkeit!“
[Er.01_055,08]
Solange aber noch die Erde besteht, ist es jedem Geiste möglich, den Weg der
Reue, Demut und der Besserung zu ergreifen, – somit auch dem ärgsten Geiste.
Wenn aber die Zeit verrinnen wird, dann wird auch die Möglichkeit einer
Zurückkehr auf ewige Zeiten verrammelt sein.
[Er.01_055,09]
Es wird noch hübsch lange dauern, bis die Erde alle Gefangenen ausliefern wird;
denn sie ist noch ein bedeutend großer Klumpen. Ja es werden noch einige
Millionen der Erdjahre verfließen, wo die Erde ihre letzte Feuerprobe im Feuer
der Sonne machen wird. Was da noch wird aufgelöst werden können, das wird zur
Freiheit gelangen; was aber das Feuer der Sonne nicht wird auflösen können, was
nicht flüssig wird in diesem Feuer, das wird Schlacke bleiben ewiglich, als ein
Gefängnis des Allerärgsten, – und das wird sein der letzte und der ewige Tod.
[Er.01_055,10]
Da wir aber jetzt schon so manches von dem in dieser Erde gefangenen bösesten
Geiste gesprochen haben, so wird es für euch, wenn auch eben nicht so sehr
nützlich, aber doch denkwürdig sein, zu erfahren, wo in diesem Erdkörper der
eigentliche Aufenthaltsort des bösesten Geistes ist. Dieses euch zu sagen
unterliegt keiner großen Schwierigkeit. Ich darf euch nur in den Mittelpunkt
der Erde hineinführen, so habt ihr den Wohnplatz dieses Geistes schon. Es ist
nicht etwa das Herz, noch ein anderes Eingeweidestück der Erde; denn diese
Eingeweidestücke bestehen sowie alles andere aus Seelen, in welche jedoch zum
Teile dieser bekanntgegebene böseste Geist einwirkt, zum Teile aber auch – und
zwar stets im Übergewichte – die guten Geister, die eben das Wirken des Bösen
dadurch beschränken.
[Er.01_055,11]
Der Sitz dieses bösen Geistes ist der eigentliche festeste Mittelpunkt, auf den
alles eindrückt, auf daß er sich nicht allzu gewaltig bewege und zerstöre all
das Wesen der Erde; denn man dürfte ihm nur ein wenig Luft lassen, so wäre er
in einem Augenblicke nicht nur mit dieser Erde, sondern mit der ganzen
sichtbaren Schöpfung fertig. Es liegt nämlich in ihm eine ungeheure Kraft,
welche nur durch die allerschwersten Bande, die allein Ich als der Herr
schmieden kann, niedergehalten werden kann. Wenn er aber auch schon noch so
sehr gebunden ist, so verabsäumt er aber dennoch nie, sein Erzböses in die
aufsteigenden Spezifika zu hauchen, welcher Willenshauch noch mächtig genug
ist, den Tod in alle Seelenspezifika einzupflanzen, welcher Tod sich an allen
Kreaturen der Erde noch gar getreulich beurkundet; denn alles Organische ist
zerstörbar, und alle Materie ist fähig, den Tod zu geben und die Zerstörung zu
bewirken. Das alles rührt her von dem Willenshauche des Allerbösesten, dessen
Bosheit oder Böses in sich so unbeschreiblich schrecklich ist, daß ihr euch davon
nimmer einen nur geringsten Begriff zu machen imstande wäret; denn der kleinste
Begriff von dem eigentlichen Bösen dieses Geistes wäre selbst schon dergestalt
tödlich, daß ihn kein Mensch denken und leben könnte. Und würde Ich euch nur
eine höchst kleine Beschreibung von dem eigentlichen Bösen dieses Geistes
machen, so würde sie euch im ersten Augenblicke töten; denn alles, was ihr über
diesen Geist schon gehört habt, sind nur allerleisteste und allerentfernteste
Schattenbilder und sind von Meiner schützenden Gnade nach allen Seiten umhüllt
und reichen hin, um dieses Wesen für euer Bedürfnis zu ahnen.
[Er.01_055,12]
Eine nähere Bekanntschaft mit diesem Wesen wäre höchst verderblich. An der
Unerbittlichkeit und an der schrecklichsten grausamen Bosheit seines Wesens
könnt ihr euch schon an manchen Erscheinungen auf der Oberfläche dieser Erde
ein freilich allerwinzigkleinstes Schattenbild nehmen. Betrachtet jene
vehementen giftigen Gewächse der tropischen Länder! Wie schaudererregend ist
ihre Wirkung, und niemand kann hinzu, solch ein Gewächs zu zerstören; denn wer
sich nur auf etliche Stunden so einem Baume oder Gewächse nähert, fällt alsbald
tot darnieder. Und doch hat so ein Gewächs nur ein unendlich kleinstes
Spezifikum in sich, das aus der Nähe des Aufenthaltes dieses bösen Geistes
heraufkommt zur Oberfläche und in die Ordnung eines solchen Baumes tritt. Bei
dem Anblicke eines solchen Gewächses, das außer sich kein Leben duldet, kann
sich schon jedermann einen Begriff machen – freilich nur in kleinster umhüllter
Potenz –, wie des Satans eigentliches Böse aussieht.
[Er.01_055,13]
Auch der Anblick eines Tigers ist in dieser Hinsicht belehrend. Dieses Tier hat
ebenfalls nur ein Äonstel Spezifikum aus der psychisch-spezifischen Nähe des
Aufenthaltsortes dieses allerbösesten Geistes in sich, und dieses Spezifikum
genügt, dieses Tier zu dem grausamsten aller vierfüßigen Tiere zu machen; denn
dieses Tier ist schlau, hat keine Furcht und schont nichts, was ihm unterkommt.
[Er.01_055,14]
Desgleichen die Schlangen und die Nattern; wenn es sie hungert, dann greifen
sie alles an, was ihnen unterkommt. Auch ein von der Höhe herabstürzender Stein
verschont nichts; mit toter, blinder Wut zertrümmert er alles, was ihm im Wege
steht.
[Er.01_055,15]
Aus derlei Gegenständen läßt sich etwas Allergeringstes von der
unerbittlichsten Grimmwut dieses allerbösesten Geistes erkennen.
[Er.01_055,16]
Ich will euch ob der Schädlichkeit auch seinen Aufenthaltsort nicht näher
beschreiben; es ist genug, daß ihr wisset, wo, wie und warum, – und wir wollen,
anstatt eine nähere Bekanntschaft mit diesem Geiste zu machen, fürs nächste
noch andere nützliche und wichtige Dinge in dieser Sphäre betrachten.
56. Kapitel –
Wesen und Namen Satanas.
27. März 1847
[Er.01_056,01]
Ihr werdet schon öfter gehört und gelesen haben und hört und lest es noch, wie
eben dieser böse Geist unter allerlei Namen vorkommt – und neben ihm noch eine
Menge Gesellen gleichen Gelichters, die man „Teufel” nennt. Ich will bei dieser
Gelegenheit eine genaue Erklärung geben, woher und warum der erzböse Geist alle
die verschiedenen Namen bekommen hat, und wer so ganz eigentlich die Teufel
sind.
[Er.01_056,02]
„Satana“, „Satan“, „Leviathan“, „Beelzebub“, „Gog“, „Magog“, die „Schlange“,
der „Drache“, das „Tier des Abgrundes“, „Luzifer“ und dergleichen noch einige
Namen mehr sind es, welche ihn angehen und ihn verschiedenartig bezeichnen.
„Luzifer“ oder „Lichtträger“ war sein ursprünglicher, eigenschaftlicher Name.
„Satana“ war soviel als der Gegenpol gegen die Gottheit. Als Satana war dieser
Geist von Gott aus wirklich also gestellt gegen die Gottheit, wie das Weib
gestellt ist gegen den Mann. Die Gottheit hätte in sein Wesen ihre ewigen Ideen
ohne Zahl hineingezeugt, daß sie reif geworden wären in seinem konzentrierten
Lichte, und es wäre dadurch eine Wesenschöpfung aus dem Lichte dieses Geistes
in höchster Klarheit hervorgegangen, und die ganze Unendlichkeit wäre fort und
fort aus eben diesem Lichte stets mehr und mehr bevölkert worden; denn im
unendlichen Raume hätte auch Unendliches Platz, und Ewigkeiten würden nie
diesen Raum so erfüllen können, daß in ihm irgend einmal ein Wesengedränge
werden könnte.
[Er.01_056,03]
Aber wie ihr wisset: da dieser Geist eine so endlos große Bestimmung hatte, ein
zweiter Gott neben Mir zu sein, so mußte er auch eine seiner Bestimmung
entsprechende Freiheitsprobe bestehen, welche er aber eben auch, wie ihr
wisset, nicht bestanden hat, weil er sich über die Gottheit erheben und diese
sich unterwürfig machen wollte.
[Er.01_056,04]
Ein Rangstreit also war das erste, was eben dieser Geist gegen die Gottheit
verbrochen hatte. Da er aber die Gottheit nicht dahin stimmen konnte, ihm den
Vorrang zu erteilen und sich ihm selbst vollends unterwürfig zu machen, so
erbrannte er in seinem Grimme und wollte die Gottheit förmlich vernichten, zu
welcher Tat es ihm an der Kraft wirklich nicht gemangelt hätte, wenn die
Gottheit nach ihrer ewigen Weisheit nicht zeitgerecht diesen Meuterer in all
seinen Teilen hart gefangen hätte. Es klingt freilich etwas rätselhaft, daß in
diesem Geiste eine solche Kraft solle vorhanden gewesen sein, um der ewigen
Gottheit dahin zu trotzen, daß diese seiner Kraft endlich nachgeben, sich
endlich völlig gefangennehmen lassen und dadurch für alle Ewigkeiten untüchtig
werden müßte, was so gut wäre als: vernichtet sein; aber die Sache wird
begreiflich, wenn man bedenkt, daß die Gottheit in eben diesen Geist sozusagen
ein vollkommenes zweites Ich hineingestellt hat, welches, wennschon gewisserart
zeitgemäß geschaffen, aber dennoch in allen Räumen der Unendlichkeit gleich
kräftig der Gottheit gegenübergestellt ward.
[Er.01_056,05]
Dieser Geist, in dem die Gottheit selbst ihr Licht konzentriert hatte, war
durch die ganze Unendlichkeit gleich der Gottheit ausgebreitet, daher es ihm
auch wohl möglich gewesen wäre, vice versa die Gottheit allenthalben zu
ergreifen und untüchtig zu machen; allein in diesem Gedanken der Selbstsucht
erwachte in ihm die große Eitelkeit und das Selbstwohlgefallen an seinem Lichte
und an seiner endlosen Erhabenheit und Kraft. In dieser Selbstsucht und in
diesem Wohlgefallen an sich selbst vergaß er der alten, ewigen Gottheit,
entbrannte in seiner Eitelkeit und festete sich selbst. Da ergriff die Gottheit
in allen Teilen sein Wesen, nahm ihm alle spezifische Wesenheit, bildete daraus
Weltkörper durch die ganze Unendlichkeit, umhüllte den Geist dieser endlosen
Wesenseele mit den allermächtigsten Banden und band ihn in die Tiefe der
Materie.
[Er.01_056,06]
In dieser Stellung heißt dieser Geist dann nicht mehr „Satana“, sondern, weil
er sich gewisserart selbst emanzipiert hat von der ewigen, göttlichen Ordnung,
„Satan“, das ist soviel als: gleicher Pol mit der Gottheit. Ihr wisset aber,
daß sich gleiche Polaritäten nie anziehen; sondern allezeit nur abstoßen. Darin
liegt auch der Grund, daß dieses Wesen in allem von der Gottheit am
allerentferntesten und eben am entgegengesetztesten ist; darin und dadurch auch
sein Erzböses. – Nun wisset ihr, warum man diesen Geist auch „Satan“ nennt.
[Er.01_056,07]
Durch den Ausdruck „Leviathan“ wollte man bloß nur seine Kraft und Macht
bezeichnen, und zwar nach dem Begriffe eines einstmaligen Meerungeheuers, das
wohl das größte, kräftigste und unverwüstlichste Tier der ganzen Erde war.
Seine Größe war wie die eines Landes, seine Gestalt wie die eines
Riesendrachen, der solche Kraft besaß, daß er in seinen Eingeweiden ein starkes
Feuer erleiden konnte, ohne einen Nachteil davon zu haben, wenn dieses Feuer
nicht selten in dem gräßlichsten Flammensprühen durch seinen Rachen und durch
seine Nüstern drang. Aus eben dem Grunde wurde unser böser Geist auch nicht
selten der „Feuerdrache“, auch der „Drache des Abgrundes“ genannt. Dieser also
entblödete Geist – d. h. soviel als: der von all seiner Seele entbundene und
lediglich in seinem geistigen reineren Wesen freilich sehr gebundene Geist –
machte Miene zu verschiedenen Malen, so ihm dies oder jenes gestattet würde,
sich zu bessern, was er auch allerdings hätte tun können, da er, soweit es nur
tunlich war, von all seinen bösen Seelenspezifiken entblödet wurde. Also dieser
entblödete Geist verlangte, daß man ihm gestatten solle, auf eine Zeitlang
göttlich verehrt zu werden, und so er es einsehen würde, daß ihm diese
Verehrung nicht mehr munde, da würde er völlig umkehren und ein reinster Geist
werden. Das wurde ihm denn auch gestattet. Das ganze Heidentum, das nahe so alt
ist als das Menschengeschlecht, gibt dafür Zeugnis; daher Sich auch der Herr
ein einziges kleines Völklein auf der Erde ursprünglich ausgesucht hat; alles
andere, jedoch unbeschadet der Freiheit, konnte dem Wunsche dieses Geistes
gleich den Tieren ungestraft nachkommen.
[Er.01_056,08]
Aus diesem Verhältnisse sind dann die verschiedenartigsten Benennungen dieses
als Gott verehrten Wesens entstanden.
[Er.01_056,09] Da
sich dieses Wesen aber damit nicht begnügte, sondern statt der versprochenen
Besserung nur stets größere Eingriffe in die göttliche Ordnung machte, so wurde
es in sehr enge Haft getrieben. Da es sich aber schon in solcher Zeit eine
Menge gleichgesinnter Geister aus dem menschlichen Geschlechte herangebildet
hatte, so wirkte es dann durch diese seine Engel; denn ein Diabolus oder Teufel
ist nichts anderes als ein in der Schule des Satans herangewachsener und
ausgebildeter Geist.
[Er.01_056,10]
Das muß nicht etwa also verstanden werden, als wären solche Geister wirklich in
einer Schule des Satans gebildet worden, sondern sie bildeten sich selbst
zufolge jener Spezifika, die sie aus den Banden dieses Geistes in sich
aufgenommen haben. Diese Geister, weil sie ebenfalls Grundböses in sich haben,
heißen zwar „Teufel“, soviel als „Schüler des Satans“, unterscheiden sich aber
dennoch gewaltig von ihm; denn bei ihnen ist nur das Seelische homogen mit dem
bösen Geiste, aber ihr Geist ist, obschon hart gefangen, dennoch rein, während
der Geist des Satans das eigentliche Böse ist. Daher wird und kann es
geschehen, daß alle Teufel noch gerettet werden, bevor der Satan in sich selbst
die große Reise zu seinem ewigen Sturze zu unternehmen genötigt wird.
[Er.01_056,11]
Nun wißt ihr, welcher Natur so ganz eigentlich Satan und Teufel ist. Nächstens
daher zur kräftigeren Beleuchtung in dieser Sache mehrere Denkwürdigkeiten.
57. Kapitel –
Die Wichtigkeit der Kenntnis des Bösen.
29. März 1847
[Er.01_057,01]
Ich weiß es wohl am besten, daß manchen diese etwas stark teuflischen
Erzählungen eben nicht am besten munden werden, weiß es auch, daß mancher darin
auf irgendeinen scheinbaren Widerspruch stoßen wird; allein das tut nichts zur
Sache. Wer da sitzt, ist besser daran, als der stehen muß; ein weiches Bett ist
auch besser als ein Stein unter dem Haupte. Wer demnach sitzt und liegt im
weichen Bette, der bleibe, weil es ihm wohl dabei ergeht; wir aber wollen weder
sitzen, noch liegen, noch weniger stehenbleiben, sondern gehen, und das vor-
und nicht rückwärts. Daher muß uns das auch nicht genieren, wenn wir so manches
erfahren, was dem Gemüte freilich etwas bitter zusagt, aber dabei desto
heilsamer für den Geist ist. Wenn es aber schon schwer ist, mit einem Feinde zu
kämpfen, den man sieht und kennt, um wieviel schwerer ist ein Kampf mit einem
Feinde, den man weder sieht noch kennt! Also ist es auch notwendig, den Feind
zu kennen, damit man wisse, wie man ihn anpacken solle, um mit ihm den
bevorstehenden Kampf glücklich zu bestehen.
[Er.01_057,02]
Ist das Getreide einmal von dem Stroh ausgedroschen und in die Kornspeicher
gesammelt, dann mag man das Stroh sengen und brennen, und es wird dem Korne und
Speicher nichts machen. So aber jemand bei Mir Gnade gefunden hat, der ist als
geistiges Lebensweizenkorn in die besten Speicher aufbewahrt worden, und wenn
sein leibliches Stroh auch einige Risse von seiten des Satans bekommt, so wird
das dem Geist nicht schaden.
[Er.01_057,03]
Daß es sicher weder für den Zuhörer noch für den Geber des Wortes etwas
Angenehmes ist, satanische Situationen und Wirkungen vor die Augen der
Lebendigen zu bringen, das bedarf keines Beweises; aber ein guter Apotheker muß
nicht nur allein mit lauter Lebensessenzen, sondern auch mit allerlei Giften
geschickt umgehen können, sonst wird er kein geschickter Apotheker sein. Also
ist es auch für das ewige Leben des Geistes von größter Wichtigkeit, die Hölle
gleichwie den Himmel vom Grunde aus zu kennen.
[Er.01_057,04]
Wer aus euch aber wird wohl der Tor sein und wird holen eine Wäscherin für
frische Wäsche? Sondern jedermann holt die Wäscherin für die schmutzige Wäsche;
diese zu reinigen ist in der Ordnung und Pflicht.
[Er.01_057,05]
Also sind die Engelsgeister auch nicht da, und die Menschen auch nicht, auf daß
sie den Himmel reinigen und fegen sollen, sondern das nur, was von jeher und
allezeit schmutzig war.
[Er.01_057,06]
Darum ist es auch nötiger, den Ort des Schmutzes genauer zu kennen als den Ort
der Reinheit selbst. Denn nur der erste muß bearbeitet werden; ist er einmal im
reinen, so kommt der Himmel von selbst.
[Er.01_057,07]
Es wäre auch eine überaus alberne, törichte Lehre, so man an irgendeine
menschliche Gesellschaft ein Gebot ergehen ließe, daß diese beständig nur ihr
Gutes hervorheben und dasselbe loben solle über die Maßen; über das Böse aber
solle sie nie nachdenken und es etwa gar tadeln an sich. Das Gute bedarf weder,
daß man es heraushebe, noch daß man es lobe, denn es hebt sich von selbst
hervor und lobt sich von selbst; aber überaus notwenig ist es, daß ein jeder
Mensch nach seinen bösen Gedanken, Begierden und Werken Jagd mache und diese
wie ein böses Wild jählings erlege in dem weltlichen Forste der Unordnung, auf
daß in ihm der Spruch sich bewähre: „Und so ihr alles getan habet, da bekennet,
daß ihr unnütze Knechte seid!“
[Er.01_057,08]
Und es ist auch wirklich viel besser, zu sagen: „Herr, sei mir armem Sünder
gnädig und barmherzig!“ als: „Herr, ich danke Dir, daß ich nicht so bin wie
andere Leute, etwa wie Zöllner und allerlei Sünder von verschiedenartigem
Kaliber!“; – sonst gleicht man wirklich entweder solch einem hochmütigen
Pharisäer oder gar einem überaus dummen Betbruder und Wallfahrer zu einem
Gnadenbilde, welcher im Ernste vor dem Teufel wie vor dem Kruzifix ein Kreuz
schlägt.
[Er.01_057,09] Oder
urteilet selbst, was von beiden wohl nötiger ist: den Boden zu kennen, auf dem
man herumgeht, oder das Firmament, an dem sich sicher noch nie jemand eine
blaue Kopfwunde geschlagen hat!? Der Boden ist der Träger; da muß man wissen,
wie fest er ist, ob keine Abgründe, in die man hinabstürzen könnte, vorhanden
sind, und wenn sie vorhanden sind, wie man ihnen ausweichen muß.
[Er.01_057,10]
Was würde es aber jemandem nützen, wenn er den ganzen Himmel wie eine
Realenzyklopädie enthüllt vor seiner Nase hätte, stieße aber auf dem Wege auf
den nächsten besten Stein und fiele dann samt seinem Himmel auf die Nase?
[Er.01_057,11]
Es ist freilich viel ergötzlicher, erheiternder und erbaulicher, mit den Augen
am gestirnten Himmel herumzureisen als auf dem Erdboden, der voll Schmutzes und
Unflates ist; aber wer sich zum erhabenen Gesetze machte, stets nur mit seinen
Augen unter den Sternen herumzufahren, fiele aber dabei in eine recht derbe
Kotlache, da ließe sich wohl fragen, ob er den Schmutz in den Sternenregionen oder
auf dem Erdboden mittelst eines reinen Wassers von seinen Kleidern entfernen
wird. Ich meine, bei dieser Arbeit werden alle die zwölf Himmelszeichen, auch
Orion, die Kassiopeia, Kastor und Pollux nicht vonnöten sein, sondern entweder
Wasser oder, wenn der Schmutz nicht gar so arg ist, bloß nur eine Bürste, ein
Werkzeug aus Holz und Schweineborsten, die von dem unreinsten Tiere herstammen,
aber doch zur Reinigung beschmutzter Kleider bei weitem tauglicher sind als
Orion, Kassiopeia, Kastor und Pollux.
[Er.01_057,12]
Es ist freilich nichts Angenehmes – wie schon oben bemerkt –, mit Hölle, Teufel
und Satan irgendeine Bekanntschaft zu machen, aber wenn jemand in dem Hause
eben dieser Herrschaften eine Zeitlang zubringen muß, um den Platz seiner
künftigen Beschäftigung kennenzulernen samt der bösen Herrschaft dieses Hauses,
da wäre es doch sicher die größte Eselei, da ein Kreuz zu machen, um sich durch
dasselbe irrgläubig wie eine Raupe vor aller Teufelei einzupuppen, wo man
eigentlich nur alle seine Aufmerksamkeit verzehnfachen sollte, damit einem
keine Eigenschaft dieses Hauses entginge.
[Er.01_057,13]
Wer das Böse meiden will, der muß es doch zuvor kennen; sonst bleibt er gleich
einem unmündigen Kinde, das zwischen Kot und Brot und Schlange und Fisch keinen
Unterschied macht und eines wie das andere in den Mund steckt, wenn es hungert.
[Er.01_057,14]
Ich will euch aber sagen, daß derlei Furcht bei euch lediglich darin ihren
Grund hat, weil ihr früher weder von dem Himmel, noch viel weniger von der
Hölle eine andere Vorstellung hattet als die, welche euch entweder der
liebliche, sehr menschenfreundlich gesinnte Pater Kochheim oder der h. Ignatius
von Loyola und, nach diesen zwei Weisen – nicht etwa aus dem Morgenlande,
sondern sehr stark vom Abendlande – die sämtliche katholische, uniformierte und
nichtuniformierte Priesterschaft beigebracht hat. Diese können ihre Predigten
freilich nur dadurch imposant, romantisch, interessant und das Zwerchfell der
überaus stumpfen Kirchenläufer erschütternd machen, wenn sie in einer einzigen
Predigt wenigstens dreißigmal die ganze armselige Zuhörerschaft in die Hölle
hinunter verflucht haben, welche sie vorher samt ihren Ureinwohnern auf eine
sehr handgreifliche Weise beschrieben und dergestalt heißgemacht haben, daß,
wenn so ein Prediger à la Ignatius und Kochheim am Nordpol seine Predigt
losgelassen hätte, er das Eis wurz wegputzen würde. Solch eine Predigt, vor der
sogar der Satan seinen Respekt hat, in ein kindliches Gemüt hineingeschlagen,
muß freilich wohl die seltsamsten Wirkungen hervorbringen.
[Er.01_057,15]
Das beste bei der Sache ist, daß eben eine Sache, die selbst keinen Grund hat,
auch nirgends einen Grund finden kann, – woher es dann auch nicht selten kommt,
daß unter 500 Zuhörern einer solchen höllischen Donnerwetterpredigt wenigstens
200 recht festweg schlafen; 200 merken sowieso nicht auf die Predigt, und 100
haben sich von der ganzen Predigt bloß das Amen gemerkt. Das alles aber bewirkt
der Geist einer solchen Predigt; darum ist es nun gut, das Böse zu erkennen in
seinem Grunde, damit es dann jeder in sich leicht erkennt, wenn sich solches in
seiner Nähe befindet. Und zu diesem Zwecke werden euch eben mehrere, darauf
Bezug habende Denkwürdigkeiten gegeben werden, von denen ihr euch nach dieser
Vorinstruktion nicht zu fürchten habt.
58. Kapitel –
Spuk und Besessensein.
30. März 1847
[Er.01_058,01]
Ihr habt von allen Zeiten, in denen Schriften verfaßt wurden, merkwürdige Fälle
von verschiedenartigem Besessensein in eurer gegenwärtigen Lage und Sphäre
gelesen. Wißt ihr aber auch so ganz gründlich, wie dieses Besessensein den
Ursprung nimmt, und von woher, und bei welchen Gelegenheiten? – Dieses
theoretisch zu erörtern, wäre darum eine überflüssige Arbeit, weil ihr in
dieser Sache ohnehin schon mehrere Belehrungen empfangen habt; aber diese Sache
denkwürdig dramatisch darzustellen, wird jedem, der es lesen wird, viel Licht
geben. Lassen wir demnach sogleich eine solche Denkwürdigkeit vor unseren Augen
vorübergehen.
[Er.01_058,02]
Der Satan, der schon eine sehr große Menge seiner bösen Anhänger zählt, läßt
seine Helfershelfer zu gewissen Zeiten unter das menschliche Geschlecht treten
mit dem Auftrage, alles zu fangen, was nur immer zu fangen ist, und kein Mittel
unversucht zu lassen, durch welches irgendeine Seele für den Hofstaat des
Fürsten aller Bosheit und Lüge samt Haut und Haar zu kapern wäre. Auf solch
einen Auftrag begeben sich dann die bösen Spießgesellen auf allen möglichen
Schleichwegen zur Oberwelt herauf und maskieren ihre Absicht so fleißig als nur
immer möglich, damit ja kein ihnen begegnender besserer Geist irgendeinen
Argwohn gegen sie schöpfen möchte. Werden sie um den Grund befragt, da geben
sie allezeit einen respektablen an und bitten die mächtigeren Wächter
flehentlichst, sie heraufzulassen, auf daß sie mehr Erfahrung machen und
Gelegenheit finden, manches frühere Übel gutzumachen, sich zu bessern und so
nach und nach in das wahre Licht des Lebens einzugehen.
[Er.01_058,03]
Da aber im Reiche der Geister, ob der guten oder bösen, nichts so sehr respektiert
werden muß als der freie Wille, insoweit dieser nicht gar zu Arges im Schilde
führt, so werden sie auch heraufgelassen, aber natürlich unter fortwährender,
heimlicher Aufsicht, auf daß sie zu seiner Zeit nicht sagen könnten: „Wir
wollten ja den Weg der Besserung betreten, aber man ließ es nicht zu!“
[Er.01_058,04]
Da man es ihnen aber zuläßt und häufige Gelegenheit dazu gibt, welche zu
allermeist mißbraucht wird, so haben sie aber hernach auch nichts einzuwenden,
wenn sie in einem schlimmeren Zustande, als der vorige war, zurückkehren
müssen.
[Er.01_058,05]
Was tun nun solche böse Spießgesellen, wenn sie auf die Oberwelt heraufkommen?
– Sie ergreifen wirklich alle möglichen Mittel, ihr heimliches Vorhaben für den
Hof des Satans zu realisieren. Einige, die allenfalls von solchen Menschen
abstammen, die früher bei Leibesleben hoffärtige und reiche Gutsbesitzer waren,
begeben sich in ihre hie und da noch vorfindlichen scheußlichen Burgen, spuken
da und wollen die Menschen darauf aufmerksam machen, daß in solch einer Burg
noch irgendein Schatz begraben und vorhanden ist. Sind zufolge solcher
Spukhandlung einige dumme Menschen wirklich darauf aufmerksam gemacht worden,
so fangen sie auch bald unter allerlei magischen Zeichen, Instrumenten und
Formeln den spukenden bösen Geist zu beschwören an, auf daß er ihnen anzeige,
wo der Schatz begraben ist, und wie und wann man graben müsse, um ihn zu
bekommen.
[Er.01_058,06]
Wenn ein solcher böser Bewohner einer solchen alten Burg dann leicht merkt, daß
er die dummen Menschen durch solche lose Spukereien angezogen hat, so gewährt
er auch nicht selten den Beschwörern und zeigt ihnen durch allerlei
Erscheinlichkeiten an, wo etwa so ein Schatz begraben ist; und die Menschen
fangen dann zu graben an und finden gewöhnlich nichts, wodurch sie aber
gewöhnlich nicht gewitzigt werden, sondern ihre Arbeit mit größerem Eifer
fortsetzen. Bei solchen Gelegenheiten geschieht es dann, daß sich solch ein
höllischer Sozius wie eine Tigerkatze ein Opfer aussucht, es ergreift und sich
auf jede mögliche Art in das Fleisch hineinpraktiziert, was entweder durch zu
sich genommene Speisen oder Getränke am leichtesten geschieht, besonders, wenn
solche schatzsüchtige Arbeiter ihre Speisen und Getränke nicht zuvor in Meinem
Namen segnen. Hat ein solcher arger Spukgeist seinen Zweck erreicht, dann ist's
gewöhnlich auch mit der Spukerei in einer solchen alten Burg zu Ende.
[Er.01_058,07]
Ist aber dann ein solcher Spukgeist in eines Menschen Fleisch hineingedrungen,
so laviert er dann wie eine Katze um das Herz des Menschen. Er kennt bald die
Schwächen desselben und fängt an, seine bösen Neigungen, Wünsche und Begierden
hineinzuhauchen. Werden diese vom menschlichen Herzen beifällig aufgenommen, so
bleibt dieser Patron ganz ruhig im Fleische und macht bloß einen feinen
Zuseher, wie solch ein Mensch nach und nach so schön fleißig nach diesen
höllischen Inspirationen zu handeln anfängt.
[Er.01_058,08]
Hat dann ein solcher Mensch das Maß des Willens eines solch bösen innewohnenden
Geistes erfüllt, dann bewirkt dieser Geist in dem Fleische gewöhnlich eine
tödliche Krankheit und sucht so geschwind als möglich die also verdorbene und
seiner Bemühung anheimgefallene Seele dem Fleische zu entreißen, um sie dann
als eine gute Prise seinem Herrn und Gebieter zu Füßen zu legen.
[Er.01_058,09]
Allein es geht die Sache dann nicht nach dem Plane eines solchen Patrons; denn
sobald die Seele das Fleisch verläßt – mag sie gut oder böse sein –, so wird
sie aber dennoch von den Engeln alsogleich in Empfang genommen. Der böse Jäger
aber wird auf das empfindlichste gezüchtigt und ganz mutterseelenallein an
seinen Herrn und Gebieter zurückgestoßen, wo es dann abermals eine sehr starke
Züchtigung absetzt; und ein solcher Geist, der sich einmal so ungeschickt
aufgeführt hat, wird dann nicht sobald wieder herauf ins Jagdrevier abgesendet.
[Er.01_058,10]
Die Seele aber wird von den Engeln samt dem ihr innewohnenden Geiste in einen
solchen Zustand versetzt, in dem sie nach und nach erkennt, wie es mit ihrer
weltlichen Aufführung gestanden hat. Will sie sich bekehren, so kommt sie höher
und höher; ist sie aber hartnäckig, dann kommt sie wohl auch immer tiefer und
tiefer bis zu den empfindlichsten Strafen. Bewirken auch diese noch keine
Rückkehr, dann erst mag sie frei nach ihrem eigenen Willen eine Probefahrt in
die Hölle machen. Gefällt es ihr da, so bleibe sie nach ihrer Liebe; gefällt es
ihr nicht, so mag sie wieder zurückkehren, – was gewöhnlich selten geschieht,
weil die Hölle zu angestopft von den allerbetrüglichsten, alles verheißenden,
aber nichts realisierenden Lockmitteln ist. Denn da gibt es Trugkünste in
zahlloser Menge, welche darauf berechnet sind, solch eine Seele stets näher und
näher dem eigentlichen Wesen des Satans zu bringen, auf daß sie da mit ihm ein
kongruierender Teil werde, was aber nimmer geschehen kann, da eine jede Seele
schon einen eigenen Geist in sich enthält und seiner nicht loswerden kann, –
welcher Geist das Entgegengesetzte des Satansgeistes ist.
[Er.01_058,11]
Will sich so eine Seele dem Satan nähern, dann tritt ein solcher Geist in ihr
selbst als Richter, Rächer und Strafer auf und peinigt die Seele als ein
unerlöschliches Feuer von innen aus, durch welche Pein die Seele von dem Satan
wieder – soweit es nur möglich – entfernt wird, wo sie dann wieder zu einer Art
Besserung übergeht. Will sie dieser Besserung folgen, so wird es ihr auch
leichter und leichter, je mehr sie sich der Reinheit ihres in ihr wohnenden
Geistes nähert.
[Er.01_058,12]
Und wenn diese Besserung stets fortschreitet, so kann sie auch zur Seligkeit
gelangen, wenn sie wird wie ihr Geist. Denn das ist der Unterschied zwischen
der Seligkeit und zwischen der Verdammnis: In der Seligkeit geht die Seele ganz
in den Geist über, und der Geist ist dann das eigentliche Wesen; in der
Verdammnis aber will die Seele den Geist ausstoßen und einen anderen, nämlich
den des Satans, annehmen. In diesem Falle wird sie das Unähnlichste dem Geiste,
daher der Geist in ihr die vollkommen entgegengesetzteste Polarität ist. Als
solche übt er dann jene Gegenkraft aus, welche von dem Satan fortwährend
allergewaltigst abstößt; je näher eine Seele dem Wesen des Satans kommt, desto
heftiger ist die Reaktion des Geistes in ihr gegen den Satansgeist. Diese
Reaktion aber ist für die Seele die allerschmerzlichste Empfindung, und daher
datiert sich auch das Leiden und die Pein der Hölle, wie sich auch eben diese
Reaktion als das unerlöschliche Feuer in der Erscheinlichkeit kundgibt. Und das
ist eben auch der Wurm in der Seele, der nicht stirbt, und dessen Feuer nicht
erlischt; und es ist dann ein und dasselbe Feuer, welches im Engel die höchste
Seligkeit und im Teufel die höchste Unglückseligkeit gebiert.
[Er.01_058,13]
Aus dieser denkwürdigen Darstellung könnt ihr euch schon so einen recht
tüchtigen Betriff über das Wesen der Hölle und über die Handlungsweisen des
Satans machen. Aber das ist nicht das einzige, wodurch der Satan durch seine
Spießgesellen, die zumeist aus solchen argen Seelen bestehen, irgend eine Seele
für sich zu erbeuten sucht.
[Er.01_058,14]
Sind solche Seelen, als einstweilige satanische Spießgesellen, etwas besserer
Art, so werden sie auch nicht gehindert, nicht selten das Fleisch von
unschuldigen Menschen, sogar das Fleisch der Kinder, in Besitz zu nehmen.
Allein bei solchen Menschen wird die Seele auf das sorgfältigste geschützt und
das Herz vor Einflüsterungen verwahrt.
[Er.01_058,15]
Will ein solcher, etwas weniger bösartiger, zeitweiliger Höllenemigrant guttun,
so kann er teilhaftig werden der Gnade und Erbarmung, die ein solcher
unschuldiger Mensch fortwährend genießt; benimmt er sich aber ungebührlich und
treibt allerlei Unwesen mit dem Fleische, das er besitzt, so wird er entweder
bald hinausgeschafft oder auf eine sonstige Weise im selben zur Ruhe gebracht.
[Er.01_058,16]
Manchmal können ein Fleisch auch mehrere Geister in Besitz nehmen, wo sie
jedoch vorher freiwillig anzeigen müssen, daß sie darin einzig ihre Heilung
suchen, – und es wird ihnen dann gewährt, wie sie es wünschen, und das darum,
weil solche Geister dem Rate der Engel, sich lieber gleich an den Herrn zu
wenden, nicht folgen, sondern gewöhnlich hartnäckig darauf bestehen, behaupten
und beweisen, daß sie nur durch diesen Weg zu dem Herrn gelangen können. Und so
wird es ihnen denn auch zugelassen, wie sie es wollen; denn die Engel
unterrichten alles auf empirische Weise.
[Er.01_058,17]
Gewöhnlich geht es auf diesem Wege sicher nicht, obschon manchmal wohl; daher
auch solche Zulassung, welche aber nur einmal gestattet wird, höchstens und
höchst selten zum zweiten Male! Dann kommt ein anderer Weg, nämlich der Weg des
Gerichtes, der Strafe, der Pein und der Qualen. Die stolze Seele erträgt sehr
viel; aber wenn es ihr dann doch etwas zu stark wird, dann kehrt sie wieder um,
auf eine Zeitlang wenigstens.
[Er.01_058,18]
Das Hauptübel der Seele aber besteht darin – was eigentlich von der
Einflüsterung des Satans herrührt –, daß sie sich dann, wenn es ihr etwas
besser geht, Vorwürfe macht, nicht etwa reuige, sondern: daß sie sich von der
Qual hat einschüchtern und zurücktreiben lassen; hätte sie die Qual
ausgehalten, da wäre sie mit der Macht des Satans eins geworden, und mit der
Herrlichkeit des Herrn hätte es ein Ende. Durch solchen Wahn kehrt sie dann
gewöhnlich wieder in noch größere Bosheit zurück, und es gibt wirklich in der
untersten Hölle solche, welche diesen Wahn gegen eine fortwährende, stets sich
steigernde Qual und Pein nicht fahren lassen und gewisserart darin einen
Triumph finden, dem Herrn auch in der größten Qual zu trotzen. Allein das tut
nichts zur Sache; es wird schon noch eine Zeit kommen, die sie zu Paaren
treiben wird. Und deren Hartnäckigkeit aber so groß ist, daß sie auch das
Vollmaß des Zornfeuers nicht zur Umkehr bringen kann, diese werden sich denn
einst auch gefallen lassen müssen, mit ihrem Zentrum nach Hinwegnahme ihres
Geistes die euch bekannte Reise des ewigen Verderbens zu machen, woran wirklich
kein großer Schade sein wird; denn Ich kann dem Abraham auch aus Steinen viel
bessere Kinder erwecken!
[Er.01_058,19]
Über das Besessensein müsset ihr euch aber überhaupt nicht zu sehr entsetzen;
denn fast ein jeder Mensch hat dergleichen Gäste in sich, d. h. in seinem
Fleische. Warum und wie solches, das werden wir in einer nächstfolgenden
Denkwürdigkeit erschauen.
59. Kapitel –
Von der Fleisches- und Sinnenlust.
31. März 1847
[Er.01_059,01]
Ihr wisset, daß gewisse Menschen mit fleischlicher Lust sehr behaftet sind,
sowohl weiblicher- als männlicherseits, während es doch wieder andere Menschen
gibt, bei denen das sinnlich-fleischliche Wesen beinahe ganz stumpf ist; solche
Menschen rühren sich deswegen nicht, und obschon ihnen gegenüber das reizendste
Fleisch aufgestellt würde. Ein üppiger Weiberfuß, ein Arm, eine Brust, als die
gewöhnlichen Aushängeschilder des weiblichen Geschlechts zur Erweckung des
sinnlichen Triebes bei den Männern, rühren einen nicht Fleischsüchtigen oft so
wenig als ein dürrer Baumast, – wogegen wieder andere beim Anblicke dieser
weiblichen Reizaushängeschilder ganz rasend werden. Ja, es gibt Narren, die
sich in einen weiblichen Arm dergestalt verlieben können, daß sie ganz toll
werden, wenn sie so ein Frauenzimmer nicht zum Weibe oder doch wenigstens zum
zeitweiligen sinnlichen Genusse bekommen können.
[Er.01_059,02]
Der Grund also von solcher fleischlicher Neigung, besonders wenn diese sich
sehr heftig ausspricht, liegt gewöhnlich im Besessensein von einem oder auch
mehreren geilen Fleischteufeln.
[Er.01_059,03]
Aber wie kommen diese wieder in das Fleisch eines solchen Menschen? – Dazu
bereiten die Menschen selbst Gelegenheiten ohne Zahl und Maß. Solche
Fleischteufel wohnen zuerst in den hitzigen Getränken, im Weine, auch im Biere,
und besonders in den gebrannten Wässern. Wenn sich Menschen mit derlei
Getränken stark berauschen, so haben sie in diesen Getränken sicher einen, wo
nicht mehrere Fleischteufel in ihr Fleisch aufgenommen. Sind sie aber einmal im
Fleische, da jucken und quälen sie die Genitalien auf eine so arge Weise, daß
der Mensch nicht umhin kann, solche Juckerei durch den sinnlichen Genuß des
Fleisches entweder mit den Weibern oder manchmal sogar mit den Tieren zu
befriedigen. Diese Fleischteufel sind natürlich nichts anderes als unlautere
Seelen solcher verstorbener Menschen, welche ebenfalls entweder dem Trunke oder
der fleischlichen Sinnlichkeit sehr ergeben waren. Sie treten zwar aus einem
Besserungsgrunde in das Fleisch eines noch lebenden Menschen über; aber weil
das Fleisch eben ihr Element war, so treiben sie es nicht selten in solch einem
Menschen, den sie besessen haben, noch ärger, als sie früher es im eigenen
Fleische getrieben haben.
[Er.01_059,04]
Ebendiese verdorbenen Fleischseelen, wenn sie es zu toll treiben und sich stets
mehr und mehr in ihrer unreinen Lust entzünden, bewirken auch zu allermeist die
abscheulichen und sehr gefährlichen sogenannten syphilitischen Krankheiten, was
von den schützenden Engelsgeistern darum zugelassen wird, auf daß die Seele des
eigentlichen Menschen nicht gänzlich zugrunde gehe in der tobenden Wut ihres
Fleisches.
[Er.01_059,05]
Also solche hitzige Getränke sind der erste Weg, auf welchem diese
Fleischteufel in das Fleisch des Menschen kommen.
[Er.01_059,06]
Der zweite Weg, ebenso gefährlich wie der erste, sind die öffentlichen
Tanzbelustigungen, wo ihr immer annehmen könnt, daß auf einem Balle oder
sonstigen Tanzunterhaltung sich auch allezeit zehnfach soviel unsichtbare
fleischsüchtige, unreine Seelen einfinden, als sonst Gäste auf einem solchen
Balle beisammen sind. Auf diesem Wege kommen sie am leichtesten in das Fleisch,
welches hier sehr aufgeregt wird und daher überaus stark aufnahmefähig ist für
derlei schmutziges Seelengesindel. Aus diesem Grunde empfinden denn auch
Menschen nach einem solchen Balle für alles Höhere und Erhabenere einen
förmlichen Widerwillen, was in den Städten, besonders bei Studierenden, von
jedermann leicht beobachtet werden kann, da nicht selten früher recht fleißige
Studierende nach einem Balle, anstatt an ihre Bücher zu denken, nur fortwährend
den weißen Nacken, Busen, Arm und die Augen ihrer Tänzerin vor dem Gesichte
haben und ihr Sinn sich fast mit nichts anderem mehr beschäftigt als bloß nur
mit dem Gegenstande, der auf dem Balle ihnen eine so große Lust bereitet hatte.
[Er.01_059,07]
Mancher Studierende läßt darob das Studieren gar sein; mancher aber studiert
darauf statt der Wissenschaft nur das Brot, um sobald als möglich mit seiner
lieblichen Tänzerin ein Paar zu werden – und gehe es ihm schon wie es wolle.
Und wird so ein Paar auch wirklich ein Ehepaar, so ist das aber auch ein
Ehepaar, welches einem eigentlichen Ehepaar ebensowenig gleichsieht als die
Nacht dem Tage.
[Er.01_059,08]
Die erste Zeit wird bei einem solchen Ehepaare bloß mit der sinnlichen Lust
zugebracht, so daß binnen kurzer Zeit fast alle Spezifika, die dahin bestimmt
sind, um Zeugungskraft zu bilden, bis unter Null verbraucht werden. Dann tritt
gewöhnlich bald eine gänzliche Erschlaffung des Fleisches und besonders der
Genitalien ein. In solchen Fällen sucht dann der solchen Leuten innewohnende
Fleischteufel darin einen Regreß, daß er der Seele, besonders durch die Nieren,
einflüstert – wie gewisserart ein Hausarzt –, sich an anderes Fleisch zu
wenden. Dadurch wird dem Manne sein Weib bald zum Ekel – und der Mann seinem
Weibe. Sie fängt an, nach und nach sich nach jugendlichen Hausfreunden
umzusehen; er aber geht gewöhnlich abends frische Luft suchen, und wenn er
vermögender ist, so macht er Reisen wegen größerer Luftveränderung. Und so geht
die Sache fort, bis sich mit der Zeit ein solches Ehepaar dergestalt
überdrüssig wird, daß es sich bald scheiden läßt, oder es läßt einander ohne
gerichtliche Scheidung sitzen; oder wenn es in einem Hause mehr nobel und adlig
zugeht, so wird dahin eine Konvenienz getroffen, daß ein jeder Teil bezüglich
seiner sinnlichen Lust tun kann, wie es ihm am besten gefällt. – Derlei Erscheinungen,
die gegenwärtig sehr an der Tagesordnung sind, sind lauter Früchte der Ball-
und Tanzunterhaltungen und sind Folgen vom Besessensein von oberwähnten argen
Fleischpatronen.
[Er.01_059,09]
Dieses Besessensein äußert sich anfänglich zwar nie mit der Heftigkeit als wie
bei manchen, die durch hitzige Getränke derlei unreine Geister in sich
aufgenommen haben – die Geister aus den hitzigen Getränken werden jedoch leicht
durch ein kräftiges Gebet der Seele durch ihren Geist hinausgeschafft, worauf
dann wieder der normale Zustand des Fleisches eintreten kann –; aber die
Besitzungen auf dem Wege öffentlicher Tanzbelustigungen sind nicht so leicht
hinauszubringen, und es wird dazu schon sehr viel Fasten, Beten und
Selbstverleugnung erfordert, wodurch die Seele sich mehr und mehr mit ihrem
Geiste vereinigt, dieser dann durch sie greift und das arge Gesindel aus dem
Hause der Seele schafft.
[Er.01_059,10]
Aber wo ist nun ein solcher Tänzer und eine solche Tänzerin, die das täten? –
Gewöhnlich fressen sie schon während und nach dem Tanze noch mehr als vorher
und wollen sich dadurch wieder restaurieren, was ebensoviel heißt, als dem
Fleischteufel leibeslebenslängliche Pension und Unterkunft mit Seele und Blut
zu garantieren.
[Er.01_059,11]
Manche Tänzerin und mancher Tänzer, wenn sie zuviel solcher Gäste in sich
aufgenommen haben, gehen auch ihrem Leibe nach in kurzer Zeit zugrunde; denn
diese argen Fleischbolde, wenn sie in den Nieren und in den Genitalteilen nicht
Platz finden, richten auch ihre Wohnungen in der Milz, Leber oder auch in der
Lunge auf. Wo aber ein solcher Höllenemigrant seine Wohnung aufrichtet, da
tötet er gewisserart das Fleisch, und die Folgen davon sind Milz- und
Leberverhärtungen und in der Lunge Lungensucht, Abzehrung oder auch, wenn zwei
oder mehrere sich auf die Lunge geworfen haben, die sogenannte galoppierende
Lungensucht.
[Er.01_059,12]
Ich sage euch, und ihr könnet es sicher annehmen:
[Er.01_059,13]
Die meisten Krankheiten rühren bei den Menschen von ihrer höllischen Einwohnerschaft
her, der sie selbst den Weg in ihr Fleisch bahnten.
[Er.01_059,14]
Das sind demnach wahre Kinder der Welt, und es beginnen gar viele schon in der
Jugend die Schule für die Hölle. Damit sie aber ja nicht merken sollten, daß
sie in ihrem Fleische fremde Gäste der schmutzigsten Art beherbergen, so suchen
diese Geister nicht nur allein das Fleisch ihrer Hausherren so sinnlich als nur
tunlich zu stimmen, sondern sie wirken auch dergestalt auf die Seele, daß diese
sich in allerlei weltlichen Dingen sehr wohlzugefallen anfängt.
[Er.01_059,15]
Diese weltlichen Dinge sind: Mode; das reizende Fleisch muß nach der Mode
emballiert sein, die Haare gebrannt, die Haut mit wohlriechenden Spezereien
eingerieben; und bei den männlichen Individuen darf der höllische
Zigarrenzutzel nicht fehlen, und mancher junge Modetölpel, wenn er nur einiges
Geld besitzt, verraucht nicht selten in einem Tage so viel, daß sich davon zehn
Arme hinreichend Brot kaufen könnten.
[Er.01_059,16]
Wisset ihr aber auch, was diese Rauchmode zu bedeuten hat? Die bösen Einwohner
bemühen sich, die Seele schon bei Leibesleben an den höllischen Dampf und
Gestank zu gewöhnen, damit sie nach dem Austritte aus dem Leibe ihrer
stinkenden Gesellschaft nicht sobald gewahr werde und auch nicht allzubald
empfinde, wenn diese saubere Gesellschaft sie ganz unvermerkt in die dritte
Hölle führt.
[Er.01_059,17]
Es ist zwar wohl schon gesagt worden, daß jede Seele nach dem Tode zuerst in
die Gesellschaft der Engel kommt, wo ihre böse Gesellschaft augenblicklich
weichen muß. Das geschieht zwar auch hier in diesem Falle; allein solch eine
Seele bleibt nicht fortan in der Gesellschaft der Engel, sondern wird von
denselben in eine solche Lage versetzt, wo es ihr möglich wird, sich zu
ergänzen, – noch deutlicher gesprochen: sie wird auf einen solchen Ort
gestellt, wo sie durch eine gewisse freie Tätigkeit jene zu ihrer Ergänzung
nötigen Spezifika wieder gewinnen kann, die sie auf dieser Welt vergeudet hat.
[Er.01_059,18]
Ein solcher Ort ist dann derjenige, auf welchem sich einer solchen Seele die
frühere, arge Fleischgesellschaft unvermerkt nahen kann. Obwohl diese
höllischen Wesen für eine nur einigermaßen reinere Seele ganz gewaltig
pestilenzialisch stinken und die Seele ihre Gegenwart leicht merkt, so ist aber
in diesem Falle der Geruchsinn der Seele oft so verdorben, daß sie derlei
Annäherungen nicht merkt; denn vom Sehen ist ja ohnedies nicht viel die Rede,
da fürs erste die Seele noch viel zuwenig Licht hat und das Schauen der Seele
ohnehin nur von innen ausgeht, sie sonach nur das sehen kann, was in ihr ist,
und nicht was außer ihr ist.
[Er.01_059,19]
Solche Geister aber sind außerhalb einer solchen Seele; daher sieht sie
dieselben nicht, aber durch den Geruchsinn kann sie ihre Gegenwart empfinden
und ihren Standpunkt genau ermitteln, und hat sie das, da kann sie sich in
ihren Geist zurückziehen, der sie sobald erleuchtet, wodurch sie dann alsbald
auch schauen kann, wo sich ihre Feinde befinden, und was sie tun wollen. Und
sehen die Höllischen einmal das Angesicht der Seele, da fliehen sie jählings;
denn alles kann ein höllischer Geist eher vertragen als das Auge einer reinen
Seele, noch weniger aber natürlich das eines Engels; und um sie vor Meinem Auge
zu schützen, werden Berge zur Deckung gerufen!
[Er.01_059,20]
Aus dem aber könnt ihr leicht entnehmen, warum Ich schon zu öfteren Malen gegen
das höchst abscheuliche Tabakrauchen geeifert habe; zugleich habt ihr aus
dieser Denkwürdigkeit gesehen, wie die übermäßige fleischliche Lust im Menschen
entsteht, wozu sie führt, und wie sich Menschen vor derselben auch leicht
verwahren können. – Nächstens werden wir wieder eine andere Denkwürdigkeit
betrachten und uns das geziemende Notabene herausnehmen.
60. Kapitel –
Vom Spielteufel und der modernen Erziehung.
1. April 1847
[Er.01_060,01]
Eine andere Art Menschen hat schon von Jugend auf, was gewöhnlich ein großer
Schnitzer in der Erziehung ist, einen besonderen Hang zu allerlei Spielerei;
sie können die Zeit nicht anders zubringen als bloß mit Tändeln und Spielen.
Dieser Hang zum Spielen wird von seiten kurzsichtiger und dummer Eltern dadurch
geweckt, daß sie schon den kleinen Kindern fortwährend eine ganze Menge
sogenannter Kinderspielereien anschaffen, um die Kinder durch derlei Spielzeug,
wenn sie noch sehr klein sind, zum Stillschweigen zu bringen, und wenn die
Kinder etwas erwachsener sind, sie durch eben ein solches Spielzeug zu einer
Tätigkeit anzuleiten.
[Er.01_060,02]
Behufs solcher Kinderspielereien gibt es in den Städten sogar eigene
Handlungen, und noch mehr: es gibt sogar Märkte, wo dergleichen Dummheiten in
möglichst verschiedener Auswahl nicht selten unter den skandalösesten Formen
zum Verkaufe geboten werden.
[Er.01_060,03]
Sehet, da haben wir eine Quelle und wieder einen neuen Weg, auf welchem die
bösen Seelen abgeschiedener Menschen in das Fleisch solcher Kinder gelangen.
[Er.01_060,04]
Was wird wohl die Folge davon sein? – Diese Kinder schon werden von diesen in
ihnen wohnenden Geistern dahin angetrieben, stets mehr und nur stets mehr
Spielzeug zu besitzen; ja mancher Eltern Kinder haben so viel Spielzeug, daß
dieses schon ein tüchtiges Kapital ausmacht. Die Kinder vertiefen sich endlich
in diese Spielerei und haben beinahe keine Rast und Ruhe, etwas anderes zu
denken als nur an ihr Spielzeug. Die Knaben haben Reiter, hölzerne Reitpferde,
papierene Soldatenhelme, blecherne Schießgewehre und Säbel; wenn sie aber
herangewachsen sind, wollen sie die hölzernen Pferde in lebendige umgestaltet
haben, und statt der blechernen werden wirkliche Gewehre beigeschafft, – denn
es ist ja notwendig, daß ein junger Mensch vor allem tanzen, reiten, fechten
und schwimmen lernt. Auch eine Übung, mit Pistolen zu schießen, kann nicht
schaden. Nebst dem versteht sich von selbst, daß ein junger Mensch
cavalièrement – wie ihr zu sagen pflegt, – bevor er noch seine Muttersprache
kennt, auch ein paar moderne fremde Sprachen würgen lernt, natürlich sich dabei
auch im Modejournal auskennt, die Glacéhandschuhe schon in der ersten Jugend
sich so fest an die Hand zu pressen gewöhnt, daß die Finger darin wie Prügel
steif sind! Und glücklich der, der schon als Knabe auf einem Kinderballe den
ersten Vortänzer machen kann, worüber die Eltern eines solches Genies manchmal
beinahe vor lauter Entzücken krank werden und viele Freudentränen vergießen,
welche Tränen freilich als aufgelöste Spezifika bei der Seele jene merkwürdige
Wirkung verursachen, welche darin besteht: weil eben diese Tränen so einen
lächerlichen Abschied von den Augen nehmen mußten, so suchen sie hernach bei
den Ohren derselben Seele ihre Zuflucht, wodurch aber eben die Ohren an der
ungewöhnlichen Verlängerung sehr stark zunehmen.
[Er.01_060,05]
Aus solchen, nicht hoffnungsvollen, sondern hoffnungslosen Söhnen solcher
wahrhaft mehr als eselhaften Eltern werden Gecken, die nichts wissen, weil sie
nie etwas gelernt haben, was die guten Verstandeskräfte ihrer Seele nur im
geringsten hätte bereichern können.
[Er.01_060,06]
Damit aber ein solcher Geck vollkommen wird, so muß er auch schon in frühester
Zeit seines Lebens alle noblen Spiele radikal verstehen, worüber in der Zeit
sogar die allernützlichsten – für die Hölle nämlich, das versteht sich von
selbst – Anleitungen und sogar philosophische Betrachtungen geschrieben und
gedruckt vorhanden sind.
[Er.01_060,07]
Geschichte wäre freilich besser, auch die Geographie; denn vom Evangelium – da
seien wir lieber still! Denn der Welt kann man nur einen weltlichen, aber
keinen göttlichen Rat erteilen.
[Er.01_060,08]
Geschichte und Geographie würden solche Leute doch wenigstens dem Göttlichen
näher bringen, während sie durch oben gezeigte moderne Erziehung mit Haut und
Haaren ohne Gnade und Pardon schnurstracks der untersten Hölle zugeführt
werden. Und das ist alles Folge des schon in frühester Jugend eingewurzelten
und das Fleisch in Besitz genommen habenden Spielteufels, welcher zu den
allerhartnäckigsten gehört; denn er vereinigt in sich Spielsucht, Gefallsucht,
fortwährende Unterhaltungssucht, materielle Gewinnsucht und mit ihr verkappte
Herrschsucht. Dieser Teufel ist am allerschwersten aus dem Menschenfleisch
hinauszubringen und geht beinahe auf keine andere Weise hinaus, als wie er
gegangen ist beim Judas Ischariot, der noch bei weitem besser war als der beste
gegenwärtige Modegeck.
[Er.01_060,09]
Gleicherweise wird auch das weibliche Geschlecht dergestalt verbildet, daß
nicht selten schon die Seele eines zwölfjährigen sogenannten Fräuleins gerade
so aussieht wie Proteus. Ein solches Fräulein ist schon in der Wiege eine
Modistin; denn zu dem Behufe bekommt sie schon mehrere Kinderdocken, damit sie
dieselben frisiert, neue Kleider macht und ihnen auch gewisse Haltungen geben
lernt, wie sie solche in irgend einem Journale erblickt. Daneben muß sie
freilich auch schon entweder französisch oder englisch zu reden anfangen, wo
vom Beten noch lange keine Rede ist; auch der Tanzmeister bekommt bald
Beschäftigung, darauf der Klavier- und Zeichenmeister.
[Er.01_060,10]
Auf diesem Wege wird mit rechter Handhabung instruktorischer Methoden aus dem
Wiegenkinde, das sich kaum noch selbst zu schneuzen imstande ist, zuerst ein
Wunderkind, und wenn ein solches Mädchen nur fünf Spannen lang geworden ist,
dann ist es schon ein Engel, wenn nicht gar eine Göttin.
[Er.01_060,11]
Es versteht sich von selbst, daß der Katechet nicht der Religion wegen, sondern
nur des bon ton wegen in einem solchen Großhause den Hofmeister spielen muß.
[Er.01_060,12]
Wird ein solches Mädchen dann etwa mit 13 oder 14 Jahren reif, dann wird es
auch schon nach dem großen Modejournal geputzt und in die sogenannte große Welt
eingeführt, bei welcher Gelegenheit es natürlich wieder Freudentränen bei den
Eltern gibt, wenn so eine zum ersten Male in die große Welt eingeführte Tochter
Beifall in derselben gefunden hat.
[Er.01_060,13]
Diese Tochter kennt zwar, trotz des katechetischen Hofmeisters, oft nicht einen
Text aus der Schrift, auch das Vaterunser und die Zehn Gebote nicht; denn das
Beten ist ja etwas Gemeines und gehört nicht in die eigentliche sogenannte
haute volée. Da wird nur zuerst auf die Stellung, auf den Gang, auf die Haltung
beim Gange, ob diese journalmäßig ist, dann auf ein hübsches Gesicht, auf einen
stark bloßgegebenen Nacken, zarte, weiße, weiche und runde Hände und womöglich
noch mehr auf einen ziemlich umfangreichen Fuß gesehen, und auch, ob so ein
Mädchen in der edlen Koketterie bewandert ist, – und natürlich, daß ihr Anzug,
wie man zu sagen pflegt, sehr gewählt ist. Unter solchen Umständen ist dann ein
solch weibliches haute voléeisch-modernes Prachtexemplar fertig.
[Er.01_060,14]
Wie glücklich, wähnt da mancher Esel, wäre er, wenn er so ein weibliches
Prachtexemplar zum Weibe bekommen könnte! Ja wohl, glücklich wäre ein solcher
Esel; denn ein solches Prachtexemplar könnte ihn in kurzer Zeit zu der höchst
nüchternen Überzeugung bringen, daß er fürs erste wirklich ein großer Esel war,
und fürs zweite, daß sein entzückendes weibliches Prachtexemplar nichts als ein
übertünchtes Grab war oder eine von außen vergoldete Bildsäule, deren
inwendiges Holz nicht einen Groschen Wertes in sich faßt.
[Er.01_060,15]
Was aber ist wohl die Ursache solcher Entartung? – Die Ursache ist schon oben
gezeigt: sie ist das Besessensein von einem sogenannten Spielteufel, der sich
mit der Menschheit das zu machen erlaubt, was die Kinder, besonders Mädchen,
mit ihren Docken machen.
[Er.01_060,16]
Wäre es denn nicht besser, wenn schon Kinder Spielereien haben müssen, daß man
ihnen solche Sachen zum Spielzeug gäbe, die in einer oder der anderen Beziehung
auf Meine Kindheit auf der Welt Bezug haben? Dadurch würde den Kindern ein
guter Trieb eingepflanzt, und sie würden, wenn sie mehr erwachsen sind, sich um
nähere Daten und Begebnisse freudig erkundigen, was alles ihr Spielzeug
vorstelle und zu bedeuten habe. Unter solchen Umständen hätte dann ein wahrer
Katechet sicher eine sehr erfreuliche Arbeit in der Anlegung eines jungen
Weingartens und würde auch bald erstaunliche Früchte ernten.
[Er.01_060,17]
So aber ist hier der ganz umgekehrte Weg. Statt für den Himmel wird das Kind
schon in der Wiege für die Hölle eingeschult, welche dann am Ende auch
triumphiert.
[Er.01_060,18]
Von diesem Kaliber werden die meisten der Hölle zugeführt; denn solche Menschen
halten sich für sehr gut, gerecht und nach ihren Begriffen für die Welt
vollkommen tugendhaft, – daher da an eine Besserung auch nie zu denken ist.
Solche wäre nach dem Begriffe solcher Menschen nur ein Rückgang und eine
Verschlimmerung ihrer feinen Sitten.
[Er.01_060,19]
Ein Dieb und ein Mörder kann Reue fühlen; ein Hurer, Ehebrecher und auch ein
Säufer kann durch gewisse Umstände dahin geleitet werden, daß er seine große
Torheit einsieht und man zu ihm sagen kann: „Deine Sünden sind dir vergeben;
gehe aber hin und sündige nicht mehr!“ Was sollte man aber zu dieser
feingebildeten, hochmütigen, überaus stolzen hohen Welt sagen? Sie hält sich
für gerecht, für überaus zivilisiert und hält die Gesetze des feinen Tons und
Geschmacks; sie unterstützt auch die Armut, wenn es der feine Geschmack
erlaubt, geht auch in die Kirchen – zu der Zeit natürlich, in welcher sich
darin bloß die elegante Welt einzufinden pflegt –, wohnt auch einer Predigt
bei, wenn der Prediger ein Mann von feinem Geschmacke ist und so hübsch
theatralisch seine Predigt vortragen kann, natürlich auch eine angenehme Stimme
hat und eine hübsche Person ist. Von der Predigt wird freilich nicht viel
gemerkt; ist sie aber dem feinen Tone und Geschmacke angemessen, so kann sie
der Prediger dann ja ohnehin in einem zierlichen Duodezformate durch den Druck
herausgeben, sie einer großen Dame dedizieren, wo dann diese Predigt dem
Prediger wenigstens einige Dukaten, manchmal auch eine höhere Anstellung, und
dem Buchhändler – nicht etwa der Predigt, sondern des guten Geschmacks und der
noblen Dame wegen, der so etwas gewidmet ist – einen recht erklecklichen
Absatz, freilich nicht zum Wiederlesen, sondern nur für eine zierliche
Hausbibliothek, zuwege bringt.
[Er.01_060,20]
Aus dem aber geht hervor, wie schwer oder gar nicht solche Menschen gebessert
werden können; denn bei denen ist im Ernste – wie ihr zu sagen pflegt – Taufe
und Chrisam verloren. Es wird in der Geisterwelt sehr viel brauchen, um solche
Menschen auf den Weg des Lebens zu bringen; denn solchen Menschen – ihr sollt
es kaum glauben! – ist Mein Name zum Ekel, und Ich Selbst bin für sie so gut
wie entweder gar nicht oder höchstens wie ein armseliger Moralist der alten
Zeit, welche Moral aber jetzt keinen Wert mehr hat, weil man in Paris eine viel
bessere erfunden hat.
[Er.01_060,21]
In der geistigen Welt, wohin natürlich die Pariser Modejournale nicht mehr
dringen, geht dann freilich ein anderer Wind. Er ist zwar ein Gnadenwind,
riecht aber für solche Seelen ärger als die Pest; daher fliehen sie schon lange
zuvor von der Stelle, an der sie etwa doch von solch einem Gnadenwind begegnet
werden könnten. – Ich sage euch: Aus dieser Klasse Menschen werden viele in das
...loch des Satans gelangen, was soviel heißt – als in jenen letzten Unrat der
Materie, welcher als Umfassung mit seinem Zentrum die euch schon
bekanntgegebene letzte Reise machen wird.
[Er.01_060,22]
Diese Denkwürdigkeit ist klar und euch über manches belehrend. Es wäre unnötig,
darüber etwas Weiteres zu sagen; daher nächstens zu einer anderen!
61. Kapitel –
Wesen und Folgen des Zornes.
6. April 1847
[Er.01_061,01]
Da wir schon von den Besitznahmen in unseren vorangehenden Denkwürdigkeiten
gesprochen haben, so wollen wir in diesen auch noch fortfahren und eben in
dieser Denkwürdigkeit eine sehr gefährliche Art von Besessensein enthüllen. –
Worin wird wohl etwa diese bestehen?
[Er.01_061,02]
Diese besteht in der Besitznahme des irdischen Fleisches durch den Zornteufel.
Dieses Besessensein ist das allergefährlichste, weil ein solcher Zornteufel nie
allein ein Fleisch besitzt, sondern allzeit noch eine Legion dienstbarer böser
Geister mit ihm.
[Er.01_061,03]
Zorn ist der allerschroffste Gegensatz der Liebe und bildet den eigentlichen
Hauptbestandteil des Satans. Der Zorn aber kann ohne Nahrung nicht bestehen;
daher hat er allezeit eine zahllose Menge Nährgeister um sich, an denen er
saugt und zehrt. Gleich also wie die Liebe nicht ohne Nahrung, die da ist die
Gegenliebe, bestehen kann, also kann auch der Zorn nicht ohne Gegenzorn, der da
ist seine Nahrung, bestehen. – Lasset uns aber sehen, was für ein ihn nährendes
Hilfsgesinde er um sich hat.
[Er.01_061,04]
Haß ist ein Haupternährer der Zornes, dann die Hoffart, daraus hervorgehende
Selbstsucht, Neid, Geiz, Ehebruch, Hurerei, Verachtung alles Göttlichen, tiefe
Geringschätzung seinesgleichen, Mord und Totschlägerei, Herrschbegierde – und
am Ende gänzliche Gewissenlosigkeit. Das sind nur so die Nebenhäuptlinge dieses
Zornteufels, von denen ein jeder noch eine bedeutende Anzahl untergeordneter
schlechter Geister hat, die sich in den mannigfachsten Leidenschaften eines vom
Zorne besessenen Menschen leicht erkennen lassen.
[Er.01_061,05]
Dieser böse Geist, wenn er ein Fleisch in Besitz genommen hat, ist ebenso
schwer aus dem Fleische eines Menschen zu bringen, als wie schwer es da ist,
ein großes Haus zu löschen, das schon in all seinen Teilen vom Brande ergriffen
worden ist. Da ist kein anderes Mittel, als es bis auf den letzten Balken
zusammenbrennen zu lassen und mit der Zeit die abgekühlte Asche zu untersuchen,
ob in ihr sich noch etwas vorfindet, was die grause Glut nicht verzehrt hätte.
[Er.01_061,06]
Da aber dieser Zornteufel gar so arg ist, wie er sich zeigte bei den zwei
besessenen Gergesenern, so müssen wir doch sehen, wie dieser Auswurf der Hölle
in das Fleisch des Menschen kommt.
[Er.01_061,07]
Dieser Geist kommt nicht wie andere etwa mit der Zeit erst in das Fleisch des
Menschen, sondern der wird schon bei der Zeugung als ein Same der Hölle in
dasselbe gelegt und muß auch da sein, weil eben dieser Same das Fortkommen des
Fleisches bedingt; aber der Same gerät zu keiner Selbständigkeit, wenn der
neugeborene Mensch zu dem Behufe keine Erziehung bekommt.
[Er.01_061,08]
Erst durch eine gewisse Erziehung sammelt sich dieser böse Stoff in der Leber,
und wenn er da einmal im Vollmaße vorhanden ist, so erweckt eben dieser Stoff
in ihm selbst die Selbständigkeit des Zornteufels; ist dieser aber selbständig
geworden, so nimmt er alsbald die ganze Seele gefangen und zieht sie in sein
Bereich, durch welchen Akt dann der ganze Mensch in kurzer Zeit darauf zu einem
förmlichen Teufel wird.
[Er.01_061,09]
Es ist aber bei vielen Menschen gerade nicht notwendig, daß dieser Fleischteufel
die eigene Selbständigkeit völlig erlangt; sondern die böse
Spezifikalausdünstung pflanzt sich durch den ganzen Leib fort, und zwar
zunächst durch das Blut, welches sehr leicht aufbrausend wird, wenn es mit
diesem Spezifikum schon ziemlich gemengt ist. Durch das Blut gelangt es in die
Nerven, durch diese in den Nervengeist und durch den Nervengeist in die Seele.
[Er.01_061,10]
Hat dieses böse Spezifikum auch die Seele durchdrungen, dann ist der Mensch
auch schon wenigstens ein halber Teufel, und es ist nicht gut, mit solch einem
Menschen Gemeinschaft zu machen.
[Er.01_061,11]
Diese Art Menschen ist daran zu erkennen, daß sie über jede Kleinigkeit, die
sie nur irgend im geringsten berührt, überaus heftig aufbrausen und gleich mit
Fluchen und Schlagen fertig sind. Sie gleichen einem rotglühenden Eisen,
welches für sich selbst ganz solid und ruhig zu sein scheint; man werfe aber
nur die leichtesten Sägespäne darauf, und es wird gleich Rauch und Flamme zum
Vorschein kommen!
[Er.01_061,12]
Das alles aber kann durch eine gerechte und gute Erziehung bei den Kindern
vermieden werden; wenn auch bei einem oder dem andern eine größere Anlage da
ist, so kann sie aber doch durch eben die vorerwähnte gute Erziehung und
daneben auch durch eine gerechte Lebensdiät also geordnet werden, daß mit der
Zeit aus ihr nur Gutes und nimmer Böses hervorgehen kann.
[Er.01_061,13]
Das größte Übel aber ist dabei die Verzärtelung; durch diese Untugend wird dem
kleinen Kinde jede Unart durch die Finger gesehen. Das Kind wird von Tag zu Tag
älter und merkt es, wie es Unarten und allerlei kleine Bübereien, ohne gestraft
zu werden, begehen kann. Da versucht es dann, stets größere sogenannte
Bubenstücke zu unternehmen; bleiben auch diese von seiten der Eltern nur wenig
oder gar nicht geahndet, so hat das Kind in sich schon eine gewisse
Zornsolidität erreicht, wirft sich bald zu einem ungestümen Forderer auf und
gebietet förmlich, daß man ihm das gebe, wonach es verlangt. Gibt man ihm das
nicht, oder läßt man ihm etwas Gewisses nicht angehen, so wird es bald glührot
vor Zorn und nicht selten unerträglich roh und grob.
[Er.01_061,14]
Lassen sich die Eltern durch dieses Benehmen einschüchtern und geben dem wilden
Verlangen des Kindes nach, dann hat dasselbe schon den ersten Grad der teuflischen
Selbständigkeit erlangt. Bald darauf fängt dann das stets mehr erwachsene Kind
an, sich zum brutalen Gesetzgeber seiner Eltern aufzuwerfen, und den Eltern
würde es wirklich nicht gut bekommen, wenn sie einem solchen wie ein Gesetz
aussehenden Verlangen ihres ungeratenen Kindes nicht alsbald nachkommen
möchten.
[Er.01_061,15]
Wird nun ein solches Kind älter, größer und stärker, da wären so manche Eltern
mit ihrem Leben nicht sicher, wenn nicht Ich durch so manche Krankheiten diesen
Fleischteufel bändigen würde in dem Fleische solcher ungeratenen Kinder. Nur
diese Krankheiten treiben diesen bis zu einem gewissen Grade wieder aus,
besonders in der Zeit, wenn er sich des Blutes bemächtigt hat. Scharlach,
Friesel, Flecken, Blattern und noch andere Krankheiten sind Abtreibmittel des
Verderbers der menschlichen Natur. Sie treiben aber natürlich dieses böse
Spezifikum nicht ganz aus, sondern nur insoweit es sich in das Blut gewagt hat.
[Er.01_061,16]
Wenn aber Eltern nach einer solchen überstandenen Krankheit der Kinder, durch
die Ich ihnen zu Hilfe gekommen bin, vernünftig wären und würden dann das Kind
ordnungsmäßig und gehörig diät behandeln, dann wäre es gut für sie und das
Kind, geistig und leiblich.
[Er.01_061,17]
Aber darauf verzärteln sie es gewöhnlich noch einmal so stark wie früher, und
dann wird gewöhnlich der zweite Zustand ärger als der erste; denn hat dieser
Fleischteufel im Kinde gemerkt, daß der Weg durch das Blut nicht geheuer ist,
dann geht er, das Blut beseitigend, schnurgerade auf die Nerven los. Sind diese
ergriffen, da wird das Kind äußerst empfindlich, was die Eltern gewöhnlich für
einen krankhaften Zustand ansehen und geben dann dem Kinde ja alles, was es nur
immer verlangt, um es wegen vermeintlicher schwacher Nerven ja nicht zu sehr zu
reizen.
[Er.01_061,18]
Da muß wieder Ich ins Mittel treten und das Fleisch des Kindes mit einer Ruhr
oder starkem Husten heimsuchen, damit dieses Spezifikum von den Nerven wieder
abgeleitet wird, wodurch dann dem Fleische des Kindes, wenn es derlei Hilfsmittel
auszuhalten imstande ist, wieder eine Zeitlang geholfen ist, – wo es aber schon
beinahe allezeit besser ist, wenn der Seele des Kindes solch ein
impestifiziertes Fleisch früher genommen wird, bevor noch durch dasselbe der
Fleischteufel die Seele hat ergreifen können.
[Er.01_061,19]
Daher nehme Ich auch gewöhnlich solchen Eltern die Kinder ab, welche dieselben
zu sehr verzärteln, was gewöhnlich bei jenen Eltern der Fall ist, die wenig
Kinder haben, und daher auch nicht selten die Klage: „Ich habe nur ein einziges
Kind, und das ist fortwährend kränklich!“, oder: „Mein einziges Kind mußte
sterben; mein Nachbar aber hat eine ganze Butte voll Kinder, und die laufen oft
halb nackt herum, haben keine Wartung und keine Pflege und sind kernfrisch und
gesund, und nicht eins stirbt!“
[Er.01_061,20]
Das ist ganz sicher, sage Ich, und darum ganz sicher, weil es einen guten Grund
hat. Das einzelne Kind würde zu sehr verzärtelt werden und mit der Zeit völlig
getötet für Mein Reich, weil dessen Eltern Narren sind und haben eine
Affenliebe, mit der sie ihr Kind für die ganze Ewigkeit erdrücken würden, so
Ich mit ihnen ein gleicher Narr wäre und es ihnen beließe zum Zeitvertreib, auf
daß sie sich damit unterhalten könnten, wie sich eitle Stadt- und Schloßdamen
mit Papageien, kleinen Hündchen und Vögelein unterhalten.
[Er.01_061,21]
Da Ich aber mit der Menschheit einen höheren Zweck habe, als daß sie bloß ein
eitles Spielzeug dummer, alberner Eltern sein solle, so bleibt natürlich kein
anderes Mittel übrig, als solchen Eltern die Kinder schnurgerade wegzunehmen
und sie Meinen Engeln zur weiteren Erziehung zu geben.
[Er.01_061,22]
Ich suche Mir daher auch allezeit diejenigen Kinder aus, die von den Eltern, wenn
sie auch mehrere Kinder haben, zuviel gehätschelt und geliebt werden; denn eine
zu große Liebe der Eltern zu ihren Kindern ist gewöhnlich der Tod derselben.
[Er.01_061,23]
Ließe Ich sie dem Leibe nach leben, da wäre ihre Seele unwiderruflich verloren;
sonach ist besser der Tod des Leibes, damit die Seele für den Himmel das Leben
erhalte. Darum darf sich auch niemand wundern, wenn so viele Kinder in der
Jugend und oft schon in der Wiege sterben; denn Ich weiß es am besten, warum
Ich sie schon so früh von der Welt wegnehme. Es ist besser, daß sie schwache
Himmelsgeister werden, als daß sie sonst auf der Welt zu starken Höllengeistern
würden.
[Er.01_061,24]
Hie und da aber geschieht es dennoch wohl und muß es auch der Welt wegen
geschehen, daß dergleichen Zorngeister aufwachsen. Wenn die Eltern noch
zeitlich genug den Zorn und Eigensinn solcher Kinder energisch bekämpfen, so
können aus ihnen recht brauchbare, in einem oder dem andern Fache sehr eifrige
Menschen werden; wird aber ihrem Zorne und Eigensinn nicht eifrig begegnet, so
werden aus ihnen Raufbolde, Meuterer und womöglich nicht selten gräßliche
Peiniger der Menschheit. Daher ist das allen Eltern ans Herz zu binden, die bei
dem einen oder bei dem andern ihrer Kinder Zornsucht, Eitelkeit, Eigendünkel, Selbstsucht
und eine gewisse Zierbengelei entdecken, diesen Leidenschaften mit aller
Energie zu begegnen. Die Folge davon wird sein, daß sie daraus recht tüchtige
und brauchbare Menschen gewinnen werden, weil dadurch das böse
Zornfeuerspezifikum in ihnen in ein gutes verkehrt wird durch einen eigenen
psychisch-chemischen Prozeß.
[Er.01_061,25]
Diese Denkwürdigkeit ist überaus wichtig und wohl zu beachten, – daher wir
nächstens noch einiges darüber ad memorandum geben werden.
62. Kapitel –
Die Bekämpfung des Zornes.
7. April 1847
[Er.01_062,01]
Da eben dieser Zornteufel ein so gefährliches Wesen ist, so er sich im Besitze
des menschlichen Fleisches befindet, und es gar oft notwendig ist, Kinder
leiblich sterben zu lassen, ja nicht selten auch ganze Generationen durch Pest
und andere verheerende Krankheiten dem Leibe nach zu töten, bevor es diesem
Teufel noch möglich wird, die Seele völlig in sein Wesen zu ziehen, so ist es
aber auch vor allem von höchster Wichtigkeit für jeden Menschen, der seine
eigene Seele und – so er Vater oder Mutter ist – auch die Seelen der Kinder zu
verwahren hat, daß man die gerechte Diät kennt und dann befolgt, durch welche
nicht nur die Seele gerettet werden, sondern auch der Leib des Menschen für die
ewige Wohlfahrt seiner Seele ein möglichst höchstes Alter erreichen kann, – was
aber nicht geschehen kann, wenn die Menschen diese Diät zum größten Teil nicht
wissen, und so sie solche auch wissen, aber dennoch nicht befolgen.
[Er.01_062,02]
Wie muß sich demnach ein Mensch schon von seiner Geburt an verhalten, oder wie
muß er anfangs gehalten werden, damit er in der Reife seiner Jahre jene
psychische und leibliche Diätordnung beachten kann, durch die allein es ihm
möglich wird, ein ruhiges, hohes Alter zu erreichen und eben durch dieses hohe
Alter seiner Seele einen wahren, festen, für die Ewigkeit dauernden Bestand zu
sichern?
[Er.01_062,03]
Das Kind, wenn es sich schon in der Wiege zeigt, daß es sehr empfindlicher
Natur ist und leicht durch allerlei Einflüsse gereizt werden kann, sollte,
solange es noch kein Gedächtnis hat, durch solche Mittel genährt werden, die
das Blut nicht erhitzen, sondern nur sanft kühlend herabstimmen.
[Er.01_062,04]
Säugt die Mutter das Kind an der Brust, so enthalte sie sich von geistigen
Getränken und hauptsächlich von Gemütsbewegungen; denn durch alles das setzt
sie Spezifika in ihre Brust, die eine Nahrung dieses Feuergeistes sind, – kurz
und gut, sie enthalte sich von solchen Speisen und Getränken, die zu sehr die
Galle erzeugen oder die schon erzeugte aufrütteln. Hülsenfrüchte, besonders
Bohnen, sind einer solchen Mutter durchaus nicht zu empfehlen, wohl aber mäßige
Fleischbrühen, auch Braten vom Fleische reiner Tiere und Mehlspeisen von
Weizen, Roggen und weißem Mais; auch Wassergerste oder Reis ist einer solchen
gedeihlich in nicht fetter Milch gekocht.
[Er.01_062,05]
Wenn aber eine Mutter das Kind nicht selbst säugt, sondern es an der Brust
einer sogenannten Amme trinken läßt – was zwar nie recht gut ist –, da soll
fürs erste die Amme wohl erkannt sein, wessen Geistes Kind sie ist, und hat
sich's herausgestellt, daß sie eine gute und sanfte Seele ist, so muß sie dann
fürs zweite dieselbe Diät im Essen und Trinken und die Zügelung ihres Gemütes
beachten, wie eben diese Diät der Mutter vorgeschrieben ist.
[Er.01_062,06]
Säugt die Mutter oder die Amme das Kind, so soll es alsbald von der Brust
abgespent werden, wenn sich die ersten Zähne zeigen; denn mit den Zähnen
beginnt auch das Gedächtnis bei dem Kinde. Am besten wäre jedoch für ein
solches Kind die Auferziehung ohne Brust.
[Er.01_062,07]
Weizenkleie gekocht und mit etwas reinem Honig gemengt, wäre die beste
uranfängliche Kost für ein hitziges Blutkind. Man kann aber wohl auch
Gerstenwasser, mit etwas Honig oder Zucker versüßt, nehmen; ebensogut und
manchmal noch besser sind gekochte Feigen und gekochtes Johannisbrot.
[Er.01_062,08]
Bei manchen Kindern, besonders in späterer Zeit, würde auch ein leichtes
Linsenmus eine sehr beachtenswerte Kost sein, wenn jene, wie gesagt, im Alter
schon etwas vorgerückt sind.
[Er.01_062,09]
Tierische Milch ist anfänglich nicht zu empfehlen, weil Tiere manchmal selbst
nicht vollkommen gesund sind und somit auch keine gesunde Milch liefern können,
– was gewöhnlich zur Winterszeit der Fall ist. Manchmal sind aber auch schon
Tiere vollblütigen und heftigen Temperamentes, deren Milch also einem solchen
hitzigen, vollblütigen Kinde sehr übel zustatten kommen würde. Erst wenn Kinder
ein bis zwei Jahre alt geworden sind, können sie mit leichter, durch Wasser
verdünnter Milch bedient werden.
[Er.01_062,10]
Dagegen wird es ihnen aber nie schaden, manchmal ein gekochtes Obstmus zu
genießen; denn das Obst, besonders gute Äpfel und feinere Birnen, sind sehr
tauglich, das Blut zu reinigen und herabzustimmen.
[Er.01_062,11]
Fleisch kann solchen Kindern erst dann gereicht werden, wenn sie die Zähne
gewechselt haben. Bekommen die Kinder, besonders obenerwähnte, früher
Fleischspeisen, so wird dadurch ihr Blut zu sehr genährt, ihr Fleisch selbst zu
fett und dadurch werden ihre Transpirationswerkzeuge zu sehr verschleimt,
woraus dann bald eine Menge gefährlicher Krankheiten für dergleichen Kinder
entstehen.
[Er.01_062,12]
Wenn solche Kinder bis dahin ausgereift sind, daß sie einmal gehen und reden
können, dann sollten sie mit allerlei mehr ruhigen und für das kindliche Gemüt
nützlich-erhebenden Spielereien beschäftigt werden und es sollte dabei
fortwährend die Aufmerksamkeit gehandhabt werden, daß solche Kinder sich nie zu
sehr erhitzen, weder durch Bewegung, noch viel weniger durch einen Gemütsaffekt;
es muß alles hinweggeräumt werden, was sie nur im geringsten ärgern könnte.
[Er.01_062,13]
Wird aber bei einem oder dem andern trotz all der Vorsichten bemerkt, daß nicht
selten Gemütsaufbrausungen vorhanden sind, da ist eine zweckmäßige Strafe nie
zu versäumen, welche jedoch nicht so geschwind mit Schlägen sondern viel
wirksamer und gedeihlicher mit zweckmäßigem Fasten bei der Hand sein sollte;
denn nichts heilt den Zorn besser als der Hunger, und Hungernde sind am
wenigsten zu einer Revolution aufgelegt, während, wenn sie satt sind, ihnen
durchaus nicht zu trauen wäre.
[Er.01_062,14]
Sehr gut für Kinder ist, wenn man sie dergleichen Ursachen wegen zu strafen
nötig hat, daß man ihnen begreiflich macht und ihnen sagt, daß der himmlische
Vater, weil sie schlimm waren, ihnen kein Brot geschickt habe. Wenn sie aber
wieder vollends brav würden und den himmlischen Vater um Brot bitten würden, so
werde Er ihnen gleich wieder eines geben. Dadurch werden dergleichen Kinder auf
Gott aufmerksam gemacht, und es wird sich ihrer jungen Seele stets tiefer
einprägen, daß sie in allem von Gott abhängt, und daß Er der getreueste
Vergelter ist für alles Gute und Schlechte.
[Er.01_062,15]
Sind solche Kinder aber dann recht ruhig und sittsam geworden, dann soll es
aber auch nicht versäumt sein, ihnen recht begreiflich zu zeigen, wie der
himmlische Vater eine recht große Freude an ihnen hat und ihnen tagtäglich am
Morgen, Mittag und Abend zuruft: „Lasset diese lieben Kleinen zu Mir kommen!“
[Er.01_062,16]
Wenn die Kinderchen so geleitet werden, dann wird es späterhin wenig Anstände
mit ihnen haben; werden sie aber nicht also geleitet, so wird es schon etwas
schwerer sein, sie in späterer Zeit auf den rechten Weg zu bringen, und es wird
da das Sprichwort in Erfüllung gehen, laut dessen sich ein alter Baum nicht
mehr beugen läßt, außer manchmal durch Blitz und Sturm, – wobei aber ein
solcher Baum selten ohne Schaden davonkommt.
[Er.01_062,17]
Sind dergleichen Kinder völlig erwachsen und haben schon eine vollkommene
Selbsterkenntnis erlangt – d. h. insoweit als man in natürlicher Hinsicht
diesen Begriff ausdehnt – und zeigen sich bei ihnen noch hie und da merkliche
Symptome von übertriebener Gemütsreizbarkeit, da ist ihnen vor allem
anzuempfehlen, daß sie in allem sehr mäßig leben, früh schlafen gehen, aber
noch früher aufstehen, von geistigen Getränken sich längere Zeit enthalten, wie
auch vom Fleische unreiner Tiere, und ja keine solchen Orte besuchen, wo
allerlei toller Spektakel zur schlechten Belustigung der Zuseher aufgeführt wird,
besonders aber jene Orte nicht, wo getanzt und gespielt wird. Dergleichen muß
von solchen Brauseköpfen auf längere Zeit, wenn nicht bei manchen auf immer,
gemieden werden.
[Er.01_062,18]
Sehr gut ist für solche Menschen beiderlei Geschlechts auch, wenn sie bald
ehelichen; denn die Brunst eines Brausekopfes ist viel ärger als die eines
sanften Menschen. Hauptsächlich aber sollen solche Menschen nebst dieser
naturgemäßigen Diät auch recht oft beten und geistige Bücher lesen oder sich
vorlesen lassen, wenn sie selbst nicht lesen könnten. Das wird ihre Seele
stärken und ihrem Geiste die Fesseln lösen, welcher leicht völlig frei wird,
wenn dergleichen Menschen Meine Liebe ergreifen. Denn weil solche Menschen
einer größeren Versuchung ausgesetzt sind wie andere, so sind sie aber auch
eben darum Meiner Gnade um soviel näher, als um wieviel größer ihre Versuchung
ist. Eben diese Menschen sind es, aus denen etwas Großes werden kann, wenn sie
auf den rechten Weg gelangt sind, weil sie den gerechten Mut in sich haben. Aus
diesen Menschen werden, geistig genommen, Schiffe und Paläste wie aus
Eichenholz und Marmor gebaut in Meinem Reiche; aus Schwämmen und Schilf wird
nicht leichtlich etwas Besseres, als es ist in seiner Art.
[Er.01_062,19]
Diese Diät war noch notwendig dieser Denkwürdigkeit hinzuzufügen; und da wir
sie nun klar dargestellt haben zur sicheren und nützlichsten Beachtung für
jeden Menschen, so wollen wir fürs nächste noch zu einer anderen Denkwürdigkeit
übergehen.
63. Kapitel –
Von der menschlichen Rangsucht.
8. April 1847
[Er.01_063,01]
Etwas fast noch Ärgeres und Schädlicheres als die Zornmütigkeit oder der
Zornteufel im menschlichen Fleische ist die Rangsucht, welche zwar mit dem
Zorne gleichen Schritt geht, aber dennoch die Basis vom ihm ist; denn ein
Demütiger wird nicht leicht zum Zorne gereizt, während bei einem Hochmütigen
alsogleich, wie ihr zu sagen pflegt, Feuer im Dache ist. Diese Rangsucht ist
der eigentliche Hauptteufel bei den Menschen und ist mit dem Satan schon fast
homogen. Von diesem bösen Geiste werden die Kinder jedoch erst dann in Beschlag
genommen, wenn sie zu einiger Selbsterkenntnis gelangt sind.
[Er.01_063,02]
Anlagen dazu aber merkt man schon früher, wenn die Kinder noch kaum reden
können. Stellt nur einmal mehrere Kinder zusammen und beobachtet sie bei ihren
Spielhandlungen, – und ihr werdet sogleich bemerken, wie sich da bald eines vor
dem andern wird hervortun wollen; denn schon einem solchen, kaum reden
könnenden Kinde gefällt es, wenn ihm von den übrigen gehuldigt wird.
[Er.01_063,03]
Besonders stark ist dieser Trieb beim weiblichen Geschlechte zu Hause. Dieses
wird sich sehr bald schön finden und sich zu putzen anfangen, und wer sich bei
einem solchen Mägdlein einschmeicheln will, der darf es nur recht oft seiner
Schönheit wegen beloben. Das kleine Mägdlein wird darüber bald wie etwas
verlegen zu lächeln anfangen, und es wird nicht gut aufgelegt sein, wenn sich
noch ein zweites sehr hübsches Mädchen in seiner Gesellschaft befindet. Ganz
gefehlt aber würde es sein, wenn man ein zweites Mädchen etwa gar noch schöner
finden möchte; da wird es gewiß heimliche, wo nicht öffentliche Tränen
absetzen.
[Er.01_063,04]
Bei den Knaben, wenn sie noch Kinder sind, hat die Schönheit des Leibes nicht
soviel Einfluß, aber dafür die Kraft. Da will ein jeder der Stärkere sein und
mit seiner Kraft seinen Kameraden total besiegen und wird ihm auch womöglich
ohne Gnade und Pardon mit seinen Händen und Füßen darüber nicht selten einen
nahe mörderischen Beweis liefern, um nur als der Stärkste und deswegen der
Gefürchtetste in der Knabengesellschaft dazustehen.
[Er.01_063,05]
Bei solchen Anlässen merkt man die Gegenwart des satanisch-bösen Dämons gar
leicht schon in den Kindern.
[Er.01_063,06]
Daß dieser Dämon sogleich bekämpft werden sollte, dafür gibt die Natur schon
den Wink – auch wenn niemand eine höhere und tiefere Kenntnis in dieser Sphäre
hätte –, weil dergleichen Ranglust ja doch augenscheinlich nur gar zu bald in
die größten Laster ausarten kann.
[Er.01_063,07]
Ein gefallsüchtiges Mädchen wird in frühester Zeit eine Kokette und sogleich
auch eine Hure, und in dem Zustande ist sie gewisserart auch schon auf dem
Punkte, wo sie der Herr Satan haben wollte. Und der Knabe wird bald ein
Grobian, Raufer und überhaupt ein Mensch, dem nichts mehr als nur er sich
selbst heilig ist.
[Er.01_063,08]
Bald werden aus solchen Menschen Stänker, Räsoneurs über Gott und alle
Verhältnisse; sie wissen bald alles besser als ein anderer, verstehen alles
besser, und ihr Urteil muß das richtigste sein, bloß weil sie es von sich
gegeben haben. Wer sich einem solchen Urteile nicht unterziehen will, der ist
im glimpflichsten Falle ein Esel; in einem etwas mehr demonstrativen Falle aber
wird er geprügelt.
[Er.01_063,09] Was
soll hernach aus einem solchen Menschen werden? Wer soll den belehren, der
alles besser weiß als jeder andere? Und wird ihm auch von einem andern seine
Torheit klar gezeigt, so wird er hitzig, und was er dagegen mit dem Munde nicht
mehr auszurichten vermag, das überläßt er der Schwungkraft seiner Hände, die
gewöhnlich stärker sind als die Zunge des Gegners. Ein paar mächtige
Rippenstöße und ein paar ebenso kräftige Backenschläge mit der Faust wirken für
den Augenblick mehr als das schönste Kapitel aus den Briefen Pauli und mehr als
alle Weisheit des Sokrates. Denn wo ein Pferd ausschlägt, da geben Sokrates und
Cicero nach; da könnte höchstens der Simson und auch der David als Kämpfer eine
tüchtige Gegenwirkung zuwege bringen.
[Er.01_063,10]
Das liegt alles in der Ranglust, nach der ein jeder der Vorzüglichere sein
will, und wenn er auch wirklich der Allerletzte wäre; versagen ihm beiderlei
Waffen, so bleibt ihm noch ein Mund zum Fluchen und ein unauslöschlicher
Rachedurst übrig. Natürlich gehen bei solcher Gelegenheit dann schon die
Ranglust und die Zornmütigkeit miteinander einher; ihr Bedienter ist dann
Hinterlist und Verstellung.
[Er.01_063,11]
Dieser allerböseste Teufel im menschlichen Fleische ist die Quelle alles Übels
unter dem menschlichen Geschlechte und ist vollkommen gleichartig mit der
untersten und tiefsten Hölle; denn in ihm sind alle Übel vereinigt.
[Er.01_063,12]
Würde es wohl je einen Krieg gegeben haben, wenn dieser Dämon das menschliche
Fleisch nicht so verdorben hätte? – Kein Laster kann so viele in sein Verderben
ziehen wie dieses! Ein Mensch, der sehr viel dieses Dämons in sich hat, wird
sich bald Unterwürflinge bilden, – anfangs freilich unter dem Namen „Freunde“;
aber diese Freunde werden aus lauter Freundschaft das tun müssen, was ihr
gebietender Hauptfreund will, und das darum, weil er sie in seinen
rangsüchtigen Dämon hineingezogen hat. Diese seine Freunde werden wieder
Freunde wählen und in den nämlichen Dämon hineinziehen, in den sie selbst
hineingezogen wurden. Dadurch aber wird der Haupträdelsführer schon ein
Oberhaupt, und weil die Sache gut geht, so fängt er an zu gebieten, und sein
Dämon wird bald Tausende in sein Garn ziehen, und sie alle werden tanzen, wie
er pfeift.
[Er.01_063,13]
So entstehen dann Dynastien. Da steht einer an der Spitze, diktiert und gibt
Gesetze, wie sie ihm nur seine Laune gebietet, und Tausende müssen sie
befolgen, ob unter blutigen Tränen, ob willig oder nicht willig, das ist
gleich; denn wo einmal eine Macht sich zu einem Knäuel vereinigt hat, da scheitert
jeder spezielle Widerstand, und Vernunft, Verstand und Weisheit müssen weichen,
wo tyrannischer Despotismus den Thron bestiegen hat. Beliebt es dem Tyrannen,
seine Untertanen blind zu haben, – er darf nur gebieten, daß ihnen die Augen
ausgestochen werden. Und seine Helfershelfer, vom gleichen Dämon beseelt, tun
ja alles, was der Gebieter wünscht. Aber es geschieht den Menschen recht, daß
Tyrannen über sie herrschen; wenn sie gerade auch keine Tyrannen sind, so sind
sie doch wenigstens hartnäckige Despoten, die aber ebenso wie der Tyrann den
pünktlichsten Gehorsam fordern, den leisesten Widerspruch als eine
Majestätsbeleidigung erklären und ihn – wenn nicht mit dem Tode, so doch
wenigstens mit einem zeitweiligen, schweren Kerker bestrafen. Aber, wie gesagt,
es geschieht den Menschen recht, daß es so ist.
[Er.01_063,14]
Die Menschen selbst haben Gott auf die Seite und ihren eigenen Hochmutsdämon
auf den Thron gesetzt, und was sie einst taten, das tun sie noch; denn überall
sorgen die Eltern ja bei ihren Kindern, daß sie etwas Besseres und Höheres
werden als sie selbst. Der einfache Bauer, wenn er auch seinen Wunsch nicht
ausführen kann, so hat er ihn doch wenigstens im Herzen, demzufolge sein Sohn
ein großer Herr und seine Tochter, wenn sie nur irgend ein weicheres Gesicht
hat, wenigstens eine Bürgersfrau in einer Stadt oder das Weib irgend eines
Landbeamten werden möchte. Ein Schuster ist weit entfernt, seine Kinder sein
Handwerk lernen zu lassen; und hat er eine etwas mehr schöne als häßliche
Tochter, da wäre es keinem seines Handwerks zu raten, sie zum Weibe zu
verlangen, weil sie leicht eine Beamtenfrau, wenn nicht noch mehr werden kann.
Der Schuhmacherssohn muß natürlich studieren und dann je mehr desto besser
werden. Ist die Tochter eines solchen Toren wirklich eine Rätin geworden und
der Sohn etwa gar ein Kriminalaktuar, dann darf es der Vater ja nicht gar zu
keck weg mehr wagen, sich seinen hochgestellten Kindern mit aufgesetztem Hute
zu nahen. Es kränkt ihn zwar sehr, und er weint oft gar bittere Tränen, daß ihn
seine Kinder nicht mehr kennen wollen; aber es geschieht ihm recht. Warum war
er ein solcher Esel und hatte Freude daran, sich statt zwei Stützen für sein
Alter nur zwei Tyrannen heranzubilden?!
[Er.01_063,15]
Darum geschieht es jedermann recht, und der ganzen Menschheit geschieht es
recht, daß sie von oben bis unten und über und über tyrannisiert wird; denn sie
selbst hat ja die größte Freude daran, Tyrannen aus ihren eigenen Kindern zu
bilden.
[Er.01_063,16]
Wer läßt denn die Kinder studieren? Die Eltern. – Warum? Damit die Kinder etwas
werden sollen. – Und was sollen die Kinder werden? Ganz natürlich, wenn es
möglich ist allezeit mehr als die Eltern; denn überall heißt es: „Ich lasse
meinen Sohn studieren, auf daß er einst entweder ein Geistlicher oder ein
Staatsbeamter werden möchte, und wenn er es zu einem Hofrate oder gar zu einem
Minister bringen könnte oder als Geistlicher womöglich zu einem Bischofe, so
wäre es mir wohl am liebsten.“ Also spricht das Gemüt eines Vaters, und ebenso
das Herz einer Mutter. Aber daß ein Vater sagen möchte: „Ich lasse meine Kinder
nur darum studieren, daß sie sich recht nützliche Kenntnisse sammeln sollen, um
dann mit weisem Vorteil das zu sein, was ich selber bin oder auch etwas
Geringeres, – aber gut und recht!“, das wird nicht leichtlich gehört werden,
noch weniger Mein Wort: „Wer unter euch der Erste sein will, der sei der Letzte
und euer aller Knecht.“
[Er.01_063,17]
Das habe Ich geboten und siehe, kaum ein Bettler befolgt dieses Gebot; aber was
der Satan befiehlt durch seinen Dämon, nach dem rennt klein und groß, Kind und
Greis. Daher geschieht aber der Welt auch zehnmal und hundertmal recht, daß sie
mit Schwert und Feuer tyrannisiert wird; denn sie hat ja selbst das größte
Wohlgefallen daran.
[Er.01_063,18]
Hört auf, aus den Kindern Tyrannen zu erziehen, und werdet selbst lieber die
Letzten als die Ersten, dann werden die Tyrannen auf den Thronen bald allein
dastehen; und weil ihr tief drunten stehen werdet, so werden auch sie tief
herab von ihrer Höhe steigen müssen, um nicht auf selber verlassen zugrunde zu
gehen.
[Er.01_063,19]
Aber wenn ihr aus euren Kindern stets mehr und mehr Staffeln zu dem Throne
bauet, da muß dieser ja stets höher werden, und je höher er wird, desto weiter
kann er die Steine schleudern von seinem erhabenen Standpunkte, und desto
härter treffen sie auch euch Untenstehende. Und Ich lasse es recht gerne zu,
daß der Höheren Macht wachse, damit die Narren unten doch etwas haben, das sie
demütigt und ihnen zeigt, was sie sein sollen und nicht sind. Und so sind die
Regenten nunmehr von Mir bemächtigt und tun sehr recht, wenn sie die dumme
Menschheit drücken soviel als nur möglich; denn sie verdient nichts Besseres.
[Er.01_063,20]
Läßt der Vater seinem Sohn nicht einen besseren Rock machen, als er ihn trägt?
Und die Mutter geht mit ihren Töchtern in die Modeläden und sucht stundenlang
Zeuge aus, in denen sich ihre Töchter desto besser ausnehmen möchten, um
dadurch mehr „Eroberungen“ zu machen. Warum denn Eroberungen? Erunterungen
wären's nach Meinen Worten, nach denen die Menschheit streben sollte! Weil aber
Eroberungen, – da sind die Tyrannen recht; ja sie sind sogar Engel, weil sie
die Eroberungssucht soviel als möglich durch Steuern und andere lästige Gesetze
herabdrücken.
[Er.01_063,21]
Also spricht der Vater zu seinem Sohne: „Du mußt dir ein solches Benehmen
aneignen, daß du alle Augen und Ohren auf dich ziehst und dadurch unentbehrlich
wirst einer ganzen Gesellschaft, oder mit anderen Worten gesagt: Suche der
Erste in der Gesellschaft zu werden!“ – Warum sagt der Vater nicht lieber:
„Sohn, ziehe dich zurück! Es ist besser, daß du vom untersten Standpunkte deine
Augen auf die Gesellschaft richtest, als daß die Gesellschaft auf dich alle
ihre Augen richte!“ – Oder was ist wohl besser: der Grundstein eines Gebäudes
oder ein Dachgiebel desselben zu sein? Wenn aber ein Sturm kommen wird und wird
zerstören Dach und Haus, wird er wohl auch den Grundstein von seiner Stelle
bringen?
[Er.01_063,22]
Wer am meisten unten ist, der ist auch am meisten sicher; die Spitze eines
Turmes aber ist ein Spielzeug alles Gewitters.
[Er.01_063,23]
Darum gehet nach unten! Die rechte Demut sei der feste Standpunkt eures Seins.
Dort wird jeden der böse Rangdämon verlassen, und mit der Tyrannei wird es für
ewige Zeiten ein Ende haben.
[Er.01_063,24]
Oder meinet ihr, einem Fürsten läge etwas daran, daß ihn das gemeine Gesindel
als Fürsten erkennt? Daran wird er wirklich seine Fürstenehre nicht knüpfen;
sondern als Fürst verlangt er nur von den höheren Kreisen und von den Kreisen
seinesgleichen die Anerkennung seiner Hoheit.
[Er.01_063,25]
Wenn demnach die Menschheit samt und sämtlich herabstiege auf den Grund der
Demut, da mag dann der Fürst mit Laternen seinesgleichen und seine
Hoheitsanerkennung bei selben suchen, und er wird sie so wenig finden als
geschliffene Diamanten in einem Flußschottergerölle.
[Er.01_063,26]
Sehet, das ist der Weg zur Glückseligkeit hier und jenseits; dadurch kann
Menschheit und Fürst gebessert werden, – nicht aber durch Widerspenstigkeit,
und noch weniger durch allerlei meuterische Aufstände gegen eine geordnete
Macht. Von unten muß es angefangen werden, so jemand ein Haus bauen will; mit
dem Dache anzufangen, geht durchaus nicht. Oder wie will man zuerst eine Fahne
oder ein Kreuz auf der Spitze eines Turmes zurechtbringen, wo einem ganzen
Turmbau noch nicht einmal der Grund gelegt ist?
[Er.01_063,27]
Wer andere bessern will, der bessere zuerst sich und lebe gerecht, – so werden
die anderen ihm nachfolgen, wenn sie den Vorteil ersehen werden. Und wer andere
demütigen will, der demütige sich zuerst, so wird er seinem Nachbar durch sich
selbst eine Stufe wegnehmen, auf welcher der Nachbar höher gestiegen wäre. Wenn
aber schon jemand seinen Bruder trägt, wird sein Bruder wohl vom Berge
herabkommen, wenn sich sein Träger nicht herabbegeben will? Der Träger richte
daher seine Schritte zuerst nach abwärts, so wird auch der hinabkommen, den er
trägt; geht aber das Lasttier aufwärts, so geht sicher auch der mit ihm höher,
der darauf sitzt und dasselbe drückt.
[Er.01_063,28]
Solange demnach nicht Meine Lehre vollkommen in allem beachtet wird, wird es
weder hier noch jenseits – im einzelnen, wie im allgemeinen – besser werden.
Wenn aber jemand Meine Lehre vollends befolgen wird, der wird es gut haben hier
und jenseits; denn eine demütige Seele findet sich bald in allem zurecht, und
weil sie Mir am nächsten ist, so hat sie auch allezeit die allersicherste und
allerbeste Hilfe bei der Hand.
[Er.01_063,29]
Aber leider ist jedes Übel leichter als dieses auszurotten, und das darum, weil
die Menschen selbst das größte Wohlgefallen daran haben; und ein jeder will
lieber ein hochgeehrter Herr als im wahren Sinne des Wortes ein untergebenster
Knecht und Diener sein. Die Menschen grüßen sich zwar wohl mit einem „ergebensten
Diener“; aber das tun sie nicht, als wollten sie das sein, sondern nur
höflichkeitshalber, damit sie ihr Gegner für desto mehr ansehen solle.
[Er.01_063,30] O
entsetzlich dumme Menschheit! Wann wirst du zur Einsicht gelangen, daß ohne einen
festen Mittelpunkt keine Welt denkbar ist? Der Mittelpunkt ist doch das Tiefste
bei jedem Weltkörper; warum will denn der Mensch nicht sich in seine Tiefe
begeben, auf daß er da die wahre Lebensassekuranz finden möchte für ewig,
welche in Meiner Lehre so klar und deutlich angezeigt ist?
[Er.01_063,31]
Aber was nützte Meine Lehre, was soll sie sein, wenn Jesus, ihr Stifter,
nunmehr Selbst die Ehre hat, nichts zu sein – oder höchstens nur noch ein
Zipfel von einem Sokrates oder Plato? Oder man wandelt Jesus in einen eitlen
Götzen um, an dem nichts als bloß der Name übriggeblieben ist und einige
Bruchstücke Seiner Lehre in der Form ägyptischer Hieroglyphen, über die
nachzudenken noch obendrauf streng verboten ist. Kurz, man hat sich den Jesus
moduliert, wie man Ihn brauchen könnte, damit Er was einträgt und nicht
austrägt, wie Er es geboten hat, da Er sagte: „So dich jemand um einen Rock
bittet, so gib ihm auch den Mantel!“ – Derjenige aber, der der Letzte und aller
Knecht sein sollte, der sitzt unter Millionen zu oberst! Ein schlechtes
Beispiel für die Demut! Aber es kann nicht anders sein; denn es gibt ja noch
heutigestags viele tausend Menschen, deren sehnlichster Wunsch es wäre, daß
ihre Söhne Päpste werden möchten. Also noch sehr viel Liebe fürs Papsttum! –
Solange das, kann's nicht besser gehen!
[Er.01_063,32]
Nächstens noch so manches über diesen Punkt!
64. Kapitel –
Allerlei menschliche Klagen.
9. April 1847
[Er.01_064,01]
Es sind allerlei Klagen unter den Menschen. Dem einen sind die Zeiten zu schlecht;
es wird alles teurer und dabei auch schlechter. Wieder andere haben eine
förmliche Wut auf die Regierungen und wälzen alle Schuld auf sie. Wieder andere
sind nicht zufrieden, wenn zu lange Frieden und kein Krieg ist. Andere wälzen
wieder alle Schuld auf das Pfaffentum; wieder andere auf allerlei Luxus und
besonders auf die gegenwärtig neu entstandenen Eisenbahnen. Kurz, ein jeder
sucht den Grund des Übels dieser Zeit bald bei einem, bald im andern; aber daß
sich einer von all diesen Klägern bei der eigenen Nase nähme und sich fragen
möchte, ob nicht etwa auch er irgend zur Verschlimmerung solcher Zeit
irgendwann beigetragen habe und vielleicht noch beiträgt, das fällt keinem ein!
Ein jeder empfindet das Übel nur von außen; aber in sich selbst erschaut er es
nicht.
[Er.01_064,02]
Da sehe Ich einen Familienvater gewaltig über den Luxus dieser Zeit losziehen,
wie er gerade in einem Verkaufsgewölbe sich befindet und seinen Töchtern teure,
funkelnagelneue, allermodernste Zeuge für Kleider kauft. Was sollte man zu
solch einem Luxusankläger sagen? Nichts als: Du Dummkopf, wenn dir der Luxus so
mißfällt, was läßt du dich von deinem Luxusteufel dahin antreiben, dergleichen
maliziöse Sachen für deine Töchter zu kaufen? – Kaufe ihnen linnene Gewänder,
oder noch besser, kaufe Riste und lasse deine Töchter spinnen, so wirst du für
deine Töchter ein Gewand schaffen, das ihnen viel mehr nützen wird als dein
modernes Zeug, das dich so ärgert, daß du es vor lauter Ärger kaufst, um nur
deine Töchter auf den Glanz herzustellen, damit man an ihnen deinen Wohlstand
erkennen möchte, und damit sie günstige Eroberungen machen könnten. O du Narr,
für dich ist noch viel zuwenig Luxus da, noch viel zuwenig Modewechsel; und
wenn die Mode des Tages zweimal wechseln wird, so wirst du noch der alte Esel
sein, – wirst zwar noch mehr schimpfen als jetzt, aber dessenungeachtet dem
fortschreitenden Geiste der Zeit huldigen, wie sich's gebührt. Nun aber frage
Ich: Wer sonst – als solche Dummköpfe wie du öffnen dem Luxus die Türen, weil
sie ein Wohlgefallen an dem chamäleonartigen Aussehen ihrer Töchter haben!?
[Er.01_064,03]
Fange anstatt deines Schimpfens in deinem Hause an, den Luxus werktätig zu
verachten! Kleide deine Kinder wie oben angezeigt; vielleicht wirst du einige
Nachahmer finden, und diese wieder etwelche andere! So wird sich nach und nach
der Luxus selbst verlieren, wenn er keinen Absatz finden wird. – Also gibt es
auch Zeitungsschreiber, die fortwährend über den Luxus losziehen, während sie
sich in allem fortwährend nach der neuesten Mode tragen, wodurch ihr
Geschreibsel natürlich allezeit ohne Erfolg bleibt; denn wer sich selbst nicht
bessert, wie soll er einen andern bessern?
[Er.01_064,04]
Andererseits sieht man wieder Landleute und Wirte ganz gewaltig über die
Verzehrungssteuer losziehen, schimpfen und fluchen; diese bedenken aber dabei
nicht, daß sie die ersten Erfinder dieser Staatsplage sind, indem sie ihren
Abnehmern durch die Tat eine noch zehnmal größere Verzehrungssteuer diktieren,
als wie groß sie der Regent von seinen Untertanen verlangt.
[Er.01_064,05]
Als diese Steuer noch nicht bestand, nahmen alle Gastwirte schon eine ganz
unmenschliche Verzehrungssteuer von ihren Gästen; gar mancher mußte vor lauter
Verzehrungssteuer seinen Rock dem Wirt überlassen. Da frage Ich: Wie kann so
ein Mensch über eine Steuer klagen, die er schon lange früher gehandhabt hat
als der Staat an eine solche Steuer dachte? Ward sie in seinem Hause für billig
geachtet, warum soll sie nicht fürs ganze Land billig sein? Verlangt nicht ein
Wirt für ein Stück Brot zwei Kreuzer, das ihn kaum einen kostet? Das ist eine
Verzehrungssteuer zu 100 %! Soviel verlangt der Staat nicht und ist viel
billiger, und der Wirt mag sich die Staatsverzehrungssteuer wohl gefallen
lassen; denn er hatte ja schon lange das größte Wohlgefallen an diesem
Monopole.
[Er.01_064,06]
Also auch der Landmann, so er einen Korb Obst in die Stadt bringt und zahlt
dafür einige Kreuzer Staatsverzehrungssteuer. Wie bringt er aber diese ein? –
Was er für den ganzen Korb zahlte, das schlägt er auf zehn Stücke auf, hat aber
nach diesen zehn Stücken noch neunzig im Korbe! Diese wären demnach
verzehrungssteuerfrei! Verkauft er sie aber auch also? O nein; er hebt sie, die
Steuer, noch neunmal ein! Frage: Hat der Mensch nicht ein werktätiges Wohlgefallen
an dieser Steuer? Wie mag er schimpfen darüber? Hat er mit 900 % noch nicht
genug, der Wucherer, dem Ich umsonst seine Bäume mit Obst gefüllt habe? – Darum
nur zu; nur noch mehr Verzehrungssteuer, und die soll nicht aufhören, bis sie
aufgehört hat in den Herzen der Brüder gegen Brüder!
[Er.01_064,07]
Wer jemanden etwas aus gutem Herzen schenkt, da erinnere Ich Mich, hat der
Staat wenig oder gar keine Steuer darauf gesetzt, nota bene! So aber der Mensch
gegen seinen Nebenmenschen kein Herz mehr hat, wie mag er das vom Staate
verlangen, das ihm so ganz und gar fehlt? Und Ich sage dazu: Die Menschen
richten sich selbst; aber den Staat richte Ich nach den Menschen.
[Er.01_064,08]
Woran sie die größte Freude haben werktätig, darnach soll auch der Staat von
Mir gerichtet sein! Wer nimmt eine größere Verzehrungssteuer als der
Getreidewucherer von seinen Brüdern? Von dem sollte der Staat tausendfältige
Steuern fordern, so würde kaum das Gleichgewicht hergestellt sein!
[Er.01_064,09]
Ihr ersehet daraus, daß die Menschen allzeit selbst Schöpfer von den Übeln
unter ihnen sind; daher sollen diese Übel auch so lange unter ihnen sein, als
sie fortwährende Schöpfer derselben bleiben. Die Armen aber seien allezeit eine
Zugabe als Plage für dergleichen Anordnungen! Denn: wer macht Arme? Die große
Habsucht und allgemeine Verzehrungssteuersucht der Vermögenden! Darum sollen
sie selbe auch erhalten: denn was ein Mensch selbst erzeugt, das soll er auch
haben und tragen.
[Er.01_064,10]
Also klagen die Bürger einer Stadt auch ganz gewaltig über ihre Hauszinssteuer;
aber was ihre Zinsparteien sagen, das hören sie nicht. Wenn zufälligerweise
manchmal eine Partei ihre Miete nicht pünktlich entrichten kann, so wird bald
Klage und Pfändung gegen sie eingeleitet. Daher nur noch mehr Hauszinssteuer –
so lange, bis das Herz des Hausbesitzers weicher wird und er in seinem Hause
für Arme auch ein Stübchen unentgeltlich wird einräumen können und mit seinem
Hauszinse mehr herabsteigen! Dann werde ich auch den Herzen der Regenten mildere
Gesinnungen einflößen; sonst aber, wie gesagt, nur noch höher mit den Steuern!
Anstatt seidene Gewänder und anderartigen Luxus der hausbesitzerischen Familie
lieber ein sanftes Herz und Billigkeit im Hauszinse, dann wird es schon besser
werden!
[Er.01_064,11]
Gar entsetzlich wird auch über die gegenwärtigen Eisenbahnen geflucht und
geschimpft. Es ist wahr, sie sind den Menschen ein böses Zeichen dieser Zeit,
und Ich wollte, daß sie nicht wären; aber die Menschen wollten es, und so will
Ich es auch. Sahet ihr nie früher, wie die Großen und Reichen Equipagen hielten
und gefahren sind kreuz und quer? Wenn aber ein Armer des Gehens müde, sie
anflehte, daß sie ihn möchten ein wenig aufsitzen lassen, da ward er bei nur
einiger Zudringlichkeit mit der Peitsche zurechtgewiesen; ja, selbst wenn er
noch zahlen wollte, wurde er nicht angenommen. Jetzt sitzt in einem und
demselben Wagen ein stinkender Bauer, auch ein anderer sogenannter Vagabund,
und neben ihm muß sich eine feinnasige Stadtdame placieren, und beide fahren um
denselben Preis und genießen die gleichen Rechte. Das oftmalige städtische „Fi
donc!“ neben einem Roßknecht hat ganz aufgehört, und den Dienst der früheren
Wohlgeruchsflakons verrichtet der Kesselrauch. Dadurch werden die feinen Nasen
etwas durchgeräuchert und empfinden den unangenehmen Geruch des Bauern nicht
mehr so sehr. So konnten auch früher die Kavaliere und neben ihnen die
großbürgerlichen Fashionables nie geschwind genug fahren. Unglücklich der, der
sich auf der Straße befand; es wurde rücksichtslos über ihn hinweggefahren. Nun
gibt es Geschwindigkeit genug; ein solcher Schnellsegler kommt auf der
Eisenbahn wenigstens zu der Besinnung, daß sein Pferdefuhrwerk dagegen doch nur
eine reine Pfuscherei ist. Daher läßt er seine Equipage zu Hause und fällt auf
der Straße nicht mehr so oft den Wanderern lästig; denn er selbst fährt nun
lieber auf der Eisenbahn als in seinem Wagen. Welch eine große Wohltat aber ist
es für jene Straßenräuber von Wirten, denn diese fangen jetzt erst an, ein
wenig Menschen zu werden! Und welch eine gerechte Zuchtrute für allerlei
Fuhrleute, die für eine einzige Fuhre von wenig Posten nicht selten zweimal
soviel verlangten, als was ihr Wagen und ihre Pferde wert waren! Die Schmiede
an den Straßen, die für einen Nagel oft soviel verlangten, als wenn er von Gold
wäre, kommen jetzt erst zur Einsicht beim Anblicke ganzer eiserner Straßen, daß
das Eisen denn doch nicht gar so teuer sein kann! Auch Wagner, Sattler und
Riemer wissen erst jetzt, was ihre Ware wert ist; denn früher glaubten sie
lauter Gold- und Silberwaren zu verkaufen. Auch die Haferwucherer werden nach
und nach zu der Einsicht kommen, daß sie bei weitem weniger von dieser Frucht
werden vonnöten haben! Und die Stadtkutscher, die früher nie wußten, was sie
für ein schlechtes Fuhrwerk verlangen sollten, können jetzt um zwei Groschen
fahren, und wer mehr verlangt, der kann sich selbst spazierenfahren bis zum
Bahnhof hinaus, wo irgend einer ist, und dort wehmütig zusehen, wie Hunderte
von Reisenden um einen geringen Fuhrlohn sich schnell weiterbewegen. Auch die
Posten, die früher nie wußten, für wieviel Pferde sie einen Stall mieten
sollten, haben jetzt an wenigen sogenannten Kleppern hinreichend. Und die
Aktionäre werden dadurch auch, und hauptsächlich ob des sehr schnellen Beförderungsmittels,
ehestens zur Einsicht gelangen, daß sie sich hier sehr gewaltig verspekuliert
haben; denn da wird ihr vermeintlicher Gewinn doch sicher gehend werden so wie
der Schnee an der Sonne, und sie werden auch erkennen, daß in den Wasserdämpfen
nebst der mächtigen Triebkraft sich auch die vermögenauflösende befindet.
[Er.01_064,12]
Eine solche Eisenbahn ist streng genommen freilich so wenig in Meiner Ordnung
als der babylonische Turmbau; aber dieser Turmbau hatte auch sein entschiedenes
Gute. Er führte die Völker auseinander und brachte sie mit der Zeit zur
Überzeugung, daß der Mensch auch anderorts und nicht bloß in Babylon leben
kann, und daß Gott überall Seine Sonne scheinen und Seinen Regen fallen läßt;
und so haben am Ende doch alle gewonnen, die der Turmbau von Babylon
weggetrieben hat. Desgleichen wird es auch mit den Eisenbahnen sein, da wird am
Ende ein jeder gewinnen. Der Hauptaktionär gewinnt materiell; denn er säckelt
die anderen aus. Die anderen aber gewinnen an der Einsicht und bald darauf an
Menschlichkeit; denn wenn Reiche zu Bettlern werden, so werden sie dann recht
sanfte und demütige Menschen. Die Wirte an den Straßen gewinnen auch; denn sie
verlieren das Straßenräuberische und gewinnen das Menschliche. Die Landleute,
über deren beste Gründe nicht selten die Eisenbahn geführt wurde, gewinnen
auch. Denn früher besteckten sie ihre Wiesen und Äcker mit Zäunen und Dornen,
und wenn ein Mensch einen Tritt auf ihre Wiesen getan hatte, ward er oft
malträtiert; jetzt aber ist es gut, wo er eine so breite Eisenstraße auf seinem
Grunde dulden muß: er gewinnt nun an Geduld und daneben an Menschlichkeit, –
und das ist auch ein großer Gewinn. Die Reisenden gewinnen; denn sie kommen
bedeutend billiger und schneller an den Ort, wohin sie wollten, und lernen
wenigstens in dem Wagen, daß sie nicht mehr wert sind als andere, – denn ein
jeder zahlt die gleiche Fracht. Aber ungeachtet alles dessen schimpfen die
Menschen über diese Zuchtrute, die sie selbst durch allerlei Mittel zuwege
gebracht haben; aber: selbst getan, muß man auch selbst haben und leiden! Wenn
aber Wirte, Fuhrleute und anderartige Professionisten und die Aktionäre
menschlich werden, wie sich's gebührt, dann solle es auch mit der Zuchtrute
besser aussehen; denn alles liegt in Meiner Hand, und Ich kann es so und so
gestalten und verändern. Ich habe einmal gesagt, daß Ich an diesem Werk kein
Wohlgefallen habe, und also ist es auch; denn Mich freut die Zuchtrute nicht.
Aber da sie einmal da ist, wie sie die Menschen wollten, so solle sie den Guten
frommen und den Schlechten zu einem Fluche gereichen. Ihr möget euch nun ganz
ruhig ihrer bedienen, und Ich will noch den obendrauf segnen, der sich ihrer
bedient, damit die Straßenräuber eine volle Züchtigung erhalten.
65. Kapitel
10. April 1847
[Er.01_065,01]
Es ist zwar wahr, daß man dadurch einer Menge sogenannter Gewerbsleute das Brot
geschmälert oder sogar entzogen hat, und daß manche aus ihnen zu Bettlern
werden; auch ist manchem Landmanne ein gutes Stück Grund weggenommen worden,
wodurch er in der Erzeugung seiner Feldfrüchte sehr benachteiligt wurde; auch
haben arme Fuhrleute ihren sonst gewöhnlichen Fuhrlohn eingebüßt, und manche
Wirte, die etwas menschlicher waren als andere, kamen mit den unmenschlichen
zugleich unter die Scheibe; allein dies alles, wohl erwogen, läßt sich ganz
anders berechnen, als es sich uranfänglich dem Auge eines oberflächlichen
Beobachters darstellt. Denn hier hat in materieller Hinsicht nur der viel
verloren, der sehr viel hatte; der aber ohnedies wenig hat, der konnte dabei
auch nicht viel verlieren.
[Er.01_065,02]
Schmiede, die früher fast nicht zu bezahlen waren, arbeiten jetzt viel
billiger, – wenn sie nur Arbeit bekommen. Hat zuvor einer sein Geschäft schon
im großen betrieben, so schadet es ihm nicht; denn er hat sich schon etwas
erworben, und will er ferner noch eine Arbeit, so muß er billig sein. Dabei
wird er aber auch menschlicher; sonach hat er nicht viel verloren. Hat aber
jemand aus dieser Professionistenklasse nur ein sehr kleines Geschäft geführt, das
ihm nicht viel mehr als einem Bettler das Betteln eingetragen hat, der hat
ebenfalls nicht viel verloren, und die Kluft zwischen ihm und einem früheren
Großmeister ist um ein sehr bedeutendes kleiner geworden; also wieder ein
Gewinn! Desgleichen ist es der Fall mit allen anderen Professionisten, ebenso
auch mit den Landleuten, die an Grund verloren haben; denn wer nur einen
kleinen Grund hatte, der konnte keinen großen Fleck davon hergeben, und was er
hergab, wird ihm wohl vergütet. Der große Grundbesitzer konnte auch einen
größeren Fleck seines Grundes hergeben, der ihm zwar auch vergütet wird mit der
Zeit, worauf er aber leicht warten kann, weil er ohnehin noch mehr hat, als was
er braucht. Derselbe Fall ist auch mit den Groß- und Kleinwirten. Die großen
haben ihren Schnitt schon gemacht, und es wäre zu himmelschreiend, wenn man sie
noch länger hätte schneiden lassen. Bei den Kleinwirten aber war es ohnehin nur
ein erbärmlicher Kreuzererwerb, den sie leicht verschmerzen können; und nachdem
sie ganz natürlicherweise für wenig Geld auch nur Schlechtes den Gästen
darreichen konnten und sich nach und nach mehr mit Betrug als mit Ware behelfen
mußten, so ist das für sie und für ihre Gäste ein physischer und geistiger
Gewinn.
[Er.01_065,03]
Aus dem aber stellt sich heraus, daß bei dieser Gelegenheit niemand auch in
materieller Hinsicht zuviel verloren hat; und die Zuchtrute ist somit gut und
wird nach und nach noch immer besser. Wie aber – wie ihr wißt – die Hanochiten
zu Noahs Zeiten selbst die Wasserschleusen der Erde öffneten, von denen sie
dann verschlungen wurden, so haben sich auch hier diese Leute selbst die Laus
in den Pelz gesetzt. Ich aber sage: Nur zu in dieser Weise! Wem der ruhige und
fruchtbringende Boden der Erde nicht genügt, der gehe aufs Meer und lerne da
den Unterschied zwischen Frieden und Ruhe und zwischen Bewegung und Sturm. Wenn
es ihm beliebt, und wenn ihn die Stürme noch nicht verschlungen haben, mag er
ja wieder zurückkehren; denn neben dem Wasser geht auch noch immer der feste
Boden fort, so wie neben diesen Neuerungen auch das alte Wort Gottes gleich
fortbesteht und Meine Gnade für jedermann, der sie sucht. Wem aber an der
nichts, sondern alles nur an den Neuerungen liegt, aus lauter entweder
allgemeiner oder spezieller Ranglust, der mag sich immerhin in einen
allerschnellst fahrenden Dampfwagen setzen und damit zu seinen Teufeln fahren,
und er kann versichert sein, daß in Meinen Himmeln ihm kein mitleidiges Ach
nachfolgen wird; denn dumme Gecken sind auch für Meine Himmel ein ekelerregender
Greuel, und überall ist die große Lache über sie.
[Er.01_065,04]
Was das Schimpfen und Klagen über das Pfaffentum betrifft, so dringen
dergleichen Klagen und Schimpfereien gar nicht an Mein Ohr. Ich habe es soweit
eingeleitet, daß jedermann Mein Wort haben kann, wenn er es nur will.
[Er.01_065,05]
Daraus aber wird jeder leicht ersehen, daß bei Mir nichts gilt als ein reines,
liebevolles Herz und ein rechter Glaube an Mich. Wem das nicht genügt, wem das
Wort eines gelbsüchtigen Kanzelredners heiliger ist als das, was Ich Selbst
gesprochen, der bleibe in seiner Dummheit. Wem die Geißel lieber ist als Meine
Gnade, der lasse sich geißeln. Wem ein mit vielen Kosten prachtvoll erbautes
Bethaus heiliger und erhabener ist als ein reines Herz, das da ist ein Tempel
des heiligen Geistes, der gehe in sein Bethaus, lasse sich an jedem Sonntage
oder sonstigen Feiertage zuerst mit der Monstranz segnen, dann von der Kanzel
darauf wenigstens siebenmal in die Hölle verfluchen und auf die Verfluchung –
respektive in die Hölle hinein – am Ende der Messe da capo mit der Monstranz
segnen.
[Er.01_065,06]
Die Menschen haben ja eine große Freude an der blinden Zeremonie, sie reden und
schreiben sich Mund und Finger wund über die Pracht des Domes zu Rom und andere
überaus prächtige Münster und verwenden dazu noch ungeheure Summen zu deren
Erhaltung und Ausschmückung, gewöhnlich unter dem Titel: „Alles zur größeren
Ehre Gottes!“ Recht so, recht! Wer ein Esel sein will, der mag ja in alle
Ewigkeit einer bleiben. Was sollte so ein armseliges Münster und alle Münster
der Erde Meine Ehre vergrößern?
[Er.01_065,07]
Fürs erste habe Ich auf der Welt nie Meine Ehre gesucht, sondern Glauben und
Liebe nur. Laut dessen aber ist jede andere, eitle Ehrenbezeugung, die aus Mir,
dem einigen, ewigen, lebendig wahren Gotte, einen Götzen macht, ein Greuel;
denn Ich will im Geiste und in der Wahrheit, welche ist im lebendigen Herzen
des Menschen, nicht aber in einem Münster, angebetet sein, und die wahre
Anbetung im Geiste und in der Wahrheit besteht aber darin, daß Mich die
Menschen als ihren Gott und Vater erkennen, dann als solchen über alles lieben
und die Gebote der Liebe auch gegen ihre Brüder halten. Das ist eine rechte
Gottesverehrung; aber ein Münster ist ein Greuel und kann zur größeren Verherrlichung
Meines Namens nichts beitragen, da es doch sicher nicht zeigt, was Ich, sondern
nur was eitle und hochmütige Menschen vermögen.
[Er.01_065,08]
Wer aber schon Meine Kraft und Größe bewundern will, der gehe zu den
natürlichen Münstern, gehe zu der Erde selbst und blicke auf zu Sonne, Mond und
Sternen, und er wird sicher genug haben, woraus er die Allmacht Gottes, seines
Vaters, erkennen kann.
[Er.01_065,09]
Bei der Betrachtung eines Berges läßt sich freilich wohl weder eine gotische noch
maurische, ebensowenig eine römische, jonische, phrygische und gar babylonische
Bauart erkennen; auch sind da nicht Statuen und sonstige Gemälde und
Schnitzwerke von allerlei sogenannten berühmten Meistern zu erschauen; dafür
aber läßt sich an diesen großen Naturmünstern die Hand des Vaters erkennen, und
anstatt der Statuen und der Malereien wohnen auf solchen Münstern wirkliche,
lebendige Menschen und andere Geschöpfe, und statt all der Verzierungen sind
auf diesen Münstern herrliche Wälder und mit gutem und nährendem Grase
bewachsene Wiesen zu sehen, die alle von der Macht, Größe und Weisheit ihres
ewigen Meisters zeugen.
[Er.01_065,10]
Solche Betrachtung kann das menschliche Herz wohl ad majorem Dei gloriam
stimmen; aber die Betrachtung eines Münsters erhebt das Herz eines Esels nur
zur größeren Bewunderung seiner noch größeren Mitesel, welche offenbar auch
sehr große Esel sein mußten, weil sie glaubten, durch ihrer Hände Werk, durch
allerlei Schnitzereien, Malereien und Vergoldungen, durch Wachskerzenlicht,
reiche Kleider und wildes Geplärre dazu – könnten sie Den ehren, der Erde,
Sonne, Mond und Sterne erschaffen hat!
[Er.01_065,11]
Die Menschen verwenden noch heutigestags große Summen, machen Stiftungen und
Vermächtnisse, und es darf nur irgendein neues Götzenbild eingeweiht oder etwa
gar ein heiliger Leib in einer sogenannten Kirche unter dem Titel „Gotteshause“
eingesetzt werden – natürlich als eine Gnade von Rom um einige hundert Stück
Dukaten gratis –, oder es darf, was noch viel außerordentlicher ist, ein
Leibrock Christi, Windeln, Gürtel etc. zur Schau ausgestellt werden, und wenn
solches in zwölf Kirchen zugleich geschehen möchte, was ganz natürlich zwölf
Leibröcke etc. erfordern würde, das macht aber alles nichts; die Dummheit
glaubt es, wenn sie auch schimpft, und opfert dann reichlich, und das alles ad
majorem Dei gloriam. Was sollte man denn dazu sagen? Sollte man die Dummheit
noch mehr strafen? Ist nicht vonnöten; denn sie straft sich ja eben dadurch von
selbst!
[Er.01_065,12]
Wollte man ihr etwas Besseres dafür geben, würde sie es wohl annehmen? Man
müßte Wunder wirken! Der Leibrock aber wirkte auch Wunder. Würde die Dummheit
wohl unterscheiden das betrügerische, künstliche Wunder von einem wahren,
natürlichen? O nein! Sie würde das wahre, weil es in keinem Münster geschah,
für ein Werk des Teufels halten, und den, der es wirkte, für einen Erzketzer!
Was wäre ihr also damit geholfen?
[Er.01_065,13]
Daher bleibe die Dummheit, was sie ist: eine fortwährende Strafe der dummen
Esel und Narren; wer aber Weisheit sucht und ihren Lohn, der weiß auch, wo sie
zu finden ist.
[Er.01_065,14]
Es wird daher wohl gar bald die Weisheit über die Dummheit siegen; aber glaubt
es dann nicht, daß darob die Dummen weiser werden, – denn dieses Gelichter wird
bleiben, solange die Hölle bleiben wird.
[Er.01_065,15]
Man fragt zwar, wie Ich so vielen Greueln so lange zusehen könne!? Warum lasse
Ich nicht mit Blitz und Feuer vom Himmel dieses alte Götzentum vernichten!?
Konnte Ich es doch in den alten Zeiten tun; warum jetzt nicht? –
[Er.01_065,16]
Es ist wahr: Sodoma und Gomorra gingen unter; dafür aber ging Babel auf. Auch
hier ist schon viel Feuer in das Götzentum geschleudert worden, wie zu allen
Zeiten; aber es geht wieder auf. Darum lassen wir den Weizen mit dem Unkraute
aufwachsen; es wird schon die Zeit der Sonderung kommen! Warum sollte man auch
mit einem Geschäfte sich auf eine Minute Zeit binden, wofür man eine ganze
Ewigkeit übrig hat? Daher nur zu – hier! Wer dumm sein will, der bleibe es; und
wer weise sein will, der weiß, wo er anzuklopfen hat.
66. Kapitel –
Das zeremonielle Kirchentum.
13. April 1847
[Er.01_066,01]
Was nützt da das eitle Klagen, was das lose Schimpfen und Hecheln und was das
törichte Sich-Freisagen von all dem, was eine solche mit Götzentum angestopfte
Kirche zu halten und zu beachten vorschreibt?
[Er.01_066,02]
Das alles nützt nichts! Wenn einmal irgendein Strom geht und kräftig geworden
ist, da ist es zu spät, ihn einzudämmen und ihn aufzuhalten in seinem Laufe, da
er dadurch nur noch mehr anschwellen, die Dämme zerreißen und alles Land, das
er überflutet, verwüsten wird. Das Vernünftigste dabei ist, dem Strome seinen
Weg zu lassen; wenn er das Meer erreicht haben wird, wird sich seine Wut schon
abkühlen und gänzlich vermindern.
[Er.01_066,03]
Ebenso töricht wäre es, in einem solchen Strome aufwärts schwimmen zu wollen.
Da würde wohl niemand um ein Haar weiter kommen; denn je kräftiger er den ihm
entgegengehenden Wogen Trotz bieten wollte, desto kräftiger und heftiger werden
sie an seine Stirne schlagen und ihn bald in den Grund hinabwirbeln. Am besten
ist es, den Strom fließen zu lassen, wo und wie er fließt, – sich selbst aber
vom Strome soweit als möglich zu entfernen im Herzen und den trockenen aber
sicheren Weg der reinen Wahrheit zu verfolgen.
[Er.01_066,04]
Das Sich-Auflehnen gegen etwas, was sich einmal in bestimmten Normen
jahrhundertelang mehr und mehr begründet hat, wäre wohl die größte Tollheit; es
wäre ein Krieg zwischen einem und tausend Soldaten! Was wird der eine wohl
gegen tausend ausrichten? Dasselbe ist gerade mit einem solchen der Fall, der
sich gegen eine wie immer beschaffene allgemeine Ordnung auflehnen wollte;
seine Ansichten mögen noch so richtig sein, – was will er aber machen, wenn die
große Masse blind und taub ist? Da heißt es klug sein und den Mantel
redlicherweise nach dem Winde und nicht gegen denselben kehren, da es ihm wenig
nützen würde.
[Er.01_066,05]
Ich aber sehe ohnehin nie auf das Äußere, sondern allezeit nur auf das
Inwendige im Menschen; und so kann ein jeder ehrliche Christ in einem Bethause
ganz wohlgemut dem sogenannten zeremoniellen Gottesdienste obliegen, in seinem
Herzen aber bei Mir sein, so wird ihm das nicht den allergeringsten Schaden
bringen.
[Er.01_066,06]
Wen aber dieser Gottesdienst ärgert, der bleibe draußen; denn bei den Ohren
wird niemand hineingezogen. Und wäre auch letzteres der Fall, so wird es
niemand schaden, wenn er hineingeht; denn besser ist es doch noch immer, sich
in einem Bethause zu befinden und eine gewisse Andacht zu verrichten, als an
den allgemein gebotenen Fest- und Feiertagen sich entweder auf eine Jagd zu
begeben oder in ein Spielhaus zu gehen oder wucherische Geschäfte zu machen,
Ränke zu schmieden, Huren zu besuchen und derlei Lumpereien mehr.
[Er.01_066,07]
Neben den Zeremonien werden ja auch noch Predigten gehalten, vor welchen doch
wenigstens einige Verse des Evangeliums vorgelesen werden! Will schon jemandem
eine Predigt nicht munden, der bleibe bei den vorgelesenen Versen aus dem
Evangelium, und er wird aus solchen Versen so viel herausnehmen können, daß er
daran hinreichend haben wird, das ewige Leben zu erlangen, wenn er nur den
wenigen Versen eine richtige Folge leistet. Demzufolge kann nicht leichtlich
jemand etwas verlieren, wenn er sich auch in ein solches Bethaus begibt, wo er
noch immer etwas finden kann, das ihn an Mich mahnt; aber so sich jemand aus
bloßem Hasse gegen ein solches Götzentum davon losmacht, ergreift aber dafür
nichts Besseres, sondern gewöhnlich nur Schlechteres, da frage Ich: Wird ihm
das wohl nützen? – Ich meine es kaum.
[Er.01_066,08]
Der Tempel zu Jerusalem war bei Meinen Leibeslebzeiten auf der Erde völlig ganz
ein Götzentempel. Von einem Hause Gottes war sicher keine Rede mehr; denn da
war Jehova nicht mehr im Tempel, außer Er kam dann und wann in denselben und
lehrte darinnen.
[Er.01_066,09]
Aber Ich als der Jehova, so spricht der Herr, untersagte es niemandem, den
Tempel zu besuchen und seine Gabe zu opfern, und Ich selbst ging zu öfteren
Malen in denselben und lehrte darinnen und ließ auch der Ehebrecherin darinnen
ihre Schuld nach. Auch Meine Schüler hatten nie ein Verbot erhalten, den Tempel
zu besuchen, obschon er ein vollkommener Götzentempel war. Warum sollte sich
denn hier jemand ärgern, in ein Bethaus zu gehen? Denn geht er wahrhaft in
Meinem Namen hinein, so bin Ich bei ihm und gehe mit ihm; und so wir darinnen
sind, wird uns wohl niemand hinauswerfen. Solange Ich es darinnen aushalten
werde, wird es der wohl aushalten können, mit dem Ich darinnen bin.
[Er.01_066,10]
Überhaupt solle da niemand eher Blitz und Schwefelfeuer vom Himmel rufen, als
bis Ich es ohnehin von Selbst dahin schleudern werde. Wann aber dieses
notwendig sein wird, das weiß Ich am besten.
[Er.01_066,11]
Ich meine aber, solange eine gar große Menschenmenge noch eine große Freude
daran hat, dieses Götzentum auf alle mögliche Weise zu unterstützen, Messen und
Ämter zu zahlen, Stiftungen zu machen, Bethäuser und andere Kapellchen zu
bauen, die Opferstöcke zu sättigen, Orgeln bauen zu lassen, Glocken
anzuschaffen, reiche Begräbnisfeierlichkeiten begehen zu lassen, sowie sehr
teure, sogenannte Paramente herzustellen, auch kostspielige Wallfahrten zu
verrichten und sich in geldmäkelnde Brüderschaften einzulassen, – solange geht
es ja noch recht gut. Warum solle man das wie eine Schaumblase mit einem Hauche
vernichten, woran die Menschheit bis dato noch eine große Freude hat? Wer dumm
und blind sein will und wer an diesen rangsüchtigen Zeremonien von großem Gold-
und Edelsteingeprunke ein großes Wohlgefallen hat, der bleibe dumm, blind und
ein Narr!
[Er.01_066,12]
Was liegt Mir wohl an einer Welt voll Narren? Ich sage euch: viel weniger als
einem Töpfer an einem schlechten Topfe, den er zusammenschlagen kann, wann er
will, weil er ihm nicht geraten wollte! Wie aber der Töpfer um so einen dummen
Topf keine Traurigkeit haben wird, wenn er ihn zusammengeschlagen hat, so wenig
werde auch Ich irgend ein Leid nach einer Welt voll Narren in Meinem Herzen
tragen, als wäre es Mir etwa etwas Schweres, eine andere Welt voll der weisesten
Engel dafür zu erschaffen.
[Er.01_066,13]
Wenn aber jemand Mich sucht, der wird Mich auch finden; Ich werde ihn annehmen,
und er wird Mir lieber sein als eine Welt voll Narren, und Ich werde für ihn
allein auch mehr tun, als wie für eine ganze Welt voll Narren.
[Er.01_066,14]
Wenn Ich Mich demnach nicht allzugewaltig rühre ob des allgemeinen überdummen
Standes der Dinge und lasse sie gewisserart gehen, so sei das euch ein Zeichen,
daß Mir an all diesen Dingen, wie sie jetzt in der Welt sind, und an all den
Narren, die ihnen huldigen, ganz überaus wenig liegt.
[Er.01_066,15]
So Ich aber hie und da einzelne finde, denen an Mir allein alles gelegen ist,
an denen liegt aber auch Mir mehr als an der ganzen Welt. Ich will den einen
schwelgen lassen in aller Fülle Meiner Gnade, und der Welt in ihrer Narrheit
will Ich Treber reichen; denn, wie gesagt, Mir liegt an einem Guten mehr, ja
bei weitem mehr – ja es liegt Mir alles an ihm – als an einer gepfropft vollen
Narrenwelt, an der Mir gerade soviel liegt als an einer faulen Pflanze, die an
der Straße wächst und von den Wanderern in den nichtigen Staub zertreten wird.
Wie oft ist schon von einer Wiese das Gras abgemäht worden; was liegt wohl
daran? Es wächst wohl wieder ein anderes nach; so ist es mit den Menschen auf
der Erde der Fall, die da Narren sind und Narren sein wollen.
[Er.01_066,16]
Man kann auch da sagen: Für ein hungriges Vieh ist bald ein Futter gut; die
Schmeißfliege schlürft den Saft vom Kote, der Wurm frißt Schlamm; die Schweine
sind eben auch keine Gourmands und Feinschmecker, und der Esel begnügt sich
bekanntlich mit dem schlechtesten Futter. So aber dergleichen Menschen gleich
sind wie solche Tiere, – gut, so sollen sie auch mit gleicher Kost genährt
werden; denn eine andere würde ihnen nicht schmecken. Und wenn sie zu sonst
nichts mehr taugen, so werden sie einst drüben dazu dienlich sein, daß bessere
Geister an ihnen die schönste Gelegenheit finden werden, die hier
vernachlässigte Zoologie nachzuholen; denn die Zoologie ist eine äußerst
wichtige Wissenschaft. Und da eben, wie in diesem Werke hinreichend gezeigt
ist, die vollkommenen Geister das Mineral-, Pflanzen- und Tierreich zu besorgen
haben, so versteht sich von selbst, daß sie in der Zoologie keine Laien sein
dürfen. Aber freilich ist das eine andere Zoologie als wie hier auf der Welt,
wo schon jeder ein guter Zoologe ist oder wenigstens sein will, wenn er die
Tiere nur nach dem Balge kennt, – daher in den zoologischen Lehranstalten und
dazu erforderlichen Museen meistens nur ausgestopfte Bälge den Schülern
vorgestellt werden.
[Er.01_066,17]
Ich meine nun über diesen Punkt mehr als hinreichend gesprochen zu haben, –
daher wir fürs nächste zu noch einer ganz geheimen Denkwürdigkeit übergehen
wollen.
67. Kapitel –
Träume und ihre Deutung.
14. April 1847
[Er.01_067,01]
Woran und worin wird sich das wohl erkennen lassen, was Ich hier unter der
vorangekündigten geheimen Denkwürdigkeit verstanden haben will? Hat diese
Denkwürdigkeit äußere Zeichen?
[Er.01_067,02]
Sie hat dergleichen nicht, und wenn sie schon solche hat für einen feinen
Beobachter, so wird ihnen wenig oder gar kein Glaube geschenkt.
[Er.01_067,03]
Diese geheime Denkwürdigkeit besteht gewöhnlich in gewissen Visionen, welche
bei guten Menschen, wie auch bei schlechten, entweder vom Himmel oder von der
Hölle herrühren können, daher es höchst notwendig ist, über diesen überaus
denkwürdigen Punkt rechte Aufschlüsse und die richtigen Verhaltungsmaßregeln zu
bekommen, damit man wisse, wie man sich bei dergleichen geheimen, oft kaum glaubwürdigen
Erscheinlichkeiten zu benehmen habe.
[Er.01_067,04]
Die Visionen sind verschiedener Art. Die gewöhnlichste und jedermann
wohlbekannte Art von Visionen sind die nächtlichen Träume.
[Er.01_067,05]
Hier läßt sich fragen: Wer träumt eigentlich, und was sind die Bilder des
Traumes?
[Er.01_067,06]
Im gewöhnlichen Schlafe träumt bloß die Seele, und dieses Träumen ist nichts
anderes als ein wirres Schauen der Seele in ihre eigenen Verhältnisse, die aber
keinen Verband haben, sondern ungefähr so wie die Bilder in einem sogenannten
Kaleidoskope mit jeder Bewegung sich verändern und als völlig dieselben nie
wieder zum Vorscheine kommen.
[Er.01_067,07]
Dieses verbandlose Schauen der Verhältnisse und Zustandsbilder in sich hat
darin seinen Grund, daß die Seele selbst sich außer Verband sowohl mit der
Außenwelt als auch ganz besonders mit ihrem Geiste befindet.
[Er.01_067,08]
Diese Art Visionen haben für die Seele keinen andern Nutzen als den bloß, daß
sie sich nach einem solchen Traume erinnern solle, wie es mit ihr in einem
absoluten Zustande noch steht.
[Er.01_067,09]
Wenn sie die Träume zusammenfaßt, ja, wo tunlich, sogar aufschreibt, so kann
die Seele an ihnen ein gutes Porträt ihrer selbst haben; denn sie zeigen ihr,
wie sie in sich selbst ist, was ihre Hauptbegierden, was ihr Streben, und wie
überhaupt ihr gesamter Zustand beschaffen ist und auch beschaffen sein wird,
wenn sie sich völlig außer dem Fleische befinden wird.
[Er.01_067,10]
Diese Art Träume werden weder von höllischen, noch weniger von himmlischen
Geistern in der Seele hervorgerufen, sondern sie sind ganz eigene Produkte der
Seele, deren sie sich bald mehr, bald weniger, bald gar nicht erinnert, was bei
einem noch ganz natürlichen Menschen hauptsächlich davon abhängt, wie sein
Nervengeist beschaffen ist. Neigt er sich mehr zur Seele über, so wird sich der
Mensch fast jedes Traumes genau erinnern; neigt er sich aber mehr dem Fleische
zu und schläft gewöhnlich mit demselben, wo wird der Mensch auch wenig oder gar
keine Rückerinnerung an seine Träume haben, – was gewöhnlich bei jenen Menschen
der Fall ist, die sehr sinnlich und grobmateriell sind.
[Er.01_067,11]
Aber ganz anders verhält es sich mit gewissen hellen Träumen, in welchen es dem
Träumenden also vorkommt, als wäre die Erscheinung Wirklichkeit, so daß er
darob beim Erwachen sich selbst kaum Bescheid geben kann, ob es ein Traum war
oder Wirklichkeit. Derart Visionen oder Träume gehören nicht der Seele an,
sondern den sie umgebenden Geistern, mögen diese guter oder böser Art sein.
Sind sie böser Art, so wird die Seele, und durch sie auch ihr Leib, wie ganz
erschöpft aus einem solchen Traume erwachen; sind diese Visionen aber ein Werk
guter Geister, dann werden sich beim Erwachen Seele und Leib in einem
gestärkten Zustande befinden.
[Er.01_067,12]
Beide Arten dieser Visionen werden nur zum Nutzen, aber nicht zum Schaden der
Seele zugelassen; in den schlechten Visionen solle sie eine Warnung, in den
guten eine Stärkung finden.
[Er.01_067,13]
Diese Visionen werden darum so lebhaft, weil da die Geister, die solche
bewirken, zuerst den Nervengeist von seiner materiellen Dienstleistung ablösen
und ihn mit der Seele verbinden. In einem solchen Zustande hat die Seele das
Gefühl der Natürlichkeit, weil sie sich im Verbande mit ihrem Nervengeiste
befindet, daher kräftiger ist, um die kräftigeren und bedeutungsvolleren Bilder
in sich aufzunehmen und zu behalten.
[Er.01_067,14]
Zu dieser Klasse von inneren Visionen gehört auch das Schauen der Somnambulen,
wie auch – was euch schon einmal erklärt wurde – das Schauen in der sogenannten
Schwefeläther-Narkose. Diese Visionen haben daher auch schon in sich einen
gewissen Verband und eine gewisse Ordnung, weil hier der Seele von den sie
umgebenden Geistern schon ein mehr reiner Wein eingeschenkt wird.
[Er.01_067,15] In
solchen Visionen werden der Seele von den Geistern nicht selten künftige
Begebnisse vorgeführt, was für die Geister eben nichts Schweres ist, indem sie
fürs erste die Ordnung der Dinge kennen, in welcher sie unabänderlich
aufeinander folgen müssen, und fürs zweite, weil sie selbst die Darsteller
dieser Ordnung sind.
[Er.01_067,16]
Es ist gerade so, als wenn jemand von euch in ein fremdes Haus käme: da wird er
wohl nicht wissen, was der Hausherr dieses Hauses heute, morgen und übermorgen
tun wird; aber der Herr dieses Hauses wird es wohl wissen, weil er in seine
Geschäftsverhältnisse eingeweiht sein muß. Wenn er euch aber sagt, was er tun
wird, so werdet ihr es auch wissen. Also könnet ihr es auch nicht wissen, was
die Geister in diesem Jahre noch alles zustande bringen werden, weil ihr im
Hause der Geister noch Fremdlinge seid; wenn es aber die Geister einer Seele
kundgeben, so wird auch sie wissen, was da geschehen wird. Damit aber die
Geister der Seele so etwas kundgeben können, muß sie von ihnen vorerst behufs
dessen vorbereitet sein, und diese Vorbereitung ist eben die, welche hier oben
angezeigt wurde.
[Er.01_067,17]
Von dieser Vision ist alsonach auch schon sehr viel zu halten; jedoch soll
niemand auf sie, wie einst die Heiden auf ein sogenanntes umwandelbares Fatum,
halten; denn darob soll dessenungeachtet niemand in seiner Willensfreiheit
beeinträchtigt sein. Will jemand ernstlich etwas anderes, als was ihm die
Geister in dieser Vision gezeigt haben, so darf er sich nur an Mich wenden, daß
die Sache anders würde, und sie wird anders, so derjenige glaubt und vertraut,
darum er sich an Mich gewendet hat; denn Ich allein kann alle Dinge in jedem
Augenblicke verändern.
[Er.01_067,18]
Und so Ich Selbst sagen würde: „Siehe, morgen werde Ich dies und jenes tun!“,
du aber fassest Liebe und Vertrauen zu Mir und bittest mich, daß Ich damit
einhalte, so werde Ich es tun, wie du bittest, und es wird darob für niemand
ein Nachteil werden; denn Ich kann alle Verhältnisse, Zustände und Dinge so und
so gebrauchen, und da müssen Mir tausend wie einer dienen und ein Tag sein wie
ein Jahr und tausend Jahre wie ein Tag.
[Er.01_067,19]
Daher soll ob solcher eben nicht selten vorkommender Visionen niemand zu sehr
erschrecken; denn sind sie gut, so braucht niemand davor zu erschrecken, und
sind sie böse, so können sie wohl abgeändert werden. Natürlich, wer aber fest
daran glaubt und mutet Mir nicht mehr Kraft zu als seiner Vision, dem mag es
dann freilich wohl „fiat“ heißen.
[Er.01_067,20]
Das menschliche Gemüt ist aber freilich wohl so schwach, daß es schon aus den
ganz einfachen Träumen gern und oft sehr gläubig allerlei zukünftige Begebnisse
folgert, und die Menschen haben sich schon eine gewisse Regel gemacht, nach der
nach gewissen Träumen gewisse Sachen geschehen müssen; welche Regulierung der
Träume und ihrer gewissen Folgen ganz natürlich ebenso außerordentlich dumm ist
als derjenige, der sie reguliert hat. Da gibt es Wasserträume, die bringen den
Tod irgend eines Verwandten oder eines sonstigen Bekannten. Feuer bringt entweder
eine Lüge oder eine Freude. Brot-, Mist- und Hochzeitsträume werden für
Sterbepropheten in der Familie gehalten. Wenn einem von Bienen träumt, so wird
ein Feuer; träumt es einem von Ameisen, so wird darauf eine Überschwemmung,
oder der Mensch hat viele Sorgen bekommen. Wenn einem von Heuschrecken, Grillen
und fliegenden Vögeln träumt, so bedeutet das Krieg, und dergleichen noch eine
Menge Albernheiten, der Lotterieträume gar nicht zu gedenken.
[Er.01_067,21]
Diese Bilder, die sich der Seele im Traume darstellen, sind wohl Entsprechungen
des Seelenzustandes, aber keineswegs Propheten zukünftiger Begebnisse.
[Er.01_067,22]
Wieviel gehört denn dazu, daß irgendein Mensch im ganzen gar leicht so viele
Verwandte, Freunde und Bekannte hat, als da sind Tage in einem Jahre, manchmal
auch zehnmal soviel, und daß aus einigen Hunderten oder Tausenden in einem
Jahre leicht einige sterben? Nun träumt es einem dazu von Wasser, Brot, Mist
oder Hochzeit, so hat dieser Traum sicher dem Verstorbenen gegolten, ob der nun
um 14 Tage früher oder um 14 Tage später gestorben ist. Desgleichen sind alle
anderen Träume. Da hatte jemand von einer Menge Heuschrecken geträumt, und er
war nun halb ängstlich und halb sehnsüchtig nach einem Kriege. Weil sich aber
in seinem Lande nichts rühren will und allenfalls in den nachbarlichen Ländern
auch nichts, so geht er und liest sorgfältig die Zeitungen, und siehe da, er
liest in einem Artikel „Krieg zwischen englischen Seefahrern und ihren
Kolonisten mit Ureinwohnern auf Seeland!“, und er schlägt sich pathetisch auf
die Stirne und spricht ganz ernst: „Da sehet, mein Traum ist schon ausgegangen!
Mir hat jüngst (NB. in Steiermark) von Heuschrecken geträumt; das bedeutet
Krieg, – und richtig: es ist Krieg auf Neuseeland!“ Wenn sich unser Leser ein
bißchen mehr Mühe gegeben hätte, so wäre er wohl noch auf mehrere Kriege zu
gleicher Zeit in den Zeitungen gestoßen.
[Er.01_067,23]
Sehet, dergleichen Glauben ist dann ein Übel, welches der Seele sehr schaden
kann, weil die Seele sich dadurch angewöhnt, ob solcher Momente das Vertrauen
auf Mich ganz fahren zu lassen! Und je mehr von solchen prophetischen
Visionsskrupeln in der Seele irgend Wurzel fassen, desto mehr schwächen sie den
Glauben, das Vertrauen, wie auch die Liebe zu Mir. Wennschon dergleichen
einfache Träume bloß der Seele angehören, so gehören aber darnach die dummen
Deutereien einem argen Geistergesindel zu. Dieses bekriecht das Fleisch bei
solchen Gelegenheiten wie die Schmeißfliegen einen Schmeißhaufen, saugt aus
demselben dergleichen seelische Traumvisionen und beschwatzt dann die Seele
wieder mit solchen albernen Propheteleien, die an sich nichts als Unrat solcher
argen geistigen Schmeißfliegen sind, durch den sie nicht selten geradeso
überkleistert wird wie manche Stubenfenster von den Fliegen, durch welche am
Ende der Sonnenstrahl nicht mehr durchdringen kann oder nur sehr schlecht, –
wie auch eben darum der Gnadenstrahl aus Meiner Sonne in die Seele nicht
einwirken kann, weil diese zu sehr mit dergleichen Dummheiten überkleistert ist.
[Er.01_067,24]
Ich gebe aber eben darum hier dieses, auf daß ihr wisset, was ihr in der
Zukunft von den Träumen und auch daneben von anderartigen Visionen, die im
Verfolge noch weitläufiger besprochen werden, im Punkte der Wahrheit zu halten
habt. Jede Erscheinung hat zwar sicher ihren entsprechenden Grund, wie auch
einen entsprechenden Zweck; aber von irgendeiner eingebildeten Dummheit soll
dabei nicht die Rede sein. Nächstens daher in dieser Denkwürdigkeit weiter!
68. Kapitel –
Vom Aberglauben.
16. April 1847
[Er.01_068,01]
Eine dritte Art von sogenannten Visionen ist jene aus dem Heidentume
herübergebrachte höchst dumme, abergläubische Annahme, nach der gewisse, ganz
natürliche Erscheinungen irgendeinen prophetischen Zusammenhang haben sollen mit
einem Faktum, das sich darum in der Zukunft ereignen solle. Ich habe zwar in
der Hinsicht schon bei einer anderen Gelegenheit so manches gesagt; aber weil
diese Sache eben zu den größten Albernheiten und daraus hervorgehenden
Bosheiten gar nicht selten den Anlaß gibt, so soll hier am rechten Platze ihre
Scheußlichkeit noch einmal so recht vor die Augen gestellt werden.
[Er.01_068,02]
Es kann euch nicht unbekannt sein, zu welchen überaus und ganz unbegreiflich
dummen Manipulationen manche Menschen ihre Zuflucht nehmen, um von der leidigen
Zukunft, versteht sich von selbst ganz irriger Weise, etwas herauszuzwicken.
[Er.01_068,03]
Die ersten Narren davon sind die Kalendermacher, die, ohne einen Funken
Weisheit zu besitzen, auf die lächerlichste Weise von der Welt die Witterung
auf jeden Tag vorausbestimmen. Einige darunter datieren dieselbe nach gewissen,
überaus läppischen und über die Maßen lächerlichen, sogenannten Lostagen. Was
kann denn solch ein Lostag dafür, wenn nach ihm gutes oder schlechtes Wetter eintritt?
– O du eselhaftes Volk der Erde! Wer ist denn der Herr des Wetters, Ich oder
der Lostag? Oder kann Mich wohl jemand für so unweise und blöde halten, daß Ich
gewisse Tage im Jahre bloß zukünftiger Witterung halber geschaffen habe? Oder
hat es nicht schon zu den Zeiten geregnet, geblitzt und gedonnert, gehagelt und
geschneit, als die Menschen noch nicht von einem Maria Lichtmeßtage, von den 40
Märtyrern, vom Medardi, von der Margareta und von Portiunkula etwas gewußt
haben? Wer machte diese Tage erst pro primo zu gewissen Festtagen? Die Dummheit
der Menschen. Und wer hernach zu Lostagen? Die sehr übergroße Dummheit der
Menschen.
[Er.01_068,04]
Haben aber diese Tage nicht Ähnlichkeit mit der Zeichendeuterei der Heiden und
Juden, von denen Ich gesagt habe, wie sie an der untergehenden und aufgehenden
Sonne wohl erkennen, was für ein Tag darauf folgen wird, und zu denen Ich
sagte: „Du verkehrte Art! Die Zeichen des Himmels könnet ihr wohl beurteilen;
aber die Zeichen dieser Zeit, die Zeichen, die Ich vor euren Augen wirke, diese
erkennet ihr nicht!“
[Er.01_068,05]
Was Ich damals sagte, das sage Ich auch jetzt. Die Lostage beurteilen die
Menschen und schließen daraus aufs zukünftige Wetter; aber den großen Lostag
ihres Herzens kennen sie nicht, der ihnen das Hauptwetter ihres zukünftigen,
ewigen Lebens enthüllen würde.
[Er.01_068,06]
Der Mensch würde aber erst dann nur recht handeln, so er die Witterungszustände
seines Herzens mehr beachtete und in sich die Einsicht bekäme, daß darin
fortwährend ein gar übles Wetter ist, welches wohl von den häufigen Lostagen
herrührt, die da sind Spieltage, Freßtage, Sauftage und fast alle Tage
Hurentage, darauf Tuenichtstage, hartherzige Tage, ehrabschneiderische Tage und
noch eine Menge dergleichen lumpiger Lostage.
[Er.01_068,07]
Diese Lostage soll der Mensch berücksichtigen, so wird mancher dumme Sturm,
Blitz, Donner, Regen und Hagelschlag, Schnee und Eis seines Herzens
unterbleiben. Und wenn dergleichen Stürme und böse Gewitter im Herzen
unterbleiben werden, so würde sich der Geist aus seinem Kämmerlein in die freie
Welt des Herzens zu treten getrauen und würde der Seele den Lostag des ewigen
Lebens verkünden! Solange aber im Herzen fortwährend allerlei böse Ungewitter
toben, die aus den bösen, lumpigen Lostagen herrühren, da bleibt der Geist in
seinem Kämmerlein, und der Mensch bleibt, was er war, bloß nur ein
verächtliches Tier, das schwerlich je in den himmlischen Tierkreis aufgenommen
wird.
[Er.01_068,08]
Also auf die Lostage, von denen das Wetter des Herzens abhängt, sollte der
Mensch achthaben; aber Lichtmeß, 40 Märtyrer, Margareta, Portiunkula und
Medardi, die gehen niemanden etwas an, – denn das Wetter der Welt mache Ich
ohne Lichtmeß, Portiunkula und Medardi!
[Er.01_068,09]
Es gibt auch Kalenderfabrikanten, die ihr Wetter noch auf eine andere Weise
vorausbestimmend zustande bringen. Diese rechnen so: „Der Winter ist so lang,
der Frühling so lang, der Sommer ebenso lang, und der Herbst ebenso lang. Im
Winter setzen wir sechzehnmal Schnee, und zwar zu den Zeiten, in denen nach
Erfahrung es sonst noch allezeit geschneit hat. Den halben Frühling hindurch
lassen wir auch einige Male den Schnee, Wind und Regen los, – im Sommer gegen
10 Donnerwetter und etliche Landregen, Hitze und manchmal auch Winde; im Herbst
lassen wir noch 2 Donnerwetter auftreten, dann kalte Winde, Regen, Reif und
zuletzt einige Male Schnee!“ – Das heißt doch recht: Quia mundus vult decipi,
ergo decipiatur.
[Er.01_068,10]
Ich würde aber zu dergleichen Dummheiten eben nichts sagen, weil sie von keiner
albernen Begründung herrühren; aber weil sie eine Prellerei sind, so kann es
Mir nicht einerlei sein, ob solche dummen Wetterprophezeiungen dem Volke durch
die Kalender verkündet oder nicht verkündet werden, – durch welche Verkündigung
das Volk in seinem Glauben von Mir abgelenkt und zum dummen Kalenderglauben
hinübergeleitet wird. Denn da gibt es dann Menschen, die es dem Kalender so
fest glauben, daß, wenn derselbe ein Wetter anzeigt, selbes so sicher kommen
muß, daß sogar Ich dasselbe nicht abzuändern vermöchte. Was ist das für eine
Frucht?
[Er.01_068,11]
Wieder gibt es andere Menschen, die die Kalendermacher entweder für eine Art
Halbgötter oder für eine Art Zauberer oder wenigstens Schwarzkünstler halten,
die mit gewissen Beelzebübchen oder Hexelchen in einer löblichen Verbindung
stehen, die den Kalendermachern, wenn ihnen diese ihre Seele verschrieben
haben, das Wetter auf jeden Tag voraussagen.
[Er.01_068,12]
Das ist ja auch wieder eine herrliche Frucht, welche die Menschheit, statt
aufwärts zum Lichte, schnurgerade abwärts zur Finsternis treibt! Also sollen
die Kalendermacher in ihre Kalender das hineinsetzen, was sie mit ihrer
Wissenschaft und mit ihrem Gewissen verbürgen können; aber mit dergleichen
volksprellerischen Wetterindizien sollen sie fein daheim verbleiben! Und weil
sie schon in dieser Hinsicht so sehr an den alten Ägyptern, Griechen und Römern
hängen und ihnen ihre Zeichendeuterei als etwas historisch, altertümlich
Erhabenes vorkommt, da sollen sie sich auch den eben nicht schlechten römischen
Sittenspruch auf sich beziehend recht tief einprägen, welcher Spruch also
lautet: Quod licet Jovi, non licet bovi, d. h. auf gut deutsch übersetzt: Über
das Geschäft, das Sich Gott allein vorbehalten hat, soll sich der Ochs von
einem Menschen nicht hermachen, besonders so lange nicht, als er ein purer
fleischlicher Ochs ist und bleibt.
[Er.01_068,13]
Ich mache die Barometer zuschanden, die mit der atmosphärischen Luft näher
verbunden sind als der Geist eines Kalendermachers samt seinem Kalender; um
wieviel mehr wird dann erst der Kalendermacher samt seinem Kalender beschämt,
besonders wenn er so dumm ist, schöne Osterferien zu prophezeien, und Ich sie
dann weiß mache!
[Er.01_068,14]
Auf diese Witterungsvordeutung folgen dann noch eine Menge Narrheiten unter dem
Titel: „Gegenmittel für die Witterung, oder: Mittel durch die man Ungewitter,
die entweder in den Kalendern vorhergesagt sind oder auch schon wirklich
herannahen, vertreiben kann“. Zu diesen Wettervertreibungsmitteln gehören an
erster Stelle die sogenannten Wettermessen in der römischen Christenheit. Wenn
Landpfarrer recht viel Wettermessen bezahlt haben wollen, so dürfen sie sich
nur für den Fall mit einem Kalendermacher oder sonstigen Wetterpropheten ins
gütliche Einvernehmen setzen, damit dieser recht viel Blitz und Hagel
prophezeit; dann gibt es Wettermessen in Menge!
[Er.01_068,15]
Ein zweites Gegenmittel ist das sogenannte Feldersegnen, entweder von der
Ortsgeistlichkeit, die aber freilich nicht so kräftig ist, oder von einem
Bettelmönche, dessen Segen viel kräftiger sein soll.
[Er.01_068,16]
Ein drittes Gegenmittel, besonders gegen schon herannahende Ungewitter, ist
hauptsächlich das sogenannte Wetterläuten, das eben jetzt wieder sehr in
Schwung kommt, dann das Schießen mit geweihtem Pulver, dann das Räuchern mit
den sogenannten Palmweiden, das Brennen geweihter Kerzen, das Aushängen des
echten Tobiassegens, das Bespritzen der Felder mit Weihwasser und endlich,
nebst manchen noch gemeineren Torheiten, das Aufstellen von ungeheuer hohen,
rot angestrichenen Wetterkreuzen, an welchen die Wetterhexen anstoßen und dann
herabfallen sollen.
[Er.01_068,17]
Welch ein schauderhafter Unsinn! Aber alles das rührt hauptsächlich von den
Wetterpropheten her, die selbst für eine Art Hexenmeister gehalten werden,
durch welches Dafürhalten der gemeine Mensch ganz davon abkommt, Gott für den
Wettermacher zu halten und bei Ihm sich ein gutes Wetter zu erbitten; sondern
er hält nun das Wetter rein für ein Hexenwerk, dem er bloß mit antihexischen
Mitteln begegnen muß. Und da kommt es dann, daß ein Keil den andern treibt und
eine Dummheit die andere, – aber gewöhnlich unter dem Titel: Omne ad majorem
Dei gloriam! Für diese Ehre aber bedanke Ich Mich; sie mag einst den ehernen,
steinernen und hölzernen Göttern gemundet haben und mag noch jetzt den
hölzernen, bronzenen, hie und da auch steinernen und zumeist gemalten
Heiligenbildern munden, – Ich aber schaffe nichts von solcher Verherrlichung!
[Er.01_068,18]
Sehet, alles das gehört ebenfalls in das Reich der Visionen, aber wohl in das
schmutzigste, und hat ebensoviel Realität als die Taschenkünste eines
Eskamoteurs.
[Er.01_068,19]
Diese Art Visionistik hat aber das sehr bedeutend Schlimme, daß die in ihrem
Herzen noch bessere Menschlichkeit von dem Vertrauen auf Gott gänzlich
abgeleitet wird und all ihr Vertrauen am Ende auf die Kalender, auf die
Wettermessen, aufs Wetterläuten u. dgl. m. setzt; und das ist eine Wirkung der
Hölle, welche auf diesem Wege die Gemüter nicht nur einzelner Menschen, sondern
ganzer Völker in den schändlichsten Besitz nimmt und diese nicht selten zu den
schändlichsten Ausartungen gegen ihre armen, unschuldigen Brüder verleitet und
besonders in den früheren Zeiten verleitet hat.
[Er.01_068,20]
Und es ist nun eben wieder nahe daran, wenn es möglich wäre, ein Gleiches zu
tun. Denn Hexengeschosse gibt es schon wieder, welche von der Geistlichkeit
geduldet werden; aber Ich werde daran bald satt werden! Man soll wohl einem
Volke Licht, aber nicht Finsternis geben; man gibt ihm aber Finsternis! Nur zu!
Ich aber werde zu rechter Zeit den Völkern schon Selbst ein Licht anzünden, und
diese werden sich dann bei den Finsternisspendern gebührend zu bedanken wissen.
69. Kapitel
17. April 1847
[Er.01_069,01]
Eine noch andere Art von überaus läppischer Vision besteht darin, daß fast alle
Menschen, besonders aber in der römisch-katholischen Religion, an gewisse
Glücks- oder Unglückszeichen halten und glauben und man findet dergleichen
Narrheiten von den höchsten Zirkeln abwärts bis in des geringsten Keuschlers
Hütte.
[Er.01_069,02]
So ist ein solches Zeichen für Glück oder Unglück das erste Begegnen, so jemand
aus dem Hause geht. Begegnet dem Ausgehenden ein Mann, so ist dies ein gutes
Zeichen; begegnet dem Ausgehenden aber ein ganz unschuldiges weibliches
Individuum, so ist das ein ungünstiges Zeichen. Der Glaube daran ist bei
manchen so eingewurzelt, daß sie ein armes Weib, die das Unglück hat, solchen
Ausgehenden zuerst zu begegnen, zu verfluchen anfangen, – wennschon nicht so
laut, so doch im Herzen. Wie oft heißt es darin ganz deutlich: O du verfluchte
Alte, Luder, Bestie! – und dergleichen löbliche Ausdrücke mehr. Besonders die
Jäger, wenn sie auf die Jagd gehen, halten eine solche Begegnung für ein
allerschlechtestes Omen, und wenn sich derlei Jäger nicht vor dem weltlichen
Gerichte scheuten, da wäre solch ein unschuldiges weibliches Wesen sicher
dasjenige, das mit dem ersten Pulver und Blei des Jägers etwas zu tun bekäme!
Die Narrheit, die schon oft die schlimmsten Folgen hatte, ist eben auch ein
heidnisches Überbleibsel und wird geduldet; nur gar wenige, etwas bessere
sogenannte Seelsorger lassen manchmal, wenn sie besonders gut aufgelegt sind,
einige Wörtlein gegen sogestaltigen Unsinn von Ihren Kanzeln fallen, – was aber
bei weitem nicht genügt einen so alten Krebsschaden in der Wurzel zu vertilgen.
[Er.01_069,03]
Die Ursache aber liegt darin, daß derlei Narrheiten nicht in ihrem Grunde
eingesehen werden, wie sie da sind eine Krankheit der Seele, welche bewirkt
wird von dem argen Geschmeiß jener Geister, welche, dem Heidentume entstammend,
nicht völlig für die Hölle reif sind und daher noch den Freipaß auf der
Erdoberfläche zu dem Behufe genießen, zur rechten Erkenntnis zu gelangen und
bessere Wesen zu werden.
[Er.01_069,04]
Die Geister gesellen sich zu allerlei Menschen, kleben sich an ihr Fleisch und
wirken mit ihrem Heidentume in die Wurzeln der Seele, wo sie mit dem Leibe
zusammenhängt, wodurch dann die Seele zu derlei albernen Annahmen gelangt.
[Er.01_069,05]
Viele Menschen sehen es zwar recht gut ein, daß daran unmöglich etwas gelegen
sein kann; wenn ihnen aber ein Fall vorkommt, so glauben sie bei sich dennoch
daran oder geraten wenigstens in eine Art Verlegenheit, in der Meinung, daß
denn etwa doch etwas daran sein könnte.
[Er.01_069,06]
Bei einem ordentlichen Christen aber sollte so etwas wohl nie zu treffen sein,
weil es nie zu etwas Gutem, sondern nur zu etwas Schlechtem führen kann.
[Er.01_069,07]
Ein anderes solch prophetisches Zeichen besteht darin, daß einige meinen und manchmal
fest glauben, wenn da vor ihnen eine Katze, ein Hase, auch ein sonstiges ganz
unschuldiges Tier über den Weg geht, daß sie da in ihrer Unternehmung
unglücklich werden. Was sollen denn diese Tierchen für einen Einfluß haben auf
einen guten oder schlechten Erfolg dessen, was der Mensch unternehmen will? Das
ist ebenfalls gleichen heidnischen Ursprungs wie das frühere und hat den
gleichen Entstehungsgrund in der menschlichen Seele, daher es sorgfältigst zu
vermeiden ist.
[Er.01_069,08]
Eine andere derartige Torheit besteht darin, daß manche alberne Menschen aus
gewissen sogenannten Lesselungen ihre Zukunft erforschen wollen. Da wird Blei
ins Wasser gegossen, auch ein neugelegtes Ei ins Wasser geschlagen, dann durch
gewisse Wünschelruten ein verborgener Schatz gesucht, auch Gold in Gläser
gehängt, damit es entweder die Lebensjahre eines Menschen oder Ja und Nein
durch den Anschlag oder Nichtanschlag über eine gestellte Frage hervorbringe.
[Er.01_069,09]
Dergleichen die Zukunft enthüllen sollende Mittel sind eigentlich zu dumm, als
daß man darüber ein Wörtlein verlieren sollte.
[Er.01_069,10]
Welcher nur einigermaßen halbvernünftig Denkende wird seinem eigenen Geiste
eine solche Schmach antun wollen, ihm selbst gegenüber so ganz geheimnisvoll
dumm anzunehmen, daß ein totes Metall mehr Einsicht habe als er selbst!? Läßt
der Mensch doch eben nie zu gerne zu, daß sich an seiner Seite ein Gescheiterer
befindet, als er selbst ist, weil er dadurch in der Meinung ist, an seinem
Geiste eine Beeinträchtigung zu erleiden! Wenn aber ein totes Metall mehr
Einsicht haben soll als er, wie sieht es dann mit der Ehre seines Geistes aus!?
Wenn der Mensch, wie gesagt, als ein geistig lebendes Wesen aus der Zukunft
nicht herauskitzeln kann, wie sie sich gestalten wird, wie solle das dann erst
ein totes Metall zu bewerkstelligen imstande sein!?
[Er.01_069,11]
Lassen wir aber diese Sache ruhen; denn ihre Nichtigkeit ist zu einleuchtend!
Zum größten Glücke, daß diese Lesselungen mehr als Spielerei denn als eine
wirkliche Aberglaubenssache unter den Menschen gang und gäbe sind!
[Er.01_069,12]
Über eine viel schlimmere Art, die Zukunft zu enträtseln, ist das sogenannte
Kartenaufschlagen. Durch dieses böse Spiel sind schon viele Menschen zeitlich
und ewig unglücklich geworden. Daher soll jedermann eine solche
Kartenschlägerin fliehen wie die Pest; denn in der Wohnung einer solchen, die
das als Handwerk betreibt, wohnen ebensoviele Hauptteufel, als sie Karten
besitzt. Und wenn schon eine solche Kartendeuterin manchmal etwas errät, so geschieht
dies wirklich nur durch die Hilfe des Beelzebub. Daher, wie gesagt, und wie es
schon im alten Bunde gesagt wurde: Fliehet wie die Pest solche Prophetinnen,
sonst seid ihr Gefangene der Hölle!
[Er.01_069,13]
Nebst dieser kartenaufschlägerischen Art, die Zukunft zu enthüllen und sonstige
geheime Dinge aufzudecken, hat man in neuerer Zeit sogar zum Somnambulismus die
Zuflucht genommen.
[Er.01_069,14]
Bei dieser Behandlungsweise, wenn ein Magnetiseur der Somnambule helfen will,
soll er derselben nie eigenliebige Fragen setzen, sondern sich nur das
notieren, was die Somnambule freiwillig spricht; und soll sie nicht zum Reden
zwingen, was der Somnambule sehr nachteilig ist. Der Magnetiseur warte geduldig
ab, bis sich die Somnambule selbst im Kreise des Sprechens befinden wird; da
wird sie ohnedies reden, soviel es nötig sein wird, und eine Frage ist nur dann
anzubringen, so sich die Somnambule etwa zu undeutlich, manchmal auch zu
unvernehmlich über einen Gegenstand ausgesprochen hat. Überhaupt ist diese Heilart
der Händeauflegung nur von Gläubigen wieder an Gläubige zu überbringen; so aber
irgendein eingebildeter, dummer Geck von einem Arzte ohne Religion und ohne
Glauben bloß nur durch die künstliche Manipulation irgend ein schwaches
weibliches Wesen in den magnetischen Schlaf versetzt, um von ihr gewisse Dinge
zu erfahren oder an ihr gewisse wissenschaftliche Proben zu machen oder gar ums
Geld sie von anderen Menschen begaffen und befragen zu lassen, solch ein
Magnetiseur ist ein Teufel unter menschlicher Larve, und für die Somnambule
wäre es ebensogut, wenn nicht besser, so sie von einem wirklichen Teufel
besessen worden wäre, als daß sie sich von einem solchen gott-, religions-,
ehr- und gewissenlosen Magnetiseur hätte magnetisch behandeln lassen.
[Er.01_069,15]
Für dergleichen Menschen sollten, gleichwie für die ärgsten Straßenräuber und
Mordbrenner, die schwersten Kerker erbaut sein, denn das Scheußlichste aller
Scheußlichkeit und scheußlicher als aller Sklavenhandel ist, so ein Mensch sich
unterfängt, nicht nur allein den Leib seines Bruders oder seiner Schwester,
sondern auch dessen Seele und Geist um den schnöden irdischen Gewinn, zum Teile
an die Menschen, zum Teile an die Hölle zu veräußern.
[Er.01_069,16]
Dergleichen Frevel, wo sie gang und gäbe werden, sollen aber auch durch Meinen
Antrieb hier und dort die gerechteste Züchtigung finden!
[Er.01_069,17]
Ich zeige euch dieses darum an, damit ihr bei hie und da vorkommenden Fällen
wisset, wie ihr euch zu benehmen habt.
[Er.01_069,18]
Ich will jeden Magnetiseur segnen, der in Meinem Namen den Kranken die Hände
auflegt, um ihnen Heilung zu bringen; aber Ich will einen gleicherweise
verfluchen, der sich aus dem nur ein geckenhaftes Taschenspielerhandwerk, an
das er nicht den geringsten Glauben hat und haben kann, zu bereiten sucht, um
aus demselben einen schnöden Gewinn zu ziehen. Dergleichen Wundertäter und
Zukunftsenthüller sollen Mir für ewige Zeiten vom Halse bleiben!
[Er.01_069,19]
Überhaupt soll es sich ein jeder merken, und ihr selbst möget jedermann dahin
verweisen, ja nicht je sich beifallen zu lassen, durch was immer für ein
außerordentliches Mittel die Zukunft enthüllen zu wollen, solange der Mensch
für dieselbe noch nicht reif ist; denn es ist nicht nur allein im höchsten
Grade für jede Seele schädlich, sondern auch höchst unsinnig und dumm, da es
ewig nirgends eine bestimmte Zukunft gibt. Diese richtet sich ja allezeit nur
nach dem freien Willen der Menschen, die darum hier auf der Erde leben um ihren
freien Willen zu ordnen. Nach der Ordnung des freien Willens der Menschen auf
Erden wird ja erst die Zukunft bemessen! Wie kann dann ein Dummkopf, und das
ohne Glauben noch dazu, andere schwache Menschen glauben machen wollen, was da
geschehen wird!?
[Er.01_069,20]
Ich habe aber ohnehin jedem Menschen den freien Geist gegeben, um dessen
Wiedergeburt sich jeder bekümmern soll; wenn diese erfolgen wird, dann wird
auch für den Menschen die Zukunft enthüllt sein. Solange das aber nicht der
Fall ist, da hat es für den Menschen so ganz eigentlich auch noch keine
Zukunft! Wozu dann solch eine dumme Zukunftserforschung? – Suchet nur vor allem
das Reich Gottes; alles andere kommt schon von selbst hinzu!
70. Kapitel –
Reich Gottes und Wiedergeburt.
20. April 1847
[Er.01_070,01]
Es sind da freilich viele, die da sagen: „Das Suchen des Reiches Gottes wäre
schon recht, wenn es irgend leichter und effektvoller zu finden wäre, und wenn
irgendwo in einer Kirche oder sonstigen christlichen Gemeinde ein eigentlicher
rechter Weg zum Reiche Gottes anzutreffen wäre; aber so spricht Rom: ‚Ich bin
der alleinig rechte Weg!‘; desgleichen sagt auch eine jede andere Kirche von
sich. Wandelt man aber einen oder den andern Weg, der zum Reiche Gottes führen
soll, so findet man sicher alles andere, nur das verheißene Reich Gottes nicht,
wenigstens nicht also, wie es sich bei jedem äußern sollte, der es im Ernste
gefunden hätte!“ Ich aber sage dazu: Der also spricht, hat freilich eben wohl
gerade nicht unrecht; denn so jemand eine wenn auch noch so kostbare Sache gar
zu lange sucht und doch von ihr nichts findet, so gibt er mit der Zeit das
Suchen samt der kostbaren Sache auf. Wer aber ist daran schuld? Der Suchende
selbst, wenn er das Reich Gottes nicht da sucht, wo es zu finden ist und nicht
in dem, worin es zu finden ist.
[Er.01_070,02]
Freilich ist Rom durchaus nicht der Weg dazu, London und Berlin nicht, und
Petersburg auch nicht; denn es steht ja doch wohl deutlich genug geschrieben,
daß das Reich Gottes nicht irgend mit äußerem Schaugepränge zum Menschen kommt,
sondern es ist inwendig im Menschen. Sein Grundstein ist Christus, der einige
und alleinige Gott und Herr des Himmels und der Erde, zeitlich und ewig im
Raume wie in der Unendlichkeit.
[Er.01_070,03]
An Den muß das Herz glauben, Ihn lieben über alles und den Nächsten wie sich
selbst.
[Er.01_070,04]
Hat der Mensch diese ganz einfache Forderung in seinem Herzen vollends erfüllt,
so ist das Reich Gottes schon gefunden. Um das Übrige und das Weitere hat sich
der Mensch dann nicht mehr zu bekümmern; das wird jedem hinzugegeben, wenn er
irgend etwas benötigt.
[Er.01_070,05]
Wer Weisheit benötigt, dem wird sie gegeben, wann und wo immer er derselben
bedarf. Benötigt jemand irgend gewisser äußerer Hilfsmittel zur Fristung seines
irdischen Lebens, so werden sie ihm in gerechter Zeit und im gerechten Maße
zugewiesen werden. Benötigt jemand bei einer besonderen Gelegenheit einer
besonderen Kraft, so soll sie ihm zuteil werden, wann er ihrer am meisten
benötigt. Bedarf jemand eines Rates oder eines Trostes, – sie sollen ihm zuteil
werden, wann immer er ihrer bedarf.
[Er.01_070,06]
Würde jemand bei einer besonderen Gelegenheit einer fremden Zunge bedürfen, –
auch damit solle ihm gedient sein; und will er Kranken helfen, so braucht er
nichts als Meinen Namen und seine Hände.
[Er.01_070,07]
Diese Vorteile aber – das versteht sich von selbst – kann kein Mensch, solange
er im Fleische wandelt, und wenn er schon hundertmal wiedergeboren wäre,
vollkommen eigenmächtig in seiner Hand haben, sondern nur dann, wenn er des
einen oder des andern wirklich im Ernste benötigt.
[Er.01_070,08]
Das wird wohl jedermann einsehen, daß Ich niemanden gewisserart zum Spaßmachen
Meine Gnade erteilen werde; denn der Wiedergeborene, und wenn er das Reich
schon zehnmal gefunden hätte, muß so gut wie jeder andere zu Mir kommen, wenn
er irgend etwas haben will, so wie auch Ich Selbst, als Ich im Fleische auf der
Erde wandelte, nicht tun konnte und durfte, was Ich wollte, sondern was Der
wollte, der Mich gesandt hat. Dieser war zwar in Mir, wie Ich in Ihm; aber er
war der Geist Gottes als Vater von Ewigkeit, Ich aber war und bin dessen Seele.
Diese besitzt zwar ihre eigene Erkenntnis und Fähigkeit, als die höchste Seele
und die vollendetste Seele aller Seelen; aber dennoch durfte diese Seele nicht
tun, was sie wollte, sondern nur, was Der wollte, von dem sie ausgegangen ist.
Wollte die Seele auch den letzten bittern Kelch zur Seite schieben, so wollte
aber solches dennoch nicht Der, der in Mir war; darum tat demnach Meine Seele
auch das, was Der wollte, der in Mir war.
[Er.01_070,09]
Darum aber müsset auch ihr euch unter einem wiedergeborenen Menschen nicht
irgendeinen permanenten Wundertäter in allen Dingen vorstellen und auch nicht
einen solchen, der ob der Innehabung des Reiches Gottes mit irgendeinem
erlogenen, nie dagewesenen, sogenannten Heiligenscheine weder um den Kopf, noch
weniger um den Bauch umflossen wäre, wie ihr eure Heiligen malt.
[Er.01_070,10]
Auch sind nach dem Tode des Leibes eines Wiedergeborenen keine, besonders in
der römischen Heiligenlegende gepriesenen Wunderzeichen der Heiligkeit zu
entdecken, also kein alle Jahre wenigstens einmal aufsprudelndes Blut des hl.
Januarius, keine frische Zunge Petri, Antonii und Nepomuceni, auch keine
wundertätigen Ketten, Kleider und Sandalen, noch weniger irgendeine seligmachende
Kapuziner-, Franziskaner-, Minoriten-, Serviten- und dergleichen Kutte; ebenso
auch keine mumienartige Unverweslichkeit des abgelegten Leibes. Das alles ist
an den Wiedergeborenen nicht zu entdecken, und wenn es zu entdecken wäre, so
frage sich nur jeder Verständige selbst, wozu diese Sache gut wäre! Was würde
der selige Geist eines Wiedergeborenen wohl dadurch gewinnen, so ihm auf der
Erde solche wunderbaren, aber dabei dennoch nichtssagenden Auszeichnungen
zuteil würden, die fürs erste ihm nichts nützen, seinen noch lebenden Brüdern
aber recht viel schaden könnten? Also von allem dem tragen die Finder des
Reiches Gottes nichts an sich, sondern, wie vorhin gezeigt, Meine alleinige
Gnade nur dann ersichtlich, wenn sie ihrer benötigen.
[Er.01_070,11]
Auch müßt ihr euch die wiedergeborenen Auffinder Meines Reiches nicht als eine
Art Karthäuser oder Trappisten vorstellen, die in allem und jedem für die Welt
vollkommen gestorben wären, sich mit nichts mehr beschäftigen als mit
Rosenkranz, Messe und Litanei, mit lächerlichem Fasten, mit Verachtung des
weiblichen Geschlechtes, strengster Verfluchung der Sünder und als Zeitvertreib
mit der Betrachtung ihres Grabes und Sarges.
[Er.01_070,12]
Oh, das sind keine Zeichen der Wiedergeburt, sondern im Gegenteil Zeichen der
Ausgeburt aller Finsternis in ihnen! Das Licht der Wiedergeborenen kennt keine
Nachtseiten des Lebens; denn in ihnen ist überall Tageshelle.
[Er.01_070,13]
Grab und Sarg sind nicht Embleme eines Wiedergeborenen, der das Reich Gottes
gefunden hat; denn dort gibt es weder Gräber noch Särge, weil es keine Toten
gibt, sondern dort gibt es nur eine ewige Auferstehung und ein ewiges Leben,
und dazu werden weder Grab noch Sarg erforderlich sein. Denn der Wiedergeborene
lebt schon fortwährend in seinem Geiste und betrachtet den Abfall seines Leibes
ebensowenig mehr für einen Tod, als irgendein Mensch das für einen Tod halten
kann, wenn er abends seinen Rock auszieht oder, noch besser, als wie ein
Lastträger, den seine Last sehr drückt, bis er am Ziele endlich diese Last
einmal ablegt.
[Er.01_070,14]
Aus diesem Grunde gibt es für einen Wiedergeborenen dann keinen Tod mehr. Dies
ist zwar ein herrliches Zeichen der Wiedergeburt, ist aber nur innerlich im
Menschen und wird nicht äußerlich wie ein moderner Pariser Rock öffentlich zur
Schau getragen; auch wird dieses herrliche Zeichen nicht wie ein sogenannter
Leibrock zu Trier ausgehängt, sondern, wie gesagt, dies Zeichen ist inwendig.
[Er.01_070,15]
Desgleichen sind auch die übrigen Zeichen der Wiedergeburt bloß nur inwendig im
Menschen und werden äußerlich nur dann ersichtlich, wenn es vonnöten ist.
[Er.01_070,16]
Wer die Gabe der Weissagung hat, hat sie nur dann, wenn er sie braucht, und
wenn er allezeit Mich zuvor darum bittet; denn niemand kann weissagen – denn
Ich allein.
[Er.01_070,17]
Wenn Ich dann die Worte dem Wiedergeborenen ins Herz und auf die Zunge lege, so
wird er weissagen; sonst aber wird er reden wie jeder andere Mensch.
Desgleichen verhält es sich auch mit den übrigen Gaben, wie schon früher
bemerkt.
[Er.01_070,18]
Aus dem allem geht aber auch hervor, daß das Reich Gottes eben nicht so schwer
zu finden und zur Wiedergeburt auch eben nicht so schwer zu gelangen ist, als
so mancher glaubt oder wenigstens der Meinung ist.
[Er.01_070,19]
Menschen mit dem sogenannten zweiten Gesichte sind nicht als Wiedergeborene zu
betrachten bloß wegen ihres zweiten Gesichtes, das nur eine Folge ihres
Nervensystems ist, durch das die Seele leicht – vermittelst des Nervengeistes –
Anschauungen aus ihrem Seelenreiche in den Leibesorganismus überträgt, weil
eben dergleichen leicht erregbare Nerven in dieser Sache nicht hinderlich
wirken. Starke Nerven können das freilich nicht, daher auch starknervige Menschen
selten oder gar nie das sogenannte zweite Gesicht haben.
[Er.01_070,20]
Das zweite Gesicht ist daher bei einem Menschen, der es besitzt, weder als
etwas Gutes, noch als etwas Schlechtes zu betrachten, sondern es ist eine Art
Krankheit des Leibes, zu welcher die Menschen meistens durch allerlei widrige
Ereignisse im Verlaufe ihres irdischen Lebens gelangen. Große Traurigkeit,
lange anhaltende Angst, große Schrecken u. dgl. m. sind gewöhnlich die Ursachen
davon, manchmal aber auch künstliche Mittel als: Magnetismus, Berauschung und
dann und wann Betäubung durch eigene narkotische Kräuter. Kurz und gut:
dergleichen Zeichen sind durchaus nicht als Zeichen der Wiedergeburt zu
betrachten, was schon aus dem zu entnehmen ist, daß dergleichen Visionäre ihre
geschauten Bilder wohl ungefähr also erzählend darstellen, wie sie ihnen zu
Gesichte kamen; aber es liegt in all ihren Erzählungen nirgends ein Grund
vorhanden, auf den sie gebaut wären, und dann entbehren dergleichen
Erzählungen, wenn sie auch noch so seltsam klingen, allen Zusammenhang und
liegen untereinander wie Blätter in einem Walde, wenn sie den Bäumen entfallen
sind.
[Er.01_070,21]
Der Grund aber liegt darin: Weil bei dergleichen Individuen ihr Geist und ihre
Seele noch nicht miteinander verbunden sind, so liegt auch in ihren
Anschauungen kein Grund und keine Verbindung als anschaulich und
wohlbegreiflich vor jedermanns Augen, während aus dem Munde eines
Wiedergeborenen, wenn auch zum Teile nur erst, jede Darstellung geistiger Dinge
den rechten Grund und den vollsten Zusammenhang bekundet.
[Er.01_070,22]
Das ist demnach auch ein Zeichen der eigentlichen Wiedergeburt und ein sehr
bedeutender Unterschied zwischen einem bloßen Visionär. Daher muß man aber auch
als Folge der Wiedergeburt nicht irgend läppische Wunderdinge erwarten, sondern
ganz natürliche Früchte eines gesunden Geistes und einer durch ihn gesund
gewordenen Seele; alles andere gehört ins Narrenhaus.
[Er.01_070,23]
Der Wiedergeborene weiß es, daß man mit den Gaben des hl. Geistes keinen
Taschenspieler machen darf; daher wendet er dieselben nur dann an – und
gewöhnlich im geheimen nur –, wenn sie vonnöten sind.
[Er.01_070,24]
Wer aber die Wiedergeburt erreichen möchte wegen wie immer gearteter
kenntlicher Wundereigenschaften, der darf versichert sein, daß ihm diesseits
solche Gnade nicht zuteil wird; denn das hieße buchstäblich die alleredelsten
Perlen den Schweinen zum Futter vorwerfen.
[Er.01_070,25]
Liebe zu Mir, große Herzensgüte, Liebe zu allen Menschen, das ist in einem
Bündel beisammen das richtige Zeichen der Wiedergeburt; wo aber dieses fehlt,
und wo die Demut noch nicht für jeden Stoß stark genug ist, da nützen weder
Heiligenschein, noch Kutte, noch Geistervisionen etwas, und alle dergleichen
Menschen sind dem Reiche Gottes oft ferner als manche andere mit einem sehr
weltlich aussehenden Gesichte; denn, wie gesagt, das Reich Gottes kommt nie mit
äußerem Schaugepränge, sondern lediglich inwendig, in aller Stille und
Unbeachtetheit, in des Menschen Herz.
[Er.01_070,26]
Dies prägt euch so tief als ihr nur immer könnt in euer Gemüt, so werdet ihr
das Reich Gottes viel leichter finden als ihr es meinet. Aber wenn ihr unter
dem „Reiche Gottes“ euch allerlei lächerliche Wunderdummheiten vorstellt,
dieselben erwartet – und sie doch nicht kommen, so müßt ihr es euch selbst
zuschreiben, wenn bei einem oder dem andern aus euch das Reich Gottes verzieht.
Denn in dergleichen Albernheiten ist das Reich Gottes ja doch nie verheißen
worden; in dem es aber verheißen ist, in dem läßt es sich auch leicht finden. Aber
es gibt da viele, die sich beim Suchen des Reiches Gottes geradeso verhalten
wie manche Zerstreute, die ihren Hut suchen, während sie ihn schon auf dem
Kopfe haben.
[Er.01_070,27]
Dergleichen Visionen, die ein Wiedergeborener hat, sind allein gerecht; alle
anderen aber können erst dann zur Gerechtigkeit gelangen, wenn sie von einem
wiedergeborenen Geiste erleuchtet werden. Darauf ist zu gehen und zu halten;
aber auf alle anderen Visionen, Träume und andere Wahrsagungsmittel ist nichts
zu halten, weil sie lediglich von dem argen Gesindel herrühren, was bei
zahllosen Gelegenheiten das menschliche Fleisch bekriecht und durch dasselbe
die leichtgläubige Seele mit allerlei Schmutz und Unflat bekleistert.
[Er.01_070,28]
Wie aber jedermann auf dergleichen Torheiten nichts halten soll, so soll er
aber doch alles halten auf das Wort eines wahrhaft Wiedergeborenen, weil dieser
nichts gibt, als was er empfängt, – der andere aber nur gibt, was er selbst zu
schaffen wähnt.
[Er.01_070,29]
Wer da großartig sagt: „Ich sage es, und dies ist mein Werk!“, dem glaubet es
nicht; und so jemand spricht, als spräche er im Namen des Herrn, tut es aber
eigentlich doch nur seiner Ehre und seines Vorteiles wegen, dem glaubet auch
nicht!
[Er.01_070,30]
Wer aber da spricht ohne Eigennutz und ohne eigene Ehrsucht: „Der Herr spricht
es!“, dem glaubet es, – besonders wenn dabei nicht auf das Ansehen der Person
geachtet wird; denn der Wiedergeborene kennt nur das Ansehen des Herrn; alle
Menschen aber sind seine Brüder!
71. Kapitel –
Echte und falsche Propheten.
22. April 1847
[Er.01_071,01]
Es könnte hier wieder jemand fragen und sagen: „Also kann man einem
Wiedergeborenen doch allezeit den vollsten Glauben schenken, so er zukünftige
Dinge voraussagt!? Oder soll man auch solche Voraussage in einen kleinen
Zweifel ziehen? Darauf sage Ich: Wenn der Wiedergeborene spricht: „Das tuet“,
so tuet es. Wenn er aber spricht: „Dies oder jenes wird geschehen!“ und hat
kein Wenn dazu gesetzt, so glaubt es ihm nicht; denn da ist er schon kein
rechter Wiedergeborener. Denn alles, was da geschieht und geschehen soll,
geschieht bedingungsweise, daher auch hinsichtlich des Geschehens nirgends eine
feste, unabänderliche Voraussage geschehen kann; würde nämlich etwas bestimmt
vorausgesagt werden, was da geschehen müßte, da wäre die Welt im tiefsten
Gerichte, und alle Freiheit wäre verloren. Dies weiß ein echter Wiedergeborener
sehr wohl und müßte daher wider seine reinste Erkenntnis prophezeien, also
offenbar lügen, so er etwas bestimmt voraussagen möchte, was da geschehen wird.
[Er.01_071,02]
Ich Selbst war doch sicher der erste Prophet in der Welt; wer aber kann Mir
nachweisen, daß Ich, außer Meiner Auferstehung, etwas ganz bestimmt
vorausgesagt habe? Ich sagte wohl, daß Ich sterben und am dritten Tage wieder auferstehen
werde; aber Zeit und Stunde weder des Sterbens noch des Auferstehens ist
niemandem vorhergesagt worden.
[Er.01_071,03]
So habe Ich auch Meine Wiederdarniederkunft vorhergesagt, aber – wohlgemerkt –
mit dem Beisatze: „Zeit und Stunde ist niemandem bekannt außer nur Mir allein
und dem auch, dem Ich es offenbaren will!“ Ich habe es aber auch schon
geoffenbart, aber nicht bezüglich auf Zeit und Stunde, sondern nur bezüglich
der Zeichen, an denen man Meine Wiederkunft erkennen sollte.
[Er.01_071,04] Also
haben auch alle Propheten geweissagt; aber alles, was sie geweissagt haben, war
bedingungsweise, damit durch eine solche Weissagung ja niemand gerichtet werden
sollte, sondern die Freiheit habe, das Angebotene zu tun, um dem angedrohten
Gerichte zu entgehen, oder das Angebotene zu unterlassen, um gerichtet zu
werden.
[Er.01_071,05]
Jeremias prophezeite jahrelang und harrte selbst, manchmal bitter klagend, auf
den Erfolg der Prophezeiung; denn was er auf morgen prophezeite, geschah erst
nach Jahren; ja bei 23 Jahre mußte er warten, bis seine Prophezeiung
hinsichtlich der 70jährigen babylonischen Gefangenschaft an dem jüdischen Volke
in volle Erfüllung ging.
[Er.01_071,06]
Jonas harrte gar vergeblich auf den Untergang von Ninive, so daß er am Ende
ganz ärgerlich Mir Meiner Güte wegen Vorwürfe machte. Die Ursache alles dessen
aber liegt, wie schon vorhin einmal bemerkt wurde, lediglich in dem Benehmen
der Menschen; denn so ihnen ein Gericht angedroht wird, sie aber sich ändern –
wenn auch nicht alle, so doch wenigstens einige –, so wird das Gericht
aufgehoben.
[Er.01_071,07]
Wenn unter hunderttausend Menschen nur zehn gerecht werden, so will Ich dieser
zehn wegen auch die hunderttausend mit dem Gerichte verschonen. Und wenn unter
einer Million hundert Gerechte sind, so will Ich ihretwegen eine ganze Million
mit dem angedrohten Gerichte verschonen.
[Er.01_071,08]
Wenn natürlich die Zahl der Gerechten dabei noch höher steht, so wird das
Gericht um desto sicherer aufgehoben, und statt eines allgemeinen Gerichtes
wird nur ein spezielles die Hartnäckigsten treffen. Wenn aber weniger Gerechte
da sind, dann freilich wird nach einigen noch nachträglichen Ermahnungen das
angedrohte Gericht nicht aufgehalten werden.
[Er.01_071,09]
Nach diesem wohl auseinandergesetzten Sinne kann und darf dann auch nur einzig
und allein ein Wiedergeborener zukünftige Ereignisse vorhersagen. Haben die
Prophezeiungen nicht dieses Gesicht, so sind sie falsch, und der Prophet war
weder ein Wiedergeborener noch ein Berufener, sondern er tat es aus seiner
eigenen Macht, wofür er auch seinen Lohn finden wird. Und wenn er auch dereinst
zu Mir sagen wird – wie es dergleichen jetzt gar überaus viele gibt –: „Herr,
das habe ich ja alles in Deinem Namen und alles zu Deiner größeren Ehre
getan!“, so werde Ich ihm aber dennoch entgegnen: „Hinweg mit dir; denn Ich
habe dich nie gekannt!“, d. h. als Propheten und als solchen, den Ich berufen
hätte, in Meinem Namen zu weissagen; denn ein Prophet, der ums Geld prophezeit,
ist gleich wie einer, der Gott ums Geld dient und Ihn ums Geld anbetet. Solche
haben ihren Lohn schon genommen. Daher habe Ich mit ihnen nichts Weiteres mehr
zu tun; denn sie waren allezeit falsche Propheten, nur Augendiener und Diener
des Mammons und des Beelzebub.
[Er.01_071,10]
Ihr sehet aber, daß aus dem klar hervorgeht, daß sich jedermann mit dem
Prophezeien wohl gar sehr in acht nehmen sollte, der Wiedergeborene und der
Berufene so gut wie der Nichtwiedergeborene und Nichtberufene; denn der
Prophezeiung wegen lasse Ich wohl niemanden die Wiedergeburt erreichen, sondern
allein des ewigen Lebens wegen.
[Er.01_071,11]
So Ich aber jemanden berufe zu prophezeien, der sei ja nicht so keck und setze
eigenmächtig etwas hinzu oder nehme eigenmächtig etwas hinweg; denn so er das
täte, so würde es ihm einst gar übel bekommen! Daher ist es durchaus kein
leichtes Geschäft, ein Prophet zu sein, und ein gar sehr nutzloser und
schädlicher Mensch ist derjenige, der aus eigener Macht prophezeit oder sich
wohl gar dabei ein göttliches Richteramt anmaßt.
[Er.01_071,12]
Wer das tut, der ist ein eitler Täter des Übels und wird in eben dasselbe
Gericht kommen, in welchem er seine Brüder gerichtet hat. Wer da verdammt, der
wird verdammt werden, und wer da verflucht, der wird verflucht werden. Wer mit
der Hölle richtet, der wird sein Gericht in der Hölle finden. Wer mit dem Tode
richtet, der wird den Tod finden; wer mit dem Schwerte, der wird mit dem
Schwerte gerichtet, und wer mit der Finsternis richtet, der wird in die
äußerste Finsternis hinausgestoßen werden, da wird sein Heulen und
Zähneknirschen; – wer aber nicht gerichtet sein will, der richte auch nicht.
[Er.01_071,13]
So aber jemand sagen möchte, er habe Macht von Mir, zu richten, dem sage Ich,
daß er ein Lügner ist in Ewigkeit; denn Ich habe Meinen wiedergeborenen
Aposteln und Jüngern nur eine Macht der höchsten Nächstenliebe gegeben, die Ich
der Liebe zu Mir gleichgestellt habe. Und dieser höchste Grad der Nächstenliebe
ist Mein Geist in dem Herzen jedes Wiedergeborenen, wie auch im Herzen
derjenigen, die an Mich glauben, Mich lieben und ihre Brüder Meinetwegen. Kraft
dieser Liebe, die da ist Mein Geist im Menschen, hat jedermann das
pflichtschuldigste Recht, seinen Feinden, sooft er will von ganzem Herzen zu
verzeihen; und sooft ein Mensch seinem Feinde verziehen hat durch Meinen Geist
in ihm, sooft soll es auch in allen Himmeln demselben Sünder verziehen sein.
[Er.01_071,14]
Wenn es aber einen bösen Feind gibt, an dem alle Verzeihung fruchtlos ist, da
solle der Mensch sagen: „Der Herr vergelte es dir nach deinen Werken!“, – und
darin besteht die Vorenthaltung der Sünde.
[Er.01_071,15]
Ich frage: „Ist diese Vollmacht wohl ein erteiltes Richteramt?“ – O nein, das
ist nur eine Vollmacht der höchsten Nächstenliebe oder einer Liebe, die Meiner
göttlichen gleichkommt, – aber ewig nie ein Richteramt, welches Ich Selbst von
Mir hintangeschoben habe und habe es darum um so weniger einem Menschen
erteilt.
[Er.01_071,16]
Ich habe aber diese höchste Liebesvollmacht eben aus Meiner höchsten Liebe darum
den Menschen gegeben, damit die Menschen untereinander selbst sich desto
leichter wahrhafte Brüder in Meinem Namen werden könnten; denn bei den Juden
konnte niemand, außer allein der Hohepriester, eine Sünde, die ein Mensch an
dem andern beging, wieder sühnen, und das nur zu gewissen Zeiten und durch
bestimmte Opfer. Zwei Menschen, die gegeneinander gesündigt hatten, blieben so
lange Feinde, bis sie der Priester und das Opfer versöhnt hatten.
[Er.01_071,17]
Wie mißlich war dieser Umstand – der freilich mehr eine falsche Auffassung des
Gesetzes, als das Gesetz selbst war – für solche Menschen, welche nicht selten
viele Tagereisen von Jerusalem entfernt lebten! Um diesem alten Mißbrauche des
Gesetzes kräftigst zu begegnen und den Menschen ihre Bürde möglichst zu
erleichtern, habe Ich demnach jedem Menschen die höchste göttliche Liebesmacht
damit gegeben, daß jeder seinem Beleidiger von ganzem Herzen verzeihen kann,
und daß diese Verzeihung auch für alle Himmel gültig ist.
[Er.01_071,18]
Wer wohl kann daraus eine Vollmachtserteilung herausbringen, die sich ein
Richteramt aneignet? Oder wenn Ich so etwas getan hätte, hätte Ich da nicht Mir
Selbst widersprochen, so Ich auf der einen Seite alles Richten verdammte, auf
der andern Seite aber es dennoch als unerläßliche Bedingung zur Seligwerdung
anbefohlen hätte?! So etwas ließe sich wohl kaum von einem blöden Menschen
erwarten, geschweige erst von der allerhöchsten Weisheit Gottes.
[Er.01_071,19]
So Ich sage: „Nehmet hin den heiligen Geist!“, so hieß das soviel und heißt es
noch: „Nehmet hin die höchste Kraft Meiner göttlichen Liebe! Was ihr löset auf
Erden, das soll gelöset sein, und es bedarf da weiter keines Opfers und
Hohenpriesters mehr; und was ihr bindet an euer Herz, und was ihr bindet in der
Welt, das soll auch im Himmel gebunden sein!“
[Er.01_071,20]
Hier ist unter „Lösen“ und „Binden“ nicht einmal die Vergebung und Vorbehaltung
einer Sünde zu verstehen, sondern das Lösen ist ein Freimachen und das Binden
ein Annehmen.
[Er.01_071,21]
Wenn z.B. jemand mir etwas schuldet als ein Mensch einem Menschen, so kann der
Mensch den Menschen von der Schuld frei machen. Oder so da wäre irgendein
Heide, so kann ein Christ ihn, wenn er Christum bekennt, vollkommen frei machen
und kann ihn alsogleich in die Gemeinde aufnehmen oder ihn binden im Herzen mit
der Allkraft der göttlichen Liebe. Das zu tun hat jeder rechtgläubige Christ,
der an Mich glaubt, Mich liebt und in Meinem Namen getauft ist, vollgewichtig
das Recht, ohne darob sich an den Hohenpriester zu wenden, dem allein es früher
zukam, fremde, heidnische Menschen in das Judentum aufzunehmen durch die
Beschneidung.
[Er.01_071,22]
Solche Vollmacht geschah darum – wie schon oben gezeigt –, daß dem Menschen das
Leben soviel als möglich erleichtert würde und er sich allenthalben sein
Gewissen reinigen und ein wohlgemütliches Leben führen könnte.
[Er.01_071,23]
Wer aber kann da ein noch lästigeres Richteramt herausleiten, als es das
frühere jüdische war? Wo solches besteht, besteht es wider alle Meine
Anordnung, und wer daran teilnimmt, der richtet sich selbst, so er meint,
dadurch seiner Sünden ledig zu werden, wenn er sich freiwillig hat richten
lassen. Eine solche Richteranstalt wird für ihn zu einer wahren
Sündensparkasse; denn wie kann ein Dritter jemandem eine Schuld erlassen, die
ein Zweiter an den Ersten schuldet? Der Erste kann wohl die Schuld dem Zweiten
nachlassen, aber der Dritte in Ewigkeit nie. Ein Dritter aber kann, wenn ein
Erster und Zweiter oder der Gläubiger und der Schuldner dumme Menschen sind,
wohl einen Rechtsfreund machen und kann sie ausgleichen durch guten Rat und
durch gute Tat; aber von Sündenvergeben kann da nie eine Rede sein, – außer der
Gläubiger hätte ihn aus dem Grunde seines Herzens dazu bevollmächtigt.
[Er.01_071,24]
Wenn aber Jakobus aus Meinem Geiste ein Sich-gegenseitiges-Sündenbekennen
anempfiehlt, so ist darunter noch lange keine Beichte zu verstehen, sondern nur
eine gegenseitige vertrauliche Mitteilung eigener Gebrechen und Schwächen, um
dafür von dem stärkeren Freunde und Bruder ein recht stärkendes Gegenmittel im
Geiste und in der Wahrheit zu bekommen. Sehet, dazu braucht jemand weder
priesterliche noch exorzistische Weihen, und das Apostelamt selbst ist nur ein
brüderliches Lehramt, aber kein hebräischer und heidnischer Gold-, Silber- und
Edelgesteinpomp.
[Er.01_071,25]
Daß die Lehrer der Gemeinde sich im höchsten und reichsten Pompe zeigen
sollten, hat Jakobus sicher nicht gemeint, da er den Gemeinden ein
gegenseitiges Gebrechen- und Schwächenbekenntnis anriet; er wollte damit nebst
dem ärztlichen Zwecke auch den der gegenseitigen Demütigung erreicht haben, daß
sich nicht ein Bruder vor dem anderen wie der Pharisäer im Tempel hervortun,
sondern dem demütigen Zöllner gleich sein sollte.
[Er.01_071,26]
Da ist also von keiner Beichte, wie schon oben bemerkt, die Rede; wohl aber ist
es nicht nur den Aposteln, sondern jedermann anbefohlen, wenn es nötig ist,
einen ungerechten Haushalter zu machen, welcher nebst anderem sich
hauptsächlich darin kundtun solle: So da irgend sehr schwachsinnige Menschen an
ihren Brüdern gesündigt haben, diese aber gestorben wären, entweder leiblich
oder geistig – bei welchem Umstande an eine Schuldnachlassung gegen ihre
schwachsinnigen Beleidiger nicht mehr zu denken ist –, da wohl kann ein Dritter
zu den Schwachen treten und ihre vermeintliche große Schuld ganz klein
schreiben. Der wird an ihnen ein Werk der wahren christlichen Barmherzigkeit
ausüben, besonders wenn er sie zu Mir wendet; in jedem anderen Falle aber soll
sich ein Dritter nicht als Schuldnachlasser zwischen zwei Brüder mengen. Wenn
er das tut, so soll alle Sünde der zwei auf ihn gelegt sein, weil er sie
richten, aber nicht bessern wollte.
[Er.01_071,27]
Dies ist ganz gründlich das leichte Verständnis davon, was es mit der
anbefohlenen Sündenvergebung für eine Bewandtnis hat. – Nächstens noch etwas
darüber und mehreres vom falschen Prophetentume.
72. Kapitel –
Sündenvergebung und Bilderdienst.
24. April 1847
[Er.01_072,01]
Es sind einige von den sogenannten modernen Philosophen, die Mich auch freilich
nicht für mehr als nur für einen Philosophen ansehen; diese behaupten, daß ein
jeder Mensch nach dem christlichen Sinne das Recht habe, Sünden zu erlassen,
indem Ich, als der Stifter dieser Lehre, auch Sünden nachgelassen habe – und
nota bene solchen Menschen, die Mich zuvor doch sicher nie beleidigt hätten.
[Er.01_072,02]
Ich aber sage dazu und sage solchen Philosophen ungefähr das, was Ich zu jenen
Juden gesagt habe, die die Ehebrecherin vor Mich gestellt haben:
[Er.01_072,03]
„Wer aus euch ohne Sünde ist, der mag desgleichen wohl tun, und es soll seine
Handlung in allen Himmeln genehmigt sein.“
[Er.01_072,04]
Ich konnte wohl als Mensch jedermann Sünden nachlassen, weil Ich völlig ohne
Sünde war; wer aber nicht ohne Sünde ist und, wenn auch sonst keine, so doch
die fleischliche Zeugungssünde in sich als erblich wohnend hat, der kann
desgleichen nicht tun.
[Er.01_072,05]
Denn ohne Sünde sein heißt: sich im höchsten Grade der Demut und der Liebe
befinden. Das Gesetz Gottes muß die eigene Natur eines solchen Menschen sein.
Sein Fleisch muß von Kindheit an in allen seinen Begehrungen bis auf den
tiefsten Grad verleugnet sein, auf daß Gottes Kraft vollends in demselben
wohnen kann; dann könnte solch ein Mensch wohl auch zu diesem oder jenem sagen:
„Deine Sünden sind dir vergeben!“, und sie werden ihm vergeben sein; aber da
vergibt nicht der Mensch die Sünden, sondern allein die göttliche Kraft, der es
allein möglich ist, die Herzen derjenigen, die gegeneinander gesündigt haben
und in Feindschaft geraten sind, auszusöhnen und auszugleichen, d. h. die
Herzen mit ihrem göttlichen Feuer zu durchglühen und zu durchleuchten und
dadurch zu ersticken allen Zorn, allen Hochmut und allen Neid. Daß aber solches
nur Gottes und keines Menschen Kraft vermag, das versteht sich von selbst;
daher ein Mensch auch nur zu Gott sagen kann:
[Er.01_072,06]
„Herr, vergib mir meine Sünde, die ich an vielen meiner Brüder begangen habe,
welche Brüder ich nun nicht mehr um die Vergebung der an ihnen begangenen
Sünden angehen kann; Deiner Kraft, o Herr, aber ist es für allezeit, wie für
ewig, vorbehalten, dasjenige in aller Wirklichkeit zu bewerkstelligen, was ich
wohl selbst bewerkstelligen möchte, so ich es nunmehr könnte!“
[Er.01_072,07]
Sehet, auf diese Art kann also nur allein die Kraft Gottes Sünden nachlassen,
welche sich Menschen gegenseitig nimmer vergeben können, entweder zufolge
solcher örtlicher Entfernungen, vermöge welcher zwei Menschen, die sich einmal
beleidigt haben, auf dieser Welt schwerlich mehr zusammenkommen können – außer
auf dem Wege toter Briefe –, oder aber auch, so ein oder der andere Teil
gestorben ist und somit der Leibestod eine undurchdringliche Wand zwischen zwei
Menschen gezogen hat, die gegeneinander gesündigt haben. In solchen Fällen kann
sonach im eigentlichsten Sinne nur Gott die Sünden vergeben, obschon daneben
sich ein sogenannter schlechter Haushalter an den Sündern solcher Art ein
Verdienst in Meinem Namen sammeln kann. Was ein schlechter oder ungerechter
Haushalter ist, wisset ihr schon. Er hat zwar kein Recht, die Schuld
nachzulassen, weil er selbst ein großer Schuldner ist, – da er aber dadurch ein
Werk der Barmherzigkeit ausübt, so reicht er durch diese Ausübung einen Trunk
frischen, stärkenden Wassers, der ihm nicht unvergolten bleiben wird.
[Er.01_072,08]
Ich will gegen einen solchen Gebrauch eben nicht zuviel sagen, so ein Mensch
seine Fehler und Gebrechen einem sogenannten Seelenfreunde unter vier Augen
kundgibt, um von ihm einen Trost zu bekommen und eine mittelbare Versicherung,
daß ihm die Sünden nachgelassen werden, wenn er sich an Mich wendet mit dem
ernstlichen Vorsatze, solche Sünden nicht mehr zu begehen und die begangenen
womöglich an seinem Bruder wieder gutzumachen durch eine aufrichtige Reue und
womöglich durch eine liebfreundliche Genugtuung für die angetane Beleidigung.
[Er.01_072,09]
Ein solcher Beichtvater wird Mir allezeit recht lieb, wert und köstlich sein.
Freilich braucht es dazu gerade keines Geistlichen; aber weil schon ein
Geistlicher der Ausspender des Abendmahles sein will, so kann er freilich wohl
auch des ungerechten Haushalters Amt auf obbeschriebene Weise auf sich nehmen,
ohne jedoch ein gleiches Amt, wenn es von einem anderen Bruder gegen einen
Bruder verrichtet wird, zu mißbilligen, – vorausgesetzt, daß selbes in
obbesagter Ordnung vor sich gegangen ist. Aber so ein solcher ungerechter
Haushalter von einem Beichtvater wähnt, er habe ausschließlich die Macht und
die Gewalt, Sünden nachzulassen oder gar dieselben einem Sünder, der sich ihm
anvertraut, vorzuenthalten, ihn zu richten und sich im sogenannten Beichtstuhle
sogar als „Stellvertreter Gottes“ titulieren zu lassen, der ist ein Täter des
Übels und ein Seelen- und Geistestotschläger, da er eigenmächtig sich vor die
Pforten des Himmels hinstellt, selbst nicht hinein will und sonst auch
niemanden hineinlassen will.
[Er.01_072,10]
Ein solcher ist gleich jenen Pharisäern, Schriftgelehrten und Priestern der
Juden, die dem Volke die größten und schwersten Lasten aufbürdeten, durch deren
unmögliche Tragung das arme Volk einzig und allein den Himmel gewinnen könnte;
sie selbst aber rührten solche Lasten nicht mit einem Finger an. Diese sind es,
die die Pforten des Reiches Gottes versperren, jeden, der hinein möchte, mit
höllischem Zornfeuer hintantreiben und selbst auch nicht hinein wollen; dafür
aber werden sie auch, wie es geschrieben steht, dereinst desto mehr Verdammnis
empfangen.
[Er.01_072,11]
Zu dieser Klasse gehören aber auch jene falschen Propheten, die den armen,
einfältigen Menschen predigen mit großem Ernste und Eifer: „Gehet dahin oder
dorthin und verrichtet zu diesem oder jenem Gnadenbilde eine sogenannte
Wallfahrt und vergesset ein nach Kräften reichliches Opfer nicht zu Hause, so
werdet ihr bei jenem Bilde – gewöhnlich eine Maria vorstellend – die Vergebung
eurer Sünden und noch andere unbeschreibliche Gnaden für euren Haushalt in
großer Menge erlangen!“
[Er.01_072,12]
Wenn dann das arme, blinde Volk einem solchen Eselsgeplärre von einem falschen
Propheten, wie die Erfahrung lehrt, wirklich scharenweise folgt und am Orte, wo
die Gnaden ausgeteilt werden, noch gewöhnlich ein größeres Eselsgeplärre von
Mirakeln und zahllosen Gnadenausspendungen vernimmt und auf diese Weise in
seinem Geiste nicht selten ganz totgemacht wird, da sage Ich: Solch falsche
Propheten sollen einst ihren gehörigen Lohn finden; denn diese wissen nichts
und wollen nichts wissen, wie man Gott im Geiste und in der Wahrheit anbeten
soll. Sie sind nichts als von der Welt privilegierte Diener des Mammons. Ihr
Gnadenbild, von Menschenhand gewöhnlich schlecht und unästhetisch verfertigt,
ist ihnen bei weitem mehr als Gott; denn das Bild trägt ihnen Geld ein, – Gott
aber nicht, weil Er ohnehin überall der Gleiche sei.
[Er.01_072,13]
Diese werden einst sehr viel Lohn der Pharisäer bekommen! Alle, die dergleichen
lehren und das Volk zu den Bildern kehren, sind die vollkommensten Antichristen
und falsche Propheten, vor denen sich jedermann wie vor der Pest hüten solle,
weil sie die Kunst verstehen, durch allerlei Prunkwerk das Volk zu berücken und
durch falsche Wunderwerke im Geiste zu töten.
[Er.01_072,14]
Daher sollt ihr dergleichen Orte nicht besuchen; denn sie sind voll von
ansteckender Geistespest.
[Er.01_072,15]
Glaubt es nicht, daß da irgend jemand Hilfe finden kann; denn helfen kann ja
doch nur Ich allein, der Ich ein ewiger Feind alles Götzentums bin. Wie möchte
Ich da wohl einem hölzernen Bilde, von Menschenhand verfertigt, Wunderkraft
verleihen? So Ich schon jemandem eine verleihen möchte, so wäre es einem
rechten Menschen, nicht aber einem Schnitzwerke, das viel niedriger ist als das
allergeringste Tier, welches doch Leben und Bewegung hat; ja es ist viel
weniger als ein Grashalm und weniger als ein Stein. Dieser ist, was er ist,
somit in seiner Ordnung; aber ein Bild ist das nicht, was es vorstellt. Denn
das Bild ist Holz, stellt aber einen Menschen dar und wird darum verehrt und
angebetet, weil derjenige, den es darstellt, ein Tugendheld war.
[Er.01_072,16]
Also ist der Bilderdienst eine noch abscheulichere Abgötterei als jene der
alten Heiden. Diese machten sich wohl Götter aus Metall, Stein und Holz, weil
sie den wahren Gott nicht kannten – ein inneres Bedürfnis für einen wahren Gott
zwang sie also zu diesem Machwerke –; die gegenwärtige Menschheit aber hat und
kennt Gott und weiß, daß Er der alleinige Herr ist, verehrt aber dennoch
Schnitzwerk. Was soll man zu solchen Menschen sagen? Nichts als: Sie sind dem
Erzfeinde Gottes gleich, der Gott auch gar wohl kennt; aber statt Ihn zu lieben
und allein anzubeten, verachtet er Ihn und feindet Ihn allwegs an.
[Er.01_072,17]
Den Dummen aber soll die Dummheit dennoch nicht angerechnet sein, – dafür aber
desto mehr denen, die sehen und Licht haben, aber dennoch nicht sehen wollen
und das Licht, wo es nur immer ist, auslöschen.
73. Kapitel –
Vom werktätigen Glauben.
27. April 1847
[Er.01_073,01]
Dieses gilt aber nicht bloß dem Papsttume, sondern allen sogenannten Sekten
oder Konfessionen; denn wo nicht Christus gepredigt wird in Seinem wahren
Geiste und in Seiner Wahrheit, da ist falsches Prophetentum an der Stelle einer
wahren Kirche.
[Er.01_073,02]
Wenn eine oder die andere Sekte auch spricht: „Siehe, ich habe keine Bilder,
also muß mein Bekenntnis das reinste sein!“, so sage aber Ich: Bild oder nicht
Bild entscheidet gar nichts, sondern allein das Leben nach dem Worte! Denn eine
Lehre in sich selbst noch so sehr von allem Zeremoniellen reinigen, um sie zur
Aufnahme der reinen Vernunft tauglicher zu machen, heißt mit anderen Worten
nichts anderes, als über eine gegebene Lehre fortwährend räsonieren, aber nie
darnach leben, – gleich als so jemand ein Haus kaufte und möchte es fortwährend
aus- und inwendig putzen und polieren, um es immer tauglicher und tauglicher zu
einer Wohnung zu gestalten, aber vor lauter Putzen und Polieren und vor lauter
fortwährend besserem Herstellen zur Bewohnbarkeit käme nie ein Einwohner
hinein. Ist da nicht die nächste Hütte, die fortwährend bewohnt wird, besser
als ein solches Haus?
[Er.01_073,03]
Also verhält es sich auch mit der Kirche. Da ist noch immer diejenige, die irgend
eine Norm hat, in welcher deren Gläubige irgendeinen Bestand finden, besser als
wie eine solche Kirche, in der nichts als nur fortwährend gefegt und gekätzet
wird. Ihre Bekenner stehen daneben und sehen zu wie müßige Menschen bei einem
Hausbaue, die auch kritteln und Glossen machen; aber dabei fällt es keinem ein,
nur einen Ziegel und einen Schöffel Mörtel zugunsten des Hausherrn einem
arbeitenden Maurer zu reichen, und da halten sich die Müßiggänger für viel
besser als die Arbeitenden.
[Er.01_073,04]
Sehet, das ist ein rechtes Bild von den vielen Konfessionen! Sie tun aus lauter
Vorbereitung und Kritisieren nichts, begeifern fortwährend diejenigen, die
nicht ihrer Konfession sind, machen sich über ihre Blindheit lustig und
schreien fortwährend: „Kommet her, daß wir euch den Splitter aus den Augen
nehmen!“; aber des Balkens in dem eigenen Auge werden sie gar nicht gewahr.
[Er.01_073,05]
Es ist wohl wahr, daß es in der römisch-katholischen Kirche tausend gewaltige
Mißbräuche gibt; aber es gibt darin doch auch wieder manches Gute, denn es wird
von der Liebe und von der Demut gepredigt. Und so jemand sonst nichts als nur
das befolgt, so wird er nicht verloren sein.
[Er.01_073,06]
Aber was soll Ich denn von einer Sekte sagen, die nichts als den Glauben lehrt
und die Werke verwirft? Da ist, wie ihr zu sagen pflegt, Taufe und Chrisam
verdorben; denn es steht doch laut und offen geschrieben, daß ein Glaube ohne
die Werke tot ist, und Ich Selbst habe offenkundig und zu öfteren Malen gesagt:
„Seid nicht eitle Hörer, sondern Täter Meines Wortes!“ Dadurch ist ja offenbar
angezeigt, daß der Glaube allein nichts nützt, sondern das Werk.
[Er.01_073,07]
Was nützt der Erde das Licht der Sonne, wenn es nicht mit der tatkräftigen
Wärme verbunden ist?
[Er.01_073,08]
Was nützen einem Menschen alle Kenntnisse und Wissenschaften, wenn er sie nicht
anwendet?
[Er.01_073,09]
Oder was nützt es, im kalten Winter bloß zu glauben, daß ein brennendes Holz im
Ofen das Zimmer erwärmen kann? Wird das Zimmer durch den Glauben warm? Ich
glaube es nicht.
[Er.01_073,10]
Kurz und gut: der allerfesteste Glaube ohne Werke ist gleich einem törichten
Menschen, der sich im kalten Zimmer bloß mit einem warmen Gedanken zudecken
will, um sich zu erwärmen. Freilich ist das wohl die wohlfeilste Decke; aber ob
diese Decke jemanden erwärmen wird, darüber mögen diejenigen Armen urteilen,
die in strengen Wintern nicht selten starr erfroren in ihren Zimmern gefunden
worden sind – und meistens aus dem Grunde, weil sie keine andere Decke hatten
als eine barste Gedankendecke.
[Er.01_073,11]
So wie diese Gedankendecke ohne eine wirkliche Decke nichts nützt, also nützt
auch der Glaube ohne die Werke nichts. Der Glaube ist nur das Aufnahmeorgan
einer Lehre, die zu einer gewissen Tätigkeit anleitet. Wer diese Anleitung in
seinen Glauben bloß aufnimmt, aber nicht darnach tut, da frage Ich: Wozu dient
ihm dann diese Anleitung? Ich sage: Zu nichts anderem als zu einem naseweisen
Kritisieren, – gleichwie alle Regeln der Tonkunst allein einem nichts nützen
und man nicht imstande ist, auch nur das Leichteste und Einfachste zu leisten!
Aber ein solcher bloßer Regelinhaber ist dann naseweis und bekrittelt jeden
Künstler, als könnte er wirklich selbst das Ausgezeichnetste leisten! Ich aber
sage: Da ist ein Bettelmusiker noch immer mehr wert als ein solcher Kritiker,
der selbst nichts kann, aber über alles urteilen will.
[Er.01_073,12]
Also ist Mir auch eine solche Kirche lieber, wo doch noch etwas geschieht, als
wie eine, wo nichts geschieht; denn es ist besser, jemandem ein Stück Brot zu
geben, als tausend Pläne für Armenversorgung zu machen und dem Armen aber
dennoch nichts zu geben, wenn er zu einem solchen Plänemacher kommt. Pläne sind
schon recht; aber das Geben muß auch dabei sein, – sonst ist der Glaube wieder
ohne Werke, bei dem die arme Menschheit zu Hunderten verhungert.
[Er.01_073,13]
Wer aber recht leben will, der kann es in jeder Kirche; denn eine Hauptregel
ist: Prüfet alles, und das Gute davon behaltet!
[Er.01_073,14]
Wenn ihr ein Kind gebadet habt, so schüttet bloß das Badewasser weg, das Kind
aber behaltet, – und das Kind ist die Liebe!
[Er.01_073,15]
Ich sage zu niemandem: Werde ein Katholik oder werde ein Protestant oder werde
ein Grieche, sondern: was einer ist, das bleibe er, – wenn er will. Sei er aber
was er wolle, so sei er ein werktätiger Christ, und das im Geiste und in der
Wahrheit; denn jeder kann, wenn er es will, das reine Wort Gottes haben.
[Er.01_073,16]
Ich bin nicht wie ein Patriarch und bin nicht wie ein Papst und bin nicht wie
ein Generalsuperintendent und nicht wie ein Bischof, – sondern Ich bin wie ein
überaus guter und gerechtester Vater allen Meinen Kindern und habe nur Freude
daran, wenn sie tätig sind und wetteifern in der Liebe, aber nicht daran, daß
sie einander „Narren“ schelten und ein jeder aus ihnen der Weiseste und
Unfehlbarste sein will – mit lauter Räsonieren, aber dabei nichts tut.
[Er.01_073,17]
Mein Reich ist ein Reich der höchsten Tatkraft, aber kein Reich eines müßigen,
naseweisen Faulenzertums; denn Ich sagte zu den Aposteln nicht: „Bleibet
daheim, denket, brütet und grübelt über Meine Lehre nach!“, sondern: „Gehet
hinaus in alle Welt!“
[Er.01_073,18]
Dasselbe sage Ich auch zu allen Seligen. Da heißt es tätig sein; denn immer ist
die Ernte größer als die Zahl der Arbeiter. Darum ist es auch besser, in
irgendeiner Ordnung tätig zu sein, als bloß allein des reinsten Glaubens zu
sein. Und tätig sein nach Meiner Lehre ist dann sicher unendlich besser, als
die ganze Bibel auswendig zu wissen und zu glauben.
[Er.01_073,19]
Der bloße Glaubensmensch ist dem gleich, der sein Talent vergrub; wenn aber
jemand aus der Schrift nur wenig weiß, aber darnach tut, der ist dem gleich,
der über das Wenige eine treue Haushaltung führte und dann über vieles gesetzt
wird.
[Er.01_073,20]
Aus dem bisher Gesagten wird sicher jeder, der guten Willens ist, leicht
herausfinden können, was er zu tun hat, um ein rechter Mensch zu werden. Was er
für seine Tatkraft zu wählen und zu meiden hat, das alles findet er hier
sonnenklar dargestellt. Es ist demnach in dieser Hinsicht alles erschöpft. Und
somit – Amen!
Jakob Lorber
D I E E R D
E Teil 3
Anhang zur
Erde. Allgemeiner Blick auf die verschiedenen nicht-christlichen Bewohner der
Erde, mit hauptsächlicher Berücksichtigung des geistigen Verbandes zwischen
ihnen und dem Himmel.
Einleitung.
Kp. 74. Die
Kritiker (sind Leute, die vom Schimpfen leben). „Heu“ für die Ochsen und Esel.
Die geistige Erde wird nur von Christen-Geistern geleitet. Die jetzigen Juden,
saftiger Vergleich der Untermischung der Menschheit mit Juden (vom geistigen
Standpunkte). Ihre Rolle im Geisterreiche. Die großen Anlagen derselben sind
noch vorhanden, aber mißbraucht. Die Mohamedaner, Abart von Juden und
arianischen Christen, ihre Haupttugend ist Handel und Krieg. Ihre Vorstellung
vom Jenseits, und ihre Rolle dort. Die Braminen, geheimnisvolle Wundermänner,
wo die schwarze Magie eine Rolle spielt. Das Kastenwesen ein trauriges Zeugnis
niederer geistiger Kulturstufe. Von deren (schlechtem) Zustande drüben.
(Den 28.April
1847)
[Er.01_074,001]
Wir werden freilich nicht alle die Wohnparteien der Erde speziell betrachten,
da solches zu viel Zeit und zu viel Raum erfordern würde sondern wir werden nur
einen allgemeinen Blick auf die sogenannten Verhältnisse lenken, in denen sich
die verschiedenen Einwohner der Erde hauptsächlich in Rücksicht dessen
befinden, was den geistigen Verband zwischen ihnen und dem Himmel
bewerkstelliget.
[Er.01_074,002]
Da wir bis jetzt nur den „Christen“ unser Augenmerk geschenkt haben, und die
anderen Bewohner der Erde unberührt ließen, so möchte es mit der Zeit irgend
einem Leser beifallen, in dieser Hinsicht, wo es sich um die Totaldarstellung
der Erde handelt, einige beißende Bemerkungen zu machen, an denen es zwar
ohnehin nicht fehlen wird.
[Er.01_074,003]
Die sogenannten „Kritiker“ von Profession müssen ja alles bekritteln und
beschnüffeln und beschimpfen; denn das sind Leute, die vom Schimpfen leben, und
da die Welt gegenwärtig allezeit lieber und viel aufmerksamer Beschimpfungen,
als Belobungen liest, so ist diese böse Eigenschaft der Welt ein ganz besonders
mächtiger Hebel, die Kritiker dahin zu vermögen, daß sie über alles schimpfen.
[Er.01_074,004]
Gelobt werden von ihnen nur Werke und Handlungen von machthabenden Menschen,
denen es ein Leichtes ist, die über sie schimpfenden Kritiker durch allerlei
sehr empfindliche Mittel zu Paaren zu treiben. Dafür aber lassen dann diese
schimpflustigen Weltweisen desto mehr ihre Galle an allem aus, von dem sie
keine Prügel zu befürchten haben, daher ist es notwendig, ihnen schon im voraus
soviel als möglich ihr Eselsmaul zu stopfen, und mitunter in eine solche
Mitteilung auch etwas Heu einzumischen, damit diese armen Tiere etwas zu
fressen haben. -
[Er.01_074,005]
Es wäre ob der Mitteilung der Erde nicht weiter zu fragen, was mit den anderen
Einwohnern es für eine Bewandnis hat, da die Hauptsache doch immer die Christen
bleiben, und die geistige Erde nur von Christengeistern und nie von heidnischen
beherrscht und geleitet wird; - aber es handelt sich hier bloß um einige
Portionen Heu für die Kritiker, damit sie auch etwas dabei zum Fraße bekommen.
-
[Er.01_074,006]
In den Tropenländern aber ist bekanntlich der Graswuchs bei weitem stärker als
in den gemäßigten, wo schon die christliche Fahne zu allermeist weht; daher
dürfen wir auch versichert sein, daß wir eben in den Tropenländern von allerlei
Heu einen Überfluß finden werden, und so wollen wir uns denn in dieser Absicht
zu den anderen Einwohnern der Erde wenden.
[Er.01_074,007]
Zu allernächst den vielen christlichen Sekten leben in der ganzen Welt
zerstreut die Juden; diese gleichen jenen Speckschnitten, mit denen die Köche
das magere Wildpret spicken. So sind auch allerlei Menschen, welche zumeist ein
sehr mageres Wild sind, auf der ganzen Erde mit den Juden unterspickt.
[Er.01_074,008]
Juden gleichen dann zumeist den Schweinen, welchen die Menschen überall etwas
Speck wachsen lassen, damit, wenn es ihnen mager geht, sie sich wieder von dem
goldenen und silbernen Fette der Juden können unterspicken lassen.
[Er.01_074,009]
Ein Jude, wie er jetzt beschaffen ist, ist vollkommen ein Schwein; schon das
Äußerliche beurkundet für jedermann, zu welcher Tierklasse diese Menschenrasse
gehört. Ein Jude sieht nun im allgemeinen aus wie ein Schwein, und stinkt wie
ein Schwein, und wälzt sich überall in den allerverächtlichsten Weltschlamme
wie ein Schwein, um seinen Gold- und Silberdurst zu stillen.
[Er.01_074,010]
Ihm ist, geistig genommen, jede Kost recht; er ist dem Christen Christ, mit dem
Türken Türke, mit dem Heiden Heide, mit dem Chinesen ein Chinese, und den
Fetischdienern ein Fetisch, um nur sich aller derer Gold, Silber und Edelsteine
verschaffen zu können.
[Er.01_074,011]
Ein Schwein kann ebenfalls jede Kost genießen; selbst der barste Kot ist ihm
nicht unwillkommen, wenn er nur warm ist. - Das ist auch beim Juden der Fall;
wo er nur irgend eine Wärme oder Neigung für sein Interesse findet, das frißt
er, denn das sind eben die Menschen, die um‘s Geld für alles zu haben sind, und
unter ihnen selbst gibt es sehr wenige Ausnahmen. Die Besten sind, wie ihr zu
sagen pfleget, in geistiger Beziehung keinen Schuß Schießpulvers wert.
[Er.01_074,012]
Sie warten noch immer auf einen Messias, der sie einmal wieder in ihr altes
gelobtes Land zurückführen möchte, und aus ihnen machen ein großes
wundermächtiges Volk; aber dieser Messias wird nimmer kommen, und sie werden
bleiben bis an‘s Ende der Zeiten, was sie sind; daher sie auch, was leicht zu
begreifen ist, im Geisterreiche eine überaus niedrige und keiner Beachtung werte
Rolle spielen.
[Er.01_074,013]
Sie sind dort, was sie hier sind, Schacherer nämlich, nur mit dem Unterschiede,
daß sie hier in menschlicher Form unter den Menschen wandeln, jenseits aber
meistens in der ihnen aller verhaßtesten Gestalt der Schweine zum Vorscheine
kommen; freilich nicht für jedermann ersichtlich, auch unter ihnen nicht,
sondern nur vom reinen Lichte der Wahrheit aus betrachtet. (D.h. aus der Sphäre
des Herrn.)
[Er.01_074,014]
Da also mit den Juden nicht mehr viel zu machen ist, und es jedermann weiß, daß
sie in der ganzen Welt unter allen Nationen anzutreffen sind, und allenthalben
das gleiche Geschäft führen, so wollen wir auch von ihnen nichts Weiteres mehr
sagen.
[Er.01_074,015]
Es sind in ihnen zwar die großen geistigen Anlagen noch vorherrschend
vorhanden, aber diese Anlagen werden zu eitel Schlechtem verwendet. Daher
bleiben sie auch was sind, und in der Geisterwelt gibt es keinen magereren
Himmel, als da ist der jüdische, denn sie schachern auch dort, und des Goldes
Glanz ist ihnen mehr, als das intensivste Licht der Wahrheit. -
[Er.01_074,016]
Den Juden zunächst kommen die Mohamedaner, die einen kleinen Teil von Europa,
ein Fünftel von Asien, und ein Achtel von Afrika bewohnen. Diese Mohamedaner
sind eine Abart der Juden und der Arianischen Christen, ihre Haupttugend aber
ist Handel und Krieg. Was sie durch den Handel nicht bekommen können, das
kaufen sie mit Waffen in der Hand; ihre Zeit wird aber bald zu Ende sein. –
[Er.01_074,017]
Den höchsten Lohn ihrer kaufmännischen und kriegerischen Bemühungen setzen sie
in lauter sinnliche Genüsse; daher ihr Elysium, wie sie sich‘s einbilden, von
lauter allerschönsten jungen Mädchen und Frauen strotzt, mit denen sie dann in
Ewigkeit ihr unzüchtiges Wesen zu treiben hoffen, ohne dabei in ihren
sinnlichen Gefühlen abgespannt und müde zu werden.
[Er.01_074,018]
Einige unter ihnen stellen sich ihr Elysium so vor, daß der Boden desselben mit
lauter allerweißesten und allerschönsten Weiberbrüsten gepflastert ist, auf
welchen sie so ganz behaglich herumwandeln werden, und die Frauen und die
Mädchen wachsen in stets frischer Gestalt wie die Pilze aus der Erde; und sie
können sich derselben, so oft sie wollen, bedienen, und dabei in vollster
Entzückung ausrufen: Wie herrlich und groß ist unser Allah!
[Er.01_074,019]
So stellen sie sich auch die Bäume in ihren elysischen Gärten als lauter schöne
Weiberkörper vor, ungefähr wie einst die Griechen und Römer sich ein gewisse
Göttin Daphne vorstellten, nachdem sie der Apoll in einen Lorbeerbaum umwandelt
habe. Diese Baumweiber sind voll Genitalien und lassen sich auch gebrauchen;
das sind so ungefähr die Himmelsbegriffe der meisten Mohamedaner, wobei,
versteht sich, die ausgezeichnetsten Lieblingsspeisen und Getränke mit zu
verstehen sind.
[Er.01_074,020]
Daß mit ihnen in der Geisterwelt sehr schlechte Aspekten zu erwarten sind,
versteht sich von selbst; daher wäre es um Papier und Tinte schade, da noch ein
Mehreres davon zu berühren.
[Er.01_074,021]
Es versteht sich aber auch von selbst, daß sie darum nicht zu verdammen sind,
weil sie sich auf diesem Irrwege befinden, und es wird in der geistigen Welt
für sie gesorgt sein, daß sie auf dem rechten Weg kommen; nur so lange sie
„Mohamedaner“ bleiben, gibt es für sie keine Bestimmung im Geisterreiche. Was
sollen sie auch tun? Das, was sie glauben, darf nicht zugelassen werden; daher
sind sie Drüben wie Irrende, die nicht wissen, wohin sie sich wenden sollen. –
[Er.01_074,022]
Neben den Mohamedanern befinden sich die Braminen, welche ihr Unwesen in
Mittelasien und auch in einem Teile Südasiens treiben. Diese Menschen sind
lauter geheimnisvolle Wundermänner, bei ihnen ist nichts als Wunder über
Wunder, sie selbst wirken nichts als Wunder, und ihr Hauptstudium ist, der
guten wie der bösen Gottheit ihre Wunderkräfte abzuspicken, und selbst allerlei
Wunder zu wirken.
[Er.01_074,023]
Jedermann sieht leicht ein, daß da schon viel satanische Machination mit im
Spiele ist; denn bei ihnen ist das Kastenwesen noch vollkommen zu Hause. Der
gemeine Mensch ist verdammt, ewig dumm zu bleiben, damit er die
taschenspielerischen Wunderwerke seiner geistlichen Kaste nicht durchschaut.
[Er.01_074,024]
Wehe dem, der es da wagen möchte, einen Bramasdiener zu befragen, wie er ein
Wunderwerk verübt hat; denn für‘s erste Vergehen dieser Art wird der Vorwitzige
bloß mit einer Unzahl Prügel zurückgewiesen, ein zweites Betreten aber kostet
ihm schon das Leben, oder wenigstens die Augen und die Zunge.
[Er.01_074,025]
Daß diese überaus schmutzige Erdeinwohnerschaft im Geisterreiche eine noch
schlechtere Rolle spielt, als die Mohamedaner, braucht kaum näher erwähnt zu
werden. Geister von diesen Braminenmenschen müssen ganz in die Polargegenden
der Erde versetzt werden, wo es die größte Öde gibt, wenn sie nach vielen
Jahren sollten für Christum aufnahmefähig werden. Das ist aber auch alles, was
man von ihnen sagen kann; daher nächstens zu einer anderen Partei.
Kp. 75 Die
Chinesen, als Zoroasterbekenner, etwas besser, doch Fatalisten und Linealisten,
daher dort alles klassenmäßig. Radikale Kuren daselbst. Sie (die Chinesen)
haben neben dem großen Gotte kleinere Hausgötter. Schöne (!) nützliche
bürgerliche Einrichtungen neben den Dummheiten, manch musterhaft Gutes
derselben. Sie sind das zahlreichste und meist begüterte Volk. Als Stoiker alla
Confuze sind sie Drüben schwer fortschrittlich. Ihre diogenische
Selbstzufriedenheit verachtet alle Himmel, und selbst die Herrlichkeit der
ewigen Liebe des Allmächtigen.
(Den 30.April
1847.)
[Er.01_075,001]
Neben den Braminen stehen fast auf gleicher Stufe die Chinesen, welche die
sogenannte Religion des Zoroaster haben. Diese Menschen sind zwar nicht so
wundersüchtig, und daher in ihrer Art um ein Haar besser, als die Braminen;
aber dessen ungeachtet sind sie in der eigentlichen Bildung gegen wahre
Christen doch überaus weit zurück, denn sie sind einerseits Fatalisten, und
andererseits aber dennoch selbst die strengsten Linealisten, welche in allem
ihrem Tun und Lassen das „bis hierher und nicht weiter“ festgestellt haben.
[Er.01_075,002]
Ihre Wohnhäuser, ihre Kleidung müssen stets dieselbe Form haben; also auch sind
Speisen und Getränke für jede Klasse und für jedes Fest genau bestimmt, wie
auch ihre Komplimente und ihre Reden. Es darf nicht vervollkommnet, aber auch
nichts verschlechtert werden.
[Er.01_075,003] Die
Krankheiten werden klassenmäßig behandelt; die gemeinste Volksklasse wird
allezeit durch‘s Prügeln kuriert, denn sie sagen: Eine innere Krankheit wird
dadurch auf die Haut gelockt; diese darf dann, wenn sie einmal gehörig blau
geprügelt worden ist, nur auf mehreren Stellen aufgeschnitten werden, so geht
dann aller böse Stoff hinaus.[1]
[Er.01_075,004]
Die Cholera wird neben dem Prügeln und Hautaufschneiden auch mit Abschneiden
der Zunge kuriert. Das Militär wird fast auf ähnliche Weise kuriert, wenn es krank
wird; nur kommt auf die Prügelei gewöhnlich ein Pflaster, welches aus einer Art
Pech besteht. Dieses Pflaster wird ziemlich heiß auf den Rücken und auf den
Bauch gestrichen, und bleibt dann so lange droben, bis es von selbst
herabfällt.
[Er.01_075,005]
Die nobleren Klassen werden mit Rhabarber und Chinarinde kuriert; die
Hofbeamten und der Kaiser allein haben das Recht, in ihrem Erkrankungsfalle die
ganze Apotheke zu gebrauchen, welche aber nur im allerreichsten Falle aus zehn
Medizinen besteht. Das bleibt immer gleich; wem es hilft, dem hilft es, wem
aber das nicht hilft, der war zum Sterben bestimmt. –
[Er.01_075,006]
Sie haben nebst dem Einen großen Gotte, den sie als das höchste Wesen verehren,
noch eine Menge Hausgötter, welche ihnen in kleinen Dingen behilflich sein
sollen; aber mit diesen Hausgöttern hat es zumeist ein sehr mißliches
Bewandtnis, und es hat mit ihnen keinen Bestand; denn wenn ein Chinese seinen
Hausgott um etwas angeht, und dieser kann es ihm ganz natürlich nicht gewähren,
so wird ein solcher Gott bald seines Amtes für verlustig erklärt, darauf von
seinem Standpunkte sehr unsaft herabgenommen, und drei Stunden lang geprügelt.
[Er.01_075,007]
Darauf kommt so eine Gottheit in eine alte Rüstkammer, und wird auf diese Weise
gewisserart pensioniert. Wenn dann schon eine Menge solcher Götter in der
Pension steckt, so wird dann mit ihnen ein Autodafe gehalten, und ihre unnütze
Asche wird in einen Fluß geworfen.
[Er.01_075,008]
Also sind sie auch mit der Anlegung ihrer Wege sehr eigentümlich. Ein Weg darf
bei ihnen nie über einen Grund gehen, sondern entweder in einen Graben, in dem
nichts wächst, oder in dem irgend ein Bach fließt, was aber seltener der Fall
ist; denn die Chinesen wissen auch die Gräben voll zu machen. Daher sieht man gewöhnlich
Brücken, welche sich viele Meilen weit ziehen, und zwar auf dem trockenen
Boden, damit unter der Brücke das Erdreich noch benutzt werden kann.
[Er.01_075,009]
Diese Art ist zwar gut, wenn sie besser konstruiert wäre; aber manchmal sind
diese Brücken so schlecht, daß der Wanderer kaum darüber zu kommen vermag, und
bricht irgendwo die Brücke durch, so muß der Durchgefallene, wenn er noch am
Leben geblieben ist, den Schaden ersetzen, was eben nicht selten geschieht, da
solch eine Brücke eine bestimmte Anzahl von Jahren dauern muß. Wird sie vorher
schlecht, so wird nichts daran gebessert, außer wenn irgendwo ein Wanderer
durchgefallen ist, da muß er sie ausbessern.
[Er.01_075,010]
Neben diesen Brückenwegen gibt es wohl auch einige Heerstraßen, welche
lediglich für schweres Fuhrwerk und für‘s Militär bestimmt sind. Diese
Heerstraßen sind nie trocken und nie ohne Kot, denn diese werden gewöhnlich
nach dem Rinnsale eines Baches geführt, aus welchem Grunde die Chinesen auch
meistenteils barfuß gehen; nur wenn sie die Straße verlassen, waschen sie sich
die Füße, und ziehen dann erst ihre sehr gespitzten Sandalen an.
[Er.01_075,011]
Die Grundstücke sind fast wie in Japan abgegrenzt, nur nicht mit jenen Strafen
bei Übertretung der Grenze belegt. So ist auch noch gegenwärtig in vielen
Punkten die Zahl der Kinder bestimmt, die ein Landmann oder Bürger haben darf;
hat er mehr, so muß er das sogleich der Behörde anzeigen, welche ihm dann das
Vertilgungsedikt erteilt.
[Er.01_075,012]
Zum Vertilgen überzähliger Kinder werden gewöhnlich die Geburtshelferinnen
gebraucht; allein diese wissen jetzt genau, daß Europäer ihnen solche Kinder
abkaufen, daher bringen sie, wo nur immer tunlich, solche Kinder auf den Markt,
wo es auch kinderlosen Chinesen gestattet ist, dergleichen Kinder anzukaufen.
[Er.01_075,013]
Daß dieses Volk nebst gar vielen Dummheiten, die manchmal sogar bedeutend
grausam aussehen, aber auch manches musterhaft Gute besitzt, und meistens sehr
nüchtern ist, das könnt ihr ebenfalls versichert sein; darum aber hat es auch
fast beständig Frieden, und hat, obschon die größte Volkszahl in der Welt, aber
auch den größten irdischen Reichtum.
[Er.01_075,014]
Daß aber mit diesem Volke also, wie es ist, in der geistigen Welt nichts zu
machen ist, versteht sich von selbst. Äußerst behutsam muß da mit ihnen
umgegangen sein, wenn sie für das wahre Reich der Himmel sollten gewonnen
werden; denn sie sind zufolge ihres Linealismus und Terminismus durchgängig
lauter Stoiker, nach der Lehre ihres Konfuzius.
[Er.01_075,015]
Wie schwer aber Stoiker für ein besseres Licht zugänglich sind, ist schon
einmal gezeigt worden, und zwar in der Darstellung der geistigen Sonne. Man
wird nicht leichtlich auf der Erde außer den Japanesen ein Volk finden, das so
streng wie dieses seine Gesetze und Lehren beobachtet; aber eben aus diesem
Grunde gelangt es auch zu jener diogenischen Selbstzufriedenheit, welche es um
keinen Preis will fahren lassen.
[Er.01_075,016]
Wo aber diese Selbstzufriedenheit den höchsten Kulminationspunkt erreicht hat,
da ist alles andere eine bare Null; alle Himmel und alle Herrlichkeit der
Engel, ja Meine eigene allerhöchste Herrlichkeit können ihr gegenüber sich kein
Übergewicht verschaffen. Warum? ist, wie gesagt, in der geistigen Sonne, und
zwar in der Abendgegend des allgemeinen Geisterreiches zur Genüge gezeigt
worden.
[Er.01_075,017]
Daß aber diese Menschen durchgehend Stoiker sind, könnet ihr schon aus ihrer
Staatseinrichtung ersehen; dieses Volk hält sich für das Volk in der Mitte, es
hält sich für Bewohner des himmlischen Reiches, und seine Vortrefflichkeit in
Allem überwiegt Alles auf der Erde. Ihr Kaiser ist ein reiner Sohn des Himmels,
und stammt linea recta aus der Sonne. Aus diesem Grunde vermeidet dieses Volk
auch, so viel als möglich, jede Gemeinwerdung mit den übrigen Völkern der Erde,
und will sich von niemanden belehren lassen; denn es weiß selbst alles am
allerbesten.
[Er.01_075,018]
Wie es aber schon auf dieser Erde schwer ist, einen Chinesen für etwas Besseres
eingenommen zu machen, und ihn zu einem anderen Glauben zu bringen, also ist es
noch um‘s Vielfache schwerer, den Geist eines Abgeschiedenen zur besseren
Überzeugung zu bringen.
[Er.01_075,019]
Da wir aber nun dieses Volk in so weit kennen, als es für den vorgesteckten
Zweck nötig, so wollen wir uns auch nicht länger mehr bei ihm aufhalten,
sondern sogleich zu einem anderen übergehen.
Kp. 76: In
Asiens Mitte, im hohen Tibet, lebt ein Volk, das noch die uralte patriachalische
Verfassung hat. Deren Religionsbasis die ungetrübte Sanskrit (heilige Schrift
der Urzeit) mit der Zenda vesta (d.h. die heiligen Gesichte, die Kriege
Jehova‘s und das Buch der Propheten enthaltend) ist. Daselbst auch Spuren der
Entsprechungswissenschaft. Allgemeiner Mystizismus ersten Ranges. Sie glauben
fest an Einen Gott, aber mit unsinniger Ehrfurcht. Sonderbare Bußübungen
dorten. Rolle dieser Theokraten in der Geisterwelt. Von der Schwierigkeit des
Christusglaubens für einen Deisten. Vorzüge und gute Eigenschaften dieses
Volkes. Gastfreundschaft.Arme ein Heiligtum. Evangelium der Armut.
(Den 1.Mai 1847)
[Er.01_076,001]
Ganz in der Mitte von Asien, im hohen Tibet, lebt noch ein Volk, welches die
uralte patriarchalische Verfassung hat. Unter allen alten Religionen der
sogenannten Parsen und Gebern ist die Religion dieses Volkes noch die am
meisten ungetrübte.
[Er.01_076,002]
Sie haben noch die eigentliche Sanskrit, in welcher von der Zenda vesta
gehandelt wird; denn die Sanskrit ist die heilige Schrift der Urzeit, und die
in dieser Schrift enthaltenen Geheimnisse Namens Zenda vesta, in eurer Sprache:
„die heiligen Gesichte“, sind historische Überlieferungen von den
mannigfaltigen göttlichen wunderbaren Führungen des Menschengeschlechtes in der
Urzeit.
[Er.01_076,003]
Es ist darum falsch, so hie und da manche die Sanskrit und die Zenda vesta als
gewisserart zwei Bücher annehmen; das Ganze ist nur ein Buch, und dieses ist
abgeteilt in das Buch der Kriege Jehova‘s, und in das Buch der Propheten.
[Er.01_076,004]
Da aber eben die Propheten durch ihre heiligen Gesichte die Taten Gottes
beschreiben, so sind diese scheinbaren zwei Bücher eigentlich nur ein Buch,
welches sich bei den obbenannten Bewohnern des hohen Tibet noch ziemlich
unverfälscht vorfindet, und ungefähr dasselbe enthält, was Ich euch im von euch
sogenannten Hauptwerke (Die Haushaltung Gottes Band 1) aus der Urzeit
mitgeteilt habe; nur ist dort alles noch in der Ursprache in lauter
geheimnisvolle Bilder eingehüllt, die für die neue Zeit schwer oder gar nicht
zu enträtseln sind[2].
[Er.01_076,005]
Bei einigen Patriarchen dieses Volkes ist wohl noch etwas von der alten
Weisheit vorhanden, durch welche diese alte Schrift mittelst Entsprechungen dem
menschlichen Verstande näher gebracht wird, aber von einer völlig gründlichen
Erläuterung kann da keine Rede sein; denn wo dergleichen Geheimnisse nicht aus
Meinem Lichte können erläutert werden, da bleiben sie stets in einem gewissen
Zwielichte, in welchem man leicht einen alten halbverfaulten Baumstock für
einen Bären ansieht.
[Er.01_076,006]
Man wird da voll Furcht, und eine Geheimnistiefe macht der andern Platz, wenn
aber die Sonne aufgeht, da verschwinden alle die tiefen mit Furcht und Angst
beladenen Geheimnisse, und der mysteriöse Bär wird zu einem ganz natürlichen
halbverfaulten Baumstocke.[3]
[Er.01_076,007]
So ist es auch mit diesen uralten mysteriösen Bilderschriften; da glaubt der
Betrachter darinnen Tiefen über Tiefen, und Weisheit über Weisheit entdecken zu
müssen. Ein jedes Häckchen scheint eine Sonnenenthüllung in sich zu fassen;
allein kommt jemand in Mein Licht so werden all‘ diese Geheimnisse schwinden,
und er wird in einer solchen Schrift nichts als eine getreue Erzählung jener
freilich wunderbaren Tatsachen finden, welche Ich an den Menschen dieser Erde
ihrer Vollendung wegen habe verüben müssen.
[Er.01_076,008]
Aber eine solche Erklärung findet sich freilich bei unseren Hochtibetbewohnern
nicht vor, aber dafür eine für euch kaum glaubliche Geheimniskrämerei; denn
dieses Volk ist so voll Mystizismus, daß es in dieser Hinsicht wohl den ersten
Rang auf der ganzen Erdoberfläche einnimmt.
[Er.01_076,009]
Da gibt es viele, die mit Sternen förmlich reden, die Tiersprache verstehen,
auch mit den Bäumen und mit dem Grase, wie auch mit den Felsen sich in‘s
Einvernehmen zu setzen festen Glaubens sind.
[Er.01_076,010]
Einige unter ihnen können sich sogar, ihrer Meinung nach, völlig unsterblich
machen; wieder andere machen sich unsichtbar, und die meisten aber sind ganz
vertraut mit den Geistern, und leben fortwährend in ihrer Gemeinschaft.
[Er.01_076,011]
Bei alledem glauben sie aber dennoch fest an Einen Gott, vor Dem sie aber eine
so unendliche Ehrfurcht besitzen, daß sie sich Seinen Namen nie auszusprechen
getrauen.
[Er.01_076,012]
Nur allein dem allerältesten Patriarchen ist es im Jahre einmal gestattet, den
Namen Gottes auszusprechen, jedoch an einem solchen Orte, der für sonst Niemand
zugänglich ist; und an dem Tage, an welchem dieser Name ausgesprochen wird, muß
alles diese Lehre bekennende Volk vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem
Niedergange auf den Angesichtern liegen, und weder Speise noch Trank zu sich
nehmen.
[Er.01_076,013]
Ehrfurcht vor Gott dem Herrn ist freilich wohl recht, aber der Grundsatz: „Von
was immer allzuviel ist schädlich,“ findet auch hier seine Anwendung. Denn
Ehrfurcht, wenn sie eine solch horrende Übertreibung bekommt, zerstört die
Liebe; diese allein aber ist und bleibt ewig die Grundbedingung alles Lebens.
[Er.01_076,014]
Jede Furcht, wenn sie bis auf den höchsten Kulminationspunkt gesteigert wird,
ist tödlich, und zerstört mit der Zeit alles Gute; nur die Liebe allein
vermehrt das Leben stets in dem Grade, wie sie selbst vermehrt wird.
[Er.01_076,015]
Zufolge dieser allertiefsten Ehrfurcht vor dem Namen Gottes sind bei diesem
Volke aber auch eine Menge höchst alberner und lächerlicher Bußen gang und
gebe, welche wohl auch bei den Braminen anzutreffen sind, weil die Braminen
gewisserart Abkömmlinge dieses Volkes, wie jener Religion sind; aber in
vollster Ausdehnung sind sie noch bei unseren Hochtibetanern zu Hause.
[Er.01_076,016]
Nicht selten wird man hier zwanzig Jahre auf einem Flecke stehende Büßer
antreffen, auch hängende Büßer, die sich irgend einen Haken durch die Haut
ziehen, und sich dann mittelst eines Strickes auf einem Baume aufhängen lassen,
wo sie so lange hängen bleiben, bis entweder der Strick abgefault ist, oder die
Haut über dem Haken; denn sterben können nur wenige bei einer solchen
Bußoperation, weil sie von ihren Angehörigen für‘s Erste an der Stelle der
Verwundung allersorgfältigst mit kühlenden und heilenden Ölen begossen, und
für‘s Zweite mit der besten Kost, die sie haben, täglich dreimal gespeist
werden.
[Er.01_076,017]
So gibt es auch einige Büßer, die sich mit schweren Ketten belegen, und sich
sodann über Gräben, Hügel und Steingerölle zehn Jahre lang herumwälzen, und
nicht selten einen Weg von 200 Meilen machen, freilich nicht in gerader
Richtung.
Dergleichen
Bußwerke haben sie eine große Menge, welche nichts als Folge ihrer zu
übertriebenen Ehrfurcht vor dem Namen Gottes sind.
[Er.01_076,018]
Diese jetzt noch fast ganz alleinigen Theokraten verrichten in der Geisterwelt
eben auch keine denkwürdige Rolle; denn auch sie müssen früher Christum
annehmen, was ein ziemlich schweres Stück Arbeit abgibt, woran eben ihre zu
unendlich hohe Vorstellung von Gott schuld ist.
[Er.01_076,019]
Diese macht ihnen vollkommen unbegreiflich, wie Gott Sich hat zu einem Menschen
herabwürdigen können, und noch unbegreiflicher, wie Er Sich hat von den
Menschen sogar kreuzigen lassen.
[Er.01_076,020]
Geht aber Christus schon hier bei euch einem rechten Deisten nicht ein, wie
viel weniger erst diesen Menschen, die unter allen Völkern der Erde von Gott
die allerungeheuerste mysteriöse-erhabenste Vorstellung haben. Da könnte man
auch sagen: Den Menschen wäre so etwas nicht möglich, bei Gott aber sind alle
Dinge möglich.
[Er.01_076,021]
Im übrigen aber hat dieses Volk besonders gegen Fremde und Arme überaus
lobenswerte Eigenschaften. Da besteht noch die uralte vollkommene
Gastfreundschaft; wer dahin kommt, wird so lange bestens verpflegt, als er dort
zu bleiben willens ist. Jeder Dienst wird ihm bereitwilligst willfahret, wenn
er nicht irgend zu sehr mit ihren Religionsgesetzen im Widerspruche steht.
[Er.01_076,022]
Steht aber irgend ein Begehren nur in einem mäßigen Widerspruche mit ihren
Religionsgesetzen, so wird es auch dennoch aus Achtung für den Fremden
gewillfahret; aber der dadurch dem Fremden sich wider sein Gesetz Opfernde übt
dann zur Reinigung seiner Person die vorgeschriebene Buße freiwillig.
[Er.01_076,023]
Arme werden als eine Art Heiligtum betrachtet, und man könnte sagen: Wohl dem,
der dort arm geboren ist; denn dem geht es besser, als allen noch so
Wohlhabenden dieses Volkes. Aber so gut das ist, wenn man sich der Armen
annimmt, so nachteilig auch wirkt eine zu übertriebene Barmherzigkeit gegen die
Armen; denn da sucht dann bald jedermann, den das Arbeiten nicht freut, wo nur
immer möglich arm zu werden, weil er als solcher wohl weiß, daß er dann von den
andern auf den Händen getragen wird.
[Er.01_076,024]
Es ist zwar bei diesem Volke ein Gesetz, nach welchem jemand als Armer zu
betrachten ist; Arme sind bei diesem Volke nur Lahme, Krüppelhafte, Blinde,
Taube, auch verstümmelte und arbeitsunfähige Büßer, und Greise von 70 Jahren
und darüber. Diese Armen werden mit der größten Achtung und Zuvorkommenheit
behandelt; aber eben diese ausgezeichnete Behandlung gibt nicht selten Anlaß,
daß sich arbeitsscheue Menschen selbst verstümmeln, um dann in die Klasse der
Armen aufgenommen zu werden.
[Er.01_076,025]
Hier ist also von dem: „In medio beati“ nicht viel zu finden. Es ist, wie Ich
schon gesagt habe, sehr recht, den Armen Gutes zu tun, es ist gut die Durstigen
zu tränken, die Hungrigen sättigen, die Nackten bekleiden, und die Gefangenen
erlösen; aber Arme förmlich auf einen Thron hinaufsetzen, das solle nicht sein,
denn die Armut soll immer eine Prüfung des Geistes verbleiben, und der Arme
soll vielmehr bei Mir, als bei den Menschen Hilfe suchen und finden.
Nachdem wir nun
dieses Volk haben kennen gelernt, und bei ihm nicht viel mehr zu erlernen ist,
so wollen wir uns das nächste Mal wieder zu einem andern wenden.
Kp. 77. Die
jetzigen Japanesen stammen aus Mittelasien, ihre Religion, eine Potpourri mit
Menschenopfer. Diese hochgradigen Stoiker sind höchst schwer zugänglich
jenseits. Der jenseitige Ort dieser Geister ist gefährlicher als die Hölle
selbst, so, daß auch kein Geist von unten sich ihnen nahen kann. Japanesische
Tugenden. Der Japanese der tugendhafteste Mensch. Selbstzufriedenheit, seine
Glückseligkeit. Geistige Gefahren dabei, Gottentbehrlichkeit. Philosophie
dieser Stoiker. Ganz besondere Eigentümlichkeit. Große Geistesgefahr des
Deistischen Stoizismus.
(Den 8.Mai 1847)
[Er.01_077,001]
Zunächst den Braminen, Chinesen und unseren Hochtibetsbewohnern kommen als
Religionsverwandte die Japanesen, welche, wie sie jetzt sind, ebenfalls aus
Mittelasien abstammen. Sie sind, was Religion betrifft, ein Gemisch; sie sind
in dieser Hinsicht wie ein sogenanntes Potpourri, haben aus Allem etwas, und im
Ganzen doch nichts.
[Er.01_077,002]
Sie sind Braminen, Zoroasters, Parsen und Gebern, und somit Dalai-Lamaisten,
aber zugleich auch wie die Braminen Ormuzisten; welch‘ letztere Weise, auch die
böse Gottheit anzubeten, sie noch zu Menschenopfern nötigt.
[Er.01_077,003]
Sie nehmen es mit diesen Menschenopfern wohl freilich nicht so genau, aber
genug, daß solche Opfer noch gang und gebe sind; es müssen dennoch zu gewissen
Zeiten die schönsten Knaben und Mägdlein geopfert werden.
[Er.01_077,004]
Es werden zwar diese Knaben und Mägdlein nicht mehr geschlachtet, wie es einmal
der Fall war; dafür aber muß dann eine doppelte Anzahl Staatsverbrecher in‘s
Meer sich versenken lassen.
[Er.01_077,005]
Ein Mehreres darüber habt ihr schon bei einer anderen Gelegenheit empfangen,
was, so ihr wollet, dahier hinzugefügt werden kann.
[Er.01_077,006]
Aus allem aber werdet ihr auch ersehen, daß mit diesen im höchsten Grade
stoischen Japanesen in der geistigen Welt noch weniger zu machen ist, als mit
den anderen bisher angeführten asiatischen Völkern? Denn bis jetzt existiert
naturmäßig wie geistig kein Volk auf der Erdoberfläche, das wegen seines im
höchsten Grade ausgebildeten Stoizismus unzugänglicher wäre.
[Er.01_077,007]
Aber doch leichter noch ist es, sich diesem Volke naturmäßig zu nahen, als wie
geistig im Geisterreiche, wo es sich derart verschanzt hält, daß es nicht
leicht möglich ist, sich ihm ohne irgend einen Schaden zu nähern; denn sein
Stoizismus entwickelt eine eigene Art geistiger Sintflut, dem nur Engelsgeister
aus dem dritten Himmel opponieren können.
[Er.01_077,008]
Geister unterer Art dürfen diesen Ort nicht betreten, denn er ist ärger wie die
eigentliche Hölle selbst. Das Rarste bei der Sache aber ist, daß sich ihnen
auch kein Geist aus der eigentlichen Hölle nahen darf. Wenn er so etwas wagen
würde, so würde es ihm aber auch da alsogleich um tausend Mal schlechter gehen,
als in der untersten Hölle selbst.
[Er.01_077,009]
Er würde augenblicklich gefangen genommen, gefesselt, und auf die
allerschrecklichste Weise gepeinigt werden; denn ihr wisset, daß die
sogenannten Teufel die Demut am allerwenigsten leiden können, so wie auch die
Wahrheit und die Aufrichtigkeit und die damit verbundene Genügsamkeit, die
alles euch Denkbare übertrifft. -
[Er.01_077,010]
Alle diese Tugenden: Demut, Aufrichtigkeit, strengste Wahrheitsliebe,
Dienstfertigkeit, Selbstverleugnung bis in den tiefsten Kulminationspunkt, dann
eine Ordnungsliebe, die kein zweites Beispiel auf der Erde aufzustellen hat,
die größte Gastfreundschaft unter sich, die strengste Gerechtigkeit, und
vollkommene Geringschätzung des Lebens, das alles findet man bei den Japanesen
in einem solchen Grade ausgebildet, von dem ihr euch keinen Begriff machen
könnet.
[Er.01_077,011]
Von der Übertretung irgend eines Gesetzes ist da nie die Rede, und hat jemand
zufälliger Weise ohne sein Wissen und Wollen einen Fehltritt getan, so sucht er
selbst die strengste Züchtigung dafür nach.
[Er.01_077,012]
Man kann da sagen: Der Japaner ist in seiner Art der tugendhafteste Mensch auf
der ganzen Erdoberfläche; von einer Sünde ist bei ihm nie die Rede, aber eben
in dieser Tugend, die er genau erfüllt, sucht er auch seinen größten Lohn, und
die Selbstzufriedenheit ist seine höchste Glückseligkeit.
[Er.01_077,013]
Das sehr Schlimme bei dieser Sache ist freilich, daß er dieser seiner stoischen
Selbstzufriedenheit wegen keinen Gott braucht, wenn er schon an Ihn glaubt; und
statt Gott zu lieben, und Ihm seine Herzensdankbarkeit zu bezeigen, macht er
Ihm nur Vorwürfe darum, daß Gott ihn zu einem weisen Wesen gemacht hat, und
überhaupt zu einem Wesen, das sich seiner selbst und der etwaigen Bedürfnisse
bewußt ist.
[Er.01_077,014]
Bei ihm ist alles Verschwendung und unnützer Prunk; denn der Japanese sagt: Es
ist viel besser gar nicht, als unnütz sein, nun aber sieht er ein, daß er Gott
in nichts nützen kann, und betrachtet sich daher als rein überflüssig, und
wirft Gott die Unweisheit vor, und sie sagen noch dazu: „Zu einem Spielzeuge
für Gott sind wir in Seinem Anbetracht zu nichtig und zu schlecht, in unserem
Anbetracht aber zu gut und zu edel, indem wir Gott lieber zu etwas nützen
würden, wenn es möglich wäre, Ihm, dem Allmächtigen, einen Dienst zu erweisen;
so aber sind wir da, und keine Weisheit vermag es zu enträtseln wozu? Unsere
Verehrung und unser Opfer reicht kaum bis zu den höchsten Bergspitzen; was soll
sie Ihm sein, Den die Erde, Sonne, Mond und Sterne kaum vernehmlich preisen
können? Wir pflügen wohl die Äcker, aber dennoch zeigt Er, daß die Wälder und
die Wiesen durch Seinen Hauch besser bestellt sind, als unsere Äcker. Wir bauen
auch Schiffe; was sind sie aber gegen die Schwimmfähigkeit der Fische, und
gegen die Flugkraft der Vögel? Wir bauen große Paläste und Tempel; aber was
sind sie gegen Seine Erde und gegen Berge, die auf derselben sind wunderbar
gebaut von Seiner Hand?
[Er.01_077,015]
„Hat Er uns etwa erschaffen, daß wir Ihn erkennen sollen, damit Er dann ein
Freude hätte an unserer Erkenntnis über Ihn? Wann kann aber ein unendlich
kleiner Wurm den unendlich großen Gott erkennen, wie Er ist? Wer in einer Art
unvollkommen ist, ist das auch in einer andern; wann kann Gott von uns eine
vollkommene Erkenntnis Seiner Selbst erwarten? Sicher ewig nie; denn das
Unvollkommenste kann das Vollkommenste nie fassen, so wenig als jemand in einen
kleinen Topf das ganze Meer hineinschöpfen kann. Kann aber das Meer eine Freude
haben, wenn man aus ihm einen Topf voll nimmt? So wenig kann auch Gott eine
Freude haben, wenn wir aus seiner ganzen Unendlichkeit kaum das kleinste
Fünkchen schaffen; freut Ihn aber so etwas, so kann Er nicht weise sein, da uns
schon so etwas unmöglich erfreuen kann, die wir nur höchst unnotwendiger Weise
das kleinste Fünklein Seiner unendlichen Weisheit besitzen.“
[Er.01_077,016]
Dergleichen stoische Philosopheme kursieren in übergroßer Fülle unter diesen
Menschen, und sind, wie ihr leicht ersehen könnet, den eigentlichen satanischen
Maximen allerblankst und schnurstracks entgegen; daher es, wie schon früher
bemerkt wurde, einem Teufel, der über alles herrschen will, hier am
allerärgsten geht, wenn er in diese Gegend kommt, wovor sich aber die bösen
Geister auch ganz absonderlich hüten; denn die Prinzipien sind für sie das
Allerwidrigste, durch welche nicht nur allein alle Herrschsucht, sondern alles
nur kaum denkbare Gewicht zur Seite geschoben wird, durch welches irgend eine
wenn noch so geringe Bewertung seines Wesens an den Tag gelegt werden könnte.
[Er.01_077,017]
Es wird aber aus Dem auch ersichtlich, warum sich in eine solche Gegend nur die
stärksten Himmelsgeister begeben können. Der Grund liegt in dem, weil
schwächere Geister gar leicht von diesen seltenen Prinzipien könnten gefangen
genommen werden, und das ist eben das vorbesagte eigentümliche geistige Gift,
vor dem sich schwächere Geister auf das sorgfältigste hüten müssen.
[Er.01_077,018]
Ihr selbst, wie ihr da seid, dürftet nicht mit einem so recht stoischweisen
Japanesen zusammen kommen; wenn ihr seiner Sprache mächtig wäret, so könnet ihr
ihm auf Tausend nicht Eines erwidern.
[Er.01_077,019]
Aus dem Grunde aber lasse Ich es auch irdisch politischerseits (vorerst) nicht
zu, daß die anderen Völker der Erde mit diesen Erzstoikern in irgend eine zu
nahe Verbindung treten möchten, weil sie nur zu bald den Japanismus in der
ganzen Welt ausstreuen könnten.
[Er.01_077,020]
Denn ein Stoizismus für sich allein, wenn er sich atheistisch gestaltet, ist so
gefährlich nicht, indem er bald verkümmert, weil er keine Wurzeln hat; aber ein
Stoizismus in Verbindung mit dem strengsten Deismus ist das Gefährlichste für
den Geist, weil dieser Stoizismus mit seinem strengen Gottglauben ganz
natürlich eine unvertilgbare Wurzel hat. –
[Er.01_077,021]
Euch in sein Wesen weiter einzuweisen, wäre sehr unnütz und sogar schädlich;
daher wollen wir unsere Japanesen wieder verlassen, und zu einem anderen Volke
übergehen.
Kp. 78. Die
Urbewohner von Borneo und Guinea, chinesische Abkömmlinge. Besonderheiten
derselben. Regierung, Religion. Im Jenseits sind sie leichter zugänglich als
Chinesen. (Allgemeine Reflexion über Irrsinnige und Behandlung derselben.) Nach
ihrer Bekehrung Drüben sind sie die allerfestesten Geister.
(Den 4.Mai 1847)
[Er.01_078,001]
Nach den Japanesen kommen die Bewohner von den bedeutenden Inseln Borneo und
Guinea; es versteht sich von selbst, daß hier bloß von den Ureinwohnern die
Rede ist, nicht aber von den hie und da angesiedelten Europäern, die an den
Küsten wohnen.
[Er.01_078,002]
Die Ureinwohner dieser beiden Inseln sind, was leicht zu begreifen ist,
chinesische Abkömmlinge; daher auch die Religion China‘s hier zu allermeist
gehandhabt wird, und auch gehandhabt werden muß, weil die jeweiligen
Beherrscher dieser Inseln noch immer die Oberherrschaft China‘s anerkennen
müssen, und müssen auch, wenn es der Kaiser von China verlangt, ihm einen
Tribut bezahlen.
[Er.01_078,003]
In verschiedenen Dingen aber weichen sie doch von der chinesischen Verfassung
und Sitte ab; und somit hat es auch mit der Religion einige Abänderungen. Der
König dieser Insel hat gewöhnlich den Beinamen: die goldfüßige Majestät, auch
Sohn des Mondes; nur Sohn der Sonne nicht, weil dieser Ehrentitel bloß dem
Kaiser gebührt.
[Er.01_078,004]
Der König hat demnach für das Volk ein halbgöttliches Ansehen, und muß zu
gewissen Zeiten angebetet werden, und müssen ihm auch Opfer, die er bestimmt,
an dem bestimmten Tage reichlich dargebracht sein.
[Er.01_078,005]
Sind die Opfer nicht reichlich vorhanden, so werden die opfernden Priester auf
die Erde gelegt und tüchtig durchgeprügelt, und es wird ein zweiter Opfertag
bestimmt; die Priester aber, wann sie geprügelt werden, müssen so laut, als nur
immer möglich, heulen, und dieses Geheul muß von jedermann nachgeahmt werden,
der es hört. Da geschieht es nicht selten, daß in einem Tage das ganze Land in
das kläglichste Heulen versetzt wird.
[Er.01_078,006]
Der König ist als ein Halbgott auch der weiseste unter seinem Volke, daher
gehört zu seiner Verehrung auch die Nachahmung seiner Handlungen,
vorausgesetzt, so er es wünscht und will; hustet demnach der König, so muß bald
das ganze Land husten; räuspert er sich, so muß sich alles räuspern; setzt er
sich nieder, so setzt sich alles nieder im Lande, natürlich bei der ankommenden
gewisserart telegraphischen Nachricht, daß sich der König gesetzt hat.
[Er.01_078,007]
Das geschieht freilich nicht permanent, sondern nur in den Tagen, wenn der
König solches haben will.
[Er.01_078,008]
So darf auch niemand, außer der König und der oberste Priester, das höchste
Wesen anbeten, weil das gemeine Volk nicht würdig ist, Gott zu verehren und
anzubeten; sondern jedermann, der von Gott eine Gnade haben will, muß zu einem
Priester, dieser zum Oberpriester, und dieser erst zum Könige gehen, damit
dieser als der allein Würdige, Gott das Anliegen seines Volkes vorzutragen, die
verlangte Gnade für Den erbitte, dem es darum zu tun ist.
[Er.01_078,009]
Würde es jemand wagen, allein sein Anliegen dem höchsten Wesen vorzutragen, und
käme das auf, so wird er als ein Frevler und sakrilegischer Schänder der
alleinigen königlichen Majestät gewöhnlich mit dem Tode bestraft; ist er aber
von besserer Herkunft, so wird er entweder eine Stunde lang nach ihrer
Zeitrechnung geprügelt. Wann er aber reich ist und viel Gold besitzt, so kann
er sich von der Prügelei wohl auch loskaufen; aber er muß für eine Stunde
Prügel drei Stunden Gold für den königlichen Schatz messen.
[Er.01_078,010]
Daß bei diesem Messen auch viel feine Schliche und Kniffe gebraucht werden,
versteht sich von selbst; da wird mit dem genauen Messen oft mehr als 4/5 der
Zeit verbraucht, u.dgl. noch mehreres, aus welchem Grunde der König die
Prügelablösung für eine Stunde auch in drei Stunden verwandelt hat. –
[Er.01_078,011]
Damit aber das Volk sich nicht leichtlich gegen dieses allerstrengste Gebot
verfehle, so ist es ihm, so wie den Chinesen gestattet, Hausgötter
anzuschaffen, welche im Namen des Königs von den Priestern eingeweiht und
dadurch kräftig und wirksam gemacht werden, welche Hausgötter in gewöhnlichen
überaus plump angefertigten hölzernen, auch tönernen Pagoden bestehen, die von
dem Volke desto tiefer verehrt werden, je älter und schlechter sie aussehen. –
[Er.01_078,012]
In diesem Stücke unterscheidet sich dieses Volk auch von den Chinesen; denn die
Chinesen durchprügeln am Ende ihre Gottheiten, wenn sie ihnen nichts genützt
haben, aber dieses Volk hält nur auf die recht alten Gottheiten, und zwar aus
dem Grunde, weil diese, da ihnen schon so viel geopfert wurde, leichter zu
etwas zu bewegen wären, als die neuen, die durch die Opfer und Gebete noch
nicht so sehr geheiligt sind, als die alten.
[Er.01_078,013]
Daß mit so einem Volke in der Geisterwelt nicht viel zu machen ist, das wird
leicht einzusehen sein; doch sind sie für das Christentum und für das reine
Evangelium bei weitem zugänglicher, als die Chinesen, und besonders die
Japanesen, nur gehört dazu überaus viel Geduld, und man muß mit ihnen wie mit
Irrsinnigen umgehen, um sie auf den rechten Weg zu bringen.
[Er.01_078,014]
Denn wie die Irrsinnigen, so haben auch diese eine Menge höchst falscher, aber
fixer Begriffe, welche wie alte Krebse in ihre Seele eingewurzelt sind. Um sie
zu heilen, muß man eine förmliche geistige Homöopathie anwenden, und sie fasten
lassen über die Maßen, auf daß alles Schädliche sich in ihnen früher rein
aufzehre, und sie dann erst fähig werden, eine neue Kost aufzunehmen und zu
verdauen.
[Er.01_078,015]
Wann aber einer einmal geheilt ist, dann ist er aber auch fester als zehn
andere, und besitzt einen Mut, und eine Liebe, die mit nichts zu vergleichen
ist, was ihr hier kennt.
[Er.01_078,016]
Solch ein Geist würde, wenn es möglich wäre, eher tausend Mal unter den
gräßlichsten Schmerzen den Tod erleiden, als nur um ein Haar breit von der ihm
vorgeschriebenen Ordnung abweichen; aus welchem Grunde dann diese Geister auch
zum Schutze jener Menschen gestellt werden, die eben in diesen Gegenden wohnen,
und wann selbige das Irdische verlassen, so sind diese Geister auch fast
ausschließlich dazu bestimmt, ihre Landsleute auf den rechten Weg zu bringen.
[Er.01_078,017]
Wie hier gezeigt wurde, geht es auf den beiden Inseln mit wenigen kaum
bemerkenswerten Differenzen zu; nur sind die Borneer etwas sanfter, als die
Guineer. Somit wären wir mit diesen beiden Völkern fertig, und wollen nächstens
wieder ein anderes zur Betrachtung vornehmen.
Kp. 79. Die anderen
asiatischen Klein-Insulaner. Die Javaner, ein eigener Volksstamm; das Innere
(von Java) ungesund durch giftige Ausdünstungen. Deren sonderbarer
(janusartiger) Gott. Sonstige örtlich bedingte Eigentümlichkeiten. Das Tal des
Todes mit den Bohonupas.(Bäumen) Giftige Höhlen mit brennbarem Gase. Sie haben
auch den Koran und die Bibel. Vorzüge dieser Menschen gegen die vorigen. Sie
begründen sich in Nichts. (also auch nicht im Irrtümlichen). Bedeutsamer Wink
über die Liebe. Belehrung im Jenseits. Vorzüglichkeit der bekehrten Geister
dieses Volkes.
(Den 5.Mai 1847)
[Er.01_079,001]
Mehr oder weniger ähnlicher Verfassung sind auch die Bewohner der meisten
Inseln, von den Asien weit und breit umgeben ist, worunter freilich einige fast
schon ganz die römisch-katholische oder die protestantische Religion besitzen;
nur die Insel Java macht eine eigentliche Ausnahme.
[Er.01_079,002]
Diese Insel bewohnt ein ganz eigener Volksstamm; es versteht sich von selbst,
daß darunter nur die Ureinwohner zu verstehen sind. Die Insel selbst wird von
China aus mittelst eines Vizekönigs beherrscht, aber dessenungeachtet gehören
die Küsten zumeist den Europäern; Das Innere des Landes ist jedoch von den
Europäern noch gar wenig besucht, weil diese es da nicht zu lange auszuhalten
imstande sind, ob der mannigfaltigen giftigen Ausdünstungen, die auf dieser
Insel in besonders hohem Grade zu Hause sind.
[Er.01_079,003]
Die Ureinwohner dagegen sind da schon mehr gewisserart akklimatisiert, und ihr
ganzer Körperbau ist zur unschädlichen Aufnahme dieser giftigen Ausdünstungen
bei weitem mehr geeignet, als der Europäer.
[Er.01_079,004]
Eben diesem sonderbaren Klima zufolge haben die Einwohner den sonderbarsten
Begriff von der Gottheit; sie erkennen nur Einen Gott an, aber dieser Gott hat
gewisserart zwei Leiber, welche am Rücken zusammengewachsen sind.
[Er.01_079,005]
Auf diesen zwei Leibern sitzt aber ein Kopf, der zwei Gesichter hat; der eine
Leib ist ganz strahlend weiß, der andere aber ganz dunkelgrau.
[Er.01_079,006]
Am Tage wendet die Gottheit den weißen Teil ihres Leibes und Gesichtes den
Menschen zu; bei der Nacht aber den dunkelgrauen.
[Er.01_079,007]
Aus dem weißen Teile geht lauter Gutes, aus dem dunklen aber lauter
Schreckliches und Böses hervor; daher getraut sich auch leichtlich niemand zur
Nachtzeit in‘s Freie, weil ihm da nichts Gutes, sondern nur lauter
Schreckliches und Böses widerfahren kann.
[Er.01_079,008]
Der Grund liegt aber darin, weil auf dieser Insel, besonders in den inneren
Tälern derselben, fortwährend sich eine giftige Luft entwickelt, welche
Europäer töten, die Einheimischen doch wenigstens bedeutend krank machen,
manchmal wohl auch töten kann, wenn sie eine zu lange Zeit eine solche Luft
eingeatmet haben, aus welchem Grunde die Ureinwohner dieser Insel aber auch
durchgehends auf Bergen wohnen, und nur am Tage, wenn die Sonne schon über und
über aufgegangen ist und die böse Luft verscheucht hat, begehen sie sich in die
Täler zu irgend einer bestimmten Arbeit.
[Er.01_079,009]
Ein Tal dieses Landes aber ist ganz unbewohnt, und die Einwohner nennen es das
Tal des Todes.
[Er.01_079,010]
In diesem Tale befinden sich die schon bei manchen Gelegenheiten erwähnten
Giftbäume, Bohonupas genannt, welche eine so giftige Ausdünstung durch dieses
ganze mehrere Meilen lange Tal verbreiten, daß derselben gar kein lebendes
Wesen leiblicher Weise Trotz bieten kann; nur manche von dem Könige dieses
Landes ob eines Verbrechens zum Tode Verurteilte müssen in dieses Tal eine
Wanderschaft machen, und das giftige Harz dieses Baumes holen, mittelst welches
Giftes dann ehebrecherische Weiber getötet werden.
[Er.01_079,011]
Dieses Gift besitzt dann nur der König in einer wohlverwahrten goldenen Büchse;
und wenn es gebraucht wird, darf bloß nur eine kleine Nadelspitze in dasselbe
getaucht werden, um damit durch den leisesten Ritz einem Menschen im Verlaufe
von wenigen Minuten, und zwar unter den schauderhaftesten Schmerzen das Leben
zu nehmen.
[Er.01_079,012]
Wenn hundert in das Tal geschickt werden, kommen gewöhnlich höchstens zwei
wieder zurück, denen aber dann das Leben geschenkt wird. - Wenn diese
Unglücklichen dahin beschieden werden, so müssen sie genau ausforschen, wie da
der Wind geht.
[Er.01_079,013]
Geht der Wind zu dem kleinen Giftbaumwäldchen, da müssen sie dem Winde
nachgehen, schlägt aber der Wind um, so müssen sie plötzlich wieder die Flucht
ergreifen; denn wie sie die Luftschicht dieses giftigen Wäldchens erreicht hat,
so sind sie ohne Rettung verloren.
[Er.01_079,014]
Weht aber der Wind längere Zeit in gleicher Richtung fort, so mögen sie wohl zu
einem oder dem andern nächsten Bäumchen gelangen, und daran behutsam ihr
Geschäft verrichten, nach dessen Verrichtung sie dann eiligst gegen den Wind
ihren Rückmarsch ohne Rast antreten, und wenigstens einen Weg von 10 Meilen
machen müssen, bis sie vor den Folgen der giftigen Luft dieses Tales sicher
sind; welches eigentlich nur ein bei 20 Meilen langer, und bei einer Meile
breiter Kessel ist, in dem sich aber kein Tropfen Wassers befindet, auch kein
anderes Gras und Gewächs, denn alles stirbt an der Ausdünstung dieses giftigen
Baumes. –
[Er.01_079,015]
Gleicherweise gibt es in diesem Lande auch Höhlen, aus denen ein beständiger
giftiger Hauch aufsteigt, nur verbreitet er sich nicht so weit in seiner giftigen
Intensität, als das giftige Miasma des obbeschriebenen Giftbaumes, und die
Einwohner können sich manchmal solchen Höhlen ganz nahen, aber natürlich auch
nur nach dem Winde.
[Er.01_079,016]
Da schleudern sie dann brennende Bündel in eine solche Höhle, durch welche sich
dieses ausströmende höchst brennbare Gas schnell entzündet, und dann manchmal
jahrelang in einem fortbrennt; wenn es aber brennt, dann ist es auch ganz
unschädlich.
[Er.01_079,017]
Die sonderbare Beschaffenheit dieses Landes ist dann auch der Grund von der
sonderbaren Geistesbildung dieser Menschen, wie schon oben bemerkt wurde; ihre
Doppelgottheit rührt schon einmal daher. Aber was eben wieder für euch
merkwürdig ist, ist das, daß die Einwohner auf diese ihre Gottheit nicht viel
Gewicht legen; sie haben auch den Al-Koran, und gegenwärtig auch die Bibel.
[Er.01_079,018]
Einige aus ihnen geben der Bibel den Vorzug, einige noch dem Koran; aber ihre
Gottheit ist bei ihnen schon beinahe gänzlich außer Kurs gekommen.
[Er.01_079,019]
Einige unter ihnen sind der Meinung, ein vollkommener Mensch solle alle
Religionen kennen, und sich daraus das Beste nehmen (Eklektiker).
[Er.01_079,020]
Andere sagen wieder, daß unter den vielen Religionen nur Eine die rechte sein
kann; aber diese herauszufinden, wäre die schwierigste Aufgabe für den
Allerweisesten unter ihnen, daher wäre es am besten, unterdessen für alle etwas
zu tun, bis man die rechte ermittelt hat, denn in jeder Religion sei etwas
Weises und etwas Dummes zu finden; man huldige also bloß dem Weisen in jeder
Religion, und verwerfe das Dumme, wodurch man endlich doch so weise wird, um
aus den vielen Religionen die rechte herauszufinden.
[Er.01_079,021]
Diese Menschen sind im Grunde nicht so dumm, als jemand anfänglich glauben
möchte, denn sie begründen sich im Nichts; daher aber sind sie im Geisterreiche
auch am allerzugänglichsten.
[Er.01_079,022]
Nur mit der Liebe geht es ein wenig schwer, weil sie auf der Welt die Liebe für
die größte Dummheit halten; aber der Grund davon liegt darin, weil sie unter
dem Begriffe Liebe lediglich jene einem Rausche ähnliche Leidenschaft
verstehen, durch welche das beiderseitige Geschlecht sich wie in einer blinden
Raserei ergreift, und miteinander die tierähnliche Unzucht treibt, welcher Akt
die Weisheit des Menschen manchmal unter die niedrigsten Tiere stellt.
[Er.01_079,023]
Allein, wie sehr leicht zu sehen, ist das nur ein ganz irriger Begriff von der
Liebe, wo man einen falschen und irrig geleiteten Trieb der Liebe für die ganz
Liebe nimmt.
[Er.01_079,024]
Sind die Geister dieser Menschen über diesen Begriff im Klaren, dann sind sie
die fähigsten Wesen im Geisterreiche, und zugleich die bereitwilligsten, und
die pünktlichsten in der Erfüllung jedes ihnen anvertrauten Geschäftes. –
[Er.01_079,025]
Das ist etwas ganz besonders Denkwürdiges von diesem Volke; darum es hier auch
ziemlich umständlich gegeben wurde. Alles andere dieses Volk Betreffende gehört
nicht zu unserer Sache; daher nächstens wieder ein anderes Volk.
Kp. 80 Die
Völkerschaften von Sumatra und Celebes. Sodann diejenigen von Ceylon (d.h. die
Ureinwohner). Land der größten Naturwunder. Grund dieser Eigentümlichkeit. „Die
wilde Jagd“. Fata Morgana‘s nächtliche Feuererscheinungen. Tanzende
Feuersäulen. Die Wohnungen dort in den Löchern der Erde. Ihre religiöse
Ansicht; ihr Hauptpriester ist Herrscher. Die uneigennützigste Priesterschaft
auf Erden. Wirkung dieses Benehmens, ungeheures Ansehen und unbegrenzte Liebe.
Wunderkraft. Hof dieses Hauptpriesters, dessen Unzulänglichkeit für Europäer.
Sie sind Deisten, ihre Insel ist die Welt. Ihre weiteren religiösen, geistigen
usw. Ansichten. Ihre Meinung von Christo, sonst gute Ansichten. Dieses Volk hat
in seiner Einfachheit noch den psych. Krafttypus der Urzeit. Sie sind
Zendavesta-Befolger und NB. „Versteher“, und lieben Jesum, daher sie jenseits
leicht zur eigentlichen Wahrheit kommen.
(Den 6.Mai 1847)
[Er.01_080,001]
In der Nachbarschaft unserer vorbeschriebenen Insel Java befinden sich noch
zwei etwas größere Inseln, unter den Namen Sumatra und Celebes.
[Er.01_080,002]
Die Völker dieser beiden Inseln stehen zumeist unter gleicher Verfassung, und
es wäre somit überflüssig, mit ihnen eine Wiederholung des schon Gegebenen hier
wieder zu geben; nur so viel kann gesagt werden, daß Sumatra der Insel Java in jeder
Beziehung näher steht, als die Insel Celebes, auf der es viel mehr echt
chinesisch und mitunter auch borneonisch zugeht, obschon es unter den
Celebesern auch Javaner gibt.
[Er.01_080,003]
Daß aber auf beiden Inseln, und namentlich an den Küsten, auch Europäer Zutritt
und sogar Niederlassungen haben, braucht bei der gegenwärtigen Eroberungssucht
der Engländer, mitunter wohl auch der Franzosen, Holländer und Spanier kaum
näher erwähnt werden; daher wollen wir uns gleich nach einer anderen Insel
wenden, nämlich auf Ceylon, welche zwar an ihren Küsten zumeist europäische
Niederlassungen hat, aber im Innern noch die Ureinwohner in ihren vielen
Schluchten, Höhlen und Grotten birgt.
[Er.01_080,004]
Diese Insel wird von vielen Reisenden als ein Land der unbegreiflichen Wunder
angepriesen, und wegen der seltsamen Erscheinungen von vielen Naturforschern
besucht.
[Er.01_080,005]
Es ist wahr, diese Insel, rein vulkanischen Ursprungs, hat die größten
unterirdischen Verbindungen, welche durch große Kanäle sogar mit den lebendigen
Eingeweiden der Erde in Verbindung stehen; daß dadurch manche seltsame
Erscheinungen hervorgerufen werden, welche anderorts nicht vorkommen, wird euch
leicht begreiflich sein, so ihr auf alles Das einen Rückblick tuet, was euch im
natürlichen Teile des Erdkörpers, und zum Teil auch im geistigen Teile
desselben mitgeteilt wurde.
[Er.01_080,006]
Da kommen die Erscheinungen der euch nicht unbekannten sogenannten wilden Jagd
nicht selten in solcher Intensität zum Vorschein, daß ihr Getöse oft zu einer
solchen Heftigkeit heranwächst, daß sich die Bewohner vor demselben in die
tiefsten Löcher verkriechen, um ihre Gehörswerkzeuge vor dem Zerspringen zu
bewahren.
[Er.01_080,007]
Nebst diesen lärmenden Erscheinungen aber gibt es eine noch größere Menge
meteorischer Erscheinlichkeiten, die zu gewissen Zeiten nicht minder das Auge
beschäftigen, als die lärmenden das Ohr.
[Er.01_080,008]
Fata Morgana von der seltensten Art sind fast in der täglichen Ordnung der
Dinge, welche aber jedoch immer sanfter Art sind, und die Sehenden eher
entzücken, als sie mit irgend einer Furcht erfüllen; aber sehr Furcht und
Schrecken verbreitend sind die nächtlichen feurigen Erscheinungen, welche wohl
auch manchmal kleine örtliche Verheerungen anrichten.
[Er.01_080,009] Diese
feurigen Erscheinungen bestehen manchmal in einer Unzahl von den sogenannten
Sternschnuppen, welche sich ganz nieder, manchmal nur wenige Klaftern über den
Erdboden, nach allen Richtungen durchkreuzen.
[Er.01_080,010]
Diese feurige Erscheinung ist die am wenigsten gefürchtete; etwas mehr Schauder
erregend sind die manchmal in Scharen von Tausenden ganz auf dem Erdboden, und
manchmal nur wenige Schuh hoch über demselben daherziehenden Feuermänner,
Feuerdrachen, Feuerschlangen u.dgl.m. –
[Er.01_080,011]
Diese Erscheinungen sind zwar sehr überraschend und Furcht erregend anzusehen,
besonders wegen ihres schönen hellen weißen Lichtes; aber sie sind niemanden
gefährlich, weil ihr Licht ganz kalter Natur ist. Gefürchteter sind die
freilich wohl etwas seltener vorkommenden Feuerräder und Feuerkränze.
[Er.01_080,012]
Diese setzen gewisse ihnen materiell verwandte Gegenstände in Brand, und
Menschen und Tiere, wenn sie von diesen Rädern und Kränzen gestreift werden,
bekommen elektrische Schläge und manchmal wohl auch bedeutend schmerzliche
Brandwunden; aber am allergefürchtetsten sind in diesem Lande die sogenannten
tanzenden Feuersäulen, welche im Grunde nichts als Feuerhosen sind.
[Er.01_080,013]
Diese machen wohl die größte Verheerung, wo und wann sie zum Vorschein kommen.
Sie kommen aber nur selten vor, in einem Jahre kaum zwei bis drei Mal, und
meistens nur an schon bestimmten Plätzen, und werden, wenn sie zum Vorschein
kommen, schon einen ganzen Tag vorher durch ein gewisses stets lauter werdendes
Knistern in der Luft angezeigt, bei welcher Erscheinung sich Menschen und Tiere
beinahe gar keine Hütten, und noch weniger Häuser, und es wohnen Menschen und
Tiere, wie schon vorher gezeigt ward, in den Löchern der Erde, welche die
Menschen, die sie bewohnen, wohl mit allerlei plumpem Schnitzwerke und
Geflechte ausschmücken. –
[Er.01_080,014]
Die Bewohner dieser Insel haben keinen König, sondern nur eine Art
Hauptpriester, der aber das Ansehen eines Zauberers hat, und bei dem Volke in
dem Glauben steht, als wäre er der Meister aller dieser wunderbaren
Erscheinungen dieses Landes.
[Er.01_080,015]
Dieser Zauberpriester hat dann auch eine gehörige Menge Gehilfen die er
unterrichtet, und dann in alle Teile dieses Landes hinausstellt, welche das
Geschäft haben, das Volk in der bestimmten Religion zu unterweisen, und ihm
auch die Benehmungsweise vorzuschreiben, wie es sich bei den verschiedenen
Erscheinungen zu verhalten hat, um ohne Nachteil davon zu kommen.
[Er.01_080,016]
Das Seltene bei dieser Sache aber ist das, daß dieser Hauptpriester samt seinen
Gehilfen die alleruneigennützigste Priesterschaft auf der ganzen Erdoberfläche
ist, denn er fordert von niemanden auch nur die geringste Gabe; nur die
Gehilfen dürfen Speise und Trank annehmen, wenn sie auf Unterweisung unter das
Volk gehen.
[Er.01_080,017]
Aber das Volk, die Wohltat dieses Priesters einsehend, beeifert sich, ihm die
schönsten und auserlesensten Tierherden zuzutreiben, von denen er aber nie mehr
nimmt, als was er für seinen ganz einfachen Hausbedarf vonnöten hat. –
[Er.01_080,018]
Aus dem Grunde genießt er aber bei dem Volke ein so ungeheures Ansehen, und
eine so unbegrenzte Liebe, daß er im Falle der Not nur winken dürfte, und das
ganze Volk groß und klein wäre bewaffnet auf den Beinen, um seinen größten
Wohltäter wie es ihn nennt, zu schützen.
[Er.01_080,019]
Merkwürdig für euch von Seite dieses sogenannten Zauberpriesters dürfte das
sein, daß er, wie auch seine Gehilfen, wirklich eine ganz magische Kraft
besitzt, mittelst welcher er den Tieren gebieten kann, und sie folgen ihm auf
den Wink, und davon ist kein Tier vom größten bis zum kleinsten auf dieser
Insel ausgenommen.
[Er.01_080,020]
Das aber gibt ihm auch zugleich das größte Ansehen, wenn er manchmal durch ein
ganzes Heer von reißenden Tieren ganz unbeschädigt wie durch eine Schafherde
wandelt. Schlangen, Nattern, Krokodile sind die gewöhnliche Umlagerung seines
Zauberhofes, und nicht eines dieser Tiere wagt ohne seinen Wink nur die
leiseste Bewegung zu machen; nur wenn er ihnen gebietet, bewegen sie sich
pfeilschnell von seinem Hofe hinweg, und suchen sich ihre Nahrung.
[Er.01_080,021]
Der Hof dieses Hauptpriesters ist ungefähr in der Mitte dieser Insel, und ist
für jeden Europäer rein unzugänglich, teils wegen sehr dichter Gestrippe, teils
wegen steiler, nahe unübersteiglicher Felsgebirge, und teils auch wegen des
vielen Geschmeißes von Tieren, die hier reichlicher als irgend wo anders zu
Hause sind.
[Er.01_080,022]
Ein bedeutendes Hindernis sind auch die vorher besprochenen Naturerscheinungen,
denen selbst die beherztesten Europäer nicht so ganz trauen; und so bleibt
diese Insel nur an den Küsten europäischen Niederlassungen zugänglich, das
Innere aber kennen Europäer so wenig, als wie das Innere von Afrika und noch
manches anderen Landes. –
[Er.01_080,023]
Die Religion dieses Volkes ist eine eben so seltene, als ihr Land selbst; sie
glauben an Einen Gott, welcher aber für keinen Sterblichen sichtbar und in
seiner Art denkbar ist.
[Er.01_080,024]
Dieser Gott aber weihe von Zeit zu Zeit einen Menschen, der in seinem Namen die
irdischen Geschäfte besorgt, weil sie für Gott zu kleinlich, und Seiner zu
unwürdig wären.
[Er.01_080,025]
Ihre Insel halten sie für die ganze Welt, welche wie eine Seenuß auf den
unendlichen Gewässern herumschwimmt.
[Er.01_080,026]
Sonne, Mond und Sterne, die regiert Gott allein, aber die Direktion der Erde,
die zu klein ist, um von Gott allein dirigiert zu werden, besorgt der von Gott
geweihte Hauptpriester; denn das Volk hat von den Gestirnen den großartigsten
Begriff, und hält den kleinsten Stern für unendlichmal größer als die Erde.
[Er.01_080,027]
Gott aber befindet sich in der Sonne, daher die Sonne von ihnen auch angebetet
wird; den Mond aber halten sie für eine himmlische Welt, in welcher ihr Oberpriester
und auch sie selbst nach dem Tode des Leibes hinkommen, wenn sie auf der
kleinen Erde rechtschaffen und genügsam gelebt haben.
[Er.01_080,028]
Nur mit den Sternen geht es ihnen etwas schlechter; denn diese bevölkern sie
bloß mit allerlei Tierseelen, die aber nach ihren Begriffen jenseits viel
größer und vollkommener sind, als auf ihrer Erde.
[Er.01_080,029]
Von Christo wissen sie wenig, und hie und da auch gar nichts, die von Ihm aber
etwas wissen, sind der Meinung, daß Er auch einmal auf ihrer Insel ein
Oberpriester war, habe sich aber nach der Hand entfernt, und sei auf irgend
eine andere Erde gegangen, um dort Menschen glücklich zu machen, weil Ihm
vielleicht ihre Vorfahren einmal ungehorsam geworden wären; denn obschon sie
ihr Land für die einzige Erde halten, so meinen sie aber doch, daß es auf dem
nach ihrer Meinung unendlich großen Meere noch andere herumschwimmende
Weltkörper geben kann, auf denen ihnen ähnliche Menschen wohnen, nur seien sie
nirgends so vollkommen, als wie da, zu welcher Meinung sie wohl der Umstand
gebracht hat, weil sie denn doch nicht selten mit Europäern zusammen kommen,
und bei ihnen entdecken, daß sie nicht so vollkommene Meister der Tiere sind,
wie sie.
[Er.01_080,030]
Auch haben sie wohl schon manchmal Linienschiffe gesehen, und die Kanonade
gehört; allein das halten sie für eine pure Kinderspielerei, denn das
Feuerwerk, was ihr Oberpriester zuwege bringt, ist gar nicht zu vergleichen
gegen die Nichtigkeit eines Kanonenblitzes, auch das schwimmende Schiff selbst
halten sie bloß für ein schwimmendes ausgehöhltes Ei, das irgend ein mächtiger
Feuerdrache gelegt hat.
[Er.01_080,031]
Luxusartikel, die ihnen die Europäer anbieten, verachten sie über die Maßen;
denn sie sagen: Wir bringen Größeres mit unserem Willen, als ihr mit euren
Händen zuwege, daher ist mit diesem Volke auch kein Handel anzuknüpfen.
[Er.01_080,032]
Die Küstenbewohner allein handeln mit Elefantenzähnen, die sie gewöhnlich von
den Ureinwohnern gratis bekommen. Für alles andere bietet die Insel beinahe gar
keinen Handelsstoff. –
[Er.01_080,033]
Bei all‘ dieser Darstellung könnet ihr leicht einsehen, daß dieses Volk noch
sehr einfach ist, und nur äußerst wenig Bedürfnisse kennt; zufolge dieser
Einfachheit aber hat es dann auch in der psychischen Sphäre noch denjenigen
urkräftigen Typus, wie er bei den Urvölkern der Erde einheimisch war.
[Er.01_080,034]
Es ist bei ihnen noch dieselbe geistige Urkraft ersichtlich, die einst die
ersten Menschen der Erde besaßen; sie sind der eigentlichen Religion nach noch
die reinsten Zendavestabefolger, auch zugleich Versteher, und haben wenig
hinzugesetzt und noch weniger hinweggenommen.
[Er.01_080,035]
Auch mit diesem Volke ist es in der Geisterwelt eine leichte Arbeit, sie in das
Evangelium einzuführen, weil sie Christum sehr lieb haben, und anfänglich der
Meinung sind, Ihm jenseits um so mehr Folge zu leisten, weil sie Ihm auf der
Welt als ihrem von Gott geweihten Oberpriester in ihren Vorfahren zu wenig
Gehorsam geleistet hätten, und daß dieser Ungehorsam nun an allen Nachkommen
klebe wie eine Erbsünde, für die jeder jenseits dem beleidigten Manne Gottes
genugtun muß.
[Er.01_080,036]
Dieser Grund ist zwar dem Anscheine nach etwas lächerlich, allein es ist leicht
zu ersehen, daß er trotz der Lächerlichkeit dennoch ein guter Anhaltspunkt ist,
wodurch die Menschen dieses Landes jenseits zum Lichte des wahren Evangeliums
gelangen können.
[Er.01_080,037]
Weiter gibt es bei diesem Volke für unsere Sache nichts beachtenswertes, daher
wollen wir uns für‘s nächste Mal wieder zu einen anderen Völklein wenden.
Kp. 81. Die
eigentlichen Bewohner von Madagaskar stammen aus Asien, und von hier aus wurde
dann Südafrika bevölkert, sie sind die eigentlichen Kainiten, daher auch ihr
Geistesbildung noch tief steht. Sie allein setzen das weibliche Geschlecht über
das männliche. Weibliche Weise, deren Philosophie. Sonderbarer Gottesdienst,
und Grund desselben, dabei die größte Züchtigkeit auf Erden. Die Weißen sind
nur Halbmenschen. Ein Eldorado Luzifers. Schwere Zugänglichkeit der Küsten des Landes,
sowie auch dieser Menschen im Jenseits. Schicksal dieser Seelen nach dem Tode -
Reinkarnation.
(Den 8.Mai 1847)
[Er.01_081,001]
Nach der Insel Ceylon kommt die zu Afrika gehörige größere Insel Madagaskar.
Diese Insel wird von einem ganz eigentümlichen Volke bewohnt, welches sich hier
in den Urzeiten von Asien aus angesiedelt hat.
[Er.01_081,002]
Es ist aber nicht zu denken, daß dieses Volk etwa von Afrika herüber diese
Insel bewohnt hat, wohl aber umgekehrt; das südliche Afrika wurde zu allermeist
von dieser Insel aus bevölkert.
[Er.01_081,003]
Die Bewohner sind zum größten Teile Mohren; während die Bewohner der früher
genannten Insel entweder braune, mitunter wohl dunkelbraune Farbe haben, haben
die Bewohner Madagaskars eine vollkommen schwarze Hautfarbe, darunter nur sehr
wenige in‘s Dunkelkupferbraune spielen.
[Er.01_081,004]
Diese Menschen sind, mit weniger Ausnahme, noch die ganz eigentlichen Kainiten,
bei denen die Bildung des Geistes zu allermeist noch auf der untersten Stufe
steht. Sie haben wohl einen Begriff von einem höchsten Wesen; aber dieser ist
so dunkel, wie ihre Hautfarbe.
[Er.01_081,005]
Dieses Volk ist das einzige, welches das weibliche Geschlecht über das
männliche setzt; daher bei ihm fortwährend eine Königin, und nie ein König,
vollkommen göttlichen Ansehens auf dem Throne sitzt, und ihr Volk nach gänzlich
freier Laune und Willkür beherrscht. –
[Er.01_081,006]
Der Grund aber davon, daß hier das weibliche Geschlecht vorherrscht, liegt in
dem, daß ihre Weisen, die lauter Weiber sind, das Volk also lehren, das Weib
sei in allem vollkommener als der Mann; bei dem Manne sieht man an seinen
Muskelgruben, daß er noch nicht ausgefüllt ist, während bei dem Weibe das schon
vollendet ist, was beim Mann den Anfang nimmt.
[Er.01_081,007]
So hat auch der Mann keine Brüste, demzufolge er auch keine so tiefen und
weisen Empfindungen haben kann, als das Weib. Auch ist der Mann viel behaarter
als das Weib, somit dem Tiergeschlechte näher als das Weib; so trüge der Mann
auch zwischen den Beinen eine tierische schweifartige Verlängerung gleich dem
Affen, welche beim Weibe nicht mehr stattfindet.
[Er.01_081,008]
Dann ist das Weib auch der Gestalt nach viel edler und schöner als der Mann,
und nur von ihr kommt das menschliche Geschlecht her. Sie bedarf zwar wohl des
Beischlafes; allein wie wenig Wert die Schöpfung auf das Werk des Mannes gelegt
hat, und um wie viel das Weib höher steht als der Mann, konnte man am klarsten
aus diesem Zeugungswerke ersehen.
[Er.01_081,009]
Das Werk des Mannes dauere nur so viele Augenblicke, als er Finger an den
Händen hat, dem Weibe aber kostet das eben so viele Monate; die Dauer der Zeit
bestimmt hier klar den kaum berechenbaren Vorzug des weiblichen Geschlechtes
vor dem männlichen. –
[Er.01_081,010]
Aus dergleichen Philosophemen beweisen diese weiblichen Weisen ihres
Geschlechtes unberechenbaren Vorzug, und beweisen daraus sogar, daß das höchste
Wesen, so es irgendwo ist, selbst ein allervollkommenstes Weib sein müsse.
[Er.01_081,011]
Sie haben auch Tempel, in denen sie überall das Weib als die Gottheit verehren
und anbeten; und der Hauptgegenstand der Verehrung beim Weibe ist das Genitale,
und dann die Brust.
[Er.01_081,012]
Wenn sie ihren Hauptgottesdienst verrichten, was alle Vollmonde geschieht, so
ist in diesem Dienste das der erhabenste Moment, wenn ein nacktes lebendiges
Weib sich auf den Altar stellt, ihre Hand auf das Genitale legt, und bald
darauf zu pissen anfängt.
[Er.01_081,013]
In dem Momente des Pissens fällt alles männliche Geschlecht auf‘s Angesicht
nieder, und wird darauf von dem weiblichen angepißt.
[Er.01_081,014]
Eine ähnliche Gottesverehrung findet sich auch bei einigen Stämmen Afrika‘s
vor, die selbe natürlich von ihrem Mutterlande mitgebracht haben.
[Er.01_081,015]
Dieses weibliche Genitale wird, was leicht begreiflich, darum so hoch verehrt,
weil daher das menschliche Geschlecht seinen Ursprung nimmt.
[Er.01_081,016]
Merkwürdig dabei ist das, daß auf der Erdoberfläche hinsichtlich der
Befriedigung der fleischlichen Lust nirgends ein keuscheres und züchtigeres
Volk lebt als hier.
[Er.01_081,017]
Außer dem Tempel darf bei augenblicklicher Todesstrafe nirgends eine Zeugung
stattfinden, und diese darf zur bestimmten Zeit nur einmal im Jahre vorgenommen
werden, nachdem zuvor nach ihren Begriffen eine Menge gottesdienlicher
Handlungen verrichtet worden sind; und wenn die Zeugung vor sich geht, muß es
im Tempel vollkommen finster sein.
[Er.01_081,018]
Das Weib aber hat jedoch das Recht, sich von ihren Sklaven öfters befriedigen
zu lassen, wenn sie darnach brennt; aber wenn ein Mann ein Weib verlangen
würde, so würde das schon ein Crimen läsä sein. –
[Er.01_081,019]
Die weißen Menschen werden nur als Halbmenschen betrachtet, auf die auch Jagd
gemacht werden kann, indem sie ein gutes Fleisch hätten.
[Er.01_081,020]
Wenn ein gefangener weißer Mann sehr gut gewachsen ist, und eine Madagaskaresin
an ihm ein besonderes Wohlgefallen findet, so kann sie ihm auch das Leben
schenken, und ihn als einen possierlichen Affen zu ihrer Unterhaltung behalten,
wo er sich aber dann, versteht sich, so manches muß gefallen lassen, was unter
euch, wie ihr zu sagen pfleget, für den Teufel zu schlecht wäre.
[Er.01_081,021]
Den Männern, wenn sie gefangen werden, geht es noch immer etwas besser; aber
die Weiber werden ohne Gnade und Pardon geschlachtet und gebraten, weil die
Weiber der Weißen von diesen schwarzen Weibern für bloße Tiere gehalten werden.
–
[Er.01_081,022]
Wie weit diese Menschen noch von der geistigen Bildung zurück sind, wie noch
sehr unzugänglich für‘s Evangelium, kann schon aus diesem Wenigen ersehen
werden. Es sind wohl schon Versuche gemacht worden, hie und da an der Küste;
allein bis jetzt war noch alles vergeblich, denn da, kann man sagen, führt der
Luzifer noch ganz unbeirrt sein Regiment.
[Er.01_081,023]
Das Land selbst aber ist auch so gestellt, daß es dem Zutritte jeder größeren
Macht den größten Trotz bieten; denn diese Insel ist nur auf sehr wenigen
Punkten zugänglich.
[Er.01_081,024]
Das Meer ist ringsherum in großer Ausdehnung voll Klippen und Untiefen; mit
größeren Fahrzeugen ist es beinahe nirgends landungsfähig, sondern auf einigen
wenigen Plätzen nur in Kähnen, wenn das Meer ruhig ist, und da müssen die
Landenden ja sehr behutsam sein, um nicht in die Hände der überall an solchen
Plätzen lauernden Madagaskaresen zu gelangen.
[Er.01_081,025]
Die Königin dieses Landes läßt ihre Küsten auch fortwährend streng überwachen,
und die ganze Küste fortwährend mit undurchdringlichem Gestrippe bewachsen
sein, welches auch von einer Menge bösen Geschmeißes von allerlei giftigen
Würmern und Insekten bevölkert ist, gegen das sich nur die Eingeborenen mittels
des Anstriches mit dem Safte einer gewissen Pflanze zu schützen wissen.
[Er.01_081,026]
Zu gewissen Zeiten, besonders im halben Frühling, im Sommer und halben Herbste,
zusammen also ein halbes Jahr, ist sich dieser Insel nicht zu nahen; denn da
umschwärmen sie Trillionen von den großen fliegenden Ameisen, von einigen
Naturforschern Muskatons genannt, welche viel ärger sind, als die Moskitos der
amerikanischen Inseln.
[Er.01_081,027]
Wenn zu solcher Zeit ein Europäer die Küste besteigt, und wird von einem
Schwarzen dieser Muskatons überfallen, so ist er binnen wenigen Minuten ein
ganz abgenagtes Totengerippe. Die Eingeborenen jedoch fallen sie nicht an, weil
ihnen der Geruch des Krautes mit dessen Safte sich die Eingeborenen
bestreichen, höchst unausstehlich ist.
[Er.01_081,028]
Aus dieser kurz gegebenen Beschreibung werdet ihr leicht ersehen, wie es mit
diesem mehr als heidnischen Volke in der geistigen Welt aussieht; denen ist
überaus schwer beizukommen, ja man könnte sie beinahe eben so leicht natürlich
weiß waschen, als ihren Geist für das Evangelium wecken.
[Er.01_081,029]
Seelen solcher Menschen werden entweder zu sogenannten Naturgeistern, oder sie
werden in einen anderen Planeten geführt, wo sie wieder eine leichtere
materielle Umhüllung bekommen, und sonach noch ein materielles Leben
durchmachen, in welchem sie mehr und mehr zur Aufnahme des Evangeliums geeignet
werden, nur sehr wenige kommen nach dem Tode ihres Leibes unter großer Mühe zur
rechten Erkenntnis.
[Er.01_081,030]
Die Naturgeister aber werden mit der Zeit entweder noch einem in einem besseren
Erdstriche durch die Zeugung in‘s Fleisch gesetzt, oder sie werden auch in einen
anderen Planeten geführt.
[Er.01_081,031]
Nun wisset ihr hinreichend von diesen überaus eingeschrumpften Volke der Erde;
wir wollen uns daher nicht länger bei ihm aufhalten, sondern für‘s Nächste zu
einem anderen übergehen.
Kp. 82. Die
Völkerschaften Süd-Afrika‘s. Fetischdiener, sie haben weder König noch
Oberhaupt, sondern leben in Horden, essen rohes Fleisch und trinken Blut.
Kannibalen. Keine aritkulierte Sprache. Ihr wenig Gutes, die Einfachheit und
Wißbegierde. Großer Unterschied dieser Seelen von den vorigen in der
Geisterwelt. Drüben stehen sie bei weitem höher als vorige. Die ehem.
Sklaven-Greuel. Entschädigung der Sklavenseelen jenseits. Deren Herren -
Weihrauch der Hölle. Schmerzliche Reflexion.
(Den 10.Mai
1847)
[Er.01_082,001]
Diesem Volke zunächst an allerlei unterheidnischen Sitten und Gebräuchen stehen
noch gewisse zumeist den südlichen Teil Afrika‘s bewohnende Völkerschaften,
deren Religion nicht selten noch schlechter ist, als die der Madagaskaresen.
[Er.01_082,002]
Da gibt es die eigentlichen Fetischdiener, die ganz naturmäßige Gegenstände
verehren, ob sie ihnen nützen oder nicht, sondern bloß darum, weil sie ihnen an
einem bestimmten Tage des Jahres zuerst in die Augen gefallen sind; solche
Gegenstände können ein Baumstock, ein Wurm, ein Krokodil, ein Vogel, ein Affe,
auch ein Stein sein, kurz alles, was nur Körper heißt, kann als
anbetungswürdige Gottheit gebraucht werden.
[Er.01_082,003]
Diese Völker haben keinen König, auch keine Königin, worin sie sich von den
Madagaskaresen sehr unterscheiden. Sie leben bloß hordenweise gleich den Affen
auf den Bäumen, und ernähren sich meistens von allerlei Raub und Jagd.
[Er.01_082,004]
Das Fleisch verzehren sie ganz roh, und aus den Häuten machen sie gewöhnlich
hängende Betten an den Baumästen. Früchte genießen sie nur wenige, tierische
Milch ist ihnen beinahe unbekannt; dafür trinken sie das Blut der Tiere mit
desto größerer Begierde.
[Er.01_082,005]
Diese Horden führen auch öfter eine Art Krieg, besonders zu den Zeiten größerer
Tierjagden, wo gewöhnlich die in der Jagd weniger glückliche Horde die
glückliche überfällt und ihr den Raub abjagt, wenn es tunlich ist. Die
beiderseits getöteten Jäger werden dann von der siegenden Partei ebenfalls als
Jagdbeute mitgenommen, und zu allererst verzehrt.
[Er.01_082,006]
Weiße Menschen aber sind für sie ein Leckerbissen; darum sie auch häufig die
Meeresküsten beschleichen, um da einen weißen bekleideten Affen, wie sie der
Meinung sind, zu erjagen, welche Affengattung für ihren Gaumen das
wohlschmeckendste Fleisch hat.
[Er.01_082,007]
Der Stärkste einer solchen Horde ist gewöhnlich der Anführer, hat aber jedoch
nichts zu befehlen, sondern bloß nur anzuzeigen, was da zu geschehen hat; und
die Anzeige geschieht gewöhnlich durch den ersten Angriff, nach welchem sich
dann die ganze Horde richtet.
[Er.01_082,008]
Diese Völkerschaften haben auch gewöhnlich keine artikulierte Sprache; sondern
sie verständigen sich bloß entweder durch Zeichen mit den Händen, oder durch
gewisse Schnalzer mit der Zunge. –
[Er.01_082,009]
Man benennt die Völker europäischerseits mit den Namen: Kaffern, Hottentotten,
Buschmänner und Klettern.
[Er.01_082,010]
Viele von diesen Horden, deren es Tausende gibt, sind wohl schon, besonders
längs den Küsten, so viel als möglich christlich kultiviert worden; aber viele
mehr im Innern des Landes wohnende sind noch in der alten vollends tierischen
Roheit.
[Er.01_082,011]
Das einzige Gute, was diese Völker haben, besteht darin, daß sie für‘s erste
die allergeringsten Bedürfnisse des Lebens haben, und daß sie sehr wißbegierig
sind; und wenn zu ihnen Missionäre kommen, natürlich anfangs unter gehöriger
Bedeckung, so haben sie mit diesen Völkern ein leichtes Spiel, vorausgesetzt,
daß sie sich ihnen mitzuteilen verstehen, was aber eben auch nicht zu schwer
ist, weil diese Völkerschaften wegen ihrer sehr wenigen Bedürfnisse auch
überaus begriffsarm und wenige ganz natürliche Zeichen mit der Hand oft völlig
hinreichend sind, mit diesen Völkern sich anfangs genugsam besprechen zu
können.
[Er.01_082,012]
So wild und nahe ganz tierisch diese Völker sind, so sind sie aber doch für die
geistige Welt bei weitem höher stehend, als die Bewohner Madagaskar‘s, und
überhaupt solche Völker, die aus ihren inneren landespolitischen Ursachen
entweder nur sehr schwer oder auch gar nicht zugänglich sind; und (es) sind
obige wilde Völker zu vergleichen den Dingen auf der Erde, zu denen man leicht
gelangen kann. –
[Er.01_082,013]
Jedes Ding, wenn noch so unscheinbar, kann zu etwas Nützlichem verwendet
werden, wenn man sich desselben nur habhaft machen kann; aber die herrlichen
Dinge auf solchen Stellen der Erde vorkommend, die von niemand erreicht und
betreten werden können, sind für nichts zu verwenden, und so gut, als wären sie
gar nicht vorhanden. –
[Er.01_082,014]
Mehr im westlichen Teile an der Küste dieses Weltteils wohnen wohl wieder
Stämme unter einem Könige, auch hie und da unter einer Königin; diese Stämme
sind die allerschlechtesten, weil sie Menschenhandel treiben, und einige Könige
haben so viel, als bei euch tierische, dort Menschengestüte angelegt, um desto
mehr Sklaven für den Handel nach Amerika zu erzeugen.
[Er.01_082,015]
Die stärksten und fruchtbarsten Frauenzimmer werden zu Tausenden in diese
Gestüte zusammen gefangen, und von den stärksten Männern beschlafen. Wenn sie
dann schwanger sind, müssen sie die gewöhnlichen Arbeiten verrichten; nur
einige Tage vor der Entbindungszeit werden sie wieder an den bestimmten
Sammelplatz getrieben, um da ihre Frucht auf die Welt zu setzen, welche Frucht
sie dann ein Jahr lang mit ihrer Brust zu erhalten haben. Nach dieser Zeit
werden ihnen die Kinder abgenommen, und der öffentlichen Ernährungsanstalt
übergeben.
[Er.01_082,016]
Nach 6 Wochen nach der Entbindung muß ein solches Frauenzimmer sich wieder
beschlafen lassen, und so fort, bis manche nicht selten bei 26 Kinder zur Welt
gebracht hat. Ist solch ein Frauenzimmer nach solcher Dienstleistung noch
kräftig genug, so kann es noch mit als Sklavin verkauft werden; ist sie aber zu
schwach, so wird sie hinausgetrieben, und muß sich selbst ihre weitere Nahrung
suchen.
[Er.01_082,017]
Nebst dieser Manipulation aber lassen diese schwarzen Herrscher auch noch, wo
es nur tunlich, die Sklaven zusammenfangen, um sie dem Handel preis zu geben.
[Er.01_082,018]
Es ist zwar in der gegenwärtigen Zeit diesem gar gräßlichen Unfuge an manchen
Stellen schon so ziemlich gesteuert worden; aber in den mehr tief liegenden
Gebieten gibt es noch eine Menge solcher Scheußlichkeiten.
[Er.01_082,019]
Die verkauften Sklaven haben zwar auf dieser Welt leider bei den christlichen
Völkern das schreckliche Los, dafür sie aber so viel möglich jenseits schadlos
gehalten werden; aber jene Scheusale von Königen und Königinnen sind das ärgste
Aas der Hölle; denn ihre Bosheit übersteigt alle Begriffe, und die Härte ihres
Herzens zermalmt den Diamanten. Mit diesen ist in der Geisterwelt wohl nichts
anderes zu machen, als sie für den Weihrauch der untersten Hölle zu gebrauchen.
[Er.01_082,020]
So gibt es unter ihnen auch Königinnen, die sich als die eigentliche Gottheit
anbeten lassen, und wenn eine solche Königin stirbt, was für die Gottheit
freilich wohl etwas Schmähliches ist, so müssen, um diese Schmach zu führen,
wenigstens einige Hundert mit der Göttin sterben, und einige sich sogar
lebendig mit ihr begraben lassen, damit es der Königin im Grabe nicht zu
langweilig wird.
[Er.01_082,021]
Daß mit dergleichen Menschen jenseits sehr wenig zu machen ist, und selbst
durch eine zweite Fleischwerdung keine außerordentlichen Erfolge zu erwarten
sind, das läßt sich aus dem leicht ersehen, was für Früchte aus all‘ den
zahllosen Besserungsversuchen des Satans bis jetzt noch hervorgegangen sind;
doch daran liegt wirklich nicht viel.
[Er.01_082,022]
Wenn einem Töpfer ein Topf durchaus nicht gelingen will, was wird es wohl sein,
so er ihn zusammenschlägt und hinaus auf die Straße wirft, wo er doch
vielleicht als Straßenpflaster zu gebrauchen sein wird, wenn er sich schon
durchaus zu keinem nützlichen Topfe hat qualifizieren lassen wollen, oder was
wohl wird es einem Tonkünstler sein um eine freie Phantasie, wenn er sie
abgespielt hat, und nicht zu Papier gebracht? Hat er nicht die Fähigkeit, für
die eine verlorene tausend andere vorzuspielen, und wenn er eine will, sie auch
auf‘s Papier zu bringen? –
[Er.01_082,023]
Daher lassen wir diese ungeratenen Töpfe von Völkerschaften, und begeben uns
wieder zu einem anderen Volke.
Kp. 83. Die
Urbewohner von Australien, als der größten Erdinsel. Dort sind noch reine
Naturmenschen, sie sind meist friedfertig, haben keine Todesfurcht, keine
Schmerzensangst. Schlangenesser. Abscheu vor bekleideten Menschen. Sie sind
Kainiten bester Art, mit dunklen Begriffe v.d. Urzeit u.v. Gott. Herrliche
Vogelwelt daselbst. Die Philosophie dieser Menschen darüber. Ihre
Speise-Behandlung der verschiedenen Fleischarten. Ihre Wohnungen nach Urart.
Kluge Anlage dieser Wohnstätten u.s.w. Halbmonarchische Stämme daselbst,
besonders im Norden. Scharfer Geruchssinn derselben. Die Religion bei diesen
Nordischen mehr chinesisch. Diese sind jenseits schwerer zur Wahrheit zu
führen, als die ersten eigentlichen Ureinwohner. Letztere sind Meister von
Flechtwerk aus Gras. Diese gestalten sich jenseits besser, als mancher
kultivierte Sektenchrist!
(Den 12.Mai
1847)
[Er.01_083,001]
Nebst diesen afrikanischen wilden Völkerhorden gibt es auch gleiche Rassen, wie
ihr zu sagen pfleget, im von euch gezählten fünften Weltteile namens
Australien.
[Er.01_083,002]
Dieser Weltteil, oder vielmehr diese größte Insel der Erde, hat besonders in ihrem
Innern noch eine bedeutende Menge Völkerschaften, zu denen noch beinahe kein
Strahl menschlicher Bildung gelangt ist; da sind noch, wie ihr zu sagen
pfleget, reine Naturmenschen, die aber gerade nichts Bösartiges an sich haben.
[Er.01_083,003]
Sie sind überaus friedfertig; von einem Kriege wissen sie nichts, obschon sie
den Tod nicht im geringsten fürchten, im Gegenteile haben sie nicht selten eine
große Sehnsucht darnach. Auch leibliche Schmerzen können sie mit einer für euch
kaum begreiflichen Gleichgültigkeit ertragen; daher sie auch die größten
Strapazen des Lebens mit dem größten Gleichmute ertragen können.
[Er.01_083,004]
Kämpfe mit reißenden wilden Bestien sind ihnen ein unterhaltendes Spielwerk;
auch im Fangen der Schlangen sind sie größte Meister, und gehen auch allezeit
mit der größten Begierde auf diesen Fang darum aus, weil diese Tiere für sie
die wohlschmeckendsten Leckerbissen sind.
[Er.01_083,005]
Wenn sie fremde Ankömmlinge irgendwo erblicken, so ergreifen sie gewöhnlich die
Flucht, weniger aus Furcht, als aus einer Art Abscheu; die sie vor den
bekleideten Europäern, auch Asiaten bekommen; denn nichts ist ihnen widerlicher
und ärgerlicher, als ein bekleideter Mensch.
[Er.01_083,006]
Sie sind ebenfalls Kainiten, aber von der besten Art, und haben einen dunklen
Begriff von der Urzeit und von einem höchsten Wesen. Das höchste Wesen aber
verehren sie nicht selbst, sondern solches überlassen sie den Vögeln in der
Luft, welche Tiergattung wohl nirgends so schön und so reichlich vorkommt, als
in diesem Weltteile.
[Er.01_083,007]
Die Menschen sagen da: Gott sehe nicht auf die Verehrung, sondern lediglich auf
die Arbeit des Menschen, und habe über ihm herum fliegende himmlische Gestalten
erschaffen, die ihn beobachten, was er tut; und wenn sie ihn beobachtet haben,
so fliegen sie dann bald wieder aufwärts zu den Sternen, und erzählen es dem
höchsten Wesen, wie sich die Menschen drunten auf der Erde aufführen.
[Er.01_083,008]
Daher sind denn diese Menschen auch sehr fröhlich, wenn sie eine Menge Vögel um
sich herfliegen sehen; denn sie schließen daraus, daß sich Gott für sie sehr
interessiere, wenn er ihnen recht viele Beobachter über den Kopf hinstellt.
[Er.01_083,009]
Aber Vögel, die nicht fliegen können, als da sind ihre sehr vielen Truthühner,
und noch eine Menge anderes Geflügel dieses Gelichters, stehen bei ihnen in
keinem großen Ansehen, daher werden sie von ihnen auch gegessen, aber allezeit
roh; denn bei ihnen ist das Regel, daß man das Geflügel roh essen muß, das Fleisch
der zahmen vierfüßigen Tiere bloß gesalzen, und in der Luft getrocknet, die
Fische müssen gesotten werden, und die Erdwürmer, als da sind allerlei
Schlangen, Eidechsen und Krokodile, beim Feuer gebraten. –
[Er.01_083,010]
Früchte aber müsse man also genießen, wie sie wachsen, wann sie reif sind; die
beste Frucht aus allen ist aber die Kokosnuß, die ihnen alles gibt, Getränk,
Butter und eine Art Brot.
[Er.01_083,011]
Nur selten haben diese Menschen Häuser oder Hütten; und wenn sie schon irgend
etwas ähnliches haben, so haben sie es fast in der Art noch, wie es die
Urmenschen gehabt haben.
[Er.01_083,012]
Dichte Baumgruppen werden mit einer Art lebendigem Zaune umfaßt, und nur auf
einer Seite wird ein Eingang gelassen. Eine solche lebendig umzäunte Baumgruppe
ist gewöhnlich das Haus einer ganzen oft sehr zahlreichen Familie; inwendig ist
alles ganz blank geputzt, auswendig aber sieht es einem undurchdringlichen
Gestrippe gleich, so daß es auch nicht leicht möglich wäre, irgendwo anders in
solch ein Haus zu gelangen, als durch die gewöhnliche Eingangstüre, besser:
Eingangsgasse, welche nie in gerader Richtung, sondern in möglichsten
Krümmungen in das eigentliche Wohnhaus führt.
[Er.01_083,013]
Eine solche Türe, oder besser Gasse, ist nicht selten eine Stunde lang, und ist
ein wahrer Irrgang, den ein Fremder nicht leichtlich durchwandert, ohne sich
wenigstens hundert Mal zu verirren. Diesen Eingang legen sie aber darum so
verführerisch an, damit eine fremde Völkerschaft, oder auch wilde reißende
Tiere sie zur Nachtzeit nicht auffinden und überfallen können.
[Er.01_083,014]
Längs dieses krummen Irrweges befinden sich ihrer größeren Sicherheit wegen
nicht selten 2 Klaftern tiefe Gruben, gewöhnlich so breit als der Weg selbst,
nämlich etwa 3-4 Schuh, und bei anderthalb Klafter lang. Am Tage sind diese
Gruben zugedeckt, bei der Nacht aber wieder abgedeckt, und das ist ein recht
gutes Schutzmittel für ihr Haus; denn durch das Gestrüpp, welches so dicht
aneinander gewachsen ist, daß man nicht leichtlich einen Finger zwischen
hindurch bringen kann, kommt nicht einmal eine Maus durch, geschweige erst
irgend ein anderes Tier oder ein Mensch, besonders bei schon alten Wohnhäusern,
wo das lebendige Zaungestrippe die dichte alte Baumgruppe in einer Entfernung
von 3 bis 4oo Klaftern umgibt.
[Er.01_083,015]
Das Schrecklichste für sie ist, wenn ein Baum ihres lebendigen Hauses anfängt,
aus Altersschwäche abzudorren. Da wird alles mögliche angewendet, um womöglich
solch‘ einen Baum noch wieder zu beleben; nützt aber alles nichts, so wird er
von oben gewisserart wie ein Haus bei euch von Ast zu Ast behutsam abgetragen,
und das bis zur Wurzel; ist der alte Baum ganz abgetragen, dann wird Feuer auf
seinem Wurzstocke gemacht, und langsam der ganze Baum verbrannt.
[Er.01_083,016]
Ist diese manchmal mehrere Tage andauernde Verbrennungsszene vorüber, und das
Erdreich abgekühlt, so wird dann an dieselbe Stelle ein anderer Baum gesetzt
und gepflegt, damit er ja so schnell wie möglich seinen Vorgänger ersetzen
möchte.
[Er.01_083,017]
Überaus unglücklich aber macht es diese Menschen, wenn, wie besonders in
gegenwärtiger Zeit, nicht selten habgierige Europäer an ihre über alles
geliebten Wohnungen kommen, und dieselben von außen her anzünden, was dann
natürlich die armen Einwohner, wenn es noch möglich ist, ihre Wohnungen zu
verlassen nötigt; meistens aber werden diese Armen von dem massiven Rauche
erstickt; welche Handlungsweise der Europäer diese armen unschuldigen Menschen
auch zu allermeist mit einer untilgbaren Abscheu gegen bekleidete Menschen
erfüllt.
[Er.01_083,018]
Es gibt dergleichen Urstämme nunmehr nur noch im mittelsüdlichen Australien;
denn der Ost, Nord und West ist schon zum größten Teile unter englischer und
holländischer Botmäßigkeit.
[Er.01_083,019]
In einigen nördlichen Gebieten aber gibt es wohl auch einige geduldete
Urstämme, welche aber sich von den eigentlichen darin unterscheiden, daß sie
eine Art königlicher Oberhäupter haben, und mit denen eine Verfassung, die der
borneonischen ziemlich ähnlich ist; diese Oberhäupter haben auch eine Art
Militär, welches noch die gewöhnliche Bogenbewaffnung hat, und daneben auch
einen überaus scharfen Geruchsinn, vermittelst dessen ein solcher australischer
Krieger einen Feind auf eine Stunde weit riecht.
[Er.01_083,020]
Der Geruchsinn ist zwar auch bei den eigentlichen Urbewohnern dieses Weltteils
überaus scharf; aber sie machen weniger Gebrauch davon, als die beoberhaupteten
Stämme des Nordens dieses Weltteiles.
[Er.01_083,021]
Die Religion bei den Nordländern ist schon mehr chinesischer Art, obschon auch
mitunter daneben uraustralisch; daher sie in der Geisterwelt auch nicht so
leicht zum Christentume zu bewegen sind, als die Urbewohner dieses Weltteils.
[Er.01_083,022]
Bei den Nordbewohnern aber ist daher auch schon ein größerer Grad von einer
Kultur zu Hause, als bei den eigentlichen ganz einfachen südlichen Urbewohnern,
die außer einer Art Hacke und einer Art Schnitzmesser gar kein anderes
landwirtschaftliches Gerät kennen, wohl aber Meister sind in allerlei
Flechtwerk aus Gras, Wurzeln und einer Art Baumwolle, welches Flechtwerk sie
aber lediglich zur besonderen Ausschmückung ihrer Wohnhäuser gebrauchen, indem
sie sonst ganz nackt einhergehen, und statt der Kleidung manchmal ihre Haut
tätowieren, was aber auch nicht bei allen der Fall ist.
[Er.01_083,023]
Daß diese einfachen unschuldigen, überaus gutmütigen Menschen in der
Geisterwelt sehr leicht zum Christentume bewogen werden können, ist schon oben
berührt worden, und mehr braucht es aber auch nicht; denn es ist mit so einem
Menschen jenseits wahrlich viel besser, als mit einem dummen, eingebildeten
Sektenschristen. –
[Er.01_083,024]
Mehr brauchen wir aber auch von diesem Volke nicht zu wissen, weil alles andere
nur für eine Statistik, nicht aber für unsere geistige Völkeransicht taugt;
daher wollen wir für‘s nächste noch zu einem anderen Völkchen übergehen.
Kp. 84. Die
Ureinwohner von Neuseeland Diese kommen in der Geisterwelt leicht weiter. Deren
gerechte Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen. Sie nehmen die erlösende Lehre von
der Menschwerdung des Herrn bald an, und sehnen sich sehr, Jesum persönlich
kennen zu lernen. Sie werden vorzügliche gute und feste Geister. Welch‘
wichtige Arbeiten ihnen anvertraut werden. Winke über die Völker der vielen
anderen Inseln. „Die Wilden“ in Amerika. Die Menschenseltenheit in
Zentral-Afrika. Kakerlaken und Gazilla‘s (Weiße und Schecken) mit
Albinos-Augen, sie besitzen das zweite Gesicht, sind sanfte Seelen und dadurch
haben sie ein echtes inneres Evangelium.
(Den 14.Mai
1847)
[Er.01_084,001]
Sehr stark im Süden der Erde liegt noch eine ziemlich bedeutende Insel:
Neuseeland; diese besteht eigentlich aus drei Hauptinseln, und dann noch aus
einer Menge kleiner Inseln und sehr vielen Korallenbänken.
[Er.01_084,002]
Die Urbewohner dieser Insel sind euch schon, wie manches andere, bei einer
anderen Gelegenheit gezeigt worden in ihrer Beschaffenheit, Religion und in
ihrem mißlichen Verhältnisse gegen die Europäer; daher ihr das hier lesen
könnt, um dieses Volk näher zu betrachten.
[Er.01_084,003]
Dessen ungeachtet aber kann hier doch gesagt werden, wie dieses Volk in der
geistigen Welt aufgenommen wird. In der geistigen Welt kommt es ziemlich leicht
weiter; denn es hat eine außerordentliche Ehrfurcht vor dem höchsten Wesen, und
vor allen sich wunderbar gestaltenden Dingen.
[Er.01_084,004]
Wenn es dann in der Geisterwelt als in der eigentlichen Welt der Wunder zu
Erscheinungen geleitet wird, welche es an die Menschwerdung des Herrn
vorermahnen, so fragt es bald voll Neugierde um die nähere Entwicklung und um
den eigentlichen Grund, was alles ihnen nach dem Verhältnisse ihrer
Aufnahmsfähigkeit auch sogleich kund getan wird.
[Er.01_084,005]
Wenn sie solche Wissenschaft erlangen, so haben sie eine überaus große Freude
daran, und wünschen bald nichts sehnlicher, als den Herrn baldmöglichst
gewisserart persönlich kennen zu lernen, was jedoch mit einer Vorsicht
geschehen muß, weil sonst diese Menschengeister zu jählings von einer zu
heftigen Liebe ergriffen würden, die ihren Geist ob der plötzlichen zu großen
Stärke eher schwächen als stärken würde.
[Er.01_084,006]
Wann sie aber weise nach und nach vorbereitet werden, so werden sie gerade dann
mit jener weise gemäßigten Liebeglut in der Gegenwart des Herrn sich befinden,
wenn dieser Zustand für sie am allerzuträglichsten sein wird. Sind sie aber
einmal in des Herrn Gegenwart eingeführt, dann bleiben sie aber auch
unverwandelt fest, und sind überaus tätig in allen Werken der Liebe. Ihnen wird
hauptsächlich die Überwachung des Südpols der Erde, wie auch die Hauptdirektion
des Mondes anvertraut, bei welchem Geschäfte sie so lange verbleiben, als es
Mein Wille ist, der genau weiß, wie lange er die Geister bei gewissen
Geschäften zu belassen hat.
[Er.01_084,007]
Was nach solchem Geschäfte mit dergleichen Geistern geschieht, das entscheiden
ihre in solchen anvertrauten Geschäften erworbenen inneren Fähigkeiten. So aber
in des Vaters Hause viele Wohnungen sind, so wird es auch noch gar viele
fernere Beschäftigungen geben.
[Er.01_084,008]
Weiteres braucht ihr auch nicht mehr zu wissen; denn solches bleibe für jenen
Zeitpunkt, in welchem ihr darin selbst werdet können in eurem Geiste die
rechten Erfahrungen machen, vorbehalten. –
[Er.01_084,009]
Nebst diesem Völklein aber gibt es noch eine Menge Bewohner kleinerer Inseln,
deren geistiges Los mit einem oder dem andern vorbenannten Volke eine sichere
Ähnlichkeit hat; daher es auch nicht nötig ist, jede der vielen tausend Inseln
speziell darzustellen, was zwecklos wäre, und eine unnötige weit ausgedehnte
Arbeit verursachen würde.
[Er.01_084,010]
Gleicher Weise gibt es auch noch in Amerika einige wenige Wilde, welche sich in
ihrem geistigen Zustande sehr wenig von den bisher beschriebenen wilden
Völkerhorden unterscheiden.
[Er.01_084,011]
Als menschliche Seltenheit existiert im hohen Afrika meistens an Flüssen noch
eine eigene Art Menschen; die eine ist ganz weiß, und die andere weiß und
schwarz gefleckt. Die erste Art heißen eure Naturforscher Kaninchenmenschen
oder Kakerlaken; die zweite Art die Gazillas, auch Elstermenschen. –
[Er.01_084,012]
Beide Menschenarten sind am Tage fortwährend in unterirdischen Höhlen; nur zur
Nachtzeit gehen sie heraus, um sich für ihre Nahrung etwas zu erjagen. Die
Ursache davon, daß sie nur nachts aus ihren Wohnhöhlen gehen, sind ihre überaus
empfindlichen Augen.
[Er.01_084,013]
Obschon sie aber den irdischen Tag fliehen, so sind sie aber doch nichts
weniger Feinde des geistigen Tages, und beide Menschengattungen haben darum
fortwährend das zweite Gesicht, und sind in ihrer Seele eben so zart und sanft,
als wie sie es in ihrem irdischen Körperbau sind.
[Er.01_084,014]
Sie haben freilich wohl hier auf Erden wenig äußere Kenntnis vom Evangelium,
und mit Missionaren seltene Zusammenkünfte; aber nichts desto weniger haben sie
ein inneres Evangelium, welches für ihr Wesen unverfälschter als jenes ist,
welches nicht selten überaus ruhm- und habsüchtige Missionäre den wilden
Volksstämmen zubringen und vorpredigen. –
[Er.01_084,015]
Mit diesen seltenen Menschenarten sind wir aber auch mit der eigentlichen
geistigen Darstellung der Erde zu Ende; wir werden darum, um das über
Nicht-Christenvölker bisher Gesagte zum rechten Verständnis zu bringen, nur
noch etwas Weniges hinzufügen, und damit für euch segnend dieses Werk
beschließen.
Kp. 85 Schluß
(Samstag den 15.Mai 1847)
Nochmals vom "Heu und Stroh" für die Weltgelehrten. Der Hauptanstand
- gibt ihnen Stoff zum Wiederkäuen. Diese Völkerschilderung ist nach der
inneren Wahrheit gegeben, nicht nach dem Anschein, wie in anderen
Schilderungen, Kritik solcher. Berechtigung unseres b.Autors zu diesen
Kundgaben. Grund der Kundgabe dieses III.Teils: zur Belebung des Geistes.
Erörterung des scheinbaren Widerspruches. Wer ist der eigentliche Autor?
Konsequenzen. Schlagender Vergleich. Das Leben auf Erden im Leibe ist wie ein
Sein in einem zweiten Mutterleibe, allwo wie im ersten der Körper, so hier der
Geist auszureifen ist. Diese Gabe (die Enthüllung des Wesens der Erde) ist, ob
auch anscheinlich natürlich, doch eine geistige. Grundgesetz im ersten
Mutterleibe: "Muß", im zweiten "Soll". Himmlisch-väterliche
Schlußwinke. Deo gratias!
[Er.01_085,01]
Das über Völkerschaften anderer Religionen bisher Gesagte ist nicht so sehr
euretwegen, als vielmehr der Welt wegen, der geistigen Darstellung der Erde
angeknüpft worden, und zwar als das vorbesprochene Heu und Stroh für die
weltgelehrte graufärbige Menschheit; als Heu und Stroh darum, weil es
eigentlich zu der Abhandlung der geistigen Erde nicht gehört, da es zumeist nur
lauter materielle Beschaffenheiten der nicht-christlichen Völkerschaften
darstellt, wo nur am Ende allezeit das geistige Los solcher Völker berührt und
gezeigt wird.
[Er.01_085,02]
Die Gelehrten der Welt werden da einen Hauptanstand finden; allein eben darum ist
es ja gegeben, damit sie etwas zu wiederkäuen haben.
[Er.01_085,03]
Ferner ist diese Hinzugabe der nicht-christlichen Völkerschaften auch darum
mehr oder weniger Heu und Stroh, weil die Gelehrten, die die Erde aus den
Büchern kennen, hie und da manche Verhältnisse als anders gestellt wissen, als
sie sie hier der inneren Wahrheit gemäß angezeigt sind.
[Er.01_085,04]
Freilich bedenken die Gelehrten nicht, daß die anderen Bücher, aus denen sie
die Erde kennen gelernt haben, eben auch nicht immer von Menschen geschrieben
wurden, die die Erde auf allen Punkten selbst bereiset hätten; solche Bücher
haben zumeist Menschen zusammengeschrieben, welche für's erste zum Schreiben
Zeit genug, und nebst der Zeit auch Gelegenheit hatten, alle
Konversationslexika und andere Reisebeschreibungen zu ihren Händen zu bekommen,
um daraus ihre sogenannten vollständigen Geographien zu fabrizieren.
[Er.01_085,05]
Die Hauptstatistiker, denen die ganze Erde gleichsam, wie ihr zu sagen pfleget,
gemaust ist, kennen die gesamten Verhältnisse desjenigen Landes, das sie
bewohnen, gar oft nur zum wenigsten Teile. Statt Bereisungen zu machen, um sich
selbst von allem zu überzeugen, wühlen sie lieber in den dickbestaubten
Archiven herum, und studieren dort die Verhältnisse des Landes und dessen
Beschaffenheit; aber sie sollen nur ein Land von Dorf zu Dorf, von Gemeinde zu
Gemeinde, von Tal zu Tal und von Berg überschreiten, und sie werden da eine
solche Menge neuer Verhältnisse, Sitten und Gebräuche, und eine so große Menge
neuer Namen finden, von denen sie bis jetzt noch keine Ahnung gehabt haben.
[Er.01_085,06]
Wann ihnen aber schon das Land, in dem sie leben, noch so viel aufzuweisen
hätte, das sie nicht kennen, wie viel mehr wird die ganze Erdoberfläche
verschiedenartige Beschaffenheiten, Verhältnisse und noch eine Menge von
allerlei Geheimnissen in sich fassen, von denen unsern mehr als allwissend sein
wollenden Gelehrten noch nie etwas geträumt hatte; und sonach wird es Mir wohl
etwa für die Welt erlaubt sein, hier auch von einigen fremden irdischen
Beschaffenheiten und Verhältnissen gesprochen zu haben, indem Ich die Erde
sicher schon vor gar sehr vielen Jahren besser gekannt habe, als sie die
Gelehrten je kennen werden. -
[Er.01_085,07]
Es ist zwar das in dieser Mitteilung über die fremden Völker Kundgegebene
gegenüber den Weltgelehrten, wie schon gesagt, Heu und Stroh; aber gegenüber
den im Geiste Geweckten ist es das mit nichten; denn diese werden sich leicht
in sich selbst überzeugen, daß es mit den kundgegebenen Sachen also steht, und
auch nicht anders stehen kann, weil solche Enthüllung eine wahre ist, von Innen
nach Außen, nicht aber eine falsche, entnommen aus der Außenfinsternis geführt
zur inneren Nacht des Herzens.
[Er.01_085,08]
Was wohl kann es dem Menschen nützen, wenn er sein Gedächtnis mit lauter
geographischen Büchern vollgestopft hat, kann aber dabei niemanden und am
allerwengisten seinen eigenen Geist fragen, ob es sich mit den Sachen in der
Wirklichkeit so verhalte, als wie sie gedruckt zu lesen sind?! Um wie viel besser
ist da derjenige daran, der es vom Geiste lernt, und von Mir, dem Vater, Selbst
gezogen wird; denn bei Dem ist alle Wissenschaft lebendig, während sie bei dem
andern nur aus toten Bruchstücken besteht, für deren Echtheit ihm am Ende keine
andere Bürgschaft überbleibt, als die Autorität einer Bibliothek und eines
Archives.-
[Er.01_085,09]
Ich habe euch aber diese fremden Verhältnisse gegeben, nicht zur Beschwerung
des Gedächtnisses, sondern zur Belbung des Geistes. Da sie aber also gegeben
sind, und dazu, daß euer Geist daran in seiner Weisheit eine Übung habe, so
sind sie gegeben wie sie sind, und - wie sie nicht sind. Wie sie sind, das
findet der Geist in seinem Lichte, und aus demselben wird ihm klar, daß diese
materiell scheinenden Darstellungen im Grunde des Grundes doch nur geistige
sind, weil alle diese Verhältnisse auf der geistigen Erde, die nichts
Materielles hat, denn Ich bin, Der Ich bin, Der Ich dieses gebe, ein Geist, und
zwar der allerhöchste Geist.
[Er.01_085,10]
Vor Meinen Augen gibt es keine Materie, somit ist auch jede Gabe von Mir
geistig und nicht materiell, wenn sie auch noch so materiell zu sein scheint.
[Er.01_085,11]
Ich tue, ob Ich es schon sage oder nicht, Meinen Mund nur stets in Gleichnissen
auf, damit sich die Welt an ihnen stoße, und mit offenen Ohren das
Lautgesprochene nicht vernehme, und mit offenen Augen nichts sehe; und es mag
sich die Weisheit der Welt schleifen und ihren Stachel schärfen, wie sie will,
die Rinde um den eigentlichen Baum des lebendigen Erkenntnisses wird sie
dennoch nimmer durchstechen.
[Er.01_085,12]
Wohl kenne Ich die Erde in jedem einzelnen Atome, und um desto leichter die
einzelnen oberflächlichen Verhältnisse und Beschaffenheiten; aber dennoch werde
Ich keinen irdischen Statistiker machen, sondern Meine Statistik, wenn schon
das Irdische richtig sehend, ist doch nur eine Statistik des Geistes.
[Er.01_085,13]
Oder würdet ihr denjenigen nicht einen Toren schelten, der das Kind im
Mutterleibe durch irgend magnetische Vorrichtungen unterrichten wollte, in welchen
Verhältnissen es sich in der kleinen Mutterwelt befindet, und wie diese
beschaffen ist; für diesen Zweck ist das Kind sicher nicht im Mutterleibe,
sondern der Zweck ist die individuelle Ausgestaltung des Lebens. Wann das Kind
erst ausgeboren wird, und nach einigen Jahren zur Begriffsfähigkeit gelangt,
dann erst ist es nach und nach an der Zeit, ihm stets entwickeltere Begriffe
beizubringen; in so weit das Kind im Mutterleibe sich zu ernähren hat, ist ihm
die hinreichende Kraft gegeben, und einer höheren bedarf es im Mutterleibe
nicht.
[Er.01_085,14]
Also ist es aber auch mit dem Menschen in dieser Welt, die für ihn nichts ist
als ein zweiter größerer Mutterleib, in welchem sein Geist ausgereift und
ausgeboren werden muß.
[Er.01_085,15]
Es kann ihm daher hier nur jene Kost, und so viel von ihr gegeben werden, als
es zu seinem Reifwerden vonnöten ist; würde man ihm mehr tun, so würde man ihm
nur schaden und nie nützen, denn die eigentliche Unterrichtsanstalt fängt erst
dann und dort an, wo der Geist schon ausgeboren und vollkommen frei ist.
[Er.01_085,16]
Jeder Geist aber wird dort die wahre Statistik der Erde und des ganzen
Universums mit großer Leichtigkeit fassen; darum es überaus töricht wäre, so
man ihm, dem Geiste, hier alberne Lasten aufbürden möchte, die zu tragen er
hier noch durchgehends die Fähigkeiten nicht besitzt, was jeder leicht aus dem
Umstande ersehen kann, daß es wohl sicher keinen Menschen auf der Erde gibt,
der nur die Oberfläche der Erde allein durch's Erlernen aus den Büchern so vollständig
genau inne hätte, wie ein Blatt Papier, welches vor seinen Augen aufgerollt
liegt.
[Er.01_085,17]
Wie groß wohl müßte das Buch sein, in dem jede Kleinigkeit auf der Oberfläche
der Erde in die kleinsten Details beschrieben wäre, und welche Zeit würde der
Mensch wohl brauchen, um wenigstens nur eine Trillion Namen und Zahlen
durchzulesen, und sie dann erst auswendig zu lernen.
[Er.01_085,18]
Wäre es demnach nicht die größte Torheit von Mir, wenn Ich für euren Geist
einen Professor der Statistik machen und ihm hier in seinem zweiten Mutterleibe
etwas materiell hineinmagnetisieren wollte, was er einst in seinem freien
Zustande leicht in einer Minute in der Fülle lassen und überschauen können
wird; daher ist alles, was Ich gebe, ein Geistiges, und kein irdisch
Statistisches. -
[Er.01_085,19]
Wenn aber irdisch-statistische Punkte in ihren richtigen Verhältnissen auch
berührt sind, so sollet ihr sie aber jedoch also nur betrachten, als wie die
Säulenfüße bei einem großen Gebäude, die das Gebäude selbst nicht ausmachen;
aber dennoch ruht das ganze große, herrliche Gebäude auf ihnen.
[Er.01_085,20]
Ich gebe nichts Irdisches des Irdischen wegen, sondern so Ich es gebe, so gebe
Ich es zur Unterstützung des Geistigen. Wer alles Irdische also gebraucht, der
genießt die dargebotene Nahrung für seinen Geist recht, wer es aber anders
genießt, der genießt sein eigenes Gericht; denn er tötet in sich selbst, was er
beleben sollte.
[Er.01_085,21]
Es ist ein Unterschied zwischen dem ersten und dem zweiten Mutterleibe; im ersten
wird der Mensch durch Muß, und im zweiten Fall durch Soll ausgeboren. Im ersten
ist der Mensch noch ein Tier, also im ersten Gerichte, im zweiten wird er erst
nach und nach zum Menschen durch die Erkenntnis und durch die Freiheit seines
Willens, der ein Richter ist in ihm; daher kann ein jeder seines eigenen
Gerichtes leben wird, und wird ihm ewig nimmer ein anderes Gericht zukommen,
als sein eigenes.
[Er.01_085,22]
In diesem Sinne fasset demnach ihr auch dieses Werk und benutzet es als lebenstätige
Übung für euren Geist, so werdet ihr die rechte Frucht ernten.
[Er.01_085,23]
Diese ist - die wahre Liebe zu Mir, wie zu euren Brüdern; zu dieser rechten
Liebe werdet ihr um desto leichter gelangen, wenn ihr durch die enthüllten
Wunder Meiner Liebe Mich desto tiefer erkennen werdet, und einsehen, wie
überaus vom ganzen Herzen demütig und herablassend Ich sein muß, um euch
solches zu enthüllen zu eurem Allerbesten, welches ist die stets tiefere
Erkenntnis Meines Reiches, in dem auch alles andere als Zugabe Meiner Liebe
vorhanden ist.
[Er.01_085,24]
Diese Worte beachtet wohl, und beachtet tief, wer Der ist, Der sie euch gibt!
Werdet ihr diese tun in allem und jedem, so wird euch Mein Segen mit diesem wie
mit jedem anderen in aller Fülle zuteile werden hier und jenseits ewig, Amen!