JUGEND JESU – DAS JAKOBUS-EVANGELIUM
Biographisches
Evangelium des Herrn von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 11.
Auflage 1996.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Vorrede
Vom Herrn Selbst
kundgegeben als Einleitung zu Seiner Jugendgeschichte unterm 22. Juli 1843 und
9. Mai 1851 durch denselben Mund, den Er zum Organ dieses Werkes erwählte.
[JJ.01_000,01]
1. Ich lebte die bekannte Zeit bis zum dreißigsten Jahre geradeso, wie da lebt
ein jeder wohlerzogene Knabe, dann Jüngling und dann Mann, und mußte durch den
Lebenswandel nach dem Gesetze Mosis die Gottheit in Mir – wie ein jeder Mensch
Mich in sich – erst erwecken.
[JJ.01_000,02]
Ich Selbst habe müssen so gut wie ein jeder andere ordentliche Mensch erst an
einen Gott zu glauben anfangen und habe Ihn dann stets mehr und mehr mit aller
erdenklichen Selbstverleugnung auch müssen mit stets mächtigerer Liebe erfassen
und Mir also nach und nach die Gottheit erst völlig untertan machen.
[JJ.01_000,03]
Also war Ich, als der Herr Selbst, ein lebendiges Vorbild für jeden Menschen,
und so kann nun deshalb auch ein jeder Mensch Mich geradeso anziehen, wie Ich
Selbst die Gottheit in Mir angezogen habe, und kann mit Mir selbständig
ebenalso völlig Eins werden durch die Liebe und durch den Glauben, wie Ich
Selbst als Gottmensch in aller endlosen Fülle vollkommen Eins bin mit der
Gottheit.
[JJ.01_000,04]
2. Auf die Frage, wie die Kindes-Wunder Jesu und dessen göttlich geistige
Tätigkeit mit Seinem gleichsam isolierten Menschsein in den Jünglings- und
Mannesjahren und in diesen wieder die in denselben verrichteten Wunder
zusammenhängen, wenn man sich Ihn in diesen Jahren nur als Mensch denken solle,
– diene als Antwort der Anblick eines Baumes vom Frühjahre bis in den Herbst.
[JJ.01_000,05]
Im Frühjahre blüht der Baum wunderbar und beherrscht ihn eine große Tätigkeit.
Nach dem Abfalle der Blüte wird der Baum wieder, als wäre er untätig. Gegen den
Herbst hin aber erscheint der Baum wieder in seiner vollsten Tätigkeit: die
Früchte, die sicher wunderbaren, werden gewürzt, gefärbt, schöner denn vorher
die Blüte, und also gereift, und der ihnen gegebene Segen wird seiner Bande los
und fällt als solcher in den Schoß der hungrigen Kindlein.
[JJ.01_000,06]
Mit dem Auge des Herzens wird man imstande sein, dies Bild zu fassen, aber
niemals mit den Augen des Weltverstandes. – Die fraglichen Stellen, ohne der
Gottheit Jesu nahe zu treten, sondern diese im Glauben des Herzens, der da ist
ein Licht der Liebe zu Gott, festhaltend – lassen sich nur zu leicht erklären,
sobald man aus dem Herzen heraus rein wird, daß die volle Einung der Fülle der
Gottheit mit dem Menschen Jesu nicht auf einmal, wie mit einem Schlage, sondern
– wie alles unter der Leitung Gottes – erst nach und nach, gleich dem
sukzessiven Erwachen des göttlichen Geistes im Menschenherzen, und erst
durch den Kreuzestod vollends erfolgt ist; obschon die Gottheit in aller ihrer
Fülle auch schon im Kinde Jesus wohnte, aber zur Wundertätigkeit nur in der
Zeit der Not auftauchte.
[JJ.01_000,07]
3. Der leibliche Tod Jesu ist die tiefste Herablassung der Gottheit in das
Gericht aller Materie und somit die eben dadurch mögliche vollends neue
Schaffung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf.
[JJ.01_000,08]
Durch den Tod Jesu erst wird Gott Selbst vollkommen Mensch und der geschaffene
Mensch zu einem aus solcher höchsten göttlichen Gnade neu gezeugten Kinde
Gottes, also zu einem Gotte, und kann erst also als Geschöpf seinem Schöpfer
als dessen vollendetes Ebenmaß gegenüberstehen und in Diesem seinen Gott,
Schöpfer und Vater schauen, sprechen, erkennen und über alles lieben und allein
dadurch gewinnen das vollendete ewige, unzerstörbare Leben in Gott, aus Gott
und neben Gott. Dadurch ist aber auch des Satans Gewalt (besser: Wille) dahin
gebrochen, daß er die vollste Annäherung der Gottheit zu den Menschen, und
umgekehrt dieser ebenalso zur Gottheit, nicht mehr verhindern kann.
[JJ.01_000,09]
Noch kürzer gesagt: Durch den Tod Jesu kann nun der Mensch vollends mit Gott
fraternisieren, und dem Satan ist da kein Zwischentritt mehr möglich; darum es auch
im Worte zu den grabbesuchenden Weibern heißt: „Gehet hin und saget es Meinen
Brüdern!“ – Des Satans Walten in der äußeren Form mag wohl stets noch bemerkbar
sein, aber den einmal zerrissenen Vorhang zwischen der Gottheit und den
Menschen kann er ewig nicht mehr errichten und so die alte unübersteigbare
Kluft zwischen Gott und den Menschen von neuem wiederherstellen.
[JJ.01_000,10]
Aus dieser kurzen Erörterung der Sache aber kann nun jeder im Herzen denkende
und sehende Mensch sehr leicht und klar den endlosesten Nutzen des leiblichen
Todes Jesu einsehen. Amen.
Das
Jakobus-Evangelium über die Jugend Jesu.
Biographisches
Evangelium des Herrn von der Zeit an, da Joseph Mariam zu sich nahm.
[JJ.01_43.07.22]
22. Juli 1843
[JJ.01_43.07.22]
Jakobus, ein Sohn Josephs, hat solches alles aufgezeichnet; aber es ist mit der
Zeit so sehr entstellt worden, daß es nicht zugelassen werden konnte, als
authentisch in die Schrift aufgenommen zu werden. Ich aber will dir das echte
Evangelium Jakobi geben, aber nur von der obenerwähnten Periode angefangen;
denn Jakobus hatte auch die Biographie Mariens von ihrer Geburt an mit
aufgenommen, wie die des Joseph. – Und so schreibe denn als erstes Kapitel:
[JJ.01_001] 1.
Kapitel – Joseph der Zimmermann. Die Verlosung Mariens im Tempel. Gottes
Zeugnis über Joseph. Josephs Gebet. Maria im Hause Josephs.
[JJ.01_001,01]
Joseph aber war mit einem Hausbaue beschäftigt in der Gegend zwischen Nazareth
und Jerusalem.
[JJ.01_001,02]
Dieses Haus ließ ein vornehmer Bürger aus Jerusalem dort der Herberge wegen
erbauen, da sonst die Nazaräer bis Jerusalem kein Obdach hatten.
[JJ.01_001,03]
Maria aber, die im Tempel auferzogen ward, ist reif geworden und war nach dem
Mosaischen Gesetze not, sie aus dem Tempel zu geben.
[JJ.01_001,04]
Es wurden darum Boten in ganz Judäa ausgesandt, solches zu verkünden, auf daß
die Väter kämen, um, so jemand als würdig befunden würde, das Mägdlein zu
nehmen in sein Haus.
[JJ.01_001,05]
Als solche Nachricht auch zu Josephs Ohren kam, da legte er sobald seine Axt
weg und eilte nach Jerusalem und daselbst an den bestimmten Versammlungs- und
Beratungsplatz in dem Tempel.
[JJ.01_001,06]
Als sich aber nach Ablauf von drei Tagen die sich darum gemeldet Habenden
wieder am vorbestimmten Orte versammelt hatten und ein jeder Bewerber um Maria
einen frischen Lilienstab so bestimmtermaßen dem Priester dargereicht hatte, da
ging der Priester sobald mit den Stäben in das Innere des Tempels und betete
dort.
[JJ.01_001,07]
Nachdem er aber sein Gebet beendet hatte, trat er wieder mit den Stäben heraus
und gab einem jeglichen seinen Stab wieder.
[JJ.01_001,08]
Alle Stäbe aber wurden sobald fleckig, nur der zuletzt dem Joseph überreichte
blieb frisch und makellos.
[JJ.01_001,09]
Es hielten sich aber darob einige auf und erklärten diese Probe für parteiisch
und somit für ungültig und verlangten eine andere Probe, mit der sich durchaus
kein Unfug verbinden ließe.
[JJ.01_001,10]
Der Priester, darob etwas erregt, ließ sobald Mariam holen, gab ihr eine Taube
in die Hand und behieß sie zu treten in die Mitte der Bewerber, auf daß sie
daselbst die Taube frei solle fliegen lassen,
[JJ.01_001,11]
und sprach noch vor dem Auslassen der Taube zu den Bewerbern: „Sehet, ihr
Falschdeuter der Zeichen Jehovas! – Diese Taube ist ein unschuldig reines Tier
und hat kein Gehör für unsere Beredung,
[JJ.01_001,12]
sondern lebt allein in dem Willen des Herrn und verstehet allein die
allmächtige Sprache Gottes!
[JJ.01_001,13]
Haltet eure Stäbe in die Höhe! – Auf dessen Stab diese Taube, so sie das
Mägdlein auslassen wird, sich niederlassen und auf dessen Haupt sie sich setzen
wird, der solle Mariam nehmen!“
[JJ.01_001,14]
Die Bewerber aber waren damit zufrieden und sprachen: „Ja, dies soll ein
untrüglich Zeichen sein!“
[JJ.01_001,15]
Da aber Maria die Taube auf Geheiß des Priesters freiließ, da flog dieselbe
sobald zu Joseph hin, ließ sich auf seinen Stab nieder und flog dann vom selben
sogleich auf das Haupt Josephs.
[JJ.01_001,16]
Und der Priester sprach: „Also hat es der Herr gewollt! Dir, du biederer
Gewerbsmann, ist das untrügliche Los zugefallen, die Jungfrau des Herrn zu
empfangen! So nehme sie denn hin im Namen des Herrn in dein reines Haus zur
ferneren Obhut, Amen.“
[JJ.01_001] 24.
Juli 1843
[JJ.01_001,17]
Als aber der Joseph solches vernommen hatte, da antwortete er dem Priester und
sprach: „Siehe, du gesalbter Diener des Herrn nach dem Gesetze Mosis, des
getreuen Knechtes des Herrn Gott Zebaoth, ich bin schon ein Greis und habe
erwachsene Söhne zu Hause und bin seit lange her schon ein Witwer; wie werde
ich doch zum Gespötte werden vor den Söhnen Israels, so ich dies Mägdlein nehme
in mein Haus!
[JJ.01_001,18]
Daher lasse die Wahl noch einmal ändern und lasse mich draußen sein, auf daß
ich nicht gezählt werde unter den Bewerbern!“
[JJ.01_001,19]
Der Priester aber hob seine Hand auf und sprach zum Joseph: „Joseph! Fürchte
Gott den Herrn! Weißt du nicht, was Er getan hat an Dathan, an Korah und an
Abiram?
[JJ.01_001,20]
Siehe, es spaltete sich die Erde, und sie alle wurden von ihr verschlungen um
ihrer Widerspenstigkeit willen! – Meinst du, Er könnte dir nicht desgleichen
tun?
[JJ.01_001,21]
Ich sage dir: Da du das Zeichen Jehovas untrüglich gesehen und wahrgenommen hast,
so gehorche auch dem Herrn, der allmächtig ist und gerecht und allzeit
züchtiget die Widerspenstigen und die Abtrünnlinge Seines Willens!
[JJ.01_001,22]
Sonst aber sei gewaltig bange dir in deinem Hause, ob der Herr solches nicht
auch an deinem Hause verübe, was Er verübet hat an Dathan, Korah und Abiram!“
[JJ.01_001,23]
Da ward dem Joseph sehr bange, und er sprach in großer Angst zum Priester: „So
bete denn für mich, auf daß der Herr mir wieder gnädig sein möchte und
barmherzig, und gebe mir dann die Jungfrau des Herrn nach Seinem Willen!“
[JJ.01_001,24]
Der Priester aber ging hinein und betete für Joseph vor dem Allerheiligsten, –
und der Herr sprach zum Priester, der da betete:
[JJ.01_001,25]
„Betrübe Mir den Mann nicht, den Ich erwählet habe; denn gerechter als er
wandelt wohl keiner in Israel, und keiner auf der ganzen Erde, und keiner vor
Meinem ewigen Throne in allen Himmeln!
[JJ.01_001,26]
Und gehe hinaus und gebe die Jungfrau, die Ich Selbst erzogen habe, dem
gerechtesten der Männer der Erde!“
[JJ.01_001,27]
Hier schlug sich der Priester auf die Brust und sprach: „O Herr, Du
allmächtiger einiger Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, sei mir Sünder vor Dir
barmherzig; denn nun erkenne ich, daß Du Dein Volk heimsuchen willst!“
[JJ.01_001,28]
Darauf erhob sich der Priester, ging hinaus und gab segnend im Namen des Herrn
das Mägdlein dem geängstigten Joseph
[JJ.01_001,29]
und sprach zu ihm: „Joseph, gerecht bist du vor dem Herrn, darum hat Er dich
erwählt aus vielen Tausenden! Und so magst du im Frieden ziehen, Amen.“
[JJ.01_001,30]
Und Joseph nahm Mariam und sprach: „Also geschehe denn allzeit der allein
heilige Wille meines Gottes, meines Herrn! Was Du, o Herr, gibst, ist ja
allzeit gut; daher nehme ich ja auch gerne und willigst diese Gabe aus Deiner
Hand! Segne sie aber für mich und mich für sie, auf daß ich ihrer würdig sein
möchte vor Dir jetzt, wie allzeit; Dein Wille, Amen.“
[JJ.01_001] 26.
Juli 1843
[JJ.01_001,31]
Da aber Joseph solches geredet hatte vor dem Herrn, da ward er gestärkt im
Herzen, ging sodann mit Maria aus dem Tempel und führte sie dann in die Gegend
von Nazareth und daselbst in seine ärmliche Behausung.
[JJ.01_001,32]
Es wartete aber die nötige Arbeit des Joseph; daher machte er in seiner
Behausung diesmal auch nicht Säumens und sprach daher zur Maria:
[JJ.01_001,33]
„Maria, siehe, ich habe dich nach dem Willen Gottes zu mir genommen aus dem
Tempel des Herrn, meines Gottes; ich aber kann nun nicht bei dir verbleiben und
dich beschützen, sondern muß dich zurücklassen, denn ich muß gehen, um meinen
bedungenen Hausbau zu besorgen an der Stelle, die ich dir auf der Reise hierher
gezeigt habe!
[JJ.01_001,34]
Aber siehe, du sollest darum nicht allein zu Hause sein! Ich habe ja eine mir
nahe anverwandte Häuslerin, die ist fromm und gerecht; die wird um dich sein
und mein jüngster Sohn; und die Gnade Gottes und Sein Segen wird dich nicht
verlassen.
[JJ.01_001,35] In
aller Bälde aber werde ich mit meinen vier Söhnen wieder nach Hause kommen zu
dir und werde dir ein Leiter sein auf den Wegen des Herrn! Gott der Herr aber
wird nun über dich und mein Haus wachen, Amen.“
[JJ.01_002] 2.
Kapitel – Der neue Vorhang im Tempel. Marias Arbeit am Vorhang.
[JJ.01_002,01]
Es war aber zu der Zeit noch ein Vorhang im Tempel vonnöten, da der alte hie
und da schon sehr schadhaft geworden war, um zu decken das Schadhafte.
[JJ.01_002,02]
Da ward denn von den Priestern ein Rat gehalten, und sie sprachen: „Lasset uns
einen Vorhang machen im Tempel des Herrn zur Deckung des Schadhaften.
[JJ.01_002,03]
Denn es könnte ja heute oder morgen der Herr kommen, wie es geschrieben steht,
– wie würden wir dann vor Ihm stehen, so Er von uns den Tempel also verwahrlost
fände?“
[JJ.01_002,04]
Der Hohepriester aber sprach: „Urteilet nicht doch gar so blind, als wüßte der
Herr, dessen Heiligtum im Tempel ist, nicht, wie nun da bestellet ist der
Tempel!
[JJ.01_002,05]
Rufet mir aber dennoch sieben unbefleckte Jungfrauen aus dem Stamme Davids, und
wir wollen dann eine Losung halten, wie da die Arbeit ausgeteilt sein solle!“
[JJ.01_002,06]
Nun gingen die Diener aus, zu suchen die Jungfrauen aus dem Stamme Davids und
fanden mit genauer Not kaum sechs und zeigten solches dem Hohenpriester an.
[JJ.01_002,07]
Der Hohepriester aber erinnerte sich, daß die dem Joseph erst vor wenigen
Wochen zur Obhut übergebene Maria ebenfalls aus dem Stamme Davids sei, und gab
solches sobald den Dienern kund.
[JJ.01_002,08]
Und sobald gingen die Diener aus, zeigten solches dem Joseph an, und er ging
und brachte Mariam wieder in den Tempel, geleitet von den Dienern des Tempels.
[JJ.01_002] 27.
Juli 1843
[JJ.01_002,09]
Als aber die Jungfrauen in der Vorhalle versammelt waren, da kam sobald der
Hohepriester und führte sie allesamt in den Tempel des Herrn.
[JJ.01_002,10]
Und als sie da versammelt waren in dem Tempel des Herrn, da sprach sobald der
Hohepriester und sagte:
[JJ.01_002,11]
„Höret, ihr Jungfrauen aus dem Stamme Davids, der da verordnet hatte nach dem
Willen Gottes, daß da die feine Arbeit am Vorhange, der da scheidet das
Allerheiligste vom Tempel, allzeit solle von den Jungfrauen aus seinem Stamme
angefertigt werden,
[JJ.01_002,12]
und solle nach seinem Testamente die mannigfache Arbeit durch Verlosung
ausgeteilt werden, und solle dann eine jede Jungfrau die ihr zugefallene Arbeit
nach ihrer Geschicklichkeit bestens verfertigen!
[JJ.01_002,13]
Sehet, da ist vor euch der schadhafte Vorhang, und hier auf dem goldenen Tische
liegen die mannigfachen rohen Stoffe zur Verarbeitung schon bereitet!
[JJ.01_002,14]
Ihr sehet, daß solche Arbeit not tut; daher loset mir sogleich, auf daß es sich
herausstelle, diewelche aus euch da spinnen solle den Goldfaden und den Amiant-
und den Baumwollfaden,
[JJ.01_002,15]
den Seidenfaden, dann den hyazinthfarbigen, den Scharlach und den echten
Purpur!“
[JJ.01_002,16]
Und die Jungfrauen losten schüchtern, da der Hohepriester über sie betete; und
da sie gelost hatten nach der vorgezeichneten Ordnung, hatte es sich
herausgestellt, wie die Arbeit verteilt werden sollte.
[JJ.01_002,17]
Und es fiel der Jungfrau Maria, der Tochter Annas und Joakims, durchs Los zu
der Scharlach und der echte Purpur.
[JJ.01_002,18]
Die Jungfrau aber dankte Gott für solche gnädige Zuerkennung und Zuteilung
solch rühmlichster Arbeit zu Seiner Ehre, nahm die Arbeit und begab sich damit,
von Joseph geleitet, wieder nach Hause.
[JJ.01_002,19]
Daheim angelangt machte sich Maria sogleich an die Arbeit freudigen Mutes;
Joseph empfahl ihr allen Fleiß, segnete sie und begab sich dann sogleich wieder
an seinen Hausbau.
[JJ.01_002,20]
Es begab sich aber dieses zur selbigen Zeit, als der Zacharias, da er im Tempel
das Rauchopfer verrichtete, zufolge seines kleinen Unglaubens ist stumm geworden,
darum für ihn ein Stellvertreter ward erwählt worden, unter dem diese Arbeit
ist verloset worden.
[JJ.01_002,21]
Maria aber war verwandt sowohl mit Zacharias wie mit dessen Stellvertreter,
darum sie denn auch ums Doppelte ihren Fleiß vermehrte, um ja recht bald, ja
womöglich als erste mit ihrer Arbeit fertig zu werden.
[JJ.01_002,22]
Aber sie verdoppelte ihren Fleiß nicht etwa aus Ruhmlust, sondern nur um nach
ihrer Meinung Gott dem Herrn eine recht große Freude dadurch zu bereiten, so
sie baldmöglichst und bestmöglichst ihre Arbeit zu Ende brächte.
[JJ.01_002,23]
Zuerst kam die Arbeit an dem Scharlach, der da mit großer Aufmerksamkeit mußte
gesponnen werden, um den Faden ja nicht hier und da dicker oder dünner zu
machen.
[JJ.01_002,24]
Mit großer Meisterschaft wurde der Scharlachfaden von der Maria gesponnen, so
daß sich alles, was nur ins Haus Josephs kam, höchlichst verwunderte über die
außerordentliche Geschicklichkeit Mariens.
[JJ.01_002,25]
In kurzer Frist von drei Tagen ward Maria mit dem Scharlach zu Ende und machte
sich sodann alsogleich über den Purpur; da sie aber diesen stets annässen
mußte, so mußte sie während der Arbeit öfter den Krug nehmen und hinausgehen,
sich Wasser zu holen.
[JJ.01_003] 3.
Kapitel – Die Ankündigung der Geburt des Herrn durch einen Engel. Marias
demutvolle Ergebenheit.
28. Juli 1843
[JJ.01_003,01]
An einem Freitage morgens aber nahm Maria abermals den Wasserkrug und ging
hinaus, ihn mit Wasser zu füllen, und horch! – eine Stimme sprach zu ihr:
[JJ.01_003,02]
„Gegrüßet seist du, an der Gnade des Herrn Reiche! Der Herr ist mit dir, du
Gebenedeite unter den Weibern!“
[JJ.01_003,03]
Maria aber erschrak gar sehr ob solcher Stimme, da sie nicht wußte, woher sie
kam, und sah sich darum auch behende nach rechts und links um; aber sie konnte
niemanden entdecken, der da geredet hätte.
[JJ.01_003,04]
Darum aber ward sie noch voller von peinigender Angst, nahm eiligst den
gefüllten Wasserkrug und eilte von dannen ins Haus.
[JJ.01_003,05]
Als sie da bebend anlangte, stellte sie sobald den Wasserkrug zur Seite, nahm
den Purpur wieder zur Hand, setzte sich auf ihren Arbeitssessel und fing den
Purpur wieder gar emsig an fortzuspinnen.
[JJ.01_003,06]
Aber sie hatte sich noch kaum so recht wieder in ihrer Arbeit eingefunden,
siehe, da stand schon der Engel des Herrn vor der emsigen Jungfrau und sprach
zu ihr:
[JJ.01_003,07]
„Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast eine endlos große Gnade gefunden vor
dem Angesichte des Herrn; siehe, du wirst schwanger werden vom Worte Gottes!“
[JJ.01_003,08]
Als Maria aber dieses vernommen hatte, da fing sie an, diese Worte hin und her
zu erwägen, und konnte nicht erfassen ihren Sinn; darum sprach sie denn zum
Engel:
[JJ.01_003,09]
„Wie solle denn das vor sich gehen, bin ich doch noch lange nicht eines Mannes
Weib und habe auch noch nie dazu eine Bekanntschaft mit einem Manne gemacht,
der mich sobald nähme zum Weibe, auf daß ich gleich andern Weibern schwanger
würde und dann gebäre ihnen gleich?“
[JJ.01_003,10]
Der Engel aber sprach zur Maria: „Höre, du erwählte Jungfrau Gottes! Nicht also
solle es geschehen, sondern die Kraft des Herrn wird dich überschatten.
[JJ.01_003,11]
Darum wird auch das Heilige, das da aus dir geboren wird, der Sohn des
Allerhöchsten genannt werden!
[JJ.01_003,12]
Du sollst Ihm aber, wann Er aus dir geboren wird, den Namen Jesus geben; denn
Er wird erlösen Sein Volk von all den Sünden, vom Gerichte und vom ewigen
Tode.“
[JJ.01_003,13]
Maria aber fiel vor dem Engel nieder und sprach: „Siehe, ich bin ja nur eine
Magd des Herrn; daher geschehe mir nach Seinem Willen, wie da lauteten deine
Worte!“ – Hier verschwand der Engel wieder, und Maria machte sich wieder an
ihre Arbeit.
[JJ.01_004] 4.
Kapitel – Marias kindlich-unschuldiges Gespräch mit Gott und die Antwort von
oben.
1. August 1843
[JJ.01_004,01]
Als aber darauf der Engel sobald wieder verschwand, da lobte und pries Maria
Gott den Herrn und sprach also bei sich in ihrem Herzen:
[JJ.01_004,02]
„O was bin ich denn doch vor Dir, o Herr, daß Du mir solche Gnade erweisen
magst? –
[JJ.01_004,03]
Ich solle schwanger werden, ohne je einen Mann erkannt zu haben; denn ich weiß
ja nicht, was Unterschiedes da ist zwischen mir und einem Manne.
[JJ.01_004,04]
Weiß ich denn, was das so in der Wahrheit ist: schwanger sein? O Herr! siehe,
ich weiß es ja nicht!
[JJ.01_004,05]
Weiß ich wohl, was das ist, wie man sagt: ,Siehe, ein Weib gebäret‘? – O Herr!
siehe mich gnädig an; ich bin ja nur eine Magd von vierzehn Jahren und habe
davon nur reden gehört – und weiß aber darum doch in der Tat nichts!
[JJ.01_004,06]
Ach, wie wird es mir Armseligen ergehen, so ich werde schwanger sein – und weiß
nicht, wie da ist solch ein Zustand!
[JJ.01_004,07]
Was wird dazu der Vater Joseph sagen, so ich ihm sagen werde, oder er es etwa
also merken wird, daß ich schwanger sei?!
[JJ.01_004,08]
Etwas Schlimmes kann das Schwangersein ja doch nicht sein, besonders wenn eine
Magd, wie einst die Sara, vom Herrn Selbst dazu erwählet wird?
[JJ.01_004,09]
Denn ich habe es ja schon öfter im Tempel gehört, welch eine große Freude die
Weiber haben, wenn sie schwanger sind!
[JJ.01_004,10]
Also muß das Schwangersein wohl etwas recht Gutes und überaus Beseligendes
sein, und ich werde mich sicher auch freuen, wann mir das von Gott gegeben
wird, daß ich schwanger werde!
[JJ.01_004,11]
Aber wann, wann wird das geschehen, und wie? – oder ist es schon geschehen? Bin
ich schon schwanger, oder werde ich es erst werden?
[JJ.01_004,12] O
Herr! Du ewig Heiliger Israels, gebe mir, Deiner armen Magd, doch ein Zeichen,
wann solches geschehen wird, auf daß ich Dich darob loben und preisen möchte!“
[JJ.01_004,13]
Bei diesen Worten ward Maria von einem lichten Ätherhauche angeweht, und eine
gar sanfte Stimme sprach zu ihr:
[JJ.01_004,14]
„Maria! sorge dich nicht vergeblich; du hast empfangen, und der Herr ist mit
dir! – Mache dich an deine Arbeit, und bringe sie zu Ende, denn fürder wird für
den Tempel keine mehr gemacht werden von dieser Art!“
[JJ.01_004,15]
Hier fiel Maria nieder, betete zu Gott und lobte und pries Ihn für solche
Gnade. – Nachdem sie aber dem Herrn ihr Lob dargebracht hatte, erhob sie sich
und nahm ihre Arbeit zur Hand.
[JJ.01_005] 5.
Kapitel – Die Übergabe der beendeten Tempelarbeit Mariens. Maria und der
Hohepriester. Maria besucht ihre Muhme Elisabeth.
2. August 1843
[JJ.01_005,01]
In wenigen Tagen ward Maria auch mit dem Purpur fertig, ordnete ihn dann und
nahm den Scharlach und legte ihn zum Purpur.
[JJ.01_005,02]
Darauf dankte sie Gott für die Gnade, daß Er ihr hatte lassen ihre Arbeit so
wohl vollenden, wickelte dann das Gespinst in reine Linnen und machte sich
damit nach Jerusalem auf den Weg.
[JJ.01_005,03]
Bis zum Hausbau, da Joseph arbeitete, ging sie allein; aber von da an
begleitete sie wieder Joseph nach Jerusalem und daselbst in den Tempel.
[JJ.01_005,04]
Da angelangt, übergab sie sobald die Arbeit dem Hohenpriester.
[JJ.01_005,05]
Dieser besah wohl den Scharlach und den Purpur, fand die Arbeit
allerausgezeichnetst gut und belobte und begrüßte darum Mariam mit folgenden
Worten:
[JJ.01_005,06]
„Maria, solche Geschicklichkeit wohnet nicht natürlich in dir, sondern der Herr
hat mit deiner Hand gewirket!
[JJ.01_005,07]
Groß hat dich darum Gott gemacht; gebenedeiet wirst du sein unter allen Weibern
der Erde von Gott dem Herrn, da du die erste warst, die da ihre Arbeit dem
Herrn in den Tempel überbracht hat.“
[JJ.01_005,08]
Maria aber, voll Demut und Freude in ihrem Herzen, sprach zum Hohenpriester:
[JJ.01_005,09]
„Würdiger Diener des Herrn in Seinem Heiligtume! O lobe mich nicht zu sehr, und
erhebe mich nicht über die andern; denn diese Arbeit ist ja nicht mein
Verdienst, sondern allein des Herrn, der da meine Hand leitete!
[JJ.01_005,10]
Darum sei Ihm allein ewig alles Lob, aller Ruhm, aller Preis und alle meine
Liebe und alle meine Anbetung ohne Unterlaß!“
[JJ.01_005,11]
Und der Hohepriester sprach: „Amen, Maria! du reine Jungfrau des Herrn, du hast
wohl geredet vor dem Herrn! – So denn ziehe nun wieder hin im Frieden; der Herr
sei mit dir!“
[JJ.01_005,12]
Darauf erhob sich Maria und ging mit Joseph wieder bis zur Baustelle hin, allda
sie eine kleine Stärkung, bestehend aus Brot und Milch und Wasser, zu sich
nahm.
[JJ.01_005,13]
Es wohnte aber bei einer halben Tagereise weit vom Bauplatze über einem kleinen
Gebirge eine Muhme Mariens, namens Elisabeth; diese möchte sie besuchen und bat
den Joseph darum um die Erlaubnis.
[JJ.01_005,14]
Joseph aber gestattete ihr gar bald, solches zu tun, und gab ihr zu dem Behufe
auch den ältesten Sohn zum Führer mit, der sie so weit begleiten mußte, bis sie
das Haus Elisabeths erschaute.
[JJ.01_006] 6.
Kapitel – Der wunderbare Empfang Mariens bei Elisabeth. Demut und Weisheit der
Maria. Marias Heimkehr zu Joseph.
3. August 1843
[JJ.01_006,01]
Bei der Elisabeth angelangt, d.h. bei ihrem Hause, pochte sie gar bald
schüchternen Gemütes an die Türe nach dem Gebrauche der Juden.
[JJ.01_006,02]
Als aber Elisabeth vernommen hatte das schüchterne Pochen, gedachte sie bei
sich: „Wer pochet denn da so ungewöhnlich leise?
[JJ.01_006,03]
Es wird ein Kind meines Nachbars sein; denn mein Mann, der da stumm noch ist im
Tempel und harret der Erlösung, kann es nicht sein!
[JJ.01_006,04]
Meine Arbeit aber ist wichtig; solle ich sie wohl weglegen des unartigen Kindes
meines Nachbars wegen?
[JJ.01_006,05]
Nein, das will ich nicht tun, denn es ist eine Arbeit für den Tempel, und diese
steht höher denn die Unart eines Kindes, das da sicher wieder nichts anderes
will, als mich bekanntermaßen necken und ausspötteln.
[JJ.01_006,06]
Daher werde ich fein bei der Arbeit sitzen bleiben und das Kind lange gut
pochen lassen.“
[JJ.01_006,07]
Maria aber pochte noch einmal, und das Kind im Leibe der Elisabeth fing an vor
Freude zu hüpfen, und die Mutter vernahm eine leise Stimme aus der Gegend des
in ihr hüpfenden Kindes, und die Stimme lautete:
[JJ.01_006,08]
„Mutter, gehe, gehe eiligst; denn die Mutter meines und deines Herrn, meines
und deines Gottes ist es, die da pochet an die Türe und besucht dich im
Frieden!“ –
[JJ.01_006,09]
Elisabeth aber, als sie das gehört hatte, warf sogleich alles von sich, was sie
in den Händen hatte, und lief und öffnete der Maria die Türe,
[JJ.01_006,10]
gab ihr dann nach der Sitte sogleich ihren Segen, umfing sie dann mit offenen
Armen und sagte zu ihr:
[JJ.01_006,11]
„O Maria, du Gebenedeite unter den Weibern! Du bist gebenedeit unter allen
Weibern, und gebenedeiet ist die Frucht deines Leibes!
[JJ.01_006,12] O
Maria, du reinste Jungfrau Gottes! – Woher wohl kommt mir die hohe Gnade, daß
mich die Mutter meines Herrn, meines Gottes besucht?!“
[JJ.01_006,13]
Maria aber, die nichts von all den Geheimnissen verstand, sagte zu Elisabeth:
[JJ.01_006,14]
„Ach liebe Muhme! – ich kam ja nur auf einen freundlichen Besuch zu dir; was
sprichst du denn da für Dinge über mich, die ich nicht verstehe? – Bin ich denn
schon im Ernste schwanger, daß du mich eine Mutter nennst?“
[JJ.01_006,15]
Elisabeth aber erwiderte der Maria: „Siehe, als du zum zweiten Male pochtest an
die Türe, da hüpfte sobald das Kindlein, das ich unter meinem Herzen trage, vor
Freude und gab mir solches kund und grüßte dich in mir schon zum voraus!“
[JJ.01_006,16]
Da blickte Maria auf zum Himmel und gedachte, was da der Erzengel Gabriel zu
ihr geredet hatte, obwohl sie von all dem noch nichts verstand, und sprach:
[JJ.01_006,17]
„O Du großer Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was hast Du wohl aus mir
gemacht? Was bin ich denn, daß mich alle Geschlechter der Erde selig preisen
sollen?“
[JJ.01_006,18]
Elisabeth aber sprach: „O Maria, du Erwählte Gottes, trete in mein Haus und
stärke dich; da wollen wir uns besprechen und gemeinschaftlich Gott loben und
preisen aus allen unseren Kräften!“
[JJ.01_006] 4.
August 1843
[JJ.01_006,19]
Und die Maria folgte sobald der Elisabeth in ihr Haus und aß und trank und
stärkte sich und ward voll heiteren Mutes.
[JJ.01_006,20]
Elisabeth aber fragte die Maria um vieles, was alles sie im Tempel während
ihres Dortseins als Zuchtkind des Herrn erfahren habe, und wie ihr alles das
vorgekommen sei.
[JJ.01_006,21]
Maria aber sagte: „Teure, vom Herrn auch gar wohl gesegnete Muhme! – Ich meine,
diese Dinge stehen für uns zu hoch, und wir Weiber tun unklug, so wir uns über
Dinge beraten, darüber der Herr die Söhne Aarons gesetzt hat.
[JJ.01_006,22]
Daher bin ich der Meinung, wir Weiber sollen die göttlichen Dinge Gott
überlassen und denen, die Er darüber gestellt hat, und sollen nicht darüber
grübeln.
[JJ.01_006,23]
So wir nur Gott lieben über alles und Seine heiligen Gebote halten, da leben
wir ganz unserem Stande gemäß; was darüber ist, gebühret den Männern, die der
Herr beruft und erwählt.
[JJ.01_006,24]
Ich meine, liebe Muhme, das ist recht, darum erlasse mir die Ausschwätzerei aus
dem Tempel; denn er wird darum nicht besser und nicht schlechter. Wann es aber
dem Herrn recht sein wird, dann wird Er schon den Tempel züchtigen und
umstalten zur rechten Zeit.“
[JJ.01_006,25]
Elisabeth aber erkannte in diesen Worten die hohe Demut und Bescheidenheit
Mariens und sagte zu ihr:
[JJ.01_006,26]
„Ja, du gnaderfüllte Jungfrau Gottes! Mit solchen Gesinnungen muß man ja auch
die höchste Gnade vor Gott finden!
[JJ.01_006,27]
Denn also, wie du sprichst, kann nur die höchst reinste Unschuld sprechen; –
und wer darnach lebt, der lebt sicher gerecht vor Gott und aller Welt.“
[JJ.01_006,28]
Maria aber sagte: „Das gerechte Leben ist nicht unser, sondern des Herrn, und
ist eine Gnade!
[JJ.01_006,29]
Wer da aus sich gerecht zu leben glaubt, der lebt vor Gott sicher am wenigsten
gerecht; wer aber stets seine Schuld vor Gott bekennt, der ist es, der da
gerecht lebt vor Gott.
[JJ.01_006,30]
Ich aber weiß nicht, wie ich lebe, mein Leben ist eine pure Gnade des Herrn;
daher kann ich auch nichts anderes tun, als Ihn allzeit lieben, loben und
preisen aus allen meinen Kräften! – Ist dein Leben wie das meinige, da tue
desgleichen, und der Herr wird daran mehr Wohlgefallen haben, als möchten wir
noch soviel über die Verhältnisse des Tempels miteinander verplaudern.“
[JJ.01_006,31]
Elisabeth aber erkannte gar wohl, daß aus der Maria ein göttlicher Geist wehe,
stellte daher ihre Tempelfragen ein und ergab sich, Gott lobend und preisend,
in Seinen Willen. –
[JJ.01_006] 5.
August 1843
[JJ.01_006,32]
Also verbrachte aber Maria noch volle drei Monate bei der Elisabeth und half
ihr wie eine Magd alle Hausarbeit verrichten.
[JJ.01_006,33]
Mittlerweile hatte aber auch unser Joseph seinen Bau beendet und befand sich
mit seinen Söhnen wieder zu Hause und besorgte da seinen kleinen, freilich nur
gemieteten Grund.
[JJ.01_006,34]
Eines Abends aber sagte er zum ältesten Sohne: „Joel, gehe und rüste mir für
morgen früh mein Lasttier; denn ich muß Mariam holen gehen!
[JJ.01_006,35]
Das Mädchen ist nun schon bei drei Monate aus meinem Hause, und ich weiß nicht,
was da mit ihr geschieht.
[JJ.01_006,36]
Ist sie auch beim Weibe des stumm gewordenen Hohenpriesters, so kann man aber
doch nicht wissen, ob dieses Haus von allen Versuchen dessen, der Eva verlocket
hatte, frei ist!
[JJ.01_006,37]
Also will ich denn morgen hinziehen und mir das Mädchen wieder holen, auf daß
mir nicht etwa mit der Zeit Israels Söhne übel nachreden sollen und der Herr
mich züchtige ob meiner Sorglauheit des Mädchens willen.“
[JJ.01_006,38]
Und Joel ging und tat nach den Worten des Joseph; aber der Joel war kaum fertig
mit seiner Arbeit, so stand auch schon Maria vor der Hausflur und grüßte den
Joseph und bat ihn um die Wiederaufnahme in sein Haus.
[JJ.01_006,39]
Joseph, ganz überrascht von dieser Erscheinung Mariens, fragte sie sogleich:
„Bist du es wohl, du Ungetreue meines Hauses?“
[JJ.01_006,40]
Und Maria sprach: „Ja, ich bin es, aber nicht ungetreu deinem Hause; denn ich
wäre lange schon wieder gerne dagewesen, aber ich habe mich nicht getraut,
allein über das waldige Gebirge zu ziehen, – und du sandtest auch keinen Boten
um mich! Also mußte ich ja wohl so lange ausbleiben!
[JJ.01_006,41]
Nun aber besuchten drei Leviten das Weib Zacharias', und da sie wieder
heimkehrten nach Jerusalem, so nahmen sie mich mit, brachten mich an die Grenze
deines Grundes, segneten mich dann und dein Haus und zogen dann ihres Weges
weiter, und ich eilte hierher zu dir wieder, mein lieber Vater Joseph!“
[JJ.01_006,42]
Obschon der Joseph gerne die Maria ein wenig ausgezankt hätte ob ihres langen
Ausbleibens, so konnte er aber solches doch nicht über sein Herz bringen; denn
fürs erste hatte die Stimme Mariens sein edelstes Herz zu sehr gerührt, und
fürs zweite sah er sich selbst als Schuldigen, da er Mariam so lange nicht
durch einen Boten hatte holen lassen.
[JJ.01_006,43]
Er ließ daher das Mädchen zu sich kommen, um es zu segnen, und das Mädchen
sprang zu Joseph hin und kosete ihn, wie da die unschuldigsten Kinder ihre
Eltern und sonstigen Wohltäter zu kosen pflegen.
[JJ.01_006,44]
Joseph aber ward darüber ganz gerührt und ward voll hoher Freude und sprach:
„Siehe, ich bin ein armer Mann und bin schon bejahrt, aber deine kindliche
Liebe macht mich vergessen meine Armut und mein Alter! Der Herr hat dich mir
gegeben zu einer großen Freude, darum will ich ja auch ziehen und arbeiten mit
Freuden, um dir, mein Kindlein, ein gutes Stückchen Brot zu verschaffen!“
[JJ.01_006,45]
Bei diesen Worten fielen dem alten Manne Tränen aus seinen Augen. Maria aber
trocknete behende dessen feuchte Wangen und dankte Gott, daß Er ihr einen so
guten Nährvater gegeben hatte.
[JJ.01_006,46]
In der Zeit aber vernahm Joseph plötzlich, als würden Psalmen gesungen vor
seinem Hause. – –
[JJ.01_007] 7.
Kapitel – Josephs Ahnungen und Prophezeiung. Marias Trost. Das gesegnete
Abendbrot. Das Sichtbarwerden von Mariens Schwangerschaft.
7. August 1843
[JJ.01_007,01]
Joseph aber ward von hohen Ahnungen erfüllt und sprach zur Maria: „Kind des
Herrn! Viel Freude ist meinem Hause in dir gegeben, meine Seele ist von hohen
Ahnungen erfüllt!
[JJ.01_007,02]
Aber ich weiß es auch, daß der Herr diejenigen, die Er liebhat, allzeit
schmerzlich heimsucht; daher wollen wir Ihn allzeit bitten, daß Er uns allen
allzeit gnädig und barmherzig sein möchte!
[JJ.01_007,03]
Es ist sogar möglich, daß der Herr durch dich und mich die alte, schon morsch
gewordene Bundeslade wird erneuert haben wollen?!
[JJ.01_007,04]
Sollte so etwas aber im Zuge sein, da wehe mir und dir; wir werden da eine gar
harte Arbeit zu überstehen haben! – Doch nun nichts mehr davon!
[JJ.01_007,05]
Was da kommen muß, das wird auch sicher kommen, und wir werden es nicht zu
verhindern vermögen; aber so es kommen wird, dann wird es uns ergreifen mit
allmächtiger Hand, und wir werden zittern vor dem Willen Dessen, der die Festen
der Erde gestellet hat!“
[JJ.01_007,06]
Maria aber verstand von all diesem nichts und tröstete daher den sehr bekümmert
aussehenden Joseph mit solchen Worten:
[JJ.01_007,07]
„Lieber Vater Joseph! Werde nicht betrübt ob des Willens des Herrn; denn wir
wissen es ja, daß Er mit Seinen Kindern ja allzeit nur das Beste will! – Ist
der Herr mit uns, wie Er es war mit Abraham, Isaak und Jakob, und wie Er noch
allzeit war mit denen, die Ihn liebten, was Leids und Arges sollte uns da wohl
begegnen?“
[JJ.01_007,08]
Joseph aber war mit dieser Tröstung zufrieden und dankte dem Herrn in seinem
Herzen aus allen seinen Kräften, darum Er ihm in der Maria einen solchen
Trostengel hatte gegeben, und sagte darauf:
[JJ.01_007,09]
„Kinder, es ist schon spät des Abends geworden; darum stimmen wir den Lobgesang
an, verzehren dann unser gesegnetes Abendbrot und begeben uns dann zur Ruhe!“
[JJ.01_007,10]
Solches geschah, und Maria eilte dann und brachte das Brot her, und Joseph
teilte es aus; es nahm aber alle wunder, daß das Brot diesmal von einem gar so
guten Geschmacke war.
[JJ.01_007,11]
Joseph aber sagte: „Dem Herrn alles Lob! Was Er segnet, das schmecket allzeit
wohl und ist vom besten Geschmacke!“
[JJ.01_007,12]
Und die Maria aber bemerkte dann dem Joseph gar liebreichst weise: „Siehe,
lieber Vater, also sollst du dich ja auch nicht fürchten vor den Heimsuchungen
des Herrn; denn sie sind ja eben auch Seine gar köstlichen Segnungen!“
[JJ.01_007,13]
Und der Joseph sprach: „Ja, ja, du reine Tochter des Herrn, du hast recht! Ich
will ja in aller Geduld tragen, was immer der Herr mir aufbürden wird; denn zu
schwer wird Er mir Seine Bürde und zu hart Sein Joch ja nicht machen, denn Er
ist ja ein Vater voll Güte und Erbarmung – auch in Seinem Eifer! Und so
geschehe denn allzeit Sein heiliger Wille!“
[JJ.01_007,14]
Darauf begab sich die fromme Familie zur Ruhe und arbeitete zu Hause die
folgenden Tage. –
[JJ.01_007,15]
Tag für Tag aber ward der Leib Marias voller; da sie solches wohl merkte, so
suchte sie ihre Schwangerschaft vor den Augen Josephs und seiner Söhne so gut
als nur immer möglich zu verbergen.
[JJ.01_007,16]
Aber nach einer Zeit von zwei Monaten half ihr ihr Verbergen nichts mehr, und
Joseph fing an Argwohn zu schöpfen und beriet sich insgeheim mit einem seiner
Freunde in Nazareth über den sonderbaren Zustand Mariens.
[JJ.01_008] 8.
Kapitel – Die Ansicht des Arztes. Joseph verhört Maria. Marias Erklärung.
9. August 1843
[JJ.01_008,01]
Der Freund Josephs aber war ein Sachkundiger; denn er war ein Arzt, der da die
Kräuter kannte und bei gefährlichen Geburten nicht selten den Wehmüttern
beistand.
[JJ.01_008,02]
Dieser ging mit Joseph und besah insgeheim Mariam, – und als er sie beschaut
hatte, sprach er zu Joseph:
[JJ.01_008,03]
„Höre mich an, Bruder aus Abraham, Isaak und Jakob, deinem Hause ist ein großes
Unheil widerfahren, – denn siehe, die Magd ist hochschwanger!
[JJ.01_008,04]
Du bist aber auch selbst schuld daran; denn siehe, es ist nun der sechste Mond,
da du aus warest auf deinem Hausbaue! – Sage, wer hätte denn da wohl achthaben
sollen auf die Magd?“
[JJ.01_008,05]
Joseph aber antwortete: „Siehe, Maria war unter der Zeit kaum drei Wochen in
einem fort zu Hause, und das im Anfange, da sie in mein Haus kam; dann brachte
sie volle drei Monde bei ihrer Muhme Elisabeth zu!
[JJ.01_008,06]
Nun aber sind bereits auch zwei Monde, da sie unter meiner beständigen Aufsicht
sich befindet, verflossen, und ich habe nie jemanden gesehen, der da zu ihr
offen oder heimlich gekommen wäre!
[JJ.01_008,07]
Und in der Zeit meiner Abwesenheit aber war sie ja ohnehin in den besten
Händen; mein Sohn, der sie geleitet hat zur Elisabeth, gab mir den teuersten
Eid zuvor, daß er, außer im Notfalle, auch nicht einmal ihr Kleid anrühren
wolle auf dem ganzen Wege!
[JJ.01_008,08]
Und so weiß ich mit großer Bestimmtheit, daß da Maria von meinem Hause aus
völlig rein sein müsse; ob aber solches auch der Fall ist mit dem Hause des
Zacharias, das unterliegt freilich wohl einer andern Frage!
[JJ.01_008,09]
Sollte ihr das etwa im Tempel begegnet sein von einem Diener desselben? – Davor
wolle mich der Herr bewahren, so ich da möchte einer solchen Meinung sein; denn
so was hätte der Herr längst ruchbar gemacht durch die allzeitige Weisheit des
Hohenpriesters!
[JJ.01_008,10]
Ich aber weiß nun, was ich tun werde, um der Wahrheit der Sache auf die rechte
Spur zu kommen. – Du, Freund, magst nun wieder im Frieden ziehen, und ich werde
mein Haus einer starken Prüfung unterziehen!“
[JJ.01_008,11]
Josephs Freund verzog nicht und ging sobald aus dem Hause Josephs; Joseph aber
wandte sich sobald an Maria und sprach zu ihr:
[JJ.01_008,12]
„Kind! mit welcher Stirne solle ich nun aufschauen zu meinem Gott? Was solle
ich nun sagen über dich?
[JJ.01_008,13]
Habe ich dich nicht als eine reine Jungfrau aus dem Tempel empfangen, und habe
ich dich nicht treulich gehütet durch mein tägliches Gebet und durch die
Getreuen, die da sind in meinem Hause?
[JJ.01_008,14]
Ich beschwöre dich darum, daß du mir sagest, wer es ist, der es gewagt hat,
mich zu betrügen und sich also schändlichst zu vergreifen an mir, einem Sohne
Davids, und an dir, die du auch demselben Hause entsprossen bist!
[JJ.01_008,15]
Wer hat dich, eine Jungfrau des Herrn, verführt und geschändet?! – Wer hat es
vermocht, deinen reinsten Sinn also zu trüben? – und wer, zu machen aus dir
eine zweite Eva?!
[JJ.01_008,16]
Denn also wiederholt sich an mir ja leibhaftig die alte Geschichte Adams, denn
dich hat ja augenscheinlich gleich der Eva eine Schlange betöret!
[JJ.01_008,17]
Also antworte mir auf meine Frage! Gehe aber, und fasse dich; denn dir solle es
nicht gelingen, mich zu täuschen!“ – Hier warf sich Joseph vor Gram auf einen
mit Asche gefüllten Sack auf sein Angesicht und weinte.
[JJ.01_008,18]
Maria aber zitterte vor großer Furcht, fing an zu weinen und zu schluchzen und
konnte nicht reden vor zu großer Furcht und Traurigkeit.
[JJ.01_008,19]
Joseph aber erhob sich wieder vom Sacke und sprach mit einer etwas gemäßigteren
Stimme zur Maria:
[JJ.01_008,20]
„Maria, Kind Gottes, das Er Selbst in Seine Obhut genommen, warum hast du mir
das getan? – Warum hast du deine Seele so sehr erniedrigt und vergessen deines
Gottes?!
[JJ.01_008,21]
Wie konntest du solches tun, die du auferzogen wardst im Allerheiligsten und
hast deine Speise empfangen aus der Hand der Engel und hast diese glänzenden
Diener Gottes allzeit gehabt zu deinen Mitgespielen?! – O rede, und schweige
nicht vor mir!“
[JJ.01_008,22]
Hier ermannte sich Maria und sprach: „Vater Joseph, du gerecht harter Mann! Ich
sage dir: So wahr ein Gott lebt, so wahr auch bin ich rein und unschuldig und
weiß bis zur Stunde von keinem Manne etwas!“
[JJ.01_008,23]
Joseph aber fragte: „Woher ist denn hernach das, was du unter deinem Herzen
trägst?“
[JJ.01_008,24]
Und Maria erwiderte: „Siehe, ich bin ja noch ein Kind und verstehe nicht die
Geheimnisse Gottes! Höre mich aber an, und ich will es dir ja sagen, was mir
begegnet ist! Solches aber ist auch so wahr, als wie da lebet ein gerechter
Gott über uns!“
[JJ.01_009] 9.
Kapitel – Mariens Erzählung über die geheimnisvollen heiligen Vorkommnisse.
Josephs Kummer und Sorge und sein Entschluß, Maria heimlich zu entfernen. Ein
Engel des Herrn erscheint Joseph im Traum. Maria bleibt im Hause Josephs.
10. August 1843
[JJ.01_009,01]
Und Maria erzählte dem Joseph alles, was ihr, da sie noch am Purpur arbeitete,
begegnet ist, und schloß dann ihre Erzählung mit dieser Beteuerung:
[JJ.01_009,02]
„Darum sage ich dir, Vater, noch einmal: So wahr Gott, der Herr Himmels und der
Erde lebt, so wahr auch bin ich rein und weiß von keinem Manne und kenne auch
ebensowenig das Geheimnis Gottes, das ich unter meinem Herzen, zu meiner
eigenen großen Qual, nun tragen muß!“ –
[JJ.01_009,03]
Hier verstummte Joseph vor Maria und erschrak gewaltig; denn die Worte Mariens
drangen tief in seine bekümmerte Seele, und er fand bebend seine geheime Ahnung
bestätigt.
[JJ.01_009,04]
Er aber fing darum an, hin und her zu sinnen, was er da tun solle, und sprach
so bei sich in seinem Herzen:
[JJ.01_009,05]
„So ich ihre vor der Welt, wie sie nun ist, doch unwiderlegbare Sünde darum
verberge, weil ich sie nicht als solche mehr erkenne, so werde ich als Frevler
erfunden werden gegen das Gesetz des Herrn und werde der sichern Strafe nicht
entgehen!
[JJ.01_009,06]
Mache ich sie aber wider meine innerste Überzeugung als eine feile Sünderin vor
den Söhnen Israels offenbar, da doch das, was sie unter ihrem Herzen trägt, nur
– nach ihrer unzweideutigen Aussage – von einem Engel herrühret,
[JJ.01_009,07]
so werde ich ja von Gott dem Herrn erfunden werden als einer, der ein
unschuldig Blut überliefert hat zum Gerichte des Todes?!
[JJ.01_009,08]
Was solle ich also mit ihr beginnen? – Solle ich sie heimlich verlassen, d.h.,
solle ich sie heimlich von mir tun und sie irgend verbergen im Gebirge, nahe an
der Grenze der Griechen? – Oder solle des Tages des Herrn ich harren, auf daß
Er mir am selben kundtue, was ich da tun solle?
[JJ.01_009,09]
Wenn aber morgen oder übermorgen jemand zu mir kommt aus Jerusalem und erkennet
Mariam, was dann? – Ja, es wird wohl das Beste sein, ich entferne sie heimlich
und sorge für sie geheim, ohne daß da jemand anderer außer meinen Kindern etwas
davon erfährt!
[JJ.01_009,10]
Ihre Unschuld wird mit der Zeit der Herr sicher offenbar machen, und dann ist
alles gerettet und gewonnen; und so geschehe es denn im Namen des Herrn!“
[JJ.01_009,11]
Darauf tat Joseph solches der Maria ganz insgeheim kund, und sie fügte sich
vorbereitend in den beabsichtigten guten Willen Josephs und begab sich dann, da
es schon spät abends geworden war, zur Ruhe.
[JJ.01_009,12]
Joseph aber versank über seinen mannigfachen Gedanken ebenfalls in einen
Schlummer; und siehe, ein Engel des Herrn erschien ihm im Traume und sprach zu
ihm:
[JJ.01_009,13]
„Joseph, sei nicht bange ob der Maria, der reinsten Jungfrau des Herrn! – Denn
was sie unter dem Herzen trägt, ist erzeuget vom heiligen Geiste Gottes, und du
sollst ihm, wenn es geboren wird, den Namen Jesus geben!“ –
[JJ.01_009,14]
Hier erwachte Joseph vom Schlafe und pries Gott den Herrn, der ihm solche Gnade
erwiesen hatte.
[JJ.01_009,15]
Da es aber schon des Morgens war, so kam Maria schon für die beabsichtigte Reise
fertig zum Joseph und zeigte ihm an, daß es schon an der Zeit sein dürfte.
[JJ.01_009,16]
Joseph aber umfaßte das Mädchen, drückte es an seine Brust und sprach zu ihr:
„Maria, du Reine, du bleibst bei mir; denn heute hat mir der Herr ein mächtig
Zeugnis über dich gegeben, denn das aus dir geboren wird, solle Jesus heißen!“
[JJ.01_009,17]
Hieran erkannte Maria sobald, daß der Herr mit Joseph geredet hatte, da sie
denselben Namen vernahm, den ihr der Engel gab, da sie davon dem Joseph doch
nichts erwähnt hatte zuvor!
[JJ.01_009,18]
Und der Joseph hütete darauf das Mädchen sorgsam und ließ es an nichts
gebrechen, das ihr in dem Zustande vonnöten war. – –
[JJ.01_010] 10.
Kapitel – Die römische Volkszählung. Josephs Nichtbeteiligung am Volksrat in
Jerusalem. Der Verräter Annas.
11. August 1843
[JJ.01_010,01]
Es ist aber zwei Wochen nach diesem Begebnisse ein großer Rat in Jerusalem
gehalten worden, und zwar darüber, da man von einigen in Jerusalem wohnenden
Römern vernommen hatte, daß der Kaiser werde das gesamte jüdische Volk zählen
und beschreiben lassen.
[JJ.01_010,02]
Solche Nachricht hatte einen großen Schreck bei den Juden, denen es verboten
war, Menschen zu zählen, hervorgebracht.
[JJ.01_010,03]
Darum berief der Hohepriester zu dem Behufe eine große Versammlung zusammen, zu
der alle Ältesten und Kunstmänner, wie da der Joseph einer war, erscheinen
mußten.
[JJ.01_010,04]
Joseph aber hatte gerade eine kleine Reise ins Gebirge wegen Bauholz
unternommen und blieb etliche Tage aus.
[JJ.01_010,05]
Der Bote aus Jerusalem aber, der unter der Zeit zu Joseph kam und ihm die
Einladung zur großen Versammlung überbrachte, gab, da er Joseph nicht antraf,
dessen älterem Sohne die Beheißung, daß dieser solches, sobald Joseph nach
Hause käme, ihm ja unverzüglich auf das dringendste zu benachrichtigen habe!
[JJ.01_010,06]
Joseph aber kam schon am nächsten Tage morgens wieder nach Hause. Der Sohn
Joses benachrichtigte ihn sogleich davon, was da gekommen ist aus Jerusalem.
[JJ.01_010,07]
Joseph aber sagte: „Nun bin ich fünf Tage lang im Gebirge herumgestiegen und
bin daher überaus müde geworden, und meine Füße würden mich nimmer tragen, so
ich nicht zuvor ein paar Tage werde geruht haben; daher bin ich diesmal
genötigt, dem Rufe Jerusalems nicht zu folgen.
[JJ.01_010,08]
Übrigens ist diese ganze große Versammlung keine hohle Nuß wert; denn der
mächtige Kaiser Roms, der sein Zepter nun schon sogar über die Länder der
Skythen schwingt, wird wenig Notiz nehmen von unserer Beratung und wird tun,
was er will! Daher bleibe ich nun fein zu Hause!“
[JJ.01_010,09]
Es kam aber nach drei Tagen ein gewisser Annas aus Jerusalem, der da ein großer
Schriftgelehrter war, zu Joseph und sprach zu ihm:
[JJ.01_010,10]
„Joseph, du kunstverständiger und schriftgelehrter Mann aus dem Stamme Davids!
– Ich muß dich fragen, warum du nicht in die Versammlung gekommen bist?“
[JJ.01_010,11]
Joseph aber wandte sich zum Annas und sprach: „Siehe, ich war fünf Tage lang im
Gebirge und wußte nicht, daß ich berufen ward.
[JJ.01_010,12]
Da ich aber nach Hause kam und durch meinen Sohn Joses die Nachricht erhielt,
war ich zu müde und schwach, als daß es mir möglich gewesen wäre, mich sobald
gen Jerusalem auf die Beine zu machen! – Zudem aber ersah ich ja aber ohnehin
auf den ersten Blick, daß diese ganze große Versammlung wenig oder gar nichts
nützen wird.“
[JJ.01_010,13]
Während aber Joseph solches gesprochen hatte, sah sich der Annas um und
entdeckte unglücklicherweise die hochschwangere Jungfrau.
[JJ.01_010,14]
Er verließ daher auch wie ganz stumm den Joseph und eilte, was er nur konnte,
nach Jerusalem.
[JJ.01_010,15]
Allda ganz atemlos angelangt, eilte er sogleich zum Hohenpriester und sagte zu
ihm:
[JJ.01_010,16]
„Höre mich an, und frage mich nicht, warum der Sohn Davids nicht in die
Versammlung kam; denn ich habe unerhörte Greueldinge in seinem Hause entdeckt!
[JJ.01_010,17]
Siehe, Joseph, dem Gott und du das Zeugnis gabst dadurch, daß du ihm die
Jungfrau anvertraut hast, hat sich unbeschreiblich tief und grob vor Gott und
vor dir verfehlt!“
[JJ.01_010,18]
Der Hohepriester aber war ganz entsetzt über die Nachricht Annas' und fragte
ganz kurz: „Wie so, wie das? – Rede mir die vollste Wahrheit, oder du bist
heute noch des Todes!“
[JJ.01_010,19]
Und der Annas sprach: „Siehe, die Jungfrau Maria, die er laut des Zeugnisses
Gottes aus diesem Tempel des Herrn zur Obhut erhielt, hat er weidlichst
geschändet; denn ihre schon hohe Schwangerschaft ist ein lebendiges Zeugnis
davon!“
[JJ.01_010,20]
Der Hohepriester aber sprach: „Nein, Joseph hat das nimmer getan! – Kann auch
Gott ein falsches Zeugnis geben?!“
[JJ.01_010,21]
Annas aber sprach: „So sende denn deine vertrautesten Diener hin, und du wirst
dich überzeugen, daß da die Jungfrau im Vollernste hochschwanger ist; ist sie
es aber nicht, so will ich hier gesteiniget werden!“
[JJ.01_011] 11.
Kapitel – Des Hohenpriesters Bedenken wegen Marias Zustand. Das Verhör Marias
und Josephs im Tempel. Josephs Klage und Hader mit Gott. Das Todesurteil über
Joseph und Maria und ihre Rechtfertigung durch ein Gottesurteil. Maria wird
Josephs Weib.
16. August 1843
[JJ.01_011,01]
Der Hohepriester aber besann sich eine Zeitlang und sprach also bei sich: „Was
soll ich tun? Annas ist voll Eifersucht seit der Wahl der Jungfrau, und man
soll nie auf den Rat eines Eifersüchtigen handeln.
[JJ.01_011,02]
Wenn sich's aber mit Maria dennoch also verhalten würde, und ich hätte die
Sache gleichgültig behandelt, was werden dann die Söhne Israels sagen, und zu
welch einer Rechenschaft werden sie mich fordern?
[JJ.01_011,03]
Ich will daher dennoch insgeheim Diener hinsenden zu Joseph, die, falls sich
die schlimme Sache bestätigen sollte, die Jungfrau samt Joseph sogleich hierher
ziehen sollen!“
[JJ.01_011,04]
Also ward es gedacht und beschlossen. Der Hohepriester berief insgeheim
vertraute Diener und gab ihnen kund, was sich im Hause Josephs zugetragen habe,
und sandte sie dann sobald zu Joseph hin mit der Bestimmtheit, wie sie zu
handeln haben, falls sich die Sache bestätigen sollte.
[JJ.01_011,05]
Und die Diener begaben sich eiligst hin zu Joseph und fanden alles so, wie es
ihnen der Hohepriester bezeichnet hatte.
[JJ.01_011,06]
Und der älteste aus ihnen sagte zu Joseph: „Siehe, darum sind wir aus dem
Tempel hierher gesandt worden, auf daß wir uns überzeugen sollen, wie es mit
der Jungfrau stehet, da von ihr üble Gerüchte zu den Ohren des Hohenpriesters
gelangt sind.
[JJ.01_011,07]
Wir aber fanden die traurige Mutmaßung leider bestätigt; daher lasse dir keine
Gewalt antun, und folge uns mit der Maria in den Tempel, allda du aus dem Munde
des Hohenpriesters das gerechte Urteil vernehmen sollst!“
[JJ.01_011,08]
Und Joseph folgte mit Maria sobald ohne Widerrede den Dienern vor das Gericht
in den Tempel.
[JJ.01_011,09]
Als er da vor dem Hohenpriester anlangte, fragte der erstaunte Hohepriester
sobald die Maria, in ernstem Tone redend:
[JJ.01_011,10]
„Maria! Warum hast du uns das getan und hast mögen gar so gewaltig erniedrigen
deine Seele?
[JJ.01_011,11]
Vergessen hast du des Herrn, deines Gottes, – du, die du auferzogen wardst im
Allerheiligsten, und hast deine tägliche Speise empfangen aus der Hand des
Engels,
[JJ.01_011,12]
und hast allzeit vernommen seine Lobgesänge, und hast dich erheitert, hast
gespielt und getanzt vor dem Angesichte Gottes! – Rede, warum hast du uns
solches getan?“
[JJ.01_011,13]
Maria aber fing an bitterlich zu weinen und sprach unter gewaltigem Schluchzen
und Weinen: „So wahr Gott, der Herr Israels, lebet, so wahr auch bin ich rein
und habe noch nie einen Mann erkannt! – Frage den von Gott erwählten Joseph!“
[JJ.01_011,14]
Und der Hohepriester wandte sich darauf zu Joseph und fragte ihn: „Joseph, ich
beschwöre dich im Namen des ewig lebendigen Gottes, sage mir es unverhohlen,
wie ist das geschehen? Hast du solches getan?“
[JJ.01_011,15]
Und der Joseph sprach: „Ich sage dir bei allem, was dir und mir heilig ist, so
wahr der Herr, mein Gott, lebet, so wahr auch bin ich rein vor dieser Jungfrau,
wie vor dir und vor Gott!“
[JJ.01_011,16]
Und der Hohepriester erwiderte: „Rede nicht ein falsches Zeugnis, sondern
sprich vor Gott die Wahrheit! – Ich aber sage dir: Du hast erstohlen dir deine
Hochzeit, hast nicht Kunde gegeben dem Tempel und hast nicht zuvor dein Haupt
gebeugt unter die Hand des ewig Gewaltigen, auf daß Er gesegnet hätte deinen
Samen! – Daher rede die Wahrheit!“
[JJ.01_011] 18.
August 1843
[JJ.01_011,17]
Joseph aber ward stumm auf solche Rede des Hohenpriesters und mochte kein
Wörtlein erwidern; denn zu bitter ungerecht ward er vom Hohenpriester
beschuldigt.
[JJ.01_011,18]
Da aber Joseph tief schweigend vor dem Hohenpriester dastand und nicht reden
mochte, da öffnete sobald wieder der Hohepriester seinen Mund und sprach:
[JJ.01_011,19]
„Gib uns die Jungfrau wieder, wie du sie erhalten hast aus dem Tempel des
Herrn, da sie war so rein wie eine aufgehende Sonne an einem allerheitersten
Morgen!“
[JJ.01_011,20]
In Tränen zerfließend stand Joseph da und sprach nach einem mächtigen Seufzer:
[JJ.01_011,21]
„Herr, Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, was habe ich armer Greis denn vor Dir
so Arges getan, daß Du mich nun so gewaltig schlägst?!
[JJ.01_011,22]
Nehme mich von der Welt; denn zu hart ist es, als ein allzeit Gerechter vor Dir
und aller Welt solch eine Schmach zu erleiden!
[JJ.01_011,23]
Meinen Vater David hast Du gezüchtiget, darum er gesündigt hatte am Urias.
[JJ.01_011,24]
Ich aber habe noch nie an einem Menschen mich versündiget und vergriffen mich
an irgendeines Menschen Sache, noch an einem Tiere, und habe das Gesetz allzeit
beobachtet bis auf ein Häkchen; o Herr, warum schlägst Du mich denn?
[JJ.01_011,25] O
zeige mir eine Sünde vor Dir, und ich will ja gerne die Strafe des Feuers
erleiden! – Habe ich aber gesündigt vor Dir, da sei verflucht der Tag und die
Stunde, da ich geboren ward!“
[JJ.01_011,26]
Der Hohepriester aber ward erbittert ob dieser Rede Josephs und sprach in
großer Aufgeregtheit seines Gemütes:
[JJ.01_011,27]
„Wohl denn, da du vor Gott deine laute Schuld bekämpfest, so will ich euch
beide trinken lassen das Fluchwasser Gottes, des Herrn; und es werden offenbar
werden eure Sünden in euren Augen und vor den Augen alles Volkes!“ –
[JJ.01_011,28]
Und sobald nahm der Hohepriester das Fluchwasser und ließ davon den Joseph
trinken und sandte ihn dann nach dem Gesetze in ein dazu bestimmtes Gebirge,
das da nahe an Jerusalem lag.
[JJ.01_011,29]
Und desgleichen gab er auch solches Wasser der Jungfrau zu trinken und sandte
sie dann ebenfalls ins Gebirge.
[JJ.01_011,30]
Nach drei Tagen aber kamen beide gänzlich unverletzt zurück, und alles Volk
wunderte sich, daß an ihnen keine Sünde ist offenbar gemacht worden.
[JJ.01_011,31]
Der Hohepriester aber sprach dann selbst ganz über alle Maßen erstaunt zu
ihnen: „So Gott der Herr eure Sünde nicht hat offenbar machen wollen, da will
auch ich euch nicht richten, sondern spreche euch für schuldlos und ledig.
[JJ.01_011,32]
Da aber die Jungfrau schon schwanger ist, so soll sie dein Weib sein zur Buße,
darum sie mir unbewußtermaßen ist schwanger geworden, und solle fürder nimmer
einen andern Mann bekommen, so sie auch eine junge Witwe würde! Also sei es! –
Und nun ziehet wieder im Frieden von dannen.“
[JJ.01_011,33]
Joseph aber nahm nun Mariam und ging mit ihr in seine Heimat und ward voll
Freuden und lobte und pries seinen Gott. Und seine Freude war nun um so größer,
da nun Maria sein rechtmäßiges Weib ist geworden.
[JJ.01_012] 12.
Kapitel – Das Gebot des Augustus zur Schätzung und Zählung aller
Landesbewohner. Neuer Kummer und Trost.
19. August 1843
[JJ.01_012,01]
Und Joseph verbrachte nun ganz wohlgemut mit Maria, die nun sein Weib war, noch
zwei Monate in seinem Hause und arbeitete für den Unterhalt Mariens.
[JJ.01_012,02]
Als aber diese Zeit verstrichen und Maria der Zeit der Entbindung nahe war, da
geschah ein neuer Schlag, welcher unseren Joseph in eine große Bekümmernis
versetzte.
[JJ.01_012,03]
Der römische Kaiser Augustus ließ nämlich in allen seinen Landen einen Befehl
ergehen, demzufolge alle Völker seines Reiches sollten beschrieben und gezählt
und der Steuer und der Rekrutierung wegen klassifiziert werden.
[JJ.01_012,04]
Und so waren auch die Nazaräer von diesem Gebote nicht ausgenommen, und Joseph
ward genötigt, sich auch nach Bethlehem, der Stadt Davids, zu begeben, in
welcher die römische Beschreibungskommission aufgestellt war.
[JJ.01_012,05]
Als er aber dieses Gebot vernahm, dessentwegen er schon ohnehin zu einer
Versammlung nach Jerusalem ist berufen worden, da sprach er bei sich selbst:
[JJ.01_012,06]
„Mein Gott und mein Herr, das ist ein harter Schlag für mich gerade zu dieser
Zeit, da Maria der Entbindung so nahe ist!
[JJ.01_012,07]
Was soll ich nun tun? – Ich muß wohl meine Söhne einschreiben lassen, denn
diese sind dem Kaiser leider waffenpflichtig; aber was soll ich, um Deines
Namens willen, o Herr, mit Maria machen?!
[JJ.01_012,08]
Daheim kann ich sie nicht lassen; denn was würde sie da machen, wenn ihre Zeit
sie zu drängen anfinge?
[JJ.01_012,09]
Nehme ich sie aber mit, wer steht mir da dafür, daß ihre Zeit sie nicht schon
unterm Wege befällt und ich dann nicht wissen werde, was da mit ihr zu machen
sein wird, da sie doch noch mehr ein Kind als ein so ganz festes Weib ist?
[JJ.01_012,10]
Und bringe ich sie auch noch mit genauer Not hin vor die Amtleute Roms, wie
soll ich sie da einschreiben lassen?
[JJ.01_012,11]
Etwa als mein Weib, davon doch niemand außer mir und dem Hohenpriester bis
jetzt noch etwas weiß?
[JJ.01_012,12]
Wahrhaftig, dessen schäme ich mich beinahe vor den Söhnen Israels; denn sie
wissen es, daß ich ein über siebzig Jahre alter Greis bin! – Was werden sie
sagen, so ich das kaum fünfzehnjährige Kind, im hochschwangeren Zustande noch
dazu, als mein rechtmäßiges Weib einschreiben lasse?!
[JJ.01_012,13]
Oder soll ich sie als meine Tochter einschreiben lassen? – Es wissen aber ja
die Söhne Israels, woher Maria ist, und daß sie nimmer meine Tochter ist!
[JJ.01_012,14]
Lasse ich sie als die mir anvertraute Jungfrau des Herrn einschreiben, was
dürften da einige, die noch nicht wissen möchten, daß ich mich im Tempel
gerechtfertiget habe, zu mir sagen, so sie Mariam hochschwanger erschauen
würden?
[JJ.01_012,15]
Ja, ich weiß, was ich nun wieder tun will: den Tag des Herrn will ich abwarten!
An diesem wird der Herr, mein Gott, machen, was Er wird wollen, und das wird
auch das Beste sein. Und also geschehe es denn!“
[JJ.01_013] 13.
Kapitel – Ein alter Freund stärkt und segnet Joseph. Josephs Reiseanordnungen
an seine fünf Söhne. Das tröstliche Zeugnis von oben. Die fröhliche Abreise.
21. August 1843
[JJ.01_013,01]
Am selben Tage aber noch kam ein alter weiser Freund aus Nazareth zu Joseph und
sagte zu ihm:
[JJ.01_013,02]
„Bruder! siehe, also führet der Herr Sein Volk über allerlei Wüsten und
Steppen! – Die aber willig folgen, dahin Er lenket, die kommen ans rechte Ziel!
[JJ.01_013,03]
Wir schmachteten in Ägypten und weinten unter Babels Ketten, und der Herr hat
uns dennoch wieder frei gemacht!
[JJ.01_013,04]
Nun haben die Römer ihre Adler über uns gesandt; es ist des Herrn Wille! –
Daher wollen wir auch tun, was Er will; denn Er weiß es sicher, warum Er es
also will!“
[JJ.01_013,05]
Joseph aber verstand wohl, was der Freund zu ihm geredet hatte, und als der
Freund ihn segnete und wieder verließ, da sprach der Joseph zu seinen Söhnen:
[JJ.01_013,06]
„Höret mich an! Der Herr will es, daß wir alle nach Bethlehem ziehen müssen;
also wollen wir uns denn auch Seinen Willen gefallen lassen und tun, was Er
will.
[JJ.01_013,07]
Du, Joel, sattle die Eselin für Maria und nehme den Sattel mit der Lehne; und
du, Joses, aber zäume den Ochsen und spanne ihn an den Karren, in dem wir
Lebensmittel mitführen wollen!
[JJ.01_013,08]
Ihr drei, Samuel, Simeon und Jakob, aber bestellet den Karren mit haltbaren
Früchten, Brot, Honig und Käse, und nehmet davon so viel, daß wir auf vierzehn
Tage versehen sind; denn wir wissen es nicht, wann die Reihe an uns kommen
wird, und wann wir frei werden, und was mit Maria geschehen kann unterwegs!
Darum leget auch frische Linnen und Windeln auf den Karren!“
[JJ.01_013,09]
Die Söhne aber gingen und bestellten alles, wie es ihnen der Joseph anbefohlen
hatte.
[JJ.01_013,10]
Als sie aber alles nach dem Willen Josephs bestellt hatten, kamen sie zurück
und zeigten es dem Joseph an.
[JJ.01_013,11]
Und Joseph kniete nieder mit seinem ganzen Hause, betete, und empfahl sich und
all die Seinen in die Hände des Herrn.
[JJ.01_013,12]
Als er aber mit solchem Gebete, Lobe und Preise zu Ende war, da vernahm er eine
Stimme wie außerhalb des Hauses, welche da sprach:
[JJ.01_013,13]
„Joseph, du getreuer Sohn Davids, der da war ein Mann nach dem Herzen Gottes!
[JJ.01_013,14]
Als David auszog zum Kampfe mit dem Riesen, da war mit ihm die Hand des Engels,
den ihm der Herr zur Seite stellte, und siehe, dein Vater ward ein mächtiger
Sieger!
[JJ.01_013,15]
Mit dir aber ist nun Der Selbst, der ewig war, der Himmel und Erde erschaffen
hat, der zu Noahs Zeiten regnen ließ vierzig Tage und Nächte und ersaufen ließ
alle Ihm widrige Kreatur,
[JJ.01_013,16]
der dem Abraham gab den Isaak, der dein Volk führte aus Ägypten und mit Moses
erschrecklich redete auf dem Sinai!
[JJ.01_013,17]
Siehe, Der ist in deinem Hause nun leibhaftig und wird ziehen mit dir auch nach
Bethlehem; daher sei ohne Furcht, denn Er wird es nicht zulassen, daß dir ein
Haar gekrümmet werde!“
[JJ.01_013,18]
Als aber Joseph solche Worte vernommen hatte, da ward er fröhlich, dankte dem
Herrn für diese Gnade und ließ dann sogleich alles zur Reise sich bereiten.
[JJ.01_013,19]
Er nahm Mariam und setzte sie so weich und bequem als nur immer möglich auf das
Lasttier und nahm dann den Zügel in seine Hand und führte die Eselin.
[JJ.01_013,20]
Die Söhne aber machten sich um den beladenen Karren und fuhren mit demselben
nach der Eselin Getrabe.
[JJ.01_013,21]
Nach einiger Zeit aber übergab Joseph den Zügel seinem ältesten Sohne; er aber
ging Mariam zur Seite, da diese manchmal schwach ward und sich im Sattel nicht selbst
zu halten imstande war.
[JJ.01_014] 14.
Kapitel – Marias Gesicht von den zwei Völkern. Der Eintritt der Wehen. Zuflucht
in einer nahen Höhle.
23. August 1843
[JJ.01_014,01]
Also kam unsere frömmste Gesellschaft nahe bis auf sechs Stunden vor Bethlehem
hin und machte da eine Rast im Freien.
[JJ.01_014,02]
Joseph aber sah nach der Maria und fand, daß sie voll Schmerzes sein mußte;
daher gedachte er ganz verlegen bei sich selbst:
[JJ.01_014,03]
„Was kann das sein? Marias Antlitz ist voll Schmerzes, und ihre Augen sind voll
Tränen! – Vielleicht bedränget sie ihre Zeit?“
[JJ.01_014,04]
Darum sah Joseph Mariam noch einmal genauer an; und siehe, da fand er sie zu
seinem großen Erstaunen lachend!
[JJ.01_014,05]
Darum fragte er sie auch sobald: „Maria, sage mir, was wohl gehet in dir vor? –
Denn ich sehe dein Angesicht bald voll Schmerzes, bald aber wieder lachend und
vor großer Freude glänzend!“
[JJ.01_014,06]
Maria aber sagte darauf zu Joseph: „Siehe, ich sah nun zwei Völker vor mir; das
eine weinte, und da weinte ich notgedrungen mit.
[JJ.01_014,07]
Das andere aber wandelte lachend vor mir und war voll Freude und Heiterkeit;
und ich mußte mitlachen und in seine Freude übergehen! – Das ist alles, was
meinem Antlitze Schmerz und Freude entwand.“
[JJ.01_014,08]
Als Joseph solches vernommen hatte, da ward er wieder beruhigt, denn er wußte,
daß Maria öfter Gesichte hatte; daher ließ er denn auch wieder zur Weiterreise
aufbrechen und zog hinauf gen Bethlehem. –
[JJ.01_014,09]
Als sie aber in die Nähe von Bethlehem kamen, da sprach Maria auf einmal zum
Joseph:
[JJ.01_014,10]
„Höre mich an, Joseph! – Das in mir ist, fängt an mich ganz gewaltig zu
bedrängen; lasse daher stillehalten!“
[JJ.01_014,11]
Joseph erschrak völlig vor diesem plötzlichen Aufrufe Mariens; denn er sah nun,
daß das gekommen ist, was er eben am meisten befürchtet hatte.
[JJ.01_014,12]
Er ließ daher auch plötzlich stillehalten. Maria aber sprach wieder sobald zu
Joseph:
[JJ.01_014,13]
„Hebe mich herab von der Eselin; denn das in mir ist, bedränget mich mächtig
und will von mir! Und ich vermag dem Drange nicht mehr zu widerstehen!“
[JJ.01_014,14]
Joseph aber sprach: „Aber um des Herrn willen! Du siehst ja, daß hier nirgends
eine Herberge ist, – wo solle ich dich denn hintun?“
[JJ.01_014,15]
Maria aber sprach: „Siehe, dort in den Berg hinein ist eine Höhle; es werden
kaum hundert Schritte dahin sein! Dorthin bringet mich; weiter zu kommen, ist
mir unmöglich!“
[JJ.01_014,16] Und
Joseph lenkte sobald sein Fuhr- und Reisewerk dahin und fand zum größten Glücke
in dieser Höhle, da sie den Hirten zu einem Notstalle diente, etwas Heu und
Stroh, aus welchem er sogleich für Maria ein notdürftiges Lager bereiten ließ.
[JJ.01_015] 15.
Kapitel – Maria in der Grotte. Joseph auf der Suche nach einer Hebamme in
Bethlehem. Josephs wunderbare Erfahrungen. Das Zeugnis der Natur. Die Begegnung
Josephs mit der Wehmutter.
24. August 1843
[JJ.01_015,01]
Als aber das Lager bereitet war, brachte Joseph Mariam sobald in die Höhle, und
sie legte sich aufs Lager und fand Erleichterung in dieser Lage.
[JJ.01_015,02]
Als Maria aber also erleichtert sich auf dem Lager befand, da sagte Joseph zu
seinen Söhnen:
[JJ.01_015,03]
„Ihr beiden Ältesten bewachet Mariam und leistet ihr im Falle früher Not die
gerechte Hilfe, besonders du Joel, der du einige Kenntnisse in dieser Sache dir
durch den Umgang mit meinem Freunde in Nazareth erworben hast!“
[JJ.01_015,04]
Den andern dreien aber befahl er, den Esel und den Ochsen zu versorgen und den
Karren auch irgend in der Höhle, welche so ziemlich geräumig war,
unterzubringen.
[JJ.01_015,05]
Nachdem aber Joseph solches alles also wohl geordnet hatte, sagte er zu Maria:
„Ich aber will nun gehen hinauf auf den Berg und will in der Stadt meines
Vaters mir eine Wehmutter in aller Eile suchen und will sie bringen hierher,
dir zur nötigen Hilfe!“
[JJ.01_015,06]
Nach diesen Worten trat der Joseph sobald aus der Höhle, da es schon ziemlich
spät abends war und man die Sterne am Himmel recht wohl ausnehmen konnte.
[JJ.01_015,07]
Was aber Joseph bei diesem Austritte aus der Höhle alles für wunderliche
Erfahrungen gemacht hat, wollen wir mit seinen eigenen Worten wiedergeben, die
er seinen Söhnen gab, als er mit der gefundenen Wehmutter in die Höhle
zurückkehrte und Maria schon geboren hatte.
[JJ.01_015,08]
Die Worte Josephs aber lauten also: „Kinder! wir stehen am Rande großer Dinge!
– Ich verstehe nun dunkel, was mir die Stimme am Vorabende vor unserer Abreise
hierher gesagt hat; wahrlich, wäre der Herr unter uns – wennschon unsichtbar –
nicht gegenwärtig, so könnten unmöglich solche Wunderdinge geschehen, wie ich
sie jetzt geschaut habe!
[JJ.01_015,09]
Höret mich an! – Als ich hinaustrat und fortging, da war es mir, als ginge ich,
und als ginge ich nicht; – und ich sah den aufgehenden Vollmond und die Sterne
im Aufgange wie im Niedergange, und siehe, alles stand stille, und der Mond
verließ nicht den Rand der Erde, und die Sterne am abendlichen Rande wollten
nimmer sinken!
[JJ.01_015,10]
Dann sah ich Scharen und Scharen der Vöglein sitzen auf den Ästen der Bäume;
alle waren mit ihren Gesichtern hierher gewendet und zitterten wie zu Zeiten
großer bevorstehender Erdbeben und waren nicht zu verscheuchen von ihren
Sitzen, weder durch Geschrei noch durch Steinwürfe.
[JJ.01_015,11]
Und ich blickte wieder auf dem Erdboden umher und ersah unweit von mir eine
Anzahl Arbeiter, die da um eine mit Speise gefüllte Schüssel saßen. Einige
hielten ihre Hände unbeweglich in der Schüssel und konnten keine Speise aus der
Schüssel heben.
[JJ.01_015,12]
Die aber schon eher einen Bissen der Schüssel enthoben hatten, die hielten ihn
am Munde und mochten nicht den Mund öffnen, auf daß sie den Bissen verzehreten;
aller Angesichter aber waren nach aufwärts gerichtet, als sähen sie große Dinge
am Himmel!
[JJ.01_015,13]
Dann sah ich Schafe, die von den Hirten getrieben wurden; aber die Schafe
standen unbeweglich da, und des Hirten Hand, der sie erhob, um zu schlagen die
ruhenden Schafe, blieb wie erstarrt in der Luft, und er konnte sie nicht
bewegen.
[JJ.01_015,14]
Wieder sah ich eine ganze Herde Böcke, die hielten ihre Schnauzen über dem
Wasser und mochten dennoch nicht trinken, denn sie waren alle wie gänzlich
gelähmt.
[JJ.01_015,15]
Also sah ich auch ein Bächlein, das hatte einen starken Fall vom Berge herab,
und siehe, des Wasser stand stille und floß nicht hinab ins Tal! – Und so war
alles auf dem Erdboden anzusehen, als hätte es kein Leben und keine Bewegung.
[JJ.01_015,16]
Als ich aber also dastand oder ging und nicht wußte, ob ich stehe oder gehe,
siehe, da ersah ich endlich einmal wieder ein Leben!
[JJ.01_015,17]
Ein Weib nämlich kam dem Berge entlang herabgestiegen gerade auf mich an und
fragte mich, als sie vollends bei mir war: ,Mann, wo willst du hingehen so
spät?‘
[JJ.01_015,18]
Und ich sprach zu ihr: ,Eine Wehmutter suche ich; denn in der Höhle dort ist
eine, die gebären will!‘
[JJ.01_015,19]
Das Weib aber antwortete und sprach: ,Ist sie aus Israel?‘ – Und ich antwortete
ihr: ,Ja, Herrin, ich und sie sind aus Israel; David ist unser Vater!‘
[JJ.01_015,20]
Das Weib aber sprach weiter und fragte: ,Wer ist die, welche in der Höhle dort
gebären will? Ist sie dein Weib, oder eine Anverwandte, oder eine Magd?‘
[JJ.01_015,21]
Und ich antwortete ihr: ,Seit kurzem – allein vor Gott und dem Hohenpriester
nur – mein Weib. Sie aber war noch nicht mein Weib, da sie schwanger ward,
sondern ward mir nur zur Obhut in mein Haus vom Tempel durch das Zeugnis Gottes
anvertraut, da sie früher auferzogen ward im Allerheiligsten!
[JJ.01_015,22]
Wundere dich aber nicht über ihre Schwangerschaft; denn das in ihr ist, ist
wunderbar gezeuget vom heiligen Geiste Gottes!‘ – Das Weib aber erstaunte darob
und sagte zu mir: ,Mann, sage mir die Wahrheit!‘ – Ich aber sagte zu ihr:
,Komm, siehe und überzeuge dich mit deinen Augen!‘“ – – –
[JJ.01_016] 16.
Kapitel – Die Erscheinungen bei der Höhle. Das Traumgesicht der Wehmutter und
ihre prophetischen Worte. Die Wehmutter bei Maria und dem Kinde. Salomes, ihrer
Schwester, Zweifel an der Jungfräulichkeit Mariens.
25. August 1843
[JJ.01_016,01]
Und das Weib willigte ein und folgte dem Joseph hin zur Höhle; da sie aber zur
Höhle kamen, da verhüllte sich dieselbe plötzlich in eine dichte weiße Wolke,
daß sie nicht den Eingang finden mochten.
[JJ.01_016,02]
Ob dieser Erscheinung fing sich die Wehmutter hoch zu verwundern an und sprach
zu Joseph:
[JJ.01_016,03]
„Großes ist widerfahren am heutigen Tage meiner Seele! – Ich habe heute morgen
ein großwunderbarstes Gesicht gehabt, in dem alles sich also gestaltete, wie
ich es jetzt in der Wirklichkeit gesehen habe, noch sehe und noch mehr sehen
werde!
[JJ.01_016,04]
Du bist derselbe Mann, der mir im Gesichte entgegenkam; also sah ich auch zuvor
alle Welt ruhen mitten in ihrem Geschäfte und sah die Höhle, wie eine Wolke
über sie kam, und habe mit dir geredet, wie ich nun geredet habe.
[JJ.01_016,05]
Und ich sah noch mehreres Wunderbarstes in der Höhle, als mir meine Schwester
Salome nachkam, der ich allein mein Gesicht am Morgen anvertraute!
[JJ.01_016,06]
Darum sage ich denn nun auch vor dir und vor Gott, meinem Herrn: Israel ist ein
großes Heil widerfahren! Ein Retter kam, von oben gesandt, zur Zeit unserer
großen Not!“
[JJ.01_016,07]
Nach diesen Worten der Wehmutter wich sobald die Wolke von der Höhle zurück,
und ein gewaltiges Licht drang aus der Höhle der Wehmutter und dem Joseph
entgegen – so, daß es die Augen nicht zu ertragen imstande waren, und die
Wehmutter sprach: „Wahr ist also alles, was ich gesehen habe im Gesichte! – O
Mann! du Glücklicher, hier ist mehr denn Abraham, Isaak, Jakob, Moses und Elias!“
–
[JJ.01_016,08]
Nach diesen Worten aber fing das starke Licht an, nach und nach erträglicher zu
werden, und das Kindlein ward sichtbar, wie es gerade zum ersten Male die Brust
der Mutter nahm.
[JJ.01_016,09]
Die Wehmutter aber trat mit Joseph nun in die Höhle, besah das Kindlein und
dessen Mutter, und als sie alles auf das herrlichste gelöset fand, sagte sie:
[JJ.01_016,10]
„Wahrlich, wahrlich, das ist der von allen Propheten besungene Erlöser, der da
ohne Bande frei sein wird schon im Mutterleibe, um anzudeuten, daß er all die
harten Bande des Gesetzes lösen wird!
[JJ.01_016,11]
Wann aber hat jemand gesehen, daß ein kaum gebornes Kind schon nach der Brust
der Mutter gegriffen hätte!?
[JJ.01_016,12]
Das bezeuget ja augenscheinlichst, daß dieses Kind einst als Mann die Welt
richten wird nach der Liebe und nicht nach dem Gesetze!
[JJ.01_016,13]
Höre, du glücklichster Mann dieser Jungfrau, es ist alles in der größten
Ordnung; darum lasse mich aus der Höhle treten, denn mir fällt es schwer nun
auf die Brust, da ich empfinde, daß ich nicht rein genug bin, um die zu heilige
Nähe meines und deines Gottes und Herrn zu ertragen!“
[JJ.01_016,14]
Joseph erschrak völlig über diese Worte der Wehmutter. – Sie aber eilte aus der
Höhle ins Freie.
[JJ.01_016,15]
Als sie aber aus der Höhle trat, da traf sie draußen ihre Schwester Salome,
welche ihr ob des bewußten Gesichtes nachgefolgt ist, und sprach sogleich zu
ihr:
[JJ.01_016,16]
„Salome, Salome! komme und sehe mein Morgengesicht in der Wirklichkeit
bestätigt! – Die Jungfrau hat in der Fülle der Wahrheit geboren, was die
menschliche Weisheit und Natur nimmer zu fassen vermag!“
[JJ.01_016,17]
Die Salome aber sprach: „So wahr Gott lebt, kann ich eher nicht glauben, daß
eine Jungfrau geboren habe, als bis ich sie werde mit meiner Hand untersucht
haben!“
[JJ.01_017] 17.
Kapitel – Der ungläubigen Salome Bitte an Maria. Salomes Zeugnis der
unverletzten Jungfräulichkeit Mariens. Das Gottesgericht. Des Engels Weisung an
Salome. Salomes Genesung.
26. August 1843
[JJ.01_017,01] Nachdem
aber die Salome solches geredet hatte, trat sie sobald hinein in die Höhle und
sprach:
[JJ.01_017,02]
„Maria, meine Seele beschäftiget kein geringer Streit; daher bitte ich, daß du
dich bereitest, auf daß ich mit meiner wohlerfahrnen Hand dich untersuche und
daraus ersehe, wie es mit deiner Jungfrauschaft aussehe!“
[JJ.01_017,03]
Maria aber fügte sich willig in das Begehren der ungläubigen Salome, bereitete
sich und ließ sich untersuchen.
[JJ.01_017,04]
Als aber die Salome Marias Leib anrührte mit ihrer prüfenden Hand, da erhob sie
sobald ein gewaltiges Geheul und schrie überlaut:
[JJ.01_017,05]
„Wehe, wehe mir meiner Gottlosigkeit wegen und meines großen Unglaubens willen,
daß ich habe wollen den ewig lebendigen Gott versuchen! – denn sehet, sehet hierher!
– meine Hand verbrennt im Feuer des göttlichen Zornes über mich Elende!!!“
[JJ.01_017,06]
Nach diesen Worten aber fiel sie sobald vor dem Kindlein auf ihre Knie nieder
und sprach:
[JJ.01_017,07]
„O Gott meiner Väter! Du allmächtiger Herr aller Herrlichkeit! Gedenke mein,
daß auch ich ein Same bin aus Abraham, Isaak und Jakob!
[JJ.01_017,08]
Mache mich doch nicht zum Gespötte vor den Söhnen Israels, sondern schenke mir
meine gesunden Glieder wieder!“
[JJ.01_017,09]
Und siehe, sobald stand ein Engel des Herrn neben der Salome und sprach zu ihr:
„Erhört hat Gott der Herr dein Flehen; tritt zu dem Kindlein hin und trage Es,
und es wird dir darob ein großes Heil widerfahren!“
[JJ.01_017,10]
Und als solches die Salome vernommen hatte, da ging sie auf den Knien vor Maria
hin und bat sie um das Kindlein.
[JJ.01_017,11]
Maria aber gab ihr willig das Kindlein und sprach zu ihr: „Es möge dir zum
Heile gereichen nach dem Ausspruche des Engels des Herrn; der Herr erbarme Sich
deiner!“
[JJ.01_017,12]
Und die Salome nahm das Kindlein auf ihre Arme und trug es kniend und sprach,
sobald sie das Kindlein auf dem Arme hatte:
[JJ.01_017,13]
„O Gott! Du allmächtiger Herr Israels, der Du regierest und herrschest von
Ewigkeit! – In aller, aller Fülle der Wahrheit ist hier Israel ein König der
Könige geboren, welcher mächtiger sein wird denn da war David, der Mann nach
dem Herzen Gottes! Gelobet und gepriesen sei Du von mir ewig!“
[JJ.01_017,14]
Nach diesen Worten ward die Salome sobald völlig wieder geheilt, gab dann unter
der dankbarsten Zerknirschung ihres Herzens das Kindlein der Maria wieder und
ging also gerechtfertigt aus der Höhle wieder.
[JJ.01_017,15]
Als sie aber draußen war, da wollte sie sobald laut zu schreien anfangen über
das große Wunder aller Wunder und hatte auch ihrer Schwester sogleich zu
erzählen angefangen, was ihr begegnet ist.
[JJ.01_017,16]
Aber sobald meldete sich eine Stimme von oben und sprach zur Salome: „Salome,
Salome! verkündige ja niemandem, was Außerordentliches dir begegnet ist; denn
die Zeit muß erst kommen, wo der Herr von Sich Selbst zeugen wird durch Worte
und Taten!“
[JJ.01_017,17]
Hier verstummte sobald die Salome, und Joseph ging hinaus und bat die beiden
Schwestern, nun wieder in die Höhle zurückzutreten nach dem Wunsche Marias, auf
daß da niemand etwas merken solle, was Wunderbarstes in dieser Höhle nun
vorgefallen sei. – Und die beiden traten wieder demütig in die Höhle.
[JJ.01_018] 18.
Kapitel – Die Nachtruhe der hl. Familie in der Höhle. Die Lobgesänge der Engel
am Morgen. Die Anbetung der Hirten. Des Engels aufklärende Worte an Joseph.
28. August 1843
[JJ.01_018,01]
Als aber alle also in der Höhle versammelt waren, da fragten die Söhne Josephs
ihren Vater (den Joseph nämlich):
[JJ.01_018,02]
„Vater, was sollen wir nun tun? Es ist alles wohl versorgt! Die Reise hat
ermüdet unsere Glieder, dürfen wir uns denn nicht zur Ruhe legen?“
[JJ.01_018,03]
Und Joseph sprach: „Kinder! ihr sehet ja, welch eine endlose Gnade von oben uns
allen widerfahren ist; daher sollet ihr wachen und Gott loben mit mir!
[JJ.01_018,04]
Ihr aber habt ja gesehen, was da der Salome begegnet ist in der Höhle, da sie
ungläubig war; daher sollen auch wir nicht schläfrig sein, wann uns der Herr
heimsucht!
[JJ.01_018,05]
Gehet aber hin zur Maria, und rühret an das Kindlein; wer weiß es, ob eure
Augenlider nicht sobald also gestärkt werden, als hättet ihr mehrere Stunden
lang fest geschlafen!“
[JJ.01_018,06]
Und die Söhne Josephs gingen hin und rührten das Kindlein an; das Kindlein aber
lächelte sie an und streckte Seine Händchen nach ihnen, als hätte Es sie als
Brüder erkannt.
[JJ.01_018,07]
Darob sie sich alle hoch verwunderten und sprachen: „Fürwahr, das ist kein
natürliches Kind! Denn wo hat je jemand so etwas erlebt, daß jemand wäre von
einem kaum gebornen Kinde gottseligst also begrüßet worden!?
[JJ.01_018,08]
Zudem sind wir nun auch im Ernste noch obendrauf plötzlich also gestärkt worden
in allen unseren Gliedern, als hätten wir nie eine Reise gemacht und befänden
uns daheim an einem Morgen mit völligst ausgerastetem Leibe!“
[JJ.01_018,09]
Und der Joseph sagte darauf: „Sehet, also war mein Rat gut. Aber nun merke ich,
daß es anfängt, mächtig kühl zu werden; daher bringet den Esel und Ochsen
hierher! Die Tiere werden sich um uns lagern und werden durch ihren Hauch und
ihre Ausdünstung einige Wärme bewirken; und wir selbst wollen uns darum auch um
die Maria lagern!“
[JJ.01_018,10]
Und die Söhne taten solches. Und als sie brachten die beiden Tiere in die Nähe
Marias, da legten sich diese sogleich am Hauptteile des Lagers Mariens und
hauchten fleißig über Mariam und das Kindlein hin und erwärmten es also recht
gut.
[JJ.01_018,11]
Und die Wehmutter sprach: „Fürwahr, nichts Geringes kann das sein vor Gott, dem
sogar die Tiere also dienen, als hätten sie Vernunft und Verstand!“
[JJ.01_018,12]
Die Salome aber sprach: „O Schwester! Die Tiere scheinen hier mehr zu sehen als
wir! – Was wir uns noch kaum zu denken getrauen, da beten schon die Tiere an
Den, der sie erschaffen hat!
[JJ.01_018,13]
Glaube mir, Schwester, so wahr Gott lebt, so wahr auch ist hier vor uns der
verheißene Messias; denn wir wissen es ja, daß sich nie bei der Geburt selbst
des größten Propheten solche Wunderdinge zugetragen haben!“
[JJ.01_018,14]
Maria aber sagte zur Salome: „Gott der Herr hat dir eine große Gnade erwiesen,
darum du solches erschauest, davor selbst meine Seele erbebt!
[JJ.01_018,15]
Aber schweige davon, wie es dir zuvor der Engel des Herrn geboten hat; denn
sonst könntest du uns ein herbes Los bereiten!“
[JJ.01_018,16]
Die Salome aber gelobte der Maria zu schweigen ihr Leben lang, und die
Wehmutter folgte dem Beispiele ihrer Schwester.
[JJ.01_018,17]
Und so ward nun alles ruhig in der Höhle. In der ersten Stunde aber vor dem
Sonnenaufgange vernahmen alle gar mächtige Lobgesänge draußen vor der Höhle.
[JJ.01_018,18]
Und Joseph sandte sogleich seinen ältesten Sohn, nachzusehen, was es sei, und
wer so gewaltig singe die Ehre Gottes im Freien.
[JJ.01_018,19]
Und Joel ging hinaus und sah, daß alle Räume des Firmaments erfüllt waren hoch
und nieder mit zahllosen Myriaden leuchtender Engel. Und er eilte erstaunt in
die Höhle zurück und erzählte es allen, was er gesehen.
[JJ.01_018] 29.
August 1843
[JJ.01_018,20]
Alle aber waren hoch erstaunt über die Erzählung des Joel und gingen hinaus und
überzeugten sich von der Wahrheit der Aussage Joels.
[JJ.01_018,21]
Als sie solche Herrlichkeit des Herrn aber gesehen hatten, da gingen sie wieder
in die Höhle und gaben Maria auch das Zeugnis. Und der Joseph sagte zur Maria:
[JJ.01_018,22]
„Höre, du reinste Jungfrau des Herrn, die Frucht deines Leibes ist wahrhaftig
eine Zeugung des heiligen Geistes Gottes; denn alle Himmel zeugen nun dafür!
[JJ.01_018,23]
Aber wie wird es uns gehen, so nun alle Welt notwendig erfahren muß, was hier
vor sich gegangen ist? Denn daß nicht nur wir, sondern auch alle andern
Menschen nun sehen, welch ein Zeugnis für uns durch alle Himmel strahlet, – das
habe ich an vielen Hirten nun gesehen, wie sie ihre Angesichter gen oben
gerichtet hielten!
[JJ.01_018,24]
Und sangen mit gleicher Stimme mit den mächtigen Chören der Engel, welche nun –
allen sichtbar – erfüllen alle Räume der Himmel hoch und nieder bis zur Erde
herab!
[JJ.01_018,25]
Und ihr Gesang lautete wie der der Engel: ,Tauet herab, ihr Himmel, den
Gerechten! Friede den Menschen auf der Erde, die eines guten Willens sind!‘ –
Und: ,Ehre sei Gott in der Höhe in Dem, der da kommt im Namen des Herrn!‘
[JJ.01_018,26]
Siehe, o Maria, solches vernimmt und sieht nun die ganze Welt; also wird sie
auch kommen hierher und wird uns verfolgen, und wir werden müssen fliehen über
Berg und Tal!
[JJ.01_018,27]
Daher meine ich, wir sollten uns so bald als nur immer möglich heben von hier
und, sobald ich werde beschrieben sein – was heute früh noch geschehen soll – ,
uns wieder begeben nach Nazareth zurück und von dort gehen zu den Griechen
über, von denen ich einige recht wohl kenne. – Bist du nicht meiner Meinung?“
[JJ.01_018,28]
Maria aber sprach zu Joseph: „Du siehst aber ja, daß ich heute noch nicht dies
Lager verlassen kann; daher lassen wir alles dem Herrn über! Er hat uns bisher
geführt und beschützt, so wird Er uns auch sicher noch weiter führen und gar
treulich beschützen!
[JJ.01_018,29]
Will Er uns vor der Welt offenbaren, sage: wohin wollen wir fliehen, da Seine
Himmel uns nicht entdecken möchten?!
[JJ.01_018,30]
Daher geschehe Sein Wille! – Was Er will, das wird recht sein. Siehe, hier auf
meiner Brust ruht ja, Dem dieses alles gilt!
[JJ.01_018,31]
Dieser aber bleibet bei uns, und so wird auch die große Herrlichkeit Gottes von
uns nicht weichen, und wir können da fliehen, wohin wir nur immer wollen!“
[JJ.01_018,32]
Als Maria aber noch kaum solches ausgeredet hatte, siehe, da standen schon zwei
Engel als Anführer einer Menge Hirten vor der Höhle und zeigten den Hirten an,
daß hier Derjenige geboren ist, dem ihre Lobgesänge gelten.
[JJ.01_018,33]
Und die Hirten traten ein in die Höhle und knieten nieder vor dem Kindlein und
beteten Es an; und die Engel kamen auch scharenweise und beteten an das
Kindlein.
[JJ.01_018,34]
Joseph aber blickte mit seinen Söhnen ganz erstaunt hin nach der Maria und dem
Kindlein und sprach: O Gott, was ist denn das? – Hast Du denn Selbst Fleisch
angenommen in diesem Kinde?
[JJ.01_018,35]
Wie wohl wäre es möglich sonst, daß Es angebetet würde selbst von Deinen
heiligen Engeln? Bist Du aber hier, o Herr, was ist denn nun mit dem Tempel –
und mit dem Allerheiligsten?!“
[JJ.01_018,36]
Und ein Engel trat hin zum Joseph und sprach zu ihm: „Frage nicht, und sorge
dich nicht; denn der Herr hat die Erde erwählt zum Schauplatze Seiner
Erbarmungen und hat nun heimgesucht Sein Volk, wie Er es vorhergesagt durch den
Mund Seiner Kinder, Seiner Knechte und Propheten!
[JJ.01_018,37]
Was aber geschieht nun vor deinen Augen, das geschieht nach dem Willen Dessen,
der da ist heilig, überheilig!“
[JJ.01_018,38]
Hier verließ der Engel den Joseph und ging wieder hin und betete an das Kindlein,
welches nun alle die Betenden mit offenen Händchen anlächelte.
[JJ.01_018,39]
Als aber nun die Sonne aufging, da verschwanden die Engel; aber die Hirten
blieben und erkundigten sich beim Joseph, wie möglich doch solches vor sich
gegangen ist.
[JJ.01_018,40]
Joseph aber sagte: „Höret, wie wunderbar das Gras wächst aus der Erde, also
geschah auch dieses Wunder! Wer aber weiß, wie das Gras wächst? – So wenig weiß
ich euch auch von diesem Wunder kundzugeben! Gott hat es also gewollt; das ist
alles, was ich euch sagen kann!“
[JJ.01_019] 19.
Kapitel – Josephs Beschreibungssorge. Der Wehmutter Bericht vor dem römischen
Hauptmann Cornelius. Des Hauptmanns Besuch in der Grotte. Joseph und Cornelius.
Des Cornelius Frieden und Freude in der Nähe des Jesuskindes.
30. August 1843
[JJ.01_019,01]
Die Hirten aber waren mit diesem Bescheide zufrieden und fragten den Joseph
nicht weiter und gingen von dannen und brachten der Maria allerlei Stärkungen
zum Opfer.
[JJ.01_019,02]
Als die Sonne aber schon eine Stunde der Erde geleuchtet hatte, da fragte der
Joseph die Wehmutter:
[JJ.01_019,03]
„Höre mich an, du meine Freundin und Schwester aus Abraham, Isaak und Jakob! –
Siehe, mich drückt die Beschreibung ganz gewaltig, und ich wünsche nichts
sehnlicher, als sie hinter mir zu haben!
[JJ.01_019,04]
Ich aber weiß nicht, wo in der Stadt sie gehalten wird; lasse daher die Salome
hier bei der Maria, mich aber führe mit meinen Söhnen hin zu dem römischen
Hauptmann, der da die Beschreibung führt!
[JJ.01_019,05]
Vielleicht werden wir sogleich vorgenommen werden, so wir sicher die ersten
dort sein werden?“
[JJ.01_019,06]
Und die Wehmutter sagte zum Joseph: „Gnadenvoller Mann, höre mich an! – Der
Hauptmann Cornelius aus Rom wohnt in meinem Hause, das schier eines der ersten
ist in der Stadt.
[JJ.01_019,07]
und hat daselbst auch seine Amtsstube. Er ist zwar ein Heide, aber sonst ein
guter und rechtlicher Mensch; ich will hingehen und ihm alles anzeigen bis auf
das Wunder, und ich meine, die Sache wird abgetan sein!“
[JJ.01_019,08]
Dieser Antrag gefiel Joseph wohl, da er ohnehin eine große Scheu vor den
Römern, besonders aber vor der Beschreibung hatte; er bat daher obendrauf noch
die Wehmutter, solches zu tun.
[JJ.01_019,09]
Und die Wehmutter ging und fand den Cornelius, der noch sehr jung war und am
Morgen gerne lang schlief, noch im Bette und gab ihm alles kund, was da
notwendig war.
[JJ.01_019,10]
Cornelius aber stand sogleich auf, warf seine Toga um und sprach zu seiner
Hausherrin: „Weib, ich glaube dir alles; aber ich will dennoch selbst mit dir
hingehen, denn ich fühle einen starken Drang dazu!
[JJ.01_019,11]
Es ist nach deiner Erzählung nicht weit von hier, und so werde ich zur rechten
Zeit noch am Arbeitstische sein! Führe mich also nur gleich hin!“
[JJ.01_019,12]
Und die Wehmutter erfreute sich dessen und führte den ihr wohlbekannten
biederen, jungen Hauptmann hin, welcher ihr vor der Höhle gestand und sagte: „O
Weib, wie leicht gehe ich in Rom zu meinem Kaiser, und wie schwer wird es mir
hier, in diese Höhle einzutreten!
[JJ.01_019,13]
Das muß etwas Besonderes sein! – Sage mir doch, ob du irgendeinen Grund weißt;
denn ich weiß, daß du eine biedere Jüdin bist!“
[JJ.01_019,14]
Die Wehmutter aber sprach: „Guter Hauptmann des großen Kaisers! Harre hier vor
der Höhle nur einen Augenblick; ich will hineingehen und will dir die Lösung
bringen!“
[JJ.01_019,15]
Und sie ging und sagte es dem Joseph, daß der gute Hauptmann selbst draußen vor
der Höhle harre, und daß er herein möchte, aber sich nicht getraue aus einem
ihm unerklärlichen Grunde.
[JJ.01_019,16]
Als der Joseph solches vernahm, ward er gerührt und sprach: „O Gott, wie gut
bist Du, daß Du sogar das vor mir in Freude verwandelst, davor ich mich am
meisten gefürchtet habe! – Darum sei Dir allein alles Lob und alle Ehre!“
[JJ.01_019,17]
Nach diesen Worten eilte er sogleich aus der Höhle und fiel dem Cornelius zu
Füßen, sagend: „Machtträger des großen Kaisers, habe Erbarmen mit mir armem
Greise! Siehe, mein junges Weib, das mir durchs Los im Tempel zuteil ward, hat
hier sich entledigt ihrer Frucht diese Nacht, und gestern bin ich erst hier
angekommen, daher mochte ich nicht mich sogleich bei dir melden lassen!“
[JJ.01_019,18]
Und der Cornelius sagte, den Joseph aufhebend: „O Mann! sei des unbesorgt, es
ist schon alles in der Ordnung! Lasse mich aber auch hineintreten und sehen,
wie du hier eingelagert bist!“
[JJ.01_019,19]
Und Joseph führte den Cornelius in die Höhle. Als aber dieser das Kindlein
erblickte, wie Es ihm entgegenlächelte, da erstaunte er ob solchen Benehmens
des Kindleins und sagte: „Beim Zeus, das ist selten! Ich bin ja wie neu
geboren, und nie noch habe ich eine solche Ruhe und Freude in mir gewahret! –
Fürwahr, heute sind Geschäftsferien, und ich bleibe euer Gast.“
[JJ.01_020] 20.
Kapitel – Des Cornelius Fragen über den Messias. Josephs Verlegenheit. Des
Hauptmanns Fragen an Maria, Salome und die Wehmutter. Der Engel Warnung vor dem
Verrat des göttlichen Geheimnisses. Des Cornelius heilige Ahnung von der
Göttlichkeit des Jesuskindes.
31. August 1843
[JJ.01_020,01]
Joseph aber, darüber hoch erfreut, sprach zum Hauptmann: „Machtträger des
großen Kaisers, was wohl kann ich armer Mann dir für deine große Freundschaft
entgegenbieten? – Womit werde ich dir in dieser feuchten Höhle aufwarten
können?
[JJ.01_020,02]
Wie dich bewirten deinem hohen Stande gemäß? – Siehe, hier in dem Karren ist
meine ganze Habseligkeit, teils mitgebracht aus Nazareth, teils aber ein
Geschenk schon von den hierortigen Hirten!
[JJ.01_020,03]
Wenn du davon etwas genießen kannst, so sei ein jeder Bissen, den du in deinen
Mund führen möchtest, tausendfach gesegnet!“
[JJ.01_020,04]
Cornelius aber sagte: „Guter Mann, kümmere und sorge dich ja nicht um mich;
denn siehe, hier ist ja meine Hausherrin, diese wird schon Sorge tragen für die
Küche, und wir werden alle genug haben um ein lichtes Geldstück, das da
gezieret ist mit des Kaisers Haupte!“
[JJ.01_020,05]
Hier gab der Hauptmann der Wehmutter eine Goldmünze und hieß sie sorgen für ein
gutes Mittag- und Abendmahl und, sobald es der Kindbetterin möglich wird, auch
für eine bessere Wohnung.
[JJ.01_020,06]
Joseph aber sagte darauf zum Cornelius: „O herrlicher Freund! Ich bitte dich,
mache dir doch unsertwegen keine Unkosten und Bemühungen; denn wir sind für die
wenigen Tage, die wir hier noch zubringen werden, ohnehin – dem Herrn, Gott
Israels, alles Lob! – gut versorgt!“
[JJ.01_020,07]
Hier sagte der Hauptmann: „Gut ist gut, aber besser ist besser! Daher laß es
nur geschehen, und lasse mich dadurch deinem Gotte auch ein freudig Opfer
bringen; denn siehe, ich ehre aller Völker Götter!
[JJ.01_020,08]
Also will ich auch den deinigen ehren; denn Er gefällt mir, seit ich Seinen
Tempel zu Jerusalem gesehen habe. Und Er muß ein Gott von großer Weisheit sein,
da ihr solch eine große Kunst von Ihm erlernt hattet!?“
[JJ.01_020,09]
Joseph aber sprach: „O Freund! wäre es möglich mir, dich von der alleinigen
einigen Wesenheit unseres Gottes zu überführen, wie gerne würde ich es tun zu
deinem größten ewigen Wohle!
[JJ.01_020,10]
Aber ich bin ein schwacher Mensch nur und vermag solches nicht; aber suche du
irgend unsere Bücher auf und lese sie, da du unserer Sprache so wohl kundig
bist, und du wirst da Dinge finden, die dich ins höchste Erstaunen setzen
werden!“
[JJ.01_020,11]
Und der Cornelius sagte: „Guter Mann, was du mir nun freundlichst geraten hast,
das habe ich schon getan, habe auch wirklich Erstaunliches darinnen gefunden!
[JJ.01_020,12]
Unter anderem aber bin ich auch auf eine Vorhersage gekommen, in der den Juden
ein neuer König für ewig verheißen ist; sage mir, ob du wohl weißt, nach der
Auslegung solcher Vorsage, wann da dieser König kommen wird – und von woher?“
[JJ.01_020,13]
Hier ward der Joseph etwas verlegen und sagte nach einer Weile: „Dieser wird
kommen aus den Himmeln als der Sohn des ewig lebendigen Gottes! Und Sein Reich
wird nicht von dieser, sondern von der Welt des Geistes und der Wahrheit sein!“
[JJ.01_020,14]
Und der Cornelius sprach: „Gut, ich verstehe dich; aber ich habe auch gelesen,
daß dieser König in einem Stalle bei dieser Stadt solle geboren werden von
einer Jungfrau! – Wie ist denn das zu nehmen?“
[JJ.01_020,15]
Joseph aber sprach: „O guter Mann, du hast scharfe Sinne! – Ich kann dir nichts
anderes sagen als: Gehe hin, und siehe an das Mägdlein mit dem neugebornen
Kinde; dort wirst du finden, das du finden möchtest!“
[JJ.01_020] 1.
September 1843
[JJ.01_020,16]
Und der Cornelius ging hin und betrachtete die Jungfrau mit dem Kindlein mit
scharfen Augen, um aus ihr und in dem Kinde den künftigen König der Juden zu
entdecken.
[JJ.01_020,17]
Er fragte daher auch die Maria, auf welche Weise sie also früh ihres Alters ist
schwanger geworden.
[JJ.01_020,18]
Maria aber erwiderte: „Gerechter Mann, so wahr mein Gott lebt, so wahr auch
habe ich nie einen Mann erkannt!
[JJ.01_020,19]
Es geschah aber vor drei Vierteln des Jahres, da ein Bote des Herrn zu mir kam
und unterrichtete mich mit wenig Worten, daß ich vom Geiste Gottes aus solle
schwanger werden.
[JJ.01_020,20]
Und also geschah es denn auch; ich ward, ohne je einen Mann erkannt zu haben,
schwanger; und siehe, hier vor dir ist die Frucht der wunderbaren Verheißung!
Gott aber ist mein Zeuge, daß solches alles also geschehen ist!“ –
[JJ.01_020,21]
Hier wandte sich der Cornelius an die beiden Schwestern und sagte: „Was sagt
denn ihr zu dieser Geschichte? Ist das ein feiner Trug von diesem alten Manne,
ein für ein blindes, abergläubiges Volk guter Vorschutz, um sich bei solchen
Umständen der gesetzlichen Strafe zu entziehen?
[JJ.01_020,22]
Denn ich weiß, daß Juden für derlei Fälle die Todesstrafe gesetzt haben! – Oder
sollte daran im Ernste etwas sein, – das noch schlimmer wäre als im ersten
Falle, weil da des Kaisers Gesetz müßte in schärfste Anwendung gebracht werden,
das da jeden Aufwiegler schon im ersten Keime erstickt haben will?! O redet die
Wahrheit, damit ich weiß, wie ich mit dieser sonderbaren Familie daran bin!“
[JJ.01_020,23]
Die Salome aber sprach: „Höre mich an, o Cornelius, ich bitte dich bei aller
deiner großkaiserlichen Vollmacht! Habe ja mit dieser armen und doch wieder
endlos reichen Familie nichts Ernstes und Gesetzliches zu schaffen!
[JJ.01_020,24]
Denn du kannst es mir glauben, denn ich stehe mit meinem Kopfe für die
Wahrheit: dieser Familie stehen alle Mächte der Himmel, wie dir dein eigener
Arm, zu Gebote, davon ich die lebendigste Überzeugung erhielt.“
[JJ.01_020,25]
Hier stutzte Cornelius noch gewaltiger und fragte die Salome: „Also auch Roms
heilige Götter, Roms Helden, Waffen und unbesiegbare Macht? – O Salome! was
redest du?!“
[JJ.01_020,26]
Salome aber sagte: „Ja, wie du gesagt, also ist es! – Davon bin ich lebendigst
überzeugt; magst du es aber nicht glauben, da gehe hinaus und sehe an die
Sonne! Sie leuchtet heute schon bei vier Stunden, und siehe, sie steht noch im
Osten und getraut sich nicht weiterzuziehen!“
[JJ.01_020,27]
Und der Cornelius ging hinaus, sah an die Sonne, kam sobald wieder zurück und
sagte ganz erstaunt: „Fürwahr, du hast recht; wenn die Sache mit dieser Familie
in Beziehung steht, so gehorcht dieser Familie sogar der Gott Apollo!
[JJ.01_020,28]
Also muß hier Zeus sein, der mächtigste aller Götter, und es scheint sich die
Zeit Deukalions und der Pyrrha zu erneuen; wenn aber das der Fall ist, so muß
ich solch eine Begebenheit ja sogleich nach Rom vermelden!?“
[JJ.01_020,29]
Bei diesen Worten erschienen zwei mächtige Engel; ihre Angesichter leuchteten
wie die Sonne und ihre Kleider wie der Blitz. Und sie sprachen: „Cornelius! –
Schweige sogar gegen dich von dem, was du gesehen hast, – sonst gehest du und
Rom heute noch zugrunde!“
[JJ.01_020,30]
Hier überfiel den Cornelius eine große Furcht. Die beiden Engel verschwanden;
er aber ging hin zum Joseph und sprach: „O Mann! – Hier ist endlos mehr als ein
werdender König der Juden! Hier ist Der, dem alle Himmel und Höllen zu Gebote
stehen! Daher laß mich wieder ziehen von hier; denn ich bin's nicht wert, in
solcher Nähe Gottes mich zu befinden!“ – –
[JJ.01_021] 21.
Kapitel – Josephs Worte über den freien Willen des Menschen und sein Rat an
Cornelius. Des Hauptmanns Fürsorge für die heilige Familie.
2. September
1843
[JJ.01_021,01]
Und der Joseph, selbst ganz frappiert durch diese Äußerung des Cornelius, sagte
zu ihm: „Wie groß dieses Wunder ist in sich, wüßte ich dir selbst zu künden
nicht!
[JJ.01_021,02]
Daß aber große und mächtige Dinge dahinterstecken, das kannst du mir glauben;
denn um geringer Sachen wegen würden sich nicht alle Mächte der ewigen Himmel
Gottes also bewegen!
[JJ.01_021,03]
Aber darum ist dennoch kein Mensch in seinem freien Willen gehemmt und kann
tun, was er will; denn das erkenne ich aus dem Gebote, das dir die zwei Engel
des Herrn gegeben haben!
[JJ.01_021,04]
Denn siehe, der Herr könnte ja unsern Willen bei dieser Gelegenheit gerade also
durch Seine Allmacht binden, wie Er den Willen der Tiere bindet, und wir müßten
dann handeln nach Seinem Willen!
[JJ.01_021,05]
Aber Er tut das nicht und gibt dafür nur ein freies Gebot, daraus wir ersehen
können, daß wir frei aus uns das wollen und tun können, was da ist Sein
heiliger Wille.
[JJ.01_021,06]
Also bist auch du in keiner Fiber deines Lebens im geringsten gebunden und
kannst daher tun, was du willst! Willst du heute mein Gast sein, da bleibe;
willst du aber das nicht oder getrauest dir es nicht, so hast du ebenfalls den
freiesten Willen.
[JJ.01_021,07]
Hätte ich dir aber zu raten, da würde ich freilich dir wohl also raten und
sagen: O Freund, bleibe! – denn besser aufgehoben bist du nun wohl in der
ganzen Welt kaum irgendwo, als hier unter dem sichtbaren Schutze aller
himmlischen Mächte!“
[JJ.01_021,08]
Und der Cornelius sagte: „Ja, du gerechter Mann vor den Göttern und vor deinem
Gotte, und vor allen Menschen, dein Rat ist gut, und ich will ihn befolgen und
will bleiben bis morgen bei dir!
[JJ.01_021,09]
Aber nur so viel werde ich mich jetzt mit meiner Hausherrin auf eine kurze Zeit
entfernen, daß ich Anstalten treffen kann, durch die ihr alle – wenn schon hier
in dieser Höhle – besser gelagert werdet.“
[JJ.01_021,10]
Und der Joseph sagte: „Guter Mann, tue, was du willst! Gott, der Herr, wird es
dir dereinst vergelten!“
[JJ.01_021,11]
Hier ging der Hauptmann mit der Wehmutter in die Stadt und ließ zuerst
verkünden durch alle Gassen, daß an dem Tage Amtsferien seien, nahm dann
dreißig Kriegsknechte, gab ihnen Bettzeug, Zelte und Brennholz und hieß sie
dies alles hinaustragen zur Höhle.
[JJ.01_021,12]
Die Wehmutter nahm Speise und Trank in gerechter Menge mit sich und ließ noch
mehr nachtragen.
[JJ.01_021,13]
In der Höhle angelangt, ließ der Hauptmann sogleich drei Zelte aufrichten: ein
reiches für Maria, eines für sich, Joseph und seine Söhne und eines für die
Wehmutter und ihre Schwester.
[JJ.01_021,14]
Und im Zelte Mariens ließ er ein frisches und gar weiches Bett aufrichten und
versah das Zelt noch mit andern nötigen Einrichtungen. Also richtete er auch
die andern Zelte zweckmäßig ein, ließ dann einen Kochherd in aller
Geschwindigkeit von seinen Knechten erbauen, legte selbst Holz darauf und
machte Feuer zur Erwärmung der Höhle, in welcher es sonst ziemlich kalt war in
dieser Jahreszeit.
[JJ.01_022] 22.
Kapitel – Cornelius bei der heiligen Familie in der Grotte. Die Hirten und der
Hauptmann. Die neue ewige Geistessonne. Des Cornelius Abschied. Josephs
Dankesworte über die Güte des heidnischen Hauptmanns.
4. September
1843
[JJ.01_022,01]
Also versorgte unser Cornelius die fromme Familie und blieb den ganzen Tag und
die ganze Nacht bei ihr.
[JJ.01_022,02]
Des Nachmittags aber kamen auch wieder die Hirten, anzubeten das Kindlein, und
brachten allerlei Opfer.
[JJ.01_022,03]
Als sie aber in der Hütte Zelte und den römischen Hauptmann erschauten, da
wollten sie fliehen aus großer Furcht vor ihm;
[JJ.01_022,04]
denn es waren mehrere Beschreibungsflüchtlinge unter ihnen, die sich vor der
auf solche Flüchtlinge gesetzten Strafe gar gewaltigst fürchteten.
[JJ.01_022,05]
Der Hauptmann aber ging hin zu ihnen und sprach: „Fürchtet euch nicht vor mir,
denn ich will euch nun alle Strafe nachlassen; aber bedenket, was da nach dem
Willen des Kaisers geschehen muß, und kommet daher morgen, und ich werde euch
so zart und sanft als nur möglich beschreiben!“
[JJ.01_022,06]
Da nun die Hirten erfahren hatten, daß der Cornelius ein so sanfter Mensch ist,
da verloren sie ihre Scheu und ließen sich am nächsten Tage alle beschreiben.
[JJ.01_022,07]
Nach der Rede mit den Hirten aber fragte der Hauptmann den Joseph, ob die Sonne
diesmal nimmer den Morgen verlassen werde.
[JJ.01_022,08]
Und der Joseph erwiderte: „Diese Sonne, die heute der Erde aufgegangen ist,
ewig nimmer! Aber die natürliche gehet ihren alten Weg nach dem Willen des
Herrn fort und wird in etlich Stündlein untergehen.“
[JJ.01_022,09]
Solches aber sprach der Joseph prophetisch und wußte und verstand im Grunde
selbst kaum, was er geredet hatte!
[JJ.01_022,10]
Und der Hauptmann aber fragte den Joseph: „Was sagst du hier? – Siehe, ich habe
deiner Worte Sinn nicht begriffen; daher rede verständlicher zu mir!“
[JJ.01_022,11]
Und der Joseph sprach: „Es wird eine Zeit kommen, in der du dich wärmen wirst
in den heiligen Strahlen dieser Sonne und baden in den Strömen ihres Geistes!
[JJ.01_022,12]
Mehr zu sagen aber weiß ich dir nicht und verstehe selbst nicht, was ich dir
nun gesagt habe; die Zeit aber wird es dir enthüllen, da ich nicht mehr sein
werde, in aller Fülle der ewigen Wahrheit.“
[JJ.01_022,13]
Und der Hauptmann fragte den Joseph nicht mehr und behielt diese tiefen Worte
in seinem Lebensgrunde.
[JJ.01_022,14]
Am nächsten Tage aber grüßte der Hauptmann die gesamte Familie und gab ihr die
Versicherung, daß er so lange für sie sorgen werde, als sie sich allda
aufhalten werde, und werde sie in seinem Herzen behalten sein Leben lang.
[JJ.01_022,15]
Nachdem aber begab er sich an sein Geschäft und gab der Wehmutter wieder eine
Münze, zu sorgen für die Familie.
[JJ.01_022,16]
Joseph aber sprach zu seinen Söhnen, als der Hauptmann schon fort war: „Kinder,
wie ist denn das, daß ein Heide besser ist als so mancher Jude? – Sollten etwa
hierher die Worte Isaias passen, da er spricht:
[JJ.01_022,17]
,Siehe, Meine Knechte sollen vor gutem Mute jauchzen; ihr aber sollt vor
Herzeleid schreien und vor Jammer heulen!‘?“ – Und die Söhne Josephs erwiderten:
„Ja, Vater, diese Stelle wird hier in ihrer Fülle erklärt und verstanden.“
[JJ.01_023] 23.
Kapitel – Die liebevolle Fürsorge des Cornelius. Des Engels Anweisung an Joseph
zum Aufbruch nach Jerusalem zur Darstellung im Tempel. Marias Traum. Die militärische
Wache vor der Grotte.
5. September
1843
[JJ.01_023,01]
Also verlebte Joseph sechs Tage in der Höhle und ward an jedem Tage besucht von
Cornelius, der da emsigst sorgte, daß dieser Familie ja nichts abgehen solle.
[JJ.01_023,02]
Am sechsten Tage frühmorgens aber kam ein Engel zu Joseph und sprach:
„Verschaffe dir ein Paar Turteltauben, und ziehe am achten Tage von hier nach
Jerusalem!
[JJ.01_023,03]
Maria solle die Turteltauben nach dem Gesetze opfern, und das Kind muß
beschnitten werden und erhalten den Namen, der dir und der Maria ist angezeigt
worden!
[JJ.01_023,04]
Nach der Beschneidung aber ziehet wieder hierher, und verweilet hier so lange,
bis ich es euch anzeigen werde, wann und wohin ihr von hier ziehen sollet!
[JJ.01_023,05]
Du, Joseph, wirst dich zwar früher zur Abreise anschicken; aber ich muß dir
sagen: Du wirst nicht um einen Pulsschlag eher von hier kommen, als bis es der
Wille Dessen sein wird, der bei dir ist in der Höhle!“
[JJ.01_023,06]
Nach diesen Worten verschwand der Engel, und der Joseph ging hin zur Maria und
zeigte ihr solches an.
[JJ.01_023,07]
Maria aber sprach zu Joseph: „Siehe, ich bin ja allzeit eine Magd des Herrn,
und so geschehe mir nach Seinem Worte!
[JJ.01_023,08]
Ich aber hatte heute einen Traum, und in diesem Traume kam das alles vor, was
du mir jetzt eröffnet hast; daher sei nur besorgt um das Taubenpaar, und ich
werde mit dir am achten Tage getrost ziehen nach der Stadt des Herrn.“
[JJ.01_023,09]
Es kam aber bald nach dieser Erscheinung eben auch wieder der Hauptmann auf
einen Morgenbesuch, und der Joseph zeigte ihm sogleich an, warum er am achten
Tage werde nach Jerusalem ziehen müssen.
[JJ.01_023,10]
Und der Hauptmann bot dem Joseph sogleich alle seine Gelegenheit an und wollte
ihn führen lassen nach Jerusalem.
[JJ.01_023,11]
Aber Joseph dankte ihm darum für den herrlich guten Willen und sprach: „Siehe,
also ist es der Wille meines Gottes und Herrn, daß ich also ziehen solle nach
Jerusalem, wie ich hierher gezogen kam!
[JJ.01_023,12]
Und so will ich denn auch die kurze Reise also anstellen, auf daß der Herr mich
nicht züchtige meines Ungehorsams willen.
[JJ.01_023,13]
So du aber schon bei dieser Gelegenheit mir etwas tun willst, so verschaffe mir
zwei Turteltauben, die da zu opfern sind in dem Tempel, und erhalte mir die
Wohnstätte!
[JJ.01_023,14]
Denn am neunten Tage werde ich wieder hierher kommen und werde mich darinnen so
lange aufhalten, als es da von mir verlangen wird der Herr!“
[JJ.01_023,15]
Und der Cornelius versprach dem Joseph, all das Verlangte zu bieten, und ging
darauf fort und brachte dem Joseph selbst eine ganze Taubensteige voll
Turteltauben, aus denen sich Joseph die schönsten aussuchen mußte.
[JJ.01_023,16]
Nachdem aber ging der Hauptmann wieder an sein Geschäft und ließ die
Taubensteige (Taubenhaus) unterdessen bis auf den Abend in der Höhle, allda er
sie dann selbst wieder abholte.
[JJ.01_023,17]
Am achten Tage aber, als Joseph nach Jerusalem abgereist war, ließ Cornelius
eine Wache hinstellen vor die Höhle, die da niemanden aus und ein gehen ließ,
außer die zwei ältesten von Joseph zurückgelassenen Söhne und die Salome, die
sie mit Speise und Trank versah; denn die Wehmutter zog mit nach Jerusalem.
[JJ.01_024] 24.
Kapitel – Die Beschneidung und Namensgebung des Kindleins und die Reinigung der
Maria. Die Darstellung des Kindes im Tempel durch die Mutter. Der fromme Simeon
und das Jesuskind.
6. September
1843
[JJ.01_024,01]
Am achten Tage nachmittags aber – nach gegenwärtiger Rechnung um die dritte
Stunde – ward das Kindlein im Tempel beschnitten und bekam den Namen Jesus, den
der Engel genannt hatte, ehe noch das Kindlein im Mutterleibe empfangen war.
[JJ.01_024,02]
Da aber für den äußersten Fall der erwiesenen Jungfrauschaft Marias auch ihrer
Reinigung Zeit konnte als gültig angesehen werden, so wurde Maria auch sogleich
gereinigt im Tempel.
[JJ.01_024,03]
Darum nahm Maria bald nach der Beschneidung das Kindlein auf ihren Arm und trug
Es in den Tempel, auf daß sie Es mit Joseph darstellete dem Herrn nach dem
Gesetze Mosis.
[JJ.01_024,04]
Wie es denn auch geschrieben steht im Gesetze Gottes: „Allerlei Erstgeburt
solle dem Herrn geheiligt sein.
[JJ.01_024,05]
Und solle darum geopfert werden ein Paar Turteltauben oder ein Paar junge
Tauben!“
[JJ.01_024,06]
Und Maria opferte ein Paar Turteltauben und legte es auf den Opfertisch; und
der Priester nahm das Opfer und segnete Mariam.
[JJ.01_024,07]
Es war aber auch ein Mensch zu Jerusalem, namens Simeon, der war überaus fromm
und gottesfürchtig und wartete auf den Trost Israels; denn er war erfüllt mit
dem Geiste Gottes!
[JJ.01_024,08]
Diesem Manne hatte zuvor der Geist des Herrn gesagt: „Du wirst nicht den Tod
des Leibes sehen, bevor du nicht sehen wirst Jesum, den Gesalbten Gottes, den
Messias der Welt.“
[JJ.01_024,09]
Darum kam er nun aus einer inneren Anregung in den Tempel, da gerade Joseph und
Maria sich mit dem Kinde noch in dem Tempel befanden und noch taten, was alles
das Gesetz verlangte.
[JJ.01_024,10]
Als er aber das Kindlein erblickte, da ging er sobald hin zu den Eltern und
verlangte bittend, daß sie ihn möchten dasselbe auf eine kurze Zeit auf seine
Arme nehmen lassen.
[JJ.01_024,11]
Das frommste Elternpaar aber tat das gerne dem alten, überfrommen Manne, den
sie wohl kannten.
[JJ.01_024,12]
Und Simeon nahm das Kindlein auf seine Arme, kosete es, lobte dabei Gott
inbrünstigst und sprach endlich:
[JJ.01_024,13]
„Herr! nun lasse Du Deinen Diener im Frieden fahren, wie Du es gesagt hast;
[JJ.01_024,14]
denn meine Augen haben nun den Heiland gesehen, den Du verheißen hast den Vätern
und den Propheten.
[JJ.01_024,15]
Dieser ist es, den Du bereitet hast vor allen Völkern!
[JJ.01_024,16]
Ein Licht zu leuchten den Heiden, ein Licht zum Preise Deines Volkes Israel.“
[JJ.01_024,17]
Joseph und Maria aber wunderten sich selbst über die Worte Simeons; denn sie
verstanden noch nicht, was er von dem Kinde ausgesagt hatte.
[JJ.01_024,18]
Simeon aber gab das Kindlein nun der Maria wieder, segnete darauf beide und
sprach dann zur Maria:
[JJ.01_024,19]
„Siehe, dieser wird gesetzt zum Falle und zur Auferstehung vieler in Israel,
und zu einem Zeichen, dem widersprochen wird!
[JJ.01_024,20]
Ein Schwert aber wird durch deine Seele dringen, auf daß da vieler Herzen
offenbar werden!“
[JJ.01_024,21]
Maria aber verstand die Worte Simeons nicht; aber dessenungeachtet behielt sie
dieselben tief in ihrem Herzen.
[JJ.01_024,22]
Desgleichen tat es auch der Joseph und lobte und pries Gott darum gar mächtig
in seinem Herzen. – –
[JJ.01_025] 25.
Kapitel – Die Prophetin Hanna im Tempel und ihr Zeugnis über das Jesuskind.
Hannas Warnung an Maria. Das Notquartier der heiligen Familie beim reichen
Israeliten.
7. September
1843
[JJ.01_025,01]
Es war aber zu dieser Zeit auch eine Prophetin im Tempel – Hanna war ihr Name;
sie war eine Tochter Phanuels vom Stamme Assers.
[JJ.01_025,02]
Diese war schon im hohen Alter und war so fromm, daß sie, als sie sich in ihrer
Jugend mit einem Manne verband, aus Liebe zu Gott sieben Jahre sich nicht
enthüllte dem Manne und behielt diese Zeit ihre Jungfrauschaft.
[JJ.01_025,03]
In ihrem achtzigsten Jahre ward sie Witwe, ging da sobald in den Tempel und
verließ denselben nicht mehr.
[JJ.01_025,04]
Sie diente hier ausschließlich Gott dem Herrn allein durch Beten und Fasten
nahe Tag und Nacht aus eigenem Antriebe.
[JJ.01_025,05]
Bei dieser Gelegenheit aber war sie schon vier Jahre also im Tempel und kam nun
auch herzu, pries Gott den Herrn und redete also zu allen, die da auf den
Erlöser harrten zu Jerusalem, was ihr der Geist Gottes gab.
[JJ.01_025,06]
Als sie aber zu Ende war mit ihren prophetischen Worten, da bat auch sie um das
Kindlein, kosete es und pries und lobte Gott.
[JJ.01_025,07]
Nachdem aber gab sie das Kindlein wieder der Maria und sagte zu ihr: „Glücklich
und gebenedeiet bist du, o Jungfrau, darum du die Mutter meines Herrn bist.
[JJ.01_025,08]
Lasse dir es aber ja nie gelüsten, dich darum preisen zu lassen; denn Das nur,
was da sauget an deiner Brust, ist allein würdig, von uns allen gelobt,
gepriesen und angebetet zu werden!“
[JJ.01_025,09]
Nach diesen Worten kehrte die Prophetin wieder zurück, und Joseph und Maria
gingen, nachdem sie bei drei Stunden im Tempel zugebracht hatten, wieder aus
demselben und suchten bei einem Verwandten Herberge.
[JJ.01_025,10]
Als sie aber dahin kamen, fanden sie das Haus verschlossen; denn der Verwandte
befand sich diesmal eben auch in Bethlehem bei der Beschreibung.
[JJ.01_025,11]
Joseph aber wußte nicht, was er nun tun solle; denn fürs erste war es bereits
tiefe Nacht, wie es in dieser kürzesten Tageszeit gewöhnlich zu sein pflegt,
und es war auch fast kein Haus mehr offen um diese Zeit, und das um so mehr, da
es ein Vorsabbat war.
[JJ.01_025,12]
Im ganz Freien zu übernachten, war es zu kalt, indem der Reif auf den Feldern
lag und dazu noch ein kalter Wind wehte.
[JJ.01_025,13]
Als Joseph also hin und her dachte und den Herrn bat, daß Er ihm helfen möchte
aus dieser Not,
[JJ.01_025,14]
siehe, da kam auf einmal ein junger vornehmer Israelit auf den Joseph
zugeschritten und fragte ihn: „Was machst du denn so spät mit deinem Gepäck auf
der Gasse? Bist du nicht auch ein Israelit – und weißt nicht den Gebrauch?“
[JJ.01_025,15]
Joseph aber sagte: „Siehe, ich bin aus dem Stamme Davids! Ich war aber im
Tempel und habe geopfert dem Herrn; da hat mich die frühe Nacht übereilt, und
nun kann ich keine Herberge finden und bin in großer Angst ob meines Weibes und
ihres Kindes!“
[JJ.01_025,16]
Und der junge Israelit sagte zu Joseph: „So kommt mit mir denn; ich will euch
bis morgen eine Herberge vermieten um einen Groschen oder um dessen Wert!“
[JJ.01_025,17]
Und Joseph folgte mit Maria, welche sich auf dem Lasttiere befand, und mit
seinen drei Söhnen dem Israeliten in ein prachtvollstes Haus und nahm dort in
einer niederen Kammer Herberge.
[JJ.01_026] 26.
Kapitel – Der Tadel des Herbergsbesitzers Nikodemus. Josephs
Rechtfertigungsrede. Das Zeugnis der Wehmutter. Ein Gnadenwink an Nikodemus,
der den Herrn erkennt.
9. September
1843
[JJ.01_026,01]
Am Morgen aber, als Joseph sich schon zur Abreise nach Bethlehem angeschickt
hatte, kam der junge Israelit und war willens, den Mietgroschen zu verlangen.
[JJ.01_026,02]
Aber als er in die Kammer trat, befiel ihn alsobald eine so mächtige Angst, daß
er darob keinen Laut über seine Lippen zu bringen vermochte.
[JJ.01_026,03]
Joseph aber trat hin zu ihm und sagte: „Freund! siehe, was wohl hältst du an
mir für einen Groschen wert? – Das nehme, da ich kein Geld in meinem Besitze
habe!“
[JJ.01_026,04]
Nun erholte sich der Israelit etwas und sagte mit bebender Stimme: „Mann aus Nazareth,
nun erst erkenne ich dich! – Du bist Joseph, der Zimmermann, und bist derselbe,
dem vor neun Monden Maria, die Jungfrau des Herrn, aus dem Tempel durchs Los
zugefallen ist!
[JJ.01_026,05]
Hier ist dieselbe Jungfrau! – Wie hast du sie gehütet, da sie nun Mutter ist in
ihrem fünfzehnten Jahre? – Was ist da vorgefallen?
[JJ.01_026,06]
Wahrlich, du bist der Vater nicht! Denn Männer von deinem Alter und von deiner
Gottesfurcht, die anerkannt ist in ganz Israel, tun desgleichen nimmer.
[JJ.01_026,07]
Aber du hast erwachsene Söhne; kannst du bürgen für deren Unschuld? Hast du sie
stets in den Augen gehabt und hast beobachtet all ihr Denken, Handeln, Tun und
Lassen?“
[JJ.01_026,08]
Joseph aber entgegnete dem jungen Manne und sprach: „Nun habe auch ich dich erkannt;
du bist Nikodemus, ein Sohn Benjams aus dem Stamme Levi! Wie magst du mich
erforschen wohl, da dir solches nicht zukommt? – Mich aber hat der Herr
erforschet darum im Heiligtume und auf dem Berge des Fluches und hat mich
gerechtfertiget vor dem Hohen Rate; was für Schuld willst du noch an mir und
meinen Söhnen finden?
[JJ.01_026,09]
Gehe aber hin in den Tempel und erforsche den Hohen Rat, und es wird über mein
ganzes Haus dir ein rechtes Zeugnis gegeben werden!“
[JJ.01_026,10]
Diese Worte drangen dem jungen reichen Manne tief ins Herz, und er sagte: „Aber
um des Herrn willen, wenn es also ist, so sage mir doch, wie es zugegangen ist,
daß diese Jungfrau also geboren hat! – Ist das ein Wunder, oder ist es
natürlich?“
[JJ.01_026,11]
Hier trat die anwesende Wehmutter hin zum Nikodemus und sprach: „Mann! Hier ist
der Mietgroschen für die höchst dürftige Herberge! Halte uns aber nicht
vergeblich länger auf; denn wir müssen noch heute in Bethlehem eintreffen!
[JJ.01_026,12]
Bedenke aber, was das ist, was heute in deinem Hause dürftig beherberget war um
einen Groschen! – Wahrlich, wahrlich! deine herrlichsten Zimmer, die mit Gold
und Edelsteinen gezieret sind, wären zu schlecht für solche Herrlichkeit
Gottes, die da eingekehrt ist in diese Kammer, die sich höchstens für
Sträflinge schickt!
[JJ.01_026,13]
Gehe aber hin und rühre an das Kindlein, auf daß von deinen Augen falle die
grobe Decke und du sehest, wer dich heimgesucht hatte! – Ich als Wehmutter aber
habe das alte Recht, dir zu gestatten, das Kindlein anzurühren.“
[JJ.01_026,14]
Hier ging Nikodemus hin und rührte an das Kindlein; und als er es berührt
hatte, da ward ihm die innere Sehe auf eine kurze Zeit erschlossen, daß er
ersah die Herrlichkeit Gottes.
[JJ.01_026,15]
Er fiel sobald nieder vor dem Kinde und betete es an und sprach: „Welche Gnade,
welche Liebe und welche Erbarmung muß, o Herr, in Dir sein, daß Du also dein
Volk heimsuchest!
[JJ.01_026,16]
Was solle aber ich nun mit meinem Hause geschehen lassen, und was mit mir, daß
ich die Herrlichkeit Gottes also verkannt habe?!“
[JJ.01_026,17]
Die Wehmutter aber sprach: „Bleibe in allem, wie du bist; aber allertiefst
schweige von dem, was du gesehen, sonst unterliegst du dem Gerichte Gottes!“ –
Hier gab Nikodemus den Groschen zurück, ging weinend hinaus und ließ hernach
diese Kammer mit Gold und Edelsteinen verzieren. – Joseph aber machte sich
sogleich auf die Reise.
[JJ.01_027] 27.
Kapitel – Die Rückkehr der heiligen Familie nach Bethlehem. Der herzliche
Empfang in der Grotte durch die Zurückgebliebenen. Eine Futterkrippe als Bettchen
für das Kindlein. Gute Ruhe in der Frostnacht.
11. September
1843
[JJ.01_027,01]
Abends, noch eine Stunde vor dem Untergange der Sonne, erreichten die hohen
Reisenden Bethlehem wieder und zogen ein in die schon bekannte Höhle.
[JJ.01_027,02]
Die beiden zurückgebliebenen Söhne, die Salome und der Hauptmann kamen ihnen
mit offenen Armen entgegen und fragten die Zurückkehrenden sorglichst, wie es
ihnen ergangen sei auf der Reise.
[JJ.01_027,03]
Und Joseph erzählte alles, was ihnen begegnet ist, bekannte aber auch zuletzt,
daß er an diesem Tage noch völlig nüchtern sei samt allen den Mitreisenden;
denn der höchst geringe Vorrat hatte kaum für die schwache Maria hingereicht.
[JJ.01_027,04]
Als der Hauptmann solches von Joseph vernommen hatte, da ging er sogleich in
den Hintergrund der Höhle und brachte eine Menge den Juden erlaubter Speisen
hervor und sprach dann zum Joseph:
[JJ.01_027,05]
„Hier segne es dir dein Gott, und segne es du nach deiner Sitte, und stärket
und sättiget euch alle daran!“
[JJ.01_027,06]
Und der Joseph dankte Gott und segnete die Speise und aß dann ganz wohlgemut
mit Maria und seinen Söhnen und mit der Wehmutter.
[JJ.01_027,07]
Es war aber der Maria das Kindlein den ganzen Tag hindurch schon schwer
geworden, darum sie denn auch zum Joseph sagte:
[JJ.01_027,08]
„Joseph, siehe, wenn ich nur neben mir ein Plätzchen hätte, das Kindlein
niederzulegen, um meinen Armen eine kleine Ruhe zu gönnen, da wäre ich für
alles versorgt, und das Kindlein Selbst könnte Sich ruhiger im Schlafe
stärken!“
[JJ.01_027,09]
Als der Hauptmann solchen Wunsch Mariens noch kaum gemerkt hatte, da sprang er
sogleich in den Hintergrund der Höhle zurück und brachte eilends eine kleine
Futterkrippe hervor, welche für Schafe bestimmt war (und also aussah, wie
heutzutage die Futtertröge vor den Gasthöfen auf dem Lande).
[JJ.01_027,10]
Die Salome aber nahm sogleich schönstes frisches Heu und Stroh, belegte das
Kripplein damit, deckte dann ein frisches Tuch darüber und machte also ein
weiches Bettchen fürs Kindlein.
[JJ.01_027,11]
Maria aber wickelte das Kindlein in frische Linnen, drückte Es dann an ihre
Brust, küßte Es und gab Es dann dem Joseph zu küssen und dann auch allen
Anwesenden und legte Es dann in das wohl sehr ärmliche Bettchen für den Herrn
Himmels und der Erde!
[JJ.01_027,12]
Gar ruhig schlief das Kindlein, und Maria konnte nun ruhig essen und sich
stärken am Mahle, welches ihnen der überaus gutherzige Hauptmann bereitet
hatte.
[JJ.01_027,13]
Nach der Mahlzeit aber sprach wieder Maria zu Joseph: „Joseph, lasse mir mein
Lager zurechtmachen, denn ich bin gewaltig müde von der Reise und möchte mich
darum zur Ruhe begeben!“
[JJ.01_027,14]
Salome aber sprach: „O Mutter meines Herrn, siehe, dafür ist schon lange
bestens gesorgt; komm und siehe!“
[JJ.01_027,15]
Und Maria erhob sich, nahm wieder das Kindlein und ließ sich auch das Kripplein
in ihr Zelt tragen und begab sich also zur Ruhe; und das war die erste völlige
Schlafnacht für Maria nach der Geburt.
[JJ.01_027,16]
Der Hauptmann aber ließ ja fleißig heizen auf dem Herde und weiße Steine wärmen
und mit selben das Zelt Mariens umstellen, auf daß sie mit dem Kindlein ja
keine Kälte leiden solle; denn es war dies eine kalte Nacht, in der das Wasser
im Freien zu festem Eise ward.
[JJ.01_028] 28.
Kapitel – Joseph drängt zum Aufbruch nach Nazareth. Des Hauptmanns Rat zu
warten. Die Kunde von der persischen Karawane und von des Herodes Fahndung nach
dem Kinde. Marias Furchtlosigkeit und Gottvertrauen.
12. September
1843
[JJ.01_028,01]
Am Morgen des kommenden Tages aber sprach Joseph: „Was sollen wir nun noch
länger hier? Maria ist wieder gestärkt, daher wollen wir aufbrechen und uns
nach Nazareth begeben, allwo wir doch eine ordentliche Unterkunft haben!“
[JJ.01_028,02]
Als aber der Joseph schon sich zum Aufbruche anzuschicken anfing, da kam der
Hauptmann, welcher vor Tagesanbruch schon in der Stadt etwas zu tun hatte,
wieder zurück und sprach zum Joseph:
[JJ.01_028,03]
„Gotteswürdiger Mann! – Du willst aufbrechen zur Heimreise; aber für heute,
morgen und übermorgen widerrate ich es dir!
[JJ.01_028,04]
Denn siehe, soeben sind Nachrichten durch meine Leute, die heute gar früh schon
von Jerusalem angekommen sind, zu meinen Ohren gekommen, daß da in Jerusalem
drei mächtige persische Karawanen eingezogen sind!
[JJ.01_028,05]
Drei oberste Anführer als Magier hatten sich bei Herodes um den neugeborenen
König der Juden angelegentlichst erkundigt!
[JJ.01_028,06]
Dieser, von der Sache als ein römischer Mietfürst aus Griechenland nichts
wissend, wandte sich an die Hohenpriester, auf daß sie ihm kundgäben, wo der
Neugesalbte geboren werden sollte.
[JJ.01_028,07]
Diese aber gaben ihm kund, daß solches in Judäa, und zwar in Bethlehem,
geschehen solle; denn also stünde es geschrieben!
[JJ.01_028,08]
Darauf entließ der Herodes die Priester und begab sich mit seiner ganzen
Dienerschaft wieder zu den drei Anführern und gab ihnen kund, was er von den
Hohenpriestern erkundschaftet hatte,
[JJ.01_028,09]
und empfahl darauf den dreien, in Judäa ja sorglichst den Neugesalbten der
Juden zu suchen und, wenn sie ihn fänden, ja sobald wieder zu ihm
zurückzukehren, auf daß auch dann er käme und dem Kinde seine Huldigung
darbrächte.
[JJ.01_028,10]
Weißt du aber, mein geliebtester Freund Joseph, daß ich weder den Persern, am
allerwenigsten aber dem überaus herrschsüchtigen Herodes traue?!
[JJ.01_028,11]
Die Perser sollen Magier sein und sollen die Geburt durch einen sonderbaren
Stern entdeckt haben. Das will ich gar nicht in Abrede stellen; denn haben sich
hier bei der Geburt dieses Knäbleins so große Wunder gezeigt, so hat solches
auch in Persien geschehen können.
[JJ.01_028,12]
Aber das ist für die Sache eben auch der mißlichste Umstand; denn offenbar geht
es dieses Kind an. Finden es die Perser, so wird es auch der Herodes finden!
[JJ.01_028,13]
Und wir werden uns dann sehr auf die Hinterbeine zu stellen haben, um dem alten
Fuchse aus den Krallen zu kommen!
[JJ.01_028,14]
Daher mußt du, wie gesagt, wenigstens drei Tage noch hier verweilen an diesem
abseitigen Orte, binnen welcher Zeit ich mit den Königsuchern sicher eine gute
Wendung machen werde; denn siehe, ich gebiete hier über zwölf Legionen
Soldaten! – Mehr brauche ich dir zu deiner Ruhe nicht zu sagen. Nun weißt du
das Nötigste; bleibe daher! Ich aber gehe nun wieder und werde um des Tages
Mitte wieder zu dir kommen!“
[JJ.01_028] 13.
September 1843
[JJ.01_028,15]
Joseph, durch diese Nachricht samt seiner Familie eingeschüchtert, blieb und
wartete in aller Ergebung in den Willen des Herrn ab, was da aus dieser
sonderbaren Fügung werden solle.
[JJ.01_028,16]
Und er ging hin zur Maria und erzählte ihr, was er soeben vom Hauptmanne
vernommen hatte.
[JJ.01_028,17]
Die Maria aber sprach: „Des Herrn Wille geschehe! Was alles für bittere Dinge
sind uns schon bisher begegnet, – und der Herr hat sie alle in Honig
verwandelt!
[JJ.01_028,18]
Sicher werden uns auch die Perser nichts zuleide tun, falls sie im Ernste zu
uns kommen sollten; und sollten sie an uns irgendeine bedungene Gewalt verüben
wollen, so haben wir ja durch die Gnade Gottes den Schutz des Hauptmanns für
uns!“
[JJ.01_028,19]
Und der Joseph sagte: „Maria, das alles ist in der Ordnung! Die Perser fürchte
ich auch eben nicht so sehr; aber den graubärtigen Herodes, dieses reißende
Tier in menschlicher Gestalt, – der ist es, den ich fürchte, und auch der
Hauptmann sich scheut vor ihm!
[JJ.01_028,20]
Denn wird es durch die Perser allenfalls erwiesen, daß da unser Knäblein der
neugesalbte König ist, dann wird uns nichts als eine schnöde Flucht
übrigbleiben!
[JJ.01_028,21]
Denn dann wird auch unser Hauptmann aus staatlichen römischen Rücksichten uns
seines Heiles willen zum Feinde werden müssen und wird uns, statt zu retten,
nur verfolgen müssen, will er nicht als ein Abtrünniger und als ein geheimer
Verräter seines Kaisers angesehen werden!
[JJ.01_028,22]
Und das sieht er heimlich auch sicher ein, da er selbst zu mir bezüglich des
Herodes nicht unbedeutende Bedenklichkeiten zu erkennen gab.
[JJ.01_028,23]
Darum, meine ich, läßt er uns auch noch drei Tage hier harren! Geht es gut, so
bleibt er sicher unser Freund;
[JJ.01_028,24]
geht es aber schlecht, so hat er uns aber auch bei der Hand, um uns der
Grausamkeit Herodis auszuliefern, und wird dadurch noch obendrauf von seinem
Kaiser eine große Auszeichnung erhalten, darum er auf eine so feine Art einen
jüdischen König, der einst dem Staate gefährlich werden könnte, aus der Welt
befördert hat!“
[JJ.01_028,25]
Maria aber sagte darauf: „Joseph! Ängstige dich und mich nicht vergeblich! –
Siehe, haben wir doch das Fluchwasser getrunken, und es ist uns nichts
geschehen! Warum sollen wir uns denn nun ängstigen, da wir doch schon so viel
der Herrlichkeit Gottes ob dieses Kindes gesehen und erprobet haben?!
[JJ.01_028,26]
Gehe es, wie es wolle, ich sage dir: Der Herr ist mächtiger denn die Perser,
der Herodes, der Kaiser Roms und der Hauptmann samt seinen zwölf Legionen!
Daher sei ruhig, wie du siehst, daß ich ruhig bin!
[JJ.01_028,27]
Übrigens aber bin ich überzeugt, daß der Hauptmann eher alles aufbieten wird,
als bis er notgedrungen unser Feind werden wird!“
[JJ.01_028,28]
Damit ward der gute, frommste Joseph wieder beruhigt und ging hin und erwartete
den Hauptmann und ließ von seinen Söhnen die Höhle beheizen und einige Früchte
kochen für Maria und für sich und die Söhne.
[JJ.01_029] 29.
Kapitel – Des bangen Joseph Bitte an den Herrn. Die persische Karawane vor der
Grotte. Der erstaunte Hauptmann. Der drei Weisen Zeugnis über das Kind: ein
König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit! Ihre Warnung vor Herodes.
14. September
1843
[JJ.01_029,01]
Der Mittag war herangekommen, aber der Hauptmann verzog diesmal, und Joseph
zählte mit banger Erwartung die Augenblicke; aber der Hauptmann kam nicht zum
Vorscheine.
[JJ.01_029,02]
Darum wandte sich Joseph zum Herrn und sprach: „Mein Gott und mein Herr, ich
bitte Dich, daß Du mich doch nicht so sehr möchtest ängstigen lassen; denn
siehe, ich bin alt und schon ziemlich schwach in allen meinen Gelenken!
[JJ.01_029,03]
Daher stärke mich durch eine Verkündung, was ich tun solle, um nicht zuschanden
zu werden vor allen Söhnen Israels!“
[JJ.01_029,04]
Als der Joseph also gebetet hatte, siehe, da kam der Hauptmann fast außer Atem
und sprach zu Joseph:
[JJ.01_029,05]
„Mann meiner höchsten Achtung! – Soeben komme ich von einem Marsche zurück, den
ich selbst mit einer ganzen Legion nahe auf den drittel Weg gen Jerusalem
gemacht habe, um etwas von den Persern zu erspähen,
[JJ.01_029,06]
und habe auch allorts Spione aufgestellt, aber bis jetzt konnte ich nichts
entdecken! Sei aber nur ruhig; denn wenn sie kommen, müssen sie auf meine
ausgestellten Posten stoßen!
[JJ.01_029,07]
Da aber solle es ihnen eben nicht zu leicht werden, irgendwo durchzubrechen und
hierher zu gelangen, bevor sie nicht von mir sind verhört und beurteilt worden!
– Ich gehe nun darum sogleich wieder und werde die Wachen verstärken; am Abende
bin ich bei dir!“
[JJ.01_029,08]
Hier eilte der Hauptmann wieder fort, und der Joseph lobte Gott und sprach zu
seinen Söhnen: „Nun setzet die Speisen auf den Tisch, und du, Salome, frage die
Maria, ob sie mit uns am Tische essen will, oder sollen wir ihr die Speisen
aufs Lager bringen?“
[JJ.01_029,09]
Maria aber kam selbst mit dem Kindlein ganz heiteren Mutes heraus aus ihrem
Zelte und sprach: „Weil ich stark genug bin, will ich bei euch am Tische essen;
nur das Kripplein schaffet her fürs Kindlein!“
[JJ.01_029,10]
Joseph aber war darüber voll Freuden und setzte vor Maria die besten Stücke
hin; und sie lobten Gott den Herrn und aßen und tranken.
[JJ.01_029,11]
Als sie aber noch kaum abgespeist hatten, siehe, da entstand auf einmal vor der
Höhle ein starkes Lärmen. Joseph sandte den Joel, nachzusehen, was es gäbe.
[JJ.01_029,12]
Als der Joel aber hinausblickte zur Türe (denn die Höhle war am Ausgange
gezimmert), da sah er eine ganze Karawane von Persern mit belasteten Kamelen
und sprach mit ängstlicher Stimme:
[JJ.01_029,13]
„Vater Joseph! Um des Herrn willen, wir sind verloren! – Denn siehe, die
berüchtigten Perser sind hier mit vielen Kamelen und großer Dienerschaft!
[JJ.01_029,14]
Sie schlagen ihre Zelte auf und lagern sich in einem weiten Kreise, unsere
Höhle ganz umringend, und drei mit Gold, Silber und Edelsteinen gezierte
Anführer packen goldene Säcke aus und machen Miene, sich herein in die Höhle zu
begeben!“
[JJ.01_029,15]
Diese Nachricht machte unseren guten Joseph beinahe sprachunfähig; mit großer
Mühe brachte er die Worte heraus: „Herr, sei mir armem Sünder barmherzig! – Ja,
jetzt sind wir verloren!“ – Maria aber nahm das Kindlein und eilte damit in ihr
Zelt und sprach: „Nur wenn ich tot bin, werdet ihr Es mir entreißen!“
[JJ.01_029,16]
Joseph aber ging nun hin zur Türe, geleitet von seinen Söhnen, und sah
verstohlen hinaus, was da macheten die Perser.
[JJ.01_029,17]
Als er aber die große Karawane und die aufgerichteten Zelte erschaute, da ward
es ihm doppelt bange ums Herz, daß er darob inbrünstigst zu flehen anfing, der
Herr möchte ihm nur diesmal aus solcher großen Not helfen.
[JJ.01_029,18]
Als er aber also flehte, siehe, da kam der Hauptmann in ganz kriegerischer
Rüstung, geleitet von tausend Kriegern, und stellte die Krieger zu beiden
Seiten der Höhle auf.
[JJ.01_029,19]
Er selbst aber ging hin und befragte die drei Magier, aus welcher Veranlassung
und wie – von ihm also ganz unbemerkt – sie hierher gelanget seien.
[JJ.01_029,20]
Und die drei sprachen einstimmig zum Hauptmann: „Halte uns ja nicht für Feinde;
denn du siehst ja, daß wir keine Waffen mit uns führen, weder offene noch
verborgene!
[JJ.01_029,21]
Wir sind aber Sternkundige aus Persien, und wir haben eine alte Prophezeiung,
in dieser steht es geschrieben, daß in dieser Zeit den Juden wird ein König der
Könige geboren werden, und seine Geburt wird durch einen Stern angezeigt
werden.
[JJ.01_029,22]
Und die da den Stern sehen werden, die sollen sich auf die Reise machen und
ziehen, dahin sie der mächtige Stern führen wird; denn sie werden dort den
Heiland der Welt finden, wo der Stern wird seinen Stand nehmen!
[JJ.01_029,23]
Siehe aber, ob diesem Stalle stehet der Stern, sicher jedermann sichtbar am
hellen Tage sogar! – Dieser war unser Führer hierher; hier aber blieb er stehen
ob diesem Stalle, und wir haben sicher ohne allen Anstand die Stelle erreicht,
allwo das Wunder aller Wunder sich lebendig vorfindet, ein neugebornes Kind,
ein König der Könige, ein Herr der Herren von Ewigkeit!
[JJ.01_029,24]
Diesen müssen wir sehen, anbeten und Ihm die allerhöchste Huldigung darbringen!
– Daher wolle uns ja nicht den Weg verrammen; denn sicher hat uns kein böser
Stern hierher geführt!“
[JJ.01_029,25]
Hier sah der Hauptmann nach dem Sterne und verwunderte sich hoch über ihn; denn
fürs erste stand er ganz nieder, und fürs zweite war sein Licht nahe so stark
wie das Naturlicht der Sonne.
[JJ.01_029,26] Als
der Hauptmann aber sich von alledem überzeugt hatte, da sprach er zu den
dreien: „Gut, ich habe nun aus euren Worten und aus dem Sterne die Überzeugung
erlangt, daß ihr redlichen Sinnes hierher gekommen seid; aber nur sehe ich
nicht ein, was ihr zuvor in Jerusalem bei Herodes zu tun hattet! – Hat euch der
Stern auch jenen Weg gezeigt?
[JJ.01_029,27]
Warum hat euch denn euer Wunderführer nicht sogleich hierher geführt, indem
doch alsonach sicher hier der Ort eurer Bestimmung ist? – Darüber verlange ich
noch eine Antwort von euch, sonst kommt ihr nicht in die Höhle!“
[JJ.01_029,28]
Die drei aber sagten: „Der große Gott wird das wissen! Sicher muß es in Seinem
Plane liegen; denn keiner aus uns hatte je den Sinn gefaßt, sich Jerusalem auch
nur von ferne zu nahen!
[JJ.01_029,29]
Und du kannst uns völlig glauben, uns gefielen die Menschen in Jerusalem gar
nicht, am wenigsten aber der Fürst Herodes! Da wir aber schon dort waren und
aller Stadt Aufmerksamkeit auf uns gerichtet war, so mußten wir doch zeigen,
was da ist unsere Absicht!
[JJ.01_029,30]
Die Priester gaben uns Kunde durch den Fürsten, der uns bat, daß wir ihm wieder
die Kunde überbringen sollen von dem gefundenen Könige, auf daß auch er käme
und brächte dem neuen Könige seine Huldigung dar.“
[JJ.01_029,31]
Der Hauptmann aber sprach: „Das werdet ihr nimmer tun; denn ich kenne die
Absicht dieses Fürsten! Eher bleibet ihr hier als Geiseln! – Ich aber gehe nun
hinein und will mich mit dem Vater des Kindes über euch besprechen.“
[JJ.01_030] 30.
Kapitel – Der Stern der drei Weisen und die alte Prophezeiung der persischen
Sternkundigen. Die Anbetung des Herrn, des Schöpfers der Unendlichkeit und
Ewigkeit, im Kinde durch die drei Weisen. Ihre Namen: Chaspara, Melcheor und
Balthehasara. Die sie begleitenden Geister: Adam, Kain und Abraham. Sie
huldigen dem Herrn und bringen Ihm Geschenke dar.
16. September
1843
[JJ.01_030,01]
Als der gute Joseph alles das vernommen hatte, da ward es ihm leichter ums
bedrängte Herz; und da er vernommen hatte, daß der Hauptmann zu ihm kommen
werde, so machte er sich auf seinen Empfang bereit.
[JJ.01_030,02]
Und der Hauptmann trat ein, grüßte den Joseph und sprach dann zu ihm: „Mann
meiner höchsten Achtung!
[JJ.01_030,03]
Siehe, durch wunderbare Fügung sind diese draußen nun harrenden Morgenländer
hierher gekommen. – Ich habe sie scharf geprüft und habe an ihnen nichts Arges
entdeckt!
[JJ.01_030,04]
Sie wünschen dem Kinde nach der Beheißung ihres Gottes ihre Huldigung
darzubringen, und so bin ich der Meinung, du kannst sie ohne die allergeringste
Furcht hereinlassen, wann es dir gelegen ist.“
[JJ.01_030,05]
Und der Joseph sprach: „Wenn es also ist, da will ich meinen Gott loben und
preisen; denn Er hat wieder einen glühenden Stein von meinem Herzen genommen!
[JJ.01_030,06]
Aber es hat sich zuvor die Maria etwas entsetzt, als sich die Perser um diese
Höhle zu lagern anfingen; darum muß ich doch zuvor nachsehen, wie sie bestellt
ist, auf daß da ein unvorbereitetes Eintreten dieser Gäste sie nicht noch mehr
erschreckt, als sie sich schon ehedem vor ihnen erschreckt hat.“
[JJ.01_030,07]
Der Hauptmann aber billigte diese Vorsicht Josephs; und Joseph ging hin zur
Maria und benachrichtigte sie von allem, was er vom Hauptmann vernommen hatte.
[JJ.01_030,08]
Und Maria ganz heiteren Mutes sprach: „Friede allen Menschen auf Erden, die
eines treuen und guten Herzens sind und haben einen Willen, der sich von Gott
lenken läßt!
[JJ.01_030,09]
Diese sollen nur kommen, wann es ihnen des Herrn Geist anzeigen wird, und
sollen den Segen ihrer Treue ernten! – Denn ich habe nicht die allergeringste
Furcht vor ihnen!
[JJ.01_030,10]
Aber wenn sie eintreten werden, mußt du doch mir recht nahe zur Seite stehen;
denn es würde sich doch nicht schicken, daß ich sie ganz allein empfinge in diesem
Zelte!“
[JJ.01_030,11]
Joseph aber sagte: „Maria, so du Kraft hast, da stehe auf mit dem Kinde, nehme
das Kripplein und lege Es vor dir in dasselbe, und dann können die Gäste
eintreten und dem Kinde ihre Ehre geben!“
[JJ.01_030,12]
Und die Maria vollzog sogleich diesen Willen Josephs, und Joseph sprach darauf
zum Hauptmann:
[JJ.01_030,13]
„Siehe, wir sind bereit; so da die drei eintreten wollen, da können wir es
ihnen schon andeuten, daß wir nach unserer Armut ganz auf ihren Empfang
bereitet sind!“
[JJ.01_030,14]
Und der Hauptmann ging hinaus und kündigte solches den dreien an. – Die drei
aber fielen sobald zur Erde nieder, lobten Gott für diese Gestattung, nahmen
dann die goldenen Säcke und begaben sich allerehrfurchtsvollst in die Höhle.
[JJ.01_030] 18.
September 1843
[JJ.01_030,15]
Der Hauptmann öffnete die Tür, und die drei traten mit der allerhöchsten
Ehrfurcht in die Höhle; denn es ging im Augenblicke ihres Eintretens ein
mächtiges Licht vom Kinde aus.
[JJ.01_030,16]
Als sie, die drei Weisen nämlich, sich auf ein paar Tritte dem Kripplein,
darinnen das Kindlein lag, näherten, da fielen sie sobald auf ihre Angesichter
nieder und beteten dasselbe an.
[JJ.01_030,17]
Bei einer Stunde lang lagen sie, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen und
gebeugt, vor dem Kinde; dann erst erhoben sie sich langsam und richteten kniend
ihre mit Tränen befeuchteten Angesichter auf und besahen den Herrn, den
Schöpfer der Unendlichkeit und Ewigkeit.
[JJ.01_030,18]
Die Namen der drei aber waren: Chaspara, Melcheor und Balthehasara.
[JJ.01_030,19]
Und der erste, in Gesellschaft des Geistes Adams, sprach: „Gebet Gott die Ehre,
das Lob, den Preis! Hosianna, hosianna, hosianna Gott, dem Dreieinigen, von
Ewigkeit zu Ewigkeit!“
[JJ.01_030,20]
Hier nahm er den goldgewirkten Beutel, in dem dreiunddreißig Pfunde feinsten
Weihrauchs waren, und übergab ihn mit der größten Ehrerbietung der Maria mit
den Worten:
[JJ.01_030,21]
„Nimm ohne Scheu, o Mutter, dies geringe Zeugnis dessen, davon mein ganzes
Wesen ewig erfüllt sein wird! – Nimm hin den schlechten äußeren Tribut, den
jedes denkende Geschöpf aus dem Grunde seines Herzens seinem allmächtigen
Schöpfer schuldet für ewig!“
[JJ.01_030,22]
Maria nahm den schweren Beutel und übergab ihn dem Joseph, und der Spender
erhob sich, stellte sich hin zur Türe und kniete da abermals nieder und betete
den Herrn in dem Kinde an.
[JJ.01_030,23]
Und sobald erhob der zweite, der da ein Mohr war und des Kain Geist in seiner
Gesellschaft hatte, einen etwas kleineren Beutel, aber von gleichem Gewichte,
gefüllt mit reinstem Golde, und überreichte ihn der Maria mit den Worten:
[JJ.01_030,24]
„Was dem Könige der Geister und der Menschen auf Erden gebührt, bringe ich dar,
ein kleinstes Opfer Dir, Du Herr der Herrlichkeit ewig! – Nimm es hin, o
Mutter, die du geboren hast, das aller Engel Zunge ewig nie wird auszusprechen
imstande sein!“
[JJ.01_030,25]
Hier übernahm Maria den zweiten Beutel und übergab ihn dem Joseph. – Und der
opfernde Weise erhob sich und ging hin zum ersten und tat, was dieser tat.
[JJ.01_030,26]
Sodann erhob sich der dritte, nahm seinen Beutel, gefüllt mit allerfeinster
Goldmyrrhe, einer damals allerkostbarsten Spezerei, und übergab ihn der Maria
mit den Worten:
[JJ.01_030,27]
„Der Geist Abrahams ist in meiner Gesellschaft und sieht nun den Tag des Herrn,
auf den er sich so mächtig gefreut hat!
[JJ.01_030,28]
Ich aber, Balthehasara, opfere hier in kleiner Gabe, was da gebühret dem Kinde
der Kinder! – Nimm es hin, o Mutter aller Gnade! – Ein besseres Opfer aber
berge ich in meiner Brust; es ist meine Liebe, – diese solle diesem Kinde ewig
ein wahrstes Opfer bleiben!“
[JJ.01_030,29]
Hier nahm Maria den ebenfalls dreiunddreißig Pfunde schweren Beutel und übergab
ihn dem Joseph. – Der Weise aber erhob sich dann auch und ging hin zu den zwei
ersten, betete an das Kindlein und ging nach vollendetem Gebete mit den ersten
zweien hinaus, da ihre Zelte aufgerichtet waren.
[JJ.01_031] 31.
Kapitel – Maria weist hin auf die Gnadenführung Gottes. Josephs Redlichkeit und
Treue. Die drei gesegneten Geschenke Gottes: Sein heiliger Wille, Seine Gnade
und Seine Liebe. Marias, des Hauptmanns und des Kindleins edelstes Zeugnis für
Joseph.
19. September
1843
[JJ.01_031,01]
Als die drei Weisen aber völlig wieder draußen waren und sich zur Ruhe begeben
hatten in ihren Zelten, da sagte die Maria zum Joseph:
[JJ.01_031,02]
„Siehe, siehe nun, du ängstlicher, sorgerfüllter Mann, wie herrlich und gut der
Herr, unser Gott, ist, wie gar so väterlich Er für uns sorgt!
[JJ.01_031,03]
Wer hätte von uns sich je im Traume etwas solches können beifallen lassen? Aus
unserer großen Angst hat Er solch einen Segen für uns bewirkt und hat alle
unsere große Furcht und Sorge in eine so große Freude verwandelt!
[JJ.01_031,04]
Von denen wir befürchteten, daß sie nach dem Leben des Kindes trachten möchten,
gerade von denen haben wir erlebt, daß sie Ihm nur eine Ehre dargebracht haben,
wie wir sie nur immer Gott, dem Herrn, schuldig sind!
[JJ.01_031,05]
Und haben uns noch obendrauf so reichlich beschenkt, daß wir uns um den Wert
der Geschenke ein sehr ansehnliches Landgut völlig zu eigen ankaufen können und
können dort für die Erziehung des göttlichen Kindes sicher nach dem Willen des
Herrn bestens sorgen!
[JJ.01_031,06] O
Joseph! – Heute erst will ich dem allerliebvollsten Herrn danken, Ihn loben und
preisen die ganze Nacht hindurch; denn Er ist nun unserer Armut auch so sehr
zuvorgekommen, daß wir uns jetzt recht gütlich behelfen können! – Was sagst
denn du dazu, lieber Vater Joseph?“
[JJ.01_031,07]
Und der Joseph sprach: „Ja, Maria, unendlich gut ist Gott der Herr denen, die
Ihn lieben über alles und alle ihre Hoffnung auf Ihn allein richten; – aber ich
meine, nicht uns, sondern dem Kinde gelten die Geschenke, und wir haben demnach
nicht das Recht, sie zu gebrauchen nach unserem Gutdünken.
[JJ.01_031,08]
Das Kind aber heißt Jesus und ist ein Sohn des Allerhöchsten; daher müssen wir
zuerst den allerhabensten Vater fragen, was da mit diesen Schätzen geschehen
solle!
[JJ.01_031,09]
Und was Er damit anordnen wird, das wollen wir auch tun; ohne Seinen Willen
aber will ich sie nicht anrühren mein Leben lang und will dir und mir lieber
auf die beschwerlichste Art von der Welt ein gesegnetes Stückchen Brotes
verdienen!
[JJ.01_031,10]
Habe ich dich und meine Söhne doch bis jetzt durch die vom Herrn gesegnete
Arbeit meiner Hände ernährt; also werde ich es mit der Hilfe des Herrn auch
noch fürder zu tun vermögen!
[JJ.01_031,11]
Daher sehe ich nicht auf diese Geschenke, sondern allein auf den Willen des
Herrn und auf Seine Gnade und Liebe.
[JJ.01_031,12]
Das sind die drei größten, uns allzeit mächtig segnenden Geschenke Gottes; Sein
heiliger Wille ist mir der köstlichste Weihrauch, Seine Gnade das reinste und
schwerste Gold, und Seine Liebe die allerköstlichste Myrrhe!
[JJ.01_031,13]
Diese drei Schätze dürfen wir allzeit ohne Scheu verschwenderisch gebrauchen;
aber diesen Weihrauch, dieses Gold und diese Myrrhen da in den goldenen Säcken
dürfen wir nicht anrühren ohne die ersten drei Hauptschätze, die uns bis jetzt
noch immer die reichlichsten Interessen abgeworfen haben.
[JJ.01_031,14]
Also, liebe Maria, wollen wir tun, und ich weiß, der Herr wird uns darum mit
großem Wohlgefallen ansehen; Sein Wohlgefallen aber sei uns der allergrößte
Schatz!
[JJ.01_031,15]
Was meinst du, holdeste Maria, habe ich recht oder nicht? Ist also nicht am
besten mit diesen Schätzen die rechte Bestimmung getroffen?“
[JJ.01_031,16]
Hier wurde die Maria bis zu Tränen gerührt und lobte die Weisheit Josephs. Und
der Hauptmann fiel dem Joseph um den Hals und sprach: „Ja, du bist noch ein
wahrer Mensch nach dem Willen deines Gottes!“ – Das Kindlein aber sah den
Joseph lächelnd an, hob ein Händchen auf und tat, als segnete Es den Nährvater,
den frömmsten Joseph.
[JJ.01_032] 32.
Kapitel – Der Engel als Ratgeber der drei Weisen. Der Abzug der Weisen nach dem
Morgenland. Die Ungeduld Josephs. Des Cornelius beruhigende Worte an Joseph.
Josephs Hinweis auf die Macht und Güte Gottes.
20. September
1843
[JJ.01_032,01] Die
drei Weisen aber traten in einem Zelte zusammen und besprachen, was sie nun tun
sollten.
[JJ.01_032,02]
Sollten sie dem Herodes das gegebene Wort halten, oder sollten sie hier zum
ersten Male wortbrüchig werden?
[JJ.01_032,03]
Und so sie einen anderen Weg in ihr Land einschlagen sollten, da frage es sich,
welchen, der sie sicher wieder brächte in ihr Land.
[JJ.01_032,04]
Und einer fragte den andern: „Wird wohl der wunderbare Stern, der uns hierher
geführt hatte, uns auch wieder anderen Weges nach Hause führen?“
[JJ.01_032,05]
Als sie sich aber also berieten, siehe, da trat auf einmal ein Engel unter sie
und sprach zu ihnen: „Sorget euch nicht vergeblich, der Weg ist schon gebahnt!
[JJ.01_032,06]
So gerade als da fallet der Sonne Strahl auf die Erde am Mittage, ebenso
geraden Weges sollet ihr morgen in euer Land anderen Weges denn über Jerusalem
geleitet werden!“
[JJ.01_032,07]
Darauf verschwand der Engel, und die drei begaben sich zur Ruhe. Und früh am
Morgen zogen sie von da hinweg und gelangten auf dem kürzesten Wege bald wieder
in ihr Land, allwo sie vielen Freunden die große Ehre Gottes verkündeten und
weckten sie wieder im rechten Glauben an den einigen Gott.
[JJ.01_032,08]
Am selben Morgen aber fragte Joseph den Hauptmann, wie lange er denn noch in
dieser Höhle werde verweilen müssen.
[JJ.01_032,09]
Der Hauptmann aber sagte freundlichst zu Joseph: „Mann meiner höchsten Achtung!
Glaubst du denn, ich halte dich hier wie einen Gefangenen?
[JJ.01_032,10] O
welch ein Gedanke! – Wie sollte ich, ein Wurm im Staube vor der Macht deines
Gottes, dich wohl je gefangen halten!? – Was aber meine Liebe zu dir tut,
siehe, das ist ja keine Gefangenschaft!
[JJ.01_032,11]
Von meiner Macht aus bist du zu jeder Stunde frei und kannst ziehen, dahin du
willst! – Aber nicht ebenso frei bist du von meinem Herzen aus; das möchte dich
freilich hier halten für alle Zeit, denn es liebt dich und dein Söhnlein mit
unbeschreiblicher Macht!
[JJ.01_032,12]
Sei aber noch ein paar Tage ruhig; ich will sogleich Kundschafter nach
Jerusalem senden und dort erfahren, was da der graue Fuchs machen wird, so die
Perser ihm das Wort nicht gehalten haben!
[JJ.01_032,13]
Dann aber werde ich mich schon zu richten wissen und werde dich schützen gegen
jede Verfolgung dieses Wüterichs.
[JJ.01_032,14]
Denn du kannst es mir glauben, dieser Herodes ist der größte Feind meines
Herzens, und ich will ihn schlagen, wo ich nur immer mag und kann!
[JJ.01_032,15]
Ich bin freilich nur ein Hauptmann und bin noch selbst ein Untergebener dem
höheren Feldherrn, der zu Sidon und Smyrna residiert und befiehlt über zwölf
Legionen in Asien.
[JJ.01_032,16]
Aber ich bin kein gemeiner Zenturio, sondern bin ein Patrizier und gebiete
daher nach meinem Titel mit über die zwölf Legionen in Asien! So ich eine oder
die andere gebrauchen will, da brauche ich nicht erst nach Smyrna zu senden,
sondern als Patrizier nur zu gebieten, und die Legion muß mir gehorchen! Daher
kannst du auf mich schon rechnen, wenn sich Herodes erheben sollte!“
[JJ.01_032] 22.
September 1843
[JJ.01_032,17]
Joseph dankte dem Hauptmann für diese allerfreundlichste Sorgfalt, setzte aber
dann hinzu und sprach:
[JJ.01_032,18]
„Höre mich nun auch an, du achtbarster Freund! – Siehe, du hast dich ehedem
wohl auch allerwachsamst gesorget wegen der Perser; aber was hat das alles
genützt?!
[JJ.01_032,19]
Die Perser kamen ungesehen von all deinen tausend Augen und hatten lange eher
schon ihr Lager geschlagen, als du auch nur einen von ihnen entdecken mochtest!
[JJ.01_032,20]
Siehe, hätte mich da der Herr, mein Gott, nicht beschützt, wo wäre ich nun
schon mit deiner Hilfe? Ehe du zum Vorscheine kamst, hätten die Perser mich
samt meiner Familie schon lange erwürgen können!
[JJ.01_032,21]
Daher sage ich dir nun als ein wärmsten Dankes vollster Freund: Menschenhilfe
ist zu nichts nütze; denn alle Menschen sind nichts vor Gott!
[JJ.01_032,22]
So aber Gott der Herr uns helfen will und auch allein nur helfen kann, da
sollen wir uns gar nicht viel Mühens machen; denn es wird trotz alles unseres
Mühens dennoch alles also geschehen, wie es der Herr will, aber nie, wie wir es
wollen.
[JJ.01_032,23]
Unterlasse daher das mühsame und gefährliche Auskundschaften in Jerusalem,
durch das du fürs erste wenig Erhebliches erfahren möchtest und fürs zweite, so
es aufkäme, dir noch meinetwegen ein herbes Los bereiten könntest!
[JJ.01_032,24]
In dieser Nacht aber wird es mir der Herr ohnehin sicher anzeigen, was da
Herodes tun wird, und was ich werde tun müssen; daher magst du nun samt mir
ganz ruhig sein und den Herrn allein über mich und dich walten lassen, und es
wird schon alles recht sein.“
[JJ.01_032,25]
Als der Hauptmann aber solche Rede von Joseph vernommen hatte, ward er sehr
bewegt in seinem Gemüte, und es tat ihm wehe, daß der Joseph seine Hilfe
abgelehnt hatte.
[JJ.01_032,26]
Joseph aber sprach: „Guter, liebster Freund! dich schmerzt es, weil ich dir es
abgeraten habe, dich ferner noch um meine Wohlfahrt zu kümmern.
[JJ.01_032,27]
Aber so du die Sache beim hellen Lichte betrachtest, da mußt du ja doch selbst
notwendig dasselbe finden!
[JJ.01_032,28]
Siehe, wer von uns hat noch je die Sonne und den Mond und alle die Sterne über
das Firmament getragen? Wer von uns noch je den Winden, Stürmen und Blitzen
geboten?
[JJ.01_032,29]
Wer hat dem mächtigen Meere sein Bett gegraben, wer von uns den großen Strömen
ihren Weg vorgezeichnet?
[JJ.01_032,30]
Welchen Vogel haben wir den schnellen Flug gelehrt und wann sein Gefieder
geordnet? Wann für ihn die klang- und sangreiche Kehle gebildet?
[JJ.01_032,31]
Wo wohl stehet das Gras, zu dessen Wachstume wir den lebendigen Samen gebildet
hätten?
[JJ.01_032,32]
Siehe, das alles aber tut der Herr täglich! – So dich aber Sein mächtiges
wunderbares Walten doch in jedem Augenblicke an Seine unendlich liebvollste
Fürsorge erinnert, wie sollte es dich da wundern, wenn ich dich freundlichst
darauf aufmerksam mache, da vor Gott alle Menschenhilfe in den Staub der
Nichtigkeit zurücksinket?“
[JJ.01_032,33]
Diese Worte brachten den Hauptmann wieder in eine günstige Stimmung; aber
dessenungeachtet sandte er dennoch heimlich Kundschafter nach Jerusalem, um zu
erfahren, was dort vor sich ginge.
[JJ.01_033] 33.
Kapitel – Die Vorbereitungen zur Flucht nach Ägypten. Die Vorsorge des Herrn.
Joseph bespricht sich mit Cornelius.
23. September
1843
[JJ.01_033,01]
In dieser Nacht aber erschien dem Joseph, wie der Maria, ein Engel im Traume
und sprach:
[JJ.01_033,02]
„Joseph! verkaufe die Schätze und kaufe dir noch einige Lasttiere; denn du mußt
mit deiner Familie nach Ägypten fliehen!
[JJ.01_033,03]
Siehe, Herodes ist in einen mächtigen Grimm ausgebrochen und hat beschlossen,
alle Kinder von ein bis zwölf Jahren Alters zu ermorden, darum er von den
Weisen hintergangen ward!
[JJ.01_033,04]
Diese hätten es ihm anzeigen sollen, wo der neue König geboren ward, auf daß er
dann seine Schergen ausgesandt hätte, welche das Kind hätten ermorden sollen,
welches da ist der neue König.
[JJ.01_033,05]
Wir Engel der Himmel aber haben die Weisung vom Herrn erhalten, eher noch, als
Er in die Welt ging, über alles das allsorglichst zu wachen, was eure
Sicherheit betrifft!
[JJ.01_033,06]
Darum denn kam ich nun zu dir, um es dir anzuzeigen, was der Herodes tun wird,
da er des Einen nicht bestimmt habhaft werden kann.
[JJ.01_033,07]
Der Hauptmann selbst wird müssen dem Herodes Subsidien leisten, will er nicht
von ihm beim Kaiser verraten werden; darum sollst du dich schon morgen auf die
Reise machen!
[JJ.01_033,08]
Solches aber kannst denn du wohl auch dem Hauptmann anzeigen, und er wird dir
behilflich sein zur schleunigen Abreise! – Also geschehe im Namen Dessen, der
da lebet und sauget die Brüste Marias!“
[JJ.01_033,09]
Hier ward Joseph wach, und also auch die Maria, die da sogleich mit ängstlicher
Stimme den Joseph zu sich rief und ihm dann sogleich ihren Traum erzählte.
[JJ.01_033,10]
Joseph aber ersah sobald sein Gesicht in der Erzählung Mariens und sagte
darauf: „Maria, sorge dich nicht, noch vor der Mitte des Tages sind wir schon
übers Gebirge – und in sieben Tagen in Ägypten!
[JJ.01_033,11]
Ich will aber nun, da es schon helle wird, sogleich ausgehen und alles
bestellen zur schnellen Abreise.“
[JJ.01_033,12]
Hier ging der Joseph auch sobald mit den drei ältesten Söhnen, nahm die Schätze
und trug sie hin zu einem Wechsler, welcher ihm sobald die Türe öffnete und ihm
alles ablöste um den gerechten Betrag.
[JJ.01_033,13]
Dann ging Joseph zu einem Lasttierhändler, geleitet von einem Diener des
Wechslers, und kaufte sogleich noch sechs lastbare Esel und kam also wohl
ausgerüstet wieder in die Höhle zurück.
[JJ.01_033,14]
Daselbst harrte auch schon der Hauptmann seiner und erzählte ihm sogleich, was
für allergrausamst schändlichste Nachrichten ihm von Jerusalem überbracht
worden sind.
[JJ.01_033] 25.
September 1843
[JJ.01_033,15]
Joseph aber verwunderte sich nicht sehr über diese Erzählung des Hauptmanns,
sondern sprach nur in einem gottergebenen Tone:
[JJ.01_033,16]
„Geehrter Freund! was du mir hier kundgibst, das alles und viel genauer ließ
mir in dieser Nacht, wie ich es dir gestern meldete, der Herr kundgeben, was
alles der Herodes beschlossen hat!
[JJ.01_033,17]
Siehe, du selbst wirst ihm noch obendrauf müssen Subsidien leisten; denn er
will um Bethlehem und in der Stadt selbst alle Kinder von etlichen Wochen
Alters bis ins zwölfte Jahr erwürgen lassen, um unter ihnen auch auf das meine
zu kommen!
[JJ.01_033,18]
Darum muß ich heute noch fliehen von hier, dahin mich des Herrn Geist führen
wird, um der Grausamkeit Herodis zu entkommen.
[JJ.01_033,19]
Darum aber ersuche ich dich, daß du mir den sicheren Weg gen Sidon weisest;
denn schon in einer Stunde muß ich aufbrechen!“
[JJ.01_033,20]
Als der Hauptmann aber solches vernommen hatte, ward er ergrimmt über alle
Maßen über den Herodes und schwor ihm unversiegbare Rache, sagend:
[JJ.01_033,21]
„Joseph, so wahr es jetzt Tag wird und die Sonne schon über dem Horizonte
steht, so wahr dein Gott lebt, so wahr will ich mich als edelster Patrizier
Roms eher ans Kreuz binden lassen, ehe ich solch ein Unternehmen den Wüterich
werde ungestraft verüben lassen!
[JJ.01_033,22]
Führen will ich dich sogleich übers Gebirge selbst mit einer guten Bedeckung;
und weiß ich dich in Sicherheit, dann werde ich zurückeilen und sogleich einen
Eilboten nach Rom senden, der dem Kaiser alles anzeigen soll, was da der
Herodes zu unternehmen gedenkt.
[JJ.01_033,23]
Ich aber werde alles Mögliche aufbieten, um hier das Vorhaben des Scheusals zu
hintertreiben.“
[JJ.01_033,24]
Und der Joseph erwiderte: „Guter, achtbarster Freund! Wenn du schon etwas tun
kannst, da beschütze wenigstens die Kinder von drei bis zwölf Jahren! Solches
wird in deiner Macht stehen!
[JJ.01_033,25]
Aber die Kindlein von der Geburt an bis ins zweite Jahr wirst du nicht zu
schützen vermögen!
[JJ.01_033,26]
Ersteren Schutz aber wirst du auch nicht durch Gewalt, sondern allein durch
Klugheit zu bewerkstelligen imstande sein!
[JJ.01_033,27]
Der Herr aber wird dich in solcher Klugheit leiten! Darum denke nicht viel, was
du tun wirst; denn der Herr wird dich leiten im geheimen!“
[JJ.01_033,28]
Der Hauptmann aber sprach: „Nein, nein, der Kinder Blut solle nicht fließen;
eher will ich militärische Gewalt brauchen!“
[JJ.01_033,29]
Joseph aber sprach: „Siehe, was kannst du wohl tun, so der Herodes schon mit
einer ganzen römischen Legion soeben Jerusalem verläßt, – wirst du wider deine
eigene Macht ins Feld ziehen? – Daher tue, wie dich der Herr leiten wird, damit
du auf freundlichem Wege doch die Drei- bis Zwölfjährigen rettest!“ – Hier gab
der Hauptmann nach.
[JJ.01_034] 34.
Kapitel – Der Aufbruch zur Flucht. Josephs Bitte an Salome. Der Abschied vom
Hauptmann. Die Abreise. Der Schutzbrief des Cornelius an Cyrenius. Josephs
Reiseweg. Das Erlebnis mit den Räubern. Josephs Ankunft in Tyrus bei Cyrenius. Des
Cyrenius Trostworte und Hilfe.
26. September
1843
[JJ.01_034,01]
Nach dieser Unterredung Josephs mit dem Hauptmanne sprach der Joseph zu seinen
Söhnen: „Machet euch auf, und rüstet die Lasttiere!
[JJ.01_034,02]
Die sechs neuen Esel sattelt für mich und euch und den alten und approbierten
für die Maria! Nehmet, soviel ihr könnet, von den Eßwaren mit; den Ochsen mit
dem Karren aber lassen wir hier der Wehmutter zum Angedenken und zum Lohne für
ihre Aufmerksamkeit für uns!“
[JJ.01_034,03]
Also ward der Ochse mit dem Karren von der Wehmutter in Besitz genommen und
wurde zu keiner Arbeit mehr verwendet.
[JJ.01_034,04]
Die Salome aber fragte den Joseph, ob sie nicht mit ihm ziehen dürfte.
[JJ.01_034,05]
Und der Joseph sprach: „Das kommt auf dich an; ich aber bin arm, das weißt du,
und kann dir keinen Lohn geben, so du mir eine Magd abgeben möchtest!
[JJ.01_034,06]
Hast du aber Mittel und kannst sorgen mit mir für den Mund und für des Leibes
Haut, da kannst du mir ja folgen!“
[JJ.01_034,07]
Die Salome aber sprach: „Höre, du Sohn des großen Königs David! Nicht nur für
mich, sondern für deine ganze Familie solle mein Vermögen auf hundert Jahre
genügen!
[JJ.01_034,08]
Denn ich bin reicher an Weltgütern, als du dir es gedenken möchtest! Warte aber
nur noch eine Stunde, und ich werde mit Schätzen beladen reisefertig dastehen!“
[JJ.01_034,09]
Joseph aber sprach: „Salome, siehe, du bist eine junge Witwe und bist Mutter;
du mußt also auch deine zwei Söhne mitnehmen!
[JJ.01_034,10]
Siehe, das wird dir viel Arbeit machen, und ich habe keine Minute Zeit mehr zu
verlieren; denn in drei Stunden wird schon Herodes hier seinen Einzug halten,
und in einer Stunde werden schon seine Vorboten und Läufer eintreffen!
[JJ.01_034,11]
Daraus aber kannst du ersehen, daß es für mich unmöglich ist, auf deine
Zurechtrichtung zu warten!
[JJ.01_034,12]
Daher meine ich, so du bleibest, tust du besser, indem ich nicht durch dich
aufgehalten werde; komme ich aber einst nach dem Willen des Herrn wieder
zurück, so werde ich wieder Nazareth beziehen.
[JJ.01_034,13]
So du mir aber schon einen Dienst erweisen willst, so ziehe bei Gelegenheit
nach Nazareth und verpachte auf weitere drei bis sieben oder zehn Jahre meinen
Grund, auf daß er nicht in fremde Hände komme!“
[JJ.01_034,14]
Und die Salome stand von ihrer Forderung ab und begnügte sich mit diesem
Auftrage.
[JJ.01_034,15]
Nachdem umarmte Joseph den Hauptmann und segnete ihn – und berief dann die
Maria, auf daß sie sich setzete auf ihr Lasttier mit dem Kindlein.
[JJ.01_034,16]
Als sonach alles zur Abreise bereitet war, sprach der Hauptmann zum Joseph:
„Mann meiner höchsten Achtung! – werde ich dich je wieder zu sehen bekommen! –
und dieses Kind mit der Mutter?!“
[JJ.01_034,17]
Und der Joseph sprach: „Es werden kaum drei Jahre verfließen, werde ich dich
wieder begrüßen und das Kind und Seine Mutter! Des sei versichert; – nun aber
lasse uns aufbrechen, Amen.“ –
[JJ.01_034,18]
Hier bestieg Joseph sein Lasttier, und seine Söhne folgten seinem Beispiele;
und Joseph ergriff die Zügel des Lasttieres der Maria und führte es unter
Lobpreisung des Herrn aus der Höhle.
[JJ.01_034,19]
Als sich nun alles schon im Freien befand, da ersah Joseph, wie sich eine Menge
Volkes aus der Stadt zu drängen anfing, um den Abzug des Neugebornen zu sehen,
indem es durch die heimkehrende Wehmutter und durch den Wechsler erfuhr, daß
solches geschehen werde.
[JJ.01_034,20]
Dem Joseph aber kam die Gafflust sehr ungelegen; er bat daher den Herrn, Er
möchte ihn doch so bald als möglich dieser schnöden Gafflust müßiger Menschen
entziehen.
[JJ.01_034,21]
Und siehe, sobald fiel ein dichter Nebel über die ganze Stadt, und es war
niemandem möglich, auch nur fünf Schritte weit zu sehen.
[JJ.01_034,22]
Das Volk aber ward darob verdrießlich und zog sich wieder in die Stadt zurück,
und Joseph, geleitet vom Hauptmanne und der Salome, konnte ungesehen das
nächste Gebirge erreichen.
[JJ.01_034,23]
Als er so die Grenze zwischen Judäa und Syrien erreichte, da gab der Hauptmann
dem Joseph einen Schutzbrief an den Landpfleger Cyrenius, der über Syrien
gestellt war.
[JJ.01_034,24]
Und Joseph nahm ihn mit Dank an, und der Hauptmann sprach: „Cyrenius ist ein
Bruder zu mir; mehr brauche ich dir nicht zu sagen, und so denn reise glücklich
und komme wieder also!“ Hier kehrte der Hauptmann um mit der Salome, und Joseph
zog weiter im Namen des Herrn.
[JJ.01_034,25]
Um die Mittagsstunde hatte Joseph die Vollhöhe des Gebirges erreicht, in einer
Entfernung von zwölf Stunden von Bethlehem, welche schon ganz in Syrien lag,
auch zu der Zeit von den Römern Coelesyria genannt ward.
[JJ.01_034,26]
Denn Joseph mußte diesen etwas größeren Umweg nehmen, indem von Palästina kein
sicherer Weg nach Ägypten führte.
[JJ.01_034,27]
Seine Reiseroute aber war folgende: Am ersten Tage kam er in die Nähe der
kleinen Stadt Bostra. Allda übernachtete er, den Herrn preisend. Da geschah es
auch, daß Räuber zu ihm kamen, um ihn zu berauben.
[JJ.01_034,28]
Als sie aber das Kindlein ersahen, fielen sie auf ihr Angesicht, beteten
Dasselbe an, und flohen dann überaus erschreckt ins Gebirge.
[JJ.01_034,29]
Von da zog Joseph des andern Tages wieder über ein starkes Gebirge und kam am
Abende in die Gegend von Panea, einem Grenzstädtchen zwischen Palästina und
Syria nördlich.
[JJ.01_034,30]
Von Panea aus erreichte er am dritten Tage die Provinz Phoenicia und kam in die
Gegend von Tyrus, wo er am nächsten Tage sich mit seinem Schutzbriefe zum
Cyrenius begab, welcher in der Zeit sich Geschäfte halber in Tyrus aufhielt.
[JJ.01_034,31]
Cyrenius nahm den Joseph freundlichst auf und fragte ihn, was er ihm tun solle.
[JJ.01_034,32]
Joseph aber sprach: „Daß ich sicher nach Ägypten käme!“ – Und Cyrenius sagte:
„Guter Mann, du hast einen starken Umweg gemacht; denn Palästina liegt Ägypten
ja um vieles näher denn Phoenicia! Nun mußt du doch wieder Palästina
durchwandern – und mußt von hier nach Samaria, von dort nach Joppe, von dort
nach Askalon, von da nach Gaza, von da nach Geras und von da erst nach Elusa in
Arabien!“
[JJ.01_034,33]
Da ward Joseph traurig, darum er sich also verirrt hatte. Aber der Cyrenius
faßte Mitleid mit dem Joseph und sprach: „Guter Mann, es schmerzt mich deine
Not. Du bist zwar ein Jude und ein Feind der Römer; aber da mein Bruder, mein
Alles, dich so lieb hat, da will auch ich dir eine Freundschaft tun.
[JJ.01_034,34]
Siehe, morgen geht ein kleines, aber sicheres Schiff von hier nach Ostracine
ab! Mit diesem sollst du in drei Tagen dort anlangen; und bist du in Ostracine,
so bist du auch schon in Ägypten! – Ich werde dir aber auch einen Schutzbrief
mitgeben, demzufolge du in Ostracine wirst ungehindert verweilen und dir auch
etwas ankaufen können. Für heute aber bist du mein Gast; lasse daher dein
Gepäck hereinbringen!“
[JJ.01_035] 35.
Kapitel – Die heilige Familie bei Cyrenius. Josephs Unterredung mit Cyrenius.
Cyrenius, der Kinderfreund, und das Jesuskind. Inneres und äußeres
Erfahrungszeugnis von der Göttlichkeit des Jesuskindes.
28. September
1843
[JJ.01_035,01]
Und der Joseph ging hinaus und führte seine Familie vor das Haus, da Cyrenius
wohnte, und dieser befahl sogleich seiner Dienerschaft, Josephs Lasttiere zu
versorgen,
[JJ.01_035,02]
und führte den Joseph mit Maria und den fünf Söhnen in sein vorzüglichstes
Gemach, in dem alles von Edelsteinen, Gold und Silber strotzte.
[JJ.01_035,03]
Es standen aber da auf einem weißen, feinst polierten marmornen Tische eine
Menge etwa einen Schuh hohe Statuen, aus korinthischem Erze gar wohl geformt.
[JJ.01_035,04] Und Joseph fragte den Landpfleger,
was diese Figuren wohl darstellten.
[JJ.01_035,05] Der Landpfleger aber sagte gar
freundlich: „Guter Mann, siehe, das sind unsere Götter! Wir müssen sie halten
und kaufen von Rom gesetzmäßig, wenn wir auch keinen Glauben daran haben.
[JJ.01_035,06] Ich betrachte sie bloß nur als
Kunstwerke, und darin liegt auch einzig irgendein kleiner Wert für mich in
diesen Götterfiguren; sonst aber muß ich sie nur allzeit mit der gegründetsten
Verachtung ansehen!“
[JJ.01_035,07] Und der Joseph fragte darauf
den Cyrenius: „Höre, wenn du also denkest, so bist du ja ein Mensch ohne Gott
und ohne Religion! Beunruhigt dir denn das nicht dein Gewissen?“
[JJ.01_035,08] Und Cyrenius sprach: „Nicht im
geringsten; denn wenn es keinen andern Gott gibt, als diese erzenen es da sind,
da ist ja ein jeder Mensch mehr Gott als dieses dumme Erz, in dem kein Leben
ist. Ich aber meine, es gibt irgend einen wahren Gott, der ewig lebendig ist
und allmächtig; darum verachte ich solchen alten Unsinn!“
[JJ.01_035,09] Es war aber Cyrenius auch ein
großer Kinderfreund und näherte sich darum der Maria, welche das Kind auf ihren
Armen hielt, und fragte die Mutter, ob sie nicht müde sei ob der beständigen
Tragung des Kindes.
[JJ.01_035,10] Und die Maria sprach: „O
mächtiger Herr des Landes! Freilich wohl bin ich schon gar sehr müde; aber
meine große Liebe zu diesem meinem Kinde macht mich alle Ermüdung vergessen!“
[JJ.01_035,11] Und der Landpfleger erwiderte
der Maria: „Siehe, auch ich bin ein großer Kinderfreund, bin vermählet wohl,
aber die Natur oder Gott haben mich noch mit keiner Nachkommenschaft gesegnet;
daher pflege ich fremde Kinder – sogar die der Sklaven – nicht selten zu mir zu
nehmen an Kindesstelle!
[JJ.01_035,12] Ich will damit aber nicht
sagen, als sollest du mir auch das deinige geben; denn es ist ja dein Leben!
[JJ.01_035,13] Aber bitten möchte ich dich,
daß du es mir auf meine Arme legen möchtest, auf daß ich es herzete und kosete
ein wenig nur!“
[JJ.01_035,14] Da Maria in dem Landpfleger
solche Herzlichkeit fand, sprach sie: „Wer deines Herzens ist, der mag wohl
dies mein Kindlein auf seine Arme nehmen!“
[JJ.01_035,15] Hier übergab Maria das
Kindlein dem Landpfleger zur Kosung, – und als der Landpfleger das Kindlein auf
seine Arme nahm, da bemächtigte sich seiner ein so wonnigstes Gefühl, das er
noch nie empfunden hatte.
[JJ.01_035,16] Und er trug das Kindlein im
Saale hin und her – und kam mit Ihm auch dem Göttertische nahe.
[JJ.01_035,17] Diese Annäherung aber kostete
sogleich allen den Götzenstatuen das Dasein, denn sie zerrannen wie Wachs auf
glühendem Eisen.
[JJ.01_035,18] Darob entsetzte sich Cyrenius
und sprach: „Was ist denn das? – Das harte Erz zerfloß so ganz und gar, daß von
ihm aber auch nicht eine Spur zurückgeblieben ist! – Du weiser Mann aus
Palästina, erkläre mir doch das! – Bist du ein Magier denn?“
[JJ.01_036] 36. Kapitel – Joseph im scharfen
Verhör und sein Bericht über das Wesen und die Geburt des Jesuskindes. Des
Cornelius Brief. Josephs Rat zum Schweigen. Widersprüche und Zweifel. Josephs
energische Rechtfertigung vor dem ,Staatsanwalt‘.
29. September 1843
[JJ.01_036,01] Joseph aber war selbst über
die Maßen erstaunt und sprach darum zum Cyrenius: „Höre mich an, mächtiger
Pfleger des Landes! Es kann dir nicht unbekannt sein, daß da nach dem Gesetze
meines Volkes ein jeder Zauberer verbrannt werden muß.
[JJ.01_036,02] Wäre ich sonach ein Zauberer,
da wäre ich nicht so alt geworden, als ich bin; denn schon lange wäre ich als
solcher den Hohenpriestern in Jerusalem in die Hände gefallen!
[JJ.01_036,03] Daher kann ich dir hier nichts
anderes sagen, als daß diese Erscheinung sicher von der großen Heiligkeit
dieses Kindes abhängt!
[JJ.01_036,04] Denn schon bei der Geburt
dieses Kindes geschahen Zeichen, darüber sich alles entsetzt hatte: alle Himmel
standen offen, die Winde schwiegen, die Bäche und Flüsse standen stille, die
Sonne blieb am Horizonte stehen;
[JJ.01_036,05] der Mond ging nicht von der
Stelle, bei drei Stunden nicht; also rückten auch die Sterne nicht weiter; die
Tiere fraßen und soffen nicht, und alles, was sich sonst reget und beweget,
versank in eine tote Ruhe; ich selbst war im Gehen und mußte stehen!“
[JJ.01_036,06] Als der Cyrenius solches von
Joseph vernommen hatte, sprach er zu ihm: „Also ist dies das merkwürdige Kind,
von dem mir mein Bruder geschrieben hatte mit den Worten:
[JJ.01_036,07] ,Bruder, eine Neuigkeit muß
ich dir berichten: In der Nähe von Bethlehem ist ein Kind von einem jungen
Weibe jüdischer Nation geboren worden, von dem eine große Wunderkraft ausgeht;
ich möchte meinen, daß es ein Götterkind sei!
[JJ.01_036,08] Aber dessen Vater ist ein so
kreuzehrlicher Jude, daß ich es nicht über mich zu bringen vermag, darüber
nähere Untersuchungen anzustellen!
[JJ.01_036,09] Wenn du etwa in der Kürze nach
Jerusalem ziehen solltest, so dürfte es für dich nicht ohne Interesse sein, in
Bethlehem diesen Mann zu besuchen! – Ich meine stets, daß das Kind so ein
verkappter junger Jupiter oder wenigstens Apollo ist. Komme aber, und urteile
selbst!‘ –
[JJ.01_036,10] Siehe, guter Mann, so viel ist
mir von der Sache bekannt; aber was du mir nun gesagt hast, ist mir rein
unbekannt. Darum sage mir, ob du der nämliche Mann bist, von dem mir mein
Bruder aus Bethlehem gemeldet hatte?“
[JJ.01_036,11] Und der Joseph sprach: „Ja,
mächtiger Herr, ich bin derselbe! Wohl aber deinem Bruder, daß er dir nicht
mehr von dem Kinde kundgab!
[JJ.01_036,12] Denn er hat vom Himmel ein
Wort bekommen, zu schweigen von allem dem, was da geschehen ist! – Wahrlich,
hätte er dir mehr gesagt, so wäre mit Rom das geschehen, was da jetzt vor
deinen Augen geschehen ist mit Götterfiguren, die da standen auf dem Tische!
[JJ.01_036,13] Heil aber dir und deinem
Bruder, so ihr schweigen möget; denn ihr sollet darum Gesegnete des Herrn, des
ewig lebendigen Gottes, des Schöpfers Himmels und der Erde sein!“
[JJ.01_036,14] Diese Worte flößten dem
Cyrenius eine große Achtung vor dem Joseph und eine Furcht vor dem Kinde ein,
daß er darob sogleich wieder das Kind auf die Arme der Maria legte.
[JJ.01_036] 30. September 1843
[JJ.01_036,15] Nachdem aber wandte er sich
wieder zum Joseph und sprach zu ihm: „Guter, ehrlicher Mann, habe nun wohl acht
auf das, was ich zu dir reden werde;
[JJ.01_036,16] denn mir ist jetzt ein guter
Gedanke durch den Kopf gefahren, und diesen sollst du hören und mir darüber zur
Rede stehen!
[JJ.01_036,17] Siehe, wenn dieses Kind
göttlicher Abkunft ist, so mußt ja auch du als dessen Vater es sein; denn ex
trunco non fit Mercurius, und auf den Dornen wachsen keine Trauben! – Also kann
wohl auch von einem gewöhnlichen Menschen kein Götterkind entsprossen!
[JJ.01_036,18] Du aber scheinst mir im
übrigen denn doch ein ganz gewöhnlicher Mensch zu sein, so wie deine fünf
andern Söhne, die da hinter dir stehen; ja die junge Mutter selbst, zwar eine
artige Jüdin, scheint eben auch nichts Götterähnliches zu besitzen!
[JJ.01_036,19] Dazu gehört eine große, fast
überirdische Schönheit und große Weisheit, wie wir es aus den Traditionen
wissen von den Weibern, mit denen sich einmal die Götter sollen abgegeben
haben, – wozu aber freilich wohl ein überaus starker Glaube gehört, den ich
durchaus nicht besitze!
[JJ.01_036,20] Zudem aber muß ich dich noch
auf etwas aufmerksam machen, und das ist, daß du dich mit deinem Götterkinde
als ein von Bethlehem aus nach Ägypten reisen Wollender hierher hast verirren
mögen, was daraus erhellt, da du traurig und verlegen warst, als ich dir
angezeigt habe, wie du dich gar so weit verirrt hast auf dem Wege nach Ägypten!
[JJ.01_036,21] Sollte dein Gott – oder die
Götter Roms – denn unkundig des nächsten Weges von Bethlehem aus nach Ägypten
sein?
[JJ.01_036,22] Siehe, das sind grobe
Widersprüche, die sich häufen, je mehr man die Sache verfolgt! Dazu ist aber
doch sogar eine Drohung von dir beim Untergange Roms gegeben, so ich oder mein
Bruder das Kind verriete!
[JJ.01_036,23] Warum aber sollen Götter dem
schwachen Sterblichen drohen, als hätten sie eine Furcht vor ihm? – Sie
brauchen ja nur frei auf die Erde zu treten, und alles muß blind gehorchen
ihrem mächtigen Willen!
[JJ.01_036,24] Siehe, die Sache deiner
Kundgabe kommt mir daher als eine schwache Ausflucht zu sein vor, um mich
hinters Licht zu führen, auf daß ich dich nicht erkennen solle, wer du so ganz
eigentlich bist, ob ein jüdischer Magier, der sich nach Ägypten begibt, um dort
bei diesem Metier sein Brot zu finden, da er in seinem Vaterlande des Lebens
nicht sicher ist, –
[JJ.01_036,25] oder ob etwa gar ein
verschmitzter jüdischer Spion, vom herrschsüchtigen Herodes bestochen, um zu
erspähen, wie da die Uferfestungen Roms bestellt sind?!
[JJ.01_036,26] Ich habe freilich wohl den
Schutzbrief meines Bruders und den Brief, von dem ich dir erwähnte, – aber ich
habe darüber mit meinem Bruder noch nicht gesprochen, und so können diese
Dokumente auch falsch sein; denn auch meines Bruders Schrift ist nachzumachen!
[JJ.01_036,27] Ich halte dich aber nun für
beides, also für einen Magier und für einen Spion! Rechtfertige dich nun auf
das gründlichste, sonst bist du mein Gefangener und wirst der gerechten Strafe
nicht entgehen!“
[JJ.01_036,28] Bei dieser Rede sah der Joseph
dem Cyrenius fest ins Angesicht und sagte: „Sende einen Eilboten an deinen
Bruder Cornelius, gebe die beiden Briefe mit, und dein Bruder solle bezeugen,
ob sich die Sache mit mir also schändlich verhalte, als du der argen Meinung
bist!
[JJ.01_036,29] Und solches fordere ich nun
von dir; denn meine Ehre ist vor Gott, dem Ewigen, gerechtfertiget und solle
nicht von einem Heiden zertreten werden! – Bist du auch ein Patrizier Roms, so
bin ich aber ein Nachsohn des großen Königs David, vor dem der Erdkreis bebte,
und als solcher lasse ich mich von keinem Heiden entehren!
[JJ.01_036,30] Ich aber werde dir nun nicht
eher von der Seite gehen, als bis du mir meine Ehre wieder wirst hergestellt
haben; – denn die Ehre, die mir Gott gegeben hat, soll mir kein Heide nehmen!“
[JJ.01_036,31] Diese energischen Worte
machten den Cyrenius stutzen; denn also hatte er als Landpfleger, der da
unumschränkt über Leben und Tod zu gebieten hat, noch nie ihm gegenüber reden
gehört! – Er dachte darum bei sich: Wenn dieser Mensch sich nicht einer
außerordentlichen Kraft mir gegenüber bewußt wäre, so könnte er nicht also
reden! – Ich muß daher nun ganz anders mit ihm zu reden anfangen. –
[JJ.01_037] 37. Kapitel – Des Cyrenius
sanftmütigere Erklärung und Josephs Erwiderung. Die Ehre, der Schatz des Armen.
Das Versöhnungsmahl. Guter Rat Josephs. Des Cyrenius bestrafte Neugier. Die
Empfängnisgeschichte des Kindleins. Die Anbetung des Kindleins durch Cyrenius
und die Bestätigung der Wahrheit.
2. Oktober 1843
[JJ.01_037,01] Nach solcher Vornahme wandte
sich Cyrenius wieder an den Joseph und sprach: „Guter Mann, du brauchst mir
darum nicht gram zu werden! – denn das wirst du mir denn doch zugeben, daß ich
als Landpfleger wohl das Recht haben werde, jemandem auf den Zahn zu fühlen, um
zu sehen, wes Geistes er ist?!
[JJ.01_037,02] Daß ich aber dich davon nicht
ausnehmen konnte – wie gerne ich es auch sonst getan haben würde –, da brauchst
du nur auf jenen verhängnisvollen Tisch hinzublicken, der da seiner Zierde
ledig geworden ist, und dir muß es ja doch klar sein, daß man Menschen deiner
Art etwas schärfer ansehen muß als nur solche, die da bedeutungslos gleich
Tagesfliegen umherstreichen.
[JJ.01_037,03] Ich meine daher, dadurch dir
keine Beleidigung zugefügt zu haben, im Gegenteile nur eine Auszeichnung, indem
ich dich also bedeutungsvoll ansah und redete zu dir, wie es sich für mich als
Landpfleger gebührt.
[JJ.01_037,04] Denn siehe, mir ist einzig und
allein nur um die volle Wahrheit über deine Herkunft zu tun, weil ich dich für
sehr bedeutungsvoll ansehe!
[JJ.01_037,05] Und darum stellte ich auch
geflissentlich Zweifel über dich auf, damit du ganz vor mir auftreten sollest!
[JJ.01_037,06] Deine Sprache aber hat mir
gezeigt, daß du ein Mensch bist, an dem keine Täusche haftet! Und so brauche
ich weder eine zweite Nachricht von meinem Bruder, noch eine höhere
Beglaubigungsurkunde von irgend woandersher; denn ich sehe nun, daß du ein
vollkommen ehrlicher Jude bist! – Sage, braucht es da noch mehr?“
[JJ.01_037,07] Und der Joseph sprach:
„Freund, sieh, ich bin arm; du aber bist ein mächtiger Herr! – Mein Reichtum
ist meine Treue und Liebe zu meinem Gott und die vollste Ehrlichkeit gegen
jedermann!
[JJ.01_037,08] Du aber bist neben deiner
Kaisertreue auch noch überreich an Gütern der Welt, die ich entbehre. Wenn dir
jemand deiner Ehre zu nahe tritt, da bleiben dir aber dennoch die Güter der
Welt.
[JJ.01_037,09] Was bleibt aber da mir, so ich
die Ehre verliere? – Mit Schätzen der Welt kannst du dir die Ehre erkaufen;
womit aber werde ich sie erkaufen?
[JJ.01_037,10] Darum wird der Arme ein
Sklave, so er einmal seine Ehre und Freiheit vor dem Reichen verloren hat; hat
er aber darüber irgend heimliche Schätze, so kann er sich Ehre und Freiheit
wieder erkaufen.
[JJ.01_037,11] Du aber hast mir gedroht, mich
zu deinem Gefangenen zu machen; sage, hätte ich da nicht alle meine Ehre und
Freiheit verloren?
[JJ.01_037,12] Und hatte ich da nicht recht,
so ich mich davor verteidigte, indem ich doch von dir, dem Landpfleger Syriens
und Mitpfleger der Küste zu Tyrus und Sidon, bin zur Rede gestellt worden?“
[JJ.01_037,13] Der Cyrenius aber sprach:
„Guter Mann! Nun bitte ich dich – lasse uns das Vorgefallene gänzlich vergessen!
[JJ.01_037,14] Siehe, die Sonne stehet dem
Horizonte nahe! Meine Diener haben die Mahlzeit im Speisesaale bereitet; gehet
daher mit mir und stärket euch, – denn ich habe keine römischen, sondern eures
Volkes Speisen zurichten lassen, die ihr essen dürfet! Daher folget mir ohne
einen Gram auf mich, nun eurem Freunde!“ –
[JJ.01_037,15] Und der Joseph folgte dem
Cyrenius mit Maria und den fünf Söhnen in den Speisesaal und erstaunte über die
Maßen über die unbeschreibliche reiche Pracht des Speisesaales selbst, wie über
die Pracht der Tafelgeschirre, welche zumeist aus Gold, Silber und kostbaren
Edelsteinen angefertigt waren.
[JJ.01_037,16] Da aber die reichen Gefäße mit
lauter heidnischen Götterfiguren geziert waren, da sprach Joseph zum Cyrenius:
[JJ.01_037,17] „Freund, ich ersehe, daß da
alle diese deine Tafelgefäße mit deinen Göttern gezieret sind! – Du kennst da
aber ja schon die ausgehende Kraft meines Kindes!
[JJ.01_037,18] Siehe, so ich mich mit meinem
Weibe zu Tische hinsetze und mein Weib mit ihrem Kinde, so kommst du im
Augenblick um alle deine reichen Geschirre und Gefäße!
[JJ.01_037,19] Daher rate ich dir, lasse
entweder ganz ungezierte Gefäße oder ganz gemeine tönerne aufsetzen, sonst
stehe ich dir nicht für dein Gold und Silber!“
[JJ.01_037,20] Als der Cyrenius solches von
Joseph vernommen hatte, da erschrak er und befolgte sogleich den Rat Josephs. –
Die Diener brachten sobald in ganz glatten tönernen Gefäßen die Speisen und
schafften die goldenen und silbernen sogleich beiseite.
[JJ.01_037,21] Es verlockte aber die Neugier
dennoch den Cyrenius, dem Kinde einen herrlichen Goldpokal in die Nähe zu
bringen, um sich zu überzeugen, ob des Kindes Nähe wohl auch aufs Gold so
zerstörend einwirken werde, wie ehedem auf die erzenen Figuren.
[JJ.01_037,22] Und der Cyrenius mußte diese
Neugier im Ernste mit dem plötzlichen Verlust des kostbaren Pokals auf eine
Zeit bezahlen.
[JJ.01_037,23] Nachdem er aber des Pokals
ledig geworden war, erschrak er und stand da, als wäre er von einem
elektrischen Schlage berührt worden.
[JJ.01_037,24] Nach einer Weile erst sprach
er: „Joseph, du großer Mann, du hast mir wohl geraten, darum danke ich dir!
[JJ.01_037,25] Ich selbst aber will verflucht
sein, so ich eher von dieser Stelle weiche, als bis ich erfahre von dir, wer da
dieses Kind ist, da ihm eine solche Kraft innewohnt!“
[JJ.01_037,26] Hier wandte sich Joseph zum
Cyrenius und erzählte ihm in aller Kürze die Empfangs- und Geburtsgeschichte
des Kindes.
[JJ.01_037,27] Und der Cyrenius aber, als er
solches von Joseph in festem Tone vernommen hatte, fiel sobald vor dem Kinde
nieder und betete Es an.
[JJ.01_037,28] Und siehe, im Augenblick stand
der zerstörte Pokal, aber ganz glatt, auf dem Boden vor Cyrenius, von gleichem
Gewichte; der Cyrenius erhob sich und wußte sich nun vor Freude und Seligkeit
nicht zu helfen.
[JJ.01_038] 38. Kapitel – Des Cyrenius
heidnischer Vorschlag, das Wunderkind an den Kaiserhof nach Rom zu bringen.
Josephs gute Entgegnung mit Hinweis auf die Niedrigkeit des Herrn. Prophetische
Worte von der geistigen Lebenssonne.
4. Oktober 1843
[JJ.01_038,01] In dieser seligen
Gemütsstimmung sprach der Cyrenius zum Joseph: „Höre mich weiter an, du großer
Mann! – Wäre ich nun Kaiser zu Rom, ich würde dir den Thron und die Kaiserkrone
abtreten!
[JJ.01_038,02] Und wüßte es der Kaiser
Augustus also, wie ich nun, – für dieses Kind, da würde er dasselbe tun! Hält
er auch große Stücke darauf, daß er der mächtigste Kaiser der Erde ist, so aber
weiß ich doch auch, wie sehr er alles Göttliche weit über sich setzt.
[JJ.01_038,03] Willst du, so schreibe ich an
den Kaiser und versichere dir im voraus, daß er dich nach Rom mit der größten
Ehre ziehen wird und wird dem Kinde, als einem unzweideutigen Sohne des
höchsten Gottes, den größten und herrlichsten Tempel erbauen!
[JJ.01_038,04] Und wird Ihn erhöhen im selben
bis ins Infinitum und wird selbst sich in den Staub legen vor dem Herrn, dem
die Elemente und alle Götter gehorchen müssen!
[JJ.01_038,05] Daß solches aber bei dem Kinde
der Fall ist, habe ich mich nun zum zweiten Male überzeugt, indem vor Ihm sich
nicht einmal der Jupiter zu schützen vermag und kein Erz vor Seiner Macht
besteht!
[JJ.01_038,06] Wie gesagt, so du willst, will
ich heute noch Boten nach Rom senden! – Fürwahr, das würde in der großen
Kaiserstadt eine unendliche Sensation erregen und würde das stolze Priestertum
sicher etwas herabsetzen, das da ohnehin nicht mehr weiß, auf welche Art es die
Menschheit am zweckdienlichsten betrügen und belügen solle!“
[JJ.01_038,07] Joseph aber entgegnete dem
Cyrenius: „Lieber, guter Freund! – Meinst du denn, daß Dem an der Ehrung Roms
etwas gelegen ist, dem da Sonne, Mond, Sterne und alle Elemente der Erde
allzeit gehorchen müssen!
[JJ.01_038,08] Hätte Er gewollt, daß Ihn alle
Welt ehrete wie einen Götzen, da wäre Er vor aller Welt Augen in aller Seiner
ewig unendlichen göttlichen Majestät zur Erde herabgekommen! – Dadurch aber
wäre auch alle Welt zum Untergange gerichtet worden!
[JJ.01_038,09] Er aber hat die Niedrigkeit
der Welt erwählt, um die Welt zu beseligen, wie es geschrieben steht im Buche
der Propheten; und so lasse du es mit der Botschaft nach Rom gut sein!
[JJ.01_038,10] Willst du aber Rom vernichtet
sehen, da tue, wie es dir gut dünket! – Denn siehe, Dieser ist gekommen zum
Falle der Welt der Großen und Mächtigen, und zur Erlösung der Armseligen, ein
Trost den Betrübten, und zur Auferstehung derer, die im Tode sind!
[JJ.01_038,11] Ich glaube also fest in meinem
Herzen, – aber nur dir habe ich nun diesen meinen Glauben kundgetan; sonst aber
solle ihn niemand von mir ausgesprochen vernehmen!
[JJ.01_038,12] Behalte aber auch du diese
Worte als ein Heiligtum der Heiligtümer in deinem Herzen bis zur Zeit, da dir
eine neue Lebenssonne aufgehen wird, so wirst du gut fahren!“
[JJ.01_038,13] Diese Worte Josephs gingen wie
Pfeile ins Herz des Cyrenius und stimmten ihn ganz um, so zwar, daß er sogleich
bereit gewesen wäre, all sein Ansehen niederzulegen und die Niedrigkeit zu
ergreifen.
[JJ.01_038,14] Aber Joseph sagte zu ihm:
„Freund! Freund! – bleibe, was du bist; denn die Macht in der Hand von Menschen
deiner Art ist ein Segen Gottes dem Volke! – Denn siehe, was du bist, das bist
du weder aus dir, noch aus Rom, sondern allein aus Gott! Daher bleibe, was du
bist!“ – Und der Cyrenius lobte den unbekannten Gott und setzte sich dann zum
Tische und aß und trank heiteren Mutes mit Joseph und Maria.
[JJ.01_039] 39. Kapitel – Des Cyrenius
Mäßigkeit im Essen und Trinken. Josephs Dankgebet und seine gute Wirkung auf
Cyrenius. Josephs Worte vom Tode und ewigen Leben. Wesen und Wert der Gnade.
5. Oktober 1843
[JJ.01_039,01] Obschon aber sonst die Römer
an lange dauernde Freßgelage gewöhnt waren, so war aber doch davon der Cyrenius
eine Ausnahme.
[JJ.01_039,02] Wenn er dergleichen Freßgelage
nicht dann und wann zur Ehrung des römischen Kaisers halten mußte, so war bei
ihm die Mahlzeit nur kurz; denn er war einer derjenigen Philosophen, die da
sagen: „Der Mensch lebt nicht, um zu essen, sondern er ißt nur, um zu leben, –
und dazu braucht es nicht tagelang dauernder Freßgelage.“
[JJ.01_039,03] Und so war denn auch die
geheiligte Mahlzeit nur kurz und war bloß auf die nötige Stärkung des Leibes
berechnet.
[JJ.01_039,04] Nach der also kurzen Mahlzeit
dankte der Joseph dem Herrn für Speise und Trank und segnete dafür den
Gastgeber.
[JJ.01_039,05] Dieser aber ward darob sehr
gerührt und sagte zu Joseph: „O wie hoch doch stehet deine Religion über der
meinigen! – Um wie vieles stehest du der allmächtigen Gottheit näher denn ich!
[JJ.01_039,06] Und um wie vieles bist du
daher auch mehr Mensch, als ich es je werde werden können!“
[JJ.01_039,07] Joseph aber erwiderte dem
Cyrenius: „Edler Freund, du kümmerst dich um etwas, was dir der Herr soeben
jetzt gegeben hat!
[JJ.01_039,08] Ich aber sage dir: Bleibe du,
was du bist; in deinem Herzen aber allein nur vor Gott, dem ewigen Herrn,
demütige dich und suche allen Menschen im geheimen Gutes zu tun, und du bist
Gott so nahe als meine Väter Abraham, Isaak und Jakob!
[JJ.01_039,09] Siehe, in diesem Kinde hat
dich ja der allmächtige Gott heimgesucht; du hast Ihn auf deinen Armen
getragen! – Was willst du noch mehr? Ich sage dir, du bist gerettet vom ewigen
Tode und wirst hinfort keinen Tod an dir mehr sehen, noch fühlen, noch
schmecken!“ –
[JJ.01_039,10] Hier sprang der Cyrenius vor
Freude auf und sprach: „O Mann! – was sprichst du?! – ich werde nicht sterben?!
[JJ.01_039,11] O sage mir, wie ist solches
möglich?! – Denn siehe, bis jetzt ist noch kein Mensch vom Tode verschont
geblieben! – Sollte ich also wirklich in die Zahl der ewig lebendigen Götter
aufgenommen werden also, wie ich jetzt lebe?!“
[JJ.01_039,12] Joseph aber sprach: „Edler
Freund, du hast mich nicht verstanden; ich aber will dir sagen, wie es an
deinem irdischen Ende zugehen wird. Und so wolle mich in aller Kürze anhören!
[JJ.01_039,13] So du ohne diese Gnade
gestorben wärest, da hätten schwere Krankheit, Schmerzen, Kummer und
Verzweiflung deinen Geist und deine Seele samt dem Leibe getötet, und dir wäre
nach diesem Tode nichts geblieben als ein quälendes, dumpfes Bewußtsein deiner
selbst.
[JJ.01_039,14] In dem Falle glichest du
jemandem, der da im eigenen Hause, welches über ihm zusammengestürzt ist, halb
zu Tode verschüttet wurde und ward also beim lebendigen Leibe begraben und muß
nun also den Tod fühlen und gar verzweifelt bitter schmecken, indem er sich
nimmer zu helfen vermag.
[JJ.01_039,15] Stirbst du aber nun in dieser
Gnade Gottes, da wird nur dieser schwere Leib dir schmerzlos abgenommen werden,
und du wirst erwachen zu einem ewigen vollkommensten Leben, in dem du nicht
mehr fragen wirst: Wo ist mein irdischer Leib?!
[JJ.01_039,16] Und du wirst, so dich der Herr
des Lebens rufen wird, nach deiner geistigen Freiheit selbst deinen Leib
ausziehen können wie ein altes lästiges Gewand!“
[JJ.01_039,17] Diese Worte machten auf den
Cyrenius einen allermächtigsten Eindruck. Er fiel darob vor dem Kinde nieder
und sprach: „O Herr der Himmel! So belasse mich denn in solcher Gnade!“ Das
Kind aber lächelte ihn an und hob ein Händchen über ihn. –
[JJ.01_040] 40. Kapitel – Des Cyrenius
Hochachtung vor der Maria. Die trostreiche Antwort der Maria. Der Glückwunsch
des Cyrenius an Joseph. Josephs Worte über die wahre Weisheit.
6. Oktober 1843
[JJ.01_040,01] Nachdem stand der Cyrenius auf
und sprach zur Maria: „O du glücklichste aller Weiber und aller Mütter der
Erde! – Sage mir doch, wie es dir ums Herz ist, so du doch sicher in dir die
vollste Überzeugung hast, daß da der Herr Himmels und der Erde auf deinen Armen
ruht!“
[JJ.01_040,02] Maria aber sprach: „Freund,
wie fragst du mich darum, was dir dein eigenes Herz sagt?
[JJ.01_040,03] Siehe, wir gehen auf derselben
Erde, die Gott aus Sich erschaffen hat, Seine Wunder treten wir fort und fort
mit unseren Füßen, – und doch gibt es Millionen und Millionen Menschen, die
ihre Knie lieber vor den Werken ihrer Hände beugen als vor dem ewig wahren
lebendigen Gott!
[JJ.01_040,04] Wenn aber Gottes große Werke
die Menschen nicht zu wecken vermögen, wie solle das nun ein Kind in den Windeln
bewirken?
[JJ.01_040,05] Darum wird es nur wenigen
gegeben sein, in dem Kinde den Herrn zu erkennen! – Jenen nur, die dir gleich
eines guten Willens sind.
[JJ.01_040,06] Die aber eines guten Willens
sind, die werden nicht Not haben, zu mir zu kommen, auf daß ich ihnen kund
täte, wie es mir ums Herz ist.
[JJ.01_040,07] Das Kind wird Sich Selbst
offenbaren in ihren Herzen und wird sie segnen und wird es sie fühlen lassen,
was da fühlt die Mutter, die das Kind auf ihren Armen trägt! –
[JJ.01_040,08] Glücklich, ja überglücklich
bin ich, da ich dies Kind auf meinen Armen trage!
[JJ.01_040,09] Aber größer und glücklicher
noch werden in der Zukunft diejenigen sein, die Es allein in ihren Herzen
tragen werden!
[JJ.01_040,10] Trage Es auch du unvertilgbar
in deinem Herzen, und es wird dir werden, dessen dich mein Gemahl Joseph
versichert hat!“
[JJ.01_040,11] Als Cyrenius diese Worte von
der holden Maria vernommen hatte, konnte er sich nicht genug verwundern über
ihre Weisheit.
[JJ.01_040,12] Er sagte darob zum Joseph:
„Höre, du glücklichster aller Männer der Erde! Wer hätte je solch eine
allertiefste Weisheit in deinem jungen Weibe gesucht!?
[JJ.01_040,13] Fürwahr, so es irgend eine
Minerva gäbe, da müßte sie sich ja endlos tiefst verkriechen vor ihr, dieser
allerholdesten Mutter!“
[JJ.01_040,14] Der Joseph aber sprach:
„Siehe, ein jeder Mensch kann weise sein in seiner Art aus Gott; ohne Den aber
gibt es keine Weisheit auf der Erde!
[JJ.01_040,15] Daraus aber ist ja auch die
Weisheit meines Weibes erklärlich.
[JJ.01_040,16] Da aber der Herr aus dem Maule
der Tiere schon zu den Menschen geredet hat, wie sollte Er das nicht können
durch den Mund der Menschen?!
[JJ.01_040,17] Doch lassen wir nun das; denn
ich meine, es wird Zeit sein, für die morgige Abreise zu sorgen!“
[JJ.01_040,18] Der Cyrenius aber sagte:
„Joseph, sei des unbekümmert; denn dafür ist schon lange gesorgt; ich selbst
werde dich morgen bis Ostracine begleiten.“ –
[JJ.01_041] 41. Kapitel – Josephs Voraussage
vom Kindermord. Des Cyrenius Grimm über Herodes. Die glückliche Seereise nach
Ägypten. Josephs Segen als Fährlohn an die Schiffer und an Cyrenius.
9. Oktober 1843
[JJ.01_041,01] Darauf sprach Joseph zum Cyrenius:
„Edler Freund, gut und edel ist dein Vorsatz; aber du wirst ihn kaum
auszuführen imstande sein!
[JJ.01_041,02] Denn siehe, noch in dieser
Nacht werden Briefe zu dir gelangen vom Herodes aus, in denen du aufgefordert
wirst, alle Kindlein männlichen Geschlechtes von ein bis zwei Jahren längs dem
Meeresufer aufzufangen und nach Bethlehem zu schicken, damit sie Herodes dort
töten wird!
[JJ.01_041,03] Du kannst dich aber dem
Herodes wohl widersetzen; aber dein armer Bruder muß leider zu diesem bösen Spiele
eine politisch gute Miene machen, um sich nicht dem Bisse dieser giftigsten
aller Schlangen auszusetzen.
[JJ.01_041,04] Glaube mir, während ich nun
bei dir bin, wird in Bethlehem gemordet, und hundert Mütter zerreißen in
Verzweiflung ihre Kleider ob dem grausamsten Verluste ihrer Kinder!
[JJ.01_041,05] Und das geschieht alles dieses
einen Kindes wegen, von dem die drei Weisen Persiens geistig aussagten, daß Es
ein König der Juden sein wird!
[JJ.01_041,06] Herodes aber verstand darunter
einen Weltkönig, darum will er ihn töten, indem er selbst die Herrschaft Judäas
erblich auf sich bringen will und fürchtet, dieser möchte sie ihm einst
entreißen, – während dies Kind doch nur in die Welt kam, das Menschengeschlecht
zu erlösen vom ewigen Tode!“ –
[JJ.01_041,07] Als der Cyrenius solches
vernommen hatte, da sprang er auf vor Grimm gegen den Herodes und sprach zu
Joseph:
[JJ.01_041,08] „Höre mich an, du Mann Gottes!
Dieses Scheusal solle mich nicht zu seinem Werkzeuge dingen! – Heute noch werde
ich mit dir abreisen, und in meinem eigenen dreißigruderigen Schiffe wirst du
ein gutes Nachtlager finden!
[JJ.01_041,09] Meinen vertrautesten und bei
allen Göttern geschwornen Amtsgehilfen aber werde ich schon die Weisung geben,
was sie mit allen Boten zu tun haben, die da mit an mich gerichteten Depeschen
hier anlangen.
[JJ.01_041,10] Siehe, nach unseren geheimen
Gesetzen müssen sie so lange in Gewahrsam gehalten werden, bis ich wieder
hierher komme!
[JJ.01_041,11] Die Briefe aber werden ihnen
abgenommen und müssen mir ohne Wissen der Herodesboten nachgesandt werden, auf
daß ich daraus ersehe, wessen Inhaltes sie sind.
[JJ.01_041,12] Ich aber weiß nun schon, wes
Inhaltes die Briefe sicher sein werden, und weiß auch, wie lange ich ausbleiben
werde; sollten Nachboten kommen, so wird auch sie der Wartturm aufnehmen auf so
lange, bis ich wiederkomme!
[JJ.01_041,13] Und so lasse du nun deine
Familie reisefertig machen, und wir wollen sogleich mein sicheres Schiff
besteigen!“
[JJ.01_041,14] Der Joseph aber ward nun damit
zufrieden, und in einer Stunde befanden sich alle ganz wohl untergebracht im
Schiffe; selbst die Lasttiere Josephs wurden wohl untergebracht. Ein Nordwind
blies, und die Fahrt ging wohl vonstatten.
[JJ.01_041] 10. Oktober 1843
[JJ.01_041,15] Sieben Tage dauerte die Fahrt,
und alle Matrosen und Schiffsleute beteuerten, daß sie so ganz ohne den
allergeringsten Anstand noch nie dieses Gewässer durchrudert hätten, als
diesmal, –
[JJ.01_041,16] was sie aber für diese Zeit um
so mehr für wunderbar hielten, indem – wie sie ihres Glaubens sagten – der
Neptun in dieser Zeit gar heikel sei mit seinem Elemente, da er seine
Schöpfungen im Grunde des Meeres ordne und mit seiner Dienerschaft Rat halte!
[JJ.01_041,17] Der Cyrenius aber sagte zu den
sich wundernden Schiffsleuten: „Höret, es gibt eine zweifache Dummheit: die
eine ist frei, die andere geboten!
[JJ.01_041,18] Wäret ihr in der freien, da
wäre euch zu helfen; aber ihr seid in der gebotenen, welche sanktioniert ist,
und da ist euch nicht zu helfen, –
[JJ.01_041,19] und so möget ihr ja dabei
bleiben, als habe Neptunus seinen Dreizack verloren und habe sich nun nicht
getraut, mit seiner schuppigen Hand uns zu züchtigen für unsern Frevel, den wir
an ihm begangen haben!“
[JJ.01_041,20] Der Joseph aber sprach zum
Cyrenius, fragend: „Ist es nicht üblich, daß man den Schiffsleuten einen Lohn
verabreicht? Sage es mir, und ich will es tun, wie sich's gebührt, damit sie
uns nichts Übles nachreden sollen!“
[JJ.01_041,21] Cyrenius aber sagte: „Lasse
das gut sein; denn siehe, diese sind unter meinem Gebote und haben ihren
Dienstsold, – daher hast du dich um Weiteres nicht zu kümmern!“
[JJ.01_041,22] Joseph aber erwiderte: „Das
ist sicher und wahr, – aber sie sind doch auch Menschen wie wir; daher sollen
wir ihnen auch als Menschen entgegenkommen!
[JJ.01_041,23] Ist ihre Dummheit eine
gebotene, so sollen sie ihre Haut dem Gebote weihen, aber ihren Geist solle
meine Gabe ihnen frei machen!
[JJ.01_041,24] Lasse sie daher hierher
kommen, auf daß ich sie segne und sie in ihren Herzen möchten zu gewahren
anfangen, daß auch für sie die Sonne der Gnade und Erlösung aufgegangen ist!“
[JJ.01_041,25] Hier berief der Cyrenius die
Schiffsleute zusammen, und Joseph sprach über sie folgende Worte:
[JJ.01_041,26] „Höret mich an, ihr getreuen
Diener Roms und dieses eures Herrn! – Treu und fleißig habt ihr das Schiff
geleitet; ein guter Lohn solle von mir, dem diese Fahrt galt, euch dargereichet
werden!
[JJ.01_041,27] Aber ich bin arm und habe
weder Gold noch Silber; aber ich habe die Gnade Gottes im reichen Maße, und das
ist die Gnade jenes Gottes, den ihr den ,Unbekannten‘ nennet!
[JJ.01_041,28] Diese Gnade möge euch der
große Gott in eure Brust gießen, auf daß ihr lebendigen Geistes werdet!“
[JJ.01_041,29] Auf diese Worte kam über alle
ein endloses Wonnegefühl, und alle fingen an, den unbekannten Gott zu loben und
zu preisen.
[JJ.01_041,30] Und der Cyrenius erstaunte
über diese Wirkung des Segens von Joseph und ließ sich dann selbst segnen von
Joseph.
[JJ.01_042] 42. Kapitel – Die Wirkung des
Gnadensegens an Cyrenius. Josephs demütiges Selbstbekenntnis und Rat an
Cyrenius. Die Ankunft in Ostracine (Ägypten).
11. Oktober 1843
[JJ.01_042,01] Auch der Cyrenius ward von
einem großen Wonnegefühl befallen, daß er darob sprach: „Höre du, mein
achtbarster Mann! – Ich empfinde nun also, wie ich's empfunden habe, als ich
das Kindlein auf meinen Armen hielt.
[JJ.01_042,02] Bist du denn mit demselben
einer Natur? – Oder wie ist das, daß ich nun den gleichen Segen empfinde?“
[JJ.01_042,03] Der Joseph aber sprach: „Edler
Freund! – nicht von mir, sondern allein vom Herrn Himmels und der Erde geht
eine solche Kraft aus!
[JJ.01_042,04] Mich durchströmt sie nur bei
solcher Gelegenheit, um dann segnend in dich überzufließen; aber ich selbst
habe solche Kraft ewig nicht, denn Gott allein ist Alles in Allem!
[JJ.01_042,05] Ehre aber in deinem Herzen
stets diesen einen, allein wahren Gott, so wird die Fülle dieses Seines Segens
nie von dir entweichen!“
[JJ.01_042,06] Und weiter sprach Joseph: „Und
nun Freund, siehe, wir haben mit der allmächtigen Hilfe des Herrn dieses Ufer
erreicht, sind aber, wie es mir vorkommt, noch lange nicht in Ostracine!
[JJ.01_042,07] Wo zu liegt es denn, auf daß
wir dahin zögen? – Denn siehe, der Tag neiget sich! Was werden wir tun? Werden
wir weiterziehen oder hier verbleiben bis morgen?“
[JJ.01_042,08] Und der Cyrenius sprach:
„Siehe, wir sind am Eingange der großen Bucht, in deren innerstem Winkel zu
unserer Rechten Ostracine liegt als eine reiche Handelsstadt!
[JJ.01_042,09] In mäßigen drei Stunden mögen
wir sie erreichen; aber so wir in der Nacht dort anlangen, so werden wir schwer
eine Unterkunft finden! Daher wäre ich der Meinung, für heute hier im Schiffe
zu übernachten und uns morgen dahin zu begeben.“
[JJ.01_042,10] Joseph aber sprach: „O Freund,
wenn es nur drei Stunden sind, da sollten wir nicht hier übernachten! Dein
Schiff mag wohl hier verbleiben, auf daß du kein Aufsehen erregest in dieser
Stadt – und ich im geheimen komme an den Ort meiner Bestimmung!
[JJ.01_042,11] Denn würde die römische
Besatzung alldort das Schiff eines Landpflegers Roms entdecken, so müßte sie
dich mit großen Ehren empfangen,
[JJ.01_042,12] und ich müßte dann nolens
volens mit dir als Freund deine Beehrungen teilen, was mir wirklich im höchsten
Grade unangenehm wäre.
[JJ.01_042,13] Daher wäre es mir wohl sehr
erwünscht, daß wir uns sogleich weiter auf die Reise macheten! – Denn siehe,
meine Lasttiere sind nun hinreichend ausgerastet und können uns gar leicht in
kurzer Zeit nach Ostracine bringen!
[JJ.01_042,14] Meine Söhne sind stark und gut
bei Füßen; diese können zu Fuß gehen, und du bedienest dich mit einer nötigen
Dienerschaft ihrer fünf Lasttiere, und so ziehen wir leicht den Weg nach der
nimmer fernen Stadt!“
[JJ.01_042,15] Cyrenius willigte in den Rat
Josephs, übergab das Schiff den Schiffsleuten zur treuen Obhut, nahm dann vier
Diener mit sich, bestieg die Lasttiere Josephs und zog dann sogleich mit Joseph
in die Stadt.
[JJ.01_042,16] In zwei Stunden war diese
erreicht. Als sie aber in die Stadt einzogen, wurden sie um Schutzbriefe von
der Torwache belangt.
[JJ.01_042,17] Cyrenius aber gab sich dem
Wachkommandanten zu erkennen; dieser ließ sogleich ihn begrüßen von den
Soldaten und machte dann sogleich Anstalten für die Unterkunft.
[JJ.01_042,18] Und so ward unsere
Reisegesellschaft ohne den geringsten Anstand alsogleich in dieser Stadt recht
wohl aufgenommen und auf das vorteilhafteste untergebracht.
[JJ.01_043] 43. Kapitel – Der Ankauf eines
Landhauses für die heilige Familie durch Cyrenius.
12. Oktober 1843
[JJ.01_043,01] Des andern Tages am Morgen
aber sandte Cyrenius sogleich einen Boten zum Obersten der Militärbesatzung und
ließ ihm sagen, daß er sobald als tunlich, aber ohne alles Gepränge zu ihm
kommen solle.
[JJ.01_043,02] Und der Oberste kam zum
Cyrenius und sprach: „Hoher Stellvertreter des großen Kaisers in Coelesyrien
und oberster Kommandant von Tyrus und Sidon, lasse mich vernehmen deinen
Willen!“
[JJ.01_043,03] Und der Cyrenius sprach: „Mein
geachtetster Oberster! Fürs erste wünsche ich, daß mir diesmal keine
Ehrenbezeigungen erwiesen werden; denn ich bin inkognito hier.
[JJ.01_043,04] Fürs zweite aber möchte ich
von dir erfahren, ob hier entweder in der Stadt selbst ein kleines Wohnhaus
oder wenigstens nicht ferne von der Stadt irgend eine Villa käuflich oder
wenigstens mietlich zu haben ist.
[JJ.01_043,05] Denn ich möchte für eine
überaus hochschätzbarste, allerehrenwerteste jüdische Familie so etwas kaufen.
[JJ.01_043,06] Denn diese Familie hat sich
aus uns wohlbekannten Gründen aus Palästina, von dem saubern Herodes verfolgt,
flüchten müssen und sucht nun Schutz in unserer römischen Biederkeit und
allzeitigen strengen Gerechtigkeit.
[JJ.01_043,07] Ich habe alle Umstände dieser
Familie genau untersucht und habe sie als höchst rein und gerecht befunden! –
Daß sie aber unter solchen Umständen unter Herodes freilich wohl nicht bestehen
kann, das ist ebenso gut begreiflich, als es begreiflich ist, daß dieses
Scheusal von einem Vierfürsten Palästinas und einem Teile Judäas Roms größter
Feind ist!
[JJ.01_043,08] Ich meine, du verstehst mich,
was ich dir damit sagen will? – Daher also möchte ich für diese benannte
Familie allhier so etwas Kleines und Nutzbares ankaufen.
[JJ.01_043,09] Wenn dir so etwas bekannt ist,
so tue mir den Gefallen und zeige es mir an! Denn siehe, ich kann mich für
diesmal nicht lange aufhalten, da wichtige Geschäfte meiner harren in Tyrus;
daher muß alles noch heute in die Ordnung gebracht werden!“
[JJ.01_043,10] Und der Oberste sprach zum
Cyrenius: „Durchlauchtigster Herr! Da ist der Sache bald abgeholfen; ich selbst
habe mir etwa eine halbe Milie außer der Stadt eine recht nette Villa erbaut
und habe da Obstgärten und drei schöne Kornäcker angelegt.
[JJ.01_043,11] Mir aber bleibt zu wenig Zeit
übrig, mich damit gehörig abgeben zu können. Sie ist mein vollkommenes
Eigentum; wenn du sie haben willst, so ist sie mir um hundert Pfund samt Schutz
und Schirm verkäuflich und kann als ein unbesteuertes Gut besessen werden.“
[JJ.01_043,12] Als der Cyrenius solches
vernommen hatte, reichte er dem Obersten die Hand, ließ sich von seinen Dienern
die Säckel bringen und zahlte dem Obersten die Villa sogleich noch ungesehen
bar aus und ließ sich dann, ungesehen von Joseph, vom Obersten dahin geleiten,
um da seinen Kauf zu besichtigen.
[JJ.01_043,13] Als er die ihm überaus gut
gefallende Villa besehen hatte, da befahl er sogleich seinen Dienern, in der
Villa so lange zu verweilen, bis er mit der Familie zurückkommen werde.
[JJ.01_043,14] Sodann begab er sich mit dem
Obersten in die Stadt, ließ sich von ihm auf Pergament den Schutz- und
Schirmbrief ausfolgen, empfahl sich dann beim Obersten und begab sich damit
voll heimlicher Freude hin zum Joseph.
[JJ.01_043,15] Dieser fragte ihn sogleich,
sagend: „Guter lieber Freund, ich muß meinem Gotte danken, daß Er dich also
gesegnet hat, daß du mir bisher so viel Freundschaft hast erweisen mögen!
[JJ.01_043,16] Ich bin nun gerettet und habe
hier für diese Nacht eine herrliche Unterkunft gehabt! – Aber ich muß hier
verbleiben; wie wird es in der Zukunft aussehen – wo werde ich wohnen, wie mich
fortbringen? – Siehe, dafür muß ich mich sogleich umsehen.“
[JJ.01_043,17] Und der Cyrenius sagte: „Ganz
wohl, mein allerachtbarster Mann und Freund, lasse daher deine Familie
aufpacken deine Sachen, und ziehe dann sogleich mit Sack und Pack mit mir, und
wir wollen einige hundert Schritte außer der Stadt etwas aufsuchen, weil in der
Stadt meiner Erkundigung nach nichts zu haben ist!“ – Das gefiel dem Joseph
wohl, und er tat, was der Cyrenius verlangte.
[JJ.01_044] 44. Kapitel – Joseph mit der
heiligen Familie im neuen Heim. Cyrenius als Gast. Der Dank Josephs und Marias.
13. Oktober 1843
[JJ.01_044,01] Als der Cyrenius bei der
gekauften Villa mit dem Joseph und dessen Familie anlangte, da sagte der Joseph
zum Cyrenius:
[JJ.01_044,02] „Edler Freund, da gefiele es
mir; eine prunklose Villa, ein artiger Obstgarten voll Datteln, Feigen,
Granatäpfeln, Orangen, Äpfeln und Birnen, Kirschen,
[JJ.01_044,03] Trauben, Mandeln, Melonen und
einer Menge Grünzeug! Und daneben ist noch Wiesengrund und drei Kornäcker, das
alles sicher hierzu gehört!
[JJ.01_044,04] Fürwahr, nicht Glänzendes und
Prunkendes möchte ich haben; aber diese nutzbringend angelegte Villa, die da
eine große Ähnlichkeit hat mit meinem Mietgrunde zu Nazareth in Judäa, möchte
ich entweder mieten oder gar kaufen!“
[JJ.01_044,05] Hier zog der Cyrenius den
Kauf- Schutz-und-Schirmbrief hervor und übergab ihn dem Joseph mit den Worten:
[JJ.01_044,06] „Der Herr, dein und nun auch
mein Gott, segne es dir! Hiermit übergebe ich dir den steuerfreien Vollbesitz
dieser Villa!
[JJ.01_044,07] Alles, was du mit einem
Gebüsch dicht umwachsen und mit einem Palisadenzaune umfangen erschaust, gehört
zu dieser Villa! Hinter dem Wohngebäude ist noch eine geräumige Stallung für
Esel und Kühe! Zwei Kühe wirst du finden; Lasttiere aber hast du ohnehin genug
für deinen Bedarf.
[JJ.01_044,08] Solltest du aber etwa mit der
Zeit wieder in dein Vaterland zurückkehren wollen, so kannst du diese Besitzung
verkaufen und mit dem Gelde dir irgend woanders etwas anschaffen!
[JJ.01_044,09] Mit einem Worte – du, mein
großer Freund, bist von nun an im Vollbesitze dieser Villa und kannst damit
tun, was du willst.
[JJ.01_044,10] Ich aber werde heute, morgen
und übermorgen noch hier verbleiben, damit des Herodes arge Boten desto länger
auf mich harren sollen!
[JJ.01_044,11] Und nur diese kurze Zeit will
ich einen Mitgebrauch, aus großer Liebe zu dir, von dieser Villa machen!
[JJ.01_044,12] Ich dürfte es zwar nur
gebieten, und es müßte mir im Augenblicke der kaiserliche Palast eingeräumt
werden, – fürs erste, weil ich mit der kaiserlichen Vollmacht ausgerüstet bin,
[JJ.01_044,13] und fürs zweite, weil ich ein
naher Anverwandter des Kaisers bin!
[JJ.01_044,14] Aber dieses alles vermeide ich
aus großer Achtung und Liebe zu dir, ganz besonders aber zu dem Kinde, das ich
wenigstens unwiderruflich für den Sohn des allerhöchsten Gottes halte!“
[JJ.01_044,15] Der Joseph aber war über diese
edle Überraschung so sehr gerührt, daß er aus dankbarster Freude nur weinen,
aber nicht reden konnte.
[JJ.01_044,16] Auch der Maria ging's nicht
besser; aber sie faßte sich eher und ging zum Cyrenius und drückte ihre
Dankbarkeit dadurch aus, daß sie das Kindlein dem Cyrenius auf die Arme legte.
Und der Cyrenius sprach ganz gerührt: „O Du mein großer Gott und Herr, ist denn
auch ein Sünder wert, Dich auf seinen Händen zu tragen? – O sei mir denn gnädig
und barmherzig!“
[JJ.01_045] 45. Kapitel – Die Besichtigung
des neuen Heimwesens. Marias und Josephs Dankesworte. Des Cyrenius Interesse an
der Geschichte Israels.
14. Oktober 1843
[JJ.01_045,01] Joseph nahm, nachdem er sich
aus seiner großen Überraschung erholt hatte, mit dem Cyrenius alles in
Augenschein.
[JJ.01_045,02] Und Maria, die das Kindlein
von den Armen des Cyrenius wieder nahm, besah auch alles mit und hatte eine
rechte Freude über die große Güte des Herrn, darum Er auch irdisch für sie so
wohl gesorgt hatte.
[JJ.01_045,03] Und als sie alles besehen
hatten und ins reine Wohnhaus eingekehrt waren, da sprach die Maria ganz selig
zum Joseph:
[JJ.01_045,04] „O mein teurer, geliebter
Joseph! Siehe, ich bin über die Maßen fröhlich, daß der Herr so gut für uns
gesorgt hat!
[JJ.01_045,05] Ja, es kommt mir überhaupt
vor, als hätte der Herr die ganze alte Ordnung umgekehrt!
[JJ.01_045,06] Denn siehe, einst führte Er
die Kinder Israels aus Ägypten ins gelobte Land Palästina, damals Kanaan genannt.
[JJ.01_045,07] Nun aber hat Er Ägypten wieder
zum gelobten Lande gemacht und floh mit uns oder führte uns vielmehr Selbst
hierher, von wo Er einst unsere Väter erlösend führte durch die Wüste ins
gelobte Land, das da überfloß von Milch und Honig.“
[JJ.01_045,08] Und der Joseph sprach: „Maria,
du hast eben nicht ganz unrecht in deiner heiteren Bemerkung;
[JJ.01_045,09] aber nur bin ich der Meinung,
daß deine Aussage nur für diese unsere gegenwärtige Stellung taugt.
[JJ.01_045,10] Im allgemeinen aber kommt es
mir also vor, als hätte der Herr nun mit uns das getan, was Er einst mit den
Söhnen Jakobs getan hat, als eben im Lande Kanaan die große Hungersnot
ausgebrochen war!
[JJ.01_045,11] Das israelitische Volk blieb
dann bis Moses in Ägypten; aber Moses führte es wieder heim durch die Wüste.
[JJ.01_045,12] Und ich glaube, also wird es
uns auch ergehen; auch wir werden nicht hier begraben werden und werden sicher
müssen zur rechten Zeit wieder nach Kanaan zurückkehren!
[JJ.01_045,13] Zu unserer Väter Heimführungszeit
mußte zwar erst ein Moses erweckt werden; wir aber haben den Moses des Moses
schon in unserer Mitte!
[JJ.01_045,14] Und so meine ich, es wird also
geschehen, wie ich es ausgesprochen habe.“
[JJ.01_045,15] Und die Maria behielt alle
diese Worte in ihrem Herzen und gab dem Joseph das Recht.
[JJ.01_045,16] Auch der Cyrenius hatte diesem
Gespräch aufmerksamst zugehört und gab dann dem Joseph zu verstehen, daß er mit
der Urgeschichte der Juden näher bekannt werden möchte. –
[JJ.01_046] 46. Kapitel – Die gemeinsame
Mahlzeit und Josephs Erzählung über die Geschichte der Schöpfung, der
Menschheit und des jüdischen Volkes. Des Cyrenius vorsichtiger Bericht an den
Kaiser und seine gute Wirkung.
16. Oktober 1843
[JJ.01_046,01] Joseph befahl dann seinen Söhnen,
die Tiere zu versorgen und dann nachzusehen, wie es mit den Eßwaren aussehe.
[JJ.01_046,02] Und diese gingen und taten
alles nach dem Willen Josephs, versorgten die Tiere, melkten die Kühe,
[JJ.01_046,03] gingen dann in die
Speisekammer und fanden dort einen großen Vorrat von Mehl, Brot, Früchten und
auch mehrere Töpfe voll Honig.
[JJ.01_046,04] Denn der Wachkommandant war
ein großer Bienenzüchter nach der Schule, wie sie in Rom gang und gäbe war, daß
sie darum sogar ein damaliger Dichter Roms besang.
[JJ.01_046,05] Und sie brachten daher bald
Brot, Milch, Butter und Honig in das Wohnzimmer zu Joseph.
[JJ.01_046,06] Und Joseph besah alles, dankte
Gott und segnete all die Speisen, ließ sie dann auf den Tisch legen und bat den
Cyrenius, daran teilzunehmen.
[JJ.01_046,07] Dieser erfüllte auch den
Wunsch Josephs gerne; denn auch er war ein großer Freund von Milch und
Honigbrot.
[JJ.01_046,08] Während der Mahlzeit aber
erzählte der Joseph dem Cyrenius ganz kurz die Geschichte des jüdischen Volkes
nebst der Geschichte der Schöpfung und des Menschengeschlechtes
[JJ.01_046,09] und stellte das alles also
bündig und folgerecht dar, daß es dem Cyrenius ganz einleuchtend ward, daß da
Joseph sicher die verbürgteste Wahrheit geredet hatte.
[JJ.01_046,10] Er ward darob einesteils sehr
vergnügt für seinen Teil, aber wieder anderseits betrübt für die Seinen in Rom,
von denen er wohl wußte, in welch schändlicher Finsternis sie waren.
[JJ.01_046,11] Daher sprach er zu Joseph:
„Erhabener Mann und nun größter Freund meines Lebens!
[JJ.01_046,12] Siehe, ich habe nun einen Plan
gefaßt! – Alles, was ich nun von dir vernommen habe, werde ich also meinem nahe
leiblichen Bruder, dem Kaiser Augustus, berichten, aber nur also, als hätte
ich's zufällig von einem mir übrigens ganz unbekannten Juden voll Biederkeit
vernommen.
[JJ.01_046,13] Dein Name und dein Aufenthalt
wird nicht im allerentferntesten Sinne berührt; denn warum solle denn der beste
Mensch in Rom, der Kaiser Augustus, mein Bruder, ewig sterben müssen?!“
[JJ.01_046,14] Diesmal willigte Joseph ein,
und der Cyrenius schrieb noch in Ostracine drei Tage lang und sandte es durch
ein Extraschiff nach Rom an den Kaiser, mit der alleinigen Unterschrift: Dein
Bruder Cyrenius.
[JJ.01_046,15] Die Durchlesung dieser
Nachricht von Seite des Cyrenius hatte dem Kaiser die Augen geöffnet; er fing
dann das jüdische Volk zu achten an und verschaffte ihm sogar die Gelegenheit,
gegen eine kleine Taxe als echt römische Bürger aufgenommen zu werden.
[JJ.01_046,16] Zugleich aber wurden alle
extrafeinen Heidentumsprediger unter irgendeinem Vorwande aus Rom verbannt.
[JJ.01_046,17] Aus einem ähnlichen Grunde
wurde der sonst in Rom so beliebte Dichter Ovidius aus Rom verbannt, davon man
den Grund nicht erfahren konnte; und so erging's dann unter dem Augustus auch
dem Priesterstande nicht am besten.
[JJ.01_047] 47. Kapitel – Die Abreise des
Cyrenius und seine Vorsorge für die heilige Familie. Die Schreckensbotschaft
der Zeugen des Kindermordes. Ein Brief des Cyrenius an Herodes.
17. Oktober 1843
[JJ.01_047,01] Am vierten Tage empfahl sich
dann erst Cyrenius, nachdem er zuvor dem Stadtobersten ganz besonders ans Herz
gelegt hatte, dieser Familie ja seinen Schutz bei jeder Gelegenheit
unverzüglich angedeihen zu lassen.
[JJ.01_047,02] Als er aber fortzog, da wollte
ihm die ganze Familie das Geleite geben bis zum Meere, da sein Schiff vor Anker
lag.
[JJ.01_047,03] Aber Cyrenius lehnte das
freundschaftlichst ab und sprach: „Liebster, erhabener Freund, bleibe du nun
ungestört allhier!
[JJ.01_047,04] Denn man kann nicht wissen,
was alles für Nachboten schon mein Schiff eingeholt haben – und mit was für
Nachrichten!
[JJ.01_047,05] Obschon du aber nun vollkommen
gesichert bist, so ist aber hier doch auch für mich jene Klugheit vonnöten,
durch welche von den Nachzettlern niemand erfahren solle, warum ich diesmal im
Januarius Ägypten besucht habe!“
[JJ.01_047,06] Joseph aber verstand den
Cyrenius wohl, blieb zu Hause und segnete diesen Wohltäter an der Hausflur.
[JJ.01_047,07] Darauf begab sich der Cyrenius
unter der Verheißung, den Joseph bald wieder zu besuchen, von dannen mit seinen
vier Dienern und erreichte also zu Fuß gar bald sein Schiff.
[JJ.01_047,08] Allda angelangt, wurde er
sobald mit großem Jubel empfangen, – aber hintendrein auch von einigen andern
hier angelangten Boten mit einem großen Jammergeschrei.
[JJ.01_047,09] Denn viele Eltern flüchteten
sich von der Küste Palästinas vor der Verfolgung des Herodes, des
Kindermörders, und erzählten sogleich über Hals und Kopf, welche Greuel Herodes
um Bethlehem und im ganzen südlichen Teile Palästinas mit Hilfe der römischen
Soldaten verübe.
[JJ.01_047,10] Hier schrieb der Cyrenius
sogleich einen Brief an den Landpfleger von Jerusalem und einen an den Herodes
selbst, – und das gleichen Sinnes!
[JJ.01_047,11] Der Brief aber lautete also
kurz: „Ich, Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und oberster Landpfleger über
Asien und Ägypten – befehle euch im Namen des Kaisers, eurer Grausamkeit auf
der Stelle Einhalt zu tun;
[JJ.01_047,12] widrigenfalls ich den Herodes
als einen barsten Rebellen ansehen werde und werde ihn züchtigen nach dem Gesetze,
nach der Gebühr und nach meinem gerechten Zorne!
[JJ.01_047,13] Seine Greuel aber hat der
Landpfleger von Jerusalem genau zu untersuchen und mich davon unverzüglich in
Kenntnis zu setzen, auf daß mir der Wüterich der gerechten Strafe für seine Tat
nicht entgehe!
[JJ.01_047,14] Geschrieben auf meinem Schiffe
,Augustus‘ an der Küste zu Ostracine, im Namen des Kaisers, dessen oberster
Stellvertreter in Asien und Ägypten und sonderheitlich Landpfleger in
Coelesyrien, Tyrus und Sidon – Cyrenius vice Augusti.“
[JJ.01_048] 48. Kapitel – Die Wirkung und
Folge dieses Briefes. Die List des Herodes. Ein zweiter Brief des Cyrenius an
Herodes.
18. Oktober 1843
[JJ.01_048,01] Der Landpfleger von Jerusalem
und der Herodes aber entsetzten sich gewaltigst über den Brief des Cyrenius,
stellten ihr Greuelgetriebe ein und sandten Boten nach Tyrus, die dem Cyrenius
anzeigen sollten, aus welcher wichtigen Ursache sie solches taten.
[JJ.01_048,02] Sie schilderten mit den
grellsten Farben die Gesandtschaft der ohnehin schlüpfrigen Perser und
behaupteten sogar, daß sie gar wichtige, geheime Spuren entdeckt hätten, daß
sogar des Cyrenius Bruder, Cornelius, in diese geheime, ganz asiatische
Verschwörung als Oberhaupt mit begriffen sei!
[JJ.01_048,03] Denn man habe in Erfahrung gebracht,
daß Cornelius diesen neuen König der Juden in seinen Schutz genommen hatte.
[JJ.01_048,04] Und Herodes sei nun gesonnen,
Boten nach Rom darob zu senden, so ihm von Cyrenius nicht Gewähr geleistet
werde.
[JJ.01_048,05] Cyrenius habe daher den
Cornelius der strengsten Untersuchung zu unterziehen, – wo nicht, so werde der
Bericht an den Kaiser unausbleiblich abgehen!
[JJ.01_048,06] Diese Reprise, welche
Cyrenius, schon wieder in Tyrus, erhielt, machte ihn anfangs stutzen.
[JJ.01_048,07] Aber er faßte sich bald, vom
göttlichen Geist geleitet, und schrieb folgende Zeilen an den Herodes, sagend
nämlich:
[JJ.01_048,08] „Wie lautet das geheime Gesetz
des Augustus für allfällige Entdeckungen der Komplotte? – Es lautet also: ,So
jemand irgendein geheimes Komplott entdeckt, so hat er sich ruhigst zu benehmen
und alles sogleich umständlichst der höchsten Staatsbehörde des Landes
anzuzeigen!
[JJ.01_048,09] Weder ein sonderheitlicher
Landpfleger, noch weniger ein Lehensherr aber hat ohne den ausdrücklichen
Befehl der obersten Staatsbehörde, welche alles eher wohl zu untersuchen hat,
einen Finger ans Schwert zu legen.
[JJ.01_048,10] Denn nirgends kann ein
unzeitiger Angriff einen größeren Schaden für den Staat bewirken als eben in
diesem Punkte;
[JJ.01_048,11] indem das Komplott dadurch
sich zurückzieht und seinen bevorhabenden Umtrieb unter noch verschmitztere
Kniffe verbirgt und ihn in günstigeren Umständen sicher, seinen Zweck nicht
verfehlend, zum effektiven Vorschein bringt!‘
[JJ.01_048,12] Das ist in dieser gar
wichtigsten Hinsicht des weisesten Kaisers eigenmündiges Gebot!
[JJ.01_048,13] Habt ihr darnach gehandelt? –
Mein Bruder Cornelius aber hat darnach gehandelt! Er hat sich des sein
sollenden neuen Königs der Juden sobald bemächtiget,
[JJ.01_048,14] hat mir ihn in die Gewalt
geliefert, und ich habe mit ihm schon lange die gerechtesten Verfügungen nach
der Gewalt getroffen, die mir über Asien und Ägypten zusteht.
[JJ.01_048,15] Mein Bruder hat euch alles das
vorgestellt; allein er redete zu tauben Ohren!
[JJ.01_048,16] Als wahrhafte Rebellen habt
ihr gegen alle Vorstellung meines Bruders den Kindermord unternommen und habt
mich noch obendrauf keck aufgefordert, daß ich euch unterstützen solle! – Heißt
das, das kaiserliche Gesetz handhaben?
[JJ.01_048,17] Ich aber sage euch, der Kaiser
ist bereits von allem unterrichtet und hat mich bevollmächtigt, den Landpfleger
von Jerusalem abzusetzen, obschon er mir anverwandt ist, und dem Herodes eine
Strafe von zehntausend Pfund Goldes aufzulegen.
[JJ.01_048,18] Der entsetzte Landpfleger hat
sich binnen fünf Tagen bei mir einzufinden und der Herodes seine Geldbuße in
längstens dreißig Tagen hier völlig zu entrichten, im widrigen Falle er seines
Lehnsrechtes verlustig erklärt wird. Fiat! Cyrenius vice Augusti.“
[JJ.01_049] 49. Kapitel – Die Wirkung des
zweiten Schreibens. Die Ankunft des Herodes und des Landpflegers in Tyrus. Der
Empfang bei Cyrenius. Die Erregung des geängstigten Volkes. Maronius Pilla vor
Cyrenius.
19. Oktober 1843
[JJ.01_049,01] Dieser Brief des Cyrenius
hatte erst den Landpfleger von Jerusalem wie den Herodes in die größte Angst
versetzt.
[JJ.01_049,02] Herodes und der Landpfleger, namens
Maronius Pilla, begaben sich darum schleunigst zum Cyrenius.
[JJ.01_049,03] Herodes, um von seiner Buße
etwas herabzuhandeln, und der Landpfleger, um in sein Amt wieder aufgenommen zu
werden.
[JJ.01_049,04] Als sie mit großem Gefolge in
Tyrus anlangten, da entsetzte sich das Volk; denn es war der Meinung, Herodes
werde auch hier seine Grausamkeit ausüben mit dem Einverständnisse des
Cyrenius.
[JJ.01_049,05] Daher lief es außer Atem zu
ihm, warf sich nieder und bat und schrie um Gnade und Erbarmen!
[JJ.01_049,06] Cyrenius aber, da er die
Veranlassung zu dieser Erscheinung nicht wußte, entsetzte sich anfangs, –
[JJ.01_049,07] faßte sich aber dann und
fragte das Volk ganz freundlichst, was es denn gäbe, was vorgefallen sei, darum
es also gewaltig geängstiget vor ihm schreie.
[JJ.01_049,08] Das Volk aber schrie: „Er ist
da, er ist da, der Grausamste der Grausamen, der in ganz Palästina viele
Tausende von den unschuldigsten Kindern ermorden ließ!!!“ – – –
[JJ.01_049,09] Nun erst erriet Cyrenius den
Grund der Angst des Volkes, tröstete es, worauf das Volk sich wieder beruhigte
und von dannen ging; er aber machte sich gefaßt auf den Empfang der beiden.
[JJ.01_049,10] Kaum war das Volk aus der
Residenz des Cyrenius hinweggezogen, so ließen schon auch die beiden sich
anmelden.
[JJ.01_049,11] Der Herodes trat zuerst vor
den Cyrenius, verbeugte sich tiefst vor der Kaiserlichen Hoheit und erbat sich
die Erlaubnis zu reden.
[JJ.01_049,12] Und der Cyrenius sprach mit
großer Erregtheit: „Rede du, für den die Hölle zu gut ist, um ihm einen Namen
zu geben! – Rede, du bösartigster Auswurf der untersten Hölle! – Was willst du
von mir!?“
[JJ.01_049,13] Und der Herodes, ganz
erblassend vor den Donnerworten des Cyrenius, sprach bebend: „Herr der
Herrlichkeit Roms! – Zu unerschwingbar groß ist die von dir diktierte Buße;
erlasse mir daher die Hälfte!
[JJ.01_049,14] Denn Zeus sei mir Zeuge, daß
ich, was ich getan habe, im gerechten Eifer für Rom getan habe!
[JJ.01_049,15] Ich habe freilich grausam
gehandelt, aber es war nicht anders möglich; denn die persische, gar glänzende
Gesandtschaft hat mich offenbar dazu veranlaßt, indem ich von ihr hintergangen
ward gegen ein von ihr mir gegebenes Wort!“
[JJ.01_049,16] Cyrenius aber sprach: „Hebe
dich von hier, arger Lügner zu deinem Vorteile! Mir ist alles bekannt! Bekenne
dich unverzüglich zur diktierten Buße, oder ich lasse dir auf der Stelle hier
deinen Kopf vom Rumpfe schlagen!“
[JJ.01_049,17] Hier bekannte sich Herodes zur
Buße, und das unter der Geisel des abgeforderten Lehensbriefes, der ihm erst
nach der geleisteten Buße wieder überreicht ward.
[JJ.01_049,18] Und Cyrenius ließ ihn darauf
sich entfernen und ließ den Maronius Pilla vor.
[JJ.01_049,19] Dieser aber, da er im
Vorgemache die Stimmung des Cyrenius vernommen hatte, kam schon mehr als eine
Leiche denn als ein lebendiger Mensch vor den Cyrenius.
[JJ.01_049,20] Cyrenius aber sprach: „Pilla,
fasse dich, denn du warst gezwungen! – Du mußt mir wichtige Aufschlüsse geben;
darum ließ ich dich rufen! – Deiner harret keine Buße, außer die deines Herzens
vor Gott!“
[JJ.01_050] 50. Kapitel – Das Verhör des
Landpflegers durch Cyrenius. Der Beschönigungsversuch des Landpflegers. Die
Gewissensfrage des Cyrenius an den Maronius, dessen Bekenntnis und
Verurteilung.
20. Oktober 1843
[JJ.01_050,01] Nach dieser Anrede des
Cyrenius fiel dem Maronius Pilla ein gewaltiger Stein von der Brust; der Puls
fing an freier zu gehen, und er ward bald fähig, dem Cyrenius zur Rede zu
stehen.
[JJ.01_050,02] Und als der Cyrenius sah, daß
der Maronius Pilla sich erholt hatte, fragte er ihn folgendermaßen:
[JJ.01_050,03] „Ich sage dir, gebe mir die
gewissenhafteste Antwort darüber, worüber ich dich fragen werde! Denn jede
ausflüchtige Antwort wird dir mein gerechtes Mißfallen zuziehen! Und so
vernehme denn meine Frage!
[JJ.01_050,04] Sage mir, kennst du die
Familie, deren erstgebornes Kind der sogenannte neue König der Juden sein
solle?“
[JJ.01_050,05] Maronius Pilla antwortete:
„Ja, ich kenne sie persönlich nach der Kundgabe der Judenpriester in Jerusalem!
– Der Vater heißt Joseph und ist ein Zimmermann ersten Rufes in ganz Judäa und
halb Palästina und ist seßhaft nahe bei Nazareth.
[JJ.01_050,06] Seine Redlichkeit ist im
ganzen Lande, wie auch in ganz Jerusalem bekannt. Er mußte vor ungefähr elf
Monden ein reif gewordenes Mädchen aus dem jüdischen Tempel zur Obhut nehmen,
ich glaube, durch eine Art Losung.
[JJ.01_050,07] Dieses Mädchen hat
wahrscheinlich in Abwesenheit dieses biederen Zimmermanns etwas zu früh der
Venus gehuldigt, ward schwanger, darob dann meines Wissens dieser Mann grobe
Anstände mit der jüdischen Priesterschaft zu bestehen hatte.
[JJ.01_050,08] Insoweit ist mir die Sache
wohl bekannt; aber mit der Entbindung dieses Mädchens – das da dieser Mann, um
der Schande zu entgehen, die er von seinen Genossen zu befürchten hatte, noch
vor der Entbindung zum Weibe genommen haben solle – haben sich überaus
mystische Sagen im Volke verbreitet, und man kann darüber nicht ins klare
kommen!
[JJ.01_050,09] Sie hat bei der Gelegenheit
der Volksbeschreibung in Bethlehem entbunden, und zwar in einem Stalle; so viel
habe ich herausgebracht.
[JJ.01_050,10] Alles Weitere ist mir völlig
unbekannt; solches sagte ich auch dem Herodes!
[JJ.01_050,11] Dieser aber meinte, Cornelius
habe diese ihm von den Persern verdächtig gemachte Familie irgend im Volke
verbergen wollen, um ihm den Lehnsthron streitig zu machen, da er wohl weiß,
daß dein Bruder sein Freund nicht ist!
[JJ.01_050,12] Darum nahm er denn auch zu
dieser exzentrischen Grausamkeit seine Zuflucht, um dadurch vielmehr dem
Cornelius seinen Plan zu vereiteln, als so ganz eigentlich dieses neuen Königs
habhaft zu werden.
[JJ.01_050,13] Er übte somit mehr aus Rache
gegen deinen Bruder, als aus Furcht vor diesem neuen König, diese
kindermörderische Rache aus. Das ist nun alles, was ich dir zu sagen weiß über
diese sonderbare Begebenheit!“
[JJ.01_050,14] Und der Cyrenius sprach
weiter: „Bisher habe ich aus deinen Worten ersehen, daß du zwar die Wahrheit
geredet hast; aber daß du dabei vor mir auch gewisserart den Herodes
weißwaschen möchtest, ist mir keineswegs entgangen!
[JJ.01_050,15] Ich sage dir aber, wie ich
geschrieben habe, die Tat des Herodes läßt sich durch nichts entschuldigen!
[JJ.01_050,16] Denn ich will es dir sagen,
warum Herodes diese allerunmenschlichste Grausamkeit ausgeübt hat.
[JJ.01_050,17] Höre! Herodes ist selbst der
allerherrschsüchtigste Mensch, den je die Erde genährt hat.
[JJ.01_050,18] Wenn er es könnte und
einigermaßen nur eine entsprechende Macht dazu hätte, so würde er heute noch
mit uns Römern, den Augustus nicht ausgenommen, das tun, was er mit den
unschuldigsten Kindern getan hat! – Verstehst du mich?!
[JJ.01_050,19] Er hatte diesen Kindermord nur
darum unternommen, weil er der Meinung war, uns Römern einen groß respektablen
Dienst zu erweisen und sich dadurch als echter römischer Patriot zu zeigen, auf
daß ihm der Kaiser mein Amt zum Lehnsfürstentume noch hinzu anvertrauen möchte;
[JJ.01_050,20] wodurch er dann gleich mir
vice Caesaris unumschränkt mit dem Drittel der ganzen römischen Macht
disponieren könnte und könnte sich dadurch dann auch von Rom ganz los und
unabhängig machen, um als Alleinherrscher über Asien und Ägypten dazustehen.
[JJ.01_050] 21. Oktober 1843
[JJ.01_050,21] Verstehst du mich?! – Siehe,
das ist der mir gar wohlbekannte Plan dieses alten Scheusals; und wie ich ihn
kenne, so kennt ihn nun auch Augustus!
[JJ.01_050,22] Nun aber frage ich dich bei
deinem Kopfe zum Pfande der Wahrheit, die du mir darüber zu erteilen hast, ob
du von diesem Plane Herodis nichts gewußt hattest, als er dich zu seinem
schändlichsten Werkzeuge gedingt hatte?
[JJ.01_050,23] Rede! aber bedenke, daß dich
hier jede unwahre ausflüchtige Silbe das Leben kostet! Denn mir ist in dieser
Sache jeder Punkt auf ein Haar bekannt!“
[JJ.01_050,24] Hier ward der Maronius Pilla
wieder zur Leiche und stotterte: „Ja, du hast recht, ich wußte auch, was der
Herodes im Schilde führte.
[JJ.01_050,25] Aber ich fürchtete seinen
argen Intrigengeist und mußte darum tun nach seinem Verlangen, um ihm dadurch
den Grund zu einer noch größeren Intrige zu zerstören.
[JJ.01_050,26] Ganz also durch und durch
aber, wie ich den Herodes jetzt durch dich kenne, habe ich ihn ehedem doch
nicht erkannt; denn hätte ich das, da lebte er nicht mehr!“
[JJ.01_050,27] Und Cyrenius sprach: „Gut, ich
schenke dir im Namen des Kaisers zwar das Leben; aber in dein Amt werde ich
dich nicht eher einsetzen, als bis deine Seele genesen wird von einer starken
Krankheit! – Bei mir hier wirst du gepflegt, deine Stelle aber wird einstweilen
mein Bruder Cornelius versehen; denn siehe, ich traue dir nimmer! Daher bleibst
du hier, bis du gesund wirst!“
[JJ.01_051] 51. Kapitel – Das Geständnis des
Maronius Pilla. Cyrenius als weiser Richter.
24. Oktober 1843
[JJ.01_051,01] Als der Maronius Pilla solch
Urteil von Cyrenius vernommen hatte, da sprach er mit bebender Stimme:
[JJ.01_051,02] „Wehe mir, denn es ist alles
verraten! – Ich bin ein Republikaner, und solches ist dem Kaiser offen
dargelegt, – wehe, ich bin verloren!“
[JJ.01_051,03] Cyrenius aber sprach: „Wohl
wußte ich, wessen Geistes Kinder ihr seid, und welch ein Grund dich zum
Kindermorde mit dem Herodes verbündet hatte.
[JJ.01_051,04] Darum handelte ich auch also,
wie ich gehandelt habe!
[JJ.01_051,05] Wahrlich, so du nicht samt mir
dem ersten Hause Roms entstammen möchtest, ich hätte dir den Kopf ohne Gnade
herabschlagen lassen,
[JJ.01_051,06] wo ich dich nicht sogar hätte
ans Querholz heften lassen! Ich aber habe dich darum begnadigt, weil du fürs
erste von Herodes mehr verleitet wardst zu diesem Schritte, und weil du einer
der ersten Patrizier Roms bist samt mir und dem Augustus Caesar.
[JJ.01_051,07] Aber in dein Amt kommst du
nicht, solange Herodes leben wird, und solange du nicht vollkommen geheilt sein
wirst!
[JJ.01_051,08] Die Bedingung deines Hierseins
aber wirst du dadurch erfüllen, daß du ohne alle Widerrede dich der Arbeit
unterziehen wirst, die ich dir zuteilen werde, und daß du streng unter meinen
Augen wandeln wirst!
[JJ.01_051,09] Im Frühjahre aber werde ich
einen amtlichen Ausflug nach Ägypten machen, – dahin wirst du mich begleiten!
[JJ.01_051,10] Dort wohnt außer der Stadt ein
alter Weiser; diesem werde ich dich unter die Augen stellen, – und er wird dir
alle deine Krankheit kundtun!
[JJ.01_051,11] Und es wird sich dort auf den
ersten Augenblick zeigen, inwieweit allen deinen Aussagen zu trauen ist!
[JJ.01_051,12] Bereite dich daher wohl vor;
denn dort wirst du mehr antreffen denn das Orakel zu Delphi!
[JJ.01_051,13] Denn dort wirst du vor einen
Richter gestellt werden, dessen Augenschärfe das Erz fließen macht wie Wachs! –
Bereite dich daher wohl vor; denn bei diesem meinem Ausspruche wird es
verbleiben!“ –
[JJ.01_052] 52. Kapitel – Die Reise des
Cyrenius nach Ägypten und seine Ankunft in Ostracine. Josephs und Marias
Entschluß, Cyrenius zu begrüßen. Die ersten Worte des Kindleins.
25. Oktober 1843
[JJ.01_052,01] Das bestimmte Frühjahr kam gar
bald heran; denn in dieser Gegend ist dessen Anfang schon im halben Februar.
[JJ.01_052,02] Aber Cyrenius bestimmte seine
Reise nach Ägypten erst im halben März, welcher Monat bei den Römern gewöhnlich
für militärische Geschäfte festgesetzt war.
[JJ.01_052,03] Als sonach der halbe März
erschien, ließ der Cyrenius sobald wieder sein Schiff ausrüsten und trat mit
Maronius Pilla gerade am fünfzehnten die Reise nach Ägypten an.
[JJ.01_052,04] In fünf Tagen ward diesmal die
Reise zurückgelegt.
[JJ.01_052,05] Diesmal ließ der Cyrenius sich
in Ostracine mit allen Ehren empfangen; denn er mußte diesmal große
militärische Musterungen und Visitationen halten.
[JJ.01_052,06] Darum mußte er sich diesmal
auch mit allen Auszeichnungen empfangen lassen.
[JJ.01_052,07] Es machte sonach diese Ankunft
des Cyrenius ein übergroßes Aufsehen in Ostracine, welches auch bis zu unserer
bekannten Villa sich verbreitete.
[JJ.01_052,08] Joseph sandte darum die zwei
ältesten seiner Söhne in die Stadt, auf daß sie sich genau erkundigen sollten,
was das sei, darum die ganze Stadt in solcher Bewegung ist.
[JJ.01_052,09] Und die beiden Söhne gingen
eiligst und kamen bald mit der guten Botschaft zurück, daß der Cyrenius in der
Stadt angekommen sei, und wo er wohne.
[JJ.01_052,10] Als der Joseph solches
vernommen hatte, sprach er zu Maria: „Höre, diesen großen Wohltäter müssen wir
sogleich dankbar besuchen, und das Kindlein darf nicht zurückbleiben!“
[JJ.01_052,11] Und die Maria, voll Freuden
über diese Nachricht, sprach: „O lieber Joseph, das versteht sich von selbst;
denn das Kindlein ist ja der eigentliche Liebling des Cyrenius!“
[JJ.01_052,12] Und sogleich zog Maria dem
schon recht stark gewachsenen Kinde ganz neue, von ihr selbst verfertigte
Kleider an und fragte so in ihrer mütterlichen Liebe und Unschuld das Kindlein:
[JJ.01_052,13] „Gelt, Du mein
herzallerliebstes Söhnchen, Du mein geliebtester Jesus, Du gehst auch mit, den
lieben Cyrenius zu besuchen?“
[JJ.01_052,14] Und das Kindlein lächelte die
Maria gar munter an und sprach deutlich das erste Wort; und das Wort lautete:
[JJ.01_052,15] „Maria! jetzt folge Ich dir,
bis du Mir einst folgen wirst!“
[JJ.01_052,16] Diese Worte brachten eine
solch erhabene Stimmung im ganzen Hause Josephs hervor, daß er darob beinahe
den Besuch des Cyrenius vergessen hätte.
[JJ.01_052,17] Aber das Kindlein ermahnte den
Joseph selbst, sein Vorhaben nicht aufzuschieben; denn der Cyrenius hätte
diesmal viel zu tun zur Wohlfahrt der Menschen.
[JJ.01_053] 53. Kapitel – Josephs und Marias
Angst und Fluchtgedanken auf dem Paradeplatz. Das Zusammentreffen mit Cyrenius
und Maronius Pilla. Das Ende der Truppenbesichtigung und die Heimkehr der
heiligen Familie in Begleitung des Cyrenius.
26. Oktober 1843
[JJ.01_053,01] Darauf machten sich Joseph und
Maria sogleich auf den kurzen Weg; und der älteste Sohn Josephs begleitete sie,
ihnen den nächsten Weg zur Burg zeigend, in der sich Cyrenius aufhielt.
[JJ.01_053,02] Als sie aber auf den großen
Platz gelangten, siehe, da war derselbe ganz mit Soldaten angefüllt, daß nicht
leichtlich zum Eingange in die Burg zu gelangen war.
[JJ.01_053,03] Und der Joseph sprach zur
Maria: „Geliebtes Weib, siehe, was für uns Menschen unmöglich ist, das bleibt
unmöglich!
[JJ.01_053,04] Also ist es auch jetzt rein
unmöglich, durch alle diese Soldatenreihen zur Burg zu gelangen; daher, sollen
wir geradezu wieder umkehren und eine günstigere Zeit abwarten!?
[JJ.01_053,05] Auch das Kindlein blickt diese
rauhen Kriegerreihen ganz ängstlich an! Es könnte leicht erschreckt und darauf
krank werden, und wir hätten dann die Schuld; daher kehren wir wieder zurück!“
[JJ.01_053,06] Maria aber sprach:
„Geliebtester Joseph! Siehe, so mich meine Augen nicht täuschen, so ist jener
Mann, der soeben da vor dieser letzten Reihe mit einem glänzenden Helm auf dem
Kopfe dahergeht, ja eben der Cyrenius!
[JJ.01_053,07] Warten wir daher ein wenig,
bis er daher kommt; vielleicht wird er unser ansichtig und wird uns dann sicher
einen Wink geben, was wir zu tun haben, ob wir zu ihm kommen sollen, oder
nicht!“
[JJ.01_053,08] Und der Joseph sprach: „Ja,
geliebtes Weib, du hast recht; es ist offenbar Cyrenius selbst!
[JJ.01_053,09] Aber siehe einmal dem andern
Helden, der neben ihm einhergeht, so recht fest ins Gesicht! Wenn das nicht der
berüchtigte Landpfleger von Jerusalem ist, so will ich nicht Joseph heißen!
[JJ.01_053,10] Was tut dieser hier? – Sollte
seine Gegenwart uns gelten? – Sollte uns Cyrenius schändlichst also an den
Herodes ausgeliefert haben?!
[JJ.01_053,11] Das Beste an der Sache ist,
daß er mich und dich persönlich sicher nicht kennt, und so können wir uns noch
durch eine neue Flucht tiefer nach Ägypten hinein retten.
[JJ.01_053,12] Denn kennete er mich oder
dich, so wären wir schon verloren; denn er ist nun kaum mehr zwanzig Schritte
von uns entfernt und könnte uns sogleich ergreifen lassen!
[JJ.01_053,13] Daher ziehen wir uns nur
schleunigst zurück, sonst ist es mit uns geschehen, so der Cyrenius unser
ansichtig wird, der uns sicher noch gar wohl kennt!“
[JJ.01_053,14] Hier erschrak Maria und wollte
sogleich zurückfliehen. Aber das Volksgedränge gestattete hier keine Flucht;
denn die Neugierde trieb so viele Menschen auf den Platz, daß durch sie es wohl
unmöglich war, sich hindurchzudrängen.
[JJ.01_053,15] Joseph sagte daher: „Was
unmöglich ist, das ist unmöglich; ergeben wir uns daher in den göttlichen
Willen! Der Herr wird uns auch diesmal sicher nicht verlassen!
[JJ.01_053,16] Stecken wir aber doch zur
Vorsicht so hübsch die Köpfe zusammen, auf daß wenigstens der Cyrenius uns
nicht vom Angesichte erkennt!“
[JJ.01_053,17] Bei dieser Gelegenheit aber
kam auch der Cyrenius so ziemlich knapp an den Joseph und schob ihn ein wenig
vom Wege. Joseph aber konnte des Gedränges wegen nicht weichen; daher sah
Cyrenius seinen hartnäckigen Mann sich näher an und erkannte sobald den Joseph.
[JJ.01_053,18] Als er des Joseph ansichtig
ward und der Maria und des ihn anlächelnden Kindes, da wurden seine Augen vor
Freude voll Tränen; ja so erfreut ward Cyrenius darüber, daß er kaum zu reden
vermochte.
[JJ.01_053,19] Doch aber faßte er sich so
bald als möglich, ergriff mit Hast die Hand Josephs, drückte sie an sein Herz
und sprach:
[JJ.01_053,20] „Mein erhabenster Freund! – Du
siehst mein Geschäft!
[JJ.01_053,21] O vergebe mir, daß ich noch
nicht dich habe besuchen können; aber soeben ist die Musterung zu Ende! Ich
werde sogleich die Truppen abziehen lassen in ihre Kasernen,
[JJ.01_053,22] sodann dem Obersten meinen
kurzen Befehl erteilen für morgen und dann alsogleich hier umgekleidet bei dir
sein und dich geleiten in deine Wohnung!“
[JJ.01_053,23] Hier wandte er sich noch voll
Freude zur Maria und zu dem Kinde und fragte, gleichsam das Kindlein kosend:
[JJ.01_053,24] „O Du mein Leben, Du mein
Alles, kennst Du mich noch, hast Du mich lieb, Du mein holdestes Kindchen Du!?“
–
[JJ.01_053,25] Und das Kindchen hob Seine
Händchen weit ausgebreitet gegen den Cyrenius auf, lächelte ihn gar sanft an
und sprach dann deutlich:
[JJ.01_053,26] „O Cyrenius! Ich kenne dich
wohl und liebe dich, weil du Mich so sehr lieb hast! – Komme, komme nur zu Mir;
denn Ich muß dich ja segnen!“
[JJ.01_053,27] Das war zuviel für das Herz
des Cyrenius; er nahm das Kindlein auf seine Arme, drückte Es an sein Herz und
sprach:
[JJ.01_053,28] „Ja! Du mein Leben, mit Dir
auf meinen Armen will ich das Kommando zum langen Frieden der Völker erteilen!“
[JJ.01_053,29] Hier rief er den Obersten zu
sich, erteilte ihm seine volle Zufriedenheit und befahl ihm, die Truppen
abziehen zu lassen und drei Tage lang auf Kosten des eigenen Beutels (d.h. des
Cyrenius Beutel) verpflegen zu lassen, und lud dann den Obersten zu einem guten
Mahl nebst mehreren Hauptleuten auf die Villa Josephs ein.
[JJ.01_053,30] Er aber zog, wie er war,
geleitet von dem sich stets mehr wundernden Maronius Pilla, sogleich das
Kindlein selbst tragend, mit Joseph und der Maria hinaus auf die Villa und ließ
dort durch seine Diener sogleich ein festlich Mahl bereiten. – Das aber machte
ein großes Aufsehen in der Stadt; denn alles Volk ward entflammt mit Liebe für
den Cyrenius, da es in ihm einen so großen Kinderfreund ersah. –
[JJ.01_054] 54. Kapitel – Josephs bange Frage
an Cyrenius wegen der Anwesenheit des Maronius Pilla. Des Cyrenius beruhigende
Antwort. Die Ankunft im Landhaus Josephs.
27. Oktober 1843
[JJ.01_054,01] Dem Joseph aber war alles
recht, und er lobte in seinem Herzen auch Gott den Herrn inbrünstigst für diese
überglückliche Wendung seiner ängstlichen Besorgnis.
[JJ.01_054,02] Aber dennoch genierte ihn der
Maronius ein wenig; denn er wußte noch immer nicht, was denn so ganz eigentlich
dieser Freund des Herodes hier mache.
[JJ.01_054,03] Daher nahte er sich noch auf
dem Wege ganz unvermerkt dem Cyrenius und fragte ihn etwas leise:
[JJ.01_054,04] „Edelster Freund der Menschen!
– Ist dieser Held, der da vor dir zieht, nicht der Maronius von Jerusalem?
[JJ.01_054,05] Wenn er es ist, dieser Freund
des Herodes, was macht er wohl hier?!
[JJ.01_054,06] Sollte er etwa irgend Wind von
mir erhalten haben und will mich hier aufsuchen und gefangennehmen?
[JJ.01_054,07] O edelster Freund! belasse
mich nicht länger in dieser bangen Ungewißheit!“
[JJ.01_054,08] Der Cyrenius aber ergriff die
Hand Josephs und sagte ebenfalls ganz leise zu ihm:
[JJ.01_054,09] „O du mein liebster,
erhabenster Freund! fürchte dich vor dem im Ernste wirklich gewesenen
Landpfleger von Jerusalem ja nicht im geringsten!
[JJ.01_054,10] Denn heute noch sollst du dich
selbst überzeugen, daß er einen bei weitem größeren Grund hat, sich vor dir zu
fürchten, als du vor ihm!
[JJ.01_054,11] Denn siehe, er ist nun nimmer
Landpfleger in Jerusalem, sondern er ist nun, wie du ihn siehst, mein barster
Gefangener und wird seine Stelle nicht eher wieder einnehmen, als bis er
vollkommen geheilt sein wird!
[JJ.01_054,12] Ich habe ihn aber gerade
deinetwegen mitgenommen; denn als ich ihn verhörte der Greueltat in Palästina
wegen,
[JJ.01_054,13] da gab er vor, dich und die
Maria persönlich zu kennen. Wie es sich aber jetzt zeigt, so kennt er weder
dich noch dein Weib Maria!
[JJ.01_054,14] Und das ist schon ein sehr
gutes Wasser auf unsere Mühle.
[JJ.01_054,15] Er weiß aber keine Silbe, daß
du hier bist; darum mußt du dich auch nirgends verraten!
[JJ.01_054,16] Denn er erwartet hier nur
einen überweisen Mann, der ihm seine Eingeweide enthüllen wird;
[JJ.01_054,17] und dieser ist kein anderer
als du selbst! Denn darum habe ich ihn nach meiner Aussage mitgenommen, daß er
in dir den weisen Mann solle kennen und zu seinem Besten verkosten lernen.
[JJ.01_054,18] Er fürchtet dich daher schon
im voraus ganz entsetzlich und ist, nach seinem sehr blassen Aussehen zu
schließen, schon sicher der Meinung, daß du der von mir erwähnte Mann sein
wirst!
[JJ.01_054,19] Aus diesem wenigen kannst du
vorderhand dich schon ganz beruhigen; die Folge aber wird dir dieses alles ins
klarste Licht setzen!“
[JJ.01_054,20] Als der Joseph solches von
Cyrenius vernommen hatte, da ward er überfroh und unterrichtete heimlich die
Maria und den ältesten Sohn, wie sie sich gegen den Maronius zu benehmen haben,
damit da ja nichts irgend von dem Plane des Cyrenius verraten werden möchte.
Und so wurde vorsichtigen Schrittes auch die Villa erreicht und daselbst das
Mahl bereitet, wie es schon bekanntgegeben wurde. –
[JJ.01_055] 55. Kapitel – Das Gastmahl in
Josephs Landhaus. Marias Demut und Liebesstreit mit Cyrenius. Die göttliche,
alle Philosophie beschämende Weisheit des hl. Kindes.
28. Oktober 1843
[JJ.01_055,01] Die Mahlzeit war bereitet, und
die Gäste, die da geladen waren, kamen auch herbei; und der Cyrenius, bisher
noch immer das Kindlein lockend, das mit ihm spielte und ihn auch liebkosete,
gab der Maria wieder das Kindlein und gab das Zeichen zum Essen.
[JJ.01_055,02] Alles setzte sich zum reinen
Tische; aber Maria, da sie keine stattlichen Kleider hatte, ging mit dem Kindlein
in ein Seitengemach und setzte sich zum Tische der Söhne Josephs.
[JJ.01_055,03] Es merkte aber solches sobald
der Cyrenius, eilte selbst der lieben Mutter nach und sprach:
[JJ.01_055,04] „O du allerliebste Mutter
dieses meines Lebens, was willst du denn tun?!
[JJ.01_055,05] An dir und an deinem Kinde ist
mir ja am meisten gelegen; du bist die Königin unserer Gesellschaft, und gerade
du möchtest nicht teilnehmen an meinem Freudenmahle, das ich gerade deinetwegen
hier veranstalten ließ!?
[JJ.01_055,06] O siehe, das geht durchaus
nicht an! Komme daher nur geschwind herein ins große Gemach und setze dich an
meiner Rechten, – und neben mir zur Linken sitzet dein Gemahl!“
[JJ.01_055,07] Maria aber sprach: „O siehe,
du lieber Herr, ich habe ja gar ärmliche Kleider; wie werden sich diese an
deiner so glänzenden Seite ausnehmen!?“
[JJ.01_055,08] Cyrenius aber sprach: „O du
liebe Mutter! – So dich meine goldnen Kleider, die für mich gar keinen Wert
haben, beirren sollten, da möchte ich sie sogleich von mir werfen und dafür
einen allergemeinsten Matrosenrock anziehen, um dich nur bei meiner Tafel nicht
zu missen!“
[JJ.01_055,09] Da die Maria von der großen
Herablassung des Cyrenius überzeugt war, so kehrte sie um und setzte sich also
neben den Cyrenius zur Tafel mit dem Kinde auf ihren Armen.
[JJ.01_055,10] Als sie nun alle am Tische
saßen, da sah das Kindlein fortwährend den Cyrenius lächelnd an; und der
Cyrenius konnte auch vor lauter Liebe zu diesem Kinde seine Augen nicht
abwenden von Ihm.
[JJ.01_055,11] Eine kurze Zeit hielt er es
aus; aber dann wurde seine Liebe zum Kinde zu mächtig,
[JJ.01_055,12] und er fragte den lieben
Kleinen: „Gelt, Du mein Leben, Du möchtest wieder zu mir auf meine Arme?“
[JJ.01_055,13] Und das Kindlein lächelte den
Cyrenius gar lieblich an und sprach wieder sehr deutlich:
[JJ.01_055,14] „O mein geliebter Cyrenius! –
zu dir gehe Ich sehr gerne, weil du Mich so lieb hast! – darum habe auch Ich
dich so lieb!“
[JJ.01_055,15] Und sogleich streckte der
Cyrenius seine Arme nach dem Kinde aus und nahm Es zu sich und kosete Es
inbrünstigst.
[JJ.01_055,16] Maria aber sprach scherzend
zum Kindlein: „Mache aber den Herrn Cyrenius ja nicht irgend schmutzig!“
[JJ.01_055,17] Und der Cyrenius aber sprach
in hoher Rührung: „O liebe Mutter! Ich möchte wohl wünschen, daß ich so rein
wäre, dieses Kind würdig auf meinen Armen zu tragen!
[JJ.01_055,18] Dies Kind kann mich nur
reinigen, aber nimmer beschmutzen!“
[JJ.01_055,19] Hier wandte er sich wieder zum
Kinde und sprach: „Mein Kindlein, gelt ja, ich bin wohl noch sehr unrein, sehr
unwürdig, Dich zu tragen?“
[JJ.01_055,20] Das Kindlein aber sprach
abermals deutlich: „Cyrenius, wer Mich liebt wie du, der ist rein, und Ich
liebe ihn, wie er Mich liebt!“
[JJ.01_055,21] Und der Cyrenius fragte das
Kindlein ganz entzückt weiter, sagend: „Aber wie kommt es, Du mein Kindlein,
daß Du, noch kaum etliche Monate alt, schon so vernünftig und deutlich
sprichst? Hat Dich Deine liebe Mutter das gelehrt?“
[JJ.01_055,22] Das Kindlein aber, gar sanft
lächelnd, richtete Sich auf den Armen des Cyrenius ganz gerade auf und sprach
wie ein kleiner Herr:
[JJ.01_055,23] „Cyrenius, da kommt es nicht
auf das Alter und auf das Erlernen an, sondern was für einen Geist man hat! –
Lernen muß nur der Leib und die Seele; aber der Geist hat schon alles in sich
aus Gott!
[JJ.01_055,24] Ich aber habe den rechten
Geist vollmächtig aus Gott; siehe, darum kann Ich auch schon so frühe reden!“
[JJ.01_055,25] Diese Antwort brachte den
Cyrenius, wie auch die ganze andere Gesellschaft, völlig außer sich vor
Verwunderung, und der Oberste selbst sagte: „Beim Zeus, dieses Kind beschämt
schon jetzt mit dieser Antwort alle unsere Weisen! Was ist da Plato, Sokrates
und hundert andere Weise mehr! Was aber wird dieses Kind erst leisten im
Mannesalter?“ – Und der Cyrenius sprach: „Sicher mehr als alle unsere Weisen
samt allen unseren Göttern!“
[JJ.01_056] 56. Kapitel – Des Maronius hohe
Meinung über das Kindlein und des Cyrenius Zufriedenheit mit Maronius.
30. Oktober 1843
[JJ.01_056,01] Der Cyrenius aber wandte sich
bald nach diesen Wunderworten des Kindleins an den stets blasser werdenden
Maronius und sagte zu ihm:
[JJ.01_056,02] „Maronius Pilla, was sagst
denn du zu diesem Kinde? Hast du je etwas Ähnliches gesehen und gehört?
[JJ.01_056,03] Ist das nicht offenbar mehr
als unsere Mythe von Zeus, da er auf einer Insel solle an einer Ziege gesaugt
haben?
[JJ.01_056,04] Nicht bei weitem mehr als die
fragliche Tradition von den Gründern Roms, den Nährkindern einer Wölfin?!
[JJ.01_056,05] Rede, was deucht dich hier?
Denn darum bist du mein Geleitsmann, daß du etwas hören, sehen, lernen und
darüber dann vor mir urteilen sollest!“
[JJ.01_056,06] Der Maronius Pilla faßte sich
hier, so gut er es nur konnte, und sprach:
[JJ.01_056,07] „Hoher Befehlshaber von Asien
und Ägypten, was solle ich armer Tropf hier sagen, wo die größten alten
Weltweisen verstummen müßten und Apollos und Minervas Weisheit wie auf einem
glühenden Amboß des Vulkan gar jämmerlich zum dünnsten Bleche breitgeschlagen
wird?!
[JJ.01_056,08] Ich kann hier nichts anderes
sagen als: Den Göttern hat es wohlgefallen, aus ihrer aller Mitte einen
allerweisesten Gott auf die Erde zu stellen; und Ägypten als der alte, von allen
Göttern begünstigteste Boden muß auch dieses Gottes aus allen Göttern Vaterland
sein, ein Land, das den Schnee und das Eis nicht kennt!“
[JJ.01_056,09] Und der Cyrenius sagte etwas
lächelnd: „Du hast gewisserart nicht unrecht;
[JJ.01_056,10] aber siehe, nur darin scheinst
du dich geirrt zu haben, daß du dies Kind ein Kind aus allen Göttern nanntest!
[JJ.01_056,11] Denn sieh, da zu meinen beiden
Seiten sitzen des Kindes Vater und Mutter ja, und diese sind Menschen, wie wir
beide es sind!
[JJ.01_056,12] Wie sollte hernach aus ihnen
ein Gottkind aller Götter zum Vorscheine kommen?
[JJ.01_056,13] Obendrauf aber würden sich
dadurch ja offenbar die hohen Bewohner des Olymps eine ganz gewaltige Laus in
den Pelz gesetzt haben, die ihnen durch ihr enormes Weisheitsübergewicht gar
bald den Garaus machen würde!
[JJ.01_056,14] Ich ersuche dich darum, dich
anders zu beraten; denn sonst läufst du Gefahr, daß dich für solch eine
Demonstration alle Götter zugleich angreifen werden und werden dich beim
lebendigen Leibe vor den Minos, Äakus und Rhadamanthys stellen und dich darauf
dem Tantalus zur Seite stellen!“
[JJ.01_056,15] Hier stutzte der Maronius und
sprach nach einer Weile: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Ich glaube, das
Gericht der drei Unterweltsrichter ist schon beinahe eingegangen, und die
Götter haben, wie es mir vorkommt, auch schon so ziemlich stark ihren Olymp
gelüftet!
[JJ.01_056,16] Wenn wir nur weise Menschen
haben, die sicher auch ihre Weisheit nicht aus den Pfützen haben, da dürften
wir unserer Götter Rat gar bald entbehren lernen!
[JJ.01_056,17] Fürwahr, dieses Wunderkindes
Worte stehen schon jetzt in einem größeren Ansehen bei mir als drei Olympe voll
ganz frisch gebackner Götter!“
[JJ.01_056,18] Und der Cyrenius sprach:
„Maronius! – Wenn das dein vollster Ernst ist, dann sei dir alles vergeben;
aber wir wollen darüber eher noch so manches Wort wechseln; darum vorderhand
nichts mehr weiter!“
[JJ.01_057] 57. Kapitel – Die Aufhebung der
Tafel. Die Vernehmung des Maronius Pilla über die hl. Familie durch Cyrenius.
Des Maronius Eingeständnis seiner Notlüge.
31. Oktober 1843
[JJ.01_057,01] Nach der Beendung der
Mahlzeit, welche bei Cyrenius nie über zwei Stunden dauerte, begaben sich der
Oberst und die Zenturionen wieder in die Stadt mit dem ausdrücklichen Befehle,
ihm an diesem Tage keine Ehrenbezeigungen mehr zu erweisen.
[JJ.01_057,02] Als sich alle sonach entfernt
hatten, da nahm der Cyrenius erst den Maronius sozusagen recht ad coram.
[JJ.01_057,03] Er fragte ihn darum in der
Gegenwart Josephs und der Maria, die wieder das Kindlein auf ihren Armen hatte:
[JJ.01_057,04] „Maronius! Du hast mir in
Tyrus, als ich dich verhört hatte nach dem Herodes, gesagt, und hast es mir
förmlich beteuert, den gewissen biederen Zimmermann Joseph aus der Gegend von
Nazareth persönlich zu kennen;
[JJ.01_057,05] also auch eine gewisse Maria,
die eben der Zimmermann aus dem Tempel zum Weibe oder bloß nur zur Obhut solle
übernommen haben!
[JJ.01_057,06] Gebe mir daher eben jetzt, da
wir bei diesem meinem Gastwirte gute Muße haben, eine nähere Beschreibung
davon!
[JJ.01_057,07] Denn ich habe dieser Tage in
Erfahrung gebracht, daß sich diese Familie im Ernste hier in Ägypten befinden
solle und soll eine ganz andere sein als diejenige, die mir mein Bruder
überantwortet hat und von mir aus sich noch in gutem Gewahrsame befindet.
[JJ.01_057,08] Denn so viel Rechts- und
Menschlichkeitsgefühl wirst du ja trotz der Herodianischen Greuelgenossenschaft
haben, um anzuerkennen, daß es doch sicher höchst grausam wäre, unschuldige
Menschen – woher sie auch immer sein mögen – ohne Not gefangenzuhalten!
[JJ.01_057,09] Gebe du mir daher eine sichere
Beschreibung von dem berüchtigten Paare, auf daß ich es in dieser Gegend
aufsuchen und gefangennehmen kann; denn das erfordern streng unsere
Staatsgesetze!
[JJ.01_057,10] Ich aber bin berechtigt,
solches um so mehr von dir zu verlangen, weil du selbst es mir gestanden
hattest, diese Familie persönlich zu kennen, an deren richtiger Habhaftwerdung
mir nun alles gelegen sein muß!“
[JJ.01_057,11] Hier fing der Maronius wieder
ganz gewaltig an zu stutzen und wußte nicht, was er nun sagen solle; denn er
hatte weder den Joseph, noch die Maria zuvor gesehen.
[JJ.01_057,12] Nach einer Weile sagte er mit
ganz stotternder Stimme erst:
[JJ.01_057,13] „Consulische Kaiserliche
Hoheit! Auf deine Güte und Nachsicht bauend, muß ich dir endlich beim Zeus und
allen andern Göttern beteuern und eidlich bekennen, daß ich den besagten Joseph
samt der gewissen Maria nicht im geringsten kenne!
[JJ.01_057,14] Denn mein Bekenntnis in Tyrus
war nur eine leere Ausflucht, da ich damals noch böswillig dich zu täuschen
suchte.
[JJ.01_057,15] Nun aber habe ich mich bei dir
überzeugt, daß du durchaus nicht zu täuschen bist; so hat sich denn auch mein
Wille geändert, und ich habe dir demnach die volle Wahrheit kundgetan!“
[JJ.01_057,16] Hier winkte der Cyrenius dem
reden wollenden Joseph, zu schweigen noch, und sagte zum Maronius:
[JJ.01_057,17] „Ja, wenn ich so mit dir stehe,
da werden wir uns schon noch etwas länger beschauen und besprechen müssen; denn
nun erst erkenne ich dich als einen vollkommen staatsgefährlichen Menschen! –
Gebe mir daher nun Rede und Antwort auf jegliche meiner Fragen eidlich!“
[JJ.01_058] 58. Kapitel – Maronius Pillas
Verteidigungsrede und guter Entschluß. Joseph als Schiedsrichter. Des Cyrenius
edles Urteil.
2. November 1843
[JJ.01_058,01] Der Maronius aber sagte darauf
zum Cyrenius: „Consulische Kaiserliche Hoheit! Wie wohl solle ich nun noch ein
staatsverdächtiger Anhänger des Herodes sein?
[JJ.01_058,02] Denn ich erkenne es ja nun,
daß dieser Wüterich nach der Alleinherrschaft von Asien strebt!
[JJ.01_058,03] Sollte ich ihm dazu etwa
behilflich sein? – Wie wäre da solches möglich? – Mit der Handvoll Jerusalemer
könnte sich Herodes höchstens über die Kinder der Juden wagen!
[JJ.01_058,04] Und diese Gewalttat hat ihm
schon eine solche Schlappe beigebracht, daß er ein ähnliches Unternehmen für
alle Zeiten der Zeiten unterlassen wird!
[JJ.01_058,05] Ich aber war ja ohnehin ein
Werkzeug der Not und mußte handeln nach dem Willen dieses Wüterichs, weil er
mir mit Rom drohte!
[JJ.01_058,06] Da ich aber nun von dir aus
ganz klar weiß, wie die Sachen stehen, und zudem auch keine Macht in meinen
Händen habe und auch keine mehr haben will,
[JJ.01_058,07] sehe ich fürwahr nicht ein,
wie und auf welche Art ich noch ein staatsgefährlicher Mensch sein sollte?!
[JJ.01_058,08] Behalte du mich bei dir als
ewige Geisel meiner Treue für Rom, und du machst mich glücklicher, als so du
mich wieder zum Landpfleger von Palästina und Judäa machst!“
[JJ.01_058,09] Diese Worte sprach der
Maronius ganz ernstlich, und war seiner Rede keine Zweideutigkeit zu entnehmen.
[JJ.01_058,10] Darum sprach Cyrenius zu ihm:
„Gut, mein Bruder, ich will dir glauben, was du geredet hast; denn ich habe in
deinen Worten nun viel Ernst gefunden!
[JJ.01_058,11] Aber eines geht mir zur
vollsten Bekräftigung der Wahrheit deiner Worte noch ab, und das ist das Urteil
jenes weisen Mannes, dessen ich dir schon in Tyrus erwähnt hatte.
[JJ.01_058,12] Und siehe, dieser Mann, dieses
Orakel aller Orakel, steht vor uns hier!
[JJ.01_058,13] Dieser Mann hat dich bis in
die innerste Gedankenregung durchschaut; darum wollen wir nun ihn fragen, was
er von dir hält!
[JJ.01_058,14] Und dir solle nach seinem
Ausspruche geschehen! Setzt er dich wieder zum Landpfleger in Jerusalem ein, so
bist du heute noch zum Landpfleger von Jerusalem ernannt;
[JJ.01_058,15] tut er aber das aus höchst
weisen und guten Gründen nicht, so bleibst du meine Geisel!“
[JJ.01_058,16] Hier wurde darum Joseph
gefragt, und er sprach: „Edelster Freund Cyrenius! Von mir aus ist Maronius nun
rein, und du kannst ihm wieder seine Stelle geben ohne Bedenken!
[JJ.01_058,17] Wir aber stehen in der Hand
des allmächtigen, ewigen Gottes; welche Macht solle sich da gegen uns auflehnen
können?“
[JJ.01_058,18] Hier hob Cyrenius seine Hand
auf und sprach: „So schwöre ich denn auch dir, Maronius Pilla, beim lebendigen
Gotte dieses Weisen, daß du von nun an wieder Landpfleger von Jerusalem bist!“
[JJ.01_058,19] Maronius aber sprach: „Gebe
dies Amt einem anderen, und behalte mich als deinen Freund bei dir; denn das
macht mich glücklicher!“
[JJ.01_058,20] Und der Cyrenius sprach: „So
sei denn mein Amtsgefährte, solange Herodes leben wird, und dann erst
Oberpfleger vom ganzen Judenlande!“ – Und der Maronius nahm diesen Antrag
dankbar an.
[JJ.01_059] 59. Kapitel – Josephs Frage nach
Herodes. Maronius Pillas Antwort. Die Leidenskrone und das schreckliche Ende
des Herodes.
3. November 1843
[JJ.01_059,01] Nachdem aber sprach Joseph zum
Maronius: „Da ich nun durch die große Gnade meines Gottes und meines Herrn dich
erkannt habe, daß in dir kein arger Wille mehr haftet,
[JJ.01_059,02] so gebe du mir kund, wie du es
wahrgenommen wirst haben, wie da des Herodes Herz beschaffen ist gegen die
Kinder, die er gemordet hat wegen des neuen Königs der Juden?
[JJ.01_059,03] Ist es nicht erweicht worden
durch das unschuldigste Blut der Kinder, durch das Wehklagen der Mütter?!
[JJ.01_059,04] Was würde er tun, so er durch
eine neue Nachricht erführe, daß er unter den vielen gemordeten Kindern dennoch
das rechte nicht ermordet hat?!
[JJ.01_059,05] Wenn er erführe, daß das
rechte Kind ganz wohlbehalten irgend in Judäa oder Palästina noch lebe?!“
[JJ.01_059,06] Hier sah der Maronius den
Joseph ganz verdutzt an und sprach nach einer Weile:
[JJ.01_059,07] „Wahrhaft tiefweisester Mann!
da kann ich dir nichts anderes sagen als:
[JJ.01_059,08] So du von deiner Weisheit den
allerübelsten Gebrauch machen und von Herodes zehntausend Pfund Goldes
verlangen möchtest dafür, daß du ihm mit Bestimmtheit das rechte Kind
verrietest;
[JJ.01_059,09] fürwahr, du würdest diese
enorme Goldsumme im voraus erhalten!
[JJ.01_059,10] Denn das Gold ist dem Wüterich
nichts gegen seine Herrschlust.
[JJ.01_059,11] Da er des Goldes so viel hat,
daß er Häuser aus purem Golde bauen könnte, so achtet er es kaum; aber wenn er
sich den Thron sichern könnte, da möchte er all sein Gold ins Meer werfen und
dafür eine Welt voll Menschen erschlagen!
[JJ.01_059,12] Siehe, auch mich wollte er
anfangs schwer bestechen mit Gold, Diamanten, Rubinen und größten Perlen;
[JJ.01_059,13] allein meine echt römische
Patriziertugend verwies solches streng dem alten Bluthunde!
[JJ.01_059,14] Das entflammte aber seinen
Zorn noch mehr, und er drohte mir dann aus seinem patriotischen Scheingrunde
mit Rom!
[JJ.01_059,15] Dann erst mußte ich tun, was
er wollte, und war mir kein Ausweg möglich; denn er gab mir aus eigener Hand
eine Urkunde, laut welcher er die ganze Rechnung mit Rom auf sich nahm.
[JJ.01_059,16] Darum war ich gezwungen zu
handeln, wie es dir sicher bekannt ist.
[JJ.01_059,17] Daß aber demnach von seinem
Herzen bis zur Stunde nichts Gutes zu erwarten ist, des kannst du vollends
versichert sein!
[JJ.01_059,18] Ich glaube, mehr brauche ich
dir, der du ein so tiefst Weiser bist, kaum kundzugeben von diesem wahren
Könige aller Furien, von diesem lebendigen Medusenhaupte!“
[JJ.01_059,19] Und der Joseph sprach: „Der
ewig einige, wahre Gott segne dich für diese getreuen Worte!
[JJ.01_059,20] Glaube es mir, du wirst dich
überzeugen: Gott, der ewig Gerechte, wird diesem Auswurfe der Menschheit noch
auf der Welt eine Krone, nach der er so blutdürstig ist, aufs Haupt setzen, vor
der sich alle Welt wundern wird!“ –
[JJ.01_059,21] Hier hob das Kindlein Seine
Hand hoch auf und sprach wieder ganz deutlich: „Herodes, Herodes! – Ich habe
keinen Fluch für dich; aber eine Krone auf dieser Welt sollst du tragen, die
dir zur großen Qual wird und schmerzlicher denn die Last des Goldes, die du nach
Rom zahlen mußtest!“
[JJ.01_059,22] Zur Zeit, als das Kindlein
dieses in Ägypten ausgesprochen hatte, ward Herodes mit Läusen übersät, und
sein Gesinde hatte durch das noch übrige Leben des Herodes nichts zu tun, als
ihn von den Läusen zu reinigen, die sich stets mehrten und endlich auch seines
Leibes Tod herbeiführten. – –
[JJ.01_060] 60. Kapitel – Des Cyrenius Grimm
über Herodes und des Jesuskindes beruhigende Worte. Des Kindleins Frage: „Wer
hat den längsten Arm?“
4. November 1843
[JJ.01_060,01] Als der Cyrenius aber solches
von Maronius Pilla vernommen hatte und den Ausspruch Josephs und des Kindleins,
da entsetzte er sich förmlich und sprach:
[JJ.01_060,02] „O ihr ewigen Mächte eines
allerhöchsten Beherrschers der Unendlichkeit! Habt ihr denn keine Blitze mehr,
um sie über dieses Scheusal von einem Vasallen Roms zu schleudern?!
[JJ.01_060,03] O Augustus Caesar, mein guter
Bruder! – Welche Furie hat denn dir damals deine Augen geblendet, als du dieses
Scheusal, diesen Auswurf aus dem untersten Tartarus, aus dem wahren Orkus mit
Palästina und Judäa belehntest?!
[JJ.01_060,04] Nein, nein, das ist zuviel auf
einmal zu vernehmen! – Maronius! – warum sagtest du mir damals nichts davon,
als Herodes in Tyrus vor meinem Verhöre stand?!
[JJ.01_060,05] Standrechtlich hätte ich ihm
da augenblicklich das Medusenhaupt vom Rumpfe schlagen lassen!
[JJ.01_060,06] Und lange schon stünde ein
würdiger Vasall an der Stelle dieses Scheusals aus Griechenland!
[JJ.01_060,07] Was aber kann ich jetzt tun?
Seine Buße hat er geleistet; ich kann ihm nun keine zweite auferlegen, darf ihn
nicht weiter strafen!
[JJ.01_060,08] Warte aber, du alter Bluthund,
du Hyäne aller Hyänen, auf dich solle eine Jagd gemacht werden, von welcher es
allen Furien noch nie etwas geträumt hat!“
[JJ.01_060,09] Maronius, Joseph und Maria
bebten vor dem Grimme des Cyrenius; denn sie wußten nicht, was alles der
Cyrenius etwa unternehmen wird.
[JJ.01_060,10] Auch getraute sich niemand,
nun eine Frage an ihn zu stellen; denn zu aufgeregt war sein Gemüt.
[JJ.01_060,11] Das Kindlein allein äußerte
keine Furcht vor der gewaltigen Stimme des Cyrenius, sondern sah ihm stets
ruhig ins Gesicht.
[JJ.01_060,12] Und als sich des Cyrenius
Sturm etwas gelegt hatte, da sprach auf einmal das Kindlein wieder ganz
deutlich zum Cyrenius:
[JJ.01_060,13] „O Cyrenius! Höre Mich an! –
Komme her zu Mir, nehme Mich auf deine Arme, und trage Mich hinaus ins Freie,
dort werde Ich dir etwas zeigen!“
[JJ.01_060,14] Diese Worte flossen wie Balsam
auf das wunde Herz des Cyrenius, und er ging sobald mit offenen Armen hin zum
Kindlein, nahm Es voll Liebe gar sanft auf seine Arme und trug Es unter der
Begleitung des Joseph, der Maria und des Maronius Pilla hinaus ins Freie.
[JJ.01_060,15] Im Freien bald angelangt,
fragte das Kindlein sogleich den Cyrenius mit deutlichen Worten:
[JJ.01_060,16] „Cyrenius, wer von uns beiden
hat denn wohl den längsten Arm? Messe den Meinen gegen den deinen!“
[JJ.01_060,17] Den Cyrenius befremdete diese
Frage, und er wußte nicht, was er darauf dem Kinde antworten sollte; denn er
sah doch offenbar den seinigen für dreimal so lang an, als beide des Kindes
zusammengenommen.
[JJ.01_060,18] Das Kindlein aber sprach
wieder: „Cyrenius! du siehst deinen Arm für viel länger als den Meinigen an?!
[JJ.01_060,19] Ich aber sage dir, daß der
Meinige dennoch um vieles länger ist als der deinige!
[JJ.01_060,20] Siehst du dort in tüchtiger
Ferne von uns eine hohe Säule, geziert mit einem Götzen?
[JJ.01_060,21] Lange von hier mit deinem
längeren Arme hin, reiße sie nieder, und zermalme sie dann mit deinen Fingern!“
[JJ.01_060,22] Cyrenius, noch betroffener als
früher, aber sprach nach einer kurzen Pause: „O Kindlein, Du mein Leben, das
ist außer Gott wohl niemandem möglich!“
[JJ.01_060,23] Das Kindlein aber streckte
sobald Seinen Arm nach der Säule, die gut tausend Schritte entfernt stand, und
die Säule stürzte nieder und ward sobald zu Staube!
[JJ.01_060,24] Und das Kindlein sprach
darauf: „Also kümmere dich nicht vergeblich um den Herodes; denn Mein Arm langt
ja weiter als der deinige! Herodes hat seinen Lohn; du aber vergebe ihm, wie
Ich ihm vergeben habe, so wirst du besser fahren, denn auch er ist ein blinder
Erdensohn!“ – Diese Worte nahmen dem Cyrenius allen Groll, und er fing an,
heimlich das Kind ganz förmlich anzubeten. –
[JJ.01_061] 61. Kapitel – Maronius Pillas
Entsetzen und Josephs Frage. Das heidnische Bekenntnis des Maronius. Josephs
bescheidene Erklärung. Des Cyrenius Mahnung zur Vorsicht.
6. November 1843
[JJ.01_061,01] Der Maronius Pilla aber
entsetzte sich über diese wunderbare Erscheinung so sehr, daß er am ganzen
Leibe bebte wie das Laub der Espe bei einem gewaltigen Sturme.
[JJ.01_061,02] Joseph aber ersah bald des
Maronius große Not, trat darum auch sobald zu ihm hin und sprach:
[JJ.01_061,03] „Maronius Pilla! warum bebest
du denn nun gar so sehr? Hat dir jemand etwas zuleide getan?“
[JJ.01_061,04] Und der Maronius erwiderte dem
Joseph: „O Mann, der du deinesgleichen nicht hast auf Erden, du hast es leicht;
denn du bist ein Gott, dem alle Elemente gehorchen müssen!
[JJ.01_061,05] Ich aber bin nur ein
sterblicher schwacher Mensch, dessen Leben, so wie die Existenz jener Säule, in
deiner Hand steht!
[JJ.01_061,06] Mit deinem Gedanken kannst du
mich, wie sicher eine ganze Welt, im Augenblicke vernichten!
[JJ.01_061,07] Wie sollte ich da nicht beben
vor dir, da du sicher der mächtige Urvater aller unserer Götter bist, so sie
irgend wirklich existieren sollten?!
[JJ.01_061,08] Dem Jupiter Stator war jene
Säule schon seit undenklichen Zeiten geweiht; alle Stürme und Blitze bebten aus
großer Ehrfurcht vor ihr zurück!
[JJ.01_061,09] Und nun zerstörte sie sogar
dein unmündiges Kind! – Kann aber dein Kind schon solches, welche Macht muß
erst in dir zugrunde liegen?!
[JJ.01_061,10] Lasse dich daher anbeten von
mir unwürdigstem Erdwurme!“
[JJ.01_061,11] Joseph aber sprach: „Höre,
Freund und Bruder Maronius, du bist in einer großen Irre!
[JJ.01_061,12] Ich bin nicht mehr als du,
also nur ein sterblicher Mensch! – So du aber auf dein Leben schweigen kannst
vor aller Welt, da will ich dir etwas sagen!
[JJ.01_061,13] Schweigst du aber nicht, so
wird es dir nicht viel besser ergehen, als es jener Säule ergangen ist!
[JJ.01_061,14] Und so höre mich denn an, so
du willst und es dir getrauest!“
[JJ.01_061,15] Der Maronius aber bat den
Joseph auf den Knien, ihm ja nichts zu erzählen; denn es könnte ihm doch einmal
irgend zufällig etwas entfallen, und da wäre er verloren.
[JJ.01_061,16] Joseph aber sprach: „Des sei
völlig unbesorgt; der Herr Himmels und der Erde züchtiget nie jemanden des
Zufalls wegen!
[JJ.01_061,17] Daher magst du ganz ohne
Furcht mich anhören; was ich dir sagen werde, wird dich nicht verderben, wohl
aber erhalten für ewig!“
[JJ.01_061,18] Und der Cyrenius das Kindlein
anbetend, kosend auf seinen Händen noch, trat hin zum Joseph und sagte zu ihm:
[JJ.01_061,19] „Mein größter und liebster
Freund! Lasse du den Maronius nun, wie er ist; ich selbst will ihn heute bei
mir eher vorbereiten, und morgen kannst du ihm dann erst die höhere Weihe
geben!“
[JJ.01_061,20] Und Joseph war damit
einverstanden und begab sich dann mit der Gesellschaft sobald wieder in das
Wohnhaus.
[JJ.01_062] 62. Kapitel – Cyrenius und Joseph
im Liebeseifer ums Wohl einer Menschenseele. Josephs Worte über Bruder- und
Menschenliebe. Warum der Mensch zwei Augen, zwei Ohren, aber nur einen Mund
hat.
7. November 1843
[JJ.01_062,01] Am Abende aber sprach der
Cyrenius zum Joseph: „Mein Freund, mein göttlicher Bruder! Wie sehr leid ist es
mir, daß ich heute nicht bei dir übernachten kann!
[JJ.01_062,02] Und wie leid ist es mir, daß
ich den morgigen Tag bis nach Mittag dem Staatsgeschäfte widmen muß!
[JJ.01_062,03] Aber um die dritte Stunde des
Nachmittags werde ich mit Maronius wieder zu dir kommen, und du wirst ihm dann
auf meine Unterweihe die heilige Oberweihe geben!
[JJ.01_062,04] Denn siehe, es liegt mir sehr
viel daran, daß dieser sonst so kenntnisreiche Mensch gerettet werde durch die
heilige Lebensschule deines Gottes, die ich für die allein wahre und lebendige
halte!“
[JJ.01_062,05] Und der Joseph sprach: „Ja, du
hoher Freund, das ist recht und billig; denn nichts ist dem Herrn angenehmer,
als so wir unsere Feinde mit Liebe behandeln und sorgen für ihr zeitliches und
ewiges Wohl!
[JJ.01_062,06] Betrachten wir jeden Sünder
als einen irrenden Bruder, so wird uns auch Gott als Seine irrenden Kinder
betrachten,
[JJ.01_062,07] im Gegenteile aber nur als
böswillige Geschöpfe, die da allzeit Seinen Gerichten unterliegen und werden
getötet gleich den Ephemeriden!
[JJ.01_062,08] Denn siehe, darum hat der Herr
uns Menschen zwei Augen gegeben und nur einen Mund zum Reden, auf daß wir mit
dem einen Auge nur die Menschen als Menschen, mit dem andern aber als Brüder
betrachten sollen!
[JJ.01_062,09] Fehlen die Menschen vor uns,
da sollen wir das Bruderauge offen halten und das Menschenauge schließen;
[JJ.01_062,10] fehlen aber die Brüder vor
uns, da sollen wir das Bruderauge schließen und das Menschenauge auf uns selbst
richten und uns alsonach selbst gegenüber den fehlenden Brüdern als fehlende
Menschen ansehen.
[JJ.01_062,11] Mit dem einen Munde aber
sollen wir alle gleich einen Gott, einen Herrn und einen Vater bekennen, so
wird Er uns als Seine Kinder anerkennen!
[JJ.01_062,12] Denn auch Gott hat zwei Augen
und einen Mund; mit dem einen Auge sieht Er Seine Geschöpfe – und mit dem
andern Seine Kinder!
[JJ.01_062,13] Beschauen wir uns mit dem
Bruderauge, da sieht uns der Vater mit dem Vaterauge an;
[JJ.01_062,14] beschauen wir uns aber mit dem
Menschenauge, da sieht uns Gott nur mit dem Schöpferauge an, und Sein eben auch
nur ein Mund kündet den Kindern Seine Liebe, oder aber den Geschöpfen Sein
Gericht!
[JJ.01_062,15] Also ist es recht und billig,
daß wir also für unseren Bruder Maronius sorgen!“
[JJ.01_062,16] Hier segnete Joseph den
Cyrenius und den Maronius; die beiden begaben sich dann in die Stadt mit ihrer
Suite, – und Joseph bestellte sein Hauswesen.
[JJ.01_063] 63. Kapitel – Jakobus als
Kindsmagd an der Wiege des Kindleins; seine Neugier und seine Zurechtweisung
durch das Kindlein. Des Jakobus Ahnung, wer da im Kinde ist.
8. November 1843
[JJ.01_063,01] Am Abende legte Maria das
schon müde gewordene Kindlein in die Wiege, die der Joseph schon zu Ostracine
verfertigt hatte.
[JJ.01_063,02] Und Josephs jüngster Sohn
mußte gewöhnlich die Kindsmagd machen und wiegte auch jetzt das Kindlein, auf
daß Es einschlafen möchte.
[JJ.01_063,03] Und Maria ging in die Küche,
um ein nötiges Nachtmahl zu bereiten.
[JJ.01_063,04] Der wiegende Sohn Josephs aber
hätte gerne gehabt, daß das Kindlein diesmal etwas früher einschlafen möchte,
weil er gerne mit seinen Brüdern draußen die Beleuchtung eines Triumphbogens
geschaut hätte, der mittlerweile unfern der Villa dem Cyrenius ist errichtet
worden.
[JJ.01_063,05] Er wiegte daher das Kindlein
fleißig und sang und pfiff dabei.
[JJ.01_063,06] Aber das Kindlein wollte
dennoch nicht einschlafen; wann er mit dem Wiegen innehielt, da fing das
Kindlein sich gleich wieder zu rühren an und zeigte dem Wieger an, daß Es noch
nicht schlafe.
[JJ.01_063,07] Das brachte unsere männliche
Kindsmagd beinahe zur Verzweiflung, indem es draußen vor lauter brennender
Fackeln schon ganz helle geworden war.
[JJ.01_063,08] Er beschloß daher, das Kindlein,
wenn Es auch noch wache, ein wenig zu verlassen, um das Spektakel draußen ein
wenig anzugaffen.
[JJ.01_063,09] Als sich also unser Jakob aber
erhob, da sprach das Kindlein: „Jakob, wenn du Mich nun verläßt, so solle es
dir übel ergehen!
[JJ.01_063,10] Bin Ich denn nicht mehr wert
als das törichte Spektakel draußen und deine eitle Neugier?
[JJ.01_063,11] Siehe, alle Sterne und alle
Engel beneiden dich um diesen Dienst, den du Mir nun erweisest, und du bist
voll Ungeduld über Mich und willst Mich verlassen? –
[JJ.01_063,12] Wahrlich, so du das tust, da
bist du nicht wert, Mich zum Bruder zu haben!
[JJ.01_063,13] Gehe nur hinaus, wenn dir das
Spektakel der Welt lieber ist als Ich!
[JJ.01_063,14] Siehe, das ganze Zimmer ist
voll Engel, die da bereit sind, Mir zu dienen, wenn dir dein kleiner und
leichter Dienst an Mir lästig ist!“
[JJ.01_063,15] Diese Rede benahm dem Jakob
plötzlich alle Lust zum Hinausgehen;
[JJ.01_063,16] er blieb daher an der Wiege
und bat das Kindlein förmlich um Vergebung und wiegte Es fleißig wieder fort.
[JJ.01_063,17] Und das Kindlein sprach zum
Jakob: „Es sei dir alles vergeben; aber ein anderes Mal lasse dich ja nimmer
von der Welt bestechen!
[JJ.01_063,18] Denn Ich bin mehr als alle
Welt, alle Himmel und alle Menschen und Engel!“
[JJ.01_063,19] Diese Worte brachten unseren
Jakob beinahe ums Leben; denn er wurde leise gewahr, Wer da sicher hinter dem
Kinde stecke.
[JJ.01_063,20] Nun aber kamen auch schon
Maria und Joseph und die andern vier Söhne Josephs ins Zimmer und setzten sich
zum Tische; Jakob aber erzählte sogleich, was ihm begegnet ist.
[JJ.01_064] 64. Kapitel – Josephs Rede über
die Liebe zu Gott und die Liebe zur Welt. Seine Hinweise auf David, Salomo und
Cyrenius. Die Rührung der Söhne Josephs und der Segen des Jesuskindleins.
9. November 1843
[JJ.01_064,01] Als der Jakob mit seiner
Erzählung zu Ende war, da sprach Joseph zum Jakob:
[JJ.01_064,02] „Ja, also ist es und ist auch
allzeit also gewesen und wird allzeit also sein; man muß Gott mehr lieben, im
geringsten Teile schon, als alle Herrlichkeiten der Welt!
[JJ.01_064,03] Denn was geben einem Menschen
auch alle die schreienden Herrlichkeiten der Welt?
[JJ.01_064,04] David selbst mußte flüchten
vor seinem eigenen Sohne, und Salomo mußte bitter am Ende die Ungnade des Herrn
empfinden, weil er zu sehr den Herrlichkeiten der Welt nachhing!
[JJ.01_064,05] Gott aber schenkt uns zu jeder
Sekunde ein neues Leben; wie sollten wir Ihn da nicht im geringsten Teile mehr
lieben als alle Welt, die vergeht und ist voll Aases und Unrates!
[JJ.01_064,06] Wir aber sind ja unter uns
alle überzeugt, daß dies unser Kindlein von Oben ist und heißet Gottes Sohn.
[JJ.01_064,07] Es ist somit kein geringer
Teil Gottes; daher ist es auch billig, daß wir Es mehr lieben als alle Welt!
[JJ.01_064,08] Sehet an den Heiden Cyrenius!
– Nicht uns gilt das, was er an uns tut, sondern dem Kindlein; denn sein Herz
sagt es ihm, daß nach seinem Begriffe ein allerhöchstes Gottwesen mit diesem
unserem Kinde in engster Verbindung stehe, darum er Es dann fürchtet und liebt.
[JJ.01_064,09] Tut aber solches schon ein
Heide, um wieviel mehr müssen wir erst desgleichen tun, die wir vollends
wissen, woher dies Kindlein kam, Wer Sein Vater ist. –
[JJ.01_064,10] Daher solle allzeit all unser
Augenmerk auf dies Kindlein gerichtet sein; denn das Kind ist mehr als wir und
alle Welt!
[JJ.01_064,11] Nehmt euch an mir ein
Beispiel, und sehet, welche schweren Opfer ich alter Mann alle schon diesem
Gotteskinde gebracht habe!
[JJ.01_064,12] Aber ich brachte sie leicht
und mit großer Liebe, weil ich Gott mehr liebe als alle Welt!
[JJ.01_064,13] Haben wir aber dadurch je
irgend etwas verloren? – O nein! Wir haben noch nach jedem Opfer gewonnen!
[JJ.01_064,14] Also denket und tut auch ihr
alle dasselbe, und ihr werdet nie etwas verlieren, sondern allzeit nur hoch
gewinnen!
[JJ.01_064,15] Zudem ist dies Kind ja ohnehin
so sanfter Art, daß es wahrlich eine höchste Freude ist, bei Ihm zu sein!
[JJ.01_064,16] Nur höchst selten weint Es
laut! Es ist noch nie krank gewesen; und wenn man Es lockt, so sieht Es so
munter und fröhlich umher und lächelt jeden Menschen allzeit so herzlich an,
daß man dadurch zu Tränen gerührt wird.
[JJ.01_064,17] Und jetzt, da Es auch wunderbar
auf einmal zu reden hat angefangen, möchte man Es ja gar erdrücken vor lauter
Liebe!
[JJ.01_064,18] Daher also, meine Kinder,
bedenket wohl, wer dieses Kindlein ist, und wartet und pfleget Es ja
sorgfältigst!
[JJ.01_064,19] Denn sonst könnte Es euch gebührendermaßen
strafen, wenn ihr Es, als unser höchstes Gut, geringer achten möchtet als alle
die nichtssagenden Torheiten der Welt!“
[JJ.01_064,20] Diese Rede brachte alle die
fünf Söhne zum Weinen, und alle standen vom Tische auf und umlagerten die Wiege
des Kindes.
[JJ.01_064,21] Das Kindlein aber sah Seine
Brüder auch gar freundlichst an und segnete sie und sprach: „O Brüder, werdet
Mir gleich, wollet ihr ewig glücklich sein!“ – Und die Brüder weinten und aßen
nichts am selben Abende.
[JJ.01_065] 65. Kapitel – Joseph mahnt zur
Nachtruhe. Des Kindleins Aufforderung zu wachen wegen eines bevorstehenden
Sturmes. Der Ausbruch des Orkans. Die Ankunft des flüchtenden Cyrenius.
10. November 1843
[JJ.01_065,01] Die Söhne Josephs aber wollten
nicht mehr die Wiege verlassen; denn zu mächtig ergriff sie die Liebe zu ihrem
göttlichen kleinen Bruder!
[JJ.01_065,02] Da es aber schon ziemlich spät
geworden war, da sprach der Joseph zu den Söhnen:
[JJ.01_065,03] „Ihr habt nun hinreichend
gezeigt, daß ihr das Kindlein liebet!
[JJ.01_065,04] Es ist schon spät in die Nacht
geworden, und morgen wird es wieder früh Tag werden; daher möget ihr euch im
Namen des Herrn zur Ruhe begeben!
[JJ.01_065,05] Das Kindlein schläft nun
bereits, stellet behutsam die Wiege an das Bett der Mutter, und begebet euch
dann in euer Schlafgemach!“
[JJ.01_065,06] Solches hatte der Joseph noch
kaum ausgesprochen, da schlug das Kindlein die Augen auf und sprach:
[JJ.01_065,07] „Bleibet für diese Nacht alle
hier, und behaltet die Schlafstube für Fremde, die heute hier noch die Zuflucht
nehmen werden!
[JJ.01_065,08] Denn bald wird ein
allergewaltigster Sturm diese Gegend heimsuchen, desgleichen noch nie in dieser
Gegend erhöret ward!
[JJ.01_065,09] Aber niemand von euch fürchte
sich; denn es wird darum niemandem ein Haar gekrümmt werden!
[JJ.01_065,10] Versperret aber darum ja keine
Türe, auf daß die Flüchtlinge sich in diesem Hause zu retten vermöchten!“
[JJ.01_065,11] Joseph erschrak über diese
Vorsage des Kindes und eilte sogleich hinaus, um zu sehen, von woher das
Gewitter kommen würde.
[JJ.01_065,12] Als er aber draußen war,
bemerkte er nirgends ein Wölklein; der Himmel war rein, und kein Lüftchen regte
sich.
[JJ.01_065,13] Eine Grabesstille war über die
ganze Gegend verbreitet, und von einem herannahenden Sturme war ewig nirgends
eine Rede.
[JJ.01_065,14] Joseph kehrte darum sobald
zurück, gab Gott die Ehre und sagte:
[JJ.01_065,15] „Das Kindlein wird vielleicht
geträumt haben; denn von einem Sturme ist nirgends eine Rede!
[JJ.01_065,16] Der Himmel ist rein nach allen
Seiten, und kein Lüftchen regt sich; woher solle da ein Sturm werden?!“
[JJ.01_065,17] Kaum hatte Joseph noch diese
Worte ausgesprochen, da geschah auf einmal ein Knall wie von tausend Donnern;
die Erde erbebte so gewaltigst, daß in der Stadt mehrere Häuser und Tempel
zusammenstürzten.
[JJ.01_065,18] Gleich darauf fing ein so
heftiger Orkan zu wüten an, daß er das nahe Meer in die Stadt ellenhoch trieb;
und alles Volk, durch den gewaltigsten Erdstoß geweckt, eilte hinaus aus der
Stadt auf die höher liegenden Orte.
[JJ.01_065,19] Und der Cyrenius selbst mit
Maronius und seinem ganzen Gefolge kam bald eiligst fliehend in die Villa zum
Joseph und erzählte ihm flüchtig die Schauderszenen, die das Erdbeben und der
Sturm bewirkten.
[JJ.01_065,20] Joseph aber beruhigte den
Cyrenius dadurch, daß er ihm sogleich kundgab, was das Kindlein ehedem geredet
hatte. – Hier fing der Cyrenius leichter zu atmen an, und das Toben des Sturmes
erschreckte ihn nicht mehr; denn er fühlte sich wie wohlgeborgen.
[JJ.01_066] 66. Kapitel – Der tobende Sturm.
Das schlafende Kindlein. Des Cyrenius Besorgnis. Das Kindlein: „Die Stürme
müssen sein ...“. Ein Evangelium der Natur und des Gottvertrauens.
[JJ.01_066,01] Als der Cyrenius sich nun so
ganz wieder erholt hatte, ging er hin zur Wiege und betrachtete das Kind, in
seiner Brust großer Gedanken voll.
[JJ.01_066,02] Das Kindlein aber schlief ganz
ruhig, und das entsetzliche Toben des Sturmes beirrte Es nicht im Schlafe.
[JJ.01_066,03] Es fing aber in kurzer Zeit
der Orkan so heftig an das Gebäude zu stoßen, daß Cyrenius einen Einsturz
befürchtete.
[JJ.01_066,04] Er sprach daher zum Joseph:
„Erhabener Freund! Ich meine, dem steten Zunehmen der Gewalt des Sturmes
zufolge sollten wir doch lieber dies Gebäude verlassen!
[JJ.01_066,05] Denn wie leicht kann eine
mächtige Windhose dieses wenn auch feste Gebäude ergreifen und uns alle unter
dem Schutte desselben begraben!
[JJ.01_066,06] Daher ergreifen wir lieber
frühzeitig die Flucht, da wir denn doch nicht sicher sein können davor, als
könnte so etwas hier nicht ebenso gut geschehen wie in der Stadt!“
[JJ.01_066,07] Hier schlug das Kindlein
plötzlich wieder Seine himmlisch göttlichen Augen auf und erkannte sogleich den
Cyrenius und sprach gar deutlich zu ihm:
[JJ.01_066,08] „Cyrenius! – Wenn du bei Mir
bist, brauchst du dich nicht zu fürchten vor diesem Sturme;
[JJ.01_066,09] denn die Stürme auch liegen,
wie alle Welt, in der Hand deines Gottes!
[JJ.01_066,10] Die Stürme müssen sein und
müssen verscheuchen das ausgebrütete Böse der Hölle leibhaftig!
[JJ.01_066,11] Aber denen, die um Mich sind,
können sie nimmer zu Leibe; denn auch die Stürme kennen ihren Herrn und tun
nicht planlos, was sie tun.
[JJ.01_066,12] Denn der Eine, der höchst
liebevoll, weise und allmächtig ist, hält ihre Zügel in Seiner Hand.
[JJ.01_066,13] Daher sei ohne Furcht, Mein
Cyrenius, hier bei Mir, und sei versichert, daß da niemandem auch nur ein Haar
gekrümmet wird!
[JJ.01_066,14] Denn diese Stürme wissen es
genau, Wer hier zu Hause ist.
[JJ.01_066,15] Siehe, haben die Menschen doch
heute abend sogar dir, der du doch nur ein Mensch bist, eine feurige Ehrung
dargebracht!
[JJ.01_066,16] Hier aber ehren die Stürme
Jemanden, der mehr ist als nur ein Mensch! – Findest du das unbillig?
[JJ.01_066,17] Siehe, das ist ein Loblied der
Natur, die ihren Herrn und Schöpfer preist! Ist das nicht billig?
[JJ.01_066,18] O Cyrenius, die Luft, die dich
anweht, verstehet auch Den, der sie erschuf; darum kann sie Ihn auch preisen!“
–
[JJ.01_066,19] Diese Worte des bald wieder
einschlafenden Kindleins machten alles verstummen, und Cyrenius kniete sich zur
Wiege nieder und betete heimlich das Kindlein an.
[JJ.01_067] 67. Kapitel – Die
Schreckensnachricht der Eilboten. Das blutige Verlangen der heidnischen
Götzenpriester. Cyrenius im Zwiespalt zwischen Herz und Welt. Des Kindleins
Rat.
13. Oktober 1843
[JJ.01_067,01] Also verging eine ruhigere
Stunde, und man kümmerte sich nicht mehr zu sehr um das Wüten und Toben des
Sturmes draußen.
[JJ.01_067,02] Nach dem Verlaufe von einer
Stunde aber kamen Eilboten zum Cyrenius ins Haus Josephs und erzählten, sagend:
[JJ.01_067,03] „Hoher, mächtiger Herr!
Unerhörte Dinge geschehen:
[JJ.01_067,04] Feuer bricht an mehreren Orten
aus der Erde;
[JJ.01_067,05] fliegende Feuersäulen werden
von dem Orkane hin und her getrieben und zerstören alles, was sie erreichen!
[JJ.01_067,06] Nichts ist fest und stark
genug, ihrer entsetzlichen Kraft zu widerstehen!
[JJ.01_067,07] Die Priester haben gesagt:
Alle gesamten Götter hätten sich erzürnt und wollen uns alle vernichten!
[JJ.01_067,08] Also ist es aber auch; denn
man hört deutlich das Gebelle des Cerberus, und die Furien tanzen schon
allenthalben herum! Der Vulkan hat seine Essen auf die Oberwelt gerichtet!
[JJ.01_067,09] Seine mächtigen Zyklopen
zertrümmern mutwillig die Häuser und die Berge!
[JJ.01_067,10] Und der Neptun hat alle seine
Macht zusammen in eine vereint!
[JJ.01_067,11] Gleich Bergen erhebt er das
Meer und will uns alle ertränken!
[JJ.01_067,12] Wenn nicht plötzlich große
Menschenopfer den überaus erzürnten Göttern dargebracht werden, so ist es um
uns alle geschehen!
[JJ.01_067,13] Tausend Jünglinge und tausend
Jungfrauen haben die Priester zur Sühnung bestimmt; und wir sind darum in aller
Eile an dich abgesandt, auf daß wir von dir das Fiat empfangen sollen!“
[JJ.01_067,14] Der Cyrenius erschrak über
diese Botschaft ganz gewaltig und wußte nicht, was er nun beginnen solle.
[JJ.01_067,15] Dem Priesterrufe getraute er
sich der Staatspolitik wegen nicht schnurgerade zu widersetzen;
[JJ.01_067,16] das Opfer aber zu billigen,
war seinem Herzen noch unmöglicher, als den Priestern zu widersprechen.
[JJ.01_067,17] Er wandte sich daher an das
Kindlein, welches eben wach geworden war, und fragte Es um einen Rat in dieser
schrecklichen Sache.
[JJ.01_067,18] Das Kindlein aber sprach: „Sei
ruhig! Denn in einer Minute wird sich der Sturm legen, und die, welche Menschen
schlachten wollten, sind nicht mehr! Daher sei ruhig, Mein Cyrenius!“
[JJ.01_068] 68. Kapitel – Des Cyrenius
Antwort an die Boten. Die drei blutrünstigen Priester drängen auf Opferung. Die
weise Entscheidung des Cyrenius. Die Qual der zweitausend Opfer.
14. November 1843
[JJ.01_068,01] Die Eilboten aber warteten
noch immer auf den Opferbefehl des Cyrenius.
[JJ.01_068,02] Cyrenius aber erhob sich von
der Wiege und sprach zu den Eilboten:
[JJ.01_068,03] „Gehet hin zu den Priestern,
und überbringet mir die Liste der zum Opfer bestimmten Jünglinge und Mädchen;
[JJ.01_068,04] denn ich muß mich überzeugen,
ob die Wahl gerecht ist!“
[JJ.01_068,05] Die Eilboten rannten davon bei
schon gänzlich eingetretener Ruhe des Sturmes.
[JJ.01_068,06] In der Stadt angelangt, fanden
sie aber das Priestergebäude zu ihrem Entsetzen schon in einen mächtigen
Schutthaufen verwandelt, unter dem bis auf drei Unterpriester alle anderen
höheren Priester ihren Untergang fanden.
[JJ.01_068,07] Die Eilboten kehrten darum
bald um und brachten dem Cyrenius die Nachricht, was da mit den Priestern
geschehen ist.
[JJ.01_068,08] Cyrenius, nun völligst
überzeugt von der Richtigkeit der Aussage des Kindleins, wußte nun nicht, was
er tun solle, und wollte wieder das Kindlein um Rat fragen.
[JJ.01_068,09] Aber in dem Augenblick kamen
auch die drei noch übriggebliebenen Unterpriester;
[JJ.01_068,10] diese fragten nun auch
eiligst, was da zu tun sein werde, indem ein neuer Erdstoß alle die frommen
Diener der Götter in ihrem Palaste begraben hatte, während sie schon zur großen
Opferung ausgerüstet waren.
[JJ.01_068,11] „Die tausend Jünglinge und die
tausend Mägde stehen schon zur großen Opferung an jenem Platze bereitet, an dem
die Säule des Jupiter stand, nun aber auch völlig vernichtet ist!
[JJ.01_068,12] Soll die Opferung sobald oder
erst beim Aufgange der Sonne vorgenommen werden!?
[JJ.01_068,13] Aufgehoben kann sie auf keinen
Fall werden, da dadurch die Götter ob des Undankes und wegen der Menschen
Treulosigkeit in einen noch größeren Zorn sicher geraten könnten!“
[JJ.01_068,14] Und der Cyrenius erwiderte den
drei Unterpriestern:
[JJ.01_068,15] „Heute darf die Opferung auf
keinen Fall unternommen werden und morgen früh bei Todesstrafe nicht eher, als
bis ich persönlich dazu den Befehl erteilen werde!“
[JJ.01_068,16] Darauf verließen die drei
Unterpriester den Cyrenius und begaben sich auf den Platz, allda die armen
Opfer weinten und wehklagten und aus großer Marter- und Todesangst die Hände zu
den Göttern rangen, daß sie verschont werden möchten.
[JJ.01_068,17] Cyrenius aber konnte kaum den
nächsten Morgen erwarten; denn ihn dauerten die geängsteten Opfer zu sehr, da
sie eine solche Schauernacht zu bestehen haben! – –
[JJ.01_069] 69. Kapitel – Die angstvolle
Nacht der jungen Menschenopfer. Die drei teuflischen Götzendiener. Cyrenius
voll Empörung spricht sein Urteil: Freiheit den Opfern, Tod den drei Priestern!
15. November 1843
[JJ.01_069,01] Die drei Unterpriester aber,
als sie auf den Opferplatz gelangten, verkündeten den Opferwachen sogleich, wie
den armen von aller Todesangst übermannten jungen Opfern, daß die vorbestimmte
und unabänderliche Opferung erst am nächsten Morgen desto bestimmter
vorgenommen werde, weil solche der hohe Cyrenius selbst also angeordnet habe.
[JJ.01_069,02] In welche Stimmung diese
Nachricht die zweitausend Opfer versetzt hat, braucht keiner näheren
Beschreibung für den, der es aus der geschichtlichen Tradition weiß, daß derlei
Opfer zur Versöhnung verschiedenartiger Götter auch sehr verschiedenartig
gemartert und getötet wurden.
[JJ.01_069,03] (Es dürfte für manchen zu
empörend sein, alle die bei tausend verschiedenen Marterarten zu vernehmen;
daher wollen wir sie auch übergehen.
[JJ.01_069,04] Dafür aber wollen wir sogleich
mit dem Cyrenius und dem Maronius und Joseph am frühen Morgen den Opferplatz
besuchen und uns dort ein wenig umsehen! –)
[JJ.01_069,05] Am frühesten, überaus heiteren
Morgen begaben sich die drei Obenerwähnten an den vorbestimmten Opferplatz.
[JJ.01_069,06] Mit der größten Erbitterung
vernahm der Cyrenius schon von der Ferne das entsetzliche Angstgeschrei der zu
opfernden Jugend.
[JJ.01_069,07] Er beschleunigte daher seine
Schritte, um ja baldmöglichst dieser Schauderszene ein Ende zu machen.
[JJ.01_069,08] Auf dem Platze angelangt,
entsetzte er sich über das unmenschliche Gefühl der drei Unterpriester, welche
schon mit der größten Sehnsucht des Cyrenischen Befehls zum Würgen harrten.
[JJ.01_069,09] Cyrenius ließ die Priester
sogleich zu sich kommen und fragte sie: „Sagt mir, dauert euch diese herrliche
Jugend gar nicht, so sie allergrausamst ermordet werden sollte? – Habt ihr für
sie kein Mitleid in eurer Brust?!“
[JJ.01_069,10] Und die Priester sprachen: „Wo
die Götter fühlen, da hat es mit dem Menschlichkeitsgefühle ein Ende!
[JJ.01_069,11] Den Göttern ist der Menschen
Leben nichts – und oft nur ein Greuel; daher stimmt das uns, ihre Diener auf
Erden, nach ihrer Art, und wir können daher kein Erbarmen in uns tragen,
[JJ.01_069,12] wohl aber nur eine Wonne und
einen Jubel in dem, wie wir den Göttern pünktlichst zu dienen vermögen!
[JJ.01_069,13] Also freuen wir uns auch schon
jetzt über die Maßen auf die Schlachtung dieser ohnehin selten von den hohen
Göttern verlangten Opfer!“
[JJ.01_069,14] Diese Äußerung versetzte dem
Cyrenius einen so mächtigen Stoß aufs Herz, daß er vor Zorn über diese Priester
zu beben anfing.
[JJ.01_069,15] In kurzer Zeit sich ermannend
aber sprach er wieder zu den Priestern: „Wie aber, wenn Zeus selbst sich hier
befände und schenkte diesen Opfern das Leben! – was würdet ihr dann tun?“
[JJ.01_069,16] Und die Priester erwiderten:
„Dann müßte die Opferung um so bestimmter vorgenommen werden, weil das nur eine
Prüfung für unseren priesterlichen Diensteifer wäre!
[JJ.01_069,17] Würden wir dann uns der
bestimmten Opfer erbarmen, so würde uns Zeus als Frevler ansehen und uns
vernichten mit Blitz und Donner!“
[JJ.01_069,18] Cyrenius aber fragte die
Priester weiter und sprach: „Was haben denn die andern hohen Priester vor den
Göttern dann verbrochen, daß sie so übel sind in ihrem Palaste getötet worden?“
[JJ.01_069,19] Und die Priester erwiderten:
„Weißt du denn nicht, daß über allen Göttern und ihren Priestern noch ein
unerbittliches Fatum herrschet?!
[JJ.01_069,20] Dieses hat die Priester
getötet, wie ehedem die Götter aufgereizt; die Götter aber kann es nicht töten,
wohl aber die noch hie und da sterblichen Priester!“
[JJ.01_069,21] „Gut“, sprach Cyrenius, „heute
nach Mitternacht kam das Fatum zu mir und erteilte mir den Befehl, aller dieser
Jugend das Leben zu schenken – und dafür euch zu opfern, und das so bestimmt,
als ich Cyrenius heiße und mein Bruder Julius Augustus Caesar als oberster
Consul und Kaiser in Rom herrschet! – Was saget ihr denn zu dieser Kunde?!“
[JJ.01_069,22] Diese Schreckenskunde machte
die Priester erblassen und die andern Opfer wieder zum Bewußtsein gelangen. –
Denn hier ließ Cyrenius sogleich allen Opfern die Freiheit verkünden, aber die
drei Priester binden und für die Hinrichtung vorbereiten. –
[JJ.01_070] 70. Kapitel – Josephs
Milderungsversuch. Des Cyrenius Grimm gegen die zum Tode verurteilten drei
Priester. Das Flehen der Verurteilten um Gnade.
16. November 1843
[JJ.01_070,01] Joseph aber trat nun zum
Cyrenius hin und fragte ihn, sagend: „Geachtetster liebster Freund! Ist das
dein vollkommenster Ernst, diese drei Götzenknechte zu töten?“
[JJ.01_070,02] Und der Cyrenius, voll Grimm
gegen diese allergefühllosesten drei Menschentiger, sprach zum Joseph:
[JJ.01_070,03] „Ja, mein erhabenster Freund!
Hier will ich ein Beispiel statuieren, daran alles Volk erkennen solle, daß ich
nichts so sehr ahnde als die gänzliche Lieblosigkeit!
[JJ.01_070,04] Denn ein Mensch ohne Liebe und
ohne alles Mitleidsgefühl ist der Übel größtes auf der Erde.
[JJ.01_070,05] Alle reißenden Tiere sind
Lämmer gegen ihn, und die Furien der Hölle sind nur kaum schlechte Schüler
gegen ihn zu nennen!
[JJ.01_070,06] Darum erachte ich es auch als
erste und oberste Pflicht eines wahren Völkerregenten, derlei Scheusale
auszurotten und gänzlich von der Erde zu vertilgen!
[JJ.01_070,07] Priester sollen das Volk ja
aber nur ganz besonders in der Liebe unterrichten; sie sollen jedermann mit
einem guten Beispiele vorangehen!
[JJ.01_070,08] Wenn aber diese ersten
Volkslehrer und Leiter zu Furien werden, was solle dann aus ihren Schülern
werden?
[JJ.01_070,09] Daher weg mit derlei Bestien!
– Ich sinne nun nur auf die martervollste Todesart nach; habe ich diese, sodann
solle sogleich der Stab über sie gebrochen werden!“
[JJ.01_070,10] Joseph aber getraute sich kaum
mehr dem Cyrenius etwas einzuwenden, denn dieser hatte diese Worte in einem zu
mächtigen Ernste gesprochen.
[JJ.01_070,11] Nach einer Weile aber fielen
die drei Priester vor dem Cyrenius nieder und baten ihn um Gnade unter der
Versicherung, daß sie ihr Leben sicher ändern werden, und seien auch bereit,
auf der Stelle ihr Priestertum niederzulegen.
[JJ.01_070,12] Für die Gewinnung der Gnade
aber appellierten sie an das priesterliche Gesetz, welches sie also und nicht
anders zu handeln bestimmt habe.
[JJ.01_070,13] Cyrenius aber sprach: „Meint
ihr Bösewichte denn, ich kenne die Gesetze der Priester nicht?!
[JJ.01_070,14] Höret, das außerordentliche
Opfergesetz lautet also: ,Wenn irgend ein Volk ersichtlichermaßen den Göttern
durch seine Ausschweifung untreu geworden ist und die Götter dasselbe dann
heimsuchen mit Krieg, Hunger und Pest, dann sollen die Priester das Volk zur Besserung
ermahnen.
[JJ.01_070,15] Kehrt sich das Volk daran, da
sollen es die Priester wieder segnen und dem Volke zur Pflicht machen, zur
Versöhnung der Götter gewisse Opfer an Gold, Vieh und Getreide vor die Priester
zu bringen, die dann diese Opfer weihen und dann damit ein Rauchwerk machen
sollen!
[JJ.01_070,16] Sollte es jedoch irgend ein so
hartnäckiges, unbekehrbares Volk geben, das da der Priester spottete, da sollen
die Priester die Spötter samt ihren Kindern ergreifen lassen und sie in
unterirdischen Gemächern mit der Zuchtrute unterrichten sieben Monde lang!
[JJ.01_070,17] Bekehren sich da die Frevler,
so sollen sie wieder auf freien Fuß gesetzt werden; bekehren sie sich aber
nicht, da sollen sie durch das Schwert fallen – und dann erst zur Sühne der
Götter in die Flamme gelegt werden!‘
[JJ.01_070,18] Lautet nicht also das alte
weise Opfergesetz? – War hier Krieg, Hunger und Pest? – War diese schöne Jugend
abtrünnig den Göttern? Habt ihr sie zuvor sieben Monde lang unterrichtet? –
Nein!!! – Sondern aus Ehr- und Geilsucht wolltet ihr sie töten; und darum müßt
ihr sterben als die größten Frevler an eurem eigenen Gesetze!“ – –
[JJ.01_071] 71. Kapitel – Josephs sanfter
Einspruch an Cyrenius unter Hinweis auf das Gericht des Herrn. Des Cyrenius
Nachgeben. Die scheinbare Verurteilung zum Tode am Kreuz als Besserungsmittel
für die drei Priester.
17. November 1843
[JJ.01_071,01] Nach dieser Erklärung des
Cyrenius trat abermals der Joseph zu ihm und sprach:
[JJ.01_071,02] „Cyrenius, du mein
großerhabner Freund und Bruder! – Ich meine, du sollst die Strafe für diese
drei Götzenknechte, welche wohl im Ernste böswillig sind, dem Herrn überlassen;
[JJ.01_071,03] denn glaube mir, niemand tut
dem Herrn, dem allmächtigen Gott Himmels und der Erde, einen wohlgefälligen
Dienst, selbst dann nicht, wenn er den größten Missetäter umbringen läßt!
[JJ.01_071,04] Überlasse du daher unbesorgt
dem Allmächtigen die gerechte Züchtigung dieser drei, und der Herr wird dich
segnen durch die Strafe, die Er diesen dreien nur zu sicher wird zukommen
lassen, wenn sie sich nicht zu einer übergroßen Reue und völligen Umkehr wenden
werden!
[JJ.01_071,05] Gehen sie aber in sich zur
wahren Reue und Umkehr zum einig wahren Gott über, so können sie ja auch noch
edle Menschen werden!“
[JJ.01_071,06] Diese Worte Josephs brachten
den Cyrenius zum Nachdenken darüber, was er so ganz eigentlich tun solle.
[JJ.01_071,07] Nach einer Weile beschloß er,
die drei wenigstens einer starken Todesangst auszusetzen als Reprise für die,
welche sie der armen Jugend verursacht hatten.
[JJ.01_071,08] Daher sprach er zum Joseph:
„Mein innigster, mein erhabenster Freund und Bruder! Ich habe nun deinen Rat
wohl erwogen und werde ihn auch befolgen!
[JJ.01_071,09] Aber nur für diesen Augenblick
kann ich das nicht tun! – Ich muß diesen dreien einmal den angedrohten Stab
brechen und sie zu einem martervollsten Tode verurteilen!
[JJ.01_071,10] Haben sie erst eine
vierundzwanzigstündige Todesangst ausgestanden, dann bitte du mich laut vor
allem Volke an diesem Richtplatze um die Gnade und um die Aufhebung der
Todesstrafe;
[JJ.01_071,11] und ich werde dich offenbar
erhören und dann nach der gesetzlichen Ordnung diesen drei Wichten das Leben
schenken!
[JJ.01_071,12] Ich meine, also wird es recht
sein; denn siehe, sogleich begnadigen kann ich sie nicht, weil ich sie als
schwarze Verbrecher am priesterlichen Gesetze erkannt habe!
[JJ.01_071,13] Nach dem Gesetze müssen sie
das Todesurteil vernehmen; ist das geschehen, so kann dann erst bei
außerordentlichen Fällen die Begnadigung an die Stelle der Exekution des
Urteils treten.
[JJ.01_071,14] Und so will ich mich sogleich
an dieses Werk machen!“
[JJ.01_071,15] Joseph billigte das, und der
Cyrenius berief sogleich die Richter, die Liktoren und die Büttel zu sich und
sprach:
[JJ.01_071,16] „Schaffet drei eiserne Kreuze
her und Ketten; die Kreuze befestiget in dem Boden und heizet vierundzwanzig
Stunden um die aufgestellten Kreuze!
[JJ.01_071,17] So diese in dieser Zeit die
rechte Glühhitze haben werden, dann werde ich kommen und die drei Frevler an
die glühenden Kreuze aufziehen lassen! – Fiat.“
[JJ.01_071,18] Darauf nahm der Cyrenius einen
Stab, zerbrach ihn, warf ihn den dreien unter die Füße und sprach:
[JJ.01_071,19] „Nun habt ihr euer Urteil
vernommen! Bereitet euch daher vor; denn ihr seid solchen Todes würdig! Fiat.“
[JJ.01_071,20] Wie tausend Blitze schlug
dieses Urteil die drei; sie fingen an sogleich zu heulen und zu wehklagen und
alle Götter zu Hilfe zu rufen.
[JJ.01_071,21] Sie wurden dann auch sogleich
unter feste Wache genommen, und die Büttel gingen sogleich ins Richthaus und
schafften die anbefohlenen Marterwerkzeuge herbei. Cyrenius, Joseph und
Maronius aber begaben sich nach dem sogleich wieder nach Hause.
[JJ.01_072] 72. Kapitel – Marias Zweifel an
der Allmacht des Jesuskindes. Josephs beruhigende Erzählung. Warum der mächtige
Löwe von Juda vor Herodes floh. Die Seligkeit der ermordeten Kindlein. Pillas
Reife.
18. November 1843
[JJ.01_072,01] Als sich Cyrenius mit Joseph
und Maronius Pilla wieder der Villa näherte, ging Maria mit dem Kinde auf dem
Arme den dreien ganz ängstlich entgegen und fragte sogleich den Joseph:
[JJ.01_072,02] „Mein Joseph, mein
geliebtester Gemahl! O sage mir, was da mit der Jugend geschehen ist!
[JJ.01_072,03] Denn wenn hier bei solchen
sicher nicht selten vorkommenden Elementarstürmen allzeit derlei Opferungen
stattfinden, da sind ja auch wir nicht sicher mit unserem Kinde!
[JJ.01_072,04] Hat Es auch eine große Macht,
– aber wir mußten uns doch trotz dieser Macht aus Palästina vor dem Herodes
flüchten!
[JJ.01_072,05] Woraus ich denn auch den
Schluß gemacht habe: Für gewisse Fälle hat das Kind noch zuwenig Macht; daher
liegt es da an uns, Es all den großen Gefahren zu entziehen!“
[JJ.01_072,06] Und der Joseph sprach zur
Maria: „O du mein mir von Gott dem Herrn Selbst angetrautes Weib, fürchte dich
nicht darob!
[JJ.01_072,07] Denn siehe, nicht ein Haar von
der zur schmählichsten Sühnopferung bestimmten Jugend ist ihr angetastet worden!
[JJ.01_072,08] Unser lieber Cyrenius hat
sogleich ihr die Freiheit gegeben und verurteilte dafür die drei Priester, die
gestern hier waren und die Einwilligung für die Schlachtung der Jugend vom
Cyrenius verlangten, zum allerschmerzlichsten Glühkreuzestode!
[JJ.01_072,09] Aber – unter uns gesagt – nur
scheinhalber! – Morgen in der Frühe werden sie anstatt der Exekution des
Todesurteils die Begnadigung empfangen!
[JJ.01_072,10] Und diese Lektion wird ihnen
sicher zu einer vollsten Witzigung dienen, der zufolge sie künftighin sicher
kein ähnliches Götzensühnopfer in Vorschlag bringen werden!
[JJ.01_072,11] Daher also sei du, mein
geliebtestes Weib, ganz völlig unbesorgt und denke: Der Herr, der uns bis jetzt
so sicher geführt hat, der wird uns auch in der Zukunft nicht in die Macht der
Heiden überliefern!“
[JJ.01_072,12] Maria ward durch diese Worte
Josephs vollkommen beruhigt, und ihr Gesicht heiterte sich wieder auf.
[JJ.01_072,13] Und das Kindlein lächelte der
Mutter ins Angesicht und sprach zu ihr:
[JJ.01_072,14] „Maria! – So jemand einen
Löwen also gebändiget hätte, daß dieser ihn gleich einem sanftmütigen Lasttiere
herumtrüge,
[JJ.01_072,15] meinst du wohl, daß es da
löblich wäre, sich auf dem mächtigsten Rücken des Löwen zu fürchten vor den
flüchtigen Hasen?!“
[JJ.01_072,16] Maria erstaunte über die tiefe
Weisheit dieser Worte, aber sie verstand sie nicht.
[JJ.01_072,17] Und das Kindlein sprach daher
noch einmal zur Maria, und sprach ganz ernsten Angesichtes:
[JJ.01_072,18] „Ich bin der mächtige Löwe von
Juda, der dich auf Seinem Rücken trägt; wie magst du dich denn fürchten vor
denen, die Ich mit einem Hauche verwehen kann wie lose Spreu?!
[JJ.01_072,19] Meinst du denn, Ich bin vor
Herodes geflohen, um Mich zu sichern vor seiner Wut?!
[JJ.01_072,20] O nein! – Ich floh nur, um ihn
zu schonen; denn hätte ihn Mein Angesicht gesehen, da wäre es mit ihm für ewig
aus gewesen! –
[JJ.01_072,21] Siehe, die Kindlein aber, die
für Mich erwürgt worden sind, sind überaus glücklich schon in Meinem Reiche –
und sind täglich um Mich und loben und preisen Mich und erkennen in Mir schon
vollkommen ihren Herrn für ewig!
[JJ.01_072,22] Siehe Maria, also stehen die
Dinge! Daher du wohl von Mir allenthalben schweigen sollest, wie es befohlen
ward; aber du für dich sollest es wohl wissen, Wer Der ist, den du ,Gottes
Sohn‘ heißen sollest und Ihn auch also geheißen hast!“
[JJ.01_072,23] Diese Worte erschütterten die
Maria durch und durch; denn sie sah nun ganz ein, daß sie den Herrn auf ihren
Armen trägt!
[JJ.01_072,24] Es hatte aber auch der
Maronius, der sich hier hinter der Maria befand, die Worte des Kindes vernommen
und fiel nieder vor dem Kinde.
[JJ.01_072,25] Nun erst entdeckte der
Cyrenius Mariam; denn früher war er in einem Gespräche mit einem seiner ihn
begleitenden Sekretäre begriffen.
[JJ.01_072,26] Er eilte daher plötzlich hin
zum Kinde und grüßte und kosete Es. Und das Kindlein tat desgleichen und
sprach: „Cyrenius! erhebe den Maronius, denn er ist nun schon bearbeitet; nun
darf er Mich erkennen! – Verstehst du Mich, was Ich damit sagen will?!“ –
[JJ.01_073] 73. Kapitel – Des Cyrenius Erlaß:
Ausfall der militärischen Übungen. Der Aufbruch nach der Stadt und des
Jesuskindleins Bedingung zugunsten der drei Todesopfer.
20. November 1843
[JJ.01_073,01] Als aber also die ganze
Gesellschaft bei der Villa angelangt war, da sandte der Cyrenius sogleich
seinen Adjutanten in die Stadt an den Obersten der Stadt und ließ ihm bedeuten,
daß an diesem wie am künftigen Tage keine Paraden und keine Ausrückungen
stattfinden sollen.
[JJ.01_073,02] Denn solches war bei den
Römern bei außerordentlichen Gelegenheiten gebräuchlich, daß da bei gewissen
Erscheinungen – wie etwa eine Mondes- oder Sonnenfinsternis, ein starkes
Ungewitter,
[JJ.01_073,03] feurige Meteore, Kometen, das
plötzliche Auftreten eines Irrsinnigen, das Befallenwerden von der sogenannten
Epilepsie,
[JJ.01_073,04] imgleichen auch
außerordentliche Scharfgerichtstage – die Sitten den Römern nicht gestatteten,
zugleich andere Staatsgeschäfte zu unternehmen.
[JJ.01_073,05] Denn alle derlei Tage galten
den sonst vielseitig biederen Römern als Unglückstage oder als besondere Tage
der Götter, welche die Menschen sofort zu heiligen und nicht zu ihrem eigenen
Geschäfte zu verwenden haben.
[JJ.01_073,06] Obschon aber Cyrenius bei sich
eben nicht viel auf diese leeren Sitten hielt, so mußte er solches aber dennoch
des Volkes wegen tun, welches noch fest an solchen Torheiten hing.
[JJ.01_073,07] Als der Adjutant aber
abgegangen war, da sprach der Cyrenius zum Joseph: „Edelster Bruder und Freund!
Lasse du nun ein Morgenmahl richten! – Nach dem Morgenmahle aber wollen wir
alle samt und sämtlich in die Stadt gehen und wollen dort die Verheerungen des
Sturmes in Augenschein nehmen!
[JJ.01_073,08] Wir werden bei dieser Gelegenheit
sicher viele arme und verunglückte Bürger dieses Ortes antreffen und werden
ihnen auch helfen auf jede mögliche Weise.
[JJ.01_073,09] Sodann werden wir den Hafen
besichtigen und sehen, wie es mit den Schiffen aussieht, ob und wie sie
beschädigt worden sind.
[JJ.01_073,10] Es wird sich da sicher so
manche Arbeit für deine Söhne ergeben, die ich sogleich zu Oberbauführern
ernennen will, indem es ohnehin gerade in dieser Stadt an Baukundigen überaus
mangelt.
[JJ.01_073,11] Denn Ägypten ist nun in architektonischer
Hinsicht bei weitem nicht mehr das, was es einst vor tausend Jahren war zu den
Zeiten der alten Pharaonen.“
[JJ.01_073,12] Joseph befolgte sogleich das
Verlangen des Cyrenius, ließ ein frugales Morgenmahl bereiten, bestehend aus
Brot, Honig und Milch und einigen Früchten.
[JJ.01_073,13] Nach dem Mahle aber erhob sich
der Cyrenius und die ganze Tischgenossenschaft und wollte sogleich seinem
Vorhaben nach in die Stadt ziehen;
[JJ.01_073,14] aber das Kindlein berief den
Cyrenius zu Sich und sprach zu ihm: „Mein Cyrenius! Du ziehst in die Stadt, der
notleidenden Bürgerschaft irgend zu helfen, und dein größter Wunsch ist, daß
Ich bei dir sein möchte!
[JJ.01_073,15] Ja, Ich will auch mit dir
ziehen, aber du mußt Mich hören und Meinen Rat befolgen!
[JJ.01_073,16] Siehe, die an der größten Not
Leidenden sind wohl jene drei von dir zur vierundzwanzigstündigen Todesangst
Verurteilten!
[JJ.01_073,17] Siehe aber hinzu! – Ich habe
keine Freude am zu großen Schmerze der Elenden; daher ziehen wir zuerst dahin
und helfen diesen Allerunglücklichsten! Danach wollen wir erst die weniger
Unglücklichen in der Stadt und den Meereshafen besuchen!
[JJ.01_073,18] Tust du das, so werde Ich mit
dir ziehen; tust du aber das nicht, so bleibe Ich daheim! – Denn siehe, Ich bin
auch ein Herr in Meiner Art und kann tun, was Ich will, ohne Mich an dich zu
halten! Befolgst du aber Meinen Rat, da will Ich Mich dann wohl an dich
halten!“
[JJ.01_074] 74. Kapitel – Cyrenius am
Scheideweg. Des Kindleins Rat. Maronius als Kenner des römischen Rechts. Die
Begnadigung der drei Priester auf dem Richtplatz, ihr Tod vor Freude und ihre
Wiederbelebung durch das Jesuskind.
21. November 1843
[JJ.01_074,01] Als der Cyrenius solches
vernommen hatte von dem ihm über allen stehenden kleinen Wiegenredner, wie er
Ihn manchmal nannte, da stutzte er bei sich selbst und wußte nicht, was er so
ganz eigentlich tun solle.
[JJ.01_074,02] Denn auf der einen Seite sah
er sich vor dem Volke als ein wankelmütiger Feldherr und oberster Statthalter
gewaltig prostituiert,
[JJ.01_074,03] anderseits aber hatte er
dennoch zuviel Respekt vor der erprobten Macht des Kindes!
[JJ.01_074,04] Er sann eine Zeitlang hin und
her und sprach nach einer Weile wie zu sich selbst:
[JJ.01_074,05] „O Scylla, o Charybdis, o
Mythe des Herkules am Scheidewege!
[JJ.01_074,06] Hier stehet der Held zwischen
zwei Abgründen; weicht er dem einen aus, so stürzt er unvermeidlich in den
andern!
[JJ.01_074,07] Was solle ich nun tun? – Wohin
mich wenden? – Solle ich zum ersten Male wankelmütig vor dem Volke erscheinen
und tun den Willen dieses mächtigen Kindes?
[JJ.01_074,08] Oder solle ich tun nach meinem
ohnehin sehr milden Beschlusse?“
[JJ.01_074,09] Hier berief wieder das
Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach lächelnd: „Du Mein lieber Freund, du
rührest hohle Eier und hohle Nüsse durcheinander!
[JJ.01_074,10] Was ist die Scylla und was die
Charybdis und was der Held Herkules vor Mir? – Folge du Mir, und du wirst mit
allen diesen Nichtigkeiten nichts zu tun bekommen!“
[JJ.01_074,11] Und der Cyrenius, sich
erholend von seinem Wankelmute, sprach zum Kinde:
[JJ.01_074,12] „Ja, Du mein Leben, Du mein
kleiner Sokrates, Plato und Aristoteles in der Wiege! – Dich will ich
zufriedenstellen, und komme daraus, was wolle!
[JJ.01_074,13] Und so lasset uns denn
hinziehen auf den Richtplatz und dort unser Urteil sobald in Gnade verwandeln!“
[JJ.01_074,14] Hier näherte sich auch
Maronius dem Cyrenius und sagte ganz sachte zu ihm:
[JJ.01_074,15] „Kaiserliche Consulische
Hoheit! – Ich bin ganz mit dem Rate des Kindes einverstanden; denn mir ist
gerade jetzt eingefallen, daß die Todesstrafe bei priesterlichen
Angelegenheiten nie ohne die Einwilligung des Pontifex Maximus in Rom über die
Priester verhängt werden darf, –
[JJ.01_074,16] außer diese wären
Staatsaufwiegler, was sie aber hier nicht sind, sondern nur blinde Eiferer
ihrer Sache!
[JJ.01_074,17] Daher billige ich den Rat des
Kindes sehr; dessen Befolgung kann dir daher nur nützen, aber nie schaden!“
[JJ.01_074,18] Den Cyrenius freute diese
Bemerkung des Maronius, und er machte sich darum sogleich auf den Weg mit der
ganzen vorbestimmten Gesellschaft.
[JJ.01_074,19] Am Richtplatze angelangt, fand
er die drei Priester schon fast entseelt vor zu großer Angst vor dem
martervollsten Tode.
[JJ.01_074,20] Nur einer von ihnen hatte noch
so viel Geistesgegenwart, daß er vor dem Cyrenius sich mühsamst erhob und ihn
bat um eine gnädigere Todesart.
[JJ.01_074,21] Cyrenius aber sprach zu ihm,
wie zu den andern zweien: „Sehet an das Kind, das diese Mutter auf ihren Armen
trägt, das gibt euch das Leben wieder! Und so schenke ich es euch auch und
widerrufe mein Urteil!
[JJ.01_074,22] Erhebet euch daher wieder, und
wandelt frei! Fiat! – Und ihr Wachen, ihr Richter, Liktoren und Büttel, ziehet
ab mit allem! Fiat!“
[JJ.01_074,23] Dieser Gnadenruf benahm den
drei Priestern das Leben; aber das Kindlein streckte die Hand über die drei,
und sie erwachten wieder ins Leben und folgten sogleich ganz erheitert ihrem
kleinen Lebensretter! –
[JJ.01_075] 75. Kapitel – Die Besichtigung
der Stadt nach dem Sturm. Die gute Wirkung des Orkans. Die törichte Absicht des
Cyrenius, sein Schwert wegzuwerfen. Des hl. Kindleins weise Worte über das
Schwert als Hirtenstab.
22. November 1843
[JJ.01_075,01] Vom Richtplatze sich schnell
hinwegbegebend, zog die ganze Gesellschaft nun in die Stadt im Gefolge von den
drei begnadigten Priestern.
[JJ.01_075,02] Als sie, die Gesellschaft
nämlich, aber in der Stadt am großen Platze anlangte – und zwar vor dem
mächtigen Schutthaufen des großen Tempels und des ganzen, noch größeren
Priesterpalastes,
[JJ.01_075,03] da schlug der Cyrenius die
Hände über dem Kopfe zusammen und sprach mit lauter Stimme:
[JJ.01_075,04] „Wie sehr verändert siehst du
aus! – Ja, so kann nur eines Gottes Macht wirken!
[JJ.01_075,05] Nicht langer Zeiten bedarf es,
sondern ein Wink der Allmacht genügt, den ganzen Erdkreis in Staub zu
verwandeln!
[JJ.01_075,06] O Menschen! – wollt ihr
kämpfen mit Dem, der den Elementen gebietet, und sie folgen Seinem Winke?!
[JJ.01_075,07] Wollt ihr Richter sein, wo der
Gottheit Allmacht gebietet, und herrschen, wo euch ein leiser Wink des ewigen
Herrschers zertrümmert?!
[JJ.01_075,08] Nein, nein! – Ich bin ein Tor,
daß ich noch mein Schwert umgürtet trage, als hätte ich eine Macht!
[JJ.01_075,09] Weg mit dir, du elendes Zeug!
Da, in diesem Schutthaufen ist der beste Platz für dich! – Mein wahres Schwert
aber sollst Du sein! Du! – den die Mutter auf ihren Armen trägt!“ – –
[JJ.01_075,10] Hier löste der Cyrenius
plötzlich sein Schwert samt dem Ehrengürtel vom Leibe und wollte es mit aller
Gewalt in den Schutthaufen schleudern.
[JJ.01_075,11] Aber das Kindlein, das Sich
zur Seite des Cyrenius auf den Armen der Maria befand, sprach zu ihm:
[JJ.01_075,12] „Cyrenius! Tue nicht, was du
tun willst, – denn wahrlich, wer das Schwert nach deiner Art trägt, der trägt
es gerecht!
[JJ.01_075,13] Wer das Schwert gebraucht als
Waffe, der werfe es von sich;
[JJ.01_075,14] wer es aber gebraucht als
einen Hirtenstab, der behalte es; denn also ist es der Wille Dessen, dem Himmel
und Erde ewig gehorchen müssen!
[JJ.01_075,15] Du bist aber ein Hirte denen,
die in das Buch deines Schwertes geschrieben sind;
[JJ.01_075,16] daher umgürte dich nur wieder
mit der gerechten Ehre, auf daß dich dein Volk erkennt, daß du ihm ein Hirte
bist!
[JJ.01_075,17] Bestünde deine Herde aus pur
Lämmern, da bedürftest du keines Stabes!
[JJ.01_075,18] Aber es gibt darunter sehr viele
Böcke; darum möchte Ich dir lieber noch einen Stab hinzulegen, als dir den
einen nehmen!
[JJ.01_075,19] Wahr ist es! Außer in Gott
gibt es keine Macht; aber wenn dir Gott die Macht verleiht, dann sollst du sie
nicht dahin von dir werfen, was Gottes Fluch gerichtet hat!“
[JJ.01_075,20] Diese Worte brachten den
Cyrenius sogleich wieder zur Umgürtung des Schwertes unter steter stiller
Anbetung des Kindleins. – Die drei Priester aber entsetzten sich
allergewaltigst vor der Weisheit dieses Kindes!
[JJ.01_076] 76. Kapitel – Die Verwunderung
der drei Priester über die Weisheit des Kindes und Josephs. Josephs
Göttermythologie.
24. November 1843
[JJ.01_076,01] Mit der größten Hochachtung
näherten sich die drei Priester dem Joseph und fragten ihn, wie dieses Kind zu
einer solchen allerwunderbarsten Weisheit gelangt ist, und wie alt es schon
sei.
[JJ.01_076,02] Joseph aber sprach zu ihnen:
„Liebe Freunde, fraget nicht zu früh danach; denn eine zu vorzeitige Antwort
könnte euch das Leben kosten!
[JJ.01_076,03] Folget uns aber, und lasset
eure vielen Götter fallen, und glaubet, daß es nur einen wahren Gott Himmels
und der Erde gibt, und glaubet, daß dieser eine wahre Gott Derjenige ist, den
das Volk Israel anbetet und ehret zu Jerusalem, so werdet ihr es in euch und
aus diesem Kinde erfahren, woher Dessen Weisheit ist!“
[JJ.01_076,04] Die Priester aber sprachen: „O
Mann, du redest hier seltsame Worte!
[JJ.01_076,05] Sind denn unsere Hauptgötter,
der Zeus, der Apollo, der Merkur, der Vulkan, der Pluto, Mars und Neptun, die
Juno, die Minerva, die Venus und andere mehr nichts als bloße Werke der
menschlichen Phantasie?“
[JJ.01_076,06] Und der Joseph erwiderte:
„Höret mich an, ihr Freunde! Alle eure Götter sind entstanden durch die
Phantasie eurer Urväter, die den einen Gott noch gar wohl gekannt haben!
[JJ.01_076,07] Sie aber waren seltene Dichter
und Sänger an den Höfen der alten Könige dieses Landes und personifizierten –
zwar in guten Entsprechungen – die Eigenschaften des einen wahren Gottes!
[JJ.01_076,08] Ihnen war Jupiter als die Güte
und Liebe des Vaters von Ewigkeit darstellend, Apollo war die Weisheit des
Vaters, und die Minerva stellte die Macht dieser Weisheit dar.
[JJ.01_076,09] Merkur bedeutete die
Allgegenwart des einen Gottes durch Seinen allmächtigen Willen.
[JJ.01_076,10] Die Venus stellte die
Herrlichkeit und die Schönheit und die ewige gleiche Jugend des Gottwesens dar.
[JJ.01_076,11] Vulkan und Pluto stellten des
einen Gottes Vollmacht über die ganze Erde dar.
[JJ.01_076,12] Mars stellte den göttlichen Ernst
dar und das Gericht und den Tod für die Gerichteten.
[JJ.01_076,13] Neptun stellte den wirkenden
Geist des einen Gottes in allen Gewässern dar, wie Er durch sie die Erde
belebt.
[JJ.01_076,14] So stellte die alte Isis, wie
Osiris, die göttliche, unantastbare Heiligkeit dar, welche da ist die göttliche
Liebe und Weisheit urewig in sich!
[JJ.01_076,15] Und so stellten alle anderen
Untergötter nichts als lauter Eigenschaften des einen Gottes in entsprechenden
Bildern dar!
[JJ.01_076,16] Und das war eine recht
löbliche Darstellung; denn man wußte da nichts anderes, als daß dieses alles
nur den einen Gott bezeichne in der verschiedenen Art Seiner zahllosen
Auswirkungen.
[JJ.01_076,17] Aber mit der Zeit haben
Eigennutz, Selbstliebe und die Herrschsucht die Menschen geblendet und
verfinstert.
[JJ.01_076,18] Sie verloren den Geist, und es
blieb ihnen nichts als die äußere Materie, und sie wurden zu Heiden, was soviel
heißt als: sie wurden zu groben Materialisten und verloren den einen Gott,
nagten daher an den äußeren, leeren, unverstandenen Bildern gleich Hunden, die
da heißhungrig nackte Knochen benagen, an denen kein Fleisch mehr haftet! –
Verstehet ihr mich?“
[JJ.01_076,19] Die drei sahen einander groß
an und sprachen: „Wahrlich, du bist in unserer Religion besser bewandert denn
wir! – Wo aber hast du solches erfahren?“
[JJ.01_076,20] Joseph aber sprach: „Geduldet
euch nur; das Kind wird es euch kundtun! Daher folget uns, und kehret nicht
wieder um!“
[JJ.01_077] 77. Kapitel – Cyrenius und die
drei Priester. Die Ausgrabung der Verschütteten. Des Kindleins wunderbare
Mithilfe. Die Belebung der sieben scheintoten Katakombenführer.
25. November 1843
[JJ.01_077,01] Die drei Priester fragten nun
um nichts mehr weiter; denn sie erkannten in Joseph einen Mann, der in die
alten Mysterien Ägyptens tief eingeweiht zu sein schien, was sonst nur bei den
höchsten Oberpriestern dieses Landes der Fall war.
[JJ.01_077,02] Der Cyrenius aber wandte sich
um und fragte die drei Priester, wieviel ihresgleichen hier ums Leben gekommen
sind.
[JJ.01_077,03] Und die drei sprachen:
„Mächtigster Statthalter! Ganz genau können wir dir die Zahl nicht angeben;
[JJ.01_077,04] aber über siebenhundert waren
es gewiß, die da begraben wurden, ohne die Zöglinge beiderlei Geschlechts mit
eingerechnet!“
[JJ.01_077,05] „Gut“, sprach Cyrenius, „wir
wollen uns von der Sache bald genauer überzeugen!“
[JJ.01_077,06] Er fragte darauf den Joseph,
ob es nicht rätlich wäre, die Verschütteten auszugraben!
[JJ.01_077,07] Und der Joseph erwiderte: „Das
ist sogar strenge Pflicht; denn es könnten hie und da in den Katakomben noch
Zöglinge am Leben sein, und diese zu retten ist strenge Pflicht!“
[JJ.01_077,08] Als der Cyrenius solches
vernommen hatte, ließ er sogleich zweitausend Arbeiter dingen, die sich
alsogleich an die Wegschaffung des Schuttes machen mußten.
[JJ.01_077,09] In wenigen Stunden wurden
schon sieben Leichen hervorgezogen, und das waren gerade die Katakombenführer.
[JJ.01_077,10] Und der Cyrenius sagte:
„Wahrlich, um diese tut es mir leid; denn ohne ihre Hilfe werden wir nicht viel
richten in dem unterirdischen Labyrinthe von zahllosen Gängen und Gängen!“
[JJ.01_077,11] Das Kindlein aber sagte zum
Cyrenius: „Mein Cyrenius! was da die Katakomben betrifft, so wird in ihnen
nicht viel Ersprießliches zu treffen sein;
[JJ.01_077,12] denn diese liegen schon seit
mehreren Jahrhunderten unbenützt und sind angefüllt mit Schlamm und Ungeziefer
aller Art!
[JJ.01_077,13] Diese sieben Führer in den
Katakomben aber hatten bloß nur den Titel als solche; aber von ihnen hatte noch
nie einer eine Katakombe betreten.
[JJ.01_077,14] Siehe, damit du aber glaubst,
was Ich dir sage, so sage Ich dir auch, daß diese sieben Führer nicht ganz tot,
sondern nur sehr betäubt daliegen und können daher wieder ins Leben gerufen
werden!
[JJ.01_077,15] Lasse sie reiben an den
Schläfen, an der Brust, im Genicke und an den Händen und Füßen von kräftigen
Weibern, und sie werden sobald erwachen aus ihrer Betäubung!“
[JJ.01_077,16] Und der Cyrenius fragte das
Kindlein: „O Du mein Leben! So Du sie anrühretest, da würden sie doch auch
sicher erwachen?!“
[JJ.01_077,17] Das Kindlein aber sprach:
„Tue, was Ich dir geraten; denn Ich darf nicht zu viel tun, will Ich nicht
statt des Segens ein Gericht der Welt geben!“
[JJ.01_077,18] Cyrenius verstand zwar diese
Worte nicht; aber er befolgte dennoch den Rat des Kindleins.
[JJ.01_077,19] Er ließ sogleich zehn kräftige
Jungfrauen bringen, daß sie rieben die sieben Führer.
[JJ.01_077,20] Nach einigen Minuten erwachten
die sieben und fragten die Umstehenden, was da mit ihnen geschehen sei, und was
hier geschehe.
[JJ.01_077,21] Und der Cyrenius ließ sie
sogleich führen in eine gute Herberge; aber das Volk wunderte sich hoch über
diese Erweckung und erwies den Jungfrauen eine große Verehrung.
[JJ.01_078] 78. Kapitel – Arbeit der
Barmherzigkeit. Der intelligente Sturm. Des Cyrenius Ahnung. Der Besuch des
Hafens.
27. November 1843
[JJ.01_078,01] Nachdem wurde weiter gegraben,
und Cyrenius erließ den Befehl, daß alle Leichen, welche nicht irgend zu sehr
verstümmelt seien, auf einen gewissen mit Matten überdeckten Platz sollten mit
den Gesichtern zur Erde gelegt werden;
[JJ.01_078,02] die sehr Verstümmelten allein
sollten sogleich auf die gewöhnliche Art auf dem allgemeinen Beerdigungsplatze
entweder verbrannt oder acht Fuß tief begraben werden.
[JJ.01_078,03] An den wenig Verstümmelten
aber sollten ähnliche Erweckungsversuche gemacht werden wie mit den sieben.
[JJ.01_078,04] Und so einer oder der andere
wieder ins Leben käme, er sogleich in die Herberge zu den sieben gebracht
werde!
[JJ.01_078,05] Als dieser Befehl erteilt
ward, begab sich Cyrenius von dannen mit seiner Gesellschaft, um noch andere
Stadtteile in Augenschein zu nehmen.
[JJ.01_078,06] Zu seiner großen Verwunderung
aber fand er, daß da nirgends ein bürgerliches Haus irgend beschädigt war;
[JJ.01_078,07] wohl aber war nirgends ein
Göttertempel mehr zu finden, der nicht im Schutte zertrümmert daläge, bis auf
einen einzigen, kleinen, verschlossenen mit der Aufschrift: „Dem unbekannten
Gott!“
[JJ.01_078,08] Als die Gesellschaft unter
großem Volksgefolge also die ganze nicht unbedeutende Stadt von achtzigtausend
Einwohnern zum größten Teile durchwandert hatte, da berief der Cyrenius den
Joseph zu sich und sprach zu ihm:
[JJ.01_078,09] „Höre, du mein
allererhabenster Freund und Bruder! Ich muß heimlich über die sonderbare
Wirkung des Erdbebens wie des Sturmes geradezu lachen!
[JJ.01_078,10] Da sieh nur einmal hin! Längs
dieser Gasse vor uns stehen Häuser von so elender Bauart; trockene Steine sind
ohne Mörtel – noch ziemlich unsymmetrisch dazu – zu einer Wand
übereinandergelegt.
[JJ.01_078,11] Man sollte glauben, daß sie
kaum fest genug wären, um der Erschütterung zu widerstehen, welche durch den
Huftritt eines nur einigermaßen schweren Pferdes hervorgebracht wird!
[JJ.01_078,12] Aber siehe, diese wahren
Ameisengebäude stehen unversehrt da! Nicht eines ist irgend auch nur im
geringsten beschädigt,
[JJ.01_078,13] während mitten unter diesen
wahren Vonheutebismorgen-Häusern die für Jahrtausende fest gebauten Tempel nach
der Bank alle in die schmählichsten Schutthaufen verwandelt sind!
[JJ.01_078,14] Wie findest du diese höchst
merkwürdige Erscheinung? – Ist es hier nicht handgreiflich, daß das Erdbeben
wie der Sturm sehr intelligent müssen zu Werke gegangen sein?!
[JJ.01_078,15] Fürwahr! ich muß es dir zu
meiner großen Freude bekennen und sagen:
[JJ.01_078,16] Wenn dein Söhnlein nicht mit
Seinem allmächtigen Finger ein wenig unter den Tempeln in Gesellschaft mit dem
Sturme herumgespielt hat, so will ich nicht Cyrenius heißen!“
[JJ.01_078,17] Joseph aber sprach: „Behalte
es für dich ganz allein, was du glaubst, und rede ja zu niemandem davon – denn
es wird schier also sein!
[JJ.01_078,18] Wir begeben uns aber nun zum
Hafen und wollen da sehen, ob sich dort für mich keine Arbeit vorfindet!“ – Und
der Cyrenius befolgte sogleich den Rat Josephs und zog an des Meeres Ufer hin.
[JJ.01_079] 79. Kapitel – Der geringe Schaden
im Hafen. Die Rückkehr nach Hause. Der Umweg auf Rat des Kindleins. Der Grund
dafür.
28. November 1843
[JJ.01_079,01] Am Ufer des Meeres angelangt,
allwo der Hafen für die Schiffe teils von der Natur und teils durch die Kunst
der Menschen errichtet war, erstaunte Cyrenius ebenfalls nicht wenig.
[JJ.01_079,02] Denn es war nirgends ein
Schaden zu entdecken, außer daß am prachtvollsten Schiffe des Cyrenius alle
sogenannten mythologischen Verzierungen möglichst vernichtet waren.
[JJ.01_079,03] Cyrenius sprach daher zum
Joseph: „Mein allerachtbarster Freund, bei obwaltenden Umständen werden deine
Söhne wenig zu tun bekommen!
[JJ.01_079,04] Siehe, nicht ein Fahrzeug hat
irgendeinen sonstigen Schaden erlitten, außer daß da – mir sehr willkommen –
besonders auf meinem Schiffe die Götzen wahrscheinlich haben das Meerwasser zum
Verkosten bekommen,
[JJ.01_079,05] was mir aber eben sehr lieb
ist; denn ich werde sicher keine mehr irgend auf meinem Schiffe anbringen
lassen!
[JJ.01_079,06] Deinem Gotte sei alles Lob und
alle Ehre dafür!
[JJ.01_079,07] Deine Söhne aber werde ich
dessenungeachtet für allfällige kleine Reparaturen, die sich hier und da an den
Schiffen als vonnöten zeigen werden, schon also belohnen, als ob sie was Großes
getan hätten!“
[JJ.01_079,08] Und der Joseph sprach zum
Cyrenius: „O Freund und Bruder, sorge dich nicht zu sehr um den Verdienst
meiner Kinder!
[JJ.01_079,09] Siehe, nicht des Verdienstes
wegen, sondern um dir einen guten Dienst erweisen zu können, wäre ich dir gerne
mit meinen Söhnen in solcher baulichen Hinsicht zu Hilfe gekommen; es hat dir
aber der Herr geholfen, und so ist es besser, und du kannst meiner Hilfe nun
leichtlich entbehren.
[JJ.01_079,10] Wir aber haben nun bereits
alles gesehen; daher meine ich, da es bei der Gelegenheit schon so ziemlich
spät nachmittags geworden ist, wir sollten uns nun wieder nach Hause begeben
und allenfalls morgen das etwa noch Übrige in Augenschein nehmen!“
[JJ.01_079,11] Und der Cyrenius sprach: „Der
Meinung bin ich auch; denn mich dauert der armen Mutter schon ganz über die
Maßen. Daher müssen wir nun trachten, sobald als möglich nach Hause zu kommen!
[JJ.01_079,12] Ich aber werde für sie
sogleich eine Sänfte bringen lassen, auf daß sie nach Hause getragen wird mit
dem Kindlein!“
[JJ.01_079,13] Und das Kindlein meldete sich
sogleich hinter dem Cyrenius und sprach zu ihm:
[JJ.01_079,14] „Das tust du sicher; denn
diese Mutter ist schon sehr müde geworden, indem sie an Mir sehr schwer zu
tragen hat!
[JJ.01_079,15] Im Nachhauseziehen aber darfst
du deinem Vorhaben zufolge nicht über den gewissen Priesterplatz den Weg
nehmen!
[JJ.01_079,16] Denn so Ich mit der Mutter
vorübergetragen würde, da nun schon bei hundert Verschüttete auf den Matten
liegen,
[JJ.01_079,17] so würden sie plötzlich alle
lebendig, und das gäbe dir und allem Volke ein Gericht, das da jedem sehr übel
bekäme!
[JJ.01_079,18] Also aber werden sie durch
menschliche Hilfe unter Meiner geheimen Einwirkung die Nacht hindurch erweckt
werden!
[JJ.01_079,19] Dadurch wird der Schein des
Wunderbaren vermieden, und du und alles Volk bleibt verschont von einem den
Geist für ewig tötenden Gerichte!“
[JJ.01_079,20] Cyrenius befolgte genau diesen
Rat, hocherfreut in seinem Herzen; die Sänfte ward augenblicklich
herbeigeschafft, und Maria mit dem Kindlein begab sich in dieselbe.
[JJ.01_079,21] Und der Cyrenius bestimmte
einen andern Weg, auf welchem die ganze Gesellschaft, die drei Priester
mitgerechnet, gar bald und ganz bequem die Villa Josephs erreichte.
[JJ.01_080] 80. Kapitel – Josephs
hausväterliche Fürsorge. Des Kindleins Freude an Jakob. „Die Ich liebe, die
necke Ich auch und kneipe und zupfe sie!“ Jakobs glückliche und beneidenswerte
Mission.
29. November 1843
[JJ.01_080,01] In der Villa wieder angelangt,
begab sich Joseph sogleich zu seinen Söhnen, welche soeben mit der Bereitung
eines Mittagsmahles beschäftigt waren, und sprach zu ihnen:
[JJ.01_080,02] „Gut, gut, meine Söhne, ihr
seid meinem Wunsche zuvorgekommen; aber wir haben heute drei Gäste mehr,
nämlich die drei Priester, die heute früh sind zum Tode ausgesetzt worden!
[JJ.01_080,03] Diese wollen wir ganz
besonders gut bewirten, damit sie unsere Freunde werden in der Anerkennung
unseres Vaters im Himmel,
[JJ.01_080,04] der uns zu Seinen Kindern
erwählt hat durch den Bund, den Er mit unseren Vätern gemacht hat!
[JJ.01_080,05] Du, Jakob, aber gehe sogleich
hinaus, der sehr müde gewordenen Mutter entgegen, und nehme ihr unser aller
allerliebstes Kindlein ab,
[JJ.01_080,06] und bringe Es sogleich zur
Ruhe; denn Es ist auch schon sichtbar müde und sehnt Sich nach der Wiege!“
[JJ.01_080,07] Und sogleich lief der Jakob
hinaus und zu der Maria, die soeben aus der Sänfte stieg, und nahm ihr sogleich
mit großer Liebe und Freude das Kindlein von den Armen.
[JJ.01_080,08] Das Kindlein aber erwies dem
Jakob eben auch dieselbe große Freude; denn Es hüpfte auf seinen Armen und
lächelte und kneipte und zupfte ihn, wo Es ihn mit Seinen Händchen nur
erwischen konnte.
[JJ.01_080,09] Die drei Priester aber, die
vor diesem Kinde den allerungeheuersten Respekt hatten, verwunderten sich in
aller Freude ihres Gemütes, da sie an diesem Kinde auch etwas echt Kindliches
entdeckten.
[JJ.01_080,10] Einer von ihnen aber ging hin
zum Jakob und fragte ihn in gut hebräischer Sprache:
[JJ.01_080,11] „Sage mir, ist dieses
Wunderkind aller Kinder stets so munter, ja man möchte sagen – sogar ein wenig
neckend schlimm, wie Kinder gewöhnlicher Art manchmal freilich erst in zwei
oder drei Jahren es sind?“
[JJ.01_080,12] Das Kindlein aber antwortete
sogleich Selbst an Stelle des Jakob:
[JJ.01_080,13] „Ja, ja, Mein Freund! – Die
Ich liebe, die necke Ich auch und kneipe und zupfe sie; aber das geschieht nur
jenen, die Mich so wie Mein Jakob lieben – und Ich sie auch so liebe wie diesen
Meinen lieben Jakob!
[JJ.01_080,14] Aber Ich tue ihnen darum doch
nicht Leids an! – Nicht wahr, du Mein lieber Jakob, es tut dir nicht weh, so
Ich dich zupfe und kneipe?“
[JJ.01_080,15] Und der Jakob, wie gewöhnlich
gleich zu Tränen gerührt, sprach: „O Du mein göttlich allerliebstes Brüderchen,
wie könntest Du mir wehe tun?!“
[JJ.01_080,16] Und das Kindlein erwiderte
darauf dem Jakob: „Jakob, Mein Bruder, du hast Mich wahrlich lieb!
[JJ.01_080,17] Ich aber habe auch dich so
lieb, daß du es in Ewigkeit nie genug wirst begreifen können, wie lieb Ich dich
habe!
[JJ.01_080,18] Siehe, du Mein lieber Bruder
Jakob, die Himmel sind weit und endlos groß; zahllose glänzende Lichtwelten
fassen sie, wie die Erde einen Tautropfen!
[JJ.01_080,19] Und die Welten sind Träger von
zahllosen glücklichsten Wesen deiner Art; aber glücklicher ist unter ihnen
keines als du, nun Mein liebster Bruder! – Jetzt verstehst du Mich noch nicht;
aber du wirst Mich schon noch recht gut verstehen mit der Zeit. – Schlafen aber
mag Ich jetzt nicht, wenn die Menschen um Mich wachen! – Aber bei dir will Ich
bleiben!“
[JJ.01_080,20] Diese Rede brach unserem Jakob
von neuem wieder sein Herz, daß er darob weinte vor Liebfreude; der fragende
Priester aber sank beinahe in den Boden vor lauter Ehrfurcht und Höchstachtung
dieses Kindes!
[JJ.01_081] 81. Kapitel – Des Cyrenius
Wunsch, vom hl. Kindlein auch gezupft zu werden. Des Kindleins Antwort. Eine
Verheißung für Rom. Maria mahnt, des Kindleins unverstandene Worte im Herzen zu
bewahren.
1. Dezember 1843
[JJ.01_081,01] Cyrenius, der diese Worte des
Kindleins ebenfalls gar wohl vernommen hatte, begab sich augenblicklich hin zum
Kindlein und fragte Es gar liebreich:
[JJ.01_081,02] „O Du mein Leben! Du hast mich
dann gewiß nicht so lieb, weil Du mich, so ich Dich auf meinen Armen hatte,
noch nie gekneipt und gezupfet hast?“
[JJ.01_081,03] Das Kindlein aber sprach: „O
Cyrenius! Sorge dich nicht darum; denn siehe, alle die Unannehmlichkeiten, die
du Meinetwegen schon erduldet hast, waren lauter Kneipereien und Zupfereien von
Mir, darum Ich dich so lieb habe!
[JJ.01_081,04] Verstehst du Mich nun, was Ich
dir gesagt habe?
[JJ.01_081,05] Ich werde dich aber schon noch
öfter kneipen und zupfen – und werde aus lauter Liebe zu dir recht schlimm
sein!
[JJ.01_081,06] Aber höre, deswegen mußt du
dich aber dennoch nicht fürchten vor Mir, denn es wird dir dabei kein Wehe
geschehen, so wie bis jetzt; verstehst du Mich, Mein lieber Cyrenius?“
[JJ.01_081,07] Der Cyrenius, voll der
tiefsten Achtung in seinem Herzen vor dem Kinde, sprach ganz betroffen und
gerührt:
[JJ.01_081,08] „Ja, ja, Du mein Leben, ich
verstehe Dich gar wohl und weiß, was Großes Du mir gesagt hast!
[JJ.01_081,09] Aber dessenungeachtet möchte
ich aber doch auch, daß Du mich also wie Deinen Bruder ein wenig kneipen und
zupfen möchtest!“
[JJ.01_081,10] Und das Kindlein sprach zum
Cyrenius: „O Mein lieber Freund, du wirst doch nicht kindischer sein als Ich?
[JJ.01_081,11] Glaubst du denn, daß Ich dich
darum mehr lieben werde?
[JJ.01_081,12] O siehe, da irrest du dich
sehr; denn mehr noch, als Ich dich ohnehin liebe, kann Ich dich ja doch
unmöglich lieben!
[JJ.01_081,13] Wahrlich, auch du wirst die
Größe und Stärke Meiner Liebe zu dir ewig nie erfassen und begreifen können!
[JJ.01_081,14] Höre, kein Säkulum mehr wird
vorüberziehen, da Rom in Meine Burg vielfach einziehen wird!
[JJ.01_081,15] Nun ist zwar die Zeit noch
nicht da, aber glaube es Mir, du stehst schon jetzt an der Schwelle, die bald
von gar vielen wird betreten werden!
[JJ.01_081,16] Verstehe! – aber nicht
körperlich, sondern geistig in Meinem zukünftigen Reiche für ewig!“
[JJ.01_081,17] Diese Worte des Kindes
erregten eine große Sensation bei allen Anwesenden, und der Cyrenius wußte
nicht, was er daraus machen solle.
[JJ.01_081,18] Er wandte sich daher zur
danebenstehenden Maria und fragte sie, ob sie verstünde, was das göttliche
Kindlein nun ausgesagt hatte.
[JJ.01_081,19] Maria aber sprach: „O Freund!
– wäre dies ein gewöhnliches Menschenkind, so würden wir Menschen Es auch
verstehen;
[JJ.01_081,20] aber so ist Es von höherer
Art, und wir verstehen Es nicht! Behalten wir aber alle Seine Worte in uns; die
Zeitenfolge wird sie uns schon im wahren Lichte enthüllen!“
[JJ.01_082] 82. Kapitel – Des Cyrenius Frage
an Joseph und dessen Antwort vom Lüften des Schleiers der Isis. Des Maronius
gute Erklärung. Das Mahl. Die Ehrfurcht der drei Priester.
1. Dezember 1843
[JJ.01_082,01] Hier kam der Joseph wieder aus
der Villa und lud die Gesellschaft zum schon bereiteten Mahle.
[JJ.01_082,02] Cyrenius aber, sich
durchkreuzender großer Gedanken voll, berief den Joseph zu sich und erzählte
ihm, was ihm nun das Kindlein und am Ende die befragte Maria gesagt haben,
[JJ.01_082,03] und fragte daher den guten
Joseph auch zugleich, wie solche Worte und Reden zu verstehen seien.
[JJ.01_082,04] Joseph aber erwiderte dem
etwas zu sehr erregten Cyrenius, sagend nämlich:
[JJ.01_082,05] „O Freund und Bruder, ist dir
die Mythe unbekannt, die eines Menschen erwähnt, der einst den Mantel der Isis
lichten wollte?“
[JJ.01_082,06] Und der Cyrenius, ganz
erstaunt über diese unerwartete Frage, sprach:
[JJ.01_082,07] „O erhabener Freund, die Mythe
ist mir gar wohl bekannt; der Mensch ging elend zugrunde! Aber was willst du
mir nun damit sagen auf meine Frage?“
[JJ.01_082,08] Und der Joseph erwiderte dem
Cyrenius: „Liebster Freund, nichts anderes als: Hier ist mehr denn die Isis!
[JJ.01_082,09] Darum befolge den Rat meines
Weibes, und du wirst ewig gut fahren!“
[JJ.01_082,10] Daneben stand aber auch der
Maronius Pilla und sprach bei dieser Gelegenheit:
[JJ.01_082,11] „Consulische Kaiserliche
Hoheit! Ich bin sonst in derlei Sachen zwar noch sehr dumm, aber diesmal kommt
es mir vor, als so ich den Weisen verstanden hätte auf ein Haar!“
[JJ.01_082,12] Und der Cyrenius erwiderte
ihm: „Wohl dir, so du dessen in dir überzeugt bist!
[JJ.01_082,13] Ich aber kann mich vorderhand
dessen noch nicht rühmen.
[JJ.01_082,14] Mein Gehirn ist zwar sonst
auch gerade nicht kreuz und quer vernagelt; aber diesmal will es mir die
gerechten Dienste nicht leisten!“
[JJ.01_082,15] Und der Maronius sprach: „Ich
meinesteils verstehe die Sache also: Greife nicht nach zu fernen Dingen; denn
dazu ist deine Hand zu kurz!
[JJ.01_082,16] Es wäre freilich wohl sehr
ehrsam, ein glücklicher Phaeton zu sein;
[JJ.01_082,17] aber was kann da der schwache
Sterbliche tun, wenn die Sonne zu ferne über ihm ihren Weg gebahnt hat!?
[JJ.01_082,18] Er muß sich bloß an ihrem
Lichte begnügen und dabei die Sonne leitende Ehre und Macht jenen Wesen ganz
gutwillig überlassen, die sicher längere Arme haben als er, der schwache
Sterbliche!
[JJ.01_082,19] Wie lang aber der unsichtbare
Arm dieses Kindes ist, davon haben wir uns gestern überzeugt!
[JJ.01_082,20] Siehe, Consulische Kaiserliche
Hoheit, verstehe ich nicht aus dem Salze das, was dieser weise Mann geredet
hat?“
[JJ.01_082,21] Und der Cyrenius gab dem
Maronius recht, beschwichtigte sein Herz und begab sich wohlgemut mit dem
Joseph in die Villa und stärkte sich am frugalen Mahle.
[JJ.01_082,22] Die drei Priester aber
getrauten sich kaum die Augen zu öffnen; denn sie meinten, das Kind sei
entweder Zeus oder gar das Fatum selbst.
[JJ.01_083] 83. Kapitel – Die Blindheit,
Ehrfurcht und Fluchtgedanken der drei Götzenpriester. Des Jesuskindleins weise
Verhaltensregeln an Joseph und Cyrenius.
2. Dezember 1843
[JJ.01_083,01] Nachdem aber die Mahlzeit
vorüber war und alles sich wieder vom Tische erhoben hatte, da trat einer der
Priester hin zum Joseph und fragte ihn in der tiefsten Demut:
[JJ.01_083,02] „Uranos, oder doch wenigstens
Saturnus als Vater des Zeus! Denn das bist du sicher leibhaftig, obschon du
deine Göttlichkeit ehedem in der Stadt vor uns zu verbergen dich bestrebtest;
[JJ.01_083,03] so tatst du solches aber
dennoch, um uns zu prüfen, ob wir dich im Ernste erkenneten oder nicht.
[JJ.01_083,04] Nur eine Zeitlang verkannten
wir dich, und darum bitten wir dich um Vergebung unserer groben Blindheit!
[JJ.01_083,05] Die ehemalige Sprache deines
Kindes aber hat uns allen ein Licht angezündet, und wir wissen nun genau, wo
wir uns befinden!
[JJ.01_083,06] O mache uns daher sogestaltig
glücklich, daß du uns kundgebest, wie wir dir ein Opfer bringen sollen, wie
deinem göttlichen Weibe und wie deinem Kinde, dem sich sicher durch deine
Allmacht verjüngenden Zeus?!“
[JJ.01_083,07] Joseph aber erstaunte über
diese plötzliche Veränderung der drei Priester, denen er doch früher in der
Stadt den Irrgrund ihres Heidentums klar und wohlbegreiflich auseinandergesetzt
hatte.
[JJ.01_083,08] Er sann daher nach, was er
ihnen nun antworten solle. – Aber das Kindlein verlangte sogleich hin zum
Joseph;
[JJ.01_083,09] und als Es dort anlangte auf
den Armen Jakobs, sprach Es sogleich zum Joseph:
[JJ.01_083,10] „Lasse du die Armen, und
verweise es ihnen nicht; denn sie sind blind und schlafen und träumen!
[JJ.01_083,11] Behalte sie aber einige Tage
hier, und Meine Brüder werden sie schon aus ihrem Schlafe und Traume erwecken!
Wenn sie sehen werden, wie ihr selbst zu Gott betet, da werden sie ihren
Uranos, Saturnus und Zeus schon fallenlassen!“
[JJ.01_083,12] Diese Worte beruhigten den
Joseph vollkommen, und er machte darauf sogleich den drei Priestern den
Vorschlag, unterdessen unter seinem Dache zu wohnen, bis sich mit ihnen
irgendeine versorgliche Bestimmung treffen werde.
[JJ.01_083,13] Die drei Priester aber, sich
kaum zu atmen getrauend aus lauter Ehrfurcht, getrauten sich um so weniger den
Vorschlag abzulehnen, indem sie nun durchaus nicht wußten, wie sie so ganz
eigentlich daran seien.
[JJ.01_083,14] Sie nahmen sonach den
Vorschlag an; aber unter sich murmelten sie:
[JJ.01_083,15] „Ach! – wäre es hier möglich,
davonzulaufen und sich in irgendeinem letzten Winkel der Erde zu verkriechen,
wie glücklich wären wir da!
[JJ.01_083,16] Aber so müssen wir hier
verbleiben im Angesichte der offenbaren Hauptgötter. O welche Qual ist das für
uns Nichtswürdigste!“
[JJ.01_083,17] Der Cyrenius aber merkte
solche Murmelei unter den dreien, trat daher hin und wollte sie darob zur Rede
stellen.
[JJ.01_083,18] Das Kindlein aber sprach:
„Mein Cyrenius, bleibe zurück; denn Mir ist es nicht unbekannt, was in den
dreien vorgeht.
[JJ.01_083,19] Ihr Plan ist die Frucht ihrer
Blindheit und ihrer törichten Furcht und führt nichts anderes im Schilde, als
eine Flucht vor uns in irgendeinen allerentferntesten Erdwinkel.
[JJ.01_083,20] Siehe, das ist alles, und
darum brauchst du dich nicht gleich so zu ereifern!
[JJ.01_083,21] Lasse hier in diesem Hause nur
Mir das Gericht über, und sei versichert, daß da niemandem ein Unrecht
geschehen wird!“
[JJ.01_083,22] Und Cyrenius ward damit
zufrieden und begab sich mit Joseph in die Freie wieder; die drei Priester aber
begaben sich in ihr angewiesenes Gemach.
[JJ.01_084] 84. Kapitel – Die Sage von der
Entstehung der Stadt Ostracine. Des Cyrenius Zukunftssorge wegen der
Göttertempel.
4. Dezember 1843
[JJ.01_084,01] In der Freie angelangt, fingen
Joseph und Cyrenius sich über so manche Dinge zu besprechen an, während unter
der Zeit die Maria das Kindlein versorgte im Hause
[JJ.01_084,02] und die Söhne Josephs sich
abgaben mit der Beordnung des Hauswesens, wobei ihnen die Dienerschaft des
Cyrenius so manche Dienste leistete.
[JJ.01_084,03] Nach mehreren weniger
gehaltvollen Gesprächen zwischen Joseph und Cyrenius in Begleitung des Maronius
Pilla aber kam auch ein wichtiger Punkt zur Sprache, und dieser lautete also,
und das aus dem Munde des Cyrenius:
[JJ.01_084,04] „Erhabener Freund und Bruder!
– Siehe, die Stadt und das ganze große Gebiet, welches noch zur Herrschaft der
Stadt gehört, zählt bei achtzigtausend Menschen sicher!
[JJ.01_084,05] Darunter gibt es nur sehr
wenige deines Glaubens und deiner Religion.
[JJ.01_084,06] Sie sind zumeist mehr oder
weniger seit Jahrtausenden meines Wissens Erzgötzendiener.
[JJ.01_084,07] Ihre Götzentempel haben sie
alle in dieser uralten Stadt, von der die Mythe sagt, sie sei bei Gelegenheit
der Götterkriege mit den Giganten der Erde erbaut worden, und das von Zeus
selbst zum Zeichen des Sieges über diese Giganten der Erde.
[JJ.01_084,08] Merkur habe die Knochen der
Giganten sammeln und sie ins Meer versenken müssen; dadurch sei dieses Land
entstanden.
[JJ.01_084,09] Über diese Gigantenknochen
habe Zeus dann durch einen ganzen Monat Sand und Asche regnen lassen und
mitunter große und schwere Steine.
[JJ.01_084,10] Darauf habe Zeus die alte
Ceres beordert, sie solle dieses Land fruchtbar machen und in seiner Mitte
nicht zu ferne vom Meere eine Burg und eine Stadt erbauen zum Zeichen des
großen Sieges;
[JJ.01_084,11] Zeus selbst aber werde dann
ein Volk aus der Erde rufen, welches für alle Zeiten der Zeiten dieses Land und
diese Stadt bewohnen solle. –
[JJ.01_084,12] Aus dieser meiner Kundgabe
wirst du nun leicht ersehen, daß ebendieses Volk, wie nicht leichtlich ein
anderes irgend auf der Erde, noch fest der Meinung ist, die Stadt zu bewohnen,
welche die Götter selbst erbaut haben,
[JJ.01_084,13] aus welchem Grunde du denn
auch die überaus zerlumpten Wohnhäuser allzeit ersiehst, indem sich kein Mensch
an dem Werke der Götter etwas auszubessern getraut, um sich nicht zu
versündigen gegen sie.
[JJ.01_084,14] Ganz besonders solle die alte
Ceres mit Hilfe des Merkur und des Apollo die Tempel eigenhändig erbaut haben.
–
[JJ.01_084,15] Das ist die Mythe und zugleich
der noch feste Glaube dieses sonst gutmütigen Volkes, welches trotz seiner
Armut sehr gastfreundlich und ausnahmsweise ehrlich ist.
[JJ.01_084,16] Was aber wird nun hier zu tun
sein, wenn das Volk etwa die Wiederherstellung der Tempel verlangt?
[JJ.01_084,17] Sollte man ihm die Tempel
wieder aufbauen oder nicht, – oder sollte man es bekehren zu deiner Lehre?
[JJ.01_084,18] Und tut man das, was werden
die benachbarten Völker dazu sagen, die auch noch nicht selten diese Stadt
besuchen, die nun um so mehr, wie freilich schon seit gar langen Zeiten, mehr
eine Ruine als eine eigentliche Stadt ist!?“
[JJ.01_085] 85. Kapitel – Josephs Hinweis
aufs Gottvertrauen und Vorhersage über das Ende Ostracines.
4. Dezember 1843
[JJ.01_085,01] Und weiter redete der
Cyrenius: „O Freund, wahrlich, hier wird ein guter Rat sehr teuer!
[JJ.01_085,02] Hast du in der lebendigen
Kammer deiner echten göttlichen Weisheit einen Rat dafür, so gebe mir ihn!
[JJ.01_085,03] Denn wahrlich, je mehr ich nun
über diese Sache nachdenke, desto kritischer und verwickelter wird sie!“
[JJ.01_085,04] Und der Joseph sprach darauf
zum Cyrenius: „Höre mich an, edelster Freund! Aus dieser Verlegenheit kann dir
sehr leicht geholfen werden!
[JJ.01_085,05] Ich will dir dafür einen guten
Rat geben, der dir das Rechte zeigen wird, was du zu tun haben sollest bei
dieser Gelegenheit.
[JJ.01_085,06] Siehe, du bist nun in deinem
Herzen meines lebendigen Glaubens und liebst und ehrest samt mir den
einig-wahren Gott!
[JJ.01_085,07] Ich sage dir aber: Solange du
dich sorgen wirst, so lange auch wird Gott nichts tun für dich!
[JJ.01_085,08] Wie du aber alle deine Sorge
auf Ihn legst und dich um nichts anderes kümmerst und sorgst als darnach nur,
eben diesen wahren Gott stets mehr zu erkennen und stets mehr zu lieben,
[JJ.01_085,09] da wird dann Er dir in allem
zu helfen anfangen, und alles, was du heute noch krumm ersiehst, wird morgen
gerade vor dir stehen!
[JJ.01_085,10] Lasse du daher diese Stadt nur
da vom Schutte reinigen, wo allenfalls unter demselben Menschen begraben sein
möchten, was soeben geschieht.
[JJ.01_085,11] Alle anderen Tempel, unter
deren Schutte sich nichts als höchstens einige sehr plumpe, wertlose,
zertrümmerte Götzen befinden, aber lasse als Ruinen liegen!
[JJ.01_085,12] Denn was Elemente zerstören,
gilt diesem blinden Volke soviel, als hätten es die Götter zerstört.
[JJ.01_085,13] Es wird daher sich auch gar
nicht darum bemühen, diese Tempel selbst wieder aufzubauen;
[JJ.01_085,14] denn es fürchtet sich, daß es
wider den Willen der Götter dadurch tätig wäre, was ihm eine große Strafe
zuziehen könnte.
[JJ.01_085,15] Priester aber, die das auf
eine erdichtete Aufforderung von seiten der Götter durch die Hände und Mittel
des Volkes zu ihrem Besten unternommen hätten, sind nicht mehr, –
[JJ.01_085,16] und die noch da sind, werden
nimmer Tempel für Götzen erbauen!
[JJ.01_085,17] Also kannst du darob ganz ohne
Sorge sein; der Herr Himmels und der Erde wird das Beste machen für dich und
fürs ganze Volk!
[JJ.01_085,18] In dieser Zeit aber wird
ohnehin mehrere Städte ein ähnliches Los treffen, daß sie verschüttet werden
hie und da; und so wird es wenig auffallen, so diese alte Stadt in zehn Jahren
gänzlich zur Ruine wird!“
[JJ.01_085,19] Diese Rede Josephs tröstete
den Cyrenius, und er kehrte wieder ganz wohlgemut mit Joseph in die Wohnung
zurück.
[JJ.01_086] 86. Kapitel – Die Heimkehr des
Cyrenius mit seiner Dienerschaft nach Ostracine. Maria im Gebet. Josephs
tröstende Worte.
5. Dezember 1843
[JJ.01_086,01] Im Speisezimmer angelangt,
fragte der Cyrenius den Joseph: „Lieber Freund, du mein Alles, siehe, mir ist
soeben ein guter Gedanke durch die Brust und in den Kopf gefahren!
[JJ.01_086,02] Was meinst du, wäre es in
meiner Sache, von der wir draußen uns besprachen und du mir darüber wohl das
Beste und Tröstlichste gesagt hast, nicht ersprießlich für die volle Beruhigung
meines Gemütes,
[JJ.01_086,03] so ich die drei hier
anwesenden Priester einvernehmen möchte, was da ihre Meinung wäre?“
[JJ.01_086,04] Und der Joseph sprach: „So dir
mein Wort noch nicht genügt, – du bist hier der Herr und kannst tun, was dir
beliebt zu deiner Beruhigung,
[JJ.01_086,05] obschon ich der Meinung bin,
daß hier mit diesen Priestern eben nicht viel zu reden sein wird, solange sie
mich für den Uranos oder Saturnus und das Kindlein für den sich verjüngenden
Zeus halten!
[JJ.01_086,06] Wenn du sie demnach fragen
wirst darum, daran es dir liegt, so werden sie dich offenbar an mich und an das
Kindlein verweisen!“
[JJ.01_086,07] Als der Cyrenius solches vom
Joseph vernommen hatte, da stand er sobald ab von seinem Verlangen und sprach
darauf:
[JJ.01_086,08] „Nun bin ich ganz im klaren;
mein Gemüt ist völlig beruhigt, und ich kann meine fernere Zeit wieder ganz
ruhig dem ordentlichen Staatsgeschäfte widmen.
[JJ.01_086,09] Es ist bereits Abend geworden;
ich werde mich daher wieder in die Stadt begeben mit meiner Dienerschaft!
[JJ.01_086,10] Morgen aber am Nachmittag bin
ich wieder bei dir; sollte ich aber dennoch eher irgend deines Rates vonnöten
haben, dann werde ich noch am Vormittage dich zu mir entbitten!“
[JJ.01_086,11] Hier segnete Joseph den Cyrenius
und den Maronius, und der Cyrenius begab sich noch zur Wiege und küßte ganz
leise das schlafende Kindlein.
[JJ.01_086,12] Sodann erhob er sich und begab
sich mit Tränen in seinen Augen von dannen.
[JJ.01_086,13] Während des Ganges sah er sich
wenigstens einige hundert Male nach der Villa um, welche nun für ihn mehr war
als alle Schätze der Welt.
[JJ.01_086,14] Joseph aber sandte dem
Cyrenius auch einen Segen um den andern nach, solange er nur noch etwas von der
Schar des Cyrenius entdecken konnte.
[JJ.01_086,15] Als nichts mehr vom Cyrenius
zu entdecken war, da erst begab sich Joseph wieder ins Haus und da zur Maria,
die gerade – wie gewöhnlich um diese Zeit – tief im Gebete zu Gott versammelt
war.
[JJ.01_086,16] Sobald sie aber den Joseph bei
sich gewahrte, erhob sie sich und sprach: „Lieber Gemahl, fürwahr, dieser Tag
hat mich ganz ausgewechselt! – Die Welt, die Welt! – sie ist für den Menschen
kein Gewinn!“
[JJ.01_086,17] Und der Joseph sprach: „Mein
getreuestes Weib, du hast recht; aber ich denke: Solange der Herr mit uns ist,
da verlieren wir in der Welt auch nichts! Daher sei guten Mutes; morgen wird
uns wieder die alte Sonne neu und herrlich aufgehen! Dem Herrn allein alle Ehre
ewig Amen.“
[JJ.01_087] 87. Kapitel – Maria als Vorbild
weiblicher Demut. Das Lob- und Danklied Josephs und seiner Söhne. Die gute
Wirkung auf die drei Götzendiener.
6. Dezember 1843
[JJ.01_087,01] Maria aber, die von jeher nie
viel Worte machte und auch nie nach der Art der Weiber das letzte Wort haben
wollte, begnügte sich in ihrem Herzen mit der ganz einfachen und ebenso kurzen
Tröstung Josephs.
[JJ.01_087,02] Sie begab sich darauf zur
Ruhe, von Joseph dem Herrn in seinem Herzen aufgeopfert.
[JJ.01_087,03] Joseph aber begab sich darauf
zu seinen Söhnen und sagte zu ihnen: „Kinder, der Abend ist herrlich und schön;
gehen wir hinaus ins Freie!
[JJ.01_087,04] Da wollen wir im großen
heiligen Tempel Gottes ein Loblied anstimmen und wollen dem Herrn danken für
alle die unendlichen Wohltaten, die Er uns und unsern Vätern von Anbeginn der
Welt erwiesen hat!“
[JJ.01_087,05] Alsogleich ließen die Söhne
Josephs alles stehen und folgten dem Vater.
[JJ.01_087,06] Und er führte sie auf einen
freien kleinen Hügel, welcher etwa hundert Schritte von der Villa entfernt lag,
zum Grunde Josephs gehörte und ungefähr eine Höhe von zwanzig Klaftern hatte.
[JJ.01_087,07] Es bemerkten aber solche
Bewegung die drei Priester und meinten, die Götter begeben sich für die Nacht
etwa in den Olymp, um da einen allgemeinen Rat zu halten mit allen Göttern.
[JJ.01_087,08] Daher erhoben sie sich auch
bald aus ihrem Gemache und schlichen ganz heimlich und leise dem Joseph nach.
[JJ.01_087,09] An dem Hügel angelangt,
horchten sie unter einem dichtbelaubten Feigenbaume, was da etwa die vermeinten
Götter im Olymp beschließen werden.
[JJ.01_087,10] Aber wie sehr fingen sie an,
sich unter sich zu verwundern, als sie die vermeinten Götter erster Klasse gar
mächtig und ergreifend einen Gott anbeten und lobsingen vernahmen.
[JJ.01_087,11] Ganz besonders aber wirkten
folgende Stellen eines Psalmes Davids auf sie, welche Stellen also lauten:
[JJ.01_087,12] „Herr Gott, Du bist unsere
Zuflucht für und für. Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt
geschaffen ward, bist Du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit!
[JJ.01_087,13] Der Du den Menschen lässest
sterben und sprichst: ,Kommet wieder, Menschenkinder!‘
[JJ.01_087,14] Denn tausend Jahre sind vor
Dir wie ein Tag, der gestern vergangen ist, und wie eine Nachtwache.
[JJ.01_087,15] Du lässest sie dahinfahren wie
einen Strom, und sie sind dann wie ein Schlaf und gleichwie ein Gras, das welk
geworden ist,
[JJ.01_087,16] das da frühe blüht und bald
welk wird und des Abends abgehauen wird und dann verdorrt.
[JJ.01_087,17] Das macht Dein Zorn, daß wir
so vergehen, und Dein Grimm, daß wir so plötzlich dahinmüssen!
[JJ.01_087,18] Denn unsere Missetat stellst
Du vor Dich und unsere unerkannte Sünde in das Licht vor Deinem Angesicht!
[JJ.01_087,19] Darum fahren alle unsere Tage
dahin durch Deinen Zorn, und wir bringen unsere Jahre zu wie ein Geschwätz.
[JJ.01_087,20] Unser Leben währet etwa
siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre, und wenn es
köstlich gewesen ist, so war es voll Mühe und Arbeit; denn es fähret schnell
dahin, als flögen wir von dannen!
[JJ.01_087,21] Wer glaubt es aber, daß Du so
sehr zürnest, und wer fürchtet sich vor solchem Deinem Grimme?
[JJ.01_087,22] Lehre uns aber bedenken, daß
wir sterben müssen, auf daß wir klug werden.
[JJ.01_087,23] Herr, kehre Dich doch wieder
zu uns und sei Deinen Knechten gnädig!
[JJ.01_087,24] Fülle uns frühe mit Deiner
Gnade, so wollen wir Dich rühmen und in Dir fröhlich sein unser Leben lang!
[JJ.01_087,25] Erfreue uns nun wieder, nachdem
Du uns lange geplaget hast und wir so lange im Unglücke waren!
[JJ.01_087,26] Zeige Deinen Knechten Deine
Werke und Deine Ehre ihren Kindern!
[JJ.01_087,27] Und Du Herr, unser Gott, sei
uns freundlich und fördere das Werk unserer Hände bei uns; ja, das Werk unserer
Hände wolle Du fördern!“ –
[JJ.01_087,28] Als die drei diesen Gesang gar
deutlich vernahmen, da begaben sie sich sogleich wieder in ihr Gemach.
[JJ.01_087,29] Und einer sprach zu den andern
zweien: „Fürwahr, das können keine Götter sein, die so zu einem Gott beten und
Seinen Zorn und Grimm sogar über sie anerkennen!“
[JJ.01_087,30] Und ein anderer sprach: „Das
wäre im Grunde das wenigste; aber daß dieses Gebet ganz uns getroffen hatte, da
liegt das Ungetüm begraben!
[JJ.01_087,31] Daher nun stille; die Betenden
kommen zurück! Morgen aber wollen wir das Vernommene tiefer prüfen für uns;
also nur stille für heute, denn sie kommen!“
[JJ.01_088] 88. Kapitel – Die goldene
Morgenstunde. Joseph und seine Söhne auf dem Felde bei der Arbeit. Joel betäubt
durch den Biß einer giftigen Schlange. Die Heimkehr und der Schrecken zu Hause.
Des Kindleins tröstende Worte. Die Wiederbelebung Joels.
7. Dezember 1843
[JJ.01_088,01] Joseph behieß aber dann seine
Söhne, daß sie ihr allfälliges Geschäft noch beenden sollen und darauf zur Ruhe
gehen.
[JJ.01_088,02] Er selbst aber, da er auch
schon eine Müdigkeit in seinen Gliedern zu verspüren anfing, begab sich darauf
gleich zur Ruhe.
[JJ.01_088,03] Also ward dieser Tag, der
reich an Erscheinungen war, beschlossen.
[JJ.01_088,04] Am nächsten Tage aber war
unser Joseph, wie gewöhnlich, schon eine geraume Zeit vor dem Aufgange der
Sonne auf und weckte auch seine Söhne zur Arbeit.
[JJ.01_088,05] Denn er sprach: „Golden ist
die Morgenstunde; das wir in ihr tun, ist gesegneter als des ganzen folgenden
Tages Mühe!“
[JJ.01_088,06] Und so ging er mit Ausnahme
des Jakob, welcher beim Kindlein verbleiben mußte, mit den älteren vier Söhnen
sobald hinaus auf einen Acker und bestellte ihn.
[JJ.01_088,07] Der älteste Sohn aber
arbeitete am fleißigsten und wollte den andern dreien vorkommen.
[JJ.01_088,08] Siehe aber, als er so recht
emsig mit dem Spaten in die Erde stach, da hob er auf einmal eine sehr giftige
Schlange aus dem Boden!
[JJ.01_088,09] Und die Schlange bewegte sich
schnell und biß ihn in den Fuß.
[JJ.01_088,10] Wohl eilten die drei jüngeren
Brüder herbei und erschlugen die Schlange; aber dessenungeachtet schwoll der
Fuß des Bruders zusehends, ein Schwindel befiel ihn, und er sank bald in den
Tod dahin.
[JJ.01_088,11] Joseph und die drei jüngeren
Brüder fingen an zu wehklagen und flehten zu Gott, daß Er ihnen doch den Joel
wieder erwecken möchte.
[JJ.01_088,12] Und der Joseph verfluchte die
Schlange und sagte zu den dreien: „Nun solle ewig nimmermehr eine Schlange
diesen Boden bekriechen!
[JJ.01_088,13] Hebet den Bruder aber auf und
traget ihn nach Hause; denn es muß also dem Herrn gefallen haben, daß Er mir
den Stammhalter nahm!“
[JJ.01_088,14] Und die drei Brüder erhoben
weinend den Joel und trugen ihn nach Hause, und Joseph zerriß sein Gewand und
folgte ihnen wehklagend.
[JJ.01_088,15] Im Hause angelangt, kam, durch
das Wehklagen erschreckt, ihnen alsbald die Maria mit dem Kinde entgegen, und
der Jakob folgte ihr.
[JJ.01_088,16] Beide aber stießen einen
Jammerschrei aus, als sie den entseelten Joel und den Joseph mit zerrissenem
Gewande erblickten.
[JJ.01_088,17] Auch die drei Priester kamen
sobald herbei und erschraken nicht wenig über den Anblick des Leichnams.
[JJ.01_088,18] Und einer sprach zum Joseph:
„Nun erst glaube ich dir völlig, daß du auch nur ein Mensch bist; denn wärest
du ein Gott, wie könnten da deine Kinder sterben, und wie möchtest du sie nicht
sobald erwecken?!“
[JJ.01_088,19] Das Kindlein aber sprach: „Ihr
irret euch alle; Joel ist wohl betäubt und schläft, aber tot ist er nicht!
[JJ.01_088,20] Bringet eine Meerzwiebel her;
leget sie ihm auf die Wunde, und es solle alsbald besser mit ihm werden!“
[JJ.01_088,21] Eiligst brachte Jakob eine
solche Zwiebel herbei und legte sie dem Joel auf die Wunde;
[JJ.01_088,22] und er kam in wenigen
Augenblicken wieder zu sich und fragte alle, was denn mit ihm vorgefallen sei.
[JJ.01_088,23] Die Umstehenden aber erzählten
ihm alles sobald und lobten und priesen Gott für die Rettung; die drei Priester
aber bekamen eine große Achtung vor dem Kinde, – aber eine noch größere vor der
Zwiebel.
[JJ.01_089] 89. Kapitel – Josephs
Opfergelübde. Des Jesuskindleins Einspruch und Hinweis auf das Gott
wohlgefälligste Opfer. Josephs Einwand und seine Entkräftung durch das
Kindlein.
9. Dezember 1843
[JJ.01_089,01] Darauf begab sich Joseph
sobald mit seiner ganzen Familie in das Schlafgemach und lobte und pries Gott
laut bei einer Stunde lang;
[JJ.01_089,02] und machte auch ein Gelübde,
demzufolge er, sobald er wieder nach Jerusalem käme, dem Herrn ein Opfer
darzubringen sich verpflichtete.
[JJ.01_089,03] Das Kindlein aber sprach zum
Joseph: „Höre du Mich an! – Meinst du, der Herr hat daran ein Wohlgefallen?
[JJ.01_089,04] O da irrest du dich gewaltig,
– siehe, weder an den Brandopfern noch am Blute der Tiere und ebensowenig am
Mehle, Öle und Getreide hat Gott ein Wohlgefallen,
[JJ.01_089,05] sondern allein nur an einem
reumütigen, zerknirschten und demütigen Herzen, das Ihn über alles liebt!
[JJ.01_089,06] Hast du aber etwas Übriges, so
gebe denen, die da nackt, hungrig und durstig sind, so wirst du eine rechte
Opferung dem Herrn darbringen!
[JJ.01_089,07] Ich enthebe dich daher von
deinem Gelübde und der Pflicht für den Tempel darum, weil Ich dazu die volle
Macht habe!
[JJ.01_089,08] Ich Selbst aber werde einst
dein Gelübde in Jerusalem auf eine Art erfüllen, daß daran die ganze Erde
gesättigt wird für die Ewigkeit!“ – – –
[JJ.01_089,09] Joseph aber nahm das Kindlein
auf seine Arme und küßte Es und sagte dann zu Ihm:
[JJ.01_089,10] „Du mein allergeliebtester
kleiner Jesus, Dein Joseph dankt Dir dafür zwar aus ganzem Herzen und erkennt
die vollste heilige Wahrheit Deines wunderbarsten Ausspruchs;
[JJ.01_089,11] aber siehe, Gott, Dein und
unser aller Vater, hat dennoch solches durch Moses und die Propheten angeordnet
und uns, Seinen Kindern, zu halten befohlen!
[JJ.01_089,12] O sage es mir: Hast Du, mein
Söhnchen, obschon göttlicher heilig wunderbarer Abkunft, wohl das Recht, die
Gesetze des großen Vaters, der in Seinen Himmeln wohnet ewig, aufzuheben?“
[JJ.01_089,13] Das Kindlein aber sprach:
„Joseph, so Ich es dir auch sagen würde, wer Ich bin, so möchtest du es Mir
dennoch nicht glauben, indem du in Mir nur ein Menschenkind erschauest!
[JJ.01_089,14] Aber dennoch sage Ich dir: Da
Ich bin, da ist auch der Vater; da Ich aber nicht bin, da ist auch der Vater
nicht.
[JJ.01_089,15] Ich aber bin nun hier und
nicht im Tempel; wie solle dann der Vater im Tempel sein? – !
[JJ.01_089,16] Verstehst du das? – Siehe, wo
des Vaters Liebe ist, da ist auch Sein Herz; in Mir aber ist des Vaters Liebe
und somit auch Sein Herz!
[JJ.01_089,17] Niemand aber trägt sein Herz
außer sich, also auch der Vater nicht; da Sein Herz ist, da ist auch Er! –
Verstehest du solches?“
[JJ.01_089,18] Diese Worte erfüllten den
Joseph, die Maria wie die fünf Söhne mit tiefer heiliger Ahnung; und sie gingen
dann hinaus und lobten in ihren Herzen den so nahen Vater. Und die Maria machte
sich dann an die Bereitung eines Morgenmahles.
[JJ.01_090] 90. Kapitel – Das Morgenmahl. Die
Sitte der Waschung. Der Widerstand der drei Priester gegen die Weisungen
Josephs und ihre Erziehung zum Gehorsam durch das Kindlein. Die bedeutsame
Frage der Priester und Josephs Verlegenheit.
11. Dezember 1843
[JJ.01_090,01] Das Morgenmahl war bald
bereitet, denn es bestand in nichts anderem als in einem Topfe aufgesottener
frischer Milch mit etwas Honig mit Thymian und in Brot.
[JJ.01_090,02] Maria selbst brachte es auf
den Tisch und rief den Joseph und die fünf Söhne wie auch die drei Priester zum
Tische.
[JJ.01_090,03] Und der Joseph erschien sobald
mit dem Kinde auf seinem Arme, übergab Es der Mutter und begab sich dann zum
Tische.
[JJ.01_090,04] Hier stimmte er sogleich dem
Herrn sein Loblied an; und als das Loblied abgesungen war, da fragte Joseph
nach gewohnter Sitte, ob alles gewaschen sei.
[JJ.01_090,05] Und Maria, die fünf Söhne und
das Kindlein sprachen: „Ja, wir sind alle gar wohl gewaschen!“
[JJ.01_090,06] Und der Joseph erwiderte:
„Also möget ihr auch essen! Wie sieht es aber mit euch dreien aus, habt auch
ihr euch gewaschen?“
[JJ.01_090,07] Die drei Priester aber
sprachen: „Bei uns ist es nicht Sitte, sich am Morgen mit Wasser zu waschen,
wohl aber am Abende.
[JJ.01_090,08] Am Morgen salben wir uns mit
Öl, auf daß uns die Hitze des Tages nicht zu lästig werde.“
[JJ.01_090,09] Und der Joseph sprach: „Das
mag gut sein; so ich in euer Haus käme, würde ich ein Gleiches tun mit euch.
[JJ.01_090,10] Da ihr aber nun bei mir im
Hause seid, so beobachtet meine Sitte; denn sie ist besser als die eurige!“
[JJ.01_090,11] Die Priester aber baten, daß
sie damit verschont werden möchten.
[JJ.01_090,12] Da wollte Joseph den Priestern
das Waschen erlassen;
[JJ.01_090,13] aber das Kindlein sprach:
„Fürwahr, zum Steine solle ein jeder Bissen in ihrem Magen werden, so sie sich
nicht eher reinwaschen mit Wasser, bevor sie teilnehmen an dem Tische, an dem
Ich gegenwärtig bin!“
[JJ.01_090,14] Diese Worte brachen den drei
Priestern sogleich ihre Sitte, und sie verlangten Wasser und wuschen sich.
[JJ.01_090,15] Nachdem sie sich aber gewaschen
hatten, da lud sie Joseph sogleich wieder zum Tische;
[JJ.01_090,16] aber die Priester weigerten
sich und getrauten sich nicht, denn sie fürchteten das Kind.
[JJ.01_090,17] Das Kindlein aber sprach: „So
ihr euch nun weigern werdet, zum Tische zu gehen und da mit uns das gesegnete
Morgenmahl zu halten, so werdet ihr sterben!“
[JJ.01_090,18] Und sogleich begaben sich die
Priester zum Tische und aßen mit großer geheimer Ehrfurcht vor dem Kinde.
[JJ.01_090,19] Als aber das Morgenmahl
verzehrt war, da erhob sich Joseph wieder und brachte Gott den Dank dar.
[JJ.01_090,20] Die Priester aber fragten ihn
darauf: „Welchem Gotte dankest denn du? – Ist denn nicht dies Kind der erste
rechte Gott? – Wie dankest du da noch einem andern?“
[JJ.01_090,21] Diese Frage frappierte den
Joseph sehr, und er wußte nicht, was er darauf erwidern solle.
[JJ.01_090,22] Aber das Kindlein sprach:
„Joseph! – sorge dich nicht vergeblich; denn was die drei geredet haben, wird
erfüllet werden! Aber jetzt sei du ohne Sorge; denn du betest dennoch nur zu
einem Gott und Vater!“
[JJ.01_091] 91. Kapitel – Die Liebe als das
wahrhafte Gebet zu Gott. Jesus als Sohn Gottes. Die heidnischen Gedanken der
drei Priester und des Kindleins Entgegnung.
12. Dezember 1843
[JJ.01_091,01] Joseph küßte das Kindlein und
sprach: „Ja fürwahr, wäre in Dir nicht das Herz des Vaters, nimmer wärest Du
solcher Worte fähig!
[JJ.01_091,02] Denn wo wohl auf der ganzen
Erde ist ein Kind Deines Alters, das da vermöchte solche Worte aus sich zu
reden, die noch nie ein Weiser geredet hat!
[JJ.01_091,03] Darum sage mir, ob ich Dich
als meinen Gott und Herrn vollkommen anbeten solle?“
[JJ.01_091,04] Diese Frage Josephs an das
Kindlein überraschte alle anwesenden Gemüter.
[JJ.01_091,05] Aber das Kindlein sprach sanft
lächelnd zum Joseph: „Joseph! weißt du wohl, wie der Mensch zu Gott beten
solle?
[JJ.01_091,06] Siehe, du weißt es nicht
völlig; darum will Ich es dir sagen.
[JJ.01_091,07] Höre! Im Geiste und in der
Wahrheit solle der Mensch zu Gott beten, nicht aber mit den Lippen, wie es die
Kinder der Welt tun, die da meinen, daß sie dadurch Gott gedient haben, so sie
eine Zeitlang mit ihren Lippen gewetzt haben.
[JJ.01_091,08] Willst du aber im Geiste und
in der Wahrheit beten, da liebe du Gott in deinem Herzen, und tue Gutes allen
Freunden und Feinden, so wird dein Gebet gerecht sein vor Gott!
[JJ.01_091,09] So aber jemand zu gewissen
Zeiten eine kurze Zeit nur mit den Lippen gewetzt hat vor Gott und hat während
solcher Wetzerei an allerlei weltliche Dinge gedacht, die ihm mehr am Herzen
lagen als all sein loses Gebet, ja mehr als Gott Selbst, – sage, ist das dann
wohl auch ein Gebet?
[JJ.01_091,10] Wahrlich, Millionen solcher
Gebete werden bei Gott gerade also erhört werden, als da erhöret ein Stein die
Stimme eines Schreiers!
[JJ.01_091,11] So du aber durch die Liebe zu
Gott betest, da brauchst du nimmer zu fragen, ob du Mich nun als den
allerheiligsten Gott und Vater anbeten sollest.
[JJ.01_091,12] Denn wer also zu Gott betet,
der betet auch zu Mir; denn der Vater und Ich sind einer Liebe und eines
Herzens!“
[JJ.01_091,13] Diese Worte bekehrten alle zur
reinen Einsicht, und sie wußten nun, warum Jesus ein Sohn Gottes geheißen
werden solle.
[JJ.01_091,14] Josephs Brust ward nun voll
der höchsten himmlischen Wonne.
[JJ.01_091,15] Und die Maria frohlockte
heimlich über das Kindlein und behielt alle solche Worte in ihrem Herzen;
desgleichen auch die Söhne Josephs.
[JJ.01_091,16] Die drei Priester aber
sprachen zu Joseph: „Erhabenster Weiser aller Zeiten!
[JJ.01_091,17] Einige ganz geheime Worte
möchten wir mit dir ganz allein auf jenem Hügel reden, allwo du gestern abend
mit deinen Söhnen so herrlich und erbauend gebetet hast zu deinem Gott!“
[JJ.01_091,18] Das Kindlein aber sprach da
sogleich in die Mitte, sagend nämlich:
[JJ.01_091,19] „Meinet ihr denn, Meine Ohren
werden zu kurz und werden auf dem Hügel nicht euren Mund erreichen? – O ihr
irrt euch; denn Meine Ohren reichen so weit wie Meine Hände! Daher besprechet
euch nur vor Mir hier.“
[JJ.01_092] 92. Kapitel – Die Enthüllung der
Blindheit und Torheit der drei Priester. Vom Tempelbau im Herzen und vom wahren
Gottesdienst.
13. Dezember 1843
[JJ.01_092,01] Die drei Priester aber wurden
darob sehr verlegen und wußten nun nicht, was sie machen sollten; denn sie
getrauten sich nicht, ihr Anliegen in der Gegenwart des Kindes dem Joseph zu
enthüllen.
[JJ.01_092,02] Das Kindlein aber sah sie an
und sprach darauf mit einer recht festen Stimme:
[JJ.01_092,03] „Möchtet ihr nicht auch aus
Mir einen Götzen machen?
[JJ.01_092,04] Dort an jenem Hügel möchtet
ihr einen Tempel erbauen, im selben ein Schnitzwerk nach Mir anbringen auf
einem goldenen Altare und diesem Schnitzwerke dann opfern nach eurer Art.
[JJ.01_092,05] Versuchet nur so etwas zu
unternehmen; wahrlich sage Ich euch, der erste, der dafür einen Schritt tun und
nur einen Finger ausstrecken wird, solle sogleich am Platze des Todes sein!
[JJ.01_092,06] Wollt ihr Mir aber schon einen
Tempel erbauen, da erbauet ihn in euren Herzen lebendig;
[JJ.01_092,07] denn Ich bin lebendig, aber
nicht tot, und will daher lebendige, aber nimmer tote Tempel!
[JJ.01_092,08] So ihr aber schon glaubet, daß
in Mir da wohne die Fülle der Gottheit leibhaftig, bin Ich da nicht Selbst
genug ein Tempel lebendig vor euch?! – Weshalb solle da von Mir noch ein
Schnitzwerk und ein steinerner Tempel sein?
[JJ.01_092,09] Was ist da mehr, Ich – oder so
ein nichtssagender Tempel und ein Schnitzwerk von Mir?
[JJ.01_092,10] So der Lebendige bei euch und
unter euch ist, wofür solle da dann der Tote wohl gut und dienlich sein?
[JJ.01_092,11] O ihr blinden Toren! – Ist
denn das nicht mehr, so ihr Mich liebet, als wenn ihr Mir tausend Tempel aus
Steinen erbauen möchtet und möchtet dann tausend Jahre lang in denselben vor
geschnitzten Bildern von Mir eure Lippen wetzen in verbrämten Röcken?!
[JJ.01_092,12] So aber ein armer Mensch zu
euch käme, der da nackt wäre und hungrig und durstig,
[JJ.01_092,13] ihr aber möchtet sagen:
,Siehe, das ist ein Halbgott, denn also erscheinen diese hohen Wesen;
[JJ.01_092,14] lasset uns von ihm ein Bild
machen und es dann setzen in einen Tempel, auf daß es von uns verehrt werde!‘ –
[JJ.01_092,15] saget Mir, so ihr das sicher
tätet, würde damit dem armen Menschen wohl etwas gedient sein, und möchtet ihr
sein Bild auch aus purem Golde anfertigen?!
[JJ.01_092,16] Wird es aber dem Armen nicht
mehr frommen, so ihr ihn nach eurer Liebe bekleidet und reichet ihm dann Speise
und Trank?
[JJ.01_092,17] Ist aber Gott nicht lebendiger
noch als jeder Mensch der Erde, indem doch alles das Leben aus Ihm hat?
[JJ.01_092,18] Solle Gott etwa blind sein,
der die Sonne erschuf und gab dir ein sehend Auge?!
[JJ.01_092,19] Oder solle Der taub sein, der
dir das Ohr gemacht hat, und gefühllos, der dir die Empfindung gab?
[JJ.01_092,20] Siehe, wie töricht wäre das
gedacht und geredet!
[JJ.01_092,21] Gott ist sonach ja das
vollkommenste Leben Selbst, also die vollkommenste Liebe; wie wollt ihr Ihn
denn hernach wie einen Toten anbeten und ehren? –
[JJ.01_092,22] Bedenket dieses, auf daß ihr
in eurer Blindheit geheilt werdet.“
[JJ.01_092,23] Diese Rede trieb die drei
Priester zu Boden; sie ersahen die heilige Wahrheit und redeten am selben Tage
nichts mehr.
[JJ.01_093] 93. Kapitel – Die allseitig gute
Wirkung dieser Belehrung. Die hl. Familie im häuslichen Leben. Die blinde
Bettlerin und ihr Traum. Die Heilung der Blinden durch das Badewasser des
Kindes.
14. Dezember 1843
[JJ.01_093,01] Nach solcher bezeigten
Höchstachtung kehrten die drei Priester wieder in ihr angewiesenes Gemach
zurück und verblieben im selben bis zum Untergange der Sonne.
[JJ.01_093,02] Sie redeten nichts, sondern
ein jeder von ihnen dachte über die Worte des wunderbar redenden Kindes nach.
[JJ.01_093,03] Joseph aber gab Gott die Ehre
in seinem Herzen und dankte inbrünstigst für die endlos große Gnade, daß er der
Nährvater des Sohnes Gottes ward.
[JJ.01_093,04] Als er also mit Maria und
seinen Söhnen Gott die Ehre und das Lob gegeben hatte und die Maria das
Kindlein ebenfalls versorgt hatte,
[JJ.01_093,05] da ward das Kindlein wieder
dem Jakob übergeben, und Joseph ließ sich von der Maria das zerrissene Kleid
zusammenheften und ging dann mit seinen vier Söhnen wieder hinaus auf den Acker
und bestellte ihn.
[JJ.01_093,06] Maria aber reinigte
unterdessen das Zimmergeräte des Hauses, damit es rein sei zum Empfange der
Gäste, die da nachmittags wiederzukommen versprochen hatten.
[JJ.01_093,07] Als sie mit der Reinigung zu
Ende war, da sah sie wieder beim Kinde nach, ob Ihm nichts fehle.
[JJ.01_093,08] Das Kindlein aber begehrte die
Brust und dann ein Bad, und das mit reinem kaltem Wasser.
[JJ.01_093,09] Maria tat das alles sogleich;
und als sie das Kindlein gebadet hatte, kam ein blindes Weib ins Zimmer zur
Maria und klagte viel über ihr Elend.
[JJ.01_093,10] Maria aber sprach zu diesem
blinden Weibe: „Ich sehe wohl, daß du sehr elend bist; aber was kann ich dir da
wohl tun, daß dir damit geholfen wäre?“
[JJ.01_093,11] Und das Weib sprach: „Höre
mich an! – In dieser Nacht hat mir geträumt gar wunderbar.
[JJ.01_093,12] Ich sah, wie du ein gar
mächtig leuchtendes Kind hattest; dieses Kind begehrte von dir Brust und Bad.
[JJ.01_093,13] Das Bad war ein frisches
Wasser; und als du das Kind darinnen gebadet hast, da ward das Wasser voll
leuchtender Sterne!
[JJ.01_093,14] Da erinnerte ich mich, daß ich
blind bin, und wunderte mich nicht wenig, wie ich solches alles zu sehen
vermöchte.
[JJ.01_093,15] Du aber hast daneben zu mir
geredet: ,Weib, so nehme denn dieses Wasser, und wasche dir die Augen, und du
wirst sehend!‘
[JJ.01_093,16] Da wollte ich sogleich nach
dem Wasser greifen und mir die Augen waschen; aber ich ward sobald wach – und
bin noch blind geblieben!
[JJ.01_093,17] Heute am Morgen aber sprach
jemand zu mir: ,Gehe hinaus, und suche! Du wirst das Weib mit dem Kinde treffen;
denn du wirst eher in kein Haus kommen als in das allein!‘
[JJ.01_093,18] Hier bin ich nun am sichern
Ziele meiner großen Mühe, Angst und Gefahr!“
[JJ.01_093,19] Hier reichte Maria dem blinden
Weibe das Badewasser, und das Weib wusch sich damit das Gesicht und ward im
Augenblicke sehend.
[JJ.01_093,20] Das Weib aber wußte sich vor
lauter Dank nicht zu helfen und wollte das sogleich in ganz Ostracine
ausposaunen; Maria aber verbot dem Weibe solches auf das nachdrücklichste.
[JJ.01_094] 94. Kapitel – Der Geheilten Dank
und Bitte um Aufnahme in das Haus Josephs. Jakobs Zeugnis von Marias Wesen.
Eine Voraussage des Mädchens über die einstige Verehrung Marias. Marias
Bescheidenheit. Josephs Heimkehr.
15. Dezember 1843
[JJ.01_094,01] Das Weib aber bat Mariam, ob
sie ihr nicht erlauben möchte, daß sie bei ihr eine Zeitlang verbleibe, auf daß
sie dem Hause dienete, in dem ihr ein so großes Heil widerfahren ist.
[JJ.01_094,02] Maria aber sprach: „Weib, das
steht nicht bei mir, denn ich bin selbst nur eine Magd des Herrn.
[JJ.01_094,03] Verharre aber eine Zeitlang,
bis mein Gemahl vom Felde heimkehrt; von ihm sollst du den rechten Bescheid
bekommen!“
[JJ.01_094,04] Das Weib aber fiel der Maria
zu den Füßen und wollte sie förmlich als eine Göttin anzubeten anfangen; denn
sie sah die Heilung ihres Gesichtes als ein zu großes Wunder an, indem sie eine
Blindgeborne war.
[JJ.01_094,05] Maria aber verwies ihr solches
strenge und entfernte sich in ein anderes Gemach.
[JJ.01_094,06] Das Weib aber fing darob an zu
weinen, da sie der Meinung ward, als hätte sie dadurch ihre größte Wohltäterin
beleidigt.
[JJ.01_094,07] Jakob aber, der im selben
Zimmer das Kindlein lockte, sah das Weib an und sprach zu ihr:
[JJ.01_094,08] „Was weinest du, als hätte dir
jemand etwas zuleide getan?“
[JJ.01_094,09] Das Weib aber sprach: „Ach, du
lieber Jüngling! Ich habe ja die beleidigt, die mir das Licht der Augen gab;
wie solle ich da nicht weinen?“
[JJ.01_094,10] Der Jakob aber sprach: „Ach,
sorge dich um etwas anderes! Das junge Weib, das dir das Badewasser reichte,
ist sanfter als eine Turteltaube; darum kann sie nimmer beleidiget werden.
[JJ.01_094,11] Wenn sie auch jemand
beleidigen möchte, so kann er aber das doch nicht zuwege bringen.
[JJ.01_094,12] Denn da segnet sie ihn für
eine Beleidigung zehn Male und bittet selbst den Beleidiger auf eine Art um
seine Freundschaft wieder, der auch der härteste Stein nicht widerstehen
könnte!
[JJ.01_094,13] Siehe, so gut ist dieses Weib!
Daher sei ja ohne Sorge; denn ich versichere dir, daß sie soeben zu Gott für
dich betet!“
[JJ.01_094,14] Und also war es auch. Maria
betete fürwahr zu Gott für dieses Weib, daß Er ihr den Verstand erleuchten
möchte, und sie dann einsehe, daß sie (die Maria nämlich) auch nur ein schwaches
Weib sei.
[JJ.01_094,15] Maria war wohl vom höchsten
Adel; aber ihre Freude bestand darin, daß sie gedemütiget werde allorts und von
jedermann.
[JJ.01_094,16] Nach einer Weile aber kam die
gute, liebe Maria wieder zurück und bat im Ernste das Weib um Vergebung darum,
so sie dieselbe etwa zu hart angefahren hätte.
[JJ.01_094,17] Dieses Benehmen von Seite der
Maria brachte das dankbare Weib völlig um vor lauter Liebe zur Maria.
[JJ.01_094,18] Und das Weib sprach in der
völligen Verzückung ihrer Liebe:
[JJ.01_094,19] „O du helle Psyche meines
Geschlechtes, was ehedem dein edelstes Herz mir verwies, das werden dir einst
Völker tun!
[JJ.01_094,20] Denn aus allen Weibern der
Erde bist du sicher die erste, die mit den hohen Göttern um so sicherer im
Bunde steht, da sie nebst ihrer wahren Göttertugend auch gar so unaussprechlich
lieb, hold und schön ist!“
[JJ.01_094,21] Maria aber sprach: „Liebes
Weib, nach meinem Tode sollen die Menschen mit mir machen, was sie wollen; aber
bei meinen Lebzeiten solle das nicht geschehen!“
[JJ.01_094,22] Hier kam der Joseph mit den
vier Söhnen wieder zurück; und die Maria führte ihm sogleich das Weib vor und
erzählte ihm alles, was da vorgefallen ist.
[JJ.01_095] 95. Kapitel – Die Aufnahme der
Geheilten durch Joseph. Ihre bewegende Lebensgeschichte. Joseph tröstet die
arme Waise.
16. Dezember 1843
[JJ.01_095,01] Als das Weib aber sobald
erkannte, daß Joseph der Gemahl der Maria sei, da ging sie hin und brachte vor
ihn die Bitte, daß sie in seinem Hause verbleiben dürfte.
[JJ.01_095,02] Und der Joseph sprach zum
Weibe: „So dir solche Gnade widerfuhr, wie es mir mein Weib kundgab nun in
deiner Gegenwart, und du willst darum dankbar diesem Hause sein, so magst du
wohl bleiben.
[JJ.01_095,03] Denn siehe, ich habe hier
einen ziemlich großen Grund und habe mehrere Haustiere und habe ein geräumiges
Haus!
[JJ.01_095,04] Und so wird es an der
Beschäftigung nicht fehlen, und Raum zur Wohnung ist auch genug da.
[JJ.01_095,05] Mein Weib ist ohnehin mehr von
schwacher Beschaffenheit in ihrer Leibeskraft; daher wirst du mir einen guten
Dienst erweisen, wenn du hie und da meinem Weibe in der häuslichen Arbeit
helfen magst.
[JJ.01_095,06] Für alle deine Bedürfnisse solle
gesorgt sein; aber in Geld kann ich dir keinen Lohn geben, indem ich selbst
keines habe.
[JJ.01_095,07] Bist du mit diesem Antrage
zufrieden, so magst du hier verbleiben nach deiner Lust, aber nicht aus irgend
einer vermeinten Pflicht!“
[JJ.01_095,08] Diese Worte machten das Weib,
die ohnehin eine ganz arme Waise war, überaus glücklich, und sie lobte das Haus
über die Maßen, in dem ihr so viel Gutes entgegenkam.
[JJ.01_095,09] Joseph aber fragte sie nach
dem Geburtsorte und nach ihrem Alter, und welcher Religion sie wohl sei.
[JJ.01_095,10] Und das Weib erwiderte: „Aller
Ehre würdigster Mann! – Ich bin aus Rom gebürtig, bin die Tochter eines
mächtigen Patriziers!
[JJ.01_095,11] Mein ältliches Aussehen
entspricht nicht meinem Alter; denn ich bin erst kaum zwanzig Sommer eine
Bewohnerin der Erde.
[JJ.01_095,12] Ich kam blind zur Welt; meinen
Eltern aber riet ein Priester, sie sollen mich nach Delphi bringen, allda würde
ich durch Apolls Erbarmung das Licht der Augen bekommen.
[JJ.01_095,13] Als dieser Rat meinen Eltern
gegeben ward, da war ich zehn Jahre und sieben Monate alt.
[JJ.01_095,14] Meine Eltern, die sehr reich
waren und mich als die einzige Tochter überaus liebten, befolgten diesen Rat.
[JJ.01_095,15] Sie mieteten ein Schiff, um
mit mir nach Delphi zu steuern.
[JJ.01_095,16] Wir befanden uns aber kaum
drei Tage auf dem Meere, da kam ein allergewaltigster Sturm und trieb das
Schiff mit großer Schnelligkeit in diese Gegend.
[JJ.01_095,17] Ungefähr zweihundert Klafter
außerhalb des Ufers, wie es mir mein Lebensretter oft erzählte, ward das Schiff
auf eine Klippe geschleudert,
[JJ.01_095,18] und alles bis auf mich und
einen Matrosen, der mich gerettet hat, ging zugrunde, und somit auch meine
guten Eltern.
[JJ.01_095,19] Nimmer fand sich eine
Gelegenheit, die mich in meine Vaterstadt zurückbrächte. Der Matrose starb auch
hier schon vor fünf Jahren, und ich bin nun eine von großer Not und Traurigkeit
abgezehrte waise Bettlerin in diesem Orte.
[JJ.01_095,20] Doch da ich solch eine Gnade
sicher bei den Göttern gefunden habe und habe meiner Augen Licht bekommen und
nun sehen kann meine Wohltäter, so will ich ja gerne vergessen meiner großen
Trübsal!“
[JJ.01_095,21] Diese Erzählung des
scheinbaren Weibes brachte alles zum Weinen; und der Joseph sprach: „O du arme
Waise, sei getröstet; denn hier sollst du deine Eltern vielfach wiederfinden!“
[JJ.01_096] 96. Kapitel – Die Frage der Waise
auf die für sie dunklen Worte Josephs. Josephs Antwort.
18. Dezember 1843
[JJ.01_096,01] Das vermeintliche Weib aber
verstand den Joseph nicht völlig, was er mit der Gewinnung der mehrfachen
Eltern gemeint hatte; daher fragte sie ihn:
[JJ.01_096,02] „O du lieber, überguter Mann,
in dessen Hause mir eine so endlos wunderbar große Gnade widerfuhr, was wohl
meinst du damit, daß mir nach deinem Worte eine mehrfache Wiederfindung meiner
verlornen Eltern hier werden solle?“
[JJ.01_096,03] Joseph aber sprach zu ihr:
„Fürwahr, du sollst in meinem Hause meinen Kindern gleich gehalten werden dein
Leben lang!
[JJ.01_096,04] Du sollst bei mir den einig
und ewig wahren Gott erkennen lernen, der da ist Derselbe, der dich erschaffen
hat und dir nun wiedergab das Licht deiner Augen.
[JJ.01_096,05] Ja du sollest deinen Gott und
Herrn wesenhaft erkennen und sollst von Ihm Selbst gelehret werden!
[JJ.01_096,06] Also wirst du auch hier gar
bald einem hohen Römer in diesem meinem Hause begegnen, der deine Sachen in Rom
ordnen wird.
[JJ.01_096,07] Und dieser Römer ist Cyrenius,
ein Bruder des Augustus.
[JJ.01_096,08] Er kannte sicher deine Eltern
und wird sich auf mein Anraten sicher auch für deiner Eltern Sache deinetwegen
in Rom verwenden. – Und das werden doch deine Eltern mehrfach sein, geistlich
und leiblich?!
[JJ.01_096,09] Denn so irgend deine
leibhaftigen Eltern lebten, sage, könnten diese mehr tun für dich?
[JJ.01_096,10] Hätten sie dir wohl das Licht
deiner Augen wiedergegeben, und hätten sie dir wohl den einigen, ewigen, wahren
Gott zu zeigen vermocht?
[JJ.01_096,11] Deine leiblichen Eltern hätten
dich wohl zeitlich versorgt, hier aber wirst du für ewig versorgt werden, so du
diese Versorgung nur annehmen willst!
[JJ.01_096,12] Sage, was ist dann wohl mehr,
deine leiblichen Eltern, die das Meer verschlungen hat, oder deine jetzigen,
denen das Meer im Namen des einen Gottes gehorchen muß?“
[JJ.01_096,13] Hier war das vermeintliche
Weib völlig stumm vor lauter Hochachtung und Liebe gegen den Joseph.
[JJ.01_096,14] Denn sie meinte, da sie
ohnehin schon hie und da so ganz leise reden gehört hatte, als wohne irgend in
der Gegend von Ostracine der Zeus, sie sei nun in der leibhaftigen Gegenwart
desselben.
[JJ.01_096,15] Joseph aber erkannte gar bald
den Wahn des Weibes und sprach zu ihr:
[JJ.01_096,16] „O Magd, o Tochter! – Halte
mich ja nicht für mehr als ich bin; am wenigsten aber für etwas, das nichts
ist!
[JJ.01_096,17] Ich bin dir gleich ein Mensch,
das genüge dir vorderhand. Mit der Zeit aber wird es schon heller werden um
dich; daher gut für jetzt!
[JJ.01_096,18] Bringet aber nun das
Mittagsmahl; nach diesem wollen wir mehreres kennenlernen; also geschehe es.“
[JJ.01_097] 97. Kapitel – Josephs Worte wegen
der drei fastenden Priester. Die Demut der neuen Hausgenossin und ihre Annahme
als Tochter durch Joseph. Der Segen und die Freude des Jesuskindleins.
19. Dezember 1843
[JJ.01_097,01] Die Söhne Josephs gingen
sogleich hinaus und brachten das Mittagsmahl herein.
[JJ.01_097,02] Joseph aber sprach: „Was ist
mit den dreien, werden sie mit uns das Mittagsmahl halten, oder werden sie etwa
lieber für heute in ihrem Gemache speisen?
[JJ.01_097,03] Gehet hinaus und erkundiget
euch darnach, und es soll ihnen werden, wie sie es am liebsten haben wollen!“
[JJ.01_097,04] Und die Söhne gingen und
fragten die drei; diese aber sprachen nichts, sondern bedeuteten den Söhnen,
daß sie vor dem Untergange nichts reden und nichts zu sich nehmen werden, weder
Speise noch Trank!
[JJ.01_097,05] Solches berichteten die Söhne
dem Joseph, und Joseph war damit zufrieden und sprach:
[JJ.01_097,06] „Wenn sich die drei das zu
einer Gewissenssache gemacht haben, da würden wir sündigen an ihnen, so wir sie
nicht belassen möchten in der Treue ihres Gelübdes!
[JJ.01_097,07] Setzen wir uns daher im Namen
des Herrn nur zum Tische und verzehren dankbar, was uns Gott bescheret hat!“
[JJ.01_097,08] Das vermeintliche Weib aber
sprach: „O Herr dieses Hauses! – Du bist zu gut, und ich habe keinen Wert;
daher bin ich wohl nicht würdig, an deinem Tische zu essen; an der Flur des
Hauses will ich dankbarst verzehren, was mir deine Güte bescheren wird!
[JJ.01_097,09] Zudem sind auch meine gar zu
zerlumpten Kleider und mein ungewaschener Leib wohl nicht schicklich für einen
Tisch eines solchen Herrn, wie du einer bist!“
[JJ.01_097,10] Joseph aber sprach zu den Söhnen:
„Gehet und bringet vier große Krüge Wassers; stellet sie ins Seitengemach der
Maria!
[JJ.01_097,11] Du, Weib, aber gehe und wasche
das Weib und kämme sie und ziehe ihr deine besten Kleider an!
[JJ.01_097,12] Und wenn sie also köstlich und
festlich ausgestattet sein wird, dann führe sie hierher, damit sie mit uns ohne
Scheu halte das Mittagsmahl!“
[JJ.01_097,13] In einer halben Stunde war der
Wille Josephs vollzogen, und ganz gereinigt stand nun an der Stelle des Weibes
ein gar liebes, schüchternes und überaus dankbares Mädchen da, in deren Gesicht
nur noch die Spuren der ehemaligen Traurigkeit zu sehen waren.
[JJ.01_097,14] Sie war ihren Zügen nach von
großer Schönheit, und in ihren Augen lag tiefe Demut, aber auch tiefe Liebe.
[JJ.01_097,15] Joseph hatte eine rechte
Freude an diesem Kinde nun und sprach: „O Herr, ich danke Dir, daß Du mich dazu
ausersehen hast, diese Arme zu retten; in Deinem allerheiligsten Namen will ich
sie zur völligen Tochter aufnehmen!“
[JJ.01_097,16] Und zu den Söhnen sich wendend,
sprach er: „Sehet an eure arme Schwester, und grüßet sie als Brüder!“
[JJ.01_097,17] Mit viel Freuden taten das die
Söhne Josephs, und am Ende sprach auch das Kindlein:
[JJ.01_097,18] „Also, wie von euch, sei sie
auch von Mir angenommen; das ist ein gutes Werk und macht Mir viel Freude!“
[JJ.01_097,19] Als aber das Mädchen das
Kindlein also reden hörte, da verwunderte sie sich und sprach: „O Wunder! – was
ist das, daß dies Kindlein also redet wie ein Gott!?“ –
[JJ.01_098] 98. Kapitel – Die liebliche Szene
zwischen dem Mädchen und dem Kindlein. Die Gefahren des hl. Geheimnisses. Die
Seligkeit und überschwengliche Freude des Mädchens.
20. Dezember 1843
[JJ.01_098,01] Das Mädchen ging sogleich hin
zum Kindlein und sprach:
[JJ.01_098,02] „O was bist Du doch für ein
außerordentliches Wunderkind!
[JJ.01_098,03] Ja, Du bist dasselbe
leuchtende Kindlein, von dem es mir so wunderbar geträumt hat, daß Es die
Mutter gebadet hatte und mir hernach dasselbe Badewasser das Licht meiner Augen
gab!
[JJ.01_098,04] Ja, ja, Du göttlich Kindlein!
– Du gabst mir das Licht der Augen; Du bist mein Heiland; Du bist der wahre
Apollo von Delphi!
[JJ.01_098,05] Ja, Du bist in meinem Herzen
schon jetzt mehr als alle Götter Roms, Griechenlands und Ägyptens!
[JJ.01_098,06] Welch ein hoher göttlicher
Geist muß in Dir wohnen, der Dir schon so früh Deine Zunge gelöset hat, und der
durch Dich schon jetzt so heilbringend und mächtig wirkend sich zu erkennen gibt!?
–
[JJ.01_098,07] Heil euch Menschen der Erde,
die ihr samt mir in großer Finsternis und Trübsal lebet!
[JJ.01_098,08] Hier ist die Sonne der Himmel,
die euch Blinden, wie mir, die Sehe wiedergeben wird!
[JJ.01_098,09] O Rom! du mächtige Bezwingerin
der Erde, siehe, hier vor mir lächelt der Held mich an, der dich in einen
Schutthaufen umwandeln wird!
[JJ.01_098,10] Sein Panier wird Er über
deinen Mauern aufpflanzen, und du wirst zu Grabe gehen; wie da verwehet wird
vom Sturme eine lose Spreu, so wirst du verweht werden!“
[JJ.01_098,11] Das Kindlein aber bot dem
Mädchen die Hand und verlangte zu ihr.
[JJ.01_098,12] Und das Mädchen nahm Es mit
tausend Freuden zu sich und herzte und kosete Es.
[JJ.01_098,13] Das Kindlein aber spielte mit
den reichen Locken des Mädchens und sprach dabei ganz leise zum Mädchen:
[JJ.01_098,14] „Glaubst du, Meine liebe
Schwester, wohl den Worten, die du ehedem ausgesprochen hast vor Mir, da Ich
Mich noch auf den Armen Meines Bruders befand?“
[JJ.01_098,15] Und das Mädchen sprach eben
auch ganz leise zum Kindlein:
[JJ.01_098,16] „Ja, Du mein Heiland, Du mein
Licht, Du meine erste Morgensonne! – jetzt glaube ich um so fester, da Du mich
darnach gefragt hast!“
[JJ.01_098,17] Und das Kindlein sprach
darauf: „Wohl dir, daß du in deinem Herzen also glaubst, wie du geredet hast!
[JJ.01_098,18] Aber das sage Ich dir, halte
vorderhand nichts geheimer als eben dieses dein Glaubensbekenntnis!
[JJ.01_098,19] Denn nie hat der Feind alles
Lebens sein Ohr also gespitzt, als gerade in dieser Zeit!
[JJ.01_098,20] Daher schweige von Mir, und
verrate Mich ja nicht, wenn es dir daran liegt, von diesem Feinde nicht für
ewig getötet zu werden!“
[JJ.01_098,21] Das Mädchen aber gelobte
solches allerkräftigst und ward in der Zeit, da sie das Kindlein lockte, so
ganz vollkommen jugendlich schön, daß sich darob alle höchst zu verwundern
anfingen; und das Mädchen konnte sich vor lauter Seligkeit beinahe gar nicht
helfen, ja so selig war sie, daß sie zu jauchzen und zu kirren begann.
[JJ.01_099] 99. Kapitel – Des Cyrenius und
Pillas Ankunft. Josephs Bericht über das Mädchen. Des Cyrenius Werbung um die
Adoptivtochter Josephs.
21. Dezember 1843
[JJ.01_099,01] Als das Mädchen noch in ihrer
größten Freude sich befand, da kam gerade der Cyrenius wieder in Gesellschaft
des Maronius Pilla zum Joseph, wie er es am vorigen Abende versprochen hatte.
[JJ.01_099,02] Joseph und Maria empfingen ihn
mit großer, herzlichster Freude, und der Cyrenius sprach:
[JJ.01_099,03] „O du mein erhabener Freund
und Bruder, was habt ihr denn doch erlebt, darob ihr zu meiner großen Freude so
heiter seid?“
[JJ.01_099,04] Joseph aber wies den Cyrenius
sogleich an das Mädchen und sprach:
[JJ.01_099,05] „Siehe, dort mit dem Kindlein
auf dem Arme und in eine tiefe Wonne versunken, siehst du den Gegenstand
unserer Freude!“
[JJ.01_099,06] Cyrenius blickte das Mädchen
näher an und sprach darauf zum Joseph:
[JJ.01_099,07] „Hast du sie denn zu einer
Kindsmagd angenommen? – Woher kam denn diese schöne israelitische Maid?“
[JJ.01_099,08] Und der Joseph erwiderte dem
vor Neugierde brennenden Cyrenius:
[JJ.01_099,09] „O hoher Freund! – siehe, ein
Wunder brachte sie unter dies Obdach! – Sie kam blind zu mir, aussehend wie ein
betagtes allerärmstes Bettelweib.
[JJ.01_099,10] Durch die Wundermacht des
Kindleins aber bekam sie ihr Gesicht, und es zeigte sich dann, daß sie erst
eine Magd von kaum zwanzig Sommern ist, und ist eine Waise, darum ich sie denn
auch zu einer Tochter angenommen habe; und das ist der so ganz eigentliche
Grund unserer Freude!“
[JJ.01_099,11] Und der Cyrenius, das Mädchen
mit stets größerem Wohlgefallen betrachtend, während das Mädchen aus lauter
Wonne den Cyrenius noch gar nicht bemerkte, obschon er in seinem vollen Glanze
gegenwärtig war, sprach zum Joseph:
[JJ.01_099,12] „O Freund, o Bruder! – wie
sehr bedaure ich mich nun, daß ich ein hoher römischer Patrizier bin!
[JJ.01_099,13] Fürwahr, ich gäbe alles darum,
so ich ein Jude wäre und könnte diese herrliche Jüdin von dir mir nun zum Weibe
erbitten!
[JJ.01_099,14] Denn du weißt, daß ich ledig
und kinderlos bin. O was könnte mir so ein Weib, von dir gesegnet, sein!“
[JJ.01_099,15] Und der Joseph lächelte den
Cyrenius an und fragte ihn: „Was würdest du denn tun, so dies Mädchen keine
Jüdin, sondern eine Römerin hohen Standes wäre, dir gleich?
[JJ.01_099,16] So sie die einzige Tochter
eines Patriziers wäre, deren Eltern den Untergang in den Fluten des Meeres bei
einer Fahrt nach Delphi fanden? – !“
[JJ.01_099,17] Hier sah der Cyrenius den
Joseph ganz verblüfft an und sagte nach einer stummen Weile:
[JJ.01_099,18] „O erhabener Freund und
Bruder! Was sprichst du hier!? – Ich bitte dich, erkläre dich deutlicher; denn
die Sache scheint mich nahe anzugehen!“
[JJ.01_099,19] Joseph aber sagte: „Mein hoher
Freund! Siehe, es hat alles seine Zeit; daher gedulde dich auch du hier ein
wenig, und das Mädchen selbst wird dir alles kundgeben!
[JJ.01_099,20] Du aber gebe mir kund
vorderhand, wie es mit den ausgegrabenen Leichen aus dem Schutte des Tempels
aussieht!“
[JJ.01_100] 100. Kapitel – Cyrenius berichtet
über die Wiederbelebung von zweihundert Scheintoten. – Sein steigendes
Interesse an dem fremden Mädchen. Josephs Bedenken. Das dreifache Eherecht im
alten Rom.
22. Dezember 1843
[JJ.01_100,01] Cyrenius aber sprach zum
Joseph: „O Freund und Bruder! Kümmere dich nicht der Leichen; denn in dieser
Nacht sind bei zweihundert zum Leben gebracht worden, und ich habe für ihr
Unterkommen heute den ganzen Vormittag gesorgt!
[JJ.01_100,02] Und sollten im Verlaufe der
Schuttwegräumung noch mehrere unversehrte Leichen vorgefunden werden, so wird
für sie gesorgt sein wie für die bisherigen.
[JJ.01_100,03] Siehe, das ist in kurzem das
Ganze und ist bei weitem von keinem so großen Interesse nun für mich als eben
diese Maid, die nach deiner mir höchst glaubwürdigen Aussage die Tochter eines
verunglückten römischen Patriziers sein soll!
[JJ.01_100,04] Lasse mich daher vorher genau
in Erfahrung bringen, wie es mit diesem Kinde steht, auf daß ich dann ja alles
aufbieten kann, was zum Wohle dieser Waise erforderlich ist.
[JJ.01_100,05] Siehe, wie ich dir schon
ehedem gesagt habe, ich bin ledig und habe keine Kinder; kann sie wohl besser
versorgt werden, als so ich sie als ein Bruder des Kaisers zum festen Weibe
nehme!?
[JJ.01_100,06] Daher also liegt mir die
Geschichte dieses Mädchens nun vor allem stets mehr und mehr – und mehr am
Herzen!
[JJ.01_100,07] Verschaffe mir daher nur
sogleich die Gelegenheit, daß ich mich mit diesem herrlichen Kinde bespreche
und wohl berate!“
[JJ.01_100,08] Und der Joseph sprach zum
Cyrenius: „Hoher Freund und Bruder! Du sprichst da zu mir, daß du ledig seist,
und hast doch in Tyrus selbst zu mir geredet, daß du vermählt bist mit einem
Weibe, – nur hast du keine Kinder mit ihr!?
[JJ.01_100,09] Sage mir, wie solle ich das
nehmen? – Du kannst dir wohl ein zweites Weib nehmen, so das erste unfruchtbar
ist; aber wie du als ein vermählter Gatte noch ledig seist, fürwahr, das
verstehe ich nicht! Darüber erkläre dich deutlicher!“
[JJ.01_100,10] Und der Cyrenius lächelte bei
dieser Gelegenheit und sprach: „Lieber Freund! Ich sehe, daß du mit den
Gesetzen Roms nicht vertraut bist; daher muß ich dir schon einen näheren
Aufschluß erteilen, – und so höre mich denn!
[JJ.01_100,11] Siehe, wir Römer haben ein
dreifaches Eherecht; zwei darunter sind nicht bindend, nur eines ist bindend.
[JJ.01_100,12] Laut der zwei nicht bindenden
Gesetze kann ich mich vermählen wohl mit einer Sklavin sogar; ich habe aber
darum dennoch kein festes Weib, sondern nur eine gesetzlich erlaubte
Beischläferin, und ich bin dabei ledig noch und kann mir allzeit ein
standesmäßiges rechtes Weib nehmen.
[JJ.01_100,13] Der Unterschied der ersten
zwei nicht bindenden Gesetze besteht bloß darin, daß ich im ersten Falle mir
bloß eine Konkubine nehmen kann, ohne die geringste Verbindlichkeit, sie je zum
rechtmäßigen Weibe zu nehmen.
[JJ.01_100,14] Im zweiten Falle aber kann ich
auch die Tochter von einem standesmäßigen Hause mir bloß von ihren Eltern
anbinden lassen unter der Bedingung, sie zum rechtmäßigen Weibe zu nehmen, so
ich mit ihr ein bis drei lebende Kinder erzeuge, darunter wenigstens eines ein
Knabe ist.
[JJ.01_100,15] Im dritten Falle tritt dann
erst das festbindende Gesetz ein, laut dem ich erst vor dem Altare Hymens von
einem dazu bestimmten Priester mit einem rechtmäßigen Weibe fest verbunden
werde und dann nicht mehr ledig, sondern verheiratet bin.
[JJ.01_100,16] Also hebt bei uns weder die
Vermählung (nuptias capere), noch die examinative Ehe (patrimonium), sondern
allein die wirkliche Verheiratung (uxorem ducere) den ledigen Stand auf nach
den Gesetzen, wie sie jetzt bestehen.
[JJ.01_100,17] Also können wir nuptias
capere, patrimonium facere und uxorem ducere, und nur das Letzte hebt das
Ledigsein auf.
[JJ.01_100,18] Siehe, darum auch bin ich um
so mehr ledig, da ich mit der Konkubine keine Kinder erzeugen kann, und wäre
sogar dann noch ledig, so ich mit ihr Kinder hätte, weil die Konkubinat-Kinder
bei uns kein Recht auf den Vater haben, außer der Vater adoptiert sie mit des
Kaisers Einwilligung!
[JJ.01_100,19] Nun weißt du alles, daher
ersuche ich dich, mich nun mit der Geschichte dieses Mädchens näher vertraut zu
machen; denn ich bin nun vollkommen entschlossen, mich mit ihr sogleich
vollkommen zu verheiraten!“
[JJ.01_100,20] Als der Joseph das vom
Cyrenius vernommen hatte, da sprach er: „Wenn also, dann will ich selbst zuvor
das Mädchen unterrichten und vorbereiten, auf daß sie ein solcher Antrag nicht
schwäche oder gar töte!“
[JJ.01_101] 101. Kapitel – Tullia lernt
Cyrenius kennen. Eine wunderbare Entdeckung: Tullia, die Base und Jugendliebe
des Cyrenius. Cyrenius gerührt.
23. Dezember 1843
[JJ.01_101,01] Darauf ging der Joseph hin zum
immer noch mit dem Kindlein beschäftigten Mädchen, zupfte sie am Ärmel und
sprach zu ihr:
[JJ.01_101,02] „Höre, meine teure Tochter,
hast du denn im Ernste noch nicht bemerkt, wer sich nun hier befindet? – Blicke
doch einmal auf und sehe!“
[JJ.01_101,03] Hier erwachte das Mädchen aus
ihrer Wonne und ersah den glänzenden Cyrenius.
[JJ.01_101,04] Sie erschrak förmlich und
fragte ganz ängstlich: „O du mein lieber Vater Joseph, wer ist dieser gar so
stark glänzende Mann? – Was will er hier? Woher kam er denn?!“
[JJ.01_101,05] Und der Joseph sprach zum
Mädchen: „O fürchte dich nicht, meine Tochter Tullia! – Siehe, das ist der
überaus gute Cyrenius, ein Bruder des Kaisers und Statthalter von Asien und
einem Teile Afrikas!
[JJ.01_101,06] Dieser wird deine Sache in Rom
sicher in die beste Ordnung bringen; denn du bist ihm schon beim ersten
Anblicke sehr teuer geworden!
[JJ.01_101,07] Gehe aber hin, und bitte ihn
um Gehör, und trage ihm deine ganze Lebensgeschichte vor, und sei versichert,
daß du nicht zu tauben Ohren wirst geredet haben!“
[JJ.01_101,08] Das Mädchen aber sprach: „O du
mein lieber Vater! Das getraue ich mir nicht; denn ich weiß, so ein Herr prüft
ganz entsetzlich strenge bei solchen Gelegenheiten, und hat er irgendeinen
Punkt erfahren, der sich nicht erweisen läßt, da droht er einem gleich mit dem
Tode!
[JJ.01_101,09] Wie es mir in meiner Armut
schon einmal ergangen ist, da mich sicher auch ein solcher Herr zu examinieren
hatte angefangen, woher ich wäre.
[JJ.01_101,10] Und als ich ihm alles getreu
kundgab, da forderte er dann gar strenge Beweise von mir.
[JJ.01_101,11] Da ich ihm aber solche in
meiner gänzlichen Verwaistheit und blanksten Armut nicht herzustellen
vermochte, da gebot er mir das gestrengste Schweigen und drohte mir mit dem
Tode, so ich noch mehr davon zu jemandem reden möchte.
[JJ.01_101,12] Ich bitte dich darum, verrate
auch du mich nicht, sonst bin ich sicher verloren!“
[JJ.01_101,13] Hier trat der Cyrenius, der
diese leise Unterredung vernommen hatte, hin zur Tullia und sprach zu ihr:
[JJ.01_101,14] „O Tullia! Fürchte den nicht,
der ja alles aufbieten will, um dich so glücklich als möglich zu machen!
[JJ.01_101,15] Sage mir nichts als nur den
Namen deines Vaters, so du ihn dir noch gemerkt hast, und mehr brauche ich
nicht.
[JJ.01_101,16] Doch fürchte ja nichts, wenn
dir auch der Name deines Vaters entfallen wäre; du bleibst mir gleich teuer
darum, daß du nun eine Tochter dieses meines größten Freundes bist!“
[JJ.01_101,17] Hier bekam die Tullia schon
mehr Mut und sprach zum Cyrenius: „Wahrlich, wenn mich dein sanftes Auge
täuscht, so ist die ganze Welt eine Lüge! Ich will dir daher ja wohl sagen, wie
mein guter Vater hieß.
[JJ.01_101,18] Siehe, sein Name war Victor
Aurelius Dexter Latii; – so du ein Bruder des Kaisers bist, da muß dieser Name
dir nicht fremd sein.“
[JJ.01_101,19] Als der Cyrenius diesen Namen
vernommen hatte, da ward er sichtbar gerührt und sprach mit gebrochener Stimme:
[JJ.01_101,20] „O Tullia, das war ja ein
rechter Bruder meiner Mutter! – Ja, ja, von dem weiß ich ja, daß er mit einem
rechtmäßigen Weibe eine blindgeborne Tochter hatte, die er über alles liebte!
[JJ.01_101,21] O wie oft habe ich ihn beneidet
um sein Glück, das eigentlich ein Unglück war! – Aber ihm war die blinde Tullia
mehr als die ganze Welt!
[JJ.01_101,22] Ja ich selbst war in diese
Tullia, da sie noch kaum vier bis fünf Jahre alt war, ganz verliebt und habe
oft bei mir geschworen, diese oder sonst keine soll mein rechtes Weib werden
dereinst!
[JJ.01_101,23] Und – o Gott! – nun finde ich
dieselbe himmlische Tullia hier im Hause meines himmlischen, göttlichen
Freundes!
[JJ.01_101,24] O Gott, o Gott! – das ist
zuviel Lohnes auf einmal für einen schwachen Sterblichen um das Wenige, das
ich, ein Nichts vor Dir, o Herr, tat!“ – Hier sank der schwachgewordene
Cyrenius auf einen Stuhl und faßte sich nach einer Weile erst wieder zur
ferneren Rede mit der Tullia.
[JJ.01_102] 102. Kapitel – Cyrenius wirbt um
die Hand Tullias. Seine Prüfung durch Tullia. Ein Evangelium der Ehe.
27. Dezember 1843
[JJ.01_102,01] Nach der Erholung sprach der
Cyrenius wieder zur Tullia: „Tullia! Möchtest du mir denn nicht die Hand
reichen und werden mein rechtmäßiges Weib, so ich dich dazu aus dem tiefsten
Grunde meines Herzens erbitten würde?“
[JJ.01_102,02] Und die Tullia sprach: „Was
möchtest du mir wohl tun, so ich dir solches verweigern würde?“
[JJ.01_102,03] Und der Cyrenius sprach etwas
erregt, aber immer aus dem besten Herzen:
[JJ.01_102,04] „Dann würde ich es Dem
aufopfern, den du auf deinen Armen hältst, und würde sodann traurig ziehen von
dannen!“
[JJ.01_102,05] Und die Tullia fragte den
Cyrenius weiter, sagend nämlich: „Was würdest du denn dann tun, so ich Den, der
nun auf meinen Armen ruht, um einen Rat fragen würde, was ich tun solle,
[JJ.01_102,06] und Er widerriete mir,
anzunehmen deinen Antrag, und hieße mich treu verbleiben dem Hause, das mich so
überaus freundlichst aufgenommen hat!?“
[JJ.01_102,07] Und der Cyrenius stutzte bei
dieser Frage ein wenig, sprach aber dennoch etwas verlegen:
[JJ.01_102,08] „Ja dann, du meine herrlichste
Tullia, – dann müßte ich freilich ohne Widerrede sobald abstehen von meinem
Verlangen!
[JJ.01_102,09] Denn gegen den Willen Dessen,
dem alle Elemente gehorchen, kann sich der sterbliche Mensch ewig nimmer
auflehnen!
[JJ.01_102,10] O frage das Kindlein aber ja
sogleich, auf daß ich ja ehestens erfahre, wie ich daran bin!“
[JJ.01_102,11] Das Kindlein aber richtete
Sich sogleich auf und sprach: „Ich bin nicht ein Herr dessen, was der Welt ist;
daher seid ihr von Mir aus in allem Weltlichen frei.
[JJ.01_102,12] Habt ihr aber wahre Liebe in
euren Herzen zueinander gefaßt, da sollet ihr dieselbe nicht brechen!
[JJ.01_102,13] Denn es gibt bei Mir kein
anderes Gesetz für die Ehe, als welches da mit glühender Schrift geschrieben
steht in euren Herzen!
[JJ.01_102,14] Habt ihr euch aber schon beim
ersten Anblicke laut dieses lebendigen Gesetzes erkannt und verbunden, da
sollet ihr euch auch nicht mehr trennen, so ihr nicht sündigen wollet vor Mir!
[JJ.01_102,15] Ich halte aber kein weltlich
Eheband für gültig, sondern allein das des Herzens;
[JJ.01_102,16] wer dieses bricht, der ist ein
wahrhaftiger Ehebrecher vor Mir!
[JJ.01_102,17] Du, Mein Cyrenius, hast zu
dieser Tochter dein Herz gar mächtig gefaßt; daher sollst du es nicht mehr
abwenden von ihr!
[JJ.01_102,18] Und du, Tochter, aber warst
beim ersten Anblicke brennend schon in deinem Herzen zum Cyrenius, darum bist
du schon sein Weib vor Mir und brauchst nicht erst eines zu werden!
[JJ.01_102,19] Denn bei Mir gilt nicht
äußerer Rat oder Widerrat, sondern allein der Rat eurer Herzen ist bei Mir
gültig.
[JJ.01_102,20] Bleibet sonach diesem für ewig
getreu, wollt ihr nicht zu wahrhaftigen Ehebrechern werden vor Mir!
[JJ.01_102,21] Verflucht aber sei ein
Widerräter aus weltlichen Gründen in der Sache der Liebe, die von Mir ist!
[JJ.01_102,22] Was ist denn mehr: die
lebendige Liebe, die aus Mir ist, oder der weltliche Grund, der aus der Hölle
ist?
[JJ.01_102,23] Wehe aber auch der Liebe,
deren Grund die Welt ist; sie sei verflucht!“ –
[JJ.01_102,24] Diese Worte des Kindleins
machten, daß sich alle entsetzten, und niemand getraute sich weiter etwas zu
reden in der Sache der Ehe.
[JJ.01_103] 103. Kapitel – Das göttliche Kind
erklärt das lebendige Ehegesetz. Die Liebe des Kopfes und die Liebe des
Herzens. Die Verbindung der beiden Liebenden durch das Kindlein. Tullias
Bekenntnis von der Gottheit im Kindlein.
28. Dezember 1843
[JJ.01_103,01] Da aber alle auf diese Rede
des Kindleins ganz bestürzt vor sich hinblickten und niemand etwas zu reden
sich getraute, da öffnete auf einmal das Kindlein wieder den Mund und sprach:
[JJ.01_103,02] „Was steht ihr alle denn nun
so traurig um Mich herum? Habe Ich euch doch nichts zuleide getan!
[JJ.01_103,03] Dir, Mein Cyrenius, gab Ich,
danach dein Herz dürstete, und also auch dir, du liebe Tullia; was wollt ihr
denn mehr?
[JJ.01_103,04] Solle Ich denn etwa den
lebendigen Ehebruch gutheißen, während doch ihr Menschen auf den toten die
Todesstrafe gesetzt habet?
[JJ.01_103,05] Welch ein Verlangen wohl wäre
das?! Ist denn das, was im Leben vorgeht, nicht mehr, als was im Tode gerichtet
ist?
[JJ.01_103,06] Ich meine, des sollet ihr euch
wohl freuen, aber nicht trauern, darum es also ist!
[JJ.01_103,07] Wer da liebt, liebt der im
Herzen oder im Kopfe?
[JJ.01_103,08] Ihr aber habt eure Ehegesetze
nicht dem Herzen, sondern nur dem Kopfe entlockt!
[JJ.01_103,09] Das Leben aber ist nur im
Herzen und geht vom selben in alle Teile des Menschen aus, und somit auch in
den Kopf, welcher in sich kein Leben hat, sondern tot ist.
[JJ.01_103,10] So ihr aber schon die Gesetze
des Kopfes mit dem Tode sanktionieret, die samt dem Kopfe tot sind, um wieviel
billiger ist es dann, die lebendigen ewigen Gesetze des Herzens zu
respektieren!
[JJ.01_103,11] Daher aber freuet euch, daß
Ich als der Lebendige unter euch die Gesetze des Lebens festhalte; denn täte
Ich solches nicht, so wäre über euch alle schon lange der ewige Tod gekommen!
[JJ.01_103,12] Darum aber kam Ich in die
Welt, auf daß durch Mich alle die Werke und Gesetze des Todes vernichtet werden
und an ihre Stelle treten müssen die alten Gesetze des Lebens!
[JJ.01_103,13] So Ich euch aber im voraus
zeige, was da sind die Gesetze des Lebens, und was die des Todes, was Leids
wohl tue Ich euch dadurch, daß ihr darob trauert und euch vor Mir fürchtet, als
hätte Ich euch anstatt des Lebens den Tod gebracht?!
[JJ.01_103,14] O ihr Törichten! In Mir ist
das alte ewige Leben zu euch gekommen; daher freuet euch und seid nimmerdar
traurig!
[JJ.01_103,15] Und du, Mein Cyrenius, nehme
hin das Weib, das Ich dir gebe; und du, Tullia, nehme den Mann, den Ich dir
zugeführt habe vollernstlich; nur sollet ihr euch nimmer verlassen!
[JJ.01_103,16] Wenn euch aber des Leibes Tod
getrennt wird haben, dann solle der überlebende Teil frei sein dem Außen nach,
aber die Liebe solle währen ewiglich, Amen.“
[JJ.01_103,17] Diese Worte des Kindleins
setzten alle ins größte Erstaunen;
[JJ.01_103,18] und die Tullia sprach, ganz
zitternd vor der größten Ehrfurcht:
[JJ.01_103,19] „O Menschen! Dieses Kind ist
kein Menschenkind, sondern Es ist die höchste Gottheit Selbst!
[JJ.01_103,20] Denn also kann kein Mensch,
sondern nur ein Gott reden; nur ein Gott als das Grundleben Selbst kann die
Gesetze des Lebens kennen und kann sie in uns erwecken!
[JJ.01_103,21] Wir Menschen aber sind alle
tot; wie könnten wir da die Gesetze des Lebens finden und dieselben als solche
setzen?
[JJ.01_103,22] O Du überheiliges Kindlein,
jetzt erst erkenne ich klar, was ich ehedem dunkel geahnt habe: Du bist der
Herr Himmels und der Erde von Ewigkeit! – Dir sei daher auch alle meine
Anbetung!“
[JJ.01_104] 104. Kapitel – Des Cyrenius Bitte
um des Kindleins Segen. Des Kindleins Forderung an Cyrenius, auf Eudokia um der
Tullia willen zu verzichten. Cyrenius' innerer Kampf. Des Kindleins fester
Wille. Eudokia wird in das Haus Josephs gebracht.
29. Dezember 1843
[JJ.01_104,01] Diese hohe Sprache von Seite
der Tullia hatte den Cyrenius ganz begeistert, und er trat hin zur Tullia, die
noch das Kindlein auf den Armen hielt, und sprach in der höchsten Rührung zum
Kindlein:
[JJ.01_104,02] „O Du mein Leben, Du wahrer
Gott meines Herzens! Da Du mich denn schon mit diesem Mädchen also gnädigst
verbunden hast, so bitte ich, ein armer Sünder, Dich denn auch um Deinen Segen,
dem ich getreu verbleiben werde mein Leben lang!“
[JJ.01_104,03] Und das Kindlein richtete sich
sobald auf und sprach: „Ja, du Mein lieber Cyrenius, dich segne Ich mit deinem
Weibe Tullia!
[JJ.01_104,04] Aber das Weib, das bis jetzt
deine Vermählte war, die mußt du dafür Mir geben!
[JJ.01_104,05] Denn tätest du solches nicht,
so bliebest du vor Mir in der Sünde des Ehebruchs; denn du hast das Weib
geliebt – und liebst es noch sehr!
[JJ.01_104,06] So du aber Mir das Weib
überlieferst und sie ganz Mir gibst und opferst, so hast du Mir auch deine
Sünde gegeben.
[JJ.01_104,07] Ich aber bin ja darum in diese
Welt gekommen, daß Ich alle Sünde der Menschen der Welt auf Mich nehme und sie
tilge durch Meine Liebe vor Ihrem göttlichen Angesichte auf ewig! – Also
geschehe es!“
[JJ.01_104,08] Und der Cyrenius stutzte
anfangs ein wenig bei dieser Aufforderung; denn seine Vermählte war eine
überaus schöne griechische Sklavin, die er um teures Geld erkauft hatte.
[JJ.01_104,09] Er liebte sie wegen ihrer
großen Schönheit sehr, obschon er mit ihr keine Kinder hatte.
[JJ.01_104,10] Diese Griechin war zwar schon
dreißig Jahre alt, aber sie war dessenungeachtet noch so schön, daß sie von den
geringen Heiden als eine förmliche Venus angebetet ward.
[JJ.01_104,11] Darum war diese Aufforderung
für unseren guten Cyrenius etwas stark, und es wäre ihm viel lieber gewesen,
wenn sie nicht erfolgt wäre.
[JJ.01_104,12] Aber das Kindlein ließ Sich
dadurch nicht irremachen, sondern bestand fest auf Seiner Forderung.
[JJ.01_104,13] Da aber der Cyrenius sah, daß
das Kindlein von Seiner Forderung durchaus nicht weichen wollte, so sprach er
zum Kindlein:
[JJ.01_104,14] „O Du mein Leben! Siehe, meine
Vermählte, die schöne Eudokia, ist mir sehr ins Herz gewachsen, und ich werde
sie sehr schwer missen!
[JJ.01_104,15] Fürwahr, so es tunlich wäre,
möchte ich eher Dir die Tullia lassen, als die gar so schöne Eudokia
hintangeben!“
[JJ.01_104,16] Das Kindlein aber lächelte den
Cyrenius an und sprach zu ihm: „Hältst du Mich denn für einen Tauschkrämer?
[JJ.01_104,17] O siehe, das wohl bin Ich
nicht! – Oder hältst du Mich für ein Wesen, das mit sich um ein ausgesprochenes
Wort handeln läßt?
[JJ.01_104,18] O da sage Ich dir, so du zu
Mir sprächest: ,Lasse vergehen den ganzen sichtbaren Himmel und die sichtbare
Erde!‘, so würde Ich dir eher Gehör geben, als daß Ich zurücknähme ein einmal
ausgesprochenes Wort!
[JJ.01_104,19] Wahrlich sage Ich dir: Sonne,
Mond und Sterne und diese Erde werden vergehen, wie ein Kleid werden sie
veralten und so zunichte werden; aber Meine Worte ewig nimmer!
[JJ.01_104,20] Daher wirst du auch sobald die
Eudokia hierher bringen lassen und dann erst empfangen die Tullia, gesegnet von
Mir.
[JJ.01_104,21] Wirst du dich aber sträuben,
da lasse Ich dir die Eudokia sterben – und gebe dir dann die Tullia nimmer.
[JJ.01_104,22] Denn was du tust, mußt du frei
tun; eine gerichtete Tätigkeit hat vor Mir keinen Wert!
[JJ.01_104,23] Stirbt die Eudokia, dann bist
du schon gerichtet mit ihrem Tode und kannst nicht mehr der Mann der Tullia
werden.
[JJ.01_104,24] Opferst du Mir aber frei die
Eudokia, dann bist du wahrhaft frei, und die Tullia kann dein rechtes Weib
sein!
[JJ.01_104,25] Zwei Weiber aber kannst du
zufolge Meiner Ordnung nicht haben; denn im Anfange ward nur ein Mann und ein
Weib erschaffen.
[JJ.01_104,26] Also tue, wie Ich nun zu dir
geredet habe, auf daß da nicht ein Gericht über dich komme!“
[JJ.01_104,27] Diese Worte des Kindes
brachten den Cyrenius zu dem plötzlichen Entschlusse, die Eudokia aus der Stadt
holen zu lassen;
[JJ.01_104,28] denn er hatte sie mitgenommen
von Tyrus, ließ sie aber niemanden sehen, auf daß da ja auch niemand von ihren
großen Reizen solle bestochen werden.
[JJ.01_104,29] Aber dennoch vertraute er sie
selbst jetzt noch niemand anderem an als allein dem ältesten Sohne Josephs und
dem Maronius Pilla.
[JJ.01_104,30] Diese beiden gingen im Geleite
der Leibwache des Cyrenius hin in die Residenz des Cyrenius und brachten gar
bald die schöne Eudokia in die Wohnung des Joseph; die Eudokia aber verwunderte
sich sehr darüber und wußte nicht, wie es kam, daß sie der Cyrenius nun zum
ersten Male durch fremde Männer holen ließ.
[JJ.01_105] 105. Kapitel – Des Cyrenius
nochmalige Bitte um Belassung der Eudokia. Des Kindleins Nein. Eudokias
Aufbegehren. Der Sieg des Geistes in Cyrenius. Marias Trostworte an die
Eudokia.
30. Dezember 1843
[JJ.01_105,01] Als der Cyrenius nun die
Eudokia gegenüber der Tullia ersah, da fand er, daß sie bedeutend schöner war
als die Tullia, und es tat ihm weh, sich nun für immer von ihr zu trennen.
[JJ.01_105,02] Und er fragte darum das
Kindlein noch einmal, ob er sie nicht wenigstens als Magd und als
Gesellschafterin der Tullia bei sich behalten dürfe.
[JJ.01_105,03] Das Kindlein aber sprach:
„Mein Cyrenius! Du kannst so viele Mägde, als du willst, in dein Haus nehmen,
[JJ.01_105,04] aber nur die Eudokia nicht!
Diese mußt du hier lassen, und das darum, weil Ich es zu deinem Wohle also
haben will!“
[JJ.01_105,05] Als aber die Eudokia solches
sah und gar wohl vernahm, wie dieses unmündige Kindlein dem Cyrenius
gebieterisch antwortete,
[JJ.01_105,06] da entsetzte sie sich und
sprach: „Aber um aller Götter willen, was ist denn das?! – Ein unmündiges Kind
gebietet dem, vor dem Asien und Ägypten zittert, so er spricht!
[JJ.01_105,07] Und der große Gebieter hört
ängstlich an das so entschieden gebietende Kind und fügt sich willig nach
dessen Ausspruche?!
[JJ.01_105,08] Wie ich höre, so solle ich
mich von Cyrenius trennen, damit eine andere meinen Platz einnehme!
[JJ.01_105,09] O das wird so leicht nicht
geschehen, als da etwa gar dieses unmündige Kind meint!
[JJ.01_105,10] Es wäre für dich, du mächtiger
Cyrenius, denn doch eine barste Schande, so du dich etwa gar von diesem Kinde
befehligen möchtest lassen; daher sei ein Mann und ein Römer!“
[JJ.01_105,11] Als der Cyrenius aber solches
von der Eudokia vernommen hatte, da erregte er sich und sprach:
[JJ.01_105,12] „Ja, Eudokia! Gerade jetzt
werde ich dir zeigen, daß ich ein Mann und ein Römer bin!
[JJ.01_105,13] Siehe, so dieses Kind, das die
Tullia lockt, auch nicht göttlicher Abkunft wäre und Es möchte zu mir nahe also
reden, so würde ich Ihm folgen!
[JJ.01_105,14] Dieses Kind aber ist von der
allerhöchsten göttlichen Abkunft, und so will ich Ihm um so mehr folgen, was
immer Es von mir will!
[JJ.01_105,15] Was wohl wird dir lieber sein:
zu tun, was dies Kind aller Kinder will, oder zu sterben für ewig?“
[JJ.01_105,16] Diese Worte des Cyrenius an
die Eudokia waren von großer Wirkung.
[JJ.01_105,17] Sie fing zwar an zu weinen,
darum sie nun auf einmal so viel Herrlichkeit verlassen müßte,
[JJ.01_105,18] aber sie dachte dabei, wie
sich eines Gottes Rat nicht mehr abändern läßt; und so ergab sie sich in diese
Fügung.
[JJ.01_105,19] Es trat aber die Maria zur
Eudokia hin und sprach zu ihr: „Eudokia! – traure nicht ob diesem Tausche!
[JJ.01_105,20] Denn du gabst nur eine gar
geringe Herrlichkeit hin, um für sie eine gar große andere zu empfangen!
[JJ.01_105,21] Siehe, auch ich bin eines
Königs Tochter, aber die königliche Herrlichkeit ist lange vergangen, und
siehe, nun bin ich eine Magd des Herrn, und das ist eine größere Herrlichkeit
als alles Königtum der Welt!“
[JJ.01_105,22] Diese Worte wirkten gar
mächtig auf die Eudokia, und sie fing an Herz zu fassen im Hause Josephs.
[JJ.01_106] 106. Kapitel – Eudokia verlangt
nach Licht über das Kind. Maria mahnt zur Geduld. Das Jesuskind auf den Armen
der Eudokia und im Gespräch mit ihr.
2. Januar 1844
[JJ.01_106,01] Es fragte aber die Eudokia die
Maria, woher es denn komme, daß dies Kindlein so voll Wunderkraft und so höchst
göttlicher Natur sei.
[JJ.01_106,02] Und wie es denn gekommen wäre,
daß nun der Cyrenius gar so sehr von den Worten des Kindleins abhänge.
[JJ.01_106,03] Maria aber sprach zur Eudokia
gar holdseligst: „Liebe Eudokia! Siehe, es läßt sich nicht ein jeder Prügel
übers Knie brechen!
[JJ.01_106,04] Jedes Ding braucht seine Zeit
und seine Weile; mit der lieben Geduld kommen wir am weitesten!
[JJ.01_106,05] Wirst du erst eine Zeit bei
mir sein, da wirst du schon alles erfahren; vorderhand aber glaube, daß dies
Kind größer ist als alle Helden und Götter Roms!
[JJ.01_106,06] Hast du vorgestern nicht
verspürt die große Macht des Sturmes?
[JJ.01_106,07] Siehe, dieser kam aus der
mächtigen Hand Dessen, den noch die Tullia locket!
[JJ.01_106,08] Siehe, was aber die Gewalt
dieses Sturmes mit den Tempeln in der Stadt tat, das könnte sie auch tun mit
der ganzen Erde!
[JJ.01_106,09] Nun weißt du vorderhand genug
und darfst nicht mehr wissen deines Heiles willen;
[JJ.01_106,10] wann du aber reifer wirst,
dann wirst du auch mehr erfahren!
[JJ.01_106,11] Darum bitte ich dich auch um
deines Heiles willen, daß du davon schweigest vor jedermann; redest du aber
davon, so wirst du gerichtet werden!“
[JJ.01_106,12] Diese Worte Marias brachten
die Eudokia zur Ruhe, und sie fing an bei sich gar sehr darüber nachzudenken,
was sie von der Maria vernommen hatte.
[JJ.01_106,13] Maria aber ging hin zur Tullia
und nahm ihr das Kindlein wieder von den Armen, und sprach zu ihr:
[JJ.01_106,14] „Siehe, dich hat dies mein
Söhnchen schon gesegnet, und du wirst darum glücklich sein für immer!
[JJ.01_106,15] Dort aber ist die arme
Eudokia; diese hat bis jetzt noch nicht die endlos große Wohltat des
Kindleinssegens empfunden! Daher will ich das Kindlein auch auf die Arme der
Eudokia legen, auf daß sie empfinde, welche Macht aus dem Kindlein geht!“
[JJ.01_106,16] Darauf trug die Maria das
Kindlein zur Eudokia hin und sprach zu ihr:
[JJ.01_106,17] „Hier – Eudokia, ist mein und
dein Heil! Nehme es auf eine kurze Zeit auf deine Arme und empfinde, wie süß es
ist, eine Mutter solch eines Kindes zu sein!“
[JJ.01_106,18] Mit großer Ehrfurcht nahm die
Eudokia das Kindlein auf ihre Arme;
[JJ.01_106,19] aber sie fürchtete dies
geheimnisvollste Kind und getraute sich dabei kaum zu rühren.
[JJ.01_106,20] Das Kindlein aber lächelte und
sprach: „O Eudokia! fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich bin nicht dein
Verderber, sondern dein Heiland!
[JJ.01_106,21] In der Kürze der Zeit aber
wirst du Mich schon besser kennenlernen, als du Mich jetzt kennst!
[JJ.01_106,22] Dann wirst du Mich nicht mehr
fürchten, sondern lieben, wie Ich dich liebe!“ – Diese Worte benahmen der
Eudokia die Furcht, und sie fing an, das Kindlein zu herzen und zu kosen.
[JJ.01_107] 107. Kapitel – Des Cyrenius Dank.
Der Edelmut und die Weisheit des bescheidenen Joseph. Cyrenius übergibt acht
arme Kinder an Joseph zur Erziehung.
3. Januar 1844
[JJ.01_107,01] Nun aber sprach der Cyrenius
zum Joseph: „Erhabener Freund und Bruder! Ich habe nun in deinem Hause mein
größtes Glück in jeder Hinsicht gemacht; sage nun, welchen Lohn du für dich von
mir verlangst?!
[JJ.01_107,02] O sage, wie kann ich es dir
nur im geringsten Maße vergelten, was alles du an mir getan hast?!
[JJ.01_107,03] Bringe aber ja etwa nicht
diese Villa in den Anschlag, welche als Lohn für dich wohl etwas zu Geringes
und zu Elendes ist!“
[JJ.01_107,04] Und der Joseph sprach: „O
Bruder und Freund, was wohl hältst du von mir?!
[JJ.01_107,05] Meinst du denn, ich sei ein
Wohltatskrämer und tue Gutes nur eines Lohnes wegen?
[JJ.01_107,06] O wie groß irrest du dich da,
wenn du solches von mir glaubst!
[JJ.01_107,07] Siehe, ich kenne nichts
Elenderes als einen bezahlten Wohltäter und eine bezahlte Wohltat!
[JJ.01_107,08] Wahrlich! ich sei verflucht
und der Tag und die Stunde, in der ich geboren ward, so ich von dir auch nur
einen Stater annehmen möchte!
[JJ.01_107,09] Nehme du daher nur ganz
wohlgemut dein Weib zu dir, die gereinigte Tullia; was du ihr und noch so
manchen Armen tun wirst, das werde ich allzeit als einen guten Lohn für meine
Taten an dir ansehen und annehmen!
[JJ.01_107,10] Dieses Haus doch verschone mit
jeder Dotation; denn was ich habe, ist genug für uns alle – wozu solle da ein
mehreres?
[JJ.01_107,11] Du meinst etwa, ich werde für
die Eudokia irgendein Kostgeld von dir verlangen? – Oh – des sei ruhig!
[JJ.01_107,12] Ich nehme sie auf als eine
Tochter und werde sie erziehen in der Gnade Gottes.
[JJ.01_107,13] Wo aber ist wohl der Vater,
der sich für die Erziehung seiner Tochter je noch von jemandem hätte etwas zahlen
lassen?!
[JJ.01_107,14] Ich sage dir, Eudokia ist mehr
wert als alle Welt; daher gibt es auf der Welt auch keinen Lohn, der mir nun um
sie annehmbar geboten werden könnte.
[JJ.01_107,15] Der große Lohn aber, den ich
für all mein Tun habe, siehe, der liegt nun in den Armen der Eudokia!“
[JJ.01_107,16] Als aber der Cyrenius diese
große Uneigennützigkeit Josephs ersah, da sprach er höchst gerührt:
[JJ.01_107,17] „Wahrlich, vor Gott und allen
Menschen der Erde stehest du allein da als ein Mensch aller Menschen!
[JJ.01_107,18] Dich mit Worten zu rühmen,
wäre eine vergebliche Mühe; denn du bist über jedes Menschenwort erhaben!
[JJ.01_107,19] Ich aber weiß, was ich tun
werde, um dir zu zeigen, wie überaus hoch ich dich achte und schätze.
[JJ.01_107,20] Ein Geschenk werde ich dir
machen, das du sicher nicht von dir abweisen wirst!
[JJ.01_107,21] Siehe, ich habe in Tyrus drei
Mädchen und fünf Knaben von ganz dürftigen Eltern, die aber schon verstorben
sind!
[JJ.01_107,22] Diese lieben Kinder werde ich
hierher zu dir bringen lassen, auf daß sie von dir erzogen werden!
[JJ.01_107,23] Daß ich für ihren Unterhalt
sorgen werde, des kannst du vollends versichert sein.
[JJ.01_107,24] Wirst du mir auch das
abschlagen? – Nein, Joseph, du mein erhabenster Bruder, das wirst du sicher
nicht tun!“
[JJ.01_107,25] Und der Joseph sprach ganz
gerührt: „Nein, Bruder, das werde ich dir nimmer versagen! Sende diese Kinder
daher nur so bald als möglich hierher; sie sollen bestens versorgt werden in
allem, was ihnen not tut!“
[JJ.01_108] 108. Kapitel – Des Cyrenius
Bedenken wegen der Einsegnung der Ehe durch einen Oberpriester des Hymen.
Josephs guter Rat und des Cyrenius große Freude.
4. Januar 1844
[JJ.01_108,01] Cyrenius, durch diese
Versicherung Josephs ganz zufriedengestellt, sagte darauf zum Joseph:
[JJ.01_108,02] „Erhabenster Freund! nun ist
ein jeder meiner Wünsche erfüllt, und ich habe nun nichts mehr, das ich
wünschen möchte!
[JJ.01_108,03] Nur ein fataler Umstand waltet
noch neben meinem großen Glücke, und dieser besteht darinnen:
[JJ.01_108,04] Tullia, die himmlische, ist
nun zwar von Gott aus gesegnet mein rechtmäßiges Weib; aber siehe, ich bin dem
Außen nach noch ein Römer und muß daher auch des Volkes wegen mich von einem
Priester zeugnisweise förmlich einsegnen lassen!
[JJ.01_108,05] Eine solche Einsegnung aber
kann nur von einem Oberpriester des Hymen vorgenommen werden, wodurch sie dann
erst ein rechtskräftiges Bündnis wird.
[JJ.01_108,06] Wie stellen wir aber hier
solches an, da außer den drei Unterpriestern nicht einer mehr vorhanden ist?“
[JJ.01_108,07] Und der Joseph sprach zum
Cyrenius: „Was kümmert dich das, an dem nichts liegt?
[JJ.01_108,08] Wenn du nach Tyrus wieder
zurückkehren wirst, da wirst du der Priester genug treffen, die dich ums Geld
einsegnen werden, wenn du schon auf dieser Einsegnung Wert irgendein Gewicht
legst.
[JJ.01_108,09] So du aber bleibst, wie du nun
bist, so wirst du besser tun; denn du bist ja auch ein Herr über dein eigen
Gesetz!
[JJ.01_108,10] Ich aber erinnere mich, einmal
von einem Römer gehört zu haben, daß da in Rom ein geheimes Gesetz bestehe,
welches also laute:
[JJ.01_108,11] ,So ein Mann ein Mädchen
erwählt in der Gegenwart eines Stummen, eines Narren oder eines unmündigen
Kindes,
[JJ.01_108,12] und diese sind bei der
Erwählung gutmütig und lächeln dabei, so ist die Ehe dadurch vollkommen gültig,
und muß darauf dem betreffenden Priester davon eine Anzeige gemacht werden,
[JJ.01_108,13] wobei freilich ein kleines
glänzendes Opfer nicht fehlen darf.‘
[JJ.01_108,14] Hat es mit diesem geheimen
Gesetze seine Richtigkeit, was braucht es da mehr?
[JJ.01_108,15] Lasse die drei Priester
kommen, die da bei mir sind; diese werden dir das Zeugnis geben, daß du in der
Gegenwart eines dich anlächelnden und dich sogar segnenden Kindes, das erst
kaum im vierten Monat Alters ist, die Tullia erwählet hast!
[JJ.01_108,16] Hast du dieses ganz
unschuldige Zeugnis und etwas Goldes, was braucht es da mehr fürs ganze
römische Volk?!“
[JJ.01_108,17] Und der Cyrenius hüpfte vor
Freude förmlich in die Höhe und sprach zum Joseph:
[JJ.01_108,18] „Fürwahr, du erhabenster
Bruder hast vollkommen recht! Es besteht im Ernste ein solches Gesetz; nur
konnte ich mich anfangs desselben nicht sogleich entsinnen!
[JJ.01_108,19] Jetzt ist alles in der besten
Ordnung; bestelle mir daher nur die drei Priester, und ich werde alsogleich
über diesen Punkt eine gehörige Rücksprache mit ihnen führen!“ – Und Joseph
ließ darauf sogleich die drei noch stummen Priester ins Zimmer treten.
[JJ.01_109] 109. Kapitel – Die Bedenken der
Priester. Die Übernahme der Verantwortung durch Cyrenius. Ein schlechtes
Zeugnis für Roms Geldgier. Des Cyrenius Eheschließung mit Tullia.
5. Januar 1844
[JJ.01_109,01] Die drei Priester kamen
sogleich, und einer sagte: „Nur ein Gebot des Statthalters vermag uns heute die
Zunge zu lösen;
[JJ.01_109,02] denn wir taten heute am Morgen
einen Schwur, diesen ganzen Tag über kein Wort zu reden und keinen Bissen in
den Mund zu nehmen!
[JJ.01_109,03] Aber, wie gesagt, wir brechen
nun am Abende diesen Schwur, weil wir dazu durch das Gebot des Statthalters
genötiget werden! – Möge er dereinst für uns die Rechnung machen!“
[JJ.01_109,04] Der Cyrenius aber sprach:
„Wahrlich, genötiget habe ich euch mitnichten; aber so ihr euch darüber ein
Gewissen macht, da nehme ich ja recht gerne die Rechnung auf mich!
[JJ.01_109,05] Denn ich bin ja im Hause
Dessen, den derlei Rechnungen grundursächlich angehen, und da glaube ich, daß
es mir in der Probe dieser Rechnung nicht so schwer gehen dürfte, als ihr es
euch törichterweise vorstellet!“
[JJ.01_109,06] Und der Joseph sprach: „O
Bruder! Die Probe ist schon fertig, daher sage den dreien nur, was du von ihnen
zu verlangen hast!“
[JJ.01_109,07] Einer der Priester aber kam
dem Cyrenius zuvor und fragte ihn, was sie für ihn etwa tun sollten.
[JJ.01_109,08] Und der Cyrenius, sich ganz
kurz fassend, trug den dreien sogleich sein Anliegen vor.
[JJ.01_109,09] Die drei aber sprachen: „Das
Gesetz ist richtig, und die Tat ist es desgleichen; aber wir sind nur
Unterpriester, und unser Zeugnis wird nicht als gültig angesehen werden!“
[JJ.01_109,10] Und der Cyrenius erklärte
ihnen, daß in diesem Falle wegen gänzlicher Ermangelung eines Oberpriesters
jeder Unterpriester ein oberpriesterliches Amt und Recht auszuüben sogar
verpflichtet sei.
[JJ.01_109,11] Die Priester aber sprachen:
„Das ist richtig; aber siehe, als wir vor zwei Tagen die oberpriesterliche Gewalt
ausüben wollten, da hattest du uns verdammt!
[JJ.01_109,12] Wenn wir nun wieder vor dir
ein oberpriesterliches Recht ausübeten, würdest du uns da nicht abermals etwa
verdammen?!“
[JJ.01_109,13] Cyrenius aber sprach etwas
erregt: „Damals verdammte ich euch, weil ihr ein oberpriesterliches Recht ganz
gesetzwidrig ausüben wolltet.
[JJ.01_109,14] Nun aber habt ihr das
gesetzliche Recht vor euch; so ihr darnach handelt, da habt ihr sicher keine
Verdammung von mir zu fürchten!
[JJ.01_109,15] Wohl aber will ich euch darob
ein Opfer verabreichen, das euch euren Lebensunterhalt sichern soll! Und ein
Opfer für Rom wird nicht unterm Wege bleiben!“
[JJ.01_109,16] Und die Priester sprachen:
„Gut; aber wir drei gehören nun auch nicht mehr den Göttern zu und wollen mit
Roms Heidentume nichts mehr zu schaffen haben!
[JJ.01_109,17] Wird unser Zeugnis wohl gültig
sein, so man in Rom erfahren wird, daß wir zum Glauben Israels übergetreten
sind?“
[JJ.01_109,18] Und der Cyrenius sprach: „Ihr
wisset es so gut als ich, daß in Rom ums Geld jedes Zeugnis gültig ist!
[JJ.01_109,19] Daher tut ihr das, was ich von
euch verlange, alles andere geht euch nichts an; denn darum werde schon ich
sorgen!“
[JJ.01_109,20] Diese Versicherung erst bewog
die Priester, dem Cyrenius das verlangte Zeugnis auszustellen und ihn damit zu
segnen.
[JJ.01_109,21] Als der Cyrenius nun das
Zeugnis hatte, dann erst reichte er der Tullia die Hand und erhob sie als nun
sein rechtmäßiges Weib
[JJ.01_109,22] und gab ihr einen Ring und
ließ sogleich königliche Kleider für sie aus der Stadt holen.
[JJ.01_110] 110. Kapitel – Tullia in
königlichen Kleidern. Eudokias Schmerz. Das Kindlein tröstet Eudokia. Eudokias
Freudentränen. Marias Teilnahme.
8. Januar 1844
[JJ.01_110,01] In kurzer Zeit waren die
königlichen Kleider für die Tullia herbeigeschafft, und sie ward mit denselben
angetan, wie schon voran bemerkt ward.
[JJ.01_110,02] Maria aber nahm ihr Kleid
wieder, wusch es, und behielt es dann wieder für sich.
[JJ.01_110,03] Cyrenius wollte der Maria
freilich wohl auch königliche Kleider dafür geben;
[JJ.01_110,04] aber Maria wie Joseph lehnten
solches feierlichst von sich ab.
[JJ.01_110,05] Da aber die Eudokia sah die
Tullia in ihrer wahren Königspracht, da ward es ihr doch schwer ums Herz, daß
sie heimlich zu seufzen anfing.
[JJ.01_110,06] Aber das Kindlein sprach leise
zu ihr: „Eudokia, Ich sage dir, seufze du nicht der Welt wegen, sondern seufze
du deiner Sünde wegen, so wirst du besser fahren!
[JJ.01_110,07] Denn siehe, Ich bin mehr als
Cyrenius und Rom; hast du Mich, dann hast du mehr, als besäßest du die ganze
Welt.
[JJ.01_110,08] Willst du aber Mich vollkommen
haben, dann mußt du bereuen deine Sünde, der zufolge du unfruchtbar wurdest.
[JJ.01_110,09] Wirst du aber in Liebe zu Mir
deine Sünde bereuen, dann erst wirst du nach dem Maße deiner Liebe zu Mir
erkennen, Wer Ich so ganz eigentlich bin!
[JJ.01_110,10] Wann du Mich aber erkennen
wirst, dann wirst du glücklicher sein, als wärest du die Gemahlin des Kaisers
selbst!
[JJ.01_110,11] Denn siehe, der Kaiser muß
starke Wachen halten, auf daß er nicht vom Throne vertrieben wird.
[JJ.01_110,12] Ich aber bin Mir allein genug!
Geister, Sonnen, Monde, Erden und alle Elemente sind Mir gehorsam; und dennoch
brauche Ich keine Wachen und lasse Mich von dir dennoch auf den Armen tragen
trotz dem, daß du eine Sünderin bist!
[JJ.01_110,13] Daher sei ruhig und weine
nicht; denn du hast empfangen, was der Tullia abgenommen ward, da sie empfing
die königlichen Kleider!
[JJ.01_110,14] Und das ist endlos mehr als
jene goldschimmernden Königskleider, welche tot sind und den Tod bringen,
[JJ.01_110,15] während du das Leben auf
deinen Armen trägst und den Tod ewig nimmer schmecken wirst, so du Mich
liebst!“ –
[JJ.01_110,16] Diese Worte des Kindleins
wirkten so sehr heilsam auf das Gemüt der Eudokia, daß sie vor gar großen
Freuden hoher seligster Verwunderung zu weinen anfing.
[JJ.01_110,17] Maria aber bemerkte, daß die
Eudokia in Freudentränen ihre Augen badete, ging darum zu ihr und fragte sie:
[JJ.01_110,18] „Holde Eudokia, was wohl ist
dir, darum ich süße Tränen in deinen Augen entdecke?“
[JJ.01_110,19] Und die Eudokia erwiderte nach
einem tiefen Wonneseufzer:
[JJ.01_110,20] „O du glücklichste der Mütter
auf der ganzen Erde! Siehe, dein Kindlein hat zu mir wunderbar geredet!
[JJ.01_110,21] Wahrlich, nicht sterbliche
Menschen in all ihrer Weltgröße, sondern nur Götter können solcher Worte fähig
sein!
[JJ.01_110,22] Großer Gedanken und Ahnungen
ist nun voll meine Brust. Wie aus einer verborgnen Tiefe steigen sie in mir
gleich wie helle Sterne aus dem Meere empor; und darum weine ich vor
Entzückung!“
[JJ.01_110,23] Maria aber sprach: „Eudokia,
gedulde dich nur, nach den Sternen wird auch die Sonne kommen; in ihrem Lichte erst
wirst du erschauen, wo du bist! – Aber nun stille, denn Cyrenius kommt
hierher.“
[JJ.01_111] 111. Kapitel – Des Cyrenius Dank
an das Kindlein. Des Kindleins Segensworte an das Brautpaar. Josephs Einladung
zum Hochzeitsmahl. Die Rückkehr des Cyrenius in die Stadt.
9. Januar 1844
[JJ.01_111,01] Als Cyrenius mit der Tullia
hinkam zur Eudokia, die noch das Kindlein auf dem Arme hielt, da sprach er zum
Kindlein:
[JJ.01_111,02] „O Du mein Leben, Du mein
Alles! Dir allein danke ich dies mein großes, wunderbares Glück!
[JJ.01_111,03] Ich tat nur etwas Weniges für
Dich, und Du belohntest mich so unaussprechlich und machtest mich zum
glücklichsten Menschen der Erde!
[JJ.01_111,04] O wie solle ich armer Sünder
Dir je genug dafür danken können?!“
[JJ.01_111,05] Das Kindlein aber richtete
Sich auf, hob Seine rechte Hand empor und sprach:
[JJ.01_111,06] „O Mein lieber Cyrenius
Quirinus, Ich segne dich nun und dein Weib Tullia, auf daß ihr auf der Welt
miteinander glücklich leben sollet!
[JJ.01_111,07] Aber das sage Ich dir auch:
Schätze dich im Glücke der Welt nie als zu glücklich, sondern halte die Welt
samt ihrem Glücke für einen Schauplatz des Truges, so wirst du in der rechten
Weisheit das Leben der Welt genießen!
[JJ.01_111,08] Denn siehe, alles in der Welt
ist gerade das Gegenteil von dem, als was es sich dir darstellt; die alleinige
Liebe nur, wenn sie aus des Herzens Grunde kommt, ist wahr und gerecht!
[JJ.01_111,09] Wo du Leben ohne der Liebe
erblickst, da ist kein Leben, sondern der Tod!
[JJ.01_111,10] Wo du aber ob der Ruhe der
wahren Liebe den Tod wähnest, da ist Leben zu Hause, und niemand kann dasselbe
zerstören!
[JJ.01_111,11] Du weißt es nicht, wie locker
die Unterlage ist, auf der du stehst; Ich aber weiß es, darum sage Ich dir solches
alles!
[JJ.01_111,12] Grabe hier nur tausend Klafter
tief, und du wirst einen mächtigen Abgrund vor dir haben, der dich verschlingen
wird.
[JJ.01_111,13] Also grabe nicht zu tief in
die Welt hinein, und freue dich der Entdeckungen in der Tiefe der Welt nicht;
[JJ.01_111,14] denn wo immer jemand zu tief
in die Welt hinein gräbt, da auch bereitet er sich den eigenen Untergang.
[JJ.01_111,15] Traue dem Punkte nicht, auf
dem du stehst; denn er ist locker und kann dich verschlingen, so du ihn
aufgräbst und machest eine Mine in den Boden!
[JJ.01_111,16] Bedenke, alles auf der Welt
kann dich töten, weil alles selbst in sich den Tod trägt, – nur die alleinige
Liebe nicht, so du sie bewahrest in ihrer Reinheit!
[JJ.01_111,17] Mischest du sie aber mit
weltlichen Dingen, so wird sie schwer und kann dich auch töten, wie leiblich
also auch geistig.
[JJ.01_111,18] Bleibe sonach in der reinen
uneigennützigen Liebe; liebe den einen Gott als deinen Vater und Schöpfer über
alles und die Menschen als deine Brüder wie dich selbst, so wirst du das ewige
Leben haben in solcher deiner Liebe, Amen.“
[JJ.01_111,19] Diese überweisen Worte des
Kindleins flößten dem Cyrenius wie allen Anwesenden eine so tiefe Achtung ein,
daß sie bebten am ganzen Leibe.
[JJ.01_111,20] Joseph aber ging hin zum
Cyrenius und sprach: „Bruder, fasse dich, und ziehe unter dem Segen dieses
Hauses in die Stadt! Halte aber alles, was du hier hörtest und empfingst,
vorderhand verborgen! Morgen aber komme und halte hier das Hochzeitsmahl!“ –
Und Cyrenius begab sich sogleich in die Stadt mit der Tullia und mit seinem
Gefolge.
[JJ.01_112] 112. Kapitel – Eine neue
Überraschung bei Joseph: fremde weißgekleidete Jünglinge als Helfer im Hause.
10. Januar 1844
[JJ.01_112,01] Als der Cyrenius schon
ziemlich stark am Abende aus dem Hause Josephs mit den Seinen sich in die Stadt
begab, da sagte Joseph zu seinen Söhnen:
[JJ.01_112,02] „Kinder, gehet nun, und
bestellet unsere Wirtschaft! Versorget die Kühe und die Esel, und bereitet uns
dann ein Nachtmahl, und das ein gutes und frisches; denn ich muß ja heute noch
meine neue Tochter beim fröhlichen Mahle adoptieren und segnen!“
[JJ.01_112,03] Darauf gingen die Söhne
Josephs sogleich und taten, wie es ihnen Joseph befohlen hatte.
[JJ.01_112,04] Aber wie erstaunten sie, als
sie im Stalle mehrere weißgekleidete Jünglinge antrafen, die da gar emsig das
Vieh Josephs warteten.
[JJ.01_112,05] Die Söhne Josephs fragten sie,
wer ihnen solches zu tun geboten habe, und wessen Diener sie seien.
[JJ.01_112,06] Die Jünglinge aber sprachen:
„Wir sind allzeit Diener des Herrn, und der Herr hat solches zu tun uns
geboten; darum tun wir es auch!“
[JJ.01_112,07] Die Söhne Josephs aber fragten
die Jünglinge: „Wer ist euer Herr, und wo ist er zu Hause? Ist es etwa der
Cyrenius?“
[JJ.01_112,08] Und die Jünglinge sprachen:
„Unser Herr ist auch der eurige, wohnt bei euch, – aber Cyrenius ist nicht Sein
Name!“
[JJ.01_112,09] Da meinten die Söhne Josephs,
solches sei offenbar ihr Vater selbst, und sprachen daher zu den Jünglingen:
[JJ.01_112,10] „Wenn also, da gehet mit uns,
auf daß euch unser Vater, der hier der Herr dieses Hauses ist, erkenne, ob ihr
wirklich seine Diener seid!“
[JJ.01_112,11] Und die Jünglinge sprachen:
„Melket die Kühe zuvor, sodann wollen wir mit euch gehen und uns eurem Herrn
vorstellen!“
[JJ.01_112,12] Hier nahmen die Söhne die
Milchgefäße und melkten dreimal soviel als sonst, wenn sie ihre Kühe zuvor noch
so gut bestellt hatten.
[JJ.01_112,13] Da erstaunten sie über die
Maßen und konnten sich nicht erklären, wie die Kühe diesmal gar so viel Milch
gaben.
[JJ.01_112,14] Als sie aber mit dem Melken
der Kühe zu Ende waren, da sprachen die Jünglinge:
[JJ.01_112,15] „Nun, da ihr mit eurer Arbeit
fertig seid, so lasset uns ins Haus ziehen, allda euer und unser Herr wohnet!
[JJ.01_112,16] Aber euer Vater hatte auch ein
gutes Nachtmahl bei euch angeordnet; dieses muß eher bereitet sein, bevor wir
ins Gemach des Herrn treten!“
[JJ.01_112,17] Sogleich gingen die Jünglinge
in die Küche, und siehe, da waren auch schon mehrere Jünglinge mit der
Bereitung eines köstlichen Abendmahles vollauf beschäftigt. –
[JJ.01_112,18] Es dauerte aber dem Joseph die
Arbeit der Söhne etwas über die gewohnten Maßen; daher ging er nachzusehen, was
diese täten.
[JJ.01_112,19] Wie aber erstaunte er, als er
die Küche gedrängt voll Arbeiter traf!
[JJ.01_112,20] Er fragte sogleich die Söhne,
was denn das um des Herrn willen wäre.
[JJ.01_112,21] Aber die Jünglinge
antworteten: „Joseph, kümmere dich nicht; denn was da ist und geschieht, ist
und geschieht wirklich um des Herrn willen! – Lasse uns aber erst das Nachtmahl
bereiten, dann wirst du das Nähere vom Herrn Selbst erfahren.“
[JJ.01_113] 113. Kapitel – Marias Erstaunen
über die andauernden Heimsuchungen. Josephs Trost. Der Engel Ehrfurcht vor dem
Kindlein und dessen Worte an die Erzengel. Das gemeinsame Abendmahl.
11. Januar 1844
[JJ.01_113,01] Joseph ging darauf sogleich
wieder ins Zimmer und erzählte der Maria und der Eudokia, was er nun gesehen
habe, und was draußen in der Küche vor sich gehe.
[JJ.01_113,02] Maria und die Eudokia
erstaunten darob ganz gewaltig, und die Maria sprach:
[JJ.01_113,03] „O großer Gott, so sind wir
doch keine Sekunde sicher vor Deinen Heimsuchungen! – Kaum hat die eine den Fuß
außer der Türe, so setzen schon wieder hundert neue dafür die Füße ins Zimmer!
[JJ.01_113,04] O Herr, willst Du uns denn gar
keine Ruhe gönnen?! – Sollen wir etwa schon wieder fliehen, und nun etwa vor
den Römern? Oder was solle aus dieser Erscheinung werden?“
[JJ.01_113,05] Joseph aber sprach: „Liebe Maria,
ängstige dich nicht vergeblich! Siehe, wir sind ja lauter Wanderer in dieser
Welt, und der Herr ist unser Führer!
[JJ.01_113,06] Wohin der Herr uns führen
will, dahin folgen wir Ihm auch ganz ergeben in Seinen heiligen Willen; denn Er
allein weiß es ja, wo und was für uns am besten ist!
[JJ.01_113,07] Siehe, du ängstigest dich
allzeit, so uns der Herr etwas Neues zusendet; ich aber bin darob voll Freuden,
– denn nun weiß ich es ja, daß der Herr allzeit für unser Bestes sorget!
[JJ.01_113,08] Heute morgen hat der Herr eine
starke Prüfung über mich gesandt; ich ward darob sehr traurig.
[JJ.01_113,09] Aber die Traurigkeit währte
nicht lange; der Getötete ward erweckt und lebt, und ich bin wieder voll
Heiterkeit und freue mich nun auf ein gutes, gesegnetes Nachtmahl.
[JJ.01_113,10] Tue du desgleichen, und es
wird dir viel besser bekommen als alle deine vergebliche jugendliche Furcht und
Ängstlichkeit!“
[JJ.01_113,11] Diese Worte Josephs beruhigten
die Maria, und sie ward nun selbst voll Neugierde, zu sehen die neuen Köche in
der Küche.
[JJ.01_113,12] Sie erhob sich darum und
wollte nachsehen; aber im Augenblicke traten die Söhne Josephs mit Speisen
beladen ins Zimmer, und alle die Jünglinge folgten ihnen mit der allerhöchsten
Ehrfurcht.
[JJ.01_113,13] Und als sie in die Nähe des
Kindleins kamen, da fielen sie plötzlich auf ihre Knie nieder und beteten
dasselbe an.
[JJ.01_113,14] Das Kindlein aber richtete
Sich auf und sprach zu den Jünglingen: „Erhebet euch, ihr Erzengel Meiner
endlosen Himmel!
[JJ.01_113,15] Ich habe eure Bitte erhört!
Eure Liebe will Mir dienen auch hier in Meiner Niedrigkeit; doch Ich, euer Herr
von Ewigkeit, habe noch nie eures Dienstes bedurft!
[JJ.01_113,16] Da aber eure Liebe so mächtig
ist, da bleibet drei Erdtage hier und dienet diesem Hause; aber außer denen,
die hier im Hause sind, erfahre niemand, wer ihr seid!
[JJ.01_113,17] Nun aber haltet das Nachtmahl
mit Meinem Nährvater und mit Meiner Gebärerin und mit dieser Tochter, die Mich
auf ihren Händen hat, mit den drei Suchenden und mit Meinen Brüdern!“
[JJ.01_113,18] Darauf erhoben sich die
Jünglinge, Maria nahm das Kindlein, und alles setzte sich zum Tische, stimmte
mit Joseph das Loblied an, und aß und trank überselig und fröhlich.
[JJ.01_113,19] Die Erzengel als Jünglinge
aber weinten vor Seligkeit und sprachen:
[JJ.01_113,20] „Wahrlich, Ewigkeiten sind
unter unseren Blicken vergangen voll der höchsten Wonne;
[JJ.01_113,21] aber alle die wonnevollsten
Ewigkeiten sind aufgewogen durch diesen Augenblick, in dem wir am Tische des
Herrn speisen, ja am Tische Seiner Kinder, unter denen Er ist in aller Seiner
Fülle! – O Herr! Lasse auch uns zu Deinen Kindern werden!“
[JJ.01_114] 114. Kapitel – Maria im Gespräch
mit Zuriel und Gabriel. Des Kindleins Hinweis auf die neue Ordnung im Himmel
und auf Erden. Eudokias Wißbegier wegen der ,Erzboten‘.
12. Januar 1844
[JJ.01_114,01] Als das Nachtmahl eingenommen
war und sodann alle dem Herrn mit Joseph ein Danklied dargebracht hatten, da
sprach einer der Jünglinge zur Maria:
[JJ.01_114,02] „Maria, du Gebenedeite unter
den Weibern der Erde! erinnerst du dich meiner nicht mehr? – Bin ich nicht der,
welcher im Tempel so oft mit dir gespielt hat und hat dir allzeit eine gute
Speise und einen süßen Trank gebracht?“
[JJ.01_114,03] Hier schmuzte die Maria und
sprach: „Ja, ich erkenne dich, du bist Zuriel, ein Erzengel! Du hast mich aber
manchmal auch sehr geneckt, da du mit mir sprachst, aber dich nicht sehen
ließest;
[JJ.01_114,04] und ich mußte dich oft
stundenlang bitten, bis du dich bewegen ließest dazu, daß ich dich ersah!“
[JJ.01_114,05] Und der Jüngling sprach:
„Siehe, du gebenedeite Mutter, also war es des Herrn Wille, der dich überlieb
hatte.
[JJ.01_114,06] Wie aber das Herz in dir, als
der Sitz der Liebe, fortwährend pocht und dein ganzes Wesen stupft und neckt,
[JJ.01_114,07] also ist das auch die Art der
Liebe des Herrn, daß sie ihre Lieblinge fortwährend stupft, zupft und neckt,
aber auch eben dadurch das Leben bildet und dauerhaft macht für die Ewigkeit!“
[JJ.01_114,08] Maria ward über diese
Erklärung sehr erfreut und lobte die große Güte des Herrn.
[JJ.01_114,09] Ein anderer Jüngling aber
wandte sich auch zur Maria und sprach: „Gebenedeite Jungfrau! erkennst du auch
mich? Es wird nicht viel über ein Jahr sein, als ich dich besucht habe in
Nazareth!“
[JJ.01_114,10] Und Maria erkannte ihn an der
Stimme und sprach: „Ja, ja, du bist Gabriel! Wahrlich, dir gleich ist keiner;
denn du hast der Erde wohl die größte Botschaft gebracht, und das Heil allen
Völkern!“
[JJ.01_114,11] Und der Jüngling erwiderte der
Maria: „O Jungfrau! im Anfange hast du dich geirrt; denn siehe, der Herr hat
schon mit mir angefangen, Sich zur Ausführung der größten Tat der kleinsten und
geringsten Mittel zu bedienen!
[JJ.01_114,12] Darum bin ich wohl nur der
Geringste und Kleinste im Reiche Gottes, aber nicht der Größte! – Wohl habe ich
der Erde die größte und heiligste Botschaft gebracht;
[JJ.01_114,13] aber darum bin ich nicht, als
wäre mir an Größe keiner gleich; wohl aber umgekehrt, wie ich nämlich der
Geringste bin im Reiche Gottes!“
[JJ.01_114,14] Da verwunderte sich Maria samt
Joseph über die große Demut des Jünglings.
[JJ.01_114,15] Das Kindlein aber sprach: „Ja,
dieser Engel hat recht! Im Anfange war der Größte Mir der Nächste.
[JJ.01_114,16] Dieser aber erhob sich und
wollte Mir gleich sein, und wollte Mich übertreffen, und entfernte sich darum
von Mir.
[JJ.01_114,17] Darum aber baute Ich dann
Himmel und Erde und gab die Ordnung, daß nur das Geringe Mir am nächsten sein
solle!
[JJ.01_114,18] Nun aber erwählte Ich für Mich
alle Niedrigkeit der Welt; und es werden darum nur die die Größten sein bei
Mir, die gleich Mir in der Welt wie in sich selbst die Geringsten und
Niedrigsten sind.
[JJ.01_114,19] Und so hast du, Mein Gabriel,
recht aus dir, und die Mutter hat auch recht; denn also bist du der Größte,
weil du der Geringste bist aus und in dir!“
[JJ.01_114,20] Als das Kindlein solche Worte
zu dem Jünglinge Gabriel redete, da fielen sobald alle Jünglinge nieder auf
ihre Knie und beteten Dasselbe an.
[JJ.01_114,21] Die Eudokia aber forschte hin
und her; denn sie wußte nicht, was sie aus diesen überschönen Jünglingen machen
sollte.
[JJ.01_114,22] Sie vernahm wohl, wie man
diese Jünglinge ,Erzboten‘ nannte, und das aus dem Reiche Gottes, – aber sie
hielt Palästina wie auch Oberägypten dafür. Sie fragte daher, ob das etwa
Gesandte seien.
[JJ.01_114,23] Ein Jüngling aber sprach:
„Eudokia, gedulde dich nur! Siehe, wir bleiben ja drei Tage hier, und da werden
wir uns schon noch besser kennenlernen!“ – Und die Eudokia war damit zufrieden
und begab sich bald zur Ruhe.
[JJ.01_115] 115. Kapitel – Joseph mahnt zur
Nachtruhe. Der Jünglinge Eröffnung über den nächtlichen Anschlag der
dreihundert Räuber. Der Überfall. Der Sieg der Engel.
13. Januar 1844
[JJ.01_115,01] Joseph aber sprach: „Kinder
und Freunde! Es ist schon spätabends geworden; daher meine ich, es wird an der
Zeit sein, sich zur Ruhe zu begeben!“
[JJ.01_115,02] Die Jünglinge aber sprachen:
„Ja, Vater Joseph, du hast recht; ihr alle, die ihr noch in den sterblichen
Leibern wohnet, gehet zur stärkenden Ruhe!
[JJ.01_115,03] Wir aber werden hinausziehen
vor dein Haus und werden es bewachen!
[JJ.01_115,04] Denn es hat der Feind des
Lebens nun listigerweise erfahren, daß hier der Herr wohnt, und hat
beschlossen, in dieser Nacht dieses Haus mörderisch zu überfallen.
[JJ.01_115,05] Daher aber sind wir da, um zu
schützen dieses Haus; und so der Feind kommen wird, da solle er übel
zugerichtet werden!“
[JJ.01_115,06] Joseph und Maria, die noch
wache Eudokia, die drei Priester und die Söhne Josephs erschraken gewaltigst
über diese Nachricht;
[JJ.01_115,07] und Joseph sprach: „Wenn also,
da mag ich nicht ruhen, sondern mit euch wachen die ganze Nacht hindurch!“
[JJ.01_115,08] Die Jünglinge aber sprachen:
„Seid alle ganz außer Sorge; wir sind unser genug und haben auch Kraft genug,
nach dem Willen des Herrn die ganze Schöpfung in Nichts zu verwandeln!
[JJ.01_115,09] Wie sollen wir uns dann vor
einer Handvoll gedungener feiger Mörder fürchten!?
[JJ.01_115,10] Denn siehe, die ganze Sache
besteht darinnen: einige Freunde der zugrunde gegangenen Priesterschaft haben
in Erfahrung gebracht durch die Mühe des Satans, daß der Cyrenius ein großer
Freund der Juden geworden ist, und das durch dieses Haus.
[JJ.01_115,11] Darum machten sie ein geheimes
Komplott und schworen, in dieser Nacht dies Haus zu überfallen und alles zu
ermorden, was darinnen ist.
[JJ.01_115,12] Wir aber haben solchen Plan
schon lange vorausgesehen und sind darum gekommen, um dieses Haus zu schützen.
[JJ.01_115,13] Sei daher ganz ruhig; morgen
aber wirst du sehen, wie wir diese Nacht hindurch für dich arbeiten werden!“
[JJ.01_115,14] Als der Joseph aber solche
treue Schutzversicherung von den Jünglingen vernommen hatte, da lobte und pries
er Gott,
[JJ.01_115,15] zeigte darauf zuerst der
Eudokia ihr Schlafgemach, segnete sie als seine Tochter, und sie begab sich
zuerst und sogleich zur Ruhe.
[JJ.01_115,16] Darauf ging Maria mit dem
Kindlein ins selbe Gemach und nahm diesmal Dasselbe zu sich ins Bett.
[JJ.01_115,17] Dann gingen auch die drei
Priester in ihr Gemach; Joseph und die Söhne aber blieben im Speisezimmer und
wachten.
[JJ.01_115,18] Die Jünglinge aber gingen
hinaus und lagerten sich um das Haus.
[JJ.01_115,19] Als die Mitternacht herankam,
da vernahm man Waffengeklirr auf dem Wege aus der Stadt zur Villa.
[JJ.01_115,20] In wenigen Minuten war das
ganze Haus Josephs umzingelt von dreihundert bewaffneten Männern.
[JJ.01_115,21] Als sie aber nun ins Haus
dringen wollten, da erhoben sich die Jünglinge und erwürgten im Augenblick bis
auf einen Mann die ganze Schar.
[JJ.01_115,22] Den einen aber banden sie und
führten ihn in eine Kammer zum Zeugnisse für den nächsten Tag.
[JJ.01_115,23] Und so ward Josephs Haus
wunderbar gerettet und blieb dann im Frieden und sicher vor jedem künftigen
Anfalle.
[JJ.01_116] 116. Kapitel – Die Vorbereitungen
zum Hochzeitsmahl des Cyrenius. Die Ehrerbietung der Engel angesichts des
badenden Kindleins. Die Belebung der Mörderleichen durch das Badewasser des
Kindleins.
15. Januar 1844
[JJ.01_116,01] Am Morgen, schon frühe vor dem
Aufgange, war alles tätig im Hause Josephs.
[JJ.01_116,02] Die Jünglinge bestellten den
Stall und die Küche mit den Söhnen Josephs; denn es mußte ja so manches fürs
Hochzeitsmahl des Cyrenius bereitet werden.
[JJ.01_116,03] Joseph selbst aber ging mit
ein paar Jünglingen, mit Zuriel und Gabriel, hinaus und besichtigte die Leichen
und sprach zu den beiden:
[JJ.01_116,04] „Was solle daraus werden?
Werden wir sie doch zuvor begraben müssen, bis Cyrenius aus der Stadt kommen
wird?!“
[JJ.01_116,05] Die Jünglinge aber sprachen:
„Joseph! sorge dich nicht darum, denn gerade der Statthalter muß das sehen,
welche Macht in deinem Hause wohnet!
[JJ.01_116,06] Darum bleiben diese Leichen
liegen, bis der Cyrenius kommt, und er selbst mag sie dann hinwegräumen
lassen.“
[JJ.01_116,07] Joseph war mit diesem
Bescheide zufrieden und begab sich dann mit den beiden wieder ins Haus.
[JJ.01_116,08] Als sie ins Zimmer traten, war
Maria gerade mit dem Bade des Kindleins beschäftigt, wobei ihr die Eudokia – wo
möglich – half.
[JJ.01_116,09] Die beiden aber blieben stehen
in der größten Ehrerbietung, mit übers Kreuz an die Brust gelegten Händen,
solange das Kindlein gebadet ward.
[JJ.01_116,10] Als aber das Kindlein gebadet
und wieder angezogen war mit frischer Wäsche, da berief Es sobald den Joseph um
einer Sache willen zu sich und sprach:
[JJ.01_116,11] „Joseph! es solle auf dem
Grunde, der diesem Hause angehört, niemand ums Leben kommen!
[JJ.01_116,12] Die Sache aber, um
derentwillen Ich dich berief, ist, daß du dies Wasser nimmst und es
aufbewahrest.
[JJ.01_116,13] Wann aber der Cyrenius aus der
Stadt kommen wird und wird sehen die Erwürgten, sodann nehme das Wasser und
besprenge sie; und sie werden dann erwachen und vor das Staatsgericht geführt
werden.
[JJ.01_116,14] Bindet aber zuvor einer jeden
Leiche am Rücken die Hände, auf daß, so sie erwache, sie nicht sobald die Waffe
ergreife und sich verteidige!“
[JJ.01_116,15] Als Joseph solches vernommen
hatte, da tat er mit Hilfe der beiden sogleich, was das Kindlein geredet hatte;
[JJ.01_116,16] und als er der letzten Leiche
die Hände gebunden hatte, da kam auch schon der Cyrenius im vollen Glanze aus
der Stadt mit einem großen Gefolge.
[JJ.01_116,17] Er entsetzte sich aber beim
Anblicke dieser gebundenen Leichen und fragte hastig, was hier geschehen.
[JJ.01_116,18] Joseph aber, ihm alles
kundgebend, ließ sich das Wasser bringen und besprengte sogleich die Leichen,
worauf sich diese wie aus einem tiefen Schlafe erhoben.
[JJ.01_116,19] Cyrenius aber, nun von allem
unterrichtet, ließ diese Erweckten sogleich ins Staatsgefängnis bringen.
[JJ.01_116,20] Und als diese alle, samt dem
am Leben Gelassenen, abgeführt wurden unter scharfer Bewachung, begab sich
Cyrenius mit seiner Braut ins Gemach und lobte und pries da den Gott Israels
über alle Maßen.
[JJ.01_117] 117. Kapitel – Cyrenius verstimmt
wegen der Verräter. Josephs Hinweis auf die Hilfe des Herrn. Cyrenius und die
Engel. Das Machtwunder der Engel.
16. Januar 1844
[JJ.01_117,01] Es hatte aber diese
Erscheinung den Cyrenius dennoch etwas verstimmt, und er wußte nicht, was er
nun mit diesen Verrätern tun solle.
[JJ.01_117,02] Er trat darum zum Joseph hin
und besprach sich mit ihm; Joseph aber erwiderte ihm:
[JJ.01_117,03] „Sei guten Mutes, du mein
Bruder im Herrn! Denn es wird dir darob kein Haar gekrümmt werden.
[JJ.01_117,04] Siehe, du bist auf der Erde
sicher mein größter Freund und Wohltäter; aber was hätte mir heute in der Nacht
alle deine Freundschaft genützt?
[JJ.01_117,05] Diese gedungenen Mörder hätten
mich in der Nacht samt meinem ganzen Hause sieden und braten können, ohne daß
du davon etwas eher erfahren hättest, als bis du heute am Morgen, da du zu mir
kamst, nichts mehr von mir gefunden hättest!
[JJ.01_117,06] Wer war da mein Retter? Wer
hatte die geheimen Pläne der Bösen schon lange eher durchschaut und hat mir zur
rechten Zeit Hilfe gesandt?
[JJ.01_117,07] Siehe, es war der Herr, mein
Gott und dein Gott! – Also sei du guten Mutes; denn auch du bist nun in der
allschützenden Hand des Herrn, und Er wird es nicht zulassen, daß dir auch nur
ein Haar gekrümmt werde!“
[JJ.01_117,08] Mit gerührtem Herzen dankte
der Cyrenius an der Seite seiner Tullia, die sich mit dem Kindlein
beschäftigte, dem Joseph für diesen Trost.
[JJ.01_117,09] Aber er ersah zugleich die
zwei herrlichen Jünglinge und gewahrte auch, daß deren in der Küche noch
mehrere zugegen sind.
[JJ.01_117,10] Er fragte darum den Joseph,
woher denn diese gar so schönen, überzarten Jünglinge wären, ob das etwa auch
gerettete Unglückliche seien.
[JJ.01_117,11] Joseph aber sprach: „Siehe,
ein jeder Herr hat seine Diener; du weißt aber nun ja, daß mein Kindlein auch
ein Herr ist!
[JJ.01_117,12] Und siehe, das sind Seine
Diener; diese sind es auch, die dies Haus heute Nacht vor dem Untergange
bewahrt haben!
[JJ.01_117,13] Rate aber nicht, woher des
Landes sie sind; denn da wirst du nichts richten, indem diese Helfer von einer
unbeschreiblichen Kraft und Macht sind.“
[JJ.01_117,14] Also werden sie es dir nicht
kundgeben, und mit Zwang wirst du gegen sie nichts ausrichten, indem sie zu
mächtig und endlos kräftig sind!
[JJ.01_117,15] Und der Cyrenius sprach: „So
sind das Halbgötter, wie wir sie haben in unserer fabelhaften Lehre?
[JJ.01_117,16] Wie?! – Solltet auch ihr neben
dem einen Gotte solche Halbgötter haben, welche bestimmt sind, dem Menschen wie
dem Hauptgotte gute Dienste zu leisten?!“
[JJ.01_117,17] Und der Joseph sprach: „O Bruder,
da irrst du gewaltig! Siehe, von Halbgöttern ist bei uns ewig keine Rede;
[JJ.01_117,18] wohl aber von schon
überseligen Geistern, die nun Engel Gottes sind, einst aber auch wie wir auf
der Erde gelebt haben!
[JJ.01_117,19] Doch was du nun von mir erfahren
hast, davon schweige, als hättest du nie etwas erfahren, sonst könnte deinem
Leibe Übles begegnen!“
[JJ.01_117,20] Hier legte Cyrenius den Finger
auf den Mund und schwor zu schweigen bis in seinen Tod.
[JJ.01_117,21] Hier traten die zwei Jünglinge
hin zum Cyrenius und sprachen: „Nun gehe mit uns hinaus, auf daß wir dir unsere
Kraft zeigen!“
[JJ.01_117,22] Und der Cyrenius ging mit
ihnen hinaus, und siehe, ein Berg im tiefen Hintergrunde verschwand durch ein
Wort aus dem Munde der Jünglinge!
[JJ.01_117,23] Hier ersah der Cyrenius erst
den Grund, warum er schweigen müsse, und er schwieg davon auch durch sein
ganzes Leben – und alle, die mit ihm waren.
[JJ.01_118] 118. Kapitel – Der Unterschied
zwischen des Herrn Macht und der Macht Seiner Diener. Des Cyrenius Frage nach
dem Zweck der Engel. Das Gleichnis vom liebenden Vater und seinen Kindern.
17. Januar 1844
[JJ.01_118,01] Nach dieser Machtbezeigung
führten die beiden Jünglinge den Cyrenius wieder ins Gemach, da Joseph, Maria
mit dem Kindlein, die Tullia, die Eudokia und die drei Priester, der Maronius
und noch anderes Gefolge des Cyrenius sich befanden.
[JJ.01_118,02] Und der Joseph trat sogleich
zum Cyrenius hin und fragte ihn:
[JJ.01_118,03] „Nun, erlauchtester Bruder und
Freund, was sagst du zu diesen Dienern des Herrn?“
[JJ.01_118,04] Und der Cyrenius sagte: „O
erhabenster Bruder! Da ist zwischen ihnen und dem Herrn ja nahe gar kein
Unterschied; denn sie sind ebenso mächtig wie Er!
[JJ.01_118,05] Das Kindlein zerstörte
letzthin durch den Wink mit einer Hand die große Statue des Zeus;
[JJ.01_118,06] diese Diener aber zerstörten
durch ein Wort einen ganzen Berg! – Sage, was Unterschiedes wohl ist da
zwischen Herr und Diener?!“
[JJ.01_118,07] Und der Joseph erwiderte dem
Cyrenius: „O Freund! dazwischen ist ein endlos großer Unterschied!
[JJ.01_118,08] Siehe, der Herr tut solches
alles aus Sich Selbst ewig; Seine Diener aber mögen solches nur aus dem Herrn
dann tun, wann Er es haben will!
[JJ.01_118,09] Ist das nicht der Fall, da
vermögen sie aus sich so wenig als ich und du, und alle ihre eigne Kraft vermag
nicht ein Sonnenstäubchen zu zermalmen!“
[JJ.01_118,10] Der Cyrenius aber erwiderte:
„Ich verstehe dich; was du gesagt hast, ist richtig und bedarf keiner weiteren
Erläuterung.
[JJ.01_118,11] Aber so das alles nur der Herr
wirkt und die Diener in sich keine Kraft haben, wozu sind sie Ihm denn
hernach?“
[JJ.01_118,12] Und der Joseph sprach: „Siehe,
du Herrlicher, du lieber Bruder, hier ist das Kindlein, wende dich mit dieser
Frage an Dasselbe, – das wird dir darüber die gültigste Antwort geben!“
[JJ.01_118,13] Und der Cyrenius tat dies, und
das Kindlein richtete Sich auf und sprach:
[JJ.01_118,14] „Cyrenius, du bist nun Gatte
und hast in dieser Nacht schon befruchtet dein Weib, auf daß dir ein Nachkomme
werde!
[JJ.01_118,15] Ich sage dir aber, du wirst
deren zwölf noch bekommen! Wenn du aber ein Vater von zwölf Kindern sein wirst,
sage Mir, wozu sie dir sein werden, und warum und wozu du überhaupt Kinder
haben willst?
[JJ.01_118,16] Kannst du denn etwa ohne
solche deine Geschäfte nicht gut und rüstig genug versehen?“
[JJ.01_118,17] Hier stutzte der Cyrenius
gewaltig und sprach nach einer Weile etwas verlegen:
[JJ.01_118,18] „Was das Versehen meiner
regierenden Staatsgeschäfte betrifft, da hat es seine geweisten Wege, und ich
bedarf dazu der Kinder nicht!
[JJ.01_118,19] Aber nur in meinem Herzen
spricht sich ein mächtiges Bedürfnis für den Besitz der Kinder aus, und dieses
Bedürfnis heißt Liebe!“
[JJ.01_118,20] Und das Kindlein sprach: „Gut,
wenn du aber Kinder haben wirst, wirst du sie nicht auch aus purer Liebe in
deine Geschäfte ziehen und wirst ihnen geben Macht und Gewalt darum, weil sie
deine Kinder sind, und wirst sie machen zu deinen gewaltigen Dienern?“
[JJ.01_118,21] Und der Cyrenius erwiderte: „O
Herr, das werde ich wohl gewiß sicher tun!“
[JJ.01_118,22] Und das Kindlein erwiderte
wieder: „Nun siehe, wenn du als Mensch schon solches aus deiner Liebe zu deinen
Kindern tust, warum sollte es denn Gott nicht tun als ein heiliger Vater mit
Seinen Kindern aus Seiner unendlichen Liebe zu ihnen?!“
[JJ.01_118,23] Diese Antwort sagte dem
Cyrenius alles, erfüllte ihn, wie alle, mit der höchsten Achtung, und er fragte
hernach um nichts mehr.
[JJ.01_119] 119. Kapitel – Josephs
Anordnungen zum Hochzeitsmahl. Das Anlegen der Festkleider. Das strahlende
Festgewand der Engel. Die Beklommenheit des Cyrenius und der übrigen. Das
Wiederablegen der Festkleider.
18. Januar 1844
[JJ.01_119,01] Hier kamen aber auch schon die
Söhne Josephs herein und sagten zu ihm: „Vater, das Morgenmahl ist reichlich
bereitet!
[JJ.01_119,02] So du willst, wollen wir den
großen Speisetisch ordnen und sodann das Mahl aufsetzen.“
[JJ.01_119,03] Und der Joseph sprach: „Gut,
meine Kinder, tut das, ziehet aber eure neuen Kleider an, denn wir werden nun
am Morgen das Hochzeitsmahl des Cyrenius halten!
[JJ.01_119,04] Ihr müsset auch am Tische
sein, darum müßt ihr auch hochzeitlich angezogen sein! Gehet nun, und tut
alles, was da gut, recht und schicklich ist!“
[JJ.01_119,05] Und die Söhne ordneten den
Tisch und gingen dann und taten, wie es ihnen Joseph geboten hatte.
[JJ.01_119,06] Es traten aber auch die beiden
Jünglinge hin zum Joseph und sprachen:
[JJ.01_119,07] „Vater Joseph, was meinst du
wohl? Siehe, unser Gewand, das wir anhaben, ist nur unser Werkkleid; sollen
auch wir uns in ein hochzeitliches Kleid werfen?“
[JJ.01_119,08] Joseph aber erwiderte: „Ihr
seid Engel des Herrn, und dies euer Gewand ist ja ohnehin das schönste
Hochzeitsgewand; wozu solle da euch ein anderes zieren?“
[JJ.01_119,09] Die Jünglinge aber sprachen:
„Siehe, wir wollen niemandem ein Ärgernis geben; das du deinen Söhnen befohlen
hast, wollen auch wir tun und wollen bei deinem Tische in unsern
Hochzeitskleidern zugegen sein!
[JJ.01_119,10] Lasse uns daher hinausziehen,
auf daß wir die Kleider wechseln gleich deinen Söhnen!“
[JJ.01_119,11] Und Joseph sprach: „So tut
denn, was ihr sicher vom Herrn aus für nötig findet! Ihr seid ja allzeit Diener
des Herrn und wisset auch allzeit Seinen Willen; also tuet darnach!“
[JJ.01_119,12] Und die beiden Jünglinge
gingen hinaus, und in kurzer Zeit kamen sie mit den Söhnen Josephs und all den andern
Jünglingen in also hellstrahlenden Kleidern wie die Morgenröte im schönsten
Rotglanze;
[JJ.01_119,13] ihre Gesichter, Füße und Hände
aber strahlten wie die Sonne, wenn sie aufgeht.
[JJ.01_119,14] Cyrenius und all sein Gefolge
entsetzten sich vor dieser unendlichen Pracht und Majestät.
[JJ.01_119,15] Und der Cyrenius sprach in
einer ängstlichen Eile zum Joseph:
[JJ.01_119,16] „Allererhabenster Freund, ich
habe jetzt gesehen die endlose Herrlichkeit deines Hauses! Lasse mich aber
hinausziehen, denn diese Herrlichkeit verzehrt mich!
[JJ.01_119,17] Warum mußtest du aber auch
deinen Söhnen eine Umkleidung geboten haben? Ohne die wären sicher auch des
Herrn Diener in ihrer früheren, mir so wohltuenden Einfachheit und
Glanzlosigkeit geblieben!“
[JJ.01_119,18] Hier ermannte sich Joseph, dem
auch sein Atem vor lauter Glanz zu kurz wurde, und befahl wieder seinen Söhnen,
ihre Werkkleider anzuziehen.
[JJ.01_119,19] Die Söhne gingen und taten
das; aber auch die Jünglinge gingen und wechselten ihr Gewand und kamen dann
mit den Söhnen Josephs wieder in ihrer ersten Einfachheit.
[JJ.01_119,20] Nun ward es dem Cyrenius
wieder leichter ums Herz, und er konnte sich nun zum Tische setzen mit seinem
Weibe und seinen Gefährten.
[JJ.01_119,21] Und so besetzte er den oberen
Teil des Tisches mit den Seinen und Joseph, Maria mit dem Kindlein, die
Eudokia, die Söhne Josephs und die Jünglinge den unteren Teil des Tisches und
aßen und tranken alle nach dem Lobgesange Josephs.
[JJ.01_119,22] Einige Hauptleute samt dem
Obersten aber meinten, sie seien nun leibhaftig an der Tafel der Götter im
Olymp, und wußten sich vor lauter Wonne nicht zu helfen; denn sie wußten nichts
vom Hause Josephs, wie es beschaffen ist.
[JJ.01_120] 120. Kapitel – Joseph besorgt
wegen der vorschriftsmäßigen Feier des Osterfestes. Die beruhigenden Worte der
Engel. Josephs neue Sorge wegen der vielen anwesenden Heiden. Des Kindleins
Antwort.
19. Januar 1844
[JJ.01_120,01] Nach der Beendigung der
köstlichen Morgenmahlzeit, welche bei einer Stunde lang gedauert hatte, ward
von Joseph der Lobgesang gesprochen, und alles erhob sich vom Tische.
[JJ.01_120,02] Da aber der Tag ein Vorsabbat,
also ein Freitag war, auf den die Osterfeste der Juden fielen, so war es dem
Joseph etwas bange, und er wußte hier mitten unter lauter Römern nicht, wie er
diese Feste begehen solle.
[JJ.01_120,03] Denn er wußte, daß ihn diese
nun auch am Sabbate der Ostern so gut wie an einem andern Tage besuchen werden.
[JJ.01_120,04] Darum war es ihm, wie gesagt,
bange, wie er diesen gar außerordentlich hohen Sabbat heiligen solle.
[JJ.01_120,05] Da umringten ihn aber die
Jünglinge und sprachen: „Höre uns an, du gerechter, aber vergeblich besorgter
Mann!
[JJ.01_120,06] Du weißt es, daß um diese Zeit
auch die Engel Gottes sich in Jerusalem einfanden – als Erzengel, Cherubim und
Seraphim.
[JJ.01_120,07] Und das Allerheiligste ward
stets von ihnen bewohnt, wie du es weißt, und wie es weiß dein Weib.
[JJ.01_120,08] Weil du aber weißt, daß wir
nur dem Herrn nachgehen und nicht dem Tempel zu Jerusalem, – so sind wir auch
nicht im Tempel!
[JJ.01_120,09] Da der Herr im Tempel wohnte
zu Jerusalem, da auch waren wir im Tempel.
[JJ.01_120,10] Nun aber wohnet Er hier, und
wir sind auch hier, zu feiern mit dir die Ostern, und ist keiner aus uns im
Tempel, der nun gar weidlich verlassen ist.
[JJ.01_120,11] Wie sollst du aber besser die
Ostern feiern, als so du gleich uns handelst?!
[JJ.01_120,12] Siehe, wir aber werden morgen
dasselbe tun, was wir heute getan haben und noch tun werden, und das wird recht
sein!
[JJ.01_120,13] Tue du desgleichen, und du
wirst mit uns in der vollsten Gegenwart des Herrn des Sabbats und aller Feste
den Sabbat und das Osterfest recht begehen!
[JJ.01_120,14] Frage das allerhabenste
Kindlein, und Es wird dir dasselbe sagen und treulichst kundtun!“
[JJ.01_120,15] Und der Joseph sprach: „Es ist
alles recht und gut und wahr, aber was ist da mit dem Gesetze Mosis? Hört
dieses auf?“
[JJ.01_120,16] Die Jünglinge aber sprachen:
„Gerechter Mann, du irrst dich, – sage, hatte Moses je das Osterfest nach
Jerusalem beschieden?
[JJ.01_120,17] Hat er nicht allein nur da das
Fest bestimmt, wo der Herr mit der Bundeslade ist!?
[JJ.01_120,18] Siehe, nun aber ist der Herr
nicht mehr mit der Bundeslade, sondern Er ist mit dir und mit deinem Hause
leibhaftig!
[JJ.01_120,19] Sage nun, wo solle nach Moses
rechtermaßen das Osterfest begangen werden?“
[JJ.01_120,20] Und der Joseph sprach: „Wenn
also, da muß das Fest freilich wohl hier begangen werden! Aber was tun wir mit
den vielen Heiden hier?“
[JJ.01_120,21] Und die Jünglinge sprachen: „O
gerechter Sohn aus David, kümmere dich dessen nicht, sondern tue, was wir tun
werden, und es wird schon alles recht sein!“
[JJ.01_120,22] Hier verlangte das Kindlein
den Joseph, bei welcher Gelegenheit die Jünglinge sobald niederfielen, und
sprach:
[JJ.01_120,23] „Joseph, wie heute, so morgen
und übermorgen; – sorge dich aber nicht der Unbeschnittenen wegen, denn diese
sind nun besser als die Beschnittenen!
[JJ.01_120,24] Siehe, an der Beschneidung der
Vorhaut liegt nichts, alles aber an der Beschneidung des Herzens!
[JJ.01_120,25] Diese Römer aber haben ein
edel beschnittenes Herz; darum halte Ich auch nun mit ihnen und nicht mit den
Juden das Osterfest!“
[JJ.01_120,26] Diese Worte brachten den
Joseph wieder ins Gleichgewicht; er ward voll Freude und übergab alle Sorge den
Jünglingen für das Osterfest.
[JJ.01_121] 121. Kapitel – Joseph, von
Cyrenius zum Osterfest in seine Burg geladen, in Osterfeiernöten. Des Kindleins
beruhigende Worte. „Wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern!“
20. Januar 1844
[JJ.01_121,01] Nachdem aber also die Feierung
der Ostern bestimmt war und Joseph sich in alles ergab,
[JJ.01_121,02] da trat der Cyrenius hin zu
Joseph und sprach: „Erhabenster Freund und Bruder! Siehe, heute war ich dein
Gast und werde es bis auf den Abend verbleiben!
[JJ.01_121,03] Morgen aber werde ich in
meiner Burg ein kleines Fest bereiten und lade dazu dein ganzes Haus ein, wie
es hier versammelt ist,
[JJ.01_121,04] und ich hoffe, du wirst mir
diese Freundschaft nicht abschlagen?!
[JJ.01_121,05] Denn nicht, um dir dadurch
einen Ersatz zu machen, lade ich dich, sondern aus meiner großen Liebe und
Achtung, die ich für dich und dein ganzes Haus hege, tue ich das!
[JJ.01_121,06] Denn siehe, auf übermorgen
habe ich meine Abreise darum festgesetzt und kann nicht so lange hier
verweilen, als ich mir anfangs vorgenommen habe;
[JJ.01_121,07] denn dringende Geschäfte
veranlassen mich dazu, daß ich meinen Plan abändern muß.
[JJ.01_121,08] Aber eben aus dem Grunde
möchte ich einmal das Glück haben, dich bei mir zu bewirten, und das sicher auf
eine deiner würdige Art!“
[JJ.01_121,09] Hier stutzte der Joseph wieder
und wußte nicht, was er tun solle; denn er hatte den heiligen Ostersabbat vor
sich, den er doch wenigstens in seinem Hause feiern wollte.
[JJ.01_121,10] Er sagte daher zum Cyrenius:
„Allerwertester Freund und Bruder im Herrn!
[JJ.01_121,11] Siehe, morgen ist bei uns
Juden der wichtigste Festtag, den ein jeder Jude innerhalb seiner Hausflur
wenigstens feiern muß, wenn er schon nicht zum Tempel in Jerusalem ziehen kann!
[JJ.01_121,12] Ich müßte mir den bittersten
Vorwurf machen, wenn ich dies erste unserer Gesetze verletzen würde;
[JJ.01_121,13] daher kann ich dir in dieser
Hinsicht wirklich nichts versprechen!
[JJ.01_121,14] So du aber zu mir kommen
willst und dein bevorhabendes Fest in meinem Hause feiern, das eigentlich auch
dir gehört, so wird es mir überaus angenehm sein!“
[JJ.01_121,15] Und Cyrenius sprach: „Aber
Bruder! Bist du denn ungläubiger denn ich, ein Heide nach deinen Worten von
Geburt an!?
[JJ.01_121,16] Was ist dein Kind? Ist Es
nicht der Herr, von dem alle deine Gesetze sind vom Anfange!?
[JJ.01_121,17] Sind die Jünglinge nicht Seine
Urdiener? – Hat Er nicht das Recht, die Gesetze zu bestimmen, der so allmächtig
auf den Armen der jungen Mutter ruht?!
[JJ.01_121,18] Wie, wenn Dieser mich erhörte,
würdest du auch dann noch deinen Festtag höher halten als Sein göttlich Wort?“
[JJ.01_121,19] Hier erhob Sich das Kindlein
und sprach: „Ja Cyrenius, du hast recht geredet; aber nur behalte alles bei
dir!
[JJ.01_121,20] Morgen aber sind wir alle
deine Gäste; denn wo Ich bin, da sind auch die wahren Ostern, – denn Ich bin
der Befreier der Kinder Israels aus Ägypten!“ –
[JJ.01_121,21] Als der Joseph solches
vernahm, da ließ er seine Ostern fahren und nahm des Cyrenius Einladung an.
[JJ.01_122] 122. Kapitel – Josephs Frage nach
dem Wegräumen des Tempelschuttes, nach dem Schicksal der Meuterer und der drei
Unterpriester und nach den acht Kindern. Des Cyrenius Antwort.
22. Januar 1844
[JJ.01_122,01] Nach dieser
Osterfesthaltungsbestimmung, mit der, wie schon erwähnt, Joseph
zufriedengestellt ward, fragte aber wieder Joseph den Cyrenius, wie es mit der
Wegschaffung des Tempelschuttes aussehe und wie mit den Ausgegrabenen.
[JJ.01_122,02] Und der Cyrenius sprach: „O du
mein erhabenster Bruder und Freund, kümmere nur du dich dessen nicht;
[JJ.01_122,03] denn damit sind schon nach
meiner Einsicht die besten Bestimmungen getroffen worden!
[JJ.01_122,04] Der Schutt ist schon bis aufs
letzte Steinchen hinweggeräumt, die rein erschlagenen Priester begraben, und
die Geretteten werde ich übermorgen nach Tyrus mitnehmen und dort mit ihnen die
rechten Verfügungen treffen!
[JJ.01_122,05] Siehe, also steht es mit
dieser Sache! Ich meine, sie ist so gut und gerecht als möglich bestellt?“
[JJ.01_122,06] Und der Joseph sprach: „Ja,
fürwahr, besser hätte auch ein Vater für seine eigenen Kinder nicht gesorgt!
Ich bin damit vollkommen zufrieden!
[JJ.01_122,07] Aber was wirst du mit den
Meuterern machen, die da gestern in der Nacht mein Haus überfielen?“
[JJ.01_122,08] Und der Cyrenius sprach:
„Siehe, das sind Hochverräter und haben sich dadurch der Todesstrafe schuldig
gemacht.
[JJ.01_122,09] Du aber weißt es, daß ich vom
Blutvergießen kein Freund, sondern nur der größte Feind bin!
[JJ.01_122,10] Daher habe ich ihnen die
Todesstrafe erlassen und habe aber dafür ihre wohlverdiente Strafe dahin
beschieden, daß sie darum zu lebenslänglichen Sklaven werden!
[JJ.01_122,11] Und ich meine, diese Strafe
wird an Stelle der Todesstrafe nicht zu groß sein, besonders wenn dem sich ganz
Gebesserten auch geheim die Freiwerdung möglich belassen wird.
[JJ.01_122,12] Sie kommen auch nach Tyrus
mit, allwo mit ihnen die weiteren Verfügungen getroffen werden.“
[JJ.01_122,13] Und der Joseph sprach: „Lieber
Bruder! Auch da hast du ganz der göttlichen Ordnung getreu gehandelt, und ich
kann dich darum nur loben als einen wahrhaft weisen Statthalter!
[JJ.01_122,14] Aber nun hätte ich noch eines
auf dem Herzen! Siehe, da sind noch die drei Unterpriester; was solle mit
diesen nach deinem Rate?“
[JJ.01_122,15] Und der Cyrenius sprach: „O
erhabenster Freund und Bruder! Auch für die habe ich gesorgt.
[JJ.01_122,16] Der nun so wie ich denkende
Maronius nimmt sie zu sich und wird sie zu seinen Beamten verwenden in dem Amte,
das ich ihm zuteilen werde.
[JJ.01_122,17] Sage, ist es recht also? –
Wahrlich, wäre größer und tiefer meine Einsicht, so könnte ich sicher noch
bessere Verfügungen treffen!
[JJ.01_122,18] Aber so handle ich denn, wie
es mir am besten vorkommt, und denke, dein Herr und dein Gott wird ja segnen
meinen guten Willen, wenn er auch nicht aus der besten Einsicht hervorgeht?!“
[JJ.01_122,19] Und der Joseph sprach: „Der
Herr hat schon gesegnet deine Einsicht, wie deinen Willen, und du hast darum
auch schon die besten Verfügungen getroffen!
[JJ.01_122,20] Nun aber noch eines: Bis wann
wirst du mir die acht Kinder übersenden, darunter fünf Knaben und drei Mädchen
seien?“
[JJ.01_122,21] Und der Cyrenius sprach: „Mein
Bruder, mein Freund, das wird meine erste Sorge sein, sowie ich in Tyrus
anlangen werde!
[JJ.01_122,22] Nun aber lasse uns hinaus ins
Freie ziehen, denn es ist heute ein äußerst freundlicher Tag, und wir wollen da
unsern Herrn loben.“ – Und Joseph setzte darum gleich das ganze Haus in
Bewegung.
[JJ.01_123] 123. Kapitel – Der Zug nach dem
hl. Berg. Die Begegnung mit den wilden Tieren. Die Zähmung der Bestien durch
die zwei himmlischen Jünglinge.
23. Januar 1844
[JJ.01_123,01] Cyrenius mit seinem Gefolge,
Maronius mit den drei Priestern und Joseph mit der Maria und mit dem Kindlein,
zwei Jünglinge und die Eudokia bildeten den Zug;
[JJ.01_123,02] Maria und die Eudokia saßen
auf zwei Eseln, die die beiden Jünglinge leiteten.
[JJ.01_123,03] Die andern Jünglinge aber
blieben mit den Söhnen Josephs daheim und halfen ihnen das Haus bestellen und
bereiten ein gutes Brot und Mittagsmahl, welches aber freilich erst am Abende
verzehrt ward.
[JJ.01_123,04] Außer der Stadt befand sich
aber ein Berg, der ganz mit Zedern bewachsen war und maß bei vierhundert Klafter
Höhe.
[JJ.01_123,05] Dieser Berg ward von den
Heiden als ein Heiligtum verehrt, daher auch auf ihm kein Baum gefällt ward.
[JJ.01_123,06] Nur ein Weg, den die Priester
angelegt hatten, führte bis zur Vollhöhe, auf der ein offener Tempel errichtet
war, von dem man nach allen Seiten hin eine weite und reizende Aussicht hatte.
[JJ.01_123,07] Wegen der dichten Bewaldung
dieses ziemlich weitgedehnten Berges aber hielten sich auch fortwährend eine
Menge reißender Bestien in den dichten Waldungen dieses Berges auf, die die
Besteigung des Berges unsicher und gefährlich machten.
[JJ.01_123,08] Die drei Priester aber wußten
wohl von dieser Eigenschaft des Berges; daher traten sie auch hin zum Cyrenius,
als er schon den Fuß des Berges erreicht hatte, und zeigten ihm solches an.
[JJ.01_123,09] Und der Cyrenius sprach:
„Sehet ihr denn nicht, daß ich keine Furcht habe?
[JJ.01_123,10] Warum sollte ich auch diese
haben? – Ist ja doch der Herr aller Himmel und aller Welt mitten unter uns und
zwei von Seinen allmächtigen Dienern!“
[JJ.01_123,11] Die Priester ermannten sich
bei diesen Worten des Cyrenius und traten wieder zurück, und der Zug ging rasch
bergan.
[JJ.01_123,12] Als aber die ganze
Gesellschaft sich etwa eine gute halbe Stunde tief im Gebirgswalde befand, da
sprangen plötzlich drei mächtige Löwen aus des Waldes Dickicht hervor und
verrammten dem Cyrenius den Weg.
[JJ.01_123,13] Cyrenius erschrak darob nicht
wenig und schrie um Hilfe.
[JJ.01_123,14] Und sogleich traten die zwei
Jünglinge hervor, bedrohten die drei Bestien, und diese verließen im Augenblick
brüllend die Stelle;
[JJ.01_123,15] aber sie flohen nicht ins
Dickicht zurück, sondern begleiteten die Gesellschaft am Rande des Weges und
taten niemandem etwas Leids an.
[JJ.01_123,16] Als aber die Gesellschaft wieder
eine halbe Stunde weiter kam, da kam ihr eine ganze Karawane von Löwen und
Panthern und Tigern entgegen.
[JJ.01_123,17] Als aber diese unheimliche
Karawane der beiden Jünglinge ansichtig ward, da teilte sie sich zu beiden
Seiten des Weges und machte also unserer Gesellschaft Platz.
[JJ.01_123,18] Vielen in der Gesellschaft im
Gefolge des Cyrenius aber war diese Begegnung Ehrfurcht und allen Respekt
einflößend, daß sie sich darob kaum zu atmen getrauten.
[JJ.01_123,19] Als sie aber bemerkten, wie
die Bestien in der Nähe des Kindleins niedersanken und bebten, da ging den
furchtsamen Heiden ein Licht auf, und sie fingen an zu ahnen, wer im Kinde zu
Hause ist. –
[JJ.01_124] 124. Kapitel – Eudokias und
Tullias Ohnmacht. Die giftigen Schlangen auf der Vollhöhe. Die Reinigung des
Platzes durch Maria mit dem Kinde. Das Erstaunen des Gefolges des Cyrenius.
24. Januar 1844
[JJ.01_124,01] Diese Bestienkarawane aber
kehrte nicht um, sondern sie zog etwas knurrend ihren Weg weiter.
[JJ.01_124,02] Die Eudokia an der Seite
Marias, wie auch die Tullia an der Seite des Cyrenius, der nun knapp vor den
zwei Eseln ging, überfiel bei dem Anblick wohl eine kleine Ohnmacht;
[JJ.01_124,03] aber der Joseph und die Maria
flößten ihnen so viel Mut ein, daß ihnen bald alle Furcht wieder verging.
[JJ.01_124,04] Und der Zug ging wieder
ungehindert weiter und hatte nun bis auf die Vollhöhe keinen Anstand mehr.
[JJ.01_124,05] Aber auf der Vollhöhe
angelangt, und zwar in die herrliche Freie, allda auf dem höchsten Punkte der
Tempel stand, da erhob sich ein neuer Anstand.
[JJ.01_124,06] In der Gegend des Tempels war
ein förmliches Lager von den giftigsten Klapperschlangen und Vipern.
[JJ.01_124,07] Zu Hunderten sonnten sie sich
auf dem weiten freien Platze um den Tempel herum.
[JJ.01_124,08] Als dieses Geschmeiß der
anrückenden Gesellschaft ansichtig ward, da fing es an zu klappern und zu
züngeln und zu pfeifen.
[JJ.01_124,09] Das Gefolge des Cyrenius ward
darob ganz starr vor Angst. Besonders schlecht ging es hier der Tullia, die zu
Fuße ging; die ward ganz wie von Sinnen und sah hier ihren Untergang vor Augen
in ihrer großen Angst.
[JJ.01_124,10] Aber nicht nur die Menschen,
sondern auch die drei Löwen fingen an, ein gewisses Angstgetöne von sich zu
geben, und schmiegten sich so eng als möglich an die Menschen.
[JJ.01_124,11] Dem Cyrenius machte zwar
dieser Anblick nichts, aber dennoch genierte er ihn seines Weibes und seines
Gefolges wegen.
[JJ.01_124,12] Er wandte sich darum an den
Joseph und sprach: „Bruder! sage den beiden Dienern des Herrn, daß sie dieses
Geschmeiß bedrohen sollen!“
[JJ.01_124,13] Der Joseph aber sprach: „Es
ist dieses nicht vonnöten!
[JJ.01_124,14] Denn siehe, da ist mein Weib
eine Hauptmeisterin; lassen wir sie nur voraustreten mit ihrem Lasttiere,
[JJ.01_124,15] und du wirst es sehen, wie
dieses Geschmeiß vor ihr die Flucht ergreifen wird!“
[JJ.01_124,16] Und die Maria mit dem Kindlein
auf dem Arme trat mit ihrem Lasttiere hervor; und als die Bestien die Maria
ersahen,
[JJ.01_124,17] da flohen sie plötzlich mit
Blitzesschnelle von dannen, und nicht eine war irgend mehr zu erblicken.
[JJ.01_124,18] Es verwunderte sich aber darob
das ganze Gefolge des Cyrenius, und viele fragten sich ganz erstaunt
untereinander:
[JJ.01_124,19] „Ist das nicht etwa gar die
Hygéa, der auch alle Schlangen sollen auf einen Wink gehorcht haben?“
[JJ.01_124,20] Cyrenius aber, der solches
Fragen vernahm, sprach: „Was redet ihr von Hygéa, die nie war!?
[JJ.01_124,21] Hier ist mehr als Juno, die
auch nie war; es ist das von Gott dem Höchsten erwählte Weib dieses erhabensten
Weisen!“
[JJ.01_124,22] Hier stutzten alle aus dem
Gefolge des Cyrenius; aber keiner getraute sich weiter jemanden darüber zu
fragen.
[JJ.01_125] 125. Kapitel – Der gefährliche
Tempel. Der Schwarm schwarzer Fliegen. Der Tempel stürzt ein. Die Gesellschaft
unter dem Feigenbaum.
25. Januar 1844
[JJ.01_125,01] Als die Vollhöhe dieses Berges
auf die Weise von all dem Geschmeiße gereinigt war, da sprach der Cyrenius zu
seiner Dienerschaft:
[JJ.01_125,02] „Gehet in den Tempel und feget
ihn, und bedecket den Altar mit reinen Tüchern, und leget dann den
mitgenommenen Mundvorrat auf denselben!
[JJ.01_125,03] Wir werden sodann in diesem
schönen Aussichtstempel eine kleine Stärkung zu uns nehmen!“
[JJ.01_125,04] Sogleich ging die Dienerschaft
des Cyrenius und tat, was ihr anbefohlen ward.
[JJ.01_125,05] Als also alles bestellt war,
da machte der Cyrenius dem Joseph und der Maria die Einladung, daß sie ihm in
den Aussichtstempel folgen sollen, um dort eine kleine Stärkung und Erfrischung
zu nehmen.
[JJ.01_125,06] Der Joseph aber sprach:
„Bruder, ich sage dir, lasse eilends alles aus dem Tempel holen, sonst fällt er
eher zusammen, als bis du deine Sachen wirst herausgeholt haben!
[JJ.01_125,07] Denn siehe, dies Gebäude ist
schon überaus alt, verwittert und locker und hat einst zu großen
Schändlichkeiten den Priestern gedient!
[JJ.01_125,08] Darum wird es nun nur noch von
einigen argen Geistern zusammengehalten.
[JJ.01_125,09] Trete nun ich mit meinem Weibe
und Kindlein in dies lose Gebäude, da werden die argen Geister entfliehen, und
der ganze Tempel stürzt dann in dampfende Trümmer über uns zusammen!
[JJ.01_125,10] Ich bitte dich darum, befolge
meinen Rat, und du wirst gut fahren!“
[JJ.01_125,11] Der Cyrenius machte hier große
Augen und befolgte den Rat Josephs aber dennoch augenblicklich.
[JJ.01_125,12] Es war aber seine Dienerschaft
kaum noch, wennschon eiligst, mit diesem Geschäfte fertig, als man eine große
Menge schwarzer Fliegen aus dem Tempel entfliegen sah unter einem wilden
Stoßgesumse.
[JJ.01_125,13] Bei dieser Erscheinung rief
Joseph den Dienern zu: „Begebet euch schleunigst aus dem Tempel, sonst leidet
ihr Schaden!“
[JJ.01_125,14] Wie vom Sturmwinde ergriffen,
schossen auf diesen Zuruf Josephs die Diener des Cyrenius aus dem Tempel.
[JJ.01_125,15] Als sie aber kaum noch einige
Schritte in größter Eile vom Tempel entfernt waren, da stürzte schon der Tempel
unter großem Gekrache zusammen.
[JJ.01_125,16] Alles entsetzte sich und
schlug die Hände über dem Kopfe zusammen; selbst die drei getreuen Löwen
machten bei dieser Gelegenheit etwas Reißaus, kamen aber nachderhand wieder.
[JJ.01_125,17] Man fragte sich allseitig um
den Grund dieser Begebenheit; aber unter den Heiden – mit Ausnahme des Cyrenius
– konnte niemand dem andern einen Bescheid erteilen.
[JJ.01_125,18] Als aber die Gesellschaft sich
von dem Schreck ein wenig erholt hatte, da fragte der Cyrenius den Joseph, wo
da wohl ein sicherer Platz wäre, den er möchte für die Erfrischungen decken
lassen.
[JJ.01_125,19] Und Joseph zeigte ihm ein ganz
freies grünes Plätzchen unter einem Gebirgsfeigenbaume, der voll von Blüten und
Früchten war.
[JJ.01_125,20] Und sogleich sandte Cyrenius
seine Diener dahin, ließ den Platz reinigen und dann gar zierlich decken und
darauf legen allerlei mitgenommene Erfrischungen.
[JJ.01_126] 126. Kapitel – Der Imbiß im
Freien mit den Jünglingen. Der Brand des kaiserlichen Palastes. Des Cyrenius
Aufregung und Zorn. Josephs Ruhe und gelassene Antwort an den erregten
Cyrenius.
26. Januar 1844
[JJ.01_126,01] Darauf lud der Cyrenius den
Joseph abermals ein, daß er sich mit ihm an die Erfrischungen machen möchte
samt der Maria, dem Kindlein und der Eudokia.
[JJ.01_126,02] Hier ging der Joseph sogleich
mit den Seinen und nahm zuunterst Platz und segnete die Speise und aß und
trank.
[JJ.01_126,03] Dem Beispiele Josephs folgten
auch die zwei Jünglinge und dann die ganze andere Gesellschaft.
[JJ.01_126,04] Als sie aber also ganz
wohlgemut beisammensaßen und aßen und tranken,
[JJ.01_126,05] siehe, da bemerkte der
Maronius, der da an der Seite des Cyrenius saß, wie sich über die Stadt
Ostracine eine mächtige Rauchsäule zu erheben anfing,
[JJ.01_126,06] und wie auch am etwas fernen
Meeresufer sich ebenfalls dichte Rauchsäulen erhoben.
[JJ.01_126,07] Er zeigte solches dem Cyrenius
sogleich an, und dieser erkannte sobald, daß da in der Stadt eben sein Palast
in Flammen stehe, – und vermutete, daß auch am etwas fernen Meeresufer seine
Schiffe angezündet seien.
[JJ.01_126,08] Wie von tausend Blitzen
getroffen, sprang hier Cyrenius auf und schrie:
[JJ.01_126,09] „Um des Herrn willen, – was
muß ich erschauen?! – Sind das die Früchte meiner Güte an euch elenden
Ostracinern?
[JJ.01_126,10] Wahrlich, ich will diese Güte
in die Wut eines Tigers umwandeln, und ihr sollt euren Frevel büßen, wie ihn
noch keine Furie in der untersten Hölle gebüßt hat!
[JJ.01_126,11] Auf, Freunde und Brüder! Nun
ist für uns hier keines Bleibens mehr! Auf, auf zur gerechten Rache gegen diese
Frevler!!!“
[JJ.01_126,12] Alles Gefolge des Cyrenius
sprang auf diesen furchtbaren Ruf des Cyrenius mit Blitzesschnelle auf und
raffte im Nu alles zusammen.
[JJ.01_126,13] Nur Joseph blieb mit den
Seinigen ganz ruhig sitzen und sah kaum nach der Gegend hin, da es brannte.
[JJ.01_126,14] Cyrenius bemerkte das und fuhr
den Joseph hastig an, sagend:
[JJ.01_126,15] „Was für ein Freund bist du
mir wohl, so du im Anblicke meines Unglücks also ruhig hier sitzen kannst?!
[JJ.01_126,16] Weißt du doch, daß ich ohne
dich diesen Gebirgsweg nicht sicher passieren kann wegen der vielen reißenden
Bestien!
[JJ.01_126,17] Daher erhebe dich und stelle
mich sicher, sonst erbitterst du mich auch gegen dich!“
[JJ.01_126,18] Und Joseph sprach ganz
gelassen: „Siehe, du zornentbrannter Römer, gerade jetzt werde ich dir nicht
folgen!
[JJ.01_126,19] Was wirst du wohl tun, so du
etwa in zwei Stunden hinabkommst? – Wird in der Zeit nicht alles schon von den
Flammen verzehrt sein?!
[JJ.01_126,20] Willst du aber dafür Rache
üben, da meine ich, es dürfte dazu noch immer Zeit genug sein!
[JJ.01_126,21] Wärest du nicht also
aufgefahren, wahrlich, ich hätte es den beiden Jünglingen gesagt, und diese
hätten dem Brande augenblicklich den Garaus gemacht.
[JJ.01_126,22] Da du aber selbst also
aufgefahren bist, so ziehe nun selbst hin, und dämpfe mit deinem Zorne das
Feuer!“
[JJ.01_127] 127. Kapitel – Cyrenius versucht
durch Tullia Joseph günstiger zu stimmen. Josephs Freundesworte. Die Löschung
des Brandes durch die Willenskraft der zwei Jünglinge.
27. Januar 1844
[JJ.01_127,01] Diese ganz ernstlich von
Joseph gesprochenen Worte machten auf den Cyrenius einen gar mächtigen
Eindruck, und er wußte nicht, was er darauf sagen solle;
[JJ.01_127,02] auch getraute er sich dem
sichtlich etwas aufgeregten Manne nicht noch mit irgendeinem Worte zu kommen.
[JJ.01_127,03] Darum sagte er zur Tullia:
„Gehe du hin zu dem weisen Manne und trage ihm meine verzeihliche Not und die
von ihr bewirkte Aufregung meines Gemütes vor!
[JJ.01_127,04] Bitte ihn um Verzeihung und
versichere ihm, daß ich ihm in alle Zukunft keine solche Minute mehr bereiten
werde!
[JJ.01_127,05] Nur möchte er mich diesmal
nicht sitzenlassen und solle mir nicht versagen seinen Beistand!“
[JJ.01_127,06] Joseph aber vernahm wohl, was
Cyrenius zu der Tullia geredet hatte;
[JJ.01_127,07] er stand darum auf, ging hin
zum Cyrenius und sprach: „Edler Freund und Bruder in Gott dem Herrn! Wir haben
bis jetzt noch keine Unterhändler gebraucht,
[JJ.01_127,08] sondern wir haben unser
gegenseitiges Anliegen uns allzeit offen bekannt!
[JJ.01_127,09] Wozu solle da dein Weib eine
Unterhändlerin machen, als wären wir beide uns nicht genug?
[JJ.01_127,10] Meinst du etwa, als könnte
auch ich mich irgendeiner Sache wegen erzürnen?
[JJ.01_127,11] O siehe, da würdest du dich
sehr irren an mir! – Mein Ernst ist nur die Frucht meiner großen Liebe zu dir!
[JJ.01_127,12] Schlecht aber ist der Freund,
der seinen Freund im Notfalle nicht auch ein Wort des Ernstes kann vernehmen
lassen!
[JJ.01_127,13] Siehe, wäre an der Sache, die
dich nun so kümmert, etwas, da dürftest du doch versichert sein, daß ich dich
zuerst darauf aufmerksam gemacht hätte, wie ich es dir sonst noch bei jeder
Gelegenheit tat!
[JJ.01_127,14] Hier aber ist nichts als ein
ganz leeres Blendwerk von seiten derjenigen argen Geister, die hier vertrieben
wurden!
[JJ.01_127,15] Sie üben nun eine blinde Rache
aus und wollen uns darum beunruhigen, weil wir sie hier aus ihrem alten Neste
vertrieben haben.
[JJ.01_127,16] Siehe, das ist das Ganze! –
Hättest du mich früher gefragt, bevor du dich erregtest, da hättest du nicht
einmal vonnöten gehabt, dich vom Boden zu erheben!
[JJ.01_127,17] Du aber trautest sogleich
deinen Sinnen und erregtest dich für nichts und nichts!
[JJ.01_127,18] Nun aber setze dich nur ganz
beruhigt wieder nieder, und schaue mit gelassenen Blicken dem Brande zu, und
sei versichert, er wird bald ein Ende nehmen!“
[JJ.01_127,19] Diese Kundgabe Josephs war für
den Cyrenius freilich wohl ungefähr das, was da ist für eine Kuh ein neues Tor;
[JJ.01_127,20] aber er glaubte dennoch, was
ihm der Joseph gesagt hatte, obschon er von dieser Sache nichts verstand.
[JJ.01_127,21] Joseph aber sprach in der
Gegenwart des Cyrenius zu den Jünglingen:
[JJ.01_127,22] „Blicket auch ihr einmal hin
nach der Stätte, da die hier Vertriebenen ihren Mutwillen treiben, damit des
ein Ende werde zur Beruhigung meines Bruders!“
[JJ.01_127,23] Und die zwei taten das, und
siehe, im Augenblick war von dem Brande keine Spur mehr zu entdecken!
[JJ.01_127,24] Nun erst begriff Cyrenius
etwas besser, was ihm zuvor Joseph kundgab, und ward nun wieder heiteren Mutes;
aber vor den zwei Jünglingen wie vor dem Joseph bekam er einen ungeheuren
Respekt.
[JJ.01_128] 128. Kapitel – Cyrenius wird
belehrt über die verheißenen Zupfereien des Herrn. Joseph erklärt die
wunderbaren Erscheinungen in der Natur.
29. Januar 1844
[JJ.01_128,01] Nachdem also alles wieder zur
Ordnung und Ruhe gebracht ward, da richtete Sich das Kindlein auf und sprach
zum Cyrenius:
[JJ.01_128,02] „Höre Mich an, du edelherziger
Mann! – Erinnerst du dich noch dessen, wie Ich den Bruder Jakob bei den Haaren
zupfte?
[JJ.01_128,03] Siehe, da wolltest du, daß Ich
auch dich also bei den Haaren zupfen sollte!
[JJ.01_128,04] Ich versprach dir solches, und
siehe, nun halte Ich auch schon Mein Versprechen;
[JJ.01_128,05] denn all die kleinen
Überraschungen, die dir seither vorkamen, sind nichts als die dir verheißenen
Zupfereien bei deinen Haaren!
[JJ.01_128,06] Wenn dir aber in Zukunft
wieder solche vor- und zukommen werden, da erinnere dich dieser Meiner Worte
und fürchte nichts, und werde nimmer zornig;
[JJ.01_128,07] denn du wirst darob kein Haar
verlieren! Dem Ich solches tue, den liebe Ich! – und der hat nichts zu fürchten
weder in dieser noch in der andern Welt!“
[JJ.01_128,08] Dem Cyrenius kamen bei dieser
Erklärung des Kindleins die Tränen, und er wußte sich vor lauter Liebe und Dank
nicht zu helfen.
[JJ.01_128,09] Es vernahmen aber auch viele
umstehende Heiden solche Rede des Kindleins und erstaunten über alle Maßen, wie
dies Kindlein von einem Vierteljahre Alters also vollkommen weise und klarst zu
reden vermag.
[JJ.01_128,10] Und es wandten sich einige an
den Joseph und fragten ihn, wie doch solches zuging, daß dies Kindlein in so
frühester Zeit also vollkommen ausgebildet zu reden vermag?
[JJ.01_128,11] Joseph zuckte hier mit den
Achseln und sprach: „Liebe Freunde! – Auf der großen Erde, und besonders im
Gebiete des Lebens, zeigen sich hie und da die wunderbarsten Erscheinungen.
[JJ.01_128,12] Sie geschehen vor unseren
Augen zwar, aber wer kann die geheimen Gesetze einer schaffenden Gottheit
bestimmen, nach denen sie solches wirkt?!
[JJ.01_128,13] Fürwahr, wir treten, als
selbst die größten Wunder, der Wunder Unzahl täglich mit unseren Füßen – und
beachten sie kaum!
[JJ.01_128,14] Wer von uns aber weiß, wie
dieses zahllose Wunderwerk entsteht – wie das Gras, wie der Baum, wie der Wurm,
wie die Mücke, wie der Fisch im Wasser?
[JJ.01_128,15] Fürwahr, uns bleibt da nichts
übrig, als die Wunder zu betrachten und den großen heiligen Werkmeister
derselben zu rühmen, zu loben und anzubeten!“
[JJ.01_128,16] Diese Erklärung des Joseph
beruhigte vollkommen die fragenden Heiden,
[JJ.01_128,17] und sie sahen von diesem
Augenblicke die ganze Natur mit ganz anderen Augen an.
[JJ.01_128,18] Sie zerstreuten sich dann nach
allen Seiten des freien Berges und betrachteten die Wunder der Schöpfung.
[JJ.01_128,19] Cyrenius aber wandte sich
dennoch heimlich an den Joseph und fragte ihn, ob er solches im Ernste nicht
wüßte.
[JJ.01_128,20] Und Joseph beteuerte ihm das
und sprach: „Wende dich darob an das Kindlein; das wird dir sicher die beste
Auskunft geben.“
[JJ.01_129] 129. Kapitel – Des Cyrenius Frage
über die wunderbare Redefähigkeit des drei Monate alten Jesuskindleins. Die
tiefweise Antwort der Engel über das geheimnisvolle Wesen des Kindleins.
30. Januar 1844
[JJ.01_129,01] Und der Cyrenius wandte sich darauf
sogleich allerdemütigst an das Kindlein und sprach:
[JJ.01_129,02] „Du mein Leben, Du mein Alles!
– Siehe, es ist dennoch, so man es auch weiß, Wer Du bist, zu unerhört
wunderbar, daß Du, ein Kindlein von drei Monden Alters, gar so vollkommen und
überweise zu reden vermagst!
[JJ.01_129,03] Ich möchte darum von Dir auf
diesem Berge, da sich schon so viel Wunderbarstes zutrug, ein kleines Licht
empfangen! – Möchtest Du mir denn darüber nicht einige Worte geben?“
[JJ.01_129,04] Das Kindlein aber sprach: „Cyrenius,
siehe, dort an der Seite Josephs befinden sich die zwei Diener; wende dich an
sie, die werden dir das kundtun!“
[JJ.01_129,05] Cyrenius befolgte sogleich
diesen Rat und wandte sich in dieser Sache an die beiden Jünglinge.
[JJ.01_129,06] Und die sprachen: „Siehe, das
ist eine rein himmlische Sache; so wir sie dir auch kundgeben, da wirst du sie
aber dennoch nicht fassen!
[JJ.01_129,07] Denn naturmäßige Menschen
können nimmer das reinst Himmlische erfassen, weil ihr Geist noch nicht ledig
ist, sondern gefangen von aller Materie der Welt.
[JJ.01_129,08] Du aber bist auch noch zum
größten Teile naturmäßig; also wirst du auch das nicht fassen, was wir dir
kundgeben werden!
[JJ.01_129,09] Du aber willst davon Kunde
erhalten, so wollen wir sie dir auf des Herrn Geheiß auch geben;
[JJ.01_129,10] aber das Verstehen können wir
dir nicht geben darum, da du noch ein naturmäßiger Mensch bist.
[JJ.01_129,11] Und so höre uns! – Siehe, das
Kindlein, wie Es ist in Seiner menschlichen Art, kann euch gegenüber als naturmäßigen
Menschen noch lange nicht reden!
[JJ.01_129,12] Das wird Es erst in einem
Jahre halbwegs imstande sein!
[JJ.01_129,13] Aber im Herzen des Kindleins
wohnet die Fülle der ewigen allmächtigen Gottheit!
[JJ.01_129,14] Wenn nun dies Kindlein dir
vernehmlich und überweise spricht, da spricht nicht das dir sichtbare Kind,
sondern die Gottheit aus dem Kinde in dein zu dem Behufe erwecktes Gemüt.
[JJ.01_129,15] Und du vernimmst dann die
Worte also, als redete das dir sichtbare Kindlein.
[JJ.01_129,16] Aber dem ist nicht also,
sondern da redet nur die dir unsichtbare Gottheit!
[JJ.01_129,17] Und was du wie von außen her
zu hören meinst, das hörst du nur in dir selbst; und das ist mit jedem der
Fall, so er dies Kindlein reden hört!
[JJ.01_129,18] Damit du dich aber davon
überzeugst, so stelle dich nun so ferne, als du willst, von hier, da man des
Kindleins natürliche Stimme nicht mehr vernehmen möchte.
[JJ.01_129,19] Und das Kindlein wird dann
dich anreden, und du wirst Es in der Ferne so gut vernehmen wie in der größten
Nähe! – Gehe und erfahre das!“
[JJ.01_129,20] Und der Cyrenius, vom Ganzen
zwar nichts verstehend, ging aber dennoch bei tausend Schritte nach des Berges
Fläche hin.
[JJ.01_129,21] Da vernahm er auf einmal den
Ruf des Kindleins ganz hell und klar, der also lautete:
[JJ.01_129,22] „Cyrenius! Kehre nur schnell
wieder zurück; denn unter dem Punkte, darüber du stehest, ist eine Höhle, voll
von Tigern!
[JJ.01_129,23] Diese fangen an dich zu
wittern; daher eile zurück, ehe sie deiner ansichtig werden!“
[JJ.01_129,24] Cyrenius, solches vernehmend,
floh sogleich mit Windesschnelle zurück und stand nun ganz verblüfft da. Er
wollte weiter fragen, aber er wußte am Ende nicht, um was er so ganz eigentlich
fragen sollte; denn diese Erfahrung war ihm zu wunderlich.
[JJ.01_130] 130. Kapitel – Cyrenius bekennt
seine Unwissenheit in geistigen Dingen. Seine Bitte um Licht. Die Antwort der
Engel als ein großes und klares Zeugnis über des Herrn Wesen und Menschwerdung.
Des Kindleins Segen über Cyrenius.
31. Januar 1844
[JJ.01_130,01] Die beiden Jünglinge sprachen
darauf nichts weiter; aber der Cyrenius war durch diese Erklärung zu sehr
angestochen worden, als daß er nun ruhen konnte.
[JJ.01_130,02] Als er sich nach einiger Zeit
erst wieder gesammelt hatte, da sprach er zu den beiden Jünglingen:
[JJ.01_130,03] „Hocherhabenste Diener Gottes
von Ewigkeit ganz sicher! Eure Erklärung ist zu wunderbar erhaben und all mein
Leben anziehend, als daß ich mich mit dem begnügen sollte, was ihr mir gesagt
und gezeigt habt!
[JJ.01_130,04] Ich erkenne nun wohl
vollkommen, daß ich ein aller höheren Weisheit vollkommen lediger Verstand- und
Naturmensch bin, der kaum um eine Spanne weiter sieht, als er greift.
[JJ.01_130,05] Sollte es aber nicht möglich
sein, mir nur ein wenig mehr Einsicht zu verschaffen?!
[JJ.01_130,06] Ich bitte euch demütigst
darum, tut mir solches! Öffnet mir ein in mir sicher verborgen liegendes
tieferes Erkenntnisvermögen,
[JJ.01_130,07] auf daß ich wenigstens das,
was ihr mir kundgegeben habt, klarer verstehen möchte!“
[JJ.01_130,08] Die beiden aber sprachen:
„Siehe, du sonst so lieber Freund und Bruder, du bittest hier um vor der Zeit
Unmögliches!
[JJ.01_130,09] Denn solange du noch im
Fleische wandelst, magst du nimmer Dinge der höchsten göttlichen Weisheit
begreifen!
[JJ.01_130,10] Denke dir, Gott der Herr, der
hier in aller Seiner endlosen und ewigen Fülle in diesem Kindlein wohnet, hätte
zahllose Myriaden der herrlichsten und übergroßen Welten und Erden, deren
endlos kleinsten Teil du zur Nachtzeit als Sternchen am Himmel erschauest,
[JJ.01_130,11] die Er Sich hätte, wie diese
Erde, für Seine Menschwerdung erwählen können! Und dennoch hat Er diese magere
Erde erwählt, die doch unter allen zahllosen Weltkörpern der elendeste und
schlechteste ist in jeder Hinsicht genommen!
[JJ.01_130,12] Aber Ihm, dem ewigen Herrn der
Unendlichkeit, hat es also wohlgefallen; Er tat es, wie es vor unseren Augen
liegt!
[JJ.01_130,13] Meinst du aber, Er hat dazu
etwa unseres Rates bedurft oder etwa unserer Einwilligung?
[JJ.01_130,14] O siehe, das wäre grundirrig
gedacht! – Er tut von Ewigkeit allein, was Er will, und noch nie ist jemand
Sein Ratgeber gewesen!
[JJ.01_130,15] Wer aber kann Ihn fragen und
sagen: ,Herr! was tust Du, und warum tust Du es?‘
[JJ.01_130,16] Er Selbst ist in Sich ewig die
höchste Vollendung, die höchste Weisheit, die größte Liebe und Sanftmut!
[JJ.01_130,17] Er ist in Sich die allein
allerhöchste Kraft und Macht; ein Gedanke der Vernichtung in Seiner Brust, und
alles sinkt im schnellsten Augenblicke ins Nichts zurück!
[JJ.01_130,18] Und siehe, dennoch läßt Er
Sich hier als ein schwaches Menschenkind auf den Armen einer schwachen
jüdischen Jungfrau locken!
[JJ.01_130,19] Und Er, der zahllose Sonnen,
Welten und Wesen endloser Art mit der belebenden, allerweisest
zweckdienlichsten Kost allerreichlichst von Ewigkeit versieht, sauget hier auf
dieser mageren Erde Selbst die schwachen Brüste einer fünfzehnjährigen
Jungfrau!
[JJ.01_130,20] Er als das Grundleben alles
Lebens hat Selbst das Kleid des Todes, der Sünde angezogen und hat Sich
verborgen im Fleische und Blute!! –
[JJ.01_130,21] Was sagst denn du dazu? – Wie
kommt dir das vor? – Möchtest du darüber nicht auch eine hellere Beleuchtung
haben?!
[JJ.01_130,22] Siehe, sowenig aber du das je
in der Tiefe erfassen wirst, ebensowenig kann dir hier über das Frühreden
dieses allerhöchsten Kindes mehr gesagt werden.
[JJ.01_130,23] Liebe Es aber aus allen deinen
Kräften in dir, und verrate Es nirgends, so wirst du auch in dieser Liebe etwas
finden, was dir sonst alle Himmel in Ewigkeiten nicht zu offenbaren
vermöchten!“
[JJ.01_130,24] Diese Worte erfüllten den
Cyrenius mit einer so ungeheuren Achtung vor dem Kinde, daß er sogleich vor
Demselben niederfiel und weinend sprach: „O Herr! Ich bin ewig solcher Gnade
nicht wert, die ich hier genieße!“
[JJ.01_130,25] Das Kindlein aber sprach:
„Cyrenius, stehe auf, und verrate Mich nicht! Ich kenne ja dein Herz, und liebe
dich, und segne dich; darum erhebe dich!“ – Und der Cyrenius erhob sich sobald,
ganz bebend vor Liebe und Achtung.
[JJ.01_131] 131. Kapitel – Ein nahender
Gewittersturm. Josephs Rat. Die Vorahnung und Flucht der Löwen nach dem Walde.
1. Februar 1844
[JJ.01_131,01] Es kamen aber die andern, die
sich ehedem nach allen Seiten der sehr gedehnten Fläche des Berges zerstreut
hatten, mit ganz bekümmerten Gesichtern zurück.
[JJ.01_131,02] Denn sie ersahen aus dem
südwestlichen Teile Ägyptens sich gar mächtige schwarze Wolken erheben, die
allzeit Vorläufer großer Stürme waren.
[JJ.01_131,03] Nordöstlich gegen Ostracine
hin war freilich wohl alles rein; aber desto schauerlicher sah es über dem
Gebirge, wie schon gesagt, südwestlich aus.
[JJ.01_131,04] Diese Zurückgekommenen rieten
daher zu einer schnellen Heimkehr.
[JJ.01_131,05] Cyrenius aber sagte: „Wenn es
an der rechten Zeit sein wird, werden uns schon diese mächtigen Weisen
kundgeben;
[JJ.01_131,06] solange sich aber diese ruhig
verhalten, da wollen auch wir uns kein graues Haar wachsen lassen!“
[JJ.01_131,07] Maronius und der Oberste
sprachen aber: „Du hast recht; aber gehe hin über diese kleine Anhöhe, und
sieh, und du wirst sicher auch unserer Meinung sein!
[JJ.01_131,08] Denn da sieht es ja aus, als
wenn alle Furien auf einmal die Erde in den Brand gesteckt hätten!“
[JJ.01_131,09] Cyrenius aber fragte den etwas
schlummernden Joseph:
[JJ.01_131,10] „Freund und Bruder, hast du
vernommen, was diese da mir für eine warnende Nachricht gebracht haben?“
[JJ.01_131,11] Und der Joseph sprach: „Ich
schlummerte und weiß kaum, wovon da nun unter euch die Rede war.“
[JJ.01_131,12] Und der Cyrenius sprach: „So
erhebe dich, und gehe mit mir auf diese Anhöhe, und du wirst den Stoff unserer
Rede sogleich entdecken!“
[JJ.01_131,13] Und Joseph erhob sich und ging
mit dem Cyrenius auf die Höhe.
[JJ.01_131,14] Als sie da anlangten, zeigte
Cyrenius dem Joseph sogleich das höchst drohende Aussehen des herannahenden
Sturmes.
[JJ.01_131,15] Und der Joseph sprach: „Ja,
was willst du da nun machen?
[JJ.01_131,16] Fliehen? – Wohin? – In einer
Viertelstunde ist der Sturm längstens da!
[JJ.01_131,17] Nach Ostracine brauchen wir
laufend anderthalb Stunden; bevor wir noch durch den oberen Teil der
Gebirgswaldung kommen, hat uns der Sturm lange schon eingeholt!
[JJ.01_131,18] Was dann in der unsicheren
Schlucht, wenn uns eine Legion von Bestien umringen werden, was sie bei großen
Stürmen gerne tun?!
[JJ.01_131,19] Und wenn uns obendrauf noch
reißende Wolkenbruchströme ereilen und uns schonungslos in die Tiefe mitreißen,
– was machen wir dann?!
[JJ.01_131,20] Daher bleiben wir lieber hier
auf der Höhe, da können wir höchstens naß werden, während uns im Walde allerlei
Ungemach zustoßen kann!“
[JJ.01_131,21] Cyrenius war mit diesem Rate
zufrieden und ging mit Joseph unter den Feigenbaum zurück.
[JJ.01_131,22] Aber die Gesellschaft des
Cyrenius machte dabei dennoch sehr bedenkliche Mienen, – besonders als sie die drei
Löwen auf einmal aufspringen und die Flucht in die Wälder ergreifen sah.
[JJ.01_131,23] Und der Maronius sprach zum
Joseph selbst: „Siehe, die drei uns getreu gewordenen Bestien haben sicher im
Vorgefühle für die Kalamität, die uns hier erwartet, die sie schützende Flucht
ergriffen! Sollen wir nicht desgleichen tun?“
[JJ.01_131,24] Joseph aber sprach: „Der
Mensch hat nicht vom Tiere zu lernen, was er tun soll, sondern vom Herrn der
Natur!
[JJ.01_131,25] Ich aber bin der Meinung, daß
ich klüger bin als das Tier; darum bleibe ich und werde den Sturm hier abwarten
und nach demselben erst aufbrechen, falls einer kommen wird!“ – Damit mußten
sich nun alle zufriedenstellen und bleiben in banger Erwartung.
[JJ.01_132] 132. Kapitel – Der Berggipfel im
Nebel. Die Götterfurcht der Heiden. Cyrenius' Mut erprobt im Toben des
Unwetters. Das Verstummen des Gewitters auf das Machtwort des Jesuskindleins.
3. Februar 1844
[JJ.01_132,01] Es dauerte aber keine
Viertelstunde, als sich der Gipfel des Berges auf einmal in Nebel zu hüllen
anfing, und das so dicht, daß es förmlich finster wurde.
[JJ.01_132,02] Die ganze Gesellschaft des
Cyrenius fing an zu wehklagen und sprach:
[JJ.01_132,03] „Da haben wir's jetzt! – der
Zeus wird uns hier schön bedienen!
[JJ.01_132,04] Hier wird es nicht heißen:
Ferne von Zeus, ferne vom Blitze!
[JJ.01_132,05] Sondern hier können wir alle
gar übel umkommen; denn Sterbliche sollen sich den Göttern nie über die Gebühr
nahen, wollen sie mit heiler Haut auf der Erde wandeln!“
[JJ.01_132,06] Der Cyrenius aber sprach etwas
scherzhaft: „Nun sollen mich eure Götter allesamt etwas gerne haben!
[JJ.01_132,07] Ich habe einen besseren Gott
gefunden, bei dem es nicht heißt: Ferne von Ihm, auch ferne vom Blitze!
[JJ.01_132,08] Sondern da heißt es ganz
umgekehrt: Ferne von Ihm, ferne vom Leben – und sehr nahe dem tötenden Blitze!
[JJ.01_132,09] Aber nahe bei Ihm heißt dann
auch soviel als: Nahe dem Leben – und sehr ferne vom tötenden Blitze!
[JJ.01_132,10] Darum schrecken mich nun auch
diese Nebel gar nicht; denn ich weiß ja, daß wir alle dennoch sehr ferne vom
tötenden Blitze sind!“
[JJ.01_132,11] Als aber der Cyrenius solches
noch kaum ausgesprochen hatte, da zuckte schon ein knallender Blitz gerade vor
der Gesellschaft in die Erde, und diesem folgte bald eine Legion!
[JJ.01_132,12] Das frappierte den Cyrenius
ein wenig, und seine Gefährten sprachen: „Wie gefällt dir das auf deine frühere
Äußerung?“
[JJ.01_132,13] Und der Cyrenius sprach: „Sehr
gut; denn das ist ja ein wahrhaftes Mordsspektakel, bei dem von uns noch keiner
das Leben verloren hat!
[JJ.01_132,14] Mir scheint, eure Götter
gewahren hier den Bruder des Kaisers – und wen ganz andern noch! Darum tun sie
uns diese Ehre an!“
[JJ.01_132,15] Ein Hauptmann aber aus der
Gesellschaft des Cyrenius, der noch so ziemlich stark unter dem Pantoffel der
Götter stand, sprach zum scherzenden Cyrenius:
[JJ.01_132,16] „Aber ich bitte Eure
Kaiserliche Consulische Hoheit, scherzet ja nicht hier mit den Göttern! – denn
wie leicht könnte das der flinke Merkur dem Zeus benachrichten, und wir wären
dann alle mit einem Blitze verloren!“
[JJ.01_132,17] Und der Cyrenius sprach, noch
mehr scherzend: „Mein lieber Hauptmann, setze dich darob ganz ruhig zur Erde
nieder!
[JJ.01_132,18] Denn der Merkur hat nun einen
ewigen Hausarrest von Zeus bekommen, und der Zeus selbst hat von einer ganz
andern Juno eine so derbe Maulschelle bekommen, daß ihm darob das Hören und
Sehen für ewig verging!
[JJ.01_132,19] Daher magst du nun ganz ruhig
sein in dieser Hinsicht; denn von nun an wird der Zeus mit Blitz und Donner
nicht viel mehr zu schaffen haben!“
[JJ.01_132,20] Es fing aber bei dieser
Gelegenheit stets heftiger an zu blitzen und gar furchtbar zu donnern, und der
Hauptmann bemerkte:
[JJ.01_132,21] „Oh! Ihre Kaiserliche Consulische
Hoheit werden diese Schmährede gegen die Götter sicher noch hoch bereuen!“
[JJ.01_132,22] Und der Cyrenius sprach:
„Heute sicher nicht; vielleicht morgen, wenn mir so viel Zeit übrigbleiben
wird!
[JJ.01_132,23] Denn siehe, so ich gleich dir
und noch so manchem anderen Toren die Götter fürchten möchte, da würde ich
gerade jetzt unter diesem Feuermeere nicht also reden!
[JJ.01_132,24] Weil ich aber eben die Götter
durchaus nicht mehr fürchte, darum rede ich also!“
[JJ.01_132,25] Damit war der Hauptmann
abgefertigt und getraute sich dann nicht weiter mit der Kaiserlichen Hoheit zu
reden.
[JJ.01_132,26] Ein Blitz aber schlug gerade
zwischen dem Joseph, der Maria und den beiden Jünglingen ein.
[JJ.01_132,27] Da richtete sich das Kindlein
auf und sprach: „Entlarve dich, du Ungetüm!“
[JJ.01_132,28] Auf dies Wort fielen auf
einmal alle die Wolken nieder. Der Himmel ward ganz rein; aber dafür erblickte
man eine Menge Geschmeiß am Boden herumkriechen.
[JJ.01_132,29] Die beiden Jünglinge aber
richteten einen Blick auf den Boden, und alles Geschmeiß floh teilweise dem
Walde zu, teilweise aber ward es vernichtet.
[JJ.01_132,30] Dieser Akt machte alles
verstummen, was mit Cyrenius sich auf dem Berge befand; denn man wußte nicht,
wie solches kam.
[JJ.01_133] 133. Kapitel – Die Wißbegier des
nachdenklich gewordenen römischen Obersten und sein Gespräch mit Cyrenius über
die Naturgesetze und ihren Gesetzgeber. Die Rückkehr vom Berge nach Hause.
5. Februar 1844
[JJ.01_133,01] Nach einer langen Weile des
Staunens über Staunens nahte sich der Oberste ganz bescheiden dem Cyrenius und
sprach:
[JJ.01_133,02] „Eure Hoheit! Ich weiß, daß
dieselben sich sehr viel mit der Naturwissenschaft abgegeben haben, wie solches
auch mehrere erlauchte Häupter Roms es taten!
[JJ.01_133,03] Ich bin zwar für mich stets
mehr Soldat als irgendein Naturgelehrter gewesen;
[JJ.01_133,04] aber diese höchst sonderbare
Erscheinung, die hier vor unsern Augen geschah, nötigt mich zum Nachdenken.
[JJ.01_133,05] Doch aber mag ich keinen anderen
Grund irgend erschauen als im Ernste den wunderbaren nur, der da durch die
sonderbare Macht dieses jüdischen Kindes erklärlich ist.
[JJ.01_133,06] Sollte aber da im Ernste kein
anderer Grund vorhanden sein? – Sollte es nicht irgend geheime Gesetze in der
Natur geben, nach denen solches ebensogut erzeugt werden muß, wie sonst der
Regen, Hagel und der Schnee?
[JJ.01_133,07] O gebet mir da ein kleines
Lichtlein, damit ich doch auch etwas verstehen möchte und nicht wie ein Strumpf
eines Illyriers dastehe!“
[JJ.01_133,08] Und der Cyrenius sprach zum
Obersten: „O Freund! – du hast dich schlecht beraten, darum du dich in dieser
Sache an mich gewendet hast!
[JJ.01_133,09] Denn da verstehe ich
geradesoviel als du; daß solches sicher nach einem Gesetze geschah, so viel ist
gewiß!
[JJ.01_133,10] Wie aber das Gesetz beschaffen
ist, das wird wohl schwerlich jemand anderer wissen als allein der große
Gesetzgeber der Natur!
[JJ.01_133,11] Ob wir Sterbliche aber
berechtigt sind, den großen Gesetzgeber um die Beschaffenheit solcher Gesetze
zu fragen, das ist mir wenigstens völlig unbekannt!“
[JJ.01_133,12] Der Oberste aber sprach:
„Sehet, Eure Hoheit, da ist ja der weise Jude, da sein wunderbares Kind und die
höchst merkwürdigen beiden Jünglinge, die uns heute morgen mit ihren
Glanzkleidern so sehr außer aller Fassung gebracht haben!
[JJ.01_133,13] Wie wäre es denn, so wir uns
in dieser höchst merkwürdigen Sache an sie wendeten?“
[JJ.01_133,14] Und der Cyrenius sprach:
„Versuche es, so du dazu Mut genug besitzest!
[JJ.01_133,15] Mir mangelt bei dieser
Gelegenheit dieser; denn ich ersehe nun ganz klar, daß das – Wesen ganz anderer
Art sind, als wir es sind!“
[JJ.01_133,16] Und der Oberste sprach: „An
Mut gerade gebricht es mir nicht;
[JJ.01_133,17] aber wenn Ihre Hoheit solcher
Meinung sind, da will ich doch sicher keinen Hochverräter machen und begnüge
mich mit meiner Ignoranz!“
[JJ.01_133,18] Der Joseph aber sprach zum
Cyrenius: „Bruder, nun lasse zum Aufbruche ordnen; denn die Sonne hat sich
schon ziemlich geneigt!“
[JJ.01_133,19] Der Cyrenius tat solches, und
in kurzer Zeit ward die Rückreise angetreten, die ohne alle Hindernisse vor
sich ging; und in zwei Stunden ward die Villa wieder erreicht.
[JJ.01_134] 134. Kapitel – Der Empfang im
Hause Josephs durch die Zurückgebliebenen. Joels Erzählung. Die drei Löwen als
Leibwache des Cyrenius.
6. Februar 1844
[JJ.01_134,01] Bei der Villa wieder
angelangt, ward die Gesellschaft sogleich von den Söhnen Josephs und ganz
besonders aber von den zurückgebliebenen Jünglingen auf das liebfreundlichste
begrüßt.
[JJ.01_134,02] Und die Söhne zeigten dem
Vater Joseph sogleich alles an, was sie unterdessen gemacht und wie sie seinen
Willen auf das pünktlichste erfüllt hatten.
[JJ.01_134,03] Zugleich aber erzählte der
älteste Sohn dem Joseph, was alles sich unter der Zeit wunderbar in der Gegend
von Ostracine zugetragen hatte.
[JJ.01_134,04] „Ganz besonders“, sagte der
Erzähler, „hat der plötzliche Brand der Residenz in der Stadt alle Bewohner
erschreckt!
[JJ.01_134,05] Als aber diese sich bemühten,
dem Brande Einhalt zu tun, da erlosch das gewaltige Feuer auf einmal und war
keine Spur mehr vom selben zu entdecken.
[JJ.01_134,06] Darauf ersahen wir auf einmal,
daß sich der Berg in feurige Wolken einzuhüllen begann, und tausend Blitze
zuckten durcheinander.
[JJ.01_134,07] Da gedachten wir des Sinai,
der zur Zeit der großen Offenbarung Gottes an unsere Väter gerade also
ausgesehen haben mag.
[JJ.01_134,08] Wir waren da sehr, sehr
besorgt um euch; aber die Jünglinge vertrösteten uns und sagten, daß da
niemandem auch nur ein Haar gekrümmt wird.
[JJ.01_134,09] Wie aber der Berg also sich in
feurige Wolken zu hüllen anfing, siehe, da wurden wir aber gar bald dennoch
recht gewaltig erschreckt:
[JJ.01_134,10] Drei ungeheure Löwen sprangen
in großer Hast auf uns zu vom Wege des Berges.
[JJ.01_134,11] Wir erschraken darob sehr.
Aber die Jünglinge sprachen: ,Fürchtet euch nicht; denn diese Tiere suchen
Schutz in der Wohnung Dessen, dem alle Dinge gehorchen müssen!‘
[JJ.01_134,12] Und siehe, also war es auch!
Die drei Löwen eilten sogleich in unsere Karrenschuppen, allwo sie sich noch
ganz ruhig befinden.
[JJ.01_134,13] Wir gingen nach dem Sturme mit
einigen Jünglingen hin und besahen die riesigen Bestien;
[JJ.01_134,14] da erhoben sie sich bald und
gaben Zeichen von unverkennbarer Ergebung und Freundlichkeit! – Siehe, Vater
Joseph, das alles ist wunderbarst vor sich gegangen in eurer Abwesenheit.“
[JJ.01_134,15] Und der Joseph sprach: „Nun
gut, gut mein Sohn; das alles haben auch wir erlebt! Du hättest deine Erzählung
fast etwas zu lange dauernd gemacht!
[JJ.01_134,16] Nun gehet aber und bestellet
den Tisch; denn wir alle brauchen Stärkung, da uns der Berg ein wenig
mitgenommen hat!“
[JJ.01_134,17] Und die Söhne mit den andern
Jünglingen eilten sogleich in die Küche und in das Speisezimmer und brachten in
kurzer Zeit alles in die schönste Ordnung.
[JJ.01_134,18] Der Cyrenius aber sprach:
„Fürwahr, das nimmt mich sehr wunder, daß diese drei Bestien, anstatt sich in
ihre Höhlen zu verkriechen, hierher die Zuflucht nahmen!
[JJ.01_134,19] Am Ende werden sie beim Hause
bleiben und dasselbe treu bewachen, wie man ähnliche Beispiele von dieser
Tiergattung mehrere hat!“
[JJ.01_134,20] Und der Joseph sprach: „Mir
ist alles recht, was dem Herrn recht und wohlgefällig ist!
[JJ.01_134,21] Es kann aber auch sein, daß
diese Tiere dir folgen werden zu einem Schutze deines Schiffes?!“
[JJ.01_134,22] Und der Cyrenius sprach: „Dann
wird es auch mir recht sein, was der Herr will, – obschon mich der Herr auch
ohne diese Löwen beschützen kann!“
[JJ.01_134,23] Hier kamen die drei Löwen
hervor und stellten sich um den Cyrenius und gaben ihm ihre Freundlichkeit zu
erkennen.
[JJ.01_134,24] Und der Cyrenius sprach: „Das
ist aber im Ernste sonderbar; du lieber Bruder darfst nur etwas reden, so
geschieht es auch schon!“
[JJ.01_134,25] Die beiden Jünglinge aber
sprachen: „Diese drei Tiere werden dir noch heute in der Nacht gute Dienste
tun!
[JJ.01_134,26] Denn der Herr weiß allzeit die
tauglichsten Mittel, durch die Er jemandem hilft.
[JJ.01_134,27] Solche Tiere aber waren schon
öfter in göttlichem Dienste; daher werden sie jetzt auch erwählt, dir zu dienen
in einer Sache, die deiner harret! – Und also geschehe es!“
[JJ.01_135] 135. Kapitel – Das Mahl im Hause
Josephs. Des Kindleins Eröffnung über das bevorstehende Attentat auf Cyrenius.
Des Cyrenius Heimkehr. Die Löwen als Nachtwache. Der Überfall. Das Gottesgericht
über die Attentäter.
7. Februar 1844
[JJ.01_135,01] Nach dieser Beredung verließen
die drei Löwen den Cyrenius wieder und zogen sich in ihre Karrenschuppen
zurück.
[JJ.01_135,02] Der Cyrenius wollte zwar noch
so manches über diese Erscheinung mit dem Joseph sprechen, aber es kamen soeben
die Söhne Josephs und zeigten ihm an, daß das Mahl bereitet und der Tisch
bestellt sei.
[JJ.01_135,03] Und der Joseph lud daher
sogleich die ganze Gesellschaft ein, in das Speisegemach zu treten und sich zu
stärken am Tische mit Speise und Trank.
[JJ.01_135,04] Auf diese Einladung begab sich
nun alles in das Speisegemach und aß die gesegneten Speisen und stillte sich
den Durst mit Wasser und etwas Zitronensaft.
[JJ.01_135,05] Nach der Mahlzeit, die bei
einer Stunde gedauert hatte, dankte Joseph Gott und segnete alle die hier
anwesenden Gäste.
[JJ.01_135,06] Das Kindlein aber verlangte
den Cyrenius; und als dieser in der höchsten Demut sich Diesem näherte, sprach Es
zu ihm:
[JJ.01_135,07] „Cyrenius, heute in der Nacht
wirst du von einer kleinen verräterischen Rotte überfallen werden in deinem
Schlafgemache!
[JJ.01_135,08] Ich aber gebe dir darum die
drei Löwen mit; diese lasse im Gemache bei dir, wie sie dir folgen werden.
[JJ.01_135,09] Wenn die verräterische Horde
in dein Gemach treten wird, da wird sie plötzlich von den drei Löwen auf das
grimmigste angefallen und zerrissen werden;
[JJ.01_135,10] dir aber wird dabei kein Haar
gekrümmt werden! – Scheue dich aber nicht vor den drei Löwen; denn diese
erkennen in dir vollkommen ihren Herrn!“
[JJ.01_135,11] Inbrünstigst dankte der
Cyrenius dem Kindlein in seinem Herzen und überhäufte Es mit vielen Küssen,
desgleichen auch sein Weib, die Tullia, die aber nicht wußte, was das Kindlein
ehedem mit dem Cyrenius geredet hatte.
[JJ.01_135,12] Und als es schon ziemlich
Abend geworden war, da brach Cyrenius mit seiner Gesellschaft auf, wiederholte
noch einmal seine Einladung auf den nächsten Tag und begab sich dann gesegnet
in die Stadt.
[JJ.01_135,13] Als er aber seinen Fuß über
die Hausflur gesetzt hatte, da waren auch die drei Löwen schon bei der Hand und
begleiteten den Cyrenius festweg in seine Wohnung.
[JJ.01_135,14] Und als er da sich auf sein
Lager mit der Tullia begab, umlagerten die Löwen dasselbe, ihre leuchtenden
Augen auf die Eingangstüre unverwandt richtend.
[JJ.01_135,15] Es gingen die Diener des
Cyrenius noch öfter aus und ein; aber die Löwen achteten ihrer nicht.
[JJ.01_135,16] Es war aber um die zweite
Nachtwache, da kamen zwanzig vermummte Männer ganz leisen Trittes ins Gemach
des Cyrenius und nahten sich ganz leise dem Schlaflager desselben.
[JJ.01_135,17] Als sie aber kaum mehr fünf
Schritte vom Lager entfernt standen und ihre Dolche hervorzogen,
[JJ.01_135,18] da stürzten auf einmal die
drei Löwen unter dem furchtbarsten Gebrülle auf sie los und zerrissen sie in
wenigen Augenblicken in Stücke, und nicht einer entkam diesem Angriffe!
[JJ.01_135,19] Denn auf so einen Angriff war
keiner gefaßt; bei dem ersten Ansprunge geriet alles in die größte Angst und
Verwirrung und gedachte an keine Verteidigung.
[JJ.01_135,20] Aus dem Grunde fand auch
keiner den Rückweg und ward somit eine Beute der Wut der Löwen.
[JJ.01_135,21] Und so ward der Cyrenius in
dieser Nacht wunderbar durch die drei Löwen gerettet und staunte am nächsten
Tage morgens nicht wenig, als er der zerrissenen Leichen im Zimmer ansichtig
ward.
[JJ.01_136] 136. Kapitel – Das Verhör der
Dienerschaft des Cyrenius. Die Angst der Diener vor den drei Richtern. Die
Entdeckung des Verräters. Des Löwen vorbildliches Gericht.
8. Februar 1844
[JJ.01_136,01] Cyrenius weckte aber auch
sogleich seine Dienerschaft und berief sie, daß sie ihm zur Rede stehe, wie
solche Verräterei geschah.
[JJ.01_136,02] Die Dienerschaft erschrak über
diesen Anblick und sprach zum erzürnten Statthalter:
[JJ.01_136,03] „Allergestrengster,
gerechtester und mächtigster Herr, Herr! – Die Götter sollen unsere Zeugen
sein, daß wir von allem dem nicht eine Silbe wußten!
[JJ.01_136,04] Wir wollen alle des Todes
sein, so wir daran nur die allergeringste Teilnahme oder selbst nur die
geringste Wissenschaft haben!“
[JJ.01_136,05] Und der Cyrenius sprach: „Also
schaffet denn diese Leichen hinaus und beerdiget sie vor dieser Burg auf dem
offenen Platze zum abschreckenden Beispiele für alle jene, die etwa noch ihres
Sinnes wären!“
[JJ.01_136,06] Die Dienerschaft aber hatte
eine große Furcht vor den drei Löwen, die noch das Lager des Cyrenius strenge
bewachten, und sprach:
[JJ.01_136,07] „O Herr, Herr! Siehe, wir
getrauen uns nicht, hier etwas anzurühren; denn die drei Bestien sehen zu
grimmig aus und könnten uns das tun, was sie diesen Meuterern taten?!“
[JJ.01_136,08] Und der Cyrenius sprach: „Wer
aus euch redlichen Gewissens ist, der trete hervor und überzeuge sich, daß auch
diese grimmigen Tiere die Treue respektieren!“
[JJ.01_136,09] Auf diese Rede des Cyrenius
traten bis auf einen alle hervor, und die Löwen taten ihnen nicht das mindeste
zuleide.
[JJ.01_136,10] Cyrenius aber fragte den
Zurückgebliebenen: „Warum bleibst denn du zurück, während du doch siehst, wie
deine Kameraden von den Löwen nicht im allergeringsten beleidigt werden?!“
[JJ.01_136,11] Und der Gefragte sprach:
„Herr, Herr, sei mir barmherzig; denn ich habe ein unreines Gewissen!“
[JJ.01_136,12] Und der Cyrenius fragte ihn:
„Worin besteht denn die Unreinheit deines Gewissens? – Rede, willst du nicht
sterben!“
[JJ.01_136,13] Und der Gefragte sprach:
„Herr, Herr! – ich wußte von diesem Verrat seit gestern morgen, wollte aber dir
nichts davon kundtun, weil ich bestochen ward mit hundert Pfund Silbers!
[JJ.01_136,14] Denn ich dachte mir, du
würdest ohnehin gerettet werden, wie der weise Mann draußen in der Villa
gerettet ward, und so nahm ich das Silber an.“
[JJ.01_136,15] Hier sprang der Cyrenius auf
und sprach: „Also muß denn ein jeder ehrliche Menschenfreund unter seinen
Dienern und Freunden auch einen Teufel haben!?
[JJ.01_136,16] Du elender Schurke, da tritt
her vor das Gericht Gottes! Findest du Gnade vor diesem Gericht, da will auch
ich dich nicht richten;
[JJ.01_136,17] findest du aber vor diesem
Gerichte keine Gnade, so bist du schon gerichtet für ewig!“
[JJ.01_136,18] Hier fing der Gefragte und
also Beheißene an zu zagen und sank ohnmächtig zusammen.
[JJ.01_136,19] Da stand ein Löwe auf, bewegte
sich hin zu dem Ohnmächtigen, erfaßte dessen Hand und schleppte ihn ganz
behutsam hin vor den Cyrenius, allwo der Schuldige regungslos liegenblieb.
[JJ.01_136,20] Dann aber sprang derselbe Löwe
mit großer Hast in das offene Gemach und packte im selben einen Ballen, zog ihn
hervor und zerriß ihn in tausend Stücke.
[JJ.01_136,21] Und die hundert Pfunde Silbers
kamen zum Vorscheine, die der Diener für sein Schweigen erhielt.
[JJ.01_136,22] Der Cyrenius staunte nicht
wenig über diese Erscheinung.
[JJ.01_136,23] Der Löwe aber faßte darauf
wieder den Schuldigen am Arme, zog ihn in das Seitengemach und legte ihn gerade
an die Stelle hin, wo ehedem der Ballen lag.
[JJ.01_136,24] Da versetzte er ihm einige
Schweifhiebe, die den Betäubten wieder zu sich brachten, und tat ihm sonst
nichts an.
[JJ.01_136,25] Darauf kam der Löwe wieder
zurück an seine vorige Stelle und verhielt sich mit den zwei Kameraden ganz
ruhig.
[JJ.01_136,26] Die Dienerschaft begann nun
die Leichen wegzuräumen nach des Cyrenius Befehl. Und der Cyrenius lobte und
pries den Gott Israels, daß Er ihn also wunderbar gerettet hatte, – und in
einer Stunde war das Schlafgemach völlig wieder gereinigt.
[JJ.01_137] 137. Kapitel – Tullia erwacht aus
tiefem Schlaf. Cyrenius erzählt, was geschah. Das Wiedersehen mit der heiligen
Familie.
9. Februar 1844
[JJ.01_137,01] Die Tullia aber erwachte erst
von einem stärkenden Schlafe, als im Schlafgemache keine Spur mehr von dem
vorhanden war, was in dieser Nacht vorging.
[JJ.01_137,02] Und der Cyrenius fragte sie,
ob sie ganz ruhig geschlafen habe.
[JJ.01_137,03] Und die Tullia beteuerte ihm
solches, indem sie von der Gebirgsreise sehr ermüdet war.
[JJ.01_137,04] Und der Cyrenius sprach: „Das
war ein großes Glück für dich!
[JJ.01_137,05] Denn wärest du wach gewesen in
der Nacht, so hättest du eine große Angst ausgestanden!
[JJ.01_137,06] Denn siehe, noch vor einer
Stunde war dieses Gemach ein Anblick des Schreckens!“
[JJ.01_137,07] Ganz erstaunt fragte die Tullia
hier den Cyrenius, was es denn gegeben habe, und was da vorgefallen sei.
[JJ.01_137,08] Und der Cyrenius zeigte der
Tullia die drei Löwen und sprach mit einer sehr erhobenen Stimme:
[JJ.01_137,09] „Tullia! – siehe, das sind
doch drei schreckliche Tiere; sie sind Könige der tierischen Kraft, Wut und
Grausamkeit, so sie gereizt werden!
[JJ.01_137,10] Und wehe jedem Wanderer in der
Wildnis, da sie hausen!
[JJ.01_137,11] Nichts rettet ihn vor ihrer
Wut – ein Sprung, und der Mensch liegt zerrissen im glühenden Staube der Wüste!
[JJ.01_137,12] Und doch gibt es Menschen,
gegen die diese Tiere Genien der Himmel sind!
[JJ.01_137,13] Also haben die drei reißenden Tiere
uns beide in dieser Nacht vor der Wut der Menschen bewahrt und haben zwanzig
Meuterer in diesem Gemache zerrissen!“ –
[JJ.01_137,14] Tullia entsetzte sich ob
dieser Erzählung ihres Gemahls und sprach:
[JJ.01_137,15] „Wie ging denn das zu? – Warum
wußte ich denn nichts davon? Hast du schon eher etwas gewußt, warum gabst du
mir nichts kund davon?“
[JJ.01_137,16] Und der Cyrenius sprach:
„Tullia, ich wußte wohl, daß in dieser Nacht etwas vorfallen werde;
[JJ.01_137,17] aber in welcher Art, genau
gesprochen, wußte ich nicht; denn ich wußte nur so viel, als mir das göttliche
Kind meines Freundes kundgab.
[JJ.01_137,18] Daß ich dir aber davon nichts
kundgab, lag in meiner großen Liebe zu dir, du mein Herzensweibchen!
[JJ.01_137,19] Und siehe, nun ist alles vorüber;
der Gott Israels hat uns wunderbar vor einem schändlichsten Untergange
gerettet,
[JJ.01_137,20] dafür wir Ihn aber auch
lieben, loben und preisen wollen unser Leben lang in unseres Herzens Tiefe!
[JJ.01_137,21] Nun aber, da du schon
angekleidet bist, lasse uns der erhabenen Familie entgegenziehen und sie
empfangen noch vor dem Tore der Stadt!“
[JJ.01_137,22] Cyrenius gebot nun seiner
Dienerschaft, alles fürs bevorstehende Fest zu bereiten und gar wohl zu ordnen,
[JJ.01_137,23] und befahl dem verräterischen
Diener, ihm zu folgen vor das Stadttor.
[JJ.01_137,24] Im selben Augenblicke aber kam
der Maronius mit den drei Priestern hervor aus einem anderen Teile der Burg und
kündigte dem Cyrenius an, daß sich die erhabenste Familie schon der Burg nahe.
[JJ.01_137,25] Hier ließ der Cyrenius alles
im Stiche und eilte mit pochendem Herzen seinem Freunde Joseph entgegen, der
ihm aber schon an der ersten Treppe mit Maria mit dem Kinde und mit seinem
ganzen himmlischen Gefolge mit ausgebreiteten Armen entgegenkam.
[JJ.01_138] 138. Kapitel – Des Cyrenius
Bericht und Josephs Kritik. Liebe und Mitleid sind besser als die strengste
Gerechtigkeit. Des Cyrenius Dank. Die Gesellschaft im großen Schlafsaal des
Cyrenius.
10. Februar 1844
[JJ.01_138,01] Cyrenius umarmte den Joseph
mit der größten Innigkeit und gab ihm kund in kurzen Worten, was diese Nacht
hindurch in der Burg vorgefallen ist.
[JJ.01_138,02] Und der Joseph sprach: „Mein
geliebtester Freund und Bruder im Herrn, – was du mir erzählen willst, wußte
ich noch eher, als es geschah, auf ein Haar, wie es hernach geschehen ist!
[JJ.01_138,03] Aber eines hättest du darnach
nicht also tun sollen, wie du es getan hast, –
[JJ.01_138,04] und dieses eine besteht darin,
daß du die zerrissenen Leichen auf dem öffentlichen Platze hast begraben
lassen!
[JJ.01_138,05] Du hast es zwar in einer
rechtlich politischen Hinsicht getan, um nämlich damit das andere Volk durch
ein solches Beispiel abzuhalten von ähnlichen Versuchen;
[JJ.01_138,06] aber das ist ein sehr
unhaltbares Mittel! Denn siehe, nichts auf der Welt dauert kürzer als der
Schreck, die Furcht und die Traurigkeit!
[JJ.01_138,07] Daher ist auch ein diese drei
Stücke erweckendes Mittel um kein Haar haltbarer, als die durch dasselbe
erweckten Stücke selbst.
[JJ.01_138,08] Hat aber irgend ein Mensch
diese drei Embleme des Gerichtes mit der Freiheit seines Geistes abgeschüttelt,
dann wird er erbost und fällt dann mit doppelter Wut über den grausamen Richter
her.
[JJ.01_138,09] Daher leite du die Menschen
allzeit mit der ewig bleibenden Liebe, und suche solche notwendigen, aber dabei
dennoch schaudererregenden Beispiele vor dem Volke zu verbergen, so wirst du
stets die Liebe des Volkes genießen!
[JJ.01_138,10] Ich sage dir: Ein Tropfen
Mitleid bei jeder Gelegenheit ist besser denn ein ganzer Palast voll der besten
und strengsten Gerechtigkeit!
[JJ.01_138,11] Denn das Mitleid bessert den
Feind wie den Freund; aber die strengste und beste Gerechtigkeit macht den
Gerechten stolz und hochmütig,
[JJ.01_138,12] und der Schuldige und
Gerichtete wird voll Ingrimms und sinnt nur, wie er sich rächen möchte an dem
Gerechten.
[JJ.01_138,13] Was du aber nun getan hast,
das läßt sich nicht mehr ungetan machen.
[JJ.01_138,14] Aber für die Zukunft merke dir
diese Regel; sie ist besser als Gold, und besser als reinstes Gold!“
[JJ.01_138,15] Cyrenius fiel hier dem Joseph
abermals um den Hals und dankte ihm für diese Lehre wie ein Sohn seinem Vater.
[JJ.01_138,16] Darauf begab sich die ganze
Gesellschaft ins Schlafgemach des Cyrenius, das da, wie es bei den Großen Roms
üblich war, stets in einem großen Saale bestand.
[JJ.01_138,17] Denn die Römer sagten: Im
Schlafe dünste der Mensch allzeit die Krankheit aus;
[JJ.01_138,18] hat diese nicht den gerechten
Raum, sich im Schlafgemache zu zerstreuen, so fällt sie wieder auf den Menschen
zurück, und er wird krank!
[JJ.01_138,19] Aus diesem Grunde hatten dann
reiche Römer sogar Fontänen in ihren großen Schlafsälen, die die Luft reinigten
und die bösen Dünste an sich zogen.
[JJ.01_138,20] Und so war auch in dieser Burg
das Schlafgemach des Cyrenius der größte Saal und war versehen mit zwei
Fontänen mit breiten Wasserbassins, in denen mehrere Meerzwiebeln
herumschwammen.
[JJ.01_138,21] Der Boden des Saales war aus
schwarzem und braunem Marmor, und der ganze Saal war von großer altägyptischer
Pracht.
[JJ.01_138,22] In diesem Saale also befand
sich nun die ganze Gesellschaft und besprach sich über so manches aus der
Vorzeit, während die Dienerschaft des Cyrenius auf das eifrigste bemüht war,
alles Anbefohlene bestens zu ordnen in den Nebensälen.
[JJ.01_139] 139. Kapitel – Des Verräters
Reue. Das Mitleid der drei Löwen mit dem Reumütigen. Josephs guter Rat. Des
Cyrenius Großmut und ihre herrliche Wirkung auf den reumütigen Diener.
12. Februar 1844
[JJ.01_139,01] Es stand aber auch der
verräterische Diener in einer Ecke des Saales und bereute bei sich seinen
Schritt, den er gegen seinen Herrn unternommen hatte;
[JJ.01_139,02] aber niemand gedachte seiner,
denn alles war in tiefweise Gespräche vertieft.
[JJ.01_139,03] Die getreue Dienerschaft des
Cyrenius aber hatte ohnehin links und rechts vollauf zu tun mit der
Arrangierung der Tafel, mit der Küche und mit dem Aufrichten von Ornamenten
aller Art.
[JJ.01_139,04] Und so gedachte auch die
Dienerschaft nicht ihres übertraurigen Kameraden.
[JJ.01_139,05] Da erhoben sich auf einmal die
drei Löwen und trabten hin zu dem reuevollen Diener des Cyrenius und beleckten
ihn und gaben ihm durch allerlei Gebärden gewisserart ihr Mitleid zu erkennen.
[JJ.01_139,06] Da bemerkte zuerst der
Maronius, was da die drei Löwen für ein Wesen hatten mit dem Diener, und zeigte
solches dem Cyrenius an;
[JJ.01_139,07] denn Maronius befürchtete, es
möchten die drei Bestien etwa gar einen Appetit auf den Diener bekommen.
[JJ.01_139,08] Als der Cyrenius diese
sonderbare Situation seines verräterischen Dieners bemerkte, da erst fing er
an, sich mit Joseph über das Vergehen dieses Dieners zu besprechen.
[JJ.01_139,09] Und der Joseph sprach: „Freund
und Bruder, siehe hier einen Akt dessen, was ich dir ehedem auf der Treppe
geraten habe und habe es dir gezeigt, wie ein Tropfen Mitleid besser ist als
ein ganzer Palast voll der besten Gerechtigkeit!
[JJ.01_139,10] Die drei Tiere gehen dir hier
mit einem guten Beispiele vor; gehe hin und tue als Mensch etwas Besseres!
[JJ.01_139,11] Ich aber habe auf der Herreise
von der Villa von einem dieser Diener des Herrn erfahren, wie du bei deinem
Weibe heute morgen diese drei Tiere gerühmt hast.
[JJ.01_139,12] Wie kommt es denn nun, daß dir
nun eben diese drei Tiere zeigen, was du gleich anfangs hättest tun sollen?
[JJ.01_139,13] Siehe, also lehrt der Herr
fortwährend den Menschen!
[JJ.01_139,14] Es geschieht in der Welt
nichts umsonst; aus der Drehung eines Sonnenstäubchens sogar kannst du wahre
Weisheit lernen!
[JJ.01_139,15] Denn es wird durch dieselbe
Weisheit und Allmacht Gottes gelenkt und erhalten wie die Sonne und der Mond
des Himmels!
[JJ.01_139,16] Um so mehr aber kannst du
diese Erscheinung als einen gar starken Wink des Herrn betrachten, der dir gar
klar sagt, was du tun sollest.
[JJ.01_139,17] Gehe hin, und erhebe den
dreifach Armen und Tiefgesunkenen; gehe hin, und erhebe einen überaus betrübten
und reuevollsten Bruder!
[JJ.01_139,18] Denn diesen hat nun der Herr
dir zubereitet, auf daß er dir ein allergetreuester Bruder werde!“
[JJ.01_139,19] Als der Cyrenius solches von
Joseph vernommen hatte, da eilte er hin und griff dem Diener unter die Arme und
sprach:
[JJ.01_139,20] „Bruder! du hast an mir übel
gehandelt; da ich aber Reue bei dir fand, so erhebe ich dich wieder!
[JJ.01_139,21] Doch von nun an sollst du
nicht mehr als ein Knecht, sondern als ein getreuer Bruder an meiner Seite wandeln!“
[JJ.01_139,22] Das brach dem Diener das Herz,
daß er laut zu weinen anfing und zu klagen, wie er sich an solchem Adel eines
Menschen der Menschen habe versündigen können!? –
[JJ.01_140] 140. Kapitel – Des Cyrenius
brüderliche Worte an seinen reuigen Diener. Dessen Aufnahme in die
Gesellschaft. Die neiderfüllten Diener und des Cyrenius Antwort an sie.
13. Februar 1844
[JJ.01_140,01] Da der Cyrenius aber die große
Erkenntlichkeit dieses Dieners sah und seine große Reue, so tröstete er ihn und
sprach:
[JJ.01_140,02] „Siehe, du mein neuer Bruder
im Herrn, wir Menschen alle sind fehlerhaft vor Gott, und Gott verzeiht uns die
Fehler, so wir sie erkennen und bereuen!
[JJ.01_140,03] Und doch ist Gott heilig,
während wir alle große Sünder vor Ihm sind!
[JJ.01_140,04] Wenn aber der Heilige
verzeiht, warum sollen wir Sünder gegenseitig uns unsere Fehler nicht
verzeihen?
[JJ.01_140,05] Solange der Mensch nicht zur
wahren Furie herabgesunken ist, so lange bleibt auch die Gnade Gottes über ihm;
[JJ.01_140,06] ist aber der Mensch auf der
Welt einmal ein kompletter Teufel geworden, da hat Gott Seine Gnade von ihm
genommen und hat ihn übergeben dem Gerichte der Hölle!
[JJ.01_140,07] Darum sind die zwanzig, die
dich bestochen haben, von den Löwen zerrissen worden, – denn sie waren schon
Teufel!
[JJ.01_140,08] Du aber wardst verschont,
indem du nur ein Verlockter warst und warst blind und wußtest nicht, was du
getan hast!
[JJ.01_140,09] Gott der Herr hat Seine Gnade
nicht von dir genommen und hat dir die Augen geöffnet, auf daß du zur vollen
Einsicht der Sünde an dir gelangt bist.
[JJ.01_140,10] Du hast deine erkannte Sünde
bereut, und Gott hat dir die Sünde vergeben!
[JJ.01_140,11] Darum vergebe auch ich dir das
Vergehen an mir und mache dich somit zu meinem Freunde und zu meinem Bruder im
Herrn!
[JJ.01_140,12] Ich erhebe dich darum und
führe dich hin zu meiner heiligst erhabenen Gesellschaft.
[JJ.01_140,13] Sei daher nun guten Mutes, und
folge mir, auf daß du von meinem hohen Freunde gesegnet werdest mir zu einem
wahrhaftigen Bruder!“
[JJ.01_140,14] Diese recht herrliche Rede des
Cyrenius an den verräterischen Diener war von bester Wirkung.
[JJ.01_140,15] Der Diener ward getröstet und
gestärkt dadurch, erhob sich und folgte, in Tränen zerfließend, dem Cyrenius
hin zur Gesellschaft.
[JJ.01_140,16] Als er dort anlangte, da hob
Joseph sobald seine Hände auf und segnete den Diener und sprach dabei nichts
als: „Der Herr sei mit dir!“
[JJ.01_140,17] Darauf befahl der Cyrenius,
sogleich glänzende herrliche Kleider herbeizuschaffen und sie dem Diener
anzulegen,
[JJ.01_140,18] und belehnte ihn sogleich mit
einem Ehrennamen und gab ihm dann einen Bruderkuß.
[JJ.01_140,19] Darauf berief Cyrenius die
gesamte Dienerschaft zusammen und stellte diesen neuen Bruder ihr vor und gebot
ihr, ihm zu gehorchen.
[JJ.01_140,20] Die Diener aber sprachen: „Wie
bist du denn ein gerechter Richter, so du den Verräter erhöhest, uns aber
erniedrigest, die wir dir allzeit die größte Treue erwiesen haben?!“
[JJ.01_140,21] „Kümmert euch das“, sprach der
Cyrenius, „wenn ich gut und barmherzig bin? – Wem aus euch ist bei mir je etwas
abgegangen? Und doch hat noch nie einer aus euch sein Leben für mich aufs Spiel
gesetzt!
[JJ.01_140,22] Dieser aber war der Letzte
allzeit unter euch und hat sein Leben um mich aufs Spiel gesetzt; durch seine
Handlung bin ich meiner Feinde ledig geworden! Verdient er darum nicht diesen
Rang?“
[JJ.01_140,23] Hier verstummte die
Dienerschaft und ging wieder an ihr Geschäft und war mit diesem Bescheide
zufrieden.
[JJ.01_140,24] Ein Jüngling der Himmel aber
sprach: „Geradealso wird es einst auch im Reiche Gottes zugehen; es wird mehr
Freude über einen reuigen Sünder sein als über neunundneunzig Gerechte, die nie
gesündiget haben!“ – –
[JJ.01_141] 141. Kapitel – Die Vorbereitungen
und Einladung zum Morgenfestmahl durch Cyrenius. Die Weiherede des Kindleins.
Die Einladung und Speisung der Armen.
14. Februar 1844
[JJ.01_141,01] Während dieser Gelegenheit
ward auch das Morgenmahl bereits fertig und die Tische wohl bestellt;
[JJ.01_141,02] und die Diener kamen und
zeigten solches dem Cyrenius an.
[JJ.01_141,03] Und der Cyrenius ging und
besah alles, und da er alles in der größten und besten Ordnung fand, da ging er
und lud die Gesellschaft zum Tische in den großen Nebensaal.
[JJ.01_141,04] Als Joseph da hineintrat,
konnte er sich nicht genug verwundern, darum er hier in diesem Saale sich in
einem kleinen Tempel Salomons zu Jerusalem zu befinden glaubte.
[JJ.01_141,05] Es war aber diese Arrangierung
ein Werk des Maronius Pilla, der natürlich als ehemaliger Statthalter von
Jerusalem gar wohl wußte, wie der Tempel aussah aus- und inwendig.
[JJ.01_141,06] Voll Freuden sprach Joseph:
„Fürwahr, zu dem Zwecke hättest du, mein Bruder Cyrenius Quirinus, keinen
besseren Gedanken ins Werk setzen können!
[JJ.01_141,07] Und ich bin, wie in Jerusalem,
nun auf dem Rüstfeste; es fehlt bloß das Allerheiligste, und der Tempel wäre
fertig, so dieses auch da wäre!
[JJ.01_141,08] Der Vorhang ist wohl da; aber
hinter dem fehlt die Bundeslade!“
[JJ.01_141,09] Der Cyrenius aber sprach:
„Bruder, ich dachte, das Allerheiligste bringst du ohnehin lebendig mit, warum
solle es künstlich dann da sein?“
[JJ.01_141,10] Hier erst ermannte sich Joseph
aus seinem Überraschungstraume und gedachte des Kindleins und der Maria.
[JJ.01_141,11] Es berief aber nun das
Kindlein den Cyrenius zu Sich und sprach zu ihm (hier fielen die Engel auf ihre
Angesichter nieder):
[JJ.01_141,12] „Cyrenius, viel hast du getan,
um dem reinsten Manne der Erde eine Freude zu machen; aber eines hättest du
bald vergessen!
[JJ.01_141,13] Siehe, du gibst heute ein
großes, gar herrliches Gastmahl!
[JJ.01_141,14] Was drei Weltteile nur immer
Bestes und Edelstes hervorbringen, ist heute hier vereint!
[JJ.01_141,15] Daran tust du auch wohl; denn
fürwahr, eine größere Ehre widerfuhr durch alle Ewigkeit und Unendlichkeit auf
keiner Welt einem Hause, als nun diesem deinen!
[JJ.01_141,16] Denn du hast nun vor dir, vor
Dem alle Himmelsmächte ihr Antlitz verdecken!
[JJ.01_141,17] Joseph hat dir angedeutet, daß
das Allerheiligste in diesem Tempel leer ist.
[JJ.01_141,18] Siehe, also ist es auch! – Es
solle aber nicht also sein.
[JJ.01_141,19] Sende hinaus deine Diener, und
sie sollen allerlei Arme, Blinde, Lahme, Krüppel und bresthafte Menschen
hierher bringen!
[JJ.01_141,20] Für diese lasse im
nachgebildeten Allerheiligsten auch einen Tisch decken und sie festlich
bewirten, und Meine Diener werden sie warten!
[JJ.01_141,21] Und siehe, also wird dann das
Allerheiligste lebendig sein und wird den Allerheiligsten besser vorstellen als
nun die leere Bundeslade in Jerusalem!
[JJ.01_141,22] Zugleich aber sorge auch für
drei Ziegenböcke; diese werfe den Löwen vor, auf daß auch sie genährt werden!“
[JJ.01_141,23] Der Cyrenius küßte darauf das
Kindlein und befolgte sogleich dessen Rat.
[JJ.01_141,24] Und im Verlaufe von einer Stunde
war das vorbildliche Allerheiligste mit Armen angefüllt, und die Löwen bekamen
ihre Kost.
[JJ.01_142] 142. Kapitel – Josephs Dankgebet
und Demut. Des Cyrenius Liebesstreit mit Joseph wegen der Platzordnung. Josephs
kluger Rat.
15. Februar 1844
[JJ.01_142,01] Nachdem alles also bestellt
und geordnet war, da erst erhob Joseph seine Augen gen Himmel und dankte dem
Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.
[JJ.01_142,02] Und als er sein Dankgebet
beendet hatte, da erst nahm er ganz untenan mit den Seinen Platz am königlich
bestellten Tische des Cyrenius.
[JJ.01_142,03] Cyrenius aber eilte sogleich
hin zum Joseph und sprach zu ihm:
[JJ.01_142,04] „Nein, nein, mein erhabenster
Freund und Bruder! Das geht nicht an; denn dieses Fest geht dich an und nicht
mich!
[JJ.01_142,05] Daher ist dort zuoberst des
Tisches dein Platz, und nicht hier zuunterst!
[JJ.01_142,06] Erhebe dich demnach, und lasse
dich von mir selbst dort zuoberst am Tische, da er mit Gold gedeckt ist,
hinsetzen, und das mit allen dir Angehörigen!
[JJ.01_142,07] Hier aber werden meine Leute
sitzen und liegen; denn also habe ich selbst es angeordnet!“
[JJ.01_142,08] Joseph aber sprach: „Cyrenius!
Siehe, eben darum, da ich dein aufrichtigster Freund und Bruder bin, bleibe ich
mit den Meinen hier auf diesem Platze sitzen!
[JJ.01_142,09] Denn siehe, bei mir verlierst
du nichts, wenn ich auch hier auf dem untersten Platze sitze;
[JJ.01_142,10] aber bei deinen großen
Staatsamtsgefährten verlierst du viel, so du sie nicht obenan setzest!
[JJ.01_142,11] Daher lasse die Sache also gut
sein! Auf der Welt solle die Welt ihren Vorzug haben; im Reiche Gottes aber
wird erst der ganz umgekehrte Fall sein, – denn dort werden die Letzten die
Ersten sein beim Tische Abrahams, Isaaks und Jakobs!“
[JJ.01_142,12] Der Cyrenius aber sprach: „O
Bruder! Ich habe mich gefreut auf diesen Tag, daß ich dir, einem Königssohne,
auch eine königliche Ehre antäte!
[JJ.01_142,13] Nun aber ist die Hälfte meiner
Freude dahin, indem ich gerade dich, dem alles das gilt, ganz untenan sehen
muß!
[JJ.01_142,14] Bruder! Gehe und setze dich
doch wenigstens auf den Mittelplatz, auf daß ich dir beim Tische doch näher
bin!“
[JJ.01_142,15] Und der Joseph sprach: „Aber
mein geliebtester Bruder, du wirst doch nicht kindisch sein!?
[JJ.01_142,16] Du weißt ja, daß ich allzeit
und überall in der Ordnung bleiben muß, die mir Gott der Herr vorschreibt in
meinem Herzen!
[JJ.01_142,17] Wie willst du mich denn über
diese Ordnung hinaus versuchen wollen?!
[JJ.01_142,18] Setze du obenan deine Großen
und Glänzenden; und du als Herr kannst dich hinsetzen, wohin du willst, indem
dir jeder Platz am Tische gebührt!
[JJ.01_142,19] Und somit ist diese Sache
abgetan; am goldenen Gedecke werden deine Großen schon den ersten Platz
erkennen und werden sich höchst geehrt fühlen, so du ihnen solche Ehrenplätze
ganz einräumst und selbst einen niedereren für dich erwählest!“
[JJ.01_142,20] Der Cyrenius verstand die
Worte Josephs, wies darauf seinen Großen die ersten Plätze an,
[JJ.01_142,21] er selbst aber setzte sich mit
der Tullia an der Mitte des Tisches.
[JJ.01_142,22] Und so war alles wohl
geordnet; die Großen waren voll Freude, daß sie obenan saßen,
[JJ.01_142,23] Cyrenius war vergnügt in der
Mitte, und Joseph mit den Seinen war überheiter, daß er auch bei diesem großen
Glanzfeste in der Ordnung Gottes verbleiben konnte.
[JJ.01_143] 143. Kapitel – Der fraglustige
gottsuchende Hauptmann. Der Priester über die Götterlehre, sein Bekenntnis zum
allein wahren Gott. Joseph an den fragenden Hauptmann: es hat alles seine Zeit!
16. Februar 1844
[JJ.01_143,01] Das Morgenmahl aber dauerte
bei einer Stunde lang, und ward unter dem Essen viel geredet über allerlei
Dinge.
[JJ.01_143,02] Ein Hauptmann aber, der auch
bei der Bergbesteigung mit war, fragte zu Ende der Tafel einen von den drei
ehemaligen Unterpriestern:
[JJ.01_143,03] „Höre du mich nun an! Siehe,
wir haben eine Götterlehre, nach der es von Göttern wimmelt, dahin wir nur
immer sehen mögen;
[JJ.01_143,04] ich aber habe noch nie etwas
von einem Gotte gesehen, noch irgend wahrgenommen!
[JJ.01_143,05] Von tausend Dingen habe ich
nicht selten geträumt, – aber von irgendeiner Gottheit nie!
[JJ.01_143,06] Wer aber kann aus allen nun
lebenden Menschen jetzt auftreten und gewissenhaft wahr bekennen: ,Ich habe den
Zeus oder irgendeine andere Gottheit gesehen und gesprochen‘?
[JJ.01_143,07] Nachdem wir aber doch auch
ebensogut Menschen sind als die, welche in der Urzeit mit den Göttern sollen
einen Umgang gehabt haben,
[JJ.01_143,08] so sehe ich da nicht ein,
warum uns die Götter nun also im Stiche lassen und kümmern sich nicht im
geringsten mehr um uns!
[JJ.01_143,09] Könntest du als ein ehemaliger
Priester mir denn nicht davon irgendeinen haltbaren Grund angeben?“
[JJ.01_143,10] Der Unterpriester aber sprach:
„Lieber Freund, ich bitte dich um alles in der Welt, frage du mich nur um
solche höchst alberne Dinge nimmer!
[JJ.01_143,11] Unsere Götter sind nichts als
reine Ephemeriden, die dem Sumpfe unserer Dummheit entstammen.
[JJ.01_143,12] Da wir aber in solcher unserer
Dummheit nichts Besseres als unsere eigenen Sumpfgeburten erspähen mögen, so
bevorzugen wir diese und stellen sie uns selbst als Götter vor,
[JJ.01_143,13] erbauen ihnen Tempel und beten
dann in denselben die allernichtigsten Produkte unserer Dummheit an.
[JJ.01_143,14] Siehe, das sind die Götter,
denen wir Tempel erbaut haben, und Rom an ihnen strotzt!
[JJ.01_143,15] Ja, es gibt wohl einen wahren
Gott; dieser aber war allzeit heilig, und wir allerunreinste Wesen in unseren
Herzen können Ihn nicht erschauen, wohl aber Seine Werke!
[JJ.01_143,16] Willst du aber von diesem
einen Gotte mehreres erfahren, da wende dich an jenen reinen Juden; der wird
Ihn dich – ich schwöre es dir – sicher näher kennen lehren!“
[JJ.01_143,17] Mit diesem Bescheide war der
Hauptmann zufrieden; denn er bekam da gerade die Antwort, die er schon lange
gesucht hatte.
[JJ.01_143,18] Und er bewegte sich auch hin
zum Joseph und brachte ihm sein Anliegen vor.
[JJ.01_143,19] Und Joseph sprach: „Guter
Mann, es hat alles seine Zeit! Wenn du reif wirst, wird es dir geoffenbaret
werden; darum begnüge dich vorderhand mit dieser Verheißung!“
[JJ.01_144] 144. Kapitel – Josephs und des
Cyrenius Absicht, das nachgebildete Allerheiligste zu beschauen. Des Kindleins
Einspruch. Joseph in Verlegenheit. Marias aufklärende Worte und des Kindleins
Zustimmung. Die nachträgliche Belehrung des Hauptmanns.
17. Februar 1844
[JJ.01_144,01] Als der nach Gott forschende
Hauptmann auf die Art abgefertigt war, da sprach der Joseph zum Cyrenius:
[JJ.01_144,02] „Bruder, nun lasse uns auch
einmal das Allerheiligste beschauen!“
[JJ.01_144,03] Und der Cyrenius fügte sich
mit großer Freude der Anforderung seines ihm über alles werten Freundes.
[JJ.01_144,04] Aber das Kindlein erhob sich
und sprach zum Joseph:
[JJ.01_144,05] „Höre Mich an, du getreuer
Ernährer Meines Leibes! Du selbst hast ehedem zum nach Gott forschenden
Hauptmann gesagt:
[JJ.01_144,06] ,Es hat alles seine Zeit; wenn
du erst reif wirst, dann wird dir schon das Weitere geoffenbart werden! Mit
dieser Verheißung begnüge dich vorderhand!‘
[JJ.01_144,07] Also sage denn Ich aber auch
hier vor dem Eintritte in das hier vorbildliche wie nachbildliche
Allerheiligste:
[JJ.01_144,08] Es hat auch dieser Eintritt
seine Zeit! Noch seid ihr alle nicht reif dazu; wenn ihr aber reif werdet, da
will Ich es durch Meine Diener vor euch eröffnen lassen!
[JJ.01_144,09] Vorderhand aber begnüget euch
auch ihr mit dieser Verheißung!“
[JJ.01_144,10] Hier sahen Joseph und Cyrenius
einander groß an, und die Verlegenheit des einen übertraf die des andern.
[JJ.01_144,11] Und der Joseph sprach zur
Maria: „Das sieht gut aus, so das Kindlein mir jetzt Gesetze gibt, wo Es Seine
Füße noch in den Windeln hat!
[JJ.01_144,12] Was wohl wird Es dann tun,
wenn Es zehn Jahre zählen wird, und was, wenn zwanzig?“
[JJ.01_144,13] Maria aber sprach zum Joseph:
„Aber lieber Vater Joseph, wie kannst denn auch du schwach werden!?
[JJ.01_144,14] Zeigen es dir ja doch die
Engel durch ihre übergroße Demut, wer dies Kindlein ist!
[JJ.01_144,15] Und die vielen Wunder, die um
uns geschehen, sind ja auch ein lauter und sonnenklarer Beweis für diese große
Wunderwahrheit aller Wahrheit – und aller Wahrheit!
[JJ.01_144,16] Siehe, ich, dein getreues Weib
und deine Magd, aber merke es wohl, was die Worte des Kindleins im Schilde
führen!
[JJ.01_144,17] Tue du das, und ich glaube im
voraus überzeugt zu sein, daß da sogleich ein anderer Wind wird zu wehen anfangen!“
[JJ.01_144,18] Und der Joseph fragte darauf
wieder die Maria: „Ja – was ist es denn, das ich nun tun solle?“
[JJ.01_144,19] Und die Maria sagte: „Siehe an
den Mann, der da sucht, und zeige ihm weise, Das er sucht, – Dem er so ferne zu
sein wähnt und doch so nahe ist!“
[JJ.01_144,20] Und das Kindlein sah den
Joseph freundlichst lächelnd an und sprach dazu:
[JJ.01_144,21] „Ja, ja, du Mein geliebtester
Joseph, das Weib hat recht; gehe hin und belehre den Hauptmann!
[JJ.01_144,22] Denn siehe, denen, die da
bitten, suchen und anklopfen, muß aufgetan werden die lange verschlossene
Pforte in Mein Reich!
[JJ.01_144,23] Doch mußt du nicht gerade mit
dem Finger auf Mich zeigen, indem Meine Zeit noch nicht da ist; denn du weißt
es ja, daß da alles seine Zeit haben muß!“
[JJ.01_144,24] Joseph küßte darauf das
Kindlein und ging dann hin zum Hauptmann und sprach zu ihm:
[JJ.01_144,25] „Komme und höre! Wonach dich
verlangt, das solle dir werden!“ Und der Hauptmann horchte mit Freuden der Rede
Josephs.
[JJ.01_145] 145. Kapitel – Der Hauptmann
fragt nach dem Kommen des Messias. Joseph über das Wesen des Messias. Des
Unterpriesters voraussagende Worte über das Ende der heidnischen Tempel. Vom
lebendigen Tempel im Menschenherzen.
19. Februar 1844
[JJ.01_145,01] Als der Hauptmann von Joseph
sogestaltig die Hauptgrundzüge der Lehre Gottes erhielt und somit auch einige
Andeutungen von dem Messias,
[JJ.01_145,02] da ward er sehr tiefsinnig und
fragte nach einer Weile, wann dieser Messias kommen werde.
[JJ.01_145,03] Joseph aber antwortete und
sprach: „Dieser Messias, durch den alle Menschen vom Joche des Todes befreit
werden, und der die abgefallene Erde wieder mit den Himmeln verbinden wird, ist
bereits schon da!“
[JJ.01_145,04] Und der Hauptmann forschte und
sprach: „So dieser Messias bereits da ist, so sage es mir, wo Er ist – und
woran kann man Ihn erkennen?“
[JJ.01_145,05] Und Joseph antwortete und
sprach: „Das stehet mir nicht offen, daß ich dir Ihn mit dem Finger zeigen
solle;
[JJ.01_145,06] aber was da betrifft die
Erkenntnismale, so will ich dir gleichwohl einiges davon kundgeben, und so
wolle mich hören!
[JJ.01_145,07] Siehe, der Messias wird fürs
erste der lebendige ewige Sohn des Allerhöchsten, dir bisher unbekannten Gottes
sein!
[JJ.01_145,08] Eine allerreinste Jungfrau
wird Ihn empfangen auf eine allerwunderbarste Weise durch die alleinige Kraft
des Allerhöchsten!
[JJ.01_145,09] Wenn Er aber empfangen und
dann geboren sein wird, da wird alle Fülle der allerhöchsten Kraft Gottes
wohnen in Seinem Fleische.
[JJ.01_145,10] Und so Er auf der Erde wohnen
wird leibhaftig, da werden Seine Diener und Boten aus den hohen Himmeln zur
Erde niedersteigen und werden geheim, und vielen Menschen auch offenbar, Ihm
dienen.
[JJ.01_145,11] Er wird durch Worte und Taten
beseligen alle, die Ihm folgen werden in der Tat nach Seinem Worte und werden
entflammen ihre Herzen für Ihn!
[JJ.01_145,12] Die Ihn aber nicht werden
erkennen wollen, die wird richten Sein allmächtiges Wort, das Er mit ehernem Griffel
in eines jeden Menschen Herz schreiben wird!
[JJ.01_145,13] Seine Worte aber werden nicht
sein wie die eines Menschen, sondern werden sein voll Kraft und voll Lebens;
und wer die Worte hören wird und wird sie behalten in seinem Herzen zur Tat
darnach, der wird den Tod nimmer schmecken ewiglich!
[JJ.01_145,14] In Seinem Wesen aber wird Er
sein so sanft wie ein Lamm und zart wie eine Turteltaube;
[JJ.01_145,15] aber dennoch werden Seinem
leisesten Hauche gehorchen alle Elemente!
[JJ.01_145,16] So Er den Winden gebieten wird
gar leise, da werden sie losbrechen und werden das Meer zerfurchen bis in den
Grund!
[JJ.01_145,17] Wenn Er über die wogende See
hinblicken wird, da wird das Gewässer zum ruhigen Spiegel werden!
[JJ.01_145,18] So Er zur Erde hauchen wird,
da wird sie ihre alten Gräber öffnen und alle Toten wieder zum Leben ausliefern
müssen!
[JJ.01_145,19] Und das Feuer wird dem zur
Kühlung werden, der des Messias Wort lebendig in der Brust tragen wird! –
[JJ.01_145,20] Nun, lieber Hauptmann, hast du
die wesentlichsten Merkmale des Messias, an denen du Ihn leicht erkennen
kannst.
[JJ.01_145,21] Mehr von Ihm zu sagen, ist mir
nicht gestattet; das ,wo Er ist‘ aber wirst du da sicher recht leicht und recht
bald finden!“
[JJ.01_145,22] Diese Erklärung machte einen
gar mächtigen Eindruck auf den Hauptmann, daß er darauf sich kaum mehr etwas zu
reden getraute.
[JJ.01_145,23] Er ging darauf zu dem schon
früher angeredeten Unterpriester und sprach zu ihm:
[JJ.01_145,24] „Hast du von der Seite
vernommen, was dieser überweise Jude zu mir geredet hat?“
[JJ.01_145,25] Und der Unterpriester sprach:
„Ich sage dir: ein jedes Wörtchen drang tief in meine staunende Seele!“
[JJ.01_145,26] Und der Hauptmann sprach:
„Also sage mir, was es denn da hernach mit unsern Göttern für ein Ende nehmen
wird, so der mir höchst merkwürdig bezeichnete Weltmessias auftreten wird in
der vollen Aktivität Seiner vollgöttlichen Kraft?“
[JJ.01_145,27] Und der Unterpriester
erwiderte: „Hast du vor drei Tagen nicht empfunden die Kraft des nächtlichen
Orkans?
[JJ.01_145,28] Auf dem Berge, – hast du da
nicht gesehen das plötzliche Ende unseres ehemaligen Apollotempels und alle die
darauf folgenden Zeichen?
[JJ.01_145,29] Siehe, gerade also wird es in
der Kürze der Zeit auch Rom ergehen, – zum staubigen Schutte werden die Tempel
werden!
[JJ.01_145,30] Und da man nun noch dem Zeus
Opfer bringt, da wirst du in der Kürze einen zerworfenen Steinhaufen erschauen;
aber dafür werden die Menschen lebendige Tempel erbauen in ihren Herzen!
[JJ.01_145,31] In diesen wird ein jeder
Mensch gleich einem Priester dem einig wahren Gotte ein lebendiges Opfer
darbringen können, überall und zu jeder Zeit! – Soviel und nicht mehr kann ich
dir sagen! – Willst du mehr? Siehe, dort sind sie, die mehr wissen als ich;
darum frage mich nicht weiter!“
[JJ.01_146] 146. Kapitel – Weitere Fragen des
Hauptmanns. Joseph über das Reich des Messias. Die Liebe als Hauptschlüssel der
Wahrheit. Die Gesellschaft im nachgebildeten Allerheiligsten. Die armen Blinden
erhalten ihr Augenlicht wieder.
20. Februar 1844
[JJ.01_146,01] Darauf fragte der Hauptmann
den Unterpriester auch nicht mehr weiter, sondern begab sich sogleich wieder
hin zum Joseph.
[JJ.01_146,02] Allda angelangt, erzählte er
sogleich alles, was er von dem Unterpriester vernommen hatte,
[JJ.01_146,03] und fragte aber darauf auch
sogleich den Joseph, was er von allem dem im Ernste halten solle.
[JJ.01_146,04] Und der Joseph antwortete und
sprach: „Halte du vorderhand von allem dem, was dir gesagt ward, so viel, als
dir gesagt wurde;
[JJ.01_146,05] alles andere aber erwarte in
aller Geduld von der Folge, so wirst du am besten fahren!
[JJ.01_146,06] Denn siehe, in Fragen und
Antworten besteht das heilige Reich des Messias nicht,
[JJ.01_146,07] sondern allein nur in der
Geduld, Liebe, Sanftmut und in der völligen Ergebung in den göttlichen Willen!
[JJ.01_146,08] Denn bei Gott läßt sich nichts
übers Knie brechen, nichts erzwingen und am allerwenigsten aber etwas
ertrotzen!
[JJ.01_146,09] Wann es der Herr aber für gut
befinden wird für dich, dann auch wird Er dich in die höhere Offenbarung
leiten!
[JJ.01_146,10] Fasse aber sofort lebendige
Liebe zu dem dir von mir ganz rein geoffenbarten Gotte; durch sie wirst du am
ersten dahin gelangen, wo du so ganz eigentlich sein möchtest!
[JJ.01_146,11] Ja! – Solche Liebe wird dir in
einem Wurfe mehr geben lebendig, als was du mit einer Million toter Fragen
erbeuten möchtest!“
[JJ.01_146,12] Und der Hauptmann fragte und
sprach: „Gut, mein geachtetster weisester Freund! Ich will solches alles tun;
aber nur das mußt du mir sagen, wie man deinen Gott liebt, den man noch zu
wenig kennt?“
[JJ.01_146,13] Und der Joseph sprach: „Wie du
deinen Bruder und deine allfällige Braut liebst, also auch liebe Gott!
[JJ.01_146,14] Liebe deine Nebenmenschen als
lauter Brüder und Schwestern in Gott, und du wirst dadurch auch Gott lieben!
[JJ.01_146,15] Tue allzeit und allenthalben
Gutes, so wirst du die Gnade Gottes haben!
[JJ.01_146,16] Sei barmherzig gegen
jedermann, so wirst du auch bei Gott die wahre lebendige Barmherzigkeit finden!
[JJ.01_146,17] Ferner sei in allen Dingen
gelassen, sanft und voll Geduld, und fliehe den Stolz, den Hochmut und den Neid
wie die Pestilenz,
[JJ.01_146,18] dann wird der Herr eine
mächtige Flamme in deinem Herzen erwecken,
[JJ.01_146,19] und das gewaltige Licht dieser
geistigen Flamme wird alle Finsternisse des Todes aus dir verscheuchen, und du
wirst dann in dir selbst eine Offenbarung finden, in der du alle deine Fragen
auf das glänzendste lebendig beantwortet finden wirst!
[JJ.01_146,20] Siehe, das ist der rechte Weg
zum Lichte und Leben aus Gott, das ist die rechte Liebe zu Gott; diesen Weg
wandle!“
[JJ.01_146,21] Als der Hauptmann diese kräftige
Lehre von Joseph erhielt, da hielt er sobald inne mit seinen noch vielen
übrigen Fragen und versenkte sich in tiefe Gedanken.
[JJ.01_146,22] Zu gleicher Zeit aber ward
auch von den Jünglingen der Vorhang weit auseinandergezogen, und Joseph ersah
sobald, daß es nun an der Zeit sei, in dieses nachgebildete Allerheiligste zu
treten.
[JJ.01_146,23] Schon von ferne der Tiefe
dieses großen Saales ward von seiten der armen Gespeisten ein mächtiger Dankruf
entgegengesandt.
[JJ.01_146,24] Als aber der glänzende Cyrenius
erst völlig mit Joseph und Maria mit dem Kindlein in das nachbildliche
Allerheiligste eintrat, da war es völlig aus bei den Armen.
[JJ.01_146,25] Den Cyrenius kostete dieser
Anblick viele Freuden- und Mitleidstränen, desgleichen auch den Joseph und die
Maria.
[JJ.01_146,26] Es waren aber viele Blinde,
Lahme und Krüppel aller Art darunter; denn ihre Zahl enthielt Hunderte.
[JJ.01_146,27] Da betete geheim die Maria,
nahm dann das Tuch, womit sie öfter das Kindlein abwischte, und wischte damit
allen Blinden die Augen; und alle bekamen darauf das Augenlicht wieder! – Nach
dieser Tat wollte das Loben und Preisen kein Ende nehmen; darum begab sich die
Gesellschaft auf kurze Zeit wieder in den Hauptsaal zurück.
[JJ.01_147] 147. Kapitel – Das Bittgeschrei
der Kranken zu Maria. Ihr Hinweis auf das Jesuskind. Die Heilung der Kranken.
Ihre Belehrung durch die Engel. Der Hauptmann sucht nach dem Wundertäter.
21. Februar 1844
[JJ.01_147,01] Nach einer Weile erst ging die
erhabene Gesellschaft wieder in das nachbildliche Allerheiligste und ward
wieder mit der größten Preisung empfangen.
[JJ.01_147,02] Die Lahmen, Krüppel und
sonstigen Bresthaften aber schrien: „O du herrliche Mutter! Die du halfst den
Blinden, wir bitten dich, befreie auch uns von unserer großen Qual!“
[JJ.01_147,03] Maria aber sprach: „Was rufet
ihr zu mir? Ich kann euch keine Hilfe leisten; denn ich bin gleich euch nur
eine schwache sterbliche Magd meines Herrn!
[JJ.01_147,04] Aber Der, den ich auf meinen
Armen trage, kann euch wohl helfen; denn in Ihm wohnt die ewige Fülle der
göttlichen Allkraft!“
[JJ.01_147,05] Es horchten aber die Kranken
nicht auf die Rede der Maria, sondern schrien noch viel mehr: „O herrliche
Mutter, helfe uns, helfe uns Armen, und mache uns frei von unserer Qual!“
[JJ.01_147,06] Da richtete sich das Kindlein
auf und streckte Seine Hand über die Kranken aus, und sie wurden alle im
Augenblick vollkommen gesund.
[JJ.01_147,07] Die Lahmen sprangen wie
Hirsche, die Krüppel wurden gerade wie die Zedern auf dem Libanon, und alle
sonstigen Bresthaften wurden von ihren Leiden befreit.
[JJ.01_147,08] Und die Engel traten dann zu
allen diesen Armen, hießen sie schweigen, und verkündigten ihnen die Nähe des
Reiches Gottes auf Erden!
[JJ.01_147,09] Diese Begebenheit brachte
unsern Hauptmann aus seinem tiefen Gedankentraume, und er ging ebenfalls ins
Allerheiligste der Gesellschaft nach.
[JJ.01_147,10] Allda angelangt, trat er
sogleich zum Joseph hin und fragte ihn: „Erhabener Freund, was geschah hier? –
Ich sehe ja hier weder Blinde noch Lahme, noch Krüppel und sonstige Elende
mehr!
[JJ.01_147,11] Wie?! – Sind sie alle durch
ein Wunder geheilt worden, oder war ihr ehedem elender Zustand nur eine
Verlarvung?“
[JJ.01_147,12] Und der Joseph sprach: „Gehe
hin und rede darüber mit denen selbst, die dir jetzt so rätselhaft vorkommen!
Diese werden es dir am besten zu sagen wissen, was sich nun mit ihnen
zugetragen hat!“
[JJ.01_147,13] Und der Hauptmann tat
sogleich, was ihm der Joseph geraten hatte; denn das Fragen war überhaupt
dieses Hauptmanns schwache Seite.
[JJ.01_147,14] Er bekam aber überall eine und
dieselbe Antwort; überall lautete es: „Auf wunderbare Weise ward ich gesund!“
[JJ.01_147,15] Und der Hauptmann kam wieder
zum Joseph und fragte ihn:
[JJ.01_147,16] „Wer aus euch wirkte denn das
Wunder? – Wem aus euch ist solch eine Wunderkraft eigen? – Wer aus euch ist
denn sicher ein Gott?!“
[JJ.01_147,17] Und der Joseph sprach: „Siehe,
dort stehen wieder die armen Geheilten!
[JJ.01_147,18] Gehe abermals hin und frage
sie; diese werden dir schon den rechten Wink geben!“
[JJ.01_147,19] Und der Hauptmann wandte sich
sogleich wieder an die Armen und fragte um den Wundermann.
[JJ.01_147,20] Die Armen aber sprachen:
„Siehe an die große Gesellschaft; aus ihrer Mitte kam uns wunderbar die
Heilung!
[JJ.01_147,21] Die kleine Jüdin scheint die
Macht zu tragen – wie aber? Das werden die Götter besser wissen als wir!“
[JJ.01_147,22] Nun wußte der Hauptmann nicht
viel mehr als vorher.
[JJ.01_147,23] Joseph aber sprach zum
Hauptmanne: „Siehe, du bist ein Reicher Roms; versorge nun diese Armen aus
Liebe zu Gott, so wirst du mehr erfahren! Für jetzt aber begnüge dich mit dem!“
[JJ.01_148] 148. Kapitel – Der Wetteifer im
Gutes-Tun zwischen dem Hauptmann und Cyrenius. Der ratlose Hauptmann und seine
Belehrung durch Joseph.
22. Februar 1844
[JJ.01_148,01] Als der Hauptmann solches von
Joseph vernommen hatte, da bedachte er sich nicht lange, sondern ging hin zum
Cyrenius und sprach:
[JJ.01_148,02] „Kaiserliche Consulische
Hoheit! Hochdieselben haben sicher vernommen, was da meiner Geringheit der
weise Jude geraten hat?
[JJ.01_148,03] Ich habe mich darob sogleich
entschlossen, seinem Rate die pünktlichste Folge zu leisten.
[JJ.01_148,04] Darum bitte ich Hochdieselben,
mir diesen meinen Beschluß zu genehmigen, laut dem ich alle diese Armen wie
meine eigenen Kinder in meine Versorgung nehmen möchte!“
[JJ.01_148,05] Und der Cyrenius sprach: „Mein
achtbarster lieber Hauptmann! Es tut mir leid, daß ich dir dieses erhabene
Vergnügen nicht zukommen lassen kann!
[JJ.01_148,06] Denn siehe, soeben habe ich
sie alle schon in meine eigene Versorgung übernommen!
[JJ.01_148,07] Aber darum darfst du dich
nicht betrüben; denn du wirst noch Arme genug antreffen.
[JJ.01_148,08] Befolge an denen den Rat des
weisen Juden, und du wirst den gleichen Lohn einernten!“
[JJ.01_148,09] Der Hauptmann verneigte sich
hier vor dem Cyrenius, ging sogleich zum Joseph hin und sprach:
[JJ.01_148,10] „Da siehe nun, was kann ich
nun tun, wenn mir der Cyrenius schon lange zuvorgekommen ist? Woher werde ich
nun Arme nehmen? Denn hier sind sie von ganz Ostracine beisammen!“
[JJ.01_148,11] Und der Joseph lächelte hier
freundlich den Hauptmann an und sagte zu ihm:
[JJ.01_148,12] „O mein bester Freund! Sorge
du dich nur darum nicht; denn an allem andern hat die Erde stets einen größeren
Mangel gehabt als an Armen!
[JJ.01_148,13] Siehe, es dürfen da nicht
gerade Blinde, Lahme, Krüppel und sonstige Bresthafte sein!
[JJ.01_148,14] Gehe hin und durchsuche die
Familien in den Häusern, überzeuge dich von ihrer mannigfachen Not, und du
wirst sogleich Gelegenheit in Menge finden, deinen Überfluß gehörig an den Mann
zu bringen!
[JJ.01_148,15] Siehe, diese Stadt ist ja im
ganzen ohnehin mehr eine Ruine als eine nur einigermaßen ansehnliche blühende
Stadt!
[JJ.01_148,16] Durchsuche nur die
halbzerfallenen Wohnungen so mancher Bürger, und du wirst das Eitle deiner
Betrübnis wegen Mangels an Armen sogleich überklar einsehen!“
[JJ.01_148,17] Der Hauptmann aber sagte:
„Lieber weiser Freund, da hast du wohl recht;
[JJ.01_148,18] aber diese Armen werden mir
wenig Aufschluß über den kommenden Messias erteilen können, indem sie doch samt
mir irrgläubig sind dir gegenüber!
[JJ.01_148,19] Diese hier aber haben nun an
sich so viel Wunderbares erlebt und hätten mir nach und nach so manches
enthüllen können!?“
[JJ.01_148,20] Und der Joseph erwiderte dem
Hauptmanne: „Oho, mein lieber Freund! – Meinst du denn, die Enthüllung des
Geistigen liege in den Armen?
[JJ.01_148,21] Oh – da bist du in großer
Irre! – Siehe, die Enthüllung liegt nur in der Liebe deines eigenen Herzens und
Geistes! – Wenn du Liebe ausübest, dann wird aus der Flamme solcher Liebe dir
ein Licht werden, aber nie aus dem Munde der Armen!“ – Mit dieser Erklärung
ward der Hauptmann zufrieden und fragte hinfort nicht mehr, was er tun solle.
[JJ.01_149] 149. Kapitel – Die Frage der
Ausbesserung des alten Karthagerschiffes am Sabbat. Des Kindleins Rede über das
Gutes-Tun am Sabbat. Der Ungehorsam des gesetzestreuen Joseph. Die wunderbare
Ausbesserung des Schiffes durch die Engel.
23. Februar 1844
[JJ.01_149,01] Nach dieser Beruhigung des
Hauptmanns gab der Cyrenius dem Obersten einen Befehl, laut dem dieser für den
nächsten Tag noch ein Schiff ausrüsten mußte, in welchem diese Armen nach Tyrus
überbracht werden sollten.
[JJ.01_149,02] Der Oberste aber sprach:
„Kaiserliche Consulische Hoheit! Es liegt meines Wissens nur noch ein altes
karthagisches Schiff draußen im Hafen, das aber schon sehr schadhaft ist.
[JJ.01_149,03] Schiffsbauleute gibt es in
dieser Stadt nicht, wohl hier und da nur höchst elende Zimmerleute, die mit der
genauesten Not etwa ein Fischerfloß zusammenbinden können.
[JJ.01_149,04] Es steht demnach sehr in
Frage, wie wir das alte Karthagerschiff zurechtbringen werden!“
[JJ.01_149,05] Und der Cyrenius sprach:
„Sorge dich nicht; dafür solle sogleich der beste Rat geschafft werden!
[JJ.01_149,06] Siehe, jener weise Jude ist
seiner Kunst nach ein großer Meister als Zimmermann, und also auch seine fünf
Söhne!
[JJ.01_149,07] Diesen will ich um Rat fragen,
und ich bin überzeugt, er wird mir ganz besonders in dieser Sache den besten
Rat erteilen!“
[JJ.01_149,08] Hier wandte sich der Cyrenius
sogleich an den Joseph und stellte ihm die Sache vor.
[JJ.01_149,09] Joseph aber sprach: „Freund
und Bruder! Es wäre alles recht und gut, wenn nur heute nicht unser größter
Sabbat wäre, an dem wir keine Arbeit anrühren dürfen!
[JJ.01_149,10] Aber es gibt vielleicht hier
Zimmerleute, die unser Sabbat nichts angeht; denen will ich ja wohl die
Anleitung geben.“
[JJ.01_149,11] Es erhob sich aber da das
Kindlein und sprach: „Joseph! – des Sabbats wegen darf ein jeder Mensch Gutes
tun!
[JJ.01_149,12] Die Feier des Sabbats bestehet
nicht sosehr im Müßigsein den ganzen Tag hindurch, sondern vielmehr in guten
Werken.
[JJ.01_149,13] Moses hat wohl die Feier des
Sabbats hoch geboten und in seinem Gebote jede unnötige und knechtlich bezahlte
Arbeit als eine Schändung des Sabbats bezeichnet, die vor Gott ein Greuel ist;
[JJ.01_149,14] aber an einem Sabbate den
Willen Gottes zu tun, hat Moses nie verboten!
[JJ.01_149,15] Es steht nirgends im Gesetze,
daß man an einem Sabbate einen Bruder solle zugrunde gehen lassen!
[JJ.01_149,16] Ich aber als der Herr des
Sabbats sage: Tut auch am Sabbate allzeit Gutes, so werdet ihr den Sabbat am
besten feiern!
[JJ.01_149,17] Getraust du, Joseph, dich aber
schon nicht, scheinbar nur das Gesetz Mosis zu übertreten durch die leichte
Ausbesserung jenes Schiffes, so sollen das sogleich Meine Diener tun!“
[JJ.01_149,18] Und Joseph sprach: „Mein
göttlich Söhnchen, Du hast wohl recht; aber siehe, ich bin im Gesetze alt
geworden und will es auch nicht dem Scheine nach übertreten!“
[JJ.01_149,19] Da berief das Kindlein
sogleich die Jünglinge und sprach: „Also gehet ihr hin und erfüllet Meinen
Willen;
[JJ.01_149,20] denn der Joseph achtet das
Gesetz mehr als den Gesetzgeber und den Sabbat mehr als den Herrn des Sabbats!“
[JJ.01_149,21] Und so schnell wie ein Gedanke
verließen die Jünglinge den Saal und brachten auch im Augenblicke das Schiff
zurecht und kamen auch sobald wieder zurück.
[JJ.01_149,22] Alles verwunderte sich über
diese Schnelligkeit, und viele glaubten nicht, daß das Schiff in Ordnung sei.
Aber es kamen bald Boten vom Hafen, die diese Tat dem Cyrenius anzeigten.
Darauf begab sich dann die ganze Gesellschaft ans Ufer und besichtigte das
Schiff und wunderte sich über solche Fertigkeit dieser Jünglinge.
[JJ.01_150] 150. Kapitel – Der Besuch des
Hafens. Das kostbare Schiff. Des Cyrenius Dank an Joseph. Des Kindleins Antwort
und Hinweis auf das Wohltun den Armen.
24. Februar 1844
[JJ.01_150,01] Cyrenius aber besah das Schiff
genau und berechnete, für wie viele Menschen darinnen wohl Raum sein dürfte.
[JJ.01_150,02] Und er fand, daß da recht bequem
tausend Menschen im Notfalle könnten untergebracht werden.
[JJ.01_150,03] Bei dieser
Berechnungsgelegenheit aber überzeugte sich der Cyrenius auch von der
außerordentlichen Festigkeit und Zierlichkeit dieses Schiffes;
[JJ.01_150,04] denn es sah nicht also aus,
als wäre es ein altes und geflicktes, sondern das ganze Schiff sah also aus,
als wäre es gegossen.
[JJ.01_150,05] Keine Fuge war zu entdecken,
und am Holze konnte man keine Jahre, Äste und sonstige Fasern und Poren
bemerken.
[JJ.01_150,06] Als der Cyrenius sich von
allem dem überzeugte und vom Schiffe zurück ans Ufer zu der Gesellschaft –
natürlich mit seinem nötigen Gefolge – kam, da trat er sogleich zum Joseph hin
und sprach:
[JJ.01_150,07] „Mein allererhabenster Freund,
du glücklichster der Menschen auf Erden! Über das Wunder wundere ich mich nun
gar nicht mehr; denn ich weiß es ja jetzt nur zu gut, daß bei Gott alle Dinge
möglich sind!
[JJ.01_150,08] Ich weiß, daß das kein
gemachtes und geflicktes, sondern ein ganz neuerschaffenes Schiff ist; aber ich
wundere mich dessen nicht.
[JJ.01_150,09] Denn dem Herrn wird es wohl
ein gleich Leichtes sein, entweder eine ganze Welt oder ein solches Schiff zu
erschaffen; denn die Erde ist ja doch auch ein Schiff, das gar viele Menschen
trägt auf dem Meere der Unendlichkeit!
[JJ.01_150,10] Aber daß du mich nun zu deinem
großen Schuldner gemacht hast, siehe, das macht mich nun denken, auf welche
Weise ich dir je diese Schuld werde abtragen können?!
[JJ.01_150,11] Denn siehe, dieses Schiff, das
ehedem kaum ein Pfund Silbers wert war, indem es schon mehr einem Wrack als
einem Schiffe glich, ist nun über zehntausend Pfunde Goldes wert!
[JJ.01_150,12] Denn es kann nun zu einer
Reise über die Herkulessäulen (Gibraltar) nach Britannien gebraucht werden, wie
zur Umschiffung von ganz Afrika bis nach Indien!
[JJ.01_150,13] Wahrlich! – so ein Werk ist ja
doch für den Weltgebrauch mit keinem Golde zu bezahlen!
[JJ.01_150,14] Siehe, du mein erhabenster
Freund, das ist es, was mich nun sehr denken macht, wie ich dir je diese Schuld
abtragen werde!
[JJ.01_150,15] Möchtest du das Gold achten,
so wahr dein und nun auch mein Gott lebt, so sollst du in sieben Tagen
zehntausend Pfunde haben!
[JJ.01_150,16] Aber ich weiß, daß das Gold
vor deinen Augen ein Greuel ist, und so macht mich das nun traurig, daß ich
dir, meinem größten Freunde, schuldig bleiben muß!“
[JJ.01_150,17] Und der Joseph ergriff des
Cyrenius Hand, drückte sie an seine Brust und wollte reden; aber es kamen ihm
auch die Tränen beim Anblicke dieses edlen Römers.
[JJ.01_150,18] Dafür aber richtete sich das
Kindlein auf, lächelte den Cyrenius an und sprach: „Mein lieber Cyrenius
Quirinus! Wahrlich sage Ich dir: So du einen Armen nur in Meinem Namen
aufgenommen hättest, da hättest du schon mehr getan, als was zehntausend solche
Schiffe wert sind!
[JJ.01_150,19] Du aber hast mehrere Hunderte
nun in kurzer Zeit versorgt, und Ich müßte dir gar viele solche Schiffe dafür
geben, um dich irdisch dafür zu entschädigen!
[JJ.01_150,20] Denn siehe, bei Mir gilt ein
Mensch mehr als eine ganze Welt voll solcher Schiffe! Darum lasse dich's nicht
kümmern deiner vermeinten Schuld wegen!
[JJ.01_150,21] Was du den Armen tust, das
tust du auch Mir; aber nicht hier auf der Erde werde Ich dich belohnen, sondern
wenn du sterben wirst, da werde Ich sobald deine Seele erwecken und dich
gleichmachen diesen Meinen Dienern da, die das Schiff ausbesserten!“
[JJ.01_150,22] Cyrenius weinte hier und
beteuerte, daß er von nun an sein ganzes Leben zum Wohle der armen leidenden
Menschheit verwenden werde.
[JJ.01_150,23] Das Kindlein aber hob Seine
Hand, sprach Amen, und segnete darauf den Cyrenius und das Schiff. –
[JJ.01_151] 151. Kapitel – Das Mittagsmahl in
der Burg. Der Hauptmann sucht nach Armen in der Stadt, seine Rückkehr und des
Cyrenius Lob. Des Kindleins Segensworte.
26. Februar 1844
[JJ.01_151,01] Darauf begab sich dann die
ganze Gesellschaft wieder in die Stadt und da in die Burg, allwo unterdessen
das Mittagsmahl nach vollkommen jüdischer Sitte bereitet war.
[JJ.01_151,02] Alles nahm wieder die früheren
Plätze ein und stärkte sich am schmackhaft bereiteten Mittagsmahle.
[JJ.01_151,03] Zu Ende der Mahlzeit bemerkte
erst der Cyrenius, daß der bekannte Hauptmann sich nicht unter den Gästen
befand.
[JJ.01_151,04] „Wo ist er, was tut er?“ war
die allgemeine Frage zuoberst am römischen Teile der Tafel.
[JJ.01_151,05] Cyrenius aber wandte sich an
seinen Joseph und fragte ihn darum.
[JJ.01_151,06] Und der Joseph antwortete und
sprach: „Kümmere dich nicht um ihn; denn er ist gegangen, die Armen der Stadt
aufzusuchen!
[JJ.01_151,07] Es liegt ihm nun freilich noch
mehr an der Auffindung des inneren Lichtes als so ganz eigentlich an den Armen;
[JJ.01_151,08] aber das tut nichts zur
Beeinträchtigung seiner Sache, – denn im Suchen selbst wird sich ihm der rechte
Weg von selbst auftun!“
[JJ.01_151,09] Als der Cyrenius nun solches
erfuhr, da ward er überfroh und lobte den Hauptmann in seinem Herzen.
[JJ.01_151,10] Als sich aber der römische
Teil in allerlei Mutmaßungen über den Grund der Abwesenheit des Hauptmanns
zerteilte, da kam er ganz heiter selbst zu der Gesellschaft und ward sogleich
von allen Seiten her mit tausend Fragen bestürmt.
[JJ.01_151,11] Der Hauptmann aber, als selbst
ein großer Freund vom Fragen, war darum nichts weniger als ein Freund vom
Antworten.
[JJ.01_151,12] Er ging daher sogleich zum
Cyrenius hin und entschuldigte sich, darum er bei der Mittagstafel diesmal
einen Ausreißer gemacht hatte.
[JJ.01_151,13] Und der Cyrenius reichte dem
Hauptmann die Hand und sprach zu ihm:
[JJ.01_151,14] „Fürwahr, und stünden wir vor
dem Feinde, und du hättest aus einem solchen Grunde deinen Kampfplatz
verlassen, so hättest du bei mir nichts zu verantworten!
[JJ.01_151,15] Denn wahr, wahr, wie ich es
jetzt einsehe, so tun wir mehr, so wir auch nur einem Menschen Gutes tun, als
gewönnen wir alle Reiche der Welt für Rom!
[JJ.01_151,16] Gott dem Herrn liegt mehr an
einem Menschen als an der ganzen sonstigen Welt!
[JJ.01_151,17] Darum tun wir auch vor Gott
ein bei weitem Größeres, so wir als Brüder aus Liebe einen Bruder versorgen
leiblich – und so viel möglich auch geistig,
[JJ.01_151,18] als so wir gegen viele
Tausende der ärgsten Feinde ins Feld zögen!
[JJ.01_151,19] Ja, es ist vor Gott ums
Endlose rühmlicher, ein Wohltäter an seinen Brüdern zu sein, als zu sein der
allergrößte Held in der tollen Welt!“
[JJ.01_151,20] Und das Kindlein sprach dazu:
„Amen, also ist es, Mein Cyrenius Quirinus!
[JJ.01_151,21] Bleibe du auf diesem Wege;
fürwahr, so sicher wie dieser führt kein anderer zum ewigen Leben! – Denn die
Liebe ist das Leben; wer die Liebe hat, der hat auch das Leben!“ – Darauf
segnete das Kindlein den Cyrenius und den Hauptmann mit den Augen.
[JJ.01_152] 152. Kapitel – Des Jesuskindleins
Rede an Cyrenius bei der Übergabe der Armen. Cyrenius als Vorläufer des Paulus.
Eine Voraussage über den Fall Jerusalems durch das Schwert der Römer.
27. Februar 1844
[JJ.01_152,01] Nach dieser Verhandlung
öffneten die Jünglinge wieder den Vorhang, und die ganze Gesellschaft begab
sich wieder zu den Armen. Und das Kindlein richtete Sich auf und segnete die
Armen mit den Augen.
[JJ.01_152,02] Dann wandte Es Sich zu
Cyrenius und sprach zu ihm mit einer gar lieblichen Stimme:
[JJ.01_152,03] „Mein geliebter Cyrenius
Quirinus! Siehe, diese Meine Diener, die du als zarte Jünglinge hier
erschauest, überwachen in Meinem Namen die ganze Schöpfung!
[JJ.01_152,04] Jede Welt und jede Sonne muß
ihnen gehorchen auf den leisesten Wink;
[JJ.01_152,05] und so siehst du, daß Ich
ihnen eine unbegrenzte Macht eingeräumt habe.
[JJ.01_152,06] Wie Ich aber diesen Meinen
Dienern zur geordneten Leitung alle Schöpfung übergeben habe, also übergebe Ich
hier dir diese viel größeren Welten des Lebens!
[JJ.01_152,07] Siehe, diese Brüder und
Schwestern sind mehr als eine ganze Unendlichkeit voll Weltkörper und Sonnen
für sich!
[JJ.01_152,08] Ja, Ich sage dir: Ein Kind in
der Wiege ist mehr als alle Materie im ewig endlosen Raume!
[JJ.01_152,09] Bedenke demnach, was Großes du
in dieser Spende von Mir erhältst und über wie Großes Ich dich setze!
[JJ.01_152,10] Leite mit aller Liebe,
Sanftmut und Geduld diese Armen auf dem rechten Wege zu Mir, und du sollst
darum dereinst die Größe des Lohnes ewig nie ermessen können!
[JJ.01_152,11] Ich, dein Herr und dein Gott,
mache dich hiermit zu einem Vorläufer im Reiche der Heiden, auf daß der, den
Ich dereinst senden werde zu den Heiden, eine leichte Aufnahme finden solle!
[JJ.01_152,12] Ich werde in der Folge aber
auch einen Vorläufer zu den Juden senden;
[JJ.01_152,13] aber Ich sage dir: dieser
solle einen harten Stand haben! Und was er tun wird im Schweiße seines
Angesichts, das wirst du im Schlafe bewirken!
[JJ.01_152,14] Darum aber wird auch den
Kindern das Licht genommen und euch in aller Fülle überantwortet werden!
[JJ.01_152,15] Und Ich lege darum in dir als
Kind den Samen, der einst Mir den Baum geben wird, auf dem gar edle Früchte für
Mein Haus erwachsen werden ewig.
[JJ.01_152,16] Aber den Feigenbaum bei den
Kindern, den Ich schon zu den Zeiten Abrahams pflanzte in Salem – einer Stadt,
die Ich im Melchisedek mit Meiner eignen Hand erbauet habe –, werde Ich
verfluchen, darum er nichts als Blätter trägt!
[JJ.01_152,17] Wahrlich, Mich hat es noch
allzeit gehungert! Viele Male ließ Ich den Baum in Salem durch gute Gärtner
düngen, und dennoch trug er Mir keine Frucht!
[JJ.01_152,18] Darum aber solle auch, ehe ein
Säkulum verrinnen wird, die Stadt, die Meine Hand für Meine Kinder erbauet hat,
durch euch Fremdlinge fallen; deines Bruders Sohn solle das Schwert gegen Salem
ergreifen!
[JJ.01_152,19] Wie aber du nun diese Armen zu
Kindern annimmst, so auch werde Ich euch Fremdlinge zu Meinen Kindern annehmen,
und sie werden hinausstoßen die Kinder!
[JJ.01_152,20] Diese Worte behalte du bei dir
und handle im Verborgenen darnach; Ich aber werde dich allzeit segnen mit der
unsichtbaren Krone Meiner ewigen Liebe und Gnade, Amen!“
[JJ.01_152,21] Diese Worte machten alles
verstummen. Die Engel lagen auf ihren Angesichtern, und niemand getraute sich
etwas zu reden und zu fragen. –
[JJ.01_153] 153. Kapitel – Des Cyrenius Frage
über die Gottwesenheit des Kindes. Josephs Erklärung am lebendigen Worte Gottes
in den Propheten. Die Berichtigung durch das Jesuskind.
28. Februar 1844
[JJ.01_153,01] Nach einer Weile erst zog der
Cyrenius den Joseph auf die Seite und sagte zu ihm:
[JJ.01_153,02] „Mein erhabenster Freund und
Bruder! Hast du vernommen, was das Kindlein geredet hat zu mir?!
[JJ.01_153,03] Hast du vernommen, wie Es nun
einmal ganz offen heraussagte: Ich – dein Herr – und dein – Gott?!
[JJ.01_153,04] Nehme ich dazu Seine
Willensmacht und die Diener aus den Himmeln der Himmel, die allzeit auf ihre
Angesichter niederfallen, wenn das Kleine spricht, so ist das Kind ja – der
alleinige, ewige, wahrhaftige Gott und Schöpfer der Welt und aller Dinge auf
ihr?!
[JJ.01_153,05] Freund! Bruder! – was sagst du
zu diesem meinem Bekenntnisse? – Ist es nicht also? – Oder ist es anders?“
[JJ.01_153,06] Joseph stutzte hier selbst ein
wenig; denn er hielt das Kind wohl für einen vollkommenen Sohn Gottes, aber für
die Gottheit Selbst hielt er Ihn nicht!
[JJ.01_153,07] Er sprach daher nach einer
Weile: „Das Kind für Gott Selbst zu halten, dürfte etwas gewagt sein!
[JJ.01_153,08] Es ist aber ja bei den Juden
also, daß sie Kinder Gottes sind – und sind demnach auch Söhne Gottes!
[JJ.01_153,09] Und das datiert sich schon
seit dem Vater Abraham her, der auch ein Sohn Gottes war, und also sind es auch
seine Nachkommen.
[JJ.01_153,10] Zudem hat es bei uns noch
allzeit große und kleine Propheten gegeben, und wenn sie redeten, so redeten
sie aus Gott, und Gott rechtete und redete aus ihnen stets in der ersten
Person.
[JJ.01_153,11] Also spricht einmal der Herr
durch Isaias: ,Denn Ich bin der Herr, dein Gott, der das Meer bewegt, daß seine
Wellen wüten; – Mein Name heißt: Herr – Zebaoth.
[JJ.01_153,12] Ich lege Mein Wort in deinen
Mund und bedecke dich unter dem Schatten Meiner Hände, auf daß Ich den Himmel
pflanze und die Erde gründe und zu Zion spreche: Du bist Mein Volk!‘
[JJ.01_153,13] Und siehe, wenn der Prophet
auch also redet in der ersten Person, als wäre er selbst der Herr, so ist er
aber dennoch nicht der Herr, sondern des Herrn Geist redet nur also durch des
Propheten Mund!
[JJ.01_153,14] Und siehe, also wird es auch
hier sein; Gott erweckt in diesem Kinde einen gar mächtigen Propheten und redet
nun schon durch seinen Mund frühzeitig, wie einst durch den Mund des Knaben
Samuel!“
[JJ.01_153,15] Hier war der Cyrenius beruhigt
zwar, aber das Kindlein verlangte den Joseph und den Cyrenius und sprach zu
Joseph:
[JJ.01_153,16] „Joseph, du weißt wohl, daß
der Herr durch den Mund der Propheten geredet hat wie in der ersten Person
zumeist;
[JJ.01_153,17] aber weißt du nicht, was der
Herr eben einmal bei Isaias spricht, da Er sagt:
[JJ.01_153,18] ,Wer ist Der, der von Edom
kommt, mit rötlichten Kleidern von Bazra? Der so geschmückt ist in Seinen
Kleidern und einhertritt in Seiner großen Kraft? –
[JJ.01_153,19] ,Ich bin Es, der Gerechtigkeit
lehrt und ein Meister bin zu helfen!
[JJ.01_153,20] ,Warum ist denn Dein Gewand so
rotfarb und Dein Kleid wie eines Keltertreters?
[JJ.01_153,21] ,Ich trete die Kelter allein,
und ist niemand unter den Völkern mit Mir. Ich habe sie gekeltert in Meinem
Zorne und zertreten in Meinem Grimme.
[JJ.01_153,22] ,Daher ist ihr Vermögen auf
Meine Kleider gespritzt, und Ich habe all Mein Gewand besudelt!
[JJ.01_153,23] ,Denn Ich habe einen Tag der
Rache Mir vorgenommen; das Jahr, die Meinen zu erlösen, ist gekommen!
[JJ.01_153,24] ,Denn Ich sah Mich um, da war
kein Helfer; und Ich war im Schrecken, und niemand enthielt Mich, sondern Mein
Arm mußte Mir helfen, und Mein Zorn enthielt Mich!
[JJ.01_153,25] ,Darum habe Ich die Völker
zertreten in Meinem Zorne und habe sie trunken gemacht in Meinem Grimme und ihr
Vermögen zu Boden gestoßen!‘ –
[JJ.01_153,26] Joseph! – Kennst du Den, der
von Edom kommt und nun gekommen ist und nun zu dir spricht: Ich bin Es, der
Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!?“
[JJ.01_153,27] Bei diesem Worte legte der
Joseph seine Hand auf die Brust und betete in sich das Kindlein an.
[JJ.01_153,28] Und Cyrenius sagte nach einer
Weile ganz still zu Joseph: „Bruder! Mir kommt es in dieser für Mich freilich
zu weisen Rede des Kindleins vor, als hätte ich doch recht?!“
[JJ.01_153,29] Und der Joseph sprach: „Ja, du
hast recht; aber desto mehr muß dir nun am Schweigen davon gelegen sein, willst
du leben!“ – Und der Cyrenius schrieb sich diese Mahnung tief in sein Herz und
beobachtete sie auch sein Leben lang.
[JJ.01_154] 154. Kapitel – Die dienstliche
Frage des Hauptmanns. Des Cyrenius abschlägige Erwiderung. Das Gespräch des
neugierigen Hauptmanns mit dem schönen Engel.
29. Februar 1844
[JJ.01_154,01] Nach dieser Szene kam unser
Hauptmann hin zum Cyrenius und fragte ihn, wieviel Mann er am Abend zu seinen
Diensten zur Burg beordern solle.
[JJ.01_154,02] Solches aber fragte der
Hauptmann darum, weil er wußte, daß Cyrenius noch am Abende werde sein Gepäck
ins Schiff bringen lassen und ebenso auch den Mundbedarf für mehrere Hunderte,
die er von Ostracine nach Tyrus mitnahm.
[JJ.01_154,03] Der Cyrenius aber sah den
Hauptmann an und sprach: „Mein lieber Freund! Wenn ich dafür erst jetzt sorgen
sollte, da wäre es übel gesorgt!
[JJ.01_154,04] Zur Versorgung des neuen
Schiffes aber, das diese Armen aufnehmen wird, wird heute noch also gedacht
werden, daß da keiner der Reisenden Not leiden wird.
[JJ.01_154,05] Hast du nicht gesehen, wie
schnell das alte Karthagerschiff hergestellt ward durch diese Jünglinge?
[JJ.01_154,06] Siehe, auf dieselbe Weise kann
und wird es auch mit allem versorgt werden!
[JJ.01_154,07] Was aber da meine eigenen
Schiffe betrifft, so sind diese schon lange mit allem auf ein Jahr versehen,
und das im strengsten Falle für tausend Mann.
[JJ.01_154,08] Aus dem Grunde solle nun
meinetwegen kein Mann bemüht werden, sondern in seinem kaiserlichen Dienste
stehen bleiben.“
[JJ.01_154,09] Diese Erwiderung nahm den
Hauptmann wunder, indem sonst der Cyrenius sehr auf die militärische
Aufmerksamkeit sah.
[JJ.01_154,10] Er fragte darauf den Cyrenius,
sagend: „Eure Kaiserliche Consulische Hoheit! Wer sind denn hernach diese
Jünglinge? Sind das echte ägyptische Zauberer, oder sind das etwa gar
Halbgötter oder berühmte Magier und Sternkundige aus Persien?“
[JJ.01_154,11] Und der Cyrenius sprach: „Mein
lieber Freund, hier ist weder das eine noch das andere!
[JJ.01_154,12] Sondern, wenn du schon wissen
willst, wer diese Jünglinge sind, da gehe hin und frage einen aus ihnen, und du
wirst ohne mein Verschulden ins klare kommen!“
[JJ.01_154,13] Der Hauptmann verneigte sich
hier vor dem Cyrenius und wandte sich sogleich an einen der anwesenden
Jünglinge und fragte ihn:
[JJ.01_154,14] „Höre mich, mein
allerliebenswürdigster, allerherrlichster, allerschönster, mich ganz
bezaubernder, du über alle meine Begriffe herrlicher, du endlos zarter, du mit
deiner unbegreiflichen Schönheit meine Zunge lähmender, du a – a – al – ler –
allerholdester – Jüngling!
[JJ.01_154,15] Ja – um – was habe – habe –
habe – ich denn – so ganz eigentlich fragen wollen?“
[JJ.01_154,16] Und der bis auf den Glanz in
die volle himmlische Schönheit übergehende Jüngling sagte darauf zum Hauptmann:
[JJ.01_154,17] „Das wirst du ja doch wissen?
Frage nur zu, du Freund der Frage; ich will dir ja alles gerne beantworten!“
[JJ.01_154,18] Der Hauptmann aber war ganz
weg ob der zu großen Schönheit des Jünglings und konnte kein Wort über seine
Zunge bringen.
[JJ.01_154,19] Nach einer Weile, als er sich
an der für ihn unbegreiflichen Schönheit des Jünglings vollgegafft hatte, da
erst bat er den Jüngling um einen Kuß.
[JJ.01_154,20] Und der Jüngling küßte den
Hauptmann und sprach: „Damit ein Band zwischen uns auf ewig! – Suche du nur die
nähere Bekanntschaft jenes weisen Juden, und dir wird viel Lichtes werden!“
[JJ.01_154,21] Der Hauptmann aber ward darauf
so entsetzlich verliebt in diesen Jüngling, daß er sich aus lauter Liebe nicht
zu helfen wußte, und vergaß ganz seine Frage.
[JJ.01_154,22] Und diese Liebe quälte ihn bis
zum Abende und war eine kleine Strafe für des Hauptmanns Fragliebhaberei; am
Abende aber ward er wieder geheilt und hatte keine Lust mehr, sich einem
solchen Jünglinge zu nahen.
[JJ.01_155] 155. Kapitel – Des Cyrenius
Schiffssorge. Der Rat des Engels. Des Cyrenius Dank an Joseph und das Kindlein.
Josephs Voraussage über des Cyrenius Reiseabenteuer.
1. März 1844
[JJ.01_155,01] Am Abende wurde noch ein
Abendmahl bereitet und zu sich genommen und sodann Vorkehrungen zur Abreise für
den nächsten Tag getroffen.
[JJ.01_155,02] Es war aber nach dem Wissen
des Cyrenius und seiner Suite das neue Karthagerschiff noch mit nichts belastet
und versorgt, und Cyrenius kümmerte sich heimlich doch ein wenig darob.
[JJ.01_155,03] Aber es trat ein Jüngling zu
ihm und sagte: „Quirinus! Du sollst dich auch heimlich um nichts kümmern;
[JJ.01_155,04] denn siehe, um was du dich nun
sorgst, das ist lange schon in der besten Ordnung!
[JJ.01_155,05] Bestelle nur dieses dein Haus
zur guten Ordnung in deiner Abwesenheit; für alles andere wird schon von
unserer Seite gesorgt werden im Namen des Herrn Gott Zebaoth!“
[JJ.01_155,06] Cyrenius glaubte – und sorgte
sich um gar nichts mehr, was da das Wesen der Schiffe betraf.
[JJ.01_155,07] Darauf berief der Cyrenius den
Hauptmann zu sich und übergab ihm die Leitung und Besorgung der Burg.
[JJ.01_155,08] Und als der Hauptmann diesen
seinen gewöhnlichen Dienst wieder angetreten hatte,
[JJ.01_155,09] da berief der Cyrenius den
Obersten zu sich, übergab ihm wieder die Vollmacht über das in dieser Stadt
stationierte Militär;
[JJ.01_155,10] denn bei den Römern durfte der
Oberste in Gegenwart des Statthalters das Militär nicht nach eigenem Gutdünken
kommandieren, denn da war der Statthalter sozusagen alles in allem.
[JJ.01_155,11] Als der Cyrenius mit der
Anordnung fertig war, da ging er zu Joseph hin und sprach:
[JJ.01_155,12] „Mein allererhabenster, ja ich
möchte sagen, du mein heiliger Freund und Bruder! Was alles habe ich nun doch
dir und ganz besonders deinem allerheiligsten Kindlein zu danken!
[JJ.01_155,13] Wie, wann, womit werde ich dir
je diese große Schuld abzutragen imstande sein!?
[JJ.01_155,14] Du hast mir die Tullia
gegeben, hast mir das Leben wunderbar gerettet!
[JJ.01_155,15] Ja, ich kann ja gar nicht
aufzählen alle die außerordentlichen Wunderwohltaten, die du mir erwiesen hast
in der kurzen Zeit dieses meines Hierseins!“
[JJ.01_155,16] Und der Joseph sprach:
„Freund! Wie lange ist es denn, daß ich in großer Bedrängnis stand?!
[JJ.01_155,17] Da wardst du mir zu einem
rettenden Engel des Herrn zu Tyrus entgegengesandt!
[JJ.01_155,18] Und siehe, also waschet
fortwährend eine Hand die andere am großen Körper der gesamten Menschheit!
[JJ.01_155,19] Doch nun nichts mehr weiter
von dem! Siehe, es ist Abend geworden! Die Villa liegt eine Stunde außer der
Stadt; daher lasse mich nun aufbrechen und nach Hause ziehen!
[JJ.01_155,20] Meinen und des Herrn Segen
hast du und alle deine Gefährten vielfach; daher magst du getrost ziehen von
hier!
[JJ.01_155,21] Die drei Löwen aber nehme in
dein Schiff, und sie werden dir gute Dienste tun!
[JJ.01_155,22] Denn ihr werdet Sturm haben
und werdet nach Kreta verschlagen werden, und die räuberischen Kreter werden
euch überfallen.
[JJ.01_155,23] Und hier wird es sein, wo dir
die drei Löwen wieder einen guten Dienst tun werden!“
[JJ.01_155,24] Hier ward der Cyrenius
furchtsam; aber Joseph tröstete ihn und versicherte ihm, daß da niemand auch
nur den allergeringsten Schaden leiden werde.
[JJ.01_156] 156. Kapitel – Der Dank des
Maronius, der drei Priester und der Tullia. Das Schweigegebot Josephs.
2. März 1844
[JJ.01_156,01] Darauf kam der Maronius Pilla
mit den drei Priestern zum Joseph und dankte ihm für alle die Wunderwohltaten.
[JJ.01_156,02] Und der Joseph ermahnte ihn,
zu schweigen von allem dem, was er hier gesehen hatte;
[JJ.01_156,03] Und der Maronius gelobte
solches mit den drei Priestern auf das feierlichste.
[JJ.01_156,04] Darauf kam die Tullia, fiel
vor der Maria nieder und zerfloß in Tränen des Dankes.
[JJ.01_156,05] Maria aber beugte sich samt
dem Kindlein nieder, erhob die Tullia und sprach zu ihr:
[JJ.01_156,06] „Sei mir gesegnet im Namen
Dessen, der auf meinen Armen ruht! – Sei stets dankbar in deinem Herzen
eingedenk dieses Kindes, so wirst du in Ihm dein Heil finden!
[JJ.01_156,07] Deiner Zunge aber lege eine
Fessel an und verrate uns gegen niemanden!
[JJ.01_156,08] Denn wann es an der Zeit sein
wird, da wird der Herr schon Selbst Sich vor der Welt offenbaren!“
[JJ.01_156,09] Darauf entließ Maria die noch
schluchzende Tullia.
[JJ.01_156,10] Joseph aber sprach zum
Cyrenius: „Freund! Siehe, viele aus deinem Gefolge waren Zeuge von so manchen
Wundertaten; diesen gebiete du ihres Heiles willen, daß auch sie schweigen
möchten von allem dem!
[JJ.01_156,11] Denn jeden Verräter dieser
rein göttlichen Sache wird der Tod treffen, wenn er nicht schweigen will!“
[JJ.01_156,12] Der Cyrenius gelobte solches
dem Joseph und versicherte ihm, daß da nie jemand auch nur eine Silbe erfahren
solle.
[JJ.01_156,13] Joseph aber belobte den
Cyrenius und erinnerte ihn schließlich an die verheißenen acht Kinder, die da
in fünf Mädchen und drei Knaben bestünden.
[JJ.01_156,14] Und der Cyrenius sprach: „O
Freund, das wird wohl mein erstes Geschäft sein!
[JJ.01_156,15] Aber nun nur eine Frage noch:
Siehe, ich werde in diesem Jahre noch wegen der Tullia nach Rom müssen!
[JJ.01_156,16] Mein Bruder Augustus Caesar,
da er schon einiges von mir, wie du es weißt, erfahren hat, wird mich sicher um
mehreres fragen.
[JJ.01_156,17] Was werde ich ihm sagen?
Inwieweit darf ich diesen edlen Menschen in dies Geheimnis einweihen?“
[JJ.01_156,18] Und der Joseph sprach: „Du
kannst Ihm, aber nur unter vier Augen, so manches mitteilen.
[JJ.01_156,19] Aber erinnere ihn, daß er, so
er schweigt, in seiner Kaiserwürde ungestört verbleiben wird, also auch seine
Nachkommen!
[JJ.01_156,20] so er aber auch nur eine Silbe
irgendwo wird fallenlassen, da wird ihn Gott sogleich strafen!
[JJ.01_156,21] Und wird er sich aber
auflehnen gegen den Allmächtigen, da wird er mit ganz Rom im Augenblicke
untergehen!“
[JJ.01_156,22] Der Cyrenius dankte
inbrünstigst dem Joseph für diese Bescherung; und Joseph segnete ihn und begab
sich dann mit all den Seinen nach der Villa.
[JJ.01_157] 157. Kapitel – Des Jesuskindleins
Liebesgespräch mit Jakobus. Die Last und Schwere des Herrn für die, die Ihn in
sich tragen. Das plötzliche Verstummen des bisher redefähigen Jesuskindes.
4. März 1844
[JJ.01_157,01] Außer der Stadt übergab die
Maria das Kindlein dem Jakob; denn sie war müde geworden, da sie Es diesen
ganzen Tag auf ihren Händen hielt.
[JJ.01_157,02] Und der Jakob war voll
Freuden, daß er wieder einmal seinen Liebling zu tragen bekam.
[JJ.01_157,03] Das Kindlein aber schlug die
Augen auf und sprach: „Du Mein lieber Jakob! – Du hast Mich wohl recht von
ganzem Herzen lieb!
[JJ.01_157,04] Aber so Ich dir recht schwer
würde, hättest du Mich dann auch noch so lieb?“
[JJ.01_157,05] Und der Jakob sprach: „O du
mein allerliebstes Brüderchen! – wenn Du auch mein Gewicht hättest, so würde
ich Dich aber dennoch mit dem brennendsten Herzen auf meinen Armen tragen!“
[JJ.01_157,06] Das Kindlein aber sprach:
„Mein Bruder, jetzt freilich werde Ich dir nicht schwer werden,
[JJ.01_157,07] aber es wird einst die Zeit
kommen, in der Ich dir zur großen Last werde!
[JJ.01_157,08] Daher tust du wohl, daß du
dich jetzt schon liebend an Mein Gewicht gewöhnst;
[JJ.01_157,09] wenn demnach die schwere Zeit
kommen wird, da wirst du Mich in Meinem Vollgewichte ebenso leicht tragen, wie
du Mich jetzt trägst als Kind!
[JJ.01_157,10] Ich sage dir aber: Jeder, der
Mich nicht zuvor als ein Kind ertragen wird, wird erliegen unter Meinem
Vollgewichte dereinst!
[JJ.01_157,11] Wer Mich aber in seinem
Herzen, wie du nun auf deinen Händen, tragen wird als ein kleines schwaches
Kindlein, dem werde Ich auch im Mannesalter zu einer ebenso geringen Bürde
werden!“
[JJ.01_157,12] Und der Jakob, nicht
verstehend diese hohen Worte, fragte liebkosend das Kindlein:
[JJ.01_157,13] „O Du mein allerliebstes
Brüderchen, Du mein Jesus! – wirst Du Dich denn auch als Mann herumtragen
lassen?“
[JJ.01_157,14] Das Kindlein aber sprach: „Du
liebst Mich aus allen deinen Kräften, und das genügt Mir!
[JJ.01_157,15] Deine Einfalt aber ist Mir
lieber als die Weisheit der Weisen, die viel rechnen und voraussagen, ihre
Herzen aber dabei kälter sind denn das Eis.
[JJ.01_157,16] Was du jetzt noch nicht
fassest, das wirst du mit den Händen greifen in der rechten Zeit!
[JJ.01_157,17] Siehe, Ich aber bin nun nur
noch ein Kind, das in einem vollunmündigen Alter ist;
[JJ.01_157,18] und siehe, Meine Zunge ist
dennoch gelöst, und Ich rede mit dir wie ein gesetzter Mann!
[JJ.01_157,19] Möchte Ich nun also
verbleiben, da wäre Ich gleich einem Doppelwesen, ein Kind dem Auge – und ein
Mann dem Ohre.
[JJ.01_157,20] Also aber kann es nun nicht
verbleiben! Ich werde Mir noch auf ein Jahr die Zunge binden vor allen bis auf
dich;
[JJ.01_157,21] du aber wirst Meine Stimme nur
in deinem Herzen vernehmen!
[JJ.01_157,22] Wann Ich aber wieder mit dem
Munde reden werde, dann wird dein Auge Mich wohl männlicher erschauen, aber
dein Ohr wird nur Kindisches vernehmen von Mir!
[JJ.01_157,23] Dir aber habe Ich nun solches
kundgetan, auf daß du dich dann nicht ärgern sollest an Mir – und also sei es!“
[JJ.01_157,24] Hier ward das Kindlein wieder
ganz sprachlos und gebärdete sich gleich jedem anderen. – Und während dieser
Beredung ward auch schon die Villa erreicht.
[JJ.01_158] 158. Kapitel – Die wunderbare
Versorgung der Haustiere Josephs durch die Engel. Der Sabbateifer Josephs.
Gabriels Hinweis auf die Tätigkeit der Natur am Sabbat. Das Verschwinden der
Engel.
5. März 1844
[JJ.01_158,01] In der Villa angelangt, befahl
Joseph sogleich den vier älteren Söhnen, nachzusehen bei den Tieren und sie zu
versorgen und sodann sich bald zur Ruhe zu begeben.
[JJ.01_158,02] Und diese gingen eiligst und
taten solches alles; aber sie kamen bald zurück und sagten zum Joseph:
[JJ.01_158,03] „Vater, es ist wunderbar! Die
Rinder wie die Esel sind gefüttert und getränkt, und dennoch sind ihre
Futterkörbe voll, und die Wassereimer sind gestrichen voll; wie ist das?“
[JJ.01_158,04] Und der Joseph ging selbst
nachzusehen und fand die Aussage der vier Söhne bestätigt.
[JJ.01_158,05] Da kehrte er zurück und fragte
die noch anwesenden Jünglinge, ob sie solches getan hätten an einem Sabbate.
[JJ.01_158,06] Und die Jünglinge bejahten
solches; der Joseph aber sprach ganz bedenklich zu den Jünglingen:
[JJ.01_158,07] „Wie doch seid ihr Diener des
Herrn und möget nicht heiligen den Sabbat?!“
[JJ.01_158,08] Gabriel aber sprach darauf: „O
du reiner Mann, wie kannst du denn eine solche Frage an uns stellen?!
[JJ.01_158,09] Ist der heutige Tag nicht
vergangen wie ein jeder andere, ist die Sonne nicht auf- und untergegangen wie
an einem jeden anderen Gemeintage? Ist heute nicht auch der Morgen-, Mittags-
und Abendwind gegangen?
[JJ.01_158,10] Als wir am Meere standen, hast
du da nicht gesehen desselben regsamsten Wellengang? Warum wollte es denn nicht
feiern den Sabbat?
[JJ.01_158,11] Wie hast du denn heute gehen,
essen und trinken mögen und holen den Atem – und hast nicht untersagt deinem
Herzen zu schlagen?!
[JJ.01_158,12] Siehe, du sabbatängstlicher
Mann, alles, was da in der Welt ist und geschieht, besteht ja allein durch die
uns vom Herrn verliehene Tatkraft und wird von uns geleitet und regiert!
[JJ.01_158,13] So wir nun ruhen möchten einen
Tag hindurch, sage, ginge da nicht sogleich die ganze Schöpfung zugrunde?
[JJ.01_158,14] Siehe, also müssen wir den
Sabbat nur durch unsere Tätigkeit in der Liebe zum Herrn feiern, aber nicht
durch ein müßiges Nichtstun!
[JJ.01_158,15] Die wahre Ruhe im Herrn
besteht sonach in der wahren Liebe im Herzen zu Ihm und in der unablässigen
Tätigkeit darnach zur Erhaltung der ewigen Ordnung.
[JJ.01_158,16] Alles andere ist vor Gott ein
Greuel voll menschlicher Torheit.
[JJ.01_158,17] Dieses bedenke du wohl, und
scheue dich an keinem Sabbate Gutes zu tun, so wirst du dem Herrn, deinem wie
meinem Schöpfer, vollähnlich sein!“
[JJ.01_158,18] Auf diese Rede fielen alle
Jünglinge auf ihre Angesichter vor dem Kindlein nieder und verschwanden darauf.
[JJ.01_158,19] Joseph aber grub diese Worte
tief in sein Herz und ward forthin nicht mehr so sehr ängstlich an einem
Sabbate.
[JJ.01_159] 159. Kapitel – Eudokias
Verwunderung und Unruhe wegen des plötzlichen Verschwindens der Jünglinge.
Marias beruhigende Worte. Die Nachtruhe. Eudokias Sehnsucht nach Gabriel,
dessen plötzliches Erscheinen und sein Rat.
6. März 1844
[JJ.01_159,01] Als die Jünglinge verschwunden
waren, da fragte Eudokia die Maria, wer denn so ganz eigentlich diese Jünglinge
waren.
[JJ.01_159,02] Denn die Eudokia war noch eine
Heidin und wußte nichts von den außerordentlichen Geheimnissen des Himmels.
[JJ.01_159,03] Daß aber bei dieser
Gelegenheit auch die Heiden die Engel sahen, rührte daher, weil für die Zeit
hindurch ihr inneres Auge erschlossen gehalten ward;
[JJ.01_159,04] und das Verschwinden der Engel
war sonach nichts anderes als das Sich-wieder-Schließen der geistigen inneren
Sehe, –
[JJ.01_159,05] aus dem Grunde es auch nach
dem Verschwinden der Engel der Eudokia vorkam, als wäre sie aus einem tiefen
Traume erwacht.
[JJ.01_159,06] Sie empfand sich nun wieder
ganz naturmäßig, und alles, was sie den ganzen Tag hindurch gesehen, gehört und
getan hatte, kam ihr wie ein sehr lebhafter Traum vor.
[JJ.01_159,07] Darum denn auch ist die obige
Frage von seiten der Eudokia an die Maria verzeihlich;
[JJ.01_159,08] denn sie war nun wieder ganz
im Außenzustande, und dieser war heidnisch.
[JJ.01_159,09] Und die Maria aber antwortete
und sprach: „Eudokia, wir werden noch länger beisammenbleiben, und dir wird alles
klar werden, was dir jetzt noch dunkel ist!
[JJ.01_159,10] Für heute aber wollen wir uns
zur Ruhe begeben; denn ich bin sehr müde!“
[JJ.01_159,11] Die Eudokia begnügte sich wohl
äußerlich mit dieser Vertröstung; aber in ihrem Herzen stieg die Begierde.
[JJ.01_159,12] Joseph aber sagte: „Meine
Kinder, es ist Nacht geworden; schließet die Tore und begebet euch zur Ruhe!
[JJ.01_159,13] Denn morgen ist ja ohnehin
noch der Sabbater (Nachsabbat), an dem wir nicht arbeiten; da werden wir uns
über so manches noch besprechen können!
[JJ.01_159,14] Für heute aber lobet den Herrn
und tut, wie ich es euch anbefohlen habe!
[JJ.01_159,15] Du, Jakob, aber bereite die
Wiege und bringe das Kindlein zur Ruhe, und stelle die Wiege ans Lager der
Mutter!
[JJ.01_159,16] Und du, Eudokia, begebe dich
auch in dein Schlafgemach und stärke deine Glieder mit einem süßen Schlafe im
Namen des Herrn!“
[JJ.01_159,17] Und die Eudokia ging sogleich
in ihr bestimmtes Gemach, legte sich auf ihr Lager, aber ferne blieb der
Schlaf;
[JJ.01_159,18] denn zu erregt war ihr feurig
Gemüt ob des Verschwindens der Jünglinge.
[JJ.01_159,19] Denn sie hatte sich in den
Gabriel verliebt und wußte sich nun nicht zu raten und zu helfen, da der
Gegenstand ihres Herzens so plötzlich vor ihren Augen verschwand.
[JJ.01_159,20] Da aber alles ruhte und
schlief, da erhob sich die Eudokia und öffnete ein Fenster und blickte hinaus.
[JJ.01_159,21] Da stand plötzlich Gabriel vor
ihr und sprach: „Du mußt dein Herz zur Ruhe bringen!
[JJ.01_159,22] Denn siehe, ich bin nicht ein
Mensch gleich dir, sondern ich bin nur ein Geist und bin ein Bote Gottes!
[JJ.01_159,23] Das Kindlein aber bete an;
denn dieses ist der Herr, der wird beruhigen dein Herz!“ – Darauf verschwand
der Engel wieder, und die Eudokia bekam Ruhe.
[JJ.01_160] 160. Kapitel – Jakobs
kindlich-fröhliches Spiel mit dem Kindlein. Josephs Rüge und Jakobs treffliche
Antwort. Eudokias Traum und herrliches Zeugnis vom Herrn.
7. März 1844
[JJ.01_160,01] Am Morgen, eine Stunde vor dem
Aufgange, war wie gewöhnlich im Hause Josephs schon alles lebendig, und das
Kindlein selbst strampelte ganz munter in der Wiege und ließ freudige
Kindleinstöne wie halb singend von Sich hören.
[JJ.01_160,02] Jakob spielte mit dem Kindlein
nach seiner Weise und machte dem Herrn der Unendlichkeit mit seiner Hand
allerlei Bewegungen vor und sang und pfiff dabei.
[JJ.01_160,03] Es war aber die Maria noch auf
ihrem Lager und schlummerte; darum machte der in sein Morgengebet versunkene
Joseph dem Jakob ein wenig Vorwürfe, da er also lärme und nicht achte auf das
Gebet und auf die noch schlummernde Mutter.
[JJ.01_160,04] Der Jakob aber entschuldigte
sich und sprach: „Lieber Vater, siehe, es hat ja der Herr Himmels und der Erde
ein Wohlgefallen an meiner Beschäftigung mit Ihm!
[JJ.01_160,05] Wir aber sollen ja allzeit das
nur tun, was dem Herrn wohlgefällt!
[JJ.01_160,06] Und siehe, es gefällt dem
Herrn, was ich tue! Wie mag es dir doch zuwider sein?
[JJ.01_160,07] Die Mutter aber würde sicher
nicht so gut schlummern, wenn wir beide, ich und das Kindlein, nicht also
lärmten!
[JJ.01_160,08] Ich bitte dich, lieber Vater,
mich dadurch für entschuldigt zu halten und mir fürder nicht Vorwürfe zu
machen, so ich auch bei meiner Bestimmung manchmal wie ausgelassen erscheine
vor dir, aber dabei doch dem Herrn wohlgefalle!“
[JJ.01_160,09] Joseph aber sprach: „Ja, ja,
es ist schon alles recht, – ich sehe es ja gerne, daß du also gut mit dem
Kindlein umzugehen weißt;
[JJ.01_160,10] aber nur mußt du in Zukunft
keinen solchen Lärm machen, wenn du siehst, daß da noch jemand schläft und
irgend ein anderer im Gebete zu Gott versammelt ist!“
[JJ.01_160,11] Jakob dankte dem Joseph für
diese Ermahnung, und fragte ihn aber darauf, sagend nämlich:
[JJ.01_160,12] „Vater! Wenn du also betest zu
Gott, wie du jetzt gebetet hast, zu was für einem Gotte betest denn du da?
[JJ.01_160,13] Was ich von diesem Kinde nun
weiß, so kann es unmöglich je irgend einen größeren und wahrhaftigeren Gott
geben, wie dieses Kindlein Es zufolge des lautesten Zeugnisses aus dem Himmel
ist!
[JJ.01_160,14] Wenn aber das laut den
Propheten und laut den vielen Wunderzeugnissen der Fall ist?
[JJ.01_160,15] Wenn es im Propheten heißt:
,Wer ist Der, so von Edom kommt, mit rötlichten Kleidern von Bazra? Der so
geschmückt ist in Seinen Kleidern und einhertritt in Seiner großen Kraft? – Ich
bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu helfen!‘
[JJ.01_160,16] Vater! – diese Worte hat das
Kindlein gestern vor dir auf Sich bezogen! Wer ist Es denn? Denn solches kann
doch kein Mensch von sich sagen! – Gott aber gibt es nur einen!
[JJ.01_160,17] Wer ist demnach das Kindlein,
das da spricht: ,Ich bin Es, der Gerechtigkeit lehrt und ein Meister bin zu
helfen!‘?“
[JJ.01_160,18] Hier stutzte Joseph und
sprach: „Fürwahr, mein Sohn Jakob, du hast recht; du bist besser daran bei der
Wiege – als ich hier in meinem Betwinkel!“
[JJ.01_160,19] Bei diesen Worten trat,
höchster Entzückung voll, die Eudokia aus ihrem Gemache, schön wie eine
Morgenröte, und fiel vor der Wiege nieder und betete das Kindlein an.
[JJ.01_160,20] Und als sie eine halbe Stunde
da also betete, erhob sie sich und sprach: „Ja, – ja, Du allein bist es, und
außer Dir ist keiner mehr!
[JJ.01_160,21] Ich habe heute nacht im Traume
gesehen eine Sonne am Himmel, und die war leer und hatte wenig Licht.
[JJ.01_160,22] Dann aber ersah ich auf der
Erde dies Kindlein, und Es glänzte wie tausend Sonnen, und von Ihm aus ging ein
mächtiger Strahl hin zu jener leeren Sonne und erleuchtete sie durch und durch!
[JJ.01_160,23] In diesem Strahle sah ich die
Engel, die hier waren, auf- und abschweben, ihre Zahl war endlos, aber ihre
Angesichter waren unablässig auf das Kindlein gerichtet! Ach, welch eine
Herrlichkeit war das!“ –
[JJ.01_160,24] Diese Erzählung brachte den
Joseph ganz aus seinem Betwinkel, und er hielt nun auch alles auf das Kindlein
und betete oft an der Wiege.
[JJ.01_161] 161. Kapitel – Marias und Josephs
Sorge wegen der plötzlichen Stummheit des Kindleins. Ihre Zweifel an der
Echtheit des Kindes. Marias vergeblicher Versuch, mit dem wunderheilsamen
Badewasser des Kindleins einen Blinden zu heilen. „Wisset ihr nicht, daß man
Gott nicht versuchen solle?“ (Jakob). Die Heilung des Blinden auf inneres
Geheiß des Jesuskindleins durch Jakob.
8. März 1844
[JJ.01_161,01] Bei dieser Gelegenheit
erwachte auch die Maria, rieb sich den Schlaf aus den Augen, stand sogleich auf
und wusch sich und wechselte im Nebenkabinett das Schlafkleid mit dem
Tageskleide.
[JJ.01_161,02] In kurzer Zeit kam sie ganz
gereinigt wieder zurück, gleichend einem Engel des Himmels, so schön, so gut,
so fromm und so sorglich ergeben in den Willen des Herrn!
[JJ.01_161,03] Sie begrüßte den Joseph und
küßte ihn, umarmte dann die Eudokia und küßte sie.
[JJ.01_161,04] Nach dieser gar freundlichen
Begrüßung, die den alten Joseph allzeit einige Tränen der Freude kostete,
kniete – sich im Herzen überaus demütigend – die Maria voll Liebe zur Wiege
nieder und gab betend dem Kindlein die Brust.
[JJ.01_161,05] Nachdem das Kindlein gesogen
hatte, ließ die Maria sogleich ein frisches Bad bereiten und badete das
Kindlein wie gewöhnlich.
[JJ.01_161,06] Und das Kindlein strampelte
munter im Badebecken herum und ließ fleißig Seine unartikulierte Stimme hören.
[JJ.01_161,07] Als das Kindlein gebadet war
und getrocknet und wieder in frische Kleidchen und Fußwindeln gesteckt,
[JJ.01_161,08] da fragte die Maria das
Kindlein, wie Es Sich befinde, ob Ihm wohltäten die frischen Kleidchen.
[JJ.01_161,09] Denn sie wußte ja, daß das
Kindlein reden kann, und das göttlich weise; – aber sie wußte nicht, und
niemand außer dem Jakob wußte, daß das Kindlein Sich die Zunge wieder gebunden
hatte.
[JJ.01_161,10] Daher befremdete sie alle, daß
das Kindlein auf die Fragen der Maria keine Antwort erteilte.
[JJ.01_161,11] Maria bat darauf das Kindlein
inständigst, daß Es doch nur ein wenig reden möchte; aber das Kindlein trieb
Seine Kinderstimme, und von einem Worte war keine Rede mehr!
[JJ.01_161,12] Das beunruhigte die Maria wie
den Joseph, und sie gedachten, ob etwa die Engel das Gottkind nicht bei der
Nacht in den Himmel brachten und ließen dafür ein ganz gewöhnliches Kind in der
Wiege.
[JJ.01_161,13] Denn der Glaube an die
Auswechslung der Kinder war bei den Juden sehr gang und gäbe.
[JJ.01_161,14] Maria wie der Joseph
betrachteten das Kindlein gar ängstlich, ob Es wohl noch Dasselbe wäre,
[JJ.01_161,15] konnten aber nicht die
allerleiseste Unähnlichkeit entdecken, weder am Kopfe noch irgend woanders.
[JJ.01_161,16] Da sprach die Maria: „Hebet
das Badewasser auf, und suchet einen Kranken, und bringet ihn hierher;
[JJ.01_161,17] denn bis jetzt hat dies Wasser
stets eine wunderheilsame Kraft gehabt!
[JJ.01_161,18] Wird der Kranke gesund, so
haben wir noch unser Kindlein, und wird er nicht gesund, so hat es Gott dem
Herrn wohlgefallen, uns ein anderes Kind an die Stelle des Seinen zu geben!“
[JJ.01_161,19] Hier wollte Jakob reden; aber
das Kindlein verbot es ihm wohlvernehmlich in seinem Herzen, und er schwieg.
[JJ.01_161,20] Joseph aber sandte sogleich
den ältesten Sohn in die Stadt, daß er brächte einen Kranken.
[JJ.01_161,21] In anderthalb Stunden kam er
mit einem Blinden, und Maria wusch ihm die Augen mit dem Badewasser; aber der
Blinde bekam nicht das Licht seiner Augen.
[JJ.01_161,22] Diese Erscheinung machte die
Maria, den Joseph, die vier Söhne und die Eudokia traurig; nur Jakob blieb
heiter und nahm das Kindlein und lockte Es.
[JJ.01_161,23] Der Blinde aber murrte, weil
er meinte, daß er nur gefoppt worden sei.
[JJ.01_161,24] Joseph aber vertröstete ihn
und versprach ihm die Verpflegung lebenslänglich als Entschädigung für diese
vermeintliche Fopperei. – Damit war der Blinde wieder beruhigt.
[JJ.01_161,25] Joseph aber bemerkte des
Jakobs Heiterkeit und stellte sie ihm als eine Sünde gegen ihn als Vater dar.
[JJ.01_161,26] Jakob aber sprach: „Ich bin
heiter, weil ich weiß, woran ich bin; ihr aber trauert, weil ihr das nicht
wisset! – Wisset ihr denn nicht, daß man Gott nicht versuchen solle?“
[JJ.01_161,27] Hier hauchte Jakob den Blinden
an, und dieser ward sehend im Augenblick; alle aber staunten nun den Jakob an und
wußten nicht, wie sie daran waren.
[JJ.01_162] 162. Kapitel – Josephs Forschen
nach dem Ursprung der Heilkraft Jakobs. Jakobs Verhör durch Joseph. Josephs
Zweifel. Jakobs weise Erwiderung aus dem Herrn. Josephs Erstaunen über die
Weisheit seines Sohnes.
9. März 1844
[JJ.01_162,01] Nach einer Weile trat Joseph
näher hin zum Jakob und fragte ihn, woher in seinem Hauche solche Kraft käme.
[JJ.01_162,02] Und der Jakob sprach: „Lieber
Vater! – ich habe in mir eine Stimme vernommen, die zu mir sprach:
[JJ.01_162,03] ,Hauche dem Blinden ins
Angesicht, und er wird sein Gesicht wohlleuchtend wieder erhalten!‘
[JJ.01_162,04] Und siehe, ich glaubte fest
dieser Stimme in mir, tat nach ihrem Worte, und der Blinde ist sehend!“
[JJ.01_162,05] Und der Joseph sprach: „Das
wird also sein, wie du nun geredet hast;
[JJ.01_162,06] aber von woher kam die
mächtige Stimme in dich, wie vernahmst du sie?“
[JJ.01_162,07] Und der examinierte Jakob
sprach: „Lieber Vater! – siehst du denn nicht Den, der nun auf meinen Armen
spielt mit meinen Locken?
[JJ.01_162,08] Ich glaube, Dieser ist es, der
in mir zu mir solches wunderbar geredet hatte!“
[JJ.01_162,09] Und der Joseph fragte den
Jakob weiter und sprach:
[JJ.01_162,10] „Hältst du das Kindlein wohl
für das echte noch? Meinst du nicht, daß Es uns ausgewechselt worden wäre?!“
[JJ.01_162,11] Und der Jakob sprach: „Wer
oder welche Macht sollte wohl imstande sein, den Allmächtigen auszutauschen?
[JJ.01_162,12] Fielen doch die Engel allzeit
auf ihr Angesicht, wenn das Kindlein wunderbarlichst redete, – wie sollten sie
da an Ihm, dem Allmächtigen, also handeln können? – !
[JJ.01_162,13] Ich halte sonach das Kindlein
für das erste und echte so gewiß und wahr, wie gewiß und wahr ich noch nie an
eine Auswechslung der Kindlein geglaubt habe!“
[JJ.01_162,14] Und der Joseph sprach: „Mein
lieber Sohn, du hast hier mir einen nicht sehr festen Beweis deines Glaubens
gegeben;
[JJ.01_162,15] denn siehe, also spricht David
selbst, indem er sagt: ,Warum toben die Heiden, und die Leute reden so
vergeblich?
[JJ.01_162,16] Die Könige im Lande lehnen
sich auf, und die Herren ratschlagen miteinander wider den Herrn und Seinen
Gesalbten und sprechen:
[JJ.01_162,17] Lasset uns zerreißen des Bande
und von uns werfen seinen Strick!‘
[JJ.01_162,18] Siehe, mein Sohn, diese Worte
sind geistig, und die Könige sind die Mächte, und das Land ist das große Reich
der unsichtbaren Mächte! – Was aber führen diese im Sinne, wovon reden sie?
[JJ.01_162,19] Ist darin nicht die
Möglichkeit angezeigt, daß sie auch ihre Hände an den Herrn legen können?!“
[JJ.01_162,20] Und der Jakob sprach:
„Allerdings, wenn es der Herr zulassen würde!
[JJ.01_162,21] Aber es heißt ja schon im
Anfange dieses Gesanges fragend: ,Warum toben die Heiden, und warum reden die
Leute so vergeblich?‘
[JJ.01_162,22] Will David damit nicht etwa
die Unzulänglichkeit solcher Mächte wider den Herrn bezeichnen?!
[JJ.01_162,23] Weiter unten aber heißt es ja
ausdrücklich: ,Aber Der im Himmel wohnt, lachet ihrer und spottet ihrer!
[JJ.01_162,24] Er wird einst reden mit ihnen
in Seinem Zorne, und mit Seinem Grimme wird Er sie schrecken!‘
[JJ.01_162,25] Lieber Vater! Ich meine, diese
zwei Strophen des großen Gottessängers rechtfertigen zur Genüge meinen Glauben!
[JJ.01_162,26] Denn sie geben mir zur Genüge
kund, daß der Herr allzeit ein Herr bleibt und an Ihm keine Auswechslung
ausgeübt werden kann!“
[JJ.01_162,27] Joseph erstaunte über die
Weisheit seines Sohnes und ging mit dem ganzen Hause wieder zur Annahme des
echten Kindleins zurück und lobte und pries Gott darum. – –
[JJ.01_163] 163. Kapitel – Die Arbeiten der
Söhne Josephs. Marias Kunstfertigkeit. Eudokias Fleiß. Die Ankunft der acht
Kinder von Tyrus. Josephs edle Botschaft an Cyrenius. Maria als Lehrerin der
acht Kinder.
11. März 1844
[JJ.01_163,01] Auf diese Weise war nun alles
wieder in der alten guten Ordnung im Hause Josephs.
[JJ.01_163,02] Joseph und seine Söhne machten
allerlei kleine Holzgerätschaften und verkauften diese an die Bewohner der
Stadt um billige Preise;
[JJ.01_163,03] und das taten sie natürlich
neben ihrer sonstigen Hausarbeit.
[JJ.01_163,04] Maria und die Eudokia aber
besorgten das Häusliche und machten Kleider und manchmal auch zierliche
Arbeiten für reiche Familien der Stadt.
[JJ.01_163,05] Denn Maria war sehr geschickt
in aller Kunstspinnerei und strickte ganze Kleider;
[JJ.01_163,06] die Eudokia aber war eine gute
Näherin und wußte mit der Nadel wohl umzugehen.
[JJ.01_163,07] Und so verdiente sich die
Familie stets das Nötige und hatte so viel, um im Notfalle auch andern Armen
beizustehen. –
[JJ.01_163,08] In einem Vierteljahr erst
kamen die acht Kinder von Tyrus an – natürlich geleitet von verläßlichen
Freunden des Cyrenius –
[JJ.01_163,09] und brachten ein mächtiges
Kostgeld mit, welches in achthundert Pfunden Goldes bestand.
[JJ.01_163,10] Joseph aber sprach: „Die
Kinder nehme ich wohl, aber das Gold nehme ich nicht; denn darauf liegt des
Herrn Fluch!
[JJ.01_163,11] Nehmet es daher nur wieder
mit, und gebet es dem Cyrenius, er wird schon wissen, warum ich es nicht
annehmen kann und darf!
[JJ.01_163,12] Überbringet ihm aber meinen
Segen und meinen Gruß,
[JJ.01_163,13] und saget ihm, daß ich ihn im
Geiste begleitet habe auf seiner Heimreise und war Zeuge von allem, was ihm
begegnet ist,
[JJ.01_163,14] und habe ihn gesegnet allzeit,
wo ihm eine Gefahr drohte!
[JJ.01_163,15] Wegen des Verlustes der drei
Tiere auf der Insel Kreta solle er sich nicht ängstigen; denn also hatte es der
Herr, den er kennt, gewollt!“
[JJ.01_163,16] Darauf segnete Joseph die
Freunde des Cyrenius und übernahm mit großer Freude die acht Kinder, die sich
sogleich überaus heimisch fühlten im Hause Josephs.
[JJ.01_163,17] Darauf nahmen die Freunde des
Cyrenius das Gold wieder und begaben sich schnell wieder nach Tyrus zurück.
[JJ.01_163,18] Joseph aber pries Gott für die
Zugabe dieser Kinder, segnete sie und übergab sie der Leitung Mariens, die eine
Hauptschulmeisterin war, indem sie im Tempel in allem möglichen unterrichtet
ward.
[JJ.01_163,19] Und die Kinder lernten
griechisch, hebräisch und auch römisch lesen und schreiben.
[JJ.01_163,20] Denn diese drei Sprachen mußte
in der Zeit fast jeder Mensch reden und im Notfalle auch schreiben können.
(Anmerkung. Die römische Sprache aber war damals ungefähr das, was heute die
gallische ist, und durfte nicht fehlen bei einer besseren Erziehung.)
[JJ.01_164] 164. Kapitel – Ein ruhiges Jahr
im Hause Josephs. Die wunderbare Heilung des besessenen Knaben der
Mohrenfamilie durch Jakob auf Geheiß des Jesuskindes.
12. März 1844
[JJ.01_164,01] Von dieser Periode an ging es
im Hause Josephs ganz ruhig zu und ereignete sich nichts Wunderbares.
[JJ.01_164,02] Und dieser ruhige Zustand
dauerte ein volles Jahr, da das Kindlein schon Selbst gehen konnte und auch
reden und spielen mit den andern acht Kindern.
[JJ.01_164,03] In dieser Zeit kam eine Mohrenfamilie,
die ein sehr krankes Kind hatte, ins Haus des Joseph.
[JJ.01_164,04] Denn diese Familie hatte in
der Stadt gehört, daß sich in diesem Hause ein Wunderarzt befinde, der alle
Krankheiten heile.
[JJ.01_164,05] Das kranke Kind war ein Knabe
von zehn Jahren und ward von einem bösen Geiste gar jämmerlich gequält.
[JJ.01_164,06] Der Geist ließ dem Knaben Tag
und Nacht keine Ruhe, warf ihn hin und her, trieb ihm den Bauch auf und
bereitete ihm dadurch unerträgliche Schmerzen.
[JJ.01_164,07] Bald wieder trieb er ihn ins
Wasser und bald ins Feuer.
[JJ.01_164,08] Als aber dieser Geist sich im
Hause Josephs befand, da ward er ruhig und rührte sich nicht.
[JJ.01_164,09] Joseph aber fragte den Vater
des Knaben, der Griechisch verstand, was es mit dem Knaben für eine Bewandtnis
habe.
[JJ.01_164,10] Und der Vater erzählte dem
Joseph alles getreuest, was sich nur immer mit dem Knaben zugetragen hatte vom
Anbeginne.
[JJ.01_164,11] Darauf berief Joseph den
Jakob, der sich wie gewöhnlich als ein sechzehnjähriger Jüngling mit dem
Kindlein beschäftigte, und gab ihm die Not dieser Mohrenfamilie kund.
[JJ.01_164,12] Jakob aber wandte sich an das
Kindlein und herzete Es und redete in seinem Herzen mit Ihm.
[JJ.01_164,13] Das Kindlein aber sprach ganz
laut in hebräischer Sprache:
[JJ.01_164,14] „Mein Bruder! Meine Zeit ist
noch lange nicht da; aber gehe du hin zu dem kranken Knaben, des Geschlecht das
Zeichen Kains trägt!
[JJ.01_164,15] Rühre ihn mit dem Zeigefinger
der linken Hand an der Brustgrube an, und sobald wird der böse Geist für immer
entweichen aus dem Knaben!“
[JJ.01_164,16] Und der Jakob ging sobald hin
und tat, wie ihm das Kindlein befohlen hatte.
[JJ.01_164,17] Da riß der böse Geist den
Knaben zum letzten Male und schrie:
[JJ.01_164,18] „Was willst du Schrecklicher
denn mit mir? Wohin solle ich nun ziehen, da du mich vor der Zeit aus meiner
Wohnung treibst?!“
[JJ.01_164,19] Und der Jakob sprach: „Der
Herr will es! – Nicht ferne ist das Meer; wo es am tiefsten ist, da sollest du
wohnen im Grunde, und der Schlamm solle deine Wohnstätte sein fürder, Amen!“
[JJ.01_164,20] Hier verließ der Geist den
Knaben, und der Knabe ward gesund im Augenblicke.
[JJ.01_164,21] Darauf wollte die Familie den
Joseph belohnen; Joseph aber nahm nichts an und entließ die Familie wieder im
Frieden und lobte Gott für diese Wunderheilung an diesem Knaben.
[JJ.01_165] 165. Kapitel – Die einhalbjährige
Wunderpause. Jesus als munteres Knäblein. Ein Besuch Jakobs beim Fischer
Jonatha. Christophorus oder des Kindleins Weltenschwere. Die Heimkehr in
Begleitung Jonathas.
13. März 1844
[JJ.01_165,01] Von dieser Geschichte an
verging wieder ein halbes Jahr in voller Ruhe und geschah nichts Wunderbares.
[JJ.01_165,02] Denn das Kindlein vermied
durch Seine innere Kraft sorglichst alles, was zu irgendeiner Wundertat hätte
einen Anlaß geben können.
[JJ.01_165,03] Es war munter und spielte mit
den andern Kindern, wenn diese Zeit hatten;
[JJ.01_165,04] sonst aber ging Es am liebsten
mit dem Jakob herum und plauderte mit ihm, wenn sie allein waren, ganz
gescheit.
[JJ.01_165,05] Aber mit den andern Kindern
plauderte Es ganz wie andere Kinder in dem Alter von zwei Jahren.
[JJ.01_165,06] Es lebte aber in der Gegend
ein ausgewanderter Jude und betrieb die Fischerei im nahen Meere und lebte von
diesem Erwerbe.
[JJ.01_165,07] Dieser Jude aber war sehr groß
von Gestalt und war riesenhaft stark.
[JJ.01_165,08] An einem Vorsabbate morgens
bald nach dem Frühstücke nahm Jakob das Kindlein und ging mit der Erlaubnis
Josephs zu diesem Juden, der geraden Weges eine gute Stunde vom Hause Josephs
entfernt war.
[JJ.01_165,09] Das aber tat Jakob, weil ihn
dieser Jude schon öfter eingeladen hatte, und weil es ihm das Kindlein geboten
hatte heimlich.
[JJ.01_165,10] Als Jakob mit dem Kindlein nun
ins Haus des Fischers kam, da war dieser hocherfreut und setzte dem Jakob
sogleich einen gut zubereiteten Fisch vor.
[JJ.01_165,11] Und Jakob aß davon nach seiner
Lust und gab ganz ausgesuchte kleine Stückchen auch seinem kleinen Brüderchen
zum Verkosten.
[JJ.01_165,12] Und das Kindlein verzehrte
auch mit sichtlichem Appetite die kleinen Portionen, die Ihm der Jakob in den
Mund steckte.
[JJ.01_165,13] Das freute den Fischer so
sehr, daß er darob unwillkürlich zu Tränen gerührt wurde.
[JJ.01_165,14] Jakob aber wollte sich bald
wieder nach Hause begeben;
[JJ.01_165,15] der Fischer aber bat ihn
inständigst, daß er den Tag über bei ihm verbleiben möchte.
[JJ.01_165,16] „Am Abende aber“, sprach er,
„will ich dich samt dem allerliebsten kleinen Bruder nach Hause tragen!
[JJ.01_165,17] Denn siehe, du hattest wohl
bei anderthalb Stunden zu tun gehabt, weil du diesen Meeresarm, der durchaus
sehr seicht ist, umgehen mußtest!
[JJ.01_165,18] Ich aber messe fast zwei
Klafter; das Wasser geht mir kaum bis zum Leibe, da es am tiefsten ist!
[JJ.01_165,19] Ich nehme dich dann samt dem
Kinde auf meinen Arm, wate mit euch durch den Meeresarm und bringe euch dann
leicht mit noch einer guten Portion von frischen besten Fischen in einer
kleinen Viertelstunde nach Hause!“
[JJ.01_165,20] Hier sprach das Kindlein:
„Jonatha! Dein Wille ist gut; aber wenn Ich dir mit Meinem Bruder nur etwa
nicht zu schwer werde?“
[JJ.01_165,21] Und der Jonatha lächelte und
sprach: „O du mein liebes Kindlein, so ihr hundertmal so schwer wäret, als ihr
seid, so könnte ich euch noch gar leicht ertragen!“
[JJ.01_165,22] Und das Kindlein sprach:
„Jonatha, da kommt es nur auf eine Probe an; versuche Mich allein über den Arm,
der kaum fünfzig Klafter breit ist, hin und her zu tragen, und es wird sich
zeigen, wie es mit deiner Stärke für uns beide aussieht! – ?“
[JJ.01_165,23] Jonatha ging sogleich in diese
Probe, nahm mit der Einwilligung Jakobs das Kindlein auf seinen Arm und watete
mit Ihm den Arm des Meeres durch.
[JJ.01_165,24] Hinüber ging es leidlich,
obschon Jonatha sich über die Schwere des Kindleins hoch verwunderte.
[JJ.01_165,25] Im Zurücktragen aber ward das
Kindlein so schwer, daß Jonatha es für nötig fand, einen starken Balken zu
nehmen, um, sich auf denselben stützend, das Kindlein mit der genauesten Not
von der Welt ans Ufer zu bringen.
[JJ.01_165,26] Als er da ankam, setzte er
sobald das Kindlein ans Ufer, da der Jakob wartete, und sprach: „Um Jehovas
willen, was ist das? Schwerer als dies Kind kann die ganze Welt nicht sein! –
?“
[JJ.01_165,27] Und das Kindlein sprach
lächelnd: „Das sicher; denn du hast jetzt auch bei weitem mehr getragen, als
was die ganze Welt ausmacht!“
[JJ.01_165,28] Jonatha aber, sich kaum
erholend, fragte: „Wie solle ich das nehmen?“
[JJ.01_165,29] Jakob aber sprach: „Lieber
Jonatha, nehme du die Fische, und begleite uns trocknen Weges nach unserer
Heimat, und bleibe die Nacht bei uns; morgen solle dir darin ein Licht werden!“
[JJ.01_165,30] Darauf nahm Jonatha drei Lägel
der besten Fische und begleitete die beiden noch vormittags nach Hause zum
Joseph, der ihn mit viel Freuden aufnahm, denn sie waren von Jugend auf
Schulfreunde gewesen.
[JJ.01_166] 166. Kapitel – Jonatha bei seinem
Jugendfreund Joseph. Jonathas Erzählung und Frage nach dem sonderbaren Kinde
Josephs. Josephs Bericht über das Kind. Jonathas Demut und Liebe zum Kinde und
sein Gebet.
14. März 1844
[JJ.01_166,01] Jonatha übergab dem Joseph die
drei Lägel Fische, mit denen er ihm eine große Freude machte; denn Joseph war
ein großer Freund von Fischen.
[JJ.01_166,02] Darauf sagte er zum Joseph:
„Mein geliebtester Jugendfreund, sage mir doch, was du für ein Kind hast!
[JJ.01_166,03] Fürwahr, es kann höchstens
zwei bis drei Jahre alt sein, und es spricht so gescheit, als wäre es ein
erwachsener Mann!
[JJ.01_166,04] Und – siehe, – ich, – der ich
doch zwei Ochsen unter meinen Armen, wie du zwei Lämmer, tragen kann, – wollte
den Jakob mit dem Kindlein den ganzen Tag über bei mir behalten und wollte sie
abends, den Meeresarm durchwatend, zu dir nach Hause bringen!
[JJ.01_166,05] Als ich solchen meinen Wunsch
aber dem Jakob kundgab, da redete mich das Kindlein an und sprach zu meinem
nicht geringen Erstaunen:
[JJ.01_166,06] ,Jonatha, dein Wille ist gut;
aber so wir dir nur etwa nicht zu schwer werden?!‘
[JJ.01_166,07] Daß ich ob dieser kindlich
besorglichen Frage beim Bewußtsein meiner Kraft lächeln mußte, das versteht
sich von selbst!
[JJ.01_166,08] Aber das Kindlein sprach
darauf, es komme da nur auf eine Probe an; ich solle versuchen, es allein durch
den Meeresarm hin und her zu tragen, um mich zu überzeugen, ob es mir nicht zu
schwer werden möchte!
[JJ.01_166,09] Mit der Einwilligung Jakobs
nahm ich das Kindlein auf meinen Arm und trug es durchs Wasser.
[JJ.01_166,10] Hinüber war es noch
erträglich; aber zurück mußte ich einen Stock nehmen, auf den ich mich stützte,
und gelangte nur mit der genauesten Not von der Welt an das andere Ufer.
[JJ.01_166,11] Denn fürwahr, du, lieber
Freund, kannst mir's glauben, das Kind ward so entsetzlich schwer, daß ich
gerade glaubte, eine Weltenlast liege auf meinen Armen!
[JJ.01_166,12] Als ich das Ufer erreichte,
das Kindlein schnell dem Jakob übergab und mich ein wenig erholte,
[JJ.01_166,13] da fragte ich den Jakob, was
denn das wäre – wie sei dies Kind schwerer als eine Welt?
[JJ.01_166,14] Da sprach das Kindlein
unaufgefordert wieder,
[JJ.01_166,15] ich hätte nun mehr getragen,
als so ich getragen hätte eine ganze Welt!
[JJ.01_166,16] Freund, von dem allen ist dein
Jakob Zeuge gewesen! – Nun frage ich dich darum und sage:
[JJ.01_166,17] Was um Jehovas willen hast du
denn für ein Kind? Fürwahr, da kann es nicht natürlicher Dinge sein!“
[JJ.01_166,18] Und der Joseph sprach zu
Jonatha: „Wenn du schweigen könntest wie eine Mauer – ansonsten dein Leben in
große Gefahr käme –, da möchte ich dir, meinem alten allerbiedersten Freunde,
wohl etwas erzählen!“
[JJ.01_166,19] Und der Jonatha schwor und
sprach: „Bei Gott und allen Himmeln! – ich will tausendmal sterben im Feuer, so
ich dich je mit einer Silbe verrate!“
[JJ.01_166,20] Da nahm ihn Joseph mit sich
auf seinen Lieblingshügel und erzählte ihm den ganzen Hergang der Sache des
Kindleins, von der Jonatha vorher noch keine Silbe wußte.
[JJ.01_166,21] Jonatha aber, als er solches
in kurz gefaßter Darstellung vernommen hatte, fiel auf seine Knie nieder und
betete vom Hügel aus das Kindlein an, das soeben inmitten der acht andern
Kinder Sich herumtummelte,
[JJ.01_166,22] und sprach am Ende seines
langen Gebetes: „O du Seligkeit der Seligkeiten! Mein Gott, mein Schöpfer hat
mich besucht! Ich habe Ihn, der alle Welt und alle Himmel trägt, auf meinen
Armen getragen!? – O du endlose Gnade der Gnade! O du Erde, bist du wohl wert
solcher Gnade!? – Ja, jetzt verstehe ich die Worte des Gottkindes: ,Mehr als
eine Welt – hast du getragen!‘“ – Darauf verstummte Jonatha und konnte vor
Entzückung eine Stunde kein Wort aus seinem Munde bringen.
[JJ.01_167] 167. Kapitel – Josephs gastliche
Einladung an Jonatha. Jonathas Bedenken und Sündenbekenntnis. Josephs Rat. Des
Kindleins Lieblingsspeise: das Herz Jonathas. Jesu Zeugnis über Jonatha.
15. März 1844
[JJ.01_167,01] Als der Jonatha seine Andacht
auf solche lebendige Weise verrichtet hatte, da sprach Joseph zu ihm:
[JJ.01_167,02] „Mein geliebter Freund, du
wohnst allein mit deinen drei Gehilfen in deiner Hütte.
[JJ.01_167,03] Heute am Vorsabbate wirst du
ohnehin keine Fische mehr fangen; darum bleibe heute bei mir, desgleichen auch
über den morgigen Sabbat!“
[JJ.01_167,04] Und der Jonatha sprach: „Ja,
mein Freund und Bruder, wenn das Gottkind nicht wäre, da möchte ich wohl bei
dir verbleiben;
[JJ.01_167,05] aber siehe, ich bin ein
sündiger Mensch und bin unrein in allen meinen Teilen und Gliedern!
[JJ.01_167,06] Denn ich habe, seit ich unter
den Heiden lebe, kaum mehr an die Satzungen Mosis gedacht und lebte mehr
heidnisch als jüdisch.
[JJ.01_167,07] Und so kann ich da wohl nicht
verbleiben, da selbst der Allerheiligste wohnet!“
[JJ.01_167,08] Und der Joseph sprach:
„Bruder, dein Grund ist gut; aber bei mir wird er nicht angenommen!
[JJ.01_167,09] Denn siehe, der Herr, der
sogar gegen alle Heiden Sich so gnädig bezeigt, wird Sich zu dir sicher noch
gnädiger bezeigen, indem du ein reuiger Jude bist!
[JJ.01_167,10] Du brauchst Ihn nur zu lieben
und kannst rechnen, daß dich auch der Herr lieben wird über die Maßen!
[JJ.01_167,11] Denn siehe, die acht Kinder
und die Eudokia sind Heiden, und dennoch geht das Kindlein mit ihnen herum und
hat sie lieb über die Maßen!
[JJ.01_167,12] Also wird Es auch dich gar
liebreichst aufnehmen und wird Sich mit dir wie mit Seinem besten Freunde
abgeben!“
[JJ.01_167,13] Auf diese Rede faßte Jonatha
Mut und begab sich mit Joseph wieder vom Hügel hinab in die Wohnung, allwo
schon lange das Mittagsmahl bereitet war.
[JJ.01_167,14] Joseph berief nun alles zum
Tische. Die Maria nahm das Kindlein und setzte sich auch neben dem Joseph, wie
gewöhnlich, zum Tische.
[JJ.01_167,15] Das Kindlein aber wollte nicht
die für Ihn bereitete Milchspeise genießen.
[JJ.01_167,16] Und Maria ward ängstlich
darob, denn sie meinte, es müsse dem Kindlein etwas fehlen.
[JJ.01_167,17] Das Kindlein aber sprach:
„Warum ängstigest du dich denn Meinetwegen?
[JJ.01_167,18] Siehe, der Jonatha hat Mir
eine bessere Speise gebracht; diese werde Ich essen, und diese wird Mich
wahrhaft sättigen!“
[JJ.01_167,19] Maria aber verstand hier
sogleich die Fische, die zuletzt auf den Tisch gesetzt wurden.
[JJ.01_167,20] Das Kindlein aber sprach:
„Maria, du hast Mich nicht verstanden!
[JJ.01_167,21] Denn die Fische meine Ich
nicht, obschon sie natürlich besser schmecken als diese gestrige Milch, die da
schon topfig ist, und die Joel nahm statt einer frischen, um ein Mus zu kochen
für Mich.
[JJ.01_167,22] Aber die große Demut und die große
Liebe seines Herzens (des Jonatha nämlich), die er Mir schon öfter bezeigte,
ohne Mich zu kennen – diese meine Ich!
[JJ.01_167,23] Ich sage dir, du Maria,
Jonatha ist ein starker Mensch in seinen Gliedern, aber die Liebe seines
Herzens ist noch viel stärker!
[JJ.01_167,24] Und diese seine Liebe zu Mir
ist die gar kräftige Kost, die Mich nun sättiget! – Doch aber werde Ich auch
von seinen Fischen essen; aber das saure Mus mag Ich nicht!“ – Darob ward aber
Jonatha so erfreut, daß er laut zu weinen anfing.
[JJ.01_168] 168. Kapitel – Das von Joel
schlecht bereitete Mus. Marias und Josephs Rüge. Des Kindleins Nachsicht mit
Joel. Erziehungswinke.
16. März 1844
[JJ.01_168,01] Nun kostete erst die Maria das
Mus, das der Joel fürs Kindlein bereitet hatte, und fand es im Ernste etwas
sauer und kleingrießartig topfig.
[JJ.01_168,02] Da berief sie sobald den Joel,
der sich noch ganz geschäftig in der Küche mit dem Braten der Fische abgab.
[JJ.01_168,03] Als dieser kam, sagte die
Mutter voll Ernstes: „Joel! da verkoste einmal das Mus!
[JJ.01_168,04] Hast du denn gar so wenig
Achtung vor dem Kinde, vor dem Vater Joseph und vor mir, dem getreuen Weibe
deines Vaters, daß du mir solches antun magst?!
[JJ.01_168,05] Haben denn unsere Kühe und
Ziegen keine frische Milch mehr im Euter?
[JJ.01_168,06] Warum nahmst du eine gestrige,
schon sauer gewordene, die man wohl kalt genießen kann, so man durstig ist,
aber nicht gekocht, da sie schädlich ist ganz besonders den Kindern?!“
[JJ.01_168,07] Hier kostete auch der Joseph
das Mus und wollte schon ein kleines Donnerwetter über den Joel senden.
[JJ.01_168,08] Aber das Kindlein richtete
Sich auf und sprach: „O ihr Menschen ihr! – Warum wollt ihr denn Mich überall
überbieten?!
[JJ.01_168,09] Ist denn nicht genug, was Ich
über den Joel bemerkte? Warum wollt ihr ihn denn nach Mir völlig richten?
[JJ.01_168,10] Meinet ihr, Ich habe ein
Wohlgefallen an solcher eurer Strenge? – O nein! – Mir gefällt allein nur die
Liebe, Sanftmut und die Geduld!
[JJ.01_168,11] Joel hat sich durch seine
Unachtsamkeit allerdings strafbar gemacht,
[JJ.01_168,12] darum Ich ihn aber auch durch
Meine tadelnde Bemerkung sogleich gestraft habe! Diese Strafe ist aber hinreichend;
wozu da noch eine weitere Rüge und ein Donnerwetter obendrauf?
[JJ.01_168,13] Es tut wohl jeder Vater recht,
so er die kleinen unartigen Kinder mit der Rute bestraft, aber den erwachsenen
Söhnen solle er stets ein weiser und sanfter Lehrer sein!
[JJ.01_168,14] Nur so ein Sohn sich
auflehnete gegen den Vater, dem solle gedroht werden!
[JJ.01_168,15] Bekehrt er sich da, so solle
er wieder in den alten Frieden gesetzt werden;
[JJ.01_168,16] bekehrt er sich aber nicht, da
solle er verstoßen und vom Hause des Vaters und aus seinem Vaterlande getrieben
werden!
[JJ.01_168,17] Joel aber hat ja nichts
verbrochen; nur die Lust zu den Fischen gestattete ihm nicht so viel Zeit, daß
er eine Ziege gemolken hätte!
[JJ.01_168,18] Von nun an aber wird er das
auch sicher nimmer tun; darum sei ihm auch alles vergeben!“
[JJ.01_168,19] Darauf berief das Kindlein den
Joel zu Sich und sprach: „Joel! – wenn du Mich liebst, wie Ich dich liebe, so
bereite in Zukunft deinem Vater und deiner Mutter keinen solchen Kummer mehr!“
[JJ.01_168,20] Joel aber fing vor Rührung an
zu weinen und fiel auf seine Knie nieder und bat das Kindlein, die Maria und
den Joseph um Vergebung.
[JJ.01_168,21] Und der Joseph sprach: „Stehe
nur auf, mein Sohn, was dir der Herr vergibt, das sei dir auch von mir und der
Mutter vergeben!
[JJ.01_168,22] Gehe aber nun und sehe nach,
was die Fische machen!“
[JJ.01_168,23] Und das Kindlein sagte
ebenfalls hurtig dazu: „Ja, ja, gehe nur, sonst werden die Fische überbraten,
da sie dann nicht gut wären; denn Ich will ja Selbst davon essen!“
[JJ.01_168,24] Diese Besorglichkeit gefiel
den andern acht Kindern so gut, daß sie aus Freude laut lachten.
[JJ.01_168,25] Das Kindlein aber lachte
Selbst recht herzlich mit und brachte in die ganze Tischgesellschaft eine recht
heitere Stimmung, und Jonathas Augen waren voll entzückter Freudentränen.
[JJ.01_169] 169. Kapitel – Das Fischessen.
Die Mahnung des unbedienten Jesuskindleins an Joseph und dessen abschlägige
Antwort. Des Jesuskindleins gewichtige Erwiderung und Voraussage über die
Vergöttlichung der Maria. Die Segensworte des demütigen Kindleins.
18. März 1844
[JJ.01_169,01] In kurzer Zeit brachte Joel
auf einem Roste die gebratenen Fische herein und setzte sie auf den Tisch.
[JJ.01_169,02] Joseph legte sogleich einem
jeden eine gute Portion vor und vergaß auch sich nicht;
[JJ.01_169,03] aber dem Kindlein legte er
natürlich keine Portion vor, denn das ward ja ohnehin von der Mutter beteiligt.
[JJ.01_169,04] Das Kindlein aber war diesmal
damit nicht zufrieden, sondern begehrte auch eine ganze Portion.
[JJ.01_169,05] Da sprach der Joseph: „Aber Du
mein allerliebstes Söhnchen, Du mein Jesus, das wäre wohl viel zuviel für Dich!
[JJ.01_169,06] Fürs erste könntest Du es ja
unmöglich alles essen, und fürs zweite, wenn Du es verzehretest, würde es Dich
krank machen!
[JJ.01_169,07] Siehst Du aber nicht, daß ich
darum der Mutter ja ohnehin eine größere Portion vorgelegt habe, weil sie Dich
zu versorgen hat?!
[JJ.01_169,08] Daher sei nur ganz ruhig, mein
Söhnchen; denn Du wirst nicht zu kurz kommen!“
[JJ.01_169,09] Und das Kindlein sprach: „Das
weiß Ich wohl – und noch so manches, was du nicht weißt!
[JJ.01_169,10] Aber schicklich wäre es doch
gewesen, wenn du auch dem Herrn eine ganze Portion gegeben hättest!
[JJ.01_169,11] Weißt du wohl, wer
Melchisedek, der König von Salem war? – Du weißt es nicht!
[JJ.01_169,12] Ich aber weiß es und sage es
dir: Der König von Salem war der Herr Selbst; aber außer Abraham durfte es
niemand ahnen!
[JJ.01_169,13] Darum verneigte sich Abraham
bis zum Erdboden vor Ihm und gab Ihm freiwillig von allem den zehnten Teil.
[JJ.01_169,14] Joseph! – Ich bin derselbe
Melchisedek, und du bist gleich dem Abraham!
[JJ.01_169,15] Warum willst denn du Mir nicht
den Zehnten geben von diesen guten Fischen?
[JJ.01_169,16] Warum bescheidest du Mich auf
die Mutter? – Wer wohl hat den Fisch wie das Meer gemacht? War es Maria – oder
Ich, ein König von Salem von Ewigkeit?!
[JJ.01_169,17] Siehe, Ich bin hier in Meinem
Eigentume von Ewigkeit, und du willst Mir nicht einmal eine ganze Portion
Fisches vorsetzen? – Das sieht doch rar aus!
[JJ.01_169,18] Darum aber wird es auch
kommen, daß einst die Menschen Meiner Leibesmutter bei weitem größere Portionen
vorsetzen werden denn Mir.
[JJ.01_169,19] Und Ich werde auf das passen
müssen, was der Mutter vorgesetzt wird, und da wird ferne sein die Ordnung
Melchisedeks!“
[JJ.01_169,20] Joseph aber wußte nicht, was
er darauf sagen solle. Er teilte aber sobald seinen Teil und setzte die größere
Hälfte dem Kindlein vor.
[JJ.01_169,21] Das Kindlein aber sprach: „Wer
Mir etwas gibt und behält einen Teil für sich, der kennt Mich nicht!
[JJ.01_169,22] Wer Mir geben will, der gebe
Mir alles, sonst nehme Ich es nicht an!“
[JJ.01_169,23] Hier schob Joseph auch noch
freudigst seinen Teil vor das Kindlein.
[JJ.01_169,24] Das Kindlein aber hob Seine
Rechte und segnete die zwei Teile und sprach:
[JJ.01_169,25] „Wer das Ganze Mir gibt, der
gewinnt hundertfach! Nehme den Fisch wieder vor dich, Joseph, und esse! Was dir
überbleiben wird, das erst gebe Mir!“
[JJ.01_169,26] Hier nahm Joseph den Fisch
wieder und aß viel davon. Als er aber nimmer essen konnte, da blieb noch so
viel übrig, daß es für zwölf Personen genug gewesen wäre. Und das Kindlein aß
dann von dem Übriggebliebenen.
[JJ.01_170] 170. Kapitel – Jonathas Frage
nach Josephs innerer Stellung zum Kindlein und Josephs Erwiderung.
20. März 1844
[JJ.01_170,01] Nach dieser Tischszene, die
den Jonatha viele Freuden- und auch Reuetränen gekostet hatte, sagte eben der
Jonatha zum Joseph:
[JJ.01_170,02] „Joseph, du mein alter
Jugendfreund, sage mir doch so ganz aufrichtig – wie unendlich glücklich fühlst
du dich denn, wenn du die Größe deiner Berufung überdenkst?!
[JJ.01_170,03] Was empfindest du, wenn du das
Kindlein ansiehst und dein lebendig glaubend Herz sagt es dir: ,Siehe, das
Kindlein ist Gott Jehova Zebaoth!
[JJ.01_170,04] Der mit Adam redete, mit
Henoch, mit Noah, mit Abraham, Isaak und Jakob;
[JJ.01_170,05] Der unsere Väter aus dieses
Landes harter Not erlöste durch Moses und gab Selbst das Gesetz in der Wüste;
[JJ.01_170,06] und ernährte durch vierzig
Jahre das große Volk in der Wüste, in der nichts als nur hie und da ein
Dornstrauch und eine Distel erwächst;
[JJ.01_170,07] Der durch den Mund der
Heiligen und Propheten geredet hat!‘?
[JJ.01_170,08] O Joseph, sage, sage es mir! –
was empfindest du da, was in solcher Gegenwart Dessen, der Himmel und Erde
gegründet hat?!
[JJ.01_170,09] Ja, der die Engel erschuf und
machte das erste Menschenpaar und belebte es mit Seinem ewig lebendigen Odem!
[JJ.01_170,10] Oder – sage! – ist es dir,
wenn du das überdenkst, wohl möglich zu reden?
[JJ.01_170,11] Bindet die Anschauung des
Kindes dir nicht schon also deine Zunge, daß du aus zu großer Ehrfurcht vor
Dem, der ewig war, schweigen mußt?“
[JJ.01_170,12] Und der Joseph erwiderte dem
Jonatha: „Du hast recht, daß du mich also fragst;
[JJ.01_170,13] aber denke selbst nach, – was
solle ich machen?! Es ist nun einmal also, und ich muß das Allerhöchste also
ertragen, als wäre es etwas Niederes; sonst könnte ich ja unmöglich bestehen!
[JJ.01_170,14] Siehe, Gott ist einmal Gott,
und wir sind Seine Geschöpfe! – Er ist Alles, und wir alle sind nichts!
[JJ.01_170,15] Dieses Verhältnis ist
gerechnet richtig. Kannst du aber selbst durch deinen allerhöchsten
Gedankenflug an diesem Verhältnisse etwas ändern?
[JJ.01_170,16] Siehe, daher ist dein Gefrage
eitel! Möchte ich auch ein Herz haben, so groß die Erde ist, und einen Kopf so
groß wie der Himmel, und möchte da Gefühle und Gedanken ziehen, vor denen alle
Engel erbeben möchten, –
[JJ.01_170,17] sage, welchen Dienst würde ich
dadurch Dem erweisen, der die ganze Unendlichkeit, wie ich ein Sandkörnchen, in
Seiner Rechten trägt?!
[JJ.01_170,18] Werde ich dadurch mehr Mensch
und Gott weniger Gott sein?!
[JJ.01_170,19] Siehe, darum ist deine Frage
eitel! – Alles, was ich tun kann, ist, daß ich das Kindlein liebe aus allen
meinen Kräften und erweise Ihm den nötigen Dienst, den Es von mir verlangt!
[JJ.01_170,20] Alles andere Großgedankenwerk
aber lasse ich aus dem Grunde beiseite, weil ich wohl weiß, daß mein
erhabenster und größter Gedanke gegen die Größe Gottes ein barstes
prahlerisches Nichts ist!“
[JJ.01_170,21] Diese Antwort brachte den
Jonatha auf ganz andere Gedanken, und er setzte hernach dem Joseph keine solchen
Fragen mehr.
[JJ.01_171] 171. Kapitel – Der Abend auf dem
Lieblingshügel Josephs. Jakob beim Füttern des kleinen Jesus mit Butterbrot und
Honig. Die Fliegen in dem Honigtöpfchen. Jesu tiefweise Worte über Isaias Kap.
7,15.
21. März 1844
[JJ.01_171,01] Gegen den Abend dieses Tages,
der – wie schon bekanntgegeben – ein Vorsabbat war, aber nahm Jakob das
Kindlein und ging auf den Lieblingshügel Josephs.
[JJ.01_171,02] Und Joseph und der Jonatha
folgten bald dem Beispiele Jakobs und begaben sich auch auf den Hügel.
[JJ.01_171,03] Jakob aber nahm, wie
gewöhnlich, fürs Kindlein etwas Butter und Honig in einem kleinen Töpfchen mit
sich und ein Stückchen Weizenbrotes,
[JJ.01_171,04] davon er dem Kindlein öfter
eine kleine Portion in den Mund steckte; denn das Kindlein aß am liebsten ein
Stückchen Honig-und-Butterbrotes.
[JJ.01_171,05] Als aber Jakob sein Töpfchen
auf ein Bänkchen hinsetzte und sich mit dem Kindlein munter im Grase des
sanften Hügels herumtrieb,
[JJ.01_171,06] da besuchten sobald einige
Bienen und Fliegen das Töpfchen und schmausten nach Lust an dem süßen Inhalte.
[JJ.01_171,07] Da aber Joseph solches merkte,
so sagte er zum Jakob: „Gehe und decke doch das Töpfchen mit etwas zu, sonst
wird sein Inhalt bald von Fliegen und Bienen verzehret sein!“
[JJ.01_171,08] Und der Jakob kam schnell mit
dem Kindlein herzu und wollte diese Gäste aus dem Töpfchen verscheuchen; aber
sie gehorchten ihm nicht.
[JJ.01_171,09] Da sprach das Kindlein:
„Jakob, gib Mir das Töpfchen, und Ich werde sehen, ob sich die Fliege und die
Biene auch vor Mir ungehorsam bezeigen wird!“
[JJ.01_171,10] Hier gab Jakob dem Kindlein
das Töpfchen in die Hände, und das Kindlein zischte mit einem dreimaligen Kscht
– Kscht – Kscht – in das Töpfchen, und im Augenblicke verloren sich die Fliegen
und die Bienen.
[JJ.01_171,11] Darauf gab Jakob dem Kindlein
ein Stückchen Butter-und-Honigbrotes, und das Kindlein nahm es und verzehrte es
zufrieden.
[JJ.01_171,12] Jonatha aber, der zuvor mit
dem Joseph allerlei aus der Zeichenweisheit Ägyptens sprach, bemerkte diese
Handlung, die sehr geringfügig zu sein schien, und fragte den Joseph, ob darin
auch irgendeine tiefweise Bedeutung läge?
[JJ.01_171,13] Und der Joseph erwiderte ihm:
„Das meine ich eben nicht; denn nicht in gar jeder kleinlichen Handlung liegt
eine verborgene Weisheit.
[JJ.01_171,14] Sooft jemand Butter und Honig
frei stellt, da werden sich immer Fliegen und Bienen einfinden und davon
zehren!
[JJ.01_171,15] Man könnte diese Erscheinung,
wie tausend andere, wohl bei guten Gelegenheiten gleichnisweise gebrauchen, –
aber an und für sich ist diese Handlung leer!“
[JJ.01_171,16] Das Kindlein aber lief hier
zum Joseph und sprach ganz munter:
[JJ.01_171,17] „Mein liebster Joseph, diesmal
hast du einen Hieb ins Blaue gemacht!
[JJ.01_171,18] Wie liesest du im Isaias?
Steht es nicht also von Mir geschrieben: ,Butter und Honig wird Er essen, daß
Er wisse, Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.
[JJ.01_171,19] Ehe aber der Knabe lernt, das
Böse zu verwerfen und das Gute zu erwählen, wird das Land, davor dir graut,
verlassen sein von seinen zwei Königen.
[JJ.01_171,20] Der Herr aber wird über dich,
über dein Volk und über deines Vaters Haus Tage kommen lassen, die nicht da
waren seit der Zeit, da Ephraim von Juda ist durch den König von Assyrien
getrennt worden!
[JJ.01_171,21] Denn zur Zeit wird der Herr
zischen der Fliege am Ende der Wasser in Ägypten und der Biene im Lande Assur!‘
[JJ.01_171,22] Siehe Joseph! – was in den
Worten des Propheten liegt, das liegt auch in dieser Handlung;
[JJ.01_171,23] aber die Zeit der Enthüllung
ist noch nicht da, obschon nimmer ferne!
[JJ.01_171,24] Kennst du aber den Sohn der
Prophetin, der da hieß ,Raubebald, Eilebeute‘?
[JJ.01_171,25] Kennst du den Sohn, den eine
Jungfrau gebären wird und wird Ihn heißen ,Immanuel‘!?
[JJ.01_171,26] Siehe, das alles bin Ich! –
Aber eher wirst du das nicht völlig fassen, bis Ich als der ,Raubebald‘,
,Eilebeute‘ und als ,Immanuel‘ von der Höhe Vater und Mutter rufen werde!“
[JJ.01_171,27] Hier lief das Kindlein wieder
dem Jakob zu. Joseph und Jonatha aber sahen einander groß an und konnten sich
nicht genug verwundern über die Worte des Kindleins und über das merkwürdige
bildliche Zusammentreffen der vorigen Aktion mit den Worten des Propheten. – –
[JJ.01_172] 172. Kapitel – Jonathas
übertriebene Ehrfurcht und Demut vor dem Jesusknäblein. Josephs guter Rat und
des Kindleins liebevoller Zuspruch. Jonathas Bleiben.
22. März 1844
[JJ.01_172,01] Jonatha aber, nachdem er sich
vom Staunen über diese Rede des Kindleins ein wenig erholt hatte, sprach zum
Joseph:
[JJ.01_172,02] „Bruder! Fürwahr, so fest ich
es mir auch vorgenommen habe, heute und morgen bei dir zu bleiben, so aber
werde ich doch kaum diesem Vorhaben getreu verbleiben!
[JJ.01_172,03] Denn sieh, mir kommt nun hier
alles zu heilig vor! Wie in einer Einöde scheine ich hier zu sein, in der einem
Wanderer alles, was er ansieht, zuruft: ,Hier ist kein Platz für dich, sondern
nur für Geister!‘
[JJ.01_172,04] Auch kommt es mir vor wie auf
einem überhohen Berge, an dessen Spitze wohl der Zauber der weiten Aussicht
anfangs die Sinne besticht;
[JJ.01_172,05] aber gar bald spricht zu ihm
die kalte reinste Luft:
[JJ.01_172,06] ,Du träges und unreines Menschenlasttier,
ziehe bald zurück in deine stinkende Heimat!
[JJ.01_172,07] Denn hier, wo sich des
reinsten Äthers reinste Geister wiegen, ist keines Bleibens für eine unreine
Seele!‘
[JJ.01_172,08] Wie rein war der große Prophet
Moses; und dennoch sprach der Herr zu ihm, als er Ihn zu sehen verlangte:
[JJ.01_172,09] ,Mich, deinen Gott, kannst du
nicht sehen und leben zugleich!‘
[JJ.01_172,10] Hier ist derselbe Herr in der
Fülle Seiner Heiligkeit, – Er ist hier, der Verkündigte durch aller Propheten
Mund!
[JJ.01_172,11] Wie sollte es mir möglich
sein, noch länger Seine sichtbare Gegenwart zu ertragen hier, der ich doch ein
alter Sünder bin am ganzen Gesetze Mosis?!“
[JJ.01_172,12] Joseph aber sprach: „Lieber
Freund und Bruder, du weißt ja, was das Hauptgesetz ist; warum willst du denn
lieber nach Hause ziehen, als dieses Gesetz lebendig beobachten?
[JJ.01_172,13] Liebe den Herrn aus allen
deinen Kräften, und gedenke nicht beständig deiner Sünden, so wirst du dem
Herrn sicher angenehmer sein als durch deine beständigen Ausrufungen!
[JJ.01_172,14] Warte, bis dich das Kindlein
verabschieden wird! – Wenn das geschehen wird, da glaube, daß du Seiner
unwürdig bist;
[JJ.01_172,15] solange aber das nicht der
Fall sein wird, da bleibe, – denn mehr zu Hause als hier wirst du wohl ewig
nirgends sein!“
[JJ.01_172,16] Hier kam das Kindlein hinzu
und sprach: „Joseph! du hast schon recht, daß du den Jonatha ein wenig geputzt
hast; warum ist er also eigensinnig und will nicht hierbleiben, da Ich ihn doch
so lieb habe?!“
[JJ.01_172,17] Darauf wandte Sich das
Kindlein an den Jonatha und sprach:
[JJ.01_172,18] „Jonatha! – willst du denn im
Ernste nicht hier verbleiben? Was Übles wohl geschieht dir hier, daß du nicht
bleiben willst?“
[JJ.01_172,19] Und Jonatha sprach: „Mein Gott
und mein Herr! Siehe, ich bin ja ein grober Sünder am Gesetze!“
[JJ.01_172,20] Das Kindlein aber sprach: „Was
sprichst du von Sünden? Ich erkenne keine an dir!
[JJ.01_172,21] Weißt du, wer ein Sünder ist?
– Ich sage dir: Der ist ein Sünder, der keine Liebe hat!
[JJ.01_172,22] Du aber hast Liebe, und so
bist du kein Sünder vor Mir; denn Ich habe sie, die Sünde, dir vergeben, darum
Ich über Moses bin ein Herr von Ewigkeit!“ –
[JJ.01_172,23] Hier weinte Jonatha und faßte
neuen Entschluß zu bleiben und nahte sich dem Kindlein und herzte und kosete
Es.
[JJ.01_173] 173. Kapitel – Das federleichte
Jesuskind. Jonathas Verwunderung. Des Kindleins tiefweise Worte über die Last
des Gesetzes Mosis. Moses hat das ganze Gesetz in die Liebe zu Gott gesetzt.
Das Gesetz ist geblieben, aber die Liebe erstorben. „... den Buchstabenfressern
des Gesetzes aber werde Ich das Tor zum Leben so eng wie ein Nadelöhr machen.“
23. März 1844
[JJ.01_173,01] Als aber Jonatha das Kindlein
also herzte und kosete, da sprach dasselbe zu ihm:
[JJ.01_173,02] „Jonatha, versuche Mich jetzt
einmal zu tragen; jetzt werde Ich dir sicher nicht so schwer vorkommen als über
den Meeresarm!“
[JJ.01_173,03] Und der Jonatha nahm voll
Freude und Liebe das Kindlein auf seine Arme und fand Es so leicht wie eine
Flaume.
[JJ.01_173,04] Da sprach er zum Kindlein:
„Mein Gott und mein Herr! – wie wohl solle ich das fassen?!
[JJ.01_173,05] Dort beim Meere wardst Du mir
zu einer Weltenlast; hier aber bist Du mir eine Federflaume!“
[JJ.01_173,06] Und das Kindlein sprach:
„Jonatha, also wie dir wird es jedem ergehen!
[JJ.01_173,07] Denn Meine große Last liegt
nicht in Mir, sondern im Gesetze Mosis!
[JJ.01_173,08] Da du Mich nicht kanntest,
sondern nur das Gesetz, und hattest Mich auf deiner Achsel, da drückte nicht
Meine, sondern des Gesetzes Last nur deine Schultern weltenschwer.
[JJ.01_173,09] Nun aber hast du Mich, den
Herrn über Moses und über das Gesetz, erkannt in deinem Herzen, und siehe, des
Gesetzes Last ist nicht mehr mit Mir, dem Herrn des Gesetzes!
[JJ.01_173,10] Also aber wird es geistig in
der Zukunft allen Gesetzesträgern ergehen!
[JJ.01_173,11] Wahrlich sage Ich dir: Die
Gerechten aus dem Gesetze werden heulen und mit den Zähnen knirschen;
[JJ.01_173,12] aber der Herr wird in den
Häusern der Sünder zu Tische sitzen und wird sie heilen und annehmen zu Seinen
Kindern!
[JJ.01_173,13] Die Verlornen werde Ich
suchen, die Kranken, die hart Gefangenen und Bedrängten werde Ich heilen,
erlösen und befreien;
[JJ.01_173,14] aber die Gerechten am Gesetze
sollen ungerechtfertigt aus Meinem Hause ziehen!
[JJ.01_173,15] Wahrlich sage Ich dir: Den
Zöllner und Sünder werde Ich preisen in Meinem Hause;
[JJ.01_173,16] aber den Gerechten werde Ich
mit einer starken Bürde belasten vor Mir in Meinem Hause!
[JJ.01_173,17] Ja, – eine Hure solle Mich
salben, und einer Ehebrecherin Schuld will Ich in den Sand zeichnen, und die
Sünder sollen Mich anrühren;
[JJ.01_173,18] aber verflucht solle sein ein
Gesetzesritter und ein Schriftgelehrter, so er Mich anrühren wird!
[JJ.01_173,19] Die des Gesetzes Last getötet
hat, die werde Ich aus den Gräbern ziehen;
[JJ.01_173,20] aber vor den
Buchstabenfressern des Gesetzes werde Ich das Tor zum Leben so eng wie ein
Nadelöhr machen!“
[JJ.01_173,21] Ob dieser Worte entsetzte sich
Joseph und sprach: „Aber Kindlein, was sprichst Du für schreckliche Dinge!?
[JJ.01_173,22] Das Gesetz hat ja auch Gott
gegeben, wie solle da ein Sünder besser sein denn ein Gerechter!?“
[JJ.01_173,23] Das Kindlein aber sagte: „Wohl
hat Gott das Gesetz gegeben; aber nicht für den Weltverstand, sondern für das
Herz! Und Moses selbst hat das ganze Gesetz in die Liebe zu Gott gesetzt!
[JJ.01_173,24] Das Gesetz wohl ist geblieben,
– aber die Liebe ist lange schon erstorben!
[JJ.01_173,25] Ein Gesetz aber, in dem keine
Liebe mehr ist, ist kein nütze, und der es hält ohne Liebe, ist ein toter
Sklave desselben!
[JJ.01_173,26] Darum ist Mir nun ein Heide
und ein freier Sünder lieber als ein toter gefesselter Sklave des Gesetzes!“
[JJ.01_173,27] Hier schwieg Joseph und dachte
über diese Worte nach; das Kindlein aber fing wieder von kindlichen Dingen zu
plaudern an mit Jonatha und mit Seinem Jakob.
[JJ.01_174] 174. Kapitel – Der Abend auf dem
Hügel. Josephs und Jonathas Vollmondbetrachtungen. Des Kindleins Winke über das
Viel-Wissen im Gegensatz zum Viel-Lieben. Das ,Angesicht‘ Gottes. Das Wesen des
Mondes.
26. März 1844
[JJ.01_174,01] Da es aber schon Abend
geworden war und der Mond gerade im Vollichte über Ostracine aufging,
[JJ.01_174,02] da bewunderte Jonatha von
diesem Hügel dessen schöne Gestalt und ergötzte sich an seinem Lichte und ward
ganz still.
[JJ.01_174,03] Joseph aber bemerkte solches
und fragte den Jonatha: „Bruder, was ersiehst du wohl in der leuchtenden
Mondesscheibe, darum du sie gar so aufmerksam betrachtest?“
[JJ.01_174,04] Und der Jonatha antwortete und
sprach: „Ich ersehe eigentlich gar nichts – außer die alten stets gleichen
Flecke!
[JJ.01_174,05] Doch aber denke ich allzeit,
sooft ich also den Mond sehe, was etwa doch die Flecken sind, und was überhaupt
der Mond ist, warum wir ihn bald gar nicht, bald wie eine Sichel, bald wieder
so und so sehen?
[JJ.01_174,06] Wenn du etwa davon etwas
Näheres kennst, so gebe es mir kund, – denn von derlei Dingen höre ich sehr
gerne reden!“
[JJ.01_174,07] Und der Joseph sprach: „Lieber
Freund! In dieser Hinsicht gleichen wir einander ganz vollkommen;
[JJ.01_174,08] und so bin ich über die
sonderbare Beschaffenheit dieses Gestirns ebenso bewandert wie du.
[JJ.01_174,09] Und so werde ich dir in dieser
Hinsicht spottwenig zu sagen imstande sein! – Das Kindlein wird da sicher mehr
wissen als ich; darum frage du Dasselbe!“
[JJ.01_174,10] Und der Jonatha fragte mit
einiger Beklommenheit das Kindlein über des Mondes Beschaffenheit.
[JJ.01_174,11] Und das Kindlein sprach:
„Jonatha! So Ich dir den Mond zeige, da wirst du auch die Sonne sehen wollen
und darnach die zahllosen Sterne!
[JJ.01_174,12] Sage, wann wird dann deine
Schaulust und Wißbegierde ein Ende nehmen?
[JJ.01_174,13] Siehe, viel Wissen macht den
Kopf schwer und das Erdenleben unbehaglich!
[JJ.01_174,14] Aber viel Liebe im Herzen zu
Gott und deinen Brüdern macht das Erdenleben angenehm und benimmt alle Furcht
vor dem Tode!
[JJ.01_174,15] Denn diese Liebe ist ja in
sich selbst das ewige Leben; wer aber das hat, der wird dereinst auch zu
schauen bekommen alle Schöpfung!
[JJ.01_174,16] Denn die wahren Liebhaber
Gottes werden anschauen Sein Angesicht! – Das aber ist das Angesicht Gottes,
was Er erschaffen hat durch Seine Weisheit und durch Seine ewige Allmacht!
[JJ.01_174,17] Denn die Weisheit und die
Allmacht ist das Angesicht Gottes, also wie die Liebe Sein Grundwesen ist von
Ewigkeit!
[JJ.01_174,18] Da du Mich aber schon gefragt
hast über den Mond, so sage Ich dir: er ist eine Nebenerde und hat Berge,
Täler, Früchte, Tiere und Wesen deiner Art.
[JJ.01_174,19] Aber der Teil, den du siehst,
ist frei und nackt und leer und hat weder Wasser noch Feuer.
[JJ.01_174,20] Der Teil nur, den du nicht
siehst, ist der Erde gleich;
[JJ.01_174,21] sein Licht ist von der Sonne,
und sein Lichtwechsel kommt von seiner Stellung und verändert sich in jeder
Minute nach dem Umschwunge um die Erde. – Und die Flecken sind tiefere und
dunklere Orte der Prüfung.
[JJ.01_174,22] Nun weißt du, was der Mond
ist; bist du damit zufrieden?“ – Und der Jonatha bejahte diese Frage und
versenkte sich in tiefe Gedanken.
[JJ.01_175] 175. Kapitel – Maria und das
Jesusknäblein in herzlich-scherzender Unterhaltung auf dem Hügel. Joseph und
Jonatha bei ihrer ,Mondmahlzeit‘. Die plötzliche Mondfinsternis.
27. März 1844
[JJ.01_175,01] Da aber Maria mit der Eudokia
ihre häuslichen Geschäfte beendet hatte, da begab sie sich ebenfalls auf den
Hügel, geleitet von der Eudokia.
[JJ.01_175,02] Und das Kindlein lief ihr
entgegen und hüpfte freudig um die herrliche Mutter.
[JJ.01_175,03] Maria aber nahm das schon
ziemlich schwere Kindlein auf ihre etwas müden Arme und kosete Es und sagte
scherzweise:
[JJ.01_175,04] „Aber heute bist Du schwer! Du
warst gewiß recht genäschig und hast zuviel Honig, Butter und Brot gegessen?“
[JJ.01_175,05] Und das Kindlein sprach:
„Zahlt sich's wohl aus! So ein Töpfchen, das der Jakob leicht in seiner Faust
verbergen kann!
[JJ.01_175,06] Dann ein Stückchen Brotes, das
man auch nicht dem Winde preisgeben darf, auf daß er es nicht sobald in die
Luft erhebe wie ein dürres Baumblatt!
[JJ.01_175,07] Davon wird man doch sicher
nicht sehr gewichtig werden!
[JJ.01_175,08] Ich muß dir sagen, daß Ich im
Ernste recht hungrig bin und freue Mich schon aufs Nachtmahl.
[JJ.01_175,09] Siehe, Joseph und Jonatha
haben eher den ganzen Mond gespeist und sind doch noch hungrig, da sie doch
nicht mehr wachsen;
[JJ.01_175,10] wie solle Ich da von der
Fliegenjause satt geworden sein, der Ich doch wachsen muß?!“
[JJ.01_175,11] Und die Maria sprach zum
Kinde: „Mein Söhnchen, aber heute bist Du wieder recht schlimm!
[JJ.01_175,12] Siehe, wenn Joseph und Jonatha
den Mond gespeist hätten, da würde er wohl nimmer so schön vom Himmel
herableuchten!“
[JJ.01_175,13] Und das Kindlein aber sprach:
„Weib und Mutter! Ich bin nicht schlimm; sondern du hast Mich nur nicht
verstanden!
[JJ.01_175,14] Gehe aber nur hin zu den
zweien, und sie werden dir sogleich auch etwas vom Monde zum Verkosten geben!“
[JJ.01_175,15] Hier lächelte Maria und ging
hin zum Joseph, und grüßte ihn, und fragte ihn, was er da gar so vertieft
nachdenke,
[JJ.01_175,16] und warum er mit Jonatha gar
so emsig nach dem Vollmonde blicke.
[JJ.01_175,17] Und der Joseph sah sich kaum
nach der Maria um und sprach: „So störe mich nicht in meiner Betrachtung;
[JJ.01_175,18] denn ich möchte nun etwas
entziffern mit dem Jonatha! Jesus hatte uns Winke gegeben, die müssen ausgearbeitet
werden; daher sei ruhig nun, und störe uns nicht!“
[JJ.01_175,19] Hier sah die Maria das
Kindlein an, das da heimlich lächelte, und das Kindlein sprach:
[JJ.01_175,20] „Siehst du nun, wie Joseph und
Jonatha noch am Monde zehren? Warte aber nur hier ganz geduldig, und lasse Mir
durch den Jakob ein Stückchen Brotes holen und eine Pomeranze!
[JJ.01_175,21] Denn das Zehren am Monde von
Joseph und Jonatha macht Mich noch hungriger, als Ich ohnehin schon bin.“
[JJ.01_175,22] Und die Maria sandte sogleich
den Jakob und ließ bringen, was das Kindlein verlangte.
[JJ.01_175,23] Darauf aber fragte sie das
Kindlein, bis wann die beiden mit ihrer Mondesentzifferung fertig würden.
[JJ.01_175,24] Und das Kindlein sprach: „Habe
nur acht; heute und jetzt sogleich wird eine Verfinsterung des Mondes kommen,
die wird bei drei Stunden währen!
[JJ.01_175,25] Die zwei aber wissen nicht,
woher diese rührt; darum werden sie meinen, sie hätten im Ernste den Mond
verzehrt, besonders Jonatha!
[JJ.01_175,26] Und diese Erscheinung wird
dieser Betrachtung ein Ende machen.
[JJ.01_175,27] Darnach werde Ich sie schon
wieder belehren, wie Ich es sonst zu tun pflege, wenn es not tut.
[JJ.01_175,28] Aber zuvor müssen beide recht
tüchtig anrennen und müssen ihre Berechnungen zu Staube werden sehen!“
[JJ.01_175,29] Als das Kindlein kaum diese
Worte ausgeredet hatte, da bekam der Mond schon einen dunkelbraunen Einbug.
[JJ.01_175,30] Jonatha bemerkte das zuerst
und zeigte es dem Joseph an.
[JJ.01_175,31] Joseph bemerkte natürlich ganz
überrascht dasselbe und noch mehr, da die Verfinsterung in jedem Augenblicke
wuchs.
[JJ.01_175,32] Da wurde bald beiden bange,
und Joseph fragte sogleich das Kind: „Was ist das, was mit dem Monde vorgeht?“
[JJ.01_175,33] Und das Kindlein sprach: „Du
siehst ja, daß Ich esse, was willst du da Mich stören? – Warte, bis Ich mit der
Pomeranze also fertig werde wie ihr mit dem Monde, dann werde Ich schon weiter
reden!“
[JJ.01_175,34] Joseph schwieg darauf, und als
der Mond sich ganz verfinsterte, da erschraken beide, und alles mußte sich nun
ins Haus begeben, und Jonatha meinte im Ernste, daß er den Mond verzehrt habe.
[JJ.01_176] 176. Kapitel – Fortsetzung der
Mondbetrachtung Josephs und Jonathas. Ein Licht über den beschatteten Mond.
28. März 1844
[JJ.01_176,01] Im Hause angelangt, sprach der
Jonatha zum Joseph: „Bruder! was wird aus dieser höchst fatalen Geschichte
werden?
[JJ.01_176,02] Bei meinem armen Leben, da
sieh einmal zum Fenster hinaus! Der ganze Mond ist bereits bei Botz und Stengel
weggezehrt!
[JJ.01_176,03] Und finster ist's nun draußen
ganz entsetzlich!
[JJ.01_176,04] Ja, ja, ich habe es aber auch
schon öfter von gelehrtesten Heiden gehört, daß der Mensch die Gestirne des
Himmels nicht zählen und auch sonst nicht zu aufmerksam betrachten solle, –
[JJ.01_176,05] denn da könne es leicht
geschehen, daß sie herunterfielen auf die Erde!
[JJ.01_176,06] Und träfe der Mensch etwa
seinen eigenen Leitstern, und fiele dieser herab, so wäre der Mensch hin und
verloren!
[JJ.01_176,07] Der Mond aber ist ja auch ein
Gestirn am Himmel und kann demselben sonderbaren Gesetze unterworfen sein!
[JJ.01_176,08] Und da kann es sein, daß wir
ihn getroffen haben, und er fiel irgendwo teilweise zu Boden auf die Erde; denn
ich sah eine Menge Partikel davonfliegen (Sternschnuppen).
[JJ.01_176,09] Oder wir sind nun vom Monde
besessen und werden zu Mondsüchtigen werden, was für uns eine große Plage wird!
[JJ.01_176,10] Eines davon ist sicher der
Fall! Denn daß der Mond nicht mehr besteht, das kann man mit den Händen greifen;
aber wer ihn aufgezehrt hat, oder wohin er kam, das ist nun eine ganz andere
Frage!“
[JJ.01_176,11] Und der Joseph sprach: „Weißt
du was, das habe ich wohl schon öfter gehört, daß zuweilen der Mond wie auch
die Sonne verfinstert wird.
[JJ.01_176,12] Und das könnte jetzt wohl auch
gar leicht der Fall sein, obschon ich mich selbst nicht erinnern kann, je etwas
dergleichen gesehen zu haben!
[JJ.01_176,13] Das aber habe ich gehört von
alten Leuten, daß da zuweilen die Engel Gottes diese zwei Himmelslichter also
putzen wie wir eine Lampe, so der Docht einen Butzen bekommt,
[JJ.01_176,14] während welcher Arbeit es dann
natürlich etwas finster wird auf der Erde. Und das könnte jetzt wohl auch der
Fall sein!
[JJ.01_176,15] Denn die Fabel, daß da ein
Drache die beiden Gestirne zu verschlingen anfängt, ist zu dumm und gehört dem
finstersten Heidentume an.“
[JJ.01_176,16] Während sich aber Joseph und
Jonatha über den Mond also besprachen, fing der Mond auf der andern Seite an
wieder sichtbar zu werden.
[JJ.01_176,17] Und die Kinder und die Söhne
Josephs bemerkten das und sprachen: „Sehet, sehet, der Mond kommt schon wieder
zum Vorscheine!“
[JJ.01_176,18] Die beiden blickten hinaus,
und dem Jonatha fiel ein Stein vom Herzen, weil er nur den Mond wieder zu sehen
bekam.
[JJ.01_176,19] Hier fragte wieder der Joseph
das Kindlein, wie denn doch solches zuging.
[JJ.01_176,20] Das Kindlein aber sprach:
„Lasset doch den armseligen Mond zuvor aus dem Schatten, den die Erde wirft,
heraustreten, dann erst wollen wir sehen, ob er sich verändert hat!
[JJ.01_176,21] Die Erde ist ja kein endloser
Körper, sondern ist so rund wie die Pomeranze, die Ich ehedem verzehrte,
[JJ.01_176,22] und schwebet frei und ist um
sie ein endloser freier Raum; darum können der Sonne Strahlen sie allzeit
überleuchten auf allen Seiten.
[JJ.01_176,23] Also muß die große Erde ja
auch einen Schatten werfen, und kommt der Mond in diesen, so wird er finster,
da sonst auch er von der Sonne beleuchtet wird. Mehr sage Ich euch aber nicht!“
– Hier sahen Joseph und Jonatha einander an und wußten nichts darauf zu
erwidern.
[JJ.01_177] 177. Kapitel – Jonathas Staunen
über die Kugelgestalt der Erde. Jesus als ,Professor der Naturwissenschaften‘.
Vorbereitungen zum Nachtmahl.
29. März 1844
[JJ.01_177,01] Nach einer Weile erst sagte
der Jonatha zum Joseph: „Bruder! Wer aber hätte sich das je auch nur im Traume
können einfallen lassen, daß die Erde eine ungeheuer große Kugel sei?!
[JJ.01_177,02] Wir bewohnen also nur die
Oberfläche dieser Kugel?
[JJ.01_177,03] Aber was solle ich aus dem
Meere machen? Ist das auch zur Kugel gehörig – oder schwimmt die eigentlich
feste Erdkugel auf demselben?“
[JJ.01_177,04] Hier machte sich das Kindlein
auf und sprach: „Auf daß ihr heute vor lauter Grübeln nicht um den wohltätigen
Schlaf kommen möget, so muß Ich euch schon aus eurem Traume helfen!
[JJ.01_177,05] Tretet näher, und du, Jakob,
bringe geschwind eine recht schön runde Pomeranze!“
[JJ.01_177,06] Als die Pomeranze
herbeigeschafft war, da nahm das Kindlein dieselbe zur Hand und sprach:
[JJ.01_177,07] „Sehet, das ist die Erde! –
Ich will aber nun, daß diese Pomeranze vollends der Erde gleichen solle im kleinsten
Maßstabe und solle haben Berge, Täler, Flüsse, Seen, Meere und auch
Ortschaften, wo sie von den Menschen erbaut sind. – Es werde!“
[JJ.01_177,08] In dem Augenblick befand sich
in der Hand des Kindleins eine ganz vollkommene Erdkugel in kleinem Maßstabe.
[JJ.01_177,09] Man sah das Meer, die Flüsse,
die Seen, die Berge und auch die Städte so ganz natürlich auf dieser Kugel, –
die aber freilich durch das „Es werde!“ hundertmal so groß wie eine Pomeranze
ward.
[JJ.01_177,10] Alles drängte sich nun herzu,
um diese wunderbare Kleinerschaffung der Erde zu betrachten.
[JJ.01_177,11] Joseph fand darauf bald
Nazareth und Jerusalem und erstaunte über die außerordentliche Richtigkeit.
[JJ.01_177,12] Die Eudokia fand bald Theben
in ihrem Vaterlande und erstaunte über die Richtigkeit.
[JJ.01_177,13] Also ward auch Rom gefunden
und noch eine Menge anderer bekannter Orte.
[JJ.01_177,14] Über eine Stunde dauerte die
Betrachtung dieser Erdkugel und wollte kein Ende nehmen.
[JJ.01_177,15] Selbst der Maria gefiel diese kleine
Erde so gut, daß sie sich höchlichst erquickte ob deren Betrachtung.
[JJ.01_177,16] Und die acht Kinder, die waren
ganz wie versteinert mit ihren Augen in diese Erdkugel verpicht.
[JJ.01_177,17] Das Kindlein aber erklärte nun
umständlich das Wesen der Erde wie ein Professor der Geographie, und alle
verstanden Seine Rede.
[JJ.01_177,18] Als aber das Kindlein mit
dieser Erklärung fertig war, da sprach Es zum Jakob:
[JJ.01_177,19] „Jakob! – nun nehme einen
Faden und hänge diese Kugel irgendwo frei auf, auf daß die Wißbegierigen morgen
auch noch eine Arbeit finden sollen!
[JJ.01_177,20] Für heute aber lassen wir
diese Erde im Frieden und begeben uns selbst zur Ruhe, d.h. nach dem
Nachtmahle;
[JJ.01_177,21] denn Ich bin hungrig und
durstig geworden, während ihr am Monde und an der Erde gezehret habt!“
[JJ.01_177,22] Und der Joseph befahl sogleich
dem Küchenmeister Joel, ein Nachtmahl zu bereiten und es auf den Tisch zu
setzen. Und der Joel ging mit den andern drei Brüdern und bereitete ein gutes
Abendmahl.
[JJ.01_178] 178. Kapitel – Das Abendmahl.
Jonathas Verlangen, nach Hause zurückzukehren, und sein geheimes Vorhaben. Des
Kindleins erfolgreiche Gegenvorstellungen. Jonathas Gehorsam und Heimkehr.
30. März 1844
[JJ.01_178,01] Als das Abendmahl aber bereitet
und verzehrt war, da sprach Jonatha zum Joseph:
[JJ.01_178,02] „Bruder, du wirst wenig Platz
haben; darum lasse mich jetzt in dieser schönen Nacht nach Hause ziehen, allwo
für meine große Person auch ein gehörig großes Lager bereitet ist!
[JJ.01_178,03] Morgen aber will ich schon
eine Stunde vor dem Aufgange bei dir sein!“
[JJ.01_178,04] Joseph aber sprach: „Bruder,
wenn du keine andere Sorge hast als allein die um ein für dich gehörig
geräumiges Nachtlager, da magst du keck hier verbleiben;
[JJ.01_178,05] denn daran solle es in diesem
nun meinem Hause keinen Mangel haben!
[JJ.01_178,06] Siehe da im Vorhause links
eine Türe, da ist ein sehr geräumiges Kabinett!
[JJ.01_178,07] In diesem habe ich für dich
schon ein gutes Lager richten lassen!
[JJ.01_178,08] Ich meine, es wird für dich
groß genug sein; daher magst du darob wohl hier verbleiben!“
[JJ.01_178,09] Und der Jonatha sprach:
„Bruder, du bist sehr gütig gegen mich, und ich erkenne es nun nur zu genau,
daß ich nirgends mehr daheim bin als hier,
[JJ.01_178,10] und bin auch überzeugt, daß
dein Lager für mich groß und übergut genug sein wird!
[JJ.01_178,11] Aber siehe, es zieht mich
etwas ganz gewaltig nach Hause, und das jetzt auf einmal ganz mächtig also, daß
ich lieber fliegen möchte dahin, als sonst mich zu Fuße bewegen!“
[JJ.01_178,12] Da aber Joseph solches
vernahm, da sprach er: „Der Wille ist dein, und du kannst tun, was du willst;
daher kannst du ziehen oder bleiben!“
[JJ.01_178,13] Darauf begab sich Jonatha zum
Kindlein und beurlaubte sich allerdemütigst beim selben.
[JJ.01_178,14] Das Kindlein aber sprach:
„Jonatha, wenn du schon durchaus fort willst, so magst du ja gehen; aber
vergesse nicht die Rückkehr!
[JJ.01_178,15] Ich aber sage dir, daß dein
diesnächtlicher Zug mit dem großen Netze dir nichts tragen wird!
[JJ.01_178,16] Ich werde dir aber einen Hai
ins Netz treiben, und der wird dich plagen bis zum Aufgange und wird am Morgen
zerreißen dein bestes Fischzeug!
[JJ.01_178,17] Und dennoch wirst du seiner
nicht habhaft werden; denn er wird alle deine Mühe mit einem Schweifschlage ins
Wasser zunichte machen!“
[JJ.01_178,18] Als der Jonatha aber solches
vom Kindlein vernommen hatte, da sattelte er plötzlich in seinem Wollen um und
sagte zum Joseph:
[JJ.01_178,19] „Bruder, wenn also, da bleibe
ich! – Denn siehe, ich wollte dir morgen ein großes Lägel voll der
auserlesensten Fische bringen;
[JJ.01_178,20] und dieser Gedanke zog mich so
mächtig nach Hause!
[JJ.01_178,21] Da ich aber nun vernommen
habe, wie es mit diesem Zuge ausfallen solle, so bleibe ich bei dir!
[JJ.01_178,22] Lasse mich daher auf mein
bestimmtes Lager bringen, und ich werde da ganz ruhig schlafen, und geschehe
daheim, was da wolle!“
[JJ.01_178,23] Das Kindlein aber sprach:
„Jonatha, also gefällst du Mir besser, als so du dein Herz verbergen willst!
[JJ.01_178,24] Nun aber sage Ich dir: Ziehe
nach Hause; denn heute in der Mitternacht wirst du Mir einen wichtigen Dienst
tun!“
[JJ.01_178,25] Darauf erhob sich Jonatha und
ging, vom ganzen Hause Josephs gesegnet, eilends nach Hause. – –
[JJ.01_179] 179. Kapitel – Jonathas guter
Empfang bei den Seinen. Jonathas Ausfahrt auf die hohe See. Die Rettung des
schiffbrüchigen Cyrenius und der Seinen.
1. April 1844
[JJ.01_179,01] Es war aber nach der heutigen
Rechnung die zehnte Stunde abends, als Jonatha nach Hause kam.
[JJ.01_179,02] Da Jonatha aber in dieser Zeit
nach Hause kam, da fand er seine drei Gehilfen mit ihren Weibern und Kindern
recht tätig noch und hörte sie jubeln und also untereinander sprechen:
[JJ.01_179,03] „Das war gut und recht, daß
unser Herr verreiste und hat uns Gelegenheit gegeben, in der wir ihm zeigen
können, welch treue Diener seines Hauses wir sind!
[JJ.01_179,04] Tausend Pfunde Thunfische,
tausend Pfunde Störe, drei junge Haie, zehn Schwertfische, einen Delphin und
bei zweihundert Pfunde kleiner edler Fische haben wir heute gefangen!
[JJ.01_179,05] Welche Freude wird er haben,
wenn er solchen Reichtum an Fischen finden wird!“
[JJ.01_179,06] Hier meldete sich Jonatha, und
alles lief ihm wie einem Vater entgegen und zeigte ihm den glücklichen Fang an.
[JJ.01_179,07] Jonatha belobte sie und küßte
sie und sprach darauf: „Da ihr heute schon so fleißig waret, so gehet nun und
bringet die großen Fische, als: die Haie, die Schwerte, den Delphin und die
Störe, gevierteilt in die große Selchkammer!
[JJ.01_179,08] Und machet aber ja sogleich
einen starken Rauch von allerlei wohlduftendem Gesträuche, auf daß diese Fische
wegen der Hitze nicht in Fäulnis übergehen! Und salzet besonders die Haie und
den Delphin gut ein, und sparet nicht die Meerzwiebeln dabei und den Thymian!
[JJ.01_179,09] Die Thune und die andern
kleineren Fische aber gebet in die großen Lägel!“
[JJ.01_179,10] Und sein erster Gehilfe aber
sprach: „O Herr! Was du nun anbefohlen hast, das ist schon am Tage geschehen,
und ist alles schon in der größten Ordnung!“
[JJ.01_179,11] Da ging der Jonatha hin und
überzeugte sich von allem und sprach: „Kinder und Brüder, das ist kein
gewöhnlicher Fang!
[JJ.01_179,12] Da hat eine höhere Kraft
mitgewirkt; darum aber wollen wir auch harren heute bis nach Mitternacht und
wollen sehen, ob solche höhere Macht unsere Kraft darum nicht in Anspruch
nehmen wird!
[JJ.01_179,13] Ihr habt die starke
Mondesverfinsterung gesehen; das ist ein sicheres Zeichen, daß heute noch ein
Unglück irgend jemandes harret! Darum wollen auch wir harren bis Mitternacht,
ob nicht jemand unserer Hilfe bedürftig wird!
[JJ.01_179,14] Gehet daher, und machet das
große Boot, das ein Segel hat und zehn starke Ruder, fertig zur Abfahrt!“
[JJ.01_179,15] Und die drei Gehilfen gingen
sogleich und taten das.
[JJ.01_179,16] Sie aber waren kaum noch mit
der Herstellung des großen Bootes fertig, da begann schon ein mächtiger Wind
das Wasser des Meeres aufzuwühlen.
[JJ.01_179,17] Da sprach Jonatha zu den
dreien: „Nun haben wir keine Zeit mehr zu versäumen! – Rufet eure zehn Söhne
und stellet sie an die Ruder! – Du, Fischmeister, ergreife das Steuerruder, und
ich selbst werde die vorderen zwei großen Ruder bearbeiten!
[JJ.01_179,18] Das Segel aber ziehet ein, da
wir einen Gegenwind haben; und also gehe es sogleich im Namen des Allmächtigen
hinaus auf die hohe See!“
[JJ.01_179,19] Als sie also eine gute Stunde
hinausgesteuert und viel zu tun hatten mit den starken Wellen, da vernahmen sie
ein starkes Angstgeschrei von der hohen, mächtig wogenden See.
[JJ.01_179,20] Jonatha ruderte mutigst darauf
los und erreichte in einer Viertelstunde ein großes römisches Schiff, das auf
einer Sandbank festsaß und vom Wogendrange schon sehr geneigt war.
[JJ.01_179,21] Sogleich wurden Strickleitern
geworfen, und alle Menschen – bei hundert an der Zahl – wurden gerettet, an
deren Spitze eben unser Cyrenius sich befand mit der Tullia und mit dem
Maronius Pilla.
[JJ.01_180] 180. Kapitel – Die glückliche
Landung. Jonathas Freude. Des Cyrenius Dank. Die Schiffbrüchigen in Ruhe. Die
Bergung des festgelaufenen Schiffes. Das gemeinschaftliche Frühstück. Jonathas
Demut. Die Ankunft Josephs und der Seinen.
2. April 1844
[JJ.01_180,01] Cyrenius aber fragte den
riesenhaften Retter, wie wohl die Gegend hieße, in der er sich jetzt befände,
und wie er – als der Retter.
[JJ.01_180,02] Und Jonatha erwiderte: „Herr!
Du mußt ein Fremder sein, da dir die Gegend unbekannt ist, die doch so viel
Charakteristisches in sich hat?“
[JJ.01_180,03] Und der Cyrenius sprach:
„Freund! Eine Gegend hat nicht selten eine Ähnlichkeit mit der andern, und im
Zwielichte des Mondes erkennt man nicht selten die eigne Heimat nicht!
[JJ.01_180,04] Ganz besonders aber geht es
mit dem Erkennen der Gegenden dann schlecht, wenn zuvor das Gemüt mit der
Todesangst zu tun hatte!
[JJ.01_180,05] Daher magst du mir wohl
kundgeben, wie diese Gegend heißt, in die mich der entsetzliche Sturm
verschlagen hat!“
[JJ.01_180,06] Und der Jonatha sprach:
„Lieber Herr! Du weißt ja, daß da eine Regel ist, nach der man einem Geretteten
nicht sogleich sagen darf, wo er ist.
[JJ.01_180,07] Denn – ist er vom Orte seiner
Bestimmung weit weg, da wird er zu traurig, so er solches gleich nach
überstandener Gefahr erfährt;
[JJ.01_180,08] ist er aber durch eine
zufällige Wendung des Sturmes dennoch nahe an den Ort seiner Bestimmung
verschlagen worden, da könnte auf eine frühere Todesangst solch eine Freude das
Leben kosten!
[JJ.01_180,09] Darum solle der Retter im
Anfange verschwiegen sein und erst nach einer Zeit den Geretteten kundtun, was
sie zu wissen verlangen!“
[JJ.01_180,10] Da der Cyrenius aber solche
Antwort von dem ihm noch unbekannten Retter erhalten hatte, da sprach er:
[JJ.01_180,11] „Wahrhaftig, du bist ein edler
Retter und hast die rechte Weisheit dazu; darum steure nur hurtig zu, auf daß
wir bald Land bekommen!“
[JJ.01_180,12] Und der Jonatha sprach:
„Siehe, die Bucht ist schon da, sie läuft am Ende in einen schmalen Arm aus.
[JJ.01_180,13] Wären wir auf einem festen
ruhigen Punkte, da sähen wir lange schon meine Fischerhütte!
[JJ.01_180,14] In einer kleinen Viertelstunde
sind wir lange schon auf trocknem Lande; denn der Wind ist uns nun sehr
günstig.“
[JJ.01_180,15] Cyrenius war mit dieser
Antwort zufrieden, und Jonatha fuhr pfeilschnell die Bucht hindurch und
erreichte in wenigen Minuten das erwünschte Ufer.
[JJ.01_180,16] Als das Boot am Ufer befestigt
war, da stiegen sogleich alle ans Land, und der Cyrenius dankte laut dem Gott
Israels, daß Er ihn gerettet hatte mit allen seinen Teuren.
[JJ.01_180,17] Als der Jonatha aber solches
vernommen hatte, daß Cyrenius, den er nicht kannte in dieser Zeit, den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs preise, da sprach er:
[JJ.01_180,18] „Mein Freund! Nun bin ich
doppelt froh, darum ich in dir einen Israeliten gerettet habe; denn auch ich
bin ein Sohn Abrahams!“
[JJ.01_180,19] Und der Cyrenius sprach: „Das
gerade bin ich nicht, sondern ich bin wohl ein Römer; aber dennoch kenne ich
die Heiligkeit deines Gottes und bekenne Ihn darum ganz allein!“
[JJ.01_180,20] Und der Jonatha sprach: „Das
ist noch besser! Morgen wollen wir mehr davon reden; für heute aber begebet
euch zur Ruhe!
[JJ.01_180,21] Siehe, meine Hütten sind
geräumig und reinlich! Stroh habe ich auch in großer Menge, daher machet euch
ein Lager; ich aber werde sogleich wieder umkehren und sehen, ob euer Schiff
nimmer flott zu machen ist!“
[JJ.01_180,22] Der Cyrenius sprach zwar:
„Freund, da ist ja morgen auch noch Zeit!“
[JJ.01_180,23] Jonatha aber sagte: „Morgen
ist Sabbat; da heißt es von aller knechtlichen Arbeit ruhen! Darum muß vor dem
Aufgange noch alles in Ordnung gebracht werden!“
[JJ.01_180,24] Darauf bestieg Jonatha mit
seinen Gehilfen wieder das Boot und fuhr, da sich der Wind etwas gelegt hatte,
um so beschleunigter hinaus zum Schiffe des Cyrenius und hatte mit der
Flottmachung desselben um so weniger zu tun, da ihm die Flut des Meeres bei
Gelegenheit des Vollmondes gut zustatten kam.
[JJ.01_180,25] Er ergriff sogleich das
Schlepptau, befestigte es ans Boot und ruderte voll Freude in die ziemlich
tiefe Bucht und brachte so das ganze große Schiff in seinen sicheren Hafen und
ließ es befestigen am Ufer mittels eines sehr langen Taues, da er nicht zum
Anker kommen konnte.
[JJ.01_180,26] Nach dieser gut zweistündigen
Arbeit begab sich Jonatha schon ziemlich am hellen Morgen nach Hause, legte
sich auf sein Lager und ruhte drei Stunden lang mit seinen Gehilfen.
[JJ.01_180,27] Auch der Cyrenius und sein
Gefolge ruhten und schliefen ziemlich lang in den Morgen hinein.
[JJ.01_180,28] Als der Jonatha wohlgestärkt
erwachte, da lobte und pries er Gott in dem Kinde Josephs und gedachte, was
Dasselbe zu ihm geredet hatte.
[JJ.01_180,29] Darauf befahl er den Weibern,
sogleich die besten Thunfische – bei dreißig an der Zahl – zu schlachten und zu
rösten für die vielen Gäste, zu welcher Arbeit er selbst mit allen seinen
Gehilfen den Weibern behilflich war.
[JJ.01_180,30] Als nach einer Stunde das
Frühstück bereitet war, ging Jonatha selbst in die Hütten und weckte seine
geretteten Gäste.
[JJ.01_180,31] Cyrenius war wohl zuerst wach
und fand sich ganz gestärkt und heiter und fragte den Jonatha auch sogleich, ob
er das Schiff wohl noch getroffen habe?
[JJ.01_180,32] Und Jonatha sprach: „Erhebe
dich und sehe zu diesem Fenster hinaus!“
[JJ.01_180,33] Und der Cyrenius erhob sich
sogleich, sah hinaus und sah sein großes Schiff ganz wohl erhalten im Hafen.
[JJ.01_180,34] Da ward er überfroh, ja
dankbarst gegen den riesigen Retter Jonatha gerührt, und sprach:
[JJ.01_180,35] „O Freund! Solche Tat kann
nicht gemein belohnt werden; wahrlich diese Tat will ich auf eine Art belohnen,
wie sie nur ein Kaiser zu lohnen vermag!“
[JJ.01_180,36] Jonatha aber sprach: „Freund,
lasse das jetzt gut sein; komme aber mit deinem Gefolge zum Frühstücke!“
[JJ.01_180,37] Und der Cyrenius sprach, sich
hoch verwundernd: „Was, du willst uns auch noch bewirten? – O du edler Mann! –
Werde ich erst erfahren von dir, wo ich bin, und wer du bist, dann sollst du
auch erfahren, wer ich bin, und ein großer Lohn solle dir dann werden!“
[JJ.01_180,38] Darauf erhob sich alles vom
Lager und folgte dem Jonatha in die große Hütte, allwo schon das Frühstück der
Gesellschaft harrte; und alle aßen die wohlbereiteten Fische mit großer Lust
und rühmten den Jonatha über die Maßen.
[JJ.01_180,39] Jonatha aber sagte: „O rühmet
nicht mich; denn an allem dem hat jemand anderer – und nicht ich – das große
Verdienst!
[JJ.01_180,40] Ich war nur ein plumpes
Werkzeug Dessen, der mich also beschickt hatte und hat mir vorangezeigt, daß
ich in dieser Nacht einen wichtigen Dienst werde zu versehen bekommen.
[JJ.01_180,41] Und also war es denn auch; ich
fand dich in großer Not und ward dir zum Retter, und das war der Wille des
Allerhöchsten!
[JJ.01_180,42] Diesen heiligen Willen habe
ich erfüllt, und das Bewußtsein, den Willen Gottes aus Liebe zu Ihm Selbst
erfüllt zu haben, ist mein hoher Lohn, – und wärest du ein Kaiser selbst, so
könntest du mir keinen höhern geben!
[JJ.01_180,43] Daher bitte ich dich auch, an
keine andere Belohnung bei dir selbst zu denken.
[JJ.01_180,44] Bringe nur dein schönes und
großes Schiff wieder in Ordnung; und so ich erfahren werde von dir den Ort
deiner Bestimmung, da werde ich dir noch obendrauf mit Rat und Tat an die Hand
gehen!“
[JJ.01_180,45] Hier sprach der Cyrenius:
„Freund! das sollst du gleich erfahren!
[JJ.01_180,46] Siehe, der Ort meiner
Bestimmung für diesmal ist Ostracine in Ägypten; denn ich bin der Statthalter
und ein Bruder des Kaisers – mein Name ist Cyrenius Quirinus!“
[JJ.01_180,47] Bei diesen Worten fiel Jonatha
auf die Knie nieder und bat um Gnade, wenn er sich etwa in etwas vermessen
hätte.
[JJ.01_180,48] Als aber der Cyrenius den
Jonatha aufrichten wollte, da kam Joseph mit seiner ganzen Genossenschaft, den
Jonatha zu besuchen, weil dieser sich versprochenermaßen so lange nicht
einfinden wollte beim Joseph.
[JJ.01_181] 181. Kapitel – Jonatha und
Cyrenius im Gespräch. Josephs Verwunderung über das fremde Schiff und Jonathas
Erklärung. Des Lebensretters abergläubische Vorsicht und seine Belehrung. Das
ergreifende Wiedersehen zwischen dem Kindlein und Cyrenius.
3. April 1844
[JJ.01_181,01] Joseph aber ging nicht
alsogleich in die Hütte, sondern er sandte einen Boten hinein und ließ es dem
Jonatha melden, daß er hier sei.
[JJ.01_181,02] Jonatha erhob sich bald und sprach
zum Cyrenius:
[JJ.01_181,03] „Kaiserlich-Königliche
Consulische Hoheit! Ich bitte noch einmal um Vergebung, so ich etwa irgend mich
an dir vergangen habe durch eine gutgemeinte Grobheit!
[JJ.01_181,04] Denn wie bei mir sonst alles
massiv ist, so ist auch bei manchen Gelegenheiten meine Zunge!
[JJ.01_181,05] Jetzt aber muß ich wieder
hinaus; denn mein Nachbar und mein allerwürdigster Freund hat mich heute
heimgesucht!“
[JJ.01_181,06] Und der Cyrenius sprach zum
Jonatha: „O Freund! du mein teuerster Lebensretter! Tue nach deinem
Wohlgefallen, und sehe nicht auf mich, deinen Schuldner!
[JJ.01_181,07] Ich werde mich jetzt hier nur
etwas besser ankleiden und dann sobald selbst dir nachkommen.“
[JJ.01_181,08] Nun verließ Jonatha den
Cyrenius und begab sich schnell hinaus, um den Joseph zu empfangen.
[JJ.01_181,09] Joseph aber ging unterdessen
etwas uferabwärts, wo das Schiff war, um es näher zu betrachten.
[JJ.01_181,10] Und der Jonatha eilte dem
Joseph und seiner Genossenschaft nach und holte sie auch bald ein.
[JJ.01_181,11] Als sich die beiden begrüßt
hatten und Jonatha das ihm zulaufende Kindlein auf seine Arme nahm und Es
liebkosete,
[JJ.01_181,12] da fragte Joseph ganz
verwundert den großen Freund:
[JJ.01_181,13] „Aber Bruder, sage mir doch –
woher hast du das Schiff?
[JJ.01_181,14] Oder sind im selben Gäste,
Reisende angekommen?
[JJ.01_181,15] Fürwahr, das ist ein
Prachtschiff, wie man solcher Art Schiffe nur aus Rom kommen sieht!“
[JJ.01_181,16] Und der Jonatha sprach: „O
Freund, siehe, darum mußte ich gestern noch deine Villa verlassen!
[JJ.01_181,17] Ein Sturmwind hatte gestern
ein römisches Schiff auf eine Sandbank außer der Bucht gesetzt.
[JJ.01_181,18] Meiner Mühe – durch die Gnade
dieses meines Kindchens – ist es gelungen, das Schiff vor dem sicheren
Untergange zu retten.
[JJ.01_181,19] Die Geretteten, bei hundert an
der Zahl, befinden sich noch in meiner Wohnung, die glücklicherweise für sie
hinreichend geräumig ist;
[JJ.01_181,20] Und ich denke, sie werden
heute noch abfahren, da der Ort ihrer Bestimmung glücklicherweise ohnehin
unsere Stadt selbst ist, wie sie mir sagten.
[JJ.01_181,21] Sie wissen zwar noch nicht, wo
sie sich befinden; denn das muß man den Geretteten ja nicht sogleich kundtun.
[JJ.01_181,22] Wann sie aber fortreisen
werden, dann werde ich ihnen schon ohnehin den Wegweiser machen!“
[JJ.01_181,23] Und der Joseph fragte den
Jonatha, ob die Geretteten nicht kundgaben, wer und woher sie wären.
[JJ.01_181,24] Der Jonatha aber antwortete:
„Du weißt ja, daß man nicht aus der Schule schwätzen darf;
[JJ.01_181,25] denn solange die Geretteten
nicht fort sind, dürfen ihre Namen nicht verraten werden, weil ihnen das bei
der künftigen Reise schädlich sein könnte!“
[JJ.01_181,26] Hier sagte das Kindlein zum
Jonatha: „O Mann! du hast wohl ein edles Herz, in dem keine Falschheit wohnt;
[JJ.01_181,27] aber was da so manchen alten
Aberglauben betrifft, da bist du noch sehr reich!
[JJ.01_181,28] Hier aber ist dennoch besser
zu schweigen, als zu reden; denn in wenig Augenblicken wird sich die Sache
ohnehin aufklären!“
[JJ.01_181,29] Als das Kindlein aber solches
geredet hatte, da auch trat der Cyrenius mit seinem Gefolge aus der Hütte und
begab sich gegen das Schiff, also genau an die Stelle, da sich Joseph befand.
[JJ.01_181,30] Als er nun dahin kam, da
sprach er zur Tullia: „Weib! Da sieh einmal hin! – Ist die Gesellschaft dort
bei unserem Retter nicht ganz der gleich, derentwegen wir nach Ostracine
reisten?!
[JJ.01_181,31] Bei Gott dem Lebendigen! Ich
habe noch nie etwas Ähnlicheres gesehen! – Und siehe, unser Wirt hat auch
soeben ein Kindlein auf den Armen, das dem heiligen völlig gleicht, das unser
himmlischer Freund in Ostracine hat!“
[JJ.01_181,32] Hier verlangte das Kindlein
auf die Erde gesetzt zu werden und lief, als Es frei war, sogleich dem schon
sehr nahe kommenden Cyrenius entgegen.
[JJ.01_181,33] Und der Cyrenius blieb stehen
und betrachtete mit großer Aufmerksamkeit das ihm zulaufende Kindlein.
[JJ.01_181,34] Das Kindlein aber sprach, als Es
etwa drei Schritte noch vom Cyrenius abstand:
[JJ.01_181,35] „Cyrenius, Cyrenius, Mein
lieber Cyrenius! – Siehe, wie Ich dir entgegeneile; warum eilest denn du nicht
auch also Mir entgegen?!“
[JJ.01_181,36] Hier erkannte Cyrenius das
Kindlein, fiel sogleich auf die Knie samt der Tullia nieder und schrie
förmlich:
[JJ.01_181,37] „O mein Gott, o mein Herr! – –
Wer – wo – bin ich denn, daß Du – o mein Gott! – Du – mein Schöpfer, mein
Leben, der Du allein mir alles, alles bist, in diesem mir noch fremden Orte mir
entgegenkommst?!“
[JJ.01_181,38] Das Kindlein aber sprach:
„Mein lieber Cyrenius, du bist schon am rechten Orte; denn wo Ich bin, da ist
schon der rechte Ort für dich! – Siehe, dort kommt ja schon der Joseph, die
Maria, die Eudokia, Meine Brüder und deine acht Kinder!“
[JJ.01_181,39] Hier sprach der Cyrenius: „O
Du mein Leben, da ist zuviel Seligkeit auf einmal für mich!“ – Darauf fing er
an zu weinen vor Seligkeit und konnte nicht reden vor zu heiliger Empfindung.
[JJ.01_182] 182. Kapitel – Vom Beugen des
Herzens statt der Knie. Die Begrüßung Josephs durch Cyrenius. Vom Kreuzessegen
und Triumph des Gottvertrauens. Des Cyrenius Freude über die Nähe Ostracines.
12. April 1844
[JJ.01_182,01] Nun kam auch der Joseph herbei
und weinte samt der Maria vor Freuden, daß er nach zwei Jahren wieder einmal
seinen Freund Cyrenius zu sehen bekam.
[JJ.01_182,02] Das Kindlein aber sagte zum
Cyrenius: „Cyrenius! es ist genug, so du in aller Liebe dein Herz vor Mir
beugest;
[JJ.01_182,03] deine Knie aber magst du gerade
halten! Denn siehe, du hast viel Gefolge bei dir, das Mich noch nicht kennt,
und du sollst Mich nicht verraten durch solche Stellung!
[JJ.01_182,04] Daher erhebe dich vom Boden
und mache, wie es da macht der Joseph, der Jonatha, die Maria und alle die andern;
auch dein Weib solle sich aufrichten!“
[JJ.01_182,05] Darauf erhob sich Cyrenius mit
der Tullia, nahm sogleich das Kindlein auf seine Arme und kosete Es.
[JJ.01_182,06] Mit dem Kindlein auf dem Arme
trat er erst dem Joseph näher und sprach:
[JJ.01_182,07] „Sei mir vom Grunde meines
Herzens aus gegrüßet! – Wie überaus oft hat sich mein Herz nach dir gesehnt!
[JJ.01_182,08] Allein die fatalen
Staatsgeschäfte haben sich im Verlaufe dieser zwei Jahre so sehr gehäuft, daß
ich nimmer Zeit zu gewinnen wußte, um dieser hohen heiligen Forderung meines
Herzens nachzukommen.
[JJ.01_182,09] Nun erst hatte ich alles so weit
in Ordnung gebracht, daß ich auf eine kurze Zeit dich, meinen heiligen Freund,
besuchen konnte.
[JJ.01_182,10] Aber selbst jetzt, da ich dem
Drange meines Herzens nachkam, wäre ich beinahe zugrunde gegangen, so nicht
ganz sicher dieses heiligste Kindlein mir einen Retter entgegengesandt hätte!
[JJ.01_182,11] O mein Freund und Bruder! Ich
habe in diesen zwei Jahren gar viel ausgestanden!
[JJ.01_182,12] Verfolgung, Verrat,
Verschwärzung beim Kaiser und viele andere höchst unangenehme Dinge hatte ich
zu bestehen.
[JJ.01_182,13] Aber ich dachte dabei allzeit
an das, was mir einmal vor zwei Jahren das heiligste Kindlein gesagt hatte,
nämlich: daß Es diejenigen zupfe und kneipe, die Es liebhat.
[JJ.01_182,14] Und fürwahr, alle die Stürme
um mein Gemüt herum waren im Ernste nichts als lauter Liebkosungen dieses
meines Herrn aller Herren!
[JJ.01_182,15] Denn wo immer sich eine Woge
wider mich erhob und mich mit Haut und Haaren zu verschlingen drohte,
[JJ.01_182,16] da auch zerschellte sie an
einer noch mächtigeren Gegenwoge, und es blieb nichts als nur ein eitel leerer
Schaum zurück.
[JJ.01_182,17] Und so bin ich nun auch hier
nach einer ausgestandenen großen Gefahr, die alles zu verschlingen drohte, ganz
wohlbehalten angelangt und befinde mich nun in deiner mir so überheiligen
Gesellschaft; und aller Sturm, der mich ängstigte, hat sich wie zu einer ewigen
Ruhe gelegt!“
[JJ.01_182,18] Hier umarmte der Joseph den
Cyrenius und sprach: „Ja, Bruder im Herrn, wie du nun geredet hast, also ist es
auch!
[JJ.01_182,19] Ich wußte im geheimen ja
allzeit darum, was mit dir vorging; aber ich lobte darum allzeit den Herrn, daß
Er dich also liebhatte.
[JJ.01_182,20] Nun aber siehe dorthin gegen
Mittag und Morgen, und du wirst leicht die Stadt und noch leichter deine Villa
erkennen!
[JJ.01_182,21] Lasse daher dein Schiff
versorgen und ziehe mit mir; daheim erst wollen wir uns so recht herzlich
ausplaudern!“
[JJ.01_182,22] Als der Cyrenius hinblickte
und gar bald die Villa erkannte, da ward es völlig aus bei ihm, und er konnte
sich nicht genug verwundern über alles das.
[JJ.01_183] 183. Kapitel – Des Cyrenius
Reisebegebnisse und seine Bitte um Aufschluß an Joseph. Josephs ausweichende
Antwort. Des unbefriedigten Cyrenius Aufklärung durch das Kindlein. Der
allgemeine Aufbruch zur Villa Josephs.
13. April 1844
[JJ.01_183,01] Als sich der Cyrenius so recht
durchgewundert hatte, da er sich nach allen Seiten hin von der Richtigkeit
überzeugt hatte, da erst fing er ganz verblüfft wieder ordentlicher zu reden an
und sprach zum Joseph:
[JJ.01_183,02] „Ja, du mein erhabenster
Freund und Bruder, es geschehe sogleich nach deinem Verlangen;
[JJ.01_183,03] aber zwei Dinge müssen eher
noch berichtiget sein!
[JJ.01_183,04] Fürs erste muß mein großer
Retter belohnt sein – und das auf eine kaiserliche Art!
[JJ.01_183,05] Und fürs zweite muß ich von
dir eher noch erfahren, wie es so ganz eigentlich möglich war, daß ich gerade
hierher verschlagen ward, dahin ich es am allerwenigsten vermeinte!
[JJ.01_183,06] Denn siehe, schon von Tyrus
angefangen, hatte ich stets einen starken Ostwind, der sich nach und nach in
einen förmlichen Orkan umwandelte!
[JJ.01_183,07] Ich ward von diesem widrigen
Winde bereits zehn volle Tage auf der hohen See – Gott weiß es, wo überall –
herumgetrieben.
[JJ.01_183,08] Als ich aber mit der Hilfe
dieses großen Retters gestern in der Mitternacht endlich einmal wieder Land
unter meine Füße bekam, da dachte ich mich in Spanien zu befinden, und zwar
nahe an den Säulen des Herkules!
[JJ.01_183,09] Und – nun bin ich anstatt im
vermeinten Spanien genau da, wohin ich so ganz eigentlich habe kommen wollen!
[JJ.01_183,10] O Bruder, o Freund! – nur
einen kleinen Aufschluß gebe mir darüber!“
[JJ.01_183,11] Und der Joseph sagte: „Freund,
lasse aber doch dein Schiff eher von deinen Leuten untersuchen, ob alles in
Ordnung ist;
[JJ.01_183,12] dann erst will ich dir mit der
Gnade des Herrn über deine Seefahrt etwas kundtun!“
[JJ.01_183,13] Und der Cyrenius erwiderte dem
weisen Joseph: „O Freund! – du kommst mir heute sehr sonderlich vor!
[JJ.01_183,14] Prüfest du mich? Oder was ist
es, das du mit mir vorhast?
[JJ.01_183,15] Ist heute doch der Sabbat
deines und meines Herrn, auf den du sonst überaus viel gehalten hast!
[JJ.01_183,16] Und wahrlich, ich verstehe
dich nicht und weiß es auch nicht, warum du heute mich zu einer Arbeit zwingen
willst?!
[JJ.01_183,17] Siehe, Dieser hier, der da
heilig, überheilig auf meinen Armen ruht, hat sicher lange schon mein Schiff
geordnet, darum ich Ihn liebe über alles!
[JJ.01_183,18] Wozu wohl wäre da meine Sorge?
– Ich war in großer Gefahr und sorgte mich viel;
[JJ.01_183,19] aber alle meine Sorge war zu
nichts nütze; denn nur Er ganz allein hat mir Rettung gebracht!
[JJ.01_183,20] Darum will ich mich aber
fürder auch um nichts mehr sorgen und werde das Schiff heute schon ganz gewiß
ruhen lassen! – Ist das nicht recht also?“
[JJ.01_183,21] Und das Kindlein küßte den
Cyrenius und sagte: „Joseph hat dich in Meinem Namen nur versucht, weil du den
Jonatha eher belohnen wolltest, als mit ihm nach der Villa ziehen.
[JJ.01_183,22] Ich aber sage dir, du sollst
den Jonatha gar nicht belohnen; denn Ich Selbst bin ja sein Lohn!
[JJ.01_183,23] Darum mache dich nur auf, und
ziehe mit dem Joseph; daheim solle dir alles klar werden!“ – Und der Cyrenius
tat sogleich, was das Kindlein ihm geraten hatte, und alles zog nach der Villa.
[JJ.01_184] 184. Kapitel – Das erquickende
Zusammensein in der schattigen Laube des Hügels. Josephs weise Auslegung der
Meerfahrt des Cyrenius. Wie der Herr die Seinen führt.
15. April 1844
[JJ.01_184,01] Als mit Ausnahme der
Dienerschaft des Jonatha die ganze Gesellschaft sich in und bei der Villa
Josephs befand, da befahl der Joseph sogleich seinen Söhnen, für ein gutes
Mittagsmahl zu sorgen.
[JJ.01_184,02] Und der Jonatha übergab ihnen
zu dem Behufe die gute Ladung der edelsten Thunfische, die er mitgenommen
hatte.
[JJ.01_184,03] Nach dieser Beheißung begab
sich Joseph mit des Cyrenius Hauptgefolge und natürlich mit dem Cyrenius
selbst, mit Maria, mit Jonatha und mit dem Kindlein, das der Cyrenius noch auf
seinen Armen trug, auf den Lieblingshügel.
[JJ.01_184,04] Und die Eudokia und die Tullia
wie die acht Kinder blieben nicht im Hause, sondern folgten ebenfalls der
Gesellschaft auf den sehr geräumigen Hügel.
[JJ.01_184,05] Hier angelangt, setzten sich
alle auf die von Joseph gemachten Bänke nieder und erquickten sich unter dem
duftenden Schatten von Rosen-, Myrthen- und Papyrusbäumen.
[JJ.01_184,06] Denn der Hügel hatte zwei
Abteilungen: die eine war dicht umwachsen, diese galt für den Tag;
[JJ.01_184,07] die andere aber war frei und
galt nur für die Abend- und Nachtzeit, um daselbst die frische Luft und eine
freie Aussicht über die Gegend wie über den Himmel zu genießen.
[JJ.01_184,08] Also in der herrlichen Laube
des Hügels angelangt und allda Platz genommen, fragte der Cyrenius den Joseph,
ob er ihm jetzt nicht die versprochene Aufklärung über seine Meeresfahrt geben
möchte.
[JJ.01_184,09] Und der Joseph antwortete und
sprach: „Ja, Bruder, hier ist der Ort und die Zeit dazu, und so wolle mich denn
anhören!
[JJ.01_184,10] Siehe, der Ostwind stellt dar
die Gnade Gottes; diese trieb dich stürmisch zu Dem, den du nun auf deinen
Armen hältst! –
[JJ.01_184,11] Es kennen und erkennen aber
noch gar viele des Herrn Gnade nicht, wann und wie sie wirket.
[JJ.01_184,12] Also erkanntest auch du nicht,
was des Herrn allmächtige Gnade mit dir vorhatte!
[JJ.01_184,13] Du dachtest dich für verloren
und meintest, der Herr habe deiner völlig vergessen;
[JJ.01_184,14] und siehe, als du strandetest
auf der Sandbank durch die mächtigste Gnade des Herrn und glaubtest dich für
verloren, da erst hat dich der Herr mit aller Gewalt ergriffen und hat dich
gerettet von jeglichem Untergange!
[JJ.01_184,15] Also aber ist allzeit gewesen
und wird ewig sein die Art des Herrn, diejenigen zu führen, die da waren und
sein werden auf dem Wege zu Ihm!
[JJ.01_184,16] Warum aber führte dich der
Herr also? – Siehe, als um Tyrus herum bekannt ward, daß du zu Schiffe hierher
gehen wirst, da sammelten sich bezahlte Meuterer,
[JJ.01_184,17] nahmen Fahrzeuge und wollten
dich auf der hohen See mörderisch überfallen!
[JJ.01_184,18] Da sandte der Herr plötzlich
einen starken Ostwind;
[JJ.01_184,19] dieser schob dein Schiff gar
schnell vor deinen Feinden hinfort, daß sie es nimmer zu erreichen vermochten.
[JJ.01_184,20] Da aber deine Feinde dich
dennoch nicht aus den Augen ließen, sondern dich stets nur um so grimmiger
verfolgten, da ward des Herrn Gnade über dich zu einem Orkane.
[JJ.01_184,21] Dieser Orkan ersäufte deine
Feinde im Meere und setzte dein Schiff an rechter Stelle in die Ruhe, allwo dir
dann die volle Rettung ward. – Cyrenius! – verstehst du nun diese deine
Meeresfahrt?“ –
[JJ.01_185] 185. Kapitel – Des Cyrenius Dank
an das Kindlein für die gnädige Führung. Wie man gottwohlgefällig beten soll.
Der Hauptgrund der Menschwerdung des Herrn. Des Cyrenius Erstaunen über die
Fortschritte der acht Kinder.
16. April 1844
[JJ.01_185,01] Als der Cyrenius aber solches
vom Joseph vernommen hatte, da wandte er sich sogleich an das auf seinen Armen
ruhende Kindlein und sprach zu Ihm:
[JJ.01_185,02] „O Du, dessen Namen meine
Zunge nimmer würdig ist auszusprechen! – Das war sonach lauter Gnade von Dir,
Du mein Herr und mein Gott?!
[JJ.01_185,03] Wie, auf welche Weise aber
solle ich Dir nun danken, wie Dich loben und preisen für solche übergroße
wunderbarste Gnade?!
[JJ.01_185,04] Was kann ich, ein armer blöder
Mensch, Dir, o Herr, wohl entgegentun, da Du mir so endlos gnädig bist und
schützest mich mehr denn Dein eigen Herz?“
[JJ.01_185,05] Und das Kindlein sprach: „Mein
geliebter Cyrenius! Ich hätte dich noch um vieles lieber, wenn du nur nicht
immer vor Mir also aufseufzen möchtest!
[JJ.01_185,06] Was habe denn Ich und du
davon, wenn du also seufzest vor Mir?
[JJ.01_185,07] Ich sage dir, sei du lieber
heiteren Mutes, und liebe Mich wie alle andern Menschen in deinem Herzen; da
wirst du Mir lieber sein, als so du immer seufzest für nichts und nichts!“
[JJ.01_185,08] Und der Cyrenius sagte
allerzärtlichst zum Kindlein:
[JJ.01_185,09] „O Du mein Leben, Du mein
Alles! – Darf ich denn nicht beten zu Dir, meinem Gott und meinem Herrn?“
[JJ.01_185,10] Das Kindlein aber erwiderte:
„O ja, das darfst du wohl; aber nicht durch allerlei unendliche Exklamationen,
[JJ.01_185,11] sondern allein in deinem
Geiste, der die Liebe in dir ist zu Mir, und in deren Wahrheit, die da ist ein
rechtes Licht, das da entströmt der Flamme der Liebe. – –
[JJ.01_185,12] Meinst du denn, Ich werde
durch der Menschen Gebete fetter und mächtiger und größer, als Ich also ohne
solcher Gebete ohnehin es bin!?
[JJ.01_185,13] O sieh, darum habe Ich Mich ja
aus Meiner ewigen Unendlichkeit gestellt in diesen Leib, auf daß Mich die
Menschen mehr mit ihrer Liebe anbeten sollen –
[JJ.01_185,14] und sollen dabei sparen ihren
Mund, ihre Zunge und ihre Lippen; denn ein solches Beten entwürdigt den Anbeter
wie den Angebeteten, weil es ist ein totes Zeug, ein Eigentum der Heiden!
[JJ.01_185,15] Was tust du denn mit deinen guten
Freunden und Brüdern, so du mit ihnen zusammenkommst?
[JJ.01_185,16] Siehe, du erfreust dich über
sie und grüßest sie und bietest ihnen Hände, Brust und Kopf!
[JJ.01_185,17] Desgleichen tue auch mit Mir,
und Ich werde von dir ewig nichts anderes verlangen! –
[JJ.01_185,18] Und nun sei völlig heiter, und
sehe dich auch ein wenig nach deinen Kindern um, und frage sie ein wenig aus,
was alles sie schon gelernt haben,
[JJ.01_185,19] und du wirst selbst eine
größere Freude haben daran und wirst auch Mir eine größere Freude machen, als
wenn du hundert Jahre nacheinander fortseufzen und exklamieren möchtest!“
[JJ.01_185,20] Darauf ward der Cyrenius recht
heiter und berief sogleich die acht Kinder zu sich und fragte sie über so
manches aus.
[JJ.01_185,21] Die Kinder aber gaben ihm auf
jede Frage so gründlich kenntnisreiche Antworten, daß er sich darob nicht genug
verwundern konnte.
[JJ.01_185,22] Da war es aber auch völlig aus
beim Cyrenius vor lauter Freude; die Kinder aber freuten sich auch, daß sie so
gescheit waren, und der Cyrenius beschenkte sie alle reichlich und lobte den
Meister.
[JJ.01_186] 186. Kapitel – Des Knaben Sixtus
,Gegengeschenk‘ an den Vater Cyrenius: ein Vortrag über das Wesen und die
Gestalt der Erde. Die Bestätigung durch das Jesuskind.
17. April 1844
[JJ.01_186,01] Es trat aber darauf der
älteste von den drei Knaben hin zum Cyrenius und sagte zu ihm:
[JJ.01_186,02] „Vater Quirinus Cyrenius! Da
du uns nun ausgefragt hast über so manches und wir dir keine Antwort schuldig
geblieben sind und hattest Freude darob an uns allen gefunden, –
[JJ.01_186,03] möchtest du für deine Liebe
und Sorge für uns nicht auch ein kleines Gegengeschenk annehmen von mir?“
[JJ.01_186,04] Der Cyrenius lächelte über
diese Frage und sprach zum Knaben:
[JJ.01_186,05] „Dein Antrag, mein lieber
Sixtus, ist mir sehr erfreulich und lieb; aber nur mußt du mir die Sache näher
beschreiben, mit der ihr mich beschenken wollt,
[JJ.01_186,06] und ich werde es euch allen
dann gleich sagen, ob ich sie annehmen kann oder nicht!“
[JJ.01_186,07] Darauf erwiderte der Knabe und
sprach: „O Vater Quirinus Cyrenius! Es ist keine Sache, die wir dir zum
Geschenke bringen wollen und können,
[JJ.01_186,08] sondern eine neue
Wissenschaft, von der du bis jetzt sicher noch keine Ahnung hast!“
[JJ.01_186,09] Als der Cyrenius solches von
seinem Sixtus vernommen hatte, da sagte er zu ihm:
[JJ.01_186,10] „Höre, du mein lieber Sixtus,
wenn sich die Sache also verhält, da kannst du mir schenken, soviel du nur
immer willst, und ich werde alles bereitwilligst annehmen!“
[JJ.01_186,11] Nach dieser Äußerung von Seite
des Cyrenius sagte der Knabe:
[JJ.01_186,12] „Nun denn, so dir, o Vater
Quirinus Cyrenius, das angenehm ist, so wolle mich denn anhören!
[JJ.01_186,13] Du hast bis jetzt sicher noch
nie in der Wahrheit gehört, wie da unsere Erde aussieht, und was sie für eine
Gestalt hat!
[JJ.01_186,14] Was meinst du wohl, welche
Gestalt sie hat, die große Erde, die uns alle trägt und ernährt durch die Gnade
Gottes in ihr?“
[JJ.01_186,15] Und der Cyrenius stutzte über
diese Frage und wußte nicht, was er sagen sollte darauf.
[JJ.01_186,16] Nach einer Weile sagte er erst
zum Knaben: „Höre, Knabe, deine Frage setzt mich in eine große Verlegenheit;
denn ich kann dir darauf keine bestimmte Antwort geben!
[JJ.01_186,17] Wir haben wohl allerlei
Mutmaßungen über das Wesen der Erde; aber wo es sich um eine bestimmte Wahrheit
handelt, da kann man nicht mit Mutmaßungen zum Vorscheine kommen!
[JJ.01_186,18] Daher rede nur du jetzt ganz
allein, und ich werde dich hören und dann beurteilen deine Darstellung.“
[JJ.01_186,19] Hier lief der Knabe auf einen
Wink des Joseph ins Haus und brachte ganz behutsam denjenigen Erdglobus, den
das Kindlein in der Nacht vorher wegen der Mondesfinsternis geschaffen hatte
aus einer Pomeranze.
[JJ.01_186,20] Als der Cyrenius dieses
Produkt erschaute, da verwunderte er sich und sprach: „Ja, – was ist denn das?
Ist das etwa gar das vermeintliche Geschenk?
[JJ.01_186,21] Du sagtest ja ehedem, das
Geschenk bestünde in keiner Sache, sondern nur in einer wissenschaftlichen
Erörterung!?
[JJ.01_186,22] Das aber ist ja eben nur eine
Sache und keine wissenschaftliche Erörterung!“
[JJ.01_186,23] Der Knabe aber sprach: „Lieber
Vater Quirinus Cyrenius, das ist wohl wahr, aber diese Sache kann ich dir nicht
zum Geschenke machen, weil sie nicht mein ist;
[JJ.01_186,24] aber sie ist hier vonnöten,
wenn du mich verstehen sollst!“
[JJ.01_186,25] Hier fing der Knabe wie ein
Professor mit Hilfe der Erdkugel an, das Wesen der Erde zu erörtern, und das
mit einer solchen Gründlichkeit, die den Cyrenius ins tiefste Erstaunen
versetzte.
[JJ.01_186,26] Und als der Knabe fertig war,
sagte das Kindlein zum Cyrenius: „Also ist es! – Damit dir aber davon ein
Andenken bleibe, so solle auch diese kleine Erde dein sein, bis du einst in
Meinem Reiche eine größere überkommen wirst!“
[JJ.01_187] 187. Kapitel – Des Cyrenius
Freude über den zum Geschenk erhaltenen Erdglobus und seine Bitte hinsichtlich
des Augustus. Des Kindleins tiefweise Entgegnung mit Hinweis auf die göttliche
Ordnung.
18. April 1844
[JJ.01_187,01] Der Cyrenius war über dieses
Geschenk so außerordentlich erfreut, daß er sich gar nicht zu helfen wußte vor
lauter Seligkeit.
[JJ.01_187,02] Nach einer Weile, als er den
herrlichen Globus recht nach allen Seiten hin und her und auf und ab beschaut
und sich überzeugt hatte von der höchst wichtigen Darstellung aller ihm
bekannten Punkte, fing er erst wieder zu reden an und sprach:
[JJ.01_187,03] „Joseph, das ist denn doch ein
überlautes Zeugnis für uns alle über Den, der einst die Erde erschaffen hat!
[JJ.01_187,04] Denn was wohl ist dem
Allmächtigen schwerer, zu erschaffen eine große Erde – oder zu erschaffen eine
so kleine zu unserer Belehrung über die große, die uns trägt?!
[JJ.01_187,05] Ich meine, das wird wohl ein
und dasselbe sein!
[JJ.01_187,06] O Gott, o großer Gott! –
welche endlose Fülle der Vollkommenheiten aller Art muß in Dir wohnen, daß Dir
solche Wunderdinge so höchst leicht möglich sind!?
[JJ.01_187,07] Wer sich in Dich mit seinem
Gemüte vertieft, der ist schon selig auf der Welt!
[JJ.01_187,08] Wer Dich hat und liebend trägt
in seinem Herzen, wie endlos glücklich ist wohl der zu preisen!
[JJ.01_187,09] O wie ekelhaft erscheint mir
nun das eitle Getriebe der Weltmenschen!
[JJ.01_187,10] O du mein armseliger Bruder
Augustus, wüßtest du und kennetest, was ich nun weiß und kenne, wie sehr würde
dich dein wankender Thron anekeln!
[JJ.01_187,11] O Du mein kleiner Jesus, Du
mein Leben, Du mein Alles! Möchtest Du denn nicht meinem Bruder durch Deine
Allmacht zeigen, wie nichtig und wie gar entsetzlich schmutzig sein Thron ist?“
[JJ.01_187,12] Das Kindlein aber sprach:
„Cyrenius, sehe an alle die Kreaturen der Erde,
[JJ.01_187,13] und du wirst darunter gute und
schlechte finden dir gegenüber!
[JJ.01_187,14] Meinst du wohl, daß sie darum
auch Mir gegenüber also sind?
[JJ.01_187,15] Siehe, der Löwe ist ein
grausames Tier und schont kein Leben in seiner Wut!
[JJ.01_187,16] Hast du dieses Tier auch Mir
gegenüber also gefunden?
[JJ.01_187,17] Mitnichten – sagst du in
deinem Gemüte, denn dieser König der Wüste rettete mir zwei Male das Leben!
[JJ.01_187,18] Siehe, also steht es auch mit
deinem Bruder; er kann nicht sein wie du, und du nicht wie er.
[JJ.01_187,19] Denn Ich habe darum allerlei
Kreatur werden lassen, weil sie Meiner ewigen Ordnung zufolge also vonnöten
ist!
[JJ.01_187,20] Und so mußte es auch
geschehen, daß dein Bruder ward, was er ist, und du auch wurdest, was du bist!
[JJ.01_187,21] So aber dein Bruder spricht:
,Herr! Ich weiß nicht, was ich bin, und was ich tue, sondern Deine Kraft ist
mit mir, und ich handle nach ihrer Bestimmung!‘ –
[JJ.01_187,22] dann ist dein Bruder gerecht
wie du, und du sollst dich um ihn nicht kümmern; denn dereinst werden eines
jeden Werke offenbar werden!“ – Diese Rede brachte den Cyrenius wieder auf
bessere Gedanken über Augustus, und er betrachtete wieder seine kleine Erde.
[JJ.01_188] 188. Kapitel – Cyrenius beteuert
seine Liebe zum Herrn. Die Prüfung: Tullias Tod. Des Cyrenius tiefe Trauer. Der
gerechte Tadel des enttäuschten Kindleins und seine Wirkung auf Cyrenius.
19. April 1844
[JJ.01_188,01] Als der Cyrenius aber diese
Erdkugel abermals mit großer Aufmerksamkeit betrachtete, da verlangte das
Kindlein freigestellt zu werden, um auf dem Hügel ein wenig hin und her zu
hüpfen.
[JJ.01_188,02] Und Cyrenius setzte Es gar
sanft auf die Erde und sprach:
[JJ.01_188,03] „O Du mein Leben, Du mein
Heil, Du mein Alles! Nur von meinen Händen gebe ich Dich leiblich frei;
[JJ.01_188,04] aber nimmer, nimmer aus meinem
Herzen; denn da lebst Du nunmehr ganz allein, – ja Du ganz allein bist meine
Liebe!
[JJ.01_188,05] Wahrlich, so ich nur Dich, o
Du mein Heiland, habe, dann ist mir die ganze Welt mit allen ihren Schätzen
nichtiger als das Nichts selbst!“
[JJ.01_188,06] Hier stand das Kindlein auf,
wandte sich wieder zum Cyrenius und sprach zu ihm:
[JJ.01_188,07] „Ich muß denn doch wieder bei dir
verbleiben, obschon Ich recht gerne ein wenig herumhüpfen möchte, weil du Mich
gar so lieb hast!
[JJ.01_188,08] Hättest du fortwährend deine
kleine Erde beschaut, siehe, da wäre Mir bei dir zu sein wohl ein wenig
langweilig geworden;
[JJ.01_188,09] aber da du dein Herz wie alle
deine Aufmerksamkeit wieder völlig Mir zugewandt hast, da muß Ich bei dir
verbleiben und kann Mich nicht trennen von dir!
[JJ.01_188,10] Aber höre du, Mein lieber
Cyrenius! Was wird denn dein Weib dazu sagen, wenn sie sicher vernommen hat,
daß du Mich ganz allein nur liebst?“
[JJ.01_188,11] Und der Cyrenius sprach:
„Herr, wenn ich nur Dich habe, was frage ich da um mein Weib und um die ganze
Welt! – Siehe, das alles ist mir um die leichteste Münze feil!
[JJ.01_188,12] O Du mein Jesus, welche
Seligkeit kann größer wohl sein als allein die nur: Dich über alles zu lieben
und von Dir wiedergeliebt zu werden!
[JJ.01_188,13] Darum möchte ich eher die
Tullia verachten wie einen Heuschreckenzug, bevor ich nur um ein Haarbreit von
der Liebe zu Dir weichen möchte!“
[JJ.01_188,14] Das Kindlein aber sprach:
„Cyrenius, so Ich dich aber darob ein wenig prüfete, denkst du wohl, daß du da
beständig verbleiben möchtest?“
[JJ.01_188,15] Und der Cyrenius sprach: „Nach
meinem gegenwärtigen Gefühle dürftest Du wohl die Erde unter meinen Füßen
zerstäuben und mir die Tullia tausendfach nehmen, so es möglich wäre, so würde
ich aber dennoch in meiner gleichen Liebe zu Dir verbleiben!“
[JJ.01_188,16] Hier sank plötzlich die Tullia
wie vom Schlage gerührt zu Boden und ward völlig tot.
[JJ.01_188,17] Alle Anwesenden erschraken
heftig. Man brachte sogleich wohlgegorenen Zitronensaft und frisches Wasser und
labte sie;
[JJ.01_188,18] aber es war alle Mühe
vergeblich, denn die Tullia war völlig tot.
[JJ.01_188,19] Als der Cyrenius aber sah, daß
die Tullia ernstlich tot war, da verhüllte er sein Angesicht und fing an, sehr
traurig zu werden.
[JJ.01_188,20] Nun aber fragte das Kindlein
den traurigen Cyrenius: „Cyrenius! Wie kommst du Mir nun vor? Siehe, noch ist
die Erde ganz, und dein Weib ist noch lange nicht tausend Male getötet, wie
du's verlangtest, – und du trauerst, als hättest du alles in der Welt verloren!
[JJ.01_188,21] Hast du Mich nun nicht gleich
wie ehedem, der Ich dir doch alles war?! – Wie magst du nun trauern gar so
sehr?“
[JJ.01_188,22] Hier seufzte der Cyrenius tief
auf und sprach gar kläglich: „O Herr! Ich wußte es ja nicht, wie teuer mir die
Tullia war, solange ich sie hatte; ihr Verlust erst zeigte mir nun ihren Wert!
[JJ.01_188,23] Darum trauere ich – und werde
trauern wohl mein Leben lang um sie, die mir eine so edle und treue Gehilfin
war!“
[JJ.01_188,24] Da seufzte das Kindlein tief
auf und sprach: „O ihr wetterwendischen Menschen! Wie wenig Beständigkeit
wohnet in eurem Herzen!
[JJ.01_188,25] Wenn ihr schon also seid in
Meiner Gegenwart, was werdet ihr dann erst sein, so Ich nicht unter euch sein
werde?!
[JJ.01_188,26] Cyrenius! Was war Ich dir vor
einigen Minuten, – und was bin Ich dir jetzt?
[JJ.01_188,27] Dein Angesicht verhüllest du
vor Mir wie vor der Welt, und dein Herz ist so voll Traurigkeit, daß du kaum
vernehmen magst Meine Stimme!
[JJ.01_188,28] Ich aber sage dir: Wahrlich,
also bist du Meiner noch nicht wert!
[JJ.01_188,29] Denn wer noch sein Weib mehr
liebt denn Mich, der ist Meiner nicht wert, da Ich doch mehr bin als ein Weib,
geschaffen durch Meine Macht!
[JJ.01_188,30] Ich sage dir, berate dich in
der Zukunft besser, sonst wirst du auf dieser Welt Mein Angesicht nimmer
erschauen!“
[JJ.01_188,31] Darauf ging das Kindlein zum
Joseph hin und sagte zu ihm: „Joseph! Lasse die Tote ins Kämmerlein bringen und
sie legen auf ein Totengerüst!“
[JJ.01_188,32] Joseph aber sagte: „Mein
Söhnchen, wird sie nimmer lebend?“
[JJ.01_188,33] Und das Kindlein sprach:
„Frage Mich nicht darum; denn nun ist noch lange nicht Meine Zeit, sondern tue,
wie Ich dir sagte!
[JJ.01_188,34] Siehe, das Weib ward
eifersüchtig auf Mich, als Mir Cyrenius seine Liebe gestand; diese Eifersucht
und dieser Liebeneid hat sie so schnell getötet! Darum frage Mich nicht weiter,
sondern lasse sie ins Kämmerlein aufs Gerüst bringen; denn sie ist wirklich
tot!“
[JJ.01_188,35] Joseph ließ darauf sogleich
die Leiche ins Haus tragen und bereiten in einem Seitenkämmerlein ein Gerüst
und dann die Leiche legen darauf.
[JJ.01_188,36] Alles ging nun zu Cyrenius hin
und tröstete ihn ob diesem plötzlichen Verluste seines Weibes.
[JJ.01_188,37] Cyrenius aber enthüllte bald
wieder sein Gesicht, richtete sich auf wie ein rechter Held und sprach:
[JJ.01_188,38] „O liebe Freunde, tröstet mich
nicht vergeblich; denn ich habe meinen Trost schon gefunden in meinem eigenen
Herzen,
[JJ.01_188,39] und einen besseren könnet ihr
mir wohl nicht geben!
[JJ.01_188,40] Sehet, hier hat der Herr mir
ja wunderbar dies edle Weib gegeben, und hier hat Er sie mir wieder genommen;
denn Er allein ist ja der Herr über alles Leben!
[JJ.01_188,41] Ihm sei darum auch alles
aufgeopfert, und Sein heiliger Name sei darum ewig gelobt und gepriesen!
[JJ.01_188,42] Es ist zwar ein harter Schlag
auf mein fleischig Herz; aber ich empfinde ihn nun auch um so belebender für
meinen Geist!
[JJ.01_188,43] Denn dadurch hat der Herr mich
frei gemacht, und ich gehöre nun ganz, aller irdischen Bande ledig, Ihm allein
zu, und Er allein ist nun der heilige Einwohner meines Herzens! Darum tröstet
mich nicht; Er ist allein ja mein Trost für ewig!“
[JJ.01_188,44] Hier kam das Kindlein wieder
zum Cyrenius und sagte zu ihm: „Amen! – Also sei es für ewig!
[JJ.01_188,45] Wie ein Hauch werden diese
Erdenjahre vergehen, in denen wir noch hier wirken werden; dann aber wirst du
dort sein, wo Ich sein werde ewig unter denen, die Mich lieben werden dir
gleich! – Also sei es ewig, ewig, ewig!“ – – –
[JJ.01_189] 189. Kapitel – Joseph lädt den
Cyrenius zum Mahle. Des Cyrenius Absage unter Hinweis auf seine Sättigung durch
den Herrn. Des Kindleins Lob über Cyrenius.
20. April 1844
[JJ.01_189,01] Es kamen aber nun auch die
Söhne Josephs und zeigten an, daß das Mahl bereitet sei.
[JJ.01_189,02] Und der Joseph ging hin zum
Cyrenius und zeigte ihm, der sich eben mit dem Kindlein wieder vollauf
beschäftigte, solches an und fragte ihn, ob er vor Traurigkeit wohl eine Speise
werde zu sich nehmen können.
[JJ.01_189,03] Und der Cyrenius sprach: „O
mein erhabener Bruder, meinst du denn, daß ich irgend einen Hunger habe?
[JJ.01_189,04] Da sieh einmal her! Wie kann
man hungrig wohl werden in der Gesellschaft Dessen, durch den in jedem
Augenblicke Myriaden und Myriaden gesättiget werden!?
[JJ.01_189,05] Was aber meine von dir
vermeinte Traurigkeit betrifft, da sage ich aus der Fülle meiner Liebe zu Dem,
der dich und mich erschuf:
[JJ.01_189,06] Wie sollte ich trauern wohl in
der Gesellschaft meines und deines Herrn?!
[JJ.01_189,07] Siehe, da du ein Weizenkorn in
die Erde streuest, das da in ihr verfault, da läßt Er hundert an die Stelle des
einen treten!
[JJ.01_189,08] Also ist es ja auch hier der
Fall: wo der Herr eines nimmt, da gibt Er bald tausend dafür!
[JJ.01_189,09] Mir hat Er wohl die
eifersüchtige Tullia genommen, dafür aber hat Er Sich mir Selbst gegeben!
[JJ.01_189,10] O Bruder, welch ein
unendlicher Ersatz ist das für meinen so geringen Verlust!
[JJ.01_189,11] Anstatt meines Weibes darf ich
nun Ihn in meinem Herzen ewig mein nennen! – O Bruder, wie sollte ich da wohl
noch um die Tullia trauern können?!“
[JJ.01_189,12] Hier sprach Joseph: „O Bruder!
Du bist groß geworden vor dem Herrn; wahrlich, du bist ein Heide gewesen – und
bist nun besser denn viele Israeliten!
[JJ.01_189,13] Ja, ich selbst muß es vor dir
bekennen: Dein Herz und dein Mund beschämet hoch mich selbst;
[JJ.01_189,14] denn eine solche Ergebung in
den Willen des Herrn habe ich an mir selbst noch nicht erlebt!“
[JJ.01_189,15] Hier richtete Sich das
Kindlein auf und sprach: „Joseph! Ich weiß, warum Ich dich erwählte; doch
größer warst du noch nie vor Mir als eben jetzt, da du deine Schwäche vor einem
Heiden bekennest!
[JJ.01_189,16] Ich aber sage dir, da du dem
Cyrenius schon das Zeugnis gabst, daß er besser ist als viele Israeliten:
[JJ.01_189,17] Cyrenius ist hier mehr als
Abraham, Isaak und Jakob, und mehr als Moses und die Propheten, und mehr als
David und Salomo!
[JJ.01_189,18] Denn deren Taten waren gerecht
durch den Glauben und durch große Gottesfurcht in ihren Herzen;
[JJ.01_189,19] Cyrenius aber ist ein
Erstling, den Meine Liebe geweckt hat; und das ist mehr als der gesamte alte
Bund, der tot war, während Cyrenius nun ganz lebendig ist!
[JJ.01_189,20] Du kennst des Tempels Herrlichkeit
in Jerusalem; er ist ein Werk Salomonischer Weisheit.
[JJ.01_189,21] Aber dieser Tempel ist tot wie
sein Werkmeister, der Mich den Weibern opferte!
[JJ.01_189,22] Cyrenius aber hat in seinem
Herzen mit großer Selbstverleugnung Mir nun einen neuen, lebendigen Tempel
erbaut, in dem Ich wohnen werde ewiglich; und das ist mehr denn alle Weisheit
Salomons!“
[JJ.01_189,23] Hier fing Cyrenius an zu
weinen vor Seligkeit, und Joseph wie die Maria zeichneten sich diese Worte tief
in ihre Herzen; denn sie waren voll Kraft und voll Leben. – –
[JJ.01_190] 190. Kapitel – Des Kindleins
Aufforderung an Cyrenius zum Mitessen und Mitspielen. Des Maronius und der
Maria Einwurf. Des Kindleins entkräftigende Entgegnung. Die Erweckung der
Tullia.
22. April 1844
[JJ.01_190,01] Das Kindlein aber sprach
darauf wieder zum Cyrenius:
[JJ.01_190,02] „Cyrenius, du bist nun wohl
gesättiget in deinem Herzen, und diese Sättigung wird dir bleiben ewig!
[JJ.01_190,03] Aber dein Leib ist hungrig,
und du bedarfst einer Stärkung für denselben Zweck, zu welchem Zwecke Ich
Selbst für Meinen Leib einer natürlichen Stärkung bedarf.
[JJ.01_190,04] Daher gehe du nur mit Mir
hinab ins Haus, allda wollen wir einen guten Fisch, den heute der Jonatha
mitgenommen hatte und den Meine Brüder recht wohl zubereitet haben, verzehren.
[JJ.01_190,05] Denn Ich muß dir sagen, daß
Ich die Fische viel lieber esse als das öde jüdische Kindskoch; und Ich freue
Mich schon recht auf ein gutes Stückchen!
[JJ.01_190,06] O Ich sage dir, du Mein
liebster Cyrenius, die Fische esse Ich sehr gerne und habe darum auch den
Jonatha sehr lieb, weil er ein reiner Fischer ist und bringt uns öfter die
besten Fische!
[JJ.01_190,07] Und weißt du, Mein liebster
Cyrenius, nach dem Essen mußt du dann mit Mir ein wenig spielen, und deine
Kinder sollen das auch!
[JJ.01_190,08] Du bist noch nicht alt und
kannst darum schon mit Mir ein wenig herumhüpfen und springen!“
[JJ.01_190,09] Diese rein kindliche Sprache
des Kindleins freute den Cyrenius so sehr, daß er ganz der toten Tullia vergaß,
obschon darob seine Gesellschafter trauerten;
[JJ.01_190,10] und einige aus der
Gesellschaft sich aber auch um den Cyrenius zu sorgen anfingen ob seiner
Heiterkeit, die ihnen ein Wahnsinn zu sein schien.
[JJ.01_190,11] Der Maronius selbst ging hin
zum Cyrenius und fragte ihn um sein Befinden.
[JJ.01_190,12] Das Kindlein aber antwortete
sogleich anstatt des Cyrenius und sprach:
[JJ.01_190,13] „O Maronius! Sorge dich nicht
um diesen Meinen Freund; denn der war in seinem ganzen Leben noch nie
wahnsinnsfreier als jetzt!
[JJ.01_190,14] Ich wollte, du wärest also
gesund wie Cyrenius, da würdest du sicher keine solche Fragen stellen in Meiner
Gegenwart!
[JJ.01_190,15] Gehe aber auch du mit uns
hinab zur Tafel; vielleicht heilt dich ein gutes Stückchen Fisch!“
[JJ.01_190,16] Darauf begab sich Cyrenius mit
dem Kindlein, mit Joseph, Maria, Jonatha, Eudokia und mit den acht Kindern ins
Haus, und der Maronius folgte ihnen, obschon ein wenig wie auf Nadeln gehend;
[JJ.01_190,17] aber die andere große
Gesellschaft trauerte und ging nicht zum Mittagsmahle.
[JJ.01_190,18] Nach dem Essen aber, das allen
sehr wohl geschmeckt hatte, begehrte das Kindlein sogleich wieder hinaus ins
Freie, um mit dem Cyrenius und mit den acht Kindern zu spielen.
[JJ.01_190,19] Maria aber sagte: „Höre Du,
mein Jesus! Nun darfst Du wohl nicht spielen, und die acht Kinder auch nicht;
denn fürs erste ist ja Sabbat, und fürs zweite haben wir eine Leiche im Hause,
und da darf man nicht spielen, sondern schön ruhig und bescheiden sein!“
[JJ.01_190,20] Das Kindlein aber sagte:
„Weib, was für ein Geist heißet dich also zu Mir reden?
[JJ.01_190,21] Ist der Sabbat denn mehr als
Ich – und das tote Weib mehr als Mein Wille?!
[JJ.01_190,22] Damit du aber siehst, daß Ich
über dem Sabbat und über dem toten Weibe stehe und selbiges Mich nicht hindere
in Meiner Freude, so erwache es!“
[JJ.01_190,23] Bei diesem Worte erhob sich
die Leiche vom Gerüste und kam bald ins Zimmer.
[JJ.01_190,24] Das Kindlein aber befahl, ihr
etwas zu essen zu geben, und ging dann sogleich mit dem Cyrenius ins Freie,
während sich alles über diese Erweckung höchst zu verwundern anfing.
[JJ.01_191] 191. Kapitel – Jesu Wettlauf mit
Cyrenius. Wie Cyrenius es auch zur Meisterschaft bringt. Wink zur
Lebensmeisterschaft.
23. April 1844
[JJ.01_191,01] Als das Kindlein mit dem
Cyrenius und den andern acht Kindern draußen im Freien war, da sagte das
Kindlein zum Cyrenius:
[JJ.01_191,02] „Sieh dort einen Baum; wie
weit wohl kann er von hier sein?“
[JJ.01_191,03] „Ich meine“, sprach Cyrenius,
„bei zweihundert Schritte dürfte er von hier, gut genommen, entfernt sein!“
[JJ.01_191,04] Und das Kindlein sprach: „So
machen wir einen Wettlauf und überzeugen uns, wer von uns die schnellsten Füße
hat!“
[JJ.01_191,05] Und der Cyrenius lächelte und
sprach: „O Herr, mit der natürlichen Kraft wirst Du wohl als der Letzte zum
Baume gelangen!“
[JJ.01_191,06] Und das Kindlein sagte: „Das
wird erst der Erfolg zeigen – und so machen wir den Versuch!“
[JJ.01_191,07] Hier liefen diese Renner aus
allen Kräften, und das Kindlein war zuerst am Baume.
[JJ.01_191,08] Beim Baume angelangt, sagte
der Cyrenius, fast ganz außer Atem:
[JJ.01_191,09] „O Herr! Ich wußte es ja, daß
Du nicht natürlich laufen wirst und wirst somit das Ziel am ersten erreicht
haben!
[JJ.01_191,10] Denn Dich tragen unsichtbare
Kräfte; mich aber tragen nur meine trägen Füße!“
[JJ.01_191,11] Das Kindlein aber sprach:
„Cyrenius, hier hast du dich einmal wieder geirrt; denn deine Füße werden so
wie die Meinen von unsichtbaren Kräften belebt.
[JJ.01_191,12] Aber der Unterschied besteht
nur darin, daß Ich ein Meister, du aber nur ein Schüler der Kräfte bist.
[JJ.01_191,13] So du aber deine Kräfte recht
üben wirst, dann wirst auch du sie wie der Meister gebrauchen können!
[JJ.01_191,14] Nun aber laufen wir zurück,
und wir wollen sehen, wer da zuerst den Platz vor dem Hause erreichen wird!“
[JJ.01_191,15] Hier bog sich der Cyrenius
schnell zur Erde, hob das Kindlein auf und lief mit Ihm auf den Platz – und war
bei weitem der Erste am Platze.
[JJ.01_191,16] Allda angelangt, lächelte das
Kindlein und sprach: „Das war recht lustig!
[JJ.01_191,17] Siehe, du hast es gleich zur
Meisterschaft gebracht; du sahst den Meister, nahmst Ihn auf, und wardst somit
selbst zum Meister!
[JJ.01_191,18] Siehe aber auch die Lehre
daraus: Also wird in der Zukunft niemand mehr ein Meister aus sich;
[JJ.01_191,19] wenn er aber den Meister
aufnehmen wird, da wird er ein Meister durch den Meister, den er aufgenommen
hat.
[JJ.01_191,20] Es liegt wenig daran, wer da
schneller laufen kann; dessenungeachtet aber solle sich ein jeder bestreben,
das von Mir gezeigte Ziel am ersten und als Erster zu erreichen!
[JJ.01_191,21] Wer aber mit der eigenen Kraft
den Lebenslauf beginnen wird, der wird der Letzte sein;
[JJ.01_191,22] wer aber tun wird, wie du eben
jetzt beim zweiten Laufe getan hast, der wird auch dir gleich als der Erste am
Ziele sich befinden!
[JJ.01_191,23] Nun aber lasse uns zu einer
andern Spielerei übergehen und uns dabei recht kindlich erheitern!“
[JJ.01_192] 192. Kapitel – Das lehrreiche
Grübchenspiel. Die Lebensgrübchen und ihre Ordnung.
24. April 1844
[JJ.01_192,01] Darauf wandte sich das
Kindlein zum Sixtus als dem ältesten der Knaben von den Cyrenischen Kindern und
sagte zu ihm:
[JJ.01_192,02] „Sixtus, gehe und mache da
vorne am abgetretenen Wege zehn Grübchen, ein jedes eine Spanne vom andern
entfernt! Was dann damit zu geschehen hat, das weißt du schon.
[JJ.01_192,03] Dann bringe du die zehn
Kügelchen, die der Jakob aus Lehm für uns zum Spielen gemacht hat, und wir
werden dann ein wenig Kügelchen werfen; – du weißt schon wie, denn du hast es
Mich ja gelehrt!“
[JJ.01_192,04] Darauf tat Sixtus sogleich,
was das Kindlein verlangte.
[JJ.01_192,05] Als die zehn Grübchen gemacht
und die Lehmkügelchen herbeigeschafft waren, da sagte das Kindlein zum
Cyrenius:
[JJ.01_192,06] „Nun lasse Mich nur wieder
frei, damit Ich dir erklären kann und zeigen, wie dieses Spiel geht; aber ihr
andern Kinder dürft Mir nun nichts einreden, weil Ich dem Cyrenius selbst die
Sache erklären will!“
[JJ.01_192,07] Hier wandte sich das Kindlein
ganz pathetisch an den Cyrenius und sprach:
[JJ.01_192,08] „Siehe, das Spiel geht also:
Drei Schritte vor diesen Grübchen mußt du stehen, dann ein Kügelchen schieben.
[JJ.01_192,09] Bringst du es durch einen
gelungenen Wurf ins zehnte und somit letzte und entfernteste Grübchen, so bist
du des Spieles König; bringst du es ins neunte, dann bist du ein Minister; im
achten bist du ein Feldherr!
[JJ.01_192,10] Im siebenten ein Landpfleger,
im sechsten ein Richter, im fünften ein Priester, im vierten ein Landmann, im
dritten ein Vater, im zweiten eine Mutter und im ersten ein Kind!
[JJ.01_192,11] Wie dann das Spiel weitergeht,
das werde Ich dir schon wieder erklären, wenn die Grübchen besetzt sein
werden.“
[JJ.01_192,12] Hier nahm lächelnd der
Cyrenius ein Kügelchen und schob es nach dem Wege, und das Kügelchen rollte
sogleich ins erste Grübchen!
[JJ.01_192,13] Und das Kindlein fragte: „Bist
du mit deinem Stande zufrieden? Ansonst kannst du als Anfänger noch zwei Male
schieben!“
[JJ.01_192,14] Und der Cyrenius sagte: „Mein
herrlichstes Leben, Mein Jesus! Ich bleibe schon, wo ich nun bin!“
[JJ.01_192,15] Und das Kindlein sprach: „Gut,
so schiebet ihr nun darauf, einer nach dem andern. Ich werde dann zuletzt
schieben!“
[JJ.01_192,16] Und die Kinder schoben ihre
Kügelchen, besetzten aber nicht alle Grübchen, sondern sie kamen oft zu zwei
und zu drei in ein Grübchen.
[JJ.01_192,17] Am Ende schob das Kindlein und
kam wie sonst allzeit ins zehnte Grübchen! –
[JJ.01_192,18] Da hielt sich ein Mädchen auf
und sprach: „Aber so muß denn der kleine Jesus allzeit ein König sein!“
[JJ.01_192,19] Das Kindlein aber sagte zum
Mädchen: „Warum grämst du dich darob? – hast du doch vor Mir geschoben, warum
bist du denn so ungeschickt in deiner Hand?!
[JJ.01_192,20] Grolle Mir aber nicht darob,
sonst werde Ich gleich wieder eine Maus über dich kommen lassen, vor der du
dich so sehr fürchtest!“
[JJ.01_192,21] Darauf sagte das Mädchen
nichts mehr und begnügte sich allein in ihrem zweiten Grübchen!
[JJ.01_192,22] Es war aber das neunte, achte,
siebente und sechste Grübchen unbesetzt; da sagte der Cyrenius zum Kindlein:
[JJ.01_192,23] „Siehe, Du mein Leben! – Nun
gibt es noch keinen Minister, keinen Feldherrn, keinen Landpfleger und keinen
Richter!
[JJ.01_192,24] Wer wird nun diese
Hauptstellungen übernehmen?“
[JJ.01_192,25] „Diese Stellen“, sprach das
Kindlein, „muß nun Ich Selbst versehen, weil sie niemand besetzt hatte; denn
alle die unbesetzten Posten müssen von einem, vom Königsgrübchen gerechnet,
besetzten übernommen werden!
[JJ.01_192,26] Wäre der Minister besetzt, da
fielen die drei nachfolgenden leeren Posten ihm zu; da er aber unbesetzt ist,
so fallen die vier Grübchen nun dem Könige zu! – Da nun aber die Grübchen
besetzt sind, so gehen wir nun aufs eigentliche Spiel über!“
[JJ.01_193] 193. Kapitel – Das Grübchenspiel
– ein Spiel des Menschentreibens. Die vom Kindlein als König des Spiels
gegebenen Gesetze.
25. April 1844
[JJ.01_193,01] Und weiter sprach das Kindlein
zum Cyrenius: „Nun, da Ich der König bin, so muß Mir aus euch auch ein jeder
wie einem Könige gehorchen!
[JJ.01_193,02] Und so höret nun Meine
Gesetze! – Das Grübchen der Priester sei weise und ernst-gut!
[JJ.01_193,03] Wenn du lachst, wenn jemand
anderer lacht, dann fehlest du und wirst deines Amtes enthoben und fällst in
die Strafe dadurch.
[JJ.01_193,04] Du Grübchen des Landmanns sei
tätig; wenn du lau bist, wirst du hungern müssen!
[JJ.01_193,05] Du Vatergrübchen sei voll
Liebe gegen deine Kinder, und erziehe sie recht und gerecht, sonst wirst du
ihnen zum Gespötte werden!
[JJ.01_193,06] Du Muttergrübchen sei häuslich
und voll Gottesfurcht, auf daß deine Säuglinge weise werden!
[JJ.01_193,07] Und du mein gutes, liebes
Kindergrübchen, bleibe wie du bist: ein steter Lehrer der Weisen zur Weisheit
in Gott!
[JJ.01_193,08] Nun, das sind die Gesetze;
diese müssen genau befolgt werden!
[JJ.01_193,09] Will aber jemand eine Gnade
von Mir, der muß knieend zu Mir darum kommen!
[JJ.01_193,10] Nun gehet und handelt, und laßt
Mich allein! Du Cyrenius aber mußt mit Vater und Mutter gehen, weil du ein Kind
bist!“
[JJ.01_193,11] Nun gingen ein Mädchen und ein
Knabe als Priester ganz ernst und gravitätisch davon und stellten sich auf
einen etwas erhabeneren Platz.
[JJ.01_193,12] Dann gingen zwei Mädchen und
ein Knabe als Landleute davon und tummelten sich dann recht geschäftig am
Boden, als hätten sie die wichtigste Arbeit.
[JJ.01_193,13] Darauf gingen wieder ein Knabe
und ein Mädchen, gar ernstlich sich haltend, davon und stellten den Vater dar,
weil der Vater auch in seinem Herzen eine Mutter sein solle, um ein rechter
Vater zu sein.
[JJ.01_193,14] Darauf ging die alleinige
Mutter und nach ihr das Kind, nämlich der Cyrenius; und die Mutter aber scheute
sich vor ihrem Kinde und getraute sich nicht, mit ihm zu reden und ihm weise
Lehren zu geben.
[JJ.01_193,15] Sie kehrte sich darum zum
Könige und bat Ihn um die Gnade, daß Er ihr einen andern Posten geben möchte.
[JJ.01_193,16] Der König aber beschied sie zu
den Priestern, und diese fingen an zu lachen, als sie die Mutter auf sich
zulaufen sahen.
[JJ.01_193,17] Da berief der König sogleich
die Priester und setzte sie ab, weil sie gelacht haben, da sie ernstweise
hätten sein sollen, und steckte sie unter die Landleute.
[JJ.01_193,18] Die Landleute aber fingen bald
untereinander zu hadern und zu zanken an, und der König berief sie und machte
sie recht aus und stiftete Ruhe unter ihnen.
[JJ.01_193,19] Nun kam wieder die Mutter und
begehrte einen andern Posten.
[JJ.01_193,20] Der König aber sprach: „Da du
die Liebe darstellst in ihrer Weisheit, so sei du der Priester!“
[JJ.01_193,21] Nun aber kam der Vater und
beklagte sich, daß er kein Weib habe, weil die Mutter ein Priester ist.
[JJ.01_193,22] Und der König sprach: „So nehme
das Kind und gehe hin und werde, was die Mutter ist!“
[JJ.01_193,23] Und also geschah es; aber der
Priester fing an, starke Achtungsforderungen an die Landleute zu machen.
[JJ.01_193,24] Da fing es bald an darunter
und darüber zu gehen, und der König berief daher alles wieder zurück und
sprach: „Ich sehe, daß ihr uneins seid; daher wollen wir zu einem neuen Schube
schreiten!“ –
[JJ.01_194] 194. Kapitel – Cyrenius im
Ministergrübchen. Des Mädchens Unzufriedenheit. Des ,Königs‘ wirksames
Einschüchterungsmittel. Das Mäusewunder.
26. April 1844
[JJ.01_194,01] Cyrenius mußte wieder zuerst
schieben, und sein Kügelchen kam nun ins neunte Grübchen, und die Kinder des
Cyrenius sagten:
[JJ.01_194,02] „Vater Cyrenius, aber das
heißt doch gestiegen: vom Kinde zum Minister, und das beim ersten Schube!
[JJ.01_194,03] Wenn du noch einmal schieben
möchtest, da möchtest du sicher ins Königsgrübchen kommen!“
[JJ.01_194,04] Und der Cyrenius sprach:
„Meine Kinder, ich bin schon zufrieden mit dieser Würde; nehmt daher nur ihr
die Kügelchen, und schiebet!
[JJ.01_194,05] Sehet, daß ihr recht häufig
ins Kindergrübchen kommet; denn da werdet ihr am eigentlichsten und besten
Platze sein!“
[JJ.01_194,06] Darauf schob sogleich der
Sixtus und kam ins Kindergrübchen und hatte eine rechte Freude daran.
[JJ.01_194,07] Darauf schob das älteste
Mädchen und kam wieder ins zweite Muttergrübchen.
[JJ.01_194,08] Das Mädchen aber murrte wieder
und sprach: „Ach, so muß ich denn schon wieder die Mutter sein!“
[JJ.01_194,09] Das Kindlein aber ging hin,
nahm das Kügelchen aus der Grube, gab es dem Mädchen wieder in die Hand und
sprach:
[JJ.01_194,10] „Da – schiebe noch einmal, du
Unzufriedene; sehe aber zu, daß du nicht wieder Mutter wirst!“
[JJ.01_194,11] Und das Mädchen schob wieder
und kam wieder ins nämliche Grübchen und fing an förmlich zu weinen aus Ärger.
[JJ.01_194,12] Da trat das Kindlein wieder
hin zum Mädchen und sprach: „O du herrschsüchtiges Wesen! Wahrlich, in dir
verleugnet sich des Urweibes Natur nicht!
[JJ.01_194,13] Was solle Ich mit dir tun, du
Schlangennatur, du Löwentatze?
[JJ.01_194,14] Nur geschwind eine Maus her,
die soll dich recht plagen, dann wirst du Mir schon anders werden!“
[JJ.01_194,15] Hier fiel das Mädchen sogleich
auf die Knie vor dem Kindlein nieder und sprach weinend:
[JJ.01_194,16] „Mein liebster Jesus, ich
bitte dich, nur keine Maus oder Ratte; denn da fürchte ich mich ganz
entsetzlich!
[JJ.01_194,17] Ich will ja tausend Male
lieber Mutter sein, als nur eine einzige Maus sehen!“
[JJ.01_194,18] Das Kindlein aber sprach:
„Diesmal will Ich dich mit der Maus noch verschonen;
[JJ.01_194,19] aber wenn du Mir noch einmal
murrest, dann sollen zehn Mäuse auf einmal über dich kommen und beschnüffeln
deine Füße!“
[JJ.01_194,20] Da ward das Mädchen
mäuschenstill und sah ganz geduldig zu, wie die andern Kinder alle andern
Grübchen besetzten,
[JJ.01_194,21] und hielt sich nicht auf, als
sogar ein zweites Mädchen das Vatergrübchen besetzte, was ihr sonst allzeit am
ärgsten war, so dahin nicht ein Knabe kam.
[JJ.01_194,22] Am Ende schob das Kindlein
wieder und kam schon wieder ins Königsgrübchen.
[JJ.01_194,23] Da biß sich das Mädchen vor
geheimem Ärger in die Lippen.
[JJ.01_194,24] Und das Kindlein lächelte,
nahm einen kleinen Zweig und tupfte mit demselben alle die Kügelchen an und
blies dann über die Grübchen, und im Augenblicke saß statt des Kügelchens eine
muntere Maus darinnen.
[JJ.01_194,25] Als das Mädchen dieser
Tierchen ansichtig ward, da fing es an ganz entsetzlich zu schreien und zu
kirren und lief davon.
[JJ.01_194,26] Da kam Joseph heraus und
fragte: „Was hast Du, mein lieber Jesus, schon wieder mit dem Mädchen, daß sie
gar so schreit?“
[JJ.01_194,27] Und das Kindlein sprach: „Sie
ist wie immer neidig; darum habe Ich wieder einige Mäuse über sie kommen
lassen!“
[JJ.01_194,28] Hier lächelte Joseph und ging,
das Mädchen wieder zu beguten; die übrigen Kinder aber setzten nun ruhig ihr
Spiel fort, denn sie ersahen nichts von den schrecklichen Mäusen.
[JJ.01_195] 195. Kapitel – Des Jesusknäbleins
Zwiegespräch mit dem eigensinnigen Mädchen.
27. April 1844
[JJ.01_195,01] Nach einer Weile kam auch das
Mädchen wieder, und das Kindlein fragte sie sogleich, ob sie wieder mitspielen
wolle.
[JJ.01_195,02] Das Mädchen aber sagte:
„Zusehen will ich wohl, aber mitspielen will ich nicht; denn mich ärgert
geschwind etwas, und dann bist du sogleich schlimm!
[JJ.01_195,03] Und so mag ich nicht
mitspielen; denn ich habe zu große Furcht vor dir, weil du sogleich mit den
Mäusen und Ratten da bist!“
[JJ.01_195,04] Das Kindlein aber sprach: „Ja,
warum bist denn du aber auch so dumm und ärgerst dich über Dinge, bei denen du
nichts verlierst, ob sie so oder so ausfallen?
[JJ.01_195,05] Sei mit dem zufrieden, was dir
durchs Los zukommt, und es werden hinfort keine Mäuse und Ratten über dich
kommen!
[JJ.01_195,06] Sieh Mich an! Ich schiebe
allzeit zuletzt, und Ich murre nicht, da Mir doch der Vorrang gebührte!
[JJ.01_195,07] Warum murrest dann du, da du
doch als Mädchen die Geduld selbst sein solltest?“
[JJ.01_195,08] Und das Mädchen sprach: „Was
kann denn ich dafür? Warum habe ich denn ein solches Gemüt? Ich selbst habe es
mir nicht gegeben; und so bin ich, wie ich bin, und kann nicht anders sein!
[JJ.01_195,09] Da ich aber weiß, daß ich also
bin, darum spiele ich nun lieber nicht mit, als daß ich mich wieder ärgern
solle, um von dir dann wieder mit den Mäusen bestraft zu werden!“
[JJ.01_195,10] Das Kindlein aber wandte Sich
hinweg und sprach wie zu Sich: „Siehe, die Kinder der Welt begehren auf mit Dir
und tadeln an ihnen Dein Werk, weil sie Dich nicht kennen!
[JJ.01_195,11] Doch – ein Wurf und noch ein
Wurf, und die Kinder der Welt sollen anders von Dir denken!“ – –
[JJ.01_195,12] Darauf wandte Sich das
Kindlein wieder um und sprach zum Mädchen: „Wem aber gibst du dann die Schuld,
daß du also ärgerlich bist und bist nicht zufrieden mit deinem Lose?“
[JJ.01_195,13] Das Mädchen aber sprach:
„Wahrhaftig! – wenn du, mein lieber Jesus, einen einmal zu fragen anfängst,
dann nimmt es kein Ende,
[JJ.01_195,14] und du wirst dadurch dann ein
ganz entsetzlich lästiges Kind!
[JJ.01_195,15] Was weiß ich, wer daran schuld
ist, daß ich also bin? – Du bist ja selbst so ein kleiner Prophet und bist ein
Wunderkind, das mit Gott reden kann!
[JJ.01_195,16] Frage Diesen, wenn solches
möglich ist, der wird es dir am besten zu sagen wissen, warum ich also bin!“
[JJ.01_195,17] Hier trat das Kindlein näher
zum Mädchen und sprach: „Du Mädchen! So du Mich kennetest, da würdest du anders
reden;
[JJ.01_195,18] da du Mich aber nicht kennest,
da redest du, wie dir die Zunge gewachsen ist!
[JJ.01_195,19] Da siehe einmal hinauf zur
Sonne! – was meinst du, was diese ist und von wem sie ihren Glanz hat?“
[JJ.01_195,20] Das Mädchen aber sprach schon
ganz ungeduldig: „Aber daß du gerade auf mich eine solche Passion hast, mich
förmlich zu martern mit deinen Fragen!
[JJ.01_195,21] Da siehe, dort sind noch
sieben, diese haben Ruhe vor dir; gehe auch einmal zu ihnen, und belästige sie
mit deinem ewigen Gefrage!“
[JJ.01_195,22] Und das Kindlein sprach: „O
Mädchen! Siehe, diese sind gesund und bedürfen keiner Arznei; du aber bist
krank in deiner Seele, darum möchte Ich dir wohl helfen, wenn du nicht so
stützig wärest!
[JJ.01_195,23] Da du aber so sehr stützig bist,
so wird dir schwer zu helfen sein!
[JJ.01_195,24] Das aber merke du dir: So ein
Engel der Himmel Gottes die Gnade hätte, von Mir dir gleich befragt zu werden,
so würde er vor zu großer Seligkeit also erbrennen, daß er durch sein
Liebefeuer die ganze Erde im Augenblicke zerstören würde!
[JJ.01_195,25] Gehe aber nun von Mir; Ich mag
dich nicht mehr, darum du so stützig und eigensinnig bist!“ – Hier ging das
Mädchen davon und weinte heimlich; Jesus aber dirigierte als König fort Seine
Spielgenossen.
[JJ.01_196] 196. Kapitel – Neue Zwistigkeiten
im zweiten Spiel. Der dritte Schub. Das ehrgeizige Mädchen im Ministergrübchen.
Die Hetze gegen das Kind. Der neue, letzte Schub. Alle kommen ins
Kindergrübchen, das Kind allein ins Königsgrübchen. Sein Kügelchen beginnt zu
strahlen wie die Sonne, und das Kind legt das strahlende Kügelchen ins
Vatergrübchen. Die Grund-Lebensordnung ist wiederhergestellt.
29. April 1844
[JJ.01_196,01] Im Verlauf dieses zweiten
Spieles aber brachen wieder einige Zwistigkeiten unter den Spielenden aus.
[JJ.01_196,02] Der Minister ward zu
gefürchtet, weil das der Cyrenius selbst war; der Feldherr wie der Landpfleger
und der Richter getrauten sich kaum zu rühren gegen den Minister und schmollten
heimlich bei sich über solche Ordnung.
[JJ.01_196,03] Besonders waren ein paar
Mädchen, die da den Landpfleger und den Richter machten, nicht zufrieden, weil
sie ohne des Ministers Einwilligung nichts tun dürften.
[JJ.01_196,04] Nur Sixtus in seinem
Kindergrübchen war vollkommen zufrieden.
[JJ.01_196,05] Das Kindlein aber sah diese
Uneinigkeit und berief daher alle wieder zusammen, teilte die Kügelchen wieder
aus und ließ zum dritten Male schieben.
[JJ.01_196,06] Bei diesem Schube aber kam der
Cyrenius ins Königsgrübchen und das Kindlein ins Kindergrübchen;
[JJ.01_196,07] und alle Kinder hatten eine
recht große Freude, daß auch einmal der zwei Jahre und vier Monate alte Jesus
ins Kindergrübchen kam.
[JJ.01_196,08] Hier kam sogar das gewisse
Mädchen wieder und sagte zum Kindlein: „Siehe, da ist der rechte Platz für
dich; das freut mich, daß du auch einmal in dieses langweilige Grübchen kamst!“
[JJ.01_196,09] Das Kindlein aber sprach:
„Siehe, das Ministergrübchen ist noch frei! Nehme ein Kügelchen und schiebe,
vielleicht kommst du hinein?“
[JJ.01_196,10] Darauf nahm das Mädchen doch
wieder das Kügelchen und schob und kam richtig ins Ministergrübchen.
[JJ.01_196,11] Als sie sich aber im
Ministergrübchen erschaute, da wurde sie ganz brennend rot vor Freude, daß
endlich einmal ihr Ehrgeiz befriedigt worden ist, und sprach scherzend:
[JJ.01_196,12] „Nun, mein Jesus, freue dich;
jetzt werde ich dich schon strafen, wenn du ungehorsam sein wirst!“
[JJ.01_196,13] Und das Kindlein sagte: „Weißt
du, die Kinder sind frei vom Gesetze; was willst du Mir dann tun, und was
machen mit Mir?“
[JJ.01_196,14] Das Mädchen aber sprach: „Laß
nur einmal das Spiel anfangen, und du sollst sogleich sehen, ob der Minister
keine Gewalt über die Kinder hat!“
[JJ.01_196,15] Darauf teilte Cyrenius als der
König das Spiel aus, und alles ging auf seine Plätze und übte dort sein Amt
aus.
[JJ.01_196,16] Der Minister aber hetzte
besonders den Priester gegen das Kind auf, auf daß er es ja nicht zu sich
kommen lassen solle.
[JJ.01_196,17] Also hatten auch die andern
Stände kein Gehör für das Kind.
[JJ.01_196,18] Und das Kind lief darum zum
Könige und beklagte sich nach der Regel des Spieles bei ihm ob seiner
Verfolgung.
[JJ.01_196,19] Und der König sprach: „O Herr,
ich bin in diese Regeln noch zu wenig eingeweiht!
[JJ.01_196,20] Da nun aber sich schon wieder
dieser Regeln ungeachtet eine Unordnung ins Spiel eingeschlichen hat, da will
ich die kleine Gesellschaft wieder einberufen, und so Du willst, können wir
sogleich einen neuen Schub machen!“
[JJ.01_196,21] Und das Kindlein sprach: „Ja –
Cyrenius, einen neuen, und für ewig den letzten!
[JJ.01_196,22] Und so rufe die Kinder
zusammen, auf daß wir die letzte Probe machen!“
[JJ.01_196,23] Und der Cyrenius berief die
Kinder zusammen und verteilte die Kügelchen, und es ward geschoben.
[JJ.01_196,24] Diesmal aber schoben alle
Kinder samt dem Cyrenius ins Kindergrübchen; nur allein Jesus schob ins
Königsgrübchen.
[JJ.01_196,25] Da fing aber Sein Grübchen an
sobald glühend zu werden und Sein Kügelchen zu strahlen wie die Sonne!
[JJ.01_196,26] Und das Kindlein nahm das
strahlende Kügelchen und legte es ins Vatergrübchen und fragte dann den
Cyrenius:
[JJ.01_196,27] „Cyrenius! Verstehst du nun
schon ein wenig dieses bedeutungsvollste Spiel?“
[JJ.01_196,28] Und der Cyrenius sprach: „O
Herr, Du mein Leben! – wie solle ich das verstehen?“
[JJ.01_196,29] Und das Kindlein sprach: „So
höre Mich denn an; Ich werde es euch allen gar klar und gründlich deuten!“
[JJ.01_197] 197. Kapitel – Des Spieles Sinn.
Die drei Schübe entsprechend der geschichtlichen Dauer von Adam bis zur
Menschwerdung. Der neue und für ewig letzte Schub: Alle werden im Kinderstande
den Vater erkennen. Der Vater wird dann ewig der Vater sein.
30. April 1844
[JJ.01_197,01] Und das Kind fing sogleich an,
wie ein weiser Lehrer einer Synagoge zu reden und sprach:
[JJ.01_197,02] „Das aber ist die Bedeutung
dieses Spiels: Von der Schöpfung, wie vor ihr war Gott von Ewigkeit der Herr!
[JJ.01_197,03] Der erste Wurf: Die alten
Geister erwachen und wollen sich die Herrlichkeit Gottes nicht gefallen lassen,
und das Spiel hat keine Ordnung.
[JJ.01_197,04] Von Adam bis Noah und von Noah
bis Moses dauert dieses Spiel.
[JJ.01_197,05] Das stützige Mädchen ist die
Liebe – und die Welt, der aber die Liebe zuwider ist.
[JJ.01_197,06] Zu Noahs Zeiten wird sie durch
Drohung gestraft, wie dies Mädchen mit den Mäusen.
[JJ.01_197,07] Aber die Welt bessert sich
nicht, sondern verfällt allmählich wieder in die Abgötterei und will Altäre,
sichtbare Gottheit und viel Zeremonie.
[JJ.01_197,08] Da beruft der Herr das Spiel
unter Moses zusammen, und es geschieht ein zweiter Wurf!
[JJ.01_197,09] Anfangs scheint es: diesmal
wird es sich halten; aber nur einmal dem Moses den Rücken zugewandt, und das
goldne Kalb ist fertig!
[JJ.01_197,10] Also fängt das Mädchen erst an
recht zu zanken, auf daß es dann im Ernste gestraft wird mit der Drohung in der
Wirklichkeit.
[JJ.01_197,11] Und so war die Sündflut viel
mehr eine gar starke Drohung als gewisserart eine Strafe.
[JJ.01_197,12] Aber die Strafe des Volkes in
der Wüste war eine wahre Strafe, da sie durchs Feuer geschah wie einst zu
Sodom.
[JJ.01_197,13] Auf den Wurf geht das Spiel
an; aufrichtig gesagt, anfangs geht es gut, aber aus purer Furcht, denn diesem
Spiele fehlt die Mutter, die Liebe, die davonging, weil sie nicht herrschen
durfte.
[JJ.01_197,14] Bis auf diese Zeit dauerte
dies mosaische Spiel und rieb sich auf durch lauter Empörungen und durch die
stete Furcht.
[JJ.01_197,15] Wieder ruft der Herr die
kleine Schar zusammen; der Wurf geschieht, und der Herr wird zum Kinde!
[JJ.01_197,16] Da kommt die Liebe und äußert
eine gewisse Freude über den ohnmächtigen Stand des Herrn.
[JJ.01_197,17] Die Liebe wirft nun auch, und
es gelingt ihr zu erreichen die erste Stufe des Thrones.
[JJ.01_197,18] Und da verfolgt sie den Herrn
bis zum Tode und läßt Ihm über tausend und nahe neunhundert Jahre keine Ruhe
und hetzt alles wider Ihn auf!
[JJ.01_197,19] Dann aber ersieht die gestellte
Weltherrschaft selbst, daß es sich also nicht mehr tue.
[JJ.01_197,20] Und ein letzter Wurf
geschieht: Der Herr wird wieder der alte Herr; voll glühendsten Eifers wird
Sein Stand und voll Gnade Sein Wurf!
[JJ.01_197,21] Und alles Volk wird vom Kinderstande
den Vater erkennen, so Er dem Volke als Solcher in aller Seiner Liebemacht
näher und näher rücken wird!
[JJ.01_197,22] Und das wird der letzte Wurf
sein, und wird fürder keiner mehr geschehen! – denn der Vater wird dann ewig
der Vater sein!
[JJ.01_197,23] Siehe, das ist dieses Spieles
Sinn! – Nun aber gehen wir wieder ins Haus, um zu sehen, was die erwachte
Tullia macht; und so folget Mir alle!“
[JJ.01_198] 198. Kapitel – Marias und
Eudokias Bemühungen um die erweckte Tullia. Ein prophetisches Bild der späteren
Marienverehrung. Die wahren Liebhaber des Herrn.
2. Mai 1844
[JJ.01_198,01] Als unsere Spielgesellschaft
in das Haus kam, wurde sie kaum bemerkt; denn alles war noch vollauf mit der
wiedererwachten Tullia beschäftigt.
[JJ.01_198,02] Einige trösteten sie, andere
wieder machten sich so um sie her und beobachteten sie und besorgten einen
abermaligen Rückfall in ihren Tod.
[JJ.01_198,03] Selbst Maria und die Eudokia
waren mit ihr beschäftigt und brachten ihr allerlei Stärkungen und
Erfrischungen.
[JJ.01_198,04] Und die Söhne Josephs samt dem
Jakob waren mit der Bereitung des Abendmahles beschäftigt.
[JJ.01_198,05] Nur Joseph und der Jonatha
saßen im Nebenzimmer auf einer Strohbank und besprachen sich über so manches
aus der Vorzeit;
[JJ.01_198,06] und sie auch waren die
einzigen, die die Eintretenden bemerkten, standen darum auf und gingen dem
Cyrenius und dem Kindlein entgegen und empfingen sie natürlich auf das
allerfreundlichste.
[JJ.01_198,07] Das Kindlein lief aber
sogleich zum Joseph und sagte zu ihm:
[JJ.01_198,08] „Wie lange werden die Toren
die wiedererwachte Tullia noch trösten, laben und stärken?
[JJ.01_198,09] Sie lebt ja schon lange gut
genug und wird nicht wieder sterben vor ihrer rechten Zeit; was wollen dann die
Toren?!“ –
[JJ.01_198,10] Und der Joseph sprach: „Was
kümmert uns das? Lassen wir ihnen ihre Freude; denn wir verlieren ja nichts
dadurch!“
[JJ.01_198,11] Und das Kindlein sagte darauf:
„Das ist wohl offenbar wahr, und Ich will Mich darob auch wenig kümmern;
[JJ.01_198,12] aber das, meine Ich, sollte
doch auch richtig sein: Wenn schon die Erweckte eine so große Bewunderung
verdient, da sollte doch der Erwecker nicht gar zu sehr im Hintergrunde
stehenbleiben! – ?“
[JJ.01_198,13] Und der Joseph sprach: „Da
hast Du, mein Söhnchen, wohl ganz recht; aber was läßt sich hier machen?
[JJ.01_198,14] Solle ich Dich als den
unfehlbaren Erwecker aufführen, so hieße das, Dich vor der Zeit an die, die
Dich noch lange nicht kennen, verraten – und das wäre unklug!
[JJ.01_198,15] Hauchtest Du ihnen aber eine
solche Erkenntnis wunderbar in ihr Gemüt, da wären sie gerichtet!
[JJ.01_198,16] Daher lassen wir sie, wie sie
sind; wir aber bleiben hier im geheimen beisammen im Geiste und in der
Wahrheit!
[JJ.01_198,17] Wann sie sich bis zum
Überdrusse aber an der Römerin werden satt getröstet und angegaffet haben, dann
werden sie etwa wohl kommen und werden mit uns Gemeinschaft machen!“
[JJ.01_198,18] Und das Kindlein sprach:
„Sehet auch hier wieder ein Bild der Zukunft!
[JJ.01_198,19] Also werden sich auch dereinst
die, welche unter unserem Dache sein werden, mit der toten Römerin abgeben der
weltlichen Dinge wegen,
[JJ.01_198,20] und Maria wird unter den
Römern und mit der Römerin viel zu tun haben!
[JJ.01_198,21] Aber dennoch werden die in
unserem Hause nicht unsere Genossen, sondern vielmehr sein, was sie nun sind,
nämlich Heiden, und werden Meiner nicht achten, sondern allein der Maria!
[JJ.01_198,22] Und Meine eigentliche
Gesellschaft wird verborgen und klein bleiben zu allen Zeiten in der Welt!
[JJ.01_198,23] Tullia war eine blinde
Bettlerin und ward sehend durch Mein lebendiges Wasser
[JJ.01_198,24] und ward dann ein erstes Weib
des großen Reiches der Heiden.
[JJ.01_198,25] Da sie aber eifersüchtig ward,
da auch fand sie den Tod.
[JJ.01_198,26] Wieder ward sie erweckt, daß
sie lebe; sie lebt, aber noch mag sie Meiner nicht gewahr werden.
[JJ.01_198,27] Werde Ich sie wohl durch ein
Gericht auf Mich müssen aufmerksam machen?
[JJ.01_198,28] Ich aber will noch warten einige
Zeit und sehen, ob sich die Römerin nicht erheben wird und kommen zu Mir, ihrem
Erwecker! – Joseph, verstehst du dies Bild?“ – –
[JJ.01_199] 199. Kapitel – Josephs echt
menschlich-kurzsichtige Fragen. Des Kindleins Antwort. Die universale Bedeutung
der Menschwerdung des Herrn.
3. Mai 1844
[JJ.01_199,01] Da aber Joseph solches vom
Kindlein vernommen hatte, da sprach er:
[JJ.01_199,02] „O mein Gottsöhnchen! – ich
habe Dich in meiner Tiefe wohl verstanden.
[JJ.01_199,03] Aber ich muß dazu bekennen,
daß Du mir da eben keine angenehme Vorsage gemacht hast!
[JJ.01_199,04] Denn so nach Dir, wie vor Dir,
der größte Teil der Menschen Heiden und Götzendiener verbleiben werden, wozu
ist dann diese Deine Darniederkunft?
[JJ.01_199,05] Wozu solche Erniedrigung Deiner
endlosen ewigen Heiligkeit? Willst Du nur wenigen helfen? – Warum nicht
allen?!“ –
[JJ.01_199,06] Das Kindlein aber sprach: „O
Joseph, du hast ja eine Menge eitler Fragen!
[JJ.01_199,07] Hast du noch nie den
gestirnten Himmel betrachtet? – Siehe, ein jeder Stern, den du erschaust, ist
eine Welt, ist eine Erde, auf der, wie hier, freie Menschen wohnen!
[JJ.01_199,08] Und zahllose gibt es, die noch
keines Sterblichen Auge erspähet hat; und siehe, diesen allen gilt diese Meine
Darniederkunft!
[JJ.01_199,09] Wie und warum aber, das wirst
du einst in Meinem Reiche in größter Klarheit erschauen!
[JJ.01_199,10] Darum wundere dich nicht, so
Ich über dieser Erde Menschen dir eine solche Vorsage gemacht habe;
[JJ.01_199,11] denn Ich habe deren ohne Zahl
und Ende; und alle diese Zahl- und Endlosen bedürfen dieser Meiner
Darniederkunft –
[JJ.01_199,12] und bedürfen deren darum, weil
solcher Meine eigene ewige Ordnung bedarf, aus der diese Erde wie alle andern
ohne Zahl und Ende hervorgegangen sind.
[JJ.01_199,13] Also wird es auf der Erde wohl
also zugehen, wie Ich es dir vorausgesagt habe!
[JJ.01_199,14] Aber darum wird der ewig
heilige Zweck dieser Meiner Darniederkunft dennoch nicht ein vergeblicher sein!
–
[JJ.01_199,15] Denn sieh: Alle die zahllosen
Welten, Sonnen und Erden haben ihre Bahnen, und diese haben eben auch zahl- und
endlos verschiedene Richtungen.
[JJ.01_199,16] Überall sind andere Gesetze
und überall eine andere Ordnung;
[JJ.01_199,17] aber am Ende kommen sie doch
alle in der einen – Meiner Grundordnung zurecht und entsprechen dem einen
großen Hauptzwecke wie die Glieder des Leibes und deren Verrichtungen.
[JJ.01_199,18] Und siehe, also wird es auch
mit den Menschen der Erde am Ende sein, und sie werden dereinst im Geiste
dennoch alle erkennen, daß es nur einen Gott, einen Herrn, einen Vater und nur
ein vollkommenes Leben in Ihm gibt!
[JJ.01_199,19] Wie und wann aber? – Das
bleibt bei Dem, der es dir nun gesagt hat!
[JJ.01_199,20] Aber es werden zuvor noch
viele Winde über den Boden der Erde wehen müssen
[JJ.01_199,21] und viel Wasser dem Himmel
entstürzen und viel Holz verbrannt werden, bis man sagen wird:
[JJ.01_199,22] Siehe, nun ist eine Herde und
ein Hirt, ein Gott und nur ein Mensch aus Zahllosen, ein Vater und ein Sohn in
und aus den Zahl- und Endlosen!“
[JJ.01_199,23] Ob dieser Rede des Kindleins
stiegen dem Cyrenius, dem Jonatha wie dem Joseph die Haare zu Berge, und der
Joseph sprach:
[JJ.01_199,24] „O Kindlein! – Deine Worte
werden immer unbegreiflicher, wunderbarer – und wahrhaft entsetzlicher!
[JJ.01_199,25] Wer mag deren endlose Tiefe
erfassen?! – Darum rede mit uns nach unserem Verständnisse, sonst gehen wir
zugrunde unter solcher Tiefe Deiner Rede!“
[JJ.01_199,26] Das Kindlein aber lächelte und
sprach: „Joseph! Siehe, gerade heute bin Ich recht aufgelegt, euch Enthüllungen
zu machen, daß ihr alle darob erschaudern sollet!
[JJ.01_199,27] Und ihr sollet daraus in der
Fülle ersehen, daß in Mir im Ernste der vollkommene Herr der Ewigkeit zu Hause
ist und nun wohnet unter euch! – Und so höret Mich weiter an!“
[JJ.01_200] 200. Kapitel – Prophetische
Enthüllungen des Jesusknäbleins: Jesu Tod, Seine Versöhnungslehre, Auferstehung
und Eröffnung der Lebenspforte für alle.
4. Mai 1844
[JJ.01_200,01] Und das Kindlein redete also:
„Joseph! – Was wirst denn du sagen, so die Kinder der Welt den Herrn dereinst
ergreifen und töten werden mit Hilfe des Satans?
[JJ.01_200,02] Wenn sie Ihn wie einen
Raubmörder ergreifen werden und werden Ihn schleppen vors Weltgericht, da der
Geist der Hölle sein Walten hat?
[JJ.01_200,03] Und dieses wird den Herrn
aller Herrlichkeit ans Kreuz heften lassen! – Was sagst denn du dazu? – ! –
[JJ.01_200,04] Wenn mit Ihm geschehen wird,
wie die Propheten von Ihm ausgesagt haben, deren Worte dir wohlbekannt sind! –
Was sagst du wohl dazu?“
[JJ.01_200,05] Als die drei solches vom
Kindlein vernommen hatten, da erschraken sie sehr, und Joseph sprach sehr
heftig:
[JJ.01_200,06] „Mein Jesus, mein
Gottsöhnchen, wahrlich, solches geschehe nur Dir nicht!
[JJ.01_200,07] Die Hand, die sich je an Dir
vergreifen würde, solle verflucht sein ewig, und ihres Trägers Seele solle ewig
in der möglichst größten Qual ihren Frevel büßen!“
[JJ.01_200,08] Und der Cyrenius schlug sich
auch samt Jonatha zu der Partei Josephs und sprach:
[JJ.01_200,09] „Ja, wenn solches je möglich
geschehen könnte, für ewig wahr, da will ich von heute an der grausamste Tyrann
werden!
[JJ.01_200,10] Zweimalhunderttausend der
geübtesten Krieger stehen unter meinem Befehle; nur einen Wink kostet es mich,
und Tod und Verderben sei aller Welt gebracht!
[JJ.01_200,11] Ehe ein frecher Teufel von
einem Menschen seine Satanshände an dieses Kind legen solle, eher will ich alle
Menschen umbringen lassen auf der ganzen Erde!“
[JJ.01_200,12] Das Kindlein aber lächelte und
sprach: „Dann werden ja aber dennoch deine Krieger bleiben; wer wird denn dann
diese aus der Welt schaffen?
[JJ.01_200,13] Siehe, Mein lieber Cyrenius,
wer da weiß, was er tut, und tut Ungerechtes, so tut er die Sünde und ist ein
Täter des Übels!
[JJ.01_200,14] Wer aber nicht weiß, was er
tut, und tut also Ungerechtes, dem solle es vergeben sein; denn er wußte es ja
nicht, was er tat!
[JJ.01_200,15] Nur – so jemand wohl wüßte,
was er täte, und möchte nicht tun aus sich Ungerechtes, wenn er aber gezwungen
wird, da sträubt er sich nicht und tut Ungerechtes, der ist ein Sklave der
Hölle und zieht sich selbst das Gericht auf den Hals!
[JJ.01_200,16] Die Hölle aber weiß wohl, daß
da mit den blinden Werkzeugen besser zu handeln ist als mit den sehenden;
[JJ.01_200,17] daher hält sie auch
fortwährend die Blinden in ihrem Solde, – und eben diese Blinden werden den
Herrn der Herrlichkeit ans Kreuz heften!
[JJ.01_200,18] Wie willst du aber einen
Blinden strafen darob, so er am Wege mit dem Fuße anstieß und fiel und zerbrach
sich Arme und Beine?!
[JJ.01_200,19] Daher bleibe du mit deiner
Macht nur so hübsch fein zu Hause, die viel mehr Unheil als Heil auf der Erde
stiften möchte!
[JJ.01_200,20] Und sei versichert, daß Der,
den die Menschen dem Fleische nach töten werden in ihrer Blindheit, im Geiste
und in Seiner Kraft und Macht nicht getötet wird, sondern alsobald wieder
erstehen wird aus eigener Kraft und Macht –
[JJ.01_200,21] und wird erst dadurch eröffnen
aller Kreatur den Weg zum ewigen Leben!“
[JJ.01_200,22] Der heftige Ton des Cyrenius
aber brachte auch die Tullia-Gesellschaft zur Aufmerksamkeit auf die kleine
Gesellschaft.
[JJ.01_200,23] Das Kindlein aber verwies die
Gesellschaft zurück und sprach: „Gehet an eure Sache; denn was hier vorgeht,
ist nicht für euch, ihr Blinden!“ – Und die Gesellschaft zog sich wieder
zurück.
[JJ.01_201] 201. Kapitel – Jesu ernste Worte
an Maria. Voraussage über das Verachtetsein des Herrn und Seiner Nachfolger in
der Welt.
6. Mai 1844
[JJ.01_201,01] Es waren aber auch Maria, die
Eudokia und der Jakob unter denen, die da zurückgewiesen wurden.
[JJ.01_201,02] Maria aber ging dennoch
hinein, und die Eudokia und der Jakob folgten ihr.
[JJ.01_201,03] Und die Maria aber bog sich
nieder zum Kindlein und sprach:
[JJ.01_201,04] „Höre Du mein Söhnchen! Du
bist ja ganz entsetzlich schlimm!
[JJ.01_201,05] Wenn Du mich schon jetzt von
der Türe weisest, was wirst Du erst dann tun mit mir, wenn Du ein Mann wirst?!
[JJ.01_201,06] Siehe, so schlimm darfst Du
nicht sein gegen die, die Dich unter ihrem Herzen mit großer Angst und
mannigfacher Qual getragen hat!“
[JJ.01_201,07] Das Kindlein aber sah die
Maria gar liebernst an und sprach:
[JJ.01_201,08] „Was heißest du Mich dein
Söhnchen?! – Weißt du denn nicht mehr, was der Engel zu dir geredet hat?
[JJ.01_201,09] Wie sollst du Das heißen, was
aus dir geboren ward?
[JJ.01_201,10] Siehe, der Engel sprach: ,Und
was aus dir geboren wird, wird Gottes Sohn, – Sohn des Allerhöchsten heißen!‘
[JJ.01_201,11] Wenn sicher also und nicht
anders, wie nennest du Mich denn hernach dein Söhnchen?!
[JJ.01_201,12] Wenn Ich dein Sohn wäre, da
würdest du dich mehr mit Mir abgeben denn mit der Tullia!
[JJ.01_201,13] Da Ich aber nicht dein Sohn
bin, so ist dir auch die Tullia mehr am Herzen denn Ich!
[JJ.01_201,14] Wenn Ich irgend draußen
herumspringe und dann wieder zur Türe hereinkomme, da kommt Mir kein Mensch mit
flammendem Herzen entgegen,
[JJ.01_201,15] und Ich bin da schon wie ein
alltägliches Brot für Knechte und Mägde, und niemand breitet gegen Mich die
Arme aus!
[JJ.01_201,16] Aber wenn so eine
Stadtklatscherin hierherkommt, da wird sie sogleich mit allen Ehren empfangen.
[JJ.01_201,17] Und also ist es auch jetzt mit
der dummen Tullia, die von Mir das Leben erhielt; der kriechet ihr aus lauter
Aufmerksamkeit beinahe in den Steiß.
[JJ.01_201,18] Mich, den Geber des Lebens,
aber beachtet ihr kaum!
[JJ.01_201,19] Sage selbst, ob das wohl in
der Ordnung ist?!
[JJ.01_201,20] Bin Ich nicht mehr als
irgendeine dumme Stadtklatscherin und nicht mehr als diese Tullia?
[JJ.01_201,21] O freuet euch, ihr alle Meine
einstigen Nachfolger-Knechte; wie es nun Mir ergehet, so wird es auch euch
ergehen!
[JJ.01_201,22] Eure Gönner werden euch in
einen Mistwinkel stellen, so sie Besuche erhalten werden von ihren
Klatschbrüdern und Klatschschwestern!“ – Diese Worte drangen tief ins Herz
Mariens, und sie kehrte sich darauf sehr daran.
[JJ.01_202] 202. Kapitel – Jakob im Gespräch
mit dem kleinen Jesus. Des Kindleins Klage über die geringe Beachtung, die ihm
von den Eltern und Hausgenossen geschenkt wird.
7. Mai 1844
[JJ.01_202,01] Auf diese Worte bog sich auch
Jakob zum Kindlein nieder und sprach zu Ihm:
[JJ.01_202,02] „Höre! Du mein geliebter
Jesus, Du mein zartes Brüderchen, wenn Du einmal schlimm wirst, dann ist es mit
Dir ja beinahe nicht mehr auszuhalten!
[JJ.01_202,03] Möchtest Du mir nicht auch
einen solchen Verweis geben, wie Du ihn gegeben hast der Mutter Maria?
[JJ.01_202,04] Du kannst es wohl tun; aber
dann werde auch ich greinen mit Dir, warum Du mich nicht zum Spiele geladen
hast, da ich doch von ganzem Herzen gerne dabeigewesen wäre!“
[JJ.01_202,05] Das Kindlein aber sprach: „O
sorge dich nicht, Jakob, daß Ich dir etwas sagen werde;
[JJ.01_202,06] denn deine beständige
Aufmerksamkeit für Mich ist Mir schon bekannt!
[JJ.01_202,07] Zudem teilen wir ja gar oft
das Los, und da geht es dir wie Mir!
[JJ.01_202,08] Siehe, wenn du öfter mit Mir
ausgehest und trägst Mich dann wieder nach Hause von irgendwoher, manchmal
sogar aus der Stadt, wenn du in selber etwas zu tun hast und Mich dann
mitnimmst,
[JJ.01_202,09] da kommt uns niemand entgegen!
Wir gehen ohne weitere Begleitung fort, und so wir nach Hause wieder
zurückkehren, da kommt uns keine Seele entgegen!
[JJ.01_202,10] Wie wir allein ausgegangen
sind, so kommen wir auch allein wieder zurück!
[JJ.01_202,11] Und wenn wir dann und wann um
eine Viertelstunde zu spät kommen, da werden wir noch obendrauf recht tüchtig
ausgemacht.
[JJ.01_202,12] Und sind wir zu Hause, da
dürfen wir uns eben auch nicht viel rühren, wollen wir nicht einen Putzer
bekommen.
[JJ.01_202,13] Und soviel da manchmal
geplaudert wird von allerlei Dingen, sage, ob wir auch zu den interessanten
Dingen gehören, denen einige Worte im Tage gelten möchten?
[JJ.01_202,14] Aber wenn sich so ein
Bekannter aus der Stadt melden läßt und sagt: ,Ich werde dich am Montag
besuchen‘,
[JJ.01_202,15] da freut sich unser Haus schon
drei Tage darauf und redet nachher noch drei Tage davon!
[JJ.01_202,16] Und wenn der Freund kommt, da
läuft ihm alles entgegen, und wenn er wieder geht, so wird er bis zu seiner
Haustüre begleitet.
[JJ.01_202,17] Wenn aber wir gehen und kommen,
da rührt sich keine Katze im Hause!
[JJ.01_202,18] Wohl aber heißt es, wenn so
ein beredter Stadtklatscher hierherkommt: ,Jakob, gehe jetzt mit dem Kleinen
nur hübsch hinaus!‘
[JJ.01_202,19] Und wir ziehen dann sogleich
ohne Begleitung hinaus und dürfen nicht eher wiederkommen, als bis es dem
Klatscher beliebt hatte, wieder unter der gesamten Begleitung des Hauses
abzuziehen!
[JJ.01_202,20] Nur wenn der Cyrenius oder der
Jonatha kommt, dann gelten auch wir etwas, wenn nicht wichtige Betrachtungen
hinderlich sind!
[JJ.01_202,21] Darum sorge dich nicht, daß
Ich dir etwas sagen werde, das dich schmerzen könnte; denn wir sind ja beide
gleichgestellt, was das Ansehen und die Liebe betrifft!
[JJ.01_202,22] Wenn wir uns den ganzen Tag
nicht rühren und mucksen, dann sind wir ,brav‘! – und dieses ,brav‘ aber ist
dann auch unser ganzer Lohn! – Bist du damit zufrieden? – Ich bin es nicht!“
[JJ.01_202,23] Als Joseph und Maria solches
vernahmen, da ward es beiden bange. – Das Kindlein aber beruhigte sie und
sprach: „Nur in der Zukunft ein wenig anders; das Vergangene ist vorüber!“ –
Und der Jakob weinte vor großer Freude in seinem Herzen.
[JJ.01_203] 203. Kapitel – Josephs Bekenntnis
vor dem Kindlein. Der Unterschied zwischen Maske und Klugheit. Der Herr hält
sich verborgen, damit die Welt nicht gerichtet werde. Eine Mahnung des
Kindleins an Maria.
8. Mai 1844
[JJ.01_203,01] Darauf berief der Joseph das
Kindlein zu sich und sprach zu selbem:
[JJ.01_203,02] „Höre Du mich nun an; was ich
nun sagen werde, das sage ich nicht Deinetwegen, sondern derer wegen, die hier
sind!
[JJ.01_203,03] Denn ich weiß, daß Du allzeit
durchschauest meine geheimsten Gedanken, und ich brauche darum nichts zu sagen
zu Dir; aber die hier sind, sollen auch wissen, was ich zu Dir habe!
[JJ.01_203,04] Siehe, es ist wahr, daß wir
oft dem Außen nach wie lau gegen Dich waren;
[JJ.01_203,05] aber diese Lauheit war nur
eine Maske unserer inneren Achtung und Liebe zu Dir, auf daß Du nicht ruchbar
würdest vor der grausamen Welt!
[JJ.01_203,06] Wer kennet wohl besser als Du
die Welt? – Und so wirst eben Du es auch am besten einsehen, daß unser
bisheriges öffentliches Benehmen gegen Dich also sein mußte, damit wir mit Dir
sicher sind.
[JJ.01_203,07] Und so bitte ich Dich, vergebe
uns so manche Scheinkälte unserer Herzen, die in sich aber dennoch allzeit bei
Deinem Anblicke erglühten wie eine Morgenröte!
[JJ.01_203,08] In der Zukunft aber wollen wir
uns gegen Dich schon so auch offen verhalten, wie es uns unser innerer Drang
gebieten wird!“
[JJ.01_203,09] Nach dieser Anrede sprach das
Kindlein: „Joseph! – Du hast wahr geredet; aber dessenungeachtet gibt es
dennoch einen großen Unterschied zwischen Maske und Klugheit.
[JJ.01_203,10] Die Maske macht das Gemüt
kalt; aber die Klugheit erwärmt es!
[JJ.01_203,11] Wozu aber Maske, wo die
Klugheit ausreicht? Wozu Verstellung, wo die natürliche Weisheit tausend
Sicherungsmittel bietet?
[JJ.01_203,12] Bin Ich nicht der Herr, dem
die ganze Unendlichkeit auf einen Wink gehorchen muß, weil sie nichts als nur
ein festgehaltener Gedanke aus Mir ist und ist da als ein ausgesprochenes Wort
aus Meinem Munde?!
[JJ.01_203,13] Bin Ich aber der alleinige,
wahrhaftige Herr, wie sollte da zu Meiner Sicherung vor der Welt deine
Gemütsmaskierung wirksamer sein als eine ganze Welt voll von Meiner ewigen
Macht?!
[JJ.01_203,14] Siehe, ein Hauch aus Meinem
Munde – und die ganze sichtbare Schöpfung ist nicht mehr!
[JJ.01_203,15] Meinst du da wohl, Ich habe
deiner Gemütsmaske vonnöten, um Mich und dich vor den Nachstellungen der Welt
zu verwahren?
[JJ.01_203,16] O nein, dessen bedarf Ich
nicht! Denn Ich halte Mich nicht etwa aus Furcht vor der Welt verborgen,
[JJ.01_203,17] sondern allein nur des
Gerichtes wegen, damit die Welt nicht gerichtet werde, so sie Mich erkennete in
ihrem Argen.
[JJ.01_203,18] Daher seid ihr alle in der
Zukunft wohl klug des Heiles der Welt wegen;
[JJ.01_203,19] aber mit der Maske bleibet Mir
ferne, denn diese ist in ihrer besten Stellung eine Geburt der Hölle!
[JJ.01_203,20] Und du, Maria, kehre zu deiner
ersten Liebe zurück, sonst wirst du dereinst viel Trauer zu bestehen haben
darum, daß du Mich jetzt der Welt wegen durch die Maske deines Herzens kalt
behandelst!“
[JJ.01_203,21] Dieses Wort brach der Maria
das Herz, und sie ergriff mit aller Macht ihrer Liebe das Kindlein und drückte
Es an ihr Herz und kosete Es mit der größten Glut ihrer mütterlichen Liebe.
[JJ.01_204] 204. Kapitel – Marias Liebesfrage
an das Kindlein. Der Unterschied zwischen der Liebe des Menschen und der Liebe
Gottes. „Mein Zorn selbst ist mehr Liebe als deine größte Liebe!“ Das Gleichnis
vom König als Freier, angewandt auf Tullia und das Jesuskindlein.
9. Mai 1844
[JJ.01_204,01] Als Maria das Kindlein eine
Zeitlang geherzet hatte, da fragte sie Es ganz furchtsam:
[JJ.01_204,02] „Mein Jesus, wirst Du mich,
Deine Magd, wohl wieder lieben, wie die Magd Dich ewig lieben wird?“
[JJ.01_204,03] Und das Kindlein lächelte die
Maria gar freundlichst an und sprach:
[JJ.01_204,04] „Aber was hast du da wieder
für eine schwache Frage gestellt!
[JJ.01_204,05] Wenn Ich dich nicht mehr
liebte als du Mich, was – wahrlich, wahrlich! – wärest du da wohl?
[JJ.01_204,06] Siehe, so du Mich liebtest mit
der Glut aller Sonnen, so aber wäre dennoch solche deine Liebe nichts gegen
jene Meine Liebe, mit der Ich den ärgsten Menschen selbst noch in Meinem Zorne
liebe!
[JJ.01_204,07] Und Mein Zorn selbst ist mehr
Liebe als deine größte Liebe!
[JJ.01_204,08] Was ist dann erst Meine
eigentliche Liebe, die Ich zu dir habe?!
[JJ.01_204,09] Wie hätte Ich dich wohl je zu
Meiner Gebärerin gewählt, wenn Ich dich nicht geliebt hätte – mehr, als es je
die Ewigkeit fassen wird?!
[JJ.01_204,10] Siehe, wie schwach da deine
Frage ist! Ich aber sage dir: Nun gehe und bringe die Tullia;
[JJ.01_204,11] denn Ich habe gar wichtige
Dinge mit ihr zu reden!“
[JJ.01_204,12] Hier gehorchte die Maria
plötzlich und ging und holte des Cyrenius Weib.
[JJ.01_204,13] Als die Tullia ganz furchtsam
in das Kabinett trat, da sich das Kindlein befand, da richtete Sich das
Kindlein auf und sprach zur Tullia:
[JJ.01_204,14] „Tullia, du Erweckte, höre! –
Es war einst ein großer König und war ledig und voll männlicher Schönheit und
voll echter göttlicher Weisheit.
[JJ.01_204,15] Dieser König sprach zu sich:
,Ich will gehen und mir ein Weib suchen in einem fremden Orte, da mich niemand
kennt;
[JJ.01_204,16] denn ich will ein Weib nehmen
meiner selbst willen, und das Weib solle mich lieben, darum ich ein weiser Mann
bin – aber nicht, da ich ein großer König bin!‘
[JJ.01_204,17] Und so zog er aus seinem
Reiche in die ferne Fremde und kam da in eine Stadt und machte da bald
Bekanntschaft mit einem Hause.
[JJ.01_204,18] Die Tochter des Hauses ward
erwählt, und diese hatte eine große Freude; denn sie erkannte bald in dem
Bewerber eine große Weisheit.
[JJ.01_204,19] Der König aber dachte: ,Du
liebst mich nun wohl, da du mich siehst und meine Gestalt und meine Weisheit
dich fesselt;
[JJ.01_204,20] ich aber will sehen, ob du
mich wahrhaft liebst! Darum werde ich mich als Bettler verkleiden und werde
dich so öfter belästigen.
[JJ.01_204,21] Du aber sollst nicht wissen
und irgend im geringsten erfahren, daß ich im Bettler stecke.
[JJ.01_204,22] Wohl aber solle der Bettler
ein Zeugnis von mir tragen, als sei er mein inniger Freund, aber sonst arm in
dieser Fremde wie sein Freund.
[JJ.01_204,23] Und es solle sich da zeigen,
ob diese Tochter mich wahrhaft liebt!‘
[JJ.01_204,24] Und wie sich der große König die
Sache ausgedacht hatte, also wurde sie auch sogleich ausgeführt.
[JJ.01_204,25] Es kam nach einiger Zeit, da
der König zum Scheine verreisete, der Bettler zur Tochter und sprach zu ihr:
[JJ.01_204,26] ,Liebe Tochter dieses reichen
Hauses, siehe, ich bin sehr arm und weiß, daß du große Reichtümer besitzest!
[JJ.01_204,27] Ich saß am Tore, als dein
herrlicher Bräutigam von dir sich verreisete, und bat ihn um ein Almosen.
[JJ.01_204,28] Da blieb er stehen und sprach:
,Freund! Ich habe hier nichts, das ich dir reichen könnte außer dies Angedenken
von meiner Braut, die sehr reich ist!
[JJ.01_204,29] Gehe in jüngster Zeit zu ihr,
und zeige ihr das in meinem Namen, und sie wird dir so sicher geben, als sie
mir geben würde, dessen du vonnöten hast!
[JJ.01_204,30] Wann ich aber ehestens
zurückkehren werde, da werde ich ihr tausendfach alles ersetzen!‘
[JJ.01_204,31] Als die Tochter solches
vernommen, war sie voll Freuden und beteilte den Bettler.
[JJ.01_204,32] Da ging der Bettler und kam in
wenigen Tagen wieder und ließ sich melden bei der Tochter.
[JJ.01_204,33] Die Tochter ließ ihn auf ein
anderes Mal bescheiden, da sie nun Besuche hatte.
[JJ.01_204,34] Der Bettler kam zum andern
Male und ließ sich melden.
[JJ.01_204,35] Da hieß es: ,Die Tochter ist
mit einigen Freunden ausgegangen!‘ – Und der Bettler kehrte traurig zurück.
[JJ.01_204,36] Als er an das Haustor kam, da
begegnete ihm die Tochter in der Mitte ihrer Freunde und achtete des Bettlers
kaum.
[JJ.01_204,37] Wohl sagte dieser: ,Liebe
Braut meines Freundes, wie liebst du ihn denn, so du seinen Freund nicht
hörest?‘
[JJ.01_204,38] Die Tochter aber sprach: ,Ich
will Zerstreuung; wenn der Freund kommen wird, den werde ich schon wieder
lieben!‘
[JJ.01_204,39] Darauf begab sich am nächsten
Tage der Bettler wieder zur Tochter und fand sie voll Heiterkeit; denn sie
hatte ja eine recht muntere Gesellschaft.
[JJ.01_204,40] Und der Bettler fragte sie:
,Liebst du wohl deinen Bräutigam – und bist so heiter, da er verreisete in
Geschäften um dich?‘
[JJ.01_204,41] Da schaffte die Tochter den
Bettler hinaus und sprach: ,Das wäre ein Verlangen! – Ist's nicht genug, so ich
ihn liebe, wenn er da ist? Was solle ich ihn in seiner Abwesenheit auch lieben?
– Wer weiß, ob er mich liebt!?‘
[JJ.01_204,42] Hier warf der Bettler sein
zerrissenes Oberkleid weg und sprach zur erstaunten Tochter:
[JJ.01_204,43] ,Siehe, der verreiset ist, war
stets hier, zu merken deine Liebe!
[JJ.01_204,44] Du aber dachtest kaum an ihn,
und der, der dir das Zeichen deines Schwures zeigte, ward verstoßen und
verhöhnt, da dir die Weltgesellschaft besser zusagte.
[JJ.01_204,45] Aber siehe, eben dieser ist
jener, der nun vor dir stehet, und ist jener große König, dem alle Welt
zugehöret!
[JJ.01_204,46] Und dieser gibt dir nun alles
zurück, was du ihm gabst, tausendfach; aber dir kehret er für ewig den Rücken,
und du sollest nimmer sein Angesicht sehen!‘
[JJ.01_204,47] Tullia! – Kennst du diesen
König und diesen Bettler? – Siehe, Ich bin es, und du bist die Tochter! – Auf
der Welt sollst du glücklich sein;
[JJ.01_204,48] was aber nachher, das sagt dir
dies Gleichnis!
[JJ.01_204,49] Ich gab dir Leben und großes
Glück, und du magst Meiner nicht gedenken!
[JJ.01_204,50] O du blindgeborne Römerin! –
Ich habe dir Licht gegeben, und du hast Mich nicht erkannt!
[JJ.01_204,51] Ich gab dir einen Mann aus den
Himmeln, und du wolltest an ihm Meinen Liebeteil für dich nehmen.
[JJ.01_204,52] Da warst du tot; Ich habe dich
wieder erweckt, und du nahmst dafür der Welt Huldigungen an und achtetest
Meiner nicht!
[JJ.01_204,53] Und jetzt, da Ich dich rufen
ließ, bebest du vor Mir wie eine Ehebrecherin.
[JJ.01_204,54] Sage! was wohl solle Ich mit
dir anfangen?
[JJ.01_204,55] Solle Ich ferner noch betteln
vor deiner Türe?
[JJ.01_204,56] Nein! – das werde Ich nicht;
aber Ich werde dir geben deinen Teil, und dann werden wir quitt sein!“ –
[JJ.01_204,57] Diese Worte erfüllten das
ganze Haus Josephs mit Entsetzen.
[JJ.01_204,58] Das Kindlein aber begehrte mit
Seinem Jakob allein hinaus in die Freie zu gehen und kehrte bis zum späten
Abende nicht wieder zurück.
[JJ.01_205] 205. Kapitel – Der Tullia Klage.
Marias tröstende Worte. Der Tullia Selbstschau, Reue und Buße. Jesu
Lieblingsspeise. Die alte und die neue Tullia.
11. Mai 1844
[JJ.01_205,01] Nach einer Weile erst erholte
sich die Tullia wieder und fing an gar bitterlich zu weinen und sagte:
[JJ.01_205,02] „O Herr, warum ward ich sehend
einst in diesem Hause, warum das Weib des Cyrenius, daß ich nun in meinem
vermeintlichen Glücke so viel zu leiden habe?!
[JJ.01_205,03] Warum erwecktest Du die Tote,
warum mußte denn wieder Leben in meine Brust kehren?!
[JJ.01_205,04] Bin ich denn zur Qual geboren
worden? – warum gerade ich, während doch Tausende und Tausende ruhig und
glücklich leben und wissen kaum von einer Träne, die der Schmerz dem Auge
erpreßt! – ?“
[JJ.01_205,05] Maria aber, von Mitleid
gerührt, tröstete die Tullia mit folgenden Worten:
[JJ.01_205,06] „Tullia, du mußt nicht hadern
mit dem Herrn, deinem und meinem Gotte!
[JJ.01_205,07] Denn siehe, das ist schon so
Seine Art und Weise, daß Er gerade diejenigen, die Er liebt, recht starken
Prüfungen aussetzt!
[JJ.01_205,08] Solches erkenne du in deinem
Herzen, und erwecke deine Liebe von neuem zu Ihm, und Er wird sobald vergessen
Seiner Drohung und wird dich aufnehmen von neuem in Seine Gnade!
[JJ.01_205,09] Denn Er hatte schon gar oft
gedroht den Übeltätern und hat ihnen den Untergang auf den nächsten Tag durch
die Propheten verkünden lassen und bezeichnen die Stelle, auf der die Hunde ihr
Blut auflecken sollen.
[JJ.01_205,10] So aber die Übeltäter zur Buße
griffen, da sprach Er sobald zum Propheten: ,Siehst du nicht, daß er Buße tut?
Darum will Ich ihn auch nicht strafen!‘
[JJ.01_205,11] Als Jonas berufen ward von
Gott, den Niniviten, die in alle Sünden versunken waren, den Untergang zu
verkünden,
[JJ.01_205,12] da wollte dieser nicht
hingehen, denn er sprach: ,Herr! Ich weiß, daß Du nur höchst selten das folgen
lässest, was der Prophet androhen muß;
[JJ.01_205,13] darum will ich nicht
hinziehen, auf daß ich als ein Prophet vor den Niniveern nicht zuschanden
würde, wann Du Dich ihrer sicher wieder erbarmen wirst!‘
[JJ.01_205,14] Siehe, sogar dieser Prophet
setzte einen gegründeten Zweifel in den Zorn Gottes!
[JJ.01_205,15] Ich aber rate dir: Tue du, was
die Niniveer taten, und du wirst wieder zu Gnaden aufgenommen werden!“
[JJ.01_205,16] Diese Worte flößten der Tullia
wieder Mut ein, und sie fing an, über sich nachzudenken, und fand bald eine
Menge Fehler in sich und sprach:
[JJ.01_205,17] „O Maria! Jetzt erst ersehe
ich, und es wird mir klar, warum mich der Herr also züchtiget!
[JJ.01_205,18] Siehe, mein Herz ist voll
Sünden und voll Unlauterkeit! – Oh – wie werde ich es je zu reinigen vermögen?!
[JJ.01_205,19] Wie kann ich es also wagen –
mit einem so höchst unreinen Herzen den Heiligen aller Heiligkeit zu lieben?!“
[JJ.01_205,20] Und die Maria sprach: „Eben
darum mußt du Ihn lieben in deiner reuigen Schulderkenntnis; denn solche Liebe
allein nur wird dein Herz reinigen vor Ihm – dem Heiligen aller Heiligkeit!“
[JJ.01_205,21] Als spät am Abende das
Kindlein mit Seinem Jakob wieder ins Haus kam, da ging Es sobald zur Maria und
verlangte etwas zu essen. Und Maria gab Ihm sogleich etwas Butter, Brot und
Honig.
[JJ.01_205,22] Darauf sagte Es: „Ich sehe
noch eine andere Speise, gib Mir auch davon zu essen! – Siehe, es ist das Herz
der Tullia; gebe es Mir, weil du es schon für Mich zubereitet hast!“ – Hier
fiel die Tullia vor dem Herrn nieder und weinte.
[JJ.01_205,23] Maria aber sprach: „O Herr!
Erbarme Dich der Armen, die da viel leidet!“
[JJ.01_205,24] Und das Kindlein sprach: „Ich
habe Mich ihrer schon gar lange erbarmt, sonst hätte Ich sie nimmer erweckt!
[JJ.01_205,25] Nur sie war es, die von Meiner
Erbarmung keine Notiz nehmen wollte und wollte lieber hadern mit Mir in ihrem
Herzen, als Mich aufnehmen in selbem.
[JJ.01_205,26] Da sie aber nun ihr Herz zu
Mir gewendet hat, so habe Ich ihr getan wie den Niniveern.“
[JJ.01_205,27] Nach diesen Worten ging das
Kindlein hin zur Tullia und sprach zu ihr:
[JJ.01_205,28] „Tullia, siehe, Ich bin nun
recht müde geworden. Du hast Mich einst auf deinen Armen schon getragen, und es
tat Mir wohl; denn du hattest recht weiche Arme!
[JJ.01_205,29] Also erhebe dich auch jetzt,
und nehme Mich auf deine Arme und fühle, wie süß es ist, den Herrn des Lebens
in den Armen zu haben!“
[JJ.01_205,30] Dies Begehren des Kindleins
brach der Tullia völlig das Herz.
[JJ.01_205,31] Mit der ihrem Herzen möglich
höchsten Liebe nahm sie das Kindlein auf ihre weichen Arme und sprach weinend:
[JJ.01_205,32] „O Herr! – Wie möglich wohl
ist das, daß Du mir nun gegen Deine schreckliche Drohung so gnädig bist?!“
[JJ.01_205,33] Und das Kindlein sprach: „Weil
du die alte Tullia, die Mir zuwider war, ausgezogen und eine neue, Mir werte,
angezogen hast! – Doch jetzt sei ruhig; denn nun habe Ich dich schon wieder
lieb!“ – Durch diese Szene wurden alle zu Tränen gerührt.
[JJ.01_206] 206. Kapitel – Die weinende Tullia.
Ein Evangelium der Tränen. Drei Tränen hat der Herr ins Auge des Menschen
gelegt: die Freudenträne, die Mitleidsträne und die Träne, die der Schmerz
erpreßt.
13. Mai 1844
[JJ.01_206,01] Je länger aber nun die Tullia
das Kleine auf den Armen hatte, desto mehr erkannte sie ihre Lebensfehler in
sich und weinte darob sehr von Zeit zu Zeit.
[JJ.01_206,02] Da richtete Sich das Kindlein
auf und sprach zur Tullia: „Du Meine liebe Tullia! Das gefällt Mir schon wieder
nicht von dir, daß du nun in einem fort weinest, da du Mich doch auf deinen
Armen hast!
[JJ.01_206,03] Sei nun heiter und fröhlich;
denn Ich habe kein Wohlgefallen an den Tränen der Menschen, wenn sie da fallen,
wo sie nicht vonnöten sind!
[JJ.01_206,04] Meinst du etwa, deine Tränen
werden reinigen dein Herz von aller Sünde vor Mir?
[JJ.01_206,05] O siehe, das ist töricht! Die
Tränen gleiten wohl über deine Wangen und trüben deine Augen, was dir schädlich
ist sogar, –
[JJ.01_206,06] aber übers Herz gleiten die
Tränen nicht und reinigen es auch nicht; wohl aber machen sie es oft
verschlossen, daß dann weder etwas Gutes noch etwas Böses in selbes eingehen
kann!
[JJ.01_206,07] Und siehe, das bringt dann
auch den Tod dem Geiste, der im Herzen wohnet!
[JJ.01_206,08] Denn ein trauriger Mensch ist
stets ein beleidigtes Wesen, und dieses Wesen ist für nichts aufnahmefähig.
[JJ.01_206,09] Nur drei Tränen habe Ich in
das Auge des Menschen gelegt, und diese sind: die Freudenträne, die
Mitleidsträne und die Träne, die der Schmerz erpreßt.
[JJ.01_206,10] Diese allein mag Ich sehen;
aber die Trauerträne, die Reueträne und Zornträne, die aus dem Mitleid mit sich
selbst entsteht, sind Früchte des eigenen Grund und Bodens und haben bei Mir
einen geringen Wert.
[JJ.01_206,11] Denn die Trauerträne entstammt
einem beleidigten Gemüte und verlangt Ersatz; kommt dieser nicht, so umwandelt
sich ein solch Gemüt leicht in einen geheimen Zorn und endlich in ein
Rachegefühl.
[JJ.01_206,12] Die Reueträne ist ähnlichen
Ursprungs und kommt erst dann nach der Sünde zum Vorscheine, so eben die Sünde
eine wohltätige Züchtigung nach sich gezogen hat.
[JJ.01_206,13] Dann aber ist sie keine Träne
über die Sünde, sondern nur eine Träne ob der Züchtigung und darum auch über
die Sünde, weil diese die Züchtigung zur Folge hatte.
[JJ.01_206,14] Auch diese Träne bessert das
Herz nicht; denn der Mensch flieht dann die Sünde nicht aus Liebe zu Mir,
sondern nur aus Furcht vor der Strafe; und siehe, das ist ärger denn die Sünde
selbst!
[JJ.01_206,15] Was aber die Zornträne
betrifft, so ist sie nicht wert, daß Ich von ihr ein Wort spräche; denn diese
ist ein Quellwasser aus dem Fundamente der Hölle!
[JJ.01_206,16] Diese Träne aber befeuchtet
wohl dein Auge nicht, sondern nur die Reueträne.
[JJ.01_206,17] Ich aber sage dir: Trockne dir
auch diese von deinen Augen; denn du siehst ja, daß Ich an ihr keine Freude
habe!“
[JJ.01_206,18] Hier wischte sich die Tullia
die Tränen aus ihren Augen aus und sprach: „O Herr! – Wie endlos weise und gut
bist Du doch!
[JJ.01_206,19] O wie heiter und fröhlich
könnte ich sein, wenn ich keine Sünderin wäre!
[JJ.01_206,20] Aber ich habe in Rom auf
Geheiß des Kaisers einem Götzen des Volkes wegen geopfert, und diese Tat nagt
wie ein böser Wurm an meinem Herzen!“
[JJ.01_206,21] Und das Kindlein sagte: „Diese
Sünde habe Ich dir schon eher vergeben, als du sie begangen hast.
[JJ.01_206,22] Aber du warst Mir um die Liebe
des Cyrenius neidisch; – siehe, das war eine grobe Sünde! – Ich aber habe dir
nun alles vergeben, und du hast keine Sünde mehr, weil du Mich wieder liebst;
daher aber sei fröhlich und heiter!“
[JJ.01_206,23] Darauf ward die Tullia, wie
alles im Hause Josephs, wieder voll Heiterkeit, und alle begaben sich darauf
zum Nachtmahle.
[JJ.01_207] 207. Kapitel – Des Kindleins
beruhigende Worte vor der Sturmnacht. Eudokias große Furcht. Und wärest du am
Ende aller Welten, so würde Ich dich doch schützen können!
14. Mai 1844
[JJ.01_207,01] Nach dem Nachtmahle segnete
Joseph alle die Gäste, und das Kindlein segnete sie auch und sagte:
[JJ.01_207,02] „Nun begebet euch alle zur
Ruhe; fürchtet euch aber nicht, wenn zur Nachtzeit ein kleiner Sturm an unser
Haus stoßen wird;
[JJ.01_207,03] denn es wird da niemandem ein
Haar gekrümmt werden!
[JJ.01_207,04] Denket, Der hier unter euch
wohnet, ist auch ein Herr der Stürme!“
[JJ.01_207,05] Nach diesen Worten, die unter
den Schiffsleuten des Cyrenius eine Besorgnis um das Schiff erregten, sagte ein
Schiffsknecht:
[JJ.01_207,06] „Dieses Kind ist ein rechter
Prophet, denn es prophezeiet Schlimmes!
[JJ.01_207,07] Daher – sollen wir wohl
sogleich dahin ziehen, wo das Schiff des Cyrenius schwach befestigt sich
befindet, und sollen es soviel als möglich ans Ufer ziehen und da festmachen!?“
[JJ.01_207,08] Da erhob sich Jonatha und sprach:
„Laßt diese Sorge gut sein!
[JJ.01_207,09] Denn fürs erste wird der Herr
schon auch das Schiff zu schützen wissen;
[JJ.01_207,10] fürs zweite aber habe auch ich
Leute daheim, die mit dem Schiffsicherungswesen besser umzugehen wissen als
ihr, und werden das Schiff des Statthalters schon zu sichern wissen. Daher
möget ihr samt mir schon ganz ruhig sein!“
[JJ.01_207,11] Damit war alles beruhigt, und
alles begab sich zur Ruhe.
[JJ.01_207,12] Maria aber bereitete dem
Kindlein auch sogleich ein recht weiches und frisches Bett, legte Es dann
nieder und stellte das kleine Bettchen neben ihr Lager.
[JJ.01_207,13] Es schliefen aber gewöhnlich
die Maria und die Eudokia in einem Bette beisammen, und also auch jetzt.
[JJ.01_207,14] Die Eudokia aber, eine
tüchtige Furcht vor dem vorgesagten Sturme habend, sagte zur Maria:
[JJ.01_207,15] „Maria, siehe, ich habe eine
starke Furcht vor dem sicher kommenden Sturme!
[JJ.01_207,16] Wie wäre es denn, so wir das
Kindlein heute zwischen uns in die Mitte nähmen?
[JJ.01_207,17] Da wären wir doch gewissest
sicher vor jeglicher Gefahr!“
[JJ.01_207,18] Da aber das Kindlein solche
Besorgnis von der Eudokia vernommen hatte, da lächelte Es und sagte darauf:
[JJ.01_207,19] „O Eudokia! Manchmal bist du
recht gescheit, aber manchmal wieder dümmer als der Blitz!
[JJ.01_207,20] Meinst du wohl, daß Ich dich
nur dann schützen kann, so Ich Mich in deinem Schoße befinde?!
[JJ.01_207,21] O da bist du in großer Irre! –
Siehe, Mein Arm ist länger, als du meinst!
[JJ.01_207,22] Und wärest du am Ende aller
Welten, so würde Ich dich noch so gut wie hier schützen können!
[JJ.01_207,23] Daher sei ruhig, und gehe wie
sonst zur Ruhe, und du wirst morgen schon wieder gesund aufstehen!“ – Das
beruhigte die Eudokia, und sie legte sich mit Maria sogleich zur Ruhe.
[JJ.01_208] 208. Kapitel – Die Schrecknisse
des nächtlichen Orkans. Die wilden Tiere. Josephs Fluch über den Sturm. Des
Kindleins Rüge. Das Ende des Sturmes.
15. Mai 1844
[JJ.01_208,01] Nach zwei Stunden, als sich
alles schon in der Ruhe befand, kam ein gar mächtiger Orkan und stieß so
gewaltig an das Haus, daß das ganze Haus erbebte.
[JJ.01_208,02] Alle Schlafenden wurden durch
diesen dröhnenden Stoß aufgeweckt.
[JJ.01_208,03] Und da der Orkan fortwütete
und von tausend Blitzen und dem gewaltigsten Donner begleitet war,
[JJ.01_208,04] so fing bald alles an zu beben
und zu zagen, was sich nur im Hause Josephs befand.
[JJ.01_208,05] Zu dem Wüten und Toben des
Orkans gesellte sich auch noch das Geheul von einer Menge wilder reißender
Tiere und vermehrte die Angst der Gäste im Hause Josephs.
[JJ.01_208,06] Alles fing an, sich in das
Gemach zu drängen, in dem sich Joseph, Cyrenius und Jonatha befanden, und
suchte da Schutz.
[JJ.01_208,07] Joseph aber stand auf und
machte Licht und tröstete die Zagenden, so gut es ihm nur immer möglich war.
[JJ.01_208,08] Desgleichen tat auch der Riese
Jonatha und der Cyrenius.
[JJ.01_208,09] Aber da der Sturm stets
heftiger wurde, so gab das Trösten der drei nicht viel aus; und ganz besonders
wurden dadurch die meisten in die größte Todesangst versetzt, als einige Tiger
bei den freilich wohl mit Gittern versehenen Fenstern anfingen, ihre Tatzen
hineinzustrecken unter einem gar unheimlichen Geheule.
[JJ.01_208,10] Als dem Joseph selbst das Ding
ein wenig zu arg ward, da erregte er sich und sprach zum Sturme:
[JJ.01_208,11] „Verstumme, du Ungetüm, im
Namen Dessen, der hier wohnt, ein Herr der Unendlichkeit,
[JJ.01_208,12] und beunruhige fürder nimmer,
die da der Ruhe bedürfen zur Nachtzeit! – Es geschehe!“
[JJ.01_208,13] Solche Worte rief Joseph mit
großer Kraft aus, daß sich darob alle entsetzten, mehr noch als vor dem Wüten
des Orkans.
[JJ.01_208,14] Aber sie wollten dennoch
nichts bewirken, worüber dann Joseph noch mehr erregt wurde und noch heftiger
seine Drohung an den Sturm richtete.
[JJ.01_208,15] Aber auch diese blieb
fruchtlos, und der Orkan spottete des Josephs.
[JJ.01_208,16] Da ward Joseph zornig über den
ungehorsamen Orkan und verfluchte ihn.
[JJ.01_208,17] In diesem Momente ward das
Kindlein wach und sagte zum Jakob, der sich neben dem kleinen Bettchen befand:
[JJ.01_208,18] „Jakob, gehe hinein zum Joseph
und sage ihm, er solle seinen Fluch wieder zurücknehmen; denn er fluchte, das
er nicht kennt!
[JJ.01_208,19] Morgen aber wird er erst den
Grund dieses Sturmes einsehen und erkennen dessen guten Grund; in wenigen
Minuten aber wird er ohnehin zu Ende sein.“
[JJ.01_208,20] Darauf ging Jakob sogleich zum
Joseph und sagte zu ihm, was ihm das Kindlein aufgegeben hatte.
[JJ.01_208,21] Da ermannte sich Joseph, tat,
was ihm Jakob kundgab, und bald darauf legte sich der Sturm; die Bestien
verloren sich, und alles im Hause Josephs begab sich wieder zur Ruhe. –
[JJ.01_209] 209. Kapitel – Die Wohltat und
der Zweck des nächtlichen Sturmes: die Vernichtung der Räuber.
17. Mai 1844
[JJ.01_209,01] Am nächsten Morgen stand
Joseph wie gewöhnlich schon sehr früh auf und teilte an seine vier Söhne die
Tagesarbeiten aus.
[JJ.01_209,02] Die erste war, daß sie zu
sorgen haben für ein gutes Frühstück, und was dann der Tag geben wird.
[JJ.01_209,03] Nach solcher Beorderung ging
er hinaus und sah nach, was da etwa der nächtliche Sturm alles für Schaden
angerichtet hatte.
[JJ.01_209,04] Als er aber so hin und her
ging, da fand er bald eine Menge abgenagter Menschengebeine
[JJ.01_209,05] und traf eine Menge Stellen
an, die mit Menschenblut besudelt waren.
[JJ.01_209,06] Er entsetzte sich ob solchen
Anblickes ganz gewaltig und konnte sich dieses Rätsel nicht lösen.
[JJ.01_209,07] Als er aber etwas fürbaß ging,
da fand er auch eine Menge Dolche und kleiner Lanzen, die häufig mit Blut
besudelt waren.
[JJ.01_209,08] Bei diesem Anblicke fing ihm
an ein ganz sonderbares Licht aufzugehen, und er fing an, so ganz leise des
Orkans und der durch denselben herbeigeführten Tiere wohltätigen Grund
einzusehen.
[JJ.01_209,09] Schnell begab sich darauf
Joseph zu seinen vier Söhnen und zeigte ihnen solches an und behieß drei, zu
sammeln die Knochen und die Waffen.
[JJ.01_209,10] In der Zeit von anderthalb
Stunden lag ein ganz großer Haufen Gebeine unter einem Baume aufgeschichtet und
daneben ein zweiter Haufen von blutigen Waffen.
[JJ.01_209,11] Nach dem Frühstücke erst
führte Joseph den Cyrenius und den Jonatha hinaus und zeigte ihnen diesen
sonderbaren Morgenfund.
[JJ.01_209,12] Als der Cyrenius dessen
ansichtig ward, da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sprach:
[JJ.01_209,13] „Aber um des allmächtigen
Herrn willen, – was ist denn das?!
[JJ.01_209,14] Woher diese Totengebeine,
woher diese noch von frischem Blute triefenden Waffen?
[JJ.01_209,15] Joseph, Bruder, Freund! Hast
du keine Ahnung, die dir leise einflüsterte den Grund dieses Greuels?“
[JJ.01_209,16] Und der Joseph sprach: „Freund
und Bruder, das sind entweder Seeräuber oder jene Meuterer, die dein Schiff
verfolgten!
[JJ.01_209,17] Doch lasse uns zuvor alles das
vernichten durchs Feuer;
[JJ.01_209,18] sodann erst wollen wir der
Sache näher auf den Grund zu kommen trachten!“
[JJ.01_209,19] Der Cyrenius begnügte sich
damit, und alle seine Leute mußten von allen Seiten Holz herbeischleppen.
[JJ.01_209,20] Und als gegen Mittag ein
gehörig großer Haufen Holzes auf einem freien Platz aufgerichtet war, da wurden
die Gebeine samt den Waffen auf den großen Holzstoß gelegt und also verbrannt.
[JJ.01_210] 210. Kapitel – Der dreimalige
Umlauf des Kindes um die Brandfläche und seine prophetischen Worte an Cyrenius:
„Der Herr aber wird dreimal um die Brandstätte der Welt ziehen, und es wird Ihn
niemand fragen und sagen: ,Herr! was tust Du?‘ Und beim dritten Umgange erst
solle der letzte Strahl des Zornes von der Erde genommen werden!“
18. Mai 1844
[JJ.01_210,01] Nachdem im Verlaufe von
etlichen Stunden alles verbrannt war und von dieser Szene von allen den übrigen
Gästen niemand etwas bemerkt hatte – indem es der Herr also haben wollte –
außer der Dienerschaft des Cyrenius,
[JJ.01_210,02] da erst kamen die Tullia, der
Maronius Pilla und die Obersten und die Hauptleute samt Maria und dem Jakob, der
das Kindlein führte, an diesem Tage zum ersten Male aus dem Hause ins Freie.
[JJ.01_210,03] Und der Maronius Pilla, da er
eine sehr feine Nase hatte, nahm sogleich einen Brandgeruch wahr,
[JJ.01_210,04] ging sogleich zum Joseph und
sagte: „Edelster Freund, merkst du nichts von dem Geruche nach einem wilden
Brande in deinen Nüstern?“
[JJ.01_210,05] Und der Joseph führte ihn
etwas hinter das Haus und zeigte ihm mit dem Finger die Brandstätte.
[JJ.01_210,06] Und Maronius fragte, was denn
da dem Feuer preisgegeben ward.
[JJ.01_210,07] Und der Joseph sprach:
„Freund! Darum eben ward die Sache dem Feuer übergeben, auf daß sie nicht aller
Welt in die Augen fallen solle!
[JJ.01_210,08] Cyrenius aber weiß alles;
darum wende dich an ihn, er wird es dir sagen, was da war; denn er war Zeuge
von allem!“
[JJ.01_210,09] Damit war der Maronius
abgefertigt und mit ihm noch einige neugierige Forscher.
[JJ.01_210,10] Es verlangte aber darauf das
Kindlein, mit Joseph, Cyrenius, Jonatha und mit Seinem Jakob zur Brandstätte zu
gehen, die noch hier und da ein wenig dampfte.
[JJ.01_210,11] Als diese dort anlangten, da
lief das Kindlein dreimal um die bedeutend große Brandfläche, nahm einen zur
Hälfte verbrannten Dolch und gab ihn dem Cyrenius und sprach:
[JJ.01_210,12] „Cyrenius, siehe, nun sind
deine Feinde besiegt, und zu Asche ward ihre Festigkeit!
[JJ.01_210,13] Hier ist der letzte feindliche
Rest in Meiner Hand, und dieser ist untauglich geworden!
[JJ.01_210,14] Ich übergebe ihn dir zum
Zeichen, daß du keine Rache üben sollst fürder an denen, die wider dich waren –
und einige wenige es noch sind!
[JJ.01_210,15] Denn also unbrauchbar und
verschlackt, wie dieser Dolch hier, solle auch aller Zorn in dir und in deinen
wenigen Feinden sein!
[JJ.01_210,16] Diese deine Feinde aber gingen
von Tyrus aus und wollten dich hier verderben.
[JJ.01_210,17] Ich aber wußte den Tag und die
Stunde und den Augenblick, da du in Gefahr schwebtest.
[JJ.01_210,18] Darum ließ Ich in dieser Nacht
zur rechten Zeit einen Sturm kommen, der die reißenden Tiere aus dem Gebirge
trieb
[JJ.01_210,19] und mußte die Meuterer in
große Furcht und Angst versetzen, auf daß sie unbehilflich wurden, als sie von
den Bestien angefallen worden sind.
[JJ.01_210,20] Und siehe, also wird es in der
Zukunft sein: Ein mächtig Feuer aus der Höhe wird kommen über die Gebeine der
Frevler und wird sie verzehren bis zu Staub und Asche!
[JJ.01_210,21] Der Herr aber wird dreimal um
die Brandstätte der Welt ziehen, und es wird Ihn niemand fragen und sagen:
,Herr! was tust Du?‘
[JJ.01_210,22] Und beim dritten Umgange erst
solle der letzte Strahl des Zornes von der Erde genommen werden!“ – – –
[JJ.01_210,23] Alle aber machten ob dieser
Rede große Augen; denn niemand verstand ihren Sinn. – –
[JJ.01_211] 211. Kapitel – Josephs Frage und
des Kindleins tröstliche Antwort. Der große Hunger des Kindleins. Das
Fischmahl. Des Cyrenius Frage wegen des Mittelmeeres.
20. Mai 1844
[JJ.01_211,01] Nach einer Weile aber ging
Joseph zum Kindlein hin und fragte Es, wie solches zu verstehen wäre.
[JJ.01_211,02] Und das Kindlein sprach:
„Joseph, da forschest du vergeblich!
[JJ.01_211,03] Denn gar viele Dinge gibt es,
die euch nicht offenbar werden, dieweil ihr lebet auf der Erde.
[JJ.01_211,04] Wer aber kommen wird nach
diesem Leben in Mein Reich geistig, dem wird alles im Lichte gezeiget werden!
[JJ.01_211,05] Darum frage hier nicht nach
Dingen, die dich nun nichts angehen!
[JJ.01_211,06] Lasse aber nun Erde bringen und
mit ihr bedecken diese Brandfläche!“
[JJ.01_211,07] Und der Joseph wandte sich
hier an den Cyrenius, und dieser ließ sogleich durch seine Leute Erde
herbeischaffen und mit selber bedecken die Stelle.
[JJ.01_211,08] Nach dieser Arbeit war es
Mittag geworden, und die Söhne Josephs waren auch mit ihrem Mittagsmahle fertig
und hielten es in der Bereitschaft für die vielen Gäste.
[JJ.01_211,09] Und das Kindlein sprach Selbst
zum Joseph: „Lieber Joseph! Ich bin schon recht hungrig geworden; drei große
Fische sind gebraten, daher gehen wir zum Essen!“
[JJ.01_211,10] Joseph aber sprach: „Das ist
recht löblich; aber – werden die Fische wohl für mehr als hundert Personen
ausreichen?!“
[JJ.01_211,11] Und das Kindlein erwiderte:
„Nun – und ob! Hast du doch die großen Tiere gesehen; wie magst du danach
fragen?
[JJ.01_211,12] Ein jeder Fisch hat gut
hundert Pfunde; da braucht es wahrlich nicht mehr, und es ist genug für
zweihundert Menschen!
[JJ.01_211,13] Daher gehen wir nun nur nach
Hause; denn Ich bin schon sehr hungrig – und besonders auf die guten Fische des
Mittelmeeres!“
[JJ.01_211,14] Und der Joseph berief sogleich
alle zum Mittagsmahl und begab sich in die Villa.
[JJ.01_211,15] Unterwegs aber fragte der
Cyrenius das holde Kindlein, ob denn dieses Meer wohl richtig ein Mittelmeer
(mare mediterraneum) sei.
[JJ.01_211,16] Und das Kindlein sprach: „Ob
richtig oder nicht – Ich muß ja nach eurer Art mit euch reden, so Ich von euch
verstanden werden will!
[JJ.01_211,17] Nach dem Essen aber kannst du
auf der kleinen Erdkugel nachsehen, und du wirst da es wohl finden, ob dieser
Ausdruck paßt!“
[JJ.01_211,18] Darauf lief das Kindlein
voraus mit Seinem Jakob, um ja bald am Tische zu sein.
[JJ.01_211,19] Und als der Joseph kam, da
lächelte ihm das Kindlein schon vom Tische entgegen, indem Es schon ein
Stückchen Fisch in der Hand hielt.
[JJ.01_211,20] Joseph aber freute sich dessen
sehr geheim; nur sagte er des Anstandes wegen:
[JJ.01_211,21] „Aber – Du mein liebstes
Kindlein, so ein großes Stück! – Wirst Du es wohl aufessen können?“
[JJ.01_211,22] Und das Kindlein lächelte noch
mehr und sprach: „Sorge dich um etwas anderes; denn dafür haben schon deine
Väter gesorgt, daß Meinem Magen nicht leichtlich etwas schadet, – denn die
haben Mir gar oft die schlechtesten und größten Brocken aufgetischt.“ – Hier
verstand Joseph wohl, was das Kindlein sagen wollte.
[JJ.01_212] 212. Kapitel – Jakobs und des
Kindleins Fastenstrafe wegen des unterlassenen Tischgebetes. Des Kindleins
Frage an Joseph, warum und zu wem Es beten soll. Das Jesuskind eilt mit Seinem
Jakob hinaus und läßt Sich nicht zurückhalten.
21. Mai 1844
[JJ.01_212,01] Darauf aber begann Joseph sein
gewöhnliches Tischgebet und segnete die Speise –
[JJ.01_212,02] und fragte darauf das
Kindlein, ob Es wohl auch schon gebetet hätte.
[JJ.01_212,03] Das Kindlein aber lächelte
wieder und sagte zum Jakob:
[JJ.01_212,04] „Du, jetzt wird's uns gut
gehen! Wir haben ja beide das Bitt- und Dankgebet vergessen und haben aber
dennoch schon gegessen vom Fische!
[JJ.01_212,05] Rede du jetzt, so gut es geht,
sonst sind wir offenbar wieder in einer Strafe und werden etwas fasten müssen!“
[JJ.01_212,06] Und der Jakob, etwas verlegen,
sagte: „Lieber Vater Joseph, ich bitte dich um Vergebung; denn ich habe diesmal
wirklich samt meinem Jesus zu beten vergessen!“
[JJ.01_212,07] Als der Joseph solches vom
Jakob vernommen hatte, da machte er ein etwas finsteres Gesicht und sprach:
[JJ.01_212,08] „Habt ihr das Beten vergessen,
so vergesset auch das Essen bis auf den Abend, und gehet nun unterdessen ein
wenig lustwandeln ins Freie!“
[JJ.01_212,09] Und das Kindlein lächelte hier
den Jakob an und sprach: „Nun, da haben wir's ja! Habe Ich nicht geredet
ehedem, daß es da aufs Fasten ankommen wird?!
[JJ.01_212,10] Aber warte doch noch ein
wenig; Ich will mit dem Joseph auch doch noch zuvor ein paar Wörtlein sprechen!
[JJ.01_212,11] Vielleicht läßt er dann etwas
handeln mit sich wegen des Fastens bis zum Abende.“
[JJ.01_212,12] Und der Jakob sprach im
geheimen: „Herr! tue Du, was Dir als Bestes dünkt, und ich werde dann Deinem
Beispiele folgen.“
[JJ.01_212,13] Und das Kindlein fragte den
Joseph, sagend nämlich: „Joseph! Ist das wohl dein vollkommener Ernst?!“
[JJ.01_212,14] Und der Joseph sprach: „Ja –
ganz natürlich; denn wer nicht betet, der solle auch nicht essen!“
[JJ.01_212,15] Und das Kindlein lächelte
abermals und sprach: „Aber das heiße Ich scharf sein!
[JJ.01_212,16] Siehe, so Ich so scharf wäre,
wie du nun bist, da hätten gar viele eine Fastenstrafe, die heute doch essen,
obschon sie nicht gebetet haben!
[JJ.01_212,17] Ich möchte aber doch von dir
einmal vernehmen, warum und zu wem Ich so ganz eigentlich beten solle?!
[JJ.01_212,18] Und dann möchte Ich auch von
dir erfahren, zu wem du so ganz eigentlich betest in deinem Gebete, und zu wem
der arme Jakob hätte beten sollen? – !“
[JJ.01_212,19] Und Joseph sprach: „Zu Gott
dem Herrn, Deinem heiligen Vater mußt Du beten, darum Er heilig ist,
überheilig!“
[JJ.01_212,20] Und das Kindlein sprach: „Da
hast du freilich wohl recht;
[JJ.01_212,21] aber das Fatale an der Sache
ist nur das, daß du eben den Vater aller Heiligkeit nicht kennest, zu dem du
betest!
[JJ.01_212,22] Und diesen Vater wirst du noch
lange nicht erkennen, weil dich deine alte Gewohnheitsblende daran hindert!“
[JJ.01_212,23] Darauf sprach das Kindlein zum
Jakob: „Gehen wir nur hinaus, und du sollst sehen, daß man draußen im Freien
auch ohne Gebet etwas zu essen bekommen kann!“
[JJ.01_212,24] Darauf lief das Kindlein mit
Seinem Jakob hinaus und ließ Sich nicht zurückhalten.
[JJ.01_213] 213. Kapitel – Marias und des
Cyrenius Tadel gehen Joseph sehr zu Herzen. Er geht hinaus und ruft nach dem
Kindlein.
22. Mai 1844
[JJ.01_213,01] Als das Kindlein und der Jakob
aber draußen waren, da sagte die Maria zum Joseph:
[JJ.01_213,02] „Höre, du mein lieber Gemahl
und Vater Joseph! Manchmal bist du gegen das göttliche Kind denn doch etwas zu
scharf!
[JJ.01_213,03] Was könnte man denn sonst wohl
bei einem natürlichen Menschenkinde von zwei und eindrittel Jahren erwarten?
[JJ.01_213,04] Wer wohl würde es schon einer
so strengen Zucht unterziehen?
[JJ.01_213,05] Du aber bist gegen dies Kind
aller Kinder also zuchtstrenge, als wäre Es in Gott weiß was für einem reifen
Alter!
[JJ.01_213,06] Siehe, das kommt mir sehr
unbillig vor! – Hast du Es dann und wann auch über die Maßen lieb, so bist du
aber dennoch manchmal wieder so strenge gegen Dasselbe, als hättest du keine
Liebe zu Ihm!“
[JJ.01_213,07] In diesen Ton der Maria
stimmten auch sogleich Cyrenius, der Jonatha, die Tullia, die Eudokia und der
Maronius Pilla.
[JJ.01_213,08] Und der Cyrenius sagte extra
noch zum Joseph: „Freund! Ich weiß wirklich nicht, wie du mir manchmal
vorkommst!
[JJ.01_213,09] Einmal lehrst du mich im
Kindlein Selbst das allerhöchste Wesen Gottes erkennen, –
[JJ.01_213,10] gleich darauf verlangst du
wieder vom Kindlein, daß Es einen Gott anbeten solle!
[JJ.01_213,11] Sage mir, wie sich das zusammenreimt?
– Ist das Kindlein das Gottwesen Selbst, wie solle Es dann zu einem Gotte
beten? – Kommt dir nicht solche deine Forderung ein wenig unsinnig vor?
[JJ.01_213,12] Und ich setze den Fall, das
Kindlein wäre nicht Das, als was ich Es nun ganz ungezweifelt erkenne und
allzeit anbete,
[JJ.01_213,13] da, meine ich als ein wahrer
Kinderfreund, dürfte dein Begehren von einem Wiegenkinde denn doch etwas
töricht sein;
[JJ.01_213,14] denn wer wird da von einem
neun Vierteljahre alten Kinde ein strenges Gebet verlangen?
[JJ.01_213,15] Darum mußt du mir nun das
schon zugute halten, so ich als ein Heide dir sage:
[JJ.01_213,16] Freund, du mußt mit dreifacher
Blindheit geschlagen sein, wenn du das Kindlein nicht allzeit gleich zu
würdigen imstande bist! –
[JJ.01_213,17] Fürwahr, diesmal esse auch ich
keinen Bissen, so das Kindlein mit Seinem Jakob nicht hier an meiner Seite Sich
befinden wird!
[JJ.01_213,18] Ist es nicht lächerlich sogar,
so du um die Segnung der Speise Gott den Herrn anflehest und schaffst dann eben
denselben einen Gott und Herrn vom Tische weg, darum Er nicht gebetet hat nach
deiner angewohnten Art?!
[JJ.01_213,19] Darum fragte dich auch sicher
das Kindlein, zu wem Es so ganz eigentlich beten solle, und zu wem du betest,
und zu wem auch der Jakob hätte beten sollen.
[JJ.01_213,20] Du aber hast nach meinem
Dafürhalten nicht gemerkt, was das Kindlein dir dadurch hat sagen wollen!“
[JJ.01_213,21] Diese recht triftigen
Bemerkungen gingen dem Joseph sehr zu Herzen, und er ging hinaus, das Kindlein
samt dem Jakob zu holen.
[JJ.01_213,22] Aber er rief da den Jakob und
das Kindlein vergebens, denn die beiden hatten sich schnell entfernt; wohin
aber – das wußte niemand.
[JJ.01_214] 214. Kapitel – Josephs Söhne auf
der Suche nach dem Kindlein. Die geheime Stimme und ihre tröstenden Worte an
Joseph. Joseph folgt dem ihm entgegenkommenden Kindlein auf die Höhe des
Berges. Ein Querbalken aus Zedernholz als Tisch des Herrn, besetzt mit Lamm,
Wein und Brot. Das Mahl am Tische des Herrn. – „Das wahre Gebet ist die Liebe
zu Mir!“
23. Mai 1844
[JJ.01_214,01] Da aber dem Joseph darauf
bange ward, so berief er sobald die vier älteren Söhne und sagte zu ihnen:
[JJ.01_214,02] „Gehet und helfet mir suchen
das Kindlein und den Jakob; denn ich habe mich versündigt am Kinde, und es ist
mir gewaltig bange ums Herz!“
[JJ.01_214,03] Und die vier Söhne gingen
eilends aus nach allen Seiten und suchten das Kindlein bei einer Stunde lang,
fanden Es aber nirgends und kamen unverrichteterdinge nach Hause.
[JJ.01_214,04] Als der Joseph aber sah, daß
die vier Söhne allein nach Hause kamen, da ward es ihm gar sehr bange ums Herz,
daß er darob hinausging recht weit von der Villa und weinte dort recht
bitterlich über sein vermeintes Vergehen gegen das Kind.
[JJ.01_214,05] Als er aber also weinte, da
vernahm er eine Stimme, die zu ihm sprach:
[JJ.01_214,06] „Joseph! du Gerechter, weine
nicht, und lasse dich nicht beunruhigen von den Menschen in deinem Gemüte!
[JJ.01_214,07] Denn Ich, den du nun ängstlich
und voll bangen Gemütes suchest, bin dir näher, als du glaubst.
[JJ.01_214,08] Gehe aber in der Richtung
deines Angesichts vorwärts, und deine Augen werden Den erschauen, der nun zu
dir redet und den du suchest!“
[JJ.01_214,09] Auf diese wunderbaren Worte
erhob sich Joseph getröstet und ging eiligst vorwärts nach der Richtung seines
Angesichts, bei einer halben Stunde Feldweges.
[JJ.01_214,10] Und da er also ging, kam er an
einen bedeutenden Hügel, der eine Höhe von hundertundsiebenzig Klaftern hatte.
[JJ.01_214,11] Da dachte er und sprach bei
sich: „Solle ich auch auf diesen Hügel steigen bei dieser starken Hitze?“
[JJ.01_214,12] Und die Stimme sprach wieder:
„Ja, auch auf diesen Hügel mußt du gehen; denn auf der Höhe erst sollen deine
Augen den Herrn schauen, den du nicht gesehen hast, da Er bei dir zu Tische
saß!“
[JJ.01_214,13] Da der Joseph solches
vernommen hatte, da achtete er der großen Hitze nicht und ging eilig den Hügel
hinauf.
[JJ.01_214,14] Und als er nahe an den
Scheitel kam, da fand er diesen in dichte Nebel verhüllt und wunderte sich
sehr, daß ein so kleiner Berg in dieser Jahreszeit Nebel hatte; denn es war die
Zeit um die Ostern.
[JJ.01_214,15] Als er sich aber da also
wunderte, siehe, da kamen bald der Jakob und das Kindlein aus den Nebeln zum
Vorscheine, und das Kindlein sprach:
[JJ.01_214,16] „Joseph! scheue dich nicht,
und komme mit heiterem Gemüte mit Mir auf den Scheitel dieses Hügels,
[JJ.01_214,17] und überzeuge dich daselbst,
daß nun die Zeit noch nicht da ist, in der der Herr fasten solle darum, da Er
nicht gebetet hatte!
[JJ.01_214,18] Es wird wohl eine Zeit kommen,
in der der Herr fasten wird, aber jetzt ist sie noch nicht da. – Und so folge
Mir!“
[JJ.01_214,19] Und der Joseph folgte dem
Kindlein und kam bald auf die Höhe.
[JJ.01_214,20] Als er auf der Höhe sich
befand, da wichen die Nebel, und auf einem fein polierten Querbalken aus
Zedernholz befand sich ein gebratenes Lamm, ein Pokal voll köstlichen Weines
und ein Laib feinsten Weizenbrotes.
[JJ.01_214,21] Hier staunte Joseph über die
Maßen und sprach: „Aber woher habt ihr denn das alles genommen? – Haben das
euch die Engel gebracht, oder hast Du, o Herr, es geschaffen?“
[JJ.01_214,22] Und das Kindlein schaute zur
Sonne und sprach: „Joseph, siehe, auch diese Leuchte der Erde speiset an Meinem
Tische!
[JJ.01_214,23] Und Ich sage dir: sie braucht
in einer Stunde mehr, als wie groß diese Erde ist, die dich trägt, und siehe,
sie hat noch nie Hunger und Durst gelitten! – Und solche Kostgänger habe Ich
zahllos viele und noch endlos größere!
[JJ.01_214,24] Meinst du wohl, daß Ich dann
fasten werde, wenn du Mich vom Tische schaffst, so Ich Mich Selbst nicht
anbeten will zur Unzeit?
[JJ.01_214,25] O siehe, des hat der Herr
nicht vonnöten! – Komme aber nun du an Meinen Tisch und speise mit Mir; aber
diesmal ohne dein angewohntes Gebet!
[JJ.01_214,26] Denn das wahre Gebet ist die
Liebe zu Mir; hast du diese, dann kannst du deinen Lippen allzeit die Mühe
ersparen!“ – Und der Joseph ging hinzu und aß und trank am wahren Tische des
Herrn und fand die Speise gar himmlisch wohlschmeckend.
[JJ.01_215] 215. Kapitel – Der kreuztragende
Joseph. Des Kindleins Evangelium vom Kreuz.
24. Mai 1844
[JJ.01_215,01] Nach dieser himmlischen
Mahlzeit auf dem kleinen Berge sagte der Joseph zum Kindlein:
[JJ.01_215,02] „Mein Herr und mein Gott! Ich
armer alter Greis bitte Dich, vergebe mir, so ich Dich doch sicher beleidiget
habe, und kehre wieder mit mir in das Haus zurück!
[JJ.01_215,03] Denn ohne Dich kann ich nun
nimmer zurückkehren; kehre ich aber ohne Dich zurück, so werden dann alle gar
bitter wider mich ziehen und werden mich strafen mit harten Worten!“
[JJ.01_215,04] Und das Kindlein sprach: „Ja,
ja, Ich gehe ja wohl mit dir; denn hier werde Ich nicht eine Wohnstätte aufrichten
und bleiben allda!
[JJ.01_215,05] Aber eines verlange Ich von
dir, und das bestehet darin, daß du diesen Meinen Tisch auf deine Achseln
nimmst und ihn tragest vor Mir nach Hause!
[JJ.01_215,06] Scheue aber nicht dessen Last;
denn die wird dich wohl ein wenig drücken, aber nicht beugen und noch weniger
schwächen!“
[JJ.01_215,07] Auf diese Worte nahm Joseph
das schöne Kreuz und Jakob die Überbleibsel von der Mahlzeit und traten also
mit dem Kindlein in der Mitte den Rückweg an.
[JJ.01_215,08] Nach einer Weile sprach Joseph
zum Kindlein: „Höre, Du mein geliebtester Jesus! Das Kreuz ist denn doch recht
schwer, – könnten wir denn nicht ein wenig rasten?“
[JJ.01_215,09] Und das Kindlein sprach:
„Joseph, du hast schon größere Lasten als Zimmermann getragen, die dir nicht
Ich auferlegt habe;
[JJ.01_215,10] und siehe, da mochtest du dir
keine Rast eher gönnen, als bis du die Last an ihren Ort befördert hattest!
[JJ.01_215,11] Nun trägst du zum ersten Male
nur eine kleine Last für Mich und willst dir schon nach tausend Schritten eine
Rast nehmen!?
[JJ.01_215,12] O Joseph! – trage, trage Meine
leichte Last ohne Rast, so wirst du einst in Meinem Reiche den rechten Lohn
finden!
[JJ.01_215,13] Siehe, an diesem Kreuze wirst
du Meiner Bürde gewahr, und es wird dir durch seinen kleinen Druck sagen, was
Ich auf der Welt dir bin!
[JJ.01_215,14] Aber wenn du diese Welt in
Meinen Armen verlassen wirst, dann wird dir dieses Kreuz zu einem feurigen
Eliaswagen werden, in dem du seligst vor Mir aufwärts fahren wirst!“
[JJ.01_215,15] Nach diesen Worten küßte der
alte Joseph das ziemlich schwere Kreuz und trug es ohne Rast weiter;
[JJ.01_215,16] und es kam ihm nimmer so
schwer vor, daß er es dann leicht ganz bis zur Villa brachte.
[JJ.01_215,17] Es war aber bei der Villa
alles in der gespanntesten Erwartung, und das voll großer Ängstlichkeit, von
welcher Seite etwa der Joseph mit dem Kindlein und mit dem Jakob zurückkommen
möchte.
[JJ.01_215,18] Als aber nun die Maria, der
Cyrenius und die andern endlich einmal der drei Kommenden ansichtig wurden, da
war es aus!
[JJ.01_215,19] Alles lief ihnen mit offenen
Armen entgegen, und die Maria erfaßte sogleich das Kindlein und herzete Es mit
krampfhafter Liebe.
[JJ.01_215,20] Cyrenius aber verwunderte sich
über Joseph, wie dieser einen Galgen als ein Symbol der höchsten Schande und
Schmach da auf seinen Achseln nach Hause schleppen mochte.
[JJ.01_215,21] Und das Kindlein auf den Armen
der Mutter richtete Sich auf und sagte zum Cyrenius:
[JJ.01_215,22] „Wahrlich, wahrlich! – dieses
Zeichen der größten Schmach wird zum Zeichen der höchsten Ehre werden!
[JJ.01_215,23] Wenn du es nicht also tragen
wirst nach Mir, wie es nun der Joseph trägt, da wirst du nicht kommen in Mein
Reich dereinst!“ – Diese Worte brachten den Cyrenius zum Schweigen, und er
fragte darauf nicht weiter über die Bürde Josephs.
[JJ.01_216] 216. Kapitel – Kalter Fisch mit
Öl und Zitronensaft. Der Grund für die Mosaische Speisevorschrift. „Nun aber
heißt es und wird allzeit heißen fürder: Der Herr ist der beste Koch!“
25. Mai 1844
[JJ.01_216,01] Darauf begab sich alles wieder
ins Haus und allda nach dem Willen des Kindleins zum Tische.
[JJ.01_216,02] Denn es hatte noch keiner von
den Hauptgästen irgendeinen Bissen in den Mund gesteckt; die drei großen Fische
lagen noch fast ganz unangetastet da.
[JJ.01_216,03] Da aber während des Suchens
des Kindleins mehrere Stunden vergingen und der Tag dem Abende nahe war,
[JJ.01_216,04] da wurden natürlich die Fische
auch kalt, in welchem Zustande sie von den Juden zumeist nicht genossen werden
durften.
[JJ.01_216,05] Da aber die Sonne dennoch
nicht untergegangen war, so durften die Fische wohl noch genossen werden; nur
mußten sie frisch wieder übers Feuer gebracht und wohl erwärmt werden.
[JJ.01_216,06] Darum berief Joseph sogleich
seine vier Köche und befahl ihnen, die Fische wieder zu überbraten.
[JJ.01_216,07] Das Kindlein aber sprach:
„Joseph, lasse diese Arbeit gut sein; denn von nun an sollen auch die Fische
kalt genossen werden, wenn sie nur gebraten sind zuvor!
[JJ.01_216,08] Lasse aber anstatt des
Wiederbratens Zitronen und gutes Öl bringen,
[JJ.01_216,09] und diese Fische werden also
besser schmecken, als so sie wieder gebraten würden!“
[JJ.01_216,10] Joseph befolgte sogleich den Rat
des Kindleins und ließ bringen einen ganzen Korb Zitronen und ein tüchtiges
Gefäß voll frischen Öles.
[JJ.01_216,11] Und alle Gäste waren auf diese
neue Kost lüstern, wie sie etwa doch schmecken werde.
[JJ.01_216,12] Cyrenius war der erste, der
sich ein recht tüchtiges Stück vom Fische nahm und gab darauf Öl und den Saft
einer Zitrone.
[JJ.01_216,13] Und als er zu essen begann, da
konnte er nicht genug rühmen den Wohlgeschmack des also zubereiteten Fisches.
[JJ.01_216,14] Auf solche Erfahrung des
Statthalters griffen dann auch die andern Gäste zu, und allen schmeckte diese
Kost so wohl, daß sie sich nicht genug darüber verwundern konnten.
[JJ.01_216,15] Als Joseph selbst eine recht
ansehnliche Probe davon gemacht hatte, da sprach er:
[JJ.01_216,16] „Fürwahr! Wenn Moses je einen
also zubereiteten Fisch genossen hätte, da hätte er diese Kost sicher auch in
seine Diät aufgenommen!
[JJ.01_216,17] Aber er mußte eben in der
Küche nicht so wohl bewandert gewesen sein wie Du, mein allerliebster Jesus!“
[JJ.01_216,18] Hier lächelte das Kindlein
recht herzlich und sprach gar freundlich:
[JJ.01_216,19] „Mein lieber Vater Joseph, der
Grund liegt darin:
[JJ.01_216,20] Unter Moses in der Wüste hieß
es: Der Hunger ist der beste Koch! – und das Volk hätte zu seinem Verderben oft
rohes Fleisch gegessen aus Hunger;
[JJ.01_216,21] darum mußte Moses eine solche
Diät vorschreiben, und die Speisen mußten frisch und warm genossen werden.
[JJ.01_216,22] Nun aber heißt es und wird
allzeit heißen fürder: Der Herr ist der beste Koch! – und da kann man dann
schon auch einen kalten Fisch mit Zitronen und Öl genießen.
[JJ.01_216,23] Und das darum, weil der kalte,
aber doch gut gebratene Fisch gleich ist dem Zustande der Heiden, der
Zitronensaft gleich der sie einenden und zusammenziehenden Kraft aus Mir, und
das Öl gleich Meinem Worte an sie. – Verstehst du nun, warum der Fisch also
besser schmeckt?“ – Alles ward darob bis zu Tränen gerührt und wunderte sich
hoch über des Kindes Weisheit.
[JJ.01_217] 217. Kapitel – Warum das
Mittelländische Meer mit Recht als ,Mittelmeer‘ bezeichnet werden kann. „...
denn die wahre Mitte ist da, wo der Herr ist!“
28. Mai 1844
[JJ.01_217,01] Als sich aber alle an den
kalten Fischen gesättigt hatten, da erhoben sie sich, dankten dem Joseph für
dieses gute Mahl und begaben sich dann ins Freie; denn die Sonne war noch nicht
völlig untergegangen.
[JJ.01_217,02] Als die meisten Gäste aus dem
Gefolge des Cyrenius draußen waren, da sprach das Kindlein zu ihm:
[JJ.01_217,03] „Cyrenius! – erinnerst du dich
nicht mehr, was du Mich draußen an der Brandstätte gefragt hast, da Ich die
Fische des Mittelmeeres angelobt habe, wie sie gut und köstlich sind?“
[JJ.01_217,04] Der Cyrenius dachte hier ein
wenig nach, fand aber seine Frage nicht wieder in seiner Erinnerung.
[JJ.01_217,05] Er sprach darum zum Kindlein:
„O Du mein Herr, Du mein Leben! – vergebe mir, ich muß es vor Dir gestehen, daß
ich dieselbe ganz rein vergessen habe!“
[JJ.01_217,06] Hier lächelte das Kindlein
wieder und sagte voll Sanftmut zum etwas verlegenen Cyrenius:
[JJ.01_217,07] „Hast du Mich nicht gefragt,
ob das Mittelmeer wohl wirklich in der Mitte der Erde sei?
[JJ.01_217,08] Ich aber beschied dich auf die
kleine Erdkugel, auf der du nachsehen sollest und dich überzeugen, ob dieses
Meer wohl wirklich in der Mitte der Erde sich befinde.
[JJ.01_217,09] Nun siehe, jetzt hätten wir ja
die schönste Zeit dazu, diese Sache abzumachen!
[JJ.01_217,10] Darum nehme die kleine Erde
zur Hand und hole dir die Antwort auf deine Frage!“
[JJ.01_217,11] Und der Cyrenius sprach: „Ja –
bei meiner armen Seele, dies hätte ich sicher ganz vollkommen vergessen, so Du,
o Herr, mich nun nicht daran gemahnt hättest!“
[JJ.01_217,12] Hier sprang sogleich der Jakob
ins Nebengemach und brachte die kleine Erde dem Cyrenius.
[JJ.01_217,13] Dieser aber suchte dann
sogleich das Mittelmeer und fand es auch bald.
[JJ.01_217,14] Als er aber nun mit seinem
Finger auf das Mittelmeer wies, da fragte ihn das Kindlein:
[JJ.01_217,15] „Cyrenius, ist das wohl der
Erde Mitte? – oder wie findest du die Sache?“
[JJ.01_217,16] Und der Cyrenius sprach: „Ich
bin wohl ein tüchtiger Rechner nach Euklides und Ptolemäus (Lagos König in
Ägypten)
[JJ.01_217,17] und weiß daher aus der
Planimetrie, daß auf einer Kugeloberfläche darum ein jeder beliebig angegebene
Punkt in der Mitte der Oberfläche ist, weil er fürs erste mit dem Mittelpunkte
der Kugel in der genauesten Korrespondenz steht,
[JJ.01_217,18] und weil von ihm aus bis zu
seinem Gegensatze alle ausgehenden Linien von gleicher Beugung und Dimension
sind.
[JJ.01_217,19] Nach diesem Grundsatze kann
dies Meer gleichwohl das ,Mittelmeer‘ heißen.
[JJ.01_217,20] Aber ich finde dann freilich
auch, daß da ein jedes Meer unter demselben Verhältnisse steht und ebensogut ein
Mittelmeer sein kann.“
[JJ.01_217,21] Und das Kindlein sprach: „Da
hast du wohl recht; aber dennoch passen die Euklidischen Verhältnisse nicht
hin,
[JJ.01_217,22] und dieses Meer kann dennoch
ausschließlich ein Mittelmeer heißen,
[JJ.01_217,23] denn die wahre Mitte ist da,
wo der Herr ist!
[JJ.01_217,24] Siehe, der Herr aber ist nun
da an diesem Meere, und so ist auch da des Meeres Mitte!
[JJ.01_217,25] Siehe, das ist eine andere
Berechnung, von der dem Euklid nichts geträumt hatte, und sie ist richtiger als
die seine!“
[JJ.01_217,26] Diese Erklärung weckte den
Cyrenius gewaltig, und er forschte dann weiter.
[JJ.01_218] 218. Kapitel – Alles hat seine
gottgewollte Zeit und Ordnung. Zeit und Ewigkeit. Vom eitlen Forschen in
göttlichen Tiefen und von der kindlichen Einfalt als Weg zur wahren Weisheit.
29. Mai 1844
[JJ.01_218,01] Es bemerkte aber das Kindlein
dem Cyrenius, da dieser anfing sich in weitere Forschungen einzulassen:
[JJ.01_218,02] „Cyrenius, du forschest
umsonst weiter und möchtest sogleich die ganze Hand haben, wo Ich dir einen
Finger gezeigt habe!
[JJ.01_218,03] Siehe, das geht nicht an; denn
alles braucht seine Zeit und seine feste unwandelbare Ordnung!
[JJ.01_218,04] Wenn du einen Baum blühen
siehst, da möchtest du freilich auch schon die reife Frucht haben.
[JJ.01_218,05] Aber siehe, das geht nicht;
denn ein jeglicher Baum hat seine Zeit und seine Ordnung!
[JJ.01_218,06] Die Zeit und die Ordnung aber
ist aus Mir von Ewigkeit, und so kann Ich nicht wider Mich ziehen;
[JJ.01_218,07] daher kann auch von der Zeit
und von der Ordnung nichts vergeben werden!
[JJ.01_218,08] Ich liebe dich wohl mit aller
Fülle Meiner göttlichen Kraft; aber darum kann Ich dir doch keine Minute von
der flüchtigen Zeit schenken;
[JJ.01_218,09] denn diese muß fortfließen wie
ein Strom und ist unaufhaltsam und hat keine Ruhe eher, als bis sie die großen
Ufer der unwandelbaren Ewigkeit erreicht hat!
[JJ.01_218,10] Daher ist dein weiteres
Forschen in Meine Tiefen etwas eitel.
[JJ.01_218,11] Denn du wirst auf solchem Wege
Meinen Tiefen dennoch nicht eher um ein Haar näherkommen, als bis es an der
Zeit sein wird!
[JJ.01_218,12] Darum lasse ab von derlei
Forschungen, und mühe deinen Geist nicht vergeblich ab; denn zur rechten Zeit
solle dir alles frei aus Mir werden!
[JJ.01_218,13] Du möchtest nun in der Tiefe
begreifen, warum da die Mitte ist, da Ich bin?!
[JJ.01_218,14] Ich sage dir aber: Solches
kannst du nun noch nicht begreifen; darum sollst du vorerst glauben und im
Glauben die wahre Demut deines Geistes erweisen.
[JJ.01_218,15] Wird dein Geist erst durch die
wahre Demut die rechte Tiefe in sich erreicht haben, dann wirst du auch aus
dieser Tiefe in Meine Tiefen helle Blicke tun können.
[JJ.01_218,16] Wenn du aber forschend deinen
Geist erheben wirst, dann wird dieser seine lebendige Tiefe stets mehr und mehr
verlassen, und du wirst dich dadurch von Meinen Tiefen entfernen und dich ihnen
nicht nahen!
[JJ.01_218,17] Ja – Ich sage dir noch hinzu:
Von nun an solle alle tiefe Weisheit vor den Weisen der Welt verborgen bleiben;
[JJ.01_218,18] aber den Einfältigen, den
schwachen Kindern und Waisen solle sie ins Herz gelegt werden!
[JJ.01_218,19] Darum werde du ein Kind in
deinem Gemüte, und es wird dann die rechte Zeit für dich sein, die rechte
Weisheit zu überkommen!“
[JJ.01_218,20] Der Cyrenius staunte ganz
gewaltig über diese Lehre und fragte dann das Kindlein, sagend nämlich:
[JJ.01_218,21] „Ja – wenn also, da darf dann
ja kein Mensch mehr die Schrift lesen lernen und eine Schrift selbst
schreiben!?
[JJ.01_218,22] Denn so Du das alles dem
Würdigen frei gibst, wozu dann das mühsame Lernen?“
[JJ.01_218,23] Und das Kindlein sprach:
„Durch ein rechtes und demütiges Lernen wird der Acker für die Weisheit
gedüngt, und das ist auch in Meiner Ordnung.
[JJ.01_218,24] Aber du mußt das Lernen nicht
als den Zweck oder für die Weisheit selbst ansehen, sondern nur als ein Mittel!
[JJ.01_218,25] Wann aber der Acker gedüngt
sein wird, dann werde schon Ich den Samen streuen, woraus dann erst die rechte
Weisheit hervorsprossen wird! Verstehest du solches?“ – Hier schwieg Cyrenius
und forschte nicht mehr weiter. – –
[JJ.01_219] 219. Kapitel – Das auferlegte
Kreuz als Ausdruck der Liebe Gottes zu den Menschen.
30. Mai 1844
[JJ.01_219,01] Nach dieser höchst lehrreichen
Unterredung des Kindleins mit dem Cyrenius aber wandte sich auch der Joseph an
das Kindlein und fragte Es, was da nun mit dem nach Hause gebrachten Kreuze
geschehen solle.
[JJ.01_219,02] Und das Kindlein sprach:
„Joseph! – Ich sage dir, das hat schon seinen Mann und seinen Platz gefunden!
[JJ.01_219,03] Saget doch auch ihr zu einem
Kaufmann: ,Du hast eine gute Ware, diese wirst du nicht lange besitzen;
[JJ.01_219,04] denn für die wird sich wohl
bald irgendwo ein kauflustiger Käufer finden!‘
[JJ.01_219,05] Und siehe, so ein Kaufmann bin
Ich auch! – Ich habe eine gute Ware gebracht zum freien Verkaufe.
[JJ.01_219,06] Und es hat sich auch schon ein
Käufer eingefunden und hat es durch seine Liebe zu Mir an sich gekauft;
[JJ.01_219,07] und der Käufer ist Jonatha,
der starke Fischer!
[JJ.01_219,08] Solle er für seine vielen
Fische denn nichts haben, mit denen er uns so oft schon reichlich versehen
hat?!
[JJ.01_219,09] Eine Hand wäscht die andere.
Wer Wasser reicht, dem solle wieder Wasser gereicht werden.
[JJ.01_219,10] Wer da Öl reicht, dem solle
auch wieder reichlich Öl werden.
[JJ.01_219,11] Wer da tröstet, dem solle auch
ein Trost werden für ewig.
[JJ.01_219,12] Wer aber Liebe reicht, dem
solle auch wieder Liebe werden.
[JJ.01_219,13] Jonatha aber hat Mir alle
seine Liebe gegeben; also gab Ich ihm denn in dem Kreuze auch Meine Liebe!
[JJ.01_219,14] Ihr habt Mir zwar wohl auch
Liebe im Wasser und Öle gegeben;
[JJ.01_219,15] aber Ich sage dir: pure Liebe
ist Mir denn doch lieber, als die mit Wasser und Öle!
[JJ.01_219,16] Das Kreuz aber ist nun zu
Meiner puren Liebe geworden!
[JJ.01_219,17] Darum gab Ich es dem Jonatha,
weil dieser eine pure Liebe zu Mir hat;
[JJ.01_219,18] denn er allein liebt Mich
Meiner Selbst willen, und das ist pure Liebe!
[JJ.01_219,19] Er liebte Mich, ohne zu
wissen, Wer Ich bin; ihr aber liebtet Mich weniger, da ihr doch wußtet, Wer Ich
so ganz eigentlich bin.
[JJ.01_219,20] Und siehe, das war eine Liebe
mit recht viel Wasser! – Darum sollet ihr auch nie einen Wassermangel leiden –
in euren Augen nämlich auf dieser Welt.
[JJ.01_219,21] Cyrenius liebte Mich mit Öl;
darum solle er auch dereinst mit dem Öle des Lebens gesalbet werden, wie ihr
getränket mit dem Wasser des Lebens.
[JJ.01_219,22] Aber vollends in Meinem
Gemache sollen nur die dereinst wohnen, die Mich pur lieben!“
[JJ.01_219,23] Diese Rede des Kindleins
brachte den Joseph in eine tüchtige Angst, und der Cyrenius selbst machte große
Augen.
[JJ.01_219,24] Das Kindlein aber sprach: „Ihr
sollet aber darum doch nicht meinen, daß Ich euch das Kreuz vorenthalten werde,
– denn wer da haben wird ein freies Herz, der solle auch das freie Kreuz
überkommen!“ – Dieser Bescheid beruhigte wieder das Gemüt des Joseph und des
Cyrenius.
[JJ.01_220] 220. Kapitel – Jonathas Tränen
und heilige Liebe zum Herrn. Ein jeder Mensch wird geheiligt und ganz neu
geboren durch die Liebe zu Gott in seinem Herzen. Denn: „Ist die Liebe zu Mir
nicht heilig in sich, wie Ich Selbst in Meinem Göttlichen es bin?“
31. Mai 1844
[JJ.01_220,01] Bei dieser Rede des Kindleins
aber fiel Jonatha, von seinem heißen Liebegefühle gedrungen, vor dem Kindlein
nieder und weinte aus zu großer Freude und Dankbarkeit.
[JJ.01_220,02] Das Kindlein aber sprach zu
den andern: „Sehet ihr, wie mächtig da ist des Jonatha Liebe zu Mir? –
[JJ.01_220,03] Wahrlich sage Ich euch, aus
einer jeden Träne, die nun seinen Augen entstürzt, solle einst eine Welt für
ihn in Meinem Reiche werden!
[JJ.01_220,04] Ich habe euch zwar schon den
Wert und den Unterschied der Tränen gezeigt; aber hier sage Ich euch noch
einmal hinzu:
[JJ.01_220,05] Keine Träne ist größer vor Mir
als die allein, die der Träne des Jonatha gleicht!“
[JJ.01_220,06] Bei diesen Worten des
Kindleins ermannte sich der große Jonatha und sprach:
[JJ.01_220,07] „O Du allmächtiger Herr meines
Lebens! Wie bin ich – ein großer Sünder – wohl solcher endlosen Gnade und
Erbarmung von Dir würdig?!“
[JJ.01_220,08] Das Kindlein aber sagte:
„Jonatha, frage dich, wie du Mich denn wohl also mächtig lieben kannst in
deinem Herzen, so du ein so großer Sünder bist?
[JJ.01_220,09] Ist die Liebe zu Mir nicht
heilig in sich, wie Ich Selbst in Meinem Göttlichen es bin?
[JJ.01_220,10] Wie wohl magst du als ein so
großer Sünder solche heilige Liebe ertragen in deinem Herzen?
[JJ.01_220,11] Wird denn nicht ein jeder
Mensch geheiligt und ganz neu geboren durch die Liebe zu Gott in seinem Herzen?
[JJ.01_220,12] So du aber voll von dieser
Liebe bist, sage, was ist demnach in dir, das du Sünde nennest?
[JJ.01_220,13] Siehe, eines jeden Menschen
Fleisch ist wohl eine Sünde in sich; darum muß auch eines jeden Menschen
Fleisch sterben!
[JJ.01_220,14] Ja, Ich sage dir, sogar dieses
Fleisch Meines Leibes ist unter der Sünde Sold und wird darum auch gleich dem
deinigen absterben müssen!
[JJ.01_220,15] Aber diese Sünde ist ja keine
freiwillige, sondern nur eine gerichtete und steht für deinen freien Geist in
keiner Rechnung.
[JJ.01_220,16] Darum wird dein Wert nicht
nach deinem Fleische, sondern lediglich nur nach deiner freien Liebe bestimmt.
[JJ.01_220,17] Und es wird dereinst nicht
heißen: Wie war dein Leib, sondern – wie war deine Liebe?!
[JJ.01_220,18] Siehe, so du einen Stein
wirfst in die Höhe, da bleibt er aber dennoch nicht in der Höhe, sondern er
fällt bald wieder herab zur Erde.
[JJ.01_220,19] Warum denn? – Weil die Materie
der Erde ihn als eine gerichtete Liebe, von der er selbst voll ist, anzieht.
[JJ.01_220,20] Warum aber fallen die Wolken
und die Sterne nicht vom Himmel? – Siehe, darum, weil sie des Himmels Liebe
anzieht!
[JJ.01_220,21] Nun, so dein Herz aber voll
Liebe ist zu Gott, dem ewig Lebendigen, wohin wohl wird dich diese allein
freie, selbst lebendige Liebe ziehen?“
[JJ.01_220,22] Diese letzte Frage erfüllte
alle Anwesenden mit der größten Wonne, und sie wußten nun alle, wie sie daran
waren. – –
[JJ.01_221] 221. Kapitel – Ein Mittel gegen
die Insektenplage. Ein Komet.
1. Juni 1844
[JJ.01_221,01] Nach dieser Berichtigung des
Jonatha, wie auch der andern, die hier zugegen waren, sagte der Joseph:
[JJ.01_221,02] „Freunde, der Abend ist schön;
wie wäre es denn, so wir vor der Nachtruhe noch auf eine Stunde hinaus ins
Freie uns begeben möchten?
[JJ.01_221,03] Denn hier in den Zimmern ist
es nun ganz gewaltig schwül;
[JJ.01_221,04] und geht man in solcher
Schwüle zu Bette, da kann man weder schlafen noch ruhen!“
[JJ.01_221,05] Und das Kindlein sprach:
„Joseph, dieser Meinung bin Ich auch; aber nur sollten draußen nicht so viele
lästige Insekten herumsumsen, da wäre es an den Abenden draußen noch angenehmer
zu sein!“
[JJ.01_221,06] Und der Joseph sprach: „Ja, Du
mein Leben, da hast Du wohl sehr recht!
[JJ.01_221,07] Wenn es nur da ein Mittel
gäbe, um durch selbes nicht wider Deine Ordnung diesen lästigen Kleingästen
einen Abschied geben zu können, so wäre das nicht selten äußerst
wünschenswert!“
[JJ.01_221,08] Und das Kindlein sprach: „Oh,
ein solches Mittel wird sich wohl bald finden lassen!
[JJ.01_221,09] Gehe und nehme eine Schüssel
voll warmer Kuhmilch und stelle sie hinaus, und du wirst es sehen, wie alle
diese tausend und tausend lästigen Kleingäste die Schüssel umlagern werden –
und werden uns Ruhe gönnen!“
[JJ.01_221,10] Joseph befahl sogleich seinen
Söhnen, eine Schüssel warmer Milch hinauszustellen.
[JJ.01_221,11] Und die Söhne Josephs taten
sogleich, was ihnen der Joseph geboten hatte.
[JJ.01_221,12] Und wie die Schüssel mit
warmer Milch sich im Freien befand, da entdeckte man in dem matten
Abenddämmerungslichte bald einen immensen Schwarm von allerlei Stechinsekten
über der Milchschüssel.
[JJ.01_221,13] Und alles wunderte sich über
diese Erfindung, durch welche Millionen von Gelsen und Schnaken auf einen Punkt
sich zusammenzogen und dort einen förmlichen Milchkrieg miteinander führten.
[JJ.01_221,14] Und der Cyrenius sagte:
„Siehe, wie einfach und zweckmäßig doch ist die Vorrichtung!
[JJ.01_221,15] Eine kaum zu beachtende
Schüssel voll warmer Milch befreit uns von der lästigen Insektenplage!
[JJ.01_221,16] Fürwahr, das soll auch
sogleich in Tyrus ins Werk gesetzt werden!
[JJ.01_221,17] Denn auch dort belästigen zur
Abendzeit Millionen solcher Tiere die Menschen.“
[JJ.01_221,18] Und das Kindlein sprach: „Das
Mittel ist wohl recht gut, aber überall wird es nicht mit Erfolg angewendet
werden können;
[JJ.01_221,19] denn es sind nicht überall
dieselben Verhältnisse, –
[JJ.01_221,20] und solche Verhältnisse, wie
sie nun hier stattfinden, möchten wohl sonst nirgends vorhanden sein!
[JJ.01_221,21] Daher wirkt auch nur hier
dieses Mittel also ausgezeichnet. Wo aber diese Verhältnisse nicht stattfinden,
da wird auch das Mittel nicht also wirken.
[JJ.01_221,22] Doch nun sehe zum Himmel
empor, und du wirst einen Kometen entdecken!“ – Hier sah der Cyrenius aufwärts
und ersah sobald einen starken Kometen.
[JJ.01_222] 222. Kapitel – Ein Gespräch über
die Kometen als Unglücks- und Kriegsboten.
3. Juni 1844
[JJ.01_222,01] Als der Cyrenius aber den
starken Kometen so recht beschauet hatte, da sprach er:
[JJ.01_222,02] „Fürwahr, ein sonderbarer
Stern! – Es ist der erste, den ich sehe;
[JJ.01_222,03] gehört habe ich wohl schon
öfter von diesen mythischen Unglücksboten am Himmel.“
[JJ.01_222,04] Auf diese Bemerkung des
Cyrenius kam auch der Maronius Pilla herbei und sagte:
[JJ.01_222,05] „Da sieh einmal hin! Der
Tempel des Janus ist kaum sieben Jahre geschlossen, und alles sagte:
[JJ.01_222,06] ,Nun wird Rom einen ewigen
Frieden bekommen!‘, denn so lange sei dieser Tempel noch nicht geschlossen
gewesen!
[JJ.01_222,07] Da haben wir aber nun schon
das entsetzliche Zeichen vor unseren Augen, daß der Janustempel gar bald wieder
erschlossen wird,
[JJ.01_222,08] und daß es auf den großen
Marsfeldern gar lebendig wird zuzugehen beginnen!“
[JJ.01_222,09] Joseph aber fragte den
Maronius Pilla, ob er denn wohl im Ernste so einen Schweifstern für einen
Kriegsboten halte.
[JJ.01_222,10] Und der Maronius sprach ganz
ernstlich: „O Freund, das ist eine eherne Wahrheit! – Ich sage dir: Krieg über
Krieg!“
[JJ.01_222,11] Und der Cyrenius sprach dazu:
„Nun sind die zwei Rechten einmal beisammen!
[JJ.01_222,12] Joseph hängt noch immer
mächtig an seinem Moses, und Maronius Pilla kann seines altheidnischen
Aberglaubens nicht ledig werden!“
[JJ.01_222,13] Joseph aber sprach:
„Hochschätzbarster Bruder und Freund Cyrenius! Ich aber meine, Moses ist doch
immerhin besser als der Janustempel in Rom!“
[JJ.01_222,14] Und der Cyrenius sprach:
„Allerdings! – Aber so man den Herrn Selbst, den Jehova Selbst in Seiner Fülle
hat, da meine ich, sollen Moses wie der dumme Janus so hübsch in den
Hintergrund treten, und das ein für alle Male!
[JJ.01_222,15] Der Komet scheint laut alten,
ungegründeten Sagen wohl ein Unglücksbote zu sein;
[JJ.01_222,16] aber ich glaube, unser Herr
und allerliebster Jesus in Seiner Gottheit Fülle wird auch ein Herr über diesen
mutmaßlichen Herrn des Unglücks sein! Bist du nicht meiner Meinung?“
[JJ.01_222,17] Und der Joseph sprach: „Das
sicher; aber darum ist Moses doch nicht mit dem Janus Roms zu vergleichen, auch
nicht in dieser Gegenwart des Herrn!“
[JJ.01_222,18] Und der Cyrenius sprach: „Das
will ich auch nicht; aber so ich den Herrn habe, dann sind wenigstens mir Moses
und Janus gleich!“
[JJ.01_222,19] Hier sprach das Kindlein zum
Cyrenius: „Bei dem bleibe du!
[JJ.01_222,20] Denn wahrlich, wo es sich um
die Unendlichkeit handelt, da schwinden alle Größen, und die Null zählt soviel
wie eine Million!“
[JJ.01_222,21] Diese Antwort des Kindleins
gab dem Joseph einen kleinen Stoß, und er hielt darauf dem Moses kein Vorwort
mehr vor dem Cyrenius.
[JJ.01_223] 223. Kapitel – Ein
Anschauungsunterricht über das Wesen der Kometen am Beispiel einer
Milchschüssel.
4. Juni 1844
[JJ.01_223,01] Darauf aber kam der bei
solchen Gelegenheiten allzeit stark nach dem Grunde forschende Jonatha zum
Joseph und sprach:
[JJ.01_223,02] „Bruder, da wäre schon wieder
so etwas, wo uns der Herr, wie letzthin bei der Mondesfinsternis, aus dem
Traume helfen könnte!
[JJ.01_223,03] Was meinst du, so wir Ihn
darum frageten, würde Er uns darüber wohl einen Aufschluß geben?“
[JJ.01_223,04] Und der Joseph sprach: „Mein
lieber Bruder Jonatha, da kommt es nur auf eine Probe an!
[JJ.01_223,05] Wer fest dem Herrn traut, der
hat auf guten Grund gebaut.
[JJ.01_223,06] Gehe hin zum Kindlein, das
Sich nun im Schoße Mariens befindet, und frage Es,
[JJ.01_223,07] und es wird sich wohl zeigen,
was du für eine Antwort auf deine Frage bekommen wirst!“
[JJ.01_223,08] Auf diese Worte Josephs begab
sich der Jonatha sogleich in aller Liebe und Demut zum Kindlein und wollte
fragen.
[JJ.01_223,09] Aber das Kindlein kam dem
Jonatha zuvor und sprach:
[JJ.01_223,10] „Jonatha, Ich weiß schon, was
du willst; aber das ist nicht für dich!
[JJ.01_223,11] Gehe aber ins Haus, und nehme
eine kleine Fackel,
[JJ.01_223,12] zünde sie an, und gehe dann
mit der brennenden Fackel hin zur Milchschüssel, die da den Gelsen und Schnaken
ist gestellt worden,
[JJ.01_223,13] und Ich sage dir, du wirst da
auch einen Kometen samt seiner Grundnatur erschauen!“
[JJ.01_223,14] Jonatha tat hier sogleich, was
ihm das Kindlein geraten hatte.
[JJ.01_223,15] Und siehe, als er mit der
brennenden Fackel der Milchschüssel in die Nähe kam, über der Millionen von
Mücklein, Gelsen und Schnaken kreisend herumschwirrten,
[JJ.01_223,16] da entdeckte er auch im Ernste
einen mehrere Klafter langen schimmernden Schweif, der natürlich aus den
fliegenden Insekten bestand,
[JJ.01_223,17] zu welchem Schweife die
Milchschüssel den Kopf bildete.
[JJ.01_223,18] Dieses Phänomen wurde auch von
vielen anderen Personen entdeckt,
[JJ.01_223,19] und alle staunten über die
Ähnlichkeit dieser gemachten Erscheinung mit dem Kometen am Himmel.
[JJ.01_223,20] Und der Jonatha ging hin zum
Kindlein und fragte Es, wie er nun das nehmen solle.
[JJ.01_223,21] Und das Kindlein sprach:
„Vorderhand also, wie du es gesehen hast! Das Geheimnis aber dürfen nicht alle
erfahren;
[JJ.01_223,22] daher begnüge dich einstweilen
mit dem! Morgen wird auch ein Tag sein.“
[JJ.01_224] 224. Kapitel – Entsprechungs- und
Erklärungswinke vom Wesen der Kometen.
5. Juni 1844
[JJ.01_224,01] Hier fing der Jonatha an sehr
stark nachzudenken und konnte durchaus keinen gescheiten Gedanken fassen.
[JJ.01_224,02] Das Kindlein aber merkte
natürlich alsogleich, daß da der Jonatha den Milchschüsselkometen mit dem
Himmelskometen nicht zusammenreimen konnte.
[JJ.01_224,03] Daher richtete Es Sich auf und
sprach zum Jonatha:
[JJ.01_224,04] „Mein lieber Jonatha! Siehe,
in dir geht es jetzt gerade also zu, wie dir es das Bild des
Milchschüsselkometen gezeigt hat!
[JJ.01_224,05] Eine große Schüssel voll Milch
stellt dein Herz dar, worin deine Liebe die Milch ist.
[JJ.01_224,06] Aber über der Milch befindet
sich nun auch ein ungeheurer Mücken-, Gelsen- und Schnakenschwarm gleich dem
über jener Milchschüssel.
[JJ.01_224,07] Und diesen Schwarm bilden
deine etwas stark ins Lächerliche gehenden Gedanken über die ähnliche Natur der
beiden Kometen.
[JJ.01_224,08] Aber – Freund Jonatha! – wer
wird denn den Kern des Himmelskometen im Ernste für eine Milchschüssel halten
und seinen Schweif für einen Gelsenschwarm?!
[JJ.01_224,09] Das sind ja nur
Entsprechungen, aber keine vollkommenen naturmäßigen Ähnlichkeiten!
[JJ.01_224,10] Weißt du aber wohl, was da
eine Entsprechung ist? – Was ist eine Schüssel, was die Milch darin und was der
Gelsen- und Schnakenschwarm?
[JJ.01_224,11] Siehe, du verstehst das nicht;
so höre denn, Ich will dir davon etwas sagen!
[JJ.01_224,12] Die Schüssel stellt dar ein
Gefäß zur Aufnahme von Substanzen, an die die nährende Lebenskraft aus Mir
gebunden ist.
[JJ.01_224,13] Die Milch aber ist eine solche
Substanz, die aus Mir die nährende Lebenskraft in sich trägt im reichlichsten
Maße.
[JJ.01_224,14] In den Mücken, Gelsen und
Schnaken ist die Lebenskraft schon frei tätig;
[JJ.01_224,15] aber so sie nicht genährt wird
mit einer gerechten nährenden Lebenskraft, da wird sie bald schwach und kann
sich nicht ausbilden für eine höhere und vollkommenere Stufe.
[JJ.01_224,16] Nun siehe, der Himmelskomet
ist nichts als eine neu geschaffne werdende Welt!
[JJ.01_224,17] Der Kern ist das Gefäß zur
Aufnahme der nährenden Lebenskraft aus Mir.
[JJ.01_224,18] Diese Lebenskraft wird durch
ein eben dieser Lebenskraft von Mir aus gegebenes eigenes Feuer gar mächtig
durchwärmt und löst sich dadurch in nährende Dämpfe auf.
[JJ.01_224,19] Damit aber diese schon eine
mehr ausgebildete Lebenskraft tragenden Dämpfe sich nicht verflüchtigen und dem
neuen Weltkörper entzogen werden,
[JJ.01_224,20] da werden sie von einer Unzahl
Monaden (Äthertierchen) aufgenommen und durch sie wieder dem neu werdenden
Weltkörper zu seiner vollkommeneren Ausbildung zugetragen.
[JJ.01_224,21] Siehe, das ist die
entsprechende Ähnlichkeit zwischen dem Himmels- und unserem
Milchschüsselkometen!
[JJ.01_224,22] Forsche aber nun nicht weiter
nach, auf daß deine Liebe nicht schwach wird ob des Forschens!“
[JJ.01_224,23] Diese Erklärung haben wohl
recht viele mit angehört, aber keiner verstand sie; aber viele glaubten es, daß
es also sein werde.
[JJ.01_225] 225. Kapitel – Warum das zu viele
Forschen in den Tiefen der Werke Gottes für Gotteskinder nachteilig ist.
7. Juni 1844
[JJ.01_225,01] Es fragte aber der Cyrenius
das Kindlein und sprach: „O Du mein Leben! – Warum darf oder warum solle man
denn in Deinen Werken nicht tiefer nachforschen?
[JJ.01_225,02] Warum wohl ist solch ein
Forschen nach Deinem Ausspruche der Liebe zu Dir nachteilig?
[JJ.01_225,03] Ich meine aber da gerade im
Gegenteile: Wenn man Deine Werke erst stets tiefer und tiefer und klarer und
klarer erkennt, so muß man ja offenbar zunehmen in der Liebe zu Dir und nicht
schwächer werden darinnen!
[JJ.01_225,04] Denn es ist also ja selbst
unter uns Menschen schon der Fall, daß auch ein Mensch uns immer um so teurer
wird, je mehr Vollkommenheiten wir an ihm entdecken.
[JJ.01_225,05] Um wieviel mehr wird das erst
gegen Dich, dem Herrn und Schöpfer aller Größe und Vollkommenheit und
Herrlichkeit der Fall sein, so wir Dich immer tiefer und tiefer erkennen!
[JJ.01_225,06] Darum möchte wohl ich selbst
Dich, Du mein Leben, bitten, daß Du mir über diesen sonderbaren Stern einige
nähere Aufschlüsse geben möchtest!
[JJ.01_225,07] Denn mein Herz sagt es mir,
daß ich Dich dann erst ganz vollkommen werde lieben können, so ich Dich tiefer
und tiefer in Deinem allmächtigen höchstweisen Wunderwirken erkennen werde.
[JJ.01_225,08] Es kann ja doch niemand Dich
als den einigen Gott und Herrn lieben, so er Dich nicht zuvor erkennt, –
[JJ.01_225,09] also ist unser Dich-Erkennen
von unserer Seele ja der Hauptgrund zur Liebe zu Dir!
[JJ.01_225,10] Gleichwie auch ich mein Weib
eher erkennen mußte, bevor ich sie in mein Herz aufnehmen konnte! So ich sie
nie erkannt hätte, da wäre sie auch sicher nie mein Weib geworden!“
[JJ.01_225,11] Hier lächelte das Kindlein und
sprach: „O du Mein lieber Cyrenius! Wenn du Mir also öfter so weise Lehren
gäbest, da müßte Ich am Ende ja doch wohl auch so recht ein grundgescheiter
Mensch werden!
[JJ.01_225,12] Siehe, da hast du Mir ja
lauter neue Sachen gesagt;
[JJ.01_225,13] aber nun denke dir's: Du warst
Mir nun ein Lehrer, indem du Mir beweisen wolltest, daß entgegen Meiner Warnung
vor dem zu vielen Forschen in Meinen Werken solches der Seele des Menschen für
die Sphäre ihrer Liebe zu Mir nicht etwa nicht zuträglich, sondern vielmehr
gerade zuträglich ist.
[JJ.01_225,14] Wie solle demnach nun Ich, ein
Schüler zu dir, dich über dir unbekannte Dinge unterrichten?!
[JJ.01_225,15] Wenn dir für die Liebe bessere
Gründe bekannt sind, als sie dir dein Gott und dein Schöpfer gibt, wie kannst
du von Ihm dann eine tiefere Unterweisung erflehen?
[JJ.01_225,16] Oder meinst du wohl, Gott wird
Sich durch von den Menschen gefaßte und aufgestellte Vernunftgründe zu etwas
bewegen lassen, als wäre Er ein Richter nach den Weltgesetzen?
[JJ.01_225,17] O Cyrenius! da bist du wohl
noch in einer sehr starken Irre!
[JJ.01_225,18] Siehe, Ich allein kenne ja
Meine ewige Ordnung, welche da die Mutter aller Dinge ist!
[JJ.01_225,19] Aus dieser Ordnung bist auch
du hervorgegangen! – Die Liebe deines Geistes zu Mir ist dein eigenstes Leben.
[JJ.01_225,20] Wenn du nun diese Liebe zu Mir
von Mir abwenden willst auf Meine Geschöpfe, um Mich dann stärker zu lieben, da
du Mich doch sichtbar lebendig vor dir hast,
[JJ.01_225,21] sage, wird solch eine törichte
Liebestärkung wohl ihren Grund haben?
[JJ.01_225,22] Ja – wer Mich noch nicht kennt
und nicht hat, der mag wohl auf deinen Wegen zu Mir sich erheben;
[JJ.01_225,23] aber so Mich Selbst schon
jemand auf seinem Schoße hat, wozu sollen dann dem deine Staffeln dienen?“
[JJ.01_225,24] Hier stutzte der Cyrenius
gewaltig, fühlte sich sehr getroffen, und niemand fragte mehr nach dem Kometen.
[JJ.01_226] 226. Kapitel – Das Zurücktreten
des Göttlichen im Kinde. Des Kindleins letzte Anordnungen für Joseph und
Cyrenius. Die Nachtruhe. Jakobs besondere Gnade beim Jesuskinde.
8. Juni 1844
[JJ.01_226,01] Als die Sache mit dem Kometen
aber geschlichtet war, da sagte sogleich wieder das Kindlein zum Joseph:
[JJ.01_226,02] „Joseph, durch die zwei Tage
machte Ich einen förmlichen Hausherrn, und ihr alle gehorchtet Mir;
[JJ.01_226,03] aber von nun an übergebe Ich
wieder dir diese hausherrliche Stelle, und wie du alles ordnen wirst, also
solle es auch geschehen!
[JJ.01_226,04] Von jetzt an bin Ich wieder
wie ein jeglich Menschenkind – und muß es sein; denn auch Mein Fleisch muß
wachsen zu euer aller Heile.
[JJ.01_226,05] Daher erwartet für jetzt wie
für die künftige Zeit in diesem Lande keine offenen Wundertaten mehr von Mir!
[JJ.01_226,06] Laßt euch aber dennoch in
eurem Glauben und Vertrauen an Meine Macht und Gewalt nicht irremachen;
[JJ.01_226,07] denn was Ich war von Ewigkeit,
das bin Ich allzeit und werde es sein in Ewigkeit!
[JJ.01_226,08] Fürchtet daher nie die Welt,
die nichts ist vor Mir; aber fürchtet euch, an Mir irre zu werden, – denn das
wäre der Tod eurer Seele!
[JJ.01_226,09] Mit dem übernehme du, Joseph,
wieder das Hausruder, und führe es recht und gerecht im Namen Meines Vaters,
Amen.
[JJ.01_226,10] Also reise auch du, Cyrenius,
am morgigen Tage wieder glücklich nach Tyrus, allwo schon wichtige Geschäfte
deiner harren!
[JJ.01_226,11] Meine Liebe und Gnade ist mit
dir, und so magst du ruhig sein. Alles andere aber mache mit dem Joseph ab;
denn er ist nun der Hausherr!“
[JJ.01_226,12] Darauf berief das Kindlein den
Jakob zu Sich und sprach zu ihm:
[JJ.01_226,13] „Jakob! – zwischen uns aber
walte das erste Verhältnis, das dir schon bekannt ist!
[JJ.01_226,14] Und bei allem dem hat es zu
verbleiben in diesem Lande, Amen!“
[JJ.01_226,15] Joseph aber ward darob ganz
traurig und bat das Kindlein inständigst, daß Es ja fortwährend also in Seiner
Göttlichkeit verbleiben möchte.
[JJ.01_226,16] Das Kindlein aber redete nun
ganz kindisch, und in Seiner Rede war nun keine Spur mehr von irgend etwas
Göttlichem.
[JJ.01_226,17] Es ward auch bald schläfrig,
und der Jakob mußte Es zu Bette bringen.
[JJ.01_226,18] Noch lange in die Nacht saß
die Gesellschaft beisammen und besprach sich so und so über den Grund solcher
Veränderung am Kindlein;
[JJ.01_226,19] aber keiner sagte etwas
Rechtes, sondern es fragte vielmehr einer den andern, –
[JJ.01_226,20] aber von keiner Seite kam
irgend eine gültige Antwort.
[JJ.01_226,21] Und der Joseph sprach endlich:
„Wir wissen, was uns not tut, und was wir zu tun haben, und damit können wir
auch zufrieden sein!
[JJ.01_226,22] Es ist aber schon spät in der
Nacht; daher meine ich, es wird nun am besten sein, wir begeben uns zur Ruhe.“
[JJ.01_226,23] Damit waren alle mit dem
Joseph einverstanden und begaben sich auch sobald zur guten Ruhe ins Haus.
[JJ.01_227] 227. Kapitel – Josephs Sorge
wegen der Morgenmahlzeit. Die leere Speisekammer. Jonathas Hilfe mit einer
wertvollen Ladung Fische.
10. Juni 1844
[JJ.01_227,01] Am nächsten Tage war Joseph
wie gewöhnlich schon viel eher auf den Beinen als jemand anderer und ging
hinaus zu sehen, was es für einen Tag geben werde.
[JJ.01_227,02] Er fand alle Zeichen zu einem
schönen Tage und ging dann wieder ins Haus und weckte seine Söhne, auf daß sie
für die Gäste ein gutes Frühstück bereiten möchten.
[JJ.01_227,03] Und die Söhne erhoben sich
bald und gingen nachzusehen, welchen Vorrat wohl noch die Speisekammer bieten
möchte.
[JJ.01_227,04] Und als sie die Speisekammer
durchsucht hatten, da kamen sie alsobald zum Joseph und sprachen:
[JJ.01_227,05] „Höre, du lieber Vater, dein
Auftrag wäre wohl ganz recht und gut;
[JJ.01_227,06] aber unsere Speisekammer ist
durch die etlichen Tage so sehr gelüftet worden, daß es uns geradewegs
unmöglich wird, auch nur für zehn Personen eine Mahlzeit zu gewinnen.
[JJ.01_227,07] Rate uns daher, wo wir die
Eßwaren hernehmen sollen, und die Mahlzeit solle in einer Stunde fertig sein!“
[JJ.01_227,08] Hier kratzte sich der Joseph
ein wenig hinter den Ohren und ging selbst in die Speisekammer und fand allda
die Aussagen seiner Söhne bestätigt, was ihn dann in noch größere Verlegenheit
versetzte.
[JJ.01_227,09] Er sann hin und her und konnte
nichts finden, was ihn aus seiner Verlegenheit reißen könnte.
[JJ.01_227,10] Als aber Joseph also
nachsinnend dastand im Vorhause, da kam Jonatha aus seinem Schlafgemache,
grüßte und küßte seinen alten Freund und fragte ihn, was er denn also traurig
und nachdenklich dastünde.
[JJ.01_227,11] Und Joseph zeigte dem Jonatha
sobald den Grund seiner Verlegenheit, nämlich die leere Speisekammer.
[JJ.01_227,12] Als der Jonatha das erschaute,
da sagte er zum Joseph:
[JJ.01_227,13] „O du mein allergeliebtester
Freund, darum darf es dir wohl nicht bange werden!
[JJ.01_227,14] Siehe, meine Speisekammern
sind noch sehr voll; ich besitze noch bei zweitausend Zentner geräucherter
Fische!
[JJ.01_227,15] Daher lasse nun sogleich deine
Söhne mit mir gehen, und in anderthalb Stunden solle es in deiner Speisekammer
sogleich anders aussehen!“
[JJ.01_227,16] Dieser Antrag war ein wahrer
Balsam auf das Herz Josephs, und er nahm ihn auch alsogleich an.
[JJ.01_227,17] Es vergingen aber noch keine
anderthalb Stunden, da kamen schon Jonatha und die vier Söhne mit einer starken
Ladung von Fischen.
[JJ.01_227,18] Die Söhne brachten bei vier
Zentner geräucherter Fische, und Jonatha brachte drei große Lägel voll frischer
Fische und zehn große Laibe Weizenbrotes.
[JJ.01_227,19] Als der Joseph die Ankommenden
also bepackt erschaute, da ward er voll Freude und dankte und pries Gott für
solche Bescherung und umarmte und küßte dann den Jonatha.
[JJ.01_227,20] Darauf ward es in der Küche
bald sehr lebendig.
[JJ.01_227,21] Die Söhne tummelten sich
munter herum; Maria und die Eudokia kamen selbst bald aus dem Schlafgemache und
gingen und melkten die Kühe.
[JJ.01_227,22] Und so ward in einer halben Stunde
schon ein reichliches Morgenmahl bereitet für mehr als hundert Gäste.
[JJ.01_228] 228. Kapitel – Ein
Liebeseiferwettstreit zwischen Joseph und Cyrenius. Josephs Uneigennützigkeit.
Woran die echten und die falschen Diener Gottes zu erkennen sind.
11. Juni 1844
[JJ.01_228,01] Als auf diese Art das
Morgenmahl bereitet war und alle Gäste sich auf den Beinen befanden, da ging
Joseph sogleich zum Cyrenius und fragte ihn, ob er schon bereitet sei, das
Morgenmahl zu nehmen.
[JJ.01_228,02] Und der Cyrenius sagte zum
Joseph: „O mein allererhabenster Freund und Bruder! Ich bin freilich wohl
bereitet mit meiner ganzen Suite;
[JJ.01_228,03] aber ich weiß auch, daß du in
deiner Speisekammer nicht einen solchen Vorrat hast, um mehrere Tage hindurch
über hundert Menschen zu bewirten.
[JJ.01_228,04] Daher werde ich für heute früh
in die Stadt meine Dienerschaft senden, allda sie Eßwaren kaufen sollen für
mich und dich!“
[JJ.01_228,05] Als der Joseph solches
vernommen hatte, da sprach er:
[JJ.01_228,06] „O lieber Freund und Bruder,
das kannst du immerhin tun für dein Schiff;
[JJ.01_228,07] aber für mich wäre eine solche
Mühe wohl ganz rein vergeblich.
[JJ.01_228,08] Denn siehe, fürs erste ist das
Morgenmahl schon bereitet, und fürs zweite befindet sich in meiner Speisekammer
noch so viel, daß ihr alle es in acht Tagen kaum aufzehren möchtet.
[JJ.01_228,09] Darum sorge dich nur um mich
nicht; denn wahrlich, ich bin bestens versorgt!“
[JJ.01_228,10] Und der Cyrenius sprach:
„Wahrlich, wahrlich, wenn mir nichts anderes von deinem allerhöchsten Berufe
Zeugnis gäbe, so gäbe es mir im vollsten Maße deine ganz unbegreifliche
Uneigennützigkeit!
[JJ.01_228,11] Ja, daran wird man allzeit die
rechten und die falschen Diener Gottes genau voneinander unterscheiden:
[JJ.01_228,12] Die rechten werden
uneigennützig sein im hohen Grade, und die falschen werden sein gerade das
Gegenteil;
[JJ.01_228,13] denn die rechten dienen Gott
im Herzen und haben auch da den allerhöchsten ewigen Lohn, –
[JJ.01_228,14] die falschen aber dienen einem
nach ihrer bösen Art gemodelten Gotte in der Welt – der Welt wegen;
[JJ.01_228,15] daher suchen sie auch den Lohn
der Welt und lassen sich für jeden Schritt und Tritt gar unmäßig bezahlen.
[JJ.01_228,16] Denn das weiß ich als ein
geborner Heide am besten, wie sich die römischen Priester bis ins Indefinitum
für jeden Schritt und Tritt bezahlen lassen.
[JJ.01_228,17] Wahrlich, ich selbst habe für
einen Rat einmal an den Oberpriester müssen hundert Pfunde Goldes bezahlen!
[JJ.01_228,18] Frage: War das ein rechter
Diener eines wahren Gottes?
[JJ.01_228,19] Du aber hast mich nun schon
bei drei Tage bewirtet, und welche Lehren habe ich in deinem Hause empfangen, –
und du nimmst noch nichts an!
[JJ.01_228,20] Nicht einmal für meine acht
Kinder nimmst du etwas an! – Es wird daraus doch etwa einleuchtend sein, wie
die echten und rechten Diener Gottes aussehen?!“
[JJ.01_228,21] Joseph aber sprach: „Bruder,
rede nun nicht weiter davon, denn auch solche Rede ist zu viel für mich,
[JJ.01_228,22] sondern setze dich zum Tische,
und sogleich wird das Morgenmahl da sein!“ – Und der Cyrenius befolgte sogleich
den Wunsch Josephs und setzte sich zum Tische.
[JJ.01_229] 229. Kapitel – Das fröhliche
Morgenmahl. Joseph redet über die Güte des Herrn. Das Kindlein bei Tisch.
Liebliche Szenen zwischen dem kleinen Jesus und Cyrenius.
12. Juni 1844
[JJ.01_229,01] Als sich nun alles am
Speisetische befand, da wurden auch sobald gar schmackhaft zubereitete Fische
auf den Tisch gesetzt,
[JJ.01_229,02] und der Cyrenius verwunderte
sich hoch, wie denn Joseph schon also in aller Frühe eine solche Menge ganz
frischer Fische hat bekommen können!
[JJ.01_229,03] Und der Joseph zeigte hier auf
den großen Jonatha und sprach etwas scherzhaft:
[JJ.01_229,04] „Siehe, wenn man einen so
großen Fischmeister zum Freunde hat, da braucht man gar nicht weit zu greifen –
und die Fische sind da!“
[JJ.01_229,05] Hier lächelte der Cyrenius und
sprach: „Ja, da hast du wohl recht!
[JJ.01_229,06] Wahrlich, bei solchen
Umständen kann man allzeit frische Fische haben, und ganz besonders, wenn man
noch Wen in seinem Hause hat!“
[JJ.01_229,07] Und der Joseph hob hier seine
Hände auf und sprach mit dem gerührtesten Herzen:
[JJ.01_229,08] „Ja, Bruder Cyrenius, – und
noch Wen, dessen wir alle ewig nicht würdig sein werden!
[JJ.01_229,09] Dieser segne uns allen dieses
gute Morgenmahl, daß es uns wahrhaft stärken möchte in unseren Gliedern und in
unserer Liebe zu Ihm – dem Allerheiligsten!“
[JJ.01_229,10] Dieser Ausruf Josephs brachte
alle Gäste zum Weinen, und alle lobten den großen Gott in dem noch schlafenden
Kindlein.
[JJ.01_229,11] Als sich aber die Gäste nach
der beendigten Lobpreisung an die Fische machten, da ward auch das Kindlein
wach;
[JJ.01_229,12] und der gute Geruch von den
Fischen sagte Ihm gleich, was sich auf dem Tische befinde.
[JJ.01_229,13] Daher war Es auch flugs aus
Seinem niederen Bettchen, lief sogleich ganz nackt zum Tische, da sich die
Maria befand, und verlangte zu essen.
[JJ.01_229,14] Maria aber nahm Es sogleich
auf ihren Schoß und sagte zum Jakob:
[JJ.01_229,15] „Gehe, und bringe mir
geschwind ein frisches Hemdchen aus der Kammer!“
[JJ.01_229,16] Und der Jakob tat sogleich
nach dem Wunsche Mariens und brachte ein frisches Hemdchen.
[JJ.01_229,17] Das Kindlein aber wollte Sich
diesmal das Hemdchen nicht anziehen lassen.
[JJ.01_229,18] Da ward die Maria ein wenig
unwillig und sprach: „Siehe, Du mein Kindlein, es schickt sich ja nicht, nackt
beim Tische zu sein;
[JJ.01_229,19] daher werde ich recht schlimm
sein, wenn Du Dich nicht anziehen läßt!“
[JJ.01_229,20] Der Cyrenius aber, ganz zu
Tränen gerührt über den Anblick des zarten Knäbleins, sagte zur Maria:
[JJ.01_229,21] „O liebe, holdeste Mutter,
gebe mir also das Kindlein, auf daß ich Es noch einmal also ganz nackt locke
und kose!
[JJ.01_229,22] Wer weiß es, ob mir auf dieser
Welt noch einmal dieses endlose Glück zuteil wird!?“
[JJ.01_229,23] Und das Kindlein lächelte den
Cyrenius an und verlangte sogleich zu ihm.
[JJ.01_229,24] Und die Maria übergab Es auch
sogleich dem Cyrenius, und er weinte vor Freude und Seligkeit, als das gesunde
Kindlein gar munter auf seinem Schoße herumstrampelte.
[JJ.01_229,25] Und der Cyrenius fragte Es
sogleich, welches Stück vom Fische Es essen möchte.
[JJ.01_229,26] Und das Kindlein sprach in
ganz kindlicher Weise: „Gib Mir dasjenige weiße Stück, wo keine Gräten darinnen
sind!“
[JJ.01_229,27] Und der Cyrenius gab dem
Kindlein sogleich das beste und reinste Stück in die Hände, welches Dasselbe
mit Freude ganz behaglich verzehrte.
[JJ.01_229,28] Nachdem Es Sich gesättigt
hatte, da sprach Es: „Das war gut! – Jetzt ziehe du Mich an!
[JJ.01_229,29] Denn wenn Ich hungrig bin, da
will Ich früher essen und dann erst ein Kleid nehmen!“ – Darauf sprach das
Kindlein nichts weiter und ließ Sich ganz ruhig das Hemdchen von Cyrenius
anziehen.
[JJ.01_230] 230. Kapitel – Fortsetzung der
kindlichen Tischszene. Maria ist nur aus großer Liebe zu Mir schlimm!
13. Juni 1844
[JJ.01_230,01] Als das Kindlein angezogen
war, da fragte Es der Cyrenius wieder, ob Es nicht etwa noch ein gutes
Stückchen vom Fische genießen möchte.
[JJ.01_230,02] Das Kindlein aber sprach in
Seiner Weise: „Ein kleines Stückchen möchte Ich freilich noch;
[JJ.01_230,03] aber Ich getraue es Mir nicht
zu nehmen, weil Mich da die Mutter gleich wieder auszanken möchte!“
[JJ.01_230,04] Und der Cyrenius sprach: „O Du
mein endlos allergeliebtestes Kindlein! Wenn ich es Dir darreiche, da wird die
Mutter nichts sagen!“
[JJ.01_230,05] Das Kindlein aber sprach ganz
naiv zum Cyrenius: „Ja, solange du da bist, da wird sie freilich wohl nichts
sagen;
[JJ.01_230,06] aber wenn du fort sein wirst,
da kriege Ich's dann doppelt.
[JJ.01_230,07] O du glaubst es nicht, wie
schlimm Meine Mutter sein kann, wenn Ich etwas täte, was sie nicht will!“
[JJ.01_230,08] Der Cyrenius lächelte darob
und sagte dann zum Kindlein: „Was meinst Du denn, so ich darob Deine etwas
schlimme Mutter auszanken möchte, würde das sie nicht nachsichtiger machen
gegen Dich?“
[JJ.01_230,09] Und das Kindlein sprach: „Ich
bitte dich, tue du nur das nicht; denn dann bekäme Ich erst einen Ausputzer,
der seinesgleichen nicht hätte, so du fort wärest!“
[JJ.01_230,10] Hier fragte der Cyrenius das
Kindlein weiter und sprach:
[JJ.01_230,11] „O Du mein Leben, Du mein
himmlischstes Kindlein! – Wenn aber Deine Mutter so schlimm ist, wie kannst Du
sie dann aber dennoch so überaus liebhaben?“
[JJ.01_230,12] Und das Kindlein antwortete:
„Weil sie aus großer Liebe zu Mir schlimm ist; denn sie hat stets die größte
Furcht, daß Mir irgend etwas Übles geschehen möchte.
[JJ.01_230,13] Und siehe, darum muß Ich sie
ja dann auch recht liebhaben! Ist sie auch manchmal ohne Grund schlimm, so
meint sie's aber dennoch gut, und darum verdient sie ja auch Meine Liebe!
[JJ.01_230,14] Siehe, ebendarum würde sie nun
auch schlimm sein, so Ich nun noch ein Stückchen Fisch äße, weil sie meint, es
könnte Mir schaden.
[JJ.01_230,15] Es würde Mir freilich wohl
nicht schaden; aber Ich will nun Selbst nicht gegen die sorglich gute Meinung
Meiner Mutter eine Sünde begehen.
[JJ.01_230,16] Oh – Ich kann Mich schon auch
verleugnen und kann das Gebot Meiner Mutter halten, wenn es gerade sein muß;
[JJ.01_230,17] aber wenn es gerade nicht sein
muß, da kann Ich auch tun, was Ich will.
[JJ.01_230,18] Und da mache Ich Mir dann
nichts daraus, wenn auch die Mutter ein wenig zankt.
[JJ.01_230,19] Also aber muß es auch jetzt
gerade nicht sein, daß Ich noch ein Stückchen Fisch essen solle; darum will Ich
Mich auch verleugnen, damit dann die Mutter Mir nichts anhaben solle, wenn du
fort sein wirst.“
[JJ.01_230,20] Hier fragte der Cyrenius
wieder das Kindlein und sprach in aller Liebe:
[JJ.01_230,21] „Ja, Du mein Leben! – wenn Du
aber schon einen solchen Respekt vor Deiner irdischen Mutter hast, warum hast
Du Dich denn eher von ihr nicht anziehen lassen?
[JJ.01_230,22] Wird sie darob nicht zanken
mit Dir, wenn ich fort sein werde?“
[JJ.01_230,23] Und das Kindlein sprach: „Das
sicher; aber daraus werde Ich Mir eben nicht viel machen!
[JJ.01_230,24] Denn Ich habe es dir ja schon
zuvor gesagt, daß Ich manchmal tue, was Ich will, und frage nicht, ob's Meiner
Mutter recht ist oder nicht.
[JJ.01_230,25] Aber darum kann dann Meine
Mutter noch zanken mit Mir, weil sie dabei eine gute Meinung und einen guten
Willen hat.“
[JJ.01_230,26] Hier lächelte die Maria und
sagte scherzweise: „Na, warte Du nur, so wir allein sein werden,
[JJ.01_230,27] da werde ich Dich schon wieder
recht auszanken, weil Du mich jetzt beim Cyrenius so verklagt hast!“
[JJ.01_230,28] Und das Kindlein lächelte und
sprach: „Oh – das ist nicht dein Ernst! Ich sehe es dir recht gut an, wenn du
so recht ernst schlimm bist, – denn da siehst du ganz rot aus im Gesichte;
jetzt aber bist du schön weiß, wie Ich, und da bist du nie schlimm.“
[JJ.01_230,29] Über diese Bemerkung lachten
alle, und das Kindlein lächelte auch mit. Maria aber nahm aus Inbrunst das
Kindlein und herzete Es über alle Maßen.
[JJ.01_231] 231. Kapitel – Des Cyrenius
Dankbarkeit, Geschenk und Abschiedsworte. – Cyrenius verweilt noch einen Tag.
14. Juni 1844
[JJ.01_231,01] Nach dieser kindlichen Szene
aber ward auch das Morgenmahl beendet.
[JJ.01_231,02] Und als Joseph das Dankgebet
beendet hatte, da trat alsbald der Cyrenius zum Joseph hin und sprach:
[JJ.01_231,03] „Mein geliebtester Freund!
Deine Verdienste um mich, wie selbst um meinen Bruder Julius Augustus Quirinus
Caesar in Rom sind von so entschiedener Art, daß ich sie dir nie werde lohnend
entgelten können.
[JJ.01_231,04] Aber dich ganz unbelohnt zu
lassen – siehe, das ist mir allerreinst unmöglich!
[JJ.01_231,05] Ich weiß aber, daß du von mir
keine königliche Belohnung annimmst;
[JJ.01_231,06] darum habe ich mich also bedacht:
Du hast in diesem Jahre, wie es sich zeigt, eine magere Getreideernte zu
hoffen;
[JJ.01_231,07] und dennoch ist dein Haus
ziemlich stark bevölkert.
[JJ.01_231,08] Neun Personen gehören ohnehin
mir an, und ihr seid euer auch acht Köpfe; also in allem siebzehn Köpfe.
[JJ.01_231,09] Und es sagt mir nun mein
Geist, daß deine Mehltruhen leer sind und also auch deine Speisekammer,
[JJ.01_231,10] daß es dir auch schon mit dem
Futter für deine Kühe, Ziegen und Esel schlecht geht. –
[JJ.01_231,11] Siehe, das alles weiß ich sehr
genau, wie auch, daß ihr fast nichts mehr anzuziehen habt.
[JJ.01_231,12] Daher – du mein geliebtester
Bruder, mußt du wenigstens soviel von mir annehmen, als dir vorderhand not tut.
[JJ.01_231,13] Ich weiß zwar wohl, daß es im
höchsten Grade lächerlich ist, so ein Erdmensch sich vornähme, den Herrn der
Unendlichkeit zu unterstützen, dem es ein leichtes ist, mit einem Worte
Myriaden Welten zu erschaffen.
[JJ.01_231,14] Ich weiß aber auch nun, daß
ebendieser heilige Herr der Ewigkeit nicht stets Wunder wirken will wider Seine
ewige Wunderordnung, weil damit immer ein Gericht für uns geschaffene Wesen
verbunden ist.
[JJ.01_231,15] Aus dem Grunde mußt du von mir
diesmal wenigstens soviel annehmen, als es dir not tut,
[JJ.01_231,16] und wirst mich diesmal nicht,
wie sonst gewöhnlich, abweisen!“
[JJ.01_231,17] Und der Joseph sprach: „Ja –
Bruder! – diesmal möchtest du fast recht haben!
[JJ.01_231,18] Aber – zuvor ich von dir doch
etwas annehme, muß ich doch den Herrn fragen.“
[JJ.01_231,19] Hier kam das Kindlein, das
Sich schon beim Jakob befand, schnell herbei und sagte zum Joseph:
[JJ.01_231,20] „Joseph, nehme nur an, was dir
der Cyrenius geben will, damit du das Haus dann mit Eßwaren versehen magst!“
[JJ.01_231,21] Darauf willigte Joseph in den
Antrag des Cyrenius.
[JJ.01_231,22] Und dieser übergab dem Joseph
sogleich eine Summe von tausend Pfunden Silbers und siebzig Pfunden Goldes.
[JJ.01_231,23] Joseph dankte darum dem
Cyrenius und nahm die schwere Summe an.
[JJ.01_231,24] Cyrenius aber war darob
überheiter und sagte: „Bruder! – Nun ist mein Herz um tausend Zentner leichter!
Aber heute ziehe ich noch nicht von hier, sondern morgen; denn meine zu große
Liebe läßt mich nicht von hier!“ – Und Joseph freute sich darob sehr.
[JJ.01_232] 232. Kapitel – Josephs Geldkasten
und Räubersorgen. Des Kindleins guter Rat an Joseph.
15. Juni 1844
[JJ.01_232,01] Joseph aber hatte keine
Geldtruhe, in die er das viele Geld täte.
[JJ.01_232,02] Da befahl der Cyrenius
sogleich seiner Dienerschaft, daß sie sich sogleich in die Stadt begeben solle
und solle da einen Kasten kaufen, und koste er, was er wolle!
[JJ.01_232,03] Und die Dienerschaft ging
alsogleich und brachte im Verlaufe von zwei Stunden schon einen recht schönen
Kasten von Zedernholz, der da zehn Pfunde Silbers gekostet hatte.
[JJ.01_232,04] Dieser Kasten ward sobald ins
Schlafgemach Josephs gestellt, und die Söhne Josephs legten das große und
schwere Geld in diesen schönen und starken Kasten.
[JJ.01_232,05] Als das Geld auf die Art
aufgehoben war, da sprach Joseph:
[JJ.01_232,06] „Nun bin ich weltlich genommen
das erste Mal reich in meinem ganzen Leben;
[JJ.01_232,07] denn so viel Geld habe ich nie
gesehen und noch weniger je so viel besessen!
[JJ.01_232,08] Aber bisher wußte mein Haus
von keinem Diebe etwas und noch weniger von einem Räuber;
[JJ.01_232,09] von nun an aber werden wir
alle nicht genug Augen und Zeit haben, dieses Geld vor Dieben und Räubern zu
schützen!“
[JJ.01_232,10] Der Jonatha aber sagte:
„Bruder, sei darob ruhig!
[JJ.01_232,11] Ich weiß es nur zu bestimmt,
über wen die Räuber und Diebe kommen.
[JJ.01_232,12] Siehe, sie kommen nur über die
geizigen und kargen Filze!
[JJ.01_232,13] Das aber bist du nicht, –
darum magst du auch ruhig sein; denn von dir bekommt ja ohnehin ein jeder
dreimal soviel, als er von dir verlangt!
[JJ.01_232,14] Darum, meine ich, wirst du
wohl mit einer Menge Bettlern zu tun bekommen, aber mit Räubern und Dieben
sicher nicht!“
[JJ.01_232,15] Hier kam auch die Maria herbei
und sprach zum Joseph:
[JJ.01_232,16] „Höre, du lieber Vater, du
weißt ja, wie wir in der Stadt unseres Vaters David von den drei weisen
Morgenländern, die da aus Persien kamen, auch eine große Last Goldes überkommen
haben;
[JJ.01_232,17] und siehe, nun haben wir kein
Sandkörnchen groß mehr davon, obschon wir nie dessen beraubt worden sind!
[JJ.01_232,18] Also, meine ich, wird es uns
auch hier ergehen: es wird kein Jahr verfließen, und wir werden ohne Diebe und
Räuber davon nichts mehr besitzen.
[JJ.01_232,19] Daher sei du nur ganz ruhig! –
Denn in einem Hause, wo der Herr wohnt, da hat das Gold keinen Stand, und die
Räuber und Diebe wollen im Hause des Herrn eben nicht viel zu tun haben!
[JJ.01_232,20] Denn sie wissen es so gut wie
ich und du, daß es nicht geheuer ist, sich an den Schätzen zu vergreifen, die
da wie in dem Gotteskasten liegen.“
[JJ.01_232,21] Als die Maria solches
ausgeredet hatte, da kam noch das Kindlein herbei und sprach:
[JJ.01_232,22] „Joseph, du Getreuer! Du mußt
nicht so furchtsam auf jenen Kasten hinblicken, in den Meine Brüder das Geld
gelegt haben!
[JJ.01_232,23] Denn da meine Ich, du wärest
krank, wenn du so furchtsam aussiehst.
[JJ.01_232,24] Und siehe, das will Ich nicht,
daß du da krank sein sollest!
[JJ.01_232,25] Dieses Geld wird dich gar
nicht lange drücken. Kaufe du nun nur recht viel Mehl und sonstige Eßwaren und
etwas Kleidung, und verteile das übrige,
[JJ.01_232,26] und der Kasten wird alsobald
wieder leer sein!“ – Diese kindlichen Worte beruhigten den Joseph so sehr, daß
er darauf ganz heiter ward.
[JJ.01_233] 233. Kapitel – Joseph und die
Seinen. Häusliche Sorgen und Arbeiten. Jonathas Riesenhilfe durch sein
Gottvertrauen.
17. Juni 1844
[JJ.01_233,01] Nach allem dem aber berief
Joseph die vier Söhne zu sich und sagte zu ihnen:
[JJ.01_233,02] „Da nehmt dieses Pfund Silbers
und gehet in die Stadt und kaufet dort Mehl und was sonst noch für die Küche
vonnöten ist,
[JJ.01_233,03] und kommet dann und bereitet
ein gutes Mittagsmahl, darum mir heute noch der Cyrenius die Ehre gibt!“
[JJ.01_233,04] Und die Söhne gingen und
taten, was ihnen der Vater geboten hatte.
[JJ.01_233,05] Maria aber kam auch herzu und
bemerkte dem Joseph heimlich, daß der Brennholzvorrat auch so sehr
eingeschmolzen sei, daß sich mit dem noch vorhandenen kleinen Reste kaum mehr
werde ein Mahl bereiten lassen.
[JJ.01_233,06] Da berief der Joseph den
Jonatha und zeigte ihm solche Verlegenheit an.
[JJ.01_233,07] Und der Jonatha sprach:
„Bruder, gebe mir deine große und starke Axt, und ich werde in den Wald dort am
Berge gehen;
[JJ.01_233,08] fürwahr, in drei Stunden
sollst du Holz in Menge haben!“
[JJ.01_233,09] Und Joseph gab dem Jonatha
eine starke Axt, und dieser ging in den Wald des nächsten Berges, der zur Villa
gehörte, und hieb dort sobald eine starke Zeder um, befestigte um den Stamm
einen starken Strick und zog so den ganzen mächtigen Baum vor das Haus Josephs.
[JJ.01_233,10] Als er da mit seinem gefällten
Baume ankam, da verwunderten sich alle über die enorme Stärke Jonathas.
[JJ.01_233,11] Und viele Diener des Cyrenius
versuchten zugleich den Baum weiterzuziehen, aber ihre Kraftanstrengung war
vergeblich;
[JJ.01_233,12] denn ihrer bei dreißig an der
Zahl konnten den Baum nicht um ein Haar von der Stelle bringen, da er im ganzen
bei hundert Zentner wog.
[JJ.01_233,13] Jonatha aber sagte zu den
Dienern des Cyrenius:
[JJ.01_233,14] „Nehmet doch statt dieses
vergeblichen Versuchens große und kleine Äxte zur Hand, und helfet mir den Baum
geschwind aufscheitern!
[JJ.01_233,15] Diese Mühe wird dem Hausherrn
besser gefallen, als so ihr an diesem Baume meine Riesenkraft bemessen wollt
durch eure eitle Bemühung!“
[JJ.01_233,16] Und sogleich griffen alle
Diener des Cyrenius zu, und durch die kräftige Mitwirkung des Jonatha ward der
ganze Baum in einer halben Stunde ganz aufgescheitert.
[JJ.01_233,17] Joseph war darauf voll Freude
und sprach: „O das ist vortrefflich!
[JJ.01_233,18] Fürwahr, das hätte mir drei
Tage Arbeit gemacht, bis ich so einen Baum zerscheitert hätte,
[JJ.01_233,19] und du hast kaum drei Stunden
in allem gebraucht!“
[JJ.01_233,20] Und der Jonatha sagte darauf:
„O Bruder! Eine große Leibesstärke ist wohl eine nützliche Sache;
[JJ.01_233,21] aber was ist sie gegen die Stärke
Dessen, der bei dir wohnet, und vor dessen Hauche die ganze Unendlichkeit
erbebt?!“
[JJ.01_233,22] Hier kam das Kindlein zum
Jonatha und sagte zu ihm: „Sei still, Jonatha, und verrate Mich nicht; denn Ich
weiß, wann Ich Mich zu zeigen habe!
[JJ.01_233,23] So aber Meine Kraft nun nicht
mit dir gewesen wäre, da wärest auch du nicht dieses Baumes Meister geworden. –
Aber sei stille und rede nichts davon!“ – Da sprach Jonatha nichts weiter und
begriff erst, wie er diesen Baum so leicht bemeistert hatte. –
[JJ.01_234] 234. Kapitel – Die Verlegenheit
des Statthalters durch eine Deputation der Ersten und Vornehmsten der Stadt.
Cyrenius lädt die Deputation zum Mahle ein. Vom Fluch des Geldes.
18. Juni 1844
[JJ.01_234,01] Als aber auf diese Art das
Haus Josephs auch mit Holz versehen war und die Söhne Josephs sich recht rüstig
an die Bereitung eines Mittagsmahles gemacht hatten,
[JJ.01_234,02] da kam eine sehr glänzende
Deputation aus der Stadt, um zu begrüßen den obersten Statthalter.
[JJ.01_234,03] Denn diesmal erfuhr niemand in
der Stadt etwas von der Anwesenheit des Cyrenius, weil er im strengsten
Inkognito da sein wollte.
[JJ.01_234,04] Aber man sah an dem Morgen die
bekannte Dienerschaft in der Stadt, wie die Söhne Josephs, und vermutete darum
die Gegenwart des Statthalters.
[JJ.01_234,05] Daher versammelte man sich in
der Stadt und kam in allem Glanze heraus, was aber dem Cyrenius diesmal sehr
ungelegen kam.
[JJ.01_234,06] Der Oberste und der schon
bekannte Hauptmann waren natürlich an der Spitze einer zahlreichen Gesellschaft
der Ersten und Vornehmsten der Stadt Ostracine.
[JJ.01_234,07] Der Oberste entschuldigte sich
über die Maßen, daß er es so spät, und das nur durch einen glücklichen Zufall
erfahren habe, daß Seine Kaiserliche Consulische Hoheit diese Gegend mit ihrer
allerhöchsten Gegenwart beglückten.
[JJ.01_234,08] Der Cyrenius aber kehrte sich
fast um vor geheimem Ärger über diesen für ihn höchst unzeitigen Besuch.
[JJ.01_234,09] Aber er mußte nun dennoch zum
bösen Spiele aus politischen Rücksichten eine gute Miene machen und erwiderte
darum auch dem Begrüßer mit gleicher Wohlredenheit.
[JJ.01_234,10] Endlich aber sagte er doch
auch zum Obersten: „Lieber Freund, wir große Herren der Welt sind manchmal doch
recht übel daran!
[JJ.01_234,11] Ein gemeiner Mensch kann
hingehen, wohin er nur immer will, und er bleibt im süßen Inkognito;
[JJ.01_234,12] aber wir dürfen nur ein wenig
über die Türschwelle uns erheben, und das Inkognito ist schon beim Plunder.
[JJ.01_234,13] Ich nehme eure stattliche
Begrüßung im Namen meines Bruders zwar recht herzlich gut auf;
[JJ.01_234,14] aber es bleibt dabei, daß ich
nun im strengsten Inkognito hier bin!
[JJ.01_234,15] Das heißt, mit andern Worten
gesprochen, dies mein Hiersein ist ein unamtliches und darf unter gar keiner
Bedingung nach Rom berichtet werden!
[JJ.01_234,16] So ich es erführe, daß es
jemand gewagt hätte, nach Rom einen solchen Bericht zu erstatten, wahrlich, dem
solle es nicht am besten ergehen! – Denn wohlgemerkt, ich bin im strengsten
Inkognito für die Welt hier!
[JJ.01_234,17] Warum? – das weiß ich, und
niemand hat mich darum zu fragen.
[JJ.01_234,18] Gehet aber nun heim und
kleidet euch um, und kommet dann wieder heraus zum Mittagsmahle, das ungefähr
drei Stunden vor dem Untergange stattfinden wird!“
[JJ.01_234,19] Hier verbeugte sich die
Deputation vor dem Statthalter und zog wieder ab.
[JJ.01_234,20] Darauf trat der Joseph zum
Cyrenius hin und sprach:
[JJ.01_234,21] „Siehe, das ist schon die
erste Wirkung des Geldes, das du mir in so reichlichstem Maße zukommen ließest!
[JJ.01_234,22] Deine Dienerschaft mußte mir
dazu einen Kasten kaufen, ward da erkannt – und dein Hiersein verraten.
[JJ.01_234,23] Wie ich doch immer sage: Am
Golde und Silber liegt noch immer der alte Fluch Gottes!“
[JJ.01_234,24] Das Kindlein aber, das dicht
neben dem Joseph Sich befand, sagte lächelnd hinzu:
[JJ.01_234,25] „Daher kann man dem stolzen
Golde und dem hochmütigen Silber keinen größeren Schimpf antun, als so man es
im gerechten Maße unter die Bettler austeilt.
[JJ.01_234,26] Du, Mein lieber Joseph, aber
tust das allzeit; daher wird dir der alte Fluch wenig schaden und also auch dem
Cyrenius.
[JJ.01_234,27] Oh, Mir ist es gar nicht bange
um dieses Goldes willen; denn hier befindet es sich schon am rechten Platze!“
[JJ.01_234,28] Diese Worte beruhigten wieder
den Joseph wie den Cyrenius, und sie erwarteten darauf recht heitern Mutes die
geladenen Gäste. –
[JJ.01_235] 235. Kapitel – Die vornehme
Gesellschaft bei der Mahlzeit. Josephs Rat der gesellschaftlichen
Rücksichtnahme bei der Tischordnung. Des Kindleins Ärgernis am schlecht
bestellten Nebentisch. Eine prophetische Voraussage.
19. Juni 1844
[JJ.01_235,01] In der vorbestimmten Zeit kam
die umgekleidete Deputation wieder aus der Stadt, begrüßte alles im Hause
Josephs und begab sich dann mit dem Cyrenius zur schon bereiteten Mahlzeit.
[JJ.01_235,02] Da aber nun unvermuteterweise
mehr Gäste zusammenkamen, als man erwartet hatte, so ward der Tisch Josephs zu
klein, als daß am selben auch die Familie Josephs hätte Platz haben können.
[JJ.01_235,03] Daher sagte heimlich das
Kindlein zum Joseph: „Vater Joseph, lasse für uns im nebenanstoßenden Zimmer
einen kleinen Tisch decken!
[JJ.01_235,04] Und dem Cyrenius sage, daß er
sich darob nicht kränken solle,
[JJ.01_235,05] und sage ihm, daß Ich schon
nach der Mahlzeit wieder zu ihm kommen werde!“
[JJ.01_235,06] Und der Joseph tat also, wie
ihm das Kindlein geraten hatte.
[JJ.01_235,07] Der Cyrenius aber sagte zum
Joseph: „Das geht nicht! – So der Herr der Unendlichkeit unter uns ist, da
werden wir Ihn doch nicht zum Katzentische setzen!
[JJ.01_235,08] O das wäre doch die
allersonderbarste Ordnung von der Welt!
[JJ.01_235,09] Ich sage dir, gerade Er und du
müßt vor allem obenan sitzen!“
[JJ.01_235,10] Und der Joseph sprach:
„Liebster Bruder, das wird diesmal wohl nicht angehen;
[JJ.01_235,11] denn siehe, es sind nun viele
Heiden aus der Stadt da, und denen könnte die zu große Nähe des Herrn gar übel
bekommen; daher ist des Kindleins Wille hier wie überall und allzeit zu
respektieren.“
[JJ.01_235,12] Und das Kindlein kam hinzu und
sprach: „Cyrenius! Joseph hat schon recht, folge nur seinen Worten!“
[JJ.01_235,13] Da fand der Cyrenius keinen
Anstand mehr und begab sich sogleich mit seiner Suite und mit der Deputation
aus der Stadt zum Mittagsmahle.
[JJ.01_235,14] Und der Joseph bestellte
sogleich im nebenanstoßenden Zimmer auch einen recht tüchtigen Tisch, bei dem
er, die Maria, das Kindlein mit Seinem Jakob,
[JJ.01_235,15] der Jonatha, die Eudokia und
die acht Kinder des Cyrenius Platz nahmen.
[JJ.01_235,16] Es wurden aber natürlich auf
den Tisch der Gäste mehr und die besseren Speisen aufgetragen und auf den
Haustisch weniger und die minder guten.
[JJ.01_235,17] Und das Kindlein sprach: „O du
Schandfleck von einem Erdboden! – mußt du denn gerade für deinen Einigen Herrn
das Schlechtere hervorbringen!?
[JJ.01_235,18] O du jetzt fruchtbares Land
zwischen Asien und Afrika, du sollst darum für alle Zeiten mit großer
Unfruchtbarkeit geschlagen werden!
[JJ.01_235,19] Fürwahr, wahr! – hätte unser
Tisch nicht einige Fische, da wäre für Mich rein nichts Genießbares da!
[JJ.01_235,20] Hier ein Milchkoch mit etwas
Honig, was Ich nicht mag, und da eine gebratene Meerzwiebel, und da eine kleine
Melone, und da ein altbackenes Brot und daneben etwas Butter und Honig, –
[JJ.01_235,21] das ist unsere ganze Mahlzeit;
lauter Speisen, die Ich nicht mag, bis auf die wenigen Fische!
[JJ.01_235,22] Ich will aber nicht, daß es
etwa die Gäste schlechter haben sollen als wir;
[JJ.01_235,23] aber das ist denn doch auch
nicht recht, daß wir es um vieles schlechter haben sollen als die Gäste!“
[JJ.01_235,24] Joseph aber sprach: „O lieber
Jesus, so schmolle doch nicht, denn siehe, es geht uns ja allen gleich!“
[JJ.01_235,25] Und das Kindlein sprach: „Gib
Mir vom Fische, und dann ist es gut für jetzt. Aber ein andermal muß es anders
gehen; denn mit dieser Alltagskost kann Ich Mich nicht allzeit begnügen!“ –
Joseph merkte sich das und gab dem Kindlein vom Fische zu essen.
[JJ.01_236] 236. Kapitel – Eine häusliche
Küchenszene und deren ernste Folgen. Das Grundevangelium von der Menschwerdung.
20. Juni 1844
[JJ.01_236,01] Beim Verzehren des Fisches
aber fragte das Kindlein den Jonatha, sagend: „Jonatha, ist das wohl die beste
Gattung der Fische?
[JJ.01_236,02] Denn Ich sage dir, daß Mir
dieser Fisch gar nicht wohlschmecket!
[JJ.01_236,03] Fürs erste ist er zäh und fürs
zweite so trocken wie Stroh.
[JJ.01_236,04] Fürwahr, das muß keine gute
Fischgattung sein, was sich auch daraus erkennen läßt, daß er gar so viele
lästige Gräten hat!“
[JJ.01_236,05] Und der Jonatha erwiderte: „Ja,
Du mein Herr und mein Gott! Es ist fürwahr die leichteste Fischgattung!
[JJ.01_236,06] O hätte doch der Joseph mir
früher etwas gesagt, da wäre ich ja gerne zehn Male für einmal hin und her
gelaufen und hätte für Dich den allerbesten Fisch geholt!“
[JJ.01_236,07] Hier war der Joseph selbst
etwas ärgerlich über seine Söhne, darum sie seinen Tisch so übel bestellt
hatten.
[JJ.01_236,08] Das Kindlein aber sprach:
„Joseph, ärgern dürfen wir uns deshalb gerade nicht;
[JJ.01_236,09] aber sonderbar bleibt das
immer von Meinen Brüdern, daß sie in der Küche für sich das Beste behalten, uns
aber gerade aus allem das Schlechteste auftischen.
[JJ.01_236,10] Es sei ihnen zwar alles
gesegnet; aber schön und löblich ist das von ihnen nicht! –
[JJ.01_236,11] Siehe, du hast Mir wohl das
beste Stück vom Fische gegeben; aber dennoch vermag Ich es nicht wegzuessen,
obschon Ich noch recht hungrig bin, –
[JJ.01_236,12] und das ist doch ein sicheres
Zeichen, daß der Fisch schlecht ist!
[JJ.01_236,13] Da – verkoste dies Stückchen,
und du wirst dich überzeugen, daß Ich recht habe!“
[JJ.01_236,14] Hier kostete der Joseph den
Fisch und fand die Aussage des Kindleins vollkommen bestätigt.
[JJ.01_236,15] Da stand er aber auch sogleich
auf und ging in die Küche und fand da, wie sich die vier Söhne mit einem edlen
Thunfisch gütlich taten.
[JJ.01_236,16] Da war es aber auch aus beim
Joseph, und er fing die vier Köche ganz gewaltig zu putzen an.
[JJ.01_236,17] Diese aber sprachen: „Vater! –
siehe, wir müssen alle schwere Arbeit verrichten, warum sollen wir da manchmal
nicht auch ein besseres Stückchen verzehren als die, welche nicht arbeiten?!
[JJ.01_236,18] Zudem ist der Fisch ja auch
nicht schlecht, den wir auf deinen Tisch gegeben haben.
[JJ.01_236,19] Das Kindlein aber, weil Es von
euch zu verzärtelt ist, ist nur manchmal zu voll Kapricen, und da ist Ihm dann
nichts recht und gut genug!“
[JJ.01_236,20] Da ward Joseph zornig und
sprach: „Gut, weil ihr mir mit solcher Rede begegnetet, so werdet ihr von nun
an nimmer für meinen Tisch Speisen bereiten!
[JJ.01_236,21] Maria wird von jetzt an mein
Koch sein, ihr aber möget für euch kochen, was ihr wollt; aber an meinem Tische
solle keiner aus euch je gesehen werden!“
[JJ.01_236,22] Hier verließ Joseph die vier
Köche und kam ganz erregt durch eine kleine Seitentüre zu seiner
Tischgesellschaft zurück.
[JJ.01_236,23] Da ward das Kindlein traurig
und fing an völlig zu weinen und schluchzte recht gewaltig.
[JJ.01_236,24] Da fragten Es sogleich Maria,
Joseph und der Jakob mit ängstlicher Gebärde, was Ihm fehle, ob Es irgendeinen
Schmerz empfinde –
[JJ.01_236,25] oder was es denn doch sei,
darum Es nun gar so plötzlich also traurig und leidig geworden sei?
[JJ.01_236,26] Das Kindlein aber seufzte tief
auf und sprach in einem sehr wehmütigen Tone zum Joseph:
[JJ.01_236,27] „Joseph! – Ist es denn gar so
süß, den Armen und Schwachen die eigene Herrlichkeit zu zeigen und sie eines
geringen Vergehens wegen völlig zu richten?!
[JJ.01_236,28] Siehe doch einmal Mich an, wie
viele gar entsetzlich schlechte Köche habe Ich in der Welt, die Mich als einen
Vater aller Väter schon lange völlig hätten verhungern lassen, so solches an
Mir möglich wäre!
[JJ.01_236,29] Ich sage dir, Köche, die von
Mir nichts mehr wissen und auch nichts mehr wissen und hören wollen!
[JJ.01_236,30] Und siehe, Ich gehe dennoch
nicht hinaus, um sie zu richten in Meinem gerechten Zorne!
[JJ.01_236,31] Ist es denn gar so süß, ein
Herr zu sein? – Siehe, Ich bin der alleinige Herr der Unendlichkeit, und außer
Mir ist ewig keiner mehr!
[JJ.01_236,32] Und siehe, Ich euer aller
Schöpfer und Vater wollte vor euch ein schwaches Menschenkind werden mit allem
Zurückhalte Meiner ewigen und unendlichen göttlichen Herrlichkeit,
[JJ.01_236,33] auf daß ihr durch dieses über
alles demütige Beispiel an eurem alten Herrschgeist einen Ekel bekommen sollet!
[JJ.01_236,34] Aber nein! Gerade in dieser
Zeit aller Zeiten, in der Sich der Herr aller Herrlichkeit unter alle Menschen
erniedrigt hat, um sie alle in solcher Seiner Niedrigkeit zu gewinnen, wollen die
Menschen am meisten Herren sein und herrschen!
[JJ.01_236,35] Ich weiß es wohl, daß du
vorzüglich Meinetwegen die vier Köche gerichtet hast;
[JJ.01_236,36] aber so du Mich als den Herrn
erkennst, warum hast du Mir denn da vorgegriffen?
[JJ.01_236,37] Siehe, wir alle sind darum
noch nicht unglücklich, darum wir mit einem mageren Fische bedient worden sind;
denn wir können uns ja sogleich einen besseren zubereiten lassen!
[JJ.01_236,38] Die vier Brüder aber sind nun
die unglücklichsten Geschöpfe auf der Welt, darum du als Vater sie gerichtet
hast;
[JJ.01_236,39] und siehe, das ist keine
gerechte Strafe auf ein so geringes Vergehen!
[JJ.01_236,40] Was wäret ihr Menschen wohl,
so Ich mit euch täte, wie ihr es miteinander tut, wenn Ich so kurzmütig und
ungeduldig wäre, wie ihr es seid?!
[JJ.01_236,41] Du weißt es nicht, warum wir
diesmal so karg bedient worden sind; Ich aber weiß es.
[JJ.01_236,42] Darum sage Ich dir, gehe hin
und rufe zurück dein Urteil, und der Jakob wird dir dann den Grund dieser
schlechten Mahlzeit kundgeben!“
[JJ.01_236,43] Hier ging der Joseph und
berief die vier Söhne, auf daß sie vor ihm bekenneten ihren Fehl und er es
ihnen dann vergebe.
[JJ.01_237] 237. Kapitel – Demütige und
herzliche Rede der vier Brüder an das beschimpfte Kindlein. Dessen göttliche
Antwort an Seine Brüder.
21. Juni 1844
[JJ.01_237,01] Und die vier Söhne Josephs
kamen sobald in das Speisezimmer des Joseph, fielen da auch sogleich auf ihre
Knie nieder, bekannten ihre Schuld und baten dann den alten Vater Joseph um Vergebung.
[JJ.01_237,02] Joseph vergab ihnen darauf und
nahm sein Urteil zurück.
[JJ.01_237,03] Darauf aber sagte er zu den
vieren: „Ich habe es euch wohl vergeben;
[JJ.01_237,04] aber ich war auch dabei der
von euch am wenigsten Beleidigte.
[JJ.01_237,05] Aber hier ist das Kindlein,
von dem ihr mir zum größten Ärger aussagtet,
[JJ.01_237,06] Es sei ganz verzärtelt und sei
darum manchmal voll Kapricen, da Ihm dann nichts recht und gut genug wäre.
[JJ.01_237,07] Dadurch habt ihr Es gröblichst
beschimpft!
[JJ.01_237,08] Gehet hin und bittet Es
vorzugsweise um Vergebung, sonst kann es euch übel ergehen!“
[JJ.01_237,09] Darauf gingen die vier hin vor
das Kindlein und sprachen vor Ihm:
[JJ.01_237,10] „O Du unser liebes Brüderchen!
Siehe, wir haben Dich ungerecht beschimpft vor unserem Vater,
[JJ.01_237,11] und haben dadurch ihn
gröblichst erzürnt, daß er uns darob nahe fluchen mußte.
[JJ.01_237,12] Gar grob haben wir uns an Dir
und dem guten Vater Joseph versündigt.
[JJ.01_237,13] O wirst Du, liebes Brüderchen,
uns wohl je solche unsere grobe Sünde vergeben können? – Wirst Du uns wieder zu
Deinen Brüdern erheben?“
[JJ.01_237,14] Hier lächelte das Kindlein die
vier Bittenden gar überaus freundlich an, streckte Seine zarten Arme aus und
sprach mit Tränen in Seinen göttlichen Augen:
[JJ.01_237,15] „O stehet auf, ihr Meine
lieben Brüder, und kommet her, auf daß Ich euch küsse und segne!
[JJ.01_237,16] Denn wahrlich, wer so wie ihr
zu Mir kommt, dem solle vergeben sein und hätte er der Sünden mehr, denn da ist
des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde!
[JJ.01_237,17] Wahrlich, wahrlich! – eher
noch als diese Erde gegründet war, habe Ich diese Sünde an euch schon geschaut
und habe sie euch auch schon um gar vieles eher vergeben, als ihr noch waret!
[JJ.01_237,18] O ihr Meine lieben Brüder!
Seid ja in keiner Angst wegen Meiner; denn Ich habe ja euch alle so sehr lieb,
daß Ich wohl aus Liebe zu euch einst sterben werde am Leibe!
[JJ.01_237,19] Daher habet ja keine Angst vor
Mir; denn wahrlich, so ihr Mir auch gefluchet hättet, da hätte Ich euch aber
dennoch nicht gerichtet, sondern hätte geweint ob der Härte eurer Herzen!
[JJ.01_237,20] Kommet also her, ihr Meine
lieben Brüder, auf daß Ich euch segne, darum ihr Mich ein wenig beschimpfet
habt!“
[JJ.01_237,21] Diese endlose Güte des
Kindleins brach den vieren das Herz, daß sie weinten wie kleine Kinder.
[JJ.01_237,22] Auch die andere Tischgesellschaft
ward so sehr gerührt, daß sie sich des Weinens nicht enthalten konnte.
[JJ.01_237,23] Das Kindlein aber richtete
Sich auf, ging Selbst zu den vieren hin und segnete und küßte sie und sagte
dann zu ihnen:
[JJ.01_237,24] „Nun, liebe Brüder, werdet ihr
es doch merken, daß Ich euch alles vergeben habe!? –
[JJ.01_237,25] Ich bitte euch aber, gehet nun
in die Küche und bringet uns allen einen besseren Fisch!
[JJ.01_237,26] Denn fürwahr, Ich bin noch
recht hungrig und kann den Fisch aber dennoch nicht essen, den ihr ehedem für
uns bereitet habt!“
[JJ.01_237,27] Hier erhoben sich sobald die
vier, küßten das übergute Kindlein und eilten dann übergerührt in die Küche und
bereiteten in der kürzesten Zeit einen allerbesten Fisch für den Tisch Josephs.
[JJ.01_238] 238. Kapitel – Entsprechungssinn
der Mahlzeit. Die Phasen der geistigen Zustände auf Erden: 1. Im allgemeinen.
2. Das Judentum. 3. Die griechische Kirche. 4. Die römische Kirche. 5. Die
christlichen Sekten.
22. Juni 1844
[JJ.01_238,01] Als der gut bereitete Fisch
auf den Tisch Josephs kam und sich alle daran gütlich taten,
[JJ.01_238,02] und als auch die Tafel beendet
ward, da fragte Joseph den Jakob, ob er ihm denn einen etwa wohl gar
prophetischen Grund dieses früheren mageren und schlechten und nun am Ende gar
wohlschmeckenden Mahles anzugeben wüßte?
[JJ.01_238,03] Und der Jakob sprach mit der
größten Demut und Bescheidenheit:
[JJ.01_238,04] „O ja, lieber Vater Joseph,
insoweit es mir der Herr geben wird, insoweit auch will ich es dir treulich kundtun,
was dieses Mahl bedeutet.
[JJ.01_238,05] Und so bitte ich dich denn,
daß du mich ja recht treulich anhören möchtest!“
[JJ.01_238,06] Alle richteten nun ihre
Aufmerksamkeit auf den Mund Jakobs, und dieser begann also zu reden:
[JJ.01_238,07] „Die magere und schlechte
Mahlzeit bezeichnet jene künftige Zeit, in der des Herrn Wort wird verunstaltet
werden.
[JJ.01_238,08] Da werden Seine Knechte den
besten Teil für sich behalten und werden ihre Gemeinden mit den Trebern füttern
gleichwie die Heiden ihre Schweine.
[JJ.01_238,09] Die Juden werden sein gleich
der gebratenen Meerzwiebel;
[JJ.01_238,10] denn obschon sie eine Wurzel
sind, die am Meere der göttlichen Gnade wuchert und nun völlig gebraten wird am
Feuer der göttlichen Liebe,
[JJ.01_238,11] so wird sie aber dennoch als
eine schlechte Speise und als ein höchst mageres Gericht am Tische des Herrn
sich befinden, und wird niemand nach ihr greifen! –
[JJ.01_238,12] Das dumme Milchkoch werden die
Griechen sein; diese werden wohl am meisten noch des Herrn Wort echt erhalten!
[JJ.01_238,13] Aber da sie nur ein äußeres,
aber kein inneres Leben darnach führen werden, so werden sie lau und dumm und
geschmacklos sein wie dieses Koch, das zwar wohl auch die besten Lebenssäfte in
sich trägt, aber weil es kühl ist und nicht gehörig durchkochet ward, so macht
es auch eine schlechte Figur auf dem Tische des Herrn! –
[JJ.01_238,14] Denn es hat keinen Wohlgeruch
und somit als noch völlig roh auch keinen Wohlgeschmack für des Herrn Gaumen.
[JJ.01_238,15] Die Melone ist das Rom. Diese
Frucht wächst an einem kriechenden und sich nach allen Gegenden hin windenden
Stiele,
[JJ.01_238,16] auf dem viel taube Blüten
vorkommen; aber nur hinter wenigen zeigt sich eine Frucht.
[JJ.01_238,17] Und wenn schon die Frucht da
ist und ihre Reife erlangt, so hätte sie zwar wohl einen recht starken
Wohlgeruch, –
[JJ.01_238,18] schneidet man sie aber auf und
kostet das innere Fleisch, so wird man sogleich gewahr, daß der Geschmack bei
weitem schlechter ist als der Geruch.
[JJ.01_238,19] Nimmt man nicht gewürzten
Honig dazu, so wird es einem nach dem Genusse solcher Frucht sogleich zum
Erbrechen übel,
[JJ.01_238,20] ja man kann sich an solcher
Frucht gar leicht den Tod eressen!
[JJ.01_238,21] Also wird es auch mit Rom
stehen eine geraume Zeit, und viele werden sich an dieser Kost den Tod eressen!
– Und diese Frucht wird ebenfalls als ein schlechtes Gericht auf dem Tische des
Herrn sich befinden und wird von Ihm nicht angerührt werden! –
[JJ.01_238,22] Also sind hier noch Butter,
Brot und etwas Honig und etliche magere Fische.
[JJ.01_238,23] Diese Speisen sind wohl etwas
besser und sind von den andern sehr gesondert und haben wohl noch das rechte
Ansehen;
[JJ.01_238,24] aber es ist in ihnen auch
keine Wärme, und des Feuers Hauptwürze hat sie noch nicht alle berührt, daher
stehen sie auch hier auf dem Tische des Herrn und werden nicht gelobt.
[JJ.01_238,25] Die Fische wohl waren am
Feuer; aber sie hatten zu wenig Fett, daher sind sie trocken wie Stroh, und der
Herr kann sie auch nicht genießen.
[JJ.01_238,26] Unter diesen Speisen aber
werden gewisse Sekten verstanden, die sich von ersteren absondern werden und
werden wohl Glauben haben;
[JJ.01_238,27] aber man wird an ihnen keine
oder nur sehr wenig Liebe entdecken, und daher werden sie auch nicht angenehm
sein vor dem Herrn! – –
[JJ.01_238,28] Das ist kurz die Bedeutung
dieses Mahles. Ich gab alles kund, was ich empfing; mehr aber empfing ich
nicht, darum schweige ich nun.“ – Diese Erklärung machte ein großes Aufsehen wohl,
aber niemand verstand sie.
[JJ.01_239] 239. Kapitel – Der letzte gute
Fisch bedeutet die Liebe des Herrn und Seine große Gnade in dieser letzten
Zeit. Die Bewohner der Sonne auch zu Kindern Gottes bestimmt. Eine Herde unter
dem Einen guten Hirten.
25. Juni 1844
[JJ.01_239,01] Joseph aber sprach darauf zum
Jakob: „Du hast im vollsten Sinne im Namen des Herrn großweise geredet, obschon
ich wie wir alle das noch nicht zu fassen imstande sind, was du geredet hast.
[JJ.01_239,02] Da ich aber dessenungeachtet
die Weisheit Gottes in dir erkenne,
[JJ.01_239,03] und wir alle am Ende einen
herrlichen und gar überaus wohlschmeckend zubereiteten Fisch auf unsern Tisch
bekamen,
[JJ.01_239,04] so möchte ich denn auch das
von dir erörtert haben, was denn am Ende dieser edle gute Fisch bedeutet.
[JJ.01_239,05] Sicher wird dir der Herr auch
das enthüllen, das da gut ist,
[JJ.01_239,06] da Er dir ehedem enthüllet
hat, was da schlecht ist und sein wird für alle Welt!“
[JJ.01_239,07] Und der Jakob sprach darauf:
„Lieber Vater Joseph, das steht ja nicht bei mir, sondern allein beim Herrn!
[JJ.01_239,08] Ich bin nur ein mattes
Werkzeug des Herrn und kann nur dann reden, wann der Herr mir die Zunge löset.
[JJ.01_239,09] Darum verlange nicht von mir,
das ich nicht habe und dir's darum auch nicht zu geben vermag,
[JJ.01_239,10] sondern wende dich darob an
den Herrn; so Er es mir geben wird, dann sollst es auch du alsogleich bekommen
ganz ungetrübt!“
[JJ.01_239,11] Hier wandte sich der Joseph
sogleich an das Kindlein heimlich und sprach:
[JJ.01_239,12] „Mein Jesus, lasse mich auch
die Bedeutung des guten Fisches erfahren!“
[JJ.01_239,13] Das Kindlein aber sprach:
„Joseph, du siehst ja, daß Ich mit Meinem Fische noch nicht völlig fertig bin;
also warte nur ein wenig noch!
[JJ.01_239,14] Der Cyrenius ist ja auch noch
lange nicht fertig mit seiner Mahlzeit; daher haben wir noch eine halbe Stunde
Zeit,
[JJ.01_239,15] und in dieser Zeit läßt sich
noch sehr vieles abmachen, beraten und beschließen.“
[JJ.01_239,16] Darauf aber wandte Sich das
Kindlein zum Jakob und sprach zu ihm:
[JJ.01_239,17] „Jakob, dieweil Ich dies Mein
Stückchen Fisch verzehren werde, kannst du ja gleichwohl reden, was dir in den
Mund kommen wird.“
[JJ.01_239,18] Darauf aß das Kindlein wieder
an Seinem Fische, und der Jakob begann sogleich also zu reden:
[JJ.01_239,19] „Dieser letzte gute Fisch
bedeutet die Liebe des Herrn und Seine große Gnade, die Er in den Zeiten, in
denen alles sich über den Abgründen des ewigen Todes befinden wird, den
Menschen wird zukommen lassen.
[JJ.01_239,20] Aber zuvor werden die Köche
ein tüchtiges Gericht zu bestehen haben!
[JJ.01_239,21] Erst nach einem solchen
Gerichte wird jene Zeit kommen, von der schon der Prophet Isaias geweissagt
hatte.
[JJ.01_239,22] Und diese Zeit wird dann
bleiben auf der Erde und wird von ihr nicht genommen werden fürder; und da wird
die Erde eins werden mit der Sonne,
[JJ.01_239,23] und ihre Bewohner werden
bewohnen die großen Lichtgefilde der Sonne und werden leuchten wie sie.
[JJ.01_239,24] Und der Herr wird allein Herr
sein, und Er wird Selbst ein Hirt sein, und alle die leuchtenden Bewohner
werden eine Herde sein!
[JJ.01_239,25] Und also wird die Erde
bestehen ewig, und ihre Bewohner ewig, und der Herr wird sein ewig unter ihnen
– ein Vater Seinen Kindern von Ewigkeit!
[JJ.01_239,26] Da wird kein Tod mehr sein;
wer da leben wird, der wird leben ewig, und wird nimmer den Tod sehen Amen!“ –
[JJ.01_239,27] Hier ward der Jakob wieder
still. Die ganze Gesellschaft aber ward ganz stumm vor Verwunderung über die
große Weisheit Jakobs, – nur das Kindlein sprach am Ende: „Und so bin Ich auch
mit dem Fische fertig geworden; daher auch da Amen.“ –
[JJ.01_240] 240. Kapitel – Die Gäste werden
auf das Kindlein aufmerksam. Des Cyrenius Auskunft. Ein Urteil der Nachbarn
über Joseph und seine Familie.
26. Juni 1844
[JJ.01_240,01] Bald darauf erhob sich die
Gesellschaft vom Tische und dankte Gott für die leibliche wie für die geistige
Nahrung und begab sich dann zum größten Teile hinaus ins Freie.
[JJ.01_240,02] Nur Joseph, Maria und das
Kindlein mit dem Jakob begaben sich in das große Speisezimmer, allda der
Cyrenius sich noch mit seinen Gästen am Tische befand.
[JJ.01_240,03] Er bewillkommnete überaus
freundlich seine liebsten Freunde und wollte sogleich aufstehen und ihnen einen
Platz bereiten.
[JJ.01_240,04] Das Kindlein aber sprach: „O
bleibe, bleibe, du Mein lieber Cyrenius, wie du bist!
[JJ.01_240,05] Ich bin schon zufrieden, wenn
Ich nur in deinem Herzen den gerechten Platz habe!
[JJ.01_240,06] Was da diesen Tischplatz
betrifft, an dem liegt Mir nichts!
[JJ.01_240,07] Ich gehe aber nun ins Freie
mit den Meinen; wann du mit der Tafel wirst zu Ende sein, so komme Mir nach!“
[JJ.01_240,08] Darauf lief das Kindlein mit
Seinem Jakob flugs hinaus ins Freie und unterhielt Sich dort mit ihm und mit
den andern Kindern.
[JJ.01_240,09] Einigen Gästen aus der Stadt
aber fiel diese sehr verständige und ganz vertrauliche Rede des Kindleins mit
dem Cyrenius auf,
[JJ.01_240,10] und sie fragten, wie alt denn
doch dies Kindlein sein dürfte;
[JJ.01_240,11] denn es rede ja schon wie ein
erwachsener Mensch und scheine mit dem Statthalter auf einem sehr vertrauten
Fuße zu stehen.
[JJ.01_240,12] Cyrenius aber sprach: „Was
kümmert euch das, so ich ein großer Kinderfreund bin?
[JJ.01_240,13] Daß dies Kindlein überaus
geistreich ist, das habt ihr alle gesehen!
[JJ.01_240,14] Wie Es aber in kaum noch
dritthalb Jahren Alters zu solcher Verstandesklarheit gelangt ist,
[JJ.01_240,15] darüber erkundiget euch bei
dessen Eltern, diese werden euch darüber wohl den besten Aufschluß zu erteilen
imstande sein!
[JJ.01_240,16] Mich nimmt es aber überhaupt
sehr wunder, daß ihr als die nächsten Nachbarn dieses Hauses dessen Einwohner
noch nicht näher kennet!“
[JJ.01_240,17] Darauf sprachen einige: „Ja –
wie sollen wir aber diese Familie auch näher kennen?
[JJ.01_240,18] Fürs erste geht sie nirgends
hin, und fürs zweite haben wir ja auch zu wenig Zeit, um zu besuchen diese
sonderbare jüdische Familie, bei der man sich überhaupt nicht so ganz recht
auskennt;
[JJ.01_240,19] denn sie hat einen so
sonderbar mystischen Anstrich, daß man nicht weiß, was man so ganz eigentlich
aus ihr machen solle.
[JJ.01_240,20] Soviel wir von andern ganz
geringen Menschen erfahren, so ist diese Familie wohl sehr friedsam und tut den
Armen viel Gutes;
[JJ.01_240,21] aber es gibt einige, die da
sagen, daß sie schon öfter dieses Haus wie in den hellsten Flammen ersahen, die
aber auf ,ja‘ und ,nein‘ wieder erloschen, – und so noch so manches andere.
[JJ.01_240,22] Daher haben wir auch den Mut
nicht, diese Familie zu besuchen;
[JJ.01_240,23] denn der Alte ist und bleibt
ein jüdischer Hauptzauberer.
[JJ.01_240,24] Und mit derlei Menschen ist
nicht gut in irgend eine Gesellschaft zu treten!“ –
[JJ.01_240,25] Hier lachte der Cyrenius und
sprach: „Nun – wenn also – da bleibet ihr nur dabei stehen; denn dann ist dies
Haus sicher vor euch!“ – Die Gäste aber sahen den Cyrenius groß an und wußten
nicht, wie sie daran waren. –
[JJ.01_241] 241. Kapitel – Der übelwollende
Beschluß der eifersüchtigen Gäste. Der große Brand in Ostracine.
24. Juni 1844
[JJ.01_241,01] Es fragte aber ein großer
Bürger der Stadt Ostracine, wie der Statthalter das meine:
[JJ.01_241,02] „Warum solle darob dieses Haus
sicher sein, da man vielleicht irrwähnig diesen alten Juden für einen
Erzzauberer hält?“
[JJ.01_241,03] Und der Cyrenius sprach: „Weil
der schwache Mensch da nichts vermag, wo der urewigen Gottheit Kraft ihre
schützende Hand darüberhält.
[JJ.01_241,04] Dieses Haus aber steht, wie
keines mehr auf der weiten Erde, unter dem mächtigsten Schutze solcher
Gottheit, – also ist es auch unüberwindlich!
[JJ.01_241,05] Leget eure Hand böswillig an
dies Haus, und ihr werdet es sogleich erfahren, um welche Zeit es mit diesem
ist!“
[JJ.01_241,06] Hier stutzten alle die Gäste
aus der Stadt und sagten zueinander:
[JJ.01_241,07] „Der Statthalter will uns nur
schrecken, weil er keine Macht bei sich hat.
[JJ.01_241,08] Würden wir aber im Ernste
unsere Hände an dies Haus und an seinen Leib legen, da möchte er sicher bald eine
andere Sprache führen!
[JJ.01_241,09] Lasset uns daher aufstehen vom
Tische und in die Stadt ziehen und von da gegen Abend wieder mit einer starken
Macht hierherkommen,
[JJ.01_241,10] und da werden wir sogleich
sehen, ob der Statthalter noch eine solche Sprache führen wird!“
[JJ.01_241,11] Darauf erhob sich bald die
ganze Gesellschaft vom Tische und begab sich ins Freie.
[JJ.01_241,12] Allda fingen sich die Bürger
und der Oberste und der Stadthauptmann beim Cyrenius zu beurlauben an und
machten sich darauf auf den Weg in die Stadt.
[JJ.01_241,13] Der Joseph aber ging zu den
Fortgehenwollenden und sagte zu ihnen:
[JJ.01_241,14] „Warum wollt ihr denn nun
schon gehen, da die Sonne noch eine gute Stunde leuchten wird?
[JJ.01_241,15] Bleibet hier bis zum Abende,
und wir wollen dann alle den Cyrenius bis zu seinem Schiffe begleiten, wie es
sich gebührt;
[JJ.01_241,16] denn er reist noch heute in
der Nacht nach Tyrus ab und wird darum auch heute noch sein Schiff ordnen und
besteigen.“
[JJ.01_241,17] Die also Angesprochenen aber
entschuldigten sich und sagten: „Wir haben heute noch ein gar wichtiges
Geschäft vor, daher entschuldige du uns bei deinem intimsten Freunde!“
[JJ.01_241,18] Hier kam das Kindlein
herbeigelaufen und sprach zum Joseph:
[JJ.01_241,19] „Lasse sie nur ziehen in die
Stadt; denn ihr Geschäft ist von einer Art, das zu Meiner Verherrlichung dienen
wird!“
[JJ.01_241,20] Hier ließ sonach der Joseph
die Stadtgäste ziehen und ging mit dem Kindlein zum Cyrenius hin und erzählte
ihm, wie diese sich entschuldigten, und was das Kindlein geredet hatte.
[JJ.01_241,21] Und der Cyrenius sprach: „O
mein erhabenster Bruder, diese Art kenne ich!
[JJ.01_241,22] Sie ist eifersüchtig und weiß
sich aus lauter innerer Galle nicht zu raten und zu helfen, weil ich dein Haus
besuchte und sie im Stiche ließ.
[JJ.01_241,23] Aber ich bin darum sehr ruhig
ob deiner; denn ich weiß es ja, in Wessen Schutze du dich befindest!“
[JJ.01_241,24] Und das Kindlein sprach: „Oh,
der dürre Weg solle ihnen heiß werden!
[JJ.01_241,25] Sie wollen unser Haus heute
noch zerstören, und das mit Feuer!
[JJ.01_241,26] Aber sie sollen nicht Zeit
gewinnen dazu, denn sie werden daheim sogleich genug zu tun bekommen!“
[JJ.01_241,27] Als das Kindlein noch kaum
solche Worte ausgeredet hatte, da stand schon die halbe Stadt in Flammen, – und
niemand dachte mehr an die Zerstörung des Hauses Josephs.
[JJ.01_242] 242. Kapitel – Des Cyrenius Sorge
um die Abgebrannten. „Wer andern eine Grube gräbt, fällt selbst hinein.“ Gott
ist allen „ein allergerechtester Richter“.
28. Juni 1844
[JJ.01_242,01] Es entsetzten sich aber alle,
als sie auf einmal die ungeheuere Qualm- und Flammenmasse in die Luft
aufsteigend erschauten.
[JJ.01_242,02] Und der Cyrenius fragte den
Joseph, ob man nicht diesen so mächtig hartbedrängten Menschen zu Hilfe eilen
solle.
[JJ.01_242,03] Joseph aber sprach: „Ich
meine, wir werden das gut sein lassen!
[JJ.01_242,04] Denn dem Feuer können wir
ohnehin keinen Einhalt tun mit unseren natürlich-menschlichen Kräften;
[JJ.01_242,05] was aber die dabei Verarmten
betrifft, die werden uns noch bald genug und zur rechten Zeit treffen.
[JJ.01_242,06] Daher seien wir nur ganz ruhig
hier; wem's not tut, der wird schon kommen!“
[JJ.01_242,07] Und das Kindlein daneben
sprach zum Joseph: „Lieber Joseph! siehe, das wird auch deinen Gold- und
Silberkasten um ein sehr bedeutendes geringer machen!
[JJ.01_242,08] Auch du, Cyrenius, wirst heute
noch vor deiner Abreise um einige Pfunde Goldes und Silbers leichter werden;
[JJ.01_242,09] denn die hier waren und
heimlich uns mit der Zerstörung unseres Hauses gedroht haben, die werden bald
als gar sehr gedemütigte Freunde wiederkommen und werden dich um eine
Unterstützung angehen.
[JJ.01_242,10] Daher mache dich nur gefaßt
darauf! Denke aber nicht, als hätte Ich etwa deren Häuser durch Meine Macht in
diesen Brand gesteckt;
[JJ.01_242,11] denn so etwas tue Ich nicht;
und jegliche Rache ist ferne von Mir!
[JJ.01_242,12] Dir aber sage Ich es: Das hat
ihnen ihre Dienerschaft getan;
[JJ.01_242,13] denn diese hatte schon einen
alten Groll auf ihre Herrschaft, da sie von ihr zu karg und hart gehalten war.
[JJ.01_242,14] Heute fand sie den günstigen
Zeitpunkt, sich also zu rächen an ihrer Herrschaft,
[JJ.01_242,15] daß sie alle ihre Paläste in
den Brand steckte.
[JJ.01_242,16] Und so fielen ohne Mein Zutun
diese Weltherren gerade nun in die Grube, die sie für uns gemacht zu haben im
Sinne hatten!“
[JJ.01_242,17] Als der Cyrenius vom Kindlein
solches vernommen hatte, da fragte er Es hurtigst, ob man solcher argen
Dienerschaft nicht nachstellen solle.
[JJ.01_242,18] Und das Kindlein sprach: „O
lasse das gut sein! Denn fürs erste hat sie an ihrer hartherzigen Herrschaft
ein gutes Werk getan,
[JJ.01_242,19] fürs zweite ist sie lange
schon mit dem geraubten Schatze über Berg und Tal, –
[JJ.01_242,20] und fürs dritte wird sie der
ihr gebührenden Strafe nicht entgehen, da sie das ganz eigenmächtig aus böser
Rache getan hat!
[JJ.01_242,21] Daher sei unsere Sorge vorerst
auf die gerichtet, die da unserer Hilfe benötigen werden!
[JJ.01_242,22] Was aber die Brandleger
betrifft, für die ist schon gesorgt.
[JJ.01_242,23] Denn siehe, Gott sieht sie
allenthalben und kennet ihren Weg genau!
[JJ.01_242,24] Daher kann Er sie auch überall
ergreifen, wo sie sich auch immer befinden möchten.
[JJ.01_242,25] Gott ist auch ein allen
allergerechtester Richter; daher wird Er ihnen auch den gerechtesten Lohn für
ihre Tat zu geben wissen!“ –
[JJ.01_242,26] Hier kam die Maria ganz
ängstlich hinzu und zeigte dem Joseph eine große Schar gewaffneter Krieger, die
sich in Eilschritten gegen die Villa bewegte.
[JJ.01_242,27] Das Kindlein aber sprach: „O
fürchtet euch nicht; das ist die Schutzwache für den Cyrenius, die nun der
Oberste aus der Stadt zu eurer Sicherung sendet!
[JJ.01_242,28] Es werden aber bald auch eine
Menge Bürger ihr folgen.
[JJ.01_242,29] Daher sei nun hier nur für
ihre Unterkunft gesorgt; alles andere wird sich geben!“ –
[JJ.01_242,30] Und wie das Kindlein solches
geredet hatte, so war es auch: der Cyrenius bekam Wache, und dieser folgten
bald eine Menge Abgebrannter.
[JJ.01_243] 243. Kapitel – Hochmut kommt vor
dem Fall. Josephs würdige Behandlung der Abgebrannten. Des Cyrenius Edelmut
gegen die Verunglückten. Cyrenius bei Jonatha.
1. Juli 1844
[JJ.01_243,01] Als die Abgebrannten beim
Hause Josephs ankamen, da erkannte sie eben der Joseph bald, daß sie dieselben
Herren waren, die ehedem seine Gäste gewesen sind, und fragte sie:
[JJ.01_243,02] „Ja – meine geachtetsten
Herrn, was ist denn mit eurem wichtigen Geschäfte, deshalb ihr ehedem also
schnell forteiltet?
[JJ.01_243,03] Bestand es darinnen, daß ihr
eure Stadt angezündet habt?
[JJ.01_243,04] Oder bestand es etwa in ganz
etwas anderem, das für mich als ein Geheimnis zu verbleiben hat?“
[JJ.01_243,05] Die Abgebrannten aber
sprachen: „Lieber Menschenfreund! – Versuche uns Elende nicht; denn du siehst
ja, daß wir nun die aufgelegtesten Bettler sind!
[JJ.01_243,06] Kannst du uns aber irgend
unterstützen, so tue das, und wir wollen deine Leibeigenen sein unser Leben
lang!“
[JJ.01_243,07] Joseph aber sprach: „Nur Roms
mächtige Patrizier verstehen sich auf Sklaven und Leibeigene;
[JJ.01_243,08] ich aber verstehe mich nur auf
Brüder, die allzeit gleich meine Brüder sind – wie als Herren, also auch als
Bettler!
[JJ.01_243,09] Darum werde ich euch auch nach
Kräften unterstützen.
[JJ.01_243,10] Aber so ihr wieder auf eurem
Boden feststehen werdet, dann nehmt euch kein solches Geschäft mehr vor, wie
euer heutiges hätte sein sollen!
[JJ.01_243,11] Denn so wehe es euch nun tut,
daß euch eure Diener und Sklaven so schändlich beraubt und eure Häuser
angezündet haben,
[JJ.01_243,12] ebenso und noch mehr Wehe
hätte mir das gemacht, so ihr desgleichen an mir verübt hättet!“
[JJ.01_243,13] Hier ging der Joseph zum
Cyrenius und fragte ihn, was man diesen Unglücklichen auf einmal geben solle.
[JJ.01_243,14] Und der Cyrenius sprach:
„Warte nur ein wenig! Meine Träger, die ich um meine Kasse aufs Schiff gesandt
habe, werden sobald da sein!
[JJ.01_243,15] So ich erst im Besitze meiner
größeren Kasse sein werde, dann werden wir schon sehen, wieviel da auf jeden,
der schon hier ist und noch kommen wird, fallen solle.“
[JJ.01_243,16] In einer kleinen Stunde
brachten die Boten tausend Säckel Goldes und Silbers.
[JJ.01_243,17] Jeder Säckel, aus zehn Pfunden
bestehend, aber war gemischt mit zwei Pfunden Goldes und acht Pfunden Silbers.
[JJ.01_243,18] Hier sprach der Cyrenius zum
Joseph: „Diese Säckel verteile du unter diese Abgebrannten also, daß da auf
jeden ein Säckel komme!
[JJ.01_243,19] Die erübrigten aber verwahre
du für noch andere, die noch ankommen werden!
[JJ.01_243,20] Ich aber will bei der
Verteilung nicht zugegen sein, auf daß ich nicht erkannt werde von allem Volke,
das hierherkommen wird!
[JJ.01_243,21] Ich aber werde mich nun mit
dem Jonatha in seine Wohnung begeben und hoffe dich am Abende zu sehen.“
[JJ.01_243,22] Joseph billigte das und
übernahm mit seinen Söhnen sogleich die Verteilung; und der Cyrenius entfernte
sich heimlich mit seinem ganzen Hofstaate und mit dem Jonatha. – –
[JJ.01_244] 244. Kapitel – Josephs
tatkräftige Nächstenliebe. Ein rechter Trost in schwerer Heimsuchung.
Abendbesuch und Abendmahl bei Jonatha.
2. Juli 1844
[JJ.01_244,01] Zwei Stunden nach dem vollen
Untergange der Sonne hatte Joseph mit der Verteilung zu tun
[JJ.01_244,02] und wies dabei auch den Dach-
und Fachlosen Plätze an, wo sie übernachten konnten;
[JJ.01_244,03] denn in der Stadt getrauten
sich wenige nur zu übernachten, teils wegen des starken Brandgestankes,
[JJ.01_244,04] teils aber auch wegen der Unsicherheit,
da man noch immer fürchten mußte, ob das Feuer nicht ehestens dieses oder jenes
noch gesunde Haus ergreifen wird.
[JJ.01_244,05] Als Joseph also sein Geschäft
beendet hatte, da fragte er das Kindlein ganz geheim, ob es nun wohl geheuer
sein dürfte, das Haus zu verlassen und sich zum Jonatha hinzubegeben.
[JJ.01_244,06] Und das Kindlein sprach: „Was
kümmert dich das Haus und dessen Inhalt?
[JJ.01_244,07] Gehört es doch nicht uns,
sondern dem, der es gekauft hat, so wie auch der Inhalt, der ebenfalls des
Käufers ist.
[JJ.01_244,08] Daher gehen wir nur zum
Jonatha, der für uns sicher einen guten Fisch in Bereitschaft hat!“
[JJ.01_244,09] Und der Joseph sprach: „Da
hast Du freilich wohl recht;
[JJ.01_244,10] aber bedenke, daß wir einen
Kasten voll Goldes und Silbers haben, und haben Kühe, Ziegen und Esel!
[JJ.01_244,11] Könnte das nicht ein Raub
dieser nun sehr vielen Gäste werden?“
[JJ.01_244,12] Und das Kindlein sprach:
„Joseph, das ist jetzt zu hoch für Mich!
[JJ.01_244,13] Rede darüber mit dem Jakob,
der versteht diese Sachen nun besser als Ich!“ –
[JJ.01_244,14] Und der Joseph tat sobald an
den Jakob dieselbe Frage.
[JJ.01_244,15] Und der Jakob sprach: „Vater!
– Und so wir alles verlören, der Herr aber bleibt uns, was hätten wir dann
verloren? –
[JJ.01_244,16] Der Herr aber zieht mit uns
zum Jonatha; was sollen wir dann hier im Hause des Statthalters zu verlieren
fürchten?!
[JJ.01_244,17] Lasse dir die ganze Erde
rauben und behalte den Herrn, dann hast du mehr, als so alle Himmel und Erden
dein vollstes brauchbares Eigentum wären!
[JJ.01_244,18] Und so ziehe, du redlichster
Mann, ohne Furcht und Sorge mit dem Herrn zum Jonatha, und du wirst dich
überzeugen, daß wir nichts verlieren werden!“
[JJ.01_244,19] Diese Worte des Herrn aus dem
Munde Jakobs beruhigten den Joseph so sehr, daß er augenblicklich mit seiner
ganzen Sippschaft aufbrach und sich zum Jonatha begab.
[JJ.01_244,20] Alldort harrten schon alle mit
der sehnsüchtigsten Erwartung der Ankunft Josephs.
[JJ.01_244,21] Und als sie seiner ansichtig
wurden, da liefen sie wie die Kinder ihrem Vater entgegen, darunter sich auch
der Cyrenius befand.
[JJ.01_244,22] Und als unter solchem Geleite
Joseph mit den Seinen in das Haus Jonathas trat, da ließ dieser sogleich die
wohlbereiteten Fische auftragen, und alle hielten hier ihr Abendmahl.
[JJ.01_245] 245. Kapitel – Cyrenius rüstet
sein Schiff zur Abreise. Jakob erinnert ihn an den Erdglobus. Josephs Rat an
Cyrenius: Handle frei – nach dem Willen des Herrn! Cyrenius nimmt die drei
Knaben mit.
3. Juli 1844
[JJ.01_245,01] Nach diesem Abendmahle befahl
der Cyrenius seinen Schiffsleuten, das Schiff zu ordnen.
[JJ.01_245,02] Und diese gingen und brachten
im Schiffe alles in kurzer Zeit in die beste Ordnung.
[JJ.01_245,03] Es trat aber auch der Jakob
zum Cyrenius hin und fragte ihn, ob er in seiner Eile nicht den wunderbaren
Erdglobus vergessen hätte, den ihm das Kindlein vor ein paar Tagen zum
Geschenke gemacht hatte.
[JJ.01_245,04] Bei dieser Frage griff sich
der Cyrenius förmlich bei den Haaren und wollte sogleich selbst darum
fortlaufen.
[JJ.01_245,05] Der Jakob aber sprach: „O
Cyrenius, kümmere dich darob nicht;
[JJ.01_245,06] denn was du vergessen hast, an
das habe schon ich gedacht!
[JJ.01_245,07] Siehe, hier in diesem Winkel
in einem Tuche befindet sich der Erdglobus, und du brauchst darum nicht mehr in
unsere Wohnung zu laufen!“
[JJ.01_245,08] Da ward der Cyrenius voll
Freuden; er selbst nahm das Kleinod und trug es zum Schiffe und übergab es erst
dort seinem Schiffshauptmann zur besten Verwahrung.
[JJ.01_245,09] Als auch dieses Geschäft
beendet war, da ging der Cyrenius zum Joseph und sagte zu ihm:
[JJ.01_245,10] „Höre, du mein
allererhabenster Freund und Bruder, mich nun gütigst an; denn ich habe nun
einen guten Gedanken gefaßt, und der muß ausgeführt werden!
[JJ.01_245,11] Siehe, du hast nun in deinem
Hause eine Menge Menschen, und es werden dir etliche verbleiben!
[JJ.01_245,12] Meine Kinder aber machen dir
doch mehr oder weniger Sorge und manche Ungelegenheit, und, wie ich es selbst
bemerkt habe, ganz besonders die drei Knaben.
[JJ.01_245,13] Darum habe ich nun bei mir
beschlossen, wenigstens eben die drei Knaben mit mir zu nehmen und dir allein
die fünf Mädchen zu belassen.“
[JJ.01_245,14] Und der Joseph sprach:
„Liebster Bruder, tue du, was dir am besten deucht, und mir wird alles recht
sein!
[JJ.01_245,15] Aber nur tue du das alles nach
dem Rate des Herrn, so wird es am besten sein!
[JJ.01_245,16] Frage darum auch hier den
Herrn, und was Er dir sagen wird, das tue!“
[JJ.01_245,17] Hier wandte sich der Cyrenius
sogleich mit der höchsten Liebe und Ehrfurcht an das Kindlein und fragte Es
nach dem Rate Josephs.
[JJ.01_245,18] Und das Kindlein sprach: „Ja,
ja, nehme die drei recht schlimmen Knaben nur mit; das ist Mir schon recht!
[JJ.01_245,19] Der Sixtus wäre Mir zwar schon
noch recht, aber auch er bleibt sich nicht gleich und will Mir nichts gelten
lassen.
[JJ.01_245,20] Daher nehme ihn nur auch mit,
und sei ja recht strenge gegen sie, sonst werden das rechte Weltlinge werden!
[JJ.01_245,21] Die Mädchen aber lasse nur
hier; denn die habe Ich viel lieber, weil sie Mich auch lieber haben als die
Knaben!
[JJ.01_245,22] Aber darum habe Ich sie nicht
lieber, weil sie Mädchen sind, sondern nur wegen ihrer größeren Liebe zu Mir.“
[JJ.01_245,23] Auf diese Äußerung des
Kindleins nahm der Cyrenius die drei Knaben und dankte dem Kindlein für diesen
herrlichen Rat und ließ sie dann auch sobald aufs Schiff bringen.
[JJ.01_246] 246. Kapitel – Des Cyrenius
Segensbitte, und des Kindleins göttliche Antwort. Des Cyrenius Abschiedsgebet.
Das Kindlein segnet die Scheidenden und beruhigt sie mit den Worten: Wo euer
Herz ist, da ist auch euer Schatz.
4. Juli 1844
[JJ.01_246,01] Als das Schiff ganz zum
Abfahren bereitet war, da ging der Cyrenius zum Kindlein, kniete vor Ihm nieder
und bat Es um den Segen mit folgenden Worten:
[JJ.01_246,02] „O Herr, Du mein großer Gott,
Du mein Schöpfer, Du mein Vater von Ewigkeit,
[JJ.01_246,03] der Du nach Deinem ewigen
Ratschlusse hier auf diesem Staube, das wir Erde und Welt nennen, als ein
schwaches Menschenkind wandelst in unserer Gestalt,
[JJ.01_246,04] Du mein allmächtiger Herr, vor
Dessen leisestem Winke alle Mächte der Unendlichkeit erbeben,
[JJ.01_246,05] o sieh mich elendsten Wurm vor
Dir im Staube meiner vollsten Nichtigkeit gnädig an,
[JJ.01_246,06] und würdige Du Heiliger aller
Heiligkeit mich, einen unwürdigsten Wurm im Staube vor Dir, Deines endlos
heiligen Segens!
[JJ.01_246,07] Lasse, o Du mein Leben, Deinen
allerheiligsten Namen alle meine Kraft, Macht und Stärke sein!
[JJ.01_246,08] O Du mein über alles
geliebtester Jesus, Du Urkönig meines Herzens, sieh mich armen schwachen Sünder
gnädig und barmherzig an und lasse es zu, daß ich fort und fort in der Liebe zu
Dir wachse!
[JJ.01_246,09] Nimm, o Du mein ewig
allergeliebtester Jesus, meine Liebe als den schwachen kleinen Dank an für die
endlosen Gnaden und Erbarmungen, die Du mir mit jedem Atemzuge erteilest!“
[JJ.01_246,10] Hier brach dem Cyrenius das
Herz vor Liebe, und er konnte nicht mehr reden vor lauter Weinen.
[JJ.01_246,11] Das Kindlein aber sprang ganz
munter hin zum Cyrenius, umarmte ihn und küßte ihn viele Male und sprach dann
zu ihm:
[JJ.01_246,12] „O weine nicht, du Mein
liebster Cyrenius; denn du siehst es ja, wie lieb Ich dich habe!
[JJ.01_246,13] In dieser Meiner Liebe für
dich und zu dir aber liegt ja Mein größter Segen!
[JJ.01_246,14] Ich sage dir, so du bleibst,
wie du bist, da bleibst du ewig Mein, und deine Seele solle ewig nimmer den Tod
fühlen noch schmecken!
[JJ.01_246,15] Wie du Mich aber nun um diesen
Segen gebeten hast, also bitte auch Ich dich, daß du Mich ja gegen niemanden
verratest!
[JJ.01_246,16] Und Ich bitte dich nicht
Meinetwegen, sondern der Welt wegen;
[JJ.01_246,17] denn diese würde in den Tod
sobald übergehen, so sie Mich erkennete vor der Zeit!“
[JJ.01_246,18] Nach diesen Worten umarmte das
Kindlein noch einmal den Cyrenius und küßte ihn klein ab.
[JJ.01_246,19] Da breitete der Cyrenius seine
Arme weit aus und sprach mit der rührendsten Stimme:
[JJ.01_246,20] „O Gott, – o Du mein Gott, – o
Du mein großer Gott! – was bin ich denn, daß Du mich küssest mit dem Munde, aus
dem alle Schöpfung hervorging?!
[JJ.01_246,21] O ihr leuchtenden Himmel, und
du Erde, und ihr Kräfte der Himmel! – sehet, sehet hierher!
[JJ.01_246,22] Der, der euch und mich
erschaffen hat, ist hier vor mir und segnet mich mit Seiner allmächtigen Hand!
[JJ.01_246,23] Wann, wann wirst du, o Erde,
es fassen, – diese Gnadengröße dieser Zeit fassen, in der deines ewigen
Schöpfers und Herrn Füße deinen Boden betreten?!
[JJ.01_246,24] O du überheiliger Boden, der
du den Herrn trägst, wirst du je wohl die Größe solcher Gnade dankbarst, dich
selbst zerknirschend vor Demut, erkennen?
[JJ.01_246,25] O du heilige Stätte, wie
schwer verlasse ich dich!“ –
[JJ.01_246,26] Hier hob das Kindlein den
Cyrenius förmlich auf und ließ ihn nicht wieder niederknien.
[JJ.01_246,27] Da aber kam auch die Tullia und
der Maronius Pilla, und das Kindlein segnete sie alle, und alle weinten, daß
sie nun wieder scheiden müßten.
[JJ.01_246,28] Das Kindlein aber sprach: „Oh,
oh, wir scheiden ja nicht! – Denn wo euer Herz ist, da wird auch dessen Schatz
sein!“
[JJ.01_246,29] Damit beruhigten sie sich und
erhoben sich vom Boden. –
[JJ.01_247] 247. Kapitel – Joseph segnet den
Cyrenius. Abschiedsworte Jesu an Cyrenius: „Wir in der Liebe eins Gewordene
werden uns allzeit gegenwärtig sein, im Geiste ewig!“ Des Cyrenius Abreise.
Joseph bei Jonatha.
5. Juli 1844
[JJ.01_247,01] Darauf ging der Joseph hin zum
Cyrenius und segnete ihn samt seinem ganzen Hause.
[JJ.01_247,02] Desgleichen auch ging die
Maria hin und segnete die Tullia und deren Gefährtinnen.
[JJ.01_247,03] Und Joseph sprach dann zum
Cyrenius: „Bruder, mit dieser meiner Segnung drücke ich dir auch den Wunsch
meines Herzens aus, der darin besteht:
[JJ.01_247,04] Lasse du mir die fünf Mägdlein
ganz, auf daß sie an mir vollkommen ihren Vater haben sollen!
[JJ.01_247,05] Denn du wirst ohnehin noch
eigene Kinder bekommen, die sich in der späteren Zeit mit diesen hart vertragen
würden.
[JJ.01_247,06] Bei mir aber wird darob nie
eine Disharmonie entstehen; den Grund kennst du nun so gut als ich.“
[JJ.01_247,07] Und der Cyrenius willfahrte
gerne des Josephs Wunsch und übergab ihm die fünf Mägdlein völlig zu eigen,
worüber der Joseph eine große Freude hatte;
[JJ.01_247,08] denn er hatte die Mägdlein
lieb, weil sie so gelehrig und sehr folgsam waren, und waren von gutem Wuchse
und von einer lieblichen Gestalt.
[JJ.01_247,09] Als dieses abgemacht war, da
umarmte der Cyrenius den Joseph und sprach:
[JJ.01_247,10] „Bruder, so es des Herrn Wille
sein wird, da hoffe ich dich bald wiederzusehen.“
[JJ.01_247,11] Und das Kindlein, das da neben
dem Joseph stand, sprach: „Amen sage Ich! – So hier nicht, so doch in Meinem
Reiche!
[JJ.01_247,12] Denn Ich sage dir, lange
werden wir uns nicht mehr in diesem Lande aufhalten, weil wir schon zu bekannt
sind.
[JJ.01_247,13] So wir aber ausziehen werden,
dann werden wir uns in eine Verborgenheit zurückziehen, auf daß da kein Mensch
gerichtet werde.
[JJ.01_247,14] Jedoch – wir in der Liebe eins
Gewordene werden uns allzeit gegenwärtig sein, im Geiste ewig!
[JJ.01_247,15] Wo dein Schatz sein wird, da
wirst auch du sein mit deinem Herzen, in dem der Hauptschatz wohnet.
[JJ.01_247,16] Bin Ich dir ein köstlicher
Schatz geworden in deinem Herzen, – wahrlich, so sollst du Meiner ewig nimmer
ledig werden;
[JJ.01_247,17] denn da Ich wohne in der
Liebe, da bin Ich eigentlichst zu Hause und ziehe ewig nimmer aus – aus solcher
Wohnstätte!
[JJ.01_247,18] Lasse Mich daher fortwährend
wohnen in deinem Herzen, und Ich werde für dich in keiner Verborgenheit wohnen!
[JJ.01_247,19] Denn nur die Liebe allein kann
Meine Gegenwart ertragen, wie ein Feuer das andere!
[JJ.01_247,20] Alles aber, was nicht Feuer
ist, das wird vom Feuer zerstört und verzehrt.
[JJ.01_247,21] Darum auch ziehe Ich Mich vor
der Welt zurück, auf daß sie Mein Feuer nicht ergreife und zerstöre!
[JJ.01_247,22] Frage aber ja nie: ,Herr! wo
bist Du?‘ – Da werde Ich dir nicht sagen: ,Hier bin Ich!‘ –
[JJ.01_247,23] sondern frage sorgfältig dein
Herz, ob es Mich liebt, und Ich werde in deinem Herzen, das Mich liebt, zu dir
rufen:
[JJ.01_247,24] ,Hier bin Ich zu Hause in
aller Fülle Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung!‘
[JJ.01_247,25] Nun besteige getrost dein
Schiff, und guter Wind solle dich nach Tyrus tragen – Amen.“ –
[JJ.01_247,26] Hier empfahl sich der
Statthalter Cyrenius zum letzten Male bei Joseph in Ägypten und bestieg sein
Schiff.
[JJ.01_247,27] Und sobald kam ein guter Wind
und eilte mit dem Schiffe davon.
[JJ.01_247,28] Joseph aber begab sich darauf
mit seiner Familie in das Haus des Jonatha und verblieb diese Nacht bei ihm.
[JJ.01_248] 248. Kapitel – Joseph und Jonatha
bemerken beim Morgenfischzug ein gefährdetes Schiff und retten es.
8. Juli 1844
[JJ.01_248,01] Am Morgen des nächsten Tages
war Joseph wie gewöhnlich der erste auf den Beinen, und er weckte auch bald
seine Familie.
[JJ.01_248,02] Jonatha aber, der auch soeben
aus seiner Kammer kam, zu sehen, was es für einen Tag für sein Geschäft geben
werde, sprach zu Joseph:
[JJ.01_248,03] „Aber lieber Freund und
Bruder! Was machst denn du schon so früh auf und treibst auch die Deinen an,
daß sie sich erheben sollen?
[JJ.01_248,04] Sollst du denn nicht lieber
auf den Herrn warten, bis Dieser Sich vom Schlafe erheben würde?
[JJ.01_248,05] Wäre denn nicht dann eben die
beste Zeit aufzustehen am Morgen eines Tages?!
[JJ.01_248,06] Ich bitte dich darum, lasse
doch wenigstens deine Familie ruhen noch ein paar Stunden!
[JJ.01_248,07] Du aber begebe dich mit mir
und mit meinen Leuten auf ein Schiffchen, und wir wollen einen Morgenfang
machen!“
[JJ.01_248,08] Dieser Antrag gefiel dem alten
Joseph, und er ließ seine Familie noch ruhen und begab sich sogleich mit dem
Jonatha in einen großen Fischerkahn.
[JJ.01_248,09] Jonathas Fischerknechte
ordneten die Netze und griffen dann kräftigst zu den Rudern,
[JJ.01_248,10] und in einer Stunde befanden
sich die Morgenfischer schon an der Stelle, wo es am meisten Fische gab.
[JJ.01_248,11] Als sie aber diese allzeit
günstige Fischerstelle erreicht hatten und die Sonne sich ihrem Aufgange nahte,
[JJ.01_248,12] da bemerkte der Jonatha in der
Entfernung etwa einer Stunde ein römisches Schiff stehen und wußte nicht, was
er so ganz eigentlich aus demselben machen sollte!
[JJ.01_248,13] Er sprach darum zum Joseph:
„Bruder, ich kenne das Meer dort;
[JJ.01_248,14] es ist seicht und voller
Sandbänke, und gar leicht kann dort ein Seefahrer Roms steckengeblieben sein.
[JJ.01_248,15] Wir sollten ihm darum wohl
schleunigst zu Hilfe eilen!?“
[JJ.01_248,16] Und der Joseph war damit
einverstanden; und es ward sofort hingerudert, und das Schiff ward in einer
halben Stunde erreicht.
[JJ.01_248,17] Und siehe, es war wirklich ein
großes Römerschiff, das da einen Gesandten an den Cyrenius führte.
[JJ.01_248,18] Dieser ward sogleich
aufgenommen, und er bat den Jonatha, alles mögliche aufzubieten, daß das Schiff
gerettet werde.
[JJ.01_248,19] Darauf ergriff Jonatha
sogleich das Schlepptau des großen Schiffes und ließ dann kräftig rudern auf
seinem großen Boote.
[JJ.01_248,20] Und es dauerte keine halbe
Stunde, als das große Schiff flottgemacht wurde.
[JJ.01_248,21] Darauf beschenkte der römische
Gesandte reichlich den Jonatha und segelte dann weiter gen Morgen.
[JJ.01_248,22] Jonatha aber kehrte dann mit
Gold und Silber anstatt der Fische nach Hause und ließ für diesen Morgen das
Fischen ruhen.
[JJ.01_249] 249. Kapitel – Des Kindleins
Frage nach dem heutigen Fischfang. Des fischbegierigen Kindleins Antwort auf
Josephs Zurechtweisung: „Ich bin überall zu Hause, wo man Mich liebt!“ Der
reiche Fischfang auf des Kindleins Geheiß.
9. Juli 1844
[JJ.01_249,01] Als nach ungefähr drei Stunden
der Jonatha mit dem Joseph und mit seinem Gold- und Silberfischfange zurückkam,
da war in seinem Hause auch schon alles auf den Beinen und sah nach der noch
stark rauchenden Stadt hin.
[JJ.01_249,02] Das Kindlein allein lief mit
dem Jakob dem sich dem Ufer nahenden Joseph und Jonatha entgegen.
[JJ.01_249,03] Und als diese ans Ufer traten,
da grüßte und küßte Es die beiden und fragte den Jonatha, ob er wohl schon
recht viele Fische gefangen habe.
[JJ.01_249,04] Dieser aber, das Kindlein
ebenfalls mit größter Liebe umfassend, sprach:
[JJ.01_249,05] „O Du mein Leben, Du meine
Liebe! – Mit den Fischen hat es für heute seine geweisten Wege!
[JJ.01_249,06] Aber ich habe sicher mit
Deiner allmächtigen Hilfe ein gestrandetes Römerschiff gerettet, das einen
Gesandten an den Cyrenius trug.
[JJ.01_249,07] Da fielen dann recht viele
Gold- und Silberfische in mein Netz, und so ließ ich für heute den eigentlichen
Fischfang ruhen.“
[JJ.01_249,08] Und das Kindlein sagte: „Das
ist schon recht und ganz gut;
[JJ.01_249,09] aber da Ich Mich heute schon
auf einen frischen Fisch gefreut habe, so wäre es Mir lieber gewesen, du
hättest statt deiner Gold- und Silberfische die rechten gebracht!“
[JJ.01_249,10] Der Jonatha aber sprach: „O Du
mein Leben, siehe, da längs des Ufers hängen ja eine Menge Fischkästen voll mit
den besten Fischen, da werden wir schon ganz frische herausnehmen!“
[JJ.01_249,11] Und das Kindlein lächelte
darauf und sprach: „Ja, wenn also, dann magst du freilich wohl deinen heutigen
Gold- und Silberfischfang behalten!
[JJ.01_249,12] Aber Ich bin schon recht
hungrig; wird es lange dauern, bis da ein Fisch zugerichtet wird?“
[JJ.01_249,13] Und der Jonatha sprach: „O
nein, Du mein Leben, in einer halben Stunde sitzen wir schon bei Tische!“
[JJ.01_249,14] Joseph aber sagte zum
Kindlein: „Aber Du bist wohl ein rechter Bettler!
[JJ.01_249,15] Siehe, hier sind wir ja nicht
zu Hause; daher müssen wir auch nicht tun, als wären wir zu Hause!
[JJ.01_249,16] Gedulde Dich nur, es wird
schon etwas kommen; aber also zu betteln schickt sich ja nicht in einem fremden
Hause!“
[JJ.01_249,17] Das Kindlein aber sprach: „Ei
– was da! – Ich bin überall zu Hause, wo man Mich liebt.
[JJ.01_249,18] Wo aber Ich zu Hause bin also,
da kann und darf Ich ja doch auch reden, was Ich möchte!
[JJ.01_249,19] Damit aber Jonatha seine
Kästen nicht unentschädigt leeren solle,
[JJ.01_249,20] da werfe er ein Netz ins Meer,
und er solle für uns alle sogleich einen hinreichenden Fang machen! – Jonatha,
tue das!“
[JJ.01_249,21] Jonatha warf sogleich ein
großes Netz ins Meer und fing eine unerhörte Menge der edelsten Fische.
[JJ.01_249,22] Darauf sagte das Kindlein zum
Joseph: „Siehe, wenn das in Meiner Macht stehet, da werde Ich doch den Jonatha
um einen guten Fisch bitten dürfen?“ – Hier wurde der Joseph still; Jonatha
aber wußte sich aus lauter Dankbarkeit nicht zu helfen.
[JJ.01_250] 250. Kapitel – Jonatha zieht mit
Joseph heim. Das Haus wird leer und ausgeplündert angetroffen. Joseph ergrimmt
darüber sehr. Denkwürdige Erklärung des Kindleins.
10. Juli 1844
[JJ.01_250,01] Jonatha nahm sogleich zehn der
allerschönsten Fische und übergab sie seinem Koche, daß er sie sogleich
zurichte.
[JJ.01_250,02] Er aber half seinen Gehilfen
die andern Fische teils in die Lägel bringen und teils in die Selchkammer.
[JJ.01_250,03] In einer Viertelstunde waren
die Fische bereitet, und alle Angehörigen Josephs begaben sich zum Frühmahle.
[JJ.01_250,04] Als das Mahl eingenommen war,
da war es auch schon gegen Mittag, und der Joseph sprach:
[JJ.01_250,05] „Nun aber haben wir auch die
höchste Zeit, uns nach Hause zu begeben!
[JJ.01_250,06] Und du, Bruder Jonatha, wirst
mich begleiten und wirst heute noch bei mir zubringen!“
[JJ.01_250,07] Und der Jonatha sprach voll
Freude in seinem Herzen:
[JJ.01_250,08] „O Bruder! – Das tue ich wohl
am allerliebsten; denn du weißt es ja, wie endlos und unbegrenzt lieb ich dich
habe!“
[JJ.01_250,09] Darauf nahm der Jonatha drei
große Lägel voll der edelsten Fische wieder und zog überheiteren Mutes mit dem
Joseph und seiner Familie zur Villa.
[JJ.01_250,10] Als sie da wieder anlangten,
da fanden sie zu ihrem nicht geringen Erstaunen keinen Menschen von den
Abgebrannten mehr,
[JJ.01_250,11] sondern ganz leer stand das
Haus da und offen in allen seinen Gemächern.
[JJ.01_250,12] Joseph sagte bei solchem
Anblicke seines Hauses: „Das ist kein gutes Zeichen;
[JJ.01_250,13] denn hier scheinen Diebe
gehandelt zu haben! – Nur diese Art flieht, so sie ein Haus bestohlen hat; der
ehrliche Mensch aber bleibt!
[JJ.01_250,14] Gehet ihr, meine Söhne, hinein
und untersuchet, ob noch etwas im Hause ist, und kommet dann und saget es mir!“
[JJ.01_250,15] Und die vier Söhne gingen und
untersuchten das Haus und fanden es bis auf das Vieh im Stalle rein
ausgeplündert.
[JJ.01_250,16] Also war auch die Speisekammer
leer, und im Geldkasten war kein Groschen mehr zu finden.
[JJ.01_250,17] Da die vier Söhne solches
alles also fanden, da wurden sie sehr traurig und kamen zurück und zeigten
solches alles dem Joseph an.
[JJ.01_250,18] Da ward der Joseph zornig über
die Schlechtheit der Menschen, die für Wohltaten mit solchem Danke lohnen ihre
Wohltäter!
[JJ.01_250,19] Und er sprach ganz ergrimmt:
„Wahrlich, läge es in meiner Macht, ein solches Schandgesinde auf das
empfindlichste zu züchtigen, da würde ich sogleich Feuer vom Himmel über
solcher Diebe Häupter regnen lassen!“
[JJ.01_250,20] Hier trat das Kindlein zum
Joseph und sprach: „Ei, ei – Vater Joseph, du bist heute sehr schlimm!
[JJ.01_250,21] Haben die Diebe dir ja noch
Mich gelassen; wie magst du denn ihrer gar so zürnen?
[JJ.01_250,22] Siehe, die Diebe haben deinem
Hause nur eine recht große Wohltat erwiesen, daß sie es also ausgereinigt
haben!
[JJ.01_250,23] Denn wahrlich, wo in Zukunft
ein Haus (das Herz des Menschen) nicht also gereinigt sein wird, da werde Ich
nicht einziehen!
[JJ.01_250,24] Dieses Haus aber ist nun von
jeglicher Weltschlacke gereinigt, und es gefällt Mir also sehr wohl!
[JJ.01_250,25] Denn fürs erste ist es offen
in allen seinen Fächern und Gemächern,
[JJ.01_250,26] und fürs zweite ist es ganz
gereinigt, und so ist es nun ganz geeignet zu Meinem Einzuge! – Daher zürne den
Dieben nicht, auf daß ihre Sünde nicht größer werde!“
[JJ.01_250,27] Joseph und alle nahmen sich
diese Worte zu Herzen, – und das Kindlein sprach am Ende:
[JJ.01_250,28] „Sehet, also handeln alle
Menschen an Mir, wie diese Abgebrannten an diesem Hause, und dennoch lasse Ich
nicht Feuer vom Himmel regnen!
[JJ.01_250,29] Also fluchet auch ihr denen
nicht, die Übles für Gutes tun, so werdet ihr wahre Kinder des Einen Vaters im
Himmel sein!“ – Diese Worte beruhigten den Joseph vollkommen, und er ging
darauf ganz wohlgemut in sein Haus.
[JJ.01_251] 251. Kapitel – Maria weint über
den Diebstahl aller Kleider samt Wäsche. Des Jonatha Trost und edle Tat. „O
Mutter, nehme sie an aus meinem Herzen und aus meiner Hand!“ Das Kindlein
segnet Jonatha.
11. Juli 1844
[JJ.01_251,01] Als sich nun alles in dem
Hause befand und die Maria sich auch überzeugte, daß sogar ihr Kleiderschrank
und der der Eudokia rein ausgeplündert waren,
[JJ.01_251,02] da kamen ihr Tränen in die
Augen, wie auch der Eudokia, und sie sprach zum Joseph:
[JJ.01_251,03] „Da siehe einmal her, auch das
Kleid, das ich im Tempel hatte, ist ein Raub schlechter Menschen geworden!
[JJ.01_251,04] Wahrlich, es geschieht mir
darum recht hart und wehe in meinem Herzen!
[JJ.01_251,05] Wir sind in Kleidern ohnehin
so dürftig bestellt, als man sich's je denken kann, und dennoch mußten wir
sogar das Notdürftigste einbüßen!
[JJ.01_251,06] Es sei zwar alles dem Herrn
aufgeopfert, aber es schmerzt mich doch, weil es das einzige war, das ich zum
notwendigen Wechsel besaß!
[JJ.01_251,07] Nun habe ich bloß dieses schon
verschlissene Alltagskleid und nicht einen Groschen, um mir einen nötigsten
Wechsel anzuschaffen!
[JJ.01_251,08] Wahrlich, das tut mir recht
weh! Noch mehr aber schmerzt es mich, daß die argen Diebe auch die Wäsche des
Kindleins genommen haben!
[JJ.01_251,09] Das hat nun das einzige
Hemdchen, das Es nun am Leibe trägt; wie werde ich Ihm nun ein zweites
anschaffen können?
[JJ.01_251,10] O Du mein armes Kindlein,
siehe, siehe, jetzt werde ich Dir nicht mehr können alle Tage ein frisches
Hemdchen anziehen, das Dir immer so wohl tat!“
[JJ.01_251,11] Hier trat der Jonatha hinzu,
tief gerührt, und sprach: „O du erhabenste, übergeheiligte Mutter meines Herrn!
– Traure nicht; denn ich habe ja nun auch Gold und Silber!
[JJ.01_251,12] Mit der größten Freude gebe
ich es ja dir bis zum letzten Stater, und du magst es dann gebrauchen nach
deinem Bedürfnisse!
[JJ.01_251,13] Ich weiß es zwar wohl, daß der
Herr aller Herrlichkeit nicht auf mein Gold und Silber ansteht; denn Er, der
alle Tiere und alle Bäume und Kräuter und alle Welt so herrlich bekleidet, wird
auch Seines Leibes Mutter nicht nackt werden lassen!
[JJ.01_251,14] Aber dennoch möchte ich nun
gar so gerne meiner Seligkeit willen dir alle meine Schätze zum Opfer bringen!
[JJ.01_251,15] O Mutter, nehme sie an aus
meinem Herzen und aus meiner Hand!“
[JJ.01_251,16] Hier blickte die Maria den
Jonatha freundlichst an und sprach:
[JJ.01_251,17] „O Jonatha, wie groß und edel
bist du! – Dein Wille gilt mir fürs Werk!
[JJ.01_251,18] Wenn es aber dem Herrn
angenehm wäre, da möchte ich wohl fürs Kindlein dich um eine Unterstützung
bitten.
[JJ.01_251,19] Sollte es aber jedoch dem
Herrn nicht angenehm sein, so habe ich schon alles aus deinem Herzen empfangen,
dafür ich dir nie aufhören werde dankbar zu sein!“
[JJ.01_251,20] Hier kam das Kindlein herzu
und sagte zum Jonatha: „Lieber Jonatha, tue das, was die Mutter von dir
wünscht, und dir solle einst ein großer Lohn werden!
[JJ.01_251,21] Denn siehe, wir sind nun
wirklich arm, und das um so mehr, da Ich des Heiles der Menschen wegen kein
Wunder wirken darf!“
[JJ.01_251,22] Hier sprang der Jonatha voll
Freuden nach Hause und brachte in kürzester Zeit all sein Gold und Silber und
legte es der Maria zu Füßen.
[JJ.01_251,23] Als die Maria und der Joseph
solches ersahen, da weinten beide vor Freuden.
[JJ.01_251,24] Jonatha aber weinte mit und
konnte nicht genug Gott danken, daß er solcher Gnade wert ward, die Maria zu
unterstützen.
[JJ.01_251,25] Das Kindlein aber segnete den
Jonatha und sprach zur Maria: „Siehe, das wird uns schon wieder ein frisches
Hemdchen verschaffen; darum sei nun nur wieder heiter!“ – Und alle wurden
wieder heiter und fröhlich.
[JJ.01_252] 252. Kapitel – Der Segen des
Herrn im Hause Josephs. Der Familie Verwunderung und Dank. Jakob spricht über
das Wunder vom Weizenkorn.
12. Juli 1844
[JJ.01_252,01] Während dieser Verhandlung
aber bestellten die Söhne Josephs das Vieh, melkten die Kühe und die Ziegen und
gewannen diesmal eine ungewöhnliche Menge der fettesten Milch.
[JJ.01_252,02] Als sie damit fertig waren, da
gingen zwei auf einen schon vollreifen Weizenacker und schnitten mehrere
Garben, rieben bald einen recht tüchtigen Korb voll der reinsten Frucht aus den
abgeschnittenen Garben.
[JJ.01_252,03] Und die zwei andern Brüder
aber nahmen dann alsobald den Korb mit der Weizenfrucht, brachten sie in die
zwei Handmühlen, die der Joseph selbst verfertiget hatte, und vermahlten in
kurzer Zeit das Getreide.
[JJ.01_252,04] Durch den Segen des Herrn
gewannen sie zweimal soviel Mehl, als da ehedem Getreide im Korbe vorhanden
war.
[JJ.01_252,05] Und alle diese Arbeit war in
drei Stunden beendet. Und als das Mehl in zwei Körben an der Sonne dastand,
[JJ.01_252,06] da kam der Joseph heraus und
fragte die Söhne, woher sie dies schöne Mehl genommen hätten.
[JJ.01_252,07] Und als ihm die Söhne sagten,
wie sie dieses Mehl gewonnen haben, da besah er die ausgeriebenen Garben und
sprach:
[JJ.01_252,08] „Wie ist das möglich? – Ich
ersehe nur zehn Garben! Sollen diese wohl diese beiden großen Körbe mit Mehl
angefüllt haben?“
[JJ.01_252,09] Und die Söhne sprachen: „Ja
Vater, also ist es! Durch die Gnade Gottes haben wir richtig in kurzer Zeit aus
den zehn Garben dieses Mehl gewonnen;
[JJ.01_252,10] und der Segen Gottes war über
den Garben und über unserer Arbeit, – daher dieser reiche Gewinn!“
[JJ.01_252,11] Darauf dankte der Joseph Gott
mit dem gerührtesten Herzen und ging wieder ins Haus und erzählte das allen im
Hause.
[JJ.01_252,12] Und alle gingen hinaus und
besahen das Mehl, und einer wie der andere sprach:
[JJ.01_252,13] „Das ist unmöglich, auf
natürlichem Wege allerreinst unmöglich!“
[JJ.01_252,14] Da nahm der Jakob auf einen
inneren Antrieb ein auf dem Boden liegendes Weizenkorn und sprach:
[JJ.01_252,15] „Des nimmt euch alle wunder,
daß da so viel Mehles aus den zehn Garben hervorkam!
[JJ.01_252,16] Wo aber hat sich noch aus uns
je jemand also verwundert, so er so ein Körnchen in die Erde streute und dann
bald eine hundertkörnige Ähre aus dem einen Korne entsprossen sah?
[JJ.01_252,17] Und doch ist hier das erste
tagtägliche Wunder größer als diese doppelte Mehlvermehrung, indem es ein
einziges Korn verhundertfältigt!
[JJ.01_252,18] Hätten die zehn reichen Garben
nur einen Korb voll Mehles gegeben, so hätte sich darüber niemand verwundert,
obschon ein Korb so gut eine Wundergabe Gottes wäre, als zwei Körbe es sind.
[JJ.01_252,19] Also verwundert sich auch
niemand über eine hundertkörnige Ähre, weil man dieses Wunder schon gewohnt
ist.
[JJ.01_252,20] Ich aber frage, ob es wohl
recht ist, Gott da nur zu bewundern, wo Er etwas Ungewöhnliches geschehen läßt,
während doch das geordnete Gewöhnliche bei weitem höher steht, da es zu allen
Zeiten gleichfort dieselbe endlose Güte, Allmacht, Liebe und Weisheit Gottes
bezeugt?!“
[JJ.01_252,21] Diese Rede Jakobs machte eine
große Sensation. Alles lobte darum den Herrn, daß Er dem Menschen eine solche
Weisheit gegeben hatte. – Die Söhne aber nahmen das Mehl und machten sich an
die Bereitung eines guten Mittagsmahles.
[JJ.01_253] 253. Kapitel – Das Mittagsmahl
von Fischen und Honigkuchen. Der mutwillige Diebstahl der Hausgeräte und des
Schüsselchens des Kindleins. Unerbittlichkeit des Kindleins gegen böse
Mutwillige.
13. Juli 1844
[JJ.01_253,01] In einer Stunde war ein gutes
Mittagsmahl bereitet, das in fünf wohlzubereiteten Fischen und in vierzehn
Honigkuchen bestand;
[JJ.01_253,02] denn der Honig war das einzige
im Speisekasten, das von den Dieben verschont worden war.
[JJ.01_253,03] Also ward auch für einen guten
Trank gesorgt, den Joseph und die Maria selbst aus Wasser und Zitronensaft mit
Beimischung von etwas Honig bereiteten.
[JJ.01_253,04] Als also das Mahl bereitet war
und aufgetragen auf den Tisch, da erst dachten die Söhne an das Tischzeug, als
Löffel, Gabeln und Messer, das im Hause Josephs freilich wohl zum größten Teile
von Holz war.
[JJ.01_253,05] Aber auch dieses unwertvolle
Gerät blieb von den Dieben nicht verschont!
[JJ.01_253,06] Und so hatte der Joseph nun
wohl die Speisen auf dem Tische, aber kein auch nur allernotdürftigstes Eßzeug
dazu.
[JJ.01_253,07] Hier ging der Joseph in die
Küche und fragte die Söhne, was denn das doch für eine Bestellung des Tisches
wäre;
[JJ.01_253,08] wie man doch ohne Eßzeug
Speisen auf den Tisch stellen kann und mag!
[JJ.01_253,09] Die Söhne aber sprachen:
„Vater, da sieh einmal her: einen Rost und zwei Töpfe und einen einzigen,
allerschlechtesten Kochlöffel, ein Messer und eine hölzerne Gabel haben sie uns
gelassen, –
[JJ.01_253,10] alles andere haben sie uns
genommen; also müssen wir auch die Milch nun in einem einzigen Milchschaffe
stehenlassen, weil auch die Milchtöpfe alle hin sind!“
[JJ.01_253,11] Als der Joseph sich von dem
allem überzeugt hatte, da ging er mit dem einzigen Kochlöffel und mit dem einen
Messer und mit der einen Gabel in das Speisezimmer und sprach zum Jonatha:
[JJ.01_253,12] „Da – Bruder! – siehe, da ist
nun unser ganzes Tischgerät! – Wahrlich, das ist Mutwille, und der sollte
bestraft werden!
[JJ.01_253,13] Ich lasse mir eine Dieberei auf
wertvolle Sachen und eine Dieberei aus Not gefallen!
[JJ.01_253,14] Aber bei diesem Diebstahle ist
weder eines noch das andere der Fall;
[JJ.01_253,15] sondern da leuchtet der
sträflichste Mutwille heraus, und den sollte auch der Herr nicht ungestraft dahingehen
lassen!“
[JJ.01_253,16] Nach dieser Argumentation
saßen alle zum Tische nieder, und Joseph zerteilte mit dem einen Messer den
Fisch und legte vor jeden einen Teil mit der einen Gabel und verteilte auch
also die Honigkuchen.
[JJ.01_253,17] Da aber das Kindlein Sein
Schüsselchen nicht vor Sich hatte, da fragte Es den Joseph, ob denn auch das
Schüsselchen gestohlen sei.
[JJ.01_253,18] Und die Maria sprach: „Ganz
sicher, Du mein herzallerliebstes Gottsöhnlein; denn sonst wäre es wohl sicher
vor Dir!“
[JJ.01_253,19] Und das Kindlein sprach
darauf: „Wahrlich, Joseph hat recht; das war Mutwille, und der solle auch
bestraft sein allzeit und ewig!
[JJ.01_253,20] Der Böses tut und kennt es
nicht, der solle belehrt werden, desgleichen auch, der es tut in der Not!
[JJ.01_253,21] Wer aber das Gute kennt, tut
aber dennoch aus purem satanischen Mutwillen Böses, der ist ein Teufel aus dem
Fundamente der Hölle und muß mit Feuer gezüchtiget werden!“
[JJ.01_253,22] Darauf verzehrte ein jeder
seinen Teil mit der bloßen Hand.
[JJ.01_253,23] Es waren aber die Essenden
noch kaum mit ihrem Mahle zu Ende, da vernahm man schon von draußen her ein gar
entsetzliches Geheul.
[JJ.01_253,24] Was war es denn? – Es waren
die Diebe, die mutwillig das notwendige Hausgerät Josephs gestohlen hatten, um
es zu verderben.
[JJ.01_253,25] Ein jeder war umwunden mit
einer glühenden Schlange und schrie um Hilfe; aber das Kindlein erhörte sie
nicht, sondern trieb sie alle, bei hundert an der Zahl, mit Seiner Allmacht in
das Meer, allwo sie alle umkamen. – Das war das einzige Mal, wo Sich das
Kindlein unerbittlich gezeigt hatte.
[JJ.01_254] 254. Kapitel – Die heulenden
Kleiderdiebe vor der Tür Josephs. Die ernste Rede des Kindleins an die Diebe.
Die Rückgabe der Kleider.
15. Juli 1844
[JJ.01_254,01] In kurzer Zeit darauf vernahm
man auch wieder ein Geheul von einer Ferne, wie von der Stadt her, und sah eine
Menge Menschen der Villa Josephs zueilen.
[JJ.01_254,02] „Was solle denn das schon
wieder?“ fragte der Joseph den erstaunten Jonatha.
[JJ.01_254,03] Und dieser sprach: „Bruder!
Das wird der Herr, wie auch sonst alles, sicher besser wissen als wir beide!“
[JJ.01_254,04] Und der Jakob sagte zu beiden:
„Machet euch nichts daraus; denn das sind die Kleiderdiebe!
[JJ.01_254,05] Des Herrn Macht hat sie
ereilt; sie büßen nun ihren Frevel an den geheiligten Kleidern;
[JJ.01_254,06] denn wer sie anzieht oder nur
anrührt, der wird sobald von einem innern Feuer ergriffen und zur Asche
verzehrt.
[JJ.01_254,07] Darum rennen sie nun heulend
und wehklagend daher und werden uns bitten, daß wir selbst diese Kleider in der
Stadt aus ihren halb abgebrannten Häusern holen sollen, –
[JJ.01_254,08] was wir auch tun wollen; doch
der Herr wird diesen Frevlern das Seinige tun!“
[JJ.01_254,09] Als der Jakob noch kaum diese
Worte ausgesprochen hatte, da waren die heulenden Kleiderdiebe auch schon vor
der Türe Josephs.
[JJ.01_254,10] Allda schrien sie gewaltig um
Hilfe und Rettung. Und der Joseph ging hinaus mit dem Jonatha.
[JJ.01_254,11] Als er draußen war, da schrien
ihm dreißig verzweifelte Männer entgegen:
[JJ.01_254,12] „Du allmächtiger Gott Jupiter,
hilf uns, und rette uns; denn wir haben an dir gefrevelt, da wir dich nicht
erkannt haben!
[JJ.01_254,13] Nun aber haben wir dich
erkannt; darum bitten wir dich, töte uns, oder hole deines Hauses Kleider in
unseren Häusern!“
[JJ.01_254,14] Da kam das Kindlein heraus und
sprach: „Höret, ihr argen Diebe!
[JJ.01_254,15] Wie ihr die Kleider genommen
habt, also bringet sie auch wieder hierher!
[JJ.01_254,16] Werdet ihr das nicht tun, so
solle der Tod euer Los sein!“
[JJ.01_254,17] Als die Diebe solches
vernommen hatten, da sprachen sie:
[JJ.01_254,18] „Das ist der junge Gott, dem
müssen wir folgen, sonst sind wir verloren!“
[JJ.01_254,19] Und alle rannten plötzlich
davon und brachten all die gestohlenen Kleider auf ehernen Stäben wieder.
[JJ.01_254,20] Denn mit bloßer Hand durfte
niemand diese Kleider anrühren.
[JJ.01_254,21] Als die Kleider
herbeigeschafft waren, da entließ das Kindlein die Diebe und strafte sie weiter
nicht. – Joseph aber nahm freudigst die Kleider wieder und trug sie ins Haus.
[JJ.01_255] 255. Kapitel – Marias innerer
Adel und innere Schönheit. Ihr Erbarmen mit den Dieben. Den Feinden Gutes tun
und sie segnen, ist rein göttlich. „Weil du (Maria) solches getan hast, wie es
Gott tut, darum bist du nun so schön. Denn Gott ist die allerhöchste Schönheit,
weil die höchste Liebe!“
16. Juli 1844
[JJ.01_255,01] Als Maria ihre Kleider wieder
ersah, da ward sie wohl froh, aber zugleich hatte sie auch wieder Mitleid mit
denen, die ihr die Kleider zurückgebracht hatten.
[JJ.01_255,02] Denn sie dachte sich: ,Diese
haben gewiß von dem Gelde nichts erhalten, darum sie dann aus Not nach den
armen Kleidern gegriffen haben.
[JJ.01_255,03] Nun werden sie wohl einer
starken Not ausgesetzt sein.
[JJ.01_255,04] O wären sie noch da, ich gäbe
ihnen ja gerne die Kleider oder so viel Geldes, daß sie sich ein Kleid darum
anschaffen könnten!‘
[JJ.01_255,05] Hier kam das Kindlein zur
Mutter und sprach:
[JJ.01_255,06] „Aber Mutter! – heute bist du
schön! – Wenn du wüßtest, wie schön du bist, du möchtest gerade eitel werden!“
[JJ.01_255,07] Maria lächelte hier und sagte
zum sie streichelnden Kleinen:
[JJ.01_255,08] „O Du mein liebster Jesus! –
Bin ich denn nicht alle Tage gleich schön?“
[JJ.01_255,09] Und das Kindlein sprach: „O
ja, du bist wohl stets sehr schön; aber manchmal bist du denn doch ein wenig
schöner.
[JJ.01_255,10] Heute aber bist du schon ganz
besonders schön! – Wahrlich, von tausend Erzengeln bist du nun umringt, und
jeder will am nächsten bei dir sein!“
[JJ.01_255,11] Maria aber verstand des
Kindleins Rede nicht und sah sich um und um, ob da irgend ein Erzengel zu
erschauen wäre.
[JJ.01_255,12] Aber sie ersah nichts, als was
das Zimmer enthielt, und fragte darum das Kindlein:
[JJ.01_255,13] „Ja, wo sind denn hernach die
tausend Erzengel, da ich doch keinen zu erschauen vermag?“
[JJ.01_255,14] Da sagte das Kindlein: „Du
darfst ja keinen erschauen; da könntest du eitel werden!
[JJ.01_255,15] Du aber bist nun darum so
schön vor allen Engeln der Himmel, weil in deinem Herzen eine so große
Barmherzigkeit aufgestiegen ist, die der Meinen nahe gleichkommt!
[JJ.01_255,16] Denn siehe, seine Feinde
gerecht und menschlich einer Buße zu unterziehen, ist eben auch gerecht und
Gott wohlgefällig, und es solle allzeit also sein auf der Erde;
[JJ.01_255,17] aber seinen Feinden von ganzem
Herzen ihre Schuld vergeben und ihnen dazu noch Gutes tun und sie segnen, –
siehe, das ist rein göttlich!
[JJ.01_255,18] Das bringt nur die endlose
Kraft der göttlichen Liebe zuwege;
[JJ.01_255,19] denn die menschliche ist dazu
zu schwach!
[JJ.01_255,20] Weil du aber eben solches
getan hast, wie es Gott tut, darum bist du nun so schön! – Denn Gott ist die
allerhöchste Schönheit, weil die höchste Liebe! –
[JJ.01_255,21] Tue aber nun auch, das dein
Herz verlangt, so wird dir Mein Reich der Liebe wie ein Königtum zufallen, und
du wirst eine Königin sein darinnen ewig!“
[JJ.01_255,22] Hier sandte die Maria sogleich
den Jonatha den Dieben nach; dieser brachte sie zurück, und die Maria
beschenkte sie alle reichlichst mit dem Gelde, das ihr der Jonatha gegeben
hatte also wie dem Joseph.
[JJ.01_256] 256. Kapitel – Die Macht der
Liebe. Das Haus Josephs wird ruchbar. Josephs Weisheit beschämt die Großen und
Reichen der Stadt. Die gute Nachwirkung.
17. Juli 1844
[JJ.01_256,01] Die also beschenkten Diebe
aber fielen auf ihre Angesichter nieder und schrieen förmlich:
[JJ.01_256,02] „Solche Güte, solche Großmut,
die ist Menschen nimmer eigen; nur die Götter, die nicht sterben, können Feinde
noch belohnen!
[JJ.01_256,03] Wir verdienten hier die Strafe
nur, da wir an euch, ihr hohen Götter, gar so arg gefrevelt haben!
[JJ.01_256,04] Doch ihr, statt uns
wohlverdienterweis' zu strafen, gebt uns Lohn und Segen noch für unsre argen
Taten!
[JJ.01_256,05] Seid ihr da nicht Götter? – Ja
ihr seid der Himmel allerhöchste Herren ganz gewiß und sicher; denn das künden
eure von uns Menschen nie geschauten Taten! –
[JJ.01_256,06] Darum Ehre, Lob und Preis sei
euch von allen Menschen auf der Erde!
[JJ.01_256,07] Und der Fürsten Throne und all
ihre Kronen sollen ewig beugen sich vor eurer großen Herrlichkeit!“ –
[JJ.01_256,08] Hier erhoben sich die Diebe
und gingen dann voll Dank und Ehrfurcht von dannen –
[JJ.01_256,09] und machten das dann in der
ganzen Stadt ruchbar; und alle Bewohner bebten ob solcher Nähe der Götter und
gingen verstohlen herum und getrauten sich vor lauter Ehrfurcht nicht zu
arbeiten.
[JJ.01_256,10] Es kamen aber bald die
Angesehenen der Stadt hinaus zum Joseph und fragten ihn, ob sich die Sache wohl
also verhielte, wie da nun der Pöbel in der halbverbrannten Stadt herumschreie.
[JJ.01_256,11] Und der Joseph sprach: „Was da
betrifft die gute Tat an ihnen, da ist ihr Geschrei richtig;
[JJ.01_256,12] denn also handelte mein Weib
buchstäblich wahr an ihnen!
[JJ.01_256,13] Aber daß sie uns für Götter
halten, das gibt euch – ihr Großen und Reichen, ein schlechtes Zeugnis;
[JJ.01_256,14] denn damit bezeichnet der arme
Pöbel eure große Hartherzigkeit, indem er an euch nichts Götterähnliches
erschaut!
[JJ.01_256,15] Tut desgleichen, was da tat
mein Weib, und was da tut mein ganzes Haus, und der Pöbel wird bald aufhören,
meines Hauses Einwohner für Götter zu halten!“
[JJ.01_256,16] Als die Großen und Reichen der
Stadt solche sie sehr treffende Rede von Joseph vernommen hatten, da wurden sie
sehr beschämt und zogen davon.
[JJ.01_256,17] Und sie waren überzeugt, daß
der Joseph bloß ein überaus weiser und guter Mensch, aber dabei doch kein Gott
sei.
[JJ.01_256,18] Von da an hatte dann das Haus
Josephs Ruhe.
[JJ.01_256,19] Und seine Familie lebte dann
noch ein halbes Jahr ungestört allhier und ward geachtet und hochgeschätzt von
jedermann.
[JJ.01_256,20] Also tat auch das Kindlein in
dieser Zeit keine Wunder mehr, und alles lebte hier ganz natürlich. Und der
Jonatha aber war mehr beim Joseph als zu Hause; denn hier war für ihn ein
seligstes Sein. – –
[JJ.01_257] 257. Kapitel – Tod des Herodes;
sein Sohn Archelaus folgt ihm in der Regierung. – Der Engel des Herrn fordert
Joseph auf zur Rückkehr ins Land Israel. – Die wunderbare Reiserüstung. –
Joseph übergibt alles dem Jonatha und bittet ihn nachzukommen. – Der Abschied.
18. Juli 1844
[JJ.01_257,01] Es starb aber um diese Zeit
eben auch Herodes, der Kindermörder, und sein Sohn Archelaus folgte ihm in der
Regierung.
[JJ.01_257,02] Jakob sagte das in der Zeit
zum Joseph und zu der Maria.
[JJ.01_257,03] Aber Joseph sprach zum Jakob:
„Das will ich dir wohl glauben; aber was solle das bei mir für eine Veränderung
herbeiführen?“
[JJ.01_257,04] Und der Jakob sprach: „Vater!
– das zu künden dir, hat der Herr mir nicht gegeben!
[JJ.01_257,05] Wie aber der Herr noch allzeit
durch eines Engels Mund zu dir geredet hat, was du tun sollest, also wird Er es
auch jetzt tun.
[JJ.01_257,06] Denn es wäre nicht in der göttlichen
Ordnung, daß ein Sohn seinem Vater die Wege vorschreiben solle!“
[JJ.01_257,07] Da sprach Joseph: „Meinst du
wohl, daß der Herr solches an mir tun wird?“
[JJ.01_257,08] Und der Jakob sprach: „Vater!
– also vernahm ich's in mir nun:
[JJ.01_257,09] ,Heute noch in der Nacht in
einem hellen Traume werde Ich Meinen Engel zu dir senden, der wird dir künden
Meinen Willen!
[JJ.01_257,10] Und wie er es dir künden wird,
also sollest du sobald handeln nach seinem Worte!‘“
[JJ.01_257,11] Als der Joseph solches vom
Jakob vernommen hatte, da ging er hinaus und betete zu Gott und dankte Ihm für
solch eine Vorkunde durch den Mund seines Sohnes Jakob.
[JJ.01_257,12] Lange hielt Joseph im Gebete
an und begab sich erst nach drei Stunden ins Haus zur Ruhe.
[JJ.01_257,13] Als er aber also schlief auf
seinem Lager, seinen arbeitsmüden Gliedern Ruhe gönnend, da erschien ihm im
Traume der Engel des Herrn und sprach zu ihm:
[JJ.01_257,14] „Stehe auf, nimm das Kindlein
und Seine Mutter zu dir, und ziehe hin in das Land Israel; denn sie sind
gestorben, die dem Kinde nach dem Leben standen!“
[JJ.01_257,15] Als Joseph solches vernommen
hatte, da stand er alsbald auf und verkündete solches der Maria.
[JJ.01_257,16] Und diese sprach: „Es geschehe
des Herrn Wille allzeit und ewig!
[JJ.01_257,17] Aber wie sprichst du nur von
uns dreien? Sollen denn deine Kinder hier verbleiben?“
[JJ.01_257,18] Und der Joseph sprach: „O
mitnichten; denn was der Engel zu mir geredet, das gilt ja für mein ganzes
Haus!
[JJ.01_257,19] Denn also sprach der Herr ja
auch oft zu den Propheten, als hätte Er es mit ihnen allein zu tun;
[JJ.01_257,20] aber dennoch ging des Herrn
Rede allzeit das ganze Haus Jakobs an.“
[JJ.01_257,21] Diese Rede verstanden alle,
und die Söhne gingen sobald hinaus, um alles zur Abreise zu ordnen.
[JJ.01_257,22] Aber sie kamen voll Staunens
zurück; denn es war alles schon zur Abreise bereitet, und für jede Person war
ein mit allen zur Reise nötigsten Bedürfnissen bepackter Esel in Bereitschaft.
[JJ.01_257,23] Joseph übergab alles Liegende
und Stehende dem Jonatha, der diese Nacht hier zugegen war, segnete ihn und
behieß ihn, ihm zu folgen in einem Jahre nach Nazareth.
[JJ.01_257,24] Also segnete ihn auch das
Kindlein und küßte ihn. Jonatha weinte ob solcher plötzlichen Abreise.
[JJ.01_257,25] Und Joseph bestieg noch viel
vor dem Aufgange die Lasttiere und zog nun landwärts von dannen. –
[JJ.01_258] 258. Kapitel – Die heilige
Familie kommt nach beschwerlicher Reise ins Vaterland. Josephs Angst und Marias
Aufmunterung. Des Herrn Befehl, nach Nazareth zu ziehen. Ankunft in Nazareth.
19. Juli 1844
[JJ.01_258,01] Nach zehn sehr beschwerlichen
Reisetagen kam Joseph mit den Seinen glücklich im Lande Israel an und rastete
auf einem Berge bei einigen Menschen, die da hausten und von der Viehzucht
lebten.
[JJ.01_258,02] Hier erkundigte sich Joseph
genau um alle Verhältnisse seines Vaterlandes.
[JJ.01_258,03] Da er aber vernahm von diesen
Menschen, daß nun Archelaus, ein Sohn Herodis, seinem Vater in der Regierung
folgte,
[JJ.01_258,04] und daß er noch grausamer sei
als sein Vater, da übermannte den Joseph und all die Seinen eine große Furcht.
[JJ.01_258,05] Und er gedachte wieder
umzukehren und abermals nach Ägypten zu ziehen, wo nicht nach Tyrus.
[JJ.01_258,06] Denn obschon er durch den Mund
Jakobs erfahren hatte in Ägypten noch, daß nun Archelaus herrsche in Jerusalem,
[JJ.01_258,07] so erfuhr er aber dennoch
nicht, daß dieser König seinen Vater an Grausamkeit noch überträfe.
[JJ.01_258,08] Und diese Kunde machte hier
eben den Joseph also furchtsam, daß er nun wieder umkehren wollte.
[JJ.01_258,09] Es sprach wohl die Maria zu
ihm und sagte:
[JJ.01_258,10] „Joseph, es hat uns ja der
Herr also zu ziehen befohlen, warum fürchten wir über den Herrn den
Menschenkönig Archelaus mehr als den Herrn?“
[JJ.01_258,11] Und der Joseph sprach: „O
Maria, du mein geliebtestes Weib, du hast wohl ganz recht gefragt;
[JJ.01_258,12] aber siehe, ich weiß es, daß
da des Herrn Wege oft von der unbegreiflichsten Art sind, und weiß, daß der
Herr die Seinen zumeist durch den Tod führt – vom Abel her.
[JJ.01_258,13] Darum fürchte ich mich denn
nun auch, ob der Herr nicht auch mich durch den Tod führen wird!
[JJ.01_258,14] Und diese meine Mutmaßung
gewinnt stets mehr an Wahrscheinlichkeit, je mehr ich die Grausamkeit des neuen
Königs in Jerusalem überdenke.
[JJ.01_258,15] Darum aber habe ich mich nun
auch entschlossen, morgen früh wieder umzukehren.
[JJ.01_258,16] Wahrlich, ist es dem Herrn um
unsern Tod zu tun, da schicke Er lieber Löwen, Tiger und Hyänen über uns als
den Archelaus!“
[JJ.01_258,17] Also beschloß Joseph fest,
wieder umzukehren.
[JJ.01_258,18] Aber in der Nacht kam des
Herrn Geist Selbst über den Joseph in einem Helltraume.
[JJ.01_258,19] Und von Gott Selbst bekam
Joseph den Befehl, zu ziehen nach Nazareth.
[JJ.01_258,20] Da erhob sich Joseph sobald
und zog sehr frühe von dannen.
[JJ.01_258,21] Und er kam noch am selben Tage
in die Ortschaften des galiläischen Landes.
[JJ.01_258,22] Und kam also auch am selben
Tage in der Nacht nach der Stadt Nazareth, nahm da bleibende Wohnung, auf daß
erfüllet wurde, was da spricht der Prophet: „Er solle ein Nazaräer heißen!“ –
[JJ.01_259] 259. Kapitel – Liebliche
Abendszene auf dem Söller der Salome. Cornelius entdeckt die kleine Karawane.
20. Juli 1844
[JJ.01_259,01] Wo aber nahm Joseph die
Wohnung in Nazareth? – Wo stieg er ab, und wo ging er ein?
[JJ.01_259,02] Es ist in den ersten Kapiteln,
da von der Abreise Josephs nach Ägypten von Bethlehem weg die Rede war, gesagt
worden, wie Joseph die reiche Salome in Bethlehem ersucht hatte, daß sie für
ihn seinen Meierhof bei Nazareth pachten möchte.
[JJ.01_259,03] Hat das Salome getan? – Ja –
sie tat es nicht nur, was Joseph gewünscht, sondern sie hat den Meierhof
förmlich an sich gekauft, und zwar in der doppelten Absicht:
[JJ.01_259,04] Diesen Hof, falls Joseph oder
ein Kind von ihm je wieder zurückkäme, ihnen vollkommen zu eigen einzuhändigen;
[JJ.01_259,05] gegenfalls aber diesen für sie
so hochgeheiligten Hof für sich zum Andenken an die erhabenste Familie zu
behalten.
[JJ.01_259,06] Sie hielt diesen Hof für so
ein Heiligtum, daß sie sich selbst nicht getraute, darinnen zu wohnen; noch
weniger nahm sie Mietsleute hinein.
[JJ.01_259,07] Auf daß sie aber dennoch in
der Nähe dieser Besitzung leben konnte, kaufte sie einen nachbarlichen Acker
hinzu und erbaute da ein recht nettes Häuschen und wohnte im selben mit ihrer
Dienerschaft und wurde allda auch öfter von Cornelius besucht.
[JJ.01_259,08] Und es traf sich gerade, daß
der Cornelius an diesem Tage auf dem Rückweg von einem Amtsgeschäfte bei der
Salome einsprach, da Joseph wieder nach Nazareth zurückkam.
[JJ.01_259,09] Es war ein herrlicher Abend,
der Mond war voll, und kein Wölkchen trübte irgend einen Stern am Himmel.
[JJ.01_259,10] Dieser schöne Abend zog die
Salome mit dem Cornelius auf den Söller ihres netten Häuschens, das da ziemlich
nahe an der Hauptstraße lag und den Hof Josephs gerade gegen Morgen vor sich in
einer Entfernung von etwa siebzig Klaftern hatte.
[JJ.01_259,11] Beide blickten oft nach der
einstmaligen Behausung der erhabenen Familie, und der Cornelius sprach öfter
zur Salome:
[JJ.01_259,12] „Ich sehe die Erscheinung in
Bethlehem noch stets lebendig vor mir, wie in einem schönsten, erhabensten
Traume, und dieser Hof erinnert mich nun fortwährend daran.
[JJ.01_259,13] Es war aber auch die
Erscheinung in Bethlehem von einer solchen wundervollsten Erhabenheit, daß sie
mir stets unerklärlicher wird, je mehr ich daran denke!“
[JJ.01_259,14] Und die Salome sprach dagegen:
„Ja – Freund Cornelius! – Auch ich kann es nicht fassen, wie ich bei der Größe
jenes Ereignisses noch am Leben habe verbleiben können!
[JJ.01_259,15] Aber das ist zwischen mir und
dir noch der Unterschied, daß ich nun, wie du es weißt, mir nicht helfen kann,
und muß das Kind in meinem Herzen allzeit anbeten;
[JJ.01_259,16] während du die ganze Sache
mehr als eine allererhabenste Geschichte betrachtest.
[JJ.01_259,17] Ich habe mir daher auch schon
öfter so im Geiste vorgestellt: Wenn diese Familie je wieder hierherkäme, da
könnte ich vor Seligkeit nicht leben!
[JJ.01_259,18] Wenn sie so drüben wohnete im
Hofe – o Gott! – was wäre doch das für ein Gefühl für mich!
[JJ.01_259,19] Wahrlich, alle Himmel der
Himmel wären dann auf diesem Söller vereint beisammen!“
[JJ.01_259,20] Und der Cornelius sprach: „Ja,
du hast recht, das wäre auch für mich das Erhabenste!
[JJ.01_259,21] Was täten wir aber nun, wenn –
ich setze den Fall, diese erhabenste Götterfamilie daherzöge, und wir
erkenneten sie schon von der Ferne?!“
[JJ.01_259,22] Und die Salome sprach: „O
Freund! – Rede nicht davon, – das würde mich töten vor Wonne!“
[JJ.01_259,23] Als die beiden in dieser Weise
sich gottwohlgefälligst auf dem Söller unterhielten, und es also auch schon
ziemlich spät geworden war,
[JJ.01_259,24] da bemerkte der Cornelius in
einer Ferne von etwa zweihundert Klaftern einen Zug, wie eine kleine Karawane,
und sprach zur Salome:
[JJ.01_259,25] „Da sieh einmal hin, noch spät
in der Nacht eine Wanderung! – Sind es Griechen oder Juden?
[JJ.01_259,26] Salome, was tätest denn du
nun, wenn das eben die erhabenste Familie wäre?!“
[JJ.01_259,27] Und die Salome erschrak
förmlich und sprach: „Aber ich bitte dich, rede nicht immer davon und erwecke
nicht stets von neuem in mir neue Wünsche, die nicht erfüllt werden können!
[JJ.01_259,28] Was würdest denn in einer
solchen Seligkeit aller Seligkeiten du tun?“
[JJ.01_259,29] Und der Cornelius sprach: „Wahrlich,
da ginge es auch mir schlecht! – Doch siehe, die Karawane macht halt, und ich
sehe einen Menschen von ihr gerade auf uns zueilen! – Komm, laß uns sehen, wer
es ist!?“
[JJ.01_259,30] Und sie gingen dem Menschen
entgegen. Der Mensch aber war ein Sohn Josephs und ging mit einem Kruge, ein
Wasser zu holen bei dem Hause.
[JJ.01_259,31] Die beiden aber erkannten ihn
nicht; denn also wollte es der Herr, um des Heiles der beiden willen.
[JJ.01_260] 260. Kapitel – Joel als
Kundschafter ermittelt die Nähe der Heimat. Joseph will mit den Seinen im
Freien übernachten. Die Söhne Josephs kommen auf der Suche nach Holz und Feuer
zu Salome.
22. Juli 1844
[JJ.01_260,01] Als der Joel das Wasser
geschöpft hatte, da fragte er die beiden, wie weit es noch nach Nazareth wäre.
[JJ.01_260,02] Und der Cornelius sprach:
„Mein Freund, da siehe hin, und du wirst leicht die Mauern der Stadt erschauen!
[JJ.01_260,03] Ein Kind erreicht sie leicht
in einer Viertelstunde, und somit bist du nun schon so gut wie in Nazareth
selbst.“
[JJ.01_260,04] Joel dankte für diese Auskunft
und trug sein Wasser zu seiner Gesellschaft.
[JJ.01_260,05] Als er damit bei seiner
Gesellschaft anlangte, da fragte ihn sobald der Joseph, was er bei dem Häuschen
alles für Erkundschaftungen eingeholt habe.
[JJ.01_260,06] Und der Joel sprach: „Ein Weib
und ein Mann kamen mir sehr freundlich entgegen, gaben mir Wasser und sagten
mir, daß hier schon die Stadt Nazareth ist!
[JJ.01_260,07] Ich aber dachte, wenn das die
Stadt ist, da haben wir sicher nicht mehr weit zu unserer Pachtwirtschaft.“
[JJ.01_260,08] Und der Joseph sprach: „Mein
lieber Sohn, da hast du wohl ganz recht;
[JJ.01_260,09] aber weißt du auch, wem sie
nun nach drei Jahren gehört?
[JJ.01_260,10] Dürfen wir einziehen in unsere
einstige Wohnung?
[JJ.01_260,11] Siehe, daher heißt es hier
wieder unter freiem Himmel übernachten und morgen erst nachsehen, wo sich für
uns eine bleibende Wohnstätte wird auffinden lassen!
[JJ.01_260,12] Gehe aber nun mit deinen
Brüdern und sehe irgendwo ein wenig Holz und Feuer zu bekommen!
[JJ.01_260,13] Denn hier auf der Höhe dieses
Bergtales ist es etwas kühl; darum soll ein kleines Feuer hier angemacht
werden, auf daß wir uns beim selben ein wenig erwärmen!“
[JJ.01_260,14] Darauf gingen die vier Söhne
zu ebendemselben Häuschen und fanden die beiden noch auf.
[JJ.01_260,15] Und sie gaben der Salome kund
ihr Anliegen und baten sie um etwas Holz und um ein Feuer.
[JJ.01_260,16] Hier fragte die Salome samt
dem Cornelius, wer denn die Gesellschaft sei, ob man ihr wohl trauen könne.
[JJ.01_260,17] Und die Söhne sprachen: „Wir
kommen aus Ägypten und sind die ehrlichsten Leute von der Welt!
[JJ.01_260,18] Und unsere Bestimmung ist, uns
hier in Nazareth etwas anzukaufen;
[JJ.01_260,19] denn wir sind im Grunde selbst
Nazaräer, nur hat uns eine gewisse Notwendigkeit nach Ägypten auf drei Jahre
gebannt.
[JJ.01_260,20] Da sich aber diese unsere
Verbannung wieder gelöst hatte, so sind wir nun wieder da, um uns hier eine
Wohnung zu suchen.“
[JJ.01_260,21] Als die beiden solches vernommen
hatten von den vieren, da gaben sie ihnen sobald Holz und Feuer in gerechter
Menge, und diese trugen es zum Joseph.
[JJ.01_260,22] Joseph aber ließ das Holz
sogleich anzünden, und alles wärmte sich an dem Feuer. –
[JJ.01_261] 261. Kapitel – Der Salome und des
Cornelius Ahnungen über diese kleine Karawane. Salome und Cornelius beschauen
sich die Gesellschaft und erkennen die hl. Familie.
23. Juli 1844
[JJ.01_261,01] Es dachten aber die Salome und
der Cornelius sehr darüber nach, wer etwa doch diese Gesellschaft aus Ägypten
sein dürfte.
[JJ.01_261,02] Der Cornelius sprach: „Diese
vier Männer, die eben nicht alt zu sein scheinen, hatten nach meiner
Beobachtung eine starke Ähnlichkeit mit den Söhnen desjenigen wunderbaren
Mannes, mit dem wir beide in Bethlehem zu tun hatten.
[JJ.01_261,03] Auch ihre Sprache hatte einen
unverkennbaren nazaräischen Klang.
[JJ.01_261,04] Du – meine geachtetste
Freundin! – Dieser Wundermann, der da Joseph hieß, ist ja auch höchst
wahrscheinlich nach Ägypten ausgewandert, wie ich es aus dem Schreiben meines
Bruders aus Tyrus vernommen habe.
[JJ.01_261,05] Wie – wenn das derselbe Joseph
wäre?
[JJ.01_261,06] Sollen wir da nicht hingehen
zu dieser Gesellschaft und sie beschauen? Und falls das die rechte wäre,
[JJ.01_261,07] sollen wir da nicht sogleich
alles aufbieten, um diese allererhabenste Gesellschaft sogleich auf das
herrlichste zu bewirten?“
[JJ.01_261,08] Als die Salome solches
vernommen hatte, da ward sie nahe ohnmächtig vor Entzückung und sprach:
[JJ.01_261,09] „Ach Freund! – du hast sicher
recht, es wird schon also sein; das ist sicher die heilige Familie!
[JJ.01_261,10] Darum lasse mich sogleich
meine Dienerschaft wecken und mit uns hinziehen, wo diese Familie rastet!“
[JJ.01_261,11] Darauf ging die Salome und
weckte alle ihre Dienerschaft.
[JJ.01_261,12] Und in einer halben Stunde war
alles auf den Beinen im Hause der Salome.
[JJ.01_261,13] Als aber alles in Bereitschaft
war, da sagte der Cornelius zur Salome:
[JJ.01_261,14] „Nun lasse uns hinziehen und
sehen, wer hinter dieser Familie steckt!“
[JJ.01_261,15] Darauf berief die Salome
sogleich alles zusammen im Hause, und die ganze Gesellschaft begab sich hin, wo
Joseph rastete bei einem mäßigen Feuer.
[JJ.01_261,16] Als sie da ankam, da sprach
der Cornelius zur Salome:
[JJ.01_261,17] „Da siehe einmal hin! Dort
neben dem Feuer, – ist das nicht die junge Maria, des Josephs Weib mit ihrem
Kinde?
[JJ.01_261,18] Und jener alte Mann, – sage,
ist das nicht Joseph, jener wunderbare Mann, den wir in Bethlehem kennengelernt
haben?“
[JJ.01_261,19] Da machte die Salome die Augen
groß auf und starrte hin und erkannte nach und nach, was ihr Cornelius
anzeigte.
[JJ.01_261,20] Nun war es aber bei der Salome
auch aus; sie sank nieder und ward ohnmächtig, und der Cornelius hatte zu tun,
um seine Gefährtin auf die Füße zu bringen.
[JJ.01_262] 262. Kapitel – Cornelius und
Salome begrüßen die hl. Familie. Der Einzug der müden Wanderer ins alte Heim.
24. Juli 1844
[JJ.01_262,01] Als sich die Salome erholt
hatte von ihrer Entzückungsohnmacht, da sagte sie zum Cornelius: „O Freund, das
ist zuviel auf einmal für einen schwachen Menschen!
[JJ.01_262,02] Gönne mir nur eine kleine
Ruhe, sodann werde ich hingehen und werde dieser heiligen Familie meine
Aufrechthaltung ihres Hofes kundtun!“
[JJ.01_262,03] Und der Cornelius sprach:
„Weißt du was, wenn du dich zu schwach fühlst, so lasse mich hingehen in deinem
Namen und der Familie anzeigen, was du für sie getan hast!
[JJ.01_262,04] Denn siehe, hier ist nicht
Zeit zu verlieren! Diese erhabenen Reisenden werden sehr müde sein und bedürfen
ehestmöglich einer guten Unterkunft; darum will ich an deiner Statt sogleich
hingehen.“
[JJ.01_262,05] Als die Salome solches von
Cornelius vernommen hatte, da sprach sie:
[JJ.01_262,06] „O Freund! du hast recht; ich
aber habe mich schon gefaßt nun, und so will ich auch sogleich mit dir
hinziehen.“
[JJ.01_262,07] Nach solchem Entschlusse
gingen die beiden hin zur Gesellschaft.
[JJ.01_262,08] Und der Cornelius nahm das
Wort und sprach: „Gott, der Herr Israels ist mit euch, wie auch mit mir und
meiner Gefährtin Salome!
[JJ.01_262,09] Es gelang mir, euch zu
erkennen, und es unterliegt nun keinem Zweifel mehr, daß du alter, biederer
Mann derselbe Joseph mit dem jungen Weibe Maria bist, der vor drei Jahren nach
Ägypten zog, um der Verfolgung des Herodes zu entgehen.
[JJ.01_262,10] Ich bin darum hergeeilt, um
dich alsogleich aufzunehmen und dich in dein Eigentum einzuführen.“
[JJ.01_262,11] Als der Joseph solches von
Cornelius vernahm, da stand er auf und fragte ihn:
[JJ.01_262,12] „Guter Mann, wer bist du denn,
daß du mir solches künden magst?
[JJ.01_262,13] Sage mir an deinen Namen, und
ich will dir sogleich folgen!“
[JJ.01_262,14] Und der Cornelius sprach:
„Erhabenster Greis! Siehe, ich bin der Landpfleger von Jerusalem,
[JJ.01_262,15] und mein Name ist Cornelius,
und bin derselbe, der dir in Bethlehem eine kleine Freundschaft erwies!
[JJ.01_262,16] Darum sorge dich um nichts
weiter nun; denn siehe, diese meine Freundin, die Salome aus Bethlehem, hat
deinen Auftrag genau befolgt!“
[JJ.01_262,17] Hier stürzte die Salome hin zu
des Josephs Füßen und sprach mit bebender Stimme:
[JJ.01_262,18] „Freude mir armen Sünderin,
daß dich meine unwürdigsten Augen wiedersehen!
[JJ.01_262,19] O komme, komme in dein Haus!
Denn mein Haus ist solcher Gnade nicht wert!“
[JJ.01_262,20] Joseph ward hier zu Tränen
gerührt und sprach:
[JJ.01_262,21] „O großer Gott, Vater! – Wie
gut bist Du! Du führst den müden Wanderer ja allzeit ans beste Ziel!“
[JJ.01_262,22] Darauf umarmte er den
Cornelius und die Salome und zog dann sogleich mit ihnen in seinen Hof.
[JJ.01_263] 263. Kapitel – Salome übergibt
Joseph Haus und Hof in bestem Zustande. Die Verlegenheit Josephs. Die Demut und
Liebe der Salome. Ihr herrliches Zeugnis über den Herrn. Ein Wort des Herrn
über die Liebe.
25. Juli 1844
[JJ.01_263,01] Die Dienerschaft der Salome
und das Gefolge des Cornelius und die Salome und der Cornelius selbst halfen
alles Gepäck des Joseph unterbringen.
[JJ.01_263,02] Und die Salome führte die
Gesellschaft in die wohleingerichteten Gemächer des Wohngebäudes.
[JJ.01_263,03] Und der Joseph verwunderte
sich sehr über die große Reinlichkeit, die in seinem Hause hergestellt war.
[JJ.01_263,04] Es waren alle Betten neu und die
alten gereinigt; also war auch der Stall auf das zweckmäßigste eingerichtet.
[JJ.01_263,05] Und der Joseph überzeugte sich
von allem, wie vortrefflich die Salome für ihn gesorgt hatte.
[JJ.01_263,06] Und er fragte die Salome: „O
liebe Freundin, du siehst ja, daß ich arm bin und habe nun nichts von
irgendeinem Vermögen! – Wie werde ich dir das wohl je abstatten können?“
[JJ.01_263,07] Als die Salome solche Frage
von Joseph vernommen hatte, da sprach sie weinend:
[JJ.01_263,08] „O du mein erhabenster Freund!
Was habe ich wohl auf dieser Welt, das ich nicht empfangen hätte von Dem, der
nun auf den Armen der zarten Mutter ruht?!
[JJ.01_263,09] Habe ich es aber doch ewig
wahr von Dem empfangen, der bei dir ist so ewig wunderbarst; wie könnte ich das
mein nennen, was von Ewigkeit Dessen war, der mit dir ist? –
[JJ.01_263,10] O – der Herr, der Heilige von
Ewigkeit, kam ja nicht in die Fremde zu uns armen Sündern,
[JJ.01_263,11] sondern Er kam ja in Sein
ewiges Eigentum; daher können wir Ihm ja nichts geben, als hätten wir etwas;
[JJ.01_263,12] sondern wir bringen Ihm nur
das Seinige dar mit der Kraft, die Er uns gegeben hat.
[JJ.01_263,13] Und also ist wohl jede
Erwähnung von einer Schuld an mich von deiner Seite für ewig ungültig; denn ich
bin schon durch die Gnade dieses endlos höchsten Berufes, für dich zu sorgen,
für alle Ewigkeit belohnt,
[JJ.01_263,14] und das um so mehr, da ich es
in der ganzen Tiefe meines Lebens fühle, daß ich zu diesem heiligen Berufe
sicher die Unwürdigste bin!“
[JJ.01_263,15] Hier konnte die Salome nicht
weiterreden; sie schwieg darum und weinte vor Liebe und Wonne.
[JJ.01_263,16] Das Kindlein aber wurde hier
wach und munterte sich auf.
[JJ.01_263,17] Als Es so recht heiter Sich
auf dem Schoße der Maria aufgerichtet hatte, da sah Es gar liebvollst nach der
Salome und nach dem Cornelius hin und sprach:
[JJ.01_263,18] „O Salome, und du auch, Mein
Cornelius! – Sehet, Ich schlief; aber eure große Liebe hat Mich aufgeweckt!
[JJ.01_263,19] Wahrlich, das ist süß und
angenehm; also solle es verbleiben für ewig!
[JJ.01_263,20] Von nun an will Ich schlafen
in Meinem Urwesen für jedermann; aber wer mit eurer Liebe zu Mir kommen wird,
der wird Mich erwecken für sich auf ewig!
[JJ.01_263,21] Salome, nun begebe dich zur
Ruhe; morgen aber bringe Mir ein gutes Frühstück!“
[JJ.01_263,22] Salome war darob höchst
entzückt, daß sie zum ersten Male also hat den Herrn reden hören. Alles lobte
und pries Gott und begab sich darauf zur Ruhe.
[JJ.01_264] 264. Kapitel – Salome lädt die
Familie Josephs zum Frühstück ein. Des Jesuskindleins Leibspeise. Liebfreude
des Kindleins und der Salome. „O Herr! – Wer kann Dich schauen wohl ohne Tränen
im Auge?“
26. Juli 1844
[JJ.01_264,01] Am Morgen war in beiden
Häusern schon alles sehr früh auf den Füßen, und die Salome war geschäftigst in
ihrer Küche und bereitete ein gutes Frühmahl, bestehend aus Honigkuchen, einer
guten Fischbrühe und aus mehreren edlen Fischen,
[JJ.01_264,02] darunter die Forellen wohl die
ersten waren, die man dort häufig in den Gebirgsbächen fing.
[JJ.01_264,03] Als das Frühstück fertig war,
da eilte die Salome in das Haus des Joseph und lud den Joseph und alle die
Seinen zum Frühstück.
[JJ.01_264,04] Und der Joseph sprach: „Aber
siehe, du meine liebe Freundin, warum machst du dir denn meinetwegen gar so
große Unkosten?
[JJ.01_264,05] Siehe, auch meine Söhne sind
schon in der Küche geschäftig und bereiten ein Frühmahl;
[JJ.01_264,06] darum hättest du wohl für uns
nicht also sehr gastfreundlich besorgt sein sollen!“
[JJ.01_264,07] Die Salome aber sprach: „O du
mein erhabenster Freund! Verschmähe doch nicht die Arbeit deiner Magd, und
komme!“
[JJ.01_264,08] Darob ward Joseph sehr
gerührt, berief alles in seinem Hause zusammen und begab sich mit der Salome in
ihr Haus zum Frühstücke.
[JJ.01_264,09] An der Türschwelle erwartete
sie der Cornelius und bewillkommnete sie alle auf das herzlichste.
[JJ.01_264,10] Und der Joseph hatte eine
große Freude, als er nun beim Sonnenlichte seinen Freund Cornelius vollends
wiedererkannte.
[JJ.01_264,11] Darauf begaben sich alle in
das schöne Speisezimmer, allwo das Frühstück der Gäste harrte.
[JJ.01_264,12] Als das Kindlein aber die
Fische auf dem Tische erblickte, da lächelte Es und lief zur Salome und sagte
zu ihr:
[JJ.01_264,13] „Aber wer hat dir denn gesagt,
daß Ich die Fische gerne esse?
[JJ.01_264,14] Da hast du Mir wohl eine
rechte Freude gemacht; denn siehe, das ist vor allem Meine Leibspeise!
[JJ.01_264,15] Ich esse wohl auch die
Honigkuchen gerne, wie auch die Fischbrühe mit Weizenbrot;
[JJ.01_264,16] aber die Fische sind Mir
dennoch lieber als alle andern Speisen.
[JJ.01_264,17] Darum bist du nun schon recht
brav, weil du so gut für Mich bedacht warst, und Ich habe dich nun gar
liebgewonnen darum!“
[JJ.01_264,18] Über solche kindliche Belobung
war die Salome schon wieder außer sich vor Freude – und weinte.
[JJ.01_264,19] Das Kindlein aber sprach:
„Salome, siehe du weinst ja immer, so du an etwas eine große Freude hast!
[JJ.01_264,20] Aber siehe, Ich bin kein
Freund vom Weinen; darum mußt du auch nicht immer weinen, so dich etwas freut,
dann werde Ich dich noch lieber haben!
[JJ.01_264,21] Siehe, Ich möchte recht gerne
auf deinem Schoße den Fisch verzehren;
[JJ.01_264,22] aber Ich getraue es Mir doch
nicht, weil du da aus lauter Freude gar zu viel weinen möchtest!“
[JJ.01_264,23] Da ermannte sich die Salome
soviel als da nur immer möglich war und sprach zum Kindlein:
[JJ.01_264,24] „O Herr! – Wer kann Dich
schauen wohl ohne Tränen im Auge?“
[JJ.01_264,25] Und das Kindlein sprach: „Da
sehe nur Meine Brüder an, die sehen Mich auch täglich und weinen dennoch nicht,
wenn sie Mich sehen!“
[JJ.01_264,26] Darauf ward die Salome wieder
ruhig, und alle begaben sich zum Tische, und das Kindlein nahm im Schoße der
Salome Platz.
[JJ.01_265] 265. Kapitel – Cornelius beruhigt
Joseph auf dessen ängstliche Fragen über den neuen und grausamen König
Archelaus.
27. Juli 1844
[JJ.01_265,01] Als das Frühstück verzehrt
war, da besprach sich dann der Joseph mit dem Cornelius über den König
Archelaus und fragte genau, was das für ein Mensch sei, und wie er herrsche.
[JJ.01_265,02] Und der Cornelius sagte zum
Joseph: „Erhabenster Mann und Freund! Wenn ich und mein Bruder Cyrenius ihm
nicht die Stange hielten, da wäre er noch um zehnmal grausamer, als es sein
Vater war.
[JJ.01_265,03] Aber so haben wir seine Gewalt
sehr beschränkt aus guten Gründen, und so darf er nichts als bloß nur seine
Steuern einheben, und das nach unserem Ermessen!
[JJ.01_265,04] Und falls die
Steuerpflichtigen sich irgend weigerten, die Steuern zu entrichten, so hat er
sich an uns zu wenden;
[JJ.01_265,05] widrigenfalls wir ihm alle
Tage die Absetzungsurkunde des Kaisers, die ich allzeit in meinen Händen habe,
überreichen und ihn dann als vogelfrei vor allem Volke erklären können.
[JJ.01_265,06] Demnach hast du von diesem
Könige nicht das geringste zu befürchten;
[JJ.01_265,07] denn es sei ihm ja nicht
geraten, ja nur irgend im geringsten wider die bestehenden Vorschriften zu
handeln,
[JJ.01_265,08] sonst ist er morgen kein König
mehr, sondern ein geächteter vogelfreier Sklave Roms!
[JJ.01_265,09] Freund! Ich meine, mehr
brauchst du nicht zu deiner Beruhigung.
[JJ.01_265,10] Ich bin der Landpfleger nun
von Jerusalem, und mein Bruder Cyrenius ist quasi ein Vizekaiser von Asien und
Afrika, und wir sind deine Freunde!
[JJ.01_265,11] Ich glaube, eine bessere
Bürgschaft, weltlicherweise genommen, kann es wohl in einem Lande für einen
Menschen nicht geben.
[JJ.01_265,12] Und die allergrößte Bürgschaft
für deine Sicherheit und Ruhe wohnt wohl in deinem Hause!
[JJ.01_265,13] Daher sei du ganz ruhig nun,
und betreibe deine mir schon bekannte Kunst ohne Scheu und Furcht!
[JJ.01_265,14] Ich aber werde bei der
Bemessung der Steuer für dich schon eine solche Rubrik aussuchen, die dir nicht
weh tun wird!“
[JJ.01_265,15] Als der Joseph solches vom
Cornelius vernommen hatte, da ward er wieder ganz heiter, froh und ruhig.
[JJ.01_265,16] Der Cornelius aber entdeckte
die fünf Mädchen des Cyrenius und die Eudokia, die ihm sehr bekannt zu sein
schien, die er aber hier dennoch nicht erkannte.
[JJ.01_265,17] Er fragte daher den Joseph um
die näheren Bewandtnisse dieser Personen.
[JJ.01_265,18] Und der Joseph gab ihm alles
kund nach der Wahrheit vollkommen, ohne irgendeinen mystischen Vorhalt.
[JJ.01_265,19] Als auf diese Art der
Cornelius erfuhr, wie gar menschenfreundlich der Joseph sich gegen seinen
Bruder Cyrenius verhalte und wie höchst uneigennützig, da war es aber auch aus
beim Cornelius.
[JJ.01_265,20] Seine Freude war übergroß, und
er küßte darob den Joseph hundert Male und rief die Kinder seines Bruders zu
sich und herzte und küßte sie auch.
[JJ.01_265,21] Zum Joseph aber sprach er: „Weil
du also mit meinem Bruder stehest, so sollst du auch für alle Zeiten steuerfrei
sein gleich jedem Bürger Roms; und heute hefte ich selbst den Freibrief des
Kaisers an dein Haus!“ – Joseph ward darob zu Tränen gerührt, und alles weinte
mit ihm vor Freuden.
[JJ.01_266] 266. Kapitel – Des Cornelius
Frage, ob Cyrenius von der Abreise Josephs wisse. Josephs Antwort. Cornelius
erklärt Joseph die römischen Geheimschreiben.
29. Juli 1844
[JJ.01_266,01] Nachdem aber fragte der
Cornelius auch den Joseph, ob davon Cyrenius wohl Kenntnis habe, daß nämlich
Joseph Ägypten verlassen habe.
[JJ.01_266,02] Und falls er keine Kenntnis
hätte, ob man ihn davon aus staatlichen Rücksichten nicht alsogleich solle in
die vollste Kenntnis setzen.
[JJ.01_266,03] Und der Joseph sprach:
„Freund, tue gegen deinen Bruder, was du willst;
[JJ.01_266,04] aber um das bitte ich dich
wohl, daß du ihm sagen möchtest, er solle ja nicht zu bald zu mir kommen!
[JJ.01_266,05] Und wann er aber schon kommen
möchte, da solle er ja bei Nacht und Nebel kommen, auf daß sein Erscheinen bei
mir ja niemand bemerke,
[JJ.01_266,06] und mein Haus dadurch nicht
eine sehr widrige Aufmerksamkeit auf sich ziehe, die mir und dem Kinde
schädlich und für die göttliche Ruhe meines Hauses störend sein möchte!“
[JJ.01_266,07] Als der Cornelius solches von
Joseph vernommen hatte, da sprach er:
[JJ.01_266,08] „O du mein erhabenster Freund,
des sei ruhig! – Denn was ,streng inkognito zu jemanden kommen‘ betrifft, da
sind wir Römer Meister!
[JJ.01_266,09] Und so wird, sowie ich morgen
nach Jerusalem kommen werde, das mein erstes Geschäft sein, daß ich in aller
Stille meinen Bruder durch ein Geheimschreiben benachrichtigen werde, daß du
hier bist.
[JJ.01_266,10] Mit so einem Schreiben will
ich den Archelaus selbst, wenn es darauf ankäme, zu meinem Bruder senden, und
er wird nicht wissen, was darauf steht, wenn das Schreiben auch unversiegelt
sich in seinen Händen befände!“
[JJ.01_266,11] Joseph aber fragte den
Cornelius, wie da wohl ein solches Geheimschreiben möglich wäre.
[JJ.01_266,12] Und der Cornelius sprach: „O
erhabenster Freund! Nichts leichter als das!
[JJ.01_266,13] Siehe, man nimmt einen langen,
etwa einen Finger breiten Pergamentstreifen.
[JJ.01_266,14] Diesen Streifen wickelt man
schneckengewindartig ganz genau um einen runden Stab, so daß die Ränder genau
aneinanderstoßen.
[JJ.01_266,15] Ist also der Streifen
aufgewunden über den runden Stab, da schreibt man dann nach der Länge des
Stabes über alle die Gewinde des Pergamentstreifens sein Geheimnis.
[JJ.01_266,16] Nun hat aber der Cyrenius
einen genau gleich dicken Stab, wie da der meinige ist.
[JJ.01_266,17] Habe ich das Schreiben
beendet, so wird es dann vom Stabe abgerollt und sicher ganz offen an meinen
Bruder durch wen immer übersendet, –
[JJ.01_266,18] und kein Mensch ist dann ohne
einen gleichen Stab imstande, den Inhalt eines solchen Schreibens nur von ferne
her zu entziffern;
[JJ.01_266,19] denn er entdeckt auf dem
Streifen nichts als zumeist einzelne Buchstaben oder höchstens Silben, aus
denen er gewiß in Ewigkeit nicht klug wird, was da auf dem Streifen steht! –
Joseph, hast du mich verstanden?“
[JJ.01_266,20] Und Joseph sprach: „Ganz
vollkommen, liebster Bruder!
[JJ.01_266,21] Also magst du immerhin deinem
Bruder schreiben; denn also wird das Geheimnis wohl niemand entziffern!“
[JJ.01_266,22] Darauf wandte sich der
Cornelius an die Eudokia und besprach sich über verschiedenes mit ihr.
[JJ.01_267] 267. Kapitel – Cornelius fragt
nach dem Wunderbaren beim Kindlein. Josephs Hinweis auf Dessen Reden. Des
Kindleins große Worte an Cornelius.
30. Juli 1844
[JJ.01_267,01] Als sich Cornelius auch mit
der Eudokia hinreichend über alles besprochen hatte, was er zu seiner Kenntnis
für nötig befand,
[JJ.01_267,02] und da er daraus ersehen
hatte, wie ihre Aussage genau mit dem Schreiben seines Bruders in der besten
Übereinstimmung stand,
[JJ.01_267,03] da wandte er sich wieder an
den Joseph und sprach zu ihm:
[JJ.01_267,04] „Erhabenster Mann! – Nun bin
ich in allem ganz vollkommen im klaren.
[JJ.01_267,05] Ich will dich nicht mehr
fragen, wie und warum du Ägypten wieder verlassen hast, obschon du dort bestens
versorgt warst;
[JJ.01_267,06] denn ich weiß, daß du nichts
tust, als was zu tun dir von deinem Gott befohlen wird.
[JJ.01_267,07] Und da du also genau handelst
nach dem Willen deines Gottes, so ist auch dein Handeln allzeit gut und gerecht
vor Gott und vor aller Welt, die mir gleich rechtlich denkt und will und
handelt.
[JJ.01_267,08] Aber um eines möchte ich dich
noch vor meiner Abreise nach Jerusalem fragen,
[JJ.01_267,09] und dieses eine besteht darin:
Siehe, mir schweben noch alle die Wundererscheinungen deines Kindes, die bei
dessen Geburt stattfanden, wie ganz gegenwärtig vor den Augen!
[JJ.01_267,10] Nun sehe ich eben dieses so
wunderbar geborne Kind vor mir, und alles Wunderbare scheint sich an Ihm wie
rein verloren zu haben! – Sage, wie ist das zu nehmen?“
[JJ.01_267,11] Und der Joseph sprach: „O
Freund, wie fragst du da so sonderbar?!
[JJ.01_267,12] Hast du denn ehedem das Kind
nicht mit der Salome reden hören?
[JJ.01_267,13] Reden wohl alle Menschenkinder
in diesem Alter in solcher Weisheitstiefe?
[JJ.01_267,14] Findest du denn eine solche
Sprache aus dem Munde eines dreijährigen Kindes nicht ebenso wunderbar als eine
jede Geburtserscheinung zu Bethlehem?“
[JJ.01_267,15] Und der Cornelius sprach: „Du
hast da wohl recht; aber darum eben ist dieses Wunder mir nichts Neues.
[JJ.01_267,16] Denn siehe, in Rom habe ich
schon Kinder mit einem Jahre Alters nicht selten zum Erstaunen gescheit reden
hören, deren Geburt jedoch ehedem ganz natürlich war!
[JJ.01_267,17] Aus dem Grunde hat dein
außerordentliches Kind nun meine großen Erwartungen nicht befriedigt.“
[JJ.01_267,18] Hier kam das Kindlein Selbst
zum Cornelius und sprach zu ihm:
[JJ.01_267,19] „Cornelius! Sei du zufrieden
mit der Bürde, die Ich dir auf die Schultern geladen habe;
[JJ.01_267,20] denn siehe, du müßtest nur zu
einem Granitberge werden, wolltest du eine größere Last Meines Willens auf
deine Schultern laden!
[JJ.01_267,21] Darum begehre vor der Zeit
nicht mehr von Mir!
[JJ.01_267,22] Zur rechten Zeit aber werde
Ich schon genug tun für dich und für alle Welt!“
[JJ.01_267,23] Als der Cornelius solches
vernahm, da forschte er nicht weiter und ließ dann bald sein Gepäck zu seiner
Abreise ordnen.
[JJ.01_268] 268. Kapitel – Cornelius heftet
den Freibrief Roms an Josephs Haus. Römische Steuerordnung. Des Kindleins
Verheißung an Cornelius.
31. Juli 1844
[JJ.01_268,01] In ein paar Stunden war der
Cornelius reisefertig, begab sich aber noch früher mit Joseph in dessen Wohnung
und heftete dort versprochenermaßen ein ehernes Täfelchen mit des Kaisers Bild
und Namenszug an die Türe.
[JJ.01_268,02] Und dieses Täfelchen war das
kaiserliche Freiheitszeichen oder gleichsam ein Freiheitsbrief, laut dem der
Pachtkönig desselben Landes kein Recht in was immer über ein solches Haus
ausüben durfte.
[JJ.01_268,03] Als Cornelius mit dieser
Arbeit fertig war, da nahm er seinen Griffel und schrieb unter das Täfelchen an
die Türe in der römischen Sprache:
[JJ.01_268,04] Tabulam hanc libertatis
Romanae secundum iudicium Caesaris Augusti suamque voluntatem affigit Cornelius
Archidux Hierosolymae in plena potestate urbis Romae.
[JJ.01_268,05] Als der Cornelius auch mit
dieser Inschrift fertig war, da sprach er zum Joseph:
[JJ.01_268,06] „Nun, erhabenster Freund, ist
dein Haus und Gewerbe von jeglicher Steuer frei, die dir der Archelaus
auferlegen möchte.
[JJ.01_268,07] Nur den Zinsgroschen hast du
alljährlich nach Rom zu entrichten, den du hoffentlich sehr leicht ersparen
wirst!
[JJ.01_268,08] Diesen Zinsgroschen kannst du
entweder in Jerusalem selbst oder auch hier in Nazareth beim kaiserlichen Amte
gegen einen Empfangsschein erlegen.
[JJ.01_268,09] Und so bist du nun gegen alle
Nachstellungen von seiten des Pachtkönigs gesichert; mache dir aber ein
Gitterchen über die Tafel, auf daß sie dir niemand raube und meine Unterschrift
verderbe!“
[JJ.01_268,10] Joseph dankte in seinem Herzen
Gott dem Herrn für so viel Gnade und segnete vielfach den Cornelius.
[JJ.01_268,11] Und das Kindlein kam auch hin
zum Cornelius und sprach zu ihm:
[JJ.01_268,12] „Höre du Mich nun auch ein
wenig an! Ich will dir zum großen Lohne auch etwas sagen!
[JJ.01_268,13] Siehe, du hast nun dem Hause
Josephs eine große Wohltat erwiesen;
[JJ.01_268,14] desgleichen werde auch Ich
einst deinem ganzen Hause tun!
[JJ.01_268,15] Ist dieses Haus auch nicht ein
Eigentum Meines Nährvaters, sondern nur ein Eigentum der Salome, weil sie es
gekauft hat,
[JJ.01_268,16] so will Ich aber dennoch in
der Zukunft deinem ganz eigenen Hause es vielfach vergelten, was du diesem
Hause der Salome getan hast!
[JJ.01_268,17] Das kaiserliche
Freiheitszeichen hast du mit eigener Hand an des Hauses Türe geheftet und hast
hinzugefügt deine Unterschrift.
[JJ.01_268,18] Also werde auch Ich dereinst
Selbst Meinen Geist über dein ganzes Haus ausbreiten, durch den du die ewige
Freiheit der Himmel Gottes überkommen wirst und in ihr das ewige unvergängliche
Leben in Meinem Reiche!“
[JJ.01_268,19] Cornelius hob hier das Kindlein
auf und küßte Es und lächelte über solch sonderbare Verheißung des Kindleins;
[JJ.01_268,20] denn wie hätte er es wohl
verstehen sollen, was das Kindlein in solcher göttlichen Weisheitstiefe zu ihm
geredet hatte!
[JJ.01_268,21] Und das Kindlein sprach: „Das
wirst du erst dann verstehen, wenn Mein Geist über dich kommen wird!“ – Darauf
lief das Kindlein wieder zu Seinem Jakob. Cornelius machte sich zur Abreise
fertig, und Joseph fing an, im Hause alles nach seinem Bedürfnisse zu ordnen.
[JJ.01_269] 269. Kapitel – Joseph ordnet das
Hauswesen und bespricht mit Maria einen Besuch bei Verwandten und Bekannten.
Des Kindleins eigenartiges Benehmen und merkwürdige Worte.
1. August 1844
[JJ.01_269,01] Als Joseph mit der tätigsten
Beihilfe der Salome an diesem Tage alles in seinem Hause in die gerechte
Ordnung gebracht hatte, da dankte er Gott und war voll Freuden, daß er im Lande
seiner Väter wieder so gut aufgenommen ward.
[JJ.01_269,02] Am nächsten Tage aber sprach
er zur Maria, nachdem er seinen vier älteren Söhnen die Obsorge des Hauswesens
übergeben hatte für diesen Tag:
[JJ.01_269,03] „Maria, du mein getreuestes
Weib! – Siehe, wir haben hier im Orte herum so manche Verwandte und sonstige
gute Freunde und Bekannte;
[JJ.01_269,04] gehe und nehme das Kindlein, den
Jakob und, so du willst, auch die Eudokia mit den fünf Mädchen,
[JJ.01_269,05] und wir wollen also diesen Tag
hindurch alle die hier in Nazareth und in der nahen Umgegend wohnen –
Verwandte, Freunde und Bekannte besuchen,
[JJ.01_269,06] auf daß auch sie, die mich
sicher lange betrauert haben, sich an unserer Gegenwart wieder erfreuen sollen!
[JJ.01_269,07] Und ich werde bei dieser
Gelegenheit vielleicht auch wieder irgend eine gute Arbeit bekommen, um für
euch alle das nötige Brot zu verdienen.“
[JJ.01_269,08] Maria war mit diesem
Vorschlage gar freudigst einverstanden und ordnete alles zu diesem Behufe.
[JJ.01_269,09] Nur das Kindlein wollte
anfangs nicht mitgehen. Als Ihm aber die Mutter schöntat, da ließ Es Sich
dennoch anziehen und bewegen zum Mitgange.
[JJ.01_269,10] Aber Es sprach: „Ich gehe wohl
mit euch; aber tragen solle Mich niemand!
[JJ.01_269,11] Sondern – so Ich gehe, da will
Ich gehen zwischen euch überall hin, dahin ihr gehen wollt!
[JJ.01_269,12] Fraget Mich aber nicht, warum
Ich das also will; denn Ich sage nicht alles geradeheraus, warum Ich etwas so
oder so tue!“
[JJ.01_269,13] Und die Maria sprach zum
Kindlein: „Oh, Du wirst Dich schon noch gerne tragen lassen, wenn Du recht müde
wirst!“
[JJ.01_269,14] Und das Kindlein sprach: „Oh,
des sei du ganz unbesorgt! Ich werde nie müde, so Ich es nicht will;
[JJ.01_269,15] wann Ich aber will, dann werde
Ich auch müde, – aber dann ist Meine Müdigkeit ein Gericht den Menschen!
[JJ.01_269,16] Denn nur die Sünde der
Menschen kann Mich dahin bringen, daß Ich dann wollen muß, müde zu werden ob
der Sünde der Menschen!
[JJ.01_269,17] Ich aber sage euch vor allem,
daß Mich aus euch ja niemand verrate!
[JJ.01_269,18] Denn es ist genug, daß ihr es
wisset, daß Ich der Herr bin!
[JJ.01_269,19] Ihr wisset es ohne Gericht;
denn eure Herzen sind aus den Himmeln.
[JJ.01_269,20] So es aber die Menschen der
Erde erführen vor der Zeit, so würden sie gerichtet sein, und müßten sterben!
[JJ.01_269,21] Darum aber wollte Ich auch
nicht sogleich mitgehen.
[JJ.01_269,22] Ich mußte euch das vorher
verkünden; und da ihr nun das wisset, so will Ich ja mit euch gehen.
[JJ.01_269,23] Aber verstehet, nur gehen will
Ich, und will nicht getragen sein, auf daß die Erde durch Meine Tritte erfahre,
Wer nun ihren Boden betritt!“
[JJ.01_269,24] Alle merkten sich diese Worte
wohl und machten sich dann sobald auf den Weg zu ihren Verwandten, Freunden und
Bekannten.
[JJ.01_270] 270. Kapitel – Das Erdbeben unter
Jesu Füßen ängstigt Joseph und Maria. Flüchtlinge aus der Stadt warnen Joseph
weiterzuziehen. Joseph, durch Jakob beruhigt, zieht furchtlos in die Stadt.
2. August 1844
[JJ.01_270,01] Als sich darauf Joseph mit den
Seinen auf den Weg machte und das Kindlein zwischen Joseph und Maria
einherging, da verspürte die ganze Gesellschaft bei jedem Tritte des Kindleins
eine recht merkliche Erderschütterung.
[JJ.01_270,02] Joseph empfand dieses Phänomen
ebenfalls zuweilen recht merklich und sagte zur Maria:
[JJ.01_270,03] „Weib! Verspürst du nicht, wie
der Erdboden wanket und bebet?“
[JJ.01_270,04] Und die Maria sprach: „O das
verspüre ich sehr stark;
[JJ.01_270,05] wenn uns nur etwa nicht ein
mächtiges Ungewitter, das sich gern nach einem Erdbeben einstellt, unterwegs
oder in der Stadt ereilet!
[JJ.01_270,06] Und siehe, das Erdbeben dauert
an, was ich noch nicht erlebt habe!
[JJ.01_270,07] Oh – dem wird ganz sicher ein
gar entsetzlicher Sturm folgen!“
[JJ.01_270,08] Und der Joseph sprach: „Ich
bemerke zwar noch nirgends ein Wölkchen am Himmel;
[JJ.01_270,09] aber dessenungeachtet könntest
du dennoch gar wohl recht haben!
[JJ.01_270,10] Wenn dies Erdbeben nicht bald
ein Ende nimmt, da wird es nicht einmal geheuer sein, in die Stadt zu ziehen!“
[JJ.01_270,11] Als sich aber also die Familie
der Stadt nahte, da kamen ihnen schon eine Menge Flüchtige aus der Stadt
entgegen und warnten sie, in die Stadt zu ziehen.
[JJ.01_270,12] Denn sie sagten: „Freunde,
woher ihr auch sein möget, gehet ja nicht in die Stadt!
[JJ.01_270,13] Denn es hat sich vor einer
kleinen halben Stunde ein mächtiges Erdbeben erhoben, und man ist keine Minute
vor dem Einsturze der Häuser sicher!“
[JJ.01_270,14] Joseph war hier selbst im
flüchtigen Zweifel, was er so ganz eigentlich tun solle, – solle er
weitergehen, oder solle er umkehren?
[JJ.01_270,15] Jakob aber ging hin zum Joseph
und sagte zu ihm insgeheim:
[JJ.01_270,16] „Vater! – du sollst dich nicht
fürchten; es werde dieses Erdbeben niemandem auch nur einen allergeringsten
Schaden zufügen, weder in der Stadt noch in der Umgegend!“
[JJ.01_270,17] Joseph verstand nun gleich,
woher das Erdbeben kam.
[JJ.01_270,18] Er ermutigte daher auch
sogleich all die Seinen, zu ziehen in die Stadt.
[JJ.01_270,19] Als aber das die aus der Stadt
Flüchtigen sahen, daß der alte Greis dennoch in die Stadt zog,
[JJ.01_270,20] da sprachen sie bei sich: „Wer
muß denn doch dieser Mann sein, daß er keine Furcht vor dem Erdbeben hat?!“
[JJ.01_270,21] Und sie rieten hin und her;
aber niemand erkannte ihn.
[JJ.01_270,22] Sie wollten aber auch wieder
in die Stadt ziehen;
[JJ.01_270,23] aber da beim Weitergehen des
Kindleins die Erde wieder zu beben begann, da flohen sie weiter. – Joseph aber
zog ganz furchtlos in die Stadt mit seiner Familie.
[JJ.01_271] 271. Kapitel – Die bußfertigen
Menschen geben unbewußt ein wahres Zeugnis. Josephs Worte an sie: Der Herr
sieht nicht auf ein zerrissenes Büßerkleid, „sondern allein auf das Herz, wie
es beschaffen ist!“ Joseph wird in der Stadt von seinem Freund herzlich
empfangen.
3. August 1844
[JJ.01_271,01] Als Joseph aber in die Stadt
kam, da sah er die Menschen in großer Angst und Verwirrung durcheinanderrennen,
[JJ.01_271,02] und alles schrie: „Gott, der
Herr Abrahams, Isaaks und Jakobs, hat uns schwer heimgesucht!
[JJ.01_271,03] Zerreißet die Kleider,
bestreuet mit Asche eure Häupter, und tut Buße, auf daß Sich der Herr wieder
unser erbarmen möge!“
[JJ.01_271,04] Also drängten sich auch einige
zum Joseph hin und fragten ihn hastig, ob er nicht auch seine Kleider zerreißen
werde.
[JJ.01_271,05] Joseph aber sprach: „O Brüder!
So ihr schon Buße tun wollet, da tut sie lieber in euren Herzen denn in euren
Kleidern!
[JJ.01_271,06] Denn der Herr sieht weder auf
die Farbe des Kleides, noch – ob es ganz oder zerrissen ist;
[JJ.01_271,07] sondern allein auf das Herz
sieht der Herr, wie es etwa beschaffen ist!
[JJ.01_271,08] Denn im Herzen kann stecken
Schlechtes, als: arge Gedanken, Begierden, ein schlechter Wille;
[JJ.01_271,09] Unzucht, Hurerei, Ehebruch und
dergleichen mehr.
[JJ.01_271,10] Solches tuet aus euren Herzen,
so es darinnen ist, da werdet ihr besser tun, als so ihr eure Kleider zerreißet
und mit Asche bestreuet euer Haupt!“
[JJ.01_271,11] Als die verzagten Nazaräer
solche Rede von Joseph vernahmen, da traten sie zurück, und viele aus ihnen
sprachen unter sich:
[JJ.01_271,12] „Siehe da! – wer ist der Mann,
der da solche Rede führt in seinem Munde, als wäre er ein großer Prophet?!“
[JJ.01_271,13] Das Kindlein aber zupfte den
Joseph und sagte lächelnd:
[JJ.01_271,14] „Nun hast du recht geredet;
das tat diesen Blinden not!
[JJ.01_271,15] Aber jetzt solle der Erdboden
wieder Ruhe haben, auf daß wir ungestört weiterwandeln können!“
[JJ.01_271,16] Darauf zog die Familie zu
einem Freunde Josephs, der da ein Arzt in Nazareth war.
[JJ.01_271,17] Als dieser des alten Joseph
ansichtig ward, da eilte er ihm mit allen den Seinen entgegen und fiel ihm um
den Hals und schrie:
[JJ.01_271,18] „O Joseph, Joseph, du mein
liebster Freund und Bruder! Wie – ja – wie kommst denn du nun in dieser
bedrängten Stunde daher?!
[JJ.01_271,19] Wo warst du denn durch drei
lange Jahre?
[JJ.01_271,20] Woher kommst du nun? Welch ein
Engel Gottes hat dich denn nun daher geführt?“
[JJ.01_271,21] Joseph aber sprach: „Bruder,
führe uns erst ins Haus und gebe uns Wasser zum Reinigen der Füße,
[JJ.01_271,22] sodann sollst du alles
erfahren, wo ich war und woher ich nun kam!“ – Und der Arzt erfüllte sogleich
des Joseph Wunsch.
[JJ.01_272] 272. Kapitel – Joseph erzählt dem
befreundeten Arzte von seinen Erlebnissen. Des Arztes herzliche Teilnahme und
seine eigenen Erfahrungen. Josephs Ärger über Archelaus. Joseph wird durch das
Kindlein besänftigt.
5. August 1844
[JJ.01_272,01] Als Joseph mit seiner Familie
sich die Füße gereinigt hatte und in das Wohnzimmer des Arztes kam, allda
mehrere Kranke in der Pflege sich befanden, da setzte er sich mit den Seinen
und erzählte da dem Arzte ganz kurz die Hauptzüge seiner Flucht und deren
Grund.
[JJ.01_272,02] Als der Arzt solches vernommen
hatte, da ward er voll Ärgers wider den Herodes und noch mehr aber gegen den
noch lebenden Sohn Archelaus.
[JJ.01_272,03] Er beschrieb diesen Wüterich
als noch viel ärger, als wie da war sein Vater.
[JJ.01_272,04] Und Joseph sprach zu ihm:
„Freund! Was du mir nun von Archelaus erzählt hast, habe ich auch schon auf
meiner Hierherreise vernommen.
[JJ.01_272,05] Aber siehe, der Herr hat darum
auch schon für mich gesorgt!
[JJ.01_272,06] Denn siehe, ich lebe nun in
einem Freihause und bin gleich einem Bürger Roms und habe daher mit dem
Wüteriche nichts zu tun!“
[JJ.01_272,07] Und der Arzt sprach: „O
Freund, da siehe dies mein Haus, das hatte auch den kaiserlichen Freibrief;
[JJ.01_272,08] aber unlängst erst kamen zur
Nachtzeit des Archelaus Tributschergen, rissen das Täfelchen von der Türe und
pfändeten mich am nächsten Tage gar schmählichst.
[JJ.01_272,09] Ein Gleiches kann auch dir
geschehen; daher sei ja auf der Hut!
[JJ.01_272,10] Denn ich sage dir: Diesem
Teufel von einem Könige ist nichts heilig; was er nicht raubt, das rauben dann
seine Afterpächter und die allerschändlichsten Straßenzöllner!“
[JJ.01_272,11] Als der Joseph solches vom
Arzte vernommen hatte, da ward er selbst voll Ärgers über den Archelaus und
sprach:
[JJ.01_272,12] „Das soll dieser Wüterich nur
versuchen, und ich sage dir, es solle ihm darum schlimm ergehen!
[JJ.01_272,13] Denn ich habe des Landpflegers
Wort, daß Archelaus sobald wie ein Staatsverräter behandelt wird, sobald er
Roms Privilegien nicht respektieren sollte!“
[JJ.01_272,14] Und der Arzt sprach: „O
Bruder! Halte du ja auf alles mehr als auf solche Privilegien;
[JJ.01_272,15] denn kein Fuchs kann sich bei
einem Verbrechen schlauer aus der Schlinge ziehen als diese griechische Bestie!
[JJ.01_272,16] Siehe, was tat er bei mir, als
ich mich darum beim Römischen Amte beschwerte?
[JJ.01_272,17] Er beschuldigte sogleich
seinen Anwalt der Eigenmächtigkeit und ließ ihn in den Kerker werfen.
[JJ.01_272,18] Als ich aber dann um einen
Schadenersatz beim Amte einkam, da ward ich abgewiesen mit dem Bescheide:
[JJ.01_272,19] ,Da ausgewiesenermaßen der
König kein Teilnehmer an diesem Frevel ist, so ist er auch nicht
ersatzpflichtig, sondern allein der eigenmächtig handelnde Täter.
[JJ.01_272,20] Bei dem aber hat man nichts
vorgefunden; also trifft der Schaden wie bei einem gemeinen Raube den Herrn!‘ –
Und siehe, damit ward ich abgefertigt!
[JJ.01_272,21] Das Täfelchen wurde mir wohl
wieder ans Haustor geheftet; aber auf wie lange, das wird der Archelaus am
besten wissen!“
[JJ.01_272,22] Als der Joseph solches
vernommen hatte, da ward er sehr erbost und wußte nicht, was er dazu sagen
solle. Das Kindlein aber sprach:
[JJ.01_272,23] „O ärgere dich nicht des
Ohnmächtigen wegen; denn siehe, es gibt noch einen Herrn, der mehr vermag als
Rom!“ – Joseph ward darauf ruhig. Der Arzt aber machte dazu gar große Augen;
denn er kannte das Kind noch nicht.
[JJ.01_273] 273. Kapitel – Des Arztes
Verwunderung und Voraussage über das weise Kindlein. Des Kindleins Antwort an
Joseph. Die Messias-Hoffnung des Arztes und deren Berichtigung durchs Kindlein.
6. August 1844
[JJ.01_273,01] Nach einer Weile erst fing der
Arzt wieder an zu reden und sprach zum Joseph:
[JJ.01_273,02] „Aber Freund und Bruder! Was
in des Herrn Namen hast denn du da für ein Kind, das da schon so weise redet
wie ein Oberpriester im Tempel des Herrn, wenn er mit Thumim und Urim angetan
vor dem Allerheiligsten steht?
[JJ.01_273,03] Wahrlich, es redete nur wenige
Worte, und sie drangen mir durch Mark und Bein!
[JJ.01_273,04] Du hast mir wohl gesagt in
deiner Erzählung, wie das Kind die Ursache deiner Flucht nach Ägypten war, und
hast mir flüchtig so manches Seltene von dessen Geburt erwähnt,
[JJ.01_273,05] woraus ich mutmaßte, daß aus
diesem Kinde mit der Zeit, wenn es die Prophetenschule der Essäer durchmachen
würde, ein großer Prophet hervorgehen dürfte.
[JJ.01_273,06] Aber wie ich es nun habe reden
hören, da braucht es die Schule der Essäer nicht;
[JJ.01_273,07] denn also ist es ja schon ein
Prophet von der ersten Klasse gleich einem Samuel und gleich einem Elias und
Isaias!?“
[JJ.01_273,08] Joseph ward hier ein wenig
verlegen und wußte nicht, was er darauf sogleich seinem Freunde für eine
Antwort geben solle.
[JJ.01_273,09] Da kam das Kindlein wieder zum
Joseph und sagte zu ihm:
[JJ.01_273,10] „Lasse den Arzt nur bei seinem
Glauben; denn auch er ist berufen zum Reiche Gottes, aber zuviel solle er nicht
erfahren auf einmal!“
[JJ.01_273,11] Als aber der Arzt auch diese
Worte vernahm, da sprach er ganz erstaunt:
[JJ.01_273,12] „Ja, ja, Bruder Joseph, ich
habe recht zu dir geredet!
[JJ.01_273,13] Das ist schon ein Prophet, der
uns verkünden wird den nahen Messias, der uns verheißen ist;
[JJ.01_273,14] denn er sprach ja vom Reiche
Gottes nun, zu dem auch ich berufen sei!
[JJ.01_273,15] Nun sehe ich es aber auch ein,
warum dieser kleine Samuel ehedem dich mit einem Herrn vertröstet hatte, der
mächtiger ist als Rom!
[JJ.01_273,16] Ja, wenn der Messias kommen
wird, da freilich wird es dem Rom ergehen, wie es einst der Stadt Jericho
ergangen ist zu den Zeiten Josuas!“
[JJ.01_273,17] Das Kindlein aber sprach: „Oho
Freund! – was redest du? Weißt du denn nicht, wie es geschrieben ist: ,Aus
Galiläa kommt kein Prophet!‘?
[JJ.01_273,18] Wenn aber so, wer mag dann
wohl Der sein, der da herkommt aus dem Stamme Davids?!
[JJ.01_273,19] Ich sage dir aber, wenn der
Messias kommen wird, da wird Er kein Schwert gegen Rom ziehen,
[JJ.01_273,20] sondern Er wird nur verkünden
lassen Sein geistiges Reich durch Seine Boten auf Erden!“ –
[JJ.01_273,21] Hier stutzte der Arzt und
sprach nach einer Weile: „Wahrlich! in dir hat Gott Sein Volk heimgesucht!“ –
[JJ.01_273,22] Und der Joseph gab dem Arzte
recht, fügte aber dennoch keine weitere Erklärung hinzu.
[JJ.01_274] 274. Kapitel – Das Kindlein
stellt das Vertrauen der Kranken auf die Probe und heilt das Ihm fest
vertrauende gichtbrüchige Mädchen.
7. August 1844
[JJ.01_274,01] Nach dieser Besprechung aber
lief das Kindlein munter im Zimmer herum und fragte die Kranken, die da mit
allerlei Gebrechen behaftet waren, was ihnen fehle, und wie sie zu solchen
Übeln gekommen sind.
[JJ.01_274,02] Die Kranken aber sprachen: „Du
kleines, munteres Knäblein, das haben wir schon dem Arzte gesagt, der uns
darnach heilen wird.
[JJ.01_274,03] Jetzt vor den Gästen aber
würde es sich wohl nicht schicken, daß wir da unsere Sünden bekennen sollen,
die da sicher die Ursache unserer Leibesgebrechen sind;
[JJ.01_274,04] daher gehe du zum Arzte, der
wird es dir schon sagen, so es sich schicket für dich!“
[JJ.01_274,05] Das Kindlein lächelte hier und
sprach zu den Kranken:
[JJ.01_274,06] „Würdet ihr Mir auch dann den
Grund von euren Gebrechen nicht kundgeben, so Ich euch ganz bestimmt helfen
könnte?“
[JJ.01_274,07] Und die Kranken sprachen: „O
ja, dann schon;
[JJ.01_274,08] aber dazu wirst du noch sehr
viel lernen müssen! Es wird noch eine schöne Zeit verrinnen, bis du ein Arzt
wirst.“
[JJ.01_274,09] Und das Kindlein sprach: „O
mitnichten! Denn Ich bin schon ganz ein ausgelernter Arzt und habe es so weit
gebracht, daß Ich euch augenblicklich heilen kann.
[JJ.01_274,10] Und Ich sage euch: Wer aus
euch sich Mir am ersten anvertrauen wird, der solle auch am ersten und
alsogleich gesund werden!“
[JJ.01_274,11] Da war ein gichtbrüchiges
Mädchen von zwölf Jahren, das fand Wohlgefallen an dem Kinde und sagte zu Ihm:
[JJ.01_274,12] „So komme denn her, du kleiner
Arzt, ich will mich von dir heilen lassen!“
[JJ.01_274,13] Hier lief das Kindlein zu dem
Mädchen und sprach zu ihm:
[JJ.01_274,14] „Weil du Mich zuerst berufen
hast, so sollst du auch zuerst gesund werden!
[JJ.01_274,15] Siehe, Ich kenne deines
Gebrechens Grund, er liegt in denen, die dich gezeugt haben;
[JJ.01_274,16] du aber bist ohne Sünde, daher
sage Ich zu dir:
[JJ.01_274,17] Stehe auf und wandle frei, und
gedenke Meiner!
[JJ.01_274,18] Aber nur rede du zu niemandem,
daß Ich dich geheilt habe!“
[JJ.01_274,19] Und siehe, das zwölfjährige
Mädchen ward im Augenblicke gesund und stand auf und wandelte frei.
[JJ.01_274,20] Da aber das die andern Kranken
sahen, da verlangten sie auch geheilt zu werden.
[JJ.01_274,21] Aber das Kindlein ging nicht
an ihre Betten, weil sie Es früher nicht verlangt hatten.
[JJ.01_275] 275. Kapitel – Des Arztes Staunen
und demütig-ahnendes Bekenntnis. Das Kindlein beruhigt den Arzt und gibt ihm
die beste (Seine) Heilmethode kund. Der Arzt glaubt und wird durch seine
Heilungen weithin berühmt. Joseph nimmt das geheilte Mädchen in sein Haus.
8. August 1844
[JJ.01_275,01] Als der Arzt aber diese
Wunderheilung des von ihm als völlig unheilbar erklärten Mädchens ersah, da war
es aber auch aus bei ihm.
[JJ.01_275,02] Er kam kaum zu Atem vor lauter
Staunen und sprach zum Joseph:
[JJ.01_275,03] „O Bruder! ich bitte dich,
ziehe weg von hier;
[JJ.01_275,04] denn nun wird es mir gewaltig
bange ums Herz!
[JJ.01_275,05] Denn siehe, ich bin ein
sündiger Mensch, und in deinem Kinde weht offenbar des Herrn Geist!
[JJ.01_275,06] Wie aber kann ein armer Sünder
bestehen vor dem allsehenden und allmächtigen Geiste des Allerhöchsten?!“
[JJ.01_275,07] Da lief das Kindlein zum Arzte
und sprach zu ihm:
[JJ.01_275,08] „Mann! – warum wirst denn du
nun töricht und fürchtest dich vor Mir?
[JJ.01_275,09] Was Arges tat Ich dir wohl,
daß es dir nun also banget vor Mir?
[JJ.01_275,10] Meinst du denn, die Heilung
des Mädchens war etwa ein Wunder?
[JJ.01_275,11] O Ich sage dir – mitnichten;
denn versuche du nun auch die andern Kranken auf diese Art zu behandeln, und es
wird besser mit ihnen!
[JJ.01_275,12] Gehe hin, erwecke in ihnen den
Glauben, lege ihnen dann die Hände auf, und sie werden genesen im Augenblicke!
[JJ.01_275,13] Aber zuvor mußt du selbst fest
glauben, daß du ihnen also helfen kannst und auch unfehlbarst sicher helfen
wirst!“
[JJ.01_275,14] Als der Arzt solches vom
Kindlein vernommen hatte, da faßte er einen festen Glauben und ging hin zu den
Kranken und tat ihnen nach dem Rate des Kindleins.
[JJ.01_275,15] Und siehe, alle Kranken wurden
sobald gesund und zahlten dem Arzte ihre Gebühr und lobten und priesen Gott,
daß Er dem Menschen solche Macht verliehen habe!
[JJ.01_275,16] Dadurch aber fiel dann auch
günstigermaßen das Wunderbare vom Kinde vor den Augen der Welt.
[JJ.01_275,17] Der Arzt aber gelangte dadurch
zu einem ungeheuren Rufe der Berühmtheit,
[JJ.01_275,18] und viele Kranke kamen dann
von weit und breit zu ihm und fanden dort ihre Heilung.
[JJ.01_275,19] Da aber das zwölfjährige
Mädchen sah, daß da auch der Arzt also wunderbar heilte, da meinte es, ,das
Kind hat das durch den Arzt getan‘, und pries darnach auch des Arztes Weisheit.
[JJ.01_275,20] Das Kindlein aber beschwerte
Sich nicht dagegen, denn Es hatte ja darum dem Arzte solche Kraft verliehen,
auf daß von Ihm der Verdacht genommen würde.
[JJ.01_275,21] Nur der Joseph sprach zum
Mädchen: „Mädchen, gedenke, daß alle Kraft von Oben kommt!
[JJ.01_275,22] Da du aber nun keinen Dienst
hast, so gehe in mein Haus, und du sollst versorgt sein!“ – Und das Mädchen
schloß sich sogleich an Joseph an und ging dann mit ihm.
[JJ.01_276] 276. Kapitel – Die heilige
Familie beim Lehrer Dumas. Joseph erzählt seine Geschichte. Das Kindlein bei
den Schulkindern.
9. August 1844
[JJ.01_276,01] Als der Joseph nach einigen
privaten Beredungen wegen allfälliger Zimmerarbeiten mit dem Arzte sich auf den
Weg machte, da begleitete ihn der Arzt bis zu einem nächsten Freunde, der da
ein Schullehrer in Nazareth war und Dumas hieß.
[JJ.01_276,02] Hier ging der Arzt wieder
heim, Joseph aber ging hinein zum Dumas.
[JJ.01_276,03] Dieser aber erkannte ihn nicht
sobald; denn er hatte sich seines alten Freundes ganz entwöhnt.
[JJ.01_276,04] Da fragte ihn der Joseph, ob
er ihn denn wohl im Ernste nicht mehr kenne.
[JJ.01_276,05] Dumas aber rieb sich die
Stirne und sprach:
[JJ.01_276,06] „Du hast wohl eine auffallende
Ähnlichkeit mit einem gewissen Joseph, der hier vor drei Jahren Anstände wegen
einer gewissen Tempeldirne hatte;
[JJ.01_276,07] dieser sonst so biedere Mann
aber mußte auch um die Zeit nach Bethlehem zur Beschreibung, und das mit Sack
und Pack.
[JJ.01_276,08] Was dann weiter mit ihm
geschehen ist, weiß ich nicht.
[JJ.01_276,09] Und siehe, mit diesem mir sehr
teuren Manne hast du wohl die größte Ähnlichkeit, – aber der wirst du doch
sicher nicht sein?“
[JJ.01_276,10] Und Joseph sprach: „Wie, so
ich aber dennoch derselbe wäre, möchtest du da mir keine Arbeit zukommen lassen
im Zimmermannsfache?
[JJ.01_276,11] Denn siehe, ich bewohne nun
wieder meinen alten Meierhof!“
[JJ.01_276,12] Als der Dumas das von Joseph
vernommen hatte, da sprach er:
[JJ.01_276,13] „Ja, jetzt ist es klar, du
bist es, du bist wahrhaftig mein alter Freund und Bruder Joseph!
[JJ.01_276,14] Aber wo um des Herrn willen
kommst du denn nun her?“
[JJ.01_276,15] Und der Joseph sagte zu ihm:
„Bruder, gebe mir zuerst einen nassen Lappen, daß ich meine Füße vom Staube
reinige, dann sollst du alles erfahren, was da not tut!“
[JJ.01_276,16] Und Dumas ließ sogleich einen
nassen Lappen bringen und einen Krug Wasser, und die ganze Gesellschaft Josephs
reinigte sich die Füße und ging dann in das Schulhaus des Dumas.
[JJ.01_276,17] Joseph erzählte hier ganz kurz
gefaßt seine dreijährige Geschichte.
[JJ.01_276,18] Währenddem aber beschäftigte
Sich das Kindlein mit einigen Schulkindern, die gerade hier anwesend waren und
lesen und etwas schreiben lernten.
[JJ.01_276,19] Eines der Schulkinder las dem
Kindlein sogleich etwas vor, machte aber dabei Fehler.
[JJ.01_276,20] Da lächelte allzeit das
Kindlein und korrigierte dem Leser fleißig die Fehler aus.
[JJ.01_276,21] Das fiel bald allen
Schulkindern auf, und sie fragten Es, wann und wo Es denn also gut lesen
gelernt habe.
[JJ.01_276,22] Und das Kindlein sprach: „O
das ist Mir also angeboren!“
[JJ.01_276,23] Da lachten alle Kinder und
gingen hin und erzählten das alles dem Dumas; und dieser ward darauf aufmerksam
auf das Kind und fing an, den Joseph zu befragen über solch ein Vermögen an dem
Kinde.
[JJ.01_277] 277. Kapitel – Des Dumas
fragendes Staunen wegen des Kindes. Die sokratisch-philosophisch-weise Antwort
Josephs. Des Dumas Philosophenlob. Des Kindleins Rede an Dumas über Propheten
und Philosophen.
10. August 1844
[JJ.01_277,01] Joseph aber, da er sah, wie
sich der Dumas gar sehr bemühte, das zu erfahren, woher das Kindlein solche
wunderbare Eigenschaft habe, sagte zu ihm:
[JJ.01_277,02] „Bruder! Ich weiß ja noch gar
wohl, daß du die Weisheit der Griechen studiertest und hast da des weisen Sokrates
Sätze mir gar oft vorgesagt.
[JJ.01_277,03] Und da hieß es: Der Mensch
brauche nichts zu lernen, sondern nur sein Geist werde erweckt auf dem Wege der
Erinnerung.
[JJ.01_277,04] Und der Mensch habe dann
alles, was er brauche für die ganze Ewigkeit.
[JJ.01_277,05] Siehe, das hast du mir als ein
weiser Lehrer der Jugend gar oft gesagt!
[JJ.01_277,06] Nun siehe, wenn solcher dein
Grundsatz sicher richtig ist, was braucht es dann mehr?!
[JJ.01_277,07] Hier siehst du ja demnach
nichts als eine lebendige Bestätigung deines sokratischen Satzes.
[JJ.01_277,08] In diesem meinem Kinde ist des
Geist sehr früh durch einen eigenen Vorgang in dessen Natur geweckt worden, und
so hat dieser Kindmensch auch nun schon für die Ewigkeit zur Genüge,
[JJ.01_277,09] und wir brauchen Ihm daher
nichts mehr zu geben, als was Er hat aus Sich!
[JJ.01_277,10] Findest du das nicht also
richtig, als wie richtig da eins und eins zwei sind?“
[JJ.01_277,11] Hier griff sich der Dumas auf
die Stirne und sprach mit einem gewissen Pathos:
[JJ.01_277,12] „Ja, also ist es! – denn also
war ich es, der da von solcher Weisheit den jüdischen Dummköpfen etwas zum
Riechen gebracht hat!
[JJ.01_277,13] Dich aber meine ich nicht etwa
auch darunter; denn du bist ja eben fast der einzige, mit dem ich wohlverstandenermaßen
habe über den göttlichen Sokrates, Aristoteles, Plato und andere mehr reden
können.
[JJ.01_277,14] Wir haben zwar wohl auch sehr
große Männer, als da sind die Propheten und die ersten großen Könige dieses
Volkes;
[JJ.01_277,15] aber fürs Praktische sind sie
nicht also gut zu gebrauchen wie die alten Weisen der Griechen.
[JJ.01_277,16] Denn unsere Propheten führen
stets eine Sprache, die sie selbst vielleicht so wenig als wir nun verstanden
haben.
[JJ.01_277,17] Aber ganz was anderes dagegen
sind die alten Griechen;
[JJ.01_277,18] diese reden doch klar und
deutlich, was sie wollen, und sind daher auch für praktische Menschen von
größtem Nutzen.
[JJ.01_277,19] Das rührt aber auch sicher
daher, weil sie gleich mir Lehrer des Volkes waren.“
[JJ.01_277,20] Joseph lächelte hier bei
dieser Gelegenheit; denn er ersah noch ganz unverändert seinen alten Verehrer
der Griechen, aber dabei auch den alten Eigenlober.
[JJ.01_277,21] Er gab ihm daher recht, um
sein Kind nicht zu verdächtigen.
[JJ.01_277,22] Aber das Kindlein Selbst lief
zum Dumas hin und sagte zu ihm:
[JJ.01_277,23] „Aber Freund! – du bist noch
sehr dunstig und dumm, so du die jüdischen Weisen den Philosophen der Griechen
nachsetzest;
[JJ.01_277,24] denn die ersten redeten aus
Gott, – diese aber reden aus der Welt!
[JJ.01_277,25] Und da du noch voll des
Weltgeistes bist und leer am Geiste Gottes, so verstehst du auch das Weltliche
besser als das Göttliche!“
[JJ.01_277,26] Das gab dem Dumas einen gewaltigen
Rippenstoß. Er mußte einen gelehrten Gähner machen und sagte zu Joseph nichts,
als im Latein: „Dixit – puer ille! Ego autem intellego eius ironiam quam
acerbam. Dixi!“ – Darauf entfernte er sich und ließ den Joseph sitzen; dieser
aber zog auch weiter. –
[JJ.01_278] 278. Kapitel – Joseph denkt
heimzukehren. Marias edles Frauenwort. Des Kindleins Rat und Josephs Heimkehr.
Der Streit mit den Dienern des Archelaus.
12. August 1844
[JJ.01_278,01] Da aber Joseph sich von Dumas
entfernt hatte, da sagte er zu seiner Gesellschaft:
[JJ.01_278,02] „Wißt ihr was, es ist zu
erwarten, daß wir überall eine gleiche Aufnahme finden dürften, –
[JJ.01_278,03] daher wollen wir uns nicht
viel mehr mit dem Besuchen unserer ehemaligen Freunde und Bekannten und
Verwandten abgeben;
[JJ.01_278,04] denn ich habe es nun schon
gesehen beim Dumas, was die Menschen können, so man ihnen irgend nur ein wenig
zu nahe tritt!
[JJ.01_278,05] Mein Sinn ist daher, sich
wieder nach Hause zu begeben. – Was sagst du, mein getreuestes Weib, dazu?“
[JJ.01_278,06] Und die Maria sprach: „Joseph,
du mein geliebtester Gemahl, du weißt ja, daß ich vor dir keinen Willen habe,
da dein Wille auch allzeit der meinige ist und auch sein muß nach der heiligen
Ordnung des Herrn;
[JJ.01_278,07] aber das meine ich wohl, daß
wir, da der Herr Selbst in unserer Mitte leibhaftig wandelt, Ihn auch darin um
Rat fragen sollen!“
[JJ.01_278,08] Und der Joseph sprach: „Maria,
du mein getreuestes Weib, da hast du vollkommen recht;
[JJ.01_278,09] das will ich auch alsogleich
tun, und wir werden es da genau erfahren, was da das Beste sein dürfte!“
[JJ.01_278,10] Und das Kindlein sprach hier
ganz unaufgefordert: „Wenn es schon überall gut wäre, so wäre es aber dennoch
besser, zu Hause zu sein.
[JJ.01_278,11] Denn sehet, Meine Zeit ist
noch lange nicht da; – so Ich aber schon irgend nun wohin gehe mit euch, so
kann Ich aber Meiner Gottheit Fülle dennoch nicht also umhüllen, daß sie nicht
von den Umstehenden empfunden werden solle.
[JJ.01_278,12] Daher ist es für Mich nun
daheim am besten; denn da fällt es am wenigsten auf, was in Mir zu Hause ist!
[JJ.01_278,13] Wenn du, Joseph, in der
Zukunft irgend Geschäftsgänge bekommen wirst, da gehe du nur mit deinen andern
Kindern aus;
[JJ.01_278,14] Mich aber lasse hübsch fein zu
Hause, so wirst du durch Mich die wenigsten Umstände haben!“
[JJ.01_278,15] Joseph begab sich daher wieder
nach Hause. Und als er da ankam, da fand er auch schon zu seinem nicht geringen
Erstaunen seine vier zurückgelassenen Söhne mit einigen Archelausschen Aufsehern
gar gewaltig streiten.
[JJ.01_278,16] Diese Schmeißfliegen rochen
gleich, daß hier jemand eingezogen ist;
[JJ.01_278,17] daher sie denn auch sogleich
bei der Hand waren, den Tribut zu erpressen.
[JJ.01_278,18] Da ihnen aber die Söhne
Josephs den Freibrief Roms an der Türe zeigten, da wurden sie erbost und
wollten ihn von der Türe reißen.
[JJ.01_278,19] Und gerade zu dieser Operation
kam Joseph und stellte sogleich die Frage an diese Räuber, nach welchem Rechte
sie das täten.
[JJ.01_278,20] Diese aber sprachen: „Wir sind
Diener des Königs und tun das nach dem Rechte des Königs!“
[JJ.01_278,21] Joseph aber sprach: „Und ich
bin ein Diener Gottes des Allmächtigen und schaffe euch von dannen nach Dessen
Rechte!“ – Hier ergriff die Frevler ein mächtiges Bangen, und sie liefen
eiligst davon. Das Haus aber hatte darnach Ruhe vor ähnlichen Frevlern.
[JJ.01_279] 279. Kapitel – Zweijährige
Wunderpause des Kindleins. Jonathas Ankunft aus Ägypten. Große Freude darüber
im Hause Josephs und des Kindleins Rat an Jonatha. Jonatha als Fischer am
Galiläischen Meer.
13. August 1844
[JJ.01_279,01] Also vergingen zwei Jahre, und
es ereignete sich nichts Auffallendes mehr im Hause Josephs.
[JJ.01_279,02] Cyrenius erhielt wohl sobald
die Nachricht von der Übersiedlung des Joseph, konnte ihn aber da dennoch nicht
besuchen, weil er gerade in dieser Zeit mit Staatsgeschäften aus Rom überhäuft
war.
[JJ.01_279,03] Und nicht um vieles besser
erging es auch dem Cornelius;
[JJ.01_279,04] denn auch er bekam so oft die
dringendsten Geschäfte, sooft er sich eine Vakanz machen wollte, um seine
Salome und den Freund Joseph zu besuchen.
[JJ.01_279,05] Es hatte dies alles schon der
Herr also vorgesehen, auf daß das Kindlein in Nazareth in einer desto größeren
Unbeachtsamkeit wachsen konnte.
[JJ.01_279,06] Also war man auch in Nazareth
in einer vollen Unkenntnis über das Wesen des Kindes.
[JJ.01_279,07] Nur der schon bekannte Arzt
zog zufolge seiner Wunderkuren eine allgemeine Aufmerksamkeit auf sich;
[JJ.01_279,08] und es ist förmlich zum
Sprichworte geworden, daß man zu den Kranken sagte:
[JJ.01_279,09] „Wenn dich Nazareth nicht
heilt, so heilt dich auch die ganze Welt nicht – und Siloha nicht!“
[JJ.01_279,10] Salome aber war dennoch stets
sehr bemüht, dem Hause Josephs nach Möglichkeit zu dienen, und das Kindlein
hielt Sich viel im Hause der Salome auf.
[JJ.01_279,11] Nach zwei Jahren aber kam
endlich Jonatha aus Ägypten dem Joseph nach und besuchte den Joseph.
[JJ.01_279,12] Und Joseph hatte eine
übergroße Freude, seinen Freund wiederzusehen, und das Kindlein hüpfte auch
voll Freude um Seinen großen Fischer.
[JJ.01_279,13] Als Jonatha ganz allein bei
drei Wochen im Hause Josephs zugebracht hatte, da ihm all die Seinen in Ägypten
an einer ausgebrochenen Seuche (Gelbfieber) gestorben waren,
[JJ.01_279,14] da bat er den Joseph, ob er
ihm nicht hier bei Nazareth zu irgendeinem Fischergewerbe verhelfen könnte.
[JJ.01_279,15] Da stand einmal wieder das
Kindlein auf und sagte zum Jonatha:
[JJ.01_279,16] „Weißt du, lieber Jonatha,
hier sind die Menschen böse, zumeist, und sehr eigennützig,
[JJ.01_279,17] da wird für dich nicht viel zu
machen sein! Aber gehe du ans Galiläische Meer, das eben nicht weit von hier
ist, da ist die Fischerei noch frei!
[JJ.01_279,18] Dort wirst du bald ein gutes
Plätzchen finden und wirst stets die besten Fische leichtlich bekommen.
[JJ.01_279,19] Mit diesen Fischen komme dann
öfter zum Markte nach Nazareth, und du wirst einen guten Absatz finden!“
[JJ.01_279,20] Jonatha folgte sogleich diesem
Rate, und siehe, er fand da sobald eine Witwe, die am Meere Galiläas ein
Häuschen hatte.
[JJ.01_279,21] Und diese Witwe fand sogleich
ein großes Wohlgefallen an Jonatha, nahm ihn in ihr Haus und reichte ihm auch
bald die Hand.
[JJ.01_279,22] Und so ward Jonatha nun
abermals ein ausgezeichneter Fischer im Galiläischen Meere und machte ob seiner
allerbilligsten Fischpreise allenthalben die besten Geschäfte,
[JJ.01_279,23] wobei er aber auch stets auf
das eifrigste bemüht war, allwöchentlich den Joseph und die Salome mit einer
besten Ladung von den edelsten Fischen reichlich zu beschenken. –
[JJ.01_279,24] Und dieses Ereignis war seit
zwei Jahren das allein denkwürdige; sonst aber ist bis dahin nichts geschehen,
das da einer Aufzeichnung wäre wert gewesen.
[JJ.01_280] 280. Kapitel – Das nun fünf Jahre
alte Kind spielt am Bächlein. Die zwölf Grübchen und die zwölf Lehmsperlinge.
Die Erklärung des Bildes. Des Erzjuden Ärgernis, und des Kindleins Wunder.
14. August 1844
[JJ.01_280,01] Als das Kind vollends fünf
Jahre alt war und einige Wochen darüber, da ging Es einmal an einem Sabbate zu
einem Bächlein, das da unfern vom Meierhofe Josephs floß.
[JJ.01_280,02] Es war gar ein heiterer Tag,
und mehrere Kinder geleiteten den kleinen munteren Jesus dahin;
[JJ.01_280,03] denn es hatten alle die
Nachbarskinder Jesum gar lieb, weil Er stets munter war und wußte eine Menge
unschuldiger Kinderspiele anzuordnen.
[JJ.01_280,04] Aus diesem Grunde folgten die
Nachbarskinder Ihm auch diesmal gar freudig.
[JJ.01_280,05] Als die kleine Gesellschaft am
Bache ankam, da fragte das Kindlein Seine Mitgespielen, ob es wohl erlaubt sein
wird, an einem Sabbate zu spielen.
[JJ.01_280,06] Die Kinder aber sprachen:
„Kinder unter sechs Jahren sind nicht unter dem Gesetze, und wir alle sind noch
einzeln kaum sechs Jahre alt;
[JJ.01_280,07] daher können wir wohl spielen
auch am Sabbate; denn unsere Eltern haben uns solches noch nie untersagt!“
[JJ.01_280,08] Und das Jesuskind sprach
darauf: „Gut gesprochen! Also lasset uns ein Spiel machen!
[JJ.01_280,09] Auf daß wir aber dennoch
niemandem ein Ärgernis geben, so werde Ich ganz allein euch etwas sehr
Merkwürdiges zeigen.
[JJ.01_280,10] Ihr aber müßt euch dabei alle
ganz ruhig verhalten!“
[JJ.01_280,11] Darauf setzten sich die andern
Kinder auf den grasreichen Boden nieder und verhielten sich ganz ruhig und
mäuschenstill.
[JJ.01_280,12] Das Kindlein aber nahm ein
Taschenmesserchen und schnitt am glattgetretenen Wege neben dem Bächlein zwölf
kleine runde Grübchen aus und füllte sie dann mit Wasser aus dem Bächlein.
[JJ.01_280,13] Darnach nahm Es von dem neben
dem Bächlein häufig befindlichen weichen Lehm und formte in einem Nu eben auch
zwölf Vöglein in der Gestalt der Sperlinge und stellte zu jedem Wassergrübchen
einen Sperling.
[JJ.01_280,14] Als die Lehmsperlinge also
aufgestellt waren, da fragte das Kindlein die Mitgespielen, ob sie wüßten, was
das bedeute.
[JJ.01_280,15] Und diese sprachen: „Was
sonst, als was es ist? – Zwölf Grübchen voll Wassers und daneben zwölf Lehmsperlinge!“
[JJ.01_280,16] Das Kindlein aber sprach: „Das
sicher; aber dies Bild bedeutet auch noch ganz etwas anderes!
[JJ.01_280,17] Höret, Ich will es euch
erklären! Die zwölf Grübchen bezeichnen die zwölf Stämme Israels.
[JJ.01_280,18] Das reine Wasser in ihnen ist
das Wort Gottes, das überall gleich ist.
[JJ.01_280,19] Die toten Lehmsperlinge aber
stellen die Menschen vor, wie sie jetzt im allgemeinen sind.
[JJ.01_280,20] Diese stehen auch bei dem
lebendigen Wasser des Wortes Gottes, aber weil sie zu irdisch sind, wie diese
Sperlinge, so stehen sie auch, wie diese hier, tot an den Lebensbecken, die
voll sind des Lebens;
[JJ.01_280,21] aber sie wollen und können
dessen nicht achten, weil sie tot sind durch ihre Sünden.
[JJ.01_280,22] Darum aber kommt der Herr Gott
Zebaoth nun und wird in der größten Bedrängnis diese toten Menschen wieder
beleben, und sie werden wieder auffliegen können zu den Wolken des Himmels!“
[JJ.01_280,23] Es bemerkte aber dieses
Kinderspiel ein vorübergehender Erzjude, der den Joseph kannte. Er eilte
sogleich ins Haus und machte vor Joseph einen großen Lärm, warum er dadurch den
Sabbat schände, daß er seinen Kindern also zu spielen erlaube!?
[JJ.01_280,24] Joseph aber ging sogleich mit
ihm zu den Kindern und machte freilich nur einen blinden Lärm des Fremden
willen.
[JJ.01_280,25] Da sprach das Kindlein: „Das
ist auch eine große Bedrängnis, und so gebe Ich euch Lehmsperlingen das Leben!
– Und nun flieget von dannen!“
[JJ.01_280,26] Und plötzlich erhoben sich die
Lehmsperlinge und flogen davon. Darob aber ergriff alle ein fieberhaftes
Staunen, und der Erzjude sagte darauf nichts mehr. – Und das war das erste
Wunderwerk des Kindleins, als Es fünf Jahre alt war. – –
[JJ.01_281] 281. Kapitel – Der Zulauf von
Wunderneugierigen. Der verzärtelte, zänkische Knabe der Nachbarn wird von Jesus
bestraft. Der Oberrichter kommt Joseph zu richten, wird vom Kindlein bedroht
und kehrt plötzlich um.
16. August 1844
[JJ.01_281,01] Es sind aber bei dieser
Gelegenheit auch nach dem Wege mehrere Juden an die Stelle, da dieses Wunder
geschah, gekommen,
[JJ.01_281,02] und sie fragten gar neugierig
den Joseph, was dahier geschehen sei.
[JJ.01_281,03] Es waren aber dazu auch die
nahe wohnenden Eltern eines gewissen sehr zanksüchtigen Knaben gekommen, der da
als das einzige Kind von seinen Eltern sehr verzärtelt war.
[JJ.01_281,04] Das Knäblein Jesus hatte
diesem siebenjährigen Knaben schon oft seine Zanklust verwiesen, –
[JJ.01_281,05] allein, das half eben nicht
viel; denn sooft sich eine neue Gelegenheit darbot, da zankte er sogleich
wieder und zerstörte sogleich ein Spielzeug.
[JJ.01_281,06] Dieser Knabe, der sich auch
diesmal unter der Gesellschaft der Kinder befand, ward gleich nach dieser
Wundertat aufgeregt, nahm einen Weidenzweig und sprach:
[JJ.01_281,07] „Das zahlt sich aus, so diese
Lehmsperlinge davongeflogen sind;
[JJ.01_281,08] ich werde sogleich mit diesem
Zweige das Wasser auch davonfliegen machen!“
[JJ.01_281,09] Nach diesen Worten fing der
Knabe, der da Annas hieß, das Wasser in den Grübchen zu peitschen an und aus
den Grübchen zu treiben.
[JJ.01_281,10] Da brach dem Gottkinde die
Geduld, und Es sprach in einem sehr ernsten Tone:
[JJ.01_281,11] „O du mutwilliger, törichter
böser Mensch, du – ein kaum überfleischter Teufel, willst zerstören, was Ich
gebaut habe!?
[JJ.01_281,12] O du Elender! – den Ich mit
dem leisesten Hauche vernichten kann, du willst Mich ärgern und Mir allzeit
trotzen?!
[JJ.01_281,13] Siehe, auf daß dir dein Unsinn
und deine Bosheit klar werde, so verdorre auf drei Jahre gleich dem Zweige, mit
dem du Mein Wasser getrieben hast!“
[JJ.01_281,14] Auf dieses Wort des Gottkindes
sank der arge Knabe sobald zusammen und verdorrte also sehr, daß an ihm nichts
als Haut und Bein zu sehen war –
[JJ.01_281,15] und ward so schwach, daß er
nimmer stehen und noch weniger gehen konnte.
[JJ.01_281,16] Da nahmen die Eltern traurigen
Herzens ihr verdorrtes Kind und trugen es weinend in ihr Haus.
[JJ.01_281,17] Bald darauf kamen sie zum
Joseph ins Haus und belangten ihn darauf solcher Tat seines Kindleins wegen
beim Oberrichter –
[JJ.01_281,18] und das darum, weil Joseph
ihnen nicht zuließ, sein Gottkind zu strafen dieser Tat willen.
[JJ.01_281,19] Als der Oberrichter herbeikam,
da lief ihm das Kindlein entgegen und fragte ihn:
[JJ.01_281,20] „Warum kommst du hierher?
Willst du Mich richten?!“
[JJ.01_281,21] Und der Oberrichter sprach:
„Dich nicht, aber deinen Vater!“
[JJ.01_281,22] Und das Kindlein sprach: „Kehre
schnell um, sonst wird dein Gericht über dich fallen!“
[JJ.01_281,23] Darob aber erschrak der
Oberrichter so sehr, daß er plötzlich umkehrte und dann von dieser Sache nichts
mehr hören wollte.
[JJ.01_281,24] Und das war das zweite Wunder,
das das Kindlein gewirkt hatte zur gleichen Zeit. – –
[JJ.01_282] 282. Kapitel – Joseph nimmt das
Kind mit aufs Land. Der kleine Jesus wird böswillig angerannt. Des Hirtenknaben
arger Lohn.
17. August 1844
[JJ.01_282,01] Als also auf die Weise das
Haus Josephs wieder in der Ordnung war, indem der Oberrichter über den Joseph
keine Klage mehr annahm,
[JJ.01_282,02] da ereignete es sich in acht
Tagen darauf, daß Joseph in ein nahe liegendes Dorf gehen mußte, um dort eine
Arbeit zu besehen.
[JJ.01_282,03] Da wollte das Kindlein mit dem
Joseph gehen, und Joseph nahm Es auch übergerne mit.
[JJ.01_282,04] Es hatten aber die Eltern des
verdorrten Knaben einen starken Zorn auf Joseph und dessen Kind.
[JJ.01_282,05] Joseph aber mußte, um ins Dorf
zu gelangen, bei dem Hause der Eltern dieses Knaben vorüberziehen.
[JJ.01_282,06] Als da Joseph mit dem Kindlein
gegen das Haus zog, da ward er bemerkt,
[JJ.01_282,07] und der zornige Nachbar sagte
zu einem seiner eben auch sehr mutwilligen Dienstbuben, der gewöhnlich die
Schafe des Nachbarn hütete:
[JJ.01_282,08] „Siehe, da kommt eben der
Zimmermann mit seiner Pestilenzbrut den Fußsteig herauf!
[JJ.01_282,09] Gehe, und laufe mit aller
Kraft diesen Pfad hinab!
[JJ.01_282,10] Und kommst du also an den
Knaben an der Seite des Zimmermanns, da stoße ihn mit aller Gewalt um, so daß
er tot bleiben solle!
[JJ.01_282,11] Sodann solle mich der alte
Spitzbube anklagen, – und ich werde ihm dann das Gesetz zeigen, daß Kinder
unter zwölf Jahren in weltlichen Dingen unzurechnungsfähig sind!“
[JJ.01_282,12] Als der Hirtenknabe solches
von seinem Herrn vernommen hatte und dieser ihm auch, im Falle er das Kind
tötete, eine gute Belohnung verhieß,
[JJ.01_282,13] rannte der Knabe plötzlich aus
dem Zimmer und mit großer Hast dem Joseph entgegen.
[JJ.01_282,14] In diesem Augenblicke sprach
der verdorrte Sohn Annas im Bette zu seinem Vater:
[JJ.01_282,15] „O sieh, wie schnell rennt der
Hirtenknabe seinem Tode entgegen! – und welch eine Trauer wird das für seine
Eltern sein!?
[JJ.01_282,16] O Vater! – das hättest du
nicht tun sollen, denn ich sage dir, wie ich es jetzt sehe: Joseph ist gerecht,
und heilig sein Kind!“
[JJ.01_282,17] Darauf ward der dürre Knabe
still, und sein Vater dachte über dessen Worte nach.
[JJ.01_282,18] Aber im Augenblicke gelangte
der Hirtenknabe in aller Hitze an das Kindlein und stieß Es bedeutend an die
Schulter.
[JJ.01_282,19] Das Kindlein aber fiel nicht
und sprach ganz erregt zum Hirtenknaben:
[JJ.01_282,20] „Das tatest du des Lohnes
wegen! Also ist ein jeder Arbeiter seines Lohnes wert, und – wie die Arbeit, so
der Lohn!
[JJ.01_282,21] Deine Arbeit war – Mich zu
töten! – Nun – so sei denn auch der Tod dein Lohn!“ –
[JJ.01_282,22] Hier sank der Hirtenknabe
plötzlich zusammen und war tot.
[JJ.01_282,23] Joseph aber erschrak darob
sehr; aber das Kindlein sprach: „Joseph, fürchte dich nicht ob Meiner; denn was
hier einem Knaben, das mit der ganzen Welt, so sie uns stoßen will!“ – Darauf
zog Joseph weiter und ließ den toten Knaben nach des Kindleins Willen liegen.
[JJ.01_283] 283. Kapitel – Josephs Anstände.
Der zornige Nachbar verstummt. Des Hirtenknaben Vaters Bitte – und die Antwort
des Kindleins.
19. August 1844
[JJ.01_283,01] Als aber Joseph in das Dorf
kam und dort die Arbeit in Augenschein nahm,
[JJ.01_283,02] da kam auch schon der Lärm ihm
nach ins Dorf, und ganz besonders von seiten des Vaters des verdorrten Knaben.
[JJ.01_283,03] Und dieser suchte im Dorfe sogleich
die Eltern des getöteten Knaben und schürte sie gegen Joseph.
[JJ.01_283,04] Und diese liefen hastig und
verzweifelt hin zum Joseph und schrien:
[JJ.01_283,05] „Weiche von hier mit deinem
schrecklichen Kinde, bei dem jedes Wort eine vollbrachte Tat ist!
[JJ.01_283,06] Denn Kinder sollen allzeit ein
Segen den Menschen sein von oben;
[JJ.01_283,07] dein Kind aber ist uns nur zum
Fluche gekommen!
[JJ.01_283,08] Daher weiche von hier, du
Unglücksbringer!“
[JJ.01_283,09] Hier sprach das Kindlein:
„Wenn also, was seid denn hernach ihr Mir?
[JJ.01_283,10] Hast du, Vater des Annas,
nicht zu dem Hirtenjungen gesagt, daß er Mich töten solle!?
[JJ.01_283,11] Hast du ihm nicht sogar einen
guten Lohn verheißen, so er Mich tötete, das er sicher täte, da er noch nicht
unter dem Gesetze stehe?
[JJ.01_283,12] Und siehe, also dachte denn
auch Ich aus Meinem frühgeweckten Geiste:
[JJ.01_283,13] Ich bin auch noch lange nicht
unter dem Gesetze; daher will Ich dem Knaben auch sogleich den wohlverdienten
Lohn geben!
[JJ.01_283,14] Und wirst du Mich oder den
Vater Joseph Meinetwegen vors Gericht ziehen, dann werden auch wir dir das
Gesetz zu erklären wissen!
[JJ.01_283,15] Siehe, also habe Ich gedacht
dir gleich – und also auch gehandelt! Wie magst du denn nun deine Handlungsweise
an uns unbillig finden?“
[JJ.01_283,16] Auf diese Rede des Kindleins
erschrak der Vater des verdorrten Knaben ganz gewaltig;
[JJ.01_283,17] denn er entnahm daraus gar
klar, daß dies Kindlein auch die Gedanken und geheimen Beschlüsse der Menschen
wisse,
[JJ.01_283,18] und daß man sich daher vor Ihm
sehr in acht nehmen müsse.
[JJ.01_283,19] Alle die Schreier verließen
darauf den Joseph mit dem Kindlein.
[JJ.01_283,20] Nur der Vater des getöteten
Knaben blieb vor Joseph und weinte um seinen Knaben und sprach: „Töten ist
keine Kunst; aber lebendig machen!
[JJ.01_283,21] Daher solle ja niemand töten,
der nicht lebendig machen kann!“
[JJ.01_283,22] Und das Kindlein sprach: „Das
auch könnte Ich, so Ich's wollte; aber dein Knabe war böse, darum will Ich's
nicht!“ – Der Vater aber bat das Kindlein auf solche Rede. Und das Kindlein
sprach: „Morgen, aber heute nicht!“ – –
[JJ.01_284] 284. Kapitel – Josephs Rat an den
Vater des toten Hirtenknaben. Josephs und des Kindleins Heimkehr. Des Kindes
wunderbare Verheißung. „Die Mich dir gleich (Salome) in der Zukunft in ihrem
Herzen geistig aufnehmen werden, die auch werden sein gleich Meine Mutter,
Meine Brüder und Meine Schwestern!“
20. August 1844
[JJ.01_284,01] Der Vater des toten Knaben
aber wollte nicht weichen von dem Kinde nun, da er vernommen hatte, daß Es
seinen Sohn wieder beleben könnte.
[JJ.01_284,02] Da sagte Joseph zu ihm:
„Freund! Ich sage dir, sei nicht zudringlich; denn das Kind hat Seine Ordnung,
nach der Es handelt,
[JJ.01_284,03] und du wirst von Ihm nichts
ernöten, so du noch mehr schreien möchtest!
[JJ.01_284,04] Gehe aber hin und bringe
deinen Knaben in deine Wohnung und lege ihn wie einen Kranken in ein gutes
Bett, und morgen solle es dann ja besser werden mit ihm!“
[JJ.01_284,05] Auf diese Rede verließ dann
endlich der Vater des toten Knaben den Joseph und ging und tat nach dem Rate
eben des Joseph.
[JJ.01_284,06] Darauf erst gewann Joseph Ruhe
und Zeit und konnte dann mit dem Bauherrn den Arbeitsakkord schließen.
[JJ.01_284,07] Darauf begab sich dann Joseph
wieder nach Hause und erzählte der ihm entgegenkommenden Maria, Eudokia und
Salome, was ihm alles auf diesem kurzen Wege begegnet ist.
[JJ.01_284,08] Alle drei verwunderten sich
über solche Argheit der Menschen.
[JJ.01_284,09] Das Kindlein aber sprach: „O
wundert euch der argen Menschen wegen nicht; denn so ihr das tun möchtet, da
gäbe es überaus viel zu wundern in der Welt!“
[JJ.01_284,10] Da sprach die Salome zur
Maria: „Aber du meine erhabenste Schwester! Es ist gerade nicht zum Begreifen!
[JJ.01_284,11] Das Gottkindlein darf nur den
heiligen Mund öffnen, so sprühet ordentlich die Weisheit heraus!
[JJ.01_284,12] Wie ungeheuer weitsichtig
weise waren wieder die Worte!
[JJ.01_284,13] O du überglückliche Mutter solch
eines Kindes!“
[JJ.01_284,14] Und das Kindlein sprach: „Und
– o du überglückliche Salome, die du für deinen Herrn ein Haus gekauft hast –
[JJ.01_284,15] und bist nun Zeugin, wie Er
wohnet leibhaftig im selben!
[JJ.01_284,16] Was Unterschieds wohl ist
zwischen der, die Mich auf kurze Zeit in ihrem Leibe barg,
[JJ.01_284,17] und zwischen Meiner rechten
Hausfrau, die Mich für immer birgt in ihrem Hause?!
[JJ.01_284,18] So aber eine Mutter trägt ein
Kind im Leibe, was wohl tut sie dazu, daß es lebendig wird, wächst und dann zur
Welt kommt?
[JJ.01_284,19] Ist das nicht alles ein Werk
Gottes, wo des Menschen Wille nichts vermag?
[JJ.01_284,20] So aber dann jemand ein Kind
aufnimmt in sein Haus und gibt ihm Wohnung, Pflege und Kost für immer – sage,
ist das nicht mehr?!
[JJ.01_284,21] Wahrlich sage Ich dir, die
Mich dir gleich in der Zukunft in ihrem Herzen geistig aufnehmen werden, die
auch werden sein gleich Meine Mutter, Meine Brüder und Meine Schwestern!“
[JJ.01_284,22] Diese Worte gruben sich alle
tief ins Herz und begaben sich dann still und nachdenkend nach Hause. – –
[JJ.01_285] 285. Kapitel – Der tote
Hirtenknabe wiedererweckt, seine Furcht vor dem hl. Kindlein. Der Vater belehrt
den Knaben eines Besseren und gibt über Joseph und das Kindlein ein rechtes
Zeugnis. Die Liebe des Kindleins. „Meine Liebe ist dein Leben für ewig!“
21. August 1844
[JJ.01_285,01] Am nächsten Tage aber um
dieselbe Zeit, als der Knabe an das Kindlein stieß, ward er im Bette wieder
lebend und stand auf und fragte wie ein aus dem Traume Geweckter, was es sei,
und wie er daher in dies Bett gekommen.
[JJ.01_285,02] Und sein Vater gab ihm alles
kund, was da geschehen ist und wie er dahin gekommen.
[JJ.01_285,03] Da ward der Knabe voll Furcht
und sprach: „O Vater, das ist ein erschreckliches Kind;
[JJ.01_285,04] das solle ja ein jeder Mensch
meiden, dem sein Leben wert ist!
[JJ.01_285,05] O gebe mich weit von hier in
einen Dienst, auf daß ich ja nimmer mit dem schrecklichen Kinde zusammenstoße
irgendwo bei einer ungünstigen Gelegenheit;
[JJ.01_285,06] denn da könnte es mich
augenblicklich wieder töten!
[JJ.01_285,07] Aber zu dem früheren
Dienstherrn gehe ich nicht wieder; denn der hat mich zum Bösen angeführt!“
[JJ.01_285,08] Der Vater aber sprach: „Mein
Sohn, ich danke Gott, daß ich dich nun wieder habe!
[JJ.01_285,09] Darum sollst du mir in keinen
Dienst mehr kommen,
[JJ.01_285,10] sondern ich werde dich bei mir
behalten, solange ich leben werde!
[JJ.01_285,11] Das Kind Josephs aber haben
wir nicht so sehr zu fürchten, als wie du es meinst;
[JJ.01_285,12] denn siehe, eben dieses Kind
hat dir offenbar das Leben wiedergegeben zur vorausgesagten Zeit!
[JJ.01_285,13] Wenn aber also, wie solle da
das Kind Josephs gar so schrecklich sein, als wie du es dir vorstellst?
[JJ.01_285,14] Siehe, mein Sohn, wer da tötet
und nicht wieder lebendig machen kann, der ist schrecklich;
[JJ.01_285,15] aber wer da töten ohne Blut
und dann wieder lebendig machen kann, der ist nicht so schrecklich, als du ihn
dir denkst!
[JJ.01_285,16] Wir aber wollen nun etwas
Besseres tun, – hinziehen wollen wir und wollen dort dem Zimmermanne danken für
deine Erweckung!
[JJ.01_285,17] Denn das weiß ich schon gar
lange, daß der Zimmermann ein überrechtlicher und gottesfürchtiger Mann ist.“
[JJ.01_285,18] Auf diese Rede des Vaters ließ
der Knabe seine Furcht fahren und ging mit ihm zum Joseph.
[JJ.01_285,19] Dieser aber begegnete ihm
schon im Dorfe mit seinen vier älteren Söhnen und mit dem Kindlein, das auch
mit Joseph ins Dorf wieder zog.
[JJ.01_285,20] Als der Knabe des Kindleins
ansichtig ward, da ward er ganz schwach;
[JJ.01_285,21] denn er meinte, er müsse nun
schon wieder sterben.
[JJ.01_285,22] Das Kindlein aber kam Selbst
sogleich zum furchtsamen Knaben und sprach zu ihm:
[JJ.01_285,23] „Joras! – Fürchte dich nicht
vor Mir; denn Ich liebe dich mehr denn die ganze Welt!
[JJ.01_285,24] Denn liebte Ich dich nicht so
mächtig, da hättest du das Leben nicht wieder erhalten;
[JJ.01_285,25] denn siehe, Meine Liebe ist
dein Leben für ewig!“
[JJ.01_285,26] Als der Knabe das Kindlein
also reden hörte, da ward er bald besser aufgelegt und blieb dann den ganzen
Tag über und spielte mit dem Kindlein.
[JJ.01_285,27] Und das Kindlein zeigte dann
auch dem Knaben eine Menge sehr sinnreicher Spiele, worüber der Knabe eine
übergroße Freude hatte.
[JJ.01_286] 286. Kapitel – Des lügnerischen
Dorfrichters falsches Urteil über Jesu. Josephs furchtlose Entgegnung. Die
falschen Zeugen. Joseph gibt der Menschen wegen Jesus einen Verweis. „Joseph,
die Worte, die du jetzt geredet hast, sind nicht aus Mir, sondern aus dir!“ Des
ewigen Richters Urteil. Der bestochene Richter im Augenblick blind. Das Kind zu
dem sich ereifernden Joseph: „Warum willst du Mich betrüben, da Ich dein bin!?“
22. August 1844
[JJ.01_286,01] Als aber Joseph am nächsten
Tage wieder mit seinen vier Söhnen ins Dorf zur Arbeit kam und das Kindlein mit
ihm,
[JJ.01_286,02] da kam ein Dorfrichter zu ihm
und sprach:
[JJ.01_286,03] „Höre, du Zimmermann! – Das
ist nicht löblich, daß du dein Knäblein immer mitziehest;
[JJ.01_286,04] denn fürs erste hat es eine
giftige Ausdünstung, und die Kinder, die es anrührt, werden fürs zweite bald
krank,
[JJ.01_286,05] oder sie sterben bald, oder
sie werden blind oder taub!“
[JJ.01_286,06] Als Joseph solche Lüge
vernahm, da legte er die Axt beiseite und sprach zum Richter:
[JJ.01_286,07] „Bringe her die Zeugen, die
solches Übel erlitten durch meinen höchst unschuldigen Knaben Jesus,
[JJ.01_286,08] und ich will mit ihnen in den
Tempel ziehen und mit ihnen die Sache vor dem Hohenpriester Gottes abmachen!“
[JJ.01_286,09] Es war aber dieser Richter
bestochen von dem Vater des verdorrten Knaben
[JJ.01_286,10] und suchte daher ein Mittel,
den Knaben Josephs soviel nur möglich zu verdächtigen.
[JJ.01_286,11] Der Richter aber ging auf
diese Rede Josephs hinweg und brachte in kurzer Zeit eine Menge ganz
entsetzlich bresthafter Kinder im Dorfe zusammen und führte sie hin zum Joseph.
[JJ.01_286,12] Und als er hier ankam, da
sprach er zu ihm: „Da siehe einmal her, das verdanken wir alles deinem giftigen
Kinde!
[JJ.01_286,13] Siehe, diese Kinder haben
öfter dein Kind besucht und haben mit ihm gespielt;
[JJ.01_286,14] und siehe, das sind die
herrlichen Früchte davon! – Verschone daher unser Dorf, und behalte gleichwohl
deine Pest zu Hause!“
[JJ.01_286,15] Als Joseph solches vom Richter
vernommen hatte, da ward er ärgerlich, nahm das Kindlein zur Seite, redete Ihm
wie ins Gewissen und sprach:
[JJ.01_286,16] „Wozu doch verübst Du solche
Dinge? – Siehe, diese leiden ja darunter und hassen und verfolgen uns darum!“
[JJ.01_286,17] Das Kindlein aber sprach
dagegen zum Joseph: „Die Worte, die du jetzt geredet hast, sind nicht aus Mir,
sondern aus dir;
[JJ.01_286,18] denn du hast nun geredet die
Worte des Richters, der ein Lügner ist, und nicht Meine Worte, die ewig wahr
sind!
[JJ.01_286,19] Ich aber will dennoch
schweigen dir gegenüber und will dir keine Rüge geben ob deiner Leihrede;
[JJ.01_286,20] aber dieser bestochene Richter
mag solcher seiner Anklage wegen seine gerechte Züchtigung hinnehmen!“
[JJ.01_286,21] Und sobald ward der Richter
stockblind. – Alle aber, die mit dem Richter waren, entsetzten sich gar
gewaltigst ob solcher Tat.
[JJ.01_286,22] Mehrere darunter wurden völlig
verwirrt und schrien:
[JJ.01_286,23] „Laßt uns nur eiligst von
dannen fliehen! Denn ein jedes Wort aus dem Munde dieses Kindes ist eine
vollbrachte Tat!“
[JJ.01_286,24] Da aber nun Joseph auch sah,
daß der Richter blind ward und ihm darum sicher viele Plackereien machen werde,
[JJ.01_286,25] da ereiferte er sich selbst
über das Kindlein, nahm Es ein wenig beim Ohrläppchen und zupfte Es, um Es
dadurch zu züchtigen der Menschen willen.
[JJ.01_286,26] Das Kindlein aber ward dadurch
erregt und sprach ganz ernstlich zum Joseph:
[JJ.01_286,27] „Es sei dir genug, daß sie
suchen und dennoch nicht finden, das sie suchen!
[JJ.01_286,28] Du aber hast diesmal nicht
weise gehandelt! – Weißt du denn nicht, daß Ich dein bin!?
[JJ.01_286,29] Warum aber willst du Mich
betrüben, da Ich dein bin?! – O betrübe Mich hinfort nicht mehr, da Ich dein
bin!“ –
[JJ.01_286,30] Joseph aber ersah bald seinen
Fehler, nahm das Kindlein und herzete Es. – Alle Umstehenden aber verliefen
sich bald aus übergroßer Furcht vor dem Kinde.
[JJ.01_287] 287. Kapitel – Der Lehrer Piras
Zachäus wünscht das Wunderkind aus Ruhmsucht in seine Schule. Joseph rät dem
Lehrer, einen Versuch zu machen. Jesus beschämt den heuchlerischen Lehrer.
23. August 1844
[JJ.01_287,01] Nach einer Zeit von ungefähr
drei Monden, als Joseph mit der Arbeit im Dorfe fertig war, kam ein gewisser
Piras Zachäus aus der Stadt zum Joseph auf einen Besuch und machte da auch zum
ersten Male persönliche Bekanntschaft mit dem Kinde, von dem er schon so
manches vernommen hatte.
[JJ.01_287,02] Er kam aber heimlich so ganz
eigentlich des Kindleins willen.
[JJ.01_287,03] Denn dieser Piras Zachäus war
in der Stadt ein wenig zu tun habender zweiter Lehrer und hielt aber dennoch
sehr große Stücke auf seine Weisheit.
[JJ.01_287,04] Warum aber kam er denn
heimlich des Kindleins wegen zu Joseph?
[JJ.01_287,05] Weil er dachte: ,Das muß ein
sehr talentvoller Knabe sein;
[JJ.01_287,06] diesen will ich zu mir in die
Schule bringen, auf daß dann durch dessen rasche Fortschritte meine Schule vor
der meines Rivalen in Ruf komme!‘
[JJ.01_287,07] Er beschäftigte sich darum
hauptsächlich mit dem Knaben Jesus, befragte Ihn über manches und bekam allzeit
die triftigste Antwort, worüber er sich hoch verwunderte.
[JJ.01_287,08] Als er das Knäblein also ausgeforscht
hatte, da wandte er (Piras Zachäus) sich an den Joseph und sprach zu ihm:
[JJ.01_287,09] „Bruder! der Kleine hat für
sein Alter ja einen außerordentlichen Verstand. Wahrlich wahr, da hast du ein
übergescheites Knäblein!
[JJ.01_287,10] Es ist nur schade, daß es noch
nicht lesen kann und zeichnen die Buchstaben!
[JJ.01_287,11] Möchtest du es denn nicht zu
mir in die Schule geben, auf daß es bei mir lerne die Buchstaben lesen und
schreiben?
[JJ.01_287,12] Und ich will ihn dann noch
lehren alle andere Wissenschaft, daß er begrüßen lerne die Ältesten und sie
ehren wie Großväter und Väter!
[JJ.01_287,13] Und – weißt du, daß er auch
lieben lerne seine Spielgesellen, mit denen er schon öfter sehr unbarmherzig
solle umgegangen sein!
[JJ.01_287,14] Und daß er endlich auch
erlerne das Gesetz Mosis, erkennen die Geschichte des Volkes Gottes und die
Weisheit Gottes in den Propheten!“
[JJ.01_287,15] Und Joseph sprach zu dem
Lehrer: „Gut, mein Freund und Bruder! – Aber bevor du noch diesen meinen Knaben
zu dir in die Schule nimmst, mache hier vor mehreren Zeugen, die heute bei mir
sind, einen kleinen Versuch!
[JJ.01_287,16] Sage Ihm alle Buchstaben vor
und erkläre sie Ihm deutlich; dann frage Ihn durch,
[JJ.01_287,17] und du wirst dann aus dem, was
Sich der Knabe wird gemerkt haben von deiner Erklärung, am sichersten urteilen
können, wie da beschaffen ist Sein Talent!“
[JJ.01_287,18] Und der Lehrer tat das
sogleich. Er sagte dem Knaben die Buchstaben von Alpha bis Omega deutlich vor
und erklärte auch die Zeichen so gut es ihm nur immer möglich war.
[JJ.01_287,19] Jesus aber schaute den Lehrer
groß an und sprach, als er Ihn darauf befragte, zu ihm:
[JJ.01_287,20] „O du Heuchler von einem
Lehrer! – Wie willst du das Beta die Schüler lehren, der du das Alpha noch nie nach
seiner Bedeutung erkannt hast?!
[JJ.01_287,21] Erkläre Mir der wahren
Weisheit gemäß das Alpha, und Ich will dir dann glauben, was du sagen wirst
über das Beta!
[JJ.01_287,22] Damit du aber nun erfahrest,
daß Ich nicht nötig habe, von dir die Buchstaben und ihren Bau und ihre
Bedeutung zu erlernen, so will Ich dir's erklären und zeigen der Buchstaben
wahre Bedeutung!“
[JJ.01_287,23] Hier fing der kleine Jesus dem
ganz verdutzten Lehrer das ganze Alphabet vorzukapiteln an und befragte ihn
auch fleißig daneben, ob er es begriffen habe.
[JJ.01_287,24] Jede Antwort des Lehrers aber
fiel so dumm und höchst unvollständig aus, daß darob alle Anwesenden in helles
Lachen ausbrachen.
[JJ.01_287,25] Da aber der Lehrer solche
erstaunliche Weisheit in dem Kinde entdeckte, und wie er da zuschanden geworden
ist, da stand er auf und sprach zu den Anwesenden:
[JJ.01_287,26] „O wehe mir Armem, ich bin nun
ganz verwirrt geworden! – Mir selbst habe ich Schande, Spott und Schaden
bereitet darum, daß ich dieses Knäblein in meine Schule bringen wollte.
[JJ.01_287,27] O Bruder Joseph! hebe den
Knaben von mir hinweg; denn ich kann nimmer ertragen das Herbe seines
Angesichts und das Durchbohrende seiner Rede!
[JJ.01_287,28] Wahrlich! dieses Knäblein ist
kein Erdgebornes! – Es muß ja bei seiner Weisheit Feuer und Wasser zu bändigen
verstehen!
[JJ.01_287,29] Ich will ein Narr sein
allzeit, wenn es nicht lange vor der Erschaffung der Welt ist geboren worden! –
Jehova wird es wissen, was für ein Mutterleib es getragen, und welcher Schoß es
ernährt hat!
[JJ.01_287,30] Wehe mir! – Ich bin schon ein
Narr; ich kam, um einen Schüler zu werben, und siehe, ich habe einen Lehrer
gefunden, dessen Geiste ich nimmer nachzustreben vermag! – O fühlet die
Schande, Freunde, mit mir! – Ein Greis ward von einem Knäblein zum Narren
gemacht, – das ist ja mein Tod!
[JJ.01_287,31] Darum, o Joseph, hebe den
Knaben von mir hinweg; denn er muß etwas Gewaltiges sein, entweder ein Gott
oder ein Engel!“
[JJ.01_287,32] Alle Anwesenden aber fingen
nun an, den Lehrer zu trösten; denn er dauerte sie seiner großen Not wegen. –
[JJ.01_288] 288. Kapitel – Jesus gibt Piras
Zachäus einen Lichtblick über Seine Mission. Die heilsame Wirkung und des Piras
Zachäus Forschen. Jesus als ,Professor der Naturgeschichte‘: „Wo ist oben und
wo unten?“ „Siehe, Ich bin von oben herab!“ Wo Licht – da ist oben; wo aber
Nacht – da ist unten!
24. August 1844
[JJ.01_288,01] Als aber Jesus solchen Jammer
von Piras Zachäus vernommen hatte, da lächelte Er und sprach:
[JJ.01_288,02] „Nun sollen deine Torheiten
die Früchte tragen, und es sollen sehend werden, die eines blinden Herzens
waren!
[JJ.01_288,03] Und so höre denn, du Tor, der
du den Dumas wie einen Dorn in deinem Auge trägst!
[JJ.01_288,04] Siehe, Ich bin von oben herab,
auf daß Ich die Menschen nach der Welt in ihnen verfluche;
[JJ.01_288,05] aber darnach nach dem rufe,
was oben ist, nach dem Auftrage Dessen, der in Mir ist über Mich und euch,
[JJ.01_288,06] der Mich gesandt hat darum aus
Sich in Mir, auf daß ihr erlöset würdet!“
[JJ.01_288,07] Nach dieser Rede des Kindes
Jesus wurden alle in der ganzen Umgegend gesund, die da an irgendeinem
Gebrechen darniederlagen.
[JJ.01_288,08] Also wurden auch alle erlöst,
deren Weltliches des kleinen Jesus Fluch dann und wann getroffen hatte, bis auf
den verdorrten Knaben.
[JJ.01_288,09] Dieser mußte seines Vaters
wegen die drei vorbestimmten Jahre unter dem Fluche des Knäbleins zubringen. –
[JJ.01_288,10] Piras Zachäus aber erhob sich
und ging mit dem Joseph hinaus ins Freie und sprach allda zu ihm:
[JJ.01_288,11] „Bruder, wir sind nun im
Freien und niemand behorcht uns!
[JJ.01_288,12] Ich bitte dich darum, liebster
Bruder, daß du mir kundtätest, was da mit dem Knaben es für eine Bewandtnis
habe;
[JJ.01_288,13] denn das ist, wie ich schon
bemerkt habe, durchaus kein natürliches Kind!“
[JJ.01_288,14] Joseph aber sprach zum Piras
Zachäus: „Freund, siehe, wollte ich von der Natur meines Knäbleins reden, da
würde ich in vielen Tagen nicht fertig werden.
[JJ.01_288,15] Zudem aber gestattet das Kind
auch mir nicht, aus der Schule zu schwätzen, wann es mir beliebte.
[JJ.01_288,16] Siehe, da aber kommt gerade
das Knäblein zu uns her!
[JJ.01_288,17] Fasse Mut und Liebe zu Ihm,
und Es wird dir alles kundgeben, was dir heilsam ist!“
[JJ.01_288,18] Und der Lehrer faßte bald Mut
und Liebe zum Kindlein. Und als Es vollends bei ihm war, da fragte er Es,
sagend:
[JJ.01_288,19] „Du mein herzallerliebstes,
wunderbares Bübchen! Möchtest du mir denn nicht näher kundgeben, nach was für
Macht in dir du solches alles tust, was ich nun von dir gesehen und auch gehört
habe?“
[JJ.01_288,20] Und das Knäblein lächelte und
sprach: „Weißt du, gelehrter Mann, wo oben und wo unten ist?
[JJ.01_288,21] Denn siehe, die Erde ist rund
wie eine Kugel, und ringsum wohnen Menschen und Geschöpfe!
[JJ.01_288,22] Die welchen wohnen da unten,
und die welchen oben? Und die Erde dreht sich täglich um ihre Mitte, und du
wirst täglich bei viertausend Meilen herumgetragen, – sage, wann bist du oben
und wann unten?“
[JJ.01_288,23] Hier machte der Lehrer ein
ganz verdutztes Gesicht über solche unerhörte Dinge und wußte nicht, was er da
sagen solle.
[JJ.01_288,24] Das Knäblein aber lachte über
das dumme Gesicht des Piras Zachäus und sagte zu ihm:
[JJ.01_288,25] „O du Gelehrter! Was willst du
denn lehren dann, so du nicht weißt, daß nur das Licht da den Ausschlag gibt!?
[JJ.01_288,26] Wo Licht – da ist oben; wo
aber Nacht – da ist unten!
[JJ.01_288,27] Bei dir ist aber auch noch
Nacht, daher bist du unten. Ich aber bin allzeit zu oberst des Lichtes gewesen;
daher wirst du Meine Lichtnatur in deiner Nacht wohl ebensowenig fassen können,
als wie wenig uns unsere Gegenfüßler, die jetzt Nacht haben, jetzt sehen
können!“ – Darauf lief das Kindlein hinweg.
[JJ.01_288,28] Piras Zachäus aber sagte
darauf zum Joseph: „Da haben wir's jetzt! Jetzt weiß ich soviel wie früher.
Sonderbare Rede des Knaben! – Lasse mich nun allein, ich will darüber
nachdenken!“ Und Joseph beließ den Lehrer allein im Garten.
[JJ.01_289] 289. Kapitel – Des Lehrers
Gedanken über den Knaben. Jesus warnt den Lehrer. Jesus, ein Licht den Heiden
und ein Gericht den Juden! Der Lehrer ergreift die Flucht.
26. August 1844
[JJ.01_289,01] Eine volle Stunde dachte der
Piras Zachäus über die Worte des Kindleins nach, fand aber nirgends einen
Grund.
[JJ.01_289,02] „Was soll denn dieser Knabe
sein?“ sprach er öfter bei sich.
[JJ.01_289,03] „Ist er etwa gar der Elias,
der noch einmal kommen solle?!
[JJ.01_289,04] Oder ist er der Samuel oder
irgendein anderer wiedererstandener großer Prophet?
[JJ.01_289,05] Er ward in Bethlehem geboren,
und von da kommt kein Prophet!
[JJ.01_289,06] Wohl aber solle von da der
Messias kommen!
[JJ.01_289,07] Ist etwa dieser Knabe gar der
Messias Selbst?!
[JJ.01_289,08] Aus dem Stamme Davids solle er
sein! – Joseph solle ja ein rechter Nachkömmling Davids sein,
[JJ.01_289,09] freilich ohne einen
glaubwürdigen strengen Beweis.
[JJ.01_289,10] Die Sache hat dem Anscheine
nach viel für sich;
[JJ.01_289,11] aber wer kann das ohne
geschichtliche Beweise als fest gegründet annehmen und glauben?!
[JJ.01_289,12] Und doch ist man beinahe des
Knaben wegen genötigt, das also anzunehmen.
[JJ.01_289,13] Aber der römische Freibrief
spricht wieder ganz dawider;
[JJ.01_289,14] denn der Messias wird doch ein
derbster Feind der Römer sein müssen!
[JJ.01_289,15] Wie aber wird er das wohl bei
solcher Freundschaft mit den Römern, die ihn zu ihrem Bürger gemacht haben?! –
[JJ.01_289,16] Da kann er wohl mit der Zeit
ein großer Feldherr Roms werden, ein Messias den Heiden;
[JJ.01_289,17] für uns aber ein
zweischneidiges Schwert, das uns zugrunde richten wird!
[JJ.01_289,18] Wenn ich das den
Hohenpriestern anzeigete, – wahrlich, das könnte mir große Vorteile bringen!?“
[JJ.01_289,19] Hier kam das Kindlein mit dem
Jakob in den Garten wieder und ging zum Lehrer hin und sagte zu ihm:
[JJ.01_289,20] „Piras Zachäus! – Lasse du dir
die Lust vergehen, Mich vor der Zeit den Hohenpriestern zu offenbaren;
[JJ.01_289,21] denn da solle dich beim
dritten Schritte schon der Tod ereilen!
[JJ.01_289,22] Meine Macht hast du erprobt;
daher lasse dir das zu einer guten Mahnrede sein!
[JJ.01_289,23] Was aber du über einen Messias
für die Heiden geredet hast mit dir selbst, das solle einen Grund haben!
[JJ.01_289,24] Denn also solle es auch
werden: ein Licht den Heiden und ein Gericht den Juden und allen Kindern
Israels!“
[JJ.01_289,25] Hier ward der Lehrer ärgerlich
und sprach: „Wenn so, da gehe von uns und ziehe zu den Heiden!“
[JJ.01_289,26] Das Kindlein aber sprach: „Ich
bin ein Herr und tue, was Ich will; und du bist nicht einer, der da was zu
schaffen hätte!
[JJ.01_289,27] Daher schweige du und ziehe
von hier, sonst wirst du Mich noch nötigen, dich zu schlagen!“
[JJ.01_289,28] Als der Piras Zachäus solches
von dem Knäblein vernommen hatte, da hob er sich schnell und floh von dannen in
die Stadt.
[JJ.01_289,29] Und Joseph ward dadurch eines
lästigen Gastes los und ging dann wieder seinem Geschäfte nach. –
[JJ.01_290] 290. Kapitel – Gemütlichkeit in Josephs
Haus, wo es den Nachbarn und deren Kindern wohlgefällt. Die Kinder auf dem
Söller. Zenon bricht sich bei seinem halsbrecherischen Hervortun das Genick.
Seiner Eltern Zorn. Die Erweckung des toten Knaben. Zenons Zeugnis über Jesus.
Jesus ermahnt Zenon: „Enthalte dich fürder von derlei Spielen, die den Tod in
sich führen!“ Ein prophetischer Hinweis auf den späteren Judas Ischariot.
27. August 1844
[JJ.01_290,01] Nach einiger Zeit aber zog
dennoch wieder die Liebe die Kinder der Nachbarn zum Joseph hin, wie auch deren
Eltern, –
[JJ.01_290,02] und das besonders an den
Vorsabbaten (Freitag), an denen man, besonders nachmittags, wenig oder nichts
arbeitete.
[JJ.01_290,03] An einem solchen Vorsabbate
kamen mehrere Nachbarn mit ihren Kindern dahin.
[JJ.01_290,04] Die Mädchen fanden die
lieblichste Gesellschaft an den fünf Cyreniusschen Mädchen, die da gar
freundlich und schön und arbeitsam waren und in allen Dingen gar viele
Kenntnisse besaßen.
[JJ.01_290,05] Den Knaben aber war der liebe
muntere Jesus ohnehin über alles;
[JJ.01_290,06] denn fürs erste zeigte Er
ihnen so manche überaus sinnige Spiele, die da die Knaben sehr unterhielten;
[JJ.01_290,07] und fürs zweite erzählte Er
ihnen oft so rührende Geschichtchen als Gleichnisse, daß die kleinen Kinder
dabei ganz Aug' und Ohr waren.
[JJ.01_290,08] Diesmal aber, da zufolge eines
vorhergehenden Gewitterregens der Boden ein wenig feucht war, ward der Söller
(dachloser und mit Geländern eingefaßter Boden des Hauses) zum Spielplatze
erwählt.
[JJ.01_290,09] Eine Zeitlang ging es recht
ruhig her; denn da erzählte der kleine Jesus mehrere sehr anziehende
Geschichtchen.
[JJ.01_290,10] Aber mehr gegen den Abend ward
es lebendiger auf dem Söller; denn da hatte Jesus ein kleines Würfelspiel
angeordnet, und da gab es öfter etwas zum Springen.
[JJ.01_290,11] Unter den zwölf anwesenden
Knaben aber befand sich ein gewisser Zenon; dieser war ein Hauptwetter und
wollte seinen Gespielen durch allerlei halsbrecherische Produktionen ihre
mitgenommenen Sparpfennige abgewinnen.
[JJ.01_290,12] Eine solche Produktion setzte
er auch hier ins Werk, und diese bestand darin, daß er elf Pfennige setzte, und
zwar gegen den Willen des Herrn Jesus,
[JJ.01_290,13] und das darauf, daß er auf dem
Söllergeländer dreimal herumgehen könne, ohne das Gleichgewicht zu verlieren.
[JJ.01_290,14] Komme er dreimal glücklich
herum, so müssen ihm die zusehenden andern elf Kinder zu den elf Pfennigen noch
elf hinzulegen;
[JJ.01_290,15] verliert er aber das
Gleichgewicht und fällt, so verliert er seine elf Pfennige.
[JJ.01_290,16] Die andern Knaben taten das,
und Zenon hüpfte sogleich auf das Geländer, bekam sogleich einen kleinen
Schwindel, verlor das Gleichgewicht, fiel sogleich hinab auf den Erdboden,
brach sich das Genick und war somit auch auf der Stelle tot.
[JJ.01_290,17] Da liefen die Eltern des toten
Knaben voll Leid und Zorn hinauf auf den Söller, ergriffen Jesum und wollten
Ihn mißhandeln.
[JJ.01_290,18] Jesus aber riß Sich von ihnen
los, lief hinab zum toten Knaben und rief dort laut:
[JJ.01_290,19] „Zenon! Stehe auf und zeuge
von Mir vor deinen blinden Eltern, ob Ich dich herabgeworfen und getötet
habe?!“
[JJ.01_290,20] Hier richtete sich der tote
Knabe sogleich auf und sprach:
[JJ.01_290,21] „O Herr! Du hast mich nimmer
herabgeworfen und getötet,
[JJ.01_290,22] sondern daran war meine
Gewinnsucht und schmähliche Hast schuld!
[JJ.01_290,23] Da mich aber solche meine
Sünde getötet hat, da kamst Du, o Herr, wohl zu mir und gabst mir das Leben
wieder!“
[JJ.01_290,24] Als die Eltern des Zenon
solches Zeugnis vernahmen, da fielen sie alsbald vor Jesum nieder und beteten
die Kraft Gottes in dem Kinde Jesus an.
[JJ.01_290,25] Jesus aber sprach zum Zenon:
„Lasse dir aber das zu einer Witzigung sein und enthalte dich fürder von derlei
Spielen, die den Tod in sich führen, und bedenke, wie Ich es dir widerraten
habe!“
[JJ.01_290,26] Die Eltern und Zenon weinten
aus großem Dankgefühle und begaben sich dann nach Hause.
[JJ.01_290,27] (Übrigens aber war das eine
prophetische Hindeutung auf den einstigen Judas Ischariot, wie sie leicht zu
erkennen ist.) – –
[JJ.01_291] 291. Kapitel – Die Nachbarn
suchen Rat bei Joseph als dem Freund des Cornelius. Jesus warnt Joseph vor
Unvorsichtigkeit. Einblick in die göttliche Weltregierung: Wie das Volk – so
seine Regierung! „Ich bin der Herr auch über Rom!“
28. August 1844
[JJ.01_291,01] Ein anderes Mal, eben wieder
an einem Vorsabbate, kamen mehrere Nachbarn wieder zum Joseph mit ihren
Kindern, um sich da mit ihm über manche sie drückende Angelegenheiten zu
beraten;
[JJ.01_291,02] denn diese Nachbarn wußten es,
daß Joseph sehr wohlan mit dem Landpfleger war.
[JJ.01_291,03] Um diese Zeit aber bekam
Joseph auch ein Schreiben von Tyrus, und zwar von Cyrenius, der sich um das
Befinden Josephs und ganz besonders um den kleinen Jesus erkundigte, sobald er
von Rom in Tyrus wieder ankam.
[JJ.01_291,04] Um dieses Schreiben aber
wußten die Nachbarn nicht,
[JJ.01_291,05] wie auch nicht, daß Joseph ein
so großer Freund vom Statthalter Cyrenius wäre.
[JJ.01_291,06] Da wollte Joseph mit dem Briefe
zum Vorscheine kommen und wollte dadurch den Nachbarn einen sichereren Trost
bereiten,
[JJ.01_291,07] da er ihnen dadurch zeigen
wollte, wie er sich für sie gegen den Mietkönig beim Statthalter selbst
wirkungsvollst verwenden werde, –
[JJ.01_291,08] und das um so sicherer mit dem
besten Erfolge darum, weil die Eudokia wie die fünf Mägde vollends dem Cyrenius
angehören.
[JJ.01_291,09] Da sprang aber das Kindlein
schnell zum Joseph und sagte sehr heftig:
[JJ.01_291,10] „Joseph, Joseph! tue das
nimmer, denn Ich bin der Herr!
[JJ.01_291,11] Wirst du den Brief zeigen, so
werde Ich die Erde schlagen; denn Ich bin der Herr auch über Rom – und nicht
der Cyrenius! – und nicht der Augustus Caesar! –
[JJ.01_291,12] Ich sage dir, wäre das Volk
besser als der Mietkönig, so wüßte Ich den Archelaus zu finden!
[JJ.01_291,13] Da aber das Volk nicht um ein
Haar besser ist, so solle es nur tragen die eigene Last in dem Mietkönige, der
da ein Geizhals ist, wie das gesamte Volk!
[JJ.01_291,14] Hieß es nicht: Auge für Auge, Zahn
für Zahn, und so weiter? – Also heiße es auch: Geiz für Geiz und Neid für Neid!
[JJ.01_291,15] Demnach ist Archelaus ja ein
wahrer Arzt diesem hartherzigen Volke; und er solle bleiben, wie er ist, bis an
sein Ende!“
[JJ.01_291,16] Diese Rede verdroß die
Nachbarn, und sie sprachen:
[JJ.01_291,17] „Das wäre uns ein sauberer
Patron von einem Messias!
[JJ.01_291,18] Uns schilt er und lobet darum
den Heiden Archelaus!“
[JJ.01_291,19] Das Kindlein aber stampfte mit
der Ferse in den Boden und sprach:
[JJ.01_291,20] „Erde! erbebe, auf daß deine
blinden Kinder erfahren, daß Ich dein Herr es bin!“
[JJ.01_291,21] Und plötzlich entfuhr der
gestampften Stelle Feuer, und der Erdboden bebte gewaltig.
[JJ.01_291,22] Da erschraken alle Anwesenden
und sprachen: „Was doch ist das Kind?! Denn es bebet die Erde ja vor Ihm!
[JJ.01_291,23] Laßt uns von dannen ziehen;
denn neben diesem Kinde ist nicht gut sein!“ – Und alles verließ bald den
Joseph und eilte davon. – Und so ward Joseph wieder einer großen Gefahr
enthoben.
[JJ.01_292] 292. Kapitel – Der sechsjährige
Jesus erweckt den verunglückten Knecht der Salome vom Tode. Dessen Belehrung
durch Jesus. Jesus flieht das Lob der Menschen.
29. August 1844
[JJ.01_292,01] Als Jesus vollends sechs Jahre
alt war und darüber, da hatte die Salome einmal einen schon schlechten Baum
fällen lassen und ließ ihn dann von ihren Knechten zerschneiden und zerspalten,
um daraus Brennholz zu gewinnen.
[JJ.01_292,02] Bei dieser Gelegenheit hielt
ein junger Knecht große Stücke auf seinen Fleiß und sprach zu seinen drei
Mitknechten:
[JJ.01_292,03] „Lasset mir allein diese
Arbeit des Zerspaltens, und ich will so bald fertig werden mit dem ganzen
Baume, als ihr drei zusammen!“
[JJ.01_292,04] Und die Mitknechte überließen
ihm gerne diese Ehre.
[JJ.01_292,05] Er nahm dann seine scharfe Axt
und hieb sehr fleißig darauf los.
[JJ.01_292,06] In solch seinem Eifer aber
machte er einmal einen Fehlhieb und traf statt des Holzes seinen rechten Fuß
und spaltete ihn von der Zehe bis zur Ferse.
[JJ.01_292,07] Da sank er zu Boden und schrie
um Hilfe; und alles drängte sich zu ihm, aber niemand hatte etwas, daß er ihm
verbände den Fuß.
[JJ.01_292,08] Und so verblutete sich der
junge Mensch bald und starb darauf.
[JJ.01_292,09] Da wurde auch Josephs Haus
darauf aufmerksam ob des Jammers und Geschreies beim nahen Hause der Salome.
[JJ.01_292,10] Und Jesus lief schnell hin und
drang durch die umstehende Menschenmasse zum schon toten Knechte vor.
[JJ.01_292,11] Als Er beim Toten anlangte, da
ergriff Er schnell dessen zerspaltenen Fuß, drückte ihn fest zusammen und
heilte ihn im Augenblicke.
[JJ.01_292,12] Als der Fuß auf die Art
geheilt war, da ergriff Er dessen Hand und sprach:
[JJ.01_292,13] „Höre, du eitler junger
Mensch! – Ich sage dir, stehe auf und spalte weiter dein Holz!
[JJ.01_292,14] Aber lasse für die Zukunft
fahren deine Eitelkeit und wolle nie mehr tun, als du Kraft besitzest,
[JJ.01_292,15] so wirst du für die Zukunft
dich vor ähnlichen Unfällen leichtlichst verwahren!
[JJ.01_292,16] Denn auch deine Mitknechte
haben ihre Arbeitskraft von Gott, und diese sollst du nicht zuschanden machen
irgendwann und -wo!
[JJ.01_292,17] Ist aber irgendeiner aus
deinen Mitknechten absichtlich faul und träge, so wird ihn schon der Herr
finden, –
[JJ.01_292,18] an dir aber solle es nimmer
sein, daß du ihm durch einen übertriebenen eitlen Fleiß darum zu einem Richter
werden sollest!“
[JJ.01_292,19] Hier erhob sich der junge
Knecht vollkräftig wieder und spaltete sein Holz weiter.
[JJ.01_292,20] Alle Anwesenden aber fielen
auf ihre Knie vor dem Knaben Jesus nieder und sprachen:
[JJ.01_292,21] „Lob und Ehre in Dir der Kraft
Gottes; denn Dich hat der Herr früh schon mit aller göttlichen Kraft erfüllt!“
[JJ.01_292,22] Jesus aber lief schnell wieder
nach Hause, denn Er wollte das Lob der Menschen nicht. – –
[JJ.01_293] 293. Kapitel – Der heilige Krug
der Maria von Jesus zerbrochen. Des Mädchens Sorge darum. Jesus bringt der
Mutter das Wasser in Seinem kleinen roten Mantel. Die Reliquie der Maria war
Jesus ein Dorn im Auge.
31. August 1844
[JJ.01_293,01] Es hatte aber die Maria noch
den Krug, mit dem sie Wasser holte, als ihr der Engel die heiligste Botschaft
überbrachte.
[JJ.01_293,02] Sie hielt große Stücke auf
diesen Krug, – ja er war ihr ein förmliches Heiligtum.
[JJ.01_293,03] Sie sah es sogar nicht gerne,
wenn jemand diesen Krug nahm und trank daraus.
[JJ.01_293,04] Einmal aber, ungefähr acht
Tage darauf, als das Wunder bei der Salome verübt ward, war Maria allein mit
Jesus im Hause.
[JJ.01_293,05] Sie war mit der Reinigung
einiger Wäsche beschäftigt und brauchte dazu frisches Wasser.
[JJ.01_293,06] Sie ging daher zu Jesus und
sagte zu Ihm: „Du könntest mir wohl leicht einen Krug voll frischen Wassers holen;
[JJ.01_293,07] da hast Du sogar den durch
Dich geheiligten Krug dazu!“
[JJ.01_293,08] Jesus nahm den Krug und lief
damit zum Brunnen, wo eben der Joseph mit den andern Kindern etwas arbeitete.
[JJ.01_293,09] Jesus aber stieß am Brunnen
mit dem Kruge etwas hart an einen Stein, und der Krug lag in vielen Scherben am
Boden.
[JJ.01_293,10] Das ersah ein Mädchen und
sprach: „Auweh, ach, ach! Das wird gut aussehen; nun ist der heilige Krug der
Hausherrin hin! – Aber Du lieber Jesus, warum hast denn Du da nicht besser
achtgegeben?
[JJ.01_293,11] Nein, – aber da wird die
Mutter greinen; no, no, da kannst Du Dich freuen darauf!“
[JJ.01_293,12] Das verdroß aber dem Außen
nach Jesum ein wenig, und Er sagte zum Mädchen:
[JJ.01_293,13] „Was geht das dich an, was Ich
tue?! – Sehe du nur zu, daß du mit deinem Gespinste fertig wirst!
[JJ.01_293,14] Ich werde trotz des
zerbrochenen Kruges dennoch der Maria frisches Wasser in rechter Menge
bringen!“
[JJ.01_293,15] Und das Mädchen sprach: „Das
möchte ich auch sehen, wie man ohne Krug ein frisches Wasser ins Haus schaffen
kann!“
[JJ.01_293,16] Hier nahm Jesus sogleich
Seinen kleinen roten Mantel, griff ihn an den Enden zusammen und schöpfte
Wasser darein und trug es ohne einen Tropfen zu verlieren ins Haus zur Maria!
[JJ.01_293,17] Alle aber gingen Ihm nach ins
Haus ob dieses Wunders.
[JJ.01_293,18] Als Maria das ersah, da
entsetzte sie sich und sagte: „Aber Kind, was ist denn mit dem Kruge
geschehen?“
[JJ.01_293,19] Und Jesus sprach: „Siehe, der
war Mir schon lange ein Dorn im Auge! Darum versuchte Ich seine Wunderkraft an
einem Steine, –
[JJ.01_293,20] und siehe, es war keine an und
in ihm; daher zerbrach er auch sogleich in kleine Stücke!
[JJ.01_293,21] Ich aber meine, wo Ich bin, da
sollte Ich doch mehr gelten als so ein dummer Krug, der um kein Haar besser ist
als ein jeder andere!“
[JJ.01_293,22] Auf diese Worte sagte die
Maria nichts mehr und schrieb sich dieselben tief in ihr Herz.
[JJ.01_293,23] Das Mädchen aber sagte darauf
auch nichts mehr; denn sie hatte Jesum lieb.
[JJ.01_293,24] Und Jesus sprach zu ihr:
„Siehe, also gefällst du Mir besser, als wenn du deine Zunge bewegest ohne
Not!“ – Und das Mädchen war zufrieden mit diesem kleinen Putzer und spann
darauf fleißig ihr Garn.
[JJ.01_294] 294. Kapitel – Zweijährige
Wunderpause. Teuerung in Palästina. Joseph sät noch im siebenten Monat. Der
achtjährige Jesus legt Selbst den Samen ins Erdreich. Der wunderbare Segen.
Josephs Dank. Liebe ist besser als Lob! Die Heilung des verdorrten Knaben.
31. August 1844
[JJ.01_294,01] Nach diesem Wunderwerke
verhielt Sich Jesus bei zwei Jahre ruhig und gehorchte in allem dem Joseph und
der Maria.
[JJ.01_294,02] In Seinem achten Jahre aber
zeigte sich ein sehr schlechtes Erntejahr; denn es trat eine große Dürre ein,
und alle Saat verdorrte.
[JJ.01_294,03] Es war schon der siebente
Monat, und nirgends zeigte sich etwas Grünes; man mußte vielfach das Vieh
schlachten, oder man mußte um ein teures Geld Heu und Getreide aus Ägypten und
aus Kleinasien bringen lassen.
[JJ.01_294,04] Joseph selbst lebte zumeist
von den Fischen, die ihm Jonatha allwöchentlich zukommen ließ, und fütterte
seine Haustiere mit dem Schilfgrase, das ihm eben auch der Jonatha zusandte.
[JJ.01_294,05] Im siebenten Monate erst
zeigten sich Wolken, und es fing an sparsam periodisch zu regnen.
[JJ.01_294,06] Da sprach der Joseph zu seinen
vier ältesten Söhnen: „Spannet vor den Pflug die Ochsen, und wir wollen im
Namen des Herrn etwas Weizen in die Erde säen.
[JJ.01_294,07] Wer weiß es, vielleicht segnet
es dennoch der Herr, da wir Den ja zu unserem Sohne und Bruder rechnen dürfen,
den Er gesandt hat in die Welt!
[JJ.01_294,08] Zwar hat Er durch Diesen nun
bereits zwei Jahre kein Zeichen mehr getan, daß wir darob Seiner Hoheit schon
förmlich vergaßen!
[JJ.01_294,09] Aber wer weiß es auch, ob
dieses schlechte Jahr nicht eine Folge unserer Vergessenheit an Den ist, der so
heilig von oben zu uns kam?“
[JJ.01_294,10] Hier trat der nun achtjährige
Jesus zum Joseph hin und sprach: „Gut, Vater Joseph! – ihr habt Meiner noch nie
vergessen; darum aber will Ich mit dir gehen, den Weizen in die Furchen zu
legen!“
[JJ.01_294,11] Den Joseph freute das über die
Maßen; und die Maria und alle im Hause sprachen:
[JJ.01_294,12] „Ja, ja, wo der liebe Jesus
säen wird, da wird sicher eine reiche Ernte werden!“
[JJ.01_294,13] Und Jesus sprach lächelnd:
„Der Meinung bin Ich auch – wahrlich, umsonst solle von Mir kein Same in das
Erdreich fallen!“
[JJ.01_294,14] Hierauf ging es ans Ackern und
Säen. Joseph säte nach dem Pfluge links, und Jesus rechts.
[JJ.01_294,15] Und so ward der Acker in einem
halben Tage bestens bestellt.
[JJ.01_294,16] Darauf fiel bald ein
reichlicher Regen, und der Weizen schlug einen festen Keim und gelangte als
eine Sommerfrucht in drei Monaten zur sehr erwünschten Reife.
[JJ.01_294,17] Da zeigte es sich aber, daß
die Ähren, die da zur rechten Seite der Knabe Jesus gesät hatte, durchaus
fünfhundert Körner hatten, während die des Joseph nur dreißig bis vierzig
Körner hatten.
[JJ.01_294,18] Darüber hatte sich alles hoch
verwundert, und als das Getreide erst dann in der Tenne ausgedroschen ward, da
erst zeigte sich so recht im Vollmaße der Segen Gottes;
[JJ.01_294,19] denn aus einem Malter (siebzig
Maß) Weizen, der gesät worden war, wurden genau tausend Malter Ernte – eine
Ernte, die noch nie jemand erlebt hatte!
[JJ.01_294,20] Da aber Joseph nun einen
solchen Überfluß hatte, da behielt er für sich siebzig Malter und verteilte
neunhundertunddreißig Malter an die Nachbarn.
[JJ.01_294,21] Und es war damit einer ganzen
Umgegend mit dieser wunderbaren Ernte geholfen.
[JJ.01_294,22] Und es kamen dann viele
Nachbarn und lobten und priesen die Kraft Gottes in dem Knaben Jesus.
[JJ.01_294,23] Dieser aber ermahnte sie zur
Liebe zu Gott und zu ihren Nächsten und sprach zu jedermann: „Liebe ist besser
als Lob, und eine rechte Gottesfurcht ist mehr wert als Opferbrand!“ – In
dieser Zeit ward auch der verdorrte Knabe wieder gesund. –
[JJ.01_295] 295. Kapitel – Joseph und Maria
wollen den bald zehnjährigen Jesus nun doch zu einem Lehrer geben. Schwierigkeiten
beim Unterricht. Der Lehrer schlägt den Knaben und wird darauf stumm und
unsinnig. Der Jesusknabe kehrt wieder heim.
2. September 1844
[JJ.01_295,01] Von da an tat das Knäblein
Jesus wieder kein Zeichen mehr, sondern tat wie alle anderen Menschenkinder!
[JJ.01_295,02] Nur war Es gerne beim Joseph,
wenn er Gerätschaften als: Pflüge, Joche, Stühle, Tische, Betten und
dergleichen verfertigte, und es mißlang dem Joseph nie etwas.
[JJ.01_295,03] Da aber das Knäblein bereits
ins zehnte Jahr ging und Sich gar nicht mehr unterscheiden wollte von andern
Kindern, –
[JJ.01_295,04] da sprach einmal Joseph zur
Maria: „Siehe, die Leute herum schmähen, daß wir Jesum so ganz ohne
Schulunterricht aufwachsen lassen, da Er doch so herrliche Talente und Anlagen
besäße!
[JJ.01_295,05] Ich weiß wohl, daß Jesus des
Weltschulenunterrichtes nicht vonnöten hat;
[JJ.01_295,06] aber um den Nachbarn den Mund
zu stopfen, möchte ich Ihn gleichwohl zu einem Lehrer geben.
[JJ.01_295,07] Und da jetzt zwei neue Schulen
in der Stadt errichtet worden sind, deren beide Lehrer sehr geschickt sein
sollen, so möchte ich es mit dem einen oder mit dem andern versuchen!“
[JJ.01_295,08] Maria willigte dazu ein; denn
auch sie sah die scheinbare Notwendigkeit dessen ein.
[JJ.01_295,09] Und Joseph nahm Jesum zu sich
und führte Ihn zum ersten Lehrer.
[JJ.01_295,10] Dieser übernahm das Knäblein
sogleich und sprach zum Joseph: „Zuerst solle er, wegen der vielen Griechen
unter uns, Griechisch und dann erst Hebräisch lernen!
[JJ.01_295,11] Ich kenne wohl die sonderbaren
Eigenheiten dieses Kindes und habe eine kleine Furcht vor ihm.
[JJ.01_295,12] Aber ich will dennoch tun, was
recht sein wird; nur mußt du mir den Knaben ganz übergeben!“
[JJ.01_295,13] Joseph willigte dazu ein und
gab Jesum ganz ins Haus des Lehrers.
[JJ.01_295,14] Drei Tage genoß hier Jesus die
gewöhnliche Freiheit; erst am vierten Tage nahm Ihn der Lehrer ins Schulzimmer.
[JJ.01_295,15] Allda führte er Ihn an die Tafel
und schrieb vor Ihm das ganze Alphabet und fing an es zu erklären.
[JJ.01_295,16] Nachdem er es einige Male
durcherklärt hatte, da fragte er Jesum, was Er Sich davon gemerkt habe.
[JJ.01_295,17] Jesus aber tat, als wüßte Er
nichts von dem Erklärten, und gab dem Lehrer keine Antwort.
[JJ.01_295,18] Und der Lehrer plagte den
Knaben und sich drei Tage lang und bekam nie eine Antwort.
[JJ.01_295,19] Am vierten Tage aber ward er
unwillig und forderte den Knaben Jesus unter Androhung von einer tüchtigen
Strafe auf, ihm zu antworten.
[JJ.01_295,20] Da sprach der Knabe zu ihm:
„Wenn du in der Wahrheit ein Lehrer bist, und wenn du die Buchstaben wirklich
kennest, so zeige Mir die wahre Grundbedeutung des Alpha, und Ich werde dir die
des Beta kundgeben!“
[JJ.01_295,21] Darob ward der Lehrer zornig
und schlug Jesum mit dem Zeigestäbchen an den Kopf.
[JJ.01_295,22] Das tat dem Knaben weh, und Er
sprach zum Lehrer: „Ist das die weise Art, dich deiner Dummheit zu entledigen?
[JJ.01_295,23] Wahrlich, der Schläge wegen bin
Ich nicht bei dir, und das ist nicht die Art, Menschen zu lehren und zu bilden!
[JJ.01_295,24] Du aber sollst Mir stumm
werden und unsinnig darum, daß du Mich, anstatt Mir eine rechte Erklärung zu
geben, geschlagen hast!“
[JJ.01_295,25] Und auf der Stelle sank der
Lehrer zusammen und ward, wie rasend, gebunden in ein anderes Zimmer gebracht.
[JJ.01_295,26] Jesus aber kehrte sogleich zum
Joseph nach Hause und sagte da:
[JJ.01_295,27] „Ein anderes Mal bitte Ich Mir
einen andern Lehrer aus, der nicht mit dem Stocke in der Hand in die Schule
kommt; der aber büßt nun seinen Frevel an Mir!“
[JJ.01_295,28] Da wußte Joseph, was sicher
wieder geschehen war, und sprach zur Maria: „Also dürfen wir Jesum nicht mehr
aus den Händen lassen; denn Er züchtiget jeden, der nicht nach Seinem Sinne
ist!“
[JJ.01_295,29] Und die Maria war damit
einverstanden; und niemand wagte Jesu einen Vorwurf zu machen. –
[JJ.01_296] 296. Kapitel – Der zweite Lehrer
bei Joseph. Sanftmütiges Entgegenkommen des Lehrers. Jesus gibt dem Lehrer eine
Probe: Er liest und erklärt den Daniel. Des Lehrers gutes Zeugnis über Jesu.
Zum Dank für die Ehrlichkeit des Lehrers heilt Jesus den ersten Lehrer.
[JJ.01_296,01] Nach einer Zeit von etlichen
Wochen kam aber der zweite neue Lehrer zum Joseph, um ihm einen
freundschaftlichen Besuch abzustatten;
[JJ.01_296,02] denn Joseph hatte ihm zuvor
mehrere neue Bänke und Stühle und einen Tisch in sein Schulzimmer gemacht, und hat
bei dieser Gelegenheit einen recht biederen Mann in diesem Lehrer zu seinem
Freunde gewonnen.
[JJ.01_296,03] Dieser Lehrer machte nun auch
die Bekanntschaft mit dem Knaben Jesus und hatte eine rechte Freude an Seinem
ernsten, aber dabei dennoch bescheiden munteren Wesen.
[JJ.01_296,04] Er fragte daher den Joseph, ob
der Knabe schon in irgendeiner Schule habe lesen gelernt.
[JJ.01_296,05] Joseph aber sprach: „Bruder!
Ich habe es schon mit ein paar Lehrern versucht, aber beide konnten nichts
ausrichten mit Ihm;
[JJ.01_296,06] denn es ruht in diesem Knaben
eine sonderbare Kraft!
[JJ.01_296,07] Wie Ihm dann ein Lehrer etwas
grob kommt, da ist er schon verloren;
[JJ.01_296,08] denn es braucht da nur ein
Wort aus des Knaben Mund über den Lehrer zu kommen, und er ist gestraft auf das
entsetzlichste!
[JJ.01_296,09] Also war es erst jüngst der
Fall mit dem ersten Lehrer, der noch bis zur Stunde ein Narr ist.“
[JJ.01_296,10] Und der Lehrer sprach: „Ja,
ja, das weiß ich wohl; aber der war auch ein Tyrann gegen alle seine Schüler!
[JJ.01_296,11] Wenn ich den Knaben
unterrichtete, wahrlich – ich hätte keine Angst, von ihm gestraft zu werden!“
[JJ.01_296,12] Da sprach der anwesende Knabe
Jesus: „Und was wohl möchtest du Mich lehren?“
[JJ.01_296,13] Und der Lehrer zog den Knaben
liebvollst zu sich, herzte Ihn und sprach dann zu Ihm:
[JJ.01_296,14] „Ich möchte dich auf eine gar
freundliche Art lesen und schreiben und dann die Schrift verstehen lehren!“
[JJ.01_296,15] Und der Knabe sprach: „Gut, –
hast du etwas von der Schrift bei dir, so gebe Mir's, und Ich will dir eine
Probe geben!“
[JJ.01_296,16] Hier zog der Lehrer sogleich
eine Rolle heraus – es war der Daniel – und gab sie dem Knaben.
[JJ.01_296,17] Der Knabe aber fing sogleich
an, die Rolle zu lesen und also zu erklären, daß sich alle Umstehenden über
alle Maßen samt dem ganz betroffenen Lehrer zu verwundern anfingen.
[JJ.01_296,18] Als aber der Lehrer solches
von dem Knaben erfahren hatte, da sprach er:
[JJ.01_296,19] „O Herr! sei mir armem Sünder
gnädig und barmherzig; denn dieser Knabe ist kein irdischer Mensch!
[JJ.01_296,20] O Bruder Joseph, jetzt
begreife ich es klar, warum mit diesem Knaben kein Lehrer es auszuhalten
vermag!
[JJ.01_296,21] Der Knabe versteht ja ohnehin
mehr als alle Lehrer zusammen auf der ganzen Erde! – O darum behalte ihn ja
daheim!“
[JJ.01_296,22] Dieses Zeugnis gefiel dem
Knaben, und Er sprach: „Weil du so ehrlich bist, so solle auch deinetwillen der
andere Lehrer wieder genesen; es geschehe! –
[JJ.01_296,23] Du aber bleibe also ehrlich in
deinem Herzen, wie du es nun bist, so wirst du ein rechter Lehrer sein allzeit,
Amen.“ –
[JJ.01_296,24] Darauf entfernte Sich der
Knabe Jesus; der Lehrer empfahl sich auch bald beim Joseph und zog sehr
nachdenkend nach Hause. – Und mit dem ersten Lehrer ward es zur Stunde besser.
– –
[JJ.01_297] 297. Kapitel – Der elfjährige
Jesus und Jakob gehen Holz sammeln. Jakob wird von einer Natter gebissen und
gibt Zeichen des Todes. Jakob von Jesu wiederbelebt. Ein Arbeits-Evangelium.
Sei eifrig in geistigen Gütern! Erweckung des toten Knaben Kephas und des toten
Zimmermannsgesellen Mallas. Die Lehre: „Im Neide ruht allzeit der Tod!“
4. September 1844
[JJ.01_297,01] Von da an blieb das Kind Jesus
zu Hause, verhielt Sich ruhig und gehorsam und verrichtete auch kleine Arbeiten.
[JJ.01_297,02] Es tat keine Zeichen ein
ganzes Jahr hindurch, – also bis in Sein vollends elftes Jahr.
[JJ.01_297,03] Im elften Jahre aber verübte
Es wieder drei bedeutende Wunderwerke, und diese sollen hier kurz folgen.
[JJ.01_297,04] Im Frühjahre ging dem Joseph
auf einige Tage der Brennholzvorrat aus.
[JJ.01_297,05] Er sandte darum Jakob und
Jesus, weil diese am meisten Zeit hatten, in einen nahen Wald, daß sie allda
Reisig sammeln sollten.
[JJ.01_297,06] Die beiden gingen und taten
emsig, was ihnen Joseph anbefohlen hatte.
[JJ.01_297,07] Jakob aber tummelte sich gar
sehr, und es blieb für Jesus wenig zu sammeln; denn Jakob griff Jesu überall
vor.
[JJ.01_297,08] In solchem seinem Eifer aber
geschah es, daß er nach einem buschigen Reisig griff, unter dem sich eine
giftige Natter befand.
[JJ.01_297,09] Die Natter biß den Jakob in
die Hand, da fiel Jakob um vor Schmerz und Entsetzen. Die Hand schwoll
plötzlich auf, und Jakob bog sich rücklings und gab Zeichen des Todes.
[JJ.01_297,10] Da sprang Jesus hinzu, blies
in die Wunde, und mit Jakob war es augenblicklich besser.
[JJ.01_297,11] Die Natter aber wurde
entsetzlich aufgetrieben und zerplatzte in tausend Stücke!
[JJ.01_297,12] Darnach aber sprach Jesus zum
Jakob: „Eile mit Weile! – In aller Weltarbeit, wenn sie zu eifrig betrieben
wird, liegt der Tod!
[JJ.01_297,13] Daher ist's besser, zu sein
faul für die Welt, aber um so eifriger für den Geist zu sein bei jeder
Gelegenheit!
[JJ.01_297,14] Also aber sollen die
Weltfleißigen stets den Tod ihrer Seele in ihrem Eifer ums Irdische finden!
[JJ.01_297,15] Ich aber werde die
Weltmüßiggänger aufsuchen und werde sie in Meinen Dienst nehmen für ewig; und
denen, die nur eine Stunde des Tages gearbeitet haben, werde Ich gleichen Lohn
geben mit denen, die den ganzen Tag über fleißigst gearbeitet haben!
[JJ.01_297,16] Wohl jedem Faulenzer für die
Welt; wehe aber jedem Fleißigen in den Geschäften der Welt! Der erste wird sein
Mein Freund – und der zweite Mein Feind!“ – –
[JJ.01_297,17] Jakob merkte sich diese Worte
und lebte darnach und machte sich nichts daraus, wenn er auch öfter den Namen
„der Faule und Träge“ bekam;
[JJ.01_297,18] aber er war von da an desto
eifriger in seinem Herzen mit Jesum beschäftigt und gewann endlos viel dabei. –
[JJ.01_297,19] Bald darauf, in zwei Tagen,
starb einer Nachbarin, die eine Witwe war, ihr einziges Söhnchen, und sie
weinte viel darum.
[JJ.01_297,20] Da ging Jesus mit Seinem Jakob
auch dahin, zu besehen den verstorbenen Knaben.
[JJ.01_297,21] Da Er aber die heftig weinende
Witwe sah, da dauerte sie Ihn, und Er ergriff den toten Knaben bei der Hand und
sprach: „Kephas! – Ich sage dir, stehe auf, und betrübe nimmer das Herz deiner
Mutter!“
[JJ.01_297,22] Hier stand der Knabe plötzlich
auf und begrüßte lächelnd alle Anwesenden.
[JJ.01_297,23] Da war es aus bei der Witwe,
und sie sprach: „O wer doch ist dieser Sohn Josephs, daß er mit einem Worte
vermag die Toten zu erwecken?! – Ist er ein Gott, oder ein Engel?!“
[JJ.01_297,24] Jesus aber sprach zur Witwe:
„Frage nicht weiter, sondern gebe dem Kephas Milch, auf daß es vollends besser
werde mit ihm!“
[JJ.01_297,25] Und die Witwe ging sobald und
brachte erwärmte Milch dem Knaben, – und dieser ward darauf vollends gesund.
[JJ.01_297,26] Da wollten alle Jesum anzubeten
anfangen; Er aber eilte davon, traf andere Kinder und spielte mit ihnen auf
eine sehr weise Art. –
[JJ.01_297,27] Als Er aber also da spielte,
da fiel bei einem andern Hause, das da von einigen Stadtzimmerleuten
ausgebessert ward, ein Mensch, brach sich das Genick und war sogleich tot.
[JJ.01_297,28] Da kamen sogleich eine Menge
Menschen zusammen und betrauerten den Unglücklichen, und es war da ein großer
Lärm.
[JJ.01_297,29] Als Jesus diesen Lärm hörte,
da ging Er mit dem Jakob auch hinzu, drängte Sich bis zum Toten und sagte zu
ihm:
[JJ.01_297,30] „Mallas! – Ich sage dir, stehe
wieder auf und arbeite! – Nagle aber deine Latten besser an, sonst fällst du
noch einmal!
[JJ.01_297,31] Denn es kommt nicht darauf an,
wie viel du gearbeitet hast, sondern wie du gearbeitet hast! – Im Neide aber
ruht allzeit der Tod!“
[JJ.01_297,32] Darauf entfernte Sich Jesus
schnell wieder, und der Tote stand wieder also gesund auf und arbeitete also
kräftig weiter, als wäre ihm nichts geschehen. – Die Worte Jesu aber behielt er
in seinem Herzen. – –
[JJ.01_297,33] Diese drei Wunder geschahen
nacheinander in kurzer Frist, und alle Nachbarn wollten darum Jesum anzubeten
anfangen.
[JJ.01_297,34] Jesus aber untersagte ihnen
solches und ließ Sich darauf etliche Wochen nicht sehen im Dorfe.
[JJ.01_297,35] Im Hause Josephs aber wurden
die drei Taten wohl gemerkt, und es ist viel darüber geredet worden. – –
[JJ.01_298] 298. Kapitel – Kurze Schilderung
der Tempelszene des zwölfjährigen Jesus durch Seinen Bruder Jakob. Jesus zieht
Sich nun ganz zurück bis zur Hochzeit zu Kana.
[JJ.01_298,01] Von da an zog Sich Jesus
zurück und verübte offen keine Tatenwunder mehr bis zur Zeit der Hochzeit zu
Kana in Galiläa.
[JJ.01_298,02] Nur im zwölften Jahre verübte
der Knabe Jesus, da Er zum Feste nach Jerusalem zum ersten Male kam, im Tempel,
wie es im Evangelium bekanntgegeben ist, ein Wunder unter den Gelehrten durch
Seine Weisheit, –
[JJ.01_298,03] welches Wunder ich, Jakob, da
ich nicht zugegen war, mir erst später vom Herrn Selbst habe kundgeben lassen,
das kurz beschrieben darin bestand:
[JJ.01_298,04] Im großen Gedränge verloren
Joseph und Maria Jesum im Tempel und meinten, da Er nicht bei ihnen war, so
würde Er sicher mit der Salome oder noch sonstigen Verwandten und Bekannten
schon heimgezogen sein.
[JJ.01_298,05] Und so gingen die beiden der
Nazaräer-Karawane nach und trafen sie erst am Abende in der Herberge zwischen
Nazareth und Jerusalem.
[JJ.01_298,06] Da sie aber allda Jesum nicht
fanden, da wurden sie sehr betrübt, nahmen einige Begleiter und zogen in der
Nacht nach Jerusalem zurück.
[JJ.01_298,07] Da angelangt, ging Joseph
sogleich zum Landpfleger Cornelius, der damals noch in Jerusalem das Land pflegte.
[JJ.01_298,08] Joseph gab dem ihm überaus
freundlich entgegenkommenden Cornelius sogleich kund, was ihm begegnet ist,
[JJ.01_298,09] und dieser gab dem Joseph
sogleich eine römische Wache, mit der Joseph alle Häuser durchsuchen durfte.
[JJ.01_298,10] Also durchstöberte Joseph nahe
ganz Jerusalem und fand Jesum dennoch nirgends nach einem drei Tage langen
Suchen.
[JJ.01_298,11] Da ward es den beiden überaus
bange; sie gaben die Wache dem Cornelius ganz traurig zurück und ließen sich
nicht trösten von ihm.
[JJ.01_298,12] Da es aber schon ziemlich
gegen den Abend an der Zeit war, da wollte sie Cornelius bei sich behalten.
[JJ.01_298,13] Joseph aber sprach: „O edler
Freund, ich will ja bei dir verbleiben diese Nacht, aber zuvor muß ich hinauf
in den Tempel und will dort opfern Gott dem Herrn aus und in meinem traurigen
Herzen, das wir verloren haben!“
[JJ.01_298,14] Da ließ Cornelius den Joseph
mit der Maria hinauf in den Tempel ziehen.
[JJ.01_298,15] Und siehe, da fanden sie Jesum
unter den Gelehrten sitzend, wie Er sie befragte, belehrte und ihnen auf ihre
Fragen Antworten gab, daß sich darob alle höchlichst erstaunten;
[JJ.01_298,16] denn Er erklärte ihnen die
geheimsten Stellen aus den Propheten, belehrte sie über die Sterne, über ihre
Bahnen, über ihr Grundlicht, über ihr zweites, drittes, viertes, fünftes und
sechstes und siebentes Licht.
[JJ.01_298,17] Also beschrieb Er ihnen auch
das Wesen der Erden und zeigte ihnen den physischen, psychischen und geistigen
Zusammenhang der Dinge –
[JJ.01_298,18] und bewies allen die
Unsterblichkeit der Seele auf eine so unerhörte Art, daß darob alle sprachen:
[JJ.01_298,19] „Wahrlich, so etwas ist noch
nie erhört worden! Ein Knabe von zwölf Jahren ist weiser in einem Finger als
wir alle zusammengenommen!“
[JJ.01_298,20] Da traten Joseph und Maria hin
zu Jesum und sprachen zu Ihm:
[JJ.01_298,21] „Aber warum doch hast Du uns
das angetan?! – Siehe, wir haben Dich mit großen Schmerzen drei Tage lang
gesucht und konnten Dich nicht finden!“
[JJ.01_298,22] Jesus aber sprach: „Warum
tatet ihr das? (Draußen nämlich mit Hilfe der Soldaten.)
[JJ.01_298,23] Wußtet ihr denn nicht ehedem
von dem Hause Meines Vaters, und daß Ich darin tun mußte, was da Meines Vaters
ist?!“
[JJ.01_298,24] Die beiden aber verstanden
diese Worte nicht, und Jesus folgte ihnen sogleich willig nach Hause, nachdem
Er zuvor mit ihnen bei Cornelius übernachtet hatte.
[JJ.01_298,25] Die Gelehrten aber priesen die
Maria überglücklich, daß sie ein solches Kind hatte.
[JJ.01_298,26] Von da an zog Sich dann Jesus
ganz zurück und verübte vor den Menschen bis in Sein dreißigstes Jahr kein
Wunder mehr, und lebte und arbeitete dann wie ein jeder andere Mensch. – –
[JJ.01_299] 299. Kapitel – Der Gottmensch Jesus.
Das Verhältnis Seines Menschlichen zu Seinem Göttlichen in Ihm.
9. September 1844
[JJ.01_299,01] Nach dem aber heißt es in der
Schrift: Und Er nahm zu an Gnade und Weisheit vor Gott und den Menschen und
blieb untertänig und gehorsam Seinen Eltern, bis da Er Sein Lehramt antrat.
[JJ.01_299,02] Frage: Wie konnte Jesus denn
als das alleinig ewige Gottwesen an Weisheit und an Gnade vor Gott und den
Menschen zunehmen, da Er doch Gott von Ewigkeit war?
[JJ.01_299,03] Und wie namentlich vor den
Menschen, da Er doch von Ewigkeit das endlos allervollkommenste Wesen war?
[JJ.01_299,04] Um das richtig zu fassen, muß
man Jesum nicht abgeschlossen als den alleinigen Gott ansehen;
[JJ.01_299,05] sondern man muß sich Ihn als
einen Menschen darstellen, in dem die alleinige ewige Gottheit Sich gerade also
untätig scheinend einkerkerte, wie da in eines jeden Menschen Wesen der Geist
eingekerkert ist.
[JJ.01_299,06] Was aber ein jeder Mensch nach
göttlicher Ordnung tun muß, um seinen Geist frei zu machen in sich,
[JJ.01_299,07] das mußte auch der Mensch
Jesus ganz vollernstlich tun, um das Gottwesen in Ihm frei zu machen, auf daß
Er eins würde mit Ihm.
[JJ.01_299,08] Es muß aber jeder Mensch
gewisse Schwächen in sich tragen, die da die gewöhnlichen Fesseln des Geistes
sind, durch die er wie in einer festen Hülse eingeschlossen ist.
[JJ.01_299,09] Die Fesseln können aber erst
dann zersprengt werden, wenn die mit dem Fleische vermengte Seele sich durch
die gerechte Selbstverleugnung also gestärkt hat, daß sie fest genug ist, den
freien Geist zu fassen und zu halten.
[JJ.01_299,10] Aus dem Grunde kann der Mensch
eben auch nur durch allerlei Versuchungen seine Schwächen gewahren und
erfahren, wie und worin sein Geist geknebelt ist.
[JJ.01_299,11] Wenn er dann gerade in diesen
Punkten sich in seiner Seele selbst verleugnet, so löset er dadurch dem Geiste
die Fesseln ab und fesselt damit die Seele.
[JJ.01_299,12] Ist dann mit der gerechten
Zeit die Seele mit allen den ehemaligen Geistesbanden gefestet, so geht dann
freilich ganz natürlich der ganz entfesselte Geist in die ganze starke Seele
über,
[JJ.01_299,13] und diese gelangt dadurch in
alle himmlische Machtvollkommenheit des Geistes und wird dadurch für ewig
vollkommen Eins mit ihm.
[JJ.01_299,14] In dem Ablösen einer Fessel um
die andere aber besteht das Zunehmen der Seele in der geistigen Kraft, welche
da ist die Weisheit und die Gnade.
[JJ.01_299,15] Die Weisheit ist das helle
Schauen der ewigen Ordnung Gottes in sich, und die Gnade ist das ewige
Liebelicht, durch das alle die endlosen und zahllosen Dinge, ihre Verhältnisse
und Wege erleuchtet werden!
[JJ.01_299,16] Wie aber das beim Menschen
also der Fall ist, also war es auch bei dem Gottmenschen Jesus.
[JJ.01_299,17] Seine Seele war gleich wie die
eines jeden Menschen und war mit um so mehr Schwächen behaftet, weil der
allmächtigste Gottgeist Sich Selbst in die gewaltigsten Bande legen mußte, um
in Seiner Seele gehalten werden zu können.
[JJ.01_299,18] Also mußte die Seele Jesu auch
die größten Versuchungen, Sich Selbst verleugnend, bestehen, um ihrem
Gottgeiste die Bande abzunehmen, Sich damit zu stärken für die endloseste
Freiheit des Geistes aller Geister, und also völlig Eins zu werden mit Ihm.
[JJ.01_299,19] Und ebendarin bestand denn
auch das Zunehmen der Weisheit und Gnade der Seele Jesu vor Gott und den
Menschen, und zwar in dem Maße, als Sich der Gottgeist nach und nach stets mehr
und mehr einte mit Seiner freilich göttlichen Seele, welche da war der
eigentliche Sohn.
[JJ.01_300] 300. Kapitel – Das Leben und die
Seelenkämpfe Jesu von Seinem zwölften bis dreißigsten Jahre. Winke und
Beispiele zur Erreichung der Wiedergeburt als Bedingung zum ewigen, seligen
Leben. Schlußbemerkung und Segen des Herrn.
9. September 1844
[JJ.01_300,01] Wie lebte denn nun Jesus, der
Herr, von Seinem zwölften Jahre bis zu Seinem dreißigsten Jahre?
[JJ.01_300,02] Er fühlte in Sich fortwährend
auf das lebendigste die allmächtige Gottheit; Er wußte es in Seiner Seele, daß
alles, was die Unendlichkeit faßt, Seinem leisesten Winke untertan ist und ewig
sein muß.
[JJ.01_300,03] Dazu aber hatte Er den größten
Drang in Seiner Seele, zu herrschen über alles.
[JJ.01_300,04] Stolz, Herrschlust, vollste
Freiheit, Sinn fürs Wohlleben, Weiberlust und dergleichen mehr, also auch Zorn,
waren die Hauptschwächen Seiner Seele.
[JJ.01_300,05] Aber Er kämpfte aus dem Willen
der Seele gegen alle diese gar mächtigsten tödlichsten Triebfedern Seiner
Seele.
[JJ.01_300,06] Den Stolz demütigte Er durch
die Armut; aber welch ein hartes Mittel war das für Den, dem alles zugehörte,
und Er aber dennoch nichts ,Mein‘ nennen durfte!
[JJ.01_300,07] Die Herrschlust bändigte Er
durch die Untertänigkeit und durch den willigsten Gehorsam zu denen, die wie
alle Menschen gegen Ihn – o wie – gar nichts waren!
[JJ.01_300,08] Seine ewige, allerhöchste
Freiheit bestürmte Er eben damit, daß Er Sich, wennschon endlos schwer, den
Menschen wie ein sklavischer Knecht zu den niedrigsten Arbeiten gefangengab.
[JJ.01_300,09] Den stärksten Hang zum
Wohlleben bekämpfte Er durch gar oftmaliges Fasten – aus Not, und auch aus dem
freien Willen Seiner Seele.
[JJ.01_300,10] Die Weiberlust bekämpfte Er
durch nicht selten schwere Arbeit, durch magere Kost, durch Gebet und durch den
Umgang mit weisen Männern.
[JJ.01_300,11] Ja – in diesem Punkte hatte Er
ungemein viel auszustehen, indem Sein Äußeres und der Ton Seiner Rede von
höchst einnehmender Art waren,
[JJ.01_300,12] aus welchem Grunde die fünf
überaus schönen Cyreniusschen Mädchen in Ihn durch die Bank sterbensverliebt
waren und untereinander wetteiferten, Ihm am besten zu gefallen.
[JJ.01_300,13] Ihm gefiel solche Liebe wohl;
aber dennoch mußte Er allzeit zu jeder sagen: „Noli me tangere!“
[JJ.01_300,14] Da Er ferner die Bosheit der
Menschen mit einem Blicke durchsah – und sah ihre Hinterlist und Heuchelei,
Verschmitztheit und ihre Selbstsucht,
[JJ.01_300,15] so ist es auch begreiflich,
daß Er sehr erregbar war und konnte leichtlichst beleidigt und erzürnet werden;
[JJ.01_300,16] aber da mäßigte Er Sein
göttliches Gemüt durch Seine Liebe und darauf erfolgte Erbarmung.
[JJ.01_300,17] Und also übte Er Sein Leben
durch lauter schwerste Selbstverleugnungen, um dadurch die zerrüttete ewige
Ordnung wiederherzustellen!
[JJ.01_300,18] Aus dem aber läßt sich leicht
ersehen, wie Jesus als Mensch die achtzehn Jahre unter beständigen harten
Versuchungen und Bekämpfungen derselben zubrachte. –
[JJ.01_300,19] Und da nun das für jedermann
nutzbringend dargetan ist, so bleibt nichts mehr zu sagen übrig, außer die
dreitägige Verhandlung mit den Weisen und Gelehrten im Tempel, die aber jetzt,
wie noch so manches andere, nicht folgen kann.
[JJ.01_300,20] Daher begnüget euch
einstweilen mit dem, und das andere wird folgen, wenn ihr zum Knechte sagen
werdet:
[JJ.01_300,21] ,Komme, Bruder, zu uns im
Namen des Herrn, und bleibe und wohne bei uns!‘ – –
[JJ.01_300,22] Somit sei auch dies Werk
geschlossen, und Mein Segen und Meine Gnade sei mit euch für und für! Amen,
Amen, Amen. – – –