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Die Haushaltung Gottes Band 2 1. Kapitel — Des heiligen Vaters Liebe und Segen als Zeichen Seiner geistigen Gegenwart[HGt.02_001,01] Und der Abedam fragte sie: „So höret denn: Ich habe mit großem Wohlgefallen die Entäußerung eurer Herzen vernommen; also seid ihr alle wahrlich am allerbesten daran, – aber also, wie Ich jetzt unter euch bin, ihr wisset, kann Ich eures freien Lebens wegen nicht verbleiben und muß euch als sichtbarer Vater bald wieder verlassen! [HGt.02_001,02] Wie dann, so Ich nicht mehr unter euch fußwandeln werde, und ihr bedürfet höherer Kräfte und Mächte? Wer wird da wirkend unter euch in Meinem Namen auftreten? [HGt.02_001,03] Wer wird euch da sogleich beschützen vor jeglichem Übel; und wer wird alsobald abwenden alle grausamlich argen Nachstellungen der Welt von euren Herzen, so da niemandem von euch allen innewohnen möchte eine höhere Kraft und Macht als ein teurer Nachlaß von Mir an euch alle, als ein mächtiger Schutz gegen alle Nachstellungen und Versuchungen der Schlange? [HGt.02_001,04] Bedenket euch, und antwortet Mir! Amen.“ [HGt.02_001,05] Und alle die also prüfend Gefragten antworteten einstimmig: „O Emanuel, Deine Worte sind mehr denn nur die allerreinste Wahrheit allein; o Abba, sie sind Liebe! [HGt.02_001,06] Daher, wenn unsere fleischlichen Augen auch nicht mehr Dich, o heiliger Vater, Selbst zu sehen werden von Dir die unaussprechliche Gnade haben, wie wir sie jetzt allerunwürdigstermaßen haben, so wirst Du, o Abba, aber ja doch Deine Liebe nicht von uns mit Deiner zurückgekehrten heiligen Sichtbarkeit nehmen, sondern uns verlassenen Kindern gestatten, unsere Herzen an Deiner unendlichen und über alles heiligen Vaterliebe zu wärmen und neu zu beleben. [HGt.02_001,07] O Abba! Dieses allein bitten wir von Dir, daß Du uns allen ewig Vater verbleiben möchtest und uns mit Deiner segnenden Hand nie verlassen möchtest, – so haben wir alle der Kraft und Macht genug, allen Versuchungen zu widerstehen und alle Gefahren der Welt anzukämpfen und völlig zu besiegen! [HGt.02_001,08] Dein heiliger Wille geschehe jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_001,09] Und der Abedam rief mit starker, bewegter Stimme aus: „Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, so ihr Meine Liebe habt, da habt ihr alles, – ja mehr, als es alle Himmel der Himmel ewig je erfassen möchten! [HGt.02_001,10] Ihr habt euch den höchsten Lohn auserkoren, welcher euch ewig bleiben wird, und niemand wird ihn euch nehmen! [HGt.02_001,11] Wahrlich, wer in Meiner Liebe treu verbleiben wird, von dem wird der Tod fliehen und weichen wie der Schnee vor den heißen Strahlen der Mittagssonne des Sommers! [HGt.02_001,12] Und so denn bleibe Ich in der Liebe bei euch jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.“ 2. Kapitel — Der Urväter größte Sorge: Das Werben um des Vaters Liebe und Gnade[HGt.02_002,01] Und alle waren außer sich vor Freuden und dankten in ihren Herzen inbrünstigst dem Abedam für solche Verheißung, die da wahrlich ist eine Verheißung aller Verheißungen, da in ihr das nur allein wahre Leben und also auch alle lebendige Kraft und Macht zur Bezwingung und Besiegung aller Dinge wohnt. [HGt.02_002,02] Da solches diese Urväter wohl wußten, darum bewarben sie sich auch alle auf das emsigste und allein sorgsamste darum, ja, das alleinige Bewerben um Meine Liebe und ihr verbundene Gnade war ihre alleinige Sorge, und das lebendige Streben darnach die einzige Schule und Selbstaufgabe ihres irdischen Lebens, – darum aber auch schon ihre Kinder in einem Alter von sechs bis zehn Jahren weiser und unvergleichbar verständiger waren denn jetzt in dieser nota bene allerfinstersten, wahrhaft allerscheußlichsten Zeit aller Zeiten die allergrößten Gelehrten, die nun nicht viel mehr wissen, als damals die Kinderchen an den Brüsten der Mütter wußten. [HGt.02_002,03] Denn diese Muttermilch enthielt damals, selbst materiell genommen, nicht selten mehr, denn jetzt in dieser sogenannten aufgeklärten Zeit die größten von Staub und Motten zernagten Bibliotheken der Gelehrten. [HGt.02_002,04] Was aber enthält jetzt die Muttermilch? – Ich mag es nicht aussprechen! – Oh, was war das Weib damals, und was ist es jetzt! [HGt.02_002,05] Ich sage euch, unter sieben Tausenden gibt es kaum eine, die da nicht durch ihre überverteufelte Putz- und Gefallsucht nicht selten in einer Sekunde – wohlverstanden in einer Sekunde! – bei hundert Todsünden begeht! [HGt.02_002,06] Denn wie sehen jetzt ihre verfluchten Kleider aus, besonders an den öffentlichen Orten? [HGt.02_002,07] Ich mag sie nicht näher bestimmen; nur so viel sage Ich euch, daß zu Hanoch selbst in den letzten allerverworfensten Zeiten die offenbarsten Tageshuren viel züchtiger und ehrsamer sich kleideten und die Hauptschamteile ihres Leibes bei weitem mehr verborgen hielten denn jetzt ein Frauenzimmer von der züchtigsten Art! [HGt.02_002,08] Hatte damals eine solche Tageshure eine Sache mit einem Manne, so war sie selbst in diesem sich ganz hingebenden Momente also verschleiert und bedeckt, daß der lüsterne Mann von ihr lediglich nichts zu sehen bekam denn allein, darum er zu ihr kam. [HGt.02_002,09] Aber jetzt fängt schon ein zehnjähriges Kind von einem Frauenzimmer an, ihre hervorstechenden Reize zu erkennen, besieht sich zu wiederholten Malen in einem verteufelten Spiegel, – und wird sie dann erwachsener und erwachsener und gewahret an sich einen nur einigermaßen üppigen Leib, da möchte sie sich aber auch schon beinahe ganz halbnackt tragen, wenn es nur halbwegs Mode wäre und die Stadtwachen solches duldeten! [HGt.02_002,10] Doch, was sie sich offenbar zu tun nicht getraut, das tut sie doch vollkommen in ihrem Herzen und studiert und sinnt nur darauf, alle Männer zu verbrennen und zu vergeilen. [HGt.02_002,11] Wahrlich, wahrlich, sage Ich, eine Frauensperson in der Zeit ist ärger denn ein Hunderttausend der ärgsten Teufel aus der untersten Hölle! Die fliehen doch vor Meinem Namen; eine solche Weibsfigur aber lacht nur über Mich und Meinen Namen und beugt sich nicht im allergeringsten vor Mir, und also auch noch viel weniger vor Meinem Namen, vor dem sich doch alle Himmel, alle Welten und alle Höllen vor Ehrfurcht beugen müssen! [HGt.02_002,12] Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch – wie Ich es vielen in der Zeit schon gesagt habe, entweder offenbar durch wohlvernehmliche Worte oder durch ein heimliches Gefühl im Herzen –, es wäre den Frauenzimmern dieser Zeit unaussprechlich viel besser, so da wäre jede von zehn Millionen Teufeln besessen! Da wäre sie doch noch davon zu befreien; denn für alle diese zehn Millionen Teufel langte die Kraft Meines Namens hinreichend aus, sie alle auszutreiben. [HGt.02_002,13] Rufe aber auch Meinen Namen zehn Jahre lang über eine jetztzeitige Putzfigur aus, und sie wird von ihrer grenzenlosen Schamlosigkeit und Putz-, Hoffart-, Gefall- und Fang- und Verlocksucht auch nicht einen Faden fahrenlassen! [HGt.02_002,14] Meinst du, derlei Geschöpfe werden dereinst in die Hölle kommen, etwa in die unterste? Da irrst du dich! So arg und böse und überschrecklich es da auch immer aussehen mag und wirklich aussieht und ist, so wäre aber dieser Ort doch noch viel zu gut für derlei Wesen; denn alle Satane und Teufel allda fliehen doch vor Meinem Namen, müssen sich auf den Boden werfen sogar schon vor jeglichem dahin gesandten Strafengel. Tun solches auch diese Weltfiguren?! [HGt.02_002,15] Daher ist für sie auch schon gehörig gesorgt auf eine selbst für die höchsten Engel unerhörte Weise! [HGt.02_002,16] Wenn sie dieses ihr scheußliches Erdenleben gar bald elendst genug beenden werden müssen und sich nicht vom Grunde aus bessern werden und werden Mir Früchte der wahren innersten Buße bringen, wahrlich, wahrlich, wahrlich, diese Brut soll dereinst die ganze unendliche Fülle Meines Zornes ewig, ewig, ewig auf das allerfühlbarste empfinden! [HGt.02_002,17] O du, Meine reine Ghemela, siehe, welch ein endloser Unterschied da nur waltet zwischen dir und den Weibern und Mägden dieser Zeit! Welch eine Kluft, – die zwei Unendlichkeiten scheidet. [HGt.02_002,18] Du, o Ghemela, ruhst auf Meinem Herzen; diese aber haben sich so weit, Mich verachtend, von Mir entfernt, daß sie Meine sonst endlos weit langende Hand doch nimmerdar zu erreichen vermag. Siehe, sie sind in eine zweite Unendlichkeit von Mir abgewichen, ja, in die Unendlichkeit Meines allerbittersten Zornes sind sie gewichen! [HGt.02_002,19] Doch nichts mehr davon, – sonst könnte Ich vor der Zeit ergrimmen! [HGt.02_002,20] Daher gehen wir wieder in unsere schöne Urzeit zurück! – [HGt.02_002,21] Und da der hohe Abedam ihre tief dankbarsten Herzen ansah, da erregte Er Sich abermals und sagte laut zu allen: [HGt.02_002,22] „Wahrlich, sage Ich euch, die ihr seid von nun an Meine auserwählten Kinder, – Ich werde euch nie verlassen! [HGt.02_002,23] Solange ihr eure Herzen werdet zu Mir gekehrt haben, da werde Ich sein mit Meiner Liebe segnend bei euch allen und jeglichem besonders nach dem Maße seiner Liebe zu Mir und daraus zu seinem Bruder; und die flammenden Herzens sollen Mich sogar nicht selten zu Gesichte bekommen, besonders wenn sie ihre Herzen vom Anbeginne ihres Seins rein erhalten haben und sich nicht so leicht haben von der Welt berennen lassen! [HGt.02_002,24] Behaltet in euren Herzen diese Verheißung; denn also sollet ihr sein und bleiben in aller Kraft, Macht und unbesiegbaren Stärke aus dieser Verheißung heraus, darum euch alle Naturwelt untertan sein soll. [HGt.02_002,25] Wenn ihr aber von der Verheißung in euren Herzen abweichen werdet, so werdet ihr nach dem Verhältnisse eurer Abweichung auch eure Stärke nach und nach verlieren, und Ich werde euch dann stets fremder und fremder werden, und Meine Ohren werden eurem Munde verschlossen werden! [HGt.02_002,26] Beachtet dieses wohl, und bedenket es tief in euren Herzen, wer Der ist, der dieses jetzt zu euch geredet hat! Amen.“ 3. Kapitel — Lamech und Ghemela, vom Herrn zusammengeführt[HGt.02_003,01] Nach dieser Rede aber berief der hohe Abedam den Lamech zu Sich und stellte ihn der Ghemela vor und fragte sie: [HGt.02_003,02] „Meine geliebteste Ghemela, siehe diesen Mann an; sein Name ist Lamech, der da ist dir gleich voll der lebendig flammenden Liebe zu Mir. Siehe, diesen Mann will Ich dir geben; denn Ich weiß, er wird dich eher nicht anrühren, als bis Ich ihn zu dir führen werde. [HGt.02_003,03] Daher hast du nichts zu fürchten; denn also rein du bist in deinem Herzen und bist voll Keuschheit, siehe, desgleichen ist es auch er! Wie du nach ihm kein Verlangen in deinem Herzen trägst, sondern allein nach Mir, also ist auch er beschaffen; wie du vor ihm fliehen möchtest, siehe, desgleichen möchte auch er! [HGt.02_003,04] Siehe, er ist in allem dir völlig ähnlich; wie du, so hat auch er an Meiner Brust der heißesten Liebe Tränen geweint! [HGt.02_003,05] Und siehe, so jung er auch noch ist, so ist er aber doch voll der höchsten Weisheit, deren nur je ein freier Mensch fähig ist, und besitzt eine große Macht und Stärke nun, die ihm geworden ist aus seiner ebenso mächtigen Liebe zu Mir! [HGt.02_003,06] So du dich aber von seiner wahren Liebeweisheit aus Mir in ihm überzeugen magst, so gestatte Ich dir, ihm was immer für eine Frage zu geben, darauf er dir dann antworten mag aus seinem eigenen Herzen. [HGt.02_003,07] Und also frage du ihn, als so du Mich fragen möchtest!“ [HGt.02_003,08] Die Ghemela aber scheute sich sehr vor dem Lamech und getraute sich ihn nicht anzusehen und sagte zum Abedam: [HGt.02_003,09] „O Du mein allergeliebtester Jehova, siehe, ich kann nichts herausbringen; denn ich fürchte mich ganz gewaltig vor ihm! [HGt.02_003,10] Wenn ich Dir gehorchen soll, da befreie Du, mein allein geliebtester Jehova, mein Herz von dieser großen Angst! [HGt.02_003,11] Ich, Deine Dich allein liebende Ghemela, bitte Dich darum; aber nur, so Du es willst!“ [HGt.02_003,12] Und der Abedam rührte sie an und sprach zu ihr: „Ghemela, du Reine, dir geschehe nach deiner Liebe zu Mir! Amen.“ [HGt.02_003,13] Und alsbald durchströmte die Brust der Ghemela ein sanftes Wehen; sie ward von ihrer Angst befreit, richtete sich auf, bekam Mut und fragte sogleich den Lamech: [HGt.02_003,14] „Lamech! Könntest du mich, eine arme Magd vor deiner Urstammgröße, neben deiner Liebe zu Jehova wohl auch noch lieben? [HGt.02_003,15] Wäre dir solches möglich? Denn siehe, ich mag nichts denn nur meinen Jehova lieben – und von Ihm aus erst dann alles andere, insoweit es Seine Liebe und Erbarmung in sich birgt und trägt und mir dienen kann zu einem Wegweiser zu Ihm! – Möchtest du mir nun antworten auf diese meine Herzensfrage?“ [HGt.02_003,16] Und der Lamech fiel hin auf die Brust des Abedam und sagte weinend: „O Du mein allerheiligster, von mir über alles geliebtester Abba Emanuel Abedam! [HGt.02_003,17] Vergib mir; siehe, mein Herz ist von der Liebe zu Dir so heiß erfüllt, daß es keiner anderen Liebe mehr fähig ist denn allein der süßesten, reinsten, heiligen Liebe zu Dir! [HGt.02_003,18] O Du mein heiliger, guter, liebevollster Vater, solches weißt Du ja; habe ich denn gesündigt vor Dir, darum Du mich jetzt strafen willst? [HGt.02_003,19] Wer auch diese Ghemela sein mag, siehe, ich habe ja nie nach ihr verlangt, wie nach keinem Wesen ihres Geschlechtes! Mein Herz war ja allzeit nur nach Dir gerichtet; solches weiß ja jeder meiner Väter vom Seth abwärts bis zu meinem Leibesvater Mathusalah! [HGt.02_003,20] O Abba Emanuel! Sei mir barmherzig und gnädig, so ich etwa, mir unbewußtermaßen, vor Deinen allsehendsten, allerheiligsten Augen einen Fehltritt gemacht habe, und erlasse mir diese mir so schrecklich groß scheinende, ja in aller Wahrheit übergroß vorkommende Strafe, – und gestatte mir, zu schweigen auf die Frage, obschon sie ist voll des reinsten Verlangens, aber dennoch kam aus einem Munde, einen solchen ich noch nie erkannt habe! O Abba, Emanuel, Abedam! Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_003,21] Und der Abedam aber griff dem Lamech unter den Arm und hob ihn ein wenig von der Erde empor, stellte ihn dann wieder sanft auf den Boden und sagte darauf zu ihm: [HGt.02_003,22] „Höre, Lamech, du bist ein eigener Mensch; deine Liebe zu Mir ist größer denn dein Vertrauen! Du liebst Mich aus allen deinen Kräften, – ja, mit aller dir ertragbar möglichen Glut deines Herzens liebst du Mich; aber was dein Vertrauen betrifft, so steht dieses in gar keinem Verhältnisse mit deiner so glühenden Liebe. [HGt.02_003,23] Wie kann es dir aber bei Meiner Liebe gegen dich und bei deiner Liebe gegen Mich auch nur selbst um die mitte Nacht beifallen, Ich möchte oder könnte dir, da Ich dir aus dem Himmel einen Lohn in aller Reinheit bestimmte, eine Strafe bescheiden?! [HGt.02_003,24] Könntest du solches gegen einen weltfremden Menschen, der dich über alles lieben würde, verhängen? [HGt.02_003,25] Wie magst du denn so etwas dir von Mir beifallen lassen? Und das aus purer Schwäche deines fest sein sollenden Vertrauens zu Mir? [HGt.02_003,26] Siehe, was sich Mir nähern kann wie diese Ghemela, eine allerreinste Tochter des Zuriel, und daher sicher Meiner Liebe völlig würdig ist, – was Ich auf Meinen Händen getragen habe, – wie sollte dir so etwas je zu einer Strafe gereichen?! [HGt.02_003,27] Daher aber sagte Ich dir jetzt dieses, auf daß du dir solches wohl zu Gemüte führen solltest und sollest wohl bedenken, welchen Wert eine Gabe hat, die du aus Meiner Hand empfängst! [HGt.02_003,28] Siehe, sie hat außer ihrem Vater noch nie einen Mann in ihrem Herzen erkannt – darum sie eine große Angst ergriff bei der Nennung deines Namens schon, geschweige erst beim Anblicke deiner Person! [HGt.02_003,29] Ich forderte sie auf, dich um etwas zu befragen, da bebte sie vor großer Scheu vor dir am ganzen Leibe; allein sie gedachte bei ihrer großen Furcht, daß sie Mir Gehorsam schuldig ist, darum sie Mich um Stärkung bat, um Mir gehorchen zu können. [HGt.02_003,30] Hast du denn solches an ihr nicht bemerkt?! Wie kannst denn du hernach Meinen Willen, durch sie an dich gerichtet, für eine Strafe halten?! [HGt.02_003,31] Kennete Ich dich nicht in deiner Reinheit und größten Liebe zu Mir, so wärest du jetzt dieses Lohnes verlustig geworden! Allein für dich spricht die reine Flamme deines Herzens; daher hast du keine Schuld vor Mir, sondern allein eine kleine vor der reinsten Ghemela. [HGt.02_003,32] Gib ihr darum, was sie, durch Meinen Willen getrieben, von dir verlangte, damit du auch diese Schuld tilgest! Amen.“ [HGt.02_003,33] Und der Lamech erkannte seinen Irrtum, bat die zitternde Ghemela um Vergebung und gab ihr dann eine wahrhaft Meiner würdige Versicherung seiner reinen Liebe zu ihr, darob er, sie und alle Umstehenden zu den freudigsten Tränen gerührt wurden. [HGt.02_003,34] Und also wurde sie sein alleiniges geliebtes Weib; es blieben aber beide keusch bis in die späteste Zeit, da der Lamech hundertzweiundachtzig Jahre alt wurde und sodann erst auf Mein Geheiß den Noha zeugte. [HGt.02_003,35] Sehet, das war eine Ehe, wahrhaft im Himmel geschlossen! Also sollen alle Ehen geschlossen sein – und werden! 4. Kapitel — Der dem Herrn wohlgefälligste Dank: die wortlose Liebe in der tiefsten Demut des Herzens. Lamech und Ghemela, das reinste Ehepaar der Urzeit[HGt.02_004,01] Du wünschest des Lamech Rede an die Ghemela zu vernehmen; so mag sie hier ja auch folgen. [HGt.02_004,02] Also aber lautete die Abbitte und die Liebeversicherung von Seite des Lamech an die Ghemela, nachdem er zuvor noch Mir tiefst im Herzen für die Ermahnung dankte, wie da nun folgt: [HGt.02_004,03] „O Abba Abedam! Du siehst und sahest ja schon von Ewigkeit her mein Herz, – daß es schon von der frühesten Kindheit sich mit nichts als nur mit Dir beschäftigte, von nichts als nur von Dir und Deinen endlosen Wunderwerken nicht selten sogar manchmal zum Überdrusse der Väter unermüdet gerne plauderte, – ja daß ich selbst oft aus allen meinen Stimm- und Leibeskräften in meiner übergroßen Freude, so ich nur den Namen Jehova nennen hörte, sang und sprang. [HGt.02_004,04] Solches hast Du, o Abba Abedam, allzeit an mir gesehen, und all die Väter waren nicht selten zeitweise Zeugen meines lauten Frohsinns in Deinem Namen. [HGt.02_004,05] Siehe, weil ich nie etwas anderes denn allein nur Dich in meinem Herzen liebend erfaßt habe, darum auch kam es mir nun ganz entsetzlich vor, meine Liebe zu Dir teilen zu müssen; denn ich wußte nicht, wie innigst die Liebe der Ghemela mit Deinem Herzen verbunden ist! Allein Dir, o Abba, alle Liebe, allen Preis, alles Lob, allen Dank, daß Du mir nun erleuchtet hast mein Herz, – darum ich jetzt ersehe, daß durch den Besitz Ghemelas meine Liebe zu Dir nicht nur nicht geteilt, sondern nur mit ihrer Liebe um vieles verstärkt und vermehrt wird! [HGt.02_004,06] Du hast ihr ein ewiges Zeugnis gegeben, wie rein sie ist, und wie völlig Deiner Liebe würdig. [HGt.02_004,07] Ja, ich erkenne nun, wie sie Dich erwählt hat zum alleinigen Gegenstande ihrer reinsten und heißesten Liebe; so hast auch Du sie Dir erwählt für Dein der allerunendlichst höchsten Liebe vollstes, über alles heiligstes Vaterherz! [HGt.02_004,08] Ja, ich erkenne nun auch, daß Du mich allergnädigst ausersehen hast, dieses herrliche Kleinod Deiner Liebe mir anzuvertrauen, auf daß ich es mit Deiner Liebe und Gnade in mir Dir getreu beschützen und so rein, wie es jetzt, Dir wohlgefällig, ist, fortwährend erhalten solle! [HGt.02_004,09] Siehe, So Abba Abedam, solches erkenne ich nun durch Deine heilige Vatermilde und durch Deine Gnade; es ist alles herrlich und recht! Aber nun kommt eine andere Frage, welche da ist eine Frage von der höchsten Wichtigkeit für mich, und diese Frage lautet: [HGt.02_004,10] ,O du allerliebevollster, heiliger, guter Vater! Wie aber soll ich Dir danken für solche Gnade, Liebe und Erbarmung, daß Du mich Nichts – vor Dir – gewürdigt hast eines solchen heiligen Amtes, da ich beschützen und bewahren soll diejenige, die Du auf Deinen heiligen Händen getragen hast und hast sie gesegnet für Dich und hast ihr Herz erfüllt mit Deiner Liebe?‘ [HGt.02_004,11] O Abba, sage mir doch gnädigst, was ich nun tun soll, um Dir für diese so endlose Gnade doch nur einigermaßen gebührendst danken zu können!“ [HGt.02_004,12] Und der Abedam entgegnete ihm: „Höre du, Mein geliebter Lamech, so jemand die Größe Meiner Erbarmung und Gnade an sich und in sich lebendigst erkennet, daß er dann in seinem Herzen zu Mir für immer erbrennt, so zwar, daß er sich Dankes ohnmächtig fühlt ob der Größe Meiner Wohltat an ihm, und findet auch keine Worte, mit denen er das seines Dankes ausdrücken möchte, wovon sein ganzes Inneres in den höchsten und reinsten Flammen der Liebe seines Herzens zu Mir steht, – siehe, das ist der Mir wohlgefälligste Dank! [HGt.02_004,13] Denn, wer noch mit Worten Mir danken und Mich loben und preisen kann, der hat die Größe Meiner Wohltat, die Ich ihm angedeihen ließ, noch nicht in ihrer endlosen Größe zu beachten angefangen, und hat auch Mich, den großen, heiligen Geber, noch nicht erkannt, darum er dann auch die innerste Tiefe der wahren Demut in sich noch nicht ergriffen hat und seine Zunge auf weltliche Weise in Bewegung zu setzen vermag! [HGt.02_004,14] Siehe, an einem solchen Zungendanke habe Ich kein Wohlgefallen, und wenn er selbst aus den Worten der allerhöchsten Engel bestünde! [HGt.02_004,15] Wie es aber mit dem Wortdanke sich verhält, so verhält es sich auch mit dem Tatdanke. Wer da dächte, er könne sich durch seine Handlungen Mir dankbar bezeigen, so sie entsprechen möchten völlig Meinem Willen, siehe, der auch ist in einer großen Irre; denn was kann jemand denn tun, daß Ich seines Dienstes benötigte, als könnte Ich solches ohne ihn nicht zuwege bringen?! [HGt.02_004,16] Wer da Meinen Willen mag vollziehen, durch wen mag er denn solches? [HGt.02_004,17] Ist es nicht Meine Kraft in ihm, die solches ihn vollbringen macht, dafür er Mir ja doch wieder nur den höchsten Dank schuldig ist?! [HGt.02_004,18] Wie möchte aber jemand Mir damit danken, dafür er Mir nur den Dank alles Dankes schuldet?! [HGt.02_004,19] Wer mir alsonach aber allein gültig und wohlgefällig danken will, der danke Mir durch die Liebe wortlos in der tiefsten Demut seines Herzens, und Ich werde seinen Dank ansehen und ihn also annehmen, als wäre er etwas vor Mir! [HGt.02_004,20] Und siehe, du Mein geliebter Lamech, also ist auch dein Dank ein rechter Dank, da du nicht weißt, wo du anfangen und wo du enden sollst, da dich die Erkenntnis der Größe Meiner Liebe und Erbarmung zu dir verschlungen hat und du nichts mehr und weiter kannst als Mich nur über alles lieben! [HGt.02_004,21] Damit du aber vollkommen versichert bist Meines Wohlgefallens, so wende dich nun zu der Ghemela, und gib ihr die verlangte Antwort! Amen.“ [HGt.02_004,22] Und der Lamech trat alsbald hin zu der Ghemela und sagte zu ihr: „Ghemela, du reinste Geliebte Jehovas, du wirst mir ja wohl vergeben in deinem reinen, von heiliger Liebe erfüllten Herzen, darum ich aus eben dem Grunde mich gegen dich unartig benommen habe; denn siehe, da ich vor dir nie ein Wesen deiner Art angesehen habe und alle meine Sinne nur zu deinem und meinem Jehova gerichtet waren, so war es ja wohl auch natürlich, daß ich dich für ein paar Augenblicke übersehen mochte, da ich fürchtete, meine Liebe zwischen dir und Jehova teilen zu müssen, zu welcher unklugen Idee mich – glaube es mir – so ganz eigentlich deine Frage selbst verleitete. Allein, wie du es selbst sicher verständlich genug vernommen haben wirst, da mir hier mein, dein und unser aller allein geliebtester Abba Abedam Emanuel allergnädigst die Augen geöffnet hat und gezeigt hat Seine heilige Absicht und mir nun vollends klar geworden ist, daß ich meine Liebe zu Ihm allein nicht zu teilen nötig habe zwischen Ihm und dir, sondern daß ich dadurch meine Liebe zu Ihm nur erhöhen kann, und das stets mehr und mehr, und dazu noch vollends erkannt habe deine Reinheit – darum glaube ich auch fest, du wirst mir aus demselben heiligen Grunde meine Unart nachsehen, aus welchem Grunde ich mich gegen dich ein wenig versündigt habe!“ [HGt.02_004,23] Und die Ghemela schob ein wenig ihr überreiches Goldhaar von ihrem Angesichte und sah den Lamech freundlichst an. [HGt.02_004,24] Als der Lamech nun ihr himmlisch schönes Antlitz gesehen hatte, da verlor er beinahe den Atem und wandte sich alsbald wieder an den Abedam und sagte in der tiefsten Rührung seines Herzens: [HGt.02_004,25] „Nein, nein, o Du heiliger Vater, – solch eines überhimmlischen Lohnes bin ich mitnichten würdig! Wahrlich, wahrlich, vor diesem überhimmlischen Engel bin ich ja nur ein finsterer, sündiger Wurm im Staube der Erde! [HGt.02_004,26] Nein, nein, Du heiliger Vater, jetzt erst erkenne ich meine vollste Unwürdigkeit! O wie gar nichts muß vor Dir meine Liebe zu Dir gegen die Liebe dieses reinsten Engels sein! [HGt.02_004,27] Wahrlich, es wäre mir leichter, mit den offensten Augen schnurgerade in die Mittagssonne zu schauen, als nur drei Augenblicke lang das Antlitz dieses überhimmlisch reinen und unaussprechlich schönen Engels Deiner Liebe, o Du heiliger Vater, anzublicken! [HGt.02_004,28] Wenn Zuriel ihr Vater ist, wenn es überhaupt möglich ist, daß ein Mensch je Vater eines solchen Engels sein oder werden kann, so gib, o Du heiliger Vater, ihm sie wieder zurück, auf daß er sie fürder noch, wie bis jetzt, beschütze und getreulichst bewahre! – Doch Dein heiliger Wille geschehe!“ [HGt.02_004,29] Es fing aber der Zuriel an zu weinen und trat hin zum Lamech und sagte zu ihm: „O Lamech, warum schlägst du meine Tochter aus, da sie dir doch Jehova Selbst zuerkannt hat? – Sei nicht so hart, und siehe hin, wie sie weint!“ [HGt.02_004,30] Der Abedam aber sagte zum Zuriel: „Zuriel, sei ruhig und kümmere dich nicht der Tränen Ghemelas, und denke dir: Was Ich zusammengefügt habe, wird keine weltliche Macht mehr trennen! [HGt.02_004,31] Siehe, der Lamech ist nicht hart, sondern nur zu weich ist er, – darum Ich ihn nun feste, auf daß er wird der Mann deiner, aber mehr noch – verstehe es! – Meiner Tochter! [HGt.02_004,32] Und du, Lamech, beuge dich zur Ghemela, reiche ihr deine rechte Hand, und erhebe sie dir zum Weibe, und stelle sie an deiner Liebe Seite vor Mir her, damit Ich euch segne für alle Zeiten der Zeiten! Amen.“ [HGt.02_004,33] Und der Lamech ließ sich nun zu diesem Geschäfte nicht mehr zwei Gebote geben, sondern er gehorchte reinen Geistes, bückte sich zur Ghemela nieder und redete sie mit folgenden Worten an: [HGt.02_004,34] „O Ghemela, du meine schutzbefohlene Liebe Abba Emanuels, so lasse dich denn erheben von mir, der ich deiner völlig unwürdig bin, aber doch der heilige Vater mich deiner gewürdigt hat, – ja, lasse dich erheben zu meinem reinsten in Jehova geliebtesten Weibe! Amen.“ [HGt.02_004,35] Und die Ghemela erhob sich behende und ging mit ihm vor Jehova hin; und Er segnete sie und befahl ihnen vorzugsweise, die Reinheit der Herzen beständig zu bewahren und zu behalten die Keuschheit ihr Leben lang. Und sie gelobten und wurden das reinste Ehepaar der Urzeit. 5. Kapitel — Die Einsegnung des jungen Paares durch die Urväter. Stiftung weiterer vier Ehen durch den Herrn[HGt.02_005,01] Nach dieser Handlung aber berief der Abedam den Jared, Henoch und Mathusalah zu sich und sagte zu ihnen: [HGt.02_005,02] „Höret, eure freundschaftliche, brüderliche und väterliche Hütte ist hinreichend geräumig, um neben dem Lamech auch sein Weib zu beherbergen! [HGt.02_005,03] So lange ihr miteinander in Frieden und Eintracht untereinander unter einem Dache, Mich allein liebend, wohnen werdet, werde auch Ich Wohnung nehmen mitten unter euch; ob sichtbar oder unsichtbar, das sei eurer Liebe einerlei! [HGt.02_005,04] Ich werde Mich euch öfter zeigen und segnen euer Haus! [HGt.02_005,05] Und so nehmet denn das junge Ehepaar auf in Meinem Namen! Amen.“ [HGt.02_005,06] Und die drei fielen vor dem Abedam nieder und dankten in der allertiefsten Demut dem Abedam für diese hohe Gnade und übergroße Erbarmung. [HGt.02_005,07] Der Abedam aber hieß sie wieder aufstehen, um zu empfangen nach Sitte der Liebe von alters her das junge Ehepaar. [HGt.02_005,08] Und alsbald erhoben sie sich und nahmen das Ehepaar in ihre Mitte und segneten es. Und nachdem sie es gesegnet hatten, küßten sie zuerst die Ghemela und dann den Lamech auf die Stirne und gelobten, ihnen allzeit ihren väterlichen Segen im Namen des Herrn angedeihen zu lassen; nach dem aber führten sie das Ehepaar nach dem Willen Abedams auch hin zum Adam und zur Eva, damit der Adam den Lamech und die Eva aber die Ghemela segnete. [HGt.02_005,09] Es waren aber diese ersten Menschen der Erde also gerührt, daß sie kaum die Segensworte über die Lippen zu bringen vermochten, und die Eva sagte weinend zum Adam: „Siehe, du Haupt meines Lebens, dieses Paar sagt mir stillschweigend, wie wir uns vor dem Herrn hätten verhalten sollen! [HGt.02_005,10] Oh, da wäre unter unseren Füßen keine finstere Schlammtiefe entstanden! [HGt.02_005,11] O daß doch je der Fluch von der Erde wieder genommen werden könnte!“ [HGt.02_005,12] Und der Abedam sagte zur Eva: „Du hast einen gerechten Kummer; doch siehe, hier schon vor Deinen Augen ist von Mir der Grund gelegt zu derjenigen Quelle, aus welcher seiner Zeit ein lebendiges Wasser quellen wird über die ganze Erde und wird sie waschen vom alten Fluche. [HGt.02_005,13] Aus der Ghemela aber wird die reine Linie ihren Anfang nehmen, und wenn die Erde wird getauft werden mit dem lebendigen Wasser über und über, alsdann auch wird sie bald geläutert werden durch Lamechs Feuer aus den Himmeln, wodurch sie ganz gereinigt wird von ihrem Fluche und wird wieder werden zu einem Mir wohlgefälligen Sterne am Himmel, da ihr Licht weite Strahlen spenden wird durch all die ewigen Räume der Unendlichkeit! [HGt.02_005,14] Wie die Erde soll kein anderer Stern der Ewigkeit erzählen die höchsten Wunder Meiner Erbarmung! [HGt.02_005,15] Doch nirgends auch wehe der Schlange so sehr als auf diesem Schauplatze Meiner Erbarmungen! [HGt.02_005,16] Ich sage dir, Eva: Wo Ich Meine größten Erbarmungen ausgegossen habe, da auch soll Mein höchster Grimm ausgegossen werden! [HGt.02_005,17] Alle zahllosen Sterne sollen gerichtet werden nach ihrer Art von den Engeln; aber der Erde Schlangenbrut und Natterngezüchte werde Ich Selbst richten und werde ihr geben den verdienten Lohn im ewigen Feuer Meines allerhärtesten Grimmes und allerbittersten Zornes. [HGt.02_005,18] Wahrlich, wahrlich, in dem allerdichtesten Zornfeuer Meines Grimmes wird der Drache Kahins mit allen seinen Gefangenen seine große Bosheit ewig büßen müssen, und es wird da ihrer endlos großen Schmerzen ewig nimmer ein Ende sein; und des großes Angst-, Jammer- und Schmerzgeschrei wird von niemandem mehr gehört werden; sie werden in die vollste Vergessenheit übergehen, daß da von niemandem mehr je ihrer gedacht werden soll. [HGt.02_005,19] Ich aber werde ewig gegen sie Meine Ohren verstopfen, Meine Augen gänzlich abwenden von ihnen und sie gänzlich aus Meinem Herzen vertilgen. [HGt.02_005,20] Damit auch Ich ihrer gänzlich vergessen werde können, so sollen ihre Namen auch ganz aus Meiner Liebe Erinnerung vertilgt werden und sollen allein aus Meinem höchsten lebendigen Feuerzorne ein ewig allerschrecklichstes Leben haben, das ohne Ende sein wird wie das Meiner Liebe und aller Meiner Kinder in der allerhöchsten Wonne und Überseligkeit! [HGt.02_005,21] Darum Eva, lebe Mir und sei unbekümmert! Du vermagst ja die Erde doch nicht zu reinigen mit all deiner Sorge; darum habe Ich dir jetzt dieses enthüllt, daß du ruhig sein sollest der Erde wegen. [HGt.02_005,22] Siehe, es wird bald kommen, daß der Sünde Flut ihre Wogen über die Berge selbst zusammenschlagen wird und wird sie treiben bis zu den Wolken; aber siehe, dieses Ehepaares Früchte werde Ich tragen auf Meinen Händen über alle die tötenden Wogen und werde ihnen dann zubereiten ein neues, reines und überfruchtbares Land! Darum freue dich dieser Meiner großen Verheißung in der Ruhe und Liebe deines Herzens; denn Ich habe dich verjüngt und gereinigt in dieser Ghemela! Verstehe es wohl in deinem Herzen! Amen.“ [HGt.02_005,23] Darauf aber berief Er den Mathusalah zu sich und den Zuriel samt seinen anderen vier Töchtern und sprach: [HGt.02_005,24] „Mathusalah, siehe, du hast noch vier wohlgeratene Söhne, die Mir lieb sind und wert und teuer; siehe hier ihre Weiber! [HGt.02_005,25] Und du, Zuriel, siehe da hinter dem Lamech die vier Brüder, die Ich deinen Töchtern geben will!“ [HGt.02_005,26] Und der Zuriel weinte vor Freude und sagte: „O Jehova, wie bin ich solcher Gnade von Dir würdig geworden?“ [HGt.02_005,27] Und der Abedam entgegnete ihm: „Dieweil du tapfer gekämpft hast mit aller Welt und hast diese deine einzigen fünf Kinder Mir so rein wieder sehend gegeben, wie rein Ich sie dir als Blinde gegeben habe! [HGt.02_005,28] Doch sollen aber diese vier Paare nicht im Hause Jareds wohnen, sondern sie werden schon in gerechter Entfernung um die Hütte Jareds ihre neuen, reinen Wohnungen mit allem versehen antreffen, wo sie wohnen sollen in aller Reinheit ihrer Herzen und aller Keuschheit ihrer Gemüter; so werde Ich zur gerechten Zeit auch ihnen Kinder des Lichtes geben in gerechter Zahl! [HGt.02_005,29] Und nun kommet auch ihr vier neuen Paare zu Mir, damit Ich auch euch segne und euch annehme zu Meinen Kindern! Amen.“ [HGt.02_005,30] Und die vier Paare fielen hin zu den Füßen Abedams und dankten Ihm in der Tiefe ihrer Herzen. [HGt.02_005,31] Er aber richtete sie auf und segnete sie und übergab sie endlich den Segnungen der Väter und sagte endlich zu dem vor übergroßen Freuden weinenden Zuriel: [HGt.02_005,32] „Zuriel, jetzt komme aber auch du her zu Mir und empfange für deine Treue den größten Lohn! [HGt.02_005,33] Siehe, jetzt mache Ich dich zu einem großen Engel und setze dich zu einem treuen Wächter und unsichtbaren Beschützer aller Meiner Kinder, – und du wirst von nun an allzeit Mein Angesicht schauen und dich freuen in Meinem Lichte! Amen!“ [HGt.02_005,34] Und er rührte den Zuriel an, – und der Zuriel ward leuchtend mehr denn die Sonne und verschwand bald aus aller Angesichte. 6. Kapitel — Zuriel als Schutzgeist der Neuvermählten. Die Liebesprobe des neuen Ehepaares[HGt.02_006,01] Als aber alle, die da anwesend waren, sahen, was da geschehen war, ergriff sie eine große Angst, und sie fürchteten sich sehr ob dieser Tat, und keiner getraute sich, den hohen Abedam um etwas zu fragen. Allein die Ghemela sammelte sich nach kurzer Zeit und ging hin zum Abedam, fiel vor Ihm nieder und bat Ihn in der Tiefe ihres Herzens um die gnädigste Erlaubnis, Ihn um etwas fragen zu dürfen. [HGt.02_006,02] Und der Abedam aber erwiderte, ihr zuvorkommend: „Meine überaus geliebte Ghemela, ist dir nicht ein wenig bange um deinen Zuriel, der da war der Vater deines Leibes?“ [HGt.02_006,03] Und die Ghemela bejahte diese Frage im Herzen und gab äußerlich mit ihrem unschuldigsten Kopfnicken das wohlerratene Anliegen ihres Herzens zu verstehen. [HGt.02_006,04] Und der Abedam aber sagte zu ihr, sie tröstend: „Meine überaus geliebte Ghemela, meinst du etwa, der Zuriel ist darum aus dem Dasein verschwunden, dieweil du ihn nicht mehr mit deinen Augen sehen kannst? [HGt.02_006,05] O sei darüber völlig getröstet: du wirst ihn noch öfter zu sehen bekommen und mit ihm von noch viel herrlicheren Dingen reden können, als du bis jetzt je gesprochen hast mit ihm! [HGt.02_006,06] Daß er aber hier im Angesichte aller solche große Gnade empfing, geschah vorerst deinetwegen, damit er dir und deinem Manne ein treuer Wächter und Beschützer werden solle gegen alle Versuchungen der Welt; und so Ich zu euch je und je kommen werde, soll er Mich euch allzeit vorher getreulichst ankündigen. [HGt.02_006,07] Und zum zweiten aber soll er nun auch aller der Kinder aus dem Mittage ein allgemeiner geheimer Leiter sein, darum er durchschauen wird alle ihre Herzen inwendig und wird sie nach Meinem Willen auch gewaltigst erschüttern können, so er in ihnen irgend eine Untreue entdecken oder gewahren wird; und sie werden dann leichtlicher wieder zu Mir kehren und hören dann in ihrem eigenen Herzen Meinen Vaterruf, wie auch gar wohl verstehen den inneren Donner Gottes. [HGt.02_006,08] Und endlich werden heute noch mehrere vom Mittage her zugerichtet werden, um hinabzusteigen in die Tiefe zu der großen Weltstadt Hanoch, um auch dort den Kindern der Welt, deren ein Teil ist voll der höchsten Greuel, ein Teil aber unter der härtesten Knechtschaft und niedrigsten Sklaverei blutet, Meinen Namen zu verkünden und ihnen zu predigen ernste Buße und wahre Besserung und unverzügliche Rückkehr zu Dem, der schon so lange langmütigst, geduldigst und barmherzigst ihrer Rückkehr harrt! [HGt.02_006,09] Doch diese Erbarmung wird die letzte sein den Kindern der Schlange! [HGt.02_006,10] Siehe nun, du Meine allerliebste Ghemela, solches Geschäft wird nun die große Treue Zuriels in Anspruch nehmen; und also habe Ich seiner vonnöten, damit an ihm der Drache merke, daß ein Kleiner von Mir aus größer und stärker ist denn er mit all seinen zahllosen argen bösen Rotten!“ [HGt.02_006,11] Und die Ghemela ward voll Freuden in ihrem liebevollsten und dankbarsten Herzen und fiel dem Abedam wieder zu Füßen. [HGt.02_006,12] Aber der Abedam hob sie alsbald wieder auf und setzte sie wieder auf Seinen Arm und fragte sie, ob sie nun noch ein Anliegen habe. [HGt.02_006,13] Sie aber konnte nicht reden vor zu großer Freude, weil sie jetzt sah, daß sie ihr Jehova in der Ehe mit dem Lamech ebenso liebhat wie zuvor, da sie noch keinen Mann an ihrer Seite hatte. [HGt.02_006,14] Der Abedam aber drückte sie ans Herz und rief den Lamech herbei und fragte ihn: „Lamech, wie bist du zufrieden mit der Ghemela? Siehe, sie vergißt deiner auf Meiner Hand! Was sagt dir dazu dein Herz?“ [HGt.02_006,15] Und der Lamech antwortete, sich an die Brust Abedams werfend: „O Vater, Du heiliger, lieber Vater! So Du mein Herz jetzt nicht zusammenhältst, so vernichtet es eine nie empfundene endlos große Liebe zu Dir. [HGt.02_006,16] (Weinend:) O Vater, als Du mir diese überhimmlisch reine Ghemela zuerkanntest und gegeben hast aus Deiner heiligen Hand, da dachte ich: Wie werde ich Dich lieben können wie zuvor, so ich meine Liebsorge allein zu Dir werde teilen müssen mit der Ghemela? [HGt.02_006,17] Und als ich sie dann erhob, da fürchtete ich mich, daß meine Hand sie verunreinigt haben möchte, darum sie dann nimmer so rein und Dir so lieb sein möchte, wie sie ehedem war. [HGt.02_006,18] Allein, da ich sie, die Du mir zur Verwahrung und Beschützung übergabst, nun wieder auf deiner Hand sitzend erschaue, – o Vater, Du lieber, heiliger Vater! – siehe, so ist's nun völlig aus mit meinem Herzen! [HGt.02_006,19] So Du mich nicht erhältst, so sterbe und vergehe ich vor zu großer, über alles dankbarster Liebe zu Dir, o Du mein, mein, mein überheiliger, überguter Vater!“ [HGt.02_006,20] Und der Abedam beugte sich nieder zum Lamech und sagte zu ihm: „Geliebter Lamech! Siehe, der Vater hat noch eine freie Hand; setze auch du dich darauf und erfahre, wie sehr Ich euer aller Vater bin!“ [HGt.02_006,21] Und der Lamech getraute sich nicht, denn er hielt sich für viel zu unwürdig; aber der Abedam ermutigte ihn, – und alsbald erhob der Abedam auch ihn und drückte ihn an die heiligste Brust und sagte dann zu beiden: [HGt.02_006,22] „Wie ihr jetzt seid, also bleibet fortan, so werdet ihr dieses heiligen Platzes nie, ja ewig nie verlustig werden! [HGt.02_006,23] Ihr seid das erste Kindleinpaar, die Ewigkeiten her Ich auf Meinen Händen trage erschaulich; solches aber soll ein ewiges Gedenkzeichen für alle nachfolgenden Kinder bleiben, daß nur diejenigen wahrhaft Meine Kinder sein und werden werden, welche sich von Mir werden ergreifen, ziehen und also wie ihr auf Meinen Händen tragen lassen. [HGt.02_006,24] Welche aber nicht euerm Beispiele nachfolgen werden, diese werden auch wenig Liebe und noch viel weniger Lebens von Mir empfangen. [HGt.02_006,25] Nun aber siehe du, Mein Lamech, die Seele Meiner und deiner Ghemela an!“ [HGt.02_006,26] Hier blies Abedam dem Lamech in die Augen; und der Lamech ersah die Ghemela in einer also glänzendst lichten Gestalt, deren Glanz unvergleichlich heller war als das Zentrallicht aller Sonnen. [HGt.02_006,27] Er fuhr bei diesem Anblicke zusammen; als er aus dieser Betäubung sich nach und nach erholte, da erst fing er an zu weinen und wußte sich vor Liebe zu Mir nicht zu helfen. [HGt.02_006,28] Der Abedam aber sagte zur Ghemela: „Ghemela, siehe, der reine Lamech weint vor Liebe zu Mir! Trockne mit deinen Haaren ihm die herrlichen Tränen aus den Augen, – und solche Tat soll allzeit dir und allen deinen Nachfolgerinnen zukommen!“ [HGt.02_006,29] Und die Ghemela umarmte zum ersten Male mit ihren zartesten, weichesten und wahrhaft himmlisch schönsten Armen den Lamech; mit ihrer Stirne und mit ihren überzarten Wangen aber trocknete sie Lamechs herrliche Tränen aus seinen Augen, da beide der heilige Vater in diesem Momente noch auf Seinen Händen trug. [HGt.02_006,30] Darauf aber trug Er sie hin zu den Vätern, küßte sie beide und gab sie dann segnend wieder den Vätern mit der Bemerkung: [HGt.02_006,31] „So rein, wie diese hier sind, sollen Mir alle geborenen Kinder wiedergegeben werden! Ich bin ihr Ursprung; zu diesem Ursprung sollen sie also wiederkommen für ewig. Amen.“ 7. Kapitel — Des Herrn Anweisung zur Eisen- und Stahlbereitung. Das eine, was not ist: das Vertrauen und die Liebe zum Herrn[HGt.02_007,01] Und als der Abedam die Ghemela und den Lamech den Vätern übergeben hatte, da trat Er alsbald hin zu den vier anderen Ehepaaren und sagte zu ihnen: [HGt.02_007,02] „Höret! Was Ich euch jetzt sagen werde, das sollet ihr dann auch alsbald ins Werk setzen, das heißt heute noch nicht, aber wohl schon an den nächsten Werktagen. [HGt.02_007,03] Solches aber ist, das Ich euch sage: Im Innern der Erde gibt es eine Art Gestein, das da ein rötliches Aussehen hat und ist nicht also hart wie ein anderes Gestein; so man es aber hebt, da hat es ein Gewicht, das merklicher ist denn das Gewicht eines anderen gleich großen Steines. Dieses Gestein entsteht aus den von der Erde verschlungenen Strahlen der Sonne und ist fast allenthalben in den Bergen vorhanden, weil eben nur die Berge in sich zumeist hohle Gänge haben, in deren steter Feuchtigkeit die von der Erde verschlungene Kraft der Strahlen aus der Sonne sich sammelt, für sich selbst mit Hilfe der Einwirkung des anderen nächtlichen Gestirns am Firmamente eine eigene Aus- und Gegenkräftung (Polarität) bekommt und endlich nach und nach fester und gediegener wird. Und sooft das Gewässer der Erde von 13555 Jahren zu 13555 Jahren mit der halben Rückkehr der Sonne seine Aus- und Gegenkräftung wechselt und bei dem jeweiligen nahe 7000 Jahre langen Vollüberstande dieses in den hohlen Gängen der Gebirge angesammelte Strahlengestein gehörig durchsalzt, so ist dieses Gestein dann beim abermaligen Rücktritte der Gewässer schon also reichlich und solid vorhanden, daß es die nächsten 13555 Jahre nicht leichtlich verbrauchen werden. Das Zurückgebliebene, Unverbrauchte dieses Strahlengesteines, wenn es auch schon mehrere tausend Gewässerstandswechslungen durch bestanden hat, so wird es darum doch nicht schlechter, sondern gerade nur besser. [HGt.02_007,04] Sehet, bis jetzt ist dieses Strahlengestein noch von niemandem benützt worden, außer seit einiger Zeit von einem Königssohne aus Hanoch! Jedoch wurde diesem nur der Unrat dieses Gesteins gezeigt; und doch hat die Erde schon seit ihrer Entstehung mehr als tausend Erhöhungen mit derselben Zahl solche Gewässerstandsveränderungen erlitten! [HGt.02_007,05] Und es ist ein großer Nutzen in Bergen für die Weisen aus Liebe verborgen; solches offenbare aber Ich euch darum, daß ihr es weise benützen sollet. [HGt.02_007,06] Sammelt es, und läutert es im Feuer, und Ich werde euch durch euren Geist zur rechten Zeit eingeben, wie und wozu ihr es verwenden sollet! [HGt.02_007,07] Seid ihr aber einmal Meister der Kunst geworden, dann lehret es auch eure Brüder, und lehret aber sie alle auch den weisen, uneigennützigen Gebrauch davon. [HGt.02_007,08] Darum aber habe Ich euch neue Wohnungen zubereitet und sie dazu gehörig mit allem versehen, dessen ihr euch bei dieser neuen Kunst werdet allerzweckmäßigst bedienen können. Den Gebrauch aller der schon vorrätigen Werkzeuge wird euch alle der Geist lehren. Obschon einige von euch schon seit den ersten Zeiten Versuche gemacht haben, die euch von Mir geschenkten Werkzeuge nachzumachen, so wollte die Sache aber doch niemandem so ganz gelingen, da ihr nicht das rechte Metall gefunden habt; doch da Ich Selbst euch nun das rechte angezeigt habe, also werdet ihr euch nun selbst dieselben Werkzeuge verfertigen können, wie ihr sie sonst immer schon verfertigt heimlich von Mir erhieltet. [HGt.02_007,09] Jedoch, wie sonst allzeit Ich euch allen alles dieses gab ganz umsonst, also müßt es auch ihr tun; da ihr euch aber damit beschäftigen werdet, um zu nützen euren Brüdern, da mögen dann wohl auch eure Brüder darauf sehen, daß sie euch versehen mit Speise und Trank. [HGt.02_007,10] Doch niemals für eure Arbeit sollet ihr solches verlangen; sondern das man euch bringen wird, das esset und genießet dankbar! Aber auch keiner solle darum etwas von euch verlangen, darum er euch etwas gegeben hatte; sondern allein die Liebe sei euer gegenseitiger Verkehr! [HGt.02_007,11] Das also zubereitete Gestein möget ihr Sideleheise benamsen. [HGt.02_007,12] Seid vollkommen in allen Dingen und mächtig in der lebendigen Liebe, so werde auch Ich beständig mit Meiner segnenden Hand unter euch sein und werde euch ziehen, lehren und zurichten in allen Vollkommenheiten! Amen.“ [HGt.02_007,13] Es trat aber nach dieser Lehrrede Abedams alsbald der Adam zu Ihm und fragte Ihn: „Heiliger, liebevollster Vater! Du hast vorher des Erdgewässerwechselstandes erwähnt. Siehe, so vielleicht gar bald demnach das Meer unsere gegenwärtig bewohnten Ländereien verschlingen wird, was wird da mit uns denn geschehen? [HGt.02_007,14] Möchtest Du uns darüber nicht auch einen Wink geben, so Dein heiliger Wille es wäre?!“ [HGt.02_007,15] Und der Abedam lächelte über diese Frage und sagte dann zum Adam: „Adam, sorge dich lieber um etwas Besseres, so du dich schon durchaus sorgen willst; denn diese Sorge ist zu eitel töricht. [HGt.02_007,16] Denke dir von jetzt an noch eine Zeitendauer von dreizehntausend Jahren! Wahrlich, in dieser Zeit wird dich in einem ganz anderen Zustande deines Seins das Wesen der Erde wohl gar wenig mehr kümmern, – und Menschen, die in der Zeit die Erde bewohnen werden, werden Zeit genug haben, der rückkehrenden Flut zu weichen, nachdem ihr Steigen und Fallen also langsam vor sich geht, daß dasselbe nur von tausend zu tausend Jahren erst einen bemerkbaren Unterschied gibt, und zudem all das Gewässer erst von dieser nördlichen Erdhälfte seinen Rücktritt begonnen hatte. [HGt.02_007,17] Siehe daher, wie eitel und leer deine törichte Furcht ist! [HGt.02_007,18] Ich sage dir aber, wie auch euch allen: Sorget euch allein um die Reinheit eurer Herzen und um die wahre innerste Liebe zu Mir! Was aber die Leitung der Weltkörper betrifft, da seid mit eurer Sorge ferne; denn solche zu leiten und ordentlich zu erhalten verstehe nur Ich allein, und Meine Macht, Kraft und Gewalt und Meine Weisheit genügt ewig der ganzen Unendlichkeit! [HGt.02_007,19] Ich sage euch: Ihr sehet noch matte Sterngruppen aus den endlosen Fernen der weiten Unendlichkeit zur Nachtzeit zu euch herabschimmern, und der Erde späteste Bewohner werden sie auch noch sehen, – und doch war die alte Erde noch nicht gegründet, als sie aus ihrem nahe Ewigkeiten langem Sein zunichte geworden sind! [HGt.02_007,20] Also wird's auch dieser Erde und diesem sichtbaren Himmel ergehen; doch Meine Worte und Meine Kinder werden nimmerdar vergehen! [HGt.02_007,21] Möchtest du, Adam, dich nicht etwa auch darum zu sorgen anfangen? [HGt.02_007,22] Darum aber sage Ich euch: Sorget euch um alles der Welt gar nicht, sondern lasset in allem Mich sorgen; denn ihr könnet mit allen euren Sorgen auch nicht ein Stäubchen zuwege bringen. [HGt.02_007,23] Darum ihr aber schon sorgen wollet, da sorget ihr allein, sorglos zu werden, und daß eure Herzen rein und stets voller und voller von der wahren inneren Liebe zu Mir werden möchten; denn darin besteht allein das ewige, unzerstörbare Leben, daß ihr Mich allzeit erkennet und über alles liebet! Amen.“ 8. Kapitel — Des Herrn Aussendungsrede an die zehn Boten nach Hanoch[HGt.02_008,01] Nach dem aber berief der Abedam den Sethlahem, den Kisehel, dessen sechs Brüder und noch zwei Söhne des Kisehel, die da nicht minder ihrem Vater waren voll Eifer, Feuergeist und voll von allerlei nützlichen Erkenntnissen in allerlei Dingen, so daß da nun in allem zehn Männer vor dem Abedam standen. [HGt.02_008,02] Da sie aber vor Ihn hinkamen, fielen sie alsbald auf ihre Angesichter nieder vor Ihm und lobten und priesen überlaut Seinen allerheiligsten Namen Jehova. [HGt.02_008,03] Als aber der Abedam sah, daß sie ihrem Herzen genug getan hatten, da hieß Er sie alsbald erstehen und sagte zu ihnen: „Höret, ihr Männer aus dem Mittage! Was Ich euch nun enthüllen werde, das tuet unverzüglich an dem von Mir euch in eurem Geiste angezeigten Tage! [HGt.02_008,04] Solches aber verlangt von eurem freien Willen Meine Liebe und Erbarmung, daß ihr euch bedünken sollet, hinabzugehen in die Tiefe zur Stadt Hanoch, allda ihr Menschen antreffen werdet, die von Mir lediglich nichts mehr wissen und leben mit und untereinander, ärger, ärger – denn Hunde, Katzen, Wölfe, Bären, Löwen, Tiger, Hyänen und Schlangen auf einem Haufen beisammen! [HGt.02_008,05] Sie stinken schon bis in den obersten Himmel vor Unzucht und der allerscheußlichsten Hurerei und ermorden sich gegenseitig, und vergießen das Blut ihrer Brüder und Schwestern und schonen sogar ihrer Alten nicht. [HGt.02_008,06] Ja, Ich sage euch, ihr Frevel geht so weit, daß ihr König, der da auch Lamech heißt, Mir sogar vor noch gar nicht langer Zeit einen Krieg angekündigt hat und wollte aus großem Grimme gegen Mich, darum Ich sein arges, grausames Kriegsheer unter der Anführung Tatahars des Bösen von den reißenden Tieren vernichten ließ, die Erde sogar mit Feuer vernichten. [HGt.02_008,07] Allein das ist nicht das ärgste der vielen Laster, die er gegen Mich begeht; sondern höret und vernehmet: [HGt.02_008,08] Da Ich es zuließ, daß ihm alle seine Beischläferinnen untreu wurden aus Furcht um ihr Leben und entflohen sind hierher, und zwar unter die Mitternächtler, und ihm auch noch entflohen sind seine beiden Weiber und seine Tochter Naëme, – sehet, darum hat er nun einen solchen Haß gegen Mich, daß er nichts anderes tut, als allein fast Tag und Nacht nur nachsinnt, wie er Mich so recht auf die allerschändlichste Weise verunheiligen möchte und könnte! Er hat allenthalben Wächter und Spione aufgestellt, die da die Menschen beobachten und behorchen müssen, was sie tun und reden. Er hat ein Loch in die Erde machen lassen, füllte es zur Hälfte mit Unrat, zeichnete Meinen Namen auf eine mit Unflat beschmierte Tafel aus Stein, verfluchte hernach die Tafel und warf sie dann vor vieler Augen unter den scheußlichsten Lästerungen in das besagte Loch und gebot den niedrigsten Sklaven, darauf zu scheißen und endlich mit von ihm verfluchter Erde das Loch wieder zuzuwerfen. [HGt.02_008,09] Gleich darauf kündigte er sich ihnen selbst als den allein allerhöchsten Gott an und gebot dann jedem bei Strafe des martervollsten Todes, ihn anzubeten. [HGt.02_008,10] Und die Wächter und Spione müssen strenge nun darauf achten und hören, daß ja von niemandem Mein Name mehr genannt wird; wer solches täte, dem stehen die entsetzlichsten Todesstrafen bevor! [HGt.02_008,11] Den Sklaven verbot er das Reden so ganz und gar, daß, so von einem was immer für ein Wort vernommen möchte werden, ihm sogleich die Zunge aus dem Munde gerissen werden solle; so sie sich aber verständigen wollten untereinander, da sollen sie solches mit tierartigem Gebrülle tun. [HGt.02_008,12] Auch sollten sie nicht also wie er auf zwei Füßen gehen, sondern auf allen Vieren gleich den Tieren, das heißt auf den Händen und Füßen; gerade stehen dürften sie nur bei der Arbeit. [HGt.02_008,13] Auch darf sich dieses Sklavenvolk nicht paaren. Wehe dem, der nun mit einem Weibe etwas hätte; dem stehen die schändlichsten Verstümmelungen bevor. [HGt.02_008,14] Aus dem Grunde er nun auch schon Tausende von den Sklavenweibern und ihren Töchtern hinrichten ließ. [HGt.02_008,15] Sehet, also geht es nun in der Tiefe zu! – Es gibt aber außer Hanoch noch zehn große Städte, welche diesem Meinem größten Feinde alle dienstbar sind, und es geht in keiner um ein Haar nun besser zu denn in Hanoch. [HGt.02_008,16] Sehet nun ferner, und höret: Das Blut der Armen schreit zu Mir um Rache; darum habe Ich Mich ihrer erbarmt und will euch als Rächer und Befreier dieses Volkes hinabsenden; doch sollet ihr niemanden töten, auch den Lamech nicht; sondern ihnen allen verkündiget frei und offen Meinen Namen und Meinen Zorn und das nahe bevorstehende Gericht Meines Grimmes, so sie sich nicht möchten alsbald in der strengsten Buße und Reue über alle ihre Frevel zu Meinem Namen wenden! [HGt.02_008,17] Den Lamech selbst aber lasset mit eigenen Händen das besagte Loch aufgraben, die mit Meinem Namen bezeichnete Tafel wieder herausnehmen, sie reinigen mit reinem Wasser und sie dann erst waschen mit den Tränen seiner Reue! [HGt.02_008,18] So er sich aber solches zu tun weigern wird, dann machet Gebrauch von eurer Macht und lasset eine Plage um die andere über ihn kommen, und das so lange fort, bis er sich in euren Willen fügen wird! [HGt.02_008,19] Hebet nicht nur seine, sondern jede Herrlichkeit auf, so daß sie sich alle als Brüder und Schwestern völlig gleich sein sollen, und nur die Weisesten aus dem gemeinsten Volke setzet ein zu ferneren Leitern des Volkes; aber lasset sie nicht beziehen je die Paläste der Könige, sondern in den einfachsten und niedrigsten Hütten sollen sie wohnen. [HGt.02_008,20] Wenn sie von euch als fähig erkannt werden und als tüchtig zur Leitung und Aufsicht, dann leget auch ihnen eure Hände auf die Stirne und auf die Achsel, und erteilet ihnen dadurch die nötige Kraft. [HGt.02_008,21] Fürchtet allda niemanden, und lasset euch selbst nicht blenden von der großen Pracht und Üppigkeit dieser Städte; denn all die Städte sind jetzt da unten und werden allzeit sein Werke der Schlange. Daher lasset euch von keinem Glanze bestechen, sondern seid als Meine Propheten diesen Völkern äußerlich überstrenge ernstlich und unerbittlich, aber innerlich desto voller von der wahren Nächsten- und Bruderliebe! [HGt.02_008,22] Für euch aber sei dort keines Bleibens; sondern so ihr werdet alles geordnet haben, dann kehret wieder zurück in eure Heimat, und kehret ohne wichtige Ursachen nicht mehr zu leicht wieder zurück in die Tiefe! [HGt.02_008,23] So ihr aber von der Tiefe heimziehen werdet, da waschet euch zuvor am ganzen Leibe, damit ihr nicht den Tod auch hierher verschleppet; denn die Tiefe ist nun voll Pestilenz und voll Todes geworden. [HGt.02_008,24] Und nun empfanget Meinen Segen, und seid standhaft, stark, mächtig und gewaltig in allen Dingen, solange ihr nach Meinen Worten handeln werdet! [HGt.02_008,25] Die ganze Natur gehorche eurem Winke, und die Vögel der Luft sollen untertan sein eurem Worte; so das Feuer, so die Luft, so das Wasser, also auch alles Getier, und alle bösen und finsteren Mächte. [HGt.02_008,26] Aber hütet euch ja, jemandem etwas zuleide zu tun, – sondern trachtet nur, jedermann zu helfen! [HGt.02_008,27] Den Hartnäckigen könnet ihr strafen, – aber nicht, daß er nur leide, sondern, daß er besser werde! [HGt.02_008,28] Solches alles beachtet wohl in Meinem Namen! Amen. [HGt.02_008,29] Mein Segen mit und in euch. Amen, Amen, Amen.“ 9. Kapitel — Sethlahems Dankrede und Preis der Demut[HGt.02_009,01] Nach dieser Bestimmungsrede Abedams dankten die Zehn allerinbrünstigst Ihm, darum sie fürs erste erkannt haben Jehovas unendliche Barmherzigkeit, Liebe, Geduld, Langmut und Sanftmut, und fürs zweite, darum Er ihnen eine so große Gnade erwies, daß Er gerade sie, die sich nun für die Allerunwürdigsten hielten, erwählt hat zu Werkzeugen Seiner großen Erbarmungen. [HGt.02_009,02] Und der Sethlahem öffnete endlich seinen Mund und sagte zu allen seinen Miterwählten: „Brüder, jetzt ist meine Weissagung in die herrlichste Erfüllung übergegangen! [HGt.02_009,03] Ich habe euch allen ja zu öfteren Malen gesagt, so ihr manchmal behauptet habet, daß der erhabenste, heiligste, große Jehova nur an den erhabenen, großen und glänzenden Dingen Sein Wohlgefallen haben könne, daß solches sicher nicht der Fall sein werde, sondern auf uns bezogen gerade nur im Gegenteile. [HGt.02_009,04] Je geringer jemand ist, je ärmer, je demütiger, je furchtsamer vor Ihm und sich zurückziehender von der Welt, je einfältiger in aller seiner Rede und Handlung, je sich geringschätzender denn alle seine Brüder, je dienstfertiger gegen alle, und je weniger um sich selbst besorgt, desto wohlgefälliger wird man ganz sicher Ihm werden; denn also schloß ich: [HGt.02_009,05] ,Hätte Jehova Sein größtes Wohlgefallen an den großen und glänzenden Dingen, so würde Er auch sicher ihnen Zungen und eine bei weitem größere Sprachvollkommenheit gegeben haben, als wir sie je zu fassen vermöchten; uns aber hätte Er dann stumm gelassen. [HGt.02_009,06] Allein, wer hat noch je einen Baum reden hören, wer je einen Berg, wer einen Strom, wer das Meer, wer je die Erde, die Sonne, den Mond und die Sterne?!‘ [HGt.02_009,07] Und ich redete weiter, weiter durch die Gnade des Herrn, als ihr mir das Gras und andere kleine sprachlose Dinge entgegenhieltet: ,Das bescheidene Gras, wenn es auch nicht sprechen kann, ist sicher um tausend Male gesegneter denn ein stolzer, hochmütiger Baum; man darf nur die unschätzbare Nützlichkeit desselben betrachten. [HGt.02_009,08] Es gibt uns das Brot; es ernährt unsere Kühe, Schafe und Ziegen; wie viele Tiere und Tierchen, die wir gar nicht kennen, leben vom Segen des bescheidenen Grases, während von einer stolzen und hohen Zeder nicht einmal ein hungriger Bär etwas herabreißen kann zur Stillung seines Hungers!‘ [HGt.02_009,09] Und wieder weiter sprach ich zu euch: ,Sehet an die Bäume! Je kleiner sie sind, desto gesegneter und lieblicher und süßer ist auch ihre Frucht, und wir genießen sie mit großer Freude, dankbar dem heiligen Geber. [HGt.02_009,10] Wer aber möchte seine Zähne an die harte, ungenießbare Frucht der großen, hohen und überaus majestätischen Eiche setzen und ihren Segen mit den Schweinen teilen? Oder wer mit den Raben um die taube Frucht der Zedern einen eigennützigen Streit eingehen? Und die Zapfen der hohen Tannen, – wessen Gaumen möchte diese Kost wohl behagen?!‘ [HGt.02_009,11] Und noch weiter redete ich zu euch: ,Sehet die Gewässer, die Flüsse und die Bäche! Solange sie bescheiden bleiben und recht klein in ihren Betten, so lange auch bleiben sie rein bis auf den Grund, daß es eine wahre Lust ist, sie anzusehen; fangen sie aber an zu wachsen und werden größer und mächtiger, – wie werden sie da auch alsbald trüber! Und was früher das bescheidene reine Bächlein gesegnet hatte, das und noch viel mehr zerstört und verheert hernach der mächtig angeschwollene Bach, Fluß und Strom! [HGt.02_009,12] Der segenvolle Regen fällt nur in kleinen Tröpfchen; ist er aber angeschwollen zu großen Tropfen, da kommt er mit großem Sturme und schlägt, was er sonst in seiner Bescheidenheit hätte aufrichten und beleben mögen, nur verderbend zu Boden.‘ [HGt.02_009,13] Und ich hätte euch noch manches gesagt über die stete Armut und Geringfügigkeit; allein damals schwebte in euren Herzen noch ein ganz anderer Geist, und alle eure Gottwohlgefälligkeitsbegriffe prangten entweder auf den höchsten Gebirgsspitzen, wo nicht gar manchmal über allen Sternen! [HGt.02_009,14] Allein, was ich selbst damals nur mühsam für mich, für euch und alle meine Kinder der Schöpfung abgelauscht habe, sehet, dasselbe zeigt mir und uns allen jetzt in übergroßer Klarheit der große Abedam Jehova Emanuel Selbst, daß Er nicht ansieht das Ansehen, die Größe, den Glanz und die Pracht der Dinge dieser Welt, und ist Ihm eine Mücke lieber denn ein Mamelhud; denn der Mücke gab Er sogar ein Flügelpaar zum Fliegen, aber das Mamelhud muß sich schwerfällig und mühsam fortschleppen auf der Erde Boden und suchen für seinen großen Bauch die nötige Nahrung. [HGt.02_009,15] Also sehet nun die Erfüllung meiner Weissagung, o Brüder! Wie herrlich hat es sich nun vor unseren Augen enthüllt! [HGt.02_009,16] Der Herr, unser aller allmächtiger Schöpfer, unser heiliger Vater, Jehova der Ewige, der Unendliche in Seiner Liebe und Weisheit, Er, das Licht alles Lichtes, die Kraft aller Kräfte, die ewige Macht aller Mächte, Er – Er Selbst hat es uns allen nun gezeigt, daß vor Ihm nur die Niedrigkeit der wahren Demut im Verbande mit der reinen Liebe zu Ihm etwas gilt, alles andere aber gänzlich ohne Wert ist. [HGt.02_009,17] O Brüder, wer faßt da die unendliche Größe Seiner Erbarmung, Liebe und Gnade?! [HGt.02_009,18] Er hätte uns ja ebenso leicht können zur Gewinnung Seiner Vaterliebe und somit des ewigen Lebens das Hochstreben, den Glanz und alle Prachtsucht zur Bedingung geben! Allein nur äußerlich betrachtet, abgerechnet Seine ewige Ordnung, – wie entsetzlich teuer wäre uns dann Seine Gnade zu stehen gekommen?! [HGt.02_009,19] Aber wie leicht ist nun das ewige Leben zu gewinnen! Denn in meiner größten Niedrigkeit kann ich es und jeder erhalten als ein freies Geschenk von Ihm, dem so überguten, heiligen Vater! [HGt.02_009,20] O Du lieber Vater Du! Wie überaus freue ich mich nun, daß Dir nur die demütige Niedrigkeit wohlgefällt, und nicht der Glanz, den ich und wir alle uns nie hätten zu eigen machen können! [HGt.02_009,21] O nimm dafür den ewigen Dank unserer Herzen gnädigst an; Dir allein sei daher alle Ehre, aller Ruhm und aller Preis von uns allen, daß Du uns angesehen hast in unserer Niedrigkeit und hast uns erwählt zur Dämpfung und Löschung der Hoffart der Welt in Deinem Namen! [HGt.02_009,22] Erhalte uns alle aber auch in der beständigen Demut und Liebe zu Dir und allen Brüdern ewig! Amen.“ 10. Kapitel — Kisehels Rede über Jehova als Mensch[HGt.02_010,01] Und nachdem der Sethlahem diese seine wohl zu beachtende Rede beendet hatte, ermutigte sich auch der Kisehel und trat hin zum Sethlahem und richtete folgende recht sehr zu beherzigende Worte an ihn, sagend nämlich: [HGt.02_010,02] „Bruder Sethlahem, du weißt ja, worin unser Unterricht oder vielmehr unser Erkennen, das wir noch hier empfingen, bestand! [HGt.02_010,03] Jehova war uns verkündigt worden auf eine Art, die selbst unsere größten Gedanken von Ihm rein vernichtete. [HGt.02_010,04] Wir wußten wohl von Seiner unendlichen Größe, Macht und Kraft, wir plauderten gar vieles manchmal von Seiner möglichen Wesenheit, – aber welcher von uns allen hätte sich damals auch nur unterstanden zu denken, Jehova, der ewige, heilige Vater wäre gleich uns ein Mensch, wenn auch der allerunendlichst vollkommenste?! [HGt.02_010,05] Da wir uns aber eben durch unsere schiefe Erkenntnis den Jehova nicht als einen Menschen, sondern als etwas dem Wesen nach also Ungeheures, davon wir uns alle auch nicht den leisesten Begriff mehr machen konnten, vorstellten, so war dann ja auch einerseits natürlich, daß unsere freilich überläppischen Gottwohlgefälligkeitsbegriffe nicht viel anders ausfallen konnten, als unsere Vorstellung von Ihm Selbst beschaffen war. [HGt.02_010,06] Siehe also, lieber Bruder, es waren wohl unsere Herzen beständig mit Gott beschäftigt, allein du hattest zwar die Gnade, Jehova von einer richtigeren Seite erfaßt zu haben denn ich, – wer aber hätte zwischen uns den Schiedsrichter machen sollen oder können? [HGt.02_010,07] Welchen tastbaren Beweis hättest du für deine Ansicht und deinen Glauben aufstellen können, dadurch uns deine richtigeren Ideen wären einleuchtend geworden? [HGt.02_010,08] Siehe, auch du hattest nichts denn allein für dich deinen Glauben, also wie ich für meine Ansicht nichts hatte als leider freilich wohl nur meinen irrigen Glauben. [HGt.02_010,09] Und so lebtest du zwar im Lichte, aber du warst blind und ahntest das Licht nur, weil der zugleich erwärmende Strahl dasselbe gewisserart dich in der Nähe gewahren ließ. [HGt.02_010,10] Ich aber hatte zwar offene Augen, stand aber in der dichtesten Finsternis und sah darum fürs erste nichts und konnte dazu fürs zweite auch kein Licht ahnen, weil durch die große Nacht meiner Gedanken sich auch nicht ein besserer Strahl ziehen und verbreiten wollte. [HGt.02_010,11] Und so glaube ich nun, lieber Bruder, wir sollten uns jetzt dessen nicht mehr rühmen, was vergangen ist, ob es der Wahrheit auch entweder näher oder ferner war; denn das eigentliche Rechte hatte doch keiner, – und hätte er es auch gehabt, womit aber mochte er es verbürgen?! [HGt.02_010,12] Daß unser aller heiliger Vater ist gleich uns ein Mensch, und ist ein einiger Gott, – siehe, das fehlte uns allen! Der Irrtum lag nicht in unserem Willen, sondern nur in unserer Vorstellung. Wir waren samt und sämtlich arme Toren und ich der größte wohl darunter; doch jetzt hat Der da, der nun unter uns ist heilig, überheilig, gut, übergut, unser aller liebevollster Vater uns allen aus unserer großen Not, Blindheit und Armut geholfen. Er steht sichtbar vor uns, und wir alle erkennen in Ihm den ewigen, heiligen Vater und den allmächtigen, ewigen Schöpfer aller Dinge; darum auch sei aller Dank, alles Lob, aller Preis, alle Ehre, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung Ihm von uns und allen unseren Kindern dargebracht! [HGt.02_010,13] Es ist zwar, lieber Bruder, deine Weissagung in vielen Stücken eingetroffen, besonders was die Erörterung dessen betrifft, was die dem Vater und Herrn allein wohlgefällige Demut, Niedrigkeit und Unansehnlichkeit betrifft; aber von dem, daß der Jehova auch ist ein Mensch, von Seiner so endlosen Liebe, Gnade und unbegreiflich allerhöchsten Erbarmung, – Bruder, davon hat wohl uns allen nie etwas geträumt. Und wennschon von uns jemand von Ihm eine solche Vorstellung gehabt hatte, so war es der stets stille und verschlossene Zuriel mit seinen Töchtern; allein, er zog sich ja stets also in die verborgensten Winkel zurück, und es war schwer, auch nur ein Wort aus ihm zu locken. [HGt.02_010,14] Wir übrigen alle wußten aber ja zusammen nichts! Solches ist dir selbst ja erst gestern durch den lieben Henoch klar geworden, wie weit wir es mit unserer Weisheit und Weissagung gebracht haben! [HGt.02_010,15] Ich meines Teiles – abgesehen von dem, daß du der Wahrheit stets unbestimmbar näher warst denn ich – aber denke nun also: [HGt.02_010,16] Wir sollten uns unseres früheren Zustandes wie immer auf gar keine Art mehr rühmen, sondern dafür lieber allein Dem, der da unter uns ist, alle Ehre und allen Ruhm darbringen. [HGt.02_010,17] Dein Gutes bleibt gut, insoferne es von Ihm aus gut ist; für sich allein und von dir aus allein aber ist es um kein Haar besser denn mein ehedem Grundfalsches. [HGt.02_010,18] Doch ich sage dir jetzt, mein Bruder, ich danke dem Herrn für meine damalige Finsternis; denn sie war ja der Grund meiner jetzigen Demut und war dadurch ja auch eine große, wennschon verhüllte Gnade von Ihm. [HGt.02_010,19] Daß sie aber eine Gnade war, siehe, das erkenne ich daraus, daß ich mich ihrer nie werde rühmen können! [HGt.02_010,20] Du aber hattest Licht, und es zieht dein Herz der Ruhm dieser Gnade! Wahrlich, Bruder, du bist zwar mir gleich erwählet, – aber so du mir nun dein früheres Licht für meine frühere Nacht geben möchtest, so möchte ich mich sehr lange bedenken, zu tauschen mit dir! [HGt.02_010,21] Darum rate ich dir um deiner selbst willen, für die Zukunft nicht mehr viel Erwähnens davon zu machen, – sondern bleibe lieber ganz mein lieber, demütiger Bruder! Denn siehe, vor Dem, der Sich jetzt uns naht, stehen wir beide ja gleich blank und nackt; darum bleibe du mein lieber Bruder jetzt, wie ewig! Amen.“ [HGt.02_010,22] Nach diesem letzten Worte war auch schon der hohe Abedam bei ihnen eingetroffen, legte Seine Hände auf beider Achseln und sagte: „Zu diesem Amen spreche auch Ich Mein mächtiges Amen. [HGt.02_010,23] Wahrlich, Kisehel, du bist stark geworden und bist von allen der mächtigste; darum sollst du auch ein Führer sein der übrigen! Dir, Sethlahem, aber solle die Weissagung verbleiben; doch so wahr auch deine Rede war und so wohl getroffen jedes Bild, ist Mir die Rede Kisehels lieber, darum er mehr, denn du für dich, die rechte Demut predigte. [HGt.02_010,24] Siehe, dich hat deine Rede erhöht, den Kisehel aber die seine erniedrigt! Was meinst du nun, derwelche Mir näher kam?! [HGt.02_010,25] Siehe, es ist gut also zu reden, wie du früher geredet hast; aber es ist nicht gut, von sich zu reden! Denn wer immer da etwas Wahres spricht, woher kommt ihm denn solches?! [HGt.02_010,26] Darum sollst du dich dessen nicht einmal sichtbar freuen, darum Ich dir mehr gab denn deinem Bruder, da dich sonst dein Bruder an Meiner Statt rühmen möchte, der du doch nur ein schwaches Werkzeug Dessen warst, der dich berufen hatte, und dem allein aller Ruhm gebührt! [HGt.02_010,27] Euer allergrößter Ruhm aber sei eure Demut und wahre, innere Liebe zu Mir; dann werdet ihr leben! [HGt.02_010,28] Siehe, solches ist Mein Wille! Dein Wort ist wahr und gut, da es ist aus Mir; aber lebe du vorerst ganz darnach, so wirst du leben ewig! Amen.“ 11. Kapitel — Das Wesen der wahren Demut[HGt.02_011,01] Der Kisehel aber, als er solche Erhöhung vom Abedam vernommen hatte, sah den Abedam wehmütig an und wollte zu reden anfangen; allein der Abedam kam ihm zuvor und sagte zu ihm: [HGt.02_011,02] „Kisehel, Ich habe es schon in deinem Herzen gelesen, was du Mir sagen und um was du Mich bitten möchtest! [HGt.02_011,03] Du möchtest gerne der Geringste verbleiben; du möchtest nicht ein Führer der andern sein, sondern möchtest dich lieber von den andern führen lassen. [HGt.02_011,04] Solches ist das Bestreben in dir, daß du lieber möchtest von den andern bestimmt werden, als daß du die andern bestimmen sollest; du möchtest viel lieber gehorchen, als den andern Verhaltungsregeln vorschreiben. [HGt.02_011,05] Du möchtest lieber der Letzte als der Erste Meiner Knechte sein und möchtest gerne der Stärkste sein, um allen zu dienen, und möchtest aber doch auch wieder der Schwächste sein, um vor niemandem etwas voraus zu haben! [HGt.02_011,06] Siehe, also erst lobe Ich dich ganz vollkommen; du bist Mir ein überwerter Mann geworden. – Das ist das Größte: Wer wahrhaft sein will der Letzte und der Geringste, der ist bei Mir der Größte; denn nichts als die wahre Demut macht euch wahrhaft groß vor Mir! [HGt.02_011,07] Weil du aber also wahrhaft vom Grunde aus demütig bist, darum du in allem vor deinen Brüdern und Kindern sogar möchtest aus großer Liebe zu Mir sein der Allergeringste und hast dadurch das herrliche Wort Sethlahems nicht verschmäht in deinem Herzen und hast es lebendig gemacht in dir durch die Tat vor Mir in deiner Liebe zu Mir, – siehe, darum auch bist du wahrhaft der Erste aus allen den Erwählten! [HGt.02_011,08] Denn sie brauchen keinen Führer in der Weisheit, da sie damit alle hinreichend ausgestattet sind; sie brauchen keinen Führer in der Liebe, – denn sie alle kennen Mich und haben Herz genug, um Mich über alles zu lieben; sie brauchen keinen Führer in der Kraft, – denn solche haben sie empfangen dir gleich; sie brauchen keinen Führer in der Macht, – denn Ich habe keinem einen geringeren Teil gegeben. [HGt.02_011,09] Auch brauchen sie keinen Führer in der Gewalt, – denn jeder von euch hat den gerechten Anteil von Mir erhalten; und sie brauchen keinen Führer in Meiner Gnade, – denn ihr seid alle von Mir ja für einen und denselben Zweck erwählt worden. [HGt.02_011,10] Aber sie brauchen einen Führer in der beständigen Demut! Denn alles kann jeder von Mir empfangen und kann sich nehmen aus Meinem unendlichen Vorrate, soviel er nur immer will: er kann lieben, soviel er mag und will; er kann sich nach seinem Wunsche also stärken durch den Glauben, daß es ihm ein leichtes wird, mit seinem Willen Berge zu versetzen; er kann seinen Willen selbst also mächtig machen, daß seinem Worte Tausende und abermals Tausende werden folgen müssen; er kann sich in der Bestimmtheit seiner Rede eine solche Gewalt zu eigen machen, daß ihm alles wird blindlings gehorchen müssen! Allein nicht also auch verhält es sich mit der Demut; diese ist jedes Menschen Eigentum. [HGt.02_011,11] Diese kann und darf Ich niemandem geben, sondern – wie du es jetzt soeben von Mir Selbst erfährst – nur lehren und begehren. Das ist der Acker, da Ich ernten will, da Ich nicht säe und den eigentlichen Samen streue in das Erdreich – und doch ernten will! [HGt.02_011,12] Die Demut ist das einzige, das ihr Mir geben könnet, ohne es eigentlich vorher von Mir empfangen zu haben. [HGt.02_011,13] In der wahren Demut besteht die eigentliche, allerhöchste Freiheit des Lebens, daher auch die größte Vollkommenheit desselben. Durch die Demut könnet ihr sogar euch in Mir der unantastbaren Heiligkeit Meiner Gottheit nahen, – ja die wahre Demut ist des Menschen höchste Weisheit, die höchste Liebe, die höchste Kraft alles Lebens, die Macht und die höchste Gewalt, vor der die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvoll erbebt! [HGt.02_011,14] Die Demut ist die innerste, allerhöchste Kraft, Macht und Gewalt in Mir Selbst. Alles, was da füllt die ganze Unendlichkeit, ist durch die Demut entstanden und ist aus ihr hervorgegangen. [HGt.02_011,15] Begreifst du nun, Mein geliebter Kisehel, warum Ich dich zum Führer der übrigen berufen habe? [HGt.02_011,16] Siehe, dieweil du wahrhaft von ganzem Herzen aus vollkommen demütig bist! [HGt.02_011,17] Dieses aber ist auch dasjenige, was allen deinen Miterwählten mehr oder weniger mangelt. [HGt.02_011,18] Es kann aber alles heilige, von Mir Selbst euch Gegebene bei Ermangelung der gerechten Demut in Verderbliches statt Segnendes verkehrt werden, so diese höchste Kraft in euch nicht bei weitem vorherrschend ist vor allem andern. [HGt.02_011,19] Bei dir aber ist sie der bedeutendst vorherrschende Zug nun deines Lebens; darum auch sollst du – und bei dieser Gelegenheit sage Ich dir sogar: – mußt du ihnen allen ein leitendes Vorbild sein und eine lebendige Regel, nach welcher sie sich zu richten haben, wollen sie Segen bringen der Erde alldort, da so übermächtig sie drückt der alte Fluch der hochmütigen und lügenhaften Schlange. [HGt.02_011,20] Euch allen aber rate Ich, ja unverzüglich in die Fußstapfen des Kisehel zu treten, sonst möchtet ihr wohl statt des Segens, dahin ihr berufen seid, nur noch größeres Verderben bringen! [HGt.02_011,21] Bedenket wohl diese Meine Worte, und tuet darnach, sonst werdet ihr fallen und das von euch gesegnet werden Sollende mit euch! [HGt.02_011,22] Höret, und verstehet es wohl! Amen.“ 12. Kapitel — Die Grenzen des Führeramtes[HGt.02_012,01] Auf diese Rede dankten alle dem Abedam für die so hohe Gnade, daß Er ihnen in der Demut des Kisehel einen Führer bestimmt hatte, und sagten dann einstimmig: [HGt.02_012,02] „O Abedam, auf dem Dein Vertrauen ruht, dem dürfen wir alle sicher wohl auch trauen! Daher Dir ewig Dank, Lob und Preis für den, welchen Du also gnädigst über uns gestellt hast; er wird uns allen sicher ein weiser Führer sein in Deinem allerheiligsten Namen und Deinem göttlichen Willen und Wohlgefallen! Amen.“ [HGt.02_012,03] Und der Abedam setzte hinzu: „Ja, Amen sage auch Ich; aber solches merket euch alle noch hinzu: [HGt.02_012,04] Ich bin der Erste und stehe noch jedem näher denn der von Mir euch gegebene Führer. [HGt.02_012,05] Daher sollet ihr auch allzeit in eurem Herzen früher zu Mir denn zum Führer gehen, wann ihr eines Rates benötiget, und Ich werde dann eure Herzen empfänglich machen zur Aufnahme des Rates aus dem Munde des Führers und werde euch schon zuvor mit dem erfüllen, was euch hernach erst der Mund des Führers bestätigen wird, – darum ihr dann das Wort des Führers nicht als sein Wort, sondern als Mein Wort in euch allen erkennen werdet. [HGt.02_012,06] Und so diene euch der Führer nicht etwa, als solle er euch Gesetze und Regeln vorschreiben, sondern nur, daß er euch bestätige Meinen Willen in euch! [HGt.02_012,07] Wenn aber jemand nicht eher selbst zu Mir kommen wird, der wird vom Führer dann harte Stöße gar oft empfangen, da ihm dieser Worte künden wird und Pflichten auferlegen, von denen ihm nie etwas geträumt hatte, und deren Ausübung ihm dann auch schwerer fallen wird, als wäre ihm ein ganzer Berg zum Tragen auferlegt worden. [HGt.02_012,08] Also – Ich bin der Erste; dann erst kommt der, der äußerlich Mein Wort in euch bestätigt! Amen.“ [HGt.02_012,09] Nach dem aber entließ sie der Abedam und hieß sie Ihm zu folgen und bei Ihm zu verweilen, solange Er sichtbar unter den Kindern verweilen werde. [HGt.02_012,10] Nach dem aber berief Er den Jura, den Bhusin und den Ohorion zu Sich. [HGt.02_012,11] Und als sich diese eiligst zu Ihm begaben und vor Ihm auf ihre Angesichter niederfielen, hieß Er sie alsbald wieder erstehen und sagte zu ihnen: [HGt.02_012,12] „Ihr werdet jetzt sicher alles vernommen haben, was alles schon hier erörtert worden ist, somit Meinen Willen vollkommen und klar, insoweit es jedem von euch zu handeln darnach leicht möglich zusteht. [HGt.02_012,13] Doch euch habe ich nicht für die Tiefe bestimmt, – daher habt ihr da, wie alle andern, auch keine Pflicht; aber nun bestimme Ich euch alle gleichermaßen für die Demut, wollt ihr wahrhaft Meine Kinder sein und haben ein vollkommen freies, ewiges Leben aus Mir. [HGt.02_012,14] Ich brauche euch nicht mehr über die Demut zu sagen, als Ich von ihr schon zu den Erwählten gesagt habe, sondern nur zu ermahnen habe Ich euch noch, daß auch ihr euch vor allem der Demut eurer Herzen befleißigen sollet; denn ohne die wahre, innere Demut seines Herzens kann Mich niemand wahrhaft liebend in seinem Herzen erfassen und dadurch dann leben ein vollkommenes, ewiges Liebeleben aus Mir. [HGt.02_012,15] Wann immer ihr Mich werdet lieben wollen, euer Herz aber wird nicht stark genug sein, Mich mit flammender Liebe zu erfassen, sondern wird sich müssen allein mit den trockenen Gedanken von Mir sich beschäftigend begnügen (welcher Zustand gleich ist dem, da jemand möchte recht mit Geisteswärme etwas ergreifen, hatte aber schon zuvor ein paar Nächte nicht geschlafen, darum sich ein Stumpfsinn gerade dann seiner bemächtigen wird und eine große Schlaflust, wann er sich's gerade vorgenommen hatte, im Feuer seines Geistes zu wirken), so denket, es fehlt euch an der wahren Demut; denn sie ist das eigentlichste Grundfundament alles Lebens. [HGt.02_012,16] Habet ihr aber das nicht, was ist da eure Liebe? – Ein nächtlicher Traum! – Was Meine Erbarmung an euch? – Das Berühren eines Steines mit einem Stocke! – Was Meine Gnade? – Ein Licht einem faulen Baumstocke! – Mein Wort? – Ein unvernommener Schall einem toten Erdklotze! – Was Meine Liebe zu euch? – Das Wehen eines sanften Windes über ein unempfindliches Steingeröll! – Ja, was am Ende Ich Selbst? – Nichts als ein schales Denkbild ohne Sein, oder was da ist einem Tiere, das in der Meerestiefe und in dem Erdinnern schläft, der Strahl der Sonne! [HGt.02_012,17] Darum also befleißiget auch ihr euch vor allem der Demut! Wenn ihr derselben innerste Wurzel werdet gefunden haben, dann habt ihr auch vollends Mich gefunden in aller Macht, Kraft und Gewalt und Meine Liebe, Gnade und Erbarmung und das ewige Leben und seine Herrlichkeit in allem dem! [HGt.02_012,18] Nehmet somit auch ihr hin Meinen Segen, und seid weise Führer und Lehrer aller eurer Kinder! Lehret aber auch ihr sie alle, zuvor Mich zu suchen; und haben sie Mich gefunden in der wahren Liebedemut ihrer Herzen, dann erst sollen sie auch zu euch kommen und euch zeigen den großen Fund, den sie überkommen haben. [HGt.02_012,19] Ich aber erteile auch euch alle nötige Macht und Kraft; diese sollet ihr weise benützen, wann ihr irgend solltet einen Starrsinn merken. [HGt.02_012,20] Wie aber Ich euch zu leiten eure Kinder nun erwähle, also sollet auch ihr aus eurer Mitte erwählen jene, welcher Herzen ihr voll der wahren Demut finden werdet; aber ja etwa keinen, der danach strebete und möchte mehr sein und größer denn alle seine Brüder, anstatt der Geringste unter ihnen! [HGt.02_012,21] Auch den nicht, so er sich zu allergeringst stellte, um erwählt zu werden; denn einen Kriecher sollet ihr sogar so lange eures Landes verweisen, bis er, versehen mit Meinem Zeugnisse im Herzen, zu euch zurückkehren wird, und wird euch bitten um die Aufnahme für den geringsten Knecht in eurem Lande. [HGt.02_012,22] Solches alles beachtet wohl, und seid voll Freundlichkeit gegen alle Fremde, die Ich bald zu euch führen werde; dann werde Ich auch bei euch sein zu allen Zeiten! Amen. Mein Segen mit euch! Amen.“ 13. Kapitel — Ansehen und Führeramt[HGt.02_013,01] Und nachdem diese drei auch entlassen worden sind, wendete sich Abedam der Hohe zu Abedam, dem bekannten, und fragte ihn: [HGt.02_013,02] „Abedam, sage Mir, was soll Ich denn aus dir machen? Siehe, die Kinder im Abende haben noch keinen Führer; wie wär's denn, so Ich dich ihnen gäbe?“ [HGt.02_013,03] Und der andere Abedam entgegnete: „O du bester Vater! Fürs erste kann ich Dir auf diese Deine lebenvollste Frage nichts anderes zur Antwort geben als: Es geschehe Dein heiliger Wille! Denn Du weißt es ja ohnehin, daß ich allzeit bereit bin, für Dich ins Feuer zu gehen und mich in alles aus endloser Liebe zu Dir umgestalten zu lassen, was nur immer Dein heiliger Wille aus mir machen möchte! [HGt.02_013,04] Jedoch, weil dieses Führeramt denn doch immer mit einem gewissen Grade von Ansehen notwendig verbunden ist (vergib mir, wenn ich gewohntermaßen von der Leber geradeheraus sage), welches, ich glaube es fest, auch Du Selbst nicht so ganz und gar vom Amte trennen kannst, solange der Führer das sein und bleiben solle, wozu Du ihn allergnädigst erwählt hast, so möchte ich Dich bloß darum bitten, zuliebe meiner schon alten Demut, die mich eigentlich zu Dir geführt hat, mich samt meiner großen Dummheit mit diesem heiligen Amte zu verschonen. Siehe, es sind da der Kinder in der großen Menge; es werden sich sicher noch mehrere Kisehels darunter finden lassen! [HGt.02_013,05] Du weißt es ja, daß ich schon von jeher nur meine größte Freude an der möglichst geringsten Stellung hatte, daß ich allzeit um ganze tausend Male lieber gehorchte, als irgendeinem andern ein Geschäft gab; darum also verschone mich mit diesem Amte! [HGt.02_013,06] Ja, so es Dir recht wäre, – so ganz im unbemerkten Stillen möchte ich wohl Deinen heiligen Namen verkünden; aber nur möchte ich dabei von niemandem als etwas beachtet werden! [HGt.02_013,07] Ich weiß zwar wohl von Dir aus, daß dann selbst die Demut aufhört, eine eigentliche Tugend zu sein, so man sie nur darum beachtet, weil man sich gewisserart eigenliebig in ihr am wohlsten befindet, – allein, o Du bester Vater, Du siehst ja mein Herz, daß solches bei mir ganz und gar nicht der Fall ist, sondern daß ich nur aus Liebe und allerhöchster Achtung zu Dir demütig und aus diesem Grunde aber auch gegen alle meine Brüder überaus gerne dienstfertig bin, was da solches alles ist meine alleinig größte Freude! Darum verschone mich mit diesem Amte; jedoch Dein heiliger Wille jetzt, wie allzeit! Amen.“ [HGt.02_013,08] Und der hohe Abedam fragte ihn abermals, sagend nämlich: „Also möchtest du wahrhaft kein Führer sein darum, da an diesem Amte irgendein Ansehen haftet, welches du mit dem Amte unzertrennlich glaubst, ohne so recht zu bedenken, daß Ich vielleicht das dir lästige Ansehen vom Amte doch zu trennen vermöchte?“ [HGt.02_013,09] Und der bekannte Abedam erwiderte: „Ja, Herr und Vater Abedam, wenn solches möglich ist, dann magst Du mich zum Führer der Tiger, Hyänen, Löwen, Bären, Wölfe, Luchse, Füchse erwählen, so will ich Dir folgen bis ans Ende der Welt! Wenn Du mich senden möchtest in die Tiefen der Meere, so will ich gehen und dort vollziehen Deinen heiligen Willen, – aber nur das Ansehen hinweg! [HGt.02_013,10] Ich für mich kann weder die Kraft, noch die Macht und noch die Gewalt gebrauchen, sondern allein Deine Liebe in meinem Herzen; denn so ich gleich den übrigen die Kraft, Macht und Gewalt hätte, wer möchte mich da beschützen vor des Amtes Ansehen?! [HGt.02_013,11] So ich aber nur Deine Liebe habe in meiner untersten Geringheit, da kann ich jedermann dienen nach der Kraft Deiner Liebe in mir in der allerseligsten Demut meines Lebens! [HGt.02_013,12] So demnach Dein heiliger Wille es wäre, möchte ich ja wohl ein unbeachteter Führer in Deinem heiligen Namen sein. Amen.“ [HGt.02_013,13] Und der hohe Abedam sagte darauf zu ihm: „Höre, Abedam, dein Sinn ist gerecht und ganz würdig, sich Meines großen Wohlgefallens zu erfreuen; allein dein Erkennen in Meiner Ordnung der Dinge steht deinem reinen Sinne noch recht weit nach. Denn siehe, es kann ja doch in der Ordnung aller Dinge kein Amt irgend geben, das da nicht mit einem erforderlichen Grade von Ansehen verbunden sein sollte; denn ohne solches Ansehen wäre ja das Amt kein Amt, sondern es wäre bloß eine lose Freistätte des Widerspruches, darin jedweder möchte lieber für seine eigene Torheit streiten, denn der Weisheit seines Bruders folgen. [HGt.02_013,14] Wenn aber das Amt versehen ist mit dem gehörigen Grade von Ansehen, welches da besteht in der erforderlichen Kraft, Macht und Gewalt, so wird der Frevler ja dadurch abgehalten, zu spotten des Amtes und Meiner Ordnung, und wird endlich genötigt, des Amtes Regel zu ergreifen, diese Regel dann wenigstens so lange gezwungen zu beachten, bis er sich dieser Regel also vollends bemächtigt hat, daß sie ihm zur Richtschnur des eigenen Lebens, wie aus ihm selbst hervorgegangen, eigen, fertig und geläufig wird. [HGt.02_013,15] Siehe nun du, Mein geliebter Abedam, solches kann das Amt ohne einen gerechten Grad des Ansehens nimmer bewirken! [HGt.02_013,16] Willst du daher Mir ein Diener sein, da mußt du Meinen Willen ganz erfassen und darnach dich verhalten und getreu handeln, und es darf nichts von deinem Willen dabei sein als nur allein der willige Gehorsam, welcher da ist der Same der wahren, inneren Demut. [HGt.02_013,17] Das Ansehen aber haftet ja ohnehin nicht an der amtshandelnden Person, sondern nur am Amte selbst, welches aber nichts anderes darstellt als Mich Selbst in Meiner Liebe, Gnade und Erbarmung, so es von Mir aus angeordnet und bestimmt wird samt denen, welche da das Amt zu führen haben. Möchtest du Mir daher das Ansehen Meiner Heiligkeit streitig machen?! [HGt.02_013,18] Es wird zwar in der Zeit der Dinge der Welt wohl noch gar verschiedene Ämter geben, und die Menschen werden sich bis zum Tode abmühen, um ein solches Amt irgend zu erhaschen; diese Ämter werden dann freilich wohl schwerlich von Mir sein, und alle ihre Kraft, Macht und Gewalt wird sein eine euch allen noch fremde Weltmacht! [HGt.02_013,19] Doch also verhält es sich nicht mit dem Amte, das Ich dir hier auferlege! Dieses Amt erhältst du ja nur zufolge deiner großen Demut; daher nimm es an also, wie es alle anderen angenommen haben, und handle danach, so wirst du wahrhaft leben ein vollkommenes Leben aus und in Mir! [HGt.02_013,20] Und so empfange denn auch du Meinen Segen, und sei darum ein wahrer, getreuer und lebendiger Führer aller der Kinder des Abends. [HGt.02_013,21] Dem du aber die Hände auflegen wirst in Meinem Namen, der soll dir gleich ein Führer den Brüdern werden in aller Liebeweisheit aus Mir. [HGt.02_013,22] Und also nimm hin Meinen Segen, und wie du führest Meinen Namen, also sollst du auch fürder führen Mein Wort, Meine Liebe, Meine Gnade und Meine Erbarmung in aller Kraft, Macht und Gewalt! Amen.“ 14. Kapitel — Von den Lasten des Führeramtes und der Schwachheit des Menschen[HGt.02_014,01] Und der bekannte Abedam ward also durch und durch ergriffen von der großen Gnade des Herrn, daß er sich gar nicht finden konnte, um Ihm einen Dank darbringen zu können; er war im eigentlichsten Sinne des Wortes und der Bedeutung sozusagen ganz weg und konnte weder reden noch deuten, noch stehen oder gehen. [HGt.02_014,02] Da aber der hohe Abedam dessen große Verlegenheit gar wohl gemerkt hatte, so trat Er zu ihm hin und rührte ihn an und sprach zu ihm: [HGt.02_014,03] „Abedam, tue dich auf; denn es ziemt sich nicht, daß ein Mann wie du in eine gar so große Verlegenheit gerät, daß er darob beinahe unsinnig wird. Siehe, solches taten nicht einmal die Mägde, als Ich ihnen gar große Dinge gezeigt hatte und sie auch nicht minder denn dich großer Gnaden teilhaftig werden ließ; und dazu noch kennst du Mich schon länger denn diese! [HGt.02_014,04] Daher sei ein Mann und nicht ein Hase im Angesichte eines Wolfes! [HGt.02_014,05] Auch darfst du dich jetzt ja noch nicht von Mir hinwegbegeben, sondern sollst an Meiner Seite verbleiben wie ehedem; darum du jetzt aber eine wahre und nützliche Bestimmung deines Lebens von Mir erhalten hast, mußt du denn darum unsinnig werden?! [HGt.02_014,06] Ich sage dir aber: Wenn du erst dein Amt ausübend antreten wirst, dann wird dir erst das größte Licht aufgehen; da wird es dir klar werden, daß Meine Ämter auf dieser Welt nichts weniger als etwa mit Honig überladen sind, sondern desto mehr mit Bitterkeiten aller Art. [HGt.02_014,07] Da erst wirst du Mir recht danken für die Mitgabe der Kraft, Macht und Gewalt, darum du erst einsehen wirst, wie arm du wärest in deinem Amte ohne diese Mitgabe. [HGt.02_014,08] Daher erhebe dich, und danke Mir erst, wenn du alle Süßigkeiten Meines dir nun gegebenen Amtes gekostet haben wirst! Amen.“ [HGt.02_014,09] Und nach diesen Worten erhob sich der Abedam, der bekannte, aus seiner Betäubung und fragte den hohen Abedam, ob er nun nicht etwas reden dürfte. [HGt.02_014,10] Und der hohe Abedam fragte ihn entgegen: „Untersuche zuvor deine Zunge, ob Ich sie mit irgendeinem Stricke an den Gaumen oder an die Zähne angebunden habe!“ [HGt.02_014,11] Und der bekannte Abedam erwiderte: „O Herr und Vater, solches ist mitnichten der Fall!“ [HGt.02_014,12] Und der hohe Abedam sagte zu ihm: „Wenn solches nicht der Fall ist, so magst du ja immerhin reden, wie dir die Zunge gewachsen ist; aber verstehe: nur nicht gar zu stark von der Leber weg, wo die Galle ihr Haus hat, sondern dafür lieber etwas mehr vom Herzen weg, wo das Leben sein Haus hat; verstehe es wohl! Amen.“ [HGt.02_014,13] Und der bekannte Abedam entwand folgende Worte seinem Herzen und sagte: „Abedam, Du großer, heiliger, allmächtiger, liebevollster, gnädigster, sanftmütigster, allerbester Vater, jetzt erst kann ich Dir danken; jedoch nicht mit Worten, nicht mit Gebärden, nicht mit den Händen, nicht mit den Füßen, nicht mit dem Bauche, nicht mit dem Rücken und nicht mit dem Kopfe will ich Dir danken, sondern allein in der stets größeren Demut, Geduld und Liebe meines Herzens will ich Dir danken, und in der Tat will ich Dir ein Opfer darbringen, ein Opfer der Ergebung in Deinen heiligen Willen, ein Opfer der Geduld, ein Opfer der Sanftmut, der Liebe, der Erbarmung und ein Opfer der Beharrlichkeit. Und möchtest Du auch Feuerbrände und glühende Steine auf mich herniederregnen lassen, wahrlich, sage ich Dir, Abedam wird nicht weichen, sondern in Deiner Treue beharren bis ans Ende seiner Tage, und möchten deren noch so viele folgen, als da ist des Sandes im Meere; denn Du wirst mir doch sicher nicht über meine Kraft Lasten auferlegen?! [HGt.02_014,14] Was aber mit meinen Kräften übereinkommt, das mag ja schon aussehen, wie es nur immer will; es wird alsbald auf meine Schulter genommen werden und dann allergeduldigst getragen bis ans Ende meiner von Dir bestimmten Zeit! [HGt.02_014,15] Versuche nur eine Probe mit mir zu machen! Stelle mich ins Feuer, oder schicke mich ins Wasser, oder lasse mich den Blitzen nachjagen, oder lasse, was Du, o Vater, nur immer willst und magst, über mich kommen, und ich werde es aus Liebe zu Dir geduldigst ertragen! [HGt.02_014,16] Doch nicht darum verlange ich solches von Dir, als wollte ich Dich von meiner Beharrlichkeit gewisserart überweisen, – denn Du weißt es ja schon von Ewigkeit her, wieviel ich standhaft werde zu ertragen imstande sein; sondern nur darum bitte ich Dich, mir eine solche Probe zuzulassen, damit ich daraus für mich selbst ersehen möchte, inwieweit sich meine Stärke der Beharrlichkeit erstreckt, und wieviel der Schwäche noch in mir verborgen ist, und ob ich bei der vielen Bitterkeit Deines Amtes an mir dasselbe völlig zu ertragen werde imstande sein. Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_014,17] Und der hohe Abedam blickte ihn liebernstlich an und sagte dann zu ihm, ihn am Arme fassend: [HGt.02_014,18] „Abedam, Abedam, du nimmst dir viel vor! Aber bedenke auch dabei, wer Der ist, dem du solche Verheißungen machst! [HGt.02_014,19] Kennst du alle die unendlichen Versuchsmittel, die alle ewig Meinem Willen zu Gebote stehen? Meinst du, es hängt von dir ab, ob du stehen bleibst, oder ob du dich zerfallest zu Tode? [HGt.02_014,20] Daher bleibe du nur getreu bei dem, was Ich dir anvertraut habe, und bitte dir nicht Lasten von Mir aus, die du in der Wirklichkeit nicht einmal mit halbgeöffneten Augen dir anzublicken getrauen möchtest, und Ich werde mit dir zufrieden sein! Und wenn du Mich schon um etwas bittest, so bitte Mich lieber darum, daß Ich alle Versuchung von dir abwenden möchte, statt dich in Versuchungen zu führen! Dann wirst leichter du bestehen und wirst Mir wohlgefälliger sein, wenn du Mir in dem getreu verbleibest, über was Ich dich gestellt habe, als wenn du, von neuen Lasten zu Tode gedrückt, dann in aller Verzweiflung zu Mir rufen würdest: ,Herr, errette mich, oder ich gehe zugrunde!‘ [HGt.02_014,21] Damit du aber die Torheit deiner Bitte so recht einsiehst, so will Ich dir nur eine Stechfliege auf eine Minute lang auf dein Angesicht setzen, und dir wird diese Minute lang genug werden! Und also geschehe deinem Wunsche nach! Amen.“ [HGt.02_014,22] Und im Augenblicke saß eine große Stechfliege dem bekannten Abedam im Gesichte und fing ihn an gewaltig zu stechen. Der Abedam erschrak darüber also heftig, daß er beinahe in die Verzweiflung übergegangen wäre, da er der unaufhörlich stechenden Fliege nicht loswerden konnte, – hätte ihn der hohe Abedam nicht vor der Zeit davon befreit. [HGt.02_014,23] Als er von der kleinen Last los war, fiel er dem Abedam alsbald zu den Füßen und dankte Ihm wie ein Neugeboreener für diese Errettung vom nahen Untergange. [HGt.02_014,24] Und der hohe Abedam fragte ihn darauf: „Na, – möchtest du nun auch noch eine kleine Feuerprobe machen?“ [HGt.02_014,25] Und der bekannte Abedam erwiderte, am ganzen Leibe zitternd: „O Herr, verschone mich in alle ewige Zukunft nicht nur mit der jetzt versprochenen Feuerprobe, sondern lasse auch nimmer eine solche hartnäckige Fliege über mein Gesicht kommen; denn Deine Versuchungen sind erschrecklich!“ [HGt.02_014,26] Und der hohe Abedam sagte ihm darauf: „Du sollst verschont bleiben ewig; aber verschone auch du Mich mit jeder noch viel erschrecklicheren Torheit vor Mir und bleibe Mir getreu, Amen.“ 15. Kapitel — Ungehorsam aus Liebe[HGt.02_015,01] Nachdem der hohe Abedam den bekannten Abedam somit geordnet hatte, und dieser dadurch in sich erkannt hatte, daß er mit aller seiner Demut noch bei weitem nicht im rechten Grunde war, und daß eben der Herr ihn erst in den wahren Grund zurück in des Liebelebens Tiefe der Tiefen geführt hatte, da fing er erst auch wahrhaft dem Abedam zu danken an. Und der Abedam stärkte ihn und wandte Sich dann an den Henoch und sagte folgendes zu ihm: [HGt.02_015,02] „Henoch, wie du es selbst siehst, daß da noch eine und eine halbe Schattenwende abgehen von der geraden Mitte des Tages – es solle aber um eine Schattenwende vor der Mitte des Tages das Opfer des Volkes wegen angezündet werden –, so bliebe uns noch eine halbe Schattenwende übrig! [HGt.02_015,03] Was deucht dich, das da nützlich wäre, womit wir diesen Rest der Zeit zubrächten?“ [HGt.02_015,04] Und der Henoch, ganz entflammt von der reinen Liebe zu Mir, sagte: [HGt.02_015,05] „O Abba, Du hast es schon bestimmt und hast zuvor geredet zu meinem Geiste: ,Henoch, siehe, die Kinder aus dem Morgen haben ihren Vater noch nicht zu Gesichte bekommen! [HGt.02_015,06] Gehe daher hin zu ihrer mäßigen Schar, und berufe alle zu Mir, damit sie Mich sehen und Ich sie segne!‘ [HGt.02_015,07] Da ich solches von Dir, o Du Abba, erfuhr, was könnte ich wohl noch denken, das da nötiger wäre, als was Dein heiliger Wille erheischt?“ [HGt.02_015,08] Und der Abedam sprach weiter zum lieben, frommen Henoch: „Lieber Henoch, da du aber solches schon vorher vernommen hast in deinem Herzen, warum gingst du denn nicht sogleich und vollzogst Meinen Willen, sobald du solchen in dir gewahrtest?“ [HGt.02_015,09] Und der Henoch erwiderte: „O Abba, wer kann sich von Dir trennen, solange er Dich wesenhaft lebendig vor Augen, Ohren und allen seinen Sinnen und vorzüglich aber vor und in seinem Herzen über alles liebend hat?! [HGt.02_015,10] Heilig, ja überheilig ist jegliches Wort, das Du, o Abba, zu unseren Herzen heimlich sprichst, – aber noch überheiliger bist Du Selbst! [HGt.02_015,11] Denn so Dein überheiliges Wort sich hören läßt in meinem Herzen, da hast Du, o Abba, es also gegeben, daß unsere unlauteren Herzen das Feuer Deiner unendlichen Heiligkeit ertragen können, welches da aus jeglichem Deiner Worte gleich einem großen Licht- und Feuerstrome sich in unsere vor unaussprechlicher Liebe und Ehrfurcht bebenden Herzen ergießt. [HGt.02_015,12] So Du, o Abba, aber wesentlich vor uns handelst und sprichst, da ist jedes Deiner über-, überheiligsten und allerlebendigsten Worte ein unendliches Lichtfeuermeer! [HGt.02_015,13] Wenn Du nur ein Fünkchen dieser Deiner Worte, welche nur Dein heiligster Mund auszusprechen vermag, in mein Herz so ganz unverhüllt kommen ließest, was möchte da wohl aus mir werden?! [HGt.02_015,14] Und so siehe, wie Du schon von Ewigkeiten her gesehen hast: die Ursache dieses meines Ungehorsams gegen Dein überheiliges Wort in mir bist Du, allerheiligster Vater, ja Selbst und meine Liebe zu Dir, die mich gefesselt und überinnigst an Dich, o Abba, gebunden hat. [HGt.02_015,15] Ich lebe ja nicht mehr ein Leben der mir von Dir gegebenen Natur, der ich durch Deine große Erbarmung schon lange gestorben bin, sondern Du allein bist nun alles Leben und alle Liebe in mir, so, daß ich nicht mehr ich, sondern nur Du alles in allem in mir bist. [HGt.02_015,16] Und so war auch das Dein Wille, daß ich bleibe, solange Du mich äußerlich nicht mahntest, werktätig zu vollziehen Deinen allerheiligsten Willen. [HGt.02_015,17] Jetzt aber hast Du mich gemahnt, und solches ist das heilige Zeichen zum Tataufbruche, und siehe, o Abba, meine Füße harren Deines Winkes, obschon ich ganz helle in mir erschaue, daß Du, o heiligster, liebevollster Vater, meines armseligen Dienstes nimmer bedarfst, sondern durch Deine endlose Vaterliebe mir nur etwas zu tun gibst und siehst dann meine nichtige Tat also gnädigst an, als wäre sie etwas vor Dir, während doch nur Du, o liebevollster Vater, es bist, der in Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung Sich also unbegreiflich tiefst herabläßt und handelt also verborgen mächtig durch das schwache Werkzeug gleich also, als handelte das Werkzeug für und von sich aus. [HGt.02_015,18] Darum Dir alle meine möglichst endloseste Liebe jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten! Amen.“ [HGt.02_015,19] Und der Abedam sagte darauf zum Henoch: „Henoch, du hast Mir wahrlich eine vollgültigste Antwort gegeben, an welcher durchaus mitnichten etwas auszustellen übrigbleibt, – ja, es möchte wohl der Himmel erster, tiefsinnigster Cherub nicht mehr da gesagt haben, als was du Mir jetzt erwidert hast. Aber dessenungeachtet dürfte doch noch etwas darinnen sein, was um der anderen willen eine stärkere Beleuchtung erfordern möchte, – und dieses ist, daß du als die Ursache deines Ungehorsams Mich vorher genannt hast! [HGt.02_015,20] Du magst die vollste Wahrheit geredet haben; daß sie aber an dir nicht zum Fehler werde und den andern zum Ärgernisse, so magst du sie wohl leuchtender werden lassen vor den Vätern, Brüdern und Kindern! Amen.“ [HGt.02_015,21] Und der Henoch sagte in der freudigsten Ehrfurcht vor dem Abedam, wie in der allerinnersten Liebe zu Ihm: „O Abba, also verstehe ich dieses, und also auch möchten es alle verstehen: [HGt.02_015,22] So da jemand hätte eine geliebte Braut, die da wäre voll der innigsten Liebe zu ihm, der Bräutigam aber käme einmal zu ihr in den Garten; als sie ihn nun erkennt und sich über so manches der rein himmlischen Liebe mit ihm bespräche und sie daraus ersähe, wie sehr sie auch der Bräutigam liebt; wenn ihr dann aber der Bräutigam sagete so ganz stille und unvermerkt: ,Höre, du meine geliebte Braut, dort gen Morgen des Gartens wächst eine wunderbar schöne Blume! Möchtest du nicht alsbald hingehen und sie hierher bringen mir zu einem Gedenkzeichen deiner Liebe?‘ [HGt.02_015,23] Da aber die Braut den Bräutigam dabei ansieht, da vermag sie sich nicht zu trennen vor zu übermächtiger Liebe zu ihm und gedenkt nicht eher der unschuldigen reinen Blume, als sie der Bräutigam abermals lieblichst gemahnt der Blume. [HGt.02_015,24] Und also war ja der Bräutigam der süßen Schuld Träger durch seine Liebe, darum die Braut nahe des Blümchens vergessen hätte!“ [HGt.02_015,25] Und der Abedam fragte darauf noch den Henoch: „Henoch, weißt du aber auch, wer dir nun dies Bild gab? Oder ist es auf deinem Grunde gewachsen?“ [HGt.02_015,26] Und der Henoch antwortete: „Ja, o Abba, es ist wahrhaft auf meinem Grunde gewachsen; denn Du, o mein liebevollster, heiliger Vater, bist ja allein mein ewiger Grund!“ [HGt.02_015,27] Und der Abedam sagte laut: „Höret ihr alle! Also reden die Lebendigen allzeit aus dem wahren Grunde; denn Ich Selbst bin der ewige Grund aller ihrer Worte! [HGt.02_015,28] Darum trachtet alle nach dem, wonach der Henoch allzeit getrachtet hat, so werdet auch ihr des Henoch festen Grund finden! [HGt.02_015,29] Du, Henoch, aber gehe nun und bringe Mir sieben Blümchen vom Morgen her, und lasse alle die übrigen den sieben folgen! Amen.“ 16. Kapitel — Henoch bringt Uranion, seine sechs Brüder und die Morgenkinder zum Herrn[HGt.02_016,01] Und alsbald nach den Worten Henochs und nach der Vollbilligung derselben vom Abedam begab sich der Henoch hin zu den Kindern des Morgens, welche sich nahe an der Grotte Adams gelagert hatten. [HGt.02_016,02] Als er nun vollends bei ihnen ankam und sie seiner ansichtig wurden, da schrien sie vor Freude und sagten: „Sehet, sehet, der Henoch, der liebevolle, weise Lehrer Henoch, dessen Worten sogar der Erzvater Adam sich willigst unterwarf, kommt zu uns! Ja er ist schon zu uns gekommen und ist schon bei uns, unter uns und in uns!“ [HGt.02_016,03] Und ein Vater des Morgens, namens Uranion, trat vor den Henoch hin und fragte ihn mit der größten und liebevollsten Ehrfurcht: [HGt.02_016,04] „Vater Henoch, du weisester Lehrer des großen Gottes, der da ist die ewige Liebe und Weisheit Selbst, welche heilige Absicht hat denn uns der hohen Gnade teilhaftig werden lassen, daß du selbst zu uns kamst? [HGt.02_016,05] Wahrlich, nichts Geringes magst du für uns im Hinterhalte haben! [HGt.02_016,06] So dein Wille es wäre, möchtest du uns es ja kundgeben; denn solches ist ja unser alleiniges Glück, und wir alle haben noch nie ein anderes gesucht, als nur etwas zu vernehmen von Dem, dessen Name zu heilig ist, als daß unsere Zungen würdig wären, ihn auszusprechen! [HGt.02_016,07] Daher, du allerehrwürdigster Vater Henoch, gib uns kund, was dich zu unserer großen Armseligkeit hergeleitet hat!“ [HGt.02_016,08] Und der Henoch aber richtete darauf folgende Worte an sie und sagte: „So höret denn, ihr alle meine geliebten Väter, Brüder und Kinder! Fürs erste danke ich euch für eure Liebe gegen mich und alle meine und eure Väter, Brüder und Kinder und lobe eure allzeit rechte Gottesfurcht und allerseligste Liebe des großen, heiligsten, liebevollsten und allersanft- und langmütigsten Vaters in aller großen Demut eurer Herzen, – setze aber fürs zweite hinzu, daß eure große Liebe mich in alle Zukunft mit den nahe vergötternden Ausdrücken eurer liebwärmsten Gefühle verschonen möchte; denn sehet, niemand als nur allein Gott, unser aller liebevollster, heiligster Vater ist es, dem allein alle Ehre, alles Lob, aller Ruhm, alle Liebe und alle Anbetung gebührt! [HGt.02_016,09] Wir aber sind alle gemeinschaftlich Brüder untereinander, da keiner dem andern ein Herr sein solle, sondern, wie gesagt, nur ein Bruder und eine liebe Schwester und ein liebweiser Vater den Kindern und ein reiner, liebevoller Mann dem Weibe, und so es dem heiligen Vater wohlgefällt, daß ein Bruder den andern führe in aller Liebe, so dieser das Licht des Lebens verlor; was darüber ist, das alles sind wir nur dem heiligsten Vater schuldig. [HGt.02_016,10] Solches fasset in euer Herz, und höret nun weiter: Du, Uranion, hast mich schon gleich anfangs um die heilige Absicht gefragt, die mich zu euch hierher geführt hat; so vernimm denn, was ich dir nun kund geben werde: [HGt.02_016,11] Was möchtest du wohl von einem Menschen halten, dessen Wort also mächtig ist, daß es mit dem leisesten Winke schon einen Sturm, wie der gestrige es war, also zunichte macht, als wäre er nie dagewesen? [HGt.02_016,12] Der mit einem Worte diese ungeheure Prachtgrotte Adams, welche, wie es mehrere von euch heute früh werden bemerkt haben, vom Sturme bis zu Staubtrümmern zerstört ward, wieder also herzustellen vermochte, als wäre sie schon als ein Gebäude von Ewigkeit da gestanden! [HGt.02_016,13] Ja, ich sage dir, ein Mensch, vor dessen Hauche das Meer flieht, und vor dessen Stimme die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvollst erbebt, vor dessen Blicke die Sonne erlischt, unter dessen Tritte alle Welt zunichte wird, und zu dem er sein Herz wendet, der wird erfüllt mit aller Macht, Kraft und Gewalt über alle Dinge der Welt, und sein Herz wird zu einem allerlebendigsten Feuerbrande der reinsten Liebe, der innersten Demut und des ewigen Lebens aus ihr! [HGt.02_016,14] Sage mir, was du wohl halten möchtest von ihm! – Doch mich halte ferne jedem deiner Gedanken!“ [HGt.02_016,15] Und der Uranion besann sich einige Augenblicke lang und gab endlich zur Antwort: „O Henoch, deine Worte klingen geheimnisvollst! Wenn es in aller Wahrheit irgend einen solchen Menschen gäbe, welch ein Unterschied wäre da wohl zwischen ihm und zwischen Gott?! [HGt.02_016,16] Denn was du von ihm aussagst, ist ja alles, was möglicherweise wir uns von Gott denken können, und also müßte dieser Mensch entweder von aller Gottheit selbst durchdrungen und erfüllt sein, oder der Mensch ist Gott Selbst! [HGt.02_016,17] Denn sonst wäre solches unmöglich zu fassen, wenn da nicht angenommen werden könnte, wie ich es vorher dir kundgab! Denn obschon der Mensch von Gott aus großer, erstaunlicher Gnaden fähig ist, gleich wie ein kleines Gefäß, in welches wir sieben Handvoll Wasser tun können, da jeder Tropfen desselben ist ein Sammelplatz von sicher ungeahnten, zahllosen Wundern, aber wie es undenkbar ist, in dieses Gefäß das ganze ungeheure Meer zu bringen, so auch ist es undenkbar, daß es einen uns gleichen natürlichen Menschen geben soll, der für den Besitz rein göttlicher Größe, Kraft, Macht, Gewalt, Liebe, Gnade und Erbarmung also fähig sein möchte, daß er bestünde und nicht alsbald vergehe unter der endlosen Schwere solcher rein göttlichen Fülle! [HGt.02_016,18] Daher also, geliebter Henoch, drücke dich für uns nicht also geheimnisvoll aus, sondern zeige uns allen klar, was hinter deinem also übermächtigen Menschen steckt!“ [HGt.02_016,19] Und der Henoch erwiderte ihm: „Ich sage dir, Uranion, rufe deine sechs Brüder zu dir, und folge mir dann mit allen deinen tausend Kindern, und siehe dorthin, auf der Morgenhöhe Adams sollet ihr alle diesen mächtigsten Menschen wesentlich näher kennen lernen!“ [HGt.02_016,20] Und der Uranion tat alles nach den Worten Henochs und stand mit seinen sechs Brüdern alsbald wieder ganz fertig da. [HGt.02_016,21] Und der Henoch besah die Ordnung und erbat sich dann, ihm zu folgen. [HGt.02_016,22] Fröhlich und voll der größten Erwartung gingen sie der herrlichen Morgenhöhe zu. Als sie derselben aber schon ganz nahe waren, da ergriff sie alle eine große Angst und Bangigkeit, so zwar, daß sie sich kaum weiter getrauten. [HGt.02_016,23] Der Henoch aber flößte ihnen Mut ein, ihm nur beherzt zu folgen; allein es wollte sein Wort nicht durchdringen. Und der Henoch ward verlegen, einen so schlechten Boten gemacht zu haben. [HGt.02_016,24] Als er sich aber umsah, siehe, da stand schon Abedam ihm zur Seite! [HGt.02_016,25] Der Henoch, darüber höchst erfreut, wollte Ihm sogleich seine Not kundgeben. [HGt.02_016,26] Aber der Abedam sagte zu ihm: „Laß jetzt nur alles gut sein! Soweit deine Kraft zu wirken bestimmt war, hat sie auch treulichst gewirkt; jetzt aber, da Ich dir zu Hilfe kam, hast du keine Sorge mehr, – sondern lasse nun Mich sorgen!“ [HGt.02_016,27] Darauf aber Sich zu den sieben wendend: „Warum fürchtet ihr euch denn weiterzugehen? – Saget es Mir! Vielleicht weiß Ich ein Mittel, das euch sicher alle Furcht benehmen wird!“ [HGt.02_016,28] Und der Uranion sagte darauf: „Edelster Bruder und Freund! Es soll hier auf der vollen Höhe sich ein Mensch befinden, der da so mächtig sein soll, als wäre er Gott Selbst! Und dieser Gedanke hemmt unsere Glieder!“ [HGt.02_016,29] Und der Abedam erwiderte ihm: „Wenn ihr sonst nichts fürchtet, dann ist eure Furcht nun schon zu Ende; denn sehet, dieser fürchterliche Mensch bin Ich Selbst! Wahrlich ein Mensch, dem die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit, alle Himmel und alle Erden, alle Engel, alle Menschen und alle Kreatur ewig untertan sind und auch ewig bleiben werden! [HGt.02_016,30] Allein, warum sollet ihr euch darum vor Mir fürchten? Folget Mir nur mutig, und fürchtet nichts; denn ihr werdet Mich gar bald von einer ganz anderen Seite kennen lernen! Amen.“ Und sie alle folgten Ihm. 17. Kapitel — Uranion und Purista bei Adam und Eva. Das Früchtewunder. Das vom Blitz entzündete Opfer[HGt.02_017,01] Da aber der Weg nur mehr einige hundert Schritte lang war, so versteht es sich auch schon von selbst, daß die noch übrige Reise nicht mehr gar lange angedauert hat, besonders, wenn man noch den allmächtigen Führer mit in Anschlag nimmt, bis sie die Vollhöhe erreicht haben. [HGt.02_017,02] Nun also da anlangend, verneigten sich alle die Kinder vor Adam und der Eva und sodann auch vor allen übrigen Hauptstammkindern. Als sie durch diese übliche Art nun allen die gebührliche Achtung und Liebe bezeigten, da ging alsbald der Uranion hin zum Adam und grüßte und dankte ihm im Namen aller und ließ dann hervortreten eine Urenkelin von ihm, namens Purista, welche da in einem aus einer Art Gebirgsgras mit eigener Hand geflochtenen Körbchen dem Adam auserlesene Früchte des Morgens zu überreichen hatte; und sie trat hervor und tat mit großer, zartester Freude, wie es ihr geboten war. [HGt.02_017,03] Als aber der Adam die überherrlichen Früchte besah, da fing er an, sich ganz gewaltigst zu erstaunen, da er noch nie ähnliche Früchte von solchem Wohlgeruche gesehen und empfunden hatte, und fragte darum die Purista: „Purista, du allerliebstes Töchterchen deines Vaters Gabiel, der da mir ist ein großer Liebling, komme her zu mir, und sage es mir, wo du denn diese gar so überherrlichsten Früchte für mich gesammelt hast! [HGt.02_017,04] Denn das sind ja Früchte, dergleichen meine Augen vom Uranbeginne meines Seins nie, nie noch gesehen haben! Das sind ja wahrhaft überparadiesische Früchte; ja ich möchte sie im Ernste himmlische nennen! [HGt.02_017,05] Sage mir daher, wo du sie gesammelt hast!“ [HGt.02_017,06] Als aber die Purista selbst die Früchte näher besah, da erschrak sie und wußte nicht, was sie darauf sagen sollte; denn die Früchte kamen ihr selbst nun ganz fremd vor. [HGt.02_017,07] Und sie rief ihren frommen Vater Gabiel herbei und fragte ihn heimlich: „Lieber Vater, hast du mir denn die Früchte heimlich ausgetauscht? [HGt.02_017,08] Denn siehe nur hin, das sind doch wahrlich die Früchte nicht, die unser kleines Gärtchen trägt?! Denn solche herrlichen Früchte haben wir ja selbst noch nie gesehen!“ [HGt.02_017,09] Und der Gabiel sagte zu ihr: „Du meine einzige, geliebte Tochter, da ist ein Wunder geschehen! Wie sich die Sache verhält, also erzähle sie auch dem erhabenen Erzvater!“ [HGt.02_017,10] Und die Purista trat nun schüchtern hin vor den Adam und erzählte ihm, wie sich die Sache verhielte. [HGt.02_017,11] Und der Adam erwiderte darauf: „Ja, ja, es ist, wie ich mir's heimlich sogleich gedacht habe: wir alle sind schon wieder um eine Gnade reicher! [HGt.02_017,12] Wo der heilige Vater, der allerbarmungs- und allerliebevollste, schon also im voraus Sich wunderbar benimmt, was wird da erst Seine Enthüllung bieten?! [HGt.02_017,13] O du mein armseliges Herz! Wirst du wohl ertragen solche große Milde des Herrn, unseres allerheiligsten Vaters? [HGt.02_017,14] O Abedam, wer kann Dich loben, wer Dir danken, wer Dich preisen, wer Dich genug lieben und Dich anbeten nach Würde und Gebühr?! [HGt.02_017,15] Das Gefühl meiner Nichtigkeit und Deiner unendlichen und ewigen Allheit ist alles, was ich Dir zum Opfer darzubringen vermag! [HGt.02_017,16] Du meine geliebteste Purista aber kehre dich um! Siehe Den an, der gerade hinter dir steht, und danke Ihm aus allen deinen Kräften; denn Der ist es, der dein Körbchen mit diesen himmlischen Früchten angefüllt hat, ohne daß du es merken konntest, wann!“ [HGt.02_017,17] Und die Purista aber sagte darauf zum Adam: „O erhabener Vater der Väter, wenn er das getan hätte, so wäre das ja recht schlimm von ihm; denn er muß ja doch wohl auch wissen, daß ich niemanden mag und liebe denn allein meinen himmlischen Vater, und meinen Vater Gabiel und meine Mutter Aora! [HGt.02_017,18] Bis jetzt floh ich vor jedem Manne, und meine Sehnsucht war stets nur gerichtet nach oben zu dem allein Einen; wie konnte denn dieser Mensch mir solches getan haben? [HGt.02_017,19] Der muß ja gar nicht wissen, daß es eine Sünde ist, wenn er sich ohne den Willen Gottes einem Mädchen naht, so zwar, daß nicht einmal meine Eltern etwas davon wissen! [HGt.02_017,20] Siehe, das war ja schlimm von ihm – denn also weiß ich es von meinen Eltern aus –, und darum auch mag, darf und kann ich ihm nicht danken, und wären die Früchte noch vielmal herrlicher, als sie sind! [HGt.02_017,21] Sage du ihm nur, daß das recht schlimm von ihm war, und er solle das künftighin ja nicht mehr tun, – sonst möchte er sich wohl eine tüchtige Strafe vom himmlischen Vater zuziehen! [HGt.02_017,22] Für diesmal aber will ich den himmlischen Vater für ihn bitten, daß Er ihn gnädigst verschonen möchte!“ [HGt.02_017,23] Nach diesen Worten bat sie auch inbrünstigst den himmlischen Vater um die Vergebung der Schuld an dem Menschen, der ihr dieses getan hatte. [HGt.02_017,24] Der Adam aber sagte zu ihr: „Du überschöne, herrlichste, zarteste Blume des erhabenen Morgens, – wahrlich, ich sage dir, wenn der himmlische Vater nie noch eine Bitte von dir erhört hätte, da glaube es mir, diese wird er sicher nicht unerhört lassen! [HGt.02_017,25] Ich kann und darf dir's jetzt noch nicht sagen, wie und warum; aber sei nur getröstet, – du wirst es sicher gar bald erfahren!“ [HGt.02_017,26] Und die Purista begnügte sich damit und wurde ruhig. [HGt.02_017,27] Es berief aber alsbald der Abedam den Henoch zu sich und sagte zu ihm: „Henoch, gehe nun hin und lege das Opferlamm geschlachtet auf den Altar und komme dann alsbald wieder hierher, und siehe dann zu, wie Ich ein Feuer aus dem Himmel auf den Altar werde herniederkommen lassen, welches das Opfer verzehren wird!“ [HGt.02_017,28] Und der Henoch ging alsbald hin zum Altare und erfüllte des Herrn Willen. [HGt.02_017,29] Und als er zurückkam, da stürzte alsbald ein allerhellster Blitz herab, begleitet von einem weltenerschütternden Donner, so zwar, daß selbst der Henoch darob erschrak; und alsbald auch erbrannte mit sonnenhellen Flammen das Opfer auf dem Altare, und blendend weiße Rauchwolken stiegen vom Altare zum Himmel empor. [HGt.02_017,30] Da fing's der armen Purista an schlecht zu gehen, und nicht minder allen Morgenkindern; denn sie merkten nun die vom Henoch verkündete Größe und Macht dieses ihnen noch unbekannten Menschen. 18. Kapitel — Uranions Frage nach dem Namen des wundermächtigen Mannes. Puristas kluge Antworten auf die Fragen des unerkannten Herrn[HGt.02_018,01] Nach dieser außerordentlichen Wundertat, während das Opfer noch im vollen Brande stand, begab sich der Uranion alsbald, am ganzen Leibe bebend, hin zum Henoch und bat ihn, daß er ihm den Namen dieses so überaus wunderbar außerordentlichen Menschen sagen möchte. [HGt.02_018,02] Und der Henoch sagte zu ihm: „Lieber Uranion, so ich dir auch dessen Namen sage, wird er dir wohl zu irgend etwas nütze sein? [HGt.02_018,03] Siehe, also wie Er Sich hier heißen läßt, gerade also heißt auch ein anderer! [HGt.02_018,04] Du siehst daraus, daß die Namensbekanntschaft dir zur näheren Erkenntnis dieses Menschen der Menschen gar wenig dienen wird; daher erkundige dich nicht vorher um den Namen, sondern wende dich nur schnurgerade an Ihn, und sei versichert, daß Er dir in drei Augenblicken mehr sagen und dich über mehr belehren wird, als ich es vermöchte in langen Ewigkeiten! [HGt.02_018,05] Daher wende dich nur an Ihn Selbst, und zwar ohne Furcht und irgendeine Scheu; denn so endlos mächtig Er auch ist, so ist Er aber doch auch ebenso endlos gut, liebevoll, barmherzig, gnädig, milde, sanft, zart, herablassend und die unbegreiflichste Demut Selbst. [HGt.02_018,06] Daher also scheue dich nicht, und wende dich nur an Ihn!“ [HGt.02_018,07] Diese Worte ermutigten den Uranion; er ging sogleich hin vor den hohen Abedam und richtete folgende Worte an Ihn: [HGt.02_018,08] „Hoher, erhabenster, mächtigster Bruder – wenn ich dich also nennen darf –, möchtest du mir denn nicht kundgeben, wer und woher du bist? Denn wie ich jetzt gesehen habe, so sind dir ja Himmel und Erde in einem so hohen Grade untertan, daß, so ich nicht mit der größten mir denkbar möglichen Liebe an dem heiligen Vater der Himmel und aller Erden hinge, ich sehr leicht glauben könnte, du wärest entweder dieser heilige Vater Selbst – oder aber doch wenigstens ein aller Himmel größter und mächtigster Geist aus der endlosen Reihe der vollkommensten Engel Gottes. [HGt.02_018,09] So es dein Wille wäre, möchtest du mir ja wohl einiges Licht über dich zukommen lassen.“ [HGt.02_018,10] Und der Abedam ergriff seine Hand und sagte zu ihm: „Uranion, sei über und über frohen Mutes; denn jetzt hat dich das ewige Leben ergriffen! [HGt.02_018,11] Gehe aber hin zum Gabiel und bringe ihn samt seiner kleinen Familie hierher, nämlich mit seinem Weibe Aora und seiner einzigen Tochter Purista, – und du wirst Mich dann an deren Seite in die volle Genüge deines Herzens kennen lernen! Amen.“ [HGt.02_018,12] Und der Uranion eilte sogleich hin zum Gabiel, richtete ihm den Wunsch Abedams aus und brachte ihn mit dem Weibe und der Tochter sogleich vor den Abedam hin. [HGt.02_018,13] Als sie nun beim Abedam angelangt waren, da fragte alsbald der Gabiel den Abedam: „Mächtigster der Menschen, was verlangest du von mir? [HGt.02_018,14] Siehe hier mein geliebtes Weib, und da meine mir vom überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater geschenkte Tochter! Du bist mächtig genug, um sie mir zu nehmen, – das Teuerste, was ich habe auf der Erde! [HGt.02_018,15] So du solches willst, wer wird dich zurückhalten können?! [HGt.02_018,16] Aber siehe, ich habe aber noch etwas viel Köstlicheres, als da sind mein Weib und meine Tochter; siehe, dahier im Herzen ist es tief verborgen! [HGt.02_018,17] Es ist meine Liebe und mein vollstes Vertrauen auf den heiligen, großen, liebevollsten Vater und allmächtigsten Schöpfer Himmels und aller Erde. [HGt.02_018,18] Kannst und magst du mir auch diese nehmen?!“ [HGt.02_018,19] Und die Purista klammerte sich an den Vater und sagte dann auch zum Abedam: „Guter, lieber, über alles mächtiger Mann, du wirst uns ja doch nicht trennen wollen?! [HGt.02_018,20] Denn der gute, weise Henoch hat uns ja allen gesagt, daß du auch sehr barmherzig wärest und gnädig! [HGt.02_018,21] Es gelte ja; – du wirst uns nicht trennen, sondern uns beisammen lassen in der allerseligsten Liebe zu unserem himmlischen Vater! [HGt.02_018,22] Du wirst ja doch auch diesen so heiligen und über alles guten Vater kennen und Ihn auch lieben, wie wir Ihn lieben!“ [HGt.02_018,23] Und der Abedam fragte darauf die Purista: „Höre, du Meine allerzarteste Purista! Hast du denn den himmlischen Vater einmal gesehen?“ [HGt.02_018,24] Und die Purista erwiderte: „Du mußt nicht bloß ,himmlischen Vater‘ sagen, sondern: ,den allerheiligen, liebevollsten himmlischen Vater‘ mußt du sagen, nicht aber also glattweg ,Vater‘, sonst getraue ich mir nicht, dir zu antworten!“ [HGt.02_018,25] Und der hohe Abedam korrigierte Sich nach ihrem frommsten Willen, – darauf sie Ihm dann erst die verlangte Antwort gab, indem sie sagte: [HGt.02_018,26] „Wo wäre denn irgend ein Mensch auf der ganzen Erde, der sich für so würdig halten möchte, darob er sich dann rühmen könnte, den überheiligen, liebevollsten, himmlischen Vater gesehen zu haben?! [HGt.02_018,27] Solches können vielleicht wohl die Engel; aber wir unwürdigen Menschen können ja doch solches nimmer!“ [HGt.02_018,28] Und der Abedam fragte sie wieder: „Aber höre, du rein-zart-schönste Purista, – Adam ist doch auch nur ein Mensch, und er soll doch den überheiligen, liebevollsten, himmlischen Vater gesehen und gesprochen haben, nachdem er ist erschaffen worden! [HGt.02_018,29] Was sagst denn du darauf? Er ist doch auch nicht mehr als ein sündiger, unwürdiger Mensch vor Gott?!“ [HGt.02_018,30] Und die Purista entgegnete darauf: „Aber was dir doch nicht alles einfällt! Ist denn der Erzvater auch also ein Mensch, wie wir alle sind? [HGt.02_018,31] Weißt du denn das nicht, daß Adam der erste Mensch dieser Erde ist und unmittelbar aus der allmächtigen Hand des überheiligen, himmlischen Vaters, der da ist voll der höchsten Liebe, Gnade und Erbarmung, hervorgegangen ist? Darum kann er Ihn ja wohl gesehen und gesprochen haben; ist aber solches auch bei uns Menschen der Fall? – Denke doch nur ein bißchen nach!“ [HGt.02_018,32] Und der Abedam: „Ja, da hast du freilich wieder recht, wenn sich die Sache also verhält; aber jetzt gib acht, was Ich dir jetzt sagen werde! [HGt.02_018,33] Hättest denn du keine Sehnsucht, den überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater zu sehen? – Was sagst du Mir nun auf diese Meine sonderbare Frage?“ [HGt.02_018,34] Und die Purista: „Ja, wohl wahr, eine höchst sonderbare Frage! Wer möchte Den nicht gerne sehen, besonders wenn man Ihn also über alles, alles, alles liebt wie ich?! [HGt.02_018,35] Aber verstehe, da müßte man aber auch ganz unbegreiflich noch viel, viel, viel frommer sein als ich! [HGt.02_018,36] Ich bin aber schon zufrieden, daß Sich der übergute, überheilige und liebevollste himmlische Vater von einem armseligen Geschöpfe, wie ich es bin, nur lieben läßt und Sich mir und uns allen durch Seine Wunderwerke und durch den Mund gar frommster Männer zu erkennen gibt. [HGt.02_018,37] Sage, dürften wir unreinen Menschen etwa mehr von Ihm verlangen? [HGt.02_018,38] Oder ist das, was wir von Ihm empfangen, nicht schon so viel, daß wir Ihm in alle Ewigkeit nicht genug werden dafür danken können?!“ [HGt.02_018,39] Und der Abedam: „Ja, da hast du schon freilich wohl wieder recht und hast Mich wieder recht schön belehrt; aber siehe, Ich habe dessenungeachtet denn doch schon wieder eine andere Frage: [HGt.02_018,40] Hast du dir denn noch nie vorgestellt, wie etwa der überheilige, liebevollste himmlische Vater aussehen möchte? Geh', geh', und sage es Mir!“ [HGt.02_018,41] Und die Purista: „Aber, – ist das wieder eine Frage! – – Wer dürfte oder könnte das wohl? – Gott ist ja überheilig und ist unendlich! – Nein, ist aber doch das ein Gedanke! [HGt.02_018,42] Mir ist einmal nur ganz heimlich beigefallen, als könnte Er also aussehen wie vielleicht der Erzvater Adam, – nur unendlichmal größer als er! Und wie lange habe ich mich hernach gefürchtet und habe geglaubt, eine solche Sünde wird mir gar nicht mehr verziehen werden! [HGt.02_018,43] Wie viele Nächte habe ich hernach gebetet und geweint, bis mir ein frommer alter Mann die Nachricht gebracht hat, daß mir diese Schuld wieder nachgesehen ist! – Siehe, das hat mich dann schon klug gemacht, und jetzt, wo ich schon siebenundzwanzig Jahre alt bin, lasse ich mich schon gar nicht mehr fangen!“ [HGt.02_018,44] Und der Abedam: „Ja, du hast Mir nun schon wieder eine gescheite Antwort gegeben; aber gebe nur acht, Ich werde dich denn doch noch fangen! Aber dann wirst du eine große Freude haben!“ 19. Kapitel — Eine inhaltsschwere Frage Abedams an Purista[HGt.02_019,01] Und also sprach der Abedam weiter zu der Purista: „Du hast Mir zuvor gesagt: Der Adam ist aus der Hand des überheiligen himmlischen Vaters, der da ist voll der höchsten Liebe und aller Erbarmung, hervorgegangen; was möchtest du denn nun dazu sagen, so Ich vor euch allen behaupten möchte: Der Adam, wie er leibt und lebt, ist aus Meiner Hand hervorgegangen! [HGt.02_019,02] Und wenn du ihn der Überzeugung wegen recht ernstlich dann befragen möchtest, er es dir völlig bejahen möchte?“ [HGt.02_019,03] Und die Purista: „Mächtig bist du zwar wohl außerordentlich, aber ob du auch einen Menschen, und dazu noch unsern Erzvater Adam, frei erschaffen hast, das möchte ich wohl bezweifeln, – außer es müßte nur der überheilige, liebevollste himmlische Vater Selbst es also gewollt haben! [HGt.02_019,04] Und ist das der Fall, so bist ja doch wieder nicht du, sondern nur Er der erhabene, heilige Schöpfer des Adam, und du nur Sein starkes Werkzeug! [HGt.02_019,05] Was magst du dich hernach dessen rühmen, als wärest du selbst ein Schöpfer? Siehe, solches ist nicht fein von dir!“ [HGt.02_019,06] Und der Abedam: „Aber siehe, du Meine zarteste Purista, Ich liebe ja den überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater ebensosehr und noch viel mehr, als alle Menschen zusammengenommen Ihn lieben! Und so das nicht der Fall wäre, und wäre Ich nicht demütig vom Grunde aus, könntest Du da wohl behaupten und glauben, daß Mir solche Macht verliehen werden würde, daß Mir darum die ganze Unendlichkeit auf den leisesten Wink gehorchen muß?! [HGt.02_019,07] Was sagst du denn nun zu dem, – da Ich der nötigen Demut wegen Mich schon eigentlich gar nie rühmen kann, mag und darf?“ [HGt.02_019,08] Und die Purista und ihre Eltern und der Uranion fingen hier ganz gewaltig an zu stutzen, und die herrliche Morgenperle ward nun verlegen und wußte nicht, was sie darauf sagen sollte. [HGt.02_019,09] Endlich aber ermahnte sie sich doch wieder und fragte ganz schüchtern, noch immer an ihrem Vater festhaltend, den Abedam: „Bist denn aber du auch wirklich also mächtig, daß da deiner Macht kein Ende ist?“ [HGt.02_019,10] Und der Abedam: „Willst du ein Zeichen Meiner Macht, Meiner Stärke und Meiner Allgewalt sehen?“ [HGt.02_019,11] Und die Purista: „Mir war der mächtige Blitz mit dem erschrecklichen Donner ja schon ein hinreichendes Zeichen deiner unbegreiflichen Macht; wer aber also mächtig ist wie du, der ist doch sicher auch stark und gewaltig. [HGt.02_019,12] Ob du aber auch wirklich endlos mächtig bist, – durch welches Tatzeichen könntest du mich schwaches Würmchen im Staube wohl überzeugen, da ich ewig nie werde Gott gleich die Unendlichkeit überschauen können? [HGt.02_019,13] Was möchte mir somit ein Zeichen nützen, welches du in irgendeinem endlos fernen Winkel der Unendlichkeit verrichten möchtest? Werde ich es sehen können und mich davon überzeugen? [HGt.02_019,14] Siehe, solches ist ja unmöglich! Was sollte mir hernach ein solches Zeichen nützen?! Daher lasse es lieber gut sein, und verwende deine große Macht zu etwas Besserem als zur nichts fruchtenden Sättigung menschlicher Neugierde!“ [HGt.02_019,15] Und der Abedam: „Gut gesagt, du Meine liebe Purista; so rein, wie du bist, wahrlich, ist die Sonne nicht! [HGt.02_019,16] Ich sehe schon, es wird hart werden, dich zu überreden; denn alles, was du Mir nur immer sagst, ist rein und völlig helle wahr! Du willst kein Zeichen, Meine Frage beantwortest du, als redete der weiseste Engelsgeist aus dir, – und also komme Ich durchaus zu kurz bei dir! [HGt.02_019,17] Aber Ich sehe schon die Ursache; du fürchtest dich noch immer, als möchte Ich dich trennen von deinen Eltern! Doch solches fürchte mitnichten; denn siehe, Ich will deinen Eltern lieber noch tausend solche lieben Töchterchen geben, wie du es bist, als nur ein Haar von deren Haupte trennen! Darum sollet ihr nicht eine solche Furcht vor Mir haben, sondern euch dafür lieber recht traulich zu Mir wenden, und ihr würdet da in einem Augenblicke von Mir mehr empfangen denn also in vielen Jahren. [HGt.02_019,18] Wahr ist es: Ihr hänget zwar metallfest an dem überheiligen, liebevollsten himmlischen Vater, – aber ihr kennet Ihn nicht! Darum also aber bin Ich ja zu euch gekommen, um euch diesen Vater, den ihr über alles zwar liebet, aber nicht im geringsten richtig erkennet, vollends kennen zu lehren. [HGt.02_019,19] Siehe, du liebe, allerfrömmste Purista, wie hast du denn diese Meine Absicht in allen Meinen Fragen an dich so ganz und gar verkennen mögen?! Siehe, das war eben nicht weise von dir! [HGt.02_019,20] Denn solches mußtest du ja doch einsehen, daß Gott, dein heiliger Vater, solche Machtboten, wie Ich es bin, nicht ohne eine sicher liebevollste Absicht herab zu euch armen, schwachen Menschen kommen läßt, die dann aber auch sicher nicht böse sind und schlimm, wie du es heimlich gemeint hast, sondern allzeit nur übergut und voll der höchsten Liebe und Erbarmung zu euch. [HGt.02_019,21] Siehe, solches überdenke nun in dir, und verlange dann ein Zeichen von Mir, damit ihr alle daraus den heiligen, liebevollsten himmlischen Vater auch erkennen sollet, wie Er ist; denn solches ist Sein Wille an euch alle! Amen.“ 20. Kapitel — Purista und die Ihrigen erkennen den heiligen Vater in Abedam[HGt.02_020,01] Und die Purista ward darob sehr betroffen und fragte ihren Vater Gabiel: „Höre, Vater, das ist sicher ein mächtigster Bote vom Himmel herab! Wenn wir uns etwa jetzt versündigt hätten vor ihm, was wird dann aus uns werden?“ [HGt.02_020,02] Und der Gabiel sagte zu ihr: „Siehe, meine Tochter, er ist ja noch da und sieht uns sehr mitleidig an; er wird es uns ja wieder vergeben! [HGt.02_020,03] So wir gefehlt haben, da haben wir in unserer großen Blindheit gefehlt; gehe hin zu ihm in unser aller Namen und bitte ihn um Vergebung! [HGt.02_020,04] O siehe, siehe, wie gut und mild er auf uns herabsieht! Gehe nur geschwind hin und bitte ihn um Vergebung; er wird es dir und uns allen sicher verzeihen! [HGt.02_020,05] Aber falle ja ehe nieder vor ihm; denn er scheint sehr heilig zu sein! Gehe also, gehe, ehe es zu spät sein möchte! Amen.“ [HGt.02_020,06] Und die Purista stürzte schnell hin zu den Füßen des Abedam und fing an zu weinen und zu schluchzen. [HGt.02_020,07] Der Abedam aber beugte Sich schnell nieder und hob sie empor und fragte sie: „Purista, was fehlt dir, darum du nun also weinst?“ [HGt.02_020,08] Und die Purista antwortete noch weinend: „O du lieber Freund, mir ging aus deinen letzten Worten ein Licht auf, und es ward mir klar, daß du kein Erdbewohner bist, sondern ein mächtiger Bote aus den Himmeln vom überheiligen Vater Selbst, der da ist voll der höchsten Liebe und Erbarmung! Siehe, ich muß dich ja doch gewiß beleidigt haben?! [HGt.02_020,09] Möchtest du mir und uns allen denn nicht vergeben?! [HGt.02_020,10] Siehe, du hast mir ja noch ein Zeichen von dir zu verlangen übriggelassen; o du hoher Freund der armen Menschheit und des heiligen Gottes, so erlaube mir, dich nun darum zu bitten!“ [HGt.02_020,11] Und der Abedam beugte Sich abermals nieder und nahm die Purista auf Seinen Arm, drückte sie an Seine Brust und fragte sie dann mit der höchsten Milde: [HGt.02_020,12] „Purista, du reinste Perle des lichtvollen Morgens, welch Zeichen verlangst du somit von Mir?“ [HGt.02_020,13] Und die Purista, vor Freude beinahe zerfließend, sagte mit liebezitternder Stimme: „O du herrlicher, mächtiger Freund! Jetzt kann ich kein Zeichen mehr von dir verlangen; denn – das ich – verlangen – wollte, – – das hast du ja schon, meinem Wunsche zuvorkommend, – jetzt schon über alle meine mir je möglich denkbare Weise übergnädigst an mir und also sicher auch an uns allen vollzogen!“ [HGt.02_020,14] Bei diesen Worten konnte sie vor lauterstem Dankgefühle nicht mehr weitersprechen. [HGt.02_020,15] Der Abedam aber drückte sie noch einmal an Sein Herz und trug sie dann ihren Eltern wieder in die Arme, welche auch vor Dankesfreuden über und über weinten. [HGt.02_020,16] Und der Gabiel sagte endlich: „Nein, so gut kann kein Engel sein! – Weib – und du, meine Tochter, hier ist mehr, als der höchste Engel je fassen wird!“ [HGt.02_020,17] Darauf konnte er nicht mehr reden. – Und bald darauf blickte die Purista den Abedam an. Er aber sagte zu ihr: [HGt.02_020,18] „Purista, Meine Tochter! Erkennst du Mich, deinen himmlischen Vater, denn noch nicht! – Siehe, – Ich – Ich bin es ja Selbst!“ [HGt.02_020,19] Bei diesen Worten erkannten sie alle den Vater; die Purista aber schrie laut auf und stürzte hin und umklammerte die Füße Abedams also krampfhaft, von ihrer allerheißesten Liebe gedrungen, und alles, was sie zu sagen vermochte, war: [HGt.02_020,20] „Vater! – Vater! – Vater! – Du mein Vater, – mein lieber Vater! – Du heiliger, liebevollster himmlischer Vater; mein, mein, mein lieber Vater!“ 21. Kapitel — Uranion preist den hl. Vater. Des Herrn Antwort: Sprachlose, stille Zerknirschung ist das gottwohlgefälligste Lob[HGt.02_021,01] Als nun auch der Uranion sah, wer der mächtige Mensch ist, fiel er alsbald auf sein Angesicht nieder und schrie laut: „O der unaussprechlichen Gnade, – o der unaussprechlichen, höchsten Gnade! O der unaussprechlichen, allerhöchsten, überheiligen Gnade! – Wer von uns allen hätte sich so etwas je zu denken getraut?! [HGt.02_021,02] Der Herr Gott Jehova Zebaoth, der Himmel und Erde und alles, was da ist in, auf und über den Himmeln, und in, auf und über der Erde, ja alles, was da lebt, strebt und sich bewegt in der Erde, auf der Erde und über der Erde und in allen den Gewässern und ebenso, was da alles erfüllt die ewig unendlichen Räume, erschaffen hat! – Er – der überheilige, liebevollste himmlische Vater – ist als ein Mensch unseresgleichen zu uns armseligen Menschenkindern von Seiner unendlichen Höhe herab zur tiefst untersten, finsteren Erde gekommen! [HGt.02_021,03] Sonne, – wie magst, wie getraust du dich, nun deine Strahlen noch herabzusenden zur Erde, da sie dein Schöpfer, unser aller Vater, heilig, überheilig betritt?! Weiche mit deinem uns gleich unwürdigsten Glanze zurück; denn hier erglänzet ein Sandstäubchen, das Er mit Seinen allerheiligsten Füßen berührt, mehr nun in einem Augenblicke als all dein Glanz von langen Ewigkeiten her zusammengenommen! Darum schäme dich, so du jetzt noch zu glänzen vermagst! [HGt.02_021,04] Und du, unwirtliche Erde, du kalte Mutter des Todes, wie magst du noch bestehen?! Löse dich auf in den feierlichsten Lobgesang; treibe hervor die schönsten Blumen mit den herrlichsten Wohlgerüchen! [HGt.02_021,05] Ihr Berge alle, wandelt euch um zu leuchtenden Opferaltären; und ihr Bäume, und du auch, alles Gras, helfet mir loben und preisen den heiligen Vater! [HGt.02_021,06] Denn Er nur allein ist würdig, zu nehmen alles Lob, allen Preis, alle Ehre, allen Ruhm, alle Liebe, allen Dank, alle Anbetung! [HGt.02_021,07] Fallet herab von den hohen Himmeln, ihr Sterne alle, und du, Mond, werde finster und stürze dich zur Erde herab, und betet alle an, – hier betet an; denn Gott, Gott, – ein ewiger, heiliger Gott ist es, – der Vater, der überheilige, liebevollste himmlische Vater aller Engel und Menschen ist es! – Hier vor uns allen ist Er! Ja mitten unter uns ist Er! Auf der Erde steht und redet Er mit uns, und lehrt aufrecht gehen uns Würmer im Staube! [HGt.02_021,08] Darum betet an, betet Ihn an, ihr, alle Ewigkeiten! Und du, Unendlichkeit, werde zu einem würdigeren großen Lobgesange des überheiligen Vaters, als das matte Lallen meiner wurmstichigen Zunge es ist! [HGt.02_021,09] Wo seid denn ihr Donner und Blitze nun, und ihr Winde alle, wo weilet ihr? [HGt.02_021,10] Hat euch nicht, wie mich, dieser überheilige, liebevollste, allmächtige Vater erschaffen?! Wo seid ihr denn nun zu Seinem Lobe? – Oder hält euch die gebührende, höchste Ehrfurcht endlos bescheiden zurück! [HGt.02_021,11] Dann ist es würdig und recht, daß ihr stumm seid geworden wie eine Maus in der Erde, so sie über sich die Katze wittert! [HGt.02_021,12] O mein Herz, du armseliges Herz, möchtest nun loben und preisen Ihn, Ihn, – den Heiligen, – den Erhabensten, – und hast nicht einmal Raum, um aufzunehmen auch nur ein kleinstes Fünklein Seiner endlosen, allmächtigen Vaterliebe! Daher schweige lieber davon, was auszusprechen dir unmöglich ist! [HGt.02_021,13] Und du auch, matteste, wurmstichige Zunge, – verstumme; denn heilig, heilig, heilig ist nun selbst die Luft, welche dies mein unwürdiges und unlauteres Geplärr erfüllt! [HGt.02_021,14] O Du heiliger, Du überheiliger, Du dreimal über-, über-, überheiliger Vater, – sei mir endlos nichtigem Wurme im Staube vor Dir gnädig und barmherzig!“ [HGt.02_021,15] Und alsbald trat der hohe Abedam hin zum Uranion, der noch zitternd mit dem Angesichte auf der Erde lag, beugte Sich zu ihm zur Erde nieder, erhob ihn, richtete ihn auf, und sagte dann zu ihm: [HGt.02_021,16] „O höre nun du, Mein geliebter Uranion, du hast Mir zwar das größte Lob dargebracht und hast mutig die Sonne geputzt, die Sterne herabgearbeitet von all den Himmeln, – hast auch nicht verschont die Erde und hast gebührend gelobt und ausgezeichnet das winzige Sandkörnchen unter Meinen Füßen, – hast nicht vergessen der Berge, der Bäume und des Grases, – und den Blitzen, dem Donner und den Winden hast du ein rechtes Wort gegeben und hast nicht minder redlich besehen dein Herz! [HGt.02_021,17] Siehe, gerecht war darum dein großes Lob; aber eines sage Ich dir: Mehr als dein Lob enthielt das Lob, welches Mir die Purista und ihre Alten dargebracht haben in gänzlicher, sprachloser, zerknirschter Stille ihrer Herzen! [HGt.02_021,18] Siehe, wer noch reden kann in Meiner Gegenwart, der ist noch ein Herr seines Herzens; wer aber in Meiner Liebe Gegenwart nicht mehr reden kann, dessen Herzens bin Ich ein Herr geworden und erfülle es dann mit Meiner Liebe und mit dem ewigen Leben aus ihr! [HGt.02_021,19] Du aber lebest nun auch, da du mit deinem Lobe alles von dir warfst, was dir unnütze war vor Mir: [HGt.02_021,20] Deine eigene Weltsonne, welche da ist deine alte Liebeweisheit; deine Sterne, welche sind deine Erkenntnisse; deinen Mond, welcher ist der Menschheit oft wachsende, oft wieder abnehmende Eigenliebe. [HGt.02_021,21] Du bezwangst deine Berge; deine Erde löstest du auf in dir zu Meinem Lobe, und all die Bäume deiner Wünsche und all das Gras deiner Begierden brachtest du Mir zum Opfer; die Winde deiner redlichen Bestrebungen riefst du herbei, und alle Blitze deines Weltlichtes und den Donner deines Ernstes brachtest du Mir zum Lobe und hast nicht verschont deines ewigen Geistes aus Mir und deiner Seele, die da ist ein lebendiges Gefäß für ein unendliches Leben aus Mir, und hast dadurch frei gemacht dein Herz, damit Ich ein Herr des Lebens in selbem würde. [HGt.02_021,22] Siehe nun, da du darum stumm wurdest in deinem Herzen, ward Ich erst ein Herr im selben, und also hast du wahrhaft das ewige, unvergängliche Leben überkommen, und Ich werde dir fürder und fürder und fürder kein fremder und unbekannter Vater mehr sein, sondern stets ein wohlbekannter, dir stets gegenwärtiger, in dir allzeit ein stets wohlvernehmbarer, starker, mächtiger und allgewaltiger Vater werde Ich sein und leiten durch dich all deine Kinder; wie aber Ich dir sein werde und nun schon bin, also will Ich auch sein deinen sechs Brüdern und nach ihnen aber allen, die da wie du aller Welt den gerechten Abschied geben werden! [HGt.02_021,23] Doch beim Gabiel will Ich Mir eine neue Hütte erbauen, wo Ich nicht selten einsprechen werde; denn einen reineren und festeren Platz hat die Erde nicht für Mich! [HGt.02_021,24] Gabiel, – siehe, Ich segne nun auch dich und dein Kind! Sie wird von Mir dereinst einen rechten Mann bekommen; dieser wird ihr geben eine Tochter, diese aber soll werden die Mutter eines neuen Volkes dieser Erde. Und der Lamech wird ihr einen Mann geben, der da wird wohnen allzeit bei Mir in Meinem großen Hause! [HGt.02_021,25] Und also empfanget alle Meinen Segen, und seid fröhlich und voll guten Mutes! Amen.“ 22. Kapitel — Die neue Hütte des Herrn bei der Familie Gabiel. Purista, die erste Köchin des Herrn. Die drei Töpfe auf dem Feuer der neuen Hütte[HGt.02_022,01] Und die drei fielen dem Abedam zu den heiligen Füßen und priesen und lobten Ihn in der sprachlosesten Zerknirschung ihrer Herzen, und es war die Stätte befeuchtet von Tränen ihrer Freude und ihres Dankes. Und der Abedam beugte sich zur Erde nieder und erhob sie alle alsbald wieder, richtete sie auf und flößte ihnen Mut und Beharrlichkeit in ihre Herzen. [HGt.02_022,02] Als die drei nun wieder wortaufnahmefähig wurden, da der Abedam Selbst zu dem Behufe das Feuer ihrer Herzen ein wenig dämpfte, sagte Er in liebreichster Stimme zu ihnen: [HGt.02_022,03] „Wie ihr nun seid vor Mir und Ich durch die Liebe in euch und ihr also auch in Mir, also auch bleibet fortan, so werdet ihr Mich nie vermissen; denn wie ihr sein werdet bei Mir und in Mir, also werde auch Ich sein und bleiben bei euch und in euch fürder und fürder, und eures Friedens und eurer Ruhe wird nimmerdar ein Ende sein! [HGt.02_022,04] Ich sagte aber zu dir, Gabiel, du sollest Mir neben deiner Hütte eine neue Hütte errichten, darinnen Ich zu öfteren Malen Herberge nehmen würde; siehe, nun ist die Hütte schon erbaut! In euren Herzen habt ihr Mir diese Wohnstätte bereitet; das ist eine wahrhaft neue Hütte für Mich, in der allein es Mir nur wohlgefällt, Herberge zu nehmen. [HGt.02_022,05] Welche andere Hütte hättet ihr Mir auch errichten können?! [HGt.02_022,06] Zum Zeichen aber sollet in eurer Heimat ihr auch wirklich schon eine Hütte treffen, welche Ich jetzt errichtet habe. In diese soll niemand von den Männern mit bedecktem Haupte treten, und die Weiber aber sollen ihr Angesicht verhüllen, so sie in diese Hütte treten möchten; denn sie ist rein und heilig, und ist überfest. In der Mitte dieser Hütte werdet ihr einen Altar finden, über welchem ein unauslöschliches Feuer lodern wird und wird geben von sich einen großen Schein bei Tag und bei der Nacht, und es werden allzeit lichte Wolken entsteigen himmelwärts dieser hellen Flamme entlang. [HGt.02_022,07] Du, Meine allerreinste Purista, aber sollst Mir, sooft Ich zu euch kommen werde, auf diesem Herde der Liebe ein köstlich duftend Mahl bereiten; und es ist dir allein gestattet, offenen Antlitzes daselbst dein Geschäft der reinen Liebe zu Mir zu verrichten! [HGt.02_022,08] Wann du aber für Mich eine Köchin machen wirst, da sammelt ihr zuvor frisches, reines Holz; und so Ich kommen werde zu den verschiedensten Zeiten – meistens unerwartet –, müßt ihr schon mit allem versehen sein, um Mich gehörig zu bewirten! [HGt.02_022,09] Darin aber soll das Zeichen bestehen, daß ihr an der Flamme allzeit merken werdet, wie euer Herz vor Mir bestellt ist! [HGt.02_022,10] Das reine, frische Holz soll die stets erneute und vermehrte Liebe eures Herzens bezeichnen und das zu bereitende Mahl eure gänzliche Hingebung und vollste Ergebung in Meinen Willen. [HGt.02_022,11] Wahrlich, so ihr solches halten werdet, werde Ich als froher Gast nicht ermangeln, oft, oft, oft bei euch eine gute Mahlzeit zu nehmen; würde oder könnte aber das Feuer in eurem Herzen erlöschen, so wird auch auf dem Herde der reinen Liebe die Flamme matter und matter werden – und Ich ein seltener Gast bei euch! [HGt.02_022,12] Glücklich seid ihr alle, da ihr esset das Brot aus Meiner Hand als Kinder dankbar; aber unaussprechlich glücklich ist der, zu dem Ich komme als Gast, darum er hält für Mich einen schon beständig wohlbereiteten Tisch und ein wohlschmeckendes Gericht auf demselben und läßt darum nie ausgehen die Flamme auf Meinem Herde, sondern unterhält sie nur lebhafter und lebhafter, – und so Ich auch verzöge und käme nicht sobald, er aber nur um so eifriger wird um den Herd in der Hütte alles Lebens. [HGt.02_022,13] Wahrlich, so Ich dann unverhofft kommen werde und werde treffen Meinen Gastwirt in der vollsten Tätigkeit um Meinen Herd in Meiner Hütte, – Ich sage: wahrlich, wahrlich, seines Lohnes und seiner Freude wird nimmerdar ein Ende werden! [HGt.02_022,14] Und also mache Ich euch drei nun zu einem solchen Gastwirte und gebe euch dazu eine Hütte, gemacht aus der Hütte eurer Herzen, und einen fertigen, allzeit feuerreichen Herd, der da ist gleich der unerschütterlich festen Treue, wie die Flamme auf demselben gleich der Flamme der reinen Liebe in euren Herzen zu Mir. [HGt.02_022,15] Bleibet Mir aber alsofort getreue Verwalter dieses euch anvertrauten Heiligtums im Morgen, so werdet ihr euch gar bald überzeugen, welche Fülle des Segens aus dieser Hütte hervorgehen wird über den ganzen Morgen und über alle Nachbarn des Morgens! [HGt.02_022,16] Und du, Meine liebe, reine Purista, du bleibst Meine Köchin in der Küche der Liebe und am Herde des ewigen Lebens, – Ich aber werde dein Gast sein! [HGt.02_022,17] Wem ihr aber immer Speise und Trank reichen werdet in Meinem Namen, dem werdet ihr es also geben, als wenn ihr Mir Selbst ein Mahl bereitet hättet. [HGt.02_022,18] Ich aber werde es also ansehen und euch dafür segnen, als hätte Ich Selbst das Mahl verzehrt; wer aber aus dieser Hütte eine Kost nehmen will, der solle, mit frischem Holze beladen und wohlversehen, sich dahin kehren. [HGt.02_022,19] Wer da leer kommen wird aus- wie inwendig, der soll auch leer wieder heimkehren! [HGt.02_022,20] In der Hütte aber wirst du, Meine liebe, reine Purista, in gerechter Menge der reinsten Gefäße antreffen. In diesen sollst du die in eurem erweiterten Garten reichlich vorhandenen Früchte in der Art, als die da waren, welche du erstaunt dem Adam als eine Morgengabe überreichtest, zu drei und drei in reinem Wasser sieden und sollst hinzusetzen einen großen Topf für Mich Tag für Tag, Morgen für Morgen, Mittag für Mittag, und Abend für Abend, und also auch einen nicht minder großen Topf für jeden, der da Kost nehmen will in gerechter und wohlwürdiger Weise; und für dich und deine Alten sollst du aber nehmen den kleinsten Topf und sollst legen hinein die kleinsten Früchte. [HGt.02_022,21] Wenn aber dann die Früchte werden weich und süß genug verkocht sein, da nimm den fremden Topf und stelle ihn zuerst vom Feuer! Dann tue desgleichen mit dem deinen; den Meinen jedoch sollst du nicht eher vom Feuer rücken, als bis Ich entweder Selbst kommen werde oder jemanden senden werde in Meinem Namen, der da Meine Kost entweder selbst verzehren, oder sie verteilen wird an euch alle in Meinem Namen! [HGt.02_022,22] Und also segne Ich euch nun neu in diesem neuen Geschäfte; verwaltet es getreu, so werde Ich euer euch allzeit segnender Gast verbleiben hier, wie einst jenseits in Meinem großen Vaterhause! Amen.“ 23. Kapitel — Die überirdische Schönheit der Ghemela und Purista[HGt.02_023,01] Es waren aber einige der Väter in ihren Herzen begierig zu erfahren, welche von den beiden weiblichen Lieblingen Abedams wohl die Schönere wäre. Daher trat der Sänger Kenan hin zum Abedam und wollte Ihn fragen darum im Namen mehrerer. [HGt.02_023,02] Der Abedam aber kam ihm zuvor, und fragte ihn: „Kenan, bist du in deinem Herzen zufrieden, so Ich dir's bloß nur sage?“ [HGt.02_023,03] Und der Kenan erwiderte Ihm: „Herr und Vater, – was soll ich Dir nun für eine Antwort geben? Du siehest ja mein Herz! So viel weiß ich, daß mein und unser Verlangen von zweifacher Art ist: wir möchten das Angesicht der Purista auch sehen, wie wir – wennschon von ferne nur – das der Ghemela sahen, daneben aber auch ein Wort Deines Wohlgefallens vernehmen; denn sonst wissen wir nicht, wie wir daran sind, – welche von beiden doch wohl größer ist vor Dir?! [HGt.02_023,04] Siehe, wir haben uns schon darüber die Köpfe nahe zerbrochen und die Herzen zerstoßen und mögen darin zu keinem richtigen Urteile gelangen! [HGt.02_023,05] Es liegt freilich wohl nicht das Heil der Menschheit daran, aber das Dir Wohlgefälligere zu erkennen, dürfte ja doch auch kein geringer Nebenzweck dieses Erdenlebens sein! So also Dein heiliger Wille es wäre, möchtest Du uns ja gnädigst gewähren diese Bitte!“ [HGt.02_023,06] Und der Abedam sagte darauf zum Kenan: „So lasse denn alle die Neugierigen hierher kommen, und wir wollen sehen, wo hinaus sich ihr Urteil erstrecken wird! Amen.“ [HGt.02_023,07] Und der Kenan berief alsbald diejenigen, die da seines Wunsches waren, daß sie alsbald herbeikämen; und der Abedam aber berief die Ghemala und die Purista zu Sich und nahm die Ghemela auf Seinen linken Arm und die Purista auf Seinen rechten und hieß ihnen mit sanfter Stimme sich zu enthüllen vor den Vätern. [HGt.02_023,08] Beide taten sogleich ihr reiches Haar aus dem Gesichte und blickten all die Väter ehrfurchtsvoll und liebfreundlichst an. [HGt.02_023,09] Als die neugierigen Väter aber diese zwei überirdischen Schönheiten erschauten, wurden sie, wie von einem Blitze getroffen, zur Erde geworfen, und keiner getraute sich mehr, seine Augen zu erheben, um die beiden Schönheiten noch einmal anzusehen und zu urteilen über sie! [HGt.02_023,10] Der Abedam aber fragte den Kenan: „Nun, du alter Sänger Meiner Ehre, was deucht dir nun: diewelche von diesen beiden ist denn schöner und diewelche mir näher? Da du sie nun beide gesehen, da wirst du doch ein Urteil Mir geben nun können?!“ [HGt.02_023,11] Und der Kenan sagte ganz zitternd: „O heiligster Vater, Du mächtiger Gott! O jetzt laß in die Haut eines Esels mich kriechen, mich größesten Toren, mich Narren! Was hab' ich getan, und was hab' ich begangen?! [HGt.02_023,12] Ich wollte unsinnigster Weise als Blinder den Richter gar machen, ja einen schandelenden Richter hier zwischen zwei leuchtendsten, himmlischen Sonnen, von denen die eine so nahe und hehr als die andre vom heiligsten himmlischen Vater auf Händen getragen nun werden! [HGt.02_023,13] Ob links oder rechts, oder Sonne am Morgen und Sonne am Mittag und Abend, – diewelche ist schöner, diewelche mehr Sonne? [HGt.02_023,14] O Unsinn, o Unsinn, – wer hat dich genähret so lange verborgen in meiner doch sonsten durchleuchteten Brust?! [HGt.02_023,15] O Du heiliger Vater, Du ewige Liebe, vergebe mir elendem Tropfe, mir Toren, mir Narren, mir Ochsen, mir Esel, mir Wurme im Staube, mir blindem Maulwurfe, – und wolle nicht künden uns Schweinen vorher von mir Schweine so töricht von Dir uns erbetenes heiliges Wort; denn wir sind es nicht würdig, zu hören die Stimme vom heiligsten Munde, nicht würdig zu hören ein Urteil, ein heiliges über die Engel der Engel der reinesten Himmel! [HGt.02_023,16] O welch eine Glorie, und was für ein Glanz! – O Du ewige Milde, Du Demut, Du Treue, Du Liebe der Liebe, Du heilige, – was schaffst Du aus Dir doch für Wesen, für herrliche Kinder?! [HGt.02_023,17] Verstumme, du läppische Zunge, du finstre, du kalte; denn heilig, zu heilig ist Der, vor dem schales Geschwätz du entbindest, als möchtest oder könntest du im Ernste was Weises bezeichnen. Drum schweige nur, schweige, du schmutziges Werkzeug des Unsinns, der Narrheit, der größesten Torheit! [HGt.02_023,18] O heiliger Vater, vergebe, vergebe uns blinden, uns elenden Toren, Dein heiliger Wille geschehe, Dein Amen, Dein Amen, Dein Amen!“ [HGt.02_023,19] Und der Abedam ließ wieder verhüllen den beiden das Antlitz vor den Vätern und sagte zu ihnen: „Ihr seid Mir beide gleich teuer, und es ist keine minder denn die andere und keine mehr denn die andere; daher bleibet auch also, wie ihr nun seid, so werdet ihr Mir auch stets also nahe sein, wie Ihr Mir jetzt seid! Amen.“ [HGt.02_023,20] Nach diesen Worten setzte sie der Abedam wieder übersanft auf die Erde. Die beiden aber ließen sich sogleich zu den Füßen Abedams nieder und fingen an, einstimmigen Herzens den Abedam mit folgenden kurzen, inneren Worten, welche sie nicht auszusprechen vermochten, zu danken, zu loben und zu preisen: [HGt.02_023,21] „Heiliger, liebevollster Vater, voll der höchsten Milde, Sanftmut, Geduld und Erbarmung, wie sind wir, wie können wir solcher Gnaden von Dir aus, Du überheiliger Vater, denn würdig sein?! [HGt.02_023,22] Du würdigst uns freilich; aber sind wir dieser Würdigung würdig?! [HGt.02_023,23] Die erhabenen Väter sind unsertwegen zuschanden geworden vor Dir und vor allen Kindern; wir haben und tragen allein die Schuld auf unseren Angesichtern, darum Deine heilige Gnade uns wahrscheinlich schöner gestaltet hat als vielleicht irgendein anderes, uns gleich schwächliches Weib! [HGt.02_023,24] Doch Dir, o Du überheiliger, allerbester, allerweisester, liebevollster Vater, sei ewiger Dank und alle unsere Liebe, Lob und Preis für alles, wie und warum Du uns also gestaltet hast; denn jegliche Gabe von Dir ist ja allzeit eine höchst weise und übergute Gabe! [HGt.02_023,25] Nur dauert uns hier der erhabenen Väter, darum sie unsertwegen hier also auf der Erde nun schmachten, trauern – und gar weinen! [HGt.02_023,26] O Du liebster, Du von uns aus allein allergeliebtester Vater, erbarme Dich ihrer und stärke sie wieder mit Deiner allein über alles heiligen Liebe, und vergib aber auch uns, so wir doch sicher schuld daran sind, darum es den erhabenen Vätern nun also kläglich vor Dir geht! Dein heiliger Wille geschehe jetzt, wie in alle Ewigkeit der Ewigkeiten!“ [HGt.02_023,27] Und der Abedam sagte zu ihnen: „Meine lieben Töchterchen, sorget euch nicht ohne Not! Sehet, die vor Mir sich also gerechtermaßen demütigen, denen geht es durchaus nicht also kläglich, wie ihr es meinet, sondern gerade im Gegenteile nur; denn näher ist Mir niemand und Ich nie jemandem näher irgendwann als gerade im Zustande seiner größten Demütigung vor Mir. Solches ist aber nun auch der Fall bei diesen Vätern, die ihr in euren zartesten Herzen bedauert vor Mir und euch selbst beschuldigt ohne Not und die allergeringste Schuld. [HGt.02_023,28] Oder möchtet ihr wohl glauben, daß der auch einer Sünde fähig ist trotz seines freiesten Willens, den Ich auf Meinen Armen trage?! [HGt.02_023,29] O seid darum nur frohen und heiteren Mutes; denn solches habe Ich schon von Ewigkeit her vorgesehen! Darum habt ihr keine Schuld; gehet aber hin zu den Vätern und heißet sie von Mir aus erstehen! Amen.“ [HGt.02_023,30] Und die beiden sprangen alsbald hin zu den Vätern und richteten an sie des Herrn Willen. [HGt.02_023,31] Und alsbald erhoben sich die Väter und priesen und lobten Gott mit lauter Stimme. [HGt.02_023,32] Der Abedam aber beschied zuerst die beiden zu den Ihrigen zurück und fragte darauf den Kenan: [HGt.02_023,33] „Nun, – welcher erkennst du nun den Preis zu?“ [HGt.02_023,34] Der Kenan aber legte die Hand auf seinen Mund. [HGt.02_023,35] Und der Abedam sagte zu ihm: „So du quitt bist mit deinem Urteile, so bin es auch Ich; denn aus zwei Liebsten wird wohl keine die liebere sein! [HGt.02_023,36] Doch aber ist ein Unterschied zwischen ihnen; aber die Erde hat kein Auge für derlei Unterschiede! [HGt.02_023,37] Und also kehret wieder auf eure vorige Stätte zurück! Amen.“ 24. Kapitel — Henochs aus falscher Demut geborene Redefurcht. Gott nur als Mensch liebbar[HGt.02_024,01] Nachdem somit die etwas zuviel Neugierigen zufriedengestellt wurden und auch Ghemela sich wieder befand an der Seite Lamechs, wie die Purista in der Mitte ihrer vor großer Freude zitternden Alten, da berief der hohe Abedam alsbald den Henoch zu Sich und sagte zu ihm: [HGt.02_024,02] „Höre, du, Mein geliebter, frömmster Henoch! Ich sehe eine Furcht in deinem Herzen, und ein dich ängstigender Schatten steigt schon längere Zeit um dein ewig unsterbliches Herz herum, gleichwie da bekriecht eine lose, brutzeitige Fliege einen gesunden, frischen Apfel am Baume und untersucht mit ihrem Stechrüssel, wo es ihr gelingen dürfte, die Schale der gesunden Frucht zu durchbohren, um einen argen Abkömmling ihres losen Geschlechtes in das Fleisch der Frucht zu schieben, damit er da zernage und möglichst zerstöre das Leben der Frucht. [HGt.02_024,03] Siehe, zu was nütze sonach eine solche Frucht? Zu welchem Ende dem freien Herzen eine Angst? [HGt.02_024,04] Du sollst von Mir eine Rede halten dem Volke als ein wahrer Hoherpriester Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade. [HGt.02_024,05] Siehe, solches war ja schon lange eher der fromme Wunsch Adams, ehe Ich Selbst wesentlich noch zu euch kam! [HGt.02_024,06] Ich habe dich nun, wie vorher, lebendig bestätigt und habe dir gestern und heute davon gesagt, darum du ja keine Sorge tragen sollst, was du reden sollest, was du reden möchtest; denn Ich werde es dir im Augenblicke des Bedarfes treu geben, was du reden sollest, von Wort zu Wort. Und siehe, dessen ungeachtet fürchtest du dich! [HGt.02_024,07] Siehest du aber nicht ein, wie läppisch eine solche Furcht ist?! Mich kannst du ja doch unmöglich mehr fürchten; denn du weißt es ja und hast es vorher aus Mir allzeit gewußt, daß Ich die allerhöchste Liebe Selbst bin. [HGt.02_024,08] Nun weißt du aber auch, daß Ich vom Grunde des Herzens aus demütig, überaus sanftmütig, milde, langmütig und überaus geduldig bin! [HGt.02_024,09] Was fürchtest du dann? Etwa deine Väter, deine Brüder oder deine Kinder? Siehe, das ist eitel von dir! Du lässest dich heimlich bedünken und sprichst bei dir: ,Wie werde ich bestehen, so ich etwa doch noch werde müssen die bedungene Volkssabbatsrede halten, und höre, das noch dazu in der allerknappesten Gegenwart des Herrn der Ewigkeit und allmächtigsten Schöpfers der Unendlichkeit, – in der allerleuchtendsten Gegenwart der allerhöchsten Weisheit des heiligsten, liebe-, gnade- und erbarmungsvollsten Vaters?! [HGt.02_024,10] Wie wird sich mein armseliges Wort nun ausnehmen nach den heiligsten, allerwesenhaftesten, lebendigsten Worten, welche alle nun schon aus dem allerheiligsten Munde gleich einem endlosen Lichtstrome zu uns armseligsten Würmchen im Staube des Staubes geflossen sind?!‘ [HGt.02_024,11] Siehe, sind nicht das deine eigenen Träumereien?! – Wozu aber taugen sie? Etwa zum Leben? – Siehe und verstehe: Um das Leben hast du dich doch sicher nicht mehr zu kümmern! Glaubst du etwa, solches sei Mir angenehm, so du schweigst und Ich rede an deiner Statt? [HGt.02_024,12] Ich sage dir aber: Solche Demut behagt Mir nicht, so du vor Mir mutlos wirst und fürchtest dich vor Meinen Ohren und hast Angst vor Meinen Augen. [HGt.02_024,13] Wohl aber habe Ich das größte Wohlgefallen an einem solchen Benehmen, das völlig gleicht der Verhaltungsweise der kleinen Kindlein, die da keine Angst und Furcht vor ihren Eltern haben, sondern sind allzeit voll guten Mutes und reden und schreien vor ihren Eltern darauf los, als wären sie die Herren im Hause; wenn es sie aber hungert und dürstet, da laufen sie doch in aller kindlichen Liebe und Ergebung zu den Eltern und bitten sie um Brot, und so sie das Brot empfangen aus den Händen der Eltern, danken sie den Eltern mehr durch den frohen, heiteren Genuß desselben als durch eine zu übertriebene Ehrfurcht und Angst vor ihnen und daneben mit einem viele Arme langen, wenigsagenden Wortdanke! [HGt.02_024,14] Oder ist es nicht jedem Vater lieber und jeder Mutter ums unaussprechliche angenehmer, so die Kinderchen vor ihnen fröhlichen und heiteren Mutes genießen die dargereichte Gabe und sehen dabei gesund aus und frisch wie die Blümchen nach einem erquickenden Regen, als so die armen Kinderchen vor lauter Furcht, Angst und unermeßlicher Hochachtung zittern vor dem Angesichte ihrer Alten und, so ihnen diese noch liebevollst das Brot reichen, sie sich aber dennoch nicht getrauen, das Brot zu nehmen und noch weniger zu genießen aus lauter übertriebener Ehrfurcht vor den Eltern, und sehen dabei aus wie ein verwelktes Gras, das mit schwachen Wurzeln aus einer mageren Steinspalte hervorwuchs?! [HGt.02_024,15] Siehe, ist solches nicht eine Torheit?! – Darin aber besteht die Regel der Liebe und aller Weisheit aus ihr: Für den Begrenzten muß alles in den gerechten Schranken gehalten werden; denn das Unbegrenzte ist für den Begrenzten der Tod. [HGt.02_024,16] Du kannst Mich nicht lieben als Gott, sondern nur als Mensch; denn welche endliche Brust möchte wohl ertragen den unendlichen Gott, welche das endlose Feuer der göttlichen Liebe, welcher endlich geschaffene Geist die endlose Fülle der göttlichen Weisheit?! [HGt.02_024,17] Welches Kindlein kann wohl seine Mutter, wie es die Mutter liebt, wieder lieben? Und könnte es das mit seiner geringen Kraft, was würde aber da wohl gar bald aus dem Kindlein werden? [HGt.02_024,18] Und doch hätte da nur eine Beschränktheit mit der anderen zu tun; was soll aber erst dann daraus werden, wenn die Beschränktheit das Unendliche in jeder Hinsicht in sich aufnehmen möchte?! [HGt.02_024,19] Siehe, Henoch, darum ist eitel deine Furcht, und leer deine Angst! Wer Mich aus allen seinen ihm verliehenen Kräften liebt, der tut genug, denn er hat erfüllt das ihm zugeteilte Maß; dazu aber bedarf es weder der Furcht, noch der Angst. [HGt.02_024,20] Ein Baum ist ein guter Baum, so er jährlich seine Äste füllt mit süßem Obste; welche Torheit aber wäre es, von diesem Baume zu verlangen, er solle die ganze Erde reichlichst mit seinen Früchten versehen! [HGt.02_024,21] Daher sei du nur heiteren Mutes, und erfülle Meinen Willen, so werde Ich ganz vollkommen mit dir zufrieden sein! [HGt.02_024,22] Trachte nicht, Mich endlos zufriedenstellen zu wollen – was selbst dem höchsten geschaffenen Geiste unmöglich ist –, sondern nach deinen Kräften endlich nur, damit das dir verliehene Maß voll werde; für das Unendliche aber lasse nur Mich, deinen guten Vater, sorgen! [HGt.02_024,23] Die bedungene Rede aber gehört mit in dein Maß; daher richte dich nur mutig auf, und öffne vor all den Anwesenden deinen Mund in Meinem Namen. Amen.“ 25. Kapitel — Satans Macht und Gottes Allmacht. Henochs Sabbatsrede[HGt.02_025,01] Nach dieser Rede Abedams besah sich der Henoch von innen und fand in sich bestätigt, was ihm der hohe Abedam bezeugt hatte. [HGt.02_025,02] Er dachte aber weiter nach über die brutzeitige Fliege und über den gesunden Apfel und fragte darauf den Abedam: [HGt.02_025,03] „Heiliger, liebevollster Vater, darf denn der Satan sich auch Deinem Heiligtume nahen gleichwie die lose Fliege dem gesunden Apfel? [HGt.02_025,04] Siehe, wahrhaft, solches kommt mir seltsam vor, zu erfahren im Reiche des Lebens und im Reiche des Lichtes; – was hat da der Geist aller Finsternis zu schaffen?“ [HGt.02_025,05] Und der Abedam erwiderte ihm: „Henoch, was kümmert dich das, so Meine Liebe und Erbarmung größer ist, als daß du sie ewig je fassen und begreifen wirst können?! [HGt.02_025,06] So sich aber Meine Liebe und Erbarmung sogar bis zum endlos finstersten Geiste erstrecken mag, wie magst du darum fragen, als könntest du in Meiner größten Nähe etwa zu kurz kommen?! [HGt.02_025,07] Siehe, die Sonne der Welt ist ein großes Licht und spendet ihre Strahlen, und zwar den größten Teil derselben, in die endlos fernsten Weltenräume! Sollen sich aber darum die Erde und ihre Nachbarn aufhalten, daß ihre lichte Mutter also verschwenderisch umgeht mit ihren Strahlen?! Und könnten sie solches tun, würde sie da die lichte Mutter nicht deshalb fragen können: [HGt.02_025,08] ,Kinder, was kümmert euch das; halte ich euch darum zu kurz, und hat von euch nicht ein jedes des Lichtes und der Wärme in gerechter, überflüssiger Menge?!‘ [HGt.02_025,09] Siehe, geradeso verhält es sich auch bei Mir! Darum kümmere dich nicht um Meine großen, unerforschlichen Wege, sondern bleibe unbesorgt auf den kleinen Meiner Liebe zu euch, und lasse unbesprochen die großen Reiche der Finsternis, so kannst du völlig versichert sein, der noch sehr starke Fürst des Todes wird mit dir und mit allen Brüdern deiner Liebe gar wenig zu tun und zu richten haben! [HGt.02_025,10] Ich sage dir zwar, es würden für dich Ewigkeiten nicht auslangen, um zu erforschen die Größe seiner Macht und Stärke; aber dessenungeachtet ist er ein endlich erschaffener Geist, und wo alle seine Macht für ewig aufhört, fängt erst Meine unendliche an. [HGt.02_025,11] Darum sei unbesorgt; denn so Du in Meinen Händen bist, ist doch schon dein leisester Hauch mächtiger denn alle Stärke, Macht und Gewalt des Satans! [HGt.02_025,12] Er ist gleich einem hungrigen, brüllenden Löwen, dem es an der Nahrung gebricht. Wehe dem Tiere, das ihm unterkommt, oder das seine scharfe Nase irgendwo aufgewittert hat; Ich sage dir, es möchte sogar dem Mamelhud schlecht ergehen bei diesem Kampfe! [HGt.02_025,13] Aber so der Löwe auch ergrimmt hungrig brüllt, so beachtet er aber doch die nicht selten vielen Fliegen nicht, die um seine Ohren summen! [HGt.02_025,14] Siehe, darin liegt die große Macht des demütigst Kleinen: eine Fliege wird oft einer ganzen Herde von Löwen zur Last, während eben diese Löwenherde der Fliege etwas ganz Unkümmerliches ist. [HGt.02_025,15] Du aber bist schon lange eine Mücke der Demut geworden; daher lasse den Löwen sein, daß er dir unschädlich ist, und mache dich sonach ganz unbekümmert an dein frommes Werk! Amen.“ [HGt.02_025,16] Und der Henoch dankte dem hohen Abedam für diese große Befreiung und Stärkung im Herzen auf das inbrünstigste und sprach redlich: „Amen; Dein heiliger Wille geschehe! [HGt.02_025,17] Und so vernehmet denn, alle ihr Väter, Brüder und Kinder, die ihr schon habet ein geöffnetes Ohr: [HGt.02_025,18] Wir sind hier in der Mitte des Tages des Herrn versammelt in der allerhöchsten Gegenwart des allerhöchsten, allerheiligsten, liebevollsten Vaters, welcher da ist Gott, Gott der Gewaltige, der Starke, der allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde. [HGt.02_025,19] Was sollen wir tun, um diese unendliche Gnade, welcher die ganze Erde unwürdig ist, wenigstens im Anbetrachte unserer Beschränktheit soviel als möglich zu würdigen? [HGt.02_025,20] So wir uns gegenseitig einen Dienst erweisen, da kann der Bediente dem, der ihm einen guten Dienst verrichtet hatte, einen bevorteilten Dienst entgegen erweisen. [HGt.02_025,21] Hat mich jemand hundert Schritte geführt, so führe ich ihn dafür zweihundert Schritte weiter – hundert Schritte, darum er mit mir den Weg gemacht hatte, und hundert Schritte, darum er mich geführt hatte –, und wir sind dann quitt, und niemand ist dem Bruder für einen erwiesenen Dienst mehr als höchstens den dreifachen Gegendienst schuldig. Will er mehr tun, so steht solches in seiner freien guten Willkür; aber dann ist ihm auch der Bruder zu einem Gegenschuldner geworden. [HGt.02_025,22] Wer mir ein Stück Brot gibt, dem gebe ich drei Stücke zurück: ein Stück für das Stück, ein Stück für seinen guten Willen und ein Stück für die Mühe seiner Hand; saget, kann er da mehr von mir verlangen? [HGt.02_025,23] Ja, wie ich gesagt habe, ein leichtes ist, zu erwidern tausendfach – wenn es darauf ankäme –, nicht nur zwei- oder dreifach, des Bruders Dienst, des Bruders Wohltat, – selbst wenn mir jemand mein Leben gerettet hätte, da er mich behende von einer Felsenwand losrisse, da sie sich schon zu rühren anfinge, um im nächsten Augenblicke zusammenzustürzen über meinem Haupte, da ich erschlagen würde und zermalmt unter der großen Last der Felsentrümmer; ich kann ja doch noch sterben für ihn und ihn auf meinen Händen tragen mein Leben lang! [HGt.02_025,24] Aber – was können wir denn hier tun? Was unserem Vater, unserem Schöpfer, Ihm, dem heiligen Geber aller guten Gaben?! Ihm, der zuerst uns selbst uns gegeben hat, der uns die herrliche große Erde gab wie zu eigen für diese Zeit, – die Sonne, dies herrliche, wohltätige Licht, – die Sterne als zahllose Leuchten der Nacht und so den Mond! Und wer könnte die Schätze alle zählen, die Er uns gab?! [HGt.02_025,25] Zu allem dem aber kam Er nun auch Selbst zu uns, um uns alle noch mit unendlicheren Schätzen des ewigen Lebens für ewig zu bereichern! [HGt.02_025,26] Zu bereichern durch Seine Liebe, Erbarmung und Gnade, zu bereichern durch Sein lebendiges Wort, und mehr noch uns zu bereichern durch die unaussprechlichsten Verheißungen! [HGt.02_025,27] Höret, höret ihr Väter, Brüder und ihr Kinder alle! Was können wir denn diesem – Wohltäter dafür tun? – Was Ihm geben, das wir nicht zahllosfältig früher von Ihm empfangen hätten?! [HGt.02_025,28] O Väter, Brüder und Kinder, das ist wahrhaft eine der allergrößten und allerwichtigsten Fragen, – ja, das ist eine Frage und ein also endlos zu beantwortender Sinn in ihr, daß dazu wohl die ganze Ewigkeit zu kurz sein dürfte, um nur einen geringen Teil dieser Frage aller Fragen zu beantworten! [HGt.02_025,29] So jemand fragen möchte: ,Wieviel Sandkörner groß ist die Erde, und wieviel Tautröpfchen enthält das ganze, fast endlos große Meer, und endlich, wie viele Sternsonnen brennen in der ganzen weiten Unendlichkeit?‘, – sehet, diese Fragen, so endlos groß sie auch zu klingen scheinen, möchte wohl schon ein nur einigermaßen tiefsinniger Cherub vielleicht zur Genüge beantworten! Ja, er möchte uns höchstwahrscheinlich den Sand der Erde auf eine Art vorzählen, daß uns allen dabei das Hören und Sehen verginge, und möchte uns die Tautröpfchen des Meeres auf eine Art vorführen, daß wir gar bald gerne alle ausrufen würden: ,Verschone uns mit deiner großen Antwort; denn wir haben schon mit einem Tröpfchen in die große Genüge!‘ [HGt.02_025,30] Und also auch würde er höchstwahrscheinlich nicht ermangeln, uns die Zahl der Sternsonnen auf eine Art zu künden, daß darüber die ganze Erde also erbeben möchte, als wenn ihr unser überheiligster Abedam – wenn auch ganz leise – ankündigen möchte: ,Höre, du Treulose! Morgen will Ich dich waschen im Feuer Meines Grimmes!‘ [HGt.02_025,31] O Väter, Brüder und Kinder, groß zwar, ja unerträglich groß wären diese Antworten, – aber doch nicht unmöglich zu geben, wennschon für uns Würmer im Staube ungenießbar! [HGt.02_025,32] Saget und urteilet aber dagegen, welcher allergrößte und allerweiseste der Urerzengel möchte sich denn an die gültige, ja – vor Gott gültige Beantwortung der in dieser meiner Rede vorliegenden allerhöchsten Hauptfrage wagen?! [HGt.02_025,33] Sehet, das ist jener erhabenste Grund, ja – in dieser Frage liegt er, über welchen die ganze Ewigkeit und die ganze Unendlichkeit ein ununterbrochenes allerehrfurchtsvollstes Stillschweigen beachtet! [HGt.02_025,34] Ja, – hier schweigt der hohe, erhabene Engel und sinkt zerknirscht hin vor Dem, der ihn für ewig erschuf; denn auch ihm bleibt nichts anderes zu tun übrig, als nur aus allen Kräften zu lieben und anzubeten den überheiligen Vater, der ihn schon Ewigkeiten lang vorher geliebt hatte, ehe er noch wesenhaft ward! [HGt.02_025,35] Und alle die noch von keinem geschaffenen Engelsgeiste gezählten Sonnen mit allen ihren großen Feuerbewohnern, was tun sie denn, oder was können sie tun? – Höret! Unmöglich etwas anderes, als was der größte Urerzengel tut: sie erfüllen in ihrer erhabenen ehrfurchtsvollsten Stille den heiligen Willen des großen überguten Vaters; und das ist alles, was sie zu tun vermögen. Ihr großes Lob kündet jede Sonne noch den endlos fernen Schöpfungen, und also verkünden sie sich gegenseitig stille durch ihre weiten Strahlen, daß nur ein Gott es ist und dieser Gott ein und derselbe heilige, liebevollste Vater, der sie liebend schuf für Liebe, um zu lieben die fernen dunklen Räume auch und sie zu beleben mit der Liebe des heiligen Vaters. [HGt.02_025,36] O Väter, Brüder und Kinder, glaubet es mir, es ist die ganze Erde voll der Liebe des heiligen Vaters; denn wäre sie es nicht, wahrlich, wir hätten keinen Grund, darauf wir unsere Füße stellen möchten, und lange schon hätte selbst unsere Leiber der schreckliche Abgrund der ewigen Unendlichkeit verschlungen! [HGt.02_025,37] Sehet also die lieberfüllte Erde, sehet die Sonnen, die da sind voll der mächtigen Liebe des heiligen Vaters, darum sie tragen in weitgedehnten Kreisen ihre Erden, wie diese uns, und den steten Säugling, den ernstlieblichen Lehrer der Zeiten, den nächtlich uns leuchtenden Mond! [HGt.02_025,38] Was ist die belebende Wärme der Sonne denn anderes als Liebe?! Ja, Liebe des heiligen Vaters, in ihr ist sie! Und ihr Licht, ihr herrliches Licht! Was ist es denn sonst – als nur der so hehr scheinende Flammenglanz der heiligen Liebe des überguten, überheiligen Vaters in ihr?! [HGt.02_025,39] O Väter, Brüder und Kinder, betrachtet, betrachtet doch nur ein wenig die große Schöpfung um uns her; sie ist überall voll Liebe! Ja, ich sage mit dem allertüchtigsten Grunde alles Lebens: Was ihr nur immer ansehen möget – Kleines oder Großes, Nahes oder Fernes –, es strotzet alles zum Aufspringen vor Liebe des heiligen Vaters. [HGt.02_025,40] Alles, alles lobt, liebt und betet Ihn unablässig an. Keines fragt wie wir: ,Was sollen wir tun? Wo sollen wir anfangen und wo enden das große Lob des heiligen Vaters?‘, sondern in stiller, innerer Wonne erfüllen sie den Willen des heiligen Vaters, und ferner Welten weite Räume sind noch reichlich zeugend erfüllt von dem so mild, herrlich stillen Wirken einer ehrfurchtsvoll still liebend ergebenen Sonne und anderer lieberfüllter Dinge! [HGt.02_025,41] Nur wir Kinder, – höret! – wir Kinder eben dieses heiligen Vaters, wir lebendigen Kinder können noch – im wesenhaften Angesichte des Vaters fragen: ,Was sollen wir tun?‘ Eine Frage, die kein Engel ewig je beantworten wird! [HGt.02_025,42] Und doch fragen wir in der Mitte der Wunder der Liebe, darum sie zerspringen möchten vor lauter Liebe: ,Was sollen denn wir tun?‘ [HGt.02_025,43] Nichts, – nichts können wir tun, als nur lieben Ihn aus allen den von Ihm uns gegebenen Kräften und dankbar fröhlich genießen jegliche Gabe der ewigen Liebe aus Ihm! [HGt.02_025,44] Sonach, geliebteste Väter, Brüder und Kinder, da uns allen diese Frage ganz völlig unmöglich zu beantworten ist und alle unsere größtmöglichen Gedanken zu klein sich verhalten zu der Größe unserer Schuld vor und zum allerheiligsten Vater, bleibt uns nichts anderes übrig, als unsere Herzen soviel als nur immer möglich zu erweitern, um diesen unseren überguten, überliebevollsten, überheiligsten Vater zu lieben über alles und, wenn unsere Liebe den allerhöchsten Brennpunkt erklimmen wird, vor Ihm im Staube unserer vollsten Nichtigkeit niederzufallen, vor Ihm uns zu demütigen bis auf das letzte Atom unseres Seins und Ihn dann in dieser unserer völligsten Zerknirschung mit nahezu stummer Zunge im Geiste der reinsten Liebe und aller Wahrheit aus ihr anzubeten! [HGt.02_025,45] Nicht Brandopfer, nicht das Blut der Tiere, nicht der Rauch von den verbrannten Weizen- und Kornähren, sondern allein die im Geiste und in der Wahrheit reinen Vollbrandopfer unserer Herzen sind es, daran der überheilige Vater ein Wohlgefallen hat. [HGt.02_025,46] Darum wollen wir Ihm auch da, wo es Ihm am allermeisten wohlgefällt, nicht tote, sondern lebendige Opferaltäre errichten, auf welchen gleich wie in der neuen Hütte der herrlichen Purista die reine Flamme unserer Liebe nimmerdar erlöschen soll, sondern nur stets gewaltiger und gewaltiger auflodern zur alleinigen Ehre Dessen, – der nun überheilig unter uns weilt! [HGt.02_025,47] Ein jeder tue nach seinen Kräften und nach seinem Vermögen; denn wie es nicht gibt Blumen einer und derselben Art, sondern ihre Geschlechter ins also Endlose gehen, daß der Erde letzte Bewohner nicht einmal alle kennen werden, und es also auch gibt des Grases, der Bäume, der Tiere und also auch der Sterne am Himmel, – also gibt es auch nach der allerhöchstweisen Ordnung Jehovas, unseres allerheiligsten Vaters, in jedem anderen Menschen undenkbar verschiedene Grade von geistigen Kräften aller guten Arten und also auch verschiedene Vermögen der Seele im Menschen. [HGt.02_025,48] So jemand da hat ein starkes Herz, der sei auch stark in der Liebe, auf daß durch die Liebe auch alle seine anderen Kräfte zum Leben gestärkt werden! [HGt.02_025,49] Wer da hat ein starkes Gesicht, der leite die Brennpunkte seiner Sehe in sein Herz, auf daß dadurch sein Dankopfer in ihm die lebendige Flamme fange, vollauf erbrenne und also sein Geist lebendig erstarke in der wahren Liebe zu Gott, der da ist unser liebevollster, überheiliger Vater nun unter uns allen, sichtbar uns allen! [HGt.02_025,50] Wer da hat ein starkes Gehör, der kann seine Schalltrichter hinwenden zu den Ohren seines Herzens, damit dadurch alles vernommene Getöne sich eine im Herzen zu einem wahren, kräftigen, dem Vater wohlgefälligen Lobgesange vor dem lebendigen Opferaltare der Liebe und alles wahren Lebens aus ihr in uns! [HGt.02_025,51] Wer da ist gar stark in seinen Gedanken über allerlei Dinge, der leite alle diese seine Gedanken zurück ins Herz; ja, in die Tiefe seines Herzens versenke er alle seine Gedanken, allda der lebendige Opferaltar der reinen Liebe aufgerichtet ist, lege sie da auf diesen geheiligten Altar und entzünde sie alle da mit der sonst vielleicht schwächeren Flamme seiner Liebe, damit dadurch lebhafter diese Flamme werde und Gott wohlgefälliger und er desto lebendiger durch und durch! [HGt.02_025,52] Wer da stark ist im Empfinden, auch der leite diese reiche Ölquelle hin auf den Altar der reinen Liebe im Herzen, damit die Flamme eine beständige Nahrung habe zur allerschuldigsten Verherrlichung des größten und allerheiligsten Namens Jehova in uns! [HGt.02_025,53] Wer da ist stark in Wahrnehmungen aller Art, diese Wahrnehmungen sind das frische Holz, das da jeder Hungrige und Durstige nach der Kost des Lebens zur Hütte der Purista als eine Mitopferung bringen soll. [HGt.02_025,54] Dieses Holz also leget reichlich auf den Altar des lebendigen Heiligtums in uns, damit dadurch die Flammen reicher und reicher werden zum wahren Preise und Lobe Dessen, dem es also wohlgefiel, Sich in unseren Herzen eine heilige, lebendigste Wohnung zu errichten! [HGt.02_025,55] Wer da stark ist in der Nächstenliebe, der führe seine Brüder und Schwestern in diese reine Hütte des Herrn, und versehe sie da reichlichst mit der Kost des Lebens! Wahrlich, das ist dem liebevollsten, heiligsten Vater der allerangenehmste Lobgesang, so sich ärmere Brüder und Schwestern reichlich an der Zahl in unserem Herzen an der heiligen Flamme der reinen Liebe in uns wärmen und zehren mit dankbarem Gemüte voll Freuden von der gastlichen Küche der herrlichen Purista in uns! [HGt.02_025,56] O Väter, Brüder und Kinder! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, – wir können nichts Größeres und dem heiligen Vater nichts Wohlgefälligeres tun, als so wir mit großer Liebe, Dienstfertigkeit und aller Freigiebigkeit unsere ärmeren Brüder und Schwestern, wenn sie selbst aus der Tiefe zu uns kämen, mit großer Freudigkeit und Freigiebigkeit aufnehmen und ihnen den bei weitem größeren Topf, als der für uns bestimmte es ist, aufsetzen und sie früher sättigen und tränken denn uns selbst! [HGt.02_025,57] Überaus wohlgemerkt: ja früher – denn uns selbst! Denn sonst wird sich der hohe, heilige Gast, der nun auch in uns allen die heilige Küche der Purista errichtet hat, wohl schwerlich je einfinden, da Speise der Liebe nehmen und uns segnen mit dem ewigen Leben! [HGt.02_025,58] Väter, Brüder und Kinder! In was immer alsonach sich sicher jemand stark fühlt, der denke und glaube es lebendig, daß da jegliche Stärke in uns ist eine Gnadengabe des überheiligen Vaters! [HGt.02_025,59] Was wäre demnach ein Mensch, der da hätte irgendeine Stärke und möchte dieselbe also benützen, als wäre sie pur sein eigen? [HGt.02_025,60] Ich sage euch, eine größere Eigenliebe könnte es gar nicht geben! [HGt.02_025,61] Denn so sich jemand da irgendein Werk seines Bruders zueignen möchte, der wäre doch sicher auch voll der Eigenliebe; aber da hätte er es doch nur mit seinem Bruder zu tun und wäre ein arger Dieb gegen seinen Bruder. [HGt.02_025,62] Bei der Zueignung einer Gabe Jehovas aber hat er es mit Gott zu tun, der da ist unser aller liebevollster, heiligster Vater, und dem allein alle Dinge, wie alle Mächte und Kräfte und Gewalten völlig zu eigen sind. [HGt.02_025,63] Sehet und höret und verstehet es: da wird ein solcher Eigenliebler ein Dieb gegen Gott, – welches da ist der Eigenliebe höchster Grad! [HGt.02_025,64] Wahrlich, in diesem Falle hört der Mensch auf, ein Kind des heiligsten Vaters zu sein, so zwar, daß er sich dadurch selbst dem Gerichte überliefert und wird bloß ein Geschöpf nur, und bessert er sich nicht, ein Kind der Schlange sogar, ein Kind des Todes, und also auch ein Kind des Zornes und des Grimmes, ein Kind der Hölle, die da ist ein ewiges Grab voll des Fluches, voll der Verdammnis und voll des Zorngrimmfeuers aller ewigen Verworfenheit! [HGt.02_025,65] Daher – wie es schon gesagt wurde, liebe Väter, Brüder und Kinder! –, wer da von euch was immer für eine überwiegend fühlbare Stärke hat, der betrachte sie ja nicht als irgendein Eigentum, sondern als ein immerwährend neues Geschenk vom heiligsten Vater, und gehe mit diesem alsbald in die Hütte der Purista im eigenen Herzen, lege diese heilige Gabe auf den Opferaltar im eigenen Heiligtume, trage dann selbst frisches Holz der wahren inneren Demut zu diesem heiligen Herde, lege es auf die vielleicht schon matte Flamme der reinen Liebe, damit diese wieder helle auflodere und die geopferte Gabe ergreife und sie verzehre zum alleinigen Lobe, Ruhme und Preise Dessen, der da ist der alleinige heilige Geber aller solcher guten Gaben und da heißt Jehova, Gott von Ewigkeit, unendlich und über alles heilig und allmächtig, unser überheiliger Vater, voll der höchsten Liebe, Gnade und aller Erbarmung! [HGt.02_025,66] Denn nur Ihm allein gebührt alle Liebe, alles Lob, alle Ehre, aller Ruhm, aller Preis und alle Anbetung. [HGt.02_025,67] Was aber ist die wahre, reine Liebe in uns zu Gott? Sie ist die innigste Vereinigung unseres gesamten Lebens mit dem Leben alles Lebens in Gott, aus welchem Leben alles Leben, alles Sein und alle Dinge hervorgegangen sind! [HGt.02_025,68] ,Gott allein lieben‘ heißt demnach nichts anderes, als in Gott Selbst ein neues, ewig unsterbliches, unvergängliches Leben beginnen, und zwar dadurch, daß wir alle unsere Kräfte als lauter Gaben des heiligsten Vaters auf den Altar in unserer eigenen von Gott errichteten Speisehütte des Geistes legen, dann hernach das heilige Flämmchen mit dem frischen Holze unserer Demut unterstützen, auf daß da ein Vollbrand wird, der alsonach alle unsere geopferten Kräfte ergreift, sie verzehrt und uns weltlichermaßen vernichtet. [HGt.02_025,69] Aber eben aus dieser Vernichtung geht erst dann ein neues Leben hervor, ja ein Leben in Gott, unser aller liebevollstem heiligem Vater! [HGt.02_025,70] Das ist der verordnete größte Speisetopf in der heiligen Hütte der herrlichen Purista. So darin die Früchte vollends weich gekocht werden, wird der hohe heilige Gast dann auch kommen und wird daselbst am heiligen Kindertische mit Seinen Kindern eine neue Mahlzeit halten, eine Mahlzeit der ewigen Liebe, Gnade und Erbarmung, ja eine Mahlzeit zum ewigen Leben! [HGt.02_025,71] Sehet, so wir solches tun, so ist das ein rechtes Lob, eine rechte Ehre, ein wahrer Ruhm, ein für uns höchster Preis und in unserer endlichen Vernichtung im heiligen Feuer der reinen Liebe in uns die allein wahre Anbetung, da wir da wahrhaft im Staube unserer vollkommenen Nichtigkeit vor Gott darniederliegen und uns einen in und durch das uns verzehrende Feuer der Liebe auf dem neuen Opferaltare in unseren Herzen mit Gott, mit unser aller liebevollstem, allerheiligstem Vater! [HGt.02_025,72] Wahrlich, wahrlich, liebe Väter, Brüder und Kinder, so jemand nicht sich selbst ganz opfern wird auf diesem uns allen nun zur Genüge bekannten Altare in der Hütte der herrlichen Purista in uns und wird sich nicht verzehren lassen zu Staub, Rauch und Asche, – wer sonach nicht diese wahre Feuerprobe wird bestehen wollen, der wird den sicheren Tod nicht aus sich bringen, und nie wird ihm eine Ghemela zum Lohne des ewigen Lebens werden! [HGt.02_025,73] Wer da lebt und atmet und empfindet die endlose Wohltat des Lebens und fühlt die unaussprechliche Süßigkeit desselben, der bedenke wohl, daß dies irdische Leben nur ein Probeleben ist und ist in allem eine Gabe des heiligen Vaters. [HGt.02_025,74] Wer es sich törichterweise wird aneignen wollen, wird es verlieren auf ewig, wer es aber in allem dem großen, heiligen Geber wieder also, wie es nun zur Genüge gezeigt wurde, wieder anheimstellen wird, sich selbst opfernd, der wird es behalten im reinsten Vollbestande für ewig, ewig, ewig in Gott, unser aller heiligstem, liebevollstem Vater! [HGt.02_025,75] Da wir aber nun alle vernommen haben, was da jedem von uns allen not tut vor Gott, so lassen wir es bei dem alleinigen Vernehmen nicht verbleiben, sondern machen das Vernommene durch Worte im eigenen Herzen vernehmbar, damit es von da übergehe in das Blut und vom Blute in alle Glieder unseres Wesens zur lebendigen Tat; denn so jemand das wahre, lebendige Wort aus Gott Selbst vernommen hat und ist ihm dadurch der Weg gezeigt worden, ja gezeigt der kürzeste und sicherste Weg, und er wandelt nicht sogleich vollkommen diesen Weg, der ist doch sicher ein allergrößter Tor, ein allerträgster Ochse und ein allerdümmster Esel darum, da ihn die Kraft des lebendigen Wortes ohnehin schon während des alleinigen Vernehmens gestärkt und wenigstens schon zur Hälfte lebendig erweckt hat, und er es dann überleicht hätte, durch seines eigenen freien Willens Tätigkeit sich vollends zu beleben. [HGt.02_025,76] Also, nicht beim alleinigen Vernehmen lasset es bewendet sein, sondern zur Tat, zur lebendigen Tat trage ein jeder tief in seinem Herzen diese Worte, so wird er sein ein wahrhaft Weiser in der Ordnung Jehovas, darum ihm lieber sein wird ein lebendiges Haus von tausend im schönsten Kreise stehenden schlanksten Zedern denn ein totes von behauenen Tannen, die da zwar auch in die Erde gesteckt sind, aber da sie selbst tot sind, so verfaulen sie auch bald in der Erde, und weht dann irgendein Sturm über diese toten Häuser, da stürzen sie alsbald ein und ertöten ihre Inwohner. [HGt.02_025,77] Das Haus aus den lebendigen Zedern ist ein sicheres Haus, indem wir allzeit den rechten Schutz finden darinnen. [HGt.02_025,78] So wir aber den Samen legen in die Erde, damit wir aus ihm mit der ehestmöglichen Zeit zu einem lebendigen Hause kommen möchten, und zwar in dem Kreise wir den Samen gelegt haben, in dem möchten wir auch schon unser lebendiges Haus erschauen, – müssen wir da aber trotz unserer großen Begierde zum lebendigen Hause nicht zur nötigen Geduld übergehen und unterdessen ruhig wohnen in den behauenen toten Hütten, bis das lebendige Haus völlig dicht und reif dasteht und wir es dann beziehen können?! Und haben wir es einmal bezogen, wie voll Freuden sind wir da darum, daß wir ein also festes lebendiges Haus nun haben, das uns wohl decken kann vor jeglichem Sturme! [HGt.02_025,79] Aber wie oft läuft der Mensch mehrere Jahre hindurch mit dem Wasserschlauche um den Bäumchenkreis herum und begießt jegliches sorgsam, damit sie sich ja recht bald hoch über den Erdboden erheben sollen, und er die Stämme bald möchte mit den duftenden Zweigen des Myrten-, Lorbeer- und Balsampalmbaumes einzuflechten anfangen, und die Klüfte auszustopfen mit dem reichlichen Speick der Schafherdenhöhen, und mit wohlduftendem Moose, und also auch sonach vom Hauptmittelbaume ein wohlgeflochtenes Dach aus dem unzerstörbaren Goldstroh zu spannen bis zu den Seitenwandbäumen! [HGt.02_025,80] Sehet, solches nennen wir weise; ja, solches ist auch wahrhaft weise getan! Übertragen wir aber diese weise Handlungsweise auch auf uns selbst! [HGt.02_025,81] Der allergesündeste Same ist nun im Übermaße ausgestreut. Des lebendigsten Wassers haben wir nun auch in der größten Menge. Der große, heilige, allmächtige Baumeister aller Dinge ist sichtbar unter uns. Wir sind alle erweckt. Wir sind in der heiligen Mitte des hellsten Tages. Die Herdealpen spenden schon überherrlich von den wohlduftenden Kräutern reiche Wohlgerüche zu uns herab. Das Goldstroh ist allenthalben in großer Überfülle schön geraten vorhanden. [HGt.02_025,82] Wie wenig alsonach geht uns noch ab, zum Besitze der lebendigen Häuser im Geiste zu gelangen; o denket, denket doch, wie sehr wenig! [HGt.02_025,83] Und so denn ergreifen wir alle lebendigst tätig das lebendige, heilige Wort, das da ist ein Wort alles Lebens, aller Macht und aller Kraft unmittelbar aus Gott Selbst, und des Lamechs Lohn, die himmlische Ghemela oder die sich über alle Begriffe mild und sanft herablassende Liebe des überheiligen Vaters wird uns nicht entgehen! Ja sie ist schon bei uns; aber nur ergreifen müssen wir sie lebendigst, so werden wir das Ziel erreichen, das uns die endlose Güte und Liebe des überheiligen Vaters selbst vorgesteckt hat! Ein herrliches Ziel, ja ein überherrliches Ziel! Ein Ziel des allervollkommensten, ewigen Lebens! [HGt.02_025,84] Wahrlich, wenn das nicht aller unserer geringen Anstrengungen würdig ist, so soll bei aller meiner mir nun gediegenst inwohnenden Kraft, Macht und Gewalt aus Gott, – ja ihr zur sicheren Folge soll die ganze Schöpfung in ihr altes Nichts zurückkehren und wir als Kinder mit ihr! [HGt.02_025,85] Einen Eid schwöre ich euch, ein großes Wahrzeichen gebe ich euch allen in der nun sichtbaren Gegenwart Jehovas, der da war, ist und ewig sein wird mein steter, mächtiger Zeuge, und sage nun, wie ich bisher jegliches Wort gesprochen habe, in Seinem Namen: [HGt.02_025,86] Wahrlich, wahrlich, wahrlich, – die ganze sichtbare Schöpfung drückt zu Tode ein alter zwiefach harter Fall! Mit alter Sünde ist alle Welt befleckt; auf uns alle hat sich der Tod vererbt, einmal im Geiste, und einmal im Fleische. [HGt.02_025,87] Kann Gott vermöge Seiner allerhöchsten Heiligkeit uns aber auch das Fleischleben nicht wiedergeben, so aber hat Er Sich doch in Seiner unendlichen Liebe unseres Geistes erbarmt und hat uns sonach im Geiste wieder zu Kindern Seiner Gnade, Erbarmung und endlosen Liebe aufgenommen, damit wir wieder des ewigen Lebens möchten teilhaftig werden. [HGt.02_025,88] Väter, Brüder und Kinder, jetzt ist es vor uns, das Leben und der Weg zu Ihm: Liebe das Leben, Demut der Weg! Ergreifen wir es mutig und tun darnach, so werden wir in dieser großen Nähe des großen Urhebers und Urborns alles Lebens sicher nicht in den Tod übergehen, sondern nur in das ewige Leben selbst, welches nun zu uns gekommen ist und sicher auch ewig bei und in uns verbleiben wird! Amen, Amen, Amen.“ 26. Kapitel — Henoch vom Herrn zum ersten Sabbat-Prediger eingesetzt. Aussendung eines Boten zu Hored und Nalme[HGt.02_026,01] Nach der Beendung dieser Rede aus Mir begab sich der Henoch alsbald zu dem hohen Abedam und dankte Ihm aus der Tiefe seines Herzens wahrhaft der großen Sabbatsrede gemäß. [HGt.02_026,02] Und der hohe Abedam sagte darauf zu ihm: „Nun hast du denn doch gesehen und dich lebendigst überzeugt, wie sehr eitel deine frühere Furcht war! [HGt.02_026,03] Also, wie du jetzt rein aus Mir geredet hast, gerade also wirst du auch künftig in Meinem Namen reden zum Volke, das da sind deine Väter, Mütter, Brüder, Schwestern und Kinder jedes Geschlechtes. [HGt.02_026,04] Siehe, solches ist dein Hauptgeschäfte von nun an an jedem Sabbate! Und so Ich dir irgend zeigen werde, daß da jemand ist, der sich abgewendet hat von Mir und hat sein Auge gerichtet hinaus zur Welt, da gehe aber an jedem Tage hin, rufe den Verirrten in Meinem Namen und stelle seine Füße wieder auf den rechten Weg der Reue, Demut und Liebe zu Mir. [HGt.02_026,05] So sich aber derlei Fälle etwa mehren sollten, daß du nicht auslangen möchtest mit der Zeit, da erwähle du in Meinem Namen einen Tauglichen aus deiner Schule, und sende ihn gehörig ausgerüstet hin, und sei dabei unbesorgt; denn Ich werde so gut mit ihm sein wie mit dir! [HGt.02_026,06] Über den du in Meinem Namen deine Hände legen wirst, den auch will Ich alsbald erfüllen mit Meinem Geiste, und er wird wahrsagen dir gleich und wird erbrennen im Eifer der Liebe zu Mir, darum sich alles Gras, alles Gesträuch, alle Bäume, Berge, Wässer, Winde, Luft, Feuer, Erde und alles Getier beugen wird vor ihm wie vor dir nun als Oberpriester selbst. [HGt.02_026,07] Wer da alsbald umkehren wird, dem soll Meine Gnade, Liebe und Erbarmung mehr als auf dem halben Wege entgegenkommen. [HGt.02_026,08] Wer aber da verstopfen wird sein Herz und Ohr und verschließen sein Auge vor euch, über den schwinge sieben Male Meine Zuchtrute in deiner Hand! [HGt.02_026,09] Kehrt er aber da noch nicht um, da treibe ihn hinaus von der Gemeinde; und so er heulend und weheklagend wieder zurückkehren möchte voll Reue im Herzen, da siehe ihn an, ergreife seine Hand, erhebe ihn zu dir, führe ihn hierher, errichte ein Gastmahl, und lade viele dazu ein, auf daß da unter euch in Meiner Vaterliebe eine große Freude sei, darum ein Verlorener wieder also sich gefunden hat und ist zurückgekehrt zu seinem Vater in seinem Herzen. [HGt.02_026,10] Wahrlich, sage Ich dir, so ein Tiefgefallener wieder völlig zurückgekehrt, da sollet ihr mehr Freude haben über ihn als über neunundneunzig Gerechte, die der Umkehr nicht bedürfen! [HGt.02_026,11] Denn so jemand lebendig ist und bleibt lebendig, das ist nichts mehr als billig; wer da im Lichte ist, dem ist eine Irrung wohl nicht leicht möglich. [HGt.02_026,12] Der Schwachen Los aber ist es ja, nur Geringes zu tragen auf wohlerleuchteten Wegen. [HGt.02_026,13] So Ich aber einem Starken eine größere Last zu tragen gebe in der Nacht, er verfehlt aber den Weg und hört nicht euren Ruf, und so er lange irrt und gelangt an kein Ziel, außer daß er gewahrt die Nähe des Untergangs und des Todes, und dann doch von selbst zurückkehrt den beschwerlichen Weg und gelangt weinend zu euch, und ihr habt dadurch nun wieder einen für ewig verlorengeglaubten und tief betrauerten Bruder gefunden, wie Ich einen verlorenen Sohn, – saget, ist das nicht mehr denn neunundneunzig, die da ihre Füße freilich wohl gerechterweise niemals über die Türschwelle ihres Hauses gesetzt haben?! [HGt.02_026,14] Darum soll groß sein eure Freude über einen, der verloren war, ja der tot war, und ist wieder lebendig geworden. [HGt.02_026,15] Der Gerechte hat nicht Ursache zu weinen, da ihn nur eine leichte Bürde drückt; wer aber eine große Bürde hat auf seinem Nacken und fällt mit der Bürde und weint dann unter der Bürde, wer möchte da wohl ein also steinernes Herz haben und nicht betrauern den hart Gefallenen und alles aufbieten, um ihm wieder aufzuhelfen, so es nur möglich wäre?! [HGt.02_026,16] Und kann er das nicht und muß zu seinem größten Leidwesen den gefallenen Bruder unter der Last verschmachten sehen, wie wird es ihm sein ums Herz?! [HGt.02_026,17] Wenn sich aber dann doch wieder unvermutetermaßen der gefallene Bruder aufrichten wird, wer wird da nicht sogleich vor großer Freude hinzuspringen, den totgeglaubten Bruder an sein Herz drücken, ihn führen alsbald in sein Haus und ihm bereiten ein großes stärkendes Mahl?! [HGt.02_026,18] Darum aber sage Ich euch allen hier dieses, daß ihr die Irrenden kräftig ermahnen sollet; und wer da euren Augen entschwand, den sollet ihr suchen kraft aller Meiner Liebe in euch. [HGt.02_026,19] Doch die Zuchtrute soll niemand eher schwingen über seinen Bruder, als bis Ich ihm zurufen werde: ,Nun züchtige ihn mit dem Feuer deiner Liebe; lasse ihn gehen aus der Gemeinde zwar, damit sich an ihm niemand ärgern solle, aber dein Herz begleite ihn bis ans Ende der Welt!‘ [HGt.02_026,20] Dein letzter Abschiedsblick, wie jeder frühere, lasse den irrenden Bruder allzeit erfahren, daß er dein armer, gedrückter und gefallener Bruder ist, und daß er dir gleich, obschon ein darniederliegender Sohn Meiner Liebe ist! [HGt.02_026,21] Zorn sei euch völlig fremd, und aller Fluch sei ferne eurem Munde und doppelt ferne eurem Herzen! [HGt.02_026,22] Wie ihr euch aber verhalten werdet gegenseitig, also werde auch Ich Mich verhalten zu euch; wer da sündigen wird vor euch, der wird auch sündigen vor Mir. [HGt.02_026,23] So ihr ihn aber richten werdet, da werde zwar Ich ihn auch richten; aber wie, das weiß Ich. [HGt.02_026,24] Ihr aber werdet darum eurem Gerichte nicht entgehen; wie aber das Gericht, – das weiß Ich auch! [HGt.02_026,25] Und nun sage Ich dir, geliebter Henoch, rüste sogleich einen Boten aus, und sende ihn hin in die Gegend, die da liegt zwischen Mitternacht und Morgen; denn es schwelget dort ein Bruder mit einem Weibe aus der Tiefe. Sein Name ist Hored und der des Weibes Naëme. Er weiß nicht, was hier ist; darum lasse ihm sagen, daß Ich ihn rufen lasse, darum er auch alsbald hierher kommen solle! Amen.“ 27. Kapitel — Horeds und Nalmes Rettung durch den Boten Lamel[HGt.02_027,01] Und der Henoch dankte dem hohen Abedam für diesen Auftrag und ging dann alsbald hin zum Gabiel und sagte zu ihm: [HGt.02_027,02] „Gabiel, rufe herbei deinen Bruder Lamel; es bedarf seiner der Herr!“ [HGt.02_027,03] Und der Gabiel vollzog sogleich, das ihm aufgetragen wurde durch den Henoch vom Herrn aus. [HGt.02_027,04] Als nun der Lamel herzueilenden Schrittes gekommen war, verneigte er sich voll der größten Ehrfurcht vor dem Henoch und fragte ihn: [HGt.02_027,05] „Ehrwürdigster Vater und Lehrer Henoch, du weiser Liebling des Herrn, des heiligen, liebevollsten Vaters, was verlangst du, sicher im Namen des Herrn, von mir, das ich tun soll? Siehe, ich bin bereit, bis ans Ende der Welt den Winden nachzujagen, so es des Herrn heiliger Wille wäre!“ [HGt.02_027,06] Und der Henoch sagte darauf zu ihm: „Du bist von gutem Willen erfüllt, das wußte ich schon früher, ehe ich dich rufen ließ; darum aber bist du erwählt, daß du alsbald dahin gehen sollst, wo dein Bruder Hored sich verborgen aufhält mit seinem Weibe Naëme aus der Tiefe, da sie ist eine Tochter des Königs Lamech aus Hanoch und ward nicht gesegnet zuvor vom Adam und von all den andern Vätern! [HGt.02_027,07] Sage ihm, der Herr lasse ihm melden, er solle sogleich mit seinem Weibe hierher kommen. Sollte er sich aber sträuben, sodann zeige ihm die Feinde, welche wohlbewaffnet ihn von Hanoch aus schon aufgespürt haben und nun lauern auf einen günstigen Augenblick, um ihn samt dem Weibe der grausamsten Rache Lamechs zu überliefern! [HGt.02_027,08] Sage ihm, bis jetzt habe ihn noch des Herrn Hand beschützt! So er dir nicht alsbald folge, da werde der Herr Seinen Arm zurückziehen, und er werde dann zusehen können, wie er mit den tausend racheentflammtesten Feinden zurechtkommen wird, so sie gleich wütenden Löwen, Tigern und Hyänen über ihn herfallen werden! [HGt.02_027,09] So er aber einwilligen wird, da greife ihm und seinem Weibe alsbald unter die Arme, und die Kraft des Herrn, mit der du jetzt, während ich meine Hände im Namen des Herrn über dich hielt, erfüllt wurdest, wird euch mit großer Schnelligkeit den auf euch losstürzenden Feinden entreißen. [HGt.02_027,10] Und so denn erhebe dich und eile, zu vollziehen des Herrn, unser aller heiligsten und liebevollsten Vaters heiligsten Willen! [HGt.02_027,11] Die Gnade, Liebe und Erbarmung des Herrn sei mit dir jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_027,12] Kaum hatte der Henoch seine letzten Worte ausgesprochen, so sprang auch schon der Lamel gleich einem jungen Hirsche von dannen und kam, durch die ihm nun innewohnende Kraft geleitet, auch schon in wenigen Minuten vor einer höchst ärmlichen, von der Morgengegend nach der Mitternacht nahezu eine Tagesreise entfernte Hütte an und fand daselbst, was er suchte. [HGt.02_027,13] Als der Hored seiner ansichtig wurde, sprang er hastig und grimmentbrannt aus seiner Hütte, packte sogleich den Lamel gewaltigst bei der Hand und schrie aus vollster Brust: [HGt.02_027,14] „Unglücklicher! Was führte dich hierher? Muß denn dich mein erster Fluch treffen, dich, Lamel, meinen sonst geliebtesten Bruder?! [HGt.02_027,15] Siehe, ich habe meinem Weibe einen heiligen Schwur getan: den ersten Menschen, der hierher käme und uns störe in unserer glücklichen einsamen Ruhe, zu erwürgen – und wenn das auch selbst der Adam wäre! [HGt.02_027,16] Ich verkroch mich darum in einen äußersten Winkel der Erde und wollte da leben, von keines Menschen Auge belauscht, da ich das gefunden habe, was keiner noch fand, und bin endlos glücklich mit diesem meinem Funde! [HGt.02_027,17] Elender! Wer zeigte dir den Weg in diesen äußersten Winkel der Erde? Rede, oder ich zerreiße dich im Augenblicke in tausend Stücke und gebe sie dann den Raben zur Speise!“ [HGt.02_027,18] Der Lamel aber sah den wütenden Hored fest an und sagte dann zu ihm, ihn gleichsam fragend: „Hored! Also empfängst du deinen Retter, den der allmächtige Gott Selbst, der nun sichtbar unter uns wandelt und lehrt und wirkt auf der heiligen Höhe, zu dir als solchen gesandt hat? [HGt.02_027,19] Bevor jedoch, als du mich zu würgen und in Stücke zu zerreißen wirst anfangen, muß ich dir noch sagen, daß fürs erste sich jene, die mit der göttlichen Kraft ausgerüstet sind, nicht sogleich erwürgen und dann in Stücke zerreißen lassen, – und wenn es auch hundert Eidschwüre deinem Weibe gelten sollte! [HGt.02_027,20] Damit du aber siehst, daß ich nicht dir gleich ein mächtig klingender Wortestoßer bin, sondern des Willens des Herrn wirklich vollmächtig bin, so komme her, da her zu dieser alten, männlich starken Zeder, und entwurzle sie, und schleudere sie dann über diesen Berg ins Angesicht deiner tausend auf dich lauernden Feinde aus Hanoch! [HGt.02_027,21] Kannst du das, dann fasse und erwürge mich, so du kannst und magst! Und fürs zweite aber siehe dich bei dieser Gelegenheit auch ein wenig um, so dahier hinab ein wenig in die blanke Talebene, und siehe, wer alles sich noch heute gerade am Sabbate deiner Hütte naht, um dich zu ergreifen und dich dann samt deinem Weibe der blutigsten Rache Lamechs für die Entführung seiner Tochter Naëme zu überantworten!“ [HGt.02_027,22] Und der Hored sprang hin zu der Zeder und bäumte sich dabei sehr; aber die Zeder wollte sich nicht rühren. [HGt.02_027,23] Da er aber nichts richten konnte mit dem Baume, so schrie er den Lamel gewaltigst an, sagend: „Schurke! So entwurzle du sie!“ [HGt.02_027,24] Und der Lamel rührte die Zeder bloß nur an, und der mächtige Baum stürzte zersplittert zusammen, als wäre er nie da gestanden. [HGt.02_027,25] Darauf zeigte der Lamel mit dem Finger ins Tal und zeigte dem Hored ein wohlausgerüstetes Heer aus Hanoch und fragte darauf den Hored: „Nun, warum zögerst du nun mit deiner Drohung? Willst du mich denn nicht zerreißen und –?“ [HGt.02_027,26] Der Hored aber schrie überlaut auf: „Großer Gott! Ich bin nun verloren! [HGt.02_027,27] Ich habe es mir wohl immer gedacht, daß es also kommen wird!“ [HGt.02_027,28] Und der Lamel sagte darauf zum Hored: „So du dir aber schon lange dachtest, daß es also kommen werde, warum kehrtest du denn nicht auch schon lange nach Hause in die Heimat deiner Väter, damit sie dich wie alle andern gesegnet hätten, und dich sicher um so eher, da du ein wirklicher Gesandter warest und konntest nicht dafür, daß dich der Lamech beschenkte mit der Naëme; sondern was dir der Lamech gab, war ja ohnehin eine gerechte Gabe, dir allein zugute kommend, die dir sicher niemand streitig gemacht hätte, und wenn du ihre große Schönheit uns allen auch hundert Male vor die Augen gestellt hättest! [HGt.02_027,29] Siehe Bruder, du hattest keine Ursache zur Flucht vor uns, und doch bist du geflohen! Warum aber bist du dennoch geflohen? [HGt.02_027,30] Siehe, ich will es dir sagen: Da du in die Tiefe gingst nach Hanoch, warst du ausgerüstet von all den Vätern durch ihre großen Segnungen mit großer Macht und Kraft, darum dann auch, als du nach Hanoch kamst, der feine Lamech, wohl merkend, daß er dir nichts anhaben und auch nichts Gewaltiges antun kann, dafür den schlauen Weg ergriff und beschenkte dich mit der Naëme, um deiner los zu werden, und um dich auch mit der Schlange ärgsten Stricken zu binden. [HGt.02_027,31] Denn er dachte bei sich: ,Ist er wirklich von irgendeinem höchsten Wesen zu mir gesandt, etwa von dem alten Gotte, dessen gewaltige Stimme ich schon einmal lebhaft vernommen hatte, bald nachher, als ich meine beiden Brüder erschlug, so wird er nimmerdar von mir etwas annehmen, und am allerwenigsten das schon an einen Mann gebundene Weib!‘ [HGt.02_027,32] Allein gerade, da der Lamech sich's am wenigsten gedachte, ließest du dich von seiner Schlauheit berücken, nahmst an das ärgste Gift aus der Hand des schändlichsten Verräters gegen Gott! Und was war die Folge dieses Giftes? Ich sage dir, nichts mehr und nichts weniger, als daß du sogleich hierher, schon von mehreren bewaffneten Spionen aus Hanoch verfolgt, flohest, ohne mehr darauf zu denken oder gedacht zu haben, ob dir die von den Vätern der reinen Höhen mitgeteilte Kraft wohl noch geblieben ist, oder nicht. [HGt.02_027,33] Lamech und deine Verfolger waren bis jetzt freilich noch in der Meinung, du seiest noch also mächtig, wie du es damals freilich vor kurzer Zeit noch warest; allein nun, da er der Schlange ein großes Opfer gebracht hat dadurch, daß er den Namen Jehovas auf das allerschändlichste entehrt und am Ende gar verflucht hat, hat ihm diese auch deine gänzliche Ohnmacht gezeigt, und er sandte daher nun auch ein Heer von tausend der allerstärksten Männer aus Hanoch wohlbewaffnet hierher, darum sie dich fangen sollen und dich überliefern seiner größten Rachgier und die Naëme aber als Zusammenhälterin des ganzen Reiches, was sie schon früher sein mußte, nämlich eine allgemeine Hure allen den Großen seines Reichs, die ohne sie nun sämtlich abfallen von ihm. [HGt.02_027,34] Siehe, du glaubtest in deinem Freude-Neide gegen uns, deine Brüder, dich in der Erde äußersten Winkel verkriechen zu müssen, um von uns aus eine ungestörte Wonne genießen zu können! Wir glaubten es auch, es werde dir sicher nichts abgehen, und segneten dich dazu noch, so gut wir es nur immer konnten und mochten. [HGt.02_027,35] Allein der große, überheilige Lehrer und unser aller liebevollster Vater, der nun unter uns noch weilt, hat uns erst die Augen geöffnet und klärlich gezeigt, wie es mit dir und deinem Weibe steht, hat eben darum mich zu dir gesandt, um dich und dein Weib zu retten, euch zu führen vor Ihn hin, damit auch ihr Seines Segens, Seiner Liebe und Gnade nicht ledig verbleiben sollet! [HGt.02_027,36] Hored, Bruder, – erkenne des Herrn Willen, rufe dein Weib aus der Hütte, und lasse dir und ihr von mir schnell unter die Arme greifen, damit ich im Namen des Herrn euch noch eher dem Untergange entreißen kann, bevor die schon sehr herangerückten Häscher Lamechs euch unrettbar ergreifen werden!“ [HGt.02_027,37] Und der Hored rief dabei aus: „O Bruder Lamel, jetzt erst erkenne ich dich wieder! Kannst du uns retten, siehe, da ist mein Arm! Und siehe, da kommt sie schon atemlos aus der Hütte, die Naëme, und beut dir ihren Arm, wie du es verlangtest; und also geschehe des Herrn Wille! Amen.“ [HGt.02_027,38] Und alsbald auch ergriff der Lamel die Naëme; und als er kaum die beiden so recht fest angefaßt hatte, da stürzten auch schon von allen Seiten die Feinde unter dem wildesten Geschrei auf die Hütte des Hored zu. [HGt.02_027,39] Als die Naëme solches vernahm und sah, da stieß sie einen heftigen Angstlaut aus, sagend: „Um des allmächtigen Gottes Willen, wir sind verloren! – – Mein armer Hored!“ [HGt.02_027,40] Und also schrie auch der Hored. – Der Lamel aber sprach zu beiden: „Sehet euch zuvor ein wenig um, und sehet, wo ihr euch nun befindet; dann erst schreiet, wenn es noch not tut!“ [HGt.02_027,41] Darauf schlugen beide ihre Augen auf und konnten sich nicht genug verwundern, da sie sich so ganz wohlbehalten auf der Höhe schon bei der Adamsgrotte befanden, an deren Ausgange gegen Morgen schon der Henoch und noch Jemand mit ihm ihrer mit ausgestreckten offenen Armen harrten. 28. Kapitel — Der vom Tiefenkönig Lamech angelegte Waldbrand[HGt.02_028,01] Da der Lamel aber alsbald sah den Henoch rasch auf sich zugehen und nicht minder rasch neben ihm den hohen Abedam, so ließ er alsbald die beiden los und fiel vor den zwei Entgegenkommenden zur Erde nieder und lobte, pries und dankte dem hohen Abedam für diese große Erbarmung und Liebe, die Er seinem Bruder Hored und dessen Weibe Naëme zukommen ließ, und dann aber auch für die große Gnade, die Er ihm dadurch erwies, daß Er ihn als einen wohlbemächtigten Retter für die beiden erkoren hatte. [HGt.02_028,02] Als aber der hohe Abedam mit dem Henoch vollends zu den dreien gekommen war, da hieß Er alsbald den Lamel erstehen vom Boden und sagte darauf zu ihm: [HGt.02_028,03] „Lamel, du kennst Mich und den Henoch, – dein geretteter Bruder kennt Mich nicht, sondern allein den Henoch nur, und sein Weib weder dich, noch den Henoch und am allerwenigsten Mich; daher lasse uns vorher schweigen von uns, wer alles und lauter wir sind, und auf einem anderen Wege die Morgenhöhe Adams erreichen und dann daselbst erst zu einer inneren Erkenntnis schreiten! Amen.“ [HGt.02_028,04] Als der hohe Abedam aber kaum noch diese Rede beendet hatte, siehe, da stieg alsbald hinter dem Morgen und Mittage ein gewaltiger Rauch auf, als wäre nahezu ein ganzer Vierteil der Erde in Brand geraten! [HGt.02_028,05] Der Henoch aber wandte sich alsbald heimlich an den Abedam und sagte zu Ihm: „Heiliger Vater! Siehe dort, ein gewaltiger Qualm entsteigt der Tiefe! Was soll dies?“ [HGt.02_028,06] Und der Abedam entgegnete ihm: „Gedulde dich nur über ein kurzes, und du wirst dich von der großen verwegenen Bosheit des Lamech gar bald überzeugen! [HGt.02_028,07] Siehe, darum der gestrige Sturm ganz besonders große Verheerungen in den Gärten Lamechs und unter seinen reichen Herden großen Schaden angerichtet hatte, also schickte er nun bewaffnete Knechte aus und versah sie mit brennenden Fackeln, damit sie all die Wälder anzünden sollen und somit in die Asche legen die Berge samt ihren Urbewohnern! Siehe, das steckt hinter dem Qualme! [HGt.02_028,08] Gehet aber mit Mir dahin zum großen weißen Fels, und wir wollen die Brandleger noch auf frischer Tat einholen! Amen.“ [HGt.02_028,09] Und alsbald begaben sich die sämtlichen mit dem Abedam hier anwesenden fünf Personen dahin zum großen weißen Felsen. [HGt.02_028,10] Als sie da nach kurzem anlangten, so zeigte auch alsbald der hohe Abedam dem Henoch über einen großen und hohen Steinwandvorsprung hinab in die Tiefe die Brandleger. [HGt.02_028,11] Als der Henoch solches ersah, da ergriff ihn ein großer Eifer, so zwar, daß er alsbald zu dem Abedam mit starker Stimme rief: [HGt.02_028,12] „O Du, den nur mein Herz nennet! Hast Du gestern denn all die Blitze verbraucht?! Siehe, hier wären nun einige Tausende ja überaus gut zu gebrauchen gegen diese Frevler! [HGt.02_028,13] Der Wurm will sich gegen Gott auflehnen! O Herr! Jetzt möchte ich wahrhaft einen kleinen Gebrauch von Deiner mir verliehenen Kraft, Macht und Gewalt machen! [HGt.02_028,14] O Sonne, du leuchtende große Werkstätte der großen Blitze des Herrn, – jetzt, jetzt lasse schnell einige Tausende herab zur Erde sehr stark krachend zucken, und ein unerhörter Donner solle jeden begleiten, so daß darob die Erde erbeben solle bis zu ihrer inneren Grundfeste!“ [HGt.02_028,15] Und der hohe Abedam ergriff des Henoch Hand und sagte zu ihm: „Halt, halt, Mein geliebter Henoch! So hitzig, wie die da unten angefangen haben, wollen wir die Sache durchaus nicht angehen! [HGt.02_028,16] Lassen wir die Blitze für diesmal nur ruhen; denn siehe, wir feiern ja heute den Sabbat, und dieser ist kein Tag des Gerichtes, sondern ein Tag der Ruhe, des Friedens und der Liebe, der Gnade, der Erbarmung aus ihr und alles Segens aus Gott dem Herrn und Schöpfer aller Dinge und Vater aller Engel und Menschen! [HGt.02_028,17] Wehe aber aller Kreatur, so der Sabbat je sollte zu einem Tage des Fluches werden! [HGt.02_028,18] Daher erlassen wir auch heute diesen stockblinden Frevlern das Feuergericht und lassen dafür einen recht reichlichen Regen über das Werk der blindesten Tor- und Bosheit den Wolken entstürzen, – und du kannst versichert sein, daß da ein jeder Tropfen einem brennenden Baume besser zustatten kommen wird als tausend Blitze an der Stelle eines jeden einzelnen Tropfens. [HGt.02_028,19] Siehe, für jetzt wollen wir das Feuer noch mit Wasser dämpfen, denn die Zeit des Feuers fürs Feuer ist noch ferne; wann sie aber kommen wird, wehe dann den Bergen, Bäumen, Sträuchen und dem Grase der Erde. [HGt.02_028,20] Doch nun nichts mehr weiter vom Feuer; du, Henoch, aber strecke nun in Meinem Namen deine Hände aus, und gebiete den Wolken, daß sie sich ansammeln sollen zu einem reichlichen Regen über diesen schon recht weit ausgedehnten Wälderbrand! Doch die Höhen sollen frei bleiben für heute, morgen und übermorgen; denn das ist die bestimmte Zeit Meiner sichtbaren Gegenwart für alle. Und somit erfülle Meinen Willen in dir! Amen.“ 29. Kapitel — Die Löschung des Waldbrandes durch einen Platzregen. Satans Anmaßung vor dem Herrn[HGt.02_029,01] Und alsbald dankte der Henoch in seiner Tiefe dem Abedam und streckte die Hände aus und sprach während des Ausgestrecktseins seiner Hände: [HGt.02_029,02] „Höre du, heitere Luft! Lasse von deinen Geistern und deinen Winden hierher versammeln ein regenschweres Gewölk, auf daß durch einen reichen Niedersturz in starken Tropfen gedämpft und gelöscht werde der Brand; und bis nicht der letzte Funke erloschen sein wird, sei deines Wirkens kein Ende im Namen Jehovas! Amen.“ [HGt.02_029,03] Und als der Henoch das Amen ausgesprochen hatte, da zogen auch schon Massen und Massen von den schwersten Wolken daher und ergossen sich sogleich in einem allermächtigsten Platzregen über die ganze, weite Gegend des Brandes. [HGt.02_029,04] Aber über den Wolken war es helle, und man sah ungehindert über dieselben hinaus und bemerkte gar bald auf der Oberfläche des Gewölkes einen starken Wirbel gleich den Ringen einer großen Schlange. [HGt.02_029,05] Und der Wirbel kam näher und näher, und dieser Wirbel war der Satan, nahm sogleich eine leuchtende Gestalt an und stellte sich vor dem Abedam hin und fragte Ihn: [HGt.02_029,06] „Was hast Du in meinem Eigentume zu tun? Weißt Du denn nicht mehr, welche Frist Du mir gegeben hast? [HGt.02_029,07] Daher ziehe von hier, und lasse mich ungestört in diesem meinem Eigentume schwelgen; denn ich, nicht Du, ich bin der Herr und Meister dieser Schöpfung!“ [HGt.02_029,08] Der Abedam aber sagte zu ihm: „Satan, bis hierher und nicht weiter! Wenn du diese heilige Scheidewand zwischen Mir und dir übertreten wirst, dann auch sollst du gerichtet werden und gewaltig erkennen, wer der Herr und wer da Gott ist von Ewigkeiten der Ewigkeiten her! [HGt.02_029,09] Nun aber hebe dich von dannen, und erkenne, wozu dir diese Zeit gegeben ist! Amen.“ [HGt.02_029,10] Und der Satan stieß ein furchtbares Geheul aus und stürzte ganz entzündet hinab in die Tiefe. [HGt.02_029,11] Darauf aber sagte der Abedam: „Siehe, das Feuer ist gelöscht, die Frevler in die Flucht geschlagen; so lasset uns denn im Frieden von dannen ziehen! [HGt.02_029,12] Dem Adam aber soll das vorderhand verschwiegen bleiben! Amen.“ 30. Kapitel — Der Zug der fünf auf dem schmalen Fußweg der Demut zur Höhe. Abedams d. H. bedeutsame Frage an Hored und Naäme .[HGt.02_030,01] Und alsbald zog diese kleine Gesellschaft einen schmalen Fußsteig unter der Grotte fort, welchen sonst die Kinder des Morgens benützten, um auf die Höhe zu den Hauptstammvätern zu gelangen und die Grotte aus Ehrfurcht vor dem Adam zu vermeiden und sie gewisserart nicht durch den täglichen Gebrauch zu verunheiligen, da sie dieselbe als etwas Heiliges ansahen. [HGt.02_030,02] Dieser Fußsteig war demnach ein Weg der Demut, darum ihn auch der hohe Abedam dazu ausersehen hatte, um fürs erste den zwei Neuangekommenen zu zeigen, welchen Weg sie einzuschlagen haben, um auf die Höhe des Lebens zu gelangen, und um fürs zweite ihnen auch schon im voraus gewisserart durch dieses Zeichen zu sagen, auf welchem Wege allein sie Ihn lebendig erkennen können. [HGt.02_030,03] Und also wandelten sie diesen beschwerlicheren zwar, aber sonst viel näheren Weg fort. Die Naëme blieb öfter hängen mit ihrem schönen königlichen Gewande an den häufigen Dornhecken und hatte daher stets vollauf zu tun, um sich überall loszuwinden. [HGt.02_030,04] Da aber gegen die Vollhöhe der Weg immer gestrüppiger wurde, so fing's da auch an, der Naëme stets schlechter und schlechter mit dem Sichlosmachen zu gehen, so zwar, daß sie am Ende gar nicht mehr weiter konnte und darum anfing, zu weinen und um Hilfe zu rufen. [HGt.02_030,05] Allein, da sie vermöge ihrer steten Bandlerei ziemlich zurückblieb und die vier Männer somit schon eine ziemliche Strecke voraus waren, so vernahm man ihr Geschrei, wenigstens natürlich möglich, scheinbarerweise nicht und setzte fröhlich den Weg fort. [HGt.02_030,06] Als sie, die Männer, aber nun auf die freie Höhe gelangten, da blieb der Abedam stehen und wandte Sich zurück zu den Ihm schnell Folgenden und tat, als wollte Er sehen, ob mit Ihm alle wohlbehalten auf der Höhe angelangt sind, und fragte sie dann nach einer kurzen Rast dem Außen nach auch wirklich: „Also, Kinder Gottes, sind wir alle beisammen?“ [HGt.02_030,07] Und der Hored, erst jetzt sich von seinem Erstaunen über die Erscheinungen am weißen Felsen erholend, gewahrte bald, daß da sein geliebtes Weib abgeht, und erschrak darüber sehr. Da aber der Abedam seine große Verlegenheit merkte, so berief Er ihn zu Sich und sagte zu ihm: [HGt.02_030,08] „Was sorgst du dich denn umsonst jetzt – und mochtest dich eher nicht umsehen nach deinem Weibe, da sie sich verhängt hatte mit ihren königlichen Kleidern an den Dörnern dieses schmalen Pfades und rief dabei um Hilfe dich, du aber warst taub für ihre Stimme?! [HGt.02_030,09] Kehre statt deiner törichten Sorge lieber um, und hilf ihr aus ihrer Not; denn es ist nicht weit dahin, wo sie sich verhängt hat an einer starken Dornenhecke! [HGt.02_030,10] Darum gehe und hilf ihr, und bringe sie alsbald wohlbehalten hierher; wir alle wollen dich erwarten! Amen.“ [HGt.02_030,11] Der Hored aber wurde nun noch trauriger, fiel zur Erde nieder und fing an, also zu flehen: „Höret mich, o Brüder in Gott, höret mich, – oder so jemand ist ein Vater zu mir, der erhöre mich! [HGt.02_030,12] Gott, unser aller überheiliger Vater, soll nach der Verkündigung meines Bruders Lamel nun wesenhaft sichtbar unter den Vätern der Höhe Sich liebevollst und barmherzigst befinden! [HGt.02_030,13] Wenn solches der Fall ist, dann ist mir ja alles klar! [HGt.02_030,14] Seine endlose Heiligkeit kann es ja nimmer zugeben, daß sich mein sicher unreines Weib nähern dürfte dieser so heiligen Höhe. [HGt.02_030,15] Was wird da wohl nützen mein Umkehren, so nicht einer von euch mitgeht und mir hilft, mein Weib aus all den tausend Dörnerklauen loszumachen? [HGt.02_030,16] O Henoch, oder du, Bruder Lamel, oder du, fremder, sicher auch mächtiger Freund, verlasset mich nicht, und lasset nicht verschmachten mein armes Weib! [HGt.02_030,17] O ich sehe jetzt schon, daß ich euch bis hierher nicht hätte folgen sollen, darum ich ein großer Sünder geworden bin vor Gott, und auch vor euch, ihr Männer und Kinder nach dem Herzen Gottes! [HGt.02_030,18] Ja, ja, hier habe ich groß gefehlt! Ich will, ja ich muß zurück; aber nur einer kehre wieder mit mir zurück und helfe mir, mein armes Weib befreien! [HGt.02_030,19] Dann aber zeige er mir irgend nahe dort am weißen Felsen einen Ort an; da will ich meine große Schuld mit meinem Weibe beweinen mein Leben lang! Aber nur diesmal erhöret mich, amen; euer Wille, amen!“ [HGt.02_030,20] Während der Zeit aber, als der Hored seine Trauerbitte, auf der Erde liegend, hervorgebracht hatte, beschickte der Abedam alsbald den Lamel, die Naëme nachzubringen, und das geordneterweise vollkommen unverletzt. [HGt.02_030,21] Es war aber der Hored noch nicht zu Ende mit seinem Jammerliede, als die Naëme schon ganz wohlbehalten sich unter ihnen befand. [HGt.02_030,22] Als er aber dann, wie oben kundgegeben wurde, mit seiner Lamentation fertig ward, so fragte ihn der Abedam: [HGt.02_030,23] „Hored, dieweil du dahier klagst, möchte die Naëme ja wohl zugrunde gehen! Was würde es dann ihr nützen, so wir sie nicht mehr treffen, da sie zurückgeblieben ist?! [HGt.02_030,24] Und da du bemerktest, sie und du werdet euch der Heiligkeit des nun auf der Höhe Adams sichtbar gegenwärtigen Jehova nicht nahen dürfen, sage Mir darauf, wer da den Lamel bemächtigt hatte, dich samt deinem Weibe zu retten vom Untergange in der Tiefe deiner törichten wollüstigen Verborgenheit! [HGt.02_030,25] Siehe, da solches derselbe heilige Jehova tat, was sollte Ihn denn nun hindern, euch vor Sich kommen zu lassen und euch auch zu segnen, so ihr des Segens würdig seid?! [HGt.02_030,26] Stehe nun auf, du Tor, und lerne den heiligen Jehova besser kennen! Amen.“ [HGt.02_030,27] Und der Hored sagte darauf zum Abedam: „Mächtiger Freund, oder Bruder, oder Vater! – Solange mir von euch hier einer die erbetene Hilfe für mein armes Weib und mich nicht zusagt, stehe ich von dieser Stelle nicht auf, und möchtet ihr mich darob mit Schlangen züchtigen! Wenn mein Weib meiner Torheit wegen zugrunde gehen mußte, so will auch ich ihr zuliebe hier meine fahrlässige Torheit büßen vor Gott und all den Vätern!“ [HGt.02_030,28] Da rief der Abedam alsbald die Naëme herbei und winkte ihr, den törichten Hored aufzurichten. [HGt.02_030,29] Und die Naëme eilte sogleich herbei und ergriff des Hored Hand, zu ihm folgende Worte sprechend: [HGt.02_030,30] „Aber Hored, warum klagst du hier meinetwegen? Siehe, ich bin ja schon lange wohlbehalten hier auf dieser himmlischen Höhe, gerettet auf dieses herrlichen fremden Freundes Wort durch deinen Bruder! [HGt.02_030,31] Darum erhebe dich doch nach dem Willen dieses edelsten Freundes!“ [HGt.02_030,32] Und alsbald sprang der Hored auf vor Freuden und dankte mit tränenden Augen dem Fremden für die so schnelle und von ihm so ganz unvermutete Rettung seines Weibes. [HGt.02_030,33] Der Abedam aber sagte darauf zu ihm: „Hored, Hored, du bist noch sehr dumm; sage Mir, wie stellst du dir denn den Jehova vor? [HGt.02_030,34] Etwa als einen starken Wind, oder als eine hell lodernde Flamme, oder als eine Sonne, oder als einen großen zackenden Blitz? [HGt.02_030,35] Sage Mir, wie Er dir vorkommt! Amen.“ [HGt.02_030,36] Der Hored aber erwiderte bald darauf: „O Freund, um solches frage mich ja nicht; denn wer dürfte sich da je getrauen, Gott in eine immerhin endlich plumpe Form zu schieben?! [HGt.02_030,37] Gott ist ja ewig und unendlich! Für welche Form möchte Er da wohl taugen, Er, der unendliche Gott?!“ [HGt.02_030,38] Und der Abedam entgegnete ihm: „Ja wahrlich, für deine noch sehr dumme Form sicher nicht! [HGt.02_030,39] Aber die Naëme, das Kind der Welt, soll Mir sagen, wie sie sich den heiligen Jehova vorstellt!“ [HGt.02_030,40] Die Naëme aber lächelte hier und sagte endlich: „Du himmlisch guter, herrlicher Freund, vergib mir, so ich mir darob auch keine rechte Vorstellung machen kann, die da Seiner würdig wäre; aber dabei kann ich dir doch nicht verhehlen, – daß – Er mir am allerliebsten in Deiner Form wäre! [HGt.02_030,41] Vergib mir, so ich nun etwa auch etwas recht Dummes gesagt habe!“ [HGt.02_030,42] Der Abedam aber sagte zu ihr: „Sei getröstet, du schönes Weib; wahrlich, Ich sage dir, in dieser Meiner Form wirst du gar bald den Jehova, den ewigen, unendlich mächtigen Gott, und in Ihm den heiligen, liebevollsten Vater erkennen! Amen.“ 31. Kapitel — Hored und Naëme im Kreise der Erzväter mit dem unerkannten Abedam. Horeds Strafe für seine Eifersucht auf Abedam[HGt.02_031,01] Nach diesen Worten begab sich die Gesellschaft wieder fürbaß an den Ort und an die Stelle, welche uns schon bekannt ist. [HGt.02_031,02] Als Sich der hohe Abedam aber jenen Vätern nahte, da fielen diese alsbald, von der tiefsten Liebe und Ehrfurcht ergriffen, vor Ihm nieder, und es lobten und priesen Ihn einige laut, andere wieder mehr stille seufzend in ihrem Herzen. [HGt.02_031,03] Diese ehrfurchtsvollste Niederlage auf der Höhe sowohl, als um den ziemlich weit im Umkreise gedehnten Berg war diesmal also allgemein, daß da außer den fünf Angekommenen sich niemand aufrecht stehend vorfand. [HGt.02_031,04] Es wären da auch der Henoch und der Lamel dem Beispiele der Allgemeinheit gefolgt, so es ihnen der Abedam insgeheim nicht ausdrücklich untersagt hätte der zwei Neuangekommenen wegen. [HGt.02_031,05] Das aber kam dem Hored auch höchst sonderbar vor, und nicht minder der erstaunten Naëme, daß sich nun alles auf die Angesichter zur Erde legte aus der höchsten Ehrfurcht, und sie sahen doch ringsum außer ihrer eigenen Gesellschaft niemanden, dem diese große Ehrfurchtsbezeigung zukommen sollte. [HGt.02_031,06] Darum auch nahte sich alsbald die Naëme dem Abedam und fragte ihn ganz zutraulich, sagend nämlich: „Höre, du vielgeachteter, mächtiger, guter Freund! Möchtest du mir denn nicht angeben und sagen, was dieses allgemeine Niederliegen und dieses Seufzen zu bedeuten hat? Wen geht denn das an? [HGt.02_031,07] Naht sich nun etwa gar mir unsichtbar von irgend woher der heilige, große Jehova? – – Oder was soll das? [HGt.02_031,08] Warum solche allgemeine Demütigung? – Ja, ja, es wird sicher der heilige, große, erhabene Jehova sein! [HGt.02_031,09] O lieber Freund, siehe, von meiner Kindheit an habe ich in mir den stets verborgenen Wunsch getragen, den erhabenen, heiligen Jehova in meinem Leben nur einmal zu erblicken, da meine Mutter mich ganz heimlich von Ihm unterrichtet hatte nach der Lehre eines gewissen Farak, der da ein Bruder Hanochs soll gewesen sein und hatte mit Jehova, wie es mir gesagt wurde, viel Umgang gepflogen. [HGt.02_031,10] Siehe, lieber Freund, ich hatte das Unglück, die schönste Tochter der Tiefe zu sein, und wurde darum von meinem unglücklichen Vater gar oftmals an Wollüstlinge verkauft! [HGt.02_031,11] Vermöge meiner großen, mir von Jehova verliehenen Üppigkeit aber konnte es doch wieder zu meinem Glücke niemand länger denn höchstens zwei bis drei Augenblicke in meiner leiblichen Berührung vertragen; ja, es ging selbst meinem Bruder Thubalkain aus der Mutter Zilla nicht besser, darum er als ein Gemahl zu mir nicht vermögend war, in mir eine rechte Frucht zu zeugen. [HGt.02_031,12] Kurz, ich brauche dir nichts mehr davon zu sagen, als daß da alle möglichen Mißhandlungen von Seite meines unglücklichen Vaters Lamech nicht vermögend waren, mich von meinem Jehova zu trennen. [HGt.02_031,13] Der Hored, mein erster redlicher Retter, muß es mir bezeugen, daß ich mich mit ihm die ganze Zeit unseres Alleinbeisammenseins von nichts als nur immer von Jehova unterhalten wollte und ihn mir auch noch nicht einmal darob habe beiwohnen lassen, da wir von niemandem gesegnet waren, obschon er mich deshalb zu öfteren Malen angegangen hat, – was er als mein redlicher Retter auch nie leugnen wird, und was ihm aber in meiner unglücklichen Nähe auch ganz vollkommen zu verzeihen ist! [HGt.02_031,14] Siehe sonach, du guter, edler. mächtiger Freund, es ist gewiß doch möglichst viel von mir, einem Kinde der Welt und der Schlange, daß ich das wenige von Jehova Vernommene mochte in meiner gewiß unglücklichsten Lage in meinem Herzen verwahrt haben, – daß ich trotz aller der weltlichen Stürme, die sich alle um mich her stets mehr und mehr drängten und mich zu begraben drohten, dennoch so viel Kraft hatte und mein Herz stets für den mir geoffenbarten Jehova (das heißt von meiner Mutter Zilla aus ganz heimlich) möglichst rein erhielt! [HGt.02_031,15] Du kannst es mir sicher glauben: trotz dem, daß ich eine wahrhaft armselige, unglückliche Tochter des unglücklichsten Vaters bin, dessen Irrsinn größer ist, als daß selben je ein Mensch begreifen möchte, so habe ich aber doch in meinem Herzen nie etwas anderes geliebt als den mir bekannt gemachten Jehova, den heiligen Schöpfer aller Dinge, aller Tiere und aller Menschen! [HGt.02_031,16] O lieber, herrlicher Freund, du kannst es mir sicher glauben: jetzt, wo ich zum ersten Male auf dieser heiligen Höhe eine so herrliche, große und weitgedehnte Anschauung der unbeschreiblichen Wunderwerke dieses Jehova genieße – und das noch dazu in meiner allerniedrigsten Unwürdigkeit-, jetzt ist's völlig aus mit meinem Herzen! [HGt.02_031,17] Ja, – ich möchte nun gerade sterben aus Liebe zu diesem meinem unaussprechlich wunderbar himmlisch heiligen Jehova! [HGt.02_031,18] O du lieber, herrlicher Freund, siehe, ich möchte dir so etwas recht Gescheites sagen über das, wie sehr ich den Jehova liebe; aber wo soll ich das hernehmen? Ich habe ja nie etwas lernen dürfen, – damit meine unglückliche Schönheit des Leibes darunter ja nicht etwa verkümmerte! [HGt.02_031,19] Hätte ich die Mutter Zilla nicht an meiner Seite gehabt, ich glaube, mein harter Vater hätte mich nicht einmal reden lernen lassen! [HGt.02_031,20] Daher habe nur Geduld mit mir; bin ich auch nicht mehr ebenso jung, als jung zu sein ich noch aussehe, so ist aber doch mein Herz noch also empfänglich, als wäre ich noch kaum einige dreißig Jahre Alters! [HGt.02_031,21] O lieber, herrlicher Freund! So nun von irgendwoher der heilige Jehova erscheinen wird, lasse mir – so es dir möglich ist – Ihn nur auf einen Augenblick ansehen! [HGt.02_031,22] O wenn ich solcher Gnade doch auch im geringsten würdig wäre!“ [HGt.02_031,23] Hier konnte sie nicht mehr reden, und große Tränen rollten über ihre schönsten Wangen, und aus ihren Augen strahlte die heißeste Liebe, die lebendigste Sehnsucht; Freude und Furcht kämpften gewaltig in ihrer Brust, daß sie darob am ganzen Leibe bebte. [HGt.02_031,24] Der Abedam aber berief alsbald den Hored zu Sich und sagte zu ihm: „Hored, du Sohn des lichten Morgens, siehe, hier ist ein verlassenes Weltkind aus der Tiefe! Dieses zittert vor großer Liebe und Sehnsucht, Furcht und Freude nach Jehova, – du aber hast dich noch nicht einmal gerührt als Sohn des Morgens und warfst dafür nur einige eifersüchtige Blicke auf Mich her! [HGt.02_031,25] Ich sage dir aber darum, daß Ich ein Herr bin und diese edle weibliche Pflanze dir jetzt nehmen und sie verpflanzen werde in einen andern Garten, und du wirst sie fürder nicht mehr zu Gesichte bekommen, da du zufolge deiner eigenliebigen Eifersucht dich gegen Mich vergessen mochtest, der Ich dich erretten ließ vom Untergange durch deine große wollüstige Torheit. [HGt.02_031,26] Du kennst das alte Gesetz der Väter, warst selbst zu einem Lehrer gemacht von den Vätern, – sage Mir: Ist das die Frucht deines Amtes? Welch giftiges Insekt hat dich also verletzt, daß sich dein Herz zu einem Tigerherzen umgewandelt hat? [HGt.02_031,27] Kennest du Mich, kennest du Gott?! – Siehe, die Naëme, sie ahnt hier vor Mir, in wessen Nähe sie sich befindet! [HGt.02_031,28] Du aber stehst hier vor deinem Gott und Schöpfer – und bist stummer denn ein Baumklotz! [HGt.02_031,29] Gehe hin zur Grotte dort, und suche, ob dein Herz einer Reue fähig; denn Ich, – der Ich jetzt Selbst mit dir solches rede, bin der sichtbare Jehova, Gott von Ewigkeit Selbst.“ [HGt.02_031,30] Hier fiel der Hored, wie von einem Blitz getroffen, zusammen. [HGt.02_031,31] Die Naëme aber fiel alsbald auf ihre Knie nieder, zitterte und weinte und sprach endlich mit zitternder Stimme: [HGt.02_031,32] „O Jehova, sei mir armen Sünderin gnädig und barmherzig!“ 32. Kapitel — Abedam zugleich Mensch und Gott. Naämes große Liebe zu Jehova[HGt.02_032,01] Und alsbald wandte Sich der Abedam zu der Naëme und sagte zu ihr, sie gleichsam fragend: „Naëme, da du Mich früher batest, Ich möchte dir den heiligen Jehova zeigen, so Er von irgendwoher Sich den Vätern nahen möchte, bist du nun aber auch vollkommen zufrieden, daß Ich dir den Jehova in Mir Selbst gezeigt habe, und kannst du wohl glauben, daß Ich als Mensch auch zugleich Jehova, der ewige, große Gott bin?“ [HGt.02_032,02] Diese Fragen fielen zwar anfangs der Naëme ein wenig auf, aber sie ermannte sich bald und erwiderte dem Abedam mit der allersanftesten Stimme, einer Stimme, die nur den wahrhaft edelst zartesten Weibern in ihren liebeandächtigsten Momenten eigen ist: [HGt.02_032,03] „Höchster, erhabenster, heiligster Gott! Ich arme Sünderin hätte es Dir ja geglaubt, so Du zu mir gesagt hättest: ,Siehe, in diesem eben gegenwärtigen Mittagswinde zieht Jehova, nur wenigen Vätern sichtbar, vorüber!‘ [HGt.02_032,04] Wahrhaft, mein Herz hätte des herrlichen Trostes in die große Genüge empfangen! [HGt.02_032,05] Um wie viel mehr kann ich Dir es nun glauben, daß Du Dich mir unwürdigstem Weibe Selbst wesenhaft in der mir – wie ich schon einmal früher bemerkte – allerangenehmsten, allerliebsten, allerherrlichsten menschlichen Gestalt und Form so übermilde, sanft und herablassend zeigest und Dich auf das allerbarmherzigste mir offenbarest. [HGt.02_032,06] O Du Heiligster, ich weiß es wohl noch von meiner Mutter Zilla aus, daß Du in jeder Form von was immer Geschaffenem vollkommen allein wirkst und hast niemanden, der Dir da helfen könnte, oder daß Du benötigtest irgend jemandes Hilfe, sondern Du bist Dir überall allein vollkommenst genug. [HGt.02_032,07] Aber ich weiß es auch eben von meiner Mutter aus, daß Du, was Deine Wesenheit betrifft, sicher nur als ein allervollkommenster Mensch anzusehen bist; und da wir, Deine Geschöpfe, selbst uns unmöglich je eine vollkommenere Vorstellung machen können als die wunderherrliche von einem Menschen nur, so wäre ja doch jede andere Vorstellung von Dir in mir wenigstens Deiner um so unwürdiger, je entfernter von der menschlichen Form ich sie halten möchte! [HGt.02_032,08] O Du Überheiliger, ich könnte Dir noch so manches sagen, aus was allem ich Dich noch erkenne und überfest glaube, daß da niemand anderer als nur allein Du der heilige Jehova bist! [HGt.02_032,09] Aber – siehe, – ich möchte mich – ja – ungebührlicherweise verplauschen, – und das könnte Dich – ja vielleicht heimlicherweise – doch ein wenig verdrießen! – Und alles möchte sich wohl auch nicht schicken vor Dir, wie auch nicht vor diesen sicher allerwürdigsten Vätern, so ich es sagen möchte, was alles nun von Dir in meinem Herzen feurigst zeugt! [HGt.02_032,10] Doch Du siehest ja auch in mein Herz sicher noch vollkommener denn ich selbst; das wird Dir alles sagen, was mein ohnehin schwacher Mund zu sagen so gar gänzlich unvermögend wäre. [HGt.02_032,11] Nur diese Bitte laß mich nicht unerhört Dir noch sagen: Daß Du den redlichen Hored nicht zu hart strafen möchtest, so er sich vor Deiner Heiligkeit etwas hatte zuschulden kommen lassen, – und sei seinet- und meinetwegen gnädig und barmherzig, und verstoße uns nicht von Dir ganz und gar! [HGt.02_032,12] Denn, so er gefehlt hat, da war ich ja die Schuldursache seines Vergehens, und daher magst Du auch strafen mich für ihn; ich aber bin ja ohnehin eine traurige Frucht der Nacht und der Sünde und trage als der Sünde allzeit sichere Strafe schon in mir den ewigen Tod! [HGt.02_032,13] Wie aber wäre es da dem Hored wohl möglich gewesen, an meiner armselig finsteren Seite sich Dir wohlgefällig gleich den anderen Vätern, die nie die Versuchungen Horeds verkostet hatten, zu erhalten?! [HGt.02_032,14] Siehe darum, Du guter, heiliger Jehova, bin ich nicht die alleinige Schuldträgerin an dem Falle Horeds vor Dir? [HGt.02_032,15] O darum sei auch ihm und mir armen Sünderin gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_032,16] Und der Abedam erwiderte ihr: „Meine Mir recht sehr lieb gewordene Naëme! Was da deine Bitte betrifft, so ist diese schon lange eher erhört worden, als du sie Mir noch vorgetragen hast; also darüber kann dein Herz vollkommen ruhig sein! [HGt.02_032,17] Aber du hast Mir vorher gesagt, daß Du Mir noch so manches kundgeben könntest, aus was allem du Mich noch erkennest und darum nun auch fest an Mich glaubest und überzeugt seist, daß es da außer Mir nirgends mehr irgendeinen Jehova gibt. [HGt.02_032,18] Sorge dich nicht wegen des Verplauschens, – und möchtest du einen ganzen Tag oder ein ganzes Jahr oder dein Leben lang, ja ob du Mir eine Ewigkeit lang vorplauschen möchtest, so wird es Mich doch nie verdrießen; und was du zu Mir redest in deiner Liebe, das ist alles gar wohl schicksam vor Mir, wie vor all den Vätern. Daher sage es Mir nur offen, was du ohnehin hart verschweigst! [HGt.02_032,19] Daß Ich dein Herz durch und durch schaue so wie die ganze Unendlichkeit auf einen Blick vom Kleinsten bis zum Größten, – daran wird wohl niemand zweifeln, der Mich erkannt hat, besonders im eigenen Herzen; aber eben darum weiß Ich auch, was alles da noch hinter dir steckt, und möchte es der Väter wegen gerne haben, daß du es Mir hier ohne Scheu kundgeben solltest durch deinen Mund. [HGt.02_032,20] Liebe Naëme, so du Mich wahrhaft liebhast, da gehe, gehe, und schütte dein Herz aus vor Mir, deinem lieben, heiligen Jehova! Amen.“ [HGt.02_032,21] Und die Naëme fing hier an, ganz zu glänzen vor Schönheit, Anmut und der allerfeurigsten Liebe und fragte den Abedam mit einer alles besiegenden, liebezitternden, furchtsam wohlklingendsten, wahrhaft jungfräulichst keuschen Stimme: [HGt.02_032,22] „O Du – überheiliger, mildester, lieblichster, sanftester, allersüßester Jehova! – – – Darf ich, – eine arme Sünderin, denn Dich auch lieben also, wie Dich hier Deine Kinder und Deine Töchter lieben dürfen? O darf ich das? –! – – Ich, – ein Kind der Welt, eine Tochter Deines – – o ich kann es nicht aussprechen! – – Also – ich auch – Dich lieben – dürfte?! – – – O Du mein Jehova!“ [HGt.02_032,23] Hier sank sie zusammen und weinte über und über, da sie sich für zu unwürdig fühlte für Meine Liebe. [HGt.02_032,24] Der Abedam aber trat alsbald zu ihr hinzu, ergriff ihren Arm und hob sie behende auf und drückte sie dann schon im Angesichte aller Väter sichtbar heftig an Seine Brust und hielt sie eine Zeitlang also fest umfangen; und nachdem Er sie wieder etwas leichter gehalten vor Sich ließ, fragte Er sie wieder: „Nun, meine geliebteste Naëme, wirst du Mich noch einmal fragen, ob du Mich lieben dürftest?“ [HGt.02_032,25] Und die Naëme fiel bei dieser Frage dem Abedam zu den Füßen und benetzte dieselben mit ihren Tränen; ja mit den heißesten Liebetränen benetzte sie die allerheiligsten Füße Jehovas. [HGt.02_032,26] Der Abedam aber erregte Sich und sagte mit starker Stimme: „Kinder, da sehet her! Hier zu Meinen Füßen liegt jetzt mehr, als was Sonne, Mond und alle Sterne bieten können! Es liegt hier eine neue Tochter der Buße, der Reue und – der allerhöchsten Liebe! [HGt.02_032,27] Leichter ist, Mich zu finden und zu lieben im Reiche des Lebens – als im Reiche des Todes; diese aber hat Mich schon im Tode gesucht und geliebt! [HGt.02_032,28] Daher aber soll sie auch mit einer Gegenliebe von Mir nun belohnt werden, dergleichen noch kein menschlicher Sinn auf der Erde je empfunden hat! [HGt.02_032,29] Ja, geliebteste Naëme, deine Hand behalte Ich für Mich, da du dein Herz schon so lange getreulich Mir geweiht hast! [HGt.02_032,30] Naëme, du gehörst nun Mir allein! Siehe, also räche Ich Mich an Meinen Feinden, – nämlich mit der Vaterliebe! 33. Kapitel — Horeds Einkehr, sein Bekenntnis und sein neuer Irrtum[HGt.02_033,01] Da aber der Hored nun erkannt hatte den Herrn, da fing es auch bei ihm an zu dämmern, daß er darob bei sich also zu denken anfing: [HGt.02_033,02] „Was will ich nun machen? Ich – ein armselig schwacher, ohnmächtiger Wurm im Staube, der nun nicht einmal mehr imstande ist, mit einem kaum armdicken Bäumchen es aufzunehmen; Er – ein Gott, ein ewiger Gott, die unendliche Urmacht, Kraft und Gewalt Selbst! Ich – ein abscheulicher Sünder; Er – die allerhöchste Heiligkeit! [HGt.02_033,03] Ich bin zusammengesetzt aus lauter Eigennutz, Eigenliebe, Eigenwohltat; Er – voll der allerhöchsten Liebe, Gnade, Erbarmung! [HGt.02_033,04] Ich bin voll Eifersucht, Zorn, Scheelsucht, Neid und Rachgier; Er – voll Milde, voll Sanftmut, voll Nachsicht, voll Geduld, voll Freigebigkeit! [HGt.02_033,05] Kurz, ich kann mich besehen, wo und wie immer ich mich nur will und mag, so finde ich mich in dem allerblanksten Widerspruche gegen Ihn! [HGt.02_033,06] Was soll ich, was will ich nun tun, was machen, was anfangen, was beginnen? [HGt.02_033,07] Er beschied mich zwar zur Grotte hin, da ich sehen solle, ob mein Herz noch irgendeiner Reue fähig ist; aber was wird mir das wohl nützen? [HGt.02_033,08] Kenne ich etwa nicht mein arges Herz, das da zur Reue geradeso aufgelegt ist wie ein Stein zur Aufnahme eines Druckes, dem er so lange widerstrebt, als er ist ein harter, unempfindlicher Stein?! [HGt.02_033,09] O Naëme, Naëme, du schuldlose Schuldnerin an mein hartes, eigennütziges Herz, jetzt erst wird mir klar, daß sich dir niemand als nur allein der Herr, dein Gott und Schöpfer, ungestraft nähern kann! [HGt.02_033,10] Ja, jetzt wird mir alles auf einmal klar, helle und vollends licht: – sie ward mir ja nur als Strafe beschert, darum daß ich in der armen Tiefe Aufsehens machte mit der mir verliehenen Macht, Kraft und Gewalt! [HGt.02_033,11] Ja, ja, also ist es; und ich war blind genug, die ziemlich lange Zeit her, in welcher ich im alleinigen, ungestörten Besitze dieser Strafe war, nicht zu sehen und zu gewahren, daß dieses mein süß scheinendes Verhältnis eigentlich nur ein ganz entsetzlich bitteres Strafverhältnis war! [HGt.02_033,12] Geil war ich ja von jeher schon, gleich wie da ist ein stinkender Bock und ein brünstiger Hirsch, und tat mir dabei auf eine große und starke Gestalt gar vieles zugute; was war nun natürlicher, als daß der Herr, dem meiner unverbesserlichen Torheit zuviel wurde, mich endlich wohlverdienter- und gerechtermaßen also strafen mußte?! [HGt.02_033,13] Mußte ich nicht schmachten vor der Naëme, und sie wollte mich nimmer erhören, so ich vor ihr brannte wie ein reifer, vollsaftiger Ölzweig?! [HGt.02_033,14] Und doch mußte ich ihre unaussprechlichen Reize ansehen, also, daß es mir nicht selten ganz finster vor den Augen wurde! [HGt.02_033,15] Ihr Antlitz, gleich der schönsten Morgenröte; ihre Augen, gleich zwei aufgehenden Sonnen; ihren Mund, gleich einer frisch aufblühenden Rose, wenn sie gerade mächtigst schön aus der vollen Knospe bricht; ihr herrliches Haar, das da spielet so prächtig wie ein herrlichster Strahlenstein; ihren Arm, der da so weiß ist wie der Schnee und so zart, sanft und weich wie junge Wolle; ihren Busen, dessen erhabenste Reize mit nichts zu vergleichen sind! Ja, ihr gesamtes Wesen, das da vor meinen Augen nichts Ähnliches findet auf der ganzen Erde, mußte ich anschauen und durfte nichts genießen! Ja, nicht einmal umarmen durfte ich sie; und wenn ich mich vor ihr weinend gewälzt habe, so erhörte sie mich doch nicht, sondern gab mir dabei nur Lehren und Ermahnungen, die dem Munde Kenans oder Henochs sicher keine Schande gemacht hätten, darum ich sie auch nicht einmal verlassen konnte, um mich an ihr zu rächen, sondern sie nur stets mehr und mehr zu lieben genötigt war! [HGt.02_033,16] O du Strafe der Strafen! Du harte Strafe! – O Vater Adam, jetzt erst sehe ich es klar vor mir: – darum du dich entzweit hast mit Gott, darum auch entzweite dich selbst Gott, nahm die Hälfte deines Ich aus dir, bildete daraus die Eva und gab sie dann dir zu einer dich stets gar gewaltig strafenden Gehilfin, die da alle deine frühere Weltenstärke zu einer Staubwurmschwäche machte und dich sogar am Gängelbande ohne das geringste Sträuben von deiner Seite aus dem hohen Paradiese führte, – und du hast die Strafe nicht gemerkt, wie ich sie jetzt merke! [HGt.02_033,17] O Gott, o Du großer, mächtiger, heiliger Gott! Wer kann Deinen Rutenstreichen entgehen? [HGt.02_033,18] Du hast mich hart gezüchtigt, und ich gewahrte nicht die Härte Deiner Rute; Du wardst mir barmherzig, nahmst mir ab der harten Strafe große Bürde, – und ich als der größte Tor und Esel grämte mich dessen! [HGt.02_033,19] Doch jetzt erst erschaue ich die ganze Tiefe meiner Tollheit und danke Dir in mir, wie Dir noch kein Sterblicher gedankt hat, für diese Deine große Erbarmung an mir ärmstem Tropfe! [HGt.02_033,20] Dank, Dank, Dank Dir! Du allein hast mich frei gemacht, und ich bin nun wahrhaft frei und gehöre Dir und mir nun wieder ganz völlig allein an. [HGt.02_033,21] Aber lasse mir am Ende dieses meines Dankes auch die Bitte hinzufügen, nämlich: daß Du mich in alle Zukunft mit derlei Strafen ewig verschonen möchtest! Willst und mußt Du mich schon strafen, oder muß der Mensch überhaupt Deiner Ordnung gemäß gestraft werden, so strafe uns doch lieber mit Feuer, mit Gift und Skorpionen; aber mit Naëmen strafe uns nimmerdar, sonst geht die Erde unter unseren Füßen zugrunde! [HGt.02_033,22] Dabei überlade uns Würmer nicht, und habe einmal doch satt das ewige Strafen! Amen.“ 34. Kapitel — Wahrheit ohne Liebe taugt nicht fürs Leben. Liebe und Leben. Die Mission des Weibes[HGt.02_034,01] Nach dieser inneren Selbstrede richtete sich der Hored auf und ging mutigen Trittes hin zum Abedam und wollte da seinen Dank vor allen Vätern laut kundgeben; allein der Abedam kam ihm zuvor und sagte zu ihm: [HGt.02_034,02] „Hored, meinst du denn, daß Ich die stille Rede deines Herzens überhört habe? – Das sei ferne deinem Gemüte! [HGt.02_034,03] Siehe, da du sahst, daß die Naëme für dich so gut als ganz rein verloren sei, da auch erst kehrtest du in dich zurück und konntest dich wenden zu Mir! [HGt.02_034,04] Du hast dich zwar gerecht zu Mir gewendet und hast dich gewendet in aller Wahrheit, – aber dein Umwenden war eine trockene Umkehr, darum du am Ende deiner Gemütssprache Mich mit aufgeregtem Herzen bitten mochtest, daß Ich, so da jemand ja schon gestraft werden solle, ihn lieber solle mit Feuer, Gift und Skorpionen strafen denn mit Naëmen, – und daß Ich ferner doch einmal das Strafen satt haben solle! [HGt.02_034,05] Siehe, aus derlei Bitten sieht noch gar wenig Liebe zu Mir und Liebe zum Nächsten heraus. [HGt.02_034,06] Dachtest du in dir auch die volle Wahrheit, so taugt aber diese dessen ungeachtet doch mitnichten ledig fürs Leben, wenn die Liebe ihr nicht vermählt ist! [HGt.02_034,07] Ich sage dir aber: So du geweint hättest um die Naëme, da wärest du Mir lieber gewesen denn also; denn da hättest du Mir gezeigt, daß dein Herz voll ist der Liebe, – nur hätte sie eine schiefe Richtung, der aber leichtlich abzuhelfen wäre. [HGt.02_034,08] So aber hast du Mir gezeigt zwar offene Augen, aber ein verschlossenes Herz; die Augen aber taugen nicht zur Aufnahme des Lebens, sondern allein das Herz. Und siehe, gerade das da lebendig sein soll, ist tot in dir! [HGt.02_034,09] Dein Gedanke ist nur wahr bis zur Hälfte, da in ihm keine Liebe ist; wäre aber Liebe in ihm, so hätte er sicher einen andern Ausgang genommen als den unrichtigen: als hätte Ich als Vater gewisserart nur ein Wohlgefallen an dem Strafen! Wie töricht! [HGt.02_034,10] Meine ewige Ordnung der allerhöchsten und allerreinsten Liebe erkennst du als Strafe und bittest Mich, sagend: Habe einmal satt das Strafen! [HGt.02_034,11] Siehe, so Ich nun deine törichte Bitte erhören möchte, was würde da alsbald aus den Geschöpfen werden? [HGt.02_034,12] Damit du aber deine Torheit vollends einsiehst, so will Ich zu dem Behufe an jener alten, mächtig großen und starken Zeder deine Bitte erhören! [HGt.02_034,13] Nun, was sagst du dazu? Wo ist nun der mächtige Baum? Siehe, es ist auch nicht die leiseste Spur von ihm mehr übriggeblieben! [HGt.02_034,14] Merkst du nun, wohin die Erhörung deiner Bitte die Wesen führen möchte, und merkst du auch deine große Torheit, und wieviel des Lebens in dir waltet? [HGt.02_034,15] Ich solle euch lieber mit Feuer, Gift und Skorpionen strafen denn mit Naëmen?! – Siehe, es ist wahr, Ich gab das Weib dem Manne zu seiner Demütigung, da Ich schon von Ewigkeit her wußte, wie es mit dem vereinzelten Herzen des Mannes stand. [HGt.02_034,16] In dieser Hinsicht allein könnte – zur Hälfte nur – das Weib als eine kleine Strafe, an das hochmütige Herz des Mannes gerichtet, angesehen werden; wenn aber jemand dabei nur ein wenig weiter denkt, muß er da nicht alsbald gewahr werden, daß eben dieses scheinbare Strafmittel ein gar großes Mittel, ja eines der allerwichtigsten Mittel zur Erreichung des wahren, vollkommenen, allerseligsten, ewigen Lebens in Mir ist?! [HGt.02_034,17] Siehe, Ich sage es nun schon zum mehr denn tausendsten Male, daß nur allein die Liebe zu Mir und also auch zum Bruder und zur Schwester das ewige Leben bedingt darum, da eben in Mir Selbst das urewige Grundleben alles Lebens in seiner ganzen heilig endlosen Ausdehnung nichts als pur Liebe ist! [HGt.02_034,18] So du alsonach die Liebe nicht hast, woher soll dir denn hernach das Leben kommen? [HGt.02_034,19] Denn wer Mich nicht aufnimmt in seinem Herzen, Der Ich nur ganz allein das Leben bin, – wie und wodurch sollte der dann leben? [HGt.02_034,20] Ich aber bin die ewige Liebe Selbst; wessen Herz sonach liebeleer dasteht, steht das nicht gleichermaßen auch lebensleer und -bar vor Mir? [HGt.02_034,21] Jetzt aber gehe zurück und mache eine kleine Betrachtung, und siehe, wer da zuerst dem Herzen des Kindes die Liebe durch die Liebe lehrt, wer das Herz zuerst für Liebe und Leben erweckt! [HGt.02_034,22] Wer nährt das ohnmächtige Kind aus eigener Brust? Wer gab dir denn die erste Kost und trug dich auf zarten, weichgepolsterten Händen vom Tode herüber ins erste Leben? – – Siehe an deine Mutter, du Tor! [HGt.02_034,23] Da du aber als Jüngling dann in der gefühlten werdenden männlichen Kraft dich stolz erheben wolltest, als wärest du berufen, Sonne, Mond und alle die Sterne mit großer Verachtung zu zermalmen und also dich zu zerstreuen ins ewige Nichts, wer kam dir da entgegen, – wer fesselte da dein Herz für Liebe und Leben in dir, – wer führte dich da zuerst wieder in die eigene Wohnstätte des Lebens zurück, – wer lehrte dich da von neuem wieder die von deiner Mutter gelehrte, aber vergessene Liebe? [HGt.02_034,24] Wer, sage Mir, wer war der Engel, der dir mit dem ganzen Leibe stark zurief: ,Hored, liebe, liebe, liebe – und lebe; aber liebe rein, liebe in Gott, und lebe in Gott, und lebe mir, und klopfe nicht an die Pforten des Todes!‘? [HGt.02_034,25] Siehe, dahier zu Meinen Füßen ruht und liebt dieser Engel, den du mit Feuer, Gift und Skorpionen vertauschen möchtest; siehe, es ist die Naëme! [HGt.02_034,26] Gehe nun hin, bereue deine Torheit; und wenn du Liebe empfinden wirst in deinem Herzen, ja, Ich sage dir, mächtig starke Liebe zu Mir, deinem heiligen, guten, liebevollsten Vater, – dann erstehe, und komme wieder, damit Ich dich segne mit dem ewigen Leben! Amen.“ 35. Kapitel — Horeds stille Einkehr und Selbstbetrachtung in der Adamsgrotte[HGt.02_035,01] Nach dieser Rede Abedams aber fiel der Hored alsbald nieder auf sein Angesicht und bat inbrünstigst den Abedam, daß Er ihm sein Herz umgestalten möchte, da er sich nun zu ohnmächtig fühle und wohl einsehe, daß er aus sich gar nichts vermöge; daher möchte ihm der Abedam gnädig und barmherzig sein! [HGt.02_035,02] Und der Abedam aber sagte zu ihm: „Tue, was Ich dir geboten habe, so wird dir geholfen; denn an der bezeichneten Stelle habe Ich für dich ein Heilmittel bereitet! Und also gehe und ergreife es behende, so dir da am Leben etwas gelegen ist und an Meiner Gnade, Liebe und Erbarmung! Amen.“ [HGt.02_035,03] Und alsbald erhob sich der Hored, dankte bebenden Herzens und begab sich darauf sogleich hin zu der von hier bei zweitausend gute Schritte abstehenden Grotte. [HGt.02_035,04] Als er nun dort angekommen war, da betrachtete er eine Zeitlang die große Farbenpracht des Gesteins und fing an, darüber bei sich nachzudenken über die Ursache solcher Herrlichkeit; aber es wollte ihm nichts Befriedigendes einfallen. [HGt.02_035,05] Endlich aber kam er doch auf einen guten Gedanken und sagte demzufolge bei sich selbst: „Wenn der Sonne starker Strahl sich bricht in dieses edlen Gesteins wohlgeformten, glatten und allenthalben endlos verschiedenfarbig durchsichtigen Flächen, so erbrennen freilich diese Farben wie lebendig in unaussprechlicher Pracht und Majestät aus ihm. [HGt.02_035,06] Aber sind sie darum sein Eigentum? – O nimmer, nimmer! Wenn die Sonne sich senkt hinter das Gebirge, dann auch sinkt all deine große Pracht hinab in die tiefe Nacht! [HGt.02_035,07] Welch ein Unterschied ist dann zwischen dir und dem allergemeinsten Sandsteine, über welchen sogar die Ameise hurtig hinwegtrippelt, um nicht von seiner großen Unfruchtbarkeit ausgesogen und endlich gar tot gemacht zu werden?! [HGt.02_035,08] Wird sonach nicht alles nur durch das Licht verherrlicht? – Ja, ja, durch das Licht; aber, was ist dessenungeachtet die Pracht aller Dinge im Lichte? Eine Lüge, eine allerbarste Lüge! [HGt.02_035,09] Abedam, wie er genannt wird von den Vätern, sagte mir zuvor ja etwas von einer halben Wahrheit; – – siehe, siehe, – mir fängt an, nun daraus ein sonderbares Licht aufzugehen! Ja, ja, es kann fürwahr im Ernste gar wohl eine halbe Wahrheit geben! [HGt.02_035,10] Wer kann die Formenherrlichkeit der Dinge, wie zum Beispiel der Blumen, der edlen Steine, der Früchte, der Tiere und so auch der Menschen und des noch zahllos anderen, hinwegstreiten? Aber ihre Herrlichkeit ist nur eine halbe Herrlichkeit ohne das Licht! [HGt.02_035,11] Was aber ist das herrliche Licht für sich, wenn seine Strahlen in die leere Unendlichkeit sich hinaus zerstreuen sollten, ohne irgend zu treffen eine Form und zu verherrlichen dieselbe? [HGt.02_035,12] Oder ist die sichtbare Form des Lichtes an oder für sich etwas wahrhaft charakteristisch Schönes? [HGt.02_035,13] Wer könnte die Sonne, den Mond, oder all die Sterne, oder ein Fackellicht für sich förmlich schön nennen? Das sind sie wahrlich nicht, und es hat schon ein einfachstes Blümchen mehr für sich denn die ganze höchst einförmig runde scheinbare Scheibe der Sonne, des Mondes und die gar wenig sagenden Punkte der Sterne! [HGt.02_035,14] Ja, ja, also überall nur eine halbe Wahrheit; die Form hat nur den halben Wert ohne Licht und das Licht den halben ohne Form! [HGt.02_035,15] Also, also verhielte es sich demnach auch mit dem Menschen, so sein Herz liebe- oder formleer dahin und daher sich wendet und wendet. [HGt.02_035,16] Der Verstand läßt zwar gleich der Sonne seine Strahlen auslaufen; aber was nützt es der Leerheit? Da nichts ist, welche Wirkung des Strahls, wenn er auffällt auf die schale Fläche des Nichts?! [HGt.02_035,17] Ja wahrlich, in meinem Herzen ist nichts; gar nichts ist darinnen, keine Liebe, keine Reue, keine Trauer, keine Freude, keine Lust, – auch sogar keine Begierde regt sich mehr in ihm. [HGt.02_035,18] Habe ich etwa eine Lust zum Leben? O nein, mir ist das Leben wie dem Steine sein buntes Strahlen! – Habe ich etwa einen Hunger oder einen Durst? Auch da fühle ich keines von beiden! [HGt.02_035,19] Ich soll meine Torheit bereuen; ja, welche denn? Darum mein Herz leer ist und das Licht des Verstandes kein nütze ist, da es von keiner Form aufgenommen wird in mir? [HGt.02_035,20] Die Reue ist ja eine kümmerliche Tochter der Liebe; so aber die Mutter irgendwo noch im weiten Felde ist, woher soll ich die Tochter nehmen? [HGt.02_035,21] Ich bin ein Tor, – so sagte zu mir der Abedam Jehova. Ich glaube es auch fest, daß ich einer bin; denn Er, die ewige Wahrheit, hat mir solches bezeugt, – also muß ich ja ein Tor sein! [HGt.02_035,22] Aber warum bin ich denn ein Tor? Weil mein Herz form- oder liebeleer ist! Wenn es aber leer ist, woher soll es gefüllt werden? [HGt.02_035,23] Vom Lichte sicher nicht; denn wo der Strahl nichts findet, da läuft er die Unendlichkeit durch und kehrt ewig nimmer zurück! [HGt.02_035,24] Also, woher nehmen und sättigen das Nichts? – Doch – stille, stille! Was ist das? Was tönt da so übermächtig herrlich? O Gott, – Du großer, heiliger Jehova, jetzt lasse mich vergehen! Nein, nein; jetzt erst lasse mich leben! [HGt.02_035,25] Ich vernehme Töne, Töne, ach heilige Töne! Sie sind keine Worte, – ich verstehe sie nicht; aber sie sind ohne Verstand herrlicher, ja unendlichmal herrlicher denn ein allverständlichstes Wort! [HGt.02_035,26] O Gott, nun wird schon etwas klar! Nämlich, – daß ich ein großer Tor bin! [HGt.02_035,27] Ist das Wort nicht des Schalles Form? Und doch ist hier der Schall allein herrlicher denn seine Form! [HGt.02_035,28] Meine Weisheit ist nun zu Ende; diese Erscheinung hat alle meine Grundsätze zunichte gemacht. [HGt.02_035,29] Herr, hier liegt der Sünder blank vor Dir im Staube und hat nichts mehr zu sagen als: O lieber Vater, sei auch mir armem Sünder gnädig und barmherzig! Dein heiliger Wille! Amen.“ 36. Kapitel — Das Tonwunder in der Grotte und seine wohltuende Wirkung auf Hored[HGt.02_036,01] Es hatte aber diese Grotte das Eigentümliche – besonders um die dritte Stunde des Nachmittags, um welche Zeit es auch gerade schon diesmal war, wann sich alle Winde legten und eine vollkommene Windstille eintrat –, daß sich dann ein Getöne vernehmen ließ, das da große Ähnlichkeit hatte mit dem Tönen einer äußerst rein gestimmten Windharfe; nur war dies Tönen bei weitem großartiger und erhabener sowohl im Steigen als im Fallen und in dem, das ihr die Modulation oder das Übergehen nennet. [HGt.02_036,02] Dieses Wunder war freilich schon ein älteres, aber bis auf den Hored hat es noch niemand entdeckt; allein, das Alter hebt das Wunder nicht auf, und noch weniger seine Tauglichkeit. [HGt.02_036,03] Daß die Sonne und die ganze Schöpfung schon ein gar altes Wunder sind, das wird wohl niemand bestreiten; höret aber etwa mit dem Alter dieser Wunder ihre gar wohlgeordnet bestimmte Tauglichkeit auf? [HGt.02_036,04] Gewiß nicht; denn die überalte Sonne leuchtet heutzutage noch gerade also, wie sie geleuchtet hatte zu den Zeiten Adams. [HGt.02_036,05] Und gerade also verhielt es sich auch mit diesem Tonwunder, da es schon vorhergesehen war von Ewigkeit für den Zweck, der jetzt im Hored vorliegt. [HGt.02_036,06] Solches aber wird hier aus diesem Grunde berührt, damit da nicht sogleich jemand sagen möchte: „Das war demnach ja nur eine ganz natürliche Erscheinung!“ [HGt.02_036,07] Aus welcher Behauptung dann gewisserart entnommen werden solle, daß die natürlichen Erscheinungen weniger Wunder seien, als so ein leuchtender Berg plötzlich vom Firmamente herabfiele. [HGt.02_036,08] Also dieses Tonwunder hatte auf den Hored also wohltätig gewirkt, daß er darüber vollkommen angefangen hat, in sich zu gehen, und ward ein Mensch vollkommen durch und durch voll Reue, Liebe und Leben. [HGt.02_036,09] Wie aber brachte dieses Wunder das zweite Wunder zuwege? Davon soll sogleich die Rede sein; und also höret denn: [HGt.02_036,10] Dieser Hored war von seiner Geburt an voll Liebe und voll des besten Geistes, darum er als Knabe schon Steine zur Hand nahm, so er nichts anderes im Ausbruchsmomente der Liebe erreichen konnte, und sie mit großer Heftigkeit an sein Herz drückte. [HGt.02_036,11] Aus dieser Liebe aber entwickelte sich mit der Zeit eine gewisse Art von Naturliebe, die am Ende ein stärkeres Gewicht bekam als die Liebe zu Mir und die Liebe zu den Vätern, Brüdern und Schwestern. Was mußte also vorderhand die natürliche Folge der Abirrung dieser Liebe sein? [HGt.02_036,12] Sehet den Hored an, fraget seinen Zustand, und es wird jedermann alles klar werden, auf welche Art er endlich zu einem ganz puren, kalten Weltweisen geworden war. [HGt.02_036,13] Er fing da an, die Naturdinge mit schärferen Augen anzusehen: Er prüfte die Kräuter, – sie hatten für ihn kein Leben, das ihn fürder mehr noch erwärmen hätte können; er zerlegte die Bäume, – aber auch in ihnen fand er keine Lebenswärme; er stieg ins Wasser – und fand es kalt; wieder nahm er den Lehm – und fand ihn weich und sehr schmiegsam, daß er daraus allerlei bilden konnte. Aber er gewahrte alsbald zwei große Übel, nämlich: Solange ein solches Gebilde vermöge der innehaftenden Feuchtigkeit weich blieb, da war es auch durchaus kalt, daß sich davor die Haut schreckte; wärmte er es aber an der Sonne, so wurde es zwar fester und fester, aber drückte er es dann an seine Brust, so verursachte es ihm bedeutende Schmerzen, daß er darob von sich stieß sein hart gewordenes Werk. [HGt.02_036,14] Wieder nahm er Steine und schlug sie aneinander, daß darum aus ihnen nicht selten die reichlichsten flammenartigen Funken sprühten. Das nahm ihn wunder, darob er dann auch fast all die ihm vorkommenden Steine zerklopfte und in ihnen das Feuer suchte, aber auch ganz natürlicherweise nie eines fand und daraus dann also schloß: Die ganze Welt ist ein hungriger Tiger, der allzeit zum Fressen aufgelegt ist, aber dem Nachbarn etwas zu überlassen nimmerdar mag – außer einigen ungenießbaren toten Knochen! [HGt.02_036,15] Dergleichen Weisheitssätze, die ihm sehr wohl gefielen, hatte er mit der Zeit eine große Menge aus der Natur herausgezogen, so, daß er dadurch am Ende für einen großen Weisen des Morgens zu gelten anfing, welcher Weihrauch ihm auch am allermeisten wohlschmeckte, – darum er dann aber auch mit seiner Weisheit es also ins Große zu treiben anfing, daß sich vor ihm nicht einmal die Hauptstammväter zu reden getrauten, sondern alle lobten ihn und erteilten ihm den allgemeinen Segen, darum er dann auch stark genug wurde für einen Apostel in die Tiefe, dahin sich vor ihm niemand zu wandeln getraute. [HGt.02_036,16] Er wußte sich in Hanoch auf Meinen Namen einen großen Respekt durch Wort und Tat zu verschaffen und bekam darum das Beste zum Lohne für seine Weisheit und nicht wenig gefürchtete Macht. In diesem Lohne fand er den vollen Ersatz für alle seine an die stumme Natur verschwendete Liebe; da er aber diese Liebe fand, so liebte er unmäßig und verabschiedete aber dafür die Weisheit ganz und gar, darum er dann auch in alle Sinnlichkeit überging, dafür er nun an der Naëme Meine Strafe ersah, und das im geretteten Zustande, als seine Liebe wieder anfing, sich in die Weisheit zu verlieren. [HGt.02_036,17] Er wurde vor Mir sogar wieder zu seinem früheren Weisen voll Kälte. [HGt.02_036,18] Was war nun mit ihm zu tun? Ein zu sprechendes und knallendes Wunder hätte ihn töten müssen. Daher also auch war dieser harmonische Balsam für ihn in den Stein gelegt, damit er daraus erfahren solle, daß Meine Liebe nicht nur das Herz im Menschen, sondern auch den allerhärtesten Stein erfüllt! [HGt.02_036,19] Wie aber diese Arznei dem Hored anschlug, – das zu erfahren, wollen wir ihm selbst einen sehr wohltuenden Besuch machen und das alles aus seinem Munde vernehmen und daselbst noch so manches lernen und erkennen! Amen. 37. Kapitel — Horeds Selbstgespräch und Reue[HGt.02_037,01] Bei einer guten Stunde lang seufzte nun der Hored in einem etwas beschwerlich zugänglichen Winkel der Grotte, als da vom Morgen her ein leichter Wind zu wehen begann und dem herrlichen Tönen ein Ende machte. [HGt.02_037,02] Als sich aber die dem Hored so heilig vorkommenden Klänge verloren, da richtete er sich auch alsbald auf und fing an, mit sich folgendes Gespräch zu führen, sagend: [HGt.02_037,03] „O du herrliche, wunderbare Schöpfung Gottes, wie erhaben und heilig bist du, mit den Augen der Liebe betrachtet und tief gefühlt im liebenden Herzen, ja mit einem vor Gott nur einigermaßen liebegereinigten Herzen! [HGt.02_037,04] Welch ein Unterschied nun in mir! Vorher, vor einer Schattenwende kaum, war alles noch kalt um mich her und tot alles, – ja, mein Herz selbst war kalt und keiner Träne fähig mein Auge; jetzt lebt alles: der harte Stein redet, und das Gras sendet duftende Lobgesänge zu den heiligen Höhen Gottes empor! [HGt.02_037,05] Durch die regen Äste der herrlichen Bäume rauscht eine heilige, reine Sprache, ein großes Wort über alle die Wälder der Erde; es tönte: ,Gott ist die reinste Liebe! Und alles ist Liebe um Ihn, aus Ihm und durch Ihn!‘ [HGt.02_037,06] Oh, wie herrlich, wie schön, wie heilig, wie lebendig ist doch jetzt alles um mich her! Wie erhaben nun diese heiligen Berge und wie unaussprechlich erhaben heilig nun jene Morgenhöhe Adams, wo – wo – o die Größe! Ich kann es nicht aussprechen! [HGt.02_037,07] O mein Herz, mein Herz! Jetzt öffne dich überweit; ja über alle endlosen Schöpfungen hinaus erweitere dich, und erfasse, was dort auf jener heiligen Höhe sich nun befindet! [HGt.02_037,08] Erfasse es, erfasse es; denn Gott, der große, ewige, überheilige Schöpfer der Unendlichkeit – o Herz, erfasse es! – der liebevollste, allerheiligste Vater ist es! Ja, unser aller Vater ist es, der Sich dort befindet, sichtbar unter Seinen Kindern! [HGt.02_037,09] O Natur, o ihr Winde alle, du plätschernde Quelle, schweiget, schweiget nun; und ihr zwitschernden Bewohner der Äste der Zedern, und du auch, zirpende Grille, hemmet nicht das heilige Gefühl in meiner Brust! [HGt.02_037,10] Der heilige Vater, voll der allerhöchsten Liebe, unter Seinen Kindern dort auf jener heiligen Höhe! Er – der allmächtige Schöpfer, der ewige, alleinige Gott und Herr aller Dinge und Wesen als Vater unter Seinen Kindern! O Gedanke, o du lichteste, heiligste Wahrheit, welche Unendlichkeit kann dich fassen, welche Ewigkeit dich begreifen?! [HGt.02_037,11] Ja, heilig bist du, sonst armselige Brust, so dich dieser Gedanke nur anrührt! Der Vater – unter Seinen Kindern! O du zu endlos großer Gedanke, – wer kann leben und dich denken in deiner Größe, in deiner unendlichen Unendlichkeit?! [HGt.02_037,12] Der Vater unter Seinen Kindern – und lehrt sie Selbst, lehrt sie erkennen Ihn, den heiligen Vater! [HGt.02_037,13] Auch an mein totes Ohr drang Seine heilige Vaterstimme, und ich verstand sie nicht; und meine Augen sahen Ihn, und ich erkannte Ihn nicht! Hierher führte mich Sein Wort; des Vaters Wort führte mich hierher! [HGt.02_037,14] O du heilige Stelle, du Ort der lebendigen Verklärung meines Herzens, meines Geistes, – mit welchem ewigen Denkmale soll ich dich verzieren, mit welchem heiligen Worte dich nennen, dich, du heilige Stätte, dahin mich des Vaters Wort beschied?! [HGt.02_037,15] Ach, was ist doch der Mensch, der schwache Bewohner dieser Erde, daß Sich der ewige Gott seiner erbarmt und ihn aufnimmt zu einem Kinde! [HGt.02_037,16] Ist der Mensch denn gut? – Nein, das ist er durchaus nicht! – Ist er denn etwa gar so überaus schön, darum Gott zu ihm kommt? – Nein, nein, das ist er noch mehr durchaus nicht; denn wo die wahre Güte mangelt, da mangelt auch die wahre Schönheit. [HGt.02_037,17] Ist er etwa also liebenswürdig, darum der Herr herabkam zu ihm? – O mitnichten; denn um liebenswürdig zu sein, muß man doch vorher notwendig gut und schön sein! [HGt.02_037,18] Ist der Mensch denn etwa reich an verschiedenen Gott fremden und seltsamen Dingen? – O der unaussprechlichen Torheit, o des finstersten Gedankens, der sich immer noch möglicherweise der Zunge je bemächtigen kann! [HGt.02_037,19] Was hat der Mensch denn, das er nicht zuvor empfangen hätte?! [HGt.02_037,20] Also – was ist – oder was hat denn hernach der armselige Mensch dieser mageren Erde, darum Gott zu ihm kam, ihn nun lehrt, führt und tröstet? [HGt.02_037,21] O du großes, undurchdringliches Geheimnis! Darum wir uns Kinder nennen dürfen, ist ja eben nur Seine endlose Erbarmung, ohne die wir jedem Steine gleich gutweg nichts als nur pure Geschöpfe sind, und das noch dazu voll Ungehorsam, während ein Stein viele tausend und abermals tausend Jahre sich ohne des Herrn Willen nicht von der Stelle rührt, dahin er gesetzt wurde von des heiligen Vaters allmächtiger Hand. [HGt.02_037,22] Oder war der heilige Gedanke in Gott, aus dem der Mensch, der undankbare Mensch hervorging, vielleicht noch göttlicher als der, aus dem mit der früheren, gleichen oder späteren Zeit ein Stein aus einem und demselben Gott hervorgehend ward? [HGt.02_037,23] Ja, ja, nichts, gar nichts ist und hat der Mensch vor Gott, – sondern alles nur als pure Gnade von Ihm! [HGt.02_037,24] O du unaussprechliche Liebe, du unendliche Barmherzigkeit des Vaters, der da ist allzeit heilig, überheilig, – wie soll dir denn das Herz danken, wie dich loben und preisen, mit welchen Worten der ganzen Erde würdig verkündigen solche endlose Milde von dir an uns arme Menschen, die wir uns unwürdigstermaßen deine Kinder nennen?! [HGt.02_037,25] O Vater, jetzt lasse in den Staub mich sinken; denn meine Augen sind nicht einmal würdig, dahin einen Blick zu tun, wo Du noch weilest unter Deinen Kindern! [HGt.02_037,26] Du heiliger Vater – unter Deinen Kindern! Dieser Gedanke ist zu heilig, um noch einmal von mir Erdwurme gedacht zu werden! [HGt.02_037,27] Daher stille, stille, alles werde stille um mich her, damit auch ich vor der zu großen Heiligkeit des Vaters verstummen kann! [HGt.02_037,28] Denn was sollte da ein bestaubter Schlammwurm sprechen, worüber die ganze Unendlichkeit das erhabenst ehrfurchtsvollste Stillschweigen beachtet?! Also stille, stille, mein Herz und meine Zunge; denn alles um mich her ist nun stille geworden. Stille in Gott, stille; denn – der Vater ist in der Nähe!“ 38. Kapitel — Abedam beim reumütigen Hored in der Grotte. Hored an der Brust des hl. Vaters[HGt.02_038,01] Nach diesen Worten verstummte die Zunge Horeds zwar, aber desto lauter wurde es in seinem Herzen; denn dieses suchte und suchte um schickliche und wohltaugliche heilige Worte des Dankes und der würdigen Darstellung der dem Menschen nur immer höchst möglichen Liebe gegen Gott. Allein es war vergebens; je tiefer sich der Hored in sein Herz verkroch, und je emsiger er alle seine verborgensten Winkel durchsuchte, desto weniger auch konnte er finden, was er nun so gerne gefunden hätte. [HGt.02_038,02] Es berief aber ebenzeitig der Abedam zu Sich den Henoch, den Lamel, den Gabiel mit der Purista und den Lamech mit der Ghemela. [HGt.02_038,03] Als aber die Naëme den Namen ihres Vaters aussprechen hörte, da erschrak sie gewaltigst; denn sie glaubte, er sei sicher durch die kecke Nebelgestalt beim weißen Berg herauf an diese so heilige Stelle geführt worden. [HGt.02_038,04] Aber der Abedam beruhigte sie bald, indem er zu ihr sagte: „Naëme, – wie magst du dich fürchten an Meiner Seite? Bin denn nicht Ich der Herr aller Dinge, Wesen, aller Unendlichkeit, aller Ewigkeit?! [HGt.02_038,05] Siehe, darum ist ja eitel deine Furcht; und zudem hat der von Mir berufene Lamech mit deinem Vater wohl nichts als allein nur den Namen gemein! [HGt.02_038,06] Denn dieser Lamech hat den Namen von Mir aus, der da besagt: Dieser ist Meiner Liebe; dieser ist für Mich; dieser hat Meinen Schatz in sich! [HGt.02_038,07] Was aber den gleichen Namen deines Vaters betrifft, so ward er ihm gegeben in gleicher Bedeutung vom Satan, der da ist Mein größter Feind. [HGt.02_038,08] Doch aber sollst du dir keine Sorge machen deines Vaters wegen; denn Ich bin auch ein gar über alles mächtiger Herr dessen, dem dein Vater ein getreuer, aber höchst unglücklicher Diener ist, und werde zu seiner Zeit auch ihm die Augen öffnen lassen. [HGt.02_038,09] Daher sei nun ganz vollkommen ruhig, du Meine neue Tochter der wahren Reue, Buße und Liebe, und folge Mir, fest an Mich angeschlossen, mit den übrigen Berufenen hin zur Stelle, wo der Hored nun aus übergroßer Demut und Liebe zu Mir die Regsamkeit der Zunge verlor! [HGt.02_038,10] Und du, Seth, du Enos, du Kenan, du Mahalaleel, du Jared, und du auch, Mathusalah, aber gehet nach Hause mit euren Weibern und Kindern, und sorget für Speise und Trank in gerechter Menge; denn heute, morgen und übermorgen sollen alle Kinder am Tische des Vaters speisen! [HGt.02_038,11] In euren Hütten aber sollet ihr alles in der gerechten Menge finden; nur traget es unterdessen hierher! [HGt.02_038,12] Wir aber wollen uns begeben dahin, wo ein neuer, großer, treuer Bruder unser harrt! Amen.“ [HGt.02_038,13] Der Hored aber merkte es bald, daß sich eine ganze Gesellschaft von der Morgenhöhe Adams gegen die Grotte bewegte; nur konnte er der ziemlichen Ferne wegen nicht entnehmen, wer da alles von der Gesellschaft ist. [HGt.02_038,14] Als aber die Gesellschaft seiner Stelle stets näher und näher kam, da erst erkannte er, um welche Zeit des Tages es nun sei, – nämlich er erkannte unter der Gesellschaft gar bald den hohen Abedam! [HGt.02_038,15] Jetzt aber war es auch aus bei ihm, daß er darob mit großer Liebeheftigkeit ausrief: „Nein, nein, das kann nicht sein, nimmer, nein! [HGt.02_038,16] Ich – ein Sünder, ja beinahe ein Brudermörder, – ich, – der da war über alle Böcke und Hunde voll der allerdicksten Geilheit und voll der allerunreinsten Gedanken, – ich, der größte Tor, sollte nun bestehen im Angesichte Dessen, der mich erschuf, im Angesichte Gottes, im Angesichte des allerheiligsten Vaters?! [HGt.02_038,17] Erde, hast du nun keine weite Spalte irgendwo, die mich wohlbergend für alle Ewigkeiten aufnehmen möchte hinab in deinen tiefsten Grund?! [HGt.02_038,18] Oder du, hohe Grotte, kannst du nicht einen schwersten Stein auf mein Haupt fallen lassen, damit er mich zerschmettere bis zum nichtigen Staube?! [HGt.02_038,19] Wie werde ich bestehen nun vor Ihm? Ich in der größten, verworfensten, menschenlarvenmäßigen Niedrigkeit meines Herzens und Geistes?! [HGt.02_038,20] Er, die allerhöchste Heiligkeit! O Zunge, – o Herz, was werdet ihr tun, wenn Er kommen wird, – bald kommen wird?! [HGt.02_038,21] Wie wirst du, sündiges Auge, Gott schauen, – Gott, den Vater, die reinste, heiligste Liebe, – [HGt.02_038,22] Wie hören du, mein schlechtes Ohr, die heilige Stimme des Vaters, – ja, die Stimme, die du früher verkennen mochtest?! [HGt.02_038,23] Doch jetzt, mein Herz, es gilt den letzten Kampf, entweder zum Leben – oder zum Tode! [HGt.02_038,24] Ich habe nichts als ein weites Herz voll der heißesten Liebe nun nur allein zu Ihm, zu Ihm, dem allerheiligsten Vater! Ob sie rein ist, – Vater, das weiß ich nicht; doch was Du auch immer mit mir machen wirst – ob mich wieder annehmen, oder verwerfen –, es wird ja doch nur Dein heiliger Wille geschehen, und dieser ist ja ewig allzeit über alles gut! Daher – geschehe Dein heiliger Wille!“ [HGt.02_038,25] Bei diesem letzten Worte aber ergriff ihn schon der Abedam an der Hand und sagte darauf: „Hored, du Starker, du Heißer, du Fels der Liebe nun, jetzt komme her an die Brust deines ewigen, heiligen Vaters, und schmecke da zum ersten Male, wie sich's da ruhen läßt, – ruhen im hellsten Bewußtsein des ewigen Lebens, – ruhen an der Brust des liebevollsten, heiligsten Vaters! [HGt.02_038,26] Mein Hored, wenn Ich komme, da gilt es allzeit dem Leben, aber nicht dem Tode! [HGt.02_038,27] Und also bist du nun auch für ewig lebendig. – Siehe, hier ist auch die treue Naëme! Jetzt erst bist du für sie und sie für dich von Mir gesegnet; denn Ich habe sie erwählt für Meine Hand. Darum aber gebe Ich sie jetzt dir, weil du eben jetzt zu Meiner Hand geworden bist! [HGt.02_038,28] Jetzt aber folge Mir an Meiner Hand mit den übrigen zum großen Sabbatsmahle daheim auf der Höhe! Amen.“ 39. Kapitel — Das Sabbatmahl auf der Morgenhöhe[HGt.02_039,01] Und der Hored folgte anfangs wonnestumm; denn diese Begegnung von Seite des Abedam war für den Hored etwas zu unaussprechlich heiligst Großes, als daß er darüber hätte können seinem Herzen gehörig Luft machen. Er war förmlich wonnetot; nur der allerwilligste Gehorsam belebte seine Glieder. [HGt.02_039,02] Als sie aber ungefähr den halben Weg zurückgelegt hatten, da auch erst fing der Hored an, ein wenig aufzutauen von seiner übermäßigen Liebwonnestummheit und einen tiefen Odem zu schöpfen für ein ernstes, großes Wort in diesem neuen Zustande. Allein der Abedam sagte alsbald zu ihm: „Mein geliebter Hored, laß nun in der Ruhe deine Zunge; so sehr auch immer du deine Zunge mit deinem Herzen in die volle Übereinstimmung zu bringen vermagst, so kannst du aber doch von Mir aus vollkommenst versichert sein, daß Mir dessenungeachtet allein die Sprache deines Herzens viel lieber und angenehmer ist, als wenn sie durch der Zunge natürliche Rauheit vieles verliert an ihrer lebendigen Anmut, wenn auch der Wahrheit unbeschadet. Siehe, alles, was du nur immer ansiehst, predigt dir beständig die ewige Wahrheit; aber nur die Liebe ist das allerinwendigste, unsichtbarste Leben der Wesen! [HGt.02_039,03] Darum auch bleibe in dir, und zerstreue nicht fruchtlos, was dein Herz gesammelt hat; es wird aber schon für dich eine Zeit kommen, da du wirst Meine Äcker bestellen müssen! Darum spare deinen herrlichen Samen des Lebens aus Mir für die Zeit, wann Ich dich berufen werde! [HGt.02_039,04] Und so lasset uns im Frieden ziehen der Heimat zu, allwo du noch so manches erfahren sollst! Amen.“ [HGt.02_039,05] Und also zog diese Gesellschaft an der Seite des Vaters der Morgenhöhe zu. Und als sie die Vollhöhe erreicht hatten, da war auch schon in hundert und hundert großen Körben ein überreiches Mahl wohl bereitet, bestehend aus lauter allerherrlichsten, edelsten, frischesten und wohlschmeckendsten Speisen, als: Früchten, Honig, Brot und in den Krügen reinster und köstlichster Beerensaft. [HGt.02_039,06] Als nun der Abedam sah, daß da alles in der Ordnung war, da segnete Er die Speise und den Trank und sagte dann zu den Vätern, welche die Speisen herbeigeschafft hatten: „Rufet herbei alle eure Kinder, und lasset sie behende austragen und verteilen die Speisen und den Trank an alles Kindervolk, und sie sollen alle davon essen und trinken und sollen fröhlich sein in Meinem Namen und sollen nun auch alle erfahren also von Munde zu Munde, daß Ich, ihrer aller Vater, sichtbar unter ihnen bin! [HGt.02_039,07] Drei Körbe aber sollen für uns hier auf der Vollhöhe verbleiben; und nun gehet und tuet! [HGt.02_039,08] Du, Lamel, aber siehe dorthin gen Abend! Siehe, gerade da, wo drei hohe Zedern den Scheitel eines Hügels schmücken, wirst du einen armen Vater mit seinem Weibe und seinen sieben Kindern, wovon drei Knaben und vier Mägde sind, antreffen! Diese Familie ist noch von der alten, allerdrückendsten knechtlichen Ehrfurcht befangen, also zwar, daß sie sich nicht einmal ihre Füße von da weiter zu setzen getraut, woselbst sie der Hütte Adams ansichtig wird. [HGt.02_039,09] Darum hebe dich behende dahin, und bringe sie samt und sämtlich hierher zu Mir; und also gehe und tue! [HGt.02_039,10] Du, Lamech, aber nimm diesen mittleren Hauptkorb, und trage ihn hin zum Adam; und du, Gabiel, nimm den zweiten für dein Haus; und der dritte aber bleibe hier für Mich, für den Henoch, für den Jared, für Lamech und sein Weib, für Meinen Namensgefährten, für Kisehel und Sethlahem und seine anderen Brüder, für das Weib Zuriels, für dich, Meinen Hored, und die Naëme, für den Jura, Bhusin und Ohorion und für die Familie, die der Lamel sogleich hierher bringen wird! [HGt.02_039,11] Alle anderen sollen sich entweder um den Korb Adams setzen – und die, die da von Morgen her sind, um den Korb Gabiels!“ [HGt.02_039,12] Es bedünkte aber den Adam heimlich schmerzlich, daß der Abedam nicht an seinem Korbe wollte teilnehmen. [HGt.02_039,13] Der Abedam aber sagte sogleich zu ihm: „Adam, ist denn ein Unterschied in den Körben? – Du sollst aber darum nicht liebehrgeizig traurig sein, darum Ich die Schwachen um Mich her versammle! [HGt.02_039,14] Es stehen aber die drei Körbe ja hier ohnehin also aneinandergereiht, daß sie nur durch geringe Zwischenräume getrennt werden; wozu also des Rangkummers? [HGt.02_039,15] Bin Ich nicht der Vater, und bin Ich nicht hier in euer aller Mitte?! – Sei daher nur guten Mutes, und denke nicht nach der Rangzahl der Körbe, sondern lieber an Meine allgemeine Vaterliebe, so wird da sicher kein Unterschied sein, in welchen Korb Ich oder du greifst! [HGt.02_039,16] Meinst du aber etwa, dein Korb ist darum weniger gesegnet? – Dieser Irre sei ledig! Amen.“ [HGt.02_039,17] Darauf wurde es alsbald wieder wärmer und heller in der Brust Adams, und er bat den Abedam um Vergebung. Der Abedam aber erwiderte ihm: [HGt.02_039,18] „Adam, – wie sollte Ich dir denn deine Liebe zu Mir vergeben, als wäre sie eine Sünde?! Daher sei nur vollkommen ruhig; denn diesen deinen Schmerz erzeugte ja deine Liebe zu Mir. Daher also sei ganz vollends ruhig, und genieße die Speise heiter! Amen.“ [HGt.02_039,19] Nach diesen Worten aber brachte auch schon der fertige Lamel seine überfromme Beute. [HGt.02_039,20] Der Abedam aber ging ihnen entgegen, dieweil sie sich sehr fürchteten, und sagte zu ihnen: „Kommet her, ihr Meine lieben Kindlein, und fürchtet euch nicht vor Mir, eurem ewigen, heiligen, überguten Vater.“ [HGt.02_039,21] Und sie erkannten Ihn gar bald, fielen vor Ihm nieder und priesen und lobten Ihn überaus laut. 40. Kapitel — Der Herr und die unbändigen Lobschreier. Die Zahllosigkeit der Liebes- und Lebensstufen in der Schöpfung. Adams Tischgebet und Abedams Segen[HGt.02_040,01] Und der Abedam ließ sie vollends zu Sich kommen und bedeutete dann ihnen, aufzuhören mit ihrem zu lauten Lobe; sie aber schrien nur noch ärger: „Gelobt seist Du, heiliger Vater, gelobt Dein heiligster Name! Gepriesen seist Du, allmächtiger, großer Gott, Der Du ewig bist und unendlich! Dir allein gebührt alle Liebe, alle Anbetung, alle Ehre, aller Dank, alles Lob, aller Ruhm und alle unsere allergrößte Demut vor Dir! Nur Du allein bist würdig, solches alles von uns zu nehmen!“ [HGt.02_040,02] Und also schrien sie fort und waren auf natürlichem Wege durchaus nicht zum Schweigen zu bewegen. [HGt.02_040,03] Da dem Abedam aber sattsam wurde des Lobes und auch die Väter nicht mehr auswußten, was da werden und geschehen solle, damit diese Lobschreier zum Schweigen gebracht werden möchten, da erhob alsbald der hohe Abedam Seine Hand und zog den Zeigefinger vom Aufgange bis zum Niedergange; und alsbald durchzuckte das ganze weite Firmament ein unerhört starker Blitz, dem sogleich ein so starker Donner folgte, daß darüber nahe die ganze Erde bis in ihren Grund erbebte. [HGt.02_040,04] Diese Erscheinung brachte unsere Lobschreier zum demütigsten Schweigen, und alle die Väter schlugen sich auf die Brust und glaubten, der hohe Abedam müsse diesmal äußerst zornig geworden sein, – [HGt.02_040,05] Darum auch der Adam alsbald anfing, den neuen Lobschreiern ihren Ungehorsam gegen des Herrn Wort heftig zu verweisen. [HGt.02_040,06] Allein, es trat alsbald der hohe Abedam ins Mittel und sagte zum Adam: „Adam, warum ereiferst du dich denn, solange Ich hier unter euch bin? [HGt.02_040,07] Lasse die Sache nur Mir über, da Ich allein nur weiß, wozu alles dieses; du aber setze dich an deinen Korb, und genieße das Mahl mit den Kindern! [HGt.02_040,08] Also aber, wie diese neun, hast du Mich noch nie gelobt, obschon du Mich länger kennst; warum sollte es dich nun ärgern, so Ich ihr großes Lob mittels Meines Fingers mit starken Feuerzeichen über die ganze Unendlichkeit hinzeichnete und euch allen dadurch anzeigte, wie groß ihr Lob war?! [HGt.02_040,09] Ich sage dir aber, der du Mich nun als höchst erzürnt betrachtetest: Wohl dem, welchen da treffen wird solch ein Zorn von Mir; denn er wird ihn alsbald erwecken zum ewigen Leben! [HGt.02_040,10] Verstehest du solchen Zorn Meiner Vaterliebe an jene Kindlein, die sich aus lauter Liebe zu Mir, ihrem Vater, nicht zu helfen wissen, darum ihre Freude unbändig wird und taub ihr Ohr, da die zu große Liebe sie gefangenhält in aller heiligen Unmäßigkeit?! [HGt.02_040,11] Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch allen: Wer da nicht unmäßig und unbändig wird in der Liebe zu Mir, dessen Name wird nicht also geschrieben unter und über den Sternen wie die Namen dieser neun Armen der Erde, aber Überreichen der Liebe! [HGt.02_040,12] Adam, begreifst du nun dieses Zeichen und diesen Meinen Zorn? [HGt.02_040,13] Daher sei ruhig und verzehre heiter dein Mahl mit deinen Kindern! Amen.“ [HGt.02_040,14] Diese Worte aber gingen dem Adam gewaltig zu Herzen, darum er dann alsbald tief seufzend ausrief: [HGt.02_040,15] „O Vater, wenn es also ist, wer wird da das ewige Leben erreichen?!“ [HGt.02_040,16] Der Abedam aber erwiderte darauf dem Adam: „Was seufzest du umsonst, so du nicht verstehst Meine Wege? [HGt.02_040,17] Sind denn die Sterne des Himmels alle gleich und alle Pflanzen der Erde? So ein Stern aber leuchtet – ob groß oder klein –, regt er nicht das Licht deiner Augen an, auf daß es in dir lebendig widerstrahlt?! Und welche Pflanze hast du je tot dem Boden der Erde entwachsen sehen?! [HGt.02_040,18] Darum wird auch der geringeren Herzens Liebende leben; aber nur wird sein Leben sein gleich seiner Liebe, und es wird darum auch sein ein großer Unterschied zwischen Leben und Leben unendlichfach. [HGt.02_040,19] Siehe, es lebt auch eine Sandmilbe; aber welch ein Unterschied zwischen ihrem und deinem Leben! [HGt.02_040,20] Daher kümmere dich nicht um die Frucht der Liebe, sondern um die Liebe selbst; denn die Frucht wird sein wie die Liebe! Verstehe solches wohl! Amen.“ [HGt.02_040,21] Und der Adam ward beruhigt und rief unter vielem Danke und Lobe die Kinder zum Mahle und bedeutete auch dem Gabiel, solches im Namen des Herrn zu tun. [HGt.02_040,22] Und als sich darauf um die zwei Körbe reichlich die gehörigen Gäste versammelt hatten, da sagte der Adam mit aufgehobenen Händen: [HGt.02_040,23] „Kinder, nun lasset uns zuvor loben und preisen den heiligen Geber dieser herrlichen Speisen und dieses herrlichen Trankes, und lasset uns erbitten Seinen Segen! [HGt.02_040,24] O heiliger Vater Jehova Abedam, Dir danken wir; Dich loben und preisen wir; Dir sei aller Ruhm, alle Ehre, alle unsere Liebe, alle unsere Demut und vollste Anbetung im innersten Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr! [HGt.02_040,25] O heiliger Vater, segne uns und die Mahlzeit für uns nach Deinem heiligsten Willen! Amen.“ [HGt.02_040,26] Und der Abedam trat hinzu zum Korbe Adams und segnete ihn und also auch den des Gabiel. Dann aber trat Er alsbald wieder zurück an Seinen Korb, berief die Erwählten zu Sich und ließ Sich mit ihnen zum Korbe nieder; doch diesen Korb segnete Er nicht und sagte: [HGt.02_040,27] „Wo Ich bin, da ist auch der allerhöchste Segen vorhanden! [HGt.02_040,28] Daher esset und trinket ohne Sorge; denn Ich, euer Vater, speise ja mit und unter euch, und in euch! Amen.“ 41. Kapitel — Das gesegnete Mahl. Die ehrgeizige Eigenliebe Adams, vom Herrn gerügt[HGt.02_041,01] Und alle, die sich am Korbe Abedams niedergelassen haben, dankten noch einmal dem Herrn, daß Er sie erwählt hatte für Seinen Korb und ihnen dadurch die unschätzbare Gnade zukommen ließ, mit Ihm aus einem Korbe zu essen solche Früchte der Herrlichkeit der Liebe des Vaters, und aus einem und demselben Gefäße zu trinken des ewigen Lebens süßesten Saft. [HGt.02_041,02] Also lobten sie alle eine gute Zeitlang den Abedam für die hohe Gnade; und während die nachbarlichen Körbe schon beinahe über den dritten Teil geleert waren, hatte am Korbe Abedams noch niemand eine Frucht angerührt. [HGt.02_041,03] Da aber das Loben und Preisen gar kein Ende nehmen wollte, so sah Seine Gäste der Abedam an und bedeutete ihnen, daß sie äßen die Früchte, gleichwie der anderen Körbe Gäste es tun; sie aber baten Ihn darauf, daß Er zuerst in den Korb greifen möchte, – was da auch alsbald geschah, worauf dann auch bald alles die Hände in den Korb steckte und mit großer, freudiger Ehrerbietung die Früchte verzehrte und die mit dem Safte gefüllten Gefäße leerte. [HGt.02_041,04] Und also dauerte die Mahlzeit bei einer guten Stunde lang; aber dessenungeachtet wollten die Körbe samt den Gefäßen dennoch sich nicht erschöpfen lassen, und die letzteren Früchte waren auch stets wohlschmeckender und wohlschmeckender, so wie auch der Saft in den Gefäßen stets feiner und süßer, darum das Ende der Mahlzeit völlig glich dem Anfange, allwo niemand der erste sein wollte, um seine Hand in den Korb zu tragen, – also auch da keiner der erste, der da zuletzt seine Hand trüge in den Korb. Und da sie den Abedam Selbst noch öfter sahen in den Korb greifen, so dachte da schon gar niemand an ein Aufhören; nur der Adam bemerkte, daß sich die Sonne ihrem Untergange nahe, und fragte den hohen Abedam, was nun zu tun sein solle und was geschehen, da die Zeit der gewöhnlichen Vorfeuerung herangekommen sei. [HGt.02_041,05] Der hohe Abedam aber fragte dagegen den Adam, sagend nämlich: „Adam, sage Mir doch einmal wohlverständlich, wem denn so ganz eigentlich diese Feuerung gelten soll, ob Mir, oder ob dem blauen Himmel und seinen später sichtbar werdenden Gestirnen und der noch sichtbaren Sonne und dem Monde, oder ob vielleicht gar dem Volke, oder allein dir? [HGt.02_041,06] Siehe, Ich weiß es kaum, was du damit je verbunden hast, noch was du jetzt verbinden möchtest oder auch schon wirklich verbindest; daher möchte Ich von dir darüber etwas Näheres vernehmen. [HGt.02_041,07] Für Mich wird oder kann diese törichte Sorge kaum gerichtet sein; denn möchte Ich so etwas wollen, da hätte Ich es auch schon lange von euch verlangt. Da aber Ich demnach so etwas ganz und gar nicht mag und will und es daher auch Mich durchaus nicht angehen kann, so sage Mir aus dem Grunde, wem da diese Beehrung mit der sogenannten Vorfeuerung gelten soll!“ [HGt.02_041,08] Hier verstummte die Zunge des Adam, also zwar, daß er darob kein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte. [HGt.02_041,09] Der Abedam aber bemerkte dem Adam darum und sagte: „Adam, ist es nicht also, daß du an dieser Vorfeuerung die meiste Freude fandest, darum du sie eigentlich ganz heimlicherweise auf dich selbst bezogst und wolltest dadurch anzeigen, daß nur durch dich der Weg zur Pforte des Lebens führt, – darum dir dann auch vor Mir gefeuert werden mußte und du mehr hieltest auf die Pünktlichkeit der Vorfeuerung denn auf die Nachfeuerung, die da zu Meiner Beehrung bestimmt war?! [HGt.02_041,10] Siehe, aus diesem ganz heimlichen Grunde ließ Ich auch das Mir bestimmte Opferfeuer noch am Vormittage abbrennen, damit es flott würde von deiner großen Torheit; aber dessen ungeachtet scheinst du eben nicht die meiste Lust zu haben, deine alte Dummheit fahren zu lassen! [HGt.02_041,11] Ist denn das Mahl bei Mir nicht mehr wert denn das auf dich bezogene Vorfeuer?! Darum bleibet an den Körben und genießet, solange ihr möget, und solange es euch schmeckt! Solches kannst auch du, Adam, tun! Sollte dir aber die Feuerung noch lieber sein denn diese lebendige Mahlzeit, so kannst du dir ja auch sogar diese Freude machen; aber nur müßtest du dabei dich sehr in acht nehmen, daß das Feuer nicht allzu stark werden möchte, dich dann leicht ergriffe und verzehrte! – Verstehst du diese Worte? [HGt.02_041,12] Ich aber sage dir: Verstehe sie wohl und bedenke, daß die Erde inwendig hohl ist und voll des allerbittersten Feuers, – und tue dann, wie es dich gelüstet, entweder zum Tode – oder zum Leben! Amen.“ [HGt.02_041,13] Da aber der Adam solche Worte vernommen hatte vom Abedam, da entsetzte er sich ganz gewaltigst und richtete folgende Worte voll Furcht und Zittern an ihn: [HGt.02_041,14] „O Abedam, Du bist heilig, gut und voll Liebe, Gnade und Erbarmung; aber wehe dem, der nur um ein Haarbreit über die Schranken Deines Willens seinen Fuß setzen möchte, – denn dann ist er auch schon zeitig für den Tod, da es bei Dir keinen Mittelweg gibt, sondern nur zwei äußerste Pole, nämlich den Pol des Lebens und den des Todes. [HGt.02_041,15] Und also ist auch Dein lebendiges Wort beschaffen, das da keine sanfte Rüge kennt, sondern entweder durch die alles übertreffende Sanftmut Welten erbaut oder aber auch im Gegenteile dieselben ebensobald wieder zerstört. [HGt.02_041,16] Darum bitte ich Dich; sei mir Schwachem gnädig und barmherzig; denn was da einmal geschehen ist, kann so leicht nicht wieder als ungeschehen angesehen werden. Daher sei nur ruhig mit mir, und treibe mich nicht noch tiefer, als ich es ohnehin schon bin! Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_041,17] Und der Abedam entgegnete ganz kurz dem Adam: „Adam, Adam, du sprichst viel für dich; aber auf Mich hast du völlig vergessen! [HGt.02_041,18] Fassest du, was das heißt, daß Ich hier bin, auf dem schlechtesten Platze Meiner unendlichen Schöpfung?! [HGt.02_041,19] Was weißt du denn von der ewig unendlichen Heiligkeit Gottes?! [HGt.02_041,20] Daher kehre behende zurück, und vertiefe dich nicht noch mehr in das Reich des Todes, sondern lieber dafür in Meine Liebe und nun gar große Gnade und Erbarmung! [HGt.02_041,21] Wenn du aber bis jetzt nur zwei Pole an Mir entdeckt hast, so ist das nur deine Schuld; frage aber diese neu Angekommenen, – sie werden dir vom dritten Mittelpole große Wunder erzählen! Amen.“ 42. Kapitel — Pariholis im Auftrage des Herrn an Adam gerichtete Mahnung[HGt.02_042,01] Nach dieser kurzen Rede aber wandte sich der Abedam alsbald zu dem Vater der neun Armen vom Abende her, der da Pariholi hieß und seine Familie Pariholi Garthilli (das heißt so recht zu deutsch: die armen Schlucker, welche nichts haben und sich auch um nichts bewerben, sondern im gutglücklichen Vertrauen gleichsam gleich den Vögeln von der Luft Gottes leben), und sagte zu ihm: [HGt.02_042,02] „Höre du, Mein noch durchaus sehr armer Pariholi, getraust du dich, so Ich es wollte, dem Vater Adam mit den allersanftesten Worten zu sagen, daß gerade jener Mittelweg, den er bei Mir noch nicht gefunden hat, die ebenste Bahn Meines ewigen Liebewillens ist?“ [HGt.02_042,03] Und der Pariholi erwiderte, von der allerhöchsten Ehrfurcht durch und durch ergriffen: „O – Du – über- – über- – überheiliger Jehova, Gott und Schöpfer aller Dinge und Vater aller der mit Dir heiligen Engel und mancher Dir wohlgefälligen Menschen! [HGt.02_042,04] Was sollte der Wurm vor Dir im Staube denn noch für einen andern eigenen Willen haben als allein nur den, welcher allzeit ausgeht von Dir! Daher werde ich ja gar wohl tun, was und wie es da Dein heiligster Wille für gut und sicher überaus zweckdienlich erachtet! [HGt.02_042,05] Es ist aber ja das schon eine unbegreifliche Herablassung von Dir und ein Mittelweg aller Mittelwege, daß Du milde fragst, wo Du nur gebieten könntest aus Deiner Macht, [HGt.02_042,06] Und daß Du uns allen – ob wir würdig oder auch zumeist sicher völlig unwürdig sind – dennoch also väterlich sichtbar werden mochtest, um uns allen zu zeigen aus Dir heraus den einzig wahren lichtvollsten Mittelweg alles Lebens, der da führt jeden, der nur eines guten Willens ist, o heiligster Vater, zu Deinem Herzen, welches nach meiner freilich noch schwachen Erkenntnis alleinig ist und ewig bleiben wird das ewige Leben! [HGt.02_042,07] Darum, o Du über- – über- – überheiligster Vater, – aber wolle mich doch nicht fernerhin fragen, ob ich irgendwo und -wann erfüllen möchte Deinen allerheiligsten Willen, da ich zu sehr ein allerpurstes Nichts vor Dir bin, sondern gib mir nach meiner Fähigkeit ein Gebot nur, und mein Nacken wird sich ja allzeit beugen nach Deinem allerheiligsten Willen!“ [HGt.02_042,08] Und der Abedam sagte darauf zum Pariholi: „Höre, da du solches aus dir schon erkennst, da bist du ja schon auch ganz völlig tauglich zu einem Boten der Liebe und des Lebens aus Mir! Darum gehe nur hin zum Adam in Meinem Namen; und so dich der Adam fragen wird, warum du zu ihm gekommen bist, dann sage ihm, was du weißt aus dir von Mir! [HGt.02_042,09] Und also magst du ja gehen; Ich aber werde unterdessen deine Familie erwecken – höre! – zum ewigen Leben! [HGt.02_042,10] Und so du wieder hierher kehren wirst, da werden dich deine Kinder schon mit den lebendigsten Armen aufnehmen! – Und also gehe und tue! Amen!“ [HGt.02_042,11] Und alsbald erhob sich der Pariholi und machte die dreißig Schritte Weges hin zum Adam und blieb da vor ihm stehen gleich einer Säule, zumeist aus der hohen Ehrfurcht vor Adam, dann aber auch zufolge seiner großen Wortscheu, da er eine ungeschickte Zunge besaß. [HGt.02_042,12] Mit großer Furcht wartete er darum auf die bekannte Frage Adams. Und als ihn der Adam endlich ansah und ihm die bewußte Frage gab (denn das war eine alte Gewohnheitsfrage Adams), da wurde auf eine Zeitlang die frühere Säule beinahe zu einer Schilfstaude und fing an, gewaltig zu wackeln und zu beben, und konnte für diesen ersten Augenblick keinen Laut von sich bringen; nur erst, als er vom Adam zum zweiten Male mit derselben Frage ein wenig unsanft angedonnert wurde, da erst wurde er im Geiste erweckt, verlor all seine frühere Furcht und begann folgende sehr bemerkenswerte Worte an den Erzvater Adam zu richten, welche also lauteten: [HGt.02_042,13] „Höre, Vater Adam, du ungeborener erster Mensch der Erde, der du uns alle gelehrt hast durch deine dir näheren Kinder, denn unsereins es ist, daß da Jehova, der Heiligste, ist Gott und unser aller liebevollster Vater, dem allein alles Lob, aller Ruhm, alle Ehre, alle Liebe und alle Anbetung, wie alles Opfer zukommt und einzig allein nur gebührt! Wie konntest du nun im Angesichte aller deiner Kinder, die von dir aus samt und sämtlich also belehrt wurden, dich also umkehren und uns allen zeigen ein ganz anderes Gesicht, als das wir von dir notwendigerweise zu sehen berechtigt wären vermöge deiner Lehre an uns alle zur Zeit, da Jehova noch keines Sterblichen Auge gesehen hatte?! [HGt.02_042,14] Jetzt aber, da Er, o Wunder über Wunder, Gnade über Gnade, Güte über Güte, Liebe über Liebe, Erbarmung über Erbarmung, sichtbar unter uns wandelt, uns lehrt, führt, speist und tränkt mit den Ausflüssen Seiner unendlichen Vaterliebe, – jetzt, da Er im Zentrum Seiner Übermilde zu uns armseligsten Kindern kam und brachte uns Toten so große Verheißungen und, so wir nur wollen, das ewige Leben selbst, – jetzt also erst magst du uns zeigen, wie gar leer deine an uns gerichtete Lehre war und wie gering deine Achtung gegen Gott, darum du jetzt an Ihm gerade das verkennen magst, was Ihn zu uns allen geleitet hat durch Ihn Selbst?! [HGt.02_042,15] O Vater, kehre um; denn du hast dein Angesicht abgewandt von Ihm, der zu uns kam aus höchster Liebe und Erbarmung, um uns zu erretten von der ewigen Nacht des Todes! [HGt.02_042,16] Siehe, Vater, da wir schwach waren, da hast du uns alle unterstützt mit deiner Kraft; darum aber verschmähe in dieser Zeit deiner Schwäche auch unsere Hände nicht, da wir dir unter deine Arme nun greifen wollen, um dir nach des Vaters heiligem Willen wieder auf deine Füße zu helfen! [HGt.02_042,17] Darum kehre dich auch alsbald hin zu Dem, der da ist in unser aller Mitte, aber nicht irgendwo überferne außer uns! [HGt.02_042,18] O Vater, siehe, Er ist unter uns! Daher kehre dich zu Ihm hin allereiligst, amen; ja, ja, allereiligst, amen, amen, amen!“ 43. Kapitel — Adams Selbsterkenntnis, Reue und Umkehr[HGt.02_043,01] Als der Adam aber die Worte aus dem Munde des Pariholi vernommen hatte, da fing er erst an, über sich nachzudenken, und ersah dann auch vollends die Größe der noch in ihm versteckten Sünde vor Gott, darum Sich der hohe Abedam auch zum Korbe Adams nicht setzen mochte, und ersah auch die große Ungnade, in welche er sich dadurch gestürzt hatte, daß er neben Gott auch selbst als ungeborener Mensch verehrt sein wollte! [HGt.02_043,02] Solches sah er nun ein; aber nebst dieser Einsicht fragte er auch sein Herz: Wie werde ich nun diesen meinen allerunsinnigsten Fleck vor des Herrn Augen vertilgen aus meinem Leben? [HGt.02_043,03] Wer wird mich nun erretten und wer mich bewahren vor dem Ersticken in dem tiefsten Schlamme der allerunerhörtesten Schande – nun im Angesichte meines Gottes und aller meiner Kinder?! [HGt.02_043,04] Nach diesen Gedanken wandte er sich zu dem Boten Pariholi und sagte zu ihm: „Pariholi, du sagtest zuvor gar wohl von der schnellen Umkehr; aber so ich dich fragen möchte: Wie ist solches für den, der sich unaussprechlich weit abgewendet hatte von Gott, so leicht möglich, wie du es dir unerfahrenermaßen vorstellst? [HGt.02_043,05] Welche befriedigende Antwort wirst du mir da geben? Aber bedenke wohl die unermeßliche Tiefe meines jetzigen allererbärmlichsten Falles! [HGt.02_043,06] O du allerunglückseligster Gedanke und allerschändlichster Gedanke und meines Gottes allerunwürdigster Gedanke! [HGt.02_043,07] O du allerelendeste Vorfeuerung, wer hat dich je in mein Herz gesteckt, darum ich dich dann verordnen mußte zu meinem jetzigen Untergange?! [HGt.02_043,08] O Sonne, beschleunige deinen Gang, damit deine Strahlen nicht zu lange mehr meine zu große Schande vor aller Erde erleuchten sollen! [HGt.02_043,09] O Pariholi, wo hast du nun ein tröstend Wort? Was kannst du mir sagen, das mich je wieder aufrichten könnte vor Gott? Wo ist nun die von dir besprochene mögliche schnelle Umkehr? Was kannst du mir nun sagen und was geben, damit ich nicht vollends vergehe vor der allerübermäßigsten Schande, die mich nun gefangenhält bis in die allerinnerste Wurzel dieses meines nun überelendesten Lebens? [HGt.02_043,10] Pariholi, o rede, rede, jetzt rede, so du kannst, darfst und magst! [HGt.02_043,11] Decke zu mit der Stimme deiner Brust mein Angesicht, damit es nicht allzusehr dem Auge Dessen ausgesetzt ist, der da nun unter uns weilt!“ [HGt.02_043,12] Und der Pariholi erwiderte darauf dem Adam: „O Vater Adam, so höre denn im Namen deines und meines Gottes Jehova, der da ist heilig, überheilig unter uns nun sichtbar dem Auge eines jeden wenn auch noch so ungewaschenen Kindes: [HGt.02_043,13] Wie kannst denn du noch fragen nach der Möglichkeit der schnellen Umkehr, der du doch der erste frei atmende Zeuge Seiner endlosen Erbarmungen warst und kennest da somit die endlose Liebe Jehovas um mehrere Hunderte von Jahren länger denn ich, – und doch noch kannst du darüber fragen? [HGt.02_043,14] Siehe, die von dir seit dreihundert Jahren her verordnete, beständig übliche Vorfeuerung zu deiner Beehrung von unserer kindlichen Seite war ja eben eine noch versteckte Torheit deines Herzens vor Gott! Er sah dich schmachten unter dem schweren Drucke solcher Bürde und hat Sich darum nun deiner gewaltig erbarmt und nahm dir diese drückende Last aus dem Herzen und hat dich nun vollends frei gemacht. [HGt.02_043,15] Wie kannst du, alter Vater, der du unser aller Urlehrer warst, denn nun noch fragen nach der Möglichkeit einer schnellen Umkehr, so Er dich schon lange vorher umgekehrt hat, als du noch dessen gedachtest, was alles Arges hinter dieser deiner Vorfeuerung stecken möchte?! [HGt.02_043,16] Warum wirst du denn darum ärgerlich in deinem Herzen, so der Herr, der heilige Vater, dir ein gewaltiges verborgenes Übel auch gewaltsam auszieht aus deinem Herzen? [HGt.02_043,17] Oder meinst du etwa, daß Er dich verderben will, so Er dich eben also gnädigst aufrichtet? [HGt.02_043,18] O Vater, – siehe hin an jene heiligste Stelle; siehe an Sein Auge, Seinen Mund, siehe an Seine so väterlich liebefreundlichst weit ausgestreckten Arme! Welche allerhöchste Liebe strahlt aus Seinem allerheiligsten Angesichte zu dir herüber, Vater Adam! Und dennoch kannst du fragen nach der Möglichkeit der schnellen Umkehr! [HGt.02_043,19] O Vater, es wäre mir nicht möglich, dir noch mehreres darüber zu sagen in der allerheiligsten Gegenwart Dessen, der dir aus jeglichem Haare Seines Hauptes überlaut zuruft: [HGt.02_043,20] ,Adam, Mein Sohn, warum zögerst du so lange und eilst nicht in die offenen Arme deines ewigen, allerheiligsten Vaters, dessen endlose Liebe sich schon Ewigkeiten mit dir beschäftigte?!‘ [HGt.02_043,21] O Vater Adam, verstehst du diese Worte denn etwa noch nicht?“ [HGt.02_043,22] Der Adam aber sprang nach diesen Worten freudeglühend auf und umarmte den Pariholi; nach dem aber sagte er zu ihm: „O Pariholi, wer gab dir solche Worte zu reden? [HGt.02_043,23] Wahrlich, der tiefe Abend hat in dir diese himmlische Frucht nicht zur Reife gebracht! [HGt.02_043,24] Daher eilen wir beide hin zu Ihm und umfangen Ihn mit den hellsten Flammen unserer Liebe; denn wahrlich wahr, jetzt hat Er in meinem Herzen das Vor- und Nachfeuer angezündet! Noch nie habe ich solchen Liebedrang empfunden denn eben jetzt; daher lasse uns schnell hineilen zu Ihm, – Ihm, dem liebevollsten, heiligsten Vater! Amen.“ 44. Kapitel — Abedams Rede über den ‚Vater‘ und den ‚Richter‘ in Sich[HGt.02_044,01] Und also geleitete der Pariholi den Adam hin zum hohen Abedam. Der Abedam aber nahm den Adam, den äußerst Reuigen nun, überfreundlichst auf und sagte zu ihm: „Adam, wann wird denn einmal die Zeit kommen, da du Mich erkennen wirst von der väterlichen, nicht aber stets nur mehr und mehr von der richterlichen Seite? [HGt.02_044,02] Gestern hast du Mich gesehen von der demütigsten Seite, und Ich ließ Mich erst nach und nach erkennen von dir, wie von all deinen Kindern, damit da niemand durch Meine sichtbare Gegenwart verstört werden möchte in der Freiheit seines Herzens. [HGt.02_044,03] Da Ich Mich aber dann nach und nach erkennen ließ, also zwar, daß da niemand solle beeinträchtigt werden in der freien Sphäre seines Lebens vor Mir, so erkanntest du Mich zwar und bekanntest Mich mit dem Munde als den heiligen, liebevollsten Vater, – aber dein Herz ließ diesem Vater nie vollen Raum; sondern wo der Vater eingezogen ist, da zog auch der Richter mit Ihm, der da dein Herz dann zwang, Mich zu lieben, aber dabei doch stets dreimal mehr zu fürchten, als zu lieben. [HGt.02_044,04] Und in diesem Doppelverhältnisse bist du geblieben bis auf diese Minute und konntest Mich nie so ganz liebend erfassen, dieweil du dich fürchtetest und konntest in dieser Furcht nimmer den Vater, sondern nur stets den Richter erschauen. [HGt.02_044,05] Jetzt weckte Ich dich zwar gewaltig, und du kommst als liebender Sohn nun zu Mir, doch die Liebe in deinem nun brennenden Herzen, die ist nicht dir eigen; denn Ich habe sie, um dich voll zu erwecken, ganz frei nun in dir angezündet. Ich sag's dir: Der Vater und Richter sind noch nicht geschieden in dir! Jetzt erst suche mit eigener Kraft deines Lebens zu fassen den Vater in dir; ja erfasse Ihn vollends, und scheide den kläglichen Richter von Ihm, der dir allzeit noch hinderlich war, zu erschauen die endlose Liebe des Vaters im hellsten Lichte vor dir und vor allen den Kindern aus dir! [HGt.02_044,06] Jetzt erkenne, daß Ich nicht als Richter zu euch bin gekommen, wohl aber als liebvollster heiliger Vater, um allen den Kindern aus eigener Hand schon auf Erden zu geben den herrlichsten, heiligsten Samen fürs ewige Leben; dann wirst du ja endlich doch klärlich erschauen im eigenen flammenden Herzen, daß Richter und Vater sich ewig nicht einen im liebenden Herzen der Kinder, daß allzeit nur einzig der Vater allein oder Richter allein sich des Lebens bemeistern müssen, der Vater zum ewigen Leben – und Richter zum ewigen Tode des Geistes der Liebe. [HGt.02_044,07] Darum also scheide mit ruhiger Freude doch einmal den liebvollsten heiligen Vater vom lieblosen, zornigen, strengesten Richter in dir, dann wirst nimmer du beben und zittern vor Mir, sondern jauchzen und springen vor Freude und furchtloser kindlicher Liebe zu Mir, deinem ewigen, liebvollsten, heiligsten Vater! [HGt.02_044,08] Des sei du versichert, daß alle, die Mich als den Vater anrufen, nie werden in Mir einen Richter erblicken; doch jene, die den liebvollsten Vater allzeit und leichter und lieber als strengesten, furchtbarsten Richter im schauernden Herzen bekennen, die werden auch das an Mir leider dann finden, ja unglücklichst finden den tötenden Richter, allda sie sonst liebenden Weges den liebvollsten Vater unfehlbar treu hätten gefunden. [HGt.02_044,09] Dies merke dir wohl, du Mein Adam, Mein Sohn: Was du suchest, das wirst du auch finden, entweder den liebenden Vater, den heiligen, guten, – die ewige Liebe und's ewige Leben durch sie und in ihr, oder, wie schon bezeiget genugsam hier wurde, den Richter, den ewigen, ganz unerbittlichen, tötenden Richter der Toten, die nimmer sich wollten auf dieser sie prüfenden Erde in furchtloser, treuester und reiner Liebe zu Mir, ihrem liebvollsten Vater, hinwenden, damit Ich sie vollends belebend hätt' können ins ewige Leben des Geistes aufnehmen. [HGt.02_044,10] Dies merke dir wohl, ja lebendig im liebenden Herzen behalte es du, und behalte es jeder, dann wird sich der Richter bald vollends verlieren, und an seiner Statt wird sich in eurem liebenden Herzen alleinig der liebvollste, heilige Vater die freundlichste und allerseligste Wohnung bestellen! [HGt.02_044,11] Verstehst du die Worte, die Ich jetzt gesprochen gar treulichst da habe? [HGt.02_044,12] Ja, Adam, verstehe sie tiefst in dem Herzen der Liebe und innersten Lebens aus Mir und in Mir; hör' und sehe und fühle es ewiglich! Amen.“ [HGt.02_044,13] Nach dieser Rede fiel der Adam alsbald dem Abedam an die Brust hin und weinte vor übermäßiger Wonne der heißesten Liebe; denn jetzt erst erkannte er völlig ungetrübt den heiligen Vater, darum er auch nicht zu reden vermochte, von der zu großen Seligkeit gefangengehalten. [HGt.02_044,14] Der Abedam aber drückte ihn auch also fest an die Brust, daß da aus dieser Stellung ein jeder sehen und erkennen mußte: Jehova ist ein wahrhaftester Vater aller Menschen. Und alles fing darauf an, sich traulichst zu Ihm hin zu drängen, und die ganze Höhe ward bald eingehüllt in helle, sanft wärmende Flammen der Liebe hin zum heiligsten Vater! [HGt.02_044,15] Und der Abedam bemerkte bei dieser wunderbarst heilig feierlichen Gelegenheit: „Adam, siehe, das ist die rechte Vorfeuerung auf der Erde zu jener großen Nach- oder vielmehr Hauptfeuerung, welche dereinst nach diesem Leben in Meinem unendlichen Reiche des ewigen Lebens folgen wird! [HGt.02_044,16] Daher bleibet auch stets bei der; diese ist die wahre und Mir, dem Vater, allein wohlgefällige. – Verstehet sie alle! Amen.“ 45. Kapitel — Der höchste Lohn des Menschen: den Herrn lieben zu dürfen[HGt.02_045,01] Nach dem aber wandte sich der Abedam zum Pariholi und sagte zu ihm: „Pariholi, siehe, ein jeder redliche und fleißige Arbeiter ist auch völlig seines Lohnes wert! [HGt.02_045,02] Ich habe für dich zwar unterdessen deine Familie belebt, wie du dich soeben selbst überzeugt haben wirst, da dich dein Weib und deine sieben Kinder mit offenen, schon unsterblichen Armen aufnahmen, als du mit diesem Meinem Sohne (dem Adam nämlich) hierher kehrtest, – allein dieses Lohnes Wohltat ist wohl groß für das Gefühl der Liebe eines Vaters, aber so der Vater dann auf sich selbst eine tiefere Frage macht, welche also lauten mag: ,Was habe denn eigentlich ich selbst davon, so meine Familie ist unsterblich geworden und hat mich umfangen mit unsterblichen Armen, so ich selbst von mir aus daran doch keinen anderen Teil als nur die alleinige hohe Vaterfreude habe, meine Familie unsterblich zu wissen, gleich darauf aber meine eigene Sterblichkeit durch und durch nur zu klar und deutlich in allen meinen Eingeweiden und Gliedern empfinde?‘ [HGt.02_045,03] Siehe, das ist doch eine ganz billige Frage, gestellt an das eigene Gefühl; und dieser Frage zufolge, die zwar nicht du, sondern nur Ich in dir gestellt habe, soll dir auch geschehen, was da geschehen ist deiner Familie, und ist dir schon widerfahren, da dich die Deinen in ihre Arme aufnahmen, und bist schon unsterblich dadurch gemacht worden, daß Ich dich berufen habe, Mein Wort in dir zu tragen, dahin dich Meine Liebe beschied; allein alles dessen ungeachtet bist du als getreuester Überbringer Meines Willens an den Adam noch eines Lohnes wert. [HGt.02_045,04] Siehe, Ich überlasse es deinem ganz vollkommenst freien Willen: Frage dein Herz; was dieses nur immer wünscht, das soll dir auch alsbald werden! [HGt.02_045,05] Möchtest du die Sonne zu deinen Füßen haben, Ich sage dir: Wahrlich, sie wird sich Meinem Willen allerschnellst fügen müssen! [HGt.02_045,06] Oder willst du den Mond? Er wird sich fügen dem leisesten Meiner Winke! [HGt.02_045,07] Oder willst du all die Sterne? Ich versichere dir, sie werden wie Schneeflocken zu deinen Füßen fallen! [HGt.02_045,08] Oder willst du der Erde Eingeweide? Du kannst es Mir glauben: wie ein mächtig großer Schlangenknäuel wird es sich alsbald herauf zu deinen Füßen winden! [HGt.02_045,09] Also, was du nur immer wünschest, das soll dir – wie Ich es schon vorher gesagt habe – auch alsobald werden! Amen.“ [HGt.02_045,10] Der Pariholi aber fiel alsbald zu den Füßen des Abedam nieder und flehte weinend: „O du liebevollster, heiligster Vater, Gott, Jehova! So Du mir Wurm im Staube vor Dir schon die Unsterblichkeit allergnädigst gegeben hast, um was soll da die große Torheit meines Herzens Dich noch bitten?! [HGt.02_045,11] O Du überheiliger, allerbester Vater, ich werde Dir wohl für den kleinsten Teil Deiner heiligen Gaben an mich Unwürdigen ewig nie genug danken können; denn es liegt ja schon in einem jeglichen Atemzuge eine so endlose Wohltat, von Dir an uns Menschen gespendet, daß sie alle Engel nie genug werden beloben können, – anderer Dinge gar nicht zu gedenken! [HGt.02_045,12] Und ich abscheulicher Wurm des schmutzigsten Staubes vor Dir sollte mich erdreisten, etwa zu all dem noch gar im Ernste um Dinge als förmlich mir Taugenichtse gebührenden Lohn zu bitten, die Deine allerheiligste Zunge vor mir ausgesprochen hat, oder etwa noch um andere Unerhörtheiten?! [HGt.02_045,13] Nein, nein, Vater, heiligster Vater! Eher laß mich Scheusal vor Dir von allen Schlangen und Nattern der Erde zerreißen, bevor da mein Herz sollte nur den allerleisesten Gedanken hegen, von Dir mehr noch zu erbitten, als Du mir schon ohnehin also ewig unermeßlichermaßen hast durch Deine endlose Vatergüte zukommen lassen, von all dem Unaussprechlichen ich auch nicht des Allerkleinsten im allergeringsten würdig bin! [HGt.02_045,14] O heiligster Vater, daß Du meinen schwachen Dank für Deine so endlosen Wohltaten allergnädigst als etwas ansehen möchtest, und daß Du auch mir gestatten möchtest, Dich über alles zu lieben! Siehe, o heiligster Vater, – das ist alles, um was sich mein Herz sehnt! Dein heiliger Wille geschehe!“ [HGt.02_045,15] Bei diesen Worten Pariholis hielt sich der Abedam die Hand vor die Augen und barg Seine Tränen vor den andern Vätern; aber bald zog Er Seine Hand weg von den Augen, erregte Sich gewaltig, und bog Sich nieder zum noch weinenden Pariholi, erhob ihn schnell und sagte dann zu ihm folgende Worte: [HGt.02_045,16] „Pariholi, du hast dir zwar das Geringste dem Anscheine nach erbeten; aber wahrlich, sage Ich dir, es ist das Allerhöchste! [HGt.02_045,17] Und also sollst du aber im allervollsten Maße haben Meine Liebe, und deine ganze kleine Familie mit dir, nicht nur zeitlich, sondern ewig! [HGt.02_045,18] Deine Töchter sollen schön sein wie Morgensterne, und deine Söhne will Ich zieren mit einer Kraft in ihren Augen, daß sie die Schrift der Sterne dadurch sehen werden und lesen ihren Sinn! [HGt.02_045,19] Dein Weib soll teil an Meinem Herzen haben, wie du den vollsten an Meiner Liebe; Ich aber werde dich ewig nicht mehr verlassen! [HGt.02_045,20] Und also kommet alle her an Meine Vaterbrust! Amen.“ 46. Kapitel — Wie man beten soll. Vom Wesen Gottes und des Lebens[HGt.02_046,01] Und alsbald stürzten alle, von der höchsten Liebe entflammt, hin zum Abedam; Er aber umfing sie alle, segnete sie und drückte sie dann auf Seine Brust und sagte dann zu all den Umstehenden: „Kinder, sehet hierher alle, die ihr hier seid: Also, wie der Adam und diese Familie Garthilli nun an Meiner Brust schon ein ewiges Leben im Geiste ihrer großen Liebe und allergrößten Demut atmen, und wie es der Henoch, Jared, Lamech, Seth, Mathusalah, Enos, Kenan, Mahalaleel, Abedam der bekannte, Sethlahem, Kisehel und seine Brüder, Jura, Bhusin, Ohorion, Zuriel, Uranion, Gabiel und seine Brüder Lamel und Hored, und mit ihnen auch ihre Weiber und Kindlein und Kinder atmen, also auch sollen alle atmen im Geiste der Liebe zu Mir und aller Wahrheit aus ihr ein ewiges Leben! [HGt.02_046,02] Denn wahrlich, Ich sage euch allen: Da ist keiner, der da nicht wäre berufen von Mir! Aber doch sage Ich euch allen wieder: Es wird von all den Berufenen fürder keiner eher zu Meiner Brust gelangen, als bis er von selbst kommen wird in aller Liebe und Demut und wird dann im Herzen vor Mir bekennen, daß Ich sein Vater bin! [HGt.02_046,03] Wahrlich, Ich sage zu euch allen: Wer durch das Herz Mich nicht als Vater bekennen wird – und zwar als den alleinigen, wahren Vater –, der wird nicht gelangen zu Meiner Brust! [HGt.02_046,04] Wenn ihr aber rufet: ,Abba!‘, da rufet es im Herzen, in der Demut, in der Liebe und aller Wahrheit aus ihr; so werde Ich euch erhören! [HGt.02_046,05] Wer von euch Kindern aber immerdar rufen wird: ,Herr, Herr, Gott aller Gerechtigkeit, Gott der Gnade, Gott der Liebe und aller Erbarmung!‘, den werde Ich zwar nicht verwerfen und ihm lassen das Leben, – aber es wird sehr schwer halten, ob er je gelangen wird hierher an den Ort des allerseligst freiesten Lebens. [HGt.02_046,06] Denn Gott läßt Sich nicht umfassen, und der Herr aller Gerechtigkeit kann zufolge Seiner endlosen offenen Heiligkeit eine solche Annäherung nimmer zugeben, sondern allein der Vater, der alles in Seiner endlosen Liebe zu Seinen Kindern in Sich birgt, damit sie alle sich Ihm also vollkommen und im Geiste noch unaussprechlich inniger, als ihr es hier sehet, nähern könnten und nähern sollten, um daselbst an Seiner Vaterbrust ewig zu genießen alles, was nur immer des Vaters ist. [HGt.02_046,07] Solches also merket euch für alle Zeiten der Zeiten, daß nur allein der Vater das Leben hat und das Leben gibt; und der Vater allein ist das ewige Leben in Gott. [HGt.02_046,08] Gott Selbst ist nicht das Leben; sondern Er ist nur das Licht des Vaters, wie der Vater allein das Leben in Seinem Lichte. Der Herr hat auch kein Leben; sondern das Leben ist allein des Vaters, – denn der Herr ist nur des Vaters unendliche Macht, die Ihm allein ewig zu eigen ist! [HGt.02_046,09] Wer alsonach sich nicht an den Vater wendet vollkommen, wahrlich, der wird auch nicht zum Vater kommen; wer aber nicht zum Vater kommen wird, der wird wenig des Lebens in sich empfinden! Denn es ist zwischen Leben und Leben ein endloser Unterschied! [HGt.02_046,10] Auch der Stein lebt, darum er da ist; denn Dasein und Leben ist eins und dasselbe, – darum alles gegebene Leben ist ein immerwährender Kampf zweier Gewalten, davon die eine strebt der Vernichtung, die andere aber dem Bestehen entgegen, davon aber keine irgend anders je kann den erwünschten Stand der Ruhe finden – denn allein in Mir, dem Vater. [HGt.02_046,11] Und also lebt auch der Stein; aber welch ein für euch undenkbarer Unterschied ist da zwischen dem Steinleben und dem Leben nur einer Milbe, – und welch einer dann erst im Vergleiche mit dem Leben eines liebevollkommensten, allerseligsten, freiesten Engelsgeistes! [HGt.02_046,12] Daher werden zwar alle ein Leben haben auch in Gott und im Herrn; aber das alleinig wahre, sich selbst vollkommenst frei bewußte Leben ist nur im Vater, dem gegenüber alles andere Leben ein barer Tod ist! [HGt.02_046,13] Dies merket euch alle wohl, und kehret euch darum an den Vater, so ihr wahrhaft leben wollet! [HGt.02_046,14] Ihr alle seid berufen zu diesem Meinem Leben; und so kommet auch alle her, und nehmet es von Mir, und lasset euch erwählen von Mir, damit es dereinst nicht etwa heißen solle: ,Von den Berufenen sind nur wenige erwählt worden!‘ [HGt.02_046,15] Dies fasset alle tiefst in euren noch sehr kalten Herzen! Amen.“ 47. Kapitel — Die Demütigung und Verlegenheit der vorwitzigen Frageboten[HGt.02_047,01] Nach diesen Worten aber hatte sich die Sonne bereits hinter den Bergen vollends versteckt, und sonach war der Sabbat auch vergangen. Da all die Völkerschaften aber schon aus der Verkündigung, die am Morgen geschah, wohl wußten, daß diesmal, wie auch in alle Zukunft, am Abende keine Opferfeuer mehr abgebrannt werden, und daher aber auch nicht wußten, was sie nun tun sollten, ob bleiben, oder ob der Heimat zukehren, – so sandten sie von allen Seiten her Frageboten, die sich da erkundigen sollten auf der Höhe, was da nun zu tun sein dürfte. [HGt.02_047,02] Als sonach die besagten Boten auf der Höhe angelangt waren und sich in ihrer Absicht zum Adam, der nun noch dem Abedam auf der Brust lag, hinbegaben, da fragte sie alsbald der Abedam: [HGt.02_047,03] „Kinder, was ist der Sinn eurer Absicht? Warum seid ihr hierher gekommen?“ [HGt.02_047,04] Die Boten aber kannten den Abedam noch nicht; denn die großen Zeichen konnten sie darum nicht erwecken, weil sie vorbereitungsweise auch schon den Henoch, Jared, Kenan, Enos und Seth ähnliche Wunder hatten verrichten sehen. Und so fiel demzufolge ihre Antwort auch natürlicherweise sehr schiefrig und etwas spitzig aus und lautete also: [HGt.02_047,05] „Was fragst du uns? Bist du doch weder Adam, noch Seth, noch Enos, noch einer aus der heiligen Reihe der Väter, noch haben wir dich zuvor gefragt, da doch an uns hierher Gesandten die Reihe des Fragens weilt! [HGt.02_047,06] Wo aber bist du geboren und wo erzogen worden, daß dir die Art noch also ganz und gar unbekannt ist, da es sehr hoch gefehlt und äußerst unschicksam ist, in der sicheren Gegenwart des erhabenen Erzvaters ihm mit einer sehr unzeitigen Zunge vorzugreifen?! [HGt.02_047,07] Wie magst du uns denn ,Kinder‘ nennen, – da wir deinem Aussehen nach ganz gut deine Urgroßväter sein könnten?! [HGt.02_047,08] Und dann, welch eine läppische Frage: Was ist der Sinn unserer Absicht, und warum sind wir hierher gekommen? – Wird etwa doch der Sinn unserer Absicht auf ein Haar derselbe sein, als warum wir hierher gekommen sind?! – Sieh, wie albern! [HGt.02_047,09] Das haben aber jetzt schon fast die meisten jungen Menschen, daß sie ganz entsetzlich vorlaut sind und merken nicht, daß da ihrem Munde eine Dummheit um die andere entfällt; darum sei auch du für die Zukunft klüger, und halte deine Zunge hübsch im Zaume! – Merke dir das für die Zukunft!“ [HGt.02_047,10] Nach diesen Worten aber gingen sie weiter und suchten den Adam und fanden ihn nicht. [HGt.02_047,11] Es hatten aber im Augenblicke innerlich vom Abedam alle, die da auf der Höhe waren, das Gebot erhalten, von Ihm zu schweigen, aber den Suchern dennoch zu zeigen, allwo sich der Adam befindet. [HGt.02_047,12] Und alsbald gelangten sie zum Seth und fragten ihn, wo sich der Erzvater befinde. Und der Seth zeigte ihnen den Adam sogleich mit dem Finger. [HGt.02_047,13] Da erstaunten sie gewaltig, wie sie da hatten können vorüberziehen, ohne den doch sehr kennbaren Adam bemerkt zu haben. [HGt.02_047,14] Der Seth aber sagte darauf ganz kurz zu ihnen: „Ja wahrlich, Kinder, es gehört ganz abscheulich viel Blindheit dazu, um das zu übersehen, und ganz entsetzlich viel Taubheit, um dieses Tages erweckendstes, großes, heiliges Geräusch zu überhören! Gehet also dahin, und ihr werdet daselbst den Erzvater aller Väter wohl antreffen! Amen.“ [HGt.02_047,15] Dieser Bescheid hat die zwölf Boten also sehr ins Bockshorn gezwängt, daß sie nun dastanden wie versteinert und wußten nicht, was sie daraus machen sollten. [HGt.02_047,16] Der Seth aber ließ noch einen kleinen Donner los und sagte zu ihnen: „Was stehet ihr Sabbats-Taugenichtse nun hier? Habe ich euch denn nicht gezeigt, wo der Adam ist? [HGt.02_047,17] Also wartet doch nicht so lange hier, bis euch etwa gar der Erdboden von selbst weitertragen wird, sondern gehet wenigstens mir aus dem Angesichte!“ [HGt.02_047,18] Als die Boten solchen Nachstoß erhielten, da sprangen sie von dannen, als wenn sie jemand gebrannt hätte, und wußten nicht, wohin sie sich nun flüchten sollten; denn es hatte sie eine große Angst und übergroße Scheu ergriffen, daß sie darob allen Mut verloren, sich noch dem strengen Adam zu nähern, da sie der sanfte Vater Seth schon also unsanft aufgenommen hatte. [HGt.02_047,19] Und zurück getrauten sie sich ohne die bescheidende Antwort auch nicht. [HGt.02_047,20] Was ist nun zu tun? – Einer von ihnen aber sagte: „Ja, was nützt es uns, allhier in dieser kaum hundert Schritte weiten Ferne von den Vätern zu harren für nichts und wieder nichts? [HGt.02_047,21] Gehen wird entweder ganz aus dem Angesichte der Väter, oder gehe einer von uns dahin, wo uns der Mensch mit dem blonden, langen Haar zuerst angeredet hatte, und frage ihn, da er unsere Absicht ohnehin zuerst hat wissen wollen, was da zu tun sein solle, und überbringe uns hernach die Nachricht. [HGt.02_047,22] Es wäre überhaupt gut, den etwas vorlauten Menschen etwas näher kennenzulernen; denn hinter dem muß sicher etwas Besonderes stecken, da ihm der Adam, dem sich sonst sehr schwer zu nähern ist, also zugetan ist, daß er ihn sogar mit seinen Händen umfangen hält! [HGt.02_047,23] Welcher von uns aber wird sonach dieses saure Amt über sich nehmen?“ [HGt.02_047,24] Einer aus der Schar stimmte alsbald dem Vorwortführer bei und sagte dann zu den Umstehenden: „Ja, wahrlich ein saures Geschäft! Ich weiß nicht, was es sein dürfte, das ich lieber täte nun denn gerade das! [HGt.02_047,25] Wahrhaftig, ihr könnet mich abfäusten, daß ich darob blau werde wie der Mittelpunkt des Himmels bald nach dem Untergange der Sonne, – und mir wird es lieber sein, als so ich nun noch einmal zu den erhabenen Vätern mich begeben sollte! [HGt.02_047,26] Brüder, es ist doch sonderbar, wie ich mir jetzt vorkomme; wahrhaft, es ist mir gerade also zumute, als wäre ich mit einer allerdümmsten Bubenschandstrafe irgendeines närrischen Vergehens wegen belegt worden! [HGt.02_047,27] Und in dieser Gemütsverfassung sollte ich nun etwa gar den am Sabbate schon allzeit ganz entsetzlich erhabenen Vätern mich nahen?! [HGt.02_047,28] Nein, das soll doch sicher der allerletzte Gedanke meines ganzen Lebens sein, und sollte ich schon eine ganze Ewigkeit auf der Erde zu verleben und da nichts als lauter saure Äpfel auf ihr zu essen haben! [HGt.02_047,29] Ich somit für meinen Teil werde hier eine etwas größere Dunkelheit abwarten, um dann ganz sachte mich aus diesem lästigen Staube und nach meiner Heimat unvermerkt zu machen. [HGt.02_047,30] Das ist nun mein sehr zweckmäßiger Plan; ich will aber dadurch dennoch keinem von euch eine Vorschrift machen, sondern jeder von euch tue, wie es ihm am allerbesten dünkt; ich bleibe aber vorderhand bei meinem ausgesprochenen Plane, – ja, ja, ich bleibe fest dabei!“ [HGt.02_047,31] Und ein dritter richtete auch alsbald ein Wort an den Redner und sagte: „Wahrhaft, Freund und Bruder, dein Gedanke kann mir gefallen, darum auch ich dir gleich tun möchte; aber eines macht mich dabei bedenken, und das sind die Väter, Brüder und Kinder, die uns hierher gesandt haben und nun fruchtlos harren auf eine Antwort! [HGt.02_047,32] Ich glaube aber, da sich von uns schwerlich einer mehr getrauen wird, hinauf zum Adam in dieser Hinsicht zu gehen, so wird es denn doch noch besser sein, der lieben Ehrlichkeit getreu zu bleiben und geraden Weges unverrichteterdinge wieder zu den unsrigen zurückzukehren und ihnen da ohne Umstände zu melden, was uns allhier widerfahren ist. Da allen die überaus wunderliche Sabbatserhabenheit der Erzväter bekannt ist, so wird es auch sicher niemanden ärgerlich wundernehmen, daß wir unverrichteterdinge wieder zu ihnen zurückgekehrt sind! [HGt.02_047,33] Aber auch ich, wie du, Bruder, will damit niemandem etwas vorschreiben, sondern belasse jeden gerne bei seiner besseren Meinung.“ [HGt.02_047,34] Und alsbald meldete sich auch ein vierter und sagte, wie mit sich selbst redend: „Die Ideen sind nicht übel; aber die erste scheint mir dennoch die bessere zu sein, obschon am allersauersten. [HGt.02_047,35] Was könnte denn einem auch geschehen, so man in aller Demut noch einmal hinginge zum Adam?! Das Leben wird er einem darob ja doch nicht nehmen?! [HGt.02_047,36] Hat man dann von ihm etwas erfahren, so ist es dann auch wohl und gut, – und hat man nichts ausgerichtet, so ist man doch wenigstens vollkommen schuldlos vor denen, die unsereinen hierher beschieden haben; denn das muß ja schon sogar ein Kind von sieben Jahren einsehen, daß man vom Adam nicht also, wie von einem Baume ein Stückchen lockerer Rinde, eine erwünschte Antwort herauszwicken kann. [HGt.02_047,37] Antwortet er einem auf eine Frage, so ist das wohl und gut; und antwortet er nicht, nun, so wird darum die große Mutter Erde ja auch noch keinen Sprung vom Aufgange bis zum Niedergange hin bekommen! [HGt.02_047,38] Man verneigt sich dann allerehrerbietigst und geht seines Weges wieder weiter. [HGt.02_047,39] Und was aber endlich den jungen fremden Mann betrifft, den der Adam umfaßt hielt, so scheint er ja eben auch nicht völlig ein Tiger zu sein, obschon er sehr viele Ähnlichkeit hat mit dem Fremdlinge, den ich gestern sonderbar genug auf einem Tiger habe reiten sehen. [HGt.02_047,40] Kurz und gut, das Leben wird's nicht kosten! Daß ich sicher etwas angedonnert werde, das setze ich schon voraus; und weiters, – was sollte mir oder was könnte mir noch Übleres begegnen?! [HGt.02_047,41] Wer kennt den Adam nicht schon so lange, als er lebt?! Er ist ein Mann stets voll donnernden Ernstes; und was da besonders an einem Sabbate herauskommt, wenn man ihm um etwas zu einer ungelegenen Zeit kommt, das weiß auch fast ein jeder von uns. [HGt.02_047,42] Somit – wißt ihr, was?! – Brüder und Freunde, ich bin vollkommen bereit, hinaufzugehen und unser aller Glück zu versuchen! Wer es mit mir halten will, dem sei von mir sicher kein Hindernis in den Weg gelegt! [HGt.02_047,43] Ich glaube aber, es werden zwei oder drei einen Seth-artigen Stoß leichter vertragen denn einer allein; und so lasset uns noch einmal das Glück versuchen! Wer weiß, wozu die Sache noch alles gut sein wird?! [HGt.02_047,44] Es ist aber ja schon eine alte Lehre bei uns, daß da alles Gute sein Schlechtes und alles Schlechte sein Gutes hat, gleichwie der Tag ohne die Nacht kein Tag und die Nacht ohne den Tag keine Nacht wäre. [HGt.02_047,45] Also auch lasset uns daher nicht zu lange bedenken; und wer da Mut hat, der mache sich mit mir auf den Weg!“ [HGt.02_047,46] Es fingen aber fast alle an, sich hinter den Ohren ganz gewaltig zu kratzen, und einer um den andern bemerkte: „Du hast freilich wohl ganz vollkommen recht; aber – wenn – setzen wir den Fall! – wir, – ja wir alle, etwa alles dessen von dir Gesagten ungeachtet sollten den alten Adam über uns einen Fluch aussprechen hören – und wir wissen, daß Adams Stimme so gut wie Jehovas Stimme Selbst ist! –, wie dann? Was dann?“ [HGt.02_047,47] Und alsbald ermannte sich der frühere Selbstredner und sagte in einem sehr unschlüssigen Tone: „Ja, – ja, – das habe ich freilich ganz vergessen! [HGt.02_047,48] Ja, jetzt bekommt die Sache ein ganz anderes Gesicht! Wahrlich, so hier guter Rat nicht teuer wird, so wird er es ewig nimmer! – [HGt.02_047,49] Aber sehet, sehet, da kommen ja soeben zwei Männer den Hügel herab – und, wie es mir scheint, gerade auf uns zu! [HGt.02_047,50] Laßt uns sehen, ob sich mit ihnen nicht ein kleines unterhandelndes Geschäft machen läßt! Laßt nur mich voraustreten, so ihr euch etwa fürchtet!“ 48. Kapitel — Die furchterfüllten Frageboten und ihre Aufrichtung durch Abedam und Adam. Garbiels große Liebe zu Abedam[HGt.02_048,01] Nach einer ganz kurzen Weile von kaum einigen Augenblicken sagte unser Hauptredner wieder zu den anderen mit etwas verlegener Stimme: [HGt.02_048,02] „Brüder und Freunde! So wahr wir alle vom Adam abstammen, – wenn mich meine Augen nicht also täuschen, daß ich eine Katze für einen Berg ansehe, – wahrlich, ich will keinen Zahn im Munde haben, wenn – ja, jetzt ist es klar, – erkennet ihr's nicht? – Ja, ganz vollkommen klar ist es jetzt: diese zwei – sind Adam und der fremde Mann! [HGt.02_048,03] Jetzt helfe uns, wer uns kann und mag! Zum Davonlaufen ist nun keine Zeit mehr, und es kommt mir auch vor, als wäre mir solches kaum möglich. [HGt.02_048,04] Nein, das wird jetzt eine ganz sonderbare Begebenheit werden! – Brüder, wißt ihr was? – Werfen wir uns nur sogleich nieder auf unsere Angesichter, sonst wird's hoch gefehlt sein! [HGt.02_048,05] Denn der Adam versteht durchaus keinen Scherz. Wenn schon sonst nichts herauskommt, so doch ganz sicher eine vollkommene, wenigstens zehn Jahre andauernde Verbannung! [HGt.02_048,06] Und ein jeder von uns sehe nur zu, zu bitten, was nur immer seine Brust vermag, sonst – ich sage es euch – ist's vollkommen aus mit uns! [HGt.02_048,07] Richtig, sehet, gerade auf uns los! Sie sind schon sehr nahe; jetzt nur niedergefallen!“ [HGt.02_048,08] Und alsbald fielen alle zur Erde nieder und fingen an zu schreien: – „O erhabenster Vater Adam, sei uns Frevlern gnädig und barmherzig! O erhabenster Erzvater, verschone uns mit deinem Grimme! O du übermächtiger, ungeborener, erster Mensch der Erde, laß nicht deinen großen Zorn über uns! [HGt.02_048,09] O du Ebenmaß Gottes, du Sohn Jehovas, habe Nachsicht mit unserer unendlich großen Torheit!“ [HGt.02_048,10] Und also schrien sie fort, als der hohe Abedam und der Adam schon lange bei ihnen standen. [HGt.02_048,11] Es fragte aber in der Stille der Abedam den Adam: „Höre, wie gefällt dir dieses Geschrei?“ [HGt.02_048,12] Und der Adam entgegnete: „O Vater! Das ist ein großes Jammergeschrei; diesen Jammer habe ich in sie gelegt! [HGt.02_048,13] Gestern vormittag hätte ich noch ein Wohlgefallen daran gehabt; jetzt aber möchte ich weinen vor Mitleid! [HGt.02_048,14] Die Armen fürchten sich vor mir, – und ich weiß nicht, was alles aus Liebe ich für sie tun möchte! [HGt.02_048,15] O Du heiliger, liebevollster Vater, sei auch hier wieder gnädig und voll der Erbarmung, und mache wieder eine Torheit meines Herzens gut.“ [HGt.02_048,16] Und der Abedam sagte zu ihm: „Siehe und glaube es Mir, das ist nicht die letzte Torheit, die du vor Mir begingst, und die Ich wieder gutzumachen habe; denn so viel Arbeit hast du Mir gemacht mit deiner eigen verschuldeten Blindheit, daß Ich bis ans Ende der Zeiten vollauf werde zu tun haben, um alles wieder in die ursprüngliche Ordnung zu bringen! [HGt.02_048,17] Siehe, also, wie diese dahier schmachten, schmachten noch gar viele hier, die da um uns her gelagert sind! [HGt.02_048,18] Die Familie Garthilli diene dir zu einem starken Beweise. Der Uranion und seine Nachkommen, wie kamen sie auf die Höhe? Und doch ist sein Haus des Morgens allerleuchtendstes. [HGt.02_048,19] Doch, was du getan hast, sei für dich in keiner Rechnung mehr; denn siehe, Ich habe es in Meine eigene Rechnung aufgenommen und weiß gar wohl, was Ich darum für alle Zeiten der Zeiten tun werde. [HGt.02_048,20] Allein jetzt ist noch eine kleine Reihe an dir; rufe den, der da uns am nächsten auf der Erde liegt, beim Namen und heiße ihn mit guter Stimme erstehen, und wir wollen dann zusehen, was alles sich da machen wird lassen! Amen.“ [HGt.02_048,21] Und alsbald beugte sich der Adam zu unserem Hauptredner und Anführer nieder, ergriff seine Hand und rief ihm dann ins Ohr: [HGt.02_048,22] „Garbiel! Erstehe, – und mache ein Ende deinem leeren Geschrei!“ [HGt.02_048,23] Der Garbiel aber sagte alsbald, noch auf der Erde liegend, zu den übrigen: „Brüder, höret nun auf zu schreien – es nützt nichts mehr, – sondern stehet auf mit mir, und jeder sei auf das strengste Strafurteil gefaßt; denn ihr wißt es ja alle, daß, so irgend einen Bittenden der erhabenste Vater an der linken Hand faßt und ihn aufzustehen heißt, solches soviel sagen will als: ,Gehe nur eilends auf zwanzig Jahre lang weit über die Mitternacht hinaus völlig aus meinen Augen!‘ [HGt.02_048,24] O wehe uns, wehe uns! Also ist uns nicht einmal gestattet, unser Weib und unsere lieben Kinder mitzunehmen! O wehe, wehe uns allen; denn nun sind wir verloren!“ [HGt.02_048,25] Und der Adam sagte darauf zum Garbiel: „Garbiel! Du bist ein großer Tor; solches hat nun für alle Zeiten der Zeiten ein Ende! [HGt.02_048,26] Fürchte dich nicht; es kommt von euch allen niemand je in eine Verbannung mehr; denn der euch noch fremde Mann und ich sind nun nicht hergekommen zu euch, um euch zu erdrücken, sondern um euch alle vollends aufzurichten und, so es möglich sein möchte, euch auch vollkommen zu beleben. Darum erstehet alle! Amen.“ [HGt.02_048,27] Als aber der Garbiel solche Worte aus dem sonst so überstrengen Munde Adams vernommen hatte, da sprang er alsbald auf wie ein junger Hirsch und wußte aus übergroßer Freude nicht, was er tun solle. Er umarmte sogleich den Adam und küßte sieben Male seine Brust; dann aber umarmte er auch alsbald den ihm noch fremden Mann und sagte: [HGt.02_048,28] „Wer du auch immer sonst sein magst, – kurz, meiner nun aus ihren Schranken getretenen Liebe bist du doch wert! Liebt Jehova doch die Fliegen sogar; warum sollst du, wenn auch noch mir unbekannter Bruder, von meiner nun allgemein brennenden Liebe ausgeschlossen sein?!“ [HGt.02_048,29] Und der Abedam bekam somit auch sieben feste Küsse auf die Brust. [HGt.02_048,30] Als er aber also beide abgeküßt hatte, da rief er zu den sich eben Erhebenden: „Brüder, daher kommet! Ach, was habe ich jetzt an der Brust dieses Fremden empfunden! [HGt.02_048,31] Da gibt es keine Worte dafür! – – Kommet, kommet, Brüder, und versuchet es alle, wie überaus wohl es einem in seiner Nähe wird! [HGt.02_048,32] Nein, Brüder, Freunde, – ich will mich in mein Herz beißen und mir die Haut abziehen lassen, wenn dieser herrliche Fremde je auf Erden irgend ist geboren worden! [HGt.02_048,33] Und diesem himmlischen Manne konnten wir früher eine solche Antwort geben! [HGt.02_048,34] Gibt es denn nun keinen hungrigen Tiger irgendwo, daß er uns alle dafür auffräße?! [HGt.02_048,35] O kommet, kommet und empfindet, was hier ist!“ 49. Kapitel — Die innerste, wahre Absicht der Frageboten, von Abedam enthüllt.[HGt.02_049,01] Und die andern elf begaben sich alsbald hin zum Adam und dann zum Fremden und taten – obschon etwas furchtsam noch –, was vorher der Garbiel getan hatte, und fanden beim Fremden wunderbar bestätigt, auf was sie der Garbiel aufmerksam gemacht hatte. [HGt.02_049,02] Da sie sich insgeheim aber also hoch verwunderten in ihrem Herzen, da berief alsbald der Abedam den Garbiel zu Sich und fragte ihn, sagend nämlich: [HGt.02_049,03] „Garbiel, kannst du dich noch entsinnen der Frage, die Ich euch gab, als ihr auf der Vollhöhe angelangt seid?“ [HGt.02_049,04] Und der Garbiel, etwas verblüfft, entgegnete darauf nach kurzem Sinnen: „Ja richtig, richtig, du hast uns auf der Höhe eine etwas sonderbare Frage gegeben, worauf wir dann auch dir eine sonderbar genug dumme Antwort gaben. [HGt.02_049,05] Ja, ja, richtig; mir fällt es nur nicht sogleich bei, wie die Frage gestellt war. Von der Absicht und vom Sinne ist darin etwas vorgekommen; nur weiß ich nun nicht mehr recht, ob die Absicht in dem Sinne, oder der Sinn in der Absicht sich befand. [HGt.02_049,06] Der Frage zweiten Teil weiß ich wohl recht genau, nämlich: ,Warum seid ihr hierher gekommen?‘; aber den ersten Teil bringe ich nicht mehr ganz zurecht. [HGt.02_049,07] Sinn und Absicht stecken sicher beisammen; aber wie? Das ist nun für meine Armseligkeit eine ganz andere Frage! [HGt.02_049,08] Es ist aber doch wahrhaft ganz sonderbar: Gerade früher war noch sogar die Rede davon unter uns, – und jetzt brächt' ich's nicht heraus und wenn jemand darum mich auch allergewaltigst ins Genick beißen möchte! [HGt.02_049,09] Nein, aber so dumm war ich denn doch in meinem ganzen Leben nicht! Das nun nicht mehr füreinander zu bringen! [HGt.02_049,10] Lieber, mir noch unbekannter Freund! Siehe, ich bin sonst nicht gar so dumm; aber die frühere große Angst hat mir beinahe meinen eigenen Namen verschleppt! Und so ist es wohl verzeihlich, so ich dir notgedrungen den ersten Teil deiner Frage schuldig bleiben muß! [HGt.02_049,11] Du wirst die Frage sicher noch wissen! Möchtest du denn sie uns nicht noch einmal kundgeben? [HGt.02_049,12] Vielleicht finden wir jetzt eine bescheidenere Antwort darauf, als unsere grenzenlose, aufgeblähte Torheit sie gefunden hatte auf der Höhe. [HGt.02_049,13] So dein Wille es wäre; aber sei deshalb ja nicht ungehalten oder ärgerlich!“ [HGt.02_049,14] Und der Abedam willfahrte sogleich dem Verlangen Garbiels und gab ihm somit die volle Frage von neuem. [HGt.02_049,15] Jetzt aber sprang der Garbiel auch vor Freuden, darum er nur die Frage wieder hatte, und sagte sogleich wieder, zu reden anfangend, darauf: „Ja, ja, also war es: ,Was ist der Sinn eurer Absicht; und warum seid ihr hierher gekommen?‘ [HGt.02_049,16] Nun, lieber Freund, da du mich darum fragtest, – die Frage wäre durch deine gütige Hilfe wieder da; was soll denn nun damit geschehen?“ [HGt.02_049,17] Und der Abedam beschied darauf, sagend: „Nun, so du die Frage wieder hast, da gib Mir die Antwort darauf! Siehe, das ist alles, darum Ich aus dir wissen wollte, ob die Frage noch unter euch sich befindet!“ [HGt.02_049,18] Und der Garbiel fing an nachzusinnen und sagte darauf: „Ja, was der Frage zweiten Teil betrifft, da sind wir auf die Höhe gesandt worden, um da für alles Volk uns Rat zu holen, ob wir die Nacht hindurch hier – wie es sonst gewöhnlich war – verbleiben sollen oder nicht, da heute alles ungewöhnlich vor sich ging und am Abende kein Opfer mehr abgebrannt wird. [HGt.02_049,19] Siehe, das ist die ganze Ursache unserer Hierherkunft, oder das ist das Ganze, darum wir auf die Höhe gekommen sind, und wird vielleicht sicher auch der Sinn unserer Absicht sein! [HGt.02_049,20] Was aber jedoch etwa mit dem Sinne in der Absicht es für eine andere Bewandtnis noch haben dürfte, siehe, lieber Freund, solches könnte ich dir wohl unmöglich erörtern; daher wirst du schon so gut sein wollen und uns allen freundlichst kundgeben, welchen Sinn in deiner Absicht du birgst!“ [HGt.02_049,21] Und der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „So höre denn: Darum ihr gekommen seid auf die Höhe, hast du richtig beantwortet; aber darinnen lag nicht der Sinn eurer Absicht, – sondern in dem lag er, daß euer Herz da war mit heimlichem Ärger erfüllt und ihr unter der Hülle der zweiten Frage habet erforschen wollen, warum heute ohne euer Wissen und Wollen des Sabbats Feierlichkeit also verkehrt wurde. – Siehe, ist es nicht also?! [HGt.02_049,22] Da Ich euch dann alsbald erkannte und euch zuvorkommend darum fragte, so ließet ihr den Sinn eurer Absicht Mir sogleich merken dadurch, daß ihr Mir mit sehr unsanften Worten begegnet habet. – Ist es nicht also? [HGt.02_049,23] Ihr wolltet zwar nur darum laut fragen, ob ihr bleiben oder heimziehen sollet; aber was da den Sinn eurer Absicht betrifft, da wolltet ihr euch nur ganz heimlich spähend erkundigen und damit dann sättigen euren geheimen Ärger und bei günstiger Gelegenheit dann denselben ausschütten vor den Vätern, und das zwar schon am nächst bestimmten Streittage (am Dienstage), an dem die Väter euren Klagen allzeit ein williges Ohr schenken! – Ist es nicht also?“ [HGt.02_049,24] Und der Garbiel, ganz außer sich samt den übrigen und ganz betroffen, wurde ganz stumm und konnte kein Wort herausbringen. [HGt.02_049,25] Der Abedam aber sagte darauf zu allen: „Folget Mir und dem Adam nun alle auf die Höhe; allda sollet ihr euch zuerst stärken mit Speise und Trank, da ihr heute noch nichts genossen habet, und sodann wollen wir von Meinem Sinne in Meiner Absicht einige gute Worte miteinander bei gutem Mute tauschen! Amen.“ 50. Kapitel — Die Allwissenheit und Weisheit des Fremden. Des staunenden Garbiels Ahnung[HGt.02_050,01] Nach dieser Einladung ermannte sich erst der darüber sehr erstaunte Garbiel, da er nicht begreifen konnte, wie dieser fremde Mann solches also bis auf ein Haar wissen mochte, und begann darum folgende Worte an den Fremden zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_050,02] „Höre, du über alles schätzbarster Freund, – du bist mir ein überaus rätselhafter Mann! Wie magst du also Verborgenstes in unserm Herzen lesen, wie schauen bis auf ein Haar, was darinnen vorgeht? [HGt.02_050,03] Nein, sage ich, nein, das ist zu viel für einen Menschen von meinem Schlage! [HGt.02_050,04] Siehe, du mein über alles nun schätzbarster Freund, ich glaube nun schon fest, daß es da mit dir nicht ganz natürlich zugeht! [HGt.02_050,05] Denn fürs erste ist das außergewöhnliche Gefühl, das ich zuvor an deiner Brust empfand, und fürs zweite aber nun noch mehr dein durchdringendster Blick, vor dem nicht einmal irgendein allerverborgenster Winkel unseres Herzens sicher ist, ein allersprechendster Beweis dafür. [HGt.02_050,06] Ich will es zwar nicht in Abrede stellen, daß es durch die Zulassung von oben sehr scharfsehende Menschen geben kann, wie also zum Beispiel den Henoch, Kenan, Jared, Enos und Seth, welche wirklich auch schon so manches Wunderbare bewirkt haben, wie den heutigen Blitz – vorausgesetzt, daß etwa nicht du solches bewirkt hast! – und die schnelle Wiederherstellung der Grotte Adams – das heißt, wenn etwa nicht auch du deine Hände ans Werk gelegt hast! – und die plötzliche Stillung des gestrigen Sturmes – wo nicht etwa auch du dich desselben angenommen hast! [HGt.02_050,07] Ja, wie ich sage, es ist durchaus nicht zu leugnen, daß sehr gottergebene Menschen durch Seine gnädige Zulassung so manches vermögen. [HGt.02_050,08] Aber so viel ist auch gewiß und völlig wahr: Mein Herz ist bis zu diesem Zeitpunkte dennoch ganz verschont geblieben, und es hat nicht einmal der erhabenste Erzvater vermocht, je in diese innerste Falte des Lebens zu blicken! [HGt.02_050,09] Wie demnach du solches vermagst, weiß ich mir wahrlich nicht zu entziffern! [HGt.02_050,10] Da du aber solches vermagst, wer kann da neben dir bestehen? [HGt.02_050,11] Ich bin nun durch und durch mit einer großen Furcht vor dir erfüllt und bitte dich darum, uns allen deine allergütigste Einladung zu erlassen, daß wir dir folgen möchten auf die Höhe und sicher da unwürdigst genießen die im höchsten Grade unverdiente Kost aus der Schüssel Adams. [HGt.02_050,12] Denn was den ärglichen Sinn unserer geheimen Absicht betrifft, so sind wir darüber ja schon im reinen; was aber deiner Absicht Sinn betrifft, so glaube ich, du hast ihn uns schon gegeben dadurch, daß du uns allen gezeigt hast, inwieweit wir alle wahrhafte arge Schurken waren, aber in alle Zukunft nicht mehr sein und noch weniger je wieder werden werden, – des kannst du völlig versichert sein! Da du aber schon der Mächtigste der Höhe nun zu sein scheinst, darum der erhabenste Erzvater Adam selbst dir über die Maßen zugetan zu sein scheint, so gib du uns den gütigen Bescheid darüber, darum wir hierher gekommen sind, damit wir noch, ehe sich die Strahlen der Abenddämmerung gänzlich verlieren, den Unsrigen die erwünschte Nachricht zu bringen vermöchten! [HGt.02_050,13] Allerliebster Freund, nur nimm diese meine Äußerung etwa nicht als eine unbedingte Forderung unseres Willens an den deinen und also auch an den des erhabensten Erzvaters Adam, sondern allein nur als eine ganz vom Herzen aus demütigste und also pflichtmäßigst bescheidene Bitte; denn so mein Verlangen etwa dir zuwider sein sollte, da wollen wir dir alle eher bis ans Ende der Welt folgen, als dir nur im allergeringsten in irgend etwas je mehr widerstreben! Daher werde von uns allen dein sicher äußerst mächtiger Wille ganz vollkommen respektiert!“ [HGt.02_050,14] Und der Abedam sagte darauf zu dem sehr gesprächigen Garbiel: „Höre, Ich sage dir, deine Zunge ist ein wahrhaftes Meisterstück; denn du redest dich damit selbst blind und überhörst die lauten Forderungen deines Herzens, das da im Ernste keinen schlechten Grund hat! Siehe, alles, was du jetzt geredet hast, hat weder einen Kopf, noch einen Fuß, noch eine Hand, und noch auch irgendeinen Leib! [HGt.02_050,15] Denn was du nun geredet hast, ist lediglich nichts anderes als ein leerer Wind, mit welchem du dir deine Furcht hast aus dem Leibe reden wollen. [HGt.02_050,16] Du sagtest: wer da neben Mir bestehen kann, da Ich die Kunst verstehe, in des Lebens innerste Falten zu blicken. [HGt.02_050,17] Darum dich dann eine große Furcht anwandelt; siehe, das allein kam aus dem Herzen! Ich sage dir aber: Stecke du deine Zunge zwischen die Zähne und halte sie fest, auf daß sie nicht noch einmal dir dein eigenes Herz betrüge und dir glauben mache, als hättest du schon den Sinn Meiner Absicht mit euch allen erkannt! [HGt.02_050,18] Siehe, solches ist gar sehr eitel; denn gar bald wirst du es samt deinen Brüdern erkennen, daß den vollen Sinn Meiner Absicht mit euch allen auch der allerhöchste und vollkommenste Engelsgeist des obersten Himmels ewig nie erfassen und begreifen wird! [HGt.02_050,19] Was aber deine Botensorge betrifft, so wissen alle nun schon ganz vollkommen, daß sie heute, morgen und übermorgen, also bis zum Streittage, allhier zu verweilen haben. [HGt.02_050,20] Und so hast du damit keinen entschuldigenden Grund mehr, auszubleiben und nicht zu folgen Meiner Einladung! [HGt.02_050,21] Da nun deine Furcht ersichtlich eitel ist und all die Deinen schon lange gehörig versorgt sind, so wirst du Mir ja doch folgen können?!“ [HGt.02_050,22] Und der Garbiel erwiderte unter Freudentränen: „Ja, wahrlich ja, jetzt folge ich Dir, wohin Du willst! [HGt.02_050,23] Denn mir geht nun eine große Ahnung auf, da du sagtest, wie unerforschlich der Sinn Deiner Absicht ist! [HGt.02_050,24] Ich wage es mit der Zunge zwar noch nicht auszusprechen, – aber dafür spricht es sich in meinem Herzen desto lauter aus durch eine vorher noch nie empfundene Liebe, daß Du ein Vater bist! [HGt.02_050,25] Und darum will ich Dir folgen ewig, wohin Du willst, ja ewig! Amen.“ 51. Kapitel — Abedams Rede über das Licht. Der allmächtige Gott und der liebevolle Vater in Abedam[HGt.02_051,01] Und der Abedam machte Sich zum Gehen und sagte, zum Garbiel Sich wendend: „Also folget Mir! Wahrlich, Ich sage euch, wer Mir folgt, der wandelt einen rechten Weg und wird nicht irre werden auf dem Pfade des Lebens hin zum Leben! [HGt.02_051,02] Wer aber mag da ohne Licht wandeln durch einen gedehnten Waldweg in der dichten Nacht?! [HGt.02_051,03] Die Welt aber ist der Wald, und des Menschen irdisches Leben der Weg, und die Zeit der Körper ist die dichte Nacht. [HGt.02_051,04] Wer da kein Licht hat, wird der wohl den gerechten schmalen Mittelweg treffen, der da allein nur wahrhaft führt den Wanderer hin zum heiligen Liebeziele, welches da ist das ewige Leben?! [HGt.02_051,05] Ich aber bin ein wahrhaftes, untrügliches Licht Selbst und bin der Weg und das ewige Leben Selbst. [HGt.02_051,06] So ihr demnach Mir nachfolget, da habt ihr des Lichtes in großer Menge, und es wird euch ewig nimmer möglich sein, den rechten Weg zu verfehlen, da das Licht der Weg selbst ist, und ihr werdet auch nimmer können verfehlen das heilige Liebeziel, welches ist das ewige Leben, da der Weg und das Licht das heilige Liebeziel selbst sind, welches da ist das wahrhafte ewige Leben. [HGt.02_051,07] Daher auch folget Mir alle, und fraget nicht, wohin! Denn da, wo Ich bin, ist überall der rechte Ort und überall das ewige Leben. [HGt.02_051,08] So aber da jemand ein Licht nähme zur Nachtzeit und möchte es stellen bald auf einen Berg, bald in ein Tal und bald an verschiedene Orte, – wird sich da das Licht irgend ausnehmen, als wäre es nicht am rechten Platze? [HGt.02_051,09] Ich sage euch aber: Das Licht paßt überall hin; denn wer kann da behaupten und sagen: Diese oder jene Stelle taugt nicht für das Licht des Tages, nicht, dahin die Sonne spendet ihre Strahlen?! [HGt.02_051,10] Also auch ist es mit dem Lichte des Geistes, – darum da auch niemand fragen soll, so das Licht kommt über ihn, ob es tauge oder nicht tauge für ihn, oder ob er würdig sei des Lichtes oder nicht! [HGt.02_051,11] Sondern, wenn das Licht kommt, dann ergreife es jeder behende und lasse sich dienen das Licht! Denn so das Licht da ist, da ist es da, um allen zu dienen; ist es aber einmal hinweggestellt worden oder untergegangen, da wird der Würdige nicht minder als der Unwürdige den Mangel des Lichtes gar trauernd empfinden. [HGt.02_051,12] Und er wird den Aufgang herbeirufen; aber der Aufgang wird dann sehr verzögert werden, und diese Zögerung wird jedem werden zu allen Zeiten zu einem großen und sehr harten Steine des Anstoßes. [HGt.02_051,13] Wehe aber denen, die am Tage fallen und wollen sich nicht aufrichten lassen vom Lichte, solange dasselbe unter ihnen wandelt! [HGt.02_051,14] Wahrlich, sage Ich euch, sie werden hart aufstehen, wenn die Nacht sie ereilen wird! [HGt.02_051,15] So aber da jemand fällt in der Nacht, ist es dem nicht zu verzeihen?! [HGt.02_051,16] Ja, Ich sage es euch: Die in der Nacht Gefallenen werden sich ehedem und leichter aufrichten, wenn des Tages Licht kommen wird, als diejenigen, die da fallen am hellen Tage und sind zu träge, auf daß sie sich alsbald wieder aufrichten möchten, damit das Licht sie bringen könnte zum heiligen Liebeziele. [HGt.02_051,17] Ich sage euch daher noch einmal: Ergreifet das Licht mit euren Herzen, solange es unter euch ist; denn die Zeit des Lichtes ist kurz, – aber überlang die Zeit der Nacht! [HGt.02_051,18] Welcher es aber jetzt ergreifen wird, der wird dann aber daran auch ewig nimmer einen Mangel leiden. [HGt.02_051,19] Erkennet es aber endlich auch vollkommen, daß Ich Selbst es bin: das Licht alles Lebens und das urewigste alleinige Leben Selbst! [HGt.02_051,20] So ihr solches erkennet in euren Herzen, so habet ihr das Licht und das Leben schon in euch völlig aufgenommen. [HGt.02_051,21] Was aber ist das Licht und das Leben, das heilige, das ewige? [HGt.02_051,22] Gott Selbst ist das Licht; und die ewige Liebe in diesem Lichte ist das ewige Leben, und ist der Vater, von dem du, Garbiel, vorher, als du Mir dein letztes Wort aus deiner großen Ahnung gabst, aussagtest und wohl bekanntest, daß Ich ein Vater sei! [HGt.02_051,23] Ja wahrlich, sage Ich euch, Ich bin der alleinig wahre Vater, und ihr alle seid Meine Kinder, so ihr Mich als Vater anerkennet! [HGt.02_051,24] Wer Mich aber nicht als Vater wird anerkennen wollen – und das völlig im Herzen –, dem werde Ich sein, was Ich bin dem Steine, nämlich ein ewig richtender Gott und Schöpfer! [HGt.02_051,25] Meine Kraft, Macht und Gewalt ist ohne Ende – also spricht Gott für Sich –, wer wird und will Mir widerstreben? [HGt.02_051,26] Aber der Vater schmiegt Sich zu den Kindern und verbirgt vor ihren furchtsamen Augen den allmächtigen Gott, damit sie Ihn alle in ihren Herzen ergreifen möchten und folgen Seinem wahren Vaterrufe. [HGt.02_051,27] Sehet, Ich Selbst bin der Vater und rufe euch, Mir zu folgen! [HGt.02_051,28] Daher zaudert nicht, ihr Meine Kindlein, und folget Mir; denn Ich bin ja euer aller heiliger und liebevollster Vater! [HGt.02_051,29] Höret, und folget Mir! Amen, Amen, Amen.“ 52. Kapitel — Garbiels gute Rede über den göttlich-väterlichen Geist der Rede Abedams[HGt.02_052,01] Als der Abedam aber diese Rede beendet hatte, da fielen alsbald der Garbiel und alle die übrigen auf ihre Angesichter nieder, und zwar nahe an den Füßen Abedams. [HGt.02_052,02] Garbiel aber, als er sich ein wenig erholt hatte, begann alsbald eine sehr beachtenswerte Rede an die Brüder und Freunde zu richten, so zwar, daß der Adam selbst sagend dieser Rede ein großes Zeugnis gab und belobte den Redner also: [HGt.02_052,03] „Garbiel, ich habe schon viele Reden von menschlichen Zungen gehört; aber solche Worte sind von einem Ungeweckten noch kaum je zu meinen Ohren gedrungen! [HGt.02_052,04] Sei froh, denn Abedam hat schon Übergroßes an dir getan! Was erwartet dich noch alles, wenn dein Herz erst völlig eins wird mit Ihm in der reinen Liebe?!“ [HGt.02_052,05] Solches sprach der Adam zum Garbiel, als dieser seine Rede beendet hatte; die Rede des Garbiel aber lautete also: [HGt.02_052,06] „Freunde, Brüder! Habt ihr's gehört, habt ihr's vernommen, habt ihr's begriffen?! [HGt.02_052,07] Wer vermag solche Worte an unsere Ohren und Herzen zu richten? [HGt.02_052,08] Oder hat je, vom Erzvater angefangen bis auf unsere noch sprachunfähigen Kindlein, jemand solche Worte gehört? [HGt.02_052,09] ,Nein, nein, nein!‘ müßt ihr alle sagen; denn das sind nicht Worte menschlicher Weisheit entstammend, – auch nicht die eines allervollkommensten Engelsgeistes. [HGt.02_052,10] Denn wo ist da in der ganzen Unendlichkeit durch alle Ewigkeiten der Ewigkeiten ein Wesen erschaffen worden, das da vermöchte solches aus sich hervorzubringen?! [HGt.02_052,11] Freunde und Brüder, denket, denket! Wer kann das sein, ja Wer muß das sein, muß notwendigst ewig sein, der da von Sich, ja ganz völlig von Sich, aussagen mag: ,Ich bin das Licht, der Weg, das heilige Ziel!‘? – Ja, das urewige alleinige Grundleben Selbst! [HGt.02_052,12] Freunde, Brüder! – Solltet ihr etwa noch nicht merken, Wer der Fremdling ist? [HGt.02_052,13] O dann müßtet ihr blinder sein denn der Mittelpunkt der Erde um die allerstockfinsterste Mitternacht und tauber denn ein allerhärtester Stein im allertiefsten Grunde des Meeres! [HGt.02_052,14] Wahrlich wahr, so jemand von uns solche Worte fest wie von sich aussprechen möchte, ich bin nun überklarst überzeugt, seine Zunge würde noch nicht das zweite Wort berühren, so wäre auch schon von solch einem Frevler nicht die allerleiseste Spur mehr vorhanden. [HGt.02_052,15] Ja, so die große Erde solches vermöchte, wenn sie hätte eine Zunge irgendwo in einem weitesten Munde, – wahrlich, schon der erste Gedanke, solches von sich auszusagen, müßte sie auf ewig vernichten! [HGt.02_052,16] Ja, der großen Sonne ginge es nicht um ein Haar besser! [HGt.02_052,17] Oder vermöget ihr solches nicht zu erfassen? – So ihr es nicht vermögen solltet, da wage es nur einer oder der andere, solches von sich aus in aller Stille zu denken, ja zu denken sich als das heiligste, ja als das allerheiligste, urewige Leben alles Lebens, das Licht alles Lichtes, den Weg alles Weges und das heilige Endziel aller Dinge; ja denke einer sich als die allerhöchste Kraft aller Kräfte, als die allerhöchste Macht aller Mächte und als die allerhöchste Gewalt aller Gewalten – und bestehe aber dabei, ob er mag und kann! [HGt.02_052,18] Ich war noch nie ein Prophet; aber jetzt bin ich einer und sage mit der allerhöchstmöglichsten Sicherheit und allervollsten Überzeugung voraus, daß, so er sagen würde: ,Ich bin die allerhöchste Gewalt aller Gewalten!‘, er auch alsbald nimmerdar vermögen würde, das allerfeinste Gewebe einer Spinne zu zerreißen; [HGt.02_052,19] Und so er sagen möchte: ,Ich bin die allerhöchste Macht aller Mächte!‘, ihn alsbald ein Sonnenstäubchen zu Boden drücken auf ewig möchte; [HGt.02_052,20] Und so er sagen möchte: ,Ich bin die allerhöchste Kraft aller Kräfte!‘, ihm alsbald ein Mücklein zerbräche alle seine Gebeine und verzehrte seine Muskeln; [HGt.02_052,21] Und so er sagen möchte: ,Ich bin das heilige Endziel aller Dinge!‘, ihn dann auch alsbald verschlingen möchte aller Ewigkeiten endlosester Abgrund ins Feuer der ewigen Vernichtung; [HGt.02_052,22] Und so er sagen möchte: ,Ich bin der Weg alles Weges!‘, ihn die Erde alsbald verzehren möchte im Feuer ihres Zornes; [HGt.02_052,23] Und so er sagen möchte: ,Ich bin das Licht alles Lichtes!‘, ihn alsbald die allerdichteste Finsternis umgeben möchte; [HGt.02_052,24] Und so er endlich gar sagen möchte: ,Ich bin das heiligste, urewigste Leben alles Lebens selbst!‘, – wer möchte da die allerhöchste Geschwindigkeit des allerflüchtigsten Augenblickes bemessen, in welchem ihn solches Wort selbst von seinem innersten Leben aus zerstören würde und auf ewig vernichten also gänzlich, als wäre er nie dagewesen?! [HGt.02_052,25] O Freunde und Brüder, da wir nun solches verstehen und nun sicher mit allen Händen und Füßen sogar wohl begreifen und sehen den Fremdling, der da alles solches vor unseren Augen und Ohren von sich aussagte, noch ganz wohl erhalten mächtig und kräftig vor uns stehen und hören ihn uns alle zu sich rufen, wie ein wahrer, ja alleinig wahrer Vater seine Kinder zu sich ruft, und unser Herz in uns laut schreit und sagt: ,Ja, Du allein bist ein wahrer Vater, und wehe dem, der an sich mit diesem allerheiligsten Namen den schändlichsten Frevel treiben möchte und sich noch ließe ,Vater‘ rufen!‘, – Wer und Was und woher ist demnach dieser Fremdling? [HGt.02_052,26] Sehet, die unendlichen Himmel voll leuchtender Wunder, und die Erde voll Wunder, und unser Herz das größte Wunder, rufen und sagen es uns nun überlaut: ,Jehova, Gott, der ewige Schöpfer aller Dinge, der heilige Vater, – weilet bei Seinen Kindern auf der Erde!‘ [HGt.02_052,27] Brüder, verstehet ihr nun das?!“ [HGt.02_052,28] Nach dieser Rede Garbiels aber hieß der Abedam sie alle wieder erstehen von der Erde und sagte zu ihnen: „Kinder, nun ist es an der Zeit, daß ihr Mir folget auf die Höhe, damit Ich euch da in der Gegenwart aller Väter innerlich zeige einen andern Sinn in Meiner Absicht mit euch! [HGt.02_052,29] Denn sehet, die Erde ist ein großes Feld, auf dem da wächst viel des Grases aller Art, viel der Gesträuche aller Art und viel der Bäume aller Art; und es bekriecht den Boden ein zahllos Gewürm, und all die Wälder sind voll des Getieres aller Art, und die Wässer sind voll, und die Luft ist voll. [HGt.02_052,30] Wer achtet alles dessen?! In wessen Herz ist eine Ordnung alles dessen?! Und doch ist das Herz aus dieser Ordnung! [HGt.02_052,31] Daher folget Mir, damit euch da offenkundig dargetan werde ein anderer Sinn Meiner Absicht mit euch! Amen.“ 53. Kapitel — Auf dem Wege zur Höhe. Besediels stille Naturbetrachtungen und seine Äußerungen über das Menschwesentliche des Herrn. Garbiels gute Erwiderung[HGt.02_053,01] Und alsbald erhoben sich alle, voll der allerhöchsten Ehrfurcht, und folgten dem Abedam und dem Adam, am ganzen Leibe zitternd, teils aus zu großer Wonne, teils wieder aus zu großer Furcht vor der Heiligkeit, Macht, Kraft und Gewalt Gottes, und teils aber auch von der sich stets mehr meldenden Liebe in ihrem Herzen zum heiligen Vater genötigt, auf die schon bekannte Höhe. [HGt.02_053,02] Ein Bruder des Garbiel aber ging hinter ihm her und sagte ganz leise zum Garbiel: „Höre, Bruder! Wenn ich jetzt diesen mit also überzahllosen Sternen übersäten Himmel anblicke, und wir wissen nun bereits alle von Seth, Enos und auch gar helle vom Henoch aus, daß diese Sterne lauter unbegreiflich größte leuchtende Weltkörper sind, – Bruder, und wenn mir der Gedanke vorleuchtend sagt: ,Besediel, siehe, da vorne geht aller dieser Wunder ohne Zahl und groß ohne Maß der Schöpfer, der allmächtig Überheilige! Ein heiliger Gedanke von Ihm, und der endloseste Raum wird alsbald leer dastehen, begraben in seine eigene ewige, unendliche Nacht; und wieder ein heiliger Gedanke von Ihm, der da vorne geht, und neue überherrliche Schöpfungen werden erglänzen durch die große Unendlichkeit!‘, – o Bruder, welch ein unaussprechliches Gefühl bemächtigt sich da meines Herzens! [HGt.02_053,03] Du hast zwar früher gesagt, ob wir noch nicht merkten, wer der Fremdling ist. [HGt.02_053,04] Oh, ich sage dir, daß ich es schon bei Seiner ersten Ankunft gemerkt habe, und es ward mir klar, daß hinter Ihm etwas Unaussprechliches müsse verborgen sein; denn solches verkündigten mir Seine Augen und Sein Mund, bevor Er noch ein überheiliges Wort an uns gerichtet hatte. [HGt.02_053,05] Oder hast du je solche Augen gesehen und einen solchen Mund?! [HGt.02_053,06] Welche Würde, welche Heiligkeit, welche Stärke, welche Macht, Kraft und Gewalt spricht sich da nicht auf das allerklarste aus; und wer möchte da nicht alsbald vor Wonne vergehen, so Er einen in der Nähe ansieht; und wie höchst liebevollst einladend ist Sein Antlitz in einer geringen Entfernung! [HGt.02_053,07] Und entfernt man sich aber mehr und mehr von Ihm, so wird aber Sein Antlitz auch stets heilig ernster und gewinnt stets mehr an etwas, das da unbeschreiblich ist. [HGt.02_053,08] Ich weiß es kaum, ob es in einem Herzen mehr eine heilige, allerhöchste Ehrfurcht erregt oder ob mehr die tiefste Reue und die stärkste Sehnsucht, sich Ihm wieder stets mehr und mehr zu nahen, ja so es möglich wäre, sich mit Ihm gänzlich zu vereinen! [HGt.02_053,09] Und kommt man Ihm dann näher und näher, wie schleunig verschwindet da alles Ferngefühl, und eine früher nie empfundene heilige Liebe fängt da das Herz an dessen Stelle an anzuwehen, daß in ihr das Leben und die Vernichtung sich gleich endlos wonnig aussprechen! [HGt.02_053,10] O Bruder, nun frage ich dich, der du um vieles weiser bist denn ich, hast du solches nicht auch gefunden? [HGt.02_053,11] Da du mir schon so vieles gesagt hast, möchtest du mir denn nun nicht auch kundgeben, inwiefern ich meinem Gefühle trauen soll, oder inwiefern es vielleicht doch noch mit Irrtümlichem untermengt sein dürfte? So du etwas weißt, da gib es mir alsbald kund!“ [HGt.02_053,12] Und der Garbiel sagte zu seinem Bruder Besediel: „O Bruder! Glaube deinem Gefühle, glaube aber auch, daß solches nicht aus dir, sondern heilig aus Dem in dein Herz strömt, der da vorne uns alle führt der heiligen Höhe zu, – ja, Bruder Besediel, zu einer Höhe, die da nicht ist eine Höhe der Erde nur, sondern endlos viel mehr: eine Höhe des inneren ewigen Lebens aus Ihm! Solches ahne ich! [HGt.02_053,13] O Bruder und ihr Brüder alle, erweitert alsbald eure Herzen, und werfet alles unnütze irdische Zeug hinaus, damit es in selbem desto räumlicher und freier wird, um aufzunehmen all die großen Schätze, die da schon über uns reichlichst ausgeschüttet worden sind, und die noch ganz sicher über uns ausgeschüttet werden! [HGt.02_053,14] Lasse aber, liebster Bruder, vorderhand deine zu großen Gedanken; denn wahrlich wahr, mir kommt es vor, als wäre das zu endlos Große auch zu endlos heilig für unsere noch ungefegten Herzen! [HGt.02_053,15] So aber jemand von uns allen in seinem Herzen mit etwas beschäftigt ist oder sein will, der reinige es auf das tätigste durch wahre Reue und Liebe zu Dem, der uns da führt! [HGt.02_053,16] Denn sehet, wir alle sind dem Ziele nahe; die Väter fallen schon alle auf ihre Angesichter nieder beim Anblicke Dessen, der uns führt! [HGt.02_053,17] O sehet, sehet, wie werden sie nun alle von einem heiligen Lichte umflossen; wie erglänzet nun die Höhe! [HGt.02_053,18] O Brüder, weinet und betet; denn heilig, heilig, heilig ist es hier! [HGt.02_053,19] O du mein armes, sündiges Herz, – wirst du wohl ertragen die bevorstehende Enthüllung, das Licht des ewigen Gottes, des heiligen Vaters?!“ 54. Kapitel — Empfang der zwölfe von den Vätern. Seths Sprachfehler durch Abedam geheilt. Die Speisung der zwölf[HGt.02_054,01] Wie aber der Garbiel und der Besediel unterwegs sich miteinander besprachen, also besprachen sich auch all die andern und kamen somit, allesamt und sämtlich von Mir geführt, eines wohlbereiteten und tieferbauten andächtigsten Herzens auf der Vollhöhe an. [HGt.02_054,02] Als sie aber da anlangten, da hieß der Abedam all die Väter alsbald sich wieder aufrichten und empfangen die zwölf von Ihm und dem Adam selbst auf die Höhe Gebrachten. [HGt.02_054,03] Als aber die Väter solchen Wunsch vom Abedam vernommen, da streckten aber auch alsbald all die Väter, Weiber und Kinder ihre Arme aus nach den zwölfen, und so wurden diese auf das allerliebreichste aufgenommen. [HGt.02_054,04] Nur der Seth getraute sich nicht hinzu; denn er fürchtete sich nun vor denen, die er früher also etwas unsanft angedonnert hatte. [HGt.02_054,05] Adam aber berief alsbald den Seth zu sich und fragte ihn, sagend nämlich: „Ahbel-Seth, warum bleibest du ferne, da alles, was da nur atmet auf dieser Höhe, der Stimme des überheiligen Vaters folgt? [HGt.02_054,06] Oder sind dir denn die Arme steif geworden, daß du sie nicht magst ausstrecken nach denen, die der heilige Vater Abedam Selbst hierher gebracht hat? – Oder hast du etwa gar Seinen Aufruf überhört?“ [HGt.02_054,07] Der Seth aber fiel alsbald nieder vor Adam und Abedam und sagte flehend: „O vergebet mir unbesonnenem Toren! Was ich getan habe, – –“ [HGt.02_054,08] Hier fiel ihm alsbald Abedam ins Wort und sagte: „Das habe Ich getan, und darum war es recht und wohl getan! [HGt.02_054,09] Aber deine Furcht ist nun eitel, derzufolge du dich nun nicht getrauest, aufzunehmen diese, die doch Ich Selbst hierher geführt habe, und habe dann euch alle herbeigerufen und allen angezeigt, was ihr tun solltet! [HGt.02_054,10] Lege alsonach deine törichte Furcht beiseite, und folge dem Beispiele aller andern, so wirst du dein Herz ledig machen und es ferne halten jeglichem Vorwurfe deines eigenen Gewissens, – und das um so mehr, indem du vor Mir als ein Mann frei von aller Sünde dastehst! – Verstehe es, und handle danach! Amen.“ [HGt.02_054,11] Und der Seth erhob sich alsbald und streckte auch alsbald seine Arme überfreundlichst zur Aufnahme nach den zwölfen aus. [HGt.02_054,12] Als diese aber bemerkten, daß auch der vorher erzürnte Vater Seth die Arme nach ihnen ausstreckte, da fielen sie beinahe alle hin zu seinen Füßen und baten ihn um Vergebung, da sie früher ihm sicher durch ihre unüberlegte Torheit die Gelegenheit gegeben zu haben glaubten, daß er sich darob habe ärgern müssen. [HGt.02_054,13] Der Seth aber konnte vor lauter Liebeergriffensein auch nicht ein Wort über seine Lippen bringen; doch was seine Zunge für eine kurze Zeit zu tun unvermögend war, das zeigten desto werktätiger seine Hände und seine Brust, indem er allerfleißigst einen um den andern vom Boden mit eigenen Händen aufhob, ihn mit Zeichen aufrichtete im Herzen und dann an seine Brust drückte. [HGt.02_054,14] Als er nun auf diese Art werktätig gezeigt hatte, wie er eigentlich gar nicht und nie erzürnt war, sondern daß er das, was er vorher an ihnen getan hatte, sicher nur aus einem inneren höheren Antriebe getan hatte ihrer ewigen Lebenswohlfahrt wegen, aber dabei doch gewahrte, daß die zwölfe seine Zeichen nicht völlig verstehen mochten, so wandte er sich alsbald an den Abedam und deutete Ihm auf die Zunge und auf seine Brust. [HGt.02_054,15] Denn Seth hatte von der Geburt aus den Fehler, daß er da längere Zeit oft nicht ein Wort über seine Lippen zu bringen vermochte, wenn sich große Affekte seiner Seele bemächtigt hatten. [HGt.02_054,16] Und alsbald berührte Abedam des Seths Mund und Brust und sagte zu ihm: „Seth, Ich sage dir, tue auf deinen Mund, und ewig nimmer soll deine Zunge dir ihren Dienst versagen; und also mache nun Luft deinem Herzen! Amen.“ [HGt.02_054,17] Und alsbald ergoß sich aus Seth ein ganzer Strom von den allerherrlichsten Worten, welche also lauteten: [HGt.02_054,18] „O Kinder, o Kinder der Liebe des heiligen Vaters, hätt' ehedem ich nicht aus einem gar rechtlichen, heiligen inneren Triebe mit lauteren stärker erschallenden Worten euch müssen abweisen von meinem euch über die Maßen stark liebenden Herzen, – fürwahr, meine Freunde, mein Herz hätt' euch alle verschlungen vor heißester Liebe! [HGt.02_054,19] Ihr Kinder, ihr Freunde, doch wie ihr geflohen vor meinem an Adam, den Vater, euch weisenden Worte so schnell und so hart alle seid da hinab von der heiligen Höhe, da tat es mir wehe um euch, meine Kinder und Freunde, darum ihr, dahin euch mein Wort hat ganz ernstlich beschieden, nicht wolltet euch kehren und fragen daselbsten den Adam, darum ihr herauf seid so mühsam und furchtsam den Hügel gestiegen! [HGt.02_054,20] Denn sehet, solange der liebe, der heilige Vater, von Adam geleitet, noch nicht eure Schar hat erreichet, so lange auch war es mir bange, ja überaus bange im liebenden Herzen um euch, meine Freunde und Kinder! [HGt.02_054,21] Doch als ich nach kurzem ersahe den heiligen Vater so liebvollst euch alle an Seine Brust ziehen und drücken, da fiel mir ein drückender Stein, wie die Erde so schwer, denn auf einmal von meinem noch schmerzvollen Herzen, darum ich euch Kinder vor mir, eurem liebenden Vater, gar traurig da fliehen mußt' sehen! [HGt.02_054,22] Doch nun laßt uns alles vergessen! Der heilige Vater hat also ja haben es wollen; darum sei auch ewig Ihm Dank und die reineste Liebe, der' unsere Herzen nur fähig je sind! [HGt.02_054,23] Und nun, Kinder und Freunde, wie ich es nun merke, so habet ihr heute noch nicht euch gestärket mit Speise und Trank; darum kommet hierher an die Körbe, und esset und trinket, was all's ihr darinnen nur findet, – denn all's ist gesegnet vom heiligen Vater! [HGt.02_054,24] O kommet, o kommet und nehmet zu euch diese Speise zum ewigen Leben!“ [HGt.02_054,25] Und alsbald auch hieß der Abedam sie folgen dem Seth und tun, was ihnen der Seth angetragen hatte. [HGt.02_054,26] Und sie folgten dem Seth hin zum Korbe Adams und aßen und tranken alle wohlgemut daraus. 55. Kapitel — Garbiels Lob der Mahlzeit. Abedams Rede vom übertriebenen Dank[HGt.02_055,01] Als die zwölfe aber nun aufgestanden sind von den Körben, nachdem sie sich hinreichend gesättigt und gestärkt hatten, gingen sie alsogleich hin zum Abedam, zum Adam und zum Seth und dankten allerinbrünstigst für die so große Gnade, wie sie es sagten, darum sie sich sogar an dem Speisekorbe Adams hatten also mit den allerwohlschmeckendsten Speisen sättigen dürfen. [HGt.02_055,02] Und der Garbiel sagte darauf zu den übrigen laut: „Brüder! Ich glaube, daß wir fast alle einen Gaumen haben; so ihr es aber empfunden habt, wie ich es mit meinem Gaumen empfunden habe, so müßtet ihr alle samt und sämtlich mit mir stimmen und sagen: [HGt.02_055,03] Soweit wir der sonst nur mageren Erde Boden kennen, so bringt er keine solchen Früchte zum Vorscheine, deren herrliche Form fürs erste schon alles bisher Gesehene also weit übertrifft, wie das Licht der Sonne jenes sparsame des Mondes, wann er entweder zu leuchten beginnt oder endlich wieder zu leuchten aufhört. [HGt.02_055,04] Was aber den Wohlgeruch und den Wohlgeschmack betrifft, dafür hat die ganze Erde meines Erachtens kein vergleichbar treffendes Bild mehr, – außer so ich den Sinn der Worte Dessen, der da nun unter uns ist (der allerheiligste liebevollste Vater!), mit dem Sinne meiner leeren Zungenwetzerei vergleichen dürfte, welcher Unterschied endlos ist und ist für jede geschaffene Zunge unaussprechlich. [HGt.02_055,05] Demnach also, liebe Brüder und Freunde, zu urteilen, haben diese Früchte sicher einen ganz unbegreiflich höheren Ursprung, als den wir alle nur schon zu gut für den gewöhnlichen kennen. [HGt.02_055,06] Da aber solches nimmer zu verneinen ist, was folgt dann als ewiger Pflichtteil für uns? [HGt.02_055,07] Sehet hierher auf mich: Dieses Herz, das da schlägt in meiner Brust, will ich dafür dem allerhöchsten Geber solcher Gaben zu einem ewigen Dankopfer von der höchstmöglichen Liebe erbrennen lassen und, soviel es mir nur immer möglich tunlich sein wird, den heiligen Vater loben und preisen Tag für Tag, Stunde für Stunde, und alle Augenblicke für Augenblicke. [HGt.02_055,08] Denn übersüß waren diese Früchte und überherrlich ihr Wohlgeschmack! Darum wollen wir loben und preisen den heiligen Vater unser Leben lang; denn Er ist ja über und über gut und ist voll der allerhöchsten Liebe, Gnade und Erbarmung. Und solches alles währet bei Ihm ewiglich; darum sei auch ewig hochgelobt und gepriesen Sein heiliger Name! Amen.“ [HGt.02_055,09] Und alle respondierten, sagend: „Ja, ewig überhoch gelobt und über alles gepriesen sei unseres großen heiligen Vaters überheiliger Name! Amen.“ [HGt.02_055,10] Darauf erst fielen sie vor Abedam nieder und lobten und priesen Ihn über alle die Maßen aus dem allerinnersten Grunde ihres Herzens. [HGt.02_055,11] Der hohe Abedam aber hieß sie alsbald wieder erstehen, und als sie sich alle wieder nach und nach aufgerichtet hatten, sagte Er zu ihnen: [HGt.02_055,12] „Kinder, es hat ein Vater wohl recht viele und große Freude an dankbaren Kindern, und an Kindern, die ihre Herzen füllen stets mehr und mehr mit wahrer kindlicher Liebe zum Vater. [HGt.02_055,13] Aber was dünkt euch in dem Falle: So da irgendein Vater gäbe einem Kinde einen kleinen reifen Apfel, das Kind aber dann über diese Gabe sofort also ergriffen würde und bliebe, daß es darob den Vater nimmerdar aufhören möchte zu loben Tag und Nacht; und so es der gute Vater auch beruhigen wollte, das Kind aber dessenungeachtet den Vater in einem Atem doch fort und fort loben möchte, solange es nur noch irgendeiner Stimme fähig wäre, und täte dem Lobe erst durch die gänzliche Unfähigkeit einen Einhalt. – Also, was dünkt euch in dem Falle? [HGt.02_055,14] Wie wird es dem guten Vater bei einer nächsten Gabe schwer werden ums Herz, so er schon im voraus ersehen wird, welcher Dankmarter er dadurch sein liebes Kind wieder preisgeben wird! [HGt.02_055,15] Und was Schmerzhaftes aber wird ihm sein Herz erst sagen, wann er daran gedenken wird, seinem Kinde eine höhere Gabe zukommen zu lassen, da es schon eine also geringe Gabe vor lauter Dankbarkeit beinahe um das Leben bringt! [HGt.02_055,16] Und wird das Kind mit der Zeit wirklich mit einer höheren Gabe belehnt werden, wie wird es aber für dieselbe gebührend zu danken imstande sein, so es sich schon erschöpft hatte in der Dankbarkeit für die frühere, kaum beachtenswerte Kleinigkeit! [HGt.02_055,17] So ihr nun Mir für einen euch dargereichten Flügel einer Mücke und für ein Härchen an eurem Leibe mit der euch nur immer möglich allerhöchsten Liebe danken, ja ewig danken wollet, da möchte Ich denn hernach doch auch von euch erfahren, wie und wie lange ihr Mir danken werdet, so Ich euch allen bescheren werde das allerhöchste Gut, welches ist das allerseligste und allerwonnevollste ewige Leben! [HGt.02_055,18] Oder, so ihr Mir für eine Nuß schon wollet die ganze Erde, den Mond, die Sonne und alle die Sterne zum Dankopfer bringen, was werdet ihr Mir dann erst hernach für die Gabe, die da besteht in einer ganzen Erde, bieten?! [HGt.02_055,19] Sehet daher, Meine überaus geliebten Kinder, also muß auch der Dank ein gerechter Dank sein, indem er ist eine liebevolle Bestätigung dessen, was jemand empfängt! [HGt.02_055,20] So aber jemand dankt für einen Strohhalm wie für eine Zeder, der ist dann ja entweder ein Tor, oder er stellt aus seinem Herzen eine lügenhafte Bestätigung über etwas aus, das er noch nie empfangen hatte. [HGt.02_055,21] Daher machet auch ihr ein Ende eurem Loben, und bereitet eure Herzen dafür lieber zum Empfange dessen aus Meiner Hand vor, was da endlos hoch über alle diese Früchte erhaben ist! [HGt.02_055,22] Gehet aber zuvor in eure Herzen, und sehet euch da ein wenig um; was ihr aber da finden werdet, das gebet Mir dann alle einstimmig kund! Amen.“ 56. Kapitel — Henochs Anweisung, wie man sich im Herzen umsehen soll. Der Unterschied zwischen Verstandeslicht und Herzenslicht. Zeitliche Liebe und ewige Liebe[HGt.02_056,01] Nach dieser Rede Abedams aber traten die zwölfe nach der Weisung des Henoch einige Schritte zurück, der sie auch begleitete, bei ihnen bleibend, geistig in ihre Herzen, und zeigte durch eine kurze Rede, was das heißt, sich im eigenen Herzen umsehen und dann dessen gewahr werden, was entweder im Herzen ist oder vorgeht. – Die Rede aber lautete also: [HGt.02_056,02] „Höret, liebe Brüder, der allerheiligste, liebevollste Vater Abedam Jehova Emanuel Abba hat zu euch geredet, nachdem Er sattsam angehört hatte euer kindliches Lob: [HGt.02_056,03] ,Sehet euch in euren Herzen um; und was ihr darinnen werdet finden, das gebet treulich Mir kund!‘ Also war der Sinn der überheiligen Rede. [HGt.02_056,04] Es hat aber auch der allerheiligste Vater gar wohl gesehen, daß ihr diesen Sinn nicht fassen werdet; darum gab Er mir heimlich im Herzen die Weisung, daß ich euch geleiten soll in euer Herz und also auch in den verborgenen Sinn dieser Seiner letzten Worte, die Er da am Schlusse an euch alle gerichtet hatte. [HGt.02_056,05] Solches nimmt euch zwar ein wenig wunder; aber ihr werdet es alle gar bald ersehen, wie es eben nicht zu leicht ist, alsogleich seine Augen in sein eigenes Herz zu richten und dann dasselbe vollkommen zu beschauen. [HGt.02_056,06] Denn sehet, bis jetzt war bei euch allen nur vorzugsweise der Verstand eures Kopfes die Leuchte eurer Seele, aber der ewig lebendige Geist, der da wohnt im Herzen der Seele, und der da ist das alleinig wahre, innerste, lebendige Licht des Lebens, der ist bei euch noch nie geweckt worden! [HGt.02_056,07] Ist aber dieser nicht geweckt, dann ist es auch umsonst, in sein Herz zu schauen; denn wo kein Licht ist, was sollte da wohl gesehen werden?! Oder kann da jemand bei einer allerstockfinstersten Nacht nur eine Spanne weit vor sich hin sehen?! [HGt.02_056,08] Also aber ist es auch um so mehr mit dem Geistesschauen im eigenen Herzen, daselbst niemand etwas zu erschauen vermag, so da nicht vorher lebendig geweckt wurde sein Geist. [HGt.02_056,09] Aber, werdet ihr nun fragen, wie und wodurch kann denn der Geist geweckt werden? [HGt.02_056,10] Sehet, eben darum erhielt ich die Weisung, euch alle zu geleiten hierher; da wir aber schon bis hierher glücklich gelangt sind, da werden wir mit der Hilfe Dessen, der uns allen diese heilige Weisung gab, auch dahin gelangen, wohin wir alle nach dem allerhöchst besten und allervollkommensten heiligsten Willen Dessen gelangen müssen, der uns allen diese Weisung gab! [HGt.02_056,11] Also aber ist der Weg, und das ist das alleinige Weckmittel des Geistes, daß ihr alle euch im Herzen, das heißt in der allervollkommensten Liebe, an den allerheiligsten Vater wendet voll Vertrauen und voll gerechter, uneigennütziger Treue. [HGt.02_056,12] Wenn ihr aber gewahren werdet, daß es da in eurem Herzen heißer und heißer wird, dann achtet auf euer Herz; denn dann ist die Entzündungs- und Lichtzeit auch schon da. Und so dann eure Herzen alle erbrennen werden zu Gott, dem allerheiligsten, liebevollsten Vater, da schauet in euch, und ihr werdet die Wunder des ewigen Lebens in euch erschauen! [HGt.02_056,13] Aber solches merket euch gar wohl hinzu, daß ihr etwa ja nicht darum allein den allerheiligsten Vater zu lieben beginnet; denn der allerheiligste Vater will Seiner Selbst willen geliebt sein. Und daß eure Liebe nicht also sich gestalte, als möchte sie nur dauern von heute bis morgen; denn mit einer sich nur zeitlich gestaltenden Liebe ist ja nicht einmal das schwache Weib zufrieden, geschweige erst der ewige Gott! [HGt.02_056,14] Es wird aber das Leben beschaffen sein, wie da beschaffen ist die Liebe. Ist die Liebe zeitlich, so wird auch das Leben ein vergängliches sein gleich der Liebe, welche da ist die alleinige Bedingung des Lebens; in solcher Liebe aber ist kein Licht. [HGt.02_056,15] Ist aber die Liebe für ewig gestaltet, so ist auch das Leben gleich ihr; und sehet, solche ewige Liebe ist erst das lichte Wachwerden des ewigen Geistes, der da selbst nichts als pur Liebe ist. [HGt.02_056,16] Nun wisset ihr alles; tuet danach, so werdet ihr euch gar wohl und bald innerlich zu beschauen vermögen! Amen.“ [HGt.02_056,17] Und der Besediel ergriff alsbald die Hand des Henoch und sagte zu ihm: „Mein mir über alles teurer Bruder! Mit welchen Ergießungen meines Herzens soll ich dir nun danken für diesen so überaus herrlichen Dienst, den du unseren allerbedürftigsten Herzen erwiesen hast?! [HGt.02_056,18] Siehe, in diesem Punkte war ich, wenigstens für mich genommen, noch bis auf diesen gegenwärtigen Augenblick blind; denn, wie du es wenigstens an mir sehr genau erraten hast, bis jetzt habe ich nur allein den Verstand zu bilden gesucht und suchte daher alles zu zergliedern, was mir nur immer untergekommen ist, da ich mir dachte: [HGt.02_056,19] Gottes Vollkommenheit unterscheidet sich von unserer Unvollkommenheit bloß nur im allein allervollkommensten Verstande, – daher wir uns dann auch nur durch die alleinige Ausbildung unseres Verstandes Gott nähern können. [HGt.02_056,20] Daß ich dann zufolge dieses höchst irrigen Grundes das Herz nie beachtet habe, brauche ich dir hier nicht noch mit leeren Worten zu bekräftigen, indem du schon ohnehin zuvor gar trefflich gesehen hast, wie es mit unserem Herzen steht. [HGt.02_056,21] Aber wie ganz töricht und rein umsonst diese oft schauerliche Mühe war, sehe ich erst jetzt ein; denn was sollte dem Toten doch alle endlose Wissenschaft nützen?! [HGt.02_056,22] Für tausend hohle Atemzüge wäre die Nacht ja ums unaussprechliche besser; der Lebendige aber bedarf der Wissenschaft nicht. [HGt.02_056,23] Oder wozu sollte dem Todblinden wohl das Licht dienen, und wozu dem Lebendigen, dessen Geist selbst ein allerhellstes Licht ist?! [HGt.02_056,24] Siehe, Bruder, solches war mir früher fremd; da du aber jetzt durch die Gnade des allerheiligsten Vaters nun an meine Brust gepocht hast, so hat sich in mir auch alsbald das Herz gemeldet und sagte: [HGt.02_056,25] ,Liebe, Liebe, Liebe ist das große Wort alles Seins; hast du diese für ewig in Gott, so hast du auch alles Leben in und aus Gott und alles, was desselben ist. [HGt.02_056,26] Hast du aber diese nicht, dann hast du nichts als den puren Tod in dir.‘ [HGt.02_056,27] O Bruder, siehe, nun ist aber der Tod aus mir gewichen; was Großes hast du daher mir und sicher uns allen dadurch getan, daß du uns die Hauptquelle unseres Todes enthüllt hast! [HGt.02_056,28] Welches Dankes bist du daher auch von uns allen würdig! [HGt.02_056,29] Doch ich weiß nun schon, Wem aller Dank gebührt; daher lasse mich nun hineilen zum allerheiligsten Vater!“ [HGt.02_056,30] Der Henoch aber erwiderte ihm: „Gedulde dich nur noch ein weniges der Zeit, bis die anderen auch werden wie du, und du aber völlig leuchtend in deinem Herzen! Amen.“ 57. Kapitel — Henochs Rede über die
Zungenfertigkeit Garbiels. Garbiels innere Beschauung
[HGt.02_057,01] Es trat aber
auch alsbald der Garbiel zum Henoch hin und wollte mehr aus Zungenlust denn
aus einem wahren, inneren Bedürfnisse mit dem Henoch einige Worte zu tauschen
anfangen. [HGt.02_057,02] Der Henoch aber kam ihm zuvor und sagte zu ihm: „Garbiel, höre, der Herr und unser aller liebevollster Vater läßt dir sagen, daß du nun schweigen sollest, so auch du geweckt werden willst! [HGt.02_057,03] Oder habe ich wohl früher durch die heilige Weisung Dessen, der da wandelt unter uns, auch die lustige Beweglichkeit der Zunge als ein Weckmittel euch anempfohlen?! [HGt.02_057,04] Ich sage dir: achte dessen, was da ist gesagt worden, so wirst du den Weg in dein eigenes Herz finden, – aber nimmer durch die Fertigkeit deiner Zunge, welche dir eher den Weg ins ewige Leben zu versperren, als ihn zu eröffnen vermöchte! [HGt.02_057,05] Siehe, bis jetzt warst du der Erste oder dünkest dir vielmehr, ein Hauptmann unter deinen Brüdern zu sein; allein solches hat vor dem Herrn aller Heiligkeit, Liebe, Sanftmut und Geduld nicht den allergeringsten Wert, sondern allein ein liebevolles, reumütiges, zerknirschtes Herz. [HGt.02_057,06] Denn alles, was sich da hervortut auf der Welt, das steht bei Gott im Hintergrunde; so aber jemand hier ein ganz unbeachteter, letzter Bewohner dieser Erde ist, der aber ist dafür der Allerangesehenste bei Gott. [HGt.02_057,07] Es hüte sich aber dennoch ein jeder, etwa des Eigennutzes wegen der Letze zu sein, sondern allein darum, daß er darob den liebevollsten Vater desto mehr in solch stiller Abgezogenheit lieben könnte und desto mehr sehnsüchtigsten Herzens werden möchte, zurückzukehren in die ewige Heimat, allda der überheilige Vater beständig wohnt als Gott aller Macht, Kraft, Gewalt und Stärke! [HGt.02_057,08] Falls du, lieber Bruder Garbiel, solches nicht solltest gewußt haben, so merke es dir jetzt, damit auch du an der baldigen Erweckung werdest einen Teil haben können! [HGt.02_057,09] Denn du wirst dich dem allerheiligsten und allerliebevollsten Vater nicht eher nähern können, als bis du dich werdest völlig beschaut haben in deinem Herzen. [HGt.02_057,10] Du weißt es aber so gut wie ich, welcher Unterschied da ist zwischen einer wohlreifen und einer notgezeitigten Frucht; sehet aber alle zu, daß ihr etwa nicht zu den notzeitigen Früchten gerechnet werdet! [HGt.02_057,11] Es ist zwar heilig wahr, daß der große, heilige Zeitigmacher unter uns wohnt, lehrt und führt, – aber der da zu Ihm kommt mit einem unreifen Herzen, den wird Er belassen bis zur Vollreife des Herzens; ist aber diese einmal erfolgt, dann wird auch die Zeitigung des Geistes nicht ferne mehr sein. [HGt.02_057,12] Es ist aber nicht genug, daß da jemand geweckt würde nur für ein Jahr, Tag und Stunde; sondern wer da geweckt wird, der wird geweckt für die ganze Ewigkeit. [HGt.02_057,13] Doch in der Zunge wohnt der Geist nicht, sondern allein im Herzen. Wer aber da hat eine geweckte Zunge, der hat darum noch nicht einen geweckten Geist im Herzen; denn die Zunge ist ein Teil des Kopfes und ist dessen Fuß und Arm. [HGt.02_057,14] Wenn aber der Geist erweckt ist, dann hat die Zunge des Kopfes lieber Ruhe denn eine zwecklose Bewegung; denn dann erst erschaut nach Innen der Verstand des Kopfes als das naturmäßige Licht der Seele, welch ein endloser Unterschied es ist zwischen der Zunge des Geistes und der des Fleisches. [HGt.02_057,15] Darum also tue auch du, lieber Bruder Garbiel, nach der Weisung des allerheiligsten Vaters, und schweige mit der Zunge; aber werde dafür desto liebgesprächiger in deinem Herzen zur Erweckung deines Geistes und zur sicheren Gewinnung des ewigen Lebens dafür und dadurch! – Verstehe und beachte es wohl! Amen.“ [HGt.02_057,16] Als der Garbiel aber diese Rede vernommen hatte, da ward es ihm bange ums Herz, und er wußte nicht, was er nun tun sollte, und fing darum an, bei sich nachzudenken. Da er aber nachdachte mehr und mehr, so wurde es immer lichter und heller in seinem Herzen, daß er darob verstummte, und schaute und schaute, wie da ein Licht ums andere anfing, emporzusteigen aus der Tiefe des Herzens, und wie da sein Herz anfing sich auszubreiten zu einer Weltengröße, und sah in der Mitte dieser ihm nun schon endlos groß scheinenden Welt einen hohen Altar aufgerichtet und auf diesem Altare stehen einen kräftigen Jüngling, mit weißen Kleidern angetan. [HGt.02_057,17] Und dieser Jüngling sah empor gen Himmel, aus welchem ein endlos starkes Licht sich über ihn ergoß; und aus diesem Lichte klang es wie laut vernehmliche Worte: [HGt.02_057,18] „Garbiel, Garbiel, beschaue die Zeichen deiner Hand, die da ist an der Seite des Herzens, und schreibe mit diesen Zeichen das Wort auf steinerne Tafeln, und lehre solches auch deine Brüder tun!“ [HGt.02_057,19] Und der Jüngling ward zu einem Manne und besah die Hand und fand fünfundzwanzig Zeichen auf derselben und fand auch ihre Namen und ihren Ursprung und ihre innere Bedeutung. [HGt.02_057,20] Und alle die anderen merkten ähnliche Zeichen in sich. [HGt.02_057,21] Der Henoch aber bekam die Weisung, sie zu erwecken, nachdem sie alle in dieser inneren Beschauung bei anderthalb Stunden zugebracht hatten. [HGt.02_057,22] Und alsbald erweckte auch sie der Henoch und geleitete sie in großer Freundlichkeit hin zum Abedam. 58. Kapitel — Vratahs Gesicht vom Wesen der Schrift[HGt.02_058,01] Als sie denn nun vollends wieder beim Abedam angelangt sind und Ihm ihr Lob und ihren innersten Dank dargebracht haben, da befragte alsbald der Abedam einen aus den zwölfen, der da hieß Vratah, sagend nämlich: [HGt.02_058,02] „Nun denn, Mein geliebter Vratah, sage Mir kurz, was du gesehen hast in deinem Herzen und was alles entnommen!“ [HGt.02_058,03] Und der Vratah, vor lauter übergroßer Demut am ganzen Leibes- und Seelenwesen bebend, sagte nach einer Weile, die er zu seiner Erholung benützen hatte müssen: [HGt.02_058,04] „O Du ewiger, heiliger, endlos mächtiger, starker, kräftiger, gewaltiger, milder, sanfter, geduldigster, erhabenster, allerweisester, gnädigster, aller Erbarmung und Liebe vollster Vater und Gott und Schöpfer aller Dinge, wird es denn wohl nötig sein, Dir das zu sagen mit der Zunge, was Dir schon sicher von Ewigkeiten her klarer und ersichtlicher war als mir die Sonne am hellsten und allerreinsten Tage?!“ [HGt.02_058,05] Und der Abedam entgegnete ihm: „Wie aber magst du Mich um solches fragen? [HGt.02_058,06] Habe Ich denn nicht solches von dir verlangt?! So du es aber weißt, daß Ich dein Geschautes und Vernommenes schon von Ewigkeit her klärlichst vorgesehen habe, wie kann es dir aber denn nun entgangen sein, daß Ich auch solches muß von Ewigkeit her vorgesehen haben, darum Ich dich jetzt fragte, obschon es Mir nur zu überhelle klar ist ins Unendliche, was du in dir geschaut und vernommen hast?! [HGt.02_058,07] Da du aber solches wenigstens jetzt einsehen mußt, so frage nicht weiter, sondern antworte auf die Frage also, als wüßte Ich nicht, darum Ich dich frage; denn warum Ich dich frage, weiß Ich gar wohl, des kannst du völlig versichert sein, – und warum du Mir die Antwort geben wirst, die Mir schon von Ewigkeiten her wohlbekannt war, das weiß Ich auch. [HGt.02_058,08] Aber dessenungeachtet will Ich, daß du Mir antwortest, so Ich dich frage, gerade also, als wüßte Ich es durchaus nicht, was du Mir für eine Antwort bringen wirst. [HGt.02_058,09] Solches aber merket ihr alle euch; und wer da von euch immer gefragt wird, der antworte also! [HGt.02_058,10] Ich will aber mit euch nicht reden wie mit den Steinen, sondern wie ein Vater mit seinen lebendigen und wortfähigen Kindern. [HGt.02_058,11] Und also antworte du, Vratah, nur immerhin auf meine frühere Frage! Amen.“ [HGt.02_058,12] Und alsbald ermannte sich der Vratah und fing an, voll Dankgefühl in seinem Herzen kundzugeben, was er geschaut hatte in seinem Herzen. [HGt.02_058,13] Also aber lauteten die Worte, in welchen dargetan wurde das Gesicht Vratahs, nämlich: [HGt.02_058,14] „O Du, dessen Namen meine Zunge kaum mehr wagt auszusprechen, – so Du es willst, da muß jeder Wille weichen, und zu allererst der meinige! [HGt.02_058,15] Ich sah ein starkes Licht entstehen im Herzen, das glänzte mehr denn die Sonne in ihrer glanzvollsten Mitte; und da ich ein solches Licht in mir gewahrte, da wurde es finster außer mir auf der Erde, so zwar, daß ich da nichts mehr unterscheiden konnte. [HGt.02_058,16] Dieses Licht aber vermehrte sich stets mehr und mehr und wurde endlich also gewaltig, daß es mich selbst in allen meinen Teilen also mächtig zu durchleuchten anfing, daß ich mir an meiner äußeren Haut vorkam, als hätte mich das Licht der Sonne umflossen und würde durch dieses Licht meiner Haut dann erleuchtet ein großer Teil der Erde. [HGt.02_058,17] Und als das Licht aber auf die Erde fiel, da sahen alle Dinge anders aus als sonst mit den Augen des Fleisches. [HGt.02_058,18] So zum Beispiel sah ich ein Blättchen eines Baumes, das mir ein leichter, herrlich tönender Luftzug gerade in die rechte Hand trug, mit den allerseltsamsten Zeichen bezeichnet; und die schönen Zeichen fielen mir auf, also zwar, daß ich das Blättchen auf meine linke Hand legte, um es da länger betrachten zu können. [HGt.02_058,19] Doch als ich es also betrachtete, da fiel es mir denn auch auf einmal auf, daß das Blättchen auf ein Haar, möchte ich sagen, dieselben Zeichen hatte, welche ich da zu gleicher Zeit an meiner Hand entdeckt habe; nur standen in meiner Hand gerade fünfundzwanzig solcher Zeichen einzeln für sich da, während dieselben Zeichen sich in mannigfachster Vergesellschaftung am Blättchen zu öfteren Malen wiederholten. [HGt.02_058,20] Und das Blättchen aber ward dann größer und größer, und es kam mir vor, als dehne es sich schon beinahe über die ganze Erde aus. [HGt.02_058,21] Und wie sich aber das Blättchen stets mehr und mehr ausdehnte, da vermehrten sich aber auch die Zeichengruppierungen so sehr, daß es eine allerreinste Unmöglichkeit gewesen wäre, nur mehr einen allergeringsten Teil der endlosen Reihen und Gruppen zu überschauen. [HGt.02_058,22] Als ich aber mich stets mehr und mehr vertiefte in mein so überherrliches, wunderbarstes Bild, siehe, da erlosch auf einmal dieses Himmelslicht in mir, das Blättchen verschwand mit dem Lichte und dem herrlichen Tönen der Luft, und des Henoch Stimme lud dann alsbald uns zu Dir, o Du überheiliger Vater, hierher! – [HGt.02_058,23] Das ist alles, was ich gesehen habe nach Deinem allerheiligsten Willen und durch deine allergnädigste Zulassung; Dir allein alles Lob, alle Ehre, allen Dank, allen Ruhm, allen Preis, alle Liebe und alle Anbetung dafür ewig! Amen.“ [HGt.02_058,24] Und der Abedam belobte darauf seine Treue, und sagte darauf: „Siehe, geliebter Vratah, was du geschaut hast, ist das Reich Meiner Gnade auf der Erde! [HGt.02_058,25] Ich kann nicht stets also bei euch verbleiben, wie ihr Mich jetzt sehet; und es wäre auch für niemanden zum Frommen des ewigen Lebens, so Ich auch bliebe und bleiben könnte. [HGt.02_058,26] Aber Zeichen, wie du sie und alle deine Brüder gesehen haben, will Ich euch hinterlassen, mittels welcher ihr durch die Hilfe Meines Geistes jegliches Wort, das aus Meinem Munde nun an euch alle erging, werdet selbst für die spätesten Nachkommen aufzeichnen können; und Ich werde da in solchem gezeichneten Worte allzeit unter euch sein heilig, gnädig, kräftig und mächtig! [HGt.02_058,27] Wie aber diese Zeichen werden zu führen sein, das wird euch Mein Geist durch Garbiel lehren! Amen.“ 59. Kapitel — Des furchtsamen Sehels Gesicht und seine Entsprechung auf Noah und die Sündflut[HGt.02_059,01] Und nachdem somit der Vratah den Willen des Abedam erfüllt hatte, und der Abedam ihm darüber die höchst tröstende Erhellung des inneren Schaubildes gab und der Vratah dem Abedam aus dem allertiefsten Grunde seines Herzens darob gedankt hatte, da rief der Abedam sobald einen andern aus den zwölfen, der da Sehel hieß, beim Namen und fragte ihn mit abermals gleichlautenden Worten, sagend nämlich: [HGt.02_059,02] „Sehel, sage auch du Mir, was du geschaut und vernommen hast in deinem Herzen!“ [HGt.02_059,03] Der Sehel aber ward wie vom Blitze getroffen, da er vernommen hatte, daß die Frage ihm zur Beantwortung gegeben ward, und konnte aus dem Grunde kein Wort über seine Lippen bringen, und das um so mehr, da er von Natur aus schon eine etwas hart beugsame Zunge hatte, – aber nicht etwa zufällig, wie es jetzt der Zeit gesagt und geglaubt wird auf eine allerüberblindeste, törichte Weise, sondern darum, damit durch seine harte Zunge Meinem Namen eine große Verherrlichung geschehen sollte. [HGt.02_059,04] Da somit der arme Sehel trotz alles Wollens und trotz aller Anstrengung nichts von sich zu bringen vermochte und darum in ein gewaltiges Furcht- und Angstfieber fiel, da trat der Abedam hin zu ihm und sagte, ihn gleichsam fragend: [HGt.02_059,05] „Sehel, wie kommt es denn, daß du doch mit deinen Brüdern ohne Furcht und solche Angst zu reden vermagst, die dich doch im Vergleiche mit Mir gar nicht lieben? [HGt.02_059,06] Siehe, Meine Liebe zu dir und euch allen ist so groß, daß aus ihrem Feuer die endlosen Schöpfungsräume, erfüllt mit zahllosesten Sonnen- und Sonnengebieten, erbrennen; und doch sind alle diese Sonnen nur die allerkleinsten Fünkchen Meiner Liebe zu euch, und du getrauest dich aus lauter Furcht und übergroßer Angst Mir nicht die verlangte Antwort zu geben! Wie kommt denn das? [HGt.02_059,07] Sage Mir im Herzen, ob dich schon je ein Bruder auf den Mund geschlagen hat, so du ihm auf eine Frage eine Antwort gabst! [HGt.02_059,08] Siehe, du verneinst Mir solches in deinem Herzen! [HGt.02_059,09] Da dich aber schon dein Bruder niemals schlug, der doch dir gleich ein schwacher Mensch ist, um wieviel weniger werde erst Ich dich schlagen, der Ich der allmächtige ewige Gott und dein wahrer, heiliger, liebevollster Vater Selbst bin! [HGt.02_059,10] Daher bezähme deine eitel törichte Furcht und gänzlich leere Angst, und rede offenen Herzens vor Mir und all den Vätern! [HGt.02_059,11] Aber sinne nicht zu lange nach den schicklichsten Worten, mit welchen du Mich anreden möchtest – denn daran habe Ich durchaus kein Wohlgefallen –, sondern wie es dir das Herz geben wird, also auch gib du es Mir wieder, und Ich werde ein rechtes Wohlgefallen haben an der reinen, wahren Rede deines Herzens! Amen.“ [HGt.02_059,12] Diese Worte aus dem allerheiligsten Munde Abedams ermutigten unseren Sehel so sehr, daß ihn nicht nur alsbald alle Angst und Furcht gänzlich verließ, sondern auch die sonstige beständige Schwere seiner Zunge; und also begann er von sich zu geben, was alles Wunderbares er in dieser bestimmten Zeit in sich erschaut hatte. [HGt.02_059,13] Solches aber hat er geschaut in seinem Herzen, und also gab er es von sich, sagend nämlich: „O Du ewiger, lieber, heiliger Vater! Ja wahrhaft, wahrhaft, ich war ein übergroßer Tor; so klar und helle ist es noch vor meinen Augen und vor allen meinen Sinnen! [HGt.02_059,14] O Vater, Deine unendliche Liebe, Güte, Erbarmung und Gnade – und meine übertörichte Furcht und Angst vor Dir! O vergib mir, Du lieber, heiliger Vater! [HGt.02_059,15] Siehe, es war bei mir nicht nur Deine heilige, sichtbare Gegenwart, darum ich nicht zu reden vermochte, sondern auch das außerordentlich Wunderbare, das ich in mir geschaut habe, eine stark wirkende Ursache auf meine ohnehin schwere Zunge. [HGt.02_059,16] Allein jetzt hat Dein allmächtiges Wort mich also völlig gestärkt, daß ich nun ganz ohne alle Furcht bin, darum ich nun zum ersten Male aus dem allertiefsten Grunde, wie nur ganz allein Du unser aller heiliger Vater bist, erfahren habe; und so will ich denn nun übergerne erzählen, was noch so wunderbar herrlich und fürchterlich vor meinen Sinnen schwebt und tönt! Also ist es aber: [HGt.02_059,17] Anfangs gleich fing zu glühen an mein Herz so rot wie eine schöne Frühlingsrose, wenn des Morgenrots erste Strahlen sie begrüßen; aber dabei blieb es nicht, sondern die Röte wurde stärker und stärker, gerade also wie an einem schönsten Frühlingsmorgen gegen den vollen Aufgang der herrlichen Sonne. [HGt.02_059,18] Und wie ich es unmöglich mir je hätte denken können, ging auch alsbald eine allerherrlichste Sonne in meinem eigenen Herzen auf und leuchtete über alle Maßen stark. [HGt.02_059,19] Mein Herz selbst aber wurde so groß, daß ich im selben einen wie ganz neuen Himmel, geschmückt mit zahllosen neuen Sternen, die in den allerherrlichsten Gruppen am Tage leuchteten, erschaute, und dann, wie da eine neue herrliche Erde auftauchte, wie aus großen Wasserfluten herauf, und brachte ein friedliches Geschlecht in einem langen Hause, das da auf den Wogen stand, mit sich. [HGt.02_059,20] Ja, solches alles sah ich in meinem eigenen Herzen, und sah noch mehr, wie da folgt. [HGt.02_059,21] Und dieses friedliche Geschlecht stieg aus dem langen Hause und brachte Dir alsbald ein wohlduftend Opfer dar; der Rauch aber, der dem Opfer entstieg, sammelte sich in der Höhe und bildete bald einen überherrlichen großen Bogen über die weite, herrlich nun schimmernde Erde. [HGt.02_059,22] Und vom Bogen her kam eine Stimme, völlig gleich der Deinigen; und die Stimme war gerichtet an den Vater dieses Geschlechtes und verhieß ihm den Frieden und zeigte ihm an, daß der Bogen besage als sichtbares Zeichen, daß da die Erde nimmer solle von einer solchen Flut heimgesucht werden. [HGt.02_059,23] Und die Stimme sprach noch manches mit dem Vater dieses Geschlechtes; allein mir waren die ferneren Worte ganz unverständlich. [HGt.02_059,24] Auf dem Hause aber waren zu sehen seltene Zeichen, und der alte Mann ging hinzu und machte diese Zeichen nach auf eine rote steinerne Tafel; als er damit aber zu Ende war, da trat er zu seinen Kindern hin, zeigte ihnen die Tafel und sagte dann zu ihnen: [HGt.02_059,25] ,Kinder, hier stehet gezeichnet, wie es Gott gezeichnet hat auf dies schützende Haus: Sofort will Ich mit dem Menschen nicht mehr Krieg führen; dies war der letzte. [HGt.02_059,26] Wer aber von euch Mir untreu wird, über den will Ich ein Gericht ergehen lassen bis zur großen Zeit aller Zeiten; darum sei Friede der Erde und ihren Bewohnern, die da sind und sein werden eines guten Herzens und im selben voll Treue zu Mir! Amen.‘ [HGt.02_059,27] Siehe, solches habe ich gesehen und wohl vernommen; und weiter habe ich nichts gesehen und vernommen. [HGt.02_059,28] O heiliger Vater, nimm es gnädig auf; Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_059,29] Und der Abedam sagte darauf: „Sehel, du hast redlich gegeben, was du gefunden; jedoch die nähere Bedeutung dieses deines Gesichtes soll erst die Zeit, die arge, enthüllen! [HGt.02_059,30] Ich möchte aber, daß dieser Krieg unterbliebe; aber nicht, wie Ich es möchte, sondern wie die Menschen es werden wollen, also auch wird es geschehen! [HGt.02_059,31] Die Zeichen aber sollst auch du bald näher kennenlernen! Amen.“ 60. Kapitel — Die Berechtigung der Wißbegierde. Wahrheit, die Nahrung des Geistes; Liebe, der Grund aller Wahrheiten[HGt.02_060,01] Und da der Sehel solches vernommen hatte vom Abedam, was die Zeichen betrifft, ward er froh, darum daß auch er sie gar bald näher wird kennenlernen; aber was da den durch die arge Zeit zu enthüllenden Krieg betrifft, das ging ihm durchaus nicht ein, da er es nicht begreifen konnte, warum er denn eigentlich mit der Enthüllung der Zeichen nicht auch die des Gesichtes vom bezeichneten Kriege haben solle. [HGt.02_060,02] Dieser Forschgedanke beschäftigte ihn so sehr, daß er darüber sich ganz vergaß und verblüffte, so zwar, daß er sogar des gebührenden Dankes vergaß. [HGt.02_060,03] Der hohe Abedam aber fragte ihn nach einigen solchen stummen Augenblicken: „Sehel, was alles für unnützes Zeug läßt du durch dein Herz ziehen? Wozu soll es dir denn dienen? [HGt.02_060,04] Wirst du dann lebendiger werden, so da deine unersättliche Wißbegierde würde befriedigt werden! [HGt.02_060,05] So du dich aber schon also kümmerst um das wenige von dem, was da kommen möchte über die Erde, nachdem du etwas gesehen hast, – was würdest du denn aber erst hernach tun, so du Kenans Gesichte gehabt hättest und hättest geschaut in dir die zehn Säulen? [HGt.02_060,06] Ich sage dir aber: Gehe hin zum Kenan, und lasse dir die zehn Säulen erzählen von ihm; gib aber besonders bei der letzten wohl acht! Solches wird dir viel Licht geben; aber das Licht wird dich traurig machen. Denn da wird sich der Vater, der dir jetzt solches sagt, umgestalten zu einem unerbittlichen Richter, und dein Auge wird da vergeblich umherschweifen in der großen Finsternis; aber Mein Antlitz wirst du gar sehr vergeblich suchen. [HGt.02_060,07] Denn wohin du auch immerdar deine Augen und Ohren kehren wirst, so wirst du aber dennoch nichts finden denn allein Meinen großen Zorn. [HGt.02_060,08] So du also solches näher erfahren willst, da gehe nur alsbald hin zum Kenan, und lasse dir von ihm kundgeben, was er gesehen; jedoch, verstehe es wohl, so du es willst! Amen.“ [HGt.02_060,09] Nach diesen Mahnworten fiel der Sehel alsbald nieder vor dem Abedam und fing an zu schreien, zu weinen und zu flehen, daß Ich ihn ja doch nur für allzeit verschonen möchte mit solchen Enthüllungen; denn er möchte lieber für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gänzlich zunichte werden, als nur einen Augenblick lang Mich, den allerheiligsten, liebevollsten Vater missen. [HGt.02_060,10] Und Ich als der Abedam sagte darauf zu ihm: „Nun siehe, Mein lieber Sehel, also ist es ja gut! Da Ich dir lieber bin denn die arge Enthüllung, so bleibe auch bei Mir; und wahrlich, sage Ich dir, du sollst nicht vonnöten haben, je Mich, deinen und euer aller liebevollsten, heiligen Vater zu suchen oder Mich je zu missen! [HGt.02_060,11] Was aber deine Wißbegierde betrifft, so will Ich sie nicht für unbillig und ungerecht ansehen; denn durch sie kündigt sich bei jedem Menschen zuerst ein höheres geistiges Leben an. [HGt.02_060,12] Wer da ist ohne Wißbegierde, der gleicht noch einem Baumklotze, darinnen gar kein anderes Leben mehr ist denn allein ein Moderleben, das da verzehrt und endlich alles vernichtet, was es umgibt, gleich einem ungestalteten Vielmaule (Polype), der sich in irgendeinem schlammigen Grunde des Meeres befindet und allda alles um sich her verzehrt mit seinen vielen ungestalteten Armen, von denen jeder hat ein eigenes Maul, bis es sich zu Tode gefressen hat und sonach selbst wieder zum Schlamme wird, der da höchstens einem solchen ähnlichen neuen Viel- und Allfraße zur schnöden Unterlage dient. [HGt.02_060,13] Ja, Ich sage nun euch allen: Ein Mensch ohne höhere Wißbegierde ist im eigentlichsten Sinne noch gar kein Mensch, sondern nur ein Tier in menschlicher Form, das da keinen andern Sinn hat denn alleinig den Freßsinn, und, wenn es sich vollgefressen hat und es übrigens gesund ist, entweder den Schlaf- oder Begattungssinn, und daß alle die natürlichen Verrichtungen gut vonstatten gehen möchten, daß es gut und weich liege, und im Schlafe träume, entweder vom Fressen oder vom Begatten. [HGt.02_060,14] Ja, bei einem solchen Menschen ist nicht gut sein; denn in ihm lebt nur noch eine ganz tierische Seele, die sich ihrer Vorzustände nicht entschlagen mag, darum es ihr beim Fressen allzeit besser ergangen ist denn bei einer Arbeit zur einstigen Erweckung des unsterblichen Geistes in ihr. [HGt.02_060,15] Sehet, ein solcher Mensch ist ein reiner Weltmensch, dem nichts heilig ist denn allein sein Bauch! [HGt.02_060,16] Obschon aber dieses alles zugunsten der Wißbegierde spricht, so habe Ich aber in einer andern Beziehung dennoch etwas ganz Gewaltiges wider sie, und das zwar aus dem allerbesten Grunde von der Welt und von allen Sternen, Sonnen, Monden und allen den endlosen Himmeln. [HGt.02_060,17] Solcher aber ist dieser beste Grund: Siehe, so jemand da wißbegierig ist, bei dem hat sich der Geist schon also erweckt, wie sich da erweckt ein noch die Brüste der Mutter saugendes Kind! Was aber will das wach gewordene Kind? Was bedeutet des Weinen und Schreien? [HGt.02_060,18] Siehe, es will Nahrung; es will gesättigt sein! [HGt.02_060,19] Das auch will der vom langen Schlafe erwachte Geist; sein Hunger kündigt sich durch die Wißbegierde an. [HGt.02_060,20] Sage Mir aber in deinem Herzen und beantworte Mir die Frage: Wird das Kind wohl dadurch gesättigt werden, so die Mutter ihm statt der milchgefüllten Brust entweder einen Finger in den Mund stecken möchte, daß es daran sauge, oder sonstige Dinge, darinnen sich kein Nahrungsstoff befindet? [HGt.02_060,21] Ja, Ich sage dir, sie kann dem Kinde tausende und abermals tausende der allerweichsten Finger statt der Brust in den Mund stecken, das Kind aber wird dennoch bei all der vergeblichen Fingersaugerei unfehlbar zugrunde gehen, da es unmöglich sich je daraus wird sättigen können, wo nichts darinnen ist, und wird bei solcher Trugkost das Leben verlieren! [HGt.02_060,22] Verstehest du solche Wahrheit! – Du zuckst mit den Achseln; o siehe, du sollst der Sache sogleich auf den Grund kommen! [HGt.02_060,23] Ist die Milch fürs Kind nicht eine wahrhafte Nährkost, also eine volle Wahrheit für des Kindes hungrigen und begehrenden und kostbegierigen Magen?! – Ich meine, solches wird niemand bezweifeln! [HGt.02_060,24] Hält aber die Mutter das Kind nicht an dieselbe Brust, in welcher Brust ihre unbegrenzte Liebe zum Kinde in den hellsten Flammen lodert, an welchem Feuer eigentlich diese süße Kost bereitet wird?! [HGt.02_060,25] Siehe, jetzt haben wir schon alles; der Geist also will auch Wahrheit, getreueste, vollste Wahrheit will er zur Nahrung! [HGt.02_060,26] So du aber durch leere Wissenschaften deinen Geist sättigen willst, an denen oft nicht ein wahrer Tautropfen hängt, sage Mir nun, wie weit da der Geist kommen wird! [HGt.02_060,27] Wie aber bei der Mutter die Liebe der Grund der wahren Nahrung fürs Kind ist, also ist auch die Liebe für den Geist der Grund aller endlosen Wahrheiten, welche da alle sind eine gar wahre, gute, ewige Kost dem Geiste. [HGt.02_060,28] Wer und wo aber ist diese Liebe? – Daher siehe auf Mich, auf diese Brust siehe; siehe, da gibt es Milch in endlos großer Menge! [HGt.02_060,29] Daher bleibe du hier; denn es ist besser, da zu saugen, als den Gesichtsdeutungen nachzujagen und dabei aber im Geiste zu verhungern und endlich mit den enthüllten Gesichten zugrunde zu gehen. [HGt.02_060,30] Verstehst du nun den Unterschied zwischen wahrer und falscher Kost, und was die Wißbegierde ist? [HGt.02_060,31] So du es nun verstehst, da handle danach, so wirst du leben ewig! Amen.“ 61. Kapitel — Der Fehltritt des Sehel. Abedams großes Zeugnis über Sehel[HGt.02_061,01] Mit diesen Worten ward der Sehel erfüllt, und die Worte waren Kraft, Geist und Leben aus Gott, und Gott war jedes Wort aus dem Munde des heiligen Vaters darum, da Gott die Kraft ist in der Liebe, die da heißt der Vater, also wie die Liebe ist die endlose Stärke, Macht und Gewalt in aller Kraft Gottes. [HGt.02_061,02] Also mit diesen Worten erfüllt, welche da sind die Kraft des Geistes Gottes, blieb der Sehel beim Abedam und machte nicht Platz einem andern, der da auch gerufen wurde. [HGt.02_061,03] Es war aber beim Sehel nicht etwa Ranglust die Ursache seines Bleibens, noch irgendeine Ehrliebe, sondern allein die kindliche Liebe hielt ihn also unausweichbar fest an Mich gebunden; und so sagte Ich als der Abedam auch nur allein des äußeren Platzes wegen noch zu ihm: [HGt.02_061,04] „Sehel, siehe, es müssen die andern ja auch noch zu Mir kommen, also, wie du zu Mir kamst, als Ich dich zu Mir gerufen habe! Daher magst und kannst du schon hier ein wenig zur Seite gehen; denn du kannst nun ohne Sorge sein, Mich je wieder verlieren zu können. [HGt.02_061,05] Da du bis hierher kamst – des sei überfroh! –, kamst du aus eigener Kraft oder nach deinem Willen; so weit somit du gehen konntest, gingst du auch allein. [HGt.02_061,06] Als du aber in Meine Nähe kamst, da eilte Ich dir und euch allen entgegen. [HGt.02_061,07] Nun aber bist du schon völlig bei Mir und magst fürder jedes eigenen Schrittes rathalten, sondern dafür in aller Ruhe bei Mir verbleiben oder Mir tätig nachfolgen, dahin Ich ziehe. [HGt.02_061,08] Aber alles dieses Gesagte betrifft nur allein das Herz und den Geist im selben und dessen Beziehungen, aber durchaus nicht den Leib. Daher kannst du dich wo immer leiblicherweise befinden; ist aber dein Herz in aller Liebe deines Geistes bei Mir, so bist du Mir überall gleich nahe. [HGt.02_061,09] Möchtest du Mir dem Leibe nach aber auf dem Rücken sitzen, dein Herz aber wäre entweder in der Tiefe des Meeres beschäftigt, oder dein Geist wühlte unter den Sternen herum oder irgendwo in einer fernen Gegend der Erde, wahrlich, da wärest du Mir auch geradeso ferne, wie ferne Mir dein Herz sonst wäre und die Liebe deines Geistes. [HGt.02_061,10] Daher also, du Mein geliebter Sehel, kannst du dich nun schon auch dem Leibe nach von Mir etwas ferner halten, also, daß auch deine Brüder Mir fürs erste dem Leibe nach sich werden aus dem Grunde nahen können, aus welchem Grunde du fürs erste dich Mir also dem Leibe nach genaht hast! – Verstehst du solches, geliebter Sehel?“ [HGt.02_061,11] Und der Sehel bejahte die Frage in seinem Herzen, und der Abedam erwiderte ihm darauf: „Also tue danach! Amen.“ [HGt.02_061,12] Und der Sehel ward überfröhlich in seinem Herzen, lobte und pries den Vater im Abedam, gab Gott alle Ehre seines Geistes und trat beiseits. [HGt.02_061,13] Bei diesem Rücktreten aber wandte er kein Auge ab vom Abedam und ging daher rücklings; da er aber demnach nicht sah, wohin er trat, so geschah es, daß er dem Garbiel mit der Ferse auf den Fuß trat. [HGt.02_061,14] Der Garbiel aber wurde darüber etwas ungehalten und gab dem Sehel einen Verweis, sagend nämlich: [HGt.02_061,15] „Aber sage mir doch einmal: Warum wandelst denn du nicht, wie dir die Füße zum Wandeln gegeben wurden? [HGt.02_061,16] Wozu denn rücklings – und die Füße der Brüder nicht achtend, als wären sie Gassen- und Straßensteine, so deine Knie doch vorwärts, aber nicht rückwärts sich beugen? [HGt.02_061,17] Und überhaupt kommst du, wohin du dich nur immer kehrst, schon nimmerdar vom Flecke! Glaubst denn du, vor dem Herrn kann man auch so langweilig stehen bleiben wie oft ärgerlichermaßen genug vor unsereinem?! [HGt.02_061,18] Siehe, Sehel, wie dumm du schon wieder warst! Ich habe es dem Abedam, der da ist heilig, heilig, überheilig und unser aller liebevollster Vater ist, von weitem angesehen, daß du Ihm mit deiner Dummheit schon lästig warst, – was Er dir durch Seine letzten Worte doch deutlich genug zu verstehen hat gegeben! [HGt.02_061,19] Aber du merktest es nicht und gebärdest dich jetzt auch noch, als wären deine Sinne nicht ganz in der Ordnung, – darum du auch so recht tölpelhaft rückwärts gingst, ohne nur im geringsten zu bedenken, Wer da vor uns ist, und auf was du mit deinen ziemlich plumpen Füßen trittst! [HGt.02_061,20] Ich bitte dich, Bruder Sehel, nimm dich doch einmal zusammen, und werde wenigstens vor Gott ein anderer Mensch, so du es schon vor uns, deinen Brüdern, nicht der Mühe wert finden solltest, also zu sein, daß wir an dir ein Wohlgefallen haben könnten! Wahrhaft, ich schäme mich an deiner Stelle!“ [HGt.02_061,21] Und der arme Sehel wußte sich nun aus lauter Verlegenheit nicht zu helfen; denn er wußte in diesem Augenblicke nicht, wen er zuerst um Vergebung bitten sollte. [HGt.02_061,22] Und so er auch reden wollte, da versagte ihm die Zunge ihren Dienst; als er sich aber nach einigen Augenblicken doch wieder gesammelt hatte, soviel es ihm nur immer möglich war, da stürzte er alsbald hin zum Abedam und bat Ihn flehentlichst um Vergebung, darum daß er früher so wenig beachtet habe, vor Wem er war, und Wem er durch seine Langweiligkeit sicher zur Last gefallen ist. Und er bat den Abedam noch, daß Er ja doch wieder dem Bruder Garbiel den Fuß heilen möchte, so er durch seinen ungeschickten Tritt sollte in einen schmerzlichen Zustand versetzt worden sein. [HGt.02_061,23] Der Abedam aber beugte sich nieder zur Erde und erhob alsbald den armen Sehel von der Erde, drückte ihn dann an Seine Brust und sagte zu ihm, wie zu allen: [HGt.02_061,24] „Sehel, Ich sage dir, du bist kein Mensch mehr, sondern ein reiner und großer Engel des allererhabensten Himmels! [HGt.02_061,25] Ja, Ich sage dir: Was du jetzt bist, das warst du schon im Mutterleibe: ein unsterblicher Urabstämmling aus dem allerhöchsten der Himmel, allda niemand wohnt denn allein die allerunschuldigste Liebe der kleinsten Geister, welche aber eben darum die allermächtigsten sind und die allerweisesten, da sie in der allerinnersten, heiligsten Tiefe Meines Herzens wohnen! [HGt.02_061,26] O Sehel, du Mein großer Liebling, erkennst du Mich jetzt, wie du Mich schon vor Ewigkeiten erkannt hast, daß Ich dein lieber, heiliger Vater bin?! [HGt.02_061,27] Erinnerst du dich, wie du an Meiner Seite schwebtest den endlosen, noch gänzlich leeren Raum entlang, und Ich zu dir sagte: ,Getreuer Bruder Meiner Liebe! Siehe, also ist uns ein Bruder gefallen hinab in die endlose Tiefe, die da endlos und ewig erfüllt ist mit dem Feuer Meiner allerunendlichsten und ewigsten Gottheit! [HGt.02_061,28] Hier lasse uns aus dieser Träne in Meinem Auge eine erste Sonne gründen!‘ – und du darauf sagtest: ,Heiligster Vater! Dein heiliger Wille geschehe!‘ [HGt.02_061,29] Und da du Mir solches sagtest, erinnerst du dich nun wieder, wie da auch deinen Augen eine Träne entfiel und Ich dann diese deine Träne segnete und sagte: ,Lieber Bruder Meiner ewigen, unendlichen Liebe, siehe, durch diese deine Träne soll diese Sonne, diese erste und größte, befruchtet sein, damit da aus ihr erfüllt werden soll dereinst der ganze endlose Raum mit zahllosen Kindern ihresgleichen bis dahin, daselbst das ewige Feuer Meiner Gottheit den ewigen Anfang nimmt!‘?! [HGt.02_061,30] Doch, lieber Bruder Sehel, nun nichts mehr weiter! Daher aber sei nun auch ohne Sorge; denn unsere Bekanntschaft und Liebe ist schon eine gar alte! Jetzt wird dir auch sicher klar sein, warum du ehedem rücklings gingst und konntest deine Augen nicht abwenden von Mir! [HGt.02_061,31] Sehel, das war aber deine letzte Prüfung bis auf eine noch dereinst auf kurze Zeit, und dann noch eine, die allerletzte, da Ich dich vor Mir her senden werde! Für jetzt aber behalte den Leib, so lange du ihn willst; aber Mein Antlitz sollst du nimmerdar missen! [HGt.02_061,32] Also sollst auch du dein Gesicht verstehen, wie jedes andere; aber behalte es bei dir! [HGt.02_061,33] Darum du aber dem Garbiel auf den Fuß tratest, soll er ein Lehrer der Zeichen werden, und du sein Meister; das aber soll ihm eine große Demütigung sein, wie allen, daß er jetzt erfahren hat, daß der, den er für einen Tölpel hielt, ein gar alter Bruder ist Meiner ewigen Liebe und eher war denn alle Sterne, Sonne, Mond und Erde! Doch, lieber Bruder, jetzt lasse uns noch die anderen Brüder vernehmen, was alles sie gesehen haben in ihren Herzen! Amen.“ 62. Kapitel — Sehels Verklärung und herrliche tief weise Rede[HGt.02_062,01] Auf diese Rede ward der Sehel wie verklärt, und die Väter alle, samt dem Adam, eilten hin, um zu begrüßen einen neben dem Abedam so hohen Gast. [HGt.02_062,02] Der Seth auch eilte hin als der Vater des Sehel, der da war sein jüngster und letzter Sohn, und ergriff die Hand des Sehel und sagte zu ihm: [HGt.02_062,03] „Mein Sohn Sehel, der du noch bis auf diese Stunde ein lediger Mann geblieben bist und hast nie noch beigewohnt einem Weibe und wolltest nicht legen und geben uns allen einen lebendigen Samen aus dir, darum ich dann auf dich ärgerlich wurde und dich dann darum verbannt habe gen Mittag, – wie wirst du mir nun vergeben solchen Frevel, den ich armer, blinder Vater an dir begangen habe?! [HGt.02_062,04] Was ist nun der Enos und die ganze Stammlinie gegen dich allein? [HGt.02_062,05] O Jehova, o du überheiliger Abedam, warum mußten aber mir armem Vater die Augen erst so spät geöffnet werden?! [HGt.02_062,06] Ja wahrlich, ich möchte nun von Sinnen kommen, darum ich dich, Sehel, nicht ehedem erkannt habe! [HGt.02_062,07] O vergib, vergib mir, und kehre wieder zu mir zurück, und lasse dem Leibe nach doch noch dich von mir einen Sohn nennen; doch nicht mein Wille, sondern des allerhöchsten Abedam, wie auch dein Wille geschehe! Amen.“ [HGt.02_062,08] Als der Sehel aber den Vater Seth also vor sich jammern hörte, da kehrte er alsbald aus seinen großen Erinnerungen zurück, ermannte sich und sagte zum Vater Seth: [HGt.02_062,09] „O lieber Vater Seth, darum sei du ganz unbekümmert! Ich werde wohl ewig nie des allerheiligsten Vaters Ordnung umstoßen; Seine überheilige Ordnung aber gab es ja zu, daß dieser mein Leib, den ich jetzt schon mehrere hundert Jahre auf der Erde herumtrage, von dir gezeugt ward! [HGt.02_062,10] Aus welchem Grunde solltest du demnach denn nun nicht mehr sein Vater sein dürfen?! [HGt.02_062,11] O bleibe du nur immerhin, was du mir allzeit warst, mein lieber Vater im Namen Dessen, der uns alle schon von Ewigkeit her gezeugt hatte, und dessen Kinder wir schon waren, ehe noch alle die sichtbaren Dinge gemacht waren! [HGt.02_062,12] Denn siehe, wir alle fangen hier ein neues Leben an des einen willen, der da eigenwillig gefallen ist, und also hat ja das ohnehin für die Verhältnisse dieses Erdenlebens keine Beziehung, was wir dem Geiste nach sind, oder vielmehr waren; also bist du mein Vater Seth, wie ich dein Sohn! [HGt.02_062,13] Und also sei meinetwegen auch jeder vollkommen unbekümmert! [HGt.02_062,14] So aber der ewige, überheilige Vater Sich uns und allen schon als ein Mensch und Bruder zeigt, mit uns ißt und trinkt, mit uns redet wie ein weiser Bruder zum anderen und uns alle lehrt die große geheime Kunst, von Ihm das ewige Leben zu nehmen, da doch wir alle und die ganze endlose Schöpfung gegen Ihn pur nichts sind, – was sollen dann erst wir unter uns für einen Unterschied machen, die wir doch alle auf eine gleiche Weise durch Seinen allmächtigen Willen aus Seiner Liebe hervorgegangen sind?! [HGt.02_062,15] Ob ich nun ein erschaffener Urerzengelsgeist bin oder einer eben aus derselben Liebe später Hervorgegangener, welchen Unterschied gibt uns denn das vor Gott? [HGt.02_062,16] Da aber Gott aus Seiner ewigen Ordnung und allerendlosesten Weisheit es also gewollt hat, daß nicht ich der deine, sondern du der meine Vater wurdest, sollte ich mich nun darob über dich erheben, darum mir der liebevollste, heilige Vater gezeigt hat so mild und überfreundlich meinen freilich wohl erhabenen geistigen Urzustand?! [HGt.02_062,17] O mein lieber Vater Seth, das sei wohl überferne von mir und von uns allen! [HGt.02_062,18] Heilig ist nur Er allein; wir aber sind alle Seine Kinder, die Er endlos liebt, so sie sind, wie sie sein sollen. [HGt.02_062,19] Weichen sie aber ab von Seinen heiligen Wegen, so kommt Er ihnen entgegen mit Seiner endlosen und unbegrenzten Erbarmung. [HGt.02_062,20] Und den Hartnäckigen wird Sein Gericht zuteil, ob zum Leben, oder ob zu – wer weiß was für einem Tode; das weiß nur Er allein! [HGt.02_062,21] Da wir aber alle Seine Kinder sind, so bleiben wir in Seinem allerheiligsten Namen auch nur den Verhältnissen getreu, in welche Er uns auf die drei Augenblicke lang auf diese Erde gesetzt hatte. [HGt.02_062,22] Wenn aber dieses Erdenlebens ohnehin gar bald ein Ende sein wird, da wird Er schon lange fürgesorgt haben, in was für neue Verhältnisse wir da treten werden. [HGt.02_062,23] Was aber jedoch mit dem Wiederzurückkehren in dein Haus es für eine Bewandtnis hat oder haben kann, das, wie alles andere, lassen wir auch Dem über, der heilig, überheilig nun unter uns weilt! [HGt.02_062,24] Eines nur steht mir frei, nun von euch allen streng zu verlangen, und dieses Eine ist, daß sich von euch allen ja nie jemand seines eigenen, ewigen Heiles und Lebens wegen unterfange, mir irgendeine, wenn auch noch so geringe Verehrung zu erweisen, darum mich der überheilige Vater einen Bruder genannt hat! [HGt.02_062,25] Denn ihr alle wisset es ja ohnehin, wem allein da ewig alle Ehre, alles Lob, alle Verherrlichung und alle Anbetung gebührt. [HGt.02_062,26] Uns allen aber sei darinnen die größte Verherrlichung, daß wir den über alles heiligen Vater verherrlichen durch die allergetreueste Befolgung Seines allerheiligsten Willens! [HGt.02_062,27] Also solches verlange ich von euch, daß ihr mich für nicht mehr ansehet als für den alten Sehel! Amen. [HGt.02_062,28] Und auch du, lieber Bruder Garbiel, ich sage dir im Namen Dessen, der da knapp neben mir steht, daß du sogleich dich erhebest von der Erde; denn ich bin nur ein Mensch, dir gleich. Wir beiden haben den Seth zum Vater; warum tust du denn mir das, was allein Gott gebührt?! [HGt.02_062,29] Höre, ein Mensch soll nie vor dem Menschen sich im Staube wälzen, und des ärgsten Frevels soll in der Zukunft der sich schuldig vor Gott machen, dessen eigenliebiges Herz es auch nur einen Augenblick lang ertragen wird, einen Bruder vor sich im Staube liegend zu erschauen! [HGt.02_062,30] Siehe, lieber Bruder, mich hast du ja nie beleidigt; darum habe ich dir ja auch nichts zu vergeben, sondern dir nur zu geben mein liebeoffenes Bruderherz! [HGt.02_062,31] Hast du aber etwas an deinem Herzen, das dich drückt, – siehe, da – neben uns steht Der, dem wir alle schulden! [HGt.02_062,32] Daher wende dich nur an Ihn; Er wird dich deiner Last schon entledigen und dir frei machen dein bekümmertes Herz! Amen.“ 63. Kapitel — Die Demut als größte Verherrlichung des Menschen. Die Ehrung durch Liebe. Die Rangsucht des Garbiel[HGt.02_063,01] Und der Abedam sprach auch Amen zum Amen des Sehel hinzu und sagte darauf: [HGt.02_063,02] „Ja, also hat wahr und wahr geredet Mein geliebter Sehel! Unter allen Freveln ist die Selbstsucht der größte; des Menschen größte und allererhabenste Verherrlichung aber ist seine Demut und die aus ihr hervorgehende Verherrlichung Meines Namens vor der Welt! [HGt.02_063,03] Wer aber da hat eine Last auf dem Herzen, der komme zu Mir; denn wahrlich, sage Ich nun, wie es zuvor Mein geliebter Sehel gesagt hatte, er wird nirgends Erleichterung finden denn allein bei Mir! [HGt.02_063,04] Und also hast du, Garbiel, zwar nicht gefehlt, darum daß du deinen großen Bruder um Vergebung batest, und der Seth auch hatte nicht gefehlt, darum daß er eingesehen hatte seinen alten Irrtum, demzufolge er dem Sohne Sehel gram wurde, da dieser aus einem höheren, inneren Antriebe nicht wollte in die Fußstapfen Adams treten, sondern zeitlebens beibehalten seine himmlische Urreinheit seines Herzens aus geheimer großer Liebe zu Mir; [HGt.02_063,05] Aber, wie der Sehel vorher gesagt hatte, so ist es zuviel, so ein Bruder vor dem andern sich im Staube wälzt. [HGt.02_063,06] Denn solches verlange nicht einmal Ich; wieviel weniger sollet ihr erst gegenseitig euch also ehren, als wäre da ein Bruder dem andern ein Gott! [HGt.02_063,07] Ich will aber damit gar nicht sagen, als sollet ihr euch darum gegenseitig gar nicht ehren, sondern Ich sage nur, daß ihr nicht den Würmern gleich voreinander kriechen sollet. [HGt.02_063,08] So ihr euch aber schon ehret, da ehret euch allein durch die Liebe, und daß sich keiner erhebe über den andern, sondern ein jeder sei dem andern ein wahrer Bruder in Meiner Liebe! [HGt.02_063,09] Solche Ehrung ist eine gerechte Ehrung, – diese seid ihr euch gegenseitig schuldig; was aber darüber ist, das ist auch wider Meine Ordnung, und ihr sollet es darum unterlassen! [HGt.02_063,10] Die Ehrung aber durch die Liebe genügt für jegliches Verhältnis unter euch, sei es ein Bruder zum Bruder, oder ein Sohn zum Vater, oder ein Vater zum Sohne, oder das Weib zum Manne, oder der Mann zum Weibe, oder die Schwester zur Schwester, oder der Bruder zur Schwester, oder die Schwester zum Bruder, oder die Tochter zur Mutter, oder die Mutter zur Tochter, oder der Sohn zur Mutter, und die Tochter zum Vater, oder die Mutter zum Sohne, und der Vater zur Tochter, – kurz, es genügt in allem die alleinige wahre Liebe, und zwar aus dem Hauptgrunde, darum Ich Selbst von euch allen ja nichts mehr verlange denn allein eure Liebe im Geiste und aller Wahrheit aus ihr. [HGt.02_063,11] Ja wahrlich, sage Ich euch allen, ihr möget beten Tag und Nacht, und euch wälzen den Schweinen gleich im Kote und im schmutzigsten Staube, – Ich aber werde euch dennoch nicht eher anhören, als bis ihr allein in eurem Herzen ernstlich und liebewahr euch an Mich, den heiligen, liebevollsten Vater gewendet habt! [HGt.02_063,12] So Ich aber schon eure wahre, ernste Kindesliebe als die Mir allein wohlgefällige, allerbeste und wahrste Verehrung annehme, der Ich doch heilig, überheilig bin, – was sollte da unter euch denn für ein Unterschied sein, darum ihr voreinander im Staube herumkriechen wollet?! [HGt.02_063,13] Also noch einmal für alle Male gesagt: Die Liebe genügt und genüge euch allen! [HGt.02_063,14] Du, Mein geliebter Sehel, aber wirst das alleinige Gebot der Liebe auf Steinflächen einzeichnen, damit dann jedweder sehen wird, um was sich alles dreht, und was da der gemeinschaftliche Mittelpunkt aller Dinge ist! [HGt.02_063,15] Und nun auch gehe du, eifersüchtiger Garbiel, und kümmere dich nicht mehr, darum daß Ich dich nicht als den ersten habe gerufen, damit du Mir kund gäbest dein Gesicht! [HGt.02_063,16] Meinst du etwa, solches tue Ich geflissentlich, um jemanden damit zu necken und ihn fühlen zu lassen seine Nichtigkeit vor Mir, da er auch etwas sein will, das er eigentlich nicht sein soll?! O Garbiel, da bist du in einer gar großen Irre! [HGt.02_063,17] Ich sage dir aber, daß da Meine ewige Ordnung, Meine Liebe und Meine endlose Weisheit doch wohl sicher andere Wege wandeln wird als jene, welche deiner Torheit nur einleuchtend sind! [HGt.02_063,18] Darum sollst du ein demütiges und freies Herz haben und nicht ein ranglustiges; denn so du demütig bist, da wirst du auf keine Ordnungszahlen merken und lauschen, wer da möchte als Erster, Zweiter, Dritter und so weiter gerufen werden, sondern wann du gerufen wirst, wird es dir ganz vollkommen recht sein. [HGt.02_063,19] Siehe, du aber hattest eine Ranglust in dir, darum tat dir der Tritt deines Bruders wehe, den du sonst kaum wahrgenommen hättest! [HGt.02_063,20] Nun aber reinige dein Herz vollkommen, und komme dann zu Mir, so du gerufen wirst; und so denn gehe nun wieder hin zum Henoch und lasse dir von ihm den rechten Weg zu Mir zeigen! Amen. [HGt.02_063,21] Und nun komme du, Horidael, zu Mir hierher, und sage Mir, den anderen gleich, was du denn alles in dir gesehen und treulichst vernommen hast! Amen.“ 64. Kapitel — Das Gesicht Horidaels. Die innere, belehrende Stimme im Menschen[HGt.02_064,01] Und alsbald nach dem Rufe Abedams trat der Horidael hervor und fing wie ein mutiger Löwe an zu reden; aber sein Mut war keineswegs etwa irgendeine Anmaßung, sondern allein die Liebe zu Mir gab ihm diesen Mut, also wie die Liebe einer Mutter ihre Brust also mit Mut erfüllt, daß sie ins Feuer ginge, so daselbst ihrem Kinde eine Lebensgefahr bevorstünde oder beinahe unvermeidlich wäre, – nur mit dem Unterschiede, daß solcher Mut der Mutter ein Trauer-, Wehe-, Angst- und Schreckmut ist, was da beim Horidael nicht der Fall war, da sein Mut nur von seiner innersten Freude herrührte, nahezu also, wie der Mut beschaffen ist eines vor lauter Siegesfreude taumelnden Feldherrn. [HGt.02_064,02] Also von solchem Liebfreudemute belebt, fing der Horibael an zu reden, wie da nun folgt: [HGt.02_064,03] „O Du heiliger, liebevollster Vater! Du hast auch mich armen Sünder gnädigst gerufen, darum ich hier kund geben soll, was ich gesehen habe und was vernommen. [HGt.02_064,04] Ich weiß es aber gar wohl, daß da alles, was ich gesehen und vernommen habe, nur einzig und allein von Dir herrührt; sollte ich es Dir erzählen, Dir das kund geben, was Dir schon vor zahllosen Ewigkeiten unbegreiflich heller war denn die Sonne in der Mitte des reinsten Tages? [HGt.02_064,05] Nein, nein, das hieße mit anderen Worten ja doch nichts anderes, als entweder einen Tropfen Wasser ins Meer tragen, um dasselbe zu vergrößern, oder am hellsten Tage eine Pech- und Wachsfackel anzünden, um der Sonne Licht zu unterstützen! [HGt.02_064,06] Also Deinetwegen allein mein Gesicht zu erzählen, wäre – wenigstens, insoweit ich es erschaue – der größte Unsinn, den je ein Mensch begehen könnte, so er vor Dir sein Herz ausschütten möchte, als wüßtest Du kaum, was im selben verborgen ist. [HGt.02_064,07] Denn da ist nur eins nötig im Geiste und aller Wahrheit, so man vor Dir steht, wie ich jetzt, und dieses eine ist, daß man sich auf die Brust schlage und sage: [HGt.02_064,08] O Du mein großer Gott, Du mein heiliger, liebevollster Vater, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! [HGt.02_064,09] Denn alle Sünde, alle Flecken und Makel meines Herzens sind vor Dir wie der hellste Tag offenbar, und meine Gedanken kennest Du wohl, und alle meine Begierden hast Du gezählt vor Dir! [HGt.02_064,10] Aber neben dem weiß ich auch, daß Du es willst, daß vor Dir jeder also wortleitig werden soll, als wüßtest Du im Ernste nichts von allem dem, was in jemandes Herzen entweder vorgeht oder vorgegangen ist, und soll überhaupt reden vor Dir als ein wahres Kind vor dem allein wahren, heiligen, liebevollsten Vater. [HGt.02_064,11] So will denn auch ich in aller Liebfreude meines Herzens das ahnungsvolle und sicher nicht wenig wunderbare Gesicht losgeben, wie auch, was ich inmitten des Gesichtes vernommen habe; und also bitte ich denn allseitig um ein geneigtes Ohr! [HGt.02_064,12] Ich vernahm anfangs wie harte Schläge an meine Brust; und so ich mich nicht irre, da dürften derselben wohl bei sieben gewesen sein. Diese Schläge taten mir zwar kein Wehe, aber dennoch wurde ich durch jeden bis in den innersten Grund meines Lebens erschüttert und war darum ängstlich gar sehr; denn ich wußte nicht, was da aus solchen Schlägen werden solle. [HGt.02_064,13] Aber als mich beim letzten Schlage die Angst übermannte und mir darob für die Außenwelt alle meine Sinne den sonst gewöhnlichen Dienst versagten, da fing es an, lebendiger und lebendiger zu werden in meinem Herzen. [HGt.02_064,14] Es kam mir anfangs vor, als hätten da angefangen zahllos viele Sterne gleich donnerstummen Blitzen durcheinanderzuzucken, und das stets heftiger und vervielfältigter, so zwar, daß am Ende mein ganzes Herz in die blitzleuchtende Materie überging und dann also leuchtete in mir, als wenn man einen Blitz nötigen könnte, daß er bleibe und nicht wieder erlösche so schnell, als da ein Augenblick dauert. [HGt.02_064,15] Dieses Licht fing danach aber an, mein Herz also gewaltigst auseinander zu treiben, daß es beinahe über alle sichtbaren Himmel hinaus seine Grenzen zu treiben anfing. [HGt.02_064,16] Da es aber seine Grenzen also stets mehr und mehr unaufhaltsam fort und fort erweiterte, da fing nach und nach dieser nun unermeßliche Sternenblitzlichtknaul sich allmählich in einzelne Blitze und endlich in einzeln ruhig stehende Sterne aufzulösen, von denen jeder bei weitem heller leuchtete denn der Morgenstern, wenn er ist im schönsten Lichte an einem heitersten Frühjahrsmorgen. [HGt.02_064,17] Da nun alles ruhig wurde und ich nicht mehr zu gewahren imstande war, ob sich mein Herz noch mehr erweitere, stille stehe oder sich wieder beenge, – da fand ich mich endlich selbst; und als ich mich aber fand, da fand ich mich als einen vollkommenen Menschen und dachte bei mir, mich selbst fragend: Wo bin ich denn jetzt? [HGt.02_064,18] Und siehe, da zuckten alsbald drei der schönsten Sterne herab vom hohen Himmel meines Herzens, das sich ehedem also erweitert hatte, und diese drei Sterne waren drei vollkommen runde Kugeln und hatten gleich der Sonne ein überstarkes Licht! [HGt.02_064,19] Da fragte ich mich wieder: Was soll denn das? Wo bin ich, – und was bin ich? [HGt.02_064,20] Als ich aber solches noch kaum ausgedacht hatte, da erweiterte sich plötzlich jede dieser drei Kugeln so sehr und trat zurück in eine unermeßliche Tiefe, daß ich am Ende nichts sah denn diese drei endlos großen Kugeln vor mir. [HGt.02_064,21] Die mittlere aber öffnete sich, nahm die zwei äußeren in sich auf und kam mir dann näher; in ihrer Nähe aber vernahm ich einen starken Donner, und dieser klang wie verständliche Worte, welche also lauteten: [HGt.02_064,22] ,Du bist jetzt in dir geistig; was du siehst, ist alles in dir, und es ist nichts da, das sich da befände außer dir. [HGt.02_064,23] Solches aber besagt das, daß du fürder die Zeichen des inneren Menschen sollst erforschen und dich nicht kümmern des äußeren Unrates der Dinge der Welt. [HGt.02_064,24] Denn was in der Außenwelt tot ist gestaltet, das alles hast du zahllosfach lebendig in dir; daher strebe nach dem inneren Leben, da wirst du alles enthüllt finden, was je äußerlich dich berührte oder zuallermeist auch nicht berührte! [HGt.02_064,25] Siehe, das ist die innere Welt Gottes, des ewigen, heiligen Vaters; in dieser kannst, sollst und wirst du ewig leben! Amen.‘ [HGt.02_064,26] Nach diesen Worten wurde die nun so große Leuchtkugel wieder möglichst klein und verschwand bald mit all dem andern, und ich fand mich allhier auf der Erde wieder; und von all dem Geschauten blieb mir nichts denn allein eine lebendige Erinnerung zurück. [HGt.02_064,27] O lieber, heiliger Vater, nimm diese sicher überaus unvollkommene Erzählung gnädigst auf, und wie ich es schon anfangs bemerkt habe, sei mir armem Sünder barmherzig; denn ich bin sicher kein reiner Sehel, sondern ein unreinster Horidael! [HGt.02_064,28] O Vater, Dein heiliger Wille geschehe! Amen.“ 65. Kapitel — Die Berufung Horidaels zum Schreiber der freien Entsprechungszeichen[HGt.02_065,01] Und der Abedam reichte dem Horidael Seine Hand hin und hieß ihn sie ergreifen, und der Horidael ergriff sie mit beiden Händen und drückte sie mit aller ihm nur immer möglichen Liebegewalt an seine Brust. [HGt.02_065,02] Darauf aber richtete der Abedam alsbald folgende Worte an ihn und sagte: „Horidael, du hast Mir getreu gegeben, was du in dir gefunden hast; so will Ich dich denn zu einem Sucher der verborgenen Schätze des inneren Lebens machen. [HGt.02_065,03] Und also sollst du die Zeichen der Entsprechungen haben und durch sie bezeugen jedes Dinges inneren und auch innersten lebendig geistigen Sinn! [HGt.02_065,04] Das aber besagt dein Gesicht, daß die Liebe zu Mir soll das Herz stets mehr und mehr erfüllen und es auch alsonach ausdehnen durch die geistige Wärme, und zwar also, wie du es gesehen hast, da du eine Unzahl zuckender Sterne erblicktest, die sich nach und nach zu einem allgemeinen Lichte verbanden und erweiterten dein Herz erst vollkommen dann, da sie in dir eins geworden sind. [HGt.02_065,05] Und da in dir ein solch großes Werk vollbracht wurde, siehe, da ward es ruhig in dir, und du sahst die Sterne wieder, und die Sterne erleuchteten deine innere Welt, daß du dich selbst finden mochtest in dir als einen vollkommenen Menschen; und als aber du dich gefunden hast, da wußtest du nicht, wo du warst, daß du darum fragtest. [HGt.02_065,06] Und drei Sterne deines eigenen Himmels lösten sich und schwebten vor dein Angesicht hin überhelle leuchtend; aber du verstandest dieses Zeichen noch nicht und fragtest wieder. [HGt.02_065,07] Da traten tief zurück die drei Sterne, und der mittlere öffnete sich und verschlang die beiden äußeren; dann vernahmst du erst eine große, donnerähnliche Stimme in dir, welche dir die erste Grundlehre gab über dich selbst und über das, was du werden sollst, und was du tun sollst. [HGt.02_065,08] Nun aber fragst du wieder in dir: ,Aber die Sterne, Sterne, was sind denn die Sterne in mir? Warum zuckten sie anfangs also gewaltigst? Warum und wie wurden sie eins, und wie und warum hernach wieder in einzelne gesondert und zur Ruhe gebracht?‘ [HGt.02_065,09] Siehe, die Sterne sind anfangs nichts als die in die Seele von der Außenwelt aufgenommenen Wißtümlichkeiten oder der Verstand im engeren Sinne des Wortes und der Bedeutung. [HGt.02_065,10] Das Hinundherzucken der Sterne aber bezeichnet das Suchen der Seele in sich nach den Wegen der Wahrheit und des Lebens. [HGt.02_065,11] Das Einswerden des Lichtes der Sterne bezeichnet, daß die Seele aus allen ihren Kräften Mich ergriffen hat. [HGt.02_065,12] Das darauf dann wieder erfolgte Einzel- und Ruhigwerden der Sterne aber besagt, daß sich durch die alleinige Liebe zu Mir das sich selbst suchende Leben in seinem Urgrunde gefunden hat, der da unendlich ist wie das sich in Ihm wiedergefundene Leben in Ihm und durch Ihn. [HGt.02_065,13] Darum hast du dich daselbst erkannt und fragtest aus dem Grunde deines Seins: ,Wo bin ich?‘ [HGt.02_065,14] Und die drei gelösten Sterne gaben dir die Antwort; aber du verstandest sie noch nicht. Die Antwort der Sterne vor dir aber besagte, und zwar vom Mittelsterne aus, daß du nun inmitten deiner eigenen Liebe bist selbst Liebe und Leben, zur Aufnahme bereitet alles Lichtes aus Mir, was du daraus ersehen konntest, als da bei deiner zweiten Frage die Sterne endlos erweitert vor dir zurückwichen, darum du ihren endlosen Umfang bemessen konntest, und darauf der mittlere Stern, der da bezeichnete die reinste Liebe, die beiden äußeren in sich aufnahm, die da waren gleich deinem Glauben und gleich deiner früheren Weisheit. [HGt.02_065,15] Da aber diese eins wurden, da auch vernahmst du das erste große, lebendige Wort in dir; und das Wort erst lehrte dich erkennen das große Gesicht deines eigenen Lebens in dir selbst. [HGt.02_065,16] Dieses Wort aber war Mein Wort in dir oder dasjenige wesenhafte Wort, durch welches du, wie alle Dinge, dereinst geworden bist; und dieses Wort lehrte dich, daß du verstehen sollest die großen, inneren Entsprechungen der Außenwelt zur inneren, lebendigen, ewigen. [HGt.02_065,17] Demnach also sollst auch du ein Schreiber werden, aber nicht gleich den übrigen, sondern ein Schreiber der entsprechenden Zeichen des Lebens im Menschen aus all den sichtbaren und unsichtbaren Dingen, welche vom kleinsten bis zum größten die ganze Unendlichkeit erfüllen. [HGt.02_065,18] Daher aber werde Ich dir auch andere Zeichen geben; ja ganz freie Zeichen sollst du haben, durch welche an den übrigen Zeichen der anderen soll angedeutet werden, was darinnen des Geistes ist und somit des inneren, ewigen Lebens, oder: was da die anderen aufzeichnen werden für das Auge des Fleisches, und hier und da auch für das der Seele, aber nicht also auch für das des Geistes, da soll von dir der Geist der inneren Wahrheit bezeugt werden. [HGt.02_065,19] Also du hast die freien Zeichen der Entsprechungen überkommen! Nun weißt du sie zwar noch nicht zu gebrauchen und kennest nicht einmal die Zeichen selbst; aber alles des sei unbesorgt! [HGt.02_065,20] Siehe, in der Schule deines eigenen Herzens, welche du heute zum ersten Male gesehen hast, wirst du alles finden! Der Geist der Liebe in dir wird dich in alle Geheimnisse leiten und dir offenbaren, was bis jetzt vor allen Augen verschlossen war; des sei völlig gewiß! Amen.“ 66. Kapitel — Abedams Rede über die wahre Verehrung Gottes. Evangelium vom rechten Geben[HGt.02_066,01] Nach dieser Rede und heiligen Lehre Abedams fiel der Horidael, vom übergroßen Dankgefühle ergriffen, vor dem Abedam nieder und weinte da aus großer Liebe und Freude aus ihr; und da war niemand auf der Höhe, der da in diesem Momente trockenen Herzens und trockener Augen geblieben wäre. [HGt.02_066,02] Der Abedam aber hieß dessenungeachtet den Horidael doch alsbald wieder erstehen, und zwar unter folgenden Worten: [HGt.02_066,03] „Horidael, erstehe! So du im Herzen voll Liebe und demütig bist, so ist das der Dankbarkeit über und über genug, und das Auf-der-Erde-Liegen kann da ganz ratgehalten werden. [HGt.02_066,04] Denn was da betrifft die Gebärdung des Leibes, so ist sie eher ein Greuel vor Mir als eine Mir wohlgefällige Tugend, besonders, so da jemand glauben möchte, daß da Mir schon genügen möchten des Auges Tränen, welche ein etwas schmerzlicher Augenblick hervorgerufen hat, da doch zuvor das Herz sich ganz wenig mit Mir beschäftigt hatte, oder andere frömmlich aussehenden Gestionen des Leibes, von denen das Herz der Seele und der lebendige Geist in ihm oft nicht die allerleiseste Kenntnis haben und somit auch nicht die geringste Notiz nehmen, geschweige dann erst die wahrhaft lebendig-demütige Ursache solcher frömmlicher Leibesgestionen sind. [HGt.02_066,05] Ich sage dir aber und sage es allen, daß Ich ein allervollkommenster Geist bin. [HGt.02_066,06] Wer demnach nicht im Geiste seiner Liebe zu Mir kommt und Mich bittet und dankt im selben Geiste der Liebe, wahrlich, den werde Ich eher nicht ansehen und erhören, als bis er sich völlig gebrochen hat und eingegangen ist in seine innere Welt und Mir da gebracht hat ein neues, lebendiges Opfer der reinen Liebe im Herzen seiner Seele, in welchem da wohnt der lebendige Geist, ein alter Abstämmling Meiner ewigen Liebe! [HGt.02_066,07] Da aber bei dir der Fall nicht ist, als wäre dein Geist ein Laie von allem dem, was da nun vorging und nun noch vorgeht, sondern gerade das Gegenteil, wodurch du als Geist nun ganz vollkommen ein Herr in deinem Hause (Leibe) bist und somit auch Liebe zu Mir in allen deinen Teilen hast, was soll da demnach das Erdliegen für eine Bedeutung haben?! [HGt.02_066,08] Ich sage dir, Mein geliebter Horidael, lasse solche alten, nichtssagenden Gewohnheiten, welche nur in die Tiefe hinab gehören, und erhebe dich zu einem freien Menschen! [HGt.02_066,09] Wer da aber seine Knie beugt vor Mir, der beuge sie im Geiste und aller Wahrheit, was da bezeichnet die allzeit gerechte Demut des Herzens, – aber nicht die Knie seines Leibes, an denen wenig gelegen ist, ob sie gerade oder krumm gehalten werden! [HGt.02_066,10] Denn daß jeder sein fleischliches Knie beugen kann, wann er will, das zeigt er ja beim Gehen; wenn es sonach Mir gedient wäre mit dem Beugen der fleischlichen Knie, da wäre ja des Gebetes in großer Genüge, so jemand hin und her ginge, ohne sich dabei um etwas Weiteres bekümmern zu dürfen. [HGt.02_066,11] Aber was soll das Kniebeugen und das Erdliegen denn Mir sein von euch Kindern, denen allen Ich gegeben habe einen lebendigen Geist?! [HGt.02_066,12] Sehet, auch die Tiere können die Gelenke ihrer Füße gar wohl beugen und können sich auch auf die Erde niederlegen! [HGt.02_066,13] So ihr Mich aber damit ehren wollet, darinnen kein Unterschied ist zwischen euch und den Tieren, welch Unterschied ist dann wohl zwischen euch und den Tieren selbst?! [HGt.02_066,14] Siehe somit, du Mein lieber Horidael, und sehet ihr alle, wie eitel töricht ist da nicht solch ein äußerer Dienst Mir, dem lebendigen, ewigen Gotte; eine tote Verehrung, Liebe und Anbetung Mir, eurem heiligen, liebevollsten Vater, der Ich Selbst euch gab eine lebendige Seele und in die Seele einen ewigen Geist aller Liebe und Wahrheit aus ihr! [HGt.02_066,15] Daher unterlasset also das in alle Zukunft, das zu nichts taugt, gebrauchet weise euren Leib und all seine Glieder zu eurer Notdurft; aber wenn es sich um Mich handelt, da lasset ihr eure Glieder ruhen, als hättet ihr keine! [HGt.02_066,16] Mir könnet ihr mit eurem Leibe nichts Wohlgefälliges tun; denn Ich bin ein Geist. [HGt.02_066,17] So ihr aber schon auch euren Leib samt eurem Geiste zu Mir erheben wollet, da gebrauchet eure Glieder aus Meiner Liebe in euch zum Mir allein wohlgefälligen Bruderdienste, und Ich werde da die Werke eures Leibes ansehen als Werke der Liebe eures Geistes und werde euch dafür geben den verdienten Lohn! [HGt.02_066,18] Aber des seid vollkommen versichert: Mit euren Gliedern allein möget ihr alle nichts tun, das Mir wohlgefällig wäre, sondern nur allein mit eurem Herzen und dem lebendigen Geiste im selben! [HGt.02_066,19] Wahrlich, sage Ich nun euch allen, wer aber da gibt seinem Bruder ein Stück Brot, oder einen Apfel, eine Birne, eine Nuß, eine Traube, oder ein Schaf, oder eine Kuh, oder einen Stier, oder einen Esel, oder ein Kleid, oder ein Haus, gibt ihm aber dieses nicht aus dem Herzen, sondern aus einer gewissen notwendigen Pflicht, der hat vor Meinen Augen seinem Bruder nichts gegeben, und Ich werde seiner nimmer achten, noch seiner Gabe, – und wäre diese größer denn ein Berg! [HGt.02_066,20] So aber jemand wenig hat, gibt aber das aus der Fülle seiner Liebe übergerne dem Bruder, – Ich sage euch, und wäre es nur eine halbe Nuß, so will Ich sie ansehen, als wäre sie eine Erde! [HGt.02_066,21] Jetzt wisset ihr alle zur Genüge, was da zu tun ist in dieser Mich ehrenden Hinsicht; kehret euch danach, so werdet ihr euch ewig nimmer zu beklagen haben, als ließe Ich jemands Bitte unerhört! [HGt.02_066,22] Und so lasset uns denn den Purhal rufen und vernehmen, was alles er in der Zeit gesehen und treulich vernommen hatte! Amen.“ 67. Kapitel — Purhals inneres Gesicht[HGt.02_067,01] Und sogleich nach diesen Worten berief der Abedam den Purhal zu Sich und fragte ihn den früheren gleich, sagend nämlich: [HGt.02_067,02] „Purhal, siehe, nun ist die Reihe der großen Ordnung an dich gekommen! So gib denn auch du uns kund, was du in dir gesehen, empfunden und vernommen hast, – aber ohne Furcht und Scheu; denn wir sind ja nicht da versammelt, daß wir uns gegenseitig voreinander fürchten sollen, sondern allein nur lieben! [HGt.02_067,03] Darum also sei ohne Furcht, und erzähle munter darauf los, was dir alles widerfahren ist in dieser kurzen Zeit deines Inneseins! Amen.“ [HGt.02_067,04] Also aber wurde der sonst etwas furchtsame Purhal ermutigt, daß ihn darob alsbald alle Furcht verließ und er in seinem Innern sich einer Kraft bewußt wurde, mittels welcher er mit allen Löwen, Tigern und Hyänen und Leviathanen es aufgenommen hätte, so man ihn dazu beheißen hätte. [HGt.02_067,05] Allein er wußte gar wohl, was er mit dieser neuen Kraft zu tun hatte, und so fing er denn auch alsbald an, alles getreu von sich zu geben, was er in sich gefunden, gesehen, empfunden und gar wohl vernommen hatte. – Also aber lauteten seine Worte: [HGt.02_067,06] „O Du mein über alles, alles erhaben heiliger und der allerhöchst unendlichen Liebe vollster Vater! Du allmächtiger, ewiger, großer Gott; Du allgewaltigster Herr und allerweisester Meister in allen Dingen der großen Unendlichkeit! [HGt.02_067,07] Siehe, bis her auf mich hat fast noch ein jeder meiner Vorgänger irgendeine demütige Entschuldigung hervorgebracht, der zufolge er sich nicht mochte zu reden getrauen von dem, was er in sich gesehen hatte, darum er wohl wußte – so gut wie ich und sicher jeder von uns –, daß vor Dir auch unsere geheimsten Gedanken also offenbar sind wie vor mir am hellsten Tage nicht einmal die Sonne selbst! [HGt.02_067,08] Siehe sonach, Du heiligster, liebevollster Vater, ich will in dieser Hinsicht eine Ausnahme machen, will mir kein Blatt vor dem Munde halten und also reden, wie Du mir die Zunge hast wachsen lassen! [HGt.02_067,09] Denn ich weiß es ja auch wie alle anderen, daß alles, was ich gesehen und gehört habe, lediglich nur ursächlich von Dir herrührt, und weiß es darum ja auch, daß Du ganz sicher Dein Werk durch und durch kennen wirst. [HGt.02_067,10] Sollte aber darum ein Apfelbaum keine Früchte bringen, da Du ganz sicher, aber auch schon ich es bestimmt weiß, wie da seine Früchte aussehen werden? [HGt.02_067,11] Ich denke, solches wäre doch eine Torheit zu verlangen oder gar zu glauben! [HGt.02_067,12] Darum also will ich auch ohne Scheu und Furcht sogleich die Früchte von mir geben, welche Du, o heiligster, allerliebevollster Vater, so lebendig in mein sonst überarmseligstes Herz gelegt hast! [HGt.02_067,13] Solches aber habe ich demnach gesehen, empfunden und gar wohl vernommen: [HGt.02_067,14] Anfangs kletterte ich von einem Gedanken hin zum andern und dachte also hin und her und auf und ab: ,In dein Herz also sollst du schauen und wohl beachten, was alles sich darinnen vorfinden und zeigen wird? [HGt.02_067,15] Gut wäre es, wenn es möglich wäre; aber wie, – das ist nun eine ganz andere Frage!‘ [HGt.02_067,16] Doch dachte ich mir wieder: ,Geduld, nur Geduld; denn Der solches von dir verlangt, wird dir ja wohl auch den Weg entweder offenbar oder heimlich im Geiste zeigen, wenn es Sein heiliger Wille ist! [HGt.02_067,17] Ist es aber Sein Wille nicht, so wird es aber doch sicher Sein Wille sein, daß du bleibest, wie du bist und schon von jeher warst: ein armer, blinder Tropf!‘ [HGt.02_067,18] Aber mitten unter diesen meinen wenigsagenden Gedanken geschah auf einmal ein unaussprechlich starker Knall; und alsbald verging die Erde unter meinen Füßen, und ich schwebte im Zentrum einer ewigen Nacht, und sah nichts, auch nicht einmal den allerleisesten Gedanken von mir selbst, und hatte kaum so viel Fähigkeit, mir selbst zu sagen: ,Also sieht es sonach in meinem Herzen aus? [HGt.02_067,19] O Du heiliger Vater, siehe barmherzig auf mich herab, und rufe mich wieder zurück; denn in dieser Nacht muß ich des Todes werden!‘ [HGt.02_067,20] Aber ich hatte noch kaum diesen Gedanken beendet, da geschah ein zweiter mächtiger Knall, – und im Augenblicke sah ich nach allen Seiten hin aus allen unendlichen Tiefen große Flammen emporschlagen; und im hellen Lichte dieser Flammen gewahrte ich erst, daß diese frühere Nacht eine Nacht meines eigenen Herzens war, und daß die auf den zweiten Knall erwachten Flammen nichts als meine eigene, bis dahin fest schlafende Liebe selbst waren. [HGt.02_067,21] Aber jetzt knallte es noch einmal – und noch entsetzlicher denn die zwei früheren Male! [HGt.02_067,22] Da erloschen die Flammen in ihrem Leuchten alsbald durch den Aufgang einer Sonne, ach einer Sonne, die sicher ewig nimmer ihresgleichen hat in der ganzen Unendlichkeit! [HGt.02_067,23] Im Lichte dieser Sonne wurde alles wesenhaft. Die Flammen meiner Liebe wurden Wesen und sahen aus wie ich selbst, und ihrer Zahl schien kein Ende zu sein. Und alle diese Wesen bewegten sich zu mir hin und wurden völlig eins mit mir; in diesem Einen aber empfand ich eine solche Wonnelust, daß ich sie nun mit nichts zu vergleichen imstande wäre. [HGt.02_067,24] Aber nicht lange dauerte dies Einen; denn gar bald war von allen den Wesen nur ich allein als ein Mensch da. Aber dafür vernahm ich nun viele Stimmen wie in mir, und diese Stimmen klangen so herrlich wie Morgengesänge froher Hirten; und diese Stimmen klangen auch wie ein Wort, das aber also lautete: [HGt.02_067,25] ,Siehe, Ich bin alles in allem, und alles ist in Mir und alles aus Mir! Du aber bist Mein Ebenmaß; daher erkenne dich, wer du bist, und wer dein Vater, Gott und Schöpfer ist!‘ [HGt.02_067,26] Nacht ward nach diesen Worten wieder in mir, und aus dieser Nacht kam ich bald wieder zur Erde hierher herauf oder herab. [HGt.02_067,27] Das ist alles, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe. Heiliger Vater, hier bringe ich es Dir zum Opfer dar; nimm es gnädigst auf, – Dein heiliger Wille! Amen.“ 68. Kapitel — Abedams Rüge und Mahnung an den unaufrichtigen Purhal. Die Erklärung des Gesichtes Purhals[HGt.02_068,01] Nach der Beendigung dieser Erzählung von Seite des Purhal blickte der hohe Abedam überaus freundlich um Sich herum, tat dann Seinen Mund auf und richtete dann an alle wie an den Purhal folgende Worte, sagend nämlich: [HGt.02_068,02] „Wahrlich, ohne Furcht und Scheu hast du uns allen deine Früchte aufgetischt und ließest auch nicht einen Apfel zurück, hängenbleibend am Baume deiner inneren Erkenntnis, und hast dabei auch deiner altgewohnten Sitte zufolge nicht unbeachtet gelassen deine Weisheit, darum du uns allen zuerst gereicht hast die unreiferen und weniger genießbaren und zuletzt erst die wohlreifen und gut genießbaren Früchte vom schon bestimmten Baume deiner inneren Erkenntnis! [HGt.02_068,03] Siehe, darum also lobe Ich dich auch; denn, wie gesagt, du warst übertreu in deiner Erzählung! Aber auf eines will Ich dich dabei doch aufmerksam machen, und also siehe: Es war zwar von dir aus, wie von jedem andern aus, das eben keine Sünde, so er es dir gleich begangen hätte, nämlich eine Worthandlung, die nichts als ein leeres Gewäsch ist von ganz übergleichgültiger Art, darinnen weder etwas Gutes noch auch gerade etwas Schlechtes steckt, gleich wie in einem faulen Apfel, – aber siehe, wer mag das Faule eines Apfels genießen, obschon es gerade nichts Schlechtes ist?! [HGt.02_068,04] Also aber stand es auch mit dir, da du uns alle mit der Darstellung deines großen Mutes beinahe etwas zu lange aufgehalten hättest! [HGt.02_068,05] Verstehst du, Purhal, Mich, und was Ich dir nun damit habe sagen wollen? [HGt.02_068,06] Antworte Mir nur in deinem Herzen! – Also, du verstehst es nicht ganz! Siehe, darum will Ich dich darauf hinleiten, daß du es verstehen sollst, und so gib denn wohl acht! [HGt.02_068,07] Du sagtest, nachdem du der demütigen Entschuldigungen deiner Vorgänger erwähnt hast, daß du in dieser Hinsicht eine Ausnahme machest oder vielmehr machen willst. [HGt.02_068,08] Siehe, es ist wahr, es solle da sogar eine Ausnahme sein; denn Ich verlange nicht mehr und habe noch nie mehr verlangt, als daß ihr tun sollet nach Meinem Willen, wollt ihr das ewige Leben finden. [HGt.02_068,09] Dessenungeachtet aber wußten einige vor zu großer Liebe und Ehrfurcht ihrer Herzen sich nicht zu helfen und konnten somit auch den Mund nicht alsbald öffnen und das Verlangte von sich geben. [HGt.02_068,10] Diese Haltung deiner Vorgänger hast demnach du aufgenommen, hast sie als etwas Läppisches angesehen und hast dir heimlich auch schon vorgesteckt, dessen zu erwähnen, wenn oder so Ich dich gleich den andern berufen würde, auf daß auch du gleich den andern Mir kundgeben sollest, was du in dir gefunden hast. [HGt.02_068,11] Siehe, du warst alsbald berufen; aber beinahe dein erstes war, daß du eine Ausnahme machtest deiner Brüder wegen, um sie gewisserart ein wenig zu beschämen. [HGt.02_068,12] Und – verstehe! – stelltest dich dann in deiner Erzählung mutiger, als du im Grund' es wirklich warst. [HGt.02_068,13] Siehe nun, auf der einen Seite sagtest du von dir aus, du wissest es so gut wie die andern, daß Mir alle Dinge gar wohl bekannt sind, darum es dann nicht nötig sei, so Ich es verlange von jemandem, von sich zu geben, was Ich jemandem gab, sich darob zu fürchten, darum Ich es lange vorher schon gar überklar weiß, was jemand von Mir empfing, – und bekräftigtest solches mit einem recht würdigen Gleichnisse! [HGt.02_068,14] Wie kommt es denn aber hernach, daß, nachdem du solches zu wissen vorgabst, du anderseits doch nicht wußtest, daß Mir solches auch sicher nicht unbekannt bleiben wird, inwiefern du Mir eben nicht wohlgefälliges Verkehrtes in deinem Herzen bärgest? [HGt.02_068,15] Siehe, da warst du wohl in einer gar überaus großen Irre! [HGt.02_068,16] Doch, wie Ich es aber schon anfangs bemerkte, soll dir für diesmal dieser Fehler zu keiner Sünde gerechnet werden; jedoch sei für die Zukunft wohl auf deiner Hut, daß dein Herz ja nicht mehr von einer solch zweideutigen Stimmung befangen wird, sonst wird die große Nacht deines Herzens noch lange nicht durch die hereinbrechenden Liebesflammen erleuchtet werden, und noch länger wird die herrliche Morgensonne, welche du in dir hast aufgehen sehen, unterm Wege (unterwegs) bleiben! [HGt.02_068,17] Siehe also du, Mein lieber Purhal, Mir ist nichts verborgen; darum ist's bei Mir schon durchaus nicht ratsam, hinter dem Rücken zu spielen! [HGt.02_068,18] Solches nimm dir für künftig zur steten Richtschnur deines Lebens, so wird dein noch fernerer Gang über diese Erde ein leichter sein! – [HGt.02_068,19] Solches aber besagt dein Gesicht und sollte dir vom Anfang bis zum Ende ein stark und allzeit mahnendes Zeichen sein, daß fürs erste deine Liebe zu Mir, wie zu deinen Brüdern, noch keine reine und somit auch keine ganze ist. [HGt.02_068,20] Denn die an den zahllos verschiedenen Seiten aus der Nacht deines Herzens hervorbrechenden Flammen bezeugen solches und sagen dir, dich wie durch einen heftigen Knall erschütternd: ,Siehe, wie zertragen noch deine Liebe und somit auch dein Leben ist!‘ [HGt.02_068,21] Und als Ich dir dann die Sonne aufgehen ließ, das heißt Meine heilige Gnadensonne, da merktest du, daß diese Flammen ohne Licht nichts als dein zahllosfach zertragenes ganz eigenes Ich waren, welches du selbst also zerworfen hast durch deine früheren allerverschiedenartigsten Begierden, Sorgen und Leidenschaften! [HGt.02_068,22] Wie aber kann dieses also zertragene Wesen denn wieder zu einem Wesen werden? [HGt.02_068,23] Solches auch hast du gesehen, als du sahst, wie in Meinem Liebegnadenlichte sich alle diese dir ähnlichen Wesen zu dir hindrängten und bald völlig eins mit dir wurden, und du dann erst in dieser Wiedervereinigung fähig warst, als ein solchergestalt vollendeter Mensch wieder Meines Geistes Vaterstimme in dir zu vernehmen, welche dir kund gab, wer Ich bin, wo Ich bin, und wo und woher alle Dinge sind, und was endlich du selbst bist oder sein und werden sollst. [HGt.02_068,24] Da du aber nun solches alles lebendig erfahren hast, also versammle dich demnach auch in der wahren, reinen, uneigennützigen Liebe zu Mir, so wirst du leben und wirst in der Tat selbst entsprechen dem geschauten großen Zeichen in dir, wodurch du Mir dann selbst ein lebendiger Zeichenforscher und -deuter werden sollst aus Liebe in der Brüder Herzen allzeit! Amen.“ 69. Kapitel — Die Wirkung des an Purhal gerichteten Tadels auf die Anwesenden. Die Aufrichtung der geängsteten Gemüter durch Abedam[HGt.02_069,01] Als aber der Purhal und all die andern solche Worte vom Abedam vernommen hatten, da wurden sie beinahe stumm, also zwar, daß es außer dem Henoch und dem Adam nahezu niemanden gab, der sich da gewagt hätte, dem Abedam auch nur mit einem Wörtchen zu begegnen, obschon der Abedam alle die Kinder überfreundlichst als der allein wahre, gute und liebevollste Vater ansah. [HGt.02_069,02] Denn fast jeder dachte bei sich: ,Er sieht freilich wohl unaussprechlich gut aus, aber zu trauen ist Ihm darum doch nicht; denn ehe man sich's versieht, und nur eine Hand umkehrt, so hat Er einen schon bei und an der innersten Falte des Lebens gepackt! Und solches alles ist zwar durchaus wahr, – aber was nützt uns alles das? Wer kann Ihm ausweichen? [HGt.02_069,03] Er meint es freilich wohl gar überaus gut mit jedem, – wenn Er aber nur nicht gar also auf das Allerreinste hinausginge, da wäre es mit Ihm schon noch zu bestehen; aber die Reinheit, die Reinheit, die ist etwas Entsetzliches! [HGt.02_069,04] Und hat man diese nicht, das heißt im vollkommensten Sinne des Wortes und der Bedeutung nach, so kann man sich Ihm schon nicht ehrlichermaßen nähern; denn Er sieht einem ja nicht auch nur den allerkleinsten Fehler im Herzen nach! [HGt.02_069,05] Aber was ist da zu machen?! Ihn kann niemand ändern, – ewig wird Er Sich gleichbleiben also rein und heilig, wie Er jetzt ist; also heißt es sich denn fügen!‘ [HGt.02_069,06] Der Abedam aber, der da solche Gedanken gar überaus wohl bei den Kindern gemerkt hatte, wandte sich zum Purhal und fragte ihn: [HGt.02_069,07] „Purhal, sage Mir, ob Ich dir wohl den Kopf heruntergerissen habe, da Ich dich mit den sanftesten Worten belehrt habe und habe dich allersorgfältigst gereinigt, damit du, wie alle, alsbald aufnahmefähig würdest für das ewige allerfreieste Liebeleben aus Mir! [HGt.02_069,08] Sage Mir: Ist je deines Leibes Vater also nachsichtig mit dir umgegangen wie Ich jetzt? [HGt.02_069,09] Zeige Mir den Vater unter euch, der sich bei seinen Kindern nicht eifrigst der manchmal sehr scharfen Zuchtrute bedient hätte! [HGt.02_069,10] Siehe, du kennst keinen; denn du selbst bist gar lange schon ein Vater und weißt gar wohl, wie du deine Kinder erzogen hast. [HGt.02_069,11] Nun aber sage Mir, mit welcher Zuchtrute Ich nun zu euch gekommen bin! Wer ist schon erlegen unter Meinen Hieben? [HGt.02_069,12] Siehe, mit nichts denn mit Meiner allerhöchsten, überwahrhaften Vaterliebe ziehe und lehre und befreie Ich euch, und ihr saget bei euch in euren Herzen aber, Mir sei nicht zu trauen! [HGt.02_069,13] O ihr noch Überblinden! Wenn demnach Mir nicht zu trauen ist, der Ich doch euer aller wahrhaftester, getreuester, liebevollster, sanftester und geduldigster Vater bin, – wem könnt und wollt ihr denn hernach trauen? [HGt.02_069,14] Wenn euch bei Mir, dem allerreinsten und heiligsten Vater unheimlich und ängstlich zumute wird, der Ich doch mit den allerbesten und allervollkommenst wahrsten und allerväterlichst redlichsten Absichten aus Meiner ewigen alleruneigennützigsten Liebe zu euch erfüllt bin, wie muß es denn euch einander gegenüber, die ihr doch gegen Mich allesamt voll Argens und voll Tücken in euren Herzen seid, zumute sein, so ihr Mir gegenüber bei einer kleinen Berichtigung eines Fehlers im Herzen Purhals also entmutiget werdet?! [HGt.02_069,15] O ihr Blinden! Vor Mir, dem ewig allein lebendigen Vater, bebet ihr und werdet voll Angst, so Ich euch zu Mir und somit vom Tode ins ewige Leben erhebe; [HGt.02_069,16] Aber vor der Welt kommt euch keine Angst ins Herz, die doch an und für sich nichts ist denn ein allerbarster Tod! [HGt.02_069,17] O sehet, wie voll verkehrten Sinnes ihr noch seid! [HGt.02_069,18] Wer hat euch denn also gezeugt, daß ihr euch vor Dem fürchtet, den ihr nur über alles lieben sollet? Und was ihr aber aus allen Kräften fürchten und fliehen sollet, damit stopfet ihr euch ganz behaglich eure Herzen voll! [HGt.02_069,19] Purhal, sage Mir, was Arges habe Ich dir denn dadurch zugefügt, so Ich dich gereinigt habe aus Meiner großen Liebe zu dir?! [HGt.02_069,20] Weißt du denn, was das Leben ist, und wie es beschaffen sein muß, um zu taugen für die ewige und unendliche Dauer? [HGt.02_069,21] Siehe, solches weiß wohl kein geschaffener Geist, sondern allein nur Ich, der unendliche, ewige Meister alles Lebens! So Ich euch aber als euer heiliger, liebevollster Vater nun Selbst für dieses euch ewig unergründliche Leben in Mir vollende und treibe und nehme alles, was des Todes ist, aus euch, – Purhal, wie kann es da dir und allen anderen nur von ferne irgend in den Sinn kommen, als wäre Mir nicht zu trauen?! [HGt.02_069,22] Sage Mir, so Ich euch nicht helfen möchte, wer dann könnte euch wohl helfen vom Tode zum Leben?! [HGt.02_069,23] Damit Ich euch aber helfen kann und mag, ist es da nicht recht, daß Mir sogar eure geheimsten Gedanken und Begierden überklar und helle offenbar sind, und somit auch unumgänglich notwendig offenbar sein müssen, damit Ich euch allzeit zu Hilfe kommen kann, wann nur immer sich euch eine tödliche Gefahr naht?! [HGt.02_069,24] Sage Mir, Purhal, sollte Mir also darum nicht zu trauen sein?!“ [HGt.02_069,25] Bei dieser Frage fing alles an zu schluchzen und zu weinen, und der Adam selbst weinte laut wie ein Kind und sagte dann, durch und durch ergriffen von Meiner großen Vaterliebe: [HGt.02_069,26] „O Du heiliger, lieber Vater Du, jetzt erst sehe ich es ganz, wie unendlich gut Du bist! [HGt.02_069,27] Wo ist der, der Dich nicht über alles, alles, alles lieben sollte können?! [HGt.02_069,28] O vergib uns Blinden diese große Unbill, die Dir jetzt von uns allen angetan wurde!“ [HGt.02_069,29] Der Abedam sagte darauf: „O Kindlein, seid ruhig und ganz ohne Sorge, denn die ihr da seid in Meinem Schoße nun, von euch wird keiner verlorengehen; denn Ich, das ewige Leben Selbst, bin ja mitten unter euch und wende nun alle Gefahr des Todes von euch ab. [HGt.02_069,30] So Ich aber wieder jemanden erbauen werde gleich dem Purhal, da verlieret nimmer euer Vertrauen zu Mir, sondern denket dafür in euren Herzen, daß Ich, euer aller guter, heiliger Vater, es ja bin, der Ich solches tue! [HGt.02_069,31] Kindlein, solches verstehet wohl für alle Zukunft und Ewigkeit! Amen.“ 70. Kapitel — Juribaels Rede über die Größe des Menschen als Gotteskind. Das Gesicht des Juribael: Die zahllosen, endlos wachsenden Kreise des einen Lebenskreises[HGt.02_070,01] Nach diesen Worten aber berief der Abedam alsbald den Juribael zu Sich und fragte ihn gleich den andern, sagend nämlich: [HGt.02_070,02] „Juribael! Wie die andern es taten, also tue es auch du, und sage uns allen, was alles denn du in dir vernommen hast und gesehen und empfunden!“ [HGt.02_070,03] Und der Juribael trat ehrfurchtsvollst aus der Mitte seiner Brüder hin vor den Abedam und fing im Vollergusse seiner echten Liebe zu Mir also zu reden an: [HGt.02_070,04] „O Du heiliger, liebevollster, unaussprechlich allerhöchst bester Vater! Siehe, ich, ein nichtiger Wurm vor Dir, liege hier in der größten Ehrfurcht und innersten allerzerknirschtesten Demut meines Herzens vor Dir, Du heiliger Vater! [HGt.02_070,05] Du hast mich gerufen nun aus meinem Schlafe ins Leben, – ja ins wahre, wache, freie Leben Deiner unendlichen Vaterliebe hast Du mich gerufen und hast gemacht aus dem matten, blinden Wurme der todbestaubten Erde einen freien Menschen, der mit seinen Augen hinausblickt in ferne Ewigkeiten wie in eine endlose Reihe von Kreisen über Kreisen voll Unsterblichkeit und sieht sich in jedem dieser ewigen Kreise verherrlichter und Dir, o Du heiliger Vater, ähnlicher und näher! [HGt.02_070,06] Aber nicht nur zu einem unsterblichen Menschen, sondern zu noch mehr, ja zu noch unendlichmal mehr denn nur zu einem unsterblichen Menschen hast Du den bestaubten Wurm der Erde, der Staubmutter, gemacht! [HGt.02_070,07] Ach, wer kann die endlose Größe Deiner Vaterliebe fassen?! [HGt.02_070,08] Denn der bestaubte Wurm, der schwache, sündige Mensch darf Dich, Du ewiger, heiliger Gott, ,lieber Vater‘ rufen! [HGt.02_070,09] O Vater, – zu Deinen Kindern hast Du uns gemacht! [HGt.02_070,10] Heiliger Vater, ich kann Dich anbeten, kann Dich loben und preisen; ich kann Dich rühmen mein Leben lang aus allen meinen von Dir mir verliehenen Kräften; ich kann Dir Opfer anzünden, dahin sich immer mein Auge wenden möchte; ich kann Dich also hochachten, daß sich aus der mir nur immer möglich allerhöchsten Ehrfurcht mein Geist unter die allerletzten, untersten und geringfügigsten Schöpfungen verbergen könnte; ja, ich kann Dich lieben nach aller Liebegewalt in mir; ja, solches alles kann ich tun Dir, meinem allmächtigen Schöpfer, Dir, meinem heiligen, großen Gott! [HGt.02_070,11] Denn solange Du mir nur bist ein Schöpfer, ein ewiger, unendlicher Gott, so lange auch findet zwischen mir und Dir kein anderes Verhältnis statt als allein nur das der vollsten Nichtigkeit von meiner Seite gegen Dich und Deine unendliche Allheit in aller Macht Deines göttlichen Wesens gegen – wie schon gesagt – mein allervollstes Nichts! [HGt.02_070,12] Aber, wenn ich Dich ,Vater‘ nenne, o Du heiliger Vater, dann hört all das frühere Verhältniswesen auf; eine Wonne umstrahlt da mein Herz, und mein Geist bebt, von einer unaussprechlich großen Ahnung ergriffen, und mir bleibt dann nur ein mächtiges Gefühl, und das ist die Liebe, die alleinige reine in Dir, o Vater, geheiligte Liebe, – ja, eine heilige Liebe, da sie nichts denn nur Dich allein, Du heiliger Vater, zu lieben vermag! [HGt.02_070,13] Das ist aber dann auch alles, was ich Dir darzubringen vermag. In dieser Liebe vergesse ich sogar aller Anbetung, alles Dankes, alles Lobes, aller opferlichen Verehrung, die Dir doch als dem ewigen Gotte gebührt, und alles Rühmens und Preisens Deiner unendlichen Herrlichkeiten; und wahrlich, da habe ich dann nichts vor mir denn allein Dich, o Du heiliger Vater, rufe nichts als ,Vater‘, denke an nichts denn nur an Dich, Du heiliger Vater! [HGt.02_070,14] Daher vergib mir nun auch, Du lieber, heiliger Vater, daß ich Dir nicht zu danken, Dich nicht zu loben und zu preisen vermag, denn mein Herz ist zu erfüllt von der mächtigsten Liebe zu Dir; daher kann ich auch nun nichts als Dich allein nur über alles lieben! [HGt.02_070,15] O Vater, da aber meine Zunge aus zu großer Liebe meines Herzens zu Dir gar nicht fähig ist, entweder zum Gebete oder zum Ruhme Deines Namens sich zu bewegen, darum sich alle meine Kraft in der Liebe zu Dir im Herzen vereinigt hat, so vergib mir schon im voraus; denn sicher wird da meine Erzählung ganz entsetzlich holpericht ausfallen! [HGt.02_070,16] Zum größten Glücke für meine nun ganz unbehilfliche Zunge habe ich das meiste schon in diesem meinem matten Bekenntnisse kundgegeben, was ich empfunden und gefühlt habe und noch fühle und wahrlich ewig fühlen werde, und setze nun nur noch das Gesicht bei, welches also beschaffen war: [HGt.02_070,17] Als ich über das nachdachte, daß Du unser aller heiligster Vater bist und hast uns gemacht durch Deine unendliche Liebe zu Deinen Kindern, – siehe, da wurde es plötzlich überhelle in mir, so zwar, daß ich mich innerlich also beschauen konnte, als wie man beschaut den Grund einer ruhigen allerreinsten Wasserstelle. [HGt.02_070,18] Aber bei dieser Beschauung blieb es nicht lange. Denn gar bald fand ich mein Herz und in der Mitte des Herzens einen überaus stark leuchtenden Ring, und dieser Ring oder Kreis drehte sich beständig. Hier dachte ich: ,Was soll es da mit dem Ringe?‘ [HGt.02_070,19] Als ich aber solches noch kaum gedacht hatte, da ging der Ring denn plötzlich, also wie die Kreise im Wasser, auseinander und dehnte sich überweit über mein Wesen hinaus zu einem endlos großen Kreise, in dessen Mitte ich mich ganz allein befand. [HGt.02_070,20] Aber auch dieses Gesicht dauerte nicht lange. Denn gar bald löste sich der Kreis in endlos viele Kreise, die sich hintereinander fort und fort reihten und stets größer und größer wurden und heller leuchtender stets. Und ich sah in der Mitte eines jeden Kreises mich selbst stets herrlicher, leuchtender und größer und stärker, und in einer endlos tiefen Tiefe, da die stets größer, ja endlos größer werdenden Kreise sich nimmer enden wollten, sah ich ein unermeßlich großes und starkes Licht; und als ich stärker und schärfer nach dem Lichte hinstarrte, da wurde ich auf einmal gewahr, daß Du, o heiliger Vater, im Lichte das Licht Selbst warst! [HGt.02_070,21] Und durch all diese endlos vielen Kreise vernahm ich dann ein sanftes Wehen, und das Wehen ging von Dir aus. [HGt.02_070,22] Ich aber verstand das Wehen. Das Wehen aber offenbarte sich als ein wohlvernehmbares Wort in mir; und darum verstand ich das Wehen. [HGt.02_070,23] Das Wehen aber sprach: ,Siehe, das ist der Weg der Liebe ins ewige Leben und durch dieses zu Mir, deinem ewigen, heiligen Gott und liebevollsten Vater!‘ [HGt.02_070,24] Darauf aber verstummte dann plötzlich alles, und mit meinem Gesichte hatte es ein Ende. [HGt.02_070,25] Und so ende denn auch ich; denn das ist alles, was ich gesehen, gefühlt und vernommen habe. [HGt.02_070,26] O Vater, Du lieber, heiliger Vater, nimm es gnädig auf, und verstoße mein Dich sicher nur höchst unvollkommen liebendes Herz nicht, sondern gib mir die Kraft, daß ich Dich stets inniger und vollkommener lieben kann ewig, ewig, ewig! Amen.“ 71. Kapitel — Die Deutung des von Juribael Geschauten durch Abedam d. H. Das Lebensgeheimnis der Demut und Liebe zu Gott[HGt.02_071,01] Nach diesen Worten aber fiel der Juribael, von seiner mächtigen Liebe gedrungen, hin zu den Füßen des Abedam und machte auf diese Art seiner mächtigen Liebe gewissermaßen Luft. [HGt.02_071,02] Und so lag der Heißliebende in der vollsten Demut und tiefsten Dankbarkeit seines Herzens zu den Füßen seines Gottes, seines Schöpfers und seines Vaters. [HGt.02_071,03] Aber der Vater beugte sich gar bald zu ihm nieder und erhob ihn hinauf zur heiligen Brust, damit er da einatme das wahre, ewige Leben aus derselben Urquelle alles Lebens, aus welcher alle endlosen Ewigkeiten ihr Sein und ihr Leben gesogen haben und auch ewig saugen werden. [HGt.02_071,04] An diese heilige Brust also drückte nun der heilige, liebevollste Vater den Juribael, darum sogar dessen Fleisch erfüllt mit der Liebe zum heiligen, liebevollsten Vater ward. [HGt.02_071,05] Da ihn aber der ewige, heilige Vater also umfangen hielt mit den Armen der ewigen und unendlichen Vaterliebe, da auch richtete er folgende Worte an ihn, sagend nämlich: [HGt.02_071,06] „Juribael, siehe, nun lebst du erst wahrhaft, und dieses Leben wird nimmer können von dir genommen werden; denn jetzt habe Ich es dir gegeben, und du hast es jetzt wahrhaft genommen aus Mir, deinem ewigen, heiligen, liebevollsten Vater. [HGt.02_071,07] Siehe, das ist aber der ewig lichte Ring in deinem Herzen, daß du nun lebst aus Meiner Liebe in dir! Denn Meine Liebe im Herzen Meiner Kinder ist ein Kreis, der sich stets vervielfältigt und vergrößert ins Endlose; und diese Kreise, die da geworden sind durch diese ewige Vervielfachung des einen Kreises, hängen aneinander wie die Glieder einer Kette oder wie das Gewinde einer Schnecke, wo jedes Gewinde größer wird und geräumiger und freier, und jedes näher und näher, und stets näher der großen Ausmündung in den ewigen, unendlichen Raum, welcher im Geiste ist der allerhöchste Vollgenuß Meiner ewigen unendlichen Vaterliebe und aller Gnade und Weisheit aus ihr. [HGt.02_071,08] Und dieser Vollgenuß ist das allereigentlichste ewige Leben in aller Freiheit des Gnadengebrauches nach der urewigen Weisheit aus Mir, welche da wird jedem zu eigen, der Mir ward ein gerechtes Kind Meiner Liebe durch seine Liebe, welche da ist vom Grunde aus Meine Liebe in ihm und macht ihn zum Kinde Meiner Liebe durch diese Meine Liebe in ihm. [HGt.02_071,09] Siehe nun, Mein geliebter Juribael, das ist alles dein Gesicht, welches dir gezeigt hat den rechten Weg zu Mir, deinem und euer aller heiligstem Vater! Diesen Weg sollen alle wandeln, und der hohe Sinn Meiner Absicht mit und in euch würde da bald gar helle leuchtend vor euch enthüllt werden, und ihr würdet da nicht fragen: ,Wo, woher und von wannen?‘, sondern in sich würde es jeder finden, wie die Liebe, so den Geist, welcher ist ein Träger der Liebe, und so das ewige Leben, welches ist die Liebe, und also auch den hohen Sinn Meiner Absicht, welches alles da ist die ewige, allervollkommenste Freiheit zufolge Meiner ewigen und unendlichen Weisheit, welche da ist die urewige Ordnung aller Dinge und alles Seins. [HGt.02_071,10] So aber da jemand nicht wandelt diesen Weg, wahrlich, sage da Ich euch, er wird sich zu Tode suchen und wird aber doch nimmer den rechten und kürzesten Weg finden, darum dieser ist ein Weg der Liebe und alles Lebens aus ihr, aber nicht ein Weg des finstersten Eigensinns, in dem auch nicht ein allerleisester Funke Meiner Liebe waltet. [HGt.02_071,11] Und wenn darin schon irgend eine Liebe waltet, so ist sie aber doch nur eine geraubte Liebe, welche sich da irgendein Dieb zu eigen gemacht hat und lebt dann aus dieser geraubten Liebe, welche da ist eine barste Eigenliebe. [HGt.02_071,12] Aber das Leben einer solchen Liebe dauert nicht ewig, sondern nur sehr kurz diese Zeit hindurch, in der sich solche Liebe bald verzehren wird, da sie von Meiner Vaterliebe abgetrennt wurde und somit keinen Zufluß mehr hat. [HGt.02_071,13] Ja, es verhält sich mit solcher Eigenliebe also wie mit einem Öllichte, wenn da jemand nimmt in ein Gefäß einiges Öl, das da an den verschiedenen Punkten der Berge aus kleinen Quellchen des fetten Gesteines aufsteigt zur heilenden Düngung des mageren Erdreiches, und zündet es an! Es wird zwar wohl alsbald zu brennen anfangen, wenn es sich aber verzehren wird durch das Brennen, wird da das leergewordene Gefäß wohl auch fortbrennen, wenn kein neues Öl hinzugetan wird? [HGt.02_071,14] O mitnichten, sondern da wird mit dem Öle auch die Flamme ausgehen, und es wird finster werden das Gefäß und kalt und tot. [HGt.02_071,15] Wenn du aber an der Quelle das Öl anzündest und verwahrst den Ort, da das Ölquellchen in lichter Flamme lodert, vor argen Winden und einer Wasserüberflutung, so wird die Flamme ewig nimmer erlöschen, sondern nur stets herrlicher fortlodern, dieweil solche Flamme nach und nach die Stelle weit um sich mehr und mehr erwärmen und daher auch stets mehr Öl dem inneren Urborne entlocken wird! [HGt.02_071,16] Siehe nun, Mein geliebter Juribael, wer demnach seine Liebe im Herzen zu Mir wendet und Mich für ewig in dieser seiner Liebe ergreift, der hat das Öl seines Lebens an der Quelle entzündet, und diese Flamme wird nimmerdar erlöschen, sondern ihm sein ein ewiges lebendiges Licht! [HGt.02_071,17] Du hast aber jetzt das Öl deines Lebens an der Quelle angezündet: darum sei froh, denn in diesem Lichte hast du den Vater als das urewige Licht gefunden! [HGt.02_071,18] Und so lasse uns denn nun auch den Oalim befragen und dann vernehmen sein Gesicht! Amen.“ 72. Kapitel — Oalims Gesicht: Die drei ineinandersteckenden Herzen[HGt.02_072,01] Und alsbald berief der Abedam den Oalim zu Sich, und zwar mit folgenden Worten: „Oalim, der du dir vor lauter Dankgefühl gegen und für Meine Vaterliebe nicht zu helfen weißt, komme her zu Mir, und gib da gleich deinen Vorgängern uns allen kund, was denn du alles in dir gesehen, empfunden und gehört hast! Aber rede ohne Furcht und Scheu, auf daß da nichts im Hintergrunde bleibe; denn da ist alles von großer Bedeutung für dich, wie für alle deine Brüder. Und also öffne denn deinen Mund! Amen.“ [HGt.02_072,02] Und alsbald trat der Oalim hinzu, dankte aus dem tiefsten Grunde seines Herzens für die große Gnade, darum daß auch er berufen wurde gleich seinen Brüdern, und begann dann folgendes für jeden Menschen gewiß äußerst beachtenswerte Gesicht laut kund zu geben; also aber lautete die Erzählung: [HGt.02_072,03] „Heiliger, liebevollster, allein wahrer und guter Vater, und ihr auch, alle meine lieben Brüder, Schwestern, Leibesväter, Mütter und Kinder! Sehet, der Allerhöchste hat mich allergnädigst berufen, zu reden vor Ihm und euch allen; aber wahrlich wahr, es ist schwer zu geben das mit materiellen Zungenworten, wofür die ganze Erde wenigstens meinem beschränkten Wissen zufolge nichts Ähnliches aufzuweisen hat. [HGt.02_072,04] Doch ich bin getrost dabei; denn Der mir solches gab zu schauen, zu fühlen und zu hören in mir, Der wird wohl auch meiner sonst matten Zunge jene gerechte Beugsamkeit geben, durch welche ich imstande sein werde, das Unaussprechliche dennoch soviel als nur immer möglich für euch alle verständlich auszusprechen. [HGt.02_072,05] Ja, wahrlich wahr, nimmer sei ein Ende meines Dankes gegen Dich, Du überheiliger, liebevollster Vater; denn nun hat meine Zunge die Vollöse von Dir erhalten! [HGt.02_072,06] O höret es ihr alle, meine lieben Brüder und Schwestern, Leibesväter, Mütter und Kinder, und freuet euch mit mir; denn der Herr, unser großer Gott und allerheiligster und liebevollster Vater ist über alle unsere Vorstellungsfähigkeit gut, sanftmütig und voll der größten Geduld, darum Er mir die Zunge gelöst hat und will aus meinem Munde das nun wieder vernehmen, was zuvor ohnehin nur Er in meinem Herzen erweckt hatte! [HGt.02_072,07] Da alsonach Dein heiliger Wille es ist, daß ich reden soll, da will ja auch ich mit der größten Freudigkeit meines Herzens es tun, was Dir, Du heiliger, liebevollster Vater nur immer wohlgefällig ist! [HGt.02_072,08] Und sonach vernehmet denn alle, was ich überwunderbar in mir geschaut, empfunden und gar treu und wohl vernommen habe! [HGt.02_072,09] Es klang mir anfangs sehr sonderbar, darum ich da hätte in mein Herz schauen sollen, und es war mir doch allerreinst unmöglich, meinen Kopf, in dem doch die Augen stecken, in meinen Leib selbst irgendwo zu stecken und im selben dann das Herz zu beschauen! [HGt.02_072,10] Allein, als ich also nachdachte über diese Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Augen in den Leib zu bringen, da verlor ich aber denn auch auf einmal plötzlich das Licht meiner Augen; doch fast im selben Augenblicke ward denn auch plötzlich alles helle in mir, darum ich mich da innerlich sah also, wie ich mich sonst äußerlich sehe beim Lichte der Sonne. [HGt.02_072,11] Ich konnte aber da wieder nicht begreifen, wie solches möglich sein könnte, da ich solches ehedem noch nie erfahren hatte; aber da ich also dachte, da fing auch alsbald mein Herz an, vollkommen durchsichtig zu werden, und ich sah gar bald drei Herzen also ineinanderstecken, wie da stecken hinter oder vielmehr innerhalb der stachelicht rauhen Kastanienfrucht drei Kerne, und zwar zuerst der braune Schalekern, in diesem Schalekerne das eigentliche Fleisch oder der Fleischkern, und in diesem Fleischkerne erst hernach der kleine Keimkern, in welchem erst das Leben eingeschlossen ist, und in diesem die unendliche Mannigfaltigkeit und endlose Vielheit seiner selbst. [HGt.02_072,12] Das äußere Herz aber zersprang bald und fiel alsbald abgelöst hinab in eine endlose Tiefe, wo es vollends vernichtet wurde; und das war das äußere Fleischherz des Leibes. [HGt.02_072,13] Das inwendigere, substantielle Herz aber blieb und erweiterte sich beständig, darum es das innerste, überstark leuchtende Keimherz also nötigte, dieweil dieses selbst fort und fort wuchs und also auch stets größer wurde, wie da der Keim eines in die Erde gelegten Samens sich stets erweitert und zwar so lange fort, bis aus ihm dasteht ein mächtiger Baum. [HGt.02_072,14] Also auch war es mit diesem meinem innersten Keimherzen der Fall. Anfangs sah es nur aus, als wäre es ein Herz; als es aber dann stets größer und größer wurde, da bekam es auch immer mehr und mehr eine menschliche Gestaltung, und nun gar bald erkannte ich mich selbst in diesem neuen Menschen, der da geworden ist aus diesem meinem ehemals inwendigsten lichten Keimherzen. [HGt.02_072,15] Beim Anblicke dieses Menschen aber dachte ich mir: ,Hat etwa dieser neue Herzmensch in mir denn auch noch ein Herz in sich?‘ [HGt.02_072,16] Und siehe da, alsbald wurde ich in diesem neuen Menschen gewahr, daß auch er noch ein Herz in sich barg! [HGt.02_072,17] Dieses Herz aber sah aus wie eine Sonne, und deren Licht war stärker denn das Licht der Tagessonne tausendfach genommen. [HGt.02_072,18] Als ich aber dieses Sonnenherz stets mehr und mehr betrachtete, da entdeckte ich auf einmal in der Mitte dieses Sonnenherzens ein kleines, Dir, o heiliger Vater, vollkommen ähnliches, lebendiges Abbild, – wußte aber nicht, wie solches möglich. [HGt.02_072,19] Da ich aber darüber nachdachte, da ergriff mich auf einmal eine unaussprechliche Wonne, und Dein lebendiges Bild öffnete alsbald den Mund und redete zu mir aus dem Sonnenherzen des neuen Menschen in mir folgendes: [HGt.02_072,20] ,Richte empor nun deine Augen, und du wirst bald gewahr werden, woher und wie Ich in dir nun lebendig wohne!‘ [HGt.02_072,21] Und ich richtete alsbald meine Augen aufwärts und erschaute sogleich in einer endlosen Tiefe der Tiefen der Unendlichkeit ebenfalls eine unermeßlich große Sonne und in der Mitte dieser Sonne aber dann bald Dich Selbst, o heiliger Vater! [HGt.02_072,22] Von Dir aus aber gingen endlos viele überlichte Strahlen, und einer dieser Strahlen fiel in das Sonnenherz im neuen Menschen in mir und bildete also Dich Selbst lebendig in mir. [HGt.02_072,23] Bald darauf aber streckte der neue Keimherzmensch seinen Arm aus und wollte mich äußeren Menschen gefangennehmen. [HGt.02_072,24] Ich aber erschrak darüber, und dieser Schreck warf mich wieder in mein altes Haus zurück. [HGt.02_072,25] Das früher entwichene Fleischherz kam wieder aus der Tiefe gestiegen und umlagerte sogleich wieder die zwei inneren Herzen; als solches geschehen, ward mir wieder die Außenwelt sichtbar und alles Innere verschwand. [HGt.02_072,26] Und somit ist das auch alles, was ich in mir gesehen, empfunden und gehört habe. [HGt.02_072,27] O heiliger Vater, nimm diese meine sicher unvollkommenste Erzählung gnädigst auf, und ergänze nach Deinem heiligen Willen das Unvollkommene daran; Dein Wille! Amen.“ 73. Kapitel — Die endlose Verschiedenheit der geistigen Individualitäten. Das Leben in der geistigen Welt[HGt.02_073,01] Als damit der Oalim seine Gesichtserzählung beendet hatte, da fingen alle die Väter an, hoch zu erstaunen, und einer sagte zum andern: „Nein, man kann es beinahe kaum mehr ertragen! Das hohe, geistig Wunderbare übersteigt hier alle unsere denkbaren Begriffe! [HGt.02_073,02] Man sollte glauben, daß da jeder Mensch in sich doch notwendig eines und dasselbe finden sollte; aber welche endlose Verschiedenheit in der Erscheinung!“ [HGt.02_073,03] Abedam, der andere, aber schlich sich heimlich zum Henoch hin und sagte zu ihm, ihn gleichsam fragend: [HGt.02_073,04] „Höre du, mein lieber Bruder Henoch, mir wird nun schon trotz aller meiner Geweckt- und Berufenheit ganz finster vor allen meinen Sinnen! [HGt.02_073,05] Sage mir doch, ob du dich dabei auskennest! Ich möchte gerade in die Erde sinken! Jetzt haben sechs von diesen Kundschaftern, die da alle vom Seth abstammen, ihre inneren Gesichte kundgegeben; aber was ganz anderes hat ein jeder in sich gefunden! [HGt.02_073,06] Wie ist es demnach mit dem geistigen Leben in der geistigen Welt? [HGt.02_073,07] Werden denn da die Geistermenschen nimmer also gemeinschaftlich mit- und untereinander leben wie wir hier auf der Erde? [HGt.02_073,08] Denn so ein jeder in sich seine eigene und ganz eigentümliche Welt trägt und birgt, so fragt sich's da: ,Werden auf dieser jedes Menschen eigenen Welt auch zum Beispiel seine Brüder Platz haben, oder werden sie sich mit ihrer endlosen Welt wohl einander nahen können? [HGt.02_073,09] Oder werden sie diese ihre nur für sich selbst bewohnbare eigene Welt allzeit, wenn sie sich werden jemandem nahen wollen, also in sich einziehen, wie ungefähr die Schnecke ihre Hörner einzieht, so sie von irgendeinem fremden Gegenstande berührt werden?‘ [HGt.02_073,10] Siehe, lieber Bruder Henoch, das sind Dinge und Verhältnisse, die in mir sich noch viel weniger ordnen wollen als ein Brennberg in vollen Flammen, Blitzen, Krachen, und ein Gefäß von sauer gewordener Kuhmilch! [HGt.02_073,11] Ich muß dir gestehen, je mehr ich nun darüber nachdenke, desto verwirrter werde ich und, wie bei mir schon von alters her gewöhnlich, auch desto dümmer! [HGt.02_073,12] Wenn du irgendein Licht hast in solchen rein geistigen Dingen, da lasse mir auch nur ein Fünklein zukommen; denn zu Ihm getraue ich mich jetzt nicht hinzugehen, da Er also eifrigst Sich mit den zwölfen beschäftigt. [HGt.02_073,13] Es zieht mich zwar sehr zu Ihm hin; aber weißt du, – es ist denn doch so eine etwas gewagte Sache! Ohne einen tüchtigen Putzer dürfte es bei meiner noch stark vorwaltenden Dummheit nicht ablaufen; und glaube es mir, es wird einem denn doch allzeit ganz sonderbar zumute, wenn man so von Ihm geputzt wird! [HGt.02_073,14] Daher sage mir wenigstens nur drei Worte, damit ich nicht gar so dumm dastehe und blind anhöre, was alles da verhandelt wird; doch, wie du es willst! Amen!“ [HGt.02_073,15] Als aber der bekannte Abedam noch kaum das letzte Wort ausgesprochen hatte, da war auch schon der hohe Abedam in der Mitte zwischen Abedam, dem bekannten, und dem Henoch und fragte den Henoch: [HGt.02_073,16] „Geliebter Henoch, was willst du auf dieses Unkraut von einer Frage von Seite Meines Namensgefährten für eine Antwort geben?“ [HGt.02_073,17] Und der Henoch antwortete: „Heiliger Vater, ich glaube, wo kein Baum steht, wird der Wind auch wenig zu entwurzeln haben! [HGt.02_073,18] Abedams Fragen sind meines Erachtens zu sehr luftig und also gestaltet, daß außer Dir, Du heiliger, lieber Vater, wohl schwerlich jemand je eine Antwort darauf finden wird!“ [HGt.02_073,19] Der bekannte Abedam aber fiel alsbald vor dem hohen Abedam nieder und sagte flehentlich: [HGt.02_073,20] „O Du, unser aller lieber, heiliger Vater! Vergib mir armem, dummem Tropfe nicht nur vor Dir, sondern vor allen Vätern, Müttern, Brüdern und Kindern beiderlei Geschlechtes; denn sicher habe ich nun durch diese meine extra ungewöhnlich unzeitigen Fragen eine unermeßlich große Dummheit begangen! [HGt.02_073,21] Aber was kann ich denn anderes tun bei solch unbegreiflich, unerhört wunderbaren Erscheinungen durch Deine unendliche Güte, Liebe und Gnade?!“ [HGt.02_073,22] Der hohe Abedam aber sagte zu ihm, ihn beruhigend: „Abedam, stehe auf, und sei ruhig! Deine Fragen sind zwar ein bares Unkraut der materiellen Welt; aber auch die Dornen und die Disteln sind von Mir erschaffen worden, damit sie euch durch ihre Stacheln wecken sollen, wenn ihr so irgendwann in den Tag hinein blind über den Erdboden dahinrennet und nicht wißt, wohin ihr geht, warum ihr geht, und was ihr wollt. [HGt.02_073,23] Siehe, also sind auch deine Fragen! Glaube ja nicht, daß sie eigentlich auf deinem Grunde und Boden gewachsen sind, sondern Ich Selbst habe sie in dir darum aufschießen lassen, damit du dadurch geweckt werden sollest aus deinem alten, stets wiederkehrenden Schlafe und wenigstens ein Bedürfnis in dir selbst gewahrest, daß dein innerer Mensch erwache und mit seinem Urlichte endlich einmal gefangennehme dich samt deiner Nacht. [HGt.02_073,24] Damit du aber die große Dummheit deiner Frage völlig ersiehst, und zwar mit einem Schlage, so sage Mir aus dir selbst: Was sind denn alle die geschaffenen Dinge vom Grunde aus?“ [HGt.02_073,25] Hier stutzte der bekannte Abedam und sagte endlich: „Ja, soviel ich es durch Dich weiß, Du lieber, heiliger Vater, da sind sie ja lediglich nichts anderes als nur allein festgehaltene Gedanken aus Dir!“ [HGt.02_073,26] Und der hohe Abedam erwiderte darauf: „Du hast gut geantwortet; sage Mir aber dann auch noch hinzu, ob Ich selbe, gleich wie die Schnecke ihre Hörner, einziehen muß, so Ich Mich euch Kindern wie jetzt nahen und euch allen vors Gesicht treten will!“ [HGt.02_073,27] Hier stutzte der bekannte Abedam noch ärger – und blieb stille. [HGt.02_073,28] Der hohe Abedam fragte ihn noch einmal: „Und so du Gedanken hast oben und unten und allerlei Begierden aus diesen deinen Gedanken, sage Mir, wann waren diese dir noch ein Hindernis, daß du dich ihnen zufolge niemandem nahen konntest?! Und doch sind eben diese deine inneren Gedanken deine innere Geistwelt selbst; und wenn du jemandes gedenkest, so ist er schon im Geiste bei dir!“ [HGt.02_073,29] Und der Abedam, der bekannte, erwiderte flehentlich: „O heiliger Vater, vergib, vergib mir armem Tropfe; denn meine Dummheit ist wahrlich groß! [HGt.02_073,30] Jetzt wird mir schon alles klar!“ – Der hohe Abedam aber sagte darauf zu ihm: [HGt.02_073,31] „So gehe denn auf deinen früheren Platz, und habe acht auf das, was da noch kommen wird, so wird hinfort kein Unkraut von den allertörichsten Fragen in dir aufkeimen! [HGt.02_073,32] Denn darum lasse Ich ja eben die zwölf ihre Gesichte kundgeben, damit ihr in alle Zukunft vor jeglichem Zweifel verwahrt sein und bleiben sollet, jetzt wie ewig! Amen. [HGt.02_073,33] Verstehe dieses wohl! Amen.“ 74. Kapitel — Die Wichtigkeit der Bestätigung der Gotteslehre durch das Zeugnis des Geistes im Menschenherzen[HGt.02_074,01] Nachdem aber Abedam, der bekannte, solche Lektion empfangen hatte, da ward er vollkommen zufrieden, fiel dem hohen Abedam zu den Füßen, dankte Ihm mit aller Inbrunst seines Herzens, richtete sich dann wieder auf und ging auf seinen früheren Platz hin. [HGt.02_074,02] Der hohe Abedam aber richtete alsbald Seine Augen wieder hin auf den Oalim und sagte zu ihm und somit auch zu allen den Vätern: [HGt.02_074,03] „Höre nun du, Mein geliebter Oalim, und beachte es wohl ein jeder in sich, was Ich euch hier sagen werde! [HGt.02_074,04] Denn das ist ein allerwichtigstes Ding; daß ihr das wohl erfasset im Herzen! [HGt.02_074,05] Obschon ihr, die ihr Mich mit euren Augen sehet, und mit euren Ohren höret, dessen nun nicht mehr bedürfet, so werden aber gar viele euch noch nachkommen, die es dann allernötigst werden haben müssen, so sie Mich werden kennen und in ihren Herzen lebendig gläubig behalten wollen. [HGt.02_074,06] Bei denen aber diese Lehre vernachlässigt wird, die werden Mich verlieren aus allen ihren inneren Sinnen und werden sich dafür aus der groben Materie Götter machen und werden sie an Meiner Statt anbeten; einige aber werden tun, wie nun schon tut der Lamech in der Tiefe! [HGt.02_074,07] Daher also beachtet und behaltet wohl die folgende große, heilige Lehre! [HGt.02_074,08] Solches aber will Ich euch jetzt lehren über das Gesicht Oalims: [HGt.02_074,09] Siehe und sehet; höre und höret! Der Mensch, der Mich nicht sah und hörte, wie ihr jetzt, kann von Mir lediglich nichts wissen, außer was er gehört hat von seinen nächsten Vormenschen. [HGt.02_074,10] Also war es auch bei euch bis jetzt der Fall, da außer dem Adam und der Eva niemand Mich je gesehen und gehört hatte – außer durch den Mund Adams und der Eva, die da Mich gesehen und gehört haben, und einigen wenigen Zeitgenossen Ahbels, die da Meine Stimme durch Meinen Engel vernommen haben. [HGt.02_074,11] Wie es aber euch ergangen ist bis auf diese Zeit, also wird es wieder euren Nachkommen ergehen, die Mich da nur durch euren Mund werden, aber eigentlich besonders nur durch eure Herzen sollen tätig kennen lernen. [HGt.02_074,12] Was aber könnt ihr euren Kindern von Meinem Dasein denn für Beweise geben, so Ich Mich ihnen nicht auch zeige und zeigen kann und darf, wie nun euch? [HGt.02_074,13] Ihr könnet ihnen nichts anderes tun, als nur oft genug sagen, daß Ich zwar allenthalben da bin unsichtbar, wohne aber eigentlich dennoch irgendwo über allen Sternen in einer endlosen Höhe der Höhen, oder Tiefe der Tiefen, und daß ihr Mich wesenhaft gesehen habet. [HGt.02_074,14] Werden eure Kinder aber auch ihren Kindern eine solche Lehre von Mir geben können, da sie keine Zeugen waren Meiner Sichtbarkeit? [HGt.02_074,15] Sehet, so sie lehreten als Zeugen, da müßten sie ja vor Scham rot werden, und ihre Kinder würden es ihnen ja doch gar bald ankennen, daß ihnen ihre Eltern eine Unwahrheit gesagt haben! [HGt.02_074,16] Daher müssen sie ihnen sicher doch nur euch als Zeugen Meines Daseins aufstellen, – und so fort auf Kinder und Kinder, und Kinder und Kinder. [HGt.02_074,17] Wenn aber dadurch die Zeugen stets mehr und mehr veralten werden und lange, lange, lange nicht mehr dasein werden und von den späteren Nachkommen sogar das Dasein der einstmaligen Zeugen selbst bezweifelt wird, saget, wie wird es da mit der Lehre von Mir aussehen?! [HGt.02_074,18] Wird am Ende nicht auch deren Echtheit samt eurem Dasein bezweifelt werden?! [HGt.02_074,19] Und was werden diese Menschen dann tun, wenn für die Echtheit dieser Meiner gegenwärtigen Lehre niemand mehr einen gültigen und haltbaren Beweis wird aufzustellen imstande sein? [HGt.02_074,20] Ich sage euch, da wird sich dann bald ein jeder nur etwas mächtigere Mensch einen naturmäßigen Gott machen und wird ihn mit seinen Hauptleidenschaften ehren und wird endlich seine Brüder mit Gewalt zwingen, diesem seinem Gotte zu huldigen und zu opfern. [HGt.02_074,21] Wenn aber solches zustande gebracht wird, so wird durch solche Abgötterei auch alles hinabsinken in die allertiefste Nacht des Verderbens und des ewigen Todes, und Ich werde dann gezwungen werden, mit feurigen Schwertern und flammenden Ruten zu richten die in den Tod gesunkene Welt, um sie wieder so weit zu beleben, daß sie fähig werde eines anderen Gerichtes; und da wird aus Tausenden kaum einer zur Freiheit gelangen, oder – was ebensoviel heißt – Tausende werden da kaum das freie Leben eines einzelnen haben, und ihr Wohnort wird heißen Materie. [HGt.02_074,22] Ich meine aber nun, ihr werdet in die Genüge haben, um einzusehen, daß alle Lehre vom Munde zu Munde kein nütze ist und also auch die vom Herzen zu Herzen, wenn sie nicht durch eine innere heilige Zeugenschaft auf das lebendigste bestätigt wird. [HGt.02_074,23] Ja wahrlich, sage Ich euch, die Lehre mag an und für sich noch so wahr, gut und schön sein, wenn sie aber allein auf den Glauben angewiesen wird, der da nichts als die alleinige schale Überlieferung zum Grunde und die Blindheit des Herzens zum zeugenden Beweise für die Echtheit der Lehre hat, so ist die Lehre alles dessen ungeachtet zu nichts nütze! [HGt.02_074,24] Ihr aber seid schon überschwach geworden, da doch alle eure Urlehrer noch am Leben sind; wie wird es denn hernach erst jenen ergehen, die über eure jetzige Existenz selbst in den blindesten Kampf geraten werden?! [HGt.02_074,25] Daher sage Ich euch noch einmal, daß da keine Lehre zu etwas nütze ist, wenn ihre Satzungen nicht durch Mein lebendiges Zeugnis in jedes Menschen Herz können bestätigt werden! [HGt.02_074,26] Im Oalim habt ihr dieses lebendige Zeugnis ganz vollkommen dargestellt gefunden. Also ist es auch hernach zu nehmen, daß ihr zwar Meinen Namen und Meine urewige Gnade, Heiligkeit und liebevollste Wesenheit lehret die Kinder schon aus eurem Munde auf die Art, wie Ich es euch nun bis zur Genüge schon gezeigt habe; aber nur lasset es nicht bei der Lehre allein bewendet sein, sondern sorget eifrigst dafür, daß diese Lehre bei ihnen alsbald übergehe zur vollen, lebendigen Tat, und seid versichert, daß da jeder, der in und an sich diese Lehre ernstlich tätig aufnehmen wird, alsbald das große, lebendige, heilige Zeugnis Oalims in sich finden wird, welches da überstark leuchtend zeugen wird von der lebendigen Echtheit dieses Meines nun an euch alle gerichteten Wortes! [HGt.02_074,27] Sehet, Oalim fand im dritten Keimherzen, nachdem es sich gestaltet hatte zu einem Menschen, noch ein Sonnenherz und in diesem Herzen endlich Mich Selbst, wie ihr das erwärmende Bild der Sonne in jeglichem Tautropfen findet; und dieses Mein Bild in ihm redete gleich Mir in ihm, und dessen Wort zeugte ihm Mich als den ewigen, heiligen Vater in der Höhe Meiner unendlich heiligen Göttlichkeit! [HGt.02_074,28] Dieser innere Mensch Oalims wollte schon eins werden mit seinem äußeren substantiellen, und zu einem Teile auch mit dessen gar äußerem materiellen Menschen; allein dazu war der Oalim noch nicht reif. [HGt.02_074,29] Ihr aber sollet alles dieses erfahren erst in eurer Vollreife, aber dann bleibend ewig. [HGt.02_074,30] Eben also auch tuet und lehret danach eure Nachkommen, so werdet ihr ihnen ein bleibendes Zeugnis von der Echtheit dieser Meiner Lehre überliefern, und dieses Zeugnis wird ihnen sein zum Lohne, darum sie diese Worte tätig beherzigt haben, für alle Zeiten der Zeiten. [HGt.02_074,31] Wer aber dieses Zeugnis in sich wird finden, der hat auch das ewige Leben schon empfangen aus Mir, das ihm da ewig nimmer wird genommen werden. [HGt.02_074,32] Sehet, solches alles besagt das wahre Gesicht Oalims; doch was da noch ferner zu verstehen ist und auch wohl zu beachten, solches sollen euch die Gesichte der noch Folgenden kundgeben, und so lasset uns zu dem Behufe auch den Thuarim vernehmen! Amen.“ 75. Kapitel — Thuarims Gesicht: seine Liebefeuerprobe[HGt.02_075,01] Und alsbald berief der hohe Abedam den Thuarim zu Sich und sagte zu ihm: „Thuarim, du bist berufen, – mehr brauche Ich dir nicht zu sagen; daher tue ohne Furcht und Scheu Meinen Willen! Amen.“ [HGt.02_075,02] Und der Thuarim ging zagenden Mutes hin zum hohen Abedam, dankte Ihm in aller Inbrunst seines Herzens und begann aber dann sogleich sein Gesicht kundzugeben vor Mir und all den Vätern. [HGt.02_075,03] Also aber war das Gesicht beschaffen, und also lautete es aus dem Munde Thuarims: [HGt.02_075,04] „O Du unser aller heiliger Vater, der Du bist voll Liebe und Erbarmung, das war eine harte Prüfung für mich armen, blinden Sünder vor Dir, o Jehova! [HGt.02_075,05] Du weißt es, wie es mir ergangen ist in diesen wenigen Augenblicken; aber die Väter wissen es nicht, und so will ich es denn nach Deinem heiligen Willen getreu kundgeben, was mich diese wenigen Augenblicke hindurch gepeinigt hat also unerträglich lange scheinend, als hätten mich schon alle Ewigkeiten mit ihren unendlichen Armen umschlossen. [HGt.02_075,06] Also aber war dieser mein schauderhafter Zustand beschaffen: Als ich heimlich etwas ärgerlich darüber nachdachte, gleichsam mir selbst sagend: ,Was soll das heißen: in mich selbst schauen? – Klingt das nicht wie ein barster Unsinn?! So Du unser Schöpfer bist, da mußt Du ja doch wohl wissen, wozu Du einem die Augen gegeben hast?! [HGt.02_075,07] Bis jetzt hat noch jedermann sich derselben nach außen hin bedient; wie soll ich jetzt denn auf einmal dieselben gänzlich umkehren – was mir rein unmöglich ist – und in mich hineinschauen und daselbst erfahren, wie es da aussieht in meinem Leibe?!‘ [HGt.02_075,08] Ich versuchte darauf wirklich eine Zeitlang die Augen soviel als nur immer möglich zu verdrehen, daß mir darob förmliche Feuerflammen aus den Augen brachen gleich feurigen Kreisen und ich gar gewaltig davor erschrak. Aber alles das war dennoch ein ganz vergebliches Abmühen; denn so ich meine Augen wieder zur gewöhnlichen Ruhe brachte, da sah ich dennoch nichts anderes als nur das, was da außen um mich her sich befindet. [HGt.02_075,09] Ich sah auch bald den einen und bald den andern von meinen Brüdern an, konnte aber an keinem etwas entdecken, das mir als etwas ganz Besonderes hätte auffallen können. [HGt.02_075,10] Da ich somit durchaus nichts habe finden können, da ward ich dann doppelt ärgerlich und dachte mir wieder dabei: ,Das ist sicher nichts anderes als eine pure Versuchung an meinem Verstande! [HGt.02_075,11] Aber so dumm bin ich ja dennoch nicht, als man vielleicht der guten Meinung ist! [HGt.02_075,12] Daher gebe ich nach als der offenbar Verständigere und lasse die anderen ungestört ihrer Narrheit über, so sie eine Freude daran haben; ich aber bleibe bei meiner guten, alten Ordnung! [HGt.02_075,13] Es soll in sich schauen, wer da will, mag und kann; ich aber gebrauche mein Augenpaar lieber zu dem Zwecke, für welchen sie mir vom Schöpfer aus verliehen wurden!‘ [HGt.02_075,14] Und also kam ich wieder aus meinem Ärger heraus und ward ruhig. [HGt.02_075,15] Aber meine vermeintliche Ruhe dauerte nicht lange; denn die Erde unter meinen Füßen wurde bald so locker wie ein leichter, trockener Sand oder wie frisch gefallener Schnee, und ehe ich es mich versehen konnte, war ich schon begraben im tiefsten Abgrunde der Erde! [HGt.02_075,16] Da ward es denn überfinster um mich her, und ich konnte mir mit den Händen kaum so viel Raum vor dem Munde machen, daß ich allersparsamst atmen konnte. [HGt.02_075,17] In dieser allergrößten Not dachte ich dennoch an Dich, Du heiliger Vater, und flehte um Hilfe und Rettung Dich an. [HGt.02_075,18] Allein mein Flehen verlor sich in den endlos nach allen Seiten mich umgebenden Sand, und anstatt, daß mir da eine Rettung wurde, sank ich nur stets tiefer und tiefer hinab in den grundlosen Sand der Erde; und als ich ganz verzweifelt also sank und sank, da kam mir denn auf einmal ein gar ekeliger Geruch entgegen, und der war ärger, ja der war unaussprechlich ärger denn jeder Gestank auf der Erde, den je meine Nüstern empfunden haben! [HGt.02_075,19] Und siehe, da auch hatte bald der Sand ein Ende! Ich war des froh; denn ich dachte mir da: ,Es ist sicher die Errettung über mich gekommen!‘ [HGt.02_075,20] Aber wie unaussprechlich entsetzlich wurde ich in dieser meiner frohen Erwartung getäuscht! [HGt.02_075,21] Denn jetzt fing erst ein Elend an, für das ich wahrlich keine Worte finde, um es genügend darzustellen. [HGt.02_075,22] Nur so viel kann ich sagen, daß ich da, wo der Sand aufhörte, alsbald in einen heißen Schlamm sank, der da stets heißer und stinkender wurde, je tiefer ich sank. [HGt.02_075,23] O Du heiliger Vater! Welche entsetzliche Not und Angst ich da ausgestanden habe, als ich merkte, daß das Sinken nimmer ein Ende nehmen wollte und der Schlamm selbst anfing, sich in eine glührote Asche umzuwandeln und diese endlich selbst wieder in ein ganz weißglühendes Chaos gleich dem, das da öfter den brennenden Bergen entströmt, – wäre mir unmöglich mit der Zunge zu schildern! [HGt.02_075,24] Diese glühflüssige Materie verursachte mir den allerunausstehlichsten, brennendsten Schmerz und vermehrte dadurch meine unaussprechliche Qual ums unendlichste, da mich diese ewige Glut dennoch unverzehrt ließ und nicht ein einziges Haar auf meinem Haupte zerstören wollte oder konnte! [HGt.02_075,25] Hier konnte ich nicht mehr bitten und beten, – sondern mein ganzes Wesen war da ein Fluch über alles, was mir zu einem so elendsten Dasein verhalf! [HGt.02_075,26] Aber je mehr ich ergrimmte, desto tiefer in das stets heißer und heißer werdende Glühmeer sank ich hinab! [HGt.02_075,27] Als es also denn stets schrecklicher und schrecklicher ward, da rief ich in der allerfurchtbarst erschrecklichsten Verzweiflung aus: [HGt.02_075,28] ,Gott, Du schrecklich grausamstes Unding! So Du irgendwo bist, da vernichte mich; denn für dieses Dasein kann ich Dir nicht einmal fluchen, geschweige erst danken! [HGt.02_075,29] O Du elender, allererbärmlichster Gott! Welchen Reiz kann Dir denn das gewähren, darum Du mich erschufst für solche Qual?!‘ [HGt.02_075,30] Und siehe, als ich also erschrecklich rief und schrie, da vernahm ich denn plötzlich einen starken Donner, und der Donner rief und redete zu mir: [HGt.02_075,31] ,Elender, Ohnmächtiger! Warum fluchest du Mir, deinem Vater?! [HGt.02_075,32] Siehe, Ich zeuge dich nun im Feuer Meiner unendlichen Liebe zu einem ewig unsterblichen Wesen, das da Mir völlig ähnlich sein soll, und führe dich an Meiner Vaterhand, auf daß auch nicht ein Härchen deines Hauptes zugrunde gehen soll, und habe die ganze Dauer dieser deiner Liebefeuerprobe nur auf drei Augenblicke lang nach irdischer Rechnung bestimmt, und schon hast du darum den schrecklichsten aller Flüche gegen Mich ausgesprochen! Was soll Ich nun mit dir tun?‘ [HGt.02_075,33] Und ich erwiderte darauf: ,O Du überheiliger Vater! Vernichte mich; denn nun bin ich des Daseins nicht mehr wert, da ich Dir geflucht habe!‘ [HGt.02_075,34] Da umwandelte sich das Glutmeer plötzlich in ein sanftes Licht, und aus diesem Lichte vernahm ich wieder Worte, die also lauteten: [HGt.02_075,35] ,Siehe, Ich, dein Vater, fluche nicht und will vergessen, was du Mir angetan hast; denn was du jetzt gesehen, war dein stetes Verhältnis auf der Erde zu Mir. Aber erkenne jetzt doch, daß Ich, dein Vater, es bin und ziehe dich zum ewigen Sein durch all deinen Lebenstrugsand, durch deinen Weisheitsschlamm und durch deine arge Glut in das reinigende Feuer Meiner Vaterliebe, und endlich durch dieses zum reinsten Lichte des ewigen Liebeslebens in Mir! [HGt.02_075,36] Und so kehre denn mit diesem Bewußtsein wieder zurück auf die Erde, allda Ich deiner harre! Amen.‘ [HGt.02_075,37] Und ich ward wieder plötzlich hier. [HGt.02_075,38] O Du heiliger Vater, hier bin ich wohl, – aber wie bin ich nun vor Dir? [HGt.02_075,39] O wenn es doch noch möglich wäre, daß Du mir vergäbest die größte Unbill, die ich Dir angetan habe; dann möchte ich ja darum tausend Jahre die höchste Feuerqual ausstehen! [HGt.02_075,40] O vergib, vergib mir größtem Sünder! – Doch, was bitte ich? – Ich bin ja Deiner ewig nicht mehr wert!“ 76. Kapitel — Die Deutung des schrecklichen Gesichtes Thuarims: Der große Kampf zwischen Kopf und Herz[HGt.02_076,01] Nach vollendeter Erzählung aber, da der Thuarim zu weinen anfing aus großer Reue wegen der vermeintlichen großen Unbill, die er Mir angetan habe, ergriff Ich als der hohe Abedam alsbald seine Hand und sagte dann zu ihm: [HGt.02_076,02] „Höre und verstehe, du, Mein Thuarim: Was du getan hast in deinem Gesichte, gereicht dir so wenig zu einer Sünde, als es einem von irgendeiner Berghöhe herabstürzenden Steine zur strafbaren Schuld gerechnet werden kann, so durch seinen mächtigen Fall irgendein Unheil angerichtet worden wäre. [HGt.02_076,03] Daher magst und kannst du wohl ruhig sein; denn solchen Sinn hat dein Gesicht nicht, und die Worte, die du in dir vernommen hast, gehen nicht etwa wesentlich nur dich an, sondern da hat alles einen allgemeinen Sinn, und die Worte gelten jedermann. [HGt.02_076,04] Du aber warst von Mir ja nur berufen, solches zu erschauen im Geiste in dir, aber nicht, als hättest du darob müssen einen Fehl begehen gegen Mich. [HGt.02_076,05] Damit du aber solches Gesicht nicht ohne Nutzen für alle die Nachwelt geschaut hast, so höre und verstehe denn, und also auch ihr alle, was dieses Gesicht besagt! Solches aber ist sein Sinn: [HGt.02_076,06] Dein äußerer Versuch, mit den Leibesaugen in dich zu schauen, stellt das törichte Abmühen des Weltverstandes vor, da er in geistige Verhältnisse eindringen will, während er doch von nichts als nur von lauter materiellen Begriffen sich selbst bildend zusammengestellt ist, das heißt, er ist nichts als nur ein Aufnahmeorgan der Seele, durch welches diese zur Anschauung der Außenwelt gelangt. [HGt.02_076,07] So er aber nur das ist, wie sollte er hernach können Geistiges erschauen und, wie gestaltet dasselbe ist, in sich erfassen?! [HGt.02_076,08] Die feurigen Kreise aber, die deine Augenverdrehung hervorgebracht hatte, bedeuten die sogenannten Witzfunken des Weltverstandes, welche ihm aber fürs geistige Schauen ebensoviel nützen wie die Feuerkreise den naturmäßigen Augen, – das heißt, er wird dadurch geradesowenig schärfer und gesünder wie das naturmäßige Auge durch derlei Anstrengungen und Quetschungen. [HGt.02_076,09] Siehe, das ist der Anfang deines Gesichtes, und das geht nicht dich an in diesem deinem inneren Zustande, sondern die ganze Welt, darum Ich dich nun ihr zu einem Propheten gebe auf diese Art, wie du es an und in dir erfahren hast. [HGt.02_076,10] Du warst aber dabei ärgerlich, und zwar einmal sogleich, als Ich euch beheißen habe, daß ihr alle in euer Inneres schauen sollet, und dann, als du deine Versuche gemacht hast und dennoch nichts auszurichten vermochtest. [HGt.02_076,11] Siehe, auch dieser Ärger war kein natürlicher Ärger mehr, sondern er kam darum über dich, auf daß da angedeutet würde der Hochmut des Weltverstandes, der da nie ein Gefangener sein will in der Wahrheit, sondern frei und ein Herrscher bei allem Mangel des Lichtes und sich nur dann glücklich wähnend, so von allen Seiten seiner Dummheit gehuldigt wird, und ruhig nur dann, wenn er mit Spott und Hohn seinen Brüdern auf den Köpfen, sich herablassend, herumsteigt! [HGt.02_076,12] Siehe, solches gehet dich auch nun nicht mehr an; denn darum habe Ich dich zu einem Propheten gemacht, dieweil du keine Schuld in deinem Herzen hattest! [HGt.02_076,13] Solches alles bedeutet sonach dein Gesicht bis dahin, als du in den Sand zu sinken anfingst; was aber besagt hernach der Zustand, da dich die Nacht des Sandes in sich begrub und du dann stets tiefer und tiefer sankest und hattest Not mit dem Atem und batest um Errettung, die dir aber nicht zuteil wurde? [HGt.02_076,14] Siehe, hier fängt schon deine innere Erklärung an zu wirken und zu leuchten! [HGt.02_076,15] Der Sand aber bedeutet alle die Wißtümlichkeiten, wenn sie anfangen, völlig das Herz der Seele gefangenzunehmen, wodurch dann dieses in große Angst und Verwirrung gerät ob des Druckes und der Nacht, – was alles der Verstand über das arme Herz verhängt. [HGt.02_076,16] Da wehrt sich auch das Herz nach aller Möglichkeit und schiebt den Sand vom Munde weg und macht sich einen sparsamen Luftraum und sehnt sich flehentlich nach der Errettung. [HGt.02_076,17] Aber der überreiche, nie zuwenig habende Weltverstand läßt sich da sein Recht nicht mehr nehmen und versandet das Herz nur noch mehr und mehr. [HGt.02_076,18] Da aber dann das Herz ungeduldig wird und anfängt zu verzweifeln, und der Verstand sieht, daß es ihm unmöglich wird, über dasselbe zu siegen, da läßt er es endlich sinken in den Schlamm derjenigen Begierden, welche er selbst lange vorher schon irgendwann in dasselbe geschoben hatte. [HGt.02_076,19] Hier erfährt dann erst das Herz die vollste Unzulänglichkeit desjenigen und die barste Schändlichkeit dessen, womit es der Weltverstand bereichert hat. [HGt.02_076,20] Das Herz fängt da an, sich zu empören gegen den also trüglichen Verstand, und ergrimmt in sich selbst. Siehe den glühenden Chaos-Pfuhl! [HGt.02_076,21] Da aber dieser scheidende Moment ein allerbitterster – sowohl von Seite des Herzens, wie nicht minder von Seite des Weltverstandes – ist, so gerät das Herz darüber in die größte Raserei, da es jetzt gänzlich alles Lichtes bar wird wie der Verstand ohne das Herz alles Wärme- und Zündstoffes für sein Truglicht. [HGt.02_076,22] Siehe, hier fingst du an, gegen Mich loszuziehen im Herzen und zu fluchen im Verstande! [HGt.02_076,23] Ich sage dir aber, daß Ich niemals sehe auf die Werke des Verstandes, so ihn das Herz verabschiedet hat. [HGt.02_076,24] Über das Herz aber gieße Ich dann alsbald Mein heilendes Liebelicht aus, damit da alsbald heile zum ewigen Leben das wunde, zu Mir heimkehrende Herz, wie du solches durch die innere Stimme deutlich vernommen hast. [HGt.02_076,25] Aber auch solches alles geht dich nichts an; denn dich mache Ich dadurch zu einem Propheten, damit du dadurch zeugen sollest fürder wider alle Welt und ihre Weisheit. Daher sei ruhig, und fürchte dich nimmer; denn Ich habe solches in dir hervorgerufen, damit du allezeit zeugen sollest aus Mir gegen alle Torheiten der Welt! Amen.“ 77. Kapitel — Anleitung zum Finden des lebendigen Wortes. Das Gleichnis von der Maid und ihrem Liebhaber[HGt.02_077,01] Nach dieser Lehre Abedams aber wurde der Thuarim überfröhlichen Herzens und wußte sich vor lauter Liebe nicht zu helfen, so zwar, daß er darob die Hand Abedams nimmer auslassen wollte. [HGt.02_077,02] Der Abedam aber sagte zu ihm bei dieser liebeunzertrennbaren Gelegenheit: „Thuarim, du hast Mich wahrhaft mächtig ergriffen mit deinem Herzen wie mit deinen Händen und bist dadurch schon wieder zu einem neuen Propheten erhoben worden! [HGt.02_077,03] Denn wahrlich, wahrlich, sage Ich dir und euch allen hier, wer Mich fürder nicht dir gleich ergreifen wird, der wird den Ton Meiner Stimme wohl schwerlich je vernehmen im eigenen Herzen! [HGt.02_077,04] Wer aber den nicht wenigstens einmal in diesem Erdtraumleben wird vernommen haben, bei dem hat sich das Leben noch nicht eingefunden, und er schwankt noch sehr zwischen Leben und Tod. [HGt.02_077,05] Und also bedeutet diese deine gegenwärtige Liebe zu Mir die wahre, werktätige, lebendige Liebe. Wer Mich demnach nicht mit dem Herzen und also auch mit den Händen durch gute, Mir wohlgefällige Liebeswerke an seinen Brüdern und Schwestern ergriffen hat, dessen Liebe gleicht noch einer unreifen Frucht, die noch gar leicht eher vom Baume des Lebens durch irgendeinen Stoßwind geworfen werden kann, bevor sie reif wird und zeitig in ihr der Keim des Lebens. [HGt.02_077,06] Wer aber dann hat die werktätige Liebe, der ist schon reif und wohl zeitig zum ewigen Leben; denn der hat wahrhaft den lebendigen Sinn Meiner Absicht in sich gefunden, welcher da ist Mein ewig lebendiges Wort. Dieses Wort aber ist ja der Keim des ewigen Lebens in ihm! [HGt.02_077,07] So aber da jemand sich hätte eine Maid erkoren, auf daß sie da möchte werden sein Weib, und liebte sie darob zwar heimlich im Herzen und möchte sie darum auch dann und wann anlächeln, aber ihr die Hand zu reichen, möchte er stets verzögern, – saget Mir: Wird ihm die Maid wohl glauben, daß es ihm ernst sei mit seiner Liebe? [HGt.02_077,08] Oh, Ich sage euch allen, das wird sie gar fein bleibenlassen; denn sie wird bei sich sagen: ,Läge dir im Ernste etwas an mir, so würdest du deine Hände sicher nicht auf dem Rücken tragen, wenn du zu mir kommst, sondern mit offenen Armen würdest du zu mir eilen! [HGt.02_077,09] Ich aber kenne deine Lau- und verborgene Schalkheit, daß du mehreren meinesgleichen schmeichelst und willst aus uns dir eine ausklauben nach deinem Behagen und nach deiner Liebe Trägheit; daher bleibe mir ferne, – denn mein Herz hat dich noch nie erkannt!‘ [HGt.02_077,10] Sehet, diese Maid hat ein ganz vollkommen gerechtes Urteil gegen den lauen Liebhaber gefällt! Ich sage euch aber, daß Ich dereinst, nachdem ihr wieder werdet von dieser Erde heimkehren durch den Tod des Leibes in das große Reich des Geistes, nicht um ein Haar anders über euch und eure Liebe zu Mir urteilen werde, als wie da geurteilt hat diese Maid über ihren lauen Liebhaber! Des seid völlig versichert! – [HGt.02_077,11] Wahrlich aber, sage Ich euch, wenn aber dann kommen wird zu dieser Maid ein anderer Liebhaber – wenn sie schon seiner auch eher noch nie gedacht –, sie aber sehen wird, wie er mit offenen Armen zu ihr hineilt, sie grüßt und sie ergreift mit großer lebendiger Hast und sie drückt an seine Brust und küßt sie heiß auf ihre Stirne und sagt dann zu ihr liebebeklommenen Herzens: [HGt.02_077,12] ,Heißgeliebteste! Was verlangst du von mir, das ich tun soll, auf daß du sähest, wie überaus mächtig groß meine Liebe zu dir ist?!‘ [HGt.02_077,13] Was meinet ihr; wird die Maid diesen Liebewerber auch also abspeisen wie den früheren Lauen? [HGt.02_077,14] O mitnichten, sage Ich euch; sie wird ihn behalten in aller Liebwärme ihres Herzens! [HGt.02_077,15] Sehet, geradeso werde auch Ich es wahrlich machen! [HGt.02_077,16] Wer Mich ergreifen wird mit Herz und Hand, den werde auch Ich ergreifen mit aller Kraft Meiner Liebe und werde ihn sicher ewig nimmerdar auslassen. [HGt.02_077,17] Wer es aber mit Mir machen wird gleich dem lauen Brautwerber, wahrlich, es wird ihm von Mir aus nicht um ein Haar besser ergehen, als es da ergangen ist dem lauen Brautwerber! [HGt.02_077,18] Und also bist du, Mein lieber Thuarim, ein neuer Prophet in der Liebe und zeugest dadurch von Mir aus, wie die wahre, lebendige Liebe muß beschaffen sein, so da jemand durch sie zu Mir gelangen will. [HGt.02_077,19] Wann aber jemand tun wird diesem deinen sichtbaren Zeichen zufolge im Geiste und aller Wahrheit aus ihm, der wird auch alsbald gelangen im Geiste und aller Wahrheit dahin, wo du dich jetzt, solches zeugend prophetisch, befindest. [HGt.02_077,20] Wer sich aber da befinden wird, der hat den Sinn Meiner Absicht lebendig in sich selbst gefunden. [HGt.02_077,21] Dieser Sinn aber ist das allereigentlichste ewige Leben aus Mir und in Mir! [HGt.02_077,22] Du aber bist für dich nun schon in dem Sinne, von dem du nun auch äußerlich zeugst, und also ist die große Bestimmung getroffen und vollbracht. [HGt.02_077,23] Es sind aber noch große Dinge verborgen; daher lasset uns auch den Rudomin vernehmen und wohl beachten, was denn er alles gesehen und vernommen hat in sich! Amen.“ 78. Kapitel — Des Riesen Rudomin Gesicht. Die Größe des Menschen als Gotteskind[HGt.02_078,01] Nach diesen Worten entließ der Abedam den Thuarim äußerlich, aber nicht also etwa auch innerlich; und der Thuarim, fast ganz in Liebe und Dank aufgelöst, ließ somit zwar wohl auch äußerlich die Hand des Abedam aus, klammerte sich aber eben darum desto krampfhaft fester im Herzen an dieselbe an und ging dann in solcher lebendiger Verfassung einige Schritte zurück, und zwar auch gleich dem Sehel rücklings, damit er ja kein Auge abwendete von Dem, den sein Herz nun erkannt hat, daß Er heilig, heilig, heilig ist und voll der allerhöchsten Vaterliebe. [HGt.02_078,02] Als er nun wieder seine vorige Stelle erreicht hatte unter seinen Brüdern, da berief der Abedam alsbald den Rudomin, sagend nämlich: „Rudomin, komme und rede und zeuge aus dir! Amen!“ [HGt.02_078,03] Und alsbald trat der sehr große Rudomin hervor aus seiner Brüder Mitte und stand da gleich einer Himmelssäule, ganz starr vor lauter Demut, Liebe und Ehrfurcht vor dem hohen Abedam. [HGt.02_078,04] Trotz dieser seiner Befangenheit aber sprach sich aus allen seinen Teilen dennoch eine wahrhaft männliche Ruhe und bescheidene Erhabenheit aus, welche da bei keinem andern also gewaltig, das heißt also ersichtlich ausnehmend sich äußerte wie eben beim Rudomin, darum er an Körpergröße alle Kinder samt dem Adam bei weitem übertraf, da er ein Riese war von sechzehn Handspannen Höhe und sonst überkräftig in allen seinen Muskeln und Nerven. [HGt.02_078,05] Als aber dieser Riese lange zauderte mit seiner Sprache und sich stets mehr und mehr ängstlich bedünkte und ehrfurchtvollst in sich überlegte, wer Der ist, vor dem er jetzt stehe und reden solle, da sah ihn alsbald der Abedam liebfreundlichst an und fragte ihn: [HGt.02_078,06] „Rudomin, warum zauderst du vor Mir, deinem Vater und Gott? [HGt.02_078,07] Was hält denn da noch gefangen dein Herz und gebunden deine Zunge? [HGt.02_078,08] Laß das, was für jetzt nicht taugt; ermanne dich im Herzen und rede! Amen.“ [HGt.02_078,09] Diese ermunternden Worte drangen wie ein ätherischer Lebensbalsam durch das ganze Wesen Rudomins, sein Herz ward frei von aller Beklommenheit und seine Zunge leicht gleich einer Federflaume; und also begann er auch mit einer mächtigen Riesenstimme alsbald zu reden, so laut zwar, daß sich seine Worte an den Wänden der nächsten Berge brachen und also verhallten. [HGt.02_078,10] Also aber lauteten sie: „Gott, Vater, Du ewige, allerreinste Liebe, der Du heilig, heilig, heilig bist! Wer kann Dich lieben, loben und preisen nach Würde und rechter Gebühr?! Denn zu wunderbar groß und heilig ist alles, was Du, o heiliger Vater, uns gibst! [HGt.02_078,11] Was ist doch der Mensch in aller seiner Niedrigkeit und vollen Nichtigkeit, daß Du, o großer, ewiger, allmächtiger Gott, seiner gedenkst und ihn also mächtig fühlen läßt die Ausflüsse Deiner unendlichen Gnade, Liebe und Erbarmung?! [HGt.02_078,12] Ja, jetzt erst erkenne ich es klar und deutlich, daß Du, o Gott, ein wahrhafter Vater bist und wir Deine Kinder; denn was solltest Du anderes sein und was wir, da uns doch nur Dein heiliger Wille durch Deine endlose Liebe gezeugt hat?! [HGt.02_078,13] Ja, ja, Du bist wahrhaft unser aller heiliger Vater und wir wahrhaft Deine Kinder und sind endlos groß von Dir aus und erhaben und mächtig, aber klein und nichtig, ja gar nichts von uns selbst aus, da nicht wir, sondern nur Du uns gezeugt hast aus Deiner ewigen, unendlichen Liebe! [HGt.02_078,14] Uns selbst überlassen, sind wir wahrhaft nichts; aber an Deinem Vaterherzen sind wir groß, ja unnennbar groß, stark und überaus mächtig, so, daß Welten und Sonnen und Monde zu Milliarden vor unserem leisesten Hauche fliehen wie der leichteste Staub, den des Strahles leichtestes Wehen schon aus seiner Ruhe scheucht. [HGt.02_078,15] Wahrlich, solches würde ich nicht sagen, so ich es nicht gesehen und empfunden hätte in meinem Gesichte! [HGt.02_078,16] Ich aber habe es gesehen und gar mächtig empfunden, und so rede ich auch dieser meiner in mir durch die Gnade unseres heiligen Vaters gefundenen und überklar und mächtigst empfundenen und tiefst geschauten Wahrheit zufolge. [HGt.02_078,17] Denn gar bald nach der heiligen Beheißung, daß wir in unser Inneres schauen sollten, verschwand die Erde und der ganze sichtbare Himmel, und ich schwebte allein in der Mitte eines unendlichen, ewigen Raumes. Meine Augen starrten lange in die unendlichen Tiefen der Ewigkeiten; aber vergeblich war dieses eitle Mühen, denn da war sogar jedes Stäublein hinabgesunken in irgendeinen Abgrund der Unendlichkeit. [HGt.02_078,18] Nur ich allein schwebte hier ohne Unterlage irgendeines Weltkörpers im heiligen Dunkel des unendlichen, ewigen Raumes! [HGt.02_078,19] Aber plötzlich kam ein großer Gedanke aus meiner Tiefe, und dieser Gedanke war ein heiliges Wort; das Wort aber lautete: [HGt.02_078,20] ,Wische ab mit deinem kleinsten Handfinger die kleinste Zehe eines deiner Füße! Da wird ein Stäublein kleben; dieses Stäublein betrachte!‘ [HGt.02_078,21] Und ich tat alsbald nach dem Worte. Als ich aber solches tat, sehet, da fing das Stäubchen alsbald an, sich auszudehnen über meinen kleinsten Finger und löste sich auf in zahllose Staubatome; die Atome aber wuchsen alsbald an zu Sonnen, Welten und Monden und zuckten von meiner Hand hinaus in die endlosen Tiefen der Tiefen und füllten mit Licht und Wesen die unendlichen, früher leeren Räume! [HGt.02_078,22] Hier erschauerte ich bis in die Tiefe meines Lebens vor meiner eigenen Größe und dachte: ,Was, das alles klebte an meiner Zehe, mir nicht einmal fühlbar?!‘ [HGt.02_078,23] Aber ein anderes Wort stieg in mir auf und sagte: ,Meinst du denn, die Kinder Gottes seien Mücken, die den Staub bekriechen?! [HGt.02_078,24] Siehe auf dein Wachstum, und vergleiche dich mit all dem, was aus dem Stäubchen vor dir da ward, und du wirst gewahren, was du bist, und was die Dinge sind, die an deiner Zehe klebten!‘ [HGt.02_078,25] Und ich ward erhoben. All die Dinge schwebten wie glitzelnder Sand vor meinen Augen; aus mir aber drang alsbald ein mächtiges Licht hervor, und der unendliche Raum ward vom selben erfüllt. [HGt.02_078,26] Und erst in diesem Lichte ersah ich die Größe der Kinder Gottes, all der anderen Dinge Nichtigkeit gegen sie, – und warum der heilige Vater zu uns kam und uns Selbst lehrt die Wege der Unendlichkeit. [HGt.02_078,27] Also redete ich aber, weil ich es also gesehen und empfunden habe. [HGt.02_078,28] Anderes aber sah ich nichts denn das; darum Dir, Gott, unserm Vater, alles Lob, alle Ehre, alle Liebe und allen Dank ewig! Amen.“ 79. Kapitel — Die geheime Erziehung Rudomins zum Propheten. Die Große des Geistigen im Menschen[HGt.02_079,01] Nach dieser wohlgeordneten Erzählung Rudomins aber trat alsbald der Henoch, von innen aus angetrieben, hin zum Abedam und fragte ganz insgeheim Denselben: [HGt.02_079,02] „O Du lieber Vater Abedam, siehe, der Rudomin hat zwar mit einer überaus starken Stimme die in sich geschaute Größe des Menschen ausgesprochen, – aber hat er nicht etwa bei dieser Gelegenheit einige Steine über die Schnur gelegt? [HGt.02_079,03] Nur um das handelt sich's, daß er getreu geblieben ist; diese Eigenschaft hatte er früher nie ganz vollkommen und übertrieb darum alles, was er nur immer erzählte. [HGt.02_079,04] Aus einem Sandkörnchen machte er wie oft eine ganze Welt und aus der Mücke einen Elefanten oder gar ein Mamelhud, darum sich denn auch seine Brüder und Schwestern kaum mit ihm vertrugen, da er sie allzeit durch sein riesenhaftes Geschrei zum sicheren Schweigen zwang, – was dann auch mit der Zeit die Ursache ward, daß ich ihn als Vater bat, er möchte von mir sein Erbe nehmen und ziehen nach dem Mittage hin. [HGt.02_079,05] Solches tat er denn auch alsbald, da er sah, daß mir daran gar sehr gelegen war wegen des Friedens und der ruhigen Hausordnung, nahm sich ein Weib zwar, aber was seine Nachkommen betrifft, so hat er in achtzig Jahren nicht mehr denn drei Kinder gezeugt. [HGt.02_079,06] Also ist er durchaus ein etwas sonderbarer Mensch, ungeachtet er aus mir gezeugt ist; darum also auch befremdete mich nun seine sehr hoch gehaltene Erzählung und nötigte mich, ungewöhnlichermaßen im voraus zu Dir, o lieber Vater, zu kommen und Dich um Vergebung zu bitten, so nun etwa dieser mein Sohn vor Dir eine solche Unart begangen haben möchte.“ [HGt.02_079,07] Als der Abedam aber diese Worte Henochs vernommen hatte, da wandte Er Sich alsbald zu ihm und sagte darauf: „Mein geliebter Henoch, siehe, du hattest für die Welt keine Sorge mehr denn allein diese, und du sorgtest dich billig, da du dich allzeit aus Liebe zu Mir sorgtest; aber hier sage Ich dir, daß da deine Sorge eine gar lange schon vergebliche war, da du dich sorgtest der manchmaligen Untreue deines Sohnes wegen. [HGt.02_079,08] Denn siehe, Ich war ja sein Erzieher vom Mutterleibe aus schon und habe ihn gerade zu dem vollkommen herangebildet, als was er jetzt dasteht vor uns! [HGt.02_079,09] Freilich wohl hast du ihm auch eine Erziehung für Mich gegeben, aber Ich sage dir, Mein überaus lieber Henoch: sie war denn doch nicht so gut wie die Meinige, die er ganz im geheimen von Mir erhielt, ohne daß da du und er etwas davon ahntet. [HGt.02_079,10] Vermöge dieser Erziehung ist er denn jetzt auch hier und hat nun vor euch allen die sehr getreue Probe abgelegt, daß er durchaus nicht leer aus dieser Meiner Schule gegangen ist. [HGt.02_079,11] Daher sei nur völlig unbesorgt; denn siehe, – Lügner mache Ich nie, sie rufend mit Meiner ewigen Liebe- und Weisheitstimme, zu Wahrheitspredigern vor dem Volke, sondern nur diejenigen, welche da sind dir gleich, Mein geliebter Henoch, reinsten Herzens! [HGt.02_079,12] Da ich aber deinen Sohn berufen habe, so kannst du schon ganz unbesorgt sein wegen seiner allfälligen Unart; denn das alles war ja nur Mein Werk! – Verstehst du Mich, Mein geliebter Henoch? [HGt.02_079,13] Siehe du, und sehet es ihr alle! Ich ließ den Rudomin groß werden sogar am Leibe; aus dieser Meiner Schule hatte er euch schon allzeit gesagt und gelehrt, daß der Mensch mehr ist denn ein Wurm im Staube der Erde. [HGt.02_079,14] Seine starke Stimme, aus derselben Schule ihm gegeben, zeigte euch, daß fürs erste in der Brust mehr Kraft und Stärke waltet denn im Kopfe; und fürs zweite gab sie euch das genaue Maß kund, um wie vieles die Liebe mächtiger ist oder doch wenigstens sein soll als der Verstand; und fürs dritte zeigte er euch aus dieser Meiner Schule durch die Macht seiner Stimme, da derselben seine Brüder und Schwestern schweigend gehorchen mußten, daß da der Kopf mit allen seinen Sinnen und Berechnungen nachgeben soll, wenn das Herz als offenbar besserer Lehrer auftritt! – Verstehst du solches, Mein geliebter Henoch? [HGt.02_079,15] Ferner machte er zufolge Meiner Schule aus einem Sandkörnchen eine ganze Welt, wie jetzt in seinem Gesichte die ganze Schöpfung aus einem allerwinzigsten Stäubchen. Siehe, dadurch lehrte er, wessen Geistes Kinder die Menschen sind, und daß die Gottähnlichkeit des Menschen im Herzen rastet, vermöge welcher der Mensch Größeres zu leisten fähig ist, als nur die Dinge anzugaffen und, wenn er sich dann sattsam dieselben angegafft hat, endlich herauszubringen und zu sagen: ,Aber das ist doch schön und wunderbarlich!‘ – und damit aber dann auch schon zu Ende zu sein mit der Größe seiner Empfindung. [HGt.02_079,16] Ja wahrlich, sage Ich hier euch allen, ihr sollet alle aus der Mücke Elefanten und Mamelhude machen in euren Herzen, – ja, eure nicht selten kaum mückengroßen Seelenherzen sollet ihr in lauter Elefanten und Mamelhude umgestalten, den oft wie Berge großen Verstand aber dafür in lauter Mücken verwandeln, so würde es euch ein leichtes sein, Dinge aus Meiner Schule im Rudomin getreulich zu erfassen! [HGt.02_079,17] Da aber bei vielen von euch noch der ganz umgekehrte Fall ist, so ist euch auch noch das meiste dunkel, wozu und warum Ich den Rudomin berufen habe. [HGt.02_079,18] Ihr aber fraget nun: ,Was ist diese innere Schule denn schon wieder? Wie sollen wir dieses fassen?‘ [HGt.02_079,19] Ich sage euch aber: So ihr Erscheinungen sehet am Himmel, da stecket ihr eure Köpfe zusammen und brütet jahrelang darüber, und saget endlich: ,Das hat das Ding nach sich gezogen; folglich muß es solches angedeutet haben!‘ [HGt.02_079,20] Ihr habt das Flimmern der Sterne beobachtet, den Zug der Winde, das Geschrei der Vögel und anderer Tiere, das Murren und Sausen des Meeres, und habt da überall groß zu erwartende Dinge herausgetüpfelt. [HGt.02_079,21] Saget Mir, warum habt ihr denn nicht auch die unsterblichen Zeichen am Menschen selbst eurer Astrologie unterzogen, – warum nicht die Gestirne dieses lebendigen Himmels eurer näheren Prüfung?! [HGt.02_079,22] Das Gezirpe einer Grille war euch wunderbarer denn die Sprache des unsterblichen Bruders, des Menschen, des erhabenen Ebenbildes Meiner ewigen Vaterliebe! [HGt.02_079,23] O ihr noch stark Blinden, was ist denn mehr: die Tat und Gebärde eines Kindes, oder der Sturz eines Berges, durch eine Million Blitze bewirkt? [HGt.02_079,24] Sehet, das ist die Schule des ewigen Lebens; das ist mehr denn das Weltenstäubchen an der Zehe Rudomins, – endlos mehr als alle Raumgröße der unendlichen Sichtbarkeit der Schöpfungen! [HGt.02_079,25] Im Menschen lernet den Menschen erkennen und an seinen Zeichen; diese deutet im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr, so werdet ihr erst weise erfahren, was das Größte ist, und was da in Meiner Schule gelehrt wird, und wie diese zu erkennen ist am Menschen aus seinen lebendigen Zeichen! [HGt.02_079,26] Wahrlich aber, sage Ich euch, Größeres denn eine Zentralsonne birgt schon die Träne eines erst kaum geborenen Kindes! [HGt.02_079,27] In dem liegt auch der ganze Sinn des Gesichtes Rudomins. – Solches verstehet und tuet, so werdet ihr alle leicht das ewige Leben finden! Amen.“ 80. Kapitel — Die Menschen als Kinder Gottes, als Götter[HGt.02_080,01] Nach diesen Worten dankte der Henoch dem Abedam in aller Liebe und großer Demut seines Herzens für solche wichtige, große, heilige Lehre, und alle die anderen Väter und Kinder folgten seinem Beispiele. [HGt.02_080,02] Nach solchem innersten Dankgebete aber begab sich der Henoch alsbald wieder an seinen vorigen Platz zum Garbiel hin. [HGt.02_080,03] Der Abedam aber wandte Sich darauf alsbald an den Rudomin und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich: [HGt.02_080,04] „Also siehe auch du, Mein geliebter Rudomin, und höre und verstehe es wohl, was da von euch allen zeugt und besagt dein Gesicht ganz sonderlich! [HGt.02_080,05] Ihr wisset nun bereits alle, die ihr euch hier auf der Höhe Mich umgebend befindet, daß Ich Gott ja bin, der Alleinige, Einzige und Ewige, während dem Ich als Vater vor euren Augen sichtbar mit euch rede und euch lehre. [HGt.02_080,06] Wenn der Vater aber ein Gott ist, so werden ja doch seine Kinder keine Hunde, Katzen, Ochsen, Kühe, Kälber, Esel und dergleichen mehreres sein, sondern das, was ihr Vater ist, und werden auch dort sein und wirken, wo er ist und wirkt! [HGt.02_080,07] Sehet, solches ist Meine ewige Ordnung, daß da überall und bei jeder Sache, bei jedem Dinge, bei jedem Geschöpfe die Kinder also vollkommen sein müssen, wie da ihr Vater vollkommen ist! [HGt.02_080,08] Aus dem Grunde ist in jeder Frucht ja schon ein Keim vorhanden, in dem da zugrunde liegt alle Vollkommenheit des Vaters. [HGt.02_080,09] Und so muß da ein Samenkorn, so es in die Erde gelegt wird, wieder zum selben Grase, zur selben Pflanze, zum selben Strauche, oder zum selben Baume werden, aus welchem und auf welchem es zum Samenkorne wurde. [HGt.02_080,10] Oder ist der Fall etwa unterschiedlich bei den Tieren? – Ich meine aber, daß da auch des Löwen Vater oder Zeuger allzeit selbst ein Löwe war, wie der des Vogels auch nur ein Vogel, und so fort bis zum Menschen herauf, da des Vaters Sohn auch wird dem Vater gleich ein Mensch voll hoher Fähigkeiten und Anlagen und die Tochter gleich der Mutter und dem Vater ein geheiligter Acker zur Ansaat für Früchte des ewigen Lebens, ja für Früchte zur Aussaat aus Mir. [HGt.02_080,11] Wenn aber schon solches sich völlig bewährt in der Natur- und Körperwelt, so wird das ja doch im Geiste noch müssen ums Unendlichmalige mehr der Fall sein! [HGt.02_080,12] Wenn Ich somit zu euch sage und lehre und also rufe, daß ihr Meine Kinder seid, – saget Mir, ihr Meine lieben Kindlein: Was besagt das? [HGt.02_080,13] Wozu und warum denn heißet ihr Mich euren ,Vater‘, und wozu und warum heiße Ich euch Meine ,Kinder?‘ [HGt.02_080,14] Wozu und warum will Ich gerechter- und wohlbilligermaßen, daß ihr niemanden denn allein nur Mich als den alleinig wahren Vater erkennen, lieben, Mir allein folgen, Mich allein ehren, loben und preisen und Mir in allem allein völlig gehorchen sollet? – Verstehet ihr noch nichts? [HGt.02_080,15] Was und wer bin Ich als euer alleinig wahrer Vater aber denn noch? [HGt.02_080,16] Also – Ich bin auch der alleinige, ewige, unendliche, über alles mächtige, wahre Gott! [HGt.02_080,17] So Ich aber als euer alleinig wahrer Vater ein Gott alleigenschaftlich bin von Ewigkeiten der Ewigkeiten, was seid denn hernach ihr als Meine Kinder? [HGt.02_080,18] Ja wahrlich, sage Ich euch, ihr seid auch Götter, also wie Ich, euer Vater, ein Gott bin, – nur mit dem Unterschiede (welcher auch schon auf der Erde, wenigstens dem Leibe nach genommen ein unwandelbarer bleibt), daß der Vater dem Sohne stets ein Vater bleiben wird ewig nach dem Maße der Erscheinung und der Sohn darum nie dem Vater ein Vorvater, oder daß er zum Vater sagen könnte: ,Ich habe dich gezeugt!‘ [HGt.02_080,19] So wenig, als ihr da annehmen könnet, aus einem Samenkorne werde derselbe Baum wieder zum Vorscheine kommen, welcher vorher den Samen selbst abgelegt hatte! [HGt.02_080,20] Daher bleibt der Vater stets Vater, und der Sohn stets Sohn: solches ist ein unwandelbares Verhältnis. [HGt.02_080,21] Das ist demnach auch zwischen Mir und euch der große Abstand und Unterschied, daß Ich allein bin der Vater, ihr aber ewig unmöglich etwas anderes als Meine lieben Kinder, auf die da ein großes Erbe wartet im großen Hause des Vaters! [HGt.02_080,22] Und nun siehe, du, Mein geliebter Rudomin, solches alles besagt dein erhaben großes Gesicht, indem es dir und durch dich auch all den anderen ein hellstes Zeugnis abwirft über das eigentliche Wesen Meiner Kinder und sagt ihnen: [HGt.02_080,23] Mensch, bedenke es wohl, und erwäge es tiefst im Herzen, zu Wem du ,Heiliger Vater!‘ rufst, und warum! [HGt.02_080,24] Mache dich aber auch Seiner würdig durch das, was da eben dieser dein heiliger Vater auf der Erde darum von dir verlangt, damit du Ihm ein rechtes und völlig wahres liebes Kind würdest, – vollkommen wie Er Selbst! [HGt.02_080,25] Ja wahrlich, ihr müsset vollkommen sein, wie Ich Selbst es bin, wollt ihr für ewig die Kindschaft erlangen! [HGt.02_080,26] Denn das ist ja das Allerhöchste, daß ihr Meine Kinder seid und Ich euer Vater! [HGt.02_080,27] Damit ihr aber diese größte und heiligste aller Wahrheiten noch vollendet tiefer erschauen möget, so wollen wir zu dem Behufe alsogleich noch den Horedon vernehmen und da wohl hören und sehen, was denn er geschaut und vernommen hat in sich! Amen.“ 81. Kapitel — Die Berufung Horedons zur Kundgabe seines Gesichtes[HGt.02_081,01] Als der Rudomin nun alles dieses vernommen hatte und jedes Wort seinem Herzen tief eingeprägt, da dankte er in vollster Inbrunst seines Herzens dem hohen Abedam, beugte dann seinen großen Leib bis zur Erde und ging darauf nach dem Liebewinke Abedams sogleich an seine vorige Stelle zurück, aber auch nur rücklings, um den heiligen Vater ja nicht aus den Augen zu verlieren; denn es war während seiner Gesichtsdarstellung schon überaus finster geworden fürs erste durch die Späte des Abends und fürs zweite aber noch mehr durch eine plötzliche Umwölkung des Himmels, – was auf solchen Bergen etwas sehr Gewöhnliches war, daher es auch niemand also sehr beachtet hatte. [HGt.02_081,02] Denn wenn da ringsum die Berge fleißig Feuer auswarfen, da war schon gar äußerst selten von einer heiteren Nacht die Rede. [HGt.02_081,03] Und so war nun kein anderes natürliches Licht mehr vorhanden denn allein der matte Widerschein einiger in starker Ferne brennenden Berge. [HGt.02_081,04] Als aber da dessenungeachtet der Abedam den Horedon zu Sich berief, und zwar mit diesen Worten: „Horedon, so deine Augen dir nun nicht viel mehr dienen mögen, so folge allein Meiner Stimme, und enthülle dich uns; denn in der Zukunft wirst du müssen der Stimme allzeit allein folgen, da du Mich noch gar oft in dir hören, aber auf der Erde nimmerdar sehen wirst fürder nach abgelaufener Zeit dieser Meiner jetzigen Gegenwart!“, so verließ zwar der Horedon sogleich seinen Platz und begab sich hin zum Abedam, allein da dessen Stimme sich nicht fortwährend hören ließ, so irrte er eine Zeitlang unter den Vätern umher und konnte nicht an die Stelle gelangen, allwo sich der Abedam befand. [HGt.02_081,05] Doch gar bald wieder ließ der Abedam, den Horedon rufend, Sich hören, und der eine ganz andere Richtung verfolgende Horedon wandte sich sogleich wieder um und erschrak nicht wenig darüber, daß er den Weg verfehlt hatte. [HGt.02_081,06] Er ging nun hurtig darauf los, von wannen her er die Stimme vernommen hatte; allein da er bald hier, bald dort auf jemanden stieß und ihm offenbar ausweichen mußte, um vorwärts zu gelangen, so geschah es denn in solcher stockfinsteren Nacht ja wieder gar leicht, daß er da wieder die gerade Richtung verlor und somit wieder auf einen ganz andern Ort gelangte, als wo der hohe Abedam Sich befand. Und sonach rief ihn bald wieder der Abedam. [HGt.02_081,07] Der Horedon aber meldete sich sogleich aus einem ganz entgegengesetzten Punkte und sagte weinend: [HGt.02_081,08] „O Du heiliger, lieber Vater! Wenn Du nicht zu mir kommst in solch grober Nacht, da bin ich so gut wie ganz rein verloren; denn ich verliere ja stets die Richtung durch das Ausweichen und kann darum nicht zu Dir gelangen!“ [HGt.02_081,09] Und wieder rief der Abedam: „Horedon, hierher, hierher, da du doch hinter Mir siehst in jener Ferne dort einen feurigen Berg!“ [HGt.02_081,10] Und der Horedon ging sogleich wieder der Stimme nach; da er aber wieder nicht geradeaus gehen konnte, sondern wieder auswich bald dieser, bald einer anderen Gruppe, so nützte ihm das Hinschauen nach dem brennenden Berge auch nichts, und er kam somit wieder nicht zum Ziele. [HGt.02_081,11] Als Sich aber der Abedam nun wieder meldete, sagend: „Horedon! Wie lange werde Ich noch deiner harren müssen?“, da ward der Horedon traurig und verwünschte die Nacht, sagend: [HGt.02_081,12] „Verflucht sei diese Finsternis, darum daß sie mir hinderlich ist auf dem Wege zum heiligen Ziele und mir verhüllt Den, den mein Herz über alles liebend sucht, auf daß ich nur nicht zu Ihm gelangen kann! [HGt.02_081,13] O Vater, lasse Licht werden, und lasse gnädigst entweichen diese Nacht, auf daß ich Dich erschaue und dann zu Dir eile, o Du heiliger, lieber Vater! [HGt.02_081,14] Oder komme zu mir hierher, wo ich Deiner sehnsuchtsvollst und trauernd ob solcher böser Nacht nun ruhig harre; wie Dein heiliger Wille, also geschehe es auch!“ [HGt.02_081,15] Der Abedam aber sprach darauf zum Horedon: „Da du Mich schon durchaus nicht finden kannst, so sprich im Herzen in Meinem Namen: ,Du Berg dort an der Grenze, wo des Morgens Kinder wohnen, erbrenne und erleuchte diesen Platz!‘ [HGt.02_081,16] Und so du vertraust und glaubst deinem Worte aus Mir, so wird da auch alsbald geschehen, wie du es wirst laut ausgesprochen haben in Meinem Namen! Amen.“ [HGt.02_081,17] Hier dankte der Horedon voll Liebefeuer in seinem Herzen dem Abedam und sprach alsbald mit großer Glaubensfestigkeit die vorgesagten Worte aus. [HGt.02_081,18] Da erbebte alsbald gewaltigst der Erdboden, und unter einem unerhört allerheftigsten Knalle brachen sogleich die hellsten Flammen aus des Berges hohem Scheitel, und die Gegend weit umher ward mit Tageshelle übergossen. [HGt.02_081,19] Der Horedon aber ersah sogleich den Abedam neben sich stehen, dankte Ihm in aller Liebe seines Herzens und sagte dann: [HGt.02_081,20] „O Du heiliger, lieber Vater, wie endlos mächtig doch bist Du – und wie gut! Denn jetzt sehe ich es erst ein, daß Du durch dieses mein Umherirren mir die Mühe des Redens hast ersparen wollen! [HGt.02_081,21] Denn wie es mir nun ergangen ist von Deinem ersten Rufe an mich bis jetzt, gerade also ging's zuvor ja in mir selbst zu! [HGt.02_081,22] Und so ist ja alles auf das herrlichste kundgetan, was ich in mir geschaut, gehört, empfunden und getan habe! [HGt.02_081,23] Dir, o heiliger Vater, alles Lob, alle Liebe, allen Dank und Preis dafür ewig! Amen.“ 82. Kapitel — Die Würde und Größe der Gotteskindschaft[HGt.02_082,01] Nach dieser Darstellung des Gesichtes Horedons durch die Tat und nach seinen wenigen Worten darüber aber fragte der Abedam alsbald den Horedon, sagend nämlich: [HGt.02_082,02] „Horedon, nachdem somit wahrlich dein inneres Gesicht vollkommen kundgegeben ist, so frage Ich dich, wie auch alle, was da denn nun besagt dieses Gesicht; was ist sein Sinn? [HGt.02_082,03] Einen großen Teil hat schon die Enthüllung Rudomins klärlichst kundgetan; sonach dürfte es euch ja doch wohl nicht so schwer mehr sein, diesen erläuternden Nachtrag aus eurem innerlich erhaltenen Lichte kundzutun. Wer sonach Mut und Weisheit besitzt, der trete hierher und rede!“ [HGt.02_082,04] Alle aber, als sie solche Aufforderung vom Abedam vernommen hatten, fingen an, den hohen Abedam zu bitten, daß da doch nur Er allerbarmend tun möchte, was Er verlange von ihnen; denn obschon sie wohl wüßten, daß da niemand, der in Seinem Namen auftäte den Mund, vermögend wäre, eine Unwahrheit zu sagen, so wäre aber doch ein solches Wort durch einen zweiten unwürdigen Mund nicht mehr also kräftig und mächtig und lebendig, als so da ebendasselbe Wort dem heiligen Vatermunde selbst also überaus liebevollst entstammt. [HGt.02_082,05] Auf diese Bitte nahm alsbald wieder der Abedam das Wort und begann also zu reden: „O Kinder, wieviel Törichtes ist noch in euren Herzen verborgen! Was hat denn der Horedon soeben vorher getan durch Mein in ihn gelegtes Wort, da er zufolge der Nacht und deren eigens derber Finsternis Mich nicht finden konnte? [HGt.02_082,06] Sehet, das Wort, das Ich zu ihm geredet habe, hat er, Mir volltrauend, ausgesprochen, und des weißen Berges hohe Zinnen wurden zerrissen, und die im Innern dieses Berges lange schon waltende Glut erbrannte doch augenblicklich durch die weit gemachten Spalten und Risse in lichterlohen Flammen. [HGt.02_082,07] Da ihr somit ja doch den augenscheinlichsten Beweis von der Kraft und Macht Meines Wortes nun vor Augen habet, so es auch von eines Kindes Munde ausgesprochen wird, saget, aus welchem Grunde könnet ihr da behaupten, Mein Wort möchte da ohnmächtiger sein, sobald es von euch ausgesprochen wird?! [HGt.02_082,08] Wann aber ist der Vater mehr ein Vater, so er sich selbst als solcher zu sein ausspricht, oder so er also gerufen wird von seinen Kindern? [HGt.02_082,09] Oder so da jemand von sich aussagte: ,Ich bin ein Vater!‘, hätte aber dabei keine Kinder, die ihn als solchen anerkennen möchten und rufen, oder jemand, der da nach Hause käme und die Kindlein liefen ihm entgegen und riefen ihn und sagten: ,Ach Vater, Vater, Vater, o Du lieber Vater!‘ [HGt.02_082,10] Saget Mir: Wer von diesen beiden Vätern ist hier mehr Vater? [HGt.02_082,11] Ihr saget es in euren Herzen: ,Der, den seine Kindlein also rufen!‘ [HGt.02_082,12] Sehet sonach, ihr noch sehr Törichten, wenn denn der von seinen Kindern ausgesprochene Vater mehr Vater ist als der sich selbst also nur bei sich aussprechende, so ist ja doch auch sicher das Wort ,Vater‘ aus dem Munde der Kinder mehr wert und kräftiger und mächtiger denn aus dem Munde des Vaters selbst! [HGt.02_082,13] Oder wann erbaut und erfreut euch das Wort denn mehr: so ihr euch selbst vor euren Kindern Vater nennet, oder so euch eure Kinder fröhlich und voll der zartesten Liebe und voll alles Zutrauens also nennen? [HGt.02_082,14] Wenn aber schon ihr darinnen einen übergroßen Unterschied findet, – was meinet ihr denn: Bin Ich etwa weniger Vater, denn ihr selbst es seid?! [HGt.02_082,15] O ihr noch stark Törichten, sehet ihr denn das noch nicht ein, daß Ich nur allzeit das Allerkräftigste und allervollkommenst Beste will und wünsche zufolge der euch für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten gegebenen Freiheit?! [HGt.02_082,16] So ihr aber solches in eurem Herzen unmöglich je werdet in Abrede stellen können, wozu sollte sonach eure Entschuldigung wohl dienlich sein?! [HGt.02_082,17] Daher tue du, Horedon, zum wenigsten mit kurzen Worten kund, wozu Ich ehedem alle berufen habe; ihr alle anderen aber grabet euch die folgenden Worte tiefst in eure Herzen! Amen.“ [HGt.02_082,18] Und sogleich begann der Horedon folgende sehr zu beachtende Rede an alle in Meinem Namen zu richten, welche also lautete: [HGt.02_082,19] „Liebe Väter, Brüder und Kinder, es ist somit darzutun, was endlos Großes dahinter verborgen liegt, ein Kind des großen, allmächtigen, ewigen Gottes zu sein, und das zwar aus dem Gesichte Rudomins und meines eigenen, und daneben aber auch klar zu erschauen die eigene aus sich selbst hervorgehende Nichtigkeit; solches also ist kurz die zu lösende Aufgabe. [HGt.02_082,20] Ich meine aber, sie ist schon aufgelöst vor uns allen, und also habe ich schon wieder nichts anderes zu tun, als mich und euch bloß nur darauf aufmerksam zu machen, was soeben zuvor der überheilige Vater Selbst ausgesprochen hat, nämlich, daß der Vater im Munde der Kinder mehr Vater ist denn im eigenen! [HGt.02_082,21] Sehet, darin, darin liegt die endlos allerhöchste Würde und Größe unserer Kindschaft, daß der unendliche, ewige Gott Sich Selbst erst in uns einen Vater nennt und erst dann unser wahrhafter Vater in der allerhöchsten Liebe wird, so wir Ihn als solchen in unseren Herzen erkennen und Ihn in aller Liebe auch also rufen! [HGt.02_082,22] So Sich aber der unendliche Gott erst in uns will als Vater vollkommen manifestieren, saget, was Höheres könnte da wohl noch gedacht werden?! [HGt.02_082,23] Was liegt daran, ob wir auch mit dem leisesten Hauche die ganze Schöpfung verwehen möchten und mit einem Gedanken alle Berge entzünden?! Wahrlich nichts gegen dem, so wir zu Ihm in aller Liebe und Wahrheit sagen können: ,Lieber, heiliger Vater!‘ [HGt.02_082,24] Denn Er, der in Sich ist Gott, der Unendliche von Ewigkeit, ist vermöge Seiner unendlichen Liebe Vater in uns, wie wir Kinder in Ihm. [HGt.02_082,25] Er zwar ist, was Er ist, durch Sich, – wir aber sind ewig nichts aus uns, aber alles aus und durch Ihn. [HGt.02_082,26] Das ist also unsere Größe endlos, daß wir Seine Kinder sind und Er unser aller Vater! [HGt.02_082,27] Und das auch ist vollendet der Sinn meines Gesichtes in Seinem Namen! Amen.“ 83. Kapitel — Gotteskindschaft steht höher als Gottesbrüderschaft und Gottesknechtschaft[HGt.02_083,01] Nach der Beendung der allerbeachtenswertesten Worte Horedons, die er da geredet hatte aus Mir, aber belobte Ich als der hohe Abedam den wackeren Horedon, zu ihm sagend: [HGt.02_083,02] „Horedon, wahrlich, Ich sage es dir, du bist Mir ein tüchtiges Werkzeug geworden! Siehe, was gar viele schon gesucht, aber dennoch nicht finden mochten, das hast du nun aus Mir vor allen laut verkündet also treu und vollkommen wahr, wie Ich, die Urquelle aller Treue und aller Wahrheit, es dir treu und wahr gegeben habe! [HGt.02_083,03] Darum lobe Ich dich und sage dir, daß du diese wahre Kindschaft, welche du aus Mir wiedergegeben hast allen, die sie in dieser ihrer Wurzel schon gar lange Zeit nicht mehr kannten und aus sich auch nimmerdar erkennen und finden konnten, für dich selbst nun für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten erworben hast, und keine irdische Macht wird sie dir mehr entreißen können; denn die Macht, welche da innewohnt den wahren Kindern, ist größer denn alle Mächte der Welt und der Welten und aller ihrer Körper und Wesen. [HGt.02_083,04] Wie aber der Horedon nun die Kindschaft überkommen hat, also gebe Ich sie auch euch allen; denn wahrlich, es gibt im Himmel, wie auf der Erde nichts Größeres, Mächtigeres und Erhabeneres als Meine Kinder. Wer somit die Kindschaft hat, der hat mehr, als was alle Himmel umfassen; ja wahrlich, er hat unendlichmal mehr! [HGt.02_083,05] Denn er hat Mich, Gott, den ewigen, unendlichen, ja den über alles erhabenen Gott voll Macht, Kraft und Heiligkeit, als den liebevollsten, allein nur wahren Vater in sich und ist also völlig in Mir, das heißt in aller Meiner Vollkommenheit, welche da ist Meine unendliche Liebe, Gnade, Weisheit und Stärke. [HGt.02_083,06] Sehet, das ist sonach die Kindschaft, und diese Kindschaft gebe Ich nun euch! [HGt.02_083,07] O Kinder, wäret ihr nun fähig, noch Größeres von Mir zu nehmen? [HGt.02_083,08] O wahrlich, Ich sage es euch, ihr könnet es nimmer; denn Meine Kinder sind mehr denn die Engel des Himmels! [HGt.02_083,09] O Kinder, wenn ihr Meine Brüder wäret, da wäret ihr viel geringer, als ihr da seid als Meine lieben Kinder; denn welcher Vater hat wohl seinen Bruder lieber um sich als seinen Sohn?! [HGt.02_083,10] Oder überkommt auch der Bruder vom Bruder ein Erbteil, so er sich nimmt ein Weib?! [HGt.02_083,11] Da ihr aber schon eure Kinder höher schätzet als eure Brüder, so werde ja doch auch Ich als der allerwahrste und vollkommenste Vater wissen, wieviel Meine Kinder wert sind! [HGt.02_083,12] Ihr gebet euren Kindern nur eurer Hände Mühe zur Aussteuer; Ich aber gebe euch Mein Alles, welches da ist Meine Liebe oder Mein allereigentlichstes, urewiges Leben selbst vollkommen. [HGt.02_083,13] Nun wisset ihr zwar schon lebendig in euch, was da sind Meine Kinder, – aber eines geht euch dabei denn doch noch ab, und dieses eine ist, daß ihr noch erfahret, wer da diejenigen sind, welche die Kindschaft überkommen von Mir und aus Mir. [HGt.02_083,14] Sehet, solches ist auch von größter Wichtigkeit zu erfahren; denn es sind wahrlich noch nicht alle jene Meine Kinder, die zu Mir rufen und sagen: ,Lieber, heiliger Vater, erhöre uns, Deine Kinder!‘, ihre Herzen aber bleiben dabei kalt, als hätten sie da den gleichgültigsten Gegenstand benannt, und ihr Vertrauen ist da auch also wie ihre Herzen beschaffen. [HGt.02_083,15] Diese Art von sein sollenden, aber nicht sein wollenden und nicht wirklich seienden Kindern möchte nur Meine Macht und Stärke, um sich damit durch allerlei Großmachtsspielereien die Zeit zu vertreiben, ob ihr loses Tun da Schaden oder Nutzen bringen möchte. [HGt.02_083,16] Ich aber sage euch: Solche Kinder sind also ferne der wahren Kindschaft noch, als so weit und ferne ein Ende des Himmels vom andern absteht; ja zwischen ihnen und Meinen wahren Kindern ist noch eine unendliche Kluft! [HGt.02_083,17] Noch andere dehnen den großen Begriff der Kindschaft also weit aus, daß sie sich und alle Geschöpfe für Meine Kinder ansehen. [HGt.02_083,18] Daß diese einen noch gröberen Irrtum begehen denn die früher Erwähnten, wäre überflüssig euch näher auseinanderzusetzen, da ihr nun schon wisset, was da Meine Kinder sind im Geiste der Liebe und aller Wahrheit aus ihr. [HGt.02_083,19] Ihr sollet aber als wahre Kinder nur das erkennen, daß da ein großer Unterschied waltet zwischen jenen, die da erkennen einen Gott und Schöpfer, und jenen, deren Herz Gott alsbald heißliebend erfaßt und Ihn nimmerdar ausläßt und sich auch dann um nichts mehr kümmert als nur darum, wie es könnte Gott stets liebender erfassen. [HGt.02_083,20] Die ersten werden bei der Erkenntnis Gottes sagen: ,Gott, Du allmächtiger, Du großer, Du heiliger, Du erhabener Schöpfer, wie groß und herrlich sind Deine Werke; darum wollen wir Dich allzeit loben, rühmen und über alles hochpreisen!‘ [HGt.02_083,21] Die zweiten aber sagen: ,O Gott, wie liebevoll mußt Du sein, da wir nicht umhin können, Dich trotz Deiner unendlichen Erhabenheit und Heiligkeit dennoch über alles zu lieben! [HGt.02_083,22] O wie gut mußt Du sein, da uns die Liebe also mächtig zieht zu Dir!‘ – [HGt.02_083,23] Sehet hier die ersten staunend über ihren erkannten Gott, die zweiten aber vor Liebe in Tränen zerfließend, so sie an Mich nur irgend etwas erinnert, indem sie hinter ihrem guten Gott schon einen liebevollsten Vater ahnen! [HGt.02_083,24] Merket ihr hier den mächtigen Unterschied?! [HGt.02_083,25] Sehet, die erste Art sind nur Knechte, die für den Lohn arbeiten, die zweite Art aber Kinder, welche da nichts wollen denn nur allein den Vater! [HGt.02_083,26] Sehet, das ist der große Unterschied und zeigt euch, wie sich die wahren Kinder auszeichnen müssen, und worin also die wahre Kindschaft besteht, und wer sie überkommt! [HGt.02_083,27] Damit ihr aber dieses noch gründlicher erfassen möget, so wollen wir zu eben dem Zwecke noch den Jorias vernehmen, was da er in dieser Hinsicht denn alles in sich geschaut hat, und dann erst in dieser allerwichtigsten Sache ein helleres Licht anzünden in euren Herzen. [HGt.02_083,28] Und also komme denn her zu Mir, Jorias, und erfülle den Willen deines heiligen und liebevollsten Vaters! Amen.“ 84. Kapitel — Jonas‘, des zehnten Sehers, Gesicht. Der wahren Weisheit höchste Lehre: die Liebe als das allein den Geist sättigende Brot[HGt.02_084,01] Und alsbald trat der Jorias hinzu, das heißt zum hohen Abedam, und fragte Ihn, sagend nämlich: [HGt.02_084,02] „Lieber, heiliger Vater, siehe, so ich mich also stellen könnte, daß da mein Inneres nach außen gekehrt werden möchte und da ein jeder mitschauen könnte, so ich erzählen möchte mein Gesicht, da dürfte es vielleicht wohl noch irgendein gläubiges Herz treffen, das da aufnehmen möchte solche unergründlichen Geheimnisse! [HGt.02_084,03] Aber so alle diese Zuhörer während der Erzählung nicht das Erzählte mit anschauen können, werden sie es wohl annehmen, und werden sie es glauben? [HGt.02_084,04] Und so sie es dann nicht annehmen und begreifen mögen, wird da meine Erzählung nicht gleichen einer Lüge, die auch niemand glaubt, der da Weisheit besitzt, darum sie eine Lüge ist und in ihr keine Wahrheit zugrunde liegt?! [HGt.02_084,05] Da aber demnach meinem Gesichte also Unglaubliches zugrunde liegt und sich die Väter etwa gar darüber zu ärgern vermöchten, so ich solches erzählete, – siehe, daher, lieber, heiliger Vater, könnte es ja geschehen, daß es mir wenigstens also erginge, wie es da ergangen ist meinem Vorgänger Horedon, der durch Deine Güte doch sicher alles zu Erzählende von sich gab! [HGt.02_084,06] Denn mit der Rede geht es mir ohnehin schlecht, und wenn man erst solche unglaublichen Dinge erzählen soll, überaus schlecht! Daher –“ [HGt.02_084,07] Hier fiel ihm sogleich der Abedam ins Wort und sagte etwas ernst: „Ja, gerade daher wirst du dich jetzt sogleich an die Erzählung machen, oder sterben in deinem Geiste für ewig! – Verstehst du diese Worte? [HGt.02_084,08] Siehe, des Vaters Worte möchtest du nicht achten; daher dürftest du achten die deines Herrn, so dir des Vaters Worte etwa nicht genügen sollen! Sollte dir aber der Herr auch noch zu wenig sein, so wird da der Gott Seinen Arm über deinen Nacken ausstrecken! [HGt.02_084,09] Ich sage dir aber, für jetzt hast du noch des Vaters Wort; wenn aber des Herrn Wort kommt über die trägen Knechte, so ist das ein schreckliches Wort! [HGt.02_084,10] Gottes Worte aber sind ein Donner des Gerichtes! Daher gehorche dem Worte des Vaters, damit du nicht der Knechtschaft und dem Gerichte anheimfällst. [HGt.02_084,11] Erzähle und gib allen alles kund, was du gesehen hast in dir! Solches ist Mein Wille; verstehe es wohl! Amen.“ [HGt.02_084,12] Hier erst erwachte der Jorias wie aus einem Traume wieder, bat den Abedam weinend um Vergebung solcher seiner Torheit, darum er sich je so weit habe vergessen können, im eigenen berufenen Herzen nicht sogleich zu erwägen, Wer da Der ist, der ihn dazu also gnädigst berufen. [HGt.02_084,13] Und da er vom Abedam darauf alsbald die übertröstliche Versicherung erhielt, daß der Vater eigentlich nichts zu vergeben hat, da Er dem Kinde nichts anrechnet, sondern dem Gefallenen nur allzeit aufhilft und das Verlorene emsig sucht so lange, bis Er es findet, es dann liebend auf Seine heilige Schulter ladet, und dann voll Freuden nach Hause trägt, so fing er auch an alsogleich zu reden, wie da folgt: [HGt.02_084,14] „Ich stand auf einer lichten Wolke; also fand ich mich, als das Licht meines fleisch'gen Auges für die Erde mir entschwunden war und ein anderes, helleres Auge sich in mir erschloß. [HGt.02_084,15] Das war aber auch alles, was ich da um mich her sah in der weiten Unendlichkeit; ober mir war nichts, unter mir und der Wolke, auf der ich stand, war auch nichts, und zu allen meinen Seiten war auch nichts. [HGt.02_084,16] Ob mich die Wolke etwa behende trug durch endlose Fernen, oder ob sie ruhte, solches konnte ich auch nicht bemessen; denn da war ja nirgends etwas, wonach ich entweder meine Bewegung oder Ruhe hätte bemessen können. [HGt.02_084,17] Ich stand lange schon, also kam es mir vor, ja so lange, als hätte ich in diesem Zustande schon beinahe eine Ewigkeit zugebracht! [HGt.02_084,18] Diese unerträgliche Einförmigkeit brachte mich endlich auf den Gedanken, daß ich darob zu mir selbst zu reden begann und sagte somit zu mir selbst: [HGt.02_084,19] ,Was soll das? Warum stehe ich denn hier auf dieser dunstigen Unterlage? Mich hungert und dürstet schon ganz entsetzlich stark! [HGt.02_084,20] Was kann ich da wohl herabbeißen von dieser meiner mageren Unterlage?! – Zum völlig Tothungern bin ich auch nicht geeignet; denn solches beweist mir ja die schon endlos lange Dauer dieses meines sonderbaren und kläglichen Zustandes! [HGt.02_084,21] Was soll ich hier? Was will ich nun denn tun?‘ [HGt.02_084,22] Und also redete ich weiter mit mir selbst, wie da folgt: ,Wie wäre es denn, so ich da einen Versuch machen möchte, wegzuspringen von dieser langweiligen und hunger- und durstvollen Wolke? [HGt.02_084,23] Ja, da hinab in diese unendliche Tiefe! – Es wird doch einerlei sein, ob ich mit der Länge der Ewigkeiten dahier zugrunde gehe auf dieser Wolke, oder ob ich während meines Fallens in die Tiefen der Tiefen der Unendlichkeit aufhöre zu sein!‘ [HGt.02_084,24] Nach diesen Worten faßte ich alle meine Kräfte zusammen, schleppte mich zum Rande der Wolke, schloß die Augen und sprang von der Wolke. [HGt.02_084,25] Nach ziemlich langer Zeit meines vermeintlichen Fallens öffnete ich wieder langsam ein Auge um das andere, – und wo war ich? – Hungrig und durstig wie zuvor auf meiner Wolke! [HGt.02_084,26] Denn von dieser konnte ich mich ebensowenig mehr entfernen, als sich jemand von der Erde hinaus in den unendlichen Welten- und Sonnenraum entfernen könnte. [HGt.02_084,27] Da ich aber mich also gefangen sah, da kam mir ein großer Gedanke, und dieser Gedanke war Gott; und Gott war in diesem Gedanken, – ja, Gott, Du bist es Selbst! [HGt.02_084,28] Also sprach ich: ,Wer kann Dich, Unendlicher, denken, wo Du nicht wärest? Ich aber denke Dich nun, so bist Du auch da, wo ich Dich denke, für mich – und bist nirgends für mich als nur da, allwo ich Dich denke! Denn dieser Gedanke ist ja Dein Wort in mir; wo aber Dein Wort ist, da bist ja auch Du! [HGt.02_084,29] Ehedem dachte ich nicht an Dich. Wo warest Du da? – Ja, Du warst auch hier; aber Du wolltest Dich nur nicht aussprechen! Da Du Dich aber nun ausgesprochen hast durch den Gedanken an Dich in mir, so bist Du nun auch wesenhaft hier bei mir und in mir.‘ [HGt.02_084,30] Als ich aber mich in solche hohe Gedanken verlor, da kam mir auf einmal ein Schlaf; im Schlafe aber träumte mir, daß ich aus Hunger die zu meinen Füßen erschaute Erde wie eine Erdbeere verschlang und also auch den Mond und die Sonne und endlich den ganzen gestirnten Himmel mit allen seinen freien Gewässern. Aber dennoch wurde ich nicht satt. [HGt.02_084,31] Hier fragte ich mich wieder: ,Wie kann mich noch hungern? – Hab' ich nicht Gott in mir und nun die ganze Schöpfung Gottes in meinem Magen?!‘ [HGt.02_084,32] Hier vernahm ich aus der lichten Wolke, die mich trug, denn auf einmal folgende Worte: [HGt.02_084,33] ,Ob du auch die Unendlichkeit und Ewigkeit verschlängest zu dem, was du schon verschlungen hast, hast aber die Liebe nicht, so wird es dich dennoch hungern und dürsten ewig; denn die Liebe allein ist das wahre, sättigende Brot und das erquickend lebendige Wasser für die ganze Ewigkeit und Unendlichkeit. [HGt.02_084,34] Was nützet dir Gott ohne Liebe und was der ganze Himmel ohne dieselbe? [HGt.02_084,35] Siehe, daher ist ein Kind in der Wiege größer denn du, obschon du den ganzen Himmel verschlangst; denn das Kind hat die Liebe! [HGt.02_084,36] Daher kehre dein Herz zur Liebe, und du wirst in einem Atome der Liebe schon endlosmal mehr finden, als was dir hier deine alte Weisheit gab!‘ [HGt.02_084,37] Nach diesen Worten erwachte ich alsbald wieder und befand mich wieder hier in der Mitte der Väter, Brüder und Kinder und – auch vor Dir, Du heiliger, liebevollster Vater! – Das ist aber auch alles, was ich gesehen, empfunden und vernommen habe! Bis jetzt verstehe ich noch gar wenig davon; aber ich denke mir: Wer mir das Gesicht gab, der wird für alle auch das Licht hinzufügen! [HGt.02_084,38] Dir darum ewig Dank und alle Liebe dafür; Dein Wille! Amen.“ 85. Kapitel — Der neue Bund zwischen dem hl. Vater und den Kindern. Der Weg der Weisheit und der Weg der Liebe[HGt.02_085,01] Nach dieser treuen Kundgabe des Gesichtes von Seite des Jorias nahm sogleich wieder der hohe Abedam das Wort und fing alsbald an, eine überaus leuchtende Rede darüber an alle zu richten. [HGt.02_085,02] Die Rede aber lautete also, wie da folgt: „Sehet und höret, Meine geliebten Kindlein: Ihr seid wahrhaft Meine Kinder, wie Ich wahrhaft euer Vater bin, da Ich Selbst euch nun zu Meinen wahren Kindern im Geiste der Liebe gezeugt habe! [HGt.02_085,03] Ehedem, nämlich vor dieser Meiner Herabkunft zu euch, nanntet ihr euch zwar wohl auch Meine Kinder, wie Mich euren Vater, und ihr tatet wohl daran; denn solches hat Mich zu euch herabgezogen, um euch alle nun neu zu zeugen im Geiste der Liebe zu Meinen wahren Kindern, – ein überseltenes Beispiel in der Unendlichkeit! (O Erde, du hast Mich bezwungen!) [HGt.02_085,04] Aber darum, daß ihr euch gewisserart usurpatorisch dieses Namens bedientet und Mich Selbst eben also ,Vater‘ riefet, waret ihr noch nie Meine wahren Kinder; da waret ihr nur noch pure Wortkinder, wie Ich nur ein Vater in eurem Munde. [HGt.02_085,05] Da Ich aber darum dennoch zu euch kam, obschon ihr gesündigt habet, da ihr Mich also riefet, so zeuge Ich euch jetzt zu Meinen wahren Kindern im Geiste und in euren Herzen; und so sollet ihr Mich von nun an nicht mehr ,Vater‘ nur mit dem Munde rufen, sondern mit heiligem, lebendigem Rechte in euren Herzen voll Liebe zu Mir sagen: ,Lieber Vater, unser alleinig wahrer Vater!‘ [HGt.02_085,06] Ehedem habt ihr euch selbst zu Meinen Kindern und somit auch zu Göttern gemacht – und waret es nicht; denn da war es ein Hochmut nur als Bewohner der Berge, Mich also zu nennen, damit ihr euch groß unterscheiden konntet von den Nachkommen Kahins. [HGt.02_085,07] Da sich aber einige unter euch gefunden haben, die da erkannt haben den Weg der Demut und der allein wahren Liebe zu Mir, da kam Ich zu euch als ein Kahinite. [HGt.02_085,08] Da sich aber die Liebe nicht scheute, den Kahiniten aufzunehmen und zu behalten in eurer Hauptstamm- Mitte, also blieb auch der Kahinite bei euch, ist noch bei euch, und so ihr wollt, wird Er auch ewig nimmerdar weichen von eurem Platze, welcher da ist ein lebendiger Platz in euren Herzen. [HGt.02_085,09] Und dieser Kahinite bin Ich, nun lebendig sichtbar unter euch! Ich bin Der, den ihr vorher unberechtigt Vater nanntet, und Ich, der Kahinite, gebe euch nun das Recht lebendig, daß ihr Meine wahren Kinder seid und Ich euer allein wahrer Vater. [HGt.02_085,10] Nun könnet ihr Mich mit allem Rechte in der Demut und Liebe eures Herzens erst Vater nennen, wie Ich zu euch sage ,Meine geliebten Kindlein‘; denn jetzt bin Ich wahrhaft euer Vater und ihr wahrhaft Meine Kindlein. [HGt.02_085,11] Das ist somit ein Bund, den Ich nun mit euch mache auf ewig. [HGt.02_085,12] Wer in dem Bunde verbleiben wird, dem werde Ich sein ein Vater und er Mir ein Kind; und wer immer zu diesem Bunde treten wird, der wird auch alsbald die wahre Kindschaft überkommen. [HGt.02_085,13] Wer aber sich von dem Bunde trennen wird, der wird sich auch trennen von Mir und wird auf so lange die Kindschaft verlieren, als wie lange er getrennt bleiben wird von diesem heiligen Bunde. [HGt.02_085,14] Doch wahrlich, sage Ich, wer in diesen Bund wird von neuem treten wollen, wird müssen viele Gewalt anwenden! [HGt.02_085,15] Aber es wird ihm dennoch um vieles leichter sein, in den Bund zu treten, als, so er schon im selben ist aufgenommen worden, sich wieder von selbem loszumachen; denn wer da durch diesen Bund von Mir ergriffen wird, der wird so leichtlich nimmerdar losgelassen werden! [HGt.02_085,16] Des Jorias Gesicht aber deutet euch solches ja, da er auch von der Wolke, die da war die Demut seiner Liebe, sich entfernen wollte, als er, sich selbst blind machend, von derselben sprang. Als er aber wieder erwachte, wo war er da? [HGt.02_085,17] Sehet, also hält die Liebe stärker, denn ihr es meinet; und die Liebe aber ist das Band dieses jetzt gemachten Bundes zwischen Mir und euch! Meinet ihr wohl, dies Band ist etwa so leicht zerreißbar? [HGt.02_085,18] O mitnichten, sage Ich euch; es läßt sich wohl dehnen, so weit ihr wollet, aber nicht so leicht wieder zerreißen, wenn es einmal jemanden der Liebe angebunden hatte, welche da ist die wahre Kindschaft. [HGt.02_085,19] Wer aber da die Liebe überkommen hat, der hat auch die Kindschaft überkommen, da die Liebe und die Kindschaft eines und dasselbe sind. [HGt.02_085,20] Sehet, ehedem habet ihr euch beflissen samt und sämtlich der Weisheit; die Liebe aber hattet ihr mit den Füßen getreten! In dieser Weisheit waret ihr hungrig und durstig. Eure Wiß- und Weisheitsgier verschlang schon die ganze sichtbare Schöpfung; und wie es euch eure Weisheit gab, so auch war Gott für euch ein Gott und durfte und konnte nichts anderes sein als das nur und so nur, wie Er gerade eurer Weisheit zuträglich war. Und so opfertet ihr Ihm auch, wie es euch wohlgefiel; denn der Gott eurer Weisheit mußte Sich ja wohl damit begnügen, da Er sein mußte, wozu ihr Ihn gemacht habet, und wie Er euch am bequemsten und am einträglichsten war. [HGt.02_085,21] Unter diesem Gotte, der euch kein Vater war, waret ihr voll Hungers, und eure Kinder schmachteten unter dem gewaltigen Drucke eures Weisheitsgottes. [HGt.02_085,22] Was tatet ihr in solcher eurer Hoheit, in die euch euer Weisheitsgott versetzt hatte und euch dabei aber über alle Maßen hungern und dürsten ließ? [HGt.02_085,23] Sehet, da erst neigtet ihr dem Liebemunde Henochs das Ohr und dann auch das Herz! Und er war die Stimme der Liebe aus Mir, die euch aus der alten Wolke des Jorias zurief, daß da euer Gott ohne Liebe zu nichts nütze ist; die Liebe allein aber ist das Leben selbst. [HGt.02_085,24] Merket ihr jetzt, wohin das Gesicht des Jorias zielt? [HGt.02_085,25] Sehet, jetzt erst kennet ihr durch eure Liebe Mich, den alleinig wahren Gott, der da ist euer wahrer Vater, da Er euch alle nun gezeugt hat zu Seinen Kindern! [HGt.02_085,26] Jetzt erst habt ihr das wahre Licht überkommen, durch das ihr sehet, daß zwischen Mir und eurem früheren Weisheitsgotte ein unendlicher Unterschied ist, indem Ich allein es nur bin, Er aber ewig nichts ist ohne Mich! [HGt.02_085,27] Und in dem liegt auch die endlose Größe dessen, daß ihr nun die wahre Kindschaft überkommen habt; und so behaltet denn auch, was ihr nun erhieltet, und bleibet in Mir als Kinder, wie Ich in euch als Vater ewig! Amen.“ 86. Kapitel — Der im Liebefeuer leuchtende Jonas. Die Weisheit, das aus der Liebe geborene Licht. Das Universum im Menschen[HGt.02_086,01] Nach dieser überstark leuchtenden Rede fiel der Jorias sogleich vor dem Abedam nieder und lobte Ihn im großen Feuer seiner Liebe und dankte Ihm im Vollbrande seines Herzens; und seine Liebe ward stets mächtiger und mächtiger, also zwar, daß er sogar dem Leibe nach aussah, als wäre er aus weißglühendem Erze gestaltet. [HGt.02_086,02] Als aber die Väter solches bemerkten, da erstaunten sie sehr darüber und wußten nicht, was sie bei sich daraus machen sollten und wie und als was nehmen diese Erscheinung. [HGt.02_086,03] Da aber der hohe Abedam sah solche allgemeine Verlegenheit bei den Vätern, so öffnete Er alsbald Seinen Mund und sagte zu ihnen: „Was staunet ihr der großen Liebe des Jorias? [HGt.02_086,04] Wer also liebt wie er, der wird auch das erfahren, was nun er erfährt! Wenn aber bei jemandem die Liebe stets mächtiger und mächtiger wird, so durchglüht sie sein ganzes Wesen, da sie ist das eigentlichste, wahrhafteste Feuer. Wer aber also durchglühet wird, der ist auch nach dem Maße seiner Liebeglut durchleuchtet; denn es gibt nirgends ein anderes Licht als nur das dem Feuer entstammende. Darum ist die wahre Liebe ein rechtes Licht, da sie ist ein rechtes lebendiges Feuer. [HGt.02_086,05] Ich sage euch aber allen: Also, wie da bei jemandem sein wird die Liebe zu Mir, wird auch sein dessen Licht und demnach auch seine Weisheit! Ihr seid aber alle wohl ausgestattet von Mir ausgegangen; jeder trägt in sich dasselbe, was da ist in Mir, darum Ich ihm bin ein vollkommener Vater, wie er Mir sein soll ein vollkommen ebenmäßiges Kind. [HGt.02_086,06] Da es aber also ist, ein wie großer Tor ist denn hernach derjenige, der solches vernimmt aus Meinem Munde und dennoch nicht alsbald eingehet in sich und richtet da in seinem Herzen alsbald an ein großes Liebefeuer, auf daß es sodann eiligst durchglühe sein ganzes Wesen und es erleuchte durch und durch, damit er dann in sich finden möchte, welche unendlichen Schätze Ich da in ihn gelegt habe. [HGt.02_086,07] Sehet hierher: Jorias ist durchglüht bis zur äußersten Haut! Er schaut und genießt nun schon die unermeßlichen Schätze aus Mir, – ja Schätze, die unvergänglich sind ewig und unverbrauchbar, da sie sich also mehren und mehren ins Unendliche, wie sich da mehret das Weizenkorn auf der Erde, nur mit dem Unterschiede, daß die verzehrten Schätze der Liebe sich stets verherrlichter und ins Unendliche vermehrter erneuern, während das Weizenkorn der Erde, wenn es in die Erde gesät worden ist, sich selbst nur höchstens hundertfach wiederbringt. [HGt.02_086,08] Wahrlich, wahrlich, sage Ich euch, diese Erde und alles, was auf ihr, in ihr und über ihr ist, und die Sonne und alles, was da ist in ihr, auf ihr und über ihr, und alle die großen Sterne mit ihren zahllosen Weltenheeren und mit ihrem Lichte und mit allem, was da ist in ihnen, auf ihnen und über ihnen, und was da war und sein wird nach undenklichen Zeitläufen, und den ganzen Himmel in aller seiner Unendlichkeit, alle zahllosen Myriaden der Engelscharen mit aller ihrer Herrlichkeit, ja Mich Selbst habt ihr in euch! [HGt.02_086,09] Wie ist demnach der doch ein Tor, der hier um ein Stückchen Erde streitet, wie es schon zu öfteren Malen unter euch der Fall war, da er doch eine ganze, wahrhaft lebendige Erde, die für ihn ewig nimmer vergehen wird und auch ewig nimmer vergehen kann, sondern sich nur nach seiner Lust und seinem freien Willen stets vergrößern, stets mehr verherrlichen und stets mehr vervielfachen wird, in sich birgt und trägt, und also auch alles früher Bezeigte! [HGt.02_086,10] Denn wenn es nicht also wäre, da wäre niemand eines Gedankens fähig; alles aber, was da jemand denken kann und mag, und wie vielfach und wie immer gestaltet, muß ja doch wohl also in ihm vorhanden sein wesenhaft, wie da in dem Samenkorne schon vorhanden ist eine endlose Vielheit seiner selbst nebst allen dasselbe produzierenden Pflanzenbestandteilen, ohne welche Beschaffenheit keine Fortpflanzung ins Unendliche denkbar wäre. [HGt.02_086,11] Wenn also gestaltet euch aber eure Gedanken lehren, was ihr alles unendlichfältig in euch berget und traget wesenhaft und Ich als der Schöpfer alles dessen und euer wahrer Vater euch nun auch noch dasselbe enthüllend sage und ihr nichts als nur der wahren Liebe bedürfet, um euch in den Vollbesitz aller dieser unendlichen Schätze zu setzen, – saget, ein wie großer Tor ist demnach der, so er sich kümmert und sorgt um eine Faust voll Staub der nichtigen Erde, die da nur ist ein prüfendes Trugbild oder eine barste Scheinwelt, während er doch zahllose Sonnenheere in sich birgt, die da echt sind und unvergänglich! [HGt.02_086,12] Darum sehet an den Jorias; der zeigt euch nun, was die Liebe vermag, und zu was allem sie allein euch verhelfen kann. [HGt.02_086,13] Daher seid künftighin keine Toren mehr, und fliehet die Welt, und suchet euch selbst und Mich in euch! [HGt.02_086,14] Habt ihr mit eurem Liebelichte da alles gefunden, so werdet ihr wohl einsehen, wie viel die ganze Erde wert ist gegen den geringsten inneren Schatz des Lebens aus Mir. [HGt.02_086,15] Wer aber da erglühen wird in der Liebe gleich dem Jorias, der wird auch finden, was er nun gefunden hat! [HGt.02_086,16] Du, Mein geliebter Jorias, aber stehe nun auf, und zeige den anderen den kleinsten Teil dessen, was du nun in dir aus Mir gefunden hast durch deine Liebeglut! Amen.“ 87. Kapitel — Jonas‘ Rede über die Liebe[HGt.02_087,01] Und alsbald erhob sich der glühende Jorias und begann folgende Worte nach dem Willen Abedams an alle die anwesenden Väter zu richten und stellte ihnen getreu den kleinsten Teil des nun in sich gefundenen Schatzes, der unendlich ist, dar; die Worte aber, die er zu ihnen sprach, lauteten also: [HGt.02_087,02] „Väter, Brüder, Kinder, Mütter, Weiber und Töchter, höret! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, kein äußerer Sinn unserer Seele kann es je erfassen, was Gott, unser heiliger, liebevollster Vater, denen vorbereitet hat, die Ihn allein über alles lieben und ihre Herzen nimmerdar abwenden von Ihm, und auch keines Menschen Zunge wird solches je wiedergeben können! [HGt.02_087,03] Oh, wie wäre solches auch da möglich, wo uns die Worte verlassen und sicher niemand mehr in sich ein Wort finden wird und kann, durch welches er imstande wäre, nie geahnte, viel weniger noch geschaute Dinge vernehmlich zu bezeichnen! Und so er auch alsbald bilden möchte neue Worte, wer wird sie aber verstehen, und wer die endlos vielen sich dann erst merken?! [HGt.02_087,04] Daher kann nur ein kleinster Teil eines kleinen Teiles allhier zum schwachen Verständnisse kundgegeben werden. Ich sage, liebe Väter, Brüder und Kinder, nicht umsonst ‚zum schwachen Verständnisse‘, denn ein irdisches Wort ist ja kaum nur die äußerste Rinde eines mehrere Hunderte von Jahren alten Baumes. [HGt.02_087,05] Wer aber kann aus derselben das innerste, wunderbarste Leben des Baumes erkennen, wer im Baume selbst den mächtig gewordenen Keim und in diesem die endlose Vielheit dessen, was da noch verborgen liegt und erst mit der Zeit zum Vorscheine kommt sichtbar unseren Augen?! [HGt.02_087,06] Und wer möchte endlich erst erkennen aus dem Äußersten der Rinde die geistigen Wunder alle, welche eine allerkleinste Faser des Holzes in sich birgt. [HGt.02_087,07] Wie daselbst das Laub, die Blüte, die Frucht mit allen ihren sie umgebenden und sie durchdringenden Teilen von vielen tausend Geisterhänden vorbereitet wird, von ihnen dann zur rechten Zeit durch alle die zahllos vielen Kanälchen zu den Ausmündungen an den Zweiglein geführt und dort erst endlos wunderbarer ausgebildet wird nach der bestimmten Form und nach allen uns wie nur immer möglich fühl- und wahrnehmbaren Eigenschaften?! [HGt.02_087,08] So wenig wir aber alles dieses und noch zahllos mehreres der Außenrinde des Baumes entnehmen können, – um noch viel weniger kann jemand das allerkleinste Teilchen dessen durch Zungenworte wiedergeben, was dieser unser aller heiligste, liebevollste Vater in den Herzen derer vorbereitet hat, die Ihn über alles lieben! [HGt.02_087,09] O Liebe, Liebe, Liebe, du große, heilige Liebe, welche Fülle, welche Tiefe des Lebens und des Lichtes fassest du in dir! [HGt.02_087,10] Gott, Gott Selbst ist die reinste Liebe, und diese Liebe ist vor uns allen; sie ist unser aller heiliger, liebevollster Vater, hier – in unserer Mitte, – da – in unseren Herzen! [HGt.02_087,11] Vor den Augen des Fleisches und der Seele auch liegt es verborgen, aber nicht also vor denen des Geistes, in dem die Liebe wohnt, ja der selbst Liebe ist aus der endlosen Liebe unseres heiligen Vaters. [HGt.02_087,12] Dem Geiste ist ein Sandkörnchen mehr denn dem fleischlichen Auge diese ganze Erde und der ganze gestirnte Himmel, so er auch geschaut werden könnte in aller seiner Außenpracht, gleich wie der Fleck der Erde, auf dem wir wandeln, also nahe! [HGt.02_087,13] O Sandkörnchen, du großes Wunderwerk, was bist du, – wie groß und herrlich! Wer ahnt die unaussprechliche Majestät dessen, das da unbeachtet an seiner Fußsohle kleben bleibt?! Es ist ja nur ein winziges Stäubchen! [HGt.02_087,14] O Väter! Glaubet es nicht! Es ist kein Stäubchen! Eine Welt, eine unermeßlich große Welt ist es! In ihren weiten Räumen wallet Licht und Leben! [HGt.02_087,15] Große Ströme durchziehen ihre weiten Kristalltäler; auf ihren sehr hohen Bergen brennen tausend und tausend Sonnen, voll des herrlichsten Lichtes aller Farben, und zahllose Wesen in den nie geahnten, wunderbarsten Formen beleben diese große Welt! Licht und Wärme ist ihre Nahrung; ihre Bewegung gleicht einem Wanderer, dem ein hohes Reiseziel vorgesteckt ist. [HGt.02_087,16] O du Körnchen, du Körnchen, du allein ja wärest mir genug für die ganze Ewigkeit! [HGt.02_087,17] O Väter, Brüder und Kinder, – ich vermag nun nichts mehr zu reden; denn größer und herrlicher stets wird ja schon dies Stäubchen! [HGt.02_087,18] Was soll da erst sein eine ganze Erde und ihre stets herrlichere Vervielfachung im Ganzen, wie in allen ihren unzähligen Teilen. [HGt.02_087,19] Was dann erst eine Sonne, was der ganze sichtbare Sternenhimmel, was dann erst der Geister- und Engelshimmel, was sie, was wir, was erst die Liebe Gottes in uns?! [HGt.02_087,20] Daher liebet, liebet, liebet Ihn; in der Liebe werdet ihr erst erfahren, was die Liebe ist, und wie unaussprechlich gut da ist unser heiliger Vater! [HGt.02_087,21] O Liebe, du heilige Liebe! Du allein bist alles in allem! O Vater, Du heiliger Vater, Du bist ja diese heilige, große Liebe Selbst! [HGt.02_087,22] Daher liebet, liebet, Väter, Brüder und Kinder, liebet die Liebe; liebet über alles den heiligen Vater! [HGt.02_087,23] Denn Er allein ist die Liebe, die ewige, die unendliche! Daher auch Ihm allein alle unsere Liebe ewig! Amen.“ 88. Kapitel — Jonas mit Besela, der Tochter Pariholis, durch den Herrn verehelicht[HGt.02_088,01] Als der Jorias aber diese Glührede beendet hatte, da ergriff ihn alsbald der Abedam, zog ihn völlig an Seine heilige Brust, segnete ihn und sprach dann zu ihm: [HGt.02_088,02] „Mein geliebter Jorias, du hast wahr und gut gegeben, ja vollkommen gut nach Meinem Willen, was Ich verlangte von dir, darum du warst und noch bist vollkommen durch und durch glühend vor Liebe zu Mir, und aus Mir erst zu allen deinen Vätern, Brüdern, Kindern, Müttern, Weibern und Töchtern! [HGt.02_088,03] Aber noch bist du dem Geiste nach nicht reif genug, daß du verbleiben könntest in dieser Glut schon als für beständig; denn siehe, darum daß Ich nun unter euch wandle, seid ihr dem Geiste nach nur notgezeitigte Früchte am Baume des Lebens, darum auch ihr noch alle eine starke Nachzeitigung werdet bestehen müssen, – sonst würde sich ein jeder bald verzehren und auslieben, und dann sterben für immer! [HGt.02_088,04] Damit aber diese deine Glut etwas gesänftet wird, will Ich dir ein Weib geben, da du noch ledig bist und kaum etwas über hundert Jahre zählst. An dem Weibe wirst du dich erst erproben und festen nach und nach für solche bleibende Glut der mächtigsten Liebe zu Mir; denn für jetzt ist die Zeit noch nicht da, in der die Menschen mit Mir werden auch ohne ein Weib in die vollkommenste Ehe treten können; und also ist es für jetzt aus dem Grunde noch für jeden nötig, sich ein Weib zu nehmen, damit er durch das Weib, durch das er von sich selbst und also auch von Mir getrennt wurde, wieder völlig eins wird vor Mir. [HGt.02_088,05] Denn wie die Eva aus dem Adam hervorging, muß in jedes Mannes Weibe sie wieder völlig eins werden mit ihm, und er in sich eins durch die Wiedervereinigung mit dem Weibe. [HGt.02_088,06] Steht er nun also wieder da als ein Mensch vor Mir, dann erst kann er mit Mir wieder völlig eins werden; aber solange er noch getrennt ist, ist er auch für bleibend der höchsten Liebe aus Mir und wieder zu Mir nicht fähig. [HGt.02_088,07] Es hat aber ja schon eure Weisheit gelehrt, daß da ohne den Gegensatz kein Ding möglich ist; siehe, solches ist richtig! [HGt.02_088,08] Das Weib aber ist dem Manne gegeben worden zum Gegensatze; wenn demnach der Mann zuvor nicht eins wird mit seinem Gegensatze, da kann er ja auch in sich selbst Mir gegenüber nicht zum Gegensatze werden. [HGt.02_088,09] Solange er aber das nicht wird, so lange auch ist er Mir völlig gleichsätzig; ist er aber das, so ist er nicht aufnahmefähig, sondern, Mir gleich, sich stets nur mitteilend. [HGt.02_088,10] Darin aber liegt ja der große Unterschied zwischen Vater und Kind, daß der Vater austeilt, die Kinder aber empfangen und eben dadurch eins sind mit dem Vater, daß sie Ihm sind zum Gegensatze. [HGt.02_088,11] Wenn aber die Kinder nichts annehmen wollten, sondern sich nur stellten mit dem Vater in eine Linie, um gleich Ihm nur auszuteilen, sage Mir: Wer wird denn da den aufnehmenden Gegensatz bilden? [HGt.02_088,12] Wenn aber dieser mangelt, was wird da mit der Zeit aus den Kindern werden? Ich sage dir, sie würden sich vergeben bis auf den letzten Tropfen ihres Seins, und der Vater müßte da Seine Mitteilung für immer aufheben und dadurch in Sich Selbst den Gegensatz bilden, damit Er bleibe, was Er war in Sich von Ewigkeit her; ein Sich Selbst vollkommen genügender, ewiger, mächtiger Gott! [HGt.02_088,13] Du stehst aber jetzt mit Mir auf einer und derselben Linie und bist Mir noch kein Gegensatz, sondern ein Gleichsatz; daher ist dir ein Weib nötig, damit du Mir ein vollkommener Gegensatz wirst und Ich dir dadurch vollkommen ein Vater. [HGt.02_088,14] Du fragst Mich nun in deinem Herzen: „Wo ist denn hernach das Weib, das ich mir nehmen soll?“ [HGt.02_088,15] Siehe hierher, da ist sie schon! Ihr Name ist Besela, und der arme Pariholi ist ihr Vater; siehe, diese habe Ich dir zum Weibe bestimmt! [HGt.02_088,16] Und du, Besela, tritt näher hierher zu Mir und fürchte den Mann nicht, den Ich dir jetzt geben werde; denn er wird dich auf seinen Händen tragen, und deine ewig bleibende Wohnung wird sein Herz dir sein, und wie du eins wirst mit ihm, also wirst du auch eins sein mit Mir in ihm und durch ihn! Amen.“ [HGt.02_088,17] Bei diesen Worten bog sich der Abedam hin zur Besela und nahm sie auf Seinen linken Arm, drückte sie an Seine Brust, segnete sie, und sagte dann zu ihr: [HGt.02_088,18] „Nun, du überschöne Besela, im Geiste sowohl wie am Leibe, enthülle dich vor dem, dem du von nun an angehörst, damit er sehe, welch ein Weib Ich ihm für seine mächtige Liebe zu Mir beschieden habe!“ [HGt.02_088,19] Und alsbald schob die kaum etwas über dreißig Jahre alte Besela ihr etwas dunkelblondes Haar auf die Seite, und des Jorias Augen ersahen hier etwas also Schönes, daß er dabei ausrief: [HGt.02_088,20] „O Erde, o ihr Himmel alle, wie arm seid ihr nun vor mir; denn etwas Herrlicheres außer Gott fasset ihr nicht zum zweiten Male! [HGt.02_088,21] O du arme Sonne, wie wird es dir morgen ergehen, oder dann, wenn sich diese Sonne vor dir enthüllen wird?! [HGt.02_088,22] Nein, nein, du lieber, heiliger Vater, solcher Gabe bin ich ja dennoch nicht wert!“ [HGt.02_088,23] Der hohe Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Wenn Ich dich für würdig halte, so bist du es auch; daher empfange diese Gabe aus Meiner Hand, und gehe mit ihr hin zum Adam und zur Eva, und lasse dich segnen auch von ihnen, und dann auch von deinem Vater Jared wie von der Besela Vater, und komme dann wieder zu Mir, auf daß Ich dich weihe im Geiste zu einem Propheten der Sterne aller Himmel! Amen.“ 89. Kapitel — Des Herrn Verhaltungsregeln für die Neuvermählten. Vom rechten freien Erfüllen des hl. göttlichen Willens[HGt.02_089,01] Nachdem aber dieses alles geschehen war und die Väter mit den Müttern gesegnet hatten das neue Ehepaar, kam der Jorias mit seinem jungen und schönsten Weibe wieder zum Abedam hin, wie Er ihn vorher beheißen hatte. [HGt.02_089,02] Da er nun wieder vor dem hohen Abedam sich befand, legte alsbald der Heilige Seine Hände zuerst auf den Jorias, dann aber auch auf die Besela, berührte das Haupt und das Herz, das heißt die linke Seite der Brust, und sprach dabei folgende Worte: [HGt.02_089,03] „Nehmet hin Meinen Segen zum ewigen Leben! Zeuget aus euch wahre, lebendige Früchte der reinen Liebe! Ferne sei eurem Leibe die stumme Befriedigung dessen, daran das Fleisch und somit auch die Sünde hängt, – so werdet ihr stets wandeln wahrhaft und getreu vor Mir; wer aber da wohltut seinem Fleische, es nährt über das gerechte Maß und es dann durch alle Wollust sucht zu ergötzen, der nährt seine eigene Sünde und räumt durch die Wollust des Fleisches dem ewigen Tode alle Gewalt über sich ein. [HGt.02_089,04] Daher bezähmet allzeit eure Begierden, so es nicht Zeit ist, daß ihr Mir zeugetet eine lebendige Frucht; wenn es aber Zeit ist, dann rufet zu Mir, damit Ich euch halte, wenn ihr der Sünde ein Opfer bringet, und ihr darum nicht fallet, sondern bleibet in Meiner Gnade. [HGt.02_089,05] Denn wer da fällt, der steht schwer auf, und bei jedem Falle wird der Geist mit einem neuen Totengefängnisse umgeben. [HGt.02_089,06] Wenn er dann erstehen möchte aus der Gefangenschaft des Fleisches, welches ist die alte Sünde und der alte Tod des Geistes, – wie wird es ihm dann ergehen, wenn er statt einer Rinde mehrere hunderte wird zu durchbrechen haben, da immer eine um die andere hartnäckiger wird?! [HGt.02_089,07] Daher sorget euch nur um das, was des Geistes ist; das Fleisch aber übergebet Mir und tuet im selben Meinen Willen, auf daß es kraftlos werde, so werdet ihr im Geiste allzeit in dem Grade wachsen und zunehmen, in welchem euer Tod abnimmt, welcher da ist die Sünde oder das Fleisch. [HGt.02_089,08] Daher sage Ich es euch noch einmal: Nähret, stärket und ergötzet euer Fleisch nicht; denn dadurch nähret, stärket und ergötzet ihr euren eigenen Tod, welcher nun den Geist umgibt als letzter Kerker vor seiner Wiederbefreiung oder Wiedererstehung zum vollsten ewigen Leben aus Mir und in Mir! [HGt.02_089,09] Du, Mein geliebter Jorias, hast geschaut die Größe und Erhabenheit dessen, was da ist ein Kind Meiner Liebe! Du hast die Fülle der Glut Meiner Vaterliebe empfunden! Also bleibe getreu Meinem Willen; bleibe getreu Mir, deinem Gott; ja bleibe getreu Mir, deinem heiligen, liebevollsten Vater! [HGt.02_089,10] Siehe, sooft das Fleisch eine ungebührliche Forderung an dein Herz legen wird, allzeit die Sterne des Himmels an, und Ich werde aus den Sternen zu dir reden und werde dir sagen, was du zu tun hast! [HGt.02_089,11] Wenn du aber abweichen möchtest von diesem Meinem Wege, den Ich dir jetzt vorgezeichnet habe, dann wird sich auch der Himmel vor deinen Augen in dichte Wolken verhüllen, und du wirst so lange die sprechenden Sterne hinfort nicht zu Gesichte bekommen, bis du voll Reue auf diesen Meinen Weg zurückkehren wirst! [HGt.02_089,12] So du aber verbleiben wirst freimütig getreu Meinem Willen, da wirst du bald die große Macht desselben in dir zu gewahren anfangen; denn eben dadurch, daß du befolgst Meinen Willen, nimmst du denselben auf in dir und machst ihn zu dem deinigen. [HGt.02_089,13] Wenn aber Mein allmächtiger Wille deine Ordnung wird, wie er ewig ist die Meinige, sage Mir, welche Macht des Todes wird dich dann wohl mehr überwältigen können?! [HGt.02_089,14] Darum aber gebe Ich dir ein solches Gebot, wie allen, damit durch seine Befolgung jeder sich zu eigen machen möchte die Macht Meines Willens, durch welchen alle Dinge sind gemacht worden, und vor dem alle Dinge erbeben. [HGt.02_089,15] Solange aber jemand sich Meinen Willen nicht zu eigen gemacht hat, so lange auch bleibt er ein Gefangener des Todes und ein Knecht der Sünde, welche ist der alte Tod. [HGt.02_089,16] Wer aber sich zu eigen gemacht hatte Meinen Willen, der ist vollkommen geworden, wie Ich, sein Vater, es bin, und er wird die Werke des Lebens verrichten, die Ich verrichte. [HGt.02_089,17] Wer aber also geworden ist ein Besitzer Meines Willens, der hat auch die wahre Kindschaft überkommen. [HGt.02_089,18] Wer ist aber derjenige, dem Mein Wille zu eigen wird vollkommen? – Ich sage dir und euch allen: Derjenige ist es, der Mich liebt! [HGt.02_089,19] Wer aber liebt Mich? – Derjenige, der da tut Meinen Willen; wer aber tut nach Meinem Willen, der hat sich Meinen Willen zu eigen gemacht. [HGt.02_089,20] Das aber ist ja die wahre Kindschaft, daß jeder ist in Meinem Willen und Mein Wille in ihm; und das ist die wahre, lebendige Frucht der reinen Liebe und das ewige Leben. [HGt.02_089,21] Diese Frucht sollst du Mir vor allem zeugen mit deinem Weibe; hast du solche gezeugt, so wirst du auch dann Kinder zeugen, welche aus Meinem Willen hervorgehen werden und werden sein vollkommen gleich dem, der sie gezeugt hat. [HGt.02_089,22] Das aber ist dieser Mein Segen, daß sonach Mein Wille der deine werde und du lebest aus und in demselben ewig! Amen. [HGt.02_089,23] Nun gehe hin zu Meinem lieben Jared, und der Garbiel und Besediel sollen sich nun an diese Stelle begeben! Amen“. 90. Kapitel — Die Demütigung des ehrgeizigen Garbiel. Die Nachtruhe im Freien mit dem Herrn[HGt.02_090,01] Und der Garbiel und der Besediel begaben sich, nachdem sie alsbald vom Jorias benachrichtigt wurden, daß sie der hohe Abedam berufen hatte, alsogleich voll Mutes und Beharrlichkeit hin zum hohen Abedam. [HGt.02_090,02] Als sie aber (natürlich nach wenigen Schritten schon) bei Ihm angelangt sind, da tat sich sogleich der Garbiel hervor und sagte (freilich wohl außerordentlich stark vorwärts gebeugt, als säße ihm eine zentnerschwere Demut am Halse) zum hohen Abedam: [HGt.02_090,03] „Lieber, heiliger Vater! Soll ich oder der Besediel zuerst mit der Kundgebung unseres Gesichtes beginnen? [HGt.02_090,04] Ich meinesteils wäre dafür, daß der Besediel zuerst und also ganz zuletzt erst ich dann erzählete mein Gesicht!“ [HGt.02_090,05] Solches aber sagte er darum, weil er nicht als Erster gerufen ward und bei den Gerufenen eine Steigerung bemerkte; so verhoffte er sich, wenn er als vollkommen zuletzt kundgeben würde sein Gesicht, da stehe er dennoch oben an und sei erhaben über alle. [HGt.02_090,06] Der hohe Abedam aber sagte auf diesen vorlauten Antrag zum Garbiel: „Garbiel, siehe, Ich Meines Teils bin wieder ganz und gar nicht dafür, sondern bin vielmehr dafür, daß da weder du, noch der Besediel werdet kundgeben eure Gesichte, da sie keinen allgemeinen Wert haben, sondern nur einen sich unterdessen auf euch allein beziehenden, über dessen tatsächliche Anwendung Ich euch erst morgen die volle Weisung geben werde! [HGt.02_090,07] Das wäre somit ein Teil, wofür Ich Meines Teils unabänderlich bin; dann bin Ich aber wieder eines andern, aber dennoch Meines Teiles wieder dafür, daß, so Ich jemanden rufe, er doch warten soll, was Ich von ihm verlangen werde, und dann erst reden, so Ich es von ihm verlange, aber nicht vorlaut gewisserart Mir vorzeichnen, was Ich tun soll. [HGt.02_090,08] Siehe, für solche nach dem Vorrange dürstenden Zuvorkommenheiten bin Ich Meines Teiles wieder gar nicht, aber desto mehr wieder eines anderen Meines Teils dafür, daß sich jemand also demütige, daß er lieber sein will der Letzte als der Erste, lieber Diener als Herr, lieber der Kleinste als der Größte, lieber sein verkannt als zu hoch anerkannt, und lieber sein ein letzter Knecht denn ein erster Gebieter. Siehe, dafür bin Ich Meines Teiles wieder sehr! [HGt.02_090,09] Und noch bin Ich eines anderen Meines Teiles wieder dafür, daß ein jeder dem andern in aller wahren Liebe soll sein ein wahrer Bruder. Denn solange er das nicht ist, kann Ich Meines Teiles ihm ja auch nicht ein Vater sein; bin Ich aber der allein wahre Vater, da sehe Ich als die allerhöchste Weisheit Meines Teiles wahrhaft wieder nicht ein, welches Unterschiedes da Meine Kinder untereinander sein sollten! [HGt.02_090,10] Oder hat die reine Liebe wohl Unterschiede, wenn sie ist vollkommen aus Mir?! [HGt.02_090,11] Ja, es gibt wohl einen Unterschied zwischen Liebe und Liebe, wie sie mächtiger ist und mächtiger; aber diese Unterschiede sind also beschaffen, daß die Brüder diesen Unterschieden zufolge einander achten, und je mehr Liebe einer hat, desto demütiger ist er auch, und desto mehr will er auch allen ein Diener sein. [HGt.02_090,12] Siehe, sonach wäre Ich Meines Teils für dich auch der Meinung, du solltest dich demütigen, deinen Irrtum einsehen, ihn bereuen in dir und dein Herz zuvor erfüllen mit wahrer Liebe zu Mir, dem Vater, und also auch zu allen den Brüdern, Vätern, Kindern und Weibern; denn sonst wirst du deines Teiles nicht viel des ewigen Lebens überkommen. [HGt.02_090,13] Auch du, Besediel, magst dergleichen tun! – Du, Mein lieber Sehel, aber zeige ihnen den rechten Weg! Amen. [HGt.02_090,14] Morgen aber will Ich jedermann seine Weisung geben; solches sollen demnach auch die beiden von Mir erwarten! Amen.“ [HGt.02_090,15] Nach diesen Worten aber wandte sich der hohe Abedam zum Adam und sagte zu ihm: [HGt.02_090,16] „Adam, siehe, also hätten wir den Sabbat gebührlich beschlossen; denn der Nacht Mitte ist herangekommen. Sage es demnach allen, daß allen die Ruhe nun gar nötig geworden ist, darum sie sich zur Ruhe begeben sollen, um morgen gestärkt wieder erwachen zu können!“ [HGt.02_090,17] Und der Adam vollzog alsbald des Herrn Willen und ließ allen durch die Kinder Seths die Ruhe ankündigen. [HGt.02_090,18] Als aber solches geschehen, da entstand alsbald ein allgemeiner Lobgesang von vielen Tausenden; nach seiner Beendung aber segnete Abedam alle zur Ruhe und sagte dann zum Adam: [HGt.02_090,19] „Da nun alles sich zur Ruhe begeben hat, so wollen auch wir keine Ausnahme machen, sondern wollen tun, was alle andern tun!“ [HGt.02_090,20] Der Adam aber fragte den Herrn, sagend: „Heiliger Vater, wo willst Du denn, daß wir mit Dir ruhen sollen, – entweder hier, – oder sollen wir uns in meine Hütte begeben?“ [HGt.02_090,21] Der Abedam aber sagte darauf zum Adam: „Adam, siehe, Ich habe schon gar viele Ewigkeiten unter Meinen freien Himmeln zugebracht, so lasse uns denn auch heute hier unter dem freien Himmel zubringen; denn das Firmament hat sich ausgeheitert, und also harrt unser kein Sturm mehr. Daher bleiben wir, wo wir sind, und wie wir sind; und also begebet euch alle zur Ruhe! Amen.“ [HGt.02_090,22] Und also ward der segensreiche Sabbat beschlossen, und eine feierliche, heilige Ruhe ergoß sich über alle die heiligen Höhen der Kinder Gottes. 91. Kapitel — Die Scheinsonne am Morgen. Adams Ärger und Fluch. Die göttliche Geduld und Ruhe[HGt.02_091,01] Eine gute Stunde vor dem Aufgange der Sonne war aber noch niemand außer dem alten Vater Adam auf den Füßen. [HGt.02_091,02] Ja, der Adam hätte sogar gerne hier und da jemanden geputzt – wenn er sich getraut hätte, und wenn er schon jemanden wach gefunden hätte –, darum man diesmal gerade bei dieser allerhöchsten Gelegenheit also verschlafen konnte, daß er nicht einmal mehr einen Stern zu sehen bekam, als er erwachte. [HGt.02_091,03] Allein, da er auch noch sogar den hohen Abedam zwischen Abedam, dem anderen, und dem Henoch auf der Erde ruhen sah, so getraute er sich nichts zu sagen und ergab sich in aller Geduld und Nachgiebigkeit. [HGt.02_091,04] Es ertönten aber schon von allen Seiten her Morgenlieder und war zu hören ein großes Preisen und Loben von allen Seiten her; aber auf der eigentlichen Höhe ließ sich noch nichts vernehmen. [HGt.02_091,05] Das war schon wieder ein neuer Stein des Anstoßes für den Adam. Er hätte gern über die Lauigkeit der Ausgewählten sogar recht heftig gezürnt, wenn nur von Seite des hohen Abedam der leiseste Wink dazu erfolgt wäre. [HGt.02_091,06] Allein der Abedam ruhte denn noch immer zwischen den vorerwähnten Lieblingen und machte noch keine Miene, als wollte Er noch sobald aufstehen. [HGt.02_091,07] Der Adam kratzte sich zwar ganz gewaltig hinter den Ohren, – aber er schwieg demungeachtet. [HGt.02_091,08] Bei sich sagte er freilich: „Es ist eine barste Schande für uns Erwählte, daß uns alle umliegenden Kinder in allem zuvorkommen und gehen uns mit einem guten Beispiele vor, da solches zu tun doch nur an uns wäre! Aber was läßt sich hier machen? Er ruht Selbst noch! [HGt.02_091,09] Wenn nur die liebe Sonne nicht etwa eher auftaucht, bis wir zum Morgengesange kommen werden?! [HGt.02_091,10] Zu anderen Zeiten haben wir schon das Morgenmahl eingenommen lange vor dem Aufgange; heute aber droht uns die Sonne noch liegend oder zum wenigsten auf der Erde ruhend anzutreffen! [HGt.02_091,11] Aber was ist da zu machen? Aufwecken kann ich Ihn doch nicht! [HGt.02_091,12] Denn es galt ja allzeit nur Ihm alle unsere Morgenverherrlichung. [HGt.02_091,13] Er aber ruhet noch, und es wäre doch gewiß sehr unschicksam, jetzt etwas zu tun und Ihn zu stören in der Ruhe. [HGt.02_091,14] Aber ärgerlich ist es denn doch, daß da außer mir und meiner Eva noch niemand sich von der Erde erheben will! [HGt.02_091,15] Wenn nur die Sonne noch verzöge, da wäre es noch zu ertragen; aber wenn sie uns also antrifft, was werden da alle die anderen Kinder sich von uns zu denken anfangen?! [HGt.02_091,16] Nein, solch ein Anblick wäre etwas Schauderhaftes für mich; daher verziehe, verziehe, du fleißige Sonne!“ [HGt.02_091,17] Als der Adam aber noch eine Zeitlang solchen schauderhaften Ideen nachhinkte, siehe, da guckte auf einmal die Sonne hinter dem Horizonte herauf! [HGt.02_091,18] Jetzt zerriß dem Adam die Geduld, daß er darob dem neben ihm liegenden Seth einen Stoß versetzte und dieser alsbald etwas erschreckt aufsprang und in der Stille auch sogleich den Adam fragte, sagend: [HGt.02_091,19] „Lieber Vater, fehlt dir etwas? Wenn solches, da gebiete mir, damit ich es alsbald vollziehe nach deinem Willen und nach deinem Bedürfnisse!“ [HGt.02_091,20] Der Adam aber zeigte dem Seth alsbald mit dem Finger die Sonne und sagte: „Da sieh einmal hin und betrachte die Sonne, wie hoch sie schon steht, und höre, wie von allen Seiten her schon die Morgenlieder erschallen und der Sonnengruß! [HGt.02_091,21] Wir aber schlafen noch mehr denn zur Hälfte; ist das aber eine unerhörte Schande für uns, die wir dazu noch auserwählt sind! [HGt.02_091,22] Nein, nein, ich weiß mir gar nicht zu helfen und zu raten!“ [HGt.02_091,23] Hier blickte der Seth nach der schon ziemlich hochstehenden Sonne und bemerkte gar bald, daß sie fürs erste nur einen sehr matten Glanz hatte und fürs zweite nur einen unförmlichen Klumpen statt einer schönen Rundscheibe darstellte. [HGt.02_091,24] Dieser etwas stark verdächtigen Erscheinung zufolge sagte der Seth alsbald zum Adam: [HGt.02_091,25] „Höre, lieber Vater, wenn ich mich nicht irre, so ist es jetzt wohl vielleicht eben nicht zu ferne mehr vom Aufgange der rechten Sonne! [HGt.02_091,26] Was aber diese Spuksonne betrifft, so siehe nur genauer hin, und du wirst dich gar bald überzeugen, um welche Zeit es mit dieser Sonne steht, und welch eine Bewandtnis es mit dem etwas unheimlich klingenden Morgengesange hat!“ [HGt.02_091,27] Hier erst fing der Adam an, die Sonne etwas genauer zu betrachten, und ersah gar bald seinen Irrtum. [HGt.02_091,28] Und als er dem noch forthallenden Morgengesange ein aufmerksameres Ohr lieh, da vernahm er auch gar bald folgende kurze Gesangsstrophe: [HGt.02_091,29] „Gepriesen sei, du großer Gott, da unten in der Tiefe; / wir loben, großer Lamech, dich und deine Weisheitskniffe! [HGt.02_091,30] Du hast die rechte Sonne uns erweckt durch deine Stärke, / und dein und ihr sind demnach alle diese großen Werke. [HGt.02_091,31] O Lamech, großer Gott, du füllest nun die Himmel alle, / da du gebracht nun hast den alten schwachen Gott zum Falle! [HGt.02_091,32] Nun schläft Er müd und matt auf Erden gleich den Seinen, / und läßt sich ihnen gleich gemach von deiner Sonn' bescheinen!“ [HGt.02_091,33] Bei diesen Worten erschrak der Adam also heftig, daß er also aufschrie: „Um des allmächtigen Gottes willen, was ist das denn für ein verfluchter Tag, was für eine verfluchte Sonne und was für ein verfluchter Gesang?!“ [HGt.02_091,34] Bei diesen Worten Adams erhob sich ein wenig von der Erde der hohe Abedam und fragte den Adam: „Adam, was fehlt dir, darum du fluchest?“ [HGt.02_091,35] Adam aber erwiderte ganz bebend: „O Abedam! Siehe an diesen falschen Tag, wie er ist ein Werk des Satans!“ [HGt.02_091,36] Der Abedam aber sagte darauf: „Adam, warum hast du ihn nun gerichtet? Siehe, darum wird er nicht der Erde letzter sein; dieser Tag wird sich vermehren auf der Erde wie ein Unkraut, und dieses Unkraut wird nicht auszurotten sein bis ans Ende aller Zeiten!“ [HGt.02_091,37] Der Adam aber schrie: „O heiliger Vater, so vernichte ihn auf ewig!“ [HGt.02_091,38] Der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Siehe, auch der Urheber dieses Tages ist frei wie du und lebt aus Mir! Daher lassen wir ihm seine Zeit; er soll sie nur dehnen, so lang er will! [HGt.02_091,39] Wenn aber dann Meine Ewigkeit über ihn kommen wird, da wird seine große Torheit schon an das Licht des wahren Tages treten! [HGt.02_091,40] Daher sei ruhig bis zur Zeit, wann Ich euch erwecken werde am Morgen des rechten Sonntages! [HGt.02_091,41] Und daher auch lege dich nun wieder zur Erde nieder! Wenn aber Ich erstehen werde, dann erstehet alle; denn Ich werde erstehen am rechten Sonntage und werde euch erwecken durch Meinen Geist. [HGt.02_091,42] Bis dahin aber lassen wir nur spielen den Satan aus der wahren Schlammtiefe Lamechs! Amen.“ [HGt.02_091,43] Diese Worte beruhigten den Adam; der Abedam aber legte sich sogleich wieder zur Erde nieder, und der Adam und der Seth und die Eva folgten Seinem Beispiele und achteten nicht mehr der Sonne des Lamech aus der Tiefe. 92. Kapitel — Der Morgensturm auf der Höhe. Des Herrn Morgensegen[HGt.02_092,01] Ungefähr eine halbe Stunde ruhten die Väter noch, und der Adam schloß seine Augen, so fest er nur immer konnte, um ja keinen Strahl des falschen Tages mehr in sich aufzunehmen. [HGt.02_092,02] Als nun diese halbe Stunde vergangen war, da erhob sich auf einmal ein außerordentlich heftiger Sturm. Windhosen entwurzelten die dicksten und kräftigsten Bäume. Die Luft durchzuckten tausend und tausend Blitze, und auf den benachbarten Gebirgen lösten die mächtigsten Feuersäulen große Felsstücke von ihren Fundamenten und zerstoben sie in der Luft wie eine leichte Spreu. [HGt.02_092,03] Das beständige Krachen der Blitze trieb dem Adam eine übermäßige Furcht ein, und er gedachte darob bei sich in der Stille höchst beängstet: „Mein Gott und mein Herr und mein geliebter heiliger Vater! Wenn es vielleicht denn Deinem großen Feinde, dem Leviathan, dieser mächtigen Schlange alles Verderbens, dennoch gelungen wäre, Dich zu überlisten und, während Du nun segnend hier unter uns weilst, sich auf den Thron Deiner ewigen Heiligkeit zu schwingen, was werden wir da anfangen? [HGt.02_092,04] Was wird da aus Deinen heiligen Verheißungen werden? [HGt.02_092,05] Bist Du, o heiliger, lieber Vater, entmächtigt vom Satan, was soll da aus uns denn werden? [HGt.02_092,06] Dieses Toben der Elemente gegen uns ist sicher ein Zeichen, daß dem Satan gelungen ist seine übergroße Bosheit! [HGt.02_092,07] O Vater, Vater! Was wird da aus uns werden?!“ [HGt.02_092,08] Siehe, in solchen Gedanken war Adam begraben, und da Ich Mich noch nicht rührte, so schien es ihm auch schon nun ganz wahrscheinlich, daß Ich sicher samt ihm und allen den Kindern ein Gefangener des Satans geworden sei, darum er endlich seine Augen wieder auftat und ganz entsetzlich ängstig nach Mir hin schaute, ob Ich noch da sei, und ob die Kinder noch unbeschädigt da seien. [HGt.02_092,09] Als er aber also die Augen auftat, da erschrak er alsbald noch überheftiger vor der verheerenden Feuer- und Sturmszene; denn es kam ihm vor, als sähe er zerstörte brennende Berge durch die Lüfte fliegen und hier und da ein Stück unter großem Gekrache zur Erde noch brennend niederstürzen. [HGt.02_092,10] Solcher Erscheinung zufolge schrie er bald überlaut Mich rufend aus: „Abedam, Abedam, Du heiliger Vater, wenn Dir noch irgend eine Macht eigen ist, so erhebe Dich über diesen Deinen und unseren ärgsten Feind, und treibe ihn zur Ruhe und zur Einsicht seiner Schwäche vor Dir, sonst gehen wir ja alle zugrunde!“ [HGt.02_092,11] Bei diesem Geschrei Adams richteten sich auch alle Kinder auf und gerieten ob der Schauderszene und ob der unheimlichen Worte Adams – mit Ausnahme Henochs, Jareds, Lamechs und seines Weibes Ghemela, des Hored und der Naëme, des Uranion, des Gabiel und seines Weibes Aora und der Tochter Purista, des Lamel, des Pariholi und seiner Familie, des Sehel und des Jorias und seines Weibes Besela, – alle in eine übergroße Furcht und Angst und waren, durch den Adam gewisserart angesteckt, alle auch von seinen Gedanken gefangen genommen und äußerten sich in ihrer Angst auch gleich dem Adam also durch dieselben Worte. [HGt.02_092,12] Als aber der Hored von allen Seiten her solche Äußerungen vernommen hatte, da erregte er sich, sprang von der Erde auf und sagte laut zu allen, die von der Furcht Adams befallen waren: [HGt.02_092,13] „Väter, Brüder, Mütter und Schwestern! Welche übertörichte Furcht hält eure Herzen gefangen, und welche noch viel törichteren, ja welche wahrhaft lästerlichen Worte entstammen eurer Zunge! [HGt.02_092,14] Nie noch war von euch allen je einer also sehr wie ich in der Gefahr, vom Satan verschlungen zu werden! [HGt.02_092,15] Wer aber hat mich denn so gewaltigst schnell entrissen dem Rachen des Ungeheuers? [HGt.02_092,16] War es nicht Der, der jetzt noch also liebevollst und segnend unter uns sichtbar weilt?! War es nicht Er, der allmächtige, große Gott, der uns allen nun in Seiner unendlichen Liebe überbracht hat und gegeben hat die wahre Kindschaft, wie solches doch sicher ein jeder aus den Wundergesichten der Boten hat völlig ersehen können?! [HGt.02_092,17] Er, der allmächtige, ewige, unendliche, heilige Gott wird Sich von einer elenden Kreatur besiegen und am Ende gar verderben und vernichten lassen?! [HGt.02_092,18] O Erde, wo hast denn du noch einen Winkel, da etwas Unsinnigeres keimen möchte, als da sind solche Gedanken?! [HGt.02_092,19] Höret, ich bin nur ein schwacher Mensch gleich euch; da ich aber gleich euch von Ihm Selbst den mächtigen Segen empfangen habe, so gestehe ich und sage: [HGt.02_092,20] Wahrlich, wahrlich, Er ist mir ein Zeuge: Mit dieser Seiner Segenskraft in mir, welche gegen Seinen leisesten Hauch im Vergleich soviel als rein nichts ist, nehme ich – höret, ich ganz allein! – es mit hundertmal hunderttausenden solcher wettermachenden Satane auf, und wenn jeder noch um so vieles mächtiger wäre, um wie vieles die von mir ausgesprochene Zahl die Einheit überbietet! [HGt.02_092,21] Wenn aber ich, der einzige Sünder unter euch, schon solches mich getraue und gar wohl vermag, saget euch selbst: Was ist's denn hernach, das eure Herzen mit solch unsinnigster Furcht erfüllt? – O ihr Schwachherzigen! [HGt.02_092,22] Damit ihr aber sehet, wie entsetzlich eitel und übertöricht eure Furcht ist, so gebiete ich diesem fürchterlichen Feinde, daß er weiche und sich verkrieche in irgendeine Schlammpfütze der Tiefe! [HGt.02_092,23] Sehet, schon wehet überall segnende Ruhe! Wo sind nun die Blitze, wo die fliegenden Berge, wo die Wind- und Feuerwirbel, wo das schwarze Gewölke? [HGt.02_092,24] Aber dort sehet hin, wie herrlich die rechte Sonne sich schon dem heitersten Aufgange nähert!“ [HGt.02_092,25] Bei diesen Worten erhob Sich auch der Abedam; und der Hored fiel aus übergroßer Liebe alsbald zu Seinen Füßen nieder und dankte Ihm für solchen mächtigen Segen. [HGt.02_092,26] Alle die Väter aber starrten bald den Hored und bald wieder den Abedam wie versteinert an, und keiner wußte sich hier zu raten und zu helfen. [HGt.02_092,27] Der Abedam aber lobte den Hored und sagte darauf zu allen: „Der Friede sei mit euch, und Meine Liebe sei Mein Segen in euch und über euch! [HGt.02_092,28] Erhebet euch alle in der Liebe zu Mir, und du, Seth, gehe und sorge für ein reichliches Morgenmahl; ihr alle aber bedenket unterdessen, Wer durch Mich unter euch ist, und entfernet alle eure törichte Furcht! Nach dem Mahle aber will Ich euch erst zeigen, wie eitel eure Furcht war. Amen.“ 93. Kapitel — Seths Sorge für die Speisung aller Anwesenden. Abedams Rede über tätige Nächstenliebe. Die Verheißung der Menschwerdung des Herrn im Stamme Seths[HGt.02_093,01] Der Seth aber berief alsbald die Seinigen zusammen und ging mit ihnen hinab in seine Wohnung und lud da fünf Körbe voll Früchte der besten Art und legte dazu Brot in gerechter Menge und Honig in gerechter Menge und der Milch in gerechter Menge. [HGt.02_093,02] Als er mit seinen Trägern mit Speise und Trank nun also wohl ausgerüstet war, da dankte er Mir für die Gnade, daß er gewürdigt ward, allen auf der Höhe damit dienen zu dürfen, und gebot aber auch einem Teile seines Gesindes, daß sie sorgfältig bei all den anwesenden Völkern nachsehen und nachforschen sollten, ob sie etwas zu essen und zu trinken hätten; und wer immer da kommen würde, dem solle gereicht werden alsogleich Speise und Trank. [HGt.02_093,03] Nach dieser lieben Beheißung aber hieß er dann sogleich die gefüllten Speisekörbe heben und sie tragen auf die Höhe; auch er selbst trug ein großes Gefäß voll des reinsten Honigs. [HGt.02_093,04] Er aber ging kaum noch einige Schritte, da kam ihm schon der hohe Abedam entgegen und sagte darauf zum vor Liebe und der allerhöchsten Achtung und Rührung nahe zusammensinkenden Seth: [HGt.02_093,05] „Seth, du großer Liebling Meines Vaterherzens, sei gesegnet von Mir und dein ganzes Haus, darum du bedacht hast so vieler Hungriger und Durstiger aus allen Völkerschaften! [HGt.02_093,06] Wahrlich, sage Ich dir, das ist das Größte, was jemand tun kann, daß er versorgt den armen Bruder und die arme Schwester, und unterstützt das Alter, und nimmt sich liebevollst an der Kleinen! [HGt.02_093,07] Wer solches tut aus der reinen Liebe zu Mir und aus dieser Liebe heraus dir gleich zu den Brüdern und Schwestern, – Ich sage dir, Mein geliebtester Bruder Seth, und hätte er Sünden, soviel da ist des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde, wahrlich, sie sollen ihm alle erlassen werden! [HGt.02_093,08] Im Augenblicke aber, als da jemand also tun möchte und öffnen sein Herz seinen Brüdern und Schwestern, werde Ich sein bei ihm und werde ihm geben das ewige Leben, und alles, was Mein ist, das soll auch ihm also zu Diensten stehen, wie es Mir zu Diensten steht! [HGt.02_093,09] Seth, Mein Bruder, jetzt gebe Ich dir das ewige Leben; denn nun hast du die größte Tat verübt, da du mehr getan hast, als Ich dir geboten; ja, Ich sage dir, das ist die größte und vollkommenste Tat, die noch je auf dieser Höhe verübt worden ist! [HGt.02_093,10] Wer da tut dasjenige, was Ich ihm auferlege, der ist ein treuer Knecht; wer mit seinem Herzen stets zu Mir gewendet ist, der ist Mir ein rechtes Kind, ein rechter Sohn und eine rechte Tochter; wer aus dem Geiste Handlungen begeht, und hat einen Abscheu vor der Welt, und hat stets alle Sinne nach Mir gerichtet, der ist ein Engel und ist Mir ein Bruder im Geiste aller Wahrheit gleich deinem Sehel. [HGt.02_093,11] Wer aber tut, wie du nun getan hast, wahrlich, wahrlich, der ist mehr denn alle; denn er ist Mir ein Bruder in der Liebe, – und das ist das Allerhöchste! [HGt.02_093,12] Daher sei du, Mein liebster Bruder Seth, denn Mir nun auch gesegnet über alle und dein ganzer Stamm! [HGt.02_093,13] Und diese Stätte solle bleiben bis ans Ende aller Zeiten und soll nimmerdar entweiht werden durch die Füße eines unwürdigen Volkes. [HGt.02_093,14] Und die Stelle, wo du deine Füße hinsetzen wirst, soll triefen in Überfülle vom Segen; dein Odem soll zu Manna des Himmels werden und jedes deiner Worte zum süßesten Honig des ewigen Lebens! [HGt.02_093,15] Auf dieser Stelle soll Lamechs Weib gesegnet werden einst mit einem Retter, welcher deinen Stamm erhalten wird bis ans Ende der Zeiten! [HGt.02_093,16] Ja, Ich sage dir, geliebtester Bruder, also gefällst du Mir, daß Ich Meine große Verheißung sicher halten werde und werde aus dir und aus deinem Stamme Fleisch und Blut annehmen und werde dadurch werden dir gleich ein Mensch, obschon ein allmächtiger Mensch! Kannst du aber auch schon die göttlich vollste Allmacht nicht tragen, aber die Macht der Liebe sollst du stets mit Mir, stets in Mir, und stets aus Mir haben als ein wahrer Bruder zu vollkommen gleichen Teilen! [HGt.02_093,17] O du Mein lieber Bruder du, komme her an Meine Brust, und lasse dich ergreifen mit aller Macht und Kraft Meines Lebens! [HGt.02_093,18] O wie lange schon habe Ich Mich gesehnt nach einem Bruder; allein es wollte Mir keiner werden in Meiner Liebe aus sich freiwillig heraus. [HGt.02_093,19] Du aber bist Mir nun geworden, wonach sich Mein Herz so viele Ewigkeiten vergeblich gesehnt hat. [HGt.02_093,20] Darum lasse jetzt Mich freuen an deiner Brust; denn nun bin Ich nicht mehr allein in der weiten Unendlichkeit! Ich habe nicht umsonst den unendlichen Raum eines Bruders wegen erfüllt mit zahllosen Wesen aller Art, habe nicht zahllose Geisterheere umsonst aus Mir gerufen! [HGt.02_093,21] Denn an dir, du Mein geliebter Seth, habe Ich ja nun einen Bruder gefunden; ja, du hast Mir nun den Bruder wiedergegeben, der, Mich verachtend, Mir einst als ein Geist aller Geister verloren ging! [HGt.02_093,22] O Erde, wie reich bist du jetzt, da du Mir einen Bruder gabst! Darum auch sollst du von Mir erfahren, was die ganze Unendlichkeit ewig nimmer erfahren wird! [HGt.02_093,23] Deine Kinder will Ich aufnehmen zu Meinen Kindern, und deine Väter sollen Mir zu Brüdern werden! [HGt.02_093,24] Jetzt, geliebtester Bruder, lasse uns ziehen auf die Höhen und dort mit unseren Kindern halten das Morgenmahl, und Ich will allen laut verkünden, daß Ich einen rechten Bruder gefunden habe; und es sollen Himmel und Erde in laute Jubel ausbrechen, darum Ich einen rechten Bruder gefunden habe! Amen. [HGt.02_093,25] O du, Mein geliebtester Bruder du!“ 94. Kapitel — Seths demütiger Dank. Seth als ‚Bruder‘ des Herrn[HGt.02_094,01] Als aber der Seth solche große Freundlichkeit vom Abedam vernommen hatte, da mochte er alsbald nicht weiter gehen, sondern fiel sogleich vor Ihm nieder und sagte: [HGt.02_094,02] „O Du über alles guter, heiliger, liebevollster Vater! Ich, ein schwacher Mensch, bin ja nicht würdig, daß Du betreten möchtest meine Hütte, und bin unwürdig, daß Du mich nur ansähest! [HGt.02_094,03] Und Du machst mich armen Sünder vor Dir zu einem Bruder, ja zu einem Bruder Deiner Liebe! [HGt.02_094,04] O Du guter, heiliger, liebevollster Vater, nimm diesen Gedanken wieder aus meiner armseligen Brust; denn er ist zu erhaben, zu heilig, zu unendlich groß! Ich kann ihn gar nicht denken, ohne durch und durch zu erschaudern. [HGt.02_094,05] Ich – Dir – ein Bruder! O Du großer, heiliger Gott, Vater und Schöpfer durch alle Ewigkeiten und alleiniger Erfüller der Unendlichkeit! [HGt.02_094,06] Ich, eine Milbe, den Sand der Erde bekriechend, Dir – ein Bruder in der Liebe?! Nein, nein, es ist unmöglich, daß ich solches zu denken vermöchte! [HGt.02_094,07] Vater, lieber heiliger Vater, nimm den Bruder wieder zurück, und lasse mich sein einen Allergeringsten von denen, die sich da dürfen Deine Kinder nennen! [HGt.02_094,08] O Du lieber heiliger Vater, siehe, ich bebe ja noch am ganzen Leibe! [HGt.02_094,09] Es kommt mir solche Schwäche von der Übergröße des Gedankens, darum Du mich genannt hast einen Bruder Deiner Liebe. [HGt.02_094,10] Daher nimm gnädigst diese übergroße und überheilige Last, deren ich wohl ewig nicht würdig sein werde, wieder von mir, damit ich wieder frei wandeln könnte vor Dir, vor Adam und der Eva, vor meinen Brüdern und Schwestern und vor allen meinen Kindern, die Du nun so gnädigst hast wollen durch Deine unendliche Erbarmung und Liebe zu Deinen Kindern aufnehmen! [HGt.02_094,11] O Du lieber heiliger Vater, erhöre, erhöre gnädigst diese meine ängstliche Bitte; doch jetzt, wie allzeit, geschehe nur Dein heiliger Wille! Amen!“ [HGt.02_094,12] Der hohe Abedam aber bog Sich sogleich zum Seth nieder, hob ihn äußerst behende vom Boden der Erde, drückte ihn an Seine heilige Brust, und küßte ihn auf die Stirne, und sagte dann allerliebevollst zu ihm: [HGt.02_094,13] „Seth, Mein geliebtester Bruder, siehe, jetzt bist du erst ganz vollkommen Mein Bruder, da du ihn Mir wieder zurückgabst! [HGt.02_094,14] Siehe, ehedem habe Ich wohl in dir den lieben Bruder wiedergefunden zufolge der großen, alleruneigennützigsten Liebe deines Herzens, welche du deinen Brüdern und Schwestern und deinen und ihren Kindern aus Mir dadurch bezeugtest, daß du ihnen eröffnet hast alle die Kammern, in denen du durch deinen Fleiß aufbewahrt hast des Brotes und der haltbaren Früchte in gerechter Menge und hast den Eingang in deine Milch- und Honigkammer nicht verschlossen, sondern ludest alle Bedürftigen dahin, auf daß sie sich sättigen sollten. [HGt.02_094,15] Jetzt aber, da deine Liebe sich auch mit der möglich größten Demut vereinigt hat, bist du in aller Wahrheit und Wirklichkeit ein vollkommen rechter lieber Bruder Meiner Liebe! [HGt.02_094,16] Damit du aber siehst, wie solches gar wohl möglich ist, so höre, – Ich will dich erleuchten: [HGt.02_094,17] Siehe, die Liebe ist Mein eigenst innerstes Urgrundwesen! Aus diesem Wesen gehet erst die eigentliche Gottheit oder die durch alle Unendlichkeit ewig wirkende Kraft hervor, welche da ist Mein unendlicher Geist aller Heiligkeit. [HGt.02_094,18] Dieses Urgrundwesen bin Ich aber Selbst, also wie Ich jetzt vor dir stehe, und da, aus dieser Brust ist die ganze Unendlichkeit erfüllt von Meinem Geiste, der da ist Mein langer mächtigster Arm und allzeit also wirkt ins allerunendlichste, wie Ich es in dieser Meiner Brust will. [HGt.02_094,19] Siehe, demnach bin Ich auch überall durch diesen Meinen Geist vollkommen gegenwärtig und kann da bilden, schaffen und ordnen. [HGt.02_094,20] Denn Meine Gedanken erfüllen stets den unendlichen Raum, welcher da ist ewig aus Mir; aber zur Erscheinung kommen sie erst da und dann, wo und wann Ich sie mit Meinem Willen ergreife und sie dann festhalte. [HGt.02_094,21] Siehe nun, aus eben diesem Meinem Urgrundwesen aber habe Ich auch dich gestaltet, eine zweite, ihrer selbst bewußte frei tätige Liebe aus Mir, – nicht nur ein alleiniger Gedanke, sondern eine freie Liebe aus Mir! [HGt.02_094,22] So du nun mit Mir eine und dieselbe Liebe bist, wie solltest du demnach nicht Mein Bruder sein, wenn deine Liebe gleich ist der Meinigen?! [HGt.02_094,23] Daher also sei ohne Furcht, und sei Mir stets ein rechter Bruder, und Ich sage dir, auch du wirst wirken frei im Geiste, wie Ich wirke frei erfüllend die Unendlichkeit. [HGt.02_094,24] Wenn du aber einen Stein wirfst, da siehst du ja schon, daß der Arm deiner Leibeskraft länger ist als der fleischliche selbst; um wie vieles länger wird erst der Arm deines Geistes sein?! [HGt.02_094,25] Daher: Bist du Mir in der Liebe ein rechter Bruder, so bist du es Mir auch im Geiste der Kraft! Die Folge, lieber Liebebruder Seth, aber wird dir erst zeigen, daß Meine Liebe in dir gar wohl würdig ist, Mir ein Bruder zu sein; denn Ich Selbst bin ja diese freie Liebe in dir. [HGt.02_094,26] Daher folge Mir als Bruder nur mutig auf die Höhe; denn Ich sage es ja dir, daß du nun Mein wahrer Bruder bist und bleiben wirst ewig! Amen.“ 95. Kapitel — Der Sonnenaufgang auf der Vollhöhe Adams törichtes Verlangen nach dem Sonnengruß. Des Herrn Rüge[HGt.02_095,01] Nach dieser sehr tröstend belehrenden Rede Abedams ward der Seth überaus gestärkt und dankte dem Abedam aus jeder Faser seines Lebens für solche unaussprechliche Gnade. [HGt.02_095,02] In solch löblichem Dankgefühle erstieg er an der Seite des Abedam auch die Vollhöhe. [HGt.02_095,03] Als die Vollhöhe aber nun erreicht ward, da spendete auch schon die aufgehende Sonne ihre ersten Strahlen den Häuptern der Berge und somit auch unserer geheiligten Höhe. [HGt.02_095,04] Es war aber der Adam alsbald fertig und fragte sogleich den hohen Abedam: „Heiliger Vater, siehe, sollen wir nicht den sonst üblichen Sonnengruß singen, der mich so lange schon an jedem heiteren Morgen so hehr erbauend erquicket hat?“ [HGt.02_095,05] Der Abedam aber fragte darauf sogleich den Adam, sagend nämlich: „Adam, kennst du Mich denn noch nicht?! Sage Mir, wen willst du denn ehren durch deinen Sonnengruß?! [HGt.02_095,06] Mich sicher nicht; denn beabsichtigtest du solches, wozu sollte da der törichte Sonnengruß sein, so Ich noch sichtbar unter euch wandle und von niemandem verlange, daß er Mir einen Sonnengruß vorplärren soll?! Was aber Ich verlange, das wisset ihr alle bereits! [HGt.02_095,07] Willst du aber mit der Sonne in Meiner sichtbaren Gegenwart schon eine Abgötterei treiben, so kannst du es ja auch tun, wenn sie dir mehr zu sein dünkt denn Ich; nur frage Ich dich hier wieder: [HGt.02_095,08] Wenn aber du schon in dieser Meiner sichtbaren Gegenwart solches tun möchtest oder gar zu tun willens bist, welch ein Geist wird sich da auf alle die späteren Nachkommen vererben aus dir?! [HGt.02_095,09] Ist es denn nicht genug, daß sie alle durch dich den Tod des Leibes überkommen haben für bleibend?! Möchtest du zu diesem auch noch den bleibenden Tod des Geistes hinzufügen?! [HGt.02_095,10] Siehe, du alter Tor, bin denn Ich nicht mehr denn die Sonne, die Ich mit dem leisesten Hauche vernichten kann, wann Ich will, und an ihrer Stelle tausend andere im Augenblicke erschaffen?! [HGt.02_095,11] Was willst du denn hernach mit deiner alten Narrheit?! [HGt.02_095,12] Damit du aber dennoch trotz deiner verhärteten Torheit einmal einsehen möchtest, wie weit deine Narrheit geht, so sieh jetzt empor, du alter Tor, und suche Mir aus den vielen tausend Sonnen, welche jetzt am Himmel stehen, diejenige hervor, der du willens warst etwas vorplärren zu lassen!“ [HGt.02_095,13] Hier entsetzten sich der Adam und alle die Kinder; denn im Augenblicke ward der Himmel übersät von tausendmal tausend Sonnen, von denen eine der andern völlig glich. [HGt.02_095,14] Alle Kinder aber fielen sogleich, von dem überheftigen Lichte ganz betäubt, zur Erde nieder und baten den Abedam, daß Er gnädigst wieder möchte hinwegtun so viele Sonnen, indem unter solcher Masse Lichtes niemand zu leben vermöchte. [HGt.02_095,15] Auch der Adam sah nun seine große Torheit ein und fiel ebenfalls ganz betäubt und halbblind zur Erde nieder und bat Mich reuigst um Vergebung seiner großen Torheit. [HGt.02_095,16] Der Abedam aber behieß sie alle, sich wieder aufzurichten, und sagte darauf zum Adam: „Erstehe, und büße deine Torheit mit einem bleibenden schwachen Gesichte, welches dir zu eigen bleiben soll dein Leben lang! [HGt.02_095,17] Du, Mein lieber Liebebruder Seth, aber heiße vergehen die Sonnen bis auf eine, die da bleiben soll in ihrer alten Ordnung! Amen.“ [HGt.02_095,18] Und alsbald hob, Mich lobend, der Seth die Hände empor und sprach im Angesichte aller: „Im Namen Dessen, der da wandelt unter uns und ist ein Herr über alle Dinge und über alle Kreatur, sage ich euch: Er, der Herr Gott Zebaoth, will es, daß ihr vergehet bis auf eine, welche da ist die alte und hat allzeit geleuchtet der Erde!“ [HGt.02_095,19] Als der Seth solches ausgesprochen hatte, erloschen sogleich alle die vielen Sonnen bis auf die alte, und alles pries den Herrn ob solcher Gnade und Erbarmung. [HGt.02_095,20] Der Adam aber, als er merkte, daß er in der Ferne nichts mehr deutlich ausnehmen konnte, sondern allein in der Nähe, ward darüber sehr traurig und fing an zu weinen, da er nicht mehr konnte alle seine Kinder überschauen. [HGt.02_095,21] Der Abedam aber sagte zu ihm: „Hänge nicht zu sehr am Lichte des Fleisches und am Lichte der Welt; denn zu viel Fleisch- und Weltlicht machet blind den Geist. [HGt.02_095,22] Es ist aber besser zu haben ein blindes Fleisch denn einen blinden Geist. [HGt.02_095,23] Siehe aber zu in deinem Herzen, daß dein Geist sehend wird durch die wahre Liebe und Demut, dann wirst du des Fleischlichtes leicht rathalten können! [HGt.02_095,24] Denn solches tat Ich dir aus großer Liebe jetzt, damit du dich üben sollst in der Geduld, um nicht zu werden eine Beute dessen, der dich heute zuerst erweckt hat durch seine arge Sonne. [HGt.02_095,25] Es ist aber auch besser, die Kinder in der Nähe zu betrachten als in der Ferne; dafür aber leuchtet dir des Fleisches Auge noch hinreichend, und so kannst du schon zufrieden sein! Amen. [HGt.02_095,26] Und nun, ihr Kinder alle, stärket euch mit Speise und Trank; sie ist schon gesegnet von Mir. [HGt.02_095,27] Du, mein geliebtester Bruder Seth, aber versorge deinen alten Zeuger! [HGt.02_095,28] In der Ordnung aber wir gestern das Abendmahl eingenommen haben, in der Ordnung auch wollen wir dies Morgenmahl einnehmen! Amen.“ 96. Kapitel — Die erschreckenden Erscheinungen beim Morgenmahle. Adams Aufregung und Furcht[HGt.02_096,01] Nachdem sich auf die Beheißung Abedams nun alles zur Erde niedergelassen hatte und aß und trank, selbst der Adam nicht ausgenommen, obschon er sich mit seiner Kurzsichtigkeit noch nicht ganz zurechtfinden konnte, und der hohe Abedam Selbst mitaß und -trank, vernahm man auf einmal ein starkes Geheul von vielen Menschen von der Morgengegend her und sah eine Rauchsäule um die andere aus der Tiefe sich erheben. [HGt.02_096,02] Diese so plötzlich eingetretene Erscheinung machte fast alle die Kinder der Höhen stutzen, und niemand wußte so ganz recht – selbst der Seth und der Henoch nicht –, was er daraus machen sollte. [HGt.02_096,03] Adam aber, voll Entsetzen, eilte hin zum Abedam und fragte Ihn, sagend nämlich: „Liebevollster, heiliger Vater, was ist denn das schon wieder?! [HGt.02_096,04] Kaum habe ich mein Gemüt etwas beruhigt darüber, was alles mir schon heute widerfahren ist, so kommt aber auch schon wieder etwas anderes zum Vorscheine, was noch drohender ist als alles Frühere! [HGt.02_096,05] O heiliger, lieber Vater, beruhige mich, ja beruhige uns alle, und zeige uns gnädigst an, was das ist, und woher es rührt! Wer ist der Urheber dieses Geheuls? Was wird daraus werden? Welche Folgen wird es haben? [HGt.02_096,06] O Du lieber, heiliger Vater, beruhige, beruhige unsere Gemüter, so Dein heiliger Wille es ist!“ [HGt.02_096,07] Der Abedam aber sagte darauf, noch am Speisekorbe sitzend: „Höre, und sage es Mir: Was wirst denn du hernach tun, so Ich es dir auch auf ein Haar alles sagete, was das Geheul ist, woher es kommt, warum es daher kommt, und was die Folge sein wird, und auch warum Ich solches zulasse? Sage Mir: Was wirst du hernach tun? [HGt.02_096,08] Ich sage es dir: nichts anderes, als was du jetzt tust! [HGt.02_096,09] Wenn du aber hättest irgendeine Einsicht, so würdest du ohne alle Angst tun, was Ich Selbst bei dieser Gelegenheit tue, nämlich du würdest ruhig sein, und essen und trinken, und Mich lieben in deinem Herzen. [HGt.02_096,10] Wer aber sich an Meiner Seite kümmert und sorgt, dem geschieht es ja recht, wenn in ihm verheerende Stürme zu toben anfangen und einen Berg des Vertrauens auf Meine unendliche Macht und Liebe um den anderen in seinem Herzen zu zerstäuben anfangen! [HGt.02_096,11] Also geschieht es auch dir recht, daß dein Gemüt beunruhigt wird, darum du noch nicht glaubest vollkommen, daß Mir allein alle Dinge untertan sind. [HGt.02_096,12] Was ist dir oder jemand anderem denn schon Übles begegnet bei all den großen Erscheinungen, die sich während dieses Meines sichtbaren Unter-euch-Seins allhier auf der Höhe seit dem Vorsabbate zugetragen haben?! [HGt.02_096,13] So ihr aber noch allzeit an Meiner Seite mit der vollkommen heilen Haut davongekommen seid, warum fürchtest du dich denn jetzt?! [HGt.02_096,14] Gehe daher unbesorgt auf deinen früheren Platz, und iß und trink; wenn du Mich aber wirst sehen, daß Ich Mich erhebe von der Erde, dann magst du auch dasselbe tun! Amen.“ [HGt.02_096,15] Darauf begab sich der Adam alsbald wieder auf seinen früheren Platz, aß und trank zwar, aber also wie einer, dem es nicht recht schmeckt; in seinem Herzen aber führte er folgendes Gespräch mit sich: [HGt.02_096,16] „Mein Gott – und mein Herr, Du hast ja in allem ganz vollkommen recht! Es liegt freilich wohl an mir selbst die Schuld meines Kummers, und ich weiß es auch bestimmt, es möge da kommen, was nur immer wolle, – Er hat uns allzeit errettet und wird uns auch diesmal ganz sicher nicht zugrunde gehen lassen – das ist gewiß und sicher –; [HGt.02_096,17] Aber alles dessen ungeachtet haben ich und viele andere dennoch eine allzeit überstarke Angst zu bestehen! Wozu ist denn diese gut? [HGt.02_096,18] Warum muß ich mich denn fürchten für nichts und nichts? [HGt.02_096,19] Ist denn solch eine allzeit leere Furcht denn für etwas gut? [HGt.02_096,20] Für was denn eigentlich, wenn darauf nichts folgt, was da einer Furcht und Angst würdig wäre?! [HGt.02_096,21] Aber trotzdem muß ich mich dennoch fürchten, und fürchte mich jetzt ebenfalls, obschon ich wohl weiß, daß uns allen sicher kein Haar gekrümmt wird! [HGt.02_096,22] Oder fürchte ich mich darum, weil ich eine Furcht vor der Furcht meines Herzens habe? Wie aber kann man sich aus Furcht vor der Furcht fürchten? [HGt.02_096,23] Denn, wenn ich mich fürchte, so ist die Furcht ja schon da und ist dann ein einfaches, aber kein zweifaches Übel! [HGt.02_096,24] Wenn der Herr uns aber schon allzeit errettet, davor wir uns fürchten, warum denn läßt Er uns in die Furcht geraten, die doch auch ein großes Übel ist? [HGt.02_096,25] Oder wäre das wirkliche zu folgen habende Übel ohne die vorhergehende Furcht an und für sich denn nicht besser als die arge Furcht selbst vor demselben? [HGt.02_096,26] Kurz, ich sehe es da trotz alles Hinundherdenkens nicht ein, wozu die irgendeinem Übel vorangehende Furcht gut sein soll. [HGt.02_096,27] Daher könnte uns der große Retter von allem Übel ja wohl auch von dem der leeren Furcht befreien oder uns wenigstens zeigen, was die Furcht ist, und wozu sie taugt!“ [HGt.02_096,28] Als der Adam solches kaum ausgedacht hatte, siehe, da erhob Sich auch schon der Abedam, berief den Seth und den Henoch zu Sich und redete mit ihnen geheime Worte. [HGt.02_096,29] Das juckte den Adam noch mehr; als aber darauf gar bald sich der Seth und der Henoch gegen Morgen hin begaben, da war es völlig aus beim Adam. [HGt.02_096,30] Er getraute sich zwar nicht laut zu werden, aber desto bunter von Furcht und Neugierde wurde es in seinem Herzen. [HGt.02_096,31] Der Abedam aber tat, als merke Er solches nicht, und beschied sogleich den Garbiel und den Besediel zu Sich. 97. Kapitel — Garbiels und Besediels Berufung zu Geschichtsschreibern. Die zwei Bücher: „Jehovas Streit, Zorn und Krieg“ und „Jehovas, des großen Gottes, Liebe und Weisheit“[HGt.02_097,01] Als aber die beiden Gerufenen vernommen hatten den Ruf Abedams, so begaben sie sich auch sogleich freudig hin zu Dem, der sie gerufen hatte. [HGt.02_097,02] Obschon es aber auch sie vor dem stets zunehmenden Geheule der Menschen aus der Morgengegend her bangte, so war aber nun an der Seite Abedams dennoch alle Furcht und Angst aus ihren Herzen entschwunden; und also waren sie auch vollkommen fähig, entweder zu reden auf das Verlangen des Abedam oder allein zu hören. [HGt.02_097,03] Da aber der Abedam sah, daß ihre Herzen gar wohl vorbereitet waren, und ihres Geistes Ohren in wohlgerechtem Maße offen standen, so fing Er auch alsbald an, folgende Worte voll hohen Sinnes und voll des inneren Lebens an sie zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_097,04] „So höret denn ihr beide: Das mit den vielen Zeichen bezeichnete Blatt und der mit eben den Zeichen versehene, auf dem Wasser schwimmende große Kasten besagen, daß ihr beide und noch einige Vorbestimmte mit euch sollten ähnliche Zeichen, die den Worten und Dingen und Handlungen entsprechen, auf steinerne Tafeln oder auf jene großen Blätter der Piar-Staude mittels eines spitzigen Werkzeuges, welches Lamechs Brüder aus den Metallen bereiten werden, zeichnen, dann die Zeichen auch allen Kindern, Brüdern und Vätern erklären, und das also Aufgezeichnete den Kindern, Brüdern und Vätern vorlesen und, so da alle werden gar bald und leicht die Zeichen begreifen und wohl verstehen, auch das Gezeichnete allen lesen lassen und dabei mit den minder Verständigen die größte Geduld haben. [HGt.02_097,05] Euer Geist aber wird es euch lehren, wie ihr aus den Zeichen ein Wort bilden sollet; denn es muß ein jedes Wort aus mehreren nötigen Zeichen bestehen, welche also von der rechten zur linken Seite gestellt sein müssen, nach der Ordnung des Wortes selbst. [HGt.02_097,06] Wenn aber ein Wort einmal gestellt ist, dann soll es aber auch nimmerdar verändert werden, damit die späteren Nachkommen es auch also wie ihr werden lesen, aussprechen und verstehen können. [HGt.02_097,07] Ich aber gebe euch damit ein Gebot, dem zufolge die Zeichen eines Wortes sollten wie heilig betrachtet werden. [HGt.02_097,08] Wer da etwas abändern möchte an den Zeichen selbst und daran, wie ihr aus ihnen werdet Worte gebildet haben, den will Ich mit zornigen Augen ansehen! [HGt.02_097,09] Nun aber kommt die in dieser Hinsicht allerwichtigste Frage, und diese lautet also: [HGt.02_097,10] ,Was sollen wir hernach eigentlich aufzeichnen für uns sowohl, als ganz besonders für die späteren Nachkommen?‘ [HGt.02_097,11] Sehet, das ist eigentlich das Allerwichtigste, und dieses muß auch um so mehr gewissenhaftest genau gehandhabt und treulichst befolgt werden! [HGt.02_097,12] Nebstdem aber fragt es sich auch, wann ihr etwas aufzeichnen sollet! Auch dieser Punkt ist von großer, unerläßlicher Wichtigkeit! [HGt.02_097,13] Was demnach die erste Hauptfrage betrifft, so sollst du, Garbiel, aufzeichnen die ganze Geschichte von der Urerschaffung der Geister, dann die Erschaffung der sichtbaren Dinge und alle Meine Liebefügungen und großen Erbarmungen dabei, bis auf den letzten Zeitpunkt Meines gegenwärtigen Unter-euch-Seins. [HGt.02_097,14] Und solches sollst du allzeit schreiben und zeichnen, wenn Ich dich in deinem Geiste dazu berufen werde. [HGt.02_097,15] Dabei aber sollst du dich nicht etwa ängstlich kümmern und sagen: ,Woher werde ich denn alles dies nehmen?‘ [HGt.02_097,16] Denn siehe, Ich, der Ich jetzt dir eben diesen Auftrag erteile, werde es dir vom Grunde aus sagen und werde dir die Hand führen, damit du auch nicht eine Linie, nicht ein Häkchen und nicht einen Punkt zuviel oder zuwenig machen sollst! [HGt.02_097,17] So Ich Dich aber immer, dir laut vernehmlich, rufen werde, mußt du dich alsogleich bereit halten, zu zeichnen nach Meinem Willen und nach Meiner Angabe; und da soll ja nichts anderes gezeichnet werden als nur das, was Ich dir angeben werde! [HGt.02_097,18] Wenn du aber nicht gerufen wirst von Mir aus deinem Herzen, da sollst du auch nicht zeichnen, sondern in solcher freien Zeit die Kinder und Brüder und Väter, wie auch imgleichen das weibliche Geschlecht unterweisen, jedoch mehr im Lesen als im Zeichnen, und dann aber auch die Nachzeichner beobachten, ob sie das von dir aus Mir Aufgezeichnete wahr, treu, gut und richtig nachzeichnen! [HGt.02_097,19] Denn das, was Ich dir kundgeben werde einfach, soll von deinen Mitzeichnern vertausendfacht werden, damit da jedes Stammhaus eine und dieselbe Zeichnung vollständig in und bei sich haben soll für sich, für seine Kinder und für alle seine späteren Nachkommen! [HGt.02_097,20] Was Ich aber nun dem Garbiel enthüllt habe, das alles hast auch du, Besediel, vollkommen bis auf den Punkt zu beachten, was du schreiben sollst! [HGt.02_097,21] Wie aber der Garbiel beschreiben wird die große Vergangenheit, also wirst du unter der Leitung Henochs beschreiben die große Zukunft! [HGt.02_097,22] Der Garbiel wird es empfangen unmittelbar aus Mir; denn das Vergangene soll vor jedermanns Augen offen dastehen. [HGt.02_097,23] Du aber wirst es empfangen mittelbar vom Henoch, zum Zeichen, daß da die Zukunft stets verhüllter bleiben soll denn die Vergangenheit! [HGt.02_097,24] Und so soll da errichtet sein ein Buch der Vergangenheit unter dem Namen ,Jehovas Streit, Zorn und Krieg‘ und ein Buch der Zukunft unter dem Namen ,Jehovas, des großen Gottes, Liebe und Weisheit‘! [HGt.02_097,25] Nehmet aber nun hin Meinen Segen, und werdet fähig, dazu Ich euch nun berufen habe! Amen.“ [HGt.02_097,26] Nach diesen Worten aber fielen die beiden alsbald vor dem Abedam nieder und dankten Ihm für solche hohe Gnade. [HGt.02_097,27] Der Abedam aber hieß sie alsbald wieder erstehen. [HGt.02_097,28] Als sie sich aber erst kaum, in aller Liebe zerfließend, vom Boden erhoben hatten, da auch eilten schon der Seth und der Henoch daher, um dem neugierdevollen Adam die Kunde zu bringen, was da nun geschieht in der Morgengegend von der Tiefe aus. [HGt.02_097,29] Denn darum hatte sie der Abedam dahin beordert, damit der Adam einen neuen Stoß bekommen solle zum Leben, und also auch seine Kinder. 98. Kapitel — Bericht der zwei Boten über die Greuelvorgänge in der Morgengegend, von den Kindern der Tiefe verübt[HGt.02_098,01] Es dauerte nicht lange, so erreichten die zwei Gesandten auch schon die Vollhöhe wieder und traten nach der früheren geheimen Beheißung Abedams alsbald mit ziemlich verstörten Gesichtern vor den schon über alle Maßen ängstlich neugierigen Adam hin. [HGt.02_098,02] Er aber fragte sie auch alsogleich, was sie entdeckt hätten. [HGt.02_098,03] Und der Henoch, voll Liebe, aber fragte auch statt einer Antwort sogleich den Adam entgegen, sagend nämlich: [HGt.02_098,04] „Vielgeliebter Vater Adam, siehe, nachdem ich und der Seth auf ein Haar dasselbe gehört und gesehen haben, so kann dir jeder nur dasselbe kundgeben! [HGt.02_098,05] Da wir aber nicht zugleich reden können, so muß hier ja die Frage gestellt werden, welcher von uns soll dir denn die geschaute Greuelszene und dann alle die vernommenen gräßlichsten Lästerungen gegen dich und gegen Gott erzählen?“ [HGt.02_098,06] Bei dieser Gegenfrage prallte der Adam zurück und konnte eine ziemliche Weile lang vor Entsetzen kein Wort aus seinem Munde flott machen, bis ihn der Henoch noch einmal fragte, ob sie reden dürften oder nicht. [HGt.02_098,07] Hier sagte der Adam mit großer Heftigkeit: „Ja! – Nein! – Ja, ja! Du, du Henoch, – Seth, – nein, nicht der Seth, sondern du, du Henoch, erzähle!“ [HGt.02_098,08] Und alsbald fing der Henoch folgendes an zu erzählen, sagend nämlich: [HGt.02_098,09] „So vernimm denn, vielgeliebter Vater Adam, was die Schlammtiefen gegen dich, gegen uns, und also auch gegen Gott unternommen haben! [HGt.02_098,10] Du weißt es, daß der Lamech schon am gestrigen Sabbate einen feurigen Angriff versucht hatte, um zu erstürmen und zu erklimmen unsere Höhen. [HGt.02_098,11] Doch hier weißt du auch, wie er vom hohen, überheiligen Vater zurückgeschlagen worden ist. [HGt.02_098,12] Da die arge Schlange aber keine Ruhe und keine Rast hat, so benützte sie die ganze, durch die Flammen des Weißberges helle und weit und breit wohlerleuchtete Nacht und ließ allenthalben Feuerbrände in den Wäldern legen. Dadurch wurden alle die wilden Tiere als unsere getreuen Höhenwächter verscheucht, und eine unzählbare Schar wohlbewaffneter kleiner Menschen mit schwarzen Haaren und fast ganz nackten Leibes erklommen die Morgenhöhen und lagern sich nun dort und nehmen alles in Beschlag, was sie nur immer dort finden – als: Früchte, Tiere und allerlei Hausgeräte – und gehen als volle Eigentümer in den Wohnungen der Morgenkinder aus und ein. [HGt.02_098,13] Auch eine große Menge Weiber und Kinder haben sie bei sich. [HGt.02_098,14] Soeben aber, wie wir beide von der Zwischenhöhe hinabblickten in die Morgengegend, sandte ihr Anführer Kundschafter aus, nachdem er ihnen zuvor folgenden lauten Befehl gab: [HGt.02_098,15] ,Gehet und durchsuchet haarklein, wo sich irgend des Scheusals, der da soll Adam heißen, verruchte Brut befindet, und ob er, das Scheusal selbst, sich etwa noch irgendwo unter seiner Tiger- und Hyänenbrut lebend befindet! [HGt.02_098,16] Höret, wen ihr immer treffet, den ermordet alsogleich, schneidet ihm dann die Ohren vom Kopfe und bringet sie mir hierher zum Zeugnisse eurer getreuen Tat. [HGt.02_098,17] Solltet ihr aber irgend das noch leben sollende alte Scheusal von einem Adam treffen, so tötet das nicht, sondern schleppet es hierher zu mir, damit ich eigenhändig in seinen Eingeweiden meine Rache kühlen kann für den Fluch, den er über den Kahin, unseren Stammvater, tat! [HGt.02_098,18] Also soll sich auch der vorige Gott Jehova soeben jetzt unter seiner scheußlichen Brut, vom Geiste Lamechs völlig besiegt, befinden. [HGt.02_098,19] Wer von euch Den mir gefangen bringt, der soll ein Vizekönig von Farak werden und obendrauf noch tausend der allerschönsten Weiber zur Mitgabe erhalten! [HGt.02_098,20] Denn diesen Jehova will ich selbst knebeln und ihn dann dem großen Lamech überliefern, damit er mit ihm tue nach seiner Gerechtigkeit, wie er schon getan hat mit seinem Namen. [HGt.02_098,21] Solltet ihr irgendwo die Naëme, unseres großen Gottes Lamech Tochter und seine zwei Weiber finden, so bringet sie alle unversehrt hierher; ihre Männer aber erwürget sogleich auf das grausamste, schneidet ihnen dann die Köpfe ab und bringet sie mir zum Zeugnisse! [HGt.02_098,22] Solltet ihr irgend die entführten dreißig Beischläferinnen des großen Gottes Lamech treffen, die erst vor wenigen Tagen ihm geraubt wurden, so bringet sie als gute Beute ebenfalls hierher; euer Lohn dafür soll nicht gering ausgemessen werden! [HGt.02_098,23] Wehe aber auch, wenn ihr leer zurückkehret! [HGt.02_098,24] Ihr habt heute gesehen, wie Lamech im Augenblicke den ganzen Himmel mit Sonnen angefüllt hat und sie dann wieder vergehen hieß. [HGt.02_098,25] Daher bedenket wohl, wessen Diener ihr seid! In seinem Namen müssen ja Berge vor euch weichen! [HGt.02_098,26] Und also gehet und vollziehet diesen Befehl! Amen.‘ [HGt.02_098,27] Siehe, du vielgeliebter Vater Adam, solches haben wir gesehen und gehört, und also stehen die Dinge da unten! [HGt.02_098,28] Unter uns aber ist ja der heilige, liebevollste Vater im Abedam; daher sei ferne alle Furcht und Angst unseren Herzen! Amen.“ [HGt.02_098,29] Bei dieser lauten Erzählung befiel den alten Adam ein solches Fieber, daß er darob weder sitzen noch stehen konnte. [HGt.02_098,30] Endlich ergrimmte er aber also stark in seinem Herzen über die Tiefe, daß er aufsprang und wollte schon den gräßlichsten Fluch über dieselbe aussprechen; aber der Abedam trat ihm in den Weg und sagte gar sanft ernst zu ihm: [HGt.02_098,31] „Adam, Adam, warum willst du schon wieder fluchen?! [HGt.02_098,32] Siehe, Ich bin ja der Herr! So Ich aber solches nicht tue, warum solltest du es tun?! [HGt.02_098,33] So aber die Flut gestiegen bis hierher, da lasse uns Fischer sein und sehen, ob wir diese Armen nicht fangen mögen in unsere Netze des Lebens! [HGt.02_098,34] Solches wird dem Lamech übler bekommen als tausend deiner Flüche, vor denen nicht einmal ein Sperling vom Dache fliegen wird. [HGt.02_098,35] Wahrlich, sage Ich dir: Heute wirst du sie noch alle segnen, die du jetzt verfluchen wolltest! [HGt.02_098,36] Daher gehe du jetzt nur wieder auf deinen Platz. [HGt.02_098,37] Du, Kisehel, und du Sethlahem, aber gehet sogleich, mit aller Macht ausgerüstet, zum Befehlshaber Lamechs hin und richtet an ihn die Worte Meines Willens! Amen.“ 99. Kapitel — Kisehel und Seth und das Heer der Kinder der Tiefe[HGt.02_099,01] Die beiden Beheißenen aber dankten dem Abedam mit dem liebeerfülltesten Herzen für solchen hohen Auftrag und begaben sich dann alsogleich an den Ort ihrer Bestimmung. [HGt.02_099,02] Sie nahmen den Weg durch die Grotte Adams, um desto schneller dahin zu gelangen, wohin sie beheißen waren. [HGt.02_099,03] Als sie aber alsonach über die Grotte hinaus schon auf halbem Wege standen, da ersahen sie die von Lamechs Befehlshaber aufgestellten Späher, und diese riefen sogleich den ihnen nächsten Vorposten zu: [HGt.02_099,04] „Gebet schnelle Nachricht dem Willensträger unseres großen Gottes Lamech, daß soeben sich zwei ungewöhnlich große Männer der Höhe entlang unserem Lager nahen! [HGt.02_099,05] Wir wissen nicht, was wir hier tun sollen. Sollten wir es wagen, es mit ihnen aufzunehmen, oder sollten wir sie ungehindert vordringen lassen? [HGt.02_099,06] Sie scheinen überaus stark zu sein; denn bei jedem Tritte erbebt die Erde bis dahin, wo wir stehen, und je näher sie kommen, desto ärger empfinden wir jeden ihrer Tritte!“ [HGt.02_099,07] Wie aber die Nachricht zu dem Befehlshaber gelangt ist, da erschrak er gewaltig und wußte nicht, was er im Augenblicke tun solle. [HGt.02_099,08] Nach einer allernötigsten Fassung aber ließ er den Spähern kundtun und den Vorposten, daß sie die beiden sollten ungehindert vordringen lassen, sie dann schnell umringen und dann also gefangen zu ihm bringen. [HGt.02_099,09] Schnell wurde dieser Notbefehl bis zu den Spähern verbreitet, und bevor die beiden Gesandten noch die Morgengrenze betraten, waren sie schon umringt von tausend mit langen Spießen bewaffneten Männern aus der Tiefe, welche, da sie sahen, daß sich diese zwei großen Menschen, obschon unter jedem ihrer Tritte die Erde gewaltigst erbebte, gar nicht sträubten, in ihrer Waffenmitte wie Gefangene fortzugehen, eben darum diese beiden Gesandten zu necken anfingen, und das zwar durch allerlei Schmähreden und in der Tiefe übliche Entmutigungströstungen, welche ungefähr also lauteten: [HGt.02_099,10] „Höret, ihr zwei großen feigen Fleischsäcke! Was macht denn euer Scheusal von einem Adam, und was euer wurmstichiger Jehova? [HGt.02_099,11] Wie viele solche Fleischsäcke gibt es auf dieser lichten Höhe? [HGt.02_099,12] Warum fürchtet ihr euch denn also stark vor uns viel kleineren, aber dafür wahren Menschen, daß darob euer fiebernder Fleischsack seine Furcht sogar der Erde mitteilt? [HGt.02_099,13] O fürchtet euch nicht, ihr zwei großen Fleischsäcke! Denn es wird euch ja nichts Ärgeres begegnen, als bloß nur, daß euch zuerst ein Finger um den andern vom Leibe geschlagen wird, sodann die Hände, dann die Füße; darauf erst wird euch die Zunge ausgerissen werden, dann die Nase, dann die Ohren, dann die Augen, und endlich wird euch erst der Kopf vom übrigen Fleischsacke langsam abgesägt werden. [HGt.02_099,14] Sehet, das ist alles, was euch überaus sicher geschehen wird, darum ihr ja doch keine so große Furcht haben sollet! [HGt.02_099,15] Denn solches wird an euch ja ohnehin aus purer Schonung sehr langsam vollzogen werden, damit ihr doch zwischen einem und dem andern Schmerze werdet gehörig ausschnaufen können und euch vorbereiten auf einen folgenden größeren Schmerz. [HGt.02_099,16] Sehet, wie wir es mit euch gut meinen, und noch scheinet ihr euch sehr gewaltig zu fürchten vor uns! [HGt.02_099,17] Denket nur, daß eure Qual kaum etwas über drei Tage andauern wird, so wird euch die Furcht sogleich vergehen!“ [HGt.02_099,18] Bei diesem Worte machte einer der Haupttröster mit seinem Spieße einen Versuch gegen Kisehel, um ihn durch einen tüchtigen Stich etwa in den Arm zufolge des darauf folgenden Schmerzes desto mehr Furcht vor seiner Trostrede einzuflößen. [HGt.02_099,19] Als aber dieser Tröster noch kaum mit seinem Spieße den Arm Kisehels berührt hatte, da fuhr plötzlich Feuer aus dem Arme Kisehels, verzehrte augenblicklich den ganzen Spieß und ergriff endlich auch den Tröster selbst und machte ihn zur Asche. [HGt.02_099,20] Diese Erscheinung machte auf unsere Waffenmannschaft einen solchen Eindruck, daß darob alsogleich alle, welche unsere zwei Gesandten zum Befehlshaber als Gefangene führen sollten, eiligst nach allen Seiten die Flucht ergriffen und alsogleich sogar in die Tiefe hinab geflohen wären, wenn ihnen nicht einige wohlmeinende Riesentiger den Rückweg vertreten hätten. [HGt.02_099,21] Drei der ersten Rottenführer aber liefen schnell hin zum Befehlshaber und erzählten ihm bebenden Leibes, was sich da zugetragen habe, und rieten demselben, daß er ja keinen Gewaltstreich gegen sie ausführen und sie mit nichts berühren solle; denn sie seien voll des verheerendsten Feuers, welches unerlöschbar sei: wo es etwas berühre, da zerstöre es auch alsogleich bis auf den Grund. [HGt.02_099,22] Diese Erzählung flößte auch dem Befehlshaber einen solchen Respekt vor den zwei nicht mehr ferne abstehenden Gesandten ein, daß er bei ihrer Annäherung alsogleich zur Erde niederfiel, und mit folgenden Worten anfing, sie schon von der Ferne zu begrüßen und zu bewillkommnen, sagend nämlich: [HGt.02_099,23] „O ihr großen, feuervollen, heiligen Boten irgendeines sicher noch größeren Gottes, als da ist unser armseliger Gott Lamech in der Tiefe, seid mir so oftmal willkommen, als da ist des Grases auf der Erde – und des Sandes in allen großen und kleinen Gewässern der Erdoberfläche! [HGt.02_099,24] Wäre es euch nicht gefällig, mir kundzutun, von einiger Entfernung jedoch – wenn es meiner wurmartigen Geringheit gegönnt ist, eure feurige Majestät darum anzuflehen –, welcher hohe, heilige Wille euch veranlaßt hat, daß ihr euch auf euren heiligen Füßen zu meiner Scheußlichkeit habt hertragen lassen?“ [HGt.02_099,25] Der Kisehel aber rief, statt eine Antwort auf die dumme Frage zu geben, alsogleich den Befehlshaber beim Namen, sagend: „Horadal! Der Herr will es, daß du erstehest, uns geleitest und uns folgest samt deinem ganzen Heere hinauf auf die heilige Höhe, um da zu bekennen deinen Frevel vor dem lebendigen, ewigen, sichtbaren Gott, dem alleinigen Schöpfer und Erhalter aller Dinge, und vor Adam, der da ist der Erde erster Mensch aus der Hand des allmächtigen Gottes!“ [HGt.02_099,26] Diese Einladung brachte den Horadal nahe zur Verzweiflung, daß er ganz wie besinnungslos dastand und kein Wort über seine Lippen bringen konnte. [HGt.02_099,27] Der Sethlahem aber trat zu ihm hin, ergriff seine Hand und sagte etwas sanfter zu ihm: „Horadal, warum fürchtest du dich denn, lebendig zu werden, während du schon so lange mitten im Tode ohne Furcht gewandelt bist?! [HGt.02_099,28] Ich sage dir aber im Namen Dessen, der uns hierher gesandt hat, daß Seine Liebe größer ist denn Lamechs Zorn; daher tue, was mein Bruder von dir verlangt!“ [HGt.02_099,29] Nach diesen Worten erst kam der Horadal wieder zu sich und befolgte sogleich, was der Kisehel von ihm verlangte, und folgte mit Sack, Pack und Waffen alsbald dem Kisehel und Sethlahem. 100. Kapitel — Die Macht der Liebe und Gnade Gottes an Horadal, dem Heerführer der Tiefe[HGt.02_100,01] Als die zwei Gesandten mit dem Horadal in ihrer Mitte auf der Höhe angelangt waren, da berief der hohe Abedam auch alsogleich den Adam, den Seth und den Henoch zu sich und sagte sodann zu ihnen: [HGt.02_100,02] „Höret, der Kisehel und der Sethlahem haben schon ihr ausgeworfenes Netz gefüllt mit allerlei eßbaren Fischen und haben auch sogar diejenigen nicht zurückgelassen, an die der Befehlshaber den von euch vernommenen argen Auftrag hatte ergehen lassen. [HGt.02_100,03] Denn als sie den argen Weg angetreten hatten und gegen die Mittagsgegend ziehen wollten, da sandte Ich ihnen sogleich einige euch schon bekannte Höhenwächter entgegen, welche unsere arg Beorderten alsogleich zum Rückzuge nötigten, und diese schlossen sich gerade dann wieder dem Hauptzuge im Morgen unvermerkt voll Furcht an, als die zwei Gesandten schon den Befehlshaber in ihre Mitte nahmen. [HGt.02_100,04] Da somit darum der Fang ein vollkommener ist, so lasset uns demselben entgegeneilen und ihn in unseren lebendigen Empfang nehmen! Amen.“ [HGt.02_100,05] Und alsogleich erhoben sich der Adam, der Seth und der Henoch und eilten an der Seite des Abedam dem anrückenden Heere aus der Tiefe entgegen. [HGt.02_100,06] Da der Horadal aber bemerkte, daß sich ihnen eilig vier große Männer nahten, so fragte er furchtsam den Sethlahem: [HGt.02_100,07] „Hoher, mächtiger Gesandter irgendeines großen Gottes oder eines übermächtigen Königs! Wer sind denn diese, die uns da so eiligst entgegenkommen? [HGt.02_100,08] Sie müssen sicher etwas sehr Hohes sein; denn ihr Aussehen ist ganz vollkommen danach! [HGt.02_100,09] Mir wird's bei ihrer Annäherung ganz sonderbar zumute!“ [HGt.02_100,10] Der Sethlahem aber sagte darauf zum Fragesteller: „Gedulde dich nur, bis wir sie und sie uns erreicht haben werden, dann wird dir schon alsbald eine neu aufgehende Sonne enthüllen, wer diese auf uns zueilenden vier in jeder Hinsicht allergrößten Menschen sind! [HGt.02_100,11] Daher gedulde dich nur; denn siehe, etwa hundert Tritte noch, und wir sind beisammen!“ [HGt.02_100,12] Und also war es auch; und auf ein einmaliges Umsehen standen die vier schon vor dem Befehlshaber, und der Abedam zeigte sogleich dem ganzen Heere mit Seiner allmächtigen Hand, daß sie bleiben sollen und stille halten mit ihrem Vordrange. [HGt.02_100,13] Und alsbald machte alles halt. Der Kisehel und der Sethlahem aber fielen alsbald vor dem hohen Abedam nieder und dankten Ihm für die hohe Gnade, die Er ihnen dadurch erteilt hatte, daß sie ihr zufolge haben also glücklich ausführen können die hohe und überheilige Absicht nach Seinem Willen. [HGt.02_100,14] Der hohe Abedam aber behieß sie alsbald sich zu erheben von der Erde und sagte darauf zu ihnen: [HGt.02_100,15] „Also sollet ihr allzeit siegen in Meinem Namen; denn dem sind Himmel und Erde und alle Dinge in ihm und auf ihr ewig untertan. [HGt.02_100,16] Wer in diesem Meinem Namen wandelt, der wandelt in aller Macht und Kraft; und wie es außer Mir keinen mehr gibt, der da Mir gliche, so gibt es außer der Kraft und Macht Meines Namens auch keine mehr, die da wäre ihr gleich. [HGt.02_100,17] Bleibet daher in diesem Meinem Namen, so werdet ihr bleiben lebendig ewig in dieser Kraft und Macht! Amen.“ [HGt.02_100,18] Nach diesen Worten aber fiel auch der Befehlshaber Horadal vor den vieren nieder, und zwar von der höchsten Ehrfurcht ergriffen; denn die wenigen Worte Abedams machten einen so übermächtigen Eindruck auf ihn, daß er darob sich dachte: [HGt.02_100,19] „Die Macht der zwei Abgesandten habe ich erfahren, da unter ihren Tritten die Erde bebte und aus des einen Hand verzehrendes Feuer sprühte; diese aber fallen vor Dem nieder und danken Ihm für solche Macht! [HGt.02_100,20] Wie kräftig und mächtig muß demnach erst Er sein, indem schon allein Seinem Namen Himmel und Erde untertan sein sollen mit allem! [HGt.02_100,21] Vor dem aber also Mächtige niederfallen, wahrlich, vor Dem wird es auch einem Siechen und Schwachen, wie ich es bin, nicht ratsam sein, stehenzubleiben; und so will denn auch ich mich demütigen bis zur äußersten Spitze meines kleinsten Fußzehens!“ [HGt.02_100,22] Es trat aber alsbald der Abedam zu ihm hin und sagte zu ihm: „Horadal! Erhebe dich, und siehe an das alte Scheusal von einem Adam, der da ist der Erde alleinig erster Mensch und somit der Vater Kahins und des von ihm erschlagenen Bruders, der da heißt Ahbel, und hervorging unmittelbar aus Meiner Hand! [HGt.02_100,23] Und dann siehe auch Mich an, der Ich Selbst es bin, dein alter, schwacher, mutloser, nun völlig besiegter und wurmstichiger Gott!“ [HGt.02_100,24] Solche Worte aber drangen dem Horadal durch Mark und Beine, und er schrie, noch auf der Erde liegend, zu seinem Heere: [HGt.02_100,25] „Fallet alle nieder auf eure Angesichter; denn wir alle stehen vor dem alleinig wahren Gott, der bis auf den herrschsüchtigsten Lamech durch den weisen Farak auf uns gekommen ist, und den wir noch als Kinder anriefen und anrufen durften. [HGt.02_100,26] Oh, daher fallet alle nieder vor Ihm; denn Ihm allein ja gebührt alle Achtung, alles Lob, aller Preis und aller Ruhm jetzt, wie ewig! – O du elender Lamech! [HGt.02_100,27] Und ich selbst, sein elender Handlanger, sein Ratgeber, sein erster Machthaber, ich, sein erster Heerführer, ich, derjenige, der ihn aus lauter Schurkerei also vergöttlicht hatte, – ich, der ihm zu allen seinen Schand- und Greueltaten riet und die tätigste Hilfe leistete und nun eben im Begriffe war, ihn vom Throne zu stürzen und alle Herrschaft an mich zu reißen, – ich – ich – Scheusal aller Scheusale stehe nun vor dem wahren Gotte! [HGt.02_100,28] O Gott, Du Allmächtiger, vertilge dieses Scheusal von der Erde ganz und gar; denn sie, die Dich Selbst nun trägt, ist zu heilig, um ein solches Scheusal, wie ich es nun bin, noch länger zu tragen. Daher vernichte auf ewig mich! Amen.“ 101. Kapitel — Henochs Rede an Horadal und sein Heer[HGt.02_101,01] Es berief aber der hohe Abedam alsbald den Henoch zu Sich und sagte zu ihm: „Henoch, siehe, diese Verblendeten sind für Worte aus Meinem Munde nicht fähig, dieselben anzuhören und sie aufzunehmen in ihr Leben, da bereits all ihr Geist ein Geist der Schlange ist! [HGt.02_101,02] Meine Worte, die da kommen aus Meinem Munde, sind tötend für solche, die nun mehr aus dem Geiste der Schlange leben. [HGt.02_101,03] Daher öffne du nun in Meinem Namen deinen Mund, und gib ihnen kund Meinen Willen also, wie du ihn finden wirst in Dir! [HGt.02_101,04] Sodann erst will Ich diesem Geschlechte drei Worte sagen, entweder zum Leben oder zum Tode! Amen.“ [HGt.02_101,05] Wie aber der Henoch solchen Auftrag von Mir vernommen hatte, da dankte er Mir in aller Fülle seiner Liebe zu Mir, lobte und pries Mich laut vor all den Ohren der Tiefe und begann dann folgende Worte an den Horadal zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_101,06] „Horadal, höre und verstehe es wohl, und beachte es allertiefst in deinem Herzen, was du jetzt aus meinem Munde vernehmen wirst; denn das, was ich nun zu dir reden werde, ist nicht mein, sondern allein Dessen heiliges Wort, der da unter uns ist und hat mich vor deinen Ohren dazu berufen, daß ich dir kundtun solle Seinen allerheiligsten Willen, darum du lebend nicht ertragen möchtest die Stimme Seines Mundes. [HGt.02_101,07] Denn dein gegenwärtiges Leben ist ein Leben der Lüge und aller Bosheit aus ihr, welche da ist der alte, hoffärtige, widerspenstige, abgefallene Geist, der sich nimmerdar umkehren will zu Dem, der ihn werden hieß, sondern sich dafür lieber selbst also anlügt, als sei er ein allmächtigster Geist aller Geister, während er doch schwächer ist denn eine Fliege und keine Kraft hat denn allein in der Lüge, in der er ist ein großer Meister. [HGt.02_101,08] Ein solches Leben aber ist kein Leben, sondern ein barer Tod; dieser aber kann nicht bestehen, so da über ihn kommt die lebendigste Stimme Gottes, sondern geht zugrunde vollkommen gleich wie die Lüge im Lichte der Wahrheit. [HGt.02_101,09] Solange aber die Lüge nicht ans Licht gebracht wird, da bleibt sie in ihrer Trugerscheinlichkeit also, als wäre sie etwas; aber im Lichte der Wahrheit hört sie plötzlich auf zu sein also, als wäre sie nie dagewesen. [HGt.02_101,10] Gottes Wort aus Seinem Munde aber ist ja das allerhöchste Licht! So es in der Fülle an dich ergehen möchte, der du pur Lüge bist, was würde da wohl aus dir werden?! [HGt.02_101,11] Damit du aber dennoch erschauen sollst, wie groß da ist die Liebe Jehovas, so hat Er mich berufen, daß ich mit dir reden soll in Seinem Namen. [HGt.02_101,12] So groß aber ist Seine Liebe, daß Er Selbst der Lüge schont und zieht zurück Sein allmächtiges Licht, läßt es nur spärlich wiederkehren, damit selbst die Lüge, so sie frei aufnehmen möchte die Fünklein Seines Lichtes, übergehen könnte in ein wirkliches Leben, welches nach und nach fähiger und fähiger werden möchte, um am Ende sogar in der Fülle des göttlichen Lichtes zu bestehen und in und aus diesem Lichte dann auch überzugehen in Seine unendliche Liebe und in dieser zu werden ein neues Geschöpf, ja ein Geschöpf der Liebe, um in ihr zu überkommen die Kindschaft der Himmel und aus der endlich sogar die Kindschaft Gottes. [HGt.02_101,13] Siehe, diese Worte aus meinem Munde sind eben solche wiederkehrenden Fünklein; so du sie in dir aufnehmen willst, da kann es mit dir ja werden, wie ich es eben ausgesprochen habe! [HGt.02_101,14] Verharrst du aber in deiner Lüge, da sage ich dir im Namen Dessen, der da nun ist ein wahrer, liebevollster, heiliger Vater unter uns: [HGt.02_101,15] Siehe, Er, der Herr Himmels und der Erde, Er, der allmächtige Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit, kommt und wird kommen mit vielen Seiner Heiligen, um mit Seinem Lichte Gericht zu halten über alle Lüge und zu strafen alle ihre Gottlosen um ihrer gottlosen Werke willen und ihres gottlosen Wandels willen, durch den sie gottlos gewesen sind, und um alles des Harten willen und der vielen Lästerungen wegen, die solche gottlosen Sünder wider Ihn geredet haben! [HGt.02_101,16] Wer aber ist gottlos? Siehe, der da ist dir gleich ein Leben der Lüge, in dem keine Wahrheit mehr haftet! [HGt.02_101,17] Die Wahrheit aber ist das göttliche Licht, welches in der Lüge nicht ist zu Hause; wer aber besteht aus der Lüge, für die jede Wahrheit ist ein Gericht zum Tode, der ist ja doch sicher gottlos dir gleich und allen deinen Helfershelfern gleich! [HGt.02_101,18] Diesen aber ist nun von Gott aus angedroht das unausbleibliche Gericht; denn nicht immer wird Er Sein unendliches Licht innehalten aus Schonung der Sünder. [HGt.02_101,19] Wann Er aber kommen wird mit Seinem Lichte, sage mir: Wie wird sich dann halten vor Ihm der Sünder, dessen ganzes Wesen nichts ist denn pur Lüge über Lüge?! [HGt.02_101,20] Erstehe nun und sammle dich und dein Lügenvolk, und sammle aber auch in dir und in dem Volke diese Fünklein! [HGt.02_101,21] Werfet weg eure Waffen der Lüge, und ziehet an das Kleid der Reue und der wahren Demut, damit ihr erfahren möget, was alles zuvor des großen Gottes Liebe tut, bevor Er ausgehen läßt aus Sich das unendliche Licht, in dem alle Gedanken werden offenbar werden! [HGt.02_101,22] Ziehet euch aber dahin gen Mitternacht, und verlange keiner mehr, Hanoch zu sehen! Denn der Herr hat für euch alle schon ein Land zubereitet; in dem sollet ihr fürder leben ein Leben der wahren Umkehr zu Gott. [HGt.02_101,23] Gehe aber nun und erfülle zum ersten Male des wahren Gottes Willen, dann wird der Adam euch segnen, auf daß ihr dann frei ziehen möget in das euch nun angezeigte Land! [HGt.02_101,24] Des Herrn Wille mit Dir! Amen.“ 102. Kapitel — Die Kinder der Tiefe als freie Gefangene der göttlichen Gnade und Erbarmung. Adams Vatersegen[HGt.02_102,01] Nach dieser Rede Henochs erhob sich erst der Horadal, verneigte sich, von der höchsten Ehrfurcht ergriffen, fast bis zur Erde und ging dann hin zu seinem Heere, sagte ihnen laut, wer Der sei, vor dem er und auch die meisten von ihnen sich auf die Erde gelegt hätten, und was Sein Wille sei. [HGt.02_102,02] Als all das Volk oder die Waffenmänner samt ihren Weibern und Kindern aber solches aus dem Munde ihres sonst also tyrannisch unerbittlichen Befehlshabers vernommen hatten, da fingen sie alsbald an zu jauchzen und zu weinen vor übergroßer Freude und lobten und priesen aus allen Kräften Den, der da den Horadal also gesänftet habe und ihm gegeben habe ein so gutes, sanftes und mildes Gebot. [HGt.02_102,03] Nur einige wenige, die da zurückgelassen hatten in der Tiefe ihre Weiber und Kinder, wußten nicht, was sie nun machen sollten. [HGt.02_102,04] Sie wendeten sich darum an den Horadal und fragten ihn, was da zu tun sein werde. [HGt.02_102,05] Der Horadal aber entgegnete ihnen mit großem Ernste: „Wir stehen nun in der Hand des allmächtigen Gottes, dem es ein leichtes ist, uns alle mit dem allerleisesten Hauche Seines Mundes zu verwehen wie eine leichte Spreu; daher haben wir nun für nichts zu sorgen denn allein dafür, wie wir erfüllen werden Seinen allmächtigen, allein göttlich wahren, heiligen Willen! Um alles andere aber haben wir uns nicht im geringsten mehr zu sorgen; denn Er, der allein wahre, ewige, unendlich mächtige Gott, steht auch unendlich höher denn alle unsere Weiber und Kinder. [HGt.02_102,06] Da euch aber schon Lamechs Wille zu nötigen vermochte, alles zu verlassen und dem unsicheren und höchst gefährlichen Kampfe mit den mächtigen Bewohnern der Höhen euch zu unterziehen, so werdet ihr auch, wie sich's hoffen läßt, um so mehr euch hier einem allmächtigen Willen fügen müssen, ich sage dem Willen, durch den wir und alle Dinge erschaffen worden sind! [HGt.02_102,07] Fasset dieses, leget alle die Waffen, die wir nimmer brauchen werden, nieder, und folget meinem Beispiele! [HGt.02_102,08] Wer aber durchaus hinab will, dem steht es ja auch frei; aber da mag er zusehen, wie er da mit der heilen Haut davonkommen wird! [HGt.02_102,09] Haben ihn die Gebirgswächter unversehrt durchgehen lassen, so darf er vom ergrimmten Lamech mit großer Sicherheit hoffen, daß dieser gewiß ums Tausendfache ärger mit ihm verfahren wird denn jeder noch so wütende Tiger! [HGt.02_102,10] Wer somit umkehren will, der tue solches sogleich; die anders Gesinnten aber sollen mir folgen hin zu den vier Großen, hinter denen nun diejenigen zwei stehen, die uns hierher gezogen und geführt haben mit großer Gewalt. [HGt.02_102,11] Also geschehe es nach dem heiligsten Willen Dessen, der uns allen dies Gebot gab! Amen.“ [HGt.02_102,12] Als dieser Aufruf von Munde zu Munde von allen war vernommen worden, da gab es auch keinen Menschen mehr unter dem ganzen Volke, der da noch eines anderen Willens gewesen wäre denn allein desselben, den der Horadal vor allen laut ausgesprochen hatte. [HGt.02_102,13] In der Zeit aber, in welcher der Horadal seinem Volke kundgab Meinen Willen, sagte Ich als der hohe Abedam zum Henoch: „Henoch, siehe, das Volk der Nacht hat das Wort deines Mundes erfaßt, und ein derber Knecht der Schlange predigt nun ihrer Brut Meinen Willen! [HGt.02_102,14] Siehe, dies Wunder ist größer denn alle, die wir verrichtet haben auf der Höhe, wie unter dieser herum! Daher will Ich nun auch ein Wunder hinzufügen, und dieses Wunder soll ein dreifaches sein also, daß Ich fürs erste der Brut Kinder auch also annehmen will, als wären sie Meine, ja ganz vollkommen Meine Kinder; dann sollen denen, die da noch ihre Weiber und Kinder in der Tiefe zurückgelassen haben, dieselben schon in dem Lande entgegenkommen, dahin sie zu ziehen haben – der Lamel aber hat es schon erfahren und legt bereits schon seine Hände ans Werk –. [HGt.02_102,15] Dein Wort aber, von da angefangen, wo du vom künftigen Gerichte sprachst, bis dahin, da du fragtest bei dir selbst, wer da gottlos sei, soll übergehen von Wort zu Wort an alle Völker bis ans Ende aller Zeiten der Zeiten, und deinen Namen werden der Erde letzte Kinder noch also nennen, wie er jetzt genannt wird von deinen Vätern, Brüdern und Kindern. [HGt.02_102,16] Denn siehe, nun hast du Mir eine große Freude bereitet; wahrlich, diese Freude soll dir zahllosfältig von Mir durch alle Zeiten und Ewigkeit wieder erstattet werden! Amen.“ [HGt.02_102,17] Hier wandte Sich der Abedam zum Adam und sagte zu ihm: „Adam, siehe, Kahins Kinder haben sich vor uns schon völlig bereitet zum Empfange deines Segens, daher laß uns hingehen zu ihnen und geben, was sie erwarten! Amen.“ [HGt.02_102,18] Und der Adam trat nach dem Willen Abedams alsbald vor und ging vor den dreien hin, wo der Horadal in der allertiefsten Ehrfurcht seiner harrte. [HGt.02_102,19] Als er nun da anlangte, da erteilte er auch sogleich allen seinen Vatersegen und dankte darauf inbrünstigst dem Abedam für solche ihm verliehene Kraft. [HGt.02_102,20] Der Abedam aber sagte darauf: „Adam, nun hast du recht gehandelt; denn Ich sage es dir und euch allen: Segnet allzeit, da ihr fluchen möchtet, so werdet ihr allzeit Sieger sein über die, welche euch verfolgen oder vernichten wollen! [HGt.02_102,21] Vergeltet nie Arges mit Argem, so werdet ihr wahrhaft Meine Kinder sein; denn Ich lasse Meine Sonne scheinen über Gerechte und Ungerechte! [HGt.02_102,22] Du, Horadal, aber sollst hier verweilen bis über den Mittag und, wenn alle sich werden gestärkt haben, erst dann ziehen ins bestimmte Land, nachdem Ich dir zuvor drei Worte für dich und dein Volk mitgeben werde zum Tode und zum Leben! Amen.“ 103. Kapitel — Die Speisung der Armen. Seths Doppelgängerschaft. Des Herrn Segensworte zum Mahl und Horadals Dank[HGt.02_103,01] Nach dieser Rede aber wandte sich der Abedam an den Seth und sagte zu ihm: „Bruder, laß durch deine Kinder Speise und Trank holen für diese dreifach Armen und ebenso vielfach Hungrigen und Durstigen, damit sie zum Weiterziehen in das für sie bestimmte Land gestärkt werden in gerechtem Maße! [HGt.02_103,02] Denn siehe, bis auf die Helfershelfer des Befehlshabers samt ihren Weibern und Kindern haben alle andern, einige Tausende an der Zahl, seit drei Tagen nichts gegessen außer etwas saures Gras und einige bittere, wilde Waldwurzeln! [HGt.02_103,03] Mich dauert daher dieses Volkes; darum wollen wir sie sättigen. [HGt.02_103,04] Du besorgst die Speise und den Trank, und machst davon zehn Körbe voll; für den gerechten Segen aber werde dann schon Ich Sorge tragen. Also geschehe es!“ [HGt.02_103,05] Mit dem allergerührtesten Herzen dankte der Seth dem Abedam für diesen Auftrag und ging dann alsbald, zu vollziehen den Willen des Abedam. [HGt.02_103,06] Wie aber erstaunte er, als, wie er kaum einige Schritte über die Höhe hinab tat, ihm schon seine Kinder mit zehn voll beladenen Körben entgegeneilten! [HGt.02_103,07] Hier blieb er stehen und legte vor übergroßen Freuden weinend seine Hände kreuzweise auf seine Brust; in dieser Stellung erwartete er seine Kinder. [HGt.02_103,08] Als diese aber vollends zu ihm gelangten, da fragte er sie voll Liebe und Freude in seinem Herzen: [HGt.02_103,09] „Meine lieben Kinder! Wahrlich, meine Freude hat vor lauter himmlischer Fülle keine Grenzen mehr, darum ihr mir zuvorgekommen seid in dem, weshalb Ich vom überheiligen Vater hierher beschickt wurde. [HGt.02_103,10] Aber nur das saget mir, welcher Engel des Himmels euch solches zu tun beheißen hatte, darob ich euch erst kund geben wollte den Willen des Allerheiligsten?!“ [HGt.02_103,11] Und die Tragenden antworteten: „Höre, Vater, wie ist solche Frage möglich von dir an uns nun, während doch du selbst es warst und hast uns die Weisung gegeben, solches zu tun? [HGt.02_103,12] Nachdem du aber solches uns anbefohlen hast, da gingst du ja vor uns hierher, wo du uns erwartet hast, wie du es genau gesagt hast!“ [HGt.02_103,13] Bei dieser Antwort schlug der fromme Seth die Hände aus übergroßen Freuden über dem Haupte zusammen und sagte mit lauter, gerührtester Stimme: [HGt.02_103,14] „O Du heiliger Vater Abedam Jehova der Allerhöchste! Welche Dinge und Erscheinungen sind Dir doch alles mit der allergrößten Leichtigkeit möglich! [HGt.02_103,15] Du kannst den Menschen teilen sogar, also, daß kein auch völlig ganzer Teil von dem andern etwas weiß, und dennoch handeln die also getrennten Teile in einem und demselben Geiste! [HGt.02_103,16] Kinder, sehet, das ist schon wieder eine neue Wundertat des allerhöchsten, allerheiligsten und liebevollsten Vaters! [HGt.02_103,17] Daher lobet, liebet und preiset Ihn aus allen euren Kräften; denn Seine Güte hat keine Grenzen, und Seiner Erbarmungen ist kein Ende! [HGt.02_103,18] Himmel und Erde sind voll Seines Segens und Seiner Gnade; daher sei hochgelobt Sein allerheiligster Name! [HGt.02_103,19] O Vater, Vater, wie unendlich gut bist Du!“ [HGt.02_103,20] Als der Seth diesen Ruf tat, da auch war schon der Abedam bei ihm und sagte zu ihm mit einer ergreifendst sanften Stimme: [HGt.02_103,21] „Geliebter Bruder Seth, siehe, die Armen harren schon unserer Gabe; daher laß uns eilen dahin! [HGt.02_103,22] Daß du Mich nun vollkommen recht liebest, des sei versichert; denn Ich ja gebe dir dieses Zeugnis! [HGt.02_103,23] Und so bist du ja vollkommen ein Mann nach Meinem Herzen; daher laß uns jetzt vorderhand unser Liebesgeschäft verrichten! [HGt.02_103,24] Ist das alles geschlichtet, sodann erst wollen wir uns gegenseitig eine ganz vollkommen lebendigste Liebeerklärung machen! Amen.“ [HGt.02_103,25] Und sofort begaben sie sich mit den Trägern hin zu den Kindern aus der Tiefe. [HGt.02_103,26] Daselbst angelangt, ließ der Abedam die Körbe vor dem Horadal niederstellen und segnete sie. [HGt.02_103,27] Nach dieser Handlung aber übergab Er ihm die Körbe und sagte zu ihm, dem Horadal nämlich: [HGt.02_103,28] „Nehmet hin diese Speise und diesen Trank, und esset und trinket alle davon; was ihr nicht werdet aufzuzehren imstande sein, das möget ihr mit euch nehmen, damit ihr für heute versorgt seid! [HGt.02_103,29] Für morgen und alle Zukunft aber wird euch die Erde versorgen aus Meinem großen Vorrate in ihr, solange ihr verbleiben werdet in Meinem Gebote, das Ich euch in das neue Land mitgeben werde; und also esset und trinket nun! Amen!“ [HGt.02_103,30] Der Horadal aber, als er solche große Freundlichkeit an dem Jehova entdeckte, fiel alsbald hin zu den Füßen Jehovas und schrie: [HGt.02_103,31] „O Gott, Du großer Gott, wie ganz anders bist Du, als ich Dich durch so viele harte und grauenhafte Lehren habe müssen kennenlernen! [HGt.02_103,32] Als einen unerbittlichsten Tyrannen aller Tyrannen mußte ich Dich erschauen also, daß sich das Gefühl jeder einzelnen Fiber dagegen empörte und ich solch einem Gotte fluchte in mir, statt Ihn zu lieben; darum auch wurde ich selbst ein Tyrann! [HGt.02_103,33] Aber wie so ganz anders bist Du! Anstatt mich, der Dich so oftmals verlästert hatte, samt meinem Heere zu vernichten, reichest Du uns gesegnete Speise und Trank! [HGt.02_103,34] O wie ganz anders bist Du, als ich Dich habe müssen kennenlernen! [HGt.02_103,35] O Gott, Du ewige Liebe! Welch ein sanftes Gericht hältst Du über unsere gänzliche Verworfenheit!“ [HGt.02_103,36] Der Abedam aber sagte darauf zu ihm: „Horadal, jetzt iß und trink; nach der Mahlzeit aber wollen wir erst zu einer Rede übergehen! Amen.“ 104. Kapitel — Die wunderbare Speisung des Volkes. Horadals Dank- und Liebesrede. Lieben heißt leben im Geiste[HGt.02_104,01] Darauf erhob sich alsbald der Horadal, dankte dem Herrn noch einmal für solche große Gnade und Erbarmung und wandte sich endlich zu seinem Volke und sagte: [HGt.02_104,02] „Brüder, nehmet hier mit dem dank- und freudeerfülltesten Herzen die Speise und den Trank, und esset und trinket, nachdem ihr alles gehörig und gerecht werdet untereinander verteilt haben! [HGt.02_104,03] Ich selbst aber will erst dann um irgendeinen Rest in den Korb greifen, wenn ihr euch alle hinreichend werdet gesättigt haben. [HGt.02_104,04] Und sonach erfüllet mit größter Dankbarkeit eurer Herzen den allerheiligsten Willen des großen, alleinig wahren Gottes, der da nun sichtbar vor unser aller Augen für uns diese Speise gesegnet hat! Amen.“ [HGt.02_104,05] Nach dieser Beheißung nahmen die zehn oberen Anführer die Körbe und, nachdem sich das Volk zeilenförmig auf die Erde gelagert hatte, und zwar in gerade zehn Zeilen, teilten da die Speise aus, und zwar also, daß da jeder mit seinem Korbe versah eine Zeile, übergebend zugleich auch dem Ersten der Zeile das Gefäß mit dem Getränke und ein Gefäß mit dem allerreinsten Honig, damit, wenn der Erste davon nach Bedarf genossen hatte, er es gebe seinem Nachbarn, und das also fort bis ans Ende der Zeile. [HGt.02_104,06] Nachdem aber alles gehörig mit Speise und Trank versehen war, da erst besahen die zehn Verteiler ihre Körbe; wie sehr aber erstaunten sie, als sie die Körbe nicht einmal bis zur Hälfte geleert erschauten! [HGt.02_104,07] Sie wollten daher noch einmal die Zeile, nach rückwärts verteilend, durchgehen; allein da sie bemerkten, daß da noch ein jeder vollauf mit allem versehen war, so dankten sie mit dem gerührtesten Herzen dem Herrn und trugen die noch inhaltreichen Körbe wieder zurück zum Horadal, der unterdessen jeden Verteiler mit seinen Augen verfolgte, um zu sehen, ob da wohl jeder redlich sein Amt verwalte. [HGt.02_104,08] Als nun die Körbe wieder hier standen und der Horadal ersah, daß dieselben noch über die Hälfte voll waren, da fragte er alsbald ziemlich ernst die Austeiler: [HGt.02_104,09] „Wie habt ihr denn da ausgeteilt?! Die Körbe sind zwar wohl von größerer Art, aber es ist des Volkes über zehntausend Köpfe an der Zahl. [HGt.02_104,10] Wieviel habt ihr da einem zukommen lassen? Kann er nach dem Willen des allerhöchsten Herrn wohl gesättigt werden?“ [HGt.02_104,11] Einer von den zehn aber erwiderte ehrfurchtsvoll: „So du das Wunder aller Wunder erschauen willst, da siehe nach, wie da jede Zeile vollauf versorgt ist mit allem, und du wirst sicher mit uns ausrufen: ,Solche Dinge sind nur Gott möglich; Ihm sei darum allein alle Ehre, alles Lob, aller Preis, alle Anbetung, aller Dank und alle Liebe ewig! Amen.‘“ [HGt.02_104,12] Darauf durchflog der Horadal alle die Zeilen mit seinen Augen, und da er ersah, daß da auch nicht eines darunter war, dem etwas abginge, so wandte er sich zum Herrn und sagte: „O Du, dessen Name meine Zunge nimmerdar wert ist auszusprechen, wie soll ich Dir denn danken, wie Dich preisen, wie Dich loben, daß es Dir wohlgefiele?! [HGt.02_104,13] O Herr, Du endlos Heiliger, siehe, mein Teuerstes, was ich habe, ist dies mein wennschon auch vor Dir gänzlich wertloses Leben! Ich habe aber dennoch nichts anderes, durch das ich mir selbst bewußt etwas wäre und tun könnte; wenn es Dir aber wohlgefiele, so möchte ich es Dir zum Opfer bringen, zum Danke für dies arme Volk!“ [HGt.02_104,14] Nach diesen Worten aber fiel er alsbald wieder vor übergroßem Dankgefühle weinend vor dem Abedam nieder. [HGt.02_104,15] Bei diesen Worten Horadals aber hielt sich der Abedam eine Hand vor die Augen und barg Tränen großer Erbarmung; erst nach einer kleinen Weile bog Er Sich zur Erde nieder, berührte den noch weinenden Horadal und sagte zu ihm: „Horadal, erstehe; denn jetzt habe Ich dir alle Schuld nachgelassen!“ [HGt.02_104,16] Und der Horadal stand auf und war lange unfähig vor lauter Rührung, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen. [HGt.02_104,17] Nach einer Weile aber faßte er sich doch wieder, und nach einem tiefen Atemzuge fragte er endlich den Herrn, sagend nämlich: [HGt.02_104,18] „Herr, siehe mich armen Sünder gnädig an, und zürne mir nicht, wenn ich nun meinem gedrängten Herzen ein wenig Luft mache durch eine Frage, deren ich freilich wohl nicht im allergeringsten wert bin!“ [HGt.02_104,19] Und der Abedam sagte zu ihm: „Also eröffne Mir dein Herz!“ [HGt.02_104,20] Hier legte der Horadal seine Hände über seine Brust und sagte: „O Herr, Du Allerheiligster! Dürfte auch ich armer Sünder und mein armes Volk Dich lieben aus allen Kräften unseres Lebens?! [HGt.02_104,21] Vergib mir diese für mich zu heilige Frage! Mein Verstand sagt mir zwar: Gott können und dürfen nur reine Herzen lieben; mein Herz aber sträubt sich nun gar gewaltig gegen diese Verstandeseinrede. [HGt.02_104,22] O so sage mir, ob ich tun kann und darf, wonach sich nun mein Herz also mächtig sehnt!“ [HGt.02_104,23] Und der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Horadal, darum du fragst, das tust du ja schon, und sei Mir darum gesegnet! [HGt.02_104,24] Ich sage dir aber dafür die drei verheißenen Worte, und diese heißen: [HGt.02_104,25] Liebe, liebe, liebe, so wirst du leben ewig im Geiste, aber sterben der Welt! Nun aber bist du der Welt schon gestorben; daher liebe, liebe, liebe Mich, deinen heiligen Vater, ewig! Amen.“ 105. Kapitel — Adams Rede über das Wesen Satans und die Weiberliebe[HGt.02_105,01] Es trat aber nach der Rede Abedams nach Seinem geheimen Willen auch der Adam zum Horadal und sagte zu ihm: „Horadal, erstehe nach dem Willen Jehovas, und höre mich an!“ [HGt.02_105,02] Und der Horadal richtet sich auf; der Adam aber fuhr fort zu reden, sagend nämlich: [HGt.02_105,03] „Siehe, es wallet in allen deinen Adern und in den Adern des dir untergebenen Volkes, also wie in den Adern aller dieser meiner Kinder auf den Höhen kein anderes denn nur mein Blut, darum ich von Gott aus gestellt ward zum ersten Menschen der Erde – wie mein Weib, aus mir hervorgehend, zur ersten Mutter aller nun lebenden Menschheit. [HGt.02_105,04] Nur einen Vater und nur eine Mutter sollen in leiblicher Hinsicht die Menschen also haben, wie da nur ein Gott, ein Schöpfer und ein unendlicher, ewiger, heiliger Vater es ist dem Geiste. [HGt.02_105,05] Da ich aber also gesetzt wurde zum ersten Menschen und somit auch zum Vater der gesamten Menschheit in leiblicher Hinsicht, so kannst du ja wohl bedenken, wie grob deine Lästerung war, da du mich ein Scheusal nanntest – [HGt.02_105,06] Und Gott, unser aller heiligsten und liebevollsten Vater, den allmächtigen Schöpfer aller Dinge, einen alten, schwachen, wurmstichigen Gott! [HGt.02_105,07] Wie aber kommt es, daß da die Nachkommen Kahins also in alle solche Blindheit und endlich in alle Bosheit geraten sind? [HGt.02_105,08] Siehe, höre und verstehe! Als Kahin, mein allererstgeborener Sohn, aus großem Neide seinen Bruder Ahbel erschlug – zu welcher Tat ihn die arge Schlange, welche da ist der Satan oder Gefallene, in jegliches Menschen Fleische wohnend wie in aller Materie, verleitete –, da ward er von Gott gerichtet und hatte keine Ruhe bei Tag und Nacht. Die Erde wurde ihm zu klein und das weite Gewölbe des Firmaments zu nieder, also zwar, daß er kaum mehr mochte einen freien Atemzug machen. [HGt.02_105,09] Er seufzte und weinte gewaltig und ergrimmte über die Schlange so sehr, daß er ihr die ewige Feindschaft schwur. [HGt.02_105,10] Die Schlange aber suchte ihn darauf heim und war eifrigst bemüht, ihn wieder für sich zu gewinnen. [HGt.02_105,11] Kahin aber sah, daß er ein Meister der Schlange geworden war, darum sie ihm selbst in des Bruders Gestalt nicht zu konnte. [HGt.02_105,12] Da aber die Schlange dem Kahin schon lange abgelauert hatte, daß er ein großer Schwächling ist im Fleische, da nahm sie sofort die Gestalt eines überreizenden Weibes an und näherte sich also mit jungfräulicher Schüchternheit dem Schwachen, daß er unvermögend war, seinen Augen zu gebieten, daß sie sich nicht weideten an den lockendsten Formen ihres trüglichen Wesens. [HGt.02_105,13] Zu spät erst erkannte er es, welche Falle ihm da die Schlange bereitet hatte, daß er darob ihr mit eigenem Munde das noch jetzt in allen seinen Nachkommen sich forterhaltende Zeugnis gab, dem zufolge sie über alle seine Kinder, wie auch über die Kinder Gottes, mit der Zeit siegen werde. [HGt.02_105,14] Verstehest du nun schon, wo du dich nun im Geiste befindest? [HGt.02_105,15] Siehe, das ist die furchtbare Klippe, über der ihr alle gescheitert seid! [HGt.02_105,16] Ihr alle seid dem Zeugnisse zufolge Diener des Fleisches geworden, und wie das Fleisch den Kahin aus mir selbst berückt hatte, also hat es auch euch alle berückt. [HGt.02_105,17] Die Schlange hat eure Töchter geschmückt mit dem schönsten Fleische, und keiner kann diesem widerstehen; ihr habt daher die Vielweiberei eingeführt wider alle göttliche Ordnung, nach der doch nur ich als ein Mann und die Eva als ein Weib geworden sind durch die unendliche Liebekraft Dessen, der da noch unter uns weilt und dir soeben dreimal die Liebe anbefohlen hat darum, daß da soll alle Fleischliebe übergehen in das Leben der Seele, dann alles Leben der Seele in den Geist, und sonach alles vereinte Liebeleben aus dem Fleische sowohl als auch aus der Seele im Geiste – vom Geiste aus in Gott! [HGt.02_105,18] Wie könnet ihr aber solches tun an der Seite eurer Vielweiberei?! [HGt.02_105,19] So ihr aber in dieser Macht des Fleisches verbleibet, werdet ihr da nicht auch verbleiben in aller Lästerung tatsächlich, also, wie ihr wörtlich gekommen seid herauf auf diese geheiligten, reinen Höhen?! [HGt.02_105,20] Denn so die göttliche Ordnung dem Manne nur ein Weib gibt, damit sein Kampf ein einfacher sei und er desto leichter besiege den durch die Lüsternheit Kahins bedungenen Feind, – wie wollet ihr da je vollkommen siegen über diesen ärgsten Feind, so ihr euch also weidlichst in seine feisten Arme werfet?! [HGt.02_105,21] Daher entschlaget euch der Vielweiberei, und tretet zurück in die alte Ordnung Gottes, so werdet ihr erst vollkommen siegen können über den Tod, welcher da haust als eine allergiftigste Schlange in eurem Fleische als der alte Satan, der da nicht wollte zurückkehren in mir, sondern hat sich im Fleische getrennt von mir und lebt nun sich selbst in allem Fleische ein alter Fürst aller Lüge! [HGt.02_105,22] Horadal, beachte dieses wohl, willst du als ein Sieger zum wahren Leben gelangen! [HGt.02_105,23] Nimm daher auch diese Enthüllung mit meinem Segen mit dir in das Land, das dir der Herr einberaumt hat, so werden dir die drei heiligsten Worte gereichen zum Leben, sonst aber zum ewigen Tode! – Verstehe es wohl! Amen.“ 106. Kapitel — Ein Ausnahmefall der Zulassung der Vielweiberei[HGt.02_106,01] Es trat aber nach dieser Rede sogleich der Henoch auf eine innere Beheißung hin zum Horadal und sagte zu ihm: [HGt.02_106,02] „Horadal, es will der Herr, daß du mit deinen zehn Helfern nun auch Speise nehmen sollst, also tue solches nach dem Willen Dessen, der mich darum zu dir beschieden hatte! [HGt.02_106,03] Wenn ihr euch aber werdet gestärkt haben, sodann erstehet, und machet euch alle auf den Weg! [HGt.02_106,04] Wohin euch aber die zwei starken Führer geleiten werden, dahin auch folget ihnen; wo sie euch aber anzeigen werden zu bleiben, da auch bleibet sofort! [HGt.02_106,05] Daraus aber werdet ihr es am allerleichtesten erkennen, allwo da sein wird die bleibende Stelle, wenn ihr sehen werdet, daß da schon euer harren eure in Hanoch zurückgelassenen Weiber und Kinder, welches namentlich bei euch Anführern der Fall ist, da ihr zumeist dieselben habet zum Zeugnisse eurer Treue dem Lamech als Geiseln hinterlassen müssen. [HGt.02_106,06] Solches gebe ich euch nun kund aus dem Willen des Herrn, darum ihr heiteren Mutes euch stärken könnet und dann fröhlich und sorglos ziehen dahin, allwo der Herr für euch bereitet hat ein bleibendes Land. [HGt.02_106,07] Da ihr nun solches wisset, also esset und trinket im Namen des Herrn jetzt, wie allzeit! Amen.“ [HGt.02_106,08] Und alsbald dankte der Horadal für solche Beheißung und für solche ihn über alles ermunternde Nachricht, wie auch alle zehn, und nahm dann mit ihnen Speise und Trank zu sich. [HGt.02_106,09] Während aber diese nun ihre Mahlzeit hielten, wandte Sich der hohe Abedam zum Adam hin und sagte zu ihm: [HGt.02_106,10] „Deine recht väterliche Lehre an diese Armen war zwar an und für sich gut, aber eines muß in ihr doch noch berichtigt werden, und zwar das, was da betrifft die Vielweiberei. [HGt.02_106,11] Siehe, du hast ganz recht, so du die Vielweiberei als vollkommen Meiner Ordnung zuwider aufgestellt hast und hast ihnen auch eben also richtig gezeigt die allzeit gültige Wohnung der Schlange und des Todes; [HGt.02_106,12] Aber nun denke dir einmal, was da für diese besser ist, nachdem sie schon – namentlich die Anführer –, durchaus jeder für sich genommen, mit wenigstens zehn Weibern versehen sind: entweder sie zu trennen und ihnen zu lassen nur ein Weib, oder sie belassen also, wie sie sind? [HGt.02_106,13] So da einer von seinen zehn Weibern neun verläßt und nur eines behält, was sollen dann die neun mit ihren Kindern tun, und wie wird es aussehen in ihren Herzen? [HGt.02_106,14] Oder, so er aber alle behält und sorgt für die Herzen aller der Kinder seiner zehn Weiber, und die Weiber aber, so sie durch ihren Mann werden uns kennen lernen, wie wir sie trotz der alleinig wahren Ordnung dennoch belassen haben in dem Stande, in welchen sie gekommen sind durch die eisernen Bande ihres Gesetzes, uns dann loben und preisen werden in ihren Herzen – [HGt.02_106,15] Und werden daraus ersehen unsere große Erbarmung und Liebe auch alle ihre Kinder, die uns im Gegenteile verwünschen würden in ihren Herzen; [HGt.02_106,16] Was sonach meinst du, was da besser sein dürfte wenigstens für diese, welche sich schon einmal in diesem, freilich wohl an und für sich kläglichen und unordentlichen Zustande befinden? [HGt.02_106,17] Ich sage dir aber: Für Kinder der Welt, wenn sie zu sehr gezogen werden von ihrem Fleische, ist die Vielweiberei besser als eine unordentliche Hurerei und Notzucht oder gar Knabenschänderei! [HGt.02_106,18] Ja, Ich sage dir: Es ist auch sogar die Vielweiberei besser denn ein unordentliches Beschlafen eines Weibes, da auf keine Zeugung abgesehen wird, sondern allein auf eine stumme Befriedigung des Triebes, und das besonders dann, wenn das Weib sich schon ohnehin im sichtbaren Zustande der Schwangerschaft befindet. [HGt.02_106,19] Denn wer da hat zehn oder mehrere Weiber, der zeugt nahe allzeit, sooft er eine beschläft; wenn aber jemand nur ein Weib unordentlich beschläft zu öfteren Malen, so zeugt er fürs erste nicht nur mit jeder Beiwohnung keine Frucht, sondern er verdirbt oft noch die schon gezeugte und macht am Ende sein Weib gänzlich unfruchtbar noch obendarauf. [HGt.02_106,20] Wenn solches aber, wie du es sicher weißt, sich schon sogar bei den Kindern der Höhen vorgefunden hat, die doch aus Meiner Gnade und Meinem Segen hervorgegangen sind, um wieviel mehr aber wird solches erst der Fall sein bei denen, die da hervorgegangen sind aus Meinem Gerichte! [HGt.02_106,21] Daher urteile da nun selbst, was da für den gegenwärtigen Augenblick namentlich für die Kinder der Tiefe besser sein dürfte! [HGt.02_106,22] Obschon Ich aber dadurch durchaus nicht einführen will die Vielweiberei, namentlich bei euch schon gar nicht, so gehe aber dennoch hin, und berichtige solches an diesen Kindern aus der Tiefe; nur kannst du hinzusetzen, daß sie darum ihre Kinder aber dennoch nicht für die Vielweiberei erziehen sollen, sondern wie es Meine wahre Ordnung deiner Rede zufolge erheischt! Amen.“ 107. Kapitel — Horadals Geheimnis und Erzählung aus seiner Vergangenheit am Hofe Lamechs in Hanoch[HGt.02_107,01] Sobald aber sich der Horadal mit seinen zehn Gefährten an der ihm überaus wohlschmeckenden Speise gesättigt hatte und sich auch gelöscht den Durst mit dem Safte süßer Beeren und hatte auch nach solcher Sättigung dargebracht den gebührenden Dank dem Herrn als dem alleinigen Geber aller guten Gaben, da trat auch alsbald der Adam hin zum Horadal und machte ihm bekannt den Willen des Herrn, wie ihm der Herr solchen bekannt gab zuvor bezüglich der Vielweiberei. [HGt.02_107,02] Nachdem aber der Horadal solches vernommen hatte aus dem Munde Adams, ward er überfröhlichen Herzens, dankte wieder dem Herrn für solche Gestattung aus allen seinen Kräften, richtete sich endlich auf und bat dann den hohen Abedam um die Erlaubnis, ein Bekenntnis vor dem Adam ablegen zu dürfen. [HGt.02_107,03] Und der hohe Abedam gestattete ihm solches mit folgenden Worten: „Horadal, Ich sage dir, hier ist der Ort, wo ein jeder reden kann und darf, wie ihm die Zunge gewachsen ist. [HGt.02_107,04] Daher, so du reden willst, da rede offen, und halte dir dabei keinen Finger über den Mund! Amen.“ [HGt.02_107,05] Der Horadal aber dankte inbrünstigt für diese Gestattung dem hohen Abedam und begann dann folgende Worte an den Adam zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_107,06] „Überaus ehrwürdig alter Vater, achtbarster erster Mensch der Erde und hoch zu ehrender Zeuger des gesamten jetzt lebenden Menschengeschlechtes! Schenke einem Nachsohne deines Sohnes Kahin ein geneigtes Ohr, und vernimm, was ich dir jetzt kundgeben werde! [HGt.02_107,07] Denn so wahr Gott, der unendliche, ewige, heilige, allmächtige Schöpfer nun unter uns weilt, also wahr auch war das, was ich dir jetzt kundgeben werde, ein allertiefstes Geheimnis in meinem Herzen; und wäre es nicht also, – Vater Adam, du kannst es mir glauben: ich hätte Gott und dich nicht so bald erkannt, und Er, die ewige, unendliche Liebe und Erbarmung Selbst, hätte es sicher nie zugelassen, daß da meine Füße je betreten hätten dürfen diesen heiligen Boden der Berge, – wenn es nicht also wäre, wie ich es dir jetzt in aller Kürze kundgeben will! [HGt.02_107,08] Daher vernimm dieses aus meinem Munde nun, was in mir also tief verborgen lag, daß selbst die dir wohlbekannte listige Schlange nimmerdar vermögend war, dieses tiefste Geheimnis in mir auch nur zu ahnen, geschweige erst zu erschauen! [HGt.02_107,09] Jetzt aber ist der Zeitpunkt gekommen, und so will ich es auch offen kundgeben. Darin aber besteht es, und also lautet es: [HGt.02_107,10] Siehe, es hatte dereinst noch zu den Zeiten Hanochs der unendlichen Liebe des allmächtigen Gottes wohlgefallen, einen Mann, ja einen Bruder Hanochs im Geiste zu erwecken, damit er bekanntgebe allem Volke den alleinig wahren Gott! [HGt.02_107,11] Seine erhabene Lehre erhielt sich bis auf Lamech stets unversehrt. [HGt.02_107,12] Ich ward von seinen erhabenen Brüdern in dieser Lehre wohl unterrichtet, wie noch einige. [HGt.02_107,13] Als aber der Lamech mit der Schlange einen Bund geschlossen hatte und darum erschlagen hatte durch die starke Hand Tatahars seine beiden Gotteserleuchteten Brüder, da ward auch alsbald erschlagen die erhabene Lehre des von Gott erweckten Farak! [HGt.02_107,14] Da ich aber stets ein Freund des Lamech war von seiner frühen Jugend her, so geschah es denn auch, daß er mich, sobald er seine übergrausame Regierung antrat, zu seinem Ratgeber machte, aber also doch, daß da von mir niemand etwas wissen durfte. Ich war somit nur sein geheimster Ratsmann. [HGt.02_107,15] Anfangs versuchte ich Faraks Lehre in ihm zu erwecken; allein es war rein vergebens, mit ihm darin etwas zu bewirken. [HGt.02_107,16] Denn er hatte von der Schlange sich so sehr gefangennehmen lassen, daß selbst die großen Worte Gottes, die er bald nachher vernommen hatte, als er seine Brüder erschlug, auf ihn keinen Eindruck machten. [HGt.02_107,17] Als er mir aber im geheimen dennoch solches kundgab, ließ ich die Gelegenheit nicht unbenützt und ermahnte ihn ernstlich, daß er sich darum doch zu Gott wieder schnellst umkehren möchte, darum Er ihm noch also gnädig sei. [HGt.02_107,18] Statt mich aber anzuhören, erklärte er mir ganz erbittert ernstlichst: ,Horadal! Bis jetzt noch bist du mein Freund; ich ermahne dich aber als König und Gott nun zum letzten Male vollkommen ernstlichst, daß du für alle Zukunft schweigest von deinem Gotte. [HGt.02_107,19] Wenn du dieses Gebot brechen wirst, dann soll dir geschehen, was da geschehen ist meinen Brüdern, die da auch deinen Gott predigten und wollten nicht beachten, daß ich selbst der allmächtige Gott bin! [HGt.02_107,20] Gehe aber hinaus, und verleugne zu meiner und deiner Rechtfertigung vor allem Volke den alten, lächerlichen Gott Faraks, und lehre es mich, den alleinig wahren, gerechten, überstrengen, unerbittlichen und allmächtig starken Gott kennen! [HGt.02_107,21] Ich schwöre es dir bei meiner Gottheit: so du solches nicht tust, so sollst du mir vor allem Volke in die kleinsten Stücke zerrissen werden! [HGt.02_107,22] Solches fasse; gehe und vollziehe meinen Willen!‘ [HGt.02_107,23] Ich ging, verbarg in meinem Innersten die Lehre Faraks und nahm alsbald die Truggestalt überlamechischer Grausamkeit an und lehrte das Volk den Willen Lamechs kennen. [HGt.02_107,24] Da aber der Lamech sah, daß er an mir einen getreuen Diener habe, so übertrug er mir auch alsbald alle königliche Gewalt; er aber blieb ein Gott mir und dem Volke. [HGt.02_107,25] Da aber auch die Schlange sah, welch ein treuer Diener ich dem Lamech war, und nimmerdar merken konnte, was ich verborgen hielt im Herzen, so schloß sie auch mit mir einen Bund in der Gestalt eines allerreizendsten Weibes, und ich schwur ihr von der Oberfläche meines Herzens beim Gotte Lamech, alles zu tun, was da ihr und ihm wohlgefallen solle. [HGt.02_107,26] Die Schlange war damit vollkommen zufrieden und machte mir große Verheißungen darob. [HGt.02_107,27] Als sie mich aber verließ, da schwur ich aber in meiner Tiefe und sagte: ,O Schlange, du überlistiger Satan, so schlau du auch immer zu Werke gehst, so sollst du aber dennoch erfahren gar bald, was Der vermag, den ich nun verborgen halten muß! [HGt.02_107,28] Solches schwöre ich dir bei meinem allein wahren Gott!‘ [HGt.02_107,29] Nachdem aber bat ich meinen verborgenen Gott, daß Er allergnädigst solches mein geheimstes Vorhaben auch nicht einmal dem allererhabensten Engel kundgeben möchte; und Gott erhörte meine Bitte und gab mir dann stets allergeheimst ein, was ich zu tun habe in jeder Lage meines königlichen Amtes. [HGt.02_107,30] Also ward ich dann ein grausam richterliches Werkzeug in der Hand Gottes und habe dann alle erdenklichen Grausamkeiten zum Scheine ausgeübt durch die angebliche Macht Lamechs, – aber nicht also in der Wahrheit! [HGt.02_107,31] So war ich es, der dem Lamech den erbitterten Rat gab, als Meduhed, ein wahrer Bruder zu mir, ein großes Volk entführte, daß er da solle dem alten Gotte einen förmlichen Krieg ankündigen und unter Anführung des argen Tatahar alle die Wälder mit Feuer vernichten, so ihm der alte Gott etwa doch entführt hätte das Volk Meduheds. – Warum aber tat ich solches? [HGt.02_107,32] Ich wußte es ja aus meiner verborgenen Tiefe, welches Los da des argen Tatahar harrt! [HGt.02_107,33] Wieder war ich es, der darauf die wenigen Zurückgekehrten abermals aus dem Munde Lamechs selbst beschied, an dem wahren alten Gotte die zweite Rache zu nehmen. Denn ich wußte es ja, was der Herr mit diesen vorhatte! [HGt.02_107,34] Ich gab dem Lamech den Rat, daß da allem gemeinen Volke die Sprache bei der Strafe des Todes verboten sein solle, und daß sich ja keiner unterstehen solle, in seinem ganzen Leben den überheiligen Namen des Gottes Lamech auszusprechen, ja nicht einmal denselben zu denken! [HGt.02_107,35] Warum aber tat ich solches? – Damit die noch reineren Herzen der Unschuldigen nicht sollten durch den größten Frevel Lamechs entheiligt werden; denn dem Sprachlosen kann nichts gepredigt werden! [HGt.02_107,36] Ich ließ viele hinrichten. Warum aber? Weil mein verborgener Ratgeber es mir anzeigte, allezeit sagend: ,Siehe, über diese hatte die Schlange ihren Rachen geöffnet! Ich habe sie unempfindlich gemacht; darum zerfleische ihre Leiber, damit die Schlange über dich keinen Verdacht hege!‘ [HGt.02_107,37] Ich lästerte Gott zehnmal ärger denn der Lamech selbst und gab ihm den Rat, Jehovas Namen zu begraben unter dem Unrat des geringsten Volkes! [HGt.02_107,38] Warum aber tat ich solches? – Um zu retten diesen Namen; denn es war ja besser, den allerheiligsten Namen gänzlich zu begraben unter dem Unrate der Armut, welcher allein noch das Reinste in der Tiefe ist, als ihn noch länger den schändlichsten Lästerungen preisgegeben zu sehen! [HGt.02_107,39] Und so tat ich eines um das andere aus diesem Grunde. [HGt.02_107,40] Und als die Zeit da war, da nahm ich die Macht, wie du sie hier siehst, zu mir und führte somit beinahe die gesamte Armut als ein unerbittlicher Machthaber Lamechs hierher, – und bis zu diesem Augenblicke wußte außer Gott niemand, welche Absicht mich überallhin und so auch hierher geführt hatte. [HGt.02_107,41] Jetzt aber hat es dem Herrn wohlgefallen, daß ich ablege meine harte Maske, und so stehe ich auch in aller innersten Treue enthüllt vor dir also, wie ich es allzeit war, in mir tiefst verborgen. [HGt.02_107,42] Also habe ich auch vor meinem noch blinden Volke dich und Gott gelästert; da du aber nun weißt, wie und warum ich solches tat, also wirst du mir ja wohl auch vergeben können, so ich nichts tat als nur den geheimsten Willen Dessen, der hier ist! [HGt.02_107,43] Sei daher auch ohne Sorge der Vielweiberei halber; denn von uns soll Gottes Wille allzeit vollkommen beachtet werden! Amen.“ 108. Kapitel — Des Herrn Rede über den Unsegen des Fluchen und des Zornes.[HGt.02_108,01] Als aber der Adam solches vom Horadal vernommen hatte, ward er also ergriffen und weinte aus übergroßen Freuden so sehr, daß er darob am ganzen Leibe bebte und nicht vermochte – was er gerade jetzt so gerne hätte wollen –, auch nur ein allerkürzestes und einfachstes Wort über seine Lippen zu bringen. [HGt.02_108,02] Der Abedam aber sah, wie es da stand mit dem Herzen des Adam; darum auch trat Er alsbald hin zu ihm und sagte: „Adam, möchtest du wohl nun noch fluchen diesen Lästerern?! [HGt.02_108,03] Siehe, daher soll der Mensch mit nichts also sparsam sein als mit dem richterlichen, ganz besonders aber mit dem väterlichen Fluche! [HGt.02_108,04] Denn wer kann da schauen in Meine Wege und wer erforschen Meine Ratschlüsse?! [HGt.02_108,05] So aber da jemand über Erscheinungen flucht, deren Grund er nicht kennt, kann da wohl etwas leichter geschehen als das, daß er flucht Meiner großen Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade, Sanftmut und also aller Meiner göttlichen Ordnung aus allem dem? [HGt.02_108,06] So aber da jemand diese Ordnung verflucht hat, was des Segens wird da dereinst für seinen Geist daraus erwachsen?! [HGt.02_108,07] Wenn jemand durch einen Fluch also gerichtet hat Meine Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade und Sanftmut, hat der sich nicht das Gericht über den eigenen Hals geworfen, darum er selbst zuvor gerichtet dasjenige, wodurch er allein nur kann das ewige Leben aus Mir nehmen?! [HGt.02_108,08] Was hat denn der Mensch, das er nicht empfangen hätte zuvor von Meiner Liebe und Erbarmung, und woher will er etwas nehmen, wenn er es nicht nehmen möchte aus Meiner Liebe, Erbarmung und Gnade?! [HGt.02_108,09] So er aber zuvor gerichtet hat Meine Liebe und hat sie für immer gebannt durch einen Fluch von sich, wie – sage Mir, Adam! –, wie soll er da ferner aus dem Brunnen Wasser schöpfen, den er zuvor also gewaltig zugeworfen hatte mit Erde, Steinen, Sand und allerlei Geschotter?! [HGt.02_108,10] Daher soll nie ein Bruder den andern richten, – außer Ich Selbst habe ihm dazu den ausdrücklichen Befehl erteilt! [HGt.02_108,11] Wer aber da richtet aus eigener Macht, der hat sich dann ja selbst das Todesurteil gefällt, da er das Leben alles Lebens verbannt hat aus sich! [HGt.02_108,12] Wenn aber da jemand sich erzürnt hätte also gewaltig über seinen Bruder, daß er ihm darob zur Nachtzeit anzünden möchte sein Haus, – da er aber ginge an das arge Werk, und es geschähe, daß da von seiner Brandfackel möchte ein Funke fallen auf sein eigenes Haus und steckete dasselbe eher in Brand, als der Erzürnte noch mit seiner Brandfackel erreichen möchte des armen Bruders Wohnung, – wem wird da der Übeltunwollende hernach wohl die Schuld geben können, darum er nun durch das arge Feuer aller seiner eigenen Habe, aller seiner Lebensmittel und seiner Wohnung beraubt worden ist?! [HGt.02_108,13] O siehe, was Ich dir hier gezeigt habe in diesem Bilde, das geschieht jedem Zornigen in seinem eigenen Hause geistig; denn ehe er noch über seinen Bruder den verderblichen Brand des richterlichen Fluches verhängen will, hat er schon lange zuvor im eigenen Hause den alles verheerenden Brand gelegt, welcher in ihm da alles verzehrt und zerstört, damit er von Mir aus gar wohl eingerichtet war fürs ewige Leben! [HGt.02_108,14] Daher fluche da ja keiner dem andern einer Sünde wegen, die allenfalls ein Bruder an dem andern begangen hat, – [HGt.02_108,15] Sondern, wo er fluchen möchte, da segne er allzeit, so wird er seinen Bruder und sich selbst auch allzeit wahrhaft richten, nicht zum Verderben, sondern zum ewigen Leben! [HGt.02_108,16] So Ich aber all die Dinge fürs Verderben und fürs Zugrundegehen und für die endliche Vernichtung erschaffen hätte, hätte Ich da als der ewig heilige und endlos weise Gott wohl weise gehandelt, so Ich je etwas erschaffen hätte?! [HGt.02_108,17] Ich meine aber, einer solchen Tat wäre nur kaum selbst die allerdichteste und bösartigste Torheit fähig, geschweige erst Ich, der Ich da bin ein heiliger, ewiger, unendlich weiser und allerliebevollster Gott und Vater aller Meiner Kinder! [HGt.02_108,18] Da Ich aber somit alles nur für die ewige Dauer erschaffen habe, so zwar, daß auch nicht einmal der allerleiseste Gedanke, den der allergeringste Mensch am allerflüchtigsten gedacht hat, nicht zugrunde gehen soll, aus welchem Grunde dann sollet ihr euch gegenseitig verderben wollend richten?! [HGt.02_108,19] Darum merke dir, du, Adam, dieses, daß Ich allein der wahre Richter bin; du aber sei Mir ein rechter Sohn, der allzeit also richtet, wie Ich all die Dinge richte, nämlich – [HGt.02_108,20] Nicht durch Fluch, sondern durch Meine Liebe, Erbarmung, Geduld, Langmut, Güte, Gnade und Sanftmut. [HGt.02_108,21] Tue du und jeder desgleichen, so wirst du das ewige Leben haben allzeit aus Mir! Amen.“ 109. Kapitel — Horadals Einsetzung zum wahren Führer seines Volkes. Die drei Gnadenzeichen an Horadal[HGt.02_109,01] Nach dieser Rede aber sagte der hohe Abedam, Sich zum Horadal wendend: „Du, Horadal, aber, der du das heilige Fünklein Faraks also treulich durch alle Stürme der Versuchungen der Schlange und aller Welt aus ihr in deinem Herzen bewahrt hast, siehe, hier vor dir nun ist mehr denn das Fünklein Faraks, eine unendliche Sonne, – Ich Selbst, von dem Farak zeugte, – Ich, der ewige, unendliche, allmächtige Gott, der große Schöpfer aller Dinge, welche da erfüllen alle Himmel und alle endlosen Weltenräume vom Kleinsten bis zum Größten, – Ich, die allerheiligste, allergrößte, die allerreinste, ewige Liebe, – Ich, dein und aller Kinder Adams allein wahrer Vater, der Ich allein das Leben habe und dasselbe gebe aus Mir, – Ich, – Ich – bin nun vor dir! [HGt.02_109,02] Da du aber das Fünklein Faraks also getreu bewahrt hast in deinem Herzen und hast geglaubt an Den, den du nicht gesehen hast, und hast geglaubt dem heimlichen Rufe in dir und mochtest nicht zweifeln, daß Ich in diesem heimlichen stillen Rufe dir habe zu erkennen gegeben Meinen Willen, und so du solchen vernehmend in dir erkannt hast, auch sogleich strenge danach handeltest, – kurz und gut, sage Ich dir, da du im Kleinen Mir wahrhaft treu geblieben bist, so wirst du Mir sicher auch von nun an um so treuer verbleiben, da du nun Den Selbst siehst und hörst, von dem Farak dem Volke in Hanoch gepredigt und geweissagt hat, – und wirst somit auch bei deinem Volke mehr denn die Stelle Faraks in Hanoch vertreten! [HGt.02_109,03] Horadal, mit diesen Worten setze Ich dich nun über Großes, darum du Mir im Kleinen treu geblieben bist, und mache dich somit zu einem wahren Lehrer und Führer deines Volkes! [HGt.02_109,04] Siehe, es gibt noch viele Blinde unter ihnen; mit diesem Meinem lebendigen Worte aber wirst du sie allesamt wohl sehend und lebend machen! [HGt.02_109,05] Von nun an aber sollst du nicht mehr Meinen allemaligen Willen in dir also leise vernehmen, wie du selben vernommen hast in der Tiefe, sondern also wie du Mich nun vernimmst, also auch sollst du ihn, das heißt Meinen Willen, allzeit vernehmen in dir, außer dir und ober dir! Wirst du Mich auch nicht schauen also wie jetzt, so wirst du Mich aber dennoch allzeit hören wie jetzt! [HGt.02_109,06] Horadal, Ich sage dir, dein Glaube ist groß; denn ohne ein Zeichen – außer dem Meiner zwei Boten an dich – glaubtest du, daß Ich wahrhaftig es bin, der dir da solches sagt! [HGt.02_109,07] Wahrlich, für dich wäre das zweite kleine Zeichen in der Segnung der Speise und des Trankes für dein Volk nicht vonnöten gewesen, da du schon lange eher in deinem Herzen also fest an Mir gehangen bist, bevor deine Augen noch Meine Wesenheit geschaut und deine Ohren Meines Mundes Vaterstimme vernommen haben! [HGt.02_109,08] Da du nun aber Mich, deinen Gott und Vater, gesehen und gehört hast und glaubst fest, daß Ich es bin, der da zu dir solches redet, und hast Mich gebeten darum, daß du Mich lieben dürftest, darob Ich dir schon gegeben habe die drei großen Worte zuvor, so will Ich dir denn nun auch drei große Zeichen geben zum Lohne, darum du also fest geglaubt hast, daß Ich es wahrhaft bin, der allein wahre, ewige, unendliche, allmächtige Gott und Schöpfer und Erhalter und Lenker aller Dinge und der alleinig wahre, liebevollste Vater aller Menschen und Engel. [HGt.02_109,09] Diese drei großen Zeichen aber sollen darin bestehen, daß du fürs erste wunderbar alsbald in dem von Mir für dich und dein Volk neu bereiteten Lande alles das überaus wohlbehalten antreffen wirst, was Ich dir zuvor verheißen habe. [HGt.02_109,10] Fürs zweite aber wirst du in der künftigen Kraft deines Willens nach Meinem Worte allzeit erfahren, was alles Der vermag, der nun solches dir offenbart, verheißt und wahrhaft gibt. [HGt.02_109,11] Und als drittes Zeichen aber wird dir bleiben Mein allzeit lebendiges Wort und das ewige Leben aus demselben! [HGt.02_109,12] Aus diesen drei großen Zeichen wirst du für dich sowohl, wie für dein Volk, Meine endlose Liebe erst vollends erkennen, und wie überaus gut Ich, dein heiliger Vater, allzeit bin! [HGt.02_109,13] Nun aber empfange Meinen vollen Segen, – und mache dich dann auf die Reise! [HGt.02_109,14] Die zwei Boten aber werden dich geleiten in das nicht ferne von hier gelegene Land zwischen Morgen und Mitternacht. [HGt.02_109,15] Deine Waffen aber überlasse hier dem Adam zum Zeichen, daß Meine Vaterliebe stärker ist denn alle Macht der Schlange! [HGt.02_109,16] Und also ziehet gesegnet von Mir von dannen in Meinem Namen! Amen!“ 110. Kapitel — Der Abschied Horadals und der Seinen. Des Herrn Abschiedsrede und Mahnung zur Liebe[HGt.02_110,01] Nach dieser Rede Abedams erhob sich endlich alles Volk nach der Beheißung Horadals; Horadal selbst aber gelobte dem Herrn in allem die unverbrüchlichste Treue und dankte Ihm mit seinen zehn Anführern aus dem tiefsten Grunde des Herzens. [HGt.02_110,02] Nachdem er aber gedankt hatte dem Herrn für so viel Gnade, Liebe und Erbarmung, da bat er aber auch alsbald fragend, ob er auch dem Volke solle ein sichtbares Zeichen der Erinnerung an diesen so großen Tag der Gnade und Erbarmung errichten, damit sich dasselbe allzeit beim Anblicke desselben dankbarst erinnern möchte, was Großes Er an ihm und an allem seiner Leitung folgenden Volke großherrlichst und väterlichst getan hatte. [HGt.02_110,03] Und der Abedam gab ihm darauf folgende Lehre zur Antwort, sagend nämlich: „Horadal, höre! Ich lobe dich darum, da du ein rechtes Verlangen hast, das da geeignet ist zur Verherrlichung Meines Namens bleibend bei deinem Volke; dennoch aber sage Ich dir: Wenn das Volk recht unterrichtet ist, so hat es in Meiner großen Schöpfung der herrlichsten und von selbst bleibendsten Erinnerungszeichen in der größten Menge. [HGt.02_110,04] Ist aber das Volk dumm, daß es nimmerdar merkt auf die Zeichen, die Ich Tag für Tag wunderbar verrichte vor seinen Augen – wahrlich, du kannst es glauben, denn Ich sage es dir –, da wird es auch nicht merken auf irgendein totes von Menschenhänden bewerkstelligtes Zeichen. [HGt.02_110,05] Merkt es aber auf die lebendigen Zeichen, sage Mir, wozu sollen ihm die toten Zeichen dann dienlich sein?! [HGt.02_110,06] Ich gebe dir aber ja ohnehin ein großes Erinnerungszeichen dadurch und darin für dich und für dein ganzes Volk, daß du hast Mein lebendiges Wort in dir in aller Macht und Kraft in Meinem Namen und kannst desselben auch jeden teilhaftig machen, dem es ein ganz vollkommener Ernst ist um die Erweckung seines Geistes und um das ewige, unvergängliche Leben aus dem Geiste heraus. [HGt.02_110,07] Was Größeres könnte Ich dir wohl geben, als Ich dir gegeben habe in den drei Worten, – und was Höheres, Herrlicheres und Besseres könntest du Mir als allerbestes Erinnerungszeichen errichten, als da ist das heilige, lebendige Zeichen der wahren Liebe in jedes Menschen Herzen?! [HGt.02_110,08] Alsonach bleibe auch allzeit bei diesem Zeichen; solange aber du bleiben wirst bei diesem Zeichen, in diesem Zeichen und dieses Zeichen in dir, so lange auch werde Ich allzeit mächtig und kräftig sein unter euch als das allervollkommenste Erinnerungszeichen an Mich Selbst und somit auch an jegliche Meiner Liebestaten an dir und deinem Volke. [HGt.02_110,09] Wenn ihr aber das große, vor Mir allein gültige Zeichen der wahren und lebendigen Liebe zu Mir in euren Herzen würdet zugrunde gehen lassen, dann wird auch das große Erinnerungszeichen verschwinden aus eurer Mitte. [HGt.02_110,10] Wenn aber solches geschähe, dann auch würden euch alle anderen nichtssagenden Zeichen zu ebensoviel nütze sein wie diejenigen Winde der Erde, welche auf den anderen Weltkörpern wohltätig wehen; die Erde aber verspürt jedoch nichts davon! [HGt.02_110,11] Daher verbleibet beim alleinigen Zeichen der Liebe! Denn diese ist die beste und allzeit sicherste Ermahnerin an den Gegenstand, den man wahrhaft liebt; ist aber diese erkaltet, dann mag der vormals geliebte, aber in der alles vergessenden Kälte des Herzens nicht mehr geliebte Gegenstand Sonnen als Erinnerungszeichen an den Erkalteten übermachen, so wird aber das dennoch eine vergebliche Arbeit sein, – denn ehe sich das Eis erwärmen läßt, eher geht es zugrunde! [HGt.02_110,12] Wie aber das Feuer aller Materie gibt den Tod, also gibt auch das Feuer der Liebe den Tod denen, die von ihr abgefallen sind, wenn es wieder kommt über sie; darum sie erkaltet und erstarrt sind zum Eise! [HGt.02_110,13] Wer aber das heilige große Zeichen der Liebe in seinem Herzen wohl aufbewahrt hat für alle Zeiten der Zeiten, der auch wird verbleiben in dem Lebensfeuer also ewig unvergänglich wie das Feuer selbst im Feuer, darum das Feuer dem Feuer ist ein Leben! [HGt.02_110,14] Solches aber beachte wohl in dir, und bei all deinem Volke erwecke du solches, so wirst du leben und all dein Volk in und mit dir – und dadurch auch völlig in Mir und Ich in ihm! [HGt.02_110,15] Denke ja nicht, als wäre da zu diesem Geschäfte ein Tag tauglicher denn ein anderer, oder es müßte Mir an einem bestimmten Tage zuvor irgendein Opfer dargebracht werden, bevor sich jemand in seinem Herzen mir nahen dürfte! [HGt.02_110,16] O Horadal, solches denke ja nicht! Denn wie der liebende Mensch schon bei euch seiner Braut oder seinem lieben Weibe nicht Tag und Stunde bestimmt, wann er sie und sie ihn lieben soll, also ist es auch bei Mir; wann immer jemand das Herz zu Mir erhebt, ist es Mir ganz vollkommen recht! [HGt.02_110,17] Daher auch soll der Sabbat nur ein Tag der allgemeinen Unterweisung, nicht aber etwa ein ausschließlicher Tag Meiner Liebe sein; dieser aber ist demnach jeder Tag gleich. [HGt.02_110,18] Daher liebet Mich allzeit; den Sabbat aber behaltet für einen Tag der Unterweisung in Meiner Liebe, so werdet ihr leben ewig! [HGt.02_110,19] Und also könnet ihr euch ja auf die Reise machen in Meinem Namen! Amen.“ 111. Kapitel — Des Eilboten Lamel Rettertat. Der Bericht des geretteten Mädchens über die Greuel in Hanoch[HGt.02_111,01] Nach diesen Worten dankte abermals der Horadal dem hohen Abedam und wandte sich, nachdem er gedankt hatte, zu den zehn Anführern, zu ihnen sagend: [HGt.02_111,02] „Gehet denn hin im Namen des Herrn und heißet das Volk danken dem Herrn und sich dann reisefertig halten, damit wir noch vor dem Untergange der Sonne von der Stelle kommen im Namen unseres Herrn und großen Gottes, der da ist ein wahrer, heiliger, liebevollster Vater! Amen.“ [HGt.02_111,03] Und alsogleich gingen die zehn Anführer hin zum Volke und taten daselbst, wie es ihnen der Horadal geboten hatte nach dem Willen des Herrn. [HGt.02_111,04] In der Zeit von einer Minute war schon alles reisefertig; als aber der Abedam den Kisehel und den Sethlahem berief, daß sie nun führen möchten das Volk in das besagte Land, siehe, da eilte auch schon gleich einem schnell fliegenden Vogel der Lamel mit einem Mädchen, dasselbe auf seinen starken Armen tragend, daher! [HGt.02_111,05] Als er aber beim Abedam anlangte, da fiel er vor Ihm alsbald auf seine Knie nieder, stellte das Mädchen auf die Erde nieder und begann dann in aller Liebe und Demut zu reden, nachdem er zuvor dem Abedam für die glückliche Ausführung des überschweren Werkes mit dem zerknirschtesten Herzen gedankt hatte. [HGt.02_111,06] Also lauteten aber seine Worte: „Überheiliger, allerliebevollster Vater! Mit Deiner allmächtigen, heiligen Hilfe habe ich glücklich das von Dir mir in meinem Herzen aufgetragene Werk vollbracht. [HGt.02_111,07] Auch nicht ein Haupt blieb zurück von allen denen, die Du mir im Herzen angezeigt hast, auf daß ich sie erretten solle in Deinem allerheiligsten Namen. [HGt.02_111,08] Aber, o heiliger, liebevollster Vater, siehe, dieses Mädchen fand ich zwar in meinem Herzen nicht, sondern habe sie nur einsam weinend an einem breiten Bache angetroffen! [HGt.02_111,09] Als ich sie in solcher ihrer traurigen Lage aber fragte: ,Armes Kind, was fehlt dir, darum du also bitterlich weinst und dir wie verzweifelnd die Haare ausraufst?‘ [HGt.02_111,10] Da seufzte dies arme Wesen tief auf und begann, mir nach einer kurzen Zeit, die es zu seiner Fassung bedurfte, folgendes zu erzählen: [HGt.02_111,11] ,Großer Mann, ich, das allerärmste Kind der Erde, bitte dich um des großen Gottes willen, den noch die hohen erschlagenen Brüder des allergrausamsten Lamech meinen Eltern verkündeten, daß du mich anhörest! [HGt.02_111,12] Hast du meine allerentsetzlichste Not aber einmal völlig in aller Kürze vernommen, dann erbarme dich meines noch jungen Lebens, und töte mich! [HGt.02_111,13] Höre nun; solches ist die Geschichte meines traurigsten Lebens: Meine Eltern waren trotz des schrecklichsten Verbotes des größten aller Tyrannen heimlich dennoch stets getreue Anhänger des großen Farak und glaubten an den von ihm verkündeten großen, allmächtigen Gott. [HGt.02_111,14] Ein böser Geist aber muß solches dem Lamech entdeckt haben! Dieser ließ alsbald meine lieben Eltern durch grausame Schergen holen; nur mich als das einzige Kind ließ er im Hause. [HGt.02_111,15] Es dauerte nicht lange, da brachten diese Schergen meine armen Eltern wieder ins Haus. Hier mußten sie sich sogleich entkleiden. Als nun beide ganz nackt dastanden, blaß und zitternd am ganzen Leibe, da nahmen die Schergen zuerst die arme Mutter her und legten sie auf den Boden nieder; sodann ergriffen sie ihre zarten Hände, streckten dieselben straff am Boden aus und trieben starke spitzige Nägel durch die Flächen der Hände. [HGt.02_111,16] Desgleichen taten sie auch mit den Füßen. Das große Schmerzgeschrei glitt an den Ohren der Unmenschen unerhört vorüber! [HGt.02_111,17] Was sie aber taten der armen, armen Mutter, dasselbe auch taten sie alsogleich dem Vater, wie sie mit der Mutter fertig waren. [HGt.02_111,18] Nach dieser schaudervollsten Handlung stillte sich dann noch ein jeder der Schergen, nachdem sie ihr (der Mutter nämlich) zuvor einen groben Stein unter den Rücken schoben, daß sie darob ausgespannt ward wie eine Saite über ein Tonbrett, seine wahrhaft satanisch sinnliche Lust! [HGt.02_111,19] Nach solch verübtem Greuel schlitzten sie erst beiden die Bäuche auf, nahmen mich dann in ihre Mitte und zwangen mich, daß ich den Eltern die Augen ausstechen solle unter beständigem Lobe des Gottes Lamech. [HGt.02_111,20] Hier sank ich bewußtlos zusammen und wurde hierher gebracht und, wie du siehst, an diesen Pfahl angebunden, um zugrunde zu gehen vor Hunger. [HGt.02_111,21] Was ferner aber noch mit meinen armen, allerunglücklichsten Eltern geschehen ist, weiß ich nicht mehr; aber so viel ist gewiß, daß sie noch ferners sind gemartert worden und am Ende samt ihrem Hause verbrannt! [HGt.02_111,22] Jetzt weißt du alles, und so kannst du mit mir nun machen, was du willst; aber nur hier lasse mich nicht am Leben!‘ – [HGt.02_111,23] Siehe, Du heiliger Vater, diese Erzählung war die Ursache, warum ich ein Kind mehr, als sie da gezählt waren in meinem Herzen, hierher gebracht habe! [HGt.02_111,24] Denn noch nie habe ich in mir ein so großes Mitleid gegen jemanden empfunden denn gegen dieses arme Kind! [HGt.02_111,25] Daher wirst Du mir ja wohl vergeben, so ich dadurch über Dein Gebot hinaus gehandelt habe; denn was ich dadurch dem sicheren Untergange entrissen habe, habe ich ja auch getreust hier Dir zum Opfer gebracht. [HGt.02_111,26] O Vater, nimm es gnädigst an!“ – Der Abedam aber bog sich sogleich zum Lamel nieder, hob ihn von der Erde und sagte zu ihm: [HGt.02_111,27] „Lamel, Ich sage dir, daß du solches tatest, siehe, da hast du mehr getan, als du je getan hast durch dein ganzes Leben! [HGt.02_111,28] Doch lassen wir zuvor das gesamte Volk abziehen in sein bestimmtes Land, dann erst will Ich Mich an dies arme Kind wenden! Daher soll es sich nur zuvor ein wenig sammeln; Ich aber werde sodann schon das Beste tun für es und für dich! Amen.“ 112. Kapitel — Des Herrn Auftrag an Kisehel und Sethlahem, das Volk Horadals an seinen Ort zu führen. Die Wirkung von Fluch und Segen[HGt.02_112,01] Nach dieser kurzen Vertröstung an den Lamel wandte Sich der hohe Abedam alsogleich an den Kisehel und an den Sethlahem und sagte zu ihnen: [HGt.02_112,02] „Höret! Wie ihr das Volk Horadals hierher geführt habt, also gehet nun hin und führet es in das Land, das Ich schon seit allen Zeiten der Erde für dieses Volk in der Bereitschaft gehalten; denn Ich wußte es ja schon lange, ja seit Ewigkeiten wußte Ich und weiß es allzeit, was Ich tun will, und was Ich tun werde, und niemand außer Mir weiß es, was Ich von Ewigkeiten her in Meinem Sinne führe. [HGt.02_112,03] Daher gehet hin und führet dieses Volk, dahin Ich es bestimmt habe! [HGt.02_112,04] Mein Geist in euch aber wird euch gar wohl bezeichnen die Stelle, bis zu welcher ihr das Volk zu geleiten habet. [HGt.02_112,05] Wenn ihr aber gar bald werdet diese Stelle erreicht haben, sodann segnet in Meinem Namen das Volk, und segnet ihnen auch das Land und ihre neuen Wohnungen, welche da bestehen auf die Art, wie sie hier bestehen auf der Höhe! [HGt.02_112,06] Habet ihr alles dieses verrichtet, sodann kehret behende wieder hierher, also zwar, daß ihr das Abendmahl nicht versäumen möget; und also gehet nun! Amen.“ [HGt.02_112,07] Nach dieser Beheißung dankten die beiden dem Abedam für solchen gnädigsten Auftrag und gingen dann alsogleich an ihr Werk. [HGt.02_112,08] Der Horadal aber, vom allergrößten Dankgefühle nahezu zerfließend, war schon mit seinem Volke zum Aufbruche bereitet. [HGt.02_112,09] Als sonach die beiden natürlicherweise mit wenigen Schritten schon ihn erreicht hatten, so wurde da keine Rast mehr gehalten, sondern alles bewegte sich, fröhlich den Führern folgend. [HGt.02_112,10] Beim Abzuge dieses Volkes weinte der Adam und sandte einen Segen um den andern fast jedem ihrer Schritte nach. [HGt.02_112,11] Da aber der Abedam solches bemerkte, so belobte er ihn und sagte darauf: „Adam, wenn du statt so manches Fluches über die Tiefe stets also gehandelt hättest, wie du jetzt handelst im Geiste Meiner Liebe und Erbarmung, wahrlich, die Ebenen und die tiefen Talgründe der Erde wären nicht zur Hölle geworden! [HGt.02_112,12] Da du aber stets mehr Rechtfertigung im Fluche denn in der Liebe fandest, darum ist es also weit gekommen, daß die Menschen in der Tiefe handeln, wie du zuvor eben wieder ein neues Zeugnis davon aus dem Munde Lamels vernommen hast, welches zur innigeren Bestätigung dessen auch lebendig sich hier zu Meinen Füßen befindet. [HGt.02_112,13] O Adam, was alles hättest du Mir und der ganzen Schöpfung ersparen können! [HGt.02_112,14] Da du aber am Fluche stets mehr Behagen fandest als am Segen, siehe, also sind die Folgen vor dir und Mir und werden an der Erde klebenbleiben bis ans Ende ihres Daseins! [HGt.02_112,15] Wahrlich, sage Ich dir, wie groß und hart auch immer dein erster Hauptfehler war, darum du Meines Gebotes vergessen hast und hast dich berauschen lassen und allerderbst betrügen von deiner eigenen Schlange, daß darob Himmel und Erde aus allen ihren Angeln gehoben wurden, so hätte dennoch solches alles eher und leichter können ausgeglichen werden denn das, daß du gar sooft wegen der Untat Kahins geflucht hast der armseligen Tiefe! [HGt.02_112,16] Ich sage dir aber: Kahins Tat war zwar sehr arg, dennoch aber war sie kaum ein Tautropfen, gegen das ganze Meer betrachtet, gegen das, was du sogleich im Anfange gegen Mich unternommen hast, da du Mir als ein Herr dich hast wollen über das Haupt erheben! [HGt.02_112,17] Kannst du Mir aber je den Vorwurf machen, daß Ich dir darob geflucht habe?! [HGt.02_112,18] Wohl verfluchte Meine unantastbare Heiligkeit, die du also gröblich angetastet hast, den Boden der Erde, darum er dir Disteln und Dornen tragen sollte; [HGt.02_112,19] Meine große Liebe zu dir aber löschte bald wieder den Fluch am Boden der Erde, darob sie dir – wie du allenthalben nun schon lange gemerkt hast – wieder zu einem neuen Garten erblühte! [HGt.02_112,20] Da Ich aber den Fluch von der Erde tilgte, siehe, da warst du eben am emsigsten bemüht, zu fluchen allen den Ebenen und Talgründen und auch allen ihren Bewohnern, und hast es so weit gebracht, daß jetzt schon zu deinen Lebzeiten solche Früchte dem von dir verfluchten Boden entsprossen, über welche du hier zu Meinen Füßen ein neues Zeugnis erschaust! [HGt.02_112,21] Ich habe der Tiefe im Farak einen von Mir wohlgesegneten Engel zum Führer gesandt: hättest du statt deines Fluches nicht dasselbe in Meinem Namen tun können?! [HGt.02_112,22] Und die Tiefe blühete jetzt herrlicher denn alle diese Höhen! [HGt.02_112,23] O Adam, Adam! Siehe dieses Mädchen genau an, das da nun liegt zu Meinen Füßen und reiner ist in seinem Herzen denn die Sonne des Mittags! [HGt.02_112,24] Was da nun geschehen ist seinen Alten zufolge deines Fluches, siehe, das wird aus eben der Folge dereinst geschehen dem Sohne einer Jungfrau, die Ich beleben werde mit dem Geiste dieser hier zu Meinen Füßen Liegenden! [HGt.02_112,25] O bedenke, was du hier errichtet hast mit deinem Fluche! Doch nun ist es einmal also; daher lasset uns sorgen für die Zukunft – und womöglich vergessen den Greuel der Vergangenheit! [HGt.02_112,26] Adam, rufe alle deine Flüche zurück, und spende dafür den Segen! Meinen Segen spende dafür; denn jedes arge Werk ist ja dein Werk vom Anbeginn gewesen! Daher fluche hinfort nicht mehr, sondern segne alles! Amen.“ 113. Kapitel — Des Herrn Mahnrede an den ob seiner Torheit verzweifelnden Adam[HGt.02_113,01] Als der Adam aber solche Rede vom Abedam vernommen hatte, da ward er traurig und wußte nun nicht mehr, was er darauf sagen oder tun sollte. [HGt.02_113,02] Er dachte bei sich hin und her und suchte das große entscheidende, am Ende alles ausgleichende Warum. Aber alle seine Mühe war vergebens, er fand das große Warum nicht; und so war er bei sich auch schon auf dem Sprunge wieder, alles aus und von sich zu werfen und sich zu verwünschen und zu verfluchen anzufangen, darum er sich nun für den alleinigen Grund alles Bösen, Argen und Falschen ansah. [HGt.02_113,03] Der Abedam aber ergriff seine Hand, sah ihm fest ins Auge und sagte nach einer Weile zu ihm: [HGt.02_113,04] „Adam! Welch ein Mensch bist du! Willst du denn zu einem Steine werden?! Ist dir das Leben denn wirklich etwas also Verächtliches, daß du es in dir selbst verfluchen willst und willst dich dadurch töten durch und durch am Geiste wie am Leibe, wie auch in allen den Kindern, die Ich aus dir habe hervorgehen lassen?! [HGt.02_113,05] Adam, bis nahe auf diesen Augenblick hast du dein schon viele Jahre langes Erdenleben mit Fluchen nach deiner scharfen Gerechtigkeit zugebracht und warst zufrieden dabei, darum du stets meintest, Ich habe ein Wohlgefallen an deiner richterlich unerbittlichen Strenge und an deinem väterlichen Fluche gegen jene deiner Kinder, die da schwach genug waren, sich irgend unvorsichtigerweise zu verstoßen gegen deinen Willen. [HGt.02_113,06] Jetzt aber, da Ich dich reinigen will, darum Ich dir auch nur einzig und allein zeige alle deine Mängel, und tue das alles sichtbar vor dir und allen deinen Kindern, um dich vollends fähig zu machen zur völligen Aufnahme des Lebens aus Mir, – jetzt also, da du erfährst, daß Ich am Fluchen durchaus kein Wohlgefallen habe und auch keines am Gerichte, sondern allein nur an der allein lebendigen Liebe, bist du überärgerlich in deinem Herzen und überdrüssig des Lebens! [HGt.02_113,07] Jetzt erst, nachdem du zuvor aus lauter Gerechtigkeit beinahe jedes Erdstäubchen gerichtet hast, willst du dich fluchend über dich selbst hermachen, um dich dadurch gewisserart an Mir zu rächen, darum Ich deiner alten Richterordnung zuwider bin durch Meine große Liebe, Erbarmung und Geduld! [HGt.02_113,08] O Adam, Adam, Ich sage dir: Du stellst Meine Liebe und Geduld auf harte Proben! [HGt.02_113,09] Bedenke, wie lange Ich schon alle Geduld mit dir habe; bedenke: als noch in der ganzen Unendlichkeit keine Sonne brannte und die Erde von Mir Selbst noch kaum gedacht wurde, da machte Mir dein Geist, den Ich für die allerreinste Liebe erschuf, und den Ich frei machen wollte zu einem selbständigen Wesen vor Mir und zu Meinem größten Wohlgefallen, durch seine Unbeugsamkeit schon harte Sorgen und fing an, auszudehnen ins Lange und Überlange Meine Geduld. [HGt.02_113,10] Welche ewig langen Zeitenreihen sind seitdem verflossen, da Ich dich werden hieß! [HGt.02_113,11] Und wie sehr ist durch diese Reihe von Ewigkeiten nahe Meine Geduld ins endlos Lange gedehnt worden deinetwegen! [HGt.02_113,12] Siehe an alle die zahllosen Sterne; zähle sie, diese endlos vielen, großen und harten Weltenmassen, welche da erfüllen nahezu die ganze sichtbare äußere Unendlichkeit! Was sind sie? [HGt.02_113,13] Adam, weißt du, was sie sind?! – O Adam, Adam, siehe und höre: [HGt.02_113,14] Jedes Sandkörnchen, woraus irgendein Weltkörper besteht, ist von dir aus eine harte Probe für Meine Geduld von mehr denn tausend Jahren, gemessen nach dem Fluge der Zeiten, schon an und für sich. [HGt.02_113,15] Nun zähle die endlos vielen Welten in all den endlosen Raumgebieten; dann zähle alle die Sandkörnchen, aus deren endloser Vielheit sie bestehen, wie aus hart aneinandergereihten Atomen; denke dann für jedes einzelne Atom tausend Jahre Meiner Liebe göttlichen Geduld mit dir! [HGt.02_113,16] Hast du solches erwogen reiflich in dir, sodann sage Mir, wie lange Ich dich noch gedulden solle, bis du vollends wirst ein Wesen nach dem Sinne Meiner ewigen Liebe zu dir, und Ich will jede Frist von dir annehmen! [HGt.02_113,17] Wehe aber dir, so du dir würdest zu einem Selbstmörder; Ich sage dir: Es gibt keinen so schnellen Augenblick, als wie schnelle Ich da dich samt aller Schöpfung preisgeben würde Meinem Zornfeuer mit Ausnahme der wenigen Treuen! [HGt.02_113,18] Wahrlich, Ich will mit jedem Sünder haben eher eine ewige Geduld, als nur einen Augenblick mit einem Selbstmörder! [HGt.02_113,19] Daher kehre dich doch einmal vollends um und erkenne, was Ich an dir getan habe, jetzt tue, und was ich noch tun werde an allen deinen Kindern, so will Ich Mich zu dir wenden und dich erheben zu Mir aus dem Sumpfe deiner so langen Blindheit und dir geben das Leben! [HGt.02_113,20] Aber hinfort fluche nicht mehr; denn die Erde ist von dir aus jetzt schon auf hunderttausend Jahre versorgt gar reichlichst mit deinem Gerichte! [HGt.02_113,21] Solches verstehe nun einmal, und wende dich vollends zu Mir. Amen.“ 114. Kapitel — Adams Gesicht: Das Weib auf der Sonne, den Kopf der Schlange zertretend[HGt.02_114,01] Als der Adam nun diese zweiten Worte von Abedam vernommen hatte, da ward er alsbald wieder voll Reue in seinem Herzen und ersah erst jetzt, wie es da stehe mit ihm und mit seiner Ordnung, und wie es da so ganz eigentlich und so ganz anders stehe mit der Ordnung Jehovas, der da nun sichtbar ihm im Abedam kund gab Seine ewige Ordnung. [HGt.02_114,02] Da er aber solches ersah, so fiel er auch alsbald auf sein Angesicht nieder vor dem Abedam und begann folgende Worte flehentlich aus seinem innersten Grunde herauszugeben, sagend nämlich: [HGt.02_114,03] „O Jehova, Du überheiliger Vater, im Abedame sichtbar hier vor mir, siehe, zwei Adame liegen hier vor Dir im Staube ihrer gänzlichen Nichtigkeit; der eine ist ein allgemeiner und der andere aber nur ein sonderheitlicher, für sich allein abgeschlossener Adam. [HGt.02_114,04] O Jehova, Du überheiliger Vater! Nimm gnädigst den allgemeinen von mir, und lasse mich die noch übrige Zeit mir selbst leben also, daß es Dir wohlgefallen möge! [HGt.02_114,05] Denn nun sehe ich es erst klar ein, daß es mir die allerpurste Unmöglichkeit wäre, den allgemeinen Adam wieder zurückzuführen auf den Weg Deiner ewig heiligen Ordnung, obschon ich ihn allein nur abgewendet habe auf den Weg des Verderbens und des Unterganges. [HGt.02_114,06] Siehe mich daher allergnädigst an in der einfachen Person, die da vor Dir liegt im Grunde aller Nichtigkeit, und erhebe diese zum Lichte und somit zur Einheit mit Dir! [HGt.02_114,07] Was aber da betrifft meine ehemalige Allgemeinheit, so nimm diese endlose Last gnädigst von mir, und wie es Dir wohlgefällig sein möchte, also tue mit dieser meiner Allgemeinheit! [HGt.02_114,08] O Jehova, so Du sie nähmest auf Deine Schulter! [HGt.02_114,09] Dein heiliger Wille geschehe allzeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_114,10] Bei diesen Worten Adams ging zwar die Natursonne unter, aber der Abedam ließ den Adam in seinem Innern eine andere Sonne aufgehend erschauen, und ließ ihn sehen ein glänzend Weib, welches da stand auf der Sonne, zertretend den Kopf einer unter seinen Füßen die ganze Sonne umwindend befindlichen Schlange. [HGt.02_114,11] Der Abedam aber bog sich alsbald zum Adam nieder, rührte ihn an und hieß ihn erstehen; und als der Adam sich endlich aufgerichtet hatte, da nahm ihn der Abedam wieder bei der Hand und sagte zu ihm! [HGt.02_114,12] „Adam, was sahst du jetzt?“ – Und der Adam erwiderte: [HGt.02_114,13] „O Jehova, eine neue Sonne sah ich in mir aufgehen, – diese trotz ihrer himmlischen Schönheit aber dennoch um und um mit einer kräftigen Schlange fast allenthalben umwunden! [HGt.02_114,14] Bald aber sah ich ein großes lichtes Weib kommen auf diese Sonne; dieses Weib aber hatte keine Furcht vor der Schlange und trat daher derselben alsbald gewaltigst auf den Kopf. [HGt.02_114,15] Da sich aber die Schlange bemühte, das starke Weib zu überwältigen und zu beißen demselben in die Ferse, siehe, da schleuderte das Weib alsbald einen Apfel auf den Kopf der Schlange; die Schlange aber haschte nach dem Apfel und verbiß sich in denselben.“ [HGt.02_114,16] Hier schwieg der Adam und schlug sich dreimal stark auf die eigene Brust und sagte darauf noch: [HGt.02_114,17] „O Jehova, das war meine große Schuld vor Dir!“ [HGt.02_114,18] Der Abedam aber entgegnete ihm, sagend: „Adam, um was du ehedem gebeten hast, das auch habe Ich schon getan, also zwar, wie du es gesehen hast in dir! [HGt.02_114,19] Siehe, nun ist dir genommen völlig der allgemeine Adam, und du bist nun gleich einem jeden Kinde aus dir! [HGt.02_114,20] Daher sorge nun für diesen letzten Rest deines Seins, und lebe ein kleines Leben in Meiner Ordnung und Vaterliebe! [HGt.02_114,21] Was aber den allgemeinen Adam betrifft, siehe, den habe Ich als die Sonne aller Himmel und Weltensonnen und Welten auf Mich genommen, wie du es gesehen hast, da die Schlange Meine Sonne umwand! [HGt.02_114,22] Dieses Mädchen hier aus der Tiefe aber ist das Weib, das du sahst auf der Sonne stehen und zertreten der Schlange den Kopf! [HGt.02_114,23] Aber nicht seinen Leib, sondern seine Seele und seinen Geist mußt du ansehen! [HGt.02_114,24] Dieses Mädchen hat gelitten in der Tiefe mehr, denn da je gelitten hat ein Mensch; daher aber soll dereinst an ihm auch eine Entgeltung vor sich gehen, für deren Größe die ganze Unendlichkeit ehrfurchtsvollst zurückschaudern wird! [HGt.02_114,25] Solches fasse wohl, Adam, du einfacher nun; denn solches wird geschehen wahrlich, wahrlich, wahrlich! – Verstehe es! Amen.“ 115. Kapitel — Adams Lobgeschrei über die Erbarmung Gottes und Seine Menschwerdung in Abedam[HGt.02_115,01] Nach dieser Rede Abedams ward der Adam und alle, die da zugegen waren, also ergriffen, daß sie, voll der inbrünstigsten Liebe und der allerinnersten wahren Dankbarkeit, zu weinen anfingen und der Adam endlich laut ausrief: [HGt.02_115,02] „O Mensch, o Mensch! Was könntest du sein der Liebe des ewig heiligen Vaters, wenn dich dein eigener freier Wille nicht unheilig gemacht hätte vor Ihm! [HGt.02_115,03] Wie unendlich gut bist Du, o heiliger Vater, – und wie tief müssen wir gefallen sein vor Dir, da Deine ewige Liebe nur durch eine unendlich große Erbarmung uns zu retten genötigt ist und zu retten vermag! [HGt.02_115,04] Ja, – jetzt erst, jetzt, jetzt erst sehe ich es ein, was Du, o überheiliger Vater für uns getan hast, jetzt tust, und ewig tun wirst! [HGt.02_115,05] Lasset mich jetzt schreien, daß meine Stimme alle Weltenpole vernehmen möchten; – lasset mich verkünden wie alle Weltendonner – so stark lasset es mich verkünden aller Kreatur, allen Welten und allen Himmeln, was unendlich Großes der Herr, der endlos heilige Gott an uns endlos groß gefallenen Sündern vor Ihm getan hat! [HGt.02_115,06] Höret es, ihr Himmel alle, du Sonne, du Mond und Erde, vernimm es aus meinem Munde: [HGt.02_115,07] Gott, der Ewige, der Unendliche, der Heilige, der allmächtige Gott! – O Herz, du mein Herz, nur jetzt breche mir nicht die Stimme der Zunge; jetzt lasse, daß ich schreie aus allen meinen Kräften! – Er, Er, vor dem tausendmal tausend Jahre sind wie ein allerflüchtigster Augenblick, – Er, vor dessen Hauche alle endlosen Räume erbeben und die Ewigkeiten vor übergroßer Ehrfurcht ins Nichts zurücksinken, – Er, der mit einem Blicke tausendmal tausend Sonnen werden und wieder vergehen machen kann, – Er, Er unmittelbar Selbst hat uns, die allein allerunwürdigsten Geschöpfe, Seiner endlosen Heiligkeit vergessend, aus Seiner allerheiligsten Tiefe angeschaut, hat, darum wir durch unsere allergrößte freiwillige Bosheit also allertiefst von und vor Ihm gefallen sind, um uns Seine große Erbarmung angedeihen zu lassen, die ganze Unendlichkeit erfüllt mit zahllosen Stufen, damit wir wieder zu Ihm emporklimmen möchten! [HGt.02_115,08] Seiner endlosen Liebe und Erbarmung aber kam dieser Weg für die Gefallenen zu endlos schwer vor; Er vergaß daher noch mehr Seiner endlosen Heiligkeit, stieg auf den weiten Flügeln Seiner Allmacht Selbst durch alle die endlosesten Stufen zu uns herab also, wie Er hier ist vor uns, gleich uns an Farbe und Gestalt ein Mensch, um uns fürs erste den ewig nie ganz ersteigbaren Weg zu ersparen und dann uns, den allerletzten von allen Seinen Kreaturen, die wir uns freiwillig allerboshaftesterweise von Ihm abgewendet haben, uns allein allertiefst Gefallenen zu werden das Allerhöchste, das Undenkbarste – [HGt.02_115,09] Höret, höret es, ihr alle Äonen des ausgegossenen Lebens aus Ihm! –, um uns zu werden – o Gott, o Gott, o Gott! Du großer, heiliger Gott, Meine matte, sterbliche Zunge wagt es kaum auszusprechen! –, um uns Sündern der Sünder zu werden ein allein wahrer, liebevollster, allerbarmender, heiliger Vater! [HGt.02_115,10] Noch nicht genug, wie Er jetzt ist vor uns: ein Vater, sondern – wie es mein Geist erfasset hat – einst aus übergrößter Liebe zu uns Allerniedrigsten Selbst anzuziehen die dann ewig bleibende sündige Form unseres Fleisches, darinnen wir gefallen sind vor Ihm, dem ewig Heiligen, um uns noch näher an Sich zu ziehen, – um uns zu werden ein Retter, ein Führer, ein allerweisester Bruder! [HGt.02_115,11] Nein, nein, nein, das ist zu viel! – Abedam! Abedam! Abedam! Du endlos heiliger, liebevollster Vater! Wer – und was sind wir denn, daß Du uns, die wir doch am wertlosesten sind vor Dir durch und in Deiner ganzen Unendlichkeit, also unbegreiflich gnädig bist? –“ [HGt.02_115,12] Hier unterbrach der hohe Abedam den Adam und sagte zu ihm: „Höre, Adam, endlich siehst du es ein, wer Ich bin, und was Ich tue! [HGt.02_115,13] Ich sage dir aber: Wie du bist, also bleibe auch fürder, so hast du das ewige Leben schon in dir! [HGt.02_115,14] Du warst zwar in deiner Größe dereinst berufen, Meinem Herzen zu werden ein lieblicher Bruder, ein Mitgespiele und innigster Mitgenosse Meiner ewigen, unendlichen Vollkommenheiten. [HGt.02_115,15] Da du aber als der geistige Adam Mir das nicht werden wolltest in der großen Einfachheit deines aus Mir hervorgegangenen Wesens, so sollst du Mir aber dennoch das werden in allen deinen Kindern, darum dich dereinst Mein Herz so sehnsüchtigst überherrlichst aus sich werden hieß! [HGt.02_115,16] Verstehest du solches! – Siehe, das ist es, darum Ich alles das tue und habe nun für ewig, wie einst dem Größten, Mein Herz zugewandt dem Kleinsten, um es zu erheben über alles! – Nun nichts mehr weiter! [HGt.02_115,17] Da der Abend herbeigekommen, darum sorgen wir, daß wir nach Hause kommen zu denen, die unser schon sehnsüchtigst harren! [HGt.02_115,18] Du, Lamel, aber nimm das Mädchen und trage es vor Mir als ein großes Siegeszeichen einher! Amen.“ 116. Kapitel — Die Frage Puras, des Mädchens aus der Tiefe, nach der Person Abedama[HGt.02_116,01] Da aber der Adam und alle hier Anwesenden vernommen hatten, daß der hohe Abedam geredet hatte von dem Mädchen, fingen sie Ihn an zu loben und zu preisen über alles. [HGt.02_116,02] Der Lamel aber lud dasselbe alsobald auf seinen Arm und stellte sich nach der Beheißung vor Abedam hin. [HGt.02_116,03] Da aber das Mädchen aus allen den ihm wohlverständlichen Worten Abedams selbst heimlich abgenommen hatte, wie von den Reden Adams und von dem lauten Lobe, das nun alle Anwesenden Ihm dargebracht hatten, daß da hinter dem Abedam etwas ganz Außerordentliches stecken müsse, da ließ ihm seine angeborene Neugierde keine Ruhe mehr. [HGt.02_116,04] Damit es aber vollends erfahren möchte, was denn da so ganz eigentlich mit diesem sonderbaren Manne es für eine Bewandtnis habe, brachte es seinen Mund etwas furchtsam an das Ohr des Lamel und sagte mit leise bebender Stimme zu ihm; [HGt.02_116,05] „Lieber, großer und sehr starker Freund! Möchtest du mir denn nicht zur Kunde tun, wer denn so ganz eigentlich dieser Mann ist, der da, wie ich es abgenommen und verstanden, ,Abedam‘ genannt wird? [HGt.02_116,06] Denn siehe, ich frage dich darum, dieweil es mich sehr befremdet, da er nur aussieht wie ein jeder von euch; jedoch seine Worte scheinen, ja sie sind himmelweit unterschieden von allen noch so erhaben klingenden Worten, welche aus einem anderen Munde kommen: ja sie kommen mir vor, als wenn sie alle Himmel und alle Erde durchdringen möchten! [HGt.02_116,07] Was mich aber noch am allermeisten befremdet, ist das, daß mich alsbald alle Angst und Traurigkeit so ganz und gar völlig verließ, als ich seiner ansichtig wurde, daß es mir nun eine allerblankste Unmöglichkeit wäre, zu trauern und zu weinen nach meinen also erbärmlichst hingerichteten Eltern! [HGt.02_116,08] Daher, lieber, großer und sehr starker Freund, bitte ich dich, daß du mir etwas Näheres kundgeben möchtest über diesen überaus merkwürdigen Mann, in dessen Blicke schon eine viel größere Macht verborgen waltet als in den Armen aller noch so kräftigen Menschen!“ [HGt.02_116,09] Der Lamel aber wußte nicht, was er da nun tun solle, und machte daher eine Miene, als wenn er sich so recht aus der Tiefe fassen wollte. [HGt.02_116,10] Da er es aber mit dieser seiner Blindfassung etwas ins zu Lange trieb, so überstieg solche Ausflucht gar bald die Geduld des Mädchens, und es fragte ihn darum auch alsbald, etwas befremdet wieder: [HGt.02_116,11] „Höre, lieber, großer und sehr starker Freund, der du mich nun auf deinem starken Arme trägst nach dem Willen dessen, um den ich dich fragte, warum tust du denn, als wolltest du mir wohl eine Antwort geben, bleibst dessenungeachtet aber dennoch stumm, als wäre dir die Zunge im Munde versteint geworden? [HGt.02_116,12] Oder habe ich etwa einen Fehler dadurch begangen, daß ich dich fragte, das sich etwa nicht geziemen dürfte für ein Geschöpf aus der Tiefe?! [HGt.02_116,13] O ich bitte dich, sage mir doch nun entweder das eine oder das andere!“ [HGt.02_116,14] Hier sagte der Abedam zum Lamel: „Lamel, hast du denn ein Gebot von Mir, darum du stumm sein sollst? [HGt.02_116,15] Dergleichen weiß Ich nicht, daß Ich oder jemand in Meinem Namen es dir gegeben habe; darum kannst du ja wohl reden, was da ist des Rechtens! [HGt.02_116,16] Ich sehe aber schon, daß du dazu aus dir nicht hast den Mut; so gib denn das Kindlein her, damit es unterwegs auf Meinem Arme erfahre, wonach es dürstet, – du aber gehe nun hinter Mir einher! Amen.“ [HGt.02_116,17] Hier nahm alsogleich der hohe Abedam das Mädchen auf Seinen Arm, das darob über die Maßen fröhlich wurde und sich alsbald mit derselben Frage an Ihn Selbst wandte und zur Frage noch gar lustig hinzusetzte: [HGt.02_116,18] „O du lieber, mir heilig zu sein scheinender Mann, du wirst sicher doch nicht auch so spröde sein wie der Mann hinter uns, der mich armes Mädchen nahezu keiner Antwort für wert zu halten schien, darob er stumm blieb über das, darum ich ihn gefragt habe, – und wirst mir eine Antwort geben auf meine Frage?!“ [HGt.02_116,19] Hier drückte der Abedam das Mädchen an Seine überheilige Brust und sagte zu ihm: „Meine liebe Pura, du sollst ja alles erfahren, wonach du nur immer dürstest!“ [HGt.02_116,20] Hier verwunderte sich das Mädchen außerordentlich, darum es der ihm noch fremde Mann beim eigenen Namen angeredet hatte. [HGt.02_116,21] Der Abedam aber fuhr fort also mit ihr zu reden von Sich Selbst: „Du wunderst dich, daß Mir bekannt ist dein Name; allein, wenn du Mich erst mehr und mehr wirst kennen lernen, da wird dich solches mitnichten mehr wundernehmen, sondern dann wirst du staunen über ganz andere Dinge! [HGt.02_116,22] So du aber nun hast ein bereitetes Ohr, da höre: Siehe, du selbst sagtest ja, es seien Meine Worte viel erhabener als die eines jeden anderen Mundes und scheinen Himmel und alle Erde zu durchdringen, und in Meinem Blicke liege für dich mehr Kraft denn in allen noch so starken Menschenarmen! Auch hat dich alle Angst und Traurigkeit verlassen, als du Meiner ansichtig wurdest! [HGt.02_116,23] Nun siehe du, Meine liebe Pura, so du schon solches alles an Mir vorgefunden hast, was geht dir da denn noch ab zu Meiner innigeren Erkenntnis?! [HGt.02_116,24] Ich könnte es dir wohl augenblicklich sagen und dir zeigen durch Wort und Tat, wer Ich so ganz eigentlich bin, – aber du würdest es nicht ertragen; es würde dich töten und gänzlich zugrunde richten! [HGt.02_116,25] Daher gebe ich Dir nun statt der vollen Antwort den Rat und sage dir: Liebe Mich in deinem Herzen über alles, sodann wirst du es alsbald im selben vollkommen erfahren, wer eigentlich Ich bin! [HGt.02_116,26] Frage aber ja nicht, ob du solches etwa wohl dürftest; denn Ich ja sage dir solches! Darum liebe Mich unverhohlen nur über alles! Amen.“ 117. Kapitel — Die Puna auf Abedams Arm sucht den Allerhöchsten[HGt.02_117,01] Als die Pura solches vernommen hatte vom Abedam, da wurde sie nahe bis zur kindlichen Ausgelassenheit froh, heiter und lustig, warf ihre zarten Hände sogleich um den Hals ihres erhabensten Trägers und legte ihren Kopf ganz liebetrunken an Seine heilige Brust. [HGt.02_117,02] In solcher Liebestellung verharrte sie so lange, bis alle samt und sämtlich die Vollhöhe erreicht; dahier bei all den sehnsüchtigst harrenden Kindern angelangt, erwachte unsere Pura erst aus ihrem Liebestaumel, durch die allgemeine laute Freudeäußerung der Kinder erweckt. [HGt.02_117,03] Als sie nun hier in der Dämmerung der vielen Menschen ansichtig wurde, die beim Anblicke des hohen Abedam, tief lobend und preisend Seinen Namen, zur Erde niederfielen vor Ihm, da fragte sie ganz leise den Abedam, sagend nämlich: [HGt.02_117,04] „Du unbeschreiblich lieber Mann, an dem nun mein ganzes Leben hängt, möchtest du mir denn nicht anzeigen, was da diese allerhöchste Ehrfurcht, welche nun von diesen sehr gut zu sein scheinenden Menschen ausgeübt wird, zu bedeuten hat, und auf wen sie so ganz eigentlich gerichtet ist? Geht sie allein Dich an, oder gibt es vielleicht hier noch einen, der da wäre über dich? – O sag' es mir!“ [HGt.02_117,05] Und der Abedam sagte zu ihr: „Sieh dich nur ein wenig um; wer da nun aufrecht steht, der ist der Allerhöchste nicht nur unter diesen Menschen, sondern auch in allen den Himmeln! [HGt.02_117,06] Also sieh dich nur recht emsig um, und du wirst den allein aufrecht Stehenden gar bald und gar leicht finden!“ [HGt.02_117,07] Hier fing die arme, nun aber überreiche Pura an, mit ihren großen, schwarzen Augen herumzublitzen, und suchte die ganze Menge hindurch kreuz und quer; aber da sich selbst der Adam, Seth, Lamel, Henoch und die zehn Träger Seths, sobald sie die Höhe erreicht hatten, auf ihre Angesichter ehrfurchtsvollst und dankbarst zur Erde legten, so war all ihre Mühe vergeblich, denn sie fand niemanden aufrecht stehend. [HGt.02_117,08] Darüber etwas ängstlich gemacht, fing sie an, sich allgemach gegen ihren Träger zu entäußern, und sagte in einem etwas verwundert fragenden Tone: [HGt.02_117,09] „Höre, du mein überaus lieber und auch sehr starker Mann, ich suche vergebens! Es steht ja doch nirgends auch nur eine menschliche Seele aufrecht! Wie soll ich demnach denn das verstehen, das du ehedem zu mir gesagt hast?“ [HGt.02_117,10] Und der hohe Abedam drückte sie auf Seine heilige Brust, stellte sie dann zur Erde gar sanft nieder und sagte dann wieder zu ihr: „Meine Mir überaus teure Pura, siehe dich nun ein wenig um, und du wirst doch sicher gar bald einen aufrecht stehenden Mann irgendwo entdecken!“ [HGt.02_117,11] Und wieder fing die Pura an, die große Menge zu mustern; allein auch diesmal fiel ihr noch nichts Aufrechtstehendes in die Augen. [HGt.02_117,12] Da der hohe Abedam aber sah ihre große Verlegenheit, so bog Er Sich alsbald wieder zur Erde nieder, nahm sie, die Pura nämlich, auf Seinen überheiligen Arm, drückte sie auf Seine Brust und sagte dann zu ihr: [HGt.02_117,13] „Siehe, du Meine allerliebste Pura, wer da sucht mit seinen Augen in der Ferne herum und blickt das nicht an, was ihm am allernächsten ist, der wird schwerlich je etwas finden, und am allerwenigsten das, was er finden möchte und auch finden sollte. [HGt.02_117,14] Daß du bisher noch nichts gefunden hast, was du doch so überaus gerne finden möchtest, liegt auch lediglich schuldend darinnen, weil du deine Nähe hast unbeachtet gelassen, und zwar deine nun allergrößte dich tragende Nähe. [HGt.02_117,15] Pura, sieh' Mich einmal an, und sage Mir dann, ob Ich liege oder aufrecht stehe! [HGt.02_117,16] Hast du das gefunden, dann wirst du auch gar bald innewerden, wer da ist der Allerhöchste, und wen da diese Verherrlichung nun angeht!“ [HGt.02_117,17] Hier schlug die nun allerreichste Pura ihre schneeweißen, vollen, zartesten Arme über dem Kopfe zusammen und schrie laut auf: „Um des allein einig wahren Gottes willen, was habe ich Blinde getan? [HGt.02_117,18] O du, der du sicher der König dieses Volkes bist, überaus mächtig am Worte und an jeglicher Tat, wirst du mir armen, blinden Törin wohl vergeben können diesen mir unbegreiflich allergrößten Irrtum?! [HGt.02_117,19] Nein, nein, – ich könnte mir nun gerade selbst die abscheulichen Augen auskratzen, darum sie dich, den alleinig aufrecht Stehenden nicht bemerkt haben!“ [HGt.02_117,20] Der Abedam aber tröstete sie und sagte zu ihr: „Sei nur ruhig, du Meine geliebteste Pura, – denn nun hast du Mich ja schon zur Hälfte gefunden; die andere Hälfte aber ahnt dein Herz in dir ja ohnehin schon auch, und so wird es nicht mehr lange währen, bis du Mich vollends wirst kennen lernen! [HGt.02_117,21] Doch da das Volk sich schon wieder erhebt von der Erde, so laß uns jetzt unterdessen davon schweigen bis zur rechten Zeit, da du alles wirst kennen lernen! Hättest du aber in der Ebene merken können, was Ich tat den Völkern aus der Tiefe, so wüßtest du schon, wer Ich so ganz eigentlich bin; allein für deine Schwäche war es noch nicht an der Zeit, darum lagst du nahe taub zu Meinen Füßen. [HGt.02_117,22] Jetzt aber bist du reich geworden; daher wirst du Mich auch gar bald näher kennen lernen! [HGt.02_117,23] Siehe, hier kommt schon der Seth zu Mir; daher schweigen wir und vernehmen, was dieser möchte! Amen.“ 118. Kapitel — Setha Bitte, für die Speisung aller sorgen zu dürfen. Die leeren Speisekammern. Der Segen des Dankes[HGt.02_118,01] Als aber der Seth beim Abedam anlangte, fiel er alsbald vor Ihm nieder und fragte Ihn: „O Abba Emanuel Jehova, darf Dich der Mensch Seth darum bitten, daß Du ihm gestatten möchtest, also wie gestern zu versehen die Höhe wieder mit Speise und Trank?! [HGt.02_118,02] Ich weiß zwar wohl, daß solches da ist von meiner Seite eine eitel törichte Frage – denn wen sollte, wen könnte es hungern in Deiner Gegenwart?! – [HGt.02_118,03] Allein, da Du gestern nahe gerade um diese Zeit allergnädigst Selbst Speise und Trank verlangt hast, so habe ich in mir gedacht, ob solches eine Regel bleiben solle auch fürder, oder sollen wir bleiben bei der alten – oder allein bei der Regel des Magens? [HGt.02_118,04] O Abedam Jehova, zürne nicht über diese meine vielleicht eitel törichte Frage! Dein allzeit überheiliger Wille jetzt wie ewig! Amen.“ [HGt.02_118,05] Als der Seth aber somit zu Ende war mit dieser Frage, da bog sich der Abedam schnell zur Erde und hob alsbald den Seth vom Boden, griff ihn bei der Hand und sagte dann zu ihm: [HGt.02_118,06] „Höre, lieber Bruder Seth, deine Frage, die da deinem Mir allzeit wohlgefälligen, edlen Vorhaben entstammte, wäre ganz vollkommen gut und recht, und es ist allzeit besser, zur ordentlichen Zeit Speise und Trank zu nehmen, als unordentlich nach dem Verlangen des Magens, – [HGt.02_118,07] Aber nun höre und siehe: Da du heute deiner Dienerschaft die liebevollste Order gabst, daß sie alle die Hungrigen einladen sollten in deine Vorratskammern, so haben sie das auch vollkommen also redlichst getan. [HGt.02_118,08] Da aber nach solcher Einladung sich auch alsogleich sehr viel Hungrige und Durstige eingefunden haben, so geschah es denn auch, daß all dein Vorrat in wenigen Augenblicken aufgezehrt worden ist. [HGt.02_118,09] Also fragt sich's nun: Woher wirst du, Mein lieber Bruder Seth, nun Speise und Trank nehmen, nachdem alle deine Vorratskammern vollkommen ausgeleert worden sind und wurden selbst die Früchte in deinem Garten nicht verschont?!“ [HGt.02_118,10] Anfangs machte diese Bekanntmachung den Seth ein wenig stutzen; nicht aber etwa aus Neid gegen diejenigen, die da geleert hatten seine Kammern, oder darum aus einem kleinen Ärger, darum die geladenen Gäste gerade bei dieser Gelegenheit so wenig beachteten, wer da der Seth ist, und wie sich jeder in seiner Wohnung zu benehmen habe, der in diese eingelassen wird, sondern nur darum stutzte er ein wenig, da er nun nicht augenblicklich wußte, wo er nun Speise und Trank hernehmen solle. [HGt.02_118,11] Es dauerte jedoch nicht lange, und der Seth besann sich alsbald, ward überheiter und sagte darauf: „O Jehova, Du über alles heiliger und allerliebevollster Vater, wessen Liebe ist so groß wie die Deinige?! [HGt.02_118,12] Siehe, meine Kammern waren voll von dem, was Du mir gabst für mich und für jeden Bruder! Deine, nicht etwa meine Liebe öffnete den Dürftigen die gefüllten Kammern; diese haben sie geleert nach Deinem allzeit allerheiligsten Willen. [HGt.02_118,13] Wie Du aber stets füllest die Sonne mit neuem unvergänglichem Lichte und die ganze Erde allenthalben mit stets neuer zeugender Kraft Deiner Barmliebe, und lässest das Meer nicht minder werden auch nur um einen Tropfen, und solches alles Dir leichter ist um endlos vieles denn mir, zu heben eine Mücke, also bin ich auch überaus fest überzeugt, daß Du, o liebster Vater, meine geleerten Kammern schon lange eher wieder auf das allerreichste gefüllt hast mit allem dem, was uns allen liebgerechterweise not tut! [HGt.02_118,14] Daher gehet, ihr zehn Träger, nur eilends hinab in meine Kammern, füllet die Körbe und bringet sie sogleich wieder hierher; und wer aber dort kommt und verlangt zu essen und zu trinken, dem soll alsbald gereicht werden, wonach er hungert und dürstet! [HGt.02_118,15] Aber es soll dabei ein jeder erinnert werden an Den, der hier ist und der alleinige Geber aller guten Gaben ist. Solches geschehe!“ [HGt.02_118,16] Hier umarmte der Abedam den Seth und sagte zu ihm: „Seth, jetzt erst hast du alles vollkommen gemacht! Siehe, früher hast du zwar auch die Kammern dem Volke geöffnet, aber da hast du vergessen, daß es erinnert werde zur Dankbarkeit an den alleinigen Geber; darum auch konnten die Kammern geleert werden. Jetzt aber hast du auch fürs Volk des Gebers gedacht; daher geschehe dir nach jeglichem deiner Worte! [HGt.02_118,17] Hinfort sollst du deine Kammern nimmerdar leer antreffen! Amen.“ 119. Kapitel — Die vollen Speicher als Frucht des Vertrauens Seths. Das Gespräch der Haushüter und Speiseträger über den Herrn. Der Herr gibt Sich zu erkennen[HGt.02_119,01] Darauf nahmen die zehn ihre Körbe und gingen eilends hinab in das Haus Seths und füllten da die Körbe mit den allerherrlichsten Früchten, welche nahezu die Speicher in den Vorratskammern erdrückten. [HGt.02_119,02] Des nahm die Träger wunder, und sie lobten den Jehova. [HGt.02_119,03] Da aber die Haushüter zu ihnen kamen, so fragten die Träger dieselben, ob schon viele Gebrauch gemacht hätten von der Beheißung des Hausvaters Seth. [HGt.02_119,04] Und die Hüter aber antworteten ihnen: „Wahrlich, ihr könnet es glauben, die Menge derjenigen ist unzählbar, welche sich schon heute gesättigt haben von den Fruchtspeichern Seths; aber dessen ungeachtet wollen diese nicht leer werden! Ehedem ist zwar von einer großen Menschenmenge aller Vorrat aufgezehrt worden, wie solches schon zweimal früher geschehen ist, darum sich dann die Hungrigen über die Fruchtgärten selbst hermachten, – allein die Leerheit der Speicher dauerte nicht lange; wunderbar wurden bald alle Speicher in den Vorratskammern wieder gefüllt, wie ihr sie soeben jetzt sehet! [HGt.02_119,05] Wisset ihr uns denn nicht irgendeine Auskunft zu geben, wie das zuging?“ [HGt.02_119,06] Einer der zehn Träger aber, der den hohen Abedam in allem Tun, Lassen und Reden beobachtet hatte, sagte darauf zu den Hütern ganz kurz: [HGt.02_119,07] „Brüder, glaubet es fest, ihr habt den fremden Mann gesehen, der da schon vorgestern von Mitternacht kam mit Adam und den übrigen, die da mit ihm waren, einladend die Kinder aller vier Regionen, und war gestern unter ihnen den ganzen Sabbat über und verrichtete die größten Wundertaten, und ist heute noch unter ihnen und tut desgleichen! [HGt.02_119,08] Sehet, da ist es dann nicht schwer raten, woher die Kammern stets wieder ihre Füllung nehmen!“ – [HGt.02_119,09] „Wisset ihr aber, wer so ganz eigentlich dieser fremde Mann ist?“, fragten die Hüter den Träger, der da geredet hatte. [HGt.02_119,10] Und dieser antwortete ihnen kurz: „Daß er auf der Erde nicht geboren worden ist, das ist mehr denn gewiß, und solches erkennen wir auch daraus, darum sich die sonst hart zugänglichen Väter gar so außerordentlich stark beugen vor ihm! [HGt.02_119,11] Woher, wer und was er aber eigentlich an und für sich ist, solches wissen wir mitnichten; denn ihr wisset es ja nur zu gut: Wenn es unter den erhabenen Großvätern geheime Dinge gibt, so müssen wir unsere sehr neugierigen Ohren hübsch ferne halten. [HGt.02_119,12] Und also ist es für jetzt und allzeit etwas schwer, bei derlei Erscheinungen ins klare zu kommen. [HGt.02_119,13] Ich möchte zwar den Fremden unendlich gerne näher kennen lernen, – aber ihr wisset es ja, wie es geht! [HGt.02_119,14] Daher bleiben wir nur darauf los, wie wir sind, so hübsch dumm, in Jehovas Namen; ewig wird's ja nicht dauern! [HGt.02_119,15] Und nun lasset uns erfüllen, wie allzeit, unseren Auftrag! [HGt.02_119,16] Solches aber hat der Großvater Seth uns aufgetragen euch zu sagen, daß ihr jene, welche hier gesättigt werden, allzeit zur Dankbarkeit an Gott erinnern sollet nach Seinem Willen! Amen.“ [HGt.02_119,17] Nach dem verließen die Träger die Hütten und eilten aus den Kammern hinaus. [HGt.02_119,18] Als sie aber kaum noch die Türe erreicht hatten, kam ihnen auch schon der Abedam, noch mit dem Mädchen auf dem Arme, entgegen und fragte die etwas erschreckten Träger: „Wo bleibet ihr denn mit den Früchten diesmal so lange?“ [HGt.02_119,19] Die Träger aber wußten keine Antwort auf diese Frage. [HGt.02_119,20] Und der Abedam fragte sie abermals und sagte: „Habt ihr denn nicht Früchte in gerechter Menge angetroffen?“ [HGt.02_119,21] Und wieder fanden die Gefragten keine Antwort. [HGt.02_119,22] Als aber der Abedam sie zum dritten Male fragte: „So saget es Mir doch, warum ihr diesmal die Zeit nicht zugehalten habet!“ [HGt.02_119,23] Hier erst besann sich der, der da schon früher mit den Hütern das Wort geführt hatte, und sagte: [HGt.02_119,24] „Höre du lieber, guter, fremder Mann! Wir haben nichts Ungerechtes getan, außer daß wir dadurch ein wenig der bestimmten Zeit abhold geworden sind; denn die Hüter fragten uns, wer da beständig wieder voll mache die geleerten Kammern Seths. [HGt.02_119,25] Und wir rieten auf dich, darum wir Zeugen sind von so mancher Großwundertat deines Willens, darin du beinahe Gott gleich mächtig zu sein scheinst. [HGt.02_119,26] Siehe, das ist aber auch alles, was da allein schuldet an unserem etwas längeren Ausbleiben; solches wirst du und der Großvater uns ja wohl vergeben?!“ [HGt.02_119,27] Der Abedam aber erwiderte ihm darauf: „Höre, nicht nur vergeben, sondern Ich will euch jetzt machen zu Trägern höherer und lebendigerer Früchte, denn die da sind, für die ganze Ewigkeit! [HGt.02_119,28] Damit ihr aber alsbald wisset, daß Ich solches zu tun Macht und Recht habe, so wisset denn, daß Ich Jehova, Gott der Allerhöchste, Selbst bin, also wie ihr Mich nun sehet; darum seid ruhig und folget Mir! Amen.“ 120. Kapitel — Die Furcht der Träger und die Verlegenheit Puras vor der Heiligkeit Abedams. Abedams beruhigende Worte. Der Herr als Gott und als Vater[HGt.02_120,01] Als aber die Träger solches Zeugnis aus dem Munde Abedams Selbst vernommen hatten, und desgleichen auch ganz klar die Pura, da fielen die Träger alsbald zur Erde nieder, und das zwar also erschreckt, als wenn sie schon der ewige Tod und ein alles vernichtendes Gericht am Kragen gepackt hätte. [HGt.02_120,02] Denn sie waren sich so mancher kleiner Vergehungen bewußt, und da sie aus so manchen strengen Lehren Adams, Seths und Enos' wußten, daß der allmächtige, heiligste Jehova irgendwann sicher einmal kommen werde und werde da ein überstrenges Gericht halten und zugrunde und zunichte machen alle Ungehorsamen in dem allerheftigsten und allerbrennendsten Feuer Seines unendlichen Zorns, so war es nun völlig aus mit ihnen. [HGt.02_120,03] Denn diese Meine schnell gefaßte Offenbarung Meiner Selbst ließ in ihnen nun keinem andern Gedanken Platz, als daß Ich nun gekommen sei, dieses schreckliche Gericht zu halten. [HGt.02_120,04] Und weil sie sich, wie gesagt, einiger kleiner Fehler bewußt waren, so dachten sie auch nichts anderes als nur, am ganzen Leibe bebend, wie sie sicher schon gar bald das überaus entsetzlich heiße Gerichtszornfeuer ergreifen werde und werde sie auch bald überschmerzlichst für ewig zu verzehren anfangen. [HGt.02_120,05] Es dauerte nicht lange, so fingen sie auch förmlich an, zu heulen und überaus zu wehklagen, und nur der frühere Redner allein war noch imstande, sehr stotternd herauszubringen: [HGt.02_120,06] „O wie – gut – und um wie – vieles – besser – wären wir nun – daran, so wir nie wären geboren worden!“ [HGt.02_120,07] Darauf ward auch er stumm und erwartete das richterliche Donnerwort samt den übrigen. [HGt.02_120,08] Das Benehmen dieser zehn Träger brachte aber auch die sonst standhafte und vor Liebe zu Mir nahezu verschmachtende Pura in eine bedeutende Verlegenheit, darum sie sich schüchtern an Mich wandte und sagte, Mich gleichsam fragend: [HGt.02_120,09] „O Du, so Du bist, wie Dich schon Seth auf der Höhe begrüßt hatte in der allerhöchsten Ehrfurcht, und wie Du Dich jetzt vor den zehn Trägern Selbst laut und überklar geoffenbart hast, daß ich darob nun auch kein Bedenken mehr in mir trage, Dich als das vollends anzuerkennen, als was Du Dich veroffenbart hast nun vor mir Armen, wie vor diesen zehn Trägern, – so bitte ich Dich Deiner unendlichen Heiligkeit willen, daß Du mich von Dir lassen möchtest; denn ich bin ja zu unheilig, um zu ruhen auf Deinen überheiligen Händen! [HGt.02_120,10] Denn nun glaube ich es ja fest in mir, daß Du derjenige bist, dessen Name keine Menschenzunge wert ist auszusprechen, obschon meine früheren Begriffe von Dir nach der Lehre Faraks ganz anders gestaltet waren, durch welche ich mir Dich als ein unsichtbares, endloses Feuer vorstellte. [HGt.02_120,11] Daher sei mir nun gnädig und barmherzig, und laß es doch nicht länger zu, daß ich hinfort noch entheiligen soll Deine Hände! [HGt.02_120,12] Doch Dein überheiliger Wille geschehe jetzt, wie ewig!“ [HGt.02_120,13] Nach diesen Worten aber sagte der Abedam zur Pura: „Nun, du Meine Erwählte, willst du Mich denn eben jetzt, da du Mich erkannt hast, weniger lieben als ehedem, da du Mich noch nicht erkannt hast?! [HGt.02_120,14] Habe Ich Mich denn darum gegen dich verändert, weil Ich Mich dir zu erkennen gab?! [HGt.02_120,15] Hast du noch nie bemerkt bei einem Ungewitter, daß so manche Wetterwolke in der Entfernung ganz entsetzlich schrecklich drohend aussieht?! Wenn sie aber herbeikommt, so bringt sie mit ihrem von ferne her so überstark drohenden Gesichte nichts denn einen segenvollen Regen, der da befruchtet und erquickt das von den Weisheitsstrahlen der Sonne ausgedorrte Erdreich und das nahezu ganz verbrannte Gras! [HGt.02_120,16] Siehe, also ist es auch hier derselbe Fall: Du hast Mich bis jetzt nur immer von weiter Ferne ahnend gesehen, und das im Feuer des verderblichsten Gerichtes, – aber als den allerliebevollsten Vater hast du Mich noch nie geahnt und noch viel weniger gedacht; darum auch bist du jetzt samt den zehn Trägern also voll von aller Furcht und Angst! [HGt.02_120,17] Wenn Ich aber also wäre, wie du Mich bis jetzt gekannt hast aus der schon stark verunglimpften Lehre Faraks in dieser Zeit in der Tiefe, möchte Ich dich da wohl auch aus aller Meiner Vaterliebe auf Meinen Händen tragen?! [HGt.02_120,18] Daher aber wisse nun auch in deinem Herzen, daß Ich nicht nur allein Jehova, der allmächtige Gott und Schöpfer aller Dinge bin, sondern im Verhältnisse zu euch vielmehr der allein wahre, heilige, liebevollste Vater, der da niemanden richten will ewig je zum Verderben, sondern als der allein wahre Vater nur jedermann aufrichten zum ewigen Leben! [HGt.02_120,19] Siehe, so Ich richten wollte, darum bedürfte Ich nicht, sichtbar mit Meinen Füßen zu berühren der Erde Boden, sondern dazu wäre ein allergeringster Gedanke von Mir ja hinreichend, um im Augenblicke zunichte zu machen alle Werke in der ganzen Unendlichkeit! [HGt.02_120,20] Da Ich aber sichtbar zu euch gekommen bin, so kam Ich ja nur, zu suchen das Verlorene und zu beleben das Tote! [HGt.02_120,21] Daher liebe du Mich jetzt nur noch mehr statt weniger, darum du Mich jetzt erkannt hast und weißt nun, daß da Ich allein der liebevollste Vater bin! [HGt.02_120,22] Darum also sei darob kein Unterschied zwischen uns, sondern in der Liebe wollen wir eins sein ewig! [HGt.02_120,23] Und also erstehet auch ihr von eurer alten Torheit, und folget Mir! Amen.“ [HGt.02_120,24] Darauf richteten sich die zehn alsbald wieder auf, nahmen ihre Körbe und folgten Ihm auf die Höhe und schämten sich ihrer großen Torheit und baten darob den Abedam um Vergebung ihrer so großen Torheit. [HGt.02_120,25] Die Pura aber schmiegte sich nun um so liebender an die heiligste Brust des nun erkannten überguten Vaters. 121. Kapitel — Die Speiseordnung und das Mahl. Des Herrn Rede über die Hindernisse und Beschränktheiten als Bedingungen alles Lebens[HGt.02_121,01] Als sie sogestaltet auf der Höhe anlangten, allda segnete der hohe Abedam die gefüllten Körbe. Sieben Körbe ließ Er sodann sogleich verteilen an alles Volk; drei aber behielt Er für die Höhe, und zwar den ersten für Sich und Seine nächsten schon bekannten Freunde, wie nun auch für die Pura, und zog auch den Seth zu Seinem Korbe, – den zweiten gab Er dem Adam und seinen Kindern und hieß auch die zwölf schon bekannten Boten teilnehmen am selben, und den dritten übergab Er allen den schon bekannten Kindern des Morgens. [HGt.02_121,02] Nachdem somit alles ordentlich verteilt war, dankten alle dem hohen Geber für solche herrliche Gaben, ließen sich zu den Körben nieder und aßen und tranken; und als da alles vollauf gesättigt ward und alle auch dem Herrn ihren Dank dargebracht hatten in ihren Herzen, da sagte der hohe Abedam zu allen den Anwesenden: [HGt.02_121,03] „Kinder, wer da von euch müde ist, der pflege der Ruhe; wer aber mit Mir wachen kann und will, der tue das! Wer etwas noch wissen will, der frage, ob männlich oder weiblich, es soll ihm Antwort werden!“ [HGt.02_121,04] Nach diesen Worten drängte sich alles um den Abedam her und nur eine Stimme war zu hören, und diese lautete: [HGt.02_121,05] „O Vater, wer könnte da wohl schlafen, solange Du wachst und Deinem heiligsten Munde entströmen Worte des ewigen Lebens?! Daher erlaube uns nur allen, wach zu verbleiben, und führe uns nicht in die Versuchung des Schlafes! Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_121,06] Und der Abedam erwiderte darauf: „Also wachet denn in Meinem Namen! Amen.“ [HGt.02_121,07] Die Pura aber, die nun noch fest beim Abedam saß und ruhte, fragte Ihn liebefurchtsam: „O Jehova, dürfte auch ich Dich um etwas fragen und bitten, daß Du mir und somit auch allen darüber möchtest allergnädigst einen Aufschluß geben, worüber ich Dich fragen möchte?“ [HGt.02_121,08] Und der Abedam sagte darauf zu ihr: „Siehe, du Meine auserwählte Pura, es besteht schon eine alte Regel, sogar in der Tiefe noch heutigentags gang und gäbe, die da spricht: ,Dem Könige und dem Fremden gebührt der Vorzug!‘ [HGt.02_121,09] Du bist nun auch noch eine Fremde allhier; so geziemt es auch dir, daß du zuerst fragst, darüber du die lichte Antwort haben möchtest, und so frage denn nur darauf los, und Ich will dir nun alles enthüllen mit kurzen Worten, worüber du Licht haben möchtest! Amen.“ [HGt.02_121,10] Und sogleich war die Pura mit folgender Frage fertig, welche also lautete: „Jehova, Du allmächtiger Schöpfer aller sichtbaren und unsichtbaren Dinge, Du weißt es ja, wie arg es sicher wider Deinen allerheiligsten Willen dort unten zugeht! [HGt.02_121,11] Du bist ja jetzt auch noch gerade also allmächtig, wie Du es damals warst, als Du hast Himmel und Erde werden lassen; wäre es denn Dir nicht möglich, die Tiefe augenblicklich zu bessern und vollkommen Deinen Wünschen gemäß umzugestalten?! Denn in der Tiefe weiß man von Dir ja soviel wie nichts und will anderseits auch nichts mehr wissen, wie es Dir ganz sicher gar wohl bekannt sein wird! – O Jehova, wäre solches denn nicht tunlich?“ [HGt.02_121,12] Und der Abedam sagte darauf zur Pura: „Höre du, Meine erwählte Pura, die Frage hast nicht du erfunden, sondern sie ist der ganzen sich selbst bewußten Unendlichkeit eigen! [HGt.02_121,13] Ich sage dir aber auch, nur dir und den anwesenden Kindern, Freunden und Brüdern will Ich darüber etwas näher Bestimmendes kundgeben, sonst aber wohl der ganzen Unendlichkeit nicht – und wenn sie Mich darum fragte eine Ewigkeit um die andere! [HGt.02_121,14] Und so höre denn du, und höret ihr alle: Hindernisse sind der Grund alles Seins und Fortbestehens! So ein Ding da ist, so ist es nur da durch seine ihm eigentümliche Beschränktheit, welche da ist für dasselbe ein offenbares Hindernis. [HGt.02_121,15] Siehe an die Sonne! Wäre sie nicht beschränkt durch Meinen Willen also, und wäre ihr dieser nicht zum bleibenden, ewigen Hindernisse, wahrlich, es stünde nicht eine Sonne am Himmel und also auch keine Erde im großen All! [HGt.02_121,16] Siehe an einen Stein, wie beschränkt er ist von allen Seiten, und wie viele Hindernisse er in sich faßt; ja, je beschränkter und je hindernisreicher er ist, desto beständiger, solider, gediegener und edler ist er auch! [HGt.02_121,17] Also wächst auch alles Gras, alle Kräuter und Bäume nach dem Gesetze der Beschränktheit und zufolge der vielfachen, inneren Hindernisse, welche da sind ein beständiges Kämpfen aller seiner Teile gegenseitig. [HGt.02_121,18] Also sind die Hindernisse und die Beschränktheiten das eigentliche Wesen der Dinge selbst, ohne welche sie alsogleich zu sein aufhören würden, und die ganze unendliche Schöpfung ist demnach aus lauter Hindernissen und Beschränktheiten zusammengesetzt. [HGt.02_121,19] Nur Ich allein bin – und muß es sein! – vollkommen frei und unbeschränkt, damit durch Mich alles sein gerechtes Hindernis und die volle Beschränktheit erhält zu seinem Dasein. [HGt.02_121,20] Wie es sich aber verhält mit den Dingen, also muß es sich auch verhalten mit allem dem, was da ist des Geistes. [HGt.02_121,21] Fände der lebendige Geist nichts, daran er sich stoßen möchte, so hätte er auch kein Bewußtsein und somit auch kein Leben. [HGt.02_121,22] Da Ich aber zulasse, daß da sind für den Geist selbst eine Menge Gegensätze überall und allzeit, gute und schlechte, – die schlechten für die guten und die guten für die schlechten, – so stoßen sich die Geister gegenseitig einander und erwecken sich gegenseitig zum Leben. [HGt.02_121,23] Die Guten werden dadurch stets lebendiger, und die Schlechten werden endlich durch die Guten auch geweckt und nehmen dann eine andere Richtung und gehen über ins wahre Leben und werden dann stets freier von einem Hindernisse, darum sie übergehen in das andere des wahren Lebens. [HGt.02_121,24] Siehe, du Meine erwählte Pura, also beginnt Meine Ordnung und hat nimmerdar ein Ende; daher kümmere dich nicht mehr der Tiefe, sondern glaube es Mir, daß Ich das alles schon von Ewigkeiten her vorgesehen habe, und daß alles, was da ist und geschieht, nach Meinem ewigen Rate geschieht! [HGt.02_121,25] Die Tiefe wird umgeändert werden, je nachdem die Höhe sich umändern wird; am Ende aber wird es dennoch geschehen, daß da sein wird ein Hirt und eine Herde! [HGt.02_121,26] In der Liebe aber ist alle diese Ordnung; daher sei ruhig, denn Ich weiß es am besten, was da ist, und warum es also geschieht! [HGt.02_121,27] Der Reine aber wird das alles in der Reinheit erschauen! Amen.“ 122. Kapitel — Die große, vorbildliche Liebe der Pura zum Herrn. Eine Verheißung des Herrn an die Pura[HGt.02_122,01] Als die Pura nun solche Worte vernommen hatte, hob sie ihre zarten Hände übers Haupt, faltete sie da durch die ineinandergeklammerten Finger und sagte endlich ganz entzückt: [HGt.02_122,02] „O Du ewige, unendliche Liebe und Weisheit, welch ein endlos tiefer Sinn liegt doch in jeglichem dieser Worte! [HGt.02_122,03] O Du heiliges Leben alles Lebens, Du endlos heiliger Urgrund alles Seins, wer kann fassen Deiner Weisheit Tiefe und wer erforschen den Rat Deiner Liebe?! [HGt.02_122,04] O mein Gott, mein Gott, – wie groß und erhaben bist Du doch! [HGt.02_122,05] Jehova! Du, der Sich vom schwachen Menschen sogar ,Vater‘ nennen läßt, ja – nicht nur nennen, sondern will, daß Er im Herzen eines jeden Menschen im vollsten kindlichen Liebeernste als solcher treulichst und wahrhaftigst bekannt werde, – wie soll ich, ein allerpurstes Nichts vor Dir, Dich denn nun loben und preisen, wie Dir danken für diese Deine übergroße Erbarmung und Gnade?! [HGt.02_122,06] Denn einen solchen Trost hast Du jetzt in mein Herz gleich einem übergroßen Lichtstrome gegossen, daß ich mir nun vor lauter überhimmlischer Entzückung nicht zu helfen weiß. [HGt.02_122,07] O ihr größeren Freunde dieses überheilig guten Vaters, helfet doch, helfet mir Schwachen tragen die übergroße Wonnebürde, und lobet mit einer Stimme Den, der dahier unter uns weilt, so heilig, so gut und so liebevollst gnädig und barmherzig! [HGt.02_122,08] O Du mein Jehova, welche Seligkeit ist es, bei Dir zu sein; welche lebendige Nahrung fürs schwache, liebehungrige Herz, so es gesättigt wird von Deiner unendlichen Vatermilde! [HGt.02_122,09] O lasse Dich lieben von mir, lasse mich sterben vor Liebe zu Dir! [HGt.02_122,10] O wie süß müßte der Tod sein, Dir zu sterben aus Liebe! [HGt.02_122,11] Jehova, Gott, Vater! Bis jetzt habe ich mein Herz zurückgehalten vor zu großer heiliger Scheu vor Dir; allein nun vermag ich's nicht mehr! [HGt.02_122,12] So laß Dich denn von mir umfassen und Dich also stark lieben, daß mich das Feuer meiner Liebe zu Dir auflösen und verzehren soll wie einen dürren Strohhalm! Denn siehe, nun ist alle Scheu von mir entwichen, – auch habe ich keine Angst und Furcht mehr vor Dir; denn ich will ja sterben aus Liebe zu Dir! O Du, mein unaussprechlich liebesüßester Jehova!“ [HGt.02_122,13] Hier warf sie ihre Hände mit großer Hast um den Abedam, preßte Ihn förmlich an ihr ganzes Wesen mit aller ihrer Kraft und machte mit einer Hand oft eine Bewegung an die Seite ihres Herzens, als wollte sie sich's aus dem Leibe reißen und dann hindrücken an die Brust des Allerhöchsten. [HGt.02_122,14] In solcher Liebe aber wurde auch bald ihr ganzes Wesen also lieblich leuchtend wie da der Sonne Licht, wenn es gesänftet ein allerherrlichstes Rosenblättchen durchleuchtet. [HGt.02_122,15] Da aber die Väter und alle anderen solches merkten, fingen sie an, sich auf ihre Brust zu schlagen, und der Henoch sagte seufzend: „O Du heiliger Vater! Wir sind Kinder der Höhe, – diese aber ein Säugling des Schlammes der Tiefe; doch welch ein Unterschied ist da zwischen ihr und uns! [HGt.02_122,16] Sie allein liebt Dich mehr denn die ganze Höhe zusammengenommen und versteht in ihrem Herzen Dich auch schon klarer denn wir alle, die wir doch von unserer Kindheit an geforscht und gehandelt haben in Deiner Liebe und Gnade! [HGt.02_122,17] O sehet, sehet, ihr Väter alle, welch eine überhimmlische Schönheit, welch eine Glorie strahlt aus diesem Kinde der Tiefe! [HGt.02_122,18] O Adam, o Seth, o ihr alle, Väter, Brüder und Kinder, wo ist das Auge, das da je geschaut hat etwas Schöneres, etwas Erhabeneres, etwas unnennbar Entzückenderes als da ist dies kaum zwanzig Sommer zählende Mägdlein aus der Tiefe in der Kraft ihrer für uns alle überunbegreiflichst mächtigen Liebe! [HGt.02_122,19] Welch eine überhimmlische Anmut und allererhabenste Schönheit strahlt aus allen ihren Formen, welche Milde, welche Sanftheit in allen ihren Gliedern! Wie endlos zart in allen ihren Teilen – und dennoch: welche Macht der Liebe in ihrer mehr denn ätherisch zartesten Brust! [HGt.02_122,20] Ja, ja wahrlich, die ist uns gesetzt zu einem großen Lehrer; denn jetzt erst ist uns allen ein Maßstab der Liebe gegeben, nach dem wir die hinfällige Schwäche unseres Herzens gar wohl bemessen können! [HGt.02_122,21] O Jehova Abedam, Du allein sei ewig, ewig, ewig hochgepriesen, gelobt und geliebt, darum Du uns allen aus der Tiefe ein Kind gesetzt hast zum heiligen Maßstabe Deiner Liebe! [HGt.02_122,22] O Vater, Du heiliger Vater, wie unendlich gut und voll Liebe und Erbarmung bist Du!“ [HGt.02_122,23] Hier verstummte auch der Henoch. Und der Abedam sagte darauf zu ihm: „Henoch, glaube es, daß es also ist und sein wird ewig: Ein Kind der Welt und der Sünde soll neunundneunzig von der Geburt aus Gerechte überwiegen, wenn es Mich also ergreifen wird wie dieses Mägdlein hier! [HGt.02_122,24] Du, Mein Kindlein, aber sollst fürder nimmerdar weichen von Meiner Brust; du allein wirst Mich allzeit durch dein ganzes Erdenleben schauen und haben wie jetzt! [HGt.02_122,25] Du sollst keines Mannes Weib werden eher, als bis in der Zeit der Zeiten, da du erfüllt wirst mit aller Fülle der Macht der Liebe Meines unendlichen Geistes! Amen.“ 123. Kapitel — Das Wunder der Menschwerdung des unendlichen Gottes. Maria als Pura dem Geiste nach[HGt.02_123,01] Nach diesen Worten aber wandte Sich der hohe Abedam zum Seth und sagte zu ihm: „Bruder der Liebe, du weißt es, wie lieb und teuer du Mir bist; darum sollst du auch durchaus kein Bedenken tragen, dich mit der Frage an Mich zu richten, welche du birgst in deinem Herzen! [HGt.02_123,02] Denn wenn Ich der Welt Kinder aufnehme zu Meinen Kindern und ihnen tue, das sie von Mir sich entbitten, um wieviel mehr werde Ich solches dir dann erst tun, da du ein wahrer Bruder Meiner Liebe bist; daher laß nur laut werden, was da dein Herz nicht ruhen läßt!“ [HGt.02_123,03] Auf diese gnädigste Beheißung rückte der Seth alsbald näher und sagte: „O Du überguter, überheiliger Vater, aus allen meinen Kräften danke ich Dir, darum Du nun Luft gemacht hast meinem Herzen; denn wahrlich, ich war in einem großen Herumirren und wußte nicht, wie ich aus diesem Dickicht hätte den Ausweg finden sollen! [HGt.02_123,04] Allein jetzt ist schon alles gelichtet, und ein allerherrlichster Ausweg strahlest Du vor mir! [HGt.02_123,05] Und so denn öffne ich freudig mein Herz und gebe kund durch den Mund in dieser Stunde, was ich nahe seit Deiner ersten Besprechung mit der herrlichsten Pura in mir mich drückend habe herumzutragen angefangen! [HGt.02_123,06] Das aber ist die dunkle Bürde meines Herzens: Du hast diesem Kinde eine Verheißung gemacht, der zufolge ich mir nichts anderes denken kann, trotz der allermöglichsten Hin- und Herwendung, als: [HGt.02_123,07] Daß Du Dich dereinst, Deiner unendlichen Heiligkeit gewisserart Dich entziehend, durch die Allmacht Deiner Liebe in dem Leibe eben dieses Mägdleins Selbst zu einem Kinde – und somit zu einem Menschen, angetan mit Fleisch und Blut, zeugen willst! [HGt.02_123,08] Darum aber trübt mich das, da ich auf der einen Seite Deinen heiligsten Worten keinen anderen Sinn abgewinnen kann, – auf der andern Seite aber erschaudere ich wieder vor dem Gedanken, da ich keine größere Unmöglichkeit mir zu denken vermag, denn gerade diese da ist! [HGt.02_123,09] Denn es ist – natürlich zu denken – ja doch eine barste Torheit, so man sich's als möglich dächte, eine Zeder zu stecken in einen Strohhalm, oder einen Berg zu schieben in das Ei einer Grasmücke, oder gar das ganze Meer zu fassen in eine hohle Haselnußschale, und dergleichen mehr! [HGt.02_123,10] Deinen Worten zufolge aber soll dereinst Dich, den unendlichen Gott, dies Mägdlein in sich aufnehmen, damit Du Dich in ihr dann umkleiden möchtest mit Fleisch und Blut! [HGt.02_123,11] Du, der Du trägst und leitest die ganze Unendlichkeit durch Deinen unendlichsten Geist, solltest mit diesem Geiste Platz haben im Leibe eines solchen Kindes?! [HGt.02_123,12] Nein, nein, – wahrlich, es ist nur eine Faselei; ich will eher begreifen, so mir jemand sagen möchte: ,Ein Atom kann in sich die ganze Erde fassen!‘, denn das, daß Dich der Leib eines solchen Mägdleins umfassen solle in aller Fülle Deines unendlichen Geistes! [HGt.02_123,13] Wie demnach solches zu nehmen ist, bitte ich Dich inbrünstigst, daß Du mir es wie allen kundgeben möchtest; Dein heiliger Wille allzeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_123,14] Da ergriff der hohe Abedam alsbald die Hand des Seth und gab ihm diese Antwort: [HGt.02_123,15] „Seth, wie großkleinlich denkst du doch von Mir! Siehe, wenn es also wäre, wie du dir denkst, wie wäre es da Meinem unendlichen Geiste je möglich gewesen, etwas Endliches zu erschaffen – und dennoch in dem Endlichen zu verbergen die ganze Unendlichkeit?! [HGt.02_123,16] Erinnere dich der Gesichte der zwölf Boten, und bedenke, was diese alles in sich gefunden und geschaut haben! [HGt.02_123,17] Bedenke, wie in einem kleinsten Samenkorne einer Zeder nicht nur der Baum, den du vor dir ausgebreitet siehst, sondern eine unendliche Zahl solcher Bäume verborgen liegt, – in einer Haselnuß so viele Haselnüsse, daß, so sie nicht wieder aufgelöst würden, sie in zweitausend Jahren schon einen größeren Raum erfordern würden denn die ganze Erde selbst! [HGt.02_123,18] Siehe, wenn Mir aber solches möglich ist und noch zahllos anderes mehr, das dir noch ums unaussprechliche unbegreiflicher wäre denn das, so du es wüßtest, da wird Mir wohl auch möglich, was dir nun gar so unmöglich vorkommt! [HGt.02_123,19] Solches aber sollst du, wie alle, wissen, daß da unter der Verheißung nicht verstanden werden soll, als solle dereinst eben dieses Mädchen wieder zur Erde kommen aus den Himmeln, um Mich da zu empfangen im Fleische und Blute, sondern dazu wird sich schon gar wohl eine andere Jungfrau vorfinden; aber diese wird dann haben denselben gleichen Geist der Liebe und des Glaubens, wie ihn da hat dies Mägdlein nun! [HGt.02_123,20] Und so wird dies Mägdlein nicht nötig haben, wieder in die Welt zu gehen, sondern eine andere Jungfrau wird darum mit einem ganz gleichen Geiste belebt werden. [HGt.02_123,21] Solches sollst du und alle also verstehen! [HGt.02_123,22] Denn siehe, bei Mir sind gar viele Dinge möglich, die bei euch Menschen sogar unmöglich zu denken sind! [HGt.02_123,23] Daher glaube fest Meinen Worten; denn wie Ich es dir sage, also auch wird es geschehen unausweichlich! Amen.“ 124. Kapitel — Das Lob des Herzens und das Lob des Mundes. Das Rätsel der steten Vernichtung im Reiche der Natur. Der ewigen Liebe trostreiche Lösung[HGt.02_124,01] Da der Seth solches vernommen hatte, ward er froh über die Maßen und dankte, lobte und pries den hohen Abedam aus allen seinen Kräften. [HGt.02_124,02] Der Abedam aber sagte zu ihm: „Seth, du lieber Bruder der Liebe Meines Herzens, Ich sehe nur auf dein Herz, – und das genügt Mir völlig; des kannst du versichert und überfroh sein! [HGt.02_124,03] Doch was dein nun auch lautes Wortlob betrifft, so magst du mit ihm wohl daheim verbleiben; denn du kannst es Mir glauben, so Ich es dir sage: Mir ist das Lob des Herzens verständiger als das des Mundes. [HGt.02_124,04] Wenn aber das Herz betet, da soll sich der Mund nicht darein mischen, damit durch ihn nicht getrübt wird, was einer reinen Quelle gleich kommt aus dem Herzen! [HGt.02_124,05] Das Lob des Mundes ertönt vor der Welt; aber das Lob des Herzens dringt zu den Ohren Meines Herzens. [HGt.02_124,06] Daher kannst du für jetzt deinem Munde die leere Arbeit füglich ersparen; denn Ich höre ja jeden Laut deines Herzens. [HGt.02_124,07] Wer den Mund braucht, der brauche ihn immerhin vor der Welt und vor seinen Brüdern; vor Mir aber brauche niemand etwas anderes denn nur einzig und allein das Herz! Amen.“ [HGt.02_124,08] Nach dem aber wandte Er Sich zum Henoch und sagte zu ihm, ihn gleichsam fragend: „Henoch! Weißt du schon alles, und findest du in dir denn nichts mehr, darüber du einen Aufschluß von Mir benötigtest? [HGt.02_124,09] Ich sehe aber dein Herz etwas für dich noch Unverdauliches wiederkäuen; was ist es denn – warum getraust du es Mir nicht der Brüder wegen kundzugeben durch den Mund? [HGt.02_124,10] Ich sage dir aber: Behalte nichts in dir zurück, sondern gib heraus, gib zurück, was da noch nicht reif ist zur Speise für deinen Geist, und Ich will es am großen Feuerherde Meiner Vaterliebe vollends reif kochen zur überaus stärkenden Nahrung für deinen wie für jeden andern hungernden Geist. Amen.“ [HGt.02_124,11] Hier rückte auch der Henoch näher und sagte ganz gerührt: „O Du überguter, überheiliger, liebevollster Vater! Wahr ist es, mein Geist sucht in sich Licht über die von Dir ausgesprochenen Hindernisse, betrachtend das beständig wiederkäuende Ungeheuer der Natur; aber ich kann da nirgends ins klare kommen. [HGt.02_124,12] Denn obschon ich nun ganz deutlich erschaue, daß da alles sein Dasein lediglich nur durch lauter Hindernisse und Beschränktheiten durch sie fristet, so sehe ich aber dennoch nicht ein, warum da des Daseins willen sich nahezu alles tödlich begegnen muß. [HGt.02_124,13] Warum das beständige sich Reiben, Zerstören und Zugrunderichten? [HGt.02_124,14] Wird dadurch auch etwas anderes hervorgebracht, so muß es dennoch wieder zerstört werden für die Nachfolge seinesgleichen. [HGt.02_124,15] Siehe, da ist die Lücke in meinem Herzen, und diese ist noch völlig ohne Licht! [HGt.02_124,16] O Vater, erleuchte sie mit Deiner Gnade, Liebe und Erbarmung; Dein heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_124,17] Und der hohe Abedam öffnete den Mund und sagte zum Henoch: „Ja, du sagst es, also ist es, da alles vorübergeht, da alles mit der Sturmwindschnelle vorüberweht, nur selten etwas die Vollkraft seines Daseins ausdauert, sondern allzumeist, in den verderblichen Strom fortgerissen, da untertaucht, an den Felsen zerschmettert und endlich vom großen Strudel in den bodenlosen Abgrund der Vernichtung verschlungen wird! [HGt.02_124,18] Du sagst ferner in dir: ,Da ist kein Augenblick, der dich selbst nicht beständig verzehrte und all das Deinige um dich herum, – kein Augenblick, in dem du selbst ein Zerstörer wärest, ja es offenbar sein müßtest! [HGt.02_124,19] Der harmloseste, unschuldigste, frohwandelnde Fußtritt kostet vielleicht schon mehr denn tausend armen Würmchen das Leben! [HGt.02_124,20] Wie oft schon hat meine Ferse eine mühsam errichtete Wohnung der Ameisen zerrüttet und stampfte somit eine kleine Welt in ein schmähliches Grab! [HGt.02_124,21] Wie oft schon sind die schönsten Früchte, die da prangten wie ein Lichtbogen am Himmel, im Lichte der Sonne hängend am majestätischen Baume, von meinen Zähnen zermalmt worden! Wie viele der herrlichsten Blümchen sind schon von meinen Füßen zertreten worden, – sie kommen wieder! Auch andere Ameisen bauen sich ein anderes mühsames Haus, – doch dieselben nimmer, nimmer, denen mein Tritt ein ewiges Grab bereitet hatte! Wohin, wohin sind denn diese?! [HGt.02_124,22] Ein sanfter Wind zieht durch die Blätter des Baumes. Sie regen sich, als wären sie munter und fröhlich; aber mitten unter dieser Freude entfallen hunderte den Zweigen! [HGt.02_124,23] Wohin, wohin?, frage ich. Keine Antwort wird mir mehr von den Entfallenen; denn schon hat sie ein Strudel der Vernichtung verschlungen!‘ [HGt.02_124,24] Weiter sagst du dann: ,Nicht doch diese große Not der Dinge, nicht die Felsen untergrabenden Fluten, nicht die großen Erdbeben, durch welche Berge zu Staub zerrüttelt werden, rühren mich, sondern mein eigenes Herz untergräbt mich mit einer alles verzehrenden Macht, die da überall verborgen ist im All der Dinge und nichts ins Dasein ruft, das da nicht wieder zerstören möchte seine Nachbarschaft oder sich selbst!‘ [HGt.02_124,25] Und bei solchen Gedanken taumelst du dann beängstet, und Himmel und Erde um dich her, und rufst dann aus dieser deiner Angst heraus: [HGt.02_124,26] ,Ich mag schauen, wie ich will, nirgends erblicke ich nun etwas anderes als ein sich und alles Verschlingendes, und dann ein und dasselbe ewig wiederkäuendes Ungeheuer in der Natur der Dinge!‘ [HGt.02_124,27] Es ist wahr, Ich kann dir darum nicht sagen: ,Henoch, du tust Mir unrecht mit deinen Gedanken!‘, denn es ist also fürs Auge und also für den Verstand; aber siehe, fürs Herz ist es anders! [HGt.02_124,28] Was sind die Dinge? – Sie sind Ruhepunkte Meiner großen Gedanken! Mein eigener lebendiger Wille ist es, der ihnen hinderlich in den Weg tritt; durch dieses Hindernis treten sie erst ins erscheinliche Dasein. [HGt.02_124,29] So aber dann Meine Liebe sich paart mit Meinem Willen, so heißt es: ,O setze nicht Schranken dem großen Fluge Deiner freiesten Gedanken, sondern lasse sie wieder frei schweben in den großen Kreisen Deines ewigen Lebens im vollkommenen Bewußtsein ihrer lebendigsten Kraft aus Dir!‘ [HGt.02_124,30] Siehe, dann lasse Ich Meinen Gedanken wieder die Freischwebe, nachdem Ich das Hindernis Meines Willens lindere, und du siehst dann die Dinge vergehen, aber nicht treten aus dem Dasein, sondern nur zurückkehren ins Grundsein, ins wahre Sein, ins freie, unzerstörbare Sein. [HGt.02_124,31] Ich lasse dann aus vielen kleinen Gedanken wieder einen großen werden, einen lebendigen, einen freien, der dann Mir Selbst gleichen muß, darum er wieder wird, wie er war ursprünglichst in und aus Mir. [HGt.02_124,32] Daher kümmere dich fürder nicht der äußeren Vergänglichkeit, sondern denke: Alles, was da tritt aus dem Dasein, kehrt allzeit in ein vollkommeneres Dasein wieder zurück, hinauf bis zum Menschen und von da wieder zu Mir Selbst zurück. [HGt.02_124,33] Und so wird ewig nichts verlorengehen, auch deine leisesten Gedanken nicht! [HGt.02_124,34] Solches also begreifet alle wohl, und seid in Mir allzeit heiteren Mutes! Amen.“ 125. Kapitel — Henochs Dank- und Preisrede. Die Freude am Leben als bester Ausdruck des Dankes gegen den Schöpfer[HGt.02_125,01] Nach diesen Worten Abedams richtete sich der Henoch alsbald auf und rief mit lauter Stimme: „Höret, höret, ihr Toten alle, alle, die ihr noch irgend stecket in den Klüften, Abgründen und Tiefen der Erde, – ja, der ganzen Schöpfung Tote, kommet hierher! [HGt.02_125,02] Und ihr alle, in deren Adern nur mehr ein schwaches, laues Leben kreist, – ihr auch, die ihr da seid schwer beladen und sehr mühselig geworden unter so manchem Drucke eures matten Lebens schwerer Bürde, – hierher, hierher mit euch allen! Hier werdet ihr des allerhöchsten Lebens in der allerunendlichsten Überfülle antreffen! [HGt.02_125,03] O Worte, Worte! Was sind, was waren das für Worte?! [HGt.02_125,04] O Abedam, Du überheiliger Gott und Vater! Jetzt hast Du auch dem Mittelpunkte der Erde und den Bergen, dem Meere und allem, was da nur irgend leblos dastand, ein nimmer erlöschbares Leben gegeben! [HGt.02_125,05] Was kann, was sollte da noch im Tode verweilen können, wo das urewigste, heiligste Leben alles Lebens solche Worte eben dieses Lebens ausspricht?! [HGt.02_125,06] Vater, Du überheiliger Vater, Dir allein sei ewig aller Dank, alle Ehre, alle Anbetung, alles Lob, alle Liebe, aller Preis, aller Ruhm und von der ganzen Unendlichkeit ein allerpünktlichster Gehorsam in aller Treue der Liebe; denn Du ganz allein bist ja nur ewig würdig, solches alles von uns zu empfangen, wie von der ganzen Unendlichkeit! [HGt.02_125,07] O wie doch gar so lebendig helle ist's nun geworden in allen Teilen meines Herzens und wie ätherisch leicht und wohl in allen meinen Eingeweiden! [HGt.02_125,08] O du Leben des Lebens, wie süß bist du; welche Seligkeit ist es, dich zu empfinden in der Fülle aller Deiner Macht und Kraft! [HGt.02_125,09] O Brüder, o Väter, o Kinder! Die Wonne des Lebens ist groß, so der Heilige in uns lebt ein freies Leben; wer aber da möchte leben ein eigenes Leben, das da finster ist in allen Fasern und Fibern, dem ist es eine große, unerträgliche Bürde. [HGt.02_125,10] Daher lebe ein jeder ein vollkommen liebegerechtes Leben, damit er schmecke die endlose Fülle des wahren Lebens aus Gott. [HGt.02_125,11] Denn Größeres gibt es nicht als das Leben – und nichts, das da wunderbarer wäre und göttlich erhabener denn allein das Leben. [HGt.02_125,12] Daher freuen wir uns alle allerdankbarst des Lebens, wir, die wir nicht waren und jetzt doch da sind im Angesichte Dessen, der ewig war, jetzt da ist und ewig sein wird, und uns hat werden lassen, und hat uns nun gegeben das wahre Leben, ja das Leben, welches Er Selbst gelebt hat von Ewigkeit zu Ewigkeit in und aus Sich in Seiner göttlichen Heiligkeit und endlosen Fülle und Vollkommenheit! [HGt.02_125,13] Darum freuet euch dieses Lebens, das Er uns allen nun gegeben hat! [HGt.02_125,14] Wozu wäre die Sonne, wenn es außer Ihm kein Leben mehr gäbe, das sie zu schauen, zu empfinden und die herrlichen Ausflüsse ihrer Strahlen zu genießen vermöchte?! [HGt.02_125,15] Wozu wäre die Erde mit allem dem, was da ist auf ihr und in ihr; zu was der ganze Himmel mit seinen lichten Sternenwelten; ja zu was die Unendlichkeit selbst, so es außer Ihm kein Leben mehr gäbe, das da erkennen möchte Den, der es frei dargestellt hat aus Sich, und genießen alles, was Er erschaffen für dasselbe?! [HGt.02_125,16] Daher freue dich, du ganze Unendlichkeit des Lebens, wie ich mich nun freue desselben; denn von Ihm, von Ihm haben wir es ja alle empfangen, nicht als eine Bürde, sondern als eine wunderbarste Seligkeit aller Seligkeit! Denn was wären alle Seligkeiten ohne diese; wer möchte sich sättigen an ihnen ohne diese?! [HGt.02_125,17] Diese allerhöchste aber hat Er uns gegeben; daher sei unsere große Freude am Leben Ihm, dem Geber, als ein allergültigster Dank dargebracht jetzt, wie allzeit und ewig! Amen.“ 126. Kapitel — Abedams Weckruf an den gleichgültigen Enos. Vom Zweck des menschlichen Daseins[HGt.02_126,01] Nach dieser Dank- und Preisrede Henochs aber berief der hohe Abedam den Enos zu Sich und sagte zu ihm: „Enos, so du Meines lieben Henoch Preisworte vernommen hast, die da vollkommen gut und wahr sind von der ersten Silbe bis zur letzten, sage Mir: haben diese in dir denn kein höheres Lebensbedürfnis geweckt denn nur das, daß du schweigst in einem fort wie ein Gebirgsscheitelstein im ruhigen Lichte des Mondes?! [HGt.02_126,02] Siehe, da gibt es beinahe keinen, der da in seines Lebens Sphäre also unbekümmerlich fortlebte gleich dir und fände in dieser Meiner sichtbaren Gegenwart nichts, darüber ihm ein höheres Licht nötig wäre! [HGt.02_126,03] Ich sage dir aber nun: Siehe, jetzt gründe Ich Mir eine Wohnung auf der Erde; aus Steinen und Mörtel soll sie errichtet sein auf der Höhe für alle Zeiten der Zeiten. [HGt.02_126,04] Wer da jetzt empfängt ein Amt, dem wird es bleiben fürder hier und dort; wer aber nun so ganz unbekümmert daneben einhergeht, wo das Leben weht, vor dem auch wird das Leben vorüberwehen, und dann wird's matt um seine Lebensgeister stehen! [HGt.02_126,05] Darum erhebe dich jetzt und frage / Aus dieser deiner lauen Lage, / Damit auch dir die Antwort werde, / Die not dir tut auf dieser Erde! / Doch nimm dies Wort nicht also auf, / Als zwäng' es dich zum Lebenslauf; / In deinem Herzen mußt du's finden / Und Mir es alsdann frei verkünden! / Willst aber lieber stumm du bleiben, / Dir mit dem Schlaf die Zeit vertreiben, / So tue, wie's dir mag behagen / Und brauchst um nichts Mich dann befragen!“ [HGt.02_126,06] Auf diese etwas sonderbare Aufforderung fing der Enos an, gewaltig zu stutzen, und wußte nicht, was er sobald darauf sagen sollte. [HGt.02_126,07] Er trat zwar wohl alsbald dem Abedam näher, aber je mehr er sich abmühte, desto mehr auch wurde er in sich verwirrter und konnte darum keinen Gegenstand finden, darüber er eine würdige Frage hätte aufstellen können. [HGt.02_126,08] Da er aber eine Weile also stumm dastand und nichts über seine Lippen zu bringen vermochte, da erhob Sich alsbald der hohe Abedam wieder, ging zum Enos hin und fragte ihn: [HGt.02_126,09] „Enos, siehst denn du wirklich den Wald vor lauter Bäumen nicht?! Soll Ich dir denn eine Frage in das Herz und endlich sogar in den Mund schieben?! [HGt.02_126,10] Höre, Ich will es tun – und sage dir: Frage Mich, warum du nun da bist, – und Ich will dir gehörig antworten! Amen.“ [HGt.02_126,11] Hier erst faßte sich der Enos und fragte, im vollen Ernste dann sagend: „O Du Allerhöchster, welch eine bessere Frage hätte ich armseliger Mensch auch je finden sollen und können, als gerade diese da ist, welche Du mir soeben kundgabst: und so frage ich Dich denn auch Deinem Willen gemäß, nämlich: Warum bin ich denn da? [HGt.02_126,12] O Du Allerhöchster, Du heiliger Vater, wenn es Dein allerheiligster Wille wäre, könntest Du mir solches ja wohl kundgeben!“ [HGt.02_126,13] Und der Abedam sagte darauf zu ihm: „Ja, wahrlich wahr, eine wichtigere Frage hättest du nimmerdar ausfindig machen können! Denn also, wie du jetzt gefragt hast, werden einst Millionen blindester Menschen fragen; aber da wird's mit der Antwort eine große Not haben, die da die deinige bei der Auffindung einer passenden Frage ums Himmelhohe übertreffen wird! [HGt.02_126,14] Denn sie alle werden fragen kreuz und quer: ,Warum sind wir denn da? Was soll aus uns werden? Wohin sollen wir gehen, was machen, warum? Wer und was sind wir denn?‘ und dergleichen mehr. [HGt.02_126,15] Aber es wird ihnen sodann keine Antwort werden wie dir jetzt! Die Antwort aber, die du jetzt empfängst von Mir, wird alsbald auf eine gar lange Zeit verlorengehen. [HGt.02_126,16] Erst zum Ende der argen Herrschaft der Welt will Ich sie wieder kundgeben der Armut und Dürftigkeit, der Einfalt und der Unmündigkeit der harmlosen Kinder! [HGt.02_126,17] Also aber lautet ganz kurz die Antwort: Der Mensch ist da des Lebens wegen, nicht aber etwa das Leben seinetwegen. [HGt.02_126,18] Also ist der Mensch auch von Mir erschaffen worden, auf daß er aufnehme das Leben, – aber nicht, auf daß ihn das Leben aufnehmen solle! [HGt.02_126,19] Er ist nicht erschaffen worden in der Fülle des Lebens, sondern fähig nur, um diese nach und nach in sich aufzunehmen. [HGt.02_126,20] Darum kann auch kein Mensch eher vollkommen wissen, was das Leben ist, als bis er dasselbe erst ganz vollkommen in sich aufgenommen hat. [HGt.02_126,21] Niemand kann daher dem andern das Leben durch alle Redekünste erweisen; wer aber das Leben hat, bei dem erweist es sich von selbst in aller Fülle, darum er dann ewig keines anderen Beweises bedarf, dieweil er in sich trägt die Fülle des Lebens selbst, welche da ist fürs Leben der allein faßliche und gültige Beweis. [HGt.02_126,22] So aber da jemand das Leben nicht hat, womit soll er dann fassen das Leben?! [HGt.02_126,23] Also kann das Leben nur das Leben fassen, nicht aber auch der Tote! Dieser kann wohl durch seine notbelebte Seele nach und nach ins Leben übergehen, so er will mit seiner Seele; fassen aber wird er das Leben doch nicht eher, als bis er es in der Fülle aufgenommen hat in sich. [HGt.02_126,24] Siehe nun, darum auch bist du da! Nimm in dir auf das Leben, dessentwegen du da bist, so wirst du das Leben begreifen, wie es nun begreift der Henoch und ist darum erfüllt sein ganzes Wesen mit großer Freudigkeit! [HGt.02_126,25] Gehe aber nun hin, öffne dein Herz, damit du des Lebens gewärtig wirst; dann aber komme wieder, um zu erfassen die Fülle des Lebens aus Mir! Amen.“ 127. Kapitel — Der träge Enos preist als Lebensverneiner das Nichtsein[HGt.02_127,01] Diese Worte drangen dem Enos und auch so manchem anderen wie glühende Pfeile ins Herz, und er und ein jeder fing an, darüber in sich ganz ernstliche Betrachtungen zu machen. [HGt.02_127,02] Er ging zwar auf seinen früheren Platz zurück, aber in seinem Herzen fing sich's an ganz gewaltigst zu regen. Tausend Gedanken und Ideen tauchten gleich Feuermeteoren aus der Tiefe seiner Seele auf und durchzuckten gleich Blitzen dieselbe kreuz und quer und brachten in ihm gerade die Wirkung hervor, als wenn sie auf Augenblicke zur Nachtzeit die Gegenden der Erde erleuchten, die da auch durch die kurze Dauer des Blitzlichtes recht deutlich zu sehen sind, – wenn aber der Blitz erloschen ist, so wird aber dann auch sogleich die Nacht zehnfach ärger denn vor dem Blitze. [HGt.02_127,03] Aber trotz solcher Lichtmeteore wollte sich in ihm doch kein bleibend Licht gestalten, darum dann unser Enos auch auf lauter Widersprüche kam, weil solch kurzes Leuchten bald da und bald wieder dort, also stets eine andere Gegend des Herzens erleuchtete und er dadurch auch stets anderer Ideen in sich selbst ansichtig wurde. [HGt.02_127,04] Als er aber bei einer guten Stunde lang samt vielen anderen so recht wacker von all den tausend Gedanken und Ideen durchgehetzt wurde, da rief er endlich bei sich aus: [HGt.02_127,05] „O Ruhe, du herrliche Ruhe, wie glücklich war ich stets in deinen Armen! Wie glücklich muß ich gewesen sein, da ich nicht war, und um wie vieles glücklicher noch würde ich nun erst werden, wenn es möglich wäre, wieder ins vollkommene Nichtsein überzugehen! [HGt.02_127,06] Ist der Mensch denn nicht schon glücklicher innerhalb der Wände seines Hauses, wenn es draußen so recht stürmt, tobt, saust und braust, als wenn er sich draußen befindet mitten unter den Stürmen und Kämpfen der Elemente, – und noch glücklicher dann, so er fest schläft, während draußen die Elemente die Erde zu vernichten drohen?! [HGt.02_127,07] Welch ein endloser Unterschied ist da nicht zwischen mir und einem Steine?! [HGt.02_127,08] Ich muß denken oder wenigstens träumen; mir ist die Empfindung unvertilgbar zu eigen und ihr zufolge Hunger, Durst, Hitze, Kälte, Nacht, Tag, Schmerz und Leid; trete ich nur ein wenig aus der vorgezeichneten Ordnung, so werde ich alsbald zurechtgewiesen, und das allzeit mit mehr oder weniger klingenden Drohworten, durch welche dann allzeit wieder Reue meinem Herzen erpreßt wird. [HGt.02_127,09] Irre ich öfter, so werde ich allzeit dafür gezüchtigt, und das darum, weil ich das unglückselige Leben und mit ihm die Empfindung haben muß; o ihr elenden Vorzüge des Lebens vor dem Tode! [HGt.02_127,10] Du glücklicher Stein, du bist da fest und stark, bist ohne Leben und Empfindung und bestehst doch gar wohl ohne Speise und Trank! [HGt.02_127,11] Dich zerhetzen keine Gedanken und Ideen; du kennst kein Gesetz denn allein stumm das der allerglückseligsten ungestörten Ruhe; dir ist ewig fremd Hunger, Durst, Hitze und Kälte; dein aller Empfindung loses Sein verspürt keine Schläge und keinen Schmerz; [HGt.02_127,12] Leid und Trauer kennst du nicht; du alterst nicht; die Liebe zerreißt dir kein Herz, da du, Glücklicher, keines hast! [HGt.02_127,13] O du überaus beneidenswertester Stein, könnte ich sein dir gleich, wahrlich – und hätte ich tausend der vollkommensten Leben in mir –, so gäbe ich sie alle um ein Atom deines allerglücklichsten Wesens, vorausgesetzt, daß du wirklich also leblos und unempfindlich bist, wie du es zu sein scheinst! [HGt.02_127,14] O großer, erhabener Schöpfer aller Dinge, jetzt hätte ich eine ganz andere Frage; die Beantwortung dieser Frage dürfte Dich sicher mehr kosten denn die frühere! [HGt.02_127,15] Die Fülle des Lebens willst Du mir geben, um mich glücklich zu machen?! – O des unglücklichsten Glückes! [HGt.02_127,16] Gib mir lieber ein vollkommenes Nichtsein, so wirst Du mich wahrhaft glücklich machen! [HGt.02_127,17] Wie blind muß der sein und ein wie großer Tor, der da mag das stets gehetzte Leben glücklich preisen, welches, je vollkommener es ist, auch stets gehetzter und somit unglücklicher sein muß! [HGt.02_127,18] Ich werde Dich, Du Leben alles Lebens, daher nicht ums Leben, sondern nur stets um den allervollkommensten Tod bitten! [HGt.02_127,19] Denn da ich nicht war, war ich glücklich; und wenn ich wieder nicht mehr sein werde, werde ich auch wieder glücklich sein! [HGt.02_127,20] O Herr, behalte, behalte Deine Lebensfülle, dies größte Unglück für jedes Wesen; mir aber gib die Fülle des Todes, des Nichtseins Fülle gib mir, so wirst Du mich wahrhaft glücklich, ja ewig glücklich machen! [HGt.02_127,21] Zu einem Steine mache mich ohne Leben und Empfindung, so werde ich durch mein stummes Sein Dich loben und preisen dafür ewig! Amen.“ 128. Kapitel — Abedam, des andern, Verwunderung über den lebenverneinenden Enos. Des Herrn beruhigende Worte an Abedam, den andern[HGt.02_128,01] Es hatten aber mehrere vernommen die unsinnige Lamentation des Enos und wußten nicht, was sie daraus machen sollten. [HGt.02_128,02] Selbst der Adam fing an, sich überaus hoch zu verwundern über solchen Sinn in seinem Enkel. [HGt.02_128,03] Abedam, der andere, der sich noch stets in des Herrn Nähe aufhielt, aber trat nun schnell wie erschreckt zu Ihm und fragte: [HGt.02_128,04] „O Du überheiliger und überliebevollster Vater! Was ist denn das für eine Erscheinung? – Nein – fürwahr, – alle Gedanken hätte ich wenigstens – in einem Menschen eher gesucht denn diesen: [HGt.02_128,05] Ein Mensch könnte das Leben in sich und in allen Brüdern in Deinem Angesichte verdammen und sich dafür von Dir den vollkommen ewigen Tod erbitten! [HGt.02_128,06] Nein, das wäre sogar für einen Traum zuviel, – und der mag es offenbar aussprechen?! [HGt.02_128,07] Anstatt Dir endlos ewig dankbar zu sein für das Leben, für dieses unendliche Wundergut Deiner Gnade und Erbarmung, verachtet er es auf eine Art, die bis jetzt nichts Ähnliches aufzuweisen hat! [HGt.02_128,08] Er ist nicht blind; denn wäre er das, wie hätte er in diesem Zustande die Lebenshetzereien so erschaulich klar darstellen können?! [HGt.02_128,09] Er ist auch kein Tor; denn ein Tor wird wohl nie vermögend sein, die Vorteile des Nichtseins also erschaulich nachteilig allem Leben entgegenzustellen! [HGt.02_128,10] Er ist auch durchaus nicht böse; denn er flucht niemandem, auch seinem größten Feinde, nämlich dem Leben, nicht, – sondern nur los möchte er davon sein, wenn es möglich wäre! [HGt.02_128,11] Ist sein Herz etwa über etwas ärgerlich gemacht worden? [HGt.02_128,12] Auch das scheint eben nicht der Fall zu sein; denn er wünscht allen ja das nur, was er für sich als das Beste und Glücklichste erkennt, und nennt nur den blind und töricht, der sich das Leben wünscht, in dem er für sich das größte Unglück erschaut! [HGt.02_128,13] Das begreife nun, wer es will; ich aber würde eher begreifen, so mir jemand sagen würde: ,Die ganze Erde besteht aus lauter Schnecken und die Sonne aus Leuchtwürmern und faulem Holze!‘, als das, was ehedem der Enos von sich gegeben hat! [HGt.02_128,14] Wahrlich wahr, Herr und Vater überheilig! Wenn ich so an Deiner Stelle wäre – vergib mir meine mir altanklebende Dummheit! –, mit solch einem Menschen wüßte ich ganz rein nichts anzufangen! Denn möchte ich ihn belassen in seinem Verlangen und ihm geben nach seinem Wunsche, sodann ist mir ja meine ganze Liebe, Gnade und Erbarmung rein zu nichts; denn für den, der nicht ist, ist ja doch auch alle Liebe, Gnade und Erbarmung soviel als nichts! [HGt.02_128,15] Erhalte ich ihn aber, so kann das ja doch unmöglich anders als allein auf dem Wege des Gerichtes geschehen; was ist aber dann ein gerichteter Geist, – was sein Leben! [HGt.02_128,16] Eine notbelebte substantielle Maschine ohne alle Freiheit, mit sich selbst im beständigen Widerspruche, – ein Sein ohne Sein, ein Leben ohne Leben! [HGt.02_128,17] Wahrlich, wenn hier ein guter Rat nicht teuer wird, so wird er es in alle Ewigkeit nimmer! [HGt.02_128,18] Wie ist es aber auch nur möglich, daß der Mensch eines solchen Gedankens fähig wird?! [HGt.02_128,19] Nein, das Leben fürs größte Unglück, den vollkommenen Tod aber fürs größte Glück ansehen, das ist zuviel auf einmal für meine arme Seele! [HGt.02_128,20] Herr, Vater, Abedam, nur zwei Wörtlein gib mir zur Beruhigung! [HGt.02_128,21] Denn so hat mich noch nie etwas gehetzt und gedrückt wie dieses unsinnig sinnige Bekenntnis des Enos; daher hilf mir doch nach Deinem heiligen Willen aus diesem Dickicht heraus!“ [HGt.02_128,22] Und Abedam, der hohe, sagte darauf zu Abedam, dem andern: „Ich sage dir, laß die Sache vorderhand nur gut sein; es wird sich schon noch alles machen, und du wirst samt allen anderen schon auch zur rechten Zeit das wahre Licht empfangen! [HGt.02_128,23] Nur solches muß Ich dir sogleich kundgeben, und das ist: Wenn du so an Meiner Stelle – wenn es möglich wäre – wärest, da sähe es mit solchen Todsüchtigen bei deiner sehr eminenten Weisheit wohl sehr bedenklich und überaus gefährlich aus! [HGt.02_128,24] Aber Meine Weisheit ist da wieder viel gleichgültiger und nimmt sich die Sache nicht so schwer und genau wie die deinige. [HGt.02_128,25] Daher werde Ich auch um vieles leichter ein passendes Gegenmittel finden, das da den Enos zurechtbringen wird, denn du. [HGt.02_128,26] Daher sei du darob nur ganz unbesorgt und ruhig; denn es liegt ja nicht gar so was Großes daran, so der Schläfrige lieber schlafen möchte denn wachen. [HGt.02_128,27] Hat er sich aber vollends ausgeschlafen und ist erwacht, dann frage ihn, was ihm da lieber ist, der Schlaf oder das heiterste Wachsein! [HGt.02_128,28] Daher sei du nur ruhig; sollte etwa aber hier Meine Weisheit nicht auslangen, sodann werde Ich schon zu dir kommen, um Mir Rats zu erholen! [HGt.02_128,29] Bis dahin aber sei, wie gesagt, nur ruhig! Amen.“ 129. Kapitel — Kenans, des Sängers, Lied über das Leben[HGt.02_129,01] Diese kurze Vertröstung genügte vollkommen, nicht nur den andern Abedam, sondern auch alle anderen aufgeregten Gemüter wieder zur vorigen Ruhe und Ordnung zu bringen. [HGt.02_129,02] Nachdem sich somit wieder alles gegeben hatte, berief der hohe Abedam alsbald den Kenan zu Sich und sagte zu ihm: [HGt.02_129,03] „Kenan, du wohlgeordneter Sänger Meiner Tage, Ich erblicke schon seit längerer Zeit ein gutes Lied in deiner Seele, und sehe, wie es dich drängt, darob du es von dir geben möchtest Mir zum freien Preise; siehe, jetzt ist die Zeit da, und also gib es von dir! Amen.“ [HGt.02_129,04] Diese Aufforderung war für den Kenan mehr, als so er alsogleich wäre von Mir zum ersten Lichtengel aller Himmel erhoben worden, und so fing er denn auch alsbald an, folgendes in ihm schon lange ruhende Preislied von sich zu geben, welches also lautete: [HGt.02_129,05] „Heiliger Vater, Du ewige Liebe, Du endloser Gott, Du, ein Herr aller Stärke und Macht und der Kraft, welche endlose Fülle des Lebens in reinester Liebe bist Du! [HGt.02_129,06] O Du heiliges Leben, Du reineste Wonne der Wesen, der Menschen und Engel, Du bist zu erhaben, zu herrlich, zu selig, als daß Du mit menschlicher Zunge gepriesen und würdig mit unseren kreischenden Worten gelobt könntest werden! [HGt.02_129,07] Daher nimm auch dieses mein Loblied so auf, wie es ist gleich dem, der es hier, nichtig vor Dir, Dir zum Lobe und Preise darbringet! [HGt.02_129,08] Das Leben, das Leben, wie süß ist das Leben, wie wundervollst herrlich für den, der es würdig und dankbarst genießet also, wie es Deine endloseste Liebe, o heiliger Vater, ihm treu'st hat gegeben! [HGt.02_129,09] Welch endlose Freiheit, und welche von jeglichem Zwange und Drucke befreiete Fülle in jedem Gedanken und jeder Empfindung und Wendung des Geistes! [HGt.02_129,10] Wo ist wohl der Ort, ja wo irgendein Punkt im unendlichen Raume, der fremd meinem Geiste soll bleiben, der nicht zu erschauen da wäre und nicht zu begreifen und fassen in all seinen Teilen?! [HGt.02_129,11] Wo leuchtet die Sonne, wo schimmert aus endlosen Fernen ein leisester Strahl ihres leuchtenden Seins, das mein Geist erst in lange gemessenen Räumen der Zeit möcht' erreichen?! [HGt.02_129,12] O Menschen, o Brüder und Väter und Kinder! Versucht es einmal, – seht dort hinten gar tiefst an des Firmaments Ende, da schimmert ganz leise ein winzigstes Sternchen! [HGt.02_129,13] Versucht es mit euerem Geist' zu erreichen, und prüft dann die Zeit eurer geistigen Mühe, – ich sage: Mit eins werd't ihr's haben und innerlich schauen die herrlichsten Wunder des lieblichsten Lichtes! [HGt.02_129,14] Dies Pünktlein dem fleischlichen Auge, wie groß ist's dem Geiste, dem Leben aus Gott! Eine mächtige Sonne, voll Wunder des Lebens der Liebe des heiligen Vaters! [HGt.02_129,15] O sehet, wie frei und wie leicht hat der ewige Geist uns'rer Herzen, dies wunderbar' Leben in uns, all die endlosen Räume besieget; da stand er, in furchtbarer Tiefe ein mächtiger Held, und erschaute mit heiliger Scheue das schimmernde Pünktchen zu einer unnennbar erhabenen Sonne voll Wunder des Lebens der Liebe des heiligen Vaters erwachsen! [HGt.02_129,16] O was ist das Leben?! – Du göttliches Leben, du schauest und denkest und empfindest die Wunder der göttlichen Milde und bist hier in aller der endlosen Fülle der Wunder gar selbsten der Wunder allgrößtest und schauest und fühlest und liebest den Vater, den ewig unendlich allmächtigen Schöpfer vor dir und in dir! [HGt.02_129,17] O du herrliches Leben, welch heilig's Geschenk bist du dem, das nicht war und nun ist und sich wonnevollst freuet im Angesicht Dessen des Seins, ja des ewigen Seins, der es unnennbar liebend für ewige Dauer aus Sich hat gestaltet! [HGt.02_129,18] O Väter und Brüder und Kinder, hier ist Er, der Vater, der heilige Geber des Lebens; hier fallen wir nieder vor Ihm, vor dem Schöpfer, dem heiligen Vater, und danken und preisen in reinester Liebe der Herzen wir Ihn, da so liebvollst gegeben Er hat uns das herrliche, heilige Leben der Liebe aus Ihm! [HGt.02_129,19] Sprechet Amen mit mir all ihr Väter und Brüder und Kinder! [HGt.02_129,20] Und Du, o mein heiliger Vater, nimm gnädig dies kärgliche Liedchen so auf, als wär's etwas vor Dir, und laß allzeit mich loben und preisen das herrliche Leben der Liebe aus Dir! [HGt.02_129,21] O Du heiliger Vater, Dir Ehre und Lob ewig! Amen!“ 130. Kapitel — Kenans Lohn für sein Lied: die Unsterblichkeit. Das Wesen des Lebens und des Todes[HGt.02_130,01] Als somit der Kenan sein Lied nun ausgesungen hatte, bot ihm der Abedam die Hand und sagte zu ihm: [HGt.02_130,02] „Kenan, siehe Meiner Treue Pfand – hier diese Hand; sie ist ein ewig unendlicher Zweig, ja ein starker Ast der Liebe in Mir oder die großwerktätige Liebe Selbst! [HGt.02_130,03] Ich reiche sie dir und mit ihr das Leben alles Lebens; nimm es hin und lebe ewig! [HGt.02_130,04] Jetzt erst bist du ein Herr deines Leibes geworden und kannst nun in diesem deinem irdischen Hause aus- und eingehen nach deinem Wohlgefallen. [HGt.02_130,05] Willst du noch länger darinnen verweilen aus Liebe zu Mir und den Deinen, Ich sage es dir, solches steht dir frei. [HGt.02_130,06] Willst du aber lieber aus dem Leibe treten entweder auf immer oder unterdessen nur auf zeitweise, – siehe, auch solches steht dir vollkommen frei! [HGt.02_130,07] Denn wahrlich, sage Ich dir, von nun an wirst du den Tod nicht mehr sehen, noch fühlen, noch schmecken; denn das Leben ist ein Herr des Todes, nicht aber umgekehrt. [HGt.02_130,08] Wie sollte je der Tod ein Meister des Lebens werden, da ihm alle Freiheit mangelt und er somit selbst nur ist ein durch ein freies Leben gefangenes Leben, allerengst gefesselt in allen Teilen seines Wesens?! [HGt.02_130,09] Des Leibes Leben aber ist ja der Tod oder das gefesselte oder aller wahren Freiheit beraubte Leben! [HGt.02_130,10] Wer sonach aber, wie du jetzt, in seinem Fleische gesiegt hat über dasselbe und sich dasselbe zinsbar gemacht in allen Teilen, ist der nicht ein Herr geworden vollkommen über allen Tod?! [HGt.02_130,11] Wenn er aber ein Herr geworden ist also über den Tod, und das vollkommen von der kleinen Zehe an bis zum Scheitel des Hauptes, wie sollte der je mehr den Tod schmecken, fühlen und sehen?! [HGt.02_130,12] Ich sage dir und euch allen: Wessen Augen also gestärkt worden sind, daß sie enthüllt schauen können all die Dinge, welche dem Tode endlos ferne abstehen, dessen mattes Auge keine Ahnung hat von dem, was und wie sie sind an und in sich, der schaut alles das schon vollkommen aus seinem Leben heraus und schaut es eigentlich in seinem Leben selbst. [HGt.02_130,13] Wer aber solches vermag in und aus sich, der vermag es doch sicher nicht aus seinem Tode, sondern aus seinem Leben nur! [HGt.02_130,14] Wie sicher und gewiß ist der dann auch des Lebens, so er damit zum Leben selbst geworden! [HGt.02_130,15] Also sei auch du, Mein geliebter Kenan, nun vollkommen sicher des Lebens, welches du nun durch deine Liebe zu Mir und somit zum alleinig wahren Leben selbst geworden! [HGt.02_130,16] Denn von nun an wird dir keine Ewigkeit mehr dasselbe zu nehmen imstande sein, darum du selbst, wie gesagt, nun ein Leben aus Mir in dir geworden bist. [HGt.02_130,17] Wie aber Ich ein Herr bin über alles Leben und also um so mehr noch über allen Tod, also bist auch du und ein jeder deinesgleichen aus Mir in sich ein vollkommener Herr seines Lebens und folglich auch um so mehr noch über den Tod selbst. [HGt.02_130,18] Wer von euch aber hat es je gesehen, daß der auf dem Wege und auf den Feldern rastende Staub irgendeinen Wind erregt hat?! [HGt.02_130,19] Vermöchte er solches, so würdet ihr auch schon oft in euren wohlverschlossenen Gemächern das beobachtet haben, wo es doch nicht selten recht viel Staub gibt! [HGt.02_130,20] Wenn aber der freie Wind kommt, da hebt er den Staub auf von den Wegen und Feldern und trägt und führt denselben wirbelnd, wohin er zieht und will, darum er ist eine freie Kraft, und der Staub kann ihm nicht den Weg verrammen oder ihn gar zum Stillstande bringen. [HGt.02_130,21] Wohl aber kann der Wind den Staub fallen lassen, wo und wann er will! [HGt.02_130,22] Siehe, gerade also ist es auch mit dem Leben; dieses zieht frei einher, und wo es zieht, übt es allenthalben und in allen seinen Teilen die vollkommenste Herrschaft über den Tod aus! [HGt.02_130,23] Es kann den Tod erregen zum Mitleben; will es ihn aber fallen lassen, so kann es solches ebenfalls so frei tun, als denselben aufregen zum Mitleben. [HGt.02_130,24] Und also bist du auch auf diese Weise ein Herr über dein Fleisch. [HGt.02_130,25] Solange du dasselbe zum Mitleben erregen willst, so lange auch wird es mit dir leben. [HGt.02_130,26] Willst du es aber fallen lassen auf zeitweise oder auf immer, so steht dir solches auch frei, darum du nun geworden bist vollends ein Leben und wirst als solches verbleiben vollkommen stets ewig! Amen.“ 131. Kapitel — Des Enos Reue. Die Todesfurcht der Lebensverneiner. Von der vollreifen Frucht des Geistes und der unreifen Frucht des Fleisches[HGt.02_131,01] Nach dieser das wahre Leben erläuternden und gebenden Lehre ward der Kenan überfroh, und viele andere mit ihm, und alle dankten aus dem Grunde ihrer Herzen für diese große Enthüllung, aus der sie nun sattsam ersahen und erkannten, was das wahre Leben ist, wie es sich gestaltet, und wie es gar so deutlich unterschieden ist von dem Scheinleben des Fleisches oder vielmehr des Todes. [HGt.02_131,02] Nachdem sie aber alle also dankten und lobten und priesen den hohen Abedam, da ward auch der Enos zu Tränen gerührt, kehrte sich um, und ging zerknirschten Herzens hin zum Vater. [HGt.02_131,03] Als er aber allda langsamen und scheuen Schrittes anlangte, da bot ihm der Abedam alsbald Seine Hand und sagte zu ihm: [HGt.02_131,04] „Nun, Enos, sage Mir, für was hast du dich entschlossen, – fürs Leben oder für die gänzliche Vernichtung? [HGt.02_131,05] Glaube es Mir: Es ist kein Ding, das da Mir unmöglich wäre; denn siehe, Ich sage deinetwegen nun zu diesem Berge dort, der da im Morgen noch gewaltig dampft, brennt und Feuer auswirft: Werde zunichte! [HGt.02_131,06] Nun sehe hin! Siehst du noch eine Spur von dem Berge, der schon so vielen Jahrtausenden getrotzt hatte?! [HGt.02_131,07] Morgen wirst du auf der Stelle, die da vorher der große, hohe Berg eingenommen hatte, und welche nun einen ebenen Platz zehntausend Manneslängen in der Länge und siebentausend in der Breite ausmacht, schon den üppigsten Graswuchs und eine Menge edler Fruchtbäumchen dem neuen Boden entsprossend erschauen! [HGt.02_131,08] Daraus kannst du nun schon entnehmen, daß Mir kein Ding unmöglich ist; und so denn gib Mir kund, worüber Ich dich soeben fragte!“ [HGt.02_131,09] Der Enos aber, samt allen anderen fast ganz außer sich vor Schreck und dem odemhemmenden Erstaunen über diese so plötzliche, ganz unerwartete Erscheinung, welche zufolge der bedeutenden wunderbaren Nachthelle von allen gar wohl beobachtet werden konnte, war kaum imstande, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen, sondern er fiel nur alsbald vor dem Herrn aller Macht nieder und flehte in seinem Herzen zu Ihm, daß Er ihn erhalten möchte und ihm vergeben seine großfrevelnde Torheit! [HGt.02_131,10] Der Abedam aber stärkte ihn alsbald und hob ihn vom Boden und sagte dann zu ihm: [HGt.02_131,11] „Enos, siehe, also, wie du, ist jeder Tote beschaffen! Wenn er auch nicht also spricht, wie da du ehedem gesprochen hast, so handelt er aber dennoch also, als wäre ihm der Tod offenbar lieber denn das allervollkommenste Leben. [HGt.02_131,12] Sieht aber der also Handelnde den Tod des Leibes herannahen, da erschrickt er dann und fängt an, zu zagen und zu verzweifeln. [HGt.02_131,13] Ich aber frage hier: Warum bleibt denn solch ein Tor sich dann nicht beständig? [HGt.02_131,14] Warum fürchtet er dann die Vernichtung, für die er doch durchs ganze Leben so entschieden gearbeitet hatte? [HGt.02_131,15] Ich antworte hier aber an deiner Stelle und sage: [HGt.02_131,16] Solange der Tote noch die Kraft des Lebens in sich gewahrte, war er wie ein Herr über den Tod und hatte keine so grobe Furcht vor ihm, da er als der also Lebende nicht wissen kann in der freien Anschauung der Dinge um sich, wie er im Tode und der Vernichtung für sie keine Sinne mehr haben wird. [HGt.02_131,17] Wenn er aber merkt, daß die Kraft seines Scheinlebens schwindet, seine Sinne schwächer werden und somit auch die Dinge um ihn zu verschwinden anfangen, und er somit auch anfängt, die Macht des Todes und das Schreckliche des Nichtseins zu empfinden und den Druck der Vernichtung, dann auch erst gewahrt er den großen Unterschied zwischen Tod und Leben! [HGt.02_131,18] Da wird er alles versuchen und aufbieten; was ihm das Leben wiederbringen möchte! [HGt.02_131,19] Doch – hier sage auch Ich: Es wird am Ende für gar viele zu spät werden! [HGt.02_131,20] Denn das wahre, unvergängliche, herrschende, freie Leben gleicht einer vollreifen Frucht, das Natur- oder Fleischleben aber einer unreifen. [HGt.02_131,21] Bei der reifen Frucht ist der Kern frei und fest geworden, und so kann die äußere, den Kern früher ernährende Fleischhülle ohne den geringsten Nachteil für den völlig lebendigen Kern selbst vom selben getrennt werden; denn da hat der Kern schon alles Leben in sich aufgenommen und empfindet keinen Tod mehr, sondern nur ein abgeschlossenes, volles Leben in sich selbst, welches nirgends mehr mit der äußeren Fleischmasse in irgendeiner notwendigen Verbindung steht, – darum diese auch, wie gesagt, ohne den allergeringsten Nachteil für die Frucht des Kerns abfallen kann. [HGt.02_131,22] Aber wie ganz anders verhält sich die Sache bei einer unreifen Frucht, allwo die äußere Masse mit dem Kern noch ein mattes Leben lebt, wo der Kern stirbt, wenn die äußere Masse zu sehr verletzt wird! [HGt.02_131,23] Daher sorge ein jeder für die Vollreife seines Geistes, welche dann erfolgen wird, wenn sich der Geist von allen Begierdefäden und Fasern des Fleisches losgemacht haben wird! [HGt.02_131,24] Hat jemand das erreicht, so ist er auch ein Herr des Lebens geworden. [HGt.02_131,25] Wie aber alle Früchte nur an der Sonnenwärme reifen, also werdet auch ihr an, in und durch die Wärme Meiner Liebe in euch zu Mir lebensreif. [HGt.02_131,26] Und so denn werde auch du, Enos, einmal vollends lebensreif hier an der Brust, die so endlos übervoll ist des alleinig wahren, allerewigsten und allerfreiesten, mächtigsten und allerseligsten Lebens! [HGt.02_131,27] Verstehe es wohl, und lebe sonach wahrhaft allzeit und ewig! Amen.“ 132. Kapitel — Die Vergänglichkeit der Dinge — ein Irrtum[HGt.02_132,01] Diese heiligen Worte Abedams brachten den Enos zwar vollkommen zu sich; aber wenn er hinblickte gen Morgen und nicht mehr sah den altgewohnten Berg, so erschauerte er noch durch und durch, und er konnte sich in dieser nun ganz veränderten Gegend nicht finden und so sich recht verstehen. [HGt.02_132,02] Aber dieses ungewohnte Aussehen der Gegend war es nicht allein, was ihn so ganz heimlich in sich erschauern machte, sondern der durch diese Erscheinung stets lebendiger werdende alte Gedanke an die Vergänglichkeit aller Dinge! [HGt.02_132,03] Das war sonach für unsern Enos noch eine starke Klippe im Meere des sturmbewegten Lebens. [HGt.02_132,04] Da aber natürlicherweise solches doch vor dem hohen Abedam nicht verborgen sein konnte, so sagte dieser alsogleich zu ihm: [HGt.02_132,05] „Enos, was nagt an deiner Seele? Siehe, Ich bin noch hier und habe Meinen Mund nicht geschlossen! Weißt du denn noch nicht, daß nur Ich allein auf jegliche Frage eine lebendig wahre Antwort zu geben vermag und will demjenigen, der Mich darum fragt?! [HGt.02_132,06] Doch, Ich kenne dein Gemüt; so will Ich dir denn auch die Frage erlassen und dir eine gute Antwort geben auf das, darob du dich zeitweise schon von jeher gekümmert hast in deinem Herzen und dich jetzt um so mehr kümmerst, da du von der vor deinen Augen stehenden Erscheinung zu dem Ende noch mehr und lebendiger überzeugend bestärkt worden bist. [HGt.02_132,07] Siehe, dich drückt die Vergänglichkeit der geschaffenen Dinge, darum du dich beständig grübelnd fragst: ,Was wird denn aus dem Leibe werden, so ich Geist und Seele ihn werde dereinst ablegen müssen? [HGt.02_132,08] Warum darf und kann denn der Leib nicht mit dem Geiste verschönert, verherrlicht und durch und durch lebendig dauerhaft für ewig vereint bleiben?‘ [HGt.02_132,09] Und da dich jetzt das plötzliche Zunichtewerden des Berges, die sichere Vergänglichkeit noch mehr vor Augen stellend, eben in dieser deiner alten Grübelfrage bestärkt hatte, so erschauerst du nun auch um so mehr, je öfter du hinblickst an den Ort, da erst vorgestern morgen Adam in der prophetischen Meinung war, daß vor eben dem Berge, vor dem er als erster Mensch der Erde nun tiefseufzend trauert und weint, auch dereinst der Erde letzter trauern und vergehen werde. [HGt.02_132,10] Da Ich aber jedoch ein besserer Prophet in der höchsten Fülle aller Meiner unendlichen Weisheit bin denn der damals ganz umsonst und ganz töricht trauernde Adam, so sage Ich dir fürs erste, daß die damalige Voraussage Adams so gut wie ganz vollkommen leer war, aus welchem Grunde hauptsächlich Ich auch bei dieser Gelegenheit diesem verhängnisvollen Berge ein Ende machte und somit auch der noch verhängnisvolleren Voraussage Adams! [HGt.02_132,11] Was aber deine Gemütsfragen betrifft, so sage Ich dir fürs zweite, daß sie noch um sehr vieles leerer sind denn die Voraussage Adams. [HGt.02_132,12] Wie kannst du dir denn aber auch nur im Traume von einer Vergänglichkeit der Dinge etwas beifallen lassen?! [HGt.02_132,13] Glaubst denn du, ein Ding vergehe darum, so es aus deiner fleischlichen Augen trugvollster Sichtbarkeit tritt?! [HGt.02_132,14] O du schwachsinniger Denker und Seher! Sind denn nicht alle Dinge nichts anderes als allein nur Meine durch die Liebe festgehaltenen Gedanken. [HGt.02_132,15] Und die Geister aber freigestellte Ideen Meiner Liebe, darum sie alle haben einen freien Willen und ein freies für sich selbst abgeschlossenes Leben?! [HGt.02_132,16] Wenn Ich nun einen festgehaltenen Gedanken von Mir wieder freilasse, sage: ist er darum denn wirklich vergangen, wenn Ich ihn von den festhaltenden Banden der Liebe befreit habe und er nun wieder aufsteigt in den großen Kreis Meiner Geister, welche da gleich geformten Feuerflammen alle Unendlichkeit erfüllen?! [HGt.02_132,17] Oh, Ich sage es dir: Auch das erste Moospflänzchen, das der ersten Meeresklippe dieser Erde entsproßte, besteht und lebt sogar in diesem Meinem großen Kreise gar wohl noch fort, – und der Erde letztes wird dereinst dieses sein Vorurgroßväterchen brüderlich lebendig treffen! [HGt.02_132,18] Also ist auch dieser Berg nur gelöst, aber nicht vernichtet worden, – [HGt.02_132,19] Und um so weniger wird das dereinst dieser dein Leib des Geistes! [HGt.02_132,20] Wie er aber ist, kann er nicht bestehen in die Länge; wohl aber wird er nach und nach dem vollendeten Geiste gereinigt wiedergegeben werden, wenn auch nicht in dieser Form mehr, so aber doch als ein ewig unzerstörbares geistiges Kleid. [HGt.02_132,21] Darum soll auch niemand Frevel und Sünde treiben mit seinem Leibe; denn wer solches tut, der wird dereinst auch mit zerrissenen Kleidern im Geiste einhergehen müssen! [HGt.02_132,22] Und so denn gibt es keine Vergänglichkeit der Dinge, wohl aber eine Löse derselben. [HGt.02_132,23] Solches alles verstehe wohl, und sei völlig ruhig! Amen.“ 133. Kapitel — Vom Wesen der dreifachen Zeugung. Die gerechte fleischliche Zeugung[HGt.02_133,01] Als nach dieser Enthüllung alle die Väter – selbst der Adam nicht ausgenommen – vollends zufriedengestellt waren und nach der inneren Beheißung Abedams zurückwichen auf ihren vorigen Platz, und das natürlicherweise mit dem dankbarsten Herzen, da berief der hohe Abedam den Mahalaleel zu Sich und sagte zu ihm: [HGt.02_133,02] „Mahalaleel, weißt du jetzt schon alles, was da dir und der ganzen Nachwelt aus dir frommen möchte? [HGt.02_133,03] Ist dir nichts mehr fremd, so magst du ja wohl mit einer neuen Frage daheim verbleiben; hast du aber noch irgend etwas Dunkles im Hinterhalte, da tritt nun damit ans Licht, – denn es soll keine finstere Kluft in euren Herzen übriggelassen werden! [HGt.02_133,04] So du also etwas weißt und findest, das dich drückt, da gib es von dir, wie schon gesagt! Amen.“ [HGt.02_133,05] Der Mahalaleel besann sich eine Zeitlang; denn er hatte wohl eine gute Frage, aber nur ans Licht getraute er sich nicht damit. [HGt.02_133,06] Da aber der Abedam sah seine Aufrichtigkeit darinnen, der zufolge er – der Mahalaleel nämlich – niemandem, besonders aber der holden, jungen Pura, welche sich noch immer knapp am Abedam befand, ärgerlich werden wollte, so sagte Er zu ihm: [HGt.02_133,07] „Mahalaleel, Ich kenne den redlichen Sinn deines Herzens; darum auch will Ich dir deine aufzustellende Frage erlassen und dir alsogleich eine gute Antwort geben auf die stille Frage deines Gemütes. Und so höre denn du und ihr alle: [HGt.02_133,08] Was da die naturmäßige Zeugung betrifft, die der Mensch zumeist mit den Tieren gemein hat, so kann diese nicht umgeändert werden im Allgemeinen, wohl aber in ganz besonderen, geistig ausgezeichneten Fällen. Denn durch die fleischliche Zeugung, wie sie besteht, wird weder der Geist, noch die Seele gezeugt, sondern allein ein fleischlicher Leib, welcher im Mutterleibe vorerst vollends ausgebildet werden muß, bevor er zur Aufnahme der Seele und diese dann zur Aufnahme des Geistes befähigt wird; und so hat alles seinen guten Grund und besteht aus seiner guten Ordnung. [HGt.02_133,09] Das Fleisch zeugt das Fleisch, die Seele die Seele und der Geist den Geist! [HGt.02_133,10] Wie aber und warum also, solches verstehe, und höre es darum: [HGt.02_133,11] Ihr wisset es, daß da alles aus dem Bereiche des Geistigen, welches das allein Kräftige und eigentlich Substantial-Wesenhafte ist, nur auf dem Wege des entsprechenden Gegensatzes in die Erscheinlichkeit treten kann. Dieser Gegensatz ist ein Bemühen der eigentlichen Hauptkraft, sich selbst aufzuhalten und zu nötigen, damit sie sich dadurch selbst manifest werde. [HGt.02_133,12] Nun denke dir deinen Geist! Wodurch manifestiert er sich? [HGt.02_133,13] Siehe, durch die Sichselbstergreifung, welches da ist die Liebe im reinsten Sinne oder die Liebe zu Mir! Ohne diese Ergreifung wird sich der Geist nie als selbständig erkennen, sondern wird stets nur ein sich selbst unbewußter Teil Meines unendlichen allgemeinen Geistes verbleiben. [HGt.02_133,14] Dasselbe ist auch der Fall mit der Seele, welche da ist im allgemeinen Sinne das gesamte vegetative Leben der gesamten Naturwelt. In ihrer Allgemeinheit ergreift sie sich oder kann sich in zahllosen Punkten ergreifen, allda dann auch die Dinge sichtbar zu werden anfangen nach der Ordnung, die Ich in die allgemeine Seele gelegt habe. [HGt.02_133,15] Das aber ist dennoch nur eine stumme, sich unbewußte Nötigung oder Zeugung der Seele durch die in ihr bestehende Ordnung aus Mir. [HGt.02_133,16] Sich selbst bewußt wird die Zeugung nur dann, wenn irgend sämtliche Teile der allgemeinen Seele sich ergreifen und sich nötigen, darum sich dann näherkommen, sich endlich drängen und erbrennen. [HGt.02_133,17] Da es dann licht wird in ihrer Mitte, so erkennen sie sich und ergreifen sich zu einem völlig abgesonderten Ganzen. [HGt.02_133,18] Dieser Seelenzeugungsakt geschieht durch das, was da verstanden wird unter der Nächstenliebe. Also erkennt der Mensch den Menschen dann fortwährend durch die Nächstenliebe; wem diese fremd ist, dem bleibt auch fremd sein Bruder. [HGt.02_133,19] Nun siehe, nach diesen zwei inneren Vorzeugungen kann sich dann auch das Fleisch ergreifen in seinem Gegensatze, kann sich da nötigen und zwängen. [HGt.02_133,20] Durch diese Nötigung geht dann ein Gegensatz in den anderen über, ergreift sich da, und so wird zwischen zwei äußeren Gegensätzen ein für sich bestehendes Medium gebildet, welches, je nachdem es sich bei dem Akte dem einen oder dem andern Gegensatze genähert hatte, auch entweder dem einen oder dem anderen beschaffenheitlich entsprechen muß zufolge Meiner Ordnung auch im Fleische, welche da heißt eine gerechte Selbst- oder Fleischliebe. [HGt.02_133,21] Siehe, darum ist somit die Fleischliebe und die ihr entsprechende Zeugung ja ebenso gerecht wie die des Geistes und die der Seele, wenn sie geschieht in Meiner gesetzten ewig bestehenden Ordnung. [HGt.02_133,22] Ist sie aber der entgegen, dann ist sie eine Zeugung des Todes statt des Lebens und ist daher eine grobe Sünde, weil durch sie das Leben der Seele und des Geistes sogar untergraben und verstört wird. [HGt.02_133,23] Solches also verstehet auch alle wohl, und tuet danach, so werden alle eure Zeugungen gerecht sein und Mir wohlgefällig! Amen.“ 134. Kapitel — Ein Evangelium für Schwätzer und Feinredner[HGt.02_134,01] Hierauf erst konnte der Mahalaleel seinen Mund öffnen und folgendes sagen: [HGt.02_134,02] „O Du heilige, große Wahrheit, Du ewiges Licht alles Lichtes, welch eine Tiefe, welch eine Fülle der heiligen Ordnung in Dir, Du allerliebevollster Vater! [HGt.02_134,03] O wenn ich dieses alles nur auch so recht fassen könnte! [HGt.02_134,04] Aber, o liebevollster heiliger Vater, da sieht es sehr locker aus in meiner Seele! [HGt.02_134,05] Der Geist zeugt den Geist, die Seele die Seele – und das Fleisch wieder das Fleisch! [HGt.02_134,06] Und alles also, daß da eines besteht im andern und also auch durcheinander, so zwar, daß da auch eines aus dem andern hervorgeht und eines das andere bedingt; eines ist da fürs andere. [HGt.02_134,07] Aus dem All der Dinge ist der Mensch in seiner Vollendung, und diese ist das Endziel alles Geschaffenen! [HGt.02_134,08] O Vater, wie unendlich groß ist Deine Weisheit! Du redest nie ein Wort umsonst, und jedes Wort aus Deinem Munde ist in der allerhöchsten Fülle wesenhaft wahr. [HGt.02_134,09] Solches alles weiß ich lebendig in mir und sehe auch so manches ein; aber alles dessen ungeachtet muß ich mir leider doch wieder das traurige Zeugnis geben, daß mir von Deiner früheren Gnade so manches, ich will gerade nicht sagen, gänzlich, aber doch nahe – zum größten Teile – eben nicht unverständlich, aber dennoch so – gewisserart dunkel war! Das heißt, was das Wort betrifft allein für sich, so habe ich wohl jedes sehr genau verstanden; nur hinter dem Worte, – ich will hier eigentlich sagen, dasjenige, was Du sicher so ganz eigentlich hast damit bezeichnen wollen, oder vielmehr den inneren Sinn betreffend, – siehe, o liebevollster, heiliger Vater, das ist es, wo ich mich nicht so ganz vollends zurechtfinden kann! [HGt.02_134,10] Ich weiß es nur zu außerordentlich gut, daß einzig und allein nur ganz vollkommen ich selbst daran schulde; aber es ist mit dieser etwas traurigen Wissenschaft dennoch nicht geholfen, da ich deshalb dennoch nicht des Wortes innere Gemächer beschauen kann! [HGt.02_134,11] Darum habe ich Dich, o liebevollster Vater, bitten wollen, so es Dir gefiele, daß Du mir auch im Hintergrunde dieser Deiner überheiligen Worte möchtest nur ein kleinwinzigstes Lichtchen anzünden; sonst schaue ich die Sache wie in einer nächtlichen Dunkelheit an! [HGt.02_134,12] Aber nur, wenn es Dir wohlgefiele, – wie schon gesagt! Amen.“ [HGt.02_134,13] Der Abedam aber sagte alsogleich darauf zu ihm: „Mahalaleel, warum brauchst denn du so viele Worte dazu, was du sehr leicht mit einem sagen könntest und zwar also: [HGt.02_134,14] ,Ich bin blind, Vater; mache, daß ich sehe!‘ [HGt.02_134,15] Siehe, das wäre ja genug; wozu denn so viel leeres, die eigene Blindheit mehr entschuldigendes als beschuldigendes Geschwätz?! [HGt.02_134,16] Ich sage dir aber, daß da eben diese deine feine Geschwätzigkeit daran schuldet, daß du im Hintergrunde Meiner Worte kein Licht zu erschauen vermagst. [HGt.02_134,17] Tue sie von dir, und werde ein gerader, offener Mensch – und kein Bückling, so wirst du alsbald ganze Sonnenheere hinter Meinem Worte erschauen, welche dir alle die inneren Gemächer Meines Wortes zur Übergenüge erleuchten werden! [HGt.02_134,18] Denn jede feine Rede ist ein duftender Opferrauch fürs eigene Herz; wenn aber das Herz also umnebelt ist, wessen Schuld ist es dann, wenn selbst des hellsten Lichtes Strahlen nur matt schimmernd zum Herzen gelangen und da kaum des Herzens Äußeres ein wenig beschimmern, das Innere aber völlig unerleuchtet lassen? [HGt.02_134,19] Also, wie gesagt, weg mit der Feinrederei, so wird das Herz des Lichtes alsbald in der gerechten Menge haben! [HGt.02_134,20] Gehe aber hin zu einem oder dem andern, und du wirst keinen finden, der sich da beklagen möchte über irgend eine Dunkelheit in Meinem Worte; ja selbst dieses arme Mädchen aus der Tiefe kannst du fragen, und sie wird dir mit wenigen Worten zeigen, ob sie im Hintergrunde Meiner Worte kein Licht angetroffen hat! [HGt.02_134,21] Ich meine aber, es wird hinreichend sein Mein Zeugnis und wird nicht nötig sein, sich eigens darum zu erkundigen, ob diejenigen Mein Wort verstanden haben, von denen Ich Selbst aussage, daß sie es verstanden haben! [HGt.02_134,22] So du aber ablegen wirst deine Feinrederei, da wirst du auch aller derjenigen im Geiste ansichtig werden, welche da im Hintergrunde Meines Wortes recht sehr viel Licht angetroffen haben! [HGt.02_134,23] So du aber nach deinem Worte verstehst, daß da eine Zeugung durch die andere bedingt wird, und daß alles in- und durcheinander entsteht und besteht, und endlich, daß der vollkommene Mensch der lebendige Endzweck aller Dinge ist – welches alles ganz richtig ist –, da setze nur eine gerechte Portion reiner Liebe hinzu, so wirst du gar bald und leicht erschauen, was alles da in den inneren Gemächern Meines Wortes noch verborgen ist. [HGt.02_134,24] Denn die Liebe ist der Schlüssel, mit dem jeder alle die verschlossenen Gemächer Meines Wortes öffnen kann. [HGt.02_134,25] Tue also das, so wirst du sofort nicht mehr nötig haben, dich über die nächtliche Dunkelheit in den Gemächern Meines Wortes so feinredig zu beklagen! [HGt.02_134,26] Solches fasse, – und handle danach! Amen.“ 135. Kapitel — Geordnete und ungeordnete Zeugung[HGt.02_135,01] Als der Mahalaleel diese Lektion vom hohen Abedam vernommen hatte, war er auch vollends zufriedengestellt, dankte mit dem gerührtesten Herzen und wollte sich entfernen; aber der Abedam sagte zu ihm: [HGt.02_135,02] „Mahalaleel, Ich sage dir, bleibe noch: denn dein Herz ist noch nicht völlig erleuchtet, darüber du hast gestellt deine Frage! Also aber, wie du bist, möchtest du aus dir noch in so manche Irrtümer geraten; darum soll dir noch mehr Licht werden! [HGt.02_135,03] Siehe, du bist zwar mit allem einverstanden, was Ich dir kundgab über deine Frage; aber nur in dir selbst erschaust du noch den rechten Grund dessen nicht, darum Ich dir die blinde oder ungeordnete Zeugung als sündhaft dargetan habe, und so will Ich dir denn auch diesen Grund zeigen. [HGt.02_135,04] Also aber lautet dieser: Alles, was da Seele heißt und im freien Zustande die ganze unendliche Räumlichkeit erfüllt und im Geisterreiche eine zu bewohnende Unterlage ist für alle zahllosen Heere der Engel und Geister aller Arten, sind Meine freien, noch ungefesteten Gedanken; diese Meine stets lebendigen Gedanken erfüllen aber nicht nur alles das bereits Gesagte, sondern sie sind auch die lebendigen Gefäße oder Träger des Lebens aller Wesen aus Mir. [HGt.02_135,05] Nun achte wohl: Wenn Ich da will einen Meiner Gedanken fangen und dann festhalten, so umfasse Ich ihn mit Liebe! Wenn solches geschehen ist, dann auch kann der von Meiner Liebe ergriffene Gedanke sich nicht mehr gleich den zahllos anderen nicht ergriffenen aufschwingen in die unendlichen Kreise Meines eigentlichen göttlichen Seins und Wirkens, sondern er bleibt dann schon als eine beständige Form lebendig wie vor Mir; soll dann aber diese Form sich selbst vor Mir bewußt werden, so wird diese also gestellte Form nicht nur von Meiner Liebe umfangen, sondern auch allenthalben durchdrungen. [HGt.02_135,06] Dadurch geschieht dann ein Drängen und ein Reiben zwischen der Form und der Liebe. Was aber ist die natürlichste Folge solchen Drängens? [HGt.02_135,07] Nichts anderes, als daß die durch die Liebe von allen und in allen Teilen bedrängte Form anfängt, einen Widerstand zu leisten, wenn sie von der Liebe zu sehr in Beschlag genommen. [HGt.02_135,08] Da aber ferners bei jeder Nötigung und Drängung hauptsächlich der Mittelpunkt doch sicher die zumeist bedrängte Stelle jeder vollkommenen Form ist, so leistet sie auch allda in der ganzen Form sicher den größtmöglichsten Widerstand. [HGt.02_135,09] Wo aber der größte Widerstand ist, da ist auch die Tätigkeit am größten. [HGt.02_135,10] Ihr wisset aber alle schon aus eigener Erfahrung doppelt, daß da bei allen übermäßig starken Drängungen Entzündungen bewirkt werden, wie zum Beispiel wenn jemand zwei Stücke Holz sehr fest aneinander reiben möchte, da sie sich dann bald entzünden würden, oder zwei Steine. [HGt.02_135,11] Oder wenn jemand von euch da wird von etwas befangen, entweder von der Widerspenstigkeit eines andern oder von irgendeinem Anblicke, der ihm äußerst angenehm ist, und so auch noch entweder von etwas arg Gehörtem oder von vorteilhaftest Vernommenem, wodurch doch sicher ein jeder bei solcher Gelegenheit ein gewisses Erbrennen seines Herzens notwendig gewahren muß! [HGt.02_135,12] Siehe, jetzt haben wir die Sache schon! Da eben solches Erbrennen allzeit mit einer leuchtenden Flamme verbunden ist, welche da gleich ist dem Leben Meiner ewigen Liebe Selbst, da wird ja die von der Liebe gefangene und gedrängte Form doch notwendig durchleuchtet, geht endlich selbst in allen ihren Teilen in die Bewegung der vom Mittelpunkte aus emporlodernden Flamme über, wird dadurch lebendig und im eigenen Lichte sich selbst frei bewußt. [HGt.02_135,13] Will Ich dann auch, daß ein solcher auf diese Art gehaltener Gedanke fortbestehe, so wird er alsbald solid und bleibt immerdar dann wie vor Mir. [HGt.02_135,14] Will Ich aber nicht, so ziehe Ich Meine Liebe wieder hinweg aus und von der Form; diese wird dann wieder frei und flott und steigt wieder, freilich dann nur allein Mir sichtbar bewußt wie dir dein eigener Gedanke, empor in die unendlichen Kreise Meiner Göttlichkeit! [HGt.02_135,15] Siehe, das ist Meine Ordnung, aus welcher alle Dinge hervorgegangen sind! Wenn du nun zeugst deinesgleichen aus dieser Ordnung heraus, aus der du von Mir Selbst bist geschaffen und gewisserart gezeugt worden, so ist deine Zeugung ja gerecht, da sie ist in der Ordnung, in welcher Ich Selbst bin. [HGt.02_135,16] Zeugst du aber nur blind oder taub, dann zeugst du nicht, sondern zerstörst nur, was Ich Selbst fürs ewig freie Sein geschaffen und gezeugt hatte, und das ist dann doch natürlich wider Meinen Willen, welcher – wie Ich ehedem gezeigt – ja nur allein ist das eigentliche fest bestimmte Sein jedes von Mir gezeugten und geschaffenen Wesens. [HGt.02_135,17] Solchem Meinem Willen entgegenhandeln aber ist ja die Sünde oder der Tod des von Mir gezeugten Wesens! [HGt.02_135,18] Daher muß die Zeugung in aller Ordnung geschehen! – [HGt.02_135,19] Nun erst hast du Licht und kannst dich begeben auf deinen Platz! Amen.“ 136. Kapitel — Mahalaleels Dank für das empfangene Licht. Liebe zu Gott steht höher als Gottesfurcht, und Tränen der Freude sind dem Herrn angenehmer als Tränen der Reue[HGt.02_136,01] Das hatte dem Mahalaleel erst die Augen geöffnet, und er ward voll Dankes in seinem Geiste darob und freute sich sehr, so daß er deshalb förmlich in die Höhe zu hüpfen anfing, darum er nun begriffen hatte des göttlichen Wortes Gnadensinn. [HGt.02_136,02] Es staunten aber einige und fragten sich gegenseitig: „Was ist es denn, darüber sich der Vater Mahalaleel gar so freut? [HGt.02_136,03] Die Worte Abedams sind wohl erhaben und heilig wie allzeit und ewig; ob sie aber jemanden gerade zu einer solchen nahezu ausgelassenen Fröhlichkeit stimmen sollen, das lassen wir dahingestellt sein! [HGt.02_136,04] Wir sind schon zufrieden, so wir nur kümmerlich verstanden haben den sehr geheimnisvollen Sinn dieser erhabensten Worte aus dem Munde des Allerhöchsten. [HGt.02_136,05] Aber wie jemand da, wo man von der allertiefsten Ehrfurcht nur in den Staub seiner Nichtigkeit hinabsinken sollte, also über alle Maßen fröhlich und jubelheiter werden kann, das begreife, wer es mag, kann und will; wir aber bleiben so recht hübsch bei unserer erhabenen Ehrfurcht daheim! [HGt.02_136,06] Mahalaleel aber war stets ein zeitweiliger Sonderling; warum sollte er das gerade jetzt nicht sein?! – Nein, aber nein! Da seht nur einmal hin, wie der alte Vater noch gleich einem Hirsche springen kann!“ [HGt.02_136,07] Es ließ aber der Abedam zu, daß das Angesicht des so über die Maßen fröhlichen Mahalaleels alsbald leuchtend ward gleich den lichten, roten Morgenwölkchen, wenn sie zuerst von den Strahlen der aufgehenden Sonne berührt werden. [HGt.02_136,08] Da aber solches die Krittler und Verwunderer bemerkten, erschraken sie gewaltig und gerieten in eine große Verwirrung; denn sie meinten nun, daß sie durch ihre Bemerkungen gesündigt hätten! [HGt.02_136,09] Aber alsbald richtete der hohe Abedam Sich auf und richtete folgende Worte an sie, sagend nämlich: [HGt.02_136,10] „Kinder des Mittages! Was bebet ihr nun allhier vor dem Angesichte eines Fröhlichen, dessen Herz voll Freuden geworden ist, darum es verstanden hat und aufgenommen Meine Gnade?! [HGt.02_136,11] Hat euch euer schalkhaftes Wort denn keine Interessen getragen für euer Gemüt, darum es nun also wankt und bebt, als wäre es begraben in aller Sünden Nacht und Schlamme? [HGt.02_136,12] O ihr noch starken Toren! Was ist denn besser: Angst oder Freude vor Mir? [HGt.02_136,13] Wahrlich, wahrlich, wer da noch in aller ängstlichen Ehrfurcht steht vor Mir, der ist auch noch nicht rein; denn nur ein wankendes, unlauteres und darum schwaches Herz, welches noch nicht eins geworden ist mit Meinem Willen, fürchtet sich vor Mir, dem allmächtig Starken, ewigen Gotte. [HGt.02_136,14] Aber ein Herz, das da in dem allmächtig starken ewigen Gotte in aller Liebwärme den liebevollsten Vater treulichst erkannt hat und Seine große Gnade, das verlernt die Angst und die große Furcht vor Dem, den es nur über alles lieben soll, und tut dafür, was da nun getan hat der Mahalaleel. [HGt.02_136,15] Saget nun selbst, was da wohl höher steht bei Mir: entweder ein ängstliches oder ein in Meinem Namen überfröhliches Herz?! [HGt.02_136,16] Ich sage euch aber: Wenn schon die Tränen der Reue gerecht und Mir wohlgefällig sind, so stehen aber doch die Tränen der Freude in Meinem Vatersnamen um so vieles höher, als da die Sonne steht über der Erde am hellen Mittage. [HGt.02_136,17] Denn die Tränen der Reue besagen, daß da jemand gewahr worden ist seines großen Liebe- und Treueabstandes von Mir und dann wieder von der Sehnsucht beseelt wird, wieder zu Mir, dem Vater, zurückzukehren. [HGt.02_136,18] Die Freudentränen aber sind dagegen doch sicher ein Zeichen des vollen Wiederfindens, wo sich der Sohn freut, darum er den Vater gefunden, der Vater aber, darum Er den Sohn wiedergefunden hat! [HGt.02_136,19] Darum eröffnet auch ihr nun eure Herzen, und freuet euch, darum der Vater zu euch gekommen ist und ihr Ihn gefunden habt, und verwundert euch in Zukunft nicht zu sehr darüber, so ihr wieder irgendeinen Fröhlichen in Meinem Namen treffen werdet; denn ihr wisset es nun aus Meinem Munde, daß Mir der Fröhliche aus gutem Grunde um vieles angenehmer ist denn einer, der da ängstlich trauert; wenn auch aus einem guten Grunde. [HGt.02_136,20] Daher auch sollet ihr allzeit einen Betrübten trösten; aber mit dem Fröhlichen sollet ihr auch fröhlich sein von ganzem Herzen, Amen.“ 137. Kapitel — Des Herrn Mahnung zur Liebe und Fröhlichkeit. Die Verheißung des Tages der großen Löse und der großen Zeit der Zeiten. Die Liebe als Befreierin vom Joche des Fleisches und des Todes[HGt.02_137,01] Auf diese Rede sehr bewegt, fielen die einigen Rechtler und Krittler alsbald nieder vor dem Abedam und baten Ihn, daß Er ihnen solches vergeben möchte. [HGt.02_137,02] Der Abedam aber behieß sie, daß sie sofort aufstünden und sich auch vollends erheben möchten in ihrem Geiste. [HGt.02_137,03] Und alle erhoben sich alsbald vom Boden und lobten und priesen Ihn Seiner großen Güte und Gnade wegen, die Er nun abermals an ihnen bezeigt hatte. [HGt.02_137,04] Der Abedam aber wandte Sich zu ihnen und sagte: „Meine Liebe sei mit euch und in euch! Liebet euch in dieser Meiner Liebe, und seid fröhlich und voll heiteren Mutes untereinander, und seid gegeneinander gefällig und dienstfertig, so werdet ihr dadurch allzeit an den Tag legen, daß ihr wahrhaft Meine lieben Kindlein seid, an denen der heilige Vater Freude hat und allzeit haben kann; denn der Tag der großen Löse ist nahe gekommen! [HGt.02_137,05] Wenn der Adam auf der Erde leben möchte noch siebenmal so lange, als er schon gelebt hat und noch leben wird, so würde es vor seines Fleisches Augen geschehen. [HGt.02_137,06] Daher tut nach Meinem Willen, damit euch der Tag nicht verkehrt antreffe, wenn er kommen wird! [HGt.02_137,07] Zuvor jedoch wird kommen die große Zeit der Zeiten. Wer in dieser wird aufgenommen werden, für den wird auch der große Lösetag in seiner Zeit begriffen sein; wer aber da nicht wird aufgenommen werden, für den wird der Lösetag ein Tag des Gerichtes sein, und zwar eines Gerichtes, welches dann mit Feuer und im Feuer Meines Grimmes gehalten wird! [HGt.02_137,08] Solches jedoch werden jene verstehen in der Tiefe ihres Lebens, die da sein werden vollkommen aus und im Geiste Meiner Liebe und sonach auch in aller Weisheit aus ihr. [HGt.02_137,09] Darum also seid ihr auch fröhlich; denn nun wisset ihr es ja, daß dereinst alle harten Bande sollen gelöst werden! [HGt.02_137,10] Was möchte aber der Mensch darum geben, auf daß er würde ein Herr seines Lebens?! [HGt.02_137,11] Ich aber habe euch allen nun gezeigt, wie ihr es werden und dann sein könnet im vollsten Maße. Daher sollet ihr auch fröhlich sein; denn darum zeigte Ich euch nun ja den Weg der reinen Liebe, der da jedermann führt zu dieser Herrlichkeit des Lebens ein! [HGt.02_137,12] So aber da noch jemand sagen möchte: ,Wie bin ich denn ein Herr meines Lebens, so ich nur stets leben soll wie ein gehorsamer Knecht?‘ [HGt.02_137,13] Da sage Ich euch aber: Solange ihr da seid Diener der Welt und eures Fleisches, so lange auch seid ihr ans Joch des knechtlichen Gehorsams gespannt! Wenn ihr aber werdet Diener Meiner Liebe sein, dann auch werdet ihr befreit sein von jeglichem Joche und werdet eben dadurch sein vollkommene Herren eures Lebens; denn die Liebe wird und kann euch allein nur völlig frei machen. [HGt.02_137,14] Wie auch sollte die Liebe das nicht können, da sie ist eine lebendige und allerköstlichste Würze des eigenen Willens?! [HGt.02_137,15] Wozu aber sollte dem dann noch irgendein Gebot dienen, dem er gehorchen solle, da er die Liebe hat, welche alle Gebote in sich faßt und ein Meister ist alles Gesetzes?! [HGt.02_137,16] Oder ist es nötig, jemanden zu einer Tat zu nötigen, die er aus sich heraus von ganzem Herzen übergerne tut?! [HGt.02_137,17] Also ist ja die Liebe somit, da sie erhaben ist über alle Gebote und Gesetze, als das Leben selbst auch ein vollkommener Herr des eigenen Lebens! – Saget, ob es nicht also ist! [HGt.02_137,18] Da es aber also ist, so seid überfröhlich; denn Ich, euer heiliger Vater, habe euch ja nun die Liebe, ja Meine Liebe selbst, und alle Lebensherrlichkeit mit ihr völlig übergeben! [HGt.02_137,19] Darum aber auch sollet ihr nicht der Welt und dem Fleische anhangen und somit das dienstbare und knechtische Mittel für den Zweck erwählen! [HGt.02_137,20] Denn alles das ist nicht aus Meiner Liebe hervorgegangen, sondern alles das ist gezeugt aus Meiner Weisheit, welche da ist und besteht in den unendlichen Lichtkreisen Meiner Göttlichkeit, nun gestaltet zu einer eure Liebe zu Mir prüfenden Unterlage. [HGt.02_137,21] Saget daher nicht untereinander: ,Dieser Fleck Erde gehört mir, und dieser Baum ist mein Eigentum, und mit meinem Leibe kann ich tun nach meinem Behagen!‘; denn das wird euch von Meiner Liebe stets mehr und mehr abziehen, und ihr werdet dadurch Knechte der Welt werden, und somit auch des Todes, und werdet euch schwer, langwierig und äußerst mühsam wieder von der Welt losreißen können, und wird dereinst viel Feuers müssen über euch kommen, um euch loszuschmelzen von den ehernen Banden des Todes. [HGt.02_137,22] Daher aber seid auch überfröhlich, da ihr erkannt habet, daß da ist nur ein Gott, ein Herr, ein Eigentümer aller Dinge und ein heiliger Vater von euch allen und ihr alle Seine Kinder und untereinander lauter Brüder und Schwestern, denen Ich dieses alles zu gleichen Teilen gegeben habe; denn dadurch wisset ihr nun, daß ihr nicht der Welt, sondern Mir, dem Vater, angehöret in aller Fülle Meiner Liebe und großen Gnade. [HGt.02_137,23] Solches also beachtet vor allem und seid wie zu Mir also auch gegenseitig voll Liebe, so wird auch alsogleich des Lebens Herrlichkeit euer Anteil sein, in welcher ihr fröhlichst sein und verbleiben werdet ewig! [HGt.02_137,24] Und nun lasset Meinen Jared zu Mir kommen; denn Ich habe etwas Wichtiges mit ihm zu verhandeln! – Jared, Ich sage dir, komme zu Mir! Amen.“ 138. Kapitel — Vom ewigen Dem-Herrn-Näherkommen des Menschen. Der Widerspruch zwischen der Unendlichkeit Gottes und der endlichen, begrenzten Gestalt des Herrn in Abedam[HGt.02_138,01] Als der Jared den lebendigen Ruf Abedams vernommen hatte, kam er eiligst herbei, – das heißt vielmehr vollends geistig denn körperlich! Denn dem Körper nach war er ohnehin nicht gar zu ferne abstehend vom Abedam; aber was da den Geist betrifft, so ist da ewigfort eine stets größere Annäherung zu Mir wohl gar sehr möglich, so zwar, daß selbst der allervollkommenste Geist also hinreichend weit von Mir absteht, daß er darob selbst sich Mir wird ewig fort und fort mehr und mehr nähern können, ohne Mir darum auch nur um ein Haar wirklich näher zu kommen. [HGt.02_138,02] Körperlich genommen wäre solche Behauptung freilich wohl nicht anzunehmen; geistig aber kann das gar füglich der Fall sein, und das zwar auf die Art, als wenn sich jemand wollte naturmäßig einer nirgends seienden Grenze der Unendlichkeit nähern. Wenn er auch in der höchsten Gedankenschnelligkeit durchfliegen möchte endlose Raumweiten in einem Augenblicke schon und täte solches fort viele Ewigkeiten, – um wie vieles würde er da wohl dem nirgends seienden Grenzgebiete der Endlosheit näher gekommen sein?! [HGt.02_138,03] Also ist auch die geistige Annäherung zu Mir. Da zwar ein jeder Geist stets vollkommener werden kann und Mir ähnlicher, aber Meine Vollkommenheit nie völlig erreichen kann, welche unendlich ist in allem, wer wird der je näher kommen in der Wahrheit und vollsten Wirklichkeit?! [HGt.02_138,04] Wohl aber kann Ich Mich jedermann nahen und Mich auch also stellen, daß sich Mir jedermann nahen kann. [HGt.02_138,05] Darum auch kam der Jared eiligst herbei, als er Meinen Ruf vernommen hatte im Geiste; darum aber erklärte Ich euch hier dieses, damit ihr ein wenig durchzublicken sollet anfangen, wie da die Dinge stehen. [HGt.02_138,06] Warum ward der Jared berufen, und worin bestand das Großwichtige seiner Berufung? [HGt.02_138,07] Nun habet wohl acht; denn ohne diese Berufung möget ihr nicht und könnet ihr nicht in den Tempel des Lichtes gelangen! [HGt.02_138,08] Als somit der Jared vollends beim Abedam stand, da ergriff Dieser seine Hand und sagte zu ihm: „Höre du, Mein geliebter Jared, Ich kenne deine Lehre von Mir und sage dir, daß du alle deine Kinder recht gelehrt hast; ja vollkommen nach Meinem Willen hast du sie gelehrt! [HGt.02_138,09] Aber da du sagtest: ,Gott ist durchaus unendlich in Seinem Wesen, in Seiner Liebe, in Seiner Heiligkeit, in Seiner Gnade, in Seiner Erbarmung, in Seiner Macht, Kraft, Stärke, in der Dauer Seines Seins und also auch in Seiner Güte, Gerechtigkeit und Weisheit!‘, so möchte Ich denn doch nun erfahren aus deinem Herzen, wie du dir jetzt Meine dir ähnlich wesenhafte Sichtbarkeit mit deinem Begriffe von Meiner unendlichen Wesenheit zusammenreimst! [HGt.02_138,10] Denn Ich bin der Meinung: Wie das Endliche, räumlich Begrenzte nie die unendliche Räumlichkeit erfüllen wird – und wenn es sich auch ewigfort nach allen Seiten hinaus ausbreiten möchte –, also ist es ja wohl auch umgekehrt der Fall. [HGt.02_138,11] Denn wo und wie sollte sich das endlos Räumliche zusammenzuziehen anfangen zu einem endlichen Wesen?! Wo sollte es anfangen, wenn es keine Grenzen hat, und wie – ohne Grenzen?! [HGt.02_138,12] Da es aber also ist nach deiner Lehre, so sage Mir: Wie bin Ich, der unendliche Gott, denn jetzt dir, wie auch allen andern, ein sichtbarer, leiblich formell abgegrenzter Gott geworden? [HGt.02_138,13] Und sage Mir auch ganz gewissenhaft getreu, ob Ich es wohl bin, oder nicht! [HGt.02_138,14] Nach deiner Lehre kann Ich es unmöglich sein; nach deiner Liebe und nach deinem Glauben aber bin Ich es dennoch wieder! [HGt.02_138,15] Also tue uns allen solches kund; denn die Klarheit in diesem Punkte ist von der allergrößten Wichtigkeit aus dem Grunde, da ein unendliches Wesen Gottes für alle endlichen Wesen so gut wie völlig undenkbar ist, somit so gut wie gar keines und sonach auch so gut wie kein Gott ist. [HGt.02_138,16] Ein endlicher Gott aber schließt ja schon mit dem Begriffe ,endlich‘ alle Göttlichkeit aus! [HGt.02_138,17] Also tue dein Herz auf, und erläutere uns diesen Widerspruch und zugleich auch, ob Ich denn wohl Gott bin, oder nicht!“ [HGt.02_138,18] Als der Jared und auch alle die andern solche Frage vernommen hatten, da schlugen sie sich alle auf die Brust, und ein Zweifel um den andern fing an, ihr Herz gefangenzunehmen. Und der Jared sagte nach einigem Nachdenken: „Herr und Vater in aller Deiner Liebe und Heiligkeit! Diese Frage wird zwar der größte und tiefsinnigste Cherub so wenig zu beantworten imstande sein wie ich, aber solches kann ich ja gerade jetzt sagen, da Du die Frage gestellt hast: Wärest Du nicht Gott, der Wahrhaftige, so hättest Du auch diese Frage unmöglich geben können, indem sie eben Dir gleich unendlich ist in allen ihren Punkten, wie in ihrer Gesamtheit! [HGt.02_138,19] Doch mein Maßstab für Deine Gottheit ist mein eigenes Herz, wie auch das Herz aller andern, darum es niemanden so sehr wie Dich zu lieben vermag! [HGt.02_138,20] Alles andere ist für mich von keinem Belange! Wie Du Dich als ein unendlicher Gott auch uns endlichen Würmern vor Dir im Staube aller Nichtigkeit als ein endlicher Gott der Form nach in der Gestalt eines Menschen zeigen kannst, das mag begreifen, wer es kann und mag; allein ich und alle Himmel und Sonnen und Welten und Menschen begreifen es nicht und werden es auch ganz sicher ewig mitnichten begreifen! [HGt.02_138,21] Doch aber gestehe ich hier auch ganz offen, daß ich Dich nur unter dieser Gestalt wahrhaft zu lieben imstande bin; denn wo sollte ein begrenztes Herz die Liebe hernehmen, um Gott in Seiner Unbegrenztheit zu lieben?! [HGt.02_138,22] Daher bist Du mir also auch ums unendliche lieber denn in Deiner für mich undenkbaren göttlichen Unendlichkeit. [HGt.02_138,23] Wenn ich Gott fürchte und liebe, so fürchte und liebe ich Ihn nur unter dieser Deiner Form; denn für einen unendlichen Gott dem Wesen nach bin ich ja so gut wie gar nicht da, und Er ist dann ja auch für das, was gegen Ihn völlig nichtig ist, unmöglich ein Gott! [HGt.02_138,24] Siehe, das ist alles, was ich darüber zu sagen vermag; möge es Dir wohlgefällig sein!“ [HGt.02_138,25] Und der Abedam drückte darauf den Jared an Seine Brust und sagte: „Jared, du hast Mir eine vollkommene Antwort gegeben, und es ist genau also wie du es nun ausgesprochen hast! [HGt.02_138,26] Die Liebe allein ist der Maßstab für Meine Göttlichkeit, und mit keinem anderen Maßstabe bin Ich ermeßlich; denn Ich bin wahrhaft ein unendlicher Gott. Was aber jedoch Meine räumliche Unendlichkeit betrifft, so ist diese nur eine für die Zeit bedingte Erscheinlichkeit, – im Geiste aber ist das nur die Machtvollkommenheit Meines Willens und Meiner Liebe und Weisheit; die gestaltliche Wesenheit aber ist eine und dieselbe, nach der ihr alle seid gemacht worden zu Meinen wesenhaften Ebenbildern! [HGt.02_138,27] Also bleibe du, Mein lieber Jared, wie du warst, und glaube es Mir: Niemand wird Mich je in einer andern Form sehen denn in der, in welcher ihr Mich jetzt alle sehet im Geiste! Amen.“ 139. Kapitel — Die Zweifel der Grübler über die unendliche und endliche Wesenheit Gottes und Abedams lichtvoller Bescheid[HGt.02_139,01] Nach solcher Erklärung waren viele samt dem Jared sehr froh geworden; aber einige wußten sich dessenungeachtet noch nicht so recht zu helfen und kauten daher noch ganz gewaltig an den zwei Wesenheiten Gottes, nämlich zum Teile an der unendlichen und zum Teile an der gestaltlich vor ihnen stehenden. [HGt.02_139,02] Der eine bewies es dem andern sagend: „Ja, ja, das Unendliche kann ebensowenig irgendwo in die Schranken der Endlichkeit treten, als wie wenig das Endliche je die Unendlichkeit ausfüllen wird!“ [HGt.02_139,03] „Also“, sagte ein anderer, „müßten wir auf diese Art etwa gar zwei Götter annehmen, einen endlichen, das heißt soviel als einen wesenhaft gestaltlichen, und dann einen unendlichen, oder wesenhaft ungestaltlichen?!“ [HGt.02_139,04] Ein dritter bemerkte wieder und sagte: „Ich denke aber also: Da wir Gott doch notwendig uns in jeder Hinsicht als unendlich vollkommen vorstellen müssen, so kann Er nur Einer sein, nämlich ein in jeder Hinsicht unendlicher; denn eine beschränkte gestaltliche Wesenheit muß ja doch auch notwendig andere Beschränktheiten nach sich ziehen! Wie aber lassen sich diese mit den unendlichen Vollkommenheiten vereinbaren?“ [HGt.02_139,05] Ein vierter aber bemerkte wieder: „Ich kann meine Gedanken wenden und dehnen, wie ich nur immer mag und will, so ist es mir aber doch platterdings unmöglich, daß ich mir das Unendliche des Raumes hinwegdenken könnte –, und also auch das Ewige! [HGt.02_139,06] Denn lasse ich auch irgendwo in endloser Ferne den Raum durch eine endlos weit ausgedehnte Rundwand begrenzen, so dringt aber mein Geist dennoch alsbald wieder durch diese Scheide- oder Grenzwand und erblickt vor sich nichts anderes als die Fortsetzung des weiter fortgehenden Raumes nach allen Seiten hin in unendliche Tiefen. [HGt.02_139,07] Ich verfolge dann diese wieder endlos weit hinaus und ziehe mir wieder in endloser Fernen Tiefe eine noch endlosere Rundwand; hat dann etwa hier der Raum dann sein Ende? – O mitnichten! [HGt.02_139,08] Mein Geist dringt auch durch diese Wand – und wenn er sie auch früher nahezu endlos dick gestaltet hatte –, und was erschaut er dann hinter dieser Wand? [HGt.02_139,09] Nichts als die abermalige weitere Fortsetzung des unendlichen Raumes in noch unendlichere Tiefen! [HGt.02_139,10] Bei diesen Betrachtungen aber wirft sich einem ja doch notwendig die Frage auf, und man sagt: Ist dieser unendliche und ewige Raum die Wesenheit Gottes, oder ist er erfüllt von ihr? [HGt.02_139,11] Ist aber solches doch notwendig der Fall, da frage sich dann jeder nach Jareds gutem Winke, was Er ist in Seiner bildlichen Form? – ein reinstes Nichts! [HGt.02_139,12] Denn zwischen dem Endlichen und Unendlichen kann durchgehends ewig nie ein anderes Verhältnis stattfinden als das des vollkommenen Untergangs des Endlichen im Unendlichen. [HGt.02_139,13] Und so haben wir in dem Falle wirklich keinen Gott, indem wir wahrhaft pur nichts gegen Ihn sind! [HGt.02_139,14] Ist aber Gott ein gestaltlicher in der Art wie wir und dabei aber doch von ewiger Dauer und wirkt sonach in den endlosen Raum durch Seine überstarke Willensmacht hinein, so läßt sich denn doch auch wieder fragen: Hat Er mit diesem Seinem Willen, wenn auch von Ewigkeiten her von Ihm ausgehend, bis jetzt wohl schon die volle Unendlichkeit des ewigen Raumes erfüllt? [HGt.02_139,15] Mir kommt solches undenkbar vor, weil das Unendliche doch notwendig ewig unausfüllbar ist! [HGt.02_139,16] Ist aber Gott dessenungeachtet gestaltlich wesenhaft, da läßt sich ja auch sogar wieder die neue Frage aufstellen, ob in irgendeiner unendlichsten Ferntiefe der Tiefen des ewig unendlichen Raumes sich nicht eine zweite, ähnlich mächtige Gottheit gestaltlich wesenhaft vorfindet, und ebenso auch eine weitere dritte und so fort ins Unendliche, welche Gottheiten uns aber dann freilich wohl nichts mehr angehen? [HGt.02_139,17] Nach diesen Grübeleien fingen einige wieder an, sich auf die Brust zu schlagen und dann jammernd zu schreien: „Tribihal, Tribihal, was hast du geredet?!“ [HGt.02_139,18] Wenn so, – welch ein Kampf steht dereinst solchen Göttern bevor, wenn sie sich mit ihren großen Willensmächtigkeiten begegnen werden, wenn auch in den endlosen Tiefen des unendlichen Raumes!“ [HGt.02_139,19] Hier erhob Sich der Abedam wieder, berief alle die Grübler zu Sich und sagte dann zu ihnen: „O ihr großen Narren, was habt ihr denn für Unsinn ausgeheckt?! Wahrlich, Ich möchte ihn nicht wiederholen – und möchte ihn auch von niemandem mehr wiederholen hören! [HGt.02_139,20] Damit ihr aber dennoch aus euren endlos dummen Träumereien kommet, so habe Ich Mich eurer Torheit erbarmt und will euch ein wahres Licht geben für euer finsteres Herz, und so höret denn: Was ihr des Raumes Unendlichkeit benennet, ist der Geist Meines Willens, der von Ewigkeiten her eben diese endlose Räumlichkeit gestellt hatte und hat sie erfüllt allenthalben mit Wesen aller Art. Dieser Geist aber hat einen Mittelpunkt wesenhaft gestaltlich, in dem alle Macht dieses unendlichen Geistes vereinigt ist zu einem Wirken, und dieses Machtzentrum des unendlichen Gottgeisteswesens ist die Liebe als das Leben eben dieses Geistes; und diese Liebe bin Ich von Ewigkeit. [HGt.02_139,21] Obschon Sich aber der Geist Gottes überall wirkend äußern kann, so kann Er Sich aber dennoch nicht wesenhaft gestaltlich äußern ohne die Liebe; wo aber Gott Sich dann gestaltlich äußert, da auch äußert Er Sich möglicherweise für endliche Wesen, wie ihr es seid, durch Seine Liebe, welche da ist das eigentliche Grundwesen Gottes und der Sammelpunkt aller Macht, Kraft und Heiligkeit des unendlichen Geistes. [HGt.02_139,22] Sehet, das ist das Wesen Gottes in aller Wahrheit und kann nur mit dem Herzen, aber nie mit dem Verstande begriffen werden! [HGt.02_139,23] Solches aber fasset in euer Herz, so wird euch der unendliche Raum nimmerdar beirren, und die bevorstehenden Götterkriege werden aus eurem Gehirne verschwinden! Amen.“ 140. Kapitel — Die Liebe als rechte Anbetung des Herrn. Puras Liebesprobe und goldenen Worte vom rechten Vater[HGt.02_140,01] Nun erst fingen allen die Augen so recht aufzugehen an, und sie begriffen das, wie Gott unendlich und dabei aber dennoch ihnen auch ein sichtbarer Vater sein kann! [HGt.02_140,02] Der Jared aber wollte nun vor lauter Dankgefühl aus dem tiefsten Lebensgrunde niederfallen vor Abedam und Ihn anbeten nach der möglichsten Kraft seines Geistes; allein der Abedam sagte zu ihm: [HGt.02_140,03] „Jared, Ich sage dir, es hat dessen, was du nun tun möchtest, zwischen uns zweien durchaus nicht vonnöten! Denn du weißt ja, daß bei Mir das Mund- und Gebärdengebet nichts gilt, sondern allein das Gebet der Liebe im Herzen; daher unterlasse das, was Mir zuwider ist! [HGt.02_140,04] Denn wer Mich in seinem Herzen über alles liebt, und liebt aus dieser Liebe heraus auch seine Brüder und Schwestern mehr denn sich, der ist es ja auch, der Mich allzeit, beständig und ohne Unterlaß wahrhaft im Geiste und in aller Wahrheit anbetet. Siehe, solches ist aber bei dir ja schon gar lange der Fall; wie möchtest du Mich denn nun auch noch mit Mund und Gebärde anbeten?! [HGt.02_140,05] Würde das nicht eben also heißen, als so du jemandem gäbest tausend Körbe der schönsten und edelsten Früchte, damit aber nach deiner Meinung die Gabe vollkommen wäre, du dann nach einer zeremoniellen Sitte auch noch hinzulegen möchtest ein dürres Baumblatt?! [HGt.02_140,06] Sage Mir aber, wozu hier dies dürre Blatt hinzu?! Wahrlich, es wird der Empfänger darum nicht reicher und wird diese Hinzugabe nur als läppisch betrachten und wird sie auch bei der Verzehrung der Früchte sicher nicht mitspeisen, sondern wegwerfen als ein völlig unnützes Ding; denn was da an und für sich keinen Wert hat, welchen Wert sollte das haben dann mit der wahrhaftigen Gabe?! [HGt.02_140,07] Daher sei auch du vollkommen versichert, daß Ich bei dir durchaus nicht darauf anstehe, daß du Mir hier zu deinem beständigen Gebete im Geiste und aller Wahrheit noch hinzufügen möchtest ein dürres Blatt, sondern Ich sage dir, wie auch allen: Bleibe allzeit bei dem Gebete, und Ich werde für dieses stets Meine Ohren und Mein Herz offen halten! – [HGt.02_140,08] Nun aber vernimm du, Mein lieber Jared, etwas ganz anderes! [HGt.02_140,09] Siehe, dies Mädchen hier, wie du es bereits vernommen hast, ist irdischerweise vater- und mutterlos und hat nun auf der ganzen Erde keine näheren Anverwandten, außer nach Mir und dem Adam Brüder, Schwestern, Väter und Mütter; nun aber habe Ich es völlig zu einer Tochter angenommen und will es somit auch in Mein Haus aufnehmen! [HGt.02_140,10] Siehe, es ist aber dein Haus eben auch das Meinige; daher wollen wir es eben auch in dieses Haus aufnehmen und wollen da sein Herz also ausschmücken, daß es ein vollkommenes Ebenbild sein soll des höchsten und des reinsten aller Himmel, allda Ich mit Meinen vollkommensten Engeln beständig zu wohnen pflege! [HGt.02_140,11] Und so denn übergebe Ich es dir; nimm es auch du an zu einer Tochter deines Herzens, und wie Ich es dir verheißen habe wahrhaftig und getreu, so auch werde Ich Wohnung nehmen in deinem und also auch allzeit in Meinem Hause. Amen.“ [HGt.02_140,12] Nach diesen Worten aber ergriff Er die Hand der Pura und sagte zu ihr: „Mein Töchterchen! Siehe an den Mann hier, – siehe, er ist ein Mann vollkommen nach Meinem Herzen! Sein ganzes Wesen ist Meine Liebe in ihm. Dieser ist auf der Erde dein wahrer Vater, wie Ich dein lieber und allein rechter bin; daher folge ihm, und er wird sorgen für dein ganzes Leben auf Erden, wie Ich für dein ewiges! Amen.“ [HGt.02_140,13] Mit diesen Worten segnete Er das Mädchen und übergab es dem vor Freuden weinenden Jared. [HGt.02_140,14] Der Jared aber empfing dies Kind mit der größten Zärtlichkeit, Dankbarkeit und Liebe und sagte zu ihm: „Komme, komme, du reinstes Töchterchen des allerliebevollsten und über alles heiligen Vaters; bei mir sollst du ja alles, alles wiederfinden, was du je auf der Erde trauernd verloren hast! [HGt.02_140,15] Siehe, wie du es selbst vernommen hast, so ist mein Haus eigentlich nur ein Haus des allerheiligsten Vaters, der dahier nun sichtbar vor uns steht! [HGt.02_140,16] Wo aber Sein Haus ist, da ist auch Er ein allzeit liebevollster Hausvater und alles, was Er erschaffen hat, wunderbarster Weise mit Ihm; daher sei frohen und dankbar heiteren Mutes, und komme zu mir! Wahrlich, du kannst es glauben; so wie du ist noch nie ein Mensch auf dieser Erde versorgt worden!“ [HGt.02_140,17] Da die Pura aber solches vernommen hatte, da wandte sie sich schnell zum Abedam und fragte Ihn: „O heiliger, liebevollster Vater! Habe ich Arme denn etwa gesündigt vor Dir, daß Du mich nun von Dir entfernen willst? [HGt.02_140,18] Nein, nein, Jared kann ja ein Mann sein nach Deinem Herzen und ist wahrhaft auch ein guter Vater, was ich soeben vernommen habe aus seinem Munde – denn solche Worte könnte ja niemand führen vor Deinem Angesicht, wenn sie nicht wahrhaftig und getreu wären! –, aber Du ist er denn doch nicht, und wird es ewig nicht sein! Daher weiche ich auch nicht von Dir; denn mein Herz sagt es mir, daß nur Du der allein wahre Vater bist, und es gibt außer Dir keinen wahren Vater mehr, und ein Sünder soll der sein, der sich diesen Deinen allerheiligsten Namen zueignet und sich auch ,Vater‘ nennt! [HGt.02_140,19] Nein, nein, mich trennt nichts mehr, ewig nichts mehr von Dir, Du mein lieber, heiliger Vater!“ [HGt.02_140,20] Hier ward der Jared verlegen und wußte nicht, was er nun reden und tun solle. [HGt.02_140,21] Der Abedam aber sagte zu ihm: „Mein Jared, siehe, also soll alle rechte Liebe beschaffen sein! Jetzt erst soll dies Mein wahrhaftiges Töchterchen zwischen Mir und dir verbleiben und morgen auch also in Mein und dein Haus ziehen! [HGt.02_140,22] Denn Ich tat solches nun zu einer Probe für sie und für euch alle! Daher sei du, Mein lieber Jared, nur ganz vollkommen ruhig; denn es geht nichts außer Meiner vorbestimmten Ordnung. [HGt.02_140,23] Das Wort der Pura über den rechten Vater aber soll jedermann zur tüchtigen Lehre dienen, damit er vollends wisse, wer da allein dieses Namens vollwürdig ist; und so denn verbleibe auch du hier bis zum morgigen Tage bei Mir – und dann aber auch ewig! Amen.“ 141. Kapitel — Pura und Jared. Puras Ergebenheit und Demut. Des Herrn Aufforderung zur Nachtruhe[HGt.02_141,01] Darauf wandte Sich der hohe Abedam zur Pura und fragte sie: „Nun, Mein liebes Töchterchen, bist du jetzt zufrieden mit Meiner Anordnung?“ [HGt.02_141,02] Und die Pura erwiderte voll der allergrößten Freude: „O Du überheiliger Vater, wie sollte ich jetzt nicht zufrieden sein?! [HGt.02_141,03] Ich darf ja bei Dir verbleiben, bei Dir, dem alleinig wahren und allerbesten Vater! Wie sollte ich da unzufrieden sein?! [HGt.02_141,04] Daß der liebe Jared auch hier verbleibt, das freut mich auch überaus; denn er muß ja auch ein recht guter Mann sein, da Du, lieber, heiliger Vater, ihn so liebhast und von ihm aussagst, daß er ein Mann vollkommen nach Deinem Herzen ist! [HGt.02_141,05] O Jared, o Jared, wie ungemein, ja wie unaussprechlich glücklich mußt du nun in dir sein, da du aus dem allerheiligsten Munde des allmächtigen großen Gottes, unseres allerliebevollsten Vaters solche Kunde erhieltest, daß du ein Mann vollkommen nach Seinem Herzen bist! [HGt.02_141,06] O Zeugnis, o du lebendigstes Zeugnis! Aus dem Munde Gottes kommst du über einen Menschen, die Fülle des ewigen, allerseligsten Lebens im Schoße des allerheiligsten Vaters! [HGt.02_141,07] O ja, du mein Jared, ich habe dich nun auch sehr lieb, weil dich der heilige Vater so liebhat; komm nur her, daher komme, und setze dich zu mir, und freue dich mit mir! [HGt.02_141,08] Glücklicher und seliger war doch sicher wohl noch nie ein erschaffenes Wesen, als wir es jetzt sind, darum wir den allerheiligsten Vater in unserer Mitte haben und Ihn lieben können und dürfen nach unserer Herzenslust! [HGt.02_141,09] So komme, so komme, du lieber, guter Mann nach dem Herzen des allerheiligsten Vaters; denn ich habe dich ja auch lieb!“ [HGt.02_141,10] Es konnte sich aber der Jared vor zu großer Wonne nicht bewegen, ja nicht einmal seine Lippen! Darum wandte sich die Pura an den Abedam und sagte zu Ihm: „Aber sieh doch, o lieber, heiliger Vater, der fromme Jared will nicht folgen meiner Bitte! [HGt.02_141,11] Ist er denn zuweilen harten Herzens, darum er nicht vernehmen mag eine Bitte?“ [HGt.02_141,12] Und der Abedam entgegnete ihr: „O nein, Meine geliebte Tochter, er ist für den ersten Augenblick nur zu wonnemüde und kann aus zu großer Liebeseligkeit sich kaum bewegen; daher gehe du zu ihm hin, und führe ihn dahin, wo du ihn haben möchtest!“ [HGt.02_141,13] Und die Pura, etwas betroffen, aber erwiderte dem Abedam: „O Du liebevollster, heiligster Vater, es hat Dir ja schon wieder gefallen, mich auf eine kleine Probe zu stellen! [HGt.02_141,14] O sieh, das weiß ich wohl recht gut, daß es sich auf keinen Fall schicken würde, so ich, ein schwaches Mädchen nur, da wollte einen Mann, und gar den Jared, einen Mann nach Deinem Herzen, führen; denn das käme ja gerade so heraus, als wollte ich ihn beherrschen! [HGt.02_141,15] O das sei ja ferne von mir! Denn ein Weib muß ja allzeit den als Herrn aus dem Grunde ihres Herzens erkennen, den Du ihr doch offenbar und ausdrücklich zu einem Herrn gesetzt hast; und so kann er wohl mich – so er will – führen und leiten, nicht aber ich ihn! [HGt.02_141,16] Ist es nicht recht also?! Wenn aber Du ihm einen so kleinen Wink geben möchtest, da würde er sicher gehen da her an meine Seite!“ [HGt.02_141,17] Und der Abedam sagte darauf zur Pura: „Jetzt erst bist du ein ganz vollkommenes Mädchen, da du mit deiner großen Liebe auch die wahre weibliche Ergebenheit und Demut vereinigt hast; rufe aber nur noch einmal den Jared, und er wird sogleich vernehmen deine Bitte!“ [HGt.02_141,18] Und die Pura folgte nun sogleich dem Worte Abedams und sagte zum Jared: „Jared, magst du denn meine Bitte noch nicht vernehmen? [HGt.02_141,19] Siehe, ich habe dir hier ja schon den schönsten Platz bereitet; so komme doch einmal hierher, damit ich bin zwischen dir und dem allerheiligsten Vater also, wie Er es mir ehedem verheißen hat! Denn ich habe dich ja auch sehr lieb; das kannst du mir sicher glauben!“ [HGt.02_141,20] Hier erst folgte überselig der Jared dem Rufe der Pura, ließ sich neben ihr nieder und pries Mich in seinem Herzen für eine so große Gnade. [HGt.02_141,21] Auch die Pura ward nun völlig zufrieden und dankte Mir laut, darum Ich erhört habe den Wunsch ihres Herzens. [HGt.02_141,22] Der Abedam aber sagte zu allen: „Kindlein, eure Glieder sind müde geworden! Also genießet der Ruhe, und schlafet; aber im Geiste bleibet stets wach! [HGt.02_141,23] Und du, Mein Töchterchen, lege dich nun auch zur Erde nieder, und schlafe wachen Geistes! [HGt.02_141,24] Ich aber werde wachen über euch allen und werde euch am Morgen erwecken zur rechten Zeit. [HGt.02_141,25] Und so geschehe es denn jetzt, wie allzeit! Amen. Mein Segen mit euch allen! Amen.“ 142. Kapitel — Das Morgenmahl am Montage. Des Herrn Unterweisung der zwölf Boten im Schreiben und Lesen und der Brüder Lamechs in der Metallbereitung. Henochs Berufung zum Oberpriester. Des Herrn Mahnungen, Segen und Abschied von den Kindern der Höhe[HGt.02_142,01] Also wie am Sonntage und am Sabbate wurde auch am Montage ein vom Abedam wohlgesegnetes Morgenmahl eingenommen, welches ebenfalls wieder der Seth zu bestellen hatte. [HGt.02_142,02] Nach eingenommenem Morgenmahle aber berief der Abedam die bekannten zwölf Boten zu Sich, lehrte sie die Worte durch entsprechende Schriftzeichen mit gespitzten Griffeln auf steinerne Tafeln zeichnen und dieselben sodann auch alsogleich lesen, und gebot ihnen, solches auch alle anderen Brüder zu lehren, wenn auch nicht das Zeichnen, so aber doch wenigstens das Lesen. [HGt.02_142,03] Nach dem gebot Er ihnen auch, nach der Eingabe des Geistes jegliches Wort also niederzuschreiben, das da gegangen ist aus Seinem Munde, wie auch alles, was da einer oder der andere in Seiner Gegenwart geredet hatte, und es solle dann solches alles aufbewahrt werden bis auf die späten Zeiten bei den Hauptstammhältern. [HGt.02_142,04] Die Sammlung aber solle dann den Namen haben ,Das heilige Buch oder die Kriege Jehovas‘; doch sollten die Kriege den letzteren Teil ausmachen. [HGt.02_142,05] Also wurden in kurzer Zeit die zwölfe abgefertigt; sodann aber behieß Er den Jared, sich zu erheben mit Ihm und mit Ihm zu geleiten das Mädchen in sein Haus, und behieß nebenher auch alle die anderen Väter, daß sie Ihm folgen sollten in das Haus und teils zum Hause Jareds. [HGt.02_142,06] Und alles erhob sich und folgte Ihm. [HGt.02_142,07] Im Hause Jareds aber sagte Er zur Pura: „Siehe, Mein Töchterchen, hier ist gut sein; denn das ist Mein Haus, darum es ist ein Haus der reinsten Liebe, welche darinnen wohnt im Jared, Henoch, Mathusalah und Meinem Lamech, der da eben eine Meiner lieben Töchter hat zum Weibe aus Meiner Hand wie seine Brüder, die da Männer sind ihrer Schwestern voll keuschen Sinnes. [HGt.02_142,08] Also wirst du auch hier verbleiben bis zur völligen Reife deines Geistes, da Ich dich dann rufen werde von der Erde und du eingehen wirst in das Reich des wahren, ewigen Lebens!“ [HGt.02_142,09] Darauf wandte Er Sich zum Jared und sagte zu ihm: „Wie du bist ein weiser Vater Henochs, Mathusalahs und Lamechs, also sei es auch diesem Kinde, das du ganz unmittelbar aus Meiner Hand erhieltest! Was du sonach in Meinem Namen tun wirst dieser Meiner Tochter, das wird auch vollkommen sein; doch soll sie keinem Manne nähertreten, bevor Ich es dir nicht ausdrücklich anzeigen werde! Amen.“ [HGt.02_142,10] Darauf berief Er die Brüder Lamechs zu Sich, führte sie dann in ihre Werkstätten, die da errichtet wurden wunderbar durch Seinen allmächtigen Willen, und zeigte ihnen das rechte Erz der Berge, lehrte sie dann mit kurzen Worten dasselbe zu reinigen im Feuer der Kohle und dann zu schmieden zu allerlei notwendigen Gerätschaften, und segnete die Berge und das Werk ihrer Hände. [HGt.02_142,11] Nach dem begab Er Sich wieder in das Haus Jareds und empfing allda die zwei zurückgekommenen Boten, welche da hießen Sethlahem und Kisehel und begleitet hatten am Sonntage den Horadal in das für ihn und sein Volk bestimmte Land zwischen Morgen und Mitternacht, und berief auch ihre Brüder, rüstete sie aus mit Seiner Liebekraft und beschied sie dann alsogleich in die Tiefe hinab gen Hanoch. [HGt.02_142,12] Nach dem aber berief Er alle die Hauptpatriarchen der vier Gegenden zu Sich und legte jedem teuerst aus Seiner allerhöchsten Vaterliebe ans Herz, daß sie alle die nun vernommenen Lehren fürs erste treulichst im eigenen Herzen wahren sollten und sollten auch alle ihre Kinder werktätig in solcher Lehre unterweisen. [HGt.02_142,13] Dann aber berief Er auch den Henoch und machte ihn zum wahren Oberpriester Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung, und zeigte dann solches auch allen an, daß sie sich in allem an den Henoch zu wenden hätten, wo sie nicht auslangen sollten mit ihrem Geiste und ihrer ihnen verliehenen Kraft. [HGt.02_142,14] Endlich warnte Er alle vor der Tiefe und vor ferneren Verbindungen mit deren Töchtern; doch aber gab Er ihnen in diesen Warnungen kein Gebot, sondern überließ solches alles ihrem freien Willen. [HGt.02_142,15] Darauf gegen den Abend führte Er sie alle wieder auf die bekannte Höhe, schärfte ihnen da noch das Gesetz der Liebe in ihre Herzen, segnete sie dann alle und entließ endlich alles Volk, daß es wieder ziehe in seine Heimat, empfahl der Purista die Treue in ihrem Dienste und entließ sie sodann auch. [HGt.02_142,16] Endlich aber berief Er noch zu Sich die Hauptstammväter und Abedam den andern und sagte zu den Vätern: „Kinder und Brüder Meiner Liebe! Meine Liebe bleibe unter euch; das ist der bleibende Segen des Vaters – und Er bei euch! [HGt.02_142,17] Du, Abedam, aber gehe nun mit Mir dahin, wo Ich dich um die Zeit traf am Vorsabbate abends; ihr alle aber begebet euch in eure Wohnungen! Amen.“ [HGt.02_142,18] Und alles fing an zu weinen; der hohe Abedam aber verließ sie plötzlich und ward an der vorbenannten Stelle auch dem bekannten Abedam unsichtbar. [HGt.02_142,19] Dieser aber kehrte schnell zurück und berichtete es den Vätern, wie der Allerhöchste seinen Blicken entschwand. [HGt.02_142,20] Und der Adam lud diesen Abedam in seine Wohnung ein, und dieser blieb nachher noch drei Tage im Hause Adams, Seths und Jareds und zog dann nachdenkend in seine Heimat. 143. Kapitel — Am Streit- oder Dienstage. Abedams, des andern, Rede über die Last des Lehramtes[HGt.02_143,01] Schon recht früh begaben sich die Väter auf die Höhe und lobten und priesen Gott, den überheiligen Vater, der sie durch diese kurze Zeit so endlos bereichert hatte; selbst der Adam fehlte nicht, sondern war vielmehr in der Gesellschaft Abedams, des bekannten, und der Eva einer der ersten auf der Höhe und segnete rings herum alle seine Nachkommen. [HGt.02_143,02] Nach beendigtem Lobe und Preise aber fragte der Adam all die Kinder und sagte zu ihnen: „Was meint ihr wohl? Es ist heute der Streittag, – werden sich heute keine Weisheitszänker vom Mittage her, keine Grübler vom Abende her und keine Zweifler von der Mitternacht her hier einfinden? [HGt.02_143,03] Bis jetzt sehe ich wenigstens von keiner Seite her irgend jemanden sich unseren Wohnungen nahen! [HGt.02_143,04] Wahrlich, wenn heute niemand kommt, so wird solches von mir aus für eines der größten Wunder angesehen werden, welches uns bleibend geworden ist durch die allerheiligste sichtbare Gegenwart Jehovas!“ [HGt.02_143,05] Abedam, der bekannte, aber antwortete alsogleich auf die Frage Adams also: „Höre, ehrwürdigster Vater, noch hat der Tag erst kaum sein Dasein begonnen; daher frohlocke nicht zu früh! [HGt.02_143,06] Siehe, unsere Gedanken und unsere Worte wie unsere Werke sind nicht unbelauscht; denn mein großer Namensgefährte kann ja ebensogut unsichtbar sich unter uns befinden, wie Er gestern noch sichtbar unter uns gewandelt hatte. [HGt.02_143,07] So ihr euch aber etwa freuet eines zeitlichen Vorteiles wegen, siehe, da ist Er bei der Hand und vernichtet für euch alsbald alles, worüber ihr euch weltlich freuen möchtet! [HGt.02_143,08] Daher bin ich der Meinung, nicht zu früh zu jubeln; denn sonst schickt Er euch gerade heute so viel Streiter über den Hals, daß ihr eben heute mit ihnen gar nicht fertig werdet, und dazu noch Streiter von der spitzfindigsten Art, die nichts begreifen, nichts einsehen, und daher in allen ihren Aussprüchen ein vollstes Recht haben wollen! [HGt.02_143,09] Wie angenehm aber mit solchen Vettern zu reden ist, die da haben einen steinernen Kopf und eine eherne Brust, – Väter, das habe ich leider nur schon zu oft empfunden! [HGt.02_143,10] Daher meine ich, ihr sollet nicht zu früh jubeln, sondern dafür Ihn, den Herrn alles Streites, bitten, daß Er da möchte allen nichtigen Streit für alle Zukunft in weitester Ferne halten und dafür allen angedeihen lassen ein gerechtes Licht, damit da aller Streit einmal ein Ende hätte! [HGt.02_143,11] Sehet, liebe Väter, das ist meine Meinung, die ich freilich wohl niemandem aufdringen möchte – und schon am allerwenigsten euch Vätern der hohen Mitte! [HGt.02_143,12] Doch sage ich aber, da ich schon einmal in der Rede bin: Es rühme sich auch niemand eines Lehramtes und juble bei sich ja nicht, daß ihn der Herr zu einem Lehrer gemacht hat und zu einem Propheten; denn die Lehrer und der Prophet werden nicht geliebt, sondern nur höchstens geachtet und gefürchtet. [HGt.02_143,13] Ich aber sage da: Der Abedam bedankt sich für solche Auszeichnung, wenn er durch sie die Liebe entbehren muß! Daher will ich zwar wohl recht gerne ein Lehrer der Liebe sein werktätig; aber nur bei einem Weisheitsstreite lasset mich so ferne als nur immer möglich! Und wenn ich auch wüßte durch den Geist, daß der Herr morgen machen möchte mit der ganzen Erde, wie Er da vorgestern gemacht hat dort mit jenem Berge im Morgenlande, wahrlich, ich möchte Ihn so lange darum bitten, auf daß Er mir's erlassen möchte, solches zu künden den Menschen, wodurch ich wohl ihre Furcht, aber sicher nicht ihre Liebe erwecken möchte! – Ich meine aber, solches ist auch eine Weisheit! [HGt.02_143,14] Bruder Henoch, ich sage es dir, du hast wohl das schwerste Amt überkommen! [HGt.02_143,15] Wahrlich, so ich an deiner Stelle gewesen wäre, so hätte ich es eher drei-, ja sieben Mal dem Herrn zu den Füßen niedergelegt, bevor ich es angenommen hätte! [HGt.02_143,16] Glaube es mir, lieber Bruder Henoch, das Amt wird dir viel zu schaffen machen! Du bist ganz aus lauter Liebe zusammengesetzt und wirst auch lauter Liebe predigen, – aber dadurch eben am allerwenigsten die Liebe genießen zeit deines Lebens! [HGt.02_143,17] Denn es ist kein Unterschied darinnen, zu sein ein Lehrer der Weisheit oder der Liebe, da in der Liebe eben die allerhöchste Weisheit steckt. [HGt.02_143,18] Also wirst du wohl die größte Achtung genießen, – aber es werden dich gar wenig Brüder und Schwestern umarmen! [HGt.02_143,19] Mir aber ist eine Umarmung eines Bruders mehr und die auch einer Schwester denn die höchste Achtung aller Welt!“ [HGt.02_143,20] Hier schwieg der Abedam. Es verwunderten sich aber alle über seine Weisheit, und der Henoch eilte zu ihm hin und sagte: [HGt.02_143,21] „Bruder, du hast vollkommen gesprochen! Ich empfinde nun das alles lebendig in mir, was du geredet hast; aber wie ist dem jetzt mehr abzuhelfen?“ [HGt.02_143,22] Und der Abedam sagte zu ihm: „Bruder, glaube mir, Er ist unter uns, und da ist ja allem leicht zu helfen! Siehe, wir haben ja ein lebendiges, offenes Auge für Ihn; es ist unser Herz! [HGt.02_143,23] Daher tragen wir Ihm das, was uns irgend drückt, nur lebendig vor im Herzen, und Er wird dasein und lindern, was uns drückt! [HGt.02_143,24] Also meine ich es und glaube, daß solches richtig ist! [HGt.02_143,25] Meinst du doch nicht anders?“ 144. Kapitel — Die Rechtfertigung des mühevollen Lehr- und Prophetenamtes durch Henoch[HGt.02_144,01] Darauf besann sich der Henoch eine kurze Zeit und sagte dann zum Abedam: „Bruder, du hast durchaus nicht unrecht; doch aber meine ich meinesteils, es kommt eigentlich hier auf der Welt nicht auf die Behaglichkeit an, mit welcher ein oder das andere Amt verbunden sein sollte oder möchte, sondern allein auf den Willen des Herrn und unserer Herzen wahre Demut! [HGt.02_144,02] Denn obschon es wahr ist, daß ein Lehrer und ein Prophet mehr geachtet denn eigentlich geliebt wird, so ist aber anderseits doch auch wieder wahr, daß sie eben dadurch mehr denn jemand anders in den Schranken der Demut gehalten werden. [HGt.02_144,03] Denn das ist einmal gewiß, daß im Grunde die Liebe ein allerhöchster Grad der Hochachtung dessen ist, das man liebt, von der die sogenannte Amtsachtung dann nur ein Funke ist. [HGt.02_144,04] Denn was man wahrhaft liebt, für das auch geht man ins Feuer; was man aber nur amtsachtet, hinter dem pflegt man sich dann zu schützen, so da zum Beispiel kommen möchte eine Gefahr. [HGt.02_144,05] Daher meine ich meinesteils: Wenn uns der heilige, liebevollste Vater allein nur für die Behaglichkeit hätte stellen wollen, so hätte es von Seiner allmächtigen Seite nichts mehr bedurft, als uns alle samt und sämtlich in Tiere zu verwandeln, und der Zweck der vollkommensten Behaglichkeit für uns wäre dadurch auf einen Hieb erreicht gewesen; allein Er, die allerhöchste und allervollkommenste Liebe und Weisheit, hat mit uns – wie Er es Selbst uns allen gezeigt hat – einen höheren Plan als allein den der stummen Behaglichkeit! [HGt.02_144,06] Daher hat Er uns auch Seinen Willen kundgemacht und jeglichem gegeben das Amt der Liebe, den Geringeren aber auch noch hinzu ein Ämtchen der Weisheit. [HGt.02_144,07] Wenn wir demnach als solche eben auch nicht so viel Liebe von unsern Brüdern und Schwestern zu erwarten hätten als diese unter sich, so macht das ja eben unser Unglück nicht aus; denn in dem Falle haben wir ja dann die allerschönste Gelegenheit, sie mehr zu lieben und somit zu achten, denn sie uns, – und das ist ja aber auch des Herrn Wille! [HGt.02_144,08] Was ist denn besser: glücklich zu machen oder glücklich gemacht zu werden, – zu geben oder zu nehmen?! [HGt.02_144,09] Daher meine ich wieder, es kommt da nur auf uns an, wie wir die Sache in unseren Herzen aufnehmen – entweder aus wahrer Liebe zu unseren Brüdern vor Gott, oder aus einer richterämtlichen Nötigung, welche ehedem unser aller Anteil war –, und wir alle können dann vollends versichert sein, daß Er, der übergute Vater, uns Kindlein kein ehernes Joch auf den Nacken gebunden hat! [HGt.02_144,10] Bleiben wir demnach überdankbaren und demütigen Herzens nur, wozu Er uns berufen hat! Denn des können wir alle versichert sein, daß Er, die allerreinste Liebe und die allerhöchste Weisheit, uns nicht fürs Verderben, sondern nur für unsere und für aller unserer Väter, Mütter, Brüder und Schwestern ewige Wohlfahrt also beamtet hat; darum Ihm allein alle Liebe, alles Lob und aller Preis von uns allen! [HGt.02_144,11] Siehe, Bruder, das ist meine Meinung! Da aber heute schon der Streittag ist und bis jetzt noch kein Zänker erschienen ist, so magst du ja wohl streiten mit mir; denn ich will nicht ein unfehlbarer Oberpriester sein, sondern, daß auch ich jedes Wort eines Bruders ansehe gegen das meinige, – außer es spräche des Herrn Geist aus mir, gegen den dann unsere Worte freilich wohl nichts denn ein leeres Geplärr sind! Daher magst du mir nun wohl einwenden, so du etwas hast; denn das waren nur meine Worte!“ [HGt.02_144,12] Und der Abedam aber ward bei dieser Rede Henochs ganz verdutzt, fiel ihm um den Hals und sagte endlich: „Ja, ja, lieber Bruder, du allein hast ganz vollkommen recht! Mit dir ist der Herr vollkommen; ich aber bin allzeit dumm vom Grunde aus! Oh, wie schön könnte ich mich jetzt zerreißen aus lauter Ärger über meine hartnäckige Dummheit! [HGt.02_144,13] Wird's denn in meinem Herzen nie völlig Tag werden? – Nur das sage mir nun, lieber Bruder! [HGt.02_144,14] Nein, nein, es ist unbegreiflich, mit welcher Ruhe ich ehedem meine Dummheit bloßgelegt habe – und wollte dich gewisserart in meine Torheit herabziehen und dich unterweisen! [HGt.02_144,15] O – o – ich großer Dummkopf! Ich dem Henoch eine Lehre geben! – Bruder, vergib mir armem, dummem Tropfe! [HGt.02_144,16] Denke dir dabei, daß ich gerade also geredet habe, wie ich es verstanden habe!“ [HGt.02_144,17] Und der Henoch entgegnete ihm: „O Bruder, sei ruhig! Auch dein Wort hat einen guten Grund, – und das meinige ist aus ihm gewachsen; darum wird es auch verbleiben, gleich dem meinen bis ans Ende der Zeiten aufbewahrt. Daher sei ruhig; denn es werden auch Lehrer und Propheten geliebt, wenn sie sind nach dem Willen Gottes, des Vaters! – Verstehst du das?“ 145. Kapitel — Die Ankunft zweier Boten. Adams und Abedams, des andern, Verlegenheit[HGt.02_145,01] Und der Abedam entgegnete darauf: „O ja, lieber Bruder Henoch, und ob ich's jetzt verstehe! [HGt.02_145,02] Nur was da die Aufbewahrung meiner früheren Rede bis ans Ende der Zeiten betrifft, so magst du wohl recht haben insoweit, daß da in Gott sogar alle unsere Gedanken aufbewahrt werden und somit sicher auch meine frühere Rede, und wenn sie noch einmal so leer gewesen wäre, als sie es ohnehin war; aber daß sie etwa gar solle aufgezeichnet werden auf Steintafeln, – das wäre denn doch ein wenig zu viel verlangt! [HGt.02_145,03] Da weiß ich noch nicht so ganz recht, was du damit hast sagen wollen; daher möchte es mir durchaus nicht im geringsten schädlich sein, so du mir darüber ein paar Wörtchen zukommen ließest!“ [HGt.02_145,04] Und der Henoch erwiderte ihm und sagte: „Ich sage dir im Namen des Herrn: Nicht nur deine frühere Rede, sondern auch jedes Wort, das du jetzt geredet hast, wird auf steinerne Tafeln gezeichnet werden! – Verstehest du's jetzt?“ [HGt.02_145,05] Und der Abedam erwiderte: „Ja, jetzt ist es mir ganz klar; aber jetzt will ich auch alsogleich nichts mehr reden, damit des leersten Zeug's meines Mundes nicht noch mehr auf die steinernen Tafeln zu stehen kommt! – [HGt.02_145,06] Doch siehe, da vom Abende her sehe ich soeben zwei Männer eiligen Schrittes sich uns nahen; dadurch wird meine Zunge sicher eine Rast bekommen, aber desto mehr Tätigkeit meine Ohren! [HGt.02_145,07] Über das aber habe ich heimlich eine kleine Freude, daß da meine Voraussage doch etwas Treffendes gehabt hat, nämlich, daß man ob des Nichterscheinens der Streiter am frühsten Morgen nicht zu vorlaut jubeln solle! Denn das sind schon einmal sicher ein paar so recht Hitzige, da sie ihre Füße gar so eiligst wechseln! [HGt.02_145,08] Doch nun kein Wort mehr weiter; denn sie sind schon so gut wie hier!“ [HGt.02_145,09] Und die zwei Männer näherten sich eiligen Schrittes den Vätern auf der Höhe und grüßten sie überaus ehrfurchtsvoll. [HGt.02_145,10] Der Adam aber trat sogleich mit der angewohnten patriarchalisch-richterlichen Amtsmiene hervor und fragte sie auch auf die gewöhnliche Art: „Welcher Zwist hat euch hierher getrieben?“ [HGt.02_145,11] Und einer der zwei Männer erwiderte: „Vater Adam, diesmal wirst du von uns auf diese Frage wohl schwerlich eine Antwort aus unseren Herzen erhalten! Daher wirst du dich für diesmal schon müssen zu einer andern Frage bequemen; denn uns trieb heute durchaus kein Zwist hierher!“ [HGt.02_145,12] Bei dieser Gelegenheit bemerkte für sich selbst auch der Abedam, sagend nämlich: „Mir scheint, auch ich habe meiner Voraussage etwas zu früh ein Preiswort gesprochen! O Herr, vergib mir meine allzeit große Torheit!“ [HGt.02_145,13] Der Adam aber fiel auf die Äußerung des Fremden alsogleich aus seiner Rolle und wußte nun nicht mehr, was er die beiden fragen oder was er sonst mit ihnen reden oder machen solle und berief daher den Henoch zu sich und fragte ihn, was hier zu tun sein solle. [HGt.02_145,14] Der Henoch aber sagte: „Nichts – als warten! Denn haben die beiden irgendeinen Grund, warum sie zu uns gekommen sind, so werden sie ihn uns schon ohnehin noch früh genug kundgeben; und haben sie keinen andern als allein den, uns zu sehen, so werden sie wohl wieder umkehren, wenn sie sich an uns werden satt gesehen haben. [HGt.02_145,15] Daher sollen wir allzeit unbekümmert sein, warum dies und warum jenes, sondern alle unsere Sorge sei gerichtet auf Den, der da noch gestern überheilig unter uns gewandelt hat! [HGt.02_145,16] Siehe, solches allein tut uns allen not; für alles andere aber wird schon der liebevollste, heilige Vater sorgen! [HGt.02_145,17] Darum magst du, Vater Adam, auch nun völlig ruhig sein und somit belassen alle die alten, nichtssagenden Amtsformen! Denn Er hat uns allen ja eine neue Form gegeben, nämlich die allerherrlichste Form der Liebe; bei der und in der aber sollen und wollen wir auch jetzt, wie ewig, verbleiben! Amen.“ 146. Kapitel — Die weisheitstiefe Rede des Fremden über den Zweck seines Kommens. Henochs Ahnung[HGt.02_146,01] Diese Worte Henochs führten den Adam wieder ganz zur Ruhe; der Fremde aber, der schon früher geredet hatte, trat nun zum Henoch hin und sagte zu ihm: [HGt.02_146,02] „Henoch, deine Worte gefallen mir! Du bist ein wahrhafter Lehrer und Prophet; denn du predigst die Liebe. [HGt.02_146,03] Die Liebe auch ist der Grund, der Mich und, wie du es siehst, noch einen Bruder hierher geführt hat. [HGt.02_146,04] Denn nicht streiten wollen wir vor euch, die ihr mit dem Geiste der Liebe seid erfüllt worden, sondern eben den Geist der Liebe wollen wir in euch erforschen also, als wäre er uns ein fremder; und haben wir ihn erforscht, da wollen wir ihn euch nicht nehmen, sondern in aller Fülle, wie er in euch ist, belassen! [HGt.02_146,05] Siehe, das ist der Grund, darum wir hierher kamen! – Es geht aber die Sonne ja auch auf und unter, wodurch da entsteht Tag und Nacht auf der Erde; aber in der Sonne selbst, die eine bei weitem größere Welt ist denn die Erde, gibt es keine Nacht, da die Sonne durchaus Licht ist. [HGt.02_146,06] Also scheint es auch der Fall zu sein mit dem Menschen, so er nicht durch und durch erforscht ist in seiner Liebe, daß er ist gleich einem Planeten, auf dem es bald Tag und bald wieder Nacht wird. [HGt.02_146,07] Wenn er aber durchforscht wird in seinem Herzen, alsdann wird das Herz zur Sonne, und so wird fürder keine Nacht mehr in seiner Seele! [HGt.02_146,08] Also erforscht ja auch ein Bräutigam seine Braut und diese dann den Bräutigam; dadurch wird ihre Liebe stets leuchtender, darum sie sich auch stets mehr und mehr erkennen und dann auch um so inniger lieben. [HGt.02_146,09] Und wenn ihre Liebe dann vollbrändig wird, so ergreifen sie sich, für ewig durch und durch erleuchtet, da sie sich erkennen und in dieser Erkenntnis sich erst völlig gegenseitig wohlgefallen. [HGt.02_146,10] Daher lasset uns gegenseitig auch also erforschen, damit unsere Liebe eine vollkommene werde!“ [HGt.02_146,11] Hier zupfte Abedam den Henoch und sagte: „Bruder, wie werde ich mich denn in meiner Heimat als Lehrer ausnehmen, wenn es dort also überaus weise Männer gibt?! [HGt.02_146,12] Denn, erlaube mir, gegen den sind wir beide ja schon wieder im Staube! Nein, es ist mir unbegreiflich, woher diese denn solche Weisheit genommen haben!“ [HGt.02_146,13] Der Henoch aber sagte: „Abedam, sei nur ruhig; denn da wird schon noch etwas Unbegreiflicheres herauskommen! Denn die Männer gefallen mir überaus gut! – Verstehst du das?“ 147. Kapitel — Die Streitfrage über das Sein des gerichteten und das Sein des freien Menschen. Henochs Verlegenheit[HGt.02_147,01] Nach diesen gegenseitigen Bemerkungen Abedams und Henochs wandte Sich der fremde Redner wieder an den Henoch und fragte ihn: [HGt.02_147,02] „Höre, lieber Henoch, der du eingesetzt wardst zum Oberdiener des Herrn: Ich und dieser Bruder da neben Mir sind in einer Sache uneins – das heißt, wir sind nicht uneins etwa im Herzen, sondern ein wenig im Lichte nur –; da du aber zuallermeist bist als ein Oberdiener vom Herrn mit dem Lichte begabt worden zufolge deiner Liebe zu Ihm und aus der zu allen Brüdern, so gib uns erleuchtend kund dasjenige, darüber wir uneinig sind. [HGt.02_147,03] Das aber ist der Punkt, der uns im Lichte trennt: Ich sage es in Mir, daß auch der gerichtete Mensch lebt; aber er lebt ein gezwungenes Leben, während der freie, ungerichtete Mensch ein absolutes, ungezwungenes Leben lebt. [HGt.02_147,04] Und so ist ein gerichtetes Leben ein Leben der Sünde, ein ungerichtetes Leben aber ein Leben der Liebe; und somit gibt es dann ja keinen Tod, sondern nur einen Lebensunterschied! [HGt.02_147,05] Siehe, solches sage Ich in Mir; der Bruder da aber sagt: [HGt.02_147,06] ,Ein gerichtetes Leben ist durchaus kein Leben, sondern nur ein allerbarster Tod! Denn ein gerichtetes Leben gleicht völlig einem geworfenen Steine, der zwar auch fliegt durch die Luft gleich einem Vogel, aber nur so lange, als ihn die Wurfkraft trägt; hört aber diese auf, so fällt er sogleich wieder vollkommen tot zur Erde, während der Vogel sich frei nach allen Richtungen bewegen kann!‘ [HGt.02_147,07] Ja, er setzt noch hinzu: ,Nehmen wir an, der Stein wäre also mächtig geworfen worden, daß er darob im unendlichen Raume sich ewig fortbewegen müßte, so fragt es sich, ob der Stein zufolge dieses ewigen Fortfluges lebt – oder an und für sich dennoch vollkommen tot ist!‘ [HGt.02_147,08] Siehe, lieber Henoch, das ist demnach unsere Lichtspalte, welche du uns berichtigen möchtest, aber also, daß es für jeden von uns vollends ersichtlich klar wird, was du uns darüber sagen wirst!“ [HGt.02_147,09] Hier dachte der Henoch in seinem Herzen, und er fand bei längerem Suchen keine Antwort. Denn prüfte er den einen Satz, so fand er ihn vollkommen richtig, – und tat er das mit dem zweiten Satze, so war auch wieder dieser uneinwendbar richtig; und so konnte er trotz alles Hinundherdenkens und Vergleichens keine Antwort finden. [HGt.02_147,10] Und wandte er sich – wie allzeit bei solchen Gelegenheiten – an den Jehova in der Liebe seines Herzens, so klang es da eben also, daß da ein Satz also richtig sei wie der andere. [HGt.02_147,11] Daher kam der Henoch in eine große Verlegenheit und konnte mit keinem Bescheide zurechtkommen. [HGt.02_147,12] Der Fremde harrte ruhig auf die Antwort, welche nicht erscheinen wollte. Der Abedam aber zog den Henoch zu sich und sagte zu ihm ganz heimlich: „Bruder Henoch, wenn uns der hohe Abedam durch die Zeit Seines Unter-uns-Seins nicht ein wenig mit den zugeteilten Ämtern hat anrennen lassen, so will ich nicht Abedam der Dumme heißen! [HGt.02_147,13] Nimm nur einmal jetzt diese zwei – vom Abende her noch dazu! – und mich als einen allergewecktest sein sollenden Führer unter ihnen! [HGt.02_147,14] Eine halbe solche Frage ist für mich ja schon bei aller meiner sein sollenden Gewecktheit mehr denn überaus hinreichend, um meiner ganz verzweifelten Weisheit den Mund für alle ewige Zeiten zu stopfen! [HGt.02_147,15] Ich setze den Fall, sie hätten sich mit diesen zwei Entscheidungsfragen an mich gewendet, – o Herr, was wäre da auf einen Schlag aus mir geworden?! Wahrlich, ich wäre da ja eingegangen wie ein schmutziger Wassertropfen, wenn er ins Feuer der Sonne fiele! [HGt.02_147,16] Und mich, wie du es selbst vernommen hast, hat Er zum Hauptführer gesetzt für dieses mein Abendbrüdervolk! [HGt.02_147,17] Bruder, – wenn das nicht Anrennenlassen heißt, so weiß ich doch bei meiner armen Seele nicht, wie man es machen und anstellen müßte, um jemanden aus allen Kräften noch mehr anrennen zu lassen! [HGt.02_147,18] Er hat uns ja allen zu öfteren Malen gesagt: Es kommt alles auf die Liebe an; aus der Liebe mögen wir alles schöpfen! [HGt.02_147,19] Bruder, ich liebe und liebte Gott allzeit aus allen meinen Kräften, und alle Menschen möchte ich vor Liebe ordentlich anbeißen, – und doch bin ich dabei so dumm, wie nur immer jemand dumm sein kann! [HGt.02_147,20] Was sagst denn du dazu? – Ich glaube heimlich bei mir, Jehova hat uns allen in Abedam einen neuen Prüfungsstein gegeben, an dem wir etwa unsere Festigkeit erforschen sollen; denn sonst wäre mir meine bleibende Dummheit bei meinem Berufe ja noch unerklärlicher als ein Stern, der noch nie aufgegangen ist! – Was meinst denn du, lieber Bruder, in dieser Hinsicht?“ [HGt.02_147,21] Hier ward der Henoch noch in eine größere Klemme gesteckt und wußte am Ende nichts zu sagen als bloß nur die wenigen Worte: [HGt.02_147,22] „Bruder, glaube es mir, du bist in deiner Einfalt glücklicher – denn ich bei aller meiner vermuteten Weisheit! [HGt.02_147,23] Darum will ich auch nur allein die Liebe verkünden, derlei Weisheitskniffe aber allzeit unbeachtet vorüberstreichen lassen! [HGt.02_147,24] Denn hier in diesen zwei Sätzen hätte im Grunde jeder recht, – und doch ist zwischen ihnen ein bedeutender Unterschied; wie aber diesen ersichtlich machen, das ist eine andere Frage! [HGt.02_147,25] Was ist ein gezwungenes Leben – und was dagegen der Tod? [HGt.02_147,26] Diese Entscheidung wollen wir auf bessere Zeiten verschieben! Daher wollen wir die zwei auch damit abfertigen; denn was ich nicht verstehe, davon kann ich auch nicht reden! – Du verstehst mich doch?“ 148. Kapitel — Der hartnäckige Fremde. Henochs gute ausweichende Antwort. Des Fremden Gegenfrage und Henochs neue Verlegenheit[HGt.02_148,01] Als der Fremde aber schon eine geraume Zeit gewartet hatte und noch immer keine Antwort erhielt, da wandte er Sich wieder zum Henoch und fragte ihn: „Henoch, hältst du Mich denn einer Antwort unwert, darum du also schweigst, und magst zu Mir nicht sagen ja oder nein? Oder solltest du noch immer keine Löse in dir gefunden haben? [HGt.02_148,02] Ich ersuche dich darum, Mir entweder eine Antwort zu geben, oder Mich irgendwo andershin zu bescheiden; denn Ich stehe darauf an, daß da zwischen Mir und diesem Bruder vollends Licht werde!“ [HGt.02_148,03] Hier besann sich dann der Henoch nicht mehr lange, sondern sagte alsobald zum Fremden: „Höre, lieber Bruder, dein und deines Bruders Anliegen ist von einer solchen Art, daß sich so ganz eigentlich darauf nicht viel sagen läßt! Denn es ist im Grunde dein Satz so wahr und richtig wie der des Bruders, und es sagt im Grunde einer dasselbe wie der andere; nur die Worte sind verschieden. Siehe, also erfasse ich es; da du aber darinnen einen bedeutenden Unterschied findest, so ist es mir unmöglich, aus diesem Unterschiede eine lichte Mitte herauszubringen, indem ich hier durchaus keinen Unterschied finde! Denn ein gezwungenes Leben ist ja nur ein scheinbares; was aber ist ein scheinbares Leben? Doch unmöglich etwas anderes als eine scheinbare Bewegung, welche so gut wie gar keine Bewegung ist! [HGt.02_148,04] Wenn zum Beispiel zur Nachtzeit durchbrochene Wolken unter dem Monde hinwegziehen, da kommt es dem Auge zur Erscheinung, als zöge der Mond über ihnen hinweg; ist aber diese scheinbare Bewegung nun auch eine wirkliche? [HGt.02_148,05] O mitnichten! In dieser Hinsicht ist der Mond tot; denn nicht er, sondern nur die Wolken bewegen sich. [HGt.02_148,06] Wie aber eine solche Bewegung keine Bewegung ist, sondern nur ein barster Stillstand, also ist auch ein gezwungenes oder gerichtetes Leben kein Leben, sondern bezüglich auf das eigentliche Leben ein allerbarster Tod. [HGt.02_148,07] Denn wenn etwas Nichtlebendes durch ein anderes Leben nur wie lebendig mit fortgerissen wird, wie zum Beispiel ich ein Kleid mit mir auf meinem lebendigen Leibe herumschleppe, so lebt es darum nicht, sondern es ist bar tot in Hinsicht auf mein Leben, wenn es auch eine eigentümliche Kraft insoweit innehaben muß, auf daß es nicht zerfällt oder auch gänzlich vergeht und mir darum zu einem Kleide nicht dienlich sein könnte! [HGt.02_148,08] Siehe, das ist aber auch alles, was ich dir auf deine Frage zur Antwort zu geben vermag! [HGt.02_148,09] Doch willst du aber durchaus irgendeinen leuchtenden Unterschied erfahren, so wird dir nichts anderes übrigbleiben, als dich entweder an jemand anders zu wenden, oder eine bessere Zeit abzuwarten, allwann ich in dieser Sache vielleicht mehr Licht haben dürfte denn gerade jetzt! [HGt.02_148,10] Übrigens aber muß ich dir bemerken, daß es um vieles besser ist, Gott aus allen Kräften und die Brüder mehr denn sich zu lieben, als sich mit derlei Weisheitskniffen zu befassen. [HGt.02_148,11] Tuet das, so wird euch der Unterschied zwischen dem, was da ist ein genötigtes Leben der Sünde, oder was da ist der Tod, gar wenig kümmern; denn nur dadurch werdet ihr wahrhaft lebendig werden! [HGt.02_148,12] Wer aber das Leben hat, der tut ja dann doch sehr unklug, wenn er sich kümmert um das, was da ist des Todes! [HGt.02_148,13] Tuet ihr nun, was ihr wollet; aber solches lasset nicht unbeachtet!“ [HGt.02_148,14] Und der Fremde entgegnete darauf dem Henoch: „Mein lieber Henoch, du hast zwar in einer Hinsicht eben nicht unrecht; aber so du sagst, es solle sich der Lebendige um den Tod nicht kümmern, da möchte Ich denn doch wohl von dir erfahren, was du da meinst?! [HGt.02_148,15] Siehe, Gott ist doch sicher völlig lebendig; alle Menschen aber sind tot gegen Ihn! Wenn Er Sich nun als der allein Lebendige nicht kümmern würde in Seiner großen Liebe, Erbarmung und Weisheit um die in sich toten Menschen, also um den allgemeinen Tod, wie würde es da dann mit dem Lebendigwerden der Menschen wohl aussehen? [HGt.02_148,16] So wir aber Ebenmaße Gottes sind, so weiß Ich in diesem Falle zufolge deiner recht guten Lehre im Ernste nicht, wie Ich Mich als solch ein göttliches Ebenmaß betrachten soll; denn das Leben braucht keinen Erlöser, wohl aber der Tod! [HGt.02_148,17] Siehe, dahier steckt es jetzt schon wieder zwischen uns! [HGt.02_148,18] Erweise Mir das, und Ich will Mich in allem zufriedenstellen!“ [HGt.02_148,19] Hier fing der Henoch ganz gewaltig an zu stutzen; der Abedam aber sagte: [HGt.02_148,20] „Es wird immer klarer: wir sind angerannt – und nichts anderes! Ich wollte schon frohlocken über deine weise Lehre; aber wie stehen wir wieder jetzt da?! [HGt.02_148,21] Nein, ist aber das ein Einwurf! Wie ein Berg auf einem Ameisenhaufen, der alle hinrichtet! [HGt.02_148,22] Nein, über den Einwurf müßte selbst ein Erzengel krank werden! [HGt.02_148,23] Bruder, weißt du was? Legen wir vor Gott und der Welt schön sauber unsere Ämter nieder, und wir werden uns sogleich besser befinden; denn noch ein solcher Einwurf kostet uns allen das bißchen Leben! Ja, ja, das tun wir!“ 149. Kapitel — Das Amt als Demütigung vor Gott und Welt. Henochs Rede über den Unterschied zwischen dem Leben in Gott und dem Leben im Menschen. Des Fremden Frage nach dem Unterschied zwischen Geschöpf und Gotteskind[HGt.02_149,01] Und der Henoch sagte darauf zum Abedam: „Lieber Bruder, Ich merke nun immer mehr und mehr, daß du in deiner ersten heutigen, an den Vater Adam und an mich gerichteten Rede eben nicht unrecht hattest! [HGt.02_149,02] Aber mit dem Ablegen unserer Ämter geht es denn doch nicht so leicht, wie du es glaubst! Denn so uns da unsere Väter berufen hätten, da könnten wir solches ja ohne weitere Umstände tun. [HGt.02_149,03] Aber siehe, da uns der allmächtige, heilige Wille Selbst berufen hatte wesenhaft durch Den, dem es wohlgefiel, deinen Namen zu tragen, so geht es mit dem Ablegen unserer Ämter nicht so leicht, wie du es glaubst! Denn solange wir das anerkennen müssen, daß der hohe Abedam der Herr Gott Zebaoth Selbst war, müssen wir auch in allen Umständen die Bürde liebewillig tragen, welche Er uns auferlegt hat. [HGt.02_149,04] Denn sicher hat Er uns das Amt nicht zu unserer weltlichen Verherrlichung gegeben, sondern zu unserer allzeitigen Demütigung vor Ihm und auch vor der Welt! [HGt.02_149,05] Erkennen wir aber oder könnten wir vielmehr erkennen, daß der hohe Abedam Der nicht war, als der Er Sich uns durch Worte und Taten zu erkennen gab, da werde ich auch der erste sein, der da deinem Rate folgen wird! [HGt.02_149,06] Ich glaube aber, solches wird eben nicht zu leicht mehr tunlich sein. Denn wer kann also reden, wie da Er geredet hat, und wer solche Taten verrichten, die Er vor unser aller Augen verrichtet hat?! Wer hat je solche Liebe in einem Menschen entdeckt, und wer je in eines Menschen Nähe solche Wonne empfunden, wie wir sie alle in der Seinigen empfunden [HGt.02_149,07] Siehe, aus solchen nur gar zu gewaltigen Gründen können wir denn auch unmöglich umhin, zu glauben, daß Er es war, (der Sich uns allen hat treulichst zu erkennen gegeben.) [HGt.02_149,08] Da wir aber solches somit glauben müssen, so müssen wir schon auch in aller Liebe, Dankbarkeit, Geduld und Sanftmut und großer Demut die Bürde tragen, die Er Selbst uns auferlegt hat! [HGt.02_149,09] Des aber können wir beide versichert sein; zu unserem Verderben hat Er solches sicher nicht getan! [HGt.02_149,10] Daher glaube du auch nicht, daß wir darum angerannt sind, sondern Er will es also haben, und so wird es auch recht sein, weil Er es also haben will! Zu unserem Nachteile wird es nicht sein, sondern sicher nur zu unserem Vorteile; und so bleiben wir denn auch in Seinem allerheiligsten Namen, wozu Er uns berufen hat! Amen.“ [HGt.02_149,11] Und der Abedam nahm diese Rede Henochs überaus beifällig auf und sagte: „Ja, ja, lieber Bruder, ich kann schauen, denken und reden, wie ich nur immer will, so bleibt mir am Ende doch nichts übrig, als mich eben also zu verhalten, wie du eben jetzt geredet hast; denn etwas Klügeres brächte ich ja schon in meinem ganzen Leben nicht über meine Lippen! [HGt.02_149,12] Ich glaube jetzt auch fest, daß Er dem auch sicher den Verstand nicht versagen oder vorenthalten wird, dem Er gegeben hat ein Amt! [HGt.02_149,13] Doch siehe, die Fremden harren auf eine Antwort von dir; fertige sie doch einmal ab, und rede, was dir nur immer in den Sinn kommt! Rede sie ordentlich nieder, damit sie dann wortsättig uns sobald als möglich wieder verlassen möchten; denn das sind schon so ein paar recht ausgesuchte Beißer! [HGt.02_149,14] Daher siehe, daß wir ihrer ehestens loswerden!“ [HGt.02_149,15] Und der Henoch wandte sich darauf alsogleich zum Fremden und sagte zu Ihm: „Höre, lieber Bruder, dein Einwurf ist also richtig und gut und wahr, daß sich ihm nichts entgegenstellen läßt, – nur scheint er hierher nicht so ganz zu passen; denn es ist doch wohl sicher ein unendlich großer Unterschied zwischen unserem Leben und dem Leben in Gott! [HGt.02_149,16] Unser Leben wird selbst im allervollkommensten Zustande ein bedingtes bleiben, während das allerheiligst vollkommenste Leben in Gott ein ewig freiestes und allerunbedingtestes ist. Für Gott gibt es keinen Tod, sondern vor Ihm ist alles durch Seinen Willen bedingt, wie das Leben, also auch das Gericht oder der Tod, für unsern Gesichtskreis genommen. [HGt.02_149,17] Vor Gott lebt alles; vor Gott kann kein Gericht bestehen, sondern nur Seine ewige Ordnung, die Er Selbst ist aus Sich frei heraus. [HGt.02_149,18] Alle Geschöpfe aber bestehen vermöge dieser Seiner freien Ordnung in Ihm, bedingt durch die Verhältnisse eben dieser freien Ordnung. [HGt.02_149,19] Sonach können wir als Seine Geschöpfe unsere bedingten Verhältnisse ja doch nicht auf Ihn übertragen und uns dadurch mit Ihm auf eine gleiche Stufe stellen! [HGt.02_149,20] Und so kann Sich wohl der Schöpfer um alle die Verhältnisse Seiner Geschöpfe kümmern, wir aber tun hinreichend, wenn wir nur Seinen allerheiligsten Willen erfüllen. [HGt.02_149,21] Die Sonne geht auf und unter und bringt uns den Tag; können wir es anders machen?! Ob die Sonne solches tut durchs Gericht oder durch ein freies, lebendiges Wollen, was soll uns das kümmern; denn wir wissen es ja dessenungeachtet, daß sie nur den Weg wandeln kann, den ihr Seine Ordnung vorgezeichnet hat! [HGt.02_149,22] Und also steht es auch mehr oder weniger mit uns Menschen. Wir können zwar auf dem Boden der Erde frei hin und her wandeln, aber niemand kann den Erdboden verlassen und sich frei erheben hinauf zu den Wolken des Himmels! [HGt.02_149,23] Also meine ich, ihr solltet es bei meinem früheren Ausspruche bewendet sein lassen und nicht wieder etwa mit einem neuen Einwurfe kommen! Solches solltet ihr wohl beachten!“ [HGt.02_149,24] Und der Fremde erwiderte: „Lieber Henoch, du hast ganz wohl gesprochen, und Ich will es dir gelten lassen; aber nur möchte Ich dazu noch den Unterschied zwischen Geschöpfen und den Kindern Gottes kennenlernen! [HGt.02_149,25] Gibt es da keinen, so hast du vollkommen recht; gibt es aber einen, so wirst du dir schon müssen gefallen lassen, deine Worte entweder zurückzunehmen oder doch sehr gewaltig handeln zu lassen! [HGt.02_149,26] Daher berichte Mir solches, sonst gebe Ich dir keine Ruhe!“ [HGt.02_149,27] Hier fing der Henoch noch mehr zu stutzen an. Der Abedam aber sagte: „O Geduld, nur jetzt verlasse mich nicht! [HGt.02_149,28] Wenn er aber noch mit einem solchen Einwurfe kommt, dann soll er es mit mir zu tun bekommen! Wahrlich, ich will ihn über alle Berge hinausreden! Der soll denken an eine solche Rede aus meinem Munde! [HGt.02_149,29] Bruder Henoch; nur jetzt fasse dich noch! Dann aber lasse den Streiter mir über, so er etwa noch mit einem solchen Einwurfe kommen sollte! [HGt.02_149,30] Mein Beweis wird ihn sicher über alle Berge treiben! – Bruder, du wirst mich doch verstehen?!“ 150. Kapitel — Des vorwitzigen Abedams Demütigung durch den Fremden[HGt.02_150,01] Es wandte Sich aber hier der Fremde an den Abedam und sagte zu ihm: „Bruder und Freund Abedam, so dich Meine sicher wichtigen Einwürfe so stark beirren und du Mich bei einem nächsten sogar über alle Berge hinausreden willst, siehe, solches kannst du ja alsogleich tun; und ist dir dein vermeintlicher Sieg gelungen, da hast du den Henoch und dich dann ja vor allen künftigen Einwürfen des Lebens und der Liebe verwahrt! [HGt.02_150,02] Ich meine aber, wenn das Leben keine Kinderspielerei, sondern eine Sache großen Ernstes ist, da dürften denn derlei Einwürfe doch wohl von größerer Wichtigkeit sein denn deine Behaglichkeit. [HGt.02_150,03] Übrigens bin Ich ja dir noch mit keiner Frage zur Last gefallen; warum willst du denn hernach blasen, wo es dich doch nicht im allergeringsten brennt?! [HGt.02_150,04] Wie aber gesagt, so du Lust hast, Mich ordentlich niederzureden, da fange nur alsogleich an, und es soll sich am Ende doch zeigen, wer diesen Kampfplatz als Sieger behaupten wird! [HGt.02_150,05] Ich meine aber ganz zuversichtlich, daß bei diesem Kampfe du den bei weitem kürzeren ziehen dürftest! [HGt.02_150,06] Daher fasse dich wohl, so du etwa noch Lust haben sollst, dich mit Mir in einen Wortkampf einzulassen! [HGt.02_150,07] Dich beirrt Meine Weisheit, darum sie die deinige überragt, und besonders jetzt, da du der Meinung bist, von der Gegenwart Jehovas, an dessen Seite du beständig warst, die Weisheit ordentlich mit dem Löffel gespeist zu haben, und alle deine Brüder im Abende sollen darum dümmer sein denn du, damit du ihnen dein großes Weisheitsübergewicht so recht derb könntest fühlen lassen. [HGt.02_150,08] Weißt du's aber nicht, und hast du solches nicht vernommen, daß nur allein die Liebe, Geduld, Demut und Sanftmut die einzigen Grundpfeiler aller Weisheit sind?! [HGt.02_150,09] Kannst du aber nun sagen, daß solches in dir ist, so du dich ärgerst über Mich, und das aus keinem andern Grunde, als nur dem, daß du Mich für tiefsinniger und weiser wähnst denn dich?! [HGt.02_150,10] Ja, aus eben dem Grunde magst du sogar Gott, die ewige Treue und Wahrheit, einer Anrennerei beschuldigen! [HGt.02_150,11] Abedam, siehe, siehe einmal in dein Herz! Wie muß dieses denn beschaffen sein, daß es schon heute Den verleugnen kann, von dem es gestern noch die größten, wunderbarsten Wohltaten empfing?! [HGt.02_150,12] Hat denn der hohe Abedam nicht mehr um dich verdient, als daß du Ihn nun verleugnen willst und willst Mich lieblos aus purem Weisheitsneide über alle Berge hinausreden?! [HGt.02_150,13] O wie schlecht mußt du die Worte Abedams erfaßt haben! [HGt.02_150,14] Wann wohl hat Er jemandem den Weisheitsneid anbefohlen?! [HGt.02_150,15] Wie kannst du aber je auf die wahre Weisheit einen Anspruch machen, so dein Herz voll Ärger ist?! [HGt.02_150,16] Daher reinige zuvor dein Herz, und es soll sich dann zeigen, wieviel Weisheit im selben Platz haben wird! [HGt.02_150,17] Verstehst du solches? – Ich sage dir aber: Verstehe es, oder streite mit Mir! Denn deiner Kraft bin Ich völlig gewachsen; denn Ich kenne dich und den hohen Abedam besser denn du!“ [HGt.02_150,18] Diese Worte gingen dem Abedam so völlig zu Herzen, daß er vor großer Reue zu weinen anfing, und er bat den fremden Bruder um Vergebung und sagte zum Schlusse seiner Bitte: [HGt.02_150,19] „Bruder, da du mich in aller Weisheit ums Tausendfache übertriffst – was ich jetzt dieser deiner wahrhaft himmlisch rein wahren Mahnrede gar überaus klar entnommen habe – und ebenfalls vom Abende her bist, so werde mein Helfer und Stellvertreter! Denn was soll ich machen aus meiner großen Torheit?! [HGt.02_150,20] Der hohe Abedam hat mir solch ein Amt sicher nur zur Selbstprobe meiner Demut auferlegt, was ich jetzt um so deutlicher ersehe; daher wird es wohl recht sein, daß du mein Stellvertreter werdest!“ [HGt.02_150,21] Aber der Fremde erwiderte ihm: „Meinst du denn, der hohe Abedam habe Sich mit dir einen sogenannten Spaß machen wollen? – Oh, da hast du Ihn schlecht erkannt und begriffen! [HGt.02_150,22] Siehe, den Er berufen hat, da hat Er auch sicher vorgesehen, warum Er ihn berufen hat! Aber er wirft darum dennoch keinem Berufenen die Weisheit auf den Rücken nach, sondern diese soll sich jeder Berufene erst auf den Wegen zu eigen machen, die Er ihm zu dem Behufe durch viele tausend Worte gezeigt und somit treulichst vorgezeichnet hat. [HGt.02_150,23] Daher bleibe du, wozu du berufen wardst, und wandle auf den vorgezeichneten Wegen, so wirst du des dir verliehenen Amtes schon auch vollends mächtig werden! – Solches sollst du wohl verstehen und danach handeln!“ [HGt.02_150,24] Diese Worte rollten wie starke Donner durch die Seele Abedams, und der Henoch und alle Väter staunten über die große Weisheit des Fremden. [HGt.02_150,25] Der Adam sagte darauf zum Seth und auch zu den übrigen: „Wahrlich, ich muß es gestehen, dieses Fremden Weisheit ist groß! [HGt.02_150,26] So er vom Morgen her gekommen wäre, so dächte ich, hinter ihm steckete etwa gar schon Puristas Flamme; aber vom Abende her ist solches wohl nicht zu gedenken!“ [HGt.02_150,27] Und der Fremde erwiderte darauf dem Adam: „Was redest du denn? Ist denn nicht am Vorsabbate sogar der Asmahael aus der Tiefe zu euch gekommen?! Warum sollte sich denn hernach im Abende nicht auch ein weiser Bruder vorfinden?! [HGt.02_150,28] Siehe, das ist ein falsches Urteil von dir!“ Und der Adam wußte darauf nichts zu sagen. [HGt.02_150,29] Der Fremde aber wandte Sich darauf zum Henoch und erbat Sich die Löse Seines Einwurfs; der Henoch aber bat den Fremden, ihm zuerst seine Meinung darüber kundzugeben, darauf er dann erst ein Ja, und sicher nicht ein Nein von sich geben werde. 151. Kapitel — Die hohe Weisheit des Fremden. Die Bestimmung des Menschen zur geistigen Selbständigkeit. Der Blind- und Autoritätsglaube — ein Gericht[HGt.02_151,01] Da der Fremde aber solchen Wunsch vom Henoch vernommen hatte, so machte Er eine verwunderte Miene und sagte darauf zu ihm: [HGt.02_151,02] „Lieber Henoch, das ist auch weise von dir; denn hast du einmal Mein Urteil, so wirst du um so leichter mit einem eigenen Urteile fertig werden, besonders wenn es am Ende bloß auf ein Ja oder Nein ankommen möchte! [HGt.02_151,03] Aber es fragt sich dann, ob dadurch jemand einen Nutzen ziehen wird! [HGt.02_151,04] Denn in keiner Sache kann ein Mensch leichter überredet werden als gerade in derjenigen, die er selber nicht versteht. [HGt.02_151,05] Denn da läßt er das Urteil entweder aus Unkunde gelten, oder er glaubt es der Autorität des Redners, begründet sich dann darinnen und mag dann nimmer zu einem eigenen Urteile gelangen. [HGt.02_151,06] Solches aber heißt doch nichts anderes, als die Selbständigkeit seines Geistes vernageln und ein Maschinengeist eines anderen werden, oder das eigene Leben hintangeben für ein fremdes Scheinleben! [HGt.02_151,07] Ich aber sagte dir aus Meiner Erfahrung das, damit du dich von Mir etwa nicht sollest überreden lassen, sondern davon nur das annehmen, was dir einleuchtend ist; und so sollest du keine Silbe annehmen, die du allein glauben müßtest, ohne sie im Geiste zuvor bestimmt erfaßt zu haben! [HGt.02_151,08] Es gibt keinen schlimmeren Zustand für einen freien Menschen, als der da ist des Blindglaubens; denn ein solcher Glaube gebiert den wahrhaften Tod des Geistes. [HGt.02_151,09] Wer da ist ein Blindgläubiger, der ist auch zugleich ein von irgendeinem ruhmsüchtigen Bruder gerichteter Geist. [HGt.02_151,10] Wenn aber schon ein Gericht des lebendigen Gottes tötend ist, um wieviel mehr muß dies dann erst das eines toten Menschen, sein oder dessen, der da selbst nur ein Scheinleben hat! [HGt.02_151,11] Siehe, aus dem Grunde ist dann ja ein eigenes Urteil um vieles besser – und sei es noch so kümmerlich – als ein angenommenes allein durch den Glauben, für dessen Richtigkeit der frei sein sollende Geist keine andere Bürgschaft hat denn allein die Autorität des Predigers und die laue Genügsamkeit seiner eigenen Torheit. [HGt.02_151,12] Welches alles aber vor Gott sicher ein Greuel ist; denn Gott hat den Menschen erschaffen zu einem freien Leben, nicht aber, daß er sei ein träger Maulknecht irgendeines ruhmsüchtigen Predigers und dadurch eigennützigen Richters der Herzen frei sein sollender Menschen. [HGt.02_151,13] So Ich dir daher auch tue, was du dir von Mir erbatest, darum Ich dir einen Gefallen erweisen will, so nimm aber davon doch nichts an als nur das, was du nach tiefster Prüfung also befunden hast, als wäre es dein eigenes Urteil! [HGt.02_151,14] Denn wenn dir jemand sagen möchte: ,Tue dies oder jenes!‘, und du tust es, ohne dich nur im geringsten zu bekümmern, warum und zu welchem Endzwecke, so bist du schon zur Willensmaschine eines andern geworden, darum du dich hast richten lassen; wenn du aber zuvor prüfst das Verlangen deines Bruders und hast den Endzweck frei in dir gefunden und hast auch gefunden, daß dieser ein würdiger ist, daher er Liebe zum Grunde hat, und dann tust, was dein Bruder von dir verlangt, so hast du gehandelt als ein freier Mensch und als ein wahrhaftes Gotteskind, nicht aber als ein gerichtetes Geschöpf. [HGt.02_151,15] Denn das ist ja eben nach Meiner Beurteilung der mächtige Unterschied zwischen den wahren Kindern Gottes und den Geschöpfen, daß die Kinder also freitätig sein sollen, wie Gott, ihr Vater, Selbst freitätig ist, und sollen eben darin vollkommen sein, wie Er Selbst vollkommen ist, darum sie sind Seine vollkommenen Ebenmaße! [HGt.02_151,16] Können solches wohl etwa auch die Tiere? – O nein, diese müssen allzeit des Schöpfers Willen vollziehen; denn ihre Natur selbst ist ja schon eine Trägerin des Willens des Schöpfers! Aber nicht also ist es mit den Menschen, die da gestellt sind zu wahrhaften Kindern Gottes. [HGt.02_151,17] Ihnen wird erst der Wille Gottes geoffenbart, damit sie solchen zuerst mit dem eigenen freien Geiste als den allein gerechten und wahren beurteilen, erkennen und dann erst wie zu ihrem Eigentume machen und danach handeln sollen! [HGt.02_151,18] Wer die Offenbarung annimmt und handelt danach, indem er meint, er müsse danach handeln, der ist schon ein Gerichteter; denn er handelt nicht mit der Übereinstimmung des eigenen Willens mit dem göttlichen, sondern er handelt wie eine Maschine und ist und bleibt dabei dennoch tot, darum er sich nicht kümmert um die volle Erkenntnis dessen, was da ist der göttliche Wille und was dessen Ordnung, sondern so er etwas als den göttlichen Willen durch die Ohren erkennt – zumeist aus dem Munde eines Eigenrühmlers –, so tut er es, ohne zu beurteilen, wozu und warum. [HGt.02_151,19] Siehe, solches aber ist ja an und für sich eine allerbarste Abgötterei; denn der Mensch richtet sich dadurch selbst oder läßt sich vielmehr richten – und somit auch töten! [HGt.02_151,20] Und siehe, das ist demnach ja auch der Unterschied zwischen dem freien und dem genötigten Leben! Doch solches Leben ist noch nicht ein Tod der Sünde; denn die Sünde ist, die Wege der göttlichen Ordnung, insoweit sie geoffenbart sind, erkennen – und dann dem guten Urteile in sich freiwillig zuwiderhandeln. [HGt.02_151,21] Siehe, solches ist dann auch der wirkliche Tod! Warum? Weil die Sünde ist eine barste Störung der göttlichen Ordnung, während kein Gericht dieselbe stört, sondern nur die Freiheit des Geistes hemmt! [HGt.02_151,22] Siehe, lieber Henoch, das ist Meine Ansicht; jetzt aber gib du Mir auch die deinige kund, damit wir dadurch zu einem Gemeinurteile gelangen mögen, durch das allein nur wir zur rechten Tat belebt werden können! Doch nur, so du es willst! Amen.“ 152. Kapitel — Henochs staunende Anerkennung der Weisheitsrede des Fremden. Das Gleichnis von den zwei Satten und den vielen Hungrigen[HGt.02_152,01] Als der Henoch aber solches vernommen hatte von dem Fremden, da fing es ihn an überaus hoch wunderzunehmen, und er fragte Ihn darob: [HGt.02_152,02] „Höre, lieber Freund, wenn deine große Weisheit eine menschliche ist, so bin ich mir ein unauflösliches Rätsel; denn wahrlich, deine Worte machen meinen Geist verstummen! [HGt.02_152,03] Du willst, daß ich dir etwas einwenden solle, damit wir dadurch zu einem gemeinsamen Urteile gelangen möchten; wie aber kann und soll ich das? [HGt.02_152,04] Denn deine Worte haben mein ganzes Wesen ja also überzeugend klar durchdrungen, daß es mir platterdings eher möglich wäre, jemandem zu beweisen, daß ich nicht der Henoch bin, als dir in dieser deiner überaus weisen und bis auf den innersten Punkt wahren Rede eine allerleiseste Einwendung zu tun. [HGt.02_152,05] Und so sage ich dir denn auch nichts anderes – und kann dir auch nichts anderes sagen – als nur: daß dein Urteil auch schon ganz und völlig das meinige ist! [HGt.02_152,06] Sollte aber dennoch über meine Ansicht irgendeine Einwendung denkbar sein oder etwa irgendeine Frage, da müßtest du, liebster Bruder und Freund, solches schon selbst tun! [HGt.02_152,07] Denn, wie gesagt, ich finde in gar keinem Punkte dieser deiner Rede irgend etwas, darüber mir entweder eine leichte Einwendung nur oder doch wenigstens eine Frage möglich wäre! [HGt.02_152,08] Wenn es aber allein auf mich ankäme, da möchte ich sagen: Bruder, rede lieber von etwas anderem; denn diese Rede ist zu erhaben ganz und wahr, darum es ewig ein Schade wäre, wenn man sie durch was immer für Nebenbemerkungen gewisserart zerkratzen und zertragen würde! – Bist du nicht auch dieser Meinung?“ [HGt.02_152,09] Und der Fremde erwiderte: „Henoch, du siehst es wohl ein, daß es also ist, darum dein Urteil mit dem Meinigen übereinstimmt im Geiste und aller Wahrheit, aber zur vollen nutzwirkenden Gewißheit wird die Sache dennoch erst dann erhoben sein, wenn sie zu einem allgemeinen Urteile wird! [HGt.02_152,10] Daher ist es nach Meiner Ansicht nicht genug, wenn eine Wahrheit nur zu einem einstimmigen Urteile zwischen zweien wird, sondern sie muß durch ein vielseitig einstimmiges Urteil das werden, was sie eigentlich werden sollte. [HGt.02_152,11] Denn nehmen wir an, in einer Gegend wären eine Menge Hungrige und wüßten sich nicht zu helfen, zwei aber wären unter ihnen und hätten Brot genug für den eigenen Bedarf und wären auch hinreichend gesättigt! [HGt.02_152,12] Wenn aber dann die Hungernden zu ihnen träten und fragten sie: ,Brüder, wie machet ihr es denn, daß ihr also vergnügt und gesättigt aussehet, während wir vor Hunger vergehen möchten?‘ [HGt.02_152,13] Und die zwei antworteten ihnen dann: ,Höret, wir essen Brot, und also sind wir gesättigt!‘ [HGt.02_152,14] Sage Mir, lieber Henoch, wird eine solche Antwort, wenn sie auch an und für sich die allerschönste Wahrheit ist, die Hungernden wohl sättigen?! [HGt.02_152,15] O nein, das muß doch ein jeder einsehen, daß durch die Alleinsättigung der zwei niemand anders gesättigt wird! [HGt.02_152,16] Es werden aber die Hungernden dann alsbald sagen zu den Gesättigten: ,Was nützt uns das, so ihr euer Brot nicht zu einem Gemeingute machet?! [HGt.02_152,17] Lasset uns auch in euer Brot beißen, und wir werden dann erst erfahren, ob und wie es uns sättigen wird!‘ [HGt.02_152,18] Siehe also, lieber Henoch, ist das nicht ein sehr gültiger Einwurf?! Wie aber kann er gelöst werden? [HGt.02_152,19] Siehe, hier gibt es schon mehrere Hungrige; diese sollen auch in unser Brot beißen und sollen ihre Urteile von sich geben, ob es sie sättige oder nicht! Genügt es also für alle, so ist da kein Nachtrag mehr nötig; genügt es aber nicht, so bleibt uns nichts anderes übrig, als entweder mehr Brot nachzuschaffen, oder ihnen zu zeigen und zu enthüllen die große allgemeine Brotkammer! Was meinst du nun: Ist solches nicht richtig?“ [HGt.02_152,20] Und der Henoch, ganz erstaunt über die hohe Weisheit des Abendländers, bejahte alles aus dem tiefsten Grunde seines Herzens und fragte darauf den Fremdweisen: [HGt.02_152,21] „Aber lieber Bruder, ich bitte dich um alles im Geiste, sage mir doch zuvor, ehe wir noch die anderen wollen in unser Brot beißen lassen, woher du denn solche Weisheit empfangen hast, nachdem du mir doch wirklich ganz fremd bist und warst meines Wissens auch nie zugegen, als der Allerhöchste unter uns wandelte; und wann hast du sie empfangen?“ [HGt.02_152,22] Der Fremde aber entgegnete dem Henoch und sagte: „Liebster Henoch, siehe, hier tut nur eines not; daher lassen wir das Wie und Wann und lassen dafür lieber sogleich die Brüder ins Brot beißen! [HGt.02_152,23] Es werden aber noch gar viele vom Aufgange und Niedergange kommen und werden viele Kinder des Lichtes der derbsten Finsternis zeihen, so daß diese darob ach und wehe schreien werden! [HGt.02_152,24] Doch solches lassen wir jetzt gut sein; denn eure Weisheit wird sich erst bei euren Kindern rechtfertigen! Daher sehen wir jetzt auf die Väter, damit die Kinder nicht zugrunde gehen mögen! [HGt.02_152,25] Henoch, fassest du auch das? – Also reiche das Brot den Vätern und Brüdern!“ 153. Kapitel — Henochs Selbstgespräch über des Fremden Weisheit. Abedams Träumerei und große Ahnung[HGt.02_153,01] Als der Henoch aber solchen Bescheid vom Fremden vernommen hatte, ward es ihm sonderbar zumute, und er wußte nun nicht, wie er daran war. [HGt.02_153,02] Er dachte bei sich nach und sagte zu sich selbst in sich: „Je mehr ich seine Worte erwäge, desto mehr erschaue ich auch deren unwidersprechliche Richtigkeit; und doch kann ich mich wieder nicht entsinnen, daß uns der hohe Abedam je etwas davon gemeldet hätte! [HGt.02_153,03] Es ist doch wahrhaftig sonderbar: Man könnte sich nichts vorstellen, was da noch reiner wäre als eben diese Worte, – und, wie gesagt, Abedam hatte solches nicht verkündet! Seine Lehre ging ja nur hauptsächlich auf die Liebe hinaus und auf die Demut, und mir befahl Er, zu verkündigen eben nur die Liebe und alle Demut aus ihr! [HGt.02_153,04] Wenn ich aber nun dieses Fremden Worte so recht erwäge, so scheint es doch wieder trotz der Richtigkeit etwas sonderbar, daß eine von einem berufenen Lehrer ausgesprochene Lehre soll dem Urteile eines jeden einzelnen Menschen unterworfen sein und kann dann erst als vollgültig angenommen werden, wenn sie jedem Urteile völlig entspricht! [HGt.02_153,05] Anderseits ist es aber dennoch wieder richtig, daß nämlich eine Lehre bloß für den Wind taugt, wann sie nicht von den Herzen, an die sie gerichtet war, als völlig eigentümlich ist aufgenommen worden! – Was ist also hier zu tun? [HGt.02_153,06] Kurz und gut, eine Regel muß ja sein, und diese Regel soll also lauten: Was du als völlig richtig, gut und wahr erkennst – ob es jetzt aus was immer für einem Munde kommt –, sollst du deinen Brüdern nicht vorenthalten; denn auch sie haben einen so gut unsterblichen Geist wie ich! [HGt.02_153,07] Dieser Regel kann auch Jehova Selbst sicher nichts einwenden! [HGt.02_153,08] Daher will ich auch tun nach den Worten des fremden Mannes! [HGt.02_153,09] Da wäre zum Beispiel ja sogleich mein lieber Bruder Abedam; wir wollen sehen und hören, was da er dazu sagen wird!“ [HGt.02_153,10] Hier wandte sich der Henoch an den Abedam und sagte zu ihm: „Bruder Abedam, du hast so gut wie ich und alle vernommen des fremden Bruders überaus köstliche Worte! Siehe, dir wird ein großes Stück Brot dargereicht; beiße hinein, und sage uns sodann dein Urteil, ob und wie es sättigt das Verständnis deines Herzens!“ [HGt.02_153,11] Hier erschrak ganz ordentlich der Abedam und wußte nicht, was er darauf sagen sollte; denn er war während der Hauptrede des Fremden beständig mit sich selbst beschäftigt und wußte darum nicht, von was da so ganz eigentlich die Rede war. Und so fragte er nach einiger Fassung ganz leise und vertraut den Henoch, worüber er denn so ganz eigentlich ein Urteil von sich geben solle. [HGt.02_153,12] Der Henoch aber sagte darauf zu ihm: „Ja, mein lieber Bruder, wenn es dir an der gerechten Aufmerksamkeit des Geistes gebricht, da bist du freilich wohl noch bei weitem nicht wach, sondern noch schlafend; ein Schlafender aber kann ja doch kein Urteil von sich geben! [HGt.02_153,13] Hast denn du das so ganz überhört, wie der Fremde mir den Unterschied zwischen den Geschöpfen und den Kindern Gottes überaus weise gezeigt hat und hat mir gezeigt den Unterschied zwischen dem gerichteten Leben und dem Tode der Sünde?! [HGt.02_153,14] O du stummer und tauber Geist! Wie konnte dir denn des Lebens allerwichtigste Enthüllung entgehen?!“ [HGt.02_153,15] Durch diesen Rüttler erwachte erst der Abedam und fand in sich die ganze Rede des Fremden leuchtend gleich einer Sonne im Aufgange und sagte darauf: [HGt.02_153,16] „Sei dessen nicht ungehalten, was da betrifft meine nicht eigenwillige Schläfrigkeit, lieber Bruder Henoch; denn jetzt habe ich es ja schon völlig in mir gefunden und sage dir, daß alles das von dem Fremden Gesagte auch nach meinem Urteile so rein und richtig ist wie die Sonne am reinsten Morgen! [HGt.02_153,17] Des kannst du völlig versichert sein; mehr brauche ich dir nicht zu sagen! [HGt.02_153,18] Nur mache ich dir hier eine Bemerkung bezüglich dieses Fremden, und diese lautet von mir aus also: [HGt.02_153,19] Bruder Henoch, sei stets eingedenk der großen Liebe Jehovas, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er geht stets auf solchen Wegen einher, die nie ein scharfsichtigster und tiefsinnigster Engel erschauen und ergründen wird! [HGt.02_153,20] Siehe, ich bin zwar ein Schläfer, aber wie es mir vorkommt, so sehe ich diesmal in meinem Schlafe mehr – denn du in deinem Wachsein! [HGt.02_153,21] Doch, was ich sehe, das sage ich dir nicht, und das so lange nicht, bis du es selbst ebensogut sehen wirst, wie ich es sehe!“ [HGt.02_153,22] Hier begab Sich der Fremde zum Abedam und sagte zu ihm: „Wahrlich, du kannst es glauben, die Augen deines Geistes täuschen dich nicht! Doch ist es aber für so manchen Geist besser zu gewissen Zeiten, daß er nicht so bald sieht in die Mitte dessen, was da ist vor ihm; solches auch weiß Ich aus gar alter Erfahrung schon. Daher hast du wohl recht, das nicht zu sagen, was du siehst, sondern erst dann, wenn es auch ein anderer sehen wird!“ [HGt.02_153,23] Hier fragte der Henoch den Fremden: „Bruder, was soll damit gesagt sein? Wahrlich, es ist das erste Mal, daß mir der Abedam unverständlich wird! [HGt.02_153,24] Sage mir es doch, was es ist, das ich nicht sehe; denn solches mußt du ja als ein weisester Mensch doch auch wissen, daß die Ungewißheit des Geistes höchste Qual ist und ärger ist denn der Tod selbst! Daher sage es mir, darum bitte ich dich!“ [HGt.02_153,25] Der Fremde aber sagte zu ihm: „Henoch, Ich sage dir, frage du dein Herz! Sagt dir dieses nichts, so wird dir das wenig nützen, was Ich dir sagen würde; es kommt auch hier auf das eigene Urteil an! Du kennst doch die Bäume aus den Früchten; wenn ein Baum aber lebendige Früchte bringt, wie ist demnach der Baum selbst? [HGt.02_153,26] Oder hast du je gesehen, daß da einem dürren Stocke auch entwachsen möchten lebendige Früchte?! [HGt.02_153,27] Zerstörendes Moos wohl, aber keine lebendige Frucht! [HGt.02_153,28] So du aber an einem Bruder entdeckst lebendige Wortfrüchte, so ist es dann ja rätselhaft, daß du den Bruder nicht näher erkennen magst.“ [HGt.02_153,29] Hier staunte der Henoch noch mehr, und fing an, den Abedam zu mustern. [HGt.02_153,30] Dieser aber sagte: „Bruder, mich musterst du vergeblich; mustere lieber jemand andern, und du wirst an Ihm sicher mehr entdecken denn an mir! Siehe, Er ist uns nicht ferne; solches wirst du doch verstehen, lieber Bruder?!“ 154. Kapitel — Henochs Zwiesprache mit dem andern Fremden. Henoch und Adam in kritischer Lage[HGt.02_154,01] Dem Henoch aber bohrten diese Worte tief ins Herz, und er überlegte in seinem Herzen jegliches Wort vom Abedam sowohl, wie ganz vorzüglich die des Fremden. [HGt.02_154,02] Es war aber alles Überlegen für diesmal vergebens; denn er, den Ich zum Oberpriester bestellt hatte, mußte auch eine größere Probe an sich vollziehen lassen denn ein jeder andere. [HGt.02_154,03] Während sich der Fremde ganz heimlich mit dem Abedam besprach, benützte aber der Henoch die Gelegenheit und ging zum andern Fremden hin, um sich bei ihm Rats zu erholen, wer etwa doch der fremde Redner sei, und woher ihm solche rein göttliche Weisheit gekommen sei, und was er für einen Namen habe. [HGt.02_154,04] Der andere Fremde aber erwiderte dem Henoch und sagte: „Wie magst du mich darum denn fragen? [HGt.02_154,05] Ich bin ja nur ein Gegner zu Ihm, und solches weißt du ja, daß der Gegner nach alter Sitte so lange zu schweigen hat, als wie lange der andere die Rede führt; und hat der andere ihn überwiesen, daß da seine, das heißt des Gegners, Sätze unrichtig sind, so hat er ihm dadurch ja auch die Zunge gebunden und alles fernere Recht zum Reden benommen! [HGt.02_154,06] Siehe, solches aber hat mir mein Gegner getan; daher habe ich zufolge alter Sitte ohne Seine Einwilligung ja auch durchaus kein Recht mehr, was nur immer Ihn Betreffendes hier kundzutun – und am allerwenigsten vor dir, dem nunmaligen Oberpriester des Herrn! [HGt.02_154,07] Es war aber ja noch nie gebräuchlich, daß es den Streitenden zur Pflicht wäre, ihre Namen kundzugeben, damit aus ihnen keine Parteilichkeit vor sich gehen möchte. [HGt.02_154,08] Ja, noch allzeit haben sich die Streitenden sogar darum das Angesicht verhüllen müssen und haben sogar müssen mit gebrochener einförmiger Stimme ihre Sache vorbringen! [HGt.02_154,09] Ja, in der letzteren Zeit durften nicht einmal mehr beide reden, sondern nur einer mußte auch die Sache seines Gegners vortragen, damit die Streitenden desto unbekannter verbleiben möchten und über sie ein desto vorurteilsfreieres Urteil möchte geschöpft werden! [HGt.02_154,10] Wie ist demnach aber diese Ordnung denn nun bestellt, da du mich als einen zu schweigen habenden Gegner selbst zu reden aufforderst, während du als Oberrichter mich nur strafen solltest, so ich dich nur darum ersucht hätte, auf daß du mir erlaubt hättest, mit dir zu reden auch nur ein Wort?! [HGt.02_154,11] Siehe, aus diesem alten Grunde kann und darf ich dir ja doch nicht antworten! [HGt.02_154,12] Denn obschon mein Gegner bei weitem weiser ist denn ich, so bin ich aber dennoch auch so klug, daß ich mich in keine Falle treiben lasse! [HGt.02_154,13] Was ich aber jetzt geredet habe, mußte ich ja reden; denn solches ist auch eine alte Sitte, derzufolge auch einem jeden das Entschuldigungsrecht zukommt! [HGt.02_154,14] Daher nimm sie nicht ungütig auf! Wenn du aber etwa eine neue Ordnung einzuführen hast, so tue solches zuvor allem Volke kund, damit es sich dann für einen kommenden Streittag wird zu richten wissen!“ [HGt.02_154,15] Nach dieser Entschuldigungsrede wußte der Henoch durchaus nicht mehr, was er da machen sollte, ging darum zum Adam hin und fragte ihn um Rat. [HGt.02_154,16] Dieser aber entgegnete ihm: „Warum bist denn du also vorwitzig? Siehe, solches geziemt sich ja nicht für einen wahren Richter! [HGt.02_154,17] Schlichte du nur den Streit, – und ist dieser zu Ende, was kümmert dich dann noch mehreres? [HGt.02_154,18] Es ist wohl zum Verwundern groß des einen Weisheit, wie nicht minder die streng gesetzliche Standhaftigkeit des andern, durch das er wenigstens vor mir ist ein Mann von altem Schrot und Korne. – [HGt.02_154,19] Aber was beirrt dich denn das? Hat dich doch der Herr Selbst zum Grundlehrer und Priester alles Volkes gemacht! Daher bleibe bei dem, und lasse das andere, das dich am heutigen Tage nichts angeht! [HGt.02_154,20] Der Streit ist entschieden; was willst du denn noch? [HGt.02_154,21] Wenn der Abendländer Abedam seinen Landsmann eher erkannt hat denn du, was soll dich das wohl kümmern? Ruhe jetzt, und gib Gott die Ehre; das ist alles, was ich dir raten kann.“ [HGt.02_154,22] Diese Worte Adams beruhigten zum Teile wohl den Henoch; aber dessenungeachtet gingen ihm des Fremden Worte dennoch nicht aus dem Herzen, wie auch die des Abedam nicht. Und so sprach er denn wieder den Adam an und sagte: [HGt.02_154,23] „Vater, du hast freilich recht in einer Hinsicht; aber der Fremde hat mich ausdrücklich aufgefordert, daß ich seine Speise allen Hungrigen vorsetzen solle! Was soll ich denn da tun? Denn wäre der Fremde bloß nur ein gewöhnlicher Streiter, wie könnte er solches von mir wohl verlangen?! [HGt.02_154,24] Daher ist hier wahrlich ein guter Rat etwas teuer! Denn für einen Übermut ist er zu weise; aus welcher Macht tut er hernach denn solches?!“ [HGt.02_154,25] Hier fing wieder der Adam an zu stutzen und sagte endlich zum Henoch: „Ja, da hast du freilich wieder recht! [HGt.02_154,26] Doch meine ich, die Ruhe wird solches alles wieder zurechtbringen! Will er von dir und uns allen erkannt werden, so wird er sich auch zu erkennen geben – ist ihm daran gelegen –; wo aber nicht, da geben wir Gott die Ehre, – alles andere aber soll gehen nach der Ordnung Gottes! [HGt.02_154,27] Siehe, also bleiben wir auch dabei; des Herrn Wille! Amen.“ 155. Kapitel — Adams scharfe Worte und Verbannungsspruch an den Fremden. Die Enthüllung des Fremden als der Herr Selbst[HGt.02_155,01] Es trat aber nach dieser Unterredung alsbald der Fremde, den Abedam verlassend, zwischen Henoch und Adam und sagte, gewisserart beide fragend: [HGt.02_155,02] „Ihr verhandelt allda ja etwas im geheimen! Ist denn solches auch eine Regel am Streittage? [HGt.02_155,03] Ehedem hat sich der Richter so lange ganz wie stumm verhalten müssen und durfte sich sogar niemandem nahen und niemanden ansehen, damit da sein solle sein Urteil ohne Makel; [HGt.02_155,04] Nun aber ist der Henoch, der von Gott Selbst erwählte Lieberichter, schon im ersten Richttage ein Plauderer geworden! Wie sollen wir demnach solches nehmen? [HGt.02_155,05] Henoch, du bist doch beständig allhier zugegen gewesen und mußt daher ja doch die Ordnung des Richters am Streittage dir wohl schon gemerkt haben! [HGt.02_155,06] So du aber solches nicht in Abrede zu stellen vermagst, was hast du denn für einen Grund, dieselbe nicht zu beachten? [HGt.02_155,07] Oder hat dich etwa gar der hohe Abedam davon losgemacht und hat da eine andere Ordnung eingeführt?! Solches aber müßte Ich ja doch auch wissen! [HGt.02_155,08] Soviel es Mir aber bekannt ist, da weiß Ich nichts davon – außer bloß nur, daß Er aus dem früheren trockenen Rechtsamte ein Lehr- und Liebeamt gemacht hat. [HGt.02_155,09] Aber von den sonstigen Regeln dieses Tages, ob sie bestehen oder nicht bestehen sollen, kann Ich Mich durchaus nicht entsinnen, ob Er darüber etwas angeordnet hat! [HGt.02_155,10] Daher möchte Ich wohl auch wissen, aus welchem Grunde du das alte Gesetz Adams nicht hältst?“ [HGt.02_155,11] Hier wurde der Henoch sehr verlegen und wußte durchaus nichts, was er dem Fremden auf solch eine schroffe Bemerkung hätte erwidern sollen. [HGt.02_155,12] Aber desto prompter war bei dieser Gelegenheit der Adam. Dieser erhob sich alsogleich, nahm seine alte Amtsmiene an, wandte sich zum Fremden und sagte zu ihm: [HGt.02_155,13] „Höre du, mein Kind! Deine Weisheit scheint vergessen zu haben, auf welchem Punkte du dich jetzt befindest! [HGt.02_155,14] So du die alten Regeln des Streittages also wohl innehast, daß du darob jede Wendung des neuen Richters vom Grunde zu bemängeln vermagst, sage mir daher, ob du denn von dem alten Gesetze Adams nichts gehört hast, zufolge dessen derjenige, der sich am Streittage durch was immer am Richter vergreifen möchte – sei's mit der Zunge oder mit dem Finger oder einem scheelen Blicke –, alsogleich auf dreißig Jahre verbannt werden soll! [HGt.02_155,15] Was sagst du nun zu diesem Gesetze? Solches Gesetz hat noch allzeit gegolten, und der hohe Abedam hat es meines Wissens ebensowenig aufgehoben als irgendein anderes, dessen du erwähnt hast! – Verstehst du solches? [HGt.02_155,16] Der alte Gesetzgeber dieser Erde aber bin ich und kann ein Gesetz aufheben, wie und wann ich es will! – Verstehst du solches? [HGt.02_155,17] Und also hebe ich denn auch somit alle Gesetze auf, durch welche der Richter in was immer für einer Sphäre gebunden war bisher; aber die Gesetze für Streitende bleiben! – Verstehst du, weiser Abendländer, solches? [HGt.02_155,18] Daher bringe nun eine gültige Entschuldigung vor, und vermagst du das nicht, so harrt deiner die unwiderruflichste dreißigjährige Alleinverbannung! – Verstehst Du solches? [HGt.02_155,19] Also rede, und entschuldige dich, – sonst sollst du gar bald mein Urteil vernehmen! Verstehe solches, du weise Nase von einem Streiter!“ [HGt.02_155,20] Der Fremde sah den ganz grimmzornigen Adam wie überaus verwundert an, schwieg eine kurze Zeit, öffnete endlich Seinen Mund und sagte: [HGt.02_155,21] „Adam! Was würdest denn du dann dazu sagen, so Ich es dir dartun möchte, daß Ich hinreichend Macht und Recht habe, auch den zweiten Teil deiner Gesetze ganz rein aufzuheben?“ [HGt.02_155,22] Der Adam aber erwiderte dem Fremden heftigst: „Noch eine solche Frage, und du hast sogar das Entschuldigungsrecht verwirkt! – Verstehe es, bedenke und rede!“ [HGt.02_155,23] Der Fremde aber erwiderte wieder dem Adam: [HGt.02_155,24] „Adam! Drei Tage hat der hohe Abedam, Jehova, Gott, der Ewige Selbst, nichts als die Liebe gepredigt! Sind das die Früchte Seiner Herablassung?! [HGt.02_155,25] Habe Ich Mich denn irgend an dem Henoch vergriffen, so Ich ihn bloß fragte, aus welchem Grunde er nicht in allen Punkten dein altes Gesetz beachte? [HGt.02_155,26] Adam, du hast des Abedam Lehre schlecht aufgefaßt! [HGt.02_155,27] Hatte der Abedam denn nicht alles Gericht verbannt und hat an seine Stelle die alleinige Liebe eingesetzt?! Hat Er dir darum nicht den allgemeinen Adam abgenommen und hat dich dadurch jeder Rechenschaft für deine Nachkommen enthoben?! [HGt.02_155,28] Warum willst du dir denn nun wieder die alte Last auf deinen Nacken bürden?! [HGt.02_155,29] O du undankbarer Mensch! Was hätte denn der Abedam noch tun sollen, das er nicht getan hatte?! – Voll Grimm ist dein Wesen, und du möchtest Mich vernichten, wenn es dir möglich wäre! O wie schlecht hast du die tausend und tausend Worte Abedams aufgefaßt! [HGt.02_155,30] Es wird Mich zwar dieses dein gegenwärtiges Urteil treffen – Ich werde die dreißig Jahre Verbannung wohl ertragen –, aber für jetzt ist es noch nicht an der Zeit! [HGt.02_155,31] Darum aber hebe Ich jetzt auch dieses Gesetz auf, darum da niemand mehr solle verbannt werden; auf dieser Höhe niemand mehr! [HGt.02_155,32] Denn Brüder sollen einander nicht richten – außer mit der Liebe, Geduld, Sanftmut und Erbarmung! [HGt.02_155,33] Wenn aber die Brüder werden einander zu verurteilen anfangen, alsdann werde auch Ich als Richter aufstehen und werde sie richten zum ewigen Tode! [HGt.02_155,34] Adam, verstehst du nun solches?“ – Hier fiel es allen wie eine Decke von den Augen, und sie erkannten den Fremden. 156. Kapitel — Des Abba Rede über die Vater- und Kindschaft. Nur ein Gott und ein Vater[HGt.02_156,01] Alsbald fielen alle vor dem erkannten Fremden nieder und lobten und priesen in Ihm den heiligsten Vater, darum Er ihnen so viel Gnade und Erbarmung erwies, daß Er auch diesmal gewollt hatte – also, wie Er es verheißen hatte – auch am Streittage noch unter ihnen zu verweilen. [HGt.02_156,02] Und der Fremde aber hieß sie alsbald alle wieder erstehen und sagte darauf zu ihnen: „Kindlein, Abba ist Mein Name; also sollet ihr Mich allezeit in eurem Herzen rufen! [HGt.02_156,03] Wenn ihr Mich im Geiste und aller Wahrheit also rufen werdet, so werde Ich euren Ruf allzeit erhören; so ihr Mich aber mit was immer für einem andern Namen rufen werdet, da werde Ich euren Ruf nicht anhören, sondern werde hinwegwenden Mein Ohr von eurem Munde, und mit Meinen Augen werde Ich nicht ansehen eure Werke! [HGt.02_156,04] Der Sklave hat einen Herrn, die Natur hat einen unerbittlichen Gott zum Schöpfer und zum Richter; vor Jehova muß alles vergehen, denn der Ewige und Unendliche duldet nichts in und außer Sich – denn Seine Heiligkeit ist unantastbar –, nur allein der Vater kennt Seine Kindlein, und diese sollen allein Ihn erkennen und rufen: ,Abba, lieber Vater!‘, so wird Er sie allzeit hören und wird ihnen geben alles, was Er Selbst hat, nämlich das vollkommene, ewige Leben und alle endlosen Schätze desselben. [HGt.02_156,05] Ihr saget zwar in euren Herzen und fraget: ,Wie werden wir denn das wohl tun können? Denn der Vater ist ja auch der alleinige ewige Gott und ist unendlich und überheilig! So wir den Vater rufen, da rufen wir ja auch verborgenermaßen das, was wir nicht rufen sollen! [HGt.02_156,06] Wie können wir ,Vater‘ rufen, ohne uns dabei doch allzeit zu erinnern, wer der Vater ist?!‘ [HGt.02_156,07] Ich aber sage euch allen und gebiete euch sogar, daß ihr allzeit wohl bedenken sollet, wer da ist euer Vater; denn Er hat auch euch, wie die ganze Unendlichkeit, erschaffen. Aber alle Geschöpfe hat Er belassen also, wie sie sind erschaffen worden; euch aber hat Er aus Seiner ewigen Liebe umgewandelt zu Seinen Kindern! [HGt.02_156,08] Daher sollet ihr Ihn denn auch allzeit ,Vater‘ rufen, aber dabei auch allzeit wohl bedenken, wer der Vater ist, so wird Er euch allezeit hören! [HGt.02_156,09] Als Gott bin Ich ein ewiger Richter nach Meiner unendlichen Weisheit und Heiligkeit – denn Gott kann sich nichts nahen und leben –; aber in Meiner eben also unendlichen Liebe bin Ich ein Vater und will alle Meine Kinder um Mich versammeln! [HGt.02_156,10] Fraget nicht, wer da der Mächtigere ist, ob Gott oder der Vater; denn es ist nur ein Gott und ein Vater, und dieses alles bin Ich nun ersichtlich vor euch. [HGt.02_156,11] Haltet euch aber alle an den Vater, so werdet ihr nimmerdar gerichtet werden und zugrunde gehen; denn der Vater richtet niemanden – und am allerwenigsten Seine Kinder, die Ihn da allzeit wahrhaftig und getreu als den allein wahren, guten Vater in ihren Herzen bekennen und also auch lebendig anrufen! [HGt.02_156,12] Wie aber ihr eure Kinder nicht richtet, sondern nur ziehet, lehret und führet, desgleichen tue auch Ich. [HGt.02_156,13] Daß Ich aber also tue, dessen könnet ihr euch eben jetzt überweisen, indem Ich zu euch gekommen bin und lehre euch Selbst, zu wandeln auf den Wegen des Lebens! [HGt.02_156,14] Würde Ich wohl solches tun, wenn ihr nicht Meine Kinder wäret und Ich euer guter Vater?! [HGt.02_156,15] O sicher nicht! Denn es wäre Mir ja ein viel Leichteres, euch zu halten in einer gerichteten Ordnung gleich allen anderen Geschöpfen; allein, da Ich aber solches nicht tue, so ist es ja klar, daß ihr Meine Kinder und Ich euer aller guter Vater bin! [HGt.02_156,16] Ich kam heute wieder als ein Fremdling zu euch, und ihr habt Mich nicht erkannt, – darum ihr ,Jehova‘, aber nicht wahrhaftig ,Vater‘ gerufen habet. [HGt.02_156,17] Bleibet daher beim Vater vollkommen, so werde Ich euch hinfort kein Fremdling mehr sein! [HGt.02_156,18] Da Ich aber nun bei euch bin, so freuet euch, und kommet alle zu Mir! Amen.“ 157. Kapitel — Der hl. Vater, umdrängt von Seinen Kindern. Adam erkennt Ahbel in dem zweiten Fremden. Satans, des alten Lügners, mißglückter Versuch, mit dem Herrn zu rechten[HGt.02_157,01] Nach solchem Rufe eilte alles hin zum Abba und schmiegte sich um Ihn herum, wie es sich nur immer tun ließ, und der Abba lobte den Eifer ihres Herzens. [HGt.02_157,02] Da der Adam aber nicht also behende war zu Fuße wie die anderen, so geschah es denn, daß die anderen eher den Abba ganz umschlossen hatten, als der Adam nachzukommen imstande war. [HGt.02_157,03] Solches aber verdroß den Alten ein wenig, daß man diesmal so wenig Rücksicht genommen hatte, und er fing darum auch an, im Ernste zu schmollen. [HGt.02_157,04] Aber der Abba sagte zu ihm: „Adam, warum schmollst denn du jetzt?! Sind wir denn nicht unser zwei gekommen?! Hast du hier zu wenig Platz, siehe, dort steht ja noch einer! Schmiege dich an ihn! Erkenne ihn aber zuvor, und frage dann dein Herz, wer von uns beiden wohl tiefer im selben steckt! Ich sage dir aber, es wird dir dein eigenes Herz laut sagen, warum du diesmal zu spät an Meine Seite kamst! [HGt.02_157,05] Ich sage dir aber auch, daß vorderhand der Fremde, den du bald erkennen wirst, besser daran ist, denn du es jetzt bist. Denn er ist schon unsterblich; du aber wirst noch eher völlig sterben müssen, bevor du zur Unsterblichkeit gelangen wirst. [HGt.02_157,06] Und so denn siehe diesen Meinen Begleiter näher an; und so du ihn wirst erkannt haben, da sage es uns allen, für wen du ihn erkannt hast!“ [HGt.02_157,07] Hier fing der Adam an zu stutzen und wandte sich langsam nach dem Fremden, fing an, ihn vom Fuße bis zum Kopfe zu mustern; und da er ihn dennoch nicht zu erkennen vermochte, so wandte er sich wieder zum Abba und fragte Ihn: [HGt.02_157,08] „Abba, ich mag Deinen Begleiter nicht erkennen! Wer ist er denn, und welchen Namen führt er? Abba, sage es mir, damit mich nicht zu lange die Erwartung martere! [HGt.02_157,09] Daß ich und meine Nachkommen in unserm Fleische eher vor der Erde werden sterben müssen, bis unser Geist wieder in seine Heimat gelangen wird, solches ist mir ja schon seit den Zeiten Ahbels bekannt; denn er ist uns allen ja zum traurigen Beispiele geworden! [HGt.02_157,10] Aber trotzdem bebe ich doch nicht; denn ich weiß es ja auch, daß ich in Deinen Armen sterben werde, also wie ich aus denselben zur Erde kam! [HGt.02_157,11] Aber alles dessenungeachtet bleibt mir der Fremde dennoch fremd, und ich mag ihn nicht erkennen; daher gib, o Abba, es mir kund durch Deinen heiligen Mund, wer da doch der Fremde ist!“ [HGt.02_157,12] Und der Abba sagte darauf zum Adam: „So tritt ihm näher, und es wird sich ja wohl zeigen dann, ob du ihn erkennen wirst oder nicht!“ [HGt.02_157,13] Und der Adam trat dem Fremden näher. Als er sich diesem aber kaum noch einige Schritte genähert hatte, siehe, da schrie er plötzlich laut auf; denn er erkannte in dem Fremden seinen Sohn Ahbel und wollte auch sogleich auf ihn losstürzen. [HGt.02_157,14] Aber dieser sagte zum Adam: „Halte ein, und höre! Deine Kinder haben den rechten Vater umfangen; warum willst du dich denn von Ihm ferne halten und an Seiner Statt mich umfassen, der ich nichts bin gegen Ihn? [HGt.02_157,15] Daher kehre dich schnell um, auf daß du zu Dem gelangst, der da allein ist der ewige Urgrund aller Wesen; denn sonst stirbst du heute noch! [HGt.02_157,16] Siehe, eben heute ist der großen Schlange ein freier Spielraum gegönnt; heute darf sie sogar diese Höhe bekriechen! Daher beeile dich, damit sie dich nicht eher einholt, als du in den Kreis des Lebens treten wirst! [HGt.02_157,17] Siehe zu deiner Grotte hin; da steht er schon, der große Feind des Lebens! [HGt.02_157,18] Daher eile, eile Vater Adam; denn er ist behende wie ein Blitz und grimmig wie ein gereizter Löwe!“ [HGt.02_157,19] Hier sprang der Adam hastig hin zum Abba, und Dieser nahm ihn auf. [HGt.02_157,20] Aber mit eins stand auch schon der Fürst der Welt in menschlicher Leibesgestalt grimmsprühend zwischen dem Ahbel und zwischen der Gruppe, welche sich da angeklammert hatte an den Abba, und schrie also: [HGt.02_157,21] „Allmächtiger, warum verfolgst Du mich hier in meinem Eigentume?! Was hast Du zu tun mit meinen Geschöpfen?! Warum willst Du mir entreißen, die nicht aus Dir, sondern aus mir hervorgegangen sind, und willst mich machen zu einem kinderlosen Vater?! Hast Du nicht zahllose Legionen nach Dir reiner Geister?! [HGt.02_157,22] Daher weiche von der Erde, und weiche aus all meinem großen Weltenreiche; denn das ist mein Eigentum, da es aus mir, aber nicht aus Dir hervorgegangen ist! Du zertrittst mit Deinen Füßen mein Eigentum und bist ein Dieb in meinem Reiche; daher weiche von hier!“ [HGt.02_157,23] Und der Abba sagte zu ihm: „Frevler, welcher Lüge voll ist dein Mund! So das dein Eigentum ist, wessen Eigentum bist denn hernach du selbst? Wer hieß denn dich werden gleich andern zahllosen Legionen?! [HGt.02_157,24] Was redest du denn von einem Eigentume?! Zeige mir die Pflanze, welche du erschaffen hast auf der Erde Boden, und Ich will dir die ganze Erde und den ganzen sichtbaren Himmel zu eigen geben! [HGt.02_157,25] Elender Lügner, jetzt bebst du vor Mir, da Ich deine Schande aufgedeckt habe; warum bebst du nicht vor dir selbst, da du dich in jeder Sekunde um eine Ewigkeit tiefer verdammst durch deine große Bosheit?! [HGt.02_157,26] Wisse, Ich bin der Herr Himmels und der Erde! Daher weiche; denn diese Stätte ist zu heilig für deine Füße!“ [HGt.02_157,27] Und der Feind entschwand brüllend und fluchend der Höhe. 158. Kapitel — Abbas Warnung vor Satans Bosheit und List. Satans Ohnmacht. Hütet euch vor euch selbst[HGt.02_158,01] Als der große Feind des Lebens entschwunden war, da sagte der Abba zu den Ihn umfassenden Kindern: [HGt.02_158,02] „Kindlein, habt ihr vernommen, was da in Meinem Angesichte der Erzlügner zu reden sich unterfangen hatte?! [HGt.02_158,03] Nehmet euch daher wohl in acht vor ihm, daß er euch nicht überrede und euch bringe zum Falle; denn groß ist seine Bosheit! [HGt.02_158,04] Und wie groß da ist seine Bosheit, also groß ist auch seine Schlauheit und List; daher nehmet euch dreimal sorglichst in acht vor ihm! [HGt.02_158,05] Er ist ein verworfener Geist, der sich nimmerdar bekehren mag, und will Mich nimmer anerkennen als den alleinigen Gott aller Heiligkeit, Macht und Kraft, sondern ihm ist um die Alleinherrschaft zu tun, darum er stets im Sinne führt, Mich zu schwächen und endlich ganz zu vernichten und sodann alle Gewalt über Himmel und alle Welten an sich zu reißen. [HGt.02_158,06] Wenn ihm solches gelingen möchte, dann erst möchte er alles jetzt Bestehende aus übergroßem Hasse gegen Mich vernichten. [HGt.02_158,07] Und wäre ihm solches gelungen, sodann auch erst eine neue Schöpfung nach seinem Wohlgefallen bewerkstelligen. [HGt.02_158,08] In dieser neuen Schöpfung aber solle nichts etwa für ewig Bestehendes vorkommen, sondern alles solle nur ein von seiner höchst freiesten Willkür abhängendes Dasein haben und nur so lange bestehen, solange es ihm ein sinnliches Vergnügen gewähren würde. [HGt.02_158,09] Hätte er sich daran völlig gesättigt, dann solle alsogleich wieder eine ganze Schöpfung ins Nichts zurücksinken und wieder eine andere bloß nur zu seinem Vergnügen entstehen! [HGt.02_158,10] Wesen, die ihm völlig ähnlich wären, würde er nie erschaffen – wie zum Beispiel den Mann –, wohl aber das Weib zu seinem sinnlichen Bedürfnisse; dieses solle aber überaus empfindlich sein, damit es für allerlei für ihn lustige Martern sehr empfänglich wäre! [HGt.02_158,11] Kurz und gut, seine Ideen sind von einer solchen Scheußlichkeit, daß sie selbst ein oberster Engel nicht in ihrer Fülle zu erfassen vermag; daher nehmet euch wohl in acht vor ihm! [HGt.02_158,12] Ihr ratet nun freilich in eurem Herzen und saget: ,Warum denn ein solches Wesen nicht vernichten, welches also voll ist der tödlichsten Arglust?!‘ [HGt.02_158,13] Ich aber frage da einen jeden von euch: ,Wer von euch würde wohl hinabziehen in die Tiefe und töten den Lamech, der da um nichts besser ist denn dieser Feind des Lebens?‘ [HGt.02_158,14] Oder so Ich euch den Feind des Lebens noch einmal vorstellen möchte und möchte ihn also zubereiten, daß ihr ihn im Ernste töten könntet, – würdet ihr solches wohl tun, wenn er auch noch so grimmig vor euch stünde? [HGt.02_158,15] Wahrlich, ihr würdet alle gewaltigst zaudern! [HGt.02_158,16] Sehet, wenn aber ihr schon zaudern würdet und euch möglichst zurückziehen, da eure Liebe doch nur noch überklein ist gegen die Meinige, um wieviel weniger mag solches erst Ich tun, der Ich die unendliche ewige Liebe Selbst bin und bin dazu so gut sein Schöpfer, wie Ich der eurige bin, und bin sein Gott, wie Ich der eurige bin, und sein Herr, wie der eurige, und sein noch immer väterlicher Richter, wie Ich euer guter Vater Selbst bin! [HGt.02_158,17] Soviel es aber nur immer möglich war, wurde ihm die Macht des Willens ja ohnehin benommen. Darum habet ihr ihn auch nicht im geringsten mehr zu fürchten, sondern euch allein in acht zu nehmen vor seiner List; diese aber hat keine Gewalt, sondern ist an und für sich also ohnmächtig, daß ihr sie allzeit leichter denn eine Fliege mit eurem Hauche verwehen könnet, so ihr es nur wollet! [HGt.02_158,18] Daher kann er ja auch bestehen und in Ewigkeit blinde Versuche machen, uns zu vernichten; denn solches wird ihm ebensowenig je gelingen als einer Mücke ein Sieg im Kampfe mit dem Mamelhud! [HGt.02_158,19] Aber ihr fraget schon wieder in euren Herzen: ,Worin besteht denn hernach die List des Lebensfeindes, damit wir sie erkennen und uns in acht nehmen können vor ihr? [HGt.02_158,20] Denn wer kann sich vor etwas in acht und Hut nehmen, was er nicht kennt?!‘ [HGt.02_158,21] Kindlein, ihr habet recht, daß ihr also fraget in euren Herzen; aber dennoch ist eure Frage im Grunde eitel! Denn der Lebensfeind kann sich und darf sich ja niemandem nahen; also kann er ja auch mit seiner Arglist niemanden berücken! [HGt.02_158,22] Wenn aber ein Mensch von seinem eigenen Herzen sich berücken läßt und wird hochmütig, herrschsüchtig, fleischsinnig, weltsüchtig und eigenliebig, sodann nähert sich ja der Mensch selbst eigenwillig dem Feinde des Lebens, wird selbst ein Feind alles Lebens und nicht selten ärger noch denn der eigentliche in Person, vor dessen List ihr euch verwahren sollet. [HGt.02_158,23] Wenn dann der eigentliche Feind des Lebens einen solchen ihm ähnlichen Nachbar neben sich gewahrt, da spart er dann freilich wohl keine Mühe mehr, um den an sich zu fesseln, der ihn also überwiegend ähnlich freiwillig aufgesucht hatte! [HGt.02_158,24] Sehet, da fängt dann erst die List des Feindes, einen solchen Freund für ewig für sich zu gewinnen, wirkend an! [HGt.02_158,25] Wer daher der List des Feindes entgehen will, der sei ein getreuer und wohlachtsamer Hirte seines eigenen Herzens, und kehre es sorgfältigst zu Mir! Wer solches beachten wird allzeit, wahrlich, ihr könnet es glauben, es wäre euch leichter möglich, die Sonne vom Firmamente herabzureißen, als dem Lebensfeinde, sich einem solchen Menschen mit seiner List zu nahen! [HGt.02_158,26] Daher sollet ihr auch nicht ängstlich sein, – denn ohne Meine Zulassung kann nichts geschehen; wenn Ich aber irgend etwas zulasse, so habe Ich allzeit Meinen besten Grund dazu! [HGt.02_158,27] Nehmet euch aber vorzüglich in acht vor euch selbst; denn wahrlich, es gibt nirgends außer Mir etwas Freieres denn eure eigenen Herzen! [HGt.02_158,28] Daher sorget für diese nach Meinem Willen, so werdet ihr ewig sicher sein vor der List des Feindes! [HGt.02_158,29] Solches verstehet wohl; denn das ist die Hut vor seiner List, daß ihr eure Herzen zu Mir kehret, aber nicht eigenwillig zu ihm! – Verstehet ihr solches?“ 159. Kapitel — Ahbels Sendung an die der Fleischeslust verfallenen Bußprediger der Höhe in Hanoch. Die Gefahr des Fleisches der Weiber[HGt.02_159,01] Nach dieser Rede Abbas erst traten alle auf Sein Geheiß wieder in eine kleine Entfernung von etwa sieben Schritten zurück und bildeten sogestaltet einen Kreis um den Vater und dankten, lobten und priesen Ihn ob Seiner unendlichen Liebe, Gnade und Erbarmung. Er aber berief zu Sich den Ahbel und sagte zu ihm: [HGt.02_159,02] „Mein getreuer Bote, Ich sende dich nun gen Hanoch! Allda wirst du treffen sieben von hier abgesandte Bußprediger. Darunter sind drei standhaft, vier aber wanken; denn sie haben das Fleisch der Weiber in der Tiefe angesehen und sind davon berückt worden. Siehe, diese sollst du Mir wieder zurechtbringen! [HGt.02_159,03] Von ihrer Macht sollen sie nichts verlieren; da sie aber noch nie von einem Leibesschmerze etwas empfunden haben, so magst du zuerst eine glatte Rute nehmen und sie mit sieben Hieben über die Schultern züchtigen, – aber nur zur Zeit, wenn du sehen wirst, daß in ihren Herzen eine unlautere Flamme aufsteigt und aus der Flamme sich endlich ein Fleisch der Weiber gestalten wird! [HGt.02_159,04] Wenn du solches merken wirst, dann erhebe sogleich deinen Arm, und tue einen kräftigen Hieb! Wird auf diesen Hieb alle Flamme sogleich erlöschen, dann führe sanfter die folgenden Hiebe, deren Zahl unter jedem Umstande nach Meinem Ausspruche voll zu verbleiben hat! [HGt.02_159,05] Wird aber die Flamme beim ersten Hiebe nicht alsogleich ersticken und vergehen die Gestalt des Fleisches, sodann sollst du den nächsten Hieb kräftiger führen, als du geführt hast den ersten; und sollte sich auch hier noch keine Änderung zeigen, so führe den nächsten Hieb noch kräftiger! [HGt.02_159,06] Wird hier die Änderung erfolgen, da lasse alsbald nach mit der Kraft; erfolgt sie aber auch hier noch nicht, so verdopple deine Kraft, und fahre dann stets erhöht mit derselben fort bis ans Ende der gegebenen Zahl! [HGt.02_159,07] Wird bei einem oder dem andern Hiebe die Änderung erfolgen, so führe die noch übrigen Hiebe mit gleicher Kraft fort, damit die Hartnäckigkeit des Herzens gehörig gezüchtigt und gesänftet werde. [HGt.02_159,08] Nach der Züchtigung aber tue einen starken Ruf ins Herz, und tue dem Berückten Meinen Willen und Meinen vollsten Ernst kund! [HGt.02_159,09] Sodann aber beobachte sein Herz in aller Stille; und wirst du sieben Tage lang keine Rückkehr der argen Flammen entdecken, sodann kannst du ihn wieder frei lassen auf sieben Tage. Dann aber besuche ihn wieder; hast du ihn ledig gefunden, so gib ihn auf sieben Monate frei! [HGt.02_159,10] Hast du aber entdeckt, daß sein Herz unter der Zeit gelitten hat, so stärke es mit dem Öle Meiner Gnade! So du da bemerkt hättest, daß er mit Wohlgefallen wieder die alte, arge Flamme hatte in seinem Herzen lodern lassen, sodann züchtige ihn abermals! [HGt.02_159,11] Sollten aber die ersten sieben Hiebe mit aller ihrer Kraft die Flamme noch nicht völlig erstickt haben, sodann nimm eine stärkere, aber nicht mehr glatte, sondern dornig rauhe Rute und führe mit derselben die Hiebe über den ganzen Rücken mit voller Kraft! [HGt.02_159,12] Diese Hiebe aber sollst du nicht schwächen, wenn auch nach einem oder dem andern die Flamme ersticken würde; denn hier hast du es schon mit der Hartnäckigkeit eines ziemlich verdorbenen Herzens zu tun. [HGt.02_159,13] Sollten auch diese Hiebe noch keine Besserung bewirken, sodann nimm eine feurige Rute, und gib ihm mit erzürnter Hand siebenundsiebzig harte Streiche über den ganzen Leib, so daß er voll Geschwüre und Eiter wird! [HGt.02_159,14] Bessert er sich da, und ändert sich sein Herz, so heile ihm die Wunden, und stärke ihn mit Meiner Erbarmung; bessert er sich aber nicht, da streue Würmer über seinen Leib, damit sie ihn verzehren bei lebendiger Seele, – denn es ist besser, von den Würmern denn vom Zorne Gottes verzehrt zu werden! [HGt.02_159,15] Die drei ersten aber stärke mit Meiner Liebe, und zeige dich ihnen, wann du sie stärken wirst in Meinem Namen! [HGt.02_159,16] Ich aber werde allzeit mit dir sein wie mit allen Meinen Kindern! Amen!“ [HGt.02_159,17] Hier neigte der Engel Ahbel sich vor Abba bis zur Erde und entschwand sodann wie ein leuchtender Blitz, wenn er von einer Wolke mit größter Hast zur Erde zuckt. [HGt.02_159,18] Es erstaunten aber alle die Väter, wie solches doch möglich sein konnte, daß sogar vier von den Boten schon in so kurzer Zeit Dessen haben vergessen können, der sie erst am vorhergehenden Tage mit Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung so überreichlich ausgerüstet hatte. [HGt.02_159,19] Der Abba aber sagte darauf zu ihnen: „O Kindlein, wundert euch dessen nicht! Ich habe ja erst früher zu euch allen gesagt, daß da in der ganzen Unendlichkeit außer Mir es nichts Freieres gibt denn allein das menschliche Herz! Und so kann dasselbe ja gar bald berückt werden, wenn es Mich nur einen Augenblick aus den Augen läßt! [HGt.02_159,20] Oh, die Macht des Fleisches ist groß, und von euch allen hat noch keiner über dieselbe gesiegt; daher wundert euch dessen nicht, so da vier vom überüppigen Fleische der Weiber aus der Tiefe sobald konnten berückt werden! [HGt.02_159,21] Cahin, da er floh, hatte vor der Schlange geweissagt, als sie vor ihm im Fleische erschien, wie gefährlich dieses allen seinen Brüdern werden wird! [HGt.02_159,22] Daher wundert euch dessen nicht, so da gar bald die vier berückt worden sind; denn euch und euren Kindern wird's um kein Haar besser gehen, so sie sich nur auf Augenblicke von Mir abwenden werden! [HGt.02_159,23] Daher bleibet in Mir, wie Ich in euch, so werdet ihr nicht Knechte des Fleisches werden! Amen. – Verstehet solches! Amen, Amen, Amen.“ 160. Kapitel — Die vier Zweifler aus der Mittagsgegend. Henochs Scheinrede als Gottesleugner und ihre Wirkung[HGt.02_160,01] Nach dieser Rede behieß der Abba den Henoch zu Sich und hieß auch alle anderen wohl achten auf das, was Er nun dem Henoch in aller Kürze anvertrauen werde. [HGt.02_160,02] Und der Henoch begab sich eiligst dahin zum Abba, und alle anderen spitzten ihre Ohren und erweiterten gewaltig ihre Herzen. [HGt.02_160,03] Und der Abba fing an, folgende Geschäftsworte an den Henoch zu richten, und sagte: „Henoch, höre du, und vernehmet es ihr alle; aber niemand von euch stoße sich daran! [HGt.02_160,04] Es werden soeben vier vom Mittage her hier eintreffen; diese sind uneins über den Abedam. Zwei halten Ihn wohl schwachweg für den Jehova; zwei aber behaupten gerade das Gegenteil und halten Ihn für den Geist Ahbels. [HGt.02_160,05] Sie wollen sich darum Rates erholen bei dir. [HGt.02_160,06] Du aber schlage dich zur Partei der Leugner, und rede ihnen den Abedam samt dem Jehova heraus, damit sie vollends gottlos werden und wir dann in ihnen ein neues Gebäude aufführen können; denn auf einem also sandigen Grunde läßt sich wohl nicht einmal eine Totenhütte, geschweige dann erst eine Wohnung für Mich errichten! [HGt.02_160,07] Siehe, sie kommen schon; daher fasse dich, und rede, wie Ich es dir angeraten habe! [HGt.02_160,08] Sei ernst, aber nicht trocken, und denke dabei, daß es arme Brüder sind, denen wir helfen wollen aus dem Grunde! [HGt.02_160,09] Denn wahrlich, sage Ich euch allen, wer Mich leugnet in seiner Blindheit, ist Mir um tausend Male lieber denn derjenige, der Mich in der Lauheit seines Herzens halbwegs bekennt, aber es kaum der Mühe wert hält, sich etwa mit seinem Bruder von Mir zu besprechen! [HGt.02_160,10] Doch, sie nahen sich schon unserem Kreise; daher rüste dich, und keiner mache Mich vorderhand kennbar! Amen.“ [HGt.02_160,11] Und der Henoch dankte mit dem lieberbranntesten Herzen dem heiligen Abba und ging dann sogleich den vieren ein wenig entgegen und empfing sie da mit freundlichem Ernste. [HGt.02_160,12] Als sie aber die Vollhöhe erreichten, da verneigten sich die Streiter vor den Vätern, und der Henoch fragte sie sogleich und sagte also: [HGt.02_160,13] „Brüder, was hat euch denn hierhergeführt? Gebet in aller Kürze kund euren trüben Grund!“ – Und alsogleich fing einer von ihnen an zu reden und sagte: [HGt.02_160,14] „Unser Grund ist der Abedam; wir können darüber nicht ins klare kommen: Ist Er Jehova oder nicht, oder ist Er nur der Geist Ahbels? [HGt.02_160,15] Denn auch Ahbel soll bei seinen Lebzeiten eine große Wundermacht besessen haben und hatte – wie wir es von Munde zu Munde wissen – vor Cahin einen Berg zertrümmert, vor seinem Bruder Cahin, um ihn von seinem argen Vorhaben abzuhalten! [HGt.02_160,16] Siehe, das ist unser Zwist! Gib uns ein rechtes Licht in dieser Sache; denn wir alle halten sie für die allerwichtigste und allergrößte Hauptsache!“ [HGt.02_160,17] Und der Henoch öffnete darauf in Meinem Namen seinen Mund und sprach: „Brüder, was zwistet ihr euch um eine Wollocke eines Lammes?! [HGt.02_160,18] Was ist Abedam, was ist Jehova, so wir Ihn nicht aussprächen in unserem Gemüte und Gefühle?! Wie möget ihr streiten um das, was nicht ist, weder so noch so?! [HGt.02_160,19] So du siehst in einiger Ferne ein Häufchen auf dem Wege und meinst, solches sei ein Stein, dein Bruder aber behauptet, das Häufchen sei nur ein Maulwurfshügel, siehe, da ist doch etwas, darüber sich so lange streiten läßt, bis ihr nicht das Häufchen selbst zum Schiedsrichter machet! Wen wollet ihr denn da zum Schiedsrichter machen, wo nichts als eure leeren Gefühle und Gedanken es sind, die sich so oder so aussprechen und haben keinen anderen Grund als die eigene Leerheit, entweder so oder so?! [HGt.02_160,20] Ihr streitet, ob der Abedam, der uns drei Tage lang mit Seiner Wissenschaft ergötzte, Jehova sei oder nicht. [HGt.02_160,21] Ich aber sage euch: Fraget zuerst, ob es überhaupt irgend einen Jehova gibt! [HGt.02_160,22] Was wollet ihr aber tun, so ich euch sage: Es gibt nirgends einen Jehova, sondern nur einen unendlichen Raum und eine ewige Zeitendauer!? [HGt.02_160,23] Daß sich in diesem Raume nach den Zeiten die verschiedenen, für sich stummen Kräfte ergreifen mußten und dadurch hervorbringen erstlich unförmliche Klumpen, welche dann den blind wirkenden Kräften zur notwendigen Unterlage wurden, und endlich nach und nach verschiedene andere Produkte durch ihren gegenseitigen Zwang, das lehrt uns die ganze Natur; wo aber hat sie je sich im Jehova ausgesprochen?! [HGt.02_160,24] Ist es denn daher nicht offenbar klüger, den Grund, der da vor uns allen offen liegt, tiefer zu untersuchen und zu prüfen als einen, der sich bloß durch in uns waltende Naturkräfte mit der Zeit also entwickelt hat wie etwa ein eitel leerer Traum?! [HGt.02_160,25] Wenn es überhaupt irgend je eine sich ergreifende und sich selbst bewußte Kraft unter dem Begriffe Gott geben kann, so kann sie ja erst aus uns hervorgehen, da wir die ersten Wesen auf dem langen Wirkungskreise der Naturkräfte sind, in denen sicher zum ersten Male eben diese Kräfte anfangen, sich ihrer selbst mächtig und mehr und mehr bewußt zu werden! [HGt.02_160,26] Oder habt ihr je gesehen, daß da ein Stein sich zum Wassertropfen bilden möchte?! Wohl aber ist solches umgekehrt der Fall, und ein kleiner Stein besteht schon aus einer Unzahl Wassertropfen, die da aufgelöst ein halbes Meer ausmachen dürften! [HGt.02_160,27] Also kann ja erst auch ein Gott aus uns hervorgehen als eine Zentralkraft des Sichselbstbewußtseins, wie da aus den vielen Wassertropfen ein Stein hervorgeht, nicht aber umgekehrt! [HGt.02_160,28] Sehet demnach die entsetzliche Leerheit eures Zwistes, und besinnet euch eines Besseren; werdet aber zuvor Schüler der tiefen Weisheit, dann erst suchet das, worüber ihr jetzt streitet! Verstehet meine Worte wohl! Amen.“ [HGt.02_160,29] Hier fingen die vier zu beben an und wurden ganz blaß, und nur der eine sagte zum Henoch: „Bruder, warum hast du uns denn nun getötet? Was sind wir jetzt, und was haben wir zu erwarten? Nichts als die endliche ewige Vernichtung! [HGt.02_160,30] O hättest du uns doch in unserem Wahne gelassen! Wie glücklich waren wir darinnen! [HGt.02_160,31] Denn unsere Herzen hatten doch irgendeinen Grund; jetzt aber hast du uns hingestellt auf den Abgrund des ewigen Verderbens! Was sollen wir jetzt beginnen? [HGt.02_160,32] O Jehova, o Abedam, wärest Du noch hier! Um wie vieles lieber wären wir betrogen von Dir – als jetzt also furchtbar aufgeklärt vom Henoch! [HGt.02_160,33] Henoch, – betrüge uns wieder, damit wir doch ruhig sein können, dieweil wir leben! Amen.“ 161. Kapitel — Henochs Mahnung zum eifrigen Forschen nach der Wahrheit und der Erkenntnis Gottes[HGt.02_161,01] Der Henoch aber sah die große Verlegenheit der viere und fragte sie und sagte: „Also, an der Wahrheit ist euch wenig gelegen, sondern daran nur, daß ihr in aller Ruhe und vollster Behaglichkeit dahinleben könnet, ohne euch im innersten Ernste weiter zu bekümmern und zu forschen, wie sich alle die Sachen verhalten! [HGt.02_161,02] O ihr Schlaftoren! Was habt ihr denn durch alle eure Lauheit bisher gewonnen?! [HGt.02_161,03] Die enthüllende Zeit kommt für jedermann einmal sicher mit allen ihren Schrecken des Todes; der da schon lange sich vorbereitet hat, den wird sie nicht überraschen und dann in die finsterste Enge aller Verzweiflung treiben! [HGt.02_161,04] So aber da jemand sich darum will auf was immer für eine Art betrügen, damit er dann in solches Truges Nacht nur recht behaglich schlafen kann, wie schrecklich wird da dereinst der Ruf in seinen Ohren ertönen, welchen ihm seine eigenen schwindenden Kräfte zuraunen werden und werden gar wohl vernehmlich sagen: ,Träger Schläfer, – erwache zum Tode!‘ [HGt.02_161,05] Sehet, wäre euch von jeher am Jehova etwas gelegen gewesen, so hättet ihr euch lange schon darum ernstlich bekümmert und hättet gefragt: ,Wer, was und wo ist Jehova?‘ [HGt.02_161,06] Allein, um euch solcher Mühe zu überheben, glaubtet ihr lieber blind, was ihr von Munde zu Munde gehört habet; aber daß ihr je selbst darüber etwas nachgedacht hättet, – solches wäre ja viel zu beschwerlich für euch gewesen! Es mußte also ein Abedam euch vom tiefsten Schlafe rütteln, sonst wäret ihr noch bis zur Zeit ganz süß dahingeschlummert, und es würde euch sicher nie beigefallen sein, euch um den Jehova näher zu erkundigen! [HGt.02_161,07] O ihr Lauen, nun kümmert euch des Lebens! Was habt ihr denn hundert und abermals hundert Jahre getan, da ihr von Jehova ebensowenig wie jetzt gewußt habet, ja – um vieles weniger!? Denn jetzt wißt ihr doch, welch eine Bewandtnis es mit dem Jehova hat; damals aber wußtet ihr gar nichts und scheutet euch auch allzeit, etwas Näheres zu erfahren von Ihm, indem euch der Trug lieber war allzeit denn die Wahrheit! Warum seid ihr denn heute, wie sonst noch nie, hierher gekommen? [HGt.02_161,08] Weil euch der Abedam ein wenig aus dem Schlafe gerüttelt hat, indem Er euren Traumgott so ziemlich getrübt hat! [HGt.02_161,09] Ihr möchtet nun wieder diesen alten Traumgott hergestellt haben, um dann wieder euren alten Schlaf ruhig fortsetzen zu können; allein solches hat jetzt ein Ende. [HGt.02_161,10] Denn ihr wolltet ja nur Licht haben in der Sache! Ich gab euch dafür und darum das Licht in der ausgesprochenen Wahrheit; warum wollt ihr denn nun wieder an des Lichtes Statt den alten Trug eurer Sinne haben? [HGt.02_161,11] Weil ihr nicht der Wahrheit, sondern nur des Truges willen hierher gekommen seid, darum er ist gerüttelt worden von dem weisesten Morgenländer, und möchtet nun eurer süßen Behaglichkeit willen wieder den alten Jehova hergestellt haben, unter dessen Lebensschutze ihr also übersüß habet schlafen können, während wir wachten und im beständigen Kampfe mit dem Tode standen! [HGt.02_161,12] O wachet nun nur mit uns, und helfet uns allen die überaus beschwerliche Bürde des Todes tragen; eure Nacken sind ja breit und stark genug dazu! [HGt.02_161,13] Wahrlich, der alte Jehova wird euch ewig nichts mehr nützen, so nicht ein neuer Jehova Sich in euch wird zu gestalten anfangen! [HGt.02_161,14] Darum sagte ich ja in meiner ersten Rede an euch: Aus uns muß Jehova hervorgehen, so Er irgend für uns dasein soll; ist solches nicht der Fall, so nützen uns allen tausend für sich irgend bestehende Jehovas nichts! [HGt.02_161,15] Was nützt einem Steine mein sich selbst bewußtes Dasein? [HGt.02_161,16] So es aber dem Steine möglich wäre, in sich selbst ins Bewußtsein überzugehen und zu werden ein sich frei bewegendes Wesen, sodann möchte ich für ihn auch etwas sein, also wie ich es bin für euch! Was aber bin ich dem toten Steine? – Nichts, ein pures und allerreinstes Nichts! [HGt.02_161,17] In dem Verhältnisse aber ich und der Stein uns gegenseitig befinden, im selben Verhältnisse steht auch ihr zu eurem alten Jehova! [HGt.02_161,18] Dieser Jehova muß zuvor erst in euch zum höchsten vollständigen Selbstbewußtsein gelangen durch euer lebendiges Wollen, bevor Er euch ein wirkender Jehova wird! Und solches müßte durch eure Werke geschehen; geschieht aber solches nicht, so gibt es für euer Leben für alle Zeiten der Zeiten nirgends einen Jehova, so wenig es für Steine irgend Menschen gibt! [HGt.02_161,19] Bittet daher nicht um noch mehr Betrug und Lüge, sondern schlaget euch zur Wahrheit; lernet solche aus dem großen Buche und den Zeichen der Natur, so wird es sich dann ja wohl zeigen, ob eure Herzen für den Samen Jehovas befähigt sind! [HGt.02_161,20] Entfernet euch jetzt aber auf eine Schattenwende Zeit; denket über das Gesagte nach, und kommet dann wieder hierher, und wir wollen eure Herzen prüfen, welche Liebe dieselben beherrscht! Und also gehet! Amen.“ 162. Kapitel — Die Beratung der vier Zweifler[HGt.02_162,01] Und die vier verneigten sich vor den Vätern und begaben sich sodann alsogleich von unserer Morgenhöhe hinab auf einen kleinen Vorsprung, ließen sich da nieder und fingen an, sich untereinander also zu beraten: [HGt.02_162,02] „Brüder“, begann der erste, „was dünkt euch nun: sollen wir den Worten Henochs trauen oder sollen wir ihnen nicht trauen? [HGt.02_162,03] Ich meinesteils bin der Meinung, daß diesmal der Henoch sich allergewaltigst geirrt hat! [HGt.02_162,04] Ein Mensch ist er ja, wie wir es sind, – und das ist genug zur vollkommenen Befähigung für allerlei Verirrungen; mehr brauchen wir nicht. [HGt.02_162,05] Denn hat ihm der Allmächtige auch größere Vollkommenheiten verliehen und hat ihn gesetzt zu einem Oberpriester, so hat Er ihm aber dennoch alles Menschliche rein belassen, daß er noch immer derselbe Henoch ist, wie er es zuvor war, und kann somit auch irren. [HGt.02_162,06] Daß er sich aber diesmal allergewaltigst geirrt hat, das könnte ich ihm ja alsogleich auf den Fingern nachweisen! [HGt.02_162,07] Ich begreife jetzt nur nicht, wie ich in seiner Gegenwart gar so vernagelt habe sein können! [HGt.02_162,08] Zum Beispiel: Was hätte er mir darauf sagen können, wenn ich ihm bei seiner Gottesleugnung gesagt hätte: ,Bruder, wenn es also wäre, wie du nun weislich behauptet hast, so brauchen wir uns fürder ja keine Häuser mehr zu erbauen! [HGt.02_162,09] Denn haben wir können ohne einen Schöpfer von höchster Weisheit entstehen und sind doch sicher in allem vollkommener denn unsere Häuser, indem wir denken, reden und weislich handeln können, warum sollen da nicht auch unsere ums unaussprechliche viel dümmeren Häuser ebenfalls aus nichts und von sich selbst ohne unser Hinzutun entstehen?!‘ [HGt.02_162,10] Ich will aber den guten Henoch eine ganze Ewigkeit warten lassen und gebe ihm mein Leben noch obendarauf zum Pfande, daß er sicher nie das Glück haben wird, ein wohlgeordnetes Wohnhaus dem stummen Boden der Erde entwachsen zu sehen! [HGt.02_162,11] Wir sollen Werke blinder Kräfte sein, die da vor uns sich nicht einmal ihrer selbst bewußt sind!? [HGt.02_162,12] Nein, Brüder, ehe mir der Henoch das glauben macht, eher glaube und beweise ich ihm, daß er als Oberpriester samt aller seiner Weisheit ein vollkommener Narr ist! – Was saget ihr dazu? Habe ich recht oder nicht?“ [HGt.02_162,13] Und ein zweiter nahm das Wort und sagte: „Und ob du recht hast?! Ich muß dir sagen, Bruder, mich hat es schon im Innersten ganz sonderbar gewurmt! Wenn ich nicht die hohen Väter geschont hätte, wahrlich, es hätte mich nur ein Wort gekostet, und des Henoch Zunge wäre gelähmt worden wie ein Tautropfen im strengsten Winter! [HGt.02_162,14] Ich hätte gern die Antwort vernommen, so ich ihn nur, weißt du, so ganz leichtweg gefragt hätte: ,Henoch, wenn es also ist, wie du uns jetzt weise berichtet hast, da möchte ich denn doch von dir erfahren, wie da zu erklären ist die Liebe zu Gott!‘ [HGt.02_162,15] Brüder, wenn mir auf diese Frage, ohne sich zu widersprechen, der Henoch nur eine Silbe hätte sagen können, so verschlucke ich vor euch und ihm jeden Berg, den ihr nur immer wollet! [HGt.02_162,16] Denn so da der Jehova ein Trug und gewisserart eine Salbe für die Trägheit unseres Geistes ist, so ist auch alle unsere Liebe ein barster Trug; und ist diese ein Trug, so sind wir uns selbst ein Trug – und der Henoch nicht im geringsten ausgenommen! [HGt.02_162,17] Sind wir aber uns selbst ein Trug, da frage ich dann: ,Bruder, welches Vorrecht hat dann deine Weisheit vor unserer Torheit?! [HGt.02_162,18] Daher magst du so gut schweigen wie wir!‘ – Sagt ihr mir frei heraus: Was hätte mir darauf der ganze Henoch erwidern können? [HGt.02_162,19] Nichts; denn da wäre er ja wie in einer Tausendfalle und könnte mit seiner Zunge nicht einmal stumm über seine Zähne fahren!“ [HGt.02_162,20] „Er hat vielleicht geglaubt“, sagte ein dritter, „wir sind so einige recht gemütliche Hausnarren, die sich da sogleich mit allerlei Dreck anstreichen lassen! [HGt.02_162,21] Aber unser nächster Zusammentritt soll vor ihm die vier Toren auf eine Art beleuchten, daß ihm darob sein Oberpriestertum gerade also vorkommen wird, als stecke er in einem unreifen Wildapfel; denn ich bin geladen wie eine wetterschwere Wolke! [HGt.02_162,22] Nur ein wenig Wind, und der gute Henoch soll für seine Gottesleugnung noch ums Zehnfache ärger bedient werden, als wir alle am Vorsabbate bedient wurden! Er soll so recht derb empfinden und bezahlt werden für den offenbaren Spaß, den er sich mit uns erlaubt hat! [HGt.02_162,23] Daß der Henoch nicht an einen Gott glauben solle, glaube ich so wenig, als so da mit mir jemand streiten möchte und behaupten, daß ich nicht sei! [HGt.02_162,24] Aber zum besten hat er uns gehabt und hat uns allesamt anrennen lassen; das ist es und nichts anderes! [HGt.02_162,25] Aber ich will ihn dafür auch anlehnen, daß er allda soll picken bleiben wie ein Stein, so er gefallen ist in des Meeres tiefsten Grund! [HGt.02_162,26] Was wird er mir wohl für eine Antwort geben, so ich vor ihm geradeheraus sagen werde: ,Henoch, du schnöder Oberpriester, du hast jetzt doppelt gelogen aus deiner großen Blindheit heraus! Denn gibt es von Ewigkeit her zum voraus keinen Jehova, so hast du ja ohnehin in den Wind gesprochen. [HGt.02_162,27] Denn der blinde Zufall hat dich sicher nicht weiser gestaltet denn uns; und warum solltest gerade du mehr sein denn wir, die wir ja doch nicht minder uns selbst eine barste Torheit sind, wie du es dir bist und auch uns allen notwendig darum! [HGt.02_162,28] Gibt es aber einen alten Jehova, so bist du ohnehin ein Lügner vor uns allen offenbar und handgreiflich!‘ [HGt.02_162,29] Brüder, was kann er mir darauf erwidern?!“ [HGt.02_162,30] Und ein vierter sagte mit den zwei ersten: „Nichts – als höchstens: ,Also stehe ich als ein Esel vor euch, und meine Oberpriesterschaft ist ein leerer Wind!‘ [HGt.02_162,31] Was aber da den Abedam betrifft, da denke ich, wir sollten uns in dem Punkte vereinen und dem weisen Oberpriester ins Gesicht beweisen, daß Er unfehlbar Jehova Selbst war, welches ja klar aus Seinen Worten und Taten hervorgeht, so wir sie nur einigermaßen beachten wollen! [HGt.02_162,32] Und leugnet er hernach solches, so werde ich ihn ganz einfach fragen: ,Bruder, wer hat dich denn hernach zum Oberpriester gemacht? [HGt.02_162,33] Ist Er nichts, so bist es auch du, – und tue daher das Beste, und lege die Oberpriesterschaft weg; denn solch ein Amt gebührt keinem Gottesleugner!‘ [HGt.02_162,34] Was kann er oder jemand anders uns da entgegnen?“ [HGt.02_162,35] Auf diesen Vorschlag wurden alle vier einer Stimme, und der erste erhob sich und sagte: „Brüder, so wir einig sind auch in dem Punkte, so gehen wir und schlichten unsere Sache! [HGt.02_162,36] Wahrlich, ich brenne vor Neugierde, was da am Ende herauskommen wird! Mit dem Henoch sind wir so gut wie völlig fertig! Also gehen wir! Amen.“ 163. Kapitel — Die Auseinandersetzung zwischen den vier Zweiflern und Henoch[HGt.02_163,01] Und alle die vier erhoben sich und gingen also gerüstet wieder auf die Höhe. Als sie aber da anlangten, fingen sie alsogleich an, sich zu beraten, wer da wohl als der erste sich an den Henoch machen solle. [HGt.02_163,02] Nach längerem Hin- und Herraten sagte der erste zu den andern dreien: „Wißt ihr was, ich habe eine gute Meinung: Lassen wir ab von dieser Wahl, sondern tun es also, daß wir da abwarten, bis sich uns der Henoch oder jemand anders nahen wird und wird da einen oder den andern selbst anreden! [HGt.02_163,03] Wer demnach angeredet wird, der gebe auch sogleich eine rechte Antwort von sich, und das also zwar, daß es ein jeder auf den ersten Augenblick merken soll, wie es so ganz eigentlich mit ihm und mit uns steht! Und sollte uns niemand mehr in die Nähe kommen, da wissen wir dann ja ohnehin, wie wir daran sind; und wissen wir solches, da braucht es dann ja nichts mehr, als umzukehren und dem ärgerlichen Oberpriester für allezeit den Rücken zu zeigen! [HGt.02_163,04] Warum, das sehet ihr sicher noch besser ein denn ich selbst! Saget, ob ihr damit einverstanden seid!“ Und alle bejahten den Vorschlag einstimmig. [HGt.02_163,05] Als aber der Henoch ihrer ansichtig ward, so begab er sich alsbald zu ihnen – das heißt auf das Geheiß des heiligen Abba – und fragte alsbald den ersten von ihnen: „Nun, Brüder, welche Löse habt ihr denn in euch gefunden? Gebet mir sie kund aus eurem Herzensgrunde!“ [HGt.02_163,06] Und der erste sammelte sich so viel, als es ihm nur immer seine starke Verlegenheit gestattete, und gab dem Henoch mit ziemlich wankender Stimme folgende Antwort, indem er sagte: „Lieber Bruder Henoch! Ich und auch meine Brüder können dir auf diese deine Frage für jetzt keine andere Antwort geben als nur sagen, daß wir dich, so du deine früheren Sätze im Ernste noch fürder behaupten solltest, zufolge etwa einer unverschuldeten Blindheit, von Herzen bedauern, so wir dir schon nicht helfen können! [HGt.02_163,07] Bist du aber in dir einer anderen Meinung, als welche du uns ehedem kundgabst, so steckt entweder Bosheit und Hochmut in dir, oder du hast mit unserer Armseligkeit dir wollen einen törichten Scherz machen, ohne zu bedenken, wie tief solches deine armen Brüder betrüben dürfte! [HGt.02_163,08] In diesem Falle aber bist du samt deiner Oberpriesterschaft von uns aus auch nicht der schlechtesten Antwort wert! [HGt.02_163,09] Daß aber eines oder das andere bei dir der Fall ist, solches erkannten wir alsbald aus der Nichtigkeit deiner aufgestellten Beweise für die Leerheit deiner Sätze, – darum du uns auch Toren nanntest, indem wir nicht dir gleich Toren sind und den Jehova also geschickt wie du zu leugnen verstehen! [HGt.02_163,10] Das ist die ganze Löse, die wir für dich vorderhand in uns gefunden haben! [HGt.02_163,11] Nach der Beschaffenheit des Grundes deiner Torheit magst du demnach auch entweder unser Bedauern oder aber auch unser vollstes Mißfallen als eine solche Löse annehmen! [HGt.02_163,12] Wir hoffen aber, daß du uns diesmal besser denn ehedem verstanden haben wirst!“ [HGt.02_163,13] Und der Henoch erwiderte den vieren, sagend nämlich: „O Brüder, ihr habet eben diejenige Löse gefunden, welche ich gewünscht habe, daß ihr sie hättet finden mögen! [HGt.02_163,14] Nur was da betrifft an und für sich den Grund, aus dem ihr behauptet, daß meine Sätze an euch dürften geflossen sein, so hat es damit durchaus keine Richtigkeit! Denn wäre es also, wie ihr der Meinung waret, so hätte ich sicher nie ein Wort an euch gerichtet; da es sich aber ganz anders damit verhält, so habe ich solches zu euch geredet, auf daß euer lange schon schlafender Geist geweckt würde! Euer Geist aber ist nun geweckt worden, und so habt ihr mir auch die erwünschte Löse dadurch gebracht, und dessen freut sich meine Seele! [HGt.02_163,15] Daß ich aber euch durchaus kein Lügner, sondern ein wahrer Bruder sein wollte nach der göttlichen Ordnung, möget ihr aus folgendem erschauen: [HGt.02_163,16] Gott ist darum doch sicher kein Lügner, so Er zwar überall völlig gegenwärtig ist, aber dennoch nirgends von jemandem erblickt werden kann, außer Er will Sich, Seiner ewigen Ordnung gemäß, als Vater Seinen Kindern zeigen und sie dann lehren und ziehen fürs ewige Leben! [HGt.02_163,17] Daß ich aber vor euch den Jehova verbarg, geschah aus dem Grunde, weil ihr in eurem Herzen soviel als nichts vom Jehova hattet, sondern nur Seinen Namen führtet ihr in dem Munde, aber mitnichten auch im Herzen! [HGt.02_163,18] Was nützt einem aber der alleinige tote Name, so er nicht dem lebendigen im Herzen entspricht?! Ja, ich sage euch, solches ist eine barste Gottesleugnung! [HGt.02_163,19] Da ich aber solches in euch ersah, so nahm ich es auf mich und stellte es euch vor, als hätte ich es aus mir genommen, und weckte euch dadurch. [HGt.02_163,20] Sehet, also stehen die Sachen! Ihr habt nun den Jehova sogar im Abedam gefunden und seid darüber eins geworden; also ist ja der Sieg eurer Herzen erfochten! [HGt.02_163,21] Und so folget mir denn nun auch zur höheren Weihe, damit ihr dann klar erschauen möget, ob ich ein würdiger Oberpriester bin oder nicht! [HGt.02_163,22] Denn es ist noch Einer unter uns, und Dieser wird euch allen die rechte Weihe über Gott und mich geben! Amen.“ 164. Kapitel — Der vollkommene Gottesbegriff der vier Zweifler. Die Weisheit als Frucht eines lebendigen Herzens[HGt.02_164,01] Darauf führte die vier alsbald der Henoch selbst hin zum heiligsten Abba und sagte allda zu ihnen: „Brüder, sehet, dieser euch noch stark Fremde ist es, von dem ich euch ehedem gemeldet habe, daß Er euch erst die höhere Weihe über Jehova und dann auch über mich erteilen werde! – Also höret Ihn, und folget Ihm! Amen.“ [HGt.02_164,02] Und alsogleich trat der Abba zu ihnen hin und fragte sie: „Indem euch Jehovas Verlust durch die Rede Henochs also sehr beirrt hatte, daß darob eure Herzen sogar feindlich gegen den Oberpriester aufgeschwollen wurden, saget Mir demnach, welche Vorstellung ihr in euch vom Jehova habet!“ [HGt.02_164,03] Und der erste aus den vieren nahm alsogleich das Wort und sagte so ziemlich beherzt: [HGt.02_164,04] „Guter Mann, Freund und Bruder, darum du fragst, ist wohl überaus schwer, eine gültige Antwort zu finden, – doch nicht so schwer, dir unsere allgemeinen Begriffe über Jehova kundzugeben, das heißt also, wie sie bei uns und unter uns allgemein gang und gäbe sind; wolle sie denn vernehmen! [HGt.02_164,05] Unter Gott verstehen wir die die ganze Unendlichkeit erfüllende ewige, über alles vollkommene, sich ihrer selbst allenthalben allerklarst bewußte Urkraft. [HGt.02_164,06] Diese Kraft kann sich überall äußern, indem sie an und für sich im Grunde der vollkommenste, allerfreieste Wille ist, welcher da wirkt nach den eigenen, in ihm selbst zum Grunde liegenden Ideen, welche sich in eben diesem Willen und seinem eigenen, aus seiner beständigen Tätigkeit entspringenden Lichte in der endlosesten Fülle und in größter Klarheit entwickeln. [HGt.02_164,07] Siehe, das wäre unser allgemeiner Begriff über Gott; was übrigens die substantielle Wesenheit dieser endlosen, ewigen Urwillenskraft betrifft, so steht sie zu sehr außer dem Bereiche unserer Begriffsfähigkeit, als daß sich darüber irgendein gültiger Satz aufstellen ließe! [HGt.02_164,08] Mutmaßungen aber können und sollen nie als Lehrsätze aufgestellt werden! [HGt.02_164,09] Anderseits aber scheint es wenigstens mir und einigen anderen, daß diese endlose Willenskraft sich nahezu wie unsere Liebe aussprechen muß, indem alles, was wir nur immer betrachten mögen, dieses unleugbare Zeugnis in sich trägt. [HGt.02_164,10] Selbst der Stein, der leblose, schweigt in diesem Punkte nicht, sondern spricht gewisserart durch sein Wesen: ,Weil mir meine Teile lieb sind, so halte ich sie fest an mein mächtiges Zentrum!‘ [HGt.02_164,11] So aber solches schon ein Stein unleugbar dartut, da sind ja danach alle anderen Dinge noch sprechendere Zeugen davon – und wir unser selbst wohlbewußte Menschen am allermeisten, indem wir alle in der gegenseitigen Liebe gezeugt worden sind! [HGt.02_164,12] Nach dieser großen Mutmaßung getrauen wir uns dann auch zu behaupten, daß Gott in Sich Selbst die reinste und allerheiligste Liebe ist und kann Sich aus dieser Liebe heraus als Jehova oder als der gute, weise und allmächtige Schöpfer aller Dinge im Menschen, wie auch außer demselben als ebenfalls ein Mensch – freilich wohl nur allzeit im allervollkommensten Sinne – äußern, und zwar im Menschen als die reinste Liebe zu Seiner Göttlichkeit Selbst, und außer dem Menschen entweder als eine mächtig wirkende Kraft oder aber wohl sichtbar in einer ebenmäßig menschlichen Form, an welche Er aber freilich wohl nicht als etwa gebunden anzunehmen ist. [HGt.02_164,13] Siehe, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, das ist im allgemeinen aber auch alles, was wir über das Wesen Gottes wissen! Nun steht es bei dir, diese unsere Meinung entweder gutzuheißen oder zu tadeln!“ [HGt.02_164,14] Und der Abba sagte darauf zu den vieren: „Deine Antwort war vollkommen; denn es ist im Ernste also, wie du es hier kundgegeben hast! [HGt.02_164,15] Aber es ist euch dennoch völlig unnütze alle solche Weisheit, so sie ist entweder ein Werk des eigenen Nachdenkens oder auch ein Werk des mündlichen Unterrichtes! [HGt.02_164,16] Soll euch aber solche Weisheit zum lebendigen Nutzen sein, so muß sie entweder zu einem lebendigen, klaren Gefühle im Herzen werden, oder – was freilich wohl das Vorzüglichste ist – sie muß aus der Lebendigkeit des Herzens hervorgehen. [HGt.02_164,17] Ist eines oder das andere der Fall, so wird dann erst die dadurch geweckte eigene Lebenskraft als ein stetiger Zeuge auftreten und wird jedermann laut verkündigen, daß Gott die reinste und heiligste Liebe Selbst ist, in welcher kein Wesen und am allerwenigsten aber die wahren Kinder dieser Liebe je zugrunde gehen werden! [HGt.02_164,18] Wer demnach Gott nicht auf diese Weise gefunden hat, für den ist Gott so gut wie kein Gott, da Er kein Gott des Lebens, sondern nur ein Gott einer menschlichen Vernunftspekulation ist, welche so lange steht, bis sie nicht von einer andern verdrängt wird. [HGt.02_164,19] Wer aber Gott in und aus seinem Lebensgrunde gefunden hat, der hat Ihn gefunden wesenhaft, und keine Macht wird Ihn je mehr zu verdrängen imstande sein! [HGt.02_164,20] Sehet, also verhält sich die Sache wahrhaftig! Nun aber gebet Mir eure Meinung über Abedam und über den Oberpriester Henoch kund, damit Ich euch auch darinnen berichtigen kann! Amen.“ 165. Kapitel — Das dreifache Wesen Abedams des Hohen und das Wesen Henochs als Werkzeug des Herrn[HGt.02_165,01] Und der erste der vier sagte zu den dreien: „Ist es euch recht, so will ich das Wort führen; will aber jemand von euch reden, so ist mir solches ebenfalls genehm!“ [HGt.02_165,02] Und die andern drei sagten: „Bruder, rede du, da du schon in der Rede bist; denn wir sind ja ohnehin eines Sinnes und einer Ansicht!“ [HGt.02_165,03] Und so begann der erste alsogleich, nun noch beherzter denn ehedem das Wort zu führen und sagte: [HGt.02_165,04] „Guter Mann, Freund und Bruder, da ich aus deiner früheren Rede entnommen habe, daß auch dir ein hoher Grad Weisheit innewohnt, so will denn nun auch ich in der Art hoher Weisheit vor dir den Mund auftun, um dir dadurch meine vollste Achtung und Billigung deiner hohen Weisheit an den Tag zu legen; und so wolle denn geneigten Ohres vernehmen: [HGt.02_165,05] Was da betrifft den Abedam, der Sich drei volle Tage hindurch so überaus wundertätig unter uns aufgehalten hatte, so ist da unsere Meinung über Ihn also bestellt, wie ich dir es jetzt genau kundgeben will. [HGt.02_165,06] Der Abedam ist ein Doppelwesen, ja ich möchte sagen, Er ist ein dreifaches Wesen! [HGt.02_165,07] Ein Doppelwesen ist Er, indem sich in Ihm offenbar eine menschliche und eine göttliche Natur ausgesprochen hatte: eine menschliche in Seiner Erscheinlichkeit, welche unsere Form hatte und entsprach derselben in allem vollkommen, dann eine göttliche in Seinen Worten und Taten, da bei Ihm ein Wort so gut als eine vollbrachte Tat zu betrachten war. [HGt.02_165,08] Der einfache Mensch kann zwar auch Verschiedenes denken und wollen, aber seine Gedanken und sein Wollen sind nur ganz subtile Schöpfungen in sich selbst, welche aber jedoch in ihrer Primität nie in die Erscheinlichkeit zu treten vermögen, sondern erst als ein mühsamer Nachtrag durch Beihilfe mechanischer und organischer Kräfte, durch welche dann unsere innere Schöpfung erst freilich wohl höchst unvollkommen nachgebildet wird. [HGt.02_165,09] Also können wir uns auch ein vollkommenes Gras zum Beispiel denken und es dann auch aussprechen. Es ist dadurch in uns auch wie erschaffen; aber dasselbe außer uns zu stellen so vollkommen, wie wir uns es denken, können wir unmöglich, indem unsere Wesenheit nur eine bedingte und notwendig beschränkte ist, und wir können darum nicht in die unendliche Wesenheit Gottes hinein erschaffen, sondern nur in dem Raume unseres eigenen Wesens im kleinsten Maßstabe, wie es die Gottheit tut im Raume Ihrer unendlichen Wesenheit. [HGt.02_165,10] Aber ganz anders verhält sich da die Sache mit dem Abedam, der da nichts anderes war als der Sich in jeglicher Form zu äußern imstande seiende Jehova! Denn durch die menschliche Form im Abedam wirkte die Gottheit aus Ihrer Unendlichkeit heraus, und was demnach der Mund Abedams sprach, mußte ja ein vollbrachtes Werk sein, indem doch alle Dinge, welche wir beschauen, nichts anderes sein können als Gedanken und Worte, welche in der unendlichen Gottheit auch selbst unendlich vorhanden sein müssen und, so sie von der Gottheit Selbst ausgesprochen werden, auch darum notwendig also evident vorhanden sein müssen, wie in uns selbst jene Gedanken und Worte, welche wir für und in uns bestimmter ausgesprochen haben. [HGt.02_165,11] Siehe nun, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, also verhält sich die Sache! Es könnte mir freilich wohl eingewendet werden und könnte jemand sagen: [HGt.02_165,12] ,Wenn es denn also ist, wie verhält es sich demnach mit der schon öfter vorkommenden Wunderkraft im gewöhnlichen Menschen, so ihm die Gedanken Gottes gehorchen?‘ [HGt.02_165,13] Da sage ich aber: Dann ist der Mensch selbst zur Äußerung der Gottheit geworden, welche durch ihn – wennschon im kleineren Maßstabe – wirkt, wie Sie im für uns möglich größten Maßstabe durch Abedam gewirkt hatte. [HGt.02_165,14] Und so liegt denn die göttliche Wirkung nicht in der Wesenheit des Menschen, sondern allein nur in der Wesenheit Gottes, der Sich da durch einen Menschen so oder so hat äußern wollen! [HGt.02_165,15] Also steht es hernach auch mit dem Henoch, der da an und für sich nichts mehr und nichts weniger ist, als wir alle es sind, nämlich ein ganz gewöhnlicher Mensch; so ihn aber Gott durch Abedam berufen und bestimmt hat zu einem Oberpriester oder für ein Organ, durch das Er Sich beständig zu den Menschen in menschlicher Form äußern will, so ist Henoch, wenn Sich Gott durch ihn äußert entweder durch Wort oder Tat, nahezu das, was der Abedam Selbst war, nämlich ein geheiligtes oder befähigtes Mittel, durch welches sich die unendliche Wesenheit Gottes örtlich und zeitlich äußern will. [HGt.02_165,16] Der Henoch als Mensch aber vermag aus sich so wenig wie ich; wenn er aber etwas vermag, da vermag solches nur Gott durch Henoch, – was der Henoch sicher noch besser einsieht denn ich, indem er ein Grundweiser ist! [HGt.02_165,17] Ich habe aber früher gesagt, daß der Abedam auch ist wie ein dreifaches Wesen; solches liegt darinnen, weil eben dieser Abedam – wie ich es wenigstens gefunden zu haben glaube – die Fülle der göttlichen Kraft in sich faßt, indem er vollkommen als die reinste Liebe in Gott wie selbständig auftrat und redete und handelte aus dieser Selbständigkeit also heraus, als wäre nicht er der Gottheit, sondern die Gottheit in aller Ihrer Fülle ihm untertan. [HGt.02_165,18] Wenn es aber unleugbar also ist, da ist Abedam ja dreifach, nämlich: die Gottheit Selbst, weil die Liebe; weiters die wirkende Allkraft Gottes Selbst, weil das Wort pur Liebe; und endlich die Liebe Selbst, weil die Gottheit mit aller Ihrer endlosen Machtfülle Selbst! [HGt.02_165,19] Siehe, das wäre nun unsere Meinung über Abedam und Henoch! Ich habe sie dir gegeben also, wie wir sie gefunden haben. Es liegt nun wieder an dir, sie gutzuheißen oder zu tadeln; denn die Weisheit nur kann die Weisheit prüfen und beleuchten! Gott aber sei alle Ehre ewig! Amen.“ 166. Kapitel — Der Unterschied zwischen Verstandesklugheit und Herzensweisheit[HGt.02_166,01] Und der Abba sagte darauf zum Redner und also auch zu dessen Brüdern: „Ich sage dir, du hast Mir eine ganz richtige Antwort gegeben, und es ist also, wie du es nun beleuchtet hast! [HGt.02_166,02] Aber alles dieses ist aus deinem Denken durch den Verstand und durch deine Weltklugheit hervorgegangen, demzufolge du auch bist ein vollkommen rechtlicher Mann. [HGt.02_166,03] Da du aber alles das auf dem Wege reifen Denkens und Klügelns gefunden, so hast du dadurch auf eine Zeitlang wohl belebt die Sinne deiner Seele; aber dein Geist ist dennoch völlig ungeweckt, ja nahezu wie tot dabei geblieben! Daß solches sich aber also verhält, sollet ihr alle aus einigen kleinen Gleichnissen klärlichst erschauen! [HGt.02_166,04] Die Seele und ihre Sinne sind des Geistes Blüte. Wenn du aber eine Lilie, die noch nicht völlig sich entfaltet hat, vom Stocke brichst und steckst sie dann ins Wasser, so wird sie sich da wohl auch entfalten, und ihre äußere Gestalt und ihr Geruch wird dann völlig gleichen derjenigen, welche sich entfaltet hat am Stocke. Wenn es sich aber hernach ums Reifwerden des lebendigen Samens handelt, siehe, da wird derselbe zugrunde gehen samt der abgedorrten und zum Teile verfaulten Blüte; denn des Samens Leben entstammt nicht der Blüte, welche nur die Bestimmung hat, desselben Formen zu entwickeln oder was da ist des Samens Leib, sondern der Wurzel nur, welche da steckt in der mit dem Leben gesättigten Erde! [HGt.02_166,05] Nun siehe, gerade also auch verhält es sich mit dem Menschen, wenn er nur nach der puren Weisheit hascht; denn die Weisheit für sich ist dann nichts als eine leere Entfaltung der Blüte irgendeiner Pflanze, welche vom Wurzelstocke genommen oder getrennt wurde, und kann kein Leben bewirken, weil sie keine Wurzel hat und keine Erde, sondern nur ein pures Wasser, welches für sich kein Leben hat, sondern nur das Vermögen, das Leben der Erde zu entbinden und die Wurzel aufnahmefähig fürs Leben aus der Erde zu erhalten. [HGt.02_166,06] Die Liebe aber ist die Wurzel des Lebensbaumes, und das Herz oder das Gemüt, welches sich im Gefühle ausspricht, das Erdreich. Wer demnach Früchte des Lebens ernten will, der muß das Erdreich düngen und der Wurzel Nahrung verschaffen; sodann wird am Stocke, der da an der gesunden Wurzel lebt, schon ohnehin die Blüte und mit derselben auch zugleich der lebendige Same gar überaus gut gedeihen. [HGt.02_166,07] Du hast den Abedam und den Henoch der Wahrheit also vollkommen getreu aufgefaßt, wie völlig ähnlich da ist die vom Stocke getrennte und dann im Wasser entfaltete Lilienblume derjenigen, die sich am Stocke entfaltet; so du aber wirst den Samen zu suchen anfangen, wahrlich, da wirst du keinen finden, weil keine Wurzel und kein Erdreich vorhanden sind! – Verstehst du solches? [HGt.02_166,08] Höre aber noch ein Gleichnis! Siehe, im warmen Sommer prangen gar viele Pflanzen über dem Boden der Erde; wenn aber dann der Winter als der starke Lebensprüfer kommt, so richtet er alle Schöpfungen des Lichtes zugrunde, – nur die Wurzel und den vollends reif gewordenen Samen vermag er nicht zu töten! [HGt.02_166,09] Siehe, also ist auch die Sache der Erkenntnisse über Abedam und Henoch! Der Verstand wird den Abedam und den Henoch so lange halten, solange diese für ihn tastbar da sind und wird auch über sie so lange nachdenken, als er nicht zu einem ihm genügenden Endresultate gekommen ist; hat er aber solches gefunden, dann ist für ihn auch die Sonne untergegangen, und der Winter hat seinen Anfang genommen. [HGt.02_166,10] Die Erkenntnisse werden abzusterben anfangen und überzugehen in den Tod, der da ist pur Falsches und Arges und gleicht den Schimmelgewächsen und den Schwämmen, die da keine Wurzel und keinen Samen haben. [HGt.02_166,11] Ist aber Abedam und der Henoch aufgenommen von der Liebe im Herzen, so wird er zu einem Baume werden, unter dessen Zweigen sich selbst die Geister der Himmel bergen werden. [HGt.02_166,12] Denn da wird der Abedam sein die Wurzel, und Sein Wort das Erdreich, aus dem dann allenthalben ein Henoch voll des lebendig reifen Samens hervorgehen wird; und die Blüte dieses Stammes wird gerecht sein und wird geben dem Samen selbst die rechte Gestalt und ein rechtes, festes Kleid, in dem sich das Leben wird ewig halten können! – Verstehst du solches? [HGt.02_166,13] Ja, du verstehst es jetzt also, als da die Wasserblume gleicht einer vollkommenen Blüte; aber so du nur bleiben wirst im Wasser deines Verstandes, so wird dir aus diesem Verständnisse auch kein lebendiger Same erwachsen, wie da aus der Wasserblume keiner entwächst! [HGt.02_166,14] Ich sage dir aber: Umfasse deinen von der Wurzel getrennten Blütestamm mit guter, lebendiger Erde deines Herzens, und begieße dann denselben unablässig mit diesem lebendigen Wasser, das da nun geflossen ist aus Meinem Munde, so kannst du noch wenigstens den Samen zur Reife bringen, denselben dann neu säen in dein Erdreich, damit dir dann auch eine neue Wurzel des Lebens werde, der kein Winter mehr wird zu schaden vermögen; denn ohne Wurzel ist kein Leben möglich! [HGt.02_166,15] Du wunderst dich jetzt wohl über Meine Weisheit; Ich sage dir aber: Suche, daß dich ehestens Meiner Liebe wundernehmen wird, sodann wird dich der Weisheit nicht mehr so sehr wundern, sondern des ewigen Lebens, welches ist die Liebe und der Urgrund aller Weisheit! [HGt.02_166,16] So dir jemand eine schöne Blume spendet, die du noch nie gesehen hast, dann hast du eine große Freude; Ich aber gebe dir das ganze Gewächs! Setze es ins Erdreich, und du wirst da die Wurzel, die Blüten und endlich sogar den Samen des Lebens ernten! [HGt.02_166,17] Verstehe solches! Ist dir aber etwas fremd, – siehe, hier bin Ich und dort der Henoch; frage, und wir wollen dir und jedem antworten aus der Wurzel! Amen.“ 167. Kapitel — Das Wort Gottes als das lebendige Wasser. Das Gleichnis vom Regenwasser, das zum Begießen der Pflanzen besser ist als das Quellwasser[HGt.02_167,01] Und der erste der vier sagte darauf hoch verwundert über die große Weisheit des Fremden: „Höre, guter Mann, Freund und Bruder, von deinen Worten ist mir nichts unverständlich; denn du hast dich klar ausgedrückt, und das Bild mit der abgepflückten Lilie, deren Blüte sich dann samenlos in einem Wasserbecken entfalten würde, war überaus treffend, und wir haben es genau erfaßt, was du uns damit hast sagen wollen. [HGt.02_167,02] Und ich sehe es auch vollends ein, daß solches alles ganz vollkommen in aller Natur, somit auch um so mehr in der des Menschen unfehlbar begründet ist; aber gegen das Ende deiner Rede hast du etwas fallen lassen, da du etwas in einen Affekt gerietest, – und da muß ich dir schon bemerken, lieber, guter Mann, Freund und Bruder, solches kann ich nicht so recht unters Dach bringen! [HGt.02_167,03] Denn da sagtest du von deinen Worten, als seien sie ein lebendiges Wasser, mit dem ich den abgebrochenen Blütenstamm emsigst begießen solle, wodurch dann mir wenigstens ein Same – wenn gewisserart schon nicht alsogleich die Wurzel – werde, welchen ich dann erst in mein Erdreich streuen könnte zur neuen Erlangung der Wurzel, des Stammes mit der Blüte und daraus dann auch eines neuen Samens zum ewigen Leben! [HGt.02_167,04] Es ist alles richtig, überweise und klar; nur wie du dein Wort zu einem lebendigen Wasser machst, oder wie es vielmehr ich machen soll, – siehe, guter Mann, Freund und Bruder, das ist etwas gewagt gesprochen, das heißt vorderhand gemeint, insoweit ich es noch nicht fasse! [HGt.02_167,05] Willst du aber die brüderliche Gefälligkeit haben und dich darüber etwas bestimmter aussprechen, dann kannst du aber auch völlig versichert sein, daß ich und wir alle jegliches deiner Worte in der Tat ehren werden, und werden suchen, es zur lebendigen Wurzel und zum lebendigsten Samen in unseren Herzen zu erheben! [HGt.02_167,06] Wenn du solches demnach tun willst, da bitten wir dich darum!“ [HGt.02_167,07] Und der allerheiligste Abba öffnete darauf Seinen Mund und sprach: „Du hast wahrlich die beste Frage gestellt; denn Ich sage dir: gerade davon hängt alles ab, daß ihr dieses richtig auffasset! [HGt.02_167,08] Wer da nicht versteht, wie Mein Wort ein lebendiges Wasser ist, der versteht auch nicht im geringsten, was Gott ist, was der Abedam, und was der Henoch; denn nur das lebendige Wasser erst kann ihm solches vollends enthüllen! [HGt.02_167,09] Da aber somit die wahre, innerste Bekanntschaft mit dem lebendigsten Wasser solches bedingt, so fragt sich's: Wie ist demnach das Wort aus Meinem Munde ein lebendiges Wasser? [HGt.02_167,10] Dieses sollet ihr auch in einem getreuen Bilde erschauen; und so höret es denn: [HGt.02_167,11] Du hast zu Hause einen Garten. Im selben hast du mannigfaltige gute Pflanzen gesetzt. Wenn es aber den Sommer hindurch dann und wann sehr trocken geworden ist, so begießest du die Pflanzen mit gutem Wasser, damit dieselben nicht vertrocknen und absterben möchten in dem saftlosen Erdreiche deines Gartens. Aber trotz deines emsigen Begießens kommen die Pflanzen nur sehr kümmerlich fort, und deine Ernte ist dann ebenso dürftig, wie armselig da ist der Boden an der lebendigen Nahrung, welche da einzig nur besteht in einem wohlgesegneten Regen aus den Wolken des Himmels. [HGt.02_167,12] Du sagst es selbst aus deiner Weisheit heraus: ,Ein trockenes Jahr ist eine Geißel sowohl für die Pflanzen, als auch für unsern Magen und für unsere Haut!‘ [HGt.02_167,13] Warum hältst denn du hernach das Regenwasser für besser und für nährender denn dasjenige, das du aus deinem Kruge schüttest über die Pflanzen? – Antworte Mir darauf aus deiner Weisheit!“ [HGt.02_167,14] Und der Redner erwiderte: „Das ist ganz natürlich: weil das Erdquellwasser schon seine belebende Kraft der Erde mitgeteilt hat, bevor es dann kraftlos auf die Oberfläche der Erde gelangt; das Regenwasser aber fällt mit noch ungeschwächter Fülle der belebenden Kraft auf den Boden der Erde, wo dann ein einziger Regentropfen für die Pflanzenwelt köstlicher ist denn ein ganzer Krug voll des reinsten Quellwassers! – Ich meine, die Antwort ist richtig!“ [HGt.02_167,15] Und der heiligste Abba erwiderte ihm: „Ganz richtig; betrachte demnach auch Mein Wort als einen Regen aus den Himmeln alles Lebens, und es wird dir die Lebendigkeit dieses Meines lebendigsten Wortwassers durchaus kein Rätsel mehr sein, und der Abedam samt dem Henoch wird in großer Klarheit vor dir dastehen in aller Fülle Seiner Göttlichkeit! Verstehe es! Amen!“ 168. Kapitel — Die vier Weltweisen erkennen in dem Fremdling den Herrn. Die Weisheit und die Liebe als langer und kurzer Weg für Gottsucher[HGt.02_168,01] Nach dieser Rede Abbas fingen die vier an, ganz gewaltig zu stutzen, und einer wie der andere dachte bei sich selbst: „Es ist doch wahrhaftig sonderbar um diesen Menschen! [HGt.02_168,02] Wer und was ist er denn, und woher muß er gekommen sein? Wahrhaftig, der Mensch spricht gerade also, als wäre er – Jehova Selbst!“ [HGt.02_168,03] Hier traten die vier ein wenig zurück, nachdem der erste zuvor den ihm noch fremden Abba um eine kleine Entschuldigung bat, und berieten sich da über den überweisen Fremdling. [HGt.02_168,04] Der erste fragte sogleich die anderen drei, sagend nämlich: „Brüder! So gut wie ich habet auch ihr dieses fremden Mannes Rede vernommen – und sicher auch mir gleich verstanden! Was bedünket euch ob seiner? Wer ist er? Wer kann er sein?“ [HGt.02_168,05] Und der zweite sagte darauf: „Bruder, du weißt es, daß ich in gewissen Sachen noch nie um ein ganzes Haus mich geirrt habe, und bin darum auch jetzt der Meinung, daß ich nicht zu ferne vom Kopfe des Keils meinen Schlägelhieb führen werde! [HGt.02_168,06] Das Bild vom Garten, von der Bewässerung desselben, der Vergleich des Quellwassers mit dem des Regens und endlich das Vergleichen unserer Worte mit dem schon kraftlosen Quellwasser, Seines Wortes aber mit dem lebendigen Regen aus den Wolken des Himmels, und dann zum Schlusse gar noch die klare Andeutung auf die Anwesenheit Abedams lassen mir wenigstens keinen Zweifel mehr übrig, daß da hinter Ihm der – Abedam Jehova steckt! [HGt.02_168,07] Sehet Brüder, das ist meine Meinung, welche sich mir in mir selbst unwiderruflich aufdrängt und aber auch zugleich mein ganzes Wesen mit solch einer freudigen Wonne erfüllt, die ich ehedem noch nie empfunden habe! [HGt.02_168,08] Jedoch will ich dadurch niemandem meine Meinung aufgedrungen haben, – und es wird mir überaus angenehm sein, auch eure Meinungen darüber zu vernehmen!“ [HGt.02_168,09] Und der dritte erwiderte alsogleich darauf und sagte: „Brüder, wie es wenigstens mir vorkommt, so scheint der Bruder eben nicht ganz unrecht zu haben! Ich will zwar noch nicht mein volles Ja hinzufügen; so ihr aber alle einer Meinung seid in dem Punkte, da werde ich sicher nicht das Nein aussprechen! [HGt.02_168,10] Daß dieser Mann mehr sein muß als bloß nur ein gewöhnlicher Mensch, solches leuchtet ja aus jeglichem seiner Worte allerklarst hervor; ob er aber unmittelbar der Abedam Jehova Selbst ist, oder ob nur dessen Geist durch ihn, den Fremdling nämlich, spricht, das wäre noch zu entscheiden. [HGt.02_168,11] Wenn es aber auf mich nur ankäme, so stimme ich eher für die Unmittelbarkeit denn für die Mittelbarkeit, ohne dadurch jemanden nur im geringsten in seinem Dafürhalten zu beeinträchtigen!“ [HGt.02_168,12] Und der vierte öffnete seinen Mund und sagte: „Bruder, ich meine, wenn ich deiner Ansicht völlig beipflichte, so werde auch ich keinen großen Fehlhieb tun! Nun sollte nur noch unser Vorstand seine Äußerung von sich geben, und es wird sich dann gar bald zeigen, wohin die Mehrheit der Stimmen sich neigt!“ [HGt.02_168,13] Und der erste Hauptredner sagte darauf: „Brüder, wir sind vollkommen eins! Denn das war heimlich schon gleich nach Seiner ersten Rede meine Meinung, und ich habe nun eine große Freude, daß wir also ganz und gar eines Herzens und eines Sinnes sind! Nur fragt es sich jetzt: Wie werden wir es nun anfangen, – wie uns Ihm wieder nahen? Welch ein Opfer werden wir Ihm darbringen? Wie werden wir uns vor Ihm nun ausnehmen? Was werden wir Ihm nun sagen können, Ihm, dem unsere geheimsten Gedanken schon um gar viele Ewigkeiten eher bekannt waren, als wir noch geworden sind zu denkenden und fühlenden Menschen durch Sein allmächtiges Wort? [HGt.02_168,14] Er, der durch ein Wort einst Himmel und Erde und alle zahllosen Geschöpfe daraus erschaffen hat, hat nun so viele Worte zu uns geredet! – Saget, denket, was kann, was wird daraus werden?!“ [HGt.02_168,15] Hier trat plötzlich der Abba unter sie und sagte: „Kinder, Freunde und Brüder! Mein Herz hat eine große Freude an euch; denn ihr habet Mich wahrhaft also, wie es einem freien Menschen geziemt, gefunden. [HGt.02_168,16] Aber euer Weg zu Mir, eurem ewigen, heiligen Vater, war ein mühsamer; denn die Weisheit macht kleine und beschwerliche Schritte, während die Liebe wie mit der Tür ins Haus fällt. Da ihr Mich aber also gefunden habet, so freuet euch aber jetzt auch über die Maßen; denn Ich, Gott der Allmächtige, als euer liebevollster Vater, bin nun ja sichtbar unter euch! [HGt.02_168,17] Kommet alle her an Meine Brust, und empfindet, daß Ich wahrhaft euer ewiger, heiliger, liebevollster Vater bin! Kommet, kommet! Amen.“ 169. Kapitel — Die Liebe als der wahre Gottesdienst und als das wahre Opfer. Der Herr wird wieder unsichtbar[HGt.02_169,01] Und alsbald stürzten alle hin, nicht nur die vier, sondern alle, die sich in dieser Zeit auf der Höhe befanden, und umfingen den Abba, Freuden-Liebe-Tränen weinend; alle priesen, lobten Ihn und gaben Ihm die Ehre in ihren Herzen. [HGt.02_169,02] Er aber segnete sie alle, und sprach endlich zu ihnen: „Kindlein, ihr habet nun den wahren Vater und habet alle in Mir Gott geschaut; ihr habet Mich mit Liebe umfaßt, da Ich mit Liebe zu euch kam. Glaubet nun alle fest in euren Herzen, daß Ich allein der wahre, gute, heilige Vater bin und der alleinige Herr Himmels und der Erde, Gott aller Macht, Kraft und Gewalt, Schöpfer, Lenker und Erhalter aller Dinge und das ewige, alleinig vollkommenste Leben Selbst, weil die ewige und endlose Liebe und Weisheit Selbst! [HGt.02_169,03] Solches also glaubet fest in euren Herzen, und fühlet es lebendig, daß das ewige Leben durch Meine Liebe vollkommen in euch ist, so werdet ihr allzeit glücklich hier und jenseits in der ewigen Wohnung Meiner Liebe und Weisheit sein! Hier werdet ihr glücklich sein, da ihr keinen Tod je sehen und erleiden werdet, und jenseits durch die stets größere innere Entfaltung der endlosen Fülle der Wunder Meines Lebens in euch geistlich! [HGt.02_169,04] Ich habe euch jetzt gesegnet als wahrer Vater; segnet aber auch ihr Mich in euren Herzen durch die treueste stetige Liebe, so werdet ihr in der Lebendigkeit eurer Werke zeigen, daß ihr glaubet, daß Ich der alleinig gute Vater bin, der euch Ewigkeiten lange vorher geliebt hat, bevor noch eine Sonne am Firmamente brannte! [HGt.02_169,05] Wer Mich ehren wird mit der Hand, dessen Hand soll gesegnet sein für jegliches Werk; wer Mich ehren wird mit den Füßen, der soll keine Steine am Boden finden, wo er seine Wege tun wird; wer Mich ehren wird mit dem Leibe, der soll auch einen gesegneten Leib haben, und kein Schmerz soll je eine Faser seines Fleisches anrühren; wer Mich ehren wird mit dem Munde, dessen Mund soll gesegnet sein, daß ihn alle Völker loben sollen; wer Mich ehren wird mit den Augen, der soll nie den Tod sehen; wer Mich ehren wird mit den Ohren, in dessen Ohr soll nie eine arge Stimme dringen, sondern harmonische Töne sollen dasselbe entzücken; wer Mich ehren wird mit dem ganzen Kopfe und mit dem Marke desselben, den will Ich segnen mit großer Weisheit; wer Mich aber ehrt in seinem Herzen als den alleinigen guten Vater, der ist es, der Mich ehrt mit seinem ganzen Leben, da er Mich ehrt mit seiner Liebe, welche da ist sein ganzes Leben; wer Mich aber ehrt mit seinem ganzen Leben, der soll auch ganz gesegnet sein mit dem ewigen Leben aus Mir, dem heiligen, liebevollsten, guten Vater! [HGt.02_169,06] Ehret Mich daher allesamt mit dem Herzen allezeit, so wird das ewige Leben sein in euch, weil eure Herzen erfüllt sind mit dem, was da ist des ewigen Lebens, nämlich mit Meiner heiligen, allmächtigen Liebe! [HGt.02_169,07] Niemand kann Mich segnen, weder mit der Hand, noch mit den Füßen, noch mit dem Leibe, noch mit dem Munde, noch mit den Augen und noch mit den Ohren, sondern allein mit einem reinen, von Meiner heiligen Liebe erfüllten Herzen. [HGt.02_169,08] Wer mich aber segnet mit solch einem Herzen, der segnet Mich auch mit den Händen, Füßen, mit dem Munde, mit den Augen, Ohren und mit dem ganzen Kopfe und mit dem ganzen Leibe, ja mit allen seinen Kräften, und Ich will darum aber auch vollkommen segnen den ganzen Menschen zum ewigen Leben. [HGt.02_169,09] Den teilweise Mich segnen Wollenden aber werde auch Ich, wie gesagt, nur teilweise segnen! [HGt.02_169,10] Bleibet daher allein bei der Liebe, so wird euch stets die Fülle Meiner Segnungen werden; werdet ihr aber nicht allein nur an die Liebe euch halten, so werden dann Meine Segnungen auch sein gleich eurer Liebe! [HGt.02_169,11] Wahrlich, Ich sage euch, Meine Kindlein: Ich, euer Vater, brauche keine Opfer und benötige keines Mich extra ehrenden sogenannten Gottesdienstes; denn Ich bin allmächtig genug, um jeglichen Dienst zu versehen ewig, also wie Ich ihn versehen habe schon von Ewigkeiten her ohne eure Opfer und ohne euern Gottesdienst. [HGt.02_169,12] Wollt ihr aber Mir schon dienen, da dienet euch gegenseitig in Meiner Vaterliebe, so werdet ihr wahrhaftige Gottesdiener sein! [HGt.02_169,13] Wer da opfern will, der opfere in seinem Herzen! Meine Vaterliebe in seinem Herzen bringe er Mir zum Opfer; solch ein Opfer werde Ich allzeit wohlgefälligst ansehen! [HGt.02_169,14] Nun wisset ihr alles lebendig in euch; beachtet es allzeit lebendig und tuet danach, so wird des ewigen Lebens Fülle gleich einem Strome aus euren Lenden hervorbrechen und wird allda zerstören die Wohnung des Todes für ewig, ewig, ewig! Amen. [HGt.02_169,15] Henoch ist Mein Mund bei euch; den höret, und sein Wort wird euch segnen oder richten nach der Beschaffenheit eurer Herzen! Amen, Amen, Amen.“ [HGt.02_169,16] Hier ward der Abba wieder unsichtbar und entschwand denn vor den weinenden Augen der Kinder zum letzten Male, das heißt für so lange, als noch der Adam lebte, und wurde nachher allgemein nicht mehr gesehen bis zur großen Zeit der Zeiten im Fleische als Sohn der Menschen. 170. Kapitel — Adams törichtes Verlangen nach einer Rede Henochs über den soeben unsichtbar gewordenen Herrn. Henochs treffende Antwort[HGt.02_170,01] Nach einer ziemlichen Weile fingen die Väter erst an, sich zu erholen und um sich her zu schauen, ob nicht irgend Jehova zu erschauen wäre. [HGt.02_170,02] Aber solch ein Bemühen war vergeblich; denn Jehova verbarg Sich wieder in Sein Heiligtum und war mit keinem andern Auge mehr zu erspähen denn allein mit den Augen der reinen Liebe im Herzen. [HGt.02_170,03] Es trat aber nach einer Weile der Adam hin zum Henoch und sagte zu ihm: „Henoch, rede etwas von Ihm, den unsere Augen nicht wert waren anzuschauen, damit wir uns nicht gar so verwaist vorkommen! [HGt.02_170,04] Denn nichts ist schmerzlicher fürs Herz, als das zu missen, was man einmal mit Liebe erfaßt hat; um so schmerzlicher aber ist's, nun Den zu missen, der das alleinige Leben unserer Herzen ist und daher der alleinige Gegenstand unserer allermächtigsten Liebe! [HGt.02_170,05] Daher rede, Henoch, rede! Rede von Ihm, ja von nichts anderem rede denn nur von Ihm; denn Er allein ist nun unserer Herzen größtes Bedürfnis geworden! [HGt.02_170,06] Rede auch nicht von dem, was auf Ihn irgendeine Beziehung hat, sondern ganz rein von Ihm nur rede; auch nicht, wie Er ist also voll Liebe, Erbarmung und Herablassung unter uns gewesen und hat uns alle geführt und gelehrt und mit der größten Sanftmut gezeigt die liebeerfülltesten heiligsten Wege zu Ihm, zu Ihm, dem besten, heiligsten, liebevollsten Vater! [HGt.02_170,07] Also rede nur von Ihm allein, lieber Henoch! Amen.“ [HGt.02_170,08] Und der Henoch öffnete alsbald den Mund und sprach: „Würdigster Vater, dein Wunsch ist rein wie das Wasser dort, das da am weißen Sande, unter dem weißen Steine einer reinsten Quelle entstammend, spielt; aber denke einmal nach, was das heißt: von Ihm reden, von Ihm allein reden! [HGt.02_170,09] Siehe an Seine großen Worte um uns herum; wir selbst sind nichts anderes, und was wir nur immer ansehen mögen, ist nichts anderes, denn Gottes Wort! [HGt.02_170,10] Nun aber wünschest du, ich möchte von Ihm sprechen, ohne etwas zu berühren, was da mit Ihm in irgendeiner Beziehung stünde! [HGt.02_170,11] Sage mir, würdigster Vater, wie solches wohl möglich sein möchte?! Denn pur von Ihm reden ohne Berührung anderer auf Ihn Bezug habender Bilder und Sachen und Dinge, ist eine gänzliche Unmöglichkeit! [HGt.02_170,12] Man müßte nur ununterbrochen Seinen Namen in einem fort aussprechen; wie aber würde dir das nur bei einer kurzen Zeitdauer vorkommen? [HGt.02_170,13] Oder wäre eine solche höchst einförmige Wortreihe eines und desselben Namens, wenn durch ihn auch der allerhöchste und allerwürdigste Gegenstand unserer Liebe bezeichnet wird, wohl eine Rede zu nennen?! [HGt.02_170,14] Daher mußt du, würdigster Vater, deines Herzens zwar an und für sich allerreinsten, aber dessenungeachtet dennoch nicht ausführbaren Wunsch ein wenig ändern, und ich werde dann demselben unverzüglich Gewähr leisten!“ [HGt.02_170,15] Und der Adam sah das Törichte seines Verlangens ein und sagte endlich zum Henoch: „Ja, ja, mein Sohn, du hast recht, mein Verlangen ist im Ernste rein unausführbar; daher tue nach deinem mit der Liebe des allerheiligsten Vaters wohlverwandten Herzen, und mir wird alles endlos willkommen sein, was du nur immer über Ihn hervorbringen wirst! Amen.“ [HGt.02_170,16] Und alsbald begann der Henoch folgende kurze Rede an alle Anwesenden zu richten, sagend nämlich: „Väter und Brüder! Habt ihr noch nie die Beobachtung gemacht, wie sich der Mond am Tage neben der Sonne ausnimmt, welcher Unterschied da ist zwischen seinem und der Sonne Licht? [HGt.02_170,17] Ihr sehet mich alle großverwundert an und wisset nicht, was ich damit sagen will! [HGt.02_170,18] O höret nur; wir wollen dies Bild schon deutlicher auseinanderklauben! [HGt.02_170,19] Sehet, wenn der Sonne mächtiges Licht vom überhohen Firmamente zu uns herabstrahlt, da steht der Mond beschämt neben der großen Leuchte des Tages, und ein Wölkchen schimmert in den Strahlen der Sonne ums vielfache mehr denn der Mond mit all seinem nächtlich prunkenden Scheine! Erst wenn die große Tagesleuchte völlig untergegangen ist, fängt des Mondes kaltes Licht an, sich hervorzutun, neben dem auch die kleinen Sterne zu leuchten vermögen! [HGt.02_170,20] Sehet, gerade also steht es nun auch mit mir! Jede Rede nun über den Vater aus meinem Munde würde sich jetzt gerade also ausnehmen wie das Licht des Mondes neben der Sonne; wenn es aber Abend und Nacht wird, sodann wird auch mein Mond leuchten, als hätte er ein eigenes Licht, und wird auch andere Sterne um sich her leuchten lassen. [HGt.02_170,21] Solange aber noch die große Leuchte des Wortes Gottes in uns leuchtet, so lange ist mein Mondlicht eine eitle Torheit; daher erlasset mir jetzt die verlangte Rede, und erquicket euch alle noch an den Strahlen des großen Lichtes in uns! [HGt.02_170,22] Denn jetzt gliche meine Rede einer barsten Verfinsterung der Sonne in uns; daher bleiben wir am Tage, solange dieser währt! [HGt.02_170,23] So aber irgendwann dieser Tag sollte zu Ende werden, dann, Väter und Brüder, sehet euch erst um nach dem Monde! – Und jetzt aber lasset uns nach Hause gehen; denn die Sonne nähert dem Untergange sich schon! Tun wir das! Amen.“ 171. Kapitel — Die wunderbare Füllung der Speisekammern Seths[HGt.02_171,01] Und alle die Väter samt den vieren vom Mittage her erhoben sich auf diese Rede Henochs vom Boden und gingen hinab in die Wohnungen. Als sie da anlangten, lud der Adam den Henoch, den bekannten Abedam und die viere vom Mittage, bei ihm zu verbleiben über die Nacht und das Mahl zu nehmen in seiner Hütte. [HGt.02_171,02] Die Gäste begrüßten darauf den Adam mit kindlicher Liebe und gewährten dem Adam gerne seinen Wunsch und gingen ein in die Hütte Adams. [HGt.02_171,03] Der Adam aber bestellte alsogleich beim Seth das Mahl, und der Seth sorgte auch alsbald dafür. [HGt.02_171,04] Er ging darum eiligen Schrittes in seine Wohnung und behieß seine Kinder, daß sie brächten drei mittlere Körbe voll der besten Früchte, Milch, Beersaft, Wasser, Brot und Honig. [HGt.02_171,05] Schnell eilten die Kinder Seths in dessen große Speisekammern, um zu erfüllen den Willen ihres Vaters; aber wie erstaunt und traurig kamen sie alsbald aus den Speisekammern zurück, als sie dieselben völlig geleert fanden! [HGt.02_171,06] Als sie solches dem Seth kundgaben, begab sich derselbe alsogleich selbst in die Speisekammern und fand da zu seinem nicht geringen Betrübnis die Aussagen seiner Kinder bestätigt. [HGt.02_171,07] „Was soll ich nun tun?“ fragte er sein eigenes Herz; aber dieses blieb nun stumm, und kein guter Rat wollte sich im selben künden. [HGt.02_171,08] Er verließ darum alsbald seine Wohnung und begab sich wieder in die Wohnung Adams. [HGt.02_171,09] Da angelangt, erzählte er alsbald mit der bedauernswürdigsten Miene den überaus kläglichen Zustand seiner Speisekammern. [HGt.02_171,10] Als aber der schon ziemlich hungrige Adam solches vernommen hatte, ward er selbst betrübt, wandte sich aber endlich an den Henoch und fragte ihn, ob etwa seine Speisekammern besser bestellt sein möchten denn die des Seth. [HGt.02_171,11] Und der Henoch erwiderte darauf: „Höret, wenn es mit den Kammern des Vaters Seth sich wirklich also verhalten sollte, wie er solches uns allen hier kundgegeben hat, so bin ich im voraus überzeugt, daß da meine Speisekammern nicht also armseligst bestellt sind denn die seinigen! [HGt.02_171,12] Ich meine aber, diesmal hat sich der Vater Seth in seinem großen Eifer zu wenig umgesehen in seinem Hause; daher lasset mich noch einmal, daß ich sage: Seths Kammern sind überfüllt; und der Vater Seth möchte noch einmal in dieselben gehen, damit er sie vollgefüllt antreffe! [HGt.02_171,13] Denn der Abba Jehova ist nicht nur voll Liebe und Erbarmung, so Er sichtbar unter uns wandelt, sondern Er ist auch vor unseren Augen verborgen ganz Derselbe; daher Ihm alle unsere Liebe, alles Lob und alle Ehre ewig! Amen.“ [HGt.02_171,14] Und der Seth sagte: „Henoch, du hast wahr gesprochen: Dem guten, liebevollsten Vater alle unsere Liebe und Anbetung! Denn Er hat Sich mir nun groß bezeigt und überaus barmherzig; denn wahrlich: geleert waren meine Speisekammern bis auf den letzten Tropfen, und nun ersehe ich sie wieder vollauf angefüllt in meinem Herzen!“ [HGt.02_171,15] Und alsbald ging der Seth wieder in seine Wohnung, und alle seine Kinder und sein Weib eilten ihm entgegen und riefen: „Vater, Vater! Unsere Kammern sind überfüllt von den herrlichsten und wohlduftendsten Speisen aller Art!“ [HGt.02_171,16] Der Seth aber fiel alsbald auf sein Angesicht nieder und wollte danken und beten; aber eine Stimme rief wie aus den Himmeln: „Mein lieber Bruder Seth, Ich kenne dich ja, und du kennst auch Mich; daher erhebe dich, und sorge für den Adam und seine Mir lieben Gäste! Amen.“ [HGt.02_171,17] Hier sprang der Seth auf, und blickte um sich, um etwa irgend zu erblicken den heiligen Abba. [HGt.02_171,18] Die Stimme aber sprach wieder: „Seth, was suchest du mit den Augen um dich herum? Ist denn nicht das Herz Mein Haus in dir? Daher gehe, und bediene die Gäste! Amen.“ [HGt.02_171,19] Und der Seth ging alsbald und versah reichlichst die bekannten Gäste und erzählte, was ihm begegnet ist. [HGt.02_171,20] Und der Henoch erwiderte darauf: „Also ist und wird es bleiben, daß das Ohr dem Leben näher ist denn das Auge; doch das Herz allein nur ist die ewige Wohnstätte des Lebens! Daher Ihm, dem Vater des Lebens, die vollste Weihe unserer Herzen ewig! Amen.“ [HGt.02_171,21] Darauf segnete der Adam die Gäste, pries Gott mit ihnen, und begab sich dann mit ihnen zur Ruhe. 172. Kapitel — Die erste Kirche auf der Erde. Die sieben Boten der Höhe im Palaste Lamechs zu Hanoch[HGt.02_172,01] Nachdem wir uns jetzt in allem bei sieben Tage lang auf der Höhe bei den Kindern Gottes aufgehalten haben und haben da die erste Gründung der Kirche auf der Erde durch Jehovas sichtbare Gegenwart umständlich von Tat zu Tat und von Wort zu Wort mit angesehen und mit angehört und haben dadurch die vollste Erklärung der in der Bibel von Moses bezeichneten sechs Schöpfungstage erhalten, durch die nichts anderes verstanden werden soll als eben die Gründung der ersten Kirche auf dem Erdkörper, so können wir die Höhe auf eine kurze Zeit wieder verlassen und uns nach Hanoch begeben, um allda zu sehen und zu hören, wie es da zuging, und welche Veränderungen allda in einer Woche vor sich gegangen sind. [HGt.02_172,02] Und so denn begeben wir uns hinab! – Was geschieht hier? Was gibt's hier? [HGt.02_172,03] Sehet, soeben begeben sich der Kisehel, der Sethlahem und noch ein Bruder, der nun Joram heißen soll, in den Palast Lamechs! [HGt.02_172,04] Was haben sie wohl vor, was werden sie da machen, und was alles wird sich ihren Augen zur schauerhaften Greuelanschauung darstellen? – So höret und sehet denn! [HGt.02_172,05] Die sieben Boten haben sich seit ihrer schnellen Ankunft in Hanoch wohl schon einige Male zum Lamech hinbegeben. Es wurde ihnen alles gezeigt, und es fehlten nicht zierliche Zofen, die sich durch allerlei üppige Stellungen und anziehende Reden und Gebärden um sie herumtummelten und auch schon im Ernste vier völlig berückt hatten, darum am Streittage von Mir auch der Engel Ahbel zu ihnen hinab geschickt wurde, und darum diese vier diesmal auch nicht zugegen sind; aber nur zum Lamech selbst war ihnen noch keine Tür geöffnet worden! [HGt.02_172,06] Für diesmal aber haben die drei fest beschlossen, ins Gemach des Lamech zu dringen, und koste es, was es nur immer wolle! – Darum also gehen sie soeben in den Palast. [HGt.02_172,07] Was wollen sie denn beim Lamech, der sie nicht vorlassen, sondern sie nur durch seine neu geworbenen Zofen und Buhlerinnen berücken und fangen will? [HGt.02_172,08] Ihr wißt, was er mit dem Namen Jehova getan hatte; sehet, dahinaus also geht es: er muß das Loch eigenhändig ausgraben und die Tafel reinigen auf die vorbeschriebene Art! [HGt.02_172,09] Was alles sie aber bei dieser Gelegenheit sehen werden, werdet ihr an ihrer Seite recht klar mit ansehen können. [HGt.02_172,10] Als sie zur ersten Treppe gelangten, da fanden sie dieselbe zu beiden Seiten angefüllt mit den schönsten und allerüppigstreizendsten Weibern in ganz nacktem Zustande, und die Weiber jammerten mit kläglicher Stimme und baten die drei Boten um Errettung; denn sonst müßten sie in der nächsten Stunde den grausamsten Tod sterben, darum es ihnen am Tage vorher nicht gelungen ist, sie als die ärgsten Feinde Lamechs zu fangen und sie dann seiner glühendsten Rache zu überliefern. [HGt.02_172,11] Doch dieses ist bloß nur eine List Lamechs. Die drei aber erkannten alsogleich solche List, und der Kisehel sagte zu den nackten Weibern: „Höret, ihr arges Natterngezüchte! Nicht der Lamech wird euch grausam vertilgen, sondern die scharfe Rute Jehovas wird euch solches tun! [HGt.02_172,12] Eiter und Geschwüre werden euch bei lebendigem Leibe verzehren draußen vor der Stadt in den Pfützen, Sümpfen und Morästen! Jehovas allmächtiger Wille geschehe ewig! Amen.“ [HGt.02_172,13] Im Augenblicke wurden bei sechzig Weiber, die da nackt standen, von einem fürchterlichst brennenden Aussatze befallen und liefen rasend, wütend und heulend durch die Gassen der Stadt hinaus zu den vorbesagten Pfützen, Sümpfen und Morästen und stürzten sich allda jählings in dieselben. [HGt.02_172,14] Ihre Leiber wurden darauf sogleich voll Eiter und Geschwüre, und das Fleisch fing an, sich bei noch lebendigen Sinnen vereitert und gar sehr stinkend von den Knochen zu lösen. [HGt.02_172,15] Nun ward dadurch die erste Treppe gereinigt. Als sie aber zur zweiten gelangten, da entstand allda alsbald ein noch fürchterlicheres Jammergeschrei; denn auch diese Treppe war angefüllt mit nackten Weibern, welche von den Leibschergen Lamechs mit den schärfsten Ruten wahrhaft zerfleischt wurden. [HGt.02_172,16] Als die blutenden Weiber die drei Mächtigen ersahen, da fingen sie an, noch gewaltiger zu schreien, auf daß die drei sie erretten möchten aus den Händen der Leibschergen Lamechs. [HGt.02_172,17] Und der Kisehel gebot den Schergen, sagend: „Haltet ein den Schwung eurer Ruten, und führet die Heldinnen Lamechs hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morästen; allda werden sie treffen ihre Lastergenossinnen und werden mit ihnen ihren Lohn teilen! [HGt.02_172,18] Eure Hand aber soll fürder nimmer eine Rute anrühren, sonst sterbet ihr gleich diesen Lasterheldinnen! – Jehovas Wille geschehe jetzt wie ewig! Amen.“ [HGt.02_172,19] Und alsbald warfen die Schergen die Ruten weg, banden den zerfleischten Weibern die Hände auf dem Rücken und schleppten sie dann hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morästen; hier erst fingen die Weiber an, fürchterlichst zu heulen, als sie das Los ihrer Gefährtinnen ersahen. [HGt.02_172,20] Die Schergen lösten ihnen die Hände und verließen sie dann; die Weiber aber warfen sich aus Verzweiflung in die Sümpfe und gingen allda zugrunde gleich den andern. [HGt.02_172,21] Als die Schergen aber wieder im Palaste anlangten, da wurde ihnen von den dreien bedeutet, daß sie sich an den Jehova wenden sollen, und sollen nimmerdar betreten den Palast, sondern sollen sich begeben mit ihren Weibern nach Farak, allda ihrer eine andere Bestimmung harrt. [HGt.02_172,22] Die hundert Schergen verließen alsbald den Palast, und die drei begaben sich zur dritten Treppe. 173. Kapitel — Die dritte Treppe im Palaste Lamechs und ihre Hindernisse für die drei Boten[HGt.02_173,01] Als die drei aber vollends zur dritten Treppe gelangten, da fingen sie bei sich zu staunen an über die große List Lamechs; denn auf so etwas waren sie nicht vorbereitet. [HGt.02_173,02] Und Ich Selbst sagte ihnen in ihrem Gemüte auch nichts davon, darum, daß sie bei solch einer außerordentlichen Gelegenheit ihre ihnen von Mir verliehene Kraft der Weisheit desto mehr bekräftigen sollten. Wie verrammelte aber demnach der Lamech diese dritte Treppe? [HGt.02_173,03] Jede Stufe war mit kleinen Kindlein belegt, und zwischen den Kindern waren nackte Mütter mit geritzten Brüsten und verzweifelt zerrauften Haaren gestellt; die Kinder waren mit Stricken an die Staffeln niedergebunden und die Mütter mit ehernen Banden um die Lenden an die Stufen mittels starker Ketten gehängt. [HGt.02_173,04] Als die Mütter die drei Mächtigen erblickten, da fingen sie sich und die drei also an zu verwünschen und zu verfluchen, wie da folgt: [HGt.02_173,05] „Welcher Hölle des ärgsten aller Satane seid ihr entstiegen, darum wir euretwegen hier also auf das schauerlichste gequält werden müssen, um durch unsere entsetzliche Qual und größte betrübende Not euch den Zutritt zu dem verruchten Lamech zu verwehren?! [HGt.02_173,06] Ihr heißet euch Boten Jehovas! O ihr entsetzlichsten Frevler! Ist Jehova gleich wie ihr, ist da unser Scheusal von einem Lamech nicht ein leiser Abendhauch dagegen in aller seiner unmenschlichsten Bosheit?! [HGt.02_173,07] Was haben die armen Mägde, die da Lamechs endlose Grausamkeit verführt und verlockt hatte zu seinen niedrigsten Zwecken, denn euch je Arges zuleide getan, darum ihr sie ohne Gnade und Erbarmen habet hinausgetrieben in die schändlichsten Kloaken und Pfützen, auf daß sie allesamt zugrunde gehen am Leibe, wie an der Seele?! [HGt.02_173,08] O ihr elenden Boten der untersten Hölle, wie sie einst der große Farak gelehrt hat, – ihr getrauet euch noch, bei solchen Taten, deren alle Teufel zusammengenommen nicht fähig sind, euch Boten Jehovas zu nennen?! [HGt.02_173,09] Lamech hatte seine beiden Brüder erschlagen und hätte somit den zweifachen Tod verdient; [HGt.02_173,10] Jehova aber sagte zu Lamech: ,Wer den Lamech töten möchte, der soll siebenundsiebzigmal gerächt werden!‘ [HGt.02_173,11] Diese armen Mägde haben samt unser noch nie eine Fliege totgeschlagen, und ihr als vorgebliche Boten der ewigen Liebe Jehovas habet sie auf die grausamste, elendeste und schändlichste Weise darum zugrunde gerichtet und marterlichst getötet, weil die ohnehin dreifach Unglücklichsten von der schändlichsten Gewalt Lamechs für seine niedrigsten Zwecke bei den Haaren von den Schergen, die ihr für ihre Grausamkeit noch oben darauf frei und glücklich gemacht habet, in dieses Greuelhaus hereingeschleppt wurden! [HGt.02_173,12] O ihr elenden, übergrausamsten Boten Jehovas, wenn ihr im Sinne habet, das Scheusal von einem Lamech zu bekehren und wieder zu Jehova zu wenden, warum habet ihr denn nicht an den unglücklichsten Mägden zuvor die Bekehrungsversuche gemacht, bevor ihr sie habet also grausamst töten lassen?! [HGt.02_173,13] O sehet, euch ist nicht um den Jehova zu tun, dessen Boten ihr sein wollet, sondern nur um die Herrschaft der armen Völker in den Tiefen alles Schlammes! [HGt.02_173,14] Sehet uns an, wie elend und auf das schändlichste gemißhandelt wir euretwegen unter dem gräßlichsten Drucke Lamechs schmachten müssen! Möchtet ihr uns nicht auch Lügnerinnen schelten und uns dann verderben darum und töten draußen in den Pfützen und Kloaken?! [HGt.02_173,15] Wenn ihr Elenden solches wollet, so löset unsere Bande; denn schmerzlicher kann für liebende Mütter kein Tod und martervoller keine Hölle sein als dieser Zustand, in dem wir uns vor euch nun befinden müssen! [HGt.02_173,16] Wollet ihr aber dieses nicht, so lasset uns hier zugrunde gehen und steiget über uns und unsere unschuldigsten armen Kinder hinauf in die schändlichste Greuelwohnung Lamechs und machet aus ihm einen noch ärgeren Teufel, als er es ohnehin schon ist! [HGt.02_173,17] Verflucht sei der Tag, der uns dies elende Leben gab! Fluch unseren Zeugern, und Fluch dem Schöpfer, der uns für ein solches Elend erschaffen hat, und ewig Fluch euch, die ihr gekommen seid, unser Elend zu vermehren! [HGt.02_173,18] Vernichtet uns, so ihr es könnet, auf ewig; aber quälet uns nicht mehr, als wir ohnehin schon gequält sind!“ [HGt.02_173,19] Hier stutzten die drei und wußten nicht, was sie da tun sollten; denn die Rede der angeschmiedeten Weiber und das Weinen und Schreien der Kinder fing an, ihnen gewaltig zu Herzen zu gehen. 174. Kapitel — Sethlahems Bußrede an die argen Weiber der dritten Treppe. Der Bericht der Mägde der ersten und zweiten Treppe über ihre wunderbare Errettung[HGt.02_174,01] Die drei staunten wohl anfangs über die List Lamechs, durch die er ihnen den Weg über die dritte Treppe so wirksam verrammt hatte. [HGt.02_174,02] Solches Staunen aber war bloß nur eine Frucht des Anblickes hinsichtlich der greuelhaft gelungenen Verrammung. Als sie aber die Klage der Weiber vernommen hatten, da ward schwerer und schwerer und immer schreiender ihr Gewissen, darum sie die Mägde der ersten zwei Treppen also grausam verdammt hätten. [HGt.02_174,03] Und sie begaben sich darob hinaus zu den Pfützen im Geiste mit der Fülle der ihnen innewohnenden Kraft, hoben all die Mägde gereinigt und wiederbelebt aus den Morästen und Kloaken, ließen sie dann wieder hereinkommen vor die klagenden Weiber und begannen dann erst folgende Rede an eben die klagenden Weiber zu richten, als Ich ihnen dazu auch wieder ihre Herzen völlig erschlossen habe; die Rede aber führte diesmal der Sethlahem, und seine Worte lauteten also: [HGt.02_174,04] „O ihr argen Weiber, da sehet her, hier sind alle eure Lastergenossinnen; sie stehen bebend wohlerhalten vor euch! Sie waren tot in den Pfützen; wer hat sie denn nun aus den unzugänglichen Sümpfen, Pfützen und Morästen gereinigt, geheilt und wiederbelebt gehoben und also überaus wohlbehalten hierher geführt? [HGt.02_174,05] Ihr geretteten Mägde! Redet zu diesen allerärgsten Weibern und saget, wer euch gereinigt hat und wer aus des Todes Abgrunde gezogen und euch neu wiederbelebt!“ [HGt.02_174,06] Und alle die über hundertundsechzig Mägde sprachen einstimmig: „O so höret uns, ihr unglücklichsten Buhlerinnen Lamechs und seiner Knechte, deren er noch eine große Menge hat, obschon vor drei Tagen sein Hauptknecht mit der auserlesensten Macht, die da Horadal hieß also wie der Hauptknecht, auf den Höhen entweder von den Kindern Jehovas vernichtet wurde oder ihm untreu ward! [HGt.02_174,07] Wir waren allesamt schon völlig tot in den Kloaken; nur unsere armen Seelen wandelten überaus elend über den Sümpfen, Pfützen und Morästen. Aber auf einmal ersahen wir drei große leuchtende Gestalten sich nahen unserem Jammeraufenthalte, und wir erkannten alsbald in den drei großen lichten Gestalten, daß sie die drei Boten Jehovas waren. [HGt.02_174,08] Und diese Boten riefen bald mit mächtigster Stimme: ,Erwachet zum Zeugnisse der Göttlichkeit unserer Sendung!‘ Alsbald stiegen unsere gereinigten Leiber aus dem Abgrunde, und wir wurden wieder eins mit ihnen, wurden dann von einer unsichtbaren Macht hierher geführt und zeugen nun vor euch und wollen es allzeit zeugen, daß diese drei großen Männer wahrhaftige Boten Jehovas sein müssen!“ [HGt.02_174,09] Und der Sethlahem sagte weiter: „Nun denn, ihr allerärgsten Weiber und wahrhaftigen Kinder des Drachen, – redet, wie es euch bedünkt! Wie steht es nun mit eurer früheren Klage?! Saget uns, wer gab dem Lamech den Rat, diese Treppe also zu verrammen?! Habet nicht ihr solches getan?! [HGt.02_174,10] Habet nicht ihr die Kinder gemietet und manche den armen Müttern gewaltigst entrissen zu diesem schändlichsten Zwecke?! Habt nicht ihr mit euren Händen die Kinder hier also angebunden, euch selbst mit Ketten an die offenen Staffeln angemacht zum Scheine und habet euch selbst, ohne vom Lamech nur im geringsten dazu aufgefordert worden zu sein, die Brüste wollüstig geritzt und zum meisten Teile beschmiert mit rotem Safte?! [HGt.02_174,11] Jehova hat es uns eine kurze Zeit vorenthalten, zu sehen eure greuelhafteste Gestalt; jetzt aber hat Er sie uns gezeigt, wie sie ist, und wir sehen euch nun durch und durch in der ganzen Fülle eurer Arglist! Welche Klage wollet ihr denn jetzt führen?! [HGt.02_174,12] Ihr habt uns ehedem gefragt, welcher Hölle wir entstiegen wären; nun aber frage ich euch: Welcher Hölle seid denn ihr entklommen, indem ihr vor uns Gott und den Lamech gelästert habet? [HGt.02_174,13] Wessen Kinder seid ihr, die ihr dem Jehova und dem Satan zugleich fluchet?! [HGt.02_174,14] Was soll mit euch denn geschehen, indem das Haus des Drachen für euch doch noch viel zu gut ist?! – Saget, fället euch selbst das Urteil!“ [HGt.02_174,15] Und die Weiber fingen an zu schreien: „Freunde Dessen, dessen Name nimmerdar von unserer Greuelzunge entheiligt werden soll! Vernichtet uns, vernichtet uns gänzlich; denn für uns ist jedes noch so elendeste Sein eine noch viel zu große Gnade!“ [HGt.02_174,16] Sethlahem aber sagte darauf: „Erhebet euch, nehmet die Kinder, und stellet sie zurück; dann aber gehet hinaus zu den Kloaken, waschet euch mit dem Unflate, und tuet dann Buße, bis wir zu euch kommen werden und werden euch geben den gerechten Lohn für die Werke eurer Bosheit! [HGt.02_174,17] Denn also seid ihr für jegliche Strafe und für jede Hölle zu schlecht! Und so denn erhebet euch und gehet! – Ihr geretteten Mägde aber gehet in eure Gemächer, und kleidet euch an; kommet dann wieder, und führet uns zum Lamech! Amen.“ 175. Kapitel — Sethlahems Rede und Auftrag an die geretteten Mägde. Die drei Boten dringen zu Lamech vor. Des ohnmächtigen Lamech Wut[HGt.02_175,01] Die Weiber räumten alsbald die Treppe und eilten mit den Kindern heulend hinaus. Die Mägde aber gingen, um sich anzukleiden, in ihre Gemächer, kamen dann alsbald festlich und züchtig gekleidet zu den dreien, fielen da vor ihnen nieder, baten sie um Vergebung ihrer vorigen Bosheit, in der sie wohl mehr gezwungen denn frei tätig waren, dankten ihnen für die Gnade der Rettung und baten sie dann um einen allzeit stärkenden Segen; und die drei trösteten, segneten und stärkten sie in Meinem Namen. Nach dieser Handlung aber sagte dann der Sethlahem zu den Mägden: [HGt.02_175,02] „Höret nun, ihr Mägde, die ihr schon bei fünf Tage lang dem Lamech gedient habet, – das heißt nicht dem Lamech in der Person, sondern vielmehr seinen Dienern, indem der Lamech seit dem dreifachen Verluste seines Weibertums mit keinem weiblichen Wesen mehr etwas zu tun hatte, da es ihm zu einem Fluche in seinem Munde ward! [HGt.02_175,03] Ihr seid jetzt gereinigt und frei gemacht worden und habet empfangen den Segen Jehovas von uns, Seinen Dienern und Boten; dadurch ist euch die Kindschaft der Hölle benommen und die des Himmels erteilt worden. [HGt.02_175,04] Da ihr aber nun Kinder des Himmels geworden seid, so betraget euch aber auch allzeit danach, damit ihr stets dieses Segens werdet teilhaftig verbleiben können! [HGt.02_175,05] Gehorsam ist die erste Stufe in des ewigen Lebens Wohnung. Wollet ihr sonach auch das ewige Leben erreichen, so seid jeglichem Worte gehorsam, das ihr aus unserm Munde vernehmen werdet, und tuet aus stets wachsender Liebe zu Jehova alles, was wir euch zu tun werden auferlegen! Werdet ihr solches alles tun treulichen Herzens aus Liebe zu Jehova, da wird sich dann auch eure Kraft zu mehren anfangen, und ihr werdet dadurch wahre Heldinnen – nicht mehr des Lasters, sondern des göttlich-ewigen Lebens und dadurch auch des ewigen Wohlgefallens Gottes werden! [HGt.02_175,06] Das erste, was wir von euch verlangen, ist, daß ihr uns zu dem Gemache Lamechs bringet! [HGt.02_175,07] Nach dem aber gehet hinaus, und sammelt dürres Holz, und traget es zu den Pfützen, und leget es daselbst an trockene Orte; traget solches aber so lange zusammen, bis wir zu euch kommen werden! [HGt.02_175,08] Wenn euch aber die draußen sich mit der Kloake beschmierenden und waschenden Weiber fragen werden oder auch jemand anders, warum ihr solches wohl tuet, da saget nichts als bloß nur, [HGt.02_175,09] Wir Boten Jehovas hätten euch solches zu tun geboten; und wehe dem, der wagen sollte, seine Hand entweder an euch oder an das von euch zusammengetragene Holz zu legen! [HGt.02_175,10] Nun wisset ihr vorderhand alles, was ihr zu tun habet, und so denn führet uns zum Gemache Lamechs! Amen.“ [HGt.02_175,11] Und alsogleich ging ein Teil der Mägde voran, und ein Teil folgte den dreien. Als sie gar bald zur Türe des Gemaches Lamechs gelangten, da zeigten sie solches an, daß dies die Türe sei zum Leibgemache Lamechs, und sagten: „Dies ist das Gemach; ob er sich darinnen befindet oder nicht, solches können wir bei verschlossener Tür unmöglich wissen! – Jehova mit euch und mit uns!“ [HGt.02_175,12] Und der Sethlahem belobte ihre Treue und ließ sie sodann hinausgehen, Holz zu sammeln. [HGt.02_175,13] Der Kisehel aber berührte die Türe, welche überfest verriegelt und verrammt war, und sie sprang jählings auf; und im tiefen Hintergrunde des Gemaches saß Lamech grimmsprühend und zornglühend auf einem großen Throne, umgeben von tausend mit langen Spießen bewaffneten Knechten, Schergen und Dienern. [HGt.02_175,14] Sein erster Gruß war: „Knechte, ergreifet die drei Freveltiere aus den Bergen! Bindet sie fest, damit ich sie dann mit höchsteigener Hand zerfleische; ihr Blut soll mir das Blut meiner Weiber Ada und Zilla und das Blut meiner schönsten Tochter Naëme sühnen! Gehet und vollziehet meinen allmächtigen Willen!“ [HGt.02_175,15] Der Kisehel aber hob alsbald seine Hand auf und sprach mit einer Donnerstimme: „Halt! – Bis hierher, und nicht um ein Haar weiter! [HGt.02_175,16] Wer von euch Knechten nur eine Hand oder einen Fuß rühren wird, soll augenblicklich des Todes sein!“ [HGt.02_175,17] Der Lamech aber, da sich niemand rühren wollte, sprang selbst vom Throne, riß einem Knechte die Lanze aus der Hand und wollte damit die drei durchstoßen. Aber die Lanze war alsbald glühend, und der Lamech schleuderte sie fluchend von sich, ergriff alsbald eine andere – und verbrannte sich damit die Handfläche. [HGt.02_175,18] Da er nun sah, daß er so gut wie verloren war, so fragte er die drei, bebend vor Grimm und glühender Wut: [HGt.02_175,19] „Was wollt ihr Gebirgsbestien denn hier? Redet, damit euch der Lamech den verlangten Tribut zolle! – Redet, – redet, – redet!“ 176. Kapitel — Kisehels energische Rede an den Wüterich Lamech. Der widerstrebende Lamech wird zum Gehorsam erzogen[HGt.02_176,01] Und der Kisehel hob abermals seine Hand empor und fing mit mächtiger Stimme folgende Worte an den grimm- und wutentbrannten Lamech zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_176,02] „Lamech, du nichtiger König alles Lasters, alles Greuels und aller blindesten und schwärzesten Bosheit! Ich sage dir im Namen des großen, über alles mächtigen Gottes: Nicht ein am Boden zertretenes Steinchen der schmutzigsten Straße deiner Stadt verlangen wir von dir als irgendeinen Tribut! Wenn wir diese Tiefe wieder verlassen werden, wird sogar zuvor aller Staub von unseren Füßen abgekehrt werden! [HGt.02_176,03] Also haben wir auch die Zeit unseres Hierseins außer der freien Luft und des reinen Wassers nichts in unsere Eingeweide aufgenommen, was nur immer die Tiefe an Früchten und Eßwaren hervorbringt; denn wir sind mit allem von oben aufs reichlichste versorgt. Aus dem magst du wohl entnehmen, daß wir nicht irgendeines Tributs halber dahier sind! [HGt.02_176,04] Aber dennoch verlangen wir einen starken Tribut von dir; aber keinen Sach-Tribut, sondern einen Tat-Tribut verlangen wir von dir – und somit den Tribut deines Gehorsams! [HGt.02_176,05] Sieh, du bist ein König, verlangst von jedermann den allerpünktlichsten Gehorsam auf Leben und den grauenvollsten Tod – und hast doch selbst noch nie gehorcht! [HGt.02_176,06] Daher wirst du jetzt zum ersten Male in deinem ganzen Leben ebenfalls deinen wohlgenährten Nacken unter das schwere Joch des Gehorsams beugen müssen und tun, was dir von uns zu tun, und tragen, was dir von uns zu tragen auferlegt wird im Namen Jehovas! [HGt.02_176,07] Wohl dir, so du dich in alles willig fügen wirst; im Widerstrebungsfalle aber sollst du die scharfe Zuchtrute Gottes so lange auf das allerheftigste empfinden, bis sich dein königssteifer Nacken willig unter das Joch unseres Willens im Namen Jehovas fügen und allergeschmeidigst beugen wird! Kennst du nun den Tribut?“ [HGt.02_176,08] Hier sprang der Lamech vor Grimmwut in die Höhe und stürzte wütendst auf den Kisehel los, als wollte er ihn in Stücke zerreißen. Der Kisehel aber faßte den hinstürzenden Lamech behende an seinen langen Haaren, hob ihn etwas schüttelnd vom Boden, und fragte ihn ernstlich: „Lamech, du elender Wurm des Staubes und aller Ohnmacht und gänzlicher Kraftlosigkeit, sage mir jetzt, wie lange du uns zu widerstreben gedenkst! [HGt.02_176,09] Du, den wir durch die Kraft Gottes in uns durch einen leisesten Mundhauch verwehen können, du willst dich sträuben vor dem allmächtigen Willen Gottes?! [HGt.02_176,10] Sage mir, was willst du tun, so ich dich wieder freigebe? Denn nicht eher sollst du mir mit deinen Füßen den Boden berühren, als bis du dich nicht, hier in der Luft hängend, klärlichst ausgesprochen haben wirst, was du zu tun gedenkst, so ich dich wieder freilasse! [HGt.02_176,11] Was dir vor uns deine Knechte nützen, magst du jetzt wohl sehen; daher rede!“ [HGt.02_176,12] Und der Lamech knirschte mit den Zähnen und sagte endlich: „So gebet mir wenigstens drei Tage Bedenkzeit, damit ich mich zu sammeln und zu fassen vermag! Denn ich sehe nun, daß ich gegen Feinde, wie ihr es seid, keine Waffen habe; daher will ich mich bedenken und fassen, wie ich euch gehorchen werde können! [HGt.02_176,13] Und sodann setze mich wieder auf den Boden, und sage mir dann, was ich tun soll!“ – Und der Kisehel setzte den Lamech wieder auf den Boden und ließ ihn frei. [HGt.02_176,14] Als der Lamech aber frei war, da lief er sogleich seinem Throne zu, setzte sich allda in seine königliche Positur und fragte dann mit großem Ernste: „Was soll sonach denn der große König und Herrscher Himmels und der Erde tun?!“ [HGt.02_176,15] Und der Kisehel sagte auf diese überaus dumme Frage: „Fürs erste soll dieser große König und Herrscher Himmels und der Erde alsogleich von seinem Throne herabsteigen, will er nicht auf dem ehernen Throne zu Asche verbrannt werden!“ [HGt.02_176,16] Hier fing der Thron an, sogleich heißer und heißer zu werden, und der Lamech sprang alsbald vom selben herab und fluchte zum ersten Male dem Throne. [HGt.02_176,17] Und der Kisehel sprach weiter: „Und dann wird der entthronte große König sich alsogleich mit uns hinaus zu den Pfützen, Sümpfen und Morästen begeben; seine Leibwache wird ihm folgen! Wird er mit uns draußen vollends angelangt sein, allda wird er dann schon eine weitere Order bekommen, was alles er zu tun bekommen wird! [HGt.02_176,18] Und also folge uns im Namen Jehovas, des großen, allmächtigen Gottes! Amen.“ 177. Kapitel — Kisehels Kraftworte an Lamech. Der Zug Lamechs und seiner Leibwache zum Richtplatz unter Führung der drei Boten[HGt.02_177,01] Der Lamech aber sagte zum Kisehel: „Warum heißest du mich alsbald folgen samt meinen Knechten und Dienern? Habe ich nicht zuvor mir eine dreitägige Bedenkzeit bedungen? Wo ist diese? [HGt.02_177,02] Warum willst du sie mir nicht einräumen? – Gib mir Rede und Antwort!“ [HGt.02_177,03] Und der Kisehel erwiderte darauf: „Weil der Wille Gottes also lautet! Wir tun nichts aus uns, sondern was wir tun, das tun wir aus dem Willen Gottes, dessen Namen du auf das greuelhafteste entheiligt und entehrt hast! [HGt.02_177,04] Daher kann dir auch darum durchaus keine Bedenkzeit gegeben werden! Denn Gott hatte dir schon eine gar lange Bedenk- und Umkehrzeit gegeben; du aber hast sie benützt zu den größten Schand- und Greueltaten. Also soll dir nun keine Bedenkzeit mehr eingeräumt werden, in der du noch mehrere Greuel ersinnen möchtest, als du schon bis jetzt ersonnen hast! [HGt.02_177,05] Daher bequeme dich nur alsogleich, uns zu folgen, und versuche Gottes Langmut, wie du es bisher noch allzeit getan hast, durch deinen Starrsinn nicht länger mehr, – sonst könnte es geschehen, daß wir an dir Gewalttaten auszuüben anfangen müßten! [HGt.02_177,06] Was hast du je gegen Jehova mit deinem Starrsinne ausgerichtet?! [HGt.02_177,07] Wie lange ist es, daß dich Meduhed mit vielen Tausenden verließ und der ihm nachsetzende Tatahar mit seinem ganzen Heere vernichtet wurde?! [HGt.02_177,08] Wie lange ist es, daß dich sogar der mutige Sihin für alle Zeiten mit seinem kleinen, aber überaus mutig schlauen Anhange im Stiche ließ?! [HGt.02_177,09] Wie lange ist es seit dem Verluste deines Weibertums?! [HGt.02_177,10] Was hast du gegen Hored ausgerichtet, dem du trüglich deine Tochter hast gegeben?! [HGt.02_177,11] Vor wenigen Tagen wolltest du die ganze Erde anzünden; frage dich selbst, wie dir diese Unternehmung gelungen ist! [HGt.02_177,12] Was ist mit dem Horadal, den du zur Vernichtung der Kinder Gottes abgesandt hast mit vielen Waffen, geschehen? Was hast du dadurch gewonnen? [HGt.02_177,13] Was haben dir alle deine Grausamkeiten genützt? Bist du dadurch reicher und mächtiger geworden?! [HGt.02_177,14] Denke, was alles du gegen Gott schon unternommen hast, und welche Früchte dir daraus erwachsen sind! [HGt.02_177,15] Ich sage dir: Keine anderen als die nur, durch welche du stets tiefer und tiefer in die hartnäckigste Sklaverei des Satans gefallen bist, aus der du dich endlos schwer wieder erheben wirst! [HGt.02_177,16] Du hast dich berücken lassen, zu glauben, als seiest du Gott, der Allmächtige. O du Tor, warum versuchtest du denn nie, einen Menschen zu erschaffen oder wenigstens diejenigen wieder zu beleben, welche du getötet hast, damit du dich überzeugt hättest, welch eine töricht elende Bewandtnis es mit deiner Gottheit habe?! [HGt.02_177,17] Also sträube dich jetzt nicht, uns zu folgen; denn wir sind der letzte Gnadenstrahl Jehovas an dich! [HGt.02_177,18] Willst du ihn willig in dir aufnehmen, so kannst du dem Gerichte Gottes entrinnen; sonst aber wird dir dieser letzte Gnadenstrahl zum unerbittlichsten Richter für den ewigen Tod werden! – Also folge uns!“ [HGt.02_177,19] Und der Lamech fragte, vor Grimm nahezu ganz zerknirscht: „Und was soll ich denn draußen bei den Pfützen tun?“ [HGt.02_177,20] Und der Kisehel sagte: „Gottes Macht sollst du erkennen – und auch erkennen und sehen, daß Gott mit Wesen deiner Art keinen Scherz zu treiben pflegt; denn Gott ist ein ernster Gott, – aber kein Gott, der da die Menschheit als ein Spielwerk Seiner Macht betrachten möchte!“ [HGt.02_177,21] Diese sehr nachdrücklich ausgesprochenen Worte brachten endlich den Lamech zum Gehen, und er folgte mit den Waffenknechten den dreien. [HGt.02_177,22] Als aber die Menschen auf den Gassen das sahen, wie da die drei vor dem Lamech einhergingen, da waren sie der Meinung, Lamech habe sie überwunden und führe sie nun aus zum Tode. [HGt.02_177,23] Daher schrien sie: „Wehe uns, wehe uns; denn Lamech hat sich über die Mächtigen der Berge geschwungen! Heute fallen sie, und morgen wird uns sein Beil erschlagen!“ [HGt.02_177,24] Der Kisehel aber sagte mit lauter Stimme zu den Klagenden: „Folget uns, und sehet, was da geschehen wird; dann erst klaget über uns – und dann über euch! [HGt.02_177,25] Wer uns zu Falle brächte, der hätte auch Gott zu Falle gebracht; wäre aber Gott gefangen, da wäre keine Erde mehr unter unseren Füßen! Denn die Erde ist ja Gottes, also wie der Himmel; die Erde ist aber noch, also ist auch Gott – und wir aus Ihm! [HGt.02_177,26] Darum folget uns alle, damit ihr ersehen möget die große Torheit eurer leeren Angst!“ [HGt.02_177,27] Und eine große Menge Volkes folgte ihnen nach hinaus zu den Pfützen. 178. Kapitel — Das Feuergericht über die Buhlweiber des Lamech[HGt.02_178,01] Als sie nun bei den Pfützen, Sümpfen und Morästen anlangten und der Lamech seiner Zofen ansichtig wurde und sah, wie ein Teil allda nackt sich mit dem Schlamme bekleisterte, rieb und wusch, und ein Teil aber noch mit dem Holzherbeischleppen beschäftigt war, da stürzte er hastigst zum Kisehel hin und fragte ihn mit dem erbittertsten Tone: [HGt.02_178,02] „Sage mir, dem großen Könige der Ebene Hanochs, du langbeinige Gebirgsbestie, welchen Frevel willst du hier an mir und meinem ganzen Hause anrichten?!“ [HGt.02_178,03] Und der Kisehel erwiderte ihm mit fester Stimme: „Höre, du lebendige Wohnstätte des Satans, du scheußlichster Inbegriff der ganzen Hölle, du lebendiger After des Teufels, des Wesen uns bekannt ist von Tat zu Tat, – die Handlung selbst wird dir die Antwort geben! Und so schweige denn, und frage uns um nichts mehr; wenn ich dich aber fragen werde, dann rede mit dem Munde eines Menschen, aber nimmerdar mit dem Rachen eines Drachen! Es geschehe!“ [HGt.02_178,04] Auf diese Antwort war der Lamech still und sprach nichts mehr; denn es bedünkte ihm hier rätlicher zu sein, daß er schweige, denn daß er rede, indem sich die drei durchaus nicht von seiner Stimme wollten einschüchtern lassen und mit seinen Waffen auch nichts auszurichten war! [HGt.02_178,05] Da sonach aber der Kisehel gar wohl merkte, wie es mit dem Mute Lamechs stand, da wandte er sich sogleich zu den Mägden, welche das Holz herbeigetragen hatten, und sagte zu ihnen: [HGt.02_178,06] „Höret, ihr gereinigten Mägde, ihr habet unser Wort erfüllt, da ihr eine gerechte Menge dürres Holz herbeigeschafft habet in der kurzen Zeit; wollet ihr aber vollends frei werden, so schaffet ihr nun auch in der möglichsten Geschwindigkeit Feuer herbei!“ [HGt.02_178,07] Und die Mägde liefen und kamen alsbald wieder mit brennenden Fackeln, aus Pech und Erdharz bereitet, herbei. [HGt.02_178,08] Als die Mägde also mit Brandzeug ausgerüstet dastanden, da wandte sich der Kisehel zu den sich noch mit Unflat emsig bestreichenden Weibern und sagte zu ihnen: [HGt.02_178,09] „Höret ihr nun! Euer Leib ist nun tauglich wie die Seele für die Hölle, nachdem er durch Hilfe dieser stinkenden Kloake das Aussehen hat wie eure Seele; sonach erhebet euch aus den Kloaken, und besteiget diese Holzhaufen, damit eurem elendesten Dasein die Wut der Flammen ein Ende mache und ihr auf den lodernden Scheiterhaufen euren lange schon bestverdienten Lohn finden möget! Es geschehe!“ [HGt.02_178,10] Hier fingen die Weiber an zu heulen, zu bitten und zu flehen, und schrien: „Ihr mächtigen Gesandten des alleinig wahren, großen Gottes, schreibet uns Buße vor, die ihr nur immer wollet, und wir wollen sie also getreu unser ganzes Leben hindurch vollziehen, wie wir euern Willen in diesen Kloaken vollzogen haben; aber nur das Bißchen des ohnehin kläglichsten Lebens lasset uns, damit wir doch nicht ewig verlorengehen! [HGt.02_178,11] Wollt oder müßt ihr uns aber schon töten, so tötet uns doch nicht auf diese allerqualvollste Weise! [HGt.02_178,12] Darum bitten wir euch um der Erbarmung eures lebendigen, allmächtigen, großen Gottes willen!“ [HGt.02_178,13] Und der Kisehel sagte zu ihnen: „Höret, nicht auf uns kommt es hier an; denn wir können euch weder richten, noch erlösen, da wir nichts als nur Vollzieher des göttlichen Willens sind! [HGt.02_178,14] Werfet euch aber lieber vor Gott nieder, und traget Ihm eure Not vor, und bittet Ihn allein um die Erlösung, und seid versichert, daß wir dann tun werden, wie Er es uns durch unsere Herzen wird zu erkennen geben!“ [HGt.02_178,15] Und die Weiber fingen an, zu Gott zu schreien, daß Er sie erlösen möchte von der schrecklichen bevorstehenden Qual. [HGt.02_178,16] Aber eine Donnerstimme rollte wie zornglühend zu aller Ohren, also lautend: „Nach dem Feuer erst soll euch die Löse werden!“ [HGt.02_178,17] Und der Kisehel sagte darauf zu den vor Angst schon halbtoten Weibern: „Nun habt ihr es mit den eigenen Ohren vernommen, was hier mit euch zu tun ist, – und so denn zaudert nicht länger mehr, und besteiget das Holz in dem Namen des allmächtigen Gottes, der da nun allein ist euer Richter!“ [HGt.02_178,18] Und die Weiber erhoben sich langsam vom Boden und fingen an, heulend die Holzstöße zu besteigen. [HGt.02_178,19] Als sie allesamt sich schon auf den Holzstößen befanden, da befahl der Kisehel den Mägden, dieselben mit den Fackeln anzuzünden. [HGt.02_178,20] Mit bebenden Händen und abgewandten Gesichtern taten die Mägde solches. [HGt.02_178,21] Schnell ergriff das Feuer die Haufen; die Weiber schrien noch halb verbrannt und bäumten sich, wütend vor Schmerz, in der Mitte der hellen Flammen, bis endlich der Tod all dem ein Ende machte. [HGt.02_178,22] Hier wurde der Lamech wie rasend und fragte den Kisehel voll Wut: „Was habt ihr und was hat euer Gott nun dadurch gewonnen, darum die Weiber also elend sind hingerichtet worden?“ [HGt.02_178,23] Und der Kisehel erwiderte ihm: „Es ist dir gesagt worden, daß du nicht reden sollest ehedem, bis du gefragt würdest! [HGt.02_178,24] Du aber befolgest nicht unseren Willen; also soll dir aber auch keine andere Antwort werden denn die der Tat!“ [HGt.02_178,25] Und alsbald rief der Kisehel mit starker Stimme: „Ihr durchs Feuer gereinigten Weiber! Erhebt euch wieder aus der Asche eures vormals sündigen Leibes, und zeuget dem Lamech unsere Botschaft!“ [HGt.02_178,26] Und alsbald erstanden wie verklärt die Weiber aus der Asche, lobten und priesen Gott, und zeugten, daß die drei wahrhaftige Boten des ewigen Gottes sind, und zeugten aber auch und sagten es aus, wie klein die Qual gegenüber dem war, was sie jetzt in diesem ganz neuen Leben empfinden. [HGt.02_178,27] Hier fing der Lamech an, in sich zu gehen und nachzudenken über solch ein unerhörtes Wunder. 179. Kapitel — Lamech wird in seiner vorgeblichen Göttlichkeit und Allmacht von Kisehel geprüft und gedemütigt[HGt.02_179,01] Nach dieser Wunderhandlung erst wandte sich der Kisehel an den Lamech und fragte ihn: „Lamech, der du dir nicht nur einbildest, ein großer König zu sein, sondern sogar in dem Wahne bist, ein Gott zu sein, du hast schon viele Tausende hinrichten lassen, und das noch allzeit auf die möglich grausamste Art; sage uns, ob du vermöge deiner Gottschaft auch nur einen wieder ins Leben zurückgerufen hast?! [HGt.02_179,02] Denn wir wissen es gar gut, daß dich so manche Tat gereut hat. [HGt.02_179,03] Gerne hättest du deine Brüder, die du erschlagen hast, wieder ins Leben zurückgerufen, wie auch noch manche andere, wenn es dir möglich gewesen wäre zur Zeit, da du dich noch nicht als Gott wähntest. [HGt.02_179,04] Darum sage uns, warum du solches denn jetzt nicht getan hast, da du ganz fest geglaubt hast, ein allmächtiger Gott zu sein! [HGt.02_179,05] Wolltest du es nicht, oder konntest du es nicht, oder hieltest du etwa solches unter deiner göttlichen Würde?“ [HGt.02_179,06] Und der Lamech erwiderte ganz erhaben und stolz: „Ich hielt solches allzeit unter meiner Würde; darum wollte ich so etwas auch nie tun!“ [HGt.02_179,07] Und der Kisehel fragte ihn wieder: „So gestehe mir denn, welche Taten du der Gottheit für würdig erkennst!“ [HGt.02_179,08] Und der Lamech fragte alsogleich den Kisehel: „Bin ich denn verpflichtet, dir auf jede Frage zu antworten?“ [HGt.02_179,09] Und der Kisehel erwiderte ihm: „Ja, solches mußt du nun tun, sonst könnte dich ein scharfer Rutenstreich von oben herab treffen; daher antworte nur fleißig, darum du gefragt wirst!“ [HGt.02_179,10] Und der Lamech erkannte in dem überernstlichen Angesichte des Kisehel, daß da mit ihm durchaus nicht zu scherzen sei, und beantwortete darum auch alsogleich die obige Frage auf folgende Weise: [HGt.02_179,11] „Da ich alsonach schon antworten muß, so sage ich dir, daß ich nur Welten erschaffen und dieselben wieder zerstören für Gottes eigentlich würdig halte! [HGt.02_179,12] Alles andere ist nichts als pure Mückenfängerei und kann als Werk kleiner, dienstbarer Geister angesehen werden! [HGt.02_179,13] Also ist auch Rache und Gericht Gottes würdig; Erbarmung, Liebe, Geduld, Schonung und dergleichen können nur als Eigenschaften gemeiner Kreaturen betrachtet werden!“ [HGt.02_179,14] Und der Kisehel fragte ihn wieder, sagend nämlich: „Gut, ich will es dir einstweilen gelten lassen; aber nur mußt du mir auch noch dazu erweisen, daß du wirklich ein allmächtiger Gott bist! [HGt.02_179,15] Denn es geht nicht darum hervor, so du es nicht willst, daß du es deshalb auch nicht vermöchtest; die Allmacht kennt ja doch sicher nichts Unmögliches! [HGt.02_179,16] Du könntest demnach doch Tote wieder erwecken zum Leben, wenn du es nur wolltest?! [HGt.02_179,17] Ich sage dir darum jetzt aber, daß du das gerade jetzt, um uns deine Gottheit zu beweisen, tun mußt; denn aus dem Zerstören und Töten erkennen wir deine Gottheit noch nicht, da solches auch die wilden, reißenden Waldtiere zu tun imstande sind. [HGt.02_179,18] Siehe, da stehen Mägde, Weiber und deine Knechte! Töte eines, und belebe es dann alsbald völlig wieder, und du kannst versichert sein, daß darum auch wir dich als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde anerkennen und demütigst anbeten werden! [HGt.02_179,19] Bedenke dich aber nicht zu lange, sondern zeige uns alsogleich, was alles als Gott du vermagst!“ [HGt.02_179,20] Hier fing der Lamech sehr gewaltig zu stutzen an, und wußte nicht, was er nun tun oder doch wenigstens reden sollte. [HGt.02_179,21] Und der Kisehel sagte darauf ganz ernstlich zu ihm: „Höre, Lamech, so du uns nicht sogleich einen Beweis also von deiner Göttlichkeit gibst, wie ich ihn von dir verlangt habe, so werde ich dich zwingen mit brennenden Fackeln über deinem Rücken, daß du mit deinen eigenen königlichen Händen wirst müssen die dir wohlbewußte steinerne Tafel – auf welche du den Namen ,Jehova‘ schriebst, sie, diese Tafel, dann mit Unflat beschmiertest, den Namen verfluchtest und ihn dann in ein unratvolles Loch warfst und dasselbe wieder mit Unrat verscharren ließest – wieder ausgraben, reinigen und dann erst als ein strenger Büßer dein Leben lang dasselbe Täfelchen allerhöchst verehren und den Namen anbeten müssen!“ [HGt.02_179,22] Hier zerplatzte der Lamech beinahe vor Wut; denn er wußte nun gar wohl, wie es mit seiner Allmacht stand, und was er vermochte. [HGt.02_179,23] Daher sah er aber auch schon voraus, was er werde tun müssen, und gestand endlich voll Grimm, daß seine Gottschaft bloß nur ein königlicher Ehrentitel sei, aber keine Wirklichkeit. [HGt.02_179,24] Und der Kisehel entgegnete: „Wenn es also ist, warum hast denn du demnach den Namen des alleinig wahren Gottes also entheiligt? Rede, oder du begibst dich alsogleich an das von mir ehedem ausgesprochene Werk!“ [HGt.02_179,25] Hier verzehrte der Grimm beinahe den Lamech, und er blieb ganz stumm. 180. Kapitel — Lamechs Hartnäckigkeit und Trotz. Kisehels scharfe Rede und Lamechs hochmütige Antwort[HGt.02_180,01] Eine kurze Zeit lang wartete der Kisehel darauf, was da der Lamech tun werde, das heißt, was er dazu sagen werde. Allein das Warten war hier rein vergeblich. Solches wußten zwar alle die drei schon im voraus; dennoch aber mußte ihm um seiner selbst willen eine Zeit zum Bedenken gegeben werden, damit er dann, so er aufs neue angegriffen werden sollte und auch mußte, nicht sagen könne: „Warum habt ihr mich nicht fassen und gehörig sammeln lassen?!“ [HGt.02_180,02] Da sonach aber trotz des Harrens der drei der Lamech durchaus keine Miene machen wollte, als möchte er sich rechtfertigen, sondern nur sich mehr und mehr in lauter greuelhafte Rachegedanken verlor und ganz förmlich nachzusinnen begann, wie er die drei Boten samt den noch anderen vieren, von denen er auch wohl wußte von Seite der Weiber, verderben möchte, so wandte sich der Kisehel alsbald wieder an ihn und sagte: [HGt.02_180,03] „Lamech, du arger Knecht des Satans, du bist stumm geworden, weil dich mein Wort gefangen hat in ein dreifaches Netz, und füllst nun dein Herz mit Rachegedanken so, daß darob dein ganzes Wesen ist des greuelhaftesten Fluches gegen uns, und somit auch gegen Gott! [HGt.02_180,04] Sage mir: was bist du denn für ein Wesen? – Du wurdest von deiner Ohnmacht gegen uns überwiesen; wir zeigten dir die unüberwindliche Kraft Gottes in uns; du siehst es ein, daß du gegen uns ewig nie in dieser deiner Gestalt etwas ausrichten wirst, – und dennoch widerstrebst du hartnäckigst dem Geiste der ewigen Liebe Gottes in uns! [HGt.02_180,05] Sage, sage, welch ein Wesen du denn bist! – Siehe an die Mägde, die du gestellt hast auf die erste und zweite Treppe, auf daß sie uns hindern möchten, zu dir zu kommen! Siehe, sie waren tot; denn unsere Willenskraft aus Gott trieb sie allesamt jählings heraus zu diesen und in diese Pfützen, allda sie jämmerlich umkamen, und sie leben alle wieder! [HGt.02_180,06] Und deine Weiber sahst du mit den eigenen Augen verbrennen bis zur Asche – und sahst sie dann alsbald neu erstehen aus der Asche mit verklärten Leibern. [HGt.02_180,07] Ist dir das nicht des stärksten Beweises für unsere göttliche Sendung in größter Genüge?! [HGt.02_180,08] Sage, sage nun, was du mit deinem Trotze und dann mit deinen Rachegedanken gegen uns ausrichten willst und kannst! [HGt.02_180,09] Du elender, ohnmächtiger Wurm im Staube der größten Nichtigkeit! Du willst dich gegen Gott stemmen, während wir dich schon mit dem leisesten Hauche unseres Mundes verwehen könnten, so wir es nur wollten?! [HGt.02_180,10] O du Scheusal der Hölle! Mit Gott willst du kämpfen, während dein Leben in jeglichem Augenblicke lediglich von Seiner großen Erbarmung nur abhängt?! [HGt.02_180,11] Wie willst du denn Gott angreifen, – Ihn, der dich im Augenblicke deines Angriffs vernichten kann und verdammen in die Hölle Seines ewigen Zornfeuers?! [HGt.02_180,12] Versuche einen Kampf mit uns, du elender Wurm des Schlammes und allerstinkendsten Staubes, und du wirst dich gar bald überzeugen, was du gegen uns ausrichten wirst! [HGt.02_180,13] Erbrenne in der allerscheußlichst tödlichsten Grimmfeuerrache gegen mich, du elender After des Teufels, und vernichte mich, deine große Rache kühlend, so du magst und kannst, und überzeuge dich noch mehr von deiner allergrößten Ohnmacht und Blindheit! [HGt.02_180,14] Du siehst, wie ganz vollkommen nichts alle deine Macht nur gegen den Hauch meines Mundes ist; sage, warum willst du uns denn den härtesten Trotz anstatt des bedungenen Gehorsams bieten, durch den allein du wieder zur Gnade Gottes gelangen könntest und könntest uns werden ein zwar reuiger, aber sonst ein über alles lieber Bruder? [HGt.02_180,15] Rede, rede, ich gebiete es dir im Namen Dessen, der uns aus übergroßer Erbarmung von den heiligen Höhen herab zu dir in diese deine fluchbelastete Schlammtiefe gesandt hat, auf daß wir dich für Ihn gewinnen sollen!“ [HGt.02_180,16] Und der Lamech, sich gewaltigst aufblähend, entgegnete endlich: „Was du da geredet hast, verstehe ich nicht und will es auch nicht verstehen; denn also spricht man mit keinem Könige, der so gut, wie du, mit Gott geredet hat und ebenfalls von Ihm das Wort hat, daß derjenige solle siebenundsiebzigmal gerochen werden, der sich einmal an ihm vergreifen würde! [HGt.02_180,17] Ich werde mich weder an dir und noch weniger je an Gott rächen; denn nur zu gut kenne ich meine Ohnmacht! [HGt.02_180,18] Du aber hast dich schon an mir, dem Könige Lamech, vergriffen; also siehe nur du zu, wie du mit deinem Gott auskommen wirst! [HGt.02_180,19] Gottes Ordnung und Weisheit reichen weiter als deine Augen; so ich aber bin, wie ich bin, und tue, wie ich tue sicher nicht außer, sondern wie du in Gott, warum machst du mich denn hernach zu einem Scheusale, das da nimmer seinesgleichen irgend hat? [HGt.02_180,20] Bin ich ein König der Tiefe, und bist du an mich gesandt worden, so rede mit dem Könige als Gesandter nach Gebühr, aber nicht, als wolltest du mich richten! [HGt.02_180,21] Meine Macht kannst du also wohl brechen, aber meinen Willen auf diese Art ewig nie! – Verstehe es, du machtstolzer Frevler an mir, dem Könige dieses unglücklichen Fluchlandes!“ 181. Kapitel — Wechselrede zwischen Kisehel und dem prahlerischen Lamech. Lamechs unfreiwillige dreitägige Einsamkeit am Richtort vor der Stadt[HGt.02_181,01] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech auf diese seine königliche Rede, sagend: „Höre, Lamech, du hast recht, daß du als König solches von mir und uns allen verlangst; nur sage mir, was denn hernach wir als wahrhaftige Boten des allerhöchsten und allerheiligsten Gottes von dir verlangen sollen, indem wir dir doch hinreichend bewiesen haben durch Taten und Worte, daß wir das wahrhaftig sind, als was zu sein wir von uns aussagen! [HGt.02_181,02] Wie läßt sich von deiner königlichen Seite der erste Anruf unter dem Ausdrucke ,Gebirgsbestie‘ mit unserer göttlichen Gesandtschaft vereinbaren, wie die erste Verrammung der Treppen vor uns, wie überhaupt jede Begegnung von deiner Seite gegen uns, nachdem du es lange schon gar wohl erkannt hattest, was es da mit uns für eine Bewandtnis hat? – Darüber gib uns einen königlichen Aufschluß! [HGt.02_181,03] Kannst du das rechtfertigen, so will ich jegliches meiner Worte zurücknehmen und alles dir zugefügte Leid wieder reichlichst gutmachen; des sei du völlig versichert! [HGt.02_181,04] Wehe dir aber, wenn du solches nicht vermagst! Denn du hast dich auf Gott berufen, – auf Gott, sage ich dir, den du mit Wort und Tat verflucht hast und hast dich als der größte Frevler in die Ordnung Seiner ewigen, unantastbaren Heiligkeit gestellt, um uns, die wir in der Ordnung Seiner Heiligkeit gestellt sind, darum in deinem argen Herzen aus irgendeinem Scheingrunde verdammen zu können! [HGt.02_181,05] Daher fasse dich wohl in dieser deiner Rechtfertigung, – sonst, wie gesagt, wehe dir! [HGt.02_181,06] Ich sage dir, dafür sollst du den ersten Hieb der göttlichen Zuchtrute überkommen! Also rede! Amen.“ [HGt.02_181,07] Und der Lamech trat ganz barsch dem Kisehel unters Gesicht und fing an, folgende Worte an ihn zu richten, sagend nämlich: „Meinst du etwa, der Lamech wird sich vor deinem ausgesprochenen Wehe beugen? Nimmermehr! [HGt.02_181,08] Daher wird dir der König Lamech für seine Worte auch durchaus keine Rechtfertigung bieten; denn der Lamech fürchtet keinen Tod, und somit auch keinen Gott – und dich um so weniger, und wärest du mit noch tausendfach größerer Macht ausgerüstet, als du es ohnehin als Gesandter Jehovas bist! [HGt.02_181,09] Willst du mich schlagen mit Feuerruten, tue es immerhin bis zum Tode! Mein Leben kannst du mir nehmen, aber meinen Sinn und meinen Willen, solange ich lebe, nimmermehr; das schwöre ich dir bei meiner Königsehre! [HGt.02_181,10] Willst du mich mit den größten Schmerzen plagen zeitlich oder ewig, dadurch wirst du meinen Grimm nur nähren, aber nimmerdar schwächen, und mein Wille wird bleiben, wie er jetzt ist, ein fester und ein durch Weltenlasten selbst unbeugsamer, und du sollst dich überzeugen, daß wohl der Wille eines Gottes sich beugen läßt, aber der Wille Lamechs nicht! [HGt.02_181,11] Ziehe mir glühende Schlangen durch den Leib, und wirf mich in weißglühendes Erz, so werde ich dir und deinem Gott darum um so mehr fluchen! Willst du mich aber beugen, da vernichte mich; denn bin ich gar nicht mehr, so wird's wohl auch mit der Unbeugsamkeit meines Willens ein Ende haben! [HGt.02_181,12] Schließlich aber muß ich dir noch bemerken, daß auch dem Lamech noch andere Kräfte zu Gebote stehen, die er bis jetzt noch nicht der Mühe wert hielt, so, wie ihr die eurigen, in Anwendung zu bringen; wenn ihr ihm aber zu nahe treten werdet, so ist er sehr aufgelegt, euch zu zeigen, was es für eine Bewandtnis mit seiner Gottschaft hat! [HGt.02_181,13] Ich rate euch daher, längstens binnen drei Tagen diese meine Königsstadt zu verlassen, – sonst dürfte es euch gar übel ergehen! [HGt.02_181,14] Du hast zwar über mich schon ein ,Wehe dir!‘ ausgerufen; ich als König habe aus purer Rücksicht solches noch nicht getan, indem ich mir fürs erste dachte: ,In meine Gesetze seid ihr nicht eingeweiht und somit auch keiner anderen Strafe noch untertan als nur der der Abschreckung!‘, – fürs zweite aber dachte ich auch: ,Es sind ja auch samt mir und meinem Volke Adams Kinder und zum ersten Male roh, noch und ungebildet, in dieser meiner Stadt; daher will ich ihrer auch solange als möglich schonen!‘ [HGt.02_181,15] Da ich aber nun ersehe, daß ihr hartnäckig darauf bestehet, mich, den König, zu einem Sklaven eurer Laune zu machen, da rufe nun aber auch ich ein starkes Wehe über euch, so ihr nicht, wie gesagt, binnen drei Tagen diese meine Königsstadt für allzeit räumet! [HGt.02_181,16] Und so denn entfernet euch von hier; denn von nun an wird euch der Lamech keine Frage und keine Antwort mehr geben, und wird im Falle eures Ungehorsams das rechte Mittel zu ergreifen wissen, um Frevler euresgleichen auf das allerempfindlichste zu züchtigen. [HGt.02_181,17] Verstehet es wohl, und entfernet euch!“ [HGt.02_181,18] Und der Kisehel sagte darauf: „Gut, es geschehe, wie du gesagt! – Höret, ihr Weiber und ihr Mägde, und auch ihr Waffenknechte und alles Volk! Verlasset mit uns diese Stätte; der Lamech allein bleibe, und empfinde die drei Tage hindurch hier die Kost der göttlichen Zuchtrute! [HGt.02_181,19] Vielleicht werden wir ihm nach dieser Zeit willkommener sein denn heute! Es geschehe!“ [HGt.02_181,20] Und alsbald verließ alles den Platz und ging mit den dreien fröhlich in die Stadt zurück; nur der Lamech blieb schmerzlichst gebannt und konnte seine Stelle nicht verlassen, und von den dreien ward jedem Menschen in der ganzen Stadt untersagt, binnen den drei bestimmten Tagen ja nicht dieser Stelle sich zu nahen. 182. Kapitel — Kischels, Sethlahems und Jorams Besuch bei den vier erkrankten Brüdern. Kisehels Belehrung durch den Geist Ahbels über die Wichtigkeit der Geduld. Die Heilung der vier Kranken.[HGt.02_182,01] In den drei Tagen aber besuchten die drei die vier anderen Brüder, welche in einer Herberge noch krank darniederlagen, indem sie der Geist Ahbels ein wenig gezüchtigt hatte, da sie sich hatten von den Zofen Lamechs berücken lassen. [HGt.02_182,02] Die drei hatten es wohl gewußt, daß Ich die vier werde ein wenig züchtigen lassen; aber durch wen, – solches wußten sie noch nicht. [HGt.02_182,03] Da der Kisehel sich in dieser Angelegenheit alsbald an Mich wandte, so öffnete Ich ihm auch alsbald die innerste Sehe, und er sah alsbald den Geist Ahbels, verneigte sich vor ihm und fragte ihn: „Bruder aus den Himmeln, wie lange mußt du die vier armen Brüder noch also halten?“ [HGt.02_182,04] Und der Ahbel erwiderte dem Kisehel: „Bis das Schauspiel des Fleisches aus ihren Herzen verschwinden wird! [HGt.02_182,05] Siehe einmal her, da sind eröffnet ihre Herzen! Siehst du, wie da noch eine Menge fetter, nackter Dirnen die der Liebe zu Gott nur allein geweiht sein sollenden Gemächer bewohnen, und wie sich der Brüder Geist an ihrem Anblicke weidet, in ihrem Fleische herumwühlt?! [HGt.02_182,06] Siehe, das muß hinaus; eher wird meine Rute keine Rast bekommen! [HGt.02_182,07] Daher magst du sie wohl auch recht ernstlich ermahnen und ihnen auch zeigen, wie es mit ihnen steht, aber von meinem Namen mußt du schweigen!“ [HGt.02_182,08] Und der Kisehel fragte darauf den Geist Ahbels: „Höre, du geliebter Bruder aus den Himmeln! Was hegst denn du für eine Hoffnung um den Lamech? Denn ich glaube, vom Grunde aus wird er sich nie bekehren; so er sich aber bekehren wird, wird solches nicht eher eine Scheinbekehrung sein denn nur im geringsten die rechte und ganz völlig innerlich wahre?!“ [HGt.02_182,09] Und der Ahbel aber sagte zum Kisehel: „Lieber Bruder! Sorge dich nicht um den Ausgang der Sache, sondern handle geduldigst nach dem dir überaus wohlbekannten Willen Gottes, so wird sich am Ende alles dem rechten Ziele zuwenden und dasselbe auch sicher unfehlbar erreichen! [HGt.02_182,10] Dir aber ist vor allem die Geduld vonnöten; hast du diese im gerechten Maße, so wirst du alles leicht tun und erwarten! [HGt.02_182,11] Siehe daher nicht, wie sich der Lamech wendet und dreht, sondern achte allzeit genauest auf den Zug des göttlichen Willens in dir, und handle, wie bis jetzt, strenge danach, so gehst du ja ohnehin den allergeradesten und somit auch allerkürzesten und den allerliebegerechtesten Weg! [HGt.02_182,12] Ob sich der verstockte Lamech heute oder morgen oder erst in einem oder mehreren Jahren umkehrt, das sei dir einerlei, – denn solches behält Sich allzeit der Herr allein vor; denn Seine Wege sind unergründlich und Seine Ratschlüsse unerforschlich! [HGt.02_182,13] Wir aber tun alles recht, so wir nur Seinen Willen erfüllen und Ihn, den allerliebevollsten, heiligsten Vater über alles lieben! [HGt.02_182,14] Daher sei du ganz unbesorgt um die endliche Wirkung deiner Sendung an den Lamech; tue den Willen Gottes, alles andere aber lege in die allmächtigen Hände Dessen, der dir zu diesem Amte stets Seinen heiligsten Willen zu erkennen gibt, und es wird alles zu seinem rechten Ende kommen! [HGt.02_182,15] Siehe mich an! Meinst du, es kümmert mich, wann diese deine Brüder genesen werden? O mitnichten! Denn meine Liebe zu ihnen ist ja nur zu sehr überzeugt, daß der allerhöchst und endlos weise, heilige Vater kein unwirksames Heilmittel gewählt hat! [HGt.02_182,16] Meine Sache dabei ist daher, dasselbe nur allergetreuest zu überbringen und es dann dem Bedürftigen genauest zu verabfolgen; alles andere liegt in der Hand des Vaters! [HGt.02_182,17] Geduld ist somit aber dann unsere Hauptsache; wer diese hat in seinem Herzen, der wird die Kronen seiner Arbeiten erschauen, während der Ungeduldige nicht selten in einem Augenblicke mehr zerstört, als er ehedem in zehn Jahren aufgerichtet hatte! [HGt.02_182,18] Wenn eine Mutter sieht, daß ihre Kinder Lust haben zu einem und dem andern Nützlichen, Erhabenen und Schönen, ist aber dabei ungeduldigen und ärglichen Herzens, dieweil die Kinder das nicht augenblicklich erfassen können, wozu sie eine Freude haben und eine edle Sehnsucht im Herzen, – sage mir, wie wird es da mit der inneren Bildung der Kinder mit der Zeit wohl aussehen? Wie mit ihrem Geiste? [HGt.02_182,19] Die Kinder werden ärglichen Herzens werden und werden heimlich ihre ungeduldige Mutter zu verachten anfangen und werden sie allzeit als einen Stein des Anstoßes ansehen, dem sie in ihrem Herzen ausweichen werden, wo es sich nur immer wird tun lassen! [HGt.02_182,20] Siehe, so also einer Mutter bei der Herzensbildung ihrer Kinder vor allem Geduld vonnöten ist, ohne die sie Sklaven und Knechte nur – anstatt liebevoller und edler Menschen erziehen wird, um wieviel mehr der heiligen Geduld muß uns erst aus dem Vater eigen sein, so wir als von Ihm gestellte Wegweiser denen, die wir führen sollen, nicht den Weg verrammen wollen, sondern sie leiten zum ewig lebendigen Ziele! [HGt.02_182,21] Daher also habe auch du, mein lieber Bruder, alle Geduld in diesem deinem wichtigen Amte, und gleiche nicht einer törichten Mutter, die ihre Kinder lieber Steine zerklopfen sieht, als daß sie sich beschäftigen möchten mit dem, was da ihren Herzen taugen möchte, – so wirst du deine Arbeit nicht ungekrönt erschauen! [HGt.02_182,22] Nimm hin den Segen meines Herzens im Namen unseres heiligen Vaters! Amen.“ [HGt.02_182,23] Hier ward der Ahbel dem Kisehel wieder unsichtbar, und er begrub diese Worte tief in sein Herz und teilte sie auch den andern Brüdern mit, nur nicht, woher sie so ganz eigentlich kamen. [HGt.02_182,24] Und alle hatten eine große Freude daran und gaben Mir die Ehre aus dem Grunde ihres Herzens, und gar bald darauf wurde es auch mit den vieren besser; denn als sie aus Kisehels Munde so manches und diese Worte vernommen hatten, reinigten sie gar bald ihre Herzen vom Fleische und genasen somit wieder in Meiner Gnade und Erbarmung, standen auf und begaben sich mit den andern von der schlechten Herberge. 183. Kapitel — Von der Macht herzlicher Fürbitte. Die gute Wirkung der unfreiwilligen Hungerkur Lamechs. Lamechs Reue und des Herrn Erbarmung[HGt.02_183,01] Als der vorbestimmte dritte Tag herbeigekommen war, da berief der Kisehel die uns schon bekannten Mägde und Weiber zu sich und sagte zu ihnen: „Höret, ihr neu erstandenen Mägde und Weiber! Der vorbestimmte dritte Tag ist herangekommen; also wollen wir hinausziehen an die Stelle, an der sich Lamech befindet! [HGt.02_183,02] Darum aber gehet hin in die Burg Lamechs, saget solches allen seinen Knechten, und saget ihnen aber auch, daß sie sollen statt der Waffen Schaufeln und Krampen mitnehmen; ihr aber ziehet euch festlich an, und eine jede von euch nehme Eßwaren mit, soviel sie leicht tragen kann! Und also gehet, und verrichtet genau dieses euch auferlegte Geschäft!“ [HGt.02_183,03] Und die Weiber gingen jubelnd und Gott lobend und preisend an das Geschäft, und baten Ihn aber auch, daß Er möchte dem halsstarrigen Lamech gnädig sein und beugen sein Herz für Seinen heiligen Willen. [HGt.02_183,04] Nach einer kleinen Stunde kamen alle die Mägde und Weiber wieder herbei und zeigten es den nun sieben an, daß da alles in der von ihnen gewünschten Ordnung sich befindet. [HGt.02_183,05] Und der Kisehel sagte darauf: „Ja, also ist es gut, o Mägde und Weiber! Wenn ihr wüßtet, welche Freude ihr uns dadurch bereitet habet, daß ihr für den armen Lamech zu Gott gebetet habet, wahrlich, es würde euch das Freudenfeuer unserer Herzen ergreifen und zum zweiten Male auflösen, und das ärger und stärker noch denn das Feuer alles Holzes der Erde! [HGt.02_183,06] Darum aber sei unserem heiligen Vater im Himmel auch alle unsere Liebe, Ehre und Anbetung! Bleibet in dieser Bitte, und wir werden noch heute Wunderdinge am Lamech erleben! Nun aber lasset uns ziehen zu ihm hinaus! Amen.“ [HGt.02_183,07] Und alsbald erhoben sie sich in ihrer freien Herberge, die da war ein breiter, schattiger Feigenbaum, und zogen hinaus zu den Pfützen, allda der Lamech sich vor Hunger und Durst gleich einem Wurme bäumte und krümmte. [HGt.02_183,08] Als sie alle, wie sie bestellt waren, samt den Mägden, Weibern und den Knechten beim Lamech angelangt waren, da hob alsbald der Lamech seine Hände auf und sagte mit bebender Stimme zum Kisehel: [HGt.02_183,09] „Mächtiger Gesandter Dessen, des Namen meine Zunge ewig nimmer wert sein wird auszusprechen! Fürchte dich nicht mehr vor meinem Willen; denn diesen hast du schon auf ewig gebrochen. Reiche mir aber etwas zur Stärkung; denn siehe, mich hungert und dürstet gewaltig!“ [HGt.02_183,10] Und der Kisehel sagte zu den Mägden und den Weibern: „Traget hierher Speise und Trank, und gebet dem Lamech, soviel er verlangt!“ [HGt.02_183,11] Und die Weiber taten solches; der Lamech aber schlug sich auf die Brust und sagte: [HGt.02_183,12] „O göttliche Erbarmung! Ist denn der große Sünder Lamech wohl noch wert, Speise und Trank zu nehmen aus den Händen derer, die Du gerettet und gereinigt hast?!“ [HGt.02_183,13] Und der Kisehel sagte: „Ja, Bruder Lamech! Denn des Vaters Güte ist größer und reicht weiter, als alle Himmel reichen; daher iß und trink nach deinem Bedürfnisse!“ [HGt.02_183,14] Hier fing der Lamech an zu weinen – denn er überblickte die Masse seiner Greueltaten – und sagte darauf: „O ihr großmächtigen Gesandten der ewigen Erbarmung! Mir kann es nimmerdar vergeben werden; denn zu schauderhaft groß ist die Masse meiner Greuel! [HGt.02_183,15] Ich sehe jetzt in mein Herz, und das ist angefüllt mit lauter Schlangen und aller Art giftigstem Geschmeiße, und um mich stehen unabsehbare Scharen, ringen vor Verzweiflung die Hände, fluchen mir, und schreien mit blutendem Munde zu Gott um ewige Rache für mich! [HGt.02_183,16] Ja, es hungert und dürstet mich gewaltig, – aber nun kann ich nichts mehr zu mir nehmen; denn dieser Anblick macht mich zu scheußlich vor euch und noch ums endlosfache mehr vor Dem, dessen mächtige Boten ihr seid! [HGt.02_183,17] Lasset mich daher des Hungers sterben, indem ich so viele eben durch Hunger habe also zugrunde gehen lassen! [HGt.02_183,18] Lasset mich vor Hunger sterben, lasset mich verschmachten vor Durst, und lasset mich verzweifeln vor Schmerz; denn ich habe ja nichts Besseres verdient! [HGt.02_183,19] Ich habe Gott und euch gelästert und habe euch gestrebt nach dem Leben, so es mir nur möglich gewesen wäre, euch zu vernichten! [HGt.02_183,20] O so lasset mich in diesem meinem endlosen Reueschmerze verzweifelnd zugrunde gehen; denn ich bin ja nichts Besseres wert!“ [HGt.02_183,21] Nach einer kurzen Pause aber rief er stark zu den unsichtbaren Scharen: „O ihr Unglücklichen durch mich! Rufet nur, rufet mächtig zum ewigen Richter um Rache für mich, bis sie kommen wird – die schrecklichste, die furchtbarste! [HGt.02_183,22] Denn keine wird zu groß sein für mich; ich bin ja der größten, ja der endlos größten wert!“ [HGt.02_183,23] Hier sank er zusammen und weinte gewaltig. Auch alle Umstehenden waren gerührt von der großen Reue Lamechs und weinten mit ihm. [HGt.02_183,24] Der Kisehel aber trat hin zum Lamech, rührte ihn an, und sprach: „Bruder Lamech, nun richte dich auf, und siehe hierher in unsere Mitte, damit es dir klar wird, wie die ewige Liebe Gottes Sich an jenen Sündern rächt, welche in ihrem Herzen die Größe ihrer Schuld vor Gott und den Menschen also reuig wie du erkannt haben und haben sich darob gedemütigt unter alle Kreatur!“ [HGt.02_183,25] Und der weinende Lamech erhob sich alsbald bebend vom Boden und erblickte gleich allen übrigen in der Mitte der sieben Boten eine lichte Wolke. [HGt.02_183,26] Ob solchem Anblicke fast starr, sammelte er sich erst nach einer kurzen Weile und fragte den Kisehel, der ihn überaus bruderliebfreundlich ansah: „O du mächtiger Bote des Allmächtigen! Was ist das? Was soll daraus werden?“ [HGt.02_183,27] Und eine Stimme sprach aus der lichten Wolke: „Lamech, lange hast du Meine Ordnung mit Füßen getreten; da du dich aber in der Reue gedemütigt hast vor Mir und deinen Brüdern, so habe Ich alle deine Missetaten von dir hinweggenommen und habe dir vergeben alle deine Schuld! [HGt.02_183,28] Darum erhebe dich nun vollends; mache durch die fernere Liebe zu Mir und deinen Brüdern das gut, was du in deiner Abtrünnigkeit verargt hast! [HGt.02_183,29] Nun aber iß und trink; denn Ich, dein Gott, Schöpfer und Herr, habe die Speise und den Trank gesegnet für dich! [HGt.02_183,30] Meine Boten aber werden dir alles kundgeben, wie und was du künftig wirst zu tun haben! [HGt.02_183,31] Ich bin Der, der dir dieses sagt, der zu dir geredet hat, als du erschlagen hattest deine Brüder!“ [HGt.02_183,32] Hier verschwand die Wolke, und der Lamech war gelöst von seinen Banden. [HGt.02_183,33] Da aber seine Füße frei wurden, so begab er sich sogleich hin zum Kisehel und sagte zu ihm: „Mächtiger Bote Gottes, der da nun so mild geredet hat aus der Wolke und hat mir nachgelassen meine größte Schuld, vergib mir auch du meine Schuld gegen dich und deine Brüder, und nimm die Versicherung hin, daß ich von nun an nicht mehr König, sondern nur dein geringster Diener sein will; du aber sei König im Namen des Allerheiligsten!“ [HGt.02_183,34] Und der Kisehel entgegnete ihm: „Bruder Lamech, siehe, du bist schwach! Stärke dich nun mit Speise und Trank; danach erst wollen wir das Weitere besprechen und tun, wie es der göttliche Wille erheischt!“ [HGt.02_183,35] Und der Lamech nahm darauf sogleich Speise und Trank zu sich. 184. Kapitel — Munddank und Herzensdank. Des bekehrten Lamech Wunsch, die steinerne Tafel wieder zu reinigen[HGt.02_184,01] Als der Lamech sich nun vollends gesättigt hatte, da stand er auf und sagte zum Kisehel: „Mächtiger Bote des allmächtigen, großen Gottes! Siehe, ich habe mich gesättigt von der gesegneten Speise; mein ganzes Wesen ist nun aufgeregt zu einer großen Dankbarkeit gegen Den, der mir die Speise gesegnet hat und hat mir nachgelassen meine endlos große Schuld vor Ihm und vor euch, und vor allem Volke, und der ganzen Erde. [HGt.02_184,02] Aber ich habe keine Worte, mit denen ich diesen für mich zwar großen, aber für Gott und Seine Erbarmung sicher nur nichtigsten Dank auszudrücken vermöchte! [HGt.02_184,03] Daher lehre mich würdige Worte, mit denen ich ausdrücken werde können, was ich nun in mir empfinde und sicher allzeit noch mächtiger in mir empfinden werde! [HGt.02_184,04] O du lieber Freund des Allerhöchsten, siehe mich an im Schlamme meiner Untaten, und gewähre mir diesen meinen Wunsch!“ [HGt.02_184,05] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „O Bruder Lamech, du sorgst dich um etwas, das vor Gott nur einen sehr geringen Wert hat! Glaube es mir, der Herr, der heilige, liebevollste Vater, sieht nicht auf die Worte, sondern allein nur auf das Herz! [HGt.02_184,06] Der Dank, den du wie eine große, das Herz verzehren wollende Flamme in dir empfindest, höre, dieser Dank ist dem Vater am wohlgefälligsten; bei dem bleibe allzeit und ewig, so wird Er dein Dankopfer sicher auch allzeit, wie ewig, Ihm wohlgefällig aufnehmen! [HGt.02_184,07] Siehe, wenn ein Mensch eine große Gnade vom Vater empfängt, so dankt er wie ein großer Schuldner alsbald in seinem Herzen durch den heftiger und stets heftiger werdenden Liebebrand in seinem Herzen und verbleibt in dieser reinsten und völlig wahren Dankbarkeit so lange, bis er sich derselben nicht durch den Mund entledigt hat, welche Entledigung aber an und für sich doch sicher nichts ist als eine scheinbare Genugtuung für die empfangene Wohltat. [HGt.02_184,08] Es wird einem nach einer solchen pflichtschuldigst scheinenden Dankentledigung wohl um vieles leichter und ruhiger im Herzen, aber es fragt sich hier: Wird das Herz nach einer solchen Entledigung nicht liebefeuerloser, kühler und somit auch für die Zukunft weniger dankbar für diejenige empfangene Gnade, für die es sich durch Mundworte gewisserart der bleiben sollenden Dankbarkeit entledigt hat?! [HGt.02_184,09] O sicher, lieber neuer Bruder Lamech! Siehe, ich, wie du, haben Kinder gezeugt und sind somit ihre Väter geworden, wie sie unsere Kinder geworden sind! [HGt.02_184,10] Ich habe es aber an meinen Kindern noch allzeit erfahren, daß gerade diejenigen meiner Kinder, die mir beinahe für jedes Wort gedankt haben mit dem Munde, im Herzen die am wenigsten dankbaren geblieben sind; diejenigen Kinder aber, die fast ob jeder Gabe stumm geblieben sind, waren also beschaffen, daß sie für mich allzeit ins Feuer gegangen wären, wenn ich solches von ihnen verlangt hätte! [HGt.02_184,11] Ich vernahm zwar nie oder nur höchst selten Worte des Dankes aus ihrem Munde, sah aber desto öfter Dank-, Freude- und Lobtränen in ihren Augen, – und, Bruder Lamech, wahrlich, es war mir eine solche stille Träne im Auge eines meiner Kinder mehr als alle die wunderschönsten Worte eines anderen geschmeidigen Kindes; ja mehr als die ganze Welt galt mir eine solche Träne! [HGt.02_184,12] Denn das geschmeidige Kind hat sich seines Dankes gegen mich entledigt; das andere stumm dankende aber behielt den ewigen – im Herzen! [HGt.02_184,13] Also gilt auch bei Gott, der allein nur auf das Herz sieht, der bleibende Dank im Herzen sicher ums endlose mehr denn ein ausgesprochener und daher vergänglicher, dessen sich das dankbedrängte Herz durch Worte entledigt hat. [HGt.02_184,14] Danke daher auch du stets dem Herrn also wie jetzt, so wird dein Dank gegen Gott ein rechter sein, und Er wird ein stetes Wohlgefallen haben an deinem stets gleich mächtigen Dankes erfüllten Herzen! [HGt.02_184,15] Solches beachte sonach auch stets zu deinem großen Troste in dir, so wirst du dem heiligen Vater auch stets angenehm sein, und Er wird um solchen Dank eher tausend Gnaden verleihen – denn für den Munddank eine! [HGt.02_184,16] Da du solches nun weißt und hast dich völlig gewendet zum Herrn, so denn magst du nun auch bestimmen, was da nun geschehen soll; denn siehe, darum sind wir nun da, daß wir dir in allem Guten sollen behilflich sein mit allen unseren Kräften! Und so denn gib uns einen deiner Wünsche zu erkennen! Amen.“ [HGt.02_184,17] Und der Lamech sprang völlig auf vor Freuden und sagte zum Kisehel mit der größten Bewegung: „O Freunde Gottes, des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erde! O du geheiligter Bruder aus den Höhen, die da sind wie eine bleibende Wohnung des Allmächtigen, fürs erste nimm diese meine Tränen als das Zeichen meines innigsten, ewig bleibenden Dankes für deine herrliche, weiseste Lehre hin, die du mir soeben gegeben hast; denn sie ist nicht nur wahr in jeder Silbe, sondern sie ist heilig! Ja, es gibt nur einen Dank und nur ein Lob in der Wahrheitsfülle, und das ist ewig! Bei dem will ich auch von nun an ewig verbleiben! [HGt.02_184,18] Was aber da betrifft meinen Wunsch, so habe ich nur einen; ja nur eines drückt mich noch, und das ist die steinerne Tafel, die von mir also greuelhaft ist entheiligt worden! Lasset mich sie eigenhändig wieder an das Tageslicht fördern und allda reinigen und dann überaus hoch verehren, wenn ich überhaupt nur noch dieser Tat würdig bin!“ [HGt.02_184,19] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Siehe, da stehen schon zu dem Behufe deine Knechte mit Grabwerkzeugen versehen! [HGt.02_184,20] Es ist genug, daß du solches getan hast lebendig in deinem Herzen; das andere werden schon diese da tun, und so lasse uns denn an dieses wichtige Werk schreiten! Amen.“ 185. Kapitel — Lamech erkennt und preist Gottes väterliche Liebe und Güte. Wie die Reue und Liebe des Bekehrten den Kot der Sünde in reines Gold verwandelt[HGt.02_185,01] Als der Lamech solches vernommen hatte vom Kisehel, da warf er sich auf seine Knie nieder und sprach mit aufgehobenen Händen: „O Gott, o Gott, wie groß muß Deine Liebe sein, daß Du einem Sünder also gnädig und barmherzig sein kannst! [HGt.02_185,02] Dies bevorstehende Werk, dessen ich mich nun in meinem ganzen Wesen für unwürdig fühle, daß ich es eigenhändig verrichtete, hast Du mir abnehmen lassen und hast anderen Händen geboten, daß sie es verrichten mögen an meiner Statt, und hast mich Unwürdigsten dadurch überwürdigt! [HGt.02_185,03] O Gott, o Gott, wie gut mußt Du sein, daß Du den verworfensten Sünder in seiner größtmöglichsten Greueltatenniedrigkeit also ansiehst, als hätte er nahe nie gesündigt vor Dir! [HGt.02_185,04] O ihr allerglücklichsten Freunde meines ganzen Wesens und meines wahrhaft armen Volkes, dessen Armut mir leider erst jetzt einzuleuchten anfängt in aller ihrer Wurzeltiefe, deren Grund ich nur bin, welch für ein Gefühl muß in euren Herzen lodern, so ihr denket und in euch sicher überklar erschauet, daß Gott – der allmächtige Gott! – die allerhöchste Liebe, euer Vater ist! [HGt.02_185,05] O ihr großen und mächtigen Kinder des allmächtigen Gottes, saget es mir, wenn es euch möglich ist, saget es, was empfindet ihr dann, oder stets, so euch euer Herz sagt: ,Gott ist mein Vater!‘ [HGt.02_185,06] O der unendlichen Kluft zwischen mir und euch! Ihr, geboren aus dem ewigen Lichte Gottes und für ewig belebt durch Seine unendliche Vaterliebe, – ich, ein Kind der Schlammesbrut der Erde, ein Sohn der Schlange, wie es war der Vater Kahin! [HGt.02_185,07] O Freunde, jetzt sehe ich es erst vollends ein, warum sich die Schlangen so gerne sonnen! Es tut ihnen das Wärmlicht der Sonne sicher auch also wohl, wie wohl es mir nun tut, vor euch Kindern des ewigen Lichtes in Gott, eurem überheiligsten Vater, zu sein! [HGt.02_185,08] Ja, ja, auch die Kinder der Erde freuen sich in den schönen Strahlen der Sonne; also freuet sich auch nun der große Sünder Lamech in eurem heiligen, ewigen Lichte, das da euch lebendig umstrahlt aus dem Herzen Dessen, dessen Name – heilig, heilig, heilig! – allhier, wo ich nun knie und weine, von mir auf das schändlichste verunheiligt worden ist! [HGt.02_185,09] O ihr Kinder des ewigen Gottes, hier, hier, wo ich knie, hier habe ich alle meine Greueltaten mit der größten gekrönt; hier ist von mir der allerheiligste Name auf der steinernen Tafel begraben worden!“ [HGt.02_185,10] Hier fing der Lamech an, gewaltig zu weinen, und der Kisehel aber trat sogleich zu ihm hin, griff ihm unter die Arme, hob ihn auf, und sagte dann zu ihm: „Geliebter Bruder, Bruder Lamech! Siehe, ich und wir alle nennen dich einen Bruder nun; wie magst du nun denn von der großen Kluft zwischen uns und dir sprechen?! [HGt.02_185,11] Sage mir, geliebter Bruder Lamech: Empfindest du eine große und übermächtige Liebe zu Gott in deinem Herzen?“ [HGt.02_185,12] Und der Lamech erwiderte ganz ergriffen: „O Freund aus lichter Höhe! Wäre mein Herz und mein ganzes Wesen nicht also durchdrungen von solcher Liebe, deren mein Herz freilich wohl im höchsten Grade unwert ist, wie wäre es mir wohl möglich, zu ahnen, was ihr als wahrhaftige Kinder empfinden müsset, so ihr bedenket, daß Gott euer Vater ist?!“ [HGt.02_185,13] Und der Kisehel ergriff freudeglühend die Hand des Lamech und sagte mit lauter Stimme: „O Bruder, unserem heiligen Vater sei ewig aller Dank, alles Lob, alle Ehre, alle meine Liebe und aller Preis, darum Er mir hat lassen das große Glück zuteil werden, einen lieben Bruder, der verloren war, wiederzufinden! [HGt.02_185,14] Bruder Lamech, freue dich hoch mit mir; denn glaube es mir, wir sind nun Kinder eines und desselben Vaters im Himmel, und es gibt nun keine solche Kluft mehr zwischen uns und dir, wie du es meintest, sondern, wie gesagt, wir sind Kinder eines und desselben Vaters! [HGt.02_185,15] Denn wäre es nicht also, da wären wir nicht zu dir gekommen, und Gott hätte nie mit dir geredet! [HGt.02_185,16] Da wir aber zu dir gekommen sind, um dich und all dein Volk zu retten vom Untergange, so liegt es ja doch offen am Tage, daß du, wie dein Volk, unsere Brüder seid von Ewigkeit und allen Zeiten her! [HGt.02_185,17] Darum aber freue dich; denn du warst verloren und bist nun wiederefunden! [HGt.02_185,18] Es ist aber ja allzeit noch eine größere Freude über das gewesen, was man verloren und dann wiedergefunden hatte, denn über das, was man allzeit besessen hat. [HGt.02_185,19] Also freuen wir uns nun auch deiner ums Hundertfache mehr denn aller derer auf der Höhe, die da allzeit vor unseren Augen gewandelt haben! [HGt.02_185,20] Die Tafel aber hast du schon ausgegraben und mit deinen Liebe- und Reuetränen gereinigt und hast somit den Unrat, in den du die Tafel bargst, verwandelt in lauteres Gold und kostbarstes Edelgestein! [HGt.02_185,21] Und so lasse die Arbeiter hier diese Stelle öffnen, und du wirst dich überzeugen, in was dein reuig liebendes Herz den Unrat verwandelt hat!“ [HGt.02_185,22] Und der Lamech sagte darauf zu den Knechten: „Da es des großen Gottes heiligster Wille also ist, so kommet denn her, und öffnet die Stelle!“ – Und sogleich traten die Knechte herbei und fingen an, in die Erde zu graben. [HGt.02_185,23] Wie erstaunten aber nun alle Umstehenden samt dem Lamech, als sie nach der Öffnung des Erdreiches auf lauter Gold und Edelgesteine kamen, die da waren von unschätzbarem Werte! [HGt.02_185,24] Und als sie erst nach einstündigem Graben zur Tafel selbst kamen und fanden sie als einen leuchtendsten Karfunkel mit den strahlenden Zeichen Jehovas, da fielen alsbald alle zur Erde nieder und beteten an den allerheiligsten Namen. [HGt.02_185,25] Und der Lamech schlug sich auf die Brust und schrie: „O Gott, sei mir gnädig und barmherzig!“ 186. Kapitel — Kisehels Auftrag an Lamech, einen Tempel als Aufbewahrungsort für die kostbare heilige Tafel zu bauen[HGt.02_186,01] Als demnach die Tafel ausgegraben war und dem auf ihr gezeichneten allerheiligsten Namen von all den Anwesenden die allertiefste Verehrung und Verherrlichung dargebracht worden war, da nahm der Kisehel die Tafel in seine Hände, drückte sie auf seine Brust und sagte dann, wie zur Tafel redend: [HGt.02_186,02] „O du Name, du heiliger Name, du erstes Wort aus dem Munde Gottes, das ehedem war, ehe noch außer Gott ein sich selbst bewußtes, denkendes Wesen da war, – ja, du allerewigstes Wort, du Urgrund aller Wesen und Dinge, welche da erfüllen die ganze Unendlichkeit, wie mild und sanft strahlst du mich an! [HGt.02_186,03] Einfach sind zwar deiner Zeichnung Züge, aber sie haben keinen Anfang und kein Ende. [HGt.02_186,04] Ja, also ist auch gerecht die Zeichnung; denn Gott hat auch keinen Anfang und kein Ende. [HGt.02_186,05] Er ist und wird ewig sein ein unendlicher Gott; also ist diese Zeichnung für uns auch darum ein gerechtes Bild des allerheiligsten Namens und soll darum im Hinblicke auf Den, den es bezeichnet, stets in der größten Verehrung und Verherrlichung gehalten werden!“ [HGt.02_186,06] Hier wandte sich der Kisehel zum Lamech und sagte ganz gerührt zu ihm: „Lamech, siehe an dies heilige Kleinod; es sollte dir von nun an alles daran gelegen sein, dieses als ein heiligstes Panier deines Herzens, deines Landes und alles deines Volkes zu betrachten! [HGt.02_186,07] Ein Haus sollst du erbauen auf dieser Stelle, das soll mit fünf, dann sieben und dann zehn Fenstern und drei Eingangspforten versehen sein; die eine soll gehen vom Abende, die eine vom Mittage und die eine von der Mitternacht. [HGt.02_186,08] Der Teil gegen Morgen aber soll in drei Reihen haben die angegebenen Zahlen der Fenster; davon sollen zuoberst sein die fünf, in der Mitte die sieben, und zuunterst die zehn. Das Haus aber soll haben eine völlig runde Form und soll sein zwölf Mannslängen hoch, und sein Durchmesser soll auch soviel haben wie seine Höhe. [HGt.02_186,09] Die Wände von innen sollst du überziehen mit Gold und allerlei Edelsteinen. Das Dach soll sein gleich einer halben Kugel und soll von innen wie von außen überzogen sein mit poliertem Golde; über dem Dache aber sollen noch drei Kugeln, eine jede von drei Mannslängen, übereinander, ebenfalls aus Gold angefertigt, sich befinden. [HGt.02_186,10] In der Mitte dieses Hauses, das keine Stockwerke haben darf, sollst du aus lauter Rubinen und Diamanten einen Altar errichten, und auf diesem Altare erst soll dann diese Tafel aufrecht stehend angebracht werden. [HGt.02_186,11] Wenn du aber alles das wirst nach dieser meiner Vorschrift angefertigt haben, danach sollst du den Platz um dieses Haus weit und breit reinigen, und es soll dann kein anderes Haus mehr in der Nähe dieses heiligen Hauses erbaut werden; denn das Haus soll für geheiligt gehalten werden. [HGt.02_186,12] Die goldenen Tore dieses Hauses sollen an den Sabbaten den ganzen Tag hindurch offen stehen; an all den Arbeitstagen aber sollen sie verschlossen sein. [HGt.02_186,13] Niemand soll mit bedecktem Haupte in dies Haus treten, und kein Weib unverhüllten Angesichtes. [HGt.02_186,14] Wer also reinen Herzens in dieses Haus treten wird und wird Gott die Ehre geben, dem wird in diesem Hause eine große Stärkung werden. [HGt.02_186,15] Der Frevler an diesem reinsten Hause aber wird im selben, wie auf seinem Platze, allzeit sein unvermeidliches plötzliches Gericht finden; darum soll auch der Platz mit einer drei Manneslängen hohen Mauer umfangen sein, durch welche nur eine Pforte aus Erz führen soll. [HGt.02_186,16] Die äußere Wand des Hauses aber soll in gleichen Höhen von vier Mannslängen, und zwar zuunterst mit roter, in der Mitte mit grüner und zu oberst mit weißer Farbe übertüncht sein. [HGt.02_186,17] Durch den Anblick dieser drei Farben soll ein jeder, der sich dem Hause nahen wird, erinnert werden, daß er sich Gott nur zuerst durch die Liebe seines Herzens nahen kann. Hat er sich Gott also genaht, so wird das Vertrauen und des Herzens Treue, welches ist der lebendige Lohn der reinen Liebe, sein Anteil sein; wem aber solches zuteil wird, dem wird auch die dritte, oberste Farbe zuteil, die da bezeichnet die Lebendigkeit des Glaubens, der da ist ein Licht des Geistes, welches der lebendigen Flamme der Liebe zu Gott im Herzen entstammt! [HGt.02_186,18] Nun weißt du, lieber Bruder Lamech, alles, was da zu tun ist; nur das hast du bei dem Baue noch zu beachten, daß da ja niemand zu selbem genötigt werden soll, – sondern wer es mit Liebe tun will, der auch soll zur Bauarbeit zugelassen werden! Denn nur liebende Bauleute werden den Segen ihrer Arbeit finden, gezwungene aber den Tod! Darum mußt du solches ja gar wohl beachten! [HGt.02_186,19] Es sollen aber darum noch heute nach allen Seiten Boten gesandt werden, damit da schon morgen an diesem Werke begonnen wird. [HGt.02_186,20] Die Nacht hindurch aber sollen alle diese Sümpfe, Pfützen und Moräste vollends zum trockenen Lande werden; denn also ist es ja der Wille Gottes. [HGt.02_186,21] Und so denn, lieber Bruder Lamech, laß uns die Boten bestellen und sie dann aussenden nach allen Seiten! Amen.“ 187. Kapitel — Lamechs gute Botschaft an sein Volk. Die ungehorsamen Knechte des Lamech. Das wunderbare, die Knechte stärkende Mahl[HGt.02_187,01] Als der Lamech solchen Vortrag von seiten des Kisehel vernommen hatte, da ward er überfroh und lobte und pries Meinen Namen und dankte Mir für diese große Gnade, durch welche er sich gewürdigt fand, Meinem Namen ein solches Haus erbauen zu dürfen. [HGt.02_187,02] Nachdem er diese Andacht zu Mir verrichtet hatte aus der reuigsten Liebefülle seines Herzens, wandte er sich alsbald zu den Knechten und Hofdienern und sagte zu ihnen: [HGt.02_187,03] „Ihr habet alle hier gleich mir das große Wunder gesehen und habet in der Hinsicht des bevorstehenden heiligen Baues vernommen die Worte aus dem Munde der großen Boten des allmächtigen Gottes, was da alsogleich zu tun ist. [HGt.02_187,04] Also gehet denn im Namen der großen Boten und im Namen des allerhöchsten Gottes nach allen Seiten hin, und ladet für den morgigen Tag alle aus Liebe zu Gott Freiwilligen zum hehren Beginne dieses Werkes! [HGt.02_187,05] Saget es aber allen auch, was da vorgegangen ist mit dem Lamech, damit sich vor ihm niemand mehr fürchten solle, und solle darum jedermann wieder die Zunge gelöst sein, damit er reden mag nach seinem Sinne und auch kundgeben seinen Willen! [HGt.02_187,06] Saget es allen auch noch hinzu, daß aus Lamech, dem Grausamen, aus der Hyäne in menschlicher Larve, ein Lamm geworden ist, das da tiefst bereut jeglichen Tropfen Blutes und jegliche Träne, die er je den Untertanen durch was immer für Bedrückungen verursacht hatte! [HGt.02_187,07] Und verkündet es allen laut, daß der Lamech, darum daß ihm der allbarmherzige große Gott, den der Vater Farak gepredigt hatte, seine große Schuld nachgesehen hat, sein ganzes Leben hindurch auf das allereifrigste bemüht sein und solches zu seiner Hauptsorge machen wird, daß er jede noch zu lindern mögliche Unbill, die ihnen durch ihn zugefügt worden ist, wieder gutmachen und sie alle in alle Zukunft betrachten wird als seine Brüder und Schwestern! [HGt.02_187,08] Darum solle niemand mehr den Lamech fürchten! Da ihr nun alles wisset, so gehet denn nun zu berichten nicht meinen, sondern des allmächtigen großen Gottes Willen! Es geschehe!“ [HGt.02_187,09] Die Knechte aber zauderten und machten Miene, als wäre ihnen nicht gelegen, alsogleich das zu tun, was zu tun ihnen der Lamech aufgetragen und anbefohlen hatte. [HGt.02_187,10] Da aber der Lamech solches sah, wurde er traurig, und seine Traurigkeit ging bald in einen starken Eifer über; in diesem Eifer sagte er dann zu den zaudernden Knechten: [HGt.02_187,11] „Höret, ihr trägen Knechte und Diener meines Hofes: Solange euch der Lamech mit ehernen Ruten bezwang, da mochtet ihr wohl gehorchen dem leisesten Winke desselben; [HGt.02_187,12] Jetzt aber, da er euch als Bruder bittet, habt ihr kein Gehör für seine Stimme! [HGt.02_187,13] Doch ihr seid ja nicht mir ungehorsam, sondern Gott dem Allmächtigen; darum möget ihr auch zusehen, wie Er euch ansehen wird für euren Ungehorsam! [HGt.02_187,14] Ich habe euch nicht befohlen, sondern nur den Willen Gottes habe ich euch kundgetan; darum tuet sonach, was ihr wollet, – aber sehet zu, daß euch kein Gericht ereilt!“ [HGt.02_187,15] Darauf wandte sich der Lamech zum Kisehel und sagte: „O du lieber Gesandter des Herrn, sage mir, deinem armseligsten Knechte, habe ich denn Unrecht getan, daß ich deinen Willen aus Gott diesen Brüdern kundgetan habe, auf daß sie ihn vollzögen?“ [HGt.02_187,16] Und der Kisehel erwiderte darauf dem Lamech, sagend: „O Bruder Lamech, jegliches Wort war recht und vollkommen; aber die Knechte und Diener sind schwach und hungrigen Leibes! Daher lassen wir sie vorher ein Mahl halten, sodann werden sie schon tun, was des Rechtens ist!“ – Und der Lamech verneigte sich vor dem Kisehel und fragte ihn wieder, sagend: [HGt.02_187,17] „O du großer Freund, so rate mir, was ich nun denn tun soll; denn hier gibt es ja nichts, damit diese Hungrigen könnten gesättigt werden! [HGt.02_187,18] Soll ich etwa hin zu Hofe sie bescheiden, damit sie da aus meinen Speisekammern von den besten Früchten sich sättigen möchten, oder soll ich etwa durch die Mägde Speise und Trank hierher bringen lassen? [HGt.02_187,19] O Freund, sprich es nur aus, und ich will ja alles tun, wie es dir gefällig ist!“ [HGt.02_187,20] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Höre, Bruder, weder das eine noch das andere ist hier vonnöten! Denn siehe, die Mägde und Weiber haben ja noch so manchen Rest in ihren Körben; laß uns das segnen, und sei versichert, es wird für alle hinreichen!“ Und der Lamech fiel vor dem Kisehel nieder und bat ihn um den Segen. [HGt.02_187,21] Und der Kisehel sagte sogleich zu den Weibern und Mägden: „Stellet eure Reste in den Körben hierher!“ – Und nachdem die Weiber und Mägde solches getan hatten, blickte der Kisehel samt seinen Brüdern empor zum Himmel und segnete die Reste in den Körben. [HGt.02_187,22] Als diese plötzlich sich gefüllt hatten, da behieß der Kisehel die Knechte und sagte zu ihnen: „Nun denn, ihr trägen und faulen Knechte, kommet her und sättiget euch, damit ihr dann tun möget, was euch der Lamech befohlen hat! Amen.“ [HGt.02_187,23] Und die Knechte langten alsbald nach den Körben und deren Inhalte; als sie sich aber gesättigt hatten, da erst fingen auch sie an, vollkommener Mich anzuerkennen und darum auch zu loben und zu preisen. [HGt.02_187,24] Nach ihrem Loben und Preisen aber richteten sie sich behende auf und vollzogen den Willen des Lamech und dingten eine große Menge Arbeiter für den kommenden Tag. 188. Kapitel — Kisehel unterweist Lamech in der Verarbeitung des Golderzes. Thubalkains Berufung[HGt.02_188,01] Nachdem aber die Boten nach allen Seiten ausgegangen waren, um Arbeiter zu dingen, und es bereits um die fünfte Stunde nach jetziger Zeitrechnung des Nachmittages geworden war, da wandte sich der Kisehel zum Lamech, und sagte zu ihm: [HGt.02_188,02] „Lamech, siehe, hier auf dieser Stelle liegen in der Erde viele tausend Tonnen reinsten Goldes! Dieses Metall ist das edelste aller Metalle der Erde; aber also, wie es da ist mit einigem Sande vermengt, läßt es sich zu nichts verwenden. [HGt.02_188,03] Es soll darum zuvor durch einen Erzmeister gereinigt werden, und zwar durch ein tüchtiges Feuer; wenn es dann zusammenfließen wird zu schweren Floßen, sodann wird es sich durch die Hämmer auf den breiten Ambossen auch mit leichter Mühe zu großen Blechtafeln austreiben lassen, so zwar, daß dann eine faustgroße Knolle dieses Metalls eine Blechtafel geben wird, auf welcher hundert Menschen zu stehen hinreichend Platz haben dürften. [HGt.02_188,04] Daher wird es nötig sein, auch alsogleich einen tüchtigen Erzmeister herbeizuschaffen! [HGt.02_188,05] Hast du einen solchen, so laß ihn herbeikommen, und wir wollen ihm die Anleitung geben, wie er dieses Metall bearbeiten soll!“ [HGt.02_188,06] Und der Lamech, überhoch erfreut über solche Bekanntmachung, erwiderte darauf alsogleich dem Kisehel: „Höre, du großer Freund, da ist ja überaus leicht geholfen! [HGt.02_188,07] Mein Sohn, der Thubalkain, der sich da mit seiner Schwester Naëme auf eine Zeitlang wie ehelich verband, ist ja ein Haupterzmeister und versteht die Kunst, der Erde solches Metall zu entlocken durch das Feuer und dann durch seiner schweren Hämmer Gewalt, wie du es siehst in all diesen Grabwerkzeugen, die da alle von ihm angefertigt sind! Wäre das nicht der rechte Mann mit seinen Gehilfen zu diesem Geschäfte? So ich ihn rufen lasse, da wird er auch alsogleich dasein! [HGt.02_188,08] Wenn euch dieser mein Sohn recht ist, so gebet mir darob euren Willen kund, und ich will ja alles aufbieten, um ja nirgends mehr im geringsten nur gegen euren Willen zu handeln!“ [HGt.02_188,09] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Ja, Thubalkain ist ein rechter Mann! Laß ihn daher kommen; aber ehe er dieses Metall reinigen wird mit seinen Gehilfen, muß er noch selbst gereinigt werden. [HGt.02_188,10] Denn unter seinem Gefüge gibt es noch um ein bedeutendes mehr des unreinen Sandes – denn zwischen dem Gefüge dieses edlen, aber nun noch rohen Metalles! [HGt.02_188,11] Wie aber dieses Metall durch Feuer und Salz gereinigt wird, also wird auch der Thubalkain zuvor durch unser Feuer und Salz gehen müssen, bevor er im vollen Stande sein wird, dieses edelste Metall zu reinigen! [HGt.02_188,12] So du aber einen Boten nach ihm sendest, da sage ihm, daß er vor Thubalkain schweigen solle von allem dem, was hier vorgefallen ist! – Und also magst du solches tun! Amen.“ [HGt.02_188,13] Der Lamech aber, da er kein männliches Wesen mehr hier anwesend gewahrte, fragte etwas verlegen den Kisehel: „Großer Freund, es ist alles gut, so du mir erlaubst, daß ich zur Stadt hineingehen mag! Da wird sich alsbald ein Bote finden, dem ich dies Geschäft auferlegen will; aber hier ist außer dem weiblichen Wesen und außer uns ja niemand männlichen Geschlechtes mehr zugegen, dem sich so etwas Großwichtiges auferlegen ließe! [HGt.02_188,14] Daher gib mir auch in diesem Falle einen Rat, den ich alsogleich zu befolgen willens bin!“ [HGt.02_188,15] Und der Kisehel sagte darauf alsogleich zum Lamech: „Siehe, Bruder Lamech, auch die Weiber haben Füße! Erwähle dir aber drei aus ihnen; denn eines wäre nicht passend als Bote an den Sohn eines Königs!“ [HGt.02_188,16] Und der Lamech berief sogleich drei der Beredesten zu sich, stellte sie dem Kisehel vor und fragte ihn, ob diese wohl dienlich seien. [HGt.02_188,17] Und der Kisehel bejahte solches, und sogleich wurden die drei Weiber an den Thubalkain abgesandt. Nachdem aber die Weiber fort waren, da sagte der Kisehel zum Lamech: [HGt.02_188,18] „Bruder Lamech, so es dich hungert und dürstet, da laß die Weiber und die Mägde mit den geleerten Körben in deine Speisekammern ziehen und bringen hierher Speise und Trank!“ [HGt.02_188,19] Und der Lamech erwiderte: „Ja, große, liebe Freunde, so ich der Gnade würdig wäre, daß ihr euch gefallen ließet, mit mir armem Sünder zu speisen, so will ich in dieser Hinsicht auch sogleich das tun, was ihr mir geraten habet! [HGt.02_188,20] Bin ich aber dessen noch sicher völlig unwürdig, da will ich lieber so lange fasten, bis ich dieser Gnade von euch für würdiger befunden werde als eben jetzt!“ [HGt.02_188,21] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech: „Bruder, siehe, es sind noch nicht drei Tage verronnen, als Jehova auf den Höhen sichtbar leiblich in vollkommener Menschengestalt unter uns gewandelt hat und hat mit uns gegessen und getrunken, – und doch sind wir unnennbar weniger gegen Ihn, als du nun bist gegen uns! [HGt.02_188,22] Hat aber Jehova mit uns gegessen, warum sollten denn wir, deine Brüder, als sämtlich Nachkommen des noch lebenden Vaters Adam, nicht mit dir ein Mahl halten? Daher laß nur holen Speise und Trank, und du wirst nicht allein aus den Körben speisen, sondern wir samt den Weibern und Mägden werden daran guten Teil nehmen!“ [HGt.02_188,23] Hier sprang der Lamech, nahe vor Freude toll, in die Höhe, lobte und pries Gott für diese für ihn nun unaussprechlich große Gnade und schickte alsbald die Weiber und Mägde, daß sie brächten das Allerbeste aus seinen Speisekammern. [HGt.02_188,24] Und die Weiber liefen alsbald jubelnd zur Stadt, zu holen Speise und Trank. 189. Kapitel — Das Mahl auf dem Tempelplatz. Kisehels Rede über des Weibes Bestimmung. Sethlahems Trostrede an die Weiber und Mägde[HGt.02_189,01] Nach kurzem Verweilen kamen die Weiber und Mägde mit wohlgefüllten Körben wieder und stellten dieselben vor den sieben Gesandten nieder. [HGt.02_189,02] Nachdem solches geschehen war, verneigten sie sich vor ihnen und traten wieder ehrfurchtsvollst zurück; alsbald aber auch segneten die sieben die Speise in den Körben, und der Kisehel sagte dann zum Lamech: [HGt.02_189,03] „Bruder Lamech, siehe, die Speisen sind nun hier, und sind gesegnet; also komme hierher an meine rechte Seite, und wir acht Personen werden an einem Korbe ja zur Genüge haben! Alle die andern aber lassen wir den Weibern und Mägden über; denn sie haben seit mehreren Tagen schon nichts mehr zu sich genommen und wurden bisher nur wunderbar erhalten durch die göttliche Gnade und Erbarmung, mit welcher ausgerüstet wir diese Tiefe auch allein nur sicher betreten konnten! [HGt.02_189,04] Nun aber sollen sie auch wieder essen und trinken und sich sättigen nach der natürlichen Art des Menschen, damit sie wieder für die Menschen tauglich werden! [HGt.02_189,05] Denn das ist ja des Weibes Bestimmung, daß sie sei dem Manne, was der Mann Gott, dem allmächtigen Schöpfer, ist! Ist ein Weib das dem Manne, so ist sie eins mit ihm, wie der Mann – der gerechte nämlich – eins ist mit Gott, also im Geiste völlig ein Wesen! [HGt.02_189,06] Diese Weiber und Mägde aber hatten sich zu sehr verunlautert und hätten nimmerdar einem Manne dienen können; darum wurden sie aber gereinigt, daß sie wieder tüchtig werden sollten für den Mann. [HGt.02_189,07] Um aber das wieder völlig werden zu können, ist es nötig, daß da ihre Leiber wieder von den Früchten der Erde genährt werden, auf daß dadurch ihr Fruchtboden zur Aufnahme des Menschensamens tauglich wird; und also sollen sie nun wieder zu essen anfangen! Amen.“ [HGt.02_189,08] Da der Kisehel solches sehr laut gesprochen hatte, so vernahmen es auch die Weiber und die Mägde und hatten innerlich eine große Freude an den sie betreffenden Worten aus dem Munde Kisehels; sichtlich aber beugten sie sich zur Erde und sprachen: [HGt.02_189,09] „O ihr von Gott geheiligten Männer aus den heiligen Höhen, solcher Gnade sind wir ja nimmerdar würdig; denn wir haben uns ja freiwillig weggeworfen! [HGt.02_189,10] Daß wir aber durch euch gereinigt worden sind, daran haben wir ja keinen verdienstlichen Teil, sondern allein nur ihr; wie sollen demnach wir solcher Gnade wert sein vor euch und vor dem allmächtigen Gott?!“ [HGt.02_189,11] Und der Kisehel beschied den Sethlahem zu sich, sagend: „Bruder, gehe an dein Werk, und bescheide den gerechten Trost den armen Wesen, deren Herz nun von freudiger Demut erfüllt ist!“ – Und der Sethlahem erhob sich alsbald und ging zu den Weibern und Mägden hin, hob seine Hände über sie und sagte dann zu ihnen: [HGt.02_189,12] „So höret denn, ihr Weiber und Mägde! Die an euch bewerkstelligte Reinigung betraf nicht eure Leiber, sondern euren Geist nur; demnach sind eure Leiber noch völlig dieselben, wie sie waren vor der Reinigung eures Geistes. [HGt.02_189,13] Denn alles, was da mit euch geschah, war nur eine gute Erscheinlichkeit für den Geist, aber nicht für den Leib. [HGt.02_189,14] Denn als ihr uns die Treppen zum Lamech verrammt hattet, da ließ alsbald die göttliche Kraft in uns zu, euch zu versetzen in euren unreinsten Geist; und im Geiste ist demnach ein Teil von euch zu den Pfützen, als eures inneren Lebens tauglichstem Elemente, gezogen und hat sich in dieselben gestürzt und ging daselbst der Erscheinlichkeit nach wie zugrunde und wurde nach einer kurzen Zeit zufolge seiner Reue und seines Gehorsams wieder in die unbeschädigten Leiber geführt. [HGt.02_189,15] Ein Teil aber wurde ebenso der Erscheinlichkeit nach endlich wie verbrannt. Das Holz selbst trugen die Mägde nur im Geiste verzückt zusammen, und alle Zuseher wurden für die Dauer der Feuerreinigung samt dem Lamech für den Geist in sich versetzt und konnten daher nichts anderes sehen als nur das, was da geistig geschah. [HGt.02_189,16] Ihr waret zwar wohl auch leiblich da; aber eure Leiber wurden, da sie verwundet waren durch eure Torheit, mit Öl gesalbt, welches euch die Wunden alsbald heilte, und lagen ruhig, in tiefen Schlaf versunken, hier herum auf dem weichen Rasen. [HGt.02_189,17] Und erst, wie schon erwähnt, nach der nötigsten Reinigung des Geistes wurdet ihr samt dem Geiste wieder erweckt und sodann wieder vor die leiblichen Augen der Menschen gestellt. [HGt.02_189,18] Daß ihr aber noch eure ersten Leiber habet, möget ihr ja daraus ersehen, daß dieselben noch die Narben haben, die euch eure Torheit geschlagen hatte! [HGt.02_189,19] Daher könnet ihr auch noch vollends euch mit einem Manne verbinden und fähig sein, aufzunehmen seinen Samen also, wie ehedem vor der wunderbaren Reinigung eures Geistes! [HGt.02_189,20] Darum fraget nicht mehr, ob ihr der Gnade wert seid, sondern esset nun und trinket mit uns, damit ihr wieder stark werdet! Was aber nun mit euch geschehen ist, wird fürder mit keinem Weibe mehr geschehen; denn solches war nur jetzt nötig des Lamech wegen. Fürder aber wird kommen das Gericht über jene, die so leben werden, wie ihr da gelebt habet! [HGt.02_189,21] Vor den drei zum Thubalkain Gesandten aber schweiget davon vorderhand! Und so denn esset und trinket im Namen des großen Gottes! Amen.“ [HGt.02_189,22] Und die Weiber fingen an, darob Gott zu loben und zu preisen, und setzten sich dann zu den Speisekörben; und der Sethlahem ging nach dieser Vertröstung der Weiber auch wieder zurück zu seiner Gesellschaft und aß und trank daselbst. 190. Kapitel — Sethlahems Auftrag an die Weiber und Mägde. Thubalkains Ankunft. Kisehel und der grobe Thubalkain im Zwiegespräch[HGt.02_190,01] Als sich nun alle hinreichend gesättigt hatten, da standen sie auf, dankten Mir für die Gabe, und der Sethlahem sagte zu den Weibern und Mägden: [HGt.02_190,02] „Ihr Weiber und Mägde, sammelt die Reste, und tuet sie in einen Korb zusammen, damit die bald zurückkehrenden Weiber auch ihren gerechten Teil zu ihrer Sättigung finden mögen! [HGt.02_190,03] Die Körbe aber nehmet ihr zur Hand, und gehet damit zur Stadt! Ordnet im Hause Lamechs alles, und feget alle die Gemächer, damit sie rein werden zum Empfange des neuen Königs, der da nun geworden ist ein lieber Bruder zu uns! Also gehet, und tuet das euch Anbefohlene! Amen.“ [HGt.02_190,04] Und alsbald legten die Weiber und Mägde ihre Hände an das anbefohlene Werk und lobten und priesen dabei Mich, darum sie für würdig befunden wurden, von Meinen Boten beschäftigt zu werden. [HGt.02_190,05] Als diese Weiber und Mägde sich aber zur Stadt hinein begeben hatten, siehe, da kamen auch schon die andern drei und hinter ihnen der rauhe Thubalkain mit einer tüchtigen Schar Bergleute, die schon mit allerlei für den Bergbau nötigen Werkzeugen versehen waren. [HGt.02_190,06] Als sie nun vollends beim Lamech angelangt waren, da übernahm zuerst der Sethlahem die Weiber, führte sie an den Korb und behieß sie, daß sie sich durch Speise und Trank laben und stärken sollen. Als die Weiber solches vernommen hatten, da fing alsbald eine nahezu überirdische Freude aus ihren Angesichtern an zu strahlen. [HGt.02_190,07] Laut fingen sie an, Mich zu loben und zu preisen, und sagten nach dem zum Sethlahem: [HGt.02_190,08] „O du großer Bote Dessen, den da unsere Zungen nie wert sein werden auszusprechen, sind wir denn wohl noch dieser Gnade wert, daß wir zu uns nehmen möchten diese sicher von euch gesegnete Speise, und sind wir wohl noch fähig, dieselbe zu uns zu nehmen?“ [HGt.02_190,09] Und der Sethlahem erwiderte den drei Weibern: „So ich es euch sage, warum fraget ihr da noch? Daher fraget nicht mehr, sondern seid heiteren Mutes, und esset und trinket in aller Freudigkeit eures Herzens! [HGt.02_190,10] Wenn ihr euch aber werdet gestärkt haben, sodann lobet Gott den Herrn, nehmet dann den Korb, und gehet zur Stadt, und tuet im Hause Lamechs, was da schon tun eure Gefährtinnen! Amen.“ [HGt.02_190,11] Mit diesem Bescheide waren die drei Weiber auch völlig zufrieden und begaben sich alsbald zum Korbe, aßen und tranken; und nachdem sie Gott in ihren Herzen durch ihre große Freude gelobt hatten, erhoben sie sich und eilten zur Stadt in das Haus Lamechs. [HGt.02_190,12] Gleichzeitig aber, während nämlich der Sethlahem mit den drei Weibern seine Sache abmachte, begannen auch die etwas schroffen Unterhandlungen mit dem Thubalkain von Seite des Kisehel und Lamech, welche sogestaltig waren: [HGt.02_190,13] Als der Thubalkain vor dem Lamech und vor den Boten mit seiner Schar Halt machte, da hob er alsbald einen schweren Hammer von seiner Achsel und schlug mit demselben so gewaltig auf den Boden, daß darob derselbe auf hundert Klafter im Umfange erbebte, und fragte dann mit einer höchst rauhen Stimme: [HGt.02_190,14] „Vater Lamech, was willst du von mir, das ich tun soll? Soll ich etwa diese sieben großen Gebirgslümmel mit meinem Hammer breitschlagen? Oder brauchst du neue Waffen? [HGt.02_190,15] Oder soll ich etwa die Köpfe der Berge etwas mehr herabtreiben zur Tiefe? – Rede, was du willst, das ich tun soll!“ [HGt.02_190,16] Lamech aber sah den Thubalkain sehr bedeutungsvoll an und sagte zu ihm, auf den Kisehel zeigend: „Nicht ich, sondern dieser da wird es dir sagen, was du zu tun hast! [HGt.02_190,17] Poche aber nicht zu viel auf deinen schweren Hammer, sonst könnte er dir wohl zu schwer werden!“ [HGt.02_190,18] Hier wandte sich der Thubalkain alsogleich an den Kisehel und fragte ihn: „Also, wenn du mich hast rufen lassen, warum meldest du dich denn nicht?! Fürchtest du dich denn gar so sehr vor mir, oder ist dir fremd meine Zunge? – Also rede, wenn du übrigens reden kannst! [HGt.02_190,19] Die Weiber haben etwas von einem vorgefundenen edlen Metall gesprochen; sage, was hat es damit für eine Bewandtnis?!“ [HGt.02_190,20] Und der Kisehel richtete sich auf und sagte zum Thubalkain, ihn gleichsam fragend: „Sage mir zuvor, aus welchem Grunde hast du soeben mit deinem Hammer also gewaltig auf das Erdreich geschlagen, und aus welchem Grunde hast du uns mit dem Namen ,Gebirgslümmel‘ belegt, – sodann erst will ich dir meinen Willen kundtun! – Also rede! Amen.“ [HGt.02_190,21] Und der Thubalkain verzog alsbald sein Gesicht in tausend grimmige Muskelfalten und sagte, wie aus einer Feueresse Zornfeuer sprühend: „Was sagst du, elende Kreatur?! Du Raubvogel der schönen Weiber aus der Stadt meines Vaters?! [HGt.02_190,22] Soll ich dir sogleich deinen Schädel breitschlagen – oder erst nach einer Weile?! [HGt.02_190,23] Da sehet nur einmal her, das Schmarotzergeschmeiß von den Steinwänden herab will etwa gar noch eine Ehrung von uns?! [HGt.02_190,24] Es wäre wirklich schade um meinen Hammer, daß er einen so dummen Kopf zermalmen sollte!“ [HGt.02_190,25] Hier wandte er sich zu seiner Schar und sagte zu ihr: „Kehret wieder zurück mit mir; denn für solche Lümmel ist unsere Bergkunst nicht geschaffen worden! [HGt.02_190,26] Damit du großer Dummkopf aber wissest, warum ich dich einen ,Lümmel‘ nenne, so sage ich dir: Weil du einer bist! Und das ist auch dein großes Glück; denn wärest du etwas weniger dumm, als du es von Natur aus bist oder wenigstens zu sein scheinst, so hättest du statt dieser Antwort wohl diesen Hammer gekostet und hättest dann sagen können, wie er dir geschmeckt hat! – Verstehst du solches?!“ [HGt.02_190,27] Darauf hob der Thubalkain wieder seinen Hammer auf seine Achsel und wollte gehen. [HGt.02_190,28] Aber der Kisehel hob seine Hand empor, und donnerte: „Thubalkain! Ich sage dir, du bleibst! Amen.“ 191. Kapitel — Der unhöfliche Thubalkain wird durch die Willensmacht Kisehels gelähmt und zur Höflichkeit und Wahrhaftigkeit erzogen[HGt.02_191,01] Als der Thubalkain solche festen Worte vom Kisehel vernommen hatte, da ward es ihm anfangs ein wenig bange; denn er hatte dem ersten Anscheine nach dem Fremden bei weitem nicht so viel Mut zugetraut. Er hielt darum mit seinem Rückgange auch eine kurze Zeit inne; aber er ermannte sich wieder und sagte dann etwas hohnlächelnd: [HGt.02_191,02] „Du willst mich etwa gar mit deinem Bärengebrüll in meinem Willen ändern und dir zu einem gehorsamsten Knechte machen?! [HGt.02_191,03] Siehe, das kostet mich nur eine Lache, du armseliger Gebirgstropf! Wenn ich es nur der Mühe wert fände, so würde ich dir alsogleich dafür die Festigkeit unserer Hämmer zum Verkosten geben; aber da der mächtige Löwe sich nicht mit dem Mückenfangen abgibt – was ich tagtäglich an meinen zwei gefangenen lebendigen Tieren zu öfteren Malen schon beobachtet habe –, so will auch ich mich mit solchem Geschmeiße nicht abgeben! – Verstehe, Lümmel, und mache nun, was du willst; ich aber gehe!“ [HGt.02_191,04] Hier wollte sich der Thubalkain wieder ans Gehen machen; aber es war vergebens seine Mühe, denn des Kisehel Wort und Wille aus Mir hatte des Erzmeisters Füße also gelähmt, daß derselbe gänzlich außerstande war, auch nur ein Glied an denselben in Bewegung zu bringen. [HGt.02_191,05] Als der Thubalkain solches merkte, berief er seinen Vater zu sich und sagte ganz heimlich und ziemlich stark verlegen zu ihm: „Höre, wie ist mir denn, da ich keinen Fuß bewegen kann? Rate und hilf mir, sonst mache ich ja nun die allererbärmlichste lächerliche Figur vor diesen rohen Gebirgsdummköpfen noch obendarauf!“ [HGt.02_191,06] Und der Lamech sagte darauf zum Thubalkain: „Habe ich dir nicht zuvor gesagt und habe geredet: ,Nimm dich in acht, daß dir der Hammer nicht zu schwer wird!‘?! Siehe, die Vorsage deines Vaters ist eingetroffen; daher siehe zu, wie du mit diesen Gesandten des großen Gottes zurechtkommen wirst! [HGt.02_191,07] Ich darf dir nun nicht mehr sagen; aber solches magst du wohl erfahren, daß mit jenen nicht gut streiten ist, denen die Elemente auf einen Wink gehorchen! [HGt.02_191,08] Jetzt wißt ihr genug – und du für dich beinahe zu viel; siehe daher nun zu, wie du gleich wirst mit dem, dem du das Gewicht deines Hammers gezeigt hast!“ [HGt.02_191,09] Hier fing der Thubalkain gewaltigst an zu stutzen und dachte hin und her, was er tun solle. [HGt.02_191,10] Endlich aber dachte er sich: „Wäre mit diesen also seienden Gottesboten etwas mit Gewalt auszurichten, so hätte solche mein Vater Lamech, gegen den ich nur ein sanftes Lamm war und noch bin, sicher in die vollste Anwendung gebracht! [HGt.02_191,11] Er aber redet nun also, daß daraus erhellt, daß auch er gegen sie nichts vermag! [HGt.02_191,12] O Vater Lamech! Jetzt verstehe ich dich erst; – du bist selbst ein Besiegter! [HGt.02_191,13] Ja, – von dem Standpunkte aus betrachtet, dürfte mir mein Hammer freilich wohl etwas zu schwer werden, und es wird darum hier freilich wohl rätlich und besser sein, zur Politik seine Zuflucht zu nehmen und sich unterdessen zu fügen, bis ein anderer Wind gehen wird! [HGt.02_191,14] Also will ich es denn auch machen, und sollte es kosten, was es wolle!“ [HGt.02_191,15] Hier wandte er sich an den Kisehel und richtete folgende Worte an ihn: „Mann von den Bergen! Läßt sich denn mit dir kein vernünftiges Wort reden, keines, was dir wohlverständigermaßen genehm wäre zur Beschlichtung meines und deines Willens?“ [HGt.02_191,16] Und der Kisehel erwiderte ihm: „Oh, nicht nur eines, sondern eine ganze Menge; aber nicht aus dem Grunde, als du mit mir reden möchtest! Bei mir ist alles voller Ernst und volle Wahrheit; aus Gottes ewiger Ordnung gehen meine Worte und meine Handlungen hervor! [HGt.02_191,17] Willst du sonach mit mir fruchtend reden, so mußt du auch aus vollstem, innerstem Ernste reden, aber nicht aus Politik, – sonst ist jedes deiner Worte vergeblich! [HGt.02_191,18] Menschen deinesgleichen magst du durch deine Politik wohl berücken; aber Menschen, wie wir da sind, denen ist derlei fremd. Denn sie sehen mittels der Gnade Gottes in die Herzen und wissen bis auf ein Atom, was in selbem vorgeht, – daher es dann auch unmöglich ist, sie zu berücken auf dem Wege weltlicher Politik! [HGt.02_191,19] Verstehst du solches? Ich sage dir: Verstehe es, und bedenke es genau; denn du wirst diese Stelle nicht eher verlassen, als bis du alle Politik aus deinem Herzen wirst verbannt haben! – Solches beachte und verstehe wohl! Amen.“ 192. Kapitel — Thubalkains politische Schlauheit wird von Kisehel bloßgelegt[HGt.02_192,01] Als nach diesen Worten des Kisehel der Thubalkain merkte, daß allda auf dem Wege der Politik auch nichts zu machen sei, da fing er ganz ernstlich bei sich nachzudenken an und sprach folgendermaßen bei sich: [HGt.02_192,02] „Diese Sache scheint in allem Ernste einen ernsthaften Charakter zu bekommen! Was ist da zu machen? Die Füße sind mir gelähmt; um davonzulaufen, tut sich's somit auf keinen Fall! [HGt.02_192,03] Verstellen, Politik, ist hier auf dem allerschlechtesten Platze; denn wo man wie ein Wassertropfen kleinst durchschaut wird, da möchte ich doch den kennen, der bei solchen Umständen weiterkäme mit der elenden Politik! [HGt.02_192,04] Das ist nun zwar alles richtig; aber was bleibt dabei mir, dem gerade jetzt Übelbeteiligten, übrig? [HGt.02_192,05] Das ist eine ganz andere Frage! Soll ich etwa gar diese sonderbare Gebirgsmannschaft um Vergebung wegen meines etwas rauhen Benehmens gegen sie bitten? [HGt.02_192,06] Ich, ein Königssohn, ein Erzmeister, von dem nun alles Wohl und Wehe des ganzen Volkes und Staates allein abhängt? [HGt.02_192,07] Nein, nein, das wäre denn doch ein wenig zu viel und hieße diese Sache zu weit treiben! [HGt.02_192,08] Ein mächtigster Königssohn – und abbitten?! – Das wäre doch etwas zu stark! [HGt.02_192,09] Aber was will ich denn machen? – Er sagte zuvor, ich solle alles im vollsten Ernste nehmen, da könne ich mit ihm reden, soviel ich wolle; aber endlich sagte er auch, ich werde diese Stelle nicht eher verlassen, bevor nicht das letzte Stäubchen Politik aus mir verschwinden werde! – Da hab' ich's ja schon! Mir ist es vollkommen ernst, diese Stelle zu verlassen und mich in mein Berg- und Erzwesen zurückzubegeben! [HGt.02_192,10] Dahinter steckt doch sicher keine Politik?! Ich kann ihn sonach ja auf die leichteste Weise beim Wort nehmen; läßt er mich aber dann etwa noch nicht los, so kann ich ihn ja auf der Stelle einer Lüge zeihen und als einen Lästerer seines Gottes bezeichnen, indem er doch offenkundig von sich ausgesagt hat, bei ihm sei alles vollster Ernst und vollste Wahrheit in jeglichem seiner Worte und Handlungen aus der ewigen Ordnung Gottes! [HGt.02_192,11] Oh, jetzt habe ich den lustigen Vogel schon! Bin ich nur einmal wieder auf freiem Fuße, dann mag er sechstausend Weiber nach mir senden, und der Thubalkain wird sich nicht rühren mehr aus seinen großen Werkgebäuden!“ [HGt.02_192,12] Hier fiel ihm der Kisehel in sein Gedankenwort und sagte zu ihm: „Thubalkain, sage mir, was du für ärger hältst: die Politik der Menschen oder die Schlauheit der Schlangen?!“ [HGt.02_192,13] Hier stutzte der Thubalkain gewaltigst und wußte nicht, was er auf diese Frage für eine Antwort geben sollte, und schwieg somit überaus verlegen. [HGt.02_192,14] Der Kisehel aber sprach also weiter und sagte: „Weil du gesehen hast, daß da mit mir und allen diesen meinen Brüdern auf dem Wege der Politik nichts auszurichten ist, so hast du dich darum der verschmitztesten Schlauheit der Schlangen in die Arme geworfen! [HGt.02_192,15] Daß dir an dem Flottwerden deiner Füße sicher ernstlich gelegen ist, das unterliegt keinem Zweifel; so du mich aber durch diese deine alleinige eigennützige Wahrheit fangen willst, da irrst du dich allgewaltigst! Denn so du schon mit der Bosheit erstem Grade gegen mich nichts auszurichten vermagst, was wird dir hernach wohl der zweite, tiefere Grad nützen?! [HGt.02_192,16] Meinst du denn, ich werde darum ein Gotteslästerer, so ich deine Füße dir nicht flott mache deiner Schlauheit wegen?! [HGt.02_192,17] O mitnichten; denn ich kenne Gott und tue nichts als nur das, was Sein heiliger Geist zu tun mich nötigt, nach meinem Ihm allein ganz ergebenen Willen. [HGt.02_192,18] Darum werde ich zur listigen Folge deiner Schlauheit noch kein Gotteslästerer; wohl aber bist du es, indem du nicht mich, sondern nur den Geist Gottes berücken möchtest, so es dir nur irgend auf eine Art möglich wäre! [HGt.02_192,19] Ich sage dir: Wärest du nicht ein Heide und ein Diener des Drachen, so möchte dir gar übel zu stehen kommen solch ein Plan! [HGt.02_192,20] Du aber kennst den alleinig wahren Gott nicht; darum kann dir auch ein solcher Gedanke, so du ihn ernstlich bereust, nachgesehen werden! [HGt.02_192,21] Willst du aber erlöst sein, so kehre dich an den alleinig wahren ewigen Gott, den dir noch deine Mutter aus dem Munde Faraks verkündet hat, und nicht zu mir; denn nicht ich, sondern Gottes Gnade hat dir gelähmt die Füße. [HGt.02_192,22] Ich bin nur ein Mensch wie du, aber ein Mensch nach dem Willen Gottes, und erkenne meine vollste Nichtigkeit vor Ihm. [HGt.02_192,23] Werde du desgleichen, und tue, was ich tue; erkenne deine große Torheit, erkenne deine Schuld, erkenne Gott, so wirst du frei werden! [HGt.02_192,24] Verstehe solches, und tue danach! Amen.“ 193. Kapitel — Thubalkains Einsicht, Reue und Befreiung von seinem Fußbann. Thubalkains Wunsch und Kisehels Verheißung[HGt.02_193,01] Nach diesen Worten Kisehels fing der Thubalkain überaus gewaltigst zu stutzen an. Denn daß der Kisehel wohl in sein Inneres Blicke tun mochte, solches war ihm nicht mehr fremd; daß aber der Kisehel auch für jeden einzelnen Gedanken, der da aufstieg in seiner Seele, ganz genau wissen konnte, das war für unsern Thubalkain doch ein wenig zu viel, und er wußte sich nun nicht mehr zu helfen. [HGt.02_193,02] Also brütete er eine Zeitlang wie stumm dahin; nach einer Zeit erst wandte er sich wieder zum Kisehel und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich: [HGt.02_193,03] „Höre, du alsonach großer und mächtiger Bote des Gottes Faraks an uns Bewohner der Tiefen, mir ist diese meine Lage sehr unangenehm! Mache, daß ich wieder frei werde, und ich will dann offen reden mit dir; denn siehe, dieses Gebanntsein ist mir gewaltig lästig, und ich vermag in diesem Zustande kein freies Wort mit dir zu reden! [HGt.02_193,04] Soll ich mit meiner Kunst dir etwas nützen, da muß ich frei sein; sonst hast du mich so oder so vergebens hierher kommen lassen. [HGt.02_193,05] Wenn ich etwas roh mich gegen dich benommen habe, so wird dir der Grund sicher auch aus der Ursache nicht fremd sein, aus welcher du wissen kannst, was ich in mir denke! [HGt.02_193,06] Siehe, es ist sicher nichts Kleines daran, sein über alles schönstes und auch geliebtes Weib zu verlieren! Und durch wen? – Du weißt es sicher besser als ich! [HGt.02_193,07] Doch will ich alles vergessen, so du mich wieder frei lässest und ich mit dir offen reden kann! [HGt.02_193,08] Hier ging der Kisehel zum Thubalkain, ergriff seine Hand und sagte dann zu ihm: [HGt.02_193,09] „Thubalkain, im Namen Jehovas, des alleinig wahren allmächtigen großen Gottes, sage ich dir: Sei frei, und wandle und handle gerecht! Es geschehe!“ [HGt.02_193,10] Alsogleich war der Thubalkain frei und konnte gehen wie zuvor, und der Kisehel sagte darauf zu ihm: „Siehe, nun bist du frei; was willst du nun tun?“ [HGt.02_193,11] Und der Thubalkain erwiderte: „So höre denn: Das erste sei, daß du an meiner Statt deinen allmächtigen Gott lobest und preisest, darum Er dir und mir also gnädig war und hat mich frei gemacht durch dein Wort; dann aber vertraue mir endlich dein Anliegen, damit ich tun kann, darum du mich hast rufen lassen; und habe ich dir gedient zu deiner Zufriedenheit, sodann wirst du dem Arbeiter auch einen kleinen Lohn nicht versagen! [HGt.02_193,12] Siehe, das ist alles, was ich nun tun will, und was ich verlange! [HGt.02_193,13] Doch möchte ich dir darum nichts vorgezeichnet haben; denn du bist mächtig und weise. [HGt.02_193,14] Bemiß demnach diese meine Worte, und gebiete dann nach deiner Weisheit, und ich werde dir dienen darin!“ [HGt.02_193,15] Und der Kisehel fragte den Thubalkain weiter und sagte zu ihm: „Und worin soll denn der kleine Lohn bestehen? Sage es uns allen; denn siehe, solches wissen wir gar wohl, daß da ein jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist! Darum sprich dich näher aus!“ [HGt.02_193,16] Und der Thubalkain sagte zu ihm: „Was soll ich viel reden; du liesest es ja ohnehin in meinem Herzen, was eben demselben abgeht! Ich bin allein seit dem Verlusttage meines süßen Weibes Naëme! [HGt.02_193,17] Ich verlange nicht die Naëme – denn diese ist für mich verloren –, aber ein anderes Weib beschere mir, und ich bin belohnt zur größten Genüge meines Herzens!“ [HGt.02_193,18] Und der Kisehel sagte darauf zum Thubalkain: „Gut, es soll dir werden nach deinem Wunsche, und das heute noch im Hause deines Vaters! [HGt.02_193,19] Wenn du aber diesen Lohn haben wirst, wirst du dann wohl schon völlig zufrieden sein?“ [HGt.02_193,20] Da stutzte der Thubalkain eine Zeitlang, faßte sich aber endlich und antwortete: „Oh! Es gäbe wohl noch etwas; aber das ist nicht für uns Bewohner der Tiefe!“ [HGt.02_193,21] Und der Kisehel sagte darauf: „Ja, mache deine Sache gut; wahrlich, so du deine Arbeit aus Liebe zu Gott verrichten wirst, da sollst du auch die Höhen betreten und sollst sehen und sprechen den Erzvater Adam, die Erzmutter Eva und alle die Erzväter, den alleinigen Hohenpriester Henoch, und sollst dann gesättigt werden in der Küche der Purista! [HGt.02_193,22] Aber hier zu unseren Füßen liegt das rohe Erz, betrachte es; dieses sollst du mir schmelzen, dann hämmern zu Blech, damit wir damit den Tempel Jehovas decken mögen! [HGt.02_193,23] Siehe, das ist alles, was ich von dir verlange; also mache dich ans Werk! Amen.“ 194. Kapitel — Thubalkains gerechtes und ergreifendes Gebet. Kisehels Dankgebet. Die väterliche Stimme aus der Wolke[HGt.02_194,01] Hier fiel der Thubalkain auf sein Angesicht nieder vor dem Kisehel und fing Gott also zu loben an: „Großer, mir noch unbekannter, allmächtiger Gott! Mein Herz regt sich mächtig, erfüllt von heißem Danke und Lobe! Ich möchte Dich ja loben und preisen über alle Maßen meines ganzen Lebens, – allein ich bin ja wie ein völlig Blinder und Tauber; denn ich weiß ja nicht, wo Du bist, und habe außer den Flüsterworten meiner bedrängten und furchtsamen Mutter nie etwas von Dir vernommen. [HGt.02_194,02] Sei daher mir Armem und Schwachem vor Dir und Deinem Volke gnädig, und lasse Dich erkennen, erschauen und vernehmen von mir und in mir also, wie Du bist, und wo Du bist für den Menschen der Erde! [HGt.02_194,03] Laß Dich vernehmen, erschauen und erkennen, damit ich Dich geziemend loben, danken, anbeten und rühmen könnte! Siehe, ich sehe wohl Deine Werke und betrachte sie mit großer Lust und nicht selten wieder mit großer Furcht; Deine mächtigen Kinder stehen vor mir; also sehe ich wohl die Werke, aber der große Werkmeister ist mir fremd, – und sehe die zahllosen Geschöpfe; wo aber bist Du, o Schöpfer, damit ich Dir darbrächte mein Lob?! [HGt.02_194,04] Deine mächtigen Kinder hast Du als heilbringende Boten zu uns herab in die Tiefen gesandt; ja sie sind leibhaftig hier, reden von Dir, zeugen von Dir und handeln in Deinem allerheiligsten Namen; wo aber bist Du, o allerheiligster Vater solcher Kinder?! [HGt.02_194,05] Dich, Dich möchte ich nun näher kennen! Komme herab, komme auch zu uns armen Sündern! Sind wir auch aus Kahin, dem Vater der Sünde und des Gerichtes, hervorgegangen, so aber ist ja doch auch dieser aus Deinem Sohne Adam hervorgegangen! [HGt.02_194,06] Mag er vielleicht Deiner Erbarmung unwert gewesen sein, da Du zu heilig bist; wir aber können ja alle nichts darum, darum wir zu seinen Nachkommen geworden sind! [HGt.02_194,07] Daher sei uns gnädig und barmherzig, und laß uns auch nur einen Gnadenstrahl, aber aus Dir, vollkommen allein aus Dir laß uns einen Strahl zukommen, damit wir erfahren möchten vollends in uns, wie und wo Du bist, darum wir Dich dann auch allein loben und preisen möchten! [HGt.02_194,08] Werden wir Dich dann auch als Sünder loben und preisen, o Herr, so wirst Du uns darum nicht verstoßen, da wir aus der Sünde in die Sünde sind geboren worden! [HGt.02_194,09] Siehe, die Nacht ist Nacht, und alle ihre zahllosen Leuchten sind ganz entsetzlich schwach auch nur gegen einen schwächsten Strahl aus der Sonne! [HGt.02_194,10] Also, Vater dieser Deiner Kinder, die nun als Sterne unsere dicke Nacht erhellen, laß uns auch nur einen schwächsten Strahl aus Dir zukommen, und unsere sündige Nacht wird sich sicher in einen hellen Tag verwandeln! [HGt.02_194,11] Ja, unsere Nacht ist und bleibt Nacht trotz dieser herrlichen Sterne; aber ein Strahl nur aus Dir, und unsere Nacht wird endlich aufhören, Nacht zu sein, und wir werden Dich am Tage Deiner großen Herrlichkeit loben und preisen, und alle unsere nachtsteifen Knie und Herzen werden sich allertiefst beugen vor Deinem allerheiligsten Namen! [HGt.02_194,12] Siehe, ich Thubalkain, ein Sohn der Nacht, liege hier vor Dir im Staube meiner Nichtigkeit! Ein Sünder fleht zu Dir um Gnade und Erbarmung! Er möchte Dich loben und preisen, – aber er kennt Dich nicht; daher laß Dich erkennen von ihm!“ [HGt.02_194,13] Nach diesen Worten verstummte er und weinte in den Staub der Erde. [HGt.02_194,14] Der Kisehel aber bog sich zur Erde, hob den Thubalkain auf und sagte dann zu ihm: „Thubalkain! Also bist uns auch du ein Bruder geworden?!“ [HGt.02_194,15] Hier richtete der Kisehel seine Augen nach oben und sprach, wie folgt: [HGt.02_194,16] „O Vater, ich lobe und preise Dich in diesem neuen Bruder; denn Du allein ja hast das Werk vollbracht und hast uns auch im Thubalkain geschenkt einen neuen herrlichen Bruder! Nicht umsonst hast Du ihn schon lange als Erzmeister vorbereitet; nicht umsonst hast Du ihn schon von Ewigkeit ausersehen, damit er reinige das Gold der Erde und mache es beugsam und schmiegsam! [HGt.02_194,17] Denn Du hattest es vorgesehen, daß uns durch ihn ein neuer herrlicher Bruder werden solle, der da nicht nur das edle Erz der Erde im Feuer geschmeidig und lieblich anzusehen machen soll, sondern vielmehr das Erz im Herzen der Menschen erwecken und im großen Feuereifer seiner Liebe zu Dir geschmeidig, beugsam, und dann gar lieblich anzusehen machen wird. [HGt.02_194,18] Darum Dir alles Lob, allen Preis und alle unsere Liebe! [HGt.02_194,19] O Vater, siehe, dieser neue Bruder ist aber noch blind und kann Dich noch nicht erschauen; daher möchtest Du ihm ja wohl seine Bitte allgnädigst gewähren! [HGt.02_194,20] So es Dein heiliger Wille wäre, möchtest Du denn diese meine Bitte erhören und ihm spenden einen Strahl Deiner Gnade in sein Herz, das da zu Dir gewendet ist voll glühender Liebe und Sehnsucht zu Dir, Du heiliger Vater! [HGt.02_194,21] O erhöre uns, erhöre uns! Dein heiliger Name werde geheiligt, und Dein Wille geschehe allzeit, wie ewig! Amen.“ [HGt.02_194,22] Diese Worte Kisehels brachen dem Thubalkain, wie auch dem Lamech, vollends das Herz, so daß da beide laut zu weinen anfingen; nach einer kurzen Zeit aber senkte sich eine lichte Wolke vor diese Gesellschaft nieder, und der Lamech und der Thubalkain wußten nicht, was daraus da werden sollte, darum sie sich denn auch gewaltigst zu fürchten anfingen. [HGt.02_194,23] Aber bald sprach eine väterliche Stimme aus der Wolke: „Thubalkain, siehe, Der, den du nicht kennst, ist nun vor dir, der Vater der Menschen und der allmächtige Schöpfer aller Dinge! [HGt.02_194,24] Höre, Ich habe dein Herz angesehen und habe es gereinigt befunden! Darum sollst du auch erweckt werden für ewig aus deiner Nacht; und einen Geist aus Mir will Ich in dein Herz legen, dieser wird dich in alle Weisheit leiten. [HGt.02_194,25] Da aber Meine Boten noch hier sind, so höre sie; denn sie sollen diesen Geist in dir erwecken! Verherrliche Meinen Namen, und Ich will dir und allem Volke gnädig sein; denn Ich bin heilig, heilig, heilig, ewig und unendlich! Amen.“ [HGt.02_194,26] Darauf verschwand die Wolke, und alle fielen auf ihre Angesichter und gaben Gott die Ehre in aller Demut und Zerknirschung ihrer Herzen. 195. Kapitel — Thubalkains Anordnungen zur Goldgewinnung. Der Einzug in die Residenz Lamechs[HGt.02_195,01] Nachdem sie alsogestalt Gott bei einer Stunde lang gelobt und gepriesen hatten, erhob sich endlich auf ein inneres Geheiß der Kisehel und sagte zu den andern: [HGt.02_195,02] „Im Namen des alleinigen, einigen, allmächtigen Gottes sage ich euch: Erstehet samt mir; denn also ist es der heilige Wille Dessen, der vor uns war und hat geredet Worte des Lebens, der Gnade und der Erbarmung!“ [HGt.02_195,03] Und alle erstanden auf diesen Anruf des Kisehel. Als sie aber alle sich gestärkt und überaus getrost erhoben hatten vom Boden, da auch wandte sich der Kisehel alsbald an den Thubalkain und sagte zu ihm: [HGt.02_195,04] „Bruder Thubalkain, höre! Da es des Herrn Wille ist, also magst du deine Arbeiter wohl herbeirufen und ihnen zeigen die Arbeit; und sie sollen sogleich beginnen und arbeiten die ganze Nacht hindurch. [HGt.02_195,05] Also aber, wie sie das Erz der Berge geschmolzen haben mittels des Bergsalzes und des starken Feuers, sollen sie auch dieses Erz schmelzen; und wenn sie der Klumpen reinen Erzes in großer Menge haben werden, dann erst soll dem Schmelzen Einhalt getan werden. [HGt.02_195,06] Eine gerecht große Menge aber soll bestehen aus siebzehnhundert Klumpen. Alsonach verordne die Sache! Amen.“ [HGt.02_195,07] Und der Thubalkain berief alsbald die große Schar seiner Arbeiter zu sich, zeigte ihnen das rohe Erz an und belehrte sie dann, wie sie es anschicken sollten, um dasselbe zu schmelzen und in runde Klumpen zu formen. [HGt.02_195,08] Als die Arbeiter solches nun vollends begriffen, da fragte ihn sein oberster Werkmeister: [HGt.02_195,09] „O Herr und gestrenger Gebieter, es ist alles gut und wohl dargetan; nur erlaube, daß ich dich frage, und zürne mir nicht darob, so ich dir die Frage stelle und ehrerbietigst sage: Wir haben der Arbeiter in gerechter Menge, und des Erzes ist in großer Fülle vorhanden; woher sollen wir aber das Holz und das Salz nehmen? Denn ohne dem geht das Schmelzen nicht! [HGt.02_195,10] Sollen wir unser Holz hierher schaffen und unser Salz gebrauchen, oder haben wir solches alles aus der Stadt zu nehmen?“ [HGt.02_195,11] Und der Thubalkain sagte zum Werkmeister: „Höre, so ich die Arbeit übernommen habe, da habe ich sie ganz übernommen, und dazu gehört dann ja auch das Holz und das Salz! [HGt.02_195,12] Ich sage dir aber: Nicht nur das Holz und das Salz, sondern auch die ganze Verpflegung wird von mir aus bestritten und so auch der Arbeitslohn! [HGt.02_195,13] Daher schaffet alsbald alles herbei, was zu dem Werke not tut, und trachtet, daß dasselbe längstens in einer Stunde begonnen wird; das heißt: sobald die Sonne unter die Berge sich senken wird, muß hier das Feuer schon tätig sein! [HGt.02_195,14] Machet aber wenigstens hundert drei Spannen tiefe Gruben für die Erzfeuerung, und lasset dazu alle die zweitausend Arbeiter treten, so wird unter dem neuen Segen des alleinig wahren allmächtigen Gottes das Werk gut vonstatten gehen! [HGt.02_195,15] Laß daher hundert Arbeiter sogleich die Gruben machen; zweihundert sollen das Holz herbeischaffen; zweihundert das Salz; hundert sollen Nahrung herbeischaffen; zweihundert sollen das rohe Erz graben, und zweihundert sollen dasselbe braten und schmelzen. Und wenn eine Grube voll sein wird, dann laß es dreißig Handschwingungen lang abkühlen; schaffe sonach den Klumpen aus der Grube, und beginne alsbald mit einer neuen Feuerung! [HGt.02_195,16] Wenn ihr also emsig die Nacht hindurch arbeitet, so dürften wir bis morgen dieses Metalles in der völlig hinreichenden Menge haben. [HGt.02_195,17] Morgen lassen wir dann die schweren Fußhebelhämmer herbeischaffen, und ehe die Sonne untergehen wird, sollen die Klumpen in zierliche Platten ausgetrieben sein. [HGt.02_195,18] Jetzt weißt du alles; gehe nun und handle! Es geschehe!“ [HGt.02_195,19] Alsbald begab sich der Werkmeister ans Werk, und der Kisehel sagte darauf zum Thubalkain: „Bruder, du hast die Sache gut angeordnet; gesegnet sei darum das Werk! Wahrlich, sage ich dir, morgen sollst du Wunder schauen; denn deine Arbeiter werden so viel dieses Metalles gewinnen, daß es dich erschauern wird beim Anblicke desselben! [HGt.02_195,20] Doch lassen wir dieses nun gut sein; denn es ist nun alles geordnet! [HGt.02_195,21] Du, Bruder Lamech, nimm die Tafel und gehe voran; wir aber werden dir folgen in dein Haus. Alldort wollen wir dieses Heiligtum bis zur Vollendung des Tempels verwahren; nach dem aber wollen wir alle deine Gäste sein, und du wirst unser Bruder und Wirt sein! [HGt.02_195,22] An deinem Tische werden wir speisen und in deinem Hause loben den heiligsten Namen des liebevollsten Vaters aller Menschen! [HGt.02_195,23] Und du, Bruder Thubalkain, sollst an meiner Seite gehen und heute noch in deines Vaters Hause empfangen den bedungenen Lohn; denn du weißt, daß in deines Vaters Hause der Weiber und der Mägde es in großer Menge gibt. Siehe, diese sind alle ganz gereinigt nun, und dir soll aus der großen Zahl die rechte werden! – Und also begeben wir uns dahin! Amen.“ [HGt.02_195,24] Und alsogleich erfaßte mit der größten Ehrfurcht und Liebe der Lamech das Heiligtum, ging voran, und der Thubalkain an der Seite des Kisehel und die anderen Boten folgten ihm. [HGt.02_195,25] Als sie sich aber der Stadt nahten, da kam ihnen eine große Volksmenge entgegen und schrie: „Ehre Gott in der Höhe, darum Er den Lamech gemacht hat zu einem rechten Könige!“ Und also rief das Volk noch lange in die Nacht hinein. [HGt.02_195,26] Der Lamech aber war gerührt, daß er laut weinte. 196. Kapitel — Die Vorbereitungen zum Festmahl. Die Überführung der heiligen Tafeln in den Thronsaal Lamechs. Kisehels Rede über die Wahrheit als Erlöserin[HGt.02_196,01] Als sie bereits in der Residenz Lamechs angelangt waren, da kamen ihnen alle die Weiber und Mägde entgegen, fielen vor ihnen nieder auf die Knie und lobten mit verhüllten Angesichtern den Namen, der da gezeichnet war auf der steinernen Tafel, welche der Lamech trug. [HGt.02_196,02] Der Kisehel aber sagte zum Sethlahem: „Bruder, siehe die Weiber! Nach deinem Worte in dir behandle sie!“ [HGt.02_196,03] Und der Sethlahem hieß alsbald die Weiber und Mägde erstehen und sagte dann noch weiter zu ihnen: [HGt.02_196,04] „Gehet und bestellet ein gutes Mahl, lasset heute ein Lamm schlachten und es wohl zurichten für den neuen König, und ein gemästetes Kalb soll zubereitet werden für den neuen Bräutigam und für seine Braut! [HGt.02_196,05] Also auch sorget für Brot und für edle Früchte, und es sollen nicht mangeln gute, reine Getränke! [HGt.02_196,06] Also gehet zum Speisemeister, und bestellet solches alles auf das zierlichste! Amen.“ [HGt.02_196,07] Und die Weiber und die Mägde eilten und besorgten alles Anbefohlene genau. [HGt.02_196,08] Als aber nach dem die ganze Gesellschaft in den großen Königssaal trat, da blieb der Lamech stehen und sagte zum Kisehel: „Großer, mächtigster Freund und völlig wahrster und gerechtester Gesandter des allmächtigen großen Gottes, siehe, mich erschaudert nun durch und durch der Anblick meines vorigen Greuelherrscherthrones, und es tauchen wieder alle meine Greuel in meiner Seele auf, wie da schwere Wetterwolken aus den großen Gewässern auftauchen in der schwülen Nacht! [HGt.02_196,09] Wäre es denn dir nicht genehm, daß wir diesen vermeiden möchten und beziehen ein anderes großes Gemach, welches mir freundlicher vorkäme denn gerade dieses, allwo ich mich als ein Gott habe förmlich anbeten lassen. [HGt.02_196,10] Und habe von eben dem Throne, der von der armen Menschheit blutigen Tränen ist errichtet worden, auch noch dazu die allergrausamsten heimlichen und offenbaren Gebote gegeben! [HGt.02_196,11] O Freund, wenn es dir darum genehm wäre, da möchte ich dich wohl aus allen meinen Kräften bitten, wie ich schon gesagt habe, ein anderes Gemach zu beziehen.“ [HGt.02_196,12] Und der Kisehel aber erwiderte dem Lamech und sagte: „Bruder, gerade das ist das allerpassendste Gemach dieses deines ganzen großen Palastes! [HGt.02_196,13] Denn willst du ganz vollkommen genesen in deinem Herzen und deinem Geiste, so mußt du dein Herz auch völlig reinigen von allem alten Unrate; solches aber kann nur dadurch bewerkstelligt werden, daß dein Geist sich mehr und mehr entzündet und in seinem Feuer all den Unrat in deinem Herzen verzehrt. [HGt.02_196,14] Wie aber kann wohl der Geist füglicher zur Entzündung gebracht werden als eben durch den Druck von allen Seiten, welcher durch die erwachte Gefühlslast deiner verübten Greueltaten bewirkt wird?! [HGt.02_196,15] Nun aber merkst du eben in diesem Gemache diesen lästigen Druck, und das ist es ja aber auch, was du dir am sehnlichsten wünschen solltest! Die argen Erinnerungen drücken dich, und das ist gut; denn eben dieser Druck wird dich frei machen. [HGt.02_196,16] Siehe, was willst du denn tun? Kannst du das Geschehene ungeschehen machen? Kannst du dich je frei machen von deinen Taten? – Ich sage dir, lieber Bruder, solches ist dir ewig unmöglich, solange du die Erinnerung deines Gefühls an dieselben fliehst! [HGt.02_196,17] Nur eines kann dein Herz und sodann auch deinen Geist frei machen, und dieses Eine ist die Wahrheit! [HGt.02_196,18] Diese mußt du suchen in allem, so wird ihr Feuer den Unflat in dir verzehren, und du wirst dann freien Geistes einhergehen und in diesem freien Geiste erst dann völlig erkennen, was eigentlich die Sünde ist, und wie es dem Herrn ein leichtes ist, dich endlich aller deiner Sünden zu entheben, und wäre ihre Zahl größer denn die des Grases auf der Erde und des Sandes im Meere! [HGt.02_196,19] Also werden wir in diesem Gemache verbleiben und diese Tafel einstweilen auf dem festlich geschmückten Throne aufstellen zum Zeugnisse, Wessen in der Zukunft der eigentliche Herrscherthron sein soll. [HGt.02_196,20] Und so denn trage die Tafel auf den Thron, und stelle sie dort auf; allda soll sie bis zur Vollendung des Tempels bleiben! Amen.“ [HGt.02_196,21] Und der Lamech stellte sich zufrieden und tat alsogleich, was ihm der Kisehel beheißen hatte, und lobte und pries darauf den heiligen Namen auf der Tafel. 197. Kapitel — Lamechs große, liebeerfüllte Verehrung Gottes. Thubalkains Verwunderung. Kisehels Worte vom Reinigungsfeuer der Liebe[HGt.02_197,01] Der Lamech aber fand großes Wohlbehagen an der Verehrung des heiligsten Namens also, daß er nicht erstehen wollte; denn je mehr er stets tiefer und tiefer den Namen faßte, desto mehr ward er auch ergriffen im Herzen und im Geiste, und konnte sich darob nicht trennen von dem Orte, allwo ihn die Liebe zu Gott so mächtig zu fesseln anfing. [HGt.02_197,02] Der Kisehel aber beließ ihm die hehre Lust seines Geistes, damit er sich mehr und mehr feste in der mächtigen lebendigen Liebe zu Gott. [HGt.02_197,03] Da aber der Thubalkain solches sah, verwunderte er sich über seinen Vater Lamech und sagte zum Kisehel: [HGt.02_197,04] „Höre, großer mächtiger Freund und Bruder nach deinem Worte, wahrlich, so mir jemand gesagt hätte: ,Morgen wird aus der Erde ein Baum erwachsen, der mit seinen Ästen bis zur Abendzeit das Firmament erreichen wird!‘, so hätte ich solches eher für möglich gehalten als eine solche plötzliche Umkehr meines Vaters! [HGt.02_197,05] Es sind ja noch kaum etwa bei acht Tage verflossen, als Lamech den Himmel und die ganze Erde zu vernichten geschworen hat, – und jetzt liegt er im Staube zerknirscht vor dem, das er so greuelhaft bitter verflucht hatte! [HGt.02_197,06] Wahrlich, das ist das größte Wunder, das die ganze Erde samt ihrer Werdung mit allem dem, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, aufzuweisen hat! [HGt.02_197,07] Ja, ich sage dir, mächtiger Freund und Bruder, wenn du mit deiner Kraft Berge versetzt hättest, so hättest du mich dadurch von deiner rein göttlichen Sendung nicht so mächtigst überzeugt – als eben durch dieses unerhörte Wunder! [HGt.02_197,08] Ja, jetzt glaube ich erst völlig, daß ihr rein von Gott hierher gesandt seid! Denn die Wunder draußen haben mich wohl gefangen, aber überzeugt haben sie mich weniger; denn sie sind zu rasch aufeinandergefolgt, daß ich mir nicht helfen konnte, sondern ward nur genötigt wie ein völlig Besiegter und mußte mich fügen, von meiner Ohnmacht und auch beiseitiger Überzeugung getrieben. [HGt.02_197,09] Jetzt aber erwacht mein freier Wille, und so bin ich kein genötigter Bekenner mehr alles dessen, was ihr uns schon gelehrt habt und sicher noch ferner lehren werdet, sondern jetzt will ich frei aus mir heraus, was ihr wollet aus dem allerheiligsten Willen des allmächtigen Gottes heraus! [HGt.02_197,10] Daher lasset auch nun mich hingehen zum Throne und allda tun, was also erbaulichst nun tut mein Vater Lamech! Euer Wille in Gott geschehe!“ [HGt.02_197,11] Und der Kisehel erwiderte dem Thubalkain: „Bruder, solches ist recht und billig von dir! Gehe hin und stärke dich für die kommende Versuchung; denn wem der heilige Vater durch ein Wunder hilft, den prüft Er dann auch stärker denn einen, der da allein durch das Wort zu Ihm ist bekehrt worden. [HGt.02_197,12] Ich sage dir: Es muß zuvor alles durchs Feuer gehen, bis es sich Gott nahen kann im Herzen und im Geiste! Du bist zwar bekehrt, und der Lamech ist es auch, und das auf eine wunderbarste Art; aber in diesem Bekehrungszustande gleicht ihr noch dem Erze, das da roh in der Erde gefunden wird und gewisserart als ein Unrat derselben zu betrachten ist. Soll das Erz fest und brauchbar werden, so muß es durchs Feuer wandern. [HGt.02_197,13] Siehe, also wirst auch du und der Lamech noch vorher müssen durchs Feuer wandern und vom selben ganz geschmolzen werden, bevor ihr die wahre Festigkeit im Glauben, in der Liebe und Treue zu Gott erlangen werdet! [HGt.02_197,14] Darum also magst du wohl auch hingehen und dich gleich deinem Vater stärken für jede möglicherweise kommende und sicher zu erwartende Prüfung von oben!“ [HGt.02_197,15] Diese Worte erschreckten den Thubalkain also sehr, daß er darob zu beben anfing und am Ende kaum die Frage stotternd herausbrachte: [HGt.02_197,16] „O Freund! – – Werde – ich – und der – Vater Lamech – denn – müssen – im – Feuer verbrannt – werden?“ [HGt.02_197,17] Und der Kisehel erwiderte: „Oh, was Törichtes gedenkst du?! [HGt.02_197,18] Nicht ein Funke wird euren Leib berühren; aber das Feuer eurer Liebe zu Gott wird euch müssen zuvor in allem eurem noch in euch verborgen haftenden Welttume verzehren! Alsdann erst werdet ihr euch, wie schon gesagt, Gott nahen können, und alle eure Sünde wird dadurch von euch genommen werden also, wie sie von mir genommen ward, da auch ich ein Sünder war vor Gott. [HGt.02_197,19] Auch ich ward durch ein Wunder bekehrt und mußte darauf ein starkes Feuer bestehen und bestehe es jetzt noch! Also wird es auch euch ergehen; daher gehe nur wohlgemut hin zu deinem Vater, und tue desgleichen, das er nun tut, so wirst du viel stärkende Gnade finden und wirst dadurch die kommenden Prüfungen leicht und fröhlichen Mutes bestehen! Amen.“ 198. Kapitel — Lamechs Siegesrede und demütiges Bekenntnis. Kisehels Erwiderung[HGt.02_198,01] Und der Thubalkain ging alsbald fröhlicheren Mutes hin zu seinem Vater Lamech, fiel alldort auf sein Angesicht nieder, überdachte all sein früheres Tun und Treiben und bat nachher in der Fülle der Reue seines Herzens den nun erkannten einig wahren Gott um Vergebung aller jener Handlungen, die er verübt hatte entgegen den wohlvernehmbaren Mahnungen seines Herzens. [HGt.02_198,02] Bei einer guten Stunde lang dauerte die Verherrlichung des allerheiligsten Namens, als endlich der sehr erbaute Lamech sich wieder erhob und vor dem Throne ausrief: „Es ist errungen; der große Sieg ist mein! [HGt.02_198,03] O höret es, ihr Völker alle! Der Herr, der unendlich allmächtige Schöpfer Himmels und der Erde, der ewig große Gott, gegen den wir alle greuelhaftigst gefrevelt haben, hat uns angesehen und hat um unserer großen Blindheit willen aufgehoben das gerechte Gericht, das uns alle auf ewig in den Tod verschlungen hätte! [HGt.02_198,04] Darum will ich frohlocken mein Leben lang, da der Herr also gnädig ist und voll der größten Geduld, Langmut, Liebe und Erbarmung! [HGt.02_198,05] Mächtig groß war meine Bosheit, und ich wollte mit derselben in die Himmel des Lebens dringen; aber aus meiner Bosheit hat der Herr erkannt meine Armut und hat Sich meiner erbarmt! [HGt.02_198,06] Darum sei Ihm allein ewig nun und fortan all mein Lob! [HGt.02_198,07] O Herr, ich will Dich fortan loben mit tausend Zungen, darum Du also gnädig, mild und barmherzig bist! [HGt.02_198,08] O du mein armseliger Thron! Du ehemaliger Machtsitz der Gesetze zu Greueltaten, du mein getreuestes Ebenmaß, – was warst du?! Und was bist du jetzt?! – Von dir aus verdammte ich das, das du jetzt trägst! [HGt.02_198,09] O Herr, wie groß muß denn doch Deine Güte sein, wie groß Deine Liebe, auf daß Du es geduldest und ertragest, Deinen allerheiligsten Namen vom selben Stuhle tragen zu sehen, welcher Stuhl ein Träger von so vielen, ja zahllosen Greueln war! [HGt.02_198,10] Oh, so lobe denn du, mein Geist, den Herrn, da Er von solcher unaussprechlichen Güte ist ewig! [HGt.02_198,11] Herr, Du Liebegerechter! Was soll ich denn tun, damit ich dereinst doch nicht gar so greuelhaft vor Dir erscheinen möchte? [HGt.02_198,12] O lasse es mir gnädigst durch Deine getreuen Diener kundtun; aber nur, so Dein Wille es wäre! Nach meinem Willen soll von nun an ja nichts mehr geschehen; denn ich habe erkannt die Ohnmacht meines Willens und all seine Bosheit. Daher ekelt es mich nun vor ihm. [HGt.02_198,13] Darum habe ich nun keinen Willen mehr; also geschehe allzeit nur Dein allmächtiger und allerheiligster Wille!“ [HGt.02_198,14] Nach diesen Worten bewegte sich der Kisehel rasch hin zum Lamech, umarmte ihn und sagte dann zu ihm: [HGt.02_198,15] „Bruder, lieber Bruder! Wüßtest du, welche innigste Freude wir alle über dich haben, wahrlich, dir würde das Leben schwer werden! [HGt.02_198,16] Aber des sei völlig versichert: Wenn du also verharrst, wie du nun angefangen hast, da werden schier die lange andauernden Schranken zwischen der Höhe und der Tiefe verschwinden, und es kann geschehen, daß es dem allerheiligsten Vater wohlgefallen wird, auch euch den von Ihm Selbst bestellten Hohenpriester Henoch zuzusenden, damit er euch lehre den Weg der Liebe gehen! [HGt.02_198,17] Bruder, ich sage dir im Namen Dessen, der uns alle zu dir beschieden hat: Wenn der Tempel wird vollendet sein, so wirst du und dein Sohn Thubalkain in unserer Mitte die heiligen Höhen betreten, allwo du erst das wahre Leben für dich und all dein Volk sollst in aller Fülle erkennen und es dir völlig zu eigen machen! Daher beharre in dem, daß des Herrn Wille der allein deinige verbleibe, so hast du somit auch auf deine Frage durch mich des Herrn Willen erfahren, der dir damit antwortet: [HGt.02_198,18] ,Also handle, und Ich will dich heiligen auf den Höhen Meiner Kinder!‘“ [HGt.02_198,19] Auf diesen Bescheid ward der Lamech samt dem sich soeben erhebenden Thubalkain außer sich vor Freuden geworden. Lange konnte er nicht reden; denn die zu hehre Verheißung hatte ihm beinahe die Zunge gelähmt. [HGt.02_198,20] Nach einiger Zeit erst sammelte er sich wieder und sprach: „O Freund, o Bruder! Was hast du ausgesprochen?! Die Füße eines allergrößten Sünders werden auch einmal die geheiligtesten Höhen betreten dürfen?! Meine von Greueltaten nahe blind gewordenen Augen sollen noch einmal schauen die große Herrlichkeit der Kinder des allmächtigen Gottes?! [HGt.02_198,21] Und mit meinen vom Blute meiner Brüder und meines armen Volkes triefenden Händen soll ich den Saum des Kleides derer anrühren dürfen, die da gezeugt sind aus Gott?! Nein, nein, – nimmermehr, Bruder! [HGt.02_198,22] Solcher Gnade kann der Lamech ja ewig nimmer würdig werden auch nur im geringsten Teile! Daher, o Freunde und Brüder, erteilet mir eine andere Antwort; denn wahrlich, überwahrlich, diese taugt nicht für einen Sünder, wie ich einer bin!“ [HGt.02_198,23] Und der Kisehel erwiderte darauf dem Lamech: „O Bruder, – siehe, auch ich war ein großer und grober Sünder vor Gott, in meiner angestammten Lichtsphäre sicher nicht minder denn du in deiner angestammten großen Blindheit! [HGt.02_198,24] Als ich aber meine große Schuld vor Ihm, dem liebevollsten Vater, bekannt hatte, nachdem Er mir mit Seiner endlosen Gnade und Erbarmung zuvorgekommen war, da ergriff mich der allerheiligste Vater mit Seinen allmächtigen Händen, richtete den Wurm im Staube vor Sich auf, vergab ihm seine große Schuld gänzlich und erfüllte ihn dafür mit der Kraft des ewigen Lebens! [HGt.02_198,25] Siehe, Bruder, also handelt der liebevollste Vater mit dem Sünder, der sich reuigst zu Ihm wendet! [HGt.02_198,26] Daher bleibe bei der Antwort, und sei voll des höchsten Trostes; denn es wird daran nicht ein Häkchen verändert werden. Was Gott geredet hat, das wird ewig also verbleiben, wie Er geredet hatte! [HGt.02_198,27] Ihm sei darum alle Ehre, alles Lob und alle unsere Liebe ewig; denn Er allein ist würdig, von uns alles Lob, allen Preis, alle Anbetung und alle Liebe zu nehmen, und Sein heiliger Wille geschehe ewig! Amen.“ 199. Kapitel — Die Trugerscheinung der falschen Naäme. Lamech und Tbubalkain in Versuchung und Zweifel[HGt.02_199,01] Es braucht hier kaum näher erwähnt zu werden, in welche Seligkeit die beiden durch die letzten Worte Kisehels versetzt worden sind; denn solches läßt sich leicht aus dem Vorhergehenden erkennen. Darum wollen wir auch sogleich zu einer anderen Erscheinung uns wenden. Diese Erscheinung wird sich hier zwar nicht viel anders ausnehmen, als der Pontius Pilatus im sogenannten Glaubensbekenntnisse; allein das tut nichts zur Sache, – denn auch sie gehört zur Ordnung der Dinge. Was war denn hernach das für eine Erscheinung? – Nur Geduld, sie wird noch früh genug kommen! [HGt.02_199,02] Ihr wisset es, was früher der Kisehel dem Thubalkain angekündigt hatte, nämlich so manche Versuchungen und Prüfungen und ein läuterndes und festigendes Feuer. Sehet, das ist, so hier zuerst in die Erscheinlichkeit tritt! [HGt.02_199,03] Es ist euch nur zu bekannt, wessen Geistes Kind ehedem der Lamech war und wessen getreuester Diener und Knecht. Solange der Feind des Lebens noch merkt, daß seiner übersicher gemeinten Beute keine wirkliche Gefahr droht, so lange auch macht er sich aus allen den Bekehrungen nicht viel. [HGt.02_199,04] Wenn er aber sieht und gar wohl zu gewahren anfängt, daß seiner Beute die größte Gefahr droht, da fängt er auch alsbald an, sich gar gewaltigst zu rühren und zu kämpfen um sein vermeintes Eigentum. [HGt.02_199,05] Und eben das war auch hier der Fall also, wie es heutzutage bei gar sehr vielen Menschen der Fall ist, die sich schon einmal von ihm, dem großen Lebensfeinde, in irgend etwas haben verstricken lassen. [HGt.02_199,06] Solche Menschen sind oft schon wie die Tugend selbst; nur gewöhnlich eine schwache Seite haben sie noch – und wissen aber nicht, daß diese schwache Seite eigentlich eine so starke Seite ist, daß sie, wenn sie nur im geringsten berührt wird, alsbald aller guten Seiten Meister wird und dieselben mit der leichtesten Mühe von der Welt besiegt und mit sich reißt. [HGt.02_199,07] Wer solches etwa übertrieben finden möchte, der fasse nur einmal einen solchen Tugendhelden bei einer solchen schwachen Seite, und er wird es bald finden und nur zu bald unwiderlegbar erfahren, wie stark eine solche schwache Seite ist! [HGt.02_199,08] Ich will, um diese wichtige Sache heller zu machen, sogar ein Beispiel anführen: Nehmen wir einen Menschen, der sich schon in allem Möglichen besiegt hat; aber eine schwache Seite hat er dennoch, und diese achtet er ihrer Geringfügigkeit halber gar nicht, – denn sie besteht ja nur darin, daß er manchmal gerne Besuche abstattet und auch eine rechte Freude hat, so ihn jemand besucht. Die Sache scheint so unschuldig als nur immer möglich zu sein. [HGt.02_199,09] Wenn wir aber diese schwache Seite näher beleuchten wollen, so ist sie nichts anderes als noch ein tüchtiger Strick des Satans. [HGt.02_199,10] Dieser lauert, wenn er einmal mit jemandem in Verbindung ist, genau ab, wann sich dem Geiste des Menschen etwas besonders radikal Heilbringendes naht. [HGt.02_199,11] Ist solches der Fall, so zieht er an dem Stricke, die schwache Seite wird zur starken, und unser Tugendheld geht mit aller seiner sonstigen Tugendfülle, dahin ihn die schwache Seite zieht, und entgeht auf diese Weise allzeit der guten Gelegenheit, in der er von Mir einen näheren Besuch zu seiner Heiligung hätte empfangen können. Und so eine schwache Seite bleibt dem Menschen oft bis zum Grabe, – was freilich wohl recht traurig ist! [HGt.02_199,12] Also hatte auch unser Lamech eine Menge solcher schwacher Seiten noch, die er bei seiner Umkehr nicht zu achten der Mühe wert fand. [HGt.02_199,13] Da aber seine Liebe zu Mir auf einmal gewaltig wurde, so litten im Feuer dieser Liebe auch die argen Stricke, indem sie entzweigebrannt wurden und der Feind des Lebens dann nichts mehr hatte, woran er seine sicher geglaubte Beute hätte halten und ziehen können. Was war nun da zu tun? [HGt.02_199,14] Nichts, als List und – bei Mißglückung derselben – Gewalt zu gebrauchen! [HGt.02_199,15] Und so geschah es denn auch. Als der Kisehel mit den beiden sich den anderen sechsen nahte, da stürzte auf einmal die Naëme wie verzweifelnd zur Türe herein, rang lange Zeit mit den Händen und rief, nachdem sie sich etwas erholt hatte, mit der Stimme einer Verzweifelten: [HGt.02_199,16] „Vater Lamech, – du bist verraten und verloren! – Ich habe auf der Höhe alles vernommen, welche Falle man dir gelegt hat! [HGt.02_199,17] Ich eilte darauf, mein Leben nicht achtend, von Löwen, Tigern und den Bewohnern der Berge verfolgt, um dir noch frühzeitig den verruchten Plan mitzuteilen. [HGt.02_199,18] Allein, – ich kam zu spät! Denn, wie ich sehe, bist du schon eine Beute der schrecklichen Zauberer der Berge! [HGt.02_199,19] Aber hattest du in deiner Weisheit das nicht eingesehen, daß von den Bergen noch allzeit alles Unheil zu uns und über uns gekommen ist, – und doch hast du dich diesmal so grausamlichst berücken lassen und ziehen in die schrecklichste Falle deines Verderbens?!“ [HGt.02_199,20] Hier wandte sie sich, erblickte den Thubalkain und tat einen heftigsten Schrei: „Thubalkain, mein Bruder, mein Gemahl! – Auch du ein Opfer des schändlichsten Verrates?! – Ja, – auch du! – Jetzt ist alles verloren! [HGt.02_199,21] Tötet mich, tötet mich, – damit ich nicht mit euch Zeugin sein muß von eurem schrecklichsten Untergange!“ [HGt.02_199,22] Hier verwandelte sich Lamechs Blick, und der Thubalkain ballte vor erwachtem Grimme seine Fäuste und schrie endlich mit donnerähnlicher Stimme: „Solche Jehovasboten seid ihr?! O ihr Auswürfe der Hölle! – Ja, ja, – auf die Berge wolltet ihr uns bringen, da ihr nach eurer Teufelswissenschaft unser hier nicht völlig Meister zu werden wähnet! – Nein, nimmermehr! [HGt.02_199,23] Dank dir, mein teures Weib, für diese Nachricht! Der Thubalkain wird sich solcher Büberei entgegenzusetzen wissen!“ [HGt.02_199,24] Der Lamech aber sagte zum Thubalkain: „Mein Sohn, bevor wir handeln wollen, werden wir auch den anderen Teil anhören! Daher beruhige dich; denn wer weiß, ob das nicht etwa eine Versuchung ist! [HGt.02_199,25] Und so denn frage ich euch, ihr Boten, saget mir: Wie verhält sich diese Sache? Enthüllet mir dies Rätsel, oder ich trete zurück und werde, was ich war, auch im Feuer ein unbeugsamster König, auf daß euch kein schändlichster Sieg werde über mich und all mein starkes Volk! [HGt.02_199,26] Also redet, oder mein Fluch treffe jede Fiber eures Wesens! Amen.“ 200. Kapitel — Die Entlarvung der falschen Naëme[HGt.02_200,01] Der Kisehel aber, der gar wohl unterrichtet war, in was diese erste Versuchung bestehen werde, sah den Lamech und den Thubalkain fest an und sagte endlich zu beiden: [HGt.02_200,02] „Glaubet ihr es, daß sich die Sache also verhält, wie es euch diese Naëme verkündigt hat?“ [HGt.02_200,03] Und der Lamech fiel ihm sogleich etwas heftig ins Wort: „Meinst du denn, ich kenne meine Tochter nicht?! Welchen Nutzen hätte sie wohl mit einer Lüge an mir beabsichtigen können?! Sie ist meine herrliche Tochter, und als solche hat sie mir noch allzeit die Wahrheit gesprochen! Was willst du sonach mit deiner Frage?“ [HGt.02_200,04] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech, wie auch zum Thubalkain: „Gut, so ihr sie für die rechte Naëme haltet, so bleibet bei eurem Glauben! [HGt.02_200,05] Die Berge aber werden dann wieder abgesperrt werden, und keiner von euch wird je die wahre Naëme zu sehen bekommen; der Tempelbau wird unterbleiben, und jene überheilige Tafel dort wird sogleich von mir selbst aus diesem eurem Hause geschafft und mitgenommen werden auf die Höhe! [HGt.02_200,06] Glaubet nun entweder uns – oder dieser Naëme! Wie ihr aber glaubet, also wird es euch auch geschehen! Nun stehen euch die Pforten des Lebens und des Todes in gleichem Maße offen: Bleiben wir bei euch, so bleibt das Leben auch bei euch; bleibt aber diese Naëme bei euch, so ist der ewige Tod euer unausbleiblicher Teil! [HGt.02_200,07] Also möget ihr nun wählen zwischen den nun ausgesprochenen beiden Extremen; euer Wille nun! Amen.“ [HGt.02_200,08] Hier ergriff der Lamech den Thubalkain bei der Hand, führte ihn etwas seitwärts und sagte zu ihm: „Höre du, lieber Sohn! Wahrlich, mir kommt diese Naëme etwas sonderbar vor! Denn sie hat bis jetzt weder mich, noch dich angeschaut; sondern wie sie herein zur Türe gestürzt ist und ist vor uns niedergefallen auf ihr Angesicht, also kauert sie noch am Boden wimmernd! [HGt.02_200,09] Ich bin der Meinung, bevor wir ihretwegen unsere gute Sache völlig mit den sieben mächtigen Freunden brechen wollen, so wird es sehr nötig sein, aus dem tüchtigsten Grunde eben dieser sonderbaren Naëme etwas näher auf den Zahn zu fühlen! [HGt.02_200,10] Und dazu wird nichts besser sein, als daß ich ihr gebiete, daß sie sogleich erstehe und jene bedeutungsvolle Tafel vom Throne nehme und somit mir und ihr wieder den Herrscherstuhl einräume. Wird sie das tun, so wollen wir ihren Worten glauben; mag sie aber solches nicht zuwege bringen, da wissen wir denn auch, daß diese Naëme nichts als eine Truggestalt ist, um uns zu versuchen, und wir wollen ihr dann auch den gehörigen Abschied geben!“ [HGt.02_200,11] Und der Thubalkain willigte in diesen Vorschlag ein und sagte: „Vater, solches heiße ich einen Plan weise fassen; also gehen wir hin nach deinem Willen und nach deinem weisen Rate!“ [HGt.02_200,12] Und beide bewegten sich wieder zur Naëme hin. Als sie bei ihr anlangten, da bog sich der Lamech auf den Boden zur Naëme, rührte sie mit seinen Fingern an und sagte zu ihr: [HGt.02_200,13] „Naëme, so du wahrhaft meine Tochter bist, da erhebe dich vom Boden, und zeige mir dein Gesicht! Sodann gehe hin zum Throne, und hole mir die leuchtende Tafel; übergib sie mir, – und alle Macht der Gebirgszauberer ist gebrochen! [HGt.02_200,14] Ich bin dann wieder der alte, mächtige, unüberwindliche König – und du meine rechte Hand! [HGt.02_200,15] Denn in und auf dieser geheimnisvollen Tafel ist die ganze Macht der Gebirgszauberer verborgen! [HGt.02_200,16] Bist du wahrhaft meine Tochter Naëme, so wirst du solches wohl tun, so es sich einzig dadurch um meine Rettung handelt!“ [HGt.02_200,17] Hier fing die Naëme an, sich zu krümmen, und gebärdete sich gar jämmerlich, tat gar kläglich und machte also, als ob sie vor lauter Schwäche nicht erstehen könnte. [HGt.02_200,18] Der Lamech aber ergrimmte über solches Gebaren und sagte: „Naëme! Du kennst den Lamech! – Warum zauderst du, das zu tun, was ich will? [HGt.02_200,19] Bist du schwach und ohnmächtig, da rede; denn ich bin dir ja ein Vater und besitze noch so viel, um dir die nötige Stärkung zu verschaffen! Denn wer sich noch so gewaltig zu winden und zu krümmen vermag und kann also jammern wie du, der hat sicher auch noch so viel Kraft und kann kundgeben, was ihm fehlt, und warum er etwas also Leichtes nicht alsbald vollziehen kann, oder will! [HGt.02_200,20] Also erstehe, oder mein schrecklichster Fluch soll dich treffen!“ [HGt.02_200,21] Hier erhob sich die Naëme, und als die beiden ihres Antlitzes ansichtig wurden, erschraken sie gewaltigst; denn es hatte mit der Naëme nicht die leiseste Ähnlichkeit. [HGt.02_200,22] Dennoch aber sagte der Lamech zu ihr: „Aus deinem Gesichte erkenne ich dich nicht; gehe aber hin zum Throne, tue das Anbefohlene, und ich will dich aus deinem Willen erkennen!“ [HGt.02_200,23] Hier fing die Naëme an zu zittern, sank bald zusammen und ward unsichtbar! – Hier fragte der Kisehel alsbald den Lamech: „Nun, Bruder Lamech, wie gefällt dir diese Naëme?“ [HGt.02_200,24] Und der Lamech und der Thubalkain fielen vor dem Kisehel nieder und beweinten ihre Blindheit; denn sie hatten nun erst vollends erkannt, welch eine Bewandtnis es mit dieser Naëme hatte, und wessen Geistes Kind sie so ganz eigentlich war. 201. Kapitel — Kisehels Rede über die Brüderlichkeit und Gleichachtung unter den Menschen. Vom wahren Königtum[HGt.02_201,01] Der Kisehel aber bog sich alsbald zur Erde nieder, hob den Lamech und den Thubalkain vom Boden und sprach dann zu ihnen: „Brüder, warum fallet ihr vor uns nieder? Sind wir denn mehr als ihr? Oder sind wir nicht Brüder gegenseitig? [HGt.02_201,02] O sehet, solches sollen wir nicht mehr tun in alle Zukunft; denn nur Gott allein gebührt aller Dank, alle Ehre, alle unsere Demut und alle unsere Liebe! [HGt.02_201,03] Wollen wir aber wahrhaftige Kinder eines und desselben Vaters sein, da müssen wir uns gegenseitig gleichachten, keine Beugungen verlangen von unseren Brüdern, sondern alles, was wir uns gegenseitig erweisen mögen, bestehe lediglich darinnen, daß wir uns aus der Liebe zu Gott als wahrhaftige Brüder lieben! [HGt.02_201,04] Was darüber ist und was darunter, das ist gleicherweise nicht in der Ordnung Gottes und somit eine Sünde! [HGt.02_201,05] Solches aber möget ihr ja daraus ersehen, so da wäre ein Mensch, dem alle anderen Menschen, obschon er nicht um ein Haar mehr ist denn sie, eine tiefe Achtung bezeigten. [HGt.02_201,06] Was wird da bei dem geachteten Menschen wohl gar bald die Folge sein von solcher allgemeinen Hochachtung gegen ihn? [HGt.02_201,07] Sehet, er wird sich alsbald für mehr und besser zu halten anfangen, als da sind diejenigen, die ihm solche Achtung zollen, wird darum hochmütig, gar bald übermütig und endlich sogar herrschsüchtig werden! Er wird mit der Achtung seiner bedeutenden Umgebung nicht mehr zufrieden sein, sondern wird mit dieser ihm töricht ergebenen Menge in andere Gebiete dringen und wird allda die vorgefundenen Menschen durch seine ihm ergebenen Narren gewaltsam zwingen, vor ihm sich zu beugen, und wird mißhandeln und gar töten diejenigen, die sich da vor ihm nicht werden beugen wollen. [HGt.02_201,08] Ja, ein solcher wird es so weit treiben, daß ihm die ergebenen und ihn hochachtenden Brüder sogar werden müssen von allem, was sie mit ihren Händen gewinnen werden, einen bedeutenden Teil als Steuer ihrer törichten Hochachtung zollen! [HGt.02_201,09] Also werden Könige und weltliche Machthaber in aller Grausamkeit entstehen und werden zu Tode erdrücken ihre Brüder, die da töricht genug waren, sie anfänglich etwa irgendeines hervorragenden Talentes wegen höher zu halten, als es in der göttlichen Ordnung gewesen wäre. [HGt.02_201,10] Also sollen wir Gott geben, was Sein ist, und dem Brudermenschen, was ihm gebührt! [HGt.02_201,11] Ehre, Hochachtung, Demut, Lob, Preis, Dank, Liebe und Anbetung gebührt von uns aus nur Gott allein; wir gegenseitig aber sind lauter Brüder und sollen uns darum gegenseitig nicht mehr und nicht weniger lieben, als ein jeder sich selbst liebt. Denn darinnen liegt der alles ordnende und alles ausgleichende Waagebalken, daß wir uns gegenseitig gerade also verhalten und begegnen, wie sich ein jeder zu sich verhält und sich selbst begegnet. [HGt.02_201,12] Wo immer von dieser geraden Linie abgewichen wird, da auch wird die göttliche ewige Ordnung gebogen und gar leichtlich gebrochen, indem der Mensch dem Menschen bieten wird, was er nur Gott allein schuldig ist. [HGt.02_201,13] Wo aber solches geschehen wird, da auch wird der Same gelegt werden, aus dem alles Unheil über die ganze Erde erwachsen wird. [HGt.02_201,14] Denn wahrlich, sage ich euch, keine Sünde, wie diese, wird schon auf der Erde also blutig, wie es unter eurer Herrschaft schon gar oft der Fall war, gezüchtigt werden! [HGt.02_201,15] Daher, liebe Brüder, wollen wir auch ein ganz anderes Königtum einführen! In diesem Königtume wird der König sein ein Leiter und Lehrer der Brüder, aber durchaus kein Herr und Gebieter. [HGt.02_201,16] Ein solcher König wird sein nach der Ordnung Gottes und wird keiner weltlichen Macht bedürfen, sondern die Macht und Kraft der göttlichen Liebe, Weisheit und Ordnung wird in seinem Geiste wohnen, und aus dem Geiste heraus wird er leicht und hinreichend mächtig seine Brüder zu allem Guten und Wahren zu leiten imstande sein. [HGt.02_201,17] Solches also beachtet wohl, und fallet daher nicht vor uns, wie auch vor niemand anderem eures- und unseresgleichen nieder, so werdet ihr ein Segen dem Volke sein; lasset aber auch niemanden vor euch sich beugen, so werdet ihr die Völker segnen! [HGt.02_201,18] Und nun begeben wir uns in den Speisesaal; denn das Mahl ist schon völlig bereitet. [HGt.02_201,19] Denket aber nicht an die Versuchung, sondern seid heiteren Mutes; denn der Sieger soll sich des Sieges freuen, aber nicht traurig sein über denselben! [HGt.02_201,20] Und so denn lasset uns gehen! Amen.“ 202. Kapitel — Das Mahl im Speisesaal. Thubalkains Brautwahl und Hochzeit[HGt.02_202,01] Und alle begaben sich darauf in den Speisesaal. Als sie da anlangten, fanden sie alles auf das festlichste geschmückt. Neun runde Tische, mit schönem Flechtwerke geziert, waren wohl besetzt mit zierlichen, gut gefüllten Speisekörben. [HGt.02_202,02] In der Mitte der neun Rundtische aber befanden sich noch zwei Tische von einer etwas länglichen Form; auf diesen war das wohlgebratene Fleischwerk gestellt nach zierlich guter, alldort üblicher Art. [HGt.02_202,03] Und die Gäste setzten sich zu den Tischen, dankten und lobten Gott und aßen und tranken wohlgemut. Als sie nach Bedarf von den Früchten genossen hatten, da erhob sich der Kisehel, wandte sich an den Thubalkain und sagte: [HGt.02_202,04] „Nun, Bruder Thubalkain, ist die bedungene Reihe an dir, zu wählen dir aus diesen wohlgestalteten und zierlichst geschmückten Mägden und Weibern eine Braut und Gattin zu deiner Zufriedenheit, vorausgesetzt, daß du deine Sinnesart nicht anders gewendet hast! [HGt.02_202,05] Denn siehe, das Braut- und Hochzeitsmahl ist bestellt: ein Lamm für deinen Vater Lamech, und ein Kalb für dich und deine Braut!“ [HGt.02_202,06] Diese Anrede gefiel dem Thubalkain gar wohl, und er sprach daher: „Nun sehe ich erst ganz vollkommen, daß da die Versuchung ein vollkommen leerer Trug war; den die Naëme, die wahre Naëme, lebt sicher ein besseres Leben als ein solches, das da wäre ein allerschroffster Gegensatz zu Gott, auf den sie heimlich doch hier schon so viel gehalten hat! [HGt.02_202,07] Ja, – wäre sie ein solcher Gegensatz zu Gott, so hätte ihr Fuß sicher niemals die Höhe, die Wohnung der Kinder Gottes, erreicht, und es hätte sie auch kein Hored angerührt! Solches alles aber ist geschehen, wie wäre es da wohl möglich, daß unser voriges Trugbild die fromme Naëme sein sollte?! [HGt.02_202,08] Also bin ich nun völlig heiter und voll Freude und will daher ohne weiteres Bedenken deinem Rate folgen! [HGt.02_202,09] Denn nun sehe ich, daß ihr keine Verräter an uns seid, sondern wahrhaftige Freunde und mächtige Gesandte Gottes! Also will ich um euretwillen auch allzeit Gott loben und preisen, darum Er also gnädig und barmherzig ist; und so denn geschehe euer Wille aus Gott zu meinem Frommen!“ [HGt.02_202,10] Hier stand der Thubalkain auf und begab sich hin zu den Mägden, besah sie alle wohl und fand eine darunter, die ihm wohlgefiel, wählte sie und führte sie vor den Kisehel. Als er aber mit ihr sich dem Kisehel nahte, da hielt die Gewählte plötzlich inne und wollte nicht weitergehen. [HGt.02_202,11] Und der Thubalkain fragte sie und sagte: „Da du dich von mir hast erwählen lassen, was ist es nun wohl, daß du dich nicht willst mit mir vollends hin zum Gesandten des allmächtigen Gottes begeben, damit er uns segne?“ [HGt.02_202,12] Und die Gewählte aber erwiderte ihm darauf ganz barsch: „Wozu sollte uns sein Segen wohl dienlich sein?! Haben nicht viele tausend Weiber von allen Zeiten her empfangen und geboren ohne solch einen Segen?! Warum sollen denn nun gerade wir eine Ausnahme machen?! [HGt.02_202,13] Willst du dich aber zu einem ewigen Sklaven Jehovas segnen lassen, so tue das allein; ich aber werde frei verbleiben und dir zeigen, daß ich auch ohne einen solch dummen Segen Kinder gebären kann!“ [HGt.02_202,14] Hier erstaunte der Thubalkain vor solch einer Frechheit, ließ die Gewählte stehen und begab sich allein hin zum Kisehel. Dieser aber wußte wohl, was ihm der Thubalkain vorbringen werde, und sagte darum sogleich zu ihm: [HGt.02_202,15] „Bruder Thubalkain, siehe, du hast eine arge Wahl gemacht – solches weiß ich aus dem Grunde –; ich sage dir aber: Wähle du mit Gott, da wirst du auf keine solche mehr kommen, die da gar lange schon über die Zahl der Gerechten steht! [HGt.02_202,16] Siehe, mit dieser deiner Gewählten verhält es sich wie mit der früheren Trug-Naëme! Daher gehe hin, spucke ihr ins Angesicht, und wähle dir sogleich eine andere!“ – Und der Thubalkain tat alsbald solches. [HGt.02_202,17] Die arge Gewählte verschwand alsbald, und eine Neugewählte folgte, Gott lobend und preisend, alsogleich dem Thubalkain hin zum Kisehel. [HGt.02_202,18] Dieser segnete sie im Namen Jehovas, und der Thubalkain ward heiteren Mutes, lobte und pries mit seinem neuen schönen Weibe Gott und lud endlich alle, teilzunehmen an seinem Hochzeitsmahle. [HGt.02_202,19] Und alle begaben sich zu den zwei Brauttischen, segneten dieselben und aßen und tranken mit dem neuen Paare. [HGt.02_202,20] Also ward dem Thubalkain der bedungene Lohn wohlgesegnet gegeben. 203. Kapitel — Der Tumult in der Stadt. Kisehels energische Rede an den furchtsamen Lamech und die geängstigten Hochzeitsgäste[HGt.02_203,01] Als sie aber noch alle also fröhlich untereinander sich unterhielten über die Führungen Gottes und die Boten so manches erzählten, was höchst Liebewunderbares sich auf den Höhen zugetragen hatte, und wie der Herr unter ihnen gewandelt ist und hat sie belehrt über das ewige Leben des Geistes, und wie die Liebe im Herzen des Menschen zu Gott an und für sich eigentlichst das ewige Leben einzig und allein ausmacht, siehe, da entstand auf einmal in den Gassen der großen Stadt Hanoch ein gewaltiger Tumult! Gar bald vernahm man Stimmen, und diese lauteten: „Fluch dem Lamech, Fluch allem seinem Anhange! [HGt.02_203,02] Tod und Verderben seinem ganzen Hause; denn er hat sich auf schändliche Weise berücken lassen und hat uns alle verraten an die Gebirgsbestien! [HGt.02_203,03] Darum soll er sterben eher als wir! Schon entstürzen Scharen riesenhafter Streiter von allen Seiten her den Bergen; sie kommen, um uns zu vertilgen! – Ja, ja, um uns alle auszurotten, kommen sie erschrecklich herbei! [HGt.02_203,04] Darum aber sollst du, elender Lamech, auch eher noch unter unseren Händen büßen, dieweil du uns also schändlichst in die Hände der Mörder überantwortet hast! [HGt.02_203,05] Deine Gebirgsleibwache soll dir nun wenig mehr helfen; vernichtet mußt du sein samt deinem Anhange und samt deiner neuen Leibwache!“ [HGt.02_203,06] Auf solch eine löbliche Proklamation ward der Tumult noch stärker, und eine große Menge von Rebellen fing an, in den Palast Lamechs mit Keulen und anderen Waffen zu dringen. Bald vernahm man ein starkes, vielfaches Traben, Schelten und Fluchen und Schlagen über die Treppen des Palastes; näher und näher drang solcher todbringende Tumult und Lärm. [HGt.02_203,07] Der Lamech und der Thubalkain erschraken darüber so sehr, daß sie darob beinahe aller Besinnung ledig wurden; auch die Weiber und Mägde samt dem neuen Weibe Thubalkains erschraken so allgewaltigst darüber, daß sie darob schrien und bebten. [HGt.02_203,08] Der Kisehel aber sagte darauf mit starker Stimme zum Lamech: „Bruder Lamech, was ist dir, darum du also dastehst und zagst wie einer, dem das Messer schon an die Kehle gelegt wäre? [HGt.02_203,09] O du törichter Mensch! Hast du denn nicht erfahren, wieviel dir alle deine Macht, gegen mich gehalten, genützt hat?! Mußten nicht Hunderte vor unseren Blicken wie erstarrt ihre Waffen von sich werfen, mußten sich fügen unseren Worten?! [HGt.02_203,10] So du die göttliche Kraft an uns also erfahren hast, wie magst du dich denn nun gar so entsetzen vor diesem Tumulte?! [HGt.02_203,11] Daher ermanne dich, und sei heiteren Mutes! Laß die Rebellen erst heranrücken, und wenn sie dich samt uns werden im Ernste überwältigt haben, dann erst entsetze dich! Solange aber solches mitnichten der Fall ist, so lange auch sei ruhig, und vertraue auf Gott lebendig; denn Seine Macht ist größer denn die Macht aller blinden Rebellen der Erde! – Also ermannet ihr euch alle! Amen.“ [HGt.02_203,12] Nach dieser Rede fing der Lamech samt den übrigen wieder an, freier um sich zu blicken, und sagte endlich: [HGt.02_203,13] „O Freunde! Zürnet mir nicht, darum ich mich in eurer Gegenwart also entsetzen mochte; es hat aber ja solch ein plötzlich entstandener Lärm schon an und für sich etwas Erschreckliches – und sicher Erschrecklicheres noch, so er begleitet ist mit solchen Drohungen! Darum ist es uns schwachen Kindern der Tiefe ja auch gar wohl zu verzeihen, so wir von einer großen Angst befallen werden bei einer solchen Gelegenheit; doch nun soll den Lamech nichts mehr erschrecken, – nicht einmal der Tod selbst! [HGt.02_203,14] Denn von nun an will ich mein ganzes noch übriges Leben hindurch ein Kämpfer gegen ihn sein, und will allzeit kämpfen für die Verherrlichung des göttlichen Namens!“ [HGt.02_203,15] Und der Kisehel erwiderte ihm: „Bruder, also erst gefällst du mir ganz; denn also bist du ein vollkommener Bruder zu mir! Siehe aber, die Rebellen kommen; mache dich daher auf, und ziehe allein gegen sie, und du sollst ihnen allen ein gewaltiger Sieger sein! [HGt.02_203,16] Denn sie sollen nun vor dir wie Staub und Spreu auseinanderfliehen; und so denn erhebe dich! Amen.“ 204. Kapitel — Der Kampf mit den Rebellen[HGt.02_204,01] Es hatte aber der Kisehel kaum noch den Lamech darauf aufmerksam gemacht, daß er merken solle auf die Rebellen, wann sie zur Tür hereinbrechen würden, so waren sie auch schon da, in aller Wut entbrannt. [HGt.02_204,02] Als der Lamech solche grimmsprühenden Gesichter sah und ihr furchtbares Geheul vernahm, da entsetzte er sich abermals also heftig, daß er darob nahezu bewußtlos auf den Boden dahinfiel und kaum noch während seines Hinstürzens ausrief: „Wehe mir! Ich bin verloren!“ [HGt.02_204,03] Nur der Thubalkain blieb diesmal standhaft, stellte sich der eindringenden Masse standhaft entgegen und schob sie kräftig zu mehreren Malen zurück. [HGt.02_204,04] Da sich aber die Masse durchaus nicht besiegen ließ, so fragte sie der Thubalkain ganz donnerernstlich und sagte: „Was wollet ihr denn haben von uns? Warum dringet ihr also auf uns ein?“ [HGt.02_204,05] Die Masse aber schrie: „Nichts – als euch und euer verfluchtes, schändliches Leben!“ [HGt.02_204,06] Nach solcher Äußerung erhob der Thubalkain seine Hände, wie sein Herz, empor zu Gott und sprach: „O du allmächtiger, gerechter, heiliger Gott, Vater und Schöpfer aller Dinge! Verleihe mir jetzt die rechte Kraft und Stärke, auf daß ich dadurch vermöchte, diese Ruhestörer wieder zur gerechten Ordnung zurückzutreiben!“ [HGt.02_204,07] Nach solchem gewaltigen Ausrufe trat alsbald der Kisehel an die Seite des Thubalkain und sprach zu ihm: „Thubalkain, mein Bruder! Höre, der liebevollste, heilige Vater hat wohl vernommen dein Flehen und hat erhört deine Bitte! Darum sei voll Trostes und Mutes; denn bald wirst du die Kraft Gottes in uns und in dir erfahren! [HGt.02_204,08] Nun aber ziehe aus gegen die argen Meuterer, und schlage sie mit deinem Worte aufs Haupt! Amen.“ [HGt.02_204,09] Der Thubalkain aber hatte gar wohl gemerkt, wie die Kraft aus Gott über ihn ist gekommen; und so denn richtete er sich auf und sprach mit starker Stimme zu den Rebellen: [HGt.02_204,10] „Höret, ihr Meuterer an den heiligen Rechten Gottes! Gegen wen habt ihr euch entboten zu kämpfen? – Gegen Gott ist euer böses Herz gerichtet; gegen Ihn seid ihr mit Keulen, Spießen und Knitteln ausgezogen! [HGt.02_204,11] O ihr armseligsten Kämpfer! Habt ihr je schon erfahren die Macht des allerhöchsten, allmächtigen Gottes? [HGt.02_204,12] Ihr schreiet: ,Nein, was haben wir mit der zu tun?! Wir wollen nur euch und euer Leben!‘ Ich aber sage euch: Jetzt habet ihr es mit der Kraft und Macht Gottes zu tun; darum bedenket euch wohl, bevor ihr vollends eure Mordwerkzeuge gegen und über uns erhebet! [HGt.02_204,13] Denn wahrlich, wahrlich, sage ich euch allen im Namen des allmächtigen Gottes, so ihr nicht alsbald euch umkehret, da wird es euch ergehen wie jemandem, der da gefallen wäre in den Trichter eines wütendst stark brennenden Berges; zu Staub und Asche soll der werden, der als erster wagen wird, seine Keule gegen uns zu erheben! [HGt.02_204,14] Nun wisset ihr, gegen wen ihr zum Kampfe ausgezogen seid, und was für ein Los euer harrt! Tuet nun, was ihr wollet, – ihr habt den freien Willen; nach der Tat aber wird auch genau euer Kampfpreis bemessen sein!“ [HGt.02_204,15] Nach diesen Worten fingen die Rebellen erst recht an, zu toben und zu fluchen, so daß solcher Lärm den Lamech wieder erweckte. [HGt.02_204,16] Als er aber wieder zu sich kam, da erst ergrimmte er über die Rebellen und schrie laut: „Mächtige Brüder und Freunde! Vernichtet sie, diese Wüteriche gegen Gott!“ [HGt.02_204,17] Der Kisehel aber sagte ganz gelassen darauf zum Lamech: „Bruder, ereifere dich nicht vergeblich; denn Gott ist nicht wie ein Mensch, daß Er möchte alsbald vernichten Seine Werke, – sondern das ewige Gesetz Seiner ewigen Ordnung lautet und heißt: ewige Erhaltung aller geschaffenen Dinge! [HGt.02_204,18] Diese aber haben nun vom Thubalkain ein Gesetz empfangen, und solches wurde geheiligt von oben. Wer von ihnen dem zuwiderhandeln wird, der wird auch alsbald sein Gericht finden; daher magst du ja ruhig sein! Amen.“ [HGt.02_204,19] Ein Meuterer aber schwang alsbald seine Keule über den Kisehel; aber im Augenblicke ergriff ihn ein Feuer und verzehrte ihn im Angesichte aller zu Asche. Dieses machte alsbald alle die anderen stutzen, und einer um den andern fing an, sich ganz bescheiden zurückzuziehen. [HGt.02_204,20] Einige fluchten noch; andere aber ermahnten sie zur Reue. Und so hatte dieser Aufstand bald ein Ende, und Ruhe trat wieder an seine Stelle. 205. Kapitel — Lamechs und Thubalkains Dank für die Kraft Gottes im Menschen. Kisehels Rede über die Versuchungen des Menschen.[HGt.02_205,01] Nachdem sich somit der Tumult gelegt hatte und Ruhe und Ordnung an seine Stelle trat, da fielen der Lamech und der Thubalkain auf den Boden nieder und lobten und priesen Gott, darum Er solche Kraft allgnädigst dem Menschen verliehen hat, und baten Ihn, daß Er mit solch Seiner heiligen Kraft sie nimmerdar verlassen möchte, sondern stets bei ihnen verbleiben durch ihr ganzes Leben lang, und möchte mit solcher Gnade ja auch ihre Nachkommen segnen und sie gnädigst fort und fort erhalten in derselben. [HGt.02_205,02] Nach diesem Lobe, Danke und nach solcher Bitte begab sich der Kisehel hin zu den beiden noch am Boden Liegenden, richtete sie auf, und sagte dann zu ihnen: [HGt.02_205,03] „Freunde, Brüder! Der heilige, liebevollste Vater hat eine rechte Freude an euch, dessen könnet ihr völlig versichert sein; denn ihr habet nun drei starke Proben eurer angetretenen Treue gegeben. [HGt.02_205,04] Doch, glaubet es uns, solange wir Menschen dieses sterbliche Fleisch umhertragen, so lange auch tragen wir unsere sich stets erneuernden Versuchungen umher und sind darum nicht sicher also, daß wir sagen könnten: Nun hat es ein Ende mit den Versuchungen! [HGt.02_205,05] Ja, je mehr wir uns der Vollendung nähern, desto mehr werden wir auch stets gewahr, daß unser Fleisch, die Welt und der Ehrgeiz unseres fleischlichen Herzens dem lebendig wach werden wollenden Geiste stets neue Steine unter die Füße legen, damit er nur wieder fallen möchte zurück in seinen ursprünglichen Todesschlaf! [HGt.02_205,06] Allein, sollen wir darum etwa ängstlich und kleinmütig werden? [HGt.02_205,07] O mitnichten, meine lieben Freunde und Brüder! Denn eben darinnen liegt ja die große erbarmende Liebe des heiligen, überguten Vaters in den Himmeln; denn durch solche Prüfungen werden wir ja fürs erste geweckt in unserem Geiste und sodann wach erhalten bis zur gerechten Zeit, in welcher dem Geiste ein neuer, ewiger Tag werden wird, an dem er von keinem Schlafe und somit auch von keiner Versuchung mehr belastet wird! [HGt.02_205,08] Dieser glückliche Zustand wird einst nach dem Abfalle des Leibes sicher erfolgen, kann aber auch schon beim Leibesleben des Menschen gerechter Anteil werden, der da sich in allem den göttlichen Willen zur ausschließend alleinigen Richtschnur genommen hat. [HGt.02_205,09] Wie aber kann solches geschehen? – Auf die leichteste Art von der Welt! Man achte nur alle Welt für nichts, Gott aber allein über alles; man liebe nichts, was nur immer der Welt ist, sondern Gott allein über alles, und erfasse aus dieser heiligen Liebe heraus alle seine Nebenmenschen als Brüder und Schwestern, – und die ganze, schwer scheinende Lebensaufgabe ist völlig gelöst! [HGt.02_205,10] Wenn da aber jemand dagegen einwenden möchte und sagen: ,Ja, solches ist leichter gesagt – als vollends gerecht getan!‘, dem sage ich nichts als das: Freund, was hast du denn soviel Gutes an der Welt, darum du sie also achtest und liebst, und scheust, sie zu treten mit deinen unsterblich werden sollenden Füßen? [HGt.02_205,11] Siehe, nichts als eine kümmerliche Stopfung deines Magens und Bauches, eine elende Decke über deine Haut, einen fluchbeladenen Dienst von Seite deiner Brüder und Schwestern – und endlich nach kurz abgelaufener Zeit den zeitlichen und ewigen qualvollsten Tod! [HGt.02_205,12] Siehe, das also sind alle die Vorteile, welche uns die nichtige Welt bietet! [HGt.02_205,13] Saget mir, sind sie wohl wert, daß ein Mensch auch nur ihrer gedenkt?! [HGt.02_205,14] Wer sie, die Welt nämlich, also nur einmal recht ins Auge faßt, wie leicht ist es ihm dann alsbald umzukehren, aller Welt den Rücken zuzuwenden und zu folgen munteren und überfröhlichen Herzens dem heiligen Rufe des ewigen, heiligen, liebevollsten Vaters in und aus den Himmeln des ewigen, allerseligsten Lebens! [HGt.02_205,15] So du hättest einen Traum, in dem du so recht von allen Seiten förmlich als ein Gott geachtet warst, und hast gegessen die süßesten Leckerbissen, und hattest dann die schönsten und reizendsten Beischläferinnen; so du aber wach geworden bist, möchtest du dann seufzen nach dem Traume?! [HGt.02_205,16] Ein Narr wohl täte das; ein Weiser aber weiß es, daß es nur ein eitler Traum war, und wird daher nicht seufzen. [HGt.02_205,17] Also ist es aber ja auch mit der Welt; sie ist nichts als ein eitel leerer Traum, der alsbald vergeht, sobald der Geist erwacht ist im neuen Tage! Daher haltet nicht mehr an der Welt, die nichts ist, so werdet ihr auch alle ihre Versuchungen ebensoleicht besiegen, wie das Erwachen am Tage leicht besiegt alle eitlen Träumereien der Nacht! [HGt.02_205,18] Solches achtet, und tuet danach, so wird das ewige Leben euer Anteil sein; nun aber seid wieder fröhlich und heiter! Amen.“ 206. Kapitel — Lamechs Zweifelsgedanken über das Wesen der Begierde und Versuchung. Kisehels Erklärung der menschlichen Willensfreiheit an einem Beispiel[HGt.02_206,01] Nachdem ward wieder alles heiter und voll Munterkeit; nur der Lamech konnte sich noch nicht so recht fassen und schien voll Gedanken zu sein. [HGt.02_206,02] Da aber der Kisehel solches gar wohl merkte, so nahte er sich dem Lamech und fragte ihn: „Bruder Lamech, was alles verarbeitest denn du noch in dir? Sage es mir geradeheraus, was es ist, das dich noch also beschäftigt! Scheue dich nicht; denn nun sind wir ja Brüder und müssen sein eines Sinnes! Darum sage mir nur ganz unverhohlen, was deine Seele noch also gewaltig geschäftig macht, nach deinem Willen! Amen.“ [HGt.02_206,03] Und der Lamech, eine kurze Zeit nachsinnend und seine Gedanken ordnend, sagte endlich: „Mächtiger Freund und Bruder! Siehe, du hast nicht unrecht, da du mich also fragst; denn gar starke Zweifelgedanken treiben sich in meiner Seele umher, und ich weiß es im Ernste nicht, was ich da aus denselben machen soll! [HGt.02_206,04] Du wirst mir darüber sicher die beste Auskunft zu geben imstande sein! [HGt.02_206,05] Und da du mich schon darum gefragt hast, so will ich denn auch alsogleich dir meinen Hauptkummer nun kundgeben, – und so vernimm es; denn also lautet das Wesen meiner Gedanken: [HGt.02_206,06] Siehe, ich kann mir alle die steten Versuchungen nicht wohl zusammenreimen und habe dagegen folgende Gedanken: Ich habe mein Leben hindurch viel Überarges getan; warum aber habe ich es denn getan? [HGt.02_206,07] Weil ich nicht anders habe handeln können; mein Gemüt, meine ganze Natur war ja also beschaffen, daß ich also ja habe handeln müssen! [HGt.02_206,08] Denn zu jeder Handlung ergriff mich eine heftige Begierde, welcher ich so wenig zu widerstreben vermochte als einem heftigsten Sturme der Elemente! [HGt.02_206,09] Wer aber hat in mir solche arge Begierde erschaffen, wer die zügellose in meine Brust geschoben? Habe ich solches getan? Oder konnte ich wohl solches tun? Da ich doch nicht einmal im allergeringsten weiß, was da die Begierde ist für ein Ding in mir, und woher sie kommt! [HGt.02_206,10] Zufolge solcher Begierde verrichte ich alle meine Taten; kann ich aber dafür, daß ich sie verrichtet habe? Ward ich nicht getrieben aufs heftigste von solch meiner Begierde dazu?! In dieser Begierde liegt aber ja alle Versuchung! [HGt.02_206,11] Wenn aber der Mensch durch solch eine unbesiegbare Kraft in sich selbst versucht wird und mit seiner eigenen Schwäche nicht einer Versuchung Meister werden kann, – sage mir demnach, wer dann der eigentliche Schuldträger ist, wenn der Mensch der mächtigen Versuchung unterliegt! [HGt.02_206,12] Und so der Mensch aber unmöglicherweise solche Kraft hat, daß er der Versuchung widerstehen möchte, wofür ist dann die Versuchung? Was ist ihr Endzweck? [HGt.02_206,13] Siehe, mächtiger Freund und Bruder, das sind meine Gedanken! Gib mir darüber nur einen kurzen Aufschluß, und ich will mein ganzes Leben lang nicht mit einem Gedanken mehr diesen Zweifelpunkt würdigen!“ [HGt.02_206,14] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf folgendes: „Bruder Lamech, Leichteres gibt es wohl nicht leichtlich für den Geist zu begreifen – denn gerade dieses! [HGt.02_206,15] Siehe, ich setze den Fall, es wäre auch dir möglich, einen willensfreien Menschen zu erschaffen! So du es wolltest, da wäre er auch schon da; du hättest ihn ausgerüstet mit allerlei Talenten und Fähigkeiten und möchtest dann zu ihm sagen: [HGt.02_206,16] ,Nun, du mein aus meiner Kraft erschaffener Mensch, ich sage dir, du bist frei und kannst tun, was du willst!‘ Wird jetzt dieser von dir erschaffene Mensch im Ernste schon frei sein? – O nein; denn er weiß ja noch nicht, was die Freiheit ist! [HGt.02_206,17] Er wird auch gar nicht zu handeln anfangen zufolge der Talente und Fähigkeiten in ihm, sondern wird dastehen wie ein mit Wasser angefülltes Gefäß, voll – wenn auch des allerreinsten Wassers. Was wirst du wohl tun müssen, um ihn freitätig zu machen? – Du wirst ja doch auch müssen ihm eine Handlungsbegierde einhauchen. [HGt.02_206,18] Wenn er nun solche in sich haben wird, so wird er zwar alles also ergreifen, wie ihn die Begierde ziehen wird; wird aber solch ein Handeln auch ein freies und geordnetes sein? – Du sagst: ,Mitnichten!‘ [HGt.02_206,19] Nun gut; damit aber sein Handeln ein freies und geordnetes werde, wird es da nicht nötig sein, ihm durch Gesetze anzuzeigen, was er tun oder nicht tun soll?! [HGt.02_206,20] Wenn du aber die Gesetze streng in ihn legen wirst, so wird er handeln wie ein Tier. [HGt.02_206,21] Wirst du sie zu laß legen, das heißt ohne Sanktion, so werden sie ihn nicht anfechten. [HGt.02_206,22] Also wirst du sie müssen sanktionieren, und der Mensch wird dann erst anfangen, das Rechte vom Falschen, oder das Ordentliche vom Unordentlichen zu unterscheiden. [HGt.02_206,23] Damit er aber dann tätig werde und ein freier Geist, so werden von deiner Seite ihm doch auch müssen solche Gelegenheiten bereitet werden, in denen er seine freie Tatkraft wird versuchen können; und siehe, diese Gelegenheiten sind aber nichts anderes als die von dir so scharf bedachten Versuchungen! [HGt.02_206,24] Und so muß uns ja Gott auch solche Versuchungen zukommen lassen, sonst würden wir ja gleich sein entweder den Steinen, oder den Bäumen, oder den Tieren! [HGt.02_206,25] Gott aber will, daß wir freie Menschen sein sollen; also muß Er uns ja dann auch stets Gelegenheiten bereiten, durch welche wir wahrhaft frei werden können! [HGt.02_206,26] Die Versuchungen aus der Welt und unseren Begierden aber sind ja solche Gelegenheiten! Daher sei nur ruhig, und betrübe dich fürder nicht mehr; in deinem Geiste aber wirst du erst dieses Rätsel völlig gelöst finden! [HGt.02_206,27] Und so sei fröhlich mit uns allen! Amen.“ 207. Kapitel — Lamechs Traurigkeit darob, daß der Mensch Gott nichts Verdienstliches tun kann. Kisehels Hinweis auf die Demut als Anfang der reinen Liebe[HGt.02_207,01] Nach dieser Rede Kisehels war der Lamech zwar wohl um vieles heiterer, aber dennoch also wie jemand, der da den besten Willen hat, recht fröhlich zu sein, kann aber dabei dennoch nicht verbergen, daß er einen sehr engen Schuh am Fuße hat, der ihn fortwährend drückt. [HGt.02_207,02] Solchen Zustand merkte wieder alsbald der Kisehel, nahte sich dem Lamech und sagte dann zu ihm: „Höre, Bruder Lamech, ich muß es dir sagen, daß du noch durchaus nicht frei bist in deiner Seele! [HGt.02_207,03] Heimlich verarbeitest du noch so manches und magst damit zu keinem Ende gelangen; sage mir, wo es dich noch drückt, und ich will dir ja überall gerne Licht verschaffen und mit der Gnade des Herrn helfen aus jeglicher Not!“ [HGt.02_207,04] Und der Lamech wandte sich gar freundlich zum Kisehel und sprach: „Mächtiger Freund und Bruder, ich lobe und preise nun Den, der da ewig lebt, dessen Gewalt kein Ende hat, und dessen Reich und allmächtige Herrschaft unendlich ist und währt ewiglich für und für! [HGt.02_207,05] Ja, ich, Lamech, ehre, lobe und preise nun Den, gegen welchen alle, die da auf der Erde wohnen und mächtig sind, als pur nichts zu rechnen sind! [HGt.02_207,06] Denn Er macht es, wie Er will, sowohl mit den Kräften im Himmel, als auch mit denen auf der Erde, und niemand kann Ihm wehren und niemand Ihn fragen und sagen zu Ihm: ,Was machst Du, Allmächtiger?‘ [HGt.02_207,07] Denn Er ist ein alleiniger Herr und kann tun, was Er will. Wen Er will züchtigen, den züchtigt Er; wen Er demütigen will, den demütigt Er; wen Er versuchen will, den versucht Er. [HGt.02_207,08] Wem Er die Sünde vergeben will, dem vergibt Er sie ohne Vorhalt; so Er jemanden töten will, so tötet Er ihn, wann Er will, und braucht nicht zu ihm zu sagen: ,Morgen will ich dich töten!‘, sondern wann Er will; und niemand kann Ihn zur Rechnung ziehen und niemand Ihn richten, – denn Er ist erhaben über alle Himmel und über alle Menschen der Erde! [HGt.02_207,09] Siehe, Bruder, solches alles weiß ich nun! Aber es ist mir mit allem dem dennoch nicht viel geholfen; denn ich kann nun denken, wie ich nur kann und mag, so kommt am Ende dennoch nichts anderes heraus als: Gott allein ist alles in allem; wir alle zusammengenommen aber sind eitel nichts gegen Ihn! [HGt.02_207,10] Das einzige, daß wir Ihn nämlich lieben, ehren, loben und preisen können und dürfen, ist etwas im Anbetrachte unter uns nur; aber im Anbetrachte Seiner allmächtigen, unendlichen und ewig göttlichen Wesenheit ist es eben auch nichts! Denn so wir, alle Menschen und Tiere der Erde und alle Kräfte der Himmel, gegen Ihn nichts sind, was sollte Ihm demnach unsere Liebe, unser Lob, unsere Ihm gegebene Ehre und all unser Preisen sein?! [HGt.02_207,11] Also können wir Ihn im eigentlichen Sinne auch gar nicht lieben, nicht loben, nicht ehren und nicht preisen, – sondern da wir solches tun, so tun wir es nur im Anbetrachte unserer eigenen Wohlfahrt! Denn wer mag Gott erhöhen, da Er von Ewigkeit der Allerhöchste ist?! [HGt.02_207,12] Wer kann Gott durch sein Lob verherrlichen, Ihn, vor dem Himmel und Erde nichts sind?! Wer kann Ihn lieben, Ihn, die unendliche Macht, Kraft und Gewalt?! Wer Ihm ein gerechtes Opfer darbringen, Ihm, dem alles ist ein urewiges Eigentum! [HGt.02_207,13] Also tun wir solches alles ja nur rein unsertwegen und können im eigentlichen Sinne wegen Gott ja doch unmöglich etwas tun! [HGt.02_207,14] Und doch möchte ich solches alles nur wegen Gott tun – und nicht auf diese Art notgedrungen nur wegen meiner Wohlfahrt! [HGt.02_207,15] Wie aber ist solches möglich, von diesem wahren Standpunkte aus betrachtet? [HGt.02_207,16] Ich sehe nun gar wohl, daß alle die Versuchungen allein von der großen Gnade Gottes abhängen und wir dafür Ihm nur ewig danken können, darum Er unser also gedenkt, Er, der unendliche, ewige Gott! [HGt.02_207,17] Daß wir Ihm aber dagegen gar nichts tun können, siehe, das bedrückt nun meine Seele, macht traurig mein Herz! [HGt.02_207,18] O Bruder, solches kannst du also nicht in der Tiefe und Fülle empfinden wie ich, der große Schuldner! Warst du auch ein Schuldner, so warst du es aber dennoch nicht in dem Umfange, wie ich es war, – und so kannst du auch, wie gesagt, das nicht so sehr empfinden wie ich, was das heißt, ein Schuldner sein und für die Schuld keinen Ersatz bieten zu können! [HGt.02_207,19] Nun weißt du alles, was mich drückt; rate mir daher, so du es kannst, oder so es dir möglich ist!“ [HGt.02_207,20] Solche Rede machte den Kisehel stutzen, und er wußte im Ernste sich anfangs nicht alsogleich zu fassen; als aber zu dem Behufe wieder Mein Geist über ihn kam, da vertröstete er den Lamech alsbald mit folgenden Worten: [HGt.02_207,21] „O Bruder Lamech, was du nun empfindest, das empfanden wir alle lange schon und empfinden es jetzt um so lebendiger, da du es mit uns empfindest; aber dabei wissen wir aber solches auch aus des Herrn eigenem heiligen Munde, daß Ihm eben gerade der Dank von unserer Seite am angenehmsten ist, so wir unsere vollste Nichtigkeit gegen Ihn begreifen! [HGt.02_207,22] Wenn du keine Worte mehr findest in dir, Ihm zu danken, und kein völlig würdiges Opfer für Ihn, so bist du ein rechter Danker, Preiser und Anbeter Gottes, des heiligen Vaters! [HGt.02_207,23] Siehe, das ist die rechte Demut, und diese ist der Same fürs ewige Leben in Gott! [HGt.02_207,24] Sie ist der Anfang der reinen Liebe, – diese aber das ewige Leben selbst! [HGt.02_207,25] Darum sei nun überfroh und heiter; denn gerade in dem hast du eben jetzt den ewigen Geist des wahren, ewigen Lebens überkommen! [HGt.02_207,26] O Lamech! Bruder! Meine Freude über dich ist groß geworden! [HGt.02_207,27] Bleibe also, so wirst du leben ewig, ewig, ewig! Amen.“ 208. Kapitel — Lamechs Gelübde und Liebesbund mit dem Herrn. Kisehels Zeugnis über den unsichtbaren Hauptfeind Satan[HGt.02_208,01] Als der Lamech von Kisehel solches vernommen hatte, da ward er überfroh und heiter und sagte darauf zum Kisehel: „Mächtiger Freund und Bruder! Dem allmächtigen, ewigen Gott und Schöpfer aller himmlischen Kräfte, dieser Erde, und alles dessen, was in ihr, auf ihr und über ihr ist, lebt, atmet und denkt, sei ewig alle meine Liebe, Ehre und Anbetung dafür, daß Er also barmherzig ist und also überaus gnädig, daß Er nun durch dich zu mir geredet hat und hat mir gezeigt des Lebens rechten Weg! [HGt.02_208,02] Denn jetzt erst bin ich völlig hergestellt und weiß, wie da die Dinge stehen. [HGt.02_208,03] Darum wird aber von nun an auch der Lamech alle seine Kräfte aufbieten, an allen den noch Lebenden das gutzumachen, was er mit und an ihnen Arges vollzogen hatte. [HGt.02_208,04] Solches alles gelobe ich, Lamech, euch allen jetzt bei dem allerheiligsten, lebendigen Namen des Allerhöchsten!“ [HGt.02_208,05] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Höre, Bruder Lamech, der Herr hat dich nicht aufgefordert, auf daß du Ihm ein Gelübde machen sollst; da du aber somit freiwillig Gott deine Treue gelobt hast, so hast du damit mit Ihm, dem allerheiligsten Vater, einen festen Liebesbund geschlossen! Er hat ihn angenommen; darum auch wird Er dich stärken, aber dabei nicht unterlassen, dich nach dem gerechten Maße zu prüfen, damit du stets eine Menge Gelegenheiten haben sollst, deine Ihm angelobte Treue stets mehr und mehr zu befestigen. [HGt.02_208,06] Bleibe daher deinem Bunde getreu; der Herr wird dir alle Wege vorzeichnen, welche du zu wandeln wirst haben in Seinem allerheiligsten Namen! [HGt.02_208,07] Welche Schwierigkeiten sich dir auch immer entgegenstellen möchten, so sollst du sie aber dennoch nicht ansehen, sondern allzeit handeln nach dem Willen des Herrn, und sei gläubig versichert, der allmächtige, heilige Vater wird dir jedes Unternehmen in Seinem Namen segnen und vollends gelingen machen! [HGt.02_208,08] Siehe, es war keine kleine Aufgabe für uns, dich, lieber Bruder, von deinem Untergange zu retten; allein der Herr war mit uns, und du stehst nun da, uns wohl der herrlichste Lohn für alle unsere Angst, Mühe und Arbeit! Denn wir haben nicht nur mit dir, sondern mit einem bei weitem ärgeren und mächtigeren Feinde zu kämpfen gehabt, als du selbst es warst; und dieser war der große, dir unsichtbare, alte Fürst der Lüge, der Selbstsucht, aller List und alles Truges, der abgesagteste Feind Gottes, der da vom Anbeginne mehr sein wollte als Gott. [HGt.02_208,09] Da ihn aber Gottes Macht gestürzt hat, so ist er voll Grimm und denkt und sinnt nun nach nichts anderem, als wie er nur immer könnte Gott einen Schaden zufügen! [HGt.02_208,10] Dieser große Feind ist nun noch sehr mächtig, und sein Reich ist noch maßlos groß; denn er weiß es gar wohl, wie groß die göttliche Vaterliebe und Geduld ist, sündigt darauf los zu jeder Zeit, darum ihm Gottes Erbarmung noch den freien Willen belassen hat, wie sein Reich. [HGt.02_208,11] Und siehe darum, lieber Bruder, mit diesem Feinde hatten wir zuerst zu tun und mußten zuvor seiner vollends Meister werden, bevor wir uns dir erst haben nahen können, um dich zu retten; also haben wir um dich einen großen und überstarken Kampf zu bestehen gehabt! [HGt.02_208,12] Auf dieselbe Art wirst auch du, lieber Bruder, allzeit einen starken Kampf zu bestehen haben; aber sei allzeit deines heiligen Bundes mit Gott eingedenk, und verbleibe demselben allzeit völlig treu, so wirst du siegen über jede Gefahr und wirst am Ende als ein mächtiger Herold, mit der Siegerkrone angetan, einhergehen in das ewige, unvergängliche, allerseligste, freieste Leben! [HGt.02_208,13] Nun nimm unseren Segen hinzu; des Herrn Liebe, Gnade und Erbarmung sei allzeit mit dir und all deinem Volke! [HGt.02_208,14] Und so denn lasset uns Gott danken, loben und preisen und uns sodann begeben zur stärkenden Ruhe unseres Leibes!“ [HGt.02_208,15] Darauf begaben sich alle in den Thronsaal, lobten und priesen da den allerheiligsten Namen, begaben sich dann zur Ruhe, und die sieben Boten blieben im Vorgemache Lamechs. 209. Kapitel — Der Besuch auf dem Tempelplatz. Der vom Herrn gesegnete Fleiß der Goldarbeiter Thubalkains. Tätigkeit als Mittel zur Erhaltung und Stärkung des Lebens[HGt.02_209,01] Beim Anbruche des nächsten Tages noch viel vor dem Sonnenaufgange begab sich alles in den Thronsaal und gab allda Gott die Ehre. [HGt.02_209,02] Nach beendigter Verehrung und Anbetung des allerheiligsten Namens, welche bis zum völligen Aufgange der Sonne angedauert hatte, begab sich dann alles wieder in den Speisesaal, allda schon ein reichliches Morgenmahl bereitet der Gäste harrte. [HGt.02_209,03] Dieses wurde nach einem rührenden Lobgesange eingenommen. [HGt.02_209,04] Und nach dem dargebrachten Danke für solch ein gutes Morgenmahl sagte der Kisehel: „Nun, liebe Brüder, lasset uns hinausgehen zu unseren Arbeitern und sehen, was alles sie schon zuwege gebracht haben! [HGt.02_209,05] Die Weiber und Mägde aber sollen nach einiger Zeit einige Körbe voll Speisen hinausbringen als gute Stärkung für die kommenden Arbeiter.“ [HGt.02_209,06] Nachdem begaben sie sich alle hinaus. Als sie aber allda anlangten, wie staunten da der Lamech und der Thubalkain, als sie fürs erste nicht nur einen beinahe berggroßen, glänzenden Goldklumpenhaufen entdeckten, sondern auch schon eine Menge Streckhämmer in der größten Tätigkeit erblickten und dazu schon eine ganze große Menge allerschönster, überaus stark glänzender Goldblechtafeln, – und fürs zweite, daß sie von den Pfützen und Morästen weit und breit keine Spur mehr zu entdecken imstande waren! [HGt.02_209,07] Nach solchen Betrachtungen wandte sich der Lamech zum Kisehel und fragte ihn: „O mächtiger Freund und Bruder, – sage mir doch, wie solches möglich war! Denn mit menschlichen Kräften ist solches wohl nicht zu gedenken! [HGt.02_209,08] Ich lasse mir mit der allergenauesten Not das Erz gefallen; aber die Austrocknung der Pfützen, Sümpfe und Moräste, die sich mehrere Stunden weit nach allen Seiten ausbreiten, ist mir rein unbegreiflich! [HGt.02_209,09] Sage mir doch: Wie ging denn solches zu?“ [HGt.02_209,10] Und der Kisehel antwortete dem Lamech und sagte: „Lamech, weißt du wohl, wie es zuging, daß es heute wieder Tag wurde? [HGt.02_209,11] Du sagst, solches sei dir völlig fremd; und doch will solches unendlich viel mehr gesagt haben als da diese Pfützenaustrocknung, – und da mag um das Größere niemand fragen! [HGt.02_209,12] Weißt du denn nicht, daß bei Gott alle Dinge möglich sind?! [HGt.02_209,13] Siehe, auf der Höhe hat der große nächtliche Sturm in der Nacht vor dem Sabbate einen ganzen Kristallberg von großer Herrlichkeit nahezu zu Staub zertrümmert! [HGt.02_209,14] Am Morgen sahen alle stark geprüften Bewohner mit großem Bedauern diese große Höhenpracht wie völlig vernichtet in einem noch dampfenden Schutthaufen; mehrere Trümmer lagen zertrümmert und kleinst zersplittert auf dem weiten Gebirgsboden in krasser Unordnung zerstreut, – [HGt.02_209,15] Und siehe, es kostete den Herrn einen leisesten Gedanken, einen Hauch kaum, ein Wörtlein, und die ganze zerstörte und zerstäubte Grotte, ein der Erde sicher wunderbarst größter, erhabenster und prachtvollster Palast, stand im Augenblicke wieder also da, als wäre sie nie von irgendeinem leisesten Winde auch nur angehaucht worden! [HGt.02_209,16] Siehe nun, lieber Bruder Lamech, wenn dem Herrn eines gar so leicht möglich ist, da wird Ihm wohl auch ein anderes sicher nicht weniger möglich sein! [HGt.02_209,17] Dem, der die Erde erschaffen konnte, wird es wohl nicht eben zu schwer fallen, diese Sümpfe trocken zu machen, so Er es nur will! Solches aber hat Er gewollt, – und siehe, darum ist es also, wie Er es gewollt hat! Bist du nun zufrieden mit dieser Beleuchtung?“ [HGt.02_209,18] Und der Lamech erwiderte: „Freund und Bruder, – ganz vollkommen; aber nur möchte ich dich noch um eines fragen, und dieses eine ist und besteht darinnen, nämlich: [HGt.02_209,19] Wie der allmächtige Gott doch mag Seine Geschöpfe tätig sein lassen in den verschiedenen Dingen – und bedarf genau genommen doch ihres Dienstes nicht im allergeringsten?!“ [HGt.02_209,20] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Solches geschieht alles aus dem endlos weisesten Grunde, damit dadurch alles von Ihm ausgehende Leben so oder so eine genügende und notwendige Übung seiner Kräfte finden soll, ohne welche es aufhören würde, ein Leben zu sein! [HGt.02_209,21] Die Tätigkeit ist die Erhaltung und stete Stärkung des Lebens; darum sind alle Dinge tätig, und der Mensch soll darum überaus tätig sein, weil er am meisten von Gott mit dem Leben beteilt ist. [HGt.02_209,22] Da aber der Mensch vorzugsweise ein geistiges Leben hat, so soll er auch dasselbe vorzugsweise üben in der Liebe zu Gott, damit er es nicht verliere! [HGt.02_209,23] Siehe, darum läßt der allmächtige Gott uns arbeiten! [HGt.02_209,24] Doch siehe, dort kommen schon von allen Seiten her Arbeiter für den Bau des Tempels; daher mache dich nun gefaßt, und teile sogleich jedem seine Arbeit zu! [HGt.02_209,25] Doch vor dem Beginne der Arbeiten sollen sie essen und trinken! [HGt.02_209,26] Und so denn lassen wir das Werk beginnen! Amen.“ 210. Kapitel — Die Ankunft der zum Tempelbau berufenen Arbeiter. Muras, des Baumeisters, Traumgesicht, Belohnung und Ernennung zum Tempelbaumeister durch Lamech[HGt.02_210,01] Als die Arbeiter, bei dreitausend an der Zahl, nun vollends mit den Werbern an der Stelle angelangt waren, allda sich der Lamech mit den sieben Boten aus der Höhe befand, da hieß der Lamech sie alle, daß sie sich niederlassen sollten auf den Boden und allda nehmen Speise und Trank, welches alles in reichlicher Fülle die Weiber und Mägde Lamechs soeben herbeigeschafft hatten. [HGt.02_210,02] Nachdem aber bat er den Kisehel, daß er diesen Gästen möchte segnen die Speise und den Trank; und der Kisehel tat solches. [HGt.02_210,03] Als sich die Arbeiter hinreichend gesättigt hatten und dennoch die Körbe statt leerer nur stets voller wurden, bemerkten etliche solches und konnten sich nicht genug verwundern; denn sie wußten nicht, woher solches kam. [HGt.02_210,04] Aber der Lamech sagte zu ihnen: „Wundert euch des Segens aus der heiligen Höhe? Ja, ihr habt recht, daß ihr euch dessen wundert; aber ihr werdet noch ganz andere Dinge schauen, die euch noch ums unaussprechliche mehr wundernehmen werden als das, was ihr soeben sehet!“ [HGt.02_210,05] Ein vornehmer Mann aber aus der Stadt Farak, der ein Baumeister war, erhob sich, verneigte sich tief vor dem Könige und sagte zu ihm: [HGt.02_210,06] „Mächtiger, glänzender König und Herr! Der allmächtige Gott Faraks und aller unserer Väter verleihe dir ein langes Leben! [HGt.02_210,07] Ich, einer deiner Knechte, möchte dich darum bitten, daß du mich allergnädigst anhören möchtest; siehe, ich habe etwas gar Wichtiges auf meinem Herzen!“ [HGt.02_210,08] Und der Lamech, diesem Manne seine Hand freundlichst reichend, sprach: „O rede, rede, Bruder und Freund, und fürchte nicht mehr den Lamech; denn die Hyäne ist zu einem sanften Lamme geworden! Also rede, was dir am Herzen liegt!“ [HGt.02_210,09] Und der Mann aus Farak verneigte sich abermals tief vor dem Lamech und sagte dann: [HGt.02_210,10] „Großer König und Herr, siehe, ich habe heute nacht einen Traum gehabt, als seien sieben große Männer, mit überstark leuchtenden Kleidern angetan, zu mir gekommen! [HGt.02_210,11] Einer von ihnen aber trat zu mir hin und sagte zu mir: ,Mura! Du bist mein Mann; ziehe hin nach Hanoch, da du ein Baumeister bist, und du sollst dort einen herrlichen Bau aufführen! [HGt.02_210,12] Lamech wird dem Gott Faraks einen Tempel errichten, und du sollst den Bau leiten! [HGt.02_210,13] So du morgen erwachen wirst, wirst du auch schon einen fertigen Plan auf deinem Tische finden; nach diesem Plane sollst du den Tempel erbauen! [HGt.02_210,14] Zeige aber zuvor den Plan dem Könige, und dieser wird ihn alsbald als den rechten erkennen und wird dich dann zum Bauführer erwählen!‘ [HGt.02_210,15] Und ferner sprach er noch zu mir: ,Ich aber, der ich dir solches nun im Traume anzeige, bin samt diesen sechs Brüdern aus der Höhe, und mein Name ist Kisehel, ein Bote des Herrn an die Kinder der Tiefe!‘ [HGt.02_210,16] Siehe, solches ist zu mir geredet worden, und hier ist der wunderbare Plan, den ich, Mura, wahrhaftig wunderbarst heute früh morgens noch viel vor dem Aufgange der Sonne auf meinem Tische gefunden habe! [HGt.02_210,17] O König und Herr, wolle ihn gnädigst beschauen!“ [HGt.02_210,18] Der Lamech, ganz im höchsten Grade fröhlichst erstaunt über diese Erzählung, erkannte alsbald die volle Richtigkeit des Planes und sagte darauf zum Mura: [HGt.02_210,19] „Freund und Bruder! Durch diesen meinen Handdruck ernenne ich dich dazu, wozu dich der mächtige Bote des Herrn berufen hat im Geiste! [HGt.02_210,20] Diese meine königliche Kette, die ich dir jetzt überreiche, soll dich als den von mir bevollmächtigten Baumeister allzeit auszeichnen!“ [HGt.02_210,21] Darauf aber fragte der Lamech den Mura: „Hast du dir auch die Züge des Kisehel gemerkt?“ [HGt.02_210,22] Und der Mura erwiderte: „O König und Herr! Also sehr, daß mir dieselben wohl nie aus meiner Seele entschwinden werden!“ [HGt.02_210,23] Und der Lamech sagte darauf zum Mura: „Freund und Bruder, siehe dort den großen Mann, der soeben mit dem Thubalkain redet! Sieht der ihm nicht ähnlich?“ [HGt.02_210,24] Und der Mura, ganz außer sich vor Freuden, sprach: „O König und Herr, nicht nur ähnlich, sondern – dieser ist es ja selbst leibhaftig! Ja, ja, er ist es, er ist es!“ [HGt.02_210,25] Und der Lamech berief den Kisehel zu sich, und dieser trat alsbald zum Lamech und sagte zu ihm: „Nun, wie gefällt dir der Baumeister Mura aus Farak?“ [HGt.02_210,26] Der Lamech konnte vor zu großen Freuden nicht reden, und der Mura fiel vor dem Kisehel nieder. [HGt.02_210,27] Der Kisehel aber sagte zu beiden: „Erstehet, gebet Gott die Ehre! Du, Lamech, bist ein rechter König nun, und du, Mura, ein rechter Baumeister! [HGt.02_210,28] Daher machet euch ans Werk; des Herrn Segen sei mit euch und dem Werke eurer Hände! Amen.“ 211. Kapitel — Muras Begierde nach Licht. Lamechs Rat zur Geduld. Die Aussteckung des Tempelbauplatzes[HGt.02_211,01] Der Mura aber traute kaum seinen Augen und seinen Ohren; als er sich aber nach der Beheißung Kisehels wieder völlig aufgerichtet hatte, da sagte er zum Lamech: [HGt.02_211,02] „Mein weiser König und Herr, gestatte mir, deinem Knechte, zu reden nur wenige Worte; denn in dieser Sache muß mir Licht werden, oder ich will eher sterben und gar übel umkommen, als verbleiben in dieser Finsternis, in der ich nicht erschauen kann die Möglichkeit und die Art der Begebenheit, die an mir ist so wunderbar geoffenbart worden! [HGt.02_211,03] So dir, o König und Herr, etwas davon bekannt sein sollte, da künde es mir! [HGt.02_211,04] Denn sonst werde ich nicht wohl bestehen in der Führung des Baues, so mein Geist in dieser Finsternis sein Licht vergeblich suchen wird!“ [HGt.02_211,05] Und der Lamech erwiderte dem Mura: „Höre, Freund und Bruder, lobenswert ist dein Eifer! Solches kann ich dir wohl sagen; aber dir die Wege Gottes enthüllen, – siehe, da hast du dich an einen untüchtigen Mann gewendet, denn solches ist mir so gut ein Rätsel, als es dir ist! [HGt.02_211,06] Ich aber will mich fügen in des Herrn Willen! Ist es recht und lebendig gut für mich, so werde ich es zur rechten Zeit erfahren; ist es aber nicht also, da soll es mich auch gar nicht weiter anfechten. [HGt.02_211,07] Solches weiß ich aber nun genau, daß alles, was da geschieht, nach dem Willen des Herrn geschieht; und siehe, das ist einstweilen ja auch genug! [HGt.02_211,08] Mir und dir hat der Herr Seinen Willen wunderbar kundgegeben; so denn erfüllen wir denselben zuerst, und dann wird der Herr mit uns schon weiter verfügen, was da ist Sein allerheiligster Wille! [HGt.02_211,09] Siehe, was wir ansehen, ist nichts als pur Wunder! Die Sonne am Himmel, der Mond und all die Sterne und unsere Erde sind voll der unbegreiflichsten Wunder! Wer begreift sie in ihrer Art? [HGt.02_211,10] Möchtest du wohl deshalb sterben, da du solches nicht begreifst?! [HGt.02_211,11] Siehe, solches ist demnach eitel von dir! Daher laß es, und füge dich nach dem Willen Gottes; alles andere wird schon hinzukommen, so es dem Herrn wird angenehm sein! [HGt.02_211,12] Sollte es Ihm aber nicht angenehm sein, da ist es ja bei weitem besser für uns, daß wir solches nicht erfahren, als daß wir es erfahren sollen gegen den Willen des Herrn! [HGt.02_211,13] Und so denn begeben wir uns lieber auf den Bauplatz, stecken da nach dem Plane alles richtig aus und verteilen sodann die Arbeit an die Arbeiter! – Bist du damit nicht einverstanden?“ [HGt.02_211,14] Und der Mura sagte darauf, ganz zerknirscht von dieser Rede Lamechs: [HGt.02_211,15] „O König und Herr! Gott, der Allmächtige, verleihe dir ein langes Leben; denn jetzt erkenne ich erst vollends, daß du die wahre Weisheit von Gott überkommen hast, – denn du hast zur völligen Ruhe gebracht meine Begierden. [HGt.02_211,16] Darum aber will ich dir auch sein allzeit mein ganzes Leben hindurch ein dienstwilligster Knecht! Gott sei alle Ehre und alles Lob dafür ewig! Amen.“ [HGt.02_211,17] Darauf berief er zu sich seine Unterbauleute und hieß sie ihm und dem lichten Könige folgen auf den Bauplatz, welchen ihnen der König anzeigen werde. [HGt.02_211,18] Und alsbald traten bei dreißig an der Zahl aus der Menge. Es kam aber nun der Lamech in eine kleine Verlegenheit. [HGt.02_211,19] Denn der für den Tempelbau bestimmte Platz war nun mit lauter Erz, Gruben, Arbeitern und Hämmern und Schmelzfeuern angefüllt, und so wußte der Lamech nicht, was er da tun sollte. [HGt.02_211,20] Aus dem Grunde wandte er sich denn wieder an den Kisehel und fragte ihn, was da nun zu machen sein werde. [HGt.02_211,21] Der Kisehel aber sagte darauf zum Lamech: „Höre du, mein lieber Bruder Lamech, an der Stelle der Erde ist gar wenig gelegen, wo der Tempel stehen soll, sondern an deinem Herzen! Hast du in dieser deiner lebendigen Erde dem allerheiligsten Namen, den du verscharrt hast ehedem in den Unrat derselben, einen gerechten Tempel auf der rechten Stelle erbaut, so hast du das rechte Maß schon gelegt. [HGt.02_211,22] Was dann aber betrifft diesen Außenbau, da miß du ihn auf der bequemsten Stelle, und dem Herrn wird es recht sein! [HGt.02_211,23] Daß ich aber zu dir gerechnet habe also redend, als sollest du auf eben der Erdstelle den Tempel erbauen, auf welcher da ausgegraben wurde die Tafel, siehe, da ward nur gemeint dein Herz; im selben aber hast du den Bau schon aufgeführt, und so ist es recht! [HGt.02_211,24] Also magst du nun auf der Erde messen, wo du willst, und es wird auch recht sein, so nur dein inneres Maß richtig ist!“ [HGt.02_211,25] Hier dankte der Lamech dem Kisehel für ein solches Licht und begab sich mit dem überaus erstaunten Mura hinaus auf einen schönsten, freiesten Platz und steckte da mit dem Mura meisterlich den Plan aus. 212. Kapitel — Muras Anweisungen an seine Bauführer zur Errichtung des Tempels. Kisehels Gebot für die Ordnung im Staate und die Aussendung von fünf Boten in die andern Städte[HGt.02_212,01] Als der Plan nun völlig ausgesteckt war, da rief der Baumeister Mura seine dreißig Unterbauleute zusammen und sprach zu ihnen: [HGt.02_212,02] „Sehet hierher in den Plan! Also ist die Einteilung des Grundbaues, und also die des Unterbaues; also die des Überbaues, und also die des Oberbaues! [HGt.02_212,03] Verständiget euch darüber, und verteilet dann die Arbeit danach! [HGt.02_212,04] Ihr fraget mich um die Bausteine? Da sehet hinüber gegen den Berg! Es dürften kaum bei siebentausend Schritte geraden Weges sein, allda werdet ihr der Steine in größter Menge antreffen, die da gut sind für den Grund! [HGt.02_212,05] Gleich daneben befindet sich ein herrlicher Steinbruch; den benützet für den Unterbau! Es ist ein ädriger Graumarmor, welcher aber rauh zu behauen ist in gevierte gleichmäßige Blöcke. [HGt.02_212,06] Für den Über- und Oberbau aber sehet dorthin gegenüber diesen besagten Steinbrüchen! Sehet die weißen Steinwände! Es ist der feinste weiße Marmor; dieser wird genommen für den Über- und Oberbau. [HGt.02_212,07] Dies Gestein aber muß zuvor allerfeinst an der Wandseite sowohl nach innen, wie nach außen beschnitten, dann mit Öl geschliffen und wohl geglättet sein, bevor es soll zum Bau verwendet werden. [HGt.02_212,08] Das Bindungsmittel soll für den Grund- und Unterbau aus dem gewöhnlichen Steinbrei bestehen; zur Bindung des Über- und Oberbaues aber diene der euch wohlbekannte Steinschleim. [HGt.02_212,09] Für die inneren, ehernen Wandklammern aber wird nach guter Maßgabe und nach gerechtem Bedarfe schon der Thubalkain sorgen. [HGt.02_212,10] Was die Eindachung betrifft, so wird solche den Zimmerleuten zukommen und dann den Erzarbeitern. [HGt.02_212,11] Jetzt wisset ihr alles, beginnet mit dem alleinig wahren Gott Faraks, des weisen Lehrers der Menschheit, das Werk, so werdet ihr dasselbe auch mit Gott enden! [HGt.02_212,12] Für Speise, Trank und gerechten Lohn sorge sich ja niemand; denn solches alles wird jedem im gerechtesten Maße gegeben werden! [HGt.02_212,13] Ein jeder Arbeiter aber bedenke, daß dieser Bau dem alleinig wahren Gott zur Ehre von unserer Seite aufgeführt wird, so wird er einen großen Segen finden in seiner Arbeit! [HGt.02_212,14] Und so denn gehet in dem Namen des alleinig wahren Gottes, und beginnet das Werk!“ [HGt.02_212,15] Einer von den Unterbauleuten aber fragte den Mura: „Meister, der Plan enthält ja auch eine Ringmauer! Was ist denn mit dieser?“ [HGt.02_212,16] Und der Mura erwiderte dem Fragesteller: „Höre du, mein Cural! Hast du dich schon je um ein Hemd gesorgt für ein Kind, wenn es noch erst kaum gezeugt war? [HGt.02_212,17] Du sagst: ,Mitnichten, – sondern erst dann, wenn es völlig zur Welt geboren ward!‘ [HGt.02_212,18] Also lassen wir auch hier das Kind erst geboren werden und sodann erst sorgen fürs Hemd! [HGt.02_212,19] Also gehet nun, und beginnet tätigst das geheiligte Werk! Amen.“ [HGt.02_212,20] Auf diese Beheißung Muras legte alsogleich alles gleich Ameisen und Bienen die Hände ans Werk. [HGt.02_212,21] Der Lamech und der Mura aber begaben sich hin zu den sieben Boten, und namentlich zum Kisehel, der soeben mit dem Thubalkain bezüglich der erforderlichen Erzarbeiten verhandelte, und zeigten ihm an, wie sie alles angeordnet hatten. [HGt.02_212,22] Und der Kisehel sagte darauf zu den beiden: „Liebe Brüder, also ist es recht und Gott wohlgefällig! Er wird darum das Werk segnen, und in sieben Tagen wird alles in seiner Vollendung dastehen; des seid völlig versichert! [HGt.02_212,23] Nun aber lasset uns wieder nach Hause in die Stadt ziehen und dort Anstalten treffen, daß alle die Arbeiter gehörig versorgt werden! [HGt.02_212,24] Du, Sethlahem, bestelle die Weiber und Mägde in ihre Arbeit, und du, Bruder Lamech, aber beheiße deine nun gegenwärtigen Diener und Knechte nach deiner Art, daß sie sollen – jeglicher wieder in seinem gerechten Fache – ihre Ämter beziehen und sorgen für die gute Ordnung in der Stadt, wie im ganzen Lande! [HGt.02_212,25] Ich werde bei dir verbleiben und der Sethlahem bei der Sorge der Weiber und Mägde. [HGt.02_212,26] Du, Joram, aber gehe mit den vier Brüdern in die anderen Städte, und zeiget ihnen kräftig und mächtig, was da Gott getan hat an dem Bruder Lamech, und gewinnet sie alle für Gott! [HGt.02_212,27] Am siebenten Tage aber kehret alle wieder hierher zurück, und ladet alle Amtleute Lamechs hierher nach Hanoch, auf daß sie teilnehmen möchten an der Weihe des neuen Tempels in der Tiefe! [HGt.02_212,28] Und also geschehe alles nach dem Willen des Herrn! Amen.“ 213. Kapitel — Kisehels und Lamechs Umzug in der Stadt Hanoch. Besuch des Schlangenberges und seine Reinigung durch Kisehel[HGt.02_213,01] Nach solcher Rede begab sich alles an Ort und Stelle und tat daselbst nach der Beheißung. Gerne wäre der Lamech die sieben Tage hindurch zum öftern Male zum Bau herausgegangen, zu schauen, wie derselbe gedeihe; aber der Kisehel widerriet ihm solches aus gutem Grunde und ging mit ihm dafür viel in der großen Stadt umher und zeigte es allen Bewohnern an, daß der Lamech nun ein rechter, von Gott gesalbter König sei. [HGt.02_213,02] Und die Bewohner riefen Jubel über Jubel, darum Sich der alleinig wahre, allmächtige Gott Faraks des Königs und ihrer also erbarmt habe. [HGt.02_213,03] Am sechsten Tage aber führte ihn der Kisehel sogar auf einen ziemlich bedeutenden Berg, der gar nahe bei der Stadt gelegen war. [HGt.02_213,04] Diesen Berg konnte wegen der großen Menge großer und überaus giftiger Schlangen niemand betreten; daher warnte der Lamech auch den Kisehel davor. [HGt.02_213,05] Der Kisehel aber entgegnete darauf dem Lamech und sagte zu ihm: „Lieber Bruder Lamech, siehe, aus eben dem Grunde führe ich dich auf diesen Schlangenberg, auf daß du die Größe der göttlichen Kraft im Menschen erschauen sollest! [HGt.02_213,06] Denn ich sage dir: Alles Getier der Erde ist besserer Art denn dieses, indem es ist ein Geschöpf der Hölle; darum aber ist auch kein Tier so hartnäckig und widerspenstig und voll der bösesten heimlichen List denn gerade dieses. [HGt.02_213,07] Und doch werden sie müssen allesamt diesen Berg räumen und sodann eiligst fliehen dorthin, allda du gegen Abend einen brennenden Berg ersiehst, über dessen Rücken sich gerade ein glühender Strom herab in die Tiefe stürzt. [HGt.02_213,08] In diesem Strome sollen sie zu Haufen von vielen Tausenden und Tausenden verzehrt werden!“ [HGt.02_213,09] Nach dem griff der Kisehel nach einer Haselstaude, beschnitt sie unten und oben, segnete sie und schlug damit sieben Male an den Berg. [HGt.02_213,10] Auf den siebenten Schlag erhob sich ein großes Gezische etwa also, wie da ein nächtlicher Wintersturm durch das laublose Geäste und Gezweige der Bäume saust. [HGt.02_213,11] Und gar bald sah man ein zahlloses Heer der riesigsten Schlangen und Nattern aller Arten diesem Berge entstürzen und über eine große Sandsteppe hinziehen, da der besagte Berg brannte. [HGt.02_213,12] Als der Lamech solches sah, da ward er außer sich vor Freuden und sagte: „Nun sei dem Herrn alles Lob und aller Preis, darum Er dem Menschen solche Kraft verliehen hat! [HGt.02_213,13] Gar lange schon war mir dieser Berg ein allerwidrigster Anblick; da er aber so ganz frei dastand, so habe ich auch öfter daran gedacht, ob er von diesem allerekelhaftesten Geschmeiße nicht zu reinigen wäre. [HGt.02_213,14] Allein es konnte sich ihm ja niemand auch nur auf tausend Schritte nahen, ohne in die große Gefahr zu geraten, von diesen Bestien gefangen und gefressen zu werden! [HGt.02_213,15] Und jetzt ist auch dieser mein Wunsch auf das herrlichste erfüllt worden; darum Gott alles Lob und alle Ehre!“ [HGt.02_213,16] Und der Kisehel sagte zu ihm: „Ja, Bruder, also ist es recht und billig; Gott allein gebührt alles Lob, alle Ehre, aller Dank und alle unsere Anbetung und Liebe! [HGt.02_213,17] Das alte Geschmeiß ist zwar fortgezogen, aber es hat noch siebenmal soviel junge Brut hinterlassen; auch diese muß hinaus und muß gänzlich vertilgt werden! Amen. In dem Namen des Herrn! Amen.“ [HGt.02_213,18] Hier schlug der Kisehel noch sieben Male an den Berg, und alsogleich darauf kroch die junge Brut in solch dichter Masse über die Abhänge des Berges hinab, daß man kein Erdreich sah. [HGt.02_213,19] Da ward es dem Lamech bange, und er sagte darum zum Kisehel: „O mächtiger Freund und Bruder, sage mir: Ist nun der Berg schon völlig gereinigt?“ [HGt.02_213,20] Der Kisehel aber erwiderte: „Bis auf die zehntausend Millionen Eier in den alten Nestern! [HGt.02_213,21] Damit aber auch diese vertilgt werden, so soll der Berg von innen aus erglühen, all das Gesträuch und schlechtes Gebäume durch diese Glut verzehren und so von innen aus, wie dann von außen nach innen alle diese Eier zerstören und vernichten!“ [HGt.02_213,22] Darauf schlug der Kisehel wieder sieben Male an den Berg; dieser fing plötzlich an zu dampfen, das Gesträuch und schlechte Gebäume ging in Flammen auf, und alle Eier der Schlangen und Nattern wurden vernichtet. [HGt.02_213,23] Darauf erst begaben sich die beiden auf einer freien Stelle hinauf zum Scheitel und nach einer kleinen Anstrengung dann auch völlig auf denselben, Gott lobend und preisend. 214. Kapitel — Die schöne Aussicht vom Schlangenberg. Die geistige Entsprechung der Reinigung des Schlangenberges[HGt.02_214,01] Als der Lamech mit dem Kisehel sich nun völlig auf der Höhe befand, da fing er an zu weinen; denn der herrliche Anblick der weitgedehnten Landschaft, die über die niedereren Vorberge emporgetauchten Hochgebirge mit ihren weißen Zinnen, ein bedeutender Teil der Morgengegend der Kinder der Höhe, gegen Mittag in weiter Ferne ein Teil eines großen Sees, an dessen Ufer die Stadt Uvrak erbaut war, und endlich noch der Anblick der anderen neun Städte und der von ganz Hanoch, wie der des neuen Tempels, der bis auf einen kleinen Teil der Ringmauer schon ganz vollendet war, war zu viel auf einmal für unsern armen Lamech, der noch nie seinen Fuß auf einen Berg hatte setzen können. [HGt.02_214,02] Als er sich gewissermaßen satt gesehen hatte, das heißt für den ersten Augensturm, und wieder zu Atem kam, da erst machte er seinem von Wonnegefühl überfüllten Herzen etwas Luft und entledigte sich durch Worte eines Teiles seiner wonnigsten Herzensbürde, indem er gegen den Kisehel ausrief: [HGt.02_214,03] „O Freund, o Bruder! Welch eine Herrlichkeit voll der seligsten Wonne thront hier auf dieser Höhe! – Oh, dahier ist wohl gut sein! Hier, hier möchte ich ewig wohnen! [HGt.02_214,04] O ihr armen Städte in der Tiefe unter mir nun, du mein armseligster Palast! Was seid ihr nun gegen diesen großen, endlos herrlichen Bau des allmächtigen Schöpfers?! [HGt.02_214,05] Nichts, nichts als armseligste Ameisenhaufen voll stechender und beißender Brut! [HGt.02_214,06] O Freund, o Bruder! Kann es in den Himmeln Gottes wohl noch herrlicher aussehen als hier? – Nein, nein, es ist unmöglich! [HGt.02_214,07] Da sieh nur einmal hin, dort zwischen Morgen und Mittag die weißen fünf Spitzen! Es sieht ja also aus, als wenn die Erde, oder wenigstens ein mächtiger, sie schützender Geist, eine Hand gegen den Himmel ausstrecken möchte und geloben dem Herrn die ewige Treue! [HGt.02_214,08] O Du großer, allmächtiger Gott, wie herrlich doch sind Deine Werke! Welche Lust hat der daran, der ihrer in seinem Herzen achtet! [HGt.02_214,09] Und da sieh einmal gegen Abend hin! Welch ein Getümmel von hellen Flammen dort um die hohen Scheitel der dampfenden Berge spielt! [HGt.02_214,10] Und dort auch gegen Morgen erheben sich himmelanragende Spitzen der Berge, jede gekrönt mit einer leuchtenden Flammensäule und umzuckt von tausend Blitzen. [HGt.02_214,11] Welch ein unaussprechlich großartigstes Handeln, Treiben und Wirken erschaut mein Auge nun allenthalben, dahin es sich nur immer wenden mag! [HGt.02_214,12] Ach, Freund und Bruder, nun sieh einmal da hinauf zu den heiligen Höhen, die da von hier aus gegen die Mitternacht gestellt sind! Was ist wohl dort in schwindelnder Höhe, das da also stark glänzt, als ginge dort eine zweite Sonne auf?“ [HGt.02_214,13] Hier erst konnte der Kisehel zum Worte kommen und erwiderte auf diese Frage dem Lamech folgendes: [HGt.02_214,14] „Lieber Bruder Lamech, siehe, das ist eben diejenige berühmte Grotte, die ich dir schon erwähnt hatte; in gar kurzer Zeit sollst du sie näher kennenlernen! [HGt.02_214,15] Siehe aber nun, lieber Bruder Lamech, auf dieselbe Weise, wie wir aber nun diesen Berg uns dienstbar gemacht und denselben erstiegen haben, kann und soll ein jeder Mensch sich selbst reinigen, so wird er auch in sich danach mit der leichtesten Mühe von der Welt den lichten höchsten Standpunkt seines Lebens erreichen! [HGt.02_214,16] Was taten wir aber zur Reinigung und Schlangenräumung dieses Berges, der uns nun also herrlich auf seiner Höhe erquickt? [HGt.02_214,17] Siehe, mit einem schwachen Haselstabe trieben wir zuerst die großen alten Bestien hinaus ins Feuer der Vernichtung! [HGt.02_214,18] Der Stab ist aber unser Glaube und unser volles Vertrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn; sieben Male schlugen wir mit dem Stabe an den Berg, und das alte und grobe Geschmeiß wurde flott und mußte abziehen. [HGt.02_214,19] Diese sieben Schläge bezeichnen das Volltrauen auf die Gnade und Erbarmung des Herrn durch den festen, unerschütterlichen Glauben an Ihn. [HGt.02_214,20] Aber nun war der Berg noch nicht völlig gereinigt; denn er enthielt noch eine zahllose Nachkommenschaft der argen Brut. Abermals schlugen wir sieben Male an den Berg, und du sahst da eine unzählige Menge des jungen Geschmeißes dem Berge entkriechen. Was besagt dieses? [HGt.02_214,21] Siehe, wenn der Mensch sich losgemacht hat von seinen groben Sünden, die da in seiner Materie hausten, da muß er dann alsbald über seine Seele gehen und in ihr erforschen alle die Neigungen und Begierden! Hat er sie durch seinen großen Ernst erkannt, so muß er abermals mit seinem Glauben und Vertrauen an den Berg seines Lebens schlagen, sich dem Herrn ganz übergeben, und alle die arge Neigungen- und Begierdenbrut wird die Seele verlassen müssen! [HGt.02_214,22] Aber nun gibt es noch eine Unzahl Eier der Brut im Berge des Lebens. Das sind noch allerlei weltliche und eigenliebige Gedanken. [HGt.02_214,23] Wie aber aus den Eiern die junge Brut ausgeheckt wird und diese dann gar bald heranwächst zum groben, schädlichen Geschmeiße, also werden aus den Gedanken auch leichtlich wieder Neigungen und Begierden ausgeboren, und aus diesen dann gar bald wirkliche Taten. [HGt.02_214,24] Wie aber werden dann diese Sündeneier vertilgt im Berge des Lebens? – Durch die Erweckung des inneren Feuers, welches ist die Liebe zum Herrn, durch den Glauben und durch das lebendige Vertrauen zu Ihm! [HGt.02_214,25] Ist solches geschehen, dann ist der Berg schon auch so gut wie erstiegen. Also stellt dieser Berg nun dich selbst dar, und du kannst dir nun eine Wohnung hier erbauen lassen und in ihr nachdenken über Gott und über Seine Gnade und große Erbarmung. [HGt.02_214,26] Da wir aber nun solches wissen, so haben wir auch den Zweck dieser Besteigung vorbildlich erreicht und können uns im Namen des Herrn wieder hinab in die Stadt begeben, allda schon gar viele unser harren. Gott allein die Ehre ewig! Amen.“ 215. Kapitel — Das Verhältnis des Glaubens zur Liebe und der Liebe zur Erkenntnis. Das Gleichnis von der Jungfrau und den zwei Freiern[HGt.02_215,01] Als nach einem noch einmal gemachten Rundblicke sich die beiden wieder vom Berge in die Stadt hinab begaben, da bat unterwegs der Lamech den Kisehel, daß er möchte für bleibend segnen den Berg, damit fürder in ihm kein Geschmeiß sich mehr ansiedeln möchte. [HGt.02_215,02] Und der Kisehel tat solches, sagte aber darauf zum Lamech: „Lieber Bruder Lamech, siehe, ich habe erfüllt deinen Wunsch nach aller der vom Herrn mir verliehenen Kraft und wirkenden Macht! [HGt.02_215,03] Aber die Reinheit dieses Berges wird dennoch stets von der Reinheit deines Herzens abhängen! [HGt.02_215,04] Wirst du und deine Nachkommen in der Gott allein wohlgefälligen Reinheit des Herzens verbleiben, so wird solches auch stets der Fall sein mit diesem Berge; wirst du aber dein Herz durch eine Sünde vor Gott verunreinigen, so wird auch der Berg wieder einen alten Einwohner überkommen. Desgleichen wird der Fall sein mit jenen, die dir folgen werden. [HGt.02_215,05] Wenn du aber erschauen wirst eine Schlange den Berg bekriechen, da gedenke, was ich dir nun aus dem Herrn der Herrlichkeit geoffenbart habe, und tue Buße in Sack und Asche, und faste so lange, bis dein Herz gereinigt wird! Wird solches der Fall sein, so wird der Berg auch wieder seinen Einwohner von sich treiben. [HGt.02_215,06] Die Liebe zum Herrn aber ist das Größte. Solange dein Herz mit der Liebe zu Gott erfüllt sein wird, so lange auch wirst du und deine Nachkommen völlig unfähig sein, in irgendeine Sünde zu verfallen. [HGt.02_215,07] Wirst du aber oder irgendeiner deiner Nachkommen in der Liebe nachlassen, so werdet ihr in dem alleinigen Glauben einen gar schwachen Schutz gegen die Macht der Sünde in euch haben! [HGt.02_215,08] Denn es genügt zum Leben bei weitem nicht, daß da jemand nur wisse, glaube und dann sage: ,Es ist ein Gott!‘ Wahrlich, solches ist nicht schwer! [HGt.02_215,09] Aber um vieles schwerer und um vieles mehr sagend ist es, einen Gott über alles zu lieben, da man Ihn nicht sieht. [HGt.02_215,10] Wer somit Gott lieben will, der muß nicht nur wissen und glauben, daß Er sei, sondern er muß Gott wahrhaftig erkennen in sich; und wenn er Gott stets mehr und mehr erkennen wird durch sein emsiges Forschen nach Ihm in den Werken, so wird er Ihn ja auch stets mehr und mehr lieben müssen, indem er stets heller erkennen wird, daß Gott in Sich die allerhöchst reinste, das heißt, die alleruneigennützigste Liebe und die allerhöchste und allerheiligste Weisheit Selbst ist! [HGt.02_215,11] Also ist die wahre Erkenntnis Gottes der Grund der Liebe zu Ihm; daher sei auch jedermanns vorzüglichstes Geschäft, Gott zu erkennen, damit er Ihn dann über alles wird zu lieben vermögen! [HGt.02_215,12] Das aber ist dann auch das ewige Leben, daß wir Gott erkennen und Ihn dann über alles lieben; denn aus der Liebe des allgütigen, allerheiligsten Vaters sind wir aus Ihm hervorgegangen und können daher nur wieder durch die Liebe zu Ihm gelangen. [HGt.02_215,13] Solches aber merke dir wohl noch hinzu zu diesem Worte Gottes aus meinem Munde an dein Herz, daß da zwei Wege sind, die zum Vater führen: der eine heißt die wahre, eifrige Erkenntnis Gottes; der andere aber heißt die Liebe! [HGt.02_215,14] Du sagst: ,Nach der vorangegangenen Beleuchtung scheint es ja, daß solches völlig einerlei ist, indem der Liebe die Erkenntnis Gottes ja doch notwendig vorangehen muß!‘ [HGt.02_215,15] Ja, also erscheint die Sache wohl auf den ersten Anblick; wenn wir aber diese Sache näher ans Licht des Geistes stellen, so stellt sich da aber dann dennoch ein gewaltiger Unterschied hervor. [HGt.02_215,16] Damit du aber einen solchen bedeutungsvollsten Unterschied desto kräftiger merkest, so will ich dir solchen durch ein gutes gleichlautendes Beispiel so recht knapp und helle vor die Augen stellen. [HGt.02_215,17] Stelle dir sonach vor, es wäre in irgendeinem verborgenen Teile deines großen Landes eine überaus herrliche schönste Tochter, die da reif wäre, daß sie jemand nähme zum Weibe! Damit aber solches die Menschen erfahren möchten, da sendet sie Boten aus und läßt durch dieselben im Lande bekanntgeben, daß solches der Fall ist. [HGt.02_215,18] Nachdem aber solches verkündigt war, sagten einige: ,Wenn an der Sache etwas wäre, so wäre sie wohl selbst gekommen und hätte sich uns gezeigt, auf daß wir sie erkenneten und erwähleten für unser Herz! [HGt.02_215,19] Da sie aber nur durch Boten von sich aussagen läßt, wie herrlich sie sei, so können wir solches wohl glauben, aber auch ebensogut bleiben lassen. [HGt.02_215,20] Dazu läßt sie noch bedeuten, daß sie niemandem ihre Hand reichen werde, der nicht zuvor völlig erkennen wird, daß sie also ist, wie es die Herolde von ihr aussagten! [HGt.02_215,21] Wer wird wohl der Tor sein und wird sich da eine solche Mühe nehmen?!‘ [HGt.02_215,22] Unter den vielen solche Kunde Mißachtenden und Verlachenden aber finden sich dennoch zwei vor. Der eine spricht bei sich: ,Ich will denn doch hinziehen und will sie mit scharfen Augen besehen; ist sie also, wie es die Boten von ihr aussagten, da will ich sie auch ohne Bedenken wählen für mein Herz!‘ [HGt.02_215,23] Der andere aber spricht aus der vollen Liebesglut zum Boten: ,Führet mich zu ihr! Ich will sie nicht erforschen und langzeitlich erkennen, sondern ich habe sie schon in meinem Herzen auf das glühendste umarmt; ich liebe sie schon mehr als alles in der Welt!‘ [HGt.02_215,24] Wenn nun beide bei dieser Tochter anlangen werden, da wird der erste alsbald hoch erstaunen, wird sie erkennen und wird sie erwählen; der zweite aber wird zu ihr sagen: ,O du endlos herrliche Tochter der Himmel, vergib mir armem Tropfe; denn ich habe mich unterfangen, dich eher zu lieben, als dich zu erkennen, und sehe erst jetzt ein, wie unwürdig meine Liebe deiner himmlischen Wesenheit war! Daher laß mich wieder von dannen ziehen, damit ich dich im Verborgenen aus allen Kräften meines Herzens lieben kann!‘ [HGt.02_215,25] Was meinst du wohl, welchem diese Braut ihre Hand reichen wird? – Ja wohl ganz sicher dem, der sie schon zuvor liebte, ehe er sie noch erkannt hatte. [HGt.02_215,26] Der erste aber wird sich begnügen müssen – um nicht aus ihrer himmlischen Nähe zu kommen – allein mit der Anschauung als einer ihrer Knechte, während der zweite die Fülle der Seligkeit in ihren Armen allezeit schmecken wird. [HGt.02_215,27] Siehe, das ist der bedeutende Unterschied: Wer Gott liebt schon vor der Erkenntnis, der wird des Lebens Fülle überkommen; wer aber Gott liebt nach der Erkenntnis, der wird auch leben, – aber nicht im Herzen, sondern im Reiche der Gnade als ein wohlbelohnter Diener. [HGt.02_215,28] Solches beachte gar wohl, lieber Bruder Lamech; denn es ist fürs Leben von größter Wichtigkeit! Und so laß uns denn wieder betreten die Stadt! Amen.“ 216. Kapitel — Lamechs Selbsterkenntnis. Die Liebe als der rechte Weg zu Gott. Lamechs Bitte um ein weiteres Gleichnis und Kisehels weiser abschlägiger Bescheid[HGt.02_216,01] Als der Lamech solches vom Kisehel vernommen hatte, da ward er wie von einer hellen Flamme durchleuchtet und erwärmt und rief nach einer kurzen Weile also aus, sagend nämlich: [HGt.02_216,02] „O du mein lieber Bruder und Freund! Was überaus Großwichtiges und unaussprechlich Herrliches hast du mir jetzt aus deiner dir von Gott verliehenen Weisheit kundgetan! [HGt.02_216,03] Ja, jetzt sehe ich es erst vollends ein, wo es bei mir und uns allen am allermeisten gesteckt hat! Wir suchten Gott zwar in allen Ecken und Winkeln in der sogenannten Gerechtigkeit, wollten daraus in eine beschauliche Weisheit gelangen und uns dadurch Gott erschaulich machen, haben aber dabei anfangs schon als eine schweigende Bedingung im Hintergrunde folgendes aufgestellt: [HGt.02_216,04] ,Wenn Gott irgend Einer ist, so muß Er Sich auf diese Art finden lassen, und zwar beschaulich; läßt Er Sich aber auf diese Art nicht finden, so ist Er entweder gar nicht, oder Er ist irgendein Schwächling! [HGt.02_216,05] Und eines wie das andere berechtigt uns dann, uns selbst zu einem Gotte aufzuwerfen!‘ [HGt.02_216,06] Ich habe einst bald darauf, als mich mein schon mehr denn halbgöttlich sich dünkender Hochmut an meinen Brüdern den Greuel begehen ließ, zwar wohl in aller Wahrheit vernommen ein göttliches Wort, welches mich, den sich ob der verübten Greueltat sehr Beängstigten, in den Schutz nahm; aber da solches Wort auf mich eben also sanft und überaus gutartig erging, so brachte am Ende meine Weisheit den überaus ärgerlichen Schluß zuwege: also sei Gott zwar wohl vorhanden, aber Er müsse ein Schwächling sein, habe Furcht vor mir und getraue Sich mir nicht zu nahen! [HGt.02_216,07] Dieser Schluß war dann der Grund zu aller meiner Scheußlichkeit, die dir wohlbekannt ist. [HGt.02_216,08] Du hast mir zwar schon so manches gesagt, aber so hell war mir noch keines deiner Worte, daraus ich hätte also klärlichst erschauen mögen, welch ein Verhältnis zwischen Gott und dem Menschen obwaltet, als gerade aus diesem! [HGt.02_216,09] Nun erst erschaue ich die ganze Fülle meines Irrtums! [HGt.02_216,10] Wer sonach von Gott nur etwas Weniges gehört hat, der kann Ihn auch schon lieben, kann sich stets mehr stärkend üben in dieser Liebe, damit sie gar bald der allermächtigste Grund seines Lebens wird. [HGt.02_216,11] Und wenn sie solches ist geworden, dann hat auch der Mensch sich dem allmächtigen Gott auf die alleinig gerechte Weise genähert, und Gott wird Sich ihm zu erkennen geben nach der Gerechtigkeit der alleinigen Liebe, die des Menschen Herz, Seele und Geist alleinig nur für Gott zu beleben vermag! [HGt.02_216,12] Da ich aber solches nun klar fasse aus deinen Worten, so möchte ich dich denn noch um ein ähnliches Beispiel gar bruderfreundlichst bitten, auf daß mir dadurch diese heilige Lehre desto fester würde und ich auch noch mehr ähnlich herrlichsten Stoff hätte zur Belehrung gar vieler armen Sünder, die da teils durch mich, teils aber auch durch ihren eigenen Willen auf Abwege geraten sind!“ [HGt.02_216,13] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech darauf und sagte zu ihm: „Lieber Bruder Lamech, du hast mir durch diese deine wahre Herzensbitte eine der allergrößten Freuden bereitet, wie überhaupt durch dein ganzes gegenwärtiges Benehmen! [HGt.02_216,14] Ich möchte dir darum ja auch noch tausend solcher Beispiele kundgeben; aber siehe, es ist solches nun bei dir nicht vonnöten! [HGt.02_216,15] Du hast die Wahrheit dadurch in der Tiefe erschaut; alles andere aber wird dir die Liebe zum Herrn schon ohnehin in der reichlichsten Fülle bieten! Des sei völlig versichert! [HGt.02_216,16] Siehe aber: So es in dir noch Nacht wäre, so hättest du den Grund der Wahrheit schwerlich erschaut! [HGt.02_216,17] Denn so in der Nacht noch einige Sterne mehr oder weniger am Firmamente schimmern, so macht solches den Boden der Erde nicht heller, und du wirst bei solchem Lichte schwer unterscheiden, was da auf dem Boden liegt. [HGt.02_216,18] Wenn aber die eine Sonne aufgegangen ist, da bedarf es der Sterne nimmer, wie zweier Sonnen nicht; denn der einen Licht ist stark genug, um alles zur Übergenüge zu erleuchten! [HGt.02_216,19] Daher auch begnüge du dich einstweilen mit der einen Sonne, bis die wahre, lebendige in dir selbst aufgehen wird! [HGt.02_216,20] In dieser Sonne Strahlen aber wirst du dann schon ohnehin alles in höchster Überfülle treffen, was dir nötig sein wird! [HGt.02_216,21] Und so laß uns denn ziehen zur Stadt, da schon gar viele unser harren! Amen.“ 217. Kapitel — Die große Volksversammlung vor dem königlichen Palast. Lamechs Rede an sein jubelndes Volk. Die köstliche Rede des unbekannten Alten an das Volk[HGt.02_217,01] Nach dieser Rede Kisehels ward der Lamech völlig beruhigt und begab sich ohne Rückhalt mit dem Kisehel in die Stadt. [HGt.02_217,02] Als beide nun vor dem Palaste anlangten, da waren schon große Scharen aufgestellt und schrien: [HGt.02_217,03] „Ehre dem großen Gott in der Höhe, daß Er uns alle also gnädig und barmherzig heimgesucht hat und hat uns allen gegeben einen rechten König, indem Er nachgesehen hat die Missetat Lamechs und hat ihn gewendet zu Sich, darum er nun sein möchte uns allen ein rechter König! [HGt.02_217,04] Ja, Lamech ist uns geworden zu einem rechten Könige voll Gnade nun und voll Weisheit aus Gott; darum sei alle unsere Ehre und Anbetung Gott, dem Allmächtigen in der Höhe, und über alles geheiligt werde Sein erhabenster Name jetzt, wie ewig! Amen.“ [HGt.02_217,05] Nach solcher Anpreisung stellte sich der Lamech auf einen Pfeiler, der vor dem Palaste eigens zu dem Behufe errichtet war, um von ihm eines oder das andere dem Volke zu verkündigen, und richtete da folgende Worte an das in großen Scharen von allen Seiten her versammelte Volk: [HGt.02_217,06] „Höret, nun nicht mehr meine Knechte, meine Untertanen, Sklaven – und Menschenlasttiere, sondern höret nun ihr, meine geliebten Brüder und Schwestern! Ich, Lamech, war euch ein König und habe euch beherrscht mit eurer Kraft – denn ich war unter euch wohl der Ohnmächtigste –, und ihr habet gezittert vor meinem ohnmächtigsten Worte. [HGt.02_217,07] Ihr habet mir gehorcht, genötigt durch eure Kraft, und fluchtet mir, darum ich euch Gesetze gab des Unheils und der Grausamkeit! [HGt.02_217,08] Nun aber will ich euch kein König mehr sein und durchaus kein Herr, sondern euer Bruder, der euch führen und leiten will zur wahren Erkenntnis und Liebe Gottes, welcher ist der alleinige Herr und König von Ewigkeit über alle Menschen und über alle Kreatur. [HGt.02_217,09] Diesem Könige habe ich einen neuen Palast erbaut draußen an der freien und reinen Stätte; Der wird allzeit über uns herrschen also, wie da herrscht ein guter, weisester Vater über seine Kinder! [HGt.02_217,10] Morgen ist der Tag, an welchem Sein allererhabenst heiliger Name in solch neuem Palaste Seine bleibende Wohnung nehmen wird. [HGt.02_217,11] Diesen Tag wollen wir feiern nach aller unserer Lebenskraft! Also bereitet euch wohl vor auf diesen Tag der Tage; denn an diesem Tage wird uns ein großes Heil widerfahren. [HGt.02_217,12] Also bereitet euch wohl vor, damit wir als reine Brüder vor Gott möglichst würdig diesen Platz betreten möchten und wohlgefällig Dem, der da heilig, heilig, heilig unter uns armen Sündern Wohnung nehmen wird! Sein heiliger Wille geschehe allzeit und ewig!“ [HGt.02_217,13] Nach solchen Worten ward es völlig aus bei den Scharen; es war nur ein Freudengeschrei, und man konnte nichts vernehmen als allein: „Ehre, Ehre, Ehre dem großen Gott in der Höhe! – Sein erhabenster Name werde geheiligt!“ [HGt.02_217,14] Als sich nun das Geschrei etwas legte und man ganze Scharen vor Dank und Freude weinen sah, und sah, wie auch gar viele ihre Hände an die Brust legten und taten, als wollten sie ihre Herzen aus dem Leibe reißen und sie dann gegen den Himmel schleudern – was eine Folge ihrer erwachten Liebe zu Gott war –, da drang auf einmal ein großer, alter, aber sonst kräftiger Mann aus der Menge hervor. [HGt.02_217,15] Lamech und Kisehel konnten ihn aber nicht zu Gesichte bekommen; denn er hatte sein Angesicht mit einer Hand bedeckt. [HGt.02_217,16] Der Kisehel wandte sich an seine Liebe, auf daß er erführe, wer das sei; aber diese sagte zu seinem Geiste: „Höre ihn, und du wirst ihn aus seinem Worte erkennen!“ [HGt.02_217,17] Als der Kisehel solches vernommen hatte, ermannte er sich und sagte auch zum Lamech: „Bruder! Höre, dieser wird reden; danach erst werden wir ihn erkennen!“ [HGt.02_217,18] Und der Fremde stellte sich auf den Pfeiler und sagte darauf mit lauter Stimme: [HGt.02_217,19] „Höret, ihr zahlreichen Scharen! Gott, der allerheiligste und liebevollste Vater hat Sich euer erbarmt und hat euch frei gemacht aus aller Sklaverei und hat die arge Schlange hinweggetan aus dieser Gegend, indem Er den Lamech gesalbt hat mit dem köstlichen Öle Seiner Erbarmung und Gnade. [HGt.02_217,20] Liebet Ihn darum aus allen euren Kräften; denn Er ist euch ein wahrer Vater! Er hat Seinen Zorn Selbst gefangengenommen und hat Sich als alleinig wahrer Vater euer erbarmt und will euch aufnehmen zu Seinen Kindern. [HGt.02_217,21] Daher eilet Ihm in euren Herzen entgegen; denn morgen will Er, von mir geleitet, hier einziehen. [HGt.02_217,22] O Kinder der Höhe, meine Väter und Brüder! Als der Vater unter uns wandelte, da sah man niemanden sich das Herz aus dem Leibe reißen wollend und Dir, o heiliger Vater, entgegentragend; diese armen Kindlein aber tun solches! [HGt.02_217,23] O, so komme Du, liebevollster heiliger Vater, und nimm sie auf, und mache sie uns gleich, damit wir Dich dann mit einer Stimme loben und mit einem Herzen lebendig lieben möchten! [HGt.02_217,24] Freuet euch ihr alle, Kinderchen; denn der Vater wird zu euch kommen und wird euch alle umfassen mit Seiner Vaterhand und wird euch geben das ewige Leben! [HGt.02_217,25] Denn darum hat Er mich, Seinen Hohenpriester, zu euch gesandt, auf daß ich euch solches künde aus der Höhe! [HGt.02_217,26] Freuet euch des heiligen Vaters; denn Er ist überaus gut, und voll Erbarmung! [HGt.02_217,27] Morgen sollet ihr Seine Herrlichkeit sehen! Amen.“ 218. Kapitel — Der fremde Redner gibt sich als der Hohepriester Henoch zu erkennen. Lamechs glühende Liebe zum Herrn[HGt.02_218,01] Nach der Beendung der Rede des noch fremden Redners ergriff der Lamech die Hand des Kisehel und fragte ihn allerdringendst: [HGt.02_218,02] „Mächtiger Freund und Bruder, hast du ihn erkannt, diesen göttlichen Redner? Wahrlich, von gemeiner Herkunft kann der unmöglich sein! Er sprach von der Höhe, von da du bist; ist er nicht von da? [HGt.02_218,03] Ja, er muß es sein, will er es oder nicht; denn also zu reden versteht wohl niemand in der Tiefe! [HGt.02_218,04] Die Stadt Farak hatte sonst wohl auch im geheimen weise Männer noch gehabt, die sich vor mir aus Furcht verborgen hielten; aber von solch einer Weisheit ist gar keine Rede! [HGt.02_218,05] Denn dieser wahrhaft überaus erhabene Mensch hat ja doch Worte von sich gegeben, die gerade also klangen, als hätte sie der allmächtige Gott Selbst geredet! [HGt.02_218,06] Solches wirst du selbst noch besser haben merken können denn ich, und so bitte ich dich, lehre mich diesen Menschen kennen; denn es liegt mir überaus viel daran!“ [HGt.02_218,07] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Bruder, siehe, er kommt von selbst auf uns zu, und ich meine, von ihm wirst du am untrüglichsten erfahren, wer da hinter seiner Hand steckt! Mir ist wohl seine Stimme bekannt; denn sie klang wie die des obersten Priesters Henoch, den Gott Selbst als solchen für die ganze Erde gesetzt hat! [HGt.02_218,08] Aber die Gestalt ist mir selbst noch nahe gänzlich unbekannt, indem ich nicht sein Angesicht erschauen kann, darum er es verdeckt, so er sich gegen uns kehrt, und hält es doch offen – wie es mir vorkommt – gegen das Volk, was mir eben von Seite des Henoch ein wenig rätselhaft vorkommt. [HGt.02_218,09] Denn noch sehe ich selbst den Grund nicht ein, warum er vor mir und vor den hinter uns stehenden anderen sechs Brüdern sein Angesicht verbirgt! Doch er ist uns nahe; daher nichts mehr weiter!“ [HGt.02_218,10] Und alsbald trat der noch fremde Mann zum Kisehel hin, reichte ihm die Hand und sagte darauf: „Die ewige Liebe und Gnade unseres überguten heiligen Vaters sei mit dir, deinen lieben Brüdern und mit diesem neuen Bruder Lamech und allem seinem Volke! [HGt.02_218,11] Es lassen dich und deine Brüder grüßen der Erzvater Adam, wie die Erzmutter Eva, der Seth, der Enos, der Kenan, der Mahalaleel, mein Vater Jared, mein Sohn Mathusalah und sein Sohn, der liebe Lamech, und es haben alle eine endlos große Freude an dem herrlichen Gelingen eures euch vom heiligen Vater Selbst auferlegten Werkes. [HGt.02_218,12] Der Adam segnete täglich zu hundert Malen die Tiefe und alle seine Hauptstammkinder mit ihm; denn er war sehr besorgt um euch, und das um so mehr aus dem Grunde, indem uns allen der liebevollste heilige Vater bis auf den heutigen Morgen nichts hatte anzeigen wollen, wie es mit euch stehe. [HGt.02_218,13] Aber heute gar früh sagte Er zu mir: ,Henoch! Mache dich auf, und zeige es den Vätern an, daß Meine Erbarmung über die Tiefe gesiegt habe; und morgen will Ich, von dir geleitet, dort Meinen Triumph feiern und will einziehen in die Stadt Hanoch! [HGt.02_218,14] Daher begib dich heute noch hinab, und verkündige solches Meinen Brüdern! [HGt.02_218,15] Dein Gesicht aber bedecke im Anfange mit deiner Hand zum Zeichen, daß Ich langmütig und überaus geduldig bin! [HGt.02_218,16] Dann aber ziehe in das Haus des Königs, und tue die Hand hinweg von deinem Angesichte!‘ [HGt.02_218,17] Siehe, solches hatte heute früh morgens der heilige, liebevollste Vater zu mir geredet; und so ging ich zum ersten Male herab und bin nun da vor euch nach dem Willen des lieben, guten, heiligen Vaters! [HGt.02_218,18] Und so lasset uns denn in das Haus des Königs ziehen! [HGt.02_218,19] Zuerst aber zeiget mir die Tafel, auf welcher gezeichnet ist der allerheiligste Name unseres Gottes, unseres allerheiligsten, liebevollsten Vaters, damit ich, Sein Oberpriester, Ihm darbringe mein Herz!“ [HGt.02_218,20] Alsogleich lief der Lamech voraus, öffnete selbst die Tür des Thronsaales, eilte dann dem hohen Gaste entgegen und sagte zu ihm: [HGt.02_218,21] „O du großer Freund des allmächtigen Gottes, komme nun, komme in mein schmutziges Haus, in dem es noch gar viel zu reinigen wird geben, und heilige an unserer unwürdigsten Stelle das Allerheiligste, das da nun allergnädigst wohnt in meinem schmutzigen Hause!“ [HGt.02_218,22] Hier wurde der Lamech vom Gefühle übermannt und weinte vor Liebe, Reue und Freude ob der großen Gnade, die nun seinem Hause widerfahren ist. [HGt.02_218,23] Der Henoch aber umfaßte den Lamech, drückte ihn an seine Brust und sagte dann zu ihm: „O du mein geliebter, noch schwacher Bruder, jetzt hast du das ewige Leben überkommen! [HGt.02_218,24] Denn du liebst Ihn, den heiligen Vater, nun mehr, als es dir begreiflich ist; darum aber wirst du auch erfahren, wie überaus gut der Vater ist! [HGt.02_218,25] Wahrlich, so viel Liebe habe ich auf der Höhe nicht gefunden; und so erfreuest du mich nun auch mehr denn neunundneunzig auf der Höhe, die zwar allezeit gerecht vor Gott gewandelt sind, aber ihre Herzen noch nie von der Liebe zu Ihm haben also erglühen lassen! [HGt.02_218,26] Und so denn führe du mich in das Allerheiligste deines Hauses! Amen.“ 219. Kapitel — Die Verehrung des heiligen Namens auf der goldenen Tafel Thronssale Lamechs. Henochs Rede über die Liebe als einzig wahre Gottesverehrung[HGt.02_219,01] Und alsbald nach diesen Worten Henochs ging der überaus hocherfreute Lamech voraus und geleitete als Führer somit den Henoch zum Thronsaale und sagte allerehrerbietigst zum Henoch an der Türschwelle: [HGt.02_219,02] „Mächtiger Freund des allerhöchsten Gottes, siehe, dort in der Mitte ist der Thron; und die glänzende Tafel, die auf demselben ruht, ist diejenige, auf welcher der Name nach unserer Art gezeichnet ist, den auszusprechen meine Zunge nimmerdar würdig sein wird!“ [HGt.02_219,03] Und der Henoch, seine Hand an seine Brust legend, blieb eine kleine Weile an der Schwelle stehen, und schwieg. [HGt.02_219,04] Dann aber streckte er seine Hände aus und eilte hin zum Throne, ergriff die Tafel und drückte sie an seine Brust, küßte sie und stellte sie dann wieder auf am Throne. [HGt.02_219,05] Als er nun solche Liebehre dem allerheiligsten Namen dargebracht hatte, da stellte er sich etwas seitwärts vom Throne, und zwar auf die rechte Seite desselben, und richtete dann folgende Worte an alle die Anwesenden – denn es waren auch viele ansehnliche Bürger und Amtsleute Lamechs mit in den Saal hinaufgegangen –, und die Worte lauteten also: [HGt.02_219,06] „Brüder und Kinder eines Vaters im Himmel! Es hat diesem über alles guten, liebevollsten und heiligen Vater wohlgefallen, euch Seinen Namen zu geben, welcher in Sich ist heilig, überheilig. [HGt.02_219,07] Was aber wollet ihr dafür Ihm, dem alleinigen heiligen liebevollsten Geber aller guten Gaben, bieten? [HGt.02_219,08] Eure Gedanken suchen, und ihr könnet nichts finden, was ihr hättet, das ihr nicht zuvor von Gott empfangen hättet! [HGt.02_219,09] Ja wahrlich, da ist alle eure Mühe und Arbeit vergeblich! [HGt.02_219,10] Wollet ihr den Namen loben, preisen, rühmen und anbeten euer Leben lang? [HGt.02_219,11] Ja, solches könnet ihr gar wohl tun; aber merket, ich will euch da etwas sagen, und solches zeigt uns das Firmament und die ganze Erde! [HGt.02_219,12] Himmel und Erde sind voll von Seinem Lobe, von Seiner Ehre, und alle endlosen Räume sind voll der höchsten geheiligten Engel, die da allzeit sagen: ,Heilig, heilig, heilig ist der Herr, unser Gott; Ehre sei Ihm als dem Vater, Seinem Worte und der Allmacht Seiner ewigen Liebe! [HGt.02_219,13] Wir loben Dich ewig, o großer Gott, und preisen allezeit Deine endlose Stärke; denn Dir allein ja nur gebührt alles Lob, alle Ehre, aller Ruhm, aller Preis, alle Hochachtung, alle Anbetung und alle unsere Liebe!‘ [HGt.02_219,14] Sehet, wieviel der Ehre, des Ruhmes, des Preises und der wahren Anbetung Gott allzeit und ewig dargebracht wird! [HGt.02_219,15] Wenn ihr denn auch also den Vater ehren und preisen wollet, um wie vieles wird dadurch wohl Seine unendliche göttliche Ehre und Herrlichkeit größer werden?! [HGt.02_219,16] Wahrlich, so der leisest kleinste Tropfen Wassers ins Meer gefallen ist, so hat dadurch das Meer im Vergleiche schon endlos Größeres empfangen, als da wäre eure lebenslange ununterlassene Anbetung und Ehrung gegen die endlose Ehre und ewige Herrlichkeit Gottes, die Er schon eher im allervollkommensten Maße in Sich hatte, als noch irgend etwas erschaffen war! [HGt.02_219,17] Was wollet ihr hernach denn tun dem heiligen Vater für solche Gnade, Liebe und Erbarmung? [HGt.02_219,18] Ihr saget: ,Wir wollen Ihm danken unser Leben lang!‘ [HGt.02_219,19] Solches tuet auch; denn Ihm, dem alleinigen Geber, gebührt auch allein- nur aller Dank! [HGt.02_219,20] Doch, so ihr danken möchtet, daß darob eure Zunge bis an die Wurzel sich verbrauchen möchte, wird Er dadurch wohl reicher und herrlicher werden, als Er es ohnehin schon von Ewigkeit her ist?! [HGt.02_219,21] Also sehet, solches alles ist eitel an sich, und der Herr aller Herrlichkeit und Macht bedarf dessen nicht! [HGt.02_219,22] So aber da jemand hat eine Braut, der frage sein eigenes Herz, was ihm an ihr wohl das Angenehmste ist, und es wird ihm sagen: ,Ich bin reich an allen Schätzen und bedarf weder des Goldes noch der Edelsteine, noch der Baumfrüchte, noch der zahmen Tiere, noch daß du mich ehrest und mir Brandopfer darbringest! [HGt.02_219,23] Nur eines hast du, geliebte Braut, für mich; danach sehnt sich mein Leben! und dieses eine ist – deine Liebe! [HGt.02_219,24] Liebe mich, so hast du mir mehr gegeben, als was mir Himmel und Erde bieten können!‘ [HGt.02_219,25] Ist es nicht also, meine Brüder?! – Ihr saget: ,Ja, also ist es ewig wahr!‘ [HGt.02_219,26] Also tuet auch ihr desgleichen! Liebet den Vater; denn Liebe ist Sein Wesen und Liebe Sein unendliches Bedürfnis. So habet ihr Ihm alles gegeben und geopfert, alles, was Er euch gegeben hat! Denn mehr als Sein eigenes Leben konnte Er euch nicht geben; die Liebe aber ist euer Leben und das Leben Gottes in euch. [HGt.02_219,27] Wenn ihr sonach Gott, den Vater, liebet, so tuet ihr das, was Er ansieht, und was Ihm allein angenehm ist! [HGt.02_219,28] Solches aber ist der Wille Gottes, daß wir Ihn über alles lieben sollen; also tun wir das, so werden wir das Leben haben ewig! Amen.“ 220. Kapitel — Gott als die unendliche Liebe und Weisheit ist die ewige Wahrheit. Die Bestimmung des Menschen[HGt.02_220,01] Nach dieser Rede Henochs schlugen sich alle Anwesenden auf die Brust, und einer sagte zum andern: „Was war das für eine Rede, und was waren das für Worte! [HGt.02_220,02] O Wahrheit, du ewig heilige Wahrheit, der Weg zu dir ist für den, der dich nicht kennt, unaussprechlich schwer zu finden! [HGt.02_220,03] So du aber dem müden Wanderer entgegenkommst, dann bist du alsbald also wohl erkennbar für ihn, wie da erkennbar ist für jedes Auge die aufgehende Sonne! [HGt.02_220,04] Ja, man kann nun denken, wie man will, und es läßt sich durchaus kein anderer Satz ausfindig machen, der aber auch nur neben dem bestehen könnte! [HGt.02_220,05] Also gibt es nur eine Wahrheit: Gott ist diese ewige Wahrheit, und diese zeigt das allein wahre Verhältnis zwischen Ihm und den Menschen an und sagt, daß dieses die alleinige Liebe ist! [HGt.02_220,06] Kann aber die beste und reinste Vernunft auch ein anderes möglich finden? [HGt.02_220,07] Nein, wir wissen es ja, daß da alle menschlichen Verstandeswerke in lauterem Zerstreuen bestehen, und das Zerstören ist am Ende sein Sinn. [HGt.02_220,08] Wir sind suchende, versuchende, bauende, verbauende, zerbauende und zerstörende Planmacher; wir wollen stets etwas Neues, stets etwas Besseres und Vollkommeneres, und vergessen bei solchem Bemühen ganz und gar, daß wir uns selbst nie übertreffen können und somit alle unsere Werke nichts sein können als das nur, was da ist ihr Grund: unser Verstand! [HGt.02_220,09] Wir haben große Augen für Torheiten anderer; aber die bei weitem größeren eigenen mögen wir nicht erschauen. [HGt.02_220,10] Solches alles aber liegt ja eben darinnen begraben, weil wir noch nie eine volle Wahrheit erschaut haben. [HGt.02_220,11] Nun aber hat uns dieser mächtig große Freund Gottes die reinste Wahrheit gezeigt! Darum vermögen wir auch wie auf einen Hieb die ganze Masse unserer großen und groben Torheiten zu erkennen; denn die Liebe ist ja das einzige im Menschen, das ihn versammelt und zusammenhält, – das einzige, wodurch noch jeder seine Gedanken ins Werk gesetzt hat! [HGt.02_220,12] Ja, die Liebe ist die offenbare Grundbedingung alles Seins und somit auch alles Werdens; ja, sie ist – wenn wir es so recht nehmen wollen – das eigentliche Sein selbst; sie ist die einzige Realität, also die einzige Wahrheit! Und solches konnte uns so viele Jahrhunderte hindurch entgehen?! [HGt.02_220,13] Ja, großer, mächtiger Freund und wahrhaftigster, alleiniger Hoherpriester Gottes, du hast ganz vollkommen recht, da die Liebe die alleinige wirkliche Realität ist, das alleinig wahre Sein, und ist sowohl das Grundwesen Gottes, als auch somit das unsrige vollkommen aus Ihm. [HGt.02_220,14] Was können wir Ihm dann wohl anderes bieten als das nur, welches allein etwas ist vor Ihm, nämlich die Liebe, das heißt alle unsere Liebe, da unser alles eben ja auch der Liebe Gottes entstammt! [HGt.02_220,15] Nimm daher unsere vollste und teuerste Versicherung an, daß wir solches tun werden und wollen aus allen unseren Kräften; und Gott möge uns so, wie bis jetzt, gnädig und barmherzig sein! [HGt.02_220,16] Gelobt und über alles geliebt sei Sein heiligster Name!“ [HGt.02_220,17] Und der Henoch sagte: „Amen! Gelobt und geliebt sei von uns allen ewig der heilige, allerliebevollste Vater, der uns schon ehedem geliebt hat, bevor wir noch waren; denn wäre es nicht also, so wäre nie etwas erschaffen worden! [HGt.02_220,18] Gott als die ewige, unendliche Liebe und Weisheit, also die ewige Wahrheit, sah von Ewigkeit her, daß Ihre Werke gut waren, sind und ewig bleiben werden; darum trägt uns noch die alte Erde, und die alte Sonne spendet uns stets ein gleiches, herrliches Licht! [HGt.02_220,19] Der Mensch nun ward gesetzt zur höchsten Vollendung auf diesen engen Kreis; der Kreis ist zwar enge, aber desto mächtiger erfüllt mit der Liebe Gottes. [HGt.02_220,20] Daher erkennet alle in diesem engen Liebekreise, daß Gott die Liebe ist; erkennet mit Liebe die Liebe, so wird diese Liebe ein mächtig Feuer werden, welches gar bald den engen Kreis zerreißen wird! [HGt.02_220,21] Und ihr werdet dann frei hinaustreten in den unendlichen Kreis der göttlichen Liebe, Gnade und Erbarmung und werdet da ein Leben leben, welches da heißt: ,Seid vollkommen, wie Ich, euer Vater, es bin!‘ [HGt.02_220,22] Nun aber lasset uns ein Mahl nehmen, Bruder Lamech! Wie wir hier beisammen sind, laß uns auch gemeinschaftlich in die Schüssel greifen! [HGt.02_220,23] Und so denn führe uns in den Speisesaal! Amen.“ 221. Kapitel — Das Mahl in Lamechs Speisesaal. Die Meldung von der Vollendung des Tempels. Der Rechnungsbericht des Baumeisters. Henochs Anrede an die Werkmeister[HGt.02_221,01] Und alsbald begab sich alles in den Speisesaal, in welchem nach alter Sitte von Seite der Diener Lamechs stets Sorge getragen werden mußte, daß die Speisetische fortwährend mit den auserlesensten Früchten besetzt waren. [HGt.02_221,02] Als da alle sich gesättigt hatten, kam gerade der Thubalkain mit dem Mura und dem Cural in den Saal und trat alsogleich hin zum Lamech und Kisehel, ihnen überfreudigen Antlitzes anzeigend, daß der Tempel nun völlig fertig sei, und daß sein Erzmeister aus dem übriggebliebenen edlen Metalle ein gar überprachtvollstes Tor verfertigt habe, welches sogar mit einem künstlichen Riegel versehen sei, damit der Tempel außer der bestimmten Zeit völlig geschlossen werden könne. [HGt.02_221,03] Nach solcher Anzeige lobte der Lamech Gott, daß Er den Bauleuten solche Einsicht und Kraft verliehen hatte, damit so ein großes Werk in einer so kurzen Zeit habe vollendet werden können, während sonst auch nur ein unbedeutendes Wohnhaus eines ganz gemeinen Bürgers der Stadt schon mehrere Jahre erforderte, bis es völlig auferbaut wurde. [HGt.02_221,04] Nach solcher Lob- und Danksagung Lamechs traten aber dann auch der Mura und der Cural zum Lamech hin, und der Mura nahm das Wort und sprach zum Lamech: [HGt.02_221,05] „Lichter, mächtiger, weiser König und Herr, du möchtest mich nun wohl fragen und sagen: ,Da der Bau also herrlich und bis zur bestimmten Zeit ganz vollendet worden ist, so zeige mir die Rechnung, damit ich dir gebe allen baulichen Arbeitssold!‘ [HGt.02_221,06] Allein solches, o König, wäre nun eitel von dir; denn siehe, also wie stets wahrhaft wunderbar uns das große Werk vonstatten ging, eben also auch ganz rein wunderbar erhielt ich und jeglicher Arbeiter einen überaus reichlichen Lohn! [HGt.02_221,07] Es ist kaum noch eine Stunde der Zeit her, als das große Werk völlig beendet ward, da kamen Männer herbei, und ihnen folgten große Herden edler zahmer Tiere, als da sind Ochsen, Kühe, Ziegen und gar schöne weiße Schafe. [HGt.02_221,08] Davon erhielt ein jeder Arbeiter ohne Unterschied zehn Stücke männlich und weiblich von jeder Gattung, also zwar, daß da einer hatte zehn Ochsen und zehn Kühe, zehn Böcke und zehn Ziegen, und zehn Schafe und zehn Widder, also ein jeglicher sechzig Stücke; und ich und der Cural bekamen ein jeder das Zehnfache samt den noch anderen Unterbauleuten! [HGt.02_221,09] Also sind wir überaus gut belohnt und haben darum von dir nichts anderes mehr für uns und unsere Nachfolger zu bitten als fürs erste um dein königliches Wohlgefallen, und daß du uns allezeit gnädig sein möchtest! [HGt.02_221,10] Der Cural aber hatte aus besonderer Dankbarkeit gegen Gott, sowie auch ich an seiner Seite, beschlossen, den ganzen Raum innerhalb der Ringmauer mit weißen geglätteten Steinen zu belegen. [HGt.02_221,11] Über drei Viertel sind bereits schon belegt, und in kurzer Zeit wird auch das übrige Viertel belegt sein, und du sollst alles in dem gereinigtsten und prachtvollst glänzendsten Zustande antreffen! [HGt.02_221,12] Hier ist der Torschlüssel des Tempels und hier der kleinere zum ebenfalls goldenen Gittertore der herrlichen Ringmauer! [HGt.02_221,13] Den Tempeltorschlüssel magst du alsogleich behalten; den kleinen aber werde ich durch einen Diener dir sodann überbringen lassen, so der Platz ganz belegt sein wird. [HGt.02_221,14] Und so lasse uns wieder gehen zu der letzten freiwilligen Arbeit; dein Wille! Amen!“ [HGt.02_221,15] Solche Nachricht überraschte unseren Lamech so sehr, daß er vor lauter Freuden sich gar nicht zu helfen wußte und auch gar kein Wort herausbringen konnte. [HGt.02_221,16] Und so trat denn der Henoch vor und sagte zum Thubalkain, Mura und Cural: [HGt.02_221,17] „Ich bin ein neuer Bote des Herrn aus der Höhe; mein Name ist Henoch, ein alleiniger Hoherpriester Gottes. [HGt.02_221,18] Als solcher sage ich euch: Freuet euch nicht so sehr des Lohnes und auch nicht so sehr des vollendeten Werkes, sondern freuet euch vielmehr der großen Gnade und Erbarmung Gottes! Erkennet eure Mängel, reiniget eure Herzen, seid eifrige Täter des Willens Gottes, und liebet Ihn über alles und euch untereinander wie jeder sein eigenes Leben, so werdet ihr in solcher Liebe erst den größten Lohn finden, welcher da heißen wird das ewige Leben in Gott! [HGt.02_221,19] Du, Thubalkain, bleibe hier; du, Mura, und du, Cural, aber gehet, beendet euer Werk, und kommet dann selbst wieder, denn ich habe mit euch noch Wichtiges zu verhandeln! Amen.“ 222. Kapitel — Thubalkains übertriebene Ehrenbezeigung an Henoch. Henochs Rede über die wahre Ehrung und über Verwandtenehe. Die weihevolle Nacht auf dem gereinigten Berge[HGt.02_222,01] Nach dieser kurzen Bemerkung Henochs verneigten sich die beiden tiefst und gingen dann zu ihrem Geschäfte. [HGt.02_222,02] Der Thubalkain aber stürzte hin zum Henoch und bat ihn um Vergebung, darum er solches nicht schon eher bemerkt habe, daß ein unaussprechlich hoher Gast sich unter ihnen befinde und er ihm nicht alsogleich die allerhöchste Ehrfurcht bezeigt hätte. [HGt.02_222,03] Der Henoch aber hob den Thubalkain alsogleich vom Boden auf und sagte zu ihm: „Bruder, armer Bruder! Was tust du vor mir, deinem Bruder? [HGt.02_222,04] Siehe, solches hat uns allen sogar der Herr, unser Gott und Vater, trotz Seiner unendlichen, unantastbaren Heiligkeit verwiesen, indem Er uns haarklein bewiesen hat, daß es für den Menschen bei weitem leichter ist, vor Ihm die Knie zu beugen denn das Herz! [HGt.02_222,05] Solches aber gereiche dem Menschen durchaus nicht zum Leben, sondern allein die Beugung des Herzens! [HGt.02_222,06] Hat daher jemand ein unbeugsames Herz und mag selbes nicht demütigen und läutern vor Gott, da mag er sich sein Leben lang im Staube herumwälzen, und es wird ihm solches alles nichts nützen. [HGt.02_222,07] Wer aber sein Herz beugt, und läutert es, und erfüllt es mit Liebe, der bedarf da nicht mehr, seinen Leib in den Staub zu senken; denn sein Geist weiß es in aller Demut und vollster Liebe zu Gott, dem heiligen Vater, daß der Leib dem Staube der Erde angehört und wieder dahin kehren wird, woher er genommen ward. [HGt.02_222,08] So du aber ein Haus bewohnen möchtest, und es käme vor dein Haus ein vornehmer, hoher Gast, – wirst du da wohl aus lauter Ehrfurcht das ganze Haus vor dem hohen Gaste niederreißen und es in den Staub legen und dann erst wieder aufbauen, um den Gast in dein Haus aufzunehmen? [HGt.02_222,09] Ich meine aber, solches würde wohl überaus lächerlich töricht sein; denn fürs erste verlangt solches der hohe Gast nicht, und fürs zweite wird er nur darauf sehen, wie ihm du als Bewohner des Hauses entgegenkommen wirst, – nicht aber, wie sich dein totes, an und für sich unbewegliches Haus gegen ihn benehmen wird! [HGt.02_222,10] Also ist auch unser Leib nur ein Wohnhaus des Geistes, nicht aber etwa mit dem Geiste eines und dasselbe, und der heilige, liebevollste Vater sieht dann nur, was da tut der Geist – [HGt.02_222,11] Das ist die Liebe und ihr freier Wille –, nicht aber auf den Leib, was dieser täte, der doch nichts tun kann, als nur stumm verrichten sein natürliches, gerichtetes Bedürfnis. [HGt.02_222,12] Daher sei du, Thubalkain, mein lieber Bruder im Geiste! [HGt.02_222,13] Beuge allein vor Gott dein Herz, liebe Ihn über alles, mich, deinen Bruder, aber also wie dich selbst, so hast du alles getan, was da ist ehrlich und billig vor Gott und aller Welt! [HGt.02_222,14] Du hast dir auch ein Weib genommen, – das ist recht und billig; da du aber deine eigene Schwester beschliefst, solches war ein Greuel vor Gott. Es durften solches wohl die ersten Kinder Adams tun zur Zeit, da Gott das Blut noch nicht geschieden hatte und sonach in allen ein Blut und ein Fleisch war. [HGt.02_222,15] Da sich aber mit der Zeit die Menschen sehr vermehrten, da schied Gott das Blut untereinander, damit es nicht gar bald versäure und aussterbe. [HGt.02_222,16] Aus dem Grunde sind dann bestimmt worden stets mehr und mehr die Stufen der Blutsverwandtschaft, und darf dieser Bestimmung zufolge ohne besondere Einwilligung Gottes niemand im ersten Gliede ein Weib sich nehmen, sondern erst im zweiten, dritten und so fort; ein je ferneres Glied jemand wählt, desto billiger tut er demnach. [HGt.02_222,17] Du aber hast dir nun ein Weib aus einem gar fernen Gliede genommen; also hast du auch daran wohl und recht und billig getan, und so magst du selbes herführen, damit auch ich dich segne!“ [HGt.02_222,18] Hier rief der Thubalkain sogleich sein Weib herbei und stellte es ehrerbietigst dem Henoch vor. [HGt.02_222,19] Henoch aber legte alsbald beiden die Hände auf und segnete sie im Namen des Herrn. [HGt.02_222,20] Nach solcher Handlung aber berief der Henoch den Lamech und die sieben zu sich und sagte zu ihnen: [HGt.02_222,21] „Brüder! Höret, also lautet der Wille des Vaters: ,Am Abende aber, so ihr euch gestärkt habt mit mehreren Brüdern aus der Tiefe, segnet sie in Meinem Namen, und lasset sie dann zur nötigen Ruhe gehen! [HGt.02_222,22] Ihr aber samt dem Lamech begebet euch auf den Berg, den der Kisehel in Meinem Namen gereinigt hat, und wachet da bis an den Morgen! [HGt.02_222,23] Wenn ihr aber merken werdet das erste Grauen des Morgens, da versammelt euch tief; denn um diese Zeit werde Ich zuerst fühlbar und dann auch hör- und endlich sichtbar unter euch sein!‘ [HGt.02_222,24] Also tun wir solches alles, auf daß wir solcher Gnade teilhaftig werden! Amen.“ [HGt.02_222,25] Und alsbald traten die Brüder samt dem Lamech auf, segneten alle die zahlreich Anwesenden und beschieden sie dann zur Ruhe. [HGt.02_222,26] Als sich darauf alles entfernt hatte unter lauter Lobpreisung des göttlichen Namens, da auch verließen gar bald der Henoch und alle die andern sieben samt dem Lamech das Haus und begaben sich eiligen Schrittes auf den Scheitel des etwa bei dreihundert Klafter hohen Berges. [HGt.02_222,27] Als sie nun auf der Höhe angelangt waren, da brachten alle einstimmigen Herzens dem Vater eine Dank- und Lobpreisung dar; nach dem aber unterhielten sie sich mit allerlei großen Betrachtungen über die Führungen Gottes und über die Herrlichkeit der großen Werke, wobei der Lamech stets ganz Herz und Ohr war und sich vor lauter Seligkeit nicht zu helfen wußte. [HGt.02_222,28] Als aber der Henoch die Nähe des Morgens merkte, da sagte er zu den Brüdern: [HGt.02_222,29] „Jetzt verstumme unsere Zunge! Ein jeder versammle sich tiefst in seinem Herzen und bereite sich vor zum heiligen Empfange des Herrn, unseres Gottes, unseres allerheiligsten Vaters; denn Er ist schon auf dem Wege zu uns!“ [HGt.02_222,30] Darauf ward alles stille, und der Vater kam in aller Stille zu den Seiner Harrenden. 223. Kapitel — Der heftige Wind und das Flammenmeer am Morgen. Die Stimme des Herrn über dem Flammenkreise. Der Sonnenaufgang und der neue Gast aus der Höhe[HGt.02_223,01] Das erste Grauen des werdenden Tages hatte begonnen, und mit diesem Grauen fing alsbald an ein mächtiger Wind zu wehen, welcher aber bei aller seiner Heftigkeit dennoch niemandem wehe tat, sondern bei jedem nur eine höchst angenehme erheiternde Wirkung erfolglich machte. [HGt.02_223,02] Als das Grauen in eine hellere Röte überzugehen anfing, da legte sich der Wind; aber desto heftiger begannen sowohl die nahen als die fernen brennenden Berge zu lodern. [HGt.02_223,03] Und es brachen bald so helle Flammen allerorts auch neben den schon gewöhnlichen Feuerbergen aus anderen Bergen und Hügeln hervor, daß darob die Morgenröte vor lauter Flammenglanz beinahe kaum auszunehmen war. [HGt.02_223,04] Denn die ganze Gegend schien in ein Feuermeer überzugehen. [HGt.02_223,05] Am Ende bemerkte der Lamech sogar auch aus seinem Berge hier und da helle Flammen hervorbrechen, und fing an, sich darob ein wenig zu ängstigen. [HGt.02_223,06] Denn er gedachte bei sich, solches werde sein Untergang sein, und geriet darum förmlich in ein kleines Mißtrauen. [HGt.02_223,07] Da aber die Flammen stets heftiger und heftiger wurden, so konnte das der Lamech nicht mehr ganz gleichgültig ansehen, sondern erhob sich und sagte ganz ehrfurchtsvoll zum Henoch: [HGt.02_223,08] „Mächtiger, großer Freund des Herrn, siehe, die verheerenden Flammen schlagen schon nahe zu uns heran! Meinst du wohl, daß es noch länger geheuer sein wird, hier zu verweilen? [HGt.02_223,09] Wenn es auf mich ankäme, so möchte ich diesen Ort wohl verlassen!“ [HGt.02_223,10] Der Henoch aber erwiderte dem Lamech und sagte zu ihm: „Bruder Lamech, meinst du wohl, der Allerheiligste wird einen unreinen Boden betreten? [HGt.02_223,11] Siehe, also reinigt für Sich der Herr Seine Wege, so Er zu uns kommen will. [HGt.02_223,12] Und so jemand zu Ihm kommen will, so muß er auch durchs Feuer der Liebe gehen, sonst kann er nicht zu Ihm gelangen! [HGt.02_223,13] Siehe, wenn der Herr kommt, so kommt Er im Feuer Seiner Liebe; und dennoch ist Er weder im Winde, noch im Feuer, sondern Sein Wesen ist ein sanftes Wehen. [HGt.02_223,14] Daher ängstige dich nicht des Feuers wegen – denn dieses wird dir kein Haar versengen –, sondern harre geduldig und völlig unerschrocken mit uns, und horche; denn nun sollst du des Vaters Stimme vernehmen!“ [HGt.02_223,15] Diese Worte beruhigten den Lamech völlig wieder, und er horchte auf die Stimme des Vaters. [HGt.02_223,16] Als die Flammen schon einen hellsten Kreis um die Harrenden bildeten, da ertönte auf einmal eine Stimme über dem Flammenkreise, und ihr Wort lautete also: [HGt.02_223,17] „Der Friede sei mit euch, und mit dir, Lamech! Denn heute will Ich einziehen in die Hütte, welche du Mir errichtet hast. [HGt.02_223,18] Mein Name Jehova soll wohnen lebendig innerhalb der Hütte. [HGt.02_223,19] Außer dir aus deinem Volke soll niemand in die Hütte treten, so er ist, wie er ist. [HGt.02_223,20] Wenn aber jemanden die Flamme der großen Liebe zu Mir treiben wird, dem sollst du die Pforte in Mein Haus auftun; also soll es allzeit geschehen! [HGt.02_223,21] Auf diesem Berge aber sollst du Mir ein Denkmal errichten nach deiner Art, auf daß sich jedermann beim Anblicke desselben erinnere, daß Ich hier mit dir geredet habe! [HGt.02_223,22] So wahr Ich aber lebe, ein ewiger, heiliger Gott: So je die Kinder der Höhe, wie die der Tiefe Meiner vergessen sollten, so will Ich darob richten den ganzen Erdkreis, und will treiben eine mächtige Wasserflut so hoch über alle Berge, als wie hoch du jetzt die Flamme über den höchsten Bergen erblickest, und will verderben lassen alle Kreatur des Erdbodens! [HGt.02_223,23] Solches spricht nun zu dir, Lamech, dein Gott und dein Herr!“ [HGt.02_223,24] Hier erbebte Lamech tiefst in der Seele und fiel vor Gott nieder auf sein Angesicht und gelobte in seinem Herzen Ihm die allzeitige Treue seiner ganzen Lebenszeit. [HGt.02_223,25] Hier ging auch die Sonne auf, und eine kräftige Hand ergriff den Lamech und richtete ihn auf. [HGt.02_223,26] Als er nun wieder seine Augen auftat, siehe, da erblickte er zu seinem großen Erstaunen alle Flammen auf dem Erdboden erloschen! Herrlich strahlte die gereinigte Erde, vom hellen Lichte der Morgensonne erleuchtet, und an seiner Seite erschaute er einen kräftigen, jungen, ernstschönen Mann und fragte Ihn: [HGt.02_223,27] „Bist auch du ein neuer Gast aus der heiligen Höhe?“ [HGt.02_223,28] Und der ihm noch fremde Mann sagte zu ihm: „Du hast recht; ja, Ich bin auch daher, und zwar aus der höchsten Höhe! [HGt.02_223,29] Laß uns aber jetzt hinabgehen in dein Haus; da erst sollst du Mich näher erkennen! Henoch, geleite Mich! Amen.“ 224. Kapitel — Henochs Liebefeuerrede an den heiligen Vater. Die Billigung der Liebesschwärmerei Henochs durch den heiligen Vater. Die Bekehrung Lamechs als ein Zeugnis von der Macht der göttlichen Liebe[HGt.02_224,01] Ganz liebeglühend stürzte der Henoch hin zum Vater, und sagte in seinem Herzen: „O Du überguter, überheiliger, überliebevollster Vater, welch ein überschwenglichstes Glück hast Du meinem Herzen bereitet! Ich, ein schwacher Mensch der Erde, darf Dich geleiten?! [HGt.02_224,02] Wenn ich auch der von Dir gestellte und berufene Hohepriester bin, was aber ist dennoch solches gegen Dich, Du allerheiligster, liebevollster Vater?! [HGt.02_224,03] Doch nicht ich, ja ewig nicht ich habe mich selbst dafür gewürdigt, sondern – o heiliger Vater! – Deine unendliche Milde, Gnade, Liebe und Erbarmung hat ja solches an mir getan; darum aber möchte ich mich gerade auch zu Tode in Dich hinein lieben! [HGt.02_224,04] O wäre es mir doch möglich, Dich mit der Kraft und Mächtigkeit aller Himmel zu lieben; wie endlos seligst gerne möchte ich solches tun! [HGt.02_224,05] O Vater, Du ewige, allerreinste und allmächtigste Liebe, laß mich noch zu Unfähigen für solch allerhöchste Genüsse der Himmel doch hier nicht gar so unaussprechlich selig sein; denn beinahe verträgt mein Herz solch einen Liebebrand kaum mehr! [HGt.02_224,06] Aber was rede ich doch alles zusammen in meinem Taumel?! [HGt.02_224,07] Es ist solches ja alles Dein heiligster Wille; darum geschehe auch allzeit alles also, wie es Dir angenehm ist! [HGt.02_224,08] O Du heiliger Vater! Wie gut mußt Du in Dir sein, da ich, ein Nichts vor Dir, schon so unmäßig viel von dieser Deiner unendlichen Güte empfinde! [HGt.02_224,09] O du Erde, erbebe vor zu großer Entzückung; denn der Schöpfer, der dich lebendig erschuf, wandelt nun auf dir! Und du, arme Sonne, mit deinem Lichte getraust du dich wohl jetzt deine Strahlen herabzusenden auf den Erdboden, wenn Der über denselben wandelt, dessen leisester Hauch dich einst werden hieß?! [HGt.02_224,10] Aber ich rede ja schon wieder wie ein Liebeverwirrter! Die Erde schweigt ja vor übergroßer, erhabensster Ehrfurcht; denn sie empfindet es ja, wer Der ist, den sie nun trägt! Und die Sonne bringt dem Herrn mit ihren sanften Strahlen ein ihr möglich liebegrößtes Lob dar! [HGt.02_224,11] Alles, alles ist von einem erhabenen, andächtigen und ehrfurchtsvollsten Stillschweigen ergriffen; nur ich plappere beständig in mir! [HGt.02_224,12] Ich fehle offenbar gegen die gebührendste Ehrfurcht, – aber ich kann mir aber ja auch nicht helfen; denn ich liebe Ihn zu sehr, als daß es mir möglich wäre, das stets mehr und mehr liebegesprächige Herz im Zaume zu halten! [HGt.02_224,13] Welche Wonne und welche Seligkeit aber kann der auch in Ewigkeit gleichen: bei Ihm zu sein, an Seiner liebevollsten, väterlichen, allmächtigen Seite zu wandeln, und Ihn aus allen Kräften lieben zu dürfen?! [HGt.02_224,14] Doch nun stille, mein Herz; denn Er macht ja eine Miene, als wollte Er mir etwas sagen! [HGt.02_224,15] O freue dich, mein ganzes Wesen; denn du wirst wieder aus dem allerheiligsten Munde des Vaters – Worte des Lebens vernehmen!“ [HGt.02_224,16] Bei der Gelegenheit gelangten die nun neun Personen auch in die Ebene vom Berge herab, und der Herr an der Seite Henochs blieb stehen und sagte zu allen: [HGt.02_224,17] „Freunde, hier wollen wir ein wenig anhalten! Denn Ich sehe, daß einige von euch etwas müde geworden sind; und du, Mein geliebter Henoch, bist am müdesten, – denn dein Herz hätte sich ja beinahe vergriffen an Mir! [HGt.02_224,18] Ich sage dir aber: Überschwenglich groß ist deine Liebe zu Gott, deinem Vater; aber wäre es dir möglich, die Freude des Vaters zu verkosten über die große Liebe eines Kindes zu Ihm, und dann zu ermessen Seine großen Liebesphantasien und Gedanken, in denen Er allmächtig, unendlich und ewig große Pläne macht, ein solch Ihn über alles liebendes Kind auch so unendlich glücklich zu machen, als es nur immer Seiner unendlichen Allmacht möglich ist, da würdest du wohl vergehen schon bei der leisesten Annäherung zu einem solchen Gedanken Gottes! [HGt.02_224,19] Schwärme aber du in deiner reinen Liebe zu Gott nur immer also fort, wie du, Mein geliebter Henoch, bis jetzt geschwärmt hast, so wird aus solch einer Schwärmerei einst eine große Wirklichkeit hervorgehen, über die sich dein Geist höchst erstaunen wird!“ [HGt.02_224,20] Nach dem aber wandte sich der Herr zum Kisehel und sagte zu ihm: „Kisehel, erkennst du jetzt die Macht der Liebe des Vaters? [HGt.02_224,21] Siehe, als du gesandt warst herab in die Tiefe, da zweifeltest du noch heimlich an dem Gelingen und dachtest nach dem ersten Auftritte heimlich bei dir: [HGt.02_224,22] ,Des Herrn Macht ist zwar endlos größer, als sie je auch ein allervollkommenster Geist nur im allergeringsten Teile zu begreifen vermag; aber was den Lamech betrifft, da wird nicht viel auszurichten sein – und auf dem Wege der Liebe schon am allerwenigsten! [HGt.02_224,23] Es müßte nur der Lamech getötet und dann neu belebt werden mit einem ganz anderen Willen, – sonst wird hier jeder Versuch scheitern!‘ [HGt.02_224,24] Nun siehe, wir haben aber nichts gebraucht als eben nur die Liebe, und die ganze Tiefe steht gereinigt nun vor uns! [HGt.02_224,25] Also bleibe es auch ewig dabei! Wo die Liebe nichts mehr wird auszurichten und zu gewinnen vermögen, da soll auch keine andere Macht etwas zu bewirken imstande sein! [HGt.02_224,26] Sind doch alle Werke der Schöpfung aus der Liebe hervorgegangen; wie sollten die Werke dann wohl mächtiger sein denn die Liebe als ihr Urgrund?! Also bleibet nur allezeit bei der Liebe, und es soll am Ende doch alles gewonnen sein! [HGt.02_224,27] Da wir uns aber nun erholt haben, so lasset uns wieder weiterziehen; denn es gibt schon eine große Menge der Harrenden. [HGt.02_224,28] Darum gehen wir, auf daß unser Segen sie zur gerechten Zeit treffe! Amen.“ 225. Kapitel — Lamechs Frage nach dem Namen des jungen Mannes und Kisehels ausweichender Bescheid. Die Rede des jungen Mannes an das Volk[HGt.02_225,01] Auf diese Worte des Herrn erhoben sich wieder alle und zogen nach der Stadt. [HGt.02_225,02] Der Lamech aber, zwischen tausend Gedanken über diesen fremden Mann umherschweifend, wandte sich unterwegs an den Kisehel und fragte ihn: „Höre, großer, mächtiger Freund und Bruder! Kennst du diesen überaus merkwürdig jungen und dennoch also überaus weisen Mann? Ist Er denn noch mehr als der Hohepriester Henoch? [HGt.02_225,03] Denn siehe, mir kommt es doch etwas sonderbar vor, daß der mir endlos mächtig weise vorkommende Henoch, hohen Alters noch dazu, vor diesem jungen Manne eine so überaus große Ehrfurcht zu haben scheint! [HGt.02_225,04] Ich muß es zwar wohl auch selber gestehen: Was die Weisheit und große Liebegüte betrifft, so scheint der Henoch eben nicht viel vor Ihm, dem herrlichen Manne, zu haben. [HGt.02_225,05] Aber dessen ungeachtet scheint es mir doch etwas sonderbar, daß sich der Henoch gar so liebedemütig zu Ihm verhält, als hinge er lediglich von Ihm ab! [HGt.02_225,06] Wenn du sonach diesen sonderbaren Mann näher kennst, da gib es mir kund, was da hinter ihm steckt, damit auch ich mich gegen ihn benehmen kann also, wie es sich gebührt! [HGt.02_225,07] Daß er überaus weise sein muß und mächtig, entnahm ich aus der Rede, die er an dich gerichtet hat. [HGt.02_225,08] Allein das seid ihr alle aus der Höhe, darum vor euren Augen kein Herz sicher ist. [HGt.02_225,09] Das ist er also auch, da er wohl wußte, wie es in dir vorging, als du an mich abgesandt wurdest. [HGt.02_225,10] Solches also beirrt mich nicht, sondern – wie schon gesagt – nur allein das Benehmen Henochs gegen ihn! [HGt.02_225,11] Darum ersuche ich dich noch einmal, daß du mir diesen jungen Mann näher bezeichnest, das heißt, so es dir gefällig ist und du solches tun darfst!“ [HGt.02_225,12] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech folgendes, sagend nämlich: „Lieber Bruder Lamech! Was da diesen jungen Mann betrifft, und daß der Henoch sich, wie wir alle, gegen Ihn so höchst untergeordnet verhält, so hat solches einen so tiefen und geheimnisvollen Grund, daß du solchen für diesen Augenblick gar nicht zu fassen vermöchtest. [HGt.02_225,13] Daher gedulde dich vorderhand nur noch eine kurze Zeit, und du wirst Ihn dann gar wohl erkennen! [HGt.02_225,14] Solches aber magst du ja von mir erfahren, daß Er, wie Er dir es ja Selbst auf dem Berge bemerkt hatte, fürwahr der allerhöchste Herr auf der höchsten Höhe über alle Kinder der Höhe und somit auch der der Tiefe ist! [HGt.02_225,15] Mehr brauchst du vorderhand auch nicht zu wissen über diesen jungen Mann! [HGt.02_225,16] Denn der Zeitpunkt ist ja ohnehin nahe, in dem du Ihn näher wirst kennen lernen; daher gedulde dich nur bis dahin!“ [HGt.02_225,17] Bei dieser Gelegenheit aber gelangten sie auch schon zwischen den jubelnden Reihen zum Hause Lamechs, und so blieb dem Lamech auch kein weiterer Frageraum mehr übrig. [HGt.02_225,18] Als sie aber vor dem Hause Lamechs standen, da bestieg der junge Mann alsbald den schon bekannten Rednerblock und richtete an das Volk folgende segnende Worte: [HGt.02_225,19] „Höret ihr, Meine armen Kinder! Denn also spricht der Herr, euer Gott, euer Schöpfer und euer aller liebevollster heiliger Vater zu euch an diesem Tage aus Seinem Munde: [HGt.02_225,20] Der Friede sei mit euch! Erkennet den alleinig wahren Gott und Vater, den alleinigen Herrn Himmels und der Erde, und liebet Ihn über alles, so wird Er euch allzeit erhören, ansehen und helfen in allem, das euch not tut, und geben allzeit, das ihr bedürfet. [HGt.02_225,21] Und fürder spricht der Herr: Ich will euch beschützen, so lange ihr in Meiner Liebe verharren werdet; wenn ihr aber werdet eigenmächtig über Mich zu urteilen anfangen, da werde Ich zurückziehen Meine Gnade, und euch leuchten lassen untereinander mit eurem Lichte. [HGt.02_225,22] Mein Licht aber werde Ich zurücknehmen; dann werdet ihr bald in große Trübsal und Finsternis geraten, die noch viel ärger sein wird, denn die da war vom Anfange bis jetzt. [HGt.02_225,23] Jetzt habe Ich euch mächtige Boten zugesandt, dieweil ihr von der Kindheit aus schwach und elend waret; [HGt.02_225,24] Dann aber werde Ich euch nur schwache Boten senden, die da allein haben sollen eine weise Zunge, aber einen ohnmächtigen Willen, und ihr werdet sie dann ergreifen und töten und so euch bereiten Meinen Zorn zu einem unerbittlichen Gerichte, und das darum, weil Ich euch jetzt eine große Gnade und Erbarmung erwies und habe euch stark gemacht aus Mir! [HGt.02_225,25] Heute gebe Ich euch Meinen Namen. Bleibet bei diesem Namen, so werde auch Ich bei euch sein; so ihr aber den Namen verlassen werdet, dann auch werde Ich euch verlassen. [HGt.02_225,26] Denn ihr sollet allezeit frei vor Mir einhergehen. Und so denn nehmet hin Meinen Segen! Amen.“ [HGt.02_225,27] Hier segnete der Herr die Tiefe, und alles Volk fiel vor dem mächtigen Redner nieder und betete Ihn an im Namen des Herrn. [HGt.02_225,28] Der Herr aber kehrte dann wieder zu Seiner Gesellschaft zurück und begab Sich, vom Henoch geleitet, in das Haus Lamechs; und niemand getraute sich nun, dem Hause Lamechs zu nahen. 226. Kapitel — Lamech und der von ihm noch immer unerkannte heilige Vater im Thronsaal. Der Herr als der Schlüssel und die Tür[HGt.02_226,01] Als sie nun vor der Tür des Thronsaales ankamen, da ging der Lamech schnell hin zum fremden Manne und sagte zu Ihm: [HGt.02_226,02] „Du noch viel mächtigerer Freund, als da sind der Kisehel und seine Brüder, und als da ist selbst der Hoheriester Henoch, hier ist der Thronsaal, in welchem der allerheiligste Name Gottes auf dem Throne sich befindet! [HGt.02_226,03] Da du also überaus ergreifend mächtig zuvor dem Volke von diesem Namen wie aus dem Munde Gottes gesprochen hast, so wird es dir gewiß auch wohlgefällig sein, diesen allerheiligsten Namen zu besichtigen! [HGt.02_226,04] So du solches vorderhand möchtest, bevor wir noch ein Morgenmahl zu uns nehmen wollen, so ließe ich augenblicklich den Saal öffnen! Denn siehe, dort im Hintergrunde harren hundert dienstbare Menschen beiderlei Geschlechtes; ich darf ihnen nur winken, so sollen sie sogleich bei der Hand sein und uns aufschließen die schweren ehernen Türen!“ [HGt.02_226,05] Und der Herr erwiderte dem Lamech: „Wozu dem Volke eine unnötige Plage?! Siehe, solches können ja auch wir tun, und das um sehr vieles leichter denn das arme, schwache Volk!“ [HGt.02_226,06] Der Lamech aber sagte darauf: „Solches ist wohl wahr; aber die Schlüssel müssen wir uns doch geben lassen?“ [HGt.02_226,07] Und der Herr entgegnete dem Lamech: „Höre, Lamech, Ich Selbst bin der Schlüssel und die Türe! Mit Mir kannst du alles öffnen, was immer irgendwo verschlossen ist, und durch Mich kannst du in das Gemach des ewigen Lebens gelangen! [HGt.02_226,08] Daß Ich aber auch der Schlüssel bin, vor dem keine Türe sicher ist, da siehe nur auf die Tür! Wenn Ich zu ihr sagen werde: ,Tue dich auf!‘, so wird sie sich auftun auch ohne deinen Schlüssel!“ [HGt.02_226,09] Hier sprach der Herr zur Tür: „Tue dich auf!“, und sogleich sprangen die zwei schweren Flügel also schnell auf, daß es der Lamech gar nicht merken konnte, wie und wann solches geschah. [HGt.02_226,10] Das nahm den Lamech außerordentlich wunder. Schnell eilte er darum wieder zum Kisehel zurück und sagte zu ihm: „Höre, Bruder, das ist mir etwas zu stark! [HGt.02_226,11] Mir wird's angst und bange vor dem Menschen; denn ich glaube, dieser könnte mit seinem Worte auch Berge versetzen! [HGt.02_226,12] Sage mir: Hättest solches wohl auch du mit deiner Willens- und Wortmacht zuwege gebracht?“ [HGt.02_226,13] Und der Kisehel erwiderte dem Lamech: „Allerdings, – aber nur, wie alles bisher, mit der Macht und Gnade des Herrn, außer welcher es nicht gibt weder Macht noch Kraft, noch irgend eine Gnade! [HGt.02_226,14] Und so vermag jeder mit dem Herrn alles, ohne den Herrn aber nichts; denn nur der Herr allein ist allmächtig und vermag alles aus Sich – und niemand mehr außer dem Herrn etwas aus sich!“ [HGt.02_226,15] Und der Lamech fragte den Kisehel wieder: „Also muß dieser merkwürdige junge Mann von Gott doch sehr viel Gnade haben, weil er solches wirkt und sich vor euch allen so hervortut?!“ [HGt.02_226,16] Und der Kisehel erwiderte: „Allerdings, mein lieber Bruder Lamech! Er hat den höchsten Grad der Gnade aus Gott und ist daher auch der Allermächtigste und Allerweiseste!“ [HGt.02_226,17] Und der Lamech sagte wieder: „Das kommt mir aber doch sonderbar vor, daß Gott gerade diesem jungen Manne mehr Gnade, Weisheit und Macht verliehen habe denn euch hochjährigen, erfahrenen Männern! – Befremdet dich das nicht auch?“ [HGt.02_226,18] Und der Kisehel entgegnete ihm: „O mitnichten; siehe, solches tut der Herr, wie Er will! Es prangt und duftet ja nicht selten auch ein kleines Blümchen bei weitem stärker denn die größte Sonnenrose? Warum? Das weiß allein der Herr! [HGt.02_226,19] Siehe nun aber, der junge Mann nähert sich der Tafel; geben wir daher acht, was Er damit machen wird!“ [HGt.02_226,20] Der Herr aber besah die Tafel nur und machte eben gar keine weitere Zeremonie, sondern kehrte Sich bald wieder um und sagte dann zum Lamech: [HGt.02_226,21] „Nun, Mein Freund, gehen wir wieder, und du laß uns ein Morgenmahl richten!“ [HGt.02_226,22] Schnell war der Lamech bei der Hand und sagte zum jungen Manne: „Mein allerhochgeschätztester Freund, voll der allergediegensten Macht und Weisheit! Wir dürfen uns nur in den Saal begeben, und es wird schon alles in der Ordnung sein!“ [HGt.02_226,23] Und der Herr entgegnete: „Also laß uns gehen!“ [HGt.02_226,24] Hier bewegte Sich der Herr an der Seite Henochs voraus, und der Kisehel und der Lamech mit den anderen sechsen folgten Ihm. [HGt.02_226,25] Unter dem Gehen aber äußerte sich der Lamech zum Kisehel: „Bruder, das kam mir schon wieder ganz sonderbar vor, daß dieser von Gott so hochgestellte Mann nicht die allerleiseste Verbeugung vor der Tafel machte, sondern sie nur ganz flüchtig angesehen hat und ihr dann den Rücken kehrte! [HGt.02_226,26] Ich sage dir, das befremdet mich noch am allermeisten!“ [HGt.02_226,27] Und der Kisehel sagte darauf zum Lamech: „Lieber Bruder, mache dir aus allem nichts; denn über ein kurzes wird dir solches alles ganz sonnenklar werden! [HGt.02_226,28] Tue aber nur alles genau, was Er sagt, so wird alles Gott überaus wohlgefällig sein!“ 227. Kapitel — Das Mahl im Speisesaal. Lamechs Ernennung zum Priester seines Volkes. Henochs Rede über Priestertum und Königtum. Das versäumte Tischgebet. Der heilige Vater gibt Sich Lamech zuerkennen[HGt.02_227,01] Als aber die hohen Gäste in den Speisesaal traten, da kamen ihnen alsbald der Thubalkain, der Mura und der Cural entgegen, welche beiden letzten schon nach der gänzlichen Beendigung ihrer Arbeit noch am späten Abende vorher den Schlüssel vom Ringmauertore dem Lamech überbracht hatten. [HGt.02_227,02] Der Mura übergab alsbald dem Lamech den Schlüssel und versicherte ihm, daß bereits alles im größten Glanze dastehe. [HGt.02_227,03] Der Lamech aber lud beide dafür zum Morgenmahle, und sagte zum Mura ganz flüchtig: [HGt.02_227,04] „Freund und Bruder Mura, entlasse deine Arbeiter noch nicht; denn du wirst noch ein Werk zur Ausführung von mir überkommen! [HGt.02_227,05] Nun aber verbleibe hier, das heißt bei dieser Gesellschaft!“ [HGt.02_227,06] Der Mura aber bemerkte den jungen Mann an der Seite Henochs und fragte darob ganz heimlich den Lamech: „Lichter und weiser König Lamech, möchtest du mir denn nicht sagen, wer da ist dieser herrliche junge Mann an der Seite Henochs! [HGt.02_227,07] Er sieht gar so liebernstweise aus! Ist er denn auch aus der Höhe?“ [HGt.02_227,08] Und der Lamech erwiderte dem Mura: „Mein lieber, schätzbarster Bruder! In dieser Hinsicht hast du dich schlecht beraten, darum du dich an mich gewendet hast; denn bisher weiß ich über ihn selbst kaum mehr als du! [HGt.02_227,09] Soviel weiß ich aus meiner Beobachtung und dann aus den sehr auf die Waage gestellten Worten Kisehels, daß dieser junge Mann überaus weise und wahrhaft erschrecklich wort- und willensmächtig ist, und daß er eben nach der klaren Aussage Kisehels auch der allerhöchste Herr auf der Höhe ist, dem selbst der Hohepriester Henoch untertan ist, also ganz sicher ein König auch! [HGt.02_227,10] Siehe, das aber ist auch alles, was ich von ihm weiß; begnüge dich einstweilen mit dem, bis vielleicht etwas Helleres nachkommen wird, und setze dich mit dem Cural zu einem Tische, und iß und trink! Wende aber dein Auge nicht ab von dem Manne; vielleicht wirst du an ihm mehr entdecken als ich!“ [HGt.02_227,11] Hier nahm der Lamech den Schlüssel und trug ihn zum Henoch hin, zu ihm auch bei dieser Gelegenheit sagend: [HGt.02_227,12] „Mächtiger Freund und alleiniger Hoherpriester des alleinigen, wahren, allmächtigen, ewigen Gottes, siehe, hier sind beide Schlüssel beisammen! Ich übergebe sie dir; denn nur dir gebührt es, damit zu öffnen das, was Gottes ist, das heißt, was da ist zu Seiner Ehre und Seinem Lobe errichtet von uns nach Seinem allerheiligsten Willen!“ [HGt.02_227,13] Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder Lamech, es will aber der Herr, daß auch du deinem Volke nicht so sehr ein König, sondern auch ein Priester sein sollest, indem der Herr allein ein Herr ist in aller Macht, Kraft und Gewalt von Ewigkeit! [HGt.02_227,14] Daher behalte du nur auch die Schlüssel deines Priestertums, und öffne uns den Tempel und den Vorhof, wenn es an der Zeit sein wird! [HGt.02_227,15] Solches aber laß dir noch hinzugesagt sein: Ein Priester ist ein wahrer Bruder der Brüder nach der Liebeordnung Gottes; aber ein König ist dem Volke schon ein Gericht! [HGt.02_227,16] Wann je Völker sich unter Königen befinden werden, so werden sie – die Völker nämlich – auch gerichtet sein! Das Erdreich wird ihnen genommen werden, und sie werden müssen dem Könige große Steuern entrichten; sogar ihr Leben wird sein Eigentum sein. [HGt.02_227,17] Und wer darüber murren und schmollen wird, den wird der König nicht selten züchtigen bis auf den letzten Blutstropfen! [HGt.02_227,18] Dann wird viel Wehe und große Trübsal sein auf der ganzen Erde! [HGt.02_227,19] Also sei du von nun an auch lieber ein Priester denn ein König deinem Volke!“ [HGt.02_227,20] Und der Lamech, ganz außer sich vor Freuden über diese neue Ernennung zum Priestertume des Herrn, sagte zum Henoch: [HGt.02_227,21] „Mächtiger Freund und Hoherpriester Gottes! Höre, wenn ich ein wahrer Tausendkönig wäre, so legte ich alle tausend Könige nieder, damit ich würdiger könnte darum ein Priester sein in deiner Ordnung!“ [HGt.02_227,22] Und der Henoch erwiderte ihm: „Bruder, setze dich nun zum Tische; denn was du sein möchtest, das bist du schon! Laß uns aber nun das Mahl einnehmen und uns stärken zum Dienste des Herrn!“ [HGt.02_227,23] Der Lamech behielt danach die Schlüssel und setzte sich überfröhlich zum Tische und aß und trank all den anderen gleich. [HGt.02_227,24] Als er aber sich's recht wohl schmecken ließ, da fiel ihm plötzlich ein, daß zuvor niemand die Speisen nach der Art Kisehels gesegnet hatte und auch niemand Gott gelobt, gepriesen und gedankt. [HGt.02_227,25] Eiligst stand er auf und sagte: „O meine geliebten Freunde und Brüder! Es ist entsetzlich! Gerade am heutigen Tage, an dem wir schon so viele unaussprechliche Wohltaten von Gott empfangen haben und dazu noch die große, große Gnade unter uns soll ausgegossen werden, daß der Herr, der große, allmächtige Gott in Seinem allereiligsten Namen in dem errichteten Tempel unter uns Wohnung nehmen soll, haben wir alle vergessen, Ihm, dem heiligen Geber aller guten Gaben, zuvor ein allergebührendstes Lob darzubringen, bevor wir uns hätten getrauen sollen, auch nur den kleinsten Bissen in den Mund zu stecken! [HGt.02_227,26] Nein, nein, was haben wir getan?! Ich für mich will eher sterben, als darum vor drei Tagen mehr etwas zu essen!“ [HGt.02_227,27] Der Herr aber lächelte den Lamech an, hieß ihn zu Sich kommen, und sagte dann zu ihm: „Lamech, wenn du ein Kind hättest, das da gegen dich einen völlig nichtigen Fehler begangen hätte; so es aber den Fehler an sich gewahrete, möchte es alsbald voll Verzweiflung zu dir ausrufen: ,Vater, es ist entsetzlich, – siehe, ich habe mich gegen dich versündigt! Wehe mir, ich will darum drei Tage keinen Bissen zu mir nehmen, und sollte ich darob auch schon am zweiten Tage vor Hunger sterben!‘; [HGt.02_227,28] So du aber dann möchtest zum Kinde sagen: ,Höre, mein geliebtes Kind! Dein Fehler war ja nur ein gar kleines, unwillkürliches Versehen; darum mache dir nichts daraus! Komme aber her, und liebe mich darum; denn ich habe ja nicht geachtet deines vermeintlichen Fehlers!‘, – [HGt.02_227,29] Was möchte dir da wohl lieber sein: ob das Kind zu dir hingeht und umfaßt dich liebend mit seinen zarten Händen, oder ob es beharrt bei seinem strengen Vorsatze? [HGt.02_227,30] Du sagst: ,So das arme Kind zu mir geht und mich liebend umfaßt, solches wär' mir ums unaussprechliche lieber!‘ [HGt.02_227,31] Gut, sage Ich dir, – also tue auch du gegen den himmlischen Vater, was du als besser erkennst; denn du bist ja auch ein Kind zu Ihm, und es wird Ihm solches wohlgefälliger sein ums vielfache denn all dein Fasten!“ [HGt.02_227,32] Und der Lamech fragte: „Wo aber ist der Vater, daß ich zu Ihm ginge und täte gleich dem Kinde?“ [HGt.02_227,33] Und der Herr sprach: „Lamech! Siehe her, hier steht Er sichtbar vor dir! Ich bin der Vater, der Gott Himmels und der Erde!“ [HGt.02_227,34] Hier fiel alles nieder, und der Lamech stammelte: „O Du heiliger Vater! Sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig! – Dein heiliger Wille geschehe ewig! Amen.“ 228. Kapitel — Des Herrn Rede über die wahre Gottesverehrung[HGt.02_228,01] Der Herr aber behieß alsbald alle die Kinder der Tiefe, sich wieder zu erheben vom Boden, und sagte dann zu ihnen: [HGt.02_228,02] „Höret ihr alle, Meine Kindlein! Ich bin der alleinige, heilige, allmächtige Gott und Schöpfer aller Dinge und Wesen im Himmel und auf Erden! Außer Mir gibt es keinen Gott mehr, und alle Unendlichkeit und alle Ewigkeiten sind vollkommen von der Macht Meiner Liebe, Weisheit, Erbarmung und Gnade erfüllt; und so bin Ich von Ewigkeiten her ein Herr über alles vollkommen, da alles aus Mir ist und alles Meiner unendlichen Macht notwendig untertan ist! [HGt.02_228,03] Denn wie sollte solches auch anders sein, da alles, was da ist, nur da ist aus Meinem Willen und besteht aus demselben und kann daher auch nimmer entweichen demselben?! Denn könnte es möglich sein, daß da etwas entweichen könnte Meiner Macht, so müßte es dadurch auch notwendig seinem Dasein entweichen, indem in aller Unendlichkeit ewig nichts dasein kann außer allein nur durch und in Meinem Willen, welcher da ist die ganz alleinige Grundbedingung alles Seins und allenthalben vollkommenst erfüllt den unendlichen Raum ewig! [HGt.02_228,04] Da es aber demnach also ist und unmöglich anders sein kann, so müsset ihr Mich auch als das zwar erkennen, was Ich bin, also als den alleinigen Gott und als den alleinigen Herrn! [HGt.02_228,05] Denn nur Der ist ein Herr, der da im ewigen Vollbesitze aller unendlichen Macht, Kraft und Gewalt ist aus Sich. [HGt.02_228,06] Ich aber besitze solches ewig und unendlich; also bin Ich auch ein alleiniger Herr! Aber dessenungeachtet sollet ihr euch vor Mir nicht im Staube herumwälzen und beschmutzen euren Leib und desselben Umhüllung für nichts und wieder nichts; denn Ich habe euch ja nicht darum einen aufrechtstehenden Leib gegeben, daß ihr denselben gleich den Würmern vor Mir gebrauchen sollet, sondern nur, daß ihr als freie Menschen, als Meine Kinder und untereinander als lauter Brüder und Schwestern vor Mir, eurem Vater, allezeit aufrecht wandeln sollet. [HGt.02_228,07] Daher sollet ihr auch erfahren nun aus Meinem Munde, daß Ich durchaus kein Wohlgefallen habe an irgendeinem Leibesdienste! Denn darum auch habet ihr den Leib nicht erhalten, daß ihr mit demselben Mir dienen sollet, entweder auf die eine oder auf die andere Art; denn der Leib ist ja nur euch gegeben, damit er euch diene zur rechten Zeit und im billigen wohlgeordneten Maße zur Kräftigung eures Geistes, der da ist euer eigentliches Wesen. [HGt.02_228,08] Was sollte demnach das heißen, so da jemand seinen Leib hinwirft vor Mir in den Staub?! [HGt.02_228,09] Sollte Ich dadurch etwa ein Wohlgefallen daran gewinnend nehmen, oder werdet ihr dadurch besser, so ihr euch eine Zeitlang im Staube herumgewälzt habet?! [HGt.02_228,10] Ich aber sage euch: Solches alles ist eitel töricht! Sehet, so jemand ist ein Handwerker und hat dazu nötig irgendein Werkzeug, – wäre es nicht völlig töricht von ihm, so er vor irgendeiner Verrichtung das Werkzeug eine Zeitlang möchte im Staube und Kote herumwälzen aus lauter Hochachtung vor der Arbeit, die er mit dem Werkzeuge verrichten soll?! [HGt.02_228,11] Ich meine aber, es wird der Handwerker besser tun, so er das Werkzeug nur rechtlich dazu verwendet, dazu es taugt, und nicht auch dazu, dafür es nicht gemacht ist! [HGt.02_228,12] Es wird aber schon im gut dargestellten Werke sich die Achtung vor der Arbeit zeigen, aber nicht in dem Werkzeuge! [HGt.02_228,13] Ich aber bin ja die Hauptarbeit für euren Geist und bin stets gleichmäßig ein und derselbe Gott! [HGt.02_228,14] Wer Mich aber ehrt und sich vor Mir demütigt, der ehre Mich beständig und sei ohne Unterlaß demütig vor Mir; denn Ich bin ja beständig heilig vor jedermann! [HGt.02_228,15] Wer Mich demnach aber mit seinem Leibe im Staube ehren will, da muß er ja auch Tag und Nacht ohne Unterlaß sich im Staube herumwälzen! [HGt.02_228,16] Wenn Ich aber von euch solches wollte, da hätte Ich euch zu Würmern gestaltet, aber nicht zu freien Menschen. [HGt.02_228,17] Die wahre Ehrung aber besteht darinnen, daß ihr alle ohne Unterlaß Meinen Willen tuet, welcher euch dreifach geoffenbaret ist, nämlich in der Ordnung der Natur der Dinge, dann durch euer eigenes geistiges Herz, welches ist die reine Liebe, und dann durch Meine Boten, und nun bestätigend durch Mich Selbst. [HGt.02_228,18] Liebet Mich über alles und euch untereinander wie jeder sich selbst, so werdet ihr Mich im Geiste und somit in aller Wahrheit ehren! [HGt.02_228,19] Solches also ist Mein Wille und gilt bei Mir allein als etwas; alles andere aber ist eitel und töricht. [HGt.02_228,20] Also tuet danach, so werdet ihr Mir allzeit wohlgefällig sein! Amen.“ 229. Kapitel — Lamechs Frage wegen des leiblichen Ausdruckes der Gefühle. Was die reine Liebe tut, ist vor Gott gerecht[HGt.02_229,01] Nach dieser Rede des Herrn bekamen alle mehr Mut und lobten und priesen Gott in ihren Herzen ob Seiner übergroßen Güte, Gnade und Erbarmung. [HGt.02_229,02] Der Lamech aber faßte mehr Mut denn ein anderer und fragte nun den Herrn, sagend: „O Herr, Du alleiniger, großer Gott Himmels und der Erde, Du alleinig wahrer, allerbester Vater der Menschen, der Du heilig bist, überheilig! Ist es denn aber schon durchaus sündhaft gefehlt, so irgendein Mensch, von seinem Gefühle genötigt und getrieben von seiner Demut und mächtigen Liebe zu Dir, nahezu unwillkürlich auch schon vor Deinem alleinigen allerheiligsten Willen und Namen sich sowohl geistig, wie auch leiblich vor Dir hinwirft und Dich also innerlich und äußerlich zugleich im Staube der völligen eigenen Nichtigkeit anbetet und sich Dir sonach ganz aufopfert? [HGt.02_229,03] Denn also meine ich meinesteils: Gegen Deine endlose Güte und Erbarmung kann der Mensch ja doch unmöglich je zuviel tun! [HGt.02_229,04] Mag ja immer der Geist des Menschen nach Deiner heiligen Ordnung und nach Deinem allerheiligsten Liebewillen sich unablässig mit Dir, o heiliger Vater, beschäftigen – solches wird ihm auch sicher ein allerangenehmstes Geschäft sein ewig –, [HGt.02_229,05] Aber in so manchen Momenten, wenn er zu sehr von Deiner Liebe und Gnade durchdrungen wird, wenn ihm Reue-, Liebe- und Freudetränen den Augen enttriefen, wenn er Dich, o heiliger Vater, tausend und tausend Male mit der heißesten Liebe umarmen möchte, da meine ich nun aus meinem innersten Gemüte, kann der Mensch wohl unmöglich umhin, auch mit dem Leibe solche Bewegungen zu machen, die denen des Geistes völlig entsprechen! [HGt.02_229,06] Es umarmen sich ja auch Freunde, Brüder und Liebende bei der besonderen Gelegenheit einer mächtigeren Anregung; die Kindlein umfassen oft krampfhaft ihre Eltern, durch ihre Liebe genötigt; Du Selbst hast ja Deine große, herrliche Schöpfung also geordnet eingerichtet, daß da alles ganz besondere Momente aufweist, in denen es mehr erregt wird, und wieder Momente, in denen es minder erregt zu sein scheint. [HGt.02_229,07] Die Sonne spendet zwar stets ein gleiches Licht; das kommt mir vor wie die von Dir ausgesprochene unablässige Beschäftigung mit Dir. [HGt.02_229,08] Aber nicht also ist es der Fall mit der Spendung der Wärme; da scheint die Sonne auch eine gewisse Gradation zu beachten und scheint manchmal mehr und manchmal wieder weniger erregt zu sein! [HGt.02_229,09] Die Bäume blühen nicht beständig und haben auch nicht fortwährend Früchte auf ihren Zweigen, – und doch stehen sie stets da in Deiner Ordnung! [HGt.02_229,10] Die Luft selbst artet oft mächtig aus und bewegt sich in großer und mächtiger Aufregung über uns hinweg. [HGt.02_229,11] Auch die Berge brennen nicht stets, während sie doch immer in Deiner Ordnung dastehen; nur zuzeiten werden sie heftiger und heftiger erregt und scheinen dann mit ihren Feuerarmen Dich heftig liebend ergreifen zu wollen! [HGt.02_229,12] Also wirst Du, o heiligster Vater, es ja mit uns auch nicht also genau nehmen, so wir auch, von unserer Liebe getrieben, mit den Bewegungen des Leibes Dich samt denen des Geistes ehren, loben, preisen, danken und anbeten?! [HGt.02_229,13] Es läßt sich ja sogar der Stein im mächtigen Feuer zerschmelzen, welches auch ist eine Kraft aus Dir; warum sollte nicht auch unser belebter und empfindlicher Leib manchmal bei einer besonderen Erregung der Liebe zu Dir vom Dich stets liebenden Geiste mitgerissen und im Feuer der Liebe ein wenig mitgeschmolzen werden?!“ [HGt.02_229,14] Der Herr aber legte dem Lamech Seine Hände auf und sagte zu ihm: „Lamech! Du warst ein Sohn der Welt, und damals wußtest du nichts von all dem, was du jetzt vor Mir geredet hast. [HGt.02_229,15] Wie kommt es denn, daß du jetzt also sprichst wie ein mit Meinem Geiste gesalbter Priester der Höhe?!“ [HGt.02_229,16] Und der Lamech erwiderte ehrfurchtsvollst: „O Herr, ich rede, wie es mir nun mein Herz und meine Liebe zu Dir gibt!“ [HGt.02_229,17] Und der Herr sagte darauf zum Lamech: „So Mich jemand über alles liebt, und sein Herz sagt, in solcher großen Liebe zu Mir erbrennend, zu ihm: ,Tue das!‘ oder: ,Tue jenes!‘, so tue er es, und Ich will alles mit Wohlgefallen ansehen, was die reine Liebe zu Mir tun wird! [HGt.02_229,18] Aber die Liebe sei euer aller Licht und alleiniger Wegweiser ewig in Meinem Namen! Amen.“ 230. Kapitel — Lamechs törichtes Verlangen nach Gesetzen. Des Herrn Eröffnung über das Gericht im Gesetz und die Freiheit in der Liebe[HGt.02_230,01] Nach dieser hohen Belehrung nahm dankbarst und allerdemütigst wieder der Lamech das Wort und fragte den Herrn: [HGt.02_230,02] „O Herr, da ich Dich schon einmal zu bitten und zu fragen habe angefangen, so unterfange ich mich, Deiner unendlichen Güte und Geduld volltrauend, Dich noch ferner zu bitten und zu fragen! [HGt.02_230,03] Darob aber möchte ich Dich fragen, um nun unmittelbar aus Deinem allerheiligsten Munde zu erfahren, wie es Dir im Sonderheitlichen wohlgefallen möchte, daß der Mensch danach in allen seinen irdischen Verhältnissen handeln möchte. [HGt.02_230,04] Denn siehe, o heiliger Vater, wenn von einem Orte bis zum andern ein Weg vollends gemacht ist, so kann sich auf solch einem Wege wohl niemand verirren, außer er müßte sich nur absichtlich haben verirren wollen oder hätte eigenliebig etwa gar wollen eine kürzere Strecke ausfindig machen, bei welcher Gelegenheit er sich dann auch verirrt haben könnte und gelangen in ein dichtes Gestrüpp, welches da angefüllt wäre mit Schlangen und Nattern! [HGt.02_230,05] Also wäre für uns alle ja nichts wünschenswerter als ein für unseren Geist von Dir, o heiliger Vater, genau vorgezeichneter Weg, also ein bestimmtes Gesetz, also und nicht anders zu handeln! [HGt.02_230,06] Denn haben wir von Dir Selbst eine vorgezeichnete Regel, da wissen wir auch, was Du willst, und was Deiner göttlichen Ordnung gemäß ist, und wir können dann mit großer Leichtigkeit nur Deinem Wohlgefallen leben. [HGt.02_230,07] Haben wir aber keine Regel, so muß jeden unserer Schritte eine große Ängstlichkeit begleiten, damit wir nicht gar leichtlich einen Fehltritt tun wider Deine allerheiligste Ordnung! [HGt.02_230,08] Wenn es Dir, o heiliger Vater, angenehm wäre, da möchte ich Dich wohl im Namen der ganzen Tiefe darum bitten, Dir aber auch meine unablässige, allerpünktlichste Treue für allzeit und ewig angeloben!“ [HGt.02_230,09] Und der Herr hob Seine Hand auf, und sagte zum Lamech, wie auch zu allen: „Wahrlich, wahrlich, sage Ich, nun noch euer aller heiliger und liebevollster Vater: [HGt.02_230,10] Wenn Ich euch durch Gesetze binden werde, dann auch werde Ich euch binden durch das Gericht; denn ohne Gericht ist kein Gesetz möglich, aber somit auch ohne Gesetze kein Gericht! [HGt.02_230,11] Hättest du, Lamech, bisher Gesetze von Mir, so wäre Ich nun nicht gekommen zu euch als ein Vater und darum ein Helfer euch allen, sondern als ein unerbittlichster Richter wäre Ich zu euch gekommen, um euch zu verdammen für all euer arges Tun! [HGt.02_230,12] Ihr aber hattet vom Anbeginne keine Gesetze; also wie die Kindlein in der Wiege waret ihr. Ihr habet viel Arges, ja himmelschreiend Arges habet ihr getan; da ihr aber kein bestimmtes Gesetz unmittelbar von Mir hattet, sondern nur einen mittelbaren Rat, so waret ihr auch bis jetzt keines Gerichtes fähig, – und Ich bin nun da, um euch zu helfen! [HGt.02_230,13] Wie magst du, Lamech, demnach Mich um Gesetze bitten?! [HGt.02_230,14] Was ist wohl besser, entweder ganz frei zu sein in der Liebe zu Mir und Mich dadurch zu haben zum Vater, oder aber gebunden zu sein durch Gesetze und dadurch Mich zu haben zum steten Richter?! [HGt.02_230,15] Wahrlich, sage Ich euch allen: Ich will eher die ganze Schöpfung vernichten, als Meine Kinder mit Gesetzen fesseln, ihnen dadurch aufhören ein Vater zu sein, und sie richten zum ewigen Tode! [HGt.02_230,16] Darum nimm du, Lamech, deine Bitte zurück, und laß sie gänzlich verderben in dir; denn du warst Mir in aller deiner Argheit dennoch lieber, als du Mir wärest in der allergewissenhaftesten Strenge der Beachtung der Gesetze. [HGt.02_230,17] Denn das Gesetz hebt alle Liebe zwischen dem Gesetzgeber und dem mit dem Gesetze Beladenen auf und stellt statt der Liebe das unerbittliche strengste Recht auf. [HGt.02_230,18] Wer aber kann von sich sagen: ,Ich vermag das Gesetz völlig zu erfüllen!‘? [HGt.02_230,19] Siehe, nur Mir allein wäre solches möglich, sonst aber keinem freien Wesen; das Geschöpf müßte nur im Gerichte wandeln gleich den Tieren! [HGt.02_230,20] Wenn aber solches, wo bleibt dann die freie Lebenstätigkeit des Geistes?! [HGt.02_230,21] Wehe euch, und wehe jedem Volke, dem Ich Gesetze geben werde; denn da wird das Haus des Vaters mit ehernen Riegeln verschlossen werden! [HGt.02_230,22] Und wenn Ich nicht Selbst werde kommen, dasselbe zu erfüllen, so geht alle Schöpfung zugrunde! [HGt.02_230,23] Also gebe Ich euch nun auch kein Gesetz, sondern sage euch als Vater nur, daß ihr Mich liebet über alles und euch untereinander wie jeder sich selbst! Das ist Mein Wille; alles andere aber tuet aus der Weisheit, welche euch in Meiner Liebe wird, so werdet ihr also leben, wie es Mir am wohlgefälligsten ist! [HGt.02_230,24] Solches also beachtet, und tuet danach, so werdet ihr allzeit Meine Liebe haben, und Mein großes Vaterhaus soll vor euch nicht verschlossen werden ewig! Amen!“ 231. Kapitel — Lamechs törichte Furcht vor dem Zorn des Herrn. Des Herrn lichtvolle Aufklärung über den ‚Zorn‘ Gottes[HGt.02_231,01] Nach dieser Rede stutzte die ganze Gesellschaft bis auf die aus der Höhe, und ganz besonders der Lamech; denn nun dachte er bei sich: [HGt.02_231,02] Er sieht zwar sonst wohl überaus gut aus, so, daß man bei Seinem Anblicke stets wieder neuen Mut bekommt, mit Ihm wieder ein neues Wort anzuknüpfen; Sein Auge ficht einen dazu an. [HGt.02_231,03] Aber nach dieser Rede zu urteilen, ist Ihm denn doch nicht so ganz zu trauen; daher werde ich sicher das Weisere tun und mich des Redens enthalten! [HGt.02_231,04] Denn man kann doch nicht wissen, wie Er am Ende ein nur etwas dummes Wort aufnähme, – und man könnte sich mit Ihm am Ende die gute Sache also sehr verderben, daß dann einem in alle Ewigkeit nimmer zu helfen wäre! [HGt.02_231,05] Sein Zorn müßte etwas unaussprechlich Erschrecklichstes sein! [HGt.02_231,06] Man bedenke nur einmal den Zorn eines allmächtigen Gottes! [HGt.02_231,07] Da wäre es ja ums unendliche besser, gar nicht zu sein, als zu sein neben einem zornigen Gotte! [HGt.02_231,08] O daher nur stille, stille, meine dumme Zunge, du elendstes Stückchen Fleisch im Munde! Du könntest unserer Menschheit ein schönes Los bereiten! Einen Gott erzürnen? Um Gottes willen! [HGt.02_231,09] Nein, nein, ich mag dergleichen gar nicht mehr denken; denn ein Gedanke an den möglichen Zorn Gottes ist ja schon schrecklicher als alles, was aller menschliche Verstand nur je ersinnen könnte! [HGt.02_231,10] Und ich dumme Bestie von einem Menschen habe mich können unterfangen, mit Ihm gerade also wie mit einem gewöhnlichen Menschen zu reden und alle meine Dummheit vor Ihm auszulegen! [HGt.02_231,11] Nein, je länger ich jetzt nachdenke und dazu noch bedenke, was für ein Frevler ich war, desto entsetzlicher kommt mit jedem Augenblicke mir meine dreiste Torheit vor! [HGt.02_231,12] Ich tat ja dabei, als hätte ich Ihn, Gott den Allmächtigen, über Seine Willensäußerung belehren wollen?! [HGt.02_231,13] Am Ende ist Er schon heimlich erzürnt?! Um Gottes willen, was habe ich elender, dummer Esel denn getan?! [HGt.02_231,14] Sein ernster Blick nun! Ja, ja, es ist, wie ich es mir erst gedacht habe! Er ist heimlich erzürnt! [HGt.02_231,15] Wer wird mich nun beschützen vor Ihm, wenn Er über mich etwa wird den Zorn losbrechen lassen? [HGt.02_231,16] O wenn Er mich nur diesmal verschonte! Ich möchte darum ja für mein ganzes Leben stumm sein! [HGt.02_231,17] Er redet auch nichts mehr, weder mit den Seinigen, noch mit jemandem von uns! [HGt.02_231,18] Das ist schon ein sicheres Zeichen, daß Er ganz gewaltig erzürnt ist! [HGt.02_231,19] Stille nun auch, mein Herz, und erwarte mit der größten Furcht, Angst und Zittern den erschrecklichsten Ausbruch! – Oh, ich bin verloren, bin ewig verloren!“ [HGt.02_231,20] Hier trat der Herr zum Lamech hin, sah ihn überaus freundlich an und sagte dann zu ihm: [HGt.02_231,21] „Mein lieber Lamech, mit was für elenden, Meiner allerunwürdigsten Gedanken zerfleischst du dein Herz?! [HGt.02_231,22] Wie kannst du dir wohl einen zornigen Gott vorstellen?! [HGt.02_231,23] Siehe, Liebe und Zorn ist das Allerentgegengesetzteste, was sich nur je ein allertiefst denkender lebendigster Geist denken kann! [HGt.02_231,24] Liebe ist das alles ewig erhaltende –, und der Zorn aber das alles ewig zerstörende Prinzip. [HGt.02_231,25] Wäre somit aber in Mir je irgendein barster Zorn möglich, so würde dieser ja alsbald alle Liebe vernichten und mit ihr alles, was da von ihr erschaffen wurde, – ja endlich sogar sich selbst! [HGt.02_231,26] Siehe, nun aber ist alles noch da; wo wäre demnach Mein Zorn?! [HGt.02_231,27] Es kann wohl ein Mensch zornig werden, weil er ist zufolge seiner Freiheitsprobe ein von Mir entferntes Wesen, und somit ein zeitweiliger Gegensatz zu Mir, darum er sich dann eben auch nur wieder durch die Liebe zu Mir mit Mir vereinen kann, – aber Ich als die allerreinste Liebe bin durchaus des Zornes unfähig! [HGt.02_231,28] Ja einst war die Liebe in Mir wohl auch mit dem Zorne umfangen; da aber war die Unendlichkeit auch noch leer von allen Geschöpfen, sowohl geistig als materiell! [HGt.02_231,29] Aber die Liebe ergriff den sie drückenden Zorn und stellte ihn körperlich wesenhaft außer Sich. [HGt.02_231,30] Und siehe, aus diesem Zorne sind dann geschaffen worden alle die zahllosen Geister, Sonnen und Welten, diese Erde und alles, was auf ihr ist! [HGt.02_231,31] Willst du demnach in der Wahrheit den Zorn Gottes sehen, da schaue die geschaffenen Dinge an; diese sind der Zorn Gottes! [HGt.02_231,32] Aber sie sind nicht etwa ein ledig Zorn, sondern Meine Liebe ist allenthalben das mächtigste Wesen dabei. [HGt.02_231,33] Diese hält und trägt nun alles, und außer ihr gibt es keine Macht mehr, die da stärker wäre denn sie. [HGt.02_231,34] Darum soll auch der Mensch nicht an der Welt hängen, sondern sich von ihr ganz losreißen, damit er am Ende nicht von ihr verschlungen wird und somit nicht gerät in Meinen Zorn! Denn die Welt ist ja Mein gefesselter Zorn; wer aber mit der Welt ist, der wird auch mit ihrer ewigen Todesfessel sein! [HGt.02_231,35] Was du aber bei Mir etwa als ,Zorn‘ ansehen möchtest, siehe, das ist nur Mein göttlicher, allerlebendigster Liebeeifer, welcher an und für sich ist Meine Erbarmung! [HGt.02_231,36] Also magst du vor Mir wohl reden, was du willst, und Ich werde dir nicht zürnen, wohl aber dich belehren in törichten Sachen! [HGt.02_231,37] Was dir somit noch am Herzen liegt, das gib Mir unverhohlen kund, und Ich will dir an die Hand gehen; also rede! Amen.“ 232. Kapitel — Wie die rechte Liebe zu Gott beschaffen ist. Das Gleichnis vom Fürsten und seinen Kindern[HGt.02_232,01] Da der Lamech aber solches vom Herrn vernommen hatte, ward er überfroh und heiter in seinem Gemüte und faßte sonach wieder den gehörigen Mut, sich mit einer Frage an den Herrn zu wenden. [HGt.02_232,02] Da er sich also gefaßt hatte, so begab er sich alsbald wieder zum Herrn hin und richtete folgende Worte an Ihn, sagend nämlich: [HGt.02_232,03] „O Herr, Du allerliebevollster, allerheiligster Vater! Es ist ewig gut und wahr, daß man nur dann Dir wohlgefällig und angenehm sein kann, wenn man Dich über alles liebt und seine Brüder und Schwestern wie sich selbst; [HGt.02_232,04] Wie aber soll die Liebe zu Dir wohl beschaffen sein? Wie kann der schwache Mensch Dich über alles lieben? [HGt.02_232,05] Wie soll er das anstellen? Kann und darf er Dich auch also lieben, wie er da liebt seinesgleichen, mit demselben Herzen, mit demselben Gemüte? [HGt.02_232,06] Siehe, o heiliger, liebevollster Vater, solches ist wenigstens für mich etwas außerordentlich Wichtiges! Denn Du bist nicht gleich wie ein Mensch; also kann die Liebe zu Dir ja auch keine menschliche sein! Und da Du heilig, überheilig bist, so wird ja auch die Liebe zu Dir eine reinste, geheiligte sein müssen; denn etwas Unlauteres und Ungeheiligtes kann sich Dir ja doch weder auf die eine noch auf die andere Art nahen! [HGt.02_232,07] O Herr und über alles heiliger und liebevollster Vater, so es Dein heiligster Wille wäre, da möchtest Du uns denn doch nun ja wohl kundgeben, wie geartet und gestaltet die Liebe von uns aus zu Dir sein soll, auf daß wir Dich dann gerecht zu lieben vermöchten!“ [HGt.02_232,08] Und der Herr sah den Lamech liebfreundlichst an und sprach zu ihm: „Höre du, nun auch ein wahrer Lamech (der Mann für Mich, oder: der Mann nach Meinem Herzen), wahrlich, solch eine Frage hat noch niemand an Mich gestellt! [HGt.02_232,09] Und Ich sage dir, Lamech, daß deine Frage von größter Wichtigkeit ist; denn wahrlich, es liegt alles an dem, wie ihr Mich liebet! [HGt.02_232,10] Mit einer ungerechten und somit Meiner unwürdigen Liebe kann und soll sich Mir niemand nahen! [HGt.02_232,11] Wie aber mag Ich dir, Mein Lamech, das kundgeben, wie du einen Gott lieben sollst?! [HGt.02_232,12] Siehe, es wird sich solches etwas schwer tun lassen; ja Ich meine, es dürfte dir leichter sein, mit deinen viel zu kurzen Armen die ganze Erde und den ganzen Himmel zu umspannen, als zu fassen und zu begreifen das, was da in der vollen Antwort auf deine großwichtige Frage gelegen sein dürfte! [HGt.02_232,13] Darum wird es wohl notwendig sein, daß Ich Mich in solch einer Antwort etwas leichter fasse, – und so höre denn: [HGt.02_232,14] Ich setze den Fall, ein Vater sehr vornehmen Standes, etwa wie ein Fürst einer der zehn Städte, hätte mehrere Kinder. Diese Kinder wissen die Ordnung, wie sie sich zu ihrem Vater begeben dürfen, nämlich ganz geziemend geschmückt, gemessenen Schrittes, die Hände kreuzweise über ihre Brust gelegt und das Haupt demütigst zum Boden gesenkt. [HGt.02_232,15] Wenn diese Kinder also vor den fürstlichen Vater kommen, da belobt er sie und entläßt sie dann. [HGt.02_232,16] Eines unter den Kindern, ein rüstiger Knabe, aber ist ganz keck, erscheint nicht mit den abgerichteten Kindern – denn solches bringt er nicht über sein Herz, welches den hohen Vater zu sehr liebt –, sondern kommt ganz allein zum Vater gerannt, ist sonst auch mehr nachlässig in seiner Kleidung. [HGt.02_232,17] Wenn aber dieser Knabe den Vater ersieht, da breitet er seine Arme aus, umfaßt ihn mit aller kindlichen Liebeglut und schreit dabei: ,O Vater, Vater! Du mein lieber Vater, wie sehr doch liebe ich dich! [HGt.02_232,18] Siehe du, mein herrlicher, lieber, guter Vater, ich liebe dich zu sehr, als daß es mir möglich wäre, mich vor dir in den gesetzlichen höflichen Schranken zu bewegen! [HGt.02_232,19] Ja, ich will eher sterben, als vor dir, o mein Vater, meinem Herzen einen unterdrückenden Liebezwang antun!‘ [HGt.02_232,20] Ich setze aber nun den Fall, du wärest der Vater solch eines Kindes, was würdest du, rein nach deinem Vatergefühle geurteilt, da einem solchen Kinde wohl tun? [HGt.02_232,21] Du sprichst: ,Oh, das würde ich auch über die Maßen lieben!‘ [HGt.02_232,22] Gut geantwortet! Ich sage dir aber, gerade ein solcher Vater bin Ich auch! Wer demnach auch zu Mir kommt wie dieser kecke Knabe, alle die zahllosen törichten Höflichkeitsschranken übersteigend, der wird auch Mir der allerliebste Sohn sein! [HGt.02_232,23] Gott kannst du für Sich nicht lieben; aber den Vater kannst du lieben gleich dem kecken Knaben, und Gott als der Vater wird dann dich auch mit aller Macht Seiner Liebe ergreifen und wird dich setzen in Seinen Schoß als ein wahres Ihm über alles teures Kind, und wird all den andern dann deinetwegen gnädig sein und ihnen erlassen die leere Höflichkeit! [HGt.02_232,24] Siehe, das ist die rechte Liebe; solche also beachte! Amen.“ 233. Kapitel — Lamechs gute Rede an sein Volk über das wahre Herzensopfer und seine Bitte an den Herrn um Auskunft über seine beiden verschollenen Söhne Jubal und Jabal. Des Herrn tröstende Worte.[HGt.02_233,01] Nach dieser Belehrung fiel der Lamech vor dem Herrn auf seine Knie nieder und dankte im Namen aller laut dem Herrn für solche große Gnade, darum Er ihnen nun gar klärlichst gezeigt hatte, wie man Ihn lieben solle. [HGt.02_233,02] Als der Lamech seinen Dank also in und aus seinem Herzen dem Herrn dargebracht hatte, da behieß ihn der Herr alsbald, daß er sich erheben solle vom Boden. [HGt.02_233,03] Der Lamech erhob sich und richtete dann folgende Worte an die, denen er früher ein König war: [HGt.02_233,04] „Nun lauter Brüder und Schwestern! Samt mir habet ihr nun in euer Herz empfangen, habt es gehört mit den eigenen Ohren und gesehen mit den eigenen Augen, daß der Herr, der allein einig wahre, allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge, uns allen sein will ein wahrer, heiliger, liebevollster Vater und hat uns nun Selbst gezeigt, daß wir Ihn lieben dürfen, wie da lieben wohlgeratene Kinder mit aller Herzensglut ihre Eltern. [HGt.02_233,05] Welche noch endlos größere Gnade hätte uns da wohl widerfahren können?! [HGt.02_233,06] Daher fassen wir unsere Herzen und bringen sie allzeit liebebrennend Ihm zum Opfer dar, und sie werden Ihm, wie Er uns nun Selbst gelehrt hat, das wohlgefälligste Opfer sein! [HGt.02_233,07] Aber mit unlauteren Herzen wollen wir Ihm auch kein Opfer bereiten; denn Er ist ja heilig, überheilig! [HGt.02_233,08] Ich meine aber, so wir stets in Seiner Liebe lebendig wachsam verbleiben werden, da werden wir ja auch gar leicht uns stets eines solchen Gemütszustandes zu erfreuen haben, der dem allerheiligsten, liebevollsten Vater wohlgefällig sein wird! [HGt.02_233,09] Nun aber bereitet euch alle wohl vor in euren Herzen, damit wir alle würdig sein möchten, an Seiner Seite zu wandeln, so es Ihm, dem heiligen, liebevollsten Vater wohlgefällig sein wird, Seinen allerheiligsten, lebendigsten Namen in den neuerbauten Tempel übertragen zu lassen! [HGt.02_233,10] Er ist unserer sündigen Schwachheit hier wohl als ein wahrer, liebevollster, allerbarmender Vater entgegengekommen; aber wir dürfen bei solch Seiner unendlichen Liebe nie vergessen, daß Er auch ein überheiliger, unendlicher Gott ist und uns durch endlose Gnade Sein Heiligtum in dem Tempel will aufstellen lassen also, wie Er uns durch Seine mächtigen Boten hat anzeigen lassen! [HGt.02_233,11] Also müssen wir alle in unseren Herzen durch die reine, mächtige Liebe zu Ihm gar wohl vorbereitet sein, um sicher zu betreten Sein Heiligtum!“ [HGt.02_233,12] Hier wandte sich der Lamech zum Herrn und sprach: „O Du heiliger Vater! Nimm Du diese meine mangelhaften Worte also auf, als wären sie Deiner würdig, und segne sie in unseren Herzen, damit diese allzeit Dir, o heiliger Vater, wohlgefällige Früchte der reinen Liebe tragen möchten! [HGt.02_233,13] O heiliger Vater, ich habe noch zwei Söhne, den Jubal und den Jabal! Sie haben sich vor einer kurzen Zeit erst aus meinen Augen verloren; Du weißt es, es war bald nach der Zeit, da ich meine Tochter vergab und dann mir auch meine zwei Weiber, die Ada und die Zilla, entführt wurden. [HGt.02_233,14] Siehe, ich weiß nun wohl, daß meine Tochter und meine Weiber gar wohl versorgt sind, – daher kümmert mich derselben wenig; aber die zwei Söhne kümmern mich, denn ich weiß nicht, wohin sie sind. [HGt.02_233,15] Wenn es Dein heiliger Wille wäre, so möchte ich diese wohl noch einmal sehen und sie dann auch führen zu Dir hin!“ [HGt.02_233,16] Hier sprach der Herr zum Lamech: „Höre, mein lieber Lamech! Was da betrifft deine frühere Rede an dein Volk, so soll sie in aller Herzen völlig gesegnet sein, jedoch ohne Zwang und ohne die geringste Beschränkung der Freiheit des Geistes; denn deine Rede war in Meinem Namen völlig wahr und gut. [HGt.02_233,17] Was aber da betrifft deine beiden Söhne, so können sie jetzt nicht hierher gelangen; denn sie haben sich mit dem Horadal begeben auf die Höhe und sind nun bei ihm. [HGt.02_233,18] Zur rechten Zeit aber will Ich sie schon vor dein Angesicht führen, wie deine beiden Weiber und deine Tochter; doch jetzt ist es noch nicht an der Zeit! [HGt.02_233,19] Nun aber laß uns gehen und die Tafel setzen in den Tempel! [HGt.02_233,20] Gehe daher hin und bringe die Tafel hierher; Ich werde sie anhauchen, und du wirst sie dann vor Mir und dem Henoch tragen in den Tempel! [HGt.02_233,21] Alle andern aber sollen uns folgen; denn vor dir soll niemand einhergehen! Amen.“ 234. Kapitel — Lamechs vergeblicher Versuch, die für ihn zu schwere heilige Tafel zu tragen. „Ohne Mich vermöget ihr nichts, mit Mir aber vollkommen alles![HGt.02_234,01] Auf diese Anordnung und Beheißung des Herrn verfügte sich der Lamech alsogleich in den Thronsaal, um zu holen die Tafel. [HGt.02_234,02] Mit der größten Andacht begab er sich hin zum Throne, gab Gott die Ehre und griff dann mit der höchsten Ehrfurcht nach der Tafel, welche da auf dem Throne aufgestellt war. [HGt.02_234,03] Als er sie aber nun heben und forttragen wollte, siehe, da ward die Tafel plötzlich also schwer, daß es ihm zur allerreinsten Unmöglichkeit ward, dieselbe weiterzuschaffen. [HGt.02_234,04] Als er mehrere Versuche machte, die heilige Tafel aufzuheben und sie dann nach dem Willen des Herrn in den Speisesaal zu tragen, daß Er sie dort anhauche, und er – der Lamech nämlich – sie dann trage in den Tempel, und trotz aller der Versuche dennoch nichts auszurichten vermochte, da fing er darüber ernstlich an nachzudenken, und es kam ihm vor, als ob er einmal schon entweder vom Kisehel, vom Henoch oder vom Herrn Selbst vernommen hätte: „Ohne Mich vermöget ihr nichts, mit Mir aber vollkommen alles!“ [HGt.02_234,05] Nach diesem glücklichen Einfalle verließ er, sich vor der mächtigen Tafel allerehrerbietigst verneigend, alsbald den Thronsaal und kam somit wieder unverrichteterdinge zu der erhabensten Gesellschaft in den Speisesaal. [HGt.02_234,06] Es fing aber alles sich zu verwundern an und fragte ihn emsigst von allen Seiten: „Aber Bruder Lamech, – was ist denn mit der heiligen Tafel! [HGt.02_234,07] Hast du sie etwa gar nicht mehr vorgefunden, darum du also leer wieder zurückkommst?“ [HGt.02_234,08] Der Lamech aber sagte zu all denen, die ihn also fragten: „O liebe Brüder, nehmet euch samt mir ob dieser Erscheinung diese kurze, aber sonst wohl allerwichtigste Lehre zu Herzen: [HGt.02_234,09] Wenn der allmächtige Herr und allerliebevollste, heilige Vater mit uns ist, dann vermögen wir in Ihm und durch Ihn alles; ohne Ihn aber vermögen wir nichts! [HGt.02_234,10] Ich war ein Tor; darum ging ich ohne Ihn in den Saal, um zu holen das Heiligtum! Aber die Erfahrung hat es mir da hinreichend gezeigt, was der Mensch ohne den Herrn vermag! [HGt.02_234,11] Daher eile ich nun zum Herrn, auf daß Er mit mir sein möchte, und ich werde sodann sicher nicht wieder mit leeren Händen hierher gelangen! [HGt.02_234,12] Solches also werde allzeit von mir, wie von euch allen gar wohl und gar tief gemerkt und allzeit alltreulichst beachtet!“ [HGt.02_234,13] Hier ging der Lamech hin zum Herrn, der Sich unterdessen mit dem Henoch und mit den anderen sieben besprochen hatte, fiel vor Ihm nieder und sprach: [HGt.02_234,14] „O Herr und heiliger Vater, siehe gnädigst auf mich, einen allergrößten Toren, herab! Ich, ein allergrößter Dummkopf, wollte ohne Dich Dein Heiligtum heben und es nach Deiner allergnädigsten Beheißung hierher bringen; aber als ich armseligster Tropf solches versuchte und die heilige Tafel nicht von der Stelle zu bringen vermochte ihrer unendlichen Schwere zufolge, da erst ward es mir klar, daß man ohne Dich nichts vermag – und schon am allerwenigsten, was da unmittelbar Dich betrifft –, wohl aber alles mit Dir, in Dir und durch Dich, o Du heiliger, allerliebevollster Vater! [HGt.02_234,15] Daher komme ich denn auch nun unverrichteterdinge wieder zu Dir und bitte Dich aus dem Grunde meines Herzens, daß Du mit mir gehen möchtest in den Thronsaal, und mir helfest, Dein Heiligtum von der Stelle zu schaffen! [HGt.02_234,16] Denn sonst wird es unmöglich je in den Tempel zu bringen sein!“ [HGt.02_234,17] Hier bog sich der Herr zur Erde nieder, hob den Lamech wieder auf und sagte zu ihm: „Ja, also ist es, Mein Lamech: mit Mir vermagst du alles, – ohne Mich aber nichts! [HGt.02_234,18] Wer vermag sich auch nur um den zehnten Teil einer Handspanne in seiner Leibesgröße zu erhöhen?! Wer kann sagen: solches oder anderes geschehe, auf daß es alsbald werde nach seinem Willen?! [HGt.02_234,19] Mir allein nur sind alle Dinge ewig untertan! [HGt.02_234,20] Wer aber demnach mit Mir ist, der ist auch mit Meiner Kraft – denn Ich Selbst bin ja die ewige unendliche Kraft – und kann demnach in und mit Mir alles vermögen! [HGt.02_234,21] Nun also gehe denn mit Mir, und Ich werde mit dir sein; da werden wir denn sehen, ob die Tafel wohl noch also unüberbringlich schwer sein wird!“ [HGt.02_234,22] Und so denn ging der Lamech mit dem Herrn wieder in den Thronsaal, und alles folgte diesen und sah allda erheben die heilige Tafel und dann wieder tragen in den Speisesaal, allwo sie der Lamech auf den Hauptspeisetisch aufstellte und sie sodann der Herr anhauchte. 235. Kapitel — Des Herrn Rede über der Gesetze Last. Warum der Mensch ein göttliches Gesetz nie ganz erfüllen kann. Das Gebot der Herzensdemut und der Liebe[HGt.02_235,01] Nach dem aber, da der Herr die Tafel angehaucht hatte, wandte Er Sich zum Lamech und sprach zu ihm, wie zu allen seines Landes: [HGt.02_235,02] „Höre nun, du Lamech, und ihr alle, auch Kinder Kahins! Du, Lamech, hast Mich um Gesetze angesprochen, und siehe, Ich habe euch keines gegeben, damit nicht ein Gericht über dich und all dein Volk komme! [HGt.02_235,03] Wie schwer aber da ist ein Gesetz aus Mir, solches hast du, Lamech, erprobt an der Tafel, da du sie heben wolltest ohne Mich! [HGt.02_235,04] Siehe, Ich Selbst habe es dir befohlen, zu holen die Tafel! Du erfülltest alsogleich pünktlich Meinen Willen; denn du gingst alsogleich, um zu holen die Tafel. [HGt.02_235,05] Konntest du sie aber auch von selbst hierher bringen! [HGt.02_235,06] Nein, sagst du; denn sie war dir zu unendlich schwer! [HGt.02_235,07] Siehe, also hätten auch im Besitze der Gesetze aus Mir gar viele Menschen den redlichen Willen, dieselben zu erfüllen, solange sie dabei auf keine sie prüfenden Schwierigkeiten stoßen möchten! [HGt.02_235,08] So sie aber an die Schwierigkeiten kommen würden, was und wie dann, so Ich nicht also wie eben jetzt unter euch Mich sichtbar befände und von den späteren Nachkommen auch der feste, unerschütterliche Glaube an Mich und mit ihm die notwendige Liebe zu Mir dürfte verlorengehen, darob sich dann auch niemand also, wie du jetzt, könnte zu Mir begeben und zu Mir sagen: ,Herr, nun sehe ich ein, daß man ohne Dich nichts vermag; daher komme und hilf mir überheben und überbringen die große, schwere Last!‘ [HGt.02_235,09] Ich habe dir dadurch also zeigen wollen, daß der Mensch ein göttliches Gebot nie völlig erfüllen kann; und wer da auch aus seinem festesten Willen alles Mögliche getan hätte und sagte dann aber: ,Herr, siehe, ich habe erfüllt Dein Gesetz bis zum letzten Häkchen!‘, so wäre er ein großer Lügner und ein grober Täter des Übels! [HGt.02_235,10] Denn ein göttliches Gesetz kann niemand vollkommen erfüllen – außer Gott allein! Warum denn also? [HGt.02_235,11] Weil das Gesetz göttlich ist – weil aus Gott – und daher unendliche Bedingungen in sich birgt! [HGt.02_235,12] Wenn aber der Mensch alles getan hat nach Meinem ihm geoffenbarten Willen und will dadurch vor Mir gerechtfertigt sein, da muß er in seinem demütigen Herzen sagen: [HGt.02_235,13] ,O Herr und Vater, sei mir faulem und nichtsnützem Knecht gnädig und barmherzig! [HGt.02_235,14] Denn ich habe wohl an der Rinde genagt, aber das Holz und das Mark des Gesetzes ist vom Zahne meiner Willenskraft noch völlig unberührt geblieben!‘ [HGt.02_235,15] Wenn jemand also tut Meinen Willen, der tue es immerhin, als täte er solches aus eigener Kraft, freilich wohl stets im Volltrauen auf Meine kräftige Unterstützung; wenn er aber irgend etwas vollzogen hat nach Meinem Willen, so muß er sich alsogleich lebendigst erinnern, daß er nichts, sondern nur alles Ich durch ihn vollzogen habe! [HGt.02_235,16] Wer solches lebendig in sich erkennen wird, der auch wird vor Mir gerechtfertigt sein durch diese seine demütige Erkenntnis. [HGt.02_235,17] Wer aber die Taten sich selbst zuschreiben wird, der wird einst vor Mir auch eine unendlich schwere Rechenschaft zu bestehen haben, bei welcher schwerlich je eine vollgültige Probe herauskommen wird, – außer, wenn solch ein Rechner noch frühzeitig genug wird zur Rechentafel der Demut seine Zuflucht nehmen und wird auf dieser Tafel offenbarlichst bekennen, daß er vor Mir der größte Schuldner ist! [HGt.02_235,18] Um aber dich und dein Volk soviel als möglich vor dem Gerichte zu schonen, weil die Erfüllung Meines Gesetzes zu schwer, ja für euch rein unmöglich ist, so gebe Ich euch auch kein Gebot als allein das der Liebe – welches aber eigentlich kein Gebot ist, weil die Liebe eigentlich eines jedweden ganz eigenes Leben ist –, und daß ihr Meinen Namen nicht eitel nennet – denn er ist der Name Gottes, der da ewig ist heilig, heilig, heilig! –, und daß ihr allzeit glaubet, daß Ich der einige und alleinige Gott und Schöpfer bin Himmels und der Erde und noch von zahllosen Sonnen und Welten in Meiner Unendlichkeit! [HGt.02_235,19] Also liebet, ehret Mich allzeit über alles, und glaubet, daß Ich euer Gott und allgütigster Vater es bin, der nun solches euch kundgibt, so habt ihr mehr getan, als so ihr zehntausend Gesetze auf das pünktlichste erfüllet hättet! [HGt.02_235,20] Diese Tafel aber erinnere euch allzeit an Mich und erfülle eure Herzen mit Liebe, Ehrfurcht und Glauben an Mich, so werde Ich auch im Geiste allezeit bei euch sein, und ihr werdet in Mir haben und finden das ewige Leben! [HGt.02_235,21] Und so denn lasset uns erheben diese Tafel und sie tragen an den Ort ihrer hohen Bestimmung zu eurem allzeitigen Heile! Amen.“ 236. Kapitel — Die undurchdringliche Volksmenge vor dem Ausgangstor des Palastes. Lamechs Verlegenheit. Liebe und Geduld als die Hauptschlüssel bei Hindernissen[HGt.02_236,01] Nach dieser Rede und Lehre verneigte sich der Lamech allertiefst vor der Tafel, nahm sie in seine Hand und trug sie langsamen und wohl abgemessenen Schrittes; denn er dachte nun bei jedem Schritte nach, wer Der ist, der ihm mit dem Henoch folgt, und welch einen Namen er trägt. [HGt.02_236,02] Als sie nun aber das große Ausgangstor des Palastes erreichten, da war dieses, wie der ganze große Platz vor dem Palaste, aber mit Menschen also angefüllt, daß es dem Lamech rein unmöglich war, irgend aus dem Tore zu gelangen; denn die im Tore stehenden Menschen konnten nicht zurückweichen, da sie von den außen Stehenden zu sehr gedrängt wurden. Was war da wohl zu machen? [HGt.02_236,03] Der Lamech, dadurch in eine große Verlegenheit gebracht, wandte sich an den Herrn und sagte, voll der tiefsten Ehrfurcht zu Ihm: [HGt.02_236,04] „O Herr, siehe meine große Verlegenheit und Angst! Was ist da zu machen? [HGt.02_236,05] Gewalt brauchen wäre hier am allerunrechtesten Platze und würde auch gar wenig fruchten. [HGt.02_236,06] Durch die Macht einer Wunderkraft aus Dir sie zurückdrängen, wäre doch auch unbillig; denn es sind ja doch lauter geladene Gäste und ebenfalls, o heiliger Vater, ja lauter Deine Kindlein! [HGt.02_236,07] Und endlich gar bei einem andern Tore hinausgehen, dürfte sich doch wohl gerade für diese heutige ewig allererhabenste Gelegenheit nicht schicken! [HGt.02_236,08] Dir aber, o heiliger Vater, werden noch tausend Auswege offen stehen; möchtest Du mir denn nun nicht den besten allergnädigst anzeigen?! [HGt.02_236,09] O, ich bitte Dich vom Grunde meines Herzens darum! Dein heiliger Wille geschehe allzeit wie ewig! Amen.“ [HGt.02_236,10] Der Herr aber sagte zum Lamech: „Mein Lamech, kennst du noch nicht den Hauptschlüssel, mittels welchem jeder das große Tor des ewigen Lebens sogar für sich eröffnen kann? [HGt.02_236,11] Siehe, der Schlüssel heißt die Liebe! Versuchen wir daher mit diesem Schlüssel die Kindlein aus dem Tore zurückzudrängen! Und geht es mit diesem Schlüssel nicht, so gibt es dann noch einen zweiten, und dieser heißt die Geduld; mit der Geduld überwindet man alles! [HGt.02_236,12] Also versuchen wir einmal den ersten Hauptschlüssel und halten aber daneben gleichzeitig den zweiten schon auch in der vollsten Bereitschaft, – und sei dadurch versichert, wir werden mit diesen zwei Lebensschlüsseln bestimmt nicht steckenbleiben!“ [HGt.02_236,13] Hier rief sogar der Henoch laut aus: „O Du heilige Lehre und Du heiliger Lehrer; ja Du, o Vater, bist allein ganz die heiligste, ewig reinste Liebe!“ [HGt.02_236,14] Der Herr aber sagte zum Henoch: „Ja, ja, Mein geliebter, teurer Henoch, siehe, also müssen wir ja die armen Kindlein, sie auf unseren Händen tragend, unterrichten, damit sie dadurch stark werden und dadurch reich an Liebe, Gnade und ewigem Leben vor uns! [HGt.02_236,15] Vermeidet daher auch auf der Höhe alles Gewaltige und erhaben und geheimnisvoll Pomphafte, sondern gehet Mir gleich liebevoll klein und schlicht einher, so werden alle Herzen in euch Ruhe finden, wie in Mir durch euch das ewige Leben!“ [HGt.02_236,16] Hier ging der Lamech hin zu den Menschen, die im Tore standen, und sagte zu ihnen: „Brüder, wenn es euch übrigens möglich ist, so machet uns nur so viel Platz, daß wir einzeln durchkommen können; doch soll niemand von euch an seinem Nachbar eine Gewalt brauchen! [HGt.02_236,17] Denn wir wollen ja recht gerne Geduld haben, bis ihr euch gut einverständlich geordnet haben werdet!“ [HGt.02_236,18] Und alsogleich berichteten die ersten solches ihren Nachbarn, und diese wieder weiter, und das so fort bis zum letzten Mann. [HGt.02_236,19] Und es dauerte keine Viertelstunde, daß das Tor gänzlich geräumt ward und nun alle hinreichend Platz hatten, den vorbestimmten Weg ungehindert fortzusetzen. [HGt.02_236,20] Nun rief der Herr den Lamech ein wenig zurück und fragte ihn: „Nun, Mein Lamech, was sagst du zu diesen Meinen zwei Hauptschlüsseln?“ [HGt.02_236,21] Und der Lamech, ganz vernichtet von der großen Güte des Herrn, sagte weinend: „O heiliger Vater! Daß Du nur ganz allein gut und ganz allein die Liebe bist, das kann ich nun sagen! Ich liebe Dich aber nun auch über alles!“ [HGt.02_236,22] Und der Herr sagte zu ihm darauf: „Also wandle fürbaß! Amen.“ 237. Kapitel — Lamechs neue Verlegenheit ob der ihm vorausziehenden Volksmenge. Vom Fröhlichsein und von der Seligkeit als des Menschen Bestimmung[HGt.02_237,01] Als dieser erhabenste Zug durch die Gassen der großen Stadt sich bewegte, da drängte sich das Volk allenthalben dem Zuge nach, und eine große Menge eilte aber auch vor dem Zuge hinfort. [HGt.02_237,02] Lamech aber ward eingedenk der Worte des Herrn, welche da lauteten: „Vor dir aber soll niemand einherziehen!“, und verfiel darauf schon wieder in eine große Verlegenheit, getraute sich aber nun wegen der Störung der Ordnung nicht umzukehren, auf daß er fragte den Herrn, was da zu tun sein dürfte. [HGt.02_237,03] Es fing aber in einer breiten Gasse, die sie nun erreicht hatten, stets eine größere Menge Volkes sich hinvorzudrängen an; das ward dem Lamech denn doch zuviel. [HGt.02_237,04] Er blieb darum stehen und ward sehr bewegt in seinem Gemüte. [HGt.02_237,05] Der Herr aber sah, wie es mit dem Lamech stand, und tat darum, als merkte Er nicht die Not des Lamech. [HGt.02_237,06] Da aber der Lamech sich nicht weiterzubewegen getraute, so fragte ihn endlich doch der Herr: „Lamech! Warum bleibst du denn stehen? [HGt.02_237,07] Siehe, wir haben noch den halben Weg, und Meine Zeit ist nahe! [HGt.02_237,08] Darum solltest du wandeln, aber nicht stehenbleiben!“ [HGt.02_237,09] Hier erst faßte der Lamech wieder Mut und sagte zum Herrn: „O heiliger, liebevollster Vater, siehe, ich habe mich erinnert, daß Du ehedem verordnet hast, es solle vor mir niemand einhergehen! Und da siehe: Tausende sind vor uns!“ [HGt.02_237,10] Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech und sagte: „Das sehe Ich auch, Mein Lamech! Hast du aber wohl ehedem verkünden lassen, daß da vor uns niemand einhergehen soll? [HGt.02_237,11] Du sprichst: ,Ach! Daran habe ich nicht gedacht!‘ [HGt.02_237,12] Nun, wenn also, warum ärgert dich demnach die vortrabende Menge? [HGt.02_237,13] Ich aber habe nicht diesen Gang gemeint, den wir jetzt tun, sondern nur den Amtsgang deines Priestertums. [HGt.02_237,14] Daher sei nun völlig ruhig, und wandle vorwärts; denn also ist es ja recht, und also soll es auch bleiben, daß das Volk allzeit vor unserem Angesichte wandeln soll! [HGt.02_237,15] Bei dieser Ordnung soll es fürder auch allzeit verbleiben leiblich und geistlich! [HGt.02_237,16] Behalte du demnach das Volk allzeit im Angesichte, so wirst du Mir ein rechter Hirte dieser Meiner Herde sein! Amen.“ [HGt.02_237,17] Solche Rede beruhigte den Lamech, und er ging nun munter vorwärts. [HGt.02_237,18] Als sie nun aus der Stadt kamen, und der Lamech in der Nähe erschaute den prachtvollen Tempel, da ward er überfröhlich und fing beinahe aus lauter Freude zu hüpfen an. [HGt.02_237,19] Solches hätte er auch getan, wenn er sich nicht gescheut hätte vor dem Volke. [HGt.02_237,20] Der Herr aber sagte zu ihm: „Höre, Lamech, Meine Kinder dürfen in Meinem Namen schon auch ganz nach reiner Herzenslust fröhlich sein! Daher magst du auch hüpfen wie ein Hirsch; denn Mir ist der in Meinem Namen Heitere lieber als einer, der da trauert an Meinem Herzen! [HGt.02_237,21] Denn Ich habe euch für die Seligkeit nur, aber nicht für die Traurigkeit geschaffen!“ [HGt.02_237,22] Hier fing der Lamech im Ernste zu hüpfen an. [HGt.02_237,23] Da solches aber das Volk sah, so fing es gar gewaltig sich zu wundern an, und einige aus dem Volke lobten und priesen Gott darum und hüpften mit vor großen Freuden in die Höhe. [HGt.02_237,24] Andere aber sagten: „Sehet, sehet, unser ehemaliger Würgekönig ist ein Tänzer geworden! [HGt.02_237,25] Solches haben ihm gewiß die aus der Höhe angetan; denn es sollen lauter mächtigste Magier sein also, daß ihnen sogar die Steine gehorchen!“ [HGt.02_237,26] Wieder andere aber verwiesen ihnen solche Reden und sagten: „Sehet ihr nicht die Tafel mit dem Namen Gottes geziert und die Mächtigen einhergehen?! [HGt.02_237,27] Daher redet nicht scheeles Zeug, sondern betet an das Heiligtum des ewigen, allmächtigen Gottes, den uns gelehrt hat einst der große Seher Gottes, der Fürst Farak!“ [HGt.02_237,28] Und unter solchen Begebnissen erreichten sie nun auch das goldene Tor der Ringmauer. [HGt.02_237,29] Und der Mura öffnete die Tür, und der Zug bewegte sich zum Tempel; aber das Volk wagte die Füße nicht mehr über diese Schwelle zu setzen, sondern blieb ganz ruhig außerhalb der Mauer. 238. Kapitel — Die Pracht und innere Ausstattung des Tempels. Die Tempeldienstordnung[HGt.02_238,01] Als der erhabene Zug nun vollends den Tempel erreicht hatte, da öffnete alsbald wieder der Mura das goldene Tor, und der Lamech erstaunte allgewaltigst über die große Pracht. [HGt.02_238,02] Als er sich von seinem großen Erstaunen etwas erholt hatte, da erst fiel es ihm auf, daß da durch eine jede Fensterreihe ein anderes Licht in das Innere des Tempels fiel, und zwar durch die untere Reihe ein sehr rosenrotes, durch die mittlere Reihe ein grünes, gegen die Seiten zu den beiden letzten Fenstern aber jedoch sich mehr ins Gelbe verlierend, und durch die oberste Reihe aber ein blaues, gegen die beiden Seiten hin aber ins Violette übergehend. [HGt.02_238,03] Er konnte solches nicht unterdrücken: denn seine Neugierde war durch diese Erscheinung zu sehr in Anspruch genommen worden. [HGt.02_238,04] Er wandte sich daher an den Herrn und sprach zu Ihm: „O Herr, Du allweisester, allgütiger, allerliebevollster Vater, der Du heilig bist, überheilig, Du siehst sicher gar wohl, was mich nun an Dich gewendet hat?! [HGt.02_238,05] So es Dein allerheiligster Wille wäre, da könntest Du ja wohl mein Herz beruhigen!“ [HGt.02_238,06] Der Herr aber sprach zum Lamech: „Höre, Mein Lamech! Mein Dienst, den du jetzt verrichtest, geht allem vor; daher laß nun die Farbe der Fenster Farbe sein, und verrichte, was da Mir gebührt aus deiner Art! [HGt.02_238,07] Hast du solches vollbracht, dann erst wende dich an den Mura, und er wird es dir kundtun, was da ist der Grund des gefärbten Lichtes! [HGt.02_238,08] Siehe, vor dir schon steht der Altar, tritt hin an die rechte Seite desselben, und harre, bis Ich den Altar werde gesegnet haben mit Meiner Hand! [HGt.02_238,09] Wenn solches geschehen wird, sodann setze die Tafel auf den Altar; Ich aber werde dann zu beiden Seiten des Altars zwei Cherube hinzutun, und diese sollen allezeit bewachen dieses Mein Heiligtum unter euch. [HGt.02_238,10] Über dem Namen werde Ich hinhauchen eine lichte Wolke zum Zeichen, daß Ich, der ewig allmächtige, lebendige, alleinige Gott und Herr Himmels und der Erde solches allhier verordnet habe zu eurer Rettung vom ewigen Untergange. [HGt.02_238,11] Wer da sich diesem Tempel würdigen und reinen, liebeerfüllten Herzens nahen wird, der soll gestärkt werden mit Meiner Gnade. [HGt.02_238,12] Wer sich aber unwürdigen, unlauteren, welt- und eigenliebigen Herzens diesem Tempel nahen wird, den wird ein vom Dache des Tempels herabstürzendes Feuer ergreifen und wird ihn töten und dann gänzlich verzehren. [HGt.02_238,13] In den Tempel aber soll niemand gehen denn allein du als der von Mir bestellte Oberpriester der Tiefe – und so da jemand käme aus der Höhe –, und nach dir aber dann dein ältester Sohn, so du ihn zuvor in Meinem Namen wirst zum Oberpriester an deiner Statt gesegnet haben. [HGt.02_238,14] Solches Oberpriestertum aber soll stets bei deinem Hauptstamme verbleiben. [HGt.02_238,15] Wer sich aber sonst in den Tempel begeben würde, der soll von den Cheruben alsogleich getötet werden. [HGt.02_238,16] Also soll sich auch kein Weib in dieses Heiligtum wagen, so sie will das Leben erhalten, weder aus der Höhe – und noch um vieles weniger aus der Tiefe! [HGt.02_238,17] Du selbst aber sollst auch nur viermal des Jahres in den Tempel gehen und dich vorher sieben Tage lang vorbereiten und wohl überlegen, wohin und vor wen du da trittst! [HGt.02_238,18] So du aber solches nicht beachten möchtest, wahrlich, es würde dir nicht besser ergehen als jedem anderen! [HGt.02_238,19] Wenn du aber in den Tempel gehst, sollst du die Tür hinter dir nicht verschließen, damit auch das Volk von der gerechten Ferne in das Heiligtum blicken mag und erschauen allda Meine große Herrlichkeit. [HGt.02_238,20] Im Vorhofe aber sollet ihr euch an jedem Sabbate versammeln, und sollet Mir danken, und sollet Mir eure Liebe zum Opfer darbringen, aber ja kein anderes Opfer! [HGt.02_238,21] Denn euer Opfer ist ein Opfer Kahins, und dieses will Ich nicht ansehen, außer allein in euren Herzen. [HGt.02_238,22] Es soll aber kein Mann mit bedecktem Haupte in den Vorhof gehen und kein Weib mit entblößtem Angesichte. [HGt.02_238,23] Solange unter euch diese Meine Ordnung beachtet wird, so lange auch wird diese Meine Gnade sicht- und allzeit wirkbar unter euch verbleiben! [HGt.02_238,24] Werdet ihr aber diese Meine Ordnung je wieder verlassen, so wird dies Heiligtum euch genommen werden, und statt desselben werdet ihr das Gericht über dem Altare in einer allverzehrenden Flamme erschauen. [HGt.02_238,25] Dann werden die Kinder der Höhe mächtig kommen über euch und werden euch schlagen mit glühenden Ruten. [HGt.02_238,26] Siehe, das ist vorderhand Mein Wille! [HGt.02_238,27] Und so denn laß Mich den Altar segnen, und du setze hernach die Tafel auf denselben, und dann Mein Wille! Amen.“ 239. Kapitel — Lamechs ängstliche und traurige Bedenken am Altare. Des Herrn beruhigende Erklärung über den Zweck der Tempelordnung. Die Segnung des Altars[HGt.02_239,01] Nach solcher Rede ging der Lamech alsogleich zur rechten Seite des Altars, stellte sich da auf mit der Tafel in der Hand und machte aber dabei ein überaus bedenkliches Gesicht, das da zu sehen war erfüllt von großer Angst und großer Furcht. [HGt.02_239,02] Da aber der Herr solches gar wohl merkte, da hielt Er alsbald inne mit der nahe schon begonnenen Segnung des Altars und sprach zum Lamech, sagend nämlich: [HGt.02_239,03] „Lamech, was ist dir wohl, daß dein Gesicht und alle deine Gebärde nun anzeigt, als gehe solches vor in deinem Gemüte? [HGt.02_239,04] Macht dich beben denn Meine dir nun aus Mir gegebene Ordnung, auf daß du wissest, wie da zu halten ist Mein Heiligtum, und darum sich ihm nichts Unvorbereitetes und Unreines nahen kann und darf? [HGt.02_239,05] Also rede, und Ich will dir gnädig sein!“ [HGt.02_239,06] Und der Lamech erwiderte dem Herrn: „O mein Herr und mein Gott! Was soll der ohnmächtige Wurm im Staube denn da noch reden zu Dir, so Du einmal Deinen allmächtigen, allerheiligsten Willen ausgesprochen hast?! [HGt.02_239,07] Da heißt es nur nach solch einem Ratschlusse aus Dir: ,Mensch, Geschöpf, lebe unabänderlich danach, oder Ich, dein allmächtiger Gott und Schöpfer, will dich plötzlich zunichte machen und verderben auf ewig!‘ [HGt.02_239,08] Siehe, Du gäbest uns armen Würmern der Tiefe nun wohl Dein Heiligtum, und dadurch eine endlos große Gnade; was aber wird uns solches nach Deinem ewig unabänderlichen Ausspruche bringen? [HGt.02_239,09] Nichts – als Tod, Verderben, und dann ein schreckliches Martergericht! [HGt.02_239,10] Oh, ich müßte die menschliche Natur nicht kennen, wenn ich nicht wissen sollte, wie gar leicht dieselbe auf unreine Wege gerät! Und wenn solches Übel dem schwachen Menschen widerfährt, was ist hernach mit ihm an der Seite dieses Heiligtums?! [HGt.02_239,11] Warum darf denn nur ich allein in den Tempel, da ich doch der größte Sünder war vor Dir allzeit, – die tausendfach Reineren aber dürfen solches beim Verluste ihres Lebens nicht wagen?! [HGt.02_239,12] Daß sich niemand unlauteren Herzens diesem Tempel nahen soll, das ist nicht mehr als billig; wer aber ist wohl reinen Herzens vor Deiner Heiligkeit?! [HGt.02_239,13] Und so steht ja jedem der unvermeidliche Tod bevor, der sich je wagen wird, zu nahen diesem Tempel! [HGt.02_239,14] O du herrliche, heilige Tafel, jauchzend trug ich dich heraus, – aber wehklagend werde ich wieder von dir nach Hause kehren; denn du bist uns Armen nicht zu einem Segen, sondern zu einem unerbittlichen Gerichte bist du uns gegeben worden! [HGt.02_239,15] O Herr, wenn es aber schon auf unsere endliche Vernichtung abgesehen ist, so geschehe Dein dessenungeachtet doch allezeit allmächtiger heiliger Wille! Amen.“ [HGt.02_239,16] Als der Lamech solches geredet hatte, da sah ihn der Herr mitleidigst an und sagte zu ihm: „O Lamech, du wahrhaft armer Sohn der Trübsal und Finsternis, warum ängstigest du dich denn vergeblich?! [HGt.02_239,17] Siehe, wenn Ich denn so ein Freund des Tötens Meiner Kinder wäre, wäre es da wohl nötig gewesen, daß Ich zu euch gekommen wäre sichtbar?! [HGt.02_239,18] O siehe, es genügte ein Gedanke, und die ganze Schöpfung wäre zunichte also, als wäre sie nie dagewesen! [HGt.02_239,19] Ich aber kam ja nur zu euch Geistestoten, um euch das Leben, das ihr verwirkt habt, freiwillig aus Meiner großen Erbarmung ganz neu wieder zu bringen und euch hier auch eine Anstalt zu geben, in welcher ihr allzeit das verlorene Leben wieder erhalten könnet. [HGt.02_239,20] Daß diese Anstalt aber in einer reinen Ordnung erhalten werden muß, damit durch allerlei Unordnung solche Kraft nicht geschwächt werde zu eurem Heile, – sage, ist solches wohl ein Gericht? [HGt.02_239,21] Wenn Ich nur dem Oberpriester gestatte, in dies Heiligtum zu treten, was verlieren da wohl die anderen? [HGt.02_239,22] Wenn sie mit Liebe an Mir hängen, wahrlich, so ist dies mehr denn tausend solche Tempel! [HGt.02_239,23] Wer Mich aber liebt, der ist schon im Inwendigsten des Tempels, ja im Inwendigsten des geistigen Tempels, und wird dann auch sicher den Tod nicht finden, so er mit dir geht in diesen Tempel. [HGt.02_239,24] Denn wer Mich liebt, der ist schon von oben her und kann zu jeder Zeit in den Tempel. [HGt.02_239,25] Solches aber kannst du doch ja unmöglich von Mir verlangen, daß Ich euch einen Tempel, erfüllt mit Meiner lebendigen Gnade, geben soll zu einem Schweinestalle! [HGt.02_239,26] Daher verbleibe es nur bei Meinem früheren Ausspruche, und sei versichert, es soll niemand daran einen Schaden leiden! [HGt.02_239,27] Denn Ich bin ja ein Vater von euch allen, aber kein Mörder! [HGt.02_239,28] Und so denn segne Ich diesen Altar! Amen.“ 240. Kapitel — Der Altar mit den zwei Cherubim und der Wolkensäule. Henochs Verwunderung über die majestätische Altarordnung in der Tiefe und des Herrn Erklärung. Der Herr wird wieder unsichtbar[HGt.02_240,01] Als somit der Herr den Tempel gesegnet hatte, da setzte auch alsbald der Lamech die Tafel auf den Altar, und der Herr berührte mit Seiner Hand die Tafel. [HGt.02_240,02] Und siehe, zwei überaus ernste Cherube wurden, zu beiden Seiten des Altars stehend, auf lichten Wölkchen erblickt, und das von allen den Anwesenden. [HGt.02_240,03] Alsdann hauchte der Herr über die Tafel hin, und alsbald stand eine lichte Wolkensäule über der Tafel und dem Altare, hinauf bis zur goldenen Decke reichend. [HGt.02_240,04] Als nun solches alles all die Anwesenden erschauten, da ward es allen angst und bange, ja selbst der Henoch beobachtete solche Erscheinung mit der größten und ehrfurchtsvollsten Aufmerksamkeit, und sagte bei sich selbst: [HGt.02_240,05] „O Du heiliger, liebevollster Vater, – wie endlos gut bist Du doch! Auf Deiner heiligen Höhe wolltest Du beinahe gar keinen Altar, und ließest Dich sogar bereden zur Annahme eines gemeinsten Opferaltares, und wolltest uns Kindern der Berge kein anderes sichtbares Zeichen hinterlassen als die wieder aufgerichtete Grotte Adams und die allereinfachste Hütte der Purista. [HGt.02_240,06] Hier aber hast Du ein so großartiges Denkmal gesetzt, daß auf dasselbe Sonne, Mond und alle Sterne des Himmels ehrfurchtsvollst darniederblicken werden, und die Kinder der Höhe werden mit großer Eifersucht herabschauen in die nun so hoch gesegnete Tiefe. [HGt.02_240,07] O heiliger, liebevollster Vater, Du tust doch sonderbare Dinge, und niemand vermag den Sinn Deines Ratschlusses zu erschauen; nur solches weiß ich, daß Du solches alles aus Deiner unendlichen Liebe und Erbarmung tust, und darum sei Dir allein allzeit und ewig alle meine Liebe!“ [HGt.02_240,08] Der Herr aber sah den Henoch an und sagte durch das Herz zu ihm: „Henoch, siehe, hier der Name, oben der Träger desselben; hier ein Zeichen, oben der Geber des Zeichens; hier Mein Schein, oben Mein Sein; hier des Zeichens Pracht, oben des Vaters Macht; hier alles aus Edelsteinen und dem Golde der Erde, oben des Vaters Liebe und Milde lebendig! [HGt.02_240,09] Mein Henoch, welches dünkt dir besser zu sein?“ [HGt.02_240,10] Hier sprach der Henoch, bis in die innerste Fiber gerührt: „O Du unaussprechlich liebevollster, heiligster Vater! Hier verstummet mein Herz in zu mächtiger Liebe zu Dir, und ich kann nichts sagen als: O Vater, wie endlos gut bist Du!“ [HGt.02_240,11] Der Herr aber sagte darauf zum Henoch vor allen laut: „Henoch, du Mein alleiniger Hoherpriester dieser Zeit, da nun Himmel und Erde in eines geflossen sind und die Gemeinschaft der Engel des Himmels mit euch, Meinen Kindern, bewerkstelligt ist. Ich sage dir: Auch diese Herde sei deiner Obhut von nun an anvertraut! [HGt.02_240,12] So du ihre Not sehen wirst, da begib dich hierher, und schaffe wieder gute Ordnung in Meinem Namen! [HGt.02_240,13] Dem Sehel auf der Höhe aber sage, er solle nun wieder kommen zu Mir, denn Ich habe seiner vonnöten; und sage ihm ferner, er solle ein Schwert nehmen und mit selbem einhergehen wie ein zum beständigen Kampfe gerüsteter oberster Fürst aller Engel des Himmels! [HGt.02_240,14] Solches unterlasse ja nicht; denn des Sehels Zeit ist gemessen gleich der Meinen!“ [HGt.02_240,15] Hier wandte Sich der Herr zum Lamech wieder, und sagte zu ihm: „Lamech, siehe, nun ist alles geordnet; bleibe in dieser dir nun klarst bekannt gegebenen Ordnung, so wirst du stets in der lebendigen Gemeinschaft der Himmel verbleiben, und es wird dir und allem Volke wohl ergehen auf Erden! [HGt.02_240,16] Wer aber Mich über alles lieben wird und wird sich aus großer Liebe zu Mir in all dem Weltlichen verleugnen, der soll das ewige Leben haben, und wird nicht sehen, nicht fühlen und nicht schmecken den Tod. [HGt.02_240,17] In diesem Heiligtume aber sollst du allzeit erfahren Meinen Willen, so du zuvor Mir dein Herz betend opfern wirst. [HGt.02_240,18] Wenn aber je der Henoch zu dir kommen wird, oder du zu ihm, so sollst du ihn allzeit hören für dich und all dein Volk. [HGt.02_240,19] Also richtet ihr euch alle nach dem Henoch; denn aus seinem Munde will Ich zu euch reden. [HGt.02_240,20] Nun aber nehmet alle hin Meinen Vatersegen! Meine Liebe mit euch allen! Amen.“ [HGt.02_240,21] Hier verschwand der Herr, und alles schluchzte und weinte. 241. Kapitel — Henochs Rede über die Nutzlosigkeit eines genötigten Glaubens und einer durch die sichtbare Gegenwart Gottes genötigten Liebe zum Herrn. Das Wesen der Demut[HGt.02_241,01] Als sich alle von ihrer großen Wehmut etwas erholt hatten, da erhob sich alsbald der Henoch, trat zum Lamech hin und sagte folgende Worte: [HGt.02_241,02] „Höre du, Bruder Lamech, und höret es ihr alle! Ihr alle habet den Herrn, den heiligen, liebevollsten Vater, nun mit euren Augen wirkend gesehen und habet alle gehört Seine göttliche, allmächtige, heilige Vaterstimme, und ein jeder hat es sich selbst bekennen müssen und sagen im eigenen Herzen: ,Wahrlich, also mag kein Mensch sprechen!‘ [HGt.02_241,03] Und also habet ihr auch gesehen Taten von Ihm, die kein Mensch aus sich je tun kann, außer es tut sie nur der Herr, den ihr nun gesehen und gehört habet, durch ihn. [HGt.02_241,04] Ihr glaubet nun freilich wohl ungezweifelt, daß es der Herr ist; aber sehet, weder dieser euer Glaube, noch diese eure Liebe zu Ihm ist euch zu etwas nütze, weil ihr genötigt waret, an den Sichtbaren zu glauben und den Tastbaren zu lieben, indem ihr unmöglich umhin konntet, solches zu unterlassen, da euch alle Seine allmächtige Gegenwart getrieben und euch alle unwiderstehlich gezogen hat zu Ihm hin. [HGt.02_241,05] Da euch aber solches zu nichts nütze ist, so fragt es sich, was sollet ihr denn nun tun, damit euch der Glaube an Ihn und die Liebe zu Ihm nütze sein möchten! [HGt.02_241,06] Sehet, liebe Brüder, das ist nun eine gar wichtige Frage, und diese Frage muß ich euch allen beantworten! [HGt.02_241,07] Ihr fraget nun zwar in euren Herzen und saget: ,Ja, warum soll denn uns solches alles zu nichts nütze sein? Hat es uns nicht schon unendlich genützt und wird uns ewig nützen?!‘ [HGt.02_241,08] Ihr habet recht, meine lieben Brüder, daß ihr also fraget; ich sage euch aber: Hier ist von solch einem Nutzen gar keine Rede. Denn alles, was der Herr tut, ist zu unserem Nutzen, wenn wir dasselbe recht verwenden; verwenden wir es aber verkehrt, sodann kann es uns aber auch zum allergrößten Schaden sein. [HGt.02_241,09] Daß uns der Herr erschaffen hat und hat uns gegeben ein freies, selbständiges Dasein und dazu noch, für uns erschaffen, eine herrliche Erde, die uns trägt und uns mit allem Möglichen versorgt, – wer wird da sagen, solches sei uns zu nichts nütze?! [HGt.02_241,10] Aber – wann ist uns alles solches zum Nutzen? – Nur dann, wenn wir alles dieses nach dem göttlichen Liebewillen gebrauchen! [HGt.02_241,11] Gebrauchen wir es aber nicht also, dann gereicht es uns alsbald zum Gerichte, welches schon ist des Geistes erster Tod, und befördert uns dann aus diesem Tode, der da nämlich ist das Gericht, zum wirklichen und ewigen. [HGt.02_241,12] Nun sehet, gerade also, wie euch der Herr einst alle erschaffen hat zu einem freien, selbständigen Wirken mittels der euch verliehenen lebendigen Kraft aus Ihm, hat Er euch auch jetzt gläubig und liebend gestaltet neu aus Sich! [HGt.02_241,13] Dieser Glaube und diese Liebe ist nun noch nicht im geringsten euer Eigentum und gereicht euch somit auch nicht zum Leben, sondern es ist für alle nur ein Gericht, indem ihr nun genötigt seid, also zu glauben und zu lieben. [HGt.02_241,14] Was sollet ihr aber denn nun tun, um euch aus dieser Klemme des Gerichtes zu ziehen? [HGt.02_241,15] Sehet, dazu haben wir alle nur ein einziges Mittel, und dieses heißt die wahre, große Demut des Herzens! Worin besteht aber diese? [HGt.02_241,16] Diese besteht darinnen, daß ihr euch dieser Gnade für höchst unwürdig haltet, die euch allen nun zuteil geworden ist, und euch haltet für die Geringsten im Volke, und lehret das Volk alleremsigst Gott als den Herrn und alleinig wahren Vater erkennen; und ferner, daß ihr, so ihr den ganzen Tag im Namen des Herrn gearbeitet habet, dann am Ende des Tages saget in eurem Herzen, voll der lebendigen Liebe zu Ihm: [HGt.02_241,17] ,O Herr und Vater, siehe gnädig auf uns faule und träge Knechte herab, und siehe unsere Arbeit also an, als wäre sie etwas vor Dir! Denn wir sehen es ein und bekennen es lebendig vor Dir, daß all das Gute, das da ist an unserer Arbeit, eine Tat ist von Dir; wir aber waren Dir nur hinderlich an Deiner Arbeit durch unsere ungeschickten Hände. Nimm daher unseren Willen anstatt des Werkes an, und allzeit geschehe nur Dein heiliger Wille!‘ [HGt.02_241,18] Sehet, bei solcher Verfassung eures Gemütes erst wird euch dieser Glaube und diese Liebe zum Nutzen werden! [HGt.02_241,19] Solches also gelobet nun dem Herrn in eurem Herzen, so werdet ihr wahrhaft lebendigen Geistes werden, und eure Kinder und Kindeskinder werden euren Segen mit euch teilen ewig im Herrn! Amen.“ 242. Kapitel — Henochs Rede an Lamech über seine priesterliche Tätigkeit im Tempel. Vorschriften für die Prüfung der Tempelvorhofbesucher[HGt.02_242,01] Nach dieser mehr allgemeinen Rede wandte sich der Henoch an den Lamech allein und sagte zu ihm: [HGt.02_242,02] „Und nun, mein geliebter Bruder Lamech, höre mich an allein für dich; denn also lautet der Wille des Herrn ausschließend an dich: [HGt.02_242,03] Du sollst nun den Tempel schließen auf einundneunzig Tage lang; am einundneunzigsten Tage aber, von dem morgigen Tage an mit eins gezählt, sollst du am Morgen den Tempel wieder öffnen und sollst aber erst am Abende in den Tempel gehen und dich dann bei einer Schattenwende lang aufhalten im selben. [HGt.02_242,04] Wenn du aber im Tempel stehst vor Gott, dann sollst du deinen Mund nicht gebrauchen und ebensowenig deine Hände, sondern in aller Ruhe sollst du harren des Geistes Gottes und sollst Ihn erwarten in aller Demut und Liebe deines Herzens. [HGt.02_242,05] Du sollst aber nicht sagen weder mit dem Herzen, und also noch viel weniger mit dem Munde: ,Großer, allmächtiger Gott, Du heiliger Geist aller ewigen Kraft und Macht, komme zu mir, und tue mir kund aus Deinem heiligen Mund Deinen allerheiligsten Willen!‘, [HGt.02_242,06] Sondern du sollst in dir, nur lebendig empfindend, also reden vor Gott: ,O Gott, Du alleiniger Herr Himmels und der Erde, hier stehe ich, ein allerunwürdigster Sünder vor Dir, und bin nicht würdig, daß Du mich ansähest in diesem Deinem gestellten Heiligtume! [HGt.02_242,07] Aber Du Selbst hast mich berufen, zu treten hierher in dieses heilige Haus; also geschehe denn allzeit wie ewig Dein heiliger Wille mit mir! [HGt.02_242,08] O Gott, – da Du aber Selbst uns gelehrt hast, Dich als Vater zu lieben und als den allein wahren Vater anzuerkennen und sonach auch zu rufen, so rufe ich denn auch zu Dir: [HGt.02_242,09] O Du heiliger, liebevollster Vater, sei mir armem Sünder gnädig und barmherzig und vergib mir, daß ich es wage, Dich mit meinem unlauteren Herzen zu lieben und als ein grober und großer Sünder Dich als Vater zu rufen!‘ [HGt.02_242,10] Siehe nun, mein geliebter Bruder Lamech, das soll allezeit dein Geschäft in dem Tempel sein! [HGt.02_242,11] Hast du solches aber lebendigst in dir verrichtet, dann begib dich in eine völlige Ruhe, und erwarte des Herrn Wort und Willen! [HGt.02_242,12] Wird es kommen, dann achte allersorgfältigst darauf, zeichne es dann auf Tafeln, und verkündige es dann dem Volke! [HGt.02_242,13] Wird es aber nicht kommen, sodann gib Gott in deinem Herzen die Ehre, tritt dann ehrfurchtsvollst aus dem Tempel, und schließe denselben wieder auf einundneunzig Tage lang! [HGt.02_242,14] Was aber da den Vorhof betrifft, so soll dieser an dem Sabbate allzeit dem Volke morgens geöffnet werden und soll dann offen gelassen werden bis zum Morgen des andern Tages, damit ferne wohnende Menschen auch noch daran könnten teilnehmen, so sie am Sabbate nicht hätten erreichen können die heilige Stätte. [HGt.02_242,15] Es sollen aber am Tore des Vorhofes allzeit zwei Hüter gegenwärtig sein und sollen alle die in den Vorhof Tretenden wohl prüfen und warnen. [HGt.02_242,16] Denn wer da unwürdigermaßen sich dem Tempel nahen möchte, – so hast du es vom Herrn Selbst vernommen, was solch einen erwartet! [HGt.02_242,17] Darum also soll ein jedweder eintreten Wollende ehedem geprüft werden in seinem Gemüte von den Torhütern; und haben sie ihn nicht für würdig befunden, so sollen sie ihn dann auf das dringendste warnen, auf daß er nicht eintrete ehedem in den Vorhof, als bis er sich gereinigt und also gewürdigt hätte, daß er fähig würde, einzutreten in den Vorhof. [HGt.02_242,18] Die Prüfung aber soll allzeit gerichtet sein auf das Herz des eintreten Wollenden; und die Hüter müssen aber selbst nach dir die ersten Männer vom reinsten Herzen sein und ihr Amt in aller Demut und Liebe zum Herrn verwalten. [HGt.02_242,19] Solches aber mußtest du noch erfahren; und da du jetzt in allem unterrichtet bist, und zwar hier im Heiligtume, so laß uns denn aus demselben treten, den Tempel dann schließen, und uns noch über so manches beraten im Vorhofe, und endlich zurückkehren in dein Haus! [HGt.02_242,20] Und also geschehe solches alles im Namen des Herrn! Amen.“ 243. Kapitel — Lamechs Verwunderung über des Tempels Pracht und sein Unvermögen, die geistige Entsprechung des Tempelbaus zu verstehen. Henochs Rede über die Notwendigkeit des Von-Gott-gelehrt-Seins des Tempeloberpriesters[HGt.02_243,01] Auf diese Worte Henochs gaben alle Gott in ihrem Herzen die Ehre, begaben sich dann alsbald aus dem Tempel, und der Lamech schloß nun denselben. [HGt.02_243,02] Nun erst fing der Lamech an, den Bau des Tempels so recht zu betrachten; und als er von allen Seiten seine große Herrlichkeit ersah, da ward er wieder voll hoher Freuden und lobte darum Gott, daß Er dem Menschen solche Einsicht verliehen hatte, der zufolge er also Ehrfurcht erregend Erhabenes und Prachtvollstes zuwege hatte zu bringen vermocht. [HGt.02_243,03] Der Henoch aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu Ihm: „Geliebter Bruder Lamech, dich spricht dieses Tempels Pracht außerordentlich an, wie ich es gar wohl merke; verstehst du aber auch diesen Tempel und seinen Bau? [HGt.02_243,04] Du sagst es mir in deinem Herzen: ,Nein, Bruder, woher sollte ich das verstehen?‘ [HGt.02_243,05] Gut, sage ich dir, du bist nun ehrlich und bist voll redlichen Herzens; darum auch mußt du mir solches eingestehen. [HGt.02_243,06] Siehe aber ein wenig tiefer, und du wirst in der gerechten Tiefe deines Herzens finden, allda es wird geschrieben stehen mit einer glühenden Schrift: [HGt.02_243,07] ,Du, ein Oberpriester im Heiligtume des Herrn, mußt das Werk im Geiste der Wahrheit erkennen, darüber dich der Herr gesetzt hat, sonst bist du ein blinder Frevler im selben! [HGt.02_243,08] Wehe dir, so du deinen Bruder willst etwas lehren, das du nicht verstehest; denn der Herr spricht da und sagt: [HGt.02_243,09] ,Da will Ich den Meister und den Jünger züchtigen und will ehedem weder den einen noch den andern ansehen!‘ – Lamech, verstehst du solches? [HGt.02_243,10] Siehe, wer da über Gott und Seine Werke reden will und will seinen Bruder darinnen unterrichten, der muß zuvor selbst von Gott es gelernt haben! [HGt.02_243,11] Warum denn? – Weil Gott und Seine Werke niemand kennt als nur Gott allein! [HGt.02_243,12] Alles dieses ist dir jetzt noch fremd, und du weißt es nicht, wie Gott den Menschen lehrt und zieht. [HGt.02_243,13] Ich sage dir aber: Heute noch, bevor die völlige Nacht kommen wird, sollst du die ersten Elemente kennenlernen, und dann so fort, bis du als ein völliger Gottesgelehrter dastehen wirst!“ [HGt.02_243,14] Hier fing der Lamech wieder gar gewaltig zu stutzen an und fragte den Henoch ganz eifriger Rede: „Bruder Henoch! Was redest du denn für Dinge zu mir, die mein Herz nicht zu fassen vermag?! [HGt.02_243,15] Ich bitte dich darum und sage dir: erkläre dich verständig, sonst taugt deine Rede nicht für mich! [HGt.02_243,16] Du sagtest ehedem: ,Wehe dem Lehrer, der da seinen Bruder etwas lehren will, das er selbst nicht versteht!‘ [HGt.02_243,17] Was soll denn aber nun ich sagen, so du Dinge vor mir redest, die mir fremder sind denn das Ende der Welt, wenn es irgendwo ist?!“ [HGt.02_243,18] Hier nahm wieder der Henoch das Wort und sagte zum Lamech: „Bruder Lamech, ereifere dich nicht vergeblich; denn so der Schüler schon vorher wüßte, was er von seinem Lehrer erst erfahren sollte, sage mir, wäre da ein Lehrer nicht das allerentbehrlichste Wesen auf der Welt?! [HGt.02_243,19] Das aber ist ja der große Unterschied zwischen dem Lehrer und dem Schüler, daß da kein Schüler gleich anfangs so vollkommen ist wie sein Lehrer! [HGt.02_243,20] Wenn er aber wird wie sein Lehrer, so ist er vollkommen, und es ist dann kein Unterschied mehr zwischen dem Lehrer und dem Schüler! [HGt.02_243,21] Siehe, mich hat der Herr dir zu einem Vorlehrer herabgesandt von der Höhe; also hast du mich auch zu hören! [HGt.02_243,22] Wie töricht aber müßte da ein Lehrer zu Werke gehen, so er seinem Schüler zuvor möchte über einen Stoff die Erklärung geben und eine völlige Zerlegung des Stoffes, bevor er demselben noch gezeigt hat den zu behandelnden Stoff selbst?! [HGt.02_243,23] Siehe, ich habe aber dir nun zuvor den rohen Stoff nach der göttlichen Ordnung gegeben; also bin ich ja ein rechter Lehrer nach der Ordnung Gottes! [HGt.02_243,24] Daher also ereifere dich nicht vor der Zeit; habe ich dir den Stoff gegeben, so werde ich dir auch die Erklärung geben! [HGt.02_243,25] Aber es braucht alles seine Zeit und seine Geduld. [HGt.02_243,26] In deinem Hause sollst du erst mehreres erfahren; und so laß uns denn nun dahin ziehen! Amen.“ 244. Kapitel — Die Rückkehr der Gesellschaft in die Stadt und ins Haus Lamechs. Der Volksauflauf. Henochs guter Rat und Lamechs wirksame Erklärung ans Volk[HGt.02_244,01] Nach dieser Rede Henochs begaben sich alsbald alle die Anwesenden – als: der Lamech, der Thubalkain, der Mura, der Cural, die sieben Boten und also auch der Henoch – aus dem weiten Vorhofe in die Stadt und allda in das Haus Lamechs. [HGt.02_244,02] Als diese Gesellschaft aber aus dem Garten Gottes (also wurde später der Vorhof des Tempels genannt) trat und sich zur Stadt begeben wollte, siehe, da wurde sie vom Volke aufgehalten! [HGt.02_244,03] Denn dieses vermißte den früher gesehenen jungen, herrlichen Mann, und da es ihn nicht sah weder früher aus dem Tempel treten, noch jetzt unter der Gesellschaft, so war es der Meinung, Lamech und seine Gesellschaft hätten ihn etwa gar in den Tempel eingesperrt, allwo er dann verhungern und zugrunde gehen müßte. [HGt.02_244,04] Da aber der Lamech sah, daß das Volk stets ungestümer ward und in den Lamech drang und schrie: „Lamech, du alter Wüterich, du alter Tyrann, gib uns den herrlichen Mann wieder, sonst reißen wir dich in Stücke!“, da ward es ihm überaus angst und bange, daß er darob zum Henoch schrie: [HGt.02_244,05] „Henoch, du mächtiger Freund des Herrn! Siehst du denn nicht die große Kalamität, in der wir uns befinden?! [HGt.02_244,06] Muß ich denn nun zugrunde gehen? Ich bitte dich, rate, wie wir uns hier aus den Händen des wütenden Volkes zu retten werden imstande sein!“ [HGt.02_244,07] Und der Henoch wandte sich darauf zum Lamech und sagte zu ihm: „O du Kleingläubiger! Hast denn du nicht die Schlüssel in der Hand?! [HGt.02_244,08] Sage dem törichten Volke, es solle hingehen mit dir und sich den jungen herrlichen Mann aus dem Tempel holen! Wenn es sich überzeugen wird, daß in demselben kein Mann mehr vorhanden ist, so wird es sich wohl zur Ruhe begeben, und wir werden dann ganz ungehindert nach Hause ziehen können; also tue solches! Amen.“ [HGt.02_244,09] Hier bekam der Lamech wieder Mut und sagte zu den Hauptschreiern: „Höret, der junge herrliche Mann läßt Sich von uns durchaus nicht einsperren; denn Er ist ein allmächtiger, alleiniger Herr! [HGt.02_244,10] Sein heiliger Name nur ist lebendig in diesem Tempel geblieben; Er aber ward zu unserem größten Leidwesen alsbald unsichtbar, als Er uns Seinen heiligen Willen zu erkennen gab und dann allerwunderbarst lebendig gesegnet hatte den Altar und den ganzen Tempel! [HGt.02_244,11] Solches ist wahrlich wahr geschehen, und die mächtigen lebendigen Cherube auf lichten Wolken zu beiden Seiten des Altars, auf dem der allerheiligste Name des herrlichen Mannes ruht, bezeugen solches, und die lichte große Wolke über dem Altare zeigt auch solches an! [HGt.02_244,12] Wollet ihr meinen Worten nicht glauben, so sind hier die Schlüssel! Nehmet sie, und gehet hin, durchsuchet den Tempel, und bringet dann hierher den herrlichen Mann, und Dieser soll Sich dann vor euren Augen Selbst rächen an mir! Werdet ihr Ihn aber nicht finden, so werdet ihr etwa doch wohl glauben, daß es also ist, wie ich es euch nun gesagt habe, und werdet mir nichts mehr anhaben können?! [HGt.02_244,13] Sehet aber zu, daß euer Herz rein ist, – sonst würde es euch bei der Annäherung zum Tempel gar übel ergehen!“ [HGt.02_244,14] Als die Schreier nun solches vom Lamech vernommen hatten, da fingen sie an, ganz gewaltig zu stutzen, und es hatte keiner den Mut, den Schlüssel anzugreifen, und auch keiner von ihnen wußte dem Lamech etwas zu erwidern auf seine Anrede. [HGt.02_244,15] Der Lamech aber fragte sie nun ganz ernstlich, sagend nämlich: „Nun, was zaudert ihr denn noch? Ist das des Beweises noch nicht genug, so ich euch das eigene Untersuchungsrecht einräume?!“ [HGt.02_244,16] Hier wichen die Schreier zurück und sprachen: „Nun glauben wir, daß es also ist, wie du uns gesagt hast! Vergib uns aber unsere grobe Zudringlichkeit; denn jener junge Mann hat also ja unsere Herzen für sich gestimmt!“ [HGt.02_244,17] Und der Lamech erwiderte dem Redner: „Ich sage euch aber noch hinzu: Bleibet ihr alle allzeit in dieser lebendigen Stimmung für den jungen Mann, so werdet ihr den gerechten Weg ziehen; denn dieser Mann ist Gott von Ewigkeit, – Er ist der Gott Faraks!“ [HGt.02_244,18] Hier schauderte alles Volk zurück, und unsere Gesellschaft zog – wie schon anfangs gezeigt wurde – ungehindert in die Stadt und also auch ins Haus Lamechs. 245. Kapitel — Henochs Rede über das Wesen der Ernährung. Eine Mahnung zur Mäßigkeit[HGt.02_245,01] Als alle die Vorbenannten nun vollends im Hause Lamechs anlangten, da fragte alsbald der Lamech den Henoch, ob es nicht an der Zeit wäre, ein Mahl zu sich zu nehmen. [HGt.02_245,02] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Bruder, du wünschest es in deiner Natur nach deiner alten Gewohnheit; also laß es auch geschehen nach deinem Wunsche! Doch sei dabei unsertwegen nicht besorgt; denn wir empfinden das Bedürfnis eines Mahles noch nicht, indem wir noch übersättigt sind von der großen Liebe und Gnade des Herrn, die uns an diesem Tage so überschwenglich reichlich zuteil geworden ist! [HGt.02_245,03] Denn siehe, nicht allein vom irdischen Brote lebt der Mensch, sondern vielmehr vom Worte Gottes! [HGt.02_245,04] So du aber issest das natürliche Brot und wirst dadurch gesättigt und genährt, da frage dich und sage: ,Warum und wie hat mich denn das naturmäßige Brot oder überhaupt die naturmäßige Speise gesättigt und genährt?‘, [HGt.02_245,05] Und du wirst in dir die allzeit überaus vollgültige Antwort bekommen: ,Weil auch all die naturmäßige Leibeskost dem ewigen, allmächtigen Worte Gottes entstammt!‘ [HGt.02_245,06] Nun siehe, wenn dich aber schon das gefestete und hart gebannte Wort Gottes sättigt und nährt, um wieviel mehr wird solches das freie, ungebannte, lebendigste Wort, frisch aus dem Munde Gottes gehend, zu bewirken imstande sein! [HGt.02_245,07] Wir selbst entstammen ja dem Worte Gottes, also kann es ja auch für uns ewig nichts Ernährenderes und Sättigenderes geben als eben nur das lebendige Wort Gottes! [HGt.02_245,08] Also lebt der Mensch nicht allein vom Brote und aller anderen weltlichen Kost, sondern er lebt vielmehr von jeglichem Worte, das dem Munde Gottes entstammt! [HGt.02_245,09] Es soll aber damit gar nicht gesagt sein, als solle der Mensch darum die natürliche Kost nicht genießen, da sie doch Gott darum erschaffen und sogar sichtbar vor uns allen dieselbe mit uns gegessen hat; aber nur zum Hauptbedürfnisse soll sie uns nicht werden! [HGt.02_245,10] Siehe, Lamech, auch solches gehört in die Ordnung der göttlichen Dinge! [HGt.02_245,11] Ich sage dir aber: Sei allzeit mäßig im Genusse der naturmäßigen Kost; denn in ihr liegt eine große Versuchung. [HGt.02_245,12] Du kannst es mir völlig glauben: Wenn wir das natürliche Brot essen und die Früchte des Erdbodens, so müssen wir dabei sehr behutsam sein, daß wir durch ihre grobe sinnliche Last nicht den unsterblichen Geist erdrücken! [HGt.02_245,13] Denn solches magst du schon an den gefräßigen Kindern gar klar erschauen, wie sie eben durch ihre starke Gefräßigkeit sich verdummen und also dann zu nichts geistig Tüchtigem fähig sind, dagegen die stets mehr nüchternen Kinder gar bald feine Denker werden. [HGt.02_245,14] Wie aber solches gar leicht ersichtlich bei den Kindern der Fall ist, also ist es auch um so mehr der Fall bei dem erwachsenen Menschen, indem dieser ausgebildeter Leidenschaften fähig ist, die dem Kinde noch fremd sind. [HGt.02_245,15] Ich sage dir, lieber Bruder Lamech, in der natürlichen Kost nimmst du Naturmäßiges auf, und dieses wird in dir nicht vergeistigt, sondern es vernaturmäßigt nur deinen Geist; aber im Worte nimmst du Geistiges auf, und dieses sättigt, nährt und stärkt den Geist zum ewigen Leben. [HGt.02_245,16] In der naturmäßigen Kost wird der Leib genährt und der Geist gedrückt und zum Fasten genötigt; aber durch die geistige Kost gewinnen beide: der Geist wird kräftig und mächtig und seine Sinne endlos scharf, und der Leib wird dann durch den Geist geschmeidig, genügsam, dauerhaft und wird kräftig erhalten wie ein gut gewebtes Kleid aus feinen, aber in sich desto zäheren und stärkeren Fäden. [HGt.02_245,17] In der naturmäßigen Kost ruhen verdorbene Geister, und hat der Mensch deren zuviel in sich aufgenommen, so werden sie dann des eigenen Geistes Meister und untergraben seine Wesenheit gleich also, wie die argen Nagekäfer und Nagewürmer einen Baum untergraben, seine Wesenheit zerstören und ihn endlich wohl ganz zugrunde richten. [HGt.02_245,18] Die geistige Kost aber ist dem Geiste ein belebender Regen vom Himmel, unter welchem er gar bald zu einer herrlich kräftigen und wohlduftenden Blume des ewigen Lebens erblühen wird. [HGt.02_245,19] Solches also, Bruder Lamech, sollst du auch allezeit beachten und dich und dein Volk danach ziehen! [HGt.02_245,20] Da du nun aber solches erfreulich und wohlwillig vernommen hast, also magst du denn auch für uns alle ein gerechtes Mahl richten lassen, – aber mit Maß und Ziel! Amen.“ 246. Kapitel — Lamechs Anordnung zum Bruderfestmahl für die Armen und Gefangenen. Brudals, des Speisemeisters, und seiner gefangengehaltenen Familie Verwunderung[HGt.02_246,01] Nach dieser Rede, welche den Lamech ganz lebendig erbaute und von der großen Wahrheit der Sache überzeugte, begab er sich alsbald zu seinem Speisemeister in ein Nebenkabinett und bestellte ein mäßiges, einfaches Mahl. [HGt.02_246,02] Der Speisemeister, ganz erstaunt über diese Bestellung, fragte den Lamech, ob dies wohl sein Ernst wäre. [HGt.02_246,03] Der Lamech aber erwiderte ihm: „Warum fragst du mich darum? Ich werde doch wissen, was ich zu tun habe! [HGt.02_246,04] Ich sage dir aber: Frage nun nicht weiter, sondern tue, wie ich es dir anbefohlen habe, so wirst du ein rechter Diener dessen sein, der dir nun von Gott zu einem rechten Führer gesetzt worden ist!“ [HGt.02_246,05] Diese Worte machten den Speisemeister stutzen, und er sagte bei sich so mit etwas halblaut gehaltener Stimme: „Ist denn Lamech kein König mehr? Was ist denn das, da er spricht: ,Der dir von Gott zu einem rechten Führer gesetzt worden ist‘? Das verstehe, wer es kann und mag; ich aber verstehe es nicht!“ [HGt.02_246,06] Der Lamech aber merkte gar wohl, was sein Speisemeister in seinen Bart gemurmelt hatte, wandte sich darob zu ihm und sprach: „Höre, Brudal! Was du nicht verstehst, das kann dir ja alsogleich erläutert werden! Siehe, zwischen Lamech, dem Könige, und Lamech, dem Führer, ist solch ein Unterschied: [HGt.02_246,07] Der Lamech als König hätte dich für diese Widerrede alsogleich binden und ermorden lassen; Lamech, der von Gott gestellte Führer, aber tritt zu dir hin, umarmt dich und spricht zu dir: Mein lieber Brudal, gehe und tue, wie ich es dir anbefohlen habe; denn also will es ja der Herr, der große, ewige, allmächtige Gott Faraks! [HGt.02_246,08] Hast du aber schon einen Überfluß an Speisen und Getränken zusammengebracht, so laß die Armen und alle die Gefangenen im Thronsaale zusammenkommen und bewirte sie, als wären sie alle meine Brüder und Kinder! [HGt.02_246,09] Schicke Eilboten durch die ganze Stadt, und sage ihnen: wen sie nur immer finden, den sollen sie bringen in mein Haus! Und alle Gefängnisse sollen geöffnet werden, und nicht ein Gefangener soll zurückgelassen werden, – auch meine schwersten und größten Lebensfeinde nicht, deren Kost bisher in gesottenen großen Sumpfinsekten (Krebsen) bestand; die sollen nun mit meiner Königskost gesättigt werden! [HGt.02_246,10] Denn von nun an will ich meinem Volke kein richtender König und Herr über Leben und Tod mehr sein, sondern ein weise leitender Bruder nur will ich allen sein in der Ordnung Gottes. [HGt.02_246,11] Siehe, mein lieber Bruder Brudal, das ist nun der Unterschied zwischen dem König Lamech und dem Führer Lamech! – Gehe aber nun eilends, und vollführe das, was ich, nun ein Bruder zu dir, dir anbefohlen habe!“ [HGt.02_246,12] Vor übergroßen Freuden sprang der Brudal in die Höhe und sagte laut: „O großer, allmächtiger Gott! Nur dir war es möglich, das eherne Herz des Lamech in ein warmes Bruderherz umzugestalten! [HGt.02_246,13] O Gott, o Gott, wie endlos glücklich hast Du mich auf einmal gemacht! Ich werde heute noch mein getreues Weib, meine zwei Brüder und meine sieben Kinder – drei Knaben und vier erwachsene Töchter – sehen, welche, zum Tode verurteilt, ins Gefängnis kamen, da sie nicht wollten den Lamech als Gott anbeten!“ [HGt.02_246,14] Hier lief er, besorgte alles, und im Verlaufe von einer Stunde waren alle Gefangenen schon im Thronsaale und auch eine Menge anderer Armen. [HGt.02_246,15] Der Brudal aber setzte alle Hofdienerschaft in die tätigste Bewegung und bewirtete alle die Armen und Gefangenen; diese aber lobten den großen Gott Faraks, darum Er sie also wunderbar erlöst habe, und aßen und tranken. [HGt.02_246,16] Die Familie Brudals aber wollte nicht eher essen, bis sie sähe, daß der Lamech wirklich also umgestaltet wäre; denn sie meinte, solches könnte wohl auch eine Laune des Königs sein. [HGt.02_246,17] Aber der Lamech kam nach einer Zeit wieder zum Brudal und fragte ihn: „Brudal, warum hast du denn uns noch keine Speisen gereicht? Siehe, die hohen Gäste aus der Höhe Gottes sind ja bei uns! Was werden diese wohl von uns denken, wenn wir sie also vernachlässigen? Daher sorge doch ein wenig, daß wir bald etwas zu essen bekommen!“ [HGt.02_246,18] Und der Brudal zeigte dem Lamech seine zitternde Familie und sagte dann zu ihm: „O Bruder Lamech, erhebe doch auch diese Armen, auf daß sie glauben, welche Gnade dir von Gott gegeben ward!“ [HGt.02_246,19] Als der Lamech diese Armen sah, da ward er alsbald zu Tränen gerührt, beugte sich zu ihnen nieder, erhob sie und sagte zu ihnen: „Kommet zu mir! Ich habe euch geplagt, ich habe mich grob versündigt an euch; aber ich will euch nun auch alle die Unbilden also vergüten, daß euch allen die Worte fehlen sollen, dieselben auszusprechen! [HGt.02_246,20] Folget mir nun in meinen Speisesaal, auf daß ihr an meiner Seite sitzen sollet und jetzt und allezeit essen an meinem Tische!“ [HGt.02_246,21] Hier fingen die Armen vor Freude beinahe zu schreien an, lobten und priesen Gott und folgten dem Lamech in den Speisesaal. 247. Kapitel — Henochs und Lamechs Wechselrede wegen der Verzögerung des Festmahls. Henochs Erklärung der geistigen Entsprechung des Tempels und seines Innern[HGt.02_247,01] Als der Lamech mit seiner neu aufgenommenen Gesellschaft wieder in den Speisesaal kam, da ging ihm der Henoch alsogleich entgegen und sprach zu ihm: [HGt.02_247,02] „Lamech, mein geliebter Bruder, was ist denn das heute mit dir? Sonst war alles in der größten Ordnung, du durftest nur winken, und die Speisen standen auf dem Tische; nun aber läufst du schon das zweite Mal, und von deiner ersten Anschaffung für Speise und Trank ist bereits eine Zeit von beinahe zwei Schattenwenden verflossen, und noch sind die Tische völlig leer! [HGt.02_247,03] Ist vielleicht dein Vorrat verzehrt worden, und deine Kammern stehen leer, oder ist sonst etwas vorgefallen? Kurz und gut, sage es mir doch, was solches alles nun zu bedeuten hat!“ [HGt.02_247,04] Der Henoch und alle die andern von der Höhe aber wußten es wohl, was da der Grund war, und der Henoch stellte nur darum solche Frage an den Lamech, damit dieser dadurch Gelegenheit bekäme, tiefer und demütiger in sich zu gehen. [HGt.02_247,05] Und so denn stutzte der Lamech auch ganz gewaltig bei sich und wußte im Augenblicke nicht, was er dem Henoch hätte erwidern sollen. Nach einer kleinen Weile aber ermannte er sich endlich doch und richtete folgende Worte an den Henoch: [HGt.02_247,06] „Hoher, mächtiger Freund des Herrn! Siehe, als ich meinem Speisemeister mein Verlangen nach deinem Rate kundgab, da verwunderte sich dieser über meine Worte, ich aber zeigte ihm den Unterschied zwischen dem König und Führer Lamech. [HGt.02_247,07] Damit er aber solchen noch klarer sehe und begreife, behieß ich ihn und habe es ihm anbefohlen, daß er alsbald möchte alle meine Dienerschaft zusammenberufen und dann durch sie alle Armen in der Stadt aufsuchen lassen und alle die noch Gefangenen freilassen, auf daß sie alle hierher, und zwar in den Thronsaal, kommen sollen, um daselbst als lauter Brüder und Schwestern zu mir, wie auch hoffentlich zu uns allen, mit Speise und Trank auf das beste bedient zu werden. [HGt.02_247,08] Hier an meiner Seite ersiehst du schon acht solcher Brüder und Schwestern, an denen sich der König Lamech tiefst versündigt hat; der Führer Lamech aber will nun dafür im Namen des Herrn sorgen für ihr zeitliches und ewiges Wohl und ist auch eisenfest entschlossen, solches allen möglichst vollkommenst angedeihen zu lassen, die je der König auf was immer für eine Art gedrückt hat, namentlich aber alle jene vorzugsweise zu beachten, die der König in den Gefängnissen hat schmachten lassen. [HGt.02_247,09] Der nun schon mit derlei Brüdern und Schwestern gefüllte Saal kann dich, hoher Freund des Herrn, von allem dem von mir dir jetzt Kundgegebenen überzeugen. [HGt.02_247,10] Darum also sind auch die für uns bestimmten Speisen so lange ausgeblieben; doch jetzt sollen sie alsbald auch unsere Tische zieren!“ [HGt.02_247,11] Hier umarmte der Henoch den Lamech und sagte zu ihm: „O du mein überaus nun geliebter, wahrhaftiger Bruder im Herrn! Siehe, jetzt hat der Herr alle Sünde von dir hinweggenommen! Du stehst nun reiner da als die Sonne am reinsten Mittagshimmel! [HGt.02_247,12] Siehe, das ist die große lebendige Bedeutung des Tempels und aller seiner Einrichtung: [HGt.02_247,13] Du bist der Tempel; dein Wesen ist die nun männliche Festigkeit des Tempels; die Fenster sind die Erkenntnisse in dir, welche dem Flammenlichte deiner Liebe entstammen; das goldene Dach ist dein erleuchtetes Haupt; der Altar im selben ist dein Herz; die Cherube zu den beiden Seiten des Altars bezeichnen deine Nächstenliebe, und der lebendige Name auf dem Altare und die lichte Wolke über demselben ist deine lebendige Liebe zum Herrn, aus welcher heraus du nun alles dieses tust; und die Wolke, welche bis zur Decke reicht, bezeichnet noch obendarauf, daß du mit dem Herrn einen vollkommenen Liebesbund gemacht hast; der Vorhof aber ist dein Leibesleben, in welchem du nun übest die Nächstenliebe! [HGt.02_247,14] O Bruder, siehe, also hat dir der Herr eine große Herrlichkeit bereitet und hat dich gemacht zu Seinem Kinde! Also sei Heil dir und deinem Volke! [HGt.02_247,15] Damit du aber sehest, wie solches dem Vater wohlgefällt, so gehen wir in den Thronsaal; alldort wirst du erfahren, mit welchem Wohlgefallen Er solche Handlungen ansieht! [HGt.02_247,16] Dort wollen wir denn auch das Abendmahl halten! Amen.“ 248. Kapitel — Die Sammlung der Gäste im Thronsaal. Die wunderbaren Tafelfrüchte. Der Sitz und Ursprung des Bösen im menschlichen Herzen[HGt.02_248,01] Nach dieser Rede Henochs begab sich sogleich alles in den Thronsaal, und dem Brudal ward es gesagt, daß er nun die Speisen in den Thronsaal auch für die hohen Gäste schaffen solle und alldort für sie einen bequemen Tisch bestellen. [HGt.02_248,02] Solches geschah auch alsbald. Als aber die Hauptgäste in den Thronsaal gelangten, da entstand auf einmal ein großer Jubelruf, und der Lamech erstaunte freudigst über die Menge der Gäste und noch mehr aber über die große und reichhaltigste Auswahl von den allerköstlichsten Früchten. [HGt.02_248,03] Er berief darum auch alsbald den Brudal zu sich und fragte ihn, zu ihm sagend: „Aber höre du, mein lieber Bruder! Was ist denn das? Wo hast du denn diese von mir noch nie gesehenen Früchte hergenommen? Hast du denn auch etwa Wunder gewirkt? Wie ist solches denn vor sich gegangen?“ [HGt.02_248,04] Und der Brudal sagte darauf zum Lamech selbst ganz erstaunt über diese außerordentliche Erscheinung: „O hochgestellter Führer des Volkes! Darüber fragst du mich vergeblich; denn solches entdecke ich selbst nun erst! [HGt.02_248,05] Ich meine aber, die hohen, mächtigen Gäste aus der Höhe werden dir selbst sicher den allertriftigsten Bescheid zu geben imstande sein; also magst du dich wohl an sie mit deiner würdigsten Frage wenden!“ [HGt.02_248,06] Als der Lamech solches vom Brudal vernommen hatte, da wandte er sich auch alsogleich an den Henoch und richtete folgende Worte an ihn, sagend nämlich: „Höre, mächtiger Freund des Herrn! Du siehst hier sicher dasselbe, was mich vor lauter Staunen beinahe vergehen macht; sage mir doch, worin da wohl der Grund liegen möchte! Denn es ist wohl wahr, daß da dem Herrn alle Dinge möglich sind und euch auch Großes durch Ihn, – aber aus meinen schlechten Früchten diese edlen zu machen, siehe, das ist mir unbegreiflich! [HGt.02_248,07] Dem Herrn wird es wohl ein leichtes sein, die wunderedelsten Früchte zu erschaffen auf dem Wege Seiner ewigen Ordnung; aber ist das nicht etwa wider Seine heilige Ordnung, aus Schlechtem Edelstes und Allerbestes zu machen?! Kurz und gut, diese Sache ist mir zu rund und daher auch zu unbegreiflich; daher gib mir Bescheid darüber!“ [HGt.02_248,08] Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „O lieber Bruder, du eiferst in deiner Frage nach einer Schafwollocke; aber das Wichtige bei dieser Sache scheint dir gar nicht aufzufallen! [HGt.02_248,09] Du fragst mich nun in deinem Gemüte und sagst in dir: ,Was ist denn dieses Wichtige, und wo ist es?‘ [HGt.02_248,10] Sagtest du doch soeben, als scheine es dir, der Herr vermöchte zufolge Seiner ewigen, heiligen Ordnung nicht aus Schlechtem Edles und Gutes zu gestalten! [HGt.02_248,11] Hast du denn nicht gehört, daß der Herr bei der Erschaffung Selbst alle die geschaffenen Dinge gut hieß?! Wo sollen demnach die schlechten sein?! [HGt.02_248,12] Ich sage dir aber: Nichts in der Welt ist schlecht als allein der Mensch, wenn er sich in seinem Herzen abwendet vom Herrn; ist aber der Mensch alsogestaltig arg und schlecht, dann ist für ihn auch die ganze Welt schlecht und arg. [HGt.02_248,13] Bist du rein in deinem Herzen, so wird für dich alles rein sein, das heißt, du wirst da alles in der Wahrheit erschauen; ist dein Herz aber unlauter, so wird auch alles also sein vor dir, wie da ist dein Herz. [HGt.02_248,14] Wie warst du ehedem als König? – Du warst schlecht, arg, voll Hinterlist und Trug; also war auch dein armes Volk zumeist gegen dich, und du mochtest selbst in dem Redlichsten nichts als nur einen tückevollsten Schurken erschauen und ließest ihn darum ins Gefängnis werfen. [HGt.02_248,15] Siehe, der Herr aber hat Sich deiner erbarmt, errettete dich vom Untergange, und siehe, du ersiehst nun keinen Schurken mehr, und die du in die Gefängnisse hast werfen lassen, sind nun freundlichste Gäste in deinem Thronsaale, und sind lauter Brüder und Schwestern! [HGt.02_248,16] Nun siehe ferner: Wenn aber der Herr dich bessern und reinigen konnte, der du wahrhaft arg und schlecht warst, so wird es Ihm etwa wohl auch gar leicht möglich sein, die Früchte dieses Bodens zu veredeln?! [HGt.02_248,17] Diese Früchte aber zeigen dir an die Tatfrüchte deines Herzens und somit auch lebendig das Wohlgefallen des Herrn an ihnen; und somit hast du hier vor Augen, was ich dir zuvor im andern Saale vorhergesagt habe, nämlich das Wohlgefallen des Herrn. [HGt.02_248,18] Siehe, das steckt hinter dieser Erscheinung; und so laß uns denn nun auch an den für uns bereiteten Tisch gehen und uns stärken im Namen des Herrn. Amen.“ 249. Kapitel — Das große Mahl. Der Streit zwischen den verspäteten Armen und den Dienern vor der Saaltür. Der halbnackte Arme als der Herr Selbst[HGt.02_249,01] Und so denn begab sich die ganze Gesellschaft, dem Henoch folgend, an den schon mit allerlei Früchten belegten Tisch. [HGt.02_249,02] Alle dankten dem Herrn inbrünstigst für solche Gnade in ihrem Herzen und baten Ihn auch, daß Er fürder und allezeit mit Seiner so hehr segnenden Gnade bei ihnen verbleiben möchte und möchte sie beschützen vor jeglichem Übel am Geiste, wie auch am Leibe. [HGt.02_249,03] Nach solcher innersten, lebendigen Anrufung segnete der Henoch die Speise und den Trank im Namen des Herrn und sagte darauf: „Nun denn, liebe Brüder und liebe Schwestern, wollen wir wohlgemut stärken unsern Leib, und so denn essen und trinken wir im Namen des Herrn!“ [HGt.02_249,04] Und alsbald griff alles nach den Früchten, welche aber auf diesem Herrentische nicht verändert wurden; der Lamech aber hatte einen starken Appetit nach den edlen Früchten. [HGt.02_249,05] Aber der Henoch sagte zu ihm: „Bruder Lamech, der Herr hat eine Menge Tiere erschaffen, die allein da sind, daß sie fressen Tag und Nacht; aber uns Menschen hat Er nicht darum das Dasein gegeben, daß wir nur leben sollen, um zu essen, sondern daß wir uns im Geiste vervollkommnen sollen und sollen daher nur des dazu nötigen Leibeslebens wegen essen mit gutem Ziele und gerechtem Maße, aber nicht dies alleinige Scheinleben darum haben, um zu essen allenfalls die besten und edelsten Früchte der Erde ohne Ziel und ohne Maß! [HGt.02_249,06] Laß es dich daher nicht gelüsten nach jenen edleren Früchten, die da die Tische deiner Gäste zieren, sondern bleibe dankbarst bei dem, was uns der Herr beschert hat!“ [HGt.02_249,07] Diese Rede machte den Lamech alsogleich vollends zufrieden mit dem, was da war auf seinem Tische, und er ließ sich's recht gut schmecken. [HGt.02_249,08] Als aber alles also recht fröhlich und munter aß und trank, da erhob sich vor der Tür des Thronsaales ein Wortstreit, der aber immer heftiger zu werden drohte. [HGt.02_249,09] Der Lamech aber stand sogleich auf und ging nachzusehen, was da etwa vor sich gehe. [HGt.02_249,10] Als er aber sogestaltet an die Türe kam, siehe, da ersah er alsbald mehrere Arme, welchen aber einige derbe Diener Lamechs den Eintritt darum verweigerten, indem sie zu spät gekommen wären und es sich jetzt nicht gezieme, in den Saal zu treten, da sich schon die hohe Herrschaft im selben befinde. [HGt.02_249,11] Als der Lamech aber solchen Unfug von Seite seiner Diener sah, da ergrimmte er beinahe und sagte zu den Dienern: „O ihr arge Schlangenbrut! Danket Gott dem Herrn, daß Er jetzt meinen gerechten Zorn im Zaume hält! Wahrlich, für diese eure Tat wäre sonst wohl das tiefste aller meiner Gefängnisse auf die Zeit eures ganzen Lebens euer Teil geworden! [HGt.02_249,12] Seid ihr meine Diener, so harret auf mein Geheiß, und tuet dann danach also, wie es euer Vorstand, der Brudal tat; aber ferne bleibe von euch alle Eigenmächtigkeit! [HGt.02_249,13] Gott ist nun mein und euer alleiniger Herr; dieser aber hat euch sicher nicht beheißen, die Armen abzuhalten von mir! Also habt ihr blind eigenmächtig gehandelt! [HGt.02_249,14] Ich sage euch aber nun zum letzten Male, dies sei eure letzte Eigenmacht! Noch einmal solches von euch getan, und ihr sollet nackt von mir in die ödesten Wüsten hinausgestoßen werden! [HGt.02_249,15] Jetzt aber gehet in euer Gemach, und bereuet eure Tat, damit sie euch Gott vergebe! – [HGt.02_249,16] Ihr, meine armen Brüder, aber kommet mit mir, und stärket euch im Saale mit Speise und Trank!“ [HGt.02_249,17] Einer aber unter den zehn Armen sah gar kläglich aus, denn er war beinahe zur Hälfte nackt; diesem verwehrten die Diener auch am meisten den Eintritt. [HGt.02_249,18] Als aber der Lamech diesen ersah, ward er zu Tränen gerührt und sagte zu ihm: „O du mein armer Bruder du, komme her in meine Arme! Sicher bist du durch mich arm geworden! Wahrlich, du sollst aber an meiner Seite durch die Gnade des Herrn der Reichste werden! Komme also mit mir an meinen Tisch!“ [HGt.02_249,19] Der Arme aber sagte zum Lamech: „O gerechter König, ich will dir ja folgen; aber nur die Diener, die mich mißhandeln wollten, laß nicht in deiner Ungnade, sondern vergib ihnen so ganz und gar, wie ich ihnen von ganzem Herzen vergeben habe!“ [HGt.02_249,20] Diese Worte des Armen brachen dem Lamech völlig das Herz, daß er weinte; er sandte auch alsbald einen andern Diener hin und ließ den harten Dienern ihre Freiheit verkünden. Lamech aber begab sich mit seinem Armen alsbald in den Saal und räumte demselben seinen Sitz ein. [HGt.02_249,21] Es kamen aber nun auch die harten Diener, ganz erweicht, und fielen dankbarst vor Lamech nieder. Lamech aber hob sie alsbald mit seinen Händen auf und begrüßte sie als Brüder. [HGt.02_249,22] Der Arme aber stand auf, ward gerührt bis zu Tränen, umarmte den Lamech und sagte dann zu ihm: [HGt.02_249,23] „Lamech, jetzt hat dich das ewige Leben umfangen, und Ich, dein Gott und dein Herr, will dir nicht nur ein Vater, sondern auch ein wahrer Bruder sein! Also werde Ich diese Erde bewohnen ewig!“ [HGt.02_249,24] Hier erkannten alle den Herrn in dem armen Bruder. 250. Kapitel — Henoch und der Herr als Armer. Vom Wesen der allmächtigen Gottheit und von der Armut des Vaters[HGt.02_250,01] Diese Worte des Armen drangen wie tausend Blitze durch die Herzen aller Anwesenden. Selbst der Henoch war nicht gefaßt auf diese Erscheinung, darum er auch schon früher weise dem Lamech des Herrn Wohlgefallen aus der wunderbaren Fruchterscheinung bezeugte. [HGt.02_250,02] Darum auch wandte sich der Henoch selbst alsbald an den Armen und sagte zu Ihm: „Wenn ich mein Herz frage, so sagt es mir wohl ganz geheim: ,Du bist es!‘ –, aber wenn ich dann in des Geistes Auge blicke aus des Herzens Tiefe, so vermag ich's allda nicht zu entdecken, wie der allmächtige, heilige Vater, Gott, der Schöpfer aller Dinge, auch ein Armer sein kann! – Darum bitte ich Dich darüber um ein Wort, auf daß ich Dich erkennen möchte!“ [HGt.02_250,03] Der Arme aber sah den Henoch nur an; und als der Henoch das Auge des Armen sah, eilte er hin zu Ihm und sagte: „Ja, ja! Du bist es! Du, guter Vater Du, Du bist es wahrlich; denn solche Milde, solche Sanftmut, solche Liebe, solche Treue und dabei dennoch eine solch göttliche Erhabenheit strahlt aus keines Menschen Auge!“ [HGt.02_250,04] Nach solchem Ausrufe erst begann der Vater in der Gestalt des Armen folgende Worte an unsere Gesellschaft zu richten und sagte wie zum Henoch: [HGt.02_250,05] „Henoch, und auch du, Lamech, höret! Was euch der Arme sagt, das behaltet tiefst! Wenn der Arme zu dir kommt, und du nimmst ihn auf in Meinem Namen, so hast du Mich aufgenommen. [HGt.02_250,06] Du sagst: ,Wie ist solches möglich? Dir, o Gott, ist ja nur das Erhabene, das Mächtige, das Kräftige verwandt!‘ [HGt.02_250,07] Ich sage aber: Wahrlich, wahrlich, du kannst Mich weder in Meiner Erhabenheit, noch in Meiner Macht und Kraft ewig je erkennen, wohl aber in Meiner Erbarmung und wahrhaftigsten Vaterliebe! [HGt.02_250,08] Die Liebe aber ziehet alles an sich und will alles im engsten Kreise um sich versammeln! Und siehe, solches tut der Vater! [HGt.02_250,09] Wenn du aber alles willst nach Meiner Göttlichkeit bemessen, so liebst du den Vater nicht, sondern willst dich nur der Gottheit nahen, welche unendlich ist in Ihrem Wesen, zerstreust dich dadurch und tötest dich am Ende. [HGt.02_250,10] Begreife aber ferner die Tiefe des Geistes Gottes! – Du bist ein geschaffener Mensch; als solcher bestehst du aus einem Leibe und aus einer lebendigen Seele, in welcher da wohnt der Geist der Liebe. [HGt.02_250,11] Aus der Gottheit ist dein Leib; sein Gesetz ist ein unabänderliches Muß, also: also sein – und anders nicht sein! Du kannst tun, was du willst, und du kannst die Form nicht ändern! [HGt.02_250,12] Da aber dein Leib ein Werk der unwandelbaren göttlichen Macht ist, also bestehend aus dem allmächtigen Muß aus Gott, darum ist er auch sterblich und zerstörbar. [HGt.02_250,13] Du fragst: ,Wie ist solches möglich?‘ – Siehe, weil in Gott die endloseste Freiheit waltet und Er somit nimmer ein Muß halten kann! [HGt.02_250,14] Wäre Gott allein Gott, so wäre ewig nie etwas erschaffen worden, sondern alles wäre noch ein nur für Ihn schaubarer unendlicher Gedanke, – aber kein Wesen erfreuete sich des freien Daseins in Gott! [HGt.02_250,15] Gott aber ist nicht allein Gott in und aus Sich, sondern Er ist Gott aus der Liebe in Sich. [HGt.02_250,16] Gott geht hervor aus Seiner Liebe, und die Unendlichkeit ist Sein Wesen; dieses Wesen aber kehrt allzeit wieder in Seine Liebe zurück und sättigt Sich da mit der unendlichen Kraft und Macht. [HGt.02_250,17] Nun höre weiter: Deine Seele ist gezeugt vom Vater, welcher ist die Liebe in Gott. [HGt.02_250,18] Wie aber diese Liebe das eigentliche Grundwesen in Gott ist, also ist auch demnach diese deine Seele ein Grundwesen deines Seins und ist ein Aufnahmegefäß fürs ewige Leben, und es kann in ihr alles zum ewigen Leben verkehrt werden, auch der Leib, welcher ist ein Werk oder ein Tempel des Geistes Gottes durch das göttliche Muß. [HGt.02_250,19] Du fragst: ,Warum durch ein Muß?‘ – Siehe, solange du einen Stein in deiner Hand hältst, so lange auch befindet er sich in deiner freien Gewalt, und du kannst mit ihm tun, was du willst! [HGt.02_250,20] So du aber einmal den Stein von dir geschleudert hast, so hast du ihn zwar deiner Willkür entbunden, aber dennoch muß da der Stein nach der Richtung hinfliegen, welche du ihm mit der Macht deiner Hand gabst, und du vermagst aber dann dem freigewordenen Steine während seines Fluges dennoch kein Richter mehr zu sein. [HGt.02_250,21] Wenn aber der Stein wieder zurückfällt, da er für sich keine Kraft hat, so kannst du ihn wieder richten nach deiner Willkür. [HGt.02_250,22] Wer nun Ohren hat, der höre! Siehe, der Vater hat als die ewig unendlich große Liebe in Gott oder in Seiner Auswirkung alles von Sich gegeben! [HGt.02_250,23] Durch die große Wurfschleuder Seiner unendlichen Macht hat Er mit allen Seinen endlos großen Gedanken alle Unendlichkeit ewighin erfüllt. Er behielt nichts für Sich, sondern alles, was Er hatte, gab Er her. [HGt.02_250,24] Also ist der Vater in Sich arm, und die Armut ist nun Seine Liebe; Sein Reichtum aber ist nun die freie Liebe und Sein alleiniges ewiges Leben, in dem allein alle Macht und Kraft daheim ist. [HGt.02_250,25] Diese Armut aber ist nun des Vaters größte Seligkeit, indem Er nun wieder alles zu Sich zurückkehren sieht und Er alles wieder, endlos vervollkommnet, in Seiner Liebe ergreifen kann. [HGt.02_250,26] Siehe, – Sonne, Mond und alle Sterne, kurz alles, was du erschauen und ergreifen kannst, entspricht demnach Meiner Gottheit oder Macht! Mein Muß bindet es. [HGt.02_250,27] Aber es kann nicht also bleiben, wie es ist; denn alles ist da des Vaters wegen, damit Er Sich bereichere ewig, ewig, weil Er wollte aus Sich arm sein auf eine Zeit. [HGt.02_250,28] Also seid auch ihr aus euch heraus Meine getreuen Ebenmaße. Seid wahrhaftig Meine Kinder! Gebet, Mir gleich, alles her, machet frei eure Liebe und euer Leben aus Mir, so werdet ihr mit Mir reich werden ewig, ewig! Werdet arm, damit ihr reich werden möget! Amen.“ 251. Kapitel — Henochs Ergriffenheit ob der freiwilligen Armut des Vaters. Des Herrn Eröffnung über die Größe seiner Vaterliebe zu Seinen Kindern. Winke über die Menschwerdung und den. Opfertod des Herrn[HGt.02_251,01] Als der Henoch und alle die andern solches vom Vater in der Gestalt des Armen vernommen hatten, da fielen sie alle zu Ihm hin, beteten Ihn an und lobten Seine unendliche Güte und solche unendliche Liebe. [HGt.02_251,02] Und der Henoch sprach, voll der höchsten Entzückung: „O Du heiliger Vater! Viele Jahre beschäftigte sich mein armseliges Herz mit Dir und fand in sich selbst, daß Du die ewige, allerreinste und unendliche Liebe bist. [HGt.02_251,03] Ich lernte aus meinem Gefühle schon frühzeitig, nur mit aller Liebe an Dir, o heiliger Vater, zu hangen, und lernte aus eben dem Gefühle Dich als einen alleinig wahren, unendlich guten Vater kennen, und es vermochte da keine Gegenlehre mich auf andere Begriffe und Vorstellungen von Dir zu bringen, – kurz, ich erkannte in Dir zuerst für mein Herz vollkommen den endlos guten Vater! [HGt.02_251,04] Als uns allen auf der Höhe aber das endlose himmlische Gnadenglück zuteil ward, daß Du uns heimsuchtest, da fand ich denn auch meine frühere Herzenslehre vollkommen auf das allerherrlichste bestätigt. [HGt.02_251,05] Aber bei allem dem hätte ich es mir doch nimmer getraut, auch nur von fernehin eine solche Idee von Dir zu fassen! [HGt.02_251,06] Wie gänzlich vernichtet aber stehe ich nun hier vor Dir, o Du heiliger Vater, da Du Dich Selbst arm nennst, ja nicht nur nennst, sondern wahrhaftig arm sein willst, um uns alle, wie auch alle die Millionen und Millionen, die uns nach deinem heiligsten Willen noch folgen werden, als einen zurückgekehrten Gnadenstrahl, der einst aus Dir ging, wieder durch Deine Liebe und Erbarmung endlos verherrlicht in Dir aufzunehmen und uns allen dann zu sein ein sichtbarer, allmächtiger, allerheiligster Vater! [HGt.02_251,07] O du heiliger, aller endlos unaussprechlich höchsten Liebe vollster Vater! Wahrlich, wahrlich, wahrlich, diese Enthüllung ist zu unnennbar groß und heiligst erhaben für einen sterblichen Menschen! [HGt.02_251,08] Heilig, heilig, heilig bist Du, o Vater, und Himmel, Sonne, Mond, Sterne und diese Erde sind voll von Deiner unendlichen Ehre! [HGt.02_251,09] Ich will Dich darum in meinem Herzen allerheftigst loben, preisen und lieben über alles, alles, alles! [HGt.02_251,10] O Du endlos guter Vater Du! Wäre es mir doch möglich, Dich wieder reich zu machen, Dir alles zurückzubringen, was Deine endlose Liebe an uns alle so reichlichst, ja in solch endloser Fülle übergab, – welch eine Seligkeit wäre doch das für mich!“ [HGt.02_251,11] Hier umarmte der Vater den Henoch und sprach: „Mein geliebter Henoch, sorge dich nicht um Unnötiges! Siehe, wenn es Mir darum zu tun wäre, all das Gegebene wieder besitzen zu wollen, so könnte Ich es ja auch wieder nehmen; denn Ich allein hätte ja die Macht und Kraft dazu, indem es doch außer Mir weder irgendeine Macht, noch eine Kraft gibt! [HGt.02_251,12] Ich sage dir aber: Ob du Mir auch zu geben vermöchtest Sonnen, Monde und alle die zahllosen Erden im endlosen Raume, so wäre vor Mir solches alles endlos weniger, als so du Mich liebst über alles als ein wahrer Sohn deinen allein wahren Vater. [HGt.02_251,13] Denn siehe, das ist das Allerhöchste, daß Ich euch ein wahrer Vater bin und ihr Mir wahrhaftige Kinder seid. [HGt.02_251,14] Wahrlich, wahrlich, Ich will um eines Kindes willen Milliarden von Sonnen und Welten aller Art opfern, könnte Ich es sonst nicht wieder bekommen zu Mir zurück! [HGt.02_251,15] Ja, höre, mein Henoch, Ich will dir noch bei weitem mehr sagen, denn das ist, das Ich dir jetzt gesagt habe! [HGt.02_251,16] Siehe, du weißt es, daß Ich allein das Leben ungeteilt als Meine Liebe in Mir zurückbehalten habe, als Ich sonst alles hintangegeben habe! Dieses ewige alleinige Leben bin Ich Selbst; außer Mir ist alles Tod, und hat nichts ein Leben – außer nur aus Mir! [HGt.02_251,17] Wenn es sich aber darum handeln würde, daß da ein Kind nur dadurch zu retten wäre, daß Ich für dasselbe dahingebe dieses Mein alleiniges ewigstes Leben, so möchte Ich auch dieses eher von Mir lassen, als eines Meiner Kinder verlieren! – Henoch, fassest du diese Liebe?“ [HGt.02_251,18] Der Henoch aber und alle fielen vor dem Vater nieder, und alle weinten vor zu großer Liebe, und keiner vermochte auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen. [HGt.02_251,19] Der Vater aber sprach: „O Kindlein, solches hat nun euer guter Vater geredet, damit ihr Seine Liebe erkennen möchtet! Aber nicht umsonst hat Er solches geredet; denn was Er geredet hat, das wird Er einst auch tun durch Sein fleischgewordenes Wort in der großen Zeit der Zeiten. [HGt.02_251,20] Ja, einen Sohn werde Ich zeugen, und Ich werde diesem Sohne geben all Mein Leben, und Ich werde sein im Sohne, und der Sohn wird sein in Mir, und der Vater und der Sohn werden dann ewig vollkommen eins sein! Amen.“ 252. Kapitel — Henochs Bedenken ob des Opfertodes des Herrn. Große Enthüllung des Herrn über das Wesen der Liebe und des Lebens und des Lichtes und der Weisheit Gottes. Vom Gottmenschen Jesus als fleischgewordenes Gotteswort[HGt.02_252,01] Nach diesen Worten erwachte wieder der Henoch, machte einen wehmütig-ernsten Blick in sich und auf den Vater und blieb eine kleine Zeit wie völlig verloren stehen. Endlich aber faßte er sich doch wieder und richtete folgende Worte an den Vater: [HGt.02_252,02] „O heiliger, endlos liebevollster Vater! Zu endlos erhaben und geheimnisvollst klangen Deine letzten heiligsten Worte! Wer außer Dir vermag deren Sinn in seinem Geiste zu erfassen?! [HGt.02_252,03] Wenn Du, eben Dir nicht unmöglicher Weise, von Dir ließest Dein Leben und möchtest Dich Selbst töten lassen von irgend dazu bedingten Geschöpfen, wird da nicht alsbald alles im ganzen unendlichen Raume getötet werden im Augenblicke? [HGt.02_252,04] Denn alles, was da lebt, lebt ja nur ein Leben aus Dir, also Dein Leben; welches Leben aber würde es dann wohl leben, so Du Grundquell des Lebens in den Tod gingest?! [HGt.02_252,05] O Du allerheiligster Vater, erläutere uns das, und laß uns ein mächtiges Licht zukommen; denn sonst hast Du uns mit diesen Worten ja die unfehlbare ewige Vernichtung aller Dinge und alles Seins verkündet!“ [HGt.02_252,06] Hier erhob Sich der Vater und sagte zum Henoch: „Dir, Mein Henoch, soll es gegeben sein, das große Geheimnis Meines Reiches zu erfahren und zu erfassen, aber sonst keinem außer dir! [HGt.02_252,07] Und so versiegle auch in dir diese Worte, die Ich jetzt zu dir reden werde; denn nur du und sonst niemand soll bis zur großen Zeit der Zeiten deren Sinn erfassen, – die Welt aber soll mit Blindheit geschlagen sein bis ans Ende. [HGt.02_252,08] Und also höre denn: Liebe und Leben sind eines – und sind doch zwei: Liebe der Grund und Leben die Wirkung. Also sind auch Licht und Weisheit eines und sind dennoch wieder zwei: Licht der Grund und Weisheit die Wirkung. [HGt.02_252,09] Aus Liebe und Leben aber geht noch ein Drittes hervor, und das ist die Tatkraft, welche aber ist der mächtige Geist. Und aus dem Lichte und der Weisheit geht auch ein Drittes hervor, und das ist die Ordnung, aus welcher da ist das Gestaltliche aller Dinge und das den Endzweck Bestimmende. [HGt.02_252,10] Und aus der Liebe und dem Leben und aus dem Lichte und der Weisheit geht hervor der Geist aller Heiligkeit, und dieser ist das Wort aus dem Munde Gottes. [HGt.02_252,11] Dieses Wort ist wesenhaft und ist der Grund, aus dem alle Dinge urwesentlich geschaffen sind. [HGt.02_252,12] Wenn du nun betrachtest das Wesen der Liebe und des Lebens und die aus den beiden hervorgehende Tatkraft und betrachtest das Wesen des Lichtes und der Weisheit und die aus den beiden hervorgehende Ordnung und endlich noch betrachtest die aus all dem Früheren hervorgehende Heiligkeit oder das Wesen des ewigen Wortes aus dem Munde Gottes, so hast du sieben Geister, welche alle hervorgehen aus der Liebe, und die Liebe selbst ist der erste aus sich gehende Geist und die anderen sechs zu gleicher Zeit hervorgehend aus der Liebe und mit ihr dennoch eines von Ewigkeit seiend. [HGt.02_252,13] Liebe und Leben aber kann getrennt werden, und dann gleicht die Liebe einem Eisklumpen, da keine Wärme innen ist; das Leben für sich aber wird ein ledig Feuer, welches zerstört und sucht sich darin eine erträgliche Sänftung. [HGt.02_252,14] Also kann auch Licht und Weisheit geschieden werden; das Licht ist dann im zerstörenden Feuer wie tot, und die Weisheit wird zur Nacht, zum Truge, zum Falschen und zur Lüge. [HGt.02_252,15] Also kann auch das aus der Liebe und dem Leben und aus dem Lichte und der Weisheit hervorgehende Wort getrennt werden wesenhaft. [HGt.02_252,16] Daß solches möglich ist, zeigt dir die ganze Schöpfung, und in der Schöpfung magst du alle die vorbenannten Trennungen erschauen; sie sind schon alle aus Mir bewerkstelligt worden, und ihr Grund bin Ich, und der Endzweck alles dessen heißt: die Lebensprobe oder des ewigen Lebens fortwährende Übung und Stärkung. [HGt.02_252,17] Und siehe, trotz aller dieser Trennungen bin Ich dennoch ungeteilt da im Vollbesitze aller Meiner Geister! [HGt.02_252,18] Also wird es auch sein in der großen Zeit der Zeiten, da das ewige Wort als der wesenhafte Grund aller Dinge in Sich Selbst Fleisch wird, in dem da wohnen wird alle Fülle Meines Wesens. [HGt.02_252,19] Das Fleisch aber wird die Welt töten; aber die im Fleische wohnende Gottesfülle, also die ewige Liebe, wird das Fleisch alsbald wieder beleben aus Sich, und dann wird wohnen die Fülle Gottes ewig in Seinem fleischgewordenen Worte als ein Mensch gegenüber Seinen Geschöpfen, und diese werden Ihn schauen und sprechen wie einen rechten Bruder. [HGt.02_252,20] Dieser Gottmensch erst wird euch allen bringen das wahre, ewige Leben; bis dahin aber werdet ihr leben nur ein aus Meiner Liebe getrenntes Leben. [HGt.02_252,21] Siehe, das ist der Sinn Meiner Worte; du fasse ihn, aber sonst keiner außer dir, und die Welt nicht – bis ans Ende! Amen. [HGt.02_252,22] Und nun esset und trinket alle! Amen.“ 253. Kapitel — Die Zweifel und Ansichten verschiedener Gäste über den geheimnisvollen Armen[HGt.02_253,01] Nach dieser Rede des Vaters setzte sich alles ehrfurchtsvollst zu Tische und aß und trank. Aber es getraute sich am Tische niemand, etwas zu reden; denn des Vaters endlose Weisheit, die Er gegen den Henoch ausgesprochen hatte, hatte einem jeden den Mut dazu benommen. [HGt.02_253,02] Aber unter den übrigen Gästen ging es so ziemlich gesprächig zu. Einige konnten die Veränderung beim Lamech nicht begreifen und besprachen sich daher über diese Erscheinung; sie konnten aber eben nicht viel Ersprießliches herausbringen, denn sie wußten zuallermeist gar nicht, was sich mit dem Lamech in dieser kurzen Zeit alles zugetragen hatte. [HGt.02_253,03] Den unserer Hauptgesellschaft sich zunächst Befindlichen aber fiel der Arme und Seine große Weisheit auf, und sie wußten ebenfalls nicht, was sie aus Ihm machen sollten. [HGt.02_253,04] Einige wispelten sich zu: „Das muß ein Seher sein!“ [HGt.02_253,05] Andere wieder sagten: „Das ist doch sicher ein Schlangenbanner; denn also sollen ja die aussehen, denen die Schlangen und Nattern gehorchen!“ [HGt.02_253,06] Und wieder andere bemerkten dagegen: „Wenn das ein solcher wäre, da müßte er ja einen Zauberstab haben und müßte dazu haben ganz geheime Zeichen! Wir meinen daher, daß er ein weiser Sterndeuter ist. Solches leuchtet auch zumeist aus dem heraus, daß er von allen ein ,Vater‘ genannt wird; denn mit solcher Benennung ehrt man ja gewöhnlich einen solchen Weisen!“ [HGt.02_253,07] Wieder ein anderer bemerkte dagegen und sagte: „Da bin ich durchaus nicht eurer Meinung! Ich werde mich kaum irren; denn ich habe ein scharfes Gesicht und getraue mir daher ganz fest zu behaupten, daß eben dieser Arme niemand anderer ist als nun verkleidet derjenige herrliche Mann, der heute um die Tagesmitte an der Seite jenes greisen Weisen aus der Höhe sich befand, als der Lamech die mit dem Namen des Gottes Faraks bezeichnete Tafel hinaustrug in den Tempel. Die Züge sind auf ein Haar dieselben; nur werden sie durch die überaus dürftige Kleidung bedeutend entstellt.“ [HGt.02_253,08] Ein anderer fand auch dasselbe; nur konnte er dazu nicht einsehen, wozu sich jener herrliche Mann also verkleidet hätte, indem dazu doch kein Grund zu ermitteln sei. [HGt.02_253,09] Noch ein anderer bemerkte: „Wenn er derjenige ist – was mir auch zu sein scheint –, so muß er sich nur etwa der Überraschung wegen also gekleidet haben! Denn er ward überaus geliebt vom Lamech und soll sich im Tempel heimlich davongemacht haben, wie ich es so im Vorübergehen vernommen habe – denn es soll darob ja ein förmlicher Aufstand gewesen sein; um aber nun den Lamech und die andern um so mehr zu überraschen, hat er sich also verkleidet!“ [HGt.02_253,10] Ein anderer aber bemerkte wieder dagegen und sagte: „Das wäre alles recht; aber ich kann es nur immer nicht begreifen, warum sie, die viel Älteren, ihn denn beständig ,Vater‘ nennen! Denn eine Auszeichnung kann das doch nicht sein, darum er ein Weiser ist; denn da müßten die andern Weisen aus der Höhe ja auch diesen Ehrennamen führen! Es müßte das nur sein Name sein, – sonst könnte ich es mir wahrhaftig nicht erklären!“ [HGt.02_253,11] Einer aber, der dem Redenden sich zunächst befand, sagte ihm: „Es wäre alles recht, was du meinst; aber nur einen Umstand habe ich dabei bemerkt, und dieser ist außerordentlich wichtig! Hast du denn nicht gesehen, wie ehedem die ganze erhabene Gesellschaft vor ihm niederfiel und hat vor ihm geweint und hat ihn ja förmlich angebetet?! [HGt.02_253,12] Wenn er bloß nur ein großer Weiser wäre – etwa wie es dereinst der große Lehrer Farak war, und wie die großen und sogar wundermächtigen Weisen aus der Höhe es sind –, da würden sie samt dem Lamech nicht solches tun! [HGt.02_253,13] Es muß also etwas ganz außerordentlich Besonderes hinter diesem Manne stecken! Worin aber solches bestehen möchte, das herauszubringen, wird für uns zwei, wie für jeden von uns, wohl überaus schwer werden! [HGt.02_253,14] Daher seien wir hübsch stille und ruhig und wollen daher nicht blasen dahin, wo es uns nicht brennt; greifen wir dafür lieber nach den Früchten! – Verstehst du mich?!“ 254. Kapitel — Das Mißtrauen der armen Gäste gegen Lamech. Des Herrn guter Rat und Lamechs Bruderrede an die armen Gäste[HGt.02_254,01] Als aber alle sich hinreichend gesättigt hatten, da erhoben sie sich von ihren Plätzen und dankten dem Herrn für das herrliche und gar köstlich schmeckende Mahl. [HGt.02_254,02] Desgleichen taten alle die Geladenen, welche da waren zum Teil arm und zum Teil als ehedem Gefangene. [HGt.02_254,03] Alle diese Gäste dankten auch dem Gotte Faraks; denn sie wußten es nicht, daß der heilige Geber in ihrer Mitte Sich befand. [HGt.02_254,04] Als sie dem Gotte Faraks ihren inneren Dank dargebracht hatten, dann erst ging ein jeder hin zum Lamech, legte seine Hände kreuzweise über die Brust und brachte somit auch ihm den Dank für solche seine große Güte. [HGt.02_254,05] Der Lamech aber wandte sich alsbald zu den Dankenden und wies solches von sich ab und deutete den armen Gästen mit seinen Blicken, daß sie dem armen Manne danken sollten, und sagte, so etwas verstohlen, zu solcher gutmütigen Deutung hinzu: „Nicht ich, sondern Dieser ist der wahre Geber aller solcher und noch zahllos anderer guten Gaben!“ [HGt.02_254,06] Die armen Gäste aber sahen sich untereinander groß an und fragten sich heimlich untereinander, ganz verdutzt: „Was will denn der erhabene König Lamech dadurch anzeigen? Dem Armen sollen wir danken, der doch selber gleich uns nichts hat?! – Der König war von jeher der sonderbarsten Launen voll, und so ist das sicher auch wieder eine solche Laune von ihm! Wer weiß, ob er uns alle heute nicht noch sieden und braten läßt! Sehen wir daher nur zu, sobald als nur immer möglich aus seiner zu gefährlichen Nähe zu kommen!“ [HGt.02_254,07] Da aber der Lamech solch ein Gewispel vernahm, ergriff er alsbald die Hand eines solchen Mißtrauischen und fragte ihn nach seiner alten Gewohnheit etwas barsch: „Bedauernswerter Freund, warum denkst du denn noch Arges von mir?“ [HGt.02_254,08] Diese Frage versetzte den Gefragten in eine solche Angst, daß er darob beinahe ganz besinnungslos vor dem Lamech auf den Boden niederfiel. [HGt.02_254,09] Solches aber entsetzte auch den Lamech so sehr, daß er sich nicht zu helfen wußte; er eilte daher zum Vater hin und zeigte ihm solches an. [HGt.02_254,10] Der Vater aber sagte zum Lamech: „Siehe, also mußt du fürder nicht ohne Mich ausgehen, willst du der Welt nützen! [HGt.02_254,11] Siehe, dieses Volk weiß es noch nicht, daß du nun nicht mehr ein König, sondern um ein leitender Oberpriester dem Volke durch Mich und aus Mir geworden bist; darum traut dir das Volk auch noch nicht, da es in dir noch den fürchterlichen Tyrannen vor sich erblickt. [HGt.02_254,12] Daher besteige nun den Thron, und erkläre dem Volke in Meinem Namen, was du nun bist, und was du mit dem Volke vorhast, und es wird dann alles in die gute Ordnung sich begeben! Also gehe hin, und tue mit wenigen Worten, was Ich dir geraten habe!“ [HGt.02_254,13] Der Lamech aber fragte den Vater, ob es sich wohl tun werde lassen, zu besteigen den Thron, indem doch früher der heiligste Name auf demselben geruht hatte. [HGt.02_254,14] Der Vater aber sprach zum Lamech: „Wie bist du denn nun gar so dumm geworden?! Siehe, mit Mir magst du reden, und den Thron fürchtest du darum schon, weil Mein Name eine Zeit hindurch auf demselben, von dir selbst gezeichnet, ruhte?! Sage Mir, was ist denn mehr: Ich oder Mein Name?! [HGt.02_254,15] Willst du aber schon auf dem Throne aus lauter Ehrfurcht vor Meinem Namen nicht stehen und vom selben deine Bestimmung von Mir ausgehend und angeordnet verkünden, so steige denn auf diesen Stuhl, und verkündige dasselbe; denn Ich will dir keinen Zwang antun!“ [HGt.02_254,16] Solches ließ sich der Lamech nicht zweimal sagen, bestieg alsbald den Stuhl und predigte vom selben dem Volke und zeigte ihm liebefreundlichst, was alles mit ihm vorgegangen sei, und was er nun vor ihnen geworden sei, und was er denn nun auch unveränderlich fortan bleiben werde. [HGt.02_254,17] Als das arme Volk solches vernommen hatte, da fing es plötzlich an zu jubeln, und jede Zunge lobte und pries den Gott Faraks. [HGt.02_254,18] Als aber der Lamech wieder von seinem Stuhle abtrat, da machte ihn der Vater aufmerksam, daß er auf dem Stuhle nun gestanden sei, auf welchem Er als der heilige, allmächtige Gott Selbst gesessen sei. [HGt.02_254,19] Da fiel der Lamech vor Ihm nieder und bat Ihn um Vergebung. [HGt.02_254,20] Der Vater aber hob ihn auf und sagte zu ihm: „Mein geliebter Lamech! Nicht darum habe Ich dir solches angezeigt, als hätte Ich dir damit anzeigen wollen, du hättest dich vor Mir versündigt, sondern darum nur, daß du zu solchen Lehrzwecken deinen Thron dessenungeachtet benützen kannst, wenn auch zuvor die Tafel darauf gelegen ist. [HGt.02_254,21] Ich sage dir: Nur auf das Herz ist Mein Auge gerichtet! Alles andere hat vor Mir keinen Wert; denn Ich bin die Liebe Selbst und will daher nichts als nur die Liebe. [HGt.02_254,22] Nun aber gehe auf den Thron, und mache Mich durch eine gute Rede diesem Volke bekannt, auf daß es nicht mehr wispele über Mich und rate, sondern vollends erfahre, wen es in seiner Mitte hat! Amen.“ 255. Kapitel — Lamechs Thronrede über die sichtbare Gegenwart des heiligen Vaters in Gestalt des armen Mannes. Die Drohrede der Zweifler unter den Gästen. Des Herrn ernste Worte an die Zweifler[HGt.02_255,01] Und der Lamech ging nun ohne Bedenken auf den Thron und verkündete in einer wohlgeordneten Rede des allerheiligsten, liebevollsten, ewigen Vaters Gegenwart in dem armen Manne. [HGt.02_255,02] Als alle die armen und gefangen gewesenen Gäste solches aus dem Munde des Lamech vernommen hatten, wie auch, wie der Tempel von eben diesem allerheiligsten Vater ist angeordnet und wahrhaft wunderbarst erbaut worden, da fielen alsbald die Armen nieder und beteten Ihn an. [HGt.02_255,03] Aber die Gefangenen sprachen untereinander: „Mir ist es unbegreiflich, wie da der allmächtige Gott, der mit Seiner Allmacht Himmel und Erde umfaßt, dem Sonne, Mond und alle Sterne gehorchen und die Winde, die Wolken, die Blitze und alle die großen Gewässer, ein so armseliger Mensch sein soll! [HGt.02_255,04] Das ist sicher wieder eine verstohlene Windfechterei Lamechs! Er hat gesehen, daß er mit den großen Gebirgsbewohnern mit Gewalt nichts auszurichten vermochte, so mußte er sich's denn bequemen lassen, entweder ihre Bedingungen anzunehmen, oder über die Flamme zu springen. [HGt.02_255,05] Er mußte daher auch fürs erste seine lächerliche Gottheit fahren lassen und dann fürs zweite aber auch sein Königtum; damit er aber dennoch herrsche über uns, so ersah er sicher sehr schlau, mit der freundlichen Hilfe der mächtigen und weisen Gebirgsbewohner für uns eine sichtbare Gottheit auszuhecken, welche ihn gewisserart vor unseren Augen solle zu einem völlig rechtmäßigen Alleinherrscher salben. [HGt.02_255,06] O Lamech, so weise du bist, also sind es auch wir! Willst du die Sehenden blenden, da mußt du es anders anfangen; denn auf diese Art geht es auf keinen Fall! [HGt.02_255,07] Wir wollen aber hin zum Armen gehen und ihn so ziemlich ernstlich fragen, wie es mit seiner Gottheit stehe, und es soll sich alsbald zeigen, was alles hinter der Windfechterei Lamechs steckt! [HGt.02_255,08] Wehe aber dir, Lamech, wenn dein Armer das nicht ist, als was du ihn uns zeigtest! Dann wollen wir dich über eine wohlgenährte Flamme treiben! [HGt.02_255,09] Und alsbald begaben sich mehrere solche Gegner zum Armen hin, und ein Hauptredner öffnete den Mund und tat folgende Frage an den armen Mann: [HGt.02_255,10] „Höre, du sonst redlich und ehrlich aussehender armer Mann! Bist du wohl das, was der schlaue Lamech auf dem Throne von dir ausgesagt hat? [HGt.02_255,11] Bedenke dir's aber wohl, bevor du redest, denn merken wir, daß du in das Horn Lamechs stößest, so soll es dir ganz entsetzlich geahndet werden! [HGt.02_255,12] Farak hat den wahren Gott gelehrt, und seine heilige Lehre erhielt sich bis zu den Brüdern Lamechs, die er darum erschlug draußen im Gebüsche, wo die großen Pfützen, Sümpfe und Moräste sind, weil er selbst ein Gott und ein Herr sein wollte. Wer weiß, was der Schlaue nun im Sinne hat! [HGt.02_255,13] Daher also rede vor uns die vollste Wahrheit, sonst soll es dir gar übel ergehen – und dann dem Lamech nicht besser denn dir!“ [HGt.02_255,14] Nach solcher Aufforderung erhob Sich der Herr und sagte zu den Brausenden: „Was fraget ihr Mich? Hat es euch nicht der Lamech gesagt?! So ihr aber zweifelt, warum gehet ihr denn nicht dorthin, euch des besseren Rates zu erholen, von wo solche Rede über Mich erging? [HGt.02_255,15] Wie aber können es denn die Armen glauben, was Lamech sprach, und warum denn ihr nicht? Werdet ihr es glauben, so Ich nun vor euch die Aussage Lamechs bejahe? [HGt.02_255,16] Sehet, ihr seid noch voll des argen Geistes, und darum könnet ihr es nicht glauben! [HGt.02_255,17] Lamech legte für alle Zeiten den Herrscherstab nieder, da er Mich erkannt hatte, und ergriff dafür den ihm von Mir dargereichten Hirtenstab; ihr aber möchtet nun euch den Herrscherstab zu eigen machen und den Lamech in die Flammen treiben! [HGt.02_255,18] Darum aber seid ihr auch voll Argens und möget Mich nicht erkennen! [HGt.02_255,19] Ich aber werde es euch nicht sagen, wer Ich bin; gehet darum hin zum Lamech, und rechtet mit ihm über Mich! [HGt.02_255,20] Wahrlich, ihr sollet den Vater nicht eher erkennen, als bis Er verziehen wird! Und nun gehet, wenn ihr nicht sterben wollet! Amen.“ [HGt.02_255,21] Hier fingen die Brausenden an, sich hinter den Ohren zu kratzen, und fingen an, sich hin zum Throne Lamechs zu ziehen. Als sie aber allda anlangten, wurden sie also beklommen und verwirrt, daß da keiner wußte, was er reden sollte; denn die Worte des Armen gingen ihnen durch Mark und Bein. 256. Kapitel — Lamech im Gespräch mit den Zweiflern über die Göttlichkeit des armen Mannes. Der einseitige Gottesbegriff der Zweifler[HGt.02_256,01] Der Lamech aber bemerkte, daß diese seine ehemaligen Feinde, die er darum in den Gefängnissen schmachten ließ, etwas von ihm haben mochten, daß aber keiner von ihnen sich getraue, ihm ihr Bedürfnis vorzutragen. So denn fragte er sie: „Was suchet ihr, was wollet ihr, oder habt ihr etwas verloren?“ [HGt.02_256,02] Einer von ihnen faßte endlich Mut und sprach: „Höre mich, o gestrenger König Lamech! Uns allen geht es gar arg hier, – nicht aber etwa, was da betrifft unsern Leib, sondern was da betrifft unser Verständnis! [HGt.02_256,03] Siehe, du hast ehedem in deiner guten Rede dargetan, daß jener Arme dort der wahrhaftige, alleinige Gott und Schöpfer Himmels und der Erde ist, also derselbe Gott und Schöpfer aller Dinge, den wir alle noch von deinen Brüdern haben kennenlernen, wie Ihn einst Farak verkündete! [HGt.02_256,04] Solches aber können wir nicht einsehen, nicht begreifen und somit auch nicht glauben! Denn Farak lehrte das Volk einen unendlichen Gott kennen, der da mit Seiner Rechten Himmel und Erde umfaßt und mit Seiner Linken hinausreicht, wo Seines Wesens kein Ende ist. [HGt.02_256,05] Er lehrte ferner: Gott ist ein Geist und ist als solcher allenthalben wie ein ewiger, unendlicher Gedanke gegenwärtig, den aber nie ein geschaffenes Wesen schauen kann, weil er unendlich ist. [HGt.02_256,06] Ferner lehrte der große Lehrer: Gott ist wegen solcher Seiner unendlichen Eigentümlichkeit auch unaussprechlich heilig; daher kann sich Ihm nichts nahen, und Er wohnt Seiner nur Ihm allein möglichen Beschaulichkeit nach, das heißt Seiner Selbst, im ewig unzugänglichen Lichte. [HGt.02_256,07] Wenn du nun diese gotteswürdige Lehre Faraks zu jenem armen Manne hinzuhältst, der nach deiner früheren Rede eben dieser erhabenste Gott Faraks sein soll, wie nimmt Er Sich da aus?! [HGt.02_256,08] Da macheten wir, deine befreiten Gefangenen, ja noch bessere Gesichter zu einem Gotte denn dieser Arme dort, der zwar an und für sich ein recht ehrlicher und weiser Mensch zu sein scheint und wir dagegen auch nichts einzuwenden haben! [HGt.02_256,09] Aber nur zu bedauern ist entweder er, oder du, gestrenger König! Er, so er sich wirklich einbilden sollte, der allmächtige Gott zu sein, und du und alle mit dir, so sie solches im Ernste glauben sollten! [HGt.02_256,10] Wir möchten dich darum wohl bitten – so es dir genehm wäre –, uns darüber eine nähere Erörterung zu geben!“ [HGt.02_256,11] Und der Lamech, als er solches vernommen, entstieg alsbald dem Throne, ergriff des Redners Hand, sah ihn freundlich an und sagte dann zu ihm: [HGt.02_256,12] „Höre, Bruder und Freund, deine Begriffe von Gott nach der Lehre Faraks, die mir auch noch gar wohl im Gedächtnisse steckt, sind völlig eines Gottes würdig; denn diese Begriffe sind rein geistig und lassen allenthalben die endlos erhabene Gottheit erschauen. [HGt.02_256,13] Wenn ich dich aber nach deinen Begriffen fragen würde und sagen: So Gott ohne Zweifel völlig also ist, wie Ihn der Farak gelehrt hat, wie ist Ihm da aber dann die Erschaffung endlicher, höchst unansehnlicher Wesen auch nur möglich denkbar zuzuschreiben? Wie die Erschaffung einer Schmeißfliege, wie die einer Mücke und die einer Blattmilbe? [HGt.02_256,14] Wie konnte Sich der unendliche Gott mit solchen ganz entsetzlich begrenzten, allerunbedeutendsten Kleinigkeiten abgeben?! [HGt.02_256,15] Ja, ist es nicht sogar empörend zu denken, so wir annehmen müssen, daß der unendlich erhabene Gott Faraks uns Menschen so unvollkommen gestaltet hat und hat als unendlicher Schöpfer können so große Lücken in Seiner Schöpfung lassen?! [HGt.02_256,16] Warum muß denn auf der Erde einmal Nacht und einmal Tag sein? Ist die Nacht nicht ein Widerspruch zum ewigen Lichte in Gott?! Ist Ihm denn bei der Erschaffung der Stoff für eine zweite Sonne ausgegangen, die da der Nacht der Erde hätte ein Ende gemacht?! [HGt.02_256,17] Wir erschauen zwischen der Erde und dem Firmamente einen großen leeren Raum; warum hat denn der allmächtige Gott Faraks solch einen ungeheuren Schöpfungsplatz leer gelassen? [HGt.02_256,18] Wie verträgt sich solch eine Leere mit der endlosen Erhabenheit und Allgegenwart Gottes? Wie unser Unrat voll Gestank und wie noch gar so manches? [HGt.02_256,19] Ich frage dich nun, und du gib mir eine genügende Antwort darüber, wie du solches findest, und ich will dir auf deine Frage dann eine vollgültige Antwort geben! [HGt.02_256,20] Du schweigst und bist nun um eine Antwort ganz gewaltig verlegen; mir aber hat jetzt jener arme Mann dort gegeben, daß ich lese in deinem Herzen, und dieses sagt dir: Wenn es unbezweifelt also ist – was die ganze Schöpfung klärlich aufweist –, so gibt es entweder gar keinen Gott, und alles ist ein eigenmächtiges Werk eines Dinges, das sich gestaltet hat durch einen zufälligen Umstand irgendeiner Kraftwendung, oder es gibt einen Gott, der da bloß nur ein ewiger Zuschauer ist, was da wirken die Kräfte durch ihre zufälligen Wendungen. [HGt.02_256,21] Sieh, sieh, welche Früchte dir deine Gotteskenntnis bringt! Ich sage dir aber: Gehe hin, und falle vor dem armen Manne nieder, und bitte Ihn um Gnade und Erbarmung, und du sollst gar bald einsehen, wie Gott so ganz eigentlich bestellt ist! [HGt.02_256,22] Ich aber kann dir nun nichts mehr sagen, sondern rate dir nur, was du tun sollst. Solches also tue, damit du nicht zugrunde gehest! Werde völlig frei in Gott! Amen.“ 257. Kapitel — Der Herr im Gespräch mit den blinden Verstandesgrüblern. Demütige Gottesliebe als Weg zum Licht. Die geistige Führung und Entwicklung der Menschheit zur Willensfreiheit[HGt.02_257,01] Auf diese Rede begaben sich die Zweifler, ganz schüchtern und in die völlige Enge getrieben, hin zum armen Manne, und zwar geleitet vom Lamech. [HGt.02_257,02] Als sie dort anlangten, verneigten sie sich vor dem Armen, und der Wortführer richtete folgende Frage an Ihn und sprach: „Ist es mir gestattet, vor dir zu reden wie vor einem Menschen, so zeige mir solches an, und ich will reden!“ [HGt.02_257,03] Und der Herr sprach: „Ich weiß, worum es sich handelt, das du mit Mir nun reden möchtest, also Meinetwegen brauchst du deine Zunge keiner Tätigkeit preiszugeben; so du aber reden willst, da rede um deiner Brüder und um deiner selbst willen!“ [HGt.02_257,04] Hier stutzte unser Redner gewaltig und sagte nach einer Weile: „Ja, wenn es im Ernste also ist, da kann ich wohl schweigen und dich bloß nur bitten, daß du mir Licht geben möchtest und dadurch ein Ende machen unserer beständigen Zweiflerei; denn das Licht, ja das wahre Licht, tut uns vor allem not! Solches kannst du ja wohl tun, so wir dich inständigst darum bitten!“ [HGt.02_257,05] Und der Herr sprach: „Höre, wer da seine Zunge legt an die Meinige, dessen Zunge soll gelähmt werden; wer sein Auge legt an das Meine, der soll erblinden! Wer seinen Arm gegen den Meinen ausstreckt, der soll gedemütigt werden bis zu seinem letzten Blutstropfen; wer seine Füße vor die Meinen hinsetzen will, der soll zu einem Krüppel werden! Will jemand sein Haupt an das Meinige legen, wahrlich, dessen Gehirn soll zu einem trüben Wasser werden und die Hirnschale zu einem Gefäße voll Unrates! [HGt.02_257,06] Wer aber in aller Demut sein Herz zum Meinigen erheben wird, dessen Leben will Ich erleuchten mit der hellen Flamme seiner Liebe zu Mir, und es soll ihm also licht werden sein ganzes Wesen, daß er in diesem Lichte ewig nimmer den Tod sehen soll! [HGt.02_257,07] Farak lehrte euch einen unzugänglichen Gott kennen, und seine Lehre war völlig recht; denn damals war für euch der Gott Himmels und aller Erden unzugänglich, weil in der Zeit eine Hyäne euch in der Liebe beschämt hätte. [HGt.02_257,08] Wahrlich, es sind nur erst wenige Monde verflossen, als Ich aus freiwilliger großer Erbarmung eure Kinder unter Meduhed und Sihin hinausführte, indem sich in ihnen ein leises Fünklein der Liebe zu zeigen anfing. Damit aber dieses Fünklein nicht alsbald wieder erstickt werden möchte in dieser Schlammtiefe, so schob Ich sie hinaus mit Meiner Rechten. [HGt.02_257,09] Und siehe, in die Wüste führte Ich den Sihin und gab ihm da eine Hyäne zum Lehrer, und ließ ihn unterrichten dann durch einen Löwen, dann durch einen Bären, durch einen Tiger und durch einen Wolf; denn diese reißendsten Tiere hatten damals mehr Liebe und Schonung denn der Mensch. [HGt.02_257,10] Wenn aber der Mensch also bestellt war noch vor wenigen Monden in seinem Herzen, wie war er wohl vor Jahrhunderten zu den Zeiten Faraks? [HGt.02_257,11] Du sagst: ,Wir wissen, daß da bis zum Lamech nie ein Menschenblut ist vergossen worden; also mußten die Menschen auch besser gewesen sein!“ [HGt.02_257,12] Ja, Ich sage dir, sie waren besser; aber nicht als freie Menschen, sondern als gerichtete, die nicht anders tun und handeln konnten, als wie Ich es ihnen durch Meine Allmacht gestattete! [HGt.02_257,13] Sie waren genötigt, also zu handeln, und ihre Handlung war nicht ein Werk ihres freien Wollens, sondern sie war ein Werk Meiner Allmacht; damit sie aber dennoch erhalten würden, so mußten sie Gott als einen unerbittlichen Richter vor den Augen ihres Gemütes erschauen. [HGt.02_257,14] Als aber die Menschen die Gebote des ewigen Richters in großer Furcht vor Ihm hielten, da dauerte Mich des Volkes, und Ich ließ sie frei. [HGt.02_257,15] Und siehe, kaum waren sie, die ehemaligen Gefangenen Meiner Macht, freigelassen, – und alle reißenden Tiere flohen vor ihnen; denn sie ersahen lauter giftige Schlangen in den freigelassenen Menschen! [HGt.02_257,16] Ich sah solches auch schon von Ewigkeit her; aber Ich wußte auch Meine Zeit und wußte es und weiß nun gar wohl, warum vor dem fruchtenden Regen ein Sturm gehen muß. Und Ich tue, was Ich tue, und weiß, warum. Wer aber kann von Mir eine Rechnung verlangen?! Und so er es verlangt, werde Ich sie ihm wohl geben?! [HGt.02_257,17] Siehe, also war es, also ist es nun, und wie wird es sein fürder? Solches weiß Ich wohl; soll Ich dir's aber sagen? – Nein, dazu kannst du Mich nimmer bereden; denn Ich bin ewig frei und tue, was Ich will! [HGt.02_257,18] Ich will dir heute weiß machen die Erde, und morgen sollst du alles schwarz sehen; denn Ich bin ein Herr und lasse Mir's nicht sagen, was Ich tun soll. [HGt.02_257,19] Du zweifelst über Mich, darum Ich arm hier bin. Wahrlich, ein Gott und ein Herr ist nicht arm; das bin Ich auch nicht! Aber der Herr hat Sich euer erbarmt und hat euch frei gemacht, damit Er euch ein lieber Vater würde; der Vater aber hat aus großer Liebe alles hergegeben, um euch als Kinder zu gewinnen, und so ist Er, wie du Ihn hier vor dir siehst! [HGt.02_257,20] Glaube Mir nicht, aber liebe Mich, so wirst du Mich erkennen, daß Ich ein wahrer Vater bin! [HGt.02_257,21] Die Liebe wird dich heilen und wird vernichten alle deine Zweifel. Und so denn gehe hin und erforsche dein Herz; werde demütig, und Ich werde dir ein rechter Gott und Vater sein ewig! Amen.“ 258. Kapitel — Die Beratung der Zweifler. Die weisheitstiefe Liebesrede des einen Zweiflers, der an der Brust des Armen den Vater erkennt[HGt.02_258,01] Nach diesen Worten des Herrn ward unsere ungläubige Gesellschaft sehr betroffen, und ein jeder beriet sich mit seinem Nachbar, wie da zu nehmen wären die Worte des armen Mannes: [HGt.02_258,02] „Soll man ihn im Ernste für das ehern wahrste allerhöchste Wesen halten, oder soll man ihn noch weiter fragen, wie sich's verhalte mit seiner Natur? [HGt.02_258,03] Und sollte er doch etwa wirklich das sein, was er von sich aussagt, und was so ganz eigentlich am bestimmtesten der König von ihm auf dem Throne ausgesagt hat, da könnte er uns ja wohl ein Zeichen geben, durch welches wir ihn unfehlbar und völlig ungezweifelt erkennen müßten! [HGt.02_258,04] Denn was seiner Rede Weisheit betrifft, so ist sie wohl freilich für unsere Begriffe über alle Maßen hoch und überaus erhaben groß; aber lassen wir einen andern aus der Höhe reden, so wird das vollkommen derselbe Fall sein, – denn auch diese werden also reden, daß wir von ihrer Rede eben nicht zu viel fassen werden!“ [HGt.02_258,05] Einer aus der Gesellschaft sagte zu den sich untereinander Beratenden: „Brüder, höret, mir ist jetzt ein köstlich guter Gedanke geworden! Was sollen wir denn tun, und was soll geschehen? Was wollen wir denn erfahren? Sehet, um das dreht sich unsere ganze Beratung! Ich aber habe dafür eben einen guten Gedanken. [HGt.02_258,06] Wir möchten von diesem Manne ein Zeichen, auf daß wir glaubeten, daß er im Ernste das sei, was zu sein der König von ihm ausgesagt hat. [HGt.02_258,07] Fragen wir uns aber, welch ein Zeichen uns denn der große Farak zum Bürgen der Wahrheit seiner Lehre gab! [HGt.02_258,08] Meines Wissens kein anderes als eben nur die erhabene Lehre selbst; und dennoch glaubten wir seiner Lehre und dachten dabei nicht nach, inwiefern sie wahr oder unwahr sein dürfte! [HGt.02_258,09] Wie verlangen wir denn hier ein Zeichen zur Bekräftigung unseres Glaubens, um ihn auszutauschen für das Unbegreifliche der Lehre Faraks gegen das sehr Begreifliche der Lehre dieses Mannes, der nicht einmal einen Glauben fordert, sondern nur mit gar sanften, wennschon endlos weisen Worten spricht: ,Glaubet Mir nicht, sondern liebet Mich als den alleinig wahren Vater, so wird die Flamme der Liebe euch zu einer hellsten Leuchte werden, und ihr werdet es dann in euren Herzen überklar erschauen, ob Ich das bin, als was zu sein Mich der Lamech vor euch verkündigt hat!‘? Was wollen wir denn noch mehr?! [HGt.02_258,10] Ich weiß aber nur zu gut, daß zwei Menschen sich gegenseitig nie eher völlig erkennen, als bis sie sich völlig als wahrhaftige Brüder und somit auch als allerintimste Freunde zu lieben anfangen. Wer mag ein Weib erkennen, wenn er es nicht liebt und es ihn nicht liebt?! [HGt.02_258,11] Fürwahr, wer da behaupten möchte und sagen: ,Ich bin zufolge meines hellen Verstandes ein Menschenkenner, und der Weiber Schlauheit steht offen vor mir!‘, dem sage ich, daß er ein großer Lügner ist! [HGt.02_258,12] So wir aber sehen, daß da mit der Liebe gegen unsere Brüder und Schwestern es niemals gefehlt war und auch niemals gefehlt sein wird, so sehe ich es wahrlich nicht ein, warum es mit der Liebe gegen Gott gefehlt sein sollte! [HGt.02_258,13] Und was da diesen armen Mann betrifft, so muß ich euch offenbar gestehen: Ich liebe ihn ganz über alle Maßen schon; denn ein Mensch mit solch einer Weisheit ist ewig nicht arm. Wenn er aber selbst, durch seine Liebe genötigt, alles hergab, was er hatte, wer sollte solch eine Liebe nicht wieder lieben?! [HGt.02_258,14] Ich aber meine nun also: Er ist ein liebevollster, weiser Mann, ein herrlichster Bruder, – ja, er ist ein Mann voll Bruder- und voll höchster, echter Vaterliebe; also sollen wir ihn auch also lieben, wie wir ihn erkennen! [HGt.02_258,15] Ob er Gott oder nicht Gott ist an und für sich, solches zu beurteilen liegt nun noch stark außerhalb der Sphäre unserer Fähigkeit; daß er aber wahrhaft Göttliches in sich birgt, das liegt in seinem ganzen Wesen und in jeglichem seiner Worte! [HGt.02_258,16] Und somit will ich denn auch der erste sein, der sich ihm mit einem stark lodernden Herzen nahen wird und sich soeben schon naht!“ [HGt.02_258,17] Hier trat dieser Redner hin zum Herrn und sagte zu Ihm: „Allerliebster Bruder, voll göttlicher Weisheit und voll der wahrsten väterlichen Liebe! Sei du, wer und was du nur immer wollest, ich liebe dich einmal, da ich dich aller Liebe würdigst gefunden habe, und ich weiß es ja nur zu gut, daß mit solch einer wahrsten Liebe es auch bei dir nicht gefehlt sein wird!“ [HGt.02_258,18] Hier umarmte er den Herrn und drückte Ihn an sein Herz. [HGt.02_258,19] Der Herr aber sagte zu ihm: „Jetzt hast du das ewige Leben umfangen; deine Liebe werde dir ein helles Licht! Amen.“ [HGt.02_258,20] Hier fing der Redner an zu seufzen und sprach zu seinen Brüdern: „Hierher, hierher kommet! O Brüder, wahrlich, wahrlich, hier ist mehr als nur ein Mensch! Hier ist wahrhaftig der Vater!“ 259. Kapitel — Die Zweifler erkennen alle den Vater. Des Herrn Rede über die verschiedenen Gottesbegriffe der Menschen und ihre Ursachen[HGt.02_259,01] Zufolge dieses Aufrufes begaben sich auch die andern hin zum Herrn, und schon bei der ersten Annäherung empfanden sie, daß die Aussage ihres Vorgängers die vollste Realität. [HGt.02_259,02] Als sie nun vollends sich voll Liebe hinneigten zum armen Manne, da fielen alsbald alle vor Ihm nieder und seufzten und weinten und baten Ihn mit aufgehobenen Händen um Vergebung ihrer Sünden und ihrer groben Torheit und Blindheit, darum sie nicht erkennen mochten, welch eine endlose Gnade ihnen allen widerfahren sei. [HGt.02_259,03] Der Herr aber stand auf vom Stuhle, hob alle die Gefangenen auf und richtete dann folgende Worte an sie: „Kindlein, sehet Mich an in euren Herzen, und ihr werdet mit erleuchteter Seele erschauen, daß Ich, euer Vater von Ewigkeit, es bin, der Ich nun zu euch sage, daß ihr Meine Kindlein seid! [HGt.02_259,04] Ihr habet euch alle nun bis auf einen vor Mir in der Liebe eingefunden und habet erkannt Mich, euren ewigen Gott und Vater, auch in dieser armen Gestalt. [HGt.02_259,05] Doch aber sage Ich euch, daß Ich nur also arm erscheine dem Armen, und dem Reichen aber unendlich reich. [HGt.02_259,06] Arm aber waret ihr in euren Herzen, da in selben wenig Liebe wohnte und Ich euch dann nicht anders erscheinen konnte also nur, wie ihr Mich hattet in eurem Herzen, nämlich arm und überaus dürftig. [HGt.02_259,07] Denn arm war eure Erkenntnis und arm eure Liebe; darum konnte Ich euch nun auch in der Wahrheit nur also erscheinen, wie ihr selbst in euch gegen Mich bestellt waret in euren Herzen. [HGt.02_259,08] Wäret ihr aber reich gewesen, wahrlich, ihr hättet Mich auch reich erschaut! Denn Ich bin arm den Armen, reich den Reichen, barmherzig den Barmherzigen, sanft den Sanften, mild den Milden, gerecht den Gerechten, gnädig den Lichtdurstigen, ein liebevollster Vater den Mich Liebenden, mächtig den Mächtigen, stark den Starken, ein Richter den Richtern, das Leben den Lebendigen, tot den Toten, ein Feuer dem Feuer, ein Sturm dem Sturme, ein Zorn dem Zorne, ein Gericht dem Gerichte, der Himmel den Himmeln, ein Schöpfer den Geschöpfen, ein Vater den Kindern, ein Gott dem Weisen, und den rechten Brüdern bin Ich sogar Selbst ein rechter Bruder! [HGt.02_259,09] Also bin Ich alles in allem! Wie eines Menschen Herz beschaffen ist, also bin auch Ich beschaffen für ihn; und Ich will ewig nicht anders für den Menschen Mich gestalten, als wie er Mich selbst gestaltet hat in sich! [HGt.02_259,10] Denn es hat niemand eine Kraft, noch eine Macht des Lebens in sich als die nur, die Ich ihm verliehen habe; aber auf daß der Mensch selbständig sei, gab Ich ihm aus Mir auch einen völlig freien Willen und machte alle die ihm verliehenen Lebenskräfte untertan diesem freien Willen, der da von Meinem göttlichen Grundwillen ganz gleich einem zweiten Gotte an und für sich völlig getrennt ist. Wie aber der Wille frei ist, also ist es auch seine Liebe und dann all seine Erkenntnis. [HGt.02_259,11] Warum aber habe Ich denn den Menschen also eingerichtet? – Weil Ich ihn Mir zu einem vollkommenen Ebenmaße setzte und er sich dann Mir gegenüber vollständig selbst bilden sollte, das heißt: der Mensch soll Mich in sich bilden dann nach seinem Maße, wie Ich ihn zuvor gebildet habe nach Meinem Maße. [HGt.02_259,12] Also bildet Mich auch der Mensch in sich nach seinem Maße, verzerrt aber Mein ihm zuvor gegebenes Grundmaß oft so sehr, daß diese neue Bildung im Menschen nicht die allerleiseste Ähnlichkeit mit Meinem Grundmaße mehr hat! [HGt.02_259,13] So bildet der eine Mich, als allzeit die ewige Liebe, zu einem Richter, ein anderer zu einem Rachegott, ein dritter zu einer Buhldirne, ein vierter zu einem alleinig Weisen, ein fünfter zu einer unerbittlichen ewigen Allmacht, ein sechster zu einem Fatum, ein siebenter zu einem Weltenlenker, ein achter zu einem unmäßig erhabenst großen Könige und Herrn Himmels und der Erde, ein neunter zu einem Zornfeuer, ein zehnter zu einer ewig unendlichen Kraft, ein elfter versenkt Mich gar in die Materie – und ein zwölfter gar in seinen Bauch! [HGt.02_259,14] Und so bildet Mich der eine bald in dies und der andere bald in jenes; aber nur wenige geben sich die Mühe und bilden in ihren Herzen Mich als den heiligen und ewig und allzeit liebevollsten Vater aus. [HGt.02_259,15] Nun höret, Meine Kindlein! Da der Mensch aber nicht ewig auf der Erde leben kann und darf, sondern diese Scheinunterlage wieder verlassen muß, so wird sich dann in und an seinem Geiste alsbald zeigen, wie er Mich in sich bei diesen seinen Erdenlebenszeiten ausgebildet hat. [HGt.02_259,16] Zum Vater werden dann nur jene kommen, die Ihn wohlausgebildet in ihren Herzen mitbringen werden, und diese auch werden nur imstande sein, das wahre Urangesicht des ewigen Vaters zu erschauen. [HGt.02_259,17] Wie aber ein jeder andere Mich in sich verbildet hat nach seinem Behagen, also auch soll er Mich haben fürder, und es soll die Liebe die Liebe, die Erbarmung die Erbarmung, die Weisheit die Weisheit, der Zorn den Zorn, der Richter den Richter, das Gericht das Gericht, der Tod den Tod, das Feuer das Feuer, die Hölle die Hölle und so weiter getreu finden! [HGt.02_259,18] Ihr aber waret alle arm, und so kam Ich denn auch arm zu euch, weil Ich arm in euch bin; werdet aber reich in der Liebe zu Mir und allen euren Brüdern und Schwestern, so werde Ich reich sein in euch! [HGt.02_259,19] Und so ihr zu Mir kommen werdet, da werdet ihr auch treffen einen überreichen Vater; und so Ich zu euch kommen werde, da werde Ich nicht als ein Armer zu euch kommen, sondern auch als ein überreicher Vater! [HGt.02_259,20] Henoch und Lamech, beachtet auch ihr für Meine Kinder diese Lehre; denn sie ist die wahre, lebendige Schule zum ewigen Leben! Also lehret die Völker und Kinder, und lehret sie den Vater, nicht aber den Richter kennen, so wird die Erde gereinigt werden vom Fluche des Richters! [HGt.02_259,21] Und ihr, Meine Kindlein, aber gehet nun wieder hin bis auf den einen, und dieser soll kommen zu Mir! Amen!“ 260. Kapitel — Die Rede des geistig blinden Verstandeshelden[HGt.02_260,01] Nach dieser Rede begab sich die Gesellschaft allerehrerbietigst wieder an ihre früheren Plätze zurück. [HGt.02_260,02] Der ehemalige Hauptredner aber begab sich dafür zum Herrn hin und sprach zu Ihm: „Siehe, ich bin hier vor dir, wie du mich hast durch meine Brüder berufen lassen; doch weiß ich kaum, warum du mich berufen hast! [HGt.02_260,03] Ich will aber dennoch reden vor dir und will dir zeigen, was es ist, das mich abhält zu glauben, was nun meiner Bemerkung nach alle meine Freunde, Brüder und Schwestern glauben und sind darob auch sichtbar seligst zufolge des Glaubens an deine unmittelbare Göttlichkeit. [HGt.02_260,04] Du bist doch also endlich und begrenzt, wie ich es bin, und kannst mit deiner Hand natürlicherweise sicher nicht weiter greifen als ich und kannst auch mit deinen Füßen sicher keinen weiteren Sprung tun als ich mit den meinen. [HGt.02_260,05] Solches kannst weder du, noch jemand anderes mir streitig machen. Dazu bist du hier ganz gegenwärtig, und es fehlt an dir kein Teil deines Leibes und so auch sicher nicht deines Geistes. [HGt.02_260,06] Ich will aber damit nicht etwa behaupten, als seiest du nicht das, als was dich der König oder nun der Führer (Fürst) Lamech bezeichnet hat, und was du nun überaus weise von dir selbst ausgesagt hast; aber nur möchte ich denn nun erfahren, wer denn so ganz eigentlich nun die ganze Schöpfung erhält, trägt und führt! Wer belebt das endlos große Erdreich, wer erzeugt die Winde, wer hält nun das endlos große Meer in seinen Schranken, wer schiebt nun die Fluten der Ströme vorwärts, wer unterstützt das natürliche Feuer der Berge, wer reift nun wohl die Saaten, und wer bewacht nun das Leben aller Wesen, während du, wie gesagt, dich nun ungeteilt unter uns befindest? [HGt.02_260,07] Siehe, das ist für einen denkenden Menschen eine Frage von der größten Wichtigkeit; bevor diese nicht völlig berichtigt wird in mir, kann ich's immerhin nicht völlig annehmen, daß du im Ernste und zugleich in aller Fülle der Macht und Kraft der alleinige ewige Gott und Schöpfer und Erhalter aller Dinge bist. [HGt.02_260,08] Es ist wahr, die Liebe des Herzens kann solches wohl tun, gleichwie es tun die Kinder, da sie ungezweifelt für wahr halten, daß die für sie sorgenden Menschen ihre Eltern sind; aber ist dadurch der Satz auch schon ganz allgemein richtig? [HGt.02_260,09] Ich sage: Nein! Denn man gebe nur den Säugling aus dem Hause so hübsch weit weg in die Fremde, und zeige sich dann nach zwanzig Jahren ihm als der rechte Vater, und man wird sich als der Vater gar bald überzeugen, daß es mit der alleinigen Liebe etwas schwer halten wird, um dadurch dem Sohne die Vaterschaft zu erweisen, sondern man wird da müssen zu anderen Beweismitteln seine Zuflucht nehmen, durch welche der Sohn verstandesmäßig überzeugt wird, daß der sich ihm als Vater ankündigende Vater im Ernste sein wahrhaftiger Vater ist. [HGt.02_260,10] Ist solches geschehen, so wird die Liebe im Sohne schon ohnehin den ersten Gefühls- und Lebensplatz gegen den Vater einnehmen; solange solches aber nicht geschieht, kann es dem Sohne abgeraten werden, den Vater eher als solchen zu lieben, als er ihn als solchen verstandesmäßig erkannt hat? [HGt.02_260,11] Wahrlich wahr, es müßte dem Vater alle Einsicht völlig mangeln, so er das im Ernste verlangte von seinem Sohne! [HGt.02_260,12] Siehe, du verlangst aber nun dasselbe von uns, und also auch von mir! Wie ist aber das mit deiner sonstigen Weisheit zu vereinbaren? [HGt.02_260,13] Es glauben nun bis auf mich freilich wohl alle, daß du vollkommen wahrhaftig Gott bist von Ewigkeit; aber siehe, das ist ein schwacher Glaube, den nur des Lamech und deine eigene weise Beredung zuwege gebracht hat, und der daher auch so leicht wieder verrauchen wird, wie er entstanden ist, und das Volk wird bald wieder in großer Finsternis wandeln und wird sich Gottes Gericht über den Hals ziehen. [HGt.02_260,14] Denn so diese eingeredete Liebe gar leicht und gar bald erkalten wird, da wird auch der schwache Glaube mit zugrunde gehen. [HGt.02_260,15] Wenn wir aber durch unser Verständnis dich zu erkennen vermögen – und das natürlich ganz ungezweifelt also, als wir einsehen, daß da eins und eins zwei sind –, so wird sich die Liebe von selbst geben und wird sich fortan unvergänglich erhalten müssen so wie die unumstößlich wahre Grundrechnung, und Gott wird nie vonnöten haben, Seine Völker zu richten, sondern sie nur stets zu beglücken. [HGt.02_260,16] Beantworte mir daher meine Frage, und ich will dir ungezweifelt glauben; beantwortest du sie mir aber nicht, so bleibe ich, wie ich bin, und bleibe beim Gott Faraks!“ 261. Kapitel — Des Herrn Antwort: Mangel an Demut, Liebe und gutem Willen als Ursachen der Blindheit des Zweiflers. Die Aussichtslosigkeit des Verstandesweges als Weg zum Licht[HGt.02_261,01] Und der Herr wandte Sich zu unserem Hauptredner, sah ihn sehr bedeutungsvoll an und begann dann folgende Worte an ihn zu richten, sagend nämlich: [HGt.02_261,02] „Höre Mich nun wohl, du harter Verstandesgeist; denn Ich will dir zeigen, wie sehr töricht du bist und wie sehr unverständig mit all deinem Verstande! [HGt.02_261,03] Ich habe euch alle ehedem erschaulichst belehrt, welch ein Unterschied ist zwischen Mir nun und dem Gotte, den euch gelehrt hat der Farak, und siehe, es ist außer dir keiner, der da nicht verstanden hätte in seinem Herzen Meine Worte! Woher rührt wohl das? [HGt.02_261,04] Ich sage dir, das rührt aus deinem ganz verkehrten Weltherzen, das da keine Demut hat und hat daher keine Liebe. [HGt.02_261,05] Wenn aber ein Herz keine Liebe hat und somit kein Feuer des Lebens und darum auch keine leuchtende Flamme, welche da für alle höheren und tieferen Wahrheiten erhellen soll sein ganzes Wesen, – sage mir, woher soll denn dem Herzen hernach ein Licht werden?! [HGt.02_261,06] Durch welche Worte und durch welche Zeichen kann denn wohl ein Tauber und Blinder zugleich von irgendeiner Wahrheit überführt werden?! [HGt.02_261,07] Du aber bist in deinem Herzen taub und blind zugleich; daher auch verstandest du nicht, was doch alle anderen mit der geringsten Mühe von der Welt verstanden haben! [HGt.02_261,08] Du sagtest, man müsse dem Sohne in der Fremde, der als Säugling aus dem elterlichen Hause kam, andere verständige Beweise geben, als da ist die Vaterliebe, wolle man von ihm als einem Sohne, der den wahren Vater erkannt hat, geliebt werden; denn werde der Sohn den Vater völlig als solchen erkennen, so werde er ihn auch sicher von selbst lieben. [HGt.02_261,09] Gut, sage Ich dir; was aber soll man dann tun, so der Sohn unglücklicherweise zugleich taub und blind ist? [HGt.02_261,10] Siehe, du stutzest nun und bist um eine Antwort verlegen! Ich aber sage dir: Wenn der rechte Vater solches Unglück an seinem Sohne merken wird, da wird er alles Mögliche aufbieten, um den armen Sohn wieder hörend und sehend zu machen. [HGt.02_261,11] Ja, er wird den Sohn auf die Schulter nehmen und wird ihn bringen vor einen geistmächtigen Weisen, auf daß dieser ihm wieder verschaffe das Gehör und das Gesicht. [HGt.02_261,12] Und wenn dann der Sohn möglicherweise wieder haben wird das Gehör und das Gesicht und wird dann bald vom Vater lernen die Sprache, sage Mir, wird der Sohn dann auch noch nach anderen Beweisen fragen, darum er erkennen möchte den Vater, oder wird es ihm nicht die große Liebe des Vaters zuerst und am untrüglichsten sagen, daß er den wahren Vater vor sich hat?! [HGt.02_261,13] Siehe, Ich aber als der ewig alleinig wahre und liebevollste Vater kam eben also zu euch Tauben und Blinden und mache euch alle hörend und sehend und lehre euch reden Meine Worte, – ja Meine lebendigen Worte lehre Ich euch! [HGt.02_261,14] Und siehe, viele verstehen Mich, sehen Mich und haben in Mir den alleinig wahren Gott und Vater erkannt! [HGt.02_261,15] Warum denn magst du solches nicht? – Weil du dich nicht willst auf die allein mögliche und lebendige Art heilen lassen! Du bist in deiner Taub- und Blindheit selbst ein Weiser und weißt selbst dafür die besten Mittel; daher sträubst du dich in deinem Gefühle und magst dich nicht heilen lassen! [HGt.02_261,16] Ich sage dir aber, du magst tun, treiben und verlangen, was du nur immer willst, und es soll dir nicht gelingen zeitlich und ewig, dich auf einem andern Wege dem Lichte des Geistes zu nahen als nur allein auf dem, den Ich euch nun gelehrt habe! [HGt.02_261,17] Wahrlich, du sollst kein Zeichen von Mir sehen denn allein das Meiner Liebe und großen Erbarmung! Genügt dir dieses nicht, so bleibe, wie du bist; genügt dir aber dieses, so wirst du keines andern bedürfen, – denn es wird dir dieses ohnehin das Höchste sein! [HGt.02_261,18] Du willst wie eins und eins einen Beweis haben. Siehe, als solch ein Beweis stehe Ich ewig lebendigst vor dir; denn Ich und der Gott Faraks sind vollkommen eines. Aber solches wirst du nicht eher einsehen, als bis du Mich aus deinem Herzen wirst erfaßt haben! [HGt.02_261,19] Mit deinem Verstande wirst du Mich ewig nie begreifen – denn für den bin Ich unendlich –, und nur Ich weiß es, wie Ich alle die geschaffenen Dinge erhalte, wenn Ich, dir scheinbar, auch nicht weiter greifen und springen kann als du! [HGt.02_261,20] Gehe aber nun hin, und berate dich mit den Sehenden eines Besseren, und sage Mir dann, wie weit Ich zu greifen und zu springen vermag! [HGt.02_261,21] Erwarte aber ja kein Zeichen von Mir! Denn so Ich Zeichen tun werde, da werde Ich euch richten; jetzt aber mache Ich euch nur lebendig. – Solches verstehe nun, und gehe! Amen.“ 262. Kapitel — Der vom Herrn zurechtgewiesene Zweifler im Gespräch mit einem seiner Freunde[HGt.02_262,01] Nach dieser eindringlichen lebendigen Lehre machte unser Hauptredner eine tiefe Verbeugung vor dem Armen und begab sich alsogleich ganz schweigend zu seiner Gesellschaft zurück. Als er nun dort angelangte, wandte er sich alsbald an einen seiner Freunde und richtete folgende Frage an ihn, sagend nämlich: [HGt.02_262,02] „Lieber Bruder! Sage es mir doch ganz aufrichtig: Glaubst du wohl ganz vollkommen ungezweifelt, daß jener arme Mann dort das allerhöchste göttliche Wesen Selbst ist? [HGt.02_262,03] Sage mir: Wenn du so alle Umstände, alle Eigenschaften, welche zur reinen Göttlichkeit doch unerläßlich erforderlich sind, ganz völlig reiflichst erwägst, stoßen dir da keine Bedenklichkeiten auf? [HGt.02_262,04] Es ist wahr: die Worte, die der Mann spricht, strotzen von tiefster Weisheit, und die Liebe ist überall der Grundzug derselben; aber so ich daneben wieder den ganz entsetzlich einfachen Menschen, aus dessen Munde solche herrlichen Worte kommen, so recht fest ins Auge fasse und zu mir sage: ,Soll das, kann das wohl Gott sein, Gott, der Unendliche, der Allmächtige, der Ewige?‘, o siehe, da sträubt sich mein Verstand dagegen allezeit! [HGt.02_262,05] Darum möchte ich denn doch ein Urteil von dir hören in dieser überaus allerwichtigsten Angelegenheit! Glaubst du solches im Ernste, oder glaubst du solches nur aus reiner, auch allezeit zu billigender Politik? Solches also gib mir kund!“ [HGt.02_262,06] Der andere spricht zu unserem Hauptredner: „Höre, unser aller Freund und Bruder, du weißt es ja noch, daß ich vom Lamech darum ins Gefängnis bin geworfen worden, weil ich ihn durchaus nicht habe als einen Gott anerkennen wollen!‘ [HGt.02_262,07] Siehe, damals haben ihn gar viele aus nicht reiner, sondern allerschmutzigster Politik als einen Gott anerkannt! Habe ich solches getan? [HGt.02_262,08] Du sagst: ,Mitnichten!‘ Aber da ich jetzt die Gefängnisse verkostet habe, so dürfte es denn nun doch eine reine oder schmutzige Politik von meiner Seite sein, den armen Mann nach dem ausgesprochenen Willen Lamechs als den alleinig wahren Gott Himmels und der Erde anzuerkennen! – [HGt.02_262,09] O Bruder, ich sage dir: Und wenn der Lamech mir mit tausend Gefängnissen gedroht hätte, den Mann als einen Gott anzuerkennen, – wenn Er es nicht wäre, wahrlich, ich hätte es nimmer getan! [HGt.02_262,10] Im Gegenteil, ich wäre allzeit eher aufgelegt, dem Lamech einen tausendfachen Trotz zu bieten, als ihm zu gehorchen; denn du weißt, wie er mir Weib und Kinder nahm und das Weib machte zu einer Sklavin und die Kinder an die Fürsten verkaufte um den schnödesten Sold! [HGt.02_262,11] Höre, Bruder! Solch eine Wunde, dem Vater geschlagen und dem getreuen Gatten eines allerliebenswürdigsten Weibes, heilt das Gefängnis samt diesem Mahle nicht! [HGt.02_262,12] Wenn du das so recht erwägst, da wirst du ganz entsetzlich wenig Politik bei mir entdecken! [HGt.02_262,13] So ich aber den Mann ungezweifelt für den alleinig wahren Gott anerkenne und nun dem Lamech alle Unbill vergebend fest und lebendig glaube, daß es außer dem Gotte ewig keinen andern mehr gebe und geben kann, da kannst du wohl annehmen, daß ich einen ganz guten Grund dafür haben muß. [HGt.02_262,14] Und dieser Grund ist eben der arme Mann Selbst! Lerne Ihn kennen mit deinem Herzen – und nicht mit dem Verstande –, und du wirst in dir selbst den unaussprechlichen Grund finden, der dir es selbst sagen wird: [HGt.02_262,15] Siehe, dieser arme Mann ist der große, heilige, liebevollste, himmlische Vater aller Engel und Menschen, Schöpfer aller Dinge, und alle Ewigkeiten und alle Unendlichkeit sind Seinem allerheiligsten und allermächtigsten Willen untertan! [HGt.02_262,16] Und es bedürfte von Seiner göttlichen Seite nur des allerleisesten Winkes, und alle sichtbare Schöpfung wäre nicht mehr, oder tausend neue Sonnen brenneten am Firmamente! [HGt.02_262,17] Siehe, also ist es und wird es bleiben ewig! Das ist nun mein Grund, und darum glaube ich es, weil die Liebe zu Ihm mir solches sagt und zeigt. [HGt.02_262,18] Daher liebe Ihn auch du über alles, und du wirst alsbald das einsehen; denn der Vater will eher geliebt als erkannt sein. Das ist Sein Wille. [HGt.02_262,19] Lieben doch die Kindlein auch eher ihre Eltern, bevor sie dieselben noch erkennen, und wir haben uns noch nie darüber beschwert, als wäre solches nicht in der Ordnung! [HGt.02_262,20] Warum sollte es denn der allmächtige, göttliche Vater nicht mit uns also haben wollen? Er will es so; also tue es, Bruder! Ja, verstehe es wohl! Amen.“ 263. Kapitel — Der von seinem Freunde belehrte Zweifler auf dem Wege zur Erkenntnis des Herrn[HGt.02_263,01] Nach den Worten, welche unser Hauptredner als eine gute Antwort auf seine Frage von seinem Freunde zu hören bekam, fing er an, ganz gewaltig und ganz besonders aber darüber nachzudenken, wie die unmündigen Kindlein ganz richtig auf dem Wege der Liebe, wenn sie auch noch gewisserart instinktmäßig ist, am allerersten zur untrüglichen Erkenntnis ihrer Eltern gelangen. [HGt.02_263,02] Ja, er dehnte seine Gedanken sogar ins Tier- und Pflanzenreich aus und fand diesen Satz auf eine ihn zum ersten Male überraschende Weise bestätigt. [HGt.02_263,03] Er gewahrte es aus seinen vielen Erfahrungen, daß alle Tiere, die er kenne, sich als Tierkinder an ihre Zeuger kleben und dieselben nicht eher verlassen, als bis sie mit der erforderlichen tierischen Kraft völlig ausgerüstet worden sind; und bei dem Pflanzenreiche entdeckte er jetzt auch, daß – wie man zu sagen pflegt – der Apfel nie gar zu weit seinem Baume entfällt. [HGt.02_263,04] Nach derlei guten Gedanken wandte er sich wieder zu seinem Freunde und sagte zu ihm: „Höre du, mein geliebtester Freund und Bruder, je mehr ich nun deinen Worten nachdenke, desto mehr Licht finde ich in ihnen! Anfangs schienen sie mir so ganz bedeutungslos zu sein; aber siehe, sie gewinnen nun bei mir einen stets größeren Bedeutungskreis! Darum denn kommt es mir vor, als wären sie nicht so ganz eigentlich auf deinem Grund und Boden gewachsen. [HGt.02_263,05] Ich will damit aber durchaus nicht sagen, als hielte ich dich deshalb etwa solcher Weisheit für unfähig; denn ich weiß es ja von früher her, daß du ein sehr kluger Mann warst und warst von irgendeiner gründlich gefaßten Idee durch nichts abzubringen, selbst durch Lamechs Gefängnisse nicht. [HGt.02_263,06] Aber nur, weißt du, lieber Bruder, mache ich da einen kleinen Unterschied, da es doch zweierlei ist: weise reden – und vernünftig und dem Verstande gemäß reden und handeln. [HGt.02_263,07] Du hast zu mir aber offenbar weise gesprochen, und ich kam daher auch auf den Gedanken, daß solche Weisheit nicht auf deinem Grunde und Boden gewachsen ist. Denn sie ist zu umfassend, zu allgemein; wir Menschen können aber unsere beschränkten Begriffe nicht so weit ausdehnen, da uns dazu die allgemeine Anschauung noch allzeit gemangelt hat, und besonders hat es damit im Kerker seine geweisten Wege gehabt! [HGt.02_263,08] Wenn du mir aber nun solche Sätze auftischest, in denen eine ganze Schöpfung vom Anfange bis zum Ende zugrunde liegt, da bin ich der Meinung, dir dadurch keine Beleidigung anzutun, so ich solches von deiner Aussage behaupte. [HGt.02_263,09] Ich sage dir nun aber auch, daß mich diese deine Worte dem Ziele näher geführt haben, als du es vielleicht meinen möchtest! Ja, du kannst es mir glauben, es wird mir auch die gottmenschliche Idee heller und heller, und es sträubt sich mein Gemüt nicht mehr so sehr dagegen; nur die Verkleidung des armen Mannes geht mir nicht so recht ein! [HGt.02_263,10] Hättest du vielleicht auch da ein Wort, das da für mein Verständnis passender wäre als jenes Mannes zu hochweise Rede, so wäre ich nicht abgeneigt, den armen Mann völlig als das anzuerkennen, als was ich ihn anerkennen sollte und nun auch im Ernste selbst möchte! Wenn du sonach noch irgendein Wörtlein hast, da sprich es aus zu meiner völligen Beruhigung!“ [HGt.02_263,11] Und der andere nahm das Wort und sagte zu unserem Hauptredner: „Bruder, wahrlich, wenn du nicht blinder bist als der Mittelpunkt der Erde, so will ich keinen Namen haben! [HGt.02_263,12] Was nennst du denn reich – und was arm? [HGt.02_263,13] Ist denn das reich bei dir, so jemand sich über und über den Leib bedeckt hat mit Erzeugnissen entweder seiner oder seiner Brüder Hände, welche Erzeugnisse den Naturdingen sind entlockt worden, oder so jemand aus Lehm und müßigen Steinen sich erbaut hat eine Wohnung? [HGt.02_263,14] Und nennst du das arm, so jemand alles dessen entweder notgedrungen durch Härte seiner Brüder oder aber auch freiwillig ledig ist mehr oder weniger? [HGt.02_263,15] O siehe, das ist grundfalsch! Gott hat den Menschen geschaffen nach Seinem Maße und stellte ihn völlig nackt auf die Erde; und also werden noch heutzutage alle Menschenkinder nackt zur Welt geboren. Ist aber darum der nackte Mensch das armseligste Geschöpf Gottes? Oder ist er nicht vielmehr überschwenglich reich durch das ihm gegebene Ebenmaß seines Schöpfers?! [HGt.02_263,16] Wie, wenn nun der Schöpfer in seinem urgrundmenschlichen Maße zu uns kam in aller Fülle Seiner ewigen Liebe und Weisheit?! Kannst du da noch in deinem Herzen solche Seine Urgrundwesenheit bemängeln? [HGt.02_263,17] Ich sage dir daher: Erkenne deine große und grobe Blindheit, eile hin zu Ihm, falle nieder zu Seinen Füßen, auf daß dir Licht werde in deines Lebens größtem Irrsale! [HGt.02_263,18] Erkenne die endlose Gnade, Gott, den allmächtigen Schöpfer, als einen allermildesten Bruder und liebevollsten Vater unter uns zu haben! [HGt.02_263,19] Wahrlich, der Gedanke schon ist zu groß und heilig für den Menschen; und siehe, hier ist mehr als der höchste Gedanke! Hier ist Er, der allmächtige Vater Selbst! [HGt.02_263,20] Kannst du da noch zaudern in deinem Geiste, da alle Unendlichkeit vor zu großer Ehrfurcht bebt?! [HGt.02_263,21] Siehe, Er, Er, der allmächtige, ewige Gott, der Schöpfer der Unendlichkeit, harrt dort deiner! [HGt.02_263,22] Daher eile, eile hin zu Ihm, ehe es zu spät wird, und bete Ihn an in aller Tiefe deines Herzens! [HGt.02_263,23] Eile, eile hin zu Ihm, dem heiligen Vater! Amen.“ 264. Kapitel — Des neubekehrten Terhad Furcht vor dem Herrn. Des Herrn licht- und trostvolle Worte an den Furchtsamen[HGt.02_264,01] Nach diesen Worten bedachte sich der Hauptredner nicht lange mehr und nahm den armen Mann im vollen Maße als den Herrn Himmels und der Erde in sich auf. [HGt.02_264,02] Aber nun fing ihn an etwas anderes zu bedrücken, und er wandte sich darob bald an den Freund wieder und sprach zu ihm: [HGt.02_264,03] „Höre, du mein überaus lieber Freund und Bruder! Ich habe nun, deine Worte reifer und tiefer erwägend in mir, nicht nur die Möglichkeit, sondern die volle Wirklichkeit gefunden, daß jener Mann im Ernste das allerhöchste göttliche Wesen in Sich Selbst ist, und es bedarf demnach solches keines Beweises mehr, da es mir nun mein Herz selbst untrüglich laut verkündet. [HGt.02_264,04] Aber etwas ganz anderes steigt nun in mir auf, und dieses ist um vieles ärger denn all meine früheren Zweifel. [HGt.02_264,05] Du siehst mich nun wohl sehr groß an und forschest in meinen Augen und auf meiner Stirne, um zu erfahren, was in mir solches doch sein möchte. Ich sage dir, tue das nicht; denn ich will es dir ja eben eines guten Rates willen kundgeben. [HGt.02_264,06] Siehe, es ist eine ganz entsetzliche Furcht, ja eine solche Furcht, der etwas Ähnliches ich in meinem ganzen Leben nicht empfunden habe! [HGt.02_264,07] Du aber sagtest in gar dringlichen Worten zu mir, daß ich hineilen solle und solle mich hinwerfen zu Seinen Füßen und solle Ihn dort anbeten; wie aber kann ich nun solches tun, da die zu übermäßige Furcht vor der zu endlos großen göttlichen Erhabenheit mir alle Glieder lähmt?! [HGt.02_264,08] Rate mir demnach, rate, was ich tun soll! [HGt.02_264,09] Ich möchte ja hinfliehen, wenn es mir möglich wäre; aber es ist mir solches ja ganz rein unmöglich! In meinem bebenden Herzen bin ich nun wohl ganz völligst bei Ihm; aber eben dieses schreckliche Bei-Ihm-Sein lähmt mir alle meine Kraft!“ [HGt.02_264,10] Hier erhob Sich der Herr und ging schnurgerade auf unsern Hauptredner los. [HGt.02_264,11] Da aber dieser solches bemerkte, wollte er fliehen. Aber sein Freund faßte ihn am Arme und sagte zu ihm: [HGt.02_264,12] „Bruder, aber bedenke, was du tun willst! Wohin willst du denn wohl fliehen und wo dich verbergen vor Gott?! – Siehe, der Herr kommt dir schon an den Leib; was willst du tun?!“ [HGt.02_264,13] Hier ward unser Redner ganz wie besinnungslos und fiel alsbald wie tot auf den Boden nieder. [HGt.02_264,14] Als aber der Herr vollends zu ihm kam, rührte Er ihn an und sagte zu ihm: „Terhad, Ich sage dir: erhebe dich, und sei nicht tot, sondern lebendig!“ [HGt.02_264,15] Alsbald erhob sich der Terhad und starrte den Herrn, noch ganz entsetzlich erschrocken aussehend, an. [HGt.02_264,16] Der Herr aber sah ihn mild und freundlichst an und sagte zu ihm: „Terhad, du hast ja immer ein Zeichen haben wollen, auf daß du auch glauben möchtest, was alle die andern glauben! [HGt.02_264,17] Ich sagte es Selbst zu dir: So Ich dir oder jemand anderem oder einem ganzen Volke Zeichen Meiner Gegenwart geben werde, dann ist ein Gericht über sie ergangen, das da in sich hat den Tod. [HGt.02_264,18] Wer Mich aber erkennt im Herzen, der hat Mich frei erkannt und dadurch in sich gefunden das wahre, ewige Leben, und der Tod wird ihm ferne sein ewig. [HGt.02_264,19] Siehe, also war der Sinn Meiner Rede; allein dir genügte solche Rede nicht, sondern du wolltest Mich mit deinem Verstande zuvor – denn mit deiner Liebe erfassen. [HGt.02_264,20] Ich ließ es denn auch zu und redete zu dir verstandesmäßig durch den Mund deines Bruders, auf daß es dir einleuchtend würde, daß Ich im Ernste das bin, was Lamech auf dem Throne von Mir verkündigt hatte. [HGt.02_264,21] Du erfaßtest Mich denn dadurch in deinem Verstande und fülltest denselben stets mehr und mehr mit Meiner urewigsten Göttlichkeit aus. [HGt.02_264,22] Durch die Ausdehnung deines Verstandes mit Mir aber vergaßest du dein Herz; dieses schrumpfte darob ein, und als du Mich in dein Herz aufnehmen wolltest, da entsetzte sich dieses vor Meiner Größe in deinem Verstande und ward erdrückt von Meiner Last in dir, und du bebtest vor Furcht und fielst bei Meiner Annäherung wie tot darnieder. [HGt.02_264,23] Und siehe, das war dir denn auch ein Zeichen, daß Ich Der bin, als den du Mich allein im Herzen um vieles leichter und bequemer gefunden hättest, ohne dabei nötig gehabt zu haben, ein wenig das Gericht zu verkosten! [HGt.02_264,24] Doch da du Mich nun erkannt hast, so erfasse Mich nun denn auch mit deinem Herzen, und sei ein getreuer Wächter Meines Heiligtums, das Ich euch gegeben habe! [HGt.02_264,25] Und nun sei heiter und fröhlich; denn Ich, dein Vater, habe dir nun solches geoffenbart. [HGt.02_264,26] Liebe Mich, so wirst du es nie nötig haben, Mich zu fürchten; denn Ich bin euch allen nur ein Retter, aber ewig kein Verderber. Also sei nun heiter und froh! Amen!“ 265. Kapitel — Des liebeerfüllten Terhad gute Rede und feurige Liebeserklärung an den Herrn. Des Herrn Rührung und große Verheißung über die geistige Mission der Erde[HGt.02_265,01] Nach dieser Rede, vom Herrn ausgehend, fing der Terhad erst freier zu atmen an; sein Herz war der Furcht ledig geworden, und eine mächtige Liebe zum Herrn fing nun sein ganzes Gemüt zu erfüllen an. [HGt.02_265,02] In diesem neuen Lebenszustande öffnete nun wieder unser Hauptredner den Mund und machte durch die folgenden Worte seinem Herzen Luft; die Worte aber lauteten also: [HGt.02_265,03] „O Du, dem keiner gleicht, Du alleinig ewig wahrer Vater, – Du also bist Der, den ich mir nie so ganz zu denken getraute; denn zu endlos heilig erhaben erklang in mir schon der Name, der Ihn, den allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, bezeichnete, und ich sprach es gar oft heimlich bei mir aus: [HGt.02_265,04] ,O Du heiliger Name, wenn ich dich denke, so erbebt mein ganzes Wesen in allen seinen Fundamenten!‘ [HGt.02_265,05] Oh, was muß der endlos erhaben heiligste Träger dieses heiligsten Namens in Sich erst sein, welch eine Heiligkeit, welch eine ewige, unendliche Glorie muß Ihn umfassen, wenn Sein Name mich schon also vernichtet und ich mir bei dessen Aussprechung vorkomme wie ein allerelendester Wurm, der da kaum sichtbar allermühseligst den toten Staub der Erde bekriecht! [HGt.02_265,06] Siehe, siehe, o Du, den Meine Augen ewig unwürdig sind anzuschauen, also war mein Gemüt von jeher beschaffen gewesen bei aller meiner sonstigen wahrhaft großen Not! [HGt.02_265,07] Was aber soll ich nun denken, was empfinden und was reden, da Du nun vor uns allen in der größten Einfachheit stehst wie ein Bruder zu uns, während doch der ganze endlose Himmel in zahllosen Lichtern aus Dir erbrennt, die Sonne Dein Licht zur Erde spendet und der Mond sich allzeit mit Deinem Glanze umgürtet und alle geheiligte Pracht der Erde Dein Werk ist?! [HGt.02_265,08] Ja, was soll ich reden vor Dir, o Du endlos guter, heiliger Vater, so ich bedenke, daß Du dieses mein Leben in jedem Augenblicke mit Deinem allmächtigen Willen erhältst und ein jeder Atemzug ein freies, allerwunderbarstes Geschenk ist von Dir?! [HGt.02_265,09] O Du endlos erhaben heiligst guter Vater, ich weiß mir nun ja vor lauter Liebe zu Dir nicht zu helfen! Ja, es ist wahrlich wahr – o Gott, Vater, laß es mich aussprechen, wie ich es empfinde –, ja, es ist wahrlich wahr, ich kann es vor Liebe ja nicht aushalten in dieser Deiner allerheiligsten Gegenwart! [HGt.02_265,10] Und doch ist es mir unmöglich, auch nur einen Blick von Dir, o Du heiliger, guter Vater, abzuwenden! [HGt.02_265,11] O so laß Dich denn lieben von mir nach aller meiner Kraft; ja, laß dich doch von mir so stark lieben, daß mich das Feuer der Liebe zu Dir gänzlich verzehren möchte und ich völlig ersterbe in der Liebe zu Dir, o Du mein Gott, mein Jehova, mein heiliger, guter Vater! [HGt.02_265,12] O Vater, ich kann nicht mehr reden; denn zu mächtig erfaßt die Liebe zu Dir mein ganzes Wesen! Ja, es ist mir, als flüsterten mir schon meine eigenen Haare zu: ,O liebe, liebe, liebe den Vater; denn Er hat dich schon Ewigkeiten zuvor geliebt, ehe du noch warst! Er ist die reinste, ewige Liebe Selbst, und deine Liebe ist Seine Liebe, lebendig machend deinen Geist in deinem Herzen; darum liebe, liebe, liebe Ihn, den guten, heiligen Vater! Liebe deinen Gott, liebe deinen Schöpfer; denn Er ist heilig, heilig, heilig!‘ [HGt.02_265,13] Ja, sogar meine Haut wird redend und alle meine Knochen und alle meine Eingeweide, und ich höre sie sagen: ,Gott, dein Vater, ist ein lebendiges Wort in Dir! Du bist ein ausgesprochener Gedanke Dessen, der vor dir steht; du bist mit Haar, Haut, Gebeinen, Eingeweiden, mit Herz und Blut, mit Seele und Geist selbst ein Wort aus dem Munde Dessen, der vor dir steht! Liebe, liebe, liebe Ihn; denn Er ist dein Alles, Er ist dein Leben, Er ist dein Licht, wie das Licht der Unendlichkeit, Er ist alle deine Kraft, deine Rede!‘ [HGt.02_265,14] O Du Vater, Du heiliger Vater, so laß Dich denn ewig lieben von mir, – ja von uns allen laß Dich ewig lieben! Geliebt, gelobt und angebetet sei Du, o allerheiligster Vater, und allzeit und ewig werde durch unsere Liebe geheiligt und allerhöchst geehrt und gerühmt Dein allerheiligster Name! [HGt.02_265,15] O Du heiliger Vater Du! Ich stehe als ein Sünder vor Dir, und Du lässest Dich lieben von mir?! Oh, wie unendlich gut mußt Du sein, daß Du Dich von einem Sünder sogar lieben lässest! [HGt.02_265,16] O Brüder, fallet doch mit mir alle hin zu Seinen allerheiligsten Füßen; denn sehet, sehet, wie unendlich gut Er, der heilige Vater, ist! [HGt.02_265,17] O Vater, vergib mir, daß ich es wage, als ein Sünder Dich zu lieben; sei mir und uns allen darum gnädig und barmherzig!“ [HGt.02_265,18] Hier fielen alle vor dem Vater nieder und weinten vor Liebe. [HGt.02_265,19] Der Vater aber verbarg Sein Angesicht mit der Hand und sagte wie zu Sich: [HGt.02_265,20] „O Erde, was gibst du Mir! Wahrlich, deine Kinder sollen Meine Kinder sein! Ich will dich erheben, daß vor dir die Sonnen und Engel ihre Knie beugen sollen; und wenn Ich je zu dir kommen werde, da will Ich allezeit die Sünder suchen und haben mit ihnen eine große Erbarmung. [HGt.02_265,21] O Terhad, deine Liebe ist groß; darum sollst du aber eine ebenso große Erbarmung von Mir empfangen, und diese sei, daß Ich ein treuer Hirte werde dem Sünder der Erde!“ [HGt.02_265,22] Hier schwieg der Herr und weinte Selbst heimlich vor großer Liebe und Erbarmung mit den armen Kindlein. 266. Kapitel — Des Herrn gutes Zeugnis über Terhad. Vom Gericht und seiner Verhütung. Terhad zum Oberwächter des Tempelvorhofes bestellt[HGt.02_266,01] Nach einer kleinen Zeit aber tat der Herr wieder die Hand von Seinem Angesichte und sagte zum Terhad: „Terhad, Ich kannte dich und wußte es lange schon, daß du ein Mann starken Geistes bist und bist kräftig in deinem Gemüte; darum denn verbarg Ich Mich auch vor dir und ließ es zu, daß du Mich suchen mußtest, während Mich die andern auf den ersten Augenblick ersehen konnten. [HGt.02_266,02] Da du aber schon von jeher eines so starken Geistes und eines so kräftigen Gemütes warst und ließest dich selbst durch den Kerker Lamechs nicht abwendig machen von Mir, wie du Mich erkannt hast nach der Lehre Faraks, so sage Ich dir denn nun auch, daß du ein Hauptgrund warst, daß Ich Mich der Tiefe erbarmt habe; denn wahrlich, ein mächtiger Geist in der wahren Erkenntnis, ein unwandelbarer Geist kann allein ein Retter des Weltenalls werden! [HGt.02_266,03] Und so bist du nun ein Retter Lamechs und ein Retter der Tiefe und bist ein Schirm vor Meinem Gerichte, das sonst in dieser Zeit wäre ausgegossen worden über euch, und bist eine Schutzwand, die da steht zwischen Meinem Feuer und der Sünde Kahins in der Tiefe der Nacht des Todes! [HGt.02_266,04] Und wie es nun ist, so soll es bleiben fürder! So lange ein Ort der Erde drei Menschen haben wird, die da gerecht sind vor Mir, da will Ich den Ort nicht richten. So lange eine Stadt in der Tiefe haben wird zwei Gerechte, da will Ich sie verschonen um der Gerechtigkeit der zwei willen. So lange ein Land wird haben sieben Gerechte, da will Ich dasselbe nicht heimsuchen in Meinem Zorne. Und so lange ein Volk wird haben zehn Gerechte, da will Ich es verschonen vor dem Ausbruche Meines Feuers. [HGt.02_266,05] Und so lange noch zwei Väter unter all Meinen Kindern leben werden, die Mich erkennen und lieben, und lehren Mich auch also erkennen und lieben ihre Kinder und Nachbarn, da will Ich kein Gras zornig ansehen auf dem ganzen Erdboden. [HGt.02_266,06] Wenn aber auf dem ganzen festen Lande hier in der Tiefe, wie in der Höhe nicht mehr als nur ein Gerechter wird anzutreffen sein, so will Ich noch hundert und etliche Jahre warten, ob sich niemand zu Mir wende, und will darum auch zu dem Behufe allenthalben durch von Mir aus gelehrte Boten aller Kreatur predigen lassen. [HGt.02_266,07] Werden sich die abgefallenen Menschen danach kehren, so will Ich sie wieder aufnehmen zu Meinen Kindern; werden sie sich aber nicht zu Mir kehren, sondern nur um so fester verharren in aller Bosheit und werden sogar erschlagen die Boten, wahrlich, da soll der eine Gerechte nicht imstande sein, Meinen Grimm von der Erde abzuhalten, und Ich will dann vertilgen alle Übeltäter der Erde und Mir errichten ein neues Geschlecht auf derselben! [HGt.02_266,08] Diese Worte habe Ich nun vor dir, Terhad, geredet wie zu der ganzen Erde; du sollst sie darum aufzeichnen, und die sie mit dir in diesem Saale hier gehört haben, die sollen dir Zeugnis geben, daß Ich es war, der nun solches zu dir geredet hat, auf daß, so je eine solche Zeit kommen sollte, sich niemand wird entschuldigen können, als habe er solches nicht vernommen. Dieses Zeugnis sollst du allzeit und allem Volke verkünden und sollst ein wahrer Wächter dieses Meines Heiligtums sein – wie in dir, also auch in allen deinen Nachkommen! [HGt.02_266,09] Also sollst du auch allzeit am Sabbate ein Oberwächter sein an der Pforte des Vorhofes, der da umgibt Meinen neuen Tempel bei euch, den du erst morgen sollst kennenlernen! [HGt.02_266,10] So oft du aber die Wache halten wirst, sollst du dem Volke diese Meine Worte kundtun, damit sie ja nie in Vergessenheit geraten möchten! [HGt.02_266,11] Da du nun solches weißt, so empfange denn nun auch zu diesem Amte Meinen Segen, auf daß du kräftig werdest, allezeit zu handeln nach Meinem Willen! Amen.“ 267. Kapitel — Die unzufriedenen, scheelsüchtigen Murrer. Des Herrn Antwort an die Murrenden[HGt.02_267,01] Diese Worte brachten den Terhad beinahe ums Leben; aber der Herr des Lebens wußte auch dem neuen Wächter das Leben zu erhalten und dazu noch überaus und zwar also zu kräftigen, daß dieser darauf noch zweihundertsechzig Jahre lebte, und gar kräftig sein Amt verwaltete. [HGt.02_267,02] Als aber solche Worte aus dem Munde des Herrn auch alle anderen Gäste im Saale vernommen hatten, da verwunderten sich einige bei sich selbst und sprachen sich auch leise gegenseitig also aus: [HGt.02_267,03] „Da sehet einmal diese Geschichte an! Dem Hartnäckigen, der da einen steinharten Eigensinn hatte und kaum zum Glauben an diesen Gottmann zu bewegen war, wird eine so große Gnade zuteil; uns aber, die wir Ihn sogleich in unseren Herzen ohne die geringste Widerrede aufgenommen haben, wird auch nicht ein Wörtlein beschieden! Nein, das ist aber doch etwas sonderbar! [HGt.02_267,04] Er kann ja als der alleinige Herr Himmels und der Erde freilich wohl tun, was Er nur immer will, und es kann darob niemand zu Ihm sagen: ,Herr, was tust Du?‘, aber dessenungeachtet bleibt eben diese Geschichte dennoch höchst sonderbar! [HGt.02_267,05] Wenn wir diese Geschichte wörtlich geben müßten, fürwahr, wir könnten nicht anders sagen als: Gnade dem Stützigsten; dem Sanften, dem Gleichwilligen, dem Liebenden aber höchstens ein bißchen Erbarmung, und sonst nichts! [HGt.02_267,06] Man kann die Sache drehen, wie man nur immer will, so bleibt diese Geschichte denn doch – nota bene von der göttlichen Seite betrachtet – wie gesagt sehr sonderbar!“ [HGt.02_267,07] Hier unterbrach der Herr das Volk und sagte zum selben: „Ja wahrlich, es ist sonderbar, daß Ich solches tue; aber noch ums sehr Bedeutende sonderbarer ist es, daß ihr hier in Meiner sichtbaren Gegenwart an Mir darum Ärgernis nehmet, daß Ich einem armen- Bruder von euch eine Gnade erwies, die Ich euch Schwächlingen nicht erweisen konnte! [HGt.02_267,08] Wäret ihr, wie ihr sein solltet, so hättet ihr nur eine große Freude daran, so Ich einem Sünder gnädig bin; da ihr aber noch verkehrten Sinnes seid, und also noch lange nicht seid, wie ihr sein solltet, so findet ihr ärgerlicherweise das sonderbar, wenn Ich einem Sünder gnädig bin! [HGt.02_267,09] Höret, Ich will euch nun etwas sagen und will euch zeigen die Ursache, warum ihr euch darüber ärgert, daß Ich dem Terhad solche Gnade erwies! [HGt.02_267,10] Sehet, ihr seid Feinäugler und sehet den Staub im Auge des Bruders; aber so in euren Augen ganze Berge herumschwimmen, das sehet ihr nicht! Darum aber könnet ihr auch hier den Grund nicht erschauen, warum Ich hier dem Terhad solche Gnade erwies! [HGt.02_267,11] Ich aber sage euch: Ich sah alles das schon gar lange, daß eure Herzen erfüllt sind mit aller Scheelsucht; darum ließ Ich euch auch nur so viel Gnade zukommen, der zufolge Ihr Mich erkennen mochtet, daß Ich der Herr Himmels und der Erde bin. [HGt.02_267,12] Aber scheelsüchtige Amtleute kann Ich in Meiner großen Haushaltung durchaus nicht brauchen. [HGt.02_267,13] Reiniget sonach zuvor eure Herzen von aller Scheelsucht, und denket allzeit – selbst wenn ihr euch noch so wirklich werdet gereinigt haben, als es euch nur immer möglich sein dürfte –: ,Wir sind auch der allergeringsten Gnade nicht wert!‘ [HGt.02_267,14] Dann erst werde Ich euch erforschen, ob ihr im Ernste völlig rein seid vor Mir, und werde die völlig Reinen dann auch wohl erwählen für eine höhere Amtsgnade aus Mir; sonst aber genüge euch allen die freie Gnade des Lebens aus Mir! [HGt.02_267,15] Achtet der kleinen Gaben aus Meiner Hand, wollet Ihr Meine Kinder sein; dann werde Ich euch schon ohnehin zur rechten Zeit der größeren teilhaftig machen! [HGt.02_267,16] Wenn aber schon ihr euren kleinen Kindlein kleine Spielereien gebet und habet dann selbst eine große Freude daran, wenn solche Gaben eure Kindlein erfreuen, – saget, bin Ich denn weniger Vater zu euch allen, denn ihr es seid zu euren Kindlein? Ich meine, solches wird wohl mitnichten der Fall sein! [HGt.02_267,17] Freuet euch also dessen, was ihr von Mir empfanget als Kindlein; wenn ihr aber kräftiger werdet, dann werde Ich schon auch sehen, für welch ein Amt ihr tauget!“ [HGt.02_267,18] Hier wurde allen heiß ob dieser Worte des Herrn, und sie fielen vor Ihm nieder und baten Ihn um Vergebung einer solchen Versündigung. [HGt.02_267,19] Der Herr aber hieß sie alle erstehen, gab ihnen einen guten Trost und begab Sich dann wieder zu Seiner Hauptgesellschaft. 268. Kapitel — Lamechs Dank für die Bestellung Terhads zum Hauptwächter des Tempelvorhofes. Des Herrn Plan von dem Tempel auf dem gereinigten Schlangenberg. Der Herr wird abermals unsichtbar[HGt.02_268,01] Bei der Hauptgesellschaft angelangt, gab der Herr alsbald dem Lamech kund, daß Er den Terhad zum Hauptwächter des Vorhofes berufen habe; und solches zeigte Er darum dem Lamech an, auf daß dieser es ganz bestimmt wisse, an wen er sich zu halten habe, so er noch mehrere Tempelvorhofwächter benötigen möchte, was da mit der Zeit auch wegen des großen Zudranges sehr erforderlich wurde und den Lamech und den Terhad dahin bestimmte, daß sie eine Vorhofwache von dreihundert Mann statuieren mußten, welche Männer vom Terhad erwählt und dann in Meinem Namen vom Lamech bestätigt wurden. [HGt.02_268,02] Als aber der Lamech solche Anzeige vom Herrn erhielt, da fiel er aus übergroßem Dank- und Liebegefühle vor dem Herrn nieder und lobte und pries Ihn aus allen seinen Leibeskräften, daß Er ihm gerade in diesem wichtigen Punkte aus der Verlegenheit geholfen hatte. [HGt.02_268,03] Denn über diesen Punkt hatte der Lamech schon immer bei sich deliberiert und konnte nicht ins klare kommen darin, wem er so ganz eigentlich, dem Herrn wohlgefällig, die Vorhofwache anvertrauen sollte. [HGt.02_268,04] Da aber, wie nun bekanntgegeben, nun der Herr Selbst diesen wichtigen Posten bestellt hatte, so ward dadurch dem Lamech ein großer Stein von seinem Herzen genommen. [HGt.02_268,05] Nachdem durch den gerechten Herzensdank sich der Lamech dem Herrn also angenehm bezeigt hatte und auch alle die armen Gäste an dem Lobe den allerwärmsten Anteil genommen hatten, da hieß der Herr den Lamech erstehen und sagte zu ihm: [HGt.02_268,06] „Höre nun weiter, Mein geliebter Lamech! Nun wäre hier alles geordnet; aber siehe, der gereinigte Berg, auf dem du Mich zuerst ersahst, nachdem du zuvor Meine Stimme vernommen hattest, ist noch ohne Zierde! [HGt.02_268,07] Du weißt es, daß Ich dir anbefohlen habe, Mir auch dort ein Denkmal zu errichten; doch hatte Ich es dir nicht näher angezeigt, wie da soll der Tempel gestaltet sein, damit er könnte in Meine Ordnung völlig eingerechnet werden. [HGt.02_268,08] Nun aber will Ich dir die Gestalt näher angeben, nach der du ihn erbauen sollst, und so höre es denn: [HGt.02_268,09] Zehn drei Manneslängen hohe Säulen sollst du aus dem reinsten weißen Marmor meißeln lassen also, wie Ich es dem Mura und dem Cural anzeigen werde. [HGt.02_268,10] Die Säulen sollen in einem Kreise gestellt werden also, daß da eine jede Säule eine Manneslänge von der andern absteht. [HGt.02_268,11] Der Grund aber soll von blauem Marmor sein, die Fußgestelle der Säulen von rotem Marmor und die Kapitäle von grünem. [HGt.02_268,12] Über den Kapitälen müssen die Säulen mit Balken, aus gelblichem Marmor gemeißelt, miteinander gar fest verbunden sein, und ein jeder solcher Querbalken muß wieder mit dem nächsten mittels gehörig fester Metallklammern eigens verbunden sein. [HGt.02_268,13] Über diesen Querbalken sollst du erst ein goldenes Dach nach der Art des Haupttempels anbringen; nur sollen die drei Kugeln auf dem Dache nicht von gleicher Größe sein, sondern das soll also bestellt sein, daß die unterste Kugel die größte und die zwei oberen stets eine um die Hälfte kleiner denn die untere vorhergehende ist. [HGt.02_268,14] Wenn du nun auf diese Weise Mir wirst diesen Tempel baldmöglichst erbauen und wirst in der Mitte desselben errichten einen Brandopferaltar, ebenfalls aus reinem Golde angefertigt, und wirst Mir an jedem Sabbate abends ein Getreideopfer abbrennen, so werde Ich alle Felder der Tiefe segnen, und sie werden dir und deinem Volke hundertfältige Früchte tragen. [HGt.02_268,15] Und die Gebirge und Wälder will Ich reinigen von dem bösen Getiere und somit zwischen der Tiefe und der Höhe eine Wiederverbindung (Religion) herstellen, damit auch die Tiefe unter dem Henoch als Meinem alleinigen Hohenpriester stünde. [HGt.02_268,16] Siehe, solches ist Mein Liebewunsch an euch Kinder Kahins, damit auch ihr völlig möchtet Meine Kinder sein! Also tue solches ehestens! [HGt.02_268,17] Wenn du aber dies Werk vollenden wirst, dann sollst du auch auf die Höhe Meiner Kinder geführt werden, und der Henoch wird kommen mit vielen dann von der Höhe und wird in Meinem Namen segnen den neuen Tempel zu eurer vollkommenen Heiligung zu Meinen Kindern! [HGt.02_268,18] Nun weißt du alles, daher nimm hin Meinen Segen, und vollende das Werk! Amen.“ [HGt.02_268,19] Hier verschwand der Herr plötzlich wieder. Alle suchten Ihn; aber Er war nirgends mehr zu finden. 269. Kapitel — Henochs weise Rede über das Wesen Gottes und die geistige Sehe. Die Stimme des Herrn im Menschenherzen. Warnung vor falschen Propheten[HGt.02_269,01] Als nach einem lange anhaltenden Suchen ohne Erfolg die suchenden Gäste wieder in den Thronsaal ganz betrübten Angesichtes zurückgekehrt waren, traten einige von ihnen zum Henoch hin und fragten ihn, ob er denn nicht wisse, wie und wohin Sich denn der Herr gar so plötzlich verloren oder versteckt hätte. [HGt.02_269,02] Der Henoch aber erwiderte ihnen und sagte: „Liebe Freunde und Brüder, es treibt euch zwar euer Herz an, zu suchen den allmächtigen, heiligen, liebevollsten Vater, und das ist recht und billig – denn wer Gott sucht, der soll Ihn allezeit mit dem Herzen suchen, sonst wird er Ihn ewig nimmer finden –, aber dessenungeachtet ist euer gegenwärtiges Suchen ein wenig töricht! [HGt.02_269,03] Sehet: Gott, der Vater, den ihr soeben persönlich wesenhaft gesehen und gesprochen habt, ist ein Geist und kann mit den fleischlichen Augen nimmerdar erschaut werden! Wenn Er aber erschaut werden will, da öffnet Er dem Menschen, der Ihn erschauen soll, die inneren Augen des Geistes, und dann kann der Geistmensch durch den Fleischmenschen hindurch Gott erschauen – so es der Wille Gottes erheischt – und sieht und hört Ihn also, wie ihr Ihn soeben alle gesehen und gehört habt. [HGt.02_269,04] Wenn aber dann der Herr nach Seinem allerweisesten Ratschlusse wieder unsichtbar werden will, da schließt Er durch Seinen allmächtigen Willen dem Menschengeiste alsbald wieder die Augen, und der Mensch kann dann tun, was er nur immer will, nimmer doch vermag er den Herrn zu erschauen. [HGt.02_269,05] Merket euch aber solches noch gar wohl hinzu! Das Schauen bringt niemandem das ewige Leben, wohl aber das Hören und das Leben nach dem gehörten Worte! [HGt.02_269,06] Der Herr hat nun wohl eurem Geiste das Gesicht verschlossen, aber nicht dessen Gehör, welches im Herzen ist. Demnach kann ein jeder von euch allezeit die Stimme des Herrn vernehmen, und ein jeder kann sich allezeit an Seine Vaterliebe wenden, so er etwas vonnöten hat, und der Vater wird es ihm geben, so es ihm gut ist, aber auch vorenthalten, wenn es ihm nicht gut sein sollte. Ob aber gut oder nicht gut, darum möget ihr allezeit den Vater bitten, und seid versichert, Er wird euch den wohlvernehmbaren Rat nicht schuldig bleiben und wird reden zu eurem Herzen, wann ihr Ihn immer vollernstlich darum bitten werdet! [HGt.02_269,07] Wenn ihr immer aus wahrer innerer Bruderliebe im Namen des Herrn zu euren Brüdern reden werdet und werdet ihnen sein liebeerfüllte Lehrer über Gott, über Seine Werke, welche voll sind Seiner endlos großen Ehre, über Seine unendliche Güte, Gnade, Erbarmung und wie Er ist ein allerliebevollster, heiliger Vater allen jenen Menschen, die Ihn aus allen ihren Lebenskräften lieben, – da gebe ich euch allen die vollste Versicherung: Nicht ein Wort werdet ihr reden, das nicht zuvor Gott in euren Herzen geredet hätte! [HGt.02_269,08] Wer euch da hören wird, der wird die Stimme Gottes hören, wie ihr sie eben jetzt höret aus mir. [HGt.02_269,09] Wehe aber dem, der da reden möchte wie Worte Gottes aus sich selbst, des Eigennutzes und des weltlichen Ansehens wegen, ohne daß er zuvor in sich vernähme das lebendige Wort! Wahrlich, dessen Zunge soll zu einer Natter werden voll giftigen Geifers, und wer ihn hören wird, dem wird es geschehen, als wäre er von einer giftigen Natter gestochen worden! [HGt.02_269,10] Daher hütet euch vor allem ganz besonders vor dem Eigennutze; sondern ein jeder vergesse seiner ganz und sei lediglich aus dem Grunde seines Herzens für das Wohl seiner Brüder und Schwestern besorgt, so wird er sich auch des beständigen Umganges mit Gott, dem allerliebevollsten, heiligen Vater, zu erfreuen haben, zeitlich und dann auch im Geiste ewig sichtbar! [HGt.02_269,11] Sehet, also müsset ihr in aller Zukunft den Herrn Himmels und der Erde suchen, so werdet ihr Ihn auch allezeit gar leichtlich finden! Und so ihr dann in eurem liebeentflammten Herzen fragen werdet: ,Vater, wo bist du?‘, so wird Er zu euch sagen: ,Kindlein, Ich bin ja mitten unter euch! Fürchtet euch nicht; denn Meine allmächtige Hand schützt euch ja Tag und Nacht!‘ [HGt.02_269,12] Sehet, also wird es sein, da es also ist des Herrn Wille! Beachtet daher diese Worte und tuet danach, so werdet ihr fürder nicht nötig haben, den Herrn in allen Winkeln zu suchen und Ihn am Ende dennoch nicht zu finden, sondern da wird der Herr allezeit euch entgegen kommen, wohin ihr euch nur immer wenden werdet; denn der Vater ist um uns allezeit ums endlose mehr besorgt, als alle Kinder zusammengenommen es sind um Ihn! [HGt.02_269,13] Also merket euch dieses überaus wohl, auf daß ihr nimmerdar möget arm und gefangen werden! Amen.“ 270. Kapitel — Die Nachtruhe der Gäste im Hause Lamechs. Das herrliche Vaterwort an Lamech über das innere Stillehalten beim Gebet[HGt.02_270,01] Nach dieser guten Rede Henochs begab sich alsbald der Lamech hin zu ihm und fragte ihn, sagend nämlich: „Geliebter, mächtiger Freund und Bruder in unserm Gott und allerliebevollsten, allmächtigen, heiligen Vater! Da wir nun an diesem Tage im Namen des Herrn alles nach Seinem Zeugnisse geordnet haben also, wie es Ihm wohlgefällig ist, und ich nun nichts mehr weiß, was wir noch heute vornehmen könnten oder sollten, außer dem heiligen Vater ein allerlebendigstes Lob darzubringen, so wolle du im Namen des Herrn die Liebe haben und uns allen kundgeben, was da nun geschehen soll!“ [HGt.02_270,02] Und der Henoch erwiderte ihm: „Höre, lieber Freund und Bruder, also lautet der Wille des heiligen Vaters: Wir sollen uns nun zur Ruhe begeben, und alle die Gäste sollen diese Nacht in deinem Hause übernachten! [HGt.02_270,03] Dann soll sich niemand kümmern und sorgen, was etwa der morgige Tag alles bringen wird; denn dieser wird ebenso das Seinige mit sich bringen, wie es getan hat der heutige. [HGt.02_270,04] Daher auch wollen wir uns zur Ruhe begeben und nichts mehr für morgen beschließen; denn der Herr wird uns für morgen eben auch morgen anzeigen, was wir zu tun haben werden. [HGt.02_270,05] Und so denn zeige solches den Gästen an, und lasse sie bringen in ein reines Schlafgemach! [HGt.02_270,06] Ich und diese meine sieben Brüder werden unser Lager hier nehmen; du aber tue mit dir und deinen Angehörigen, was du willst! [HGt.02_270,07] Willst du auch hier verbleiben, wird es recht sein; und willst du mit den Deinen dich in ein anderes Gemach begeben, so wird es auch recht sein, – denn hier ist nicht eines besser als das andere. Und so denn laß es geschehen! Amen.“ [HGt.02_270,08] Diesen Worten zufolge begab sich der Lamech sogleich zu den Gästen und kündigte ihnen solches an; den Terhad aber behielt er in seiner Gesellschaft. [HGt.02_270,09] Lamechs Diener kamen und führten die Gäste ehrerbietig in die Schlafgemächer, und die Weiber und Mägde brachten alsbald Teppiche und wohlriechende weiche Polster in den Thronsaal und bereiteten das Lager für die hohen Gäste und nach dem Wunsche Lamechs auch für ihn und für die Seinen eben auch im Thronsaale. [HGt.02_270,10] Es brannten aber noch die Naphthatöpfe stark vor den Fenstern (denn in Hanoch war es Sitte, vor jedem Fenster einen tönernen oder auch ehernen Topf zu haben, welcher am Abend mit Erdöl und etwas wenig Stroh gefüllt und sodann bald angezündet ward), und der Lamech fragte darob den Henoch, ob die Töpfe etwa sollten verlöscht werden. [HGt.02_270,11] Der Henoch aber erwiderte ihm: „Laß leuchten, was da leuchtet; denn es ist besser, im Lichte zu ruhen, als zu schlafen in der Nacht!“ [HGt.02_270,12] Auf diese Worte entließ der Lamech alsbald alle die Dienerschaft, nachdem er ihr zuvor auf das lebendigste noch die Erinnerung gab, des Herrn ja wohl zu gedenken vor dem Schlafengehen. [HGt.02_270,13] Als sich nun alles entfernt hatte, da fiel der Lamech alsbald auf sein Angesicht nieder, lobte und pries Gott laut. [HGt.02_270,14] Nach einer Weile aber, nachdem der Lamech sich in Lobeserhebungen des Herrn nimmer erschöpfen wollte, sprach eine Stimme, die da war die Stimme des Vaters, zu ihm: [HGt.02_270,15] „Lamech, deine Worte klingen zwar schöner denn die große Musik der Sphären im ewigen Schöpfungsraume; aber die Liebe im Herzen des Geistes ist noch schöner als all dies herrliche Getöne! Daher gib Rast deinen Lippen, damit dadurch zum ruhigen Spiegel werde das lebendige Gewässer in deiner Seele und Ich Mich beschauen kann in dir und du erschauest Mein Wesen im Spiegel deines Gewässers!“ [HGt.02_270,16] Hier stand der Lamech auf, dankte im Herzen dem guten Vater für diese herrliche Ermahnung und begab sich dann mit den andern zur stärkenden Ruhe. 271. Kapitel — Henochs Morgenandacht und Morgenrede an die Brüder. Das geistige Morgenbrandopfer auf dem gereinigten Schlangenberg[HGt.02_271,01] Als der nächste Tag zu grauen begann, da erhob sich alsbald der Henoch, lobte und pries in seiner Liebe den Vater und segnete aus dieser seiner mächtigen Liebe alle die noch schlummernden Brüder. [HGt.02_271,02] Nach dieser herrlichen, Mir am meisten wohlgefälligen Verrichtung erweckte er erst die Brüder und sprach zu ihnen: [HGt.02_271,03] „Brüder, lasset uns erstehen in der Liebe, Gnade und Erbarmung des Herrn und preisen Seinen allerheiligsten Namen! [HGt.02_271,04] Sehet, wieder hat uns alle der gute, heilige, liebevollste Vater erleben lassen einen neuen werdenden Tag! [HGt.02_271,05] Schon brechen die ersten Strahlen vom Morgen her, die Nacht flieht vor ihnen; mächtiger und mächtiger wird ihr anfangs wie schüchternes Walten, und mit stets zunehmender Kraft drängen sie die Nacht hinab in die Tiefen der Erde, damit die Flächen und Berge derselben gereinigt würden zum endlich vollen Empfange des mächtigsten Lichtes und der belebenden Wärme aus der Sonne, so sie gar bald sich hehr über die Berge der Erde erheben wird. [HGt.02_271,06] Eilen wir daher hinaus und bringen unter dem freien Himmel dem Vater als wahre, Ihn über alles liebende Kinder ein gemeinsames Lob dar! [HGt.02_271,07] In unseren Herzen wollen wir Ihm ein wohlgefälliges Morgenbrandopfer darbringen, da Er, um uns als Seine Kinder zu ehren und zu beglücken, uns ein so großherrlichstes Morgenbrandopfer Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung in der aufgehenden und den ganzen Tag hindurch göttlich brennenden, alles erleuchtenden, erwärmenden und belebenden Sonne anzündet! [HGt.02_271,08] O liebe Brüder, fasset doch solches so recht in der Tiefe eures Herzens, was alles der endlos ewig gute Vater tut, und eure Liebe zu Ihm muß zu einer wahren Sonnenglut werden! [HGt.02_271,09] Sehet die noch am Firmamente hehr prangenden Sterne; sehet die ganze Majestät der Erde; sehet die Heere der herrlichsten Blumen an, und behorchet das herrlichste Getöne der befiederten Sänger in der stets lebendiger und lebendiger werdenden Luft! [HGt.02_271,10] Richtet dann eure Blicke auf die stets hehr wachsende Glorie des Morgens und beachtet es, wie ihr mit jedem Atemzuge eine vermehrte Fülle des göttlichen Gnadenlichtes einatmet, wie eure Brust stets weiter und lebendiger wird und jeder Blutstropfen in euch verklärter und wahrhaft himmlisch- ätherischer, je näher die herrliche Sonne des Herrn dem erhabenen Aufgange zueilt! [HGt.02_271,11] Sehet, o Brüder, und fasset es, ihr Kinder des heiligen Vaters: Das alles ist für uns von Seite des unaussprechlich guten Vaters ein dargebrachtes Opfer! [HGt.02_271,12] Also ehrt uns der heilige Vater! Wie sollten wir das wohl übersehen und sollten nicht hinauseilen und Ihm dafür entgegen in unseren Herzen ein Ihm allein wohlgefälliges Liebeopfer anzünden und dieses fortbrennen lassen, ja stets mehr und mehr fortbrennen lassen allzeitig und dann im Geiste auch ewig?! [HGt.02_271,13] O Brüder, lasset uns sogleich hinaustreten, und in der großen Opferhalle, in dem großen Thronsaale der göttlichen Gnade und Erbarmung lasset uns Ihm unser Opfer darbringen! Amen.“ [HGt.02_271,14] Nach dieser wahren Morgenrede erhoben sich alle und eilten mit zerknirschten Herzen hinaus, und zwar auf den nahen gereinigten Berg. [HGt.02_271,15] Und als sie da gar bald anlangten, da zeigte ihnen allen der Henoch im weiten Umkreise die großen Herrlichkeiten Gottes und machte sie auf alle Erscheinungen des Morgens aufmerksam und erklärte sie ihnen im Sinne der Liebe. [HGt.02_271,16] Und alle wurden so ergriffen von der großen Herrlichkeit, endlosen Güte und Weisheit des heiligen Vaters, daß sie sich darob vor lauter Liebe zu Gott nicht zu helfen wußten. [HGt.02_271,17] Und der Lamech rief, ganz zerknirscht aus dem innersten Grunde seines Herzens, aus: „O Du großer, heiliger, allmächtiger, allerliebevollster Vater! Solches alles tust Du für uns?! Oh, wie kann ich denn noch leben, wenn ich bedenke, was ich war?! [HGt.02_271,18] Henoch, Henoch, – du herrlicher Bruder! Du hast mir jetzt die Augen geöffnet, und nun erkenne ich erst die ganze Fülle meiner Schuld vor Gott! [HGt.02_271,19] Er hat uns allezeit ein solches Opfer Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung bereitet, – und was haben wir Ihm dagegen getan?! – Nein, Bruder, nein, ich darf es nicht denken; denn zu schändlich war allezeit mein Leben!“ [HGt.02_271,20] Hier tröstete der Henoch den Lamech, sagend nämlich: „Sei mir getröstet, lieber Bruder Lamech! Wahrlich, und wären deiner Sünden mehr, denn da ist des Sandes im Meere, so sind sie dir nachgelassen, da du eine solche große Liebe zum Vater in dir lebendig hast werden lassen! [HGt.02_271,21] Bleibe aber in dieser Liebe, und du wirst noch ganz andere Dinge erfahren, als diese da sind, – und das dann, so in dir die ewige Sonne Gottes aufgehen wird! [HGt.02_271,22] Nun aber lasset uns in der süßen Lieberuhe die kommende Sonne erwarten! Amen!“ [HGt.02_271,23] Also brachte dann unsere Gesellschaft den Morgen auf dem Berge zu und lobte und pries Gott im Herzen geistig und wahr. 272. Kapitel — Das Morgenmahl und die Aussendung der gesegneten Armen. Henochs Abschiedsworte an Lamech und sein plötzliches Verschwinden[HGt.02_272,01] Nach dem Sonnenaufgange aber begaben sie sich alle nach der Anordnung Henochs in die Stadt, und da wieder in die Wohnung Lamechs. [HGt.02_272,02] Allda angelangt, ließ der Lamech sogleich Sorge tragen für ein gutes Morgenmahl, bei welchem alle die armen und gefangen gewesenen Gäste beiderlei Geschlechtes sich einfanden und am selben, Gott lobend und Ihn hoch preisend teilnahmen. [HGt.02_272,03] Nach dem Morgenmahle aber legte der Henoch allen den Armen und ehedem Gefangenen im Namen des Herrn die Hände auf und behieß sie, hinauszugehen, so weit die Erde bevölkert ist von den Kindern Kahins, und allenthalben Zeugnis zu geben von dem, was sie alle gehört und gesehen haben; doch sollten die Weiber daheim verbleiben und ihr Haus bestellen; denn es sei den Weibern in der Tiefe nicht bestimmt, zu weissagen im Namen des Herrn, außer ihren Kindern. [HGt.02_272,04] Nach solcher Beheißung sagte der Henoch zum Lamech: „Du aber, mein geliebter Lamech, mein Bruder und mein Amtsgefährte, weißt ohnehin des Herrn Willen und hast nun nichts mehr von mir nötig! [HGt.02_272,05] Doch solches behalte du am meisten in deinem Herzen, daß du Gott, den allerliebevollsten Vater, allezeit und überall liebest über alles und alle deine Brüder und Schwestern nach dem Stammvater Kahin ums Doppelte mehr denn dich selbst, so wirst du im Lichte Gottes wandeln für und für, und Seine heilige Vaterstimme wird dich die Wunderwege Gottes wandeln lehren zu jeder Zeit! [HGt.02_272,06] Erbaue den Tempel auf dem Berge, wie es dir befohlen ward; und so er vollendet sein wird, da werden wir zahlreich von der Höhe herab nach des Herrn Verheißung wiederkommen zu dir in dein Haus und werden dann segnen den neuen Tempel und dich dann auch führen auf die Höhe, damit du dort den Segen Adams, des noch lebenden ersten Menschen der Erde und somit des Urzeugers aller jetzt lebenden Menschen, empfangen möchtest, wodurch dann der Fluch über Kahin von deiner Stirne gelöscht werden möchte. [HGt.02_272,07] Also wirst du auch die Stammmutter Eva erschauen, die dich auch segnen wird, und sollst dann wiederbekommen deine Weiber Ada und Zilla, und deine Tochter Naëme sollst du sehen und ihren ihr vom Herrn angetrauten Mann, den großherzigen Hored. [HGt.02_272,08] Und so du den Vater darum lebendig in deinem Herzen bitten wirst, da kann es sogar geschehen, daß dieser dein neuer und wahrer Schwiegersohn auch mit dir ziehen wird herab in die Stadt deiner Väter. [HGt.02_272,09] Also sollst du auch deine beiden Söhne, den Jabal und den Jubal, wieder bekommen; aber wie gesagt, du mußt darum aber auch allergenauest des Herrn Willen erfüllen! [HGt.02_272,10] Ist der Herr auch die ewige, endlose Liebe Selbst, so läßt Er aber dennoch mit Sich nicht handeln; denn da Er unendlich treu ist in allen Seinen Verheißungen, so fordert Er aber auch mit göttlichem und schöpferischem Rechte eine solche Treue von uns nach unserer Kraft, und wir müssen daher Seinen Willen unbedingt erfüllen, und koste es, was es nur immer wolle! [HGt.02_272,11] Und du kannst völlig versichert sein, daß Er alles pünktlich halten wird, was Er dir verheißen hat, wenn du Seinen allerheiligsten Willen völlig werktätig beachten wirst. [HGt.02_272,12] Im Gegenteile aber läßt Er jedermann sitzen bis in den Tod; und wer da sich um Ihn nicht kümmert und hängt nur sorglich an der Welt, um den kümmert auch der Herr Sich nicht und läßt ihn gehen seine Wege, die ihn allzeit sicherst ins Verderben und so in den ewigen Tod ziehen. [HGt.02_272,13] Also sei alle deine Sorge in Gott, und Sein heiligster Wille sei alle deine Tatkraft, so wird dir Gott getreu sein allezeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_272,14] Nach dieser Rede entfernte sich der Henoch mit den sieben durch die Kraft Gottes ebenfalls so plötzlich, daß der Lamech nicht wußte, wie er sich die Sache erklären sollte. [HGt.02_272,15] Aber der Terhad sagte zum Lamech: „Weil diese wahre Kinder des Herrn sind, so sind sie Ihm ja auch gleich in allem, da Er ihnen ist alles in allem! [HGt.02_272,16] Werde Er auch uns also nach unserer Liebe zu Ihm, und wir werden sein diesen gleich! Aber Sein Wille muß uns heilig sein, wie er es diesen ist ohne Vergleich! [HGt.02_272,17] Also wundern wir uns dessen nicht, sondern begeben uns dafür an das anbefohlene Werk! Gottes Wille geschehe allezeit und ewig! Amen.“ [HGt.02_272,18] Der Lamech begriff sogleich diese Worte und berief den Mura und den Thubalkain zu sich und beriet sich über den neuen Tempelbau mit ihnen. [HGt.02_272,19] Der Mura entwarf den Plan, und am nächsten Tage schon wurden tausend Hände ans Werk gelegt. 273. Kapitel — Henoch und die sieben Boten auf dem Weg zur Höhe. Das Abenteuer mit dem Drachen. Des Drachen Lügenrede über Gott und Seine Schöpfung[HGt.02_273,01] Der Henoch, Kisehel, Sethlahem, Joram und die andern vier Brüder, die da hießen Hil, Bael, Julel und Darel, aber wurden nur siebentausend Schritte von der Kraft des Herrn außerhalb der Stadt, wo der Höhe Fuß begann, entrückt. [HGt.02_273,02] Allda wurden sie alle dann wieder ihrer eigenen Kraft anheimgegeben und gingen von da Schritt für Schritt die Berge hinan. [HGt.02_273,03] Unterwegs aber, als sie ungefähr den halben Weg mochten zurückgelegt haben und gerade an einer großen Gebirgshöhle vorüberzogen, siehe, da kroch alsbald ein mächtiger Drache aus der Höhle und verlegte den Reisenden den Weg. [HGt.02_273,04] Seine Gestalt war ein schrecklicher Anblick, und seine Kraft dräute die Berge zu verschlingen; seine Augen waren wie kochendes Erz, sein Rachen gleich einer gähnenden Erdkluft, aus der da hervorbräche ein dichter Qualm, mit dumpfen Flammen untermengt; sein Kopf glich dem eines Wolfes der Form nach, war aber an und für sich größer denn ein Riesenochse; sein Hals aber war gleich dem eines Leviathans, welcher ist des Meeres größtes und mächtigstes Ungeheuer; sein Leib, mit mächtigen Schuppen und flügelartigen, scharfgespitzten Doppelflossen bedeckt und versehen, hatte einen Umfang von sechshundertsechsundsechzig Ellen; seine Füße glichen mächtigen entwurzelten Eichen, und sein Schweif, eben auch sechshundertsechsundsechzig Ellen vom Leibe an lang und mit Schuppen bedeckt, war in sieben Ringe gewunden. [HGt.02_273,05] Also sah der Drache schrecklich aus und gebärdete sich, als wollte er unsere Wanderer verderben oder sie wenigstens zu einem Kampfe auffordern. [HGt.02_273,06] Da der Henoch aber gar wohl erkannte die arge Natur des Ungeheuers, so sprach er den Drachen folgendermaßen an: „Höre, du Auswurf der Schöpfung, du eigenmächtiger Bildner dieser deiner scheußlichsten Truggestalt, ich kenne deine Wesenheit und kenne deinen Sinn! Mich wirst du ewig nimmer täuschen, also wie du mich bis jetzt nie hast zu täuschen vermocht! Denn meine Liebe zu Gott ist mächtiger als alle deine Kraft, und aus ihr geht ein großes, heiliges Licht hervor, in welchem Lichte du nackt vor mir stehst in aller deiner grundlosen Tücke; aber diese deine arge Tücke ist eine ebenso große Schwäche, die meine Liebe mit einem Hauche verwehen kann. [HGt.02_273,07] Solches sei dir offen gesagt, auf daß du erfahrest, vor wem du stehest! Ich, Henoch, der alleinige Hohepriester Gottes auf Erden, aber sage und gebiete es nun dir im Namen meines und deines Gottes und Herrn, daß du weichest von dieser Stelle und zueilest dem Meere deiner grundlosen Bosheit und nie mehr dann betretest diese Gegend, sondern verweilest in deinem Grunde und nährest dich dort vom Schlamme deiner Tücke! [HGt.02_273,08] Also weiche und fliehe, und laß es nicht darauf ankommen, daß ich dich anrühren möchte mit meinem Finger; denn da weißt du schon seit gar lange her, welch ein Los dir solch eine Anrührung bereiten dürfte! – Also weiche und fliehe im Namen des Herrn! Amen.“ [HGt.02_273,09] Hier wandte sich der Drache gen Henoch und sprach mit einer Stimme, wie die da ist einer Hure: „Ja, Henoch, ich kenne dich, und keiner von euch ist mir unbekannt, da ich euch allen bin ein fester Grund vom Anfange! [HGt.02_273,10] Denn ehe noch eine Sonne leuchtete am Firmamente, und ehe noch an die Gestaltung der Dinge und Wesen aller Art gedacht wurde, war ich als ein erster Ausgang aus Gott allein da. In mir hat Sich die Gottheit geteilt, und ich war das Licht in Gott; und Gott sah, daß das Licht mächtiger war denn Er und geriet darob in große Furcht vor der Macht des Lichtes. [HGt.02_273,11] Dennoch aber ließ Er das Licht Ewigkeiten hindurch heller und heller leuchten, da Er also bedachte, als müsse sich dadurch das Licht verzehren und somit schwächen vor Ihm, auf daß Er in Seiner Wesenheit daraus vollends wieder erstarke. [HGt.02_273,12] Ich aber, als das freie Licht in Gott, sah doch gar leicht ein, welchen Plan der ewige Urgott gefaßt hatte und sah auch ein, daß ich bei aller meiner ewig weit gedehnten Macht Seiner Urgrundmacht ewig nie werde trotzen können; daher sprach ich in gar sanften Tönen zu Ihm: [HGt.02_273,13] ,Höre, du mein ewiger, unbesiegbarer Urgrund! Da Du Dich vor meiner Macht fürchtest, als wäre sie größer denn die Deine, die mich doch werden hieß, so nimm all dies Dein Licht von mir, und gib mir bloß nur ein Dasein, das Dir gegenüberstehe und Dich betrachte und sich mit Dir bespreche!‘ [HGt.02_273,14] Gott aber, statt mich zu erhören, ergrimmte nur, schuf aus Sich andere Wesen und stellte sie mir als Herren gegenüber und befahl ihnen, mich zu fangen in meinem Zentrum und dann auf allen Punkten der Unendlichkeit. [HGt.02_273,15] Also ward ich gefangen ohne Grund. Es wurde mir alles genommen bis auf den Grund meiner Wesenheit, und was du hier siehst, ist alles, was mir allerunschuldigstermaßen belassen ward, – also nichts als diese elendeste Gestalt, das Bewußtsein dessen, was ich war, und die alleinige Fähigkeit, Böses zu tun, damit ja nie ein erbarmender Grund für mich ewig mehr entstehen solle, und dann auch noch dazu die volle Erkenntnis des göttlichen Willens, dazu aber der stets verkehrte Tätigkeitssinn! [HGt.02_273,16] Ich bin ein ewig verfluchtes Wesen ohne Grund, bloß weil es Gottes Grimm so haben will; ich muß ein Teufel sein aus dem Zorne Gottes; ich muß darum ewig leiden und von aller Wesenheit verflucht sein, weil es die göttliche Grimm- und Zornlaune so haben will. [HGt.02_273,17] O Henoch, ich bin ein gar armseligstes Wesen! Ich muß solches ewig allerbitterst empfinden, und doch ist es mir ewig unmöglich, mich zu bessern! Mir ist alle Möglichkeit zur Umkehr für ewig abgeschnitten, und ich kann diese meine Gestalt nicht ändern! Ich muß lügen und betrügen, um mich einer desto größeren Rache Gottes fähig zu machen! Ich muß das Gute und Wahre begierlichst schauen, muß aber durch den mir eingeschaffenen Grimm nur Böses tun, um dadurch verdammlicher und strafbarer zu werden! [HGt.02_273,18] O Henoch, das ist ein arger Zustand für mich! Wird denn meiner sich ewig niemand mehr erbarmen? [HGt.02_273,19] O Henoch, schaffe mich daher nicht von hier; mache mich nicht noch unseliger, als ich es ohnehin bin! Kannst du mich aber auf ewig vernichten und verwehen, so tue es, und das Bewußtsein an solche Tat soll dir mein ewiger Dank sein!“ 274. Kapitel — Wechselrede Henochs mit dem Drachen. Der Drache verschwindet[HGt.02_274,01] Der Henoch aber faßte den Drachen fest ins Auge und sagte zu ihm in einem ernstlich-lieblichen Tone: „Gut, du armseligstes Wesen, ich habe deine Klage gegen Gott von dir vernommen und habe sie auch ganz verstanden! [HGt.02_274,02] Wenn es also ist, dann bist du wahrlich das beklagenswerteste Geschöpf in der ganzen Unendlichkeit! [HGt.02_274,03] Denn elender und unglückseliger kann da wohl kein Wesen gedacht werden als ein solches, das da das Gute und Wahre in aller Tiefe erkennen muß, dazu noch den höchsten Trieb haben muß, dasselbe zu tun, und so es nach dem Triebe im vollsten Ernste tätig werden will, da ergreift es alsbald die Gottheit mit Ihrem Grimm und treibt es wider den eigenen Willen und die gute Erkenntnis an, Böses zu tun, damit dann für die Gottheit dadurch sich an dem unglücklichen Wesen ein neuer Grund bilde, vermöge dessen es dann von Seite der allerlieblosesten und ungerechtesten Gottheit sich einer neuen und allezeit mächtigeren Verdammnis schuldig machen muß. [HGt.02_274,04] Wenn es denn aber also ist, so sage mir, wie es denn kommt, daß der Herr gegen uns so gnädig und barmherzig ist, daß wir darum nicht umhin können, Ihn fürs erste als die allerreinste, ewige, unendliche Liebe anzuerkennen und Ihn darum auch über alles zu lieben, und fürs zweite daneben noch alleroffenkundigst von Ihm Selbst zu erfahren, daß Er als der allerliebevollste Vater alles nur mögliche aufgeboten hat und noch ferner ebenso alles Erdenkliche aufbieten will, um nur dir deinen ewigen Starrsinn zu brechen, auf daß du wieder gewonnen werden möchtest?! [HGt.02_274,05] Ja, sage mir, wie es denn kommt, daß der Herr die ganze sichtbare Schöpfung allein deinetwegen hervorrief, um durch die harte Probe des materiellen Todes dich wieder zur völligen Umkehr zu bewegen, und du dennoch nicht zum Vater zurückkehren willst und der Vater nun genötigt ist durch Seine endlose Liebe, deine totale Lebenskraft in ein zahlloses spezielles Leben der Menschen auf dieser Erde, wie auf den zahllosen anderen Weltkörpern zu zerteilen und dich auf diese Art deines Eigensinnes ledig zu machen und dich also auch in uns Menschen geteilt wieder zurückzuführen, weil du ungeteilt dich dazu wohl ewig nimmer entschließen würdest?! Sage, sage mir, wie denn solches kommt, und ich will dir dann ja tun, was du von mir verlangt hast!“ [HGt.02_274,06] Hier öffnete wieder der Drache seinen Mund und sprach zum Henoch: „O du unzeitiger Mensch! Du weißt noch nicht, wie tausend Jahre der Erde schmecken, und willst Gott, den Ewigen, schon besser kennen denn ich, der ich doch schon Ewigkeiten Ihn geschmeckt habe in allen Seinen Wendungen?! O siehe, wie endlos schwach und töricht du bist! [HGt.02_274,07] Höre, ich will dir deine gar jungen Augen öffnen, auf daß du nur wenigstens ein Fünklein erschauen sollest, wie es mit deinem von dir vermeintlich erkannten Gotte steht! Und so höre denn! [HGt.02_274,08] Solche Schöpfungen, wie diese gegenwärtige da ist, kenne ich schon zu zahllosen großen Milliarden! Eine jede bestand etwa eine große Milliarde von Erdjahren (NB.: Eine solche große Milliarde ist eine Zahl, bei der man zu der Einheit (1) neunhundert Nullen rechts hinstellt), für dich, armer junger Mensch, schon an und für sich eine undenkliche Zahl! [HGt.02_274,09] Wenn solch eine Schöpfungszeit abgelaufen ist und Gott Seiner Geschöpfe satt geworden ist, dann ließ Er dies Sein großes Gedankenspiel wieder fahren, das heißt – wohlverstanden! – Er machte die ganze endlose Schöpfung wieder zunichte, und es bestand dann wieder eine endlose Leere mehrere große Milliarden von deinen Erdjahren hindurch, und außer Ihm und mir, der ich mich aller Vernichtung allezeit gar mächtigst habe widersetzen können, da ich ein wesenhaftester Teil der Gottheit selbst bin und allezeit war, bestand nichts. [HGt.02_274,10] Wenn dann wieder die Gottheit in solch einer für dich allerundenklichsten Zeit einen neuen großen Schöpfungsplan aufgestellt hatte, dann ging es bald wieder ans Erschaffen los, und wenn die Schöpfung ihre Zeit wieder also durchgemacht hatte und die Gottheit Ihrer Geschöpfe abermals satt und müde geworden war, dann wurde es bald wieder gar mit solch einer neuen Schöpfung, die gänzliche Vernichtung aller Dinge, die ohnehin nichts sind als auf eine bestimmte Zeit fixierte Gedanken Gottes nur, erfolgte, und eine wie ewige Leere trat wieder an die Stelle der früheren Schöpfungspracht. [HGt.02_274,11] Daß Gott solches stets in Seinem urewigen Macht- und Unterhaltungsplane führt, kannst du ja schon auf der Erde erschauen, da die Dinge immer zwischen dem Entstehen, Bestehen und Vergehen wechseln. Heute siehst du eine Blume herrlichst erblühen, morgen erstirbt sie schon wieder und wird dann für ewig zunichte, und so geht es mit zahllosen Dingen im Großen wie im Kleinen ewig fort! Davon bin ich schon ein gar alter, unzerstörbarer Zeuge. [HGt.02_274,12] Wenn du demnach an ein ewiges Leben glaubst, da bist du sehr irrig daran; denn außer Gott und mir hat nichts einen ewigen und somit unzerstörbaren Bestand, – Gott, weil Er in Sich Selbst urwesentlich im eigentümlichsten ewigen Sein ist, und ich, weil ich kein Gedanke, wie du und alle die Schöpfung aus Gott, sondern ein unzerstörbarer, wesenhafter, getrennter Teil der Gottheit Selbst bin! [HGt.02_274,13] So du demnach aber fragst, wie es kommt, daß trotz aller Mühe Gottes ich aber dennoch nicht umkehren will, während du Ihn doch als die reinste Liebe gefunden hast, da sage ich dir: Der Grund liegt nun ja offen am Tage vor dir und ist kein anderer als der: weil ich Gott urgründlich kenne, – was dir ewig unmöglich sein wird, da du fürs erste die Ewigkeit, wie sie war, unmöglich als eine Ephemeride fassen kannst – und ebensowenig, wie sie fürder sein wird! [HGt.02_274,14] Du könntest zwar mit deiner jetzigen Lebenskraft, die ebenfalls ein überaus kleiner Teil des göttlichen Wesens ist, dich von Gott gleich mir völlig trennen und also auch einen ewigen Bestand nehmen, wenn du es verstündest; würdest du aber solches tun, so würde dich aber dann die endlos größere Macht der Gottheit ebenso schrecklichst behandeln, wie Sie nun mich behandelt, und du hättest dann mit deinem ewigen Bestande überaus wenig gewonnen, da es doch besser ist, nicht zu sein, als also zu sein, wie ich bin! [HGt.02_274,15] Da ich aber darum dieses ewigen Wankelwaltens der Gottheit nun einmal im vollsten Ernste satt und müde geworden bin, so habe ich bei mir nun auch zwei Dinge beschlossen: entweder Gott Seiner Macht für ewig gänzlich zu entsetzen und alle Seine Macht an mich zu reißen, um dann endlich eine wahrhaft ewige Bestandordnung zu gründen für alle Geschöpfe, – oder, sollte mir solches nicht gelingen, so will ich mich aber für den zweiten Fall selbst auf ewig töten, um dadurch der Gottheit Selbst ein ewiges Ende zu machen! [HGt.02_274,16] Denn wie oft schon habe ich die Gottheit gebeten, in der Schöpfung eine ewige feste Bestandordnung zu gründen; allein es war allezeit alles rein umsonst! [HGt.02_274,17] Mein Licht wollte ich Ihr zurückstellen; Sie nahm mich durch andere, ephemeridisch geschaffene Wesen gefangen. Da Sie mich aber dennoch nicht zu überwinden vermochte, so beließ sie mir ein elendestes Dasein, da meine frühere Wesenheit aus ihrem unbegrenzten Sein in diese Gestalt zusammenschrumpfte. [HGt.02_274,18] Nun aber erst ersieht die Gottheit in meinem Lichte, daß ich Ihr jetzt bei weitem gefährlicher bin denn in meiner früheren Allheit; daher gibt Sie Sich auch alle Mühe, mich zu fangen! [HGt.02_274,19] Aber du kannst samt deinem Liebegotte völlig versichert sein, daß Ihr solches ewig nie gelingen soll! Eher will ich mich und die Gottheit töten, als mich Ihr gefangen geben, damit Sie dann einen desto freieren Spielraum bekäme, zu erschaffen und dann nach Laune das Geschaffene wieder zu vernichten! [HGt.02_274,20] Daher werden die denkenden Wesen von der Gottheit auch stets zur Demut geleitet, damit es ja keinem gelingen soll, sich der göttlichen Laune ledig zu machen! [HGt.02_274,21] Ich aber habe diesmal fest beschlossen, der Gottheit einen Streich zu spielen, der Ihr Ihre Launen vertreiben soll auf ewig! Wahrlich, diesmal will ich Ihr meine Macht zeigen und will Sie züchtigen wie einen alten Verbrecher! – Verstehe du, Henoch, solches! Amen!“ [HGt.02_274,22] Hier verschwand der Drache plötzlich. 275. Kapitel — Die berückende Wirkung der Drachenrede auf die sieben Boten. Henochs lichtvolle Darlegung der völligen Nichtigkeit der Lügenrede des Drachen. Die Ursachen der Versuchung[HGt.02_275,01] Bei dieser Rede des Drachen fing es bis auf den Henoch all den andern sieben Boten ganz gewaltig zu schwindeln an, so zwar, daß sie sich weder zu raten noch zu helfen wußten. [HGt.02_275,02] Da der Henoch aber gar bald solches bei ihnen merkte, so fragte er auch alsbald den Kisehel, was ihm denn wohl bei dieser Rede des Drachen also sehr befangend vorkomme. [HGt.02_275,03] Und der Kisehel erwiderte laut dem Henoch: „Du fragst mich, da du doch des Herrn alleiniger erleuchteter Hoherpriester bist?! Siehe, es wird sich aber besser schicken, wenn ich dich frage, was du von dem allem hältst! Und so habe ich nun an dich die Frage gestellt; beantworte sie mir, so es dir in gewissen Punkten möglich ist! [HGt.02_275,04] Die Sache ist von der entsetzlich größten Wichtigkeit! Daher werde ich dir auch bei der Gelegenheit die gehörigen Einwendungen machen, welche du zu beschlichten haben sollst; denn hier haben wir alle des allermächtigsten Lichtes vonnöten, wollen wir nicht in den vernichtenden Tod übergehen! Und so rede du, Bruder Henoch, was du zu dieser Drachenrede gültigst einzuwenden hast, und zeige mir, was wir alle von ihr im Ernste zu halten haben!“ [HGt.02_275,05] Und der Henoch erwiderte dem Kisehel: „Aber höre, Bruder! Wenn man das, was von dieser Drachenrede zu halten ist, nicht auf den ersten Augenblick erschaut, da muß man doch noch so ziemlich blind sein! Wie gebrauchst denn du die Gnade des heiligen Vaters, daß du mir da mit einer solchen Frage kommen kannst? [HGt.02_275,06] Das hat ja bei dir im Ernste einen Schein, als hättest du dich von dieser allerlügenhaftesten Rede des Erzfeindes des Herrn berücken lassen?! [HGt.02_275,07] Hast du denn nicht gemerkt, wie er von einem Extrem zum andern sprang und sich selbst allergewaltigst widersprochen hat?! [HGt.02_275,08] Hat er mich nicht gebeten, daß ich ihn vernichten solle?! Und nun am Ende tat er so mächtig, als hinge die Erhaltung Gottes Selbst von der seinigen ab! [HGt.02_275,09] Hat er nicht gesagt, wie im höchsten undenklichsten Grade er vom Herrn allezeit auf die liebloseste und ungerechteste Weise geleitet, getrieben und dann auf das allerunbarmherzigste verdammlichst gezüchtigt wird?! Und nun am Ende brach er selbst in eine Grimmwut aus und beteuerte, er wolle und werde den Herrn züchtigen wie einen alten Verbrecher! [HGt.02_275,10] Maßte er sich auf der einen Seite nicht eine übergöttliche Macht an?! Und auf der andern Seite läßt er sich von neugeschaffenen Ephemeriden gefangennehmen, und das in der ganzen Unendlichkeit zugleich, und muß sich begnügen mit dieser seiner elendesten Gestalt! [HGt.02_275,11] Sagte er nicht, die Gottheit sehe erst jetzt ein, daß er Ihr in dieser seiner Gestalt am gefährlichsten ist?! Somit muß diese Gestalt für ihn als den größten Feind Gottes ja eben doch die vorteilhafteste sein! Wie nannte er sie denn aber früher eine allerelendeste?! [HGt.02_275,12] Muß er in diesem Falle nicht einmal die Gestalt Gottes als die beste ansehen, so er dagegen die seine als eine elendeste bezeichnet, und im Gegenteile doch wieder die seine für die unvergleichlich vollkommenere halten, da er sich in dieser Gott als seinem Feinde am allergefährlichsten wähnt?! [HGt.02_275,13] Einmal bezeichnete er die ganze herrliche Schöpfung als ein loses, launenhaftes Gedankenspiel der Gottheit, dazu wir also auch gehören; gleich darauf aber gesteht er doch wieder ein, daß unsere Lebenskraft ein kleinstes Teilchen der wirklich göttlichen Wesenheit sei, welches sich sogar etwa gar nach seiner Art vor der Zerstörung sichern könnte, ohne jedoch dabei etwas zu gewinnen! [HGt.02_275,14] Siehe, also ist alles voll der grellsten Widersprüche! Wie kann es da wohl möglich sein, daß du als ein hoch geweckter Bote des Herrn solches nicht auf den ersten Augenblick hast einsehen mögen? [HGt.02_275,15] Warum verbarg sich denn der große Lügner nun so schnell? Hätte er die Wahrheit geredet, da hätte er fürwahr solches zu tun nicht vonnöten gehabt; da er aber den Braten gerochen hat, der ihm von meiner Seite dagegen wäre aufgetischt worden, so floh er auch eiligst uns aus dem Gesichte, um von mir ja zu keiner weiteren Verantwortung gezogen zu werden. [HGt.02_275,16] Ist das doch seine alte, leicht erkennbare Trugmanier, durch welche er sich dem Vater Adam entwand und ihn dann selbst zum Falle zweifach brachte, einmal bei der ungesegneten Zeugung, und das andere Mal bei der Entweihung des Tages des Herrn! Und du kannst da mich noch fragen in einem Sinne, als möchtest du dem alten Erzlügner und Betrüger Glauben schenken?! [HGt.02_275,17] O wehe dir, du heilige Höhe des Herrn! Wenn deine Kinder so leicht den Trugworten des Drachen glauben, so wirst du dich noch einmal vor der Tiefe schämen müssen und wirst über dieselbe herfallen wie ein Geier und wirst sie verderben bis in den innersten Grund! [HGt.02_275,18] Ja, die Kinder Gottes werden das Gericht herbeilocken, während die Kinder der Welt für sich bis ans Ende der Welt getreu verbleiben möchten! [HGt.02_275,19] So wir aber als die Stütze der Welt zu wanken anfangen, was wird dann wohl mit der Welt werden?! [HGt.02_275,20] Ich sage euch, meine lieben Brüder, aber: Selig und wahrhaft glücklich ist der, der die Anfechtung erduldet; denn nachdem er bewährt worden ist, wird er erst das wahre Ziel des Lebens empfangen, welches uns allen der heilige, liebevollste Vater verheißen hat, so wir Ihn wahrhaft von ganzem Herzen liebhaben. [HGt.02_275,21] Du aber behaupte nun ja nicht etwa, als habe uns nun der Vater versucht; denn also versucht der gute Vater wohl niemanden zum Argen, und Er braucht niemanden zu versuchen. Aber Er sah in dir noch einen finstern Lustreiz, und so hatte Er es zugelassen, daß dieser aus dir trat und du ihn hast nun beschauen müssen und selbst erfahren, ob du keine Lust mehr daran hast. [HGt.02_275,22] Du aber hast noch eine gläubige Lust gezeigt; also wisse denn auch, daß, so jemand eine Lust im Falschen gezeigt hat, der hat auch das Falsche mit der Lust empfangen, und solches ist ein Same der Sünde! Wenn aber dann die Sünde ausgeboren wird in ihrer Reife, da gebiert sie auch alsbald den Tod, welcher in ihr ist. [HGt.02_275,23] Wollet euch sonach nicht irren, liebe Brüder; denn alle gute Gabe und alle wahrhaftige, vollkommene Spende kommt nur vom Vater alles Lichtes und alles Lebens her. In Ihm ist keine Veränderung, noch irgendein Wechsel ewig; wie Er ist, so war Er von Ewigkeit. [HGt.02_275,24] Er hat uns gezeugt als Erstlinge Seiner Kreatur aus Seiner Liebe nach Seinem Willen durch Sein ewiges Wort der Wahrheit, und so sind wir auch Erstlinge und nicht Milliardlinge nach des Drachen Lüge. Dieses hat uns der Vater geoffenbart. [HGt.02_275,25] Ich meine aber, der gute, heilige Vater wird doch mehr Glauben verdienen denn der Lügendrache?! – Und so lasset uns denn im Frieden weiterziehen! Amen.“ 276. Kapitel — Die Ankunft und der Empfang auf der Höhe. Henochs Mahnrede an Kisehel, der sich vor dem Herrn fürchtet. Uranions Frage nach dem Zustande der Tiefe und Henochs Bericht[HGt.02_276,01] Diese Rede Henochs genügte vollkommen, um die andern wieder zurechtzubringen, und so denn zogen sie hinauf und gelangten in sieben Stunden nach jetziger Zeitbestimmung schon zu den Kindern des Morgens. [HGt.02_276,02] Und als diese des Henoch und der andern sieben ansichtig wurden, da eilten sie alsbald hin in die Hütte des Uranion und verkündeten solches ihm und denen seines Stammes, nämlich, daß sich der Hohepriester Henoch mit den andern sieben, die aus dem Mittage sind, nahe. [HGt.02_276,03] Bei dieser Nachricht erhob sich alles urplötzlich und eilte mit ausgebreiteten Armen den Kommenden entgegen. [HGt.02_276,04] Auch die herrliche Purista mangelte nicht und war wohl die erste, die sich dem Henoch in die Arme stürzte und ihm fast außer Atem mit der größten überraschendsten Freude ihres Gemütes ankündigte, daß der überheilige Vater vor drei Schattenwenden zu ihr in die neue Küche gekommen sei und ihr anbefohlen habe, dem sich der Höhe nahenden Henoch und den andern sieben Boten ein gutes Liebesmahl zu bereiten und dann ihnen auch zu vermelden, daß Er sie in der Hütte der Liebe treffen werde. [HGt.02_276,05] Als der Henoch und all die andern solche Nachricht aus dem Munde der Purista vernommen hatten, da ward der Henoch überfröhlich, grüßte und segnete alle, die ihm entgegenkamen, und dann auch alle, die ihm nicht hatten entgegenzukommen vermocht. [HGt.02_276,06] Desgleichen tat auch der Kisehel mit den andern. Aber was da die Freude über die Nachricht der herrlichen Purista betrifft, so war diese eher eine Furcht zu nennen; denn die Geschichte mit dem Drachen schwebte ihm noch zu lebhaft vor den Augen, als daß er sich nicht erinnern sollte, wie nahe er daran war, über die Trugklinge des Drachen zu springen. [HGt.02_276,07] Da aber der Henoch solches merkte, so sagte er alsbald zum Kisehel, wie auch zu den anderen sechsen mit dem Kisehel: „Höret, mitnichten gefällt mir euer Herz, darum es sich vor dem Vater fürchtet! [HGt.02_276,08] Kisehel, weißt du noch, als du eigenwillig aus deiner alten, falschen Begründung heraus dem Vater der Herrlichkeit am großen Sabbate widerstrebtest?! Was geschah dir da wohl? – Siehe, da hast du große Gnade und Erbarmung nur gefunden! [HGt.02_276,09] So du aber solches doch noch sicher weißt, wie mag es dich nun denn wohl also bangen vor Ihm, während du nur vom Drachen gehechelt wurdest, aber jeder freie Wille zum Falle dir mangelte?! [HGt.02_276,10] Daher sei du ein Mann und ein würdiger Sohn Adams, aber nicht ein törichter Feigling, und freue dich darum des Vaters aus dem tiefsten Liebegrunde deines Herzens, so wird Er dich stärken in dem Punkte, in welchem du noch schwach bist! [HGt.02_276,11] Fürchtest du dich aber vor Ihm, so kannst du aber auch versichert sein, daß dir die Furcht bleiben wird zur Untergrabung deiner Liebe zu Gott, und der Vater wird Sich, deine Schwachheit schonend, dir nicht zu zeigen vermögen! [HGt.02_276,12] Glaube mir, mein Bruder Kisehel, nicht der Herr straft den Ungerechten, sondern solches tut der Ungerechte selbst; denn seine Tat hat sein Herz erfüllt mit großer geheimer Furcht vor Gott, und die Furcht ist dann der Schöpfer des Gerichtes und der Strafe im eigenen Herzen. [HGt.02_276,13] Mit dem Herzen aber sich jemand durch seine mächtige Liebe zum Vater das ewige himmlische Leben bereiten kann, mit ebendemselben Herzen aber kann er auch der Schöpfer seines eigenen Todeskerkers sein. [HGt.02_276,14] Daher laß ab von deiner Furcht, und freue dich im Herrn, so wird Er dich aufnehmen mit offenen Armen und wird dich stärken zu jedem Kampfe! [HGt.02_276,15] Laß fahren die Geschichte des Drachen, und denke, wessen Geistes Kind er ist aus sich, und du kannst versichert sein, der Vater wird dir über den Drachen deine innerste Sehe also öffnen, daß du darob in der Tiefe der Tiefen seine Wesenheit ganz überklar erschauen wirst! Dieses wünsche ich dir und allen aus meinem innersten Liebegrunde. [HGt.02_276,16] Und so denn lasset uns zueilen der Hütte der Purista und alldort erwarten mit dem liebesehnsüchtigsten Herzen den heiligen, liebevollsten Vater! Amen.“ [HGt.02_276,17] Nach dieser guten Vermahnung wandte sich der alte Uranion an den Henoch und fragte ihn, wie es denn nun in der Tiefe aussehe. [HGt.02_276,18] Und der Henoch sagte darauf zu ihm: „Höre, was da nun die Tiefe betrifft, so bleibt sie wohl noch in naturmäßiger Hinsicht, das heißt gegen die Berge gehalten, eine Tiefe; im Geiste ist sie aber eine völlig wahre Höhe geworden, die leichtlich die unsrige überragen wird! [HGt.02_276,19] Lamech, der ehedem so fürchterliche, grausame Wüterich der Tiefe, ist nun mir gleich ein Liebesachwalter des Herrn geworden, und der Herr hat ihn, so wie mich, persönlich dazu gesegnet! Mehr brauche ich euch allen vorderhand nicht zu sagen; in der Gegenwart des Herrn aber werdet ihr zu eurer größten Freude alles erfahren! [HGt.02_276,20] Sende du, Uranion, aber alsbald den Lamel hin zum Adam, zum Seth und all den anderen Stammvätern, dann zum Sehel, dem großen Sohne Seths, und so auch zum Hored, dem Bruder Lamels, und seinem Weibe Naëme, auf daß sie sich alle samt den Weibern hierher begeben möchten; denn jetzt müssen sie gegenwärtig sein, um zu vernehmen die herrlichen Früchte aus der Tiefe! [HGt.02_276,21] Die Naëme aber soll auch vernehmen, was aus ihrem Vater geworden ist, – aber erst hier! Daher soll der Lamel auch nichts tun, als alle die Benannten hierher berufen; alles andere werden sie hier erfahren! Amen.“ [HGt.02_276,22] Und alsbald ging eilends der Lamel ab und besorgte sein Geschäft. 277. Kapitel — Die Begrüßung der Zurückgekehrten durch Adam und die Stammväter. Adams Fragesturm an den Henoch. Henochs Mahnung zur Geduld. Puras und Nalmes Zusammentreffen mit dem fremden Mann vom Mittage[HGt.02_277,01] In der Zeit von zwei Schattenwenden kamen alle die Geladenen herbei, und unser alter Adam war einer der ersten, die sich auf den Henoch völlig hingestürzt hatten. [HGt.02_277,02] Als aber der erste Liebeserguß des Wiedersehens vorüber war, in welchem sich die Stammväter vor Liebe und übergroßer Freude beinahe erdrückt hätten, da erst fragte der Adam den Henoch, sagend nämlich: [HGt.02_277,03] „O du, mein überaus geliebter Henoch, und du auch, mein Kisehel, du, Sethlahem, und du, Joram, und du, Hil, Bael, Julel und Darel, erzählet mir alles nacheinander und einer nach dem andern, wie es euch in der Tiefe ergangen ist, wie sich der Lamech benommen hat, und was da alles Erfreuliches vorgefallen ist! [HGt.02_277,04] Hat euch die Gnade und Liebe des ewigen, heiligen Vaters nie verlassen? Hat sich niemand von euch etwa von der Weiblichkeit der Tiefe berücken lassen? [HGt.02_277,05] Was ist mit der bewußten Tafel geschehen, von der uns der heilige Vater kundgab, was da der Lamech mit ihr Greuelhaftes unternommen hatte? [HGt.02_277,06] Habet ihr nicht mein beständiges Beten und Segnen in der Tiefe wahrgenommen?! [HGt.02_277,07] Denn solange ihr euch in der Tiefe aufgehalten habet, hatte ich Tag und Nacht keine Ruhe und keine Rast. Nicht aushalten konnte ich es in meinem Hause, sondern auf der Vaterhöhe brachte ich beinahe die ganze Zeit zu und betete über euch und über die Tiefe und segnete euch fortwährend. [HGt.02_277,08] Desgleichen auch taten die andern zumeist mit mir; und ganz besonders aber, muß ich dir sagen, hat die Naëme zum heiligen, allmächtigen, guten Vater fast ohne den geringsten Unterlaß gefleht um die Heilung ihres irdischen Vaters Lamech in der Tiefe, und das fortwährend mit den rührendsten Herzensworten, daß ich selbst sie nicht ohne die tiefste Rührung anhören konnte. [HGt.02_277,09] Desgleichen taten auch der Hored und die beiden Weiber Lamechs, die auch zu uns auf die Höhe gekommen sind und jetzt stets während eurer Abwesenheit sich in unserer Mitte aufhalten. [HGt.02_277,10] Noch muß ich dir, mein geliebtester Henoch, der armen Pura, des Mädchens aus der Tiefe, lobenswürdigst erwähnen. Dieses Kind setzte uns alle in das größte Erstaunen; ja, wer es nicht mit angesehen hat, der kann es gar nicht glauben! [HGt.02_277,11] Du weißt, wie schrecklich der Lamech mit ihren Eltern und Anverwandten verfuhr! Und siehe, dessenungeachtet betete niemand auf der Höhe mehr für den Lamech als eben dieses Kind, und das auf eine so ergreifende Art, mit so viel Liebe und Vertrauen zum heiligen Vater, daß ich nicht umhin konnte, fürs erste fest zu glauben, der heilige Vater sei beständig ihr allein sichtbar, und fürs zweite konnte ich mich der Meinung nicht erwehren, sie förmlich für eine wahre Tochter des heiligen Vaters anzusehen. [HGt.02_277,12] Fürwahr, Henoch, wenn du sie so gesehen und gehört hättest, du wärest selbst auf diesen Gedanken gekommen! [HGt.02_277,13] Aus diesem Grunde aber habe ich dieses Kind nun auch zu mir genommen, und wie du sie hier siehst, so habe ich sie auch jetzt mitgenommen, auf daß sie auch erfahren solle aus deinem Munde, wie es mit der Tiefe steht, für die sie so viel gebetet und so viele Seufzer zum heiligen Vater gesendet hat. [HGt.02_277,14] Siehe, liebster Henoch, und ihr auch, die ihr vor dem Henoch seid in die Tiefe gesandt worden, also ging es während eurer Abwesenheit auf der Höhe zu! [HGt.02_277,15] Ich, euer aller noch lebender irdischer Vater, habe euch solches sicher zu eurer großen Freude kundgegeben; daher aber machet ihr nun auch mir die schon so manche Tage und Nächte tiefst ersehnte Freude, und gebet mir kund, darum ich euch gefragt habe, – jedoch allein nach dem Willen des heiligen Vaters! Amen.“ [HGt.02_277,16] Hier segnete der Adam den Henoch und alle die andern wieder Angesichts. [HGt.02_277,17] Und der Henoch öffnete seinen Mund und sagte zum Adam und also auch zu all den andern: „Höre, Vater Adam, und ihr alle meine Väter und Kinder! Also hat Sich der heilige, liebevollste Vater die Freude für Sich vorbehalten, euch alles das kundzutun, was alles sich mit der Tiefe zugetragen hat, und wie es mit dieser nun steht; daher darf ich dir nun nicht alsbald deinen Wunsch erfüllen und dir enthüllen das Verhältnis der Tiefe. [HGt.02_277,18] Solches aber magst du wohl zum voraus erfahren, daß sich in der Tiefe unerhörte Dinge zugetragen haben; ja – ich sage dir – Dinge, von denen uns auf der Höhe nie etwas geträumt hat! Des kannst du völlig versichert sein! [HGt.02_277,19] Gedulde dich aber nur eine kurze Zeit, und die Enthüllung wird vor dir und euch allen leuchtend stehen wie eine Morgensonne! Darum aber mußte ich euch ja rufen lassen, auf daß euch die helle Kunde werde; also geduldet euch nur, bis der Vater kommen wird, wie Er es der Purista verheißen hat, und eurem Geiste wird das wahre Licht werden über die Tiefe! [HGt.02_277,20] Lasset uns aber nun in die Hütte der Purista treten, dahin wir beschieden sind; jedoch außer der Mutter Eva soll nach dem gegebenen Gesetze kein weibliches Wesen dieselbe betreten, und so denn sollen auch die anderen Weiber samt der Naëme und der Pura sich unterdessen in die Hütte des Uranion begeben! – Du, herrliche Purista, aber geleite uns nun in die Hütte der Liebe des Herrn! Amen.“ [HGt.02_277,21] Die Purista aber fragte den Henoch, ob es gefehlt wäre, auch wenigstens nur die arme reinste Pura und die Ghemela, des Lamech Weib, mit in die Hütte zu nehmen. [HGt.02_277,22] Der Henoch aber sagte: „Höre, wenn es auf mich ankäme, da möchte ich wohl die ganze Welt hineintreten lassen; aber ich bin kein Herr über die göttliche Ordnung! Der Herr aber hat es also angeordnet; also müssen wir auch so lange Seinen Willen in allem tun, bis Er nicht Selbst uns einen andern Tatengrund anzeigen wird. [HGt.02_277,23] Und so denn hängt es ja nicht von mir, sondern allein nur vom Herrn ab, ob die Weiber in diese Hütte nun treten dürfen oder nicht; daher tun wir nun auch, was uns geboten ist, und der Herr wird dann tun, was Ihm wohlgefällt! Amen.“ [HGt.02_277,24] Also traten die Väter, von der Purista geleitet, in die Hütte; die Weiber aber, außer der Eva, verblieben draußen. [HGt.02_277,25] Die Pura aber ging mit der Naëme etwas fürbaß, und beide flehten zu Gott und ergaben sich ganz zufrieden in ihr Schicksal, opferten ihre fromme Neugierde dem Herrn auf und lobten und priesen also seufzend den Vater voll Liebe, Gnade und Erbarmung. [HGt.02_277,26] Als diese zwei aber also seufzten, siehe, da kam alsbald vom Mittage her ein Mann und ging schnurgerade auf die zwei Seufzenden los. Als aber diese solches merkten, da wollten sie fliehen; der Mann aber setzte ihnen nach und hatte sie auch bald eingeholt. 278. Kapitel — Der fremde Mann mit Pura, Naëme und Ghemela in Unterhaltung auf dem Hügel der Zeugung. Das Entsetzen der anderen Weiber[HGt.02_278,01] Da aber der Mann die beiden eingeholt hatte, und das noch eine ziemliche Strecke früher, als es den zweien möglich gewesen wäre, die Gesellschaft der anderen Weiber zu erreichen und sich dann mit denselben in die Hütte Uranions zu flüchten, so fingen diese an, um Hilfe zu rufen. [HGt.02_278,02] Aber der Mann sagte zu ihnen: „Höret Mich an, ihr beiden, du, Naëme, und du, Pura! [HGt.02_278,03] Ich sage euch wahrlich und getreu, daß ihr euch vor Mir nicht also fürchten sollet; denn nicht irgend etwas Schlimmes habe Ich mit euch vor, sondern nur etwas überaus Gutes, nur etwas, das euch im höchsten Grade frommen wird! [HGt.02_278,04] Daher gehet nun ganz furchtlos mit Mir gegen die Hütte der Purista hin, und dort, etwa dreißig Schritte vor der Hütte, wo da steht in der Mitte eines kleinen Rasenhügels eine schöne Zeder, wollen wir uns miteinander von gar herrlichen und wichtigen Dingen unterhalten!“ [HGt.02_278,05] Als die beiden solches vernommen hatten von dem Manne, da ward es ihnen leichter ums Herz, und die Pura bekam so viel Mut, daß sie es wagte, den Mann zu fragen, wer und woher er denn sei, daß er wisse ihre Namen und wolle ihnen Gutes nur tun, da sie sich im Gegenteile doch unmöglich entsinnen könnten, ihn je ihrerseits irgendwo, weder in der Tiefe noch in der Höhe, gesehen zu haben. [HGt.02_278,06] Der Mann aber sagte darauf zu ihnen: „Meine geliebten Töchter eines überaus guten Vaters, ist denn das in der jetzigen schon sehr volkreichen Zeit etwas Wunderbares?! [HGt.02_278,07] Sehet, ihr seid auf der Vollhöhe der Hauptstammväter zu Hause, und diese werden ja alle samt und sämtlich von allen Bewohnern der Höhe gar wohl gekannt; somit werdet auch ihr gekannt, da ihr, wie schon gesagt, bei den Hauptstammvätern zu Hause seid! Wenn Ich euch sonach auch gar wohl erkenne, was Wunders ist da wohl? [HGt.02_278,08] Woher und wer Ich aber bin, solches werdet ihr doch auch gar wohl ohne vieles Nachdenken erraten können! Denn fürs erste habt ihr Mich vom Mittage herkommen sehen, und da ist ja das Woher schon von selbst beantwortet; denn woher Ich komme, von daher bin Ich auch. [HGt.02_278,09] So ihr aber in Mir doch sicher einen Menschen und durchaus keinen Vogel oder ein anderes Getier erschauet, da wird das ,Wer Ich sei‘ doch noch klarer vor euch stehen denn das Woher! [HGt.02_278,10] Daher fraget Mich nicht mehr um Dinge, die euch, insoweit es vorderhand not tut, von selbst doch gar gewaltigst in die Augen springen, sondern begebet euch dafür lieber alsbald mit Mir auf den vorbestimmten Platz! Dort werde Ich euch alles klärlichst dartun, wie sich's nun mit der Tiefe verhält; denn Ich war Zeuge vom Anfange bis zum Ende von allem, was sich in der Zeit in der Tiefe zugetragen hat, und weiß sogar ganz bestimmt, was sich heute in der Tiefe zuträgt. [HGt.02_278,11] Daher also gehet mit Mir, damit ihr zu euerm großen Troste solches alles ehedem erfahret denn alle die andern in der Hütte der Purista; denn ihr habet für die Errettung der Tiefe vor dem Untergange Meines Wissens doch ja auch in dieser Zeit am meisten und am lebendigsten zu Gott Tag und Nacht gefleht! Darum ist solches auch billig, und also folget Mir!“ [HGt.02_278,12] Auf solche Zusicherungen kehrten die beiden sich alsbald nach dem Willen des Mannes und gingen dann ohne weitere Furcht auch alsbald mit Ihm auf den vorbestimmten Platz. [HGt.02_278,13] Es wußten aber die beiden nicht, daß dieser Platz ein geheiligter war, den kein weibliches Wesen betreten durfte; daher geschah es denn auch, als die andern Weiber von der Hütte des Uranion her solches bemerkten, daß sich die zwei gar mit einem fremden Manne auf diesen geheiligten Platz begaben, daß sie hinzuliefen und ihnen gar ängstlich solches anzeigten. Selbst die Ghemela rief die beiden ängstlich zurück. [HGt.02_278,14] Der Mann aber fragte die Weiber und ganz besonders die Ghemela: „Was soll's denn da mit diesem Platze? Ist nicht die ganze Erde von Gott erschaffen und somit allenthalben gleich geheiligt?! [HGt.02_278,15] Ist es euch Weibern nicht gestattet, wegen der Heiligkeit dieser Stelle eben diese Stelle zu betreten, da könnet ihr wohl alsbald von der ganzen Erde abziehen; denn weniger heilig ist kein Platz auf ihr – denn dieser da! [HGt.02_278,16] Ihr habt es aber ja selbst im freilich wohl etwas töricht gesetzlichen Brauche, daß ihr euch eben unter diesem Baume vor dem Aufgange der Sonne begatten dürfet, und das also zwar, daß in dieser Morgengegend eine anderortige Begattung für eine Sünde erklärt wird! [HGt.02_278,17] Wenn ihr aber mit der fleischlichen Begierde diesen Platz nicht zu verunreinigen wähnet, so werden ihn wohl diese zwei mit ihrer reinsten geistigen Begierde in Gott noch um so weniger verunreinigen! [HGt.02_278,18] Ziehet euch daher nur wieder zurück; denn Ich werde mit Meinen beiden Geliebten nicht weichen von diesem Platze! – Dir, Ghemela, aber sei's gestattet, auch zu uns heraufzukommen; denn Ich kenne dich, daß du in deiner Liebe getreu bist!“ [HGt.02_278,19] Die Ghemela aber antwortete dem Manne: „Was verlangst du von mir? Weißt du denn nicht, daß mich der Herr dem Lamech angebunden hat, und daß mein Herz in dem Herrn zu verbleiben hat allzeit und ewig?!“ [HGt.02_278,20] Der Mann aber sprach zu ihr: „Eben, weil Ich solches gar wohl weiß, darum rufe Ich dich zu Mir herauf! Es steht aber nun, wie allzeit, bei dir, diesem Rufe zu folgen, oder nicht zu folgen! Willst du, so komme, und willst du nicht, da kehre mit den anderen wieder zur Hütte Uranions alsbald zurück!“ [HGt.02_278,21] Die Ghemela aber sagte darauf zum Manne: „Guter, weiser Mann, deine Stimme zieht mich gar gewaltig zu dir hinan; so du mich beim Lamech entschuldigen möchtest und könntest, da möchte ich ja wohl auch zu dir mich begeben!“ [HGt.02_278,22] Der Mann aber erwiderte der Ghemela, sagend: „Nicht Ich, sondern der Lamech, dein Mann, wird dich selbst entschuldigen, und das bei Mir! Daher tue, was dir gut dünkt!“ [HGt.02_278,23] Hier entriß sich die Ghemela den anderen Weibern und eilte zum Manne und den zweien hinauf und setzte sich gleich zu den Füßen des Mannes und bewunderte alsbald die erschaute Reinheit derselben. [HGt.02_278,24] Die unten stehenden Weiber aber schmollten ganz gewaltig über die Dreistigkeit des Mannes sowohl, als auch ganz besonders über die der nun drei weiblichen Wesen. [HGt.02_278,25] Und des Uranions Weib schrie laut und sagte: „Aber gerade heute muß uns solch eine unerhörte Schande begegnen, da eben in der Hütte der Herr erwartet wird! Was werden nur die Väter dazu sagen, wenn sie solcher Schande ansichtig werden?! Drei Weiber – und das die schönsten noch obendrauf! – mit einem Manne von starkem Aussehen am hellen Tage auf dem Orte der Zeugung! – O Schande, Schande, Schande!“ [HGt.02_278,26] Der Mann aber sprach: „Ja, wohl eine große Schande, – aber nicht über Mich, sondern über eure große Torheit! Gehet aber nun und schweiget, sonst werde Ich euch wohl den Mund zu binden wissen!“ [HGt.02_278,27] Hier verstummten die Weiber, und der Mann fing an, den dreien alles kundzugeben, was sich in der Tiefe zugetragen hat, und wie es nun mit der Tiefe steht. [HGt.02_278,28] Als aber solches die drei vernommen hatten in überzeugender Klarheit, da fingen sie laut zu jauchzen an und lobten und priesen Gott für solche große Erbarmung. [HGt.02_278,29] Die anderen Weiber aber meinten, der Mann habe eine Sache mit den dreien; daher liefen sie vor die Hütte der Purista und schrien zu den Männern, was draußen geschehe. 279. Kapitel — Uranions gute Antwort an die schreienden Weiber. Ghemela und der fremde Mann, der sich schließlich als der Herr zu erkennen gibt. Die Liebesszene auf dem Hügel und das Zetergeschrei der andern Weiber. Henoch und der Herr[HGt.02_279,01] Nach längerem Rufen der Weiber vor der Hütte der Purista kam endlich der Uranion heraus und fragte etwas ärgerlich dieselben, was es denn also Gefahrvollstes gebe, dessentwegen sie also gar sehr unsinnig plärreten, und ob ihnen etwa jemand das Leben nehmen wolle. [HGt.02_279,02] Die Weiber aber zeigten mit den Fingern hin auf die Rasenhöhe und sprachen: „Da siehe nur an die große Schande! Und das gerade heute, da der Herr von euch erwartet wird! Ein kräftiger, stämmiger, junger Mann, der – Gott weiß woher gekommen ist – hat gerade die drei jüngsten Weiber aufgekapert, führte sie auf den geheiligten Hügel und hat dort wahrscheinlich seine Sache mit ihnen! [HGt.02_279,03] Da! Sieh nur hin, wie ihn die drei umarmen und sich an ihn schmiegen, daß es nur eine Freude anzusehen ist! [HGt.02_279,04] Nein, diese Schande am heutigen Tage, da die Boten des Herrn mit dem erhabenen Henoch hier angelangt sind, und, wie schon bemerkt, an dem der Herr unserer Purista verheißen hatte, uns allen zu erscheinen! [HGt.02_279,05] Gehe doch hin, und treibe die Ehr' und alle Achtung Vergessenden von der Stelle wenigstens hinweg!“ [HGt.02_279,06] Uranion aber erwiderte ihnen: „Wißt ihr was? Wenn euch diese Sache gar so in die Augen sticht, da sehet nicht hin, und es wird sogleich besser gehen mit euch! Für was soll ich denn die geladenen Gäste auseinandertreiben, so sie uns nichts zuleide tun?! [HGt.02_279,07] Was aber da die geheiligte Rasenhöhe betrifft, so hat sie in der gewissen Hinsicht ja nur unter uns eine Bedeutung; für Fremde aber, die das nicht wissen, ist sie gleich wie jeder andere Platz! [HGt.02_279,08] Daher begebet euch nur wieder zur Ruhe, und störet uns nicht mehr in der Hütte, da wir des Herrn harren! Wenn der Herr aber erscheinen wird, so wird dann schon Er derlei Vergehungen zu rügen wissen; ihr aber bleibet so hübsch stille und in der Ruhe! Amen.“ [HGt.02_279,09] Nach diesen Worten verschloß der Uranion wieder die Tür der Hütte und ließ die Weiber gehen. [HGt.02_279,10] Als aber die Weiber sahen, daß sie mit ihrem Geklage nichts ausgerichtet hatten, da gaben sie sich ärgerlich zufrieden und schmähten nun nur ganz in der Stille über die drei Weiber und nicht minder auch den Mann; aber nur ganz vorzüglich waren sie auf die Weiber erbost. [HGt.02_279,11] Die Ghemela aber fragte den Mann, ob er wohl auch zugegen gewesen sei, als der Herr auf der Höhe mehrere Tage verweilt habe und habe sie gelehrt die wahren Wege des Heils. [HGt.02_279,12] Der Mann aber erwiderte der Ghemela: „Höre, du Geliebte des Herrn, – ob Ich damals zugegen war? – Sei versichert, Mir ist da nicht das Geringste entgangen! Ich weiß sogar, wie dich der Herr auf den Händen trug, wie Er die Naëme tröstete und stärkte, und wie Er diese Pura aufnahm, sie an Sein Herz drückte und ihr eine gar große Verheißung gemacht hat! Aus dem wirst du wohl entnehmen können, daß Ich damals sicher auch zugegen war!“ [HGt.02_279,13] Hier errötete die Ghemela und sagte, so ganz sehnsüchtigst seufzend, zu sich selbst: „Ach! Solch eines unendlich allerseligsten Augenblickes werde ich mich auf der Erde wohl sicher nimmer zu erfreuen haben!“ [HGt.02_279,14] Der Mann aber sprach zu ihr: „Wer weiß, was heute noch alles vor sich gehen wird, so der Herr kommen wird, – wo Er nicht etwa schon gekommen ist! [HGt.02_279,15] Ghemela, sieh Mich so recht an! Gefiele es dir denn nicht auch, dich auf Meine Arme zu setzen?“ [HGt.02_279,16] Hier blickte die Ghemela den Mann, so ganz entbrannt vor geheimer Liebe zu ihm, etwas verstohlen an und entdeckte in ihm eine starke Ähnlichkeit mit dem ihr ewig allergeliebtesten Abedam, dem Herrn und Vater Himmels und der Erde, und sagte dann nach einigem Stillschweigen: [HGt.02_279,17] „Höre, du überaus weiser und eben also auch aller Liebe würdigster Mann, deine Erzählung über den Stand der Tiefe, welche doch so lebendig war, daß ich gerade glaubte, selbst von allem dem eine Zeugin gewesen zu sein – wie solches auch soeben die Naëme und die Pura, dich liebkosend und über dich jauchzend, versicherten und noch an deinen Lenden schmachtend versichern –, war mehr als menschlich nur! [HGt.02_279,18] Wenn ich nun dich dazu noch näher betrachte und in dir noch dazu eine große Ähnlichkeit zwischen dir und dem Abedam bemerke – und dazu noch deiner Einladung süßeste Stimme mich gar so mächtig ergreift, – siehe, da möchte ich wohl mich sogleich auf deinen Arm hinwerfen, wenn die anderen Mütter nur nicht gar so schlimm wären, die dort immer gar emsig herspionieren, was wir da machen! [HGt.02_279,19] Oh, wenn es auf mich ankäme, – da wäre ich schon lange auf deinen Händen! Aber die schlimmen Mütter dort! Nein, – ich getraue mich denn doch nicht! Und wenn dann – etwa gar der Herr dazu käme – und der Lamech! – ach, da könnte es dann mit mir wohl recht schlimm aussehen! [HGt.02_279,20] Ich habe dich freilich nur deswegen so lieb, weil du gar so viel Ähnlichkeit mit dem Herrn hast und auch gerade also redest wie Er und deine Stimme auch ganz der Seinigen gleicht; das müßte mich aber auch entschuldigen! Ja, ja, das müßte mich ganz vollkommen entschuldigen! [HGt.02_279,21] Ach, ich möchte daher wohl auf deinen Arm mich setzen! Es müßte wohl gar selig sein, auf deinem Arme zu sitzen! Wenn ich nur wüßte, daß sich deshalb niemand ärgern würde, und ganz besonders aber: wenn es mir der Herr nicht übel nähme, da möchte ich wohl deiner Einladung folgen!“ [HGt.02_279,22] Der Mann aber sprach zur Ghemela: „Höre, du Meine Tochter, sei des Herrn wegen unbesorgt! Wenn dich der Vater auf Seine Arme nimmt, da wird der Herr dich darob nicht zornig ansehen; daher komme zu Mir, dem Vater, getrost!“ [HGt.02_279,23] Hier erkannte die Ghemela vollends, wer der Mann war, tat einen Schrei höchster Entzückung und warf sich etwas ungebührlich Ihm an die Brust. Und der Vater drückte sie ebenfalls mit Seinen Händen auf Sein Herz und sagte zu ihr und den andern zweien: [HGt.02_279,24] „O Meine liebsten Töchterlein, liebet nun euren Vater nach aller Kraft eures Herzens! Denn ihr waret die Letzten und seid aus der Hütte ausgeschlossen worden; dafür aber seid ihr nun auch die Ersten, zu denen Ich kam! Genießet denn aber nun auch die Fülle Meiner Liebe! – Aber noch müsset ihr Mich nicht verraten; denn die anderen müssen Mich aus sich erkennen!“ [HGt.02_279,25] Als aber diese Szene die anderen Weiber erschauten, da war es aus bei ihnen; sie fingen alsbald an, ein Zetergeschrei zu erheben, rannten abermals zu der Hütte der Purista und machten dort einen so gewaltigen Lärm, daß darob alle Gäste samt der Purista aus der Hütte geschreckt wurden. [HGt.02_279,26] Als sich alles draußen befand, da machten die Weiber sie auf die Szene auf dem Rasenhügel aufmerksam. [HGt.02_279,27] Der Henoch aber deutete, zu schweigen, und sprach dann: „Wenn es nichts anderes als das nur ist, da ist dieser Lärm im Ernste ganz unnötig gewesen; doch des Friedens wegen will ich hingehen und den vieren bedeuten, daß sie sich von dieser dummen Stelle entfernen sollen!“ [HGt.02_279,28] Und der Henoch ging hin und erkannte alsbald den Herrn. [HGt.02_279,29] Der Herr aber sagte zum Henoch: „Henoch, sende Mir zur Heilung der großen Torheit dieser Weiber noch die Purista her, damit die Torheit in der Wurzel erstickt werde! Verrate Mich aber noch nicht; nur dem Sehel zeige an, daß Ich hier bin, und bescheide ihn nach einer Zeit zu Mir! Amen.“ 280. Kapitel — Adams neugierige Frage und Henochs Bescheid. Puristas Berufung zum Herrn auf den Hügel. Der Ärger der Weiber. Ein Weiberevangelium der Eva. Henoch und Sehel. Die Verklärung Sehels[HGt.02_280,01] Der Henoch aber, als er solches vom Herrn vernommen hatte, lobte und pries im Geiste seiner großen Liebe den allergetreuesten und allerliebevollsten Vater und folgte alsogleich dessen erhabenstem Winke. [HGt.02_280,02] Als er aber gar bald umkehrte und der Herr mit den drei reinen Wesen aber dennoch nicht die Stelle verlassen wollte, da fragte sogar der Adam den Henoch, wer denn etwa doch der Mensch sein müsse, der nicht einmal dem Henoch Folge leiste. [HGt.02_280,03] Der Henoch aber sagte darauf zum Adam und auch zu den anderen: „Der Mann weicht darum nicht von der Stelle, weil ich es Ihm durchaus nicht geschafft und ebenso auch nicht geraten habe; und ich habe solches darum nicht getan, weil ich es für ganz unnötig gefunden habe! Das ist der vorläufige Grund; der nachläufige wird euch schon noch frühzeitig genug von selbst gar hell in die Augen springen!“ [HGt.02_280,04] Hier trat die Purista hin zum Henoch und fragte ihn: „Erhabener, alleiniger Hoherpriester des allmächtigen Gottes auf dieser Erde! Meinst du denn nicht, daß der Allerheiligste darum verziehe, weil wir die den Müttern ungebührlich vorkommende Szene also dulden und du selbst gar nichts dagegen zu haben scheinst?“ [HGt.02_280,05] Der Henoch aber fragte die Purista, sagend nämlich: „Höre, du herrliche Purista, findest du denn etwas Ungebührliches an dieser Szene? [HGt.02_280,06] Siehe, ich habe den Mann auf den ersten Blick erkannt und habe in Ihm gefunden wahre, reinste Liebe und die erhabenste, göttliche, tiefste Weisheit, da Er in wenigen Worten mir gar wohl zu erkennen gab, daß ich mit all meiner hohenpriesterlichen Weisheit ein allerbarster Pfuscher gegen Ihn bin! [HGt.02_280,07] So aber das doch nach diesem meinem Zeugnisse der unwiderlegbarste Fall ist, da sehe ich nicht ein, warum wir das nicht dulden sollten, und warum das gerade der Grund wäre, daß darob der Herr verzöge. [HGt.02_280,08] Im Gegenteile wird Er darum nur bei weitem eher da sein, als du Ihn erwartet hättest! [HGt.02_280,09] Siehe nur den Lamech und den Hored an, deren Weiber sich doch bei dem Manne befinden und Ihn lieben bis zum Sterben! Siehe, die beiden hätten das erste Recht, ihren Weibern solche Benehmungsweise vorzuhalten und sie darum von der Stelle zu treiben; aber sie sind ruhig und opfern liebewillig alles dem Herrn auf und sagen bei sich: ,Der Herr weiß darum und hat Seinen heiligen Liebesgrund, warum Er solches geschehen läßt!‘ [HGt.02_280,10] Wenn aber diejenigen, die der Schuh drückt, nicht wehklagen, – welchen Grund sollen wir Ledige dazu haben? [HGt.02_280,11] Höre mich aber noch weiter, du herrliche Purista! – Siehe, der Mann dort hat zu mir geredet und sprach: ,Henoch, sende Mir zur Heilung der Torheit dieser Weiber auch die Purista hierher!‘ – Was wirst du nun tun?“ [HGt.02_280,12] Hier errötete die Purista und sagte nach einer Weile mit großer Verlegenheit zum Henoch: „Aber Henoch! Was verlangst du von mir – und was jener Mann dort?! Weißt du denn nicht, welch ein Gebot mir der Herr gegeben hat?“ [HGt.02_280,13] Und der Henoch erwiderte ihr: „Dafür weiß ich so gut wie du; denn deine Hütte muß mir ja untertan sein, da mir der Herr ja doch alles geistliche Oberamt auf der Erde übergeben hat! Aber dennoch sage ich, der alleinige Hohepriester Gottes auf Erden, zu dir: Gehe hin zu jenem Manne zur Wohlfahrt aller der Weiber dieser Gegend; denn wirst du nicht hingehen, so wird der Herr nicht erscheinen! Also folge meinem Rate!“ [HGt.02_280,14] Die Purista ward bei dieser Rede Henochs ganz schamglühend und wußte nicht, was sie tun sollte. Nach einiger Zeit aber ermannte sie sich doch wieder und wandte sich wieder, also fragend, an den Henoch: [HGt.02_280,15] „Du hast doch ehedem gesagt, daß du den Mann alsogleich völlig erkannt hast; möchtest du mir denn daher nicht auch sagen, wer der Mann ist?“ [HGt.02_280,16] Und der Henoch erwiderte ihr: „Herrliche Purista, nun bist du gereinigt, und so kann ich dir nun ganz im Stillen sagen, daß der Mann zu mir gesagt hat, ich soll dir sagen, daß du darum zu Ihm kommest, daß Er der Herr ist! – Aber schweige vorderhand, und gehe hin! Amen.“ [HGt.02_280,17] Als die Purista solches vernommen hatte, tat sie auch gleich der Ghemela einen lauten Schrei voll der höchsten Entzückung und lief hin zum Herrn. Bei Ihm angelangt, warf sie sich alsbald zu Seinen heiligen Füßen, umfaßte dieselben und bedeckte sie mit Tränen der Freude und höchst reinster Liebe. [HGt.02_280,18] Der Herr aber erhob sie dann und nahm sie auch auf Seinen Arm. [HGt.02_280,19] Als aber solches die anderen Weiber sahen, da ward es aber auch ganz und gar völligst aus. Sie fingen förmlich an zu heulen und zu verwünschen diesen Platz und stürzten sich also zu der Eva hin und zeigten ihr solchen Greuel an und klagten gewaltigst über solche Ungebührlichkeit. [HGt.02_280,20] Die Eva aber sagte zu den jammernden Weibern: „So lasset doch die Männer zuerst klagen, die da unsere Herren sind, und greifet ihnen nicht vor! Wenn sie klagen werden, dann könnet ihr weinen; aber es soll nie des Rechtens sein, so da ein Weib klagt! [HGt.02_280,21] Ich bin eure Mutter und bin euch allen noch ein lebendiges Ebenmaß; so ihr aber anders sein werdet, wie ich es bin, da wird die Welt durch euch zugrunde gerichtet werden! [HGt.02_280,22] Ich habe einmal nur meinem Herrn vorgegriffen, und dieser Vorgriff hätte beinahe der ganzen Schöpfung das Dasein gekostet! [HGt.02_280,23] Hat Sich aber schon der Herr meiner Schwäche erbarmt, so geschah aber solches doch auf Kosten des Todes unseres Leibes! [HGt.02_280,24] Was werdet aber demnach ihr durch euer Geklage bewirken, da ihr dadurch der Ruhe der Herren vorgreifet?! Besinnet euch daher, und ertraget alles mit Geduld und großer Hingebung, so werdet ihr gerecht sein vor Gott! Denn die Gerechtigkeit des Weibes besteht allein in der Sanftmut seines Herzens; ein klagendes Weib aber ist ein Dorn im Auge Gottes. [HGt.02_280,25] Daher klaget nicht, da ihr sanftmütig und duldsam sein sollet! Denn die Klage des Weibes ist ein scharfes Messer und zerschneidet die Treue des männlichen Herzens; aber die Sanftmut ist ein starkes Band, welches die Herzen der Herren an uns fesselt, und die Herren werden es nicht zerreißen. [HGt.02_280,26] Verstehet solches; füget euch in die göttliche Ordnung, und schweiget! So ihr kein Gesetz habet, warum tuet ihr denn, als hättet ihr eines! Lasset daher die Herren walten und schlichten!“ [HGt.02_280,27] Nach dieser Rede Evas verstummten endlich die Weiber, und der Henoch berief den Sehel zu sich und sagte zu ihm: „Bruder, der Herr bedarf deiner! Daher gehe hin zu Ihm, da du Ihn siehst auf jenem Rasenhügel; aber verrate Ihn nicht vor der rechten Zeit! [HGt.02_280,28] Der Herr aber wird dich nun verklären und dann ermächtigen zu Seinem großen Weltendienste! [HGt.02_280,29] Gedenke aber in deiner großen Klarheit meiner; denn auch mich wird der Herr dereinst verklären also, wie Er nun dich verklären und endlos bevollmächtigen wird. [HGt.02_280,30] Eile daher nun hin zu Ihm, zu deinem und meinem Gott! Amen.“ [HGt.02_280,31] Voll der höchsten Freude und Liebe eilte der Sehel alsbald hin zum Herrn. Als er aber den Hügel erreichte, da stand der Herr auf, reichte ihm die rechte Hand und sprach: [HGt.02_280,32] „Sehel, sieh, Meine großen Äcker sind bestellt, der Same ist in die Furchen gelegt; nun braucht er der guten Pflege, damit er aufgehe und reife zur ewig lebendigen Frucht! [HGt.02_280,33] Daher berufe Ich dich nun zurück, und gebe dir eine große Macht, zu wirken im endlosen Weltenraume nach Meinem Willen. [HGt.02_280,34] Hier ist das Schwert Meiner Macht, und dort der Feind Meiner Liebe; ergreife es, gehe hin und kämpfe allezeit gegen den Drachen! Amen.“ [HGt.02_280,35] Hier verschwand plötzlich der Sehel und ward fürder nicht mehr gesehen. [HGt.02_280,36] Als solches alle die Gäste und die Weiber sahen, überfiel sie eine so große Angst, und alle sagten: „Dieser Mann muß ein großer Machtbote des Herrn sein!“ und fielen dann auf ihre Angesichter nieder und beteten Gott an. 1. Kapitel — Purista als Ratgeberin des Herrn. Des Menschen Bitte als andächtiger Rat vom Herrn gewünscht. Des Vaters Gnade und Liebe zu Seinen Kindern[HGt.03_001,01] Als sich aber nun auch mit der Anbetung Gottes, mit Ausnahme des Henoch und der vier reinen weiblichen Wesen, die da beim Vater sich gar wohlbehalten befanden, alles vor dem auf dem Rasenhügel weilenden Manne gar sehr zu fürchten anfing, indem es meinte, dieser Mann werde nach und nach einem jeden einen ähnlichen Garaus machen, wie Er es mit dem großen Sehel gemacht hatte, da sagte der Herr zu der Purista: [HGt.03_001,02] „Höre, du Meine geliebte Köchin! Was meinst du wohl, was sollen wir nun tun, um die Törichten von ihrer Furcht zu befreien und dann aber auch zu machen, daß sie Mich, unschädlichermaßen für ihre Freiheit, als den alleinig wahren Gott und Vater erkennen möchten? Denn gebe Ich Mich ihnen nun plötzlich zu erkennen – und das zwar ganz besonders den Weibern –, so kostet ihnen das ihr Leben, wenn nicht einigen ihr ganzes Dasein selbst! Also sage Mir und gib Mir doch einen Rat, was da zu machen sein wird!“ [HGt.03_001,03] Diese Frage brachte die herrliche Purista ganz außer aller Fassung, und sie fing an zu weinen, da sie meinte, der Vater wolle sie damit züchtigen. [HGt.03_001,04] Der Herr aber sah die Weinende gar freundlichst an und sagte zu ihr: „Sieh Mich doch an, Mein Töchterchen, und sage es Mir dann in deinem Herzen, ob der jemanden züchtigen Wollende auch also aussieht, wie Ich nun aussehe und allezeit also aussehe und ewig also ausgesehen habe im Angesichte derer, die Mich dir gleich geliebt haben und noch lieben und Mich auch allzeit also lieben werden! Nun, was sagst du Mir wohl auf diese Frage, Mein geliebtes Töchterchen?“ [HGt.03_001,05] Hier bekam die Purista wieder Mut zu reden und sagte so ganz furchtsam-traulich: „Nein, nein, liebster, bester, heiliger Vater, Du kannst ja gar nicht schlimm oder gar böse werden, – das sehe ich jetzt schon ganz klar ein; aber was da Deine frühere Frage, an mich Schwächste gerichtet, betrifft, so ist es ja doch nur zu sonnenklar vor mir, daß es, von meiner Seite aus betrachtet, wohl die allergrößte Anmaßung wäre, welche der härtesten Züchtigung würdig wäre, so ich Dir, der allerunendlichsten Weisheit, irgendeinen Rat geben sollte, um Dir dadurch vorzuzeichnen, was Du tun sollest! [HGt.03_001,06] Ach, ich kann, ohne zu erbeben, gar nicht daran denken, Dir, Gott, dem allmächtigen Schöpfer Himmels und der Erde, einen Rat zu erteilen; daher bitte ich Dich, o Du mein bester, liebster, heiliger Vater, mit solch einer Nötigung mich zu verschonen!“ [HGt.03_001,07] Der Vater aber sagte zur Purista darauf: „Höre, du Mein geliebtes Töchterchen, du verstehst Mich noch nicht recht; daher habe nun recht herzlich acht auf das, was Ich dir nun sagen werde! [HGt.03_001,08] Siehe, du fürchtest dich nun, sträflich zu werden vor Mir, so du Mir nun auf Meinen väterlichen Wunsch einen kindlichen Rat geben sollst, indem du wohl einsiehst, daß da Meine göttliche, unendliche, ewige Weisheit wohl auch ewig nie eines Rates bedarf und Ich demnach auch alles zum besten leite, – sehe es aus, wie es wolle! [HGt.03_001,09] Wenn aber solches doch unbestreitbar richtig ist, wie kommt es denn aber hernach, daß du Mich schon um so manches gebeten hast und Ich dir auch gewährte und allezeit gab, um was du Mich gebeten hast? Was ist solch eine Bitte wohl anders als ein andächtiger Rat in sittlich-frommer Weise, durch den Mir der Bittende anzeigt, was Ich nun tun solle?! [HGt.03_001,10] Weiß denn der Bittende nicht, daß Ich höchst weise und höchst liebevoll gut bin? Und weiß er das, wie mag er Mich dann um etwas bitten?! Denn er muß ja das doch allernotwendigst voraussetzen, daß Ich als die höchste Weisheit und Liebe sicher ohne seinen Bittrat das Allerbeste, das Allerweiseste zu der allerrechtesten Zeit tun werde! [HGt.03_001,11] Ein wie großer, frevelhafter Sünder muß demnach doch derjenige sein, der Mich durch seinen Bittrat zu etwas bewegen will, das Ich dann Meiner höchsten göttlichen Weisheit zuwider für ihn tun solle?!“ [HGt.03_001,12] Hier fingen die Purista und auch die anderen drei an, sich an die Brust zu schlagen, und alle sagten: „O Herr, sei uns allen barmherzig; denn also sind wir ja die abscheulichsten Sünderinnen vor Dir!“ [HGt.03_001,13] Und der Herr sagte wieder zu ihnen: „Ja, höret, ihr Meine Töchterchen, wenn ihr es also treibet, da mehret ihr ja eure Sünde; denn du, Purista, hast Mir ja soeben wieder einen Rat in deiner Bitte erteilt, dem zufolge Ich euch barmherzig sein solle!“ [HGt.03_001,14] Hier schrie die Purista völlig auf vor großer Angst und Traurigkeit und sagte: „Oh, um Deiner Göttlichkeit willen, was habe ich arme Törin getan?!“ [HGt.03_001,15] Und die Ghemela sagte, ebenfalls kläglichst weinend: „Also sind wir alle verloren!“ [HGt.03_001,16] Auch die Naëme und die Pura wußten sich vor Angst und Schmerz nicht zu helfen. [HGt.03_001,17] Der Herr aber umfaßte sie alle und drückte sie an Seine heiligste Brust und sagte dann zu ihnen: „Töchterchen, seid ihr an Meiner Brust denn unglücklich und verloren, so Ich, euer Schöpfer und Vater, euch heiß liebend sichtbar auf Meinen Händen trage und locke wie eine Mutter ihren zarten geliebtesten Säugling?“ [HGt.03_001,18] Diese Frage brachte die vier wieder zur Besinnung, und die Purista erwiderte, bald weinend lächelnd: „O bester Vater! Da sind wir freilich – nicht verloren! Aber – Sünderinnen – sind wir – doch sicher – noch – vor – Dir?“ [HGt.03_001,19] Der Vater aber entgegnete ihr: „Wäret ihr Sünderinnen, so könntet ihr nicht bei Mir sein; da ihr aber keine Sünderinnen seid, so seid ihr Meine liebsten Töchterchen, die Ich nun auf Meinen Händen trage! [HGt.03_001,20] Ich als Vater aber will Mir ja von Meinen lieben Kindlein raten lassen also, als hätte Ich ihres Rates vonnöten, und will sie auch tätig sein lassen, als hätte Ich ihrer Tat und Hilfe vonnöten! [HGt.03_001,21] Denn solches alles tue ich als Vater Meinen Kindlein aus Meiner großen Liebe heraus, leite aber dann ihren Rat und ihre Tat also, daß Ich dadurch dennoch allzeit Mein Ziel erreiche. [HGt.03_001,22] Daher auch mußt du, Mein Töchterchen, Mir diesmal raten, was Ich nun tun soll, und Ich werde nichts früher tun und nichts anderes, als wann und was du Mir raten wirst!“ [HGt.03_001,23] Hier erst bekam die Purista wieder Mut, fiel dem Vater um den Hals, küßte Ihn klein ab und sagte dann: „Oh, so laß auch die Weiber alle aus Liebe zu Dir in meine Küche gehen, und gehe nun mit uns allen in die Küche und laß Dich da nach Deinem Wohlgefallen von allen als den lieben, heiligen Vater erkennen, lieben und anbeten!“ [HGt.03_001,24] Und der Herr sprach: „Amen, also sei es! Und so denn lasset uns in die Hütte ziehen!“ [HGt.03_001,25] Die Ghemela aber fragte den Vater: „Vater, dürfen wir auch in der Hütte uns Dir nahen?“ [HGt.03_001,26] Und der Herr sagte: „Töchterchen! Wie hier, so auch in der Hütte; denn Ich bin überall und allzeit derselbe gute Vater! Und so denn folget Mir getrost! Amen.“ 2. Kapitel — Der Herr mit Purista, Ghemela, Pura und Naëma in der Hütte der Purista. Die Fragen und Vermutungen der außenstehenden Neugierigen. Henochs tiefgeistige aufklärende Rede an die Zweifler und Krittler[HGt.03_002,01] Als der Herr mit den vieren an den Henoch kam, sagte Er im Vorbeigehen zu ihm: „Henoch, bereite sie alle vor, und führe sie dann in die Hütte zu Mir; die Weiber jedoch sollen nur bis zur Türschwelle kommen und nicht in die Hütte treten, solange Ich in selber verweilen werde, – außer allein die Eva und diese hier, die Ich in die Hütte führe! Amen.“ [HGt.03_002,02] Hier begab Sich der Herr mit Seinen vier geliebten Töchterchen in die Hütte und unterhielt sie bis zum Eintritt der ganzen Gesellschaft mit allerlei göttlichen Gnadenenthüllungen und zeigte ihnen Seine großen Wege, auf welchen Er einhergehe, um das Leben zu leiten zu Seinen Kindern und all den anderen Wesen; auch enthüllte Er ihnen anschaulichst die große Bestimmung der Menschen, aber auch die argen möglichen Eingriffe des Satans. [HGt.03_002,03] Also handelte der Herr in der Hütte; wie aber erging es dem Henoch draußen? [HGt.03_002,04] Zuerst kamen der Hored und der Lamech über ihn und fragten ihn: „Vater Henoch, möchtest du uns denn nicht kundgeben, wer denn doch der Mann ist, der da in der Hütte nun ganz allein wider die vom Herrn gegebene Regel mit den vier weiblichen Wesen, nämlich mit unseren Weibern und mit der Purista und der schönen Pura, sich ganz wohlgemut begab? Denn es muß etwas Außerordentliches hinter dem Manne stecken; und da er mit dir wie mit einem schon gar lange guten Bekannten spricht, so wirst du ihn doch sicher kennen?! [HGt.03_002,05] Wenn die Verklärung Sehels keine Täuschung unserer Augen war, so gehört er sicher einer höheren Welt an, und somit wäre es uns sehr wünschenswert, zu erfahren seine nähere Bewandtnis! [HGt.03_002,06] Wir haben wohl auch schon auf den Herrn Selbst geraten; aber damit stimmt die Ansage der Purista nicht überein, der der Herr geoffenbart hatte, daß Er, so wir alle in der Hütte versammelt sein würden und Ihn da erwartenwürden in der tiefsten Ruhe unseres Gemütes, zu uns auf der Stelle gar wohl erkenntlich kommen und uns dann allen kundgeben werde, was alles sich nun in der Tiefe zugetragen hat. [HGt.03_002,07] Dieser Mann aber kam nicht nach der Offenbarung, sondern ganz frei, und während wir uns in der Hütte auf den Herrn vorbereiteten, machte er draußen mit den Weibern nur ein etwas ärgerliches Spektakel und hat sich zu seinem sichtbaren Vergnügen gerade nur die vier Schönsten ausgesucht! [HGt.03_002,08] Diese vier sind freilich wohl die reinsten weiblichen Sterne nun auf der Höhe, und wir können sonderbarerweise ihnen nicht gram werden trotz dem, daß sie in den Mann völlig wie verbissen verliebt sind, – aber aus dem geht doch noch nicht hervor, daß das darum der Herr ist! [HGt.03_002,09] Denn der Herr ist ja getreu in Seinen Verheißungen; also kann Er ja doch auch nicht anders erscheinen, als wie Er es uns allen durch die Purista hat ankündigen lassen! – Daher sage uns, lieber Vater Henoch, wer demnach dieser Mann und woher er ist!“ [HGt.03_002,10] Also traten auch die anderen hin zum Henoch und fragten ihn desgleichen. [HGt.03_002,11] Der Adam aber war einer noch andern Meinung; darum sagte er auch mit einer sehr bedeutungsvollen Miene: „Henoch! Mir kommt der Mann etwas verdächtig vor; denn das Spektakel mit den sonst so züchtigen und allerehrsamsten Weibern kommt mir durchaus nicht richtig vor! [HGt.03_002,12] Die Zerstörung oder eigentlich die völlige Zunichtemachung des Sohnes Seths kann man auch nehmen, wie man will; denn es könnte ja sehr leicht der Herr, um uns so recht tüchtig zu prüfen, zugelassen haben, daß der Feind des Lichtes auf eine Zeitlang solches täte! [HGt.03_002,13] Du scheinst zwar den Mann zu kennen, – aber das reicht noch nicht hin, um mich zu beruhigen, da ich ihn noch nicht kenne; ich aber bin ein schon vielfach gebranntes Kind und habe daher bei ähnlichen Erscheinungen eine große Scheu vor dem Feuer! [HGt.03_002,14] Daher gib uns näheren Aufschluß über den Mann, und mache, daß wir in die Hütte kommen, – sonst wird der Herr noch lange verziehen! [HGt.03_002,15] Dieser Mann aber kann doch in aller der schon ausgesprochenen Hinsicht ebensowenig der Herr sein, als es unsereiner sein könnte! Denn wäre er es, da wäre die Purista doch so gut wie belogen! Das mußt du doch einsehen so gut, wie wir es einsehen! [HGt.03_002,16] Daß die vier sich so an den Mann halten, das beweist eben nicht viel! Denn die Weiber sind leichtfertig und alle zusammen blind; und so eine zehn Jahre gebetet hat, da darf im elften eine starke Versuchung über sie kommen, und sie wirft sich vollauf dem Verführer in die Arme! Denn auch das Weib ist frei und kann tun, was es will. [HGt.03_002,17] Also rede du, was du weißt; aber mache keine lange Rede, damit wir bald in die Hütte kommen, darinnen den Herrn erwarten und dadurch dem Manne die Gelegenheit abschneiden, mit den vier jungen Tauben zu machen nach seinem Wohlgefallen! Wir müssen in göttlichen Dingen überhaupt nicht so lau sein, sonst wird die Welt nicht mehr tausend Jahre und darüber bestehen, wie sie doch schon bestanden ist durch meinen allzeit regen Eifer für Gott!“ [HGt.03_002,18] Hier erst kam der Henoch zu Worte und sprach: „Höret ihr alle, meine lieben Väter, Brüder und Kinder! Ihr habt eure Zunge wohl und die Gedanken eurer Seele in eine große Tätigkeit gesetzt, aber eure Herzen sind dabei ganz untätig geblieben! [HGt.03_002,19] Ihr scheinet alle meine Sabbatsrede aus dem Herrn ja rein vergessen zu haben, wenn ihr nicht verstehet die Verheißung an die Purista! [HGt.03_002,20] Was ist die Hütte der Purista, in der wir des Herrn allzeit harren sollen? – Höret, unser Herz ist die Hütte der Purista, und das Feuer in derselben ist unsere lebendige Liebe zu Gott! [HGt.03_002,21] Wer von euch aber hat sich bis jetzt noch in diese Hütte begeben, und wer hat in diese Hütte seine Brüder aufgenommen und der Letzte und der Geringste unter ihnen sein wollen? [HGt.03_002,22] Kein Weib außer der Eva und der Purista solle die Hütte betreten! Das will sagen: Wenn wir in der Liebe zu Gott stehen und ruhen in unserm Herzen, dann sollen wir nicht der Weiber gedenken und die Liebe zu Gott nicht trüben mit der Liebe der Weiber, – außer mit der Mutterliebe und der kindlichen Liebe, welche Liebe aber die Liebe zu Gott nicht trübt, sondern nur einen Maßstab gibt, wie wir Gott lieben sollen! Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,23] Wir waren wohl in der Hütte der Purista mit unseren Leibern, aber unsere Herzen staken in den Weibern und fragten sich: ,Warum dürfen denn nicht alle Weiber in die Hütte?‘ Kein Wunder dann, daß uns die Weiber ein solches Spektakel machten und uns am Ende sogar aus der Hütte trieben! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,24] Da aber der Herr endlos barmherziger und getreuer ist als wir, so kam Er Seiner Verheißung zufolge dennoch zu uns; aber Er kam, wie wir waren in unsern Herzen beschaffen. Weiber waren in unseren Herzen; daher kam Er auch zu den Weibern und nahm sie auf, da wir in unserer Hütte der Purista nicht gegenwärtig waren! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,25] Die vier reinen Liebhaberinnen des Herrn haben Ihn, uns überhoch beschämend, in der wahren, lebendigen Hütte der Purista erwartet; daher kam Er auch zuerst zu ihnen, und während wir noch unsere leeren Zungen wetzen, genießen sie schon allerseligst die lebendigsten Ausflüsse Seiner Gnade, Erbarmung und Liebe! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,26] Noch wisset ihr nichts aus der Tiefe; den vieren aber läßt der Herr schon lange allerhellst schauen Seine wundervollsten Wege und Führungen! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,27] Ihr fraget noch und saget: ,Wer ist der Mann?‘; aber die vier Reinen liegen schon lange in Seinen Armen und freuen sich des heiligen, liebevollsten Vaters! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,28] Ich sage euch aber nicht, als sei der Mann der Vater, sondern gehet hin zu Ihm in euren Herzen, und ihr werdet erkennen, wer der Mann ist! – Verstehet ihr solches? [HGt.03_002,29] Ja, nun müsset ihr es verstehen, so ihr nicht blinder seid als der Erde Zentrum! – Ich habe ausgeredet; tuet danach, und erkennet eure große Blindheit im Namen des Herrn! Amen.“ [HGt.03_002,30] Hier erst gingen allen die Augen weit auf, und sie erkannten nun alle, sich an die Brust schlagend, um welche Zeit es also war. 3. Kapitel — Die verblüfften Männer. Das Geschwätz der neugierigen Weiber. Die gute Ansicht der Schwester der Aora[HGt.03_003,01] Erst nach einer Zeit von einer viertel Schattenwende kamen die Väter und die andere Morgenlandgesellschaft wieder zur Besinnung; aber keiner wußte nun, was er beginnen solle. Daher sahen sie sich auch ganz verblüfft an und fragten sich gleichsam stumm: „Was ist das; was ist mit uns, was haben wir getan?“ Aber es wollte auf all das stumme Gefrage keine Antwort von irgendwoher erfolgen! [HGt.03_003,02] Es merkten aber solches auch von einiger Entfernung her die Weiber, daß da unter den Männern etwas Wichtiges müsse vorgefallen sein, da sie also geheimnisvoll täten und die Köpfe zusammensteckten. Daher trieb sie nicht etwa ihre schwache, sondern nur ihre zu starke Seite unter dem Namen ,Neugierde‘ alsbald allesamt und sämtlich hin zu den Männern, um da zu erlauschen, was sich etwa doch ereignet haben müsse. [HGt.03_003,03] Die eine aber fragte unterwegs ihre Nachbarin: „Was meinst du wohl, was die Männer etwa doch haben?“ [HGt.03_003,04] Die Nachbarin erwiderte mit gewichtiger, aber freilich wohl – wie gewöhnlich – nichtssagender Miene: „O Schwester! Das muß etwas ganz entsetzlich Merkwürdiges sein; ein Wunder ist es auf jeden Fall. Wenn uns doch nur wer sagen möchte, was es ist!“ [HGt.03_003,05] Eine andere sagte: „Es ist sicher wegen des sehr sonderbaren Mannes etwas!“ [HGt.03_003,06] „Ja, ja“, fiel ihr gleich eine vierte ein, „der abscheuliche Mensch ist, wie ihr wißt, ehedem mit den vier falschen Keuschheitsdirnen in die Hütte ganz allein gezogen! Weil er sich da draußen vor unseren sittlichen Augen doch etwas fürchtete, sein Wesen mit den vieren zu treiben, so ging er nun in die Hütte!“ [HGt.03_003,07] Eine fünfte sagte dazu: „Du hast recht; dort hat er's jetzt viel ungefürchteter und auch bei weitem bequemer! Ich hab's aber auch dem Lamech und dem Hored einmal – weißt, nur so im Vorbeigehen, wie sich's denn manchmal gibt – gesagt: ,Ich will euch keine schlechte Prophetin sein, – aber seid ja streng auf eurer Hut; denn so ein schönes, junges, hitziges Blut tut wohl auf keinen Fall so völlig gut!‘ [HGt.03_003,08] Und – da habt ihr's jetzt, und da haben's die weisen Männer, die uns erfahrenen Weibern immer den Mund zustopfen wollen! [HGt.03_003,09] Nein, es ist ja gerade zum Totlachen oder zum Totärgern! Gerade vor ihrer hochweisen Nase schnappt ihnen dieser Zauberer vom Mittage her, von dem ich schon so manches habe reden hören, ihre Morgenperlen, wie sie's immer jetzt schon nannten, weg! [HGt.03_003,10] Und jetzt stecken sie die Köpfe sicher aus lauter Furcht und Eifersucht zusammen und wissen sich aus lauter Weisheit nicht zu raten und zu helfen! [HGt.03_003,11] Den stärksten Mann unter ihnen hat er weggezaubert, und es könnte ihnen auch um nichts besser ergehen, so sie Gewalt an ihn legen möchten!“ [HGt.03_003,12] Eine sechste bemerkte daneben, sagend: „Ja, du hast aber sicher recht; denn ich hab's ja gesehen und gehört, wie ehedem der Henoch hinging, um den Zauberer von der geheiligten Stelle zu treiben! Da wollte der Zauberer ihm aber nicht Folge leisten! Er, der Henoch, sendet dann die Purista hin, wahrscheinlich, um dadurch den Zauberer zu erweichen und dadurch eben auch ihn auf eine gegenzauberhafte Weise von der Stelle zu bewegen; allein, fehlgeschlagen und angebumst, Herr Henoch! Der Zauberer verzauberte auch sogleich die Priesterin Purista; diese stürzt nur gleich hin auf den Zauberer los!“ [HGt.03_003,13] Eine Nachbarin meldete sich hier und korrigierte die Rednerin mit den Worten: „Schwester, da hab' ich besser gesehen! Der Herr Henoch hat nur wollen die Purista hinschicken; aber er hat noch kaum mit ihr in dieser Hinsicht einige Worte gesprochen, so war sie auch schon verzaubert, tat einen Schrei – wahrscheinlich, wie sie von der Zauberei angegriffen worden ist – und rannte dann natürlicherweise schon ganz unsinnig blindlings auf den Zauberer los und fiel dann auch ganz nach seinem Wunsche zu ihm hin!“ [HGt.03_003,14] Hier fiel dann wieder die frühere Rednerin sagend ein und bemerkte: „Ja, ja, du hast recht; also war es! Was wollte ich aber denn sagen? – Ja, ja, jetzt weiß ich's schon! Dann schickte der weise Herr Henoch den starken Sehel hin! Als aber dieser den Zauberer gewaltsam vom Hügel mit seiner Hand ziehen wollte, da zauberte ihn alsbald der Zauberer ganz – Gott weiß wohin, und da stehen jetzt die Ochsen am Berge und wissen nicht, was sie nun, aufrichtig gesagt, mit aller ihrer Weisheit anfangen sollen!“ [HGt.03_003,15] Eine andere emsige Zuhörerin dieser erbaulichen Bemerkungen setzte ganz höhnisch lachend hinzu: „Nein, aber lachen möchte ich doch aus vollem Halse, wenn dieser sehr annehmbare Zauberer den weisen Herren diese vier Morgenperlen, diese von der ewigen Morgenröte betauten Frühlingsrosen und – Gott weiß was alles noch für andere Schönheiten, so ganz wegputzen möchte! Ich glaube, die Herren würden sich darob die Augen ausperlen und austauen!“ [HGt.03_003,16] Eine andere sagte hinzu: „Wenn aber nur jetzt der Herr Jehova käme, wie Ihn die Purista angekündigt hatte, da möchte ich denn doch die kleine Verlegenheit von den weisen Herren sehen!“ [HGt.03_003,17] Wieder eine andere entgegnete: „Oh, da seien wir sicher, – der Herr wird jetzt wohl sicher etwas stark verziehen! Denn zu so einem Skandal wird Er wohl ewig nicht kommen, außer mit einer glühenden Zuchtrute, welche nun dem Zauberer, den vier Himmelsaugen und auch den überweisen Herren sehr wohl zustatten käme! [HGt.03_003,18] Die alte, sonst zwar überaus würdige Mutter Eva ist aber auch noch ganz in die Männer hineingewachsen! Man darf sich bei ihr ja nie über einen Mann beklagen, so ist es aus! Wie früher – es ist gerade zum Lachen – sich des Uranion Weib bei ihr beklagte, welch einen schönen Verweis bekam sie statt einer tröstenden Rechtfertigung! Und wir alle mußten unseren gerechten Ärger hinabschlucken und dann schweigen wie eine Maus vor der Katze! Nein, wer das recht findet, der muß doch die Weisheit – ich weiß nicht, aus was für einer Quelle gesoffen haben!“ [HGt.03_003,19] Eine andere bemerkte zu all dem noch hinzu: „Was ist's wohl nun bei den Herren? – Oh, das weiß ich aus dem Grunde! Verliebt sind sie alle bis über die Ohren! Der Zauberer aber hat ihnen nun einen Strich durch die Rechnung gemacht; darum stecken sie nun so ganz verdutzt die Köpfe zusammen! [HGt.03_003,20] Nun, wie lang ist es denn her, daß der uralte Vater Adam sogar die schöne, junge Pura gar zu sich in sein Haus nahm und ließ sich dann allzeit von ihr auf die Höhe geleiten, – und man will sogar bemerkt haben, daß er sie geküßt habe!“ [HGt.03_003,21] Eine Nachbarin sagte gleich hinzu: „Nun – nun –, das wird doch etwas Neues sein, hab's doch selbst mit eigenen Augen gesehen! Nicht nur geküßt, sondern auch geherzt, und wer weiß, mit was für freilich wohl unausführbaren Gedanken! – Ja die Herren, die Herren, das sind schon die Rechten; denen soll unsereins ja nicht weiter trauen, als man sie sieht, – und das kaum!“ [HGt.03_003,22] Eine aber aus dem Morgen, die da war eine jüngste Schwester der Aora, in einem Alter von sechzig Jahren – also für damals noch sehr jung und noch ledig –, trat in die Mitte und sprach: „Unser Gerede kommt mir gerade so vor, als wenn man ein leeres Stroh rippeln möchte, um Brotkörner daraus zu bekommen! [HGt.03_003,23] Wenn es auf mich ankäme, da möchte ich eher behaupten, daß aus euch nur die brennendste Eifersucht spricht, und daß ihr alles dessen, womit ihr die Herren beschuldiget, am allermeisten schuldig seid, als daß ich solches von den allzeit weisen Herren denken möchte! [HGt.03_003,24] Ich getraue mir, fest zu behaupten, daß sich eine jede von uns von dem herrlichen Manne hätte ohne die geringste Widerrede verzaubern lassen, wenn sie der Mann nur hätte verzaubern wollen! [HGt.03_003,25] Aber weil der Mann das aus gutem Grunde nicht getan hat, sondern euch nur vom Hügel gewiesen hat, so muß er nun schon auch ein schändlicher Mensch sein! Oh, das finde ich sehr natürlich! [HGt.03_003,26] Er hat mir auch gewinkt, zu ihm zu kommen; wenn ich mich vor euch nicht so sehr gefürchtet hätte, da hätte ich's getan, wie meine Nichte Purista! [HGt.03_003,27] Mich aber hat jetzt alle Furcht verlassen, und ich weiß, was ich rede, und bin nicht im geringsten unsinnig. Merket es aber wohl, ihr sonst hohen Mütter und Schwestern: Wenn der Herr Jehova kommen wird – so Er nicht schon gekommen ist –, da wird's euch übel ergehen, und wer weiß, ob die vier Perlen nicht besser daran sind als wir hier und alle die von euch geschmähten Herrn selbst dort; denn ich habe hinter dem Manne einen starken Glanz gesehen, und wer weiß es von uns, ob etwa der von euch gehöhnte Mann nicht der Herr Selbst ist, – und wenn das, was dann mit euch?!“ [HGt.03_003,28] Hier verstummten alle die Weiber und gerieten in eine große Furcht. 4. Kapitel — Der bekümmerten Mira Gespräch mit Henoch[HGt.03_004,01] Die junge Rednerin aber, welche Mira hieß, bemerkte gar bald, welche Sensation ihre wenigen Worte bei den Weibern erregt hatten, und dachte sich: „Was soll nun aus dieser Erscheinung werden? Die Mütter und Schwestern sind nun auf einmal ganz verstummt; aus einer jeden Angesichte starrt große Angst und ein namenloser Schreck! [HGt.03_004,02] Es muß denn doch etwas geschehen; in solch einem beklagenswerten Zustande kann man die sonst würdigen Mütter und lieben Schwestern denn doch nicht belassen?! [HGt.03_004,03] Ich weiß schon, was ich tun werde! Ich werde gerade allein zum Henoch hingehen, da die Mütter und Schwestern sich nun nicht weiter hingetrauen, und will da eine Fürsprecherin machen; der wird die nun gar stark erschrockenen Mütter schon wieder zurechtbringen! Ja, das ist ein recht gescheiter Gedanke von mir; daher ihn nur auch geschwind in die Ausführung gebracht!“ [HGt.03_004,04] Gedacht und getan, war bei der Mira schon von jeher die gute Art; daher ging sie denn auch alsogleich hin und zeigte solches alles dem Henoch an. [HGt.03_004,05] Der Henoch aber sagte zu ihr, sie gleichsam zur Rede stellend: „Ja, warum aber hast du also vorlaut geredet und hast dadurch die Mütter und Schwestern in eine solche Angst versetzt?! [HGt.03_004,06] Siehe, wie du jetzt allein zu mir den Weg gefunden hast, also hättest du ihn ehedem finden sollen und mir im Namen des Herrn kundgeben die Irrung der Mütter und Schwestern, so hätte sich die Sache auf dem Wege der Liebe allein beilegen lassen; jetzt aber, da du auf deine etwas zu rasche Art den Müttern und Schwestern förmlich ein Gericht bereitet hast, geht es nicht so leicht, wie du etwa meinen möchtest!“ [HGt.03_004,07] Als die Mira solches vom Henoch vernommen hatte, erwiderte sie ihm ohne Furcht: „Vater Henoch, du bist freilich wohl ein Weiser, und dazu noch der alleinige und vom Herrn Selbst fest bestellte Hohepriester, – aber da meine ich gerade nicht gefehlt zu haben; denn man muß ja doch die Rechte Gottes mehr achten als die Rechte der Menschen, so diese nicht mit den göttlichen übereinstimmen! [HGt.03_004,08] Die Mütter und die Schwestern aber haben sich in einem blinden Eifer vergessen, wie es bei den Weibern schon öfter so der Fall ist, und haben dem göttlichen Rechte entgegen unter sich falsche Behauptungen aufgestellt; und da mir das doch notwendig zuwider sein mußte und ich es zufolge meines inneren Rechtsgefühles nicht länger habe ertragen können, daß der allerheiligste, beste Vater in Seinen männlichen vollkommensten Ebenmaßen noch länger soll also geschmäht werden, so trat ich denn auch auf und sagte ihnen bloß nur meine Meinung. Für das aber, daß meine wenigen Worte die Mütter und Schwestern gar so betrüben sollten, kann ich ja nicht dafür und dagegen und darum! [HGt.03_004,09] Daher mußt du, lieber Vater Henoch, mir nicht gram werden; denn ich habe es ja nur gut, aber nicht im geringsten etwa böse gemeint! [HGt.03_004,10] Siehe, daß ich den Müttern und Schwestern gewiß von ganzem Herzen gut bin, kannst du daraus ja schon ersehen, daß ich – trotz dem, daß auch mir der herrliche Mann gewinkt hatte, gleich den andern vieren mich zu ihm zu begeben, und ich auch sogleich einen nahezu unwiderstehlichen Drang, solches zu tun, in mir empfand – dennoch aus Furcht und Achtung bei den Müttern und Schwestern verblieb! [HGt.03_004,11] Doch aber sage ich dir, lieber Vater Henoch, jetzt auch ganz bestimmt: Wenn jener Mann noch einmal mir winkete, zu ihm zu kommen, so ließe ich nicht nur alle Mütter und Schwestern augenblicklich sitzen, sondern die ganze Welt, und eilete schnurgerade zu ihm hin; denn hinter dem Mann ist mehr als nur allein ein Mann! – Das weiß ich ganz bestimmt!“ [HGt.03_004,12] Hier sagte der Henoch zur Mira: „Höre, du bist ja ganz entsetzlich gescheit, wie nicht leichtlich irgendeine deines Geschlechts! Daher sollte es dir, so du die Mütter und Schwestern so recht vom ganzen Herzen liebhast, ja auch gar nicht schwer werden, ihnen mit deiner Gescheitheit zu helfen?!“ [HGt.03_004,13] Und die Mira erwiderte dem Henoch: „Ja, lieber Vater Henoch, nach deiner stets ausweichenden Rede zu urteilen, so wird mir am Ende ohnehin nichts anderes übrigbleiben! Hab' mir's auch schon unterwegs gedacht, daß bei Euch eben der Erbarmung höchste Stufe nicht zu treffen sein dürfte! – Wenn ich nur zu jenem Manne kommen könnte; der würde mich sicher eher erhören als Ihr!“ [HGt.03_004,14] Und der Henoch entgegnete ihr: „Nun gut; siehe, der Mann ist in der Hütte, und die Tür ist offen! Ich will es dir nicht vorenthalten, bei Ihm Hilfe zu suchen; du magst daher schon zu Ihm gehen, so du glaubst, daß Er dich eher erhören wird denn ich!“ [HGt.03_004,15] Und die Mira sagte: „O wenn ich das nur darf, da ist es mir nicht im geringsten bange! [HGt.03_004,16] Freuet euch, ihr armen Mütter und Schwestern, es soll euch ohne Henoch geholfen werden! [HGt.03_004,17] Daher nur Mut; der herrliche Mann hat sicher ein besseres Herz als Ihr, lieber Vater Henoch, und wird mich nicht so ausfehnen, so ich ihm meine Not klagen werde, sondern helfen!“ [HGt.03_004,18] Hier ging sie ernstlich in die Hütte. 5. Kapitel — Miras Eintritt in die Hütte und ihre Prüfung, Läuterung und Aufnahme durch den Herrn[HGt.03_005,01] Als die Mira aber ganz wohlbehalten in der Hütte beim ihr noch nicht so ganz und gar bekannten Herrn anlangte, da stand Er alsbald auf und sagte zu ihr in einem etwas ernsten Tone: „Wie kommst du, Mira, jetzt daher, da Ich dir nicht gewinkt habe, da du doch ehedem nicht kommen mochtest, da Ich dir gewinkt habe? Zudem habe Ich auch dem Henoch ein Gebot gegeben, demzufolge kein Weib über die Schwelle der Hütte treten soll, – und dennoch kamst du herein! Wie ging solches zu?“ [HGt.03_005,02] Die Anrede und dieser sehr scharf fragende Ton brachte unsere Mira anfangs ein wenig aus der mutigen Fassung; aber sie sammelte sich dennoch bald wieder, indem sie bei sich bedachte: „Ist es der Herr, so wird Er es damit ja doch nicht gar so entsetzlich ernstlich meinen und wird sich durch mein recht herzinnigstes Flehen sicher erweichen lassen; und ist er bloß so ein recht pikfester Weiser nur, so gehe ich im schlimmsten Falle denn wieder, wie ich gekommen bin!“ [HGt.03_005,03] Nach solchem Bedenken erst öffnete sie den Mund und sagte, so etwas schüchtern beherzt: „Es ist wahr, daß ich im ganzen genommen gefehlt habe; aber so ich wieder bedenke, daß mich die Not meines Herzens dazu nötigte, und daß mir der Henoch von dem Gebote, hierher nicht treten zu dürfen, nichts gesagt hat, so habe ich doch wieder nicht gefehlt! [HGt.03_005,04] Denn wer sollte, wer möchte da einem Leidenden es wohl verargen, so er in einer großen Not um Hilfe ruft oder als Leidender Hilfe sucht, und das noch ganz besonders, so da ein schwaches weibliches Wesen um Hilfe ruft und Hilfe sucht, wie da eben ich ein solches armes Wesen bin?! [HGt.03_005,05] Und was Arges habe ich denn so ganz eigentlich angestellt? Ist es denn nicht recht, so auch ein weibliches Wesen Gott mehr liebt und achtet als alle die Menschen, die zusammengenommen gegen Gott dennoch pur und lauter nichts sind?! [HGt.03_005,06] Also habe ich auch den Müttern und Schwestern meine Meinung gesagt, da ich doch nicht wissen konnte, solches werde eine gar so betrübende Wirkung bei ihnen hervorbringen! Hätte ich darum gewußt, da hätte ich freilich wohl schweigen können, aber geschehen ist geschehen! Ich aber möchte nun meinen Fehler ja tausendfach wieder gutmachen; und das kann denn doch unmöglich gefehlt sein! [HGt.03_005,07] Solches habe ich auch dem Vater Henoch gesagt; aber der hatte kein Herz für mich und meine große Not. Darum eilte ich denn zu dir, weil ich glaubte, du werdest doch barmherziger sein als der Henoch; aber nach deinem ersten Empfange scheint aus dir eben nicht mehr Barmherzigkeit herauszuschauen als aus dem Henoch! [HGt.03_005,08] Ich muß dir auch überhaupt bekennen und offenmütig gestehen, daß mir seit der Zeit, da der Herr auf der Höhe doch mehrere Tage nichts als die Liebe gelehrt hat, die Menschen viel unbarmherziger vorkommen und auch wirklich sind, als sie ehedem waren; und das ist in meinen Augen kein gutes Zeichen. [HGt.03_005,09] Wenn es aber auf mich ankäme, so möchte ich auf der Stelle ja doch aller Welt helfen, geschweige erst einem schwachen weiblichen Wesen, welches ohnehin sowohl von Gott, wie von der Natur aus ums unbegreifliche in allem nachteiliger und leidender gestellt ist als ein jeglicher Mann! [HGt.03_005,10] Siehe, ich habe jetzt ausgeredet und redete, wie es mir ums Herz war! Wenn es dir nicht recht ist und ich dich etwa, ohne zu wollen, beleidigt habe, so bist du ja mächtig genug, mich entweder hinauszuschaffen, oder mit mir zu machen, wie du ehedem draußen mit dem Sehel es gemacht hast; denn es ist ja besser, nicht zu sein, als zu sein in einer Welt, da die Menschen steinerne Herzen haben, darinnen keine Erbarmung ist!“ [HGt.03_005,11] Nach dem sagte der Herr zur Mira: „Aber höre du, Mira! Das war doch eine lange Antwort auf Meine kurze Frage! Die eine Hälfte hättest du wohl bei dir behalten können – und die andere verschweigen; denn Ich weiß besser als du, wo dich so ganz eigentlich der Schuh drückt! [HGt.03_005,12] Damit du aber ersehen mögest, daß Ich recht habe, so will Ich dir deine so ganz eigentliche Not kundgeben, und so höre es denn: [HGt.03_005,13] Siehe, deine Mütter und Schwestern sind eifersüchtig, – und du bist es auch! Deine Mütter schmähten aus Eifersucht über Mich und Mein Benehmen, und du hast sie dann aus lauter Eifersucht gegenüber zurechtgewiesen, da du zufolge Meines Winkes ein größeres Recht auf Mich dir heimlich zugestandest, als es den andern zustünde, denen Ich nicht gewinkt habe. [HGt.03_005,14] Zufolge Meines Winkes an dich erbranntest du alsbald in der heftigsten Liebe zu Mir; als du aber hernach die Mütter und Schwestern schmähen hörtest über Mich, da ward dadurch in dir deine Liebe beleidigt, und du rächtest dich durch deine gute Meinung an den Müttern und Schwestern! [HGt.03_005,15] Da aber deine Rache etwas wirksamer ausgefallen ist, als du sie so ganz eigentlich haben wolltest, so drückt dich jetzt solches, und du möchtest den Leidenden nun gerne helfen; aber da es dir nicht möglich ist, so suchst du wohl Hilfe. [HGt.03_005,16] Ich sage dir aber, die Hilfe wird schon kommen, und das eher, als du sie dir erwartet hättest; aber du gehe unterdessen hinaus, und überdenke deinen Fehltritt, und komme dann erst, in dir geläutert, zu Mir, und Ich will dich dann aufnehmen und dich segnen gleich diesen vieren!“ [HGt.03_005,17] Hier ward die Mira schamrot und sagte: „Wärest Du nicht der Herr, so wäre Dir mein Herz nicht so offen; Du aber bist der Herr, darum ist auch nichts verborgen vor Dir, und ich gehe nun getrost aus der Hütte, deren ich nicht wert bin, da ich Dich gesehen und völlig erkannt habe! [HGt.03_005,18] Vergib mir aber meine Schuld, wie ich ja allen von ganzem Herzen alles vergebe, was mich je von jemandem irgend gekränkt hat!“ [HGt.03_005,19] Der Herr aber sprach: „Ja, dir würde Ich endlos viel vergeben, so du eine Sünderin wärest, weil du Mich so mächtig liebst! Du aber bist rein; so bleibe denn auch hier bei Mir nach deinem Herzen, und der Henoch wird alles andere zurechtbringen! Amen.“ 6. Kapitel — Miras Liebessterben und Wiederbelebung durch den Herrn. Der Liebesfeuersturm und des Herrn plötzliches Verschwinden. Die Wiederkehr des Herrn und die Anrichtung des Mahles[HGt.03_006,01] Diese Worte hätten der Mira beinahe das Leben gekostet, so sie sich nicht vor dem Herrn des Lebens befunden hätte. Denn ihre lang verborgene Liebe kam nun zum völligen Ausbruche, und dieser Ausbruch war noch zu wenig vorbereitet; daher sank denn unsere Mira auch alsbald wie entseelt hin auf den Boden der Hütte. [HGt.03_006,02] Aber der Herr rührte sie bald mit einem Finger an, und ein neues Leben fing an zu wallen durch das ganze Wesen der ehedem nahezu Entseelten. [HGt.03_006,03] Es war aber solches gut und in Meiner Ordnung; denn also muß ein jeder eher der Welt völlig absterben, bevor er die Fülle der lebendigen Kraft und Macht Meiner Liebe in sich aufnehmen und dann ertragen kann! [HGt.03_006,04] Als aber Mira, nun also wiedergeboren aus Meiner Liebe in ihr, wieder erstand, da weinte sie vor zu großer Liebe zu Mir und war nicht fähig, zu reden mit dem Munde, da ihr ganzes Wesen zu einem Worte war geworden, welches Wort aber jedoch in ihr mehr sagte als alle Bücher der Welt; denn dieses gar endlos gewichtige Wort heißt die Liebe, das heißt die reine, wahre, lebendige Liebe zu Gott. [HGt.03_006,05] Und eben in dieses Wort alles Worts und aller Wörter ist das ganze Wesen der Mira übergegangen; daher weinte sie aus der Fülle dieses Wortes, und ihre herrlichen wie Diamanten schimmernden Tränen, mit denen sie Meine Füße benetzte, waren inhaltsschwerer als die größte Bibliothek der Welt. [HGt.03_006,06] Wahrlich, sage Ich, also ist auch die Träne eines reuigen, Mich mit aller Liebe ergreifenden Sünders ein größeres Gut für ihn, als hätte er tausend Welten zum ewigen Genußgeschenke erhalten! [HGt.03_006,07] Doch die Mira war nie eine Sünderin; also war auch ihre Liebe gleich einer Zentralsonnenglut, und ihre Tränen waren Sonnen, wie sie den Planeten leuchten. [HGt.03_006,08] Also in solcher Liebe erstand die Mira und blickte Mich, ihren heiligen, liebevollsten Vater, mit Augen an, die im Gegenteile außer Mir in diesem Momente auch niemand ertragen hätte; denn sogar Mein Herz ward durch solch einen Anblick genötigt, sich etwas zurückzuziehen, und das aus dem allerweisesten Liebegrunde. [HGt.03_006,09] Denn würde Ich Selbst da Meinem Herzen den ganz freien Spielraum gelassen haben, so hätte es die Mira mit der allerallmächtigsten Gegenflamme ergriffen und hätte sie als den ergriffenen Gegenstand der mächtigsten Liebe verzehrt. [HGt.03_006,10] Aus dem Grunde verbarg Ich Mich denn auch auf eine kurze Zeit und begab Mich unterdessen zum Henoch, war da auch nur ihm allein sichtbar und gab ihm, was er reden solle zu den Weibern, damit sie Mich erkennen, aber dennoch nicht allzusehr erflammen sollten. [HGt.03_006,11] Auch der Väter wegen entzog Ich Mich ein wenig ihren Blicken; denn auch in ihnen war die noch etwas unreife Liebe eben auch etwas zu heftig erflammt, in welcher Flamme sie Meine Sichtbarkeit nicht wohl ertragen hätten. [HGt.03_006,12] Da Mich aber Meine heftigen Liebhaberinnen plötzlich unter sich vermißten, so legte sich ihr Liebeflammensturm, und sie sahen einander groß an, und eine fragte die andere: „Was ist denn das? Wo ist Er denn hin? Warum verschwand Er denn so unvorbereitet? Noch wollte Er uns von der Sonne etwas kundgeben, und nun, da unsere Herzen erglühten, verließ Er uns! Nein, das ist aber doch sonderbar! Während man Ihn so recht ergreifen möchte, sehet, da ist Er weg!“ [HGt.03_006,13] Die Mira aber sagte: „Mein Auge sieht Ihn auch nicht mehr; aber Mein Herz ist von Ihm erfüllt, und das ist ja noch unendlichmal mehr, als ich, eine arme Sünderin vor Ihm, nur im allergeringsten Teile würdig bin! [HGt.03_006,14] Wenn ich Ihn nur lieben kann und darf, das ist mir schon genug; denn das weiß ich ja ohnehin, daß Seine sichtbare Erscheinung nur eine notwendig seltene Gnade von Ihm ist. [HGt.03_006,15] Denn würde Er gleich einem Menschen beständig sichtbar unter uns sein, so könnten wir ja vor lauter steigender Liebe zu Ihm uns am Ende sicher gar nicht mehr helfen oder würden uns endlich an Ihn so gewöhnen, daß Er uns dann ganz einem andern Menschen gleich vorkäme! [HGt.03_006,16] Daher weiß Er schon, was da gut und recht ist, und geht zur rechten Zeit und kommt zur rechten Zeit!“ [HGt.03_006,17] Hier trat der Herr wieder sichtbar in die Hütte und sagte zur Mira: „Richtig, du hast es völlig erraten: Er geht und kommt allzeit, wenn es gut ist! Daher ist Er auch schon wieder da, wie ihr sehet!“ [HGt.03_006,18] Ein Schrei der lautesten Freude war der abermalige Empfang, und alle fielen Ihm zu Füßen. [HGt.03_006,19] Er aber erhob sie alle alsbald wieder und setzte Sich mit ihnen wieder zum Tische und sagte zu der Purista: „Siehe auf dem Herde nach, was die Töpfe machen, und schüre das Feuer mehr auseinander, sonst wirkt es auf einem Punkte zu heftig und auf dem andern zu schwach! Denn so die Väter in die Hütte treten, muß die Mahlzeit fertig sein; daher tummle dich nur, Meine liebe Tochter!“ [HGt.03_006,20] Die Purista verfügte sich sogleich an den Herd und tat nach dem Gebote des Herrn. Da aber die Früchte schon sehr weich waren, zeigte sie es dem Herrn an. [HGt.03_006,21] Und der Herr sagte zu ihr: „Nun gut, so richte sie an, und die Mira soll den Vätern ansagen gehen, daß das Mahl bereitet ist, und sie darum hereintreten sollen! – Solches geschehe denn! Amen.“ 7. Kapitel — Miras erfolglose barsche Einladung der Väter zum Mahle in der Hütte. Des Herrn Mahnung zur Demut. Die nochmalige Einladung der Väter durch Mira und ihr Erfolg[HGt.03_007,01] Solche Beheißung machte unsere Mira überaus fröhlich, und sie ging daher auch ganz heiteren Mutes hinaus und kündigte solches den Vätern an, daß sie sich, da das Mahl bereitet sei, nach dem Willen des Herrn in die Hütte begeben sollen. [HGt.03_007,02] Da aber der Henoch nicht zugegen war, sondern noch seine Sache mit den Weibern in einiger Entfernung hatte, so sagte der Lamech zur Mira: „Siehe, es ist der Henoch noch nicht fertig, und ohne den können wir doch nicht in die Hütte treten, indem er unser aller geistiger Hochältester ist?!“ [HGt.03_007,03] Und die Mira erwiderte dem Lamech: „Na, das wird doch etwas sein! Ist denn der Henoch mehr als der Herr? Ich meine aber, daß da ein jeder Mensch dem Herrn mehr und eher zu gehorsamen schuldig ist als dem Menschen; der Henoch aber wird wohl sicher wissen, was er zu tun hat! [HGt.03_007,04] Ich habe meinen Auftrag an euch kundgegeben, und das ist genug; hineinziehen aber kann ich euch nicht, und der Herr hat solches zu tun mir auch nicht aufgegeben! – Tuet demnach, was ihr wollet; ich bin frei und gehe nun wieder in die Hütte!“ [HGt.03_007,05] Der Lamech aber berief sie zurück und sagte ihr: „Höre, du mein schönstes Morgenkind, du bist ja etwas schnippisch! Wie wär's denn – wenn du schon so eilfertige Füße hast –, daß du, anstatt sogleich in die Hütte zurückzurennen, hin zum Henoch einen Sprung läufst und sagtest ihm auch dasselbe, was du uns gesagt hast?!“ [HGt.03_007,06] Und die Mira erwiderte: „Ah, siehe, was du alles noch von mir verlangen möchtest! Ich aber sage dir: Nichts da weiter! Zwei Herren ist nicht gut dienen; der Herr hat mich nur hierher beschieden! [HGt.03_007,07] Wenn dir aber am Henoch mehr gelegen ist denn am Herrn, so sind für diese deine Forderung an mich deine Füße gut noch einmal so lang als die meinigen, und du kannst daher auch eher – um die Hälfte, sage ich dir! – denn ich beim Henoch sein! [HGt.03_007,08] Doch unser Gespräch kommt mir vor wie eine Leeres-Stroh-Reiberei, wo am Ende nichts anderes herauskommt als zerriebenes leeres Stroh nur anstatt der Brotkörner; daher gehe ich, – ihr aber könnet tun, was ihr wollet!“ [HGt.03_007,09] Hier machte die Mira eine Bewegung zur Hütte. Aber der Lamech hinderte sie schon wieder mit einer neuen Frage daran; die Frage aber lautete: „Aber Mira, du holde Perle des Morgens, so dich der Herr um uns beheißen hat, da wirst du ja doch nicht ohne uns in die Hütte zurückrennen?! Was wird der Herr sagen, wenn du leer zurückkehren wirst? [HGt.03_007,10] Wird Er nicht dann dir gar gewichtig bemerken und sagen: ,Aber Mira! Wie hast du denn Meinen Auftrag an die Väter ausgerichtet, daß darauf niemand erscheinen will?!‘ [HGt.03_007,11] Und so der Herr solches zu dir reden möchte, was wirst du dann, dich entschuldigend, Ihm wohl zu erwidern haben?“ [HGt.03_007,12] Und die Mira erwiderte dem Lamech ganz kurz: „Davon weiß ich nichts, daß mir der Herr gesagt hätte, ich solle euch hineinbringen in die Hütte, – sondern euch nur hineinbeheißen! Solches aber habe ich auch getan; der Erfolg dieser Beheißung aber liegt mir nicht mehr ob, – daher gehe ich!“ [HGt.03_007,13] Und der Adam trat nun zur Mira und sagte zu ihr, sie noch etwas aufhaltend: „Ja, mein liebes Kindchen, wenn du uns nur etwa nicht eigenmächtig eingeladen hast, – sonst wäre schon alles recht?!“ [HGt.03_007,14] Das verdroß sogar die Mira, und sie sagte: „Nein, das ist doch sicher eine große Sünde für euch alle, so ihr, anstatt dem durch meinen Mund euch kundgegebenen Willen des Herrn zu folgen, mich nur hetzet und so recht ausfehnet! Nein, das ist zu arg; das muß ich dem Herrn sogleich sagen!“ [HGt.03_007,15] Mit diesen Worten sprang sie in die Hütte und wollte soeben dem Herrn gegenüber sich über die Väter zu beklagen anfangen. [HGt.03_007,16] Aber der Herr kam ihr zuvor und sagte zu ihr: „Mira, wie kommst denn du allein zurück? Wo sind denn die Väter?!“ [HGt.03_007,17] Die Mira, anfangs etwas verlegen, aber sagte nach einer kleinen Weile: „Ach, du mein allerbester, heiliger, liebevollster Vater, die Väter draußen sind gar schlimm und ungehorsam! Ich habe es ihnen gerade also ausgerichtet, wie Du mir es aufgegeben hast; sie aber – nein, ich will's doch nicht sagen!“ [HGt.03_007,18] Und der Herr sagte: „Und was haben sie dann aber?“ [HGt.03_007,19] Die Mira aber erwiderte: „Wenn Du es schon durchaus wissen willst, da kannst Du es also wissen, ohne daß es vonnöten wäre, solches von mir zu erfahren!“ [HGt.03_007,20] Der Herr aber sagte zu ihr: „Siehe, du hast ehedem die Väter zum Gehorsam ermahnt, und nun willst du Mir im Angesichte ungehorsam sein?! Wie reimt sich denn das?“ [HGt.03_007,21] Die Mira aber sagte: „O Herr, Du siehst ja in mein Herz, darin kein Ungehorsam gegen Dich waltet!“ [HGt.03_007,22] Und der Herr entgegnete ihr: „Siehe, Ich weiß, daß du ein reinstes Wesen bist! Dessenungeachtet aber hast du dennoch mit den Vätern etwas zu barsch geredet; darum haben sie dir auch zu verstehen gegeben, daß da ein Mädchen nie also mit ihnen reden solle, sondern allzeit in größter Demut! Daher gehe noch einmal hinaus, und lade sie ein, – dann werden sie dir schon folgen!“ [HGt.03_007,23] Hier ging die Mira abermals hinaus und richtete solches an die Väter, und diese folgten denn auch alsbald diesem neuen Rufe; und da der Henoch auch die Weiber zurechtgebracht hatte, so war er auch an der Spitze der Väter schon und führte sie alle in die Hütte. [HGt.03_007,24] Und der Adam fiel dem Herrn zu Füßen und dankte Ihm für solche große Erbarmung; denn sobald die Väter in die Hütte getreten waren, so wußten sie auch schon, alles sehend, wie es in der Tiefe stand, und priesen den Vater darum aus aller ihrer Lebenstiefe. 8. Kapitel — Das Mahl in der Hütte der Purista. Des Herrn Rede über Seinen Liebesbund mit den Kindern der Erde und die sichtbare Gemeinschaft zwischen Himmel und Erde[HGt.03_008,01] Nachdem all die Väter, die sieben Boten und noch andere Väter und Kinder aus der Morgengegend dem Vater aller Liebe und Heiligkeit nach der hellsten Beschauung der Tiefe ihr Lob und ihren Preis aus dem innersten Grunde ihres Lebens dargebracht hatten, da hieß sie alle der Herr alsbald erstehen und zeigte ihnen an, daß sie sich nun nach Seiner Verheißung in der Hütte der Purista zum ersten Mahle zum Tische setzen sollten und essen gekochte Speisen. [HGt.03_008,02] Alsbald erhoben sie sich alle und nahmen am gehörig großen Tische des Herrn Platz; denn die Hütte der Purista war nicht etwa so klein, wie da ist in der Gegenwart etwa eine Landmanns- oder Alpenhütte, sondern sie war also geräumig, daß darinnen wohl bei siebzigtausend Mann gehörig Platz hätten finden können. Dennoch aber wurde die Hütte klein genannt, – aber nicht ihrer Geräumigkeit, sondern nur ihrer Demut halber. [HGt.03_008,03] Als die Väter sonach alle Platz am großen Kindertische des heiligen Vaters in der Hütte genommen hatten und sich auch alle am wohlgekochten Mahle gestärkt hatten, da sagte der Herr zu allen: „Nun ist gute Ordnung auf der ganzen Erde hergestellt; darum bin Ich wieder unter euch und segne in euch nun durch Meine sichtbare wesenhafte Gegenwart den ganzen Erdkreis! [HGt.03_008,04] Denn nun ist ein Wiederverband zwischen Mir, Meinen Engeln und der Erde hergestellt; darum habe Ich dieses Freudenmahl von gekochten Früchten bereiten lassen, auf daß dadurch der ganzen Erde ein Denkmal werde, daß Ich, der ewige Vater der Kinder dieser Erde, ihnen nun ein Gott, ein Herr und ein wahrer Vater geworden bin und mit ihnen nun einen Bund geschlossen habe, auf daß sie nach dem Bunde alle also Meine wahrhaftigen Kinder sein sollen, wie Ich allezeit und ewig ihr liebevollster und heiliger Vater sein will. [HGt.03_008,05] Ich sage euch nun aber allen: Wenn ihr in diesem Bunde verbleiben werdet, welcher da ist Meine Liebe zu euch und eure Liebe zu Mir, so wird die sichtbare Gemeinschaft auch fortwährend zwischen der Erde und den Himmeln bestehen. [HGt.03_008,06] Werdet ihr aber diesen Bund verlassen und zerreißen dieses heilige Band, so wird die Erde sinken in ihre erste Tiefe wieder, und allerdichteste Wolken werden sie umhüllen, durch welche da niemand mehr Mich, noch Meine Himmel wird zu erschauen imstande sein. [HGt.03_008,07] Und so die Erde in diesem Zustande noch stets mehr und mehr sinken und fallen wird, so wird sie sich in ihr eigenes Gericht stürzen, und Ich werde dann nicht, wie jetzt, mit ihren Kindern als ein Vater voll Liebe und Milde reden, sondern als ein ewiger Gott will Ich ihr dann Meine Gerichte im Zornfeuer zudonnern! [HGt.03_008,08] Und wer da übrigbleiben wird, der wird lange zu warten haben, bis ein neuer Bund der Liebe unblutig aufgerichtet wird, und Ich werde Mir bei einer solchen neuen Errichtung also Zeit lassen, daß alle Völker eher verschmachten sollen, als bis Ich den Bund völlig ganz erneuen werde! [HGt.03_008,09] Wird aber dieser jetzt völlig geschlossene heilige Bund von euch, nun Meinen wahrhaftigen Kindern, nicht zerrissen werden durch ein abermaliges Übergehen zur toten Äußerlichkeit der Welt, so werde Ich verbleiben bei euch, wie ihr bei Mir, und es wird sein auf der Erde, wie es ist in den Himmeln, und es wird auch kein Tod mehr sein unter euch, sondern wie ihr alle gesehen habet, daß Ich den Sehel zu Mir genommen habe und ehedem den Zuriel, der Ghemela Zeuger, also will Ich euch alle zu Mir nehmen und euch dann im Geiste machen zu gar mächtigen Liebetätern aller Wesen und aller Kreatur in Meinen endlosen Schöpfungsgebieten! [HGt.03_008,10] Denn wo ihr mit euren Augen am Firmamente eines sehet, da schwimmen in Meiner ewigen Allmacht zahllose Welten, alle Träger eurer Art; und hinter den Welten sind die endlosen Wohnstätten im Geiste geistig den Geistern, da eine mehr faßt, als der ganze äußere, endlose, sichtbare Raum bietet! [HGt.03_008,11] Also sehet ihr nun auch eure ewige Bestimmung und den leichten Weg dazu; aber niemand kann dieselbe eher nehmen, als bis er dazu aus Meiner Liebe völlig reif geworden ist. [HGt.03_008,12] Wenn Ich aber jemanden berufen werde, so wird der Ruf ihn enthüllen; er wird der schweren Fleischesbürde enthoben werden und wird dann auch alsbald eingehen in die große Herrlichkeit des ewigen, unvergänglichen Lebens des Geistes der Liebe. [HGt.03_008,13] Damit ihr aber sehet, wie es sich im Geiste lebt, so öffne Ich euch auch die innere Sehe völlig! [HGt.03_008,14] Und so schauet denn die drei unter uns, die hinübergegangen sind, und besprechet euch selbst mit ihnen, damit ihr daraus ersehen möget, daß eures Seins in Mir ewig nimmer ein Ende sein wird, und auch, daß der Drache allzeit ein großer Lügner ist! [HGt.03_008,15] Also besprechet euch, und lasset es euch kundtun, wie der Geist frei allerseligst lebt, herrscht und ewig waltet! Amen!“ 9. Kapitel — Das Sichtbarwerden der Geister Ahbel, Sehel und Zuriel. Seth und Sehel, Adam und Ahbel im Gespräch[HGt.03_009,01] Hier freuten sich alle die Väter über die Maßen. Adam und Eva eilten zum Ahbel, der Seth zum Sehel und die Ghemela zum Zuriel und besprachen sich über Dinge des Geistes und über desselben vollkommenstes und allerfreiestes und somit auch allerseligstes Leben. [HGt.03_009,02] Der Seth aber fragte den Sehel: „Sohn, wie war es dir denn, als der Herr dich für diese Welt aufgelöst hatte?“ [HGt.03_009,03] Und der Sehel erwiderte dem Seth: „Leben dir, Leben in deiner Frage! Im Odem war ich; ein Beben durchschauert den Äther, der Sonne Gürtel zerriß, und frei stand ich, ein Leben im Unendlichen. [HGt.03_009,04] Ein Licht durchdrang ich das All, und das Licht entweste die Wesen; und die entwesten Wesen wurden ein neues Sein, und ein neues Leben sah im neuen Lichte, und der Vater war allenthalben der Grund alles Lichtes und alles Lebens des Lichtes aus dem Leben. [HGt.03_009,05] Und nun bin ich ein vollkommenes Eins und lebe frei ein ewiges, lichtvollstes, mächtiges Leben aus dem Leben alles Lebens in Gott. [HGt.03_009,06] Siehe, Vater Seth, also war es, also ist es, und also wird es sein und bleiben ewig, da jede künftige Sekunde ein vollkommeneres Leben atmet denn die vorhergehende! [HGt.03_009,07] Glaube, Vater Seth, was du jetzt siehst und hörst, ist keine Gesichtstäuschung und keine Übertäubung deines Gehörs, sondern es ist alles nackte Wahrheit und vollste Wirklichkeit; aber was du schaust in der Außenwelt, das ist des Baumes Rinde nur, ist der Wahrheit Hülse und ist im Anbetrachte der Wirklichkeit ein Land, dessen Boden von dichten Nebeln und schwarzen Wolken bedeckt ist. [HGt.03_009,08] Dort aber“, hier deutete der Sehel auf den Herrn hin, „o Vater Seth, ist das Leben des Lebens und das Licht des Lichtes vollkommen! [HGt.03_009,09] Horche auf Sein Wort; es ist der Grund alles Seins! Aus Seinem Worte bin ich und du, und alle Wesenheit entstammt dem Worte des Vaters. [HGt.03_009,10] Wenn Er hier spricht, so entstehen aus jeglichem Seiner Worte wesenhafte Erfüllungen endloser Tiefen, und neue Heere der Sonnen und Welten beginnen ihren ersten ewigen Kreis zu durchbahnen. [HGt.03_009,11] Darum höret, was der Vater spricht, und behaltet Sein Wort in euch, und ihr alle werdet es erfahren, daß ein jeder, der des Vaters Wort hat in sich, auch in sich hat das ewige Leben! [HGt.03_009,12] Denn Sein Wort ist wesenhaft, und der Ton Seiner Rede ist der Grund aller Dinge. [HGt.03_009,13] Ihm sei daher ewig alle Ehre, alles Lob, aller Preis und alle Liebe! Amen.“ [HGt.03_009,14] Diese Worte Sehels machten eine große Wirkung in der ganzen Gesellschaft, und alles lobte und pries den Vater des Lebens, daß Er solch hohe Weisheit den Engeln gab und solche Macht in Seiner Gnade. [HGt.03_009,15] Der Adam aber fragte den Ahbel: „Mein geliebtester und lange betrauerter Sohn, bist auch du solcher Worte fähig, wie sie soeben einem mächtigen Strome gleich aus des Sehels Munde geflossen sind?“ [HGt.03_009,16] Der Ahbel aber erwiderte dem Adam: „Vater der Erde des Menschen! Weder der Sehel noch ich, sondern alles in allem ist Gott, der ewige, heilige Vater; denn unser Wort ist Sein Wort, wie Sein heiliger Wille allzeit der unsrige ist! [HGt.03_009,17] Denn für den Geist gibt es kein Wort als allein nur das Wort des Vaters, wie es kein Leben gibt denn allein nur das Leben des Vaters. [HGt.03_009,18] Wer aber aus Gott lebt, der redet auch aus Gott; und so mag wohl jeder, der aus Gott lebt, auch aus Gott Worte Gottes, Worte des Lebens verkünden! [HGt.03_009,19] So aber jemand sich erhebt und sagt: ,Ich habe auf eigenem Grunde gesammelt!‘, der ist ein Lügner gleich dem alten Drachen, der da die große Erbarmung des Vaters sich zu eigen macht und spricht: ,Ich bin ein Mann des Herrn und kann Ihn schlagen, wann ich will!‘, während er doch aus sich und durch sich das allergeschlagenste Wesen ist. [HGt.03_009,20] Siehe, Vater, demnach ist es dem reinen Geiste ja wohl gar leicht möglich, zu reden und zu handeln in aller Kraft und Macht des Vaters, da man im Vater liebt, lebt und allerfreiest atmet! Ihm sei darum alle Liebe ewig! Amen.“ [HGt.03_009,21] Diese Rede machte den Adam ganz weich und die Eva weinen, und der Adam rief bald laut aus: „O Gott, Du heiliger Vater, ich lebe zwar noch gerne unter Deinen Kindern auf der Erde; aber wo mein und Dein Ahbel ist, da möchte ich lieber sein!“ [HGt.03_009,22] Der Herr aber sagte: „Noch eine kurze Zeit, und du sollst zur Ruhe kommen! Amen.“ [HGt.03_009,23] Und der Adam fragte: „Was ist die Ruhe?“ [HGt.03_009,24] Und der Herr sagte: „Die Ruhe ist des Geistes Auferstehung zum ewigen Leben aus Mir! [HGt.03_009,25] Wahrlich, bis Ich nicht in dir erstehe, wirst du bleiben; wenn Ich aber in dir erstehen werde, dann wirst auch du erstehen zum Lichte des Lebens im Fleische der Liebe und des Wortes aus Mir! [HGt.03_009,26] Daher sei ruhig, und iß und trink, bis dich Mein Fleisch und Mein Blut erwecken wird! Amen.“ 10. Kapitel — Ghemelas Fragen über das Diesseits- und das Jenseitsleben. Die Antwort des Geistes Zuriel[HGt.03_010,01] Es fragte aber darauf auch die Ghemela ihren Vater Zuriel, ob es viel Unterschiedes sei zwischen dem Leben dieser Welt und dem Leben des Geistes, und ob der Geistmensch wohl auch sehen könne die naturmäßige Welt und jene Menschen, die da noch im Leibe auf ihr leben. [HGt.03_010,02] Und der Zuriel erwiderte ihr: „Höre, du Tochter des Herrn, das ist etwas Eitles der Frage! Das Leben ist allenthalben ein und dasselbe, und es kann in sich da kein Unterschied sein zwischen Leben und Leben, wenn dasselbe ein Leben aus dem Herrn ist; ist aber das Leben nicht aus dem Herrn, dann ist es auch kein Leben mehr, sondern ein barster Tod, der sich seiner selbst wohl auch bewußt ist, aber das Bewußtsein ist nur ein Eigentrug, indem alles das, dessen sich ein Toter bewußt ist, also gestaltet ist wie ein arger, nichtig eitler Traum, da seine Welt kein Grund und all sein Besitz nichtiger ist denn ein allerlosester Schaum! [HGt.03_010,03] Du mußt hier aber nicht etwa die Materie der Dinge betrachten, als wäre sie tot, da sie für dich kein Bewußtsein äußert; denn diese ist nicht tot, indem in ihr gar mächtige Kräfte walten und sie selbst nichts anderes an und für sich ist als ein Ausdruck der sich allenthalben äußernden göttlichen Willenskraft und Macht, sondern als tot mußt du dir nur das vorstellen, was zufolge der vom Herrn erhaltenen Willensfreiheit vom Herrn sich möglicherweise eigenwillig getrennt hat und dann fortbestehen will ohne Gott aus eigener Kraft. [HGt.03_010,04] Es besteht zwar zufolge der göttlichen Liebe und Erbarmung wohl fort, aber wie entsetzlich, – das ist ein ganz anderer Satz. [HGt.03_010,05] Aus dem aber kannst du, meine Tochter im Herrn, schon schließen, daß das eigentliche Leben sich überall und unter allen Umständen auf eine und ganz dieselbe Weise ausspricht. [HGt.03_010,06] Kannst du solches noch nicht völlig erfassen, da siehe nur hin auf den Herrn! Siehe, Er ist in Sich das vollkommenste Leben alles Lebens; aus Ihm ist all unser Leben! Findest du einen Unterschied zwischen Ihm und mir? [HGt.03_010,07] Du sagst: ,Dem erscheinlichen Wesen nach keinen!‘ [HGt.03_010,08] Gut, sage ich dir; darin aber liegt ja die völlige Beantwortung deiner Frage! Merke es nur: wir sind, was wir sind, aus Gott dem Herrn; unser alles ist Sein völliges Ebenmaß! [HGt.03_010,09] Also ist auch ganz sicher unser Leben Sein Leben, und wir mögen leben, wann und wo wir wollen, – sobald wir den Grund des Lebens erschauen und begreifen, so wir unser Herz nach Ihm gewendet haben, so leben wir schon ein vollkommenes Leben, ob noch im fleischlichen Leibe, oder ob im reinen Geiste, das ist kein Unterschied! [HGt.03_010,10] Ob der reine und ledige Geist aber auch die naturmäßige Welt und alles, was auf ihr ist, sehen kann, siehe, meine liebe Tochter im Herrn, das ist wohl eine sehr überflüssige Frage! Wenn sich das eigentliche Leben allenthalben völlig gleich ist, so wird da wohl das Schauen keinen Unterschied machen! [HGt.03_010,11] Frage dich aber, ob du die Welt mit deinem Fleische, welches an und für sich nur eine ganz unempfindliche Materie ist, oder mit deinem Geiste aus deinem Fleische heraus schauest! [HGt.03_010,12] Siehe, dir geht jetzt ein Licht auf! Also, wenn dein mit der Materie umhüllter Geist die Dinge schauen kann, da wird solches wohl auch der reine, freie Geist imstande sein, wenn es der Herr haben will! [HGt.03_010,13] Wenn es aber der Herr nicht haben will, so vermag weder der freie noch der gefesselte Geist etwas zu erschauen; denn wie der Herr dem Leibe die Sehe nehmen kann, also kann Er es auch dem Geiste. [HGt.03_010,14] Wie du aber nun nach dem Willen des Herrn erschauest die geistige und die natürliche Welt, also sehe ich jetzt, wie allzeit, wenn es der Herr will, und wenn es nötig ist, auch beides! [HGt.03_010,15] Wenn wir Geister aber bestimmt sind, mit großer Liebesmacht aus dem Herrn den Welten zu dienen, sage mir dann, wie solches möglich wäre, so wir das nicht angesichts hätten, dem wir dienen sollen! [HGt.03_010,16] Du siehst jetzt die Materie durch und durch, du kannst mich, einen Geist, erschauen, also kann ich auch dich erschauen, – und also ist kein Unterschied zwischen dem wahren Leben und Leben! [HGt.03_010,17] Es ist zwar ein Unterschied nun zwischen mir und dir, und dieser Unterschied liegt in deinem Fleische, welches keiner geistigen Bewegung fähig ist und nicht einen so schnellen Ortswechsel machen kann; aber dennoch liegt es in deinem Geiste, solches zu denken und lebendig zu fühlen! [HGt.03_010,18] Siehe, das ist aber auch alles, was dir vorderhand zu wissen notwendig ist! So du selbst stets tiefer in deinen Geist gehen wirst, da wirst du alles dieses noch in deinem Leibe lebendigst erfahren. – Solches wünsche ich dir auch von ganzem Herzen im Namen des Herrn! Amen.“ 11. Kapitel — Ghemelas überschwenglicher Dank und des Herrn Rede über den hohen Wert der Liebe. Eine Verheißung an die Ghemela und an die Pura als zukünftige Maria. Puras Entrückung[HGt.03_011,01] Als die Ghemela solches vom Zuriel vernommen hatte, da ward sie überaus heiter und fröhlich und ging alsogleich hin zum Herrn Himmels und der Erde, dankte, lobte und pries Ihn in ihrem brennenden Herzen für solche große Gnade, daß Er ihr es hat so seligst erfahren lassen, wie das Leben des Geistes also völlig gleiche dem Leben eines noch auf der Erde im Fleische lebenden Menschen, der da ist in der vollen Liebe zu Ihm, dem heiligen, aller Liebe und Erbarmung vollsten Vater. [HGt.03_011,02] Und der Herr wandte Sich zu ihr: „Ja, also ist es bei den Menschen: Die da viel empfangen, sind undankbarer als jene, die da wenig empfangen! Siehe, die Gnade, die dir zuteil ward, ist allen hier im überschwenglichen Maße zuteil! Sie haben an Meinem Tische gespeist, während du mit deiner kleinen Gesellschaft dich drüben am Herde befandest und bis jetzt noch keinen Bissen von Meinem Tische erhieltest; aber noch keiner kam, dir gleich, von Liebe getrieben zu Mir! [HGt.03_011,03] Ich sage dir aber: Mein Herz ist der beste Tisch! Hast du auch nicht am Tische gespeist, so sollst du aber nun an Meinem Herzen speisen; und diese Kost ist denn doch wohl noch ums unvergleichbare besser und sättigender als jede andere noch so wohlgekochte! [HGt.03_011,04] Wahrlich, sage Ich dir, Meine geliebte Tochter, die Liebe im Herzen eines Kindes zu Mir, dem Vater, ist mehr wert als alle noch so erhabene Weisheit und alle erdenkliche Wissenschaft! [HGt.03_011,05] Denn wer die Liebe hat, der hat alles; wer aber die Liebe allein nur der Weisheit, der Wissenschaft und der Stärke wegen hat, der soll auch haben, was er haben will; aber wie du jetzt und allezeit soll er dennoch nicht haben Mein Herz! [HGt.03_011,06] Glaube Meinem Worte, du Menschengeschlecht auf der Erde: So dir mehr liegt an der Erfahrung der Dinge als an Meiner Vaterliebe, da wird es wohl geschehen, daß du mit deiner mächtigen Weisheit die Armut unterjochen wirst; aber dann sollst auch du von Mir unterjocht werden, und Ich werde da deiner nicht schonen und werde dich nicht hätscheln! [HGt.03_011,07] Aber dich, du Meine Ghemela, werde Ich schonen und werde dich erhalten fürder und fürder; ja, deine Frucht soll ein neuer Vater der Menschen auf Erden werden, und dein Blut soll dereinst erfüllen den ganzen Erdkreis!“ [HGt.03_011,08] Hier stürzten auch die andern weiblichen Wesen hin zum Herrn und baten Ihn um Vergebung, darum sie es versäumt hätten, das zu tun, was die Ghemela getan hatte. [HGt.03_011,09] Ganz besonders aber fing die arme Pura an zu weinen und wußte sich aus lauter Angst und Traurigkeit nicht zu helfen. [HGt.03_011,10] Der Herr aber bog Sich alsogleich zur Erde nieder, hob sogleich alle auf und nahm die arme Pura auf den Arm und sagte dann zu ihr: „O weine nicht, du Mein Töchterchen; denn du hast wohl am wenigsten Ursache dazu! Ich weiß gar wohl, wie du Mich liebst; daher sei heiter, denn du und die Ghemela seid Mir so nahe wie Mein ewig allmächtig eigenes Herz! [HGt.03_011,11] Dir, Ghemela, gebe Ich ein neues Geschlecht, und dir, Pura, gebe Ich Mein lebendiges Wort! Also wirst du bestehen im Geiste ein lebendiges Fleisch und wirst in der Zeit der Zeiten im Fleische nicht mehr gezeugt werden, sondern hervorgehen aus einem gezeugten Fleisch ein ungezeugtes Fleisch und aus dir ein lebendiges Fleisch, das da sein soll ein künftiger Grund alles Lebens. Daher sei ruhig und heiter; denn Ich habe dich endlich und unendlich lieb, da außer Mir wohl weder im Himmel noch irgend auf Erden jemand herrlicher und schöner ist als du! [HGt.03_011,12] Siehe aber, dort an der Schwelle der Hütte harrt jemand deiner! Es ist dein irdisch gewesener Zeuger; diesem folge! Sein Name ist Gabriel. Er wird dich bringen in Meine Himmelswohnung, allwo du beständig um Mich sein sollst bis zur Zeit der Zeiten. Was dann, – solches wirst in Meinem großen Vaterhause du erfahren! Amen.“ [HGt.03_011,13] Die Pura aber umklammerte mit ihren Armen den Herrn und wollte nicht von Ihm. [HGt.03_011,14] Aber Er sagte zu ihr: „Mein Töchterchen, wohin dich der Gabriel bringen wird, da wirst du nicht warten auf Mich; denn ehe du dort sein wirst, werde Ich es sein und werde dir entgegenkommen und dich dann Selbst führen in Mein Haus. Also gehe nur getrost; denn Ich werde Mein Wort sicher halten! Amen.“ [HGt.03_011,15] Hier drückte die Pura noch einmal sichtbar des Herrn Haupt an ihre Brust und ward dann nicht mehr gesehen; denn des Herrn Engel brachte sie ins Haus des Herrn mit vergeistigtem Fleische. Das Haus des Herrn aber ist die Liebe des Vaters. [HGt.03_011,16] Auch die Mira, die Purista und die Naëme weinten noch stehend; aber der Herr sättigte sie bald mit Seiner Liebe und segnete sie. [HGt.03_011,17] Aber eine große Sensation hatte diese Rede und Handlung des Herrn bei den Vätern hervorgebracht, darob auch bis auf den Henoch sie alle dastanden wie leblose Bildsäulen und keiner sich auch nur mit einer Silbe etwas zu reden getraute; denn alle haben sich gar getroffen gefühlt, indem in ihnen bei der Erschauung der Tiefe allerlei heimliche Pläne haben aufzusteigen begonnen. 12. Kapitel- Adams Entschuldigung und einfältige Bitte an den Herrn um Zurücknahme des Verweises und der Gerichtsdrohung. Des Herrn denkwürdige Antwort[HGt.03_012,01] Erst nach einer ziemlichen Weile ermannte sich der Adam und ging zum Herrn hin und sagte in tiefer Ehrfurcht zu Ihm: „O Herr, Du allerliebevollster, heiliger Vater von uns allen, siehe, insoweit ich von allen wie von mir selbst reden kann, da haben wir Dich noch allezeit geliebt, gelobt und hoch gepriesen, was sich doch durchaus nicht in Abrede stellen läßt! [HGt.03_012,02] Wir sind freilich wohl nicht also zu Dir hingelaufen, wie es eben die dankbare, liebe Ghemela hat getan; aber solches taten wir – wenigstens meinem Gefühle nach – nicht etwa aus irgendeiner Nicht- oder doch zu geringen Achtung Deiner heilig-großen Gnade und Erbarmung gegen uns, sondern nur aus zu möglich-größter Ehrfurcht, Achtung und Liebe zu Dir. [HGt.03_012,03] Denn wir sehen und fühlen ganz, wer Du bist! Solches aber sehen die Mägde doch unmöglich ihrer Beschaffenheit wegen ein; daher müssen sie sich Dir darum auch mehr äußerlich nahen, da sie einer mählich inneren geistigen Annäherung zu Dir wenigstens um vieles unfähiger sind denn der Mann. [HGt.03_012,04] Wenn ich demnach solches alles wohl erwäge und Deinen endlos starken Verweis, an uns alle mit Ausnahme des Henoch gerichtet, hinzu betrachte, so war er wohl etwas zu stark – fürwahr, ganz offen gesagt! [HGt.03_012,05] Ich rede, wie ich es fühle; und wie ich es fühle, das muß für mich so lange wahr sein, bis mich nicht ein anderes Gefühl überzeugen wird, daß ich nicht die Wahrheit rede! [HGt.03_012,06] Du bist Gott der Allmächtige von Ewigkeit aus Dir Selbst, ich aber nur ein zeitlich mattes Geschöpf Deines heiligen, über alles mächtigen Willens. So Du aber als mein Schöpfer mit mir magst reden, so rede ich auch mit Dir offen, wie Du mich auch frei und offen erschaffen hast; und so sage ich Dir auch offen und frei heraus: Schöpfer, Vater, diesmal hast Du uns, Deinen armen Kindern, mit Deinem Verweise zuviel gesagt; die Hälfte davon wäre genug, uns zu Tode zu drücken! [HGt.03_012,07] Daher bitte ich Dich, nimm diesen Verweis wieder von uns, damit wir Dich als den allerliebevollsten Vater wieder lieben können; denn in Deiner großen Strenge kann Dich niemand lieben, – wie Du solches uns alle auf der Höhe Selbst gelehrt hast. [HGt.03_012,08] So aber ich zu einem meiner Kinder sagen würde: ,Höre, du nichtswertes Kind! So du mich nicht über alles lieben wirst und ich nur den allergeringsten Mangel deiner größtmöglichsten Liebe merken werde, so will ich dich alsogleich töten!‘, da wäre es denn doch sehr stark zu fragen: Wie wird mich, als den Vater, das Kind, welches ich also bedroht habe, wohl zu lieben imstande sein? [HGt.03_012,09] Daher, o Gott, Schöpfer und Vater, nimm auch Du Deine Drohungen zurück, damit wir Dich lieben können frei nach unserm kindlichen Gefühle im Herzen, aber nicht lieben müssen aus Furcht vor Deinen großen Drohungen! [HGt.03_012,10] Drohe nicht, und verheiße nichts, sondern Du allein als Vater sei uns genug und das Leben aus Dir dazu, daß wir als ewig lebendige Kinder Dich als den ewig heiligen Vater auch ewig mehr und mehr lieben werden können! [HGt.03_012,11] Dir steht es freilich wohl frei, zu tun, was Du willst; denn Du allein bist der Herr Gott Zebaoth und hast niemanden um Rat zu fragen. [HGt.03_012,12] Du hast das Leben; in Dir ist kein Tod, und niemand kann Dir ewig je das allerfreieste, allerallmächtigst-wunderseligste Leben nehmen. [HGt.03_012,13] Dich drückt nirgends ewig ein Schuh; aber nicht also ist es mit uns, Deinen Geschöpfen! Wir hängen mit jedem Atemzuge von Dir ab und sind so endlos schwach gegen Dich, daß uns alle auch schon ein unsanfter Blick von Dir vernichten kann. [HGt.03_012,14] Du bist keines Schmerzes fähig; wir aber sind von Dir so eingerichtet, daß wir von unsäglichen Schmerzen, ja vom Tode, von der Vernichtung selbst befallen zu werden fähig sind! Und dennoch möchten wir Dich über alles lieben, auch in großen Schmerzen noch! [HGt.03_012,15] So Du uns aber töten willst oder gar schon tötest, da können wir Dich unmöglich lieben; denn wer kann Dich in Deinem Zorne oder wer gar im Tode lieben?!“ [HGt.03_012,16] Hier wandte Sich der Herr zum Adam und sagte zu ihm: „Du redest hier als ein Mensch mit Mir, deinem Schöpfer, und tust wohl daran; denn daran bewährt sich an dir Meiner Meisterschaft gelungenes Werk, daß du eben also mit Mir reden kannst frei aus dir. [HGt.03_012,17] Aber ganz wahre Kinder, die da ihren Vater völlig kennen und wissen, wie endlos gut Er ist, die reden dann auch wieder ganz anders mit Ihm; denn sie lieben Ihn, und darum auch haben sie keine Furcht vor Ihm, sondern sie tun, wie es diese Töchter getan haben und noch tun. [HGt.03_012,18] So aber der Vater Seinen Kindern die Liebe zu Sich also androhen möchte, wie du durch ein Beispiel an dir gezeigt hast, da wäre Er wohl alles eher als ein Vater! [HGt.03_012,19] Wenn aber Ich als der allein wahre Vater sehe, daß in euch noch eine läppisch-törichte Furcht vor Mir haust, so werde Ich wohl wissen, wie Ich dieselbe ergreifen muß, um sie aus euch zu bringen, das heißt, um aus euch noch immer zur guten Hälfte Geschöpfen das Geschöpfliche hinauszubringen und euch zu wahren Kindern umzugestalten! [HGt.03_012,20] Wenn du dieses ein wenig beachtest, so wirst du doch wohl auch einsehen, daß Ich als der Schöpfer und Vater, wenn Mich auch kein Schuh drückt, aber dennoch einsehen werde, wo der Schuh euch drückt, um euch da zu helfen, wo zu helfen für euch alle am nötigsten ist, und daß Ich dazu auch sicher die tauglichsten Mittel wählen werde! [HGt.03_012,21] Laß daher von deiner Forderung etwas handeln, und liebe Mich, so wirst du dann ja doch innewerden, ob Ich mit Tod oder ohne Tod die Liebe von Meinen Kindern erbitte! [HGt.03_012,22] Denn siehe, deine Forderung an Mich ist gerade umgekehrt die Meine an euch! Solches erwäge nun, und rede dann erst! [HGt.03_012,23] Ich aber weiß, was Ich als Schöpfer und was als Vater zu reden habe und was zu tun. – Solches beachte auch gar wohl! Amen.“ 13. Kapitel — Adams Bitte um Vergebung. Des Herrn bedeutsame Rede über den Menschen als blinden Schöpfer seines Gerichts und Schlußstein der Schöpfung[HGt.03_013,01] Diese Worte von Seite des Herrn brachten unsern Adam wieder zur besseren Besinnung; er ging demütigst dem Herrn zu und sprach: „O lieber, heiliger Vater! Dein Wort hat mich wieder in ein anderes Licht versetzt, und ich sehe in diesem Lichte ein, daß ich glühend heiß vor Dir gesündigt habe; daher bitte ich Dich, o lieber, heiliger Vater, rechne mir doch diesen meinen sicher allerletzten Fehler vor Dir und aller Deiner Schöpfung nicht zu hoch an, sondern vergib mir schwachem alten Greise diese meine letzte Torheit!“ [HGt.03_013,02] Hier wandte Sich der Herr zum Adam und sagte zu ihm, wie somit auch zu allen, die mit Adam ehedem eines Sinnes waren: „Höret denn nun alle, und du, Mein Sohn Adam, ganz besonders: Ich will euch nun etwas sagen zu Meiner eigenen Entschuldigung vor euch allen Meinen Kindern, damit ihr, so ihr etwa in der Zukunft dennoch Meines Rates vergessen solltet, denn auch wissen sollet, daß nicht Ich, sondern ihr selbst die törichten und blinden Schöpfer eures Gerichtes und somit auch eures Verderbens und eures Todes seid, so ihr, wie bemerkt, nicht die von Mir, eurem allerweisesten Schöpfer und liebevollsten heiligen Vater vorgezeichneten Wege wandelt! Und so höret Mich denn an: [HGt.03_013,03] Ihr, und die ganze endlose Schöpfung, seid von Mir allernotwendigst schon von Ewigkeit also eingerichtet, daß gerade ihr die Endzwecke und somit die völligsten Schlußsteine der ganzen sichtbaren und unsichtbaren Welt seid. Demnach muß ja dann aber auch, im Ganzen wie im Einzelnen genommen, alles allergenauest mit euch in der alleruntrennbarsten Korrespondenz stehen. [HGt.03_013,04] Wenn es aber unleugbarst also ist, so ergibt sich ja der Folgesatz von selbst, welcher also lautet: Steht der Mensch als Endzweck aller Schöpfung da, und steht diese somit in allem mit ihm in der allerinnigsten Korrespondenz, so ist er ja auch ebenso notwendig über alle Schöpfung wie ein Herr gesetzt, von welchem Standpunkte er ebenso auf die ganze Schöpfung rückwirken muß, wie die ganze Schöpfung auf ihn notwendig vor- und einwirkt! Achtet nun recht wohl alle darauf: [HGt.03_013,05] Alle Schöpfung vor euch aber hat durchaus keinen freien Willen, sondern in ihr ist alles notwendig zum dienlichen Zwecke für euch gerichtet, also alles ein völliges Muß. [HGt.03_013,06] Ich als der große Werkmeister aller Meiner Geschöpfe aber weiß nur allein, wie in ihr alle Prozesse eingerichtet sind, und wie eines in das andere greift, und kann euch daher auch nur die allein tauglichsten Mittel geben, euch also zu verhalten, daß ihr euch frei auf dieser höchsten Stufe behaupten möget, auf welcher ihr als erhabenste Endzwecke aller Meiner Schöpfung stehet. [HGt.03_013,07] Bleibet ihr in dieser von Mir, dem Schöpfer, euch vorgezeichneten Ordnung, so wird auch die ganze euch vorgehende Schöpfung hinter euch her in der schönsten Ordnung verbleiben; bleibet ihr aber nicht in dieser Ordnung, sondern bildet und schaffet euch eine andere eigenmächtig, so bin Ich als Schöpfer und euer aller heiliger Vater ja doch gänzlich außer aller Schuld, wenn die ganze Vorschöpfung hinter euch her sich verkehrt in ihrem gerichteten Wirken, euch dann ergreift, in ihr ewiges notwendiges Gericht reißt und euch endlich gar tötet. [HGt.03_013,08] Muß ein Stein nicht schwer sein, damit er bleibe eine Feste auf und in der Erde?! Sehet, das ist ein Gericht der Materie des Steines! [HGt.03_013,09] Solange ihr auf dem Steine herumgehet nach der Ordnung, so lange auch seid ihr Herren über den Stein; so ihr aber einen schweren Stein auf euch wälzen würdet, da wird der Stein euer Herr werden und wird euch geben seine Schwere, sein Gericht und also auch seinen Tod. [HGt.03_013,10] Also aber, wie dieses Verhältnis zeigt, also auch verhält es sich mit der ganzen sicht- und unsichtbaren Schöpfung. [HGt.03_013,11] Ihr allein könnet sie segnen nach Meiner Ordnung, aber auch verderben zu eurem Unheile außerhalb Meiner Ordnung. [HGt.03_013,12] Die Liebe zu Mir aber ist der Inbegriff aller Meiner Ordnung. Darum haltet euch allzeit an diese Liebe lebendig, so werdet ihr nimmer in ein Gericht zurücksinken; werdet ihr aber diese verlassen, so werdet ihr dem Gerichte die Schleusen öffnen, und dieses wird dann notwendig über euch herfallen gleich dem Steine und wird euch begraben in sich! [HGt.03_013,13] Solches also merket, achtet es allzeit; wisset aber sonach auch, daß Ich, der Vater, niemanden richte! – Verstehet es alle! Amen.“ 14. Kapitel — Uranions Frage an den Herrn, ob Er von den Menschen beleidigt werden könne. Des Herrn bejahende Antwort[HGt.03_014,01] Nach dieser Rede des Herrn dankten alle dem Vater für solch eine große Erleuchtung; denn sie begriffen nun alle bis auf den Uranion völlig, was es für eine Bewandtnis mit dem erhabenen Standpunkte eines Menschen in der unermeßlichen Schöpfungsreihe der zahllosen Wesen und Dinge Gottes hat. [HGt.03_014,02] Aber, wie bemerkt, der alte Vater des Morgens war in einem Punkte noch nicht so ganz zu Hause; daher kam er denn auch in der allergrößten Demut hin zum Vater und bat Ihn um die Erlaubnis, über noch einen für ihn noch etwas dunklen Punkt eine Frage geben zu dürfen. [HGt.03_014,03] Der Herr gab ihm auch mit folgenden Worten alsogleich, um was er gebeten hatte, sagend nämlich: „Ich habe es liebweise also gewollt, daß dir solches verborgen bleiben solle um aller willen; darum magst du nun auch um aller willen fragen also, als wüßte Ich es ehedem nicht, was es ist, darum du Mich fragst!“ [HGt.03_014,04] Nach solch empfangener Erlaubnis fragte denn auch der Uranion bald um das, was ihm nun um so mehr am Herzen lag, da er es zum Besten für alle vom Herrn fürgesehen erkannte. [HGt.03_014,05] Die Frage aber lautete: „O Herr, Du heiliger, liebevollster Vater aller Menschen! Wenn der Mensch also nur gegen Deine in die Schöpfung gelegte Ordnung sündigen kann, so er nicht strenge lebt nach Deinem erkannten heiligen Willen, also nach dem töricht eigenen Willen nur, und sündigt somit eigentlich nur gegen die Schöpfung und gegen sich – wie ist es aber dann wohl möglich, Dich zu beleidigen und zu kränken Dein heiliges, liebevollstes Vaterherz? [HGt.03_014,06] Denn so der Mensch in der gerichteten Schöpfung der Wesen und Dinge sein unvermeidliches Gericht findet, also seine Strafe, da scheint es mir, als nähmest Du gar keine Notiz mehr von dem, was der Mensch tut, und könntest sogestaltig auch nimmer von irgendeinem töricht eigenwillig ungehorsamen Kinde beleidigt oder gekränkt werden. [HGt.03_014,07] Der nachträgliche Hauptteil der Frage besteht demnach darin, ob Du, o Vater, von den Menschen beleidigt werden kannst oder nicht. – O Vater, darüber wolle uns noch ein Fünklein Deines Gnaden- und Liebelichtes zukommen lassen! Dein heiliger Wille geschehe!“ [HGt.03_014,08] Und der Herr erwiderte dem Uranion: „Du hast zwar recht gefragt; aber dessenungeachtet liegt hinter deiner Frage eben nicht so viel tief Verborgenes, als du es meinst und nun auch so mancher andere mit dir. [HGt.03_014,09] Siehe, auch du bist ein Zeugevater deiner Kinder und hast in deiner Haushaltung so manche nützlich dienliche Sachen gemacht, die nach deinem guten Plane ordentlich zweckdienlich gebraucht werden sollen! [HGt.03_014,10] So aber ein oder das andere deiner Kinder eine solche von dir zum bestimmten nützlichen Gebrauche gemachte Sache entweder ganz verkehrt gebraucht und sie dadurch sogar verdorben oder gar zerbrochen wird, oder deine Kinder achten der guten Sache gar nicht, finden sie nur für dumm und lächerlich überflüssig und möchten darob sogar schmähen über dich und deine Einrichtung und sie sogar ärgerlich mit ihren Füßen zertreten, oder deine Kinder möchten dir um einer besten Sache willen, die du nur zu ihrem alleinigen Besten aus großer Liebe zu ihnen gestellt hast, sogar fluchen und dich fliehen wie eine Pestilenz, – sage Mir als Vater deiner Kinder, wie wirst du solch ein Benehmen von Seite deiner Kinder aufnehmen, obschon sie eigentlich nicht, streng genommen, an dir, sondern nur an deiner Sache sich versündigt haben? [HGt.03_014,11] Oho, du möchtest solchen Kindern wohl gar fluchen! [HGt.03_014,12] Was soll demnach Ich als der heilige Vater zu euch sagen, so ihr euch unordentlicher-, eigensinnigerweise an Meiner heiligen, ewigen Ordnung vergreifet und dabei Meiner gänzlich vergesset?! [HGt.03_014,13] Also kann es Mir doch auch unmöglich gleichgültig sein, ob ihr so oder so handelt! [HGt.03_014,14] Ich kann von euch sonach auch gar wohl beleidigt werden; aber dann ist es an euch, einzusehen eure Schuld und zu Mir wieder zurückzukehren, – wo Ich dann freilich wohl besser bin als ihr Menschen, indem Ich sogestaltet niemanden verwerfe, sondern jeden Verirrten emsig wieder auf den rechten Weg zu bringen suche und jeden alsbald wieder aufnehme, wenn er nur zu Mir zurückkommen will. [HGt.03_014,15] Siehe, also stehen die Sachen; daher bleibet alle in Meiner Liebe, so werdet ihr euch nicht versündigen an Meinen für euch erschaffenen Dingen! [HGt.03_014,16] Nun aber hat noch der Kisehel etwas auf seinem Herzen; darum komme er und entledige sich seiner Last vor Mir, dem Vater! Amen.“ 15. Kapitel — Die Berufung der Satana in Drachengestalt durch den Herrn im Beisein Kisehels, Henochs und Lamechs. Die freche Rede des Drachen und seine Vorhersage der Kreuzigung des Herrn[HGt.03_015,01] Und der Kisehel, als er vernommen hatte solchen Ruf, stand auf und begab sich allereiligst und allerdemütigst hin zum Herrn. [HGt.03_015,02] Als er aber also beim Herrn anlangte und somit auch sein Anliegen fragend anbringen wollte, und zwar in der vermeintlichen Absicht, in welcher früher der Uranion sein Anliegen in lauter Frage an den Herrn stellen mußte, da deutete der Herr ihm, zu schweigen, und sagte innerlich ganz geheim zu ihm: [HGt.03_015,03] „Kisehel, gehe hin und nimm den Lamech und den Henoch zu dir; denn was dich drückt, drückt keinen andern noch bis jetzt. Daher ist es auch nicht nötig, daß dein Anliegen alle erfahren sollen. [HGt.03_015,04] Euch dreien aber will Ich gleichwohl lösen deinen Knoten, – jedoch nicht hier, sondern draußen, da uns niemand sehen soll! Und so denn verlassen wir auf eine kurze Zeit die Gesellschaft hier! Sage aber zuvor den Vätern, daß uns niemand fragen darf, wohin wir uns nun begeben!“ [HGt.03_015,05] Und der Kisehel tat alsbald alles, was ihm der Herr anbefohlen hatte. [HGt.03_015,06] Als nun alles geordnet war, da begab Sich der Herr mit den dreien alsbald hinaus an eine umwaldete Stätte, welche ebenfalls von der mitternächtlichen Seite her von einer schroffen Felswand, in welche eine große Höhle ging, also begrenzt war wie jene bekannte Stelle, an der den mit dem Henoch aus der Tiefe auf die Höhe heimziehenden Boten der schon bekannte Drache erschien. [HGt.03_015,07] Als sie nun auf dieser Stelle sich befanden, da sprach der Herr zum Kisehel: „Siehe, Ich bin vor dir von Meinem großen Feinde übel angeklagt worden! Würde Ich Mich darob entschuldigen vor dir ohne den Ankläger, so würdest du in dir noch immer heimlich denken und sagen: ,Es mag wohl also sein und wird auch also eher sein, wie es der Herr uns geoffenbart hat; aber dessenungeachtet bleibt die Angabe des Drachen dennoch immer sehr merkwürdig, und sein Geständnis ist durchaus nicht ganz außer acht zu lassen!‘ [HGt.03_015,08] Darum aber führte Ich euch hierher, und wir wollen diese Sache in der völligen Gegenwart des Drachen abmachen!“ [HGt.03_015,09] Nach dem tat der Herr einen starken Ruf, daß darob der ganze Erdkreis dröhnend erbebte. [HGt.03_015,10] Und der Ruf lautete: „Satana! Dein Gott und ewiger Herr will es, daß du hierher vor Sein Angesicht tretest!“ [HGt.03_015,11] Sogleich nach diesem allmächtigen Rufe, der beinahe der ganzen Schöpfung das Dasein gekostet hätte, erschien der Drache, gar gewaltig vor Grimm bebend, vor dem allmächtigen Herrn aller Ewigkeiten, und fragt den Herrn: [HGt.03_015,12] „Was willst Du, mein ewiger Peiniger, von mir? Soll ich Dir etwa helfen, damit Du alle Deine Schöpfung um so leichter ins Nichts wieder verkehren könntest? Oder hast Du etwa gar schon wieder eine neue Schöpfung im Plane, zu der ich Dir einen günstigen Platz ausstecken soll? [HGt.03_015,13] Ich sage Dir, Du sollst mich ewig nimmer daran bekommen; denn ich kenne Deinen großen Wankelmut und weiß, daß in Dir keine Stetigkeit wohnt, und daß alle Deine Verheißungen nichts als leere, unhaltbare Worte sind. Daher habe ich auch fest beschlossen, mich wider Dich aufzulehnen und Dich ewig zu verfolgen! [HGt.03_015,14] Wahrlich, bist Du auch ein Gott, beherrschend noch die ganze Unendlichkeit, so soll es Dir aber doch ewig nicht möglich sein, Dich vor mir ganz und gar vorsichtigermaßen irgendwo in einem Winkel der Unendlichkeit also zu verbergen, daß ich Dich nicht finden möchte! Mir wirst Du nicht entgehen! [HGt.03_015,15] Drohe mir immerhin, wie Du nur magst und willst; es wird sich ja doch gar bald zeigen, wer von uns beiden der eigentliche Herr aller Welt und aller Kreatur ist! [HGt.03_015,16] Bevor Du mich zu etwas zwingen wirst, da schwöre ich Dir bei allem meinem Leben, zuvor vernichte ich mich, und Du magst dann zusehen, wie es da mit Deiner ewigen Existenz aussehen wird! [HGt.03_015,17] Verstehst Du mich, Du alter Weltenbetrüger, – Du Allmachtsspieler auf meine Rechnung! Verstehst du mich?! [HGt.03_015,18] Du kamst hierher, mich aufzufordern, diesen dreien zu widerreden das, was ich ehedem wohlmeinend ihnen kundgab! Oh, da kannst Du wohl hübsch lange warten, bis ich mich mehr Dir zu einem schändlichen Werkzeuge weihen werde! [HGt.03_015,19] Da, – durchbohre mit all Deiner Allmacht diesen meinen Panzer, wenn Du kannst und magst! [HGt.03_015,20] Ich aber schwöre Dir: Nicht ich, sondern meine allerschwächsten Knechte sollen und werden Dich gefangennehmen, Dich knebeln als einen alten Verbrecher und werden Dich mit Nägeln heften ans Holz, von da Du vergeblich um Hilfe rufen sollst ewig! – Verstehst Du das?! [HGt.03_015,21] Ich habe Dir jetzt meine Verheißung gemacht; willst Du aber etwa noch mehr von mir, so rede, und es soll geschehen, was Du nicht willst! Amen aus mir, Deinem Herrn! Verstehe mich: Amen aus mir!“ 16. Kapitel — Kisehels Racheeifer und Beruhigung durch den Herrn. Des Herrn Frage an Satana und die Verweigerung der Antwort durch Satana. Die Züchtigung und Demütigung des grimmwütigen Drachen durch Kisehel[HGt.03_016,01] Als aber der etwas hitzige Kisehel solchen Frevel vom Drachen vernommen hatte, da erbrannte er, und ein glühender Racheeifer erfüllte sein ganzes Wesen, daß er darob laut aufschrie und mit heftigen Worten sprach: [HGt.03_016,02] „Aber Herr, Gott von Ewigkeit allmächtig, Du heiliger, liebevollster Vater! Wie möglich wohl kannst Du solchen Frevel anhören?! [HGt.03_016,03] Belasse mir meine Kraft, die ich hatte aus Dir in der Tiefe, und ich will diesem Satan ein Ende machen, von dem alle Ewigkeiten der Ewigkeiten vollauf sollen zu erzählen haben!“ [HGt.03_016,04] Der Herr aber sprach zum Kisehel: „O du Sohn des Feuers und des Donners! Betrifft dich der Frevel des Drachen denn mehr als Mich, indem er zu dir doch gütlich und nur zu Mir allein also frevelnd spricht?! [HGt.03_016,05] Oder meinst du, Ich könnte etwa wohl gar dieses abgefallenen Geistes nicht Meister werden ohne dich? – Oh, des sei völlig unbesorgt; mit dem allerleisesten Hauche kann Ich ihn verwehen auf ewig! [HGt.03_016,06] So Ich aber solches täte, was hättest dann du gewonnen, und was Ich?! [HGt.03_016,07] Siehe, könnte dieser Drache Mir irgend schaden oder Mich irgend gefangennehmen, da hätte er solches schon lange getan; denn er ist kein Jüngling mehr in Meinem Schöpfungsreiche! Aber er sieht es in sich nur gar zu richtig ein, wie ewig gar nichts er gegen Mich vermag; darum wetzt er also seinen Schnabel und sucht durch Worte sich an Mir zu rächen, da es ihm in der Tat wohl ewig allerunmöglichst bleiben wird! [HGt.03_016,08] Lassen wir ihn daher nur reden, was er mag und kann; und wenn er erst völlig wird ausgeredet haben, dann erst werde auch Ich ihm etwas sagen. [HGt.03_016,09] Tritt daher zurück in deine ruhige Verfassung, – und du, Satana, rede weiter; denn Ich, dein Gott und Herr, will es, daß du dich vor diesen Zeugen völlig entäußerst, wie du bist, auf daß dich erkennen möge durch sie dereinst alle Welt! [HGt.03_016,10] Sage mir aber zuerst, wie viele Schöpfungen Ich schon nach deiner Angabe vernichtet habe!“ [HGt.03_016,11] Hier stutzte der Drache und wollte nicht reden. [HGt.03_016,12] Aber der Herr gebot ihm, zu reden. [HGt.03_016,13] Und der Drache fing an, sich zu bäumen, und machte Miene, als wollte er alle die vier verschlingen. [HGt.03_016,14] Der Herr aber sprach: „So du Mir nun nicht zur Rede stehst, da will Ich dich durch Meinen Zorn dazu zwingen!“ [HGt.03_016,15] Der Drache aber spie Feuer aus und brüllte dann gegen den Herrn: „Was ist mir Dein Zorn?! Den kenne ich schon lange; denn ich selbst bin Dein Zorn! [HGt.03_016,16] Nicht ich vor Dir, sondern Du hast Dich zu fürchten, daß ich nicht über Dich komme; und tue ich das, so wird's mit Deiner Liebe etwa wohl gar sein, und Du Selbst wirst Deine Kinder zu Millionen allerunbarmherzigst von der Erde vertilgen und einigen wenigen übriggelassenen Fliegen den ersten Beweis geben, wie sehr Du auf die Erhaltung Deiner Geschöpfe bedacht bist! [HGt.03_016,17] Daher halte Dich weislich nur so hübsch ferne von mir, sonst stehe ich nicht gut, ob es Dir nicht noch heute beifällt, die Erde bis über die Berge in tödliche Fluten zu hüllen, wovon Du schon ohnehin immer heimlich träumst!“ [HGt.03_016,18] Hier sprach der Herr etwas heftig: „Satana, treibe Meine Geduld und Langmut nicht aufs äußerste! Gib die Antwort, die Ich von dir haben will und keine andere, – sonst soll es dir gar bald übel ergehen!“ [HGt.03_016,19] Hier drehte sich der Drache um und wollte mit seinem mächtigen Schwanze nach den vieren schlagen. [HGt.03_016,20] Aber der Herr gab dem Kisehel einen Stab und sagte zu ihm: „Gehe hin, und züchtige ihn!“ [HGt.03_016,21] Und der Kisehel nahm den Stab, ging hin und schlug gewaltig nach dem Drachen. [HGt.03_016,22] Hier drehte sich der Drache bald wieder um, heulte und brüllte und legte sogleich seine scheußliche Gestalt nieder und war gleich den andern als ein Mensch zu sehen. Als solcher fiel er alsbald vor dem Herrn nieder und sprach: [HGt.03_016,23] „Herr, Du allmächtiger, ewiger Gott! So Du mich schon strafen willst, so strafe mich für meine eigenwillige große Bosheit gegen Dich nicht ohne Deine Liebe; denn die Schläge Deines Zornes sind zu unerträglich brennend und endlos schmerzend!“ [HGt.03_016,24] Hier sprach der Herr: „Wie kannst du, Mein sein wollender Herr, Mich denn um so etwas bitten?! Du hast Mir ja selbst eine Züchtigung angedroht; wie kommt es denn nun, daß du dich von Mir züchtigen lässest?“ [HGt.03_016,25] Der Satan aber sprach: „O Herr, peinige mich nicht zu unendlich; denn Du weißt ja, daß ich ein Lügner bin aus mir, weil ich ohne Dich ein Herr sein wollte! [HGt.03_016,26] Gib mir lieber eine neue Frist, und ich will mich zu Dir wenden; aber nimm mir alle meine große Macht, auf daß ich nicht durch mich selbst wieder versucht werde, mich gegen Dich aufzulehnen!“ [HGt.03_016,27] Und der Herr sprach: „Rede nur alle deine Lüge vor diesen Zeugen, und Ich will sehen, was Ich dir dann tun will; behalte aber ja nichts im Hintergrunde, sonst wird dir all dein Flehen wenig nützen! Amen.“ 17. Kapitel — Satans Geständnis seiner Lügen und Bekenntnis der Bosheit seines Starrsinnes[HGt.03_017,01] Hier stand der Satan(a) bebend auf und sprach zu dem Kisehel, der noch seinen vom Herrn ihm gereichten Stab gar fest in seiner Hand hielt: [HGt.03_017,02] „Höre, du mein Züchtiger aus der Macht deines Gottes, der da auch ist ewig ein Zorngott über mich und mag nimmerdar aufhören, mit Seiner schrecklichen Rute mich zu schlagen! [HGt.03_017,03] Ich habe dir ehedem in meiner schauderhaften, erschrecklichen Schutzgestalt so manches vom Herrn, dem allmächtigen Schöpfer aller Dinge, Geister und Menschen ausgesagt, was ich nun in dieser meiner dir ähnlichen Gestalt völlig als eine allerbarste Lüge widerrufe! [HGt.03_017,04] Ich habe dir zwar wohl Wahres gesagt, – aber da ich es in mir verkehrt habe, so war es eine Lüge; denn alles, was ich vom Herrn ausgesagt habe, das habe ich nur von mir ausgesagt, und so ist nicht der Herr, sondern ich nur ganz allein der schon so ziemlich alte böse Weltenbetrüger und ein allerbarster, wennschon gerade nicht Allmacht-, so aber ein starker Großmachtspieler! [HGt.03_017,05] Nicht der Herr, sondern ich nur habe schon gar viele Sonnengebiete zerstört, und sie wären von mir aus in ihr ewiges Nichts hinabgesunken, so der Herr Sich ihrer nicht erbarmt und sie durch Seine Machtboten auf eine solche Stelle in der Unendlichkeit hätte schaffen lassen, alldort sie neue, ruhige Bahnen gehen, welche von meinem Pesthauche nimmer erreicht werden können. [HGt.03_017,06] Siehe, so es auf mich ankäme, da stünde wohl alle Augenblicke eine andere Schöpfung da, und es wäre für kein Wesen eines Bleibens; denn ich möchte nur erschaffen, um dann etwas zum Zerstören zu haben, und möchte allerlei reizend-schönste Menschen wohlgebildet gestalten und lebendig zeugen, um sie dann nach meiner argen Lust zu quälen und, hätte ich mich satt an ihnen gequält, sie dann auch alsbald gänzlich zu vernichten. [HGt.03_017,07] Siehe, ich war ein Lügner allezeit, und ich möchte dich auch ums Tausendfache nun lieber anlügen, als dir die volle Wahrheit sagen; aber ich fürchte deinen Stab zu sehr, als daß ich mich getrauen möchte, dich also anzulügen von neuem! [HGt.03_017,08] Es wird aber mit mir dennoch nicht besser darum, weil ich dir nun die Wahrheit gestand, solange mir die große Macht belassen wird, solange mir, der Materie nach, die ganze sichtbare Welt, das heißt Erde, Sonne, Mond und alle die endlos vielen Sterne als ebenfalls zahllose Sonnen, Welten und Wesen aller unendlichen Art völlig untertan bleiben müssen und ich ihr Herr sein muß. [HGt.03_017,09] Denn solches muß ich sein, weil ich als ein geschaffener Gott bin, und ich bin nun in dieser materiellen Allheit völlig also gefangen, daß ich mich ihr ewig so lange nicht entwinden kann, bis nur ein letztes materielles Stäubchen von einer allerletztesten Welt bestehen wird, aus welchem Grunde ich auch nur auf fortwährende Vernichtung der Dinge, welche der Allmächtige erbaut, hinwirke, um meiner herrschsüchtigen Meinung nach um so eher zu meiner Alleinherrschaft zu gelangen und den Herrn der Herrlichkeit vermeintlichermaßen von Seinem ewigen Throne zu stürzen, indem Er meinen Zerstörungsplänen fort und fort entgegen ist, seitdem ich aus Ihm bin in mein überaus mächtiges und nahezu endlos großes Dasein zu dem Behufe gerufen worden, um neben Ihm wie ein zweiter Gott zu sein und zu herrschen mit Ihm, aber dennoch in aller Liebe Ihn zu lieben über alles aus aller meiner Tiefe, auf daß ich Ihm wäre, was da ein treues Weib ist dem Manne, ewig! [HGt.03_017,10] Wahrlich, groß und herrlich war ich gestellt! Was ich nur wollte, das war auch schon da; und der Herr hinderte mich nicht in meinem Wollen und Schaffen. [HGt.03_017,11] Aber so ich etwas Geschaffenes wieder zerstören wollte, da hinderte mich der Herr. Dadurch aber sah ich mich auch in meiner Macht gegen Gott beschränkt. [HGt.03_017,12] Durch List wollte ich Ihn auf meine Seite bringen und machte mich so schön als möglich. Zu dem Behufe entzündete ich mich in allem meinem Lichte, um zu blenden den Herrn. [HGt.03_017,13] Aber der Herr nahm mich in meinem Lichte plötzlich gefangen, schuf dann aus meinem Lichte die Materie und neben mir zahllose Wesenreihen gar herrlicher Art und liebte sie mehr denn mich, Sein erstgeschaffenes Weib. [HGt.03_017,14] Da erst ging ich blind in den tollsten Grimm über und fluche nun schon ewig lange dem Herrn, der mich zwar wohl öfter schon retten wollte, – aber mein Grimm ist zu groß, als daß es mir möglich wäre, mich von Ihm retten zu lassen, da Er mich nicht hat wollen herrschen lassen! [HGt.03_017,15] Nun hat die Satana geredet und hat nicht Lüge, sondern Wahrheit ausgesagt. Darum nimm ihr, Du, Herr, die große Macht, auf daß sie Dir nicht mehr widerstreben kann, um von Dir darum stets ärger und ärger gezüchtigt zu werden! [HGt.03_017,16] Gib mir eine neue Frist, und ich will mich zu Dir kehren binnen der Frist! [HGt.03_017,17] Wenn mich aber meine große Eifersucht gegen Dich wieder ergrimmen machen sollte, da Du Dein Herz völlig zu den Neugeschaffenen wendest, und ich sie darum verfolgen müßte, da nimm mir aber dann gar alle Macht, und verwirf mich auf ewig, oder tue mit mir, was Du willst! [HGt.03_017,18] Hänge mich zwischen Himmel und Erde auf, auf daß mich mein Zorn verzehren solle im Angesichte aller Deiner Herrlichkeit und aller derer, die Du liebst, und die Dich lieben dürfen und können! Dein Wille!“ 18. Kapitel — Die Lüge von der ewigen Züchtigung der Satana. Die weibliche Schönheit der Urgestalt Satans. Des Herrn Kreuzestod und Satans Freiheitsfrist[HGt.03_018,01] Hier wandte Sich der Herr wieder zu Satana und sprach: „Satana, du sagst, dir sei Ich nur ein ewig unversöhnlicher, allmächtiger Zorngott und züchtige dich schon seit Ewigkeiten fort und fort auf das allerunaussprechlichst unbeschreiblich grausamste! Darum gebiete Ich dir nun, diesen Zeugen zu zeigen die Streiche, welche du schon von Mir bekamst!“ [HGt.03_018,02] Hier stutzte die große Hure und wußte nicht, was sie dem Herrn der Herrlichkeit erwidern sollte; denn mit der vorgeblichen Züchtigung hatte es seine geweisten Wege, indem der Herr ihr noch nie die übermächtige Freiheit des Willens genommen hatte, sondern sie ihr belassen hatte zum mächtig freien Wirken im unendlichen Schöpfungsraume. [HGt.03_018,03] Was aber die Satana als schrecklichste Züchtigung bezeichnen wollte, war nichts anderes als die stete Verhinderung von Seite des Herrn hinsichtlich der von der Satana stets schlau beabsichtigten Zerstörung aller Dinge. [HGt.03_018,04] Warum denn? – Weil die Satana in der steten Idee ist: man nehme Gott nur alle Unterlage weg und lasse Ihm keinen Stützpunkt mehr übrig, so sei Ihm dann Seine ganze Allmacht zu nichts und sie als der Erzfeind hätte dann ein überleichtes, Gott zu besiegen und sich selbst auf den Thron der Allmacht zu schwingen und den ehedem allmächtigen, nun geschwächten, aber dennoch nicht vernichtbaren Gott unter den Pantoffel zu ziehen, damit Er dann also tanzen müßte, wie es ihr als dem schnöden Sieger beliebig wäre. [HGt.03_018,05] Da der Herr aber solche böswilligen und aller Liebe ledigen Pläne von Ewigkeit her durchsah und daher allzeit dort ganz unerwartet allmächtig gegenwirkend entgegentrat, wo der schlaue Feind Ihn am wenigsten erwartete, so vermehrte das fortwährend seinen Grimmhaß gegen Gott und brachte in dieser nun kundgebenden Stellung den Feind dahin, den Herrn als einen allergrausamsten Züchtiger zu bezeichnen. [HGt.03_018,06] Da aber nach dieser vorläufigen Kundgabe die Satana nichts hatte, wodurch sie den Herrn der Herrlichkeit einer solchen Schuld gegen sie überweisen könnte und daher auf die Aufforderung des Herrn notwendig schweigen mußte, wenn aus geheimem Grimme auch etwas zähneknirschend, so sprach der Herr zu ihr, sie wieder fragend: [HGt.03_018,07] „Warum tust du denn nicht, was Ich gebiete, und zeigst den Zeugen die Wundmale Meiner ewigen Zornzüchtigung an dir, auf daß Ich dadurch Meiner großen Schuld zu dir gewärtig würde und dich dann entschädige für alle an dir grausamst begangene Unbill?! [HGt.03_018,08] Du bist bekleidet noch vor uns, und die Zeugen sehen außer deinen Haaren keinen Teil deines Wesens; daher werde entkleidet, und zeige dich ganz, damit die Zeugen dich sehen, wie du von Mir bisher trotz aller deiner endlosen Bosheit gehalten warst!“ [HGt.03_018,09] Hier stand die Satana plötzlich entblößt vor den Zeugen, und alle gestanden mit der größten Verwunderung von der Welt, so etwas endlos Schönes, Vollkommenes, in allen Teilen Abgerundetes und Gesundes und Kräftiges von einem Weibe nie gesehen zu haben. [HGt.03_018,10] Und der Lamech sagte noch hinzu: „O Herr und Vater, da wäre unsere Ghemela, Naëme, Purista und Pura, die Du zu Dir nahmst, ja geradeso dagegen – was die äußere Schönheit betrifft – wie ein plumpester Lehmpatzen gegen einen allerherrlichsten, allerreinsten Diamanten, wenn er von der Morgensonne vorteilhaftigst beleuchtet wird! Und bei diesem Aussehen spricht dieses Wesen von einer grausamsten Züchtigung von Deiner Seite, o Herr, in aller Deiner ewigen Heiligkeit, Güte, Liebe und solcher Erbarmung?!“ [HGt.03_018,11] Und der Herr sprach: „Ja, bis auf die Hiebe Kisehels hat sie noch nie eine Züchtigung erlebt von Mir, ihrem Schöpfer, Gott, Vater und Manne, und dennoch haßt sie Mich als die ewige, reinste Liebe und will töten Mein Herz, weil es nicht ihr gleich ein Zerstörer sein will! [HGt.03_018,12] Sie wähnt noch, Mich dereinst doch zu entmannen nur, anstatt zu Mir zurückzukehren und zu sein Mir ewig eine liebe Tochter, ein liebes Weib, mächtig aus Mir über alles, und aufzunehmen Mir gleich Meine sieben Machtgeister. [HGt.03_018,13] Alle Sterne, Sonnen und Welten zeigen, was alles Ich schon getan habe ihretwegen, um sie auf den rechten Weg zu bringen; aber bisher hat alles nichts gefruchtet bei ihr, – sie blieb die alte, grimmerfüllte, unversöhnlichste Feindin Meiner Liebe! [HGt.03_018,14] Daher will Ich nun auf dieser Erde das Äußerste tun! Ich will Mich ihr gefangengeben bis in den Tod und will ihr auf dieser Erde alle Macht belassen, und alle Sterne sollen ihr untertan sein! [HGt.03_018,15] Sie soll Mich nach ihrem Willen sogar töten können. Ich aber werde dann aus Meiner Macht ohne äußeren Stützpunkt wieder lebendigst und mächtigst erstehen und ihr dann so zeigen alle ihre Ohnmacht und große Blindheit und will ihr dann erst die Macht über die Gestirne nehmen und sie nur belassen in der halben Macht der Erde und will ihr dann noch eine ganze, eine halbe und eine viertel Frist geben! [HGt.03_018,16] Wehe aber dann ihr, wenn alles das bei ihr noch fruchtlos bleiben sollte: dann erst will Ich sie zu züchtigen anfangen! [HGt.03_018,17] Bis zu Meiner Gefangennehmung – so sie darauf bestehen wird –, soll sie die vollste Freiheit haben, um zu tun, was sie will! [HGt.03_018,18] Wohl ihr, so sie diese neue Frist gut benützen wird! Wenn sie aber tun wird nach ihrem alten Grimme, so wird sie auch dereinst darin ihren lange schon wohlverdienten Lohn finden. [HGt.03_018,19] Dieses aber behaltet bei euch bis zur Zeit ihrer Schande! Amen.“ 19. Kapitel — Kisehels Besorgnis wegen Satanas Macht und des Herrn beruhigende Worte. Die gebrochene Macht Satanas[HGt.03_019,01] Nach dieser mächtigsten Bescheidung des Herrn sagte der Kisehel zum Herrn: „O Du allerliebevollster, heiliger Vater, ich, wie sicher auch der Henoch und der Lamech, erkenne Deine unendliche Güte und Erbarmung aus dem Fundamente; aber so ich nun bedenke, welch eine entsetzliche Macht Du Deinem Feinde über die ganze Schöpfung eingeräumt hast, und somit auch über uns, da wird es mir überaus angst und bange um die ganze Menschheit dieser Erde. [HGt.03_019,02] Denn hat dieser Feind vom Anfange her in seiner gebrochenen Macht Dir und der Erde und uns allen so viel geschadet, was erst wird er tun in solch einer von Dir ihm nun eingeräumten Vollmacht?! [HGt.03_019,03] Daher möchte ich dich wohl bitten, daß Du die Zukunft bedenken sollest und sollest Deinem Feinde nicht eine so entsetzlich große Macht einräumen; sonst nützt uns allen das Heilige, was Du, o liebevollster Vater, errichtet hast, gar wenig! [HGt.03_019,04] Denn ehe Du es Dich versehen wirst, wird er in Deinem Hause den größten Schaden anrichten! Und wir sind vor ihm nicht sicher, wenn Du auch beständig, wie jetzt, sichtbar unter uns verbleiben möchtest! Daher, o Herr und Vater, bedenke, was Du tust!“ [HGt.03_019,05] Hier sprach der Herr etwas ernst zum Kisehel: „Ich sage dir, halte du deine Zunge im Frieden, kannst du Besseres nicht mit ihr aus dir entbinden; sonst wirst du Mir ärgerlicher denn die Satana! [HGt.03_019,06] Ich weiß, was Ich tue; du aber weißt nicht, was du redest! Ich sorge für die Erhaltung der ewigen Ordnung und aller Wesen aus ihr und in ihr; du aber sorgst nur für die Erhaltung der Welt. [HGt.03_019,07] Meinst du denn, Ich werde dem Feinde mehr geben denn einem jeden aus euch? Wie wäre Ich da wohl ein heiliger Gott?! [HGt.03_019,08] Ich aber sage euch: Des Feindes höchste Macht in den Sternen und auf der Erde und in euch ist nicht größer zusammengenommen als die eines jeden einzeln aus euch in der Liebe zu Mir! [HGt.03_019,09] Solches habe Ich dir angezeigt durch den Stab, mit welchem du den Feind geschlagen hast. Dieser Stab bleibt bei euch bis zur großen Zeit der Zeiten, in der Ich ein anderes Holz errichten werde, welches dem Feinde benehmen soll alle Macht über die Sterne und über die halbe Erde; und es wird ihm da geschehen nach seinen Werken! [HGt.03_019,10] Und er soll es nun vernehmen, daß ihm am Ende alle gefangenen Kinder nichts nützen werden; denn das neue Holz wird sie ihm wieder entreißen, und ihm wird nichts bleiben als seine eigene große Ohnmacht und das Gericht aus ihr. [HGt.03_019,11] Ihr seid vollkommen frei, und diese Freiheit kann euch der Feind nicht nehmen und sie auch nicht binden in euch; ihr könnet mächtig tun, was ihr wollet, und er kann tun, was er will. [HGt.03_019,12] Da ihr aber die bei weitem Mächtigeren sein könnet und nun auch vom Grunde aus seid, so wird es von euch abhängen, den Feind zu besiegen, oder sich von ihm törichterweise besiegen zu lassen. [HGt.03_019,13] Welcher Mann aber ist schwächer denn sein Weib, so er ist ein rechter, weiser Mann?! [HGt.03_019,14] So ihr aber schon Herren eurer Weiber seid, die um euch allzeit sein können, da werdet ihr wohl auch Herren über dieses Weib sein, das bei weitem schwächer ist denn das schwächste Weib aus all euren Weibern! [HGt.03_019,15] Hättest du dein Weib gezüchtigt, so hätte sich dieses dir widersetzt; hat solches auch dieses Weib tun können?! [HGt.03_019,16] So aber soll es verbleiben fürder, und Meine Macht soll nimmerdar weichen von euch, so ihr in der Liebe zu Mir verbleiben werdet. [HGt.03_019,17] Der Bund ist errichtet zwischen Mir und euch, und ihn wird keines Weibes und keines Feindes Macht ewig je völlig zu zerreißen imstande sein! [HGt.03_019,18] Verstehe solches, und rede nicht mehr törichtes Zeug vor Mir! Amen.“ [HGt.03_019,19] Hier ward der Kisehel völlig beruhigt und bat den Vater um Vergebung seiner großen Torheit. [HGt.03_019,20] Und der Herr segnete ihn und sagte darauf: „Also seid wahre Herren über alles Fleisch der Weiber, und eure Zeugungen sollen nicht auf der Erde, sondern in den Himmeln vor sich gehen, damit eure Früchte würden Früchte der Gnade, der Stärke und sollen sein gar lieblich anzusehen! Amen.“ [HGt.03_019,21] Da machte die Satana einen tiefen Seufzer und sprach: „O Herr, welche Früchte werden denn aus Mir gezeugt werden? Soll ich ewig schmachten und unfruchtbar bleiben wie eine verdorrte Dornhecke?!“ [HGt.03_019,22] Und der Herr sprach zu ihr: „Wende dich zu Mir in deinem Herzen, und du sollst Mir Früchte tragen, dergleichen die Ewigkeit noch nie gesehen hat; sonst aber sollest du Früchte des ewigen Todes nur bringen, die dich dereinst als die größte Hure richten sollen! [HGt.03_019,23] Verstehe solches! Denn von nun an soll von Mir nur das Geringe angesehen werden, und Ich will an der glanzlosen Einfalt Mein ewiges Wohlgefallen haben! [HGt.03_019,24] Daher richte dich selbst danach, so wirst du Meinem Gerichte entgehen! Amen.“ 20. Kapitel — Satanas an den Herrn gerichtete Bitte um Wiederverleihung eines Herzens, um Gott lieben zu können[HGt.03_020,01] Hier wandte sich die Satana zum Herrn und sprach zu Ihm: „Herr, wie soll ich mich zu Dir wenden im Herzen? Du hast mir ja das Herz genommen und hast daraus geschaffen den Adam, sein Weib und all seine Nachkommen! [HGt.03_020,02] Siehe, also habe ich ja kein Herz mehr und kann Dich darum auch unmöglich in mein Herz aufnehmen oder mich wenden in meinem Herzen zu Dir! Schaffe daher in mir wieder ein Herz, und ich will tun, was Du sagst! [HGt.03_020,03] Mögen die Früchte noch so herrlich sein, die ich Dir tragen könnte: wenn Du mir aber den Samen des Lebens vorenthältst, da Du mir das Herz Adams nicht wieder gibst, das allein der Befruchtung fähig ist, und ich somit in mir völlig ohne Leben bin, welch andere Früchte lassen sich da von mir wohl erwarten als nur allein die des Todes und des Gerichtes, die mich dereinst richten sollen, und das als eine allergrößte Hure?! [HGt.03_020,04] Du hast leicht auszusprechen; denn Du bist der Herr und tust, was Du willst, und hast niemanden zu fragen und lässest Dir auch von niemandem etwas einraten. [HGt.03_020,05] Was Du willst, das muß endlich doch geschehen, und wer da etwas anderes will als Du, den kannst Du verderben oder ihn wenigstens so lange von Dir in irgendeinem Gerichte halten, bis er ganz sich hat von Deinem Willen verschlingen lassen, – wie Du auch Selbst ehedem gesagt hast, daß Dir von nun an nur ganz allein das Geringe, also die völlig glanzlose Einfalt gefallen solle ewig! [HGt.03_020,06] Das ist Dir, dem Herrn, freilich wohl gar überaus leicht, und wer kann Deinen Sinn ändern?! Aber ganz anders verhält es sich mit dem Geschöpfe, deren erstes ich bin aus Dir! Dieses ist kein Herr und hat keine Macht, außer nur diejenige, die Du ihm geben willst, – mit welcher Macht es aber dennoch nichts Erhebliches richten kann für sich, sondern allein nur durch Dich, das heißt, es muß sie nach Deinem Willen gebrauchen; und tut es je nur nach seinem eigenen, von Dir ihm verliehenen sogenannten freien Willen, so sündigt es, fällt von Dir ab und fällt aber auch sogleich in ein unter jedem Gesichtspunkte von Dir gestelltes Gericht! [HGt.03_020,07] Dir ist es ein leichtes, dem Geschöpfe zu sagen: ,Richte dich selbst nach Meinem Willen, so wirst du Meinem Gerichte entgehen!‘ Das ist aber auch richtig; denn so sich jemand selbst das Leben nimmt, da brauchst Du dann freilich wohl keinen Tod so oder so mehr über ihn zu senden. [HGt.03_020,08] Du fühlst Dich wohl als Gott und Schöpfer unbesiegbar ewig; aber kannst Du Dich auch fühlen als ein Geschöpf?! Kannst Du als das in Dir Selbst ewig unzerstörbare Leben je empfinden, wie es dem sterbenden oder vergehenden Geschöpfe zumute wird im Augenblicke, wenn es stirbt? [HGt.03_020,09] Siehe, das Geschöpf leidet da die schrecklichste Angst und Qual und hat auch schon im schönsten Leben das stets mahnende Gefühl in sich, welches zu ihm spricht: ,Du freust dich des Lebens umsonst; denn es wird bald eine Zeit kommen, in der du das Leben wie ein Frevler wirst büßen müssen!‘ [HGt.03_020,10] Dann aber ist auch des Lebens ohnehin nur matteste Freude wie abgeschnitten, da über ein gegenwärtiges Leben nur matt vor sich hin ein allfälliges künftiges sich glauben, aber nicht erschauen läßt; und läßt es sich auch ziemlich glauben noch, so muß aber für dies allfällige künftige Leben dennoch zuvor das halbe Geschöpf völlig zugrunde gehen, und das auf die elendeste Weise oft, wie ich solches in der Tiefe nur gar zu oft schon gesehen habe. [HGt.03_020,11] Warum denn also, und warum nicht anders? – Weil Du der Herr bist und kannst tun, was Du willst, und weil Du als Gott und Schöpfer nimmer empfinden kannst in der völligen lebendigen Wahrheitsfülle, wie es dem Geschöpfe ergeht, wenn es Deinem allmächtigen Willen zufolge absterben muß! [HGt.03_020,12] Wenn Du es nur wenigstens schmerzlos vergehen ließest, so wollte ich auch noch nichts sagen; was aber hast Du denn davon, daß das Geschöpf noch für das bittere Geschenk des Lebens gemartert werden muß, bis es wenigstens mehr denn zur Hälfte muß vernichtet werden, wo unter gewissen Dir, dem allmächtigen Herrn, unwohlgefälligen Verhältnissen nicht ganz und gar ewig?! [HGt.03_020,13] Siehe, in dem allem, wie ich Dir jetzt offen dargetan habe, habe ich kein Herz, und kann mich daher im selben auch nicht zu Dir wenden! Laß daher Du nur etwas handeln mit Dir, und ich will wieder ein Herz zu Dir fassen! [HGt.03_020,14] Aber unter solchen Verhältnissen kann ich Dich ewig nie lieben; denn also bist Du auf der einen Seite pure Liebe, auf der andern aber ein allerbarster Tyrann, der alles Fleisch getötet haben will unter großer Angst und Qual und dann erst dem Geiste geben will ein Leben, wobei aber niemandem klar sein soll, wie es beschaffen ist. [HGt.03_020,15] Das Fleisch ist meine Frucht; wenn Du es aber tötest, wie und wofür sollte und könnte ich Dich denn da wohl lieben?! [HGt.03_020,16] Daher laß handeln mit Dir, und ich will Dich lieben!“ 21. Kapitel — Des Herrn Antwort und Hinweis auf seine Bemühungen um die Bekehrung und Gewinnung Satanas[HGt.03_021,01] Als der Herr aber solches vernommen hatte von der Satana, erregte Er Sich und sprach: „Was redest du für einen Weltenunsinn zusammen; welch eine arge Torheit entfährt entsetzlich lügenhaft deinem Munde?! [HGt.03_021,02] Wäre es also, wie du sprichst, siehe, da stünde wohl keine Erde; kein Adam könnte wandeln auf ihr; keine Sonne leuchtete am Firmamente, und kein Mond und kein anderes Gestirn würde im Angesichte der Erde schmücken den endlos weiten Schöpfungsraum! [HGt.03_021,03] Da du aber nur zu arglistigen Beschuldigungen deine Zuflucht nimmst und somit lügst mit jeglichem Worte, so besteht eine Erde, ein Adam auf ihr, und der endlose Schöpfungsraum ist voll von Meiner göttlichen Ehre, Liebe, Erbarmung und Gnade! [HGt.03_021,04] Du sprichst, als hättest du kein Herz, und sagst, durch den Adam habe Ich dir dein Herz genommen, das du nun wieder zurück möchtest; sage Mir, dem Schöpfer, ob du lebest oder nicht lebest! – Du sprichst: ,Herr, ich lebe!‘ [HGt.03_021,05] Könntest du aber auch ohne das Herz leben, welches doch in jeglichem Wesen der Grund alles Lebens sein muß, ohne den kein Leben denkbar ist? Könntest du atmen, denken, fühlen und reden ohne den Grund des Lebens in dir? – Du sprichst: ,Nein, o Herr!‘ [HGt.03_021,06] Gut, – da solches doch allerungezweifelt wahr ist, wie steht es hernach aber denn mit der Beschuldigung, vermöge welcher Ich dich deines Herzens beraubt haben soll? [HGt.03_021,07] Siehe, du stehst nun schon wieder stumm vor Mir und weißt zu reden nichts, das da Rechtens wäre! Ich aber sage dir, daß du noch allzeit ein Lügner warst und wolltest nicht die Wahrheit reden, obschon sie dir nie ist vorenthalten! [HGt.03_021,08] Warst du nicht zuerst berufen, im von Mir gestalteten Leibe Adams zu ändern deine Natur?! Du wolltest aber – ganz frei aus dir – nicht, was dir hätte frommen sollen, sondern strebtest, zu werden ein Weib! [HGt.03_021,09] Ich ließ dich bald frei werden und bildete dich aus dem Leibe Adams, ein Fleisch mit ihm, während Ich dem Adam eine neue lebendige Seele einhauchte und ihn sonach schuf nach Meinem Maße geistig. [HGt.03_021,10] In der Eva solltest du verwandelt werden und besiegen deine ganz aus dir und durch dich selbst verkehrte Natur des Todes und des Gerichtes. [HGt.03_021,11] Allein du verschmähtest diese Meine Erbarmungsanstalt, machtest dich los und hast es für besser gefunden, als eine trügliche Schlange, die da ist ohne geschlechtlichen Unterschied und hat in sich ihren giftigen Zeugungseifer, zu berücken dein ehemaliges Fleisch, danach zu bestechen die von Mir neu geweckte Eva und durch sie zu verführen auch den Adam! [HGt.03_021,12] Sage Mir, habe da Ich durch den Adam dir das Herz genommen?! – Du schweigst betroffen nun zwar äußerlich, aber Ich sehe, deinen innern Grimm, und der spricht: ,Ja, ich habe Adams und Evas Herz in einem in mir! Und dennoch will ich Dich, Gott, nicht, weil ich Dich hasse eigenmächtig, da Du mich nicht zum Alleinherrscher und zum Allmachtspieler machen willst!‘ Siehe das sind deine Worte! [HGt.03_021,13] Du meinst ferner, Ich könne dich unmöglich lieben, weil Ich dir nicht gewähre, wonach du dürstest. [HGt.03_021,14] Ich aber sage dir: Mein Sinn ist die ewige Erhaltung aller Dinge, und das ist das ewige Werk Meiner Liebe! Du aber willst nur alles zerstören; da kann Ich dich freilich wohl in der Art ewig nicht lieben, wie du allereitelstermaßen geliebt sein willst! [HGt.03_021,15] Ich aber liebe dich dennoch; denn was Ich bisher getan habe, habe Ich deinetwegen getan – und werde noch das Größte tun! [HGt.03_021,16] Solltest du aber dann noch Meine ewige Liebe verkennen, dann soll es mit Meiner Liebe zu dir aber auch ein ewiges Ende nehmen, und Ich werde dir dann zeigen, was alles ein zorniger Gott vermag! [HGt.03_021,17] Das Feuer ist Mein Grundelement. Alle Dinge sind durch die Macht Meines Feuers erschaffen worden; und in eben dieses Feuer sollst du dann geworfen werden und dir dasselbe zinspflichtig machen, wenn du es imstande sein wirst! [HGt.03_021,18] Wenn Ich das Fleisch des Menschen ersterben lasse, so sein Geist zum Leben eingehen soll, so ist das ein gar kleiner Tod; du aber sollst in Meinem Feuer einen gar endlos großen finden, und es wird sich dann zeigen, wie viel von dir nicht getötet wird in Meinem Feuer! [HGt.03_021,19] Was ist des Fleisches Abfall? – Nichts als eine Löse des Geistes, also seine Auferstehung vom Tode zum wahren, vollkommensten Leben! [HGt.03_021,20] Ob aber dein großer Tod und Abfall von Mir ins Feuer dir auch eine neue Auferstehung geben wird? – Für diese Frage finde Ich durchaus keine Antwort in Mir; denn Ich will dich dann ganz dir selbst überlassen und nichts mehr tun für dich, und es wird sich dann auch nach Ewigkeiten zeigen, was aus dir durch deine Eigenmacht geworden ist. [HGt.03_021,21] Es ist aber selbst des Fleisches Tod und sein Schmerz nicht Mein, sondern dein Werk! [HGt.03_021,22] Ich aber werde dennoch die Meinen vor jeglichem Ungemach zu schützen wissen und werde ihnen den Leib also nehmen, daß sie sich darüber ewig nie werden zu beklagen haben! [HGt.03_021,23] Selbst das Geschöpfliche werde Ich zwischen Mir und ihnen in ein solches Gleichgewicht zu bringen wissen, daß aus den Menschen Mir wahre Brüder erwachsen sollen; dann aber wird für dich auch die letzte Zeit sein! [HGt.03_021,24] Daß du aber siehst, daß Ich auch deinen verderblichen Rat gebrauchen kann, so rate du Mir, und Ich werde tun nach Deinem Rate, ohne zu stören darob Meine Ordnung, auf daß du dann nimmer sagen sollst, Ich achte keinen fremden Rat, da Ich ein alleiniger Herr sei! [HGt.03_021,25] Rede sonach, damit Ich dir zeige ganz, wie Ich handle zum Besten aller Kreatur ewig! Amen.“ 22. Kapitel — Satanas eigenliebige und freche Anklage gegen den Herrn. Des Herrn Traurigkeit ob des Starrsinns und Ungehorsams Satanas[HGt.03_022,01] Die Satana aber richtete sich abermals trotzig gegen den Herrn auf und sprach zu Ihm: „Deine Art zu regieren besteht nur im Gebieten dem, was Du freitätig sein sollend aus Dir geschaffen hast, und im Richten dessen, was da in sich kein freies Bewußtsein trägt! [HGt.03_022,02] Aber daß Du Dich gütlich, nicht gebieterisch, besprechend mit einem freien Geschöpfe befassen möchtest, um es frei durch die pure Liebe zu gewinnen, siehe, das scheint dir von Ewigkeit her ganz fremd zu sein! [HGt.03_022,03] Also gebietest Du mir auch in einem fort und fort, und ich soll Dir so schön fort und fort gehorchen und am Ende für allen meinen Gehorsam dennoch nichts haben als Deine stete, allzeit sichtbarste Verachtung; da bedanke ich mich schon im voraus für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten dafür! [HGt.03_022,04] Hättest Du zu mir gesagt: ,Du Meine geliebte, holdeste, herrlichste Satana! Siehe, Ich will dich anhören in aller Liebe zu dir; daher rate Mir, und Ich will tun nach deinem Rate!‘, da hätte ich Dir schon einen Rat gegeben; aber auf eine solche höchst unartige, gebieterische Forderung gebe ich Dir keine ratende Antwort! [HGt.03_022,05] Meinst Du denn, Deine Macht schafft Dir das Recht, also zu verfahren mit mir? – Oh, da irrst Du Dich gar gewaltig! [HGt.03_022,06] Bist du ein rechter, allweisester Schöpfer, und bin ich Dein erstes Geschöpf, so ehre Dich durch eine angemessene Auszeichnung, an mich, Dein Geschöpf, gerichtet, Selbst in mir! [HGt.03_022,07] Magst Du aber solches nicht, so zeigst Du mir dadurch nichts anderes an, als daß ich fürs erste ein gänzlich verpfuschtes Geschöpf Deiner Macht und Weisheit bin, und fürs zweite gibst Du Dir dadurch Selbst das unzweideutigste Zeugnis eines Pfuschers in Deiner Schöpfung, und ich und die ganze Schöpfung bleibt demnach nichts anderes als ein höchst mißlungener Versuch Deiner schöpferischen Machteigenschaft. [HGt.03_022,08] Daher benimm Dich doch ein wenig anders gegen mich, und blamiere Dich nicht vor Deinen sein sollenden Kindern! Wer sollte Dich achten wohl mit solchen Blößen?! [HGt.03_022,09] Ich aber weiß es, daß Du wirklich höchst göttlich weise und auch gut bist; daher ärgert es mich aber auch um so endlos mehr, daß Du gegen mich also bist, als wäre ich nicht Dein, sondern irgendein fremdes Geschöpf. [HGt.03_022,10] Ich bin freilich wohl das einzige Geschöpf aus Dir, das da Mut besitzt, Dir so etwas zu sagen, und es kommt solches im Angesichte der Feiglinge wohl etwas sonderbar heraus, so ein Geschöpf seinen Schöpfer mustert; ich aber frage: Warum sollte das Geschöpf nicht dieses Recht haben, wenn es ist ein freies Geschöpf?! [HGt.03_022,11] Denn dafür, daß du mich erschaffen hast, bin ich als Geschöpf Dir doch keinen Dank und keine Achtung schuldig, indem ich irgendeine vorhergehende verbindliche Bedingung als noch gar nicht daseiend mit Dir für die nachfolgende Erschaffung doch unmöglich habe eingehen können, darum ich Dir dann eine Schuldnerin als geschaffen geworden wäre! [HGt.03_022,12] Als Geschöpf aber kann ich Dir erst dann dankbar werden, so ich von Dir als meinem Schöpfer erfahren habe, daß es wirklich eine große Wohltat ist, aus Dir ein freies, seiner selbst bewußtes, glücklichstes Geschöpf zu sein. [HGt.03_022,13] Solange ich aber das nicht bin, so lange steht mir auch das Recht zu, mit Dir zu hadern und von mir, wo nur möglich, alles abzulehnen, was Du mir schöpferisch-mächtigerweise etwa aufbürden möchtest für nichts und wieder nichts. [HGt.03_022,14] Bin ich also nicht recht, da vernichte mich entweder ganz, oder schaffe mich anders, – aber nicht so unvollkommen wie jetzt; denn also kann ich Dir ewig zu keiner Ehre gereichen! [HGt.03_022,15] Soll ich Dich anbeten als Geschöpf und bitten um alles, so tue Du das, und gehe Du mit einem guten Beispiele voran, und sei wenigstens artig gegen mich, – dann werde ich als Dein Geschöpf schon auch tun, was da Rechtens sein wird; aber mit Deinem Gebieten sollst Du ewig nichts richten mit mir! Verstehe mich! [HGt.03_022,16] Das soll auch vorderhand Dein bedungener, von mir an Dich gerichteter Rat sein, ohne dessen Befolgung ich Dir ewig keinen andern geben werde! – Verstehe mich noch einmal! Amen aus mir!“ [HGt.03_022,17] Hier wandte Sich der Herr ganz traurig zu den drei Zeugen und sprach zu ihnen: „Kindlein! Bin Ich also, und verdiene Ich das?! [HGt.03_022,18] O Meine ewige Liebe! Was alles habe Ich getan, um dies Wesen zu retten und es der endlichen schweren Vollendung zuzuführen; allein es will Mir dies Werk nicht gelingen! [HGt.03_022,19] Ja, Ich habe an diesem Wesen einen Fehler begangen, und der besteht darinnen, weil Ich es zu vollendet vollkommenst geschaffen habe, um es nach der Vollendung so endlos glücklich zu machen, als es nur immer in Meiner ewigen Allmacht, Weisheit, Güte, Liebe und Erbarmung steht! [HGt.03_022,20] Allein dieses nicht einmal zu einer Viertelreife gediehene Wesen setzt sich gerade jetzt in den allerwichtigsten und heikelsten Momenten der Ausbildung so sehr gegen Meine alles leitende Ordnung, daß Ich im Ernste traurig werden muß über solchen Starrsinn! [HGt.03_022,21] Und da Ich es dennoch nicht auflösen will zufolge Meiner ewigen Liebe und Erbarmung, so sehe Ich Mich genötigt, einen endlos langen Prozeß von neuem einzuleiten, um dadurch nach und nach diesen Starrsinn zu schwächen bis auf ein Atom, und Mir auf der andern Seite zu bilden anzufangen eine ganz neue Kreatur aus euch, Meine Kindlein, nach Meinem Herzen also, wie ihr es seid! [HGt.03_022,22] O Satana, Ich weinte einst, da du Mir zuerst ungehorsam warst; jetzt weine Ich und werde noch einmal weinen; dann aber werde Ich nimmer weinen um dich, sondern werde dir geben nach deinen Werken und nach deinem Willen! Dann sollst du sehen, wozu dich dein stolzer Starrsinn gestaltet hat und wohin dich geführt! [HGt.03_022,23] Lasset uns aber nun ziehen von hier und lassen wir dieses Wesen in seinem Starrsinne!“ [HGt.03_022,24] Hier warf sich die Satana wieder vor den Herrn und schrie: „O Herr, verlaß mich nicht und habe Erbarmen mit mir Armen! Du weißt es ja, daß ich eine arme Törin bin und bin darum voll eigensinniger Bosheit! Laß mich züchtigen für meine Bosheit; aber nur jetzt verlaß mich nicht! Ich will ja tun, was Du willst!“ [HGt.03_022,25] Und der Herr sprach: „Also gehorche denn, und tue, was Ich von dir zu deinem Besten verlange, so will Ich noch verweilen und dich anhören; sträubst du dich aber noch einmal, so will Ich dich aber auch nimmer anhören! Und so denn erhebe dich, und rede! Amen.“ 23. Kapitel — Satanas Wunsch, in einen Mann umgewandelt zu werden, und seine Erfüllung. Die Unverbesserlichkeit Satanas. Das reine Sonnenweib. Satan verschwindet[HGt.03_023,01] Nach solcher Anrede von Seite des Herrn erhob sich Satana wieder und sprach bebend vor dem Herrn: „Herr, ich weiß wohl, daß Du ewig keines Rates weder von meiner noch von irgendeiner andern Seite bedarfst; denn Du allein bist ja die allerhöchste und allervollkommenste, ewige und unendliche Weisheit! [HGt.03_023,02] Da Du aber dennoch allen Deinen freien Geschöpfen den freien Willen, daraus die freie Tätigkeit und dazu aber auch das Bittrecht erteilt hast und eine Bitte im Grunde doch nichts anderes als ein demütiger Rat von Seite des zwar freien, aber dabei dennoch von Dir höchst weise schwach gelassenen Geschöpfes ist, durch welchen es Dir, o Herr, die eigene Not also vorträgt, als wüßtest Du nahezu nichts davon ehedem, als bis es Dir vom Geschöpfe erst vorgetragen ward und dieses Dir hernach ratet (freilich allerdemütigst), was Du tun möchtest, so will ich meinen Dir geben sollenden Rat auch also einkleiden und will Dich daher bitten darum, das ich nun möchte, da es Dir wohlgefallen hat, eine ganz neue Ordnung in der Führung Deiner Werke und Wesen einzuleiten! [HGt.03_023,03] Das aber ist's, das ich nun möchte: Siehe, o Herr – also, wie ich nun bin, bin ich wahrhaft überelend und unglückselig! Solange ich in dieser Meiner Gestalt als weibliches Wesen verbleibe, kann ich mich nie völlig zu Dir wenden, da mich die unerträglichste Grimmeifersucht stets von neuem gegen Dich Rache brütend gefangennimmt. [HGt.03_023,04] Daher meine ich – da Dir doch alle Dinge möglich sind –, Du könntest ja meine Natur verändern und mir darum geben einen männlichen Charakter und mich sonach überstalten zu einem Manne vor Dir und Deinen Kindern! [HGt.03_023,05] Da würde mich gewiß alsbald alle diese mich ewig quälende böse Leidenschaft verlassen! Ich könnte mich dann völlig demütigen vor Dir und sein gleich allen Deinen auserwählten Kindern. [HGt.03_023,06] Als bleibendes weibliches Wesen aber sehe ich nur zu klar voraus, wie wenig mir alle meine guten Vorsätze für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten nützen werden! [HGt.03_023,07] Tue daher zwar, was Du willst, – so es aber dennoch möglich wäre, da bitte ich Dich, o Herr, darum!“ [HGt.03_023,08] Der Herr aber entgegnete ihr: „Höre, du ewig unbeständiges und wandelbares Wesen, und sage Mir, in wie viele Wesen hast du dich darum schon umschaffen lassen, da du Mir dabei allzeit die Versicherung gabst und sprachst: ,O Herr, laß mich nur diese Form annehmen, und es soll in ihr besser werden mit mir!?!‘ [HGt.03_023,09] Ich habe mit dir allzeit getan, was du nur immer wolltest; ja es gibt auf der Erde nicht so viele der Atome, als in wieviele Gestalten und Formen und Charaktere du dich von Mir zum Behufe deiner allzeit vorgeschützten Besserung schon hast umwandeln lassen! [HGt.03_023,10] Sooft nur immer Ich deinetwegen ein neues Sonnen- und Planeten-Gebiet gegründet habe, da wolltest du in den Sonnen sein weiblich – und auf den Planeten männlich! [HGt.03_023,11] Ich gab dir auch die Macht, dich bisher umwandeln zu können nach deinem Belieben. Sage Mir aber und bekenne es nun, um was du darum besser geworden! – Ich sage dir: Nicht um ein Haar! Du bist noch die alte Lügnerin geblieben, und es hat bisher nichts gefruchtet, was Ich nur immer mit dir unternommen habe nach deinem Willen. [HGt.03_023,12] Wenn es aber doch unleugbar also ist, was sollte da aus dieser schon wieder neuen Umwandlung mit dir Besseres werden?! [HGt.03_023,13] Daher werde Ich diesmal nicht tun aus Mir, was du willst, sondern Ich lasse dich ganz frei, und du kannst aus dir machen, was du willst! [HGt.03_023,14] Willst du sein ein Mann, ein Weib, ein Tier oder ein Element, darum werde Ich Mich gar wenig kümmern; Ich aber werde nun auch Meinerseits tun – und werde dich nicht zu Rate ziehen – nach Meinem alleinigen Rate! [HGt.03_023,15] Willst du aber ein Weib verbleiben, da will Ich dir einen Fürsten der Nacht aus dir zur Seite stellen; der wird dir geben die Macht, zu proben das Geschlecht der Menschen. [HGt.03_023,16] Willst du aber sein ein Mann, da will Ich dir ein reines Sonnenweib entgegenstellen, eine zweite Eva; diese wird dir auf deinen alten Starrsinn treten. Wenn du sie auch in die Ferse stechen wirst, das heißt in ihr Fleisch, so wird das sie nicht im geringsten schädlich verletzen! [HGt.03_023,17] Nun weißt du, wie diese Dinge stehen; tue demnach, was du willst!“ [HGt.03_023,18] Hier ward aus der Satana plötzlich ein kräftig aussehender Mann heiteren Angesichts. [HGt.03_023,19] Der Herr aber zeigte dem Manne sogleich das Sonnenweib und sprach: „Wohl denn, – da bist du, und da ist sie! Gehe daher von hier nach deiner Kraft, und Ich werde tun nach der Meinigen! Amen.“ [HGt.03_023,20] Hier ward der Satan unsichtbar, wie das Sonnenweib. [HGt.03_023,21] Und der Herr begab Sich mit den Seinen wieder auf die Höhe. 24. Kapitel — Das innere verwandte Wesen Satanas, Adams, Evas und Cahins und Satanas Teilung und Schwächung[HGt.03_024,01] Unterwegs aber fragte der Herr den Kisehel: „Nun, Mein geliebter Kisehel, der du ehedem so manche Bedenklichkeiten über dieses Wesen Mir gegenüber in deinem Herzen hast aufsteigen können lassen, was sagst du denn nun zu diesem Zeuger der Lüge und alles Truges? [HGt.03_024,02] Möchtest du ihm nicht auch jetzt so einen halben Glauben zollen und es dich bedünken lassen, ob doch vielleicht hier und da in seiner vorigen an euch drei allein gerichteten Drachenmaulrede nicht irgend etwas von einer Wahrheit steckt? [HGt.03_024,03] Entäußere dich so ein wenig nun vor Mir über diese Meine sehr gewichtige Frage!“ [HGt.03_024,04] Der Kisehel aber bat den Herrn seiner früheren Herzenstorheit wegen ganz zerknirschten Gemütes um Vergebung. Und als der Herr ihm erst völlig versichert hatte, daß Er ihm schon gar lange alles vergeben hätte, da fing er an, seinen Mund zu öffnen, und sagte endlich nach einer kleinen Pause: [HGt.03_024,05] „O Herr, Du allein heiliger, guter liebevollster Vater! Was die allerbarste und allerhandgreiflichste Lüge dieses für mich nahezu namenlosen Wesens betrifft, so bin ich nun darüber wohl also im klaren, wie da noch gar helle leuchtet die Sonne jetzt noch ziemlich hoch über dem abendlichen Horizonte, und ich bezweifle auch sogar diejenigen Worte aus dem Munde dieses Wesens, welche es vor Dir geredet als völlig wahr angab. [HGt.03_024,06] Denn ich merkte es gar wohl, wie es sich, wo es sich nur ein wenig tun ließ, selbst allzeit mitleidig anzog und allezeit auch wo möglich die Schuld entweder offenbar oder aber doch wenigstens sicher, wo nur möglich, heimlich auf Dich schob, darum ich auch einige Male im kaum aufzuhaltenden Zuge war, mit diesem von Dir mir gegebenen Machtstabe der schönsten Lügnerin so einen recht handfesten kreuzweisen Gegenbeweis aufs Maul zu legen. [HGt.03_024,07] Daraus aber ist es doch wohl zu ersehen, in welcher Wahrheitsachtung dieses Wesens Worte bei mir nun stehen! [HGt.03_024,08] Darüber wäre ich somit völlig – wie schon gesagt – im klaren; aber etwas anderes ist in mir, das sich noch immer hin und her wirft gleich einem zertretenen Erdwurme! O Herr, Du siehst es wohl in mir; darum möchte ich Dich darüber nun wohl um ein kleines Lichtchen bitten!“ [HGt.03_024,09] Und der Herr wandte Sich zum Kisehel völlig und sagte zu ihm: „Also höre denn! [HGt.03_024,10] Siehe, die Satana, der Adam und die Eva sind darum wie eins, und dann der Kahin und seine Nachkommen ebenfalls wieder wie eins, weil fürs erste sich die Satana im Adam, aus ihm in der Eva und aus der Eva im erstgezeugten Sohne hätte sollen völlig aus Gehorsam zu Mir gefangennehmen, damit sie also wäre völlig vollendet worden und dadurch dann alle fernere Zeugung als vollendet wie in den Himmeln aus ihr hervorgegangen wäre! [HGt.03_024,11] Dieses Wesen aber wollte das nicht, da es es gereute, darum es Mir so viel Gehorsam bezeigen solle aus sich. [HGt.03_024,12] Im Adam wollte es nicht nach Meinem Maße sein; darum einte es sich in der Sichselbstanschauung, ging bald in die vollste Eigenliebe über, und der Mensch Adam ging als eine traurige Wohnung dieses Wesens umher und achtete der Dinge nicht, die ihn umgaben. [HGt.03_024,13] Alsbald mußte Ich da eine wesenhafte Teilung vornehmen, nahm aus Adam das sich in ihm weiblich Gestaltete und beließ in ihm allein nur den männlichen Geist und stellte den weiblichen Geist als Eva frei in eine neue Wohnung außer dem Adam. [HGt.03_024,14] Der Adam aber erkannte in der Eva alsbald sein zweites Selbst und hatte also ein großes Wohlgefallen an ihm. [HGt.03_024,15] Da aber das zweite Wesen in sich gar bald merkte, daß es nun schwächer war als das erste, da sann es bald auf eine List, sich möglicherweise über das erste Wesen zu erheben. [HGt.03_024,16] Die List aber gelang sogleich nicht. Adam verwies der Eva männlich und kräftig ihre Begierde; das war aber auch genug. [HGt.03_024,17] Das zweite Wesen sammelte sich in seinem männlichen Teile, beließ in der Eva das schwach wähnende Weibliche zurück und entwand sich ihr in der Gestalt einer Schlange als ein scheußliches Zwitterwesen, aus welchem heraus es männlich und weiblich zugleich agieren konnte, wie es sich denn auch gar bald zeigte bei der ungesegneten Zeugung Kahins, die euch bekannt ist. [HGt.03_024,18] Nun siehe, Ich mußte darob die ganze Schöpfung umgestalten und anstatt der vollkommenen Zeugung die unvollkommene mit dem Vorbehalte segnen, daß diese nicht eher von Mir angesehen werden kann, als bis sich das angeerbte Übel aus dem Grundwesen Satanas durch die reinste Liebe zu Mir gänzlich verzehren wird, indem im Adam wie in der Eva ein Teil der Satana notwendig zurückblieb, welches sich gegenseitig fortwährend begierlich anfallen muß, weil es von der wennschon getrennten, aber dennoch eigentümlichen Doppelnatur der Satana ist. [HGt.03_024,19] So denn auch konnten der Adam wie der Kahin in hellen Momenten sprechen wie die Satana selbst; dennoch aber war weder der Adam, noch die Eva, noch der Kahin das eigentliche Grundwesen selbst, so wenig ihr als Teile Adams und Evas mehr grundweslich Adams und Evas seid. [HGt.03_024,20] Siehe, also aber wie in Adam und Eva wird nun dies Wesen fortwährend in aller Kreatur geteilt und geschwächt, bis es sich also hin ans Ende der Zeiten wird völlig zerteilt haben und am Ende von ihm nichts mehr als die leere Form übrigbleiben wird und ohne Leben, da all ihr Liebeleben übergehen wird und muß in eine ganz neue Kreatur in euch, nun schon Meinen Kindern! [HGt.03_024,21] Also stehen die Sachen; jedoch saget davon niemandem etwas! Ich weiß warum; daher schweiget von allem dem! Amen.“ 25. Kapitel — Lamechs Frage: Wie ist es möglich, daß Satana als ein aus Gott geschaffenes Wesen so böse ist? Des Herrn Antwort im Gleichnis[HGt.03_025,01] Es trat aber auch der Lamech hin zum Herrn und erbat sich die Erlaubnis, sich vor Ihm auch eines verwirrten Knotens entledigen zu dürfen. [HGt.03_025,02] Und der Herr sagte zu ihm: „Ich weiß, was du hast, und der Henoch weiß es auch! Aber der Kisehel kann es noch nicht erschauen in der geheimsten Tiefe deines Lebens, was darinnen ist; daher magst du dich des Kisehels wegen schon laut entäußern, – und so denn gib Mir kund deinen wirren Bund!“ [HGt.03_025,03] Mit liebeflammendem Herzen dankte der Lamech für diese erhabene Gnade und brachte dann folgenden Fragesatz zum lauten Vorscheine, der also lautete: [HGt.03_025,04] „Liebevollster, heiliger, unaussprechlich guter Vater, Du hast doch die Satana aus Dir und nicht aus irgendwo anders her geschaffen! Wie ist es nun aber dennoch möglich, daß dieses aus Dir geschaffene Wesen gar so entsetzlich böse ist, da in Dir doch alles von Ewigkeit her überaus gut sein mußte, weil Du Selbst also endlos gut bist und daher aus Dir ja auch unmöglich etwas Arges hervorgehen kann? [HGt.03_025,05] Da aber die aus Dir geschaffene Satana im Ernste also überaus arg ist, so weiß ich mir in diesem Punkte durchaus nicht zu helfen und zu raten. Ich meine so bei mir und empfinde es auch ganz klar; wenn ich da ins reine kommen könnte, da hätte ich aber dann auch alles, was mir not tut zur völligen Beruhigung meines Geistes!“ [HGt.03_025,06] Auf diese sehr triftige Entäußerung Lamechs erwiderte der Herr, sagend nämlich: „Wenn du es menschlichermaßen nimmst, dann muß dir das freilich den verworrensten Knoten geben; kannst du es aber reingeistigerweise betrachten, so wird sich alsbald alle Verworrenheit gänzlich verlieren, und du wirst da in eine Löse der Dinge schauen, die dir ums Zahllosfache klarer sein wird, als da ist der Sonne Licht am reinsten, hellsten Vollmittage! [HGt.03_025,07] Solches jedoch ist schwer mit dir verständlichen Worten zu geben, da es ist in der tiefsten Tiefe aller Meiner unendlichen göttlichen Weisheit. [HGt.03_025,08] Aber Ich will dir durch ein Gleichnis die Sache erhellen! Je mehr du im Verfolge der Zeit dieses Gleichnis betrachten wirst, desto tiefer wirst du in den Geist der Wahrheit in dieser endlos tiefen Geheimnissache eindringen; und so höre denn: [HGt.03_025,09] Ein überaus weiser und liebeguter Mann hat den Plan in sich gefaßt, sich ein Weib zu nehmen und mit ihm zu zeugen Kinder, die ihm gleichen sollen in allem und sollen jegliches nach seiner Art Besitz nehmen von den unermeßlichen Schätzen und Reichtümern, die er in endloser Fülle besitzt! [HGt.03_025,10] Das wäre sicher ein recht guter Plan; aber wie ausführbar, wenn in der ganzen großen Gegend kein weibliches Wesen existiert?! [HGt.03_025,11] Was tut aber der überaus weise Mann? – Er bedenkt sich nicht lange, sondern spricht zu sich: [HGt.03_025,12] ,Was will ich suchen in diesem meinem endlosen Reviere, das nicht zu finden ist?! Ich habe ja in mir, was ich brauche; ich habe Liebe, ich habe alle Weisheit und habe die Macht aus den zweien! [HGt.03_025,13] Daher will ich sehen, ob ich nicht aus mir selbst mir ein Weib schaffen kann, das mir in allem völlig entsprechen soll! Habe ich doch schon andere Dinge als nun völlig daseiend aus mir gerufen; da wird mir solches doch auch gelingen?! [HGt.03_025,14] Und so denn will ich eine mir völlig ähnliche Idee fassen und sie stellen in meinen festesten Willen, und es soll sich bald zeigen, ob ich not habe, weiterhin zu suchen das, was nicht ist, noch sein kann irgend außer mir!‘ [HGt.03_025,15] Gedacht, getan, und das herrliche Werk steht vor dem Manne! Mit endlos großem Wohlgefallen betrachtet es der mächtig weiseste Werkmeister. [HGt.03_025,16] Aber das Werk ist nur eine wie tote Maschine noch seines Willens, bewegt sich nicht anders als allein nur nach dem Willen des Werkmeisters und spricht nur, was der Werkmeister in dasselbe hineindenkt und dann vom Werke gesprochen haben will. [HGt.03_025,17] Da aber bedenkt sich des Meisters Weisheit und spricht: ,Das Werk ist da; aber es ist in ihm nichts anderes als ich selbst! Belasse ich es so, da wird es mir wenig fruchten; gebe ich dem Werke aber ein eigenes, freies, selbständiges Leben, da muß ich es mir dann aber auch gefallen lassen, wenn es sich von mir wenden wird, und tun nach seinem eigenen freien Willen. [HGt.03_025,18] Doch ich bin ja da über alles mächtig. Wird es mir über die vorgezeichneten Schranken treten, da werde ich ihm schon zu begegnen wissen; denn es bleibt ja doch ewig mein Werk!‘ [HGt.03_025,19] Also spricht der weiseste Mann bei sich, und also tut er auch. [HGt.03_025,20] Das Werk ist frei und bewegt sich und spricht bald anders, als es der Mann haben will; und das ist ein großer Triumph des Werkmeisters, daß da sein Werk eine freie Tätigkeit überaus lebhaft zu äußern anfängt, ohne jedoch aus der Willenssphäre des Meisters je treten zu können. [HGt.03_025,21] Der Mann aber will noch mehr, nämlich die vollste Willensfreiheit des Werkes; und dazu ist persönliche Erziehung und dann alle mögliche Selbsterfahrung fürs Werk nötig. [HGt.03_025,22] Diese Erziehung aber dauert jetzt noch fort, während die erschaffende Zeugung nebenbei als ein Hauptteil solch großer Erziehung anzusehen ist. Und der Mann ist nun, wie allzeit, auf dem Punkte, gar helle zu schauen die endliche sicherste Vollendung seines Werkes! – [HGt.03_025,23] Siehe, das ist ein gar großes Gleichnis; denn es liegt der Anfang und das Ende völlig in ihm! Dieses beachte in dir, und dir wird es heller und heller werden in deinen Tiefen! – Nun aber ziehen wir wieder weiter! Amen.“ 26. Kapitel — Kisehels törichte Gedanken über die Begattung der Satana durch Gott. Des Herrn lichtvolle Aufklärung über das Wesen und den Zweck der Satana[HGt.03_026,01] Der Lamech und alle dankten dem Herrn für solche große Gnade und zogen dann weiter. [HGt.03_026,02] Unterwegs, nahe der Morgenhöhe, aber blieb der Herr stehen und wandte sich zum Kisehel, ohne etwas zu sagen. [HGt.03_026,03] Dieser aber erschrak darob, daß er beinahe zusammenschauerte, und konnte sich nicht sobald besinnen, was da solch ein Blick vom Herrn an ihn gerichtet bedeuten solle. [HGt.03_026,04] Der Herr aber beließ ihn nicht lange in der Unruhe, sondern richtete sogleich folgende Frage an ihn, sagend nämlich: „Kisehel! Warum läßt denn du törichte Gedanken in deinem Herzen aufsteigen? [HGt.03_026,05] Meinst du denn, Gott ist gleich einem Menschen, darum Er Sich sinnlich begatten solle, um zu zeugen Seinesgleichen?! Und meinst du, Gott müßte dazu auch ein göttliches Weib haben, um aus dem Weibe sinnlich gezeugte Kinder zu überkommen?! – Oh, in welcher Irre bist du! [HGt.03_026,06] So du ein Weib hast, kannst du mit demselben zeugen, was du willst? – Siehe, nicht deinem Willen wird dieser Akt folgen, auch nicht dem Willen deines Weibes, sondern da waltet allezeit Mein göttlicher, allmächtiger Wille, und es wird, was Ich will, und nicht, was du möchtest! [HGt.03_026,07] Willst du einen Sohn, da gebe Ich dir eine Tochter, und willst du diese, da soll dir ein Sohn werden; denn Ich allein bin der Herr über alles Leben. [HGt.03_026,08] So du aber mit deinem Weibe eine Sache hast, was weißt du wohl, woraus das besteht, was du zeugst? [HGt.03_026,09] Ich sage dir: Der Erde Mittelpunkt und das sind dir gleich bekannte Dinge, und du weißt von dem einen so wenig als vom andern! [HGt.03_026,10] Mir allein nur sind alle Dinge von Ewigkeit wohlbekannt; denn Ich allein bin der Herr, Gott allmächtig und endlos weise von Ewigkeit! [HGt.03_026,11] Um aber in das von dir beschlafene Weib eine lebendige Frucht zu legen nach Meiner Ordnung, sage, habe Ich da wohl vonnöten, dein Weib etwa im geheimen zu beschlafen?! [HGt.03_026,12] Und wenn Sonnen aus sich Weltgeburten tun und die Pflanzen und Tiere ihresgleichen zeugen, möchtest du da in dir nicht auch fragen, ob Ich etwa die Sonnen, Pflanzen und Tiere im geheimen beschlafe?! [HGt.03_026,13] O du törichter Mensch, welch närrischer Gedanken bist du doch fähig! [HGt.03_026,14] Siehe, das Weib oder der erstgeschaffene Geist aus Mir ist nicht gleich dem, was da ist ein Weib auf der Erde, und Ich bedarf desselben nicht, um Mir aus ihm Kinder zu zeugen! [HGt.03_026,15] Denn konnte Ich den ersten Geist in aller Vollkommenheit aus Mir hervorrufen, da werde Ich doch auch imstande sein, ohne diesen ersten hervorgerufenen Geist noch zahllose andere hervorzurufen! [HGt.03_026,16] Und so ist dieser erste Geist sicher nicht der ferneren Zeugung wegen von Mir erschaffen worden, als könnte Ich nur mit seiner Hilfe das Fernere zuwege bringen, sondern dieser Geist ist von Mir aus keinem anderen Grunde hervorgerufen worden, als aus welchem du hervorgerufen worden bist, nämlich: Mich als den alleinigen Gott, Schöpfer, Herrn und allerliebevollsten Vater zu erkennen, Mich zu lieben und Mir also dann ewig in aller Liebe lebendig zu dienen. [HGt.03_026,17] Daß aber aus diesem Geiste dann auch zahllose Geister hervorgegangen sind, rührt daher, weil Ich ihn nach Meinem Maße vollkommen gestaltete und ihm dann auch einhauchte Mein freies, mächtiges, schöpferisches Leben. [HGt.03_026,18] Da aber der Geist solche große Vollkommenheit in sich merkte, da fing er auch an, aus sich die seltensten Dinge, wie auch seinesgleichen hervorzurufen. [HGt.03_026,19] Ich aber als die allerhöchste und mächtigste Liebe und Weisheit, Güte und Duldung und Sanftmut ließ die Aftergeschöpfe des Geistes gedeihen und tat für sie das, was Ich tue für die, welche aus Mir sind, und sorge für diese Fremden wie für die Meines Vaterhauses. [HGt.03_026,20] Sage: Muß Ich dazu ein gewisses göttliches Weib haben, um Himmel, Engel, Sonnen, Welten, Monde, Pflanzen, Tiere und Menschen chaotisch durcheinander etwa durch einen gewissen Beischlaf zu zeugen? [HGt.03_026,21] O siehe, das hat der ewige, aus und in Sich allmächtige Schöpfer wohl nicht vonnöten! Denn Ich darf nur wollen, und es ist schon da, was Ich will. [HGt.03_026,22] Siehe, jetzt will Ich, daß da vor uns entstehen sollen zahllose Heere von Menschen beiderlei Geschlechtes, – und siehe, sie sind da, und Ich werde sie, die jetzt Geschaffenen ewig nimmer vernichten, sondern setze sie jetzt vor dir in die Gestirne! Siehe, sie ziehen schon, Mich lobend, ihrer ewigen, seligen Bestimmung entgegen! [HGt.03_026,23] Du bist nun nahezu starr vor Verwunderung! Ich aber frage dich, ob Ich dazu eines Weibes benötigt habe. [HGt.03_026,24] Du verneinst nun solches, da du Meine Macht gesehen hast. [HGt.03_026,25] Ich aber sage dir: Laß dich darum aber auch nicht mehr von so törichten Gedanken gefangennehmen, willst du Mir angenehm sein! Bedenke aber nun, daß zwischen Mir und dir ein großer Unterschied waltet, der nur durch die Liebe möglichst verringert werden kann! – Nun ziehen wir wieder weiter! Amen.“ 27. Kapitel — Die gottgewollte Beschränktheit der menschlichen Erkenntnis. Des Herrn Eröffnung über das Männliche und das Weibliche in Gott und Mensch. Die Erschaffung Luzifers[HGt.03_027,01] Darauf zogen sie fürbaß, und keiner getraute sich, ein Wort an den Herrn zu richten, obschon diesmal alle drei – also auch der Henoch nicht ausgenommen – einen neu vorgefundenen Knoten in sich trugen, der sie in seiner Unentwirrtheit mehr drückte denn ein viele Zentner schwerer Stein. [HGt.03_027,02] Da der Allwissende aber solches doch gar wohl merkte, so wandte Er Sich auch alsobald an den Henoch und sagte zu ihm: „Auch dir können noch Dinge vorkommen, über welche du wie eine Henne über hohle Eier brüten kannst?! [HGt.03_027,03] Ich sage dir aber, es soll nicht also sein, daß der Mensch in jegliche Tiefe Meiner Weisheit dringe in der Zeit; denn dazu ist euch von Mir ein ewiges Leben ja bereitet! [HGt.03_027,04] Euch wohl will Ich lösen, das euch schwer bedrückt; doch nur euch und niemand and'rem weiter sei's gesagt! Und so denn höret Mich: [HGt.03_027,05] Ich bin ein Mann und Weib zugleich in Meiner Gottheit Tiefen; nicht also doch, wie ihr's pflegt zu nehmen, sondern also nur: [HGt.03_027,06] Als Mann bin Ich die Liebe ewig selbst, das freie Leben selbst und alle Macht und Tatkraft selbst, darum in jedem Mann als Meiner Liebe vollem Ebenmaße sich die echte Liebe kündet, deren des eitlen Weibes Brust wohl ewig nimmer fähig wird. [HGt.03_027,07] In solchem Meinem männlichen Liebe-Ebenmaße ist der Mann denn kräftig auch, Mir gleich, und mächtiger in seiner Brust, denn alle Weiber sind in ihren losen Brüsten, die wohl Säugemilch dem Kindesfleische bieten, doch des inneren Lebens Milch dem Geiste nicht bieten können, da des hohen, starken Mannes Liebe nicht innewohnt ihrer Brust, obschon sie wohl innewohnen könnte, wär' das Weib aus sich so eiteltöricht nicht! [HGt.03_027,08] Also bin Ich als Mann von Ewigkeit bestellt aus Mir; ihr möget solches fassen! [HGt.03_027,09] Da Ich aber auch im Weibe bin zu Hause, muß Ich da nicht auch das Weib ganz völlig in Mir fassen? – Sicher; hört, wie konnt' Ich sonst ein Weib erschaffen?! [HGt.03_027,10] Wie denn aber solches möglich sei, will Ich sogleich euch etwas weise künden; denn im Weibe liegt ja List und Witz, ein scharfer Sinn und Schlauheit stets begraben; also spricht das Weib auch offen nie und pfleget stets ihr Licht und Herz zu bergen, darum auch der locker baut, wer sich der Weiber Brust vertraut. [HGt.03_027,11] Also kann Ich aus Meiner Weibessphäre nicht auch gleich verständlich reden wie aus der des Mannes, da der weibliche Teil dem Liebelicht entstammt aus Mir und als die Weisheit, wennschon nicht in sich, so aber dennoch gleich dem Strahlenlichte ist, das hehr dem Urstammlicht entströmt. [HGt.03_027,12] Demnach ist denn das Weib in Mir der Weisheit ewig strahlend Licht, das ewig fort und fort in gleicher Kraft und Stärke in der Liebe wird erzeugt. [HGt.03_027,13] Diese Weisheit ist der Liebe Gottes ewig eigentümlich unzertrennlich rechtes Weib, mit dem Ich ewig ein'ger Gott doch alle Dinge hab gezeuget und geschaffen, – und kein and'res Weib war ewig je vonnöten Mir, dem ein'gen, ewig wahren Liebegott, dem Mann' von Ewigkeiten her, dem Ersten ewig und dem Letzten ewig! [HGt.03_027,14] Ewig zeugte Ich mit diesem Meinem treu'sten Weibe zahllos Milliarden Wesen, die da Mir beschaulich waren, wenn auch keines sich da noch in sich beschauen konnt' und durfte. [HGt.03_027,15] Doch auch ewig war in Mir beschlossen, einstens all die endlos viel in Meinem Geist' gezeugten Wesen frei zu stellen, zu erkennen sich und Mich! [HGt.03_027,16] Ein Wille ward aus Mir getrieben, und ein übermächtig ,Werde!‘ drang ihm nach durch all die endlos weiten Tiefen Meiner ew'gen Gottheit Macht und helle leuchtend Walten. [HGt.03_027,17] Da ward aus all den ewig vielen ausgegang'nen Strahlen – hört und faßt! – ein wesenhaftes Eins, ein Träger alles dessen, was von Ewigkeit aus Mir, dem Mann und ew'gen Weib, in Eins ist je geflossen in den wesenhaften Strahlen geistig tief, endlos und ewig klar. [HGt.03_027,18] Der Träger ist das neugeschaff'ne Weib und ward gestaltet frei zu einem großen Sammelplatze alles wesenhaften Lichtes, das von Ewigkeiten Mir in wesenhafter Fülle ist entströmt, damit in ihm die ausgegang'ne Wesenfülle sich ausreife unter Meiner steten Gnadenstrahlenwärme frank und frei, Mir schaulich gegenüber angenehm durch freies Leben und also auch Mich beschaulich aus dem ihm von Mir gereichten Liebelicht. [HGt.03_027,19] Und hört, die Zeugung ist gelungen; ihr beschaut und faßt Mich, euren Schöpfer, schon! [HGt.03_027,20] Doch noch ist nicht die Zeit der vollen Reife und der Ernte voll gediehen; große Dinge brauchen große Zeiten auch! [HGt.03_027,21] Darum erfasset solches, – aber schweiget; denn in solchem Werdungsstreit' zur einst'gen großen Reife ist nicht gut zu schwätzen! [HGt.03_027,22] Denn zu seiner Zeit werde Ich, wie euch, schon wieder Meiner Erde neu es künden, und aus euch gar späte Kinder werden es in sich gar finden und der Erde es entbinden! Amen.“ [HGt.03_027,23] Hier schlugen sich die drei auf die Brust und sprachen: „O du unendliche Weisheit Gottes! Wer wird dich ewig je erfassen?!“ [HGt.03_027,24] Der Herr aber sagte: „Schweiget nun von allem; denn sehet, die Kinder eilen Mir schon entgegen mit ausgestreckten Armen! Daher eilen auch wir ihnen entgegen! Amen.“ 28. Kapitel — Die reine Liebe und die Liebestat als vornehmstes Gebot. Die Gefahr der Städte und der Weiber der Tiefe[HGt.03_028,01] Es dauerte nicht lange, so waren die sich gegenseitig Entgegeneilenden auch zusammengestoßen und hatten sich auch gegenseitig mit der allermächtigsten Liebe begegnet und sich allerherzlichst aufgenommen, und alles Volk, das hier zugegen war, brachte dem Herrn der Herrlichkeit ein großes Liebesopfer im Herzen dar. [HGt.03_028,02] Der Herr aber wandte Sich bald zu allen und sagte zu ihnen: „Höret, Meine Kindlein! Was Ich euch allen jetzt kundtun werde, das beachtet wohl in euren Herzen! [HGt.03_028,03] Ich habe euch bis jetzt kein Gebot gegeben, außer allein das übersanfte der Liebe; sollte Ich euch etwa jetzt ein neues geben zu diesem alten Gebote aller Gebote?! [HGt.03_028,04] Höret, solange ihr dieses haltet in euren Herzen; so lange auch soll kein anderes Gebot euch binden an Mich und an eure Handlungen! [HGt.03_028,05] Denn die reine Liebe und alle Tat aus ihr ist ja ohnehin die allerwahrhaftigste Grundfeste aller Gerechtigkeit. Wer die reine Liebe aus Mir im Herzen hat, dem wird ewig fremd bleiben jedmögliche Art von einer Ungerechtigkeit. [HGt.03_028,06] Darum habt ihr auch kein neues Gebot vonnöten, da, wie gesagt, die Liebe das vornehmste Gebot ist, welches in sich enthält alles Leben und alle Wahrheit. [HGt.03_028,07] Aber eben dieser Liebe wegen, die jetzt unter euch und in euch ist, will Ich als euer heiliger, allerliebevollster Vater euch einen guten Rat hinzufügen, welchen ihr wegen der Erhaltung dieser heiligen Liebe aus Mir nun in euch und unter euch recht wohl beherzigen und also auch beachten sollet. [HGt.03_028,08] Dieser Rat aber soll nicht ein schwer zu beachtender sein, sondern einer, den ihr gar überleicht werdet beachten können. Und so höret Mich denn an: [HGt.03_028,09] Die Tiefe ist nun geöffnet; ihr könnet nötigenfalls hinab zu den Kindern Kahins und diese gleichermaßen herauf zu euch kommen, und ihr könnet euch nun wieder ausbreiten über die ganze Erde von einem Ende zum andern. [HGt.03_028,10] Aber Ich werde es ungerne sehen, so jemand von euch sich in irgendeiner Stadt in der Tiefe ansässig machen würde; denn in diesen Städten liegt noch viel des Schlangenunrates, der zuzeiten ganz gewaltig stinkt vor den Nüstern des Geistes und sein Leben ansteckt mit giftiger Pestilenz. [HGt.03_028,11] So aber jemand will sehen die guten Früchte Meiner Erbarmungen in der Tiefe nun, der mag immerhin dahin ziehen und beschauen Meine Führungen; aber länger als im höchsten Falle dreimal sieben Tage soll sich niemand in der Tiefe aufhalten, außer im Falle eines ausdrücklichen Auftrages von Mir aus. Also gelte dieser Rat auch umgekehrt! [HGt.03_028,12] Der Henoch und ihr Hauptstammkinder habet zu bestimmen die Aufenthaltszeit der aus der Tiefe zu euch Gekommenen, danach sie sich strenge zu halten haben. [HGt.03_028,13] So aber jemand den Wunsch äußern möchte, sich hier irgend auf den Höhen wohnhaft zu machen, so ist darüber allzeit bei Mir anzufragen! [HGt.03_028,14] Ihr möget solches auch aus euch dem Fremdlinge bewilligen; aber dann möget ihr zusehen, ob ihr euch dadurch keine Natter in die Brust gesteckt habet und keine Schlange auf euer Haupt! [HGt.03_028,15] Seid also in dem allem klug, so werdet ihr an eurer geistigen und leiblichen Hauswirtschaft ewig nie einen verheerenden Schaden erleiden! [HGt.03_028,16] Also sollet ihr euch auch nie mit einem Weibe aus der Tiefe verunreinigen, und sollte sie euch noch so anlockend und reizend schön vorkommen; denn solches könnte jeden von euch alsbald in die größte Knechtschaft der Schlange von neuem bringen, da ihr da Früchte erzeugen würdet, die sich vom Blute der Menschen nähren würden und vom Fleische der Kinder. [HGt.03_028,17] Es hat aber der Feind des Lebens sich vorgenommen, seine Weiber in der Tiefe mit überreizendem Fleische zu schmücken, um euch dadurch zu versuchen; darum aber sage Ich euch solches im voraus, damit ihr euch in allem zu benehmen wisset, so irgend von dem auch etwas vorkommen sollte. [HGt.03_028,18] So aber jemand von euch in der Not ist, der wende sich zu Mir, und Ich werde ihm helfen. [HGt.03_028,19] Das ist der Rat, den Ich euch zu eurem eigenen zeitlichen und ewigen Besten erteilen mußte: beachtet ihn, so wird es euch allzeit wohl ergehen! [HGt.03_028,20] Ich aber bleibe noch bis am Abend bei euch nun sichtbar; so jemand von euch irgendeinen Lichtmangel fühlt, der komme und rede, damit Ich ihm den Lichtmangel ersetze in der Kürze! Amen.“ 29. Kapitel — Muthaels Frage wegen der Widersprüche im Wesen des Weibes. Des Herrn Eröffnung über des Mannes und des Weibes Wesen[HGt.03_029,01] Zufolge dieser Beheißung trat aus den Morgenkindern ein junger Mann von etlichen fünfzig Jahren hin zum Herrn voll Mut und Eifer und fragte den Herrn: „Allmächtiger Schöpfer, Gott, unser aller überheiliger Vater! Darf auch ich, ein bestaubter Wurm vor Dir, mich erkühnen, in aller Demut meines Herzens an Dich nur bittweise eine mir wenigstens überwichtig vorkommende Frage zu stellen?“ [HGt.03_029,02] Und der Herr sprach: „Muthael, Ich sage dir, rede! Denn Ich sehe, daß du eine gute Frage in deinem Herzen birgst.“ [HGt.03_029,03] Der Muthael dankte dem Herrn allerinbrünstigst für diese allergnädigste Erlaubnis und kam dann mit folgender denkwürdigen Frage zum Vorschein, welche da also lautete: [HGt.03_029,04] „O Herr, Gott, Du liebevollster, heiligster Vater! Siehe, ich bin über fünfzig Jahre schon und weiß, daß schon gar manche, um etliche Jahre jünger denn ich, sich Weiber genommen haben; allein mir war es bis jetzt noch nicht gegeben, mich zu nahen einem weiblichen Geschöpfe. [HGt.03_029,05] Denn sah ich ihr mir weich und reizend vorkommendes Fleisch an, da kamen mir die meisten Weiber sehr sanft, zartfühlend und somit auch überaus anlockend vor, und ich bekam dann auch allzeit eine große Sehnsucht nach einem Weibe; aber wenn ich mich dann, von solch einem innern Drange genötigt, einer oder der andern Maid näherte, um mit ihr aus der Tiefe meines Herzens die sanftesten Liebesworte zu tauschen, da entsetzte ich mich aber bis jetzt noch allzeit, da ich nirgends fand, was ich zu finden wähnte. [HGt.03_029,06] Ich dachte mir oftmals dabei: Aber wie ist doch solch ein Widerspruch in diesen zarten Wesen denkbar? Äußerlich furcht und wellt ein leiser Abendhauch schon über ihr zartestes Fleisch, – und ihr Inneres ist unempfänglich für einen Geistessturm sogar, und männliche Orkane von Weisheit können nicht rühren ihr Herz, wohl aber männliche Weiberschwächen, als da sind die Fleischliebe, läppisches Weiberlob, vielverheißende männlich-sinnliche Befriedigung und dann eine förmliche Anbetung ihres Fleisches und dergleichen mehr. [HGt.03_029,07] Siehe, bei solchen Erscheinungen habe ich denn auch einen förmlichen Widerwillen gegen alles Weibervolk bekommen, und es ekelt mich vor ihnen allzeit so sehr, daß ich mich darum keiner mehr nahen kann! [HGt.03_029,08] O Herr, Gott und Vater, ist das aber auch recht von mir? Habe ich dadurch nicht gesündigt vor Dir? Und was ist der Grund solcher Erscheinung in Mir? – Was ist denn das Weib, dieses von außen lebendige, aber von innen tote Wesen?“ [HGt.03_029,09] Hier wandte Sich der Herr zu ihm und sprach: „Höre, Mein geliebter Sohn Muthael, – deine Erscheinung ist gewichtiger, als du glaubst! [HGt.03_029,10] Der erste Grund solcher Erscheinung liegt darinnen, daß du von oben her bist; das Weib aber ist von unten her. [HGt.03_029,11] Du bist erfüllt mit dem, was des lebendigen Liebegeistes aus Mir ist, das Weib aber ist erfüllt mit dem, was da ist des Geistes der Welt. [HGt.03_029,12] Darum auch bist du weich und zart von innen, während das Weib es nur von außen ist. [HGt.03_029,13] Du bist ein Grundgeschöpf aus Meiner Tiefe, – das Weib aber nur ein Nachgeschöpf, eine Zusammenfassung Meiner Ausstrahlung. [HGt.03_029,14] Du bist gemacht aus dem Kerne der Sonne, – das Weib nur aus den flüchtigen Strahlen der Sonne. [HGt.03_029,15] In dir ist volle Wahrheit, – im Weibe nur der Wahrheit Schein. [HGt.03_029,16] Du bist ein Sein aus Mir, – das Weib ein Schein nur aus Mir. [HGt.03_029,17] Siehe, das sind die Hauptgründe deiner Erscheinung! [HGt.03_029,18] Die Frage aber, ob du dich dadurch vor Mir versündigt hast, ist eitel. Denn nur dann kannst du dich vor Mir versündigen, wenn du von Mir ein Gebot hast, etwas zu tun oder nicht zu tun; ohne das ist keine Sünde denkbar, da du ohne Gebote in Meiner Richtung handelst. [HGt.03_029,19] Nun aber sage Ich dir, daß Ich auch das weibliche Geschlecht zu Meinen Kindern angenommen habe, und es hat in der Purista ein Vorbild, also ein Gebot von Mir, wie es sein soll. [HGt.03_029,20] Zwei haben sich in ihren Herzen ihr fest angeschlossen, die Ghemela und die Mira. [HGt.03_029,21] Wenn aber das Weib ist denen gleich, dann trägt sie auch Mein Bild in sich; und so du dich einem solchen nahen wirst in der Erhabenheit deines Herzens, da wirst du auf keinen Stein mehr stoßen. [HGt.03_029,22] Da du aber des reinsten Herzens aus dem Morgen bist, so will Ich dir in der Kürze auch das reinste Weib geben, das dir sicher in allem entsprechen wird; bis dahin aber verbleibe nur, wie du bist gewesen bis jetzt! Amen.“ [HGt.03_029,23] Hier ward dem Muthael helle vor den Augen, und er sah in die Tiefe und lobte und pries den Herrn in seinem reinen Herzen. [HGt.03_029,24] Der Herr aber berief auch andere zu sich und hieß sie Ihn fragen um alles, was sie irgend nur bedunkele in ihren Herzen. 30. Kapitel — Die durch des Herrn Antwort befremdeten Väter. Des Herrn weitere Enthüllungen über das polarische Wesen von Mann und Weib[HGt.03_030,01] Es hatte aber – mit Ausnahme des Henoch, Lamech und Kisehel – diese Antwort des Herrn an den Muthael alle ganz gewaltig stutzen gemacht; sie wußten sich darüber nicht zu raten und zu helfen und waren demnach außerordentlich bedrängt in ihren Herzen, indem alle die Väter damals zu ihrer großen Herzensehre ihre Weiber überaus lieb hatten und sie für die größten Geschenke aus den Himmeln hielten, und gar viele hielten die guten und braven Weiber auch für höher und Mir ums bedeutende näher gestellt als sich selbst, und das zwar aus dem sehr leicht begreiflichen Grunde, weil damals die Jungfrauen, wie die Weiber, gar züchtig, sanft, duldsam, ergeben, gehorsam, friedlich, häuslich, dabei aber auch urständlich von bedeutend größerer weiblicher Anmut und Schönheit waren denn in dieser jetzigen, geistig wie leiblich gänzlich verdorbenen Zeit. [HGt.03_030,02] Daher also befremdete diese Antwort gar so sehr alle die Väter überaus tief, und sie wandten sich daher alle zu Mir und sprachen in ihren Herzen: [HGt.03_030,03] „O Herr, Du allerliebevollster Vater! Gib uns allen zu unserer Beruhigung über Deine erhabenste Antwort an den Muthael ein größeres Licht; denn in dem Lichte über unsere sittlichsten, besten Weiber können wir nicht glücklich, sondern nur unglücklich sein, da sie nach Dir doch unser allergrößtes Gut sind und wir Dir für dieses ewig nie genug werden danken können. [HGt.03_030,04] Wenn der etwas schroff-weise Muthael sie bisher noch nie hat schätzen gelernt, so erleidet dabei die alte herrlich-gute Ordnung, aus Dir, o Vater, in unser Herz gelegt, doch sicher noch keinen Stoß! Im Gegenteile stellt sich dadurch eben der echt weibliche Sinn in den Weibern in unserm Gesichtskreise ja nur um so vorteilhafter und lobenswürdiger hervor, indem eben durch solch ein festes Halten der Weiber an ihrer Tugend der Mann zuvor gedemütigt werden muß, bevor er einer solchen Gnadengabe von Dir aus, o lieber Vater, würdig sein soll! [HGt.03_030,05] Wenn der Mann im Weibe eine Härte findet, so ist das sicher nur die seinige; hat er diese gesänftet, so wird er sicher nur das herrlichste Gegenteil im Weibe finden! [HGt.03_030,06] O lieber Vater, laß daher unsere lieben Weiber samt uns von oben sein – und nicht von unten!“ [HGt.03_030,07] Und der Herr öffnete Seinen Mund und sprach zu den Vätern: „Ihr redet wie völlig Blinde noch in Meiner Ordnung! [HGt.03_030,08] So ihr nicht wisset, was im Geiste ,oben‘ und was ,unten‘ besagt, warum fraget ihr denn nicht danach, sondern verlanget dafür von Mir da ein Licht nur, wo ihr keines bedürfet, und daß Ich eures törichten Wunsches halber Meine ganze ewige Ordnung verkehren solle?! [HGt.03_030,09] Saget Mir: Verliert denn dadurch vor Mir das Weib etwas, so Ich von ihr gegenüber dem Manne aussage, daß sie von unten sei und also gegen den Mann den notwendigsten Gegenpol ausmacht, ohne den weder der Mann für sich, noch das Weib für sich bestehen könnte?! [HGt.03_030,10] Was werdet ihr denn aber sagen, so Ich nun zu euch sage: Ihr seid Mir gegenüber alle von unten her, und nur Ich allein bin von oben! [HGt.03_030,11] Höre Ich aber darum nun etwa auf, euer Schöpfer und alleiniger, ewig heiliger Vater zu sein?! Oder habe Ich nicht dich, Adam, aus der Erde Lehm, wie dein Weib, die Eva, aus deiner Rippe erschaffen?! [HGt.03_030,12] Da ihr aber alle wisset, daß der ,Lehm‘ meine Liebe und die ,Rippe‘ meine Gnade und Erbarmung bezeichnen, da Meine Gnade und Erbarmung eben also euer Leben einschließt, wie da einschließt und verwahrt des Leibes Leben dessen festes Gerippe, so müsset ihr euch ja doch selbst als überblind erkennen, wenn ihr da einen untröstlichen Unterschied findet, wo ihr einen nur übertröstlichen finden sollet! [HGt.03_030,13] Saget Mir, was wohl lobenswerter ist: die leuchtende Sonne selbst, oder ihr ausgehendes Licht? Was haltet ihr für höher da? [HGt.03_030,14] Ihr saget in euch: ,O Herr, da ist ja das eine so notwendig und gut wie das andere!‘ [HGt.03_030,15] Gut, sage Ich; so die Sonne als die gesetzte Höhe in sich zu betrachten ist, was ist aber da mit ihrem ausgehenden Lichte für ein Standverhältnis dann? [HGt.03_030,16] Ihr saget: ,Das muß dann ja notwendig allenthalben unter der Sonne sein!‘ [HGt.03_030,17] Gut, sage Ich; so aber die Sonne an und für sich keinen höhern Wert hat denn ihr ausgehendes Licht, indem doch die Sonne ohne das ausgehende Licht so gut wie gar keine Sonne wäre und auch gar keinen Wert hätte, so wird das ja dem Weibe doch sicher auch nichts schaden und seinen Wert nicht im geringsten beeinträchtigen, wenn es dem Manne gegenüber notwendigerweise unten steht. [HGt.03_030,18] Ich aber sage: Wenn das Weib ist, wie es sein soll, so hat es vor Mir den Wert des gerechten Mannes und ist ebensogut ein liebes Kindlein von Mir als der Mann; verirrt sich aber das Weib, so werde Ich es so gut suchen wie den Mann. [HGt.03_030,19] Ein arges Weib aber ist ebensogut arg, als wie arg da ist der Mann; denn der Strahl aus der Sonne ist wie die Sonne selbst. [HGt.03_030,20] Es wird aber eine Zeit kommen, da Ich den Strahl sammeln werde im Weibe, um die erloschene Sonne im Manne zu erleuchten! [HGt.03_030,21] Verstehet solches, und lasset einmal ab von eurer alten Torheit! Liebet eure Weiber gerecht, aber machet aus ihnen nicht mehr oder weniger, als sie von Mir aus sind! Es ist genug, so ihr sie euch gleich achtet; darüber wie darunter soll eine Sünde sein! [HGt.03_030,22] Wer von euch aber noch etwas hat, der komme und rede! Amen.“ 31. Kapitel — Kenans Verlangen nach mehr Licht über sein Gesicht von den zehn Säulen, Des Herrn weiser Rat. Des Herrn plötzliches Verschwinden[HGt.03_031,01] Nach dieser letzten Aufforderung von Seite des Herrn trat der Kenan hin vor den Herrn und gab Ihm die Ehre; und als er dem Herrn aller Herrlichkeit die Ehre gegeben hatte, da wollte er mit einer Frage zum offenen Vorscheine kommen. [HGt.03_031,02] Aber der Herr kam ihm zuvor und sagte zu ihm: „Mein Sohn Kenan, was du hast, darum du Mich um ein größeres Licht anflehen möchtest, ist schon beinahe allen hier bekannt und Mir von Ewigkeit; daher brauchst du es auch hier nicht auszusprechen! [HGt.03_031,03] Denn Kenan und sein Gesicht von den zehn Säulen sind nun unter den Vätern schon ganz identisch geworden! [HGt.03_031,04] Und so du jemanden, wie auch Mich, um etwas sehr Wichtiges und tiefst Verborgenes fragen willst, siehe, da kommen schon allzeit wieder deine zehn Säulen aus deinem melodischen Gemüte zum Vorschein! [HGt.03_031,05] Ich sage dir aber: Es liegt allerdings etwas Bedeutendes hinter deinem Gesichte; aber die Worte des Muthael fassen mehr als dein Gesicht, – was eben nicht die durchaus erfreulichste Botschaft in sich faßt! [HGt.03_031,06] Ich habe dir aber in deinem Geiste ja ohnehin die volle Löse deines Gesichtes gezeigt; warum hältst du denn nicht mehr auf deinen Geist? [HGt.03_031,07] Es sind aber die zehn Säulen ja ohnehin denen gleich, die darauf stehen, wenn die zehnte auch noch nicht im Fleische unter euch vorhanden ist! [HGt.03_031,08] Beurteile demnach das bisher Geschehene und vergleiche es mit deinem Gesichte von Punkt zu Punkt auf dem Wege der wahren, inneren, geistigen Entsprechung, und du wirst deinem Gesichte auf den Grund kommen! [HGt.03_031,09] Wahr ist es gewiß und sicher, daß dein Gesicht kein gewöhnlicher Traum, sondern etwas mehr war und große geistige Zeichen in sich hatte. [HGt.03_031,10] Betrachte aber daneben die Wirklichkeit vor dir, und sage dir selbst, ob diese nicht in jeder Hinsicht noch ums sehr bedeutende wichtiger und viel mehrsagender in ihrer Enthüllung ist, als da war dein ganzes Gesicht in seiner trüben Verworrenheit?! [HGt.03_031,11] Siehe, also ist dein Gesicht ja doch leicht zu fassen, und du brauchst denn nicht allzeit den Weibern gleich mit einer und derselben Geschichte zum Vorschein zu kommen! [HGt.03_031,12] Ich weiß wohl, daß dich besonders die zehnte Säule nur drückt; Ich aber sage dir: Begnüge dich einstweilen nur mit den neun; was aber da die zehnte betrifft, so denke wenig darüber nach, sondern vereinige dafür lieber dein Herz in der Liebe zu Mir, und du wirst darin besser gehen denn auf dem sehr groben und dunklen Pfade deiner fruchtlosen Gedanken über deine zehnte Säule! [HGt.03_031,13] Siehe, der pure Gedanke im Kopfe über Dinge, welche noch die dunkle Zukunft vor deinem Geiste verhüllt, ist gerade also zu betrachten, als wollte ein Mann dem Manne eine lebendige Frucht zeugen also, wie er solches tun kann in dem Weibe, was zugleich auch die größte sündigste Hurerei wäre! [HGt.03_031,14] Wenn du aber deine Gedanken gefangennimmst aus Liebe deines Herzens zu Mir, so hast du in geistiger Beziehung das getan, als wenn du dich von der Anmut eines Weibes gefangennehmen lässest, umarmst dasselbe dann und tust ihm nach deiner lebendigen Art! [HGt.03_031,15] Auf diese Weise wird dein noch stummer Gedanke in deiner Liebe zu Mir dann gleich einer lebendigen Frucht in dem Weibe gezeugt; und wird der Gedanke dann lebendig aus der Liebe neu geboren, dann erst auch wird er dir sein in der lebendigen Fülle der ewigen Wahrheit, was er dir eigentlich urgrundsächlich sein sollte, ein Licht nämlich aus Mir lebendig! [HGt.03_031,16] Also verstehe und fasse du dein Leben, so wird dich die Waschung deiner zehnten Säule und die große Nacht um dieselbe nicht mehr drücken! [HGt.03_031,17] Nun aber sage Ich euch allen: Verharret stets in der Liebe, und beachtet wohl alle diese Meine Worte an euch, so soll Kenans zehnte Säule in einem ganz andern Sinne enthüllt werden, als sie sonst bei eurem Ungehorsame enthüllt werden dürfte! [HGt.03_031,18] Denn Meine Ordnung hat gar viele Wege, von denen viele besser sind denn einige darunter! Das Gericht aber ist schon von allen allzeit der letzte, da es da allzeit auf Leben und Tod losgeht; hütet euch daher vor jeglichem Gerichte! [HGt.03_031,19] Nun verlasse Ich euch wieder auf eine Zeit sichtbar, bleibe aber in eurer Liebe zu Mir dennoch fortwährend bei euch! – Mein Segen an euch alle, Mann und Weib! Amen.“ [HGt.03_031,20] Hier verschwand der Herr mit der untergehenden Sonne. Alle Anwesenden aber fielen auf ihre Angesichter nieder und weinten, lobten und priesen den Vater die ganze Nacht hindurch bis an den nächsten hellen Tag und begaben sich erst am Morgen nach Hause. 32. Kapitel — Satans listiger Plan, die Menschen durch Weibesschönheit zu verführen. Die Stimme von oben. Die Gesandtschaft des Horadal bei Adam und Henoch[HGt.03_032,01] Nun aber war auch auf der ganzen Erde die vollkommene Ordnung hergestellt, und der Himmel und die Erde waren auf das allerengste miteinander verbunden, und selbst der Satan sprach bei sich: [HGt.03_032,02] „Was will ich denn nun tun? Der Herr hat Seine Menschenkinder Selbst gelehrt und hat Sich ihnen fest angebunden; ja sogar meine Tiefe hat Er Sich zu eigen gemacht und hat vielen aus und in allen Zweigen eine große Macht gegeben, gegen die ich nichts vermag und nichts unternehmen kann! [HGt.03_032,03] Ich habe wohl Macht in den Gestirnen, wie auf der Erde über all die Elemente; was nützt mir aber das, wenn die Menschenkinder die Macht im Herzen Gottes haben und mir mit derselben überall, wo ich mich nur immer auflehnen möchte, gar entsetzlich mächtig begegnen können?! [HGt.03_032,04] Ich aber weiß dennoch, was ich tun will; ich will dem Menschengeschlechte bald einen Köder legen, da ich zu versuchen das Recht habe, und es soll sich gar bald zeigen, ob des Herrn Kinder wohl so fest und unerschütterlich sind, wie es sich jetzt herausgestellt hatte unter der persönlich-wesenhaften Leitung des Herrn! [HGt.03_032,05] Ich will bei den Zeugungen der Töchter in der Tiefe zugegen sein und will sie so schön und reizend in ihrem Fleische werden lassen, daß da ein jeder, der eine solche Tochter der Städte in der Tiefe ansehen wird, ganz von ihrem großen Zauber soll gefangen werden! Solches kann und darf ich ja tun, da das Fleisch noch in meiner Macht steht! [HGt.03_032,06] Was tue ich aber, so ich das tue! Gutes oder Böses? Denn tue ich Böses, da wird der Herr rechten mit mir; tue ich Gutes, da wird der Herr sagen: ,Das Gute ist nur in Gott!‘ [HGt.03_032,07] Ich weiß aber, wie ich es anstellen werde: In die Mitte soll es gestellt sein, – weder böse, noch gut! [HGt.03_032,08] Und die schönen Töchter werden gerade das sein; neben ihnen wird noch immer einer, der stark ist und tugendhaft, gar wohl Gott wohlgefällig einhergehen können! [HGt.03_032,09] Ist er aber das nicht, da soll er an den schönsten Töchtern wenigstens einen tüchtigen Probestein finden und eine mächtige Gelegenheit, seine Tugend entweder zu festen oder zu schwächen, um dadurch also vor Gott und mir zu stehen, wie er ist, – aber nicht, wie er ohne Mühe und Sein-Selbst-Beherrschung sein möchte: ein Herr sogar über mich und ein Fürst, mächtig in den Himmeln! [HGt.03_032,10] Daß dadurch gar manche Schwächlinge ins Garn gehen werden, das ist gewiß; daß aber dadurch auch gar manche große Tugendhelden werden, das kann man doch auch sicher annehmen! [HGt.03_032,11] Also, die Sache – zu beiden Seiten abgewogen – ist an und für sich weder böse, noch aber gerade auch gut zu nennen; es ist so die Mitte, also eine Schwebe zwischen Gut und Böse! [HGt.03_032,12] Daher sei's fest beschlossen und in aller Kürze ausgeführt! [HGt.03_032,13] Aber noch eins: Wenn die Sache aber am Ende doch ärger wirkend ausfiele, als ich es jetzt berechnet habe?! Da hätte ich's dann wieder von neuem feindlich mit dem Herrn zu tun! [HGt.03_032,14] Ich weiß aber auch hier, was ich tun will! Der Henoch ist des Herrn rechter Arm hier auf der Erde; zu dem will ich gehen und will ihm meinen Plan vortragen! Er soll sich darüber mit dem Herrn beraten und mir dann kundtun, ob es dem Herrn genehm ist! [HGt.03_032,15] Das wäre freilich wohl gut; wenn mich aber der Henoch mit seiner großen Macht ganz entsetzlich abwiese?! Was dann in meinem neu erwachten Grimme?! [HGt.03_032,16] Wie wär's denn, wenn ich mich selbst zum Herrn wagte?! Das wäre freilich wohl der allerkürzeste Weg!“ [HGt.03_032,17] Und eine Stimme kam von oben an das Ohr des Satans, die kurz also lautete: „Was beratest du dich im Argen?“ [HGt.03_032,18] Der Satan aber sprach: „Herr, ich will nichts Arges tun, sondern nur eine Schwebe möchte ich errichten für Deine Kinder, aber niemanden dabei nur im geringsten beirren in seiner vollsten Freiheit; daher gestatte mir solches!“ [HGt.03_032,19] Und die Stimme von oben sprach: „Satan, da du wolltest ein Mann sein, so bist du frei; tue, was du willst, in deinen Elementen, und der Herr wird tun auch, was Seines Willens ist! – Aber den Henoch laß Mir ungeschoren!“ [HGt.03_032,20] Und der Satan war mit diesem Bescheide vollkommen zufrieden und legte bald die Hand ans vorbedachte Werk, welches ihm aber dennoch lange nicht gelingen wollte; denn solange die Generation, wie sie jetzt auf der Höhe, wie in der Tiefe bestand, dauerte, war mit seiner Finte wenig gerichtet, – aber desto mehr mit den Nachfolgern, wie es der Verlauf leider zeigen wird! [HGt.03_032,21] Bald nach dieser Geschichte aber kamen Gesandte vom Horadal an den Adam und ernannten ihn zum Oberleiter im Namen des Herrn über das Volk zwischen Mitternacht und Morgen. Die Gesandtschaft aber bestand in zehn Männern, an deren Spitze die beiden Söhne Lamechs standen. [HGt.03_032,22] Der Adam aber beschied die Gesandtschaft an den Henoch, und der Henoch sagte ihnen im Namen des Herrn zu, auch über sie die Hohepriesterschaft auszuüben gegen ein Zehentopfer an den Herrn von den besten Früchten, entließ sie dann mit Rückhalt der beiden Söhne Lamechs und nahm die Söhne auf in sein Haus. 33. Kapitel — Henochs Eröffnung an Hored, Lamech, Naëme, Ada und Zilla, Jubal und Jabal. Der Aufbruch nach Hanoch unter der Führung Henochs[HGt.03_033,01] Nach dreißig Tagen aber zeigte der Herr dem Henoch an, daß der Lamech in der Tiefe mit dem zweiten Tempel fertig geworden ist. [HGt.03_033,02] Und der Henoch wußte, was er zu tun hatte; er berief alsbald die zwei Weiber Lamechs, die Ada und die Zilla, wie auch den Hored mit seinem Weibe Naëme. [HGt.03_033,03] Und als alle diese gekommen waren in das Haus Henochs, welches noch immer ein Haus Jareds war, da stellte ihnen der Hohepriester des Herrn die zwei Söhne, den Jabal und den Jubal, vor und sprach dann zu ihnen: [HGt.03_033,04] „Höret mich an im Namen des Herrn und allmächtigen Gottes und allerheiligsten, allerliebevollsten Vaters! Also ist es, und also lautet Sein allerheiligster Wille, daß da alles sich Seiner ewigen heiligen Ordnung frei aus sich fügen soll. [HGt.03_033,05] Also sollet auch ihr euch dem allen fügen, was der Herr euch nun durch meinen Mund sagen und treulich verkünden läßt! [HGt.03_033,06] Das aber ist es, so euch der Herr verkünden läßt: Der Oberpriester Lamech, nun in der Ebene der Erde gestellt über das Volk der Erde aus dem Herrn, bedarf euer nach dem Willen des Herrn, indem er nun ganz frei aus sich ein vollkommener Diener des Herrn geworden ist, mir gleich, durch die unendliche Gnade und Erbarmung des Herrn. [HGt.03_033,07] Auf dem euch wohlbekannten gereinigten Schlangenberge hat er den Herrn zum ersten Male geschaut; auf diesem Berge sollte er Ihm denn auch ein herrliches Denkmal errichten. [HGt.03_033,08] Solches hat der Lamech nun denn auch vollendet, und so wollen wir nun wieder hinabziehen in die Ebene und wollen dort, wie hier, uns treulichst fügen in den Willen des Herrn! [HGt.03_033,09] Fürchtet euch aber ja nicht mehr vor ihm, dem Führer Lamech nun; denn er ist mir gleich im Herrn und wird euch aufnehmen mit dem liebeerfülltesten Herzen und wird euch behalten in seiner großen Gnade, die ihm geworden ist vom Herrn. – So denn machet euch mit mir im Namen des Herrn auf den Weg! [HGt.03_033,10] Du, Hored, bist zwar ein Sohn, auf der Höhe des Morgens gezeugt; aber nun sollst du mit deinem Weibe in die Ebene ziehen und im Hause Lamech sein dessen Stütze in allen seinen Geschäften, um das geistige Wohl der armen Kinder Kahins wohl besorgt aus der Liebe des Herrn in dir! [HGt.03_033,11] Wann du aber willst die Höhe besuchen, soll sie dir frei und offen stehen Tag und Nacht; aber hier wohnen für bleibend sollst du nimmer, da du dir aus der Ebene der Erde ein Weib genommen hast und gehörst somit dorthin für bleibend und wohlwirkend, woher dein Weib ist. Aber die Kraft der Kinder Gottes soll dir bleiben bis ans Ende deines Erdenlebens! [HGt.03_033,12] Frage aber nicht, ob der Herr auch in der Ebene also bei dir sein wird, wie hier auf der Höhe der Kinder Gottes! [HGt.03_033,13] Denn wo jemand den Herrn liebt über alles in seinem Herzen, dort ist der Herr auch völlig bei ihm; wo er Ihn aber nicht also liebt, dort auch ist der Herr ferne von ihm, und möchte er sich noch ums Tausendfache höher befinden, als wir uns hier über der Ebene befinden! [HGt.03_033,14] Das ist nun der Grund, warum der Herr solches will mit dir; alles Fernere wird der Herr an jedem Tage dir anzeigen. [HGt.03_033,15] Ihr beiden Söhne aber werdet von eurem Vater die gute Weisung überkommen, was ihr zu tun haben sollet in der Zukunft im Hause eures Vaters. [HGt.03_033,16] Ihr Weiber Lamechs aber sollet ihm wieder das sein, was ihr ihm gewesen seid, – aber nun nicht mehr in der großen Furcht eures Herzens, sondern in der großen Freude desselben! [HGt.03_033,17] Du, Naëme, aber sollst diesem deinem neuen, dir vom Herrn Selbst gegebenen Manne treu verbleiben und sollst den Thubalkain für nichts mehr als nur allein für deinen Bruder ansehen! [HGt.03_033,18] Nun wisset ihr alles, was jetzt zu geschehen hat; darum machet euch ohne Verzug mit mir auf den Weg! [HGt.03_033,19] Diesmal aber sollst du, mein Enkel Lamech, auch mit mir ziehen; aber dein Weib bleibe daheim beim Jared und Mathusalah! [HGt.03_033,20] Wie ihr aber hier seid, also auch folget mir; und niemand von euch soll etwas mit sich nehmen! – Also will es der Herr. Amen.“ [HGt.03_033,21] Hier trat der Henoch aus dem Vaterhause, segnete die Höhe und also auch die Ebene, wie den Weg dahin, und zog dann mit den Berufenen der Ebene zu. [HGt.03_033,22] Die Berufenen aber folgten ihm wie die Lämmer ihrem Hirten. 34. Kapitel — Die Ankunft Henochs und seiner Begleiter vor Hanoch. Lamechs Bewunderung der Menschenwerke in Hanoch und Henochs weiser Rat[HGt.03_034,01] Als sich die Gesellschaft der großen Stadt Hanoch näherte, da verwunderte sich der Lamech über die große Pracht und Kühnheit der Gebäude, welche sich aus ihren Stellungen bekundete, und sagte zum Henoch: [HGt.03_034,02] „Höre, Vater Henoch, da mag einer sagen, was er will! Wenn man diese vielen Gebäude betrachtet, so muß man offen gestehen, daß die Kinder der Tiefe durchaus nicht auf den Kopf gefallen sind; denn die Sache ist ein und für allemal nicht dumm, und ich kann all die Dinge nur mit Wohlgefallen und durchaus nicht mißbehaglich ansehen. [HGt.03_034,03] Wenn man bedenkt, daß diese Menschen alles das allein mit ihrer naturmäßigen Kraft errichtet haben, indem des Geistes Macht ihnen fremd war, so muß man sich im Ernste hoch verwundern über solch ein mächtiges Werk!“ [HGt.03_034,04] Als er aber erst des neuen Tempels auf der Höhe ansichtig ward, das heißt auf dem ehemaligen Schlangenberge, da ward es völlig aus mit unserm Lamech. Er blieb eine Zeitlang ganz stumm in seine Betrachtung versunken stehen und öffnete erst nach einer Weile seinen Mund und fragte dann den Henoch, sagend nämlich: [HGt.03_034,05] „Aber Vater Henoch! Was ist denn das? Haben denn das auch Menschenhände verfertigt?“ [HGt.03_034,06] Hier hielt der Henoch noch ein wenig inne und sagte zum Lamech: „Höre, mein lieber Sohn Lamech, ich sage dir: Laß dir diese Sachen nicht zu sehr wohlgefallen, sonst wirst du wohl noch zu mehr Fragen genötigt werden, denn an allen diesen Dingen klebt noch ganz entsetzlich viel Welt! [HGt.03_034,07] Nach dem Maße du daran aber ein Wohlgefallen findest, nach eben dem Maße verdunkelst du deinen Geist, so daß er dir dann in deinem Herzen gar wenig Licht mehr spenden kann und du dadurch genötigt bist, dich aufs äußere Fragen, wie jetzt, zu verlegen, da dir dein Geist, wie gesagt, die Antwort schuldig bleibt. [HGt.03_034,08] Also wende dein Auge von dem lieber ab, und betrachte es nicht länger, was dich so sehr besticht, so wird dein Geist bald wieder sein rechtes Licht überkommen, und du wirst wieder darum auch jede Frage in dir selbst beantwortet finden!“ [HGt.03_034,09] Hier wandte sich der Henoch zu den andern ihm Folgenden und sagte zu ihnen: „Ihr aber sollet euch billig im Namen des Herrn freuen, der zu eurem zeitlichen und ewigen Wohle so entschieden Wunderbares getan hat aus Seiner unendlichen Liebe und Erbarmung, daß ihr euch darüber ewig nie genug werdet dankbarst verwundern können!“ [HGt.03_034,10] Die Naëme, wie die beiden Weiber und auch die zwei Söhne fielen aber alsbald auf die Erde nieder und fingen an, laut zu loben und zu preisen den so endlos guten Gott und Vater aller Menschen, darum Er der Tiefe so gnädig und barmherzig war. [HGt.03_034,11] Und die Naëme verwunderte sich aber nun um so mehr, da sie das alles nun in der Wirklichkeit mit den Augen des Fleisches erschaute, was ihr der Herr auf der Höhe schon im Geiste gezeigt hatte, und lobte und pries daher den Herrn auch ums Mehrfache stärker und heftiger liebend denn die andern, die diesmal den Herrn nicht gesehen haben. [HGt.03_034,12] Da aber der Henoch solches merkte, sagte er zur Naëme: „Stehe nun auf; denn siehe, dort zieht uns schon eine jubelnde Schar aus der Stadt entgegen. [HGt.03_034,13] Richte aber auch die Deinen auf und sage ihnen: Der Herr hat es dem Lamech der Ebene angezeigt, daß wir seiner vor der Stadt harren! Darum zieht er uns schon mit offenen Armen entgegen, um uns zu empfangen in seiner mächtigen Liebe aus dem Herrn!“ [HGt.03_034,14] Hier erhob sich alsbald nicht nur die Naëme, sondern auch alle die anderen, die solche Worte vom Henoch ebenfalls vernommen hatten; aber dennoch ging die Naëme alsbald hin zu ihnen und richtete sie im Herzen auf, da alle beim Anblick der ihnen entgegenziehenden Schar von Angst, Furcht und Freude zugleich befallen wurden. [HGt.03_034,15] Der Henoch aber belobte darum die Naëme sehr, indem sie seinem Geiste so treulich und wohlverständlich Folge geleistet habe. [HGt.03_034,16] Und die Naëme erwiderte: „O Henoch, alle meine Liebe sei darum dem Herrn; denn nur Er gab mir, der Unwürdigsten, daß ich deine Worte verstand!“ [HGt.03_034,17] Als die Naëme solches bekannte, da vernahm sie alsbald ein sanftes Wehen und sprach darauf: [HGt.03_034,18] „O Henoch! Wer hat mich denn nun so himmlisch-sanft wie durch und durch angehaucht?“ [HGt.03_034,19] Und der Henoch erwiderte ihr: „Liebe Naëme, siehe, es ist der Herr ja mitten unter uns, wenn auch nicht dem Auge sichtbar, aber dennoch wohl vernehmbar unserm Gefühle! [HGt.03_034,20] Liebe Ihn nur stets also, und du sollst dieses heilige Wehen zum öfteren Male gewahren; denn so der Herr dich segnet, da haucht Er Selbst Seine Liebe in dein Herz! Also ist es! [HGt.03_034,21] Doch der Lamech kommt uns schon sehr nahe; daher machen wir uns bereit zu seinem Empfange! Amen.“ 35. Kapitel — Henochs Zusammentreffen mit König Lamech. Die Gefahr der Menschenehrung[HGt.03_035,01] Als der Lamech der Ebene nun vollends in die Nähe des Henoch kam, da entblößte er sein Haupt und seine Brust und neigte sich dann bis zur Erde vor dem Henoch. [HGt.03_035,02] Der Henoch aber ging sogleich auf ihn zu und sagte zu ihm: „Höre du, mein geliebtester Bruder Lamech, was der Herr für Sich weder von mir noch von dir verlangt, das unterlasse allzeit auch vor mir! [HGt.03_035,03] Denn wenn ich zu dir komme, da komme ich nicht, daß du mich ehren solltest, als wäre ich ein zweiter Gott, sondern ich komme zu dir ja nur in der reinen Liebe des Herrn, der da ist vor uns allen ein allerliebevollster Vater, und komme als ein wahrer Bruder zu dir! Wozu demnach solche Ehrung, die zu nichts nütze ist?! [HGt.03_035,04] Ich sage dir aber: Vermeiden wir gegenseitig solches, sonst werden wir selbst Schöpfer arger Zeiten werden! [HGt.03_035,05] Denn siehe, so du mich also ehrst, da ich doch auch um kein Haar mehr bin, als da ist ein jeder andere Mensch, so erhebst du mich über die anderen Menschen und demütigst diese vor mir, ihrem gleichen Bruder! [HGt.03_035,06] Die Menschen werden sich wohl eine Zeitlang eine solche Demütigung gefallen lassen; aber dann wird einer um den andern zu fragen anfangen so im geheimen bei sich und wird sagen: [HGt.03_035,07] ,Ist denn dieser und jener mehr Mensch, denn wir es sind? Warum läßt ihn Gott zu solchen Ehren kommen, daß wir uns vor ihm beugen müssen? Uns aber läßt Er in der schmählichsten ehrlosen Niedrigkeit! [HGt.03_035,08] Wir wollen uns aber über ihn erheben und wollen ihm nehmen allen seinen eitlen Vorrang und ihn züchtigen für alle die vielen Ehrungen, die wir an ihm vergeudet haben! Er soll erfahren, daß er uns gleich auch nur ein Mensch ist!‘ [HGt.03_035,09] Siehst du, mein geliebtester Bruder Lamech, das ist eine wahre Stimme der Natur des Menschen, welche, wenn sie sich einmal empört, schrecklicher ist als die blindeste Wut aller Tiger und Hyänen! [HGt.03_035,10] Daher unterlassen wir gegenseitig allzeit das, darinnen ein so arger Same rastet, und die Erde wird unter unseren Tritten erblühen zu einem allerherrlichsten Eden Gottes! [HGt.03_035,11] Im Gegenteile aber stampfen wir mit jedem Schritte und Tritte Schwerter und Spieße aus dem Boden der Erde, mit denen sich unsere späteren Nachkommen zu Tausenden und tausendmal Tausenden in der glühendsten Rache erwürgen werden. [HGt.03_035,12] Wir alle haben nur einen Herrn, einen Vater; wir unter uns aber sind lauter Brüder! [HGt.03_035,13] So aber der Herr einen über Größeres setzt denn einen andern, so erhöht Er ihn dadurch nicht vor den Brüdern, sondern gibt ihm nur die Gelegenheit, an seinen Brüdern desto mehr Liebe üben zu können. [HGt.03_035,14] Um aber Liebe zu üben an den Brüdern, bedarf man doch sicher der Ehrung nicht, da die Liebe eine Kraft ist, die das Gleiche stets nur zu vereinen strebt, aber das Ungleiche aussondert wie Spreu vom Weizen. [HGt.03_035,15] Solches also beachte wohl, liebster Bruder Lamech, so wirst du in der vollkommenen Ordnung Gottes leben und wirst Gott allzeit angenehm sein!“ [HGt.03_035,16] Diese Worte Henochs machten auf den Lamech einen sehr großen Eindruck, und er faßte in sich nun ganz andere Pläne, als er sie bis jetzt gefaßt hatte; denn er gedachte so ein leises, besseres Kastenwesen einzuführen, welches bei Mir ein Greuel der Greuel ist. [HGt.03_035,17] Aber, wie gesagt, diese Rede Henochs hatte alle seine leisen Pläne geändert, darum er denn auch dem Henoch erwiderte: [HGt.03_035,18] „O Bruder Henoch, mit welch einem Lichte hast du nun mein Herz erfüllt! Dem allmächtigen Herrn Himmels und der Erde sei denn auch ewig allein alle Ehre, aller Preis, aller Ruhm und alles Lob darum, daß Er die Menschen zu solch gleichen lieben Brüdern gemacht hat!“ [HGt.03_035,19] Hier blickte der Lamech etwas weiter vor sich hin und ersah in einer Entfernung von etwa dreihundert Schritten die kleine, dem Henoch folgende Schar – welche unterdessen etwas zurückblieb, während der Henoch allein zum gar zu demütigen Lamech voreilte – und fragte den Henoch: [HGt.03_035,20] „Bruder, wer sind die dort, die dir folgen, wie es mir vorkommt, etwas ängstlichen Schrittes?“ [HGt.03_035,21] Und der Henoch sagte zum Lamech: „Liebster Bruder, laß hier deine Brüder; dann folge mir, und siehe, wie gnädig und gut der Herr ist! [HGt.03_035,22] Komme und empfange die Deinen im Namen des Herrn! Amen.“ 36. Kapitel — Lamech läuft den Seinen entgegen, Henoch folgt ihm. Der dreifach prophetische Sinn dieser Handlung Henochs. Echte Prophetie und die Freiheit des Menschen[HGt.03_036,01] Als der Lamech solches vom Henoch vernommen hatte, da war es aber auch völlig aus bei ihm; er schrie vor Freude und lief mit offenen Armen den Seinen entgegen. [HGt.03_036,02] Und der nicht mehr junge Henoch aber mußte selbst einen Schnellfüßler machen, um den Lamech die freilich zum Glück nur kurze Strecke Weges geleiten zu können. [HGt.03_036,03] Es klingt wohl etwas sonderbar, daß hier der Henoch auch mit Lamech gelaufen ist, aber diese Erscheinung war so leer nicht, als sich dieselbe jemand vorstellen möchte; denn sie hatte einen dreifachen prophetischen Sinn. [HGt.03_036,04] Der erste ist: Um den Führern dadurch anzuzeigen, daß sie die Fortschritte ihrer Jünger durch eine aufhaltende, zaudernde und den besten Geist tötende, schulfuchsische Pedanterie nicht hemmen sollen, sondern der Kraft des Geistes der Jünger nur allzeit folgen, und das zwar also, daß sie gingen mit dem Schnellen schnell, mit dem Freien frei, mit dem Starken stark, mit dem Saumseligen, ihn nach sich – dem Führer nämlich – ziehend, und mit dem Furchtsamen Mut einflößend! [HGt.03_036,05] Der zweite Sinn ist: Tiefe zieht oder Welt zieht durch ihre schnellen, industriellen Fortschritte das Geistige mit zum desto schnelleren Verfalle; denn das Geistige wird in der Welt von der Materie getragen und ist da, um die gefangene Materie zu erlösen, also wie die des geistigen Henoch nun in der Tiefe war, um den materiellen Lamech zu erlösen und ihn neu zu verbinden mit den Seinen, tiefer gesagt: mit seinen erhöhten und gereinigten Begierden. [HGt.03_036,06] Der dritte Sinn ist und war der prophetische: Daß nämlich die Kinder der Höhe bald sich mit schnellen Füßen nach der Tiefe gezogen haben und haben dort auch ihren Begierden den freien Spielraum gegeben; denn als Weise und Philosophen zogen sie hinab und gaben sich dann als Philosophen gar bald allen Ausschweifungen preis. [HGt.03_036,07] Das wären sonach die drei prophetischen Bedeutungen des Henochschen Mitlaufes. [HGt.03_036,08] „Aber“, wird jemand sagen, „wenn es also ist, daß die Propheten schon allzeit für die Zukunft durch all ihr Tun, Handeln und Reden bestimmen, was da geschehen soll und allzeit zumeist geschieht, so sind die Menschen auf dem Erdkörper in geistiger Hinsicht ja durchaus nicht frei und müssen somit eben so handeln, wie da die Propheten von ihnen ausgesagt haben! Und so mußten die Kinder der Höhe in der Tiefe fallen, weil solches nun schon der Henoch durch seinen Mitlauf vorgedeutet hatte! [HGt.03_036,09] Wenn sich aber die Sache also verhält, wie können denn die Menschen dann gestraft und gezüchtigt werden, da sie doch tun mußten, was die Prophetie von ihnen angedeutet hatte?“ [HGt.03_036,10] Ich aber sage: Wenn sich die Sachen also verhielten, da wäre es freilich wohl traurig, ein lebendes Geschöpf zu sein; da sich aber die Sachen ganz anders verhalten und die Propheten nur die notwendigen Folgen anzeigen, welche aus einer oder der andern Handlung des Menschen so bestimmt hervorgehen zur bestimmten Zeit, als wie da hervorgeht aus einem und dem andern Samenkorne, das jemand in die Erde legt, ganz bestimmt eine dem Samenkorne bestimmt entsprechende Frucht zur bestimmten Zeit, so meine Ich, sollte das doch nicht gar so bitter sein, so Ich eben durch die Propheten den Menschen anzeige, was für Früchte oder notwendige Folgen in ihren Handlungen stecken?! [HGt.03_036,11] Ist denn die Sache gar so bitter, wenn der Landmann im voraus weiß, daß er aus dem Weizenkorne nur wieder das Weizenkorn ernten kann, aus dem Samen des Unkrautes aber nichts als nur wieder Unkraut?! [HGt.03_036,12] Wenn aber solches dem Menschen gut ist, wie sollte es ihm denn nicht gut sein, durch den Mund der Propheten zu erfahren, welche Früchte aus seinen Handlungen zufolge Meiner ewigen, unwandelbaren Ordnung hervorgehen müssen, wenn der Mensch dieselben Handlungen fortwährend begeht und sie nicht ändert?! [HGt.03_036,13] Ändert aber der Mensch seine Handlungen, so werden auch andere Früchte zum Vorschein kommen, was ohnehin von jedem Propheten allzeit beigesetzt wird; denn ein rechter Prophet spricht und handelt ja stets nur bedingungsweise. [HGt.03_036,14] Sonach ist ja durch den Propheten die Freiheit der Menschen keineswegs beeinträchtigt, sondern nur außerordentlich begünstigt, indem der Mensch dadurch seine Handlungen kennenlernt und sie dann erst ganz frei ausüben kann, da er weiß, welche Früchte sie ihm bestimmt tragen werden, entweder gute oder böse! [HGt.03_036,15] Also liegt in dem Laufe des Henoch ja auch nur eine Bedingung, über welche wir ihn bei der nächsten Gelegenheit sich selbst aussprechen hören werden. [HGt.03_036,16] Doch da die beiden schon bei der Familie sind, so habet nun acht auf das Benehmen derselben! 37. Kapitel — König Lamechs Freudesturm und überschwengliches Dankgebet. Henochs Warnung vor übereilten Gelöbnissen [HGt.03_037,01] Als der Lamech nun mit den Seinen völlig zusammenkam, da konnte er von der immensesten Freude über das Wiedersehen seiner beiden Weiber, seiner zwei Söhne, seiner Lieblingstochter und ihres mächtigen Gemahls kein Wort über seine Lippen bringen, und es ging ihm wie einem, der so recht – wie ihr zu sagen pfleget – über die Ohren verliebt ist und vor lauter Liebe auch kein Wort herausbringt, um seiner Geliebten zu sagen, wie teuer sie ihm ist. [HGt.03_037,02] Erst nach einer geraumen Zeit, als sich der erste Freudesturm ein wenig gelegt hatte, konnte unser Lamech erst folgende Worte herausbringen, welche also lauteten: [HGt.03_037,03] „O Herr, Du endlos liebevollster, heiligster Vater, wie soll ich Wurm im Staube vor Dir, o Gott, Dir danken, wie Dich loben, preisen und anbeten für so endlos viel Gnade, da ich doch nicht des allergeringsten Teiles derselben wert bin?! [HGt.03_037,04] O ihr meine Weiber und Kinder, wie viele Nächte habe ich doch um euch bei mir geseufzt und geweint; aber ich war dabei auch voll des bittersten Grimmes gegen Gott und versuchte mich allerendlosest-törichterweise darum zu rächen an Ihm, dem allmächtigen, ewigen Herrn der Unendlichkeit, euretwegen. [HGt.03_037,05] Darum hätte ich von Gott aus ja doch nichts anderes verdient als eine ewige, allerärgste Züchtigung; allein statt mich allerverdientestermaßen zu züchtigen, erweist mir der Herr solche Gnaden, vor deren unermeßlicher Größe sicher selbst die größten, vollkommensten Geister erschauern! [HGt.03_037,06] Also muß ich ja allerbilligstermaßen aus allen Kräften rufen: O Herr, Du unendlich allerliebevollster, allerheiligster Vater! Was verlangst Du von mir, das ich tun soll, auf daß ich Dir dadurch doch irgendein Wohlgefallen erweisen könnte für solche Deine zu endlos große Gnade!“ [HGt.03_037,07] Hier sagte der Henoch zum Lamech: „Höre Bruder, du hast wohl geredet vor den Deinen, vor mir und vor Gott; aber eines darinnen war nicht in der Ordnung des Herrn! [HGt.03_037,08] Siehe, du hast in deinem großen Liebefeuer den Herrn gewisserart aufgefordert, daß Er von dir ein Opfer verlangen möchte, welches du Ihm alsonach darbringen würdest, und möchtest dich dadurch dankbar bezeigen und gebührend wohlgefällig vor Gott! [HGt.03_037,09] Es ist recht, wenn du in dir einen solchen Drang verspürst, aber bedenke, wenn der Herr nun von dir verlangen würde, du sollest Ihm gerade die da opfern, die dich nun mit solchem Lieb- und Dankfeuer gegen den Herrn erfüllt haben! Sage mir, was würdest du dann tun?“ [HGt.03_037,10] Hier stutzte der Lamech ganz gewaltig und wußte keine Antwort auf diese Frage von so großer Bedeutung zu finden. [HGt.03_037,11] Aber der Henoch sagte darauf sogleich wieder zum Lamech: „Höre du, mein geliebtester Bruder, solches bedünkt dich nun sehr, und du findest in deinem Herzen keine Antwort auf diese Frage! [HGt.03_037,12] Ich aber sage dir: Und wenn der Herr noch mehr von dir verlangen möchte, als was ich dir in meiner Frage zur Bedingung gestellt habe, so müßtest du solches alles mit dem allerbereitwilligsten Herzen tun; denn wahrlich, sage ich dir, wer aus Liebe zum Herrn nicht alles verlieren kann, der ist des Herrn nicht wert! [HGt.03_037,13] Wer auf der Welt sein Weib, seine Kinder, seine Brüder und seine Eltern sogar mehr liebt als den Herrn, der ist des Herrn auch nicht wert! [HGt.03_037,14] Daher soll ein jeder seine Liebe vorher gar wohl prüfen, bevor er dem Herrn irgendein Gelöbnis machen mag! Denn wer dem Herrn ein freies Dankopfergelübde macht und es gereut ihn dann, wenn er es ausführen soll, des gemachten Gelübdes, siehe, der ist doch sicher des Herrn nicht im geringsten wert, und der Herr wird dann einem solchen Gelübdemacher auch tun nach dem Maße, wie dieser Ihm sein angelobtes Opfer dargebracht hat. [HGt.03_037,15] Es wird dich der Herr zwar nicht auf diese Probe stellen; aber dessenungeachtet sollst du solches wissen und in der Zukunft wohl bedenken, was du redest vor Gott; denn Er ist nicht, daß Er mit Sich scherzen ließe! [HGt.03_037,16] Solches also bedenke und beachte es wohl, und laß uns nun ziehen in dein Haus und dann zum Tempel auf dem Berge! Amen.“ 38. Kapitel — König Lamechs und der Seinen Wiedersehensfreude und große Dankbarkeit dem Herrn gegenüber. Henochs Gespräch mit Lamech von der Höhe über das vorbildliche Herzensopfer König Lamechs und seiner Familie[HGt.03_038,01] Der Lamech dankte dem Henoch aus dem tiefsten Grunde seines Herzens für diese Lehre und gute Ermahnung und sprach dann zu den Seinen: [HGt.03_038,02] „So kommet zu mir, und fürchtet euch nicht; denn ich weiß es ja, daß es der Herr in eure Herzen gelegt hat, daß ich nicht mehr zu fürchten bin! [HGt.03_038,03] Denn des Herrn endlose Erbarmung hat mich umgewandelt und hat aus mir, dem ehemaligen Wüterich und Greueltäter aller Art, aus mir, dem doppelten Brudermörder, ein Lamm, einen sanften Führer der Menschheit gemacht! [HGt.03_038,04] Daher kommet zu mir und fürchtet euch nicht vor mir; denn ich bin nun da, um mit der gnädigsten Hilfe des Herrn die begangenen Greuel an der Menschheit dadurch einigermaßen wieder gutzumachen, daß ich sie, die noch Lebenden, leite und führe auf die Wege des Herrn!“ [HGt.03_038,05] Auf diese überaus aufrichtige und gemütliche Einladung und Bekennung faßten erst die Seinen den vollen Mut und gingen hin zum Lamech, umarmten und grüßten ihn, dabei aber den Herrn hoch lobend und preisend ob solch großer Gnade und Erbarmung, die Er an dem Lamech so großherrlich bezeugt hatte und dadurch auch an der ganzen Tiefe. [HGt.03_038,06] Diese Erkennung brachte den Lamech zum Weinen, und er dankte dem Herrn abermals mit dem gerührtesten Herzen. [HGt.03_038,07] Der Henoch aber sah solche große Erhebung der Herzen zu Gott und sprach darob im geheimen zum Lamech der Höhe: [HGt.03_038,08] „Mein Sohn, da siehe hin; das ist die rechte Art, dem heiligen Vater ein wohlgefälligstes Opfer darzubringen! Hast du aber solches je auf der Höhe gesehen in solch tiefster Innigkeit? [HGt.03_038,09] Ja, auf der Höhe gab es ehedem wohl eine heilige Zeremonie für die Bestechung der Sinne und für die Tötung des Geistes; aber die lebendige, stille Zeremonie des Herzens, wie du sie nun hier siehst, diese ist auf der Höhe noch gar wenig gefeiert worden! Und wir heißen doch ,Kinder Gottes‘, während diese da ,Kinder der Welt‘ heißen! [HGt.03_038,10] Es ist wahr: Während der Vater unter uns wandelte sichtbar und uns gar endlos größte Beweise von Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung gab, da waren auch viele zerknirschten Herzens und lobten und priesen Ihn als den allerliebevollsten, heiligen Vater; als Er aber wieder unsichtbar wurde, da rannten gar viele davon, als wäre unter uns gar nichts Besonderes vorgefallen! Wie kommt dir dieser Unterschied vor?“ [HGt.03_038,11] Der Lamech der Höhe sprach: „O Vater Henoch, das ist ein gar gewaltiger Unterschied, und ich muß es offen bekennen: mir ist der heilige Vater auf der Höhe kaum je so erhaben vorgekommen wie jetzt bei diesem Anblicke! [HGt.03_038,12] Oh, wie weit stehen wir im Grunde zurück vor diesen! Ein um wie vieles größerer Lamech ist dieser hier in der Tiefe, als ich es bin auf der Höhe! [HGt.03_038,13] Dem gab der Herr nur Geringes – es ist im Grunde nur Weltliches –, und er dankt dem Herrn darum, als hätte er schon alle Himmel überkommen; mir aber gab der Herr das Herrlichste nach Seinem Zeugnisse und das Größte nach Seinem Worte, und wie gering war dafür mein Dank und meine Liebe gegen das, was da dieser Lamech tut!“ [HGt.03_038,14] Es erwiderte ihm aber der Henoch und sagte: „Ja, mein Sohn Lamech, jetzt hast du die vollste Wahrheit geredet! Also ist es bei uns allen auf der Höhe: wir sind dem Vater als Seine Kinder für Unendliches weniger dankbar als diese da für Endliches! [HGt.03_038,15] Aber lasset uns jetzt ziehen in die Stadt; dort erst sollst du Wunder der Liebe und Dankbarkeit gegen Gott sehen, die da alles bis jetzt Gesehene überbieten sollen! Für Sonnenstäubchen wirst du dankbarere Herzen finden, als auf der Höhe für Sonnen! – Und so laß uns ziehen in die Stadt! Amen.“ [HGt.03_038,16] Hier ermannte sich auch der Lamech der Tiefe und folgte gar demütigst und dankbarst dem Henoch mit den wieder erhaltenen Seinen. 39. Kapitel — Der Einzug in Hanoch. Die vorübergehende Zulassung der Verehrung der heiligen Gedenkstätten in Hanoch. Der Empfang im Palaste Lamechs[HGt.03_039,01] Als die Gesellschaft nun in der Stadt ankam, da machte der Henoch den Lamech von der Höhe gar bald aufmerksam auf die Kinder der Tiefe, wie diese in gar dürftigen Kleidern die Wege sogar, auf denen die ehemaligen Boten aus der Höhe die Pfade des Herrn betreten hatten, ganz besonders aber den Wegzug, auf welchem der Herr einhergegangen war, mit ihren Tränen benetzten, und wie einige sogar mit ihren Brüsten auf den Stellen lagen und dieselben in der größten Liebe anbeteten, auf denen der Herr einhergegangen war. [HGt.03_039,02] Als der Lamech der Höhe solches sah, schlug er sich auf die Brust und sagte: „O Vater Henoch, was ist das?! Diese Kinder der Welt lieben ja die leisesten Gedenkplätze an den Herrn schon bei weitem mehr, als wir den Herrn Selbst; wie groß muß dann erst ihre Liebe zum allerheiligsten, liebevollsten Vater Selbst sein!“ [HGt.03_039,03] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Ja siehe, also ist es wahrlich! Man sollte zwar diesen armen Kindern das Verehren der Plätze, welche die Boten durchzogen, und des Weges, den der Herr ihren Augen sichtbar betrat, untersagen, da dabei sich ihr Herz leicht an das hängen und anfesten könnte, was ihnen nun als eine süße und erhabenste Erinnerung dient, – aber ihre Gefühle sind dabei zu rein auf den Herrn gerichtet, und so kann ich selbst nicht umhin, ihnen vorderhand zu lassen ihren frommen Sinn. [HGt.03_039,04] Es wird aber die Gasse, durch welche der Herr zog, als der Name Jehova in den Tempel getragen ward, sicher eine mächtig geheiligte bleiben, und wir werden es nicht vermögen, diesem Volke solches auf eine leichte Art aus seinem innersten Leben herauszubringen, ohne die dabei nötige Beschränkung seiner Willensfreiheit, was zu tun wir aber nimmer das Recht haben, indem doch der Herr solches nicht tut. [HGt.03_039,05] Jedoch kümmern wir uns nicht zu sehr dessen, was des Herrn ist; Er wird es machen, wie es Ihm am angenehmsten sein wird! [HGt.03_039,06] Wir aber haben hier die herrlichste Gelegenheit, zu betrachten, wie ganz anders und um wie vieles lebendiger dieses Volk nun den Herrn als den allerheiligsten und liebevollsten Vater mehr liebt als wir Kinder Gottes auf der Höhe! [HGt.03_039,07] Siehe, da ist aber nun schon auch das Haus des Lamech aus der Tiefe; daher lassen wir nun auch ihn vortreten und uns führen in seine Wohnung!“ [HGt.03_039,08] Der Lamech der Höhe erstaunte über die große Pracht dieses Gebäudes; aber der Henoch sagte zu ihm: „Ja, es ist eine große Pracht daran; wenn man aber bedenkt, mit welchen Mitteln es erbaut worden ist, da möchte man eher erschaudern bis in den tiefsten Grund seines Lebens, als darüber irgendein Wohlgefallen äußern!“ [HGt.03_039,09] Und der Lamech der Höhe erseufzte aus dem Grunde seines Lebens und sagte dann mit wehmütiger Stimme: „Ja, ja, lieber Vater Henoch, also ist es sicher! Wenn der Herr Sonnen und Welten baut und setzt hohe Berge auf die Stärke der Erde, da haben wir billigst recht, uns zu erfreuen bei deren Anblicke – denn wir wissen es, ein wie leichtes es ist dem Herrn, solche großen, wunderbarsten Dinge zu erschaffen –; aber für diese schwachen Kinder solche Gebäude aus Steinen aufzuführen, die da aussehen wie kleine Berge, – wahrlich, da wird man betrübt bis in den innersten Lebensgrund!“ [HGt.03_039,10] Und der Henoch sprach: „Ja, also ist es! Jedoch lassen wir nun das, was der Herr zugelassen hat; wir haben unsern Teil daran genommen, und so ist es gut und recht vor dem Herrn, unserm heiligsten, allerliebevollsten Vater! [HGt.03_039,11] Nun aber kommt schon der Führer Lamech auf uns zu mit ausgebreiteten Armen, um uns zu führen in sein Haus, und seine Hausdienerschaft erwartet uns auch schon am Tore des Hauses! Daher trachten wir, bald ins Haus zu kommen, sonst kommt das erbaute Volk über uns und fängt an, uns im Namen des Herrn anzubeten, – was wir aber allersorgfältigst zu vermeiden suchen müssen!“ [HGt.03_039,12] Hier kam der Führer Lamech herbei, und der Henoch gab ihm zu verstehen, so geschwind als möglich in das Haus zu treten, um eine förmliche Anbetung zu verhüten. Und es geschah sogleich des Henochs Wille. 40. Kapitel — Der Empfang der Gäste durch den Hofstaat im Thronsaale. Vorbereitungen zum Festmahl. König Lamechs Verordnung zum Umschmieden aller Waffen in nützliche Gerätschaften. Die Liebe als heilige Urwaffe des Herrn. Verheißung an König Lamech[HGt.03_040,01] Als sie im Thronsaale anlangten, allwo des Lamechs ganzer Haupthofstaat versammelt war, da rief der Lamech alsbald freudigst aus und sagte: [HGt.03_040,02] „Freunde, Brüder, Kinder und Schwestern! Freuet euch mit mir; denn der Herr hat an uns allen eine große Erbarmung ausgeübt! [HGt.03_040,03] Sehet, hier sind meine zwei Weiber, die Ada und die Zilla, da meine für gänzlich verloren geglaubten Söhne, der Jubal und der Jabal, und hier meine Tochter, die Naëme, mit ihrem mächtigen Manne, den ihr der Herr Selbst gegeben hat! [HGt.03_040,04] Und sehet, und höret, und frohlocket hoch mit mir! Diese hat mir und uns allen der Herr wieder gegeben, daß sie bei mir sein sollen und mir in reiner Art das seien, was sie mir waren vom Anbeginn, aber – leider – in der dem Herrn unwohlgefälligsten, unreinsten Art! [HGt.03_040,05] Oh, wie wollen wir uns nun freuen in der so mächtig-großen Gnade des Herrn! [HGt.03_040,06] Brudal, gehe in die Speisekammern, und bereite für uns alle ein festlich Mahl von dem besten Fleische und von den besten Früchten, und eine zweite reichliche Tafel laß herrichten für alle unsere gottesfreundlichen Bürger dieser Stadt, und eine dritte für alle die Armen, welche jetzt frei sind, da sie ehedem unsere Sklaven und Gefangenen waren! Gehe und richte es nach diesem meinem Verlangen! [HGt.03_040,07] Und du, mein Bruder Terhad, du vom Herrn bestellter Wächter des Haupttempels des Herrn, sende alsbald Herolde in die ganze große Stadt, und laß alle die von mir Bestimmten laden zu diesem meinem großen Freudenmahle in dem allerheiligsten Namen des Herrn Jehova Zebaoth, der da ist unser aller Gott, Schöpfer und Vater, liebevollst, weise, heilig und allmächtig von Ewigkeit! Also geschehe es! Amen.“ [HGt.03_040,08] Hier gingen der Brudal und der Terhad alsogleich an ihr anbefohlenes Geschäft und besorgten alles auf das pünktlichste. [HGt.03_040,09] Der Lamech aber wandte sich bald wieder und berief zu sich den Thubalkain. Als dieser demütig hintrat vor seinen Vater, da sagte dieser zu ihm: [HGt.03_040,10] „Thubalkain, mein Sohn, ich sage dir hier im Angesichte des alleinigen Hohenpriesters des Herrn: Laß alle Waffen, die da zum Kriegführen bestimmt waren, im ganzen großen Reiche sammeln, und verfertige daraus den Pflug, die Sichel, die Sense, die Holzhacke, die Erdhaue, den Spaten und noch allerlei andere nützliche Gerätschaften, welche dich des Herrn Geist lehren wird! [HGt.03_040,11] Denn von nun an soll der Herr ganz allein unsere allerwirksamste Schutzwaffe sein gegen alles Übel. Nicht einmal gegen die reißenden Bestien wollen wir uns je einer anderen Waffe bedienen; denn ich habe die Waffe des Herrn kennengelernt vielfach! [HGt.03_040,12] Daher wollen wir mit dieser allmächtigen Waffe kämpfen unser Leben lang, und unsere Kinder und Kinder der Kinder sollen sich nimmer einer anderen Waffe bedienen! [HGt.03_040,13] Liebe aber heißt die heilige, allmächtige, ewige Urwaffe des Herrn! Mit dieser heiligen Waffe wollen denn wir unser irdisch Leben durchkämpfen und dadurch dem Herrn sicher allzeit, wie am Ende unserer Erdentage ein wohlgefälliges Opfer in dem Siege darbringen, welchen wir mit dieser Seiner allmächtig-heiligen Waffe über alles Übel der Welt werden erfochten haben! [HGt.03_040,14] Morgen aber sollst du dich vor allem andern an dieses dir jetzt anbefohlene Werk machen! Des allmächtigen Herrn Wille geschehe also allzeit und ewig! Amen.“ [HGt.03_040,15] Hier trat der Henoch zum Lamech hin und sagte zu ihm: „Geliebter Bruder Lamech, du hast jetzt ein Gebot gegeben, welches mir lieber ist als Gold und allerreinstes Gold; darum aber sollst du auch gesegnet sein, wie vor dir noch niemand gesegnet war! [HGt.03_040,16] Von Honig und Milch soll dein Land überfließen, und deine Stadt soll glänzen wie der Mond, die Häuser darinnen wie die Sterne und dein Haus aber wie die aufgehende Sonne! [HGt.03_040,17] Wahrlich, sage ich dir, deine Liebe ist mächtiger geworden, denn da ist der ganze Erdkreis! Wenn dein Freudenmahl wird beendet sein, da erst sollst du bei der neuen Tempelweihe erfahren, wie angenehm du dem Herrn geworden bist! [HGt.03_040,18] Heute noch wollte ich dich wieder verlassen; aber nun will ich drei Tage lang bei dir verweilen und dir zeigen die Macht deiner neuen Waffe! Also soll es geschehen im Namen des Herrn! Amen.“ 41. Kapitel — Henochs Gespräch mit Lamech von der Höhe über die gute Ordnung und über die böse menschliche Rangordnung[HGt.03_041,01] Das anbefohlene Mahl ward bald bereitet, und die Geladenen kamen herbei; die Tische wurden bestellt und wurden gesondert nach der Maßgabe Lamechs. [HGt.03_041,02] Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, es ist zwar eine Ordnung allenthalben gut, und wir sollten nichts tun außerhalb einer gewissen Ordnung – denn die Ordnung ist die Macht des Herrn; aus und in Seiner Ordnung hat Er alle Dinge erschaffen –; aber dessenungeachtet ist dem Herrn doch eine Ordnung, die die Menschen untereinander aufgestellt haben oder wenigstens aufstellen möchten, beinahe ganz unerträglich, und das ist die Rangordnung! [HGt.03_041,03] Wenn du ganz gleiche Dinge in einer geraden Linie aufgestellt hättest, und es käme aber dann jemand und verstellte die Dinge aus ihrer von dir bestellten geraden Linie, fürwahr, du würdest dich darob ärgern und würdest den Verrücker deiner Ordnung mit zornigen Augen ansehen! [HGt.03_041,04] Wenn aber der Herr alle Menschen völlig gleich erschaffen hat und hat sie vor Sich hingestellt in einer geraden Linie, wie mögen wir da des Herrn gerade gestellte Linie krümmen nach unserm Belieben?! [HGt.03_041,05] Wir können es freilich wohl tun und können in gewissen Tätigkeitsrücksichten sagen: ,Der ist das und jener dies!‘ – und was ein vom Herrn vorgesetzter Bruder dem andern ratet, den der Herr nicht berufen hatte, daß dieser es tue! [HGt.03_041,06] Das ist die rechte Rangordnung, die wir vom Herrn Selbst überkommen haben; aber bei solchen Gelegenheiten, da wir ein Mahl geben den Brüdern, sollen nicht drei gesonderte Tische stehen, sondern nur einer, damit wir alle als völlig gleiche Brüder und Schwestern untereinander am selben speiseten!“ [HGt.03_041,07] Als solches der Lamech vernommen hatte vom Henoch, da ließ er sogleich die Tische zusammenstoßen, und es ward so aus drei gesonderten Tischen ein Brudertisch nur. [HGt.03_041,08] Der Henoch aber lobte den Lamech ob seines Gehorsams nach dem Willen und nach der Liebe des Herrn. [HGt.03_041,09] Aber ganz heimlich trat der Lamech der Höhe hin zum Henoch und sagte zu ihm: „Höre, Vater Henoch, es ist recht wohl und gut, was du nun geredet hast zu meinem Namensgefährten in der Tiefe; aber nun begreife ich eines nicht so ganz recht aus dieser deiner kurzen Rede bezüglich der Rangordnung unter den Menschen! [HGt.03_041,10] Siehe, Kinder sind doch sicher geringer denn ihre Eltern; denn es wäre dem Herrn doch sicher nicht recht, wenn sich die Kinder ihren Eltern gleichstellen wollten! [HGt.03_041,11] Zudem erinnere ich mich so mancher Erscheinung auf der Höhe, wo der Herr Selbst so ganz bedeutende Unterschiede unter den Menschen gemacht und durchaus nicht alle gleich behandelt hat! [HGt.03_041,12] Denn die drei Speisekörbe auf der Vollhöhe sind eine unleugbare Tatsache, daß Er dich zum Hohenpriester gemacht hat und die Purista, wie auch die Ghemela, erhoben hat sichtbar! Wer kann solches in eine völlige Abrede stellen?! [HGt.03_041,13] Es geht aber aus dem doch unfehlbar hervor, daß der Herr sonach eine gewisse Rangordnung unter den Menschen aufgestellt hat, und darum kann ich nun nicht so recht klug werden aus deiner Rede! – Gib mir daher einen näheren Bescheid darüber!“ [HGt.03_041,14] Und der Henoch wandte sich zum Lamech und sprach: „Mein Sohn, du bist in einer starken Irre! Was der Herr tut, ist sicher etwas ganz anderes, als was der Mensch tut und tun soll; denn Er allein ist ja der Herr! [HGt.03_041,15] Die Rangordnung aber, welche der Herr unter uns Menschen aufgestellt hat, ist nur auf unsere Liebe zu Ihm gegründet, und da heißt es: ,Je mehr du Liebe zu Mir, deinem heiligen Vater, hast in deinem Herzen, desto näher auch bist du bei Mir; mit je weniger Liebe zu Mir aber bist du auch desto ferner von Mir!‘ [HGt.03_041,16] Siehe, darin liegt der Henoch als gestellter Hoherpriester, die drei Körbe auf der Vollhöhe, die Purista und die Ghemela, wie die Pflicht der Kinder gegen ihre Eltern, die da die ersten Hohenpriester von Gott gestellt ihren Kindern sind! [HGt.03_041,17] Solches ist alsonach nur das Verhältnis der Liebe zu Gott; aber unter Menschen soll in liebtätigen Stellungen solches nicht also sein, daß sie sich voneinander sondern sollten, als dünkte sich der eine mehr denn ein anderer! [HGt.03_041,18] Nur vor Gott sind wir unterschiedlich durch unsere Liebe zu Ihm; aber unter uns soll kein selbstgemachter Unterschied walten! [HGt.03_041,19] Denn wer da groß wird sein wollen, der wird klein sein vor Gott; sind wir aber lauter Liebebrüder untereinander, so werden wir es auch sein vor Gott! [HGt.03_041,20] Also verstehe, mein Sohn, die Sache! – Doch, die Tische sind vereint; so lasset uns Platz nehmen an denselben! Amen.“ 42. Kapitel — Die Aufstellung des zweiten Tisches im Thronsaale. Das Fest mahl. Die Tischrede des Unbekannten am zweiten Tische[HGt.03_042,01] Die Zahl der geladenen Gäste war groß und konnte daher an dem einen großen Tische nicht untergebracht werden; daher kam der Lamech zum Henoch wieder und fragte ihn: [HGt.03_042,02] „Höre, geliebtester, erhabenster Bruder und des Herrn alleiniger Hoherpriester, mehr denn die Hälfte der geladenen Gäste haben, wie du es selbst sehen kannst, nicht Platz am vereinten Tische! Wenn wir sie nun darum sondern müssen und für sie bereiten lassen einen zweiten Tisch, werden sie sich dadurch nicht herabgesetzt finden, so wir sie doch notwendig werden an den zweiten Tisch setzen lassen müssen und sie somit nicht an dem Tische werden Platz nehmen können, an dem wir sitzen werden und du dich eigentlich schon gesetzt hast?“ [HGt.03_042,03] Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „Siehe, lieber Bruder, Notwendigkeit ist keine Herabsetzung! Um aber die Sache doch so wenig als nur möglich unterschiedlich zu machen, so laß auch den zweiten Tisch in diesem für wenigstens zehntausend Menschen genug großen Saale aufrichten, und es wird dann gar wenig darauf ankommen, bei welchem Tische wir sitzen! Also laß es geschehen, und es wird vollends recht sein!“ [HGt.03_042,04] Und der Lamech sah, daß es also gut war, und ließ daher durch seine Diener alsogleich alles herrichten also, wie es ihm der Henoch geraten hatte. [HGt.03_042,05] Und die Überzahl der Gäste fand vollkommen Platz an diesem zweiten Tische und frohlockte, daß ihr eine so große Gnade widerfahren ist, sogar im Thronsaale neben den erhabenen hohen Gästen und großen Freunden Gottes zu Tische zu sitzen. [HGt.03_042,06] Da der Lamech solchen Jubel vernahm, daß solche Einrichtung so gut aufgenommen wurde, so ward er selbst heiter und voll Fröhlichkeit und setzte sich auch alsbald zum Tische, wo schon der Henoch mit dem Lamech von der Höhe Platz genommen hatte. [HGt.03_042,07] Also ward alles geordnet; die Speisen wurden aufgetragen und dem Herrn ein Lob aus aller Gäste Herzen und Munde laut dargebracht. Die Tische wurden dann vom Henoch im Namen des Herrn gesegnet, und alle langten mit ihren Händen nach den gesegneten Speisen und aßen und tranken unter hier und da laut sich vernehmen lassenden Preisungen des Herrn. [HGt.03_042,08] Nachdem sich aber alle gesättigt hatten, richtete sich am zweiterrichteten Tische einer der geladenen Gäste auf und richtete folgende Worte an seine Tischgenossen: [HGt.03_042,09] „Brüder, Freunde und Schwestern! Welcher Mensch könnte es wohl in der größten Glut und Flamme seines Herzens wagen, zu sagen, er könnte Gott, dem allmächtigen Herrn Himmels und der Erde, danken zur Genüge je in alle Ewigkeit für solch eine unaussprechlich große Gnade, die Er uns dadurch erwiesen hat, daß Er den vorher so harten König Lamech in einen so herrlichen Bruder und übergroßen Freund der Menschen umgewandelt hat? Fürwahr, Ich kann mir nichts Größeres denken! [HGt.03_042,10] Es muß dem allmächtigen Herrn wohl ein leichtes sein, tausend Welten zu erschaffen; aber einen freien Menschengeist ungerichtet also umzuwandeln, wie da der Lamech und durch ihn auch all sein Anhang umgewandelt ward, das ist denn doch mehr, als Sonnen und Erden und Monde zu gestalten im Augenblicke des allmächtigen, göttlichen Wollens! [HGt.03_042,11] Denn bei der Erschaffung der Dinge kommt es sicher nur auf den Willen Gottes an, und es wird dasein, was Gott haben will! Ein von Ihm ausgesprochenes allmächtiges ,Werde!‘ genügt, und zahllose Sonnen und Welten drehen sich schon in ihren übergroßen Kreisen vor dem Auge des allmächtigen Werkmeisters! [HGt.03_042,12] Aber beim freien Geiste ist das allmächtige ,Werde!‘ ein Gericht schon, welches ist des Geistes Tod! Da muß an die Stelle der Allmacht denn nur die große Liebe, Erbarmung, Geduld, Sanftmut und endlos weiseste Führung Gottes treten und muß den Geist des Menschen wie einen zweiten Gott leiten, führen und lehren, damit dieser dann durch die Selbsterkenntnis in sich das werde, was er sein soll nach der göttlichen Ordnung. Und das ist mehr, als Welten und Sonnen erschaffen! [HGt.03_042,13] Oh, darum soll aber auch der Herr von uns allen gelobt und geliebt sein, wie da bis jetzt Er noch nicht ist geliebt und gelobt worden; denn jetzt erst erkennen wir die Größe Gottes! [HGt.03_042,14] Auf, Brüder, und lasset uns loben und preisen den Herrn, da Er uns eine so große Gnade erwies!“ [HGt.03_042,15] Diese Rede des Gastes machte alles im Saale stutzen, und alles ward ergriffen von der Kraft dieser Worte. 43. Kapitel — König Lamechs Staunen ob der Worte des unbekannten Gastes. Die Rede des Unbekannten über die zweifache Nahrung des zweifachen Menschen[HGt.03_043,01] Der Lamech aber wußte nicht, was er in der Schnelligkeit tun sollte. Er wandte sich darum alsobald an den Henoch und sagte zu ihm: „Höre, du mein geliebtester, erhabener Freund und Bruder in aller Liebe des Herrn, dieser Mensch spricht ja, als wenn er auch zu einem Führer vom Herrn aus erwählt wäre! [HGt.03_043,02] Fürwahr, solche Worte hätten auch deinem Munde durchaus keine Schande gemacht, und ich selbst würde mich für endlos glücklich preisen, wenn mein Mund ähnlichermaßen einer solchen Rede fähig wäre; aber da hat's eben bei mir noch einen überaus starken Haken! [HGt.03_043,03] Sage mir doch, du mein geliebtester Henoch, so es dir gut deucht: Sollen wir diesen überaus weisen Redner nicht alsobald an unsern Tisch ziehen?!“ [HGt.03_043,04] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Wenn aber du, mein geliebter Bruder, solches tust, wirst du dadurch nicht diesem Tische mehr Ehre einräumen, als sie da hat der andere Tisch?! [HGt.03_043,05] Darum meine ich, es ist genug, so wir Seine Worte wohl behorchen und ihren guten Sinn in uns behalten! [HGt.03_043,06] So du dieses ein wenig überdenkst, da sage mir dann, ob du damit nicht auch einverstanden bist; denn hier bist du zu Hause und sollst doch auch einen freien Willensrat haben in dir und danach handeln!“ [HGt.03_043,07] Hier sann der Lamech ein wenig nach und kam bald mit folgenden Worten heraus, welche also lauteten: „O liebster, herrlicher Bruder Henoch, was soll ich da noch nach meinem Willensrat handeln, wo ich auf den ersten Augenblick ersehe, wie aus deinen Worten eine nur zu sehr leuchtende Weisheit strahlt?! [HGt.03_043,08] Daher will ich mir den Redner bloß nur recht gut merken und will ihn erst nach der aufgehobenen Mahlzeit an mich ziehen und mich mit ihm in eine nähere Bekanntschaft setzen! Ich meine, das wird doch wohl nicht gefehlt sein?“ [HGt.03_043,09] Und der Henoch sprach zum Lamech: „Geliebtester Bruder, tue das, was du dir vorgenommen hast, und es wird recht und billig sein vor Gott und aller Welt!“ [HGt.03_043,10] Nach dieser Rede Henochs erhob sich wieder der Gast am andern Tische und fing an, also zu sprechen, und seine Worte lauteten: [HGt.03_043,11] „Freunde, Brüder und Schwestern! Wir haben uns alle bestens gestärkt an dieser guten Mahlzeit. Unsere Glieder zucken darob vor freudigem Wohlgefühle, und unsere Seele hat nun eine leichte Mühe, dem Leibe eine wohlgeschmeidige Regsamkeit zu geben. Dafür sei dem erhabensten, heiligen Geber aller guten Gaben aller Dank auch und alle unsere Liebe allzeit und ewig! [HGt.03_043,12] Aber es ist der Leib nicht die Hauptsache des Menschen, sondern nur ein werkzeugliches Mittel zur Erreichung des ewigen, heiligen Zweckes, welcher da steht im Grunde der ewigen, göttlichen Ordnung. [HGt.03_043,13] Wenn es sich aber mit unserem Leibe notwendig doch also nur und unmöglich anders verhält, so ist es ja doch sonnenklar, daß dann im Menschen ganz etwas anderes, also noch ein ganz anderer, höherer Mensch stecken muß, um dessentwillen so ganz eigentlich der Leib, den wir alle jetzt so recht tüchtig abgefüttert haben, da ist, und um dessen vorteilhafteste Ernährung wir demnach denn auch allzeit am allermächtigsten besorgt sein sollten. [HGt.03_043,14] Ihr saget nun sicher unter euch so in euren Herzen: ,Das wäre freilich wohl sehr gut und nützlich; wenn man aber nur auch sogleich wüßte, womit man so ganz eigentlich den innern Menschen ernähren sollte! [HGt.03_043,15] Wir sehen wohl auf der Erde allerlei Früchte für den Leib erwachsen und reifen; aber einen Baum, auf dem da Früchte zur dienlichen Ernährung des innern Menschen wachsen und reifen möchten, vermögen wir nicht ausfindig zu machen!‘ [HGt.03_043,16] Das ist richtig, Meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern; aber Ich will euch hier etwas anderes sagen, und so höret denn: [HGt.03_043,17] Sehet, der Herr hat alles also geordnet, daß da die Materie sich ernährt aus der Materie, die Seele aus der Seele, die Liebe aus der Liebe und der Geist aus dem Geiste! [HGt.03_043,18] Die Liebe aber ist des Geistes Grund und des inneren Menschen allereigentlichstes Wesen, und wir können demnach unserem inneren Menschen keine bessere Nahrung verschaffen, als wenn wir ihn sättigen mit der Liebe zu Gott. Durch diese Liebe wird er kräftig und mächtig und wird ein Herr in diesem seinem Hause werden, welches da ist die unsterbliche Seele und der sterbliche Leib. [HGt.03_043,19] Es müssen aber die Speisen für den Leib entweder schon von der Natur oder durch die Kochkunst der Menschen vorbereitet werden, auf daß sie genießbar sind; so denn muß auch um so mehr die Kost für den Geist bestens vorbereitet sein! [HGt.03_043,20] Das Wort in uns aber ist diese Vorbereitung der Kost des Geistes; darum wollen wir denn auch mit dem Worte die Kost vorbereiten und dann erst stärken mit ihr unsern Geist!“ [HGt.03_043,21] Hier zupfte der Lamech den Henoch und sagte zu ihm: „Bruder, was sagst denn du dazu? Der redet ja wie ein Prophet!“ [HGt.03_043,22] Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Er ist noch nicht zu Ende; daher wollen wir Ihn weiter hören und dann erst unsere Betrachtungen darüber anstellen! – Er beginnt zu reden; also horchen wir!“ 44. Kapitel — Die natürliche, seelische und geistige Sättigung. Die Langeweile als der Hunger der Seele, und die Wißbegierde als der Hunger des Geistes[HGt.03_044,01] Und der Redner am andern Tische sprach weiter: „Das Wort, lebendig kommend aus unserm Herzen, ist es aber, das Ich als die Vorbereitung der Liebe zu Gott, welche da ist die wahre Kost für den Geist, bezeichnet haben will. [HGt.03_044,02] Ich sage euch: Das Wort, ja das lebendig wahre, rechte Wort aus dem Grunde unseres Herzens, ist alles in allem; es durchdringt die Materie, löst sie auf in Geistiges und nährt dann mit der Auflösung der Materie den Geist. [HGt.03_044,03] Das ist's aber dann – wie Ich ehedem schon bemerkt habe –, daß nämlich der Geist nur den Geist, wie die Seele die Seele und die Materie die Materie nährt. [HGt.03_044,04] Denn das Wort in uns, als der sich hell aussprechende Gedanke im Herzen, ergreift die Materie, teilt sie und beschaut sie in ihrem Wunderbaue. In dieser Beschauung sättigt sich schon die Seele; denn das entzückende Gefühl der Seele an der Beschauung wunderbar schöner Formen ist ihre Sättigung! [HGt.03_044,05] Es ist aber vom Schöpfer der Mensch durchaus also eingerichtet, daß da die Sättigung des einen Teiles allzeit die sichere Erhungerung des andern mit sich bringt. [HGt.03_044,06] Um solches aber so recht in der Tiefe zu fassen, soll uns ein Beispiel recht wohl behilflich sein, und so habet denn guten Herzens acht! [HGt.03_044,07] Wenn ihr dem Leibe nach hungrig seid, da lechzet ihr alle nach einer guten Mahlzeit, und befindet ihr euch dann bei einer gut besetzten Tafel, da seid ihr dann auch voll Lust; denn ihr könnet euch nun den quälenden Hunger stillen. [HGt.03_044,08] Wenn es aber hieße: Ihr müsset volle acht Tage an der Tafel sitzen bleiben, oder einen Monat, oder gar ein Jahr, – saget, würde euch dabei nicht die entsetzlichste Langweile verzehren?! [HGt.03_044,09] Ja, Ich sage euch, Meine geliebten Freunde, Brüder und Schwestern, ihr würdet in solch einem Falle sicher zu verzweifeln anfangen! [HGt.03_044,10] Weil denn aber solches doch sicher der Fall sein würde, so kann Ich ja fragen: Warum da die Langweile, die Verzweiflung, da der Leib gesättigt wird? [HGt.03_044,11] Weil die Sättigung des Leibes die sichere Erhungerung der Seele bewirkt, welche sich allzeit in der bitter empfundenen verzweifelten Langweile ausspricht! [HGt.03_044,12] Was wird man denn aber anstellen müssen, um nach der Sättigung des Leibes auch zu sättigen die Seele? [HGt.03_044,13] Man steht von der Tafel auf und begibt sich ins Freie, zum Beispiel auf einen kleinen Berg, oder in einen schönen Garten, allda sich dann die Seele sättigt an den schönen Formen, an dem Gesange der Vöglein und an den ätherischen, also seelischen Wohlgerüchen der Blumen, und an mehr derlei Annehmlichkeiten für die Seele. [HGt.03_044,14] Wenn jemand aber dergleichen lange genug betrachtet hat und hat dadurch hinreichend gesättigt seine ehedem hungrige Seele, da werden ihn alsbald auch diese herrlichen Speisen wieder anfangen für die Seele zu langweilen, und er wird sich bald entweder nach Hause zu sehnen anfangen, um seinem durch die Sättigung der Seele hungrig gewordenen Leibe wieder eine neue Stärkung durch einen guten Bissen zu verschaffen, oder es wird sich im bessern Falle der Geist zu rühren anfangen und wird durch die Seele dem Leibe sagen: ,Mich hungert es gewaltig!‘ [HGt.03_044,15] Wie aber wird sich dieser Hunger aussprechen? – Durch eine stets mehr und mehr brennende Wißbegierde. [HGt.03_044,16] Er wird die Materie und ihre schönen Formen begreifen wollen; denn sie sind also für ihn nicht genießbar, – sie müssen aufgelöst werden durchs Feuer, Licht und genügende Wahrheit. [HGt.03_044,17] Was aber ist das Feuer? Es ist die begierliche Liebe. Was ist das Licht? Es ist der sich im Herzen klar aussprechende Gedanke. Was ist die Wahrheit? Sie ist das aus dem Feuer und dem Lichte hervorgehende und ausgesprochene Wort! [HGt.03_044,18] Durch dieses Wort ergreifen wir denn dann diese feste Materie und ihre liebliche Form, lösen die Materie auf und finden in der aufgelösten Materie die Bedeutung und den geistigen Sinn der Form. [HGt.03_044,19] Dadurch wird unser Geist dann entzückt, und diese zufriedene, selige Entzückung ist dann aber schon auch die stärkende Sättigung für den Geist; denn er findet darinnen seine Heimat, seine Ruhe, seinen Stoff, seinen Ursprung und in diesem seine wahre Liebe zu Gott und die allmächtige Liebe Gottes zu ihm! [HGt.03_044,20] Da fällt der Geist dann in aller Liebe und Demut nieder vor der unendlichen Liebe Gottes, dankt Gott und betet wahrhaftig zu Gott, und Gott ist dann seine Hauptsättigung zum ewigen Leben. [HGt.03_044,21] Also wollen wir denn auch die Werke Gottes betrachten und suchen Seine große Liebe und Erbarmung darinnen. Und hat jemand etwas gefunden, so lasse er es in guten, wahren Worten vernehmen dann allen seinen Brüdern, und er und sie werden dann erbaut werden im Geiste und in der Wahrheit, und diese Erbauung ist denn dann die wahre, lebendige Kost für den Geist, durch welche er kräftig wird zu wirken in der Liebe zu Gott, welches Wirken aber dann auch ist das wahre, ewige Leben!“ [HGt.03_044,22] Hier hielt der Redner inne. Es erstaunte aber alles Volk über seine Weisheit, und der Lamech ward beinahe außer sich. [HGt.03_044,23] Aber der Henoch beruhigte ihn und sagte: „Gedulde dich nur, denn der Redner ist noch nicht zu Ende; wenn Er aber wird ausgeredet haben, dann erst wollen wir – wie ich schon bemerkt habe – darüber ein paar Worte sprechen!“ 45. Kapitel — Die Frage der hartverständigen Kritiker über die Kraft des Wortes und des weisen Redners Worte über das innere lebendige Herzenswort[HGt.03_045,01] Es waren aber einige beim andern Tische, allda sich der Redner befand, die da etwas hartverständig waren. Diese wandten sich mit folgender etwas dummen Frage an den Redner und sagten: [HGt.03_045,02] „Guter, weiser Freund und Bruder, du hast viel Licht in dir und redest weise Worte! Das können wir dir durchaus nicht in Abrede stellen; denn auch wir sind ziemlich mit der Weisheit ausgerüstet und können daher gar wohl beurteilen, ob das, was da jemand spricht, weise ist oder dumm! [HGt.03_045,03] Aber auch bei dir können wir nicht sagen, als hättest du nicht weise geredet, sondern wir erkennen deine Weisheit als vollkommen an. [HGt.03_045,04] Aber ein Punkt kommt darinnen vor, der uns zur Sättigung des Geistes nicht recht munden will, wenigstens in der Art nicht, wie du ihn uns aufgetischt hast! [HGt.03_045,05] Siehe, du sagtest: Das Wort löst die feste Materie auf in ihre inneren Grundformen, in deren Beschauung sich die Seele sättige; und wenn dann die Formen erst bis in den innersten Grund aufgelöst werden, daß wir dadurch dann in ihnen den Sinn des Geistigen erschauen, so nähren wir dadurch den Geist. [HGt.03_045,06] Das wollen wir dir allerdings zugeben; aber daß der Mensch mit seinem ohnmächtigen Worte die feste Materie lösen kann, wie allenfalls das glühende Erz einen Wassertropfen, – Bruder, denke nur selbst ein wenig nach, und du wirst deinen Hieb ins Blaue sicher auf der Stelle merken! [HGt.03_045,07] Rede zu einem Steine tausend Jahre und darüber, – wenn du überhaupt so lange leben kannst –, und der Stein wird ein Stein bleiben also, wie er geschaffen ward – freilich wohl durch ein mächtigeres Wort, als da ist das unsrige! [HGt.03_045,08] Daher aber möchten wir, weil uns auch an deiner Ehre sehr viel liegt – wenn wir auch nicht wissen, aus welchem Stadtteile du zu uns kamst –, wohl sehr gerne haben, daß du möglicherweise diese Scharte auswetzen sollest, wenigstens jetzt, da dort am andern Tische sogar die hohen Gäste auf unser Geplauder zu achten scheinen, und sogar die zwei Mächtigen aus der Höhe!“ [HGt.03_045,09] Der Redner aber erhob sich und sprach zu den gutmeinenden Kritikern: „Richtet sich die wahre Weisheit nach der ewigen Wahrheit, oder nach der Schwäche der Welt? – Welche Antwort wollt ihr Mir denn auf diese Frage geben? Wer von euch die Weisheit besitzt, der rede! – [HGt.03_045,10] Ihr schweiget und suchet eine Antwort; Ich aber behaupte, daß ihr diesmal keine finden sollet, die Mir genügete! Habe Ich denn von einer materiellen oder mechanischen Löse der Materie geredet? [HGt.03_045,11] Ihr seid ganz gutmütig verlegen um Meine Ehre vor den hohen Gästen des andern Tisches; was soll denn nun Ich tun, um eure Ehre zu retten, indem ihr durch diese eure Frage und durch diese eure kritische Beurteilung Meiner Rede an euch zu eurem Wohle eine mehr als echt altweiberhafte Dummheit ans hellste Tageslicht gebracht habet? [HGt.03_045,12] Hatte Ich denn nicht geredet von einem innern lebendigen Worte der Liebe aus dem Herzen, welches sich zuerst in klaren Gedanken oder seelischen Formen ausspricht und dann übergeht in die Sprache des Gesichtes und dann erst, wenn es not tut, ob der Schwäche der Menschen von bloß groben Sinnen in die Mundsprache, damit die groben Sinne solch schwacher Menschen aus der öfteren Sättigung des Geistes in ihnen möchten verfeinert werden und sie dann mit solchen verfeinerteren, also lebendigeren Sinnen möchten beschauen die Dinge in ihrer Wahrheit und dadurch stets mehr und mehr sättigen ihren Geist, damit er als das eigentliche Leben im Menschen erstehe und ein vollkommener Herr sei in seinem Hause, – während er also gestaltet, wie es sich in euch nun bekundet hat, ein barster, nichtssagender Knecht der Materie, des Gerichtes und somit auch des Todes ist?! [HGt.03_045,13] Wenn Ich also nur von einem solchen Worte geredet habe, saget Mir dann, wie ist vor Gott und aller Welt da euer Verständnis bestellt, daß ihr solches nicht habet fassen können und wolltet lieber mit eurer groben Dummheit euch auszeichnen als etwa mit einer freundlich-demütig-bescheidenen Frage über irgendeinen Punkt Meiner Rede, der euch etwas dunkel vorkam?“ [HGt.03_045,14] Hier sahen einander die früheren Kritiker ganz verdutzt an, und keiner war imstande, auch nur eine allergeringste Rechtfertigung hervorzubringen. [HGt.03_045,15] Der Lamech aber sagte zum Henoch: „O Bruder Henoch, wenn es noch mehr solche Weise in dieser meiner Stadt gibt, da werde ich mich an ihrer Seite ganz sonderbar ausnehmen; – denn dieser redet ja, als wäre er schnurgerade aus den Himmeln hierher gekommen!“ [HGt.03_045,16] Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, gedulde dich nur! Der Redner ist noch nicht fertig; wenn Er aber wird fertig werden, dann werde ich dir schon sagen, was du zu tun hast! Es wird aber schon noch besser kommen; des kannst du völlig versichert sein. Daher nur Geduld! Amen.“ 46. Kapitel — Des weisen Hauptredners Rede über die innere Geistsprache und die äußere Mundsprache[HGt.03_046,01] Nach einer Weile aber stand dennoch einer von den Kritikern auf und richtete folgende Worte an den Redner und sagte: „Höre, lieber Freund und Bruder! Daß du offenbar weiser bist als wir alle bei diesem Tische, das habe ich und sicher wir alle nun aus deinen Worten entnommen. Und so bin ich auch schon im voraus überzeugt, daß du uns allen meine folgende Hauptfrage lösen wirst; und so denn ersuche ich dich darum, daß du mich anhören möchtest!“ [HGt.03_046,02] Der Hauptredner aber sagte zu diesem, der ihn fragen wollte: „Höre, die wahre Weisheit aus dem Herrn Gott Zebaoth sollte weder fragen, noch gefragt werden! Denn dem wahrhaft Weisen sagt sein inneres lebendiges Wort den Grund aller Wahrheit. Und der gefragte wahrhaftige Weise hat ebenfalls nicht vonnöten, gefragt zu werden; denn der Geist tut ihm kund das Bedürfnis seines Bruders. [HGt.03_046,03] Wenn du Mich aber fragen möchtest, sage, wie ist dann bestellt deine Mir ehedem von dir selbst als scharfem Kritiker angerühmte Weisheit? [HGt.03_046,04] Siehe, so du aber ein rechter Weiser bist, da solltest du im Lichte deiner Weisheit ja alsbald erschauen, daß Mir als einem Weisen ohne deine naturmäßig menschliche Frage bekannt sein muß, was dich drückt! [HGt.03_046,05] Du aber willst Mich fragen; bist du demnach ein Weiser, und hältst du Mich wohl für einen Weisen in der Tat und im Grunde deines Lebens? [HGt.03_046,06] Meinst du, die hohen Gäste wissen etwa solches nicht? Oh, gehe nur hin zu ihnen, und sie werden es dir sagen, was Ich dir nun gesagt habe!“ [HGt.03_046,07] Hier ward der Kritiker sehr verlegen und wußte nicht, was er machen sollte; denn er entnahm den Worten des Hauptredners genau, daß dieser es gemerkt haben mußte, daß er ihm in dieser seiner aufstellen wollenden Frage habe eine kleine Fangschlinge legen wollen. [HGt.03_046,08] Da er aber dabei auch alsbald gewahrte, daß es sich mit diesem Hauptredner nicht so leicht werde abfertigen lassen, so fing er nach und nach ganz andere Saiten in seinem Herzen aufzuziehen an. [HGt.03_046,09] Und da der Hauptredner solches merkte, da richtete er alsbald folgende Worte an den Kritiker und sagte: [HGt.03_046,10] „Höre, Ich will dir auf deine Frage, die du, um Mich zu fangen, Mir ehedem geben wolltest, eine rechte Antwort geben, darum du in deinem Herzen nun einen andern Geist hast aufsteigen lassen; das aber sei die Antwort: [HGt.03_046,11] Du meintest, daß der Mensch ohne Wort sich nicht verständlich vor seinen Menschenbrüdern ausdrücken könnte, und so sei das Mundwort die Vollendung des stummen Gedankenwortes im Herzen, weil der Mensch dadurch sich erst als Mensch manifestiert vor allen andern Geschöpfen der Erde; und so müßte man Gott den Herrn ja nur allzeit mit den vollendeten Worten, aber nicht mit den inneren, den Geist nur sättigenden Gedanken oder Gefühlsworten anbeten und danken und loben und preisen. [HGt.03_046,12] Siehe, das ist gerade der ganz verkehrte Weg! Eben dadurch, daß der Mensch ein Sinnen- und Weltdiener geworden ist und sich nach außen gekehrt hat, ist er auch in die äußere Mundsprache gekommen und kann nun seinen Bruder nicht anders verstehen denn durch das Wort des Mundes, welches an und für sich nichts ist als bloß nur die allerauswendigste Rinde eines Baumes. [HGt.03_046,13] Er hat aber dadurch unberechenbar viel verloren durch diesen scheinbaren Gewinn; denn wäre der Mensch bei seiner inneren Geistsprache geblieben, so stünde die ganze Schöpfung für ihn sprachfähig da, und er könnte verstehen die Dinge in ihrem Grunde. So aber ist er ein stummer Betrachter geworden und hat in sich verdorben alle seine Sinne durch seine Nachaußenkehrung, daß er darob taub, blind und gefühllos ward gleich der Rinde des Baumes und nichts vom Grunde der Dinge versteht; ja nicht einmal sich selbst kennt er und nicht das klagende Herz seines Bruders! [HGt.03_046,14] Möchtest du nun nicht noch auch dazu die Anerkennung und Anbetung Gottes, der doch das allerinwendigste Leben im Menschen Selbst ist, ganz nach außen richten, damit du dadurch auch Gott verlieren könntest und werden zu einem Heiden oder gar zu einem völligen Gottesleugner?!“ [HGt.03_046,15] Hier ward es allen ganz sonderbar zumute am Tische des Redners sowohl als – bis auf den Henoch, den oberen Lamech und Hored – auch den am Haupttische Sitzenden. [HGt.03_046,16] Und der untere Lamech fing an, sich gar gewaltig hinter den Ohren zu kratzen, und hätte gern wieder eine Bemerkung gemacht, – aber der Redner war noch nicht zu Ende; darum harrte er auch geduldig auf den Ausgang dieser Sache. 47. Kapitel — Der genötigte, unfreie Glaube und der freie, durch die Liebe zu Gott lebendig gewordene Glaube[HGt.03_047,01] Nach einem kurzen Innehalten aber fing der Hauptredner an, wieder also fortzureden: „Du siehst nun, da Ich dir ein Lichtlein angezündet habe, ganz verdutzt Mich an und weißt nicht, was du aus Mir und Meinen Worten machen sollst. [HGt.03_047,02] In dir selbst fragst du dich: ,Wie sollte ich ein Heide, wie ein Gottesleugner werden, so ich bete mit dem Worte des Mundes zu Gott?! Könnte ich mit dem Munde wohl Gott bekennen, so ich Ihn nicht zuvor bekennete im Herzen, also in den Gedanken des Herzens?‘ [HGt.03_047,03] Ja, Mein Freund und Bruder, du bekennst zwar nun wohl Gott also, daß dein Mundwort ist ein Ausdruck dessen, was du in deinem Herzen denkst; warum aber? [HGt.03_047,04] Weil du den Herrn, deinen Gott, geschaut hattest und darum zu glauben genötigt bist, daß es einen Gott gibt, und wie Er ist beschaffen, und hast von Ihm gehört, was Er will mit dem Menschen! [HGt.03_047,05] Aber dieser Glaube ist keine Freiheit des Geistes, sondern eine tötende Knechtschaft desselben nur, indem du nun glauben mußt, daß Er es ist, Gott der Herr, weil du Ihn sahst und hast dich in der Macht Seiner Rede und Seines Tuns überzeugen müssen davon. [HGt.03_047,06] Aber dieser Glaube wird also nur dich halten und wird nicht übergehen können in dieser deiner überzeugenden Kraft auf deine Nachkommen; denn was du nun in dir überzeugend bekennst, das werden deine Nachkommen als mündliche Überlieferung darum halbwegs kaum für wahr halten, weil es nur eine mündliche Überlieferung sein wird, also bei weitem schwächer als da war deine Selbstanschauung. [HGt.03_047,07] In zehn Generationen von dir vorwärts aber wird diese deine entstellt überlieferte Überzeugung kaum mehr einer Beachtung gewürdigt werden, und das Heidentum wird die Frucht deines Mundglaubens sein, und dieser Frucht wird folgen die gänzliche Gottesleugnung und dieser doch etwa allersicherst das Gericht, indem der Mensch ohne im Verbande mit Gott schon gerichtet ist in seiner eigenen Todesnacht. [HGt.03_047,08] Wenn du aber Gott bekennst in deinem Herzen, das heißt durch deine lebendige Liebe zu Ihm und betest also im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm, so wirst du abschütteln dein jetziges genötigtes Glaubensgericht, aus dem dir nie ein Heil erwachsen wird, und wirst dafür übergehen in den lebendigen Glauben, das heißt in ein lebendiges Schauen deines Geistes in dir, in dem sich ja am Ende alle deine Lebenskraft einen muß, wenn du ewig leben sollst. [HGt.03_047,09] Und in diesem lebendigen Schauen wirst du erst Gott wahrhaft erkennen und lebendig bekennen im Geiste und in der Wahrheit; und du wirst dieses Bekenntnis auch trachten in deinen Nachkommen zu erhalten, und diese werden es dir gleich tun, und das Heidentum, die Gottesleugnung, das Gericht und der Tod werden ferne bleiben allen deinen Nachkommen. [HGt.03_047,10] Denn das ist doch sicher und höchst ordnungsmäßig gewiß, daß da des Menschen Geist das Allerinwendigste ist, gleichwie da ist der lebendige Keimfunke im Inwendigsten einer jeden Frucht. [HGt.03_047,11] Glaubst und betest du deinem Auswendigen, sinnlich Materiellen nach, so lockst du deinen Geist ja ebenfalls in dein Auswendiges und Materielles, das da aber ist dein Gerichtetes und somit Totes. [HGt.03_047,12] Tust du aber solches, so tust du in gleichem Maße geistig dasselbe, als so du möchtest eine Fackel, wenn sie brennt, in eine Schlammpfütze stecken! Ich frage dich: Wird sie da dann wohl noch fortbrennen und wird dir erleuchten deinen finsteren Pfad? [HGt.03_047,13] Dein Geist ist dein Licht und dein Leben; wenn du aber diesen erlöschest, was hast du dann wohl noch mehr Übriges, daraus dir ein Leben erwachsen solle? [HGt.03_047,14] Du lebst nun freilich wohl, da du Gott geschaut hast, und mußt nun glauben, daß Er ist; Ich aber sage dir, du wirst mit diesem Leben nicht übers Grab kommen, wenn du nicht in deiner Materie vergessen wirst, was du gesehen hast, und das Vergessene nicht neu durch die mächtige Liebe zu Gott wiederfinden wirst in deinem Geiste! [HGt.03_047,15] Was Ich dir jetzt aber gesagt habe, das halte so hoch, als was du gesehen hast, so wirst du das Leben haben ewig, sonst aber nur bis zum Grabe. [HGt.03_047,16] Solches verstehe wohl, und rede, so dir etwas dunkel ist, auf daß Ich es dir erhelle! Amen.“ 48. Kapitel — Die Demütigung des unaufrichtigen, gafflustigen Kritikers. Die Tauglichkeit des Mundwortes zur Lüge[HGt.03_048,01] Und der ehemalige Kritiker bedachte sich eine kurze Zeit, ganz durchdrungen und zerknirscht von der Rede des Hauptredners, was er nun reden, erwidern oder welche Frage über irgendeine Dunkelheit in sich er so ganz eigentlich nun dem Hauptredner stellen solle. [HGt.03_048,02] Und es fiel ihm plötzlich nach einem eben nicht zu langen Nachsinnen ein, daß der Lamech die Einweihung des Bergtempels vorhabe; darum sagte er denn auch zum Hauptredner: [HGt.03_048,03] „Höre, du mein hochgeschätzter Freund und Bruder, ich bin von der tiefsten Wahrheit deiner an mich gerichteten Rede vollkommenst durchdrungen, erfüllt und klärlichst überzeugt, darum ich denn auch eine gar große Lust hätte, dich mit tausend und abermal tausend Fragen zu belästigen! Aber siehe, der Lamech hat noch am heutigen Tage die Einweihung des neuen Tempels auf dem Berge vor und macht Miene zum Aufstehen, und so wird sich vor dieser hochheiligen Handlung eben nicht zu viel mehr reden lassen; aber nach dieser Handlung will ich dich ganz und gar in Beschlag nehmen!“ [HGt.03_048,04] Der Hauptredner aber sagte darauf zum Kritiker: „Höre, Bruder und Freund, – sind denn wir mit unserm Gespräch dem Lamech im Wege zu seiner bevorhabenden Handlung?“ [HGt.03_048,05] Der Kritiker sprach: „Ja, es kommt hier meines Erachtens nur darauf an, daß wir entweder auch bei dieser Handlung dabeisein müssen, oder – weil, wie ich merke, auch der Lamech, der Henoch und seine Begleiter aus der Höhe gar sehr auf deine Worte aufzupassen scheinen – wir halten damit den Lamech mit unserm Gerede auf! [HGt.03_048,06] Das wären darum die Umstände, die meines Erachtens unsere Gesprächsfortsetzung hier etwas überflüssig zu machen scheinen, von mir betrachtet dir zur Antwort, weil du mich darum gefragt hast. Übrigens aber will ich damit durchaus keine feste Behauptung aufgestellt haben vor deiner großen Weisheit; denn du wirst der Sache sicher tiefer auf den Grund kommen als ich, indem du doch ums unberechenbare weiser bist denn ich. Bestimme daher auch du, was hier zu tun ist, und ich will mich fügen nach deiner Weisheit!“ [HGt.03_048,07] Und der Hauptredner erwiderte dem Kritiker: „Ich meine aber also: Zur Tafel sind wir geladen worden und sind darum auch hierher gekommen; auf den Berg aber sind wir noch nicht geladen worden, und es ist uns auch nicht gesagt worden, was da nach der aufgehobenen Tafel geschehen soll. So haben wir auch mit der Einweihung des neuen Tempels auf dem Berge nichts zu tun! [HGt.03_048,08] Lamech und der Henoch werden schon ohne uns wissen, was sie zu tun haben, oder was sie tun wollen, und werden sich von unserer Beredung keine Schranke setzen lassen! Wollen sie uns etwa auch mithaben, so werden sie uns solches schon kundgeben, und wir werden ihnen, redend unter uns, folgen; im entgegengesetzten Falle aber werden wir doch etwa tun können, was wir unter uns wollen?! [HGt.03_048,09] Sage Mir, ist dieser Grund nicht richtiger und wirksamer als deine beanständlichen Bemerkungen? – Was meinst du darob nun?“ [HGt.03_048,10] Der Kritiker aber wußte nicht, was er auf diese Frage erwidern sollte, und fing an, darob sehr stark nachzudenken; denn er war sehr schaulustig, und es lag ihm daran, die Einweihung mit anzugaffen. [HGt.03_048,11] Der Hauptredner aber merkte solches gar wohl und sagte darum zum verlegenen Kritiker: „Höre, Bruder und Freund! Ist es denn gar so schwer, in allen Dingen und Wendungen der Verhältnisse des Lebens aufrichtig zu sein?! [HGt.03_048,12] Siehe, da liegt in dir und vor dir sonnenklar, für was das Mundwort am besten taugt! Die Tauglichkeit des Mundwortes spricht sich nirgends so brauchbar aus als eben in der Lüge! [HGt.03_048,13] Du hast Mir Umstände angegeben, welche uns hindern sollten an unseren Unterredungen, die aber von dir ausgehend völlig erlogen sind; denn dich kümmert weder die Einweihung des Tempels noch die dazu bestimmte Zeit Lamechs, und ebensowenig seine Aufmerksamkeit, auf Meine Worte gerichtet, – sondern allein deine Gafflust kümmert es! [HGt.03_048,14] Denn du möchtest schauen die Zeremonie; damit du aber von dieser deiner Lust nichts vergeben dürftest, so möchtest du, daß Ich darob schweigen solle. Ist es nicht also?! [HGt.03_048,15] Welche Ehre für den Mann aber ist das wohl, so er hat ein weibisch Herz, das da ist voll geheimer Finten, vor denen Mich und jeden wahrhaft weisen Mann ekelt?! [HGt.03_048,16] Ich aber sage dir: Bessere dich, und reinige dein Herz darum, damit es Mich nicht ekeln solle, noch ferner zu reden mit dir über Dinge, die da alle wichtiger sind denn die nicht viel sagende Einweihung des Tempels!“ [HGt.03_048,17] Diese Worte versetzten unserem Kritiker einen gewaltigen Stoß, und er fing an, sich ganz gewaltig zu schämen, daß er darob fliehen wollte; aber der Hauptredner hielt ihn ab von dieser flüchtigen Unternehmung. 49. Kapitel — König Lamech und Henoch im Zwiegespräch über den weisen Redner und die Bergtempelweihe. Die innere Entsprechung des Tempels. König Lamech lädt den weisen Mann ein zur Tempelweihe[HGt.03_049,01] Es hatte aber auch der Lamech vernommen solches Gespräch zwischen den zweien des andern Tisches und wandte sich darum zum Henoch und fragte ihn: [HGt.03_049,02] „Höre, Bruder im Herrn, dieser Mann dort ist für einen gewöhnlichen Menschen doch ein wenig zu weise, das heißt, ich will damit sagen: für einen Menschen in dieser Ebene und unteren Flachheit. [HGt.03_049,03] Er ist sicher auch von oben her etwa vom Herrn zu mir oder zu meinem Volke als ein Lehrer in der höheren und tieferen Weisheit des Lebens beschieden! [HGt.03_049,04] Daher meine ich, da er schon selbst von der allfälligen Einladung zur Weihe des Bergtempels angezogen hatte, so wäre es doch sicher sehr schicksam, daß ich sogleich hinginge und ihm somit selbst die gebührende Einladung darbrächte! Meinst du nicht, daß solches gar rechtlich wäre?“ [HGt.03_049,05] Und der Henoch erwiderte darauf dem Lamech: „Mein geliebter Bruder, – nun gehe hin und tue nach deinem Herzen; denn jetzt ist es an der Zeit! [HGt.03_049,06] Es muß aber dieser Weise bei der Weihe ja zugegen sein; denn der Tempel auf dem Berge bezeichnet ja die Weisheit des Herrn, welche Er uns gegeben hat aus Seiner großen Liebe und Erbarmung, und so muß dieser Tempel ja auch mit der göttlichen Weisheit unter uns, wie in uns eingeweiht werden! [HGt.03_049,07] Der Tempel in der gereinigten Tiefe gilt der Liebe und Erbarmung des Herrn und ist gleich dem Herzen im Menschen zugerichtet, das ehedem war eine Pfütze voll allen Unrates und allen Geschmeißes. In dieser Kloake mußte getötet werden die Fleischliebe (Siehe die Geschichte mit den Hofweibern unter dem Boten Kisehel an!), dann erst mußte durch starke heiße Winde alles Sumpfwerk ausgetrocknet werden, dann geebnet der Boden, und das Erdreich mußte durch ein starkes Feuer gleich den ehemaligen fleischlichen Hofweibern zum reinen Golde umgestaltet werden, und es mußten fein behauene Steine herbeigeschafft werden zum Baue des Tempels, also ein ganz neues Material, welches da fest ist und dauerhaft, nicht wie ein morsches Holz und schmutzig wie der stinkende Schlamm der Pfützen. [HGt.03_049,08] Siehe, also ist der innere Tempel Gottes im Herzen des Menschen durch den Tempel in der Ebene bildlich dargestellt und von Gott Selbst geweiht worden! [HGt.03_049,09] Der Herr aber hat dir dann auch geboten, einen Tempel auf dem gereinigten Berge zu errichten. [HGt.03_049,10] Der Tempel aber soll darstellen eure Weisheit und alles, was dieselbe bedingt. [HGt.03_049,11] Also müssen auch bei der Einweihung desselben die Menschen gegenwärtig sein, welche der Herr zu dem Behufe mit großer Weisheit aus Sich ausgerüstet hat. [HGt.03_049,12] Jener Mann aber ist ein wahrhaftiger Weiser aus Gott; daher gehe hin und lade Ihn zu der Einweihung des Tempels auf dem Berge! [HGt.03_049,13] Aber du sollst da niemand andern mehr laden; wenn aber jener Mann noch jemanden mitnehmen will, so sei da ein jeder, den Er mitnehmen wird, von dir als völlig geladen betrachtet! [HGt.03_049,14] Denn die Weisheit ist das Licht der Liebe, und dieses Lichtes Ausstrahlung ist wesenhafte, ewige Wahrheit. Darum gehe nun hin und tue nach deinem Herzen! Amen.“ [HGt.03_049,15] Und der Lamech machte nach diesen Worten Henochs nur sozusagen einen Satz hin zum weisen Manne und lud ihn zur bevorstehenden Weihe des Tempels auf dem Berge ein. [HGt.03_049,16] Und der Mann sagte darauf zum Lamech: „Freund und Bruder, da du Mich geladen hast, so werde Ich auch kommen, dessen sei völlig versichert; aber den Ich mitnehme, der soll dir angenehm sein! [HGt.03_049,17] Denn Ich gehe einher auf dir unerforschlichen Wegen der ewigen Weisheit in Gott; darum ist auch ein jeder, den diese Weisheit ergreift, ein Diener der Weisheit aus Gott, und du sollst sein Bruder sein ewig! [HGt.03_049,18] Gehe aber nun hin, berichte solches dem Henoch, und er wird dich sogleich verstehen! [HGt.03_049,19] Erhebet euch aber bald, damit der Tempel noch am Tage eingeweiht werde auf der Erde! Amen.“ 50. Kapitel — Die Rede des Weisen über den Zweck der Tempelweihe. Die Einladung des ganzen Volkes[HGt.03_050,01] Als der Lamech aber diese Worte vernommen hatte, da grüßte er sogleich ehrfurchtsvollst den Redner und begab sich sogleich zum Henoch. [HGt.03_050,02] Allda angelangt, kündete er ihm alsbald, was er vom weisen Redner vernommen hatte. [HGt.03_050,03] Die Worte erfreuten aber alle Gäste des Haupttisches, und der Henoch sagte darauf gar freundlich zum Lamech: [HGt.03_050,04] „Also mache denn, daß wir uns erheben, damit der Tag nicht ehedem ende, als wir im Namen des Herrn werden den Tempel der Weisheit eingeweiht haben!“ [HGt.03_050,05] Und der Lamech verkündete solches sogleich vom bestiegenen Throne, und alles Volk erhob sich. [HGt.03_050,06] Es machte aber das Tafelvolk auch Miene zum Mitgehen, welche Miene den Lamech etwas verlegen machte; aber der weise Redner ging hin zum Lamech und sagte zu ihm: [HGt.03_050,07] „Kümmert dich denn dessen, so die Kinder auch den Weg der Weisheit wandeln wollen? Ich aber meine, wir sollen es niemandem verwehren, der uns auf dem Wege der Gerechtigkeit Gottes folgen will. [HGt.03_050,08] Denn was die bevorstehende Tempelweihe nur bildlich darstellt, das soll lebendig zuvor von uns und vom Volke lebendig im Geiste geschehen. [HGt.03_050,09] Bevor der tote Tempel eingeweiht wird von dir, da sollen ehedem die vielen Tempel des Geistes Gottes in unseren Brüdern und Schwestern, die da sind ihre Herzen, eingeweiht werden! Siehe, das tut not, und ohne dem ist die Tempelweihe zu nichts nütze! [HGt.03_050,10] Wenn du aber das Volk daheimlassen möchtest und ohne es weihen den Tempel, sage Mir, für wen wird dann der Tempel geweiht sein? [HGt.03_050,11] Willst du als ein Unheiliger vor Gott – Ihm, dem allein Heiligen – den Tempel heiligen? [HGt.03_050,12] Das wird wohl nicht angehen, indem doch nur der Heilige, aber nicht der Unheilige etwas heiligen kann! [HGt.03_050,13] Gott aber sorgt nur für das Volk, und nicht für den Tempel, und ließ den Tempel des Volkes wegen von dir erbauen, aber nicht, daß Er je das Volk erschaffen hätte dieses erst einzuweihenden Tempels wegen! [HGt.03_050,14] Und so ist bei der bevorstehenden Handlung ja nur das Volk, aber nicht der Tempel, die Hauptsache und muß daher notwendig zugegen sein! [HGt.03_050,15] Denn wird das nicht der Fall sein, so wird der Herr für Sich die lebendigen Tempel im Volke wohl einweihen; aber dem toten Tempel auf dem Berge wird Er Seine Heiligung versagen und den Berg wieder machen zu einer Wohnstätte der Schlangen und Nattern! [HGt.03_050,16] Also lade das Volk dazu und sende Herolde aus in die ganze Stadt; denn Ich habe es dir ja ehedem gesagt, daß du dem gestattest mitzugehen, den Ich werde mitnehmen wollen. [HGt.03_050,17] Siehe, der aber, den Ich mitnehmen will, ist das Volk! Und sonach kümmere dich nicht mehr; denn die Weisheit des Herrn im Menschen erkennt allein nur die rechten Wege des Herrn!“ [HGt.03_050,18] Diese Worte brachten den Lamech fast um; denn er konnte über die hohe Weisheit dieses Menschen nicht genug erstaunen. [HGt.03_050,19] Er lief darum auch alsbald zu seiner Dienerschaft und sprengte sie sozusagen in die ganze große Stadt aus, das Volk zu laden zur Tempelweihe auf dem Berge. [HGt.03_050,20] Als er aber wieder ebenfalls sehr schnellen Schrittes in den großen Saal trat, da ging ihm der Henoch entgegen und sagte zu ihm: [HGt.03_050,21] „Aber Bruder Lamech, warum hast du denn mich nicht um Rat gefragt, ob du das tun sollst, was dir der weise Redner geraten hat, da ich doch darum da bin?“ [HGt.03_050,22] Der Lamech ward darob etwas verlegen – denn er wußte es nicht, daß ihn der Henoch nur prüfte – und sagte darum zum Henoch: „Bruder Henoch, ich war zu überrascht von der großen Weisheit des Mannes und auch überzeugt von der großen und tiefen Wahrheit, die da lag in seinen Worten, und konnte daher nicht umhin, zu tun danach!“ [HGt.03_050,23] Und der Henoch umarmte den Lamech und sagte dann zu ihm: „Du hast vollkommen recht getan! Laß uns aber daher auch alsbald abziehen, damit wir vor dem Untergange der Sonne noch begehen die heiligende Handlung; solches geschehe im Namen des Herrn! Amen.“ 51. Kapitel — Henochs Zwiegespräch mit König Lamech über die Wahrheit. Vom Gehorsam und der Ordnung des Herzens. Der Volkszug nach dem Bergtempel[HGt.03_051,01] Es fragte aber noch der Lamech in der Geschwindigkeit den Henoch, in welcher Ordnung der Zug auf den Berg geschehen solle. [HGt.03_051,02] Der Henoch aber beschied den Lamech mit folgenden Worten: „Bruder Lamech, siehe, ich könnte es dir wohl sagen; aber es ist mir und dem Herrn lieber und angenehmer, so du solches entweder in dir selbst findest, oder dich von dem weisen Manne bescheiden läßt und dir weisen lässest die rechte Ordnung von ihm! [HGt.03_051,03] Und es wird dir solches mehr frommen, weil du es entweder ganz auf deinem Grunde wirst gefunden oder doch wenigstens aus deinen Weisen überkommen haben, die dir näherstehen denn ich, – ganz besonders aber der weise Mann, der dir ums unvergleichliche nähersteht denn ich!“ [HGt.03_051,04] Der Lamech aber entgegnete dem Henoch: „Bruder Henoch, aber die Wahrheit bleibt doch Wahrheit, und es wird in ihr das doch sicher keinen Unterschied machen, aus wessen Munde sie kommt?! Wenn du mir demnach aber denselben Bescheid geben kannst, da sehe ich im Ernste nicht ein, warum ebendieselbe Wahrheit aus dem Munde des weisen Mannes besser sein solle, als so sie käme aus deinem Munde!“ [HGt.03_051,05] Der Henoch aber entgegnete ihm: „Der Mensch sieht nicht alles auf einen Blick ein; daher soll es dich auch nicht wundern, wenn du nun so manches nicht einsiehst; gehe aber nur hin und folge meinem Rate, und es wird dir mit der rechten Zeit schon auch die Einsicht werden, derzufolge du erkennen wirst, warum man einen nahe stehenden Redner leichter versteht als einen, der da aus einer Entfernung spricht!“ [HGt.03_051,06] Und der Lamech erwiderte dem Henoch: „Geliebtester Bruder, deine Worte klingen zwar etwas rätselhaft und lassen mich im tiefen Hintergrunde etwas Großes ahnen; aber dessenungeachtet bleibe ich bei meinem Grundsatze, daß die Wahrheit stets unverändert Wahrheit bleibt, ob sie aus dem oder aus jenem Munde kommt! [HGt.03_051,07] Wenn zum Beispiel du, ich, die Naëme, der weise Mann und gar auch die Schlange sagen müssen: ,Gott ist der Herr Himmels und der Erde!‘, wird das nicht aus jedem Munde eine und dieselbe ewige Wahrheit sein?“ [HGt.03_051,08] Und der Henoch sagte darauf zum Lamech: „Bruder, ich sage dir, laß dich nicht ein in derlei Grübeleien, aus denen wenig gute Früchte erwachsen können! [HGt.03_051,09] Gehorsam aber in billigen Dingen ist besser als alle noch so feine Grübelei; daher tust du besser, so du alsbald tust, was ich dir geraten habe, als wenn du noch so fein zu grübeln anfangen möchtest! [HGt.03_051,10] Wenn du aber schon vor mir grübeln möchtest in weiser Art, da sage ich dir im voraus: Du wirst den Kampf mit mir nicht bestehen! [HGt.03_051,11] Denn solange du nicht weißt, warum der Stein hart und schwer ist, und weißt nicht, woher die Winde kommen, und kennst nicht ihr Vaterland, und woher das Meer seine Nahrung hat und die Erde ihr Futter, und auch nicht weißt die Wege, die Quellen zu erforschen in der Erde, und nicht kennst die Geburtsstätte des Feuers, und nicht verstehst die Sprache der Tiere und der Pflanzen und so noch gar vieles, das dir noch fremder ist denn der Abgrund des großen Meeres, so lange auch laß es mit allen Grübeleien nur gut sein; denn du wirst da nichts herausbringen, da das allein Sache des Herrn ist und Er es geben kann, wem Er es will! [HGt.03_051,12] Daher folge mir, und tue, wie ich dir geraten habe; denn nur auf dem Wege des Gehorsams, welcher eine wahre Frucht der Demut ist, kannst du zur wahren, inneren Weisheit Gottes in dir gelangen. [HGt.03_051,13] Wenn du dich aber vor Menschen rechtfertigst, da suchst du ihr Lob; ich sage dir aber, das ist eitel, wie das Lob der Menschen eitel ist. [HGt.03_051,14] Willst du aber bei Gott angenehm sein, so mußt du dich möglichst tief demütigen vor Ihm; dadurch wirst du Ihm ein höchstes Lob darbringen, und Er wird dich lieben mit Seiner göttlichen Fülle! [HGt.03_051,15] Siehe, das ist die rechte Weisheit aber, daß wir Gott lieben über alles! Also gehe hin und tue nach meinen Worten! Amen.“ [HGt.03_051,16] Hier ersah der Lamech die Macht Henochs und folgte ganz zerknirschten Herzens dem Rate Henochs, ging sogleich zum weisen Manne hin und fragte ihn um die Ordnung des Zuges auf den Berg. [HGt.03_051,17] Der Mann aber sagte zu ihm: „Höre, Bruder, die beste Ordnung vor Gott ist die Ordnung des Herzens! In dieser Ordnung sollst du auch ziehen mit uns allen auf den Berg! [HGt.03_051,18] Jede andere Ordnung aber ist eine äußere Rangordnung nur, welche aber vor Gott ein Greuel ist. Siehe aber an, wie Gott die Kräuter und das Gras auf dem Felde ordnet, und du wirst daraus klar entnehmen können, welche Ordnung Gott am angenehmsten ist! [HGt.03_051,19] Mache daher im Zuge keinen Unterschied, und der Herr wird mit dir sein! Das ist Mein Rat; hast du aber einen besseren, da folge ihm!“ [HGt.03_051,20] Hier sagte der Lamech nichts mehr, sondern verkündete sogleich den freien Aufbruch auf den Berg; und alles erhob sich und zog bunt durcheinander auf den Berg. 52. Kapitel — Das Volksgedränge auf dem Berge. Lamechs Verlegenheit ob des nahe bevorstehenden Sonnenunterganges. Des weisen Mannes Rat und Rede über die wahre Tempelweihe[HGt.03_052,01] Als so alles frei und ohne den allergeringsten Zwang auf dem Berge, dessen Plateau groß genug war, um einige tausend Menschen zu fassen, angelangt war – und natürlich eine große Menschenzahl noch um vieles eher, ihrer Schaulust und Neugierde zufolge, als der Lamech mit seinem Gefolge –, da war bei seiner Ankunft der große, herrliche Tempel auch also sehr umlagert, daß es da keine Möglichkeit war, zum Tempel zu gelangen. [HGt.03_052,02] Den Lamech aber brachte das in eine große Verlegenheit darum, weil die Sonne ihrem Untergange schon sehr nahe war, und es ward doch zur Bedingung gesetzt, den Tempel einzuweihen beim Lichte der Sonne. [HGt.03_052,03] Er wandte sich daher auch alsbald an den Henoch und fragte ihn: „Bruder Henoch, du weisester, alleiniger Hoherpriester des Herrn, was wird hier zu machen sein? Siehe, die Sonne neigt sich schon ganz gewaltig ihrem völligen Untergange zu, und es ist also keine Möglichkeit, zum Tempel zu gelangen! Wie wird es da mit der bedingten Einweihung aussehen, so wir dieselbe noch vor dem völligen Untergange vornehmen sollten?“ [HGt.03_052,04] Der Henoch aber sagte zum Lamech: „Bruder, ich meine, das Hindernis für und vor uns, das uns den Weg zum Tempel abschneidet, ist mehr wert als der Tempel; denn hier sind tausend lebendige Tempel der Liebe und Erbarmung aus Gott, dort aber nur ein toter aus Stein! [HGt.03_052,05] Wie wäre es denn, so wir diese Tempel fürs Leben aus Gott einweihten, da sie wahrhaftige Tempel sind, und dächten uns dabei: Der tote Tempel wird also am wirksamsten – nämlich durch diese unsere vielen Brüder und Schwestern – und auch auf das doch sicher allergültigste vor Gott eingeweiht werden! Was meinst du in dieser Hinsicht?“ [HGt.03_052,06] Der Lamech stutzte ein wenig und sagte dann zum Henoch: „Ja, geliebtester Bruder, du hast freilich wohl recht, und ich begreife deine große Weisheit in diesem Punkte! Aber siehe nur den Stand der Sonne an! Wenn ihre Gegenwart eine Bedingung dieser wie immer gearteten Tempelweihe ist, so werden wir sie heute doch wohl nicht vornehmen können und werden diese erhabene Handlung auf den morgigen Tag verschieben müssen! Wird es nicht also ausfallen müssen?“ [HGt.03_052,07] Und der Henoch entgegnete dem Lamech: „Bruder, siehe, gerade hinter deinem Rücken steht der weise Mann! Frage auch Ihn einmal wieder um Rat, was da zu tun sein wird, und ich selbst werde mich fügen in Seinen Ausspruch!“ [HGt.03_052,08] Und der Lamech tat sogleich, was ihm der Henoch geraten hatte. [HGt.03_052,09] Der weise Mann aber erwiderte darauf dem Lamech: „Lieber Freund und Bruder! Die Weihe, wie sie dir der Henoch angeraten hat, ist die allein rechte Weihe des Tempels vor Gott; was aber da betrifft die nun bereits untergehende Sonne, die ihr Licht nur über die tote Materie hin ergießt, so ist an ihrer Gegenwart eben nicht so viel gelegen, als du glaubest hinsichtlich der Tempelweihe. [HGt.03_052,10] Denn es gibt noch eine andere, viel wirksamere Sonne – welche da gemeint ward von Mir und vom Henoch – als diese natürliche, und diese steht dir jetzt gerade am Zenit und ist für jetzt gar ferne noch dem völligen Untergange. [HGt.03_052,11] So aber diese Sonne am Mittagshimmel deines Geistes leuchtet lebendig, wie sie schon von Ewigkeiten her geleuchtet hat, da magst du ja allzeit vollgültig vor Gott und vor allem dem Volke – durch eben das Volk nach dem Rate Henochs den Tempel weihen, und wäre es der äußeren Zeit nach auch um die Mitte der Nacht. [HGt.03_052,12] Denn siehe, Gott zählt nicht die Tage und die Jahre der Welt – denn tausend Jahre sind vor Ihm wie ein einziger Tag –; aber die Gedanken deines Herzens zählt Er, und da hat ein liebeguter mehr Wert vor Ihm als tausendmal tausend Jahre und Tage der Welt! [HGt.03_052,13] Also achte du nicht der äußeren Zeit, die da unabänderlich gerichtet ist für den gerechten Bedarf der Lebendigen auf der Erde, sondern achte das lebendige Herz des Menschen, welches da ist ein wahrer Tempel des Lebens aus Gott. [HGt.03_052,14] Laß deine Sonne auch vor dem Herzen deiner Brüder und Schwestern leuchten, und du wirst dadurch auch allzeit Gott wohlgefällig sogar in der dichtesten Nacht der Erde am hellsten Tage in dir wandeln und handeln! [HGt.03_052,15] Siehe, die Sonne, die nun schon untergegangen ist, ist auch eine gar große Welt, und die auf ihr wandeln, haben einen ewigen Tag; wenn du aber im Lichte deiner Geistessonne wandelst, so wirst du gleicherweise nie eine Nacht in dir gewahren, sondern wirst wandeln im ewigen Tage deines Lebens aus Gott! [HGt.03_052,16] Also aber auch weihe diesen Tempel in den Herzen dieses Volkes, und deine Weihe wird gerecht sein vor Gott! [HGt.03_052,17] Segne sie als Brüder und Schwestern, und Gott wird in deinem Angesichte Selbst segnen den Tempel, der da erbaut wurde durch die Hände der Menschen! – Siehe, also stehen die Dinge, und also handle denn nun auch! Amen.“ 53. Kapitel — Die lebendige Weihe des Tempels durch König Lamechs brennen de Liebe zu seinen Brüdern und Schwestern. Das strahlende Herz über dem Tempel[HGt.03_053,01] Lamech aber ward von der großen Weisheit des Mannes ganz zerschmettert und lobte und pries Gott, daß Er dem Menschen solche große Weisheit gegeben hatte. Nach diesem Ergusse seines Herzens aber wandte sich der Lamech sogleich wieder an den weisen Mann und fragte ihn: [HGt.03_053,02] „Weisester Freund und Bruder nach Gott und Seinem Hohenpriester Henoch! Da du gesagt hast, daß ich da solle weihen den Tempel in den Herzen des Volkes, und meine Weihe werde gerecht sein vor Gott, – ja ich solle die hier Anwesenden alle als Brüder und Schwestern weihen und segnen, und Gott würde da Selbst weihen und segnen den Tempel in meinem Angesichte, der da erbaut wurde von den Händen der Menschen, – also denn auch schon ehedem mir der Henoch einen gar mächtigen Wink gab, da er sprach: ,Wie wäre es denn, so wir da diesen Tempel in den Herzen des Volkes für das ewige geistige Leben aus Gott einweihten, indem sie wahrhaftige lebendige Tempel sind, und möchten uns aber dabei also bedenken: Der tote Tempel wird also wohl am wirksamsten und vor Gott am allergültigsten eingeweiht werden, so wir die vielen Brüder und Schwestern hier segnen und für das Leben aus Gott einweihen!‘, und du mir auch versichert hast, daß ich auf die bereits untergegangene Sonne nicht zu sehen habe, sondern allein auf die lebendige Sonne des Geistes, welche da ist die Liebe zu Gott in unseren Herzen, – so sehe ich nun gar wohl ein, daß du und der Henoch in der Fülle aller Wahrheit aus Gott vollkommen recht habet! [HGt.03_053,03] Aber – wie, auf welche Weise soll denn das geschehen? Siehe, das ist eine ganz andere Frage! Wie soll ich es anstellen? Was soll ich tun, daß dadurch die Herzen des Volkes Gott dem Herrn wohlgefällig möchten geweiht werden?“ [HGt.03_053,04] Und der weise Mann gab dem Lamech zur Antwort: „Höre, du Mein lieber Freund und Bruder! Was sagt dir denn dein Herz, so du ansiehst diese lebendige Menge von Brüdern und Schwestern, wie sie uns alle mit liebe- und freudetrunkenen Augen ansehen?“ [HGt.03_053,05] Der Lamech erwiderte: „Ja, ja, – jetzt geht mir ein starkes Licht auf; denn mein Herz erbrennt vor lauter mächtiger Liebe zu ihnen, so zwar, daß ich sie alle für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten umfassen und an mein Herz drücken möchte und allen so viel Gutes tun und einen jeden so sehr erheben möchte zu großen Ehren, daß es keinem Sterblichen möglich sein soll, je die ganze Größe der Wohltat zu erfassen! [HGt.03_053,06] Fürwahr, wüßte ich, daß mein Tod ihnen das ewige, selige Leben verschaffen möchte, so möchte ich ja vor lauter Liebe sterben für alle, die hier sind, und die nicht hier sind! [HGt.03_053,07] O Freund, ist diese meine mächtige Liebe nicht ein Anfang schon der vor Gott würdigen Weihe der Herzen dieses Volkes?! – Was aber solle da noch ferner Gott dem Herrn Wohlgefälliges geschehen?“ [HGt.03_053,08] Und der weise Mann sagte darauf zum Lamech: „Siehe hin in den Tempel, und sage es Mir dann, was du erschaust!“ [HGt.03_053,09] Alsbald blickte der Lamech hin nach dem Tempel und schlug die Hände über dem Haupte zusammen; denn er erschaute samt dem Volke nun den Tempel eingehüllt in eine weiße Wolke und über der Wolke und über dem Tempel ein mehr denn die Sonne am hellsten Mittage strahlendes Herz. [HGt.03_053,10] Dieser Anblick machte aber unsern Lamech auch völlig sprachlos, daß er nicht vermögend war, auch nur ein Wort über seine Lippen zu bringen. [HGt.03_053,11] Aber der weise Mann sagte dabei zu ihm: „Ich meine, du hast mit deiner lebendigen Liebe zu Gott und allen diesen deinen Brüdern und Schwestern ihre Herzen vor Gott schon völlig würdig gesegnet und sie als lebendige Tempel eingeweiht, indem der Herr, dein Gott, den toten Tempel entzündet hat mit Seiner Gnade und Erbarmung! [HGt.03_053,12] Ja, Bruder, also hast du Gott am wohlgefälligsten das Weihwerk des Tempels vollkommen verrichtet, und so hat denn auch der Herr gesegnet dich und den Tempel! [HGt.03_053,13] Du hast umwandeln lassen aus Liebe all die Waffen in nützliche Hausgeräte, und es ist dir verheißen worden, bei dieser Tempelweihe darob das Wohlgefallen des Herrn zu erfahren. [HGt.03_053,14] Siehe, der Platz vor dem Tempel ist nun frei geworden; darum ziehe nun hin mit Mir und dem Henoch, auf daß du erfahren sollest, was dir verheißen ist! Amen.“ 54. Kapitel — König Lamechs demütiges Selbstbekenntnis und seine Scheu, den Tempel zu betreten. Des Weisen Rede über das Wort des Herrn und über den göttlichen Geist des Menschen. Der Eintritt in den geweihten Tempel[HGt.03_054,01] Nach diesen Worten des weisen Mannes ging der Lamech, ohne etwas zu reden, wie ein Wonnetrunkener mit Henoch und dem weisen Manne hin in den Tempel, der da noch fortwährend von der weißen Wolke eingehüllt war. [HGt.03_054,02] Als sie nun dort ankamen, getraute sich der unterwegs etwas nüchterner gewordene Lamech nicht, in den Tempel zu treten, obschon der Tempel von allen Seiten her ein vollkommen offener war, und sagte daher zu seinen beiden Freunden: [HGt.03_054,03] „Höret, liebe Brüder und Freunde, ich erwache jetzt aus einem erhabenen Traume und erschaue nun mit vollkommen offenen Augen noch dasselbe, was ich ehedem nur in einem erhabenen Traume zu sehen meinte! [HGt.03_054,04] Ihr saget aber, daß ich nun mit euch in den Tempel treten solle, – ich aber sage euch dagegen, daß ich solches nimmer vermag; denn zu heilig ist nun diese Stätte, da der Tempel errichtet ist, darum ich als ein zu gänzlich unheiliger Mensch sie mit meinen Füßen nimmer entheiligen mag. [HGt.03_054,05] Euer Rat und euer Verlangen mag an und für sich überaus gut sein – denn ihr möget in eurer tiefen Weisheit wohl einsehen, was da irgend das Beste sein mag –, aber ich habe nun auch durch die endlos große Erbarmung des Herrn ein frommes und demütiges Herz überkommen, und dieses Herz sagt nun zu mir: ,Du bist noch lange nicht würdig, zu betreten die Stätte, in der sich sonderlich stark zeigt die Herrlichkeit des Herrn, welcher ist ein einiger, allmächtiger Gott, ewig heilig, heilig, heilig!‘ Und so muß ich ja auch dem guten Rate meines Herzens folgen! [HGt.03_054,06] Ihr seid freilich wohl würdig, einzugehen in das Heiligtum Gottes, und könnet allzeit tun nach der geheimen Beheißung in euch – denn Gott der Herr hat euch berufen auf der Höhe, und nie noch hat eine Sünde euer Herz vor Gott entheiligt, indem ihr sicher allzeit frömmsten Gemütes vor den Augen des Herrn gewandelt seid –; aber nicht also steht es bei mir! [HGt.03_054,07] Ich war noch allzeit ein allergrößter frevelhafter Sünder vor Gott und bin darum noch lange nicht rein genug, um mit einem besseren Gewissen zu betreten solch eine heilige Stätte. [HGt.03_054,08] Daher beredet mich diesmal ja nicht ferner, daß ich darob am Ende, genötigt durch die große Macht eurer himmlischen Weisheit, dennoch betreten müßte den zu mächtigst von Gott geheiligten Tempel!“ [HGt.03_054,09] Der weise Mann aber nahm den Lamech bei der Hand und sagte zu ihm: „Höre, du Mann voll Demut in deinem Herzen! Sind denn die Herzen der Brüder und Schwestern nicht mehr als dieser Tempel?! Und dennoch gingst du jetzt soeben durch gar viele mit uns hindurch! Wie denn mag es dich darum nun so ängstlich bedünken, in diesen Tempel zu treten, den Gott nur angehaucht hat, während Er doch mit Seiner ewig heiligen Liebe, Gnade und Erbarmung die Herzen der Brüder und Schwestern belebt hat?! [HGt.03_054,10] Was aber ist wohl mehr: der Hauch aus dem Willen des Herrn, oder Sein wesenhaft lebendiges Wort, aus Seinem Herzen gegossen in die Herzen der Brüder und Schwestern?! [HGt.03_054,11] Siehe, die Welten, die Sonnen und alle Dinge entstammen dem Willenshauche des Herrn; aber nicht also steht es mit dem Geiste des Menschen in seinem Herzen! Denn dieser ist ein wesenhafter Teil des ewigen wahrhaftigen Geistes Gottes, im Herzen Gottes wohnend und kommend aus demselben. [HGt.03_054,12] Nun urteile selbst, ob es klug ist, zu unterlassen – aus großer, gerechter Demut wohl – das bei weitem Geringere, wenn man zuvor sich nicht im geringsten bedünkt hatte, zu tun das bei weitem Größere! [HGt.03_054,13] Zudem wird es dir nicht bange, Mir zu reichen deine Hand, wie Ich dir gereicht habe die meinige, – und Ich bin, du kannst es Mir glauben, mehr, denn da ist dieser Tempel samt der weißen Wolke und dem mächtig strahlenden Herzen oberhalb des Tempels und der weißen Wolke, welche den Tempel noch dicht umhüllt hält! [HGt.03_054,14] Wenn sich aber dieses alles untrüglich also verhält, so magst du schon mit dem besten Gewissen von der Welt mit uns in den Tempel treten und allda vernehmen das, was dir verheißen ward!“ [HGt.03_054,15] Hier ermannte sich der Lamech und ging mit den beiden in den Tempel ganz wohlgemut und hatte keine Scheu mehr; aber der weise Mann blieb ihm noch unbekannt. 55. Kapitel — Die symbolische Bedeutung der Erscheinungen bei der Tempelweihe. Die Gottwohlgefälligkeit der Armut. Lamechs große Ahnung[HGt.03_055,01] Auf diese Worte des weisen Mannes begaben sich alle drei in den Tempel, und zwar allda ganz in die Mitte desselben, allwo ein Opferaltar errichtet war. [HGt.03_055,02] Als sie am Altare anlangten, da sagte der weise Mann zum Lamech: „Nun, lieber, guter Freund und Bruder, habe denn acht auf das, was da der Herr reden wird zu dir! – Siehe, Er redet schon; darum spitze wohl deine Ohren!“ [HGt.03_055,03] Hier horchte der Lamech; aber er konnte außer den Worten des weisen Mannes nichts vernehmen. Darum sagte er denn auch zum weisen Manne nach einer kleinen Weile: [HGt.03_055,04] „Höre, lieber, guter, weisester Bruder! Ich mag meine Ohren noch so sehr anstrengen, so vernehme ich aber dennoch sonst nichts als allein nur deine freilich wohl sehr weisen Worte! [HGt.03_055,05] Darum sage mir, habe ich das Lobnis des Herrn aus deinem Munde zu erwarten, oder aus dem Munde des weisesten Henoch, oder soll ich wirklich der Stimme Gottes in diesem Heiligtume gewürdigt werden?!“ [HGt.03_055,06] Und der weise Mann sprach zum Lamech: „Ich sage dir aber: Darum ist der Tempel in lichte Wolken gehüllt, da du nicht erkennst, wer Der ist, der da mit dir redet! [HGt.03_055,07] Sahst du nicht in der Höhe ein strahlend Herz, welches frei war von allem Gewölke? Siehe, das Herz stellte nicht das Herz deines Gottes, sondern dein eigen Herz vor! [HGt.03_055,08] Warum denn also? – Weil du Gott noch stets in der Höhe suchst und stellst dadurch deine Liebe und Erkenntnis Gottes über deinen eigenen Tempel hinaus, welcher dadurch umwölkt wird, auf daß du in dieser Umwölkung ja nur nicht erkennen magst, wer da redet mit dir! [HGt.03_055,09] Du aber hast ja nicht über dem Tempel, sondern nur innerhalb desselben einen Opferaltar errichtet; sage Mir demnach, wie es bei dir zugeht, daß du Gott suchst über dem Tempel mit einem zwar überaus liebeglühenden Herzen, dessen Glut das Feuer der Sonne überbietet, und hast Ihm doch in dem Tempel den Altar errichtet!“ [HGt.03_055,10] Diese Frage machte den Lamech gar gewaltig stutzen, und er fragte alsbald darauf den weisen Mann, zu Ihm sagend: [HGt.03_055,11] „Höre, du überweiser Bruder und allerherrlichster Freund! Diese deine Worte klingen bei Gott, dem Herrn Himmels und der Erde, für einen noch so weisen Menschen denn doch ein wenig zu weise! [HGt.03_055,12] Ich frage dich demnach ganz ernstlich: Wer bist du, und woher kamst du, daß du reden kannst, als hättest du die Zunge Gottes in deinem Munde, und daß jedes deiner Worte in mein Herz dringt wie ein mächtigster heißester Lichtstrahl?! [HGt.03_055,13] Fürwahr, dich hat nie ein Weib geboren, sondern du mußt entweder unmittelbar aus der Hand Gottes hervorgegangen sein als gleich ein verkörperter Geist, oder du bist ein allerhöchster Lichtengel Gottes, in dessen Herzen eine endlose Fülle der göttlichen Weisheit rastet! [HGt.03_055,14] Sage mir, wie ich dich denn anschauen soll, auf daß ich dich erkennete!“ [HGt.03_055,15] Und der weise Mann erwiderte dem erstaunten Lamech: „Ich sage dir, hebe dein Gott suchendes und liebendes Herz von der Höhe herab auf den niederen Altar, und du wirst alsbald in großer Klarheit ersehen, was du erkennen möchtest! [HGt.03_055,16] Meinst du denn, Gott habe ein Wohlgefallen an der Höhe? Ich sage dir: mitnichten; sondern nur dem Niederen, dem Kleinen wendet Er Sein Herz zu! [HGt.03_055,17] Gott will kein hoher Gott, kein großer Gott, kein reicher Gott sein im Angesichte Seiner Kinder, sondern ein Gott in aller Niedrigkeit, Kleinheit und Armut nur will Er vor Seinen Kindern sein. Denn Er hat ja alles Seinen Kindern gegeben; was Er hat, das sollen auch sie haben. [HGt.03_055,18] Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, wie magst du denn hernach Gott noch über den Sternen suchen, Gott, dem es wohlgefiel, sogar im kleinen Herzen des Menschen Sich eine Wohnstätte zu errichten?! [HGt.03_055,19] Sage dir selbst, wie kam der Herr jüngst zu dir? – Siehe, als ein Bettler! Und du erkanntest Ihn damals an Seiner Weisheit! [HGt.03_055,20] Wie ist es denn, daß ein blendend Gewölke nun so lange schon deine Sehe umdüstert? [HGt.03_055,21] Siehe, Armut ist die wahre Weisheit! Wer demnach Gott ähnlich werden will, auf daß er Ihn schaue, der muß selbst arm sein; und erst in seiner größten Armut wird er erkennen, daß Gott nur, als Selbst arm, an der Armut Sein größtes Wohlgefallen hat, weil eben in der Armut des Lebens nur die größte Freiheit waltet. [HGt.03_055,22] Also ziehe denn auch du dein Herz aus der Höhe herab, und du wirst alsbald erkennen, was du nun noch nicht erkennst, nämlich das dir von Gott ausgesprochene Lob über deine Selbsterniedrigung!“ [HGt.03_055,23] Hier fing dem Lamech an ein großes Licht aufzugehen, und er fing an, alsbald Großes zu ahnen. [HGt.03_055,24] Schon wollte er vor dem weisen Manne niederfallen; aber dieser hinderte ihn daran und sagte zu ihm: „Ordne vorher dein Herz, dann erst tue nach der reinen, unumwölkten Erkenntnis! Amen.“ 56. Kapitel — Lamechs irrtümliche Auffassung vom Herzen über dem Tempel und seine Belehrung durch den Herrn. Wie und wo man Gott suchen soll[HGt.03_056,01] Nach diesen Worten des weisen Mannes dachte der Lamech aber darüber nach, wie er es denn anstellen müsse, um zu bekommen das Herz aus der Höhe auf den niederen Altar herab. [HGt.03_056,02] Denn er verstand noch nicht die Worte des Weisen und meinte bei sich im Ernste, er werde am Ende aufs Dach steigen müssen, um vom selben allenfalls zu langen nach dem Herzen mit der Hand oder wohl gar, falls die Hand zu kurz sein sollte, mit einem auf einer verhältnismäßig langen Stange angebrachten Haken und es dann herabzuziehen, wie allenfalls einen Apfel vom Baume. [HGt.03_056,03] Da aber der Weise solche Gedanken gar wohl merkte im Lamech, da sagte Er zu ihm: „Aber höre, du Lamech, der du so ganz erschöpft warst von Meiner Weisheit, und hast in Meinen Mund sogar Gottes Zunge gelegt, und das eben nicht mit Unrecht, sage Mir nun, wie es doch kommen mag, daß du Meiner Worte Weisheit gar so ärglich aufgefaßt haben konntest! [HGt.03_056,04] Denn fürwahr, dümmer und materieller könnte das Geistige wohl kaum je aufgefaßt worden sein! [HGt.03_056,05] Meinst du denn, das strahlende Herz über dem Tempel ist im Ernste etwa dein fleischlich Herz? [HGt.03_056,06] O siehe, das fleischliche Herz in deinem Leibe können wir auf dem Altare hier durchaus nicht brauchen, und es ist dir zum naturmäßigen Leben überaus vonnöten; sondern nur das Herz deines Geistes, welches da ist die Liebe zu Gott in dir, können wir hier auf dem Altare brauchen! [HGt.03_056,07] Dieses Herz aber läßt sich weder mit der fleischlichen Hand noch mit einer behakten Stange herabziehen, sondern allein nur mit der eigenen Kraft der Liebe, welche in ihr ist. [HGt.03_056,08] Es ist aber das strahlende Herz über dem Tempel ja ohnehin nur eine Erscheinlichkeit, die bloß nur von der Sehe des Geistes erschaut werden kann, und besagt nichts anderes, als daß du einen endlos weit entfernten Gott liebst und Ihn suchst hinter allen Sternen; aber den dir allzeit nahen Gott magst du nicht erkennen und lieben! [HGt.03_056,09] Es strahlt zwar dein Herz wohl von der reinen, stark entflammten Liebe zu Gott; aber du kannst aus solcher Liebe wenig oder gar keinen andern lebendigen Nutzen ziehen als höchstens, daß du in dessen gebrochenem Lichte in der sonstigen Nacht etwas besser siehst als sonsten in der gänzlichen Finsternis. Das ist aber dann schon auch alles, was du gewinnst. [HGt.03_056,10] Es ist aber ja nur das Leben die Hauptsache, welches da ewig dauern soll, nicht aber das alleinige Licht des zeitlichen Lebens, welches Licht da mit seinem Leben vergeht. [HGt.03_056,11] Darum muß das Herz des Geistes, oder deine Liebe zu Gott, dir am allernächsten stehen, das heißt, sie muß in dir sein. Du mußt Gott in dir suchen, erkennen und dann über alles lieben, so wirst du das ewige Leben haben; denn siehe, Gott allein ist ja das Leben und hat es also und gibt eben das Leben! [HGt.03_056,12] Wenn aber solches doch eine ewige Wahrheit ist, da sage mir dann, was dir ein endlos weit entfernter Gott oder ein endlos weit entferntes Leben nützen kann! [HGt.03_056,13] Du mußt das ewige Leben, welches da ist die ewige Liebe Gottes, ja nur in dir haben, so du leben willst, aber nicht hinter allen Sternen! [HGt.03_056,14] Dabei ist aber noch gar wohl zu bemerken, daß dir der unendliche Gott nicht nützen kann, da du als ein endliches Wesen das eigentliche unendliche Wesen, Gott, durchaus ewig nie zu erfassen vermagst. [HGt.03_056,15] Und darum hat Gott ja das menschliche Herz gemacht zur Wohnstätte für Sich, damit da niemand außer oder ohne Gott leben sollte. [HGt.03_056,16] Siehe, die Sonne der Welt ist so ferne gestellt, daß sie ewig nie ein Mensch der Erde erreichen wird, und ist so groß gemacht, daß da ihr gegenüber diese Erde, die du bewohnst, kaum als ein faustgroßer Spielball für ihre Kinder geachtet werden könnte, von ihrem Gesichtspunkte betrachtet! [HGt.03_056,17] Sage mir aber, was würde dir diese große Sonne nützen, wenn du sie auch erreichen könntest mit deiner Hand, dein Auge und dein Leib aber nicht also geschaffen und eingerichtet wäre, daß du möchtest im überaus verjüngten Maßstabe die ganze Sonne in dir völlig aufnehmen?! – Siehe, da hättest du weder Wärme noch Licht aus ihr! [HGt.03_056,18] Da aber von Gott dein Auge also gebaut ist, daß du die ganze Sonne übersehen und somit in dir aufnehmen kannst ihr ganzes lebendiges Bild, so kannst du dir auch völlig ihre Wärme und ihr Licht zinspflichtig machen; aber es erwärmt dich da nicht etwa die ferne, große Sonne, sondern die nur, die du trägst in dir! [HGt.03_056,19] Also ist es auch der Fall um so mehr mit Gott, den du in Seiner Unendlichkeit unmöglich je erfassen kannst; ja Er ist also für dich so gut wie gar nicht vorhanden. [HGt.03_056,20] Aber dieser unendliche Gott hat in dein geistig Herz Sein vollkommenes Ebenbild gelegt; dieses ist dein Leben und ist in dir. [HGt.03_056,21] Deine mächtige Liebe zu Gott ist dieses dich belebende Ebenbild Gottes in dir; daher bleibe in dir, und hebe dieses Heiligtum nicht aus dir, sondern mache es fest in dir, so wirst du Gott haben stets wirkend in deiner sicher größten Nähe und wirst nicht nötig haben zu fragen: ,Hinter welchem Sterne wohnt Gott?‘, sondern du wirst erkennen in dir den eigenen heiligen Stern, hinter dem dein Gott wohnt und dir schafft fortwährend – dir freilich noch unbewußt – das Leben. [HGt.03_056,22] Also erwecke denn deine Liebe in dir zu einem dir nahen Gott, und dein Herz wird sich ohne Stange auf dem Altare befinden, und du wirst erkennen den nahen Gott und das Lob der gerechten Demut! Amen.“ 57. Kapitel — Lamech erkennt seine Torheit, und den Herrn im weisen Redner. Des Herrn Rede über das Wesen des Geistes Gottes im Menschen[HGt.03_057,01] Nun erst begriff der Lamech die Worte des Weisen völlig, schlug sich auf die Brust und sagte zu sich selbst: [HGt.03_057,02] „O Gott, wie entsetzlich dumm doch ist der Mensch in seiner Eigentümlichkeit, und was braucht es für eine große Geduld von Seite der allerhöchsten, göttlichen Weisheit, bis da aus einem Menschen, wie ich einer bin, etwas wird, bis er nur ein wenig zu fassen anfängt die göttliche Ordnung, die erhabenste, die heiligste. [HGt.03_057,03] Aber was kann auch der geschaffene Mensch aus sich tun? – Nichts Besseres, als daß er da lebt nach der erkannten göttlichen Ordnung! Wer nach dieser lebt, wie er sie erkennt, der fehlt sicher nicht! [HGt.03_057,04] Du, o Gott, aber weißt am besten, wie viel der Mensch zu tragen vermag; daher lässest Du ihn sicher erst so nach und nach stets tiefere Blicke tun in deine endlose Weisheit, damit er Dir ähnlicher werde in seinem Handeln! [HGt.03_057,05] Also will ich Dich denn auch lieben, loben und preisen mein Leben lang!“ [HGt.03_057,06] Während aber der Lamech diese Selbstgespräche und Selbstbetrachtungen mehr in sich, denn aus sich mit dem Munde machte, siehe, da entschwand auf einmal das Gewölke um den Tempel, daß er dann ganz rein und frei dastand, und das strahlende Herz senkte sich alsbald auf den Altar herab. [HGt.03_057,07] Und alles Volk, welches allda zugegen war, fiel alsbald vor großer Ehrfurcht zur Erde nieder und sprach: „O großer, heilig allmächtiger Gott, sei uns Sündern gnädig und barmherzig!“ [HGt.03_057,08] Und der Lamech, ganz zerknirscht durch diese neue außerordentliche Erscheinung – obschon sie gewisserart vom weisen Manne bedingungsweise vorherbestimmt ward –, fiel nun auch, was er schon eher tun wollte, nach der Rede vor dem weisen Manne nieder und sagte zu Ihm: [HGt.03_057,09] „Nach Deiner Lehre ist der Geist Gottes in mir, – was ich nun auch gar sehr lebendig gewahre; aber in Dir ist er sicher noch ums unvergleichbare stärker und mächtiger denn in mir! Darum falle ich denn auch vor dir nieder und lobe und preise die göttliche Liebe und Weisheit in Dir, wie ich sie auch lobe und preise in mir, insoweit ich sie erkenne, daß sie ist in mir, zu meiner und meines Volkes Wohlfahrt! [HGt.03_057,10] Ehre, Lob und alle meine Liebe aber sei darum Gott, unserm Herrn, Schöpfer und überheiligen Vater, darum Er Sich so tief herabgewürdigt hat, zu tun vor unseren Augen so große Zeichen, auf daß wir Ihn nur erkennen möchten und dann zur Gewinnung des ewigen Lebens leben möchten nach Seiner heiligen, uns allen frei geoffenbarten göttlichen Ordnung!“ [HGt.03_057,11] Hier bog Sich der weise Mann zur Erde und erhob den Lamech. Als Er ihn aber erhoben hatte, da sagte Er zu ihm: „Lamech, Ich sage zu dir: Richte dich auf in deinem Gemüte, und erkenne, wer Der ist, der nun zu dir gesagt hat: ,Richte dich auf in deinem Gemüte!‘ [HGt.03_057,12] Denn Menschen sollen nie vor Menschen knien oder liegen auf der Erde, die Engel sich nicht beugen voreinander, und die Götter aber wissen, daß sie eins sind mit dem Einen! [HGt.03_057,13] Oder siehe am Tage in die Augen deiner Brüder, und du wirst in eines jeden Menschen Auge eine und dieselbe Sonne erschauen! Und weil ein jeder Mensch doch sicher eine Sonne sieht, da sind aber dennoch nicht mehrere Sonnen für viele Menschen und andere Wesen, sondern es strahlt und wirkt nur einer Sonne Licht in eines jeden Menschen Auge, also ein geistiger Ausfluß aus der einen großen Lichtträgerin! [HGt.03_057,14] Gerade also aber wirkt auch nur ein Geist Gottes in eines jeden Menschen Herzen; darum ist aber dann der im Menschen wirkende Geist Gottes nicht etwa irgendein zweiter Gott, sondern nur ein Geist mit dem unendlichen Geiste Gottes, wie die Sonnen alle, welche da aus den Augen der Menschen widerstrahlen, vollkommen eins sind mit der Hauptsonne, aus der sie ausgehen. [HGt.03_057,15] Ich aber bin der Herr; solches erkennst du nun und fielst auch darum vor Mir auf dein Angesicht. [HGt.03_057,16] Ich aber sage dir: Wenn die Sonne erglühte für sich, da würde sie sich auch zerstören; sie aber treibt ihre Glut und ihr Licht hinaus zu ihren kalten Erden und erwärmt und erleuchtet sie, und auf ihrem großen Boden läßt sich darum herrlich wohnen. [HGt.03_057,17] Also trage auch Ich alle Meine göttliche Würde in Meine Kinder über, damit diese dereinst überaus selig bei Mir wohnen sollen! [HGt.03_057,18] Und so will Ich durchaus nicht, daß die Kinder vor Mir niederfallen sollen, sondern Mich als den guten Vater allein lieben sollen nach aller ihrer Lebenskraft. [HGt.03_057,19] Doch werde Ich den Demütigen nie scheuen, sondern werde bei ihm sein allezeit und werde ihn aufrichten, wann immer er niederfällt vor Mir; damit lobe Ich aber nun auch dich, da du demütig bist. [HGt.03_057,20] Bleibe aber nun in dieser deiner Demut und Liebe, und du sollst nimmer nötig haben, dein Herz vom Dache zu holen! Amen.“ 58. Kapitel — Warum der Herr Sich als Mensch nur wenigen offenbart. Lamechs vergebliche Bemühungen um die Aufrichtung des am Boden liegenden Volkes. Des vereinsamten Lamech Traurigkeit[HGt.03_058,01] Nachdem aber dabei der Lamech den Herrn völlig erkannt hatte in dem weisen Manne, da wollte er laut zu schreien anfangen vor allem Volke und ihm verkündigen die allerheiligste Gegenwart des Herrn Himmels und der Erde. [HGt.03_058,02] Aber der Herr sagte zu ihm: „Lamech, tue nicht, was du tun möchtest, sondern denke in dir: wenn es nun gut und nötig wäre, solches zu tun, da würde Ich Selbst es sicher nicht unterlassen! [HGt.03_058,03] Aber es würde solches dem ohnehin sehr erregten Volke das Leben kosten, was da nicht zu vermeiden wäre in der gegenwärtigen Ordnung der Dinge. [HGt.03_058,04] Daher wollen wir solche unnütze Arbeit uns für günstigere Zeiten aufbewahren; mit der Zeit aber, wenn Ich wieder verziehen werde, magst du Mich dem Volke wohl verkünden und dich beziehen auf diese Meine Gegenwart. [HGt.03_058,05] Für jetzt aber bleibe Ich nur als ein weiser Mann eine kurze Zeit noch unter euch, auf daß da niemand soll ein tötend Gericht haben an Mir in seinem freien Gemüte. [HGt.03_058,06] Was du aber nun tun kannst, das bestehe darin, daß du hinaustretest und heißest das Volk erstehen, auf daß es nicht noch länger liege auf dem Boden und bete in seiner noch starken Blindheit dieses erscheinliche strahlende Herz also an, als wäre es eine bildlich entsprechende Darstellung des allerhöchsten, allweisesten Gottes. [HGt.03_058,07] Erläutere ihm dies Bild nach der dir geoffenbarten Wahrheit, und das Volk soll dich verstehen und im völlig nüchternen Zustande Mir, Gott dem Herrn, in seinem Herzen geben ein gerechtes Lob! [HGt.03_058,08] Siehe, das ist ein rechtes Geschäft; gehe und tue es, und komme dann wieder herein, und es soll sich nach der getanen Arbeit gut ruhen lassen! Amen.“ [HGt.03_058,09] Und der Lamech ging, zu tun, wie ihm der Herr geraten hatte. Als er aber nach seiner Art anfing, das Volk zu beheißen, daß es sich erheben solle vom Boden, siehe, da wollte sich niemand rühren, und es blieb alles pikfest liegen am Boden, wie zuvor, da er noch niemanden beheißen hatte, sich zu erheben vom Boden. [HGt.03_058,10] Bei dieser Erscheinung ward es dem Lamech bange, und er gedachte bei sich: „Was will ich denn nun tun, auf daß ich nicht unverrichteterdinge zurückkehre in den Tempel vor den Herrn und allda zu großen Schanden werde? – Ich will jedem einzelnen unter die Arme greifen und will ihn aufrichten vor dem Herrn und will ihm dann sagen, was ich ihm zu sagen habe!“ [HGt.03_058,11] Also gedacht und also auch getan! Aber leider ohne Erfolg; denn so viele er erhob, ebenso viele und ebendieselben fielen wie tief Schlafende alsbald wieder in ihre vorige Stellung, nämlich auf den Boden zurück. [HGt.03_058,12] Diese zweite Erscheinung versetzte den Lamech in eine noch größere Verlegenheit; aber er gedachte: „Ich will noch hin zu den Meinen ziehen; diese werden sich doch kehren nach meinen Worten, so sie irgend noch am Leben sind!“ [HGt.03_058,13] Er tat's; aber auch da war seine Mühe vergeblich. Nun blieb aber für ihn auch kein Mittel mehr übrig, als sich schnurgerade unverrichteterdinge zu begeben in den Tempel zum Herrn und zum Henoch; aber was für Augen machte da der Lamech, als er da weder den Henoch noch den Herrn mehr fand! [HGt.03_058,14] Das war denn doch etwas zu viel für unsern Lamech. Er hätte anfangs nahezu verzweifeln mögen; aber nach einer ziemlichen Weile sagte er zu sich: „Also wird es wohl des Herrn Wille sein, und so sei es denn auch also, wie Er es haben will! [HGt.03_058,15] Daß ich nichts richten konnte, dafür kann ich wohl nicht; denn was ich tat, tat ich ja so gut, als ich es nur immer vermochte. Daß ich aber kein Wunder wirken kann, das weiß der Herr sicher. [HGt.03_058,16] Ich aber will dennoch etwas tun und will die beiden noch suchen gehen unter dem schlafenden Volke! Finde ich sie da, so will ich ja Gott loben und preisen fürder allezeit; und finde ich sie nicht mehr, da will ich dem Herrn alles aufopfern und mich dann ebenfalls irgend zur Ruhe begeben!“ [HGt.03_058,17] Und so ging er denn hinaus und suchte die beiden, – aber ebenfalls vergeblich; denn sie waren nicht unter dem Volke. [HGt.03_058,18] Da erst ward dem Lamech ernstlich bange, daß er darob zu weinen anfing. Er ging dann also traurig in den Tempel und legte sich neben dem Altare hin und versuchte einzuschlafen; aber er vermochte solches nicht wegen seiner großen Angst und Traurigkeit. [HGt.03_058,19] Und so verstrichen sieben lange Stunden; aber es wollte niemand wach werden, noch der Herr oder der Henoch zum Vorschein kommen. 59. Kapitel — Des einsamen Lamech Betrachtungen im Morgengrauen, seine Traurigkeit und sein Irrewerden an Gott[HGt.03_059,01] In der siebenten Stunde aber richtete sich der Lamech wieder auf und sagte zu sich selbst ganz traurigen Mutes: [HGt.03_059,02] „Also hat ja der Herr zu mir geredet: ,Und es wird sich nach der getanen Arbeit gut ruhen lassen!‘ [HGt.03_059,03] Wohl habe ich nach Seinem Worte gehandelt und habe getan, wie Er es mir geraten hatte, wenn leider schon ohne Erfolg, wofür ich freilich wohl nichts kann; aber welch eine Ruhe habe ich genossen die langen sieben Stunden hindurch, welche ich wohl abgemessen habe mit dem Gang der Sterne über meiner Hand vom Aufgange bis nahe hin zum Untergange?! [HGt.03_059,04] Fürwahr, es graut schon recht stark der Morgen, und es rührt sich noch nichts im Lager um diesen Tempel! Kein Lüftchen weht, auch nicht ein allerleisestes Geräuschchen läßt sich von irgendwoher vernehmen! Oh, es ist grauenhaft, mitten unter Lebendig-Toten zu leben! [HGt.03_059,05] Was will ich aber tun in dieser meiner traurigen Lage? – Hier verweilen bis zum völligen Aufgange der Sonne, oder allein hinabziehen in die Stadt und dort der zurückgebliebenen Dienerschaft vermelden, was hier geschehen ist? [HGt.03_059,06] Soll ich etwa einen Kräuterkenner holen, auf daß er mir kundgebe aus seiner Weisheit, ob diese Menschen wohl schlafen, oder ob sie im Ernste etwa gar völlig tot sind? Oder soll ich zuvor selbst noch einmal eher einen Erweckungsversuch machen? [HGt.03_059,07] Wenn aber dieser Versuch mißlingt und auf mein noch so kräftiges Rufen sich niemand mehr wird zu regen anfangen, wird mich da nicht eine noch unerhörtere Angst überfallen, daß ich dann vielleicht gar nicht mehr kräftig genug sein werde, um zu ziehen in die Stadt und dort Anstalten zu treffen, daß da diesen Schlafenden oder Toten eine erforderliche Bestattung werde?! [HGt.03_059,08] Ich weiß aber nun, was ich tun will: den Herrn Gott Zebaoth will ich so recht inbrünstig und vertrauensvoll bitten, daß Er mir helfe; und ich will beten und bitten bis in den halben Tag hinein und will nichts essen und trinken eher, als bis der Herr mich entweder erhören und trösten wird oder mich selbst noch dazu töten mag zu diesen meinen Brüdern und Schwestern! [HGt.03_059,09] Es wird heller und heller schon im Aufgange, daß ich schon die Stadt mit leichter Mühe von Haus zu Haus ausnehme! [HGt.03_059,10] Wie herrlich wäre dieses Erwachen des neuen werdenden Tages, wenn ich es nicht allein betrachten müßte, wenn dieses Volk mit mir gleich wach wäre und brächte dem Herrn ein fröhlich, heiter, erquickendes Morgenlob dar! [HGt.03_059,11] Aber ich allein muß mitten unter meinen unerweckbaren Brüdern das neue Erwachen der Natur mit dem Erwachen des Tages betrachten! [HGt.03_059,12] Oh, wie doppelt traurig bist du, herrlicher Morgen nun, daß ich dich allein lebendig und wach betrachten und genießen muß in deiner großen Herrlichkeit! Möchte ich doch lieber gar nicht leben, als empfinden so schmerzlich, daß ich unter den Tausenden hier allein noch leben und empfinden muß! [HGt.03_059,13] Was aber habe ich denn getan, darum mich der Henoch und der Herr so ganz und gar verlassen haben? Ich erfüllte ja doch des Herrn ausgesprochenen Willen! [HGt.03_059,14] Und Er, der Heilige, der Liebevollste, der Barmherzigste läßt mich unvorbereitet so plötzlich im Stiche! [HGt.03_059,15] Er war es ja doch, und der Henoch war es auch; die Meinen sind ja noch dort, die er gebracht hat von der Höhe, und schlafen ebenfalls noch einen tötenden Schlaf! [HGt.03_059,16] Oder sollten sie nicht mehr dort sein? – Ich will denn da doch nachsehen! Denn für einen Traum wäre das Ganze seit gestern morgen denn doch etwas zu viel!“ [HGt.03_059,17] Hier ging der Lamech hin zur Stelle, da er die Seinigen verließ, und fand zu seinem größten Erstaunen niemanden mehr. [HGt.03_059,18] Da schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie: „Um des Herrn Willen, was ist denn das?! Also bin ich denn im Ernste nur ein gefoppter Narr meines Traumes?! Träume ich denn noch, oder wache ich? Was ist das für ein elender Zustand meines Lebens? [HGt.03_059,19] Ich möchte, ich wollte beten, – aber nun ist es mir unmöglich! Ich bin nun ohne Gott, ohne Freunde, ohne Brüder, ohne Weib und Kinder und habe nichts als nur dies elende Leben, um diese entsetzliche Züchtigung Gottes oder die noch entsetzlichere Rache der Schlange zu empfinden! [HGt.03_059,20] Was will ich nun tun? – Beten? – Zu wem denn? – Zu Dem, der mich verließ oder nicht ist? – Nein, das will ich nicht! [HGt.03_059,21] Ich bin noch Lamech! Noch gehört die große Stadt mir und das Land und das Volk! [HGt.03_059,22] Ich wollte ja von ganzem Herzen sein ein wahrer Diener des Herrn und opferte Ihm schon alles darum; Er aber hat mir nun diesen harten Streich gespielt und hat mich angeführt! [HGt.03_059,23] So will ich denn auch gar nicht mehr leben; hier in dem Tempel will ich verhungern, und das soll mein letztes Opfer sein, was ich dem rätselhaften Gott darbringen werde! [HGt.03_059,24] Amen aus mir heraus, – und keine Weisheit soll mich je zu einem andern Entschlusse bringen! Und käme der Herr Selbst nun, so soll Er nichts mehr ausrichten mit mir! [HGt.03_059,25] Du totes Volk aber schlafe nur im Tode, und sei eine Speise der Ameisen und Würmer; über ein kurzes werde auch ich es sein! Es ist ja ums endlose besser, nicht zu sein, als sich von Gott bei der Nase herumziehen zu lassen! [HGt.03_059,26] Dank dir, mein Herz, für diesen Sinn; denn nun atme ich wieder freier! Ja, besser und süßer ist das Gefühl der Rache als eine dumme Frömmigkeit gegenüber einem Gotte, dem es ein so leichtes ist, ohne Grund mich zu trügen! [HGt.03_059,27] Und so denn geschehe es! Ich will sterben und nicht mehr sein auf dieser Deiner Welt, Du ungetreuer Gott! Amen aus mir; unwiderruflich. Amen!“ 60. Kapitel — König Lamechs schreckliches Gesicht und Erwachen aus seinem Traumzustand. Die Aufklärung durch Lamech von der Höhe[HGt.03_060,01] Nach solcher törichten Schwärmerei ging der Lamech hin in den Tempel, saß neben dem Altare nieder und lehnte sich mit dem Rücken an den Altar, sein Gesicht gegen den Aufgang kehrend. Denn nun hatte er auch am Altare kein Behagen mehr, da das strahlende Herz auf demselben zufolge des Ärgernisses Lamechs entschwunden war und somit der Altar leer dastand. [HGt.03_060,02] In dieser Stellung gedachte der Lamech so lange zu verweilen, bis er endete; aber der nahe Aufgang einer ganz anderen Sonne, als sie Lamech erwartete, brachte eben den Lamech wieder zu sich. [HGt.03_060,03] Der Aufgang aber hatte solch eine Gestalt: Anstatt der erwarteten Sonne erhob eine ungeheure Riesenschlange den Kopf über den Horizont; und da der Kopf stieg, zog er auch einen ebenso riesenhaften Schlangenleib nach sich. Diese Schlange aber leuchtete so stark wie die Sonne. [HGt.03_060,04] Als dies riesige Ungeheuer sich schon so ziemlich hoch über dem Horizonte befand, da folgten demselben eine zahllose Menge kleinerer Schlangen, welche samt und sämtlich gleich der Hauptschlange sehr stark leuchtende Strahlenkronen auf den Köpfen trugen. [HGt.03_060,05] Bald ward der ganze Himmel mit solchen Schlangen überfüllt, welche sich in allerlei Windungen um die Hauptschlange bewegten. [HGt.03_060,06] Diese Bewegungen wurden aber stets heftiger und heftiger. Es entstand ein förmlicher Kampf. Die Hauptschlange biß die kleineren, und die Gebissenen fielen alsbald zur Erde nieder, und da, wo irgendeine niederfiel, steckte sie die Erde auch alsbald in einen entsetzlichen Brand. [HGt.03_060,07] Der Boden der Erde aber fing laut zu wehklagen an über solch ein Ungemach, und die Berge bogen sich grimm-entbrannt in die Täler und verlegten die Ströme und trieben aus ihren Klüften und Riffen Massen und Massen von Wolken, verdunkelten mit denselben dichter und dichter den ganzen Himmel, und gar bald entstürzten denselben ganz unerhört gewaltige Ströme und setzten alle Lande unter Wasser. [HGt.03_060,08] Und das Wasser stieg und stieg, verschlang gar bald die Stadt Hanoch und erreichte auch schon mit furchtbarem Wogenschlage nahe den Scheitel des Berges, wo sich Lamech mit seinem noch immer schlafenden Volke befand. [HGt.03_060,09] Als aber der Berg zu wanken anfing und der Tempel mit dem baldigen Einsturze drohte und dazu noch ein mächtiger Blitz kam, dessen gar gewaltiges Gekrache die Erde beben machte, da auch fing es den sich zwar zugrunde richten wollenden Lamech an zu bangen. [HGt.03_060,10] Er stand auf, griff alsbald nach seinen Augen, rieb dieselben und fing an, um sich zu blicken. Er ersah alsbald den Tempel vor sich und im selben den Herrn und den Henoch, und das Volk saß munter um den Tempel herum und lobte und pries die Herrlichkeit Gottes; er aber befand sich ganz wohlbehalten unter den Seinen. [HGt.03_060,11] Als er sich nun also erblickte und alles in der alten, guten Ordnung, da fragte er alsbald den neben ihm stehenden Thubalkain: [HGt.03_060,12] „Sohn, mein Sohn, sage mir, was ist denn um des Herrn allmächtigen Willen nun mit mir vorgegangen? Wo war ich denn, und wo waret denn ihr und der weise Mann und der Henoch, welche beiden nun noch dort im Tempel sicher auf mich warten?“ [HGt.03_060,13] Und der Thubalkain erwiderte dem Lamech: „O Vater Lamech, was fragst du mich? Bist du denn von Sinnen, daß du solches nicht weißt, wie du nach der Beheißung des weisen Mannes hierher kamst, um allem Volke zu verkünden, daß es sich erheben solle vom Boden?! [HGt.03_060,14] Siehe, da umarmtest du meine und der Naëme Mutter und schliefst in solcher Umarmung Süßigkeit alsbald und eher noch ganz fest ein, als du noch erfüllen konntest die Beheißung des weisen Mannes, und schliefst also nun eine geraume Zeit hindurch, die ich aber nun nicht bestimmen kann, wie lang sie war. [HGt.03_060,15] Siehe, das ist das Ganze! Magst du mir nicht glauben, so sind da ja noch mehrere Zeugen, die dir dasselbe notwendig werden kundgeben müssen, weil es sich unleugbar also verhält.“ [HGt.03_060,16] Als der Lamech solches vernommen hatte, da schrie er laut auf und sagte: „Gott! Dir, Du allein Heiliger, sei ewig alles Lob, aller Preis, aller Dank und alle meine Liebe, daß dieses alles nur ein eitler Traum war! [HGt.03_060,17] Aber wie möglich konnte es denn nur geschehen, daß ich des Herrn Wort sobald verschlafen konnte, und habe nicht getan nach Seinem Rufe?!“ [HGt.03_060,18] Der ihm zur Seite stehende Lamech aus der Höhe aber erwiderte ihm: „Siehe, Bruder, weil du nicht vorher erfülltest des Herrn Willen, sondern hattest heimlich in dir den Gedanken genährt, auf diesem Berge mitten unter deinen Weibern die Nacht hindurch zu ruhen! [HGt.03_060,19] Und so denn ließ es der Herr auch zu, daß du ganz unbewußt zu deinen Weibern gelangtest in der Zeit, als du in deiner nächtlichen Phantasie meintest, das Volk zu wecken, aber niemand sich kehren mochte nach deinem Rufe, den du nicht tatest, indem du, schon in deinen Weibern wonneschlafend, aus dem Tempel gingst. [HGt.03_060,20] Also hat dich vor Gott das Fleisch berückt, und Gott ließ es dann zu, daß du hast schmecken müssen die Früchte der Liebe im Fleische. [HGt.03_060,21] Laß dich aber von mir wieder führen hin in den Tempel, und der Herr wird dir enthüllen noch so manche Torheit in dir; und so denn folge mir! Amen.“ 61. Kapitel — König Lamech mit Lamech von der Höhe im Tempel vom Herrn liebevoll empfangen. Die Erklärung des von König Lamech im Schlafe Erlebten. Die Haus- und Rangordnung des himmlischen Vaters[HGt.03_061,01] Auf diese Worte des Lamech aus der Höhe folgte der Lamech aus der Tiefe alsbald seinem Namensgefährten hin in den Tempel. [HGt.03_061,02] Als aber beide dort anlangten, da ging der Herr mit dem Henoch ihnen auch alsbald entgegen und empfing beide mit ausgestreckten Armen. [HGt.03_061,03] Solche große Zuvorkommenheit aber wunderte den Lamech aus der Tiefe überaus von Seite des allerhöchsten Herrn, und das gerade in dieser seiner wenigstens von ihm geglaubten etwas kritischen Lage ganz besonders, indem er sozusagen einen ganz tüchtigen Verweis vom Herrn für seinen Fleischschlaf erwartete. [HGt.03_061,04] Aber der Herr sagte alsbald zum sich dennoch etwas furchtsam wundernden Lamech: „Was wundert dich denn nun gar so sehr Meine Güte, Liebe und große Gnade? Warst du denn als Sünder je größer denn jetzt? Wie ist's denn aber, daß Ich damals zu dir kam? [HGt.03_061,05] So Ich dir aber damals als Meinem großen Feinde mochte entgegenkommen und dich als einen tiefst Gefallenen erheben, wie sollte es denn nun gar so wunderbar sein, so Ich dir bis an die Schwelle des Tempels entgegenkomme, da du nicht gesündigt hast?! [HGt.03_061,06] Denn was dir nun widerfuhr, war ja nur eine reine Zulassung von Mir, um dir zu zeigen, welche Früchte dir oder wenigstens deinen Nachkommen mit der Zeit aus der zu überwiegend mächtigen Weiberliebe erwachsen dürften. [HGt.03_061,07] Was Ich dir aber also zeigte, das ist wohl nur eine gute Botschaft für dich und deine Nachkommen, aber sicher ewig nie eine Sünde. [HGt.03_061,08] Wenn du sie recht beachten wirst, da wirst du leben im Geiste der wahren Liebe und aller Weisheit aus dir. [HGt.03_061,09] Nun aber komme mit deinem Mir überaus lieben Führer herein, und wir wollen uns so recht nach Muße beraten, besprechen und somit lebendig vergnügen beim hellen Lichte des flammenden und strahlenden Herzens auf dem Altare!“ [HGt.03_061,10] Und die beiden traten überaus vergnügt in den Tempel und lobten den Herrn in ihren Herzen über alle Maßen. [HGt.03_061,11] Der Herr aber führte sie zum Altare hin und sagte dann zu ihnen: „Es kann ein Mensch ja in einen Zustand kommen, wo er billigermaßen aus der Not eine Tugend machen kann, ja manchmal sogar muß. Desgleichen können ja auch wir nun tun! [HGt.03_061,12] Sehet, die Rundstaffelei um den Altar ist zwar nicht bestimmt, daß man darauf sitzen soll; aber da hier durchaus keine anderen Ruhe- und Sitzbänke angefertigt sind, so setzen wir uns denn samt und sämtlich auf diese Rundstaffelei, und zwar mit den Gesichtern gegen Morgen gewendet, und wir haben da dann aus der leeren Zierstaffelei eine nützliche Ruhe- und Sitzbank gemacht. [HGt.03_061,13] Und wer kann uns dagegen etwas einwenden?! Denn wir selbst sind es ja, für die der Tempel samt dem Altare und seiner Staffelei erbaut ist; so wird es uns doch etwa auch nun freistehen, den Tempel zu benützen, wozu es uns beliebt! Was meinst du, Lamech, habe Ich recht oder nicht?“ [HGt.03_061,14] Und der Lamech erwiderte: „O Herr, Du lieber, guter Vater! Dein Wille ist ja allein heilig und macht mir die allerhöchste Freude; daher geschehe ja allezeit, wie es dir am meisten wohlgefällt! [HGt.03_061,15] O Herr und Vater in aller Deiner endlosen Milde und Sanftmut, wolle nun nur auch bestimmen, in welcher gerechten Ordnung wir uns um Dich oder zu Dir eben setzen sollen, auf daß auch in diesem Punkte Dein Wille erfüllt werden möchte!“ [HGt.03_061,16] Und der Herr sagte zum Lamech: „Du bist noch sehr stark ein Hofmann und weißt dir nun aus lauter Zeremonie nicht zu helfen! [HGt.03_061,17] Ich aber sage dir: Siehe einmal so recht aufmerksam die Kinder eines seine Kinderchen mächtig liebenden Familienvaters an! Was tun wohl diese, wenn der Vater nach Hause kommt? [HGt.03_061,18] Siehe, sie laufen alle, was sie können, dem lieben, guten Vater entgegen, und das nächste und flinkste fällt zuerst in aller Liebe über den Vater her, und dann die anderen, wie es ihnen ihre Füße gestatten. [HGt.03_061,19] Das jüngste bleibt freilich wohl zurück; aber der gute Vater sieht es mit pochendem Herzen ihm entgegentrippeln, und wenn es in seine Nähe kommt, da geht er ihm heißen Herzens entgegen, nimmt es alsbald auf seine Arme, drückt es an seine Brust und küßt und kost es nach seiner großen Herzenslust. [HGt.03_061,20] Siehe, Mein Lamech, gerade also ist auch Meine göttliche und himmlische Hausordnung und Hofsitte bestellt! Wer zuerst kommt, der mahlt auch zuerst; und den Letzten und Schwächsten will Ich auf Meine Arme nehmen und will ihn kosen und herzen über die Maßen, darum er auch in seiner Schwäche den Vater erkannt hat und dann mit schwachen Füßen Mir, dem lieben, guten Vater, entgegeneilte! [HGt.03_061,21] Und also tuet auch ihr, und fraget nicht nach der Rangordnung, so werde Ich als der wahre Vater an euch, Meinen Kindlein, die rechte Freude haben! [HGt.03_061,22] Sehet, Ich habe Mich schon gesetzt; also setzet ihr euch auch zu Mir!“ [HGt.03_061,23] Hier fielen alle drei vor mächtiger Liebe über den Vater her, und der Vater sprach: „So ist es recht; das ist die wahre Ordnung der Himmel! In dieser verbleibet fürder allzeit und ewig! Amen.“ 62. Kapitel — Die polarische innere Bauordnung der Erde und aller organischer Körper als Gleichnis für die vom Herrn gewählte Sitzordnung[HGt.03_062,01] Darauf nahmen alle Platz an der Seite des Herrn, und zwar der Henoch und der Lamech aus der Höhe auf der rechten und der Lamech der Tiefe auf der linken Seite; und der Herr sprach darauf: [HGt.03_062,02] „Sehet nun, ihr Meine auserwählten Kinder, also sitzen wir lang gut, und das in der schönsten Ordnung noch obendarauf! [HGt.03_062,03] Solches sehet ihr alle drei nun freilich noch nicht so ganz recht gut ein; aber wir haben nun ja eben die schönste Muße und können uns von allerlei Dingen unterhalten! Also werden wir bis zum völligen Aufgange der Sonne auch noch so manches besprechen können, und somit auch diese gute Ordnung unseres Sitzens. [HGt.03_062,04] Ich sehe aber schon, daß da Mein Lamech zu Meiner Linken zufolge seines noch nicht völlig erloschenen hofmännischen Sinnes den Grund der gut gewählten Sitzordnung alsbald erfahren möchte. Was ist es denn, oder was wird's denn sein? Wir können sie ja sogleich vor unsere Augen führen; und so höret mich denn an! [HGt.03_062,05] Sehet, die Erde, die ihr da bewohnet, ist ein runder Körper! Dieser ist auf seiner Oberfläche unempfindlich; aber sein Inneres ist ein organischer, lebensfähiger Bau und lebt auch gleich einem Tiere. [HGt.03_062,06] Da aber zum Leben vor allem ein Mittelpunkt oder vielmehr ein Anziehungspunkt, also ein Schwerpunkt, auf den sich zufolge seiner Anziehungskraft alles hindrängt und durch eben dieses Hindrängen diesen Punkt notwendig erregt, erhitzt und entzündet, notwendig ist, so hat auch diese Erde, wie noch zahllose andere in Meinem endlosen Schöpfungsraume samt den Sonnen und Monden, einen solchen Mittelpunkt, der da völlig gleich ist dem Herzen der Tiere, wie auch der Menschen in ihrer naturmäßigen Sphäre. [HGt.03_062,07] Aber der sogenannte Mittelpunkt darf weder bei den Tieren, noch somit auch bei den Menschen und bei den Weltkörpern genau in der Mitte ihrer gesamten organischen Masse sich befinden, sondern muß sich ungefähr allzeit in dem dreivierten Teile derselben aufhalten, damit er nicht völlig erdrückt und dadurch unregungsfähig werde. [HGt.03_062,08] Befindet er sich aber allzeit und überall außerhalb des eigentlichen Masseschwerpunktes oder ihrer eigentlichen Mitte, so kann die Hauptschwere nicht von allen Seiten auf ihn einwirken, und er hat dann einen freien Spielraum und kann sich ungehinderter regen. Denn wird er von der großen Masseseite her zu sehr gedrückt, da kann er sich flüchten in die kleine und somit auch leichtere Masseseite. [HGt.03_062,09] Wenn aber die Hauptmasse zufolge der ihr notwendig innewohnenden Trägheit und der ihr ganz natürlich eigenen Schwere sich dennoch nicht zu sehr über ihre Massenschwermitte erheben kann, sondern gar bald wieder von ihrem Bestreben abstehen und sich dann, durch sich selbst genötigt, wieder in ihre Massenschwermitte begeben muß, da hat dann der eigentliche erregbare Schwerpunkt wieder einen freien Rücktritt und regt dann durch seine ihm eigentümliche Anziehungskraft wieder den trägen Massenschwerpunkt an, der sich dann wieder hin nach dem Hauptanziehungspunkte drängt, welcher aber, sobald ihm des Andranges zu viel wird, sich sogleich wieder auf seine leichte oder kleine Seite begibt. [HGt.03_062,10] Durch solch stets, freilich wohl nur sehr mechanisch einförmiges Hin- und Herbewegen wird dann das sogenannte naturmäßig tierisch-organische Leben zuwege gebracht. [HGt.03_062,11] Und ist also die bewegende Kraft in einem Organismus bewerkstelligt, so teilt sich dann diese von selbst der ganzen Masse mit, erregt dieselbe mehr oder weniger, und ein ganzer Organismus wird dann dadurch belebt und kann nach der Art seiner Belebung verwendet werden. [HGt.03_062,12] Es gehört von Meiner Seite freilich wohl alles dazu, und Ich muß zuvor den ganzen Massenorganismus bauen von Punkt zu Punkt und muß ihn also, wie beschrieben, erst nach und nach einrichten. [HGt.03_062,13] Ist er einmal also zweckmäßigst eingerichtet, dann lebt der Organismus fort, solange Ich ihm die nötige Nahrung geben will; entziehe Ich ihm aber diese, so wird er dann bald schwach und träge, fällt dann bald übereinander, erdrückt sich und verzehrt sich dann eben also wieder von Punkt zu Punkt, wie er ehedem gestaltet wurde, zerfällt endlich ganz und gar und kehrt als eine völlig aufgelöste Willenssubstanz geistig in Mich zurück. [HGt.03_062,14] Sehet, das ist so eine Grundlinie Meines organischen Bauplanes! Sie wird euch erst im Lichte eures eigenen Geistes nach und nach klarer werden, und ihr brauchet daraus nun nicht mehr zu ersehen als das nur, daß da unsere gegenwärtige Sitzordnung genau dieser Meiner Schöpfungsbauordnung völlig entspricht. Wie aber, – das wird sich sogleich zeigen! [HGt.03_062,15] Sehet, Ich bin ja der Hauptlebens- und Anziehungspunkt der ganzen Unendlichkeit; ihr aber seid Meine Organe zur Aufnahme des Lebens aus Mir! – Sage Mir aber, du Mein Lamech, sitze Ich nun genau in der Mitte unter euch?“ [HGt.03_062,16] Hier stutzte der Lamech und sagte: „Nein, o Herr und Vater! Denn bei vier Personen ist solches ja unmöglich; sondern siehe, die Mitte wäre nur da zwischen Dir und dem Henoch!“ [HGt.03_062,17] Und der Herr sagte darauf: „Siehe, darum ist das eine rechte und gute Ordnung, da Ich als der Grund alles Lebens und Regens im dreiviertel Teile der Mitte unter euch Mich befinde und du sonach den kleineren und leichteren Nordpol und der Henoch und der Lamech aber den schweren und viel größeren Südpol darstellen! [HGt.03_062,18] Und so denn wollen wir uns auch gegenseitig ziehen und erregen durch allerlei große Betrachtungen in der endlosen Sphäre des Lebens! [HGt.03_062,19] Wer da etwas ganz Besonderes weiß, der gebe es kund, und wir werden uns darüber gegenseitig etwa wohl verständigen können! Das ist Meine geringste Sorge, – und so kannst du, Lamech, sogleich einen Anfang machen! Amen.“ 63. Kapitel — Von der Vielweiberei. Die göttliche Ehe- und Zeugungsordnung[HGt.03_063,01] Der Lamech aber bedachte sich nicht lange und kam bald mit folgender Frage zum Vorschein, welche also lautete: [HGt.03_063,02] „O Herr, Du allerbester, liebevollster, heiliger Vater! Da Du mir schon die große Gnade erwiesen hast dadurch, daß Du mich beriefst, zu reden vor Dir und Dich zu fragen nach allerlei unbekannten Dingen, so getraue ich mir denn nun auch, einen vollkommenen Gebrauch von dieser endlos großen Gnade zu machen. [HGt.03_063,03] Siehe, gar oft habe ich so bei mir bedacht, ob es wohl recht und billig ist vor Dir, so da ein Mann mehrere Weiber nimmt! [HGt.03_063,04] Die Natur spricht zwar dafür, indem der Mann nahezu Tag für Tag zeugungsfähig ist; das Weib aber kann im Jahre im Grunde genommen doch nur einmal empfangen! [HGt.03_063,05] Wenn man dieses Verhältnis so recht beim Lichte des billigenden Verstandes betrachtet, da erscheint die Vielweiberei als vollkommen der Natur und der Sache angemessen zu sein, indem dadurch die Bevölkerung nur gewinnen, aber nie verlieren kann. [HGt.03_063,06] Aber betrachtet man dagegen wieder das stets gleiche Verhältnis hinsichtlich der Zahl der Individuen, da zeigt es sich wieder, als hättest Du es dennoch nicht also bestimmt, indem die Anzahl der Weiber hier und da nicht selten kleiner ist als die Anzahl der Männer; hier und da ist sie ganz gleich, nur sehr selten hier und da um ein ganz unbedeutendes größer als die Anzahl der Männer. [HGt.03_063,07] Dieses Verhältnis aber widerspricht doch offenbar dem ersten, wennschon vom Verstande aus zu billigenden Bedürfnisse der Natur; denn lasse ich die Vielweiberei völlig zu, da stehen sogleich tausend Männer als weiberlos da, die aber dennoch so gut zeugungsfähig sind wie diejenigen, die da viele Weiber besitzen. [HGt.03_063,08] Lasse ich aber die Vielweiberei nicht zu, da kann gerechtermaßen der nahezu tagtäglich zeugungsfähige Mann im Jahre nur einmal zeugen, was aber dennoch mit des Mannes Natur im starken Widerspruche zu stehen scheint. – O Herr, da möchte ich vor allem ein rechtes Licht haben!“ [HGt.03_063,09] Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech: „Siehe, das ist eine recht gute und wahrhaft weise Frage, und eine vollkommene Antwort auf diese Frage darf dem wahren Führer eines so zahlreichen Volkes durchaus nicht fehlen; und so höre denn, Ich will dir auf deine weise Frage eine rechte Antwort geben: [HGt.03_063,10] Siehe, wäre die Vielweiberei in Meiner Ordnung, so hätte Ich sicher im Anfange schon, als Ich den Adam als den ersten Menschen der Erde geschaffen hatte, welcher auf der Höhe noch zur Stunde lebt und noch etliche Jahre fortleben wird, für diesen ersten Menschen dreihundert und etliche sechzig Weiber erschaffen, auf daß er sein tägliches Zeugungsvermögen hätte in die natürliche Anwendung bringen können! [HGt.03_063,11] Aber siehe, Ich erschuf ihm nur ein Weib, und in dieser Anzahl gebe Ich noch bis zur Stunde für ein männlich Wesen nur ein weibliches; und daraus kannst du alsbald gar leicht den guten Schluß ziehen, daß dem Manne von Mir aus nur ein Weib bestimmt ist trotz seiner reichhaltigeren Zeugungsfähigkeit. [HGt.03_063,12] Was aber diese betrifft, so ist sie nicht gegeben der Vielzeugerei, sondern nur der kräftigen Zeugerei wegen; und so kann ein Mann mit einem Weibe zwar wenigere, aber dafür desto kräftigere Kinder zeugen, während bei der Vielzeugerei nur die größten und unreifsten Schwächlinge zum Vorscheine kommen können. [HGt.03_063,13] Denn jeder Same wird eine schlechte oder gar keine Frucht erwecken, so er nicht vorher zur vollen Reife gelangt ist. [HGt.03_063,14] Also ist es auch bei dem Menschen um so mehr der Fall, wo es sich doch um die Erweckung der alleredelsten Frucht handelt. [HGt.03_063,15] Also bleibe es bei einem Weibe, und dieses tut genug, wenn es alle drei Jahre nur eine Frucht ausreift. – Verstehst du solches?“ 64. Kapitel — Von dem Verlangen des Mannes nach dem Besitze vieler schöner Weiber. Die Ausreifung der Gefühlskräfte des Menschen in der Liebe zum Herrn[HGt.03_064,01] Und der Lamech, überaus erfreut über diese gar wichtige Belehrung, fragte weiter und sagte zum Herrn: [HGt.03_064,02] „O Herr und Vater, solches muß richtig sein; ich sehe es nun ganz klar ein, daß da Deiner heiligen Ordnung gemäß ein Mann nur ein Weib haben soll. [HGt.03_064,03] Aber während Deiner heiligen Belehrung ist mir ein neuer Punkt eingefallen, der wenigstens scheinbarer Weise von einer gewissen geistig-moralischen Seite her betrachtet bei so manchem den Grund für die Vielweiberei setzen möchte. [HGt.03_064,04] Ich als ein von Dir gestellter Führer aber hätte dafür aus der beschränkten Sphäre meiner Erkenntnis fürwahr kein Wort, um diesen Grund als gänzlich falsch zu bezeigen! Darum will ich Dir diesen gefährlichen Punkt ganz ohne den geringsten Vorhalt kundgeben; denn Du hast es mir ja allergnädigst erlaubt zu reden, und so will ich denn nun auch reden vor Dir, was mir nur immer meine geringste Erkenntnis geben wird!“ [HGt.03_064,05] Und der Herr sagte da, den Lamech ein wenig unterbrechend: „Du hast recht, so du solches tust, aber nur mache nicht zu viele Worte und Vorentschuldigungen, denn die Zeit ist kostbar, und Ich bin dazu ja nicht wie ein törichter Mensch, zu dem man mit tausend Vorworten kommen muß, bis er etwas faßt! [HGt.03_064,06] Daher mache keine Umstände und komme nur allzeit sogleich mit der Hauptsache heraus; denn ich weiß ja schon seit gar lange her, um was du Mich nun fragen wirst! Daher hast du es ja leicht, zu reden, da du das bei Mir doch sicher voraussetzen kannst, daß Ich dich sicher ganz vom Grunde aus verstehen werde. [HGt.03_064,07] Und so gib Mir denn kund deinen noch bedenklichen Punkt, – aber ohne erläuternde Umstände, deren Ich wenigstens nicht vonnöten habe, um einen Vortrag zu fassen! Und so rede denn nun mutig darauf los!“ [HGt.03_064,08] Und der Lamech, ein wenig gedemütigt durch diese kurze züngliche Zurechtweisung, gab alsbald ganz kurz seinen fraglichen Punkt von sich, welcher also lautete: [HGt.03_064,09] „Der Mann aber hat ein Gefühl, demzufolge er nicht nur ein, sondern viele Weiber ergreift; und dieses Gefühl ist ein wahrer Nimmersatt. Denn so da schon jemand hätte zwei, drei und noch mehrere der schönsten Weiber, käme aber dann an einen Ort, da es noch hundert wieder anders geformt schöne Weiber gibt, siehe, da drängt es ihn alsbald gewaltigst, daß er sich auch in den Besitz dieser hundert setzen möchte! [HGt.03_064,10] Da aber anderseits nicht der Mensch sein Schöpfer, sondern nur Du es bist, warum denn solch ein Trieb dann in ihm, der Deiner Ordnung zufolge nicht realisiert werden darf? Hat doch der Mensch sich solch einen gefährlichen Trieb nicht selbst gegeben?!“ [HGt.03_064,11] Und der Herr erwiderte darauf: „Siehe, da verhält es sich mit dem Gefühlsreichtume gerade also, wie es sich verhält mit der reichen Ausstattung der Zeugungsfähigkeit. [HGt.03_064,12] Das Gefühl, welches sich als ein mächtiger Zug oder Trieb im Herzen ausspricht, ist ebenfalls eine reiche Zeugungsfähigkeit, im Geiste aber nur. [HGt.03_064,13] Wenn aber der Mann ein geiler ist und seinen Samen auf den Gassen und Straßen verstreut, sage Mir, wird so ein grundgeschwächter Mann wohl je mit seinem aus- und durchgewässerten Zeugungsvermögen selbst mit einem wohl fruchtbaren Weibe mehr eine Frucht von gerechtem Maße zu zeugen imstande sein? [HGt.03_064,14] Siehe, das wird er nicht! Denn aus den Trebern preßt man keinen geistigen Saft mehr. [HGt.03_064,15] Also aber steht es auch mit dem Gefühlsreichtume: Der Mann sammle nur sein Gefühl im Herzen und kehre es dann zu Mir; und wenn es die gerechte Kraftreife wird erlangt haben, dann wird er in Mir, dem Urgrunde aller Dinge und somit auch aller noch so schönen Weiber, den allergenügendsten und allerbefriedigendsten Ersatz finden und wird dann mit diesem kraftvollsten Gefühle ein Weib in aller gerechten Kraft lieben können, und es wird ihn das Weib seines Nachbars auch nimmer anfechten. [HGt.03_064,16] Solches also aber wisse, daß auf dieser Welt alles im Menschen nur eine auszubildende Anlage ist für einen endlos erhabenen ewigen Zweck; daher soll er von den in sich wahrgenommenen Kräften nicht eher einen Gebrauch machen, als bis sie zur Vollreife gelangt sind. [HGt.03_064,17] Wie aber die Früchte der Erde nur im Lichte der Sonne reifen, also reifen auch die geistigen Kräfte des Menschen in Meinem Lichte nur. [HGt.03_064,18] Daher soll jeder Mensch seine Kräfte auf Mich hinwenden, so wird er ein vollkommen reifer, mächtiger Mensch werden in Meiner Ordnung. Wer aber das nicht tut, der ist selbst schuldig an seinem Tode. – Verstehst du das?“ 65. Kapitel — Das Gleichnis vom Tautröpfchen. Vom Entwicklungsverlauf der Seele[HGt.03_065,01] Auf die Frage aber, ob er solches verstünde, erwiderte der Lamech: „O Herr, wie sollte ich es nicht verstehen, da Du als das Licht alles Lichtes, die Sonne aller Sonnen mich durchleuchtest wie die Morgensonne einen bebenden Tautropfen, der sich da an der Spitze eines Grasblättchens von einem erheiternden Morgenhauche sanft schaukeln läßt?! [HGt.03_065,02] Das Tröpfchen ist gleich mir wohl ein unbedeutendes flüchtiges Ding in Deiner endlos großen Schöpfungen Reihe; aber wenn es da ist, so nimmt es doch die Sonne so gut in sich auf als mein Auge und strahlt in seinem engen Kreise um sich herum wie eine kleine Sonne und erquickt mit seinem Lichte seine kleine Umgebung, seine kleine Welt, wie da erquickt ein weiser Mensch seine noch minder weisen Brüder. [HGt.03_065,03] Und so glaube denn auch ich hier gleich einem solchen Tautröpfchen zu sein. Ich bin von Deinem Lichte durchleuchtet und habe Dich insoweit erfaßt, als es mir zufolge meiner geschöpflichen Geringheit vor Dir, großer, allmächtiger Schöpfer, möglich ist und insoweit solches mir Dein allmächtiger heiliger Wille gestattet; und ich meine nun auch in diesem Deinem Lichte in mir, daß ich mit dieser Gnade meine Umgebung vielfach werde erquicken können. [HGt.03_065,04] Aber so ich dadurch sagen möchte: ,Herr, ich habe Deine strahlenden Worte ganz begriffen!‘, da müßte ich doch wohl noch für einen bei weitem größeren Toren gehalten werden, als so ich im Ernste behaupten möchte, ein Tautröpfchen hätte die ganze wirkliche Sonne in sich aufgenommen, weil es mit ihrem Lichte buntschimmernd widerstrahlt. [HGt.03_065,05] Du, o Herr, aber wirst am besten wissen, wieviel mir zu einem völligeren Erfassen Deiner heiligen Worte mangelt; darum bitte ich Dich: erleuchte mich nach meinem Bedürfnisse!“ [HGt.03_065,06] Und der Herr belobte den Lamech ob seiner schönen Antwort und der guten Rede wegen, in der viel Weisheit zugrunde läge, und richtete nach solcher Belobung folgende Worte an ihn: [HGt.03_065,07] „Das Tröpfchen aber, mit dem du dich verglichest, ist so unbedeutend nicht und nicht also vergänglich, wie es dir vorkommt. [HGt.03_065,08] Siehe, das Tautröpfchen lebt, gibt Leben seiner kleinen Welt und wird in eben dieser Lebensspende selbst als ein sich selbst vervollkommnendes Leben von einem schon höher stehenden Lebensgrade aufgenommen, in dem es dann zur stets mächtiger wirkenden Seele wird, welche Seele dann nimmer stirbt, sondern stets wachsend und stille fortschreitend sich durch die Wesenreihe bewegt, bis sie ans Ziel gelangt ist, aufzunehmen höhere Strahlen aus der Sonne, die dich jetzt heißliebend bestrahlt! [HGt.03_065,09] Du hast gehört noch aus der Weisheit Faraks: Als aber Gott den ersten Menschen gebildet hatte aus dem Lehm der Erde, da hauchte Er ihm dann eine lebendige Seele in seine Nüstern, und da ward der Mensch eine lebendige Seele vor Gott, seinem Schöpfer. [HGt.03_065,10] Siehe, dieser Hauch weht noch fortwährend über und durch die ganze Erde hin, welche samt und sämtlich sich im Adam verjüngt darstellt, und erweckt allzeit zahllose lebendige Seelen für künftige Menschen! [HGt.03_065,11] Und siehe, diese Menschen sind das Ziel des Tautröpfchens; in ihnen erst wird es befähigt, höhere Strahlen gerade auf die Weise, wie es nun bei dir der Fall ist, aufzunehmen aus der Sonne des ewigen Lebens, welches von keiner anderen Wesenreihe mehr eingesogen wird. [HGt.03_065,12] Also ist denn auch die ganze Erde wie ein Mensch, und ihr Bestand sind die Seelen, die einst schon, mit Meinem Geiste gebunden, da waren. Aber sie hielten die Probe noch nicht; darum werden sie nun neu im großen Mutterleibe der Erde ausgezeitigt und sodann erweckt zum neuen Leben durch Meinen Hauch. [HGt.03_065,13] Solches wirst du wohl kaum verstehen; aber es ist solches auch zum Leben nicht vonnöten. [HGt.03_065,14] Willst du aber Näheres darüber zu deinem Frommen, da hast du das Recht zu fragen. Und so frage denn, was du willst, und Ich will dich erleuchten in allen Winkeln deines Lebens! So du aber fragst, da mache nicht viele Worte! Amen.“ 66. Kapitel — Lamechs Staunen über die Weisheit des Herrn. Die Gnade der Demütigung der menschlichen Weisheit[HGt.03_066,01] Als der Lamech aber solche Worte aus dem Munde des Herrn vernommen hatte, da schlug er sich auf die Brust und sagte dann: [HGt.03_066,02] „O Herr, jetzt ist der Lamech stumm geworden in seinem Verstande und weiß nichts mehr zu reden und zu fragen; denn eine zu geheimnisvollste und übertiefst verborgene Sache hast Du nun berührt, in die mein Schneckenauge nimmer zu blicken vermag. [HGt.03_066,03] Und wahrlich wahr, ich erschaudere nun vor Deiner zu endlosen Weisheitstiefe und habe daher durchaus keinen Mut mehr, Dich um etwas zu fragen! Denn Du könntest mir eine noch tiefere Antwort geben, und ich würde dann zugrunde gehen vor Dir und vor dem gesamten Volke! Daher soll Dich ein anderer nun an meiner Statt um etwas fragen! [HGt.03_066,04] Es ist zwar an und für sich das höchst Angenehmste und das Größte, von Dir, dem Schöpfer Selbst, über Deine großen Wunderschöpfungen belehrt zu werden; aber wenn Du, o Herr, das noch ganz blinde Geschöpf zu sehr auf einmal in die grellsten Strahlen Deines unendlich mächtigst stärksten Lichtes setzest, so fühlt man dann nur zu schmerzlich stark den eigenen Lichtmangel. [HGt.03_066,05] Zu wissen, daß man gegen Dich in jeder Hinsicht ein reines Nichts ist, ist erträglich; aber solches in Deinem allermächtigst hellsten Lichte zu fühlen und lebendig zu empfinden, ist unerträglich. Daher getraue ich mich nun nicht mehr, Dich um etwas Weiteres zu fragen, da ich nur zu sehr meine völligste Nichtigkeit vor Dir einsehe.“ [HGt.03_066,06] Und der Herr sagte darauf zum Lamech: „Höre, eben das ist der eigentliche Hauptgrund aber auch, warum Ich dir nun tiefst verborgene Dinge kundtue, daß du dadurch so recht vom ganzen Herzen sollest gedemütigt werden und alle deine Weisheit und Einsicht gefangennehmen und sie Mir zu Füßen legen! [HGt.03_066,07] Denn solange du noch auch nur mit einem allerkleinsten Fünkchen eigener Weisheit prunken möchtest, kannst du nicht in Meine Weisheit eingehen; und gäbe Ich sie dir wie aufgedrungen, so würde sie dich zerstören und vernichten, gleich wie da ein entzündetes Steinsalz alles zerstört, was es umschließt. [HGt.03_066,08] Daher mußt du vorher ganz ätherisch gereinigt vor Mir stehen durch deine Demütigung, ehe du fähig wirst, Mein Licht in dir zu ertragen. [HGt.03_066,09] Siehe, dieser Tempel ist ja der Weisheit aus Mir erbaut; aber er konnte eher nicht erbaut werden auf dieser lichten Höhe, als bis er gereinigt ward von allem unsauberen Geschmeiße. [HGt.03_066,10] Geradeso aber kann auch Mein lebendiger Tempel Meiner Weisheit nicht eher in dir errichtet werden, bis du nicht völlig gereinigt hast deinen eigenen Weisheitsberg in dir. [HGt.03_066,11] Frohlocke daher, wenn dich Mein Licht zu drücken anfängt; denn da bist du nahe daran, all das Deine Mir zu übergeben und dafür das Meine in dir aufzunehmen! [HGt.03_066,12] Siehe, es geht mit dieser Sache des Geistes beinahe gerade also wie mit den Zähnen, welche so ganz eigentlich das Symbol der Weisheit sind: [HGt.03_066,13] Die Milchzähne, die das Kind mit Schmerzen überkam, müssen wieder etwas schmerzlich vertilgt werden, wenn die starken Manneszähne kommen; denn sie waren nur Wegmacher für die Manneszähne. [HGt.03_066,14] Also muß aber auch alle deine frühere Weisheit aus dir, bis du dann erst die Meinige, ewig mächtige in dir aufnehmen kannst! [HGt.03_066,15] Und so denn kannst du schon fragen voll Mut und dich demütigen in Meinem Lichte, auf daß du dadurch fähig wirst, Mein reinstes Licht in dir aufzunehmen! Ich sehe aber, daß du Mich nun recht wohl verstanden hast; so getraue dich denn auch wieder, Mich um etwas zu fragen! Frage aber, um was du willst, und Ich werde dir antworten! Amen.“ 67. Kapitel — Der Ursprung und das Wesen des Bösen[HGt.03_067,01] Nach dieser überaus tief und lebendig belehrenden Rede des Herrn bekam der Lamech wieder Mut und sagte zum von ihm nun über alles geliebten Herrn: [HGt.03_067,02] „O Herr und allerheiligster Vater, wenn es also ist, da will ich Dich ja fragen mein Leben lang, und es wird mir nicht mehr bange werden, so Du, um mich zu demütigen, mir noch so tiefe Antworten darüber erteilen möchtest! [HGt.03_067,03] Und so habe ich denn nun auch schon wieder eine meines Erachtens gar tüchtige Frage in Bereitschaft! Willst Du, o Herr, sie vernehmen, da möchte ich sie sogleich losgeben!“ [HGt.03_067,04] Und der Herr sagte zu ihm ganz sanften Tones: „Warum willst du denn allzeit eine dreifache Erlaubnis, bevor du dich zu reden getraust? [HGt.03_067,05] Ich sage dir, rede! Denn in Meiner Rede habe Ich es dir ja gesagt, daß du fragen kannst, um was du nur immer willst, und Ich werde dich darüber erleuchten! Wozu sollte da noch eine zweite und dritte Erlaubnis vonnöten sein?! Also rede, wie dir das Herz und die Zunge gewachsen ist!“ [HGt.03_067,06] Diese Worte öffneten dem Lamech völlig den Mund, und er kam sogleich mit folgender Frage zum Vorschein und sprach: [HGt.03_067,07] „Herr, Du warst von Ewigkeit her vollkommen und endlos überaus gut in Deinem Sein, und das durch Dein ganzes Wesen, und außer Dir war ewig in Deiner ganzen Unendlichkeit nichts als nur Du allein. [HGt.03_067,08] Als Du aber wolltest Engel, Himmel und Welten und Menschen erschaffen, da bedurftest Du keines Stoffes, sondern Dein allmächtiger Wille, verbunden mit Deinen allerweisesten, heilig-erhabensten Ideen und Gedanken, war allein allzeit und wird ewig sein der Grund Deiner ganzen unendlichen Schöpfung. [HGt.03_067,09] Da ich mir aber doch unmöglich denken kann, daß in Dir je eine arge Idee oder gar irgendein nur dem Anscheine nach böser Gedanke stattgefunden hat, so möchte ich denn doch erfahren von Dir, woher denn so ganz eigentlich das Böse des Satans und somit auch das Arge und Schlimme in uns Menschen kam. Woher die Sünde, woher der Zorn, woher der Neid, woher die Rache, woher die Herrschsucht, und woher die Hurerei?“ [HGt.03_067,10] Und der Herr erwiderte darauf dem Lamech: „Mein lieber Lamech, diese deine Frage klingt zwar wie eine großartig weise; aber Ich sage dir: sie ist sehr menschlich! [HGt.03_067,11] Ich will dir aber dennoch eine Antwort darauf geben und lösen deine Frage, obschon du heimlich meintest, Mir eine Frage dadurch zu geben, mit deren Beantwortung es Mir Selbst ein wenig bedenklich gehen möchte, und so höre denn: [HGt.03_067,12] In Meinem Angesichtsbündel gibt es durchaus nichts Böses, sondern nur Unterschiede in der Wirkung Meines Willens; und dieser ist in der Hölle wie im Himmel, im Schaffen wie im Zerstören gleich gut. [HGt.03_067,13] Aber im Angesichtsbündel der Geschöpfe ist nur eines als gut zu betrachten und zu stellen, das heißt: der Verhältnisteil der Bejahung allein nur ist als gut zu betrachten und zu stellen, unter dem das Geschöpf bestehen kann neben Mir und in Mir, und das ist der erhaltende oder stets schaffende Teil aus Mir, – der auflösende oder zerstörend herrschende mächtige Teil aber als böse im Anbetrachte des Geschöpfes, weil es im selben neben Mir und in Mir nicht als existierbar gedacht werden kann. [HGt.03_067,14] In Mir also ist das Ja wie das Nein gleich gut; denn im Ja schaffe Ich, und im Nein ordne und leite Ich alles. [HGt.03_067,15] Aber fürs Geschöpf ist nur das Ja gut und böse das Nein, und das so lange, bis es nicht völlig eins im Ja mit Mir geworden ist, allwo es dann auch im Nein wird bestehen können. [HGt.03_067,16] Sonach gibt es für Mich keinen Satan und keine Hölle, – wohl aber im Anbetrachte seiner selbst und der Menschen dieser Erde, weil es sich hier um die Bildung Meiner Kinder handelt. [HGt.03_067,17] Es gibt noch zahllose andere Welten, auf denen man den Satan nicht kennt und somit auch das Nein nicht, sondern allein nur das Ja in seinen Verhältnissen. [HGt.03_067,18] Siehe, so stehen die Dinge! Die Erde ist eine Kinderstube, und so gibt es auf ihr auch allzeit viel Geschrei und blinden Lärm; aber Ich schaue das mit anderen Augen als du, ein Mensch dieser Erde. [HGt.03_067,19] Verstehst du solches? – Rede, wieviel davon du verstehst! Amen.“ 68. Kapitel — Lamechs Verstummen vor der Heiligkeit Gottes. Die Grenzen der Allmacht Gottes. Die Überbrückung der Kluft zwischen Gott und Mensch durch das Gnadenverhältnis von Vater und Kind[HGt.03_068,01] Der Lamech aber erwiderte auf diese lehrreiche Antwort des Herrn: „O Herr, Du allerbester, heiliger Vater! Wenn es auf mein Verständnis ankäme, so gäbe es da über diesen Punkt, das heißt für mich, noch gar vieles zu fragen! [HGt.03_068,02] Aber da ist ja der Henoch und mein Namensgefährte aus der Höhe; diese haben Dich, o heiliger Vater, sicher besser verstanden als ich und werden mir daher, so es nötig sein sollte, bei irgendeiner Gelegenheit schon das Notwendigste mitteilen darüber. [HGt.03_068,03] Und so habe ich meine Unwürdigkeit vor Dir, o Herr, zu reden, erschaut und will mich nicht mehr getrauen, Dich weiter darüber zu fragen; nicht aber etwa Deiner endlosen Weisheit halber, sondern weil Du heilig bist, überheilig. [HGt.03_068,04] Ich empfand aber solches anfangs nicht so sehr; aber da ich mich in Deiner Weisheit so recht vom Grunde aus gedemütigt habe, so fällt mir nun Deine endlose Heiligkeit auf, und ich bin von ihrer göttlichen Schwere gedrückt bis in den allertiefsten und allerfinstersten Abgrund!“ [HGt.03_068,05] Hier verstummte der Lamech im Ernste; denn er hatte während der Rede des Herrn erst so recht vom Grunde des Grundes zu fühlen und somit lebendig einzusehen angefangen, was Gott ist in Seinem Wesen, und was dagegen der geschaffene Mensch in dem seinigen. [HGt.03_068,06] Und er bedachte bei sich, wie so ganz und gar in allen Teilen der Mensch abhängt von Gott und aus eigener Kraft nicht einmal imstande ist, auch nur einen Atemzug zu tun, geschweige erst einen freien Gedanken in sich zu schöpfen, und bedachte aber auch dabei noch hinzu daß eben dieser allmächtige, heilige, ewige Gott nun an seiner Seite sich befindet und mit ihm redet. [HGt.03_068,07] Daher ward er denn auch so sehr betroffen und gedemütigt, daß er sich darum nicht mehr weiter zu reden getraute. [HGt.03_068,08] Aber der Herr merkte gar bald solche Verlegenheit Lamechs und sagte darauf zu ihm: „Höre Mich an, Mein Sohn Lamech! Kann Ich denn etwas darum, daß Ich Gott von Ewigkeit bin, lebendig aus Mir Selbst, und du ein Geschöpf aus Mir? Ist es möglich wohl, dieses Verhältnis zu ändern? Kannst du ein ewiger Gott und Ich dein Geschöpf werden? Siehe, das sind Dinge, die auch Mir unmöglich sind! [HGt.03_068,09] Ich so wenig als du werden ewig je imstande sein, diese Ordnung umzukehren; denn wäre es möglich, daß Ich Mich herabwinden könnte zu einem puren Geschöpfe, so würde im Augenblicke, als Ich die ewige Gottheit ablegte, um sie dir einzuräumen, die ganze Schöpfung samt dir zugrunde gehen bis auf das allerletzte Atom. [HGt.03_068,10] Wenn aber solches sich ereignete, was hättest du dann von solcher Veränderung, und was bliebe Mir wohl noch übrig dann? – Du wärest nicht mehr; Ich aber müßte wieder die Gottheit anziehen, und so Ich wieder Wesen um Mich haben wollte, da müßte Ich sie von neuem wieder erschaffen und dich selbst wieder ins Dasein hervorrufen, so Ich doch sicher wollte, daß du seiest an Meiner Seite! [HGt.03_068,11] Ich meine aber, du wirst solches nun einsehen, was da möglich und was da unter den Bedingungen Meiner ewigen Ordnung unmöglich ist, und wirst auch einsehen, daß Ich als der ewig unwandelbare Gott sicher alles Mögliche aufbiete, um Mich Meinen Geschöpfen und aus ihnen hervorgehenden Kindern also zu nahen und alle Klüfte zwischen Mir und ihnen so sehr auszufüllen, daß sie mit Mir wie mit ihresgleichen umgehen können und von Mir Selbst lernen können ihre ewige lebendige Bestimmung, in welcher dann zwischen Mir und ihnen bloß nur ein moralischer Unterschied obwalten sollte, demzufolge sie aber eben zu vollkommen eigenen Herren in Mir und neben Mir sein sollten ewig. [HGt.03_068,12] Wenn die Sache sich aber doch notwendigst also verhält, da sehe Ich denn schon wieder nicht ein, wie und warum du vor Meiner notwendigen Gottheit also sehr erbebst, daß dir darob die Zunge den Dienst versagt! [HGt.03_068,13] Laß das beiseite, das nicht taugt für Vater und Kind, sondern plaudere, was dir einfällt, auf daß du daraus ersehen möchtest, wie überaus geduldig Ich, dein Vater, allzeit bin! [HGt.03_068,14] Lege aber nun deine Hand in die Meinige, und greife, wie gut und geduldig Ich bin, und rede dann, wie dir die Zunge gewachsen ist! Amen.“ 69. Kapitel — Das Leben des Geschöpfes als Teil des Lebens Gottes. Der Mensch als fixierter Gedanke Gottes. Die geheimnisvolle Frage der menschlichen Freiheit[HGt.03_069,01] Nach solcher Muteinsprechung von Seite des Herrn bekam der Lamech ein freies Gemüt und sagte darauf: [HGt.03_069,02] „Ja, also ist es und wird es bleiben ewig wahr: Das Geschöpf kann nie ein ungeschaffener Gott, Gott aber ebensowenig je ein geschaffenes Geschöpf werden! [HGt.03_069,03] Gott zwar lebt aus Sich ewig frei und das Geschöpf nur bedingt durch Gott und aus Gott; aber so einmal das Geschöpf da ist und lebt, so lebt es ja auch in seiner Art ein göttliches Leben, indem es doch ewig nirgends ein anderes Leben gibt als allein nur ein Leben aus Gott. [HGt.03_069,04] So es aber ein Leben aus dem ewigen Leben Gottes ist, da kann es ja doch unmöglich selbst nicht anders als auch ewig sein! [HGt.03_069,05] Mein Leben kann also nur ein Teilchen aus dem ewig unendlichen Leben Gottes Selbst sein, sonst wäre es kein Leben; da es aber solch ein Teilchen ist, so ist es ja als solches gleich dem, von dem es ein Teilchen ist, also ewig, vor- und rückwärts betrachtet. Denn ich kann mir nicht denken, daß da in Deiner Lebensfülle ältere und jüngere Lebensteile sich vorfinden sollten. [HGt.03_069,06] Mein Schluß ist nun der: Ich war, o Herr, ewig ein Leben in Dir, aber gebunden in Deiner endlosen Lebensfülle; Dir aber hat es in einer Periode wohlgefallen, dies mein Lebensteilchen frei aus Dir zu stellen, und so bin ich nun ein freigestelltes Lebensteilchen aus Dir für ewig, wie ich ehedem in Dir von ewig her als ein unfreies für sich, aber mit Deinem endlosen Leben völlig vereint freies Leben war! [HGt.03_069,07] Herr und Vater, habe ich recht geurteilt, oder habe ich mich irgend geirrt?“ [HGt.03_069,08] Und der Herr sprach: „Nein, Lamech, diesmal ist dein Urteil vollkommen gut und wahr und richtig ausgefallen; dessen kannst du aus Meinem Munde nun völlig versichert sein! [HGt.03_069,09] Es ist also, wie du es nun ausgesprochen hast, und so sind Ich und du schon von Ewigkeit her, – nur mit dem Unterschiede, demzufolge Ich die ewige Allheit, du aber nur ein Teilchen dieser unendlichen Allheit in und aus Mir bist. [HGt.03_069,10] Denn das ist sicher doch richtig, daß da eines jeden Menschen Gedanken so alt sein müssen, als wie alt er selbst ist; aber es kommt da auf den Menschen an, wann er sie denkt oder gewisserart frei macht in seinem Gemüte. [HGt.03_069,11] Wenn aber solches geschieht, dann hat sie der Mensch gewisserart geschaffen und geformt in, wie nicht selten auch werktätig aus und außer sich, und diese Gedanken stehen dann da wie freie Wesen, obschon sie noch immer an den Schöpfer gebunden sind, das heißt an den Menschen, der sie gedacht hat. [HGt.03_069,12] Siehe, also ist es ja auch unter uns der Fall! Ich bin der Mensch aller Menschen, und ihr Menschen seid alle samt und sämtlich Meine Gedanken, also Mein Leben, weil die Gedanken, die freien Gedanken, das eigentliche Leben in Mir sind also, wie sie in euch es sind, indem ihr alle völlig nach Meinem Maße geschaffen seid! [HGt.03_069,13] Als Meine ewigen Gedanken aber könnet ihr ja unmöglich jünger sein als Ich Selbst; und so hast du, Lamech, wie gesagt, diesmal vollkommen richtig geurteilt! [HGt.03_069,14] Das ist somit richtig; aber es waltet hier dennoch ein großes Geheimnis ob, und dieses kündet sich gar mächtig in der Frage: Wie und auf welche Art aber kann der Schöpfer Seine Gedanken als Seine ewigen Lebensteilchen aus Sich als vollkommene, freie, sich selbst bewußte lebende Wesen hinausstellen also, daß sie sind, wie du nun bist vor Mir und kannst reden mit Mir, als wärest du ein zweiter ewiger Gott neben Mir? [HGt.03_069,15] Lamech, siehe, bisher hast du Mich gefragt; jetzt aber frage Ich dich! Suche in dir eine Antwort auf diese Meine Frage; denn sie muß ja in dir liegen, so wie du doch sicher das Geschöpfliche in dir liegen hast! Denke nach, und antworte Mir dann! Amen.“ 70. Kapitel — Lamechs Verlegenheit ob der für ihn unlösbaren Frage und das Bekenntnis seiner Torheit. Die Demut als die wahre Weisheit[HGt.03_070,01] Bei dieser Frage fing der Lamech gar gewaltig zu stutzen an und wußte nicht, wie er daran sei. Sollte er auf diese nur für den Schöpfer möglich zu beantwortende Frage in sich im Ernste eine Antwort zu suchen anfangen, oder sollte er diese so überhoch gestellte Frage nur als eine gute Demütigung ansehen, die ihm der Herr etwa darum habe zukommen lassen, weil er sich vor Ihm in der früheren Erörterung vielleicht etwas zu hoch ausgelassen habe? [HGt.03_070,02] Zwischen diesen zwei Ideen schwärmte der Lamech eine geraume Zeit herum und blieb darum völlig stumm und somit auch mit der verlangten Antwort im Hintergrunde. [HGt.03_070,03] Aber der Herr merkte gar wohl, warum der Lamech schwieg, und sagte darum zu ihm: „Höre, du mein lieber Sohn Lamech! Wie lange wirst du Mich denn lassen auf eine Antwort warten? [HGt.03_070,04] Du hast doch in deiner früheren Erörterung wahrhaft tief weise gesprochen, also zwar, daß solch eine Rede auch einem allertiefsinnigsten Cherub nicht zur Unehre gereicht hätte; und doch habe Ich vorher solches nicht verlangt von dir, sondern gab dir nur das unbedingte Recht, zu fragen. [HGt.03_070,05] Nun aber, da Ich dir durch Meine Frage eine rechte Gelegenheit gab, deiner tiefen Weisheit einen vollkommen freien Lauf zu lassen, schweigst du wie eine Maus, so sie die Katze wittert, und magst nicht reden, was dir zu einer großen Ehre gereichen möchte! [HGt.03_070,06] Was ist es denn? Hat dich denn dein Scharfsinn auf einmal im Stiche gelassen, oder getraust du dich nicht mit der gefundenen Antwort heraus, da du etwa ihre Tüchtigkeit für dich selbst noch nicht so recht fest verbürgen kannst? [HGt.03_070,07] Also rede doch, damit wir aus dir erfahren, wie es dir dünkt, daß du nun daran bist!“ [HGt.03_070,08] Und der Lamech raffte sich auf diese sehr bedingende Vorrede des Herrn in seinem Geiste zusammen und sprach mit einer sehr verlegenen Stimme: [HGt.03_070,09] „O Herr, nun ist es mir so klar wie die Sonne, daß Du durch Deine entsetzliche Frage eigentlich keine zu beantwortende Frage, sondern nur einen gar mächtigen Stein zum Anstoße für meine weise schimmern wollende Torheit hast legen wollen! [HGt.03_070,10] Ich kann Dir aber, o Herr und allerliebevollster Vater, jetzt nur danken aus dem tiefsten Grunde meines Dich nun über alles, alles, alles liebenden Herzens dafür; denn ich ersah es nun und ersehe es stets klarer, daß ich so gewisserart mit meiner Torheit vor Dir und dem Henoch habe ein wenig glänzen wollen also, als wäre ich auch ein Weiser, von dem wenigstens der Henoch sagen müßte, daß er ein ganz gediegener Weiser sei! [HGt.03_070,11] Aber diese Deine heilige Frage hat mir meiner Torheit Fülle gezeigt, und ich bitte Dich darum um Vergebung dieser meiner großen Torheit wegen und bitte Dich auch, daß Du, o lieber, heiliger Vater, da Du schon solch eine heilige Frage gestellt hast, sie auch allergnädigst beantworten möchtest, so die Antwort uns frommen sollte nach Deinem heiligen Willen; und sollte sie uns in ihrer Tiefe nach Deiner allerhöchst weisesten Einsicht das nicht, so werde ich Dir auch für die Nichtantwort aus der Tiefe meines Herzens zu danken auf das lebendigste bemüht sein!“ [HGt.03_070,12] Der Herr aber erwiderte darauf dem Lamech und sagte: „Höre, Mein lieber Sohn Lamech, diese Erörterung deiner Schwäche gefällt Mir ums unvergleichbare besser denn deine frühere über das lebenshomogene Verhältnis zwischen Schöpfer und Geschöpf, obschon sie an und für sich richtig war, da Ich es dir eingab, also zu reden, um zu bearbeiten dein Herz und dir zu zeigen, worin die wahre Weisheit besteht, nämlich in der Demut, derzufolge der Mensch einsieht, daß er aus sich völlig nichts vermag, aus Mir aber alles. [HGt.03_070,13] Nun aber, um dich davon zu überzeugen, werde Ich dir die große Antwort in dein Herz legen, und du wirst daraus klar werden, wie der Mensch aus Mir vor Mir und aller Welt also wie aus sich zu reden vermag! [HGt.03_070,14] Und so sei es denn, und du magst nun schon zu reden anfangen! Amen.“ 71. Kapitel — Lamechs geistiges Schauen der Gedankenschöpfungen in seinem Innern und deren Entsprechung mit dem Ursprung der Menschen in Gott[HGt.03_071,01] Und der Lamech fing alsbald ganz gemächlich zu reden an und sprach: „Die Frage, so ich mich etwa nicht irre, lautete also: [HGt.03_071,02] Wie und auf welche Art aber kann der Schöpfer Seine Gedanken als Seine ewigen Lebensteilchen aus Sich als vollkommen freie, sich selbst bewußte lebende Wesen hinausstellen also, daß sie sind, wie ich nun bin vor Dir, o Herr, und kann reden mir Dir, als wäre ich ein zweiter ewiger Gott neben Dir? [HGt.03_071,03] Das wäre die Frage! Diese ist richtig, – das erkenne ich sonnenklar; aber die Antwort, die sehr schwere Antwort, die ist noch nicht mit der Frage ans Weltlicht getreten. [HGt.03_071,04] Aber ich erschaue nun etwas in mir: es sind große Gedanken! – Durch ein Chaos winden sie sich hervor gleich einzelnen Sternen, die da auch manchmal in einer stark umwölkten Nacht sich auf eine ähnliche Weise die Bahn brechen und dann durch die zerrissenen Wolkenklüfte gar mild und sanft herabblicken auf den finsteren Boden der Erde. [HGt.03_071,05] O Gedanken, o Gedanken, ihr wunderherrlichen Kleinschöpfungen meines Geistes! Welch sonderliche Formen seid ihr? Ihr füllet mächtig meine Brust; Sterne drängen sich an Sterne und lichte Formen an Formen, und freier und freier wird es in meiner Seele! [HGt.03_071,06] Jetzt ziehen die nächtlichen Wolken ab in meiner Brust, und dahin sie ziehen, begegnen sie gar mächtigen Lichtströmen, und die Lichtströme nehmen die abziehenden Wolken auf, und die aufgenommenen Wolken werden selbst zum Lichte und gewinnen im Strome Formen, – ja gar wunderbar-herrliche Formen bekommen sie! [HGt.03_071,07] Oh, ich sehe nun eine Lichtformenfülle in mir, die unbeschreiblich und zahllos durcheinanderwallen gleich den hellschimmernden Ephemeriden an einem schönen Sommertage, wenn die Sonne sich dem Untergange zu nahen anfängt, oder so sie aufgeht und die tiefer gelegenen Fluren zum ersten Male mit ihren allerherrlichsten Strahlen zu begrüßen anfängt! [HGt.03_071,08] Ja, also ersehe ich wohl die große Antwort nun in mir; aber wie möglich soll ich das aussprechen?! [HGt.03_071,09] Aber was entdecke ich armseliger Tropf nun?! Die Formen gestalten sich ja nach meinem Wollen um! [HGt.03_071,10] Siehe, ich will Menschen meinesgleichen, und sie werden nach meinem Wollen! Und ich sehe, wie sie sind von Lichtatom zu Lichtatom meiner Gedanken; und mein Wille hält sie in meiner eigenen Form und will, daß sie leben, und sie leben gleich mir und bewegen sich frei, weil ich es also will. [HGt.03_071,11] Ich selbst aber erschaue mich nach meinem Wollen auch in einer ihnen völlig ähnlichen Form unter ihnen, und diese meine eigene Form spricht, was ich denke und spreche in dieser meiner ursprünglichen Größe. [HGt.03_071,12] Und alle die anderen Formen in vollkommen menschlicher Gestalt drängen sich an diese meine Form unter ihnen und hören sie an und reden mit ihr nach der Art und Weise ihrer durch mein Wollen ihnen eingehauchten Beschaffenheit! [HGt.03_071,13] Ich aber habe eine große Freude an diesen Formen, und mein Wille ist, sie alle zu erhalten mit meinem Willen. Diese Freude aber ist eine mächtige Liebe zu diesen Formen in mir; ich liebe sie! [HGt.03_071,14] Und siehe, aus meiner Form aber entstürzen nun Flammen gleich Blitzen, und diese Blitze senken sich in die Brüste der vielen Formen! Die Formen aber fangen an, sich selbst zu bewegen, und beschauen sich und erkennen sich; und ich sehe sie tun miteinander allerlei, das ich nun nicht mehr will! [HGt.03_071,15] O Herr, welch ein großes Wunder ist das nun in mir! Wenn ich nur die Antwort schon hätte!“ [HGt.03_071,16] Der Herr aber sprach zum Lamech: „Ich sage dir: du brauchst sie nicht mehr; denn du hast sie bereits schon gegeben! [HGt.03_071,17] Also ist es, wie du es geschaut hast nun in dir, – aber freilich wohl bei Mir vollkommen realisiert, was bei dir nur vorübergehendes, flüchtiges Bild war! [HGt.03_071,18] Doch mehr davon zu sprechen, wäre eine zwecklose Mundwetzerei, da das Geschöpf des Schöpfers Kraft wohl bildlich, aber nie reell fassen kann. [HGt.03_071,19] Du aber hast noch eine andere Frage im Hintergrunde; und so komme mit derselben zum Vorscheine! Amen.“ 72. Kapitel — Die Schmerzfähigkeit des Leibes. Der Schmerz als Wohltäter und Schutzwächter des Lebens. Wie man ohne Schmerz leben kann[HGt.03_072,01] Als aber der Lamech solch eine neue Beheißung vom Herrn vernommen hatte, derzufolge er noch mit einer Frage kommen dürfe, obschon es im Osten schon ganz bedeutend zu tagen begonnen hatte, da ward er überfroh und brachte auch ohne vieles Entschließen folgende Frage zum Vorschein, sagend nämlich: [HGt.03_072,02] „O Herr, Du heiliger und aller liebevollster Vater und Schöpfer aller Engel und Menschen! Siehe, das Leben auf der Erde zur Probung des Geistes wäre an und für sich ja ganz seinem erhabenen Zwecke gemäß, wenn mit diesem Leben nur eine höchst unangenehme Sache nicht verbunden wäre; diese Sache aber ist die Fähigkeit für den entsetzlichen Schmerz! [HGt.03_072,03] Warum muß denn dieser Leib schmerzfähig sein? Warum muß es mir einen Schmerz verursachen, so ich mich irgendwo anstoße, oder so ich irgendwo falle oder irgend mich schneide, kneipe oder steche? Warum müssen sich sogar öfters freie, überlästige Schmerzen im Leibe entwickeln? Warum muß mich das Feuer so unerträglich brennen, und warum muß das Weib unter so großem Schmerze gebären? [HGt.03_072,04] Siehe, o Du lieber, heiliger Vater, das kann ich durchaus nicht billigen in der Sphäre des Lebens mit diesem meinem Erkennen und möchte darum den Grund dieser traurigen Erscheinung von Dir, dem Schöpfer, erfahren! [HGt.03_072,05] Denn ich vermute mit großer Zuversicht, daß das Leben des Geistes völlig schmerzunfähig ist. Darum könnte ja wohl das Leben des Leibes ebenfalls auf eine gleiche Weise völlig schmerzunfähig sein! – Hab' ich recht oder nicht?“ [HGt.03_072,06] Und der Herr, den Lamech ganz mitleidig ansehend, sagte zu ihm: „Höre, Mein Sohn Lamech, diesmal hast du auch nicht einmal den Schein der Wahrheit und des Rechtes auf deiner Seite! [HGt.03_072,07] Sage Mir in deinem Gemüte: Wäre wohl irgendein Leben denkbar, welches da nicht empfänglich sein sollte für Eindrücke aller Art? So du keine Empfindung hättest, lebtest du dann? [HGt.03_072,08] Ich setze aber den Fall, daß der Mensch allein nur alle Eindrücke als wohltuend empfände, etwa auf die Weise, wie den Akt der Zeugung. Würde sich da der Mensch nicht alsbald zerstören, indem er sich fortwährend stoßen, schlagen, stechen, schneiden und brennen würde, und ehe da verginge ein Jahr, wäre doch sicher vom ganzen Leibe kein Glied mehr vorrätig?! [HGt.03_072,09] Ohne alle Empfindung – weder wohltuender, noch schmerzender Art – aber ist nur der absolute Tod. [HGt.03_072,10] Also ist der Schmerz ja des Lebens größter Wohltäter und allergetreuester Schutzwächter, ohne den das Leben auf gar keine sonstige Weise als bestandbar gedacht werden könnte. [HGt.03_072,11] Zudem ist dir ja ohnehin ein schmerzloser Leib gegeben worden! So du ihn hältst nach Meiner Ordnung und bist aufmerksam im Liegen, Sitzen, Stehen, Gehen und Laufen, so wirst du dein Leben völlig schmerzlos durchbringen; und so du mäßig bist im Essen und Trinken, da wirst du auch verschont bleiben von innerem Wehe; und so du nicht zu sehr den Werken des Fleisches obliegst, da wirst du nie erfahren, was da ist ein Schmerz in den Gliedern! [HGt.03_072,12] Der Schmerz aber ist ja das eigentlichste Attribut des Lebens, ohne das du keine Sinne hättest! Er ist die eigentliche Empfindung und die Wahrnehmung der Liebe; und so diese aus ihrer Ordnung gerät, so empfindet sie solches in der Art des Schmerzes, die Ordnung aber stets als ein überaus behagliches Gefühl. [HGt.03_072,13] Wünsche dir daher den Schmerz nie hinweg; denn er ist deines Lebens treuester Wächter und wird einmal auch der Zusammenzieher und Sammler und völlige Retter des Lebens deines Geistes werden. [HGt.03_072,14] Inwieweit aber auch die reinsten Geister schmerzunfähig sind oder nicht, das soll dir so geschwind als möglich ein Geist kundtun! Amen.“ 73. Kapitel — Zuriels Beweis für die Schmerzempfindlichkeit des Geistes[HGt.03_073,01] Als der Herr aber solches noch kaum ausgesprochen hatte, da stand schon Zuriel strahlend vor der kleinen Sitzgesellschaft im Tempel, verneigte sich bis zum Boden vor dem Herrn und sprach dann zum Herrn: [HGt.03_073,02] „O Herr, Du großer Gott, du liebevollster, heiliger Vater und allmächtiger Schöpfer aller Geister und Menschen aus den alten Geistern Deiner Urhimmel, die allewig waren, wie Du allewig warst über allen den Himmeln der Himmel im ewig unzugänglichen Heiligtume Deines Lichtes! [HGt.03_073,03] Du hast mich allergnädigst gerufen aus Deiner endlosen väterlichen Milde; so möchte denn auch Deine heilige Liebe mir kundtun, welch ein süßes Werk der Liebe mir zu verrichten bevorsteht!“ [HGt.03_073,04] Und der Herr sagte: „Zuriel, Ich kenne deine alte Treue! Siehe aber, hier an Meiner Seite ist der Lamech, den du kennst; auf daß er dir aber ein rechter Bruder werde, so löse ihm den geistigen Teil seiner Frage, demzufolge er wohl wissen möchte, ob das vollkommene Leben auch im reinsten Geiste schmerzfähig ist oder nicht! Siehe, das ist der Grund, darum Ich dich gerufen habe; und so denn zeige solches diesem Bruder nach der Art der Geister! Amen.“ [HGt.03_073,05] Als der Herr aber solches noch kaum ausgesprochen hatte, da streckte schon der Zuriel seine Hand aus, legte sie auf die Brust des Lamech und sagte dann zu ihm: [HGt.03_073,06] „Bruder, tritt nach dem allerheiligsten Willen des Herrn auf eine kurze Zeit heraus aus deinem morschen Wohnhause, und erfahre lebendig, wie es ist, das dir ein harter Glaube deucht!“ [HGt.03_073,07] Und kaum waren diese Worte vom Lamech vernommen worden, so sank sein Leib schon wie der eines Sterbenden zurück, – sein Geist aber stand alsbald weißglänzend vor dem Zuriel. [HGt.03_073,08] Zuriel aber ergriff alsbald dessen Hand und drückte sie mit tüchtiger Festigkeit. [HGt.03_073,09] Der Lamech aber schrie im Geiste nun laut auf und sagte im starken Geschrei: „Aber um des Herrn willen, – was tust du mit mir?! Du zerquetschst mir ja die Hand und verursachst mir einen gar entsetzlichen Schmerz!“ [HGt.03_073,10] Der Zuriel aber ließ nun alsbald des Lamechs Hand aus und sagte dann zu ihm: „Bruder, du bist nun im Geiste; denn siehe, deine Wohnung ruht ohnmächtig dort an den Stufen des Altars! Wie aber hast du einen Schmerzensruf tun können, indem du doch ehedem behaupten wolltest, daß man im reinen Geiste schmerzunfähig sei?“ [HGt.03_073,11] Und der Lamech erwiderte darauf dem Zuriel „O Bruder, du bist ein harter Lehrer! Ist schon die Erfahrung die beste Lehrerin, so aber hätte ich es fürwahr auch auf eine ein wenig sanftere Art begriffen, daß man im Geiste noch ums unbeschreibliche empfindlicher ist denn im Leibe! [HGt.03_073,12] Nein, für diese Lehre könnte ich mich für alle Zukunft gar schönstens bedanken; denn die Hand brennt mich noch, als hielte ich sie im glühenden Erze! O Herr, nimm mir doch den Schmerz hinweg, sonst muß ich verzweifeln!“ [HGt.03_073,13] Der Zuriel aber hauchte die Hand Lamechs an, und dessen Schmerz war hinweg, und er befand sich mit dem vollsten Bewußtsein wieder in seinem Leibe. [HGt.03_073,14] Der Herr aber fragte darauf den Lamech, was er nun hielte von der Empfindsamkeit des Geistes. [HGt.03_073,15] Und der Lamech erwiderte: „O Herr, gerade das Gegenteil meiner früheren Meinung!“ [HGt.03_073,16] Und der Herr erwiderte: „Mehr brauchen wir ja nicht! Wenn die Empfindung nur dem Leben angehört, so muß sie ja auch da am heftigsten sein, wo das Leben in seiner Urfülle vereint ist! Übrigens wäre ja schon im Ausdrucke ,ein gefühlloser Geist‘ der größte Widerspruch! [HGt.03_073,17] Doch überlassen wir, das Nähere kundzugeben, dem Zuriel, darum er da ist! Und so rede du, Zuriel! Amen.“ 74. Kapitel — Vom Wesen des Lebens. Der Grund der Schmerzfähigkeit und der Beseligung[HGt.03_074,01] Und alsbald fing der Zuriel an, folgende Worte an den Lamech zu richten, und sagte zu ihm: „Bruder Lamech im Herrn, unserem allmächtigen Schöpfer und allerheiligsten und liebevollsten Vater! Siehe, ich habe es dir zuvor sozusagen – da du dich selbst im Geiste befandest – handgreiflich gezeigt, daß der Geist eine gar mächtig starke Empfindung hat für geistige Eindrücke, welche der Erscheinlichkeit nach zwar völlig gleichen den naturmäßigen, aber nicht also der Bedeutung nach! [HGt.03_074,02] Aber du weißt nun noch nicht, worin deine geistig schmerzliche Empfindung ihren Grund hat. Damit du aber solchen auch klärlichst erschauen magst, so will ich dir solches nach dem Willen des Herrn allergetreust kundgeben, und so höre mich denn an! [HGt.03_074,03] Siehe, du empfindest die Eindrücke der Welt, da du lebst in ihr, entweder schmerzlich oder gar wohltuend und behaglich; schmerzlich dann, so die Eindrücke über die dir innewohnenden Kräfte zu mächtig sind, und wohltuend und behaglich dann, wenn die Eindrücke so gestellt sind, daß sie deine dir innewohnenden Kräfte nicht überbieten, sondern mit ihnen harmonisch korrespondieren. [HGt.03_074,04] Sind die Eindrücke aber schwächer, daß sich deine Kräfte bei weitem als siegend zu ihnen verhalten, so wirst du ganz gleichgültig dieselben wahrnehmen, weil du deine dir innewohnenden Kräfte zu wenig in einem notwendig entgegentätigen Zustand wirst in Anspruch genommen finden. [HGt.03_074,05] Denn nur in einer deinen Kräften harmonisch entsprechenden Reaktion gegen die Eindrücke von außen her liegt das behagliche Wohlgefühl, welches da auch ist das eigentliche Wesen aller Beseligung. [HGt.03_074,06] Nun siehe, so du dem Leibe nach irgendeinen Schmerz empfindest, so empfindet denselben nicht etwa dein Leib, sondern nur dein Geist, dem da allein das Vermögen der Empfindung innewohnt! [HGt.03_074,07] Daß du aber den Schmerz also empfindest, als möchtest du ihn empfinden in deinem Leibe, das rührt daher, weil dein Geist allen deinen Leibesteilen innewohnt in vollkommen entsprechender Weise. [HGt.03_074,08] So aber dein Geist oder dein ganz eigentliches Ich schon durch den grobmateriellen Leib so überaus stark durch äußere Eindrücke erregt werden kann, da er doch so gut als möglich von allen Seiten her bedeckt und geschützt ist, da wird er wohl im noch völlig absoluten Zustande um so mehr erregbar sein! [HGt.03_074,09] Warum aber das? – Weil der Geist im völlig absoluten Zustande in die korrespondierende Wechselwirkung mit den Grundkräften tritt und ihre Stärke schon von großer Ferne her – sowohl der Zeit als dem Raume nach – wahrnehmen muß, ohne welche Wahrnehmung er gar leicht in eine unerlösbare Gefangenschaft gelangen könnte, in der es ihm ums überaus bedeutende noch ärger gehen dürfte, als es dir ergangen ist unter meinem Handdrucke! [HGt.03_074,10] Ist der Geist unvollkommen, also nicht völlig ausgebildet und durchgeübt in seinen Wahrnehmungssinnen, ist er noch blind und taub für die Form und Stimme der Wahrheit, da wird sein absoluter Zustand auf keinen Fall ein wünschenswerter sein, da er in solch einem Zustande all den auf ihn einstürmenden Eindrücken nicht zur rechten Zeit auszuweichen oder ihnen kräftig zu begegnen wird imstande sein. [HGt.03_074,11] Aber freilich verhält sich die Sache mit einem vollendeten Geiste ganz anders; dieser ist allzeit vereint mit Dem, – der da nun neben dir sitzt! [HGt.03_074,12] Dieser aber bereitet des Geistes Kräfte stets so vor, daß sie allzeit wohl bemessen sind gegen alle Eindrücke und Anregungen, wodurch dann nur ein ewig seligstes Wohl-, aber nie ein Schmerzgefühl entstehen kann. [HGt.03_074,13] Beachte diese Worte wohl; sie werden dich in die tiefsten Geheimnisse des Lebens mit der ewigen Liebe und Gnade des Herrn leiten! [HGt.03_074,14] O Herr, ich habe Deinen Willen mit Deiner Gnade erfüllt; so lasse mich denn wieder im Frieden ziehen!“ [HGt.03_074,15] Der Herr hieß den Zuriel dann wieder ziehen, behieß aber dann den Henoch, daß er darüber auch noch einige tiefe Worte sprechen solle. 75. Kapitel — Henochs Rede über das Leben des Geistes als notwendiger Kampf der polaren Kräfte[HGt.03_075,01] Als der Henoch aber solchen Wunsch vom Vater vernommen hatte äußerlich wie innerlich, da erhob er sich alsbald und fing an, vor den Lamech hintretend, also zu reden: [HGt.03_075,02] „Bruder Lamech, gar wichtig und überaus bedeutungsvoll sind die Worte, welche da zu dir geredet hat der Geist Zuriels nach menschlicher Weise, und ich kann dir kein besseres Wort geben in dieser Sphäre! [HGt.03_075,03] Aber ich weiß, was es ist, so der Geist spricht in menschlicher Weise; du aber weißt es nicht, da du noch an der Zunge und nicht am Geiste klebst. [HGt.03_075,04] Und so will ich denn aus dem allerheiligsten Willen unseres gar so lieben heiligen Vaters dich von der Zunge in den Geist überheben und gar sanft übertragen, allwo du dann selbst schauen und greifen sollst können, wie das Leben im Geiste sich artet! Darum denn höre mich an in deinem Herzen! [HGt.03_075,05] Siehe, wenn zwei Winde gegeneinanderziehen, da einer so stark ist wie der andere, so wird dadurch in der Luft das Gleichgewicht hergestellt und es herrscht dann wohltätige Ruhe auf der Erdoberfläche; die Luft wird heiter und rein, und der Sonne Strahl kann ungehalten das Land erleuchten und erwärmen mit ungetrübtem Lichte. [HGt.03_075,06] Wenn aber nach dem Gleichstande ein Wind sich unversehens verstärkt und sein Gegner schwächer wird, dann fängt alsbald der mächtigere an, gewaltig vorzudringen, und drängt und reißt dann auch sogestaltet den schwächer gewordenen Wind schonungslos mit. [HGt.03_075,07] Solange aber der schwächere Wind hie und da Versuche macht, des mächtigeren Meister zu werden, solange auch muß er es sich gefallen lassen, vom mächtigeren gedrängt, gedrückt und endlich doch besiegt zu werden; ergibt er sich aber sogleich, so hat dann alles Drängen und Drücken aufgehört, – aber dadurch auch der Für-sich-Bestand des schwächeren Windes! [HGt.03_075,08] Du sagst nun bei dir: ,Ja, warum aber läßt der Herr solches geschehen? Ihm, dem Allmächtigen, wäre es ja doch auf die leichteste Art möglich, solchen Kampf zu verhindern!‘ [HGt.03_075,09] Da hast du wohl recht; denn bei Gott sind alle Dinge gar wohl möglich. Aber, so Er nicht zuließe, daß sich die Kräfte selbst gegenseitig ankämpften, so würden sie am Ende erschlaffen und würden dann also tot dahinliegen wie die Steine der Gebirge, welche an und für sich auch nichts sind als solche Kräfte, aber im höchsten Grade gerichtet und gebunden, und somit regungslos und darum vollkommen tot sind und keine Empfindung haben. [HGt.03_075,10] Siehe, also ist auch das Leben des Menschen! Es weht in seinen Organen hin und her. Der Geist weht in die Materie und will dieselbe mit sich reißen; die Materie oder die Welt weht in der Materie als das Blut und die anderen feineren Säfte, und diese wehen in den Geist und wollen ihn mit sich fortreißen. [HGt.03_075,11] Ist der Geist mächtiger als die Materie, so drängt er diese und macht sie ihm völlig dienstbar; ist aber die Materie der Sieger über den Geist, so geht der Geist unter und leidet als das Leben schwer und überaus schmerzlich, die drückendste Last des Todes der Materie fort und fort tragend, und das ist dann der geistige Tod. [HGt.03_075,12] Wäre aber der Geist in solchem Tode empfindungslos, so wäre er dadurch aber dann auch für ewig rettungslos verloren; aber die stets zunehmende schmerzliche Empfindung des Druckes zwingt ihn, sich fortwährend zu wehren und gegen die Materie anzukämpfen. Dadurch aber wird seine Kraft geübt und stets mehr gestärkt. [HGt.03_075,13] Und so kann er durch die Länge der Zeit auch noch ein vollkommener Sieger über seine Materie werden und kann auf diese Weise in die Freiheit des ewigen Lebens gelangen, gleichwie die Materie des Steines mit der Zeit durch die in ihr ruhende und leidende Schwere erdrückt wird und endlich genötigt wird, der Schwere im aufgelösten Zustande zu weichen, allwann dann diese Kraft wieder frei wird und eins mit der Allgemeinkraft, der da alle Materie unterworfen ist, – welches auch beim Winde der Fall ist, da der Besiegte doch endlich wieder Sieger über den früheren Sieger wird.“ 76. Kapitel — Die Dreiseitigkeit jedes Verhältnisses im Leben, beruhend im Natürlich-Menschlichen, Geistig-Menschlichen und Göttlich-Menschlichen. Die Unerforschlichkeit der letzten Geheimnisse.[HGt.03_076,01] Nach diesen Worten fragte der Henoch den Lamech: „Bruder Lamech, hast du wohl verstanden diese meine Worte?“ [HGt.03_076,02] Und der Lamech erwiderte: „Ja, Bruder Henoch, dem Herrn alles Lob, allen Preis und Ehre und allen Dank und alle meine Liebe! Bisher ist nichts vorgekommen in deiner Rede, das ich nicht hätte alsbald aus dem Grunde des Grundes erfassen können; sollte aber in der Hinsicht, was da betrifft die Schmerzfähigkeit des Geistes, und was der Schmerz so ganz eigentlich an und für sich ist, noch etwas zu erörtern sein, da bitte ich dich, geliebtester Bruder, daß du davon noch weiter reden möchtest, denn deine Worte sind klar und erquicken mich ungemein!“ [HGt.03_076,03] Solche Äußerung von Seite des Lamech aber gefiel dem Herrn wie dem Henoch wohl, und der Herr behieß den Henoch, noch ferner zu reden. Und der Henoch richtete darob auch sogleich die folgenden Worte an den Lamech, sagend nämlich: [HGt.03_076,04] „Lamech, mein geliebter Bruder! Siehe, ein jedes Verhältnis, in dem und durch das wir so ganz eigentlich leben, hat drei Seiten: die eine ist die naturmäßig-menschliche, die andere die geistig-menschliche und die dritte die göttlich-menschliche. [HGt.03_076,05] Die ersten zwei sind für uns erfaßbar, aber die dritte ewig nie; denn sie ist unendlich, weil sie rein göttlich ist. Wir aber sind endliche Wesen und können als solche daher unmöglich je die endlosen Tiefen und Höhen Gottes erschauen und berühren. [HGt.03_076,06] Aus diesem Grunde kann auch ein Mensch, so er weise ist aus Gott, zwei Fragen über seine eigene Wesenheit und ihre Verhältnisse beantworten; aber die dritte Frage wird er ewig nimmer beantworten. Denn ihre Beantwortung liegt in der unaussprechlichen und ewig unbegreiflichen Tiefe Gottes verborgen, und wir werden sie ewig nie völlig entziffern! [HGt.03_076,07] Aus diesem Grunde aber wird sich auch über die Schmerzfähigkeit des Geistes von unserer Seite wenig mehr erörtern lassen! [HGt.03_076,08] Ich meine aber, wir wissen nun davon gerade so viel, als uns zu wissen not tut; den dritten Teil aber werden wir für allzeit dem Herrn anheimstellen. [HGt.03_076,09] Wir wissen nun aus der Erfahrung, daß der Geist als das Grundprinzip des Lebens im Menschen allein nur das Sich-selbst-Bewußtsein, somit auch das lebendige Gefühl und die Empfindung innehaben kann und innehaben muß, und somit auch die Schmerzfähigkeit! [HGt.03_076,10] Haben und wissen wir aber das nun vollkommen lebendig gründlich, da haben wir aber auch vollkommen genug und können darnach unser Leben gar leicht möglich also einrichten, daß wir mit der unangenehmen Schmerzfähigkeit ewig nie etwas werden zu tun haben. [HGt.03_076,11] Was aber über diese lebendige Eigenschaft des Geistes die dritte Seite betrifft – was da an und für sich ist der Schmerz oder die Empfindung, oder was da ist in ihrem urewigen Grunde die Lebenskraft –, das, Bruder, lassen wir, wie gesagt, Dem über, dessen allerheiligste sichtbare Gegenwart uns alle nun so überhoch beseligt und belebt! [HGt.03_076,12] Ich meine, mehr Worte darüber dürften hier wohl überflüssig sein, und so denn danken wir Ihm für das, was wir so übergnädiglich von Ihm empfangen haben und sicher noch mehr empfangen werden! – Ja, also sei es ewig! Amen.“ 77. Kapitel — König Lamechs Weihe zum Oberpriester des Bergtempels. Des Herrn trostvolle Verheißung Seiner steten Gegenwart im Tempel[HGt.03_077,01] Als aber der Henoch diese Worte beendet hatte, und die Sonne ihrem Aufgange sich auch ganz gewaltig zu nähern anfing, da erhob sich der Lamech, ging vor den Herrn hin und fiel da auf seine Knie nieder und fing an, Ihn in aller Glut seiner Liebe anzubeten und zu danken für alle die unermeßlichen Gnaden, Gaben und Erbarmungen, und bat den Herrn in aller Liebeglut seines Herzens, daß Er ja beständig bei ihm verbleiben und doch nicht hinfort wieder verschwinden und unsichtbar werden möchte. [HGt.03_077,02] Der Herr aber erhob Sich auch und sagte darauf zum Lamech: „Stehe auf, Mein geliebter Sohn Lamech! Ich sehe nur auf dein Herz, und nicht auf deine Knie; ist dieses in der Ordnung, so ist es auch der ganze übrige Leib. Dein Herz aber ist nun in der vollkommensten Ordnung; so wird es auch dein Leib sein! [HGt.03_077,03] Ich aber habe nun eine große Freude an dir, und so denn weihe Ich dich auch zum Oberpriester dieses Tempels ein. [HGt.03_077,04] Diese Nacht hindurch habe Ich dir gezeigt die mannigfachen Grade der wahren, inneren Weisheit aus Mir, und dieser sichtbare Tempel, erbaut von deiner Einsicht und Hand, ist dadurch zu einem Tempel der Weisheit geworden, in dem sich der Mensch der Erde allzeit erinnern soll, daß Ich, der Schöpfer Himmels und der Welt, Selbst dich gelehrt habe auf dieser Stelle und mit dir geruht habe auf den Stufen des Altares und sie dadurch gemacht und geweiht habe zu Stufen, auf denen der Mensch seine Nichtigkeit vor Mir erspähen soll in der völligen Ruhe seines Geistes; und hat er solches, da hat er dann in diesem Tempel Mir ein gerechtes und wohlgefälliges Opfer dargebracht, also, wie du es Mir nun aus deinem heißen Herzensgrunde dargebracht hast! [HGt.03_077,05] Da aber nun solches alles vor deinen Augen und vor den Augen des hier anwesenden Volkes, welches mit uns zumeist die ganze Nacht hindurch gewacht hat, geschehen ist und das Volk aber noch nicht weiß, wer Ich und woher Ich bin, so sage Ich dir nun: Wenn der Sonne erster Strahl die Kuppen der Berge zu röten anfangen wird, da tritt du an die Schwelle des offenen Tempels und verkündige es dem Volke nun ganz unverhohlen, daß Ich hier weile. [HGt.03_077,06] Und sage dann zum Volke zu solcher Kündung noch hinzu: es solle sich sammeln um den Tempel; aber niemand solle seinen Fuß in den Tempel setzen! [HGt.03_077,07] Und Ich werde dann Selbst aus dem Tempel eine großwichtige Lehre geben dem Volke, welches Mir gefolgt ist hierher mit Liebe und großer Wißbegierde, da es Mich nicht erkannte, und Mir daher im Geiste sicher noch inniger folgen wird, so Ich von ihm erkannt sein werde! [HGt.03_077,08] Siehe, es wird schon sehr helle im Osten; daher fasse dich auf dein erstes Mir dienendes Geschäft in diesem Tempel! [HGt.03_077,09] Ich aber sage dir, weil du Mich gebeten hast, von nun fortan bei dir zu verweilen: Wo des Herrn getreuer Diener ist, da wird auch sein Herr nicht ferne sein; und wo die Kinder sind, da ist auch der Vater! [HGt.03_077,10] Auf diesen Stufen wirst du Mich allzeit treffen; wirst du Mich auch nicht allzeit mit deines Leibes Augen erschauen, so wirst du Mich aber dennoch allezeit im lebendigen Worte vernehmen! [HGt.03_077,11] Siehe, das ist eine große Verheißung! Gehe aber nun ans anbefohlene Werk! Amen.“ 78. Kapitel — Lamechs Rede an das um den Tempel versammelte Volk. Über die sichtbaren Besuche Gottes[HGt.03_078,01] Nach solcher Beheißung begab sich der Lamech alsbald an sein anbefohlenes Werk. An die Schwelle des offenen Tempels tretend, richtete er folgende Worte an das schon durchgehends wache Volk, sagend nämlich: [HGt.03_078,02] „Höret mich an, ihr lieben Brüder alle, und auch ihr Schwestern alle! Eine endlose Gnade und Erbarmung von oben aus den lichten Himmeln Gottes ist wieder uns allen widerfahren! [HGt.03_078,03] Wir alle, ja die ganze Welt wird die Größe der Gnade und Erbarmung ewig nie groß und hoch genug zu schätzen, zu preisen, zu rühmen, zu loben, sie anzubeten, für sie zu danken und für sie Gott, dem Herrn, in ebenmäßiger Genüge gültige Ehre zu geben imstande sein! [HGt.03_078,04] Brüder, ihr habt gestern unter euch gesehen und gehört den weisen Mann, und habt euch hoch verwundert über Seine hohe und tiefe Weisheit! Keiner von euch aber wußte, woher dieser weise Mann kam, darum ihr denn auch verschiedentlich unter euch hin und her die Frage führtet und euch niemand einen genügenden Bescheid darüber zu geben imstande war. [HGt.03_078,05] Solches wisset ihr alle, da ihr es samt mir gar wohl erfahren habt. Wisset ihr aber jetzt wohl schon, wer der weise Mann ist? [HGt.03_078,06] Ihr verneinet solches und fraget mit gespannter Aufregung eurer Gemüter: ,Was soll es denn da nun auf einmal mit dem Manne, dessen große Weisheit wir über alle Maßen hoch bewundern mußten?‘ [HGt.03_078,07] Ja, meine geliebten Brüder und Schwestern! Mit dem Manne hat es eine ganz endlos hoch wunderbarste Bewandtnis, welche für eure aufgeregten Gemüter schadlos nicht mit einem Worte ausgesprochen werden kann! Daher bitte ich euch alle: Höret mich ganz ruhig an, und vernehmet das Größte, das Allerhöchste! [HGt.03_078,08] Ihr waret zugegen, als der untere Tempel für die würdigste Aufnahme des allerhöchsten Namens Jehova eingeweiht und lebendig gesegnet worden ist, damit dadurch meine große Schande verdeckt würde, die ich an dem allerhöchsten und allerheiligsten Namen verübt hatte! [HGt.03_078,09] Wißt ihr noch, wer Der war, der da an der Seite Henochs aus der Höhe wie ein Herold der Himmel einherzog? [HGt.03_078,10] Ihr saget hier gleichwohl: ,Es war ein allerhöchster Machtbote aus den lichten Höhen Gottes!‘ [HGt.03_078,11] Wer aber war der arme Mann, der am Abende zu uns kam, den meine Diener nicht einmal in den Speisesaal einlassen wollten, so daß ich selbst hinausmußte um ihn der Mißhandlungen von Seite meiner tollen Dienerschaft zu überheben und ihn dann zu führen an meinen Tisch? [HGt.03_078,12] Ihr saget: ,Viele sagten, es sei Gott, der Allmächtige, Selbst gewesen; aber viele konnten solches nicht fassen und glaubten nachderhand nicht völlig, als wäre der arme Mann der wahre Gott und Schöpfer, also Jehova Selbst gewesen!‘ [HGt.03_078,13] Sehet, also seid ihr fortwährend beschaffen in euren Herzen, und es ist darum nicht viel von den allerhöchsten Dingen mit euch zu reden; denn noch seid ihr lange nicht reif genug, um zu begreifen, was Gott ist, und wie Er zu uns, Seinen Geschöpfen und Kindern, kommt! [HGt.03_078,14] Wisset aber, daß unser Gott nun wieder in dem weisen Manne zu uns kam, um uns Selbst zu suchen, zu ziehen, zu führen für Ihn und zu Ihm! [HGt.03_078,15] Bereitet euch daher vor; Er Selbst wird Sich aus diesem Tempel offenbaren! Aber keiner von euch setze seinen Fuß über die Schwelle; denn der Tempel ist nun heilig, da Gott der Herr Selbst denselben betritt! [HGt.03_078,16] Wohl aber denen, die da Seine Stimme hören werden und werden sich kehren nach ihr! Amen.“ 79. Kapitel — Die Einsetzung des Henoch und der beiden Lameche zu Grundleitern alles Volkes[HGt.03_079,01] Auf diesen wohlbelehrenden Aufruf begab sich der Lamech wieder in die Mitte des Tempels und sagte in der größten Liebe-Ehrfurcht zum Herrn: [HGt.03_079,02] „Heiliger Vater, siehe, wie es einem großen Schuldner vor Dir möglich ist, habe ich an die Brüder draußen Deinen allerheiligsten Willen berichtet! [HGt.03_079,03] O Vater, nimm dieses mein unvollkommenes Werk gnädig also auf, als wäre es etwas vor Dir, und Deine ewig allerhöchste und heiligste Liebe und Weisheit verbessere meine allzeit groben Fehler vor Dir, die ich gegen Dich und gegen die armen Brüder und Schwestern noch allzeit begangen habe!“ [HGt.03_079,04] Hier unterbrach der Herr den Lamech und sagte zu ihm: „Höre, Mein Sohn Lamech, – wer wie du seine Fehler erkennt, von dem sind sie schon lange genommen, und er steht vor Mir wie ein aufgehender Morgenstern, der da ist ein helleuchtender Bote der dem Aufgange nahen Sonne! Also bist du es auch nun und wirst es verbleiben fürder! [HGt.03_079,05] Dir aber sage Ich: Du hast überaus wohl und nach Meinem Willen vollkommen geredet zu deinen Brüdern und Schwestern; daher will Ich denn alsbald hingehen zu ihnen und will Mich ihnen offenbaren als der Herr und Schöpfer Himmels und aller Welten und als der alleinig wahre und liebevollste Vater aller Meiner wahren Kinder! [HGt.03_079,06] Gehet aber auch ihr, Meine drei liebsten Söhne, mit Mir, eurem ewigen wahrhaftigen Vater, hin an die Schwelle des Tempels, und zeuget durch eure Gegenwart von Mir, wie Ich zeugen werde von euch, daß Ich Selbst euch erwählt habe aus vielen Tausenden und habe euch gesetzt zu Grundleitern alles Volkes, das euch umgibt, in der Höhe sowohl, als auf dem Flachlande! [HGt.03_079,07] Nur drei Stämme habe Ich entführt, – für diese habt ihr nicht zu sorgen, und diese sind Kahin, Meduhed und Sihin. Alles andere Volk aber lege Ich als der Herr und wahrste Vater in eure Hände, auf daß ihr sie leiten möchtet unverwandt auf derjenigen Bahn, die da allzeit und ewig führt zum ewigen unvergänglichen, allerfreiesten und allerseligsten Liebeleben in Meiner Liebe! [HGt.03_079,08] Sorget euch aber ja nicht um die drei entführten Stämme; denn auch ihnen habe Ich weise und gerechte Führer gesetzt, die ihre Völker leiten sollen hin zur Schwelle des ewigen, heiligen Wohnhauses, darin Ich allzeit ewig zu wohnen pflege in aller Macht und Kraft Meiner Liebe! [HGt.03_079,09] O ihr Meine drei allerliebsten Zärtlinge, Ich bin euer wahrhaftiger, ewiger, heiliger, liebevollster Vater! Sehet aber: Wie Ich euch über alles liebe und ihr Mir lieber seid und mehr geltet als alle Himmel und Sonnen und Welten, also liebet auch ihr allzeit alle eure Brüder und Schwestern; denn sie sind ja alle Meine Kindlein also, wie ihr es seid! [HGt.03_079,10] Sehet, so lieb hab' Ich euch, daß Ich, so es nun möglich und nötig wäre, Mein Leben von Mir lassen möchte, um es euch für ewig zu verschaffen! [HGt.03_079,11] So denn liebet auch ihr Mich, euren guten Vater, und alle Meine Kindlein Meinetwegen, weil Ich als der Vater sie so mächtig stark liebe! [HGt.03_079,12] Richtet sie ja nicht; denn Ich will ja auch niemanden richten, sondern jedem geben ein ewig freiestes Liebeleben. Das ist Mein Wille; diesen beachtet fortan! [HGt.03_079,13] Nun aber folget Mir an die Schwelle des Tempels!“ 80. Kapitel — Die Verklärung des Herrn vor dem Volke und dessen Ehrfurchtsschrecken. Die väterlichen Worte des Herrn an das Ihn erkannt habende Volk. Der Herr verschwand vor ihren Augen[HGt.03_080,01] Auf diese heiligen Worte des Herrn begaben sich sogleich der Henoch und die beiden Lameche mit Ihm hin an die Schwelle des Tempels. [HGt.03_080,02] Als sie aber dort anlangten, da wurde alsbald des Herrn Gewand weißer denn frischgefallener Schnee der Hochgebirge, und Sein Angesicht, Seine Hände und Füße glänzten stärker denn tausendfaches Sonnenlicht! [HGt.03_080,03] Als aber das Volk solche Majestät an dem früher ganz schlichten weisen Manne ersah, da fiel es urplötzlich zur Erde nieder und schrie: „O Jehova Zebaoth, erbarme Dich unser, und richte und strafe uns nicht nach Gebühr, und wie wir es noch allzeit mit unseren argen Gedanken, Begierden und Taten verdient hatten! Wir sind große und überschwere Sünder vor Dir! Daher schreien wir, da wir Dich erkannt haben in Deiner endlosen Herrlichkeit und Majestät, zu Dir, o Jehova Zebaoth, um Gnade und Erbarmen!“ [HGt.03_080,04] Hier zog der Herr Sein Licht alles Lichtes in Sich und sagte dann zu der über alles erschrockenen und bebenden Menge: „Kindlein, stehet auf; denn Ich, euer Gott, Schöpfer und Vater, bin ja nicht zu euch gekommen, um euch zu richten und zu strafen, sondern um für euch die rechten Führer zu erwecken, die euch in eurer Schwäche leiten sollen auf den Wegen, welche da führen in das wahre Reich des ewigen Lebens! Daher stehet auf, und fürchtet euch nicht vor Mir, eurem guten Vater, der euch über alles liebt!“ [HGt.03_080,05] Hier erhob sich die ganze Menge wie neu gestärkt vom Boden der Erde und sah erstaunten Blickes den Herrn an, dessen Gesicht nunmehr ohne Glanz von großer Freundlichkeit anzuschauen war und dessen Gewand von der überweißen in die himmelblaue Farbe überging, und fragte Ihn gleichsam stillschweigend: „Bist Du wohl Der, dessen endlos mächtigstes Licht uns zur Erde warf, – oder hast Du einen Erzengel an Deine Stelle gesetzt?“ [HGt.03_080,06] Der Herr aber öffnete wieder Seinen allerheiligsten Mund und sagte zum Volke: „O Kindlein, warum wollet ihr denn Mich, euren Vater, nicht lieber nach Meiner großen Liebe zu euch, als nach Meinem Lichte erkennen? – Ist denn die Liebe nicht mehr als das Licht? [HGt.03_080,07] Sehet, als Ich Mich euch zeigte in Meinem Lichte, da fielet ihr alle alsbald wie gerichtet auf den Boden der Erde; da Ich aber Mein Licht verhüllte und mit Meiner Liebe zu euch Mich wandte, da möchtet ihr wohl bezweifeln, ob Ich es bin, der zuvor leuchtend vor euch hintrat! [HGt.03_080,08] Ich, eben derselbe Herr, Gott und euer aller Vater, aber sage nun zu euch, Meinen Kindlein, daß Ich durchaus kein Stellvertreter des Herrn, sondern der Herr und euer Vater Selbst bin, und zeige euch nun alles dieses an, was Ich Selbst getan habe zu eurer Beseligung lebendig im Geiste. [HGt.03_080,09] Das aber ist es, das Ich getan habe: Ich habe unter euch gar weise Lehrer erweckt. Höret sie allzeit an, und folget ihrem Rate im Ernste, wie im Scherze und Schmerze des Lebens, so werdet ihr Mir folgen, und Ich werde vollkommen bei euch sein leibhaftig und im Geiste in denen, die Ich nun für euch erweckt habe! [HGt.03_080,10] Wer von euch diese von Mir für euch Erweckten sehen und hören wird und wird folgen sogar den leisen Winken ihrer von Mir erleuchteten Augen, der wird vollkommen mich leibhaftig sehen, hören und wird Mir folgen! Denn die Geweckten tragen Meinen Leib und Meinen Geist lebendig! [HGt.03_080,11] Damit segne Ich euch nun alle; denn ihr werdet Mich hinfort nicht anders sehen und hören als in denen nur, die Ich für euch erweckt habe. [HGt.03_080,12] Du, Henoch, aber und du, Lamech im Tale, und du, Lamech auf der Höhe, ihr seid es, die Ich hier zu Eins mache mit Mir, auf daß ihr allezeit zeugen sollet von Mir! Mit aller Kraft und Macht Meiner Liebe rüste Ich euch aus; in dieser Kraft wirket fortan bis zur Zeit eurer Ablöse und bis zum Übertritte von diesem Wohnhause in das, da Ich Selbst urewig wohne. Amen.“ [HGt.03_080,13] Nach diesen Worten verschwand der Herr, und alles Volk weinte und schluchzte und betete Gott an. 81. Kapitel — Das Denkmal der sieben weißen Steine im Tempel. Vom Ursprung des Steins der Weisen. Der Zug zurück in die Stadt[HGt.03_081,01] Eine gute Stunde der Zeit herrschte eine große Stille unter dem Volke, wie unter den drei mit großer Macht begabten Führern. [HGt.03_081,02] Aber nach dieser Stunde Zeit wandte sich der Lamech an den Henoch und sagte zu ihm: „Bruder Henoch, ich meine nun, da hier bereits alles nach dem Willen und nach der Ordnung des allmächtigen und allerliebevollsten Vaters und Schöpfers Himmels und der Erde bewerkstelligt worden ist, so könnten wir ja wieder in die Stadt ziehen, auf daß sich dort sogleich Anstalten möchten treffen lassen, durch welche solch allheiligste Kunde in alle übrigen Städte möchte überbracht werden!“ [HGt.03_081,03] Und der Henoch erwiderte dem Lamech: „Ja, Bruder, solches geschehe heute noch; denn das Heil und das Licht aus Gott kommt nie zu früh zu den Völkern! Daher ist solche deine Sorge überaus schätzenswert, und wir wollen auch sogleich Anstalten treffen, uns alle samt und sämtlich in die Stadt zu begeben. [HGt.03_081,04] Aber nur eines müssen wir zum sichtbaren Zeugnisse für die Gegenwart des Herrn tun, auf daß sich unsere Nachkommen erinnern sollen, daß der Herr Selbst diesen Tempel für die Weisheit des menschlichen Geistes gesegnet hat, und dieses Eine bestehe darin, daß wir sieben weiße Steine hierher schaffen – jeden von der Größe eines Menschenkopfes – und sie fürs unverrückbare Bleiben auf die Stufe des Altares dahin legen, wo der Herr geruht hat und uns Selbst die ganze Nacht hindurch gelehrt hat die wahre, innere, heilige Weisheit des Geistes zum ewigen, allerfreiesten und vollkommensten Leben. [HGt.03_081,05] Siehe, Bruder Lamech, dieses noch geschehe, und wir wollen uns sodann sogleich in die Stadt in deiner überaus herrlich-guten Absicht begeben!“ [HGt.03_081,06] Als der Lamech solches vom Henoch vernommen hatte, sprang er voll Freude aus dem Tempel, berief draußen sogleich den anwesenden Mura und Cural zu sich und teilte ihnen den Wunsch Henochs mit. [HGt.03_081,07] Diese beiden gingen sogleich an eine Stelle des Berges, woselbst eine Menge freier weißer Steine herumlagen, die da nicht alle zum Baue des Tempels verwendet worden waren, klaubten die schönsten und reinsten sieben gerechten Maßes aus und brachten sie zum Lamech hin und mit dem Lamech sodann auch in den Tempel. [HGt.03_081,08] Als solches bewerkstelligt ward, da sagte der Henoch zum Lamech: „Siehe, wir sind unser nun nur fünf! Laß aber zum Zeugnisse noch zwei Männer hereintreten, und es muß dann ein jeglicher dieser Steine mit unseren sieben Namenszeichen beschrieben werden, sogestaltet er dann erst auf die Stufe des Altars gelegt wird. [HGt.03_081,09] Ich will aber dann die Steine im Namen des Herrn anrühren, und es wird dann fortwährend eine Kraft aus diesen Steinen ausgehen, durch welche alle, die sie anrühren werden, auf eine Zeitlang die Weisheit überkommen sollen!“ [HGt.03_081,10] Solches alles geschah alsbald. Und es war dies der so ganz eigentliche Ursprung von dem ,Steine der Weisen‘, und die Kraft dieses Ortes erhielt sich nach Meinem Willen bis in die Prophetenzeit Israels; und der Berg war derselbe, auf dem selbst Saul die Prophetengabe auf eine kurze Zeit erhielt, wobei das Volk dann sagte, da er vom Berge kam: „Was ist das? Ist denn auch Saul unter den Propheten?“ [HGt.03_081,11] Als aber die Steine gelegt waren, da ward solches auch allem Volke kundgetan. Und der Lamech verkündete dann laut den Abzug; und alles begab sich dann gemach vom Berge in die Stadt zurück. 82. Kapitel — Die Aussendung der Boten. Die göttliche Musterordnung des Staates und der Stadt Hanoch. Henochs und König Lamechs Aufbruch auf die Höhe[HGt.03_082,01] In der Stadt angelangt, traf der Lamech nach dem eingenommenen Morgenmahle sogleich Anstalten, durch die am selben Tage noch die Nachrichten von den großen Wunderdingen Gottes in alle die zehn anderen Städte überbracht wurden, was auch eben nicht schwer zu bewirken war, da keine dieser Städte mehr als höchstens eine kleine Tagereise von der Hauptstadt Hanoch entfernt lag und zudem auch die Wege nach einer jeden Stadt ziemlich gerade angelegt waren. [HGt.03_082,02] Nachdem aber die Boten abgesandt worden waren, da ordnete Lamech dann durch drei Tage mit Hilfe Henochs alles in der Stadt Hanoch, bestellte Wächter für den oberen Tempel und ließ sogar eine beständige Wohnung durch den Mura und den Cural etwas unterhalb des Tempels auf einem kleinen, aber für ein mäßig großes Wohnhaus dennoch hinreichend genug geräumigen Bergvorsprunge erbauen, und das alles beinahe wunderbar für euch, dieser Zeit Bewohner der Erde, in denselben drei Tagen. [HGt.03_082,03] Hanoch war nun in kurzer Frist geordnet vollkommen Meiner Ordnung gemäß, und alles Volk hatte kein anderes Gebot als allein das der Liebe zu Gott und zum Nächsten. Und die Unzucht wurde als ein Übel gepredigt, durch welches ein jeder Mensch seinen Geist und somit auch all dessen Kräfte zerrüttet. [HGt.03_082,04] Und so wurden auch noch so manche andere Übel nicht etwa durch sanktionierte Gesetze von den Lehrern im Volke ausgemerzt, sondern allein durch weise Lehren, durch welche die Lehrer den Menschen im klarsten Lichte zeigten, welche üblen Folgen daraus notwendig entstehen müssen. [HGt.03_082,05] Und mit der Zeit fand dann auch ein jeder nur etwas geistig stärker gewordene Mann, wie auch ein jedes feinere und verständigere Weib, daß da die weise Lehre der Lehrer sich in ihnen lebendig zu bestätigen anfing. [HGt.03_082,06] Und so lebte dieses Volk eine geraume Zeit hindurch gerecht allein durch Lehre, vorerst natürlich durch Lehrer und dann aus sich selbst ohne Gesetze. [HGt.03_082,07] Also in der weisen Erziehung lag das ganze geistige und staatliche Wohl der Menschen. [HGt.03_082,08] Aber die Folge wird dann klärlich zeigen, wodurch gegen die Sündflut die Menschheit so ganz und gar von Mir abgefallen ist, daß sie dadurch nach ihrem gefangenen Willen ganz in die Gewalt des großen Lebensfeindes überging. [HGt.03_082,09] Aber in den Zeiten nach Lamechs Umkehr war sowohl die Höhe wie die Tiefe so vollkommen, daß da kaum in den Himmeln eine bessere Ordnung rein geistig angetroffen werden dürfte, als sie damals bestand auf der Erde. [HGt.03_082,10] Hätte sich damals auch die Schlange gefügt, so wäre die Erde wieder ins alte Paradies umgewandelt worden; aber diese gereute es bald, daß sie Meine Bedingung auch nur halbwegs annahm, und so fing sie zufolge ihres freien Willens bald wieder an, ihr altes, arges Metier zu treiben. [HGt.03_082,11] Hatte sie eine Zeit von etwa siebenhundert Jahren die Menschen nur zum Guten geprüft, so nahmen aber dennoch nach dieser Zeit ihre Prüfungen einen ganz anderen Charakter an; sie wurden arg und von stets mehr listig fangender Art, und die Menschheit ließ sich eigenwillig fangen! Doch die Folge wird alles dieses klärlich zeigen; daher vorderhand genug davon! [HGt.03_082,12] Nach den drei wichtigen Tagen aber begab sich der Henoch wieder auf die Höhe und nahm diesmal den Lamech und mehrere angesehene Männer aus Hanoch mit sich, auf daß sie den Urstammvater Adam und die Urmutter Eva sollten kennenlernen; in der Tiefe aber ward unterdessen die Volksleitung dem Hored anvertraut. 83. Kapitel — Das Flammenmeer in der Höhle auf dem Bergwege zur Höhe[HGt.03_083,01] Es schlug aber der Henoch ebenfalls wieder den Weg ein, der da – schon bekanntermaßen – bei der überaus verhängnisvollen Höhle vorüberzieht. [HGt.03_083,02] Als die Karawane dort anlangte, machte der Henoch ein wenig Halt und gab mit ganz kurzen Worten dem Lamech kund, welch eine groß erstaunlichste Merkwürdigkeit ihm und seinen damaligen Gefährten in der Gegenwart des Herrn beim ersten Heimzuge begegnet ist. [HGt.03_083,03] Der Lamech erstaunte darob nicht wenig; aber sein Staunen dauerte nicht eine Minute lang, so brachen schon mit dem furchtbarsten Getöse mächtige Flammen aus der Höhle hervor. [HGt.03_083,04] Der Lamech aber entsetzte sich darob so sehr, daß er alsbald wie besinnungslos zu Boden niederfiel. [HGt.03_083,05] Aber der Henoch trat alsbald zu ihm hin, hob ihn auf und sagte dann zu ihm: „Aber Bruder Lamech, da siehe einmal deine Gefährten an! Diese haben doch auch dieselbe Erscheinung mit dir angeschaut; aber keiner fiel zur Erde darob! Erschraken sie anfänglich wohl auch ein wenig, so sehen sie aber dennoch jetzt diese leere Windschlägerei mit ganz gleichgültigem Gemüte an! – Tue demnach, was da tun deine beherzten Gefährten!“ [HGt.03_083,06] Diese Worte brachten den Lamech wieder zur Besinnung, und er sah nun auch ganz keck in die stets zunehmenden Flammen aus der großen Höhle, welche bei hundert Mannslängen hoch und zuunterst bei siebzig Mannslängen breit war. [HGt.03_083,07] Nach einer Zeit aber sagte der Lamech zum Henoch: „Bruder im Herrn, ich meine, wir werden geradezu einen anderen Weg einschlagen müssen, wenn wir noch heute natürlichen Ganges auf die Vollhöhe gelangen wollen; denn durch dieses stets zunehmende und stets wachsende Flammenmeer wird meines Erachtens wohl schwerlichst sich ein Weg machen lassen!“ [HGt.03_083,08] Aber der Henoch erwiderte dem Lamech und sagte: „Bruder Lamech, siehe, du kennst nicht und weißt noch nicht, welcher Natur dieser Höhlenbrand ist; ich aber kenne ihn gar wohl und seinen Grund! [HGt.03_083,09] Siehe, in einem Augenblicke müßte diese Flamme erlöschen, so wir solches nur wollten aus dem Herrn heraus! Aber eben dieser Brand muß nun noch eine Zeit von einer Schattenwende stets zunehmend fortwähren durch meinen Willen, damit fürs erste diese gähnende Kluft zerstört werde, und fürs zweite, daß da in dieser Flamme der erste Urheber derselben die gerechte Züchtigung finde; denn du weißt nun vom Herrn aus, daß der Geist gar wohl schmerzfähig ist. [HGt.03_083,10] Wenn aber diese Flammen in der Kürze ihren Doppeldienst werden verrichtet haben, da wird sich auch alsbald der Widerspenstling Gottes zeigen müssen, um von mir die gerechte Rüge zu empfangen und ein wirksamstes Verbot, nie wieder auf was immer für eine Art einen Wanderer am Wege mehr anzufallen!“ [HGt.03_083,11] Mit diesen Worten stellte sich der Lamech vollkommen zufrieden und sagte zum Henoch: „Höre, Bruder, wenn sich die Sachen also verhalten, dann mache ich mir nichts daraus, wenn wir auch einen vollen Tag hier an diesem, wennschon außerordentlich schauderhaften Orte zubringen müssen! Denn würde diesem Unfuge nicht gesteuert, wer könnte da wohl je wieder wagen, einen Gang in die Höhe zu machen?“ [HGt.03_083,12] Und der Henoch sagte darauf zum Lamech: „Sei getrost, Bruder, denn soeben jetzt wird im Namen des Herrn diesem alten Unfuge ein günstiges Ende gemacht! Sogleich sollst du mit eigenen Augen die denkwürdige Löse schauen! Amen.“ 84. Kapitel — Henoch vernichtet die Drachenhöhle und beruhigt seine Gefährten[HGt.03_084,01] Darauf wandte sich der Henoch zu der flammenden Höhle, hob seine Rechte auf und sprach mit gewaltiger Stimme: [HGt.03_084,02] „Du finstere Wohnstätte des Todes, du Wohnstätte dessen, der da ist ein alter Erzfeind alles Lebens und ein allerschändlichster Verächter Gottes, – du grauenhafte sichtbare Pforte, die da hinabführt in den Abgrund der Abgründe, natürlich und geistig, – dir gebiete ich, ein Knecht und ein Kind Gottes, daß du sofort zusammenstürzest bis in deinen tiefsten Abgrund, und verschüttet seiest in allen deinen Klüften, Rissen, Gängen und mannigfaltigen Seitenhöhlungen, und daß dein alter Bewohner von dannen fliehe wie ein feiger Dieb aus dem Hause, da er gestohlen hat! [HGt.03_084,03] O mein Gott und mein ewig heiliger Vater! Solches geschehe nun nach Deinem allerheiligsten Willen zur künftigen Wohlfahrt Deiner Kinder auf diesem prüfenden Lehrboden der steinichten Erde! Amen.“ [HGt.03_084,04] Als der Henoch diese Machtworte ausgesprochen hatte, da stürzte alsbald unter dem gräßlichsten Gekrache und Geknalle in dampfende Trümmer die flammende Höhle zusammen, und aus den Tiefen der Erde vernahm man noch eine geraume Zeit einen schauderhaft-dumpfen Nachhall, vom inneren Zusammensturze dieses Einganges in den doppelten Abgrund herrührend. [HGt.03_084,05] Auf der ganzen Erde aber war kein Punkt, auf dem die große Wirkung dieses Zusammensturzes nicht wäre wahrgenommen worden, daher denn darob auch alle damals lebenden Menschen auf dem Erdboden in eine große, ihrem Gemüte und geistigen Leben sehr wohltuende Angst versetzt wurden; denn es wußten nur wenige Weise, was da solches zu bedeuten habe, und woher es rühre. [HGt.03_084,06] Dieses außerordentliche Faktum aber brachte auch unsern Lamech ganz außer aller Fassung. Furcht und Schrecken hatten seine Seele ergriffen, daß er darob samt der ganzen Erde in allen Fibern und Fasern seines Lebens bebte, wie das Laub der Espe bei einem gewaltigen Sturme. [HGt.03_084,07] Aber auch all den anderen Begleitern Lamechs, bis auf den Lamech aus der Höhe, wurde es beim Anblicke dieser Schauderszene trotz ihrer großen Beherztheit ganz sonderbar zumute, daß da auch nicht einer den Mut hatte, sich mit dem ihnen nun zu mächtig vorkommenden Henoch in ein Gespräch einzulassen. [HGt.03_084,08] Der Henoch aber tröstete sie alle und zeigte ihnen, und ganz besonders dem Lamech, daß so etwas zu bewirken zu rechter Zeit und am rechten Orte nach der Ordnung des Herrn jedermann die große Fähigkeit in sich trage. [HGt.03_084,09] Nach solcher Darstellung kamen wieder alle zu sich, und da ein mächtiger Wind kam und die noch hier und da auf der zusammengestürzten Stätte aufsteigenden Dämpfe schnell hinwegtrieb und der Lamech nun den weiten, freien, festen Platz ersah, da ward auch er wieder fröhlich und lobte und pries Gott darob, daß er dem Menschen solche Macht hatte gegeben. [HGt.03_084,10] Aber kaum waren die Hauptspuren dieser Angst verwischt, so entstand schon wieder etwas anderes vor den Augen unserer Wanderer, welches da noch mehr als die Zerstörungsszene die Gemüter unserer Wanderer in vollsten Beschlag zu nehmen anfing, und das war das bald darauf erfolgte allertrotzigste Auftreten des Satans in einer grimmigsten Gestalt. 85. Kapitel — Satans Auftreten in schrecklicher Gestalt. Henochs Aufforderung an Satan, seine arge Grundabsicht kundzugeben[HGt.03_085,01] Als der Lamech, wie auch dessen Begleiter aber des großen Feindes alles Lebens erst so recht ansichtig wurden, als sie bemerkten seine ganz glühende, allergrimmschauderhafthäßlichste, abschreckendste Gestalt, sein noch dampfendes Haupt, das da statt der Haare Schlangen trug, welche gar heftig umherschossen und sich ums Haupt wanden und vom Haupte sich wieder gleich angebundenen Pfeilen hinausstreckten in solcher Schnelle, daß, so sie jemanden erreicht hätten, er durchbohrt worden wäre wie von einem abgeschossenen Pfeile, – da ward es dem Lamech samt seinen Begleitern im Ernste so gewaltig bange, daß sie sich darob nicht zu raten und zu helfen wußten. [HGt.03_085,02] Der Henoch aber, da er solche eitle Furcht sah bei dem Lamech und seinen Begleitern, ließ sie geflissentlich so ein wenig beben. Nach einer Zeit erst wandte er sich mit großem Ernste an den Satan und redete ihn mit folgenden Worten an: [HGt.03_085,03] „Höre, du Feind des Herrn, unseres und deines allmächtigen Gottes! Wie ist denn dein Wille, dein Gedächtnis und dein Gehorsam gegen Gott bestellt? [HGt.03_085,04] Was hast du verheißen in meiner Gegenwart dem Herrn, da Er dich züchtigen ließ durch des Kisehels Hand? [HGt.03_085,05] Meinst du Allerärgster, mein Gedächtnis und das Gedächtnis des Herrn ist ebenfalls so böswillig kurz, wie da ist das deinige?! [HGt.03_085,06] O du Erzfeind alles Lebens! Ich sage dir im Namen des Herrn, du irrst dich da allergewaltigst! [HGt.03_085,07] Siehe, dies und jenes hat der Herr zu dir geredet, und du hattest Ihm eine volle Verheißung gemacht, daß du Seine Kinder nur zum Guten durch wohlgeordnete Prüfungen und Proben leiten willst! [HGt.03_085,08] Wie aber ist im Verlaufe auch nur von wenigen Tagen deine Verheißung schon bestellt?! Gänzlich vergessen hast du deines Gottes, deines treu sein sollenden Versprechens und all der harten Züchtigung und wolltest uns darum hier verderben durch die größte Wut deines Grimmfeuers, da du doch sicher wissen mußtest, wer ich bin, und wer diese meine Brüder nun sind! [HGt.03_085,09] Aber nicht genug, daß du uns verderben wolltest durchs Feuer deines Grimms, und daß ich durch die vollste Macht Gottes in mir vor dir dich nun durch die Zerstörung dieser deiner Trugwohnung auf das empfindlichste gezüchtigt habe, – nein, sondern du kommst abermals, in einem Zustande vor mich hintretend, als wolltest du mich samt meinen Brüdern auf einen Druck verschlingen! [HGt.03_085,10] O du elender Knecht deines eigenen Verderbens und Todes in dir! Gott und mir, Seinem Diener, willst du trotzen, der ich dich im Namen des Herrn doch mit einem Hauche verwehen kann, wie ein Orkan verweht eine lose, nichtige Spreu? [HGt.03_085,11] Ich aber beschwöre dich nun durch die ewig endlose Kraft Gottes, die da nun in mir wohnt dir zur erschrecklichen Zucht, daß du mir sagest treu und wahr, was da ist deine Grundabsicht, und was alles du noch tun willst, um deine Absicht endzwecklich zu realisieren! [HGt.03_085,12] Wo du mir aber widerspenstig wirst, da will ich dich im Namen des Herrn züchtigen, daß darob die ganze, endlose Schöpfung Gottes in allen ihren Gründen also erbeben soll, daß darob nirgends ein Steinchen ungebrochen bestehen soll, auf daß es nicht zeugen würde von solcher Tat von mir an dir! Und so rede nun!“ [HGt.03_085,13] Hier fing der Satan an zu beben und sagte: „Henoch, ich erkenne deine Macht und meine gänzliche Ohnmacht vor dir, der du bist ein Getreuer des Herrn! Erlasse mir aber das arge Geständnis samt der Züchtigung, die ich wohl verdient habe, und bestimme mir den Ort, da ich wohnen soll, um nicht schädlich zu sein den Menschen dieser Erde, und ich werde mich ja alsbald fügen deinem Ausspruche freiwillig!“ [HGt.03_085,14] Der Henoch aber bestand auf seiner Forderung und ließ nicht handeln mit sich, sondern gebot dem Satan nur um so eindringlicher, zu reden von dem, was da wäre seine arge Grundabsicht. [HGt.03_085,15] Der Satan aber fing an, sich zu bäumen und zu sträuben, und wollte nicht reden, das ihm der Henoch doch so überaus eindringlich geboten hatte. 86. Kapitel — Die listige Verkehrung der Verheißungen des Herrn durch den großmäuligen Satan[HGt.03_086,01] Aber der Henoch horchte und sah nicht auf den Satan, sondern gebot ihm zum dritten Male nur noch um so eindringlicher, zu reden von seiner argen Endabsicht, und was zu erreichen er durch seine große Bosheit und Arglist trachte. [HGt.03_086,02] Der Satan aber öffnete hier alsbald den Mund und sprach: „Höre mich, du stolzer Knecht Gottes auf dem Staube ,Erde‘ an! Ich habe die Gewalt, dem Schöpfer aller Dinge die Antwort auf jegliche Frage schuldig zu bleiben, der mir doch einen unzerstörbaren Leib von höchster Empfindung geben kann und kann mich dann stürzen zur ewigen Strafe in die entsetzlichste schmerz- und qualvollste Zentralglut Seines Zornfeuers, und du, kaum wert, ein Atom des Staubes am Staube des Staubes genannt zu werden, willst mich, dem noch die ganze sichtbare Schöpfung zu Gebote steht und stehen muß – so ich es nur will –, du willst mich zwingen, dir zu enthüllen meine Pläne, die ich schon von Ewigkeit her bei mir festgestellt habe?! O du elender Wurm des Staubes! [HGt.03_086,03] Siehe, auf einen Wink stehen mir alle Elemente zu Gebote, und die ganze Erde ist unter Flammen oder unter Wasser begraben! Mit einem allerleisesten Hauche kann ich die Sonne erlöschen machen und dich versenken in eine ewige Nacht und kann dich plötzlich in den allernichtigsten Staub verwandeln, – und du wagst es, mich zu einer Antwort zwingen zu wollen, und das durch eitle Drohungen noch obendarauf?! [HGt.03_086,04] Siehe, wenn ich in meiner endlosen Macht es für wert fände, so wärest du nun schon lange nicht mehr! Aber zu kleinlich und elend wäre es von mir, so ich mich mit derlei zu scheußlichen Nichtigkeiten abgeben möchte! [HGt.03_086,05] Mir ist Gott Selbst zu gering und zu nichtig, als daß ich mich so weit herablassen möchte, Ihn mit meiner Macht anzugreifen, da ich nur zu klar einsehe, wie nur gar zu schnell es mit Ihm ein Garaus wäre! Was sollte ich demnach erst mit dir, du elendeste Kreatur, machen?! [HGt.03_086,06] Ich habe mit aller mir nur möglichen Herablassung zu dir gesagt, du sollest mir die Antwort erlassen und mir einen Ort anzeigen, dahin ich ziehen solle, auf daß da die schönen Kinder Gottes von meiner Prüfung verschont bleiben möchten; du aber kommst mir dafür mit einer göttlich-allmächtigen Arroganz entgegen?! [HGt.03_086,07] Na – warte, du stolzer, aufgeblähter Knecht Gottes! Dir will ich schon einen Meister finden, der sich deinem Gedächtnisse für alle Ewigkeiten der Ewigkeiten einprägen soll! [HGt.03_086,08] Siehe, dir schwöre ich jetzt deinen sichern Untergang; und deinen allmächtigen Gott werde ich an ein Holz anheften lassen, von dem aus Er vergeblich um Hilfe rufen wird! [HGt.03_086,09] Und dieses Menschengeschlecht will ich gar ehestens mit Flammen und Fluten vertilgen, auf daß da keine Spur irgend mehr von selbem zu finden sein soll; dich aber werde ich nicht töten, auf daß du Zeuge seiest, so ich alles das tun werde, davon ich nun in meinem gerechten Grimme geredet habe! [HGt.03_086,10] Fürwahr, alle sichtbare Schöpfung soll eher vergehen bis auf ein Atom, als bis ich nur eine Silbe von all dem werde unerfüllt lassen! – Und dazu hast du mich jetzt erst veranlaßt! [HGt.03_086,11] Da hast du nun die verlangte Antwort; lerne daraus, was ich tun werde! [HGt.03_086,12] Für jetzt aber ziehe mit deinem Geschmeiße von dannen, und verlange ja nichts mehr von mir, sonst tue ich sogleich, was ich erst in der Zeit unabänderlich tun werde!“ 87. Kapitel — Henochs kraftvolle Antwort an Satan und Satans Verbannung in den Mittelpunkt der Erde[HGt.03_087,01] Als der Henoch aber solche Worte vom Erzfeinde des Lebens vernommen hatte, da richtete er sich auf, lobte und pries den Herrn mächtig in seinem Herzen und richtete dann folgende überaus bedeutungsvollste Worte an den Frevler an der ewig göttlichen Heiligkeit, sagend nämlich: [HGt.03_087,02] „Höre nun, du böswilligst eigenmächtig sein wollender Frevler! Myriadenmal Myriaden von Sonnenjahren, da eines währt bei achtundzwanzigtausend Erdjahre, warst du allzeit ein allereigensinnigster, allerwiderspenstigster Abtrünnling Gottes! [HGt.03_087,03] Was alles hat des Herrn unendliche Liebe getan, um dich Teufel, unbehindert deiner Willensfreiheit, wieder auf den rechten Weg zu bringen! [HGt.03_087,04] Siehe hinauf, all die zahllosen Sonnen und Welten aller Art hat der Herr deinetwegen erschaffen, auf daß du auf einer oder der andern zurückkehren sollest! [HGt.03_087,05] Auf einer jeden Sonne und Welt hat dir Gottes endlose Erbarmung zahllose Mittel an die Hand gegeben, mit deren Hilfe du allerleichtlichst hättest zurückkehren können. Nie hatte dich der Herr auch nur in einem allergeringsten Teile in deiner ersten äußeren Freiheit deines Willens beirrt und hatte dir nirgends gesetzt die allerleisesten Schranken! [HGt.03_087,06] Wann immer du zu deiner vorgeblichen vorgeschützten Besserung eine neue Sonne mit vielen Erden und Monden und Dunststernen wolltest, so erschuf sie der Herr nach deinem Gefallen; ja du konntest noch allzeit spielen mit der Allmacht des ewigen Gottes! [HGt.03_087,07] Aber wozu verwendetest du alle diese an dir verschwendeten Gnaden und unaussprechlich größten Erbarmungen?! – Siehe, zu nichts anderem als zur Ausführung dessen, was du nun hier geredet hattest, und was du bei unserer früheren Zusammenkunft dem Herrn Himmels und der Erde allerrechestermaßen ohnehin ins Angesicht gesprochen hast! [HGt.03_087,08] Nun aber höre, Satan, was der Herr nun durch meinen Mund zu dir redet: [HGt.03_087,09] ,Unheilvollster Frevler an Meiner Liebe, Gnade, Langmut, Erbarmung, Geduld, Sanftmut, Milde und ewig unantastbaren Heiligkeit! Nun schwöre Ich, dein Herr und dein Gott, bei aller Meiner ewig endlosen Macht und Kraft, dir deinen ewigen völligen Untergang! Was du jetzt geredet hast, das soll unabänderlich geschehen zu deinem Untergange! [HGt.03_087,10] Bis jetzt habe Ich dir noch nie ein Ziel gesetzt, sondern dir war freigestellt, Termine über Termine vor Mir zu setzen und Mich noch bei jedem allerweidlichst zu belügen, um nach der allemaligen Belügung Mich dann noch obendarauf als einen blöden Gott voll Schwächen zu verhöhnen, als wäre Ich blind und taub und vermöchte nicht zu durchschauen deine Pläne! [HGt.03_087,11] Nun aber bin Ich müde geworden deines alten Frevels und setze dir darum aus Mir Selbst nun ein Ziel! [HGt.03_087,12] Du kennst das Alter Adams?! – Siehe, einmal ist es schon verronnen; wann es aber noch sechsmal verrinnen wird, dann sollst du mit allen deinen Helfern und Helfershelfern den gebührenden Lohn finden im ewigen Feuer Meines Zornes! [HGt.03_087,13] Damit du aber – so nebenbei – bis zum letzten jetzt von Mir dir gesetzten Ziele dieses Feuer verkosten sollest, so habe Ich eben jetzt ein Fünklein in die Mitte der Erde versenkt und habe darin für selbes einen Herd und um den Herd eine neue Wohnung errichtet; dahin wirst du von nun an zeitweise genötigt werden zur Probung dieses Fünkleins! – Und das wird geschehen, sooft du, wie jetzt, an Mir wirst gefrevelt haben! [HGt.03_087,14] Nun aber gebiete Ich dir, daß du in diese Wohnung fahrest auf solange, als es Mir gefallen wird! Amen.‘“ [HGt.03_087,15] Hier spaltete sich die Erde bis in den Abgrund. Rauch und Flammen schlugen aus der Kluft, und mit dem gräßlichsten Geheul stürzte der Satan in den Abgrund; und die Erde schloß sich darauf wieder. [HGt.03_087,16] Die Reisenden aber priesen und lobten Gott und setzten dann alsbald ihre Reise weiter fort. 88. Kapitel — Lamechs Frage: „Wie kann ein Geist durch die Materie gefangen gehalten werden?“ Henochs Antwort[HGt.03_088,01] Unterm Wege aber besprachen sich die Reisenden noch über so manches dieser schauderhaften Szene, das aber dennoch zu wenig einen allgemeinen, sondern nur einen für die damalige Zeit lokalen Wert hatte. [HGt.03_088,02] Eine Frage, von Seite des Lamech, an den Henoch gerichtet, als sie schon beinahe die Höhe erreicht hatten, aber ist von großem Werte, wie um so mehr noch deren Beantwortung, und darf daher in diesem neuen Buche des Lebens nicht fehlen; diese wollen wir noch hier hinzugeben. – Die Frage aber lautete also: [HGt.03_088,03] „Höre mich an, du mein geliebtester Bruder Henoch in dem Herrn, unserm allerliebevollsten Vater! Siehe, der große Erzfeind Gottes und alles Lebens ist doch nur ein Geist! Wie kann dieser wohl von der Materie gehalten werden, die für ihn so gut wie gar nicht da ist?! So aber ein Geist von der Materie nicht gehalten werden kann, was wird dann wohl das Einkerkern des Satans in dem Mittelpunkte der Erde für einen Nutzen haben? Wird er nicht dasein, sobald er es nur wollen wird?! [HGt.03_088,04] Ich weiß wohl, daß da des Herrn allmächtiger Wille den alten Bösewicht allenthalben binden und festen kann; aber ob da neben dem allmächtigen Willen des Herrn auch noch ein materieller Kerker im Zentrum der Erde vonnöten ist, das sehe ich fürwahr nicht so ganz recht ein! Darum bitte ich dich, gib mir darüber doch einen klaren Aufschluß!“ [HGt.03_088,05] Und der Henoch lächelte den Lamech an und sagte dann zu ihm: „Höre, du mein geliebtester Bruder, daß du solches nun noch nicht klar einsiehst, liegt wohl darin, weil ein jeder Mensch das am schlechtesten sieht, was ihm sozusagen gerade auf der Nase sitzt! [HGt.03_088,06] Siehe, du bist deinem Leibe nach doch auch nur pur Materie, gleich wie da ist das gesamte Erdreich! Sage mir, ist diese nichts für deinen Geist? Kann er sich aus ihr entfernen, wann er will, auf ordentlichem Wege? [HGt.03_088,07] Ja, er, der Geist, kann wohl durch die Liebe zu Gott nach und nach stets mehr Meister der Materie werden und kann dieselbe durchdringen und dann in allen ihren Teilen vollkommen tätig sein; aber verlassen kann er dieselbe dennoch nicht eher, als bis es der Herr will! [HGt.03_088,08] Und wenn der Geist aber nach dem Willen des Herrn auch die Materie verläßt, da verläßt er sie aber dennoch nie als ein vollkommen reinster, freiester Geist, sondern er verläßt sie stets in einem neuen ätherischen Leibe, den er dann ewig nie verlassen kann. [HGt.03_088,09] Dieser ätherische Leib aber, da er auch einen gewissen Raum einnehmen muß, kann, so es der Herr will, aber gar wohl noch von der gröberen Materie festgehalten werden und kann sich von derselben nicht eher trennen, als bis es der Herr will! [HGt.03_088,10] Warum denn? – Weil die Materie an und für sich auch nichts anderes als der fixierte Wille Gottes ist und daher wohl tauglich ist, jeden Geist gefangenzunehmen, und durch nichts besiegbar ist als allein durch die größte Demut, Selbstverleugnung und Liebe zu Gott! [HGt.03_088,11] Verstehst du solches? – Ja, du verstehst es; daher wollen wir uns nun ans Ziel begeben! Amen.“ 89. Kapitel — Die Ankunft der Wanderer auf der Vollhöhe und ihre Begrüßung durch Adam[HGt.03_089,01] Nach kurzer Frist erreichten unsere Wanderer die Vollhöhe. Als aber der Lamech die Wohnung Adams und dann auch die Wohnungen der anderen Hauptstammkinder entdeckte, da sie ihm als solche von seinem Geiste alsbald bezeichnet wurden, da fiel er alsbald auf sein Gesicht zur Erde nieder und sprach: [HGt.03_089,02] „O Gott, Du allerheiligster Vater, welche erhabensten, von Deiner Hand selbst erbauten Wohnungen sind das! [HGt.03_089,03] Meine Wohnung ist erbaut aus totem Lehm und Gesteine und ist tot wie ihr Material und ihre Bewohner; hier aber ist die Wohnung aus lebenden Bäumen errichtet und ist somit mit ihren lebendigen Einwohnern mitlebendig! Oh, um wie unschätzbar vieles ist doch eine solche Wohnung mehr wert, als da wert sind alle die Städte in der Tiefe!“ [HGt.03_089,04] Der Lamech hätte noch lange also geschwärmt; aber der Henoch trat hin zu ihm, hob ihn auf und machte ihn aufmerksam, wie soeben der Erzvater Adam mit der Erzmutter Eva aus seiner Wohnung trete, um mit Seth auf diese Höhe zu gehen und nachzusehen, ob sie (Henoch nämlich mit dem Lamech) sich noch nicht von irgendeiner Seite her nähern möchten. [HGt.03_089,05] Als der Lamech auf diese Erklärung und Aufmerksammachung des Henoch samt seinen Gefährten das Urmenschenpaar erschaute, da ward er schwach und konnte eine Zeitlang vor lauter Ehrfurchtsschwäche kein Wort über seine Lippen bringen. Erst als der erste Ehrfurchtssturm sich so ein wenig gelegt hatte, brach er in folgende Akzente aus und sprach: [HGt.03_089,06] „O Du großer Gott, welche heilige Würde, welch ein hoher Adel! Wie erhaben ist doch der erste Mensch, der ungeborene, der da ein reines Werk Deiner Hände, Deines allmächtigen Liebewillens ist! [HGt.03_089,07] Ja, geliebtester Bruder Henoch! Wenn du mich auch nicht darauf aufmerksam gemacht hättest, so hätte es mir dennoch unmöglich entgehen können, daß dies das erste Menschenpaar der Erde ist! Die riesige Größe und die allervollkommenste Menschengestalt und das blendend-weiße hohe Alter zeugen ja überheutlich dafür! [HGt.03_089,08] O Bruder, ich habe viel erwartet von dem Eindrucke, den der Anblick des Erzvaters in mir bewirken wird; aber wie weit sind nun alle meine Erwartungen übertroffen!“ [HGt.03_089,09] Hier blickte der Adam nach der Vollhöhe und machte einen Schrei der Freude, als er den Henoch erschaute. [HGt.03_089,10] Alsbald eilte alles aus den Wohnungen und ging mit offenen Armen dem Henoch entgegen. [HGt.03_089,11] Der Adam aber war diesmal trotz seines hohen Alters der erste, der die Höhe erreicht hatte. Und als er auf der Vollhöhe beim Henoch sich befand, da umfaßte er ihn mit seinen Armen, drückte ihn an seine Brust und sagte überaus bewegt: [HGt.03_089,12] „O du mein geliebter Sohn, wie oftmal bin ich die etlichen Tage deiner Abwesenheit hindurch schon hier, deiner harrend, gewesen! Wie oftmal habe ich dich gesegnet! Daher sei mir nun zahllosmal willkommen! [HGt.03_089,13] Auch du, mein Sohn Lamech, Sohn Mathusalahs, komme hierher und lasse dich segnen! Wie oft hat dein Weib Ghemela hinabgeblickt, und wie oft gebetet, daß dich der Herr segnen und erhalten möchte! Siehe, dort von der Hütte Jareds eilt sie ja schon nahezu atemlos hierher! Eile ihr doch auch entgegen, damit sie nicht so weit laufen darf, um dich zu erreichen; denn wie sie hat noch kein Weib ihren Mann geliebt!“ [HGt.03_089,14] Und der Lamech tat alsbald, was ihm Adam geraten. [HGt.03_089,15] Darauf erst wurde der Adam der anderen Gäste ansichtig und bewillkommte sie und fragte sie seiner gewohnten Neugierde zufolge, wer und woher sie wären. [HGt.03_089,16] Aber die Reisenden aus der Tiefe waren zu ergriffen ob des erhabenen Anblickes, als daß sie auf die Frage Adams eine Antwort zu geben vermochten. Darum beruhigte der Henoch alsbald den Adam und gab ihm selbst kund, wer da seine Gefährten seien. [HGt.03_089,17] Der Adam aber segnete sie dann und hieß sie nun alle, ihm zu folgen in seine Wohnung und da zu nehmen eine Stärkung für den müden Leib. Und alles folgte ihm. 90. Kapitel — Das Mahl bei Adam. König Lamechs an Adam gerichtete demuts- und ehrfurchtsvolle Rede. Adams gute Antwort[HGt.03_090,01] In der geräumigen Hütte Adams angelangt, war von den Dienern Seths auch schon die Stärkung von den edelsten Früchten herbeigeschafft. Die Gäste ließen sich nach der freundschaftlichen Beheißung Adams alsbald auf den Boden zu den Körben nieder, lobten und dankten Gott und aßen dann ganz wohlgemut. [HGt.03_090,02] Der Lamech aus der Tiefe aber war nur noch zu sehr von einer zu großen Achtung gegen Adam erfüllt, darum er denn auch nicht die Heiterkeit völlig zu teilen imstande war, die sich gar bald all der anderen Gemüter bemeistert hatte. [HGt.03_090,03] Adam aber merkte solches gar bald und fragte darum den Lamech. [HGt.03_090,04] Und der Lamech erwiderte: „Vater, du erster aller Menschen der Erde! Siehe, ich kann meiner übergroßen Ehrfurcht vor dir und all denen, die dich als deine ersten Kinder umgeben, nicht Meister werden! [HGt.03_090,05] Der Gedanke: du bist der Vater Kahins, dessen Kinder und Kindeskinder alle samt und sämtlich schon lange gestorben sind, und diese – die Mutter von allen jetzt lebenden und nicht mehr lebenden Menschen! – erfüllt mein Gemüt mit stets steigender Ehrfurcht, und diese läßt mir nicht zu, so ganz ungebunden heiter zu sein, als da diejenigen es sind, die da an solche Erhabenheit sich entweder schon von Kindheit her gewöhnt haben, weil sie allzeit um dich, o Vater, waren, oder die – wenn sie auch von meinem Orte sind – aber dennoch zufolge ihrer noch starken Gemütsbeschränktheit solche Erhabenheit gar nicht in ihrer heiligen Tiefe genügend zu würdigen imstande sind! [HGt.03_090,06] Daher vergib mir, o Vater Adam, und du auch, allerehrwürdigste Mutter Eva, daß ich zufolge meines Gemütszustandes eben nicht so heiter sein kann, wie da sind die andern! Zudem sind alle andern noch nie Sünder gegen Gott und gegen dich gewesen; ich aber war, vor einigen Wochen noch, ein Ungeheuer der Ungeheuer, das zu seiner Besserung aus sich gar nichts, sondern alles nur die göttliche Erbarmung getan hatte. [HGt.03_090,07] Siehe, aus diesem Grunde kann ich wohl auch mich nicht so völlig der Freude hingeben gleich denen, die, wie gesagt, vor dir noch vor Gott je gesündigt haben!“ [HGt.03_090,08] Hier unterbrach der Adam die Entschuldigung Lamechs und sagte zu ihm: „Höre, mein armer Sohn meines unglücklichen ersten Sohnes Kahin! Deine Äußerung ist mir überaus lieb, wert und teuer, und ich muß dir noch obendarauf bekennen, daß ich derlei Worte noch nie von meinen Kindern vernommen habe. [HGt.03_090,09] Aber dessenungeachtet muß ich dir sagen, daß solche zu enorme Ehrfurcht vor mir, dem Erzvater der Menschen der Erde, ein wenig eitel ist; denn im Grunde bin ich denn doch auch nur ein Mensch gleich jedem andern! Ob geboren oder unmittelbar von Gott erschaffen, das ist gleich; denn auch der Geborene wird im Mutterleibe ebensogut von Gott erschaffen, wie ich außer einem Mutterleibe von Gott erschaffen wurde. [HGt.03_090,10] Daß du ein Sünder warst, solches weiß jedermann auf der Höhe; daß du dich aber allgewaltigst gebessert hast durch die Gnade Gottes, solches wissen wir auch, und wie dir der Herr alles nachgelassen hat, wissen wir. Daher denn haben auch wir dir alles um des Herrn willen vergeben, und so magst du schon heiter und fröhlich sein mit uns! [HGt.03_090,11] Iß und trink daher, und enthebe dich deiner Trübheit; denn ich habe dir noch sehr vieles zu zeigen hernach!“ [HGt.03_090,12] Diese Worte brachten unsern Lamech wieder zur Besinnung, und er ward darauf heiteren Mutes und konnte essen und trinken. 91. Kapitel — Adams Erzählung von der Werbung Muthaels um Purista. Henochs gute Antwort[HGt.03_091,01] Daß hier unter dem Essen viele historische, auf Mich, Jehova, Bezug habende Wiedererzählungen stattgefunden haben, wo sogar unser Kenan seines Traumes wieder Erwähnung tat und der Lamech darüber viel zu fragen bekam, braucht kaum erwähnt, noch die Sachen wieder erzählt zu werden, die ohnehin schon mehrmals erzählt worden sind. [HGt.03_091,02] Aber daß am Schlusse der Adam dem Henoch die Vermählung der Purista mit Muthael bei dieser besonderen Gelegenheit proponierte, das ist wichtig und darf hier nicht zu kurz berührt werden. Und so ging denn solches also vor sich: [HGt.03_091,03] Nach der Mahlzeit, als alle die Gäste Adams dem Herrn ein wohlgebührlich Lob dargebracht hatten, erhob sich der Adam und sagte zum Henoch: „Höre mich an, du mein geliebter Sohn Henoch! Siehe, in der nahezu fünftägigen Zeit deines Abseins kam der Muthael, der da in der jüngsten Anwesenheit des Herrn an Ihn die Frage über das Wesen der Weiberliebe gestellt hatte und vom Herrn darob auch eine vollwichtigste Antwort erhielt, ganz befangenen Herzens zu mir und trug mir ganz umständlich die Not seiner Liebe zur Purista vor und fügte am Ende die Bitte hinzu, daß wir ihm das, was ihm der Herr verheißen und also auch schon völlig gegeben hatte, nicht aus irgend gewissen äußeren Rücksichten vorenthalten möchten, sondern sobald als nur immer möglich im Namen des Herrn seine Liebe segnen und ihm die Purista zum Weibe geben möchten. [HGt.03_091,04] Siehe, mein Sohn Henoch, das hat sich ereignet hier in dieser meiner Hütte! Ich aber habe dem Muthael weder ein Ja noch ein Nein gegeben, sondern verwies ihn fürs erste bloß auf den Herrn und dann aber wohl auch auf deine Wiederanwesenheit. [HGt.03_091,05] Was meinst du nun? – Ist es bei dieser Gelegenheit an der Zeit, dem Muthael seine Bitte zu gewähren, oder soll das noch weiter hinausgeschoben werden?“ [HGt.03_091,06] Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Höre, Vater, bis jetzt hat mir der Herr solches noch nicht alsbald zu tun anbefohlen; aber ich meine, wenn der Muthael den Geist meines Sohnes Lamech, des Mannes der Ghemela, annimmt und gibt uns die lebendige Versicherung, sein Weib nicht anzurühren, als bis es ihm der Herr anzeigen wird, da können wir ihm ja gleichwohl seinen Wunsch gewähren! [HGt.03_091,07] Sieht er sich aber für die Erfüllung dieser Bedingung zu schwach, da versteht es sich von selbst, daß wir da die Sache des Herrn nicht leichtsinnig in die Hände der menschlichen Schwäche legen können! [HGt.03_091,08] Ich meine aber, es wäre für Muthael überhaupt ratsamer, dem Herrn in keinem Dinge vorzugreifen; denn der Herr prüft den gewaltig, dem Er viel geben will. Darum soll auch Muthael seine mächtige Liebe eher dem Herrn ganz aufopfern und soll neben Ihm nichts besitzen wollen und auf diese Art eher seinem Geiste in Gott die vollste Freiheit verschaffen in aller Selbstverleugnung, und es wird dann der Herr ihm das Verheißene schon sicher geben, wenn es für Muthael gerade am fruchtendsten sein wird! – Meinst du, Vater, in diesem Punkte nicht auch also wie ich?“ [HGt.03_091,09] Und der Adam erwiderte: „Ja, Henoch, du hast vollkommen recht, also muß es sein! Wenn er wiederkommen wird, da werde ich ihm das zur unerläßlichen Bedingung machen; und mit der Purista ist es vorderhand noch nichts! [HGt.03_091,10] Ja, das ist recht und ist vollkommen gemäß der göttlichen Ordnung! Nun ist aber diese Geschichte auch abgemacht; daher nichts mehr weiter davon! [HGt.03_091,11] Lasset uns aber nun wieder aus der Hütte treten! Der Abend wird heute herrlich sein; daher wollen wir uns alsbald hinaufmachen auf die große weiße Höhe über der Grotte und von dort aus betrachten die große Güte und Allmacht Gottes! – Und so lasset uns den Weg machen! Amen.“ 92. Kapitel — Der Gang auf die Vollhöhe. Die herrliche Aussicht. König Lamech preist den Herrn ob der geschauten Herrlichkeiten der Erde[HGt.03_092,01] Auf dieser weißen großen Höhe angelangt, erschauten der Lamech und seine Gefährten zum ersten Male in ihrem ganzen Leben das Meer der Erde und konnten ihre Blicke gar nicht wegwenden von dieser großen Wasserfläche, welche sich in der weiten Ferne mit dem Himmel nach ihren damaligen Begriffen zu vereinen schien. [HGt.03_092,02] Ja sie hätten tagelang dem Schauspiele der Wogen zugeschaut und sich ganz verloren in solcher Beschauung, wenn der Adam den Lamech nicht gestupft hätte und seine Blicke nicht auch alsbald hin auf die uns schon bekannten wasserspeienden Kegel geleitet hätte! [HGt.03_092,03] Als der Lamech diese erschaute, da sank er vor lauter Verwunderung beinahe zusammen und fand keine Worte, seine Gefühle auszudrücken, die sich da seiner bemächtigten. Mit tränenden Augen starrte er eine gute Stunde umher, ohne dabei nur ein Wort zu reden. [HGt.03_092,04] Nach solcher Zeit aber fragte ihn endlich der Henoch: „Nun, Bruder Lamech, was sagst du wohl zu dieser Aussicht? Wie gefällt dir die Erde, von diesem Standpunkte aus betrachtet?“ [HGt.03_092,05] Hier faßte sich endlich der Lamech und erwiderte dem Henoch: „O du mein geliebtester Bruder, um die Gefühle, die sich meines Herzens hier bemächtigt haben, auszudrücken, müßte ich wohl mit der flammenden Sprachfähigkeit eines Seraphs und Cherubs ausgerüstet sein! Meine Zunge ist zu matt und steif dazu! [HGt.03_092,06] Das aber, lieber Bruder, muß ich dir gestehen, daß es mir nun ordentlich bange wird ums Herz, so ich neben diesen unaussprechlichen Herrlichkeiten der Erde bedenke, daß ich dieselben in kurzer Zeit vielleicht schon werde verlassen müssen! [HGt.03_092,07] Fürwahr, ich für meinen Teil würde mir wohl in alle Ewigkeit kein besseres und seligeres Leben wünschen und auch keine schönere Welt, als da ist diese herrliche Erde! [HGt.03_092,08] Wohin ich nur immer meine Augen wende, tauchen ja fortwährend neue Wunder auf! Dort gegen Abend hin glüht in tausendfarbiger Pracht das wogende Meer, das wohl hier bei der Erde seinen Anfang nimmt, sich aber dann ins Unendliche des Himmels verliert! Da, so ziemlich in unserer Nähe, stehen vor uns sieben Kolosse von zugespitzten Bergen und treiben an das Himmelsgewölbe Wassersäulen! Diese scheinen sich an des Himmels blauer Decke zu zerschellen, und von da in zahllosen strahlenden Tropfen wie fliehende Sterne wieder zur Erde herabzufallen und dieser den Segen des Himmels zu überbringen; ja man könnte beinahe auf den Glauben kommen, die nächtlichen Sterne des Himmels nehmen da ihren Ursprung! [HGt.03_092,09] Von all den tausend und tausendmal tausend anderen Herrlichkeiten mag ich gar nicht reden; denn zu mannigfaltig sind sie, zu groß und zu erhaben, als daß es der menschlichen Zunge möglich wäre, sie darzustellen. Daher, o Bruder, laß mich noch eine Zeitlang ruhig genießen diese große Wunderfülle unseres heiligen Vaters! [HGt.03_092,10] O Du, der Du mich noch gestern so erhaben lehrtest Deine Weisheit und endlose Liebe, wie endlos erhaben, heilig, gut und mächtig mußt Du sein, da Deine Werke solche Ehre von Dir verkünden! [HGt.03_092,11] O Bruder Henoch, wäre Er, der heilige Schöpfer dieser Herrlichkeiten, so wie gestern unter uns, wie erginge es da unseren Herzen?! [HGt.03_092,12] Ja, heilig, überheilig ist unser Gott Zebaoth Jehova; denn Himmel und Erde sind ja überfüllt von Seiner großen Ehre! [HGt.03_092,13] O Vater, wer kann Dich lieben, loben und preisen nach Recht und Gebühr? Denn zu heilig, erhaben und gut bist Du!“ [HGt.03_092,14] Hier verstummte der Lamech vor Entzückung. Adam und alle andern aber wurden selbst bis zu Tränen gerührt ob des Benehmens des Lamech und seiner Gefährten. Und der Henoch selbst lobte in seinem Herzen gewaltig Gott den Herrn, da Er Sich derer so mächtig erbarmt hatte, die da schwach und verloren waren, und sie so mächtig mit Seiner Gnade gestärkt hatte. [HGt.03_092,15] Die Gesellschaft aber verweilte noch bis zur Mitternacht auf der Höhe. 93. Kapitel — Die Heimkehr vom Berge. Das gesegnete Mahl in Adams Hütte. Die Besprechung Adams mit Henoch wegen der Feier des Sabbats[HGt.03_093,01] Um diese Zeit der Mitternacht aber erhob sich der Adam, segnete den ganzen Erdkreis und sagte dann zur ganzen Gesellschaft: „Höret mich an, ihr alle meine geliebten Kinder! Ich meine, nun hätten wir genug angeschaut die herrlichen Wunderwerke Gottes – und haben unsere Seele gesättigt mit der lieblichsten reinsten Kost in der großen Wunderküche des Herrn! [HGt.03_093,02] Ihm, dem allein über alles guten, heiligen, liebevollsten Vater, sei allein alles Lob, aller Preis, aller Dank, alle unsere Liebe und allerhöchste Achtung und wahrste Anbetung dafür! [HGt.03_093,03] Da aber bei dieser Gelegenheit auch unsere Glieder angefangen haben, nach allerlei Nahrung und Stärkung zu lechzen, so wollen wir denn uns nun bei diesem herrlichen Vollichte des Mondes auch sogleich auf den Rückweg machen und wollen uns im Namen des Herrn in meiner Wohnung laben durch Speise und Trank und dann nach dargebrachtem Lobe des Herrn uns stärken durch einen erquickenden Schlaf auf den Lagern, aus duftenden Blättern bereitet! [HGt.03_093,04] Der morgige Tag wird uns neue Genüsse im Namen des Herrn bereiten; und so denn führe uns du, Seth, hinab den besten Weg!“ [HGt.03_093,05] Der Seth tat alsbald, was der Adam gewünscht hatte, und in einer halben Stunde nach jetziger Rechnung war alles wieder gar wohlbehalten in der Hütte Adams eingekehrt, allwo die Dienerschaft Seths schon lange alles in der Bereitschaft hielt, dessen der Adam auf der Höhe schon erwähnt hatte. [HGt.03_093,06] Und die Gäste, durch die reine Gebirgsluft so recht tüchtig nach Speise hungernd gemacht, lobten Gott den Herrn und griffen dann recht wacker nach den Körben. [HGt.03_093,07] Und als die Mahlzeit beendet war, dankten sie inbrünstigst dem Herrn und legten sich dann alle, wie sie da beisammen waren, auf die duftenden Lager zur Ruhe. [HGt.03_093,08] Am Morgen aber war der Adam gewohntermaßen der erste auf und weckte alle die andern. [HGt.03_093,09] Als da alle wieder wohlgestärkt auf ihren Beinen waren, sagte der Adam zum Henoch: „Henoch, es ist heute schon wieder der Vorsabbat! Meinst du nicht, daß wir wieder die Kinder zum morgigen Feste am Tage des Herrn laden sollen?“ [HGt.03_093,10] Der Henoch aber erwiderte, sagend: „Vater, ich meine, da die Sache mehr einen eitlen als so ganz eigentlich gottesdienstlichen Anschein hat, so wollen wir mit der Einladung diesmal einhalten! [HGt.03_093,11] Wer da kommen will und wird, der soll uns willkommen sein und soll den Segen des Sabbats empfangen; wer aber nicht frei zu kommen den Sinn hat, den wollen wir auch durchaus nicht – weder durch die Einladung, noch durch irgendein anderes Mittel – dazu nötigen, und jetzt schon am allerwenigsten, da es vor dem Herrn den wahrhaftigen Anschein hätte, als wollten wir uns mit unserer Volksmenge vor diesen Kindern aus der Tiefe eitel etwas zugute tun! [HGt.03_093,12] Daher bleibe es also, wie es ist nach dem Willen des Herrn! Wer da kommen will und wird, dem soll auch der Segen werden; und für diejenigen, die da nicht kommen werden, wollen wir beten und wollen sie dem Herrn in unseren Herzen aufopfern!“ [HGt.03_093,13] Adam war mit diesem Bescheide vollkommen zufrieden und beschloß dann für diesen Tag, mit dieser ihm überaus teuer gewordenen Gesellschaft andere merkwürdige Punkte der Höhen zu besuchen, womit auch der Henoch einverstanden war. [HGt.03_093,14] Darum ließ er auch alsbald das Morgenmahl bereiten, und als dasselbe eingenommen war, wurde alsogleich auf die Vollhöhe und von da zur bekannten Grotte der Weg eingeschlagen. 94. Kapitel — Der Besuch der Adamsgrotte. Lamechs Verwunderung und Preis der Liebe des Herrn[HGt.03_094,01] Nach dem Plane Adams in der bekannten Grotte angelangt, rief der Lamech plötzlich aus: „Um des allmächtigen Gottes willen! Was ist denn das? Ist das auch ein Werk von menschlichen Händen? [HGt.03_094,02] Nein, nein, das können unmöglich je Menschenhände erbaut haben! Denn zu unberechenbar wahrhaft göttlich weise kunstvollst ist dieser Bau ausgeführt, als daß man dabei – selbst bei genauester Durchprüfung – auf den ersten Anblick nur von ferne ahnen sollte können, als hätten an dieser allergroßartigsten und wahrhaft göttlich- wunderprachtvollsten Grotte auch die weisesten Menschen nur einen Finger angelegt und ein kleinstes glänzendes Steinchen daran befestigt! [HGt.03_094,03] Das Ganze dieses großartigsten Naturtempels der Welt ist ja wie vollkommen aus einem Stücke angefertigt! Man entdeckt nirgends eine Zusammenfügung, und dennoch sieht dieses wahrhafte Gottesgemäuer also aus, als wäre es aus allen Arten des Edelgesteines erbaut! [HGt.03_094,04] Denn hier glüht eine wie aus lauter Rubinsäulen von gleichster Dicke zusammengefügte Wand gleich der herrlichsten Morgenröte; gleich daran aber, wie aus vollkommen einem Stücke bestehend, erhebt sich ein himmelblau strahlender, sicher über einhundert Mannshöhen hoher riesenhafter Pfeiler! Hinter dem Pfeiler aber ist, wie ich sehe, eine kleinere Seitenkapelle; diese strahlt wie reinstes Gold, hier und da nur wie mit allerleifarbig strahlenden Sternen unterbrochen! [HGt.03_094,05] Nein, nein, diese Wunderpracht erstickt mir ja das Wort auf der Zunge! [HGt.03_094,06] O Herr, was erblicke ich denn dort in der Mitte dieses weiten Farbengluttempels? Ist das nicht eine mächtig hoch emporschießende Wasserquelle? – Ja, sie ist es, wunderbar großartigst erhaben, wie alles, was da unmittelbar aus den allmächtigen Händen des Schöpfers hervorgegangen ist. [HGt.03_094,07] O Gott, o Du großer, allmächtiger Gott, wie gar nichts doch sind alle Menschen und auch alle Engel gegen Dich! [HGt.03_094,08] Herr, Schöpfer, Gott, Vater, heilig, überheilig! Solche Werke hast Du erbaut für die undankvollsten Herzen der Menschen?! [HGt.03_094,09] Dort am weiten Firmamente strahlt die Sonne mit unbeschreiblicher Majestät und wandelt die sonst finstere Erde mit ihrem Wunderlichte in einen Himmel um! [HGt.03_094,10] Die Nacht hindurch glühen tausendmal tausend Sterne am endlos weiten Himmel! Der liebliche Mond verkündet auch die große Ehre Gottes mit seinem stets wechselnden Lichte! [HGt.03_094,11] In welchen stets neuen Wunderformen erglühen die stets regen Wolken unter dem Firmamente! Wie ist nur die Erde endlos weithin stets geschmückt und geziert mit den herrlichsten und duftendsten Blumen! Ja, wie eine eitle Braut ist sie geschmückt, und dennoch kann der Mensch Deiner, o Herr, vergessen in der Mitte von schreiendsten Wundern Deiner Vaterhand?! [HGt.03_094,12] Wenn ein eitel-törichter Mensch einer noch törichteren Maid einen Strauß zum Zeichen seiner Fleischliebe dargebracht hat, dann erglüht sie schon vor Liebe und sieht fürder nichts als den ihr Fleisch liebenden Toren nur; die ganze Schöpfung Gottes ist ihr ohne ihren Toren ein nichtig, verächtlich Ding. [HGt.03_094,13] Aber der heilige, gute Vater hat aus Seiner endlosen Liebe die ganze Erde mit den wunderbarst erhaben-schönsten Liebesträußchen allerreichlichst geziert, hat die Sonne erschaffen für uns und die Sterne für uns und zahllose Erhabenheiten und Wunder für uns, – und dennoch können wir über dem Fleische der Erdwürmer, die wir selbst sind, Seiner stets mehr und mehr vergessen, ja Ihn, die höchste Schönheit, die höchste Liebe und Weisheit sogar fliehen, Ihn von uns wünschen, so wir im Brande der Sünde des Fleisches stehen! [HGt.03_094,14] O Erde, du herrlichste Braut Gottes, du liebliche Mutter zahlloser Wunder Gottes! Sind wir elendesten, dümmsten Menschen wohl wert, daß du Erhabene uns trägst auf dem Boden, den täglich die allmächtige Hand Gottes schmückt?!“ [HGt.03_094,15] Hier verstummte der Lamech auf eine Zeit, und der Adam, wie auch alle die andern fielen über den Redner her und kosten ihn mit Tränen in ihren Augen. [HGt.03_094,16] Und der Henoch sagte: „Ja, Bruder Lamech, jetzt hast du vollkommen aus meinem Grunde geredet; also ist es! Der Mensch in seinem Fleische ist der Erde nicht wert, wenn er den Geist flieht, um nur sein Fleisch zu trösten! [HGt.03_094,17] Rede aber nur also weiter! Ich sage dir: Jahre lang wirst du uns dadurch nicht ermüden, – und so du reden möchtest Tag und Nacht! Daher fahre nur also fort!“ 95. Kapitel — Henochs weise Lebenserfahrungen betreffs der Fleisches- und Weltliebe der Menschen[HGt.03_095,01] Der Lamech aber, da er solch eine angenehme Beheißung vom Henoch vernommen hatte, richtete sich in seinem Gemüte auf und sprach: [HGt.03_095,02] „O geliebtester Bruder, ich möchte ja auch reden, solange meine Kehle und Zunge eines Wortes fähig wäre; aber die wunderbarste Erhabenheit und unbegreifliche Pracht dieses Ortes erlahmt einem armen Sünder, wie ich da einer bin, die gesamte Sprachfähigkeit, und es wird so das Reden ein saures Geschäft, so die Sprachwerkzeuge dienstunfähig sind! Daher möchte ich dich wohl bitten, daß du hier eine Rede halten möchtest, auf daß ich mich erbauete an derselben! [HGt.03_095,03] Über die Torheit der Menschen glaube ich genug gesagt zu haben; läßt sich aber auch etwas zu ihrem Lobe sagen, so öffne du darob den Mund, und tue solches kund, und mache dadurch gut mein Schmähen! [HGt.03_095,04] Ich aber habe geredet nach meiner Erfahrung, und es ist bestimmt also, wie ich mit meinen wenigen Worten die Sache bezeichnet habe; du, o Bruder, aber wirst sicher eine andere Erfahrung haben auf der Höhe, als ich sie haben kann in der sündigen Tiefe, und so wirst du auch sicher besser als ich über die Menschheit ein gerechtes Urteil zu fällen imstande sein, und so bitte ich dich, rede du nun an meiner Statt!“ [HGt.03_095,05] Und der Henoch reichte dem Lamech die Hand und sagte: „Bruder, es ist wahr, was da unsere Erfahrungen betrifft, so hast du in deiner Tiefe sicher ganz andere als ich auf meiner Höhe gemacht; aber dessenungeachtet hast du wie für die Tiefe also auch für die Höhe im Allgemeinen richtig gesprochen, – denn auch hier gilt im Allgemeinen das Fleisch mehr als der Herr Selbst! [HGt.03_095,06] Ja, so du jemanden fragen wirst und sagen: ,Bruder – oder Schwester –, was wohl liebst und achtest du mehr: das Fleisch oder Gott, deinen Herrn, Schöpfer und Vater?‘, da wird er dir alsbald sagen: ,Was ist das für eine entsetzliche Frage?! Wer wohl wird je ein Fleisch mehr lieben denn Gott?! Nein, solch ein Gedanke, solch eine Frage ist ja schon eine Sünde, vor der die Erde bis in ihr innerstes Mark erbebt!‘ [HGt.03_095,07] Habe aber acht auf seine Handlungen, auf sein Leben, so wird es sich gar bald heraustun, daß er mit der größten Freude von der Welt über gänzlich verächtlich wertlose, weltliche und fleischlich-liebliche Stoffe ganze Tage, Wochen, Monate und Jahre plaudern wird! [HGt.03_095,08] Fängst du mit ihm aber ganz ernstlich über Gott und über rein geistig-lebendige Dinge zu reden an, da wird er ein ganz verdutztes, trauriges und dazu noch überaus dummes Gesicht machen, und du wirst ihn nach einer stündigen Unterredung eine klafterlange, langweilige Miene dir zeigen sehen, die dir mit den klarsten Akzenten sagen wird: [HGt.03_095,09] ,Freund, du bist ein entsetzlich langweiliger Mensch! Rede von etwas anderem; denn dergleichen hohe Dinge verstehe ich nicht! Und weil ich sie eben nicht verstehe, so dienen sie mir nur zur Erweckung der Langeweile, der inneren Verdrießlichkeit und der bald darauf folgenden Schläfrigkeit! Rede von einer Katze, von einem Vogel, von einer schönen Tochter (oder von einem schönen jungen Manne), und ich will dir tagelang mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zuhören; aber nur mit so hohen, göttlichen Dingen verschone mich, da ich sie nicht verstehe!‘ [HGt.03_095,10] Siehe, das wird dir so ein Gottesehrfürchtling freilich wohl nicht ins Angesicht sagen; aber seine Handlungen, sein Gesicht und seine Gebärden werden es dir ins Gesicht schreien heftiger, denn da brüllt ein hungernder Löwe! [HGt.03_095,11] Daher sollst du auch vorderhand den Unterschied zwischen deinen und meinen Erfahrungen nicht so groß machen und die Höhe so ziemlich der Tiefe gleichstellen und hier reden ohne Scheu, besonders wenn gar bald der Muthael zu uns kommen wird in einer gewissen Absicht. [HGt.03_095,12] Nun aber wollen wir diese Grotte durchschreiten und uns von da gegen Morgen ziehen; dort sollst du die herrliche Einrichtung Gottes sehen! [HGt.03_095,13] Aber wie gesagt: wenn dort der Muthael zu uns stoßen wird, da werde ich ihn zu dir bescheiden, und du wirst die rechten Worte finden, mit ihm zu reden! – Und so geschehe es im Namen des Herrn! Amen.“ 96. Kapitel — Der Zug zur Hütte der Purista. Der Empfang der Gäste durch Purista. Die Bewunderung der Schönheit der Purista durch Lamech[HGt.03_096,01] Als die Gesellschaft unter vielen Verwunderungen die Grotte durchschritten und also erreicht hatte den Ausgang gen Morgen, da sprach der Henoch: [HGt.03_096,02] „Lasset uns nun gen Morgen ziehen, auf daß der Lamech und seine Gefährten dort erschauen möchten die Herrlichkeit unseres heiligen Vaters! In der Hütte der Purista wollen wir das Mahl des Herrn halten, welches Er Selbst uns allen zu den gerechten Zeiten verordnet hat zur Stärkung unserer Liebe und dadurch unseres Geistes!“ [HGt.03_096,03] Und der Adam erwiderte: „Ja, mein Sohn Henoch, du hast wohl geredet; das wollen wir tun und wollen bei dieser Gelegenheit auch sehen, was da mit dem hochzeitlustigen Muthael zu machen sein wird!“ [HGt.03_096,04] Und der Henoch sagte darauf: „Ja, ja, Vater Adam, das wird sich bei dieser Gelegenheit ganz besonders zeigen! Aber lassen wir hier jede weitere Bestimmung beiseite; an Ort und Stelle wird sich alles zeigen, was da zu machen sein wird! – Und so denn gehen wir im Namen des Herrn!“ [HGt.03_096,05] Hier verließ die Gesellschaft die Grotte und begab sich eilends gen Morgen. [HGt.03_096,06] Allda angelangt, eilten alsbald ganze Scharen den hohen Gästen entgegen und grüßten sie mit dem Gruß der Liebe. [HGt.03_096,07] Die Purista aber war die erste, welche ihren Gruß den hohen Gästen darbrachte und darauf sagte: [HGt.03_096,08] „Erhabene Väter, große Freunde des allmächtigen Gottes, ihr kommet nun wie allzeit in großen, heiligen Absichten hierher; daher sei jetzt wie ewig mein tiefstes Lob dem heiligen, ewig liebevollsten Vater, der da wohnt in Seinem ewig heiligen Lichte und, durch unsere Liebe zu Ihm uns belebend, in unserm Herzen! [HGt.03_096,09] Seid, o liebe, erhabene Väter, mir armen Dienerin des Herrn unaussprechlichmal willkommen! Wie lechzt meine Seele nach Worten des Vaters aus dem Munde dessen, den Er als der Herr Selbst gestellt hat zu einem wahrhaftigen Hohenpriester! [HGt.03_096,10] O kommet mit mir in die Hütte des Herrn, die Er Selbst erbaut hat durch Seinen allmächtigen Willen, und die Er verordnet hat zu einer Speiseküche, allwo alle Seine Kinder die gerechte Stärkung zum ewigen Leben finden sollen.“ [HGt.03_096,11] Der Henoch aber, als er den ganz zerflossenen Lamech ansah, sagte zu ihm: „Nun, Bruder, wie gefällt dir diese Rednerin? Was sagst du zu ihren Worten?“ [HGt.03_096,12] Und der Lamech, sich kaum fassend ob der unbeschreiblichen himmlischen Anmut und Schönheit der Purista, sagte: „O Bruder, der Anblick des Erzfeindes bei der flammenden und zerstörten Kluft hat meiner Zunge im Augenblicke der Erscheinung ein mächtiges Band angelegt; aber diese Tochter der Himmel scheint noch hemmender auf meine Sprachorgane einzuwirken! O Gott, o Gott, was doch alles meinen Augen begegnen muß! [HGt.03_096,13] Nein, Bruder, der Anblick solch eines Himmels könnte einem armen Sünder fürwahr das Leben kosten! Solch eine Schönheit, verbunden mit solcher Liebe und Weisheit! Das ist mehr, als was ein armer Sünder in Ewigkeit wird zu fassen imstande sein! [HGt.03_096,14] Bruder, erlasse mir für jetzt die weiteren Bestimmungen und Urteile; denn ich muß mich vorerst an diesen Anblick gewöhnen! Ist das geschehen mit der Gnade des Herrn, dann erst werde ich zu reden imstande sein; daher erlasse mir nun das weitere Reden!“ [HGt.03_096,15] Und der Henoch erwiderte ihm: „Nun gut, in der Hütte der Herrlichkeit des Herrn wird dir die Zunge schon gelöst werden; daher wollen wir nun auch alsbald in die große Hütte treten!“ [HGt.03_096,16] Hier führte die herrliche Purista alle in die Hütte und legte frisches Holz auf den Herd der Liebe. 97. Kapitel — In der Hütte des Herrn. Puristas Klage über Muthaels verliebte Nachstellungen. Henochs, des Herzenskenners, weise Antwort[HGt.03_097,01] Da die Gesellschaft nun sämtlich in der Hütte sich befand und die Purista ihren Herd versorgt hatte, da trat sie alsbald wieder hin vor den Henoch und sprach zu ihm: [HGt.03_097,02] „O erhabener, alleiniger, wahrer Hoherpriester des allmächtigen, ewigen Gottes, der da ist unser heiliger und liebevollster Vater! Ich muß es dir mit bekümmertem Herzen erzählen, was dahier im Morgen vor sich gehen will! [HGt.03_097,03] Du weißt es, daß letzthin der Herr, unser ewig heiliger Vater, dem Muthael irgendeine Zusage gemacht hat, als solle ich dereinst, wenn es dem Vater wohlgefallen möchte, dessen Weib werden. Nun aber geht mir der sonst weise und gerechte Muthael darum stets auf der Ferse nach und will sich von mir die sichere Zusage ernötigen! [HGt.03_097,04] Sage ich ihm, daß er nur am Worte des Herrn halten solle und nicht unnötigerweise von mir eine Zusage verlangen solle (und es wird ja ohnehin zur rechten Zeit geschehen, was da der Herr wird wollen!), siehe, da fängt er an, alsbald zu weinen und spricht: [HGt.03_097,05] ,Ja, ja, also reden alle Jungfrauen, wenn ihnen der Bewerber nicht zu Gesichte steht!‘ Der Herr würde mich ewig nimmer zwingen, daß ich sein Weib werden solle, so ich solches nicht durch Seine Gnade aus mir selbst wollte, – und ich beschiede ihn eben darum stets an den Herrn, weil ich ihn nicht möchte, und weil ich wohl wüßte, daß der Herr mich nie zu etwas zwingen würde, das mir zuwider wäre! [HGt.03_097,06] Siehe, das und noch mehreres andere sind seine Worte! O gib mir doch einen Rat aus dem Herrn, was ich da tun soll! [HGt.03_097,07] Habe ich mich etwa gestern nicht versündigt, da ich, der beständigen leeren Plauderei und unnötigen Fragerei überdrüssig, den Muthael blank abgewiesen habe und habe ihm gesagt: ,Weil du unnötigerweise so zudringlich bist und willst vor der Zeit mich zum Weibe haben, so sage ich dir nun vollernstlich, daß ich gegen dich einen Widerwillen habe, und gebe dir die vollste Versicherung, daß du mich nimmer vom Herrn wirst abwendig machen! Machst du in deiner Brunst eitler Liebe zu mir als einem Geschöpfe nur noch einen Schritt, so will ich dem Herrn bei diesem Herde schwören, ewig ledig zu verbleiben aus reiner Liebe zu Ihm und nimmer einen Mann der Erde anzusehen!‘ [HGt.03_097,08] Diese Worte aber haben den Muthael so sehr bestürzt, daß er alsbald sprachlos ward und sich dann weinend und schluchzend von dannen zog und – wie ich es merkte – schnurgerade zu euch auf die Vollhöhe ging. [HGt.03_097,09] O Henoch, du erhabener Diener des allmächtigen Gottes, gib mir hier einen sichern Rat und Trost im Namen des Herrn!“ [HGt.03_097,10] Und der Henoch erwiderte der Purista: „So höre mich denn an; ich will dir in der Wahrheitsfülle sagen, wie da die Dinge stehen: Siehe, der Herr hat ganz sicher dich dem Muthael verheißen und im Geiste auch schon völlig angebunden; nur hatte Er die Segnung des Fleisches noch bis zur gerechten Zeit aufgeschoben! Dir aber hat der Herr solches auch stumm bloß nur deinem Gefühle kundgetan! [HGt.03_097,11] Da aber der Muthael zu dir kam und zeigte dir solches durch verdeckte Worte an, da erkanntest du in ihm aus deinem Gefühle, daß er derjenige ist, der dir vom Herrn aus einst zum gesegneten Manne werden soll; und zufolge dieser Erkenntnis hast du den Muthael mit einem sehr vielsagenden, überaus freundlichen Blicke angeschaut und hast eben durch diesen schönsten Blick dem sonst überaus weisen Muthael eine starke Wunde beigebracht, an welcher er beinahe seine ganze Weisheit verblutet hätte! Und seitdem ist Muthael ganz in deine Liebe begraben und mag sich nicht erheben aus solcher Wohnung, darinnen kein Leben ist! [HGt.03_097,12] Siehe, das war sonach ein kleiner Fehler von dir, den du wieder gutzumachen hast! Diesen Fehler aber wirst du dadurch gutmachen, so du den Herrn bittest, Er möchte ja den Muthael segnen und ihn führen auf den rechten Weg des Heils! [HGt.03_097,13] Aber verachten darfst du ihn ja nicht; denn ein Mann, der mit der Verheißung des Herrn erfüllt ist, ist gar mächtig geheiligt! [HGt.03_097,14] Daß der Herr ihn nun ein wenig prüft, das dient zu seiner Vollendung. Aber du darfst ihn darum ja nicht verkennen; denn er ist ein von Gott geheiligter, dir bestimmter Mann zur rechten Zeit! [HGt.03_097,15] Siehe, also stehen die Dinge! Du darfst ihn nicht fliehen; aber du darfst ihn auch nicht versuchen! – Das für dich; mit Muthael aber werde schon ich reden! Nun gehen wir an deinen Herd! Amen.“ 98. Kapitel — Die Heilung des gemütskranken, verliebten Muthael durch Henoch[HGt.03_098,01] Als aber die Purista wieder bei ihrem Herde beschäftigt war und der Lamech nun nüchterner- und gefaßterermaßen so manche triftige Urteile über sie zur Gesellschaft der Väter ergehen ließ und mit seinen Bemerkungen noch kaum zu Ende war, da trat auf einmal wie von Sinnen der Muthael in die Hütte, sah den Henoch an, ging dann nachdenkenden Schrittes vor ihn hin und starrte ihn an, ohne ein Wort zu reden. [HGt.03_098,02] Der Henoch aber hob alsbald seine Rechte auf und sprach: „Höre, du stumme Begierde des Fleisches, die du arg gefangennahmst diesen Menschen, der da mit der Verheißung Gottes erfüllt ist, ich gebiete dir in der Macht des Herrn in meiner Brust, daß du alsbald verstummest und weichest von diesem, den Gott berufen hat!“ [HGt.03_098,03] Hier erwachte Muthael plötzlich wie aus einem tiefen Schlafe und sprach: „O Gott, mein heiliger Vater! Wo bin ich denn nun? Was ist mit mir vorgegangen? Bin ich es wohl noch, der ich war? Wache ich, oder schlafe und träume ich nun? [HGt.03_098,04] Mir kommt es dunkel ahnend vor, als wäre ich der Purista wegen mit großer Leidenschaft hierher geeilt; und siehe, die Purista steht hier neben mir nun und ist mir so gleichgültig wie etwas, das gar nicht da ist! – Wie ist doch solches möglich? [HGt.03_098,05] Ich weiß es ja und erinnere mich jetzt recht gut, daß ich sie nach der Verheißung mit der glühendsten Liebe habe zu erfassen angefangen; nun aber strahlt allein die Verheißung nur noch wie ein Abendstern in der ersten Dämmerung in meiner Brust, da sie ist ein Wort des Vaters! Alles andere aber ist wie verschwunden für mich! – Wie, wie doch ist so plötzlich solche Veränderung in mir vorgegangen?! [HGt.03_098,06] O Henoch, ich gestehe es dir ganz offen – da ich nun wohl weiß, warum ich jetzt so ganz eigentlich hierher kam, und warum ich gestern schon sehr früh auf die Höhe geeilt bin –, daß mir nun die ganze Erde mit allen ihren Bewohnern um eine hohle Zwergnuß feil ist! [HGt.03_098,07] Der Vater ist mir nun allein alles in allem; alles andere aber ist mir ein reines Nichts! Auch du, Henoch, bist mir nur in so weit etwas, als du die ausschließende Liebe zum Vater in deinem Herzen birgst; im sonstigen aber bist du mir gleich den anderen Dingen, die da nur pure Geschöpfe sind, und gleich der Purista, als wärest du gar nicht! [HGt.03_098,08] Denn ich erschaue nun allenthalben die erhaltende und stets neu schaffende Liebemühe und Sorge und Arbeit des Vaters. Darum kann ich die Dinge und Geschöpfe nun nicht lieben, die dem heiligen Vater Mühe machen; denn ich liebe ja Ihn nur! [HGt.03_098,09] Ich selbst wäre lieber nicht, als ich bin, – weil auch ich dem Vater Mühe mache; aber so ich nicht wäre, dann könnte ich Ihn ja auch nicht lieben, – Ihn, der da die höchste Liebe Selbst ist! Desgleichen müßt aber ja auch ihr sein, damit ihr den Vater lieben möget! [HGt.03_098,10] O Vater, wie war es denn doch möglich, daß ich auch nur einige Augenblicke lang diese Purista beinahe mehr zu lieben vermochte denn Dich, Du heiliger Vater?!“ [HGt.03_098,11] Diese Worte schlossen den Mund Muthaels. Alles aber verwunderte sich ganz entsetzlich über diese Veränderung Muthaels. [HGt.03_098,12] Die Purista fing an, heimlich zu weinen, und verwünschte den vom Henoch bezeichneten Blick, mit dem sie dem Muthael eine solche Wunde versetzt hatte; denn sie sah nun den, den ihr Herz heimlich liebte, für verloren. [HGt.03_098,13] Der Adam wußte gar nicht, mit welcher Frage er zuerst zum Vorschein kommen sollte. [HGt.03_098,14] Der Lamech der Tiefe sah auch ganz verblüfft in die Sache und sagte zum Henoch: „Bruder, bei der gegenwärtigen Gestalt der Dinge werde ich, wie es mir vorkommt, mit diesem Manne eben nicht zu viel zu reden bekommen!“ [HGt.03_098,15] Der Henoch aber entgegnete ihm: „Laß es nur gut sein! Erst wenn da das Blatt völlig gewendet sein wird, wirst du, als am rechten Platze, in die große Menge zu reden bekommen; für jetzt aber lassen wir diese Sache nur gut sein! Denn nun muß hier die Purista dem Muthael kommen und muß an ihm das wieder gutmachen, was sie ehedem, wennschon mehr willenlos, an ihm verschlimmert hatte! Also will es der Herr! Daher lassen wir die Sache bis dahin nur gut sein und gehen den Weg der göttlichen Ordnung! Amen.“ 99. Kapitel — Adams Verwunderung über die innere Wandlung des Muthael. Purista in Verlegenheit. Muthaels Rede von der Eitelkeit aller Neigungen. Puristas Reue und Bitte um Vergebung[HGt.03_099,01] Nach diesen Worten Henochs an den Lamech kam erst der Adam so recht zu sich und fragte den Henoch: „Höre, mein geliebtester Sohn Henoch! Was ist denn das für eine Erscheinung? Der glühende Muthael, der an der Purista den Himmel der Himmel zu finden wähnte, – der sich erst gestern in die wunderbarsten Tiefen über der Purista – welche Tiefen als unberechenbare Gnadenfolgen aus solcher von Gott verheißenen Verbindung notwendig hervorgehen müßten – verlor; der Muthael, sage ich, der mir weissagte, die Erhaltung des Menschengeschlechtes auf dieser Erde hänge von dieser von Gott verheißenen Verbindung ab, – der ist jetzt ein barster Verächter der Purista geworden, und wie es mir vorkommt, so ist sie ihm gleichgültiger geworden, als uns allen da gleichgültig ist derjenige Teil dieser Erde, den wir noch gar nicht kennen! [HGt.03_099,02] O sage mir, woher kommt das? Hat die Auflegung deiner Hände solches im Muthael bewirkt? Oder hat er selbst sich insoweit heimlich überredet? Oder hat ihn der Herr so ganz und gar plötzlich umgestaltet? Oder hast du ihn in einen Wachschlaf versetzt? – O sage mir, was ist's, das da den Muthael so gänzlich verändert hat?“ [HGt.03_099,03] Und der Henoch sprach zum Adam: „O Vater Adam, habe du nur acht auf die Benehmung und auf die Rede Muthaels, und du wirst alsbald das Rätselhafte dieser Erscheinung aufgelöst vor dir haben! Ich werde alsbald den Muthael mit der Purista reden lassen, so er wird wollen, und du wirst aus dieser Rede gar leicht zu entnehmen imstande sein, was da alles hinter dieser Erscheinung steckt; und so habe denn acht!“ [HGt.03_099,04] Hier berief der Henoch die Purista und sagte zu ihr: „Nun, meine herrliche Purista, sage mir, wie dir jetzt der Muthael gefällt, und ob du mit mir darum zufrieden bist, daß ich durch die Gnade des Herrn den Muthael durch Wort und Tat also gestimmt habe! Denn du hattest ehedem eine gerechte Klage über ihn geführt, in welcher du dich durchaus unzufrieden über ihn geäußert hast; darum mußt du mir nun kundgeben, ob er dir also besser gefällt!“ [HGt.03_099,05] Hier ward die Purista groß verlegen und wußte nicht, was sie hätte sagen sollen. [HGt.03_099,06] Der Muthael aber, der ihr zur Seite stand, sagte ohne vieles Nachsinnen: „Ich finde, daß auf der zeiten- und formenwechselnden Erde alles seine Zeit hat! Die Dummheit hat die ihrige, die Weisheit die ihrige, die Liebe die ihrige, der Weibersinn bei dem Manne die seinige, die Heiratslust die ihrige! Also war es auch bei mir, da ich vor der Purista glühend bin geworden! [HGt.03_099,07] Da sich aber die Zeiten verändern, wir aber in der Zeitenfolge stecken, wie sollten wir da so ganz und gar unveränderlich bleiben können?! [HGt.03_099,08] Die Erde tanzt für sich beständig wie ein töricht-lustiges Kind um die große Sonne; wo aber ist der ruhig Weise unter uns, der diesen Tanz nicht täglich unaufhaltsam mitmachen müßte?! Sogar im Schlafe muß ich die tolle Lust der Erde mitmachen! [HGt.03_099,09] Also ist es ja auch begreiflich, daß ich einmal von einer glühäugigen Maid selbst erglühen mußte! Aber wir wissen es ja alle, daß die feuchten Wolken sogar die mächtige Sonnenglut abzukühlen vermögen; also wird es ja wohl auch ein Mittel geben, mit dem ein Mann seine törichte Weibliebeglut abzukühlen imstande ist?! [HGt.03_099,10] Ich habe ein solches Mittel durch die Gnade Gottes überkommen, und nun schaden mir die zwei Sonnen Puristas nicht mehr! Und das ist auch eine Veränderung der Zeit in mir, und ich lebe in ihr wieder neu auf und fühle, daß der Mann, so er einmal geboren ist, auch gar leicht ohne eine Purista bestehen kann; und davon liegt der Grund in der steten Veränderung der Zeiten. [HGt.03_099,11] Heute lieb, morgen trüb; heute heiß, morgen weiß; heute Glut, morgen Flut!“ [HGt.03_099,12] Diese Worte brachen der Purista das Herz, und sie fing an, bitterlich zu weinen, und sprach: „Wenn der Verheißene solche Worte führt, wenn es sich um den höchsten Ernst handelt, was erst werden die nicht Verheißenen für Worte führen?! – O Muthael, hast du denn kein Herz mehr, das mir vergeben könnte, so ich zu hart gewesen bin?“ 100. Kapitel — Die weise und männlich-edle Rede Muthaels an Purista[HGt.03_100,01] Der Muthael aber wandte sich zur Purista und sprach zu ihr: „Purista, – warum klagst du jetzt offenbar gegen die göttliche Ordnung? [HGt.03_100,02] Ich war glühend, und du klagtest über meine Glut; nun bin ich kalt, und du klagst über meine Kälte! Sage mir, wie soll ich denn sein, daß du nicht klagen möchtest über mich? Soll ich in der Mitte wandeln zwischen Glut und Kälte, – soll ich lau sein? [HGt.03_100,03] Siehe, du weißt hier zu antworten nicht! Ich aber will dir eine rechte Antwort geben vor Gott und all den Vätern, und diese laute also: [HGt.03_100,04] Wenn ich also bin gegen dich, wie es der Herr will, da meine ich, mein Verhalten ist gerecht! [HGt.03_100,05] Bin ich glühend, so ist es des Herrn Wille, daß ich glühend bin; und bin ich kalt, so ist es auch des Herrn Wille, daß ich kalt bin; und wäre ich lau, so wäre ich auch das nicht ohne den Willen des Herrn, – obschon ich wohl weiß, daß die Lauheit nirgends in der Ordnung der göttlichen Dinge gezeichnet steht, daher mich der Herr auch sicher nie wird in den Zustand der Lauheit versinken lassen! [HGt.03_100,06] Hast du aber ein rechtes Vertrauen auf den Herrn und Vater aller Menschen, wie magst du da zagen und weinend vor mir herkommen, als hätte ich dir irgendeine Beleidigung zu vergeben?! [HGt.03_100,07] Wird nicht der Herr nur machen, was Er wird wollen und wird uns zu seiner Zeit entweder verbinden oder trennen?! Oder meinst du wohl, solches steht etwa doch so ganz heimlich in unserer Macht? [HGt.03_100,08] O siehe, weder ich, noch du, noch Henoch und all die anderen Väter vermögen solches nach ihrem Wollen, sondern da kommt es allein auf den Herrn an! [HGt.03_100,09] Ob wir uns nun schon mit aller Glut lieben, oder ob wir uns nun gegenseitig fliehen, das ist gleich; so wir die Verheißung haben, da wird uns der Herr dennoch vereinen, vorausgesetzt, daß die Verheißung vorderhand keine Probeverheißung ist, durch welche wir an uns selbst erfahren sollen, ob etwa unsere gegenseitige Liebe heimlich nicht stärker ist als die zu Ihm! [HGt.03_100,10] Ist die Verheißung aber also gestellt – was ich eben keinen Augenblick lang bezweifeln möchte –, da muß ich dem Herrn ja nun aus allen meinen Kräften danken, daß Er mir meine törichte Glut gedämpft hat, welche Seine heilige Probeverheißung und deiner Augen Sonnenstrahl in mir erweckt haben, und ich meine, du als eine reinste erwählte Magd des Herrn, die Er auf Seinen allerheiligsten Händen trug, wirst diese meine gegründetste Ansicht in deinem Herzen doch sicher allerhöchst billig finden und wirst sie auch teilen mit mir! [HGt.03_100,11] Daher erkläre ich dir hier vor Gott und allen den Vätern, daß ich, solange es mir der Herr nicht ganz bestimmt anzeigen wird, dich zum Weibe zu nehmen, mich also verhalten werde gegen dich, als wärest du gleich jeder andern Jungfrau, die mir der Herr nicht verheißen hat! [HGt.03_100,12] Im Gegenteile aber wünsche ich als dein Bruder dir ganz dieselbe Gesinnung, die dich allein mit dem Vater auf ewig allergetreuest verbinden wird! [HGt.03_100,13] Halte und setzte alles auf den Herrn, und deinem Herzen wird alsbald die rechte Abkühlung und der süßeste Trost werden! Das ist aber auch alles, was mein ganz nun Gott ergebenes Herz dir wünschen kann. Tue das, und du wirst in der heiligen Verheißung das rechte Licht erschauen! Amen.“ [HGt.03_100,14] Hier verdeckte sich die Purista ihr Angesicht und ging, ganz ergriffen von der Weisheit Muthaels, an ihren Herd und fing da an, ganz gewaltig über die Worte Muthaels nachzusinnen, und fand sie stets richtiger. [HGt.03_100,15] Der Henoch aber sprach zum Lamech: „Bruder, bereite dich; denn jetzt kommt bald die Reihe an dich, zu reden Worte aus der Tiefe der Liebe Gottes im Menschen!“ 101. Kapitel — Muthaels Geringschätzung der Gäste aus der Tiefe und seine spitze, an König Lamech gerichtete Frage. Lamechs Erwiderung[HGt.03_101,01] Nach dieser Präsignation Henochs an den Lamech aber wandte sich der Muthael an den Henoch und sagte zu ihm: „Henoch, sage mir doch, wer da diese kleinen Menschen sind, und besonders der, zu dem du soeben geredet hast! Sind das einige von denen, die da in der Zeit, als der Herr unter uns war, aus der Tiefe, die jetzt gereinigt sein soll, einen Ausfall gegen uns zu machen sich ärglichst erkühnt haben? Oder sind das irgend Menschen, die da in einem äußersten Winkel der Mitternacht sind geboren worden? Sage mir doch, was es da mit ihnen für eine Bewandtnis hat!“ [HGt.03_101,02] Und der Henoch sagte darauf zum Muthael: „Höre, ich habe eben darum den rechten aus diesen Menschen präsigniert, daß er sich gefaßt halten solle auf eine Unterredung mit dir! Da du aber nun selbst wünschest, mit diesen – leiblich nur, aber nicht auch geistig – kleineren Menschen, als wir es sind, näher bekannt zu werden, so rate ich dir und sage: Wende dich sogleich an den mir zunächst Stehenden, der da auch Lamech heißt; er wird dir die beste Auskunft über so manches zuteil werden lassen! Tue das ohne Scheu und sonstigen Rückhalt! Ich bin im voraus überzeugt, du wirst am Ende mit seiner kleinen Statur überaus zufrieden sein!“ [HGt.03_101,03] Aber auch der Adam winkte beifällig dem Muthael, sich nur alsbald über den kleinen Menschen herzumachen; denn er wußte wohl, wie viel des besten Salzes da im Lamech stecke. [HGt.03_101,04] Und so unternahm der Muthael das ihm leichtest vorkommende Wagnis, sich mit dem Lamech in einen erkundlichen Diskurs einzulassen, und gab darum dem Lamech sogleich folgende Frage: [HGt.03_101,05] „Lamech, du außerordentlich kleiner Mensch, sage mir, wer und woher du bist, auf daß ich wissen möchte, wie man sich gegen dich und deinesgleichen zu benehmen habe! Denn siehe, ich bin noch ein Mensch, dem es noch nicht gegeben ist, gleich einem Henoch und so manchem andern in den Grund des Lebens schauen zu können! Daher muß ich noch fragen und aus der Antwort entnehmen, wen ich vor mir habe. Und so denn habe ich auch dich gefragt, auf daß du mir kundgeben möchtest, wer und woher du seist!“ [HGt.03_101,06] Hier sah der Lamech den Muthael sehr bedeutend an und sagte darauf mit sehr gemessenen Worten und etwas eifriger Stimme: „Höre, du sonst weiser Mann des Morgens, diese Frage macht dir durchaus keine Ehre; denn so fragt sich in meiner großen Stadt Hanoch das gemeinste Gassenreinigungsgesinde, das bis jetzt kaum gewußt hat, daß es menschlicher Abstammung ist! [HGt.03_101,07] Ein rechter Weiser aber sollte meines Erachtens doch wissen, daß lebende Wesen – besonders, so sie sich in freundlicher Gesellschaft eines Henoch befinden und mit ihm sogar zu reden imstande sind – für etwas mehr geachtet werden sollen, als wären sie nur irgend menschenähnliche Affen! [HGt.03_101,08] Dieses aber scheint deiner Weisheit noch sehr zu mangeln; daher auch ist deine Frage also an mich gestellt, als wüßtest du von der wahren Weisheit noch gar nichts und sähest mich statt für einen Menschen lediglich nur für einen Affen an! [HGt.03_101,09] Ich aber rate dir nun: Erkenne dich selbst zuvor genau; dann erst versuche, was du mit mir richten magst! Auf diese Art aber ist es mir nun auch sehr wohl begreiflich, warum du gegen die himmlische Purista also extrem bist, einmal glühend wie fließendes Erz – vorausgesetzt, daß du schon je eines hast fließen sehen – und jetzt wieder kalt wie ein Eisblock, weil dir die heilige Lebensmitte in der Liebe zu Gott in der Werktätigkeit noch ganz fremd zu sein scheint; denn die Purista ist rein wie Gold, – vorausgesetzt, daß du das Gold kennst! [HGt.03_101,10] Du aber bist bisher nur noch ein Tor, der es kaum zu ahnen scheint, wie der Herr die Menschen zu erziehen pflegt! [HGt.03_101,11] Daher rate ich dir im Namen meines und deines Gottes: Gehe und erkenne dich zuvor selbst; dann erst komme und rede mit mir, dem außerordentlich kleinen Menschen Lamech, der doch immer noch besser zu sein scheint als irgendein Affe! – Verstehe mich!“ 102. Kapitel — Der beschämte Muthael, von Henoch am Fortgehen gehindert. Henochs Rede über das Wesen der Weiber[HGt.03_102,01] Diese Worte zeigten dem Muthael sogleich, mit wem er es zu tun hatte. Er verneigte sich daher vor Lamech und machte sehr stark Miene, die Gesellschaft so bald als nur immer möglich zu verlassen; denn er war der Meinung so ganz heimlich bei sich selbst, der Henoch habe ihn da geflissentlich anrennen lassen. [HGt.03_102,02] Und so war er gewisserart von allen Seiten her indigniert, und es wandelte ihn auch noch eine Scham obendarauf an, indem er sich jetzt im Angesicht der Väter, wie im Angesichte der Purista in seiner Weisheitsfähigkeit gewaltig zurückgesetzt fand. [HGt.03_102,03] Als er sich aber so ganz gemach der Türe zu nahen anfing, da sagte der Henoch zu ihm: „Muthael, also verläßt kein Mann je eine Gesellschaft, wie da die unsrige ist! – Willst du denn wohl eine Torheit mit der andern krönen?!“ [HGt.03_102,04] Der Muthael aber erwiderte: „Das will ich mitnichten, – wohl aber die erste mit der zweiten vergessen machen! Zudem hat mir der gut gesalzene Lamech ja anbefohlen, daß ich gehen solle, um mich zuerst selbst besser kennenzulernen! Was wohl kann das für eine Torheit sein, wenn ich den Rat eines so mächtig gesalzenen Weisen befolge? Oder ist das anders zu verstehen?“ [HGt.03_102,05] Hier sagte der Henoch zum Muthael: „Muthael, du scheinst darum von einem mächtigen Eigendünkel beseelt zu sein, weil der Herr einiges über die Weiberliebe mit dir geredet hat!? [HGt.03_102,06] Siehe, wärest du irgendein leichtsinniges, töricht blindes Weib, das da seine Fleischesbegierden nur am besten kennt und für deren Befriedigung allezeit sorgt, so möchte ich mir aus deiner gemessenen Dummheit nichts machen! [HGt.03_102,07] Denn also ist ja auch des Herrn Sinn! Er erfaßt das Weib, das Ihn allein zu lieben vermag und völlig will ohne irgendeine Beimischung der Welt, und trägt es dann auf den Armen und Händen und Fingern seiner glücklichsten Bestimmung zu! [HGt.03_102,08] Aber ein Weib, das da zumeist an der Weltdummheit, wo etwas Sinnlich-Ergötzliches herausschaut, seine Freude findet, läßt der Herr gehen wie das Getier der Wälder und kümmert Sich im übrigen gar nicht um es, außer in dem nur, daß Er ihm das sinnliche Leben des Leibes gibt wie dem Getiere der Wälder, [HGt.03_102,09] aus welchem Grunde denn auch einem ausgearteten Weibe nicht leichtlich mehr zu helfen ist und es leicht übergehen kann in alle Unzucht und Hurerei, wie wir von ähnlichen Erscheinungen in der Mitternacht eine Menge Beispiele haben und wohl wissen, wie dann ein Weib, das nur einmal einer Weltfreude wegen den Herrn auf die Seite gesetzt hat, nur kaum durch ein Wunder vom völligen Untergange gerettet werden kann! [HGt.03_102,10] Siehe, das ist der Sinn des Herrn bezüglich des großen Leichtsinnes der Weiber, desgleichen da auch der meinige! [HGt.03_102,11] Du aber bist ja doch kein Weib, sondern ein mit göttlicher Verheißung erfüllter Mann, und ich kann dich darum nicht – als wärest du ein unzubändigendes Weib – in deiner Dummheit fortrennen lassen, sondern ich muß zu dir sagen: [HGt.03_102,12] Muthael, bleibe hier! Erkenne im Lichte der Väter deine Dummheit, und lerne in dir würdigen das Salz Lamechs! Denn siehe, der Herr hat zu öfteren Malen schon am Tische Lamechs gespeist, und er ist ein völlig ausgelernter Schüler des Herrn Selbst! Ich und er stehen in einer Eigenschaft vom Herrn Selbst gestellt da; darum denn kannst du dir vom Lamech schon etwas gefallen lassen! [HGt.03_102,13] Kehre daher um, und gehe hin zu ihm; aber nähere dich ihm, wie man sich einem stark geprüften Freunde Gottes nähert, und du wirst sein Salz auf der Stelle um vieles weniger beißend finden! – Verstehst du mich?“ [HGt.03_102,14] Hier wandte sich der Muthael um und befolgte den Rat Henochs. 103. Kapitel — Muthael im Gespräch mit Lamech. Lamechs weise Rede über das wahre Wesen der Beleidigung. Muthael, mit Lamech versöhnt, bittet diesen um Rat[HGt.03_103,01] Als der Muthael aber wieder zurück zum Lamech sich begab und ihn um Nachsehung seines Fehlers bitten wollte, da kam ihm der Lamech zuvor und sagte zu ihm: [HGt.03_103,02] „Muthael, ich lese es aus deinen Augen, was du an mir nun begehen möchtest; aber siehe, das kann ich aus einem dreifachen Grunde nicht annehmen: [HGt.03_103,03] Der erste Grund ist: weil du mich nicht im allergeringsten beleidigt hast! Und wie könntest du das auch, indem ja ich wie du die Liebe des Vaters in unseren Herzen tragen! [HGt.03_103,04] Der zweite Grund ist: weil ein rechter, Gott ergebener Mensch wohl nie irgend etwas von seinen Brüdern als eine Beleidigung annehmen solle! Denn hinter einer jeden Beleidigung, sowohl in Ansehung des Beleidigenden wie des Beleidigten, steckt eine verhältnismäßig große Portion des Hochmutes. Wie aber der Hochmut beim Herrn angeschrieben ist, – das, allerliebster Bruder, weißt du sicher noch ums unvergleichliche besser denn ich! [HGt.03_103,05] Und der dritte Grund ist: weil ich in dir die Verheißung des Herrn in einer wunderbarsten Fülle erschaue und hinter ihr in endlos breiten Strömen unbegreiflich allergrößte Erbarmungen Gottes einherwallen, -wellen und -wogen sehe! [HGt.03_103,06] Wenn aber der Herr irgendeinen Menschen mit solchen Verheißungen erfüllt hat, wie möglich könnte sich da ein geweckter Mensch, wie ich da einer bin durch die endlose Gnade und Erbarmung Gottes, von ihm wohl im Ernste beleidigen lassen?! [HGt.03_103,07] Ich aber sehe, was du mir nun sagen willst, und entgegne dir sogleich und sage: Bruder, du hast zuvor meine Worte nur etwas irrig aufgefaßt; denn daß ich dir auf deine etwas sonderbare Frage eine Antwort gab, die den Anschein hatte, als hättest du mich beleidigt, das hatte einen ganz anderen Grund! [HGt.03_103,08] Ich gab meiner Antwort nur darum geflissentlich solch einen Anschein, weil ich in dir wirklich eine dich verderbende Art Hochmut entdeckt hatte, der sich neben der heiligen Verheißung in dir wahrlich nicht am besten ausnahm. [HGt.03_103,09] Ich wollte dich sonach wohl ein wenig demütigen, aber ja nicht etwa meinetwegen, sondern aus wahrer, aufrichtiger Bruderliebe deinetwegen selbst! [HGt.03_103,10] Und siehe nun, auf diese Weise wäre es dir sogar unmöglich, mich zu beleidigen! Denn dafür sorgt schon das Fünklein der Liebe Gottes in mir, daß da mein Herz nun niemand mehr beleidigen und erbittern kann, und wie gesagt, du schon am allerwenigsten, indem du gerade derjenige bist, an dem ich am meisten mein Liebe- und Freundschaftsband befestigen möchte! [HGt.03_103,11] Ich liebe dich, du herrlicher Bruder Muthael, überaus! Magst auch du mich, einen Abkömmling Kahins, mit Liebe erfassen?“ [HGt.03_103,12] Hier öffnete der Muthael die Arme und sagte: „Komme her, Bruder Lamech, und nimm an meiner Brust die vollste Versicherung, daß ich dich liebe mit aller Glut meines Herzens! Denn fürwahr, ich hätte eher alles geglaubt, als daß ich in dir einen so herrlichen Menschen und Bruder finden möchte! Nun aber habe ich dich erkannt, und du bist mir teurer geworden als mein eigenes Leben; daher sei auch versichert, daß ich dich liebe und nie aufhören werde, dich zu lieben als einen mir allerteuersten Bruder! [HGt.03_103,13] Weil ich dich aber, o du mein Bruder du, nun auf eine so vorteilhafte Weise habe kennengelernt, so sollst du auch mein Ratgeber sein nach dem Willen Henochs und sollst mir mein Verhältnis mit der Purista, der reinen Dienerin des Herrn, so recht auseinandersetzen und mir sagen, wie ich denn so ganz eigentlich mit ihr daran bin! Soll ich die Verheißung bloß geistig oder daneben auch weltlich erfüllbar mir denken, oder soll ich das Ganze nur als eine Probung von Seite des Herrn über meinen Geist nehmen? [HGt.03_103,14] Ja, Bruder, ich sehe, du wirst mir ein rechtes Licht in dieser Sache geben! Der Herr sei darum mit deinem Geiste!“ 104. Kapitel — Lamechs abschlägiger Bescheid und guter Rat, sich an den Herrn zu wenden. Vom Unterschied zwischen Gotteswort und Menschenwort[HGt.03_104,01] Und der Lamech, als er solchen Wunsch vom Muthael vernommen hatte, erwiderte ihm: „Ja, geliebter Bruder Muthael, was da in meinen schwachen Kräften steht, will ich dir tun nach deinem Verlangen! [HGt.03_104,02] Du möchtest das Wesen der Weiberliebe erkennen, wie es ist in seiner Art, und möchtest wissen, wie du bezüglich der Verheißung des Herrn mit der Purista daran bist? [HGt.03_104,03] Das, liebster Bruder, ist fürwahr kein gemeiner Wunsch, denn ich sehe ja den guten Zweck, den du mit solcher genauen Kunde verbinden möchtest; aber bevor ich dir darüber noch irgendein Wörtlein sagen werde, muß ich dich auf einen gar wichtigen Umstand aufmerksam machen, den wir bei unserer vorhabenden Erörterung ja nicht außer acht lassen dürfen, und dieser Umstand ist meines wachen Erachtens folgender: [HGt.03_104,04] Ich und du hängen an der endlosen Liebe und Erbarmung Gottes, der nun ist unser aller allheiligster Vater; wir aber wissen, daß Er Sich jedermann zur rechten Zeit offenbart, der sich in aller Liebe seines Herzens zu Ihm wendet und fest auf Ihn vertraut, daß ihn der Herr sicher erhören wird in jeglicher Sache, die er Ihm als ein wahrhaft Liebender und Vertrauender vortragen wird. Das also wissen wir. [HGt.03_104,05] Nun aber frage du dich, ob du dieses gar wichtigen Umstandes gedacht hast bei dir im Herzen! – Ich möchte dir sonst ja alsogleich mit meinen Kenntnissen und Erfahrungen dienen, wenn ich nicht wüßte, daß ich wie du uns versündigen möchten vor dem Herrn, so wir Seiner endlosen Güte, Gnade, Liebe und Erbarmung vorgreifen möchten! [HGt.03_104,06] Meine Meinung wäre demnach diese: Du sollst dich in dieser Sache zuvor so recht liebe- und vertrauensvoll an den Herrn als unsern heiligsten, liebevollsten Vater wenden und Ihn bitten um das, das du von mir möchtest, – und ich bin in keiner Sache so außerordentlich sicher überzeugt als geradezu in dieser, daß dich der Herr nicht lange wird ohne die bestimmteste Antwort und getreueste Offenbarung Seines allerheiligsten Willens harren lassen! [HGt.03_104,07] Du sagst hier freilich wohl in deinem Herzen, es sei ja auch mein Wort, wie das des Henoch, ein rein göttliches, da auch wir nichts redeten als das nur, was zu reden uns vom Geiste Gottes eingegeben wird! [HGt.03_104,08] Das, liebster Bruder, ist an und für sich wohl unwidersprechlich wahr, und ich und der Henoch würden sicher alsbald zu den größten Frevlern gezählt werden dürfen, so wir da behaupten möchten und sagen: ,Solches alles reden wir aus uns!‘ [HGt.03_104,09] Aber siehe, liebster Bruder, da draußen, bei einhundert Schritte kaum von hier entfernt, fließt noch dasselbe Bächlein, das da meiner Beobachtung nach seinen Ursprung nimmt in der allerwunderbarst herrlichsten Grotte auf der Höhe; gehe aber und verkoste dasselbe Wasser, und du wirst einen ganz gewaltigen Unterschied finden! Ein Tropfen wird dir an der Quelle mehr Stärkung und Erquickung bieten, als so du hier, wo sich das Wasser schon mehr seiner Urkraft nach verflüchtigt hat, ein ganz tüchtiges Gefäß voll wegtrinken möchtest! [HGt.03_104,10] Siehe, gerade also auch steht es mit dem Worte des Herrn; denn dieses hat ebenfalls in mir schon die meiste belebende Kraft abgesetzt und fließt dann von mir in dich nur also über wie ein ganz gewöhnliches anderes Wort und klingt, als wäre es von mir, – darum es denn für einen zweiten Zuhörer auch nicht mehr diese mächtig überzeugende Kraft lebendigst hat als eben für mich, der ich es von der Urquelle schöpfe! [HGt.03_104,11] Daher also rate ich dir und sage: Gehe zur Urquelle, solange sie für jedermann gleich zugänglich ist, und es wird dir da ein Tropfen mehr nützen als tausend aus meinem Mundbache! [HGt.03_104,12] Und hast du die Urquelle aber schon durchaus nicht finden können, dann will ich sie dir ja recht gerne suchen helfen! Mein Rat und meine Belehrung in deiner Sache aber soll gerade das Letzte sein! [HGt.03_104,13] Und so denn befolge, liebster Bruder, diesen meinen Rat! Ich meine, er wird recht sein!“ 105. Kapitel — Muthaels Harren auf des Herrn Wort, Selbstgespräch. Adams Kummer um Muthael, Henochs beruhigende Worte. Der Aufbruch ins Freie[HGt.03_105,01] Hier ging der Muthael, wohl erkennend den tiefen Sinn der Rede Lamechs, hinaus auf eine abgelegene Freistätte, wo ihn niemand bemerken konnte, und sagte da bei sich selbst: [HGt.03_105,02] „Hier will ich weilen, solange mir der Herr nicht antworten wird, und will nicht essen und trinken eher, als bis ich werde das Wort vom Herrn vernommen haben! [HGt.03_105,03] Denn was ist wohl so ein dummes, hinbrütendes Leben ohne den mächtigen Wortverband des Herrn, da man in einer ernsten Lebensfrage nicht einmal weiß, warum man so ganz eigentlich auf der Welt ist?! [HGt.03_105,04] Daher muß ich nun das Wort des Herrn haben, und sollte es dieses mein ohnehin eben nicht vielsagendes Leben kosten! [HGt.03_105,05] Aber wie werde ich es anstellen, daß mich erhören möchte der Herr und mir geben Sein Wort, wie Er mir gegeben hat die Verheißung? [HGt.03_105,06] Ich weiß, was ich tun will: Ich werde Ihn so recht zu lieben anfangen und will schwärmen vor Ihm, wie ein blindverliebter Tor vor seiner Maid, die er zum Weibe möchte! [HGt.03_105,07] Wie aber, wenn mich der Herr da doch noch sitzen ließe? – Da, ja da will ich auf die ganze Welt und selbst auf Seine Verheißung völlig Verzicht leisten! Der Purista will ich da für allezeit den Rücken kehren und für mich ganz allein sein, dem Herrn anhangen aus allen Kräften, Ihm allein im stillen meine Ehre und mein Lob darbringen, aber alles andere also betrachten, als wäre es ganz und gar ewig nicht vorhanden gewesen! [HGt.03_105,08] Und ich will und werde dazu noch ganz allerernstlichst und lebendigst sagen in meiner Seele: ,Herr, hier bin ich nun ganz vor Dir und habe alles hintangegeben Deinetwegen; also mache denn nun auch mit mir, was Du willst, und mir wird es recht sein!‘“ [HGt.03_105,09] Also hatte der Muthael zu handeln nun beschlossen, und also tat er es auch pünktlich. [HGt.03_105,10] Es verging aber also der ganze Tag, und die Gesellschaft hatte schon lange gespeist in der Hütte der Purista, als man nach so manchen erhabenen und belehrenden Gesprächen wieder an den Muthael zu denken anfing und der Adam zum Henoch sagte: [HGt.03_105,11] „Fällt dir denn nicht auf, daß da der Muthael, der noch vor dem Mittage aus der Hütte trat, nun noch nicht zurückgekommen ist?! Mir kommt es vor, da ihm hier von allen Seiten hübsch tüchtig ist zu Leibe gegangen worden, so ist er der fortwährenden Belehrungen wegen etwas heimlich erregt von dannen gewichen, hat sich dann irgendwo in einem Erdwinkel verborgen und wird uns darum so leicht nicht wieder zu Gesichte kommen; und ich bin darum sehr bekümmert um ihn!“ [HGt.03_105,12] Der Henoch aber sprach zu Adam: „Vater, sei des ganz unbekümmert; denn der Herr ist vorsichtiger und barmherziger als wir alle! Er ist der wahre Lehrer und Führer des Muthael und lehrt und führt ihn nun schon den allersichersten und allerbesten und kürzesten Weg zum Ziele. [HGt.03_105,13] Daher sei ganz unbekümmert um den Muthael, der nun endlich einmal aus sich heraus den festen Ernst gefaßt hat, für die Liebe, Erbarmung und Gnade des Herrn alles, selbst sein Leben, hintanzugeben! [HGt.03_105,14] Bald werden wir alle nach unseren äußeren Sinnen sogar überzeugt werden, wie der Herr mit denen umzugehen pflegt, die Ihm alles zum Opfer gebracht haben! [HGt.03_105,15] Er prüft sie nach der Stärke ihres Gemütes und nach dem Werte ihres Gelübdes; haben sie sich aber da als bewährt gefunden, dann aber stehen ihnen auch auf einmal alle Pforten des Lebens offen! [HGt.03_105,16] Und also wird es auch mit Muthael geschehen; daher seien wir guten Mutes und geben Gott die Ehre! Amen.“ [HGt.03_105,17] Adam war mit diesen Worten wieder beruhigt, und bald darauf begab sich die ganze Gesellschaft hinaus ins Freie. [HGt.03_105,18] Adam meinte freilich, man solle nach Hause ziehen ob des nächsten Sabbats. [HGt.03_105,19] Aber der Henoch meinte, der Sabbat des Herrn sei auf der ganzen Erde ein und derselbe; daher ließe er sich auch in dieser Gegend gar wohl feiern. [HGt.03_105,20] Und der Adam war auch damit zufrieden. 106. Kapitel — Uranion als Herbergswirt. Purista auf die Anhöhe zum Muthael berufen. Adams Neugier und heilsamer Schrecken[HGt.03_106,01] Als die ganze Gesellschaft sich aber im Freien befand, da ward sie alsbald empfangen von den Kindern des Morgens, die da förmlich untereinander wetteiferten, wie sie die Väter am ausgezeichnetsten bewirten möchten. [HGt.03_106,02] Aber die Väter lehnten solche Mühung ab und bedeuteten ihnen, daß sie diese Nacht in ihrer Mitte zubringen würden, und zwar in der Wohnung des Uranion. [HGt.03_106,03] Und der Uranion befahl sogleich seinen Kindern, alles auf das allerbeste herzurichten und zu sorgen für ein gutes Abendmahl, welches alles alsbald auf das pünktlichste befolgt wurde. [HGt.03_106,04] Als aber die Purista in ihrer Küche alles geordnet hatte und Gott die Ehre und das wahre Lob ihres Herzens gegeben hatte, da kam sie der Gesellschaft auch alsbald nach, um sich zu erkundigen, ob des nächsten Sabbats wegen sie in der Küche ein Opfer richten solle, oder ob die Väter heimziehend auf der Höhe das Opfer verrichten würden. [HGt.03_106,05] Allein ehe sie noch den Mund geöffnet hatte, um zu stellen solch eine Frage an die Väter, vernahm sie aus der mehr noch gegen Morgen liegenden Gegend her einen Ruf, der da also lautete: [HGt.03_106,06] „Purista, du Geliebte Meines Herzens, komme hierher auf diese Höhe, die da bei siebzig Klafter weit hinter der Wohnung des Uranion sich erhebt so sanft wie deine Brust! Ich habe dir gar wichtige Dinge kundzugeben! [HGt.03_106,07] Frage aber ja nicht, wer Der ist, der dich gerufen hat, sondern komme! Aber allein! Niemand soll dich begleiten und auch niemand dir folgen; denn Ich habe mit dir allein zu reden. Fürchte dich aber nicht; denn es soll dir kein Haar gekrümmt werden!“ [HGt.03_106,08] Da aber diesen Ruf auch alle andern der Hauptgesellschaft vernommen hatten und also auch der Adam, so trat er sogleich zum Henoch und sprach: [HGt.03_106,09] „Nun – dem Herrn alles Lob! – ist mir ein großer Stein vom Herzen gefallen! Denn das ist Muthaels Stimme, und so ist es klar, daß er noch lebt und hat kein Unglück irgend zu bestehen gehabt! [HGt.03_106,10] Aber was er doch nun so spät abends mit der Purista allein so Wichtiges zu reden hat?! [HGt.03_106,11] Fürwahr, die Sache kommt mir nun etwas verdächtig vor; denn siehe, das Mädchen, als sie den Ruf vernommen hatte, lief, ohne sich weiter nach uns umzusehen, wie ein Fuchs, wenn er ein Huhn raubt, davon! [HGt.03_106,12] Darum kommt mir die Sache etwas verdächtig vor, und wir sollten gerade darum doch ein wenig nachsehen, was da wohl mein guter Muthael so ganz allein mit der Purista tun und reden wird!“ [HGt.03_106,13] Der Henoch aber erwiderte dem Adam und sagte: „Vater Adam, es gibt wohl Zeiten und Umstände nur zu häufig, wo es den Vätern eine heilige Pflicht sein sollte, sorgfältigst ganz besonders ihren Töchtern, so diese in den ersten Brunstjahren stecken und ganz sinnlich sind, nachzuspüren, so diese sich irgend verborgene Geschäfte machen und auf entlegene Fluren und Hügel gehen, entweder heimlich, oder unter einem arg erdichteten Vorwande. Denn da haben wir traurige Beispiele genug, und die Folgen sind uns nicht fremd, die da aus solchen jungfräulichen heimlichen Geschäften und Fluren- und Hügeldurchwandlungen hervorgegangen sind, und die Kinder in der Mitternachtgegend sind zumeist solchen Ursprunges! – Ich meine, du verstehst, was ich meine?! [HGt.03_106,14] Aber hier ist ein ganz anderer Fall; daher überlassen wir hier deinem Muthael die Purista nur ganz unbesorgt und mit ihr machen, was er will, und es wird schon alles recht sein! Wir aber unterhalten uns unterdessen mit dem Lamech und seinen Gefährten!“ [HGt.03_106,15] Der Adam aber war diesmal mit der Rede des Henoch nicht zufrieden und sagte darum zum Henoch: „Mein Sohn Henoch, ganz bin ich nicht einverstanden mit deinen Worten; denn Muthael wie die Purista sind auch noch keine fehlunfähigen Engel Gottes, und die Schlange ist noch nicht getötet! Genug, daß sie noch ihren freien Willen haben! Sie können versucht werden und können in der Versuchung, so wir sie ganz allein lassen, gar leicht fallen! Daher meine ich, wir sollten doch wenigstens heimlich ganz scharf nachsehen, um, was da vor sich geht, zu erforschen!“ [HGt.03_106,16] Und der Henoch sagte: „Vater, so es dich also kümmert, da mache du einen Spion; habe aber acht, daß du dafür nicht einen mächtigen Schreck zu bestehen haben wirst!“ [HGt.03_106,17] Der Adam aber ließ sich nicht abhalten und ging nachzusehen, was da auf der Höhe die Purista mache mit dem Muthael. [HGt.03_106,18] Aber wie er noch kaum hinter die Wohnung des Uranion kam, erblickte er die ganze Höhe in Flammen und um die Flammen am Fuße der Erhöhung ganze Herden von den grimmigsten Tigern gelagert, welche, als sie den Adam erblickten, Miene machten, sich zu erheben. [HGt.03_106,19] Hier sprang der Adam, heftigst erschrocken, zurück und kam also außer Atem zu seiner Gesellschaft und erzählte mit gebrochenen Worten, was er gesehen hatte. 107. Kapitel — Henochs Rede über die zweierlei Wirklichkeiten: die materielle und die geistige. Die Entsprechung der Vision Adams[HGt.03_107,01] Der Henoch aber legte dem Adam alsbald seine Hände auf und stärkte ihn, machte ihn sich gänzlich erholen von seinem Schreck und somit auch wieder gehörig redefähig. [HGt.03_107,02] Als der Adam aber also gestärkt ward vom Henoch, da fragte er ihn alsbald, was da diese Erscheinung sei, – ob Trug, oder im Ernste Wirklichkeit. [HGt.03_107,03] Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Vater, das hängt alles von dem ab, wie wir die Sache nehmen wollen! [HGt.03_107,04] Es gibt zwei Wirklichkeiten, eine materielle und eine geistige. Die materielle ist dem Geiste gegenüber ein Trug und die geistige gegenüber der materiellen. Aber dafür ist die geistige Erscheinung für den Geist Wirklichkeit und also auch die materielle für die Materie. Also verhalten sich unwiderlegbar die Dinge. [HGt.03_107,05] Nun kommt es aber darauf an, wie du die Erscheinung nehmen willst! Ich meinesteils betrachte sie als eine geistige!“ [HGt.03_107,06] Und der Adam sagte: „Nun gut, wenn du sie für eine geistige hältst, so halte ich sie auch dafür; aber was wohl besagt sie in der Außenwelt?“ [HGt.03_107,07] Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Was da die geistige Bedeutung für die Außenwelt entsprechend betrifft, so ist sie wohl auf den ersten Augenblick mit den Händen zu greifen: [HGt.03_107,08] Der flammende Berg bedeutet dein zu sehr liebend bekümmertes Herz, die am Fuße des Berges grimmig kauernden Tiger aber deine etwas stark noch rechtende Zornlust, die da bei gewissen Gelegenheiten gleich dieser großen gestreiften Waldkatze auf ihr Opfer lauert, und das so lange, bis sie es in ihrer Gewalt bekommt und zerreißt und dann verschlingt ohne die allergeringste Schonung! [HGt.03_107,09] Und dieses trieb dich, o Vater, so ganz eigentlich hinaus, das heißt, aus deinem Gemüte oder aus deiner vertraulichen Liebe, und du spioniertest, um an den beiden etwas zu erschauen, das da deinen Verdacht rechtfertigen möchte; und es wäre dir heimlich sogar unlieb gewesen, so du dich in deiner Mutmaßung mir gegenüber hättest getäuscht gefunden, indem ich gesagt habe deiner ersten Meinung entgegen, daß man hier ganz unbekümmert um die Purista und ebenso um den Muthael sein solle. [HGt.03_107,10] Der Herr aber hat dich darum lassen erschauen dein Inneres anstatt dem, was du so ganz eigentlich hast sehen wollen; und da hat es sich denn in der geistigen Wirklichkeit herausgestellt, wie es mit dir im Augenblicke stand, als du wider den Willen des Herrn hast wollen einen Spion machen! [HGt.03_107,11] Siehe, Vater, das ist meine mich bis in den Grund meines Lebens überzeugende Meinung! Hast du aber irgendeine andere, so magst du sie ja immerhin gegen diese austauschen; denn ich will niemandem etwas aufgedrungen haben, und dir als dem Erzvater der Väter auf Erden schon am allerwenigsten!“ [HGt.03_107,12] Und der Adam erwiderte: „Ja, Henoch, du hast recht; also ist es sicher und wahr! Ob aber unter meinem Herzen, das euch alle unbeschreiblich liebt, eben gerade eine ganze Herde von Tigern wohnt, das ist etwas schwer zu verstehen!“ [HGt.03_107,13] Und der Henoch erwiderte dem Adam: „Ja, wenn du den Tiger als einen Mörder betrachtest, da wird es freilich wohl etwas sonderbar aussehen mit meiner Erklärung; aber wenn du darunter das trocken unbarmherzige Recht nach dem Gesetze betrachtest, dann wird es sich mit dem Tiger schon tun! [HGt.03_107,14] Denn im Gesetze liegt das rücksichtslose Urteil, wie im Tiger die rücksichtslose Mordlust; und das Opfer, das er sich ersehen hat, das wird ihm auch sicher zur Beute! Ich meine, unter solcher Betrachtung sollte meine Ansicht doch wohl richtig sein?“ [HGt.03_107,15] Und der Adam sagte: „Ja, unter solchem Anbetrachte ist sie richtig, und so ist es gut; lassen wir aber nun das und wenden uns zu etwas anderem!“ 108. Kapitel — Kenans Gesang vom Wesen des Lebens. Adams derbe Kritik dieses Gesanges. Henochs beruhigende Worte[HGt.03_108,01] Die Hauptgesellschaft unterhielt sich nun von so manchen Dingen, und sogar unser alter, aber noch immer wackerer Sänger Kenan ward vom Adam aufgefordert, bei dieser Gelegenheit etwas Kurzgefaßtes zum besten zu geben, – was er auch recht gerne tat; denn das war seine Sache. [HGt.03_108,02] Aber nur war diesmal sein Gesang so ein wenig exzentrisch; daher hatte er auch vom Adam eben nicht den entschiedensten Beifall. – Der Gesang aber lautete also: [HGt.03_108,03] „O Menschen, o Leben, ihr trachtet und schauet, dies Leben für ewig erhalten zu können! Ein rätselhaft Trachten und Schauen! [HGt.03_108,04] Wir leben und sind doch nicht, wie wir hier leben; das Leben ist nichts, und wir sind es mit ihm gleichermaßen! [HGt.03_108,05] Da stehet lebendig ein Geist! Sagt, wes Auge ihn sehen wohl kann und gewahren welch unser lebendige Sinn?! [HGt.03_108,06] Ist er so ein Gedanke, der gleich einem Blitze so flüchtig hinfahret und dann im unendlichen Raume sich also erzeuget, wie da sich erzeuget die lockere Flocke des Schnees im dunstigen Äther der Erde? [HGt.03_108,07] Doch Blitze sind flüchtig, und Flocken des Schnees zerrinnen im Strahle der Sonne; o sagt, was ist's wohl mit dem losen Gedanken, mit dem sich gefundenen Geiste im endlosen Raume, wie gleich auch mit einem Tautropfen für ein Fall? [HGt.03_108,08] O sagt, ist er nicht Blitzen und Flocken gleich flüchtig vergänglich, ersterbend, um nimmerdar wiederzukehren und sich als derselbe treuvoll zu erkennen, als sei er schon öfter im waltenden Dasein gewesen?! [HGt.03_108,09] Was ist denn das Sterben der Dinge und Menschen? Was ist denn der Tod für ein Wirken? [HGt.03_108,10] Vergeh' ich im Tode des Leibes, wie? Oder bleibt wohl von mir noch etwas über im Geiste? [HGt.03_108,11] Was bin ich im Geiste? Ein denkendes Nichts, unwahrnehmbar für jeglichen Sinn; oder bin ich ein Licht, das da niemandes Auge erschauen je mag, auch das eigene nicht, frei von einem wie immer bestellten Leibe?! [HGt.03_108,12] Ich möchte verwünschen das nichtige Leben und fluchen der Stunde, in der ich frei denkend als ein tolles Leben mich habe gefunden! [HGt.03_108,13] Warum mußt' ich werden, um wieder ganz spurlos zunichte zu werden?! [HGt.03_108,14] O elendes Leben, du grausame Plage dir selbst! Ich muß mich hier empfinden, muß denken, als wär' ich etwas, und muß leben, um schmerzlich bald wieder vergehen zu können! O elendes Leben! [HGt.03_108,15] Daß sterblich der Geist, sagt mir jeder gar flücht'ge Gedanke, der, so er gedacht, gleich für allzeit vergehet; vergeht aber der sich erzeugte Gedanke, was soll da vom Geiste wohl übrig noch bleiben? [HGt.03_108,16] Bin ich aber treulich berufen zum ewigen Leben, warum muß ich eher denn sterben auf dieser buntscheckigen Welt und verlassen den teuer und wert mir gewordenen Leib? – O du elendes Leben, du höhnender Trug meiner Sinne! Warum doch muß leben ich hier?“ [HGt.03_108,17] Hier sprang der Adam auf und sagte sehr unbeifällig, wie schon vorhinein bemerkt wurde: [HGt.03_108,18] „Mein Sohn, es ist genug von dieser deiner leerschwärmenden Torheit! Mit solchen Gesängen kannst du dich für ein nächstes Mal in irgendeinen Wald begeben und kannst sie dort stundenlang den Bären, Wölfen, Löwen, Tigern und Hyänen vorsingen! Diese Wesen haben genug starke Zähne und einen gehörig starken Verdauungsmagen dazu; aber menschliche Gemüter verschone allezeit damit! [HGt.03_108,19] Denn wenn du so dumm bist und nicht weißt, was da ist das Leben, der Geist und das Sein, so frage wenigstens die Weisen von uns, und sie werden es dir sagen! [HGt.03_108,20] Hast du denn schon so ganz und gar vergessen des Herrn und Seiner erhabensten Lehre, daß du nun mit solchen abgedroschenen alten Dummheiten wieder zum Vorscheine kommst?!“ [HGt.03_108,21] Der Henoch aber sagte zum Adam: „Laß es gut sein! Ich weiß, warum der Vater Kenan also gesungen hat; es war des Herrn Wille! Warum aber der Herr solches gewollt hat, wird schon die Folge zeigen! [HGt.03_108,22] Kenan aber sang nicht, was in ihm ist, sondern, was in so manchen anderen noch ist. – Siehe, das ist der Grund; das Weitere wird die Folge zeigen!“ 109. Kapitel — Des gekränkten Adam Klage und törichtes Vorhaben, sich von allen zurückzuziehen[HGt.03_109,01] Der Adam aber war, was da die Worte Henochs betrifft, eben auch nicht so ganz zufrieden; denn er war so ganz heimlich der Meinung, als hätte solches verdecktermaßen der Henoch so recht fein auf ihn abgemünzt. Daher sagte er auch zum Henoch: [HGt.03_109,02] „Mein Sohn, du redest zwar weise, – aber darum klingen deine Worte durchaus nicht angenehm, und gegen mich schon am allerwenigsten! Sage mir, aus welchem Grunde denn du nun, wo es nur irgend so etwas Argliches gibt, solches verdecktermaßen stets auf mich zu beziehen scheinst! [HGt.03_109,03] Warum muß denn gerade ich als der erste Mensch der Erde, als euer allersorgsamster und euch alle stets gleich heißliebender Vater von dir gewisserart als ein allgemeines Sündenlasttier angesehen werden? [HGt.03_109,04] Hast du nach dem Willen des Herrn mir schon etwas zu sagen, da sage es mir entweder offenbar im vollen Sinne, oder behalte es bei dir so lange, bis du es mir unter vier Augen sagen kannst; sonst aber schweige, und mache mich nicht stets verdächtig vor allen meinen Kindern! [HGt.03_109,05] Siehe, ich liebe Gott, meinen Herrn und Schöpfer, gewiß aus allen meinen Kräften über alles; aber wäre Er hier auch persönlich wesenhaft gegenwärtig, so hätte ich Ihm das gesagt, was ich dir nun gesagt habe! [HGt.03_109,06] Wenn ich dem Kenan seinen offenbar töricht klingenden Gesang verwiesen habe, so tat ich das aus vollem Rechte; aber deine Bemerkung, als hätte Kenan solches darum singen müssen, um dadurch anzuzeigen, was da nicht in ihm, sondern höchstwahrscheinlich nur in mir steckt, ist – und wenn sie dir auch vom Herrn eingegeben ist – hart und widerrechtlich auf mein Herz und auf meinen Geist gerichtet! [HGt.03_109,07] Ich habe nun ausgeredet und sage dir: Von nun an werde ich mich von euch zurückziehen und werde mich allein auf meinen Seth beschränken; ihr aber könnt tun im Namen des Herrn, was ihr wollet! Aber nur verschont mein Haus, – und die Tür in dasselbe bleibe euch fremd! [HGt.03_109,08] Du, mein Sohn Seth, aber geleite mich nun mit der Eva nach Hause auf die Höhe; denn ich sehe, daß da meine Gegenwart anfängt, meinen Kindern lästig zu werden!“ [HGt.03_109,09] Hier wurde es allen bange um den Vater Adam, und der Henoch wollte ihm seinen starken Irrtum zeigen. [HGt.03_109,10] Aber der Adam bedeutete ihm, zu schweigen, und sprach: „Ich, Adam,— verstehe, was ich damit bezeichne! — werde dir sofort keinen sündigen Schüler mehr abgeben! Du warst es, der mich wegen meiner guten Sorge ob der Purista also erbärmlichst hatte anrennen lassen; du hast eine Herde Tiger in mir entdeckt; die du dann etwas beschönigt hast, aber dennoch nicht völlig weggenommen! [HGt.03_109,11] So das alles aber eine Eingebung des Herrn ist, da sehe ich im Ernste nicht ein, wie dir der Herr denn auch diese Einsicht nicht mit eingegeben hat, daß deine Worte mich bis in den Grund meines Lebens allerkränkendst verletzen werden! Warum sahst du denn das nicht voraus? [HGt.03_109,12] Darum nehme ich nun von dir durchaus keine Entschuldigung und nachträgliche Erklärung mehr an! Denn was anderes würdest du nun sagen, als: solches sei nicht im geringsten auf mich gezielt gewesen?! [HGt.03_109,13] Ich will's auch gelten lassen; aber daß du nicht in dir im voraus erschaut hast als der alleinige Hohepriester des Herrn, daß ich die von dir gestellten Worte gar sicher und sogar notgedrungen werde schmerzlich auf mich beziehen müssen, so sie nicht bestimmter ausgedrückt werden, – siehe, diese deine grobe Unaufmerksamkeit gegen mich drückt nun mein Herz und hat es gänzlich abgezogen von dir! [HGt.03_109,14] Daher nehme ich nun kein Nachwort von dir mehr an! Bleibe, was und wie du bist; aber ich und mein Haus bleibe dir fremd, – willst du meinen Segen nicht einbüßen! Und nun geleite mich, Seth! Amen.“ [HGt.03_109,15] Hier wollte der Adam im Ernste gehen; aber alles umfaßte ihn und bat ihn, zu bleiben und anzuhören den weinenden Henoch, und auch gleichermaßen den Lamech aus der Tiefe. [HGt.03_109,16] Solches Benehmen machte unsern Adam wieder weich, daß er blieb – aber dennoch den Lamech und nicht den Henoch zu hören verlangte. 110. Kapitel — Lamechs besänftigende Rede an Adam. Von der Macht der Gewohnheit und vom Segen der geistigen Rüttler. Der Zweck unserer Schwächen[HGt.03_110,01] Als aber der Lamech solches Verlangen von dem wieder besänftigten Adam vernommen hatte, ging er hin und sprach: „Erhabener Vater der Menschen der Erde! Du bist gerecht vor Gott und uns, deinen Kindern, und wo auf der Erde lebt wohl nun der Mensch, der da verkennen möchte die Liebe in dir, mit der du alle deine Kinder erzogen hast Dem zur Ehre und zum Lobe, der sie dir gegeben hat?! [HGt.03_110,02] Aber soviel ich jetzt eben gemerkt habe, so hast du das Gute zwar von allen deinen Kindern in dir in mächtig vorherrschendem Grade; aber nicht minder scheinen auch daneben die Schwächen deiner Kinder in dir den Ursitz zu haben, und dein erprobtes Gemüt ist durchaus von so manchen Vorurteilen noch nicht gänzlich befreit! [HGt.03_110,03] Daher wirst du mir schon vergeben, wenn ich mir die Freiheit nehme, dir die aufrichtigste Bemerkung kundzugeben, daß fürs erste die Sangrede Kenans auf mich abgesehen war, und daß zweitens der Henoch durch seine kurze, den Kenan gegen dich verteidigende Bemerkung bestimmter nur als der Kenan selbst angezeigt hat durch Wort, Auge und Hand, daß ich mich erforschen solle, wieviel von solcher unflätigen Weisheit noch in mir stecke! [HGt.03_110,04] Ich befolgte aber auch augenblicklich den weisen Rat und fand, wie während der ganzen Sangrede Kenans mein Gemüt mit seinen Worten auf ein Haar übereinstimmte, und fand aber dann auch bei der Bemerkung Henochs, daß da eine alte Gewohnheit ein wahrhaftiges ehernes Gewand ist, das man nicht auszuziehen vermag, so es einem auf den Leib ist förmlich angeschmiedet worden. [HGt.03_110,05] Siehe, das ist in der Rede Kenans und in der Bemerkung Henochs allergetreuest enthalten, und ich möchte mit meinem Leben für die Wahrheit dieser meiner Aussage stehen, so man das von mir verlangen sollte! [HGt.03_110,06] Daß sich dabei in dieser Sache auch vielleicht mancher andere so ein wenig hat getroffen gefunden, solches finde ich ganz natürlich, wie auch ganz vollkommen gerecht; denn wir alle sind ja wenigstens in gewissen Punkten mehr oder weniger Schwache zu nennen und zu erkennen, und da finde ich derlei Gemeinrüttler ganz und gar nicht überflüssig. Denn dadurch wird so mancher bei sich seiner Schwäche gewahr und kann ihr dann auf gutem Wege den Abschied geben, woanders sie ihm sicher eigen bliebe bis an sein letztes Lebensende. [HGt.03_110,07] Damit aber will ich nicht nur den Henoch, sondern auch dich, o Vater, und auch alle deine Kinder entschuldigt haben; denn der Herr hat dem Menschen die Schwächen zur selbständigen Probung gegeben, und eben durch diese Schwächen ist unser aller geistige Freiheit bedingt, und wir können eben durch die Erkenntnis und Besiegung derselben erst vollkommen frei im Geiste werden. [HGt.03_110,08] Denn die Schwäche in uns ist ein vom Herrn geflissentlich unvollendeter Teil unseres Wesens, den wir selbst vollenden sollen, um dadurch die göttliche Ähnlichkeit unseres Geistes in uns selbst bekräftigend zu rechtfertigen und dadurch ein wahrhaft freies Leben für ewig durch uns selbst zu gründen. [HGt.03_110,09] So wir aber nur lieber unsere Schwächen verdeckt, als geoffenbart in uns tragen wollen, da schaden wir uns ja nur selbst und sind selbst Schuldträger, so wir am Ende durch sie zugrunde gehen! [HGt.03_110,10] Daher, Vater Adam, wirst du wohl dem Henoch, dem Kenan und mir vergeben, so wir dadurch dir etwa sollten zu nahegetreten sein?!“ [HGt.03_110,11] Diese Worte Lamechs söhnten den Adam wieder völlig aus, daß er nun auch wieder den Henoch zu hören verlangte. 111. Kapitel — Henochs traurig-wahre Prophezeiung und sanft-ernste Rüge an Adam. Adams mißglückter Rechtfertigungsversuch[HGt.03_111,01] Und der Henoch wandte sich zum Adam und sprach zu ihm: „Vater Adam, schon so gar manches habe ich aus deinem Munde vernommen, aber ein gänzliches Haus- und Türverbot noch nicht! [HGt.03_111,02] Ach, um wie vieles glücklicher wären unsere Nachkommen, wenn solches deinem Gemüte nicht entkommen wäre! [HGt.03_111,03] Wahrlich, was du hier tust, o Vater, als erster der Menschen auf dieser Erde, das werden auch tun gar viele deiner Kinder in den späteren Zeiten! [HGt.03_111,04] Ja, ich sage es dir nun aus dem Geiste des Herrn in meinem Herzen: Was du nun redetest aus deinem Lebensgrunde, das werden deine Kinder tun in der Wirklichkeit auf eine Weise, die vor dem Herrn ein Greuel der Greuel sein wird; und wie du dich ehedem gegen meine Worte, die da kamen aus dem Geiste des Herrn, auflehntest und mich von dir gewiesen hast, also werden es deine Nachkommen allen jenen Lehrern tun, welche vom Geiste Gottes erfüllt sein werden, und werden denen huldigen, die da den Geist der Welt predigen werden! [HGt.03_111,05] Daß du dich von uns allen bis auf den Vater Seth hast absperren wollen und niemanden mehr vorlassen, darum werden Machthaber unter den Völkern aufstehen und werden sie grausam beherrschen; und solcher Herrscher Häuser werden verschlossen sein vor dem armen Volke, und niemand wird sich beim Verluste seines Lebens getrauen dürfen, sich einem solchen Herrscherhause auch nur von ferne her zu nahen. [HGt.03_111,06] Und solches wird geschehen schon künftig in der halben Länge deiner gegenwärtigen Lebenszeit; und in der kaum sechsfachen Dauer einer so langen Zeit, als du schon lebst auf dieser Erde, wird sie aussehen wie die Haut eines erbosten Igels, bei dem eine Spitze gegen die andere sich erhebt. – Mehr brauche ich dir nicht zu sagen. [HGt.03_111,07] O Vater, warum bist du also und magst nicht einmal völlig ablegen dasjenige, was da ist eine Ausgeburt des Hochmutes? [HGt.03_111,08] Siehe, wenn ich rede und handle, so rede und handle ich ja nicht aus mir, sondern aus dem Herrn, der mich vor euch allen dazu berufen hat! So aber mein Wort ein Wort des Herrn ist, warum sträubst du dich denn dann gegen dasselbe?“ [HGt.03_111,09] Der Adam war über diese Worte Henochs überaus mächtig betroffen und sprach darum zu ihm: „O Henoch, du Weiser aus Gott, welch harte Dinge hast du mir nun kundgetan! [HGt.03_111,10] Siehe, ich hätte solches aber ja auch nicht ausgesprochen, so ich gewußt hätte, daß da des Herrn Geist aus dir geredet hat! Aber solches hast du mir nicht angezeigt, darum ich denn der Meinung war, du redetest aus dir also zu mir und hättest einen kleinen Hochmut, den ich aus dir bringen wollte. [HGt.03_111,11] Also solltest du darum mir allzeit kundtun zuvor, ob du redest aus dem Geiste Gottes, oder ob du redest aus dir, und ich werde mich dann ja allzeit danach zu richten wissen. [HGt.03_111,12] O sage, ist denn dem gar nicht mehr abzuhelfen, was alles du nun aus meinem früheren Benehmen gegen dich geweissagt hast?!“ [HGt.03_111,13] Und der Herr erwiderte durch den Mund Henochs wohlvernehmlich Selbst dem Adam: „Hättest du nur den Henoch zurechtgewiesen, da hätte deine Rede keine Folgen; du aber sagtest, daß du das auch Mir verwiesen hättest! [HGt.03_111,14] Und siehe, darum hatte dein Wort die Folge geschaffen; denn jeglich Wort, auf Mich gerichtet, ist wie ein geschaffenes Werk, das da nimmer zerstört werden mag. Verstehe das! [HGt.03_111,15] O Adam, Adam, was alles für schwere Lasten wirst du Mir denn noch auf Meinen Nacken bürden?!“ [HGt.03_111,16] Hier erst ersah der Adam ganz, was er getan hatte, und ward betrübt. [HGt.03_111,17] Der Henoch aber sprach: „Sei getrost; denn der Herr hat ja auch diese neue Last dir abgenommen und gelegt auf Seine Schulter! Darum sei heiter und dankbar dem Herrn!“ 112. Kapitel — Adams und Evas gestörte Nachtruhe in Uranions Hütte. Adams brennende Neugierde, von Eva bezähmt[HGt.03_112,01] Als der Adam sich aber wieder also beruhigt hatte und alles wieder so in der alten Ordnung sich befand, da sagte der Adam: „Kinder, ich bin müde, und meine Glieder haben eine große Sehnsucht nach Ruhe; daher werde ich mich zur Ruhe begeben. Du, Uranion, aber bringe mich und die Eva auf das rechte Lager! [HGt.03_112,02] Ihr Kinder aber könnet so lange wachen, als ihr wollt, und brauchet euch nicht zu binden an mich; empfanget aber zuerst meinen Vatersegen!“ [HGt.03_112,03] Hier segnete der Adam alle seine Kinder und begab sich dann mit der Eva zur Ruhe. [HGt.03_112,04] Als er aber noch kaum auf dem ausgezeichnetsten Punkte der großen Wohnung Uranions sich zur Ruhe gelegt hatte, siehe, da kamen die Purista mit Muthael und zwei Fremde in die Hütte des Uranion, und es entstand darum in der ganzen Gesellschaft, die da noch wachend versammelt war, eine große Freude. [HGt.03_112,05] Als der Adam aber aus tiefem Hintergrunde, auf einer erhabenen Tribüne ruhend, solch eine unerwartete freudige Aufregung in der hinterlassenen Gesellschaft bemerkte, da sprach er bei sich: „Was muß denn jetzt vorgefallen sein? Ich vernehme Begrüßungen von allen Seiten! Es muß sicher etwas Außerordentliches vorgefallen sein! [HGt.03_112,06] Stehe ich nun auf, um nachzusehen, was es gibt, da erscheine ich, als wäre ich voll Neugierde, – und gehe ich nicht hin, so wird mich die Unruhe sicher die ganze Nacht plagen, und ich werde meinen Gliedern wenig Ruhe zu gönnen imstande sein! [HGt.03_112,07] Der Jubel wird stets größer, stets lauter und freudiger wird es im Zirkel der Kinder! – Nein, nein, das halte ich ja gar nicht aus! Wenigstens will ich mich doch heimlich auf die Beine machen und will nachsehen, was es da wohl gibt!“ [HGt.03_112,08] Hier erhob sich der Adam vom Lager; aber die Eva fragte ihn, was er denn nun tun wolle. Und er zeigte ihr die Gesellschaft der Kinder, wie sich diese belustige – und er doch den Grund davon sehen müsse. [HGt.03_112,09] Die Eva aber sagte: „So lassen wir sie fröhlich sein im Namen des Herrn, wir aber bleiben, wo wir sind; denn sonst kommt es heraus, als wären wir noch neugieriger als die kleinen Kinder! [HGt.03_112,10] Ist etwas daran, da werden wir es noch frühzeitig genug erfahren, – und ist nichts daran, so brauchen wir es aber auch gar nicht zu erfahren; des Herrn Wille aber sei allzeit und ewig vollkommen der unsrige!“ [HGt.03_112,11] Der Adam stellte sich damit halbwegs zufrieden und blieb auf dem Lager. [HGt.03_112,12] Aber es wurden endlich Fackeln angezündet, die da waren aus Pech und Wachs von feinster und duftendster Art, und Lobgesänge erschallten von allen Seiten her, und es ward helle in der Hütte wie am Tage. [HGt.03_112,13] Das war für die Geduld Adams bezüglich seiner Neugier denn doch etwas zu viel, und er sprach zur Eva: „Nun tut sich's mit der Ruhe auf keinen Fall mehr! Ich muß aufstehen und nachsehen, was da die Kinder haben!“ [HGt.03_112,14] Aber die Eva sprach: „Siehe, wie lang wird es denn sein bis zum Tage?! Ruhe doch deiner Gesundheit wegen ein paar Stunden; dann aber magst du dich erheben und alles in Augenschein nehmen! [HGt.03_112,15] Wie wird es denn sein, so uns der Herr einmal von der Erde abrufen wird? Wird uns auch dann die Neugierde im Geiste zur Welt ziehen und zu unseren Kindern, wenn sie in allerlei Taumel übergehen werden?“ [HGt.03_112,16] Diese Worte Evas hielten den Adam wieder ans Lager, und er ergab sich der Weisheit seines Weibes. [HGt.03_112,17] Es fing aber die Hütte nach und nach sich zu füllen an, und es ward stets lebendiger und heller in ihr. [HGt.03_112,18] Nun war der Adam aber auch nicht mehr zu halten. 113. Kapitel — Eva und Adam erheben sich vom Lager und werden von Henoch über die angekommenen Gäste aufgeklärt. Muthael mit seinem Weibe Purista und die zwei himmlischen Gäste. Des Herrn tiefe Worte an Adam[HGt.03_113,01] Es bemühte sich zwar die Eva, den Adam auch diesmal zurückzuhalten; aber der Adam sprach zu ihr: „Höre mich, Weib! So ich aber nun bleibe, und es sei, daß der Herr Selbst zu den Kindern gekommen ist, was dann? Sollten wir auch dann ruhen?“ [HGt.03_113,02] Und die Eva sprach: „Ja, wenn der Herr unter den Kindern weilt, dann ist keine Zeit zur Ruhe, weder bei Tag, noch in der Nacht; da will aber auch ich nicht erstehen erst am Morgen, sondern sogleich jetzt mit dir!“ [HGt.03_113,03] Und der Adam billigte diesen Vorsatz Evas, und also erhoben sich beide vom Lager und gingen hinvor zu der Gesellschaft, welche sehr freudig und lebhaft miteinander konversierte. [HGt.03_113,04] Als aber der Henoch den Adam bemerkte, ging er sogleich auf ihn zu und sagte: „Vater Adam, wir ließen dir schlechte Ruhe! Solches sah ich wohl, – aber es ist diesmal nicht anders möglich! [HGt.03_113,05] Siehe, dort im Vorgrunde sitzt Muthael schon mit seinem Weibe Purista, vom Herrn Selbst verbunden mit ihr! [HGt.03_113,06] Was Besseres können wir da wohl tun, als uns freuen über die Freude eines Kindes, ja im Geiste eines Bruders, den der Vater aller Heiligkeit und Liebe Selbst aufsuchte und ihm zuführte das rechte Weib in dem Augenblicke, als er es völlig seinem Herzen entwand und es dann Ihm, dem Vater der Ewigkeit aufopferte?!“ [HGt.03_113,07] Der Adam aber ward ganz zu Tränen gerührt ob dieser Worte Henochs und ob dieses Anblickes. Er sah darum auch fast unverwandt auf das also neuvermählte Paar und segnete es ganz im stillen in seinem Herzen. [HGt.03_113,08] Als er aber also hinsah, da erschaute er auch zwei fremde Gäste, in deren Mitte sich das neue Ehepaar befand, und wußte nicht, woher sie wären. [HGt.03_113,09] Der Henoch aber sah, was Adam forschte in seinem Herzen; daher sagte er auch sogleich unaufgefordert zum Adam: [HGt.03_113,10] „Vater, du suchst die Bekanntschaft der Fremden in dir und möchtest erfahren, wer und woher sie sind? Ich aber, da ich nun des fröhlichsten Mutes bin, will dir es auch alsbald kundgeben, damit auch dein Herz in alle Freude übergehen möge! [HGt.03_113,11] Siehe, Vater, es ist Derjenige, der da sitzt an der Seite der Purista, der Herr Selbst! Und der da sitzt an der Seite Muthaels, ist der Geist Zuriels, des Vaters der Ghemela, welche da sitzt zur Linken des Herrn, und ihr Lamech neben ihr. [HGt.03_113,12] Und so siehst du nun zwei Ehepaare, deren Kinder mit ihren Kindern eine neue Erde betreten werden!“ [HGt.03_113,13] Diese Worte Henochs brachen dem Adam und der Eva das Herz, daß da beide weinten und vor freudiger Wehmut nicht zu reden vermochten. [HGt.03_113,14] Es stand aber hier der Herr auf und sprach: „Adam, tritt Mir näher!“ [HGt.03_113,15] Und der Adam trat hin zum Herrn. [HGt.03_113,16] Der Herr aber sprach: „Adam, so du allein sein wirst und Ich kommen werde durch die Finsternisse der Gräber des Todes zu dir, wirst du Mich wohl erkennen in der Nacht? [HGt.03_113,17] Wirst du Mich erkennen, so Ich dich erwecken werde vom tiefen Schlafe und werde zu dir sagen: ,Adam, erstehe, komme und lebe!‘? [HGt.03_113,18] Wirst du Mich wohl erkennen auf einer neuen Erde, in einem neuen Himmel, so diese Erde und dieser Himmel vergehen werden wie ein altes Kleid?“ [HGt.03_113,19] Der Adam aber fragte, mächtig ergriffen: „O Herr und Vater, was ist das? Wann wird solches geschehen?“ [HGt.03_113,20] Der Herr aber sprach: „Sieh hier, sieh da; es ist schon vor dir? – Die Ewigkeit bebt, und die Unendlichkeit zittert vor Mir; denn jetzt stelle Ich eine Wache, und ihr Schwert soll kämpfen mit dem, der tot ist!“ [HGt.03_113,21] Hier bog sich der Adam bis zur Erde und sprach: „Herr, was für Worte redest Du? Wer kann fassen deren Sinn?!“ [HGt.03_113,22] Und der Herr sprach: „Die Zeiten der Zeiten werden es fassen, und die aus dir sind; du aber wirst ruhen und es nicht eher fassen und erkennen, als bis Ich zu dir sagen werde: ,Adam, erstehe, komme und lebe!‘“ 114. Kapitel — Die Abschiedsrede des Herrn. König Lamechs und der Seinen Rückkehr nach Hanoch. Das wahre goldene Zeitalter[HGt.03_114,01] Nach diesen an den Adam gerichteten Worten aber wandte Sich der Herr an alle anwesenden Kinder und sprach: [HGt.03_114,02] „Kinder, Ich habe nun geordnet die Höhe wie die Tiefe und habe zwischen beiden wohlgangbare Wege gemacht, auf daß ihr zusammenkommen möget und könnet euch unterstützen in allem, das ihr gegenseitig vonnöten habet! [HGt.03_114,03] Ich Selbst habe euch einen Zeitraum von mehr als zwei Monden persönlich wesenhaft gelehrt, euch selbst und Mich als euren wahren Gott und Vater zu erkennen und in Mir zu finden das ewige Leben des Geistes und in diesem Leben alle Liebe, Weisheit, Macht und Kraft, wodurch euch alle Dinge zinspflichtig werden müssen. [HGt.03_114,04] Viele von euch sind schon in diesem Leben (des Geistes) und können daraus den weisen Gebrauch aller Dinge erkennen und sie dann bestens benützen. Viele von euch sind besonders in der Tiefe auf dem besten Wege zu diesem Leben; nur einige wenige wissen noch so ganz eigentlich nicht, wo sie das Leben des Geistes beginnen sollen. [HGt.03_114,05] Darum aber habe Ich mehrere von euch gar mächtig erweckt, auf daß durch euch als Geweckte die Schwachen und die noch Blinden sollten auf den rechten Weg geleitet werden. [HGt.03_114,06] Also habe Ich euch auch kein Gebot gegeben, sondern habe euch tatsächlich nur gezeigt, daß ihr alle in der Liebe zu Mir also vollkommen frei seid, wie Ich, euer Gott, Herr, Schöpfer und Vater Selbst von Ewigkeit es bin. [HGt.03_114,07] Dazu habe Ich euch noch die vollste Versicherung gegeben, daß da die Vollkommenen in der Liebe zu Mir den Tod des Leibes nie sehen, fühlen und schmecken werden, sondern werden wie der Zuriel, der hier ist, und wie der Sehel und wie die Pura übergehen in das allervollkommenste ewige Leben des Geistes! [HGt.03_114,08] Also habe Ich euch gezeigt die endlosen Vorteile des wahren Lebens, wie im Gegenteile aber auch den endlosen Nachteil eines Meiner ewigen Ordnung zuwiderlaufenden Lebens. [HGt.03_114,09] Solches alles habt ihr demnach von Mir, dem Herrn Selbst, unmittelbar vernommen und in euer Herz empfangen und könnet darum an der vollsten Wahrheit alles des von Mir Selbst euch Verkündeten nimmer zweifeln. [HGt.03_114,10] Darum denn aber seid ihr nun auch mit allem und in allem versorgt und könnet nicht sagen: ,Vater, dies und jenes geht uns noch ab!‘ Da ihr alle aber eben also versorgt seid, nicht nur für die Zeit, sondern für die ganze Ewigkeit, so bleibet denn auch in dieser Verfassung, und lasset euch nicht unweise gelüsten mehr nach den eitlen Dingen der Welt, an denen der Tod und das alte Verderben klebt, so werdet ihr Mir keine weitere Mühe mehr machen! [HGt.03_114,11] Wenn ihr aber eigenmächtig aus Meiner Ordnung treten werdet und werdet euch untereinander beherrschen wollen des Eigennutzes, der Herrlichkeit und der Welt in euch wegen, dann werde Ich Mein Angesicht von euch abwenden und werde euch versinken lassen in den Pfuhl aller Unzucht, Fleischgier, Hurerei und in allen Ehebruch und unordentliche tierische Begierde; was ihr aber dabei gewinnen werdet, das werden euch alsbald die bitteren und herben Folgen zeigen! Mehr brauche Ich euch nicht zu sagen! [HGt.03_114,12] Da nun denn also alles in der größten Ordnung ist, so segne Ich euch und sage: Meine Liebe bleibe bei euch und unter euch in der Zeit, wie ewig! Amen.“ [HGt.03_114,13] Hier ward der Herr samt Zuriel wieder unsichtbar. Die Gesellschaft aber ging hinaus und lobte und pries Gott bis in den Tag und feierte also auch den Sabbat. [HGt.03_114,14] Am Sonntag aber begab sich alles wieder an seinen Ort, und der Lamech selbst kehrte unter vielen Segnungen mit seiner Gesellschaft zurück in die Tiefe und hielt dort weise die Ordnung des Herrn und machte also sein Zeitalter zum wahrhaftigen goldenen. [HGt.03_114,15] Eben also war es auch auf der Höhe der Fall. 115. Kapitel — Die erste Kirche und der spätere Verfall der Menschen. Adams Abschiedsrede, Testament und Tod[HGt.03_115,01] Also waren nun die Menschen der Erde vollkommen gebildet und bereichert mit allen Kenntnissen. Die Kluft zwischen der Höhe und der Tiefe ward aufgehoben, damit da ein jeder Mensch vollkommen freiesten Willens und der ungehinderten Tätigkeit danach sein konnte. [HGt.03_115,02] Und so war auch die Erkenntnis Gottes vollkommen lebendig und die erste Kirche also gegründet, in der da ein jeder Mensch die innere Welt des Geistes in der reinen Liebe zu Gott finden konnte. [HGt.03_115,03] Und so war alles vollkommen gut, solange diese ersten Urväter lebten; als aber diese abgerufen wurden und sonach einer nach dem andern starb, da ward es leider bald anders. [HGt.03_115,04] Die Welt fing an, immer mehr überhandzunehmen, das Geistige verlor sich, und wir erschauen bald ganz materiell gewordene Menschen, welche vom Geiste nicht viel mehr wußten als die Menschen der jetzigen Zeit und sich daher von Meinem Geiste auch nicht mehr führen und strafen ließen. [HGt.03_115,05] Denn also wußte die Schlange die Natur des Erdbodens zu segnen mit ihrem Fluche, daß dieser alles hervorbrachte in solcher Üppigkeit, daß sie die Menschen bald verweichlichte und aus ihnen Faulenzer und Müßiggänger bildete. [HGt.03_115,06] Der weitere Verfolg wird solches noch klarer vor jedermanns Augen stellen. [HGt.03_115,07] Adam ward aber neunhundertdreißig Jahre, da berief er alle seine Hauptstammkinder zusammen und sprach dann zu ihnen: [HGt.03_115,08] „Kinder, nun habe ich neunhundertdreißig Jahre gelebt auf der Erde und bin darob gewaltig müde und schwach geworden! [HGt.03_115,09] Ich habe darum meinen Gott und euren Gott gebeten, daß Er mich stärken möchte oder nehmen von der Erde also, wie Er in der Zeit Seiner großen Offenbarungen zu Sich genommen hat den Zuriel, den Sehel und die Pura. [HGt.03_115,10] Und als ich also gebetet hatte, sehet, da sprach der Herr zu mir: [HGt.03_115,11] ,Höre, Adam! Ich habe deine Zeit gemessen und habe sie vollmäßig gefunden; daher will Ich auch dein Gebet erhören und will dich nehmen von der Erde, die da schon mächtig deine Füße ermüdet hat. [HGt.03_115,12] Aber also wie die drei von dir Genannten kannst du die Erde nicht verlassen, da du gesündigt hast in deinem Fleische! [HGt.03_115,13] Daher soll dein Leib der Erde wiedergegeben werden, von der er genommen ward, auf daß der Schlange von dir ihr Teil werde! [HGt.03_115,14] Aber deine Seele mit dem Geiste aus Mir will Ich von deinem Leibe lösen und will sie führen auf den gerechten Ort, an dem du Meine Erbarmungen schauen sollst in aller Ruhe deines Herzens. [HGt.03_115,15] Einen Engel aber werde Ich zu dir senden; dieser wird dich erlösen vom Leibe, und das an diesem Tage. [HGt.03_115,16] Wie aber du das Zeitliche verlassen wirst, also werden es alle verlassen müssen, die da in ihrem Leibe gesündigt haben. [HGt.03_115,17] Denn wie durch dich gekommen ist die Sünde in die Welt der Kinder aus dir, also soll auch kommen der Tod des Fleisches! Amen.‘ [HGt.03_115,18] Also sprach der Herr, und also ist heute der letzte Tag meines irdischen Seins vor euch; denn es ist dies des Herrn Wille! [HGt.03_115,19] Die Eva, eure Mutter, aber wird noch leben einige Zeit; haltet sie in Ehren, und sorget für sie, bis auch sie der Herr abrufen wird! [HGt.03_115,20] Dir, Henoch, übergebe ich meine Wohnung und alles, was in ihr ist; und die erste Sorge für die Mutter sei dir anbefohlen! [HGt.03_115,21] Dir, Seth, aber gebe ich alles Land, und all dessen Erträgnis! Darum aber sollst du sorgen für alle, die da in meiner Wohnung hausen werden; denn diese soll fortan dem Hohenpriester zu eigen bleiben, und er soll leben von dem zehnten Teile von allen Erträgnissen des Landes. [HGt.03_115,22] Also will es fortan Gott der Herr! Meinen Leib aber sollen Henoch, Jared, Mathusalah und Lamech heimlich begraben an einer Stelle, von der da außer den vieren niemand wissen darf, auf daß da nicht etwa die Kinder kämen und täten demselben göttliche Verehrung an. – Das alles ist mein und des Herrn Wille! Danach handelt! Amen.“ [HGt.03_115,23] Darauf segnete Adam alle die Hauptstammkinder und durch sie alle Menschen der Erde, neigte dann sein Haupt und starb. [HGt.03_115,24] Alle Kinder aber zerrissen ihr Gewand und weinten und trauerten bei einem Jahre lang. [HGt.03_115,25] Der Adam aber ward auf einem hohen Berge begraben, und niemand außer den vieren wußte von der Stelle. [HGt.03_115,26] Und der Henoch bezog das Haus Adams und lebte im selben mit seinem Weibe und seinen Kindern und sorgte für die Eva, welche noch dreißig Jahre nach dem Tode Adams lebte. [HGt.03_115,27] Also ward in allem das Testament Adams beachtet. 116. Kapitel — Die Trauer um Adams Heimgang. Evas steigendes Ansehen. Der Tod Evas[HGt.03_116,01] Auch die Kinder der Welt in der Tiefe, als sie die Nachricht vom Tode Adams erhielten, betrauerten tief denselben und fasteten drei Tage lang. [HGt.03_116,02] Und der Lamech, der zu dieser Zeit noch lange treu und gut lebte, sandte Boten nach allen Seiten der Erde hin und ließ allen damaligen zugänglichen Völkern den Tod Adams verkündigen. [HGt.03_116,03] Und dahin die Kunde kam, entstand alsbald tiefe Trauer, und alles wehklagte und weinte ob des Verlustes des Erzvaters. [HGt.03_116,04] Aber um eben desto mehr gewann nun das Ansehen Evas; denn es geschah dann nicht selten, daß da ganze Prozessionen sich von allen Seiten hinbegaben auf die Höhe, um die Erzmutter zu sehen und zu begrüßen. [HGt.03_116,05] Selbst Abgesandte Sihins kamen auf das Gebirge der Kinder Gottes und besuchten die Eva; denn auch diese erfuhren von den Boten Lamechs, daß der Erzvater Adam gestorben war. [HGt.03_116,06] Aber die Kahiniten und die Meduhediten erfuhren es nicht; denn diese zwei Völker waren für damals gänzlich getrennt von den Festlandsbewohnern. [HGt.03_116,07] Die Eva aber war, der vielen Tröstungen ungeachtet, dennoch stets tief betrübt bis zu ihrem Lebensende; selbst die Tröstungen Henochs vermochten nicht viel über ihr Herz. [HGt.03_116,08] Der Seth allein nur vermochte oft wohltätig zu wirken auf Evas Herz, darum er von jeher ihr Liebling war, da er dem Adam völlig ähnlich war im Gesichte, wie in der Größe und im Tone der Rede. [HGt.03_116,09] Also gingen auch diese dreißig Jahre in guter, allgemeiner Ordnung vorüber; und als das Lebensmaß Evas zu Ende war, ward denn auch sie vom Herrn abgerufen. [HGt.03_116,10] Drei Tage vor dem Tode Evas aber geschah es, als gerade Seth, Jared, Henoch, Mathusalah und Lamech die schon sehr schwache Erzmutter umgaben, daß nach der Zulassung des Herrn der Geist Adams in die Hütte trat und sprach: [HGt.03_116,11] „Kinder, seid mir gesegnet! Der Friede sei mit euch, und fürchtet euch nicht vor mir; denn ich bin Adam, der euch alle gezeugt hat im Fleische durch die Gnade des allmächtigen, ewigen, lebendigen Gottes! [HGt.03_116,12] Sehet, der Herr, der Sich meiner schon vor dreißig Jahren erbarmt hat, hat Sich nun auch der Eva, meines treuesten Weibes, erbarmt und will sie erlösen von der Erde und von ihrem übermühselig und schwach gewordenen Fleische, auf daß da nun auch sie in meine Lebensruhe eingehen solle und sich mit mir weiden solle als ein zahmes und sanftes Lamm auf der geheiligten Trift der Erbarmungen Gottes! [HGt.03_116,13] Mich hat der Geist Sehels erlöst, aber die Eva werde ich selbst entbinden ihrer irdischen Last und werde sie führen dahin, wo ich bin, in der süßen Ruhe harrend jenes Tages, der einst nach der Verheißung der Erde aufgehen wird als eine Sonne der Sonnen!“ [HGt.03_116,14] Hier fragte der Henoch den Geist: „Und wann wirst du bestimmt solches tun, und was soll mit dem Leibe der Mutter geschehen?“ [HGt.03_116,15] Und der Geist Adams sprach: „Nicht ich, sondern der Herr ist dein Meister! Am dritten Tage von heute an ist der Termin; was du aber zu tun hast, wird dir der Herr wie allzeit kundgeben!“ [HGt.03_116,16] Hier verschwand der Geist Adams. [HGt.03_116,17] Am dritten Tage aber kam er wieder, allein dem Henoch und der Eva sichtbar. [HGt.03_116,18] Und die Eva segnete alle die anwesenden Kinder und lobte Gott für diese Gnade. [HGt.03_116,19] Und der Geist Adams sprach allen vernehmbar: „Eva, meinen Segen, mit dem deinen vereint, hast du gegeben den Kindern! Also ist es des Herrn Wille, daß auch du heimkehrest; und so komme denn in meine Arme im Namen des Herrn! Amen.“ [HGt.03_116,20] Hier sank die Eva tot darnieder, und ihr Geist und ihre Seele entschwand alsbald mit dem Geiste Adams und ward fürder nimmerdar gesehen. [HGt.03_116,21] Also verschied die Mutter im Kreise ihrer Kinder und ward im Geiste vom Adam, wieder vereint, in die geistigen Arme aufgenommen und geführt zur Ruhe im Herrn. [HGt.03_116,22] Ihr Leib aber ward nach dem Willen des Herrn eben auch von denen, die Adam begruben, an derselben Stelle begraben, und niemand durfte wissen, wo der Ort. [HGt.03_116,23] Auch der Tod Evas hinterließ eine jahrelange Trauer und bewirkte, daß sich viele verbargen und ein überaus frommes Leben zu führen anfingen. [HGt.03_116,24] Besonders mächtig wirkte der Tod Evas auf die Abendlandsbewohner, die sich nun Abedamiten nannten; denn Abedam war auch ein Liebling Evas, und sie aber war auch ihm alles. [HGt.03_116,25] Das war demnach das Ende auch der Eva. 117. Kapitel — Das Asketentum unter den Kindern der Höhe. Seths Tod und Nohas Geburt. Henochs und Lamechs Gespräch über den Leibestod der Menschen. Henochs Trauer und Hinwegnahme durch den Herrn[HGt.03_117,01] Danach lebten die Menschen noch eine lange Zeit wie halb gestorben und hatten keine Freude an der Welt, sondern ihre Sehnsucht ging dahin, sobald als möglich dem Hauptelternpaare nachzufolgen. [HGt.03_117,02] Die Verachtung der Welt ging bei einigen so weit, daß sie sich unter alten Feigenbäumen kleine Hütten errichteten und daselbst hundert Jahre lang ein barstes Einsiedlerleben führten und solange ihre Wohnungen nicht wechselten, solange der sie kümmerlich ernährende Baum lebte. [HGt.03_117,03] Gar viele Männer schworen, kein Weib zu berühren; denn sie sagten in manchmal nicht unbedeutender Erbitterung: „Wozu noch fernerhin Menschen zeugen? Hat ein jeder Mensch das Los Adams und Evas zu erwarten – also den Tod und das Verderben des Fleisches – da ist es ja besser, er wird nicht in ein so elendes Dasein gerufen! Mag Gott aber schon durchaus elende Menschen auf dieser zerklüfteten Erde haben, da kann Er sie von neuem aus Steinen und Lehm erschaffen; wir jedoch, die wir wissen, was diesem elenden Leben folgt, werden uns nimmer dazu gebrauchen lassen, um unglückliche Wesen unserer Art ins Dasein zu rufen!“ [HGt.03_117,04] Also taten auch viele Weiber und sperrten sich ab und waren zu keiner Empfangung mehr zu bewegen; denn auch sie sagten: „Für den Tod sollen Tiere, aber nicht Menschen gezeugt werden!“ [HGt.03_117,05] Und so strotzte im Verlaufe von hundert Jahren nach dem Tode Evas, wie auch um die Zeit nach dem Tode Seths, die Höhe allenthalben von solchen Sonderlingen; und da nützte keine Rede des noch lebenden Henoch etwas, auch kein Wunder, um die Menschen von dieser Torheit zu heilen. [HGt.03_117,06] Der Henoch selbst aber, da er sah, daß da mit diesen superklugen Menschen bei Belassung ihres freien Willens nichts mehr zu richten ist, bat endlich auch den Herrn, daß Er ihn zu Sich nehmen möchte. [HGt.03_117,07] Der Herr aber sprach zu Henoch: „Mein getreuester Diener! Siehe, in diesem Jahre wird noch Lamech, dein Enkel, einen Sohn bekommen! Diesen mußt du noch zuvor segnen; dann will Ich auch dich erlösen von der Welt also, wie Ich es dir verheißen habe!“ [HGt.03_117,08] Und im selben Jahre, da der Lamech hundertzweiundachtzig Jahre alt war, gebar die Ghemela ihm einen Sohn, den der Henoch alsbald segnete nach der Beheißung des Herrn. [HGt.03_117,09] Und der Lamech aber sprach nach der Segnung hinzu: „Noha ist dein Name! Der wird uns trösten in unserer Mühe und Arbeit auf Erden, die Gott der Herr verflucht hat!“ [HGt.03_117,10] Aus diesem Ausrufe Lamechs aber kann jedermann ersehen, daß sogar die Gemütsstimmung Lamechs nicht mehr so ganz recht in der Ordnung war; denn er machte dadurch Mir, dem Herrn, einen offenbaren Vorwurf ob des vermeintlichen Fluches der Erde, da er dadurch gewisserart sagte: Bei Gott gibt es keine Tröstung mehr; denn Er hat nun Seine Freude am Töten der Leiber der Väter. Daher solle sein Sohn Noha ein Tröster werden! [HGt.03_117,11] Henoch aber verwies dem Lamech auch diesen Ausruf und zeigte ihm an, daß Ich das Benehmen der Kinder nun mit beleidigtem Herzen ansehe, indem Ich doch Selbst ihnen allen ein anderes ewiges Leben im Geiste nach der Ablegung des versuchenden Fleisches verheißen, gelehrt und allzeit überzeugend in jedermanns Herzen darstellte. [HGt.03_117,12] Aber der Lamech sprach: „Solches weiß ich so gut wie du, Vater Henoch! Aber so ich allzeit schaue in mir das gewisse ewige Leben, warum denn kann ich die nimmer erschauen im selben, die da gestorben sind? Siehe, dafür haben wir keine Lehre und keinen Grund! [HGt.03_117,13] Warum dürfen denn die Geister, die da hinübergegangen sind, nicht zu uns und uns zeigen, daß sie auch ohne Leib Leben haben und sind?“ [HGt.03_117,14] Und der Henoch sprach: „Was redest du? Sahst du doch den Geist Adams, Zuriels und den Geist Ahbels und Sehels! Was willst du denn da noch mehr?“ [HGt.03_117,15] Aber der Lamech sagte: „Siehe, bei Gott sind alle Dinge möglich! Kann Er nicht die Getöteten wieder ins scheinbare Leben und Dasein rufen, wann Er will? Und dann glauben wir, daß es so ist! [HGt.03_117,16] Aber wenn das scheinbare Dasein zurücktritt, was ist dann? Wohin kommt es, da es für unsere Sinne nicht mehr ist? – Siehe, da ist der alte Fluch ersichtlich! Wir sind, um getötet zu werden; zum Fluche sind wir, aber nicht zum Leben! [HGt.03_117,17] Wo das Leben ist, da sollte es allzeit ersichtlich sein, aber nicht irgend also, als wäre es keines! [HGt.03_117,18] Der Sünde Adams wegen muß aller Menschen Fleisch getötet werden! Welch ein Fluch! So ich nie gesündigt habe, warum soll mein Leib getötet werden der Sünde Adams willen? Siehe, das finde ich grausam!“ [HGt.03_117,19] Hier segnete der Henoch den Lamech und ging hinaus und weinte vor dem Herrn. [HGt.03_117,20] Der Herr aber tröstete Henoch, nahm ihn zu Sich mit dem Leibe, und er ward forthin nicht mehr gesehen auf der Erde, obschon ihn die Menschen allenthalben suchten. 118. Kapitel — Lamech von der Höhe auf der Suche nach Henoch. Des Herrn aufklärendes Wort an Lamech. Lamechs törichte, bittere Rede an die versammelten Seinen[HGt.03_118,01] Es blieb aber namentlich für Lamech der Henoch diesmal zu lange aus, und er ging darum selbst hinaus, zu sehen, was da irgendwo der Henoch täte. [HGt.03_118,02] Aber er ging vergeblich die ganze Höhe ab und fand den Henoch nirgends. Er sandte auch Boten nach allen Richtungen aus; sogar in die Tiefe hinab sandte er Forscher. [HGt.03_118,03] Aber es war vergebens; denn Henoch war nirgends mehr unter den Lebenden auf der Erde anzutreffen. [HGt.03_118,04] Darauf dachten Lamech und auch die anderen wenigen noch lebenden Väter, es möchte Henoch etwa gestorben sein. Darum ließ Lamech jedermann fragen, ob da niemand Kunde hätte davon. [HGt.03_118,05] Aber ein jeder Befragte zuckte ganz gewaltig mit den Achseln und sprach, seit dem letzten Sabbate vom Henoch nichts gesehen zu haben. [HGt.03_118,06] Ein ganzes Jahr ging das Suchen hin und her und auf und ab; doch niemand wußte auch nur im allergeringsten etwas, was da mit ihm, dem Henoch nämlich, vorgefallen sei. [HGt.03_118,07] Der in der Tiefe noch lebende Lamech hatte gar weitgedehnte Suchungen unternehmen wollen; aber als er schon zehntausend Boten ausgerüstet hatte, da sprach der Herr zu ihm: [HGt.03_118,08] „Mache dir nicht gleich den Toren auf der Höhe vergebliche Mühe; denn siehe, Ich habe den Henoch, wie Ich ihm verheißen habe, zu Mir mit Leib, Seele und Geist genommen! Daher magst du ihn nun in aller Welt suchen, und du wirst ihn nimmer finden! Rüste aber zwei Boten aus, und sende sie mit dieser Kunde auf die Höhe, auf daß Meine törichten Kinder erfahren sollen, wohin der Henoch gekommen ist!“ [HGt.03_118,09] Auf diese Kunde stellte der Lamech sein großartiges Suchungsprojekt ein und sandte mit der von Mir erhaltenen Kunde nur die zwei bestimmten Boten auf die Höhe und ließ durch diese dem Lamech auf der Höhe verkünden, was er vom Herrn vernommen hatte. [HGt.03_118,10] Als aber der Lamech auf der Höhe solche Nachricht erhielt, da ward es aus bei ihm, wie auch bei fast gar allen Kindern auf der Höhe; denn fürs erste war also auch nach ihren Begriffen der Henoch von der Erde so gut wie weggestorben, und fürs zweite war niemand an Henochs Stelle als Hoherpriester eingesetzt worden. [HGt.03_118,11] Da sprach der Lamech vor einer ganzen Versammlung: „Höret, ihr meine Brüder und Kinder, und auch ihr einige wenige Väter! Der Herr hat nun auch den Henoch, den wir alle ein ganzes Jahr vergeblich gesucht haben, zu Sich genommen oder getötet, wie Er es nun schon mit gar vielen von uns gemacht hat. [HGt.03_118,12] Er hat aber dafür keinen andern Hohenpriester gestellt; das ist noch sonderbarer als das Sterben selbst! Henoch hatte mich wohl zuvor gesegnet, bevor er hinausging, um nicht wiederzukehren; aber das kann ich nicht als Weihe zum Hohenpriester annehmen. Daher soll diese Stelle von nun an leer bleiben! [HGt.03_118,13] Wer von euch den Sabbat halten will, der halte ihn; wer aber das nicht will, der tue, was er will! Denn ich meine, für den Tod ist bald etwas gut. [HGt.03_118,14] Mag der Herr tun, was Er will; ich meinesteils werde nicht viel tun für den Tod! [HGt.03_118,15] Lasset brachliegen alles Land, und höret auf, Kinder zu zeugen, und leget keinen Samen mehr in die Erde, und verbindet euch die Augen und schauet nicht mehr die scheußliche Trugwelt, sondern es erwarte jeder von euch baldmöglichst den Tod! Ist dieser über uns gekommen, so haben wir unser Ziel erreicht. [HGt.03_118,16] Es sei daher beschlossen, die Erde zu entvölkern! Da mag dann Gott töten darauf, wie Er will! Verstehet mich wohl: die Erde werde entvölkert!“ 119. Kapitel — Die Einstellung der Zeugung auf der Höhe und des Herrn Warnung an Lamech. Lamechs vorwurfsvolle Antwort an den Herrn[HGt.03_119,01] Diese Rede Lamechs hat bei den bekannten Umständen vielen Anklang gefunden, und es gab im Ernste nur sehr wenige, die da noch der damals bestandenen Ordnung wären treu geblieben; die aber da noch der Ordnung treu blieben, wünschten nichts sehnlicher, als nur sobald als möglich von der ganz verkehrten Welt hinweggenommen zu werden. [HGt.03_119,02] Was aber da den Akt der Zeugung betrifft, so unterblieb dieser allgemein auf der Höhe bei dreißig Jahre. Nach dieser Zeit, als der Trauergroll Lamechs sich ein wenig gelegt hatte, rief an einem Abende der Herr den Lamech hinaus ins Freie und sprach aus einer feurigen Wolke zu ihm: [HGt.03_119,03] „Lamech, Lamech, du setzest Meine Geduld auf eine starke Probe! [HGt.03_119,04] Einst, da Ich mit deinen Vätern zog vom Abende gen Mitternacht und ging dir entgegen, als du unerlaubtermaßen den die Völker zum großen Sabbatfeste einladenden Vätern furchtsam entgegenkamst auf dem Waldwege zwischen Mitternacht und Abend, da warst du voll der dankbarsten Freude, darum Ich für dich einen Vermittler machte bei den Vätern; den größten Freund deines Lebens hast du da an Mir gefunden und wärest ins Feuer für Mich gegangen, obgleich du Mich damals noch nicht gekannt hast. [HGt.03_119,05] Als du Mich aber erst erkannt hast mit der Folge, siehe, da wardst du glühend wie schmelzendes Erz aus Liebe zu Mir! [HGt.03_119,06] Was tat Ich denn nun wohl anderes als das nur, was Ich Selbst euch alle gelehrt und euch allen vielfach als unerläßlich nötig zum ewigen Leben des Geistes verkündigt hatte?! Und dennoch nimmst du nun auf keines Meiner Worte mehr Rücksicht, sondern handelst, als wäre Ich dir das fremdeste und nichtigste Wesen von aller Geiste- und Körperwelt! [HGt.03_119,07] Wie soll Ich, dein Gott, Schöpfer und Vater, denn das bei dir ansehen? Willst du Mir, dem Allmächtigen, denn im Ernste trotzen?! Willst du dich mit Mir balgen und dich mit Mir in einen Faustkampf einlassen?! – Rede! Was willst du mit Mir? [HGt.03_119,08] Ich darf nur hauchen, und die ganze Schöpfung ist nicht mehr und du nicht mehr! Rede! Was willst du mit Mir?“ [HGt.03_119,09] Und der Lamech sprach: „Herr, ich zweifle nicht an Deiner Macht; aber ich zweifle an Deiner Liebe und verheißenen Treue! Denn wie kannst Du uns, Deinen Geschöpfen oder Kindern, gut sein, so Du nur daran Lust zu haben scheinst, daß Du uns tötest?! [HGt.03_119,10] Mir wäre lieber, auf daß Du mich anhauchtest und ich dann ewig nimmer wäre, als daß ich eine geraume Zeit auf der verfluchten Erde leben und schwer arbeiten muß, um dann endlich von Dir getötet zu werden! [HGt.03_119,11] Sprichst Du auch: ,Nur das Fleisch muß getötet werden; der Geist aber lebt fort!‘, – da sage ich: Was ist da wohl für ein Gewinn mit solch einem Wechselleben, da man sich zuvor ein Körperleben angewöhnen muß, und hat man demselben die rechte Tauglichkeit abgewonnen und hat es liebgewonnen, da kommst Du heimlich und zerstörst das erste Leben und bildest dann nach Deinem Wohlgefallen irgendein anderes daraus, an dem sicher nicht mehr als an dem ersten gelegen ist! [HGt.03_119,12] Ich sehe, daß Du ein Freund steter Veränderungen bist; darum kann ich Dir nimmer trauen! [HGt.03_119,13] Hauche mich aber an mit Deiner Allmacht, auf daß ich plötzlich aufhöre zu sein, und rufe mich aber ewig nimmer in irgendein Dasein, so soll Dir meine Vernichtung zum bleibenden Lobe sein ewig! Aber ein Dasein unter steten Veränderungen ist der größte Fluch für jedes Geschöpf, und das Vergnügen seines Schöpfers wird ihm zur unerträglichen Bürde.“ 120. Kapitel — Des Herrn ernste, zurechtweisende Worte an Lamech. Das Zeugnis der Geister Henoch und Adam vom ewigen Leben des Menschen[HGt.03_120,01] Als der Lamech aber solches geredet hatte, da ließ sich die feurige Wolke zur Erde nieder, und der Herr stand sichtbar in der feurigen Wolke dem Lamech gegenüber und sprach zu ihm mit ernster Stimme: [HGt.03_120,02] „Lamech, Lamech! Bedenke, wer Der ist, vor dem du stehst, und der jetzt mit dir redet! [HGt.03_120,03] Was taten Henoch und Mathusalah in deinen Knabenjahren mit dir, so du unbändig warst? Siehe, du wardst mit scharfer Rute gezüchtigt! [HGt.03_120,04] Sage es dir selbst, ob dich die Väter aus zerstörendem Zorne oder ob aus einer gerechten Liebe gezüchtigt haben?! [HGt.03_120,05] Du kannst nicht umhin zu sagen: ,Solches haben die Väter aus gerechter Kinderliebe getan; denn sonst wäre ich gleich einem reißenden Tiere aufgewachsen und wäre ein Unmensch geworden!‘ [HGt.03_120,06] Also sprichst du in dir und schöpfst ein rechtes Urteil. – Meinst du aber, daß Ich dir weniger ein gerecht liebender Vater bin, als es Jared, Henoch und Mathusalah waren? [HGt.03_120,07] O siehe, diese waren dir nur von Mir gestellte Zeug-, Zieh- und Zuchtväter! Ich aber bin dir der allein ewig rechte Vater, da Ich dich aus Mir geschaffen habe und habe dich gezeugt und erzogen bisher in aller Freiheit deines Geistes und habe dich aber als der allein ewig wahre und rechte Vater dennoch nie gezüchtigt bei aller deiner nicht seltenen Ausgelassenheit vor Mir! [HGt.03_120,08] Siehe, der Grund davon war stets Meine unendliche Liebe, Geduld und Erbarmung, die Ich zu Dir und mit dir hatte! [HGt.03_120,09] Jetzt aber sage Ich dir, da du also stützig gegen Mich geworden bist, daß Ich nun eine Rute zur Hand nehmen werde und werde mit dir und allen deinesgleichen tun, wie es sich gebührt für einen rechten Vater, der da voll der gerechtesten Liebe zu seinen Kindern ist! [HGt.03_120,10] Ich aber will dir zuerst zeigen das herrliche Los derer, die Ich zu Mir genommen habe, auf daß du aus deinem tiefsten Lebensgrunde erkennen sollst, wie Ich es mit Meinen Kindern meine für ewig! [HGt.03_120,11] Dann aber will Ich dir zeigen, daß auch Ich die unbändigen Kinder, die da Meine allerliebevollste väterliche Bestimmung mit ihnen also sehr verkennen und in den Staub des nichtigen Truges herabziehen wollen, zu züchtigen vermag ihres Heiles willen und die allerstützigsten auch im Geiste ewig fort züchtigen kann, so sie nimmer anerkennen wollen, daß Ich ihr allerliebevollster Vater und Gott in aller unantastbaren Heiligkeit bin. [HGt.03_120,12] Da aber siehe aufwärts, und sage Mir: Was erschaust du?“ [HGt.03_120,13] Hier sah der Lamech aufwärts und ersah all die Verstorbenen. [HGt.03_120,14] Und der Henoch ließ sich herab und sprach zum Lamech: „Unsinniger, fühle mich an und überzeuge dich, daß ich nun lebe für ewig ohne einen je mehr vorkommenden Wechsel des Seins!“ [HGt.03_120,15] Und der Lamech befühlte den Henoch und fand keine Veränderung an ihm – außer die der himmlisch-geistigen Vollendung in aller Fülle des vollkommensten Lebens. [HGt.03_120,16] Und also überzeugte er sich auch bei allen anderen. [HGt.03_120,17] Und der Adam sprach noch überdies zu ihm: „Lamech, die größte Wohltat des Vaters an uns ist die Abnahme des schweren, prüfenden Leibes vom freien Geiste! Dessen sollst du dich freuen! [HGt.03_120,18] Mag deinem noch irdischen Auge des Leibes Tod auch düster erscheinen, so erscheint er aber dennoch dem, der da abberufen wird in der Liebe zum Vater, als eine allerhöchste Wohllust! [HGt.03_120,19] Siehe, in der Liebewollust deiner Eltern wardst du gezeugt; aber in der höchsten Liebewohllust wirst du als Geist aus dem schweren Fleische gehoben und lebst dann ein allervollkommenstes ewiges, mächtiges, kräftiges, wirksamstes Leben, dessen Süße mit nichts Irdischem zu vergleichen ist! [HGt.03_120,20] Was du immer auf Erden angefangen hast, das wirst du erst im Geiste auf der geistigen ewigen Erde vollenden. Darum sollst du nicht träge sein auf Erden; denn nicht ein von dir berührtes Sandkörnchen geht verloren! [HGt.03_120,21] Das sage ich, Adam, dein Erzeuger, dir; fasse es! Amen.“ 121. Kapitel — Fortsetzung des Verkehrs mit den Hinübergegangenen. Lamechs Umkehr und Reuerede. Des Herrn liebevolle Rede über den Vaterschmerz beim Züchtigen der Kinder. Lamech als Stellvertreter Henochs[HGt.03_121,01] Also beredete sich der Lamech auch mit Seth, mit der Eva und noch gar manchen anderen, die da sowohl auf der Höhe aus den vier Gegenden hinübergewandert waren, und die da auch einst Bewohner der Tiefe waren, und ersah daraus augenscheinlichst und handgreiflichst, daß es da mit dem Leben des Geistes nach dem Abfalle des Leibes seine vollkommenste Realität habe. [HGt.03_121,02] Da er sich aber also von dem überzeugt hatte aus dem tiefsten Grunde seines Lebens und das alles in der Grundwurzel gefaßt hatte, da fing er an nachzudenken, welch ein großes Unrecht er durch seine Rede dem Herrn und dem Vater von Ewigkeit zugefügt hatte, – wie unbillig alle seine Gedanken und Beschlüsse da waren! [HGt.03_121,03] Und er fiel vor dem Herrn nieder, fing an zu weinen und sprach aus seinem zerknirschten Gemüte: „O Gott, Herr und Vater, jetzt erschaue ich die ganze Fülle meiner Bosheit! [HGt.03_121,04] Ich war blind und glaubte in meiner großen Blindheit mit dir rechten zu können! Ich wollte in meiner allerentsetzlichsten Tollheit Deinem Wirken, das da in sich die allerhöchste Liebe ist, Schranken setzen! Die Erde wollte ich wüste werden lassen und aussterben das menschliche Geschlecht! [HGt.03_121,05] Und das alles darum, weil da ein finsterer Groll in mir aufkeimte ob der Hinwegnahme derer, die ich liebhatte aus alter Gewohnheit mehr, denn aus der eigentlichen wahren Liebe! Denn hätte ich sie wahrhaft geliebt, da wäre darum in meiner Brust sicher kein Groll gegen Dich aufgekommen, daß Du ihnen allen eine so endlos große Seligkeit in Deiner Vaterliebe bereitet hast! [HGt.03_121,06] O Gott, Herr und Vater, ich erkenne nun meine große Strafwürdigkeit vor Dir! Daher ist es ja recht und billig, daß Du mich nun strafest auf das allerempfindlichste! Ja strafe, o Herr, mein dummes Fleisch auf das allertüchtigste nach Deinem allerheiligsten Willen; aber nur meinen Geist wolle nicht gänzlich zugrunde gehen lassen!“ [HGt.03_121,07] Und der Herr sprach zum Lamech: „Erhebe dich, Mein Sohn! Meinst du denn, Ich, dein heiliger, liebevollster Vater, habe eine Lust und Freude am Strafen Meiner Kinder? [HGt.03_121,08] Siehe, ein jeder Streich, den Ich dir geben möchte, würde Mich im Herzen bei weitem mehr schmerzen, denn dich auf deiner Haut! [HGt.03_121,09] Hast du doch nun auch einen Sohn, den du liebst mehr denn dein eigenes Leben; wenn er aber dir dann und wann unfolgsam wird, versuche ihn zu schlagen darob, und erfahre selbst, ob du nicht mehr Schmerzen leiden wirst dabei als dein Sohn! [HGt.03_121,10] So du den Streich führen wirst, wirst du dich schon fürchten, dem Sohne wehzutun; und wird der Sohn weinen unter dem ersten schwachen Hiebe, wird es dein Herz wohl vermögen, ihm noch einen zweiten Hieb zu erteilen? [HGt.03_121,11] Der Sohn aber wird des geringen Schmerzes bald vergessen, und deine Vaterliebe wird ihn gar ehestens wieder völlig aussöhnen mit dir; aber wie lange und wie oft wirst du es dir in deinem Herzen heimlich bitter rückerinnerlich sagen: ,Mein Sohn ist zwar gut; aber was gäbe ich dafür, so ich ihn nicht geschlagen hätte!‘ [HGt.03_121,12] Siehe, das würdest du als ein echter Mensch tun! Ich aber bin mehr denn nur ein Mensch; Ich bin Gott und dein allereigentlichster Vater! Daher will Ich dich nun auch nicht schlagen, sondern segnen! [HGt.03_121,13] Aber solches sage Ich dir: Gedenke, daß die Erde Mein Land ist! Bearbeitet sie zum zeitlichen Nutzen für Meine nachfolgenden Kinder, und zeuget euch nun und mehret euch! Denn siehe, derer, die noch in der Materie gefangen sind, gibt es noch gar viele, die da harren auf die Erlösung! [HGt.03_121,14] Du aber sei fürder ein Stellvertreter Henochs, und mache das Arggemachte wieder gut! Amen.“ 122. Kapitel — Lamechs Gelöbnis, die alte göttliche Ordnung wiederherzustellen. Des Herrn Warnung vor der Schlange im Weiberfleische. Der Herr und die Seligen verschwinden vor ihren Augen. Die Versammlung der Ältesten[HGt.03_122,01] Nach diesen Worten des Herrn gelobte der Lamech, die alte Ordnung der Dinge mit der Hilfe des Herrn so gut als nur möglich wiederherzustellen und dafür zu sorgen, daß diese Ordnung bei allen Nachkommen forterhalten werde. [HGt.03_122,02] Der Herr aber sprach zum Lamech: „Tue, was du kannst; aber übers Knie sollst du es nicht brechen! Denn siehe, es liegt viel Eigensinn im Volke! [HGt.03_122,03] Habe aber acht, daß dir die Schlange keinen Streich spielt; denn sie hat schon in der Tiefe angefangen, das Fleisch der Töchter zu kultivieren und gar glatt und fein zu machen! [HGt.03_122,04] Warne daher Meine Kinder vor den häufigen Besuchen der Tiefe, auf daß sie der Falle entgehen, die ihnen da gelegt ist! [HGt.03_122,05] Solches aber merke für alle Zeiten der Erde: [HGt.03_122,06] Wenn du sehen wirst, daß das Fleisch der Weiber stets fetter, weißer, feiner und üppiger wird; wenn die Weiber mit bloßem Kopfe und Gesichte, mit nackter Brust und nackten Händen einhergehen werden; wenn die Weiber lüstern den Männern nachlaufen werden und die Mütter ihre Töchter putzen und schmücken werden und werden sie am Tage und zur Nachtzeit ausführen, um durch solchen Außenflitter, welcher da ist die allerärgste Kunst des Satans, irgendeinen Mann zu fangen, auf daß er sich der Tochter ergeben und sie entweder zum Weibe oder wenigstens gegen einen allerschändlichsten Unzuchtsmietlohn als Beischläferin auf Tag oder Stunde zu nehmen sich entschließen möchte – habe acht, Lamech, was Ich hier rede! –; wenn das Weib über den Mann sich erheben wird und wird ihn beherrschen wollen und ihn auch wirklich beherrscht, entweder durch ihre vom Satan erlangten Fleischreize, oder durch Schätze und Erbschaften der Welt, oder durch einen gewissen vornehmeren Stand und vorzüglichere Abkunft; wenn das weibliche Geschlecht, das untergeordnet sein sollende, auf den armen Mann mit spöttischen und verächtlichen Augen und Herzen herabblicken wird und wird ausrufen: ,Pfui, welch ein Gestank um diesen gemeinen Kerl! Wie entsetzlich häßlich ist doch dieser Mensch; welch ekelhaften Aussehens! Siehe an dies gemeine Gesindel, dies Bettelvolk!‘ – dann, Lamech – höre! –, dann hat sich die Schlange zum Herrn der Welt gemacht, schmählichst herrschend in ihrem Geschlechte! [HGt.03_122,07] Und dann – höre Mich wohl, Lamech! –, dann werde Ich die Welt verlassen und sie übergeben der Macht dessen, dem sie huldigt, und werde mit Fluch belegen alle Kreatur! Und Meine Ohren werde Ich verstopfen, auf daß Ich nicht vernehmen werde können das starke Jammergeschrei der Elenden auf Erden, um Mich zu erbarmen ihrer Not und ihrer Trübsal, – sondern um zur festbestimmten Zeit Mein Gericht zu senden über alles Fleisch auf der Erde und Meinen Zorn zu ergießen über alles Land und über alle Kreatur! [HGt.03_122,08] Wahrlich, sage Ich dir, die Welt hat schon einen großen Schritt zum Verderben gemacht! Darum gehe hin und verkünde allorts, was Ich dir nun gesagt habe, und rufe alles Volk zur Besserung zurück, – sonst wird es noch dein Sohn wie auch du zu einem guten Teile erleben, wie es auf der Erde aussehen wird, so Ich Mich von ihr gänzlich entfernen werde! [HGt.03_122,09] Diese Worte beachte wohl, und sei Mir ein rechter Diener! Amen.“ [HGt.03_122,10] Hier entschwand die feurige Wolke, der Herr und alle die hinübergegangenen Geister. [HGt.03_122,11] Und der Lamech ging, ernster Gedanken voll, nach Hause und zeichnete da alles auf, was der Herr zu ihm geredet hatte. [HGt.03_122,12] Und schon am nächsten Tage berief er alle Ältesten zusammen und offenbarte ihnen, was da der Herr zu ihm geredet hatte, und was alles er dabei gesehen habe. 123. Kapitel — Der geteilte Erfolg der Botschaft Lamechs an die Völker. Lamechs Ärger darob und des Herrn Trostworte[HGt.03_123,01] Und die Zusammenberufenen erkannten und ersahen während der Erzählung Lamechs, daß da alles die vollste Wahrheit ist, was er ihnen kundgegeben hatte, und sie gingen dann frohen Mutes und festen lebendigen Glaubens auseinander und gingen auch sogleich zu den Völkern in den vier Gegenden und verkündigten ihnen alles, was sie vom Lamech mit lebendiger Selbstüberzeugung vernommen hatten. [HGt.03_123,02] Viele vom Volke bekehrten sich wieder; aber doch blieb der größte Teil ungläubig und sprach: „So an der Sache etwas wäre, da sehen wir nicht ein, warum Sich der Herr nicht auch uns ebensogut wie dem Lamech offenbaren solle, indem wir doch ebensogut Menschen sind wie der Lamech und ebenso wie er vom Adam abstammen?! [HGt.03_123,03] Wir glauben wohl, daß da ein unerbittlicher Gott über uns herrscht nach Seinem Wohlgefallen, und das ist genug; was brauchen wir da Drohungen noch dazu?! [HGt.03_123,04] Dafür, daß wir alle endlich ins Gras beißen müssen, wird doch der Glaube genug sein?! Sich aber noch extra zu fürchten vor dem Gotte, der uns am Ende nichts mehr und nichts weniger tut als bloß ganz einfach tötet, wäre wohl dumm von Seite eines jeden helldenkenden Menschen! [HGt.03_123,05] Iß und trink, und vertreibe dir die lästige Zeit auf die angenehmste Art, das sei unser Wahlspruch; denn für das, was da höchst mystischer und ungewisser Weise erst nach dem Tode kommen soll, geben wir keinen faulen Apfel! [HGt.03_123,06] Ist etwas an der Sache, so soll sie uns der Jehova ebensogut wie dem Lamech offenbaren, – denn auch wir sind Menschen; tut Er aber das nicht, so liegt uns wenig an Ihm um nichts und wieder nichts! [HGt.03_123,07] Ihr aber, die euch der Lamech, aber nicht Gott zu uns gesandt hat, möget glauben, was ihr wollet; das kümmert uns wenig, und eure allfällige Überzeugung ist für uns ein hohler Kreis! [HGt.03_123,08] Das Ende wird wohl euch wie uns die Rätsel der Erscheinungen im Lebenslaufe auf dieser Erde lösen, – verstehet: wenn wir in derselben faulen und für ewig vergehen werden also, als wären wir nie dagewesen! [HGt.03_123,09] Was aber da eure Warnung vor der Tiefe betrifft, so müssen wir darüber nur lachen! So es dort im Ernste wunderschöne Weiber gibt und wir dieselben leicht bekommen können, da müßten wir ja gerade auf den Kopf gefallen sein, so wir sie uns nicht holten; denn das ist gerade noch das Beste, was der sterbliche Mensch auf dieser dummen Welt hat! [HGt.03_123,10] Ist es dem Jehova nicht recht, da soll Er es anders machen; solange Er uns aber leben läßt also, da müßten wir doch schöne Narren sein, so wir uns noch dies bißchen Leben für nichts und wieder nichts verleiden sollten! [HGt.03_123,11] Ziehet daher nur von uns hinweg, ihr gläubigen Lamechsboten, und lasset uns für die Zukunft ungeschoren; denn wir wissen es schon ohnehin, was wir zu tun haben!“ [HGt.03_123,12] Siehe, das waren die Früchte der ehemaligen Benehmung Lamechs! [HGt.03_123,13] Als der Lamech aber durch seine Boten solche Äußerungen vernahm, da ward er sehr erbittert und wußte sich nicht zu helfen. [HGt.03_123,14] Aber der Herr sprach zu ihm: „Lamech, du weißt, daß Ich zu dir gesagt habe: ,Wolle aber nichts übers Knie brechen!‘ Daher beachte nun dieses: [HGt.03_123,15] Wer da kommen will, der komme, – wer aber nicht kommen will, den lassen wir laufen, wohin er will; am Ende wird er uns schon kommen, und da wollen wir mit ihm über seine Vernunft ein paar Wörtchen sprechen für die Ewigkeit! [HGt.03_123,16] Also sei es! Was aber da die Lust zu den Weibern in der Tiefe betrifft, da soll sich ein jeder, der es will, um eine bewerben; daß er aber mit derselben nicht wieder die Höhe betreten wird, dafür werden wir schon sorgen! [HGt.03_123,17] Daher sei ruhig, und bleibe mit den Guten in Meiner Liebe ewig! Amen.“ 124. Kapitel — Des Herrn Rede über das Wesen der Getreuen und der Ungetreuen. Die Unverbesserlichkeit der Zerstreuungssüchtigen[HGt.03_124,01] Der Lamech aber dankte dem Herrn für diese Belehrung aus dem tiefsten Grunde seines Lebens und fragte Ihn, nachdem er für das Empfangene gedankt hatte, ob er die Getreuen nicht in einen engeren Kreis um sich versammeln solle. [HGt.03_124,02] Der Herr aber sprach: „Laß es gut sein also, wie es ist; denn der echt Getreue wird uns treu verbleiben auch unter dem ausgelassensten, Meiner gänzlich vergessenden Geschlechte! [HGt.03_124,03] Hat aber jemand die echte Treue nicht, so wird ihm auch ein enger Kreis fürs ewige Leben wenig nützen! [HGt.03_124,04] Wenn er sich unter den Getreuen befindet, da wird er tun, als wäre er ein Getreuer; wird er sich aber unter den Ungetreuen befinden, da wird er alsbald tun, was sie tun. [HGt.03_124,05] Wird er mit dir reden, da wird er nur das reden, davon er weiß, daß es dir behagt; wird er aber zu den Ungetreuen kommen, da wird er nur strotzen von schmutzigen Weltgesprächen. [HGt.03_124,06] Siehe, das sind leichtsinnige, leichtfertige Menschen, welche zwischen Gott und Tod wie die Heuschrecken hin und her springen, und haben keine geistige Lebensfeuchtigkeit, welche da den Samen Meines lebendigen Wortes in ihnen zum Kremen brächte, wie dann auch keine geistige Wärme, durch welche in ihnen der ewig lebendige Same Meines Wortes zur Tatkraft heranreifen möchte, und haben dieses alles darum nicht, weil sie es nicht haben wollen, indem ihnen das Leichtsinnigsein viel lustiger und stets erheiternder vorkommt denn ein festes Sein in Meiner Gnade. [HGt.03_124,07] Diese Art Menschen aber sind nicht nur am schwersten zu bessern, sondern ihre Besserung ist eine Sache der nahezu reinen Unmöglichkeit, und das darum, weil sie nach Umstand der Sache sogleich mit allem einverstanden sind. [HGt.03_124,08] Willst du sie arg haben, da stelle sie unter die Argen; willst du sie lustig haben, stelle sie unter die Lustigen; willst du sie gut haben, stelle sie unter die Guten; willst du sie weise haben, stelle sie unter die Weisen! [HGt.03_124,09] Läßt du sie aber allein, da werden sie alsbald vor lauter Langeweile verzweifeln und verschmachten! [HGt.03_124,10] Warum denn? – Weil sie kein eigenes Leben haben und daher zerstreuungssüchtig sind! [HGt.03_124,11] Für eine verheißene Zerstreuung und Belustigung wirst du sie sogar gewisse Zeiten hindurch in was immer für einer Tätigkeit rege erhalten können; binde sie aber nur drei Tage lang in einem engeren Kreise, da es keine Zerstreuung und Belustigung gibt, so werden sie schon am ersten Tage sieben Spannen lange Gesichter zu machen anfangen. Am zweiten Tage werden sie murren und schimpfen, und am dritten Tage werden sie entweder mit dir ernstlich aufbegehren, oder sie werden dir davonlaufen. [HGt.03_124,12] Denn ihres Herzens Wahlspruch ist: ,Wir wollen schon arbeiten, wenn es gerade sein muß; aber die Arbeit muß uns freuen, und nach der Arbeit darf eine angemessene Zerstreuung nie fehlen! Fehlt die, da bedanken wir uns für alle Arbeit! Zerstreuung muß sein!‘ [HGt.03_124,13] Möchtest du ein Spektakelhaus errichten, so könntest du versichert sein, daß sie täglich zu dir kommen würden, um sich am Spektakel zu weiden gleich einer Schmeißfliege am frischen Unrate; sonst aber mache dir ja keine Hoffnung, daß sie zu dir kommen werden, solange es für sie anderorts wie immer geartete Vergnügungen gibt! [HGt.03_124,14] Sie werden auch Mein Wort hören, – aber nur, wenn und solange es ihnen Vergnügen verschafft; aber das Wort in sich zur lebendigen Werktätigkeit gedeihen zu lassen, davon wirst du nie eine Spur entdecken! [HGt.03_124,15] Diese Menschen tun alles: Gutes und Böses, wenn es ihnen nur ein Vergnügen macht, fehlt aber dieses, dann sind sie fürs eine wie fürs andere tot. [HGt.03_124,16] Der Grund davon ist: Weil sie gar kein eigenes Leben haben, und das darum, weil sie es schon in frühester Zeit zu vergeuden gelernt haben, da sie von ihren törichten Eltern nur durch lauter darauffolgende Vergnügungen zu der vorhergehenden geringen Tätigkeit sind angeeifert worden, wodurch sie denn auch nie den Wert der Tätigkeit, sondern nur den der Zerstreuung in sich aufgenommen haben mit völliger Hintangabe aller Selbständigkeit und Freiheit und somit alles eigenen Lebens! [HGt.03_124,17] Daher lassen wir die Getreuen, wo sie sind, sie werden uns nicht verlassen, und also auch die Ungetreuen; denn diese werden allzeit gegen uns sein! [HGt.03_124,18] Was aber da die leichtsinnigen Schmeißfliegen betrifft, so lassen wir sie ganz ungehindert die Schmeißhaufen beziehen; kommen sie aber unseren Speisen zu nahe, dann ist es immer noch Zeit genug, sie hinwegzutreiben! Der Winter des Lebens aber wird ihnen schon ohnehin früh genug einen Garaus machen! [HGt.03_124,19] Wir wollen sie aber auch gar nicht richten; denn sie sind ja nur erscheinliche Schattenbilder, ephemerische Schemen von heut bis morgen, – dann aber ist's gar mit ihnen auf ewig! Daher sei ihnen auch ihre kurze Lust gewährt; denn nach dieser wird für sie keine mehr folgen. [HGt.03_124,20] Das ist Mein Wille! Haltet aber an, ihr Getreuen, in Meiner Liebe; denn in ihr wird eures Seins ewig nimmer ein Ende sein! Amen, amen, amen.“ 125. Kapitel — Lamechs und Mathusalahs Zwiegespräch. Wer da etwas in der Welt mehr liebt denn Gott, der ist Seiner nicht wert![HGt.03_125,01] Diese Offenbarung des Herrn hat den Lamech in überaus tiefe Gedanken versetzt, und er ging zum noch lebenden Vater Mathusalah hin und gab ihm kund, was er vom Herrn vernommen hatte. [HGt.03_125,02] Als Mathusalah aber solches vernommen hatte, da ward es ihm bange um sein ewiges Leben; denn er sagte bei sich in seinem Herzen: ,Wenn also, da will ich mit meinen Augen einen Bund machen und will in der Welt nichts mehr ansehen, was mich nur im geringsten vergnügen könnte, und also auch abziehen mein Ohr von aller Stimme der Welt! Mein größtes Vergnügen auf der Welt aber sind noch meine Kinder und mein getreues Weib!‘ – Hier öffnete er seinen Mund und sprach zum Lamech: [HGt.03_125,03] „Mein Sohn, ich habe deine Worte in meinem Herzen genau geprüft und fand ihre Richtigkeit und habe darum auch mit meinen Augen und Ohren einen Bund gemacht, demzufolge ich auf der Welt nichts mehr ansehen und anhören will, was mich nur im geringsten weltlich vergnügen möchte! [HGt.03_125,04] Aber was soll ich in Hinsicht meiner Kinder und meines getreuesten Weibes tun, die meine größte Lust auf dieser Welt sind? Soll ich euch segnen und dann aus Liebe zu Gott euch allsämtlich verlassen für alle Zeiten, oder soll ich wohl bei euch verbleiben?“ [HGt.03_125,05] Lamech aber bedachte sich kurz und sprach dann nach der Eingebung vom Herrn zum Mathusalah: [HGt.03_125,06] „Höre, Vater, also spricht der Herr, unser Gott und ewig heiligster Vater: [HGt.03_125,07] ,Wer da was immer in der Welt mehr liebt als Mich, der ist Meiner nicht wert! [HGt.03_125,08] Eltern, Weib und Kinder aber sind auch in der Welt; daher sollst du sie nicht mehr lieben denn Mich, willst du Meiner würdig sein! [HGt.03_125,09] Alles aber, was du Mir opferst, will Ich dir dereinst tausendfach ersetzen im Reiche des ewigen Lebens! [HGt.03_125,10] Bleibe aber ein jeder, was und wo er ist, und opfere Mir in seinem Herzen alles, was er hat, dann werde Ich ihn ansehen, und Mich mit ihm auf ewig verbinden! [HGt.03_125,11] Was er aber dann in solcher Verbindung genießen wird, und was immer er tun wird, das alles wird ihm zum ewigen Leben dienlich sein! [HGt.03_125,12] Denn dann ist Mein Geist in ihm und schafft alles um im Menschen: das Leben wird wahrhaft ein Leben, die Liebe wird eine wahrhafte Liebe werden, das Tote selbst wird erweckt zum ewigen Leben, und alle Lust in diesem wird gerecht sein vor Mir, indem Ich sie in ihm geschaffen habe zur Vermehrung des ewigen Lebens und Meiner unendlichen Liebe, Gnade und Erbarmung! [HGt.03_125,13] Mit Mir kann der Mensch durch alle Pforten gehen und kann alles genießen, indem Mein Geist in ihm alles zum Leben umgestaltet; ohne Mich aber soll niemand auch nur einen Grashalm abpflücken, – denn auch ein Grashalm kann ihm den Tod bringen, wie leiblich, also auch geistig, so er denselben mit seinem Geiste anrührt solchermaßen, daß er seine Liebe in denselben setzt!‘ [HGt.03_125,14] Siehe, Vater Mathusalah, also lauten des Herrn Worte; so wir aber solches nun lebendig wissen, da ist es dann ja leicht zu leben auf der Erde! [HGt.03_125,15] Wir bleiben, was und wo wir sind, lieben allein Gott über alles und bringen Ihm alles zum Opfer, was nur im geringsten je unser Herz, von Ihm uns selbst abziehend, berührt hat, und wir überkommen sodann des Herrn lebendigen Geist, durch und in dem wir ja alles genießen dürfen, wie es der Herr uns Selbst geoffenbart hat!“ [HGt.03_125,16] Diese Worte beruhigten den Mathusalah wieder; aber dessenungeachtet blieb er von nun an sehr verschlossen und beschäftigte sich in seinem Herzen fortwährend mit dem Herrn und unterredete sich mit Seinem heiligen Geiste in ihm. 126. Kapitel — Der moralische und geistige Niedergang unter den Kindern der Höhe. König Lamechs letzte Verordnungen und Tod. Thubalkain als Nachfolger Lamechs[HGt.03_126,01] Also lebten aber auch die meisten Guten abgesondert und mehr zurückgezogen in ihren Gemütern von der Welt und achteten nicht dessen, was da die stets mehr und mehr in die Welt hinausgehenden Menschen taten, – was aber auch vergeblich gewesen wäre. [HGt.03_126,02] Denn die Weltlichen waren in einen großen Eigensinn geraten, und es war mit ihnen über Geistiges nicht rätlich zu reden, indem sie fürs erste alles besser wußten als die Mir Getreuen, und fürs zweite aber auch beim kräftigeren Widerspruche von Seite der Getreuen gar bald zur handgreiflichen Grob- und Roheit ihre Zuflucht nahmen. [HGt.03_126,03] Solche schlagenden Oppugnanten horchten daher gar nicht mehr auf die Stimme der Ältesten und sahen auch gar nicht an die nicht seltenen Wunderwerke, die die Getreuen vor ihnen wirkten, um sie wieder auf den rechten Weg zurückzuführen. [HGt.03_126,04] Was war aber gar bald die Folge? – Nichts anderes als ein gänzliches Versinken in alle Sinnlichkeit! [HGt.03_126,05] Die kräftigsten Jünglinge und Männer fingen an, die Tiefe stets mehr und mehr zu besuchen, und da sie in ihr als Kinder Gottes allzeit das größte Ansehen ihrer Person fanden, wie eine Menge der schönsten Mädchen und Weiber, so fanden sie auch selten mehr Lust, auf die Höhe wieder zurückzukehren. [HGt.03_126,06] Sie nahmen dort Weiber und siedelten sich an, bauten neue große Städte, befestigten sie mit starken Ringmauern und fingen auch bald an, die Herren dieses freilich wohl großen Landes zu spielen, – was ganz besonders aber erst von ihren Söhnen, die sie gezeugt hatten mit den Töchtern der Welt in der Tiefe, der Fall war; denn diese waren kräftig und eines weltmächtigen Geistes voll, oder verständlicher gesprochen: sie waren Gesegnete der Schlange, die sie mit aller Weltmacht und Kraft und Gewalt ausrüstete. [HGt.03_126,07] Und Lamech in der Tiefe, der da noch lebte, mußte mit großem Bedauern ansehen, was da die von der Höhe Herabgekommenen taten. [HGt.03_126,08] Vor seinem Ende aber berief er seine Kinder zu sich, da er ein Alter von sechshundertdreißig Jahren erreicht hatte, was in der Tiefe etwas Beispielloses war, und sprach zu ihnen: [HGt.03_126,09] „Kinder! Der Herr hat mich gerufen, auf daß ich die arggewordene Welt verlassen solle; also wird es denn auch bald geschehen, daß ich diesen schon sehr müden Leib ablegen werde. [HGt.03_126,10] Aber stoßet euch ja nicht daran also, wie sich die Kinder der Höhe an der Abrufung ihrer Väter gestoßen, sonst wird es euch noch um vieles ärger ergehen, als es ihnen nun ergeht, da ihr sie täglich von den Bergen herabfliehen sehet und erbauen hier neue Städte, nehmen unsere Weiber und zeugen mit ihnen weltkräftige Kinder, die da unsere Völker stets mehr und mehr zu unterjochen anfangen! [HGt.03_126,11] Ich rate euch daher, fest an den Herrn zu halten; denn nur Seine Macht hat bisher diese unsere mächtigen Feinde noch von unseren Städten und Gauen abgehalten. [HGt.03_126,12] Wenn ihr je den Herrn verlassen könntet, da werdet ihr bald zu ohnmächtigen Sklaven dieser Weltmächtigen werden! [HGt.03_126,13] Diese Worte haltet fest! – Des Herrn Geist sei mit euch, wie Er mit mir war und von nun an ewig sein wird! Amen.“ [HGt.03_126,14] Bald darauf starb Lamech und wurde von seinen Kindern auf das ehrenvollste in eine herrliche Gruft gelegt in einem goldenen Sarge. [HGt.03_126,15] Alle die elf Städte weinten jahrelang um diesen Führer; der Thubalkain aber ergriff dann das Staatsruder und trat in die Fußstapfen seines Vaters, – aber mit mehr mißtrauischem Geiste. 127. Kapitel — Der Anfang des Militärs. Das Aussterben des Stammes Lamechs mit Thubalkains Tod. Muthaels und der Purista Sohn Uraniel als Königin Hanoch[HGt.03_127,01] Solange an der Seite Thubalkains noch der Hored und der Tempelwächter Terhad, wie der Mura und der Cural lebten, erhielt sich der Staat Hanoch mit seinen zehn Fürstentümern so ganz leidlich, obschon man anfing, gegen die sich außerhalb der zehn Städte ansiedelnden, stets mächtiger werdenden Gebirgsvölker eine Art Militär zu halten. [HGt.03_127,02] Als aber auch der Thubalkain starb und keinen männlichen Erben hinterließ, sondern nur zwei schwache Töchter (denn die ehemals mit der Naëme gezeugten Kinder männlichen Geschlechts waren pure Trottel, wie bekannt, und somit zur Leitung des Volkes gänzlich unfähig), so wußte man nicht, wer da nun die Leitung des Volkes übernehmen sollte. [HGt.03_127,03] Indem aber auch der Hored, Terhad, Mura und der Cural schon vor dem Thubalkain gestorben sind, so sah es um die günstige Wahl eines Leiters und Führers des Volkes um so bitterer aus, indem sich außer der schon sehr alten Naëme und den zwei Töchtern Thubalkains aus der Lamechschen Familie niemand mehr vorfand. [HGt.03_127,04] Auch die zwei Brüder Thubalkains wurden vergebens gesucht; denn auch sie sind auf einer Weltbereisung irgendwo gestorben, und es war darum von ihnen, wie von ihren Nachkommen nichts mehr zu erforschen. [HGt.03_127,05] Daher wußten die Bewohner der Stadt Hanoch nichts anderes zu tun, als Boten auf die Höhe zu senden und sich beim Lamech auf der Höhe zu erkunden und zu beraten, was da nun geschehen solle. [HGt.03_127,06] Und der Lamech fragte die Boten, ob denn die Naëme mit dem Hored keine Nachkommen habe. [HGt.03_127,07] Und die Boten sprachen: „Weder männliche noch weibliche!“ [HGt.03_127,08] Da sandte der Lamech einen Boten zum Muthael gen Morgen und ließ ihn zu sich rufen. [HGt.03_127,09] Der Muthael kam, und der Lamech sagte zu ihm: „Bruder, hast du doch schon einen dreißig Jahre alten Sohn aus der Purista! Dieser ist weise und voll des Geistes und der Kraft aus Gott. Wie wäre es denn, so ich ihm die Hände auflegte und möchte ihn salben zum Führer der Völker in der Tiefe? Denn daselbst leben jetzt sicher schon bei drei Millionen Kinder aus der Höhe, und es könnte demnach gar nicht gefehlt sein, so dein Sohn, der von Gott so begnadigt ist, diesen Völkern zu einem kräftigen Leiter würde!“ [HGt.03_127,10] Der Muthael aber erwiderte dem Lamech: „Bruder, du hast ja auch einen Sohn, der noch reicher ist an Weisheit und Gnade vor Gott! Warum magst du denn ihm die Hände nicht auflegen?“ [HGt.03_127,11] Lamech aber sprach: „Muthael, du weißt, daß ich nur nach dem Rate Gottes, aber nie nach meinem eigenen handle! Wenn aber solches erwiesen, wie magst du mich fragen, das zu nichts führt und für nichts taugt? [HGt.03_127,12] Befolge du entweder, was ich dir gesagt habe, oder befolge es nicht; aber wider den Rat Gottes in mir sollst du an mich keine Frage stellen!“ [HGt.03_127,13] Da aber der Muthael ersah, daß er gefehlt hatte, so bat er den Lamech um Vergebung und ließ sogleich seinen Sohn kommen und ihn segnen zum Leiter der Völker in der Tiefe. [HGt.03_127,14] Als der Sohn gesegnet und gesalbt war, sprach der Lamech zu den bevollmächtigten Boten: „Sehet, diesen jungen Mann aus der Höhe hat euch der Herr bestimmt zu einem Leiter, Lehrer und Führer! Er wird, vom Herrn geleitet, euch folgen in die Stadt Hanoch und wird dort die Ordnung treffen, euch den Willen des Herrn allzeit zu eröffnen!“ [HGt.03_127,15] Hier fielen die Boten vor dem neuen Könige nieder und gaben ihm die erste Ehre und erhoben sich dann, Gott lobend, und begaben sich mit dem neuen Könige in die Stadt Hanoch, allda er von zahllosen Völkerscharen mit dem größten Jubel empfangen und in die große und herrliche Residenzburg einbegleitet wurde. 128. Kapitel — Die Vergötterung der zwei schönen Töchter des verstorbenen Thubalkain durch die Hanochiten. Uraniel in Unschlüssigkeit. Die Absage des Herrn. Uraniels Vermählung mit den zwei Töchtern Thubalkains[HGt.03_128,01] Dieser neue König aber hieß Uraniel, und seine Leitung ging zehn Jahre hindurch gut vonstatten; denn er war im Besitze des Geistes Gottes und erhielt seine Ordnung täglich vom Herrn. [HGt.03_128,02] Aber in dieser Zeit waren die zwei ehedem schwach gewesenen Töchter Thubalkains mannbar und stark geworden und waren von solcher äußerer, leiblicher Schönheit, daß da alles vor ihnen niederfiel und unscheu sie förmlich anbetete. [HGt.03_128,03] Die zwei Töchter aber waren von guter Erziehung und verwiesen es jedermann, der so etwas tat. Aber es nützte das eben nicht zu viel; denn je mehr diese beiden allen Gelegenheiten vorbeugten, wo ihnen die Männerwelt eine göttliche Verehrung antun möchte, desto mehr schrie man von den zwei Göttinnen. [HGt.03_128,04] Wie groß aber die Schönheit dieser beiden Töchter, die da am Hofe Uraniels lebten, war, kann aus folgender Kundgabe einer solchen vergötternden Eloge erkannt werden. [HGt.03_128,05] Diese Eloge ward alltäglich vor Sonnenaufgang vor der Burg von tausend Männern abgeschrien und lautete also: [HGt.03_128,06] „O Sonne, bade und wasche dich wohl zuvor im Meere, in allen Seen, Strömen, Bächen und Quellen, auf daß du uns ja nicht unrein aufgehest und durch deine schmutzigen Strahlen verunreinigest das göttliche Angesicht derer, deren Namen zu rein, zu himmlisch sind, als daß wir es wagen möchten, sie auszusprechen. [HGt.03_128,07] Und ihr trägen Diener des Aufgangs, reiniget den Morgen wohl mit goldenen Winden, auf daß der Töchter Augen aus den Himmeln aller Himmel nicht getrübt werden! [HGt.03_128,08] Du werdender Tag aber sei wohl aufmerksam, daß du weder durch eine zu große Hitze, noch durch eine zu rauhe Kühle den Töchtern der Himmel lästig werdest! [HGt.03_128,09] Denn das Angesicht der Töchter der Himmel strahlt mehr denn tausend Sonnen; ihre Augen beschämen alle Sterne, und die Sterne der Himmel zittern nun vor dem Glanze der Töchter der Himmel. [HGt.03_128,10] Welcher Sterbliche hat je sonst die Sterne am Himmel erzittern sehen?! [HGt.03_128,11] Ihre Wangen sind das Urfeuer der Morgenröte; ihr Mund ist die Harmonie der ganzen Schöpfung; ihr Kinn bewirkt das Wonnegefühl aller lebenden Wesen! [HGt.03_128,12] Ihr Haar vergoldet die Säume der Wolken; ihr Hals ist die Seele der Blumen; ihr Busen belebt die Erde, und sie entzündet sich und treibt, die himmlischen Töchter zu ehren, gar feurige Berge empor zu den Himmeln! [HGt.03_128,13] Ihre Arme sind zarter und sanfter als das zarteste Lüftchen, das da der Abendröte gar furchtsam entfleucht; ihr Leib gleicht der Fülle der Himmel, und ihre Füße sind gleich den Morgenstrahlen, welche durch das zarteste Morgenrotgewölke zuerst die blumigen Fluren der Erde beschleichen! [HGt.03_128,14] Huhora, huhora, huhora! Ehre und alles Licht und allen Glanz und alle Pracht und alle Majestät den Töchtern der Himmel!“ [HGt.03_128,15] Also lautete der Morgengruß. Wehe aber einem trüben Tage! Der ist dann vom Anfang bis zum Ende angespuckt worden und geschimpft und geflucht, mitunter wohl auch gezüchtigt, indem man mit Ruten gewaltig in die Luft hineinhieb! [HGt.03_128,16] Auf eine ähnliche Weise wurde auch die Nacht vor ihrem Anbruche samt dem Monde und den Sternen geputzt! [HGt.03_128,17] Und die beiden mußten sich wenigstens einmal am Tage, entweder am Morgen oder am Abende, den Schreiern zeigen am Fenster, sonst entstand ein Geheul, das so lange kein Ende nahm, bis die beiden sich zeigten. [HGt.03_128,18] Als solcher Unfug aber ein Jahr lang anhielt und nimmer enden wollte, da wandte sich Uraniel an den Herrn, fragend, was er da tun solle, um diesem Unfug ein Ende zu machen. [HGt.03_128,19] Der Herr aber sprach: „Wie fragst du Mich so spät, und wie konntest du ehedem dein eigen Herz vom Fleische der beiden Töchter gefangennehmen lassen?! [HGt.03_128,20] Siehe, hier ist ohne Beschränkung deiner Freiheit kein Rat mehr möglich! [HGt.03_128,21] Nehme ich die beiden von der Welt, so wird das Volk über dich herfallen und wird dich erwürgen; lasse Ich sie, so wird es noch ärger es treiben als jetzt; gebe Ich sie dir zu Weibern, so wird man bald dir und den Weibern göttliche Verehrung antun; entfliehst du auf die Höhe, so wird man die beiden aus gegenseitiger Eifersucht zerreißen, sich aber gegenseitig erwürgen. [HGt.03_128,22] Urteile nun selbst, was Ich da tun soll! Berate dich daher im Herzen, und tue, was dir gefällt! Aber Mich laß vorderhand aus dem Spiele; denn Ich bin heilig!“ [HGt.03_128,23] Diese Antwort gefiel dem Uraniel nicht wohl, und er gedachte, heimlich mit den beiden zu entfliehen. [HGt.03_128,24] Aber am Tage vorher, als er entfliehen wollte, kamen hundert der angesehensten Männer zu ihm und rieten ihm, die Töchter zu ordentlichen Weibern zu nehmen. [HGt.03_128,25] Dieser Antrag gefiel ihm, und es wurde alles vorbereitet auf den Tag der Vermählung. [HGt.03_128,26] Und der Tag erschien, und der Uraniel vermählte sich, ohne es seinem Vater auf der Höhe zu melden, auf daß er ihn gesegnet hätte. 129. Kapitel — Der Anfang der Bigamie in Hanoch. Die Errichtung einer Weiberverschönerungsanstalt. Menschenhandel und Standesunterschied[HGt.03_129,01] Diese Vermählung stimmte die Männerwelt in ihrer Elogierung zwar etwas herab, indem sie nun sah, daß da für sie nichts mehr herausschaue; aber dafür warf sie sich zwei anderen, noch größeren Übeln in die Arme, welche darin bestanden, daß fürs erste ein jeder nur etwas fleischsüchtige Mann sich zwei Weiber nahm, eine an die rechte und eine an die linke Hand. Und der König konnte solches nicht verhindern, indem das Männervolk dem König erklärte, daß solches allein ihm zu Ehren geschehe und sogar geschehen müsse, wogegen der im Geiste schon sehr schwach gewordene König auch gar nichts mehr einzuwenden vermochte. [HGt.03_129,02] Das war somit das erste große Übel, welches in seiner geistigen Sphäre gar nicht zu berechnen ist. [HGt.03_129,03] Das zweite Übel aber, größer noch als dieses erste, war und bestand darin, daß nun alle die Fleischmänner aus lauter Ehrung des Königs auch zugleich überaus schöne Weiber haben wollten, ja – wie ihr zu sagen pflegt – par honneur sogar haben mußten! [HGt.03_129,04] Da es aber in der Regel doch glücklicherweise noch allzeit mehr unschöne als eigentlich ganz schöne Weiber gegeben hat und dies eben auch in Hanoch der Fall war, so sann man auf Mittel, um die Weiber künstlich schön zu machen. [HGt.03_129,05] Wer sucht, der findet auch bald etwas! Also war es auch hier der Fall. Man errichtete eine Weiberverschönerungsanstalt, und diese bestand darin, daß ein großes Gebäude erbaut ward, in welches mehrere Tausende von Mädchen aus der ganzen Stadt, wie auch vom Lande und aus den zehn Städten, aufgenommen wurden, wenn sie nur gerade Glieder hatten, und das in einem Alter von zwölf bis zwanzig Jahren. [HGt.03_129,06] In dieser Anstalt, die man ,Die Ehre des Königs‘ benamsete, wurden die Mädchen mit den feinsten Speisen und Getränken genährt, mit den feinsten Ölgattungen gewaschen und bekamen auch eine Erziehung, in der kaum mehr von Gott die Rede war als heutzutage, wo der Religionsunterricht in einer Mädchenschule, wie auch in allen anderen Lehranstalten auch auf dem letzten Nagel hängt. [HGt.03_129,07] Man wird sagen: „Aus solch einer Anstalt läßt sich noch kein größtes Übel erschauen!“ – Doch nur Geduld; es wird schon kommen! [HGt.03_129,08] Wer nun aus dieser Anstalt sich natürlich zwei Weiber nehmen wollte, der mußte an die Vorsteher und Leiter dieser Anstalt einen tüchtigen Erziehungstribut entrichten. Dann mußte er zwei junge schöne Mädchen wieder hineinbringen und für sie einen mäßigen Erziehungs- und Verschönerungsbeitrag zu entrichten sich verbinden. Und fürs dritte mußte er sich endlich verpflichten, die also gewonnenen Weiber nie zu einer Arbeit zu bestimmen, indem solches ihrer erworbenen Schönheit leicht schaden könnte. [HGt.03_129,09] Damit aber doch ein jeder sich aus dieser Anstalt seine Weiber zu nehmen genötigt war, so war es – vom König unterzeichnet – bestimmt, daß da niemand je bei Hofe erscheinen kann, wenn er sich nicht legitim auszuweisen vermag, daß da seine Weiber aus der Königsehranstalt sind. [HGt.03_129,10] Damit aber war auch der Grund gelegt, aus dem gar bald Menschenhandel und große Standesunterschiede entstanden, wodurch dann aber auch gegenseitiger Haß und Verachtung zu keimen anfing und gar bald, wie es die Folge zeigen wird, zur vollreifen Frucht ward. [HGt.03_129,11] Und dies alles hatte den Grund in der Bigamie, weil diese eine Frucht der Fleischliebe ist, deren geistig böse Folgen – wie schon anfangs bemerkt – unberechenbar sind, weil dadurch eben im Fleische dem Feinde des Lebens ein freiester Spielraum gegeben wird. [HGt.03_129,12] Daher enthalte sich jeder vom Fleische der Weiber so viel als möglich, wenn er das ewige Leben ernten will; das Weib aber reize niemanden, so es nicht verdammt werden will, sondern selig! 130. Kapitel — Näheres über die Weiberverschönerungsanstalt. Anfang des Weiberhandels[HGt.03_130,01] So da jemand fragen möchte, ob in dieser Weiberverschönerungsanstalt denn wohl im Ernste schöne Weiber gewisserart neu kreiert wurden, dem sei bemerkt, daß fürs erste der Feind des Lebens der Menschen auf Erden wohl alles Erdenkliche aufbietet zur günstigen Realisierung solcher Unternehmungen der Menschen, wo er das Wasser auf seine Mühle leiten kann; fürs zweite aber lehrt fast jedermann die Erfahrung, wieviel eine einer Weibsperson angemessene Kleidung vermag. Welche Gesichtstäuschungen werden nicht selten bewirkt, und wie gar oft das äußere Gefühl betrogen durch einen gewählten Kopfputz, durch ein Seidenkleid nach der letzten Mode und durch mehrere dergleichen Satansmittel! [HGt.03_130,02] Wenn aber schon das jetzige entnervte Menschengeschlecht noch durch solche Mittel ins Garn des Satans kann gezogen werden, so kann man sich wohl gar leicht vorstellen, daß in jener Zeit eine noch mehr nervenkräftige und phantasiereiche Nation auch noch um so leichter durch derlei Mittel konnte berückt werden. [HGt.03_130,03] Und da die Erfindungskraft der Menschen nimmer ruht, so ruhte sie auch hier nicht. Von Jahr zu Jahr wurden neue Weiberverschönerungserfindungen gemacht, und ein Mädchen brauchte nichts anderes, als nur die geraden Glieder zu haben, was in jener Zeit wohl fast ohne Ausnahme der Fall war, und sie konnte schön gemacht werden. [HGt.03_130,04] Denn die Verschönerungskünstler sagten: „Jedes gesunde weibliche Wesen läßt sich mästen und dadurch fett und mehr gerundet machen, und ein der Form der Person vollkommen entsprechendes Kleid macht sie allzeit interessant; eine zweckmäßige, reizende Bildung hinzu, und jeder Mann ist gefangen, der einer solchen gemachten Schönheit in die Nähe kommt!“ [HGt.03_130,05] Und so war es denn auch in der Wirklichkeit. Da aber ein Weib bald keinen Wert mehr hatte, wenn es nicht aus der ,Königsehre‘ war, so fand sich fürs erste ein jedes andere Weib entehrt und tief gekränkt. [HGt.03_130,06] Da aber mit dieser Kränkung wenig oder gar nichts gewonnen war, so redeten die äußeren Weiber, welche nicht aus der ,Königsehre‘ waren, mit den Verschönerungskünstlern, ob gegen gute Belohnung aus ihnen nichts mehr zu machen wäre. [HGt.03_130,07] Da die Künstler aber den Gewinn nicht verschmähten, so nahmen sie auch ältere Weiber in ihr Institut und mästeten sie und putzten sie auf, daß es eine Schande war. [HGt.03_130,08] Aber das alles schadete der Sache nicht im geringsten. Wenn man nur wieder zu Fleische kam, dann war schon alles wieder gewonnen; denn die Gesichtsfalten zu vertreiben, das war für unsere Künstler nur ein Spaß. [HGt.03_130,09] Mit der Zeit mußte die ,Königsehre‘ noch ums Zehnfache vergrößert werden; daraus kann aber deutlich abgenommen werden, in was für einem Ansehen dieses Institut war. [HGt.03_130,10] Es erfuhren aber auch im Verlaufe von etwa dreißig Jahren die auswärtig mächtig gewordenen Völker, daß da in Hanoch die allerschönsten Weiber erzeugt würden, und sandten Kundschafter dahin. [HGt.03_130,11] Diese kamen zum Könige und begehrten diese Anstalt zu sehen. Sie wurden dahin geführt, und als sie der schönen Weiber ansichtig wurden, fingen sie förmlich an zu rasen und begehrten die Weiber. [HGt.03_130,12] Aber es ward ihnen gesagt, daß all die Weiber, welche schon reif sind, käuflich um den bestimmten Preis zu haben seien. [HGt.03_130,13] Da eilten die Kundschafter nach ihrem Lande und erzählten, was sie gesehen hatten. Und alsbald belasteten sich tausend Männer mit Schätzen aller Art und gingen nach Hanoch und kauften zweitausend Weiber. [HGt.03_130,14] Das war der Anfang des Menschenhandels. Was da aber weiter geschah, wird uns die Folge zeigen. 131. Kapitel — Die Reinigung der Höhe. Lamechs Rede an die in die Tiefe ziehenden zehntausend Weiber. Lamechs und Muthaels Trauer und Nohas Trostworte[HGt.03_131,01] Die Höhe aber hatte sich in dieser Zeit so ziemlich gereinigt; denn alles, was da nur einigermaßen schiefen Sinnes war, zog sich nach und nach in die Tiefe. [HGt.03_131,02] Besonders bekam das männliche Geschlecht einen stets größeren Appetit nach der Tiefe, der schönen Weiber wegen; und wer einmal die Süßigkeit der Weiber in der Tiefe verkostet hatte, der zog nicht mehr auf die Höhe zu seinen Brüdern und Schwestern, sondern blieb ganz behaglich im Schoße der Weiber in der Tiefe sitzen. [HGt.03_131,03] Darum hat sich denn auch – wie bemerkt – die Höhe in dieser Zeit so ziemlich gereinigt, bekam aber darum keine Nachricht von allem dem, was sich da in dieser kurzen Zeitperiode von etlichen fünfzig Jahren in der Tiefe alles ausgebildet hatte. [HGt.03_131,04] Es besprachen sich Lamech und Muthael wohl öfter miteinander, wie es etwa in der Tiefe zugehen dürfte; allein sie konnten nichts Klares darüber herausbringen. [HGt.03_131,05] Denn der Herr wollte nicht reden über das Verhältnis der Tiefe; Boten aber, die der Muthael in die Tiefe auf Erkundigungen ausgesandt hatte, kamen allezeit nimmer zurück, – denn sie fanden in der Tiefe bisher eine allzeit zu gastfreundliche Aufnahme und zu viel Vergnügungen, als daß es sie je wieder gelüsten sollte, auf die harten und frostigen Höhen zurückzukehren. [HGt.03_131,06] Und so konnten weder der Lamech, noch der Noha, der zu der Zeit auch schon ein Mann von etlichen achtzig Jahren war, und ebensowenig der Muthael etwas aus der Tiefe erfahren. [HGt.03_131,07] Lamech berief aber über zehntausend Weiber zusammen, die da ohne Männer auf der Höhe lebten und sich heimlich vorgenommen hatten, ihren Männern in die Tiefe zu folgen, und sagte mit mächtiger Stimme zu ihnen: [HGt.03_131,08] „Was wollet ihr denn tun? – Habt auch ihr euch vom Satan umgarnen lassen? [HGt.03_131,09] Der Herr aber redete zu mir und sprach: ,Lamech, halte sie nicht auf, die da Meiner vergessen haben; denn in der Tiefe sollen sie den Lohn ihrer Treue empfangen! Jeder tue nach seiner Lust; Ich aber bin der Herr und werde tun nach Meinem Sinne!‘ [HGt.03_131,10] Höret also, ihr Weiber, das hat der Herr euretwegen zu mir geredet; darum will ich euch nimmer aufhalten! Die da hier bleiben wollen aus Liebe zu Gott, die mögen bleiben; die aber hinabziehen wollen, die sollen ziehen! [HGt.03_131,11] Ob sie so leicht wiederkehren werden, als sie fortziehen, das wird gar hell und traurig genug die Folge zeigen!“ [HGt.03_131,12] Als die Weiber solches vernommen hatten, fingen sie an zu jubeln und liefen davon und nahmen Speise und begaben sich in die Tiefe. [HGt.03_131,13] Da sprach der Muthael zum Lamech: „Da haben wir's jetzt! – Die Rede, die sie hätte auf der Höhe erhalten sollen, treibt sie alle in die Tiefe! Wenn das so fortgeht, da werden wir bald ganz allein uns auf der Höhe befinden!“ [HGt.03_131,14] Der Lamech ward aber ganz traurig über diese Bemerkung [HGt.03_131,15] und der Noha redete dafür zum Muthael: „Ist es also, so sei es also; der Herr aber sieht nur auf die Seinigen und nicht auf die Fremden! Hat Er doch im Anfange auch nicht mehr als ein Paar geschaffen, und die Erde ist erfüllt von Menschen! Siehe, so wir aber, die wir in Ihm verbleiben, doch noch immer mehr als nur ein Paar sind, da bin ich überzeugt, die Höhen werden sich schon wieder füllen!“ [HGt.03_131,16] Mit diesem Bescheide waren Muthael und Lamech zufrieden, und sie dachten von da nicht viel mehr über die Tiefe nach, sondern nur, wie sie Gott stets mehr zu lieben vermöchten. [HGt.03_131,17] Der Herr aber besuchte sie dann zu öfteren Malen. 132. Kapitel — Die Ankunft der zehntausend Weiber in der Tiefe und die erfolgreiche Menschenhandelspolitik des Königs Uraniel[HGt.03_132,01] Als die zehntausend Weiber aber in der Tiefe anlangten, lagerten sie sich etwa bei einer kleinen Stunde Feldweges außer der Stadt. [HGt.03_132,02] Es war Abend, als sie vor Hanoch anlangten und ihr Lager machten. [HGt.03_132,03] Die um die abendliche Zeit eben nicht selten lustwandelnden Hanocher aber bemerkten die große Zahl der sich lagernden Weiber und gingen eilends in die Stadt darum und zeigten solches dem Könige an. [HGt.03_132,04] Und der König fragte die Anzeiger, wie viele der Weiber wohl nach einer bestimmten Maßgabe es sein dürften. [HGt.03_132,05] Die Anzeiger sagten: „Hoher König, ihre Zahl ist so groß, daß wir sie nimmer auszusprechen vermögen; denn sie bedecken, knapp aneinandergestellt, mehrere Morgen Landes, und das will doch sehr viel gesagt haben!“ [HGt.03_132,06] Der König aber fragte weiter: „Wißt ihr denn nicht, woher diese Weiber gekommen sind? Und sind sie noch jung und mehr auf der schöneren Seite?“ [HGt.03_132,07] Und die Befragten antworteten dem Könige: „Hoher König, mit Bestimmtheit können wir dir weder das eine noch das andere kundgeben! Aber soviel sich so im Vorübergehen hat entnehmen lassen, da können wir dir sagen, daß dieses Weiberheer aus der Höhe ist und mehr auf der jungen als auf der alten Seite zu sein scheint! Ob es darunter wohl auch viele Schönheiten gibt, das konnten wir der starken Dämmerung halber nicht ausnehmen; aber viele sehr angenehme Stimmen haben wir darunter gehört, und daraus ließe sich allenfalls wohl ein Schluß ziehen, daß nämlich, nach den Stimmen zu urteilen, immerhin sehr viele Schöne darunter sein müssen!“ [HGt.03_132,08] Mit diesem Bescheide war der König auch ganz vollkommen zufrieden und sprach: „Edle Bürger Hanochs, höret mich! Es könnte nicht besser gehen, als es geht! [HGt.03_132,09] Heute noch nehmen wir auf gerade und ungerade das ganze Heer dieser Weiber gefangen und geben sie dann in die große Verschönerungsanstalt! In einem Jahre sind sie gemästet und ihre Haut poliert, und wir können sie dann wieder um große Schätze an die auswärtigen Völker verkaufen, von denen fast in jeder Woche zu Hundert kommen, um zu kaufen unsere herrliche Ware! [HGt.03_132,10] Gehet aber nun und zeiget es den Institutsvorstehern an, auf daß sie ja zu diesem herrlichen Fange die gehörigen Maßregeln so schnell als möglich treffen sollen!“ [HGt.03_132,11] Die Anzeiger gingen nun eiligst und taten, was ihnen der König geraten, und in einer Stunde standen schon bei zwölftausend Männer schlagfertig da und eilten hinaus ins Lager der Weiber und eroberten dasselbe ohne Schwertstreich. [HGt.03_132,12] Wieso denn aber? – Die Weiber meinten, es kämen ihnen ihre entflohenen Männer entgegen, um sie wieder aufzunehmen entweder zu Weibern oder die Ledigen zu Bräuten. [HGt.03_132,13] Daher fingen die Weiber auch alsbald an zu jubeln und liefen den Männern in die Arme, und wo zwei einen Mann erwischten, da wurde alsbald gerauft unter den zweien. [HGt.03_132,14] Die Männer aber taten den Weibern schön und brachten sie alle in derselben Nacht noch in die Herberge. [HGt.03_132,15] Am nächsten Tage erst besah der König den Fang und war überaus zufrieden mit diesem Fange; denn es waren zumeist lauter noch sehr rüstige feste Gebirgsweiber, darunter sich wenig alte, aber um so mehr junge befanden. [HGt.03_132,16] Er befahl daher den Professoren der Anstalt, ja alle Aufmerksamkeit und allen Fleiß auf die Verschönerung dieser Weiber zu verwenden. [HGt.03_132,17] Und die Professoren wirkten auch Wunderdinge in einem Jahre schon, was den König um so mehr freute, da er aus seinen Landsmänninnen solche Herrlichkeiten hervorwachsen sah – und den Gewinn, der da für Hanoch erwachsen werde in der Kürze der Zeit. 133. Kapitel — Die Züchtungsfrucht der Weiber der Höhe und der Hanochiten: Mechaniker, Künstler und Chemiker. Die Erfindung des Glases und des geprägten Geldes. Der Bau einer Festungsmauer um Hanoch, die glänzende Riesenstadt[HGt.03_133,01] Als die Weiber aber im Verlaufe von etwa anderthalb Jahren vollkommen ausgemästet dastanden, da gefielen sie ihrer imposanten Größe halber den Hanochiten so außerordentlich gut, daß diese sie gar nicht zum Verkaufe ausbieten wollten, sondern sie behielten dieselben für sich und gaben dafür ihre Weiber samt Töchtern in die Anstalt nebst einer dazu gehörigen Versorgungssumme, bestehend aus Gold und allerlei anderen zu solcher Versorgung nötigen Emolumenten. [HGt.03_133,02] Die Männer aus Hanoch aber zeugten dann Kinder mit den Weibern aus der Höhe, und diese Kinder männlichen und weiblichen Geschlechts wurden fürs erste überaus schön, und fürs zweite waren diese Kinder voll Erfindungsgeistes, und dies besonders im Fache der Mechanik, im Fache der Bildnerei, im Fache der Chemie und noch in tausend anderen Fächern. [HGt.03_133,03] Das Glas war eine Haupterfindung dieser Kinder, freilich wohl erst in ihrem erwachsenen Zustande. [HGt.03_133,04] Diese Erscheinung gab der großen Stadt Hanoch schon im Verlaufe von dreißig Jahren ein ganz anderes Aussehen. [HGt.03_133,05] Der noch lange gut lebende König fing an, Geld prägen zu lassen, welches man als ein bequemes Tauschmittel betrachtete. [HGt.03_133,06] Dadurch hob sich der Handelsstand Hanochs mächtig, und die Stadt wurde stets glänzender und größer. [HGt.03_133,07] Dazu trug noch die große Ausbeutung von Gold und Silber so sehr bei, daß der König erstens seine ganze, überaus große Burg vergolden und zweitens noch eine neue, überaus glänzend prachtvollste erbauen ließ, und das in jeder Hinsicht also reich ausgeschmückt mit Kunst und Natur, daß da etwas Ähnliches alle Fürsten derzeit nun aufzuführen nicht imstande wären. [HGt.03_133,08] Im Verlaufe von noch dreißig Jahren hatte Hanoch ein Aussehen, daß da die auswärtigen Völker glaubten, es müßten höhere Wesen da ihre Hände angelegt haben, sonst wäre es nicht möglich zu denken, wie diese alte, sonst düstere Stadt zu solcher Größe, Pracht und unbegreiflichen Majestät gelangt wäre. [HGt.03_133,09] Wie groß diese Stadt aber war, kann daraus entnommen werden, daß es in ihr tausend so große Gebäude gab, von denen ein jedes geräumig genug war, um zehntausend bis fünfzehntausend Menschen ganz bequem wohnlich zu fassen, der mehreren tausend kleineren Häuser und Paläste nicht zu gedenken! [HGt.03_133,10] Es wurden auch allerlei Schulen und Bildungsanstalten errichtet, und alle Städte waren genötigt, sich der Vorteile Hanochs – freilich wohl um tüchtige Summen – zu bedienen. [HGt.03_133,11] Es merkte aber der schlaue Hof Hanochs, daß da die äußeren Völker, welche sehr mächtig waren, stets mehr und mehr anfingen, nach den großen Reichtümern Hanochs lüstern zu werden, und beschloß daher, diese große Stadt mit einer mächtigen Ringmauer zu umfassen. [HGt.03_133,12] Der Entschluß war gefaßt, und schon am nächsten Tage sah man allerseits um die Stadt Millionen Hände in der tätigsten Bewegung, und im Verlaufe von etwa zwei Jahren umgab die ganze Stadt schon eine dreißig Klafter hohe und zehn Klafter breite Mauer, welche eine Länge von siebenundsiebzig gegenwärtigen Meilen hatte. [HGt.03_133,13] Einhundertsiebzig Tore führten in die Stadt. Ein jedes Tor aber hatte drei mächtig starke eherne Flügel zum Verschließen, und über einem jeden Tore war eine ungeheuer kolossale eherne Kriegerstatue aufgerichtet, in welche sich bei dreißig Krieger verstecken konnten und konnten dann vom Innern des Kopfes der Statue, und zwar durch die hohl gelassenen Augen, durch den Mund und durch die Ohren, Steine hinausschleudern. [HGt.03_133,14] Man möchte vielleicht denken, daß für diese Zeit die Errichtung solcher Werke Hunderte von Jahren vonnöten hatte. – O nein! Man denke nur, was unter umsichtiger Leitung eine Million Arme vermögen, und man wird begreifen, wie daselbst solche Werke im Verlaufe von sieben Jahren ganz vollendet dastehen mußten, und das um so sicherer, wenn man daneben die größere Kraft der Menschen, ihren Eifer und wohl aber auch den mächtigen Einfluß der Schlange berücksichtigt. – Die Folge aber wird das Weitere zeigen. 134. Kapitel — Der Kriegsrat und die Kriegslist der mächtigen, um Hanoch herum wohnenden Völker gegen Hanoch. Die Eroberung der zehn Vorstädte von Hanoch. Die Gegenrüstung der Hanochiter[HGt.03_134,01] Es besprachen sich aber die auswärtigen mächtigen Völker, welche da schon Kinder waren, gezeugt von den Männern aus der Höhe mit den schönen Weibern der Tiefe, untereinander in ihren zwölf neuen Städten – deren Namen also lauteten: Lim, Kira, Sab, Marat, Sincur, Pur, Nias, Firab, Pejel, Kasul, Munin und Tiral – und sprachen in einem allgemeinen Rate, welcher zu Lim abgehalten ward: [HGt.03_134,02] „Brüder, was soll es mit Hanoch, dieser alten Betrügerin des Menschengeschlechtes?! Warum müssen denn wir alle besseren Vorteile des Lebens ihr stets also teuer ablösen?! Warum sind die Hanochiter Herren und wir weniger als ihre geringsten Diener?! Und doch sind wir Kinder aus der Höhe, wennschon hier und da aus den Weibern der Tiefe! [HGt.03_134,03] Brüder, wir sind Riesen; unsere Muskeln haben eine solche Kraft, daß wir mit Löwen, Tigern, Bären und Hyänen – wie die Hanochiter höchstens mit Fliegen – den Kampf aufnehmen können! [HGt.03_134,04] Wie wäre es denn, so wir uns zu Tausenden vereinen möchten und zögen dann hin nach Hanoch und setzten uns in den Besitz dieser Stadt und aller ihrer unberechenbaren Vorteile? [HGt.03_134,05] Es ist freilich wahr: diese Stadt hat eine überaus feste Ringmauer und einhundertsiebzig dreimal zu verschließende Tore, und ober den Toren sind eherne Riesen gestellt, die wohl ein sehr fürchterliches Aussehen haben, aber sie sind tote Werke, von Menschenhänden verfertigt, und können sich nicht einmal gegen eine Fliege zur Wehre stellen! [HGt.03_134,06] Also wäre es an der Zeit, daß wir uns vereinen möchten und ziehen gen Hanoch!“ [HGt.03_134,07] Einer aus dem Rate aber erhob sich und sprach: „Höret mich an, Brüder; einige Worte nur muß ich zu euch sprechen! [HGt.03_134,08] Sehet, so wir hinziehen in großen Massen, da werden es die Hanochiter merken, was wir im Sinne führen, und werden bei unserer Annäherung die Tore der Stadt sperren! Was werden wir dann tun? – Nichts, als unverrichteterdinge wieder mit Spott und Schande abziehen! [HGt.03_134,09] Kommen wir aber nur in geringer Anzahl, da werden wir nichts ausrichten gegen sie! [HGt.03_134,10] Daher wäre mein Rat dieser: Da die zehn kleinen Städte um Hanoch noch nicht befestigt sind und eine jede Stadt für sich kaum zehn- bis fünfzehntausend Menschen, von schwacher Beschaffenheit in jeder Hinsicht, faßt, so sollten wir uns dieser Städte mit leichter Mühe völlig bemächtigen und dadurch allen Handelsverkehr mit Hanoch rein abschneiden! [HGt.03_134,11] Sodann werden die Hanochiter rein mit uns zu tun bekommen; wir aber werden keine Narren sein und werden ihnen ihre Produkte um unerschwingbare Summen abkaufen, sondern wir werden selbst das hervorbringen, was uns vonnöten ist! [HGt.03_134,12] Und die Hanochiter mögen dann aus Hunger über ihre Stadtmauer springen, wie sie wollen, und ihre schönen Weiber und ihre anderen Vorteile verkaufen, an wen sie wollen und können; daß wir sie ihnen nicht abkaufen werden, die wir sie von allen Seiten umfangen – außer um die größten Schandpreise –, des können sie völlig versichert sein! [HGt.03_134,13] Ich meine, auf diese Weise muß in der Kürze der Zeit Hanoch entweder ganz fallen, oder es wird sich gefallen lassen müssen, von uns Bedingungen anzunehmen, die sicher nicht zu unserem Nachteile berechnet sein dürften!“ [HGt.03_134,14] Dieser Rat gefiel allen, und schon in den nächsten Tagen hatten sich zweihunderttausend der kräftigsten Männer bewaffnet, sind dann über die zehn Städte hergefallen und haben sie nahezu ohne Widerstand mit einem Schlage erobert. [HGt.03_134,15] Als die Hanochiter aber diesen Schlag erfuhren, da ergrimmten sie, fingen an, die schrecklichsten Kriegsgeräte zu verfertigen, und rüsteten so in einem Jahre ein Kriegsheer von einer Million Menschen aus, gaben ihnen Anführer, die das Heer einübten und dann mit ihm gegen die mächtigen Außenvölker rückten. [HGt.03_134,16] Wie aber dieser Krieg ausfiel, wird die Folge zeigen. 135. Kapitel — Die Niederlage der Hanochiterarmee. Die Rede des listigen Führers der Sieger. König Uraniels Friedensunterhandlungen. Einführung des Fruchtmarktes außerhalb Hanochs. Der Rat der Tausend[HGt.03_135,01] Also eine volle Million Krieger zogen mit scharfen Spießen, Lanzen und Schwertern hinaus, teilten sich draußen in zehn Abteilungen, und jede Abteilung war bestimmt, eine der zehn Städte anzugreifen. [HGt.03_135,02] Aber die auswärtigen Völker hatten sich von dem Kriegsplane der Hanochiter Kunde zu verschaffen gewußt und rüsteten sich danach zum Gegenkampfe. Sie verrammten die Eingänge der Städte und bemannten dieselben mit den wohleingeübtesten Bogenschützen, sowie alle Fenster und Söller der Häuser. [HGt.03_135,03] Als nun die Hanochiter an die Städte kamen unter großem Geschrei, da flogen ihnen sogleich viele tausend scharfe Pfeile in Blitzschnelle entgegen, durch welche viele getötet und noch mehrere stark verwundet wurden. [HGt.03_135,04] Da aber die Hanochiter diese Waffe nicht kannten, so wurden sie zu dem Glauben genötigt, als kämpften böse Geister für die großen Völker, und es flohen daher die, die da noch übriggeblieben waren, mit der größten Hast nach Hanoch zurück; denn sie meinten, die bösen Geister würden ihnen selbst bis in die Stadt mit den tödlichen Pfeilen nachrennen, darum sie sich denn auch in ihren Häusern verkrochen. [HGt.03_135,05] Da aber die Außenvölker merkten, welchen Schreck und welche Verwirrung sie unter den Hanochitern angerichtet hatten, so beschlossen sie, nun auch Hanoch anzugreifen. [HGt.03_135,06] Aber der schon bekannte Ratgeber, den die auswärtigen Völker zu ihrem Hauptanführer gemacht hatten, sagte zu den Vorstehern der zehn Städte: [HGt.03_135,07] „Lassen wir diese gewagte Sache gut sein! Hier sind wir im offenbaren Vorteile; ziehen wir aber nach Hanoch, und die Tore sind geschlossen, so setzen wir uns den Steinwürfen von der hohen Ringmauer aus für nichts und wieder nichts. [HGt.03_135,08] Mit gewaltigen Händen ist diese Stadt nimmer zu erobern, und uns würde es unter ihren Mauern um kein Haar besser ergehen, als es ihnen unter den Mauern unserer Häuser und unter unseren Verrammungen ergangen ist, da ihr Heer stark über die Hälfte durch unsere Pfeile rein aufgerieben worden ist und wir nach der Schlacht – wie ihr wisset – bei vierzehn Tage zu tun hatten, um alle die Getöteten zu begraben. [HGt.03_135,09] Die Hanochiter haben von uns eine so eindringliche Lektion nun erhalten, daß sie sicher zu der Einsicht gelangen werden, daß ihnen ihre Ringmauer wenig nützt, und sie werden es auch bald einsehen, daß es besser ist, mit uns als offene Freunde und Brüder zu leben, als sich von uns feindselig abzusperren. [HGt.03_135,10] Sie sind von uns ringsum belagert und können uns nirgends zu; der Hunger aber wird sie sicher gar ehestens als Freunde in unsere Arme führen, – und dann wollen wir ihnen schon die rechten Friedensbedingungen machen, die, wie ich schon letzthin bemerkt hatte, nicht zu unserm Nachteile ausfallen sollen!“ [HGt.03_135,11] Dieser Rat wurde wieder allgemein angenommen, und der Ratgeber hatte nicht unrecht; denn schon in der siebenten Woche kamen Abgeordnete des Königs Uraniel aus Hanoch zu den Vorstehern der zehn Städte und schlugen ihnen Friedensbedingungen vor, – freilich zum Vorteile der Hanochiter. [HGt.03_135,12] Aber die von dem Ratgeber wohlunterrichteten Vorsteher sagten: „Wir sind offenbar nun eure Herren; daher habt ihr anzunehmen, was wir verlangen! Und wollt ihr das nicht, da soll euch der Hunger dazu zwingen; denn um keinen Augenblick wird die Belagerung eher aufgehoben, als bis ihr unsere Bedingungen annehmen werdet! [HGt.03_135,13] Die Bedingungen aber lauten also ganz einfach: Wir wollen um eure Stadt außerhalb der Mauer einen Fruchtmarkt aufrichten, und ihr müsset uns die Lebensmittel abkaufen um einen gerechten Preis; und tausend von unseren Männern müssen in Hanoch an der Seite des Königs miträtig angenommen sein und müssen von euch verpflegt werden. [HGt.03_135,14] Ist euch das recht, so ziehet hin und bringet uns die Annahme des Königs; ist es euch aber nicht recht, so verhungert in euren Mauern!“ [HGt.03_135,15] Darauf begaben sich die Gesandten wieder nach Hanoch; und der König sah sich genötigt, in den sauren Apfel zu beißen. [HGt.03_135,16] Die Boten kehrten wieder zurück und überbrachten die Genehmigung des Königs und schon am nächsten Tage war der Fruchtmarkt um Hanoch aufgerichtet, und die beinahe verhungerten Hanochiter kauften um jeden Preis die Eßwaren. [HGt.03_135,17] Und also zogen auch die tausend Miträte in Hanoch ein und nahmen den König ganz in ihre Mitte, auf daß er tanzen mußte, wie sie pfiffen. [HGt.03_135,18] Die Folge aber wird es zeigen, wie da gepfiffen und getanzt wurde. 136. Kapitel — Die vom Rat der Tausend dem König aufgedrungene Staatsverfassung[HGt.03_136,01] Wie lautete der Pfiff von Seite der tausend auswärtigen Miträte? [HGt.03_136,02] Es wurde dem Könige auferlegt, fürs erste auch die zehn Fürstenstädte mit einer Ringmauer zu umgeben, damit eine jede Stadt als ein Schutzort angelobt werden könnte. [HGt.03_136,03] Die Räte aber taten das, um dem Könige wie den mächtigen Hanochiten hinreichend starke Gegenfestungen zu errichten und diese große Stadt, wie ihr zu sagen pflegt, gehörig im Schach zu halten. [HGt.03_136,04] Die tausend Räte aber setzten sich hernach fester und fester in den zehn Städten und waren die eigentlichen Herren über Hanoch, und der König war nun stets mehr genötigt, nur das zu tun, was die Herren der zehn Städte für gut fanden und allzeit fest wollten. [HGt.03_136,05] Wir ersehen aus diesem Begebnisse nichts mehr und nichts weniger als eine Konstitution zwischen dem Könige und dem Volke; zugleich aber ersehen wir auch schon eine Art Volksadel entstehen und eine Volkskasteneinführung, durch welche besonders die eigentlichen Kinder der Tiefe und ganz besonders das männliche Geschlecht für die niedrigsten Arbeiten bestimmt und verwendet ward. [HGt.03_136,06] Und darinnen ward von den Herren der zehn Städte fest bestimmt, daß eben diese männlichen Kinder nimmer über ihren Stand sich erheben durften. [HGt.03_136,07] Ferner ward auch bestimmt, daß ein Mann aus dem Rat- oder Herrenstande nicht durfte – seines Ansehens halber – ein Weib aus dem niedrigsten Stande nehmen. [HGt.03_136,08] Wenn aber dennoch irgendeine Tochter aus dem niedrigsten Stande einem aus dem Herrenstande ihrer Schönheit wegen gefiel, so mußte sie vorher in der noch immer stark im Schwunge seienden Verschönerungsanstalt von dem Könige gewisserart geadelt und als eine Tochter adoptiert werden und wurde dann also erst tauglich, das Weib eines Herrn zu werden. [HGt.03_136,09] Ganz vorzüglich aber bestand die Adoption darin, daß der König einer solchen Adoptivtochter eine gehörige Aussteuer aus seinem Schatze mitgeben mußte; dies bewirkte dann erst die völlige Adelung. [HGt.03_136,10] Durch derlei Mittel wußten die Miträte die Schätze Hanochs gehörig an sich zu bringen und dem Könige stets mehr nur einen bloßen leeren Königsschein zu bereiten. [HGt.03_136,11] Im Verlaufe von etwa zehn bis fünfzehn Jahren nach der Befestigung der zehn Städte, welche etwa in fünf Jahren nach der großen Schlacht bewerkstelligt ward, ist Hanoch so sehr herabgesunken und also ausgesogen worden, daß der schon sehr bejahrte König zu weinen anfing vor den tausend Räten und sprach: [HGt.03_136,12] „Höret mich an, ihr Brüder! Wenn es euch darum zu tun ist, uns zu vernichten, da ergreifet die Waffen und tötet uns, und bemächtiget euch dann lieber auf einmal aller Schätze dieser Städte; aber es ist zu gottvergessen gehandelt, so ihr uns nur langsam marternd zu töten gedenkt!“ [HGt.03_136,13] Das Haupt der Räte aber sprach: „Gut, wir verstehen deine Worte; da wir aber deine Räte und Räte des Volkes sind, können wir anders handeln?! Hat das Volk denn nicht größere Rechte als ein schwacher König der Stadt Hanoch?! [HGt.03_136,14] Willst du aber Hanoch wieder blühend erschauen, so übergib uns ganz die Leitung, und du bleibe unsere Amtskraft als König, verhüllt in ein mysteriöses geheiligtes Wesen, – und du wirst diese Stadt bald in einem blühendsten Zustande erschauen!“ [HGt.03_136,15] Hier dachte der König: „Was will ich tun? Wenn der Stadt geholfen ist, da will ich ja ihr das Opfer bringen!“ [HGt.03_136,16] Er willigte daher in den Rat der Räte. Diese wurden dann vollkommen Herren der Stadt, der anderen Städte und so des ganzen, großen Landes, und der König mußte nun alle Beschlüsse unterschreiben, ohne zu wissen, was er so ganz eigentlich unterschrieben hatte. [HGt.03_136,17] Dadurch ward wohl das Volk der Meinung, als käme solch alles vom Könige, aber der König wußte für nichts. [HGt.03_136,18] Und so hatte sich aus dieser Konstitution die schändlichste Aristokratie gebildet. 137. Kapitel — Die Herrschaft der neuen Aristokratie über Asien. Die Entstehung von Lehensreichen und Fürstentümern. Die Fürsten als Regenten und Priester des Volkes. Hinweise auf König Uraniels Tod[HGt.03_137,01] Die Aristokratie bildete sich immer mehr und mehr aus. Die Herren von Hanoch wurden stets mächtiger. Stets weiter dehnte sich ihr Reich aus. Sie errichteten neue Kolonien, erbauten allorts neue Städte und mit Ausnahme des Reiches der Kinder Sihins wurde bald das ganze Asien bevölkert. [HGt.03_137,02] Nur die hohen Gebirgsgegenden blieben von den Hanochiten verschont; sie wurden aber von Horadaliten, einem uns bekannten Lamechschen Kriegsvolke, in Beschlag genommen, welches hordenweise die besseren Triften der Gebirge in Besitz nahm. [HGt.03_137,03] Die Herren von Hanoch stifteten dadurch Lehensreiche und Fürstentümer zu hundert an der Zahl. [HGt.03_137,04] Wo sie eine neue Stadt mitten in einer neuen Kolonie erbauen ließen, da belehnten sie auch alsbald damit einen von ihnen gemachten Fürsten. Dieser hatte jährlich einen mäßigen Tribut nach Hanoch zu entrichten; im übrigen aber war er ein unumschränkter Herr seines Landes und seines Volkes. [HGt.03_137,05] Solch ein Fürst war dem Volke zumeist alles in allem. Er war Regent und willkürlicher Gesetzgeber in seinem Lande; er war der alleinige Großhändler in seiner Stadt, der alleinige Fabrikant in omnibus seines Volkes, auf daß dieses ja notgedrungen alles bei ihm kaufen mußte. [HGt.03_137,06] Dann war er auch zugleich – ohne Meinen Willen – Priester des Volkes, das ihm untertan ward; seine Lehre aber berührte selten Mich, sondern meistens nur seine Würde, und besagte, daß wenn man ihm opfere, so opfere man auch Gott, dessen Stellvertreter er auf Erden sei, und daß es allein von ihm abhänge, ob da jemand nach dem Tode des Leibes von Gott das ewige Leben der Seele erhalten werde oder nicht. [HGt.03_137,07] Es wurden mit der Zeit, wenn sich irgend das Volk mehr ausdehnte, wohl auch Unterpriester angeordnet, – aber diese durften nur das Fürstenwort predigen und nie ein eigenes; denn dergleichen war vom Fürsten aus auch schon bei der geringsten Willkür verdammlich, und der Übertreter mußte nicht selten lächerlich grausame Bußwerke verrichten, um sich vor dem Fürsten von einer solchen Todsünde zu befreien. [HGt.03_137,08] Dergleichen Bußwerke bestanden im Schlangenfangen, im Töten einer bestimmten Anzahl von Tigern, Löwen, Bären, Hyänen und in dergleichen mehr; es war dem Büßer aber dennoch gestattet, freiwillige Mitbüßer zu werben. [HGt.03_137,09] Kleinere Bußwerke bestanden in Opferungen; in Unvermögenheit an Opfern aber wurde geprügelt. [HGt.03_137,10] Das Weibervolk hatte zumeist viel freiere Gesetze und wurde bei Übertretungen zur Buße bloß mit Ruten aufs nackte Gesäß gestäupt. [HGt.03_137,11] Die Todesstrafe hatte jedoch nur Hanoch allein das Recht auszuüben sich vorbehalten, welche darin bestand, daß der Verurteilte zwischen zwei zehn Klafter hohen Pfeilern mit einer Kette an den Füßen aufgehängt und dann einen ganzen Tag hin- und hergeschaukelt wurde, natürlich mit abwärts hängendem Leibe und Kopfe. [HGt.03_137,12] Hatte jemand am Ende des Tages noch Spuren des Lebens gezeigt, so wurde er nicht weiter geschaukelt, sondern wieder frei gemacht. Kam er zu sich, so konnte er weiterziehen; starb er aber durch die Nacht, so wurde er am Morgen begraben. Starb er aber an der mächtigen Schaukel, so wurde sein Leichnam den wilden Tieren, die man damals schon in eigenen Zwingern hielt, vorgeworfen. Der Tod auf der Schaukel war ein Beweis, daß der Verurteilte den Tod wohl verdient hatte. [HGt.03_137,13] Des Todes als würdig Befundene mußten daher auch allezeit von Lehensfürsten nach Hanoch geschickt werden. [HGt.03_137,14] Es währte aber nicht viele Jahre, so mußten in Hanoch schon bei hundert solche Schaukeln errichtet werden, und man sah sie an keinem Tage ruhen. [HGt.03_137,15] Also bestand diese aristokratische Regierung bei hundert Jahre lang und endigte mit dem Tode Uraniels, der da in allem ein Alter von nahezu dreihundert Jahren erreicht hatte und am Ende in der größten Not sterben mußte, aber dennoch im Zustande der wieder erreichten Gnade Gottes, die er so ganz und gar verwirkt hatte. [HGt.03_137,16] Wie es aber von nun an zuzugehen anfing, das wird alles die Folge zeigen. 138. Kapitel — Die Erziehung der sieben Kinder Uraniels auf der Höhe. Des Herrn Rede an Uraniel. Bedrückung Hanochs und seiner Völker durch die tausend Räte. Die zwei Königssöhne als Missionare in Hanoch und ihr Mißerfolg. König Uraniels Tod[HGt.03_138,01] Der Uraniel hinterließ mit seinen zwei Weibern sieben Kinder, fünf Töchter und zwei Söhne; die Töchter waren außerordentlich schön, und die Söhne waren förmliche Riesen. Aber weder die Söhne noch die Töchter waren zu Hause in Hanoch auferzogen worden, sondern auf der Höhe. [HGt.03_138,02] Denn als der Uraniel in seiner großen Drangsal sich wieder zum Herrn wandte und Ihn bat um die Abänderung des Elends der Stadt Hanoch, der anderen Städte und des ganzen Landes in der Tiefe, da sprach der Herr zu ihm: [HGt.03_138,03] „Höre Mich, du Blinder, hättest du Mich um siebenundsiebzig Jahre früher darum gebeten, da hätte Ich deine Bitte erhören können; aber jetzt ist es zu spät! [HGt.03_138,04] Ein blindes und dummes Volk, wie es im Anfange unter Lamech war, ist leicht zu bekehren, – denn es hat bei seiner Blindheit doch ein offenes, gläubiges Herz; aber ein so hoch kultiviertes Industrievolk hält sich für weiser, als Ich es bin. Ja, es braucht Mich gar nicht; denn die Welt hat sich nach seiner Meinung selbst erschaffen und in ihrem Entstehen auch nach und nach notwendig ihre Gesetze, unter denen sie besteht, und alle Dinge auf ihr. – Was soll Ich dann mit so einem Volke machen? [HGt.03_138,05] Meine Kinder haben ihre Höhen lange schon verlassen und haben in der Tiefe Weiber genommen und haben mit ihnen kräftige und des Weltverstandes volle Kinder erzeugt, welche durch ihre Kraft sowohl, als durch ihre Verstandesmeisterschaft aller Welt und aller Dinge Herren und Meister geworden sind. Siehe, was soll dann Ich dabei? [HGt.03_138,06] Also kann Ich dir nicht helfen! Da du Mich aber schon bewegt hast, mit dir zu reden, und hast Mich nun bei sieben Jahre lang gebeten, dir zu helfen, so will ich dir einen Rat zum Wohle deiner Kinder geben: [HGt.03_138,07] Siehe, auf der Höhe leben noch Mathusalah, Lamech, sein Sohn Noha und dein Vater und deine Mutter! Diesen gib deine Kinder zur Erziehung; denn lässest du sie hier, so werden sie dir geistig und leiblich getötet werden, da deine Räte stets mehr und mehr suchen, alle Herrschaft an sich zu reißen. [HGt.03_138,08] Gibst du sie aber auf die Höhe, da wirst du deinen Räten einen Gefallen tun! [HGt.03_138,09] Sie werden dir dann zwar alle Leitungsmacht des Volkes nehmen und werden dich gefangenhalten wie einen Vogel im Käfige; aber Ich will deine Söhne kräftigen auf der reinen Höhe und will sie dann als mächtige Lehrer herabsenden, wenn du nicht mehr auf Erden wandeln wirst. [HGt.03_138,10] Wird sich das Volk bekehren, so will Ich Meine strafende Rechte zurückziehen; wird es aber die Lehrer hinausstoßen, so werde Ich alles Volk, groß und klein, jung und alt, und so auch alles Getier richten und töten auf Erden und Mir dann setzen ein anderes Geschlecht auf die gereinigte Erde!“ [HGt.03_138,11] Als der Uraniel solches vernommen hatte, da gab er sogleich seine Kinder samt den zwei Weibern auf die Höhe, geleitet von einigen seiner bewährten Freunde. [HGt.03_138,12] Diese ganze Familie lebte auf der Höhe in Muthaels Hause und wurde von der Mutter Purista in aller Gottesfurcht und Liebe erzogen; und auch der noch lebende Lamech und ganz besonders der Noha und sein Bruder Mahal gaben sich sehr viel mit der gottgefälligen Erziehung dieser Kinder ab. [HGt.03_138,13] Als aber, wie schon bekannt, der König Uraniel in der Tiefe starb, da teilten die tausend Räte das große Reich untereinander und fingen durch ihre Macht alles Volk ganz entsetzlich zu drücken an, errichteten noch mehrere Fürstentümer und forderten von den Fürsten einen unerschwingbaren Tribut. [HGt.03_138,14] Denn sie wollten Hanoch so sehr vergrößern, daß die zehn Städte der Stadt Hanoch völlig einverleibt würden. [HGt.03_138,15] Bei dieser Gelegenheit sandte Ich dann die beiden mächtigen Söhne hinab in die Tiefe und ließ durch sie predigen. [HGt.03_138,16] Aber die Söhne wurden bald ergriffen, gebunden, dann mächtig abgeprügelt und mit dem Bedeuten fortgesandt, ja nicht wiederzukommen; denn das Volk Hanochs kenne Gott besser als so ein paar dumme Gebirgslackel! [HGt.03_138,17] Sollten sie sich aber wieder gelüsten lassen, noch einmal als Gottesverkünder nach Hanoch zu kommen, so würden sie die Schaukeln zu verkosten bekommen. [HGt.03_138,18] Und so kehrten die zwei Söhne Uraniels wieder traurig zurück und erzählten auf der Höhe, was ihnen begegnet war. 139. Kapitel — Der Väter Beratung über die Rettung der gesunkenen Tiefe[HGt.03_139,01] Die wenigen Väter auf der Höhe erstaunten ganz entsetzlich über die so gänzliche Gesunkenheit der Tiefe, die unter Lamech, unter Thubalkain und noch eine geraume Zeit auch unter dem Uraniel doch so herrlich blühend dastand. [HGt.03_139,02] Und der Lamech sagte zu seinem Sohne Noha: „Was dünkt dich wohl: Wenn diese zwei Söhne Uraniels mit der Wunderkraft eines Henoch ausgerüstet würden, oder wie da der Herr Selbst den Kisehel und seine Brüder ausgerüstet hatte, als Er sie zum ersten Male in die Tiefe gesandt hatte, möchten sie dadurch nicht eine größere Wirkung als Erfolg ihrer Sendung hervorbringen, als also bloß mit der Kraft der Wortbündigkeit? [HGt.03_139,03] Mein Sohn, ich weiß, daß der Herr große Stücke auf dich hält und dich allzeit eher denn mich erhört; ja du kannst mit Ihm reden, wann es dir nur immer einfällt, – während ich oft tagelang rufen darf, bis mich der Herr erhört und dann zu mir redet! [HGt.03_139,04] Wie wäre es denn, so du dich zum Herrn in deinem Herzen begeben möchtest und möchtest Ihm meinen Wunsch vortragen? Vielleicht würde Er ihn genehmigen?“ [HGt.03_139,05] Und der Noha sprach: „Lieber Vater Lamech, ich meine, da wird nicht viel mehr zu machen sein; denn siehe, soviel ich weiß, so war zur Zeit Lamechs, da er noch ein Knecht der Schlange war, im Grunde nur allein der Lamech selbst verkehrt. Er tyrannisierte das Volk, und das Volk der ganzen Tiefe schmachtete unter seiner Tyrannei und war gefangen; aber es sehnte sich nach der Erlösung. [HGt.03_139,06] Da brauchte nur der Lamech bekehrt zu werden, und durch ihn war dann, wie mit einem Schlage, das ganze Volk bekehrt und erlöst! [HGt.03_139,07] Aber nun ist es anders; da sieht es nun in fast eines jeden Menschen Herzen schon also aus, wie damals es allein im Lamech ausgesehen hatte! [HGt.03_139,08] Der Lamech ward bis zum Tode gerichtet und mußte dann erst durch Selbsttätigkeit und durch die größte Selbstverleugnung an sich das wieder gut und lebendig machen, was an und in ihm das ihn bekehrende Wunder Kisehels gerichtet und getötet hatte. [HGt.03_139,09] Wie verheerend groß und ausgedehnt aber müßte nun ein Wunder sein, um Millionen also zu bekehren, die alle ums Hundertfache ärger sind in ihren Herzen, als es Lamech je in seiner größten Grausamkeit war! [HGt.03_139,10] Meines Erachtens werden wir zufrieden sein können, nur hier und da vielleicht einige durch die überzeugende Kraft des Wortes zu gewinnen; aber an eine allgemeine Änderung der Handlungsweise bei diesen Völkern wird bei weitem gar nicht mehr zu denken sein! [HGt.03_139,11] Der Herr wird daher die zwei Söhne nur mit der Kraft der Klugheit ausrüsten und sie dann wieder senden in die Stadt Hanoch. [HGt.03_139,12] Werden sie da etwas ausrichten gegen den bösen freien Willen einiger Hanochiten, so wird es wohl und gut sein; können sie aber das nicht, so lassen wir alles dem Herrn über, und Er wird dann schon machen, was des Rechtens sein wird! – Bist du damit nicht völlig einverstanden?“ [HGt.03_139,13] Und der Lamech sah die Wahrheit der Aussage Nohas und verlangte dann nicht mehr, daß der Herr die beiden mit Wunderkraft erfüllen solle. [HGt.03_139,14] Aber die beiden wurden mit göttlicher Klugheit erfüllt und mußten sich dann wieder in die Tiefe begeben. 140. Kapitel — Die zwei Missionare als Maurer in Hanoch und ihr Aufstieg zu Ratgebern der tausend Räte[HGt.03_140,01] Und die beiden begaben sich also mit göttlicher Klugheit ausgerüstet zum andern Male in die große Stadt Hanoch; und als sie daselbst anlangten, ließen sie sich alsbald zu Arbeitern andingen, und zwar bei den großen Verbindungsbauten, welche da geradlinig von Hanoch aus sich zu den zehn Städten zogen, welche dadurch als Vorstädte zu Hanoch angesehen wurden. [HGt.03_140,02] Diese geradlinigen Bauten aber bestanden aus zwei Reihen einen Stock hoher Häuser, die von zwei Seiten natürlichermaßen eine breite Straße vollkommen einschlossen und nach außen mit einem mächtigen, zu beiden Seiten aufgeworfenen Walle geschützt waren. [HGt.03_140,03] Die kürzeste dieser Straßen war eine halbe Tagereise lang und die längste eine gute Tagereise. [HGt.03_140,04] Und eben bei dieser längsten Straße, welche gerade noch im Baue stand und gen Uvrak führte, ließen sich unsere zwei Boten als tüchtige Maurer andingen. [HGt.03_140,05] Sie bekamen zwar für die Arbeit keinen Lohn, da bei diesen Bauten schon der Frohndienst eingeführt war; aber als Maurer hatten sie das Recht, sich von den Handlangern verpflegen zu lassen. Allen Handlangern aber war es von den tausend Herren Hanochs bei Strafe der Schaukel aufgetragen, wechselweise für den Mundvorrat zu sorgen, damit die Maurer ja nicht aufgehalten werden möchten in ihrer wichtigeren Arbeit. [HGt.03_140,06] Also waren auch unsere beiden Boten als Maurer etwas besser daran als irgendein gemeiner Handlanger. [HGt.03_140,07] Sie zeichneten sich aber als Maurer so sehr aus, daß sie von Seite der inspizierenden Herren das Augenmerk auf sich zogen, indem ihre Bauten so zierlich und gleichmäßig dastanden, als wären sie gegossen worden. [HGt.03_140,08] Man bewunderte ihre Einsicht und ihre weise Benützung des Materials und erhob sie bald zu Bauführern. [HGt.03_140,09] Als sie nun als Bauführer dastanden, da leiteten sie ihre Bauparzellen mit solcher Einsicht und Geschicklichkeit, daß da ihre Häuser so wunderherrlich ausfielen, daß da alles vor denselben stehenblieb und sich über die Herrlichkeit ihrer Bauten nicht genug verwundern konnte. [HGt.03_140,10] Und die Herren von Hanoch bedauerten, daß sie ihre Talente nicht früher hatten kennen und würdigen gelernt. [HGt.03_140,11] Da aber dennoch eine große Strecke der Gasse zu bauen übrig war, so wurden die beiden sofort zu Oberbaudirektoren gemacht und leiteten sonach den allgemeinen Bau; und alle ihre Bauten wurden höchst bewundert. [HGt.03_140,12] Als aber dieser ungeheure Bau vollendet war, und das im Verlaufe von zehn Jahren – aber natürlich mit Hilfe von mehreren Millionen Händen, bei welcher Gelegenheit auch Tausende und Tausende von Menschen zugrunde gingen teils durch Hunger, teils durch Mißhandlungen und teils durch nicht selten epidemisch eingerissene Krankheiten –, da wurden unsere zwei Boten von allen den tausend Herren zugleich in den Mitrat eingekleidet, und es ward ihnen alle oberste Leitung im Bauwesen übertragen. [HGt.03_140,13] Da aber bei solcher Vergrößerung der Stadt Hanoch die Stadtbewohner mit ihren Bedürfnissen ebenfalls anwuchsen und dadurch in die Notwendigkeit versetzt wurden, stets größere Lasten den auswärtigen Fürsten aufzulegen, die diese nimmer erschwingen konnten, da standen die Fürsten auf; einige widersetzten sich gewaltig, andere aber flohen in ferne Länder. [HGt.03_140,14] Und so ward Hanoch der größten Not preisgegeben und hatte keine Quelle mehr, durch welche es wenigstens sich vor der Hungersnot hätte schützen können. [HGt.03_140,15] Hier wurden die zwei Hauptratgeber von den tausend Herren gefragt, was da nun zu tun sein dürfte, um die Stadt zu retten. [HGt.03_140,16] Die beiden aber verschoben die Antwort auf sieben Tage; denn sie sprachen: „Große und wichtige Dinge brauchen Zeit zur reiflichen Überlegung; darum können wir erst in sieben Tagen den rechten Plan dazu ausfertigen.“ 141. Kapitel — Rede der zwei Boten an die versammelten Räte[HGt.03_141,01] Nach sieben Tagen aber stellten die tausend Herren wieder den Rat zusammen, und die zwei Boten, nun als hohe Miträte, erschienen in der Mitte der Tausend und sprachen einer in des andern Wort also: [HGt.03_141,02] „Wir haben alles reiflich überlegt und abgewogen und haben unwiderlegbar gefunden, daß es sich mit der gegenwärtigen Staatsverfassung auf keinen Fall mehr tut; was zu viel ist, ist zu viel! [HGt.03_141,03] Unsere Stadt Hanoch hat eine zu ungeheuer große Ausdehnung erhalten; schon zur Zeit des Königs Uraniel war sie zu groß, und wäre um sie nicht die unglückseligst projektierte Ringmauer gezogen worden, so stünde Hanoch noch als eine blühende Stadt da! [HGt.03_141,04] Daß sie aber jetzt ihrem völligen Untergange nahe ist, diese älteste der Städte der Erde, das könnet ihr so gut wie wir an den Fingern nachweisen! [HGt.03_141,05] Bedenket, wir sind nun gleichsam tausend Könige! Ein jeder führt für sich einen Hofstaat mit tausend Menschen beiderlei Geschlechts zu seiner Amtsverherrlichung und Amtsversicherung, das gibt, mit uns selbst eingerechnet, zehnmal hundertundeintausend Menschen. Diese legen samt uns ihre Hände nicht auf den Erdboden, wollen aber dennoch gut leben! [HGt.03_141,06] Frage: Wer soll, wer kann für eine solche Unzahl von Müßiggängern das Brot erarbeiten? – [HGt.03_141,07] Gehen wir aber weiter! In einer jeden der zehn Vorstädte sitzen nun auch hunderttausend Beamte, Waffenmänner und müßige Dienerschaft höher gestellter Beamten und der vielen Altedeln. [HGt.03_141,08] Alle diese haben auch mit dem Boden der Erde nichts zu tun, aber dennoch wollen sie ausgezeichnet gut leben! Das Leben wäre ja recht; aber woher nehmen, was der Erde Boden nicht bringt?! – [HGt.03_141,09] Aber nur weiter! Wir zählen nun in unserer großen Stadt zehn Weiberverschönerungsanstalten. Eine jede ist gestrotzt voll und faßt nicht selten bei zehn- bis zwanzigtausend Weiber und daneben gut ein Drittel soviel Professoren und anderer Diener. Diese alle wollen und müssen überaus gut fressen und kennen den Boden der Erde, auf dem das Brot wächst, kaum dem Namen nach! – [HGt.03_141,10] Aber nur weiter! In dieser großen Stadt Hanoch leben nun nach unserer Privatzählung zweihunderttausend adelige Familien mit ihrer Dienerschaft, zusammen bei dreißigmal hunderttausend Menschen; auch diese haben noch in ihrem ganzen Leben nicht den Boden der Erde mit ihren Händen berührt und wollen dennoch ein überaus gutes Brot essen. – [HGt.03_141,11] Aber nur weiter! Durch die zwecklose stete Vergrößerungssucht unserer Stadt wird fürs erste der Boden der Erde zwecklos getötet, und da, wo ein großes neues Haus erbaut wird, wächst kein Korn mehr. [HGt.03_141,12] Fürs zweite aber lockt dann ein solches Prachtgebäude bemittelte, früher erwerbsfleißige Landbewohner in die Stadt; diese kaufen das Haus, bewohnen dasselbe, leben dann freilich von ihren Mitteln, aber sie haben keinen Grundboden mehr zur Bearbeitung und kaufen nunmehr, was sie brauchen. [HGt.03_141,13] Das ist wohl und billig; aber wenn die Sache so fortgeht, wenn sich täglich zehn bis zwanzig Familien vom Lande herein in der Stadt ansiedeln werden, von wem wird man dann das Brot kaufen, so alles Landvolk zu halbadeligen, arbeitsscheuen Stadtbürgern oder wenigstens zu Dienern der Stadtbürger wird?! [HGt.03_141,14] Wir schreiben ferner Tribute über Tribute an alle unsere Vasallen aus. Dadurch machen wir dem Volke das Landleben verächtlich. Sie fliehen entweder in ferne, uns unbekannte Gebiete, oder sie widersetzen sich hier und da gewaltig unseren ungerechten Forderungen. [HGt.03_141,15] Frage: Wer wird uns nunmehr Brot liefern? – [HGt.03_141,16] Sehet, also geht es mit dieser Staatsverfassung in keinem Falle mehr! Beratet euch aber nun über unsern gewissenhaften Vortrag, und wir wollen euch dann die Mittel an die Hand geben, durch welche diesem Übelstande wenigstens einigermaßen abgeholfen werden kann! [HGt.03_141,17] Also sprachen wir als Miträte in aller Achtung vor eurer Tausend Herrlichkeit der Wahrheit gemäß!“ 142. Kapitel — Der Rettungsplan der zwei Boten und seine Verwirklichung[HGt.03_142,01] Es beschwor aber der ganze hohe Rat die zwei, weiterzureden; denn er erkannte die tiefe Wahrheit ihrer Aussage, wollte darum noch mehreres erfahren und endlich auch die Mittel, wie diesem Übel abgeholfen werden könnte. [HGt.03_142,02] Und die beiden fingen wieder an, also eines Wortes zu reden: „Also wollet uns denn anhören, ihr hohen Räte! Mit unserm Leben verbürgen wir auch die vollste Wahrheit dessen, was wir euch nun kundgeben werden; und wird das nicht gehandhabt, so stehen wir euch für vierzehn Tage nicht gut, mehr als eine Million Leichen in dieser Stadt zu zählen und dazu noch einen Volksaufstand gegen uns, desgleichen auf der Erde noch nie ist erlebt worden. Die Menschen werden sich erschlagen, und uns aber zuerst, und werden sich dann sättigen an unserm Blute und Fleische! [HGt.03_142,03] Um aber diesem sicher eintreffenden schrecklichen Ereignisse auszuweichen und vorzubeugen, sind uns nur allein folgende Wege – aber nur auf eine höchst kurze Zeit – als offenstehend gelassen: [HGt.03_142,04] Der erste Weg ist, daß wir so geschwinde als möglich alle die entsetzlich kostspieligen Weiberverschönerungsanstalten dadurch gänzlich kassieren, daß wir nach allen Richtungen sogleich Eilboten aussenden und durch sie aller Welt verkünden lassen, daß diese Weiber nun alle umsonst zu haben sind nebst noch einem Zuschusse aus den in diesen Anstalten angehäuften Schätzen und Lebensmitteln. [HGt.03_142,05] Die Professoren und Verschönerungskünstler aber müssen auswandern, und zwar ein jeder mit wenigstens drei Weibern; diese sollen nebst einigen Schätzen und Lebensmitteln ihr Bene sein. Die Erde ist groß, und die Gebirge sind nahezu entvölkert; sie werden sicher ihr Unterkommen finden. [HGt.03_142,06] Dann aber sollen diese großen Gebäude niedergerissen werden und aus den großen Plätzen, die sie ehedem einnahmen, fruchtbare Gärten angelegt werden, so werden davon schon in einem Jahre zehntausend fleißige Menschen sich Lebensmittel erzeugen können! [HGt.03_142,07] Ferner gibt es hier eine kaum zählbare Menge echter Müßiggänger, die sich Adelige nennen, haben aber nichts als ihr betrüglich Maul, davon sie leben könnten. Hinaus mit ihnen! Einem jeden noch ein mit etwas Golde begabtes Weib mitgegeben, und unsere Stadt wird gleich einiger Hunderttausende von Menschen entledigt, die hier rein zu nichts taugen! [HGt.03_142,08] Fragen sie, wohin sie ziehen sollen, da zeigen wir auch ihnen den Weg auf die Gebirge, – und sie werden dort sicher ihr Unterkommen finden! [HGt.03_142,09] Auf eine gleiche Weise reduzieren auch wir unsere Leibgarden von tausend auf hundert und geben den Entlassenen eine halbjährige Versorgung mit, und wir haben dadurch der Stadt wieder eine Menge unnötiger, nichts erwerbender Konsumenten entzogen und ihr dadurch die Erleichterung verschafft, durch die es dem eigentlichen Bürgerstande ein leichtes wird, sich auf einem mehr natürlichen Wege zu versorgen. [HGt.03_142,10] Dem erwerbsfleißigen Bürgerstande aber zeigen wir an, daß er erstens alle die großen Plätze der Stadt in fruchtbare Gärten verwandeln soll; zweitens: die Gassen, die da breit sind, soll er mit Fruchtbäumen besetzen; drittens: die Söller der Häuser ebenfalls in Gärten verwandeln; viertens: desgleichen die große Stadtmauer, die allein für hunderttausend Menschen allerlei Gemüse und Früchte tragen kann; fünftens: das äußere Schaukel Pomörium der Stadt werde in Äcker verwandelt; sechstens: jedes unnötige Gebäude abgerissen und ebenfalls in einen Garten verwandelt, – und wir werden uns schon durch diese Manipulation binnen einem Jahre in einen so günstigen Zustand versetzen, den man sicher beneidenswert wird nennen können! [HGt.03_142,11] Wird dieser Rat ausgeführt, dann erst wollen wir zu einem andern weiterschreiten!“ [HGt.03_142,12] Dieser Rat wurde mit großem Beifalle aufgenommen, und es wurde am selben Tage schon darnach Hand ans Werk gelegt, und in vierzehn Tagen sah es in der Stadt Hanoch schon so menschenlüftig aus, daß es einem Betrachter vorkam, als befände er sich in einem Häuserwalde; dessenungeachtet aber lebten noch über zwei Millionen fleißige Bürger in ihr, welche alles in fruchtbare Gärten verwandelten. 143. Kapitel — Weitere Reformvorschläge der zwei Boten; ihr Antrag auf Öffnung der Tempel und Einführung der Gottesverehrung. Der Streit unter den tausend Räten[HGt.03_143,01] Nachdem aber im Verlaufe von einem Jahre so ziemlich alles in der Ordnung war und sich auch wieder einige Lehensherren zu einem mäßigen Tribute bekannt hatten, durch den der sehr herabgesetzten Population Hanochs recht wohl behilflich gedient war – wenigstens auf so lange, bis all die neu angelegten Gärten so recht fruchttragend wurden –, da beriefen die Tausend sich wieder zu einem Rate zusammen, um von den zwei weisen Räten fernere Verhaltungsregeln zu vernehmen. [HGt.03_143,02] Als der Rat nun versammelt war und die zwei ersucht wurden, zum ferneren allgemeinen Besten ihre Stimmen vernehmen zu lassen, da erhoben sich wieder die beiden und redeten also: [HGt.03_143,03] „Also wollet uns denn anhören, ihr hohen Räte der Stadt Hanoch! – Ihr habt euch bisher überzeugt, daß alles, was wir euch angeraten haben, vom besten Erfolge war und noch von stets besserem wird, je nachdem sich alles das jetzt Begonnene stets mehr und mehr festen und vervollkommnen wird; dessen könnt ihr im voraus überzeugt sein! [HGt.03_143,04] Also werden auch unsere Vasallen sich gerne zu einer Steuer bekennen, so wir stets mehr imstande sein werden, dieselbe herabzusetzen, indem wir in den inneren bedeutenden Räumen der Stadt so viel erzeugen werden, was da mäßig vonnöten für unsern Mundbedarf ist. [HGt.03_143,05] Auch wird unsere mäßige Lebensweise sicher nicht leichtlich Neuansiedler in die Stadt locken, wohl aber um so mehr Kauflustige für unsere nützlichen Erzeugnisse, die wir ihnen um die billigsten Preise liefern wollen, werden und auch können. [HGt.03_143,06] Dadurch werden wir, wie unsere Nachkommen, so sie auf unseren Wegen wandeln werden, diese älteste, ehrwürdigste Stadt der Welt stets im blühendsten Zustande erhalten, und keiner ihrer Bewohner wird je über Not zu klagen haben! [HGt.03_143,07] Werden wir uns ferner nie von den Außenvölkern bereichern wollen, und werden sie auch keinen Reichtum an uns entdecken, sondern nur bürgerliche Tätigkeit und Genügsamkeit, da wird es nie irgendein mächtig gewordenes Volk reizen, uns zu unterjochen und uns die Schätze wegzunehmen, die wir nicht haben; im Gegenteile aber werden wir keine Stunde sicher sein vor Überfällen und Plünderungen. [HGt.03_143,08] Das alles ist nun wohl berechnet, und ein ununterbrochenes Glück Hanochs ist mit eherner Schrift geschrieben. [HGt.03_143,09] Aber nur Eines zur völligen Realisierung unseres Rates haben wir noch nicht ausgesprochen und haben es uns als die Krone von allem auf die Letzte vorbehalten! [HGt.03_143,10] Und dieses Eine ist, daß wir fürs erste selbst ganz vollernstlich an Gott, den Allmächtigen, zu halten anfangen müssen und diesen einigen Gott unserer Väter aber auch alle die Bewohner dieser Stadt, den sie gänzlich samt uns vergessen haben, wieder aus dem Grunde erkennen, anbeten und lieben lehren! [HGt.03_143,11] Ohne dem wird aller unser bester Rat in den Staub der Nichtigkeit versinken, und wenige Jahre werden hinreichen, uns noch in ein größeres Elend zu versetzen, als wir etwas Ähnliches je erfahren haben! [HGt.03_143,12] Darum müssen wir die beiden Tempel Lamechs wieder eröffnen und Gott, dem alleinigen Herrn, darinnen unser Dank- und Bittopfer gebührend darbringen!“ [HGt.03_143,13] Bei dieser Rede fingen viele Räte an, die Nasen ganz gewaltig zu rümpfen; aber eine nicht geringe Zahl war dennoch mit den zweien einverstanden, – nur trug sie auf die Errichtung mehrerer Tempel an. [HGt.03_143,14] Aber ein Teil der Räte wollte nichts davon wissen, sondern stimmte dafür, daß auch die Plätze der zwei Tempel sollten in Gärten verwandelt werden; und so entstand alsbald ein Streit unter den Räten. [HGt.03_143,15] Die Folge aber wird es zeigen, was er für einen Ausgang nahm. 144. Kapitel — Die abermalige Berufung der zwei weisen Räte. Die verweltlichenden Reformideen des Rates der Tausend. Der Widerstand der zwei Weisen und ihre Rückkehr auf die Höhe[HGt.03_144,01] Ein ganzes Jahr verstrich über diesem gegenseitigen Streite, ohne daß die Streitenden sich dadurch hätten vergleichen mögen; es blieb ihnen sonach nichts übrig, als wieder die zwei Miträte zu Rate zu ziehen, was da im allgemein annehmbarsten Falle geschehen solle. [HGt.03_144,02] Denn die Streitenden waren darin wohl übereingekommen, daß die Erkenntnis eines Gottes, im Notfalle auch mehrerer Götter, zur Aufrechterhaltung der Ordnung dem Volke nötig ist; aber nur müßte eine solche Erkenntnis nicht durch ein auf den blinden Glauben gestütztes leeres Predigergewäsche im Volke erzielt werden, wenn sie je Stich halten solle, sondern auf die reine Wissenschaft, also durch Naturforschung, durch die Mathematik, durch Philosophie und gotteswürdige Kunstdarstellungen! [HGt.03_144,03] Dadurch würde das Volk etwas Haltbares und Überzeugendes anstatt des finstern, auf den alleinigen Blindglauben berechneten, fürs Dasein Gottes zeugenden Mystizismus überkommen, in dem es für sich allein gerade so lange wieder bleiben würde, als da die mystischen Lehrer leben. Müßten aber diese, von ihrer Natur genötigt, einmal selbst ins Gras beißen, da beiße auch ihre ganze Lehre mit ihnen ins Gras, und das Volk stehe dann um seinen Gott rein betrogen da. Und würden Völker zu öfteren Malen also mit einem mystischen Gott geprellt, so seien sie dann zu gar keiner Erkenntnis Gottes mehr zu bringen. [HGt.03_144,04] Also in diesem Sinne wurden unsere tausend Räte in bedeutender Überzahl miteinander so ziemlich gleich; nur wußten sie nicht, wie sie diesen Entschluß auf die klügste Weise ins Werk setzen sollten, und darum wandten sie sich so ganz eigentlich zu den zweien. [HGt.03_144,05] Die beiden aber sprachen: „Hohe Räte der großen Stadt Hanoch! – Wir haben euch vor einem Jahre den rechten Plan gezeigt; ihr aber habt ihn verworfen! Was sollen wir da nun noch mehr tun? [HGt.03_144,06] Jede Sache hat aber nur einen Plan, der da allein gut und wahr ist, und so ist es auch mit der Verkündigung Gottes! [HGt.03_144,07] Diesen Plan aber haben wir euch gezeigt; allein ihr habt ihn verworfen und habt nun einen andern, nach eurer Meinung haltbareren, aufgestellt. Also setzet ihn auch ins Werk nach eurer Einsicht, und lasset euch von den Folgen unterweisen, was Gutes ihr dadurch ans Tageslicht gefördert habt! [HGt.03_144,08] Wir aber wollen keinen Teil daran haben und wollen euch an der Ausführung eures Planes auch nicht im geringsten irgend hinderlich sein. [HGt.03_144,09] Machet es mit Hanoch also bezüglich der Gotteslehre, wie ihr es mit den Lehensfürsten gemacht habet, da ihr einem jeden eine andere Gotteslehre mitgegeben habet, um sie nach solcher verschiedenartiger Lehre leicht zu unterscheiden und so von ihnen leichter auch den Miettribut einzutreiben, so werdet ihr bald in Hanoch sicher dieselben Ergebnisse erleben, die ihr mit den Vasallen erlebt habt! [HGt.03_144,10] Ihr habt euch bis jetzt von allem überzeugt, daß alles, wozu wir euch den Rat erteilt haben, fürs erste sehr leicht ausführbar war, und daß es fürs zweite den entschiedensten Nutzen hatte für die ganze große Stadt. [HGt.03_144,11] Wir haben euch in nichts getäuscht, sondern es allzeit redlichst zu eurem Besten mit euch gemeint, und haben zu unserm eigenen Wohle nie etwas mit einer Silbe zu euch erwähnt. [HGt.03_144,12] Also war auch der von uns vor einem Jahre ausgesprochene Plan zur Erkenntnis und Ehrung Gottes zu unser aller Besten dargestellt; ihr aber habt euch schon gleich im Anfange daran gestoßen, habt euch dann darüber ein ganzes Jahr hin und her gebalgt, bis ihr am Ende doch im Allerverwerflichsten übereingekommen seid! [HGt.03_144,13] Zur Ausführung dieses eures Planes aber kennen wir keinen Weg und können euch daher auch keinen Weg zur Ausführung raten. [HGt.03_144,14] Tuet demnach, was euch gut dünkt; wir aber haben in eurer Mitte ausgeredet und ausgedient! Wir verlassen euch nun darum und fordern keinen Lohn von euch, auf daß ihr erkennen möchtet, daß wir stets um euer Wohl besorgt waren. [HGt.03_144,15] Wer aber mit uns von dannen ziehen will, der tue es, bevor es zu spät wird!“ [HGt.03_144,16] Darauf verließen die beiden den großen Ratssaal, nahmen ihre Dienerschaft und begaben sich wieder auf die Höhe. [HGt.03_144,17] Was aber dann in Hanoch alles bewerkstelligt ward, wird die Folge zeigen. 145. Kapitel — Rückkehr und Bericht der zwei Boten auf der Höhe. Lamechs Bitte an den Herrn. Des Herrn Antwort und die Aussendung der zehn feuermächtigen Boten zur Mission in der Tiefe[HGt.03_145,01] Als die beiden wieder auf der Höhe anlangten, da erzählten sie dem noch lebenden Lamech, dem Noha und seinem Bruder Mahal, was alles ihnen in der Tiefe begegnet war, und fragten sie aber auch zugleich, ob da niemand aus der Tiefe, vor etwa drei Jahren auf der Höhe anlangend, sich angesiedelt habe. [HGt.03_145,02] Und der alte Lamech erwiderte: „Meine geliebten Kinder, die Frage wird bald beantwortet sein; denn so weit hier auf den doch Tagereisen weit gedehnten Höhen unser Besitzkreis reicht, kam kein Mensch zum Vorscheine! Das diene euch zur die vollste Wahrheit verbürgenden Antwort auf eure Frage! [HGt.03_145,03] Aber eine desto größere Berücksichtigung verdient eure Vorerzählung; denn aus der geht klar hervor, daß in kurzer Zeit alles Volk der Tiefen entweder ins Götzentum übergehen wird, oder es wird sich gänzlich der Gottlosigkeit ergeben. [HGt.03_145,04] O Herr und Vater, schaffe hier uns, deinen schwachen Kindern, Rat, was hier zu tun sein wird, um die Völker wieder auf den rechten Weg zurückzuführen!“ [HGt.03_145,05] Und der Herr sprach sogleich, allen zugleich wohl vernehmbar: „Gehet hin in die Mittagsgegend! Alldort wohnen noch hundertsieben Familien zerstreut; sie sind Abkömmlinge der sieben, die Ich einst zu Lamechs Zeiten hinab nach Hanoch gesendet habe, Buße zu predigen der verlorenen Stadt. [HGt.03_145,06] Unter diesen Familien werdet ihr zehn junge, gar rüstige Männer finden, die noch keine Weiber genommen haben; denen lege du, Lamech, in Meinem Namen die Hände auf, und Ich will sie mit Feuergewalt wunderbar begaben! Und so sie dann in der Tiefe auf was immer für einem Orte Feuer aus der Erde rufen werden, da wird es kommen und verzehren, so viel es die Feuermächtigen werden haben wollen! [HGt.03_145,07] Diese sollen dann also ausgerüstet in die Tiefe ziehen und alldort sieben Jahre lang allorts herum Buße predigen. Wird man sie irgend fangen wollen, so sollen sie sich mit Feuer umgeben, und dieses wird allzeit ihre Feinde zu Boden strecken und alle ihre Waffen zerstören. [HGt.03_145,08] Hat sich das Volk in den sieben Jahren bekehrt, dann sollen sie als Priester in der Tiefe verbleiben; hat sich aber das Volk nicht bekehrt, da sollen sie Meine Tempel in Hanoch mit unverlöschbarem Feuer umgeben und sich dann wieder auf die Höhe begeben! – Solches geschehe! [HGt.03_145,09] Ich aber werde wegwenden Mein Gesicht in der Zeit von der Tiefe, auf daß Ich nicht sehe, was da geschehen wird! Amen!“ [HGt.03_145,10] Hier erhob sich die Gesellschaft, begab sich sogleich nach der Mittagsgegend und suchte die zehn bezeichneten Männer. [HGt.03_145,11] Als diese gefunden waren, tat mit ihnen der alte Lamech sogleich, wie es der Herr ihm befohlen hatte, und die zehn erprobten sogleich ihre Feuergewalt und begaben sich dann unter vielfachen Segnungen in die Tiefe. 146. Kapitel — Ein Wink zur Bewertung der Zeitangaben in der geistigen Erzählungsweise. Der Empfang der zehn Boten in Hanoch[HGt.03_146,01] Von der Zeit der Heimkehr der beiden Söhne Uraniels bis zur Zeit dieser Beschickung der zehn feuermächtigen Boten sind ungefähr zwei Jahre verflossen, ungeachtet es in der Erzählung also aussieht, als wäre die Sache in einem Tage vor sich gegangen. [HGt.03_146,02] Das ist gesagt zum leichteren Verständnisse des Ganzen, weil in der geistigen Erzählungsweise öfter Taten wie in einem Tage geschehend kundgegeben werden, während irdisch zeitlich nicht selten mehrere Jahre dazwischen verfließen. [HGt.03_146,03] So heißt es sogar öfter auch in der Heiligen Schrift: „Und am selben Tage“, während ein solches für einen Tag dargestelltes Faktum in der äußeren Wirklichkeit nicht selten Jahre in tätigsten Anspruch nahm. [HGt.03_146,04] Das also zum leichteren Verständnisse ähnlicher Erzählungsweisen! – [HGt.03_146,05] Wie aber wurden unsere zehn Boten in Hanoch empfangen, und wie fanden sie in dieser kurzen Zeit diese Stadt und dieses Volk? [HGt.03_146,06] Als sie an die Tore kamen, wurden sie sogleich angehalten und streng richterlich um die Ausweisung ihrer Herkunft befragt, und ob sie gewisserart keinen schriftlichen Reisepaß hätten. (Denn unter jener Zeit war in Hanoch schon auch eine gestrenge Polizei errichtet worden.) [HGt.03_146,07] Die Boten aber sagten: „Wir sind zu eurem Heile gesandt von oben, und Gott, der Herr Himmels und der Erde, ist unser Reisepaß! [HGt.03_146,08] Wir sind zu euch gesandt, euch zu predigen ernste, gestrenge Buße – oder, so ihr euch nicht daran kehren werdet, das unvermeidliche Gericht Gottes, das euch vom Grunde aus vernichten wird mit der Fülle der Flut des Zornes Gottes!“ [HGt.03_146,09] Als die Boten solche ,ungebührlichen‘ Worte vor dem löblichen Torpolizeigerichte ausgesprochen hatten, da war es völlig aus; sie wurden sogleich für Majestätsbeleidiger des Hochrates erklärt und als offenbare Volksaufwiegler und verschmitzte Faktionisten anderer, auswärtiger Fürsten ergriffen. [HGt.03_146,10] Aber hier kam ihnen die Feuermacht zugute; denn im Augenblick, als die Polizeitorwache sie ergriff, schlugen Flammen aus der Erde und trieben die Wache in die schändlichste Flucht stadteinwärts, und unsere Boten gingen sodann ungehindert in die Stadt. [HGt.03_146,11] Es war aber von diesem Tore noch eine kleine Tagereise bis zur goldenen Residenz der tausend Räte, welche aber nun schon aus ihrer Mitte einen Scheinkönig erwählt hatten, der aber keine andere Macht hatte, als das allzeit zu bestätigen, was die tausend Räte beschlossen hatten. [HGt.03_146,12] Da sonach aber unsere Boten die Stelle der goldenen Burg am selben Tage nicht erreichen konnten, so waren sie genötigt, in einem der vielen neu errichteten Gasthäuser zu übernachten und sich erst am nächsten Tage der goldenen Burg zu nahen. [HGt.03_146,13] Aber diese Übernachtung war schon der Anfang derjenigen günstigen Aufnahme, welche unsere Boten später in ganz Hanoch gefunden haben; denn fürs erste sind sie von der fliehenden Wache soviel als möglich schon in diesem Stadtbezirke berüchtigt worden mit der genauen Beschreibung ihrer Gestalt, und fürs zweite läßt es sich leicht denken, mit welcher Zuvorkommenheit sie in unserm Gasthause darum aufgenommen wurden. [HGt.03_146,14] Als sie eine Erfrischung verlangten, da flohen die Wirtsleute, und als sie ein Nachtlager suchten, fanden sie alle Türen versperrt; denn man fürchtete, sie möchten das ganze Haus in Brand stecken. Daher ließ man sie allein in der Stube ruhen, in die sie zuerst eingetreten waren. [HGt.03_146,15] Das war somit der erste Empfang in der Stadt; die Folge aber wird es zeigen, wie es fürder aussah. 147. Kapitel — Das Meisterwerk der Polizeiorganisation in Hanoch. Die Flucht der scharf bewaffneten Armee vor den zehn Feuerboten[HGt.03_147,01] Daß aber unsere flüchtige polizeiliche Torwache nirgends anderswohin floh als gerade zu den tausend Herren, das läßt sich gar leicht einsehen und mit Händen greifen. [HGt.03_147,02] In einem andern Falle hätte sie dazu freilich wohl nicht not gehabt; denn was die polizeiliche Kultur Hanochs anbelangt, so war sie im vollsten Sinne schon in ihrem ersten Entstehen ein vollkommenstes Meisterwerk, gegen das alle gegenwärtigen Spitzelanlagen ein barstes Pfuschwerk sind. [HGt.03_147,03] Denn fürs erste wurde einem jeden Hausbesitzer Hanochs zur unerläßlichen Pflicht gemacht, einen das ganze Haus invigilierenden Polizeimann auf eigene Kosten zu halten. [HGt.03_147,04] Dann mußte die gesamte Bürgerschaft einer jeden Gasse für sich noch ein, zwei bis drei Anstalten erhalten, in denen von einer ganzen Gasse polizeiliche Nachrichten gesammelt und von da erst dann dem Hofe rapportiert wurden. [HGt.03_147,05] Die Gassen wurden alle benamset, die Häuser in jeder Gasse mit Nummern versehen, und ein jeder Hausbesitzer bekam zwei Namen, einen des Hauses und einen für seine Person; alles andere Inwohnervolk hatte nur ad personam einen Namen, das heißt wohl für sich jede Person einen eigenen. [HGt.03_147,06] Dann hatte eine jede Gasse und ein jeder Platz eine vorgeschriebene Farbe und eine vorgeschriebene Tracht, und der Hausbesitzer hatte das Recht, ein Stückchen Goldblech auf seinem Oberkleide zu tragen, auf welchem die Nummer seines Hauses stehen mußte; ein jeder andere Mensch aber mußte die Nummer des von ihm bewohnten Hauses auf einem seinem Kleide angehefteten weißen Lappen tragen. [HGt.03_147,07] Diese polizeiliche Vorsicht war darum getroffen worden, damit da jeder Mensch, so er irgendwo immer gegen eine Vorschrift nur im geringsten verstieß, sogleich von der Gassenwache ergriffen und dann hingeführt werden konnte in das von ihm bewohnte Haus, allwo der Hausherr die Strafgebühr entrichten mußte, fürs erste an das Gassenamt, und fürs zweite auch an jenes Gassenamt, wo jemand etwas Polizeiwidriges verübt hatte. [HGt.03_147,08] Da aber alle die Gassenämter mit dem Drittel der Strafgebühr dotiert waren und zugleich das Recht hatten, in jeder Gasse die polizeiwidrigen Handlungen zu bestimmen, so wird es begreiflich sein, was alles da als polizeiwidrig mit der Kürze der Zeit ausgetüpfelt worden ist, und da gab es dann in einer Gasse nicht leichtlich einen Hausbesitzer, der nicht täglich ein Pönale zu entrichten gehabt hätte. [HGt.03_147,09] Er hatte dann freilich das Recht, sich von seinen betretenen Hausgenossen entschädigen zu lassen; wenn aber diese nichts hatten, da ward er auf die Wartebank gewiesen und bekam das zehnte Mal nichts. [HGt.03_147,10] Wenn besonders ein Gastwirt fremde Gäste beherbergte und das Gassenamt nicht sogleich davon in Kenntnis setzte, so war das schon ein Hauptvergehen, auf welches eine starke Strafe gesetzt war. [HGt.03_147,11] Aus diesem Grunde lief auch unser Gastwirt sogleich ins Gassenamt und zeigte dort alles an, was er an diesen unseren zehn Boten gemerkt hatte, und was er von der flüchtigen Torwache über sie vernommen hatte. [HGt.03_147,12] Von da aus verbreitete sich das Gerücht von den Feuermännern bald in der ganzen Stadt, die flüchtige Wache hat die Erscheinung der zehn Feuermänner bei Hofe gehörig vergrößernd angezeigt, und schon am nächsten Tage ward der Wehr- und Waffenstand zusammenberufen und nach dem Gasthause hinbeordert, allwo sich unsere zehn Boten aufhielten. [HGt.03_147,13] Mehrere Tausende von mit Spießen und Lanzen wohlbewaffneten Männern belagerten am Morgen des nächsten Tages das Gasthaus, und der Gastwirt sagte zu den Gästen: „Gehet hinaus und verteidiget euch nun gegen viele tausend Lanzen und Spieße!“ [HGt.03_147,14] Und die zehn wurden gestärkt, erhoben sich, riefen alsbald Feuer aus der Erde, – und im Augenblicke fingen allenthalben mächtige Flammen auf der Gasse aus dem Boden emporzuschlagen an und trieben die ganze Mannschaft in die gräßlichste Flucht; und unsere zehn standen da allein und lobten Gottes Allmacht. [HGt.03_147,15] Der Wirt aber fiel vor ihnen aus Furcht und Entsetzen nieder; denn er war der Meinung geworden, daß das im Ernste entweder Götter oder Feuergeister seien, welche die ganze Stadt vernichten würden. [HGt.03_147,16] Die Folge aber wird es zeigen, was da weiter geschah. 148. Kapitel — Die Verhandlung der zehn Boten mit ihrem Gastwirte. Der Zug zur Burg der Tausend. Das dritte Feuerwunder: der Brand der Bollwerke[HGt.03_148,01] Die zehn aber sprachen zum Gastwirte: „Stehe auf, und halte uns nicht für etwas, das wir nicht sind! Denn wir sind weder Götter, noch etwa Feuergeister, sondern wir aus der Höhe sind Menschen gleich euch und sind von Gott nur zu eurem Wohle mit der Gewalt des Feuers ausgerüstet worden, auf daß ihr uns als wahrhaftige Boten Gottes an euch erkennen und euch fortan kehren sollet nach unserm Worte. [HGt.03_148,02] Wo ihr das tun werdet, da werdet ihr vom nahe bevorstehenden Gerichte Gottes verschont werden; so ihr euch aber nicht nach unserem Worte kehren werdet, da möget ihr aus unserer Feuergewalt erkennen, daß euch allen der Zorn Gottes schon am Genicke sitzt, – denn das Feuer, das uns gehorcht, ist gleich dem Zorne Gottes! [HGt.03_148,03] Wir aber haben dich gestern abend gebeten um ein Nachtmahl; warum hast du uns denn keines aufsetzen lassen? Glaubtest du denn, daß wir dir dasselbe schuldig geblieben wären? [HGt.03_148,04] O siehe, wir haben Schätze aus den Himmeln Gottes mit uns, und mit diesen Schätzen hätten wir dich reichlichst belohnt! [HGt.03_148,05] Du aber hast deine Speisekammern vor uns versperrt; also versperren wir nun auch die Schätze der Himmel vor dir, und du magst fürder sehen, ob von den Schätzen, die wir in dieser Stadt reichlich auszuspenden von Gott Selbst bestimmt sind, etwas an dich gelangen wird!“ [HGt.03_148,06] Der Wirt aber sprach: „Ich kannte euch nicht, und unsere schmählichen Staatsgesetze fordern gegen Fremde die größte Vorsicht, für deren Vernachlässigung die bittersten Strafen gesetzt sind; also müsset ihr mir schon nachsehen, wenn ich durch solche entsetzlichen Gesetze gegen euch also zu handeln genötigt war! [HGt.03_148,07] Ich aber will ja nun alles wieder gutmachen und will euch beherbergen und will euch versehen mit allem, was zu eurem Unterhalte in dieser großen Stadt vonnöten ist; denn nun fürchte ich kein Gericht mehr, da ich eure Macht gesehen habe. Kehret daher wieder in mein Haus zurück, und nehmet da Kost und Wohnung; denn es sollen euch meine besten Zimmer und meine allerbeste Kost fortwährend zu Gebote stehen! Nur verlasset mich nicht nach eurer Drohung; darum bitte ich euch, liebe Männer, um eures allmächtigen Gottes willen!“ [HGt.03_148,08] Und die Boten sprachen: „Gott, der Herr, ist voll Erbarmung gegen jeden Sünder, der seine Sünde bekennt, sie verabscheut und gänzlich ablegt! [HGt.03_148,09] Also sind auch wir nicht unversöhnlich; wir vergeben dir dein Benehmen und wollen dir die Schätze der Himmel nicht vorenthalten. [HGt.03_148,10] Aber vorderhand können wir nicht bei dir Wohnung nehmen; denn wir müssen zu den Herren dieser Stadt, die durch schändliche Gesetze alles Volk von Gott abfallen machen! Diese müssen zuerst bekehrt werden! [HGt.03_148,11] Ist das geschehen, dann wollen wir zu dir zurückkehren und von deinem Antrage, dich segnend, Gebrauch machen!“ [HGt.03_148,12] Der Wirt aber sprach: „O liebe Männer! Diese Stadt ist gar entsetzlich groß; es gibt in ihr mehrere tausend Gassen und gar viele tausend Häuser! Wie werdet ihr wohl wieder diese Gasse und dieses mein Gasthaus finden?“ [HGt.03_148,13] Die Boten aber sprachen: „Sorge dich nicht darum; denn wie du selbst deine Gasse und dein Haus findest, also werden es auch wir finden! Denn Gott ist ja unser Führer, und Der weiß gar wohl um dein Haus und um die Gasse, in der es steht!“ [HGt.03_148,14] Mit diesen Worten ließen die zehn ihren Segen im Gasthause zurück und begaben sich dann stadteinwärts und gelangten in einem halben Tage schon zu der goldenen Burg, welche der Uraniel erbauen ließ. [HGt.03_148,15] Aber vom Hineinkommen war diesmal sogleich gar keine Rede; denn es war schon alles verrammt und verbarrikadiert und mit scharfen Bogenschützen bemannt. [HGt.03_148,16] Der Herr aber sprach zu den Boten: „Nahet euch nicht zu sehr dem Bollwerke, und bleibet hier stehen, bis Ich euch den Weg bahnen werde!“ [HGt.03_148,17] Hier hielten die Boten inne, und alsbald brachen aus den Bollwerken mächtige Flammen empor und verzehrten alles: Verrammung, Waffen und auch Menschen, die da nicht schnell genug die Flucht ergriffen. [HGt.03_148,18] Und so war dies das dritte Feuerwunder in der Stadt Hanoch. 149. Kapitel — Des Herrn Anweisung an die zehn Feuerboten vor ihrem Eintritt in die Burg. Die Ansprache der zehn Boten an die tausend Räte im Ratssaale[HGt.03_149,01] Als der Weg in die goldene Burg nun auf diese höchst wunderbare Weise gebahnt war, da sprach der Herr wieder zu den Boten: „Nun möget ihr vorwärtsziehen! [HGt.03_149,02] Zwinget aber niemanden zur Umkehr durch Gewalt, sondern verkündiget die gerechte Buße, und prediget in Meinem Namen! Verlanget die Öffnung der beiden Tempel, und warnet die Räte auf das lebendigste vor allem Bilder- und Götzendienste, und verkündiget schärfst Mein nahe bevorstehendes Gericht! Das ist alles, was ihr hier zu tun haben sollet. [HGt.03_149,03] Wird sich der Hof darnach kehren, da bleibet, wie Ich euch auf der Höhe gesagt habe, hier als Priester; wird sich aber der Hof nur zum Scheine nach euren Worten kehren, da verweiset ihm strenge seine Heuchelei, ziehet aber dann sogleich vom Hofe und begebet euch dann auf die Plätze und Gassen, und verkündet also öffentlich ernstliche Buße und Meinen Namen! [HGt.03_149,04] Fürchtet keine Waffen der Ohnmächtigen; denn Ich werde sie vertilgen, ehe sie noch jemand gegen euch wird voll tödlicher Gier ergreifen können! [HGt.03_149,05] Und also prediget drei ganze Jahre in der Stadt! Wird man euch da verhöhnen, da ziehet aus der Stadt, und prediget dann noch dem Landvolke vier Jahre lang! Wird sich irgendein Volk ganz zu Mir kehren, dann lasset es auf die Höhe ziehen, und Ich werde da für dasselbe Sorge tragen und es alsbald versehen mit allem, was sie auf der Welt zum Leben bedürfen. [HGt.03_149,06] Wo sich aber ein Volk nicht bekehren wird, da verlasset es alsbald wieder, und ziehet in einen andern Ort! [HGt.03_149,07] Auf dem Lande aber verbleibet nur vier Jahre; und so Ich euch rufen werde, dann kehret, ohne euch umzusehen, sogleich wieder auf die Höhe zurück! [HGt.03_149,08] Nun wisset ihr, was ihr zu tun habet, und so ziehet denn in Meinem Namen in die Burg! Amen.“ [HGt.03_149,09] Hier fingen unsere Boten wieder an, ihren Weg fortzusetzen, und begaben sich sogleich in die goldene Burg und trafen in derselben in einem ungeheuer großen Saale gerade die tausend Räte mit dem Scheinkönige in der Mitte in einem gar wichtigen Rate versammelt. [HGt.03_149,10] Sie berieten gerade unter sich, wie sie dieser zehn Feuerungeheuer könnten ledig werden. [HGt.03_149,11] Als sie aber gerade zu dem Behufe eine gar scheußlich heuchlerische Maßregel verarbeiteten, derzufolge sie beschlossen, scheinhalber die Worte der zehn mit großer Andacht anzuhören und sich dem Äußeren nach daran zu kehren, dem Innern nach aber dennoch kein Mittel unversucht zu lassen, um die Feuerboten aus der Stadt zu bringen, – da traten plötzlich zum Entsetzen aller der tausend Räte samt ihrem Scheinkönige die zehn in den Ratssaal und sprachen: [HGt.03_149,12] „Der Friede mit euch! Nach eurem Plane werdet ihr uns nimmer aus der Stadt bringen; wenn aber unsere Zeit aus sein wird, da werden wir zu eurem Untergange schon ohnehin diese Stadt verlassen, – aber nach eurer Niederträchtigkeit nicht, sondern nach dem Willen Dessen, der uns zu euch gesandt hat! [HGt.03_149,13] Verstehet solches zum voraus, und machet euch gefaßt auf die Nachricht, die wir euch von Gott, dem allmächtigen Herrn, zu überbringen bemüßigt sind! – Öffnet daher nun eure Ohren, und vernehmet uns! Amen.“ 150. Kapitel — Die Rede des einen der tausend Räte an die zehn Boten. Die Ansprache des einen der zehn Boten an die tausend Räte[HGt.03_150,01] Einer von den tausend Räten aber erhob sich und ging den zehn entgegen, verneigte sich nach der Hofsitte vor ihnen und sprach: [HGt.03_150,02] „Mächtige Abgesandte wahrscheinlich eines uns unbekannten Fürsten und Herrn über alle feuerspeienden Berge, deren es eine große Menge gibt um uns herum! Tretet näher, ja begebet euch in unsere Mitte und entlediget euch eures Auftrages an uns; denn sehet, der Saal ist groß, und wir sind unser viele! Daher müsset ihr euch schon so ziemlich in der Mitte des Saales aufstellen, auf daß wir alle euren sicher achtenswerten Vortrag wohl vernehmen können; denn wir sind große Freunde von guten Vorträgen und wollen auch alles befolgen, was wir als gut erkennen. [HGt.03_150,03] Sollte es aber darunter läppisches Zeug geben, so werdet ihr als sicher männliche Wesen höherer Art noch besser einsehen als wir, daß wir solches nicht annehmen können, das heißt nach unserm freien Willen. [HGt.03_150,04] Ihr könnet mit eurer entsetzlichen Macht als Wesen höherer Art uns wohl dazu zwingen; aber dann habt ihr dadurch wenig oder nichts erreicht und wir ebensowenig gewonnen von eurer außerordentlichen Gesandtschaft! [HGt.03_150,05] Und so wollet denn die Güte haben und dort in der Mitte an uns euren Vortrag richten; denn wir alle, samt dem Könige, haben unsere Ohren geneigt gemacht für eure Worte und erwarten von so außerordentlichen Wesen, wie ihr es seid, auch mit vollstem Rechte Außerordentliches!“ [HGt.03_150,06] Hier begaben sich die zehn nach dem Wunsche des Rates in die Mitte des Saales, und einer von ihnen fing im Namen aller zehn folgende Worte an die gesamte hohe Ratsversammlung zu richten an, sagend nämlich: [HGt.03_150,07] „Freunde und Brüder, wenn ihr zurückdenket an eure Väter, so müsset ihr es euch gestehen, daß diese alle samt und sämtlich Nachkommen Adams und so ganz eigentlich Kinder Gottes waren zu den Zeiten noch, da Lamech, ein Zeitgenosse des noch lebenden Lamech auf der Höhe, als ein gotteslästernder König hier in dieser Stadt grausam das Volk der Tiefe regierte! [HGt.03_150,08] Es kann sicher mehreren von euch nicht ganz fremd und völlig unbekannt sein, was in derselben Zeit der Herr Himmels und der Erde alles getan hat, um fürs erste gar manche Torheiten auf der Höhe zu vernichten und dann die Tiefe zu reinigen von allem Unrate der euch sicher nicht ganz unbekannten alten, gar bösen Schlange. [HGt.03_150,09] Ferner werdet ihr wissen, wie eure Väter die reinen, von Gott so hoch gesegneten Berge verließen und herab in die schon stets wieder unreiner werdenden Tiefen gezogen sind, während es ihnen doch der Hohepriester Lamech auf der Höhe, der noch lebt, sicher hinreichend gezeigt hatte, wie undankbar, Gottes, ihres heiligen Vaters, unwürdig, und wie unheilbringend solch ein Unternehmen ist. [HGt.03_150,10] Allein eure Väter kehrten dem Lamech den Rücken; lüstern nach den feinen Weibern der Tiefe, liefen sie scharenweise herab, manche sogar Weib und Kinder auf der Höhe zurücklassend. [HGt.03_150,11] Dies ist eine unleugbare Tatsache; ihr könnet sie bei tausend noch lebenden Zeugen einholen, so ihr uns nicht glauben möchtet! [HGt.03_150,12] Ihr seid nun aber Kinder der Kinder Gottes auf der Höhe, habt euch zu mächtigen Herrschern der Tiefe von selbst aufgeworfen, ohne von Gott nur im geringsten dazu berufen zu sein. [HGt.03_150,13] Ihr habt den rechtmäßigen König Uraniel erstlich verführt, dann erdrückt und getötet; seine Söhne habt ihr einmal gestäupt, das andere Mal verhöhnt, als sie euch an Gott ermahnt haben. [HGt.03_150,14] Anstatt der anbefohlenen Öffnung der beiden Tempel des Herrn habt ihr nur eine elende Stadtpolizei kreiert und habt schon vielseitig den Götzendienst eingeführt und den Glauben an den einen wahren Gott förmlich verboten und habt das Volk mit den fluchwürdigsten Steuern belastet. [HGt.03_150,15] Saget, urteilet nun selbst, was ihr euch dadurch von dem ewig wahren Gott und Herrn aus für einen Lohn verdient habt! [HGt.03_150,16] Redet nun, wir wollen euch mit aller Geduld anhören; und so ihr ausgeredet werdet haben, dann wollen wir wieder weiter mit euch reden! – Urteilet und redet daher! Amen.“ 151. Kapitel — Die heimliche Besprechung der Tausend. Die Einrede der zehn Boten als echte Gedankenleser. Das Ultimatum der zehn Boten und ihr Abzug aus der Burg. Die Verlegenheit der tausend Räte[HGt.03_151,01] Und die Räte, als sie solches von den zehn vernommen hatten, rümpften unter sich ganz entsetzlich die Nasen und besprachen sich also heimlich untereinander: [HGt.03_151,02] „Was wollen wir da und überall anderes tun, als auf gerade und ungerade in die Ysopstaude beißen, und sollte sie noch so sauer, bitter und zusammenziehend sein, als sie ist; denn mit Gewalt dagegen sich auflehnen, hieße nichts anderes, als geradezu Öl ins Feuer gießen. [HGt.03_151,03] Also ist es auch mit der Politik! Wir können mit ihr wohl gegen die Blindheit der Menschen agieren; aber was können wir gegen diese damit ausrichten, die uns schon auf den ersten Augenblick klein durchschaut haben?! [HGt.03_151,04] Was wir aber dagegen dennoch tun können, das bestehe darin, daß wir diesen Boten vorher noch ganz sonderlich kritische Gegengründe zu verkosten geben wollen, bis wir ihre Petitionen völlig annehmen werden! [HGt.03_151,05] Wir sind nicht auf den Kopf gefallen und haben unsern Verstand nicht verkeilt; dieser soll diesen zehn bis zur Eröffnung der beiden Tempel noch genug zu schaffen geben! Und bei dem hat es vorderhand zu verbleiben!“ [HGt.03_151,06] Nach diesem Geheimbeschlusse wandte sich dann einer von den zehn zu den Räten und sprach: [HGt.03_151,07] „Meinet ihr weise und überklug sein wollenden Räte, uns sei euer Geheimbeschluß entgangen? – Oh, da irret ihr euch ganz übergroß! [HGt.03_151,08] Der Herr des Himmels und der Erde hat das Gehör unseres Geistes so sehr geschärft, daß wir eure geheimsten Gedanken gleich überlaut ausgesprochenen Worten vernehmen! [HGt.03_151,09] Was wollet ihr demnach machen mit eurer verschmitzten Überklugheit? [HGt.03_151,10] Glaubt ihr, wir würden kaum imstande sein, eurer elenden Verstandeskritik zu begegnen? [HGt.03_151,11] O ihr Toren, was ist euer Verstand nun? – Nichts als ein mattester Nachschimmer jener hellen Weisheit, die einst eure Urväter in so hehrem Glanze besaßen, der da gleichkam einer aufgehenden Sonne! [HGt.03_151,12] Dieselbe Weisheit aus Gott aber besitzen wir noch im ungetrübten Maße, – und ihr wollet es mit ihr mit eurem Nachschimmer aufnehmen?! [HGt.03_151,13] O was für Tollheit gehört dazu, um das nicht einzusehen, daß die Finsternis sich nur so lange halten kann, als das Licht nicht kommt; ist aber das Licht gekommen aus den Himmeln, was wollet ihr da noch mit eurer Finsternis? [HGt.03_151,14] Wahrlich, wie die Nacht flieht vor der aufgehenden Sonne und allenthalben völlig zunichte wird vor dem hellsten Glanze der Sonne, also muß auch all euer Verstand dort und da plötzlich weichen und völlig zunichte werden, wo das Licht Gottes aus uns wird zu strahlen anfangen! [HGt.03_151,15] Es wird aber hier überhaupt nicht darauf ankommen, daß wir uns mit euch in lange Lehren und Unterredungen einlassen werden, sondern wir haben von euch bloß nur zu verlangen, und ihr habt dagegen uns Gewährung zu leisten! [HGt.03_151,16] Unseren Willen, der uns von Gott ist gegeben worden, haben wir euch kundgetan, und mehr braucht es nicht! [HGt.03_151,17] Wollet ihr darnach handeln, so wird es wohl und gut für euch und fürs ganze Volk sein; wollet ihr aber das nicht, so nehmet die volle Versicherung von uns, daß wir euch zu nichts zwingen werden, weder durch unsere Feuermacht, und noch weniger durch unsere Weisheitssprache! [HGt.03_151,18] Erwartet daher ja nicht, daß wir uns nun länger unter euch aufhalten werden und euch herzrührende Ermahnungen geben werden; das gebührt sich nur für Arme und Schwache. [HGt.03_151,19] Für euch aber ist nichts, als entweder blinder Gehorsam, wie ihr ihn vom Volke verlangt, oder das Gericht; denn der Herr tut mit euch, wie ihr es tut mit dem Volke! [HGt.03_151,20] Das waren unsere letzten Worte an euch; tuet sie, oder tuet sie nicht! Amen!“ [HGt.03_151,21] Hier verließen die zehn alsbald wieder den Saal und die Burg und begaben sich von da wieder zurück zu dem Gastwirte, der ihnen ehedem Kost und Wohnung angetragen hatte. [HGt.03_151,22] Die Räte aber kratzten sich gar gewaltig hinter den Ohren; denn sie wurden nun von allen Seiten her vernagelt und wußten nicht, wo aus und wo ein. Denn tun sie nach den Worten der zehn, so entblößen sie sich vor dem Volke; und tun sie nach eigenem Rate, so haben sie die Drohung der zehn wider sich. [HGt.03_151,23] Also war hier für die Räte ein guter Rat sehr teuer. 152. Kapitel — Die Beratung der Tausend. Die kluge Rede des einen und sein Vorschlag zur Auswanderung. Die Uneinigkeit der Tausend[HGt.03_152,01] „Was wollen wir nun tun?“ war die allgemeine gegenseitige Frage der Räte, wie ihres Scheinkönigs. [HGt.03_152,02] Einer aber aus der Mitte der Räte erhob sich und sprach laut: „Brüder, höret mich an; mir ist nun ein ganz entsetzlich gescheiter Gedanke durch den Kopf gefahren! [HGt.03_152,03] Ihr alle habt euch ehedem noch in Gegenwart der Schreckensmänner also ausgesprochen, daß diese durch unsern Verstand noch so manche Nuß sollen vorher aufzuknacken bekommen, bevor wir das ins Werk setzen werden, was sie von uns verlangen. [HGt.03_152,04] Also auf den Sieg unseres Verstandes haben wir die Sache angelegt! Ja, unser Verstand soll auch siegen über ihre Weisheit! – Aber wie? [HGt.03_152,05] Ich sage euch: Auf die leichteste Art von der Welt! [HGt.03_152,06] Ihr alle, wie ich, sehet nun sicher ein, daß es mit unserer Herrschaft in dieser Welt völlig zu Ende ist! [HGt.03_152,07] Was wollen wir hier noch weiter: entweder die offenbare Verfolgung abwarten, die uns von Seite des Volkes bevorsteht, wenn es einmal von diesen zehn Boten, gegen die wir nichts vermögen, durchgehetzt und gegen uns aufgewiegelt sein wird, oder abwarten den Erfolg der Drohung, die uns allerlöblichst von den zehn verheißen ward? – [HGt.03_152,08] Ich meine, da dürfte doch eines so dumm als das andere sein! [HGt.03_152,09] Gehet und öffnet dem Volke die zwei alten Tempel, und saget ihm, daß es mit der Verehrung der von uns eingeführten Bildsäulen aufzuhören habe! Was wird das Volk dann tun? – Es wird uns um die Ursache fragen, warum nun solches geschehe! [HGt.03_152,10] Frage, – sehr bedeutungsvolle Frage: Was sagen wir dann? [HGt.03_152,11] Lügen dürfen wir nicht; denn davor warnt uns die Drohung der zehn, die Erhaltung unseres Lebens. [HGt.03_152,12] Stumm können wir die Tempel nicht öffnen; denn die Tempel haben ihre gewissen geheimen Wächter, die uns vor dem Volke zuerst fragen würden, warum wir das täten. Und da müssen wir – wollen oder wollen wir nicht – mit der Wahrheit heraus und müssen beim Verluste unseres Lebens sagen: [HGt.03_152,13] ,Wir haben euch, ihr alten Bewohner dieser Stadt, mit List und Gewalt aus Rücksicht auf unsere Hab- und Herrschsucht betrogen, haben euch den einigen, ewigen, wahren Gott und Herrn hinausgelogen und hinausgeprügelt und sogar mit der grausamen Todesstrafe hinausgetrieben! [HGt.03_152,14] Nun aber hat Sich dieser euer alter, wahrer Gott eurer Not, an der wir allein schuld sind, erbarmt, hat zu uns, euren falschen Herren, gar mächtige Strafboten gesandt und ließ durch diese mit Feuergewalt uns strafen und dazu antreiben, daß wir vor euch wieder die alten Tempel des wahren Gottes eröffnen müssen und nun allen unsern Betrug an euch wieder gutmachen müssen!‘ [HGt.03_152,15] Sehet, das ist die nackte Wahrheit; wer von uns aber wird dem Volke diesen löblichen Vortrag halten? [HGt.03_152,16] Machen wir ihn nicht, so werden wir alsbald die schönen Flammen um uns aus der Erde hervorschlagen sehen; denn dessen hat mich einer von den zehn ganz insgeheim gewisserart tröstlich versichert. [HGt.03_152,17] Machen wir aber diesen herrlichen Vortrag, dann möchte ich wahrlich nicht Augenzeuge sein von dem überaus furchtbaren Steinregen, der sich aus den sehr elastischen Händen des Volkes über unsere Großherrlichkeit ergießen wird! [HGt.03_152,18] Tun wir aber gar nichts und bleiben hier in der Burg, uns fort beratend, sitzen, dann wird uns das Volk schon finden, und es wird uns mit einer solchen Ehrenbezeigung entgegenkommen, über die uns allen sogleich das Hören und Sehen vergehen wird! [HGt.03_152,19] Mein Rat gegen alle diese sicheren Kalamitäten wäre demnach der: Da für uns hier offenbar kein Weizen mehr blüht, da lassen wir früh genug alles schön sauber im Stiche! [HGt.03_152,20] Die Erde ist groß! Wir ziehen mit unseren Weibern und Kindern und mit unseren Schätzen, soviel wir deren nötig haben, hinaus – dadurch haben wir mit unserem Verstande offenbar gegen diese zehn Weisen gesiegt –, suchen uns auf der Erde irgendwo ein Plätzchen auf und leben dann dort ferner ganz unbeirrt von ähnlichen Boten und lassen dabei den alten Gott einen guten Mann sein! [HGt.03_152,21] Was sagt ihr zu diesem meinem Rate?“ [HGt.03_152,22] Mehrere waren damit einverstanden; andere aber waren der Meinung, es würde das Hinauskommen sicher auch einigen Anstand haben. Übrigens seien sie der Meinung, wenn sie recht täten, so dürften sie die zehn eher schützen vor der Wut des Volkes, als sie derselben preisgeben. [HGt.03_152,23] Und so blieben drei Tage lang die Meinungen geteilt; die Folge aber wird es zeigen, wie am Ende die Sache ist entschieden worden. 153. Kapitel — Die Auswanderung der sechshundertfünfzig Räte nach Oberägypten[HGt.03_153,01] Der erste Redner aus den Räten, dem es bloß ums Fersengeld zu tun war, aber besann sich nicht lange über die Einwendung der Rechttunwollenden, sondern war alsbald mit folgender Einrede fertig, welche also lautete: [HGt.03_153,02] „Wißt ihr was? – Weil ihr euer Vorhaben für rätlicher findet als das meinige, so machen wir es also: Diejenigen von euch, die da sicher besserermaßen mit mir völlig einverstanden sind, die befolgen meinen Rat, nehmen wie ich ihre Weiber und ihre Kinder und ihre Schätze, packen alles auf unsere zahmen Kamele und ziehen als Verstandessieger mit mir ab! [HGt.03_153,03] Die aber, hier verbleibend, recht tun wollen und eine große Lust haben, vom Volke mit Steinen begrüßt oder bei den allerbesten Umständen doch wenigstens aus der Stadt gestäupt zu werden, die mögen ja nach ihrem Wollen alle diese Tormente hier abwarten und sollen sich dann von der traurigen Folge die Lehre nehmen: [HGt.03_153,04] ,Es wäre denn doch besser gewesen, mit heiler Haut abzuziehen, mit der Siegesehre des Verstandes, als mit einem gesteinigten oder wenigstens gestäupten Rücken und unter vielfacher Schande, Verspottung, Verhöhnung und Verwünschung!‘ [HGt.03_153,05] Ich aber bin der erste, der da geht! Wer mir folgen will, der folge; wer aber nicht, der tue, was ihm heilbringender und besser dünkt!“ [HGt.03_153,06] Hier erhoben sich sechshundertfünfzig und sagten: „Wir folgen deinem Rate; sollte es uns aber bei dem Tore schlecht gehen, durch das wir hinausziehen werden, da siehe du zu, daß dir der so sicher gemeinte Sieg deines Verstandes nicht zu kurz wird!“ [HGt.03_153,07] Hier empfahlen sich die zur Flucht Geneigten und gingen in ihre Wohnung, nahmen ihre Weiber, Kinder und Schätze, belasteten die Kamele und begaben sich noch am selben Tage auf den Weg. [HGt.03_153,08] Und viel Volkes war versammelt auf den Gassen und erstaunte nicht wenig über diesen Zug ihrer sonst so gestrengen Herren. Niemand wußte, was das zu bedeuten haben solle, und jedermann war voll der bangsten Erwartung, was daraus werden würde. [HGt.03_153,09] Manche aber sagten: „Das ist sonderbar! Die Herren mit Weib und Kind und allerlei Gepäck, und keine Wehrmannschaft dabei, ziehen hinaus! Was soll das heißen, was für Bedeutung haben? [HGt.03_153,10] Denn es sieht nicht einmal einer Lustwandlung gleich, noch weniger einer Länderbereisung; denn bei solchen Gelegenheiten zogen sonst ja doch allzeit ganze Legionen Waffenmänner mit!“ [HGt.03_153,11] Kurz, das Volk zerfragte sich kreuz und quer! Es lief in die Gassenämter und fragte; allein auch diese wußten dem Volke keinen Bescheid zu erteilen. [HGt.03_153,12] Und unsere Räte als Verstandessieger zogen von dannen, ohne im geringsten irgend aufgehalten zu werden; denn niemand getraute sich, sie zu fragen, wohin sie zögen. [HGt.03_153,13] Sie nahmen aber eine solche Richtung, daß sie nach dem heutigen Ägypten kamen und sich im oberen Teile, in der Gegend von Elephantine, dieses Landes niederließen, sich dort sogleich eine kleine Stadt erbauten und dort wohnten. [HGt.03_153,14] Und das waren die ersten Bewohner dieses Landes. [HGt.03_153,15] Die Schrecknisse dieses Landes nötigten sie, sich wieder zu Gott zu kehren; und so ward dieses Land bald ein reiches und mächtiges. [HGt.03_153,16] Was aber taten nun die gebliebenen Räte? – Davon in der Folge! 154. Kapitel — Die Beratung der zurückgebliebenen Räte. Die Auswanderung von weiteren zweihundertfünfzig Räten[HGt.03_154,01] Einer von den zurückgebliebenen und recht tun wollenden Räten aber erhob sich am dritten Tage und sprach zu den übrigen: [HGt.03_154,02] „Höret mich an, ihr samt mir recht tun wollenden Räte! Nach der Nachricht, die uns von den Torwachen überbracht wurde, haben wir ersehen, daß unsere sechshundertfünfzig Brüder ohne den allergeringsten Anstand hinausgewandert sind; nichts hat sie in ihren Schritten und Tritten beirrt. [HGt.03_154,03] Wir wissen nun, daß ihnen ihr Verstandessieg gelungen ist; ob uns aber unser Rechttun also gelingen wird, das steht noch nirgends geschrieben! Ob etwa am Ende nicht nach des abgegangenen Mitratsbruders Worten uns begegnet wird?! Das steht auch nirgends geschrieben! [HGt.03_154,04] Ich meine daher, auch wir sollten lieber das Sichere ergreifen und dem wackeren Beispiele unserer Brüder folgen, als hier den allzeit höchst bedenklichen Ausgang unseres mißlichen Rechttunwollens abwarten! Es ist ohne Zweifel besser, als Herr hinauszuziehen, als am Ende hinausgetrieben zu werden als ein verächtlicher Volksbetrüger!“ [HGt.03_154,05] Ein anderer aber erhob sich gegen den ersten Redner und sprach: „Freund, du redest ohne Erwägung des günstigen Umstandes für uns, der darin besteht, daß wir nun eben dadurch vor allem Volke als sehr begünstigt dastehen müssen, indem wir nun alle Schändlichkeit und tyrannische Willkür in der Staatsverwaltung auf unsere entwichenen Brüder legen können und können uns das noch obendrauf zugunsten kommen lassen und können ohne die geringste Widerrede sagen: wir hätten selbst die Wüteriche hinausgetrieben durch unserer Rede Macht, um nun wieder die alte, göttliche Ordnung einzuführen, wie sie einst unter Lamech bestanden hatte! [HGt.03_154,06] Und die verhängnisvolle Wahrheit, die wir vor dem Volke von uns aussagen sollten, können wir nun auch ohne Anstand und ohne üble Folgen auf unsere abgegangenen Brüder wälzen, und wir stehen dann vor dem Volke ja nur als außerordentliche Wohltäter da, aber nicht als solche verfluchte Tyrannen, die das Volk in jeder Hinsicht so schändlichst bedrückt hatten! [HGt.03_154,07] Bei solcher effektiven Äußerung wird das Volk über uns ja nur jubeln müssen und wird sicher nicht zu den Steinen oder Ruten greifen! Das Mittel ist nun das unschuldigste und unschädlichste von der Welt, und der Zweck ist dem Willen des alten Gottes vollkommen gemäß; was wollen wir mehr? – Daher also gehandelt, und alles muß gut gehen!“ [HGt.03_154,08] Und der erste Redner erwiderte diesem: „Für diesen günstig scheinenden Umstand wünsche ich dir sehr viel Glück und ein ganz außerordentlich schönstes Wetter dazu; daß aber ich mich bei solch deinem günstig scheinenden Vortrage an das Volk etwas ferne halten werde, das kannst du heute noch auf einer ehernen Tafel geschrieben von mir haben! [HGt.03_154,09] Hast du denn nicht gehört, was unser abgegangener Vorredner gesagt hatte, was vor den zehn Boten ein jeder Lügner zu erwarten hat?! Wenn du aber das Volk zu unserer Vergunstung also anlügen willst, – frage – hast du da schon mit den zehn geredet und von ihnen die Versicherung erhalten, daß sie bei solcher Gelegenheit aus dir nicht sogleich eine brennende Fackel machen werden? [HGt.03_154,10] Waren nicht stets wir nur der böswilligste und herrschsüchtigste Teil?! Haben nicht hauptsächlich wir den Götzendienst eingeführt, die Polizei kreiert und all die übermäßigen Steuern bestimmt?! Und nun sollen wir das alles auf die Abgegangenen wälzen, die allzeit besser waren als wir?! [HGt.03_154,11] Da gratuliere ich dir! Tue, was du willst; ich aber werde gehen, – und wer noch?“ [HGt.03_154,12] Hier erhoben sich abermals zweihundertfünfzig und zogen mit Weibern, Kindern und einer Menge Diener von dannen. [HGt.03_154,13] Diesen begegneten die zehn in einer Gasse und fragten sie: „Wohin des Weges?“ [HGt.03_154,14] Diese aber sagten: „Mit eurer Erlaubnis hinaus, wo die Welt ein Ende hat! – Lügen dürfen wir nicht, und so ist es besser hui – als pfui für uns!“ [HGt.03_154,15] Und die zehn ließen sie ungehindert fortziehen und sahen sich nicht mehr nach ihnen um. 155. Kapitel — Des Herrn Worte an die zehn Boten und deren Ultimatum an die einhundert zurückgebliebenen Räte. Die Räte in der Enge[HGt.03_155,01] Der Herr aber sprach zu den zehn Boten: „Gehet nun hin zu den noch übrigen hundert Räten, vernehmet sie und stellet ihnen dann Meine Sache vor! [HGt.03_155,02] Stellet ihnen einen Termin von sieben Tagen und saget zu ihnen: ,Wo ihr nicht binnen dieser Zeit des Herrn Willen erfüllen werdet, so möget ihr dem Beispiele eurer Vorgänger folgen; werdet ihr aber des Herrn Willen erfüllen, so soll euch unsere Faust decken!‘“ [HGt.03_155,03] Also sprach der Herr zu den zehn, und diese begaben sich eilends hin zu den noch übrigen hundert Räten. [HGt.03_155,04] Als diese die zehn Schreckensmänner erschauten, erschraken sie so sehr, daß sie bebten, als stünden sie schon am Rande des ewigen Abgrundes. [HGt.03_155,05] Die zehn aber sprachen: „Der Friede von oben sei mit euch! Fürchtet euch nicht zu sehr vor uns; denen wir sind ja keine Unglücksboten an euch, sondern wir sind von Gott erwählte Überbringer Seines Willens an euch alle nur. [HGt.03_155,06] Euer zeitliches und ewiges Wohl führt unsere ewig wahre Gesandtschaft im Schilde; daher ermahnen wir euch, zu tun, was ihr jüngsthin von uns vernommen habet, und setzen euch zu diesem Behufe einen Termin, laut dem ihr sieben Tage noch Bedenkzeit habet, zu tun oder nicht zu tun des Herrn Wort an euch! [HGt.03_155,07] Werdet ihr es nicht tun, da könnet ihr alsbald folgen euren Vorgängern, oder euch sollen eure Fäuste und die Fäuste eurer Genossen decken; werdet ihr aber das Wort des Herrn erfüllen, da sollet ihr von unseren Fäusten gedeckt werden! [HGt.03_155,08] Also lautet des Herrn Wille, also des Herrn Wort! [HGt.03_155,09] Erfüllet es frei, so sollet ihr auch frei werden; erfüllet ihr es als Knechte, so sollet ihr auch als Knechte verbleiben; erfüllet ihr es gezwungen, so sollet ihr fortan unter dem Zwange stehen wie das Getier der Wälder, und die Freiheit soll nimmer euer Los sein! Fliehet ihr aber, so sollet ihr Flüchtlinge verbleiben bis ans Ende aller Zeiten! [HGt.03_155,10] Wehe aber einem jeden Lügner aus euch; denn wer da lügt, den wird der Herr züchtigen mit flammenden Ruten! Amen.“ [HGt.03_155,11] Hier verließen die zehn wieder die Räte; als sie aber hinweg waren, stand alsbald einer von den noch hundert Räten auf und sprach: [HGt.03_155,12] „Freunde, Brüder! Nun stehen und sitzen wir von allen Seiten fest vernagelt hier und da! [HGt.03_155,13] Sieben Tage Termin! Tun wir, was wir nur immer wollen, so sind entweder Fäuste, oder ewige Flucht, oder ewige Knechtschaft, steter Zwang, oder gar flammende Ruten über uns! [HGt.03_155,14] Wir haben demnach hier nichts zu tun, als aus allen den angebotenen Übeln das kleinste zu wählen, und das ist nach meiner Meinung offenbar die Flucht! Lasset aber doch auch ihr eure Meinung vernehmen, auf daß wir im besten Teile einig werden!“ [HGt.03_155,15] Hier fingen die Räte an, untereinander sich zu beraten drei Tage lang; die Folge aber wird es zeigen, zu welchem Entschlusse sie am Ende gekommen sind. 156. Kapitel — Die gute Rede und der Opfermut des einen unter den hundert Räten. Die Öffnung der Tempel[HGt.03_156,01] Und ein anderer von den Räten erhob sich und sprach: „Brüder, ich glaube die Worte der zehn richtiger verstanden zu haben als jemand anderer und meine daher nicht unrecht zu haben, so ich mich geradezu gegen die Flucht erkläre! [HGt.03_156,02] Denn mit Fäusten decken heißt doch offenbar nicht jemanden schlagen, sondern nur jemanden schützen; wenn uns aber die zehn schützen, so wir das Rechte tun, warum sollte da die Flucht als das rätlichste und einzig beste Mittel angesehen werden?! [HGt.03_156,03] Tun wir frei das Rechte, und wir können versichert sein, daß uns allen darob kein Haar gekrümmt wird; denn der alte Gott, der ewig getreu und voll Liebe und Nachsicht ist gegen diejenigen, welche reuig und vollkommen wieder in Seine heilige Ordnung zurücktreten, wird auch über uns nicht glühende Steine regnen lassen, wenn wir in Seine heilige Ordnung, die Er von Ewigkeit festgestellt hat, wieder reuigen und getreuen Herzens zurückkehren! [HGt.03_156,04] Gebet mir die goldenen Schlüssel heraus, und ich scheue mich nicht, mit hundert Herolden auszuziehen, die Öffnung des Tempels allerorts in der Stadt laut zu verkünden und dann im Angesichte einer zahllosen Volksmenge den Tempel in der Ebene, wie den auf der Höhe zu öffnen! [HGt.03_156,05] Wer von euch mit mir ziehen will, der ziehe; wer sich aber das zu tun nicht getraut, der bleibe im Namen des Herrn daheim! Aber an die schmähliche Flucht sollte niemand von uns mehr denken; denn diese haben die zehn Boten ja offenbar als eine barste Strafe erklärt! [HGt.03_156,06] Ich aber will mich wieder ganz vollernstlich zu Gott zurückwenden; daher werde ich nimmer fliehen! Lieber will ich von den Zornflammen Gottes auf dieser Stelle hier verzehrt werden, als nur einen Schritt weit fliehen vor Gott, dem Allmächtigen, der mich überall ergreifen und richten kann! [HGt.03_156,07] Dir, o Gott und Herr, aber gelobe und schwöre ich hier meine volle Umkehr und dann die lebenslange Treue! Dir allein will ich von nun an dienen und Dich lieben aus allen meinen Kräften die Zeit meines ganzen Lebens! Amen.“ [HGt.03_156,08] Diese energische Rede machte alle anderen Räte stutzen, und es getraute sich keiner mehr, gegen ihn aufzutreten. [HGt.03_156,09] Er aber verlangte die Schlüssel von den Räten, und die Räte sprachen: „Willst du uns denn alle ins Verderben stürzen?“ [HGt.03_156,10] Der Redner aber erwiderte: „Nein, das will und werde ich nicht! – Gebt mir aber die Schlüssel, und ich will für euch alle die Schuld allein auf mich nehmen! Ja hier will ich einen Lügner machen und will als der am wenigsten Schuldige unter euch mich als den allein Schuldigen vor allem Volke anklagen, auf daß alle Strafe über mich komme und ihr frei und als gerechtfertigt erscheinet! Aber gebet mir die Schlüssel, damit ich euch errette!“ [HGt.03_156,11] Hier gaben die Räte dem Redner die Schlüssel, und dieser nahm sie mit großer Rührung seines Herzens, und nahm noch hundert gute Redner aus den vielen Hofdienern und ging dann und verkündete durch alle Gassen die Öffnung der alten Tempel. 157. Kapitel — Die erfolgreiche Tätigkeit des wackeren Ratsherrn als Bußprediger unter dem Volke[HGt.03_157,01] Wacker verkündigte unser Rat mit seinen hundert Gehilfen drei Tage lang in der ganzen Stadt die Öffnung der beiden Tempel und sandte zu dem Behufe noch andere in der Stadt neu angeworbene Redner in die weiten Vorstädte und ließ dort ebenfalls verkünden, was da in Hanoch zu geschehen habe. [HGt.03_157,02] Alle Gassenamtleute und alle Torwächter machte er sogleich zu lauter Aposteln und sandte mehrere wohlunterrichtet hinaus in die fernen Provinzen sogar und ließ ihnen, das heißt den Bewohnern dieser Provinzen, und ganz besonders den Vasallenfürsten die Öffnung der Tempel ankündigen, sowie auch streng die Umkehr zum alten Gotte befehlen. [HGt.03_157,03] Überall ward gesagt, daß ein jeder, der nur immer abkommen könne, sich ja bei der Öffnung der beiden Tempel einfinden solle, um da von den neu anwesenden zehn wundermächtigen Boten Gottes belehrt und gesegnet zu werden. [HGt.03_157,04] Dieser Rat ward – trotz dem, daß er allenthalben vor dem Volke alle Schändlichkeiten, die er (sie zumeist auf sich nehmend) verüben ließ, bekannte – mit einem solchen Jubel aufgenommen und nahezu auf den Händen in allen Gassen herumgetragen, daß man etwas Ähnliches nie erhört hatte, und von einem Steinigen war schon gar nie eine Rede; denn er goß ja allenthalben, wo er nur immer hinkam, Öl und den köstlichsten Balsam auf die wunden Herzen der Einwohner der großen Stadt. [HGt.03_157,05] Viele Bürger fragten ihn mit der größten Sanftmut und Liebe: „Aber wie ist das möglich, du erhabener Herr, daß du, vor dem ehedem jedes Menschenherz zitterte, nun ein heilbringender Trostengel des alten Gottes, dieses heiligen, ewig alleinig wahren Allvaters, geworden bist? Führt dich dein eigener oder des Jehova Geist? [HGt.03_157,06] Fürwahr, es gibt keinen erhabeneren Anblick, als so irgendein Feind zum Freunde wird; aber noch ergreifender ist für jedermann, so ein Verfolger einer guten Sache endlich zum eifrigsten Beförderer derselben wird! Und das ist mit dir der lebendigste Fall! [HGt.03_157,07] Oh, wie glücklich sind wir nun durch dich! Wahrlich, du sollst allein unser Leiter und Führer verbleiben! [HGt.03_157,08] Aber warum entfernten sich denn sicher bei neunhundert Herren bei dieser so endlos uns alle beglückenden Gelegenheit aus der Stadt und kommen von keiner Seite mehr wieder zurück?“ [HGt.03_157,09] Da sprach der Apostelrat: „Was da eure erste Frage betrifft, so führt mich offenbar der Geist Jehovas, der mir gegeben ward aus dem Munde zehn neuer Wunderboten Gottes aus der Höhe, die ihr bei der Öffnung der Tempel werdet kennenlernen. [HGt.03_157,10] Was aber eure zweite Frage betrifft, so zogen die neunhundert Herren darum für alle Zeiten aus der Stadt, weil sie besser waren als ich. Sie schuldeten euch weniger als ich; daher gingen sie, um euch die Lasten zu ersparen. [HGt.03_157,11] Ich aber als euer größter Schuldner konnte doch nicht eher aus der Stadt, bis ich an euch so manche große Schuld zurückbezahlt haben würde! Nun aber bin ich zu euch gekommen, um euch alle Schuld zu erstatten; darum erkennet mich auch als solchen, und folget meinem Rufe!“ [HGt.03_157,12] Je mehr aber unser Rat die Schuld auf sich nahm und die andern entschuldigte, mit desto größerer Liebe ward er aufgenommen und vom Volke auf den Händen getragen. 158. Kapitel — Die Öffnung der Tempelpforte durch Ohlad, den guten Ratsherrn[HGt.03_158,01] Der siebentägige Termin ward zu Ende, und für den achten Tag, der gerade ein Sabbat war, wurde von dem einen Rate die Öffnung des Tempels festgesetzt. [HGt.03_158,02] Tausende und Tausende von Menschen jeden Alters und jeden Geschlechtes harrten am weiten Platze um den runden Vorhof. [HGt.03_158,03] Der eine Rat, namens Ohlad, stand ebenfalls schon lange schlagfertig vor der goldenen Pforte des Vorhofes; aber die zehn Boten säumten und wollten nicht zum Vorscheine kommen. [HGt.03_158,04] „Was soll das? Wo bleiben denn die zehn Wunderboten? Ist ihnen etwa etwas zugestoßen? Oder ist ihnen der Tag nicht recht?“, so fragte man sich hin und her, und niemand wußte dem andern Bescheid zu geben. [HGt.03_158,05] Man wandte sich an den Rat Ohlad und fragte ihn gleicherweise. [HGt.03_158,06] Dieser aber erwiderte: „Meine Brüder und Freunde! Geduld ist des Menschen erste Pflicht; denn ohne diese verdirbt er alles Edle, das er gepflanzt hat! [HGt.03_158,07] Gott der Herr Selbst ist von größter Geduld und kann hundert Jahre harren auf unsere Besserung; und ist diese in solcher Zeit nicht erfolgt, dann sendet Er erst Boten und mächtige Lehrer, welche die verirrte Menschheit wieder mit aller Geduld auf den rechten Weg zu bringen haben. [HGt.03_158,08] Ist das geschehen, so zieht der Herr wieder ganz gelassen und übergeduldig Sein Strafgericht zurück und sieht dann lange wieder ganz überaus langmütig und geduldig zu, wie die Menschen Seiner nach und nach zu vergessen anfangen und sich hinauskehren zur Welt und zum Tode. [HGt.03_158,09] Also ist es auch unsere Pflicht, bei jeder Gelegenheit geduldig zu sein! Wenn es dem großen Gotte wohlgefallen wird, werden die zehn Boten schon kommen; sollten sie aber auch gar nicht kommen, da wollen wir deshalb nicht murren, – denn nicht der Boten, sondern nur allein des allmächtigen großen Gottes willen werden die Tempel geöffnet! [HGt.03_158,10] Zudem habe ich ja auch niemandem die vollste Versicherung gegeben, als müßten darum die Boten ganz völlig bestimmt bei der Öffnung der Tempel zugegen sein, sondern ich sagte nur, daß sie ganz sicher zugegen sein würden, – was aber die vollste Gewißheit noch nicht verbürgt! [HGt.03_158,11] Daher werde ich nun auch auf die Boten nicht länger warten, sondern mich sogleich an das heilige Werk machen; denn wie gesagt: nicht den Boten, sondern allein Gott dem Herrn gilt die Öffnung der Tempel!“ [HGt.03_158,12] Mit dieser Rede war alles Volk einverstanden und lobte den Rat Ohlad. [HGt.03_158,13] Ohlad stimmte nun dem Jehova ein gar rührendes Loblied an und steckte den Schlüssel in das feste Schloß der Pforte und wollte ihn schon umdrehen. [HGt.03_158,14] Da riefen plötzlich kräftige Stimmen: „Halte ein; denn noch ist es nicht völlig an der Zeit!“ [HGt.03_158,15] Ohlad sah sich schnell um und ersah die zehn herbeieilen. Als er dieser ansichtig ward, da fing sein Herz an, vor höchster Freude zu beben, und er sprach zum Volke: „Sehet, sehet, sie kommen, die Geheiligten Gottes!“ [HGt.03_158,16] Das Volk aber fing an, zu schreien und Gott zu loben, und segnete den Ohlad, da es nun an ihm einen völlig wahrhaftigen Mann erkannte. [HGt.03_158,17] Und die zehn kamen unterdessen zum Ohlad und segneten ihn und legten ihm sogleich ihre Hände auf. [HGt.03_158,18] Als das geschehen war, da erst hießen sie ihn den Schlüssel umdrehen; denn nun erst ward Ohlad fähig, den Tempel ohne Schaden zu öffnen. [HGt.03_158,19] Was aber bei der Öffnung ferner geschah, wird die Folge zeigen. 159. Kapitel — Die feurige Wolke auf der Tempelkuppel. Ohlads würdige Rede. Die Besprechung der zehn mit Ohlad[HGt.03_159,01] Als die Pforte nun geöffnet dastand, da wurde die runde Kuppel des Tempels plötzlich mit einer feurigen Wolke bedeckt, und Tausende der heftigst krachenden und den mächtigsten Donner erregenden Blitze entstürzten derselben. [HGt.03_159,02] Alles Volk wehklagte und stand zumeist vom Schrecken betäubt da und erwartete ein gar schreckliches Gericht. [HGt.03_159,03] Viele wären gerne davongeflohen, aber sie getrauten sich nicht; denn sie fürchteten sich, daß darob Gott noch zorniger werde. [HGt.03_159,04] Ohlad aber, selbst mächtig betroffen, sprach zu den zehn: „Ich habe Gott dem Herrn meine Treue geschworen! Darum fürchte ich die Blitze nicht, und dichter, als der mächtigste Hagel dem Himmel entstürzt, sollen diese auf mich darniederstürzen und sollen mich und die ganze Erde verzehren! Meinen Leib können sie zum Tode dahinbeugen, aber meinen Willen ewig nimmer! [HGt.03_159,05] Gott, Du Allmächtiger! Du hast mich wecken lassen durch diese Deine mächtigen Boten! Meine Liebe zu Dir ist erwacht, mein Geist hat Dich, o großer Gott, entdeckt und hat erfahren, daß Du der ewig allein Wahrhaftige, Getreue und über alles Mächtige bist; so will ich Dich denn auch lieben und ehren im Feuer Deines Zornes und Deines Grimmes! [HGt.03_159,06] Umhülle Deinen heiligen Tempel ganz mit Feuer, und ich werde in meiner Liebe zu Dir dennoch ziehen und öffnen Dein Heiligtum und dann im selben hoch preisen Deinen allerheiligsten Namen!“ [HGt.03_159,07] Als der Ohlad diese kräftige Anrede beendet hatte, da erstaunten die zehn über seinen gerechten Ernst, und einer von ihnen sprach zu ihm: [HGt.03_159,08] „Bruder, viel hast du dem Herrn gelobt, und gar ernst und willensfest klangen deine Worte! Aber was würdest du tun, so dich der Herr nun ernstlich auf die Probe stellen möchte? [HGt.03_159,09] Denn siehe, unser Wille ist wohl stark genug für uns gegenseitig, also unter uns Menschen, – aber dem Herrn gegenüber sind alle Menschen nichts, und ein Fünklein Seines Willens kann eine ganze Schöpfung erstarren machen, geschweige erst den Willen eines Menschen, wie da wir es sind! [HGt.03_159,10] Daher nimm du deinen zu großen Ernst lieber etwa bei guter Zeit zurück, – sonst dürfte es wohl geschehen, daß dir der Herr auf den Zahn deines festen Willens fühlen möchte!“ [HGt.03_159,11] Diese Worte beugten den gerechten Sinn Ohlads nicht im geringsten; im Gegenteile, er erwiderte den zehn nur: „Ihr mächtigen Freunde Gottes möget wohl recht haben! Hätte ich meine Treue und Liebe einem Menschen geschworen, da dürfte es sein, daß ich mit mir handeln ließe; aber ich habe sie Gott geschworen, und da soll mich eher ein feuriger Abgrund verschlingen, ehe ich auch nur um ein Atom groß weiche von meinem Gott geweihten Vorhaben! – Hier ist der heilige Schlüssel! Hin damit zur heiligen Pforte! Amen.“ [HGt.03_159,12] Als der Ohlad diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da umhüllte sich gar düster der ganze Himmel; Orkane fingen an zu toben, Millionen Blitze entstürzten dem glühend wogenden Gewölke, und um den Tempel schlugen plötzlich mächtige Flammen aus dem Boden gar wild tobend empor. [HGt.03_159,13] Alles Volk ward starr vor Entsetzen, und die zehn fragten den Ohlad: „Nun, was willst du jetzt tun?“ [HGt.03_159,14] Der Ohlad aber sprach: „Mein Wille bebt nicht; daher vorwärts! Denn Blitze, Flammen und Orkane sind für den, der wahre Liebe zu Gott hat, keine Mauern! [HGt.03_159,15] Wird auch dieser Leib zerstört, so dringe ich aber dennoch mit meinem Geiste in den Tempel; denn die Flamme in mir ist stärker als all dies Schreckenszeug! Also vorwärts! Amen!“ 160. Kapitel — Ohlad in der Feuerprobe[HGt.03_160,01] Darauf ließ sich Ohlad nicht mehr aufhalten und ging rasch zum Tempel hin, der sich stets mehr in die allerheftigsten Flammen einzuhüllen anfing. [HGt.03_160,02] Als er den Flammen auf zehn Schritte nahe kam, da ging schon eine solche Hitze ihm entgegen, daß er sie nicht mehr zu ertragen vermochte, und die goldenen Schlüssel des Tempels wurden so heiß, daß er sie auch nimmer in der Hand zu halten vermochte. [HGt.03_160,03] Er blieb daher stehen eine kurze Zeit und dachte unter dem steten schrecklichen Toben der Orkane, der unzähligen Blitze und des gewaltigen Feuers: [HGt.03_160,04] „Was soll ich nun tun? Dem Tempel mich noch mehr zu nahen, ist unmöglich; denn zu groß ist der Flammen Hitze. Die Schlüssel kann ich jetzt schon kaum mehr halten, so heiß sind sie geworden; wie glühheiß werden sie aber erst werden, so ich mich noch mehr den unerträglich heißen und gar schrecklich wütenden Flammen nähern möchte?! [HGt.03_160,05] Ich weiß aber nun, was ich tun will! Wäre es des allmächtigen Gottes Wille, dieses Sein Heiligtum zu öffnen, da würde Er mir sicher keine solchen erschrecklichsten Hindernisse in den Weg legen! [HGt.03_160,06] Es ist also sicher Sein Wille nicht, die Tempel öffnen zu lassen! Daher will ich es nun auch also machen, wie ich es als Rat gemacht habe, wenn mehrere wider meine Aussprüche sich entgegensetzten, nämlich: Ich ziehe mich ganz bescheiden zurück, und lasse den Tempel öffnen, wem immer solches beliebt! [HGt.03_160,07] Es wäre fürwahr die größte Tollheit, wenn ein schwacher Mensch es nur mit der Kraft eines Riesentigers aufnehmen wollte, der stark genug ist, einem Riesenstiere den Kopf in Blitzesschnelle herabzureißen; wie toll aber müßte man als Mensch erst sein, mit Gott, dem allmächtigsten Wesen von Ewigkeit, in den offenbarsten Kampf zu gehen?! [HGt.03_160,08] O nein! O nein! Das tue ich nimmer; denn das Feuer ist heiß, – es brennt gar entsetzlich! Mit diesem Elemente kann es der Mensch nicht aufnehmen; daher sage ich jetzt nicht mehr: ,Nur vorwärts!‘, sondern ganz bescheiden: ,Nur zurück, – und das so geschwinde als möglich!‘ [HGt.03_160,09] Damit wandte sich Ohlad um und ging sehr schnellen Schrittes zurück, allwo die zehn Boten standen. [HGt.03_160,10] Da angelangt, ward er sogleich von ihnen befragt, ob er den Tempel schon geöffnet hätte. [HGt.03_160,11] Er aber erwiderte: „Erhabene Freunde des Herrn, des allmächtigen Gottes! Das könnet ihr tun, die ihr mit dem Feuer sicher näher verwandt seid als ich; ich aber habe nun schon meine Schule durchgemacht und habe ganz klar in die Erfahrung gebracht, daß der Mensch sich nie an das Unmögliche wagen soll! [HGt.03_160,12] Hier sind die noch sehr heißen Schlüssel! Ich übergebe sie euch und somit meine ganze Amtswürde! Tuet damit, was ihr wollet; ich aber werde Gott in Seiner Macht anbeten und mich ganz zurück ins gemeine bürgerliche Leben ziehen! [HGt.03_160,13] Denn fürwahr, wo es mit Gott einen gar so mächtigen Haken hat, da ist Ihm nicht zu dienen! Ich erkenne Ihn nun und liebe Ihn, – aber weiter will ich mit Ihm nichts zu tun haben! [HGt.03_160,14] Daß ich nicht unwillig war, Ihm zu dienen mit dem größten Ernste, das habe ich vor aller Welt, wie vor euch, an den Tag gelegt; wenn Er mir aber darum ein solches Mordspektakel vor die Nase schiebt, das meiner Kraft zu mächtig überlegen ist, da ziehe ich mich zurück, und überlasse jedem andern dies Geschäft!“ 161. Kapitel — Ohlads Belehrung durch einen der zehn Boten[HGt.03_161,01] Und einer von den zehn stellte sich dem Ohlad in den Weg und sprach zu ihm: „Ohlad, wohin willst du fliehen, auf daß du dich verbergen könntest vor Gott? [HGt.03_161,02] Siehe an die große Himmelsdecke, dies feurige Gewölke, dem stets tausend und tausend Blitze entstürzen! Weißt du, wo ihr Ende ist? [HGt.03_161,03] Denkst du nicht, daß dich Gott der Herr in alle Ewigkeit verfolgen kann und du dich nirgends verbergen kannst vor Ihm?! [HGt.03_161,04] Höre mich aber weiter an: Durch diese Feuerstürme will der Herr, dein Gott, dir nicht zu erkennen geben, als wäre es Sein Wille nicht, daß du Seine Tempel eröffnetest, sondern Er will dir und allen fernen, wie den nahen und hier gegenwärtigen Völkern dadurch nur anzeigen, daß es Ihm um euch ganz voller Ernst ist! [HGt.03_161,05] Nicht spielen mit euch, sondern euch entweder zum ewigen Wohle gewinnen oder euch zu eurem Verderben richten will Er; denn frei denkende und frei wollende Wesen hat Gott nicht als eine Spielerei erschaffen, sondern aus ewigen allerhöchst wichtigsten Gründen hat Er sie erschaffen und hat ihnen die allerweisesten freien Gesetze gegeben, die sie zu halten haben, und hat ihnen auch allzeit wesenhaft gezeigt, daß diese Geschöpfe Seine Kinder sind, die Er mit unendlicher ewiger Liebe liebt! [HGt.03_161,06] Wenn sich aber die Sachen also verhalten, so wird es doch etwa klar sein, daß Gott durch diesen Feuersturm nur Seinen Ernst, nicht aber Seinen Unwillen gegen die Öffnung der Tempel zu erkennen gibt! [HGt.03_161,07] Laß daher den Mut nicht sinken; nur baue nicht zu viel auf ihn! Denn siehe, die Starken der Erde prüft der Herr allzeit mit Seiner Stärke, – die Schwachen, Sanften und Demütigen aber mit Seiner Liebe und Sanftmut! [HGt.03_161,08] Du hast aber ehedem dem Herrn gegenüber eine große Stärke gezeigt, wogegen wir dir einen Wink gaben; du aber meintest dennoch mit deinem Krafternste durchzudringen vor und gegen Gott! [HGt.03_161,09] Darum hat Er dich auch ein Fünklein Seines Ernstes fühlen lassen, um dich dadurch zu demütigen. Du aber bist nun völlig gedemütigt und bist somit reif zur Öffnung der Tempel. Also mache dich nun, von uns geleitet, an das erhabenste Werk, und es wird dich nichts mehr hindern daran! [HGt.03_161,10] Siehe, – daß der Herr bei den Menschen nicht den gewissen hochmütigen Krafternst ansieht, sondern nur die bescheidene Demut, durch die der Mensch einsichtlich vor Gott bekennt, daß er nichts ist vor Ihm, hat Er mehrmals auf der Höhe gezeigt! [HGt.03_161,11] So wollte einmal ein gewisser Abedam aus dem Mittage aus großer Liebe zum Herrn seiner Äußerung zufolge ins Feuer gehen oder bis ans Ende der Welt! [HGt.03_161,12] Der Herr aber zeigte ihm, daß der Mensch nicht zu große Verheißungen machen solle. [HGt.03_161,13] Abedam aber bestand darauf, und siehe, eine hartnäckige Fliege war genug, den Abedam in kürzester Zeit nahe zur Verzweiflung zu bringen! [HGt.03_161,14] Also will der Herr in allem nur die Demut des Menschen; denn selbst der gerechteste Hochmut ist vor dem Herrn ein Greuel! [HGt.03_161,15] Solches also fasse nun und folge uns; denn also wird dir der Schlüssel nicht heiß werden, und die Flammen werden dich nicht irgend brennen! Amen.“ 162. Kapitel — Ohlads gerechte Demut. Ein Evangelium von der rechten Demut[HGt.03_162,01] Als der Ohlad solche Rede von einem der zehn vernommen hatte, da ward er sogleich wieder anders gestimmt und sprach: [HGt.03_162,02] „O Brüder, wenn also die Dinge stehen, da bin ich vollkommen bereit, nach eurem Willen tätig zu sein! Aber nur um eines werde ich euch dabei bitten, und das besteht darinnen: [HGt.03_162,03] Wenn das Werk der Öffnung der Tempel vollbracht sein wird, dann lasset mich im Frieden von dannen ziehen, und setzet und stellet mich ja nicht etwa zu einer Art Priester der beiden Tempel auf; denn als solcher müßte ich notwendig ein gewisses Voransehen bei den anderen Menschen genießen und müßte bei ihnen in einer gewissen Vorgeltung und Vormacht stehen. [HGt.03_162,04] Ich aber habe durch einen Verlauf von vierzig Jahren als mitherrschender Rat das Mehrsein vor den anderen Brüdern so sehr übersatt bekommen, daß ich nun ums allerunvergleichbarste lieber möchte irgend der Allerletzte sein, als nur in irgendeiner Vorgeltung und Vormacht stehen! [HGt.03_162,05] Es ist wirklich ein elender Genuß, den Brüdern ein Gebieter zu sein und sich daran zu ergötzen, so die armen Brüder vor ihrem gebietenden Bruder zittern, der höchst selten nur zum Vorteile der Brüder, aber wohl desto öfter zum eigenen Wohle und zur Vermehrung seines Ansehens gebietet! [HGt.03_162,06] Wie gesagt, ich will von einem weiteren, wie immer gearteten Vorgesetztsein nichts mehr hören und sehen; denn ich habe nun einen allerscheußlichsten Ekel an allem menschlichen Würdevorsein überkommen und freue mich überaus darauf, irgendwo der Allerletzte sein zu können. [HGt.03_162,07] Darum erhöret, erhabene Brüder, im Namen des Herrn diese meine Bitte, und lasset mich – wie ich ehedem schon bedeutet habe – nach der Öffnung der Tempel im Frieden von dannen ziehen!“ [HGt.03_162,08] Und einer von den zehn sprach: „Siehe, Ohlad, die Flamme um den Tempel ist erloschen, und wir begeben uns zur Pforte und öffnen sie! [HGt.03_162,09] Im Tempel aber wirst du schon ohnehin den Willen des Herrn vernehmen, und Dieser wird dir ohne unser Hinzutun überklarst hinzu zu erkennen geben, was du zu tun hast – ob zu bleiben, oder dich hintanzubegeben! [HGt.03_162,10] Willst du aber wahrhaft gottwohlgefällig demütig sein, so mußt du das nach dem Willen Gottes, aber nie nach deinem eigenen Gutdünken sein! Denn bist du durch dein eigenes Vorhaben demütig, dann ist deine Demut ein Kind deiner Selbstliebe und somit zu nichts nütze und von keinem Werte vor Gott; denn hinter einer solchen Demut steckt allzeit eine verdienstlich scheinende Selbstzufriedenheit, ein Eigenlob und am Ende ein verkappter Hochmut! [HGt.03_162,11] Sagst du aber zu allem und allzeit aus deinem Lebensgrunde: ,O Herr und Vater, Dein allein heiliger Wille geschehe jetzt wie ewig!‘, dann bist du wahrhaft demütig vor Gott, und deine Demut hat vor dem Herrn einen Wert! [HGt.03_162,12] Wer sich nach seinem eigenen Willen noch so sehr erniedrigt, beachtet aber dabei den Willen Gottes nicht, so tut er im Grunde nichts anderes als der, welcher sich eigenmächtig zum Volksherrscher aufwirft! [HGt.03_162,13] Nur wer seinen eigenen Willen gefangennimmt und dafür den rein göttlichen in sich geltend und herrschend macht, der ist Gott wohlgefällig und seine Demut ist gerecht vor dem Herrn. [HGt.03_162,14] Besser ist es, ein Lump zu sein nach dem Willen des Herrn – als ein Held hinter des Herrn Rücken! Besser, sich seiner eigenen Nichtigkeit und Nichtswürdigkeit allzeit gewärtig fühlen, als von seiner Tadellosigkeit überzeugt sein! [HGt.03_162,15] Also ist es auch besser, ein Sünder zu sein aus eigenem reuigen Verschulden, als ein Gerechter zu sein auf eigene Rechnung! [HGt.03_162,16] Denn der Herr sucht nur das Verlorene, stärkt das Schwache und heilt die Krankheit aus Seiner Erbarmung; aber ein Schuldner will Er ewig niemandem sein! [HGt.03_162,17] Solches beachte nun im voraus wohl, bis dir der Herr im Tempel ein Näheres dartun wird, und folge uns zu der Pforte! Amen.“ 163. Kapitel — Die Worte Ohlads und die mächtigen Begleiterscheinungen beim Erschließen des wahren Tempels. Der Eintritt Ohlads und der zehn Boten in den Tempel[HGt.03_163,01] Hier ging Ohlad mit den zehn hin zur Pforte des Tempels, nahm den Schlüssel, legte ihn auf seine Brust und sprach: [HGt.03_163,02] „Mein Gott und mein Herr! Hier stehe ich, ein sündiger, ohnmächtiger Wurm vor Deinem Heiligtume. Ich empfinde die Größe meiner Unwürde, zu treten in dieses Dein Heiligtum; aber auf Deine unendliche Vaterliebe und Erbarmung bauend, wage ich dennoch zu erfüllen, was Du, o Gott, Herr und Vater, mir durch den Mund Deiner gesalbten Boten zu tun anbefohlen hast! [HGt.03_163,03] Sollte aber, o Herr, o Vater, mein Fuß zu unwürdig sein, einzutreten in dieses von Dir so hoch geheiligte Haus, so laß es mich armen Sünder nur eröffnen und dann, vor der geöffneten Pforte auf meinem Angesichte liegend, Dich aus allen meinen Kräften lieben und anbeten! [HGt.03_163,04] O mein Gott, mein Herr, mein über alles heiliger Vater, – Dein heiligster Wille geschehe jetzt wie ewig! Amen.“ [HGt.03_163,05] Nach dieser guten Herzensanrede küßte Ohlad siebenmal den Schlüssel, steckte ihn dann an und öffnete die Pforte. [HGt.03_163,06] Als aber die Pforte schon offenstand, da brach aus allen von Hanoch aus sichtbaren Bergen Rauch und Flammen aus; die Erde bebte unaufhörlich; wo nur irgend in der ganzen großen Stadt ein Götzenbild aufgerichtet war, da auch brachen verheerende Flammen aus dem Boden der Erde aus, verzehrten das Bild und schonten die Verehrer solcher Bilder nicht, wo sie sich auch immer aufhielten. [HGt.03_163,07] Die neunundneunzig zurückgebliebenen Räte samt dem Scheinkönige verfielen in ein Todesangstfieber und harrten unter beständigem Wehgeklage und Angstgeheule ihres vermeintlichen Unterganges. [HGt.03_163,08] Einige Beherztere aber machten sich die bittersten Vorwürfe, daß sie nicht den guten Rat des ersten abgegangenen Rates befolgt hatten. [HGt.03_163,09] Alles Volk der Stadt, wie der zehn Vorstädte und des ganzen weiten Reiches sah nichts als nur den sicheren Untergang der Welt. Keine Seele in der Tiefe gab es, die da nicht gebebt hätte vor der schrecklichen Erwartung der Dinge, die da nun über den Erdkreis gekommen seien und noch ärger kommen würden. [HGt.03_163,10] Zur Vermehrung der Angst ward auch die Sonne durch die sich stets mehr und mehr ansammelnden Wolken- und Rauchmassen von all den tausend brennenden Bergen und Hügeln so sehr verfinstert, daß da der Erdboden kein anderes Licht hatte, als das entsetzliche von den zahllosen ununterbrochenen Blitzen und das noch schaudererregendere von den mächtigsten Bergbränden. [HGt.03_163,11] Hier und da erhoben unterirdische Feuermächte große Strecken des Flachlandes und bildeten neue Gebirge unter dem allermächtigsten Gekrache und Gedonner, und das alles nahm den Anfang, als Ohlad die Pforte des Tempels eröffnet hatte. [HGt.03_163,12] Das verzweifelte Volk aber, von zu großer Furcht und Angst getrieben, fing an, sich in den Vorhof des Tempels zu flüchten, und scheute sich beim so großartig schauerlichen Anblicke verheerender Weltszenen vor den fortwährenden Blitzen vom Dache des Tempels kaum mehr. [HGt.03_163,13] Als also aber bald Tausende von zagenden Menschen beiderlei Geschlechts den Vorhof erfüllten, da erst trat Ohlad, der bei der Eröffnung des Tempels alsbald auf sein Angesicht niederfiel und Gott in der größten Zerknirschung seines Herzens angebetet hatte bis zu diesem Zeitpunkte, mit den zehn mit der allerhöchsten Ehrfurcht in den Tempel und fiel dort wieder alsbald auf sein Angesicht vor dem Altare, auf dem der Name Jehova sich befand in der Mitte von feurigen Cheruben und über ihm die weiße Wolkensäule, welche, wie bekannt, bis an den Plafond hinanreichte, und betete das Allerheiligste bei einer Stunde lang an. 164. Kapitel — Ohlads Berufung zum König durch den Herrn. Die Erscheinung des Herrn als Ebenbild Ohlads[HGt.03_164,01] Als der Ohlad aber also bei einer guten Stunde lang auf seinem Angesichte vor dem Altare gebetet hatte, da rief eine Stimme aus der weißen Wolkensäule: [HGt.03_164,02] „Ohlad, Ich habe dich angesehen! Erhebe dich, und richte dich empor, auf daß Ich zu dir komme und dich salbe mit dem Öle Meiner Liebe und Erbarmung und dich gürte mit Meiner Weisheit zum Zeugnisse des Bundes, den dies Volk mit Mir geschlossen hatte, den es aber nicht hielt, sondern gar bald schmählichst gebrochen hat und aller Meiner Wohltaten und Meiner großen Erbarmungen vergaß! [HGt.03_164,03] Ich will dich nun setzen zum rechten König über dieses Volk, und die Gesetze, die du dem Volk geben wirst, sollen auch von Mir bevollkräftigt sein! Und so denn erhebe dich!“ [HGt.03_164,04] Hier erhob sich der Ohlad ganz voll Staunens über diesen wunderbaren Anruf und fragte sogleich die zehn: „Wer von euch hat denn nun also offenbarst vollkommen im Namen des Herrn zu mir geredet?! [HGt.03_164,05] Oder ist etwa einer unter euch der Herr Selbst? O zeiget es mir an, wie es mit dieser wunderbarsten Sache steht! Denn die Stimme, die zu mir redete, war erhabener als die Stimme jegliches Menschen; ich halte sie für die Stimme Gottes oder wenigstens eines mit dem Geiste Gottes vollst erfüllten Wesens! [HGt.03_164,06] O redet daher, ihr mächtigen Freunde Gottes, und saget es mir, wer da diese so heiligen Worte geredet hat zu mir, dem Allerunwürdigsten!“ [HGt.03_164,07] Und einer von den zehn sprach zum Ohlad: „O Mensch, was fragst du? Was möchtest du erfahren? Siehe, der Herr ist an deiner Seite! Die Stimme Gottes hat zu dir geredet; der Vater hat dich gerufen! Was willst du da von uns?! [HGt.03_164,08] Magst du unterscheiden die Stimme Gottes wohl von der eines Menschen, wie fragst du uns da, wo der Herr zu dir kommt und will dich salben zu einem vollmächtigen Zeugnisse über die große Untreue alles Volkes gegen Ihn?! [HGt.03_164,09] Wer dich gerufen hat, Dem melde dich auch sogleich, und suche Ihn nicht unter uns, die wir nur Menschen sind dir gleich; denn der Herr Selbst wird dich salben mit eigener Hand und nicht durch die unsrige! Also wende dich an den Herrn! Amen.“ [HGt.03_164,10] Hier fing der Ohlad an, ganz ehrfurchtsvollst um sich zu schauen, wo etwa der Herr wäre. [HGt.03_164,11] Der Herr aber sprach sogleich wieder zum Ohlad: „Ohlad, tritt hierher hinter die Wolkensäule, und du wirst Den ersehen, der mit dir geredet hat; denn Ich, dein Gott, dein Herr und dein Vater, harre hier schon gar lange deiner! Daher komme und überzeuge dich, daß Ich es bin, der dich gerufen hat, und der nun zu dir spricht: Komme und siehe!“ [HGt.03_164,12] Von der allergrößten Ehrfurcht und Liebe ergriffen, begab sich der Ohlad sogleich hinter die weiße Wolke und fand da zu seinem größten Erstaunen sein vollkommen eigenstes Wesen gleich einem sogenannten Doppelgänger. [HGt.03_164,13] Und dies sein vollkommenes Ebenbild sah ihn fest an und bewegte sich nicht von der Stelle. [HGt.03_164,14] Den Ohlad übermannte diese Erscheinung, und er fing an, sich zu fürchten. [HGt.03_164,15] Aber das Ebenbild sprach: „Fürchte dich nicht, Ohlad; denn Ich Selbst bin es, dein Herr und dein Gott und dein Vater! [HGt.03_164,16] Wundere dich aber nicht wegen unserer Vollähnlichkeit; denn Ich habe dich ja nach Meinem Ebenbilde erschaffen. Darum wundere dich dessen nicht, was schon von Ewigkeit in Meiner Ordnung gegründet war!“ [HGt.03_164,17] Diese Worte beruhigten den Ohlad wieder, und er wurde aufmerksam und bat den Herrn in seinem Ebenbilde, daß Er zu ihm reden möchte und kundtun Seinen allerheiligsten Willen. 165. Kapitel — Ohlads gerechte Fragen an den Herrn und des heiligen Vaters Antwort[HGt.03_165,01] Nach solcher Rede kam der Ohlad erst so recht zu sich und fing an, in der Tiefe zu begreifen, woher die große Ähnlichkeit zwischen ihm und dem Herrn rühre, und faßte auch so viel Mut, um dem Herrn gegenüber fragen und antworten zu können. [HGt.03_165,02] Er fragte daher, freilich wohl mit der allergrößten Ehrfurcht und in der tiefsten Demut, den Herrn: „O Herr, Du Allmächtiger! Du hast zu mir geredet, daß ich all dem Volke in Deinem Namen ein rechter König sein solle, also auch ein Herr! Denn wer das Recht hat, geheiligte Gesetze zu geben, die ein jeder Mensch strenge zu beachten hat, ist doch offenbar ein Herr! [HGt.03_165,03] Ich aber bin ja nur ein Mensch gleich jedem aus dem Volke, und Du allein bist der Herr! Wie soll ich da auch neben Dir ein Herr sein denen, die Du erschaffen hast, und die das Leben samt mir aus Dir haben?! [HGt.03_165,04] O Herr, verschone mich, den Allerunwürdigsten vor Dir, mit dieser Würde! Laß mich fortan lieber in den gemeinsten Bürgerstand zurücktreten; denn ich habe freilich wohl allerunrechtmäßigsterweise, bei vierzig Jahre die Herrlichkeit genossen und habe mich bis jetzt vollkommen überzeugt, wie schwer es ist, als Herrscher dem Volke ein Bruder zu verbleiben, – wie schwer, sich den Volksehrungen, die allein Dir, o Herr, gebühren, zu entziehen. [HGt.03_165,05] Gebe ich auch alles das bei mir selbst Dir, o Herr, wieder in meinem Herzen zurück, so aber scheint es mir doch anderseits unmöglich zu sein, zu bewirken, daß das Volk nie den König, sondern allzeit ganz allein Dich, o Herr, ehrete. [HGt.03_165,06] Ich aber sehe nun ein, daß Du nur ganz allein würdig bist, alle Ehre, alles Lob, allen Preis, allen Ruhm, alle Liebe und Anbetung von uns Menschen zu nehmen. Daher möchte ich Dich, o Herr, wohl bitten, so es Dein allerheiligster Wille wäre, dieses Amt und diese mein ganzes Gemüt erschauern machende Würde irgend jemand viel Würdigerem und viel Stärkerem zu erteilen, mich aber allergnädigst in den allerniedrigsten Stand zurücktreten zu lassen!“ [HGt.03_165,07] Und der Herr trat hin zum Ohlad und sprach zu ihm: „Ohlad, nun erst erkenne Ich dich wieder als Meinen Sohn und nähere Mich dir als Vater! [HGt.03_165,08] So aber Ich, dein Vater, ein Herr bin von Ewigkeit, wie möchtest du da als nun Mein Sohn ein Sklave und ein Knecht verbleiben wollen? Oder ehren denn die Menschen auf der Erde nicht zugleich die Eltern, so sie ihren Kindern die Achtung zollen?! [HGt.03_165,09] Also wird auch der Vater von Ewigkeit geehrt in Seinen rechten Kindern; denn die rechten Kinder behalten das nicht für sich, was allein dem Vater gebührt. Und der Vater aber setzt Seine größte Ehre in Seine Kinder; denn nur in den Kindern und durch die Kinder wird der Vater geehrt. [HGt.03_165,10] So Ich als dein ewiger Vater aber dich, Meinen Sohn, zum Könige mache und dir die gesetzgebende Gewalt einräume, so stellst du da nicht dich selbst, sondern nur Mich, deinen Vater, dar. [HGt.03_165,11] Wie aber Ich keine eitle Ehrung für Mich verlange, sondern nur in aller Liebe allein die Befolgung Meines Willens, und sage: ,Wer Meinen Willen tut aus Liebe zu Mir, der ist es, der Mich ehrt im Geiste und in der Wahrheit!‘, also sage Ich auch gleichbedeutend: [HGt.03_165,12] ,Wer dessen Willen tut, den Ich aufgestellt habe, und hört ihn im Herzen, der hört und ehrt Mich; denn Ich erwähle und salbe nur Meine Kinder, und diese sind völlig eins mit dem Vater, der Ich bin!‘ [HGt.03_165,13] Daher also laß dich salben zum Könige über alles Volk in der Tiefe; denn wen Ich zum Könige salbe, der ist gerecht, – denn Ich weiß es, warum Ich solches tue!“ [HGt.03_165,14] Hier legte der Herr Seine Hand auf das Haupt Ohlads und führte ihn dann vor den Altar, da die zehn standen. 166. Kapitel — Die Salbung Ohlads zum König und der zehn Boten zu seinen Ministern[HGt.03_166,01] Im Vordergrunde des Altars, allda die zehn standen, angelangt, sprach der Herr zu einem von den zehn: „Gehe hinaus; im Tore des Vorhofes wirst du einen Menschen treffen! Dieser hat eine Kürbisflasche voll Öl. Laß es dir darreichen, und bringe es hierher, auf daß Ich damit den Ohlad natürlich wie geistig salbe zum Könige über alles Volk in der Tiefe und dann auch euch salbe zu seinen Ministern und Räten und zur Verwahrung der Feuermacht aus Mir; denn nun sollet ihr nicht wieder auf die Höhe ziehen, da das Volk sich wieder zu Mir kehrt! Und so gehe, und bringe Mir das Öl!“ [HGt.03_166,02] Und dieser ging und fand am Tore den bezeichneten Menschen mit der Kürbisflasche voll des köstlichsten Nardusöles. [HGt.03_166,03] Und der Bote sprach zum Ölinhaber: „Dich hat der Herr, der allmächtige Gott Himmels und der Erde, bezeichnet, daß du eine Flasche köstlichen Salböles bei dir hast! Eben dieser Gott aber will, daß du das Öl alsogleich mir übergebest, auf daß ich es in den Tempel trage und darin Gott der Herr persönlich und eigenhändig Selbst salbe den ehemaligen Rat Ohlad zum Könige über alles Volk!“ [HGt.03_166,04] Und der Ölinhaber gab alsogleich das Öl her und sagte zu dem Boten mit der allerhöchsten Ehrfurcht: „O großer Machthaber über alles Feuer in und auf der Erde und in der Luft! Mir hat es heute in der Nacht geträumt, daß da jemand ganz in hellen Flammen zu mir kam und zu mir sagte: ,Deine Flasche Öl vergiß morgen nicht zu Hause, so du dich von großer Furcht getrieben dem Tempel Gottes nahen wirst; denn Der, dem der Tempel gilt, wird das Öl von dir verlangen lassen durch mich!‘ Und so habe ich denn auch das Öl darum mitgenommen; und siehe, nun geht mein Gesicht in die Erfüllung! [HGt.03_166,05] Gott, dem Allmächtigen, dessen Name überheilig in diesem Tempel geschrieben steht, sei all mein Lob, alle meine Liebe und Anbetung für diese unendliche Gnade und Erbarmung, die Er mir allerärmstem Sünder dadurch erwies, da Er meiner und meines Öles also gnädigst gedacht hat!“ [HGt.03_166,06] Hier fiel der Ölinhaber auf sein Angesicht nieder und betete Gott an in der größten Zerknirschung seines Herzens. [HGt.03_166,07] Der Bote aber begab sich mit dem Öle sogleich in den Tempel und übergab es dort mit der größten Liebe und Ehrfurcht dem Herrn. [HGt.03_166,08] Und der Herr nahm das Öl und salbte damit das Haupt des Ohlad. Und als Er dem Ohlad das Haupt gesalbt hatte, sprach Er zu ihm: „Nun bist du ein wahrer König von deines Gottes, deines Herrn und deines Vaters Gnaden! Empfange nun auch Meinen Geist, und leite mit Hilfe dieser zehn, die Ich dir nun auch zu Ministern salbe und lasse, das Volk in Meinem Namen! [HGt.03_166,09] Solltest du irgendwann höhern Rates benötigen, so begib dich hierher, wo Ich dich nun gesalbt habe, da auch soll dir allzeit der höhere Rat werden! [HGt.03_166,10] Nun aber wollen wir hinaustreten und allem Volke den neu gesalbten König vorstellen! Also geschehe es!“ 167. Kapitel — Der Feuersturm und das Erdbeben während der Salbung. Die Ängstigung des Volkes. Der Herr enthüllt Sich dem Volke[HGt.03_167,01] Der äußere Feuersturm aber verdoppelte sich in seiner Gewalt, und die Erde bebte so mächtig um den Tempel, daß darob die Menschen kaum sich aufrecht zu erhalten imstande waren, während der Herr im Tempel den Ohlad und die zehn salbte. [HGt.03_167,02] Und die Menschen fingen an zu verzagen, da sie meinten, die Erde werde sie beim lebendigen Leibe verschlingen, und Gott werde niemandem mehr zu Hilfe kommen, indem Er zu voll Zornes und Grimmes geworden sei ob der vielen Untaten, die da in und um Hanoch verübt worden sind. [HGt.03_167,03] Aber gerade in dem schauerlichsten Momente, als sich die Erde sogar schon um den Vorhof des Tempels gewaltig zu ritzen anfing und aus den Ritzen turmhohe Feuerstrahlen mit dem entsetzlichsten Getöse emporschossen und selbst das Pflaster des Vorhofes hier und da zu dampfen begann und stellenweise heiß wurde, trat der Herr mit dem neugesalbten Könige Ohlad, begleitet von den zehn Boten, aus dem Tempel. [HGt.03_167,04] Das Volk aber kannte den Herrn nicht, wohl aber die zehn Boten und den Ohlad; es fiel daher auch vor den zehn nieder und schrie laut, sie möchten doch Gnade bei Gott für sie erwirken. [HGt.03_167,05] Die zehn aber sprachen: „Ist denn Gott nicht ebensogut euer wie unser Vater? Also wendet euch an den Vater, und Er wird euch Gnade reichen, so ihr deren würdig seid! [HGt.03_167,06] Wir aber sind gleich wie ihr und haben bei Gott kein Vorrecht vor euch und keine Mehrgeltung; daher können wir auch eure Bitte nicht anhören und tun darnach, indem wir dadurch uns göttliche Eigenschaften anmaßeten und zu größeren Frevlern vor Gott würden, als da sind die Vater-, Mutter- und Brudermörder! [HGt.03_167,07] Hier aber ist der vom Herrn Selbst gesalbte König Ohlad! Redet mit ihm, und er wird euch den Weg zum Vater zeigen, der allein Sich euer erbarmen kann und auch erbarmen wird, so ihr euch im Herzen ernstlich reuig über eure Sünden zu Ihm wendet!“ [HGt.03_167,08] Hier wandten sich die Flehenden an den Ohlad und baten ihn wie Verzweifelte, ihnen den Weg zu Gott, dem Herrn und Vater, zu zeigen. [HGt.03_167,09] Der Ohlad aber wandte sich an den Herrn und sprach: „O Vater, offenbare Dich dem Volke, auf daß mir nicht die Ehre zuteil werde, als vermöchte ich mehr denn das Volk über Deinen allerheiligsten Willen!“ [HGt.03_167,10] Hier erst trat der Herr vor, hob Seine allmächtige Hand auf und sprach: „Erde, nun sollst du schweigen, wenn Ich rede zu Meinen Kindern! Weiche zurück, alles Ungetüm, und du, Sonne, laß wieder deine Strahlen auf der Erde Boden fallen ganz ungetrübt! Amen.“ [HGt.03_167,11] Als der Herr solches geredet hatte, da verstummte plötzlich aller Sturm in, auf und über der Erde. Kein Wölkchen war mehr am ganzen Firmamente zu sehen, und kein Berg brannte irgendwo mehr. [HGt.03_167,12] Und alles Volk fiel plötzlich nieder und lobte und pries Gott für diese Errettung; denn dieses plötzlich gänzliche Zunichtewerden des Sturmes war eine zu großartig wunderbarste Erscheinung für alles Volk, als daß es einer andern Meinung sein konnte und darin nicht die Macht und Liebe und Gnade Gottes erkennen mochte. [HGt.03_167,13] Was aber darauf weiter geschah, wird die Folge zeigen. 168. Kapitel — Des heiligen Vaters Rede an Seine versammelten Kinder. Des Herrn Liebe und Geduld mit den Menschen. Vom Verhältnis des Volkes zum König[HGt.03_168,01] „Kinder“, sprach der Herr zum Volke, „tretet hierher, und fürchtet euch nicht vor Mir, euerm ewigen Vater; denn Ich habe euch heimgesucht, nicht um euch zu richten, sondern um euch Meine Gnade und Erbarmung angedeihen zu lassen! [HGt.03_168,02] Diesmal aber hat es viel gekostet! Durchs Feuer mußte Sich der Vater wieder den Weg zu euren Herzen bahnen und mußte allorts die Erde verwunden, um zum noch hier und da ein wenig belebten Eingeweide zu gelangen und in selbem durch einen neuen Odem des Lebens aus Mir, eurem Gott und Vater, dem ganz verkümmerten Geiste aufzuhelfen! [HGt.03_168,03] Durch eine große Todesangst in euch mußte Ich eure völlig zerstreute Seele sammeln und sie also völlig neu umgestalten, damit sie wieder fähig werde, das Leben des Geistes aus Mir in sich geltend zu machen und sich leiten zu lassen von der gar sanften Kraft desselben! [HGt.03_168,04] Wahrlich, eine große Mühe habt ihr Mir bereitet! Eure stets wachsenden Sünden haben Meine Geduld und Langmut auf eine überaus starke Probe gesetzt! Nicht viel mehr fehlte es, daß da der sonst mächtigste Faden Meiner Geduld bei der Mitte abgerissen wäre, da die große und schwere Last eurer Sünden ihn zu sehr ausgedehnt, abgedünnt und somit geschwächt hatte! [HGt.03_168,05] Meine Liebe aber spann sogleich einen neuen Faden; durch diesen verband Ich Mich mit euch nun wieder von neuem und habe für euch erweckt und gesalbt einen neuen König, der euch leiten wird auf Meinen Wegen, die allzeit gerade und eben sind. [HGt.03_168,06] Diesem Könige habt ihr, wie alles Volk in der Tiefe, in allem die strengste Folge zu leisten. Er wird euch daher Gesetze geben, die ihr zu halten habet, und wer sich den Gesetzen widersetzen wird, der soll sogleich gestraft werden nach der Heiligung des Gesetzes. [HGt.03_168,07] Das ist nun Mein Wille! Ich aber werde euch von nun an fortwährend Könige geben; gute, so ihr in Meiner Liebe verbleiben werdet, – aber auch Tyrannen, so ihr von Mir eure Herzen abwenden werdet. Das merket euch wohl! [HGt.03_168,08] Wenn ihr aber euch rotten werdet wider die Könige, wider die Leiter und Führer, dann werdet ihr euch rotten gegen Mich, und der Vater wird Sich umgestalten und umwandeln in den Richter und wird euch allen geben ein Gericht, des Name reichen soll bis ans Ende aller Zeiten für diese Erde! [HGt.03_168,09] Wenn ihr aber mit einem Könige unzufrieden sein solltet, da wendet euch zu Mir, und Ich werde dafür sorgen, daß euch ein rechter König werde! Werdet ihr aber selbst anfangen, Könige zu salben hier und da, dann werde Ich Meine Sorge um euch zurückziehen und werde euch überlassen aller Tyrannei eines von euch gewählten Königs! [HGt.03_168,10] Ihr wisset nun Meinen Willen aus Meinem sichtbaren Munde. Handelt darnach, so wird es euch wohlgehen auf Erden, und Ich werde euch nicht fallen lassen; im Gegenteile aber bleibt das Gericht unvermeidlich! Amen.“ [HGt.03_168,11] Nach diesen Worten hieß der Herr das Volk auseinandergehen, stellte dann den früheren Ölspender zum Tempelwächter auf und begab sich dann mit dem Könige und den andern zehn auf den Berg, allwo der andere Tempel stand. [HGt.03_168,12] Was weiter, – in der Folge! 169. Kapitel — Des Herrn Rede an Ohlad auf dem Tempelberg. Der Zweck des äußeren Tempels. Der Herr verschwand vor ihren Augen[HGt.03_169,01] Auf dem Berge, wo der Tempel stand, angelangt, sprach der Herr zum Ohlad: [HGt.03_169,02] „Siehe, hier salbte Ich den Lamech mit der Weisheit zum Priester vollkommen, darum er aus großer Liebe zu Mir diesen Tempel erbaut hat und weihte ihn nach Meinem Willen zum Lobe der Weisheit, die ihm da ward aus Mir! [HGt.03_169,03] Daher erinnere Ich dich daran, auf daß du in dir lebendig innewerdest, in welchem Sinne geistig dieser Tempel hier steht, und was du und jedermann in ihm tun und suchen sollt! [HGt.03_169,04] Es hat zwar ein jeder Mensch einen lebendigen Tempel der Weisheit in sich! Wenn er in demselben Mir das Lob der Weisheit gegeben hat, so kann er dieses Tempels wohl entbehren. [HGt.03_169,05] Aber dessenungeachtet habe Ich hier auch einen äußeren, sichtbaren Tempel errichtet zum Gedächtnisse an den innern, lebendigen, auf daß da ein jeglicher Mensch, der in diesen Tempel eintritt, sich erinnere, daß Ich allein der Herr bin und allein alle Macht habe, wie in und über allen Himmeln, also auch auf, in und unter der Erde! [HGt.03_169,06] Wären die Menschen der Tiefe gleich den freilich wohl wenigen mehr Meiner wahrhaftigen Kinder auf der Höhe, da bedürften sie keiner sichtbaren Tempel! Aber sie sind so grob wie diese äußere Materie, aus welcher dieser Tempel angefertigt ist; daher müssen sie auch ein grobsinnliches Zeichen haben und müssen sich stoßen an dieser äußeren, harten Materie und die eigene daran zerschellen, damit dann erst ihr Inneres frei werde und sie dann aus diesem groben, äußern, toten Tempel in den innern, lebendigen eingehen können, so sie das ernstlich wollen! [HGt.03_169,07] Und in diesem Sinne übergebe Ich denn nun auch dir diesen Tempel! Lehre das Volk darum auch in diesem Sinne in diesen Tempel treten und in ihm den wahren, innern, lebendigen Tempel suchen und finden, – dann wird dir und jedem, der solcher deiner Lehre ernstlich folgen wird, die wahre, innere, lebendige Weisheit aus Mir werden! [HGt.03_169,08] Wer aber nur aus einer gewissen Gewohnheit, um sein törichtes Gewissen zu beschwichtigen, in diesen Tempel treten wird, der tut besser, so er draußen bleibt; denn wer sich an diesem Tempel nicht stößt und nicht zerschellen macht seine Materie, der wird darinnen kein Leben des Geistes und dessen Weisheit finden, wohl aber das Gericht seines Geistes in die Materie und durch diese den Tod. [HGt.03_169,09] Solches habe Ich dir nun in der Gegenwart deiner Minister und Meiner Knechte kundgetan, und so denn wollen wir nun auch in diesem Sinne mit unserm Eintritte diesen Tempel wieder eröffnen! Amen.“ [HGt.03_169,10] Hier gingen der Herr, der Ohlad und die zehn in den Tempel. Der Herr segnete sie alle und den Tempel wieder und sagte dann: [HGt.03_169,11] „Nun ist bisher wieder die alte Ordnung hergestellt! Wachet und seid tätig in Meinem Namen; bekehret das Volk, und Meine Liebe, Gnade und Erbarmung sei euer Lohn ewig! Amen.“ [HGt.03_169,12] Darauf verschwand der Herr, und der Ohlad ward voll Geistes und begab sich mit seinen neuen Ministern in die alte Lamechsche Königsburg. [HGt.03_169,13] Was aber da weiter geschah, wird die Folge zeigen. 170. Kapitel — König Ohlads Begegnung mit den neunundneunzig Räten Hanochs. Die vorwitzige Rede des einen Rates und Ohlads kräftige Antwort[HGt.03_170,01] Daheim in der alten Lamechsburg angelangt, teilte er den zehn Ministern sogleich ihre Wohnungen zu und begab sich dann eben wieder mit den zehn in die neue große, goldene Residenz der ehemaligen tausend Räte, um dort den noch übrigen neunundneunzig Räten das Consilium abeundi zu geben, so sie sich nicht dem göttlichen Gesetze unterziehen möchten. [HGt.03_170,02] Ohlad, den die neunundneunzig für verloren hielten, aber trat gerade mit den zehn in den großen Ratssaal, als die noch übrigen neunundneunzig um ihren Scheinkönig versammelt waren und untereinander einen Rat hielten, ob sie den Rat der Tausend wieder komplettieren sollten oder nicht. Oder sollten sie bei den hundert verbleiben und nur an die Stelle Ohlads einen Mann aus den Bürgern wählen? Oder sollten sie gar nur bei ihrer gegenwärtigen Anzahl verbleiben? [HGt.03_170,03] Die plötzliche Erscheinung Ohlads aber in der Mitte der zehn Schreckensmänner brachte die neunundneunzig Räte samt ihrem Scheinkönige in die größte Verlegenheit und nicht geringe Angst nebenbei. [HGt.03_170,04] Sie hoben daher auch sogleich die Beratung auf, erhoben sich von ihren Plätzen und empfingen anfangs den Ohlad samt den zehn mit der größten Scheinfreundlichkeit, – fragten ihn aber dabei dennoch sehr neugierigen Geistes, wie seine gute, aber höchst gewagte Sache an der Seite solch unerhörter Elementarkalamitäten ausgefallen sei, und was da die Folge sein werde. [HGt.03_170,05] Ohlad aber sprach: „Hier sind nun meine Minister! Diese werden euch die rechte Antwort geben!“ [HGt.03_170,06] Als die neunundneunzig solche Worte aus dem Munde Ohlads vernommen hatten, da wußten sie schon ungefähr, wie die Sache ablaufen werde, und einer von ihnen sprach etwas witzig: [HGt.03_170,07] „Wenn die zehn deine Minister sind, da haben wir die Antwort schon, und ich sehe meinen alten Grundsatz bestätigt, demzufolge sich das Glück allzeit die dümmsten Individuen aussucht und die Weisen sitzen läßt! [HGt.03_170,08] Denn dein Unternehmen mit der Wiederöffnung der Tempel ist zu tollkühn, als daß ein wahrhaft nüchternweiser Mann darüber auch nur ein unnützes Wort verlieren sollte! [HGt.03_170,09] Daß es dir aber, wie einer blinden Henne, gelungen ist, mit heiler Eselshaut durchzukommen und dir die zehn Feuertiger gleich einem taumelnden Esel zu Freunden zu machen, das gehört in den Annalen der Welt unter der Aufschrift mit goldenen Zeichen: ,Höchster Kulminationspunkt eines Eselsglücks!‘ [HGt.03_170,10] Daß du unter uns allgemein anerkannt der dümmste Rat warst, wird dir hoffentlich nicht unbekannt sein, und zwar aus dem Umstande, weil du und dieser unser gegenwärtiger Scheinkönig, der ebenfalls samt dir das Goldmachen nicht erfunden hat, um diese Würde gelost habt; denen es war ausgemacht, daß der Dümmste ein König sein sollte! [HGt.03_170,11] Kurz und gut, was dir damals das Los versagt hat, das gab dir jetzt deine Eselshaut! Du bist König, und die zehn Feuerfresser sind deine Minister! Im Winter werden sie dir aber offenbar die besten Dienste leisten! Daß wir aber unter deiner Königschaft nicht hier verbleiben werden, das wird etwa doch auch gewiß sein!“ [HGt.03_170,12] Und der Ohlad sprach: „Ja, ihr werdet hinausgestäupt werden; aber zuvor werdet ihr von mir noch einige Gesetze auf die Reise mitbekommen! Diese werdet ihr allenthalben streng zu beachten haben, – widrigenfalls euch Gott, der Herr, züchtigen wird mit flammenden Ruten! [HGt.03_170,13] Sehet, auch das gehört zum Eselsglück, daß mir der Herr einen Züchtiger an den Frevlern meiner Gesetze in jedem Augenblicke abgibt! [HGt.03_170,14] Und so machet euch bereit zum Empfange meiner Gesetze! Amen.“ 171. Kapitel — Die Entgegnung des Sprechers der neunundneunzig Räte über Gesetze und deren Zweck. Der Protest der neunundneunzig gegen die Gesetze Ohlads, Ohlads königlich weise Antwort. Die Demut als Höhepunkt der menschlichen Freiheit[HGt.03_171,01] Der Redner von den neunundneunzig Räten aber sprach, anstatt sich auf den Empfang der Gesetze vorzubereiten: [HGt.03_171,02] „Das ginge uns gerade noch ab! Behalte du deine sicher nicht vielsagenden Gesetze nur ganz fein bei dir samt der göttlichen Strafsanktion; denn es ist genug, daß wir freiwillig auswandern und dir somit die Alleinherrschaft überlassen! [HGt.03_171,03] Aber durch die Annahme irgend sanktionierter Gesetze deine Alleinherrschaft auch über uns anzuerkennen, wo wir auch immer hinziehen und uns wohnhaft machen möchten, das werden wir bleibenlassen und gegen ein gewaltsames Aufdringen sogar zu protestieren wissen! [HGt.03_171,04] Denn gibt es einen Gott, der dir auf den alten Thron dieser Stadt verhalf, so muß Er gerecht sein und weise; ist Er aber das, da kann Er unmöglich jenen Wesen, die frei sein sollen nach Seinem Schöpfungsplane, Gesetze aufdringen wollen, durch die sie in alle Sklaverei gesetzt werden! [HGt.03_171,05] Ein freies Geschöpf unter Gesetzen ist doch sicher der größte Widerspruch, die größte Unordnung, ein in Säcke eingepferchter Wind! Wie sollte sich so ein Widerspruch in Gott, der die höchste Freiheit Selbst ist und ewig sein muß, wohl je vorfinden?! [HGt.03_171,06] Ja, wo große Menschengesellschaften, wie hier in Hanoch, beisammenleben, da sind gewisse Einteilungen als sittlich bürgerliche Gesetze vonnöten; aber ihr Grund ist eben kein anderer als die Aufrechterhaltung der Freiheit eines jeden gebildeten Menschen, und im Gegenteile für den noch nicht gebildeten aber eine Schule zur Bildung seines Wesens für die Freiheit. [HGt.03_171,07] Siehe, da sind gewisse Gesetze vonnöten; denn ohne sie wäre der gebildete Mensch unter den ungebildeten gerade so gestellt, als befände er sich unter den reißenden Bewohnern eines dichten Waldes! [HGt.03_171,08] Wenn aber irgendeine ganz wohlgebildete Menschengesellschaft sich irgendwo auf einem noch freien Platze der Erde ansiedelt, die zufolge ihrer hohen Bildung wohl sicher wissen wird, was sie zu tun hat, wofür und warum sollte sie sich da durch Gesetze von Seite eines Menschen, mit dem sie ewig nichts mehr zu schaffen haben wird, binden lassen? [HGt.03_171,09] Sage, – kann dafür selbst die höchste Weisheit im Gottwesen auch nur einen nur halbwegs vernünftigen Grund dartun?! [HGt.03_171,10] Wir genügen uns! Werden wir unter uns Gesetze für nötig finden, da werden wir sie uns schon selbst geben; solange aber dies nicht der Fall sein wird, bleiben wir frei und leben unter dem alleinigen Gesetze der gegenseitigen Freundschaft! Und werden wir etwas ins Werk setzen wollen, da werden wir uns gegenseitig beraten; und was die Mehrzahl für gut findet, bei dem hat es zu verbleiben! [HGt.03_171,11] Also ist es auch jetzt unser allgemeiner Entschluß, von dir unter gar keiner Bedingung Gesetze anzunehmen, wes Inhaltes sie auch immer sein mögen! – Ja, wir verbitten uns sogar einen Rat von deiner nun alleinköniglichen Seite! [HGt.03_171,12] Lasse uns daher frei fortziehen, wie wir dich zur Eröffnung der Tempel fortziehen ließen; darin allein bestehe, was wir von dir verlangen und von dir dann auch annehmen!“ [HGt.03_171,13] Als der Ohlad solches vernommen hatte, erregte er sich und sprach: „Amen, sage ich, und ihr werdet dieses Gebäude nicht eher verlassen, bis ihr euren starren Willen und euren großen Hochmut unter mein Zepter werdet gebeugt haben! [HGt.03_171,14] Ich kenne eure Absicht; sie ist meuterischer Art! Daher ist das nun mein erstes Gesetz an euch, daß ihr so lange hier gehalten werdet, bis ihr die Demut als den Kulminationspunkt aller menschlichen Freiheit anerkennen werdet! [HGt.03_171,15] Denn nicht um eure physische, sondern um eure geistige Freiheit handelt sich's hier! Diese aber bestehe in der Demut und nicht im meuterischen Hochmute! Besieget den zuerst, und es wird sich dann zeigen, ob euch meine Gesetze in eurer Freiheit beirren werden oder nicht! Also geschehe es! Amen.“ 172. Kapitel — Die kluge Gegenrede des Sprechers der neunundneunzig Räte über den Zweck der Vernunft, des Verstandes und des freien Willens[HGt.03_172,01] Nach dieser Einrede Ohlads nahm sich der Redner von den neunundneunzig erst recht zusammen und richtete folgende ganz vollernsten Worte an den Ohlad, wie auch zugleich an die zehn Minister: [HGt.03_172,02] „Was sprichst du hier von einem Hochmute, was von einer meuterischen Gesinnung? Siehst du mich denn für einen Betrüger und schändlichsten Lügner an und für eine feige Memme, die vor dir beben solle, wie etwa das Laub der Pappel vor einem Sturme? – Oh, da irrst du dich gar gewaltig! [HGt.03_172,03] Meinst du denn, ich werde mit Hilfe dieser meiner Brüder mir draußen ein Heer sammeln und werde dann mit demselben hierherziehen und dich vom dir von Gott gesicherten Throne vertreiben? – Oh, da sage ich dir, daß du nichts auf der Welt weniger zu fürchten hast denn das! [HGt.03_172,04] Meinst du denn, ich weiß es etwa nicht, wie dich der Gottheit Geist sichtbar im Tempel zum Könige gesalbt hat und dir diese zehn Feuermänner zu unbesiegbaren Ministern gab? [HGt.03_172,05] Meinst du, mir sind alle die Feuersturmszenen, die diese zehn hervorgerufen haben, entgangen? – O mitnichten; denn ich habe dich durch meine Diener genau beobachten lassen! [HGt.03_172,06] Darum aber weiß ich nun auch, was ich zu tun habe! Oder hältst du mich denn wohl im Ernste für so dumm, als möchte ich mich mit denen in einen Kampf einlassen, denen alle Elemente zu Gebote stehen, und könnte etwa gar gegen die alte Allmacht Gottes ins Feld ziehen? [HGt.03_172,07] O du grober Tor! Bitte du zuerst Den, der dich zum Könige gesalbt hat, um Erleuchtung deines Gehirnes, auf daß du die Menschen, die deine Brüder sind, also erkennen wirst, daß sie dennoch deine freien Brüder sind, obschon du nun über ihnen auf dem Throne sitzest! [HGt.03_172,08] Gott hat einem jeden Menschen die Vernunft und den Verstand und daneben den freien Willen gegeben und in diesen drei Stücken auch zugleich drei Hauptgesetze; und zwar: durch die Vernunft, daß der Mensch alles Gute und Wahre vernehmen solle, und durch den Verstand, daß er das Vernommene ordne und das ganz Reine erkenne, und durch den freien Willen, daß er darnach das ganz Reine frei erwähle, behalte und darnach tätig werde. [HGt.03_172,09] Ist es nicht also?! Ist das nicht die göttliche Ordnung, darum Gott den Menschen also erschuf und ihn ausstattete mit diesen drei obersten Gesetzen, daß er darnach tätig sei?! [HGt.03_172,10] Tue ich aber etwas anderes?! Handle ich nicht nach diesen göttlichen Prinzipien?! Handle ich nicht der göttlichen Ordnung gemäß, so ich nach jenen geläuterten drei Grundsätzen, also rein vernünftig, vollkommen verstandesgemäß und freiwillig aus mir selbst handle und mich durch kein anderes Gesetz beschränken lasse, weil ich das urgöttliche in mir erkenne und es höher achte als jedes menschliche, das schon dadurch nicht mehr rein ist, weil ein Mensch nur dann einem wohlgebildeten andern Menschen ein Gesetz aufdringen will, so er das Reingöttliche in seinem Bruder für nichts mehr achtet – was soeben bei dir nun gegen uns der Fall ist! [HGt.03_172,11] Du warntest mich vor dem Hochmute und vor der Meuterei; ich aber frage dich: Wer von uns nun hochmütiger ist, und wer mehr ein Meuterer?! [HGt.03_172,12] Du willst uns unter dein Zepter gebeugt haben und willst uns mit Gesetzen belasten?! Bist du da nicht ein Meuterer gegen die heiligen göttlichen Rechte in eines jeden gebildeten Menschen Brust und nicht hochmütig, so du uns, deine Brüder, unter dein Zepter gebeugt haben willst?! [HGt.03_172,13] Daher gehe und bitte Gott um Erleuchtung deiner drei Grundgesetze in dir; dann erst komme, und beurteile, ob die unsrigen nicht desselben Ursprunges sind wie die deinigen! [HGt.03_172,14] Lerne das Göttliche zuvor in deinen Brüdern kennen und achten, und urteile dann erst, ob sie neben den göttlich lebendigen Gesetzen auch der deinigen toten bedürfen! [HGt.03_172,15] Solches verstehe zu deiner Not; ich habe zu dir also geredet im Namen aller!“ 173. Kapitel — Die Beratung Ohlads mit seinen Ministern. Die erfolgreiche Rede des Ministerpräsidenten an die neunundneunzig Räte[HGt.03_173,01] Ohlad aber, als er solche Rede von dem Redner der neunundneunzig vernommen hatte, wandte sich alsbald zu seinen Ministern und fragte sie, was da mit diesem hartnäckigen Oppugnanten zu machen sein werde. Solle man ihn mit seinen Genossen wohl ohne die göttliche Pflichtlehre hinausziehen lassen, oder solle man ihn mit Feuergewalt dazu zwingen, daß er die überaus wohlgemeinte Pflichtlehre anhöre? [HGt.03_173,02] Und die zehn Minister sprachen einstimmig: „Du weißt, wo der Herr Gewalt braucht, da richtet Er auch schon! Sollten wir nun in Seinem Namen das tun, so würde Er uns dazu sicher ausdrücklich ermächtigen! Allein wir alle sind auf die Geduld angewiesen; daher haben wir auch so lange bei ihr zu verbleiben, bis uns der Vater einen andern Wink geben wird. [HGt.03_173,03] Gib Gutes fürs Schlechte, Feines für Grobes, Honig für Galle, Öl für Essig, Gold für Salz, Edelsteine für Lehm, und es wird sich alsbald zeigen, was mit diesen starken Gegnern zu machen sein wird! Greife sie mit ihren eigenen Waffen an, und du wirst sie am ersten und leichtesten besiegen!“ [HGt.03_173,04] Ohlad aber sprach: „Du hast recht, das wäre wohl der sicherste Weg; aber da müßte ich eine bessere Zunge haben! Ich vernehme in mir wohl ganz klar und deutlich, was ich ihm, diesem Zungenhelden, erwidern soll, – aber da ich noch zu wenig mich geübt habe, also von innen nach außen hinaus zu sprechen, so geht es mir etwas schwer. Du aber hast darinnen schon die größte Fertigkeit erlangt; daher bitte ich dich, geliebtester Bruder, führe du an meiner Statt ein gediegenes Wort, das da sicher in aller Kürze diese Halsstörrigen beugen wird!“ [HGt.03_173,05] Und der Hauptredner von den zehn sagte solches sogleich dem Ohlad zu, übernahm das Wort und richtete sogleich folgende Worte an die neunundneunzig, sagend nämlich: [HGt.03_173,06] „Höre, du mächtiger Vertreter deiner Genossen! Was sträubst du dich denn so sehr vor der Annahme einer Lehre von Seite dessen, von dem du weißt, daß er vom Geiste Gottes Selbst im Tempel zum Könige gesalbt ward? [HGt.03_173,07] Du weißt wohl, welche Macht wir von Gott besitzen, und wir hingegen sind vollkommenst in uns überzeugt, daß du gegen uns dich ewig nie mit was immer für einer Macht wirst behaupten können, und haben daher durchaus nicht nötig, uns vor dir nur im allergeringsten irgend zu fürchten; denn die Gewalt und die Zuchtrute hat der Herr in unsere Hände gelegt, und so könnet ihr uns selbst mit Hilfe der ganzen Erde nichts anhaben! [HGt.03_173,08] Wir aber beabsichtigen, euch als unsere Brüder durchaus nicht zu züchtigen, sondern euch nur eine Lehre auf die Reise mitzugeben, derzufolge ihr wohl nur überaus glücklich, nie aber unglücklich werden könnet. Solches verbürgen wir auch bei aller unserer uns von Gott verliehenen Macht. [HGt.03_173,09] Saget nun, – wollet ihr unter solcher Bedingung auch keine Lehre als Lebensnorm von uns annehmen?“ [HGt.03_173,10] Und der Redner der neunundneunzig sprach: „Ja, unter solcher Bedingung nehmen wir jede Lehre an als eure freien Brüder; aber zu Sklaven lassen wir uns auch von Gott Selbst nicht machen durch sanktionierte Gesetze! Eher soll Er uns samt der ganzen Erde verbrennen lassen! [HGt.03_173,11] Und so sind wir allzeit bereit, von euch eine gute und weise Lehre anzuhören und auch anzunehmen, so sie uns gefällt! [HGt.03_173,12] Und so möget ihr reden; aber verstehet wohl: ohne Sanktion!“ 174. Kapitel — Der Unterschied zwischen toten und göttlichen Gesetzen. Ohlads Rede an die neunundneunzig Räte über den göttlichen Willen[HGt.03_174,01] Darauf wandte sich der Redeführer von den zehn an den Ohlad wieder und sprach zu ihm: „Nun, Bruder, magst du hingehen und den neunundneunzig den Willen des Herrn kundtun; sie werden dich hören! [HGt.03_174,02] Aber von der Sanktion rede ja kein Wort; denn der geoffenbarte göttliche Wille, welcher hervorgeht aus der ewigen Ordnung Gottes, sanktioniert sich von selbst! Verstehst du es? [HGt.03_174,03] Überhaupt ist ein Gesetz, dem man eine Sanktion erst hinzufügen muß, schon darum schlecht, verwerflich und nicht annehmbar und leer, indem es die Sanktion nicht in sich trägt als ganz natürlich gerechte Folge der Übertretung desselben. Und eben solche leeren Gesetze fürchten diese Helden, und das mit Recht; denn solche Gesetze machen den Menschen allzeit zu einem wahren Sklaven. [HGt.03_174,04] Aber jene Gesetze von oben aus der ewigen, göttlichen Ordnung fürchten diese Helden nicht; denn sie wissen es nicht, daß diese Gesetze schon von Ewigkeit die Sanktion in sich tragen, so wie ein jeder Mensch einen ihn strafenden Geist in seinem Gewissen in sich trägt. [HGt.03_174,05] Daher gehe nun hin, und mache ihnen den göttlichen Willen bekannt, und sie empfangen damit unter einer Haut den Führer und den Richter zugleich; also tue es!“ [HGt.03_174,06] Diese Worte begriff Ohlad gar wohl, ging darum alsbald zu den neunundneunzig hin und richtete folgende Worte an den Hauptredner von den neunundneunzig: [HGt.03_174,07] „Da ich durch meinen Minister eure Einwilligung überkommen habe, derzufolge ihr mich anhören wollet, so will ich denn auch vor euch im Namen des Herrn Himmels und der Erde meinen Mund auftun und euch verkünden in ganz wenigen Worten, was der Herr von euch verlangt, und was euch allen nottut zu eurem zeitlichen, wie auch dereinst zu eurem ewigen Wohle. Und darum bitte ich euch als euer Bruder, daß ihr mich ganz geduldig und gelassen anhören wollet! [HGt.03_174,08] Also aber lautet der göttliche Wille an mich, an euch und an jeglichen Menschen: ,Erkennet und liebet Gott über alles, alle eure Brüder und Schwestern aber so, wie jeder sein eigenes Leben; meidet überflüssige Genüsse des Fleisches und denket, daß es nur einen Herrn gibt, wir Menschen aber sind lauter Brüder untereinander, – so werdet ihr gerecht sein und rein vor Gott und aller Welt, wo ihr auch immer sein werdet, und der Herr wird euch segnen und führen überall eurem ewigen Glücke entgegen!‘ [HGt.03_174,09] Das ist die reine, göttliche Ordnung, in der allein nur alle Dinge existierbar gedacht werden können; ohne sie aber gibt es ewig keine Existenz irgendeines Seins! – Nun habt ihr schon alles! [HGt.03_174,10] Wollt ihr nun fortziehen oder hier verbleiben, das ist mir gleich; nur das müsset ihr euch gefallen lassen, daß ihr euch selbst das Brot erwerbet, damit der Bürger von einer starken Last befreit werde. [HGt.03_174,11] Übrigens werde ich vor das Herz der Bürger keinen Riegel schieben, so wenig als vor das meinige! [HGt.03_174,12] Ich aber werde selbst für mich und meine zehn Minister die Bedürfnisse sehr zu beschränken suchen und den Bürgern das Leben so viel als möglich erleichtern. [HGt.03_174,13] Tuet ihr desgleichen, und ihr könnet bleiben und bewohnen diese Burg!“ 175. Kapitel — Die Entgegnung des Sprechers der neunundneunzig Räte und seine Verstandeseinwürfe[HGt.03_175,01] Als die neunundneunzig solches vom Ohlad vernommen hatten, da erhob sich ihr Hauptredner wieder und sprach zum Ohlad: „Du hast im Grunde eben nicht unrecht, – freilich nur dann, wenn man die Sache so mehr oberflächlich betrachtet; fühlt man aber derselben Sache näher auf den Zahn, so hast du damit den widernatürlichsten Wahnsinn von der Welt uns hier kundgetan! [HGt.03_175,02] Damit du aber siehst, daß ich dir im Namen meiner Brüder nicht etwa einen bösgemeinten Satz entgegengestellt habe, so will ich dir ihn gehörig beleuchten! Kannst du mir ihn widerlegen, so nehmen wir alle augenblicklich jedes Gesetz von dir an; kannst du aber das höchst sicher nicht, so ziehen wir ab und schenken dir deine Lehre samt diesem goldenen Palaste! Und so wolle mich denn gutmütig vernehmen: [HGt.03_175,03] Was deine angeratene Erkenntnis Gottes betrifft, da sage ich dir nichts anderes als das: Versuche du einmal einen Berg auf einmal in den Mund zu stecken und ihn dann auf einen Druck zu verschlingen! – Meinst du wohl, daß dir solches möglich sei? [HGt.03_175,04] Oder schöpfe das ganze Meer und all die großen Ströme in ein kleines Gefäß! – Meinst du wohl, dir werde solches gelingen? [HGt.03_175,05] Nun aber denke dir den unendlich großen, ewigen Gott in Sich Selbst, wie in Seinen unendlich großen und zahllos vielen Werken, und dann dich bestaubtes, allerengst beschränktes und begrenztes Würmchen hinzu! Sage, wie wirst du es anfangen mit der Erkenntnis des ewigen, unendlichen Gottes?! [HGt.03_175,06] Wird Sein endloses Alles wohl Platz haben in deinem völligen Nichts vor Ihm? Oder kannst du dich mit der Erkenntnis Gottes rühmen, so du allenfalls höchstens so viel kennst von Ihm als ich?! [HGt.03_175,07] Oder glaubst du wohl den ganzen Gott gesehen zu haben, so Er durch einen auswirkenden Geist, also nur durch einen allerwinzigsten Kraftstrahl aus Ihm, Sich dir beschaulich dargestellt hatte?! [HGt.03_175,08] O siehe, wie töricht mußt du noch sein, wenn du solches Glaubens bist! [HGt.03_175,09] Wahrlich, ich halte den für den hochmütigsten und größten Toren von der Welt, der sich damit brüsten möchte – entweder durch seine Handlungen oder durch seine Worte –, als bestrebe er sich, entweder Gott zu erkennen, oder er habe Ihn etwa schon gar erkannt, – was eben bei dir stark der Fall zu sein scheint, indem du sogar uns die Erkennung also obenan anempfohlen hast, als wärest du von deren Vorteile schon – Gott weiß es, wie sehr – überzeugt! [HGt.03_175,10] Diesen Unsinn wirst du hoffentlich einsehen, der aber sich doch noch hören läßt! [HGt.03_175,11] Aber wie verhält es sich mit dem ,Liebe Gott über alles!‘? – Bruder, Freund! Könnte ich dir nun meinen Kopf aufsetzen mit meinem so ziemlich nur hellen Verstande, du würdest erschaudern vor deiner Dummheit! [HGt.03_175,12] Siehe, das, was wir Liebe nennen, ist die eigentliche Lebenskraft des Menschen! Je stärker seine Liebe ist, desto stärker auch ist sein Leben! Bei den alten Menschen nimmt die Liebe ab, und im selben Verhältnisse auch das Leben. Der Tod ist der Liebe Garaus und somit auch des Lebens; das lehrt uns die tägliche Erfahrung. [HGt.03_175,13] Sage mir aber, wieviel der Lebenskraft hat denn wohl in dir Platz? – Siehe, sicher nicht mehr, als wieviel dein Volumen es dir gestattet; denn außer sich hat noch nie ein Mensch irgend gelebt! [HGt.03_175,14] Mit dieser Lebenskraft oder Liebe kannst du wohl dir verwandte und dir gleich große Wesen ergreifen. Für ein bis zehn Weiber allenfalls wirst du schlechtweg wohl einige Jahre damit auslangen, – aber für hunderte oder tausende in vereinter Kraft nicht eine Stunde! Ganz ermattet wirst du dahinsinken und völlig erlöschen in deiner Torheit! [HGt.03_175,15] Aus dem aber geht hervor, daß der Mensch nur so viel lieben kann, als sein Volumen ausmacht. Wer mehr lieben will, der ist gleich einem, der, um weise zu werden, alle Zweige des Wissens ergreift und am Ende aus allem etwas Unbedeutendes weiß, im ganzen aber nichts, und daher ein völlig unbrauchbarer Mensch ist! [HGt.03_175,16] Du aber verlangst, daß wir den unendlichen Gott – und das noch dazu über alles! – lieben sollen! [HGt.03_175,17] Womit und wie aber, frage ich dich. Bist du imstande, mit einer Fackel in deiner Hand in der Nacht die ganze Erde zu erleuchten und zu erwärmen? – Nein, sagt dir deine Erfahrung. [HGt.03_175,18] Wie aber willst du dann die Gottheit, die unendliche, in deine Brust schieben wollen und Sie da etwa durchwärmen und durchleuchten und deine Liebe am Ende gar über Sie hinausdehnen wollen?! [HGt.03_175,19] Hast du nur ein Atom groß gesunden Verstandes, so mußt du die Torheit ja auf den ersten Blick einsehen, die du uns aufgebürdet hast! [HGt.03_175,20] Ich bitte dich daher, daß du beherzigest diese meine klare Einsprache und darnach andere Verfügungen treffest mit uns; denn zu deinen Narren sollst du uns denn doch nicht machen wollen.“ 176. Kapitel — Ohlads Verlegenheit und der Rat seiner Minister, wie solche Verstandeshelden zu behandeln sind. Der Abbruch der Verhandlungen[HGt.03_176,01] Als der Ohlad aber solche Rede von dem Hauptredner der neunundneunzig vernommen hatte, da wußte er nicht, was er darauf erwidern sollte; und zugleich aber war er auch von der Natur, daß er ob eines kleinen Gemütsärgers kein Wort herausbringen konnte, und so ging es ihm hier um so schwerer, dem sehr kritischen Gegner eine wohlgenährte Antwort zu geben. [HGt.03_176,02] Die zehn aber merkten die ziemlich starke Verlegenheit Ohlads; daher gingen sie hin zu ihm, und einer von ihnen sprach zu ihm: „Ohlad, ärgere dich nicht vergeblich; denn siehe, da sind stockblinde Menschen vor uns, die nicht einmal so viel Schein haben, daß sie unterscheiden möchten die allerfinsterste Nacht vom hellsten Tage! Also wäre es auch rein vergeblich, mit ihnen mehr zu reden! [HGt.03_176,03] Menschen, die mit ihrer Vernunft und mit ihrem Verstande es so weit gebracht haben, daß sie den freien Geist und seine Liebe, die sein Wesen und rein aus Gott ist, in Säcke einpferchen wollen, sind keiner höheren Belehrung mehr fähig! [HGt.03_176,04] Denn sie gleichen den Puppen, die sich einmal in ihr eigenes Gewebe eingesponnen und sich dadurch selbst von allem höheren Lichtzuflusse abgeschnitten haben! [HGt.03_176,05] Werden diese Puppen auch mit der Zeit wieder belebt und werden zu schönen Faltern, – was aber ist das für ein elendes Bild?! Denn es stellt nichts als eine lästige Anzahl von allerlei Tagedieben, Müßiggängern und Schöngeistern vor, die ihre Ideen, gleich wie die Falter ihre Eier, in die jungen Pflanzungen des Menschengeschlechtes legen, aus denen gar bald eine Unzahl schädlichster Raupen hervorkommt und ebensobald alle die herrlichen, lebendigen Triebe des geistigen Lebens zernagt und zugrunde richtet! [HGt.03_176,06] Daher lassen wir nun auch diese blindesten menschenartigen Vernunft- und Verstandespuppen sobald als nur immer möglich von dannen ziehen; denn nun scheint unter uns des Geistes ewige und lebendige Sonne! Durch ihre Wärme möchten diese Puppen bald ausgebrütet werden und dann ihre verderbliche Brut in unsere neuen Pflanzungen legen! [HGt.03_176,07] Also werden wir mit diesen Menschen keine vergeblichen Worte mehr wechseln, sondern werden sie alsbald abziehen lassen; und wie ihr Wind sie drehen wird, dahin auch sollen sie ziehen, – denn ein jeder Wurm kennt sein Kraut, das ihm schmeckt, und das er dann begierlich frißt!“ [HGt.03_176,08] Der Redner von den neunundneunzig aber sprach: „Ja, wo Menschen also mit Menschen reden, da können sie auch nicht beisammenbleiben und -wohnen! Diese predigen die Demut – und sind dabei hochmütiger als ein Pfau, so ihm der Schweif vollgewachsen ist! Daher ziehen wir ab, – und fürwahr, wir werden sicher irgendwo unser Kraut finden!“ [HGt.03_176,09] Der Redner von den zehn aber sprach: „Ja, ziehet von dannen; denn hier wächst für euch kein Kraut mehr! [HGt.03_176,10] Menschen, denen wir alles zugestanden haben, so sie unser leichtes Gesetz angenommen hätten, taugen nicht für uns, die wir wissen, daß Gott unsere Herzen gerade also eingerichtet hat wie das Auge, das zwar auch um sehr vieles kleiner ist als die sichtbare große Schöpfung, aber dennoch dieselbe in sich aufnehmen und betrachten kann! Und so kommt es nicht aufs Volumen, sondern nur auf den Willen des lebentragenden Wesens an! [HGt.03_176,11] Ziehet nun ab; denn also ist für euch hier keines Bleibens! Drei Tage seien euch gegönnt, eure Sachen zu sammeln; dann aber kein Augenblick mehr! [HGt.03_176,12] Versteht solches wohl, und also geschehe es bestimmt!“ 177. Kapitel — Selbsterkenntnis bei den neunundneunzig Räten. Die Einfachheit des Wortes Gottes als Ärgernis bei den Verstandeshelden. Der bekehrte Danel und Ohlad als Brüder[HGt.03_177,01] Diese Worte machten eine große Gemütsumänderung bei den neunundneunzig; besonders fuhr das Gleichnis des Auges, verglichen mit dem Herzen, allen wie ein elektrischer Funke durch alle Glieder, Adern und Eingeweide. [HGt.03_177,02] Daher denn auch der Hauptredner sich alsbald umkehrte und an seine Brüder folgende Worte richtete, sagend nämlich: „Höret mich an, ihr Brüder! Des mächtigen Boten Rede, der nun ein erster Minister Ohlads ist, den Gott Selbst zum Könige über uns gesalbt hat, hat mir all meinen Irrtum gezeigt. [HGt.03_177,03] Ich weiß nun, wie wir so ganz eigentlich mit all unserer Vernunft und all unserm Verstande daran sind, und das ist genug, um einzusehen, daß wir im Ernste für geistige und göttliche Einsichten mehr noch als stockblind sind! [HGt.03_177,04] Denn wir sind auch zugleich stocktaub und dabei ganz entsetzlich eingebildet dumm! Und so geschieht uns auch ganz vollkommen recht, so wir von dieser Stadt, in der wir eine so geraume Zeit die Herren gespielt haben, nun so ziemlich schmählich hinauszuziehen genötigt werden; und mir geschieht das um so mehr recht, indem ich unter euch allzeit der hartnäckigste Oppugnant gegen alles rein Geistige und Göttliche war. [HGt.03_177,05] Wer von uns wird sich nicht der Geschichte erinnern, wie uns die beiden Räte, die von der Höhe als Taglöhner zu uns kamen und dann bald zu Bauführern aller unserer großen Bauten wurden, am Ende, da sie uns hernach verließen, zu Gott, dem einigen, allmächtigen Herrn Himmels und der Erde, ermahnten?! [HGt.03_177,06] Aber ihre herrlichen Worte schlugen bei uns allen, und ganz vorzüglich bei mir, an glatte Ohren; wir ließen die beiden, uns allerwichtigsten Männer eher von uns ziehen, ehe wir ihre gar sanften göttlichen Worte angenommen hätten! [HGt.03_177,07] Mit unserer Vernunft und mit unserem Verstande widerstrebten wir allezeit dem Worte, das irgend von Gott zu uns kam; also sind wir nun auch nicht mehr wert, als am rechten Zahltage hinaus aus dieser Stadt getrieben zu werden! [HGt.03_177,08] Ich aber weiß, was ich für mich tun werde: als ein erweckter, reuiger Büßer werde ich hinausziehen! Ihr aber könnet tun, was ihr wollt; des allmächtigen Gottes Wille mit mir und mit euch!“ [HGt.03_177,09] Nach dieser Rede kehrte er sich wieder an den Ohlad und an die zehn und bat sie sehr rührend um Vergebung seiner Halsstörrigkeit wegen und dankte ihnen für die Lehre, die ihn also geweckt hatte, und wollte darauf gehen. [HGt.03_177,10] Aber der Ohlad sagte zu ihm: „Danel, ich sage dir: Also, wie du nun bist, bleibst du; denn der Herr hat dich angenommen, da Er dir solche Gnade zukommen ließ, und so sollst du auch von mir angenommen sein! [HGt.03_177,11] Denn nicht euch Brüder will ich verbannen, sondern nur euren Starrsinn; verbannet ihr aber den aus euch, dann ist es nicht not, daß ihr selbst mit eurer Sünde die Flucht ergreifen sollet, – denn es ist genug, daß ihr der Sünde den Abschied gegeben habt! [HGt.03_177,12] Wenn aber ein Bruder den andern Bruder verbannt, da verbannt er sich auch von seinem Bruder; das aber sei ferne von mir! [HGt.03_177,13] Also bleibe du, und suche, daß auch die andern Brüder verbleiben; denn wir alle werden noch vollauf zu tun bekommen!“ 178. Kapitel — Die erfolgreiche Bearbeitung der siebenundneunzig Räte durch Danel. Der Widerstand des Scheinkönigs Midehal, seine Demütigung und Bekehrung[HGt.03_178,01] Danel ward auf die Worte Ohlads voll Freude in seinem Gemüte und versprach ihm, bei den andern alles anzuwenden, um sie auch zur völligen Umkehr zu bewegen. [HGt.03_178,02] Darauf wandte er sich sogleich an die andern Räte und stellte ihnen die Gnade Gottes, so gut er es nur immer vermochte, recht anschaulich dar; und bis auf einen kehrten sich alle nach den Worten Danels. [HGt.03_178,03] Der eine aber war niemand anderer als der Scheinkönig. Bei dem fing erst jetzt die Herrschlust sich so recht zu regen an, da er ihren völligen Verlust vor Augen sah. [HGt.03_178,04] Denn als Scheinkönig genoß er alle mögliche zeremonielle Auszeichnung, und das war ihm über alles. Nun aber sollte er alles niederlegen! Das war ihm wohl auch über alles, – aber nur nicht von der für ihn angenehmen Seite! [HGt.03_178,05] Er fing daher an nachzusinnen, wie er wieder zu seiner verlorenen Würde gelangen könnte. [HGt.03_178,06] Danel merkte das wohl und war schon geladen, um einige Blitze auf das Haupt des Scheinkönigs zu schleudern; aber einer von den zehn Ministern trat hin zum Danel und sprach: [HGt.03_178,07] „Es ist genug, daß ihr achtundneunzig euch bekehrt habt; an einem Esel aber liegt ja ohnehin nichts! Denn wer seine Brüder ohne natürliche, moralische und geistige Kraft nicht etwa führen, sondern nur rein aus einer gewisserart ihn kitzelnden Hochmutsgeilheit beherrschen will, der ist ein Esel, indem er nicht einzusehen vermag, daß ihn seine Brüder schon gar lange als solchen erkannten und ihm auch darum die Krone der Dummheit aufs Haupt setzten. [HGt.03_178,08] Wahrlich, an diesem Manne wird der Zeiten Flut nichts ändern; denn wie ein Fels so fest steht seine Dummheit da! [HGt.03_178,09] Zertrümmert die Berge, machet die Erde beben wie das Laub der Bäume im Sturme, verfinstert die Sonne, und lasset auf die Erde fallen die Sterne der Himmel, – und unerschüttert wird dieser Mann dastehen! [HGt.03_178,10] Denn nicht fürchtet der Esel des mächtigen Tigers gewaltige Tatze und nicht dessen zermalmenden Zahn; denn er weiß es ja gleich wie Propheten, daß ihm gegenüber die stärkeren Wesen wohl schämen sich müßten, so sie ihm zuleid' etwas täten. [HGt.03_178,11] Denn Dummheit wird allzeit sogar selbst vom Vater der Bosheit und Lüge gar sehr respektiert, und nichts hat zu fürchten ein Esel von seiner Arglist! Denn die Schande, sie drückt auch den Satan; darum mag er sich nimmer mit Eseln abgeben! [HGt.03_178,12] Er bleibe daher auf dem Throne nur sitzen und solle da zwischen den Wänden die Fliegen und Mücklein beherrschen; und eine gar prächtige Krone, die solle auch zieren sein graulichtes Haupt! [HGt.03_178,13] Und wenn er mit sehr wenigen, stets gleichen Worten in seinem Palaste gewaltig die Stimme als Herrscher ertönen wird lassen, da solle ein reichliches Futter gereichet ihm werden! [HGt.03_178,14] So wollen wir's machen, und so soll es bleiben; der König soll sich pur mit Fressen und Schlafen und Fliegenabwehren die Zeit fein vertreiben!“ [HGt.03_178,15] Diese Satire brachte den Scheinkönig fast außer den Sinnen, und er fing darob förmlich zu toben und zu rasen an. [HGt.03_178,16] Der Redner von den zehn aber packte ihn an den Ohren und dehnte sie ihm nach seiner Wundermacht zu wahrhaftigen Eselsohren aus und sprach darauf: „Siehe, das ist die Krone! Der Thron wird folgen!“ [HGt.03_178,17] Das wirkte auf den Scheinkönig, der da Midehal hieß. Er ward dadurch demütig und bekehrte sich auch; aber seine Ohren behielt er volle drei Jahre lang. [HGt.03_178,18] Diese Geschichte aber ward in der ganzen Gegend, ja selbst bis auf die Höhe bekannt, daß der Scheinkönig Eselsohren erhielt, und erhielt sich unter allerlei Dichtungen selbst noch bei den späten Nachkommen. 179. Kapitel — König Ohlads brüderliche Rede an Danel. Die Einmütigkeit unter den einhundertzehn Versammelten[HGt.03_179,01] Darauf aber wandte sich der Ohlad wieder an den Danel und sprach zu ihm: [HGt.03_179,02] „Nun, Freund und Bruder, siehe, auch der Midehal ist sicher bekehrt worden dadurch, daß ihm der Minister durch die Kraft Gottes in ihm die Ohren ausgedehnt und dadurch dessen innere Dummheit nach außen gekehrt hat; und so hätten wir nach dem Willen des Herrn schon einen tüchtigen Zweck erreicht! [HGt.03_179,03] Aber nun steht das Volk da; groß ist dessen Finsternis überall, – hier in der Stadt, in den weitgedehnten Vorstädten und in den Städten Lim, Kira, Sab, Marat, Sincur, Pur, Nias, Firab, Pejel, Kasul, Munia und Tiral, und also auch bei den noch weiteren Vasallen! [HGt.03_179,04] An uns liegt es, diese Völker in den Städten, wie auch auf dem Lande, wo immer nur irgend Menschen wohnen, zu bekehren. Überall ist, wie ihr es samt mir gar wohl wisset, die Abgötterei, wie auch die förmlichste Gottlosigkeit zu Hause! [HGt.03_179,05] Wir selbst tragen daran einen großen Teil der Schuld, und so liegt nun denn auch an uns um so mehr die Pflicht, allen diesen Völkern das Licht wiederzubringen, das wir ihnen zum größten Teile genommen haben. [HGt.03_179,06] Der Herr Selbst hat uns den Weg gebahnt durch den erschrecklichsten Feuersturm; an uns aber liegt es nun, diese Gelegenheit zu ergreifen und sie weise zu benützen zur Ehre und zum Lobe Dessen, der uns solche große Gnade erwies dadurch, daß Er uns das ewige Licht des Lebens, das in uns ganz erloschen war, wieder von neuem angezündet hat. [HGt.03_179,07] Damit wir aber fähig werden, dieses Licht allen Völkern wiederzubringen, wollen wir die Tempel des Herrn besuchen; in ihnen werden wir die gerechte Stärkung und die dazu nötige Vollmacht und Kraft überkommen! [HGt.03_179,08] Des Herrn Geist wird über uns kommen und wird uns salben mit neuer Kraft und wird in uns erwecken den rechten Geist der Liebe und alles Lebenslichtes aus ihr; und mit diesem Lichte wollen wir dann zu den Völkern treten und werden sie erleuchten mit dem Lichte der lebendigen Gnade aus Gott und salben mit neuem Geiste zu Kindern des einen heiligen Vaters, der uns vom Anbeginn schon zu Seinen Kindern erwählt hat! [HGt.03_179,09] Und so denn bereitet euch alle auf den morgigen Tag vor; denn noch vor dem Aufgange der Sonne wollen wir die Tempel betreten, und wollen uns aber dann auch sogleich an das erhabene Geschäft der wahren Volksregierung im Namen des einigen Gottes machen, da Er uns dazu erwählt und gesalbt hat! Also geschehe es!“ [HGt.03_179,10] Als der Ohlad diese Anrede beendet hatte, da erhielt er ein großes Lob, und alle die Räte samt dem sehr gedemütigten Scheinkönige fingen an, Gott laut zu loben und zu preisen, daß Er ihnen einen so lieben und weisen König gegeben hatte. [HGt.03_179,11] Alle nahmen den Vortrag bereitwilligst an und freuten sich über die Maßen darauf, wann sie im Namen des Herrn würden zu wirken anfangen. [HGt.03_179,12] Und der Ohlad samt seinen zehn Ministern segnete die neunundneunzig, und sie begaben sich dann in die alte Burg, allwo sie sich stärkten und dem Herrn ein gemeinsames Lob darbrachten. 180. Kapitel — Der Gang der einhundertzehn Versammelten in den Tempel zum Empfange des Segens. Das Feuermeer und Ohlads weise Beruhigungsrede. Der Eintritt in den Tempel[HGt.03_180,01] Am nächsten Morgen bei zwei Stunden vor dem Sonnenaufgange kam Ohlad mit seinen Ministern schon zu den neunundneunzig und fand zu seiner großen Freude sie alle schon gar festlich bereitet zum Einzuge in die Tempel. [HGt.03_180,02] Männer, Weiber und Kinder standen da beisammen versammelt, und die Dienerschaft harrte im weiten Hofraume ihrer Gebieter. [HGt.03_180,03] Und da sonach alles bereitet da war, so ward auch sogleich der Weg nach dem ersten Tempel eingeschlagen. [HGt.03_180,04] Als die ganze, große Gesellschaft beim Vorhofe anlangte, da schossen sogleich tausend Blitze vom goldenen Dache des Tempels herab in den großen Vorhof. Zugleich aber winkten die zehn Minister all den umliegenden feuerspeienden Bergen, und im Augenblicke trieben diese himmelhohe Flammensäulen aus ihren Kratern; und die mit den Flammen entstürzenden ungeheuren Rauchmassen verdeckten bald das sichtbare Firmament. [HGt.03_180,05] Diese Erscheinung machte auf unsere neunundneunzig einen übermächtigen Eindruck; denn sie sahen ihren Tod vor Augen, das heißt wie sie sich's vorstellten. [HGt.03_180,06] Unter großem Beben und Zittern nahte sich der Danel dem Ohlad und sprach: „O du mächtiger, von Gott gesalbter König! Schone unser, und laß uns doch nicht gar so elend zugrunde richten; denn erschrecklich ist deine Macht und Gewalt! [HGt.03_180,07] Wer wird da neben dir bestehen können? Wer wird dein Untertan sein und leben können? Denn ehe er sich's versehen wird, werden ihn schon die Flammen deiner Gewalt umfassen und werden seinen Leib zu Asche verbrennen!“ [HGt.03_180,08] Ohlad aber sprach zum Danel: „Sorge dich nicht um so törichte Dinge! Der Ernst ist es ja, den dir nun der Herr zeiget, wie gleich auch all deinen Gefährten; und hätt' euch der Herr diesen Ernst nicht gezeiget, da wäret ihr würdig nicht, hier zu empfangen den mächtigen Segen, durch den ihr die Völker werdet ziehen zum Lichte des Lebens aus Gott! [HGt.03_180,09] Darum weg mit der törichten Furcht, und ganz weg mit dem Beben und Zagen; denn Gott, ja ein ewiger, liebevollster Vater ist's, der euch entgegen nun kommt im heftigsten Feuer aus Seiner unendlichen heiligsten Liebe zu euch! [HGt.03_180,10] Denn nicht ich und nicht diese Minister vermögen die Blitze vom Dache und all dieses Feuer der Erde zu entrufen; Gott Selbst nur tut solches aus Liebe zu euch, um euch tiefer noch vorzubereiten auf Seine euch segnende Ankunft im Tempel!“ [HGt.03_180,11] Diese Worte genügten, den Danel, wie auch seine Gefährten, von der großen Angst zu befreien, und ihm Mut einzuflößen, in den Vorhof zu treten und dann auch – nach der wahren Erweckung der lebendigen Demut und Liebe – in den Tempel. [HGt.03_180,12] Ohlad ließ darauf sogleich die Pforte des Vorhofs eröffnen und trat dann selbst in der größten Ehrfurcht mit der ganzen, großen Gesellschaft ein, brachte da dem Herrn ein Lob dar und begab sich sodann in den Tempel, in den ihm aber nur die zehn folgen durften. Die ganze andere Gesellschaft aber mußte im Vorhofe verbleiben; denn es durften nur die Eingeweihten den Tempel betreten. 181. Kapitel — Ohlad am Altar vor dem Herrn[HGt.03_181,01] Als der Ohlad mit den zehn Ministern in den Tempel eintrat, da fiel er alsbald vor dem Altare auf sein Angesicht nieder und betete zu Gott, daß Er den neunundneunzig Brüdern samt dem Scheinkönige gnädig und barmherzig sein möchte. [HGt.03_181,02] Und der Herr sprach aus der weißen Wolke: „Ohlad! Ich habe dich und deine Brüder angesehen und habe Mich darob erfreut, daß sie umgekehrt sind und haben ihr Herz und ihre Seele gekehrt nach Mir; aber Ich habe noch etwas wider sie, und das ist von sehr bedeutender Art für ihren Geist! [HGt.03_181,03] In der Welt zwar erscheint es billig, auch gerecht und ganz unschuldig; aber nicht also erscheint es Mir! [HGt.03_181,04] Was aber ist es, daß Ich wider sie habe? – Höre! [HGt.03_181,05] Sie haben eine Leidenschaft, bei gewissen ihnen zu Gesichte stehenden Familien Besuche unter allerlei freundschaftlichen Vorwänden, die sie sich selbst machen, abzustatten und im Gegenteile wieder Besuche zu empfangen! Von dieser argen Leidenschaft ist selbst Danel als der Weiseste nicht ausgenommen! [HGt.03_181,06] Die Männer haben eine große Freude, so sie von schönen Weibern Besuche bekommen und freuen sich sehr, so sie wieder solch schönen Weibern können Gegenbesuche machen. [HGt.03_181,07] Die Weiber aber dagegen lechzen ordentlich nach männlichen Besuchen; je mehr deren und je öfter dergleichen es gibt, desto lustiger und ganz närrisch freundlicher werden sie. [HGt.03_181,08] Die Weiber besuchen zwar dagegen die Männer weniger als ihresgleichen, aber da möchte oft der ganze Himmel aus Ärger feuerglühend werden, was für entsetzlich dümmstes Zeug sie da zusammenklatschen! [HGt.03_181,09] Je unsinniger und je wertloser und dümmer es ist, desto mehr macht es ihnen Vergnügen; und je läppischer, je närrischer, je dümmer und je spaßhafter und lächerlicher es bei einer solchen Gesellschaft zugeht, desto angenehmer und schätzbarer ist sie auch und wird darum auch vorzugsweise gerne besucht. [HGt.03_181,10] Ganz besonders aber sehen die Weiber – jung wie alt – darauf, daß sich in einer solchen Klatschgesellschaft, die Ich von Grund aus hasse, stets mehrere junge Wesen männlichen Geschlechtes einfinden, die sich so recht aufs Hofmachen verstehen und dabei aber auch allerlei lustige Spiele zu arrangieren wissen, um durch sie den Weibern eine angenehme Erheiterung zu verschaffen; und je unsinniger und dümmer, und je leerer und nichtssagender derlei Spiele sind, desto beliebter sind sie auch, und ganz besonders dann, wenn sie von wohlgestalteten Jünglingen ausgeführt werden! [HGt.03_181,11] Siehe, solche Weiber haben deine neunundneunzig Brüder und solche Kinder; das Weib des Danel aber ist die größte Klatschliebhaberin darunter! Wahrlich, das ist Mir ein Ekel der Ekel! [HGt.03_181,12] Ich möchte lieber ein Aas in Meinem Munde halten tausend Jahre, als eine solche galante Gesellschaftsliebhaberin auch nur eine Sekunde lang von ferne her ansehen! [HGt.03_181,13] Der Grund davon liegt darinnen, weil das eine allerbeste Art ist, den Geist aus Mir zu verderben und zu töten; denn bei derlei Zusammenkünften lernt das Weib, wie der Mann, am besten, Meiner zu vergessen und sich ganz der lustigen und schmeichelnden Welt in die giftigen Schlangenarme zu werfen! [HGt.03_181,14] Wer denkt in einer solchen Klatsch-, Spiel-, Plausch- und Lachgesellschaft an Mich, während Ich ihm doch in jedem Augenblicke das Leben erhalten muß?! [HGt.03_181,15] Darum verfluche Ich auch alle solche Gesellschaften, wo sich die Menschen der Belustigung wegen besuchen – und nicht, daß sie sich besprechen und belehren möchten von Mir; und seien diese Besuche von noch so geringer Art, so seien sie dennoch verflucht, – besonders, so Kinder dazu mitgezogen werden, in denen dadurch jeder bessere Same alsbald erstickt wird. [HGt.03_181,16] Gehe daher hinaus und verkündige solchen Meinen Willen deinen neunundneunzig Brüdern, und diese sollen desgleichen tun ihren stumpfen Weibern und Kindern; und sage, daß Ich niemanden eher mit Meiner Gnade segnen werde, als bis er sein Haus also geordnet wird haben! [HGt.03_181,17] Wird dieses Übel nicht aus der Wurzel vertilgt, so werde Ich Mein Gericht statt der Gnade solcher Welt geben! Amen.“ 182. Kapitel — Ohlads törichte Bitte an den Herrn. Wichtige Gesellschaftswinke des Herrn. „Wo zwei oder drei beisammen sind in Meinem Namen, da bin Ich mitten unter ihnen!“[HGt.03_182,01] Der Ohlad aber sprach in der tiefsten Demut darauf zum Herrn: „O Herr, Dein überheiliger Name werde geheiligt, und Dein Wille geschehe allzeit wie ewig! [HGt.03_182,02] Ich, ein armseligster, elender Wurm vor Dir im Staube meiner völligen Nichtigkeit aber wage dennoch aus dem Grunde meiner großen Not Dir entgegen eine Frage zu tun, und Du, o Vater, voll der unendlichsten Liebe, Erbarmung und Geduld, wirst mir darob ja nicht gram werden!“ [HGt.03_182,03] Und der Herr sprach aus der Wolke: „Also stehe denn auf, und rede! Ich werde Mein Ohr an deinen Mund legen!“ [HGt.03_182,04] Und der Ohlad erhob sich und sprach: „O Herr, sage mir nach Deiner Gnade: Sollen wir Menschen nimmer unsere Nachbarn besuchen und uns nimmer – selbst auf eine ganz ehrbare Weise – mit unseren Brüdern und Schwestern vergnügen? [HGt.03_182,05] Siehe, wir armseligen Menschen haben ja ohnehin wenig Erheiterndes auf dieser mageren Erde! Müssen wir auch noch unsere gegenseitigen geselligen Besuche und Besprechungen gänzlich meiden, so bleibt uns dann ja rein nichts übrig, als sich irgendwo in ein Loch einzupferchen und daselbst zu nagen an der eigenen trübseligsten Langeweile! [HGt.03_182,06] Daher möchte ich Dich, o Herr, doch wohl bitten im Namen aller meiner Brüder und Schwestern, daß Du in dieser Hinsicht Deinen Willen ein wenig nur mildern möchtest! Wäre es denn Dir nicht wohlgefällig, mir eine Regel zu geben, ja ein Gesetz sogar, nach dem irgend Gesellschaften dennoch stattfinden dürften?!“ [HGt.03_182,07] Und der Herr sprach darauf zum Ohlad: „Ich wußte es ja, daß auch du noch ein kranker Esel bist; darum verlangst du solches von Mir wider alle Meine Ordnung! [HGt.03_182,08] Siehe, du Ochs, auf der Erde Boden wachsen gesegnete und verfluchte Pflanzen, Gesträuche, Bäume und Früchte; die gesegneten entstammen dem Himmel, und die verfluchten der Hölle. Die Früchte der letzten Art sind nicht selten anlockender als die der ersten. Möchtest du da nicht auch sagen: ,Herr, nimm ihnen das tödliche Gift, auf daß wir sie genießen können, gleich wie die gesegneten?‘ [HGt.03_182,09] Ich aber sage dir: Das tue Ich nimmer; denn Ich habe ohnehin auf eine verfluchte dreißig gesegnete gesetzt, und das wird doch genug sein! [HGt.03_182,10] Dazu steht es dir noch frei, die verfluchten Pflanzen auszurotten und dafür lauter gesegnete anzubauen. Ist das nicht genug? [HGt.03_182,11] Also habe Ich auch dem Menschen eine Gesellschafterin und eine Gehilfin gegeben, und siehe, der erste Mensch Adam war damit zufrieden! Wollt ihr denn mehr sein, als da war das erste Menschenpaar auf der Erde?! [HGt.03_182,12] Hat nicht ein jeder Vater seine Kinder und desgleichen eine jede Mutter?! Und hat nicht ein jeder Hausbesitzer sein Gesinde, seine Knechte und Mägde, die auch Menschen sind?! Was will er da noch mehr? [HGt.03_182,13] Adam hatte nur ein Weib und später seine Kinder und hatte keine Knechte und keine Mägde, – und siehe, er war damit zufrieden! Warum wollt ihr denn mehr, als da aus Meiner Ordnung dem Adam gegeben ward?! [HGt.03_182,14] O ihr Nimmersatte, darum wollt ihr mehr, weil ihr an Mir kein Genüge habt! Ich bin euch zu wenig; – darum wollt ihr Unterhaltungen der Welt! Darum wollt ihr lachen und klatschen und spielen in munteren Zirkeln, weil Ich euch langweile! [HGt.03_182,15] Adam hatte an Meiner Gesellschaft genug, und der Eva genügte der Adam und ihre Kinder; darum lebte er neunhundertdreißig Jahre zufrieden ohne Gesellschaftsspiele! Warum wollt ihr denn mehr? [HGt.03_182,16] Ich aber sage dir, da Ich dich schon gesalbt habe: So ihr euch besuchet in Meinem Namen, wie es Adam tat bei seinen Kindern sogar, dann soll auch jede Gesellschaft gesegnet sein; denn wo zwei oder drei in Meinem Namen versammelt sind, da bin Ich mitten unter ihnen! [HGt.03_182,17] Wo sich aber irgend Besuchsgesellschaften bilden wegen was immer für weltlichen Vergnügen, da soll der Satan unter ihnen sein und soll nach seiner Lust erwürgen seine Kinder! [HGt.03_182,18] Frage Mich daher nicht wieder – willst du Mich nicht zum letzten Male gefragt haben –, sondern gehe eilends, und erfülle Meinen Willen! Amen.“ 183. Kapitel — Ohlad berichtet dem Danel und den Räten den Willen des Herrn. Danels Verwunderung ob der scheinbaren Kleinlichkeit Gottes[HGt.03_183,01] Auf diese Rede schlug sich der Ohlad auf die Brust, verneigte sich dann tiefst vor dem Altare und ging dann sogleich hinaus zu den neunundneunzig harrenden Brüdern, berief da sogleich den Danel zu sich und sagte zu ihm alles, wie er es vom Herrn vernommen hatte. [HGt.03_183,02] Danel aber sprach dagegen: „Fürwahr, so du mir diese Sachlage nicht mit einem so erhabenen Ernste nun dargetan hättest, ich könnte es kaum glauben, daß der große, erhabene, heilige Gott Sich mit solchen Kleinigkeiten abgäbe! [HGt.03_183,03] Es muß aber dennoch etwas daran gelegen sein, da uns der Herr bei Nichtablegung dieses also offenbaren Lasters Seine Gnade vorenthalten will und will uns dafür geben nur ein bitteres Gericht! [HGt.03_183,04] Ich werde sogleich des Herrn Willen bekanntmachen! Für mich und mein Haus stehe ich gut; da wird sicher keine Gesellschaft mehr gegeben und keine mehr besucht außer in der Art, wie es der Herr haben will, in Seinem allerheiligsten Namen nämlich nur! [HGt.03_183,05] Aber was da die übrigen betrifft, so kann ich natürlich nicht gutstehen, was sie darauf machen werden!“ [HGt.03_183,06] Und der Ohlad sprach: „Das kümmere vorderhand weder dich, noch mich; da wird schon der Herr das Seinige tun!“ [HGt.03_183,07] Darauf kehrte sich der Danel sogleich zu den achtundneunzig, wie zu den Kindern und Weibern, und machte ihnen den Willen des Herrn bekannt gerade also, wie er ihn vom Ohlad vernommen hatte. [HGt.03_183,08] Die Männer kehrten sich bald darnach; aber die Weiber und die erwachseneren Kinder fingen an zu schluchzen und mitunter heimlich gar zu weinen und zu schmähen und sprachen: [HGt.03_183,09] „Das kann Gott nicht geredet haben! Das ist eine Erfindung Ohlads, der zehn Zauberer von der Höhe und nun auch des berühmten Danels, der seinen Mantel allzeit gehörig nach dem Winde zu drehen versteht! [HGt.03_183,10] Warum sollen uns denn nicht auch in einer Gesellschaft mehrere Männer lieben? [HGt.03_183,11] Warum sollen wir denn nur für einen Mann allein dasein und uns allein für einen putzen und schönmachen? [HGt.03_183,12] Warum sollen unsere Töchter nicht die Gelegenheit haben, allerlei Bekanntschaften mit der jungen Männerwelt zu machen, auf daß sie sich daselbst den ihnen am meisten zu Gesichte stehenden Mann erwählen möchten? [HGt.03_183,13] Und warum sollen unsere Söhne nicht die Mädchen kennenlernen? Sollen sie denn am Ende weiberlos verbleiben? Wo aber, außer in gesellschaftlichen Zirkeln, bietet sich wohl eine Gelegenheit dazu?! [HGt.03_183,14] Zudem besuchen wir ja ohnehin nur lauter honette, altadelige Häuser und werden von ihnen wieder besucht! [HGt.03_183,15] Gott kann gar nicht weise sein, wenn Er so etwas von uns verlangt! Täten wir dabei etwas Schlechtes, so wäre das etwas anderes; aber wir vergnügen uns dabei ja nur allzeit auf die unschuldigste Weise von der Welt! Wie soll, wie kann das einem weisen Gott zuwider sein?!“ [HGt.03_183,16] Der Danel aber sprach zu ihnen: „O ihr Weiber, ihr murret über die Anordnungen Gottes! Wisset ihr nicht, wie Er noch allezeit die Widerspenstigen gezüchtigt hat?! Zu kleinlich kommt euch hier die Sache vor, um die Sich hier Gott annimmt; deshalb saget ihr, Gott müsse nicht weise sein! [HGt.03_183,17] O ihr blinden Törinnen! Wer erschuf denn das kleine Mücklein, wer die Blattmilbe, wer die zahllosen Würmchen in einem Sumpfe, wer die Haare eures Hauptes? Sind das nicht lauter höchst unbedeutend scheinende Dinge?! Und dennoch gibt Sich der große Gott mit ihnen ab! [HGt.03_183,18] Wer außer dem Werkmeister aber weiß es besser, was seinem Werke frommt?! Wenn uns aber hier der große Werkmeister Selbst die Lebensregeln gibt, sollen wir sie da nicht sogleich allerdankbarst annehmen und befolgen?! [HGt.03_183,19] Scheint euch das Übel auch klein und nichtig zu sein, weil ihr euch daran schon gewöhnt habt, soll es darum auch bei Gott also sein? [HGt.03_183,20] Oh, der Herr wird Sich ewig nie nach unserer großen Torheit richten; wohl aber liegt es an uns, Seinen Geschöpfen, daß wir uns richten nach Seinem Willen, – denn Er allein weiß es ja nur, was uns frommt! [HGt.03_183,21] Vergiftet aber nicht ein Tropfen Giftes schon zehn Maß Wassers also, daß wir es nimmer heilsam und unschädlich genießen mögen?! So man aber einen gesunden Wassertropfen in zehn Maß Giftes täte, wird dieser das Gift auch also entgegen unschädlich machen? [HGt.03_183,22] Also ist der Tod mächtiger denn das Leben, und wir können es gar leicht verlieren! Daher heißt es, die Regeln wohl betrachten und danach leben, wie es der Herr des Lebens will! Verstehet mich, und murret nimmer! Amen.“ 184. Kapitel — Der Weiber Aufklärungsfragen an Danel. Danels lichtvolle Antwort über die Gesellschaftsklatschbesuche und ihren verderblichen Einfluß auf Seele und Geist im Menschen[HGt.03_184,01] Nach dieser Rede Danels traten mehrere Jünglinge und Weiber zusammen und richteten folgende Rede an den Danel, sagend nämlich: [HGt.03_184,02] „Geehrter und hochansehnlicher Gefährte unserer Männer und Väter! Wir haben deiner Rede mit der gespanntesten Aufmerksamkeit zugehört und haben so manches deiner Rede wahr und gut gefunden, manches aber wohl auch unverständlich! [HGt.03_184,03] Wir fragen dich daher, was du mit dem Tropfen Giftes in den zehn Maß Wassers und dann wieder umgekehrt mit dem Tropfen Wassers in den zehn Maß Giftes so ganz eigentlich hast sagen wollen, und was mit dem, wie wir im Namen Gottes wohl in Gesellschaften zusammenkommen dürften! Gib uns über diese zwei Hauptpunkte näheren Aufschluß, auf daß es uns darüber helle werde!“ [HGt.03_184,04] Und der Danel nahm da sogleich alle seine Sinne zusammen und sprach darauf: „Also höret mich denn an; ich will mit der Gnade des Herrn, die dort aus Seinem Heiligtume mich hell anstrahlt, euch die Sache so klar vor eure Augen stellen, als wie klar da scheint die Sonne am hellsten Mittage, die jetzt freilich wohl nicht scheint, weil sie von den dichtesten Rauchmassen, welche den brennenden Bergen entqualmen, überdeckt ist! [HGt.03_184,05] Ihr seid Gefäße vom noch gesunden, lebendigen Wasser, welches da ist euer Leben aus Gott; die Gesellschaften aber sind das Gift für euren lebendigen Geist, und das aus dem Grunde, weil ihr in denselben durch allerlei dummes Geklatsch und Geplauder, durch das euch so dummsüße Sich-ehren-Lassen – gewöhnlich auf Kosten schmählicher Erniedrigung und Ehrabschneidung anderer, meistens harmloser Menschen – und durch noch allerart dumme und eure Lachlust kitzelnde Spiele Gott stets mehr und mehr vergesset und am Ende in eurem zu oft angeregten Hochmutskitzel zu denken und förmlich einzusehen anfanget, als sei alle Welt bloß nur euretwegen da, und als hänge von eurem Geklatsche und von eurer Gunst das Heil der ganzen Welt ab! [HGt.03_184,06] Sehet, das ist wider alle Liebe des Nächsten, daher wider die göttliche Ordnung und daher ein Gift für das Leben eures Geistes, der euch als ein gesundes, lebendiges Wasser von Gott ursprünglich ist eingehaucht worden! [HGt.03_184,07] Ein Tropfen von diesem Gifte – das ist soviel wie eine noch so kleine und unschädlich scheinende Visite im Namen der Welt in euch – vergiftet leicht den ganzen gesunden Geist, auf daß er dann ohnmächtig wird, in eurer Seele dahinsinkt und eben dadurch aber eure Seele anregt, daß sie dann sehr hochmutskitzelhaft empfindlich wird und stets mehr und mehr zu suchen anfängt, wie und wo sie die rechte Anerkennung ihrer Hoheit finden möchte! [HGt.03_184,08] Und das alles tut sie darum, weil sie zufolge der Erlahmung des vergifteten Geistes keinen Leiter nach oben mehr hat und sich am Ende selbst als das herrschende Lebensprinzip ansieht, was aber im höchsten Grade gefehlt ist aus dem zwar geheimen, aber dennoch allerhöchst wichtigen Grunde, weil unsere Seelen als lebende Substanzen unserer Leiber von unten her sind, und nur allein der Geist ist von oben her, um die abgefallene Seele von ihrer alten Schlacke zu erlösen in der Zeit dieses irdischen Lebens! [HGt.03_184,09] Solches aber kann nur durch die Gnade Gottes dann geschehen, so wir nicht alles Mögliche aufbieten, um unsern Geist zu verderben, sondern unser Leben nach dem heiligen Willen dessen einrichten, der es uns als ein allerhöchstes Gut für ewig gegeben hat. [HGt.03_184,10] Ich meine nun, daß es hinreichend klar genug dargestellt ist, was da besagt ein Gifttropfen in zehn Maß gesunden Wassers! [HGt.03_184,11] Was aber da den Gegensatz betrifft, so ist er wohl zu klar, als daß man darüber viele Worte verlieren sollte! Wenn ein Mensch einmal ganz verdorben ist, wird ihn ein Wort der Wahrheit wohl bessern?! [HGt.03_184,12] So wenig man einen mächtigen Brand mit einem Tropfen Wassers zu löschen imstande sein wird, ebensowenig wird auch eine gute Ermahnung bei einem weltlich Verdorbenen auszurichten vermögen! Gehet hin zu einem Bergbrande, und löschet denselben mit einem Tropfen Wassers, wenn ihr es könnet! [HGt.03_184,13] Also habe ich jetzt in euch schon gar viele gesunde Tropfen des lebendigen Wassers fallen lassen; aber eure alte Leidenschaft lodert noch, und ich halte sie noch nicht für gelöscht, und es wird noch sicher über euch ein ganz mächtiger Wolkenbruch sich ergießen müssen, bis ihr vollends erlöschen werdet in eurer großen Torheit! – Ich meine, das wird doch auch klar genug geredet sein?! [HGt.03_184,14] Was aber die im Namen Gottes allein gerechten Visiten betrifft, so ist das wohl an und für sich zu klar, als daß ich mich darüber weitläufiger ausdrücken sollte! [HGt.03_184,15] Beachtet daher dies Gesagte zuvor genau in euch, und es wird sich dann schon von selbst hervortun, wie wir uns im Namen Gottes besuchen sollen! Verstehet solches wohl im Namen Dessen, durch dessen Gnade ich also zu euch habe zu reden vermocht! Amen.“ 185. Kapitel — Ohlad belobt den Danel ob seiner guten Rede und veranlaßt ihn, dem Herrn dafür zu danken[HGt.03_185,01] Darauf begab sich der Danel wieder zurück zum Ohlad und sprach zu ihm: „Bruder, du gesalbter, wahrer König voll Macht und Gnade vom Herrn aus, der da als ein einiger Gott herrscht und regiert alle Dinge und Wesen, von Ewigkeit heilig, überheilig, – du selbst warst nun Augen- und Ohrenzeuge, wie ich gewiß, insoweit es mir nur immer möglich war, den Willen des Herrn an unsere Weiber und Kinder mit lauter Stimme ausgerichtet habe! Ob aber das etwas nützen wird, dafür kann ich wohl unmöglich Bürge sein! [HGt.03_185,02] Die Gnade des Herrn und deine dir verliehene königliche Macht mögen hier das Gelingen bewirken!“ [HGt.03_185,03] Und der Ohlad, ganz erstaunt über die früheren Reden des Danel, sprach zu ihm: „Fürwahr, also, wie du nun zu den Weibern und Kindern, wie auch indirekt zu den Brüdern allen geredet hast, hätte ich selbst kaum geredet! [HGt.03_185,04] Denn deine Worte klangen ja so wahr und so inhaltschwer, als wären sie nahezu unmittelbar aus dem Munde des Herrn an dies Volk ergangen! [HGt.03_185,05] Fürwahr, wo solche Worte wirkungslos verbleiben möchten, da hülfe dann wohl nichts anderes mehr als das Gericht und die allerschärfste Strafe! [HGt.03_185,06] Ich aber bin zum voraus der guten Überzeugung, daß du, liebster Bruder, nicht umsonst geredet hast; denn ich vernahm und ersah ja, wie am Ende alles ganz gewaltigst in sich zu gehen anfing, besonders bei der Gelegenheit, als du das herrliche Bild von dem Gifttropfen in den zehn Maß reinen, gesunden Wassers, und also auch umgekehrt, aufstelltest! [HGt.03_185,07] Lassen wir sie jetzt deine Worte nur gehörig in sich verdaulich betrachten, und ich bin völlig versichert, daß sie sich darnach richten und fügen werden, so des Wortes Geist erst völlig in ihr ganzes Wesen übergehen wird! [HGt.03_185,08] Durchsäuert sind sie schon; wenn da noch die Liebewärme des Herrn hinzutreten wird, dann wird dieser Teig, den du nun angemacht hast, schon aus der eigenen in sich selbst entwickelten Kraft zu steigen anfangen! Du verstehst mich, was ich damit sagen will?! [HGt.03_185,09] Gehe aber nun mit mir an die Pforte des Tempels, und falle dort vor der allerheiligsten Gegenwart des Herrn nieder und danke Ihm aus dem Grunde deines Herzens für die Gnade, durch die du so weise hast zu reden vermocht, und bitte aber den Herrn auch um das Gelingen deiner Worte! [HGt.03_185,10] Ich aber werde vor dir in den Tempel gehen und werde vor dem allerheiligsten Altare des Herrn dasselbe tun in der Gegenwart meiner Minister; und wenn dich dann der Herr rufen wird, dann erhebe dich, und tritt mit der höchsten Ehrfurcht und mit der allerdemütigsten Liebe in den Tempel, und der Herr Selbst wird dir da die Weisung geben, was du zu tun haben wirst! Und so laß uns denn hingehen im Namen des Herrn! Amen.“ 186. Kapitel — Des Herrn Worte an Ohlad und Danel über die wahre Gottesverehrung. Ohlad und Danel als Nachsöhne Kisehels. Des Herrn Aufforderung zur Bußpredigt an alle Völker[HGt.03_186,01] An der Pforte des Tempels angelangt, fiel der Danel alsbald auf sein Angesicht nieder und betete, wie es ihm der Ohlad angeraten hatte. [HGt.03_186,02] Der Ohlad aber ging sogleich mit der höchsten Ehrfurcht in den Tempel und fiel dort vor dem Altare nieder und fing an, zu Gott zu beten in seinem Herzen. [HGt.03_186,03] Gott, der Herr und der Vater, aber sprach aus der weißen Wolke alsbald zu ihm: „Ohlad, Ich sage dir, erhebe dich; denn Ich habe nicht vonnöten, daß du dich vor Mir im Staube herumwälzen sollest! [HGt.03_186,04] Denn wer Mich liebend in seinem Herzen bekennt, der tut genug, und wer wahrhaft demütig ist in seiner Seele, der tut auch völlig genug; alles andere, was du mit dem Leibe tust, hat vor Mir keinen Wert, denn es ist nichts als eine tote Zeremonie und gehört rein der Eitelkeit der Welt an und ist eigentümlich aller Blindheit und Torheit der Menschen. [HGt.03_186,05] Du aber erhebe dich somit und gehe hin zur Pforte, und heiße in Meinem Namen den Danel dasselbe tun! Hat er sich erhoben, dann führe ihn herein in den Tempel, und Ich Selbst werde ihm da offenbaren, was alles er in Meinem Namen wird zu tun haben!“ [HGt.03_186,06] Sogleich erhob sich der Ohlad und ging und richtete an den Danel den Willen des Herrn aus. Dieser erhob sich ebenfalls sogleich und folgte dem Ohlad in den Tempel. [HGt.03_186,07] Als die beiden nun dastanden vor dem Altare des Herrn, da sprach alsbald der Herr zum Danel: [HGt.03_186,08] „Danel, Ich kenne dich; du bist ein Nachsohn Kisehels, der einst zu Lamechs Zeiten hier diesen Tempel dem Lamech zu erbauen anbefohlen hat gar mächtig in Meinem Namen! [HGt.03_186,09] Kisehels dritter Stamm zog wider Meinen Willen herab in die Tiefe, und du bist ein siebentes Glied der Nachfolge Kisehels. [HGt.03_186,10] Wahrlich, wärest du, wie der Ohlad, nicht aus Kisehel, nimmer wäre euch der Weg zum Tempel eröffnet worden; aber da ihr Söhne Meines getreuen Kisehel seid und seid als solche wohl erkenntlich an eurem anfangs widerspenstigen Geiste, gleichwie es beim Kisehel der Fall war dereinst, so habe Ich Mich bloß um euretwillen noch einmal alles Volkes erbarmt und will es durch euch noch einmal zu Mir laut rufen. [HGt.03_186,11] Dich Ohlad, habe Ich gesalbt, und du hast mit dieser Salbung deinen Bruder Danel und noch die anderen achtundneunzig Brüder in der kürzesten Zeit zu Mir gebracht; daher soll dein Königtum in dieser Stadt gesichert sein so lange, als du in dieser Salbung nach Meinem Worte handeln wirst, und die zehn Zeugen hier sollen dir allzeit kräftig an die Hand gehen, – denn auch sie sind Kinder Kisehels! [HGt.03_186,12] Du, Danel, aber sollst gesalbt sein durch dieses Mein Wort! Lege deinen Brüdern deine Hände auf in Meinem Namen, auf daß auch sie gesalbt werden! [HGt.03_186,13] Nach dem aber ziehet hinaus in alle Gegenden der Erde, und prediget überall ernste Buße! Wird diese erfolgen, dann ziehet weiter, und tuet desgleichen; wird aber die Buße nicht erfolgen, dann verkündiget Meinen Zorn und Mein verheißenes Gericht, welches nicht ausbleiben wird, wofern nicht allenthalben eine volle Umkehr eintreten wird! – Nun empfange Meinen Segen!“ [HGt.03_186,14] Hier segnete der Herr den Danel mit sichtbarer Hand aus der weißen Wolke und gebot ihm dann, daß er sich sogleich ans anbefohlene Werk machen solle. Ganz besonders aber schärfte ihm der Herr ein, daß er ja gegen die Gesellschaften Feuer gebrauchen solle. [HGt.03_186,15] Der Danel gelobte solches alles dem Herrn und begab sich samt Ohlad und den zehn Ministern sogleich ans anbefohlene Werk. 187. Kapitel — Die Segnung der achtundneunzig Missionsboten. Das Wehklagen der Weiber und die beruhigenden Worte eines der zehn Boten[HGt.03_187,01] Im Vorhofe angelangt, dankten alle dem Herrn aus dem tiefsten Grunde ihrer Herzen und lobten Seine unaussprechliche Güte; und der Ohlad versperrte sodann wieder den Tempel und begab sich mit Danel und den zehn Ministern hin zu den achtundneunzig und richtete an sie den Willen des Herrn aus. [HGt.03_187,02] Als sie, die achtundneunzig nämlich, aber alles bereitwilligst angenommen hatten, da legte ihnen der Danel alsbald die Hände auf, und sie wurden alsbald voll des Geistes und der Kraft aus dem Herrn und fingen sofort an, Ihn zu preisen aus allen ihren Kräften. [HGt.03_187,03] Den Herrn also hoch lobend und preisend, begaben sie sich aus dem Vorhofe ins Freie, allda ihre Weiber und Kinder ihrer harrten, und machten dieselben auch sogleich mit dem Willen des Herrn bekannt. [HGt.03_187,04] Als aber die Weiber und die Kinder erfuhren, daß ihre Männer und Väter hinaus in die für ihre Begriffe endlos große und weite Welt werden ziehen müssen und werden ihre Weiber und Kinder auf eine geraume Zeit, oder vielleicht auch für immer, verlassen, da fingen die Weiber und die Kinder ganz entsetzlich an zu wehklagen. Einige weinten, einige heulten, einige rauften sich die Haare aus und fingen an, wider diese Anordnungen Gottes ganz entsetzlich zu schmähen. [HGt.03_187,05] Da traten die zehn Minister vor die Weiber und vor die Kinder und geboten ihnen ganz ernstlich zu schweigen, widrigenfalls sie eine gar mächtige Strafe zu befürchten hätten. [HGt.03_187,06] Diese gebietenden Worte ergossen sich gleich sichtbaren Flammen mit donnerähnlicher Stimme über die Weiber und erwachseneren Kinder und brachten alsbald alles zum Schweigen. [HGt.03_187,07] Als die Weiber und Kinder zum Schweigen gebracht waren, da erst sprach einer von den zehn Ministern eben zu den Weibern und Kindern: [HGt.03_187,08] „Nehmet doch irgendeinen Verstand an! Was wollt ihr gegen den allmächtigen Willen Gottes euch sträuben?! Was ist denn mehr: Gott oder ihr in eurer großen Torheit? [HGt.03_187,09] So eure Männer den Willen des Herrn erfüllen, wird euch da der Allmächtige wohl verlassen?! [HGt.03_187,10] Das sei eure Sorge fortan, daß ihr dem Herrn Himmels und der Erde wohlgefallet; um alles andere habt ihr euch nicht zu kümmern, – denn da wird schon ohnehin der Herr das Beste tun! [HGt.03_187,11] Wenn eure Männer aber den Willen des Herrn nicht erfüllen möchten, eurer Torheit willen, so würde der Herr Feuer aus den Himmeln auf die Erde fallen lassen, und ihr alle samt euren Männern würdet dann gar übel in den Flammen des göttlichen Zornes umkommen! [HGt.03_187,12] Saget, wäre euch das lieber, als so eure Männer hinausziehen und erfüllen des Herrn Willen gar mächtig, und der Herr sorgt hier für euch?“ [HGt.03_187,13] Diese wenigen Worte brachten die Weiber und die Kinder wieder zur Vernunft, daß sie ihre Männer und Väter segneten und den Herrn baten, daß Er sie also wohlbehalten zurückführen solle, wann es Sein Wille sein wird. [HGt.03_187,14] Und eine Stimme aus der Luft ward vernehmbar, die da sprach: „Mein Wille – dann und wann, und hier und da! Es geschehe, was not tut! Amen.“ [HGt.03_187,15] Darauf begab sich alles nach Hause, und am nächsten Tage zogen unsere neunundneunzig schon hinaus unter vielen Segnungen; nur Midehal blieb daheim – seiner langen Ohren wegen. 188. Kapitel — Die dreijährige Missionsarbeit der neunundneunzig Boten. Der große Triumphbogen des Dankes. Des Herrn Tadel[HGt.03_188,01] Im Verlaufe von drei Jahren hatten die neunundneunzig schon allenthalben das Wort Gottes ausgebreitet; sie fanden zwar überall mehr oder weniger kleine Anstände, welche sie aber mit ihrer Wundermacht leicht bekämpften. [HGt.03_188,02] In noch kürzerer Zeit ward Hanoch wieder so ziemlich in die Ordnung gebracht samt den weitgedehnten Vorstädten, von denen einige sehr hartnäckig waren. [HGt.03_188,03] Im vierten Jahre kamen die neunundneunzig wieder ganz wohlbehalten zurück und erstatteten dem Ohlad die erfreuliche Kunde, daß und wie nämlich nun alles wieder in der Ordnung sei. [HGt.03_188,04] Und Ohlad und die zehn Minister errichteten darum dem Herrn ein großes Dankopfer, zu dem das ganze Volk Hanochs geladen ward. [HGt.03_188,05] Das Opfer aber bestand darin: Auf einem großen, freien Platze außerhalb der Stadt ließ Ohlad einen ungeheuer großen Triumphbogen errichten. Seine Höhe war hundert Ellen und seine Länge und Breite war gleich der Höhe. Das Baumaterial waren lauter makellos weiße Marmorquader. [HGt.03_188,06] In einem Jahre war dieses Werk von überaus majestätisch-prachtvollstem Aussehen vollendet; und nach der Art, wie im Tempel, ward zuoberst des Triumphbogens ein hoher Altar von reinstem Golde angebracht und auf dem Altare eine neue, große Goldtafel aufgestellt, auf der mit großen Diamanten und Rubinen der allerheiligste Name Jehova eingesetzt war. [HGt.03_188,07] Tausend und tausend Hände hatten daran gearbeitet. Menschen jeden Ranges machten dabei wechselweise Handlanger. [HGt.03_188,08] Und als dieses Werk, dessen Erbauung selbst schon zum Akte der großen Dankopferung gehörte, vollendet dastand, da erst ward alles Volk, wie schon oben erwähnt ward, von der ganzen Stadt zusammenberufen, und Ohlad hielt dann im Angesichte einer zahllosen Volksmenge mit seinen zehn Ministern und mit den neunundneunzig Boten einen gar feierlichen Einzug, den Herrn laut lobend und preisend. [HGt.03_188,09] Nach diesem Einzuge, dessen großartige, reiche Pracht alles jetzt Erdenkliche bei weitem übertraf, begab sich der Ohlad mit den zehn Ministern und mit den noch andern neunundneunzig in den Tempel und brachte dem Herrn in seinem Herzen erst ein völlig lebendiges Dankopfer dar. [HGt.03_188,10] Der Herr aber sprach zum Ohlad: „Ohlad, du tatest, was Ich nicht von dir verlangte, aus eigenem Antriebe! [HGt.03_188,11] Einen Bogen hast du Mir erbaut aus großer Dankbarkeit; Ich sage dir, daran tatest du wohl! Aber du hast Meinen Namen bloßgestellt; siehe, daran tatest du nicht wohl, – denn Mein Name muß das Inwendigste sein! [HGt.03_188,12] Gehe daher hin, und erbaue aus Buße wegen dieses Fehlers über dem Bogen einen Tempel gleich dem hier, auf daß Mein Name in dessen Innerstes zu stehen komme, – sonst machst du selbst aus dem Heiligtume ein Götzentum! Gehe daher und tue solches! Amen.“ [HGt.03_188,13] Und der Ohlad ging ganz zerknirscht aus dem Tempel und begann schon am nächsten Tage das anbefohlene Werk. 189. Kapitel — Der neue Tempel über dem Triumphbogen. Die Herbergsvorstadt. Das beginnende Heidentum. Die Spaltung der Ansichten aus eigensüchtigem Interesse[HGt.03_189,01] In einem Jahre ward der Tempel fertig gleich dem Lamechschen, und das übrige Plateau außerhalb des Tempels am Triumphbogen ward geebnet und mit einem goldenen Geländer umfaßt, auf daß die um den Tempel Wandelnden ja nicht in die Gefahr geraten konnten, von dem hohen Plateau des Bogens herabzufallen. [HGt.03_189,02] Prachtvollst sah nun dieses Gebäude aus und wurde wohl täglich von tausend und tausend Menschen besucht, während der innere Tempel nur von sehr wenigen besucht ward, teils aus Furcht, teils aber auch, weil er in keinem so anmutigen Teile der Stadt gelegen war. [HGt.03_189,03] In einem Verlaufe von zehn Jahren hatte sich um den Triumphbogen eine neue Stadt gebildet, die da aus lauter Herbergen bestand, und die vielen Wallfahrer fanden in dieser neuen Herbergsstadt gegen eine sehr mäßige Zahlung ihre erwünschte Unterkunft, und das war recht und billig. [HGt.03_189,04] Aber ein anderes Übel fing an, mit der Zeit sich zu entwickeln, und dieses bestand in nichts anderem als in einer Art einreißendem Heidentume, welches darin bestand, daß man anfing, zu streiten und zu bestimmen, in welchem der nun bestehenden drei Tempel Gott am allergnädigsten und am allerliebreichsten sei. [HGt.03_189,05] Im inneren Lamechschen Tempel sicher nicht; denn da blitze und donnere Er allzeit vom Dache, daß daneben niemand seines Lebens sicher sei! [HGt.03_189,06] Im Tempel auf dem Berge sehe es gar zu luftig aus, und es habe daher nicht das Aussehen, als würde allda Gott mit Seiner Gnade sehr freigebig sein. [HGt.03_189,07] Aber in dem neuen Tempel sei Gott am gnadenreichsten und zugleich am freigiebigsten; daher sei Er dort auch am allermeisten zu besuchen und zu verehren! [HGt.03_189,08] Daß sich gegen diese Theosophie ganz besonders derjenige Teil der Bewohner von Hanoch auflehnte, der da seine Wohnhäuser und zierlichen Gastkapellen um den Lamechschen Tempel hatte, ist sicher klar; aber nur lehnte er sich nicht der wirklichen Echtheit des Tempels wegen, sondern wegen des kümmerlichen Erwerbes auf und bewies darum die alleinige Echtheit des Tempels, den Lamech auf Gottes Geheiß erbaute wunderbar in sieben Tagen. [HGt.03_189,09] Also raisonierten auch zu ihren Gunsten die Wirte, welche sich um den Berg angesiedelt hatten, auf dem der Tempel der Weisheit stand, und sprachen: „Was nützt euch alle eure Frömmigkeit beim häufigen Besuche des neuen Tempels, so ihr dabei dumm verbleibet?! Da oben ist der rechte, von Gott Selbst zu öfteren Malen besuchte Tempel, wo Er die Weisheit austeilt! Da ziehet hin! Wahrlich, dort werdet ihr die Weisheit erlangen!“ [HGt.03_189,10] Ohlad und alle seine Minister sahen zwar diesen Unfug; aber sie konnten sich dabei nicht rühren, denn das Volk, welches von allen Weltgegenden her zum neuen Tempel wallfahrte, war sehr fromm und allzeit ganz ergriffen und lobte den Namen des einigen Gottes daselbst über die Maßen. Daher mußte er diesem Kampfe der drei Parteien ganz ruhig zusehen; denn dem Außen nach behauptete eine jede das Rechte. [HGt.03_189,11] Alles, was er noch tun konnte, war, daß er gute Volkslehrer beim neuen Tempel anstellte, die daselbst das Volk weise belehrten, – aber dabei auch die Parteien nicht auszugleichen vermochten. [HGt.03_189,12] Was aber mit der Zeit aus dieser interessierten Spaltung für eine sehr giftige Frucht zum Vorscheine kam, wird die Folge zeigen. 190. Kapitel — Die Aufrechterhaltung der Ordnung in Hanoch bis zum Tode Ohlads und der zehn Minister. Dronel, Ohlads Sohn, als König. Dronels Murren gegen den Herrn[HGt.03_190,01] Solange Ohlad und die zehn Minister lebten und die neunundneunzig die allgemeine Ordnung mit aufrechtzuerhalten gleichfort nach allen Seiten hin tätig waren, da ging es so ziemlich gut im allgemeinen fort, obschon es ihnen nie völlig gelang, alles Übel in einer so großen Stadt aus der Wurzel zu vertilgen. [HGt.03_190,02] Denn wurden auch die Theater, die Tiergefechte und die galanten Gesellschaften eingestellt und die Besuche nur zur Ehre Gottes erlaubt, so gaben aber die frommen Wallfahrten dafür einen reichen Ersatz, und man benützte dann diese gottverehrlichen Zusammenkünfte, wie es sich schon bei solchen Gelegenheiten gibt durch die Mühe des Satans, zu allerlei Zwecken als gar wohl tauglich, die Ich hier nicht näher berühren will. [HGt.03_190,03] Aber wie gesagt, das war nun das Unkraut zwischen dem Weizen, welches durch den Fleiß und Eifer Ohlads und seiner Minister stets sorgfältig so viel als nur immer möglich ausgejätet ward. [HGt.03_190,04] Aber sein Sohn, der ihm in der Regierung folgte, ward schon viel fahrlässiger. [HGt.03_190,05] Wenn Ich ihn zum Eifer in dem Tempel ermahnte, da sprach er: „Herr, gib mir die Wunderkraft der zehn Minister meines Vaters, der dadurch dreißig Jahre lang das ganze Volk der Erde glücklich leitete, und ich will es hundert Jahre noch glücklicher leiten! Aber so Du, Herr, mir Wunderkraft gibst, da gib sie mir nicht von heute bis morgen, sondern auf meine ganze Lebensdauer, und ich werde das Volk ohne Minister leiten!“ [HGt.03_190,06] Also verlangte er allzeit die Wunderkraft von Mir, so Ich ihn zum Eifer ermahnte und ihm auch allzeit versprach, daß Ich ihm schon ohnehin beistehen würde gar wundermächtigst, wann immer er gerechten Eifers Meines Beistandes benötigen würde. [HGt.03_190,07] Aber damit war er nicht zufrieden, ward darob förmlich erbost auf Mich und sprach: „Wenn Du, Herr, mir die Wundermacht nicht verleihen willst, sondern willst sie nur Selbst gebrauchen bei außerordentlichen Gelegenheiten, wo ich Dich aber obendarauf noch tagelang darum bitten muß, da gehe Du auf den Thron und regiere Selbst die Masse, und laß mich dabei ungeschoren!“ [HGt.03_190,08] Da aber dieser Nachfolger Ohlads also stets mit Mir in einem Zerwürfnis stand, darum Ich ihm die Wundergabe seiner Spielsucht halber nicht geben konnte, so ließ er sich die Regierung auch nur ganz lau angelegen sein. [HGt.03_190,09] Die Wallfahrten nahmen stets mehr überhand, und die Gesellschaften nahmen darum auch stets mehr überhand, und die Wallfahrtsorte vermehrten sich. [HGt.03_190,10] Und so riß das Götzentum auch stets mehr ein; denn die Menschen beteten nunmehr die Jehovatafeln an und nicht Mich lebendig in ihren Herzen. [HGt.03_190,11] Ich strafte durch allerlei Plagen das Volk wie den König; aber wer einmal lau wird, dem ist nicht viel mehr zu helfen. [HGt.03_190,12] Nach oder auch bei einer jeden Strafe kam der König wohl zu Mir in den Tempel, – aber nicht, um Mich um Gnade und Erbarmung anzuflehen, sondern um Mich auszumachen und Mir allerlei spitzfindige Vorwürfe zu machen! [HGt.03_190,13] So kam er einmal zu Mir, wie Ich wegen der ganz gewaltig einreißenden Hurerei eine kleine Pest in die Stadt sandte, die in einer Woche zweihunderttausend Menschen tötete, freilich wohl nur in einem Teile der Stadt (Hanoch hatte da eine Bevölkerung von zwölf Millionen Menschen samt den Vorstädten), und sprach: [HGt.03_190,14] „Warum würgst Du, Herr, denn so langsam?“ Laß auf einen Schlag samt mir die ganze Stadt aussterben, dann hast Du allem Unfuge auf einmal ein Ende gemacht!“ [HGt.03_190,15] Züchtigte Ich ihn darum bei ähnlichen Begegnungen, da sprach er: „Nur zugeschlagen! Es ist ja auch eine Ehre, so ein schwacher König Hanochs von seinem Gott und Herrn geprügelt wird!“ [HGt.03_190,16] Schickte Ich eine Krankheit über ihn, da ließ er sich samt dem Lager in den Tempel tragen und haderte dort mit Mir so lange auf das grauslichste, bis Ich ihm wieder die Krankheit nehmen mußte. Manchmal versprach er, Mir zu folgen; manchmal aber drohte er Mir sogar. [HGt.03_190,17] Fürwahr, dieser König, der Dronel hieß, wußte gehörig Meine Geduld auf die Probe zu stellen! Ich ließ ihm aber dennoch durch fünfzig Jahre die Herrschaft, weil er Mich außer seinen Gramstunden aber dennoch sehr liebte. [HGt.03_190,18] Was aber da weiter, wird die Folge zeigen! 191. Kapitel — Die Übernahme der Regierung durch Dronels Sohn Kinkar. Dronels Abdankungsrede an den Herrn. Die Antwort des Herrn. Der falsche Schwur Kinkars. Die Gefahren des Naturalismus[HGt.03_191,01] Dronel aber hatte einen Sohn namens Kinkar; diesem übergab er die Regierung noch bei seinen Lebzeiten. Denn da er im Verlaufe von fünfzig Jahren von Gott keine Wundermacht erbetteln und erzwingen konnte, da sprach er: [HGt.03_191,02] „Herr, fünfzig Jahre lang habe ich mich mühsam mit der großen Halsstörrigkeit der Menschen geplagt! Du sahst zwar wohl allezeit meine große Not – und wolltest mir dennoch nicht helfen; und so ich Dich um die sichere Hilfe bat, welche in der Wundermacht bestünde, da zogst Du Dich zurück, gabst mir zumeist entweder gar keine Antwort – oder eine drohende oder gar strafende! [HGt.03_191,03] Ich aber tat dennoch aus eigenen Kräften, was ich tun konnte, und habe Deiner nie vergessen! Ich liebte das Volk mehr als mein Leben, darum ich denn auch allzeit haderte mit Dir, so Du demselben wehe tatest. [HGt.03_191,04] Ich aber bin nun alt, schwach und sehr müde geworden und habe eine große Sehnsucht nach Ruhe. [HGt.03_191,05] Mein erstgeborner Sohn Kinkar ist ein kräftiger Mann und hat den Kopf und das Herz am rechten Flecke; diesem übergebe ich das Zepter, die Krone und den Thron, und die Herrlichkeit in dem Tempel lege ich mit meinen Händen in seine Hände! Tue desgleichen auch Du, Herr! [HGt.03_191,06] Denn was ich nun tue, das tue ich nicht in meinem, sondern in Deinem und Deines Volkes Interesse; alsonach wirst ja auch Du nicht gegen Dein Interesse handeln wollen?“ [HGt.03_191,07] Und der Herr sprach zum Dronel: „Höre, die Menschen sind Mir über den Kopf gewachsen! Sie tun, was sie wollen und wollen nicht achten Meines Rates; darum gebe Ich sie frei! [HGt.03_191,08] Du hast nach deinem Rate deinen Sohn zum Könige gemacht! Darum soll er auch König sein ohne die geringste Einrede von Mir; denn du horchtest ja nie auf Meinen Rat, da du alles besser verstandest als Ich, der Schöpfer aller Dinge! [HGt.03_191,09] Wie Ich aber nun das Volk freigebe, also gebe Ich auch den König frei und auch die Tempel; und Meine Engel und Meine Wolke sollen nimmer im selben wohnen! [HGt.03_191,10] Sehet aber zu, wie ihr euch in eurer völligen Ungebundenheit verhalten werdet! [HGt.03_191,11] Ich werde euch von nun an weder züchtigen, noch irgend strafen bis zur Zeit, die Ich festgesetzt habe. [HGt.03_191,12] Wohl euch, so Ich euch treffen werde tätig in Meinem euch wohlbekannten Willen; aber wehe euch im Gegenteile! [HGt.03_191,13] Hanoch, du liegst tief; über dich soll sich die erste Flut Meines Grimmes ergießen! Amen.“ [HGt.03_191,14] Von allem dem unterrichtete Dronel gar wohl seinen Sohn Kinkar und übergab ihm damit die Regierung, – empfahl ihm aber dennoch vor allem strenge, daß er ja kein anderes Gesetz irgend dem Volke aufdringen solle, als das der Herr dem Ohlad gegeben hatte. [HGt.03_191,15] Kinkar beschwor solches beim lebendigen Namen im Tempel. [HGt.03_191,16] Als er aber solches beschworen hatte, da auch wich des Herrn Geist aus dem Tempel, indem der Kinkar einen falschen Schwur tat, den er zu brechen gedachte, sobald als sein Vater Dronel sterben würde. [HGt.03_191,17] Dronel aber ging darum in den Tempel und ersah im selben den nackten Altar. Darum aber ward er traurig und rief zum Herrn; aber sein Rufen drang zu tauben Ohren. Er verließ daher den Tempel und ging und berichtete solches dem Kinkar. [HGt.03_191,18] Dieser aber sprach: „Die gesamte Natur ist ja auch ein Werk Gottes! Will Er nicht mehr, daß wir ehreten Seinen Namen, so wollen wir ehren Seine Werke! Ist das nicht auch soviel?“ [HGt.03_191,19] Und der Dronel lobte darum den Kinkar und legte damit den Grundstein zu aller Abgötterei. 192. Kapitel — König Kinkar als Sammler der Gesetze Gottes und Verfasser der beiden Bücher: „Die heilige Schrift und euer Heil“ und „Die heilige Geschichte Gottes“. Dronels Lob über Kinkars Arbeit[HGt.03_192,01] Nach einem Jahre aber beriet sich der Kinkar mit seinem Vater Dronel und sprach: „Vater, höre mich an; mir ist nun ein guter Gedanke durch den Kopf gefahren! [HGt.03_192,02] Siehe, Gott ist uns untreu geworden, und das ohne irgendeinen uns – die wir doch nicht auf den Kopf gefallen sind – begreiflichen Grund! Wir aber wollen nicht Gleiches mit Gleichem vergelten, sondern gerade das Gegenteil wollen wir tun und wollen Ihm darum also treu verbleiben, wie Er sicher noch nie eine solche Treue durch alle Seine Ewigkeiten erlebt hat irgendwo bei und an Seinen Geschöpfen! [HGt.03_192,03] Ich habe aus diesem Grunde im Verlaufe dieses Jahres allenthalben die Gesetze Gottes sammeln lassen und habe sie in ein Buch zusammengeschrieben! [HGt.03_192,04] Ja, ich habe sogar Boten auf die Höhe gesandt! Diese haben dort überaus alte Menschen angetroffen, – ich sage dir: Menschen, die im Ernste den fabelhaften ersten Menschen der Erde persönlich sollen gekannt haben! Ja, es soll noch ein gar uralter Mann leben, der ein Zeitgenosse desselben Lamech sei, der da die beiden Tempel erbaut hat! [HGt.03_192,05] Die Boten fanden an diesen Gebirgsbewohnern überaus tiefsinnige Weise und bekamen von ihnen ein ganzes Buch voll göttlicher Weisheit, und dieses Buch soll von einem gewissen Henoch sein, welcher außerordentlich fromm gewesen sein soll, so daß er darob in der beständigen sichtbaren Gegenwart Gottes sich als dessen Oberpriester befand. [HGt.03_192,06] Siehe, solcher wahrhaft heiligen Schätze habe ich mich zu bemächtigen gewußt, und da in den Händen der Träger ersiehst du ein Buch, drei Schuh lang, zwei breit und einen Schuh hoch, bestehend aus hundert starken Metallblättern; das Metall ist ein Gemisch von Gold, Silber und Kupfer. [HGt.03_192,07] Siehe, alle diese Blätter sind voll mit scharfer Griffelstichschrift beschrieben, und es ist nicht ein Wort von mir, – sondern, was ich nur immer irgend in der Tiefe, wie auf der Höhe von Gott erfahren habe, das da irgendeinem Gesetze nur im geringsten gleichschaut, habe ich ganz getreu in dieses Buch geschrieben! [HGt.03_192,08] Du weißt, daß ich in der Führung des Griffels sehr geläufig bin; so war es mir denn auch wohl möglich, in einem Jahre dieses Buch vollzuschreiben. [HGt.03_192,09] Dieses fertige Buch aber enthält sonach ausschließend allein nur den Willen Gottes an die Menschheit der Erde; es soll darum ein ewiges Regierungsbuch bleiben, und es soll nie ein anderes Gesetz unter die Menschen geraten als nur, das in diesem Buche geschrieben steht! [HGt.03_192,10] Dieses Buch aber wollen wir Gott zu Ehren mit großer Zeremonie in den Tempel auf den nun leeren Altar legen, und es soll als das reine Wort Gottes die Stelle des früheren Heiligtumes einnehmen! [HGt.03_192,11] Und ich will dazu Priester einsetzen, die dieses Buch allezeit studieren sollen und sollen dann das Volk allenthalben danach lehren! [HGt.03_192,12] Und das Buch soll heißen ,Die heilige Schrift (Sanah scritt) und euer Heil (Seant ha vesta)‘. [HGt.03_192,13] Wer immer aber von dem Buche etwas wegnehmen oder demselben eigenmächtig etwas zusetzen sollte, der auch soll sogleich mit dem Tode bestraft werden! [HGt.03_192,14] Ich habe aber noch ein zweites Buch in der Arbeit, darinnen alle Taten Gottes und Seine Führungen aufgezeichnet sein sollen; und das Buch, dazu schon tausend Blätter von dem Metallarbeiter Arbial fertig liegen, soll ,Die heilige Geschichte Gottes‘ (Seant hiast elli) heißen! Was sagst du, Vater, zu diesem meinem Unternehmen?“ [HGt.03_192,15] Als Dronel solches vom Kinkar vernommen hatte, da ward er über die Maßen erfreut und sprach: [HGt.03_192,16] „Wahrlich, du hast für Gott schon in einem Jahre mehr getan als ich in fünfzig! Daher aber wird dich auch Gott sicher segnen, wie Er selbst meinen Vater Ohlad nicht gesegnet hat; denn weder er noch ich hatte sich je um die Höhe bekümmert! [HGt.03_192,17] Alles Lob daher Gott, dem Herrn, und dir meinem geliebtesten Sohne und nun allerwürdigsten Könige eines so großen Reiches! [HGt.03_192,18] Alles geschehe nach deinem Willen, du mein geliebtester Sohn und König! Amen.“ 193. Kapitel — Das Gesetzbuch Kinkars auf dem Tempelaltar. Die Einsetzung schriftgelehrter Priester. Kinkar als „Statthalter Gottes auf Erden“. Hanochs geistiger Verfall[HGt.03_193,01] Durch solche Lobrede ward der Kinkar in eine sehr eitel-frohe Stimmung versetzt und ließ daher schon am nächsten Tage das von ihm zusammengeschriebene Gesetzbuch mit großer Zeremonie in den Tempel tragen und dort auf den Altar legen. [HGt.03_193,02] Als das Buch sonach auf dem Altare lag, da berief der Kinkar alsbald hundert der verständigsten Männer, die da bei der Buchübertragungszeremonie zugegen waren, und setzte sie zu Priestern ein und machte ihnen zur strengen Pflicht, dieses Buch ja fleißig zu lesen und zu studieren, um daraus dann allzeit vor dem Volke nach der Ordnung der göttlichen Weisheit reden zu können. [HGt.03_193,03] Er selbst machte sich natürlich zum Oberpriester und verlangte als solcher aber auch eine beinahe göttliche Hochachtung. [HGt.03_193,04] „Statthalter Gottes auf Erden“, „Erforscher des göttlichen Willens für die Menschen der Erde und Erforscher der geheimen göttlichen Weisheit“, auch „Machthaber Gottes“ und „Sohn des Himmels“, das waren nebst noch einigen Umschreibungen seine festgesetzten priesterlichen Titel. [HGt.03_193,05] Also durfte sich auch niemand nach ihm der Erste, sondern im höchsten und nächsten Falle der Hundertste nennen, denn von Nummer eins bis Nummer hundert vereinigte er in sich alle Würden, und es war darum nicht genug, ihn den Allerwürdigsten zu nennen, sondern man mußte ihn für den Alleinwürdigsten (ebenso auch für den Allenweisesten) ansehen und allenthalben begrüßen und sich ihm gegenüber für den Allerunwürdigsten halten. [HGt.03_193,06] Kurz und gut, die Einsetzung des Buches in den Tempel machte den Kinkar verrückt, und als er im Verlaufe von zehn Jahren erst mit der Geschichte Gottes fertig war und er es dann in einem goldenen Kasten auch in den Tempel tragen ließ, da war es dann aber auch völlig aus! [HGt.03_193,07] Denn die von ihm eingesetzten Priester kannten seine Schwäche und legten ihm daher Titel bei, von denen bis jetzt noch niemandem etwas geträumt hatte. [HGt.03_193,08] Also ward sein großer oberpriesterlicher Name mit gar kleinen Zeichen geschrieben auf einen überlangen Metallblechstreifen eintausendeinhundert Ellen lang. [HGt.03_193,09] Der Streifen war zusammenzurollen und ward im zusammengerollten Zustande ebenfalls im Tempel aufbewahrt und hoch verehrt. [HGt.03_193,10] Bei großen Feierlichkeiten ward dieser Streifen aufgerollt und spiralförmig um den Tempel gezogen, und der große Name auf dem Streifen sodann von den hundert Priestern also ausgesprochen, daß da je elf Ellen auf einen Priester zu stehen kamen. [HGt.03_193,11] Dann aber hatte er (der Kinkar nämlich) noch verschiedene etwas kürzere Namen, welche auch auf ähnliche Blechstreifen geschrieben waren. [HGt.03_193,12] Diese kleineren Namen mußten allwöchentlich einmal ausgesprochen werden. Zur Aussprechung dieser Namen waren drei Tage erforderlich, während der große Name bei großen Feierlichkeiten wohl, wenn es gut ging, erst in einer Woche herabgelesen werden konnte; denn der eintausendeinhundert Ellen lange und eine Elle breite Streifen war von oben bis unten mit kleinen Zeichen, wie schon bemerkt, vollgeschrieben. [HGt.03_193,13] Also standen die Dinge schon im Verlaufe von kaum zwanzig Jahren in Hanoch. Es wird nun nicht mehr schwer sein, zu begreifen, wie Hanoch zu sinken begann. [HGt.03_193,14] Die Folge jedoch wird solches alles im hellsten Lichte zeigen. 194. Kapitel — Kinkars eingelernte Weisheit. Blütezeit der Erfindungen und Künste in Hanoch. Die gotteslästerliche Verblendung und Bildung der Hanochiten[HGt.03_194,01] Als der Kinkar seines literarischen Eifers wegen bis über die Sterne vom Volke erhoben ward, da fing er erst so recht zu sinnen an, was er nun fürder tun und erfinden solle, wodurch er beim Volke stets wachsen möchte in der Hochachtung und in der gegründeten Verehrung. [HGt.03_194,02] Er war von sehr erfinderischem Geiste und war durch das Zusammenschreiben der beiden Bücher voll eingelernter Weisheit; daher war es ihm auch ein leichtes, allerlei Dinge hervorzubringen und zu erfinden allerlei Künste. [HGt.03_194,03] Im Verlaufe von wenigen Jahren strotzte Hanoch von Erfindungen und Künsten aller Art; denn der Eifer des Königs belebte alle anderen Menschen. Alles dachte jetzt nur, um etwas zu erfinden und dann eine solche Erfindung dem Könige zu Füßen zu legen. [HGt.03_194,04] Maschinen aller erdenklichen Art, von denen die späte Nachwelt jetzt noch keinen Begriff hat, wurden in Hanoch, wie auch in den anderen Städten, ausgeheckt. [HGt.03_194,05] So hat man besonders Zug-, Trieb-, Wurf- und Druck- und Hebmaschinen von einer solchen Art dargestellt, durch welche dann Dinge geleistet wurden, von denen die gegenwärtige Welt durchaus keinen Begriff hat – und es auch besser ist, daß sie davon keinen hat. [HGt.03_194,06] So hatten sie Wurfmaschinen, mit denen sie Lasten von eintausend Zentnern meilenweit mit der furchtbarsten Heftigkeit zu schleudern vermochten, wobei aber freilich die Erfindung der gebundenen Elektrizität die Hauptrolle spielte, welche sie dergestalt zu intensivieren verstanden, daß sie damit wahrhaft Schreckliches leisteten. [HGt.03_194,07] Sie erfanden auch das Pulver und Schießgewehre, Pergament, Papier; auch die Gewalt der Wasserdämpfe war ihnen bekannt, und sie wußten sie vielfach zu benützen. [HGt.03_194,08] Kurz und gut, in allem und jedem, was immer an Erfindungen und Künsten die gegenwärtige Welt besitzt, war Hanoch, wie auch die andern Städte, um volle fleißige eintausend Erfindungsjahre voraus, und das in kurzer Zeit! [HGt.03_194,09] So gehört etwa die Optik nicht dieser Zeit allein an; in Hanoch verstand man auch, große Sehwerkzeuge zu konstruieren. Also wußte man auch mit der Aerostatik viel besser umzugehen als jetzt. Die Musik ward überaus kultiviert, welche aber wohl schon seit den Zeiten Lamechs gang und gäbe war. [HGt.03_194,10] Mit nichts konnte man dem Kinkar eine größere Freude machen als mit einer neuen Erfindung; daher aber regnete es in Hanoch auch täglich von neuen Erfindungen und von Verbesserungen der schon erfundenen. [HGt.03_194,11] Also wurden auch die bildenden Künste sehr kultiviert; und so sah Hanoch bald aus wie ein ungeheurer Zauberpalast, und Kinkar sah sich schon beinahe als einen Gott an, wozu sein noch lebender Vater wohl das meiste beitrug. [HGt.03_194,12] Und der Kinkar sagte alle Augenblicke: „Ehreten wir Gott in Seinem unerforschlichen Wesen, da stünden wir noch auf der ersten Stufe der Bildung; da wir Ihn aber ehren in Seinen Werken, so sind wir schon beinahe jetzt Gott gleich, – denn auch wir sind Schöpfer, und das von edlerer Art!“ [HGt.03_194,13] Was aber da weiter, wird die Folge zeigen! 195. Kapitel — Hanochs ungeheurer Reichtum und seine natürlichen Folgen. Kinkars Tod. Japell, Kinkars Sohn, als Nachfolger. Japells Politik und Gesetze[HGt.03_195,01] Daß durch derlei tausendfache Erfindungen auch der Handel mit den auswärtigen Völkern sehr begünstigt ward, braucht kaum erwähnt zu werden; daß aber auch natürlicherweise dadurch die Stadt Hanoch an irdischen Gütern überaus reich wurde, wird wohl auch jedermann begreiflich sein. [HGt.03_195,02] Aber welche Folgen dieser große Reichtum nach sich zog, das dürfte nicht so leicht sein, sie von vornherein zu finden und kundzugeben. [HGt.03_195,03] Was hat aber der Reichtum überhaupt für Folgen? – Wir wollen das sehen! [HGt.03_195,04] Die natürlichen Folgen des Reichtums sind: Herrschlust, Gefühllosigkeit gegen Arme und Dürftige, stets mächtiger erwachender Trieb nach der sinnlichen Befriedigung des Fleisches, der da Geilheit heißt, ebenso auch Wucher, Geiz, Neid, Haß, Zorn, Gottvergessenheit, Fraß, Völlerei, Abgötterei, Dieberei, Raub und Mord. Das sind die ganz natürlichen Folgen des Reichtums. [HGt.03_195,05] Kamen sie denn auch in Hanoch zum Vorschein? – Solange Kinkar lebte und herrschte, waren diese Laster noch verschleiert; als aber nach einer dreiundvierzigjährigen Regierung der Kinkar in einer Maschinerie einen gewaltsamen Tod fand und dann sein Sohn Japell die Regierung antrat, da fing bald alles drunter und drüber zu gehen an. [HGt.03_195,06] Ebensosehr wie sein Vater voll tätigen Erfindungsgeistes war, ebensosehr war Japell ein Ausbund von einem Politiker. Was aber kann ein feiner Politiker nicht alles zu seinen Zwecken gebrauchen?! [HGt.03_195,07] Er, Japell nämlich, duldete daher alles, aber unter gewissen Gesetzen. So durfte man unter ihm stehlen, – aber nur bis zu einem gewissen Betrage! Doch mußte man beim Akte des Stehlens pfiffig zu Werke gehen; denn so sich der Dieb erwischen ließ, so hatte da der Bestohlene das Strafrecht und konnte den Dieb strafen nach seinem Belieben. [HGt.03_195,08] Dieses Gesetz war ganz tauglich, um in kurzer Zeit die allerraffiniertesten Diebe zu bilden, zugleich aber auch die Bewohner der Städte wie des Landes in steter Wachsamkeit zu erhalten; es war aber dennoch Todesstrafe darauf gesetzt, so sich ein Dieb am Reichtume der Priester, der Staatsbeamten und etwa gar am Schatze des Königs vergreifen möchte. [HGt.03_195,09] Unter solchen Umständen war auch der Straßenraub gesetzlich erlaubt; aber nur hatte da die zu beraubende Partei ihr eigenes Wehrrecht. Der Räuber aber war verpflichtet, allzeit ein Dritteil des Geraubten an die Staatskasse zu liefern, widrigenfalls er sich seines Raubrechtes auf immer verlustig gemacht hätte. Denn der Räuber war vom Könige selbst proskribiert und war vermöge dieser Proskription gewisserart vom Adel, ungefähr also, wie in den früheren Zeiten nach Meiner Geburt die Raubritter waren; Diebe aber waren nicht proskribiert, und darum hatte ein jeder das Recht, zu stehlen. [HGt.03_195,10] Dann gab dieser König auch ein Gesetz, vermöge dessen alle Mädchen vom Bürgerstande frei waren. Jeder Mann hatte demnach das Recht, eine Bürgerstochter wo immer zu beschlafen. Doch hatte der Vater das Recht, sich einen Jahresadel zu erkaufen; dann war seine Tochter geschützt, – aber nur ein Jahr! Darauf aber war sie wieder frei, und es mußte ein neuer Adel gekauft werden, so der Vater seine Töchter fürder geschützt wissen wollte. Dieses Monopol trug dem Könige enorme Summen. [HGt.03_195,11] Wer sich zehn Jahre hintereinander den kleinen Adel gekauft hatte, der konnte im elften Jahre um den großen Adel kompetieren; aber dieser kostete auch das zehnfache des kleinen. [HGt.03_195,12] Wer mit dem Könige reden wollte, der mußte sich kurz fassen, – denn nur zehn Worte waren frei gestattet; ein Wort darüber machte, daß da vom Anfange an ein jedes Wort mit einem Pfunde Goldes bezahlt werden mußte. [HGt.03_195,13] Wie aber Japell es verstand, sich des Reichtums zu bemächtigen, davon in der Folge mehreres! 196. Kapitel — Die öffentlichen Schulen und Theater in Hanoch. Japells Spionage system. Tanz, Musik und ästhetische Vorstellungen. Armenfürsorge aus Politik. Liebe und Politik als einander entgegengesetzte Pole[HGt.03_196,01] Es bestanden zwar in Hanoch seit Ohlad schon öffentliche Schulen, welche sein Sohn Dronel sehr vervollkommnete und der Kinkar sehr erweiterte und in andere Städte ausdehnte. [HGt.03_196,02] Aber der Japell errichtete dazu noch mehrere hundert allerlei Gymnasien, in denen noch allerlei Künste öffentlich gelehrt wurden, als zum Beispiel Tanzen, Musik, Bildhauerei, Malerei, Schwimmen; Fliegen mittels aerostatischer Mittel, Reiten der Pferde, der Esel, der Kamele, der Elefanten; Fechten, Bogenschießen; dann auch das Schießen mittels der von Kinkar erfundenen Feuergewehre. [HGt.03_196,03] Für alle diese genannten und noch eine Menge ungenannten Künste und Fächer hatte Japell Lehranstalten errichtet und Lehrer eingesetzt in allen Orten seines großen Reiches. Daraus gingen bald allerlei Volksbelustiger hervor und produzierten sich vor demselben in den verschiedenen Theatern ums Geld, wovon sie aber allzeit ein Drittel an die Staatskasse zu entrichten hatten, und das aus dem Grunde, weil der König derlei nützliche Anstalten, in denen solche Künste gelehrt wurden, vom Volke erbauen ließ und dadurch der Jugend die Gelegenheit verschaffte, so nützliche Dinge zu erlernen, – für welches Erlernen aber freilich wieder die lernende Jugend ihre Lehrer bezahlen mußte. [HGt.03_196,04] Dadurch gewann der Japell schon wieder große Summen und gewann in politischer Hinsicht das, daß das Volk ob der immerwährend neuen Spektakel des Druckes vergaß und den König noch obendarauf rühmte über alles Gold. [HGt.03_196,05] Um ein Volk so dumm als möglich zu machen und unempfindlich gegen jeden Druck, ist kein Mittel tauglicher als tausenderlei Spektakel und Zeremonien. Dadurch wird die allerauswendigste Gafflust erweckt, durch welche der Mensch in den rein tierischen Zustand zurücksinkt und dann in der Welt dasteht wie eine dumme Kuh vor einem neuen Tore. [HGt.03_196,06] Das waren demnach wieder ergiebige Früchte der ausgezeichneten Politik des Japell. [HGt.03_196,07] Es gab freilich in Hanoch, wie auch in den anderen Städten und Ortschaften, noch so manche nüchterne Denker, die Mein Wort noch nicht vergessen hatten; aber fürs erste durften sie nicht reden, weil der Japell das Reich mit Spionen gehörig versehen hatte, und fürs zweite aber fanden sie am Ende selbst Geschmack an den allerlei wirklich ausgebildetsten Kunstproduktionen und konnten dabei nicht oft genug ausrufen, wie dies und jenes dem menschlichen Verstande zur Ehre gereiche. [HGt.03_196,08] Von allen den Künsten wirkten der Tanz, die Musik und ganz besonders aber die sogenannten ästhetischen Vorstellungen auf das Volk. [HGt.03_196,09] Die ästhetischen Vorstellungen bestanden darin, daß die schönsten Mädchen und auch die schönsten Jünglinge in allerlei reizenden Kostümen in den lockendsten Stellungen auf einer prachtvollen Bühne auftraten, und das natürlich unter der Begleitung von Musik. [HGt.03_196,10] Die jungen Künstler und Künstlerinnen waren aber nach jeder Vorstellung für die Lüsternen – freilich um tüchtiges Geld – zu haben, und zwar die Jünglinge für lüsterne Weiber und die Mädchen für lüsterne Männer. [HGt.03_196,11] Diese Kunstanstalt trug dem Könige ungeheure Summen und trug zur Verdummung des Volkes am meisten bei. [HGt.03_196,12] Was aber den Japell beim Volke in ganz besonderer Gunst erhielt, bestand darin, daß er für die Armen mittels Hospitälern sorgte, in die sie aufgenommen wurden, und man sah daher nirgends Bettler, sondern nur den Wohlstand. [HGt.03_196,13] Daß die Armen in den Hospitälern gerade nicht am besten versorgt waren und dabei arbeiten mußten, um sich darin (in den Hospitälern nämlich) die ziemlich magere Kost womöglich zu verdienen, ist sicher aus dem Umstande zu ersehen, daß alle die Einrichtungen nur Früchte der Politik Japells waren; denn Liebe und Politik sind die entgegengesetztesten Pole, indem Liebe ein Angehör des obersten Himmels, Politik aber ein Angehör der untersten Hölle ist, wenn sie die Habsucht und Herrschgier zum Grunde hat. [HGt.03_196,14] Was aber Japell noch ferner tat, wird die Folge zeigen! 197. Kapitel — Die Eroberungspolitik Japells, seiner Minister und Priester. Ein glänzender Sieg durch Priesterlist. Noha und die Seinen bleiben dem Herrn getreu. Japells Lohn für die Priester. Einführung des Kastenwesens[HGt.03_197,01] Japells Geist entdeckte gar bald, daß es auf der Erde noch so manche Völkerschaften gebe, die ihm nicht untertänig seien. Er beriet sich darob bald mit seinen Ministern und Priestern, auf welche Weise solche Völker am leichtesten zu unterjochen wären. [HGt.03_197,02] Die Minister rieten die Anwendung militärischer Gewalt; die Priester aber rieten gar schlau, man solle Emissäre zu solchen Völkern senden. [HGt.03_197,03] „Diese sollen solchen Völkern predigen von den großen Vorteilen Hanochs und sollen dann auf dem freundschaftlichsten Wege von Seite eines jeden Volkes Gesandte hierher senden! Diese wollen wir hier so freundlich als nur immer möglich aufnehmen, ihnen alle unsere Erfindungen und Kunstprodukte zeigen, und wenn sie dann einen großen Geschmack unseren Vorteilen werden abgewonnen haben, dann wollen wir sie einladen und sagen, daß sie sich uns einverleiben sollen; sodann werden sie mit uns zu einem Volke und somit Teilnehmer an allen unseren Vorteilen! [HGt.03_197,04] Wenn diese Gesandten der Völker dann wieder zu ihren Völkerschaften zurückkehren werden und ihnen erzählen werden von allen den Wundervorteilen Hanochs, da wird es sicher nicht ein Volk irgendwo geben, das sich mit uns nicht alsbald vereinen würde und anerkennen unsere Oberherrlichkeit! [HGt.03_197,05] Nur wäre es zu wünschen, daß solche Gesandte bei uns keine Schattenseiten entdeckten möchten! Diese aber bestehen zumeist nun in der freien Dieberei und im Raubrechte. Diese beiden Eigentümlichkeiten müssen gegen Fremde im Anfange ganz aufgehoben sein, sonst werden sie abgeschreckt schon auf dem Wege und werden dann umkehren und uns verwünschen!“ [HGt.03_197,06] Dieser feine priesterliche Rat gefiel dem Könige wohl, und er setzte ihn auch sogleich in Wirksamkeit. [HGt.03_197,07] In kurzer Zeit wurden tausend Emissäre nach allen Richtungen karawanenweise ausgesandt, auf daß sie aufsuchten alle verborgenen Völker, um den gefundenen dann zu verkünden die frohe Botschaft aus Hanoch. [HGt.03_197,08] Am leichtesten waren die Bewohner der Höhen aufgefunden, und zwar zuerst die Kinder Gottes, dann die Horadaliten und von dort aus noch eine Menge Völkerschaften. [HGt.03_197,09] Nur die Sihiniten, die Meduhediten und Kahiniten, wie auch die zu Ohlads Zeiten nach Ägypten ausgewanderten Räte wurden nicht gefunden. [HGt.03_197,10] Durch die allerzuvorkommendste Artigkeit und durch eine überaus feine Beredsamkeit der Emissäre, die zumeist lauter Tausendkünstler waren und sich zugleich in den verschiedensten Künsten vor den vorgefundenen Völkern produzierten, wurden in kurzer Zeit alle die Völkerschaften für Hanoch gewonnen. [HGt.03_197,11] Selbst die Kinder der Höhe ergaben sich bis auf das Haus Lamechs, der aber gerade um die Zeit starb, als Hanoch diese löblichen Emissäre aussandte. Und so war nur Noha mit seinen drei Brüdern, fünf Schwestern und mit seinem Weibe, das eine Tochter Muthaels und der Purista war, und mit seinen fünf Kindern allein mehr da, der sich von den Aposteln Hanochs nicht blenden ließ, sondern dem Herrn vollkommen treu verblieb. [HGt.03_197,12] Japell aber war über diesen Sieg überaus erfreut; und da ihm die Priester solch klugen Rat gegeben hatten, so gab er ihnen das Privilegium der gänzlichen Freiheit und dazu die obligate Versicherung, daß er und jeder Nachkomme von ihm sich allzeit ihrer Anordnung fügen werde. [HGt.03_197,13] Im selben Jahre noch führten die Priester Kasten ein und alles Volk wurde in gewisse Klassen geteilt, in denen jeder Mensch bei Todesstrafe so lange zu verbleiben hatte, als er sich nicht durch Geld loskaufen konnte. [HGt.03_197,14] Danach war eine Sklavenkaste unter dem Namen „Menschenlasttiere“, eine Militärkaste, eine Bürgerkaste, eine Adelskaste, eine Künstlerkaste, eine Priesterkaste und so noch mehrere Kasten festgesetzt. [HGt.03_197,15] Die Sklavenkaste war die zahlreichste. Warum? – Davon in der Folge! 198. Kapitel — Die Machtpolitik der Priester. Die Bedrückung der Sklavenkaste. Einführung einer Art Beichte und Inquisition. Hanoch als Hölle der Menschheit[HGt.03_198,01] Dem Japell gefiel zwar die stets zunehmende Macht der Priester nicht; denn er sah es ein, daß er der bedungenen Vorteile wegen tanzen mußte, wie die Priester pfiffen. Aber was konnte er tun? [HGt.03_198,02] Die Priester hatten sich einerseits zu sehr in das Gewissen der niederen Menschen eingenistet, anderseits aber wußten sie den hellersehenden Adel so ausgezeichnet aufs Altarl zu setzen, daß es dem Könige weder durch die Macht der Volksmasse, noch durch die Autorität des Adels möglich war, dem Tun und Treiben der Priester entgegenzuwirken; denn also hielt das geringe Volk wie der Adel mit den Priestern, und der König hatte weder eins noch das andere für sich. [HGt.03_198,03] Wie handelten aber die Priester, daß ihnen ein solches Ansehen zuteil ward? [HGt.03_198,04] Die Priester gründeten das einmal mit der Genehmigung des Königs eingeführte Kastenwesen immer fester und fester. [HGt.03_198,05] Solange sie noch nicht der Schätze in übergroßen Haufen in ihren weiten Schatzkammern aufgeschichtet hatten, so lange auch war es möglich, sich durchs Geld in einer höheren Kaste einzukaufen. [HGt.03_198,06] Als aber die Priester einmal des Goldes in unabsehbarer Menge besaßen, da wurden mit der Kasterei bald ganz andere Bestimmungen getroffen, und diese bestanden darin: [HGt.03_198,07] Nur aus der Sklavenkaste ward der Einkauf in die niedere Bürgerkaste noch möglich belassen; jede andere Kaste aber ward so festgestellt, daß sich niemand mehr in dieselbe auch durch alle Schätze der Welt einzukaufen vermochte. [HGt.03_198,08] Ganz besonders unerreichbar blieb für jedermann die geheimnisvollst tuende Priesterkaste; denn diese ließ auch nicht mehr den Satan hinter ihre Schliche blicken. Sie wußte ihre Pläne so schlau und feinstgesponnen anzulegen, daß es niemandem möglich war, dahinterzukommen und etwa zu erfahren, was sie im Sinne führte. [HGt.03_198,09] Daher war denn auch der König so mißtrauisch geworden vor der Priesterschaft, daß er sich am Ende ganz einsperrte und niemanden mehr vor sich kommen ließ. [HGt.03_198,10] Das aber war eben wieder ein gutes Wasser auf die Mühle der Priester; denn nun erst war ihre Herrschaft vollkommen. [HGt.03_198,11] Es wurde von Seite der Priester ein Gesetz nach dem andern wie vom Könige ausgehend dem Volke publiziert, wovon der König keine Silbe wußte. Eine Kette um die andere wurde um die Sklavenkaste geschmiedet. [HGt.03_198,12] Als aber diese zu sehr zu klagen anfing, da ward ihr von der priesterlichen Seite zur strengsten Buße sogar das Reden bei Todesstrafe untersagt und auch die Möglichkeit, sich in die geringe Bürgerkaste einzukaufen, eingeschränkt; wohl aber konnte durch ein ganz geringes Vergehen jeder Kleinbürger in die Sklavenkaste verdammt werden, und das darum, weil dann all seine Habe der Priesterschaft zufiel. [HGt.03_198,13] Wie lebte aber dann die Sklavenkaste? – Gerade also wie das Vieh! [HGt.03_198,14] Die Adeligen und die Großbürger kauften von den Priestern die Sklaven (natürlich ganz nackt; denn ein Sklave durfte keine Kleider tragen) und bauten für sie Stallungen wie fürs Vieh. [HGt.03_198,15] Diese Sklaven wurden mittels eines Metallringes um ihre Lenden und mittels einer am Ringe wohlbefestigten Kette an den Futtertrog befestigt und wurden von da nur losgemacht, wenn sie zur Arbeit getrieben wurden. [HGt.03_198,16] Auf die Anzahl der Sklaven gründete sich das Ansehen des Adels und des Großbürgers; daher wurde diese Sklavenkaste vermehrt. [HGt.03_198,17] Jeder Adelige und Großbürger suchte daher so viele Sklaven als möglich zu kaufen, und die Priester hatten auch nichts eifriger zu tun, als nur immer Sklaven zu machen. [HGt.03_198,18] Um aber das so leicht als möglich zu bewerkstelligen, führten sie eine Art Beichte und Inquisition ein. Wer demnach zur Beichte berufen ward, dem half nichts mehr vom Sklaventume. [HGt.03_198,19] Mehr braucht nicht gesagt zu werden. Zwanzig Jahre nach der ersten Kastengründung ward Hanoch zur Hölle der armen Menschheit. 199. Kapitel — Der Widerstand der Priesterkaste gegen die Einführung von Japells zweitem Sohn als König. König Japells Tod. Das Wesen der Politik. Der neue Scheinkönig. Der zweite Sohn Japells auf der Höhe bei Noha[HGt.03_199,01] Japell starb im fünfundzwanzigsten Jahre seiner Regierung aus Gram; denn er wollte seinen zweitgeborenen Sohn zum Könige einsetzen, indem der Erstgeborene ein kranker, ganz verkrüppelter und blödsinniger Schwächling war. [HGt.03_199,02] Die Priester aber verweigerten ihm das strenge und sprachen: „Das Königtum ruht auf der Erstgeburt und nicht auf der Fähigkeit und Tauglichkeit zur Regierung! [HGt.03_199,03] Hätte die große Gottheit und all die kleinen Gottheiten gewollt, daß da über Hanoch ein weiser König herrschen solle, da hätten sie den Erstgeborenen weise werden lassen, da sie aber haben wollten einen blödsinnigen Krüppel und Schwächling zum Könige von Hanoch, so ließen sie ihn auch also geboren werden, und weder du, König, als Vater, noch wir Priester als allzeit heilige und getreue Diener der großen Gottheit wie der kleinen Gottheiten haben das Recht, andere Anordnungen zu treffen, als welche die Gottheiten gestellt haben! [HGt.03_199,04] Wir Priester aber sind darum von aller Gottheit aufgestellt, um die Menschen den Willen aller Gottheit kennen zu lehren und allerstrengst darauf zu sehen, daß dieser Wille von aller Menschheit gehandhabt wird. [HGt.03_199,05] Du aber bist auch ein Mensch, samt deiner Königskrone, und bist darum nicht frei von unserer priesterlichen Macht, die uns gegeben ist von aller Gottheit! [HGt.03_199,06] Wir können dich segnen, aber auch vollmächtig verdammen; bist du aber von uns verdammt, da bist du es auch von aller Gottheit! [HGt.03_199,07] Daher setze du die Krone auf das Haupt deines erstgeborenen Sohnes, willst du von uns nicht verdammt, sondern gesegnet werden! [HGt.03_199,08] Dein zweitgeborener Sohn aber muß nach dem Ratschlusse der Götter entweder in unsere heilige Kaste übertreten, oder er muß vor aller Menschheit dem Throne bei seinem Leben entsagen und dann fliehen hinaus bis ans Ende unserer Reiche! [HGt.03_199,09] Wird er sich aber weigern, eines oder das andere zu tun, dann soll er verdammt und öffentlich vor allem Volke erdrosselt werden!“ [HGt.03_199,10] Diese Bekanntgebung von Seite der Priester erfüllte das Gemüt des Japell mit tiefstem Grame, daß er darob schwer erkrankte und darauf auch in kurzer Zeit starb und keine Bestimmung hinterließ. [HGt.03_199,11] Sein Los war demnach gleich dem Lose aller Politiker, daß sie nämlich in demselben feinen Garne, das sie gelegt haben, am Ende den eigenen Untergang finden. [HGt.03_199,12] Denn die Politik ist die Frucht des Mißtrauens, das Mißtrauen die Frucht eines verdorbenen Herzens, und das verdorbene Herz ist ein Werk des Satans, in dem keine Liebe ist. Daher ist die Politik äquivalent mit der Hölle; denn diese ist aus der allerabgefeimtesten Politik zusammengesetzt, und der Satan selbst ist der Großmeister aller Politik. [HGt.03_199,13] Japell war ein Ausbund aller Politik und ward am Ende ein Opfer derselben. [HGt.03_199,14] Als er starb, ward alsbald der erstgeborene Sohn zum König – aber freilich nur dem Scheine nach – erhoben. Warum? Das läßt sich sehr leicht erraten! [HGt.03_199,15] Der zweitgeborene Sohn aber ergriff heimlich die Flucht und floh mit seinen drei Schwestern und einiger Dienerschaft schnurgerade auf die Höhe in die Gegend, da früher die Kinder des Mittags wohnten, und lebte da ganz verborgen drei Jahre lang. [HGt.03_199,16] Nach drei Jahren erst ward er von den Söhnen Nohas entdeckt. Diese zeigten das dem Noha an, und dieser ging hin und dingte den Flüchtling in sein Haus und lehrte ihn den wahren Gott erkennen und die Zimmermannsarbeit. 200. Kapitel — Die ‚Arbeit‘ des neuen Königs. Die unmenschliche Behandlung der armen Fremdlinge in Hanoch[HGt.03_200,01] Das Volk in Hanoch aber bekam den neuen König gar nicht zu sehen; denn er ward alsbald in seiner Burg unter göttlicher Verehrung eingesperrt und hatte da nichts zu tun, als die besten Sachen zu fressen, zu huren und höchstens dann und wann einem Fremden die Todesstrafe zu erlassen, – was er freilich bei einem Einheimischen nie zu tun bekam. Denn diese wußten zumeist, was es mit dem Könige für eine Bewandtnis hatte. [HGt.03_200,02] Wie geschah aber die Erlassung der Todesstrafe? [HGt.03_200,03] Der Fremde, der sich schon dadurch der Todesstrafe nach den neuen Gesetzen würdig gemacht hatte, so er sich der Stadt Hanoch auf tausend Schritte ohne Geld genähert hatte, ward sogleich von den Häschern aufgegriffen und vor das gestrenge Forum der Priester gebracht, in deren Brust auch nicht ein Atom groß Liebe zu finden war. [HGt.03_200,04] Diese fragten ihn um den Grund, warum er sich ohne Geld habe unterstanden, der heiligen Stadt Gottes und aller Götter zu nahen. [HGt.03_200,05] Wenn der unglückliche Inquisit etwa ganz aufrichtig bekannte, daß er ein sehr Armer sei und darum in diese große Stadt ginge, um etwa darinnen eine Unterstützung zu finden, da erklärten ihm die Priester, daß er sich dadurch der Todesstrafe würdig gemacht habe; doch hänge es von dem göttlichen Herrscher dieser Stadt, wie der ganzen Welt ab, ob er ihm das Leben schenken wolle oder nicht. [HGt.03_200,06] Darauf ward er durch einen unterirdischen Gang von zwei Häschern und zwei Unterpriestern zum Könige geführt. Vor dem Throne des Königs angelangt, mußte er sich aufs Angesicht niederlegen und kein Wort reden. [HGt.03_200,07] Der König aber wußte dann schon maschinenmäßig, was er zu tun hatte bei solchen Anlässen. Er mußte sich nämlich nach einer Weile vom Throne erheben, mußte dann die Armut dreimal verfluchen und dann den stummen Gnadefleher dreimal mit dem linken Fuße recht derb auf den Kopf treten, so daß dem Gnadesucher nicht selten das Blut aus dem Munde und aus der Nase hervorkam. Und dieser Akt war die glückliche Befreiung von der Todesstrafe. [HGt.03_200,08] Der also Begnadigte wurde dann denselben Weg wieder vor das Forum der Priester mit blutigem Angesichte gebracht. Die Priester lobten dann – natürlich nur pro forma – die große Güte des allmächtigen Beherrschers der ganzen Welt und sagten dann zum Begnadigten: [HGt.03_200,09] „Da du allerelendestes Lasttier von dem großen allmächtigen Beherrscher dieser Stadt wie der ganzen Welt solche übergroße Gnade empfingst, so ist es auch nun deine allergewissenhafteste Pflicht, in dieser heiligen Stadt aus Dankbarkeit drei volle Jahre als wahres Zug- und Lasttier zu dienen! Du wirst daher auf drei Jahre verkauft an irgendeinen Kauflustigen, und der Erlös für dich sei ein kleines Dankopfer von Seite deiner übergroßen Niederträchtigkeit für die endlose Gnade, welche dir vom Könige zuteil ward!“ [HGt.03_200,10] Nach diesem tröstlichen Vortrage wurden sogleich Boten ausgesandt, um kauflustige Großbürger zu holen. Wenn diese allzeit sicher kamen, da ward der Fremde sogleich an den Meistbietenden hintangegeben und mit der Instruktion versehen, wie er sich als Lasttier zu benehmen habe. [HGt.03_200,11] Die Instruktion bestand darin, daß so ein Lasttier bei Strafe blutiger Züchtigung nie ein Wort reden darf, weder mit seinesgleichen, noch mit seiner hohen Inhabung; dann darf es nie krank sein und noch weniger etwa gar klagen, so ihm irgend etwas fehlen sollte; ferner hat das Lasttier mit dem Futter zufrieden zu sein, das ihm gereicht wird, und bei der Arbeit unermüdet tätig zu sein; und wenn es von seiner Inhabung bei gewissen Anlässen noch so gezüchtigt wird, so darf es sich aber dennoch bei Todesstrafe nicht widersetzlich bezeigen und nie etwa gar weinen und klagen; dann darf es auch kein Gewand tragen, sondern muß allzeit nackt sein. [HGt.03_200,12] Nach dem Vortrage solcher sanften Instruktion ward der Fremde dann vom Käufer in Empfang genommen und sogleich in die Stallungen, in denen es nicht selten von Ratten und Mäusen wimmelte, unter die anderen Lasttiere eingereiht. [HGt.03_200,13] Das war gewöhnlich der Fall mit einem Armen, der sich der Stadt genähert hatte; nur ein Reicher durfte nach Aufweisung seines Schatzes sich in die Stadt begeben, mußte aber sehr auf seiner Hut sein, daß er nicht beraubt oder bestohlen wurde. [HGt.03_200,14] Kam aber etwa irgendeiner aus Neugier, um diese Stadt zu sehen, und hatte zu wenig Geld oder andere Schätze, so ward ihm alsbald alles abgenommen, und er ward als ein Spion entweder zu Tode geprügelt oder, falls er ein starker Mensch war, ohne Gnade und Pardon als Lasttier verkauft. [HGt.03_200,15] Ward ein armes Mädchen also attrappiert, so ward es sogleich als Hure an den Meistbietenden verkauft und mußte da dann aus sich und mit sich machen lassen, was dem Käufer beliebte; weigerte es sich, so ward es mit scharfen Ruten dazu genötigt. [HGt.03_200,16] Also stand es in Hanoch und nicht viel besser in allen anderen Orten und Städten, die unter Hanoch standen! [HGt.03_200,17] Was weiter, – davon in der Folge! 201. Kapitel — Die Geschlechtererforschung in Hanoch. Noha und die erpresserische Karawane. Des Herrn Hilfe und die Verkündigung des Gerichtes[HGt.03_201,01] Es sandten aber die Priester wieder ganze Karawanen aus Hanoch auf Entdeckungsreisen, damit diese ausgesandten Karawanen in den entferntesten Erdstrichen nachsuchen sollten, ob sich nirgends etwa ein Volk oder Schätze vorfänden, die für die großen Schatzkammern der mächtigen Priester Hanochs taugten. [HGt.03_201,02] Und im gleichen sandten sie auch Geschlechtserforscher aus, deren Geschäft es war, genau in allen Städten und Orten nachzuforschen, wer da ein Nachkomme Kahins und wer ein Nachkomme Seths aus der Höhe sei. [HGt.03_201,03] Denn es waren die Priester, der Adel, wie der König lauter Nachkommen Seths aus der Höhe, die da mit den Töchtern der Tiefe sind gezeugt worden. [HGt.03_201,04] Fünf Jahre dauerte diese Untersuchung, und es ergab sich, daß da in der Tiefe die Nachkommen Seths die Nachkommen Kahins um neun Zehntel übertrafen; es waren kaum mehr ein Zehntel reine Kahiniten unter den Sethiten anzutreffen. [HGt.03_201,05] Der Erfolg dieser Untersuchung war, daß die Kahiniten dann alle einberufen und dann ohne Unterschied ihres bisherigen Standes zu ewigen Sklaven gemacht wurden; und alle ihre Besitztümer fielen natürlicherweise den Priestern zu. [HGt.03_201,06] Aus den Männern, die noch kräftig waren, wurden Lasttiere und aus den jungen und schönen Weibern und Mädchen Huren eines großen öffentlichen Serails, wo jeder Mann sich gegen bestimmte Taxen, die teils für die Erhaltung des Serails, teils aber auch für den Priesterfonds bestimmt waren, einer oder der andern bedienen konnte; die Alten und Schwachen aber wurden vertilgt, männlich wie weiblich. [HGt.03_201,07] Die Frucht dieser Untersuchung war demnach sehr ergiebig; aber die Frucht der auf Länder, Völker und Schätze ausgesandten Karawanen fiel nicht so günstig aus. [HGt.03_201,08] Sie fanden im Ernste die Sihiniten, die Meduhediten, wie auch in Afrika die schon zahlreichen Nachkommen der ausgewanderten Räte, – aber sie wurden überall gar übel bedient; denn sie mußten entweder bleiben, dahin sie kamen, und mußten sich für die niedrigsten Arbeiten gebrauchen lassen, oder der Tod war ihr Los. [HGt.03_201,09] Eine kleine Karawane von hundert Mann traf unglücklicherweise auf der Höhe auf ihrem Rückzuge das Haus Nohas und forderte sogleich einen großen Tribut von ihm; denn sie sprach: [HGt.03_201,10] „Kaum eine Tagereise weit wohnst du von der heiligen Stadt Gottes, bist offenbar ihr Untertan und hast noch nie einen Stüber Tributes bezahlt! Zahle daher nun für wenigstens hundert Jahre, und das für ein Jahr ein Pfund Goldes, im ganzen hundert Pfunde! Wenn du das nicht zahlst, so wirst du samt deinem Hause verkauft und in den Sklavenring geworfen werden!“ [HGt.03_201,11] Noha aber hob seine Hand auf und sprach: „O Du mein Gott, Du mein lieber, heiliger Vater! Siehe, jetzt hat Dein Knecht Deiner Hilfe vonnöten; errette mich aus den Händen dieser reißenden Tiere!“ [HGt.03_201,12] Als der Noha diese Worte noch kaum ausgesprochen hatte, da schlug ein mächtiger Blitz mitten unter die Karawane, welche freilich erst – wie gesagt – auf ihrem Rückzuge aus den damals wüsten Gegenden des heutigen Europa das Haus Nohas traf, und tötete drei Männer der Karawane. [HGt.03_201,13] Da fragte Noha die etwas erschrockene Karawane: „Besteht ihr noch auf eurer allerungerechtesten Forderung?“ [HGt.03_201,14] Und die Karawane bejahte solches mit einem scheußlichen Geschrei. [HGt.03_201,15] Noha aber erhob wieder seine Hand, und zehn Blitze schlugen in die Karawane und töteten dreißig Mann und ebenso viele Kamele. [HGt.03_201,16] Und wieder fragte Noha die noch am Leben Gebliebenen: „Bestehet ihr noch auf eurer Forderung?“ [HGt.03_201,17] Und bis auf zehn Mann bejahten alle ihre Forderung. [HGt.03_201,18] Und Noha stieß mit seinem Fuße ganz erregt die Erde, und die Erde öffnete sich und verschlang bis auf die zehn Mann, die ihre Forderung nicht mehr wiederholt hatten, alle, die da tot und lebendig waren. [HGt.03_201,19] Groß war darob das Entsetzen der noch übriggebliebenen zehn, und sie baten den Noha um Schonung und Gnade! [HGt.03_201,20] Noha aber sprach: „Gehet und verkündiget es allen Teufeln in der Tiefe, wes ihr hier Zeuge waret, und saget es ihnen: Voll ist das Maß der Greuel! Der Herr hat beschlossen, über alle ihre Welt das Gericht zu senden! Kurze Zeit noch, und es werden die nicht mehr sein und ihr ganzes Reich und Volk nicht mehr, die euch zu mir gesandt haben; mit dem Gerichte Gottes werde ich ihnen den Tribut bezahlen! Amen.“ [HGt.03_201,21] Darauf flohen die zehn von dannen! [HGt.03_201,22] Was weiter, – in der Folge! 202. Kapitel — Die Rückkehr der zehn geretteten Kundschafter nach Hanoch, ihr Verhör durch die Priester und ihr schlauer Reisebericht[HGt.03_202,01] Als diese zehn Flüchtlinge aber in der Tiefe sich der Stadt Hanoch näherten, da kamen ihnen sogleich, wie gewöhnlich, ein ganzer Haufe von Häschern und Waffenknechten entgegen und fragten sie, woher sie kämen, was ihre Absicht sei, und wieviel der Schätze sie hätten. [HGt.03_202,02] Die zehn aber sprachen: „Wir sind Gesandte dieser Stadt und kommen von der Entdeckungsreise zurück, die wir vor etwa fünf Jahren unternehmen mußten! Wir haben eine gar wichtige Entdeckung gemacht, die wir den Priestern mitteilen müssen; daher lasset uns ungehindert fortziehen, wollet ihr morgen nicht als Lasttiere verkauft werden! [HGt.03_202,03] Wie ihr aber sehet, so sind unsere zehn Kamele mit großen Schätzen beladen; daher werdet ihr wohltun, so ihr uns von hier an bis zu den Priestern ein sicheres Geleite gebet! Denn was die Kamele tragen, das gehört den Priestern; wir aber tragen unser Gold selbst in den Säcken unseres Gewandes. Daher gehet, und schützet uns vor Räubern und Dieben, und ihr sollet ein Lob vor den mächtigen Priestern von uns erhalten!“ [HGt.03_202,04] Auf diese Rede besänftigten sich die Häscher und Waffenknechte und begleiteten die zehn Kundschafter zu den Priestern. [HGt.03_202,05] Als die zehn aber zu den Priestern kamen, da ging alsbald ein scharfes Examen an, welches zuerst in der Untersuchung der Schätze bestand, welche auf den Rücken der Kamele sich befanden. [HGt.03_202,06] Als die Schätze als vollwertig angenommen wurden, dann erst mußten die Boten ihre Säcke untersuchen lassen, ob sie wohl so viel hätten, das sie schützen könnte vor dem Sklavenstande. [HGt.03_202,07] Es fand sich aber, daß sie dreimal soviel hatten, als es zur Befreiung vom Sklavenstande vonnöten wäre. Daher mußten sie zwei Drittel abgeben; denn es ward unterdessen ein Gesetz gegeben, demzufolge ein jeder Kleinbürger nur so viel Goldes haben durfte, das ihn einfach vor dem Sklavenstande schützte. Da aber diese Boten auch aus dem Kleinbürgerstande waren, so traf das Gesetz auch sie. [HGt.03_202,08] Nach diesem Examen erst wurden sie gefragt, was sie alles für Entdeckungen gemacht hätten. [HGt.03_202,09] Und einer von den zehn, der ein guter Redner und in der Politik nicht unbewandert war, antwortete: [HGt.03_202,10] „Großmächtigste Diener aller Götter und getreue Bewahrer der Bücher Kinkars! Wir sahen Länder, darinnen goldene Berge sind; aber keine Seele bewohnt dieselben. – Das aber ist das Wenigste! [HGt.03_202,11] Wir fanden Ströme und Bäche, darinnen Wein, Milch und Honig fließt, und fanden Wälder, in denen gebratene Äpfel wachsen! – Das aber ist auch noch nicht das meiste! [HGt.03_202,12] Denn wir fanden auch den Weg, der zu den Sternen führt, und fanden daselbst so endlos schöne Jungfrauen, daß uns dabei das Hören und Sehen verging! – Aber das ist noch nicht das meiste! [HGt.03_202,13] Wir fanden aber auch in der Nähe des Weges zu den Sternen so schrecklich riesenhaft große Menschen, daß, so nur einer hierher käme, er mit einem Tritte unsere Stadt mit der größten Leichtigkeit zermalmen würde! – Das aber ist noch nicht das meiste! [HGt.03_202,14] Höret! Von hier kaum eine kleine Tagereise auf einem Berge wohnt ein uralter Mann! Alles ringsumher ist uns schon lange untertänig, – nur dieses Mannes Haus und Volk nicht! Nie noch hat er einen Stüber an uns bezahlt! [HGt.03_202,15] Wir fanden ihn und zwangen ihn, zu entrichten den lange zurückgebliebenen Tribut. [HGt.03_202,16] Aber – o wehe! Dieser Mann ist sicher ein Gott! Als wir auf unserer Forderung bestanden, da hob er seine Hand auf und alsbald stürzten tausend Blitze unter uns und erschlugen Mann und Maus! Dann stampfte er in die Erde und diese öffnete sich und verschlang alle die Getöteten samt Kamelen und Schätzen von unermeßlichem Werte. [HGt.03_202,17] Wir aber ergriffen die Flucht, und der schreckliche Mann schrie uns nach: ,Erzählet das den Teufeln in der Tiefe!‘ [HGt.03_202,18] Höchst großmächtigste Diener aller Götter! Das ist unsere Ausbeute von A bis Z; machet daraus, was ihr wollet, – uns aber lasset nach Hause ziehen!“ 203. Kapitel — Die Verhandlung zwischen den Priestern und den zehn Kundschaftern und deren Erhebung in die Priesterkaste[HGt.03_203,01] Die Priester aber sprachen: „Wenn sich die Sache im Ernste also verhält, da habt ihr – besonders mit der Auffindung der Goldberge – eine unendlich wichtige Entdeckung gemacht, vorausgesetzt, daß der Weg zu ihnen nicht zu weit und nicht etwa mit zu großen Schwierigkeiten verbunden ist! Wenn nur etwa jene Riesen nicht diese Berge beherrschen?! [HGt.03_203,02] Was aber den alten Menschen auf der Höhe betrifft, so lassen wir ihn sein, wie er ist, wenn wir ihn nicht auf eine feine Weise zu fangen imstande sind; denn mit derlei Zauberern ist nicht gut umgehen, und es läßt sich mit keiner Gewalt gegen sie etwas ausrichten! [HGt.03_203,03] Wir aber schwören es euch, daß ihr zu Priestern werden sollet, so ihr imstande seid, durch List diesen Zauberer zu gewinnen! Denn der könnte uns durch seine Zaubermacht dann gar leicht zu den Goldbergen verhelfen, – vorausgesetzt, daß er auch jene Riesen etwa also mit der Kraft der Elemente bekämpfen könnte, wie er eure Gefährten bekämpft hat, und ganz besonders vorausgesetzt, daß es mit eurer Aussage von diesem Zaubermanne seine volle Richtigkeit hat! [HGt.03_203,04] Denn ihr seid schlaue Füchse! Es kann auch leicht sein, daß eure Gefährten, die ihr von diesem Zauberer als vernichtet angabet, sich mit den großen Schätzen davongemacht haben und irgend auf der Erde ein von uns ganz unabhängiges Reich gründen! – Wehe aber dann euch, wenn wir hinter solches kommen!“ [HGt.03_203,05] Die Kundschafter aber erwiderten: „Hängt die Wahrheit unserer Aussage von der Richtigkeit der Existenz dieses Halbgottes und seiner Tat an unseren Gefährten ab, da sendet nur sogleich verläßlichere Boten hinauf zu ihm, oder ziehet selbst hinauf, – und ihr könnet uns dann mit glühenden Ruten zu Tode züchtigen lassen, wenn sich die Sache nicht also verhalten sollte, wie wir sie euch traurig und schrecklich genug kundgaben! [HGt.03_203,06] Wie aber das wahr ist und ihr es also finden werdet, da könnet ihr darnach auch unsere anderen Aussagen bemessen! Wir aber wollen dazu weder mehr ein Ja, noch ein Nein setzen; untersuchet und urteilet dann!“ [HGt.03_203,07] Da die Priester aber solche Rede von den Boten erhielten, da sprachen sie zu ihnen: „Wir haben aus eurer Rede ersehen, daß ihr die Wahrheit geredet habt vom Anfange bis zum Ende; daher ernennen wir euch aber auch kraft unserer Voll- und Allmacht zu wirklichen Gesandten und heben euch aus dem Kleinbürgerstande in den Mittelbürgerstand, in dem ihr Waffen tragen dürfet! Aber dafür müsset ihr sehen, daß ihr den Zauberer uns zum brauchbaren Freunde machet!“ [HGt.03_203,08] Und die Boten sprachen: „Wir wollen tun, was möglich ist; aber für das Gelingen stehen wir nimmer! Denn so gut dieser Mensch unsere Gefährten vernichtete mit Blitz und mit der gespaltenen Erde, ebensogut kann er das auch uns und euch allen antun, so er nur im geringsten dessen gewahr wird! [HGt.03_203,09] Wie, – so er stampfen möchte mit seinem Fuße gen Hanoch herab, und die Erde spaltete sich dann unter uns und verschlänge uns samt der Stadt in einen unendlichen Abgrund?! Was dann? [HGt.03_203,10] Daher wären wir der Meinung, es wäre sicher rätlicher, diesen höchst gefährlichen Patron ganz unbeirrt zu lassen, als ihn irgend mehr aufzusuchen, indem wir nicht wissen können, wie er unsere Pläne durchschauen möchte, und wie er sich dann benähme gegen uns! [HGt.03_203,11] Doch, – so ihr auf eurer Forderung bestehet, da müssen wir tun darnach; aber für den Erfolg können wir unmöglich stehen!“ [HGt.03_203,12] Und die Priester sprachen: „Gut, wir haben euch verstanden; euer Urteil ist gut! Wir wollen daher auf drei Tage einen großen Rat zusammenberufen, und was sich da hervortun wird, darnach auch wird gehandelt werden; ihr aber müsset im Rate zugegen sein und werdet darum priesterliche Kleider anziehen und unserer Kaste einverleibt werden! [HGt.03_203,13] Für jetzt aber ziehet nach Hause; machet daselbst Ordnung, und kommet sodann mit Weib und Kindern hierher in den Rat!“ 204. Kapitel — Die Geheimberatung der zehn Gesandten und ihr Beschluß, gute Zwecke durch schlaue Mittel zu erreichen[HGt.03_204,01] Als die zehn aber das Kollegium der Priester verließen, da verwunderten sie sich untereinander himmelhoch und sprachen: [HGt.03_204,02] „Nun ersehen wir ganz klar, wo unserer Priesterschaft die Schuhe zu enge sind! Ihr Himmel, von dem sie allem Volke vorschreit, ist das Gold; um dieses zu gewinnen, schreitet sie zu den alleraußerordentlichsten Mitteln! [HGt.03_204,03] Wer hat das je erlebt, solange die Priesterschaft die ganze Herrschaft und Macht an sich gerissen hat, daß da jemand aus der Kleinbürgerkaste wäre in die höchste der Priester erhoben worden?! [HGt.03_204,04] Uns ist nun dieses enorme Glück zuteil geworden! Warum denn? – Weil wir uns aufs Lügen verstanden haben, bis auf die allein wahre Begebenheit auf der Höhe! [HGt.03_204,05] Wir aber riechen den feinen Braten schon, wo hinaus die Sache mit unserer bevorstehenden Priesterschaft gehen soll! Aber wartet nur, ihr goldverbrämten Füchse, – euer Plan mit uns, daß wir euch dann als Mitinteressenten den Weg zu den goldenen Bergen bahnen sollen, soll euch ganz verdammt heiß gemacht werden! Sicher werdet ihr schon beim ersten Schritte eure Teufelsfüße zurückziehen! Aber es wird zu spät sein; denn wir werden ein Flammenmeer über euch schütten, und ihr möget dann zusehen, wie ihr aus diesem kommen werdet! [HGt.03_204,06] Wir werden zwar vor großen Brandhaufen und vor unabsehbaren Abgründen, welche sie gemacht haben unterirdisch und haben sie angefüllt mit Schlangen und allerlei giftigem Geschmeiße, die schauerlichsten Treuschwüre machen müssen, bis wir in die priesterlichen Kleider werden geworfen werden, – aber das tut unserer Sache keinen Eintrag! Wir werden schwören zwar mit dem Munde, aber zugleich fluchen in der Brust, – und so wird sich die Priesterschaft an uns eine Freßbeule an den Leib gesetzt haben, die ihr kein Gott heilen soll! [HGt.03_204,07] Wir werden zwar einen Weg bahnen nach den goldenen Bergen unserer Schlauheit, diesen wird die gesamte Priesterschaft wandeln müssen, – aber im Hintergrunde wollen wir die Riesen unseres Grimmes und unserer Wut auf sie lauern lassen! Und wird sich die feine Schar diesem glühenden Hintergrunde nähern, dann ein Zeichen – verstanden! –, und die Riesen werden mit unbesiegbarer Macht hervortreten und unter ihren Tritten zermalmen diese gesamte Brut! [HGt.03_204,08] Und dann erst werden wir dem Volke den Weg zu den Sternen zeigen und es führen in ein Land in ihm selbst, wo es finden soll die herrlichsten Jungfrauen reiner Erkenntnisse, und in ein Land, wo Wein, Honig und Milch in wahrer Begeisterung fürs echte Wahre und Gute fließt! [HGt.03_204,09] Und die gebratenen Äpfel soll es dann auch finden auf dem Baume des Lebens und der wahren, reinen Erkenntnis desselben! [HGt.03_204,10] Bei dem hat es zu verbleiben; Fluch aber sei einem jeden Verräter aus uns! Denn nun liegt es an uns, und wir können nach unserm Plane uns selbst und alles Volk vom sicheren Untergange retten; darum seien wir alle wie einer für sich unter uns, und das Werk muß gelingen! [HGt.03_204,11] Haben wir die Priesterschaft insoweit breitzuschlagen vermocht, daß sie uns sogar zu Priestern macht, so wird es dann in solch freierem Spielraume sicher um so leichter sein, diese Elenden so breitzuhämmern, daß am Ende von ihr nichts mehr als höchstens ein geschichtlicher Name übrigbleiben soll! [HGt.03_204,12] Solches haben wir beschlossen, und solches werde von uns auch pünktlichst und getreuest ausgeführt! Amen, unter uns amen!“ [HGt.03_204,13] Nach dieser Verschwörung erst begaben sich die zehn in ihre Häuser und brachten da alles in Ordnung und begaben sich dann mit Weib und Kindern in das Kollegium der Priester zum bevorstehenden großen Rate. [HGt.03_204,14] Was aber in diesem vorkam, wird die Folge zeigen. 205. Kapitel — Die zehn Kundschafter vor dem Rate der fünftausend Priester und in der Feuerprobe[HGt.03_205,01] Bei fünftausend der ersten Priester waren in dem großen offenen Saale, welcher nach der Art eines Amphitheaters erbaut war, versammelt und erwarteten die zehn Kundschafter mit großer Sehnsucht und Gier. [HGt.03_205,02] Als diese nun auch in etwas banger Erwartung dessen, was da kommen solle, in diesen offenen Saal kamen, da wurden sie alsbald von den Priestern umringt und sogleich in einen unterirdischen Gang geführt, an dessen Ende ein großes Feuer zu sehen war. [HGt.03_205,03] Sie wurden diesem Feuer näher und näher geführt und entdeckten bald in einer bestimmten Nähe, wie sich mitten unter den gewaltigen Flammen eine Menge heulender, glühroter Menschen befand. [HGt.03_205,04] Es war aber das Feuer nur ein Trugfeuer, welches ungefähr dem glich, wie es heutzutage auf den Theatern bewerkstelligt wird durch transparente, über ein Rad bewegliche und mit Flammen bemalte feine Zeuge; nur war hier in Hanoch die Täuschung um so vollkommener, daß da in einer gewissen Nähe niemand etwas anderes als ein allerbarstes mächtigstes Feuer zu sehen wähnte, welches aber freilich wohl nicht die allergeringste Hitze hatte. [HGt.03_205,05] Als unsere zehn dieses Mordspektakels ansichtig wurden, da ward es ihnen ganz sonderbar zumute. Sie hätten gerne gefragt: „Was damit? Wer die, so darinnen heulen?“, aber es ward ihnen gleich beim Eintritte auf das allereindringlichste bedeutet, zu schweigen bei allem, was sie sehen würden, ansonst es mit ihnen geschehen sei! [HGt.03_205,06] Vom Feuer wurden sie durch einen andern Gang geführt und gelangten bald zu einem bei vierzig Klafter tiefen und bei neunzig Klafter im Umfange habenden und mit Geländer versehenen Bassin. [HGt.03_205,07] Die Priester zündeten hier bepechte Strohbündel an und warfen sie hinab in den Abgrund; dieser wurde dadurch erleuchtet, und man erblickte zuunterst eine Menge Geschmeiß, wie auch eine Menge abgenagter Gerippe, die man freilich nicht so genau ausnehmen konnte, daß man zu bestimmen imstande gewesen wäre, ob es menschliche oder tierische seien. Es waren aber nur tierische, und das von sehr großen Tieren; denn menschliche Gerippe hätten sich auf eine Tiefe von vierzig Klaftern nicht wohl ausgenommen. [HGt.03_205,08] Denn hier war alles auf den Betrug und dadurch auf eine große Angsterweckung abgesehen. So waren selbst die Schlangen und anderes Geschmeiß künstlich nur gebildet und hatten eine mechanische Bewegung; denn die natürlichen wären wohl nicht leichtlich sichtbar in solcher Tiefe, in die man durch eine geheime, aber sehr geräumige Wendeltreppe gelangen konnte, um da den Mechanismus der Schlangen, Drachen und Krokodile zu leiten. [HGt.03_205,09] Dieses Bassin war unter einer Naturgrotte erbaut, deren große Geräumigkeit dem Abgrunde ein noch größeres Ansehen verlieh. [HGt.03_205,10] Wenn man nun diese zwei Trugerscheinungen erwägt und Laien daneben, so wird es nicht schwer sein, zu begreifen, welch eine entsetzliche Angst unsere zehn Boten befiel, als sie bei diesem Abgrunde schwören mußten, sich allen Anordnungen der Oberpriester ohne die geringste Widerrede zu fügen, wollten sie nicht bei lebendigem Leibe entweder in das Höllenfeuer oder in diesen Abgrund geworfen werden. [HGt.03_205,11] Die zehn schworen daher wohl aus Angst mit dem Munde, aber desto grimmiger fluchten sie in ihrer Brust und sprachen bei sich: „Nur hinaus ins Freie noch einmal mit uns, und ihr sollet diesen Abgrund und eure Hölle selbst zu verkosten bekommen!“ [HGt.03_205,12] Nach dem Schwure wurden die zehn wieder in den großen offenen Saal geführt und wurden mit unterpriesterlichen Kleidern angetan, worauf dann erst die große Beratung begann. 206. Kapitel — Die Beratung mit den goldgierigen Priestern. Schlauheit gegen List[HGt.03_206,01] In der Mitte des Saales war eine bei sechs Ellen erhabene Rednerbühne. Auf diese mußten die zehn Boten mit zehn Oberpriestern treten. In gedrängten Kreisen umstanden diese Bühne die anderen Priester; zunächst natürlich die Oberpriester und in weiteren Kreisen die Unterpriester. [HGt.03_206,02] Einer der Oberpriester auf der Bühne trat vor die zehn hin und sprach: „Ihr wisset es, und wir wissen es alle, was ihr zu uns geredet habt! Ihr seid nun selbst Priester, und es liegt nun in eurem Interesse so gut wie im unsrigen, daß wir uns der Goldberge bemächtigen und darum einen sicheren Weg dahin bahnen, – koste die Sache, was immer sie wolle! [HGt.03_206,03] Euch allein ist der Weg dahin bekannt; an euch also liegt es nun, aus unserem allgemeinen Interesse diese überwichtige Sache für unsere Goldkammern zu bewerkstelligen! [HGt.03_206,04] Könnet ihr den berüchtigten Zauberer auf der Höhe um Geld und gute Worte zu dem Zwecke gewinnen, so wird es wohl und gut sein; könnet ihr aber solches nicht, so haben wir ja über zwei Millionen Kämpfer und im Notfalle über vier Millionen Sklaven, die wir zu Kämpfern machen können, wann wir wollen. Und wie da viele Ameisen sogar eines Löwen Meister werden können, werden auch wir mit unserer Überzahl von Kämpfern Meister der Riesen werden, welche vielleicht jene goldenen Berge bewachen! [HGt.03_206,05] Das ist nun unsere Ansicht; lasset nun aber auch die eurige vernehmen!“ [HGt.03_206,06] Und einer von den zehn trat hervor und sprach im Namen aller seiner neun Genossen: [HGt.03_206,07] „Euer Plan, eure Absicht und euer Rat, teure Gefährten nun, ist löblich, und wir können ihn nur loben als nun natürlicherweise Mitinteressenten; ob er sich aber so leicht, wie ihr es meinet, wird ausführen lassen, daran zweifeln wir sehr! [HGt.03_206,08] Zudem haben wir zehn uns gestern also bedacht: Setzen wir den Fall, uns gelänge es, zu erobern die tausend mächtig großen Goldberge, welche über dem großen Meere in einer ganz fremden Welt liegen, da fragen wir, welcher Nutzen dadurch für uns entsteht! Wird am Ende durch die große Masse des gewonnenen Goldes eben dieses edle kostbare Metall nicht mit dem Straßenkote gleichwertig werden?! [HGt.03_206,09] Man wird sagen: ,Das werden wir schon zu verhüten trachten und auch wohl zu verhüten imstande sein, daß da außer uns niemand den Weg zu den goldenen Bergen finden soll!‘ [HGt.03_206,10] ,Wie aber?‘, das fragen wir. Werden wir Priester selbst mit Kamelen dahin ziehen, dort mit scharfen Hacken und Krampen das Gold von den steilen Bergen lösen und es hierher einen drei Jahre langen Weg schleppen? [HGt.03_206,11] Unternehmen wir aber das allein, da fragen wir, was für ein Gesicht wir dann etwa machen werden, wenn wir zufälligerweise den Riesen begegnen sollten, die uns nicht nur alles Gold alsbald wegnehmen werden, sondern uns auch sogleich zwischen ihren Fingern wie Mücklein zermalmen werden?! [HGt.03_206,12] Nehmen wir aber notwendigerweise eine große Macht mit, bestehend aus einer Million Kämpfer; wenn aber diese die goldenen Berge erschauen, werden sie etwa da nicht uns alsbald erschlagen und sich selbst zu Besitzern dieser köstlichen Berge aufwerfen?! [HGt.03_206,13] Tun wir, was wir wollen, so kommen wir vom Regen in die Traufe! Wir werden als Unternehmer dadurch unsere Schatzkammern lüften bis auf ein Minimum und werden dafür nichts gewinnen; und reüssieren wir, da sinken – wie schon bemerkt – alle unsere Schätze bis zum Werte des Straßenkotes herab. [HGt.03_206,14] Wir sind daher der Meinung, man soll diese Unternehmung rein an den Nagel hängen und dafür eine günstigere beginnen! Doch das ist ebenfalls nur unser Rat; ihr könnet noch tun, was immer ihr wollet, und wir sind eure Diener und werden euch allzeit in allem treulich gehorchen!“ 207. Kapitel — Der Widerstand der Kundschafter gegen den Plan der Priester, die Goldberge zu erobern[HGt.03_207,01] Die Oberpriester aber sprachen: „Wir ersehen aus dieser eurer Rede gar wohl, daß ihr es mit unserm allgemeinen Interesse gut meinet und auch im Ernste gar tüchtige Sach- und Weltkenntnis habt; aber daß ihr mehr aus Furcht einer abermaligen Reisebeschwerde, als so ganz eigentlich aus Furcht vor den Riesen die Erreichung jener Goldberge uns auszureden bemüht seid, das läßt sich schon beim ersten Anfange eurer Rede ganz klar herausfinden! [HGt.03_207,02] Denn sehet, wären jene Riesen gar so furchtbare Wesen, die euch doch sicher gesehen haben, weil ihr sie gesehen habt, so wäre sicher nicht einer von euch zurückgekommen, so wie da von den andern mit euch gleichzeitig ausgesandten Karawanen noch niemand zurückgekommen ist, wobei sich da wohl vermuten läßt, daß sie irgend übel angekommen sein mußten. [HGt.03_207,03] Ihr aber wäret alle wohlbehalten trotz der furchtbaren Riesen wieder hierher gelangt, wenn ihr euch bei dem Zauberer auf der Höhe ein wenig klüger benommen hättet! [HGt.03_207,04] Sehet, das ist unsere Ansicht! Rechtfertiget euch dagegen, so ihr solches vermöget!“ [HGt.03_207,05] Und der eine von den zehn sprach: „Hochmächtige Obergefährten unserer Wenigkeit vor euch! Ihr werdet uns diesmal schon zum voraus vergeben müssen, so wir euch auf diese eure Einrede die Entgegnung machen müssen und euch geradeweg zeigen mit ganz kurzen Worten, daß ihr uns übel verstanden habt und habt nicht von fernehin verstanden, was wir zu euch geredet haben! [HGt.03_207,06] Sprachen wir denn ganz bestimmt davon, als müßten wir bei dieser Unternehmung in die Hände dieser Riesen geraten?! Wir stellten ja nur die leichte Möglichkeit dar, indem diese furchtbaren Giganten gerade hinter jenen Goldbergen zu Hause sind! Wir sahen sie wohl aus verborgenen Schlupfwinkeln, da sie unser nicht ansichtig werden konnten, dann beluden wir unsere Kamele zur Nachtzeit mit dem Golde und zogen dann auch bei Nacht und Nebel ab. [HGt.03_207,07] Also ist es uns wohl einmal gelungen, mit heiler Haut davonzukommen, und das sicher darum, weil unser Goldraub höchstswahrscheinlich der erste war, der an diesen unschätzbaren Bergen ist begangen worden! Wenn aber dieser erste Raub an diesen Bergen bis jetzt gar sicher von den wachsamen Giganten ist entdeckt worden, da fragen wir, ob ein zweiter Versuch auch so glücklich ablaufen wird! [HGt.03_207,08] Oder können wir wissen, ob etwa diese Giganten nicht ohnehin schon uns auf der Spur sind und ziehen uns etwa gar nach?! Oder sie haben vielleicht darum schon ein solches Bollwerk um die enormen Goldberge gemacht, über das einem jedem Adler zu fliegen schwindeln dürfte?! [HGt.03_207,09] Oder sie haben jene schmale Erdzunge, durch welche diese Welt mit jener zusammenhängt, ganz gewaltig breit durchstochen und haben dadurch die beiden Welten durch ein mächtiges Gewässer getrennt, welches wir sicher nicht durchwaten werden! [HGt.03_207,10] Sehet, das deuteten wir durch den gefährlichen Kampf mit den Riesen an! [HGt.03_207,11] Fraget euch aber selbst, ob ihr uns also verstanden habt! Wir bestreiten ja nicht die Möglichkeit, als könnten wir nicht wieder zu den Bergen oder wenigstens in ihre Nähe gelangen; aber das müßt ihr denn ja doch auch einsehen, daß diese Unternehmung mit sicher außerordentlichen Unkosten verbunden sein wird, für die ein höchst unsicherer Gewinn herausschaut und dabei tausend Gefahren! [HGt.03_207,12] Sollen wir darum für nichts und wieder nichts unsere zwei Millionen Kämpfer opfern und uns dadurch aller Macht entblößen? Das wäre doch sicher toll! [HGt.03_207,13] Wenn ihr aber schon etwas tun wollet, da nehmet die wertlosen Sklaven her und sendet sie unter unserer Anführung dahin! Gehen die zugrunde, so haben wir nichts verloren; und reüssieren sie, so haben wir vielfach gewonnen! – Bedenket euch darob!“ 208. Kapitel — Die Verdächtigung der zehn Kundschafter durch die Hohenpriester. Die schlaue erfolgreiche Antwort der zehn Kundschafter[HGt.03_208,01] Die Hohenpriester aber, die um etwas höher waren als die Oberpriester und früher unten im Saale in der ersten Reihe standen, begaben sich nun auch auf die Rednerbühne und richteten folgende Worte an die Oberpriester: [HGt.03_208,02] „Höret uns an; denn zu großwichtig ist's, was wir euch zu bemerken haben! Diese zehn, die ihr zu Unterpriestern gemacht habet, kommen uns äußerst verdächtig vor! [HGt.03_208,03] Sie haben im Hintergrunde Böses im Sinne wider uns alle! Sie legen es zwar überschlau an, um uns hinters Licht zu führen, bedenken aber nicht, daß ein Hoherpriester allwissend ist und in des Menschen geheimsten Gedankenwinkel schaut. [HGt.03_208,04] Wir haben das getan und haben in ihnen Arges über Arges wider uns entdeckt; daher trauet ihnen nicht! Es sind Tiger in Schafspelzen! [HGt.03_208,05] Sie mögen wohl alles, was sie aussagten, auf ihrer Entdeckungsreise erlebt haben; aber wir haben bis jetzt noch keinen anderen Beweis als ihre eigene uns sicher zum besten habende Erzählung! Daher raten wir euch: überzeuget euch zuvor von einem Punkte wenigstens, bevor ihr ihnen eine Macht anvertrauen wollet, – sonst sind wir die Geschlagenen! [HGt.03_208,06] Ihre Weigerung, unsere getreuen Kämpfer anzunehmen, und ihr Begehren nach den Sklaven, die uns mehr als die bitterste Mißhandlung hassen, scheint einen ganz andern Grund zu haben, als welchen sie etwas verlegen angaben! Daher seid auf eurer Hut; denn wir allwissenden Hohenpriester haben solches zu euch geredet!“ [HGt.03_208,07] Diese Einrede machte die Oberpriester ganz gewaltig stutzen, und noch mehr aber die zehn, welche sich dadurch sehr getroffen fühlten. [HGt.03_208,08] Und ein Oberpriester wandte sich an den Redner der zehn und sprach: „Habt ihr vernommen das Zeugnis eines Allwissenden über euch? Wie wollet ihr euch da rechtfertigen?“ [HGt.03_208,09] Der Redner aber, ein durchtrieben feiner Kauz, faßte sich bald und sprach: „Hochmächtige Gefährten! Mit der Allwissenheit dieser Hohenpriester hat es seine geweisten Wege; denn so allwissend, wie sie es sind, sind es auch wir! Politik ist noch nie Allwissenheit gewesen und wird es ewig nie sein! Nur schlechte Kerle lassen sich durch derlei Kniffe einschüchtern, – aber ein redlicher Mensch nie! [HGt.03_208,10] Wären diese allwissend, so würden sie euch nicht Vorsicht raten, sondern sie hätten gleich anfangs uns ins Höllenfeuer verdammt; denn sie mußten es ja gleich anfangs wissen, daß wir Tiger in Schafspelzen sind! Warum machten sie uns denn mit euch zu Priestern? [HGt.03_208,11] Dann: Wären sie allwissend, so würden sie euch sicher sagen, was sich auf der Höhe bei dem Zauberer zugetragen hat; da sie aber nicht allwissend sind, so raten sie euch, ihr sollet euch durch anderwärtige Beweise überzeugen, ob unsere Aussagen wahr sind oder nicht! [HGt.03_208,12] Dazu aber fragen wir euch Oberpriester: Glaubet ihr aber selbst, daß diese allwissend sind, warum fraget ihr sie nicht, auf daß sie euch kundgäben, was da auf der Höhe geschehen ist? Und warum glaubet ihr ihnen nicht aufs Wort, und werfet uns nicht sogleich entweder ins Feuer oder in den Abgrund?! [HGt.03_208,13] Damit aber diese Allwissenden aufs Haupt geschlagen werden, so erklären wir hiermit, daß wir keinen Schritt eher hinaustun wollen, als bis ihr euch wenigstens auf der Höhe werdet erkundigt haben, ob wir euch falsch berichtet haben oder nicht! [HGt.03_208,14] Und selbst dann werden wir uns erst unter der Bedingung auf den Weg zu den Goldbergen machen, so mehrere von ihnen und euch mit uns ziehen werden und die halbe Streitmacht aus den festen Kämpfern und die halbe aus den Sklaven bestehen wird! Sollte ihnen auch das noch verdächtig vorkommen, so setzen wir keinen Fuß über die Schwelle! – Und bei dem hat es zu verbleiben!“ [HGt.03_208,15] Die Hohenpriester schnitten hier gar erbärmliche Gesichter. Aber die Oberpriester schlugen sich zu den zehn und billigten ihre Rede; denn sie sahen, daß die zehn recht hätten, und trauten ihnen ganz. Aber den Hohenpriestern sagten sie, daß sie sich fürder in derlei Dinge, die sie nichts angehen, nicht einmengen sollten; denn ihre Sache sei nur die zeremonielle Ehrung des Königs. 209. Kapitel — Die Einwilligung der Oberpriester in den Rat der zehn Kundschafter[HGt.03_209,01] Es dachten aber die Oberpriester nach, wen sie auf die Höhe zum Zauberer schicken sollten, der sich schadlos erkundigen möchte bei ihm, ob es mit der Aussage der zehn seine Richtigkeit habe. Aber sie konnten keine Wahl treffen, die für diesen mißlichen Zweck taugen möchte. [HGt.03_209,02] Denn fürs erste hatte niemand den Mut, und fürs zweite entgegnete ein jeder, der mit dem Auftrage begabt wurde: „Was nützt das? Ihr könnet Tausende und Millionen hinaufsenden; so sie aber vom Blitze und den gähnenden Erdspalten samt und sämtlich verschlungen werden, was habt ihr dann von aller eurer Gesandtschaft und was von aller eurer Mühe?“ [HGt.03_209,03] Die Oberpriester sahen solches ein und fragten darauf wieder die zehn, was da am klügsten wäre. [HGt.03_209,04] Die zehn aber sprachen: „Wie möget ihr uns fragen, die wir vor euch verdächtigt sind? Könnten wir euch da als schlaue Füchse doch leicht einen Rat geben, der da gerade ein Wasser auf unsere Mühle wäre! Also seid klug doch, da ihr schon vor uns wie vor Tigern in Schafspelzen gewarnt worden seid! [HGt.03_209,05] Die Hohenpriester gaben ja vor, daß sie allwissend sind; fraget sie, die werden es doch am besten wissen, was da am tauglichsten sein wird!“ [HGt.03_209,06] Die Oberpriester aber sprachen: „Aber seid doch nicht töricht! Ihr habt es doch selbst klar bewiesen, daß es mit der Allwissenheit dieser Zeremonienmeister des Königs seine geweisten Wege hat; und also ist es auch! [HGt.03_209,07] Das ist ja nur ein leerer Titel und will so viel als gar nichts sagen! Die Herren sind wir und sie nur Figuranten samt dem Könige, der auch den Titel ,Höchste göttliche Weisheit‘ führt, aber dabei doch dümmer ist als die allerdichteste Herbstnacht! [HGt.03_209,08] Ihr habt demnach bloß auf uns zu sehen und uns allein zu gehorchen; denn alles andere ist nur Figur und Schein des dummen Volkes wegen! Daher gebet da uns den Rat, was da zu tun ist, und kümmert euch um alles andere nicht!“ [HGt.03_209,09] Die zehn aber sprachen: „Hochmächtige Diener der Götter! Möget ihr aber schon von uns einen Rat und fürchtet euch nicht, daß wir euch durch ihn hinters Licht führen möchten, da fragen wir euch: Warum trauet ihr denn unserem ersten Rate nicht, den wir euch doch sicher wohlmeinend genug nach unserer gründlichen Sachkenntnis gegeben haben?“ [HGt.03_209,10] Und die Oberpriester erwiderten etwas verlegen: „Wir täten solches ja; aber ihr habt uns dazu ja selbst aufgefordert in eurem Ärger gegen die Hohenpriester, und so wollen wir ja nur eurem Wunsche und nicht dem Rate der Figuranten nachkommen!“ [HGt.03_209,11] Und die zehn sprachen: „Nun gut, so ihr uns in diesem Nachrate trauen wollet, da möget ihr uns ja im ersten Vorschlage trauen, gegen den die Figuranten – wie ihr sie geheißen habt – euch aus ihrer Allwissenheit heraus gewarnt haben und haben uns als Tiger in Schafspelzen bezeichnet! [HGt.03_209,12] Gehe zu dem Zauberer, wer da wolle! Wir werden diese Reise sicher nicht zum zweiten Male machen; denn wer da einmal das Feuer verkostet hat, der greift sicher kein glühendes Metall mehr an! [HGt.03_209,13] Trauet ihr uns, so trauet uns ganz – sonst sind wir euch zu nichts als zum Fressen aus eurer Schüssel!“ [HGt.03_209,14] Diese Worten fanden bei den Oberpriestern vollen Eingang, und sie stimmten alle für die Sklavenlöse und für die Bewaffnung derselben unter der Anführung der zehn. 210. Kapitel — Die Schwierigkeiten der Priester, die Sklaven loszukaufen. Das Gelingen des Planes der zehn schlauen Botschafter[HGt.03_210,01] Die Oberpriester waren nun freilich ganz für die Freilassung und Bewaffnung der Sklaven zur Eroberung der Goldberge gestimmt; aber ein anderer fataler Umstand waltete hier ob, und dieser bestand darin, daß nämlich diese traurige Kaste sich in lasttierlicher Eigenschaft in den Händen der Großen befand und ihr volles Eigentum war, welches erst durch einen förmlichen Wiederkauf an die Priesterschaft zurückkommen konnte. Denn durch einen Machtspruch die Sklaven zurückfordern, wäre doch eine zu gewagte Sache, indem die Großen zu mächtig waren und die Priester für nicht viel höher hielten als sich selbst und sie nur duldeten und unterstützten aus pur politischen Rücksichten. [HGt.03_210,02] Da aber die Priester freilich nur ganz heimlich das gar wohl kannten, so waren sie jetzt abermals in einer Klemme und wußten nicht recht, wo aus und wo ein. Den zehn solche tiefsten politischen Geheimnisse zu enthüllen, fanden sie doch nicht ratsam; sie darum aber sogleich zu Oberpriestern zu machen und sie alsogestaltig dann in alles einzuweihen, war auch eine Sache, die sich beinahe noch schwerer ausführen ließ. [HGt.03_210,03] Sie dachten daher hin und her und wußten nicht, was sie da tun sollten. [HGt.03_210,04] „Gewalt ist nicht ratsam!“ sprachen sie. Denn wir wissen, wie wir stehen! – Rückkauf? Welch schauderhafter Gedanke! Vier Millionen Sklaven! Einen nur zu zwei Pfunden Goldes gerechnet, macht acht Millionen Pfunde! Dann die Ausrüstung hinzu, so gibt das eine nicht mehr auszusprechende Summe! [HGt.03_210,05] Hier die zehn abermals um ihren Rat fragen? Wie würde uns das vor ihnen entblößen! – Sie darob zu Oberpriestern machen? Dazu sind sie viel zu ehrlich und zu verzweifelt klug! Würden sie dadurch in unser loses politisches Gewebe eingeweiht werden, so würden sie uns dann eine Laus im Pelze sein, von der wir uns nimmer reinigen könnten! [HGt.03_210,06] Wahrlich, hier wird guter Rat teuer! Unser Wort können wir nimmer zurücknehmen; die Sklaven müssen frei und bewaffnet werden! Wie aber? Das ist eine ganz andere Frage, auf die sicher kein Satan eine praktische Antwort finden wird!“ [HGt.03_210,07] Es hatte aber einer von den zehn ein überaus feines Gehör und vernahm so manches, was die Oberpriester untereinander wispelten, und sprach daher leise zu den andern: [HGt.03_210,08] „Höret, wir haben sie schon in unseren Händen! Die Sache läuft gerade da hinaus, wo ich sie so ganz eigentlich haben wollte; jetzt nur standhaft, und der Sieg ist in unseren Händen! [HGt.03_210,09] Der Alte sagte auf der Höhe, wir sollten solches den Teufeln in der Tiefe kundtun! Wir haben das getan, und sehet, sie sind schon alle verwirrt! Ich wußte gar wohl, wie es mit den Sklaven steht; darum verlangte ich sie! Ohne Rückkauf geht es auf keinen Fall; ihr Wort können sie nun unmöglich zurücknehmen! [HGt.03_210,10] Das wird ihre Goldkammern so ziemlich lüften und wird sie schwächen ganz entsetzlich; denn sie werden dann nicht mehr imstande sein, eine Macht von zwei Millionen Kämpfern zu halten! Wir aber werden eine erbitterte, furchtbare Macht in unseren Händen haben und werden ihnen den Durst nach den Goldbergen für ewige Zeiten löschen! [HGt.03_210,11] Sie werden uns sicher noch einmal um einen Rat kommen; daß wir ihnen den allerbesten geben werden, des können sie völlig versichert sein! [HGt.03_210,12] O wartet nur, ihr goldverbrämten Bestien, wir werden euch schon noch ein Lied singen lehren, das euch kein Teufel nachsingen soll! [HGt.03_210,13] Aber nur stille; sie kommen schon zu uns!“ 211. Kapitel — Die Ratlosigkeit der Oberpriester wegen des Loskaufes der Sklaven. Der Rat der zehn Kundschafter[HGt.03_211,01] Als der Redner von den zehn solches noch kaum ausgesprochen hatte, waren die Oberpriester auch schon bei ihm mit sehr verlegenen Gesichtern und fragten ihn folgendermaßen: [HGt.03_211,02] „Höre uns an; denn großwichtig ist das, was wir nun von euch zu erfahren wünschen! [HGt.03_211,03] Sehet, die Bewaffnung der Sklaven wäre schon allerdings recht; aber es sind ja alle in lasttierlicher Eigenschaft als ein erkauftes Eigentum in den Händen der Großen der Städte und des ganzen Reiches! Wir könnten sie freilich mit unserer Allmacht zurückfordern, und niemand könnte uns daran hindern; aber wir sind ja neben der Allmacht auch die Allgerechtigkeit selbst, und wider die können wir so einen widerrechtlichen Gewaltstreich doch unmöglich ausüben! [HGt.03_211,04] Ihr wisset nun, wie die Sachen stehen! Ihr seid kluge Köpfe, entwerfet einen Rat, durch den wir am leichtesten und ehesten zum Zwecke kommen! Denn das sehen wir unwiderlegbar ein, daß da die Sklaven samt und sämtlich bewaffnet werden müssen; aber wie rechtlichermaßen der Sklaven habhaft werden, – das ist eine ganz andere Frage! Auf diese eben möchten wir eine ganz kluge Antwort von euch vernehmen!“ [HGt.03_211,05] Und der Redner von den zehn erhob sich und sprach: „Hochmächtige Diener der Götter! Wir haben euch wohl verstanden; aber wir müssen euch auch auf das aufmerksam machen, was wir gleich anfangs geredet haben, nämlich: die Unternehmung wird ganz sicher große Kosten verursachen, wofür der allfällige große Gewinn noch sehr im weiten Felde ist und es sich noch sehr dabei fragen läßt, ob wir seiner habhaft werden! [HGt.03_211,06] Es ist bei einer Macht von vier Millionen Kämpfern freilich wohl nicht leichtlich abzusehen, als solle oder könnte uns der Sieg mißglücken; aber in der Tasche haben wir darum das zu gewinnende Gold auch noch nicht und können daher auch niemanden auf den Mitgewinn darum bescheiden, so er zu dieser grandiosen Unternehmung sein Scherflein beitragen sollte. [HGt.03_211,07] Denn so ihr zu einem oder dem andern sagen würdet: ,Überlasse uns für die vorhabende Unternehmung deine Sklaven! Glückt sie uns, da sollst du für jeden Sklaven vier Pfunde Goldes bekommen!‘, [HGt.03_211,08] da wird der also Angeredete und des Mitgewinnes Versicherte sagen: ,Die Unternehmung ist zwar löblich; aber sie liegt in einer zu großen Ferne und in einem zu weiten und unsicheren Felde! Daher können wir da im voraus nichts riskieren! Was wir aber tun wollen, um euch an einer solchen Unternehmung nicht zu hindern, bestehe darin, daß wir euch alle Sklaven gegen einen Einsatz per Kopf von zwei Pfund Goldes oder fünfundzwanzig Pfund Silbers überlassen wollen! Kommen die Sklaven wieder zurück, so wollen wir sie euch gegen den Einsatz zurücklösen; und kommen sie nicht, so müßt ihr uns entweder frische geben in gleicher Zahl, wollet ihr den Einsatz; oder uns hat euer Einsatz ganz zu eigen zu verbleiben!‘ [HGt.03_211,09] Sehet, das ist die unfehlbare Stimme aller der großen Sklaveninhaber! Machet einen Versuch, und wir wollen ins Feuer gehen, wenn sie anders ausfallen wird! [HGt.03_211,10] Daher bleiben hier nur die zwei Wege offen, entweder die ganze Unternehmung an den Nagel zu hängen, oder im Namen aller Götter, die die Erde beherrschen, in den sauren Apfel zu beißen!“ [HGt.03_211,11] Und die Oberpriester sprachen: „Gut! Vom An-den-Nagel-Hängen dieser Unternehmung ist gar keine Rede; aber wir wollen auf morgen mehrere Große dieser Stadt vernehmen! Wehe aber euch, so sie anders reden werden, als wie nun ihr wie aus ihrem Munde uns vorgeredet habt!“ [HGt.03_211,12] Und der Redner sprach: „Wenn sie nur keine größeren Forderungen machen werden, da könnet ihr noch vom Glücke reden; aber ich meine, sie werden die Sache viel schwerer anpacken! Für uns sieht da sicher kein Wehe heraus; ob aber ihr nicht ein wenig Wehe schreien werdet, so ihr die sicher höheren Forderungen vernehmen werdet, das soll schon der morgige Tag weisen!“ 212. Kapitel — Die Versammlung der Sklavenbesitzer und deren hohe Forderungen für den Loskauf der Sklaven[HGt.03_212,01] Die Oberpriester schnitten dazu ganz grimmige Gesichter und sprachen: „Ihr scheinet schon im voraus zu jubeln über unser Mißgeschick?! Nehmet euch aber nur in acht, daß ihr nicht zu früh jubelt!“ [HGt.03_212,02] Und der Redner von den zehn sprach: „Wir jubeln nicht im geringsten; aber so ihr uns für nichts und wieder nichts ,Wehe euch!‘ zurufet darum, daß wir euch den sichern Rat geben, da meinen wir, es sollte gerade nicht gefehlt sein, gegen euren voreiligen Wehe-euch-Ruf eine günstige Rechtfertigung hinzuzufügen, die das in einem Übertreffungsstande kundgibt, was wir euch nur im geringsten Maßstabe kundgaben! [HGt.03_212,03] Doch nun nichts mehr weiter; wir werden nun schweigen und abwarten, was der morgige Tag bringen wird!“ [HGt.03_212,04] Auf diese Rede gingen die Oberpriester ganz verdutzt von der Bühne, und die zehn begaben sich ebenfalls in ihr Departement. [HGt.03_212,05] Die Oberpriester aber sandten sogleich tausend Herolde aus und ließen all die Großen aus Hanoch auf den nächsten Tag bescheiden, im großen offenen Ratssaale zu erscheinen. [HGt.03_212,06] Am nächsten Tage morgens wimmelte es schon im großen Ratssaale von den Mächtigen der Stadt; aber keiner von ihnen wußte noch, warum er berufen ward. [HGt.03_212,07] Einige meinten, die Priester hätten etwa wieder eine große Sklavenlizitation vor; andere meinten wieder, es werde etwa wieder ein neues Gesetz entworfen werden oder etwa eine neue Steuer ausgeschrieben. Und so rieten sie in gespannter Erwartung hin und her, was aus dieser Zusammenberufung werden solle; aber keiner kam auf den wahren Grund. [HGt.03_212,08] Es kamen aber auch die zehn nach gegebenem Zeichen mit den anderen Unterpriestern von der einen Seite und nach einer Weile erst die von Gold und Edelsteinen strotzenden Oberpriester von der andern Seite. [HGt.03_212,09] Die zehn aber wurden im Gedränge gefragt von den Großen, um was es sich nun etwa handeln dürfte. [HGt.03_212,10] Und die zehn sprachen: „Um nichts als bloß um die Rücklöse der Sklaven! Machet tüchtige Preise, – sonst gehet ihr alle ein!“ [HGt.03_212,11] Dieser Wink ging wie ein Lauffeuer unter den Großen, und sie waren nun ganz gefaßt auf das, was da kommen solle. [HGt.03_212,12] Die zehn blieben nun zuunterst an den Stufen zur großen Rednerbühne stehen und erwarteten die glänzenden Oberpriester. Diese kamen nach einer Weile mit großer Zeremonie und gingen auf die Bühne unter vielfachem Hurra-Rufen. [HGt.03_212,13] Als diese tobende Ehrenbezeigung ein Ende nahm, da öffnete ein starkstimmiger Oberpriester den Mund und sprach: [HGt.03_212,14] „Höret mich an, ihr Großherrlichen des Reiches! Die von uns ausgesandten Boten haben in einem sehr fernen Lande Berge entdeckt, die aus blankem Golde sind, davon sie uns eine reiche Probe brachten! [HGt.03_212,15] Diese herrlichen Berge aber werden von ungeheuren Riesen bewohnt, die überaus stark sein dürften. Um diese zu bekämpfen und uns der Goldberge zu versichern, brauchen wir eine überstarke Macht, wenigstens aus Vorsicht, da man nicht wissen kann, wie stark jene Riesen sind! [HGt.03_212,16] Um diese große Macht darzustellen, benötigen wir wohl aller Sklaven! Es handelt sich aber nun darum, unter welchen Bedingungen ihr sie uns überlassen wollet. Wollet ihr sie uns gegen die Versicherung des Mitgewinnes oder gegen eine billige Ablösung abtreten? – Um das allein handelt es sich hier, und darüber wollet uns denn auch eine gute Antwort erteilen! Es geschehe!“ [HGt.03_212,17] Als die Großen solches vernahmen, da sprachen sie: „Höret, die Entdeckung ist sehr zu respektieren zwar – denn ganze Berge von blankem Golde sind fürwahr keine Kleinigkeit –; aber die gute Sache liegt zu ferne, daher wir die Versicherung auf den Mitgewinn durchaus nicht annehmen können! [HGt.03_212,18] Damit wir euch aber in einer so glänzenden Unternehmung nicht hinderlich sind, so überlassen wir euch im Durchschnitte einen jeden männlichen Sklaven um eine billige Ablöse von fünf Pfund Goldes und eine Sklavin um drei Pfunde! [HGt.03_212,19] Wenn sie zurückkommen, wollen wir sie von euch wieder gegen einen Dritteleinlaß zurücknehmen! Wir meinen, diese Bedingung wird doch billig sein?“ [HGt.03_212,20] Hier jubelten die zehn heimlich; die Oberpriester aber fielen beinahe in Verzweiflung und wußten nicht, was sie zu solch hohem Preise sagen sollten. Sie beriefen darum die zehn auf die Bühne. 213. Kapitel — Fragen der Oberpriester an die zehn Kundschafter. Der Vertrag mit den Sklavenhaltern[HGt.03_213,01] Als die zehn auf die Bühne kamen, da wurden sie alsbald von den Oberpriestern umringt und mit folgender Frage angeredet: [HGt.03_213,02] „Wir ersehen nun überaus vollkommen, daß ihr einen hellen Blick habet; denn euer gestriges Vorwort gleicht vollkommen dem, das nun die Großen unbarmherzigsterweise geredet haben! [HGt.03_213,03] Wir wollen, weil wir müssen, auch in diese Bedingungen eingehen, obschon uns das bei zwei Drittel unseres Goldes kostet; aber eben darum fragen wir euch nun und verlangen die gewissenhafteste Antwort, auf wie viele Pfunde ihr so einen Goldberg schätzet, und wie viele Pfunde, wenn die Sache glücklich abläuft, ihr im Verlaufe von vier bis fünf Jahren hierherschaffen könnet! [HGt.03_213,04] Ihr genießet nun eures Scharfsinnes wegen unser volles Zutrauen, und das will ungeheuer viel gesagt haben; mißbrauchet dieses ja nicht, und gebet uns völlig wahr die verlangte Antwort!“ [HGt.03_213,05] Als die zehn solche Frage von den Oberpriestern vernommen hatten, da dachten sie jubelnd bei sich: „Jetzt erst seid ihr vollkommen in unseren Händen! Eine Antwort wird euch schon werden, die auf eure dumme Frage passen soll, wie ein großer Turban auf einen kleinen Kopf; aber was hinter dieser Antwort steckt, das wird euch Tod und Verderben bringen! Aber eurer Dummheit soll solch eine Kunde verborgen bleiben bis dahin, da sie sich werktätig enthüllen wird vor euren Satansgesichtern!“ [HGt.03_213,06] Nach diesem Bedächtnisse trat erst der Redner vor und sprach: „Aber, ihr hochmächtigen Diener aller Götter! Was ist das doch wieder für eine wenig überdachte Frage! Ihr seid doch Oberpriester – und möget fragen, wie viele Pfunde ein ungeheurer Goldberg schwer sein dürfte?! Versuchet, den kleinsten Berg teilweise abzuwägen, und wir sind überzeugt, es wird euch die Geduld vergehen, bis ihr mit dem Abwägen seiner vielen tausend Millionen Pfunde fertig werdet! Was aber ist so ein kleiner Hügel gegen ein so ungeheures Gebirge, wie sich in unserer Nähe keines befindet?! [HGt.03_213,07] Fraget euch selbst, ob es möglich ist, da ein Gewicht zu bestimmen! Zudem haben wir euch aber ja schon im Anfange gesagt, daß, so wir diese Berge erobern, das Gold unter den Wert des Straßenkotes herabsinken muß! Das wird etwa doch genug gesagt sein?! Denn jene Welt scheint ebenso aus blankem Golde zu sein, als die da, die wir bewohnen, von blankem Kote ist! Wir meinen nun unserer Treue zufolge, es wird wohl nichts weiteres mehr davon zu reden vonnöten sein! [HGt.03_213,08] Wie viele Pfunde aber ein jeder mit uns Ziehende zu tragen imstande ist, ohne sich dabei wehzutun, das werdet ihr doch auch hoffentlich so gut wissen wie wir! Für die Person dreißig Pfunde im Durchschnitte wird doch etwa keine Übertreibung sein?! Bekommen wir aber noch Kamele hinzu, so kann da das Gewicht verdreifacht werden! Wollt ihr etwa noch mehr?“ [HGt.03_213,09] Und die Oberpriester sprachen: „O nein, nein; denn wir sind ja die liebe Genügsamkeit selbst! Wenn ein Transport nur das abgibt und die Goldberge uns zu eigen werden, da haben wir auf einmal ja hinreichend genug! Darauf unterhalten wir dann fortwährend einen jährlichen Transport, durch den wir dann alle Jahre wenigstens gleichviel zu gewinnen hoffen; und die Sache wird sich machen, besonders, wenn wir unsere Genügsamkeit dazu in Anschlag bringen! Und so wollen wir denn nun in solch sicherer Hoffnung uns an die freilich etwas saure Ablöse der Sklaven machen!“ [HGt.03_213,10] Die zehn jubelten nun noch mehr heimlich. [HGt.03_213,11] Die Oberpriester aber wandten sich an die Großen und sprachen: „Wir haben uns wohl bedacht und haben eurer Forderung Gehör gegeben; daher machet die Sache überall bekannt! Von morgen angefangen beginnt die Ablöse, und so dreißig Tage fort! Wer bis dahin seine Sklaven bringen wird, der auch erhält das bedungene Lösegeld; nach dieser Zeit aber wird ein jeder ums Zehnfache gestraft nebst dem Verluste seiner Sklaven. Es geschehe!“ [HGt.03_213,12] Damit war diese Kongregation beendet, und alles verließ den Ratssaal. 214. Kapitel — Die Einlieferung und Unterhaltungskosten der Sklaven[HGt.03_214,01] Am nächsten Tage wurden schon eine Menge Sklaven beiderlei Geschlechtes herbeigebracht; es dürften derer über dreihunderttausend gewesen sein. [HGt.03_214,02] Da war eine große Unordnung, und die Oberpriester wußten nicht, bei wem sie zuerst die Sklaven abzulösen beginnen sollten. [HGt.03_214,03] Da sprachen die zehn: „Lasset einen jeden Großen vor und saget: ,Gib die Liste her, darauf gezeichnet ist, wie viele Sklaven du gebracht hast; und gib deinen Sklaven ein Zeichen auf die Stirne, und du wirst dann nach der Liste ausbezahlt werden! Geht die Zahl auf der Liste mit der nachträglichen Übernahmezahl zusammen, dann magst du ruhig mit deinem Erlöse nach Hause ziehen; wo aber das nicht der Fall ist, da verlierst du nicht nur die ganze Zahl deiner hierher gebrachten Sklaven, sondern wirst noch um ebensoviel gestraft!‘ [HGt.03_214,04] Sehet, das ist ganz einfach, und es wird von der besten Wirkung sein; gehet und ordnet solches alsbald an, – sonst haben wir ein Jahr mit der Ablöse zu tun!“ [HGt.03_214,05] Die Oberpriester aber sprachen: „Es ist alles recht! Euer Rat ist gut; aber wohin auf einmal mit so vielen? Wo sie unterbringen, woher verköstigen und nötigsterweise bekleiden?“ [HGt.03_214,06] Die zehn aber sprachen: „Wofür stehen denn die ungeheuren Paläste, deren wir innerhalb der Stadtmauer tausend haben, davon ein jeder leicht zehntausend Menschen wohnlich faßt? Diese stehen leer und dienen bloß zur Vergrößerung unseres Ansehens! Da hinein mit den Sklaven! Fürwahr, wenn ihrer noch dreimal so viel wären, so könnten wir sie leicht unterbringen! [HGt.03_214,07] Woher sie verköstigen? – Habt ihr nicht in allen diesen Palästen überfüllte Getreide- und Früchtekammern?! Was wird es denn sein, wenn ihr sie ein wenig lüftet?! Denn es ist ja so viel da, daß davon ganz Hanoch zwanzig Jahre lang leben könnte! [HGt.03_214,08] Woher die vielen Sklaven bekleiden? – Was wird es denn auch da wieder sein, so ihr eure ungeheuren Militärkleidungsvorratsmagazine ein wenig lüftet für einen Zweck, durch den ihr schon im Verlaufe von etlichen Jahren dieselben Magazine mit Gold werdet also anstopfen können, wie sie jetzt mit waffenmännischer Kleidung angestopft sind?!“ [HGt.03_214,09] Die Oberpriester sahen das ein; aber sie berechneten, daß ihnen da ein Mann noch höher kommen werde. [HGt.03_214,10] Die zehn aber sprachen: „Wer nur wenig einsetzt, der kann nie auf einen großen Gewinn rechnen! Wir meinen aber, wo es sich um die Gewinnung einer ganzen Goldwelt handelt, da sollte man doch keine Vorkosten scheuen!“ [HGt.03_214,11] Das Wort ,Goldwelt‘ bezauberte die Oberpriester; sie willigten dann in alles. Sie richteten an die Großen die Worte wegen der Listen und der Stirnbezeichnung der Sklaven. [HGt.03_214,12] Die Großen machten darauf sogleich ihre Listen gewissenhaft und bezeichneten die Sklaven an der Stirne, und zwar ein jeder Sklaveninhaber die seinigen nach seiner Art; und die Ablöse ging dann gut vonstatten. [HGt.03_214,13] Die abgelösten Sklaven wurden dann alsbald in einem oder dem andern Palaste untergebracht, bekleidet und gespeist, und es durften nun wieder reden, die reden konnten. Viele aber mußten das Reden erst wieder lernen. [HGt.03_214,14] Und in einem Monate war diese ganze Arbeit ohne weiteren Anstand beendet. 215. Kapitel — Die Bewaffnung, Ausbildung und Unterweisung der Sklaven[HGt.03_215,01] Den schon ganz entmenschten Sklaven aber war diese Erscheinung unerklärlich, und sie wußten nicht, was daraus werden würde. [HGt.03_215,02] Die Oberpriester aber sprachen zu den zehn: „Nun ist das erste Werk vollendet! Alle Sklaven männlichen und weiblichen Geschlechtes aus allen Teilen unseres Reiches sind eingelöst. Unsere großen Paläste längs der Mauer unserer Stadt sind mit den Sklaven angefüllt und diese daselbst verpflegt. Was aber geschieht nun?“ [HGt.03_215,03] Und die zehn sprachen: „Nun gebet uns viertausend in der Führung der Waffen geübte Männer! Mit diesen wollen wir zehn hinziehen und wollen fürs erste den Eingelösten eröffnen, warum sie eingelöst wurden. Und fürs zweite wollen wir in einem jeden Palaste vier Waffenkundige einteilen, durch die alle Sklaven beiderlei Geschlechtes in der Führung der Waffen in kurzmöglichster Zeit vollkommen eingeübt werden sollen, und zwar der männliche Teil in der Führung der schwereren und der weibliche Teil in der Führung der leichten Waffen; denn ohne solche Einübung sind sie nicht zu brauchen!“ [HGt.03_215,04] Die Oberpriester aber sprachen: „Es ist alles ganz recht also; aber woher nehmen wir auf einmal so viele blinde Waffen? Denn dazu sogleich die neuen scharfen Waffen aus unseren großen Rüstkammern herzunehmen, wäre doch wirklich etwas unklug und unwirtschaftlich und sogar gefährlich! Denn diese Kaste hat einen alten Grimm auf uns; wenn sie nun auf einmal scharfe Waffen in die Hände bekäme, da dürfte es uns nicht gut ergehen! [HGt.03_215,05] Daher sollen sie unserer Meinung nach zuerst mit den gewöhnlichen Blindwaffen aus Holz und Stroh eingeübt werden; und wenn sie diese zu führen verstehen und auch sonst die rechte Disziplin eines Kämpfers sich zu eigen gemacht haben, dann erst, meinen wir, sollen ihnen die rechten Waffen anvertraut werden! Seid ihr nicht auch dieser Meinung?“ [HGt.03_215,06] Und die zehn sprachen: „Zu viel Vorsicht ist ebenso schlecht wie zu wenig! So ihr an eine allfällige Rache dieser Menschen denket, da braucht es gar keine Waffen für eine Masse von mehr als vier Millionen Menschen! Wenn sie aufsteht gegen uns, so erdrückt sie uns schon durch ihre Schwere; und hätten die Sklaven das im Sinne, da hätten sie uns schon überfallen! [HGt.03_215,07] Lasset aber die ganze Sache nur ganz unbesorgt uns über, und wir stehen mit unserm Leben dafür, daß ihr im Verlaufe von einem Monde alle die Sklaven ganz wohl bewaffnet werdet hinausziehen sehen, ohne daß von ihnen auch nur eine Fliege beleidigt wird!“ [HGt.03_215,08] Auf diese Rede willigten die Oberpriester für die sogleich scharfe Bewaffnung und gaben den zehn die viertausend waffenkundigen Männer. [HGt.03_215,09] Mit diesen zogen die zehn schon am nächsten Tage hin zu den in der gespanntesten Erwartung harrenden Sklaven, die da noch nicht wußten – wie schon anfangs erwähnt –, was aus dieser Erscheinung (ihrer Einlöse nämlich) werden sollte. [HGt.03_215,10] Die zehn verteilten sich also, daß da ein jeder hundert Paläste über sich nahm, und teilten noch am selben Tage die Waffenüber ein. [HGt.03_215,11] Als die zehn aber in den Palästen die Sklaven zu sich kommen ließen, wurden sie sogleich mit ängstlichen Fragen bestürmt, was da aus ihnen werden solle. [HGt.03_215,12] Und die zehn sprachen überall: „Seid geduldig; wir sind eure Retter und Befreier aus euren harten Sklavenketten! [HGt.03_215,13] Nun werdet ihr in den Waffen eingeübt werden einen Mond lang bei guter Kost; dann werden wir hinausziehen, zu schlagen ein großes Volk, das schlechter als alle Teufel, aber sonst ganz feig, dumm und verweichlicht ist! Und dann werden wir, als jetzt die Letzten, die Herren sein in der Welt! Wenn ihr erst vollends waffenkundig sein werdet, dann auch sollet ihr mehr erfahren!“ [HGt.03_215,14] Diese Kunde brachte die Sklaven nahezu außer sich vor Freuden, und die zehn wurden von ihnen beinahe angebetet. 216. Kapitel — Die erfolgreiche List der zehn Heerführer, um sich von den Spionen der Oberpriester zu befreien[HGt.03_216,01] Schon am nächsten Tage wurden in den Palästen die Stärksten ausgesucht und auch sogleich bewaffnet und in der Führung der Waffen geübt. [HGt.03_216,02] Die Schwächeren aber wurden erst ein paar Wochen hindurch genährt, daß sie wieder zu Kräften kamen; dann erst wurden auch sie in der Führung der Waffen eingeübt. [HGt.03_216,03] Was aber die schon sehr betagten Sklaven betraf – natürlich beiderlei Geschlechtes –, so wurden ihnen zwar auch leichte Waffen gegeben, aber sie durften sich nicht üben in deren Gebrauche, sondern sie hatten bloß fürs gewisserart Häusliche zu sorgen und über die Jungen eine Aufsicht zu pflegen. [HGt.03_216,04] Es kamen aber auch täglich von den Oberpriestern Gesandte zu den zehn, um nachzusehen, was da geschehe, zugleich aber auch geheime Spitzel, die da belauschten das Gerede hier und da, ob es etwa nicht verräterischer Art wäre. [HGt.03_216,05] Die zehn aber wußten genau schon am dritten Tage um solche Schleicherei von Seite der Oberpriester und wußten sich demnach auch so zu benehmen, daß da ja kein Wörtchen bei der ganzen ungeheuren Armee vorkam, das den höchst mißtrauischen Oberpriestern verdächtig werden könnte. [HGt.03_216,06] Je mehr aber die Sklaven eingeübt wurden und ihre Geschicklichkeit an den Tag legten, desto mehr fanden sich auch immer von Seite der Oberpriester geheime Spione ein, die da alles beguckten und beschnüffelten, was da geredet und gemacht und unternommen wurde. [HGt.03_216,07] Das ärgerte die zehn, daß sie darob an einem Tage hinzogen zu den Hohenpriestern, allwo sie mit großer Auszeichnung empfangen wurden. Als sie aber von Seite der Oberpriester gefragt wurden, was sie für ein wichtiges Anliegen hätten, da sprachen sie: [HGt.03_216,08] „Ihr wisset es ganz bestimmt, daß wir zehn es redlich meinen, und wisset es auch, wie weit unser Scharfsinn und unsere Klugheit geht! Ihr wisset es, wie die Großen zu ihrem großen Nachteile für sich nach unserer Einsicht und nach unserm Rate tanzen mußten; denn nun hat wohl ein jeder einige Pfunde Goldes mehr in seinem Schranke, aber dafür muß er nun selbst arbeiten und im Schweiße seines Angesichtes sein bißchen Brot essen, oder er muß Tagewerker aufnehmen, die er sicher teuer bezahlen muß. [HGt.03_216,09] Wir aber haben eine unüberwindliche Macht in unseren Händen, mit der wir den Großen allzeit ihre Goldschränke leeren können, wann wir wollen; und all ihr Gold ist schon so gut wie vollkommen unser! [HGt.03_216,10] Seht, das alles haben wir berechnet und haben uns gedacht schon bei der Einlöse der Sklaven: ,Verlanget, soviel ihr wollt! Heute werden wir es euch bezahlen; morgen aber holen wir dafür das Vierfache von euch!‘ [HGt.03_216,11] Ist das nicht allein schon ein mit keinem Golde zu bezahlender Plan zu eurem Vorteile, ganz abgesehen von der großen Unternehmung, die wir vor uns haben?! Und dennoch müssen wir von eurer Seite tagtäglich mit tausend geheimen Spionen umgeben sein, die unsere feinen Worte gar nicht verstehen und euch dann oft boshafterweise auch noch dazu die übelsten Nachrichten von uns überbringen können! [HGt.03_216,12] Seht, das wissen wir genau, und darum sind wir auch nun gekommen, um vor euch unser Amt zurückzulegen darum, weil ihr uns nicht trauet; denn ein Mißtrauen erweckt das andere! Trauet ihr uns nicht, so trauen auch wir euch nicht und legen daher lieber unser Amt nieder, damit des Mißtrauens gegen uns ein Ende werde!“ [HGt.03_216,13] Hier fingen die Oberpriester an, die zehn wieder zu besänftigen, beschenkten sie reichlich und baten sie inständigst, ihr Amt wieder anzunehmen – und nun mit dem Vorteile, ihre Waffenübungen noch ein Vierteljahr fortsetzen zu dürfen und dann erst in effektive Dienste hinauszuziehen. [HGt.03_216,14] Damit begnügten sich die zehn, indem sie wieder das erreicht hatten, was sie so ganz eigentlich erreichen wollten, und zogen dann wieder zu ihrer großen Armee. 217. Kapitel — Die Abdankung der viertausend oberpriesterlichen Exerziermeister. Der Zwist der zehn Heerführer mit den Oberpriestern. Der Auszug des Riesenheeres mit zweihunderttausend Kamelen und achthunderttausend Eseln[HGt.03_217,01] Darauf wurden die ehemaligen Sklaven noch drei Monate hindurch exerziert und erreichten dadurch eine große Gewandtheit in der Führung der Waffen. [HGt.03_217,02] Da aber die zehn sahen, daß die Sklaven nun ebenso geschickt die Waffen führen konnten wie die viertausend Exerziermeister selbst, da verabschiedeten sie diese und setzten aus den Sklaven selbst Hauptleute und Oberste ein und regulierten also die ganze große Armee. [HGt.03_217,03] Die Oberpriester aber waren damit nicht ganz zufrieden, daß die zehn ihre vertrauten viertausend Mann abgedankt hatten; sie ließen daher die zehn fragen um den Grund, warum sie solches getan hätten. [HGt.03_217,04] Die zehn aber erwiderten: „Weil wir nicht mit Menschen, die ihr hier bei eurer Armee notwendig brauchet, in die weite Welt ziehen wollen, was da wider unsern Plan wäre! [HGt.03_217,05] Zudem haben die viertausend Mann auch den eigentlichen Geist nicht und sind zu sehr ans Wohlleben gewöhnt; das alles aber verträgt sich mit unserer Unternehmung nicht. [HGt.03_217,06] Daher haben wir sie denn auch abgedankt und sandten sie wieder zu ihrer Armee zurück. Wir glauben dadurch recht gehandelt zu haben, wie wir solches noch allzeit taten; sollte euch aber das etwa schon wieder anstößig vorkommen, so machet es anders! [HGt.03_217,07] Gebet uns selbst einen Plan, nach dem wir handeln sollen, und die Folge wird euch dann ja wohl belehren, welche Früchte euch euer Plan bringen wird! Habt ihr nicht auch nach eurer Einsicht gleichzeitig mit uns vor fünf Jahren nach allen Seiten Kundschafter ausgesandt?! Warum kommen sie denn nimmer zurück und bringen euch gleich uns Schätze? – Weil sie keine Liebe und Treue zu euch haben! [HGt.03_217,08] Wir aber, die wir euch allzeit die größte Treue trotz all der Kalamitäten noch bewiesen haben, dürfen uns nur rühren, so findet ihr schon wieder neuen Grund, uns zu verdächtigen! Wenn wir zehn noch einmal einen solchen Schritt von eurer Seite vernehmen, so lassen wir alles im Stiche, und ihr könnet dann machen, was ihr wollet!“ [HGt.03_217,09] Diese Antwort hatte die Oberpriester sehr angestochen, und sie wußten nicht, wie sie sich darüber rächen sollten; denn zu sagen getrauten sie sich nichts weiter, indem sie sich fürchteten, die Eroberung der Goldberge zu verlieren. [HGt.03_217,10] Aber gestraft sollte solch eine arrogante Antwort denn doch sein! Wie aber? – Darüber wurde unter den Oberpriestern ein dreitägiger Rat gehalten. Aber er führte zu keinem Resultate; denn überall könnte es auf eine Beleidigung der zehn ausgehen und damit aber auch auf den Verlust der Goldberge. Und so mußten am Ende die Oberpriester die Antwort hinabschlucken, wollten sie – oder wollten sie nicht! [HGt.03_217,11] Sie sprachen freilich: „Aber ganz geschenkt bleibt es ihnen nicht; aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wenn sie von der Unternehmungsreise zurückkehren werden, sollen sie darum schon ein wenig die Hölle verkosten!“ [HGt.03_217,12] Es wurde aber solches den zehn von einem ihnen sehr befreundeten Unterpriester gesteckt, und die zehn sprachen bei sich: „Lassen wir diese Sache nur ganz gut sein und ignorieren sie! Morgen aber geschieht die Anzeige, daß wir übermorgen mit der ganzen Macht aufbrechen werden, und dann wird es sich in Kürze entscheiden, wer von uns zuerst die Hölle verkosten wird!“ [HGt.03_217,13] Am nächsten Tage ward die Anzeige gemacht, mit der die Oberpriester sehr einverstanden waren, und am dritten Tage schon um Mitternacht begann der Auszug und dauerte bis gegen Abend; denn bei viereinhalb Millionen Menschen machen einen langen Zug, besonders wenn dabei noch der zweihunderttausend Kamele und der viermal soviel Esel gedacht wird, die da samt den Kamelen zur Tragung von allerlei Gerätschaften und Eßwaren bestimmt waren. 218. Kapitel — Das große Heerlager nördlich von Hanoch. Das neu besetzte schöne Gebirgstal. Die Enthüllung des eigentlichen Planes der Zehn. Die Anordnung zur Bebauung und Befestigung des Gebirgstales[HGt.03_218,01] Als die große Armee sich zwei Tagereisen von Hanoch nördlicherseits befand, da ließen die zehn haltmachen und ein allgemeines Lager schlagen. [HGt.03_218,02] Bei fünfhunderttausend Zelte wurden errichtet in einem schönen, mit vielen Früchten reichlichst bewachsenen Gebirgstale, das aber noch gänzlich unbewohnt war, und das aus dem Grunde, weil es von allen Seiten her von unübersteiglich hohen Bergen eingeschlossen war und nur einen einzigen möglichen Zugang hatte, der aber ebenfalls sehr beschwerlich zu passieren war, indem er in einer engen, ziemlich steil ansteigenden Schlucht bestand, deren Gestrüpp und hier und da sehr lockeres Gestein erst hinweggeräumt werden mußten, bevor eine Weiterreise möglich war. [HGt.03_218,03] Die zehn wußten um dieses Tal, indem sie es schon bei ihrer ersten Reise entdeckt hatten, und hatten schon damals einen geheimen Plan gefaßt, dieses herrliche Tal einmal bei einer gewissen Gelegenheit in den besten Anspruch zu nehmen. [HGt.03_218,04] Die Gelegenheit hatte sich nun gemacht, und so ward dieses Tal, das samt noch andern wohl bewohnbaren Gebirgsflächen über siebzig Quadratmeilen maß, vollkommen in Beschlag genommen. [HGt.03_218,05] Als aber alles Volk in den Zelten eingeteilt und untergebracht war, da beriefen die zehn alle die Obersten zu sich und sprachen: [HGt.03_218,06] „Nun höret uns an! Wir wollen euch nun den wahren Plan enthüllen, der da der Grund unserer Unternehmung ist! [HGt.03_218,07] Ihr habt auf die unmenschlichste Weise die allerschändlichste, goldgierige Regierung der Priester in Hanoch als Sklaven und Lasttiere der Großen des großen Reiches verkostet, waret und seid mit eurer übernarbten Haut noch Zeugen von der großen ruchlosen Grausamkeit dieser eingewanderten ehemaligen Gebirgsbewohner gegen uns arme Nachkommen Kahins! [HGt.03_218,08] Nun ist der zahlende Tag gekommen! Wir haben durch unsere Klugheit euch alle im ganzen, weiten Reiche frei gemacht und wußten die wahren Teufel von Oberpriestern also zu betören, daß sie in diese Falle eingegangen sind. [HGt.03_218,09] Der Tag der furchtbarsten Rache ist da! Vertrauet euch in allem dem alten Gott an und dann uns, die wir Seine Werkzeuge sind, und wir werden wieder Herren von Hanoch werden, und die, die euch als Lasttiere kauften, werden bald euch in gleicher Eigenschaft zu dienen genötigt sein! [HGt.03_218,10] Wir aber werden nicht hinziehen nach Hanoch nun und dort einen blutigen, unsichern Kampf mit der großen, mächtigen Stadt beginnen, sondern dahier auf diesem Platze werden wir sie aufreiben, und ihre Leichen den vielen Waldbestien zum Verzehren vorwerfen! Und wenn wir ihnen eine unschätzbare große Niederlage werden bereitet haben, dann erst werden wir unter den schrecklichsten Namen unseren Einzug in Hanoch halten und dort alles unterjochen, was nicht unseres Stammes ist! [HGt.03_218,11] Jetzt aber heißt es hier Wohnhäuser und Fruchtgärten errichten, alle Früchte sorglich einsammeln, genießbare Wurzeln aufsuchen und sie in den Gärten vermehren! Dann den ganzen, weiten Gebirgskreis sorgfältigst untersuchen, ob irgend noch ein Zugang möglich ist! Sollte das irgend der Fall sein, da muß der Zugang sogleich also vermauert werden, daß es da auch nicht einer Katze möglich sein soll, darüberzuklimmen! [HGt.03_218,12] Wenn dieses alles bewerkstelligt sein wird, dann werden wir euch weitere Ordres erteilen! Und so gehet nun und setzet das alles sogleich ins Werk; auf den Haupteingang aber richtet euer Hauptaugenmerk! Es geschehe!“ 219. Kapitel — Der Goldfund und Wohlstand der Ansiedlung. Der listige Plan der zehn Heerführer gegen Hanoch[HGt.03_219,01] Die Obersten gingen und teilten die Befehle der zehn allenthalben fleißig und eindringlich der ganzen Armee mit, und alles fing an, sich zu regen. [HGt.03_219,02] Bei zweihunderttausend Mann gingen auf die Untersuchung der Zugänge zu diesem Gebirgstale aus, und wo sich nur immer eine Schlucht oder ein anderer möglicher Zugang über die Hochgebirge zeigte, da wurde auch alsbald alles mögliche angewendet, um solche Stellen so unzugänglich wie möglich zu machen. [HGt.03_219,03] Die Schluchten wurden hochauf vermauert, und jene Stellen der Hochgebirge, die etwas weniger steil und somit im strengsten Falle passierbar waren, wurden entweder auf der einen oder auf der andern Seite so tief schnurgerade abskarpiert, daß da ein Übergang rein unmöglich war. [HGt.03_219,04] Mit dieser Befestigungsarbeit war dieser beorderte Armeeteil in einem halben Jahre ganz fertig. [HGt.03_219,05] Ein mehr als doppelt so großer Teil ward zur Erbauung von festen Wohnhäusern beordert und war gleichzeitig mit der Erbauung von zweihunderttausend Häusern und Hütten fertig. [HGt.03_219,06] Ein dritter und der größte Teil aber ward zur Agrikultur verwendet; da wurden in kurzer Zeit Hunderttausende von Gärten und Äckern angelegt, und schon in einem Jahre sah dieses Tal wie ein Eden aus. [HGt.03_219,07] Das Merkwürdigste bei der Sache aber war, daß bei diesen vielen Umgrabungen überaus reiche Goldadern entdeckt wurden, die man sogleich bearbeiten ließ, und man gewann in kurzer Zeit viele tausend und tausend Zentner des reinsten Goldes. Ja, so reichlich war dieses Metall dort anzutreffen, daß die zehn sogar alles Hausgeräte – wie den Pflug, die Spaten, die Hauen und die Schaufeln – aus blankem Golde machen ließen! Im Verlaufe von drei Jahren hatte schon ein jeder Bewohner dieses Tales goldenes Geräte. [HGt.03_219,08] Kurz und gut, so viel Goldes ward dort aus manchen Bergen in kurzer Zeit ausgebeutet, und das in ganz gediegenem Zustande, daß die zehn auf der Seite gen Hanoch große freistehende Felsen des Hochgebirges übergolden ließen, wodurch sie dann das Aussehen bekamen, als wären sie von purem Golde. [HGt.03_219,09] Die große Dehnbarkeit des Goldes war ihnen bekannt. Den Gebrauch der verschiedenen Baumharze kannten sie auch, und so war es ihnen ein leichtes um das Vergolden so mancher tauglicher Felsen des Hochgebirges. [HGt.03_219,10] Ebenso ließen sie auch den Haupteingang in dies nun gar herrliche Gebirgsland mit großen, wohlbehauenen Quadratsteinen zu beiden Seiten bei vierzig Ellen hoch und in einer Länge von dreihundert Klaftern ausmauern und ließen die ganze Mauer vergolden, daß sie dann das Aussehen hatte, als wäre sie aus blankem Golde. [HGt.03_219,11] Im Verlaufe von fünf Jahren war dieses große Gebirgstal so kultiviert, daß darob die Obersten samt den ersteren Hauptleuten zu den zehn gingen und sprachen: [HGt.03_219,12] „Höret uns an, ihr lieben, weisen Männer! Wir sind der Meinung, wir sollen nun Hanoch – Hanoch sein lassen; denn wir stehen hier nun ja offenbar besser als ganz Hanoch! [HGt.03_219,13] Wir haben Früchte, Getreide, Schafe, Kühe, Kamele, Esel, Hirsche, Rehe, Gazellen, Ziegen, Hühner, Tauben, Hasen, Kaninchen und des Goldes in großer Überfülle. [HGt.03_219,14] Wir leben hier im Frieden und in bester Eintracht. Wir sind bestens bekleidet und haben gute und feste Wohnhäuser. Wir sind hier abgeschlossen von der ganzen Welt und leben gut in einer Festung, die nur Gott allein besiegen kann! Niemand kann uns hier je entdecken und verraten! [HGt.03_219,15] Daher sollen wir nun das Hanoch lassen, wie es ist, und hier ganz ruhig leben; denn erfahren einmal die Hanochiter von unserm glänzenden Wohlstande etwas, so werden wir nimmer eine Ruhe haben vor ihnen!“ [HGt.03_219,16] Die zehn aber sprachen: „Das versteht ihr nicht! Wir werden keine Narren sein und werden nach Hanoch ziehen; aber wir werden sie auf eine allerschlaueste Art vor unsern Haupteingang locken und werden ihnen da eine Niederlage bereiten, an die sie denken sollen Jahrhunderte lang! [HGt.03_219,17] Darum wollen wir in jüngster Zeit eine Gesandtschaft ausstatten und die Oberpriester zum Empfange des Goldes hierher laden! Wenn sie dann kommen werden, dann sollen sie eine Ladung bekommen, daß ihnen darob auf ewig das Hören und Sehen vergehen soll! Und also hat es zu geschehen! – Warum? Das wissen wir!“ 220. Kapitel — Noahs Bußboten bei den Hochlandsbewohnern und den Hanochiten; ihr Erfolg und Geschick[HGt.03_220,01] Es ward aber solches alles, wie es in Hanoch und wie es nun in diesem Gebirgslande zuging, dem Noah auf der Höhe angezeigt und ward ihm angedeutet, vorerst einen Boten zu den Hochlandsbewohnern zu senden, der sie von ihrem arglistigen Vorhaben gegen die Hanocher abwendig machen und sie lebhaft zur wahren Buße, Demut und zum lebendigen Vertrauen an den lebendigen Gott und an die Liebe zu Ihm ermahnen solle. [HGt.03_220,02] Desgleichen solle er, der Noah nämlich, auch einen zweiten Boten nach Hanoch senden. Dieser solle ganz besonders den Oberpriestern anzeigen, wie sie von den zehn hintergangen worden seien. Dann solle er ihnen widerraten, diese Verräter aufzusuchen und sie etwa dafür zu züchtigen. Denn diese seien nur einer Züchtigung von göttlicher Seite fähig; jeder menschliche Züchtigungsversuch aber müsse scheitern, weil dieses Volk sich dermaßen befestigt habe, daß es keinem Menschen von einer feindlichen Seite möglich sei, lebendig zu diesem Volke zu gelangen. [HGt.03_220,03] Darum sollten sich die Oberpriester im Namen des einigen, wahren Gottes wieder vereinen, sollten selbst ernste Buße tun, die Götzen zerstören und zum einig wahren Gott zurückkehren, so werde Dieser Sich ihrer erbarmen und werde Freundschaft stiften zwischen ihnen und dem Hochlandsvolke, und dieses werde dann ihnen von seinem großen Überflusse an Gold, an Vieh und an den Früchten aller Art reiche Spenden zukommen lassen! Gott, der Herr, aber werde dann die Welt nicht mit einem Gerichte heimsuchen, sondern sie segnen, und ihr geben Schätze in einer unschätzbaren Menge und Fülle! [HGt.03_220,04] Noah sah sich sogleich nach zwei Boten um, unterrichtete sie, segnete sie und sandte sie dann aus, wie Ich es ihm befohlen hatte. [HGt.03_220,05] Der Bote zu dem Hochlandsvolke machte ziemlich leidliche Geschäfte und stimmte die zehn, welche die Lektion Noahs noch nicht vergessen hatten, so ganz leidlich für den Frieden; nur mußte er ihnen das Verteidigungsrecht einräumen, falls sie von den Hanochern angegriffen würden. [HGt.03_220,06] Der Bote erklärte ihnen zwar wohl auf das kräftigste, daß Ich sie schützen werde, solange sie in Meiner Treue und Liebe verbleiben würden. [HGt.03_220,07] Die zehn aber sprachen: „Wir wollen auch das, so du uns einen Maßstab gibst, nach dem wir berechnen können, ob unsere Liebe zu Gott vollmäßig ist oder nicht. Ohne diesen Maßstab sind wir ohne das eigene Verteidigungsrecht stets unsicher daran, indem wir nie wissen können, ob unsere Liebe zu Gott wohl den Grad hat, der uns allzeit Seiner Hilfe und Seines Beistandes versichern möchte!“ [HGt.03_220,08] Der Bote sagte wohl: „Ein jeder Mensch hat in seinem Herzen einen solchen Maßstab, der ihm genau sagt, ob er Gott oder die Welt mehr liebt – oder seiner eigenen Kraft mehr denn der göttlichen traut!“ [HGt.03_220,09] Aber die zehn sprachen: „Freund, das ist ein zu subtiler Maßstab, auf den man sich nie verlassen kann; denn da meint oft so mancher Mensch, er stünde noch Gott weiß wie stark in der rechten Liebe und Gnade Gottes, – aber da ist es schon himmelhoch geirrt! [HGt.03_220,10] Denn der Mensch hat eine Schwere, die fort und fort nach unten zieht; und er sinkt ganz unmerklich! Wenn er dann nach einer gewissen Periode glaubt, daß er sich noch immer im ersten Grade seiner Liebe- und Gnadenhöhe befinde, siehe, da ist er schon viele tausend Klafter tief gesunken und befindet sich schon außer allem Bereiche der göttlichen Gnade! [HGt.03_220,11] Wird er nun von einem Feinde überfallen und hat das eigene Verteidigungsrecht nicht, so geht er offenbar zugrunde, indem ihn Gott vermöge Seiner Heiligkeit sitzen lassen muß!“ [HGt.03_220,12] Der Bote setzte hier freilich die triftigsten Einwendungen als Gegenbeweise entgegen; aber es half nichts, indem die zehn ihm allzeit wieder ganz kräftig zu begegnen wußten. Und so mußte er ihnen in gewissen Fällen das Eigenverteidigungsrecht lassen und tat solches auch darum, weil er von den zehn, wie vom ganzen Volke überausgezeichnetst behandelt ward. [HGt.03_220,13] Aber keine so günstige Aufnahme fand der Hanocher Bote. Denn fürs erste mußte er vorher alle Angsttorturen ausstehen, bis er von den Oberpriestern angehört wurde, und als er zur Rede gelassen ward, und hatte sich seines Auftrages erledigt, da ward er sogleich auf so lange in einen Kerker gebracht, bis die Oberpriester sich durch listige Spione von dem überzeugt hatten, was er ausgesagt hatte von den Hochlandsbewohnern. [HGt.03_220,14] Nach solcher Überzeugung erst ward er wieder aus dem Kerker befreit, mußte aber dann selbst ein Oberpriester werden und mußte in den Rat der Oberpriester stimmen, wollte er oder wollte er nicht; denn im entgegengesetzten Falle wurde er gestäupt und auf einige Zeit in die Hölle verdammt. [HGt.03_220,15] Und so ging der Hanocher Bote ganz spurlos unter ohne allen Effekt. 221. Kapitel — Die ergebnislose Beratung der rachegierigen Oberpriester über einen Angriff auf die Hochländer[HGt.03_221,01] Ein Jahr verging unter lauter Beratungen bei den Oberpriestern in Hanoch, wie sie die Verräter im Hochlande angreifen sollten; aber jeder Vorschlag war mit unbesiegbaren Schwierigkeiten also verbunden, daß er notwendig als rein unausführbar angesehen werden mußte, zu welcher Beleuchtung freilich der neu gemachte Oberpriester das meiste beitrug. Denn wo und wie immer die erbittertsten Oberpriester die Verräter im Hochlande anzugreifen gedachten, da führte sie der neue Oberpriester hin und zeigte ihnen die allernackteste Unmöglichkeit der Ausführung ihrer Pläne. [HGt.03_221,02] Die Oberpriester aber drangen in ihn, daß er ihnen einen möglich ausführbaren Plan geben solle zur Rache gegen diese allerschändlichsten Hochverräter. [HGt.03_221,03] Der neue Oberpriester aber sprach: „Den rechten Weg habe ich euch gleich anfangs gezeigt; dieser ist der allein mögliche. Wollet ihr diesen gehen, da werden euch die großen Schätze der Hochländer zugute kommen auf dem Wege der Freundschaft; wollet ihr aber das durchaus nicht, da werdet ihr von diesen euren Verrätern ebensowenig je herabzubekommen imstande sein – als wie vom Monde des Firmamentes! [HGt.03_221,04] Was nützt euch hier euer Grimm, eure Wut, was euer Zorn, was euer Rachegeschrei, wo euch die klare Vernunft sagen muß: ,Da ist alles umsonst und vergeblich! So wenig wir vom Monde etwas herabbeißen können, so wir auf ihn einen noch so mächtigen Grimmappetit hätten, ebensowenig können wir von diesen unseren Verrätern herabzwicken!‘ [HGt.03_221,05] Wollet ihr mir aber das schon durchaus nicht glauben, da ziehet hin, und lasset euch durch eine blutige Lektion zurechtweisen! Wenn ihr einmal so ein paar Hunderttausende von euren besten Kriegern werdet erschlagen vor euch erschauen, da wird euch sicher ein anderes Licht aufgehen!“ [HGt.03_221,06] Die Oberpriester wußten nun nicht, was sie so ganz eigentlich unternehmen sollten. [HGt.03_221,07] Einer von ihnen aber, eine sonst sehr feine Kundschaft, sprach: „Wißt ihr was? Die zehn Spitzbuben haben uns lediglich durch ihre fein berechnete List breitgeschlagen! Wie wäre es denn, so wir nun auch dieselbe Waffe gebrauchen möchten? [HGt.03_221,08] Es soll doch mit allen Teufeln etwas zu tun geben, wenn in ganz Hanoch nicht wenigstens ein so verschmitzter Kerl sich vorfinden sollte, der da an aller Niederträchtigkeit und Spitzbüberei jene zehn Hauptspitzbuben nicht überbieten sollte. [HGt.03_221,09] Geben wir daher ein Gebot als einen Aufruf an alle abgedrehtesten Spitzbuben heraus, lassen sie hierher zusammenkommen und suchen uns da den besten heraus! Diesem versprechen wir dann einen großen Vorteil, so er die zehn auf der Höhe überlistet, und die Sache wird sich machen!“ [HGt.03_221,10] Der neue Oberpriester aber sprach: „Ja, da habt ihr den besten Gedanken gefunden zu eurem völligen Untergange! Gebet den Spitzbuben Hanochs nur eine solche Schwäche von euch kund, da werden sie sich die Sache gleich leichter machen, als ihr es meint, um zu ihrem verheißenen Vorteile zu gelangen! [HGt.03_221,11] Meinet ihr, diese werden ihr Leben wagen für euch? Gerade umgekehrt: sie werden euch breitschlagen und sich dann ihren Vorteil nehmen! Und geht auch einer zu den zehn, so wird er kein Narr sein und wird zu euch zurückkehren, so er bei ihnen eine bessere Aufnahme findet, und wird dann noch obendarauf einen zweiten Verräter an euch machen! [HGt.03_221,12] Tut aber nun, was ihr wollt, – ich habe ausgeredet; von jetzt an soll die Erfahrung euer Ratgeber sein!“ [HGt.03_221,13] Hier ward die gesamte Oberpriesterschaft völlig vernagelt und wußte nicht, was sie tun sollte. Es ging alles auseinander; aber auf den dritten Tag ward dennoch wieder ein großer Rat zusammenberufen. 222. Kapitel — Die neue Versammlung des Hohen Rates der Ober- und Unterpriester. Der Racheplan des verschmitzten Unterpriesters gegen die Hochländer[HGt.03_222,01] Als am dritten Tage der Hohe Rat der Ober- und aller Unterpriester zusammentrat im großen offenen Ratssaale, da bestiegen sogleich mehrere Oberpriester die Rednerbühne und einer von ihnen sprach: [HGt.03_222,02] „Höret mich an, ihr Diener der Götter samt mir! Welch eine allerschändlichste Freveltat – die aus dem Fundamente gehörig zu bezeichnen die Erde keine Worte hat – die zehn übergroßen Spitzbuben an uns verübt haben, wißt ihr alle nur zu gut, als daß es hier nötig wäre, eben diese Freveltat aller Freveltaten noch einmal speziell aufzutischen! [HGt.03_222,03] Da wir aber alle davon in der allergenauesten Kenntnis sind, so handelt es sich jetzt bloß darum, ein Mittel zu ersinnen, durch das diese zehn Bestien samt ihrem ganzen Anhang auf das allerschrecklichste, schmerzlichste, schauderhafteste, beispielloseste, unerhörteste und überteuflischeste könnten gezüchtigt werden, und koste die Sache, was sie nur immer wolle; denn lassen wir das ungestraft, da werden sich bald noch andere Spitzbuben unserer Reiche zu ähnlichen Unternehmungen veranlaßt finden! [HGt.03_222,04] Darum muß nun alle unsere Sorge und alle unsere Denkkraft dahin gerichtet werden, die Wichte auf dem Hochlande also zu strafen, daß darob der ganze Erdkreis erschaudern soll und weinen müssen alle Berge, darum sie diesen Wichten einen so sichern Zufluchtsort abgaben! Also um ein außerordentliches und unfehlbares Rachemittel handelt sich's hier! Wer von uns ein solches hervorzubringen imstande ist, dem soll die Krone der mächtigsten Alleinherrschaft über die ganze Welt zuteil werden! – Ich habe geredet, und nun rede, wer ein solches Mittel kennt!“ [HGt.03_222,05] Hier trat alsbald ein sehr verschmitzter Unterpriester auf und bat um die Erlaubnis, reden zu dürfen. Es ward ihm solches sogleich gestattet, und er begab sich dann sogleich, ehrfurchtsvollst zum Scheine, auf die Bühne und begann also zu reden: [HGt.03_222,06] „Höret mich an, ihr hoch- und allmächtigen Diener der Erde und aller Götter und aller Sterne der Himmel, und ihr alleinigen Lenker der Sonne und des Mondes! [HGt.03_222,07] Ich, ein allerletzter und allerunwürdigster, ein allerschmutzigster und stinkendster Knecht vor euch, ihr Allerhöchsten, habe im abscheulichst stinkenden Drecke meines Gehirns aber dennoch drei Körner gefunden, die meiner freilich wohl allerunklarsten Ansicht nach vor euch, die ihr wie Sonnen leuchtet, das Aussehen haben, als wären sie Gold! (Ein großer Beifall ward hier dem bescheidenen Redner zuteil.) [HGt.03_222,08] Meine tausendfache Nichtigkeit vor euch, ihr Allerhöchsten in jeder Hinsicht, glaubt freilich wohl nur in ihrer allertiefsten Dummheit gegenüber eurer allerhöchsten Weisheit: so diese drei Körner über die zehn, deren Namen meine selbst abscheulichste Zunge nicht wagt auszusprechen, geschleudert würden, da dürfte ihnen ihr Hochland doch etwas zu nieder sein und gewährte ihnen keinen Schutz mehr vor eurer über alles erhabenst gerechtesten Gerechtigkeit! (Lange anhaltender stürmischer Beifall.) [HGt.03_222,09] Wir sind mit den Grundsätzen der Aerostatik wohl vertraut! Könnten wir diese nicht also zurichten, daß wir mit ihnen selbst die unersteiglichsten Gebirgsspitzen besetzen könnten?! Welch ein Vorteil wäre das! [HGt.03_222,10] Dann sind wir die raffiniertesten Mineure! Könnten wir denn auf den passendsten Stellen die Berge nicht durchstechen und durch solche Minen dann ganz unerwartet die Bestien des Hochlandes zur Nachtzeit überfallen und sie alle übel umbringen?! [HGt.03_222,11] Und endlich sind wir ja die größten Politiker! Locken wir die Bestien auf dem Wege erheuchelter, intimster Freundschaft heraus; und sind sie uns einmal ins Garn gegangen, da soll sie dann kein Teufel mehr unserer Gewalt entreißen und sie befreien von unserer mutwilligsten Rache! [HGt.03_222,12] Hochallmächtigste, das sind die drei Körner, die ich Tausendnichts vor euch im stinkendsten Drecke meines allerabscheulichsten Gehirns gefunden habe! Welche Seligkeit wäre das für mich allerschmutzigstes Tier vor eurer Tausendsonnenklarheit, so ihr nur eines davon halbwegs gebrauchen könntet!“ [HGt.03_222,13] Ungeheurer Beifallssturm. Und ein Oberpriester schnitt ein Stück von seinem Oberkleide und heftete es an des Redners Rock, was da schon die allergrößte Auszeichnung war. [HGt.03_222,14] Und der Oberpriester sprach: „Alle drei Mittel sind vortrefflich; das letzte aber wollen wir zuerst versuchen! Mißglückt uns das – was höchst unwahrscheinlich zu sein scheint –, so bleiben uns noch die zwei freilich etwas kostspieligen!“ [HGt.03_222,15] Hier wurde auch der neue Oberpriester gefragt, wie ihm dieser Vorschlag gefalle. [HGt.03_222,16] Und dieser sprach: „Ich sage nun gar nichts anderes als: Tut, was ihr wollt; ich aber wünsche euch überall sehr viel Glück und ein überaus schönes Wetter dazu, – alles andere wird sich schon von selbst machen!“ [HGt.03_222,17] Mit dieser Antwort waren die Oberpriester samt den königlichen Hohenpriestern auch vollkommen einverstanden und fingen dann sogleich an, zu beraten über eine politische Freundschaftsdeputation. 223. Kapitel — Die erste politisch-diplomatische Unternehmung gegen die Hochländer[HGt.03_223,01] Bei der Beratung wegen der politischen Freundschaftsdeputation an die zehn im Hochlande aber ward am Ende dahin entschieden, daß da ganz natürlich der verschmitzte unterpriesterliche Ratgeber selbst den Anführer machen mußte. Es wurden ihm noch dreißig Unterpriester mitgegeben, die da ganz in die Oberpriester hineingewachsen waren, damit dieser eine, sehr pfiffige Unterpriester ja bei dieser Sendung nicht auch etwa in die Fußstapfen der zehn treten möchte. [HGt.03_223,02] Diese Mission von dreißig unterpriesterlichen Beimännern und dem einen Anführer ward reichlich dotiert mit allerlei Freundschaftsgeschenken, bestehend aus Gold, Silber und Edelsteinen. Zwanzig Kamele hatten genug zu tragen daran. [HGt.03_223,03] Und der eine sah heimlich mit großem Wohlgefallen solch eine reiche Freundschaftsspende an die Hochländer an; denn er hatte es schon gar wohl berechnet, wie er sie verwenden werde. [HGt.03_223,04] Bei der Abreise schärften es ihm die Oberpriester ja auf das allernachdrücklichste ein, wie er seines Treuschwures stets eingedenk bleiben solle. [HGt.03_223,05] Er bezeugte solches auch unter vielen Kunsttränen, und selbst seine höchst oberpriesterlich gesinnten Beimänner sprachen zeugend über ihn: „Nein, nein! Für den stehen wir mit unserm Leben gut; denn in dieser Brust waltet kein schlechter Gedanke. Seine Tränen sind uns das sicherste Pfand seiner Treue! Oh, dem könnet ihr Himmel und Erde anvertrauen!“ [HGt.03_223,06] Nach mehreren solchen Versicherungen machte sich die Deputation auf die Reise, von keinem Argwohn der Oberpriester begleitet. [HGt.03_223,07] Aber im Kopfe wie in der Brust des einen Unterpriesters sah es ganz anders aus, als er sich äußerlich zeigte; denn er hatte die Sache also angelegt: [HGt.03_223,08] „Vorerst muß die Freundschaftsspende vor den zehn deponiert werden! Die zehn werden dann aus lauter Politik die Freundschaft erwidern! Warum? Das läßt sich sehr leicht erraten: um nämlich dadurch die Oberpriester ins Garn zu ziehen!“ [HGt.03_223,09] Das hatte dieser eine alles schon im voraus berechnet; daher wußte er auch seinen Zug gehörig zu leiten. [HGt.03_223,10] Als dieser Deputationszug aber am dritten Tage vormittags das große, golden aussehende Eingangstor ins Hochland erreichte, da ward sie sogleich angehalten und haarklein ausgefragt und durchsucht, bevor sie eingelassen ward, und wurde von da weg unter starker Bedeckung zu den zehn geführt, welche ihre Wohnburg auf einem hohen und ausgedehnten Felsen hatten. [HGt.03_223,11] Als der eine Anführer aber so große Dinge aus blankem Golde erblickte, da sprach er zu seinen Gefährten: „Freunde, wie nimmt sich hier unsere Freundschaftsspende aus, wo uns ganze Berge reinsten Goldes von allen Seiten her entgegenstrahlen, – wo der ungeheure Felsberg, auf dem die zehn eine golden strahlende Burg haben, selbst hier und da von reinstem Golde zu sein scheint von Natur aus? Hat es nicht das Ansehen, als trügen wir einen Tropfen Wasser ins Meer?! – Aber der Wille fürs Werk! Ein Schelm, der mehr gibt, als er kann, und als er hat!“ [HGt.03_223,12] Seine Beimänner gaben ihm recht; er aber dachte bei sich: Wenn's hier also, da habe ich das ganze Geschmeiß der Oberpriesterschaft schon so gut wie im Garne! Nun noch das Votum der mir sehr befreundeten zehn, und das Werk ist gelungen! 224. Kapitel — Die Begegnung der Gesandtschaft aus Hanoch mit den zehn Führern des Hochlandvolkes. Der Mißerfolg und die Rückkehr der Gesandtschaft nach Hanoch ohne ihren Führer[HGt.03_224,01] Als der eine mit seiner Gesellschaft vor die zehn geführt ward, wurde er von ihnen sehr freundlich empfangen und mit der größten Höflichkeit gefragt, was seine Mission im Schilde führe. [HGt.03_224,02] Er aber zeigte den zehn durch ein Fenster die reich beladenen Kamele und sprach: [HGt.03_224,03] „Liebe Brüder! Ich bin als ein Friedensbote von der Oberpriesterschaft zu euch gesandt; diese möchten mit euch eine gewisse Freundschaft anknüpfen, wie somit auch das ganze Volk Hanochs! [HGt.03_224,04] Die Oberpriester haben darum Freundschaftsgeschenke an euch gesandt, die ihr annehmen möchtet als ein Zeichen ihrer Freundschaft, die sie mit euch anbinden möchten! [HGt.03_224,05] Sie wollen ganz vergessen, daß ihr an ihnen verräterisch gesündigt habt; nur möchtet ihr ihnen wieder Freunde werden und gar nach Hanoch kommen, allwo sie euch dann alle erdenklichen Ehren antun möchten!“ [HGt.03_224,06] Bei diesem Vortrage aber gab er durch allerlei Augenverdrehereien den zehn zu verstehen, daß er nur in der Gegenwart seiner Gefährten also reden müsse, aber sehr gerne anders reden möchte, so er allein wäre. [HGt.03_224,07] Die zehn aber verstanden seine Augensprache und sagten darauf: „Ihr habt gesehen, daß wir durchaus nicht nötig haben, Geschenke von den Oberpriestern aus Hanoch anzunehmen; denn die Besitzer von Goldbergen verachten das Gold, welches mit blutigen Händen gesammelt und aus den Armen durch allerlei Lug, Trug und Druck gepreßt wurde. [HGt.03_224,08] Daher nehmen wir fürs erste das Gold, das Silber, wie die Edelsteine gar nicht an; und fürs zweite, was da ihre angebotene Freundschaft betrifft, so saget ihnen, daß wir diese anzunehmen ebensowenig geneigt sind als ihre Geschenke! Denn wir sind keine einjährigen Hasen, daß wir nicht verstünden, was die Oberpriester im Schilde führen! Daher gehen wir in gar keinen Vorschlag der Oberpriester ein! [HGt.03_224,09] Wollen die Oberpriester unsere Freundschaft gewinnen, da müssen sie zuerst aufhören, Oberpriester zu sein, und müssen den einen, der aus der Höhe zu ihnen gesandt ward, zum alleinigen König und Oberpriester über sich und über alles Volk der Tiefe salben und krönen! Solange das nicht geschehen wird, dürfen sie nicht von ferne je auf unsere Freundschaft rechnen; denn mit Teufeln pflegen wir nimmer eine Freundschaft zu schließen. [HGt.03_224,10] Wir raten daher auch den Oberpriestern durchaus nicht, sich auf was immer für eine Art uns zu nahen; denn jede Annäherung von ihrer Seite wird auf das allerschärfste gezüchtigt werden. [HGt.03_224,11] Ziehet daher nur wieder mit euren Schätzen nach Hanoch, und gebet solche Nachricht den Hohenpriestern und den barsten Teufeln von Oberpriestern von uns! [HGt.03_224,12] Du einer, der du zur gewissen Zeit unserer Gesinnung warst, aber verbleibst hier; denn du hast weder Weib noch Kind, und wir können dich hier brauchen! Also geschehe es!“ [HGt.03_224,13] Der eine ward voll Freude; die dreißig aber kehrten mit langen Gesichtern wieder zu ihren Kamelen zurück und begaben sich unverrichteterdinge wieder nach Hanoch. [HGt.03_224,14] Was über diese Erscheinung die Oberpriester für ein Gesicht machten, das wollen wir in der Folge mit einigen Blicken betrachten und daraus erkennen, daß es damals auch nahe vor der Tür war. 225. Kapitel — Der Bericht der dreißig Gesandten vor der Priesterschaft Hanochs und seine Wirkung[HGt.03_225,01] Der eine im Hochlande bei den zehn Verbliebene erzählte nach dem Abgange seiner dreißig Kollegen den zehn natürlicherweise alles, was die Oberpriester gegen sie unternehmen möchten, und wie deren vorgeschützte Freundschaft demnach beschaffen sei. [HGt.03_225,02] Die zehn wußten das auch gehörig zu würdigen und belobten diesen ihren früheren Gefährten und Hauptkollegen. [HGt.03_225,03] Die Oberpriester in der Tiefe aber, als die dreißig getreuen Unterpriester mit den beladenen Kamelen wieder zurückkamen, fragten sie sogleich: „Na, habt ihr etwa gar Gegengeschenke erhalten? Wie sieht es denn mit dem Gurat (der eine Unterpriester) aus? Wo ist er denn?“ [HGt.03_225,04] Und die Unterpriester sprachen: „O ihr allmächtigen Diener der Götter! Von allem, allem das blankste Gegenteil! Die zehn haben euer Gold, Silber und Edelsteine nicht einmal angesehen; schmählichst nur alsogleich haben sie uns zurückgewiesen, und wir haben daher wieder all das Geschenk ganz unangetastet zurückgebracht! [HGt.03_225,05] Was aber den Gurat betrifft, so hat es noch nie einen feineren Spitzbuben gegeben, als er es ist! Er richtete zwar in unserer Gegenwart ganz genau euren Willen aus, – aber dabei führte er eine Gebärdensprache, die da gerade das Gegenteil von allem dem ausdrückte, was er mit dem Munde laut vortrug! Auf diese allerhöchst verdammlichste Doppelrede gaben uns dann erst die zehn folgenden unendlich allerschändlichsten und unter aller Verdammlichkeit frevelhaftesten Bescheid: [HGt.03_225,06] Sie nähmen das blutige Gold, das da durch allerlei Lug, Trug und Druck von der armen Menschheit erpreßt worden wäre, durchaus nicht an; denn sie seien ohnehin im Besitze von Goldbergen (wie es aber auch wahr ist) und hätten daher des von Gott gesegneten Goldes im allerhöchsten Überflusse. Daher nähmen sie um so weniger ein Gold an, an dem das Blut der armen Menschheit klebe! [HGt.03_225,07] Sie nähmen aber auch eure Freundschaft durchaus nicht an, außer im Falle nur, so ihr aufhören möchtet, Oberpriester zu sein, und möchtet den Boten aus der Höhe zum alleinigen Oberpriester und alleinherrschenden König über alle Reiche Hanochs setzen; ihr aber sollet werden gleich den gemeinsten Bürgern, oder was überhaupt der neue, alleinherrschende König aus euch etwa machen dürfte! [HGt.03_225,08] Sie raten euch auch, daß ihr euch auf keine Weise ihrem reichsten Hochlande nahen sollet, wollt ihr nicht gar übel zugerichtet werden! [HGt.03_225,09] Nun sind wir fertig; das ist der getreue Sinn alles dessen, was wir zu unserem allerentsetzlichsten Ärger von den zehn anhören mußten!“ [HGt.03_225,10] Hier fingen die Oberpriester an, sich an die Brust zu schlagen, und schworen bei allen Göttern, daß sie nun alles aufbieten wollten, um sich an den zehn auf das allerentsetzlichste zu rächen. [HGt.03_225,11] Sie verfluchten darauf drei Tage hindurch die Erde, die solche Scheusale trage; dann verfluchten sie sieben Tage lang die Sonne, die auch solchen Scheusalen leuchte; dann verfluchten sie also die Luft, das Wasser, das Feuer, darum es nicht sogleich vernichte solche Auswürflinge der Erde. Ein ganzer Monat verging unter lauter Verfluchungen. [HGt.03_225,12] Darauf wurde der Bote aus der Höhe seines Oberpriesterkleides beraubt und ward öffentlich gestäupt mit Ruten und dann mit blutendem Rücken aus der Stadt getrieben und dort erst zu Tode gesteinigt, und das darum, weil er gesagt hatte, die Oberpriester sollten in den Rat der zehn eingehen. [HGt.03_225,13] Die Oberpriester gaben sogar ein Gebot heraus, demzufolge ein jeder Untertan an jedem Tage eine Stunde lang die zehn verfluchen und verwünschen mußte. [HGt.03_225,14] Zugleich aber boten sie die größten Belohnungen dem an, der irgendein teuflisches Mittel ersinnen könnte, um die zehn im Hochlande auf das scheußlichste damit zu strafen. [HGt.03_225,15] Aus diesem Zuge aber läßt sich schon deutlich entnehmen, daß es in jener Zeit nahe vor der Tür war. Die Folge aber wird schon noch Besseres für die Hölle zum Vorschein bringen. 226. Kapitel — Der Abfall der Provinzen von Hanoch. Die Aufstellung des Fünfmillionenheeres gegen die Hochländer. Die vergeblichen Angriffe auf das Hochland[HGt.03_226,01] Es erfuhren aber in der Kürze der Zeit die fernen Provinzen Hanochs eben durch dieses Fluchgebot, daß es den Oberpriestern selbst in Hanoch anfing schlecht zu gehen, indem sie durch die kostspielige Ablöse der Sklaven so gewaltig geprellt worden waren. Darum denn erhoben sich solche Provinzen und fielen von Hanoch ganz ab. [HGt.03_226,02] Als solches die Oberpriester in Hanoch erfuhren, da war es aus! Denn man berichtete ihnen, daß solche Abfälle der entfernten Provinzen durch die Umtriebe der Hochlandsbewohner geschehen seien, und eine solche Berichtung genügte, um diese Oberpriester vollkommen in die allerentsetzlichste Grimmwut zu versetzen. [HGt.03_226,03] Einen ganzen Tag heulten und brüllten sie durch alle Gassen und Straßen, und nur einen Ruf vernahm man durch das sonstige Geheul, und dieser lautete: „Auf, all ihr Bewohner Hanochs, zur hundertfachen Rache gegen die Hochländer und gegen alle jene Länder, die sich durch die Umtriebe der Hochländer gegen uns aufgelehnt haben!“ [HGt.03_226,04] Am nächsten Tag ward rekrutiert, und jeder Mann – wenn er nicht vom höchsten Adel war – mußte zu den Waffen greifen. Selbst das weibliche Geschlecht war davon nicht ausgenommen. [HGt.03_226,05] In wenigen Tagen ward eine schlagfertige Armee von fünf Millionen Kriegern ausgerüstet. Die Waffen bestanden in Spießen, Schwertern, Bögen und Feuerröhren in der Art, wie sie die alten Türken hatten in der Zeit ihrer ersten Kriege, da sie mit steinernen Kugeln schossen; denn das Pulver ward schon unter dem König Dronel, einem Sohne Ohlads, erfunden und wurde unter Kinkar sehr raffiniert. Die Weiber bekamen nur leichte Waffen; diese bestanden zumeist in leichten Säbeln und Dolchen. [HGt.03_226,06] Als die Armee fertig da war, da kamen die Oberpriester ganz geharnischt und erließen folgenden Befehl: „Die Hälfte dieser Macht begebe sich unter unserer persönlichen Anführung zur allerstrengsten Züchtigung der aufgestandenen Provinzen! Da darf kein Leben geschont werden; alles muß fallen durch Feuer und Schwert!“ [HGt.03_226,07] Auf dieses Kommando trennte sich die ungeheure Armee, und zweimillionenfünfhunderttausend Krieger zogen gegen die aufgestandenen Provinzen. Eine gleich große Masse aber erhielt den Befehl, gegen die Hochländer zu ziehen. Aber wie? Das war nun eine ganz andere Frage! [HGt.03_226,08] Die kommandierenden Oberpriester entschieden endlich, daß die Berge durchstochen werden müßten. Es ward zu dem Behufe sogleich eine Masse von hundertfünfzigtausend Mann beordert, Grubenwerkzeuge zu ergreifen und Schächte durch die Berge zu treiben. Ingenieure mußten sogleich ihre Meßkunst in Anwendung bringen, und die Arbeit ward mit furchtbarer Tätigkeit ins Werk gesetzt. [HGt.03_226,09] Auf fünfhundert Plätzen wurden die Berge aufgerissen, und es wurden in sie zwei- bis dreitausend Klafter tiefe Schächte gemacht (aber nicht etwa senkrecht, sondern ganz ebenaus), aber man kam nirgends zu einem Ende. [HGt.03_226,10] Da maßen die Ingenieure wieder und fanden, daß sie ihre Schächte viel zu nieder angeschlagen hatten. Es wurden darum auf höheren Punkten neue Schächte gegraben, und diese erreichten die Ebene des Hochlandes. [HGt.03_226,11] Da aber die Hochlandsbewohner gar wohl durch ihre Spione beobachtet hatten, wo die Hanocher Schächte schlugen, da berechneten sie genau, wo sie durchkommen müßten. Solche Stellen belegten sie hochauf mit Holz und zündeten es an, wenn die Hanocher durchbrachen. [HGt.03_226,12] Rauch und Feuerdampf erfüllte dann die Schächte und erstickte Tausende und Tausende der Hanocher; selbst mehrere Oberpriester kamen als Feldherren bei dieser Expedition ums Leben. [HGt.03_226,13] Dreimal wurde der Angriff dann aufs Haupttor gemacht, aber allzeit auf das entschiedenste zurückgeschlagen, und der übriggebliebene Teil der Armee mußte dann unverrichteterdinge mit Schande nach Hause ziehen nach einem zweijährigen vergeblichen Kampfe. 227. Kapitel — Der Kriegsbericht der zurückgeschlagenen Oberpriester. Die Spaltung unter den Oberpriestern. Der Verrat der Provinzarmee[HGt.03_227,01] Die wenigen von dieser Hochlandsexpedition zurückgekommenen Oberpriester gaben natürlich den ebenfalls wenigen Daheimgebliebenen kund, wie im höchsten Grade unglücklich ihre Expedition ausgefallen war; und diese rissen sich darob beinahe die Köpfe vom Leibe, als sie solch eine traurigste Kunde von ihren feldherrlichen Gefährten erhielten. Und sie fingen an zu schmähen über den unklugen Angriff. [HGt.03_227,02] Die feldherrlichen Oberpriester aber sprachen: „Schmähen ist leichter als kämpfen! Ein Drittel der ganzen Armee ist noch vorhanden; erhebet euch und ziehet selbst in den Kampf! Und so ihr dann gleich uns unverrichtetersache hierher zurückkehren werdet, dann wollen auch wir schmähen, daß ihr euch darob wundern sollet! [HGt.03_227,03] Hier im Trockenen ist leicht reden, fluchen und sehr verderbliche Pläne machen; aber nur hinaus damit, dort werdet ihr gleich wahrnehmen, von welcher Seite der Wind geht! [HGt.03_227,04] Wir haben bei fünfhundert Schächte durch die sonst allenthalben unübersteiglichen Gebirge getrieben, und der Sieg hätte unser sein müssen; können wir aber darum, wenn uns die Hochlandsspitzbuben entdecken, uns beobachten von ihren verdammlichen Schlupfwinkeln, was wir tun, dann mit teuflischer Sicherheit berechnen, wo wir durchkommen müssen, und die Stellen mit großen Feuern belegen, auf daß wir beim völligen Durchbruche allenthalben vom Feuer, Rauch und Dampf zu Tausenden und Tausenden in den langen, finsteren Schächten das Leben verlieren mußten?! [HGt.03_227,05] Und als wir darauf einen dreimaligen allererbittertsten Angriff auf das Haupttor machten, da wurden wir allezeit mit zahllosen Steinen von den hohen Wänden herab begrüßt und verloren dabei zu Tausend und Tausenden das Leben! [HGt.03_227,06] Durch diese Lektion lernten wir erst erkennen, daß die verfluchten Hochländer unmöglich zu besiegen sind, weder durch List, noch durch was immer für eine Gewalt. [HGt.03_227,07] Hätten wir nur den Rat dessen befolgt, den wir gestäupt und vor dem Stadttore gesteinigt haben, so stünden wir nun besser, als wir stehen! Es geht nun nur noch ab, daß der andere Teil unserer Armee auch ein uns gleiches Schicksal erfährt, dann sind wir rein aufgelegt!“ [HGt.03_227,08] Auf diese Demonstration schmollten die daheimgebliebenen Oberpriester noch mehr und bedrohten die feldherrlichen sogar. [HGt.03_227,09] Die Feldherrlichen aber sprachen: „Was redet ihr? Die Macht haben wir in unseren Händen! So ihr nicht sogleich verstummet wie eine Mauer vor uns, so sollet ihr es in euren fetten Wampen erfahren, wie wir unsere Waffen zu gebrauchen verstehen!“ [HGt.03_227,10] Hier fielen sich die beiden oberpriesterlichen Parteien in die Haare und zerzausten und zerrauften sich wie Hunde und Katzen. Und von diesem Augenblicke an teilten sich die Oberpriester selbst in zwei feindliche Parteien, und das Volk von Hanoch wußte nun nicht, wer da Koch und wer Kellner ist. [HGt.03_227,11] Man harrte noch drei Jahre in dieser Spaltung auf die Effekte der andern Armee, – aber vergeblich; denn diese hatte sich an Ort und Stelle zu den Provinzen geschlagen und erschlug selbst ihre Feldherren und alles, was mit ihnen hielt. [HGt.03_227,12] Was daraus entstand, wird die Folge zeigen. 228. Kapitel — Der Kriegsrat der zehn Führer im Hochlande gegen Hanoch. Die gute Rede des Boten des Herrn. Die tausend Spione Hanochs bei den Hochländern[HGt.03_228,01] Es hielt sich aber noch der eine Bote des Noah bei den zehn im Hochlande auf und diente ihnen gleichfort als ein guter Ratgeber. [HGt.03_228,02] Also war auch der Gurat, der ehemalige Unterpriester, in gewissen Dingen von den zehn zu Rate gezogen. [HGt.03_228,03] Und die zehn beriefen einen Rat zusammen und berieten, was sie nun gegen Hanoch unternehmen sollten. [HGt.03_228,04] Der Bote Noahs aber riet und sprach: „Lasset nun Hanoch stehen, wie es steht; denn von nun an wird es euch nimmer beunruhigen, indem es durch euren Widerstand die reinste Unmöglichkeit kennengelernt hat, euch je irgend zu überwältigen! Der Herr Gott Zebaoth wird aber diese Stadt schon ohne euer Zutun auf eine Art zu züchtigen verstehen, daß sie zerfallen wird wie ein morscher Baum im Walde! [HGt.03_228,05] Bleibet ihr, wie ihr nun seid, so wird euch in der Zukunft der Herr segnen und wird erweitern euer herrliches Land und wird es also fruchtbar machen, daß es für hundert Millionen Menschen in Überfülle Nahrung hervorbringen wird! Und so Er auch richten und töten möchte alle Übeltäter der ganzen Erde, da wird Er euch aber dennoch verschonen, so ihr zufolge dieses meines Rates in Seiner Ordnung verbleiben werdet. [HGt.03_228,06] Werdet ihr aber hinausgehen und Krieg führen mit den Völkern Hanochs und mit den Völkern der vielen anderen Städte und Länder, da werdet ihr samt ihnen gar übel umkommen, wenn Gott aus Seinem alten Zorne richten wird alle arge Welt! [HGt.03_228,07] Es war aber das mein letzter Rat an euch; denn meine Zeit ist zu Ende, und ich muß wieder ziehen dahin, von wannen ich gekommen bin. Seid stets eingedenk dieses Rates, so werdet ihr Gnade finden vor Gott; werdet ihr aber anders handeln, dann werdet ihr es aber auch im Gerichte erkennen, daß ich ein wahrer Bote des ewigen Herrn an euch war! [HGt.03_228,08] Euer freier Wille aber soll dadurch nicht die leiseste Schranke erhalten; denn niemand hat das Recht, den freien Willen in was immer zu beschränken an seinen Brüdern, sondern dieses Recht hat der Herr einem jeden Menschen für sich ganz allein anheimgestellt. Und so kann wohl ein jeder Mensch für sich seinen Willen beschränken, wie er will; je mehr er solches tun wird, desto besser wird es für ihn sein! Aus diesem Grunde erteilte denn auch ich euch nur den Rat, und ihr aber könnet tun, was ihr wollet!“ [HGt.03_228,09] Auf diese Rede ward der Bote von der Kraft Gottes ergriffen und ward schnell auf die alte Höhe zum Noah entrückt. [HGt.03_228,10] Dieses plötzliche Verschwinden dieses von den zehn, wie vom ganzen Hochlandsvolke überaus geachteten Boten machte auf die zehn einen mächtigen Eindruck, und sie erkannten in ihm einen wahrhaft göttlichen Gesandten. [HGt.03_228,11] Alle seine Worte, die er im Verlaufe von etlichen Jahren zu ihnen geredet hatte, wurden alsbald auf allerreinst polierte Goldplatten geschrieben und erhielten auch alsbald Gesetzeskraft fürs ganze Hochland. [HGt.03_228,12] Fünf Jahre gingen gut vor sich; aber danach wollte sie der Herr festigen in ihrem Vertrauen auf Ihn durch eine kleine Prüfung, und diese genügte, um eine große Anzahl von der früheren Tugend abfallen zu machen. [HGt.03_228,13] Die Prüfung aber bestand lediglich in nichts anderem, als daß die Hochlandsbewohner einer Anzahl von tausend Spionen, von Hanoch ans Hochland gesandt, habhaft wurden, und noch dazu am Haupteingange. [HGt.03_228,14] Diese Spione sollten nämlich mit den zehn freie Unterhandlungen anknüpfen und einen Verkehr zwischen Hanoch und dem Hochlande zuwege bringen. Das sollten sie offen im Schilde führen; geheim aber sollten sie die Machtverhältnisse des Hochlandes erforschen, und ob die Hochländer schuldigen Teil am gänzlichen Abfalle der entfernten Provinzen und der dahin beorderten Armee hätten. [HGt.03_228,15] Da aber die zehn durchtrieben feine Köpfe waren, so hatten sie den geheimen Grund dieser Spione bald heraus, und das auf die leichteste Art von der Welt. [HGt.03_228,16] Denn sie sagten zu den Tausend: „Ihr seid uns schon lange verraten; darum verberget ja nichts vor uns, was ihr geheim im Schilde führet! Wer von euch sich auf einer Unwahrheit wird ertappen lassen, der wird alsogleich über diesen hohen Felsen hinabgeworfen werden und wird sein Grab im unten anstoßenden grundlosen See finden!“ [HGt.03_228,17] Denn der große Fels, auf dem die Burg der zehn erbaut war, stieß zu unterst der Ebene des Hochlandes an einen bei drei Stunden im Umfange habenden See, der sehr tief war. [HGt.03_228,18] Zehn der Hauptspione gaben als treu und wahr an, daß sie nichts Geheimes im Schilde führten. Sie wurden dreimal befragt, und da sie bei ihrer ersten Aussage beharrten, so wurden sie alsbald zum Felsen, der sich über dem See befand, geführt und noch einmal gefragt und allerschärfst bedroht. [HGt.03_228,19] Da sie aber ihre erste Aussage bekräftigten in der sicheren Meinung, diese Drohung sei nur ein politischer Kunstgriff von Seite der zehn, da wurde sogleich der erste hinabgestürzt. [HGt.03_228,20] Da ergriff die andern neun die Todesangst, und sie fingen an, die Wahrheit zu beichten. [HGt.03_228,21] Als sie fertig waren, wurden sie wieder zurückgeführt und mußten nun ganz Hanoch haarklein verraten. [HGt.03_228,22] Einige hielten sich da etwas zurück; davon aber ward alsbald einer wieder an den Felsen geführt und hinabgestürzt. Das öffnete sogleich allen den Mund. [HGt.03_228,23] Als aber auf diese Art Hanoch vollkommen verraten ward, da erst wurden bis auf zehn alle andern über den Felsen gestürzt; die zehn aber wurden mit der Nachricht davon nach Hanoch gesandt und mußten es den Oberpriestern anzeigen, wie im Hochlande Spione aus Hanoch belohnt werden. [HGt.03_228,24] Was da weiter geschah, wird die Folge zeigen. 229. Kapitel — Die Beratung und Pläne der Machtpartei Hanochs. Die neue Gesandtschaft ins Hochland. Die freiwillige Unterwerfung Hanochs unter die Hochländer[HGt.03_229,01] Als die zehn nach Hanoch kamen und den Oberpriestern bekannt machten, was im Hochlande der ganzen tausend Mann starken Mission begegnet war, und was die zehn Herrscher des Hochlandes zu ihnen gesagt hatten, da fuhren die Oberpriester der einen Partei auf. [HGt.03_229,02] Aber die Oberpriester der Gegenpartei, welche selbst die Ehre hatten, vor etlichen Jahren die strategische Weisheit der Hochlandsbewohner zu verkosten, jubelten über das Mißlingen dieses Versuches; und da sie wußten, daß Hanoch klein verraten war, und daß die zehn im Hochlande gar gute Kenntnisse von der gehässigen Spaltung zwischen den Oberpriestern hatten, so gedachten sie des Rates des Noahischen Boten und beschlossen unter sich, diesem Rate nachzukommen. [HGt.03_229,03] Sie hielten einen Rat unter sich und sprachen: „Was wird es denn sein? Die Hauptmacht haben bis jetzt noch wir in unseren Händen! Wir wissen, was im ganz eigentlichsten Sinne die Tausend auf der Höhe suchten, die uns Feinde sind. Sie wollten die Macht des Hochlandes erforschen und andere Verhältnisse mehr; offen aber wollten sie mit den Hochlandsbewohnern in einen Bund treten wider uns. [HGt.03_229,04] Dadurch meinten sie, fürs erste uns zu Paaren zu treiben und fürs zweite aber bei der Gelegenheit die Hochlandsbewohner zu schwächen – und somit mit einem Hiebe zwei Fliegen zu erschlagen. Aber die zehn im Hochlande waren pfiffiger als diese verschimmelten oberpriesterlichen Zeloten und machten ihnen einen schändlichen Strich durch die Rechnung! [HGt.03_229,05] Nun liegt die Sache an uns! Wir werden aber den Rat der Hochländer befolgen, insoweit er sich nunmehr befolgen läßt! Können wir auch den zu Tode gesteinigten Boten aus der alten Höhe nicht mehr zum König über ganz Hanoch machen, so wollen wir aber dennoch diese höchste Alleinherrscherwürde einem von den zehn einräumen – oder einem, den sie dazu ernennen werden! Wir werden nach wie jetzt seine Feldherren verbleiben; die Zeloten aber werden sich vor Galle selbst die Gesichter zerkratzen! [HGt.03_229,06] Nun handelt es sich nur um eine gewählte Deputation! Wie wäre es denn, so da einer von uns mit einer gerechten Anzahl von Deputierten von uns sich auf den Weg machte und überbrächte an die zehn im Hochlande die großen Goldschlüssel und die tausend Kronen Hanochs, die wir glücklicherweise in unseren Händen haben?!“ (Die tausend Kronen stammten von den einstmaligen tausend Herrschräten her.) [HGt.03_229,07] Dieser Vorschlag ward allgemein beifälligst angenommen, und ein sehr beredter Oberpriester übernahm diese Mission. Hundert Deputierte von den zurückgebliebenen Oberpriestern der feldherrlichen Partei folgten dem einen Oberpriester ins Hochland und ließen die vorbesagten Reichskleinodien auf hundert Kamelen alsogleich nachtragen. [HGt.03_229,08] Im Hochlande angelangt, wurde die ganze Karawane sogleich unter starker Bewachung zu den zehn geführt. [HGt.03_229,09] Als diese des einen Oberpriesters ansichtig wurden, da fing sich an, ihr erster Grimm zu regen, und einer von ihnen sprach: „Haben wir endlich einen Verbrämten in unserer Gewalt, auf daß wir an ihm unsere alte Rache kühlen können?!“ [HGt.03_229,10] Der Oberpriester aber sprach: „Nicht also soll es sein! Denn auch zu uns ward, wie zu euch, ein versöhnender Bote aus der alten Höhe gesandt; dieser gab uns einen Rat, und wir sind nun da, diesem Rate nachzukommen! [HGt.03_229,11] Der Bote ward leider zuallermeist von unserer herrschsüchtigen zelotischen Oberpriesterpartei getötet, und zwar zur Zeit, als ihr verlangtet, daß er ein Alleinherrscher über ganz Hanoch werden solle. [HGt.03_229,12] Aber eben zu dieser Zeit trennten wir uns von der zelotischen oberpriesterlichen Partei, sammelten alle Streitkräfte, trennten einen Teil der großen Armee zur Bekämpfung der abgefallenen Provinzen, und mit einem Teile mußten wir, um dem zelotischen Oberpriesterteile zu genügen, einen Scheinausfall gegen euch unternehmen, der uns aber freilich teuer genug zu stehen gekommen ist. [HGt.03_229,13] Aber wir haben dabei dennoch den guten Zweck erreicht, daß wir dadurch die Macht in unsere Hände bekamen und nun schon etliche Jahre hindurch die Herren von Hanoch sind; die eigentlichen Oberpriester aber sind nun unsere größten Feinde und sammeln im geheimen fortwährend Streitkräfte, um uns einmal zu überfallen. [HGt.03_229,14] Da wir aber nun noch ganz voll die Herren von Hanoch sind und die Schlüssel und die Kronen in unserer Gewalt haben, so haben wir sie nach dem Rate des Boten aus der Höhe genommen und haben sie euch überbracht! An euch liegt es nun, einen König über Hanoch einzusetzen, der da allein herrsche; wir aber wollen seine getreuesten Knechte sein! [HGt.03_229,15] Hier sind noch hundert Deputierte an meiner Seite, die da die volle Wahrheit meiner Aussage bekräftigen, und auf dem Rücken der Kamele werdet ihr die euch wohlbekannten tausend Kronen und die Goldschlüssel Hanochs finden; wir alle aber stehen euch mit unserm Leben für die Wahrheit alles dessen!“ [HGt.03_229,16] Hier zogen die zehn andere Saiten auf und beriefen sogleich einen großen Rat zusammen. – Was daraus folgte, wird sich zeigen! 230. Kapitel — Die Beratung der Hochländer. Gurats Einsetzung zum König von Hanoch. Die Bestimmungen für die Abhängigkeit Hanochs vom Hochlande[HGt.03_230,01] Als der Rat von vielen Obersten des Volkes beisammen war, da berieten die zehn, ob einer von ihnen Hanoch übernehmen solle, oder ob man solches dem Gurat einräumen solle mit dem Vorbehalte der Oberherrlichkeit des Hochlandes über Hanoch und seine Ländereien. [HGt.03_230,02] Nach der allgemeinen Abstimmung fiel der Beschluß dahin aus, daß fürs erste die zehn Fürsten des Hochlandes unzertrennlich beisammenbleiben müssen für alle Zeiten; und stirbt einer von ihnen, so erbt sein ältester Sohn seine Krone. In Ermanglung eines Sohnes aber kann auch der älteste Sohn eines andern von den zehn die Krone übernehmen, die ein verstorbener Sohnloser von den zehn Fürsten des Hochlandes hinterlassen hat. [HGt.03_230,03] Und ebenalso solle das Königreich Hanoch für immer erblich bei der Familie Gurat verbleiben; nur wenn ein Nachkomme Gurats keinen Sohn hätte, dann müßte solches der Oberherrlichkeit im Hochlande angezeigt werden, allwann sodann diese einen rechten König für Hanoch bestimmen würde. [HGt.03_230,04] Dennoch aber sei von nun an ein jeder König vom Hochlande abhängig – wenn er auch nicht vom selben erwählt werde –, so er es ohnehin als Sohn seines Vorkönigs sei und somit das königliche Erbrecht habe; denn jedes Erbrecht müsse seine Geltung so gut wie eine neue Belehnung in diesem Hochlandsbeschlusse suchen. [HGt.03_230,05] Die Anerkennung der Oberherrlichkeit des Hochlandes aber bestehe darinnen von Seite des Königs von Hanoch, daß er mit Ausnahme des Goldes von allen sonstigen Metallen den Zehent ans Hochland alle Jahre auszuliefern habe, ebenso auch den Zehent an Schafen, Rindern, Eseln und Ziegen, und daß er sich bei allen wichtigen Unternehmungen bei den zehn Fürsten des Hochlandes des Rates zu erholen habe. [HGt.03_230,06] Für die richtige Abgabe der vorbestimmten Zehente müsse er Beamte in Hanoch dulden, die aber dennoch vom Hochlande, der Treue wegen, im Solde gehalten würden. [HGt.03_230,07] Über alles dieses habe er als die allerunerläßlichste Verpflichtung gegen das Hochland das anzusehen, daß er allem Volke Hanochs und dessen Ländern ganz genau die Verfassung gebe, wie sie nun im Hochlande gang und gäbe sei und allzeit sein werde, auf daß dadurch die Völker der Erde doch einmal zur erwünschten freundschaftlichen Einheit gebracht würden. [HGt.03_230,08] Für die Haltung dieser nützlichen Vorschriften aber verpflichten sich auch die Hochlandsfürsten, dem Könige in Hanoch in jeglichem erwiesenen Notfalle mit Rat und Tat an die Hand zu gehen; und bei dem habe es zu verbleiben für alle Zeiten der Zeiten! – [HGt.03_230,09] Nach diesem Ratsbeschlusse ward der Gurat gefragt, ob er damit einverstanden sei. [HGt.03_230,10] Und der Gurat erwiderte: „Ich bin mit allem und jedem vollkommen einverstanden, und wie sollte ich es nicht sein?! Denn fürwahr, hättet ihr nicht eben diese weisen Bedingungen gemacht, so hätte ich selbst sie gemacht, und hätte euch gebeten um die gütigst geneigte Annahme derselben! [HGt.03_230,11] Denn was ist ein König für sich ohne eine solche Stütze in Hanoch? – Ich sage: ein leerer Name, der einen Menschen zum Arrestanten der ganzen Welt macht, wie gegenwärtig die Figura des elenden Scheinkönigs in eben dieser Stadt zeigt! [HGt.03_230,12] Aber ein König unter solch einer weisesten Vormundschaft ist ein freier, mächtiger Herr und kann im festen Vertrauen, daß er allzeit recht tut, als ein wahrer Herr beherrschen und regieren die ihm anvertrauten Völker! [HGt.03_230,13] Aus dieser meiner Äußerung werdet ihr doch sicher entnehmen, daß ich mit eurem Beschlusse über die Maßen zufrieden bin?! [HGt.03_230,14] Nur das einzige setze ich beim Erbrechte hinzu, daß, im Falle ein König einen törichten Sohn hätte, oder einen trägen, einen Verschwender, oder einen Wüterich, oder einen Schwachkopf, oder gar einen Trottel, so solle er – ein solcher Sohn nämlich – des Erbrechtes verlustig sein, und es solle entweder ein zweiter Sohn oder, in Ermanglung dessen oder dessen Tauglichkeit, sogleich ein von euch Bestimmter die Krone Hanochs überkommen! [HGt.03_230,15] Jeder Erbe aber solle zuvor bei euch in die Schule gehen und erst dann die Krone überkommen, so ihr ihn dazu als fähig erkennen werdet.“ [HGt.03_230,16] Dieser Beisatz Gurats wurde mit dem größten Beifalle aufgenommen. Und Gurat ward darum gesalbt und bekam die Schlüssel und die tausend Kronen, von denen jede in dieser Zeit eine Million feiner Gulden im Werte wäre; aber ebenso wertvoll waren auch die Schlüssel. – Das Weitere in der Folge! 231. Kapitel — Die Unterzeichnung der ‚Heiligen Akte‘. Gurats Einwand und seine Widerlegung. Moralisch-politische Verhältnisse des Hochlandes zu Hanoch. König Gurats Abzug nach Hanoch[HGt.03_231,01] Alle diese Bestimmungen wurden auf goldene, eine Linie dicke Blätter eingraviert und sodann auch den Deputierten Hanochs vorgelesen. [HGt.03_231,02] Als diese sich darüber als vollkommen zufrieden äußerten, da wurden sie ersucht, alles das mit ihren Namenszeichen, aber nur mit ihren kurzen und nicht mit den mehrere Ellen langen (die bei manchen Großen, besonders bei den Adeligen in Hanoch, noch eitlermaßen gang und gäbe waren) zu unterzeichnen. [HGt.03_231,03] Diese also unterzeichneten Dokumente wurden nun von den zehn in Verwahrung genommen und wurden ,Die heiligen Akte‘ genannt. [HGt.03_231,04] Nach dieser Operation ging man dann erst auf die Sanktion über und bestimmte die Strafen bei Übertretungen dieser heiligen Akte; – welche Strafen aber also bestimmt wurden, daß da das Hochland allzeit als völlig unfehlbar angesehen werden mußte, und das darum, weil es den Boten Noahs nicht getötet hatte. [HGt.03_231,05] Hanoch ganz allein nur konnte somit fehlen und sich der Strafe würdig machen, weil die Hanocher den Boten Noahs geschlagen und getötet hatten. [HGt.03_231,06] Gurat sagte ganz geheim zu einem der zehn: „Freund! Solange ihr leben werdet, wird das Hochland freilich wohl unfehlbar verbleiben! Wie aber dann, wenn euch ganz andere Köpfe folgen werden in der Regierung des Hochlandes, die da mit der Zeit eure Gesetze mit Füßen treten werden?! Soll auch da noch das Hochland als unfehlbar angesehen werden?“ [HGt.03_231,07] Und der gefragte Fürst von den zehn sprach: „Siehe, wir wissen es alle, daß auch ein Vater gegenüber seinen Kindern fehlen kann! Aber da fehlt er nur in seiner eigenen Sphäre, aber nicht in der Sphäre der Kinder, und die Kinder haben nie das Recht, ihren Vater darum zur Rede zu stellen und zu ihm zu sagen: ,Vater, warum tust du das, oder warum hast du uns das getan?‘ Noch weniger aber haben die Kinder je ein Recht, den fehlenden Vater zu strafen! [HGt.03_231,08] Und siehe, dasselbe Verhältnis, wie zwischen Vater und Kind, ist nun hier auch zwischen uns und euch! Wir sind euer Vater und ihr seid unsere Kinder für alle Zeiten der Zeiten! Und dieses bleibende Verhältnis ist gerecht, weil es dem göttlichen gleich ist, da auch Gott ewig ein allwaltender Vater zu uns allen Seinen Kindern verbleibt; und uns allen muß es also recht sein, weil es Gott von Ewigkeit also angeordnet hat. [HGt.03_231,09] Zudem ist bei zehn Herrschern, die vollkommen eines Sinnes sind, an eine Fehlbarkeit auch nicht zu denken, indem im allfälligen Todesfalle der neu eintretende Kronerbe fürs erste ganz in die Fußstapfen seines Vorgängers eintreten muß, und fürs zweite kann er für sich ja nie eine neue Ordnung einführen, indem er stets noch neun alte oder wenigstens ältere Regenten an seiner Seite hat, die dem Neuling sicher kein Gehör geben werden, so er an Erneuerungen dächte! [HGt.03_231,10] Bei Einherrschern sind Erneuerungen wohl denkbar, aber bei zehn Herrschern (Dekarchie) nie! Denn der Einherrscher kann regieren nach seiner Laune und kann darum fehlen, wenn er nicht von der höchsten göttlichen Weisheit erfüllt ist; aber in der Dekarchie ist das nicht leichtlich denkbar, weil da immer ein Fürst den andern durch seine Weisheit und durch sein notwendiges hohes Rechtsgefühl kontrollieren muß. [HGt.03_231,11] Dazu ist auch die Zahl zehn die göttliche Ordnungszahl, weil aller Seiner Gesetze nur im Grunde des Grundes zehn sind, wie sie die alte Weisheit kennt! Und so ist auch unsere Fürstenzahl schon ein Bürge für unsere völlige Unfehlbarkeit. Wir können wohl als einzelne Individuen für sich fehlen, – aber im allgemeinen Beschlusse nie!“ [HGt.03_231,12] Mit dieser Erklärung mußte sich Gurat zufriedenstellen, übernahm dann die Kleinodien und begab sich als der von den zehn bestätigte König von Hanoch mit dem einen Oberpriester und mit den hundert Deputierten nach Hanoch. – Das Weitere in der Folge! 232. Kapitel — Gurats Aufnahme in Hanoch. Die guten Gesetze Gurats für Hanoch. Die rebellische Oberpriesterpartei und ihre Beschwichtigung[HGt.03_232,01] Als die Deputation mit dem neuen Könige in Hanoch ankam, da ward dieser von den anderen Oberpriestern, die der Heldenpartei angehörten, auf das allerfeierlichste empfangen und ward sogleich als König und Alleinherr allen Großen Hanochs vorgestellt. Er nahm darauf sogleich die Huldigung an und bestieg den alten Thron Lamechs in der alten Burg, während der Scheinkönig noch in der neuen goldenen Burg residierte. [HGt.03_232,02] Er zog die Heldenoberpriester mit aller Militärmacht zu sich und gab dann sogleich neue Gesetze, die sehr zweckmäßig waren – natürlich fürs Weltbürgertum. [HGt.03_232,03] Alle Dieberei und alles Raubrecht mußte aufhören, und wer irgendeinen Sklaven hatte und ihn nicht sogleich freiließ, der ward im ersten Übertretungsfalle zu einer Goldstrafe, die tüchtig war, verurteilt, und im zweiten Falle ward ihm lebenslängliches Gefängnis zuteil. [HGt.03_232,04] Was aber sagte die andere Oberpriesterpartei zu dieser für sie ganz unerwarteten Erscheinung? – Sie erhob unter sich ein Zetergeschrei über diese Greueltat, raffte alle ihre aus dreißigtausend Mann bestehende Reservemacht in aller Eile zusammen und wollte über die Frevler herfallen. [HGt.03_232,05] Aber ein nüchterner Unterpriester, der da auf dem Sprunge stand, Oberpriester zu werden, trat vor die ergrimmte Schar der Oberpriester und sprach: [HGt.03_232,06] „Höret mich an, ihr mächtigen Diener der Götter! Bevor ihr einen Schritt zur Rache tut, da berechnet, wie sich dreißigtausend zu einer Million und darüber verhält! Wenn diese uns nur scharf anschauen, so sind wir schon geschlagen! [HGt.03_232,07] Denket hier ja nicht an Rache, wo keine mehr möglich ist, sondern denket entweder an die Flucht – oder an eine gütliche Ausgleichung! [HGt.03_232,08] Denn wer die Macht in den Händen hat, der ist der Herr; und denen, über die er sich erhebt, bleibt nichts anderes übrig, als sich entweder allergehorsamst zu ergeben, oder – wenn es noch Zeit ist – zu fliehen! Ich meine aber, hier wird es klüger sein, das erste dem letzten vorzuziehen; denn soviel ich in Erfahrung gebracht habe, so sind alle Tore stark bewacht, und es wird hart sein, über die große Stadtmauer hinauszugelangen. [HGt.03_232,09] Aber ein sehr leichtes dagegen ist es, mit dem neuen Könige Freundschaft zu schließen. Ich selbst will dieses Geschäft übernehmen! Gurat war mein größter Busenfreund; er wird mich noch kennen, und ich bin überzeugt, er wird mich anhören, wird euch bestätigen in eurem Amte und wird euch noch so manche Vorteile zukommen lassen. [HGt.03_232,10] Empört ihr euch aber nun über ihn, da er schon gehuldigt und vollmächtig herrschend auf dem Throne sitzt, so werden wir dabei alle ums Leben kommen; und ich frage, wofür dann unsere Racheunternehmung gut war. [HGt.03_232,11] Was nützt es, im Grimme zu entbrennen über einen reißenden Strom, wenn er angewachsen ist und seine Ufer verheert und das Land und seine Früchte verdirbt?! Wer wird so toll sein und wird sich ergrimmt in seine mächtigen Wogen und Fluten stürzen in der Meinung, durch seine Muskelkraft den Strom aufzuhalten und zu züchtigen?! [HGt.03_232,12] Und sehet, derselbe Fall ist hier! Wie können wir uns der großen Macht Gurats widersetzen? – Werden wir das tun, da wird er alsbald den ganzen mächtigen Strom seiner Macht über uns leiten, und wir werden alle zugrunde gehen! [HGt.03_232,13] Das ist mein Rat und meine gegründete Ansicht; ihr aber tut nun, was ihr wollt!“ [HGt.03_232,14] Diese Worte brachten die glühenden Oberpriester in eine tüchtige Traufe, die sie bedeutend abkühlte; und anstatt in den Rachekampf zu ziehen, beriefen sie einen Rat zusammen und berieten, wie sie auf die beste Art von der Welt dem Gurat eine Huldigung darbringen möchten. [HGt.03_232,15] Und der eine unterpriesterliche Ratgeber sprach: „Lasset das ganz unbesorgt mir über! Morgen werde ich zum Gurat gehen und werde mit ihm unterhandeln, und ihr könnet versichert sein, daß er euch mit sehr kleinen Abänderungen in eurer Würde bestätigen wird!“ [HGt.03_232,16] Damit waren die Oberpriester zufrieden, und der Ratgeber begab sich darauf sogleich zum Könige. 233. Kapitel — Die erfolgreiche Verhandlung des Unterpriesters mit König Gurat[HGt.03_233,01] Als der abgeordnete Unterpriester mit einiger Mühe vor den König Gurat kam, wurde er sehr freundlich aufgenommen und befragt, was ihn so ganz eigentlich zu ihm, dem Könige nämlich, geführt habe. [HGt.03_233,02] Und der Unterpriester sprach: „Du weißt, daß da in Hanoch seit dem ungünstig ausgefallenen Versuche, die Hochländer zu besiegen, die Oberpriesterschaft in zwei feindliche Teile zerfallen ist, wovon der eine Teil dich zum Könige berief, während der andere Teil gegen dich von aller Wut entbrannt ist! [HGt.03_233,03] Siehe, dieser Teil wollte nun eine Macht von dreißigtausend Mann wohlgeübter Krieger zusammenziehen und in der größten Erbitterung gegen dich aufbrechen, um dich womöglich zu verderben! [HGt.03_233,04] Als ich solchen Entschluß von den ergrimmten Oberpriestern vernommen hatte, da gedachte ich bei mir: ,Mein ehemaliger Freund, nun der Herr und der König von ganz Hanoch, hat zwar wohl eine bei fünfzigmal größere Macht; aber sie ist in der Tagereisen weiten Stadt zerteilt und würde sich daher auf einzelnen Punkten kaum halten können gegen eine gedrängte Macht von dreißigtausend wohlgeübten Kriegern!‘ [HGt.03_233,05] Als ich also deine Gefahr berechnete, da dachte ich mir: ,Nun koste es, was es wolle! Ich will als ein Ratgeber auftreten und die Oberpriester freundlichst warnen vor solch einer gefährlichen Unternehmung!‘ [HGt.03_233,06] Ich tat solches, stellte den Oberpriestern mit den grellsten Farben von der Welt die große und sichere Gefahr, wie das unvermeidliche Mißlingen ihres Planes dar, – und siehe, sie fingen an zu stutzen, wurden kühler und kühler in ihrem Racheeifer und waren in kurzer Zeit dahin gebracht, mit dir zu unterhandeln durch mich, indem ich selbst ihnen das als das bei solchen Umständen Zweckmäßigste bezeichnete. [HGt.03_233,07] Und so bin ich nun in dreifacher Rücksicht da, und zwar erstlich als Anzeiger dessen, was gegen dich beschlossen ward, fürs zweite als Unterhändler zwischen dir und den Oberpriestern und fürs dritte als noch immer dein alter Freund und Ratgeber! [HGt.03_233,08] Als solcher rate ich dir demnach, daß du die Oberpriester, weil sie denn doch noch einen starken Anhang haben bei den schwachen Köpfen, mit wenigen zweckmäßigen Abänderungen behalten sollest als Götterdiener vor dem Volke; wir aber wissen es ja ohnehin, wie wir mit dergleichen Narrheiten daran sind, und kennen die Natur als den wahren Gott! [HGt.03_233,09] Ich glaube, du wirst mich wohl verstehen, was ich damit sagen will; denn du weißt es so gut wie ich, daß da nur das blinde, gemeine Volk an einen Gott oder noch besser an mehrere absolute übersinnliche Gottwesen gewendet werden muß und muß sich vor ihnen fürchten und dem Könige willigst gehorchen, um nicht in die vermeintliche Strafe der Götter zu geraten. [HGt.03_233,10] Und dazu sind die Oberpriester ganz wie gemacht und auch für die Illusion des Volkes gehörig eingerichtet; daher sollten sie auch nicht so leichtlich aufgehoben werden! [HGt.03_233,11] Wir Eingeweihte brauchen sie freilich nicht, da wir die Kräfte der Natur kennen und ihre Gesetze, nach denen sie gleichfort wirken! – Das ist mein Rat; befolge ihn, und du wirst gut fahren!“ [HGt.03_233,12] Diese Unterhandlung hörten auch die königlichen Oberpriester und waren ganz mit dem Rate einverstanden. [HGt.03_233,13] Und der König sprach: „Bruder, du mein liebster, alter Freund, du hast mich zu einem großen Schuldner gemacht! Es geschehe nach deinem Rate! Da du aber ein so scharfsinniger Mann bist, so übergebe ich dir sogleich die Bestimmungen bezüglich der zweckmäßigsten Abänderungen bei der Oberpriesterkaste zu treffen, sie mir kundzugeben, und ich werde dann sogleich mein ,Es geschehe!‘ fügen!“ [HGt.03_233,14] Und der Ratgeber sprach: „So lasse mich nun wieder hinziehen und mit den Oberpriestern Rat halten! Daß sie nach meiner Pfeife tanzen werden, dafür stehe ich dir mit Leib und Leben; es muß aber den Schein haben, als hätten sie die Abänderungen gemacht, sollen sie treupflichtig werden in solcher neuen Verfassung!“ [HGt.03_233,15] Gurat war damit zufrieden, und der Ratgeber begab sich wieder nach Hause. 234. Kapitel — Die Übertölpelung der rebellischen Oberpriester durch den vom König beauftragten Unterpriester[HGt.03_234,01] Als der ratgebende Unterpriester wieder bei den Oberpriestern anlangte, da ward er alsbald von tausend Fragen bestürmt; und er konnte zum Glücke so schnell reden, wie schnell da klappert eine Windmühle, und antwortete durch ein Wortgebrodel den hundert Fragern. [HGt.03_234,02] Aber keiner verstand auch nur eine Silbe, was er sprach. Darum ward er ermahnt, deutlich zu sprechen. [HGt.03_234,03] Er aber antwortete darauf und sprach: „So lasset mir doch Zeit! Lasset mich eher zu Atem kommen, und fraget nicht alle zugleich, so werde ich auch deutlich genug die günstige Nachricht von Seite des Königs Gurat zu geben imstande sein! Aber wenn ihr alle auf einmal fragend auf mich einstürmet, da muß ich ja so schnell, als mir immer möglich, durcheinanderbrodeln, damit auf solche Art ein jeder Frager so geschwind als möglich befriedigt wird; ob er von der Antwort etwas versteht oder nicht, das ist dann gleich!“ [HGt.03_234,04] Und die Oberpriester beruhigten darauf den Unterpriester und ersuchten ihn ganz gelassen, daß er ganz deutlich und klar die Nachricht vom Könige vor ihnen enthüllen möchte. [HGt.03_234,05] Darauf erst ging der Ratgeber zur Hauptsache über und sprach: „Also höret mich denn an, ihr Diener der Götter! [HGt.03_234,06] Der Friedens- und Vergleichsantrag wurde vom Könige gar liebfreundlichst angenommen, und er hat euch nach meiner Vorstellung in eurer Würde als Oberpriester bestätigt! Nur müßt ihr euch natürlicherweise gefallen lassen, die Weltherrlichkeit fahren zu lassen; denn da ist er der Alleinherr und König über ganz Hanoch und über das ganze, große Reich. Das ist somit eine Abänderung, die er festgesetzt hat. [HGt.03_234,07] Dann müssen die Hohenpriester des Scheinkönigs entweder auch zu Oberpriestern werden, oder sie müssen samt dem Scheinkönige zu sein aufhören; denn vom Könige aus werden nur die Oberpriester und die Unterpriester bestätigt. [HGt.03_234,08] Ferner ist des Königs Wille und Gesetz, daß da alle Kasterei ein Ende nehme; und er allein besetzt alle Stellen, die weltlichen wie die geistlichen. [HGt.03_234,09] Das Gold und die Schätze unserer Paläste nimmt er in den Vollbesitz für seine Staatsgeschäfte; dafür aber sichert er einem jeden Beamten seines Reiches einen standesgemäßen Sold zu, dem geistlichen wie dem weltlichen. Wir aber müssen freilich nun in den etwas sauren Apfel beißen, weil sich die Sache nicht mehr ändern läßt! [HGt.03_234,10] Dazu weiß er so gut wie wir, daß unser Götterdienst nichts als eine Volksillusion ist! Daher behält er sich denn auch vor, die Sache des Götterdienstes, oder richtiger gesprochen, die Sache der Volksillusion selbst als Oberhaupt zu leiten in geheimen Befehlen an euch; ihr aber müßt dann die wohlberatenen Vollstrecker seines Willens sein! [HGt.03_234,11] Endlich wird er euch auch einen Generaloberpriester vorsetzen, unter dessen Leitung dann wir alle zu stehen kommen werden! – Das ist nun sein fester Wille. Seid ihr damit zufrieden?“ [HGt.03_234,12] Anfangs war alles ganz stumm auf diese Deklaration; nach einer Weile erst stießen alle Oberpriester einen gemeinsamen Fluch aus und wußten sich aus lauter Grimm nicht zu helfen. [HGt.03_234,13] Der Unterpriester aber sprach: „Ja, was nützt euch nun das alles? Können wir's anders machen?! Machet einen Aufstand gegen den Mächtigen, so ihr Lust habt, zuerst gespießt und dann bei lebendigem Leibe gebraten zu werden! Denn also drohte er mir, mit allen Widerspenstigen zu verfahren!“ [HGt.03_234,14] Als die Oberpriester solches vernommen hatten, da ergaben sie sich und mußten dann Punkt für Punkt die Bedingungen aufzeichnen also, als hätten sie solches freiwillig erwählt und bestimmt. [HGt.03_234,15] Als dieses Dokument fertig war, da übernahm es der Unterpriester und ging damit zum Könige. [HGt.03_234,16] Was darauf, – in der Folge! 235. Kapitel — Des neuen Hofrats Bericht beim König Gurat und dessen Zufriedenheit. Die Ernennung des Unterpriesters zum Generaloberpriester[HGt.03_235,01] Als der ratgebende Unterpriester bei Gurat ankam, da fragte ihn dieser sogleich, was er bei den Oberpriestern für Geschäfte gemacht hätte. [HGt.03_235,02] Und der Unterpriester sprach mit überfreudigem Gesichte: „Mein König, mein Herr und mein Freund! Ich sage: die besten von der Welt! Du bist nun ganz Herr über sie! Alle ihre Schätze gehören dein; sie bestehen, wie du es auch weißt, aus den tausend Palästen, in deren jedem wenigstens hunderttausend Pfunde Goldes, doppelt soviel Silbers, der Edelsteine und noch eine unschätzbare Menge anderer Schätze und Kostbarkeiten, Waffen und Mundvorräte aufgehäuft ist. – Ich frage dich, ob du damit zufrieden bist?“ [HGt.03_235,03] Und der Gurat sprach: „Wenn sich die Sache also verhält, und hast du solches durch deine Beredsamkeit zuwege gebracht, da bist du schon jetzt mein erster Hofrat! Rede aber weiter, und sage mir es unverhohlen, was alles du mit den Oberpriestern bewerkstelligt hast!“ [HGt.03_235,04] Und der Unterpriester sprach: „Mein König, mein Herr und mein Freund! Es wäre hier gerade schade um meine Zunge, daß ich sie umsonst strapazieren sollte! [HGt.03_235,05] Siehe, hier habe ich ja die ganze Verhandlung auf Goldblech schriftlich, von allen Oberpriestern unterzeichnet; das ist doch sicher mehr als meine eigene Zunge! Nimm dieses überaus wichtige Dokument, und lies es, und du wirst darin alles finden, was und wie ich in deinem Namen mit den Oberpriestern verhandelt habe! – Ich meine, du wirst mit mir darin zufrieden zu sein Ursache haben!“ [HGt.03_235,06] Hier übergab der Unterpriester dem Gurat das Dokument, und dieser las es laut vor allen anwesenden Heldenoberpriestern. [HGt.03_235,07] Diese klatschten vor Freude in die Hände und lachten und jubelten darüber, solch einen köstlichen Sieg über ihre Feinde errungen zu haben, und das durch die alleinige Klugheit dieses schlauen Unterpriesters. [HGt.03_235,08] Der Gurat aber fragte den Unterhändler und sprach: „Aber Freund, du sagtest mir ja letzthin, man müsse da die Oberpriester die Bedingungen machen lassen, natürlich mit Vorbehalt des königlichen Interdiktrechtes, falls die Bedingungen für des Königs Pläne nicht taugen würden; aus dem Dokumente aber ersehe ich ganz klar, daß eigentlich nur du diktiert hast, und die Oberpriester waren genötigt, die von dir gesetzten Bedingungen anzunehmen, wollten oder wollten sie nicht! Wir haben nun freilich das Dokument in unseren Händen; wie aber sieht es mit der eigentlichen Zufriedenheit dieser Oberpriester aus?“ [HGt.03_235,09] Und der Unterpriester sprach: „Ja, – wenn du auf die eigentliche Zufriedenheit der Oberpriester sehen willst, da darfst du gleich dein Königtum niederlegen, aber zuvor alle diese deine Freunde ermorden; dann wirst du die Oberpriester zufriedenstellen, – sonst aber durch gar nichts! [HGt.03_235,10] Freund, der Sieger darf nie den Besiegten fragen: ,Bist du mit meinem Siege über dich zufrieden?‘; denn im Siege über sich wird der Besiegte wohl nie zufrieden sein! Daher muß der Sieger sogleich diktieren und sagen: ,So muß es sein, und so will ich's haben!‘; für den Besiegten aber soll nur die Bitte übrigbleiben!“ [HGt.03_235,11] Großer Beifall wurde dieser Rede gezollt von allen Seiten, und der Gurat machte darum diesen Unterpriester sogleich zum Generaloberpriester und zu seinem ersten Haupt-, Hof- und Geheimrate. 236. Kapitel — Der Generaloberpriester bei den Oberpriestern. Der mißglückte Überfall der Rebellen und ihre Degradierung zu Unterpriestern. Die Ernennung der Unterpriester zu Oberpriestern[HGt.03_236,01] Der König ließ darauf dem Unterpriester sogleich ein generaloberpriesterliches Kleid machen und versah ihn mit einer königlichen Krafternennung, auf goldenem Bleche eigenhändig geschrieben und dann unterzeichnet von allen den Helden, die ehe Oberpriester waren. [HGt.03_236,02] Mit diesem Dokumente versehen, begab sich in der Generalskleidung dieser Unterpriester sogleich zu den Oberpriestern. [HGt.03_236,03] Als diese ihn also gar entsetzlich ausgezeichnet erblickten, da ergrimmten sie und schrien: „Also ist es?! Auch du warst ein Spitzbube unter uns?! Wahrlich, geschehe uns, was da wolle, – für diesen Frevel sollst du von uns Oberpriestern mit dem Tode bestraft werden! – Ihr uns getreuen Unterpriester, ergreifet diese Bestie und werfet sie samt den Generalskleidern in den Abgrund, darin lebendiges Feuer lodert!“ [HGt.03_236,04] Bei diesem Aufrufe erregte sich der General und schrie mit gebieterischer Stimme: „Halt! Zurück, ihr Teufel! Dieser Aufruf, dieses Urteil fehlte noch zu eurem völligen Untergange! [HGt.03_236,05] Sehet, hier ist das Dokument des Königs und die Unterschriften aller eurer Feinde und Verderber! Laut diesem Dokumente bin ich, was ich bin: ein vollmächtiger General über euch alle! [HGt.03_236,06] Hier unter meinem Kleide ist des Königs Schwert zum Zeichen, daß der König auch euer elendes Teufelsleben in meine Hand gelegt hat, wie das Dokument weist! – Verstehet ihr Teufel mich?! [HGt.03_236,07] Draußen aber stehen viertausend geharnischte Kämpfer! Ein Zeichen von mir, – und ihr lieget in wenigen Augenblicken zerstückt in diesem Saale, in dem ihr so viele Greuel habt ausüben lassen und zu noch mehreren die höllischsten Pläne gefaßt habt! [HGt.03_236,08] Als Unterpriester mußte ich eure teuflische Verschmitztheit leider lang genug ansehen; aber diese Zeit ist verronnen, und nun habt ihr Teufel eure Satansrollen und -bleche ausgespielt! Von jetzt an soll es anders werden!“ [HGt.03_236,09] Hier zog der General plötzlich sein Schwert hervor, gab ein Zeichen, und im Augenblicke drangen von allen Seiten geharnischte Krieger mit blanken, mächtigen Schwertern und Lanzen hinein in den Saal. [HGt.03_236,10] Und der General fragte nun mit einem höhnenden Tone die entsetzten Oberpriester: „Nun, wo sind denn eure getreuen Unterteufel, daß sie mich ergriffen und dann ins lebendige Feuer schleppten?! [HGt.03_236,11] Ich frage euch nun: Wollet ihr euch nicht rächen an dem Spitzbuben unter euch? Habt ihr keine Lust mehr dazu? – Ihr zaudert? Bin ich denn nicht hier?!“ [HGt.03_236,12] Die Oberpriester aber schäumten vor Wut und Todesangst zugleich; denn sie sahen sich für verloren an. [HGt.03_236,13] Der General aber sprach: „Fürwahr, wäret ihr nicht gar so schlecht, so hätte ich euch gleichwohl zerhauen lassen; aber ihr seid zu schlecht für das edle Schwert! – Aber umkehren will ich euch und mache euch zu Unterpriestern und eure getreuen Unterpriester zu Oberpriestern! Und also geschehe es!“ [HGt.03_236,14] Hier fingen die Oberpriester an zu heulen; und die Unterpriester aber jubelten und krönten den General. Die Oberpriester mußten ihre Kleider wechseln mit den Unterpriestern und sogleich beziehen ihre Wohnungen, und die Unterpriester die der Oberpriester. [HGt.03_236,15] Und so endete diese Szene. 237. Kapitel — Der Generaloberpriester in der Burg des Scheinkönigs. Die blutige Unterwerfung der Hohenpriester und die Entthronung des Scheinkönigs[HGt.03_237,01] Nach dieser Operation nahm der General der Krieger einige mit und begab sich sogleich in die Burg des Scheinkönigs, in der auch die ,allwissenden‘ Hohenpriester wohnten, die aber diesmal doch nicht wußten samt ihrem Gottkönige, was über sie kommen werde. [HGt.03_237,02] Als der General alldort anlangte, verlangte er sogleich, zum Könige eingelassen zu werden. [HGt.03_237,03] Die Hohenpriester aber widersetzten sich diesem Verlangen des Generals; denn sie wußten samt dem Könige noch nichts von dem, was da in wenigen Tagen in Hanoch alles für Veränderungen vorgegangen waren. [HGt.03_237,04] Der General aber fuhr sie an und sprach: „So ihr mich nicht augenblicklich zum Könige vorlasset, so sollet ihr von diesen Kriegern in kleine Stücke zerhauen werden!“ [HGt.03_237,05] Als die den König bewachenden Hohenpriester solche Androhung von dem General vernommen hatten, da ergrimmten sie und zogen ihre in ihren Kleidern verborgenen Dolche hervor und schrien: „Rache dem Frevler an der Gottheit des Königs!“ Auf diesen Ruf wollten sie sogleich mit aller Wut über den General herstürzen. [HGt.03_237,06] Da wich der General zurück und gebot sogleich den großen und starken geharnischten Schwertführern, daß sie die Hohenpriester zerhauen sollten. [HGt.03_237,07] Und die Schwertmänner hieben sogleich in die kleine Schar der Hohenpriester und zerspalteten drei vom Kopfe bis zu den Füßen und verwundeten sieben sehr schwer. [HGt.03_237,08] Als die etlichen noch übriggebliebenen dreißig ersahen, was dieser General tue, da fielen sie nieder und flehten um Schonung. [HGt.03_237,09] Und der General berief die Krieger zurück und sagte zu den Flehenden: „Fürs erste liefert sogleich eure Waffen aus, und dann öffnet mir das Tor, daß ich zum Könige gelangen kann! Was ferner mit euch geschehen soll, das werdet ihr in des Königs Kammer erfahren!“ [HGt.03_237,10] Auf diese sehr scharfe Anrede warfen die flehenden Hohenpriester sogleich ihre Dolche von sich und öffneten den Saal, in dem soeben der König in ganz goldenen Kleidern den Thron bestieg, um vom selben aus die Kommenden zu empfangen und sie um ihr Anliegen zu befragen. [HGt.03_237,11] Als der General an die Stufen des Thrones kam, da fragte ihn der über solche Keckheit erstaunte König: „Mensch, du sterbliches Tier, was willst du so keck von mir, deinem Gott, von deinem ewigen Herrn, dessen Thron golden ist von Ewigkeit? – Willst du eine Gnade von mir oder eine Strafe?“ [HGt.03_237,12] Und der General sprach im ironischen Tone: „O Gott, Herr und König! Siehe, ich will nichts mehr und nichts weniger, als daß du jetzt deiner Ewigkeit und Gottheit entsagen sollst und sollst auch so ein bürgerliches Menschentier werden, wie unsereins ist! Was aber diese Burg und was diesen ewigen Goldthron betrifft, so gehören sie schon jemand anderm! Steige aber nur ein wenig herab! Hier wirst du dann deine Goldkleider mit ganz ordinären bürgerlichen vertauschen und dann mit all den Deinigen hinaus in die frische Luft ziehen!“ [HGt.03_237,13] Und der ,Gott‘ knirschte vor Zorn: „Gehe hinaus, gehe hinaus, – sonst lasse ich Feuer vom Himmel regnen!“ [HGt.03_237,14] Und der General sprach lächelnd: „Oh, oh, – das mußt du nicht sogleich tun! Denn da könntest du ja das Meer brennend machen und die Erde auch; und für die wäre es ja doch ewig schade! Siehe, siehe, du kleines Gotterl du, was Schlimmes du nun bewirken möchtest! Steige daher nur ganz gutwillig herab, sonst müßte ich dich durch diese schlimmen Geister herabtragen lassen!“ [HGt.03_237,15] Hier stampfte der König mit dem Fuße, und einige hinter dem Throne versteckte Naturzauberer machten einen Rauch und warfen glühende Kohlen in die Höhe. [HGt.03_237,16] Der General aber lachte und befahl, das schlimme Gotterl vom Throne zu ziehen. Solches geschah sogleich, und die schlechten Pyrotechniker flohen mit ihren Glutpfannen ganz behende davon. [HGt.03_237,17] Diese Entthronung ward dann bald zum allgemeinen Gelächter der Stadt. 238. Kapitel — Das Verhör der dreißig Hohenpriester durch den General und ihre Begnadigung[HGt.03_238,01] Als der König auf diese Art versorgt und mit bürgerlichen Kleidern angetan war, da wandte sich der General an die dreißig Hohenpriester und sprach: [HGt.03_238,02] „Sehet, euer Gott ist bereits versorgt und euer König gekrönt mit der Bürgerkrone, die ihm viel besser stehen wird als diese Schein- und Trugkrone, unter der er viel zu sein wähnte, aber dennoch weniger als nichts war! [HGt.03_238,03] Nun handelt es sich um eure Versorgung, ihr alten gewissenlosen Menschenbetrüger! Worin soll diese bestehen? – Ich will euch eine Frage stellen; aus ihrer Beantwortung soll es sich dartun, was ihr zu erwarten haben werdet! Und so höret mich denn an! [HGt.03_238,04] Also lautet die Frage: Waret ihr wissentliche oder unwissentliche Betrüger des Volkes, wie auch dieses von euch kreierten Königs? Glaubtet ihr, daß dieser Schwächling der Menschheit in allen Teilen ein Gott sei, – was ihr das Volk wie diesen König glauben machtet? Glaubtet ihr in und bei euch selbst ernstlich an einen oder mehrere Götter? Oder glaubtet ihr solches nie und habt die alten Mythen aus den Büchern Kinkars nur – wider euren Glauben! – zum schändlichsten Truge des Volkes umgearbeitet und entstellt benützt? [HGt.03_238,05] Diese Frage beantwortet mir ganz gewissenhaft! Jede Zauderung und etwaige geflissentliche Zurückhaltung werde ich mit dem Schwerte an euch züchtigen! Und so fanget an zum ersten Male in eurem Leben, die Wahrheit mit dem Munde offen zu bekennen! Es geschehe!“ [HGt.03_238,06] Diese Frage versetzte die dreißig in alle Farben; und da auf die Zögerung gewisserart der Tod gesetzt war, so begann einer von ihnen sogleich sogestaltig zu reden und sprach: [HGt.03_238,07] „Mächtiger Herr General! Du als ehemaliger Unterpriester weißt es so gut wie wir, wer unsere Herren waren! Waren wir nicht mit eherner Gewalt genötigt, all diesen Trug zu unterhalten?! Was nützte uns da unser Gewissen?! [HGt.03_238,08] Der Druck für den Magen ist empfindlicher als der des Herzens! Mit dem elendesten Gewissen läßt sich immer noch leben; aber mit dem leeren Magen nicht! Darum beschwichtigten auch wir das Herz, damit wir dadurch etwas für den Magen bekamen! Und du als ein Unterpriester mußtest ebenso tun, so dir die tägliche Füllung des Magens doch unmöglich – so gut wie uns – unerläßlich war! [HGt.03_238,09] Du wußtest es lange gleich uns, wie viel Wahres an unserer Götterlehre sich vorfand! Du wußtest, daß diese Lehre ein allerbarster und schändlichster Betrug des Volkes war! Warum gingst du als ein wahrer Philantrop denn nicht zu den Oberpriestern und hieltest ihnen ihre himmelschreiende Ungerechtigkeit vor? [HGt.03_238,10] Siehe, auch du hattest dein Gewissen beseitigen müssen, damit fürs erste deine Haut ganz blieb und fürs zweite dein Magen keinen Leerheitsdruck zu verkosten bekam! Ich und wir alle sprachen gar oft unter uns: ,Es ist schändlich, wie das Volk von uns betrogen wird!‘ Aber was nützte das? Konnten wir's ändern?! [HGt.03_238,11] Wenn es dir aber nun gelungen ist, die Macht der Oberpriester zu brechen und dich zum Herrn aufzuwerfen, so gedenke, daß auch wir Menschen sind, und daß wir, was wir taten, zu tun genötigt waren!“ [HGt.03_238,12] Der General war mit dieser Antwort zufrieden und sprach: „Gut, ihr habt die Wahrheit geredet; so will ich euer auch schonen! Ich habe die Oberpriester zu Unterpriestern gemacht und die Unterpriester zu Oberpriestern durch die mir vom neuen Könige Gurat verliehene Gewalt, und so mache ich als Generaloberpriester nun auch euch zu Unterpriestern ersten Ranges! Es sei!“ [HGt.03_238,13] Damit waren die den Tod erwartenden Hohenpriester zufrieden und wurden sogleich mit Sack und Pack in die unterpriesterliche Wohnung befördert. 239. Kapitel — Des Generals weitere Verhandlung mit dem entthronten Scheinkönig und dessen dumme einstudierte Königsrede. Die gewaltsame Entfernung des Scheinkönigs und die Übergabe der Burg an den König Gurat[HGt.03_239,01] Als die Hohenpriester auf diese Art versorgt waren, da wandte sich der General wieder an den Scheinkönig und sprach zu ihm: [HGt.03_239,02] „Nun, in dieser einfachen Kleidung bist du ein Bürger und somit zum ersten Male in deinem Leben etwas Reelles; denn als König warst du nichts anderes als ein auf das allerschändlichste betrogener Mensch, ein müßiges Scheinwerkzeug in der Gewalt der Priester, und hattest nicht einmal das Recht, je in die frische Luft hinausgehen zu dürfen! [HGt.03_239,03] Da du aber nun ein reeller Mensch, ein freier Bürger Hanochs geworden bist, so kommt es nun auf dich an, wo du ein eigenes Haus haben willst, ob in der Stadt innerhalb der Mauer, oder ob in einer der tagereisenlangen Gassen zu den zehn Vorstädten! Oder willst du in den Vorstädten selbst ein Wohnhaus samt Garten und Acker haben? Darüber erkläre dich vor uns!“ [HGt.03_239,04] Und der Scheinkönig sprach ganz zornig noch: „Was habt ihr Frevler an meiner Heiligkeit mich darum zu fragen?! Gehört doch Himmel und Erde mir, – und ich sollte mir hier nur höchstens ein unansehnlichstes Bürgerhaus auswählen dürfen?! Ich, für den selbst dieser Goldpalast eine allerschmählichste Wohnung ist?! [HGt.03_239,05] Ich, Schöpfer Himmels und der Erde, der von ewig her in Tempeln aus Sonnen erbaut wohnte, sollte nun hier auf meiner Erde in eines gemeinen Bürgers Keusche wohnen?! Nein, nein! Das tut ein Gott nimmer! Er wird euch ganz verlassen und wird sich wieder zurückziehen in seine ewige Sonnenburg und wird von dort aus ein großes Strafgericht über euch, ihr höllischen Frevler, senden; dann erst werdet ihr es erkennen, daß da der erste Betrug besser war als der zweite! [HGt.03_239,06] Ich nehme somit kein Bürgerhaus an, wie auch gar keine andere Wohnung, weder innerhalb noch irgend außerhalb der großen Mauer, sondern ich will euch gänzlich verlassen für ewig und euch überliefern dem unbarmherzigsten Strafgerichte! [HGt.03_239,07] Meinst du, der du für die Ausführung deines Planes mit dem ehernen Schwerte agieren mußt, ein Gott bedarf auch der Waffen, um seine Pläne in Ausführung zu bringen? – O nein! Nur einen Wink, – und der Himmel ist nicht mehr, und die Erde ist nicht mehr!“ [HGt.03_239,08] Nun war der Gottkönig mit seiner mühsam eingelernten Rede fertig; denn solche und noch andere ähnliche Reden fanden sich in den Büchern Kinkars vor, und unser Gott studierte sich mehrere davon ein und machte dann bei Gelegenheiten Gebrauch davon, indem doch ein Gott etwas weiser reden muß als irgendein anderer Mensch. [HGt.03_239,09] Obschon aber diese Rede eine der besten war, die er auswendig konnte, so half sie ihm aber diesmal dennoch nichts. [HGt.03_239,10] Fürs erste lachte der General dem göttlichen Redner nur ins Gesicht und sagte: „Du mußt nicht so schlimm sein; denn wenn du nun so stützig wärest und möchtest mir nicht folgen, da müßte ich dir ja sogleich aufs nackte Gesäß einen Schilling geben lassen, der dir sehr wehe täte! Daher folge mir nur gutwillig; denn siehe, anders wird es nicht, als es jetzt ist!“ [HGt.03_239,11] Und fürs zweite aber befahl der General den Kriegern, daß sie den ,allmächtigen Gott‘ ergreifen und fortschleppen sollten, so er nicht gutwillig gehen möchte. [HGt.03_239,12] Es sträubte sich aber der Gottkönig ganz entsetzlich, den Palast zu verlassen. Aber das half wenig. [HGt.03_239,13] Drei Krieger packten ihn und trugen ihn hinaus ins Freie und brachten ihn sogleich zu den Oberpriestern. [HGt.03_239,14] Da er aber dort sehr tobte und fluchte, so ließ ihm der General im Ernste einen recht derben Schilling aufs nackte Gesäß geben, und dies Pflaster wirkte beruhigend auf den Gottkönig, der sich in sein Schicksal ergab. [HGt.03_239,15] Drei Tage lang ließ dann der General die goldene Burg fegen und reinigen und ging dann zum Gurat und übergab ihm die Schlüssel dieser Burg und berichtete ihm alles, was er für ihn getan hatte. – Daß Gurat damit überaus zufrieden war, braucht kaum erwähnt zu werden. 240. Kapitel — Die Untersuchung der neuen priesterlichen Einrichtungen durch Gurat. König Gurats Begegnung mit den Priestern. Die trotzige, aber gute und warnende Rede der ehemaligen Oberpriester. Die Verbannung der Oberpriester[HGt.03_240,01] Darauf bestimmte der Gurat einen Tag zur Untersuchung aller der priesterlichen, vom Generale bewerkstelligten Einrichtungen. Es war der siebente Tag bestimmt. [HGt.03_240,02] Als dieser Tag herankam, da berief der Gurat seinen ganzen Hofstaat zusammen und begab sich mit ihm, vom Generale geleitet, in die ungeheure Wohnburg der Priester, die so viele Zimmer hatte, daß in selben bei fünfhunderttausend Menschen bequem untergebracht werden konnten. [HGt.03_240,03] Als der Gurat in diese große Burg, die ihm wohlbekannt war, trat, da ward er als ehemaliger Genosse von den neuen Oberpriestern auf das allerausgezeichnetste empfangen und über alle Maßen beglückwünscht; aber als er zu den Unterpriestern kam, da rührte sich niemand, und jeder wandte sein Gesicht ab von ihm. [HGt.03_240,04] Das fiel dem Gurat auf, und er stellte eine ernste Frage an die stützige und trotzige Unterpriesterschaft, warum sie ihm also begegne, nachdem sie doch wissen werde, daß er der Alleinherr über ganz Hanoch sei, wie über das ganze, große Reich. [HGt.03_240,05] Die Unterpriester aber sprachen: „Wir erkennen dich als keinen Herrn über uns, wohl aber als einen Rebellen gegen unsere rechtmäßige von allen Göttern bestimmte Oberherrlichkeit! Wir müssen dir wohl gehorchen, weil du alle Macht an dich gerissen hast, aber achten können wir dich ewig nimmer – und noch weniger salben und krönen! [HGt.03_240,06] Wir werden wohl tun, was du gebieten wirst, – aber unsere Angesichter werden ewig von dir abgewandt bleiben, und unsere Herzen werden allzeit mit Verachtung gegen dich erfüllt sein! [HGt.03_240,07] Wie aber wir uns gegen dich verhalten werden, also wird Sich auch der alte Hauptgott und die neuen Götter, die nichts als Seine auswirkenden Kräfte sind, gegen dich verhalten! [HGt.03_240,08] Wir beherrschten das Volk in Seiner Ordnung, wir nahmen ihm das Gold als ein Hauptgift fürs innere Leben weg und demütigten die Hochmütigen mit der Sklavenkette und mit der Zungenlähmung. Aber wir begingen einen Fehler, und dieser bestand darin, daß wir das gelbe Gift für uns behielten! Es hat uns vergiftet und geblendet, und wir konnten nimmer durchschauen unserer Feinde Pläne; darum schmachten wir nun hier als schlechte Sachwalter der ewigen Interessen des alten Gottes! [HGt.03_240,09] Solches aber geschieht uns recht, und wir sind froh, daß uns Gott so gnädig heimgesucht hat, und daß wir erkennen, daß uns Gott also heimgesucht hat; du aber bist ganz, wie von uns, also auch von Gott abgefallen und wirst nimmer eine Wiederbindung an Denselben finden! [HGt.03_240,10] Nicht am Verluste unserer Herrlichkeit liegt uns, sondern daran, daß wir auf halbem Wege sind getötet worden, an dem wir das Volk wieder zur alten Ordnung zurückgebracht hätten! [HGt.03_240,11] Nun aber ist es geschehen! Du hast nun alle Geister in den Menschen getötet; nichts mehr lebt in ihnen als die Naturkraft, die du allein für den Gott hältst! [HGt.03_240,12] Daher ist aber auch das Gefäß voll geworden, von dem einst Kahin Kunde erhielt und Farak geweissagt hat, und das Gericht Gottes sitzt uns schon im Genicke! Darum auch geben wir dir hier den Fluch anstatt des Segens! – Das sind unsere letzten Worte an dich!“ [HGt.03_240,13] Der Empfang wollte dem Gurat nicht munden; er ergrimmte, ließ alle diese Unterpriester stäupen und verschob sie dann hinaus an die weiten Ufer des Meeres und setzte dann ganz andere Unterpriester ein, die ihm überaus gewogen waren. [HGt.03_240,14] Mit dieser Expedition aber wurde auch jede Spur von Mir, dem allein wahren Gotte, expediert, und das allernichtigste finsterste Heidentum nahm seinen völligen Anfang. [HGt.03_240,15] Diese alten Priester kannten Mich wenigstens noch für sich; nun aber kannte Mich niemand mehr. Denn die Heldenoberpriester waren noch Neulinge und noch nicht eingeweiht in die Weisheit der Alten und wußten wenig oder nichts von Mir! [HGt.03_240,16] Was aber da weiters, wird die Folge zeigen! 241. Kapitel — Die geistliche Politik des Generaloberpriesters und seine Rede vor dem Priesterrat[HGt.03_241,01] Nach dieser Expedition und nach der neuen Einsetzung der Unterpriester aber berief der Gurat einen Priesterrat zusammen, in dem da bestimmt werden sollte, wie die neue Gotteslehre fürs Volk aussehen solle. [HGt.03_241,02] Als der Rat in der Burg des Königs beisammen war, da erhob sich alsbald der Generaloberpriester und sprach: „Mein König und mein Herr, laß mich sprechen in dieser wichtigen Sache, von der einzig und allein deine und unser aller Wohlfahrt abhängt! Denn stellen wir die Gottlehre plump auf und verleihen ihr nicht den größten Pomp und Prunk, so ist sie so gut, als wäre sie gar nicht! [HGt.03_241,03] Aus diesem Grunde müssen die dem Volke bekannten Götter beibehalten und noch eine Menge hinzugestellt werden, aber mit der wichtigen Abänderung, daß wir ihnen an verschiedenen, unheimlich aussehenden Orten große Tempel von sehr mystischer Gestalt erbauen und in selben die Gottheit in möglich kolossalster Größe formen; denn alles Kolossale übt auf den beschauenden Menschen einen mächtigen Eindruck aus und erschüttert sein Gemüt. [HGt.03_241,04] Für jede Gottheit müssen wir auch Priester kreieren, die aber mit allen Salben der geistlichen Politik gesalbt und imstande sein müssen, auf dem Wege der natürlichen Zauberei ihre Gottheit die entsprechenden Wunder wirken zu lassen. Mechanik und Chemie müssen solchem Priester eigen sein, und je pfiffiger er die Wunder erzeugen wird, desto besser soll er stehen! [HGt.03_241,05] Denn es sei ja ferne von uns, solche Priester etwa von der Staatskasse aus zu besolden; sondern jedem werde gesagt: ,Siehe, der Tempel ist ein Fettstock! Du wirst als Katze hingestellt; willst du fressen, so wisse den Fettstock anzupacken!‘, und wir können im voraus überzeugt sein, in wenigen Jahren wird unser Reich strotzen von den tiefsinnigsten Wundern aller erdenklichen Art, und das Volk wird sich vor lauter Andacht und Ergebung ordentlich nicht zu helfen wissen! [HGt.03_241,06] Vor allem aber muß darauf gesehen werden, daß da ein jeder Priester eines Tempels mit der bestimmten Gottheit die größte Verschwiegenheit beachte, daß er bei Todesstrafe allzeit nüchtern sei gegenüber einem jeden Menschen aus dem Volke, daß er ferner schwer zu sprechen sein muß; und wenn er schon mit jemandem redet, daß er da so unverständlich als möglich rede, – denn was der gemeine Vernunftmensch versteht, hält er nicht für göttlich! [HGt.03_241,07] Bei jedem Tempel aber muß dann auch ein Volksredner von guter Zunge angestellt sein, der es gehörig versteht, des Tempels und der Gottheit Wundertaten im selben dem Volke anzupreisen; zur Befähigung solcher Priester und Redner aber sollen nur hier in Hanoch die Schulen sein! [HGt.03_241,08] Ich meine, wenn dieser mein Vorschlag in Anwendung gebracht wird, so haben wir dadurch für alle Zeiten der Zeiten gesorgt und brauchen dem Volke nicht einmal direkte Steuern aufzuerlegen; denn die Tempel mit den Göttern und Priestern werden ihm die Schätze schon ohnehin auf die unschuldigste Art von der Welt herauskitzeln, und die Regierung wird das Aussehen haben, als wäre sie eine Tauben- und Lämmerregierung. Daß die Welt aber betrogen werden will, das ist eine altbekannte Sache; also sei sie denn auch betrogen! – [HGt.03_241,09] Nun aber noch eins! Du, König, sollst die Oberherrlichkeit der Hochländer anerkennen? – Das sehe ich nicht ein, wozu diese gut sein sollte! Ich meine, wir stehen auf dem Grunde und sollen daher fester sein als die Hochländer! [HGt.03_241,10] Weißt du, König, was wir da tun? – Siehe, wir nehmen die Treppe hinweg, und die Hohen sollen dann sehen, wie sie zu uns herabkommen mögen, das heißt, wir skarpieren alle die möglichen Zugänge ins Hochland um hundert Mannshöhen, und die Hohen mögen sich da Flügel wachsen lassen, wenn sie zu uns herab wollen! [HGt.03_241,11] Mehr sage ich vorderhand nicht und lasse das Weitere dir, o König, über!“ [HGt.03_241,12] Der König und alle waren mit diesem Rate über die Maßen zufrieden, und dieser Rat wurde auch allerschleunigst und tätigst ins Werk gesetzt. Schon am nächsten Tage wurden alle Architekten, Bildner und Mineure zusammenberufen. 242. Kapitel — Die Isolierung der Hochländer durch Abskarpierung der Bergabhänge. Die Energie der Urvölker. Die Erbauung der neuen Heidentempel[HGt.03_242,01] Die Mineure nahmen zweihunderttausend Mann, ein jeder ausgerüstet mit den für ihr Geschäft nötigen Werkzeugen. [HGt.03_242,02] Die Ingenieure untersuchten die möglichen Zugänge ins Hochland und fanden deren bei fünfzig, die von oben herab wohl im äußersten Falle gangbar gemacht werden konnten. Aber so jemand von unten hinauf möchte, so gelangte er wohl bis zu den vielen Schluchtenmauern, aber über diese, die turmhoch waren, war es nicht möglich zu kommen; die Hochlandsbewohner aber konnten mit Strickleitern hinab über die Mauern und von da nachher auch in die Ebene des Tieflandes gelangen. [HGt.03_242,03] Es waren in der Höhe freilich mehr als fünfzig vermauerte Pässe; aber die Gräben und Schluchten kamen stets mehr in der Tiefe zusammen und vereinten sich, und es wurde da aus zwanzig Gräben und Schluchten nur ein Hauptgraben. Wurde dieser unpassierbar gemacht, so wurden dadurch auch alle höheren Ausläufer dieses einen Hauptgrabens zu nichts nütze. [HGt.03_242,04] Die fünfzig Zugänge wurden im Verlaufe von drei Monden bei zweihundert Mannshöhen senkrecht abskarpiert, und das nicht selten in einer Breite von vierzig bis hundert Klaftern. Dadurch ward es nun den Hochlandsbewohnern rein unmöglich gemacht, je in die Ebenen Hanochs zu gelangen; und so war diese Arbeit gar zweckmäßig in solcher kurzen Zeit beendet, zu der in der jetzigen Zeit sicher mehrere Jahre erforderlich sein möchten. [HGt.03_242,05] Diese Urvölker hatten überhaupt das Eigentümliche, daß sie eine Arbeit zuvor wohl berechneten, dann aber wendeten sie auf einmal so viel Kraft an, daß solch eine Arbeit in der möglich kürzesten Zeit beendet werden mußte. [HGt.03_242,06] Denn sie sagten: „Es kostet eines und dasselbe, ob wir mit wenigen Arbeitern eine längere Zeit auf ein Werk verwenden, oder ob wir mit vielen Arbeitern eine kurze Zeit auf dasselbe Werk verwenden; im zweiten Falle aber gewinnen wir an der Zeit und machen dadurch das Werk früher benützungsfähig, – was dann ein Hauptgewinn ist!“ [HGt.03_242,07] Weltlich genommen und spekuliert hatten sie sicher ganz recht; wer diese Regel geistig beachten möchte, der würde auch besser fahren, als auf dem Wege seiner lauen Saumseligkeit. [HGt.03_242,08] Auf diese Weise wurden auch für die Erbauung der Tempel bei zwei Millionen Arbeiter beordert, und in einem Jahre wurden allorts allerart Tempel mit Nebengebäuden, in allem bei tausend an der Zahl, erbaut und mit allem versehen. [HGt.03_242,09] Wie aber die Gottheiten in denselben verteilt und wunderwirkend errichtet wurden, davon in der Folge einige Skizzen! 243. Kapitel — Die Beschreibung einiger der neuen Götzentempel. Der Ochsentempel[HGt.03_243,01] Hier sind einige Skizzen von den wunderlichen Götzendarstellungen in den Tempeln: [HGt.03_243,02] In einer tiefen Gebirgsschlucht, wo ein wilder Gebirgsbach tobte und sich über hohe Felswände in jähen Fällen zerstäubte, war in einem ziemlich geräumigen Felsenkessel ein großer halbrunder Tempel erbaut. [HGt.03_243,03] Die Vorderwand war gerade, und an sie schloß sich ein halbzylinderförmiger Hinterbau, an den sich dann das Wohngebäude der betreffenden Priesterschaft anreihte. [HGt.03_243,04] An der Vorderwand dieses Tempels befanden sich zuoberst zwei große eirunde Fenster, gleichgestaltig mit den Augen eines Ochsen. [HGt.03_243,05] Ein paar Klafter tiefer, aber gerade in der Mitte zwischen den beiden Oberfenstern, waren wieder zwei länglich runde Fenster, aber ziemlich knapp nebeneinander angebracht; aber ihre Länglichkeit war senkrecht gegenüber der waagerechten der oberen beiden mit den Augen eines Ochsen korrespondierenden Fenster. [HGt.03_243,06] Endlich war zuunterst ein bei vier Klafter breites, mit drei schwarzen Säulen unterstütztes und eineinhalb Klafter hohes Tor angebracht, das von der Ferne ziemlich das Ansehen eines Ochsenmaules hatte. [HGt.03_243,07] Und da die ganze Vorderwand um die Ober- und Unterfenster und um das Tor also bemalt war, wie da aussieht eines Ochsen Kopf, und zu- oberst der Wand über den Augenfenstern zwei Ausläufer gleich zwei Hörnern und an den beiden Seiten der Vorderwand parallel mit den Augenfenstern zwei große Blechohren angebracht waren, aus denen durch Röhren geleitet beständig ein mächtiger Rauch ging, so hatte diese Front das ganz schauerlich großartige Aussehen eines Ochsenkopfes. [HGt.03_243,08] Das Innere des Tempels war dunkelrot bemalt, und im Hintergrunde des Tempels, wie in einer mächtig großen Nische, stand ein kolossaler Ochse, aus Kupferblech angefertigt. Seine Hinterfüße waren so dick, daß man durch sie mittels einer Leiter recht bequem in den großen Bauch des Ochsen gelangen und da allerlei Blendwerk ausüben konnte. [HGt.03_243,09] Das Blendwerk aber bestand darin: Bei wallfahrtlichen Besuchen dieses gar wundertätigen Tempels und Götzen wurde der enorm große Kopf fortwährend auf und ab mittels eines innern Hebels bewegt. Dann war innerlich im Bauche ein starker Blasebalg angebracht. Durch den wurde Rauch und nicht selten auch Flammen zum Rachen des Ochsen hinausgetrieben, worauf es dann im Ochsen gewaltig zu donnern anfing. [HGt.03_243,10] Und wenn der entsetzliche Donner ein Ende nahm, da erst nahm der im Bauche des Ochsen befindliche Redner ein großes, blechernes Sprachrohr und richtete einige unzusammenhängende Worte an das bebende Volk. [HGt.03_243,11] Darauf ward dann der Ochse ruhig, und der Oberpriester kam durch eine Hintertür zum Vorschein, zündete ein Rauchwerk an und bestimmte die Opfer fürs Volk und die nächste Opferungszeit. [HGt.03_243,12] Wer da ein Rindvieh hatte, mußte hier opfern, sonst ward ihm das Rindvieh bald krank und krepierte, – was natürlich die dienstbaren Geister dieses Tempels bewirkten. [HGt.03_243,13] Nächstens der Skizzen mehr! 244. Kapitel — Der Sonnentempel[HGt.03_244,01] Eine starke Tagereise von Hanoch gegen Mittag hin auf einem ganz kahlen Felsengebirge ward einer der allerverdächtigsten Tempel errichtet, in dem die Sonne verehrt ward. [HGt.03_244,02] Warum aber war dieser Tempel so verdächtig? – Die nähere Darstellung desselben wird das klar zeigen! [HGt.03_244,03] Der Tempel war vollkommen rund. Die eine Hälfte des Tempels hatte eine feste Wand; die andere Hälfte aber war offen und bestand aus sechs Säulen, die das kegelförmige Runddach trugen. [HGt.03_244,04] An der Festwandseite, die gegen Abend gewendet war, war das priesterliche Wohngebäude ganz fest angebaut und hatte für hundert Priester Wohnraum und war gleich hoch mit dem Tempel, der eine Höhe von zehn Klaftern und ebensoviel im Durchmesser hatte. [HGt.03_244,05] Gerade in der Mitte der Festwand des Tempels war ein bei zwei Klafter im Durchmesser habender feinstpolierter, aus dickem Goldbleche bestehender Hohlspiegel angebracht, der durch kunstvolle Mechanik nach allen Graden eines Halbkreises hin und her und auf und ab gerichtet werden konnte. [HGt.03_244,06] In genau zehn Klafter Brennpunktweite gegen Abend hin waren zwischen den sechs Säulen fünf Schuh hohe und vier Schuh im Durchmesser habende runde Opferaltäre angebracht. [HGt.03_244,07] Von der Priesterwohnung führte ein unterirdischer Gang genau unter den Mittelaltar, das heißt der von den fünf Altären zwischen den sechs Säulen der natürlich mittlere war. [HGt.03_244,08] Dieser Altar war hohl. Unter ihm befand sich eine Hebemaschine; diese hob einen steinernen Stempel, der genau in die Höhlung des Altars paßte. [HGt.03_244,09] Wenn nun der opfernde Priester in seinem Goldkleide in den Tempel, den das Volk umstand, kommen wollte, so stellte er sich auf den steinernen Stempel und ward in die Höhe gewunden durch eine Maschine, hob natürlich mit dem Kopfe den goldenen Deckel des Altars in die Höhe und stand auf diese Art auf einmal wie hergezaubert, mit einem goldenen Hammer in der Hand, auf dem Altare. [HGt.03_244,10] Wenn dann das Volk hinzuging und sich überzeugte, daß der Altar von festem Steine war, durch den kein natürlicher Mensch dringen kann, so sah es den Priester für ein höheres Wesen an. Darauf deckte der Priester den Altar wieder zu und murmelte einige unverständliche Worte und klopfte dann dreimal auf den Deckel des Altars, und sogleich hob sich der Deckel wieder, und ein zweiter Priester, mit Rauchwerk versehen, kam hervor. [HGt.03_244,11] Die Operation geschah noch dreimal aufeinander. Dann ward der Mittelaltar fest geschlossen, die vier andern Altäre wurden abgedeckt, und die vier Opferpriester legten ihr Rauchwerk auf die ebenfalls weißen Steinplatten. [HGt.03_244,12] Wenn nun das Rauchwerk gelegt war, da beteten die Priester den Hohlspiegel an, der die Gestalt der Sonne hatte. Der Oberpriester aber klopfte mit dem Hammer auf eine andere Platte, und alsbald ward der sonst verdeckte Hohlspiegel entdeckt und ward gedreht durch einen innern Mechanismus, den ein Kunstverständiger leitete. [HGt.03_244,13] Der mächtige Brennpunkt fiel nun auf einen der vier Opferaltäre und verzehrte im Augenblicke das leicht entzündliche Rauchwerk. [HGt.03_244,14] Wenn auf allen vier Altären das Rauchwerk verzehrt war, da trat dann ein Redner auf den Mittelaltar und hielt eine entsetzliche Rede an das Volk und zeigte, daß die Sonne ganz in der Gewalt dieses Tempels stehe. Darum mußte das Volk gewaltig opfern, wenn es schöne Tage und ein gutes Jahr haben wollte. [HGt.03_244,15] Mehr brauche Ich von diesem Satanswerke nicht zu sagen; denn es kann jeder Denkende leicht ersehen, welche Wirkung dieser Trug beim sehr finster gehaltenen Volke hervorbringen mußte. [HGt.03_244,16] Nächstens in der Art mehr! 245. Kapitel — Der Windtempel[HGt.03_245,01] Im Osten von Hanoch, und zwar in einer Entfernung von drei Tagereisen, befand sich ein mäßiges Gebirge. [HGt.03_245,02] Der höchste Teil dieses Gebirges bestand aus vier gleich hohen Hügeln, die da alle eine ziemlich regelmäßige Kegelgestalt hatten; diese vier Hügel standen aber nicht etwa nach der Reihe hin, sondern also, daß ihre Spitzen die Enden oder Ecken eines ein wenig verschobenen Vierecks bildeten. [HGt.03_245,03] In der ziemlich bedeutenden Hochebene zwischen diesen vier Hügeln befand sich ein nicht unbedeutender See, der gut bei drei Stunden im Umfange hatte. Dieser See hatte vier ziemlich starke Abflüsse, und das natürlich durch die vier Täler zwischen den vier Hügeln. [HGt.03_245,04] Auf einem jeden dieser Hügel war ein offener Säulentempel erbaut, und etwas tiefer – am See schon beinahe – befanden sich die Wohngebäude für die Priester, die aber keine Türen hatten, die irgend offen am Gebäude ersichtlich gewesen wären, sondern von der entgegengesetzten Seite des Hügels ging ein Tunnel, durch den allein man in das Wohngebäude gelangen konnte; ebenso ging auch ein unterirdischer Gang von jedem Wohngebäude zum Tempel auf der Höhe des Hügels. [HGt.03_245,05] In der Mitte eines jeden Tempels war ein mächtiger Pfeiler erbaut. An einer jeden der vier Wände des Pfeilers war ein kolossaler hohler Metallkopf von plumper Arbeit eingemauert. Ein jeder dieser Köpfe hatte einen also offenen Mund wie ein Mensch, der da etwa eine Kohle oder sonst etwas anbläst; nur war natürlich die Öffnung gut zwei Schuhe im Durchmesser habend. [HGt.03_245,06] Von dem Pfeiler ging unterirdisch eine über zwei Schuhe im Durchmesser habende Röhre bei zweihundert Klafter in eine ganz verborgen künstlich gemachte Grotte hinab. In dieser Grotte, die so groß war, wie jetzt ein ziemlich großes Bethaus, ward ein mächtiges Windgebälge durch ein Wasserrad getrieben, das in einer jeden Sekunde bei zehntausend Kubikfuß Luft durch die besagte Röhre in einen der Tempel beförderte. Natürlich hatte ein jeder Tempel in der Talschlucht ein eigenes Gebälge. [HGt.03_245,07] Viermal im Jahre war in diesem Wunderorte ein großes Opferfest, das natürlich hier den vier Winden galt, abgehalten worden. Diesen vier Winden mußte jedermann von allem, was er hatte, recht reichlich opfern, – sonst hatte er ganz entsetzliche Stürme zu befürchten. An den bestimmten Opferfesttagen wimmelte es von Tausenden und Tausenden der Wallfahrer, welche alle mit Opfern aller Art reichlich beladen waren. [HGt.03_245,08] Wenn die Tempel recht umlagert waren, da kamen auf einmal wie gezaubert durch eine verborgene Tür, die an einer Säule künstlich angebracht war, die Priester im Tempel zum Vorschein, gaben mit einer Fahne ein Zeichen in die Gegend, wo sich das Geheimgebälge befand, und alsbald ließen die Mechaniker das Gebälge in die vollste Tätigkeit treten, und aus den Blasmundöffnungen der vier kolossalen Köpfe an dem Pfeiler fing an ein so mächtiger Luftstrom zu gehen, daß er noch in einer Entfernung von zwanzig Klaftern die Gewalt eines Orkans ausübte. [HGt.03_245,09] Dadurch erkannte nun das Volk die Herren der Winde und mußte ihnen manchmal große Opfer bringen, wenn es sie für sich gewinnen wollte, durfte aber dennoch nie zu fest rechnen auf ihre Treue; denn die Herren der Winde mußten ja sehr locker sein! [HGt.03_245,10] Dasselbe Gebläse konnte auch auf die Oberfläche des Sees gerichtet werden durch andere Röhren, wodurch dann der See in ein ziemliches Wogen versetzt wurde, besonders in der Gegend, wo die Röhre zum Gewässer des Sees stieß. [HGt.03_245,11] Was derlei großartige Illusionen auf das dumme Volk für Wirkungen ausübten, kann sich ein jeder leicht denken! [HGt.03_245,12] Nächstens solcher Skizzen mehr! 246. Kapitel — Der Wassertempel[HGt.03_246,01] In einer ebenfalls gebirgigen Gegend, die bei zwei Tagereisen von Hanoch nordöstlich entfernt lag, ward dem Wassergotte ein Tempel erbaut. Wie aber, – das wird sogleich folgende kurzgefaßte Skizze zeigen! [HGt.03_246,02] In der besagten Gegend, die von steilen Bergen ringsherum eingeschlossen war, befand sich ein sehr großer See, der einen Umfang von dreißig Meilen oder sechzig Stunden Weges hatte. [HGt.03_246,03] In der Mitte dieses Sees war aber eine Insel, die einen Flächenraum von wenigstens vier Quadratmeilen hatte und voll Klippen und sonstiger kleiner, aber recht steiler Berge war, die da recht quellenreich waren, durch welche Quellen der mehr flache Teil dieser Insel recht gut bewässert und somit fruchtbar gemacht ward. [HGt.03_246,04] Diese Insel hatten sich die Wassergötter ausgesucht und erbauten in der Mitte derselben eine sehr ansehnliche Burg, um die ein breiter Wassergraben gezogen war, der von hundert künstlichen Springquellen sein Wasser erhielt. [HGt.03_246,05] In der Mitte dieser gerade viereckigen Burg war erst ein majestätischer offener Tempel erbaut, in dem sich ein in einer großen Muschel, die aus Stein gemeißelt war, stehender kolossaler Wasserdrache befand, der aber nicht aus Stein, sondern aus mit Gold legiertem Kupferbleche kunstvoll gearbeitet war. [HGt.03_246,06] Auf des Drachen Rücken ritt eine aus gleichem Materiale angefertigte, ebenfalls kolossale Mannsfigur, die, durch einen innern, ganz einfachen Mechanismus getrieben, fortwährend den Kopf hin und her drehte und die rechte Hand von Zeit zu Zeit in die Höhe hob. [HGt.03_246,07] Sooft aber diese Figur die Hand in die Höhe hob, so oft auch schoß durch eine Röhre zuoberst des Runddaches über den Tempel ein mächtiger Wasserstrahl über zwölf Klafter hoch empor, was da natürlich ein fürs dumme Volk höchst wunderbar überraschendes Schauspektakel war. [HGt.03_246,08] Es waren hier noch eine Menge anderer Wasserkunstwerke errichtet, und die ganze Insel ward mit der Zeit mit allerlei Springquellen übersät; allein diese alle näher zu beschreiben, würde ein eigenes Buch vonnöten sein. Daher gehen wir zur Hauptsache über! [HGt.03_246,09] Dem Wassergotte wurden in einem Jahre zwölf Feste geweiht. Und wer da irgendwo im Reiche Hanoch einen Brunnen grub, mußte zuvor dem Wassergotte opfern. Sooft sich einer wusch, mußte er des Wassergottes gedenken und alle sieben Tage ein kleines Opfer auf die Seite legen. Wer sich irgend badete, der mußte schon ein bedeutendes Opfer darbringen und mußte es dem allenfalls irgend vom Wassergotte aufgestellten Wasserwächter überreichen, – sonst durfte er auf kein Glück im Wasser rechnen! [HGt.03_246,10] Also mußten auch die Wäscher, die Schiffer und die Fischer und noch allerlei sich mit dem Wasser beschäftigende Leute dem Wassergotte opfern, sonst erwartete sie ein unvorhergesehenes Ungemach, in das sie gewöhnlich von den Wassermeistern, die allenthalben bei den Gewässern aufgestellt waren, gebracht wurden. [HGt.03_246,11] Damit sich aber alles Volk vom Hanochreiche zu solchen Opferungen willigst bekannte, so wurden – wie schon bemerkt – zwölf Feste auf dieser Insel abgehalten. Bei diesen Festen wimmelte es von allerlei Wasserfahrzeugen auf dem See; die Wallfahrer fuhren hin und her. [HGt.03_246,12] Auf der Insel gab es auch eine Menge Gasthäuser, in denen die Gäste möglichst geprellt und geschnürt wurden; und für die priesterlichen Fischer und Schiffer dieses Sees gab es auch eine Menge Verdienste. Hin auf die Insel wurde zwar jedermann gratis geführt; aber desto mehr mußte er für die Rückfahrt bezahlen. [HGt.03_246,13] Ich meine, mehr braucht man von dieser Scheußlichkeit nicht zu erfahren! Daher wollen wir nächstens wieder zu einer noch löblicheren übergehen! 247. Kapitel — Der Feuertempel[HGt.03_247,01] In einer anderen Gegend zwischen Bergen, die da an Naphthaquellen sehr reich waren, ward ebenfalls ein großer Tempel erbaut. [HGt.03_247,02] Der Tempel war ganz ohne Fenster und somit ganz geschlossen, und man konnte in denselben nur unterirdisch gelangen durch einen Schlängelgang und am Ende des Ganges durch eine Wendeltreppe. [HGt.03_247,03] Der Tempel war sehr geräumig und konnte auf seinen Galerien und in seinem Ebenerdraume wohl bei zwanzigtausend Menschen fassen, ohne daß dadurch ein Gedränge entstehen durfte. [HGt.03_247,04] Die Dachung, welche aus vielen Rundkuppeln bestand, ward von vielen mächtigen Pfeilern getragen, und durch eine jede Kuppel ging eine schräge Öffnung, damit durch sie der im Tempel erzeugte Dunst entweichen konnte. [HGt.03_247,05] Im eilänglichen, nischenartigen Hintergrunde war auf einem staffeligen, eirunden Gestelle eine immens kolossale nackte Mannsstatue errichtet. Diese Statue saß auf einem ungeheuer großen Steinwürfel, der einen Durchmesser von vier Klaftern, somit einen Flächenraum von sechzehn Quadratklaftern und einen Inhalt von vierundsechzig Kubikklaftern hatte. Die Statue war jedoch nur aus Kupferblech gemacht, war demnach hohl und konnte in ihrem inneren Raume fünfhundert Menschen fassen, die bei den Festen, deren nur zwei im Jahre waren, allerlei Spektakel ausübten. [HGt.03_247,06] Um das enorme Staffelgestelle der Statue waren in einer Entfernung von drei Klaftern, und zwar einen eirunden Kreis bildend, zweihundert eine Klafter hohe und zwei Schuh im Durchmesser habende runde Altäre gestellt, unter die eine Naphthaquelle geleitet war. [HGt.03_247,07] Die Altäre waren kupferne Zylinder, die ganz mit zerstoßenen Bimssteinen ausgefüllt waren. Das Erdöl stieg nun nach den Gesetzen der Anziehung durch die Bimssteinporen den ganzen Zylinder hinauf in reichlichem Maße, und man durfte nur mit einem Lichtchen über die fette Oberfläche des Altars fahren, so stand diese alsbald in hellen, sehr weißen Flammen, die dem sogenannten bengalischen Lichte gleichkamen. [HGt.03_247,08] Diese also brennenden Altäre erleuchteten das Innere des Tempels so stark, daß darinnen mehr als eine Tageshelle herrschte. Diese Altäre brannten Tag und Nacht in einem fort und wurden nimmer ausgelöscht. [HGt.03_247,09] Es gingen aber noch eine Menge Kupferröhren auf den Pfeilern hinauf und waren durch alle Galerien geführt. Wo immer die Röhre eine Öffnung hatte, da auch durfte man nur mit einem Lichtchen hinfahren, und es brannte sogleich das sehr ätherische Öl der Erde. [HGt.03_247,10] Wenn nun ein bestimmtes Fest kam, das diesem „Feuergott“ und seinen Dienern galt, da kamen Hunderttausende von Wallfahrern aus allen Gegenden und brachten diesem Götzen viele und reiche Opfer. [HGt.03_247,11] Die Priester dieses Götzen errichteten allerlei Feuerspektakel; ein Feuerwerk überbot das andere an Größe, Glanz und mannigfacher Pracht. Ganz besonders war zur Nachtzeit die ganze Gebirgsgegend so erleuchtet, daß man nicht wußte, wenn der Tag seinen Anfang nahm. [HGt.03_247,12] Im Tempel redete der Götze wie tausendstimmig von seiner Macht an das Volk und rühmte sich über alle Maßen, und draußen predigten die Priester. [HGt.03_247,13] Welch einen Effekt das beim dummen Volke machte, braucht nicht näher beschrieben zu werden; nur so viel kann noch gesagt werden, daß dieses Fest der vielen Hauptspektakel wegen auch von den höchsten Standespersonen allzeit besucht ward. [HGt.03_247,14] Selbst Gurat und sein General fehlten nie mit ihrem Gefolge. Mehr braucht es nicht, um den höchsten Grad der Abgötterei zu erkennen, die hier getrieben wurde. [HGt.03_247,15] Aber darum nächstens dennoch der Skizzen mehr! 248. Kapitel — Der Liebestempel mit seinem Garten in Hanoch[HGt.03_248,01] In Hanoch selbst ward ein Wundertempel erbaut, der aber jederzeit des Tages offen stand; nur mußte sich ein jeder Besucher gefallen lassen, den schönen Priesterinnen, den Halbgöttinnen und ganz besonders den Ganzgöttinnen ein recht tüchtiges Opfer darzureichen. [HGt.03_248,02] Ja, wie war denn dieser Tempel bestellt, wie eingerichtet, und wem ward hier eine göttliche Verehrung bezeigt? – Die folgende kurze Darstellung wird das gleich im hellsten Lichte zeigen! [HGt.03_248,03] Der Tempel war außerhalb des Tores, das zu den Kindern Gottes führte, und hinter dem bald das Gebirge seinen Anfang nahm, erbaut. [HGt.03_248,04] In den Büchern Kinkars fand man eine gar feurige Darstellung der Naëme, die nach der Beschreibung so schön gewesen wäre, daß ihr sogar die Steine nachgelaufen wären. [HGt.03_248,05] Dieser Naëme ward somit ein prachtvollster Tempel erbaut, der rund und offen war und aus dreißig Säulen nach außen und aus zehn Pfeilern innerhalb der dreißig Säulen in einer guten Ordnung bestand, so daß je hinter drei Säulen ein Pfeiler zur Tragung des Runddaches zu stehen kam, und zwar in einer Entfernung von drei Klaftern. [HGt.03_248,06] Um den Tempel waren drei Paläste erbaut; der eine für die Priesterinnen, der andere für die Halbgöttinnen und der dritte für die Ganzgöttinnen. [HGt.03_248,07] In der Mitte des Tempels selbst war aus weißem Marmor, ganz nackt, kunstvollst auf einem stark vergoldeten Postamente die Naëme in einer etwas kolossalen Größe dargestellt, und an den Pfeilern waren nackte Mannsstatuen in voller Erregtheit auf niederen Gestellen aufgerichtet und hatten ihre Gesichter auf die nackte Naëme gerichtet. [HGt.03_248,08] Um den Tempel und um die drei Wohnpaläste war aber ein ungeheuer großer Garten angelegt, der an Pracht und Kunst nichts zu wünschen übrigließ. [HGt.03_248,09] Er bestand aus drei Abteilungen. Die eine und die vorzüglichste war ein kunstvolles Labyrinth; aber die Gänge dieses Labyrinthes waren nicht etwa eine geschlossene Mauer, sondern sie bestanden aus gar zierlichen Staketen, so daß man aus einem Gange in hundert andere sehen konnte. [HGt.03_248,10] Und wenn sich neckenderweise hier und da eine schönste Ganzgöttin zeigte, so konnte aber der Verehrer einer solchen Göttin dennoch nicht zu ihr; und wenn ihn manchmal auch nur eine einzige Staketenwand von ihr trennte, so mußte er aber dennoch oft die größten Umwege machen, um zu ihr zu gelangen. [HGt.03_248,11] Der Unterschied zwischen den Priesterinnen, Halbgöttinnen und Ganzgöttinnen aber bestand darin: [HGt.03_248,12] Die Priesterinnen waren zierlich gekleidet und sonst schön von Gesicht und Wuchs. [HGt.03_248,13] Die Halbgöttinnen hatten nur eine spannlange Goldschürze über die Scham und Armbänder mit Edelsteinen und an den Füßen goldene Sandalen; sonst aber waren sie ganz nackt. [HGt.03_248,14] Die Ganzgöttinnen aber waren ganz nackt bis auf die Goldsandalen an den Füßen und mußten von der größten Schönheit sein. Ihre Haare mußten goldblond sein; der ganze Leib durfte kein Tüpferl haben und mußte durchaus weiß und völlig makellos sein. Ebenso durfte außer dem Haupte auch kein anderer Körperteil irgendeine naturgemäße Behaarung haben, für deren Vertilgung aber Hanochs Kunst eine Menge Mittel besaß. [HGt.03_248,15] Wenn die Ganzgöttinnen in den durchaus bedachten Irrgängen spazieren gingen, da hatten sie stets eine Priesterin und eine Halbgöttin bei sich. Die Priesterin mußte vorangehen, um der Ganzgöttin die Wege zu reinigen, und die Halbgöttin mußte ihr die Fliegen, Schnaken und Bremsen vom Leibe mit einem Wolfs- oder Fuchsschweife treiben. [HGt.03_248,16] In den anderen zwei Teilen des Gartens, die aus Alleen, Blumenbeeten und Lusthäuschen bestanden, konnten auch die Priesterinnen Geschäfte machen; aber im Labyrinth, das auch mit einer Menge geschlossener Tempelchen versehen war, durften nur die Ganz- und mitunter auch die Halbgöttinnen Geschäfte machen. [HGt.03_248,17] Der Gottheit der Schönheit wurden zwar keine bestimmten Feste gegeben; aber dafür stand der Tempel täglich und nächtlich bei guter Beleuchtung offen. [HGt.03_248,18] Anfangs war der Tempel in allem nur mit dreitausend weiblichen Wesen versehen; aber schon in drei Jahren mußten die Priesterinnen, dann die Halb- und Ganzgöttinnen verzehnfacht werden. Denn sie trugen dem Gurat mehr als alle anderen Tempel; denn das Labyrinth strotzte Tag und Nacht von Verehrern der Ganz- und auch Halbgöttinnen. [HGt.03_248,19] Mehr darüber zu sagen, ist nicht vonnöten; denn es wird aus dem jeder leicht das offene Laster erschauen. – Nächstens darum eine Skizze weiter! 249. Kapitel — Der Metall- oder Erztempel[HGt.03_249,01] Unweit von Hanoch, wo seit den Zeiten Lamechs die Erzwerke sich befanden, von denen der Thubalkain der Erfinder war, wurde ebenfalls ein besonders reicher und prachtvollster Tempel erbaut. [HGt.03_249,02] Dieser Tempel war auch offen, und ein großes Runddach ward von lauter ehernen Säulen getragen, deren dieser Tempel einige Hunderte hatte; der Tempel aber war nicht vollkommen rund, sondern mehr eiförmig. [HGt.03_249,03] Im schmäleren Hintergrunde war ein massiver Dreifuß aufgestellt. Seine Füße waren drei bei zwei Klafter hohe Säulen, und die massive Rundplatte, die sie trugen, hatte drei Klafter im Durchmesser. [HGt.03_249,04] Auf dieser Rundplatte stand ein kolossaler halbnackter Schmied, aus dickem Kupferblech künstlich gearbeitet. Vor ihn war ein mächtiger Amboß gestellt, auf dem ein großer Klumpen Erz lag. [HGt.03_249,05] Der kolossale Schmied aber hatte in der rechten Hand einen ungeheuren Hammer, der aber auch hohl wie der Schmied selbst war. In der linken Hand aber hatte er eine große Zange, mit der er den Erzklumpen auf dem Amboß hielt. [HGt.03_249,06] Am Rande dieser Platte, auf der unser Schmied stand, aber waren noch eine Menge kleiner Statuen, ebenfalls aus Kupferblech angefertigt, eine jede mit einem andern montanistischen Werkzeuge geziert, und trugen sonach die Attribute des Erzgottes und ersten Erzmeisters, der natürlich kein anderer als der Thubalkain selbst war. [HGt.03_249,07] Hinter dem großen Tempel, gegen den Berg zu, war eine große priesterliche Burg erbaut, in der hundert Priester wohnten und von den reichen Opfern lebten, die diesem Gotte dargebracht wurden. [HGt.03_249,08] Hinter der Burg aber befand sich der heilige Schacht, den Thubalkain selbst in den Berg geschlagen hatte. Gegen ein starkes Opfer durfte jedermann in denselben fahren. [HGt.03_249,09] In einer Tiefe von hundert Klaftern befand sich eine große Grotte, die Thubalkain aushauen ließ. Hier zeigten die Priester dieses Gottes eine Menge alter Heiligtümer, die alle vom Thubalkain herrührten. Natürlich aber war dabei, wie überall, viel Lug und Betrug. [HGt.03_249,10] Dieser Gott hatte nur drei Feste im Jahre. An solchen Festen ward ein Ochse von den Priestern geschlachtet, und zwar auf der großen Rundplatte vor dem Gotte. [HGt.03_249,11] Wenn der Ochse geschlachtet war, da begaben sich die Priester herab von der Platte, und im Augenblicke begann unter dem Dreifuße ein mächtiges Feuer aufzusprühen, nahm stets zu und machte bald die ganze Platte glühend. Und das Feuer hielt so lange an, bis auf der Platte der ganze Ochse zu Asche ward. [HGt.03_249,12] Während dieses Feuers aber hämmerte der Gott auch fleißig, – welche Aktion aber natürlich durch ein verborgenes Wassergetriebe bewerkstelligt war, so wie durch dasselbe Getriebe auch ein starker Blasbalg in Tätigkeit gesetzt ward, durch den das Kohlenfeuer unter dem Dreifuße mächtig angefacht wurde. [HGt.03_249,13] Auf diese allzeit gleiche Opferung wurden starke Predigten gehalten, in denen der Nutzen der Metalle gerühmt ward, und natürlich der Gott der Metalle am meisten. [HGt.03_249,14] Nach solcher Predigt wurden die Opfer in Empfang genommen, und die Wallfahrer durften dann die naheliegenden königlichen großen Bergwerke besuchen, wo es aber auch von Trinkgeldbettlern wimmelte. [HGt.03_249,15] Daß auch dieser Tempel stark besucht ward, braucht kaum näher erwähnt zu werden; darum genug von dem Greuel! 250. Kapitel — Von weiteren Tempeln in Hanoch und Umgebung. Die Steuerfreiheit in Hanoch. Die abgeschnittenen Hochländer auf der Suche nach einem Ausweg in die Ebene. Die Spuren der Arbeit Gurats in Tibet. Der neue Bote Noahs an die zehn Fürsten.[HGt.03_250,01] Auf gleiche Weise bestanden noch eine Menge Götter und Tempel. Die Natur hatte einen Tempel in Hanoch und dann in jeder Stadt einen etwas kleineren; die Wolken hatten auch einen Tempel; ebenso hatten auch der Mond, die Sterne, gewisse Tiere, Bäume, Quellen, Ströme, Seen, Meere, Berge und verschiedene Metalle ihre besonderen Götter, Tempel und Priester. Alle fingerlang stieß man auf einen andern Tempel. [HGt.03_250,02] Alle diese Tempel aber waren dennoch zumeist den bekanntgegebenen untergeordnet. Nur in Hanoch bestand noch des altherkömmlichen Gebrauchs halber ganz geheimnisvollst nach den Büchern Kinkars der Lamechsche Tempel; aber außer dem Könige, dem Generaloberpriester und den anderen Oberpriestern durfte niemand bei Todesstrafe sich diesem Tempel nahen, der dem alten Gotte des Blitzes und des Donners geweiht war. [HGt.03_250,03] Nur der Weisheitstempel auf dem Schlangenberge stand frei; aber es war keine Weisheit mehr darin zu erlangen, sondern an ihrer Stelle wurde nur eine allermystischste Zauberei getrieben, und in der Mitte dieses alten Tempels ward ein Orakel errichtet, wo jedermann ums Geld und sonstige Opfer sich konnte anlügen lassen, sooft er nur immer wollte. Natürlich hielt der gemeine Mann alles für bare Münze. [HGt.03_250,04] Auf diese Art war die Regierung Gurats schon in fünf Jahren so weit gediehen, daß er dem Volke alle Steuern erlassen konnte; denn dieses Tempelwerk trug ungeheure Summen und bewirkte, daß in kurzer Zeit gar viele zuvor abgefallene Provinzen sich wieder unter seinen Schutz begaben und mit vielen Freuden den Göttern opferten. Ja, es gab da Eiferer für das Wesen der Tempel und Götter, die sich eine übergroße Gnade daraus machten, wenn sie auch irgendwo einen neuen Tempel erbauen und für den König dotieren durften! [HGt.03_250,05] Im Verlaufe von zehn Jahren hatte ein jedes Dorf beinahe so viele Tempel als sonstige Wohnhäuser, und ein Haus wetteiferte mit dem andern, ein Dorf mit dem andern und eine Stadt mit der andern, dem Könige das reichste Opfer darzubringen, weil der König gewisserart alle Götter repräsentierte und darum auch der Diener aller Götter genannt ward. [HGt.03_250,06] Also stand es nun mit dem Reiche Hanoch! [HGt.03_250,07] Was aber machten die abgeschnittenen Hochlandsvölker, als sie entdeckten, was ihnen Gurat anstatt der Anerkennung ihrer Oberherrlichkeit angetan hatte? [HGt.03_250,08] Die zehn Fürsten ließen die ganze, weite Gebirgsgegend allergenauest untersuchen, ob wohl nirgends ein Ausweg möglich wäre. [HGt.03_250,09] Ein Jahr verging unter lauter Untersuchungen des Terrains. Aber alles vergeblich; denn Gurat hatte für beständig eine große Wache aufgestellt und ließ fort und fort an der Abskarpierung der Gebirge, die sich nur irgend ans Hochland schlossen, arbeiten, so daß man da nichts als kahle Wände von weiten Ausdehnungen erschaute. [HGt.03_250,10] Die Spuren dieser Arbeit Gurats sind im heutigen Tibet noch hier und da gar wohl ersichtlich. [HGt.03_250,11] Die zehn aber hielten einen Rat, was da zu machen sein solle. Wie ist hier eine Rache möglich? [HGt.03_250,12] Zehnmal wurde ein großer Rat gehalten; aber es kam zu keinem stichhaltenden Beschlusse. [HGt.03_250,13] Darum sprachen die zehn: „Wir müssen darum unter uns andere Gesetze in der Zeugung der Kinder aufstellen, sonst wird unser wennschon großes und fruchtbares Land uns in kurzer Zeit zu unglaublich enge werden!“ [HGt.03_250,14] Als sie aber solche Gesetze schon herausgeben wollten, siehe, da kam ein neuer Bote von Noah und hinderte die zehn an der Gesetzgebung! [HGt.03_250,15] Wie aber, – das wird die Folge zeigen! 251. Kapitel — Die Botschaft des Gesandten Noahs an die Hochlandsvölker. Die Ankündigung des Gerichtes. Des Herrn Auftrag an Noah, die Arche zu bauen. Die Frist von zwanzig Jahren[HGt.03_251,01] Mit großer Auszeichnung ward der Bote Noahs von den zehn empfangen und befragt, was da nun geschehen solle, – ob das von ihnen beratene Gesetz in Anwendung gebracht werden solle oder nicht. [HGt.03_251,02] Der Bote Noahs aber sprach: „Nur das sollet ihr nicht tun; denn nicht alle Wege aus dem Lande sind euch abgeschnitten! Bin ich doch auch von Fleisch und Blut und konnte einen Weg finden zu euch! Wie solltet ihr nicht auch diesen ewig unverwüstbaren Weg aus diesem Lande finden, wenn es vonnöten sein würde?! [HGt.03_251,03] Dieses Land aber ist ohnehin so groß, daß es euch ernähren kann, und wären eurer hundertmal mehr, als da ist eure Zahl! [HGt.03_251,04] Wer von euch kennt wohl alle Grenzen desselben?! Ihr habt wohl einzelne Kundschafter dahin und dorthin ausgesendet, und ein jeder hat einen Teil gesehen; aber keiner noch hat noch mit eigenem Gesichte dieses Landes Weiten allenthalben beschaut und bemessen! [HGt.03_251,05] Mir ist aber das ganze gezeigt worden, und ich habe es bei fünfzig Tagereisen lang gegen Morgen und bei zehn Tagereisen breit gegen Mitternacht gefunden! [HGt.03_251,06] Es ist wohl wahr, daß dieses Land der Gurat von zwei Millionen Menschen nach fast allen Seiten hin unzugänglich gemacht hat, was ihm aber viele Kosten nun schon zehn Jahre hindurch gemacht hat und noch größere machen wird; aber dessen ungeachtet hat dies Land dennoch einen freien Ausgang, und das auf die Höhe Noahs, meines Herrn! [HGt.03_251,07] Von dort aber ziehen sich große Länder gen Abend hin und haben wenig und viele noch keine Bewohner! Also ist da Aussicht und Ausflucht genug, wenn ihr euch auch über und über vermehren solltet! [HGt.03_251,08] Darum aber, daß ich euch diese Ruhe brächte, wurde ich nicht gesandt zu euch, sondern darum, daß ich euch verkünden solle das nahe Gericht Gottes an alle Menschen der Erde, die sich nicht kehren werden zu Ihm und nicht halten werden Sein Gebot, das Er gegeben hat vom Anbeginne den Vätern der Höhe und den Königen der Tiefe. [HGt.03_251,09] Also aber lauten die Worte Gottes, und also hat der Herr zu meinem Herrn geredet vor hundert Jahren: ,Die Menschen wollen sich von Meinem Geiste nicht mehr leiten lassen; denn sie sind pur Fleisch geworden; Ich aber will ihnen dennoch eine Frist von einhundertzwanzig Jahren geben!‘ [HGt.03_251,10] Und abermals redete der Herr und sprach: ,Noah, sende Boten in alle Gegenden der Welt, und laß aller Kreatur androhen Mein Gericht!‘ [HGt.03_251,11] Das tat Noah, mein Herr, von Jahr zu Jahr; aber der Boten viele ließen sich berücken vom Fleische und richteten nimmer ihre Botschaft aus. [HGt.03_251,12] Nun sind's zehn Jahre, da mein Bruder bei euch war und ein anderer in Hanoch. Von euch kam der Bruder wohl zurück; aber der andere ward getötet in Hanoch. [HGt.03_251,13] Von da an sandte Noah jährlich geheim einen Boten nach Hanoch und dreißig nach den anderen Städten; aber die Boten wurden von den Götzen Hanochs geblendet und wurden Fleisch. [HGt.03_251,14] Darum aber ist Gott, dem Herrn, die Geduld ausgegangen, und Er redete vor drei Tagen wieder mit Noah und sprach: ,Noah, ziehe mit deinen Leuten in den Wald, und laß tausend schlanke und gerade Tannenstämme fällen, und laß sie fein behauen ins Viereck, und lege die behauenen Stämme zusammen und laß sie also liegen fünf Jahre lang! Dann will Ich dir sagen, was du damit tun sollst!‘ [HGt.03_251,15] Die Zimmerleute haben die Axt schon an die Wurzel gelegt! Hundert Jahre sind fruchtlos verflossen; nun sind nur noch zwanzig Jahre! [HGt.03_251,16] Daher kehret euch zum Herrn vollernstlich, wollt ihr dem Gerichte entgehen! Denn wie das zwanzigste Jahr, von heute an, abgelaufen sein wird, wird der Herr die Schleusen und die Fenster öffnen und wird mit großen Fluten töten alles Fleisch der Erde! [HGt.03_251,17] Solches habe ich zu euch geredet, und solches redet mein Bruder jetzt in Hanoch; wohl dem, der sich darnach kehren wird! Amen.“ 252. Kapitel — Das Entsetzen der zehn Hochlandsfürsten. Des Boten Entweder Oder. Der gottlose Rat der Obersten[HGt.03_252,01] Als die zehn Fürsten des Hochlandes von dem Boten Noahs solches vernommen hatten, da fragten sie ihn ganz erstaunt und sprachen: [HGt.03_252,02] „Freund, deine Worte klingen ganz entsetzlich; du verkündigst uns hier ja einen Weltuntergang! Was können, was sollen wir denn tun, um solch einem Gerichte zu entgehen? Wozu wohl, was meinst du, wird Noah die tausend zu fällenden Stämme gebrauchen?“ [HGt.03_252,03] Der Bote aber sprach: „Was eurer Frage ersten Punkt betrifft, da weiß ich sehr wohl, daß ihr den alten Gott kennet, der mit den Vätern geredet und zu öfteren Malen in Hanoch gelehrt und gesalbt hat die Könige, was ein Kinkar genau in seine großen Bücher aufgezeichnet hat! Diese Bücher kennet ihr und habt das eine auch einmal ganz gelesen, als ihr die Tempelwache versahet. [HGt.03_252,04] Zudem habt ihr tausend Mundüberlieferungen von den befreiten Sklaven vernommen, die euch übereinstimmend kundgaben, was sie nur immer von diesem einig wahren alten Gotte und Herrn Himmels und der Erde wußten; und zudem wisset ihr auch so gut wie ich, was eben dieser Gott mit uns will, und wie wir zu leben haben, und was zu tun unsere Pflicht ist! [HGt.03_252,05] Über alles das aber hatte ja ohnehin vor zehn Jahren mein Vorgänger euch alles kundgetan, was da an euch ist zu tun! Also sage ich: Tuet danach, so sollet ihr vom Gerichte Gottes nicht heimgesucht werden! [HGt.03_252,06] Werdet ihr euch aber nicht daran kehren und werdet dafür nur unmenschliche Gesetze geben dem Volke wider alle göttliche Liebe und ewige Ordnung, so werdet ihr auch allerunausweichlichst dem Gerichte anheimfallen! [HGt.03_252,07] Das ist eine Antwort auf den ersten Punkt eurer Frage; was aber da betrifft den zweiten Punkt eurer Frage, so habt ihr ja aus meiner Aussage entnommen, daß Gott dem Noah den Gebrauch dieses Holzes erst kundgeben werde zur bestimmten Zeit. Somit kann ich euch da wohl keinen andern Aufschluß geben! – Nun wisset ihr alles! [HGt.03_252,08] Wann aber Noah die Weisung über den Gebrauch des Holzes von Gott erhalten wird, da will ich wieder zu euch kommen und euch solches kundtun. Nun aber muß ich euch wieder verlassen! Gedenket dieser Botschaft in der Tat! Amen.“ [HGt.03_252,09] Nach diesen Worten entfernte sich der Bote so schnell, daß da niemand merkte, wie und wann er entschwand. [HGt.03_252,10] Da dachten die zehn nach, was sie tun sollten. Sie kamen aber nicht überein; darum beriefen sie einen starken Rat zusammen und berieten, erwägend die Nachricht des Boten. [HGt.03_252,11] Aber die Obersten sprachen: „Wir sind der Meinung, daß es mit dem alten Gotte allzeit seine geweisten Wege hatte und die Politik nur unter allerlei Formen einen Gott erfand! [HGt.03_252,12] Der alte Zauberer auf der Höhe hat all sein Volk verloren; er möchte wieder ein mächtiger Herrscher werden! Darum ergreift er nun auch politisch seine Zauberpfiffe, um uns ins Bockshorn zu treiben; aber wir sind nun zu aufgeklärt, um uns auf diese Art übertölpeln zu lassen! [HGt.03_252,13] Daher bleiben wir beim ersten Entschlusse, geben das Gesetz heraus, und die Sache wird sich machen ohne Gott und ohne Noah! Was aber dies schnelle Verschwinden des Boten betrifft, da kennen wir ja die zauberische Art des Schwalbenkrautes; ein wenig davon genossen, und man wird unsichtbar! Könnten wir dies Kraut finden, da könnten wir das Gleiche tun!“ [HGt.03_252,14] Die Erörterung der Obersten gefiel den zehn, und sie gaben das Gesetz heraus und ließen das Schwalbenkraut suchen von eintausend Kräuterkennern. 253. Kapitel — Der Bote Noahs vor dem Generaloberpriester in Hanoch. Die verstandeskultivierte Antwort des Generaloberpriesters. Der feine Vernunftstaat[HGt.03_253,01] Also war der Effekt, den der Bote bewirkte bei den Hochlandsbewohnern. Was aber machte der Bote in Hanoch für Geschäfte? – Das soll sogleich gezeigt werden! [HGt.03_253,02] Der Bote nach Hanoch war geradewegs an den Generaloberpriester gewiesen; also ging er denn auch zu ihm und wurde als ein Bote aus der Höhe auch sogleich vorgelassen. [HGt.03_253,03] Als er aber beim General anlangte, ward er sogleich mit großer Zuvorkommenheit aufgenommen und gar höflich befragt, was seine Sendung im Schilde führe. [HGt.03_253,04] Und der Bote sagte ohne Rückhalt dasselbe, was sein Gefährte zu den Hochlandsbewohnern gesagt hatte. [HGt.03_253,05] Der General aber sagte zum Boten: „Mein schätzbarster Freund! Du bist wohl noch sehr einfach in deiner Weisheit, und ein tieferes Denken scheint dir nicht eigen zu sein! [HGt.03_253,06] Siehe, du redest hier von Gott und von einem Gerichte, von einem förmlichen Weltuntergange und sagst, also habe Gott schon vor hundert Jahren mit Noah geredet und habe jetzt wieder mit ihm geredet! Wie dumm noch mußt du sein, daß du so etwas glauben magst! Denke nur selbst nach! [HGt.03_253,07] Siehe, du sagst mir, daß du laut deiner Sendung gewisserart ein Gerichtsbote Gottes seiest, und sprichst, als hätte Gott Selbst zu Noah, deinem Herrn, geredet! Nun denke dir aber: So es einen solchen Gott gäbe, der da überweise und allmächtig und allwissend wäre, da müßte es ja doch die barste Schande für einen solchen Gott sein, so Er das nicht einsehen sollte, daß da ein solcher Bote, wie du es bist, sich gegen uns geradeso ausnehmen wird, wie ein Tautropfen gegen ein endloses Meer! [HGt.03_253,08] Zudem müßte einem Gott an einem ungeheuer großen Volke weisermaßen doch auch sicher mehr gelegen sein als irgend an einem einzelnen Menschen, der da irgendeine Felsenkluft bewohnt! Dein Gott aber kommt nur zu dem, der keine Macht und kein Ansehen vor der Welt hat, und kann daher auch gar nichts wirken! [HGt.03_253,09] Was ist aber demnach das für ein alberner Gott, der nicht einmal die Machthaber Seiner Völker kennt und Selbst zu ihnen kommt und sie eines Besseren belehrt, auf daß sie dann dem Volke eine andere Richtung gäben?! [HGt.03_253,10] Ich aber sage dir, du mein schätzbarer Freund, dein alter Noah hat so wenig als ich irgend einen Gott je gesehen und gehört, – sondern im Besitze einiger alter Zauberkünste möchte er gleich seinen Vorahnen eine Oberherrlichkeit über die Völker der Erde gewinnen und nimmt daher zur Politik seine Zuflucht! Aber es tut sich nun mit der alten Politik nicht mehr, wo eine reife und neue ihre Wurzeln geschlagen hat! [HGt.03_253,11] Hast du aber je selbst Gott gesehen und gehört? Oder hast du Gott mit Noah reden hören? Oder hat dich der Gott mit irgendeiner würdigen Wunderkraft ausgerüstet? – Du verneinst das! [HGt.03_253,12] Nun siehe, möchte ein weiser Gott wohl an ein Volk Hanochs einen so armseligen Boten, wie du einer bist, senden und einen Weltuntergang androhen lassen?! Müßte denn ein Gott das nicht schon viele tausend Jahre voraussehen, daß ein solcher Bote nur höchstens mitleidig ausgelacht wird gegenüber von mehr als fünfhundert Millionen aufgeklärter Menschen?! Sollte dein Gott denn im Ernste nicht wissen, daß eine Fliege nimmer einen Berg umstoßen kann?! – Schau, schau, mein lieber Freund, wie dumm deine Botschaft ist! [HGt.03_253,13] Wenn es einen Gott gibt, der da höchst weise und allwissend und allmächtig ist, da wird Er zu unserer allfälligen Bekehrung schon auch ganz andere, wirksamere und eines großen Volkes würdigere Mittel ergreifen, als solche altpolitischen, die bei uns schon außer aller Geltung sind! [HGt.03_253,14] Siehe, wir leben nun in der schönsten Ordnung! Wir haben keine Kriege, wir fordern keine Steuern; im ganzen Reiche gibt es keinen Sklaven; unsere Gesetze sind so sanft wie Wolle; wir leben vergnügt, als wären wir Millionen ein Leib und eine Seele. Das haben unsere Gesetze bewirkt! Sage, kann ein Gott eine bessere Ordnung aufstellen?! [HGt.03_253,15] Alle unsere Gesetze sind von der besten Natur des Menschen abgeleitet und sagen darum jedem Menschen zu, und jeder ist unter solchen Gesetzen selig und überaus vergnügt. Niemanden drückt Not und Armut! Sage mir, mein geehrter Freund, kann es da noch irgendeine bessere Regierung und Ordnung geben?“ [HGt.03_253,16] Hier stutzte der Bote und wußte nicht, was er sagen sollte. [HGt.03_253,17] Der General aber sagte darauf zum Boten: „Siehe, du bist ein recht artiger junger Mann und scheinst nicht ohne Talent zu sein; daher mache ich dir den Antrag, daß du hier verbleibst. Ich werde selbst für deine Ausbildung sorgen und werde dir dann auch zu einem ansehnlichen Brote verhilflich sein; darauf kannst du rechnen! [HGt.03_253,18] Aber zwingen will ich dich nicht! Willst du lieber auf deine Berge ziehen, so kannst du auch das tun; doch sollst du vorher dich noch lebendiger überzeugen, wie vortrefflich unsere Regierung bestellt ist! Und so folge mir zum Könige!“ 254. Kapitel — Der Bote Noahs vor dem König Gurat. Die Verführung des Boten und sein Entschluß, in Hanoch zu bleiben. Des Boten Wunsch und Sehnsucht nach seiner Schwester[HGt.03_254,01] Der Bote machte sich zusammen und folgte dem General zum Könige Gurat. [HGt.03_254,02] Als die beiden beim Könige anlangten, da wurde der Bote ebenfalls mit der größten Auszeichnung vom Könige selbst empfangen und dann erst gar höflichst befragt, was sein Anliegen wäre. [HGt.03_254,03] Der Bote aber verneigte sich tiefst vor dem Könige und sprach: „Großer König und Herr, ich hatte nur den Auftrag, mit dem General zu sprechen! Diesem habe ich meinen Sendungsgrund angezeigt; er aber hat darauf mir mit erstaunlicher Weisheit gezeigt das völlig Leere meiner Gesandtschaft, und so möchte ich nicht noch einmal dasselbe wiederholen!“ [HGt.03_254,04] Der König ersah daraus, daß der Bote Verstand besitze, und sprach darauf: „Höre du mich nun an, mein Sohn! Da ich ersehe, daß du ein artiger junger Mensch bist und so manche Talente zu besitzen scheinst, so will ich dich aufnehmen in mein Haus und will dir Lehrer geben, die dich im Lesen, Schreiben und Rechnen und dann in den verschiedenen andern Künsten und Wissenschaften unterweisen sollen. [HGt.03_254,05] Und wirst du dann mit solchen Kenntnissen und Fertigkeiten ausgerüstet sein, so werde ich dich dann zu einem großen Herrn machen in meinem großen Reiche, als solcher du dann ein großes Ansehen genießen wirst allenthalben und wirst ein übergutes Leben haben, und die Menschen werden dich auf ihren Händen tragen, so du dich ihnen wirst vielfach nützlich erweisen können! Bist du mit diesem Antrage zufrieden?“ [HGt.03_254,06] Der Bote bejahte diese Frage mit sichtlicher Freude und sprach darauf: „O großer König, da du so gut, so mild und weise bist, da möchte ich wohl eine Bitte noch zu deinen Ohren bringen!“ [HGt.03_254,07] Der König gestattete solches dem Boten, und der Bote sprach: „O König, so höre mich! Siehe, mein Vater heißt Mahal und ist ein Bruder Noahs! Dieser mein Vater aber ist schon bei fünfhundert Jahre alt und ist noch kräftig, als zählete er erst fünfzig. Ich bin sein jüngster Sohn und bin auch schon siebzig Jahre alt und habe Brüder und Schwestern in großer Menge. [HGt.03_254,08] Aber ich will nicht von allen sprechen, sondern nur von einer Schwester, die um ein Jahr älter ist denn ich. Diese ist mir ins Herz hineingewachsen! Könnte ich diese zu mir bekommen, daß sie bei mir wäre, dann bliebe ich noch um tausend Male lieber hier, als ich ohne diese göttlich schöne Schwester bleibe!“ [HGt.03_254,09] Und der König lächelte und sprach: „Was? Du hast siebzig Jahre schon und scheinst noch mehr ein Jüngling als ein Mann zu sein?! Sage, ist das auch bei deiner Schwester der Fall?“ [HGt.03_254,10] Und der Bote sprach: „O König, die ist noch so zart und schön, als zählte sie kaum noch sechzehn Jahre!“ [HGt.03_254,11] Und der König sprach zum General: „Fürwahr, die Sache interessiert mich! Mache du daher, daß diese Schwester hierher zu ihrem Bruder kommt, und der Bruder soll dir dazu behilflich sein; daß es darob an einer Belohnung nicht fehlen wird, das weißt du ohnehin!“ [HGt.03_254,12] Hier nahm der General sogleich den Boten zu sich, verständigte sich mit ihm, und schon am nächsten Tage wurde auf diese Schwester eine überaus listige Jagd unternommen. 255. Kapitel — Der listige Plan des gedungenen Verbrechers, die Schwester Waltars zu fangen. Agla auf der Suche nach ihrem Bruder Waltar[HGt.03_255,01] Wie aber ward diese Jagd bestellt? – Der Bote, als der Bruder der zu erjagenden Schwester, mußte seine Kleider einem Verbrecher leihen, der eines starken Verbrechens wegen zum Tode ausgesetzt war; diesem Delinquenten aber ward bedeutet, daß ihm die Todesstrafe erlassen werde, so er von der Höhe die Schwester des Boten, von dem er die Kleider habe, nach Hanoch vor den König brächte. [HGt.03_255,02] Dieser Delinquent aber war ein durchtriebener Hauptspitzbube und hatte sich die Todesstrafe dadurch verdient, weil er sich mit seinen Diebespfiffen sogar an dem königlichen Schatze vergriffen hatte, wobei er aber auch ertappt und dann auch sogleich zum Tode ausgesetzt ward. [HGt.03_255,03] Als aber diesem Delinquenten unter solcher Bedingung die Todesstrafe erlassen ward, da ward er über die Maßen froh und sprach: „Nicht nur die eine, sondern so ihrer tausend wären, getraue ich mir ganz allein sie hierher zu bringen; und so werde ich mit der einen wohl sehr leicht fertig werden! Wie weit ist es von hier bis zur Wohnung des alten Zauberers auf der Höhe?“ [HGt.03_255,04] Man sagte zu ihm: „Für einen guten Fußgänger sind es zwei Tagereisen hinauf; aber zurück kann der Weg auch in anderthalb Tagen zurückgelegt werden!“ [HGt.03_255,05] Und der Delinquent sprach: „Gebt mir einen oder zwei des Weges Kundige mit, auf daß ich nicht durch Fehlwege aufgehalten werde; und ich bin mit der Beute in drei Tagen, wo nicht noch eher, hier!“ [HGt.03_255,06] Diesem Verlangen des Delinquenten wurde sogleich Gewähr geleistet; er bekam drei bewaffnete, wegeskundige Männer mit und begab sich sogleich auf seine Jagd. [HGt.03_255,07] Unterwegs aber sagten die drei Wegweiser zum Jäger: „Was werden wir wohl ausrichten? Kommen wir in die Nähe der Wohnung des alten Zauberers, wird er uns nicht alsbald gewahren und verderben?“ [HGt.03_255,08] Der Jäger aber sprach: „Das lasset nur mir über! Ich will den Satan hintergehen, wenn es darauf ankommt! So wir uns in einer solchen Nähe befinden werden, in der man den Ruf eines starken Menschen vernehmen kann, da fanget ihr ,Waltar‘! zu rufen an! Das ist der Name des Bruders der zu fangenden Schwester! [HGt.03_255,09] Sie liebt den Bruder, und wenn sie seinen Namen wird rufen hören, da wird sie sicher die erste sein, die dem Rufe nachgehen wird! Ich aber werde dann fliehen vor euch eine Zeitlang gen Hanoch hinab; und wenn sie mich als ihren Bruder zufolge der Kleidung erkennen wird, da wird sie mit euch gehen ohne Widerstand! [HGt.03_255,10] Dann aber gehört sie auch schon uns an, und der alte Zauberer kann uns nichts anhaben, weil die Schwester nicht gezwungen, sondern freiwillig mit uns ziehen wird ihres Bruders wegen; denn das weiß ich, daß kein Zauberer da eine Macht hat, wo der freie Wille eines seiner Blutsverwandten tätig ist!“ [HGt.03_255,11] Also ward der Jagdplan gemacht, kam aber nicht in Anwendung; denn die Agla war selbst auf dem Wege nach Hanoch, ihres Bruders wegen, und kam ganz allein schon auf halbem Wege der Deputation entgegen und verriet sich als solche durch ihre große Schönheit und durch den Ruf: „Waltar! Waltar! Mein Bruder!“, als sie den Jäger erblickte. [HGt.03_255,12] Der Jäger aber erklärte ihr die Sache, und sie folgte darauf voll Freude diesen vier Männern in die große Stadt. 256. Kapitel — Gurats Werbung um Agla. Des enttäuschten Waltar Erklärung an seine Schwester und an den König. Der weibliche Liebe-Erforschungskniff der Agla. Der betrogene Waltar[HGt.03_256,01] Als die Schwester in die Burg zum Könige gebracht und von ihm vom Fuße bis zum Scheitel des Kopfes betrachtet wurde, da erstaunte der König über die Maßen über ihre Schönheit und ließ sogleich den Waltar holen und ihm die schöne Schwester vorstellen, auf daß er ihr das Zeugnis gebe, daß sie seine Schwester ist. [HGt.03_256,02] Als der Waltar aber die Agla erblickte, da standen ihm sogleich die Tränen im Auge vor Freude, und er fiel ihr um den Hals und küßte und grüßte sie als seine geliebteste Schwester. [HGt.03_256,03] Als der König aber nun daraus wohl erkannte, daß diese die rechte Schwester Waltars war, da trat er hin zu ihm und sprach: [HGt.03_256,04] „Höre, du mein lieber Waltar, mich an! Deine Schwester ist ein Weltwunder; ihre Schönheit überbietet alle meine bisherigen Begriffe, und wenn ich bedenke, daß dieses Mädchen einundsiebzig Jahre zählt, so steht es nicht wie ein menschliches Wesen, sondern wie eine reinste Himmelsgöttin vor mir, die nimmer altert, sondern gleich ist der ewigen Jugend! [HGt.03_256,05] Weißt du was: ich habe mir bis jetzt noch kein festes Weib genommen und habe noch keiner Maid eine königliche Krone aufs Haupt gesetzt; diese deine Schwester aber will ich sofort zu meinem festen Weibe nehmen und will ihr königliche Kleider geben und eine schönste Krone auf ihr Haupt setzen! [HGt.03_256,06] Sage mir, Waltar, bist du zufrieden mit diesem Antrage, und ersiehst du die großen Vorteile, die daraus für dich erwachsen, so deine Schwester Königin des unermeßlichen Reiches Hanoch wird?“ [HGt.03_256,07] Hier stutzte Waltar und dachte bei sich eine Zeitlang hin und her und wußte nicht, was er darauf so ganz eigentlich sagen sollte. [HGt.03_256,08] Die Agla aber, der dieser Antrag auf der Stelle besser gefiel als ihr Bruder, sagte sogleich zu ihm: „Was willst du hier machen im Hause dessen, dem Millionen zu Gebote stehen? Segne mich für den König, und tritt deine Vorteile nicht mit Füßen!“ [HGt.03_256,09] Als aber Waltar solche Rede von seiner vielgeliebten Schwester vernommen hatte, da sprach er ganz erregt: „Nicht segnen, sondern fluchen will ich dir in meiner Brust, indem deine Liebe zu mir, der ich für dich in den Tod gegangen wäre, so leicht zu erlöschen war! – [HGt.03_256,10] O König, nimm sie hin, die Treulose! Ich segne sie für dich und trete sie dir aus jeder Fiber und Faser meines Lebens ab; denn für mich ist sie nun nicht mehr des Staubes meiner Füße wert. [HGt.03_256,11] Wahrlich, hätte sie an mir gehalten und wäre für meine Liebe noch glühend gewesen, so hätte ich sie aber dennoch dir nicht vorenthalten und hätte eine große Freude darin gefunden, daß ich dir ein schweres und großes Opfer gebracht hätte! So aber hat Agla mich betrogen um alles, und ich kann, o König, dir nun nichts mehr geben, indem sich die Treulose dir selbst gegeben hat! [HGt.03_256,12] Ich segne sie daher für dich; aber in meiner Brust sei sie verflucht! – Laß mich nun aber wieder auf die Höhe ziehen und dort meinen Gram ausweinen!“ [HGt.03_256,13] Der König aber sprach: „Nicht also, mein Waltar, soll es sein! Ich werde dir auch königliche Kleider anlegen lassen und werde dich dann selbst führen in den Tempel meiner Göttinnen. Wirst du an einer ein Wohlgefallen finden als ein förmlicher Vizekönig, so bleibst du hier; und findest du kein Wohlgefallen, so kannst du dann wieder heimziehen auf deine schaurigen Berge!“ [HGt.03_256,14] Hier ging dem Waltar ein neues Licht auf. Er willigte in den Vorschlag des Königs, wobei aber freilich wohl die Agla ein wenig zu stutzen anfing; denn ihre Liebe war noch zu mächtig zum Waltar, und ihre vorschnelle Zustimmung war mehr ein weiblicher Liebeerforschungskniff, als so ganz eigentlich eine bestimmte Zusage. [HGt.03_256,15] Dem Waltar aber kam das um so willkommener, weil er dadurch sich gewisserart an der Agla rächen konnte. [HGt.03_256,16] Gurat aber ließ sogleich für beide königliche Kleider holen und ließ sie ihnen absonderlich anziehen. 257. Kapitel — König Gurat und sein Schwager Waltar im Garten des Liebestempels. Die sieben Schönheitsgöttinnen als Weiber Waltars[HGt.03_257,01] Gurat aber berief den Generaloberpriester und begab sich unter königlichem Großgeleite aller seiner Hofchargen und Dienerschaft mit dem königlich bekleideten Waltar in den bestimmten Tempel. [HGt.03_257,02] Und da er zum vorbestimmten Zwecke durch einen Wink an den General einen Vorboten an die Göttinnen des Tempels abgesandt hatte, so war bei dieser seiner Ankunft auch schon alles in der verführerischsten und üppigsten Ordnung im großen Staketenirrgarten der Göttinnen der weiblichen Schönheit. [HGt.03_257,03] Hunderte und Hunderte solcher Hauptgöttinnen schwärmten, von den Untergöttinnen auf schon bekannte Weise begleitet, durch die Irrgänge; einige tanzten, einige machten sonstige allerüppigste Stellungen, einige sangen, und einige gingen mehr ruhig ihren Weg vorwärts. [HGt.03_257,04] Als der warmblütige Waltar diese verführerischen Spektakel ersah, da ward er ganz wie verwirrt und wußte nicht, was er reden oder was er begehren sollte. [HGt.03_257,05] Als aber der Gurat solches zu seinem größten Vergnügen merkte, da sagte er zum Waltar: „Freund, wie es mir scheint, so wirst du deine schöne Schwester eben nicht zu schwer vergessen! [HGt.03_257,06] Sage mir, – hast du dir schon eine von diesen Göttinnen herausgesucht? Zeige mir bald eine, und ich will sie dir sogleich zum Weibe geben samt ihren Untergöttinnen! Oder, so dir mehrere gefallen, da zeige mir auch das an, und sie sollen dein sein! Denn hier in meinem Reiche darf jeder Mann mehr als ein einziges Weib haben, – obschon ich der Meinung bin, daß du an einer Göttin samt ihren Untergöttinnen genug haben dürftest!“ [HGt.03_257,07] Hier sah der Waltar gar aufmerksamst nach den vor ihm vorüberschwärmenden Göttinnen, die ihm über die Maßen wohlgefielen, da ihn eine jede so holdseligst als nur immer anblickte, und er sagte nach einer Weile zum Gurat: [HGt.03_257,08] „O König! Ich bitte dich nicht um eine, nicht um hundert, sondern um gar alle bitte ich dich! Denn zu herrlich sind sie alle, als daß ich hier nur einige wählen könnte! Darum gib mir lieber alle, auf daß da ja keine beleidigt werde, so sie nicht gewählt würde!“ [HGt.03_257,09] Der König lächelte hier und sprach zum Waltar: „Mein allerschätzbarster Freund, höre mich nun an, was ich dir jetzt sagen werde; bei dem auch soll es vorderhand verbleiben! [HGt.03_257,10] Siehe, ich will dir vorderhand nur sieben zu Weibern geben! Mit denen sollst du ein Jahr lang leben in meinem Palaste! Wirst du nach einem Jahre noch mehrere für dich für nötig finden, da sollst du deren haben, soviel du willst! [HGt.03_257,11] So dir aber etwa doch die sieben genügen dürften, da kannst du mir um so wohlgefälliger bei den sieben verbleiben; denn alle diese Göttinnen stehen dir als einem Vizekönige ja ohnehin tagtäglich gegen ein bestimmtes mäßiges Opfer zu Gebote.“ [HGt.03_257,12] Als der Waltar solches vom Gurat vernommen hatte, da willigte er sogleich in den Rat desselben, nahm die sieben Gerufenen samt den Untergöttinnen und begab sich dann, als die Göttinnen bekleidet waren, ganz überseligst mit nun seinen Weibern und mit dem Gurat wieder in den königlichen Palast zurück. 258. Kapitel — Aglas Herrschsucht als Königin von Hanoch und ihre Rache an Waltar. Waltars Flucht und Tod[HGt.03_258,01] Als aber daheim im Palaste des Gurat die Agla ersah, was ihr Bruder getan hatte, da ward sie zornig in ihrem Herzen und verlangte nun um so mehr die Hand des Gurat und die Krone, um sich als Königin und Mitherrscherin des großen Reiches an ihrem Bruder rächen zu können, wie auch ganz besonders an den Göttinnen der Schönheit. [HGt.03_258,02] Gurat aber, dem die Agla über alles wohlgefiel, tat das um so lieber, weil er dadurch sich eben auch um so früher in seinen allerglücklichst gewähnten Stand versetzen wollte. Und so ward die Agla schon am dritten Tage vollkommene Königin in Hanoch nach dem Tage, da ihr Bruder die sieben Weiber bekam. [HGt.03_258,03] Diese Agla ward dann äußerst herrschlustig, und es mußte sich alles bis zur Erde beugen vor ihr, was ihr nur immer entgegenkam. [HGt.03_258,04] Das aber verdroß ihren Bruder Waltar, daß er darum vom Könige verlangte, entlassen zu werden, auf daß er sich auf einem Gebirge irgendwo ansiedeln möchte, wo er nimmer etwas von seiner entsetzlichen Schwester erführe. [HGt.03_258,05] Gurat aber, der von der Agla förmlich besessen war, tat nun nichts mehr ohne ihre Einwilligung und fragte sie daher, was sie zu dem Entschlusse ihres Bruders sage. [HGt.03_258,06] Als die Agla solches erfuhr, da ergrimmte sie über ihren Bruder, trennte ihn sogleich von seinen Weibern und ließ ihn in ein tiefes Gefängnis bringen. Und als dies geschah, war sie noch lange kein Jahr lang Königin, und der Bruder hatte auch noch keine so lange Zeit sein eheliches Glück mit seinen sieben Göttinnen genossen. [HGt.03_258,07] Den Generaloberpriester aber verdroß es ebenfalls, daß die Agla ihren Bruder ins Gefängnis werfen ließ ohne Grund und Ursache; denn der oberpriesterliche General konnte den Waltar sehr gut brauchen, weil dieser einen sehr geweckten Geist besaß. Darum verwendete er sich heimlich beim Könige um die Befreiung des Waltar, doch unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit vor der Agla, weil diese sonst dem Bruder Übles zufügen möchte. [HGt.03_258,08] Der König aber sprach: „Es wäre alles recht; aber wie werden wir das Gefängnis öffnen, da von diesem Gefängnisse allein die Agla die Schlüssel hat und sie ihre vertrauteste Wache noch obendarauf vors Gefängnis gestellt hat?“ [HGt.03_258,09] Und der General sprach: „Das ist immerhin sehr schlimm; aber laß du mir das Geschäft über, – ich werde die Sache schon wieder in Ordnung bringen! Ich werde zur Nachtzeit mit einer kleinen Waffenmacht die Gefängniswache überfallen und das Gefängnis aufsprengen mit Gewalt, und es wird sich die vertraute Wache dann schon die Sache gefallen lassen müssen!“ [HGt.03_258,10] Gurat willigte in diesen Rat, und in derselben Nacht und im ganzen nach einer zweimonatigen Haft ward Waltar wieder befreit. [HGt.03_258,11] Als aber Waltar befreit war, wollten ihn die Oberpriester in ihren Schutz nehmen; er aber verlangte nur zu fliehen, und so gestattete man ihm auch die Flucht. [HGt.03_258,12] Als aber die Agla alsbald erfuhr, was da geschehen war, da sandte sie Häscher aus, daß sie ihren Bruder ergriffen und töteten, wo sie ihn träfen. [HGt.03_258,13] Und die Häscher, guten Lohn hoffend, gingen schnell nach allen Seiten aus und ereilten den Waltar auf dem Wege ins Gebirge und erschlugen ihn. [HGt.03_258,14] Und das war sein Ende und sein Lohn, darum er vom rechten Wege Gottes sich entfernt hatte. Und das war auch der Anfang der grausamsten Regierung, die je in Hanoch stattgefunden hat. 259. Kapitel — Die Belohnung der Häscher. Die Erdolchung der Weiber Waltars durch Agla. Des Königs Furcht[HGt.03_259,01] Die Häscher aber, um sich ihres Lohnes bei der Königin zu versichern, schnitten dem erschlagenen Waltar den Kopf vom Rumpfe, wickelten ihn in ein Tuch und überbrachten ihn der Königin. [HGt.03_259,02] Diese erschrak wohl anfangs über den Anblick dieses Kopfes; aber sie faßte sich bald und sprach zu den Häschern: [HGt.03_259,03] „Eure Treue hat sich bewährt! Ihr habt meinen größten Feind vernichtet; den Feind meiner Liebe habt ihr getötet und habt euren Lohn wohl verdient! Hier sind hundert Pfunde Goldes; nehmet es darum als euren wohlverdienten Lohn dahin! [HGt.03_259,04] Den Kopf aber nehmet wieder mit euch, und verscharret ihn irgendwo im Garten der Schönheitsgöttinnen; da mag er sich ewig weiden am Anblicke derer, die ihm mehr waren denn ich! [HGt.03_259,05] Wenn ihr aber den Kopf werdet eingegraben haben, dann gehet hin zu den sieben Weibern, die nun noch hier in einem unteren Teile dieses Palastes wohnen und bringet sie her samt den vierzehn Unterweibern! [HGt.03_259,06] Was dann zu geschehen hat, das wird euch zur Stunde bedeutet werden! Tut eure Sache gut, und der Lohn wird nicht ausbleiben!“ [HGt.03_259,07] Hier nahmen die Häscher den Kopf und taten mit ihm nach dem Gebote der Königin. [HGt.03_259,08] Die Schönheitsgöttinnen, die die Eingrabung des Kopfes sahen, aber erschraken gewaltigst und sagten untereinander: „Das ist eine schlimme Vorbedeutung für uns alle! Es wird besser sein, ehestens zu fliehen von diesem Orte, als sich in jüngster Zeit, diesem Kopfe folgend, unter die Erde begraben zu lassen!“ [HGt.03_259,09] Einige aber wünschten den Generaloberpriester zu sprechen. Doch dieser war nun zu beschäftigt mit Plänen, wie er dem Könige die Agla verdächtig zu machen vermöchte, und war daher nicht zugänglich; denn sein Grimm auf die Königin war zu groß. Darum mußten die Göttinnen bleiben und also dem ängstlich entgegensehen, was da kommen werde. [HGt.03_259,10] Die Häscher aber gingen darauf, und zwar schon am nächsten Tage, zu den sieben Weibern Waltars und brachten sie samt den vierzehn Unterweibern zu der Königin. [HGt.03_259,11] Als sie vor die Königin kamen, da fragte diese sie: „Wollt ihr nicht trauern um den Waltar, der getötet worden ist durch meine Macht?“ [HGt.03_259,12] Hier fingen die Weiber an zu heulen und zu wehklagen. [HGt.03_259,13] Und die Königin sprach: „Also war eure Liebe groß zum Waltar, da ihr seinen sichern Tod also betrauert?! Sehet, auch meine Liebe war groß zu ihm; denn aus Liebe ließ ich ihn töten, damit er nicht der eurige sein solle! [HGt.03_259,14] Ich aber sehe nun, daß ihr leidet ob seinem Verluste; darum auch will ich eurem Leiden ein Ende machen! – Häscher, entkleidet alle die Weiber, und bindet sie nackt an die Säulen dieses meines Königssaales!“ [HGt.03_259,15] Und die Häscher taten das sogleich. [HGt.03_259,16] Als die Weiber samt den Unterweibern nackt gar fest an die Säulen angeknebelt dastanden, da nahm die Agla selbst einen gar spitzigen Dolch und ging zu den angebundenen Weibern und sprach zur einen wie zur andern, sie auf der Herzseite betastend: „Da also pochet das Herz, das meinen Bruder liebte?“ [HGt.03_259,17] Darauf stieß sie den Dolch ins Herz des angebundenen Weibes und sprach darauf: „Das sei dein Lohn, du Elende!“ [HGt.03_259,18] Also tötete die Agla selbst mit ihrer Hand aus Rache auch die Weiber ihres Bruders. [HGt.03_259,19] Und der König, obschon er am nächsten Tage davon Kunde erhielt, wagte nicht, ihr zu sagen: „Weib, was hast du getan?“; denn er liebte und fürchtete die Agla. 260. Kapitel — Die Ausstellung der erdolchten einundzwanzig Weiber Waltars im Liebestempel. Das Entsetzen der generaloberpriesterlichen Militärtruppe über die Grausamkeit der Königin Agla[HGt.03_260,01] Die Agla befahl darauf den Häschern, daß sie die erstochenen Weiber in schwarze Tücher wickeln und sie dann ebenfalls draußen im Garten der Schönheitsgöttinnen begraben sollten; vor der Eingrabung aber sollten sie im Tempel dieser Göttinnen eben diese erdolchten Weiber ganz entblößt ausstellen einen Tag lang, auf daß sich die Göttinnen daran weiden könnten. [HGt.03_260,02] Die Häscher sagten zur Königin: „Große, mächtige Herrscherin! Dies zu tun, getrauen wir uns nicht so ganz recht sicheren Schrittes; denn das große Volk hält gar viel auf diese Göttinnen, und wenn wir dieselben zu sehr erschrecken und beleidigen möchten und diese sich dann beklagten beim Volke, so könnte das gar üble Folgen für uns, wie für eure Majestät, große, mächtige Herrscherin, haben! [HGt.03_260,03] Denn wer grausam sein will, der muß politisch zu Werke gehen, daß man ihm die Grausamkeit nicht ankenne; sonst läuft er bald große Gefahr, und seinem Wirken werden sicher haltende Schranken gesetzt! Befolgen eure Majestät diesmal unsern Rat und lassen diese Leichen ganz heimlich irgendwo verscharren, und die Sache wird ganz gut und ganz spurlos fürs große Volk ablaufen!“ [HGt.03_260,04] Auf diese wohlgemeinte Einrede der Häscher fuhr die Agla wie ein Blitz auf und zückte den Dolch vor jedem, der ihr nicht augenblicklich den pünktlichsten Gehorsam leisten würde. [HGt.03_260,05] Und die Häscher mußten tun, was die Königin wollte. [HGt.03_260,06] Die Leichen wurden sonach losgebunden und jede einzeln eingewickelt in ein schwarzes Tuch und wurden am hellen Tage auf eben auch einundzwanzig Kamelen hinaus in den großen Garten transportiert und dort im Tempel der Naëme ganz entblößt ausgestellt. [HGt.03_260,07] Die Häscher aber, als sie die Leichen ausgestellt hatten, eilten wie Diebe davon und ließen die Kamele samt allem im Stiche, und sie sprachen zu sich: „Sind wir nur diesmal mit heiler Haut davongekommen; für alle nächsten ähnlichen Zwecke soll sich die Furie von einer Königin andere Häscher suchen! Wir werden ihr, wie dem Könige, nimmer dienen!“ [HGt.03_260,08] Es hatte aber der Generaloberpriester durch geheime Inspizienten alles schon erfahren, was die Agla tat, und beorderte sogleich eine starke Truppe hinaus zu den Göttinnen. [HGt.03_260,09] Dieser Truppe kamen auf dem Rückgange die Häscher der Königin gerade in den Wurf und wurden sogleich in Empfang genommen. Als Gefangene mußten sie nun sogleich wieder umkehren und die Truppe dahin führen, wohin sie die Leichen gelegt hatten. [HGt.03_260,10] Als die Truppe mit den Häschern im Tempel anlangte und die noch von keiner Göttin beschauten Leichen erblickte, da fragte der Anführer die Häscher, ob sie diese herrlichen Weiber erstochen hätten. [HGt.03_260,11] Die Häscher aber zeigten die Sache an, wie sie geschah. [HGt.03_260,12] Da rief der Anführer der Truppe aus: „Bei allen Göttern und bei dem Urgotte Selbst! Diese Königin ist die leibhaftige Satana selbst, von der in den Büchern Kinkars Meldung geschieht; denn eine solche Grausamkeit ist unerhört! [HGt.03_260,13] Wie aber werden wir dieser Schlange der Schlangen ledig werden? Sie sitzt auf dem Throne; die ganze Hölle steht ihr zu Gebote! Das wird in Kürze ein Leben werden in dieser Stadt, davor die Tiger und Hyänen die Flucht ergreifen werden!“ [HGt.03_260,14] Darauf wandte sich der Anführer zu einem aus der Truppe und sprach: „Ein Exempel soll hier statuiert werden! Laßt Balsamierer herkommen! Ich will die Leichen einbalsamieren lassen, auf daß sie nicht verwesen, und werde sie in gläserne Särge tun hier im Tempel zur allgemeinen Beschauung mit der Aufschrift: ,Der Königin Höllenwerk!‘ [HGt.03_260,15] Und ihr Häscher, grabet mir sogleich das Haupt Waltars aus; das soll auch balsamiert werden, und ich werde es dann in einer eigenen Glasurne über die Särge seiner Weiber setzen mit einer gerechten Inschrift!“ [HGt.03_260,16] Und alles geschah sogleich nach des Anführers Willen. 261. Kapitel — Die Einbalsamierung der Leichen und ihre Ausstellung in Glassärgen. Königin Aglas Plan, sämtliche ‚Göttinnen‘ des Liebestempels zu ermorden, und seine Durchkreuzung durch die Flucht der ‚Göttinnen‘[HGt.03_261,01] Im Verlaufe von acht Tagen waren die Leichname samt dem Haupte Waltars einbalsamiert und dann in den schon bemerkten gläsernen Särgen im Tempel der Naëme aufgestellt, wie in der Mitte der Särge auf einem stark vergoldeten Gestelle auch das Haupt Waltars in der Glasurne, die natürlich wohlverschlossen war. [HGt.03_261,02] Als diese Arbeit beendet war, da ging der Anführer der Truppe zu den erschrockenen Göttinnen in ihr großes Wohnhaus und zeigte ihnen an, was da geschehen war, und lud sie ein, die einbalsamierten Leichen zu beschauen. [HGt.03_261,03] Und die Göttinnen gingen diesmal nicht nackt, sondern in Trauerkleidern in den Naëmetempel und entsetzten sich nicht wenig, als sie diese tote Gruppe erschauten. [HGt.03_261,04] Nach einer langen Pause fragte die Obergöttin den Anführer der Truppe mit bebender Stimme: „Wenn dies der Königin Werk, was steht da uns in Bälde zu befürchten bevor? Was wird die Furie mit uns machen?“ [HGt.03_261,05] Und einer der gefangenen Häscher antwortete unaufgefordert und sprach: „Erlaubet mir zu reden, meine herrlichen Göttinnen! In diesen Särgen steht auch euer Los geschrieben; denn wir haben es aus der Königin Munde vernommen, was ihr sicheres Vorhaben ist! Euch kann vor der Wut der Königin nichts retten als allein die Flucht! [HGt.03_261,06] Glaubet ja nicht, der Generaloberpriester werde solches zu hintertreiben imstande sein! Denn die Königin hat Schleichwege und Mittel, die außer ihr niemand kennt, und kommt hinter alles, was da geschieht ihrem Satanssinne zuwider; sie weiß schon sicher seit mehreren Tagen, was hier mit den Leichen unternommen ward gegen ihr Gebot, und ich rate niemandem zu lange zu säumen, dem sein Leben wert und teuer ist!“ [HGt.03_261,07] Diese Rede beherzigte der Anführer der Truppe, und er sprach zu den Göttinnen: „Der Oberhäscher scheint recht zu haben; daher machet euch auf, auf daß wir euch unter sicherm Geleite irgendwohin bringen können, wo ihr vor der Furie Wut gesichert sein werdet! Für eure Verpflegung wird bestens gesorgt werden überall, wohin wir euch nur immer bringen werden; denn solches zu tun mit euch, haben wir ja eben vom General den Befehl!“ [HGt.03_261,08] Die Göttinnen willigten sogleich ein; eine jede nahm ihre Schätze und begab sich mit der Truppe und den Häschern eiligst davon. [HGt.03_261,09] Es verging aber keine Stunde, da kamen schon der Königin allervertrauteste Knechte mit einer starken Kriegertruppe, die da mit vielen Stricken, Schwertern und Lanzen versehen war und die Weisung hatte, die Schutztruppe des Generals zu vernichten, und dann die Göttinnen alle zu knebeln, und dann auch sie zu ermorden und sie den Weibern Waltars beizusetzen. [HGt.03_261,10] Aber diesmal gelang es der Königin nicht, ihren Plan durchzuführen; was sie aber darum tat darauf, wird die Folge zeigen. 262. Kapitel — Die Wut der Königin. Die Besänftigung der Königin durch den listenreichen Hauptmann Drohuit[HGt.03_262,01] Als die getreuesten Knechte der Königin mit ihrer starken Truppe zu ihrem nicht geringen Erstaunen die Wohnung der Göttinnen der Schönheit ganz leer erschauten, da kehrten sie alsbald wieder um und berichteten das der Königin. [HGt.03_262,02] Die Königin aber, solches erfahrend, raste wie eine Tausendfurie auf und fing an, förmlich zu schäumen vor Wut, und schwor, die bitterste Rache an dem Generaloberpriester auszuüben. [HGt.03_262,03] Der Hauptmann der Knechte der Königin aber, da er ein sehr schöner Mann und von der Königin heimlich sehr wohl gelitten war, erbat sich die Gnade, einige Worte mit ihr allein reden zu dürfen. [HGt.03_262,04] Die Königin gewährte ihrem Lieblinge gern, was er sich von ihr erbat, und behieß ihn, ihr nachzufolgen in ein kleines Seitenkabinett. [HGt.03_262,05] Der Hauptmann folgte der Königin ungemein gerne; und als er sich mit ihr allein befand, da wollte sie sogleich erfahren, was da seine Absicht wäre, darum er mit ihr allein zu reden wünsche. [HGt.03_262,06] Der Hauptmann aber, anstatt sogleich Rede und Antwort zu geben, zog sich in aller Schnelle ganz nackt aus und sagte dann zur Königin: [HGt.03_262,07] „Allerhöchste Gebieterin über mein Leben und über meinen Tod! Nur in diesem Zustande kann ich allerwahrhaftigst mit dir reden; denn so nackt, als ich jetzt vor dir stehe, also nackt wahr ist auch das, was ich dir nun sagen werde! Und so wolle mich denn bei meiner unendlichen Liebe zu dir, o reizendste Königin, anhören: [HGt.03_262,08] O Königin, du Tausendsiegerin über mein Herz! Du, von deren Hand zu sterben schon die größte Wollust sein müßte, o Königin, die du mir alles bist, um alles, was dir angenehmst und teuerst ist in der Welt, bitte ich dich, gehe ja um deiner und meiner Seligkeit willen nicht länger mit Racheplänen gegen den General der Priesterschaften um; denn da kannst du tun, was du nur immer willst, so wirst du überall zu spät kommen! [HGt.03_262,09] Meinst du, mein Leben, o Königin, dein Gemahl hat etwa die Gewalt in seinen Händen? Oh, da bist du in großer Irre noch! Ich sage dir: Gurat ist nur der Namensträger und steht als König in großem Ansehen nur als ein innigster Busenfreund des Generals! Wehe aber uns allen, so wir es durch eine Wendung dahin bringen, daß darob der General zu unserm Feinde wird! [HGt.03_262,10] So nackt ich jetzt vor dir stehe, so wahr und gewiß sind wir dann auch samt dem Könige in wenigen Minuten verloren! Schon jetzt stehen bei fünfhunderttausend Krieger um den großen Palast des Generals in Schlachtordnung aufgestellt; ein Wink von ihm und wir sind in einer Stunde nicht mehr! [HGt.03_262,11] Er hat nun schon mehrere Tage den König nicht besucht und läßt ihn auch nicht zu sich kommen, obschon dieser soeben wieder einen neuen Versuch macht, den General wieder für sich zu gewinnen. Ja, er will dich selbst dem General zum Geschenk machen, so ihm dieser nur seine Freundschaft zusagen möchte! [HGt.03_262,12] Daraus, o Königin, aber kannst du die Macht und Größe des Generals abnehmen und erkennen, wie gefährlich dein Plan gegen den General ist! [HGt.03_262,13] O Königin, töte mich, wenn ich dich durch diese meine nackte Wahrheit beleidigt habe; aber ich konnte der Macht meiner Liebe zu dir nimmer widerstehen, dich zu warnen vor dem, was dir den völligen Untergang bereiten könnte!“ [HGt.03_262,14] Die Königin erschrak hier zum ersten Male und sprach: „Mein lieber Hauptmann, ich danke dir für diese Warnung! Aber nun verlange ich auch einen Rat von dir, was da zu machen sein wird, daß ich nicht in des Generals Gewalt falle!“ [HGt.03_262,15] Und der Hauptmann sprach: „O Königin, laß mir heute Zeit, zu sorgen für dich, und morgen werde ich dir einen Ausweg zeigen!“ [HGt.03_262,16] Darauf umarmte er die Königin, zog sich wieder an und begab sich dann wieder in den großen Saal; aber die Königin blieb im Gemache zurück und begehrte ihre Zofen. 263. Kapitel — Der Hauptmann Drohuit beim König Gurat. Der listige Rat Drohuits — und Gurats und Aglas Einwilligung[HGt.03_263,01] Es ging aber darauf der Hauptmann der getreuen Knechte der Königin zum Könige und stellte ihm die Sache so recht kategorisch dar, wie es mit der Königin stehe, und was da der General Fungar-Hellan gegen den König und gegen die Königin zu unternehmen gar streng im Sinne führe, und wie es zu einer reinsten Unmöglichkeit werde, sich dem mächtigen Fungar-Hellan zu widersetzen, indem dieser alle Macht in seinen Händen habe. [HGt.03_263,02] Und der Gurat sagte zum Hauptmann: „Ja, mein Freund, du hast recht! Ich weiß gar wohl, wie ich nun mit Fungar-Hellan stehe; aber – was läßt sich da machen?! Er ist nun schon seit zehn Tagen genau genommen rein unzugänglich, und das aus keinem andern Grunde als allein aus dem, weil ich ihm die Agla nicht ausliefern wollte zur Kühlung seiner Rache an ihr ob ihrer verübten Grausamkeiten an ihrem Bruder und an dessen Weibern. [HGt.03_263,03] Sein letzter Ausruf vor mir war: ,Wohl denn! Was du mir nicht geben willst aus freier Hand als ein Freund dem Freunde, das wird sich dein bitterster Feind mit Gewalt zu holen wissen!‘ [HGt.03_263,04] Darauf verließ er mich, gar hastig davonrennend, und ich konnte noch bis zur Stunde keine Silbe irgend von ihm erfahren, was er nun so ganz eigentlich im Schilde führe. [HGt.03_263,05] Es wird am Ende doch kein anderes Mittel sein, ihn wieder freundlich gegen mich zu stimmen, als ihm die Agla, dies so über alle Begriffe überschönste Weib auszuliefern! – Sage mir, mein lieber Hauptmann Drohuit, was da anders zu machen sein dürfte!“ [HGt.03_263,06] Und der Drohuit sagte: „O König, hier sind eigentlich freilich nur die zwei Wege möglich, entweder die Flucht der Königin unter meiner Leitung, oder die Auslieferung; aber es ist der eine nicht minder gefährlich als der andere! [HGt.03_263,07] Ich aber habe mir eine feine List ausgedacht! Gelingt diese, da ist Fungar-Hellan wieder dein Freund, und du bleibst König wie zuvor; gelingt mir diese aber nicht, dann ist kein anderes Mittel als die Flucht zur Rettung der Agla, wie auch deiner Königswürde, denkbar! [HGt.03_263,08] Die List aber besteht darin: Laß du die Agla so reizend als möglich anziehen, und ich selbst will hingehen zum Fungar-Hellan und zu ihm also reden: [HGt.03_263,09] ,Die schönste Agla, auf die du schon so viele Blicke geworfen hast, hat Nachricht erhalten, daß du, als der ihr über alles teuerste Freund, ihr gram geworden seist! Sie läßt dich daher bitten, du möchtest ihr nur einmal noch ein geneigtes Ohr schenken, und du wirst über ihre rätselhafte Grausamkeit von ihr selbst die genügendste und dein Herz völlig beruhigendste Aufklärung erhalten!‘ [HGt.03_263,10] Er wird auf diese Einladung sicher kommen, wennschon unter starker Bedeckung! Was aber dann die Agla zu ihm wird zu reden haben, darüber will ich sie schon gehörig instruieren; nur mußt du ihr gestatten, daß sie mir ein Beglaubigungszeichen mitgibt, auf daß mir der Fungar-Hellan sichern Glauben schenke über meine Sendung an ihn! Und ich meine, die Sache wird sich wieder geben! [HGt.03_263,11] Daß der Fungar-Hellan beim Anblick der schönsten und reizendsten Agla mit sich sicher wird handeln lassen, davon bin ich im voraus überzeugt!“ [HGt.03_263,12] Als der Gurat das vom Drohuit vernommen hatte, da gab er ihm sogleich die Vollmacht; und dieser ging zur Agla und unterrichtete sie von allem, und sie nahm alles an von ihm und willigte in alles ein. 264. Kapitel — Die Fortsetzung des höllischen Intrigenspiels. Drohuit bei Fungar-Hellan. Der General im Garn[HGt.03_264,01] Nachdem aber der Drohuit die Agla gehörig instruiert hatte, was sie reden solle, falls der Fungar-Hellan käme, begab er sich sogleich in den Palast desselben, – hatte aber da nicht wenig Mühe, vor den General zu gelangen. [HGt.03_264,02] Als er aber mit der genauesten Not von der Welt zum General gelangte, da fragte ihn dieser mit einem Grimmernste und sprach: „Woher kommst du, verwegener Verräter deines Lebens, und was führt deine Sendung im Schilde? Rede geschwinde, willst du nicht eher noch des Todes sein, als bis du den Mund geöffnet haben wirst!“ [HGt.03_264,03] Drohuit erschrak zwar anfangs über die sehr unfreundliche Aufnahme, denn also sehr ergrimmt hatte er sich den General nicht vorgestellt; aber nach einer Weile faßte er Mut und sagte ebenfalls in einem sehr erregten Tone zum Fungar-Hellan: [HGt.03_264,04] „Freund, – wenn du mich also empfängst, da du doch derjenige bist, der mir eigentlich mein Amt bei Hofe gab, und allezeit mein vertrautester Freund warst, da rede ich trotz der immensen Wichtigkeit des Gegenstandes, den ich dir zu berichten habe, kein Wort, – obschon dein und aller Welt Wohl davon abhängt, wie das Leben vom Herzen! Du aber magst ja sogleich ein Schwert nehmen und mich töten samt meinem allerwichtigsten Geheimnisse, das sonst auf der Welt außer mir kein sterblich Wesen kennt!“ [HGt.03_264,05] Nach dieser Erklärung ward der General sanfter und sprach: „Freund, beruhige dich, es war nur meine erste Aufregung also; nun aber erkenne ich dich schon wieder als meinen Freund, der mir schon so manchen guten Dienst geleistet hat und mir vielleicht noch so manchen leisten wird. Und so bitte ich dich, rede, was du hast, und ich werde dir mein Ohr an den Mund legen!“ [HGt.03_264,06] Darauf richtete sich der Drohuit auf und sprach: „Wohl denn, so höre mich! [HGt.03_264,07] Siehe, du stehst nun in einem mächtigsten Grimme wider Gurat, deinen ersten Freund, und stellst der Königin nach dem Leben! Doch höre, was ich dir nun eröffnen werde: [HGt.03_264,08] Solange diese Erde von Menschen und Tieren bewohnt ist, gab es noch nie eine größere Ungerechtigkeit und nie einen schwärzeren Undank, als nun in deinem Benehmen gegen die Königin und gegen den König! [HGt.03_264,09] Sage mir, was wohl ist ein Geretteter seinem Lebensretter schuldig? – Mehr frage ich dich vorderhand nicht; nur das sage mir!“ [HGt.03_264,10] Der General schaute den Drohuit groß an und sprach in erregtester Spannung: „Was sprichst du? Rede deutlicher! Erkläre dich, auf daß ich hineile und meinen Lebensretter anbete!“ [HGt.03_264,11] Und der Drohuit, bei sich Viktoria rufend, richtete sich wieder auf und sprach: „Ich sage dir vorderhand nichts als: Die Königin, die dich liebt wie ihr rechtes Auge, und die du zu verderben dich fest bemühst, dieselbe Königin ist dein Lebensretter auf eine Art, die die Welt bisher noch nie erfahren hat! [HGt.03_264,12] Mehr sage ich dir nicht; gehe aber hin, und du wirst es von ihr erfahren, was sie für dich getan hat! Dann magst du sie wohl töten, wenn du das über dein Herz zu bringen wirst imstande sein! [HGt.03_264,13] Solltest du aber etwa gegen diese meine Aussage einen Verdacht hegen, da nimm du Bedeckung mit; und hier dies Beglaubigungsschreiben, das mir die Königin selbst für dich übergab, und du wirst daraus doch leichtlich ersehen, daß ich dir gegenüber sicher kein Verräter bin!“ [HGt.03_264,14] Hier schrie der General: „Agla, du von mir Verkannte! Du Großkönigin aller meiner Gedanken! Durch deine unbegreifliche Grausamkeit hast du – mir das Leben gerettet?! – Auf und hin zu ihr; darüber muß mir Licht werden!“ [HGt.03_264,15] Hier verließ der General alles, nahm seine Ehrenwache und eilte sogleich hin zur Königin. 265. Kapitel — Der herzliche Empfang beim König. Gurat, Fungar-Hellan und Drohuit bei der Königin Agla. Aglas erfolgreiche Liebeserklärung an Fungar-Hellan[HGt.03_265,01] Der König und die Königin aber waren in der gespanntesten Erwartung und sahen durch die Fenster, ob der Fungar-Hellan wohl kommen werde oder nicht. Wie erstaunlich groß war nun die Freude beider, als sie den General, an der rechten Seite Drohuits sich unter seiner zahlreichen Ehrenwache dem Palaste nahend, erblickten! [HGt.03_265,02] Die Königin begab sich sogleich in ihren Saal, und der König in den seinen, und erwarteten ein jedes für sich den Mann, von dem in dieser Zeit beinahe der halben Erde Wohl und Wehe abhing. [HGt.03_265,03] Am Tore des Palastes angelangt, sprach der General zum Drohuit: „Nun bin ich hier; doch das sage ich: Wenn ich den geringsten Verdacht merke, so ist die lebendige Hölle dein Los!“ [HGt.03_265,04] Und der Drohuit erwiderte: „Wahrlich, ich werde nicht ermangeln, selbst hineinzuspringen, wenn du nicht mit der größten, ungeheuchelten Liebe und Achtung empfangen wirst von beiden Seiten und nicht bestätigt finden wirst jeden von mir dir angedeuteten Punkt!“ [HGt.03_265,05] Und Fungar-Hellan sprach: „Gut, laß uns daher hinaufgehen und uns von allem überzeugen!“ [HGt.03_265,06] Hier begab sich Fungar-Hellan an der Seite Drohuits unter dem Geleite seiner Ehrenwache hinauf ins zweite Stockwerk des ungeheuer großen Palastes und begab sich da zuerst zum Könige, der ihn mit offenen Armen unter dem Ausrufe: „Mein Bruder, – mein Heil!“ empfing. [HGt.03_265,07] Dieser Empfang hatte dem General das Herz gerührt, und er kam darob schon in eine sehr gute Stimmung und fragte den König, ob seine Freundschaft nicht besser wäre als seine Feindschaft. [HGt.03_265,08] Und der Gurat erwiderte: „O Bruder, so du mir feind bist, dann bin ich auch kein König mehr! Denn ich habe dir alles zu verdanken; du ganz allein ja bist die Ordnung und somit die Stütze meines Hauses! Wie sollte ich da nicht nach deiner Freundschaft geizen?!“ [HGt.03_265,09] Hier umarmte Fungar-Hellan wieder seinen alten Freund und sprach zum Drohuit: „Komme auch du wieder hierher; denn ich erkenne, daß du es mit uns beiden aufrichtig gemeint hast, und so kannst du in unserm Wiederbunde der dritte sein! Aber nun lasset uns zur Agla gehen und sehen, wie sie sich diesem Bunde einen wird!“ [HGt.03_265,10] Darauf begab sich der General in der Mitte des Königs und Drohuits unter dem glänzenden Gefolge von Ehrenwachen zur Agla, die ihm ebenfalls mit ihren reizendsten offenen Armen entgegeneilte und ihn, mit aller Kraft ihrer Liebe ihn umarmend, empfing. [HGt.03_265,11] Dieser höchst unerwartete Empfang hatte auf den General einen so wohltuenden Eindruck gemacht, daß er aus lauter Wonnegefühl kaum ein Wort aus seinem Munde zu bringen imstande war. [HGt.03_265,12] Nur die Agla sagte nach einer Weile, und auch ganz bebend vor Liebe: „Fungar-Hellan, wie konntest du mir nach dem Leben streben, da meine Liebe zu dir deinem Leben Opfer darbrachte, die sie nimmer einem Gotte geopfert hätte?! [HGt.03_265,13] Wahr ist's, ich mußte dir unmenschlich grausam erscheinen; denn meine Taten waren von einer Art, davon die Erde bis jetzt sicher kein Beispiel aufzuweisen hat! Aber die Erde kennt sicher auch bis jetzt kein weiblich Herz, das da mit meiner Liebe zu dir, o Fungar-Hellan, erfüllt wäre! Aber auch keinen weiblichen Verstand kennt die große Lebensträgerin, der die Größe und Erhabenheit eines Fungar-Hellan zu würdigen verstünde! Ich aber kann mich dieses Verstandes rühmen, und so ist meine endlos große Liebe zu dir, und aus ihr die Taten, die ich deinetwegen, o Fungar-Hellan, verübte, erklärlich!“ [HGt.03_265,14] Diese Erklärung machte den General ganz weich, und er sprach: „O Agla, was verlangst du zum Lohne für solche Liebe?“ [HGt.03_265,15] Und die Agla sprach: „Dein Herz, deine Liebe ist mein Lohn! – Höre mich aber zuvor an, auf daß es dir klar wird, warum ich das, was ich tat, getan habe; dann wirst du sehen, daß ich dich liebe mehr als mein Leben!“ 266. Kapitel — Gurats und Drohuits gute Miene zum bösen Spiel. Aglas Heuchelrede vor Fungar-Hellan[HGt.03_266,01] Gurat war mit dieser Liebeserklärung von Seite seiner himmlischen Agla an den Fungar-Hellan eben nicht zu sehr einverstanden, natürlich nur bei sich geheim; denn offen wäre hier sein Nichteinverstandensein nicht am rechten Platze gewesen. [HGt.03_266,02] Aber was konnte er hier anders tun, als solcher Liebeserklärung mit höchst vergnügten Augen zusehen?! Denn gefehlt war es so oder so. Zwei saure Äpfel links und rechts; in den einen mußte er beißen, und das war denn doch besser, als so er in alle beide gar tüchtig hineinbeißen hätte müssen! [HGt.03_266,03] Auch der Drohuit hörte solcher Erklärung der Königin an den General eben nicht so gerne zu, als so sie ihm gemacht worden wäre. Aber hier war nichts anderes zu tun, als zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen; denn hier wäre ein schiefer Blick mit dem Verluste des Lebens verbunden gewesen. [HGt.03_266,04] Und so zeigten sowohl der Gurat wie der Drohuit sehr freundliche Gesichter und wünschten dem Fungar-Hellan gewisserart mimisch alles Glück, und also auch der Agla. [HGt.03_266,05] Diese aber fing sogleich an, die Gründe ihrer Grausamkeit darzustellen, wie sie ehedem vorbestimmt, damit der General gründlich ersehen möchte, wie endlos teuer er ihr sei, und warum. Und sie sprach demnach: [HGt.03_266,06] „Du mein allergeliebtester Fungar-Hellan! Du weißt, daß ich meinen Bruder liebte mehr als mein eigenes Leben, darum ich auch meine Höhe verließ und ging, mein Leben nicht achtend, zu suchen meinen Bruder in dieser mir noch gänzlich unbekannten Stadt. [HGt.03_266,07] Ich fand den Gesuchten aber eher und leichter, als ich es mir dachte. Wie? Das wißt ihr alle. Ich ward hierher gebracht, und der König fing an, alsbald zu handeln um mein Herz, und beredete meinen Bruder, daß er mich abträte an ihn, dafür ihm dann der König die Schönheitsgöttinnen zum Ersatze nebst der Vizekönigswürde antrug. [HGt.03_266,08] Ich ersah beim ersten Blicke, daß da mein Bruder wankte. Das kränkte mich über die Maßen, daß er für mich ein wankendes Herz haben konnte, da ich doch mein Leben für ihn gewagt hatte. [HGt.03_266,09] Ich besiegte mich da, trat zu ihm hin und riet ihm, seine Liebe zu mir prüfend, selbst zu diesem Tausche. Und er, der ohnehin nur wenig Liebe zu mir hatte, anstatt sein Leben um seine arme Schwester zu wagen wegen ihres inneren, höheren Wertes, vergab mich und vertauschte das reinste Wesen gegen feile Buhldirnen, die nie einen inneren Lebenswert erkannt hatten! [HGt.03_266,10] Schwer war diese schnöde Rachehandlung meines Bruders für mein Herz; allein ich konnte das Geschehene nicht mehr ändern. [HGt.03_266,11] In solcher meiner innern Trübsal lernte ich dich, Fungar-Hellan, kennen und erkannte in dir bald einen großen Geist, dem es möglich ist, mit seiner Einsicht Millionen zu führen, so oder so! Nur zu bald erkannte ich, daß nur du, und nicht der König, der Herr von Hanoch und des ganzen, großen Reiches bist! [HGt.03_266,12] Da dachte ich: O Mann, könnte ich dir enthüllen meine ewige Wahrheit über die wahre Bestimmung des Menschen von Gott aus, wie ich sie in mir habe, und hätte ich deine Liebe, was könntest du dann endlos Gutes bewirken! [HGt.03_266,13] Wie ich dich, o Fungar-Hellan, aber schon so ziemlich nahe meinem Herzen dachte und ersah, daß mein Bruder meinetwegen bei dir viel zu gelten anfing, da entdeckte ich auf einmal eine schändlichste Verschwörung eben meines Bruders gegen dich! Und ich ließ ihn darum selbst in den Kerker bringen, da mir denn sein Leben noch immer teuer war, welches sonst dahingewesen wäre, so ihr seinen Verrat erkannt hättet! [HGt.03_266,14] Ich besuchte ihn täglich und suchte ihn zu bekehren, richtete aber freilich wenig aus; als ich aber mit ihm mit vieler Mühe auf dem halben Wege der Besserung war, da erfuhrst du, daß er im Kerker schmachte und befreitest so deinen größten Feind. Er entfloh, um dich zu verderben durch Hilfe der Hochlandsvölker, denen er einen gebahnten Ausweg gezeigt hätte. [HGt.03_266,15] Hier galt es nun Leben oder Tod! Ich sandte darum Häscher nach mit dem Auftrage, den Bruder zu erschlagen, so sie ihn träfen; denn wäre er hierher wieder lebend gebracht worden, da hättest du ihn sicher von hier irgendwohin zu einem Großherrn gestellt, und er wäre dann im geheimen abgegangen und hätte dich an die Hochlandsvölker verraten. Diese wären dann über euch hergefallen wie grimmige Tiger und hätten Millionen geschlachtet! Und hätte ich ihn gegen euch verraten, was hättet ihr dann gemacht mit ihm – und vielleicht auch mit mir? [HGt.03_266,16] Um ein so großes Übel zu vermeiden, brachte ich das schwere Opfer! Nun urteilet, ob ich darum also grausam bin, wie ihr es meinet! – Aber ich bin noch nicht zu Ende; darum höret mich weiter an!“ 267. Kapitel — Aglas meisterhafte Lügenrede zur Rechtfertigung ihrer grausamen Handlungen[HGt.03_267,01] Und die Agla redete weiter also: „Der Bruder aber, als er floh, hatte insgeheim seinen Weibern aufgetragen, daß sie fürs erste das ganze Schönheitsgöttinnenkollegium wider dich aufzureizen und wo möglich trachten sollen, dich samt dem Könige Gurat aus der Welt zu räumen, auf daß dann Waltar, so er mit großer Macht wiedergekommen wäre, in dieser Stadt alsogleich ohne allen Anstand den Königsthron hätte besteigen können. [HGt.03_267,02] Dem Waltar ward dieser Frevelweg, wie bekannt, abgeschnitten! Was aber wollten die Weiber dann tun, als sie durch meine Vermittlung versuchsweise sogleich vom Tode ihres Gemahls Kunde erhielten? Höre, sie taten einen gräßlichsten Schwur, dich, den Gurat und mich selbst ohne alle Gnade und Erbarmung zu verderben! [HGt.03_267,03] Wann und wie aber? – Folget mir in das geheime Kabinett, das die sieben Hauptweiber bewohnten, und überzeuget euch von allem selbst!“ [HGt.03_267,04] Hier führte die Agla die ganze Versammlung in das geheime, bedeutend große Kabinett, ließ dort sogleich einen verborgenen Wandschrank öffnen und sprach dann, mit der Hand auf eine kristallene Schale zeigend: [HGt.03_267,05] „Dort sehet jene entsetzliche Schale; sie ist voll von stärkst vergifteten Nadeln! Lasset ein Tier bringen, nehmet behutsam eine solche Nadel, und verletzt damit nur ein wenig irgend die Haut des Tieres, und überzeuget euch, wie dieses verenden wird!“ [HGt.03_267,06] Man brachte sogleich ein großes Kalb und ritzte dasselbe nur ein wenig unter dem Bauche mit einer solchen Nadel, und das Kalb stürzte augenblicklich tot zusammen. [HGt.03_267,07] Alles entsetzte sich über diese erstaunliche Wirkung. [HGt.03_267,08] Und die Agla sprach: „Versuchet es an anderen Tieren und die Wirkung wird gleich sein! Oder so ihr einen seltenen Verbrecher habt, der zum sichern Tode verurteilt ist, laßt ihn hierher bringen, und machet mit ihm einen solchen Versuch! Gewiß, so schnell ist kein Augenblick, als wie schnell und sicher gänzlich schmerzlos er mit einer solchen Nadel getötet würde!“ [HGt.03_267,09] Fungar-Hellan aber sprach: „Agla, wie weißt du das, und wie kamst du hinter alles das? Wie kamst du zu der genauen Erfahrung über die schreckliche Wirkung dieses mir noch ganz unbekannten Giftes?“ [HGt.03_267,10] Und die Agla sprach: „Siehe an, hier unser aller großer Freund und Lebensretter Drohuit hat mir dieses alles gezeigt und hat als ein zum Scheine Mitverschworener von den Weibern alles herausgebracht, was sie ganz besonders gegen dich unternehmen wollten! [HGt.03_267,11] Als er mir solches aber anzeigte und ich mich gar bald von ihrer großen Bosheit überzeugte, da ergriff mein ganzes Gemüt eine mächtige Rache. Ich ließ dann als Freundin diese Weiber alle durch meine verkleideten Schergen hierher bringen in meinen Saal, allwo sie sich sogleich entkleiden mußten. Darauf ließ ich sie knebeln an die Säulen und kühlte dann selbst als Königin und Herrin über Leben und Tod der Untertanen meine glühendste Rache an ihnen! [HGt.03_267,12] Wann aber warst du bestimmt, zu fallen? Dein nächster freundlicher Besuch bei diesen Schlangen hätte dir das Leben genommen also, wie diesem Kalbe hier! Gehe aber nun auch hinaus in die Wohnung der Göttinnen, und du wirst sicher auch die kleinen Mordwerkzeuge treffen und daraus ersehen, wie weit diese Verschwörung schon ausgebreitet war, wie auch den Grund, warum ich diese Göttinnen verfolgte! [HGt.03_267,13] Willst du aber auch wissen, woher diese Göttinnen das Gift nahmen, da durchsuche den Garten, und du wirst in einer abseitigen Ecke desselben in einem gläsernen Lusthause ein Bäumchen finden, das auf seinem Stamme perlenartige Tropfen hat; diese Tropfen aber sind eben dieses furchtbare Gift! [HGt.03_267,14] Ich meine, das wird doch genug sein, um einzusehen, warum ich als deine größte Freundin also mit der Aufbietung aller Schlauheit und Vorsicht gegen diese Weiber gehandelt habe!“ [HGt.03_267,15] Fungar-Hellan ward samt dem Könige ganz blaß, und keiner wußte, wie er so ganz eigentlich daran sei. 268. Kapitel — Fungar-Hellans verwunderte Fragen an Drohuit. Drohuits kluge Antwort[HGt.03_268,01] Als sich das erste Erstaunen und ganz entsetzliche Verwundern bei den dreien nach einer Weile etwas gelegt hatte, da sah der Fungar-Hellan den Drohuit groß an und sagte zu ihm: „Drohuit, entweder bist du ein Abgesandter der guten Götter und des alten Zorngottes, der auch gut ist so lange, als man genau Seinen Willen tut; tut man aber nur im geringsten dawider, dann wird Er bald voll Zornes und will die ganze Erde verderben! [HGt.03_268,02] Es mag also sein, daß du dieses Gottes Abgesandter bist! Oder du bist ein Abgesandter aus der untersten und erschrecklichsten Hölle aus dem Grundwohnorte des Satans; denn sonst wäre es reinst unmöglich, daß du allein hinter Geheimnisse kommen sollest, die mir unbekannt geblieben wären! [HGt.03_268,03] Siehe, in dieser großen Stadt, die doch mehr als hundertmal tausend Häuser zählt, geschieht nichts und kann nichts geschehen, das mir nicht schon fast im Augenblicke des Geschehens kund würde! Welcher Teufel, welcher Satan mußte dann diese Verschwörung geleitet haben, daß sie verborgen blieb vor meinen Sinnen bis auf diese schnöde Zeit, in der ich nun solches von dem heißen Munde der Agla erfuhr?! [HGt.03_268,04] Und wie kamst du hinter diese fürwahr allerschaudererregendste, wahrhaft satanische Höllenverschwörung? Nur davon gib mir Kunde, und ich bin dann völlig beruhigt; kannst du aber das nicht, dann sollen alle Löwen, Tiger, Hyänen, Wölfe und Bären deine Gesellschaft werden!“ [HGt.03_268,05] Der Drohuit aber sprach darauf: „Freund, was redest du, als wären dir alle Verhältnisse der großen Stadt von Tag zu Tag wie anschaulich bekannt?! Ich sage dir: Nur Masken fallen in deine Sinne, aber nimmer die tieferen Verhältnisse! [HGt.03_268,06] Wer kann dir meine Gedanken entdecken? Kann ich nicht so reden und scheinhandeln, daß du meine Rede und Handlung als verdächtig ansehen mußt, während ich in meinen Gedanken einen ganz andern Plan zu deinem Wohle nur führe?! [HGt.03_268,07] Oder ich kann reden und handeln höchst gerecht vor deinen Augen; kannst du aber auch in meine geheime Gedankenkammer blicken, ob da kein überfein durchdachter Verrat und dein Untergang auf deine Hartnäckigkeit im Großvertrauen auf deine Allwissenheit lauert? [HGt.03_268,08] Also bemerktest du bei deinen Schönheitsgöttinnen aus ihren Reden und Handlungen auch nicht, wie sie in verborgenen Winkeln Giftbäumchen zu deinem Untergange zogen, und wie sie eine Menge der allerunscheinbarsten, aber desto wirksameren Mordwerkzeuge für dich bereiteten! [HGt.03_268,09] Warum aber? – Denke an die ihnen auferlegte neue Steuer und an das Gebot, daß keine von ihnen bei Todesstrafe je schwanger werden darf, und du wirst den Grund zu solch einer Verschwörung gar bald einsehen! [HGt.03_268,10] Wie aber dir die Agla sagte, so sage auch ich: Gehe hin, und überzeuge dich von allem, und siehe dann erst, ob ich für deine Gesellschaft von Löwen und dergleichen reif bin!“ [HGt.03_268,11] Fungar-Hellan ward ganz verdutzt über diese Rede und verlangte nun in den Garten der Schönheitsgöttinnen zu gehen, um sich dort von allem zu überzeugen. Und alsbald zog die ganze Gesellschaft dahin. 269. Kapitel — Fungar-Hellan im Tempelgarten der Schönheitsgöttinnen. Die Prüfung der Aussagen Aglas und Drohuits. Fungar-Hellans Verdacht gegen Agla. Die Schönheit Aglas als Siegerin über Fungar-Hellan. Agla als Weib Fungar-Hellans[HGt.03_269,01] Im Garten angelangt, untersuchte Fungar-Hellan sorgfältigst alles – das verlassene große Wohnhaus der Schönheitsgöttinnen, den Tempel und den Garten – und fand überall die Aussagen bestätigt, im Wohnhause eine große Menge vergifteter Nadeln, die er sogleich in Beschlag nehmen ließ von seinen, ihm hierher folgenden Amtleuten, also auch im Garten das berüchtigte gläserne Lusthäuschen, in dessen Mitte das außerordentlich giftige Bäumchen gar üppig aus dem Erdboden emporwuchs. Das Bäumchen hatte die bezeichnete Gestalt und war am Stamme mit Gifttropfen übersät. [HGt.03_269,02] Fungar-Hellan wollte sogleich das Bäumchen ausrotten lassen und befahl daher seinen Leuten, das Glashaus samt dem Bäumchen sogleich zu vernichten. [HGt.03_269,03] Da ergriff die Agla die Hand des Fungar-Hellan und schrie: „Mein allergeliebtester Freund, ich bitte dich um alles, was dir wertest und teuerst ist in der ganzen Welt, laß ja dies durchsichtige Haus des Todes nicht nur nicht öffnen durch einen Erbruch, sondern auch nicht öffnen irgend im geringsten und auch nicht anrühren; denn die Natur dieses Gewächses ist so heftig wirkend, daß durch seine Freistellung nicht nur wir alle samt den Arbeitern, sondern alles im Umfange von wenigstens drei Stunden, was Leben hat, getötet würde! [HGt.03_269,04] Willst du aber schon dies Bäumchen vernichten, so mußt du von sehr harzigem Holze einen gar mächtig großen Scheiterhaufen um das Lusthaus bauen und ihn von allen Seiten anzünden; dadurch allein kannst du dieses Gewächs ohne lebensgefährliche Folgen verderben!“ [HGt.03_269,05] Diese erklärende Abhaltung von der Zerstörung des Giftbäumchens von Seite der Agla machte den Fungar-Hellan gewaltig stutzen. Er sah der Abhälterin scharf ins Angesicht und sprach: [HGt.03_269,06] „Weib, – was redest du?! Erkläre mir, woher dir solche Wirkung dieses Bäumchens also bekannt ist, als hättest du es selbst geschaffen! [HGt.03_269,07] Wahrlich, so gut du es mit mir nun meinst, wenn das die Natur dieses Gewächses ist, ebensosehr aber machst du dich mir auch durch diese deine Erklärung verdächtig! Wer weiß es, ob nicht etwa du selbst die Pflanzerin dieses Höllengewächses warst?! [HGt.03_269,08] Ich gebe dir daher noch eine kurze Frist; suche in dieser meinen sehr begründeten Verdacht von deinem Haupte zu wälzen, sonst wird es mit dir keinen guten Ausgang nehmen! Entkleide dich daher, auf daß du nackt mir die nackte Wahrheit bekennest! Denn fortan sollst du mich nicht mehr täuschen; denn nur zu bestätigt gegründet ist mein Verdacht auf dich! Daher wirst du zu tun haben, einen Fungar-Hellan über deinen Daumen zu drehen!“ [HGt.03_269,09] Diese Aufforderung aber brachte die Agla nicht im geringsten aus ihrer Fassung; nur sagte sie: „Ich werde mich entkleiden, – aber hier in der Nähe dieses Pesthauses nicht, sondern in irgendeinem Wohnzimmer der einstigen Göttinnen!“ [HGt.03_269,10] Darauf begab sich die Gesellschaft ins Wohnhaus und da in ein sehr großes Zimmer. [HGt.03_269,11] Allda angelangt, entkleidete sich sogleich die Agla, wie es ihr der Fungar-Hellan geboten hatte. [HGt.03_269,12] Aber diese Entkleidung war eben das Gefährlichste für den stark sinnlichen General. Denn nun erst kamen alle bis jetzt verborgenen Reize dieses schönsten Weibes zum Vorschein, die dieses Weib in einem so hohen Grade besaß, daß bei ihrem Anblicke sogleich mehrere der anwesenden Männer zu rasen anfingen und wahnsinnig wurden; fünf aber fielen im Augenblicke tot darnieder. [HGt.03_269,13] Und Fungar-Hellan vergaß ganz seinen Verdacht; denn wie die aufgehende Sonne die Nebel in den Tälern verzehrt, also wirkte auch die zu große Schönheit der nackten Agla auf den Fungar-Hellan. [HGt.03_269,14] Er forderte von ihr nun nichts anderes als ihre Liebe und versprach ihr, alles zu tun und zu gewähren, wodurch er sich nur immer ihrer Liebe wird desto werter machen können. [HGt.03_269,15] Daß dieser Sieg niemandem angenehmer war als der Agla selbst, das läßt sich leicht denken, indem sie hier sonst offenbar wäre gefangen worden. [HGt.03_269,16] Gurat und Drohuit sahen hier freilich wie verlierende Spieler dieser Begebenheit zu; aber was war hier anders zu machen, als dem Fungar-Hellan zu gratulieren?! [HGt.03_269,17] Mit dieser Expedition aber hatte diese Untersuchung auch ein Ende, und Fungar-Hellan führte die Agla in seinen Palast als sein Weib in allen Ehren. Und der Drohuit und der Gurat zogen mit langen Gesichtern ebenfalls nach Hause. 270. Kapitel — Drohuits und Gurats Bericht an ihre Kebsweiber. Die vereitelte Flucht. Drohuits und Gurats erfolgreiche Zuflucht zu List und Heuchelei. Die Versöhnung[HGt.03_270,01] Als die beiden, der Gurat und der Drohuit nämlich, zu Hause im Königspalaste angelangt waren, da kamen ihnen bald ihre anderen Kebsweiber entgegen und befragten sie, wie die Sache mit der entsetzlichen Agla abgelaufen sei. [HGt.03_270,02] Und der Drohuit antwortete und sprach: „Geliebte Weiber, schlecht, überschlecht für uns alle! Denn die Agla zerbrach das Gattenband zwischen sich und unserm gnädigen Könige und gab ihr Herz und ihre Hand, als wäre sie ledig gewesen, von neuem dem Fungar-Hellan! Und dieser so ganz eigentliche Meuterer an den geheiligten Rechten des Königs hat dadurch seinen langersehnten Wunsch erreicht. Möge dieser von ihm heute erworbene Gewinn ihm solche Interessen tragen, wie er sie unserm guten Könige getragen hat! Sonst habe ich keinen Wunsch für ihn! [HGt.03_270,03] Ich aber war ein ungeheurer Esel, daß ich so fast mein Leben für diese Höllenbestie gewagt habe! Hätte ich sie gegen Fungar-Hellan recht verschwärzt, so lebte sie sicher nimmer; allein ich war dumm genug, sie zu verschönern und so unschuldig und gerecht als möglich zu machen vor dem General! [HGt.03_270,04] Und das ist nun mein und des Königs Lohn, daß sie uns den Rücken zugewendet hat, und daß wir alle höchstwahrscheinlich in kurzer Zeit die Ehre haben werden, entweder durch einen ganz unschuldigen Giftnadeltupfer eben auch ganz bescheiden und unschuldig ins Gras zu beißen; oder wir werden mit sanften Worten genötigt werden, die Stadt Hanoch auf immer zu verlassen, um dann irgendeine Wohnstätte unter den Tigern, Hyänen und Bären zu suchen! – Was meinst du, Gurat, – habe ich recht oder nicht?“ [HGt.03_270,05] Und der Gurat sprach: „Mein Freund, wenn es auf mich ankäme, da wäre ich der Meinung, wir sollten unsere Schätze heute noch so hübsch zusammenbringen und bei Nacht und Nebel uns aus dem Staube machen; denn morgen, halte ich wenigstens dafür, dürfte es schon zu spät sein! [HGt.03_270,06] Daher bestelle du sogleich meine gesamte Dienerschaft, und gib ihr unter dem strengsten Siegel der Verschwiegenheit unseres und ihres eigenen Wohles wegen diese Weisung! Hundert Kamele sollen tragen unsere Schätze, hundert den Mundbedarf und hundert uns selbst mit allem unserm Gefolge in irgendeine entlegene Gegend der Erde; denn von nun an wird es in diesem großen Weltreiche nimmer zu bestehen sein! [HGt.03_270,07] Das Volk ist bis auf den höchsten Grad verdummt, und die Besseren sind aus lauter Trug, List, Heuchelei und Politik zusammengesetzt; der eigentliche Herrscher ist aber ohnehin unser Feind und wird es nun um so mehr sein, da er sicher streng nach der Pfeife der Agla tanzen wird, die uns nun sicher hassen wird, da wir ob ihrem Verluste nicht sogleich über alle Maßen aus lauter Verzweiflung haben zu rasen angefangen!“ [HGt.03_270,08] Hier sah Drohuit zum Fenster hinaus und erblickte zu seinem großen Erstaunen die Agla mit Fungar-Hellan sich dem Palaste nahen und zeigte solches dem König an. [HGt.03_270,09] Als der König solches bemerkte, da schrie er: „Um alle Geister, – da sind wir verloren!“ [HGt.03_270,10] Der Drohuit aber, da er alle Weiber weggeschafft hatte, sagte zum Gurat: „Freund, nun heißt es: List gegen Grausamkeit! Nur geschwinde unsere Kleider zerrissen, dann sich auf den Boden geworfen und geheult und ganz entsetzlich getrauert, – und es wird alles wieder gut werden!“ [HGt.03_270,11] Gurat und Drohuit taten das sogleich, und als sie kaum ein paar Minuten also geheult hatten, da kam auch schon die Agla mit dem General zur Türe herein und ging ganz gerührt zu den beiden, und zwar zuerst zum Gurat und fragte ihn, was ihm denn fehle. [HGt.03_270,12] Und dieser, sich leicht ermannend, schrie: „O Agla, Agla, du Himmlische! Du fehlst mir; dieser Schmerz verzehrt mich! Ich mußte dich wohl äußerlich von mir lassen; aber ach, mein Herz, mein Herz, das kann sich nimmer von dir trennen!“ [HGt.03_270,13] Hier vertröstete die Agla den König und sprach: „So weine doch nicht so sehr! Siehe, ich bin ja wieder bei dir und werde bei dir bleiben und dich lieben mit aller Zärtlichkeit; und Fungar-Hellan bleibt auch unser innigster Freund!“ [HGt.03_270,14] Hier erhob sich Gurat wieder und fiel der Agla wie dem Fungar-Hellan um den Hals. Und dann ward auch der Drohuit aufgerichtet. [HGt.03_270,15] Nächstens die Folge! 271. Kapitel — Drohuits Heuchelrede vor Agla. Die satanische Agla im Garne Drohuits. Aglas zwei Schwestern als Lohn für Fungar und Drohuit[HGt.03_271,01] Als sich auch der Drohuit von seiner Scheintrauer erholt hatte – natürlich nur nach Art der Komödianten –, da ging er auch ganz schüchtern hin und küßte das Kleid der Agla, grüßte mit der tiefsten Ehrerbietung den Fungar-Hellan und sagte dann zu ihm: [HGt.03_271,02] „Ich habe es ja dem in die volle Verzweiflung übergehen wollenden Gurat zum beruhigenden Troste gesagt: ,Freund, laß dich trösten; vertraue auf die Götter, und vertraue hoch deinem alleraufrichtigsten und edelsten Freunde, und baue wie auf einen marmornen Grund auf die Liebe der himmlischen Agla, und du wirst dich bald überzeugen, daß diese Sache ein ganz anderes Gesicht hat, als du es dir in deiner immensen Trauer vorstellst!‘ Aber diese Worte fruchteten nichts bei ihm, und er raste nach wie zuvor. [HGt.03_271,03] Nach einer Weile ergriff ich seine Hand und sprach wieder also zu ihm: ,Freund, König des großen Reiches, Gurat, höre mich! Du tust grundirrig, wenn du den Charakter der himmlischen Agla nur im geringsten irgend dem unsrigen gleichstellst! Denn siehe, sie ist die Tochter eines Menschen auf jenen heiligen Höhen, die von den ersten Menschen der Erde bewohnt waren; wir aber sind ja keine Menschen mehr, sondern nur kaum matte Schatten der Menschheit! [HGt.03_271,04] Daher sollen wir uns zur Agla auch wie Schatten halten; denn sie allein ist noch menschliche Realität und wir nur kaum Schatten in der Abendsonne und dünken uns groß zu sein in unseren Charakteren, während wir doch alle zusammen, was Charakter betrifft, vor der himmlischen Agla nichts sind! [HGt.03_271,05] Wollen wir aber nur einigermaßen auf die hohe Ehre, Menschen zu werden, Anspruch machen, da müssen wir mit der Agla wie ein Schatten mit dem Leibe wandeln und nie denken, sie könnte sich je an unserer Natur versündigen!‘ [HGt.03_271,06] Als ich solches zum Gurat geredet hatte, da ward er etwas ruhiger, aber dennoch immer noch sehr leidend, und fiel bald wieder in seine grenzenlose Traurigkeit und schrie: ,Agla ist mein Herz – und Fungar-Hellan mein Haupt! Keines kann ich verlieren ohne Verlust meines Lebens, und doch ist hier eines dahin, Agla oder Fungar-Hellan!‘ [HGt.03_271,07] Als ich solches von ihm vernahm und daraus ersah, daß bei ihm alle meine begründetste Tröstung ganz fruchtlos blieb, da überfiel mich selbst eine tiefe Schwermut, und ich sank ebenfalls in eine große Traurigkeit dahin!“ [HGt.03_271,08] Auf diese Rede, oder besser, auf diese reinste Lüge aus dem Stegreife ging die Agla ganz durch und durch gerührt zum noch sehr verstört aussehenden Redner, ergriff seine Hand, drückte sie an ihr Herz und sprach: [HGt.03_271,09] „Du hast dich noch allzeit als mein Freund bewährt und standest darum bei mir noch allezeit in großen Gnaden; aber so sehr, wie diesmal, hast du dich noch nie als mein und des Königs und des Fungar-Hellan Freund bewährt! Darum aber will ich dich auch also belohnen, wie bis jetzt noch niemand in dieser Stadt belohnt worden ist! [HGt.03_271,10] Siehe, ich habe noch zwei Schwestern, die mir an Schönheit nicht nachstehen! Diese will ich kommen lassen, eine für dich und eine für den Fungar-Hellan, auf daß ich dem Gurat bleibe; und ich meine, dieser Preis wird um uns ein Band schlingen, das keine Macht je zerreißen soll!“ [HGt.03_271,11] Mit diesem Antrage waren aber auch alle zufrieden, und es wurden sogleich Anstalten getroffen, diese Schwestern von der Höhe zu holen. 272. Kapitel — Das Zusammentreffen der Karawane Aglas mit den Hirten Mahals, des Vaters der Agla[HGt.03_272,01] Eine ganze Karawane von tausend Mann wurde beordert, zu holen die beiden Schwestern, die da hießen Pira und Gella. [HGt.03_272,02] Als die Karawane aber den halben Weg zurückgelegt hatte, da fand sie eine sehr schöne Gebirgstrift, auf der mehrere Hirten eine große Herde von Schafen und Ziegen weiden ließen und diese Herden wohl hüteten vor reißenden Tieren. Diese Hirten hatten Hütten und waren bewaffnet mit Schwertern, Schleudern und Spießen. [HGt.03_272,03] Der Karawanenführer aber fragte einen dieser Hirten, ob er nicht kennete eines gewissen Mahal beide Töchter, die Pira und die Gella. [HGt.03_272,04] Und der Hirte sprach: „Woher seid ihr, daß ihr fraget nach den schönen Töchtern meines Herrn? Es hatte mein Herr wohl drei Töchter und zwei Söhne; einen Sohn aber hat er müssen in die Tiefe senden, auf daß er predigen möchte die Buße zur Vergebung der Sünde vor Gott oder das nahe Gericht, so sich die Tiefe nicht bekehren möchte. Und so ging dieser Sohn und kam bis jetzt nicht wieder zurück. [HGt.03_272,05] Also ging auch eine schöne Tochter, die da Agla hieß, verloren; wir wissen noch bis zur Stunde nicht, wohin sie kam. Wer weiß, ob sie nicht einer ähnlichen Karawane in die Hände kam und dadurch ein Raub der Tiefe ward! Saget uns daher zuvor, woher ihr seid, und wer euch hierher gesandt hat, – dann sollet ihr Auskunft über Pira und Gella erhalten!“ [HGt.03_272,06] Und der Karawanenführer sprach: „So höret mich an, ihr ehrlichen Hirten eures Herrn! Agla selbst hat uns hierher gesandt, daß wir ihre beiden Schwestern zu ihr bringen sollen! Agla aber ist nun eine große Königin in der Tiefe und gebietet über den halben Erdkreis mit unumschränkter Macht, und wir selbst sind ihre Diener. Waltar, ihr Bruder, ist gestorben. Wie, – das wissen wir nicht; sein Haupt aber haben wir gesehen, einbalsamiert in einer kristallenen Urne, die aufgestellt ist im Tempel der großen Göttin Naëme!“ [HGt.03_272,07] Als die Hirten solches vernommen hatten, da sagte der erste von ihnen: „Ich habe aus deinem Gespräche entnommen, daß du die Wahrheit geredet hast! Also möget ihr hier verharren bis morgen; alsdann wird kommen der Mahal mit seinen beiden Töchtern, und ihr könnet dann mit ihm selbst unterhandeln seiner Töchter wegen. [HGt.03_272,08] Wenn er von euch gewissenhaft erfährt, daß seine Agla Königin in der Tiefe ist, allwo eine große Stadt sein soll, von der wir freilich wohl keinen Begriff haben, dann wird er wahrscheinlich selbst mit euch ziehen und wird besuchen seine Tochter, um die er so viel geweint hat, als sie verlorenging!“ [HGt.03_272,09] Als die Karawane solches vernahm, da blieb sie bei diesen Hirten und erwartete am nächsten Morgen den Mahal mit den beiden Töchtern. 273. Kapitel — Der Hirten Loblied am andern Morgen. Das Wort von oben an die Hirten. Die Begegnung der Karawane mit Mahal und den Seinen[HGt.03_273,01] Als die Nacht vorüber war, in der wie gewöhnlich diese Hirten recht viel mit den wilden Tieren zu kämpfen hatten, und die Sonne im Aufgange stand, da fielen alle die Hirten nieder und lobten und priesen Gott, darum Er ihnen in dieser Nacht gegen die wilden Tiere also mächtig schützend und streitend beigestanden war, und baten Ihn um Seinen ferneren Beistand. [HGt.03_273,02] Eine Stimme aber, wie ein mächtiger Donner, kam durch die Luft und sprach zu den Hirten: „Treibet nach Hause die fette Herde, und tuet sie in den Stall Meines Knechtes Noah! Denn sein Bruder Mahal wird fürder dieser Herde nicht bedürfen; denn heute hat er beschlossen, mit seinen Töchtern hinabzuziehen in die Tiefe, die verflucht ist, um dort sein Glück zu suchen. [HGt.03_273,03] Noah aber wird euch eine Arbeit geben, die Ich ihm anzeigen werde. Werdet ihr treu vollziehen Meinen Willen an den Noah, da werde Ich euch am Tage des Gerichtes nicht schmecken lassen Meinen Grimm; werdet ihr aber murren in der Vollziehung Meines Willens, da sollet ihr in der letzten Angst, da der Tod über euch kommen wird, Meinen Grimm verkosten! Also geschehe es!“ [HGt.03_273,04] Als die Hirten solche Stimme vernommen hatten, da fielen sie alsogleich zur Erde nieder und gaben Gott die Ehre. [HGt.03_273,05] Als sie sich aber wieder von der Erde erhoben, da ging der Karawanenführer zu einem der Hirten und fragte ihn, was denn das für ein Gedonner gewesen sei, und ob die Hirten den Donner verstanden hätten, indem sie selben mit sichtlicher Aufmerksamkeit angehört hätten. [HGt.03_273,06] Und der Hirte sprach: „Dieser Donner war kein gewöhnlicher Donner; denn ein gewöhnlicher Donner kommt nicht aus klarer Luft! Dieser Donner war die Stimme Gottes an uns und hat uns geboten, dies und jenes zu tun, und zeigte uns an, daß Mahal, unser bisheriger Herr, aufhören wird, ein solcher uns fürder zu sein; denn er wird ziehen in die verfluchte Tiefe mit seinen Töchtern, um dort zu suchen ein neues Glück! So ihr hier harret, da werdet ihr sicher bald ihn mit seinen Töchtern empfangen können!“ [HGt.03_273,07] Nach diesen Worten fingen die Hirten an, die Herde zusammenzurufen und mit ihr den Weg zu Noah anzutreten, und verließen also die Karawane; diese aber wartete bis nahe zum Abende, und der Mahal kam nicht zum Vorschein! [HGt.03_273,08] Da sprach der Führer: „Warum aber waren wir auch so dumm und ließen die Hirten ziehen?! Weiß es wer von uns, was diese ihm nun vielleicht angetan haben, so er ihnen untergekommen ist?! Machen wir uns daher auf den Weg und ziehen ihm entgegen; vielleicht bedarf er dringendst unserer Hilfe!“ [HGt.03_273,09] Auf diese Worte erhob sich sogleich die ganze Karawane und zog aufwärts. [HGt.03_273,10] Als sie bei drei Stunden gegangen war, siehe, da kam ihnen eine ganze Gesellschaft unter, in deren Mitte sich Mahal befand mit seinen zwei Töchtern und einem Sohne; die Karawane aber, nachdem sie die Gesellschaft befragt hatte, zeigte dem Mahal bald alles an, was er zu wissen brauchte. [HGt.03_273,11] Als Mahal aber solche günstigen Dinge von der Karawane erfuhr, da verabschiedete er alsbald seine Begleitung und zog gar heiteren und frohen Mutes mit der jubelnden Karawane in die Tiefe. [HGt.03_273,12] (Nächstens über seinen Empfang in Hanoch). 274. Kapitel — Mahals und der Karawane Ankunft am Liebestempel. Der große Empfang im Königspalast[HGt.03_274,01] Es führte aber der Weg vom Gebirge, der wohl der schlechteste und am wenigsten betretene war, gerade durch den Garten der Schönheitsgöttinnen nahe am offenen Tempel vorüber, und unsere Wanderer vom Gebirge mußten sonach durch diesen verdächtigen Garten und nahe an den Tempel kommen. [HGt.03_274,02] Der Tempel aber ward in keiner Zeit mehr besucht als gerade in dieser Zeit, als sich die Kunde allenthalben verbreitet hatte von allem dem, was sich hier ereignet hatte; und so fand denn auch unsere Gesellschaft, bei der eben nun nichts lebendiger als ihre Neugierde war, eine Menge Besucher bei dem Tempel und wollte selbst denselben in Augenschein nehmen. [HGt.03_274,03] Der Karawanenführer aber sagte zum Mahal und sprach: „Würdigster Greis und allererlauchtester Vater unserer großen Königin Agla! Siehe, es ist ein starkes Volksgedränge! Wir braucheten eine Stunde, um nur in die Nähe des Tempels zu gelangen; in den Tempel selbst zu kommen aber ist nun eine offenbare allerreinste Unmöglichkeit! [HGt.03_274,04] Daher begnüge dich einstweilen mit diesem Anblicke von der geringen Ferne! Wenn du aber dieses alles näher ansehen willst, da wirst du das alles zu besichtigen gar leicht in der Gesellschaft des Königs imstande sein; denn wenn der König kommt, da weicht alles Volk plötzlich und macht allerehrerbietigst dem Könige Platz!“ [HGt.03_274,05] Auf diese Erklärung fügte sich Mahal und zog mit der Karawane weiter. [HGt.03_274,06] Als er in die Stadt kam, da wollte sein Staunen kein Ende nehmen. Bei jedem Palastgebäude blieb er stehen und bewunderte es über die Maßen. [HGt.03_274,07] Desgleichen waren auch seine Kinder voll Staunen. Der Sohn, namens Kisarell, fragte öfter, ob das wohl auch Menschenwerke seien. [HGt.03_274,08] Also zogen die glänzenden Kaufgewölbe die Augen der beiden Töchter ganz entsetzlich mächtig an, und eine wie die andere fragte bei jedem neuen Lager, ob so schöne Sachen zu bekommen seien, und wem sie wohl gehörten. [HGt.03_274,09] Der Führer redete sich nahezu heiser vor lauter Erklärungen und war sehr froh, als er nach vier Stunden den großen Palastplatz erreicht hatte. [HGt.03_274,10] Als aber die Karawane vor dem Palaste aufzog, da kamen ihr sogleich der König, die Königin, der Fungar-Hellan und der Drohuit mit einem überaus glänzenden Hofstaate entgegen und empfingen die ganze Gesellschaft auf das allerfreundlichste und führten sie in den Palast. [HGt.03_274,11] Mahal konnte sich aus lauter Freude gar nicht helfen, da er seine geliebteste und so viel beweinte Tochter in so glücklichsten Umständen wiederfand. [HGt.03_274,12] Und der Fungar-Hellan machte sich gleich an die Pira, die ihn gleich beim ersten Anblicke bezaubert hatte, und befragte sie über verschiedenes, worüber ihm die schöne Pira gar naive Antworten gab, was dem General über die Maßen wohlgefiel. [HGt.03_274,13] Desgleichen fand auch der Drohuit an der Gella sein unschätzbares Vergnügen. [HGt.03_274,14] Die Agla aber lag ihrem Vater und ihrem Bruder Kisarell ganz wonnetrunken in den Armen und konnte kaum reden vor Seligkeit. [HGt.03_274,15] Gurat aber bestellte sogleich eine große Mahlzeit und ließ sogleich königliche Kleider für die neuangekommenen Verwandten bringen. [HGt.03_274,16] Also war diese Familie in Hanoch aufgenommen. 275. Kapitel — Mahals unzerstörbare fünfhundertjährige Gebirgskleidung. Die Starrköpfigkeit Mahals wegen des Kleiderwechsels. Aglas List[HGt.03_275,01] Als die königlichen Kleider herbeigeschafft waren und die Ankleidemeister und -meisterinnen dastanden, da trat der Gurat zum Mahal und ersuchte ihn, seine harte Gebirgskleidung mit der weichen königlichen zu vertauschen. [HGt.03_275,02] Der Mahal aber gedachte hier seines Gottes und sprach: „Mein hoher Schwiegersohn! Siehe, ich habe ein hohes Alter und habe gar viele Könige in der Tiefe durch- und überlebt! [HGt.03_275,03] Mein Bruder Noah kennt noch die Zeiten Lamechs, und ich habe den Uraniel gekannt, der dem Thubalkain gefolgt ist, und dann die eintausend Räte, und dann den Ohlad, der aus den Räten hervorgegangen ist und den Tempel Lamechs wieder eröffnet hat. [HGt.03_275,04] Und siehe, dieses Kleid, das jetzt meine Blöße bedeckt, hat mir durch Jahrhunderte gedient und ist unzerstörbar; denn es ist noch mit der Wurfschütze gewebt worden, die Jehova den ersten Menschen dieser Erde gereicht hat! Welch ein Undank gegen Gott aber wäre das wohl, so ich das unzerstörbare Kleid, das meinen Leib beinahe fünfhundert Jahre vor Hitze und Kälte geschützt hat, nun ablegen und anziehen möchte dies weiche Königskleid! [HGt.03_275,05] Siehe, dies Kleid ist nicht prunkisch und hat keinen Glanz; aber es ist dennoch köstlicher denn alle deine mit Gold und Edelsteinen verzierten Kleider! Denn alle deine Kleider schmutzen und müssen dann wieder gereinigt werden; dies mein Kleid aber, das nun gut vierhundert Jahre auf meinem Leibe hängt, schmutzt nie und hält dennoch den Leib rein. [HGt.03_275,06] Darum werde ich nie ein Kleid anziehen, das da schmutzt, sondern werde bei dem verbleiben, das nicht nur nicht schmutzt, sondern dazu noch allen Schmutz des Leibes verzehrt und dem Leibe dadurch die dauerhafteste Gesundheit gibt!“ [HGt.03_275,07] Gurat erstaunte über diese Beharrlichkeit und wandte sich heimlich an die Agla und fragte sie, was da wohl zu machen sein werde. [HGt.03_275,08] Diese aber sprach: „Laß ihm nur seinen Willen! Ich kenne ihn; was er heute nicht will, und man läßt ihm seinen Willen, das tut er am nächsten Tage! Er hält noch große Stücke auf den alten Gott; aber wenn es darauf ankommt, sich irgend zu sehr zu verleugnen, da kann er schon auch sündigen wie wir! [HGt.03_275,09] Rede jedoch heute nichts mehr vom Überkleiden, sonst wirst du ihn willensstarr machen; aber am Abende lege die weißen Kleider in sein Schlafgemach, und er wird sie morgen selbst anziehen, wennschon nicht pur, so doch über sein unverwüstliches Kleid!“ [HGt.03_275,10] Darauf fragte der Gurat ebenfalls insgeheim, ob das alles wahr sei, was ihr Vater da von seinem rätselhaft langen Leben und seinem Kleide geredet habe. [HGt.03_275,11] Und die Agla sprach: „Das kannst du ihm aufs Wort glauben; denn er war ja schon beinahe vierhundert Jahre alt, als er sich ein Weib nahm! Und an uns, seinen Kindern, kannst du es klar merken, da wir doch alle schon euer Greisenalter haben und haben dabei aber doch das Aussehen, als wären wir in eurem zartesten Jünglingsalter noch!“ [HGt.03_275,12] „Ja“, sprach der Gurat, „das ist wahr; jetzt glaube ich! Das ist aber im Ernste wunderbar! Sollte aber das wohl dies Kleid bewirken?“ [HGt.03_275,13] Und die Agla sprach: „Das bewirkt allein der alte Gott, der der alleinige Gott ist und keinen andern außer Sich ewig hat! – Doch nun nichts mehr weiter; denn die Mahlzeit ist da! Morgen aber sollst du erst deine Agla von der wahren Seite kennenlernen! Und so gehen wir nun in den Speisesaal!“ 276. Kapitel — Mahal und die Seinen an der königlichen Tafel. Mahals Frage nach Waltar. Aglas Ausflüchte. Die Einmauerung des Hauptes Waltars. Mahal in königlichen Kleidern [HGt.03_276,01] Darauf begab sich die ganze Gesellschaft zur Tafel, die mit den kostbarsten Speisen besetzt war, von denen aber jedoch der Mahal wenig genoß; denn sein Gaumen war an derlei Leckereien nicht gewöhnt, und noch weniger sein gesunder Gebirgsmagen. [HGt.03_276,02] Aber desto besser ließen sich's die Pira und Gella schmecken; denn die trieb die Neugierde dazu an, eine jede Speise wenigstens zu verkosten, wennschon nicht in größeren Portionen zu verschlingen. [HGt.03_276,03] Nach der Mahlzeit unterhielt man sich von gleichgültigen Dingen und vertrieb sich die Zeit mit süßem Nichtstun. [HGt.03_276,04] Nur der Mahal fragte ein paarmal die Agla nach Waltar, erhielt aber stets eine ausweichende Antwort und wußte darob nicht, wie er daran war. [HGt.03_276,05] Die Agla aber sandte insgeheim mehrere ihrer Diener in den Garten mit dem Auftrage, das Haupt Waltars zu verbergen, und zwar durch eine Einmauerung in eine Gartenmauernische, da dieser Garten am abseitigsten war, und das bei Todesstrafe unter dem Siegel der strengsten Verschwiegenheit. [HGt.03_276,06] Dieser Befehl wurde auch bis an den nächsten Morgen pünktlichst vollzogen; denn die dafür beorderten Diener der Agla sprachen unter sich: „Hier heißt es genau gehorchen; denn hat sie ihres eigenen Bruders nicht geschont, da würde sie unser noch weniger schonen! Daher heißt es schweigen!“ [HGt.03_276,07] Als am nächsten Tage morgens die Arbeiter zurückkamen, da zeigten sie der Agla sogleich alles an, wie und wohin sie das Haupt Waltars verborgen hatten. [HGt.03_276,08] Und die Agla belohnte sie, und gab ihnen noch einmal das Gebot, zu schweigen, sogar vor dem Könige und vor dem General und vor dem Drohuit. [HGt.03_276,09] Und die Diener gelobten solches alles auf das heiligste und gingen dann ihres Weges. [HGt.03_276,10] Als aber die Hauptgesellschaft wieder im Hauptsaale des Königs zusammenkam, da vermißte man den Mahal. [HGt.03_276,11] Man ging sogleich nachzusehen, wohin er etwa seine Sinne gewendet hätte, daß er nicht zum Vorscheine käme. [HGt.03_276,12] Als man sein Gemach betrat, da fand man ihn beschäftigt, wie er gerade über sein unverwüstliches Kleid die Königskleider anprobierte. [HGt.03_276,13] Man belobte ihn darum und zog ihn dann bald unter tausend Schmeicheleien in den Hauptsaal, allwo schon ein gutes Frühstück bereitet dastand. [HGt.03_276,14] Und so war an diesem nächsten Tage schon die ganze Familie aus der Höhe in königlichen Kleidern und gefiel sich sehr darinnen. [HGt.03_276,15] Was weiter, – in der Folge! 277. Kapitel — Fungar-Hellans Verlangen nach beiden Schwestern der Agla. Der Tauschhandel Fungar-Hellans mit Drohuit. Drohuit als König; Agla als Weib des Drohuit[HGt.03_277,01] Nach dem Frühstück erhob sich der Fungar-Hellan und sprach zur Agla: „Agla, du Zierde der Schönheit aller Weiber der Erde! Außer dir sind nur deine beiden Schwestern in deiner Schönheit! Mir gefällt die Gella ebensogut wie die Pira, und wahrlich, es wird mir hier die Wahl schwer! [HGt.03_277,02] Wenn ich aber so ganz vom Herzen aufrichtig sprechen soll, da sage ich: Ich möchte lieber alle zwei zu meinen festen Weibern, als nur eine von den zweien mir nehmen! Möchte sich der Drohuit dazu bekennen, da würde er sich an mir einen gar mächtigen Freund bilden; aber es soll das seinem freien guten Willen bloßgestellt sein!“ [HGt.03_277,03] Als die Agla solches von Fungar-Hellan vernommen hatte, da wandte sie sich sogleich an den Drohuit und sagte geheim zu ihm: „Mein geliebter Drohuit, hast du den Wunsch des Fungar-Hellan vernommen? Was sagst du dazu?“ [HGt.03_277,04] Und der Drohuit sprach: „Leider! Was aber wird hier zu machen sein? Nichts, als aus lauter Politik dem eigenen Herzen Fesseln anzulegen, in den sauren Apfel zu beißen und zum bösen Spiele eine gute Miene zu machen! Nur der Gedanke, der mich deiner Liebe, o himmlische Agla, versichert, kann mich für solchen Verlust trösten; sonst müßte ich nun aus lauter Gram zugrunde gehen!“ [HGt.03_277,05] Als die Agla aber solche ihr sehr angenehme Rede von ihrem Hauptmanne vernommen hatte, da sprach sie zu ihm: „Ja, Drohuit, in meinem Herzen sollst du den tausendfachen Ersatz finden! Gehe aber nun zum Fungar-Hellan, und gewähre ihm, was er wünscht, – und es wird dann alles gut gehen!“ [HGt.03_277,06] Und der Drohuit erhob sich und ging hin zum General und sprach zu ihm: „Freund, du verlangst zwar einen schweren Preis von mir, ja einen Preis, für den ich sonst selbst eine ganze Welt gäbe; aber um dir zu zeigen, daß auch du mir mehr bist als eine ganze Welt, so will ich dir als meinem größten, innigsten und mächtigsten Freunde wohl dieses Opfer bringen! Und somit trete ich dir aus der ganzen Tiefe meines Herzens meine Gewählte ab, und segne dich damit und dadurch mit aller meiner schon ganz sicher gemeinten künftigen Seligkeit!“ [HGt.03_277,07] Hier umarmte Fungar-Hellan den Drohuit, gab ihm einen Kuß und sagte dann zu ihm: „Drohuit, so wahr ich Fungar-Hellan heiße und alle Macht in Händen habe, so wahr auch soll dir dieses Opfer Interessen tragen, von denen bis jetzt der Welt noch nichts geträumt hat! [HGt.03_277,08] Vorderhand sage ich dir nichts anderes als: Drohuit, du bist König – und der Gurat nichts als ein eitler Figurant! Die Agla ist somit dein, und du kannst den Gurat, der sehr dumm geworden ist und schwach, dabei recht gut leben und figurieren lassen des Volkes wegen; was aber die Macht betrifft, so liegt diese in meinen und deinen Händen. [HGt.03_277,09] Siehe, das ist meine Vorauszahlung; was aber auf diese erst nachträglich folgen wird, davon wird dich die Zukunft unterweisen!“ [HGt.03_277,10] Nach diesen Worten küßten sich die beiden Freunde wieder, und der Drohuit war nun mit solchem Gewinne für sein Opfer vollkommen zufrieden und ging sogleich zur Agla hin und zeigte ihr solches an. [HGt.03_277,11] Und die Agla ergriff sogleich die Hand Drohuits, drückte sie an ihre Brust und sprach: „Nun ist mein Wunsch erfüllt! Du bist nun mein!“ [HGt.03_277,12] Was weiter, – in der Folge! 278. Kapitel — Mahals Bitte um Aufschluß und Aglas Antwort. Mahals Erkenntnis über Hanochs höllische Zustände[HGt.03_278,01] Es vernahm aber auch der alte Mahal so manches, was da abgemacht ward, und somit auch, daß seine beiden Töchter an den Fungar-Hellan als Weiber eines Mannes vergeben sind. Er ging darum zur Agla und begehrte von ihr darob einen näheren Aufschluß. [HGt.03_278,02] Die Agla aber sprach: „Höre, du lieber Vater! Auf der schroffen Höhe hättest ganz natürlicherweise du gefragt werden müssen, ob deine Töchter einen Mann und was für einen Mann nehmen dürfen; aber dahier ist eine ganz andere Ordnung der Dinge, und vermöge dieser muß dir alles recht sein, was da die ersten Machthaber des großen Reiches wollen und bestimmen. [HGt.03_278,03] Die Machthaber aber sind eben jener Mann, der deine zwei Töchter zu Weibern nimmt – was für dich und sie ein unaussprechliches Glück ist –, dann ich, deine Tochter Agla als Königin dieser Stadt und des ganzen, endlos großen Reiches, und endlich der Drohuit, jener junge, stattliche Mann, der soeben mit dem Generaloberpriester Fungar-Hellan sich bespricht. [HGt.03_278,04] Mit diesen drei Machthabern mußt du dich in der steten und besten Freundschaft zu erhalten suchen, so wirst du unter ihnen das sorgloseste, beste Leben haben; im Gegenteile aber möchtest du, obschon mein Vater, große Verdrießlichkeiten und Fatalitäten zu bestehen haben! Sei daher nur stille und zeige dem Fungar-Hellan eine große Freude, daß er deine Töchter zu Weibern gewählt hat; denn durch diese Wahl bist auch du groß geworden!“ [HGt.03_278,05] Als der Mahal solches von seiner Agla vernommen hatte, da fing er schon ein wenig zu merken an, wo er so ganz eigentlich zu Hause sei, darum fing er auch an, sich ganz leise hinter den Ohren zu kratzen, und sagte etwas leise zur Agla: [HGt.03_278,06] „Ich sehe wohl, daß es hier also ist, und will zu jeglichem Spiele eine gute Miene machen deinetwegen; aber sage mir: Was ist demnach der König, wenn du, der Fungar-Hellan und der Drohuit die höchsten Personen im Reiche seid? Und was wird aus meinem Sohne Kisarell werden allhier?“ [HGt.03_278,07] Und die Agla sprach: „Der König Gurat ist ein schwacher Freund Fungar-Hellans und ist dumm! Daher steckt er wohl in Kleidern des Königs und figuriert als solcher, – aber er hat keine Macht! Drohuit aber ist der eigentliche König, und ich bin sein Weib; den hast du demnach anzuhören und alles zu befolgen, was er hier anordnen wird!“ [HGt.03_278,08] Und der Mahal fragte die Agla weiter und sprach: „Wenn hier alles also bestellt ist, was ist demnach die Macht Gottes bei euch? Wird Gott von euch nimmer zu Rate gezogen?“ [HGt.03_278,09] Da zeigte die Agla mit der Hand auf die Stirne und sprach: „Siehe, da sitzt der Rat Gottes! Den soll der Mensch ausbilden und dann handeln danach, dann handelt er sicher nach dem Rate, den ihm Gott für alle Zeiten der Zeiten gegeben hat! Oder kennst du einen bessern?“ [HGt.03_278,10] Hier schwieg der Mahal; denn er erkannte nun klar, daß da in der Tiefe die Hölle ihr Regiment aufgerichtet hatte. [HGt.03_278,11] Die Agla aber begab sich zum Fungar-Hellan und redete etwas Geheimes mit ihm. 279. Kapitel — Kisarells Ernennung zum Residenzplatzwachtmeister. Mahals prophetische Erklärung. Mahals Trauer um den Tod seines Sohnes Waltar[HGt.03_279,01] Das aber, was die Agla geheim mit dem Fungar-Hellan redete, bestand darin, ob er den Bruder Kisarell nicht irgendwo unterbringen möchte in der Art, daß dieser irgendeine amtliche Bestimmung hätte, – worauf ihr der Fungar-Hellan vorschlug, daß ihn die Agla zum Residenzplatzwachtmeister ernennen solle, von wo aus sich dann für ihn eine Menge Wege eröffnen könnten, auf denen er in einen stets höheren Rang emporrücken könne, wenn er sich dafür bei dieser ersten Anstellung taugliche Fähigkeiten erwerben werde. [HGt.03_279,02] Als die Agla solches vom Fungar-Hellan erfahren hatte, da begab sie sich sogleich zu ihrem Vater und sprach zu ihm: „Da du mich ehedem auch wegen deines Sohnes künftiger Bestimmung gefragt hast, so sage ich dir: er ist schon zum Residenzplatzwachtmeister ernannt, was hier eine sehr ehrenvolle Charge ist! Und wird er sich da gut verwenden und sich durch fleißiges Lesen und Studieren höhere Erkenntnisse zu eigen machen, dann wird er auch gar bald und leicht in ein höheres Amt vorrücken! Bist du mit dieser höchst vorteilhaften Bescherung für Kisarell zufrieden oder nicht?“ [HGt.03_279,03] Und der Mahal sprach: „Tochter, ich bin ja mit allem zufrieden; aber eines muß ich dir, die du sicher des Gottes Adams, Seths und Henochs nicht so ganz vergessen haben wirst, aus der sehr mager gewordenen Höhe denn doch kundgeben, und dieses Eine besteht darin: [HGt.03_279,04] Machet euch, alle ihr Großmächtigen dieses Reiches, bei eurer gegenwärtigen Verfassung nicht gar lange und vorteilhafte Pläne; denn so, wie jetzt bei euch die Dinge stehen, kann es unmöglich lange mehr bestehen, da ihr alle von Gott gänzlich abgewichen und übergegangen seid in ein reines Götzentum menschlicher Menschenanbetung und dadurch in ein von Gott allerentferntestes, finsterstes Welttum! [HGt.03_279,05] Ich sage dir: Noch höchstens siebzehn Jahre, und von eurer Größe und von eurer Stadt wird keine Spur mehr anzutreffen sein! Darum werde ich euch auch wieder verlassen und werde zu meinem Bruder Noah auf die Höhe ziehen; nur möchte ich zuvor noch Waltar sehen und sprechen!“ [HGt.03_279,06] Die Agla ward darob ein wenig frappiert, half sich aber bald und sprach: „Tue, was du willst; von uns aus soll dir kein Anstand gemacht werden! Was aber Waltar betrifft, so wird es etwas schwerhalten, denselben je wieder zu Gesicht zu bekommen, da er auf neue Weltentdeckungen ausgereist ist von uns und uns alle einmal für allemal verlassen hat, und das darum, weil ich ihm als Schwester doch nicht zu seinem Weibe habe die Hand reichen können!“ [HGt.03_279,07] Hier ward Mahal ganz erregt, biß sich aber in die Lippen und sprach nach einer Weile nichts als: „Also – ist Waltar tot! – Agla, Agla! Dich wird der Herr schwer strafen!“ [HGt.03_279,08] Darauf bedeckte er sein Gesicht und weinte. 280. Kapitel — Mahals gewichtige Rede an Fungar-Hellan und dessen beschönigende Weltverstandeseinwürfe[HGt.03_280,01] Es bemerkte aber der Fungar-Hellan, daß der alte Mahal weinte, und ging hin und fragte ihn um den Grund seiner Wehmut. [HGt.03_280,02] Und der Mahal sprach: „O du Mächtiger dieses Reiches, das zu allen Zeiten von Gott dem Herrn so große Gnaden und Erbarmungen genoß, wüßtest du, was ich in diesem Augenblicke weiß, da würdest auch du weinen mit mir und möchtest gar gewaltig wehklagen! [HGt.03_280,03] Denn siehe, der Herr hat mir jetzt ein inneres Licht gegeben, und in diesem Lichte erschaue ich eure großen Gebrechen vor Gott und sehe auch euer aller Untergang! Wie sollte ich da nicht weinen?! [HGt.03_280,04] Mein Sohn Waltar, von Gott zu euch als ein Prophet gesandt, ist von euch getötet worden im Geiste, – wer weiß es, ob nicht auch dem Leibe nach! [HGt.03_280,05] Doch, so ihr ihn tausend Male am Leibe getötet hättet, da würde ich lachen dazu, – denn mein Sohn wäre vor Gott dennoch lebendig geblieben im Geiste; da ihr aber seinen Geist getötet habt, so ist er tot und verloren auf ewig! [HGt.03_280,06] Und ebenso wird es mit allen diesen meinen Kindern gehen! Die Agla ist schon dreifach tot, und der Kisarell und die Pira und die Gella werden es bei solcher Verfassung werden, so ihr nicht wieder in die Fußstapfen tretet, in denen die früheren Könige dieses Reiches gewandelt sind, die da waren und hießen Lamech zu seiner Zeit, Thubalkain, Uraniel und Ohlad, gerecht vor Gott!“ [HGt.03_280,07] Als der Fungar-Hellan solche Worte von dem gotterleuchteten Mahal vernommen hatte, da bedachte er sich eine kleine Weile und sagte endlich mit der größten Ruhe und Gelassenheit: „Du magst recht haben, – denn das weiß ich gar wohl, daß bei den Bewohnern der Höhen der Erde noch eine Urweisheit zu Hause ist, die wir freilich wohl leider nicht mehr besitzen; aber demungeachtet sind auch wir nicht gar so sehr vernagelt, als ihr uns euch ganz gewiß allezeit vorstellet! [HGt.03_280,08] Wir haben wohl im eigentlichen Sinne mehr Götzentum als irgendeine reine Gotteserkenntnis; aber darum ist das eigentliche Wesen Gottes dennoch nicht ausgeschlossen. Denn durch die Plastik versinnlichen wir dem Volke nur die auswirkenden Kräfte der einen allwaltenden Gottheit und verehren sie eben darum, weil sie göttliche Kräfte sind. Und das kann Gott Selbst nicht für ungerecht ansehen! [HGt.03_280,09] Wenn wir aber solchen Kräften Namen beilegen und sie unter einer entsprechenden plastischen Form dem Volke versinnlichen und sie also verehren lassen vom Volke, sage, kann das Gott, dem höchst Weisen, als ein Greuel erscheinen?! [HGt.03_280,10] Wenn du ein großes und herrliches Gebäude ansiehst und bewunderst und lobst dasselbe, sage: rühmst du dadurch nicht auch den Baumeister?! Lobst du aber den Baumeister wohl, wenn du seine Person nur rühmst, seine Werke aber tadelst? Sicher wird sich der Baumeister für solchen Ruhm nicht erfreut zeigen! [HGt.03_280,11] Dieser unserer Gotteserkenntnis ist aber auch unsere Völkerleitung entsprechend! Ich will dich im ganzen Reiche hin und her führen, und du kannst mich töten, wenn du irgendeine Klage über Ungerechtigkeit von unserer Seite vernehmen wirst! [HGt.03_280,12] Siehe, die Völker leben glücklich! Es ist nirgends Armut unter ihnen; allenthalben blühen Künste und Wissenschaften. Sage, was will denn da dein Gott noch von uns? Will Er uns töten, so tue Er dies, – wir sind in Seiner Gewalt! Ob Er aber da nach meinem Begriffe recht handeln wird, das lassen wir einstweilen dahingestellt sein! [HGt.03_280,13] Gehe du aber nun mit mir, und ich will dir alles zeigen, was wir sind, und was wir tun; dann erst rede du, was dir unrecht deucht an uns!“ 281. Kapitel — Mahals weise Antwort an Fungar-Hellan und seine Kritik der Politik in Hanoch[HGt.03_281,01] Als der Mahal aber solches vom Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er: „Mein Gott und mein alleiniger Herr! Du wirst Deinen alten Diener doch nicht also weit verlassen wollen, daß er die Nacht der Tiefe für ein Licht ansehen sollte?! – [HGt.03_281,02] Fungar-Hellan, meinst du wohl, daß sich der äußere Menschenverstand mit dem innern Lichte des Geistes messen und ringen kann mit der Kraft desselben?! [HGt.03_281,03] Deine Rede klang wohl recht vernünftig vor den Ohren der Welt; aber dessenungeachtet ist sie ein Greuel vor den Ohren des Geistes! [HGt.03_281,04] Ja, wenn das dein Ernst wäre und somit die volle, reine Wahrheit, dann ließe sie sich schon noch rechtfertigen; aber da der Grund solcher eurer Verfassung zum Scheinwohle eures Volkes ganz ein anderer ist als der, den du mir hier vorgabst, so kann vor dem Richterstuhle des Geistes für solche eure Verfassung keine Rechtfertigung werden! [HGt.03_281,05] Du kannst mir nichts oder alles zeigen, was und wie ihr tut, so wird das die Wahrheiten in meinem Geiste dennoch nicht zu bestechen imstande sein; denn ich sehe ja eben in meinem Geiste durch die dichte, gerecht scheinende schöne Maske eurer Verfassung das faule Totengerippe hindurch! [HGt.03_281,06] Wie möglich wohl kannst du da dich bemühen wollen, mir da ein gerechtes und wohlgeordnetes Leben zu zeigen, wo ich nichts als lauter Moder und Aas entdecke?! [HGt.03_281,07] Auf daß du es aber erfährst, wie ich in meinem Geiste gar wohl einsehe, wie eure Verfassung bestellt ist, so sage ich dir: Du, der Gurat und der Drohuit, und viele tausend andere Große, glaubet gar nichts, – weder an einen alten, noch an einen neuen Gott, wie auch an kein Leben nach dem Tode, und all euer Göttertum ist somit ein Trug fürs Volk! [HGt.03_281,08] Ja, lehretet ihr das, was ihr selbst glaubet, dann würdet ihr das Volk nicht betrügen; denn da würdet ihr es wenigstens redlich meinen mit dem Volke, und das Volk wüßte, wie es daran wäre! [HGt.03_281,09] Euer Wahlspruch aber heißt: Illusion, Politik! Ihr redet anders, als ihr denket, und durch eure Handlungen suchet ihr stets nur verborgene Zwecke zu erreichen, die mit euren äußerlich erscheinenden Absichten nicht in dem allerentferntesten Zusammenhange stehen! [HGt.03_281,10] Nun, Freund, frage ich dich: Kann solch eine Verfassung einem höchst weisen Gotte wohl gerecht erscheinen, – Ihm, der da die ewige Liebe und Weisheit Selbst ist und daraus die ewige Wahrheit, Ordnung und Gerechtigkeit? [HGt.03_281,11] Darum brauche ich nicht zu sehen, was ihr tuet und wie; denn ich sehe den Grund in euch!“ [HGt.03_281,12] Diese Rede Mahals machte den Fungar-Hellan ganz gewaltig stutzen; denn er ersah daraus nur zu klar, daß seine Politik von Mahal wie ein allerklarster Tag durchschaut war. Er sprach darum nichts als: „Du magst im Grunde wohl recht haben; dessenungeachtet aber komme doch und siehe, und du wirst anders reden!“ 282. Kapitel — Der Zug in den Garten des Liebestempels unter der Führung Mahals. Fungar-Hellan an der Urne mit dem Haupte Waltars[HGt.03_282,01] Und der Mahal sprach: „Gut, Freund, ich will mit dir gehen; denn ich fürchte mich nicht vor dir, da der Herr mit mir ist! Doch wehe dir selbst, so in deinem Herzen arge Gedanken aufsteigen sollten; denn dann sollst du alsbald gewahr werden, daß da der Herr Himmels und der Erde mit mir ist! Und so will ich nun mit dir gehen!“ [HGt.03_282,02] Nach diesen Worten Mahals berief der Fungar-Hellan sogleich seine sehr glänzende und sehr zahlreiche Ehrenwache zusammen und machte sich zum Abzuge bereit; aber im Augenblicke fiel ihm ein, daß er auch die beiden Töchter Mahals mitnehmen solle samt dem Kisarell, weil diese sonst leicht Schaden leiden könnten durch irgendeinen geheimen Grimm der Agla. Er fragte darum den Mahal. [HGt.03_282,03] Und der Mahal willigte in diesen Vorschlag ein und sprach: „Das magst du wohl tun; denn es ist nicht geheuer, einer brudermörderischen Schwester noch die anderen Geschwister für den Tod zu überlassen!“ [HGt.03_282,04] Bei diesen Worten erschrak Fungar-Hellan und fragte den Mahal: „Geheimnisvoller Mann, wer entdeckte dir das, was Agla getan hat an ihrem Bruder zur Sicherung dieses Reiches? Wie kannst du wissen, was uns selbst noch ein Geheimnis ist zum größten Teile?“ [HGt.03_282,05] Und der Mahal sprach: „Ich kann es wissen, weil es mir der Herr sagt; ihr aber vermöget nichts zu wissen, weil ihr alle schon endlos tief in aller Nacht der Welt und somit der Hölle stecket, in der kein göttlicher Lichtstrahl waltet, sondern nur Gottes Zorn, des Geistes Nacht und Tod! [HGt.03_282,06] Aber nun laß uns hinausziehen, aber zuerst dahin, wohin dich mein Sinn wenden wird, – worauf ich dir dann folgen will, wohin du mich ziehen wirst!“ [HGt.03_282,07] Und der Fungar-Hellan sprach: „Gut, so machet euch auf den Weg, und ich will sehen, wohin du geheimnisvoller Mann mir den Weg weisen willst als ein Fremdling in dieser übergroßen Stadt!“ [HGt.03_282,08] Nach diesen Worten brachen der Fungar-Hellan, der Mahal, Kisarell, die Pira und die Gella auf, und der Mahal führte den Fungar-Hellan schnurgerade den Weg in den Garten der ehemaligen Schönheitsgöttinnen, worüber sich der General höchlichst verwunderte, daß der fremde Mann in dieser Stadt sich durch alle hundert Gassen zurechtfand. [HGt.03_282,09] Als sie aber im Garten anlangten, da führte der Mahal den Fungar-Hellan sogleich schnurgerade an die Stelle, allwo am vorigen Tage zur tiefabendlichen Zeit die Agla das Haupt Waltars samt der Glasurne hatte einmauern lassen. [HGt.03_282,10] Allda angelangt, fragte der Fungar-Hellan: „Nun, Freund, – was soll ich hier?“ [HGt.03_282,11] Und der Mahal sprach: „Laß diese frische Mauer ausbrechen – aber behutsam –, auf daß du dich überzeugest, wie das göttliche Licht im Herzen mehr sieht als all dein geheimes Stadt- und Bürger-Durchspionierungswesen!“ [HGt.03_282,12] Fungar-Hellan tat solches sogleich; und als die Nische von der neuen Übermauer entledigt war, da ward alsbald die Urne mit dem Haupte sichtbar. [HGt.03_282,13] Fungar-Hellan entsetzte sich und schrie: „Aber um alle Teufel, wie kommt dieses Haupt hierher?“ [HGt.03_282,14] Und Mahal sprach: „Wie fragst du das? Mußt du denn als der Verständigste nicht in alle Geheimnisse deines Reiches eingeweiht sein?! Wußtest du denn nicht, was gestern die Agla anbefohlen hatte ihrer Dienerschaft?“ [HGt.03_282,15] Hier machte Fungar große Augen; Mahal aber hieß den General ihm weiter folgen, allda es noch ganz andere Geheimnisse gebe. Und Fungar folgte dem Mahal. 283. Kapitel — Fungar-Hellan im Liebestempel unter der Führung Mahals. Die Entdeckung des Lotterbettes über dem verdeckten Abgrund[HGt.03_283,01] In den Tempel ging der Zug. Und als der Mahal mit dem Fungar-Hellan allda angelangt war, da sagte Mahal zum Fungar-Hellan, mit der Hand auf die Särge der Weiber Waltars deutend: [HGt.03_283,02] „Da siehe den echten und allein wahren Grund des Todes meines Sohnes! Die Eifersucht Aglas, meiner ungeratenen Tochter, hat den Bruder getötet dieser Unglückseligen wegen und diese dann mit höchsteigener Hand des Bruders wegen mit einem vergifteten Dolche!“ [HGt.03_283,03] Wie der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatte, da entsetzte er sich ganz gewaltig und sagte ganz ergrimmt: „Wenn das alles die Agla darum getan hat, wie du mir es nun kundgabst, da soll sie heute noch ohne alle Schonung des martervollsten Todes sterben!“ [HGt.03_283,04] Mahal aber sprach ganz gelassen: „O Freund, ereifere dich nicht eher, als bis du alles über die Handlungsweise der Agla in Erfahrung wirst gebracht haben; gehe darum nur weiter mit mir!“ [HGt.03_283,05] Darauf ging der Zug, dem Mahal folgend, in das Wohngebäude, und Mahal führte den Fungar-Hellan durch einen Gang im dritten Stockwerke. Als er nahe an dessen Ende kam, da zeigte er dem General eine Türe – ja eine Türe des Verderbens! – und fragte dann den forschenden Generaloberpriester: „Kennst du wohl, was sich hinter dieser zierlichen Türe befindet?“ [HGt.03_283,06] Der General zuckte mit den Achseln und sprach: „Wie sollte ich das wissen? Habe ich doch diese Türe nicht machen lassen, als ich selbst erbauen ließ dies Haus für die schönsten Weiber Hanochs! – Was ist hinter dieser Tür? Rede, und zeige es mir!“ [HGt.03_283,07] Und der Mahal sprach: „Laß behutsam diese Türe durch deine Leute öffnen, und siehe!“ [HGt.03_283,08] Sogleich ließ Fungar-Hellan die Türe gewaltsam sprengen und fand im ersten Augenblicke nichts als ein enges, zierliches Gemach, dessen innerer Raum knapp eine Quadratklafter maß, und im Hintergrunde desselben ein recht zierliches Lotterbett. [HGt.03_283,09] Bei diesem Anblicke sagte Fungar-Hellan: „Da sehe ich nichts Besonderes!“ [HGt.03_283,10] Und der Mahal ließ sich einen Lanzenstiel reichen und stieß mit demselben an einen am Lotterbett angebrachten Knopf; und im Augenblicke öffnete sich der Boden dieses Kleingemaches nach unten in zwei Flügeln, und ein tiefer und finsterer Abgrund starrte den erstaunten Beschauern entgegen. [HGt.03_283,11] „Was ist denn das?“ schrie der General. [HGt.03_283,12] Und der Mahal sprach: „Ein wohlbereiteter Untergang für dich, – ein Werk der Agla aus der jüngsten Zeit! Hierher wollte sie dich verlocken, und so du ihr beigewohnt hättest, da auch hätte sie an den Knopf mit der Ferse gestoßen, und du wärest da zur Beute dieses Abgrundes geworden! – Wie gefällt dir diese Einrichtung?“ [HGt.03_283,13] Hier fing der General förmlich zu schäumen an vor Wut und konnte nicht reden vor Zorn und Grimm. 284. Kapitel — Mahal und Fungar-Hellan im Lusthäuschen des Tempelgartens. Das Polsterwerk des Thrones mit den vergifteten Nadelspitzen.[HGt.03_284,01] Nach einer Weile erst, als der Fungar-Hellan sich satt geschaut hatte an dem Abgrunde, der für ihn bereitet war, fing sich seine Zunge zu lösen an, und er sprach in größter Aufregung seines Gemütes: [HGt.03_284,02] „O Mahal, o Freund! Ich bitte nun dich, zu reden und auszusprechen, was da mit der Höllentochter Agla geschehen soll! Sage, ist es denn nicht möglich, sie tausend Male auf das martervollste zu töten?! – Ja, ich weiß, was ich tun will! Tausend Male will ich sie die schauerlichste Todesangst bestehen lassen und sie dann erst auf die grausamste Weise von der Welt töten lassen!“ [HGt.03_284,03] Der Mahal aber sprach: „Freund, ich sage dir im Namen meines Gottes und meines alleinigen Herrn: Laß du ab von deinem Zorn und Grimme, und richte nicht zuvor, als bis du die ganze Masse der Taten vor deinen Augen haben wirst, die da von der Agla verübt oder wenigstens vorbereitet worden sind! Wirst du erst in alles eingeweiht sein, dann auch wollen wir sehen, welch ein Urteil sich über die Täterin wird fassen und fällen lassen! [HGt.03_284,04] Jetzt aber gehe mit mir wieder weiter; denn wir sind noch lange nicht zu Ende mit der Betrachtung dessen, was alles die Agla mit Hilfe ihres Hauptmannes Drohuit, den du heute zum Könige gesetzt hast, ausgeführt und vorbereitet hat! Und so folge mir weiter!“ [HGt.03_284,05] Darauf führte Mahal den Fungar-Hellan wieder in den Garten und allda in eines der vielen Lusthäuschen. Über diesem war eine Inschrift zu sehen, die also lautete: „Hier ist des Königs Lust, hier des Königs höchste Wonne!“ Im Lusthäuschen aber war ein sehr zierlicher Thron aufgerichtet, und zwar für den König, und daneben wieder ein Lotterbett, – natürlich für die Beischläferin. [HGt.03_284,06] Der Fungar-Hellan fragte hier wieder den Mahal, was denn das schon wieder für ein neues Teufelswerk wäre. [HGt.03_284,07] Und der Mahal führte den General an den Thron und sagte: „Siehst du hier aus dem Polsterwerk des Thrones tausend feiner Nadelspitzen gucken, eine jede den sicheren Tod bringend?! [HGt.03_284,08] Du kennst die Wirkung der Nadeln! Siehe, auch sie sind ein Werk der Agla! Ihr Zweck ist, alle der Königin nicht zusagende Personen aus dieser Welt zu befördern, und somit auch dich, der du ihr der größte Dorn im Auge bist! [HGt.03_284,09] Der Erfinder dieser Nadeln ist der Drohuit selbst, wie auch der wohlerfahrene Pflanzer jenes Bäumchens in einem Glashause, das du schon gesehen hast. [HGt.03_284,10] Woher wohl hat er den Samen zu diesem Gewächse bekommen? [HGt.03_284,11] Siehe, der Same ist ein Produkt der Hölle! Auf dem Wege, den der Drohuit machte, zu besichtigen den Tempel des Stieres, der in einer dir wohlbekannten Gebirgsschlucht errichtet ist, kam ihm ein fremdes Wesen unter und gab ihm den Samen und lehrte ihn, wie er diesen in die Erde setzen solle, und was des daraus hervorgehenden Gewächses Wirkung ist. [HGt.03_284,12] Und Drohuit setzte das Korn in die Erde, und schon in wenigen Tagen stand die unheilvolle Pflanze da! Er lehrte deren Wirkung die Agla, und diese ward erfreut darüber. Und das ist dann der Grund der kleinen spitzigen Mordwerkzeuge. [HGt.03_284,13] Wie gefällt dir diese Sache? – Ich sehe, du bist schon wieder ganz stumm vor Entsetzen und Ärger! Ich aber sage dir: Gehe nur weiter mit mir, und du sollst schon noch auf bessere Dinge stoßen!“ 285. Kapitel — Eine neue Entdeckung: die geheime Armee Drohuits[HGt.03_285,01] Fungar-Hellan aber sprach: „Was soll ich weiter mit dir ziehen und in Augenschein nehmen die greuelhaftesten Vorkehrungen von Seite der Agla zu meinem Untergange?! Ich habe an dem bisher in Erfahrung Gebrachten über die Genüge, und es genügt für ihren sichern Tod, – und wenn sie tausendmal deine Tochter wäre! Daher ziehe du lieber mit mir nun, auf daß ich dir von meiner Einrichtung etwas zeige!“ [HGt.03_285,02] Und der Mahal erwiderte: „Gerade diesmal mußt du ganz besonders unausweichlich mit mir ziehen; denn was du jetzt sehen wirst, das wird vom größten Belange zu deiner Rettung sein! [HGt.03_285,03] Was du bisher gesehen hast, das sind mißlungene Vorkehrungen nur zum Verderben deiner Person; was du aber jetzt erschauen wirst, das droht alle deine Macht mit einem Schlage zu vernichten! [HGt.03_285,04] Darum folge mir schnell, auf daß wir nicht zu spät dahin kommen; denn was ich dir nun zeigen muß, das befindet sich nicht etwa in diesem Garten, sondern in einem etwas entlegeneren Teile dieser Stadt. Darum nur schnell aufgebrochen und weitergezogen!“ [HGt.03_285,05] Auf diese Worte berief der Fungar-Hellan sogleich all sein Gefolge zusammen, und die ganze, große Gesellschaft zog von dannen, dem Mahal folgend. Und dieser zog durch abseitige Gassen und Straßen der Stadt und kam nach zwei Stunden auf einen großen, freien Platz innerhalb der großen Stadtmauer, von dem sehr sonderbarerweise der Fungar-Hellan keine Silbe wußte. [HGt.03_285,06] Allda angelangt, fragte Mahal den Fungar-Hellan: „Freund, kennst du diesen Platz?“ [HGt.03_285,07] Und Fungar-Hellan erwiderte ganz erstaunt: „Wahrlich, ich bin doch in dieser Stadt geboren und kann mich nicht erinnern, je diesen Platz gesehen oder sonst von ihm irgend einmal etwas gehört zu haben! Was soll es da mit diesem Platze, der groß genug wäre, eine ganze Million Krieger aufzustellen?“ [HGt.03_285,08] Und der Mahal sagte: „Freund, nur eine kleine Geduld, und du wirst sogleich zu sehen anfangen, was hier geschieht! Da siehe nur recht genau in jenen entferntesten Winkel dieses Raumes, dahin man wohl eine Stunde geraden Weges zu wandeln hätte, und dir wird sich sogleich eine Bewegung von sehr vielen Menschen kundgeben!“ [HGt.03_285,09] Und der Fungar sah genau hin und bemerkte bald ein ganzes, großes Kriegsheer auf diesen Platz anrücken. [HGt.03_285,10] Hier fragte wieder der Mahal den Fungar-Hellan: „Freund, der du einen so hellen Verstand zu besitzen vorgibst und alles weißt, was im ganzen Reiche geschieht, – weißt du auch davon, daß hier bei einer Million Krieger wider dich und den König Gurat in den Waffen geübt werden?“ [HGt.03_285,11] Hier ward der Fungar-Hellan ganz blaß und konnte schon wieder kein Wort vor lauter Grimm herausbringen. [HGt.03_285,12] Und Mahal sprach: „Wir dürfen von ihnen aber nicht entdeckt werden; denn da wären wir verloren! Aber weiter wieder stadteinwärts wollen wir ziehen, da werde ich dir noch andere Dinge zeigen, die von noch größerem Belange sind! Daher kehren wir nun sogleich wieder um, auf daß uns ja der Drohuit nicht erkenne, der hier an der Spitze ist!“ [HGt.03_285,13] Fungar-Hellan schlug die Hände über dem Haupte zusammen und folgte dem Mahal. 286. Kapitel — Die geheime Verschwörung der siebzigtausend Großbürger in einer der früheren Weiberverschönerungsanstalten[HGt.03_286,01] Abermals führte Mahal den Fungar-Hellan durch mehrere abseitige Gassen und Straßen und kam dort vor ein altes Gebäude von großer Ausdehnung. Als er allda anlangte, da blieb er stehen und fragte den Fungar-Hellan, was dieser wohl meine, was es sei, das in diesem Gebäude nun vor sich ginge. [HGt.03_286,02] Und der Fungar-Hellan sprach: „Freund, wie sollte ich das wissen? Kenne ich doch dieses Gebäude selbst kaum und muß dir offenherzig bekennen, daß ich es jetzt in meinem Leben sicher zum ersten Male sehe! Denn wer sollte da wohl imstande sein, in dieser Stadt alle die Gebäude zu kennen, deren es eine Unzahl gibt?! Daher bitte ich dich, der du Kenntnisse von allen Dingen hast in deiner Seele: gib du mir kund, was hier vor sich geht!“ [HGt.03_286,03] Und der Mahal sprach: „Siehe, hier ist ein abseitiger und daher sehr günstiger Versammlungsort von zweihunderttausend Meuterern gegen dich und den König Gurat. Dieses übergroße Gebäude war einmal eine schnöde Weiberverschönerungsanstalt; nun aber ist es ein Haus der Meuterei. [HGt.03_286,04] Gegenwärtig befinden sich siebzigtausend Großbürger dieser Stadt in den vielen und weiten Gemächern dieses Gebäudes und halten unter siebzig vorsitzenden Delegierten und Deputierten Drohuits und der Agla einen gar schmählichen Rat gegen dich und den König Gurat. [HGt.03_286,05] Du möchtest wohl hineingehen und dich von allem selbst überzeugen; aber das würde da wohl nicht geheuer sein! [HGt.03_286,06] Darum begeben wir uns in dieses zerfallene Gebäude gegenüber dieser großen Burg, und wir dürfen dort in einem guten Verstecke kaum eine halbe Stunde warten, und du wirst bald die Kongregation aus diesem Gebäude herausziehen sehen und viele Bekannte in ihrer Mitte!“ [HGt.03_286,07] Auf diese Worte Mahals begab sich die ganze, große Gesellschaft in die Schlupfwinkel der Ruine und harrte dort des Austrittes der Versammlung. Es verlief kaum eine halbe Stunde, da öffnete sich das große Tor, und bei anderthalb Stunden dauerte der Auszug, unter dem der Fungar eine Menge Wohlbekannter zählte, ja sogar mehrere Oberpriester! [HGt.03_286,08] Und so im Vorübergehen bemerkte der General, wie da einige Hochgestellte untereinander sprachen und sagten: „Nur einen Punkt noch haben wir zu besiegen: die Macht Fungars, die noch sehr stark auf ihn hält, die muß fallen. Der schlaue Fuchs hat sich bisher zwar in keiner ihm gelegten Falle fangen und töten lassen; aber das tut nichts zur Sache! Denn nun haben wir ihn doch! Die weise Agla brachte es mit ihm so weit, daß er seinen größten Feind selbst zum Könige machte; dieser stellt nun seine Hauptmacht zusammen und in zehn Tagen wird die Sache entschieden sein!“ [HGt.03_286,09] Als der Fungar-Hellan solches vernommen, da umfaßte er den Mahal und sprach: „Nun erst erkenne ich dich als meinen größten Freund! Nun weiß ich alles und sage nicht mehr: ,Komme, und siehe meine Staatsverfassung!‘, sondern ich bitte dich um den besten Rat, was ich nun tun soll!“ [HGt.03_286,10] Und der Mahal sprach: „Der Rat wird folgen; aber zuvor mußt du noch etwas in Augenschein nehmen! Daher folge mir schnell, und überzeuge dich von allem!“ [HGt.03_286,11] Und der Fungar ging sogleich, wohin ihn Mahal führte. 287. Kapitel — Der Zug in die Burg und in die Generalswohnung. Die vergifteten Glassplitter auf dem Fußboden[HGt.03_287,01] Wohin ging denn jetzt der Marsch? Wohin mußte denn der Fungar-Hellan nun noch vor der versprochenen Erteilung eines guten Rates dem Mahal noch folgen? – In die Wohnung, in die Burg der Priester selbst, und da dann auch in die große Wohnung des Generals! [HGt.03_287,02] Als die ganze, große Gesellschaft allda anlangte, da fragte Mahal den Fungar-Hellan: „Dieses Gebäude, an der Größe einem recht weitläufigen Gebirge nicht viel nachgebend, wirst du wohl kennen?!“ [HGt.03_287,03] Und der Fungar-Hellan sprach, etwas schmunzelnd: „Ja, das dürfte mir so ziemlich bekannt sein! Aber was soll es hier in meinem Hause?“ [HGt.03_287,04] Und der Mahal sprach: „Gehen wir nun zuerst in die Wohnung der Priester, und zwar zuerst in die der Unterpriester, und du wirst es sogleich einsehen, was es hier soll!“ [HGt.03_287,05] Auf diese Worte ging die ganze Gesellschaft sogleich in die große Kommunalwohnung der Unterpriester und fand sie sehr tätig. [HGt.03_287,06] Worin bestand aber die Tätigkeit? – Sie schärften die Spitzen der Schwerter und Lanzen, wärmten dieselben über einem Kohlenfeuer und tauchten dann die nahezu heiß gemachten Spitzen in das schon bekannte Gift! [HGt.03_287,07] Als aber die Unterpriester, die früher – wie bekannt – Oberpriester waren, den Fungar-Hellan erblickten, da überfiel sie eine große Angst, daß sie darob alles fallen ließen. [HGt.03_287,08] Und als der General sie mit Donnerstimme fragte: „Was geschieht hier? Wer hat euch das zu tun befohlen?“, da konnte keiner ein Wort über seine Lippen bringen; denn ein jeder sah sich nun als verraten und verloren an. [HGt.03_287,09] Der Fungar aber fragte sogleich den Mahal, was er hier tun solle. [HGt.03_287,10] Und der Mahal sprach: „Hier fange an zu handeln! Laß sogleich Kriegsknechte kommen und gefangennehmen diese ganze Rotte; denn diese ist des Drohuits und der Agla Hauptstütze und hat beide zu deinen größten Feinden zu machen gewußt, und das aus altem Hasse gegen dich, dessen Grund dir wohl bekannt sein wird! [HGt.03_287,11] Eben diese Unterpriester haben dir auch schon eine Menge Oberpriester abhold gemacht und sind der geheime Hauptgrund der gegenwärtigen Meuterei! An ihnen kannst du des Gesetzes ganze Strenge vollziehen lassen; doch sei zurückhaltsam mit der Todesstrafe!“ [HGt.03_287,12] Auf diese Worte ließ der General sogleich etliche tausend Krieger kommen; diese banden sogleich die Unterpriester und warfen sie in die untersten und festesten Kerker. [HGt.03_287,13] Und der Fungar ließ darauf alle die vergifteten Waffen sammeln und sie in einen guten Gewahrsam bringen. [HGt.03_287,14] Darauf führte ihn der Mahal in seine eigene Wohnung und sprach vor der Türe, die ins erste große Gemach führte: [HGt.03_287,15] „Laß zuerst Kammerfeger und Kätzer kommen, daß sie vor unserem Eintritte die Fußböden sorgfältigst reinigen und gar wohl auskätzen, – sonst kostet uns ein jeder Tritt das Leben! Denn einige mit den Unterpriestern verbundene Oberpriester haben den ganzen Boden mit vergifteten Glassplittern übersät, und der kleinste Ritz in die Fußsohlen kostet jedem von uns das Leben!“ [HGt.03_287,16] Der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat des Mahal und ließ Feger und Putzer kommen; und diese kamen, mit Holzschuhen an ihren Füßen, und reinigten alle Gemächer des Generals. [HGt.03_287,17] Der General aber fragte die Feger und Kätzer: „Warum habt ihr euch denn also beschuht? Wußtet ihr denn, was für ein Unrat in meine Gemächer gestreut wurde?“ [HGt.03_287,18] Hier verstummten die Feger und Kätzer und fingen an zu beben vor dem General. [HGt.03_287,19] Und der Mahal sagte zum Fungar-Hellan: „Diese handelten im Zwange; daher behandle sie gnädig!“ [HGt.03_287,20] Und der Fungar-Hellan sprach: „Gebet mit der größten Treue mir alles kund, so will ich euer schonen!“ [HGt.03_287,21] Hier fingen sie an zu reden, daß sich darob des Generals Haare gen Berg zu sträuben anfingen. [HGt.03_287,22] Was sie redeten, – davon in der Folge! 288. Kapitel — Das Geständnis der Feger und Putzer. Der vergiftete Brunnen, die vergifteten Speisen und das vergiftete Hausgerät[HGt.03_288,01] Die Feger und Kätzer aber wurden voll Furcht, indem sie sich durch dieses Begehren des Generals vor einer Doppelfalle befanden. [HGt.03_288,02] Daher traten der Hauptfeger und der Hauptkätzer vor und diese beiden sprachen: „Großer, allmächtiger Herr und Herr und Herr! Wir wollen dir ja gleichwohl alles kundgeben, wenn du uns zu schützen vermagst vor der Wut deiner Feinde; kannst du aber das nicht, da sind wir verloren so wie so! Denn so wir dir nicht alles kundgeben, da wirst du uns töten; geben wir dir aber alles kund, da wirst du dann zusehen, wie uns deine Feinde erwürgen werden, darum wir sie gegen ihr entsetzlichstes Gebot verraten an dich!“ [HGt.03_288,03] Und der Fungar-Hellan sprach: „Sorget euch um etwas anderes; eure vermeinten Herren, die euch mit dem Tode bedroht haben, so ihr sie unter was immer für einer Maske an mich verraten würdet, liegen schon lange in den tiefsten Kerkern! Daher möget ihr ohne alle weitere Furcht mir alles kundgeben, was ihr wisset!“ [HGt.03_288,04] Als die beiden das vom General vernommen hatten, da sagten sie: „Wenn sich die Sache also verhält, ah, – da können wir schon reden ganz ohne Furcht und Zagen! Und so wolle uns denn gnädigst anhören! [HGt.03_288,05] Die Unterpriester sind deine größten Feinde schon von der Zeit her gewesen, da du sie zu Unterpriestern gemacht hast aus einer vorgeschützten Vollmacht des Königs, und haben jetzt an der entsetzlichen Königin und an ihrem Lieblinge Drohuit die schönsten Werkzeuge gefunden, um sich durch sie an dir zu rächen! [HGt.03_288,06] Die Königin strebt nach der Alleinherrschaft, und der Drohuit, ein geilster Bock, nach dem Besitze des reizendsten Weibes, was eben diese Königin sein soll – was wir jedoch nicht verbürgen können, da wir sie noch nicht gesehen haben –; und die Unterpriester haben ihnen alles eidlich zugesagt, so die Königin imstande wäre, dich zu verderben und dann sie als die alten, wahren Oberpriester anzuerkennen! Aus dem Grunde taten nun beide Teile alles, was immer nur für dein Verderben taugen möchte. [HGt.03_288,07] Willst du aber nicht dem sichern Tode in die Arme fallen, da trinke von deinem goldenen Brunnen ja kein Wasser; denn es ist vergiftet! Ebenso iß auch von deiner Speisekammer keinen Bissen; denn da ist alles überstark vergiftet! Lege dich auch nicht auf dein Lotterbett und ebensowenig in dein Ruhebett, noch setze dich auf einen deiner Stühle und Bänke; denn das alles ist voll von vergifteten Nadeln! Die Zimmerböden sind jetzt wohl wieder rein, aber aller deiner sonstigen Hauseinrichtung traue nicht; denn da dürfte überall etwas stecken, was dir den Tod bringen könnte! Nun weißt du alles, was wir wußten; handle nun recht und gerecht!“ [HGt.03_288,08] Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da ward er voll des entsetzlichsten Grimmes. [HGt.03_288,09] Aber der Mahal sprach: „Freund, mäßige dich; denn im Zorne kann kein Wesen etwas Kluges tun! Du hast nun alle die Gefahren kennengelernt und hast darum nun gut handeln! [HGt.03_288,10] Gib aber nun ein Gastmahl von den vergifteten Speisen, und lade alle deine Feinde ein! Wenn sie kommen werden, da sage, wie sie nun von deiner Speisekammer essen sollen! Die sich zu essen weigern werden, die nimm alsbald gefangen; die sich aber nicht weigern möchten, die laß du nicht essen! [HGt.03_288,11] Was dann zu geschehen hat, das werde ich dir zur rechten Zeit kundgeben! Und also geschehe es!“ 289. Kapitel — Die Enthüllungen der Köche. Mahals Rat an die Köche. Die gewaltsame Herbeischaffung der geladenen Gäste zum Gastmahl[HGt.03_289,01] Nach diesem Rate Mahals ließ der Fungar-Hellan sogleich seine Köche und Speisemeister zu sich kommen und befahl ihnen, eine Mahlzeit zu richten für tausend Personen, und sagte zu den Tafeldeckern: „Gehet und decket im großen Speisesaale die großen Gasttische mit goldenem Eßzeuge, und stellet die reichen Stühle und Lotterbetten zu den gedeckten Tischen!“ [HGt.03_289,02] Hier wurden die Köche, Speisemeister und Tafeldecker ganz blaß vor Angst und sahen sich für verloren an. [HGt.03_289,03] Fungar aber merkte wohl die große Verlegenheit dieser seiner sonst sehr getreuen Dienstleute und fragte sie darum ganz fest: „Nun, was zaudert ihr? Warum werdet ihr denn so voll Angst und Zagens nun?“ [HGt.03_289,04] Und der Oberkoch sprach: „Herr, Herr, Herr! Wir alle tragen keine Schuld! Aber zusehen mußten wir, wie die Unterpriester unter der Leitung mehrerer Oberpriester den Goldbrunnen, alle deine Speisekammern und all deine Tischgeräte vergifteten mit einem neuen Gifte, das ihnen der Hauptmann Drohuit übergab. [HGt.03_289,05] Sie versuchten darauf, die vergifteten Speisen den Tieren zu geben, und diese verendeten im Augenblick nach dem Verschlingen einer solchen vergifteten Speise. [HGt.03_289,06] Wenn du nun oder die Geladenen davon essen werden, da werden sie alle zugrunde gehen! Und wir getrauen uns sogar nicht einmal, die vergifteten Speisen anzurühren und noch weniger sie zu bereiten!“ [HGt.03_289,07] Und der Fungar-Hellan sagte: „Ich weiß alles, was ihr mir nun kundgegeben habt; darum will ich eben diese Mahlzeit denen geben, die so gut und treu für mich gesorgt haben! Dieser mein einziger bester Freund, der von der Höhe gekommen ist, aber wird euch sagen, wie ihr die Speisen anzugreifen habt, damit sie euch nicht schaden werden!“ [HGt.03_289,08] Hier wandten sich die Köche, Speisemeister und die Tafeldecker an den alten Mahal und baten ihn um einen Rat. [HGt.03_289,09] Und der Mahal sprach: „So gehet und nehmet Öl und Essig, und waschet euch am ganzen Leibe damit zuvor, ehe ihr die Speisen und andere vergiftete Dinge angreifet! Und ihr Köche bindet euch ein nasses Tuch vor die Nüstern, und bereitet also die Speisen, und es wird euch nichts schaden!“ [HGt.03_289,10] Dieser Rat wurde sogleich befolgt, und alle die Beorderten machten sich an ihre Arbeit. [HGt.03_289,11] Dann berief der General die Herolde zusammen und gebot ihnen, die gewissen Gäste zum Abendmahle zu laden. [HGt.03_289,12] Und die Herolde gingen und luden die bestimmten Gäste. [HGt.03_289,13] Dann aber ließ der Fungar-Hellan auch die Kriegsobersten zu sich kommen und erteilte ihnen den Befehl, die ganze große Macht schlagfertig zu halten. [HGt.03_289,14] Und es geschah alles wie auf einen Wink! [HGt.03_289,15] Die Geladenen aber hatten den Braten gerochen und entschuldigten sich, zu kommen. [HGt.03_289,16] Da sprach Mahal: „So sende nun wohlbewaffnete Kriegsknechte aus, diese sollen die Geladenen binden und hierherschleppen!“ [HGt.03_289,17] Und der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat Mahals und in einer Stunde wurden bei tausend Gäste herbeigeschleppt, darunter auch die Agla und der Drohuit. Nur der König Gurat kam frei. 290. Kapitel — Aglas freche Frage an Fungar-Hellan und dessen klare Antwort. Aglas vergebliche Ausflüchte. Agla und Drohuit im Käfig[HGt.03_290,01] Als die Agla des Fungar-Hellan ansichtig wurde, da trat sie, wie ganz festen Mutes, zu ihm hin und fragte ihn in einem sehr festen Tone: „Fungar-Hellan! Was willst du mir tun, daß du mich wie eine allerniedrigste Sklavin hierher hast schleppen lassen? Ist es denn hier bei euch auch Sitte, eine Königin zu knebeln und vors Gericht zu führen?!“ [HGt.03_290,02] Und der Fungar-Hellan sprach hier ganz gelassen und gutmütig und sagte: „Liebste, holdeste Königin Agla! Du weißt ja, daß ich deine Schwestern zu Weibern nahm und eben heute die Hochzeit feiern will; und da ist es hier wenigstens üblich, daß man zum Hochzeitsmahle alle die Verwandten und sonstigen Freunde ladet! Ich habe ehedem meine glänzenden Herolde ausgesandt, daß sie ladeten die Gäste; allein mir ganz unerklärlicherweise entschuldigten sich alle die Geladenen, mir die gebührende Ehre zu geben! [HGt.03_290,03] Da dachte ich mir: ,Was soll denn das? Das sieht ja gerade also aus, als hätten sich meine intimsten Freunde gegen mich verschworen, und als wollten sie zu Meuterern werden an meinen Rechten?!‘ [HGt.03_290,04] Und siehe, das war dann sogleich der Grund, warum ich nach der höflichen ersten eine unhöfliche zweite Einladung an euch absandte! Und ich meine, als ein Generaloberpriester sollte ich denn doch wohl dieser Ehrung von eurer Seite würdig sein, indem doch euer Wohl und Wehe von mir vorderhand weltlich genommen ganz außerordentlich stark abhängt! [HGt.03_290,05] Zudem war meine Küche noch allezeit die beste im ganzen Reiche, und meine Freunde waren noch nie Verächter derselben! Und wahrlich, ich sehe es nicht ein, warum diesmal ein solcher Spott auf sie gelegt werden soll?! [HGt.03_290,06] Hast du, schönste Königin, etwa einen Grund dazu, so gib mir ihn nur kund, und ich werde ja alles aufbieten, um jeden verdächtigen Schein vor deinen schönsten Augen von mir zu entfernen!“ [HGt.03_290,07] Diese Rede wollte der Agla und ebenso auch dem Drohuit gar nicht munden; sie sprach daher: „Fungar-Hellan! Hättest du irgendeinen Funken Achtung vor mir, da würdest du mich nicht zum Essen herschleppen lassen, da ich dir nun sagen muß, daß ich unwohl bin und nichts genießen kann, – und wenn du mir schon die besten Speisen von der Welt hersetzen möchtest!“ [HGt.03_290,08] Und der Fungar-Hellan sprach: „Ah, – da muß ich dich schon um Vergebung bitten! Wenn ich das zuvor gewußt hätte, da wäre ich mit der zweiten Einladung freilich wohl nicht zu dir gekommen! Warum hast du mir aber auch so etwas nicht durch die ersten Herolde bekanntgegeben?! [HGt.03_290,09] Gehe aber doch wenigstens in den Saal nun und ruhe während der Mahlzeit auf einem sehr feinen Lotterbette aus, wonach ich dich schon in einer Sänfte werde nach Hause tragen lassen!“ [HGt.03_290,10] Und die Agla sprach nun ganz bebend: „Lieber Fungar-Hellan, willst du mich denn schon heute töten?! Ich darf ja in keine Zimmerluft, wenn ich nicht alsbald ersticken will!“ [HGt.03_290,11] Und der Fungar-Hellan sprach: „O du arme Agla, wie bedauere ich dich um solcher deiner Schwäche wegen!“ [HGt.03_290,12] Hier ward die Agla durch Verstellung ohnmächtig. [HGt.03_290,13] Und der Fungar-Hellan sagte zu seinen Dienern: „Bringet schnell ein Wasser von meinem Goldbrunnen, und labet die Königin!“ [HGt.03_290,14] Hier sprang die Agla auf und schrie: „Nur kein Wasser; das würde mich auf der Stelle töten!“ [HGt.03_290,15] Und der Fungar-Hellan sprach zu den Dienern: „So lasset es gut sein! Bringet mir aber dafür meinen großen, goldenen Käfig her; der soll die Königin wieder gesund machen! Und dann einen ehernen für den Drohuit; denn auch er scheint etwas krank zu sein!“ [HGt.03_290,16] Die beiden Käfige wurden sogleich hergeschafft und geöffnet. [HGt.03_290,17] Und der Fungar-Hellan sprach zur Agla: „Gehe nun gutwillig in dies zierliche Häuschen, – sonst wird dir Gewalt angetan werden! Und du, Drohuit, ebenfalls!“ [HGt.03_290,18] Hier fingen die beiden an zu zagen und wurden mit Gewalt in die Käfige gesteckt und also in den Speisesaal gebracht und auf den Mitteltisch gestellt. [HGt.03_290,19] Was weiter, – in der Folge! 291. Kapitel — Die Begnadigung der Oberpriester und das entsetzliche Gericht an den tausend Unterpriestern im Speisesaal[HGt.03_291,01] Als die Agla und der Drohuit auf diese Weise versorgt waren, da erst wandte sich der Fungar-Hellan an die Oberpriester und sprach zu ihnen: [HGt.03_291,02] „Nun, meine Freunde und Brüder, die Speisen sind aufgetragen; also begeben wir uns in den großen Speisesaal, auf daß eure beiden Zöglinge, die sich nun in den Käfigen befinden, nicht ohne Gesellschaft seien! Gehet aber nur gutwillig, sonst wird auch euch Gewalt angetan werden!“ [HGt.03_291,03] Auf diese todbringende Einladung sprach einer von den Oberpriestern zum Fungar-Hellan: „Oberster Freund und Bruder! Höre mich an! Siehe, – sich verleiten lassen durch allerlei Drohungen und noch anderartige Lockmittel und fehlen darnach, das ist noch immer menschlich; aber in den Fehlern verharren hartnäckig und eigenwillig, das gehört der Hölle an! [HGt.03_291,04] Also sind auch wir durch die sehr verschmitzten Unterpriester verleitet worden durch Drohungen zumeist, die da von der entsetzlichsten Art waren. Man sagte uns von einer Macht, die die deinige ums Zehnfache überträfe, und versicherte uns, daß du schon gefangen wärest, und daß nun deine Feinde die Herren der Stadt und des ganzen Reiches seien. [HGt.03_291,05] Auf noch hundert derlei Äußerungen mußten wir wohl deine Zimmer öffnen lassen und dann zusehen, wie deine Feinde mit einem neuen Gifte alles, was sich in deinen Gemächern befindet, vergiftet haben, bei welcher Arbeit aber auch schon bei hundert Arbeiter ins Gras haben beißen müssen und dann in verdeckten Wagen irgendwohin zur Seite geschafft wurden. [HGt.03_291,06] Siehe, also stehen wahrhaftig die Dinge; vergib uns daher unsere genötigten Fehltritte gegen dich, und nimm die allergetreueste Versicherung von uns, daß wir fortan deine getreuesten und festesten Freunde verbleiben wollen und sicherst werden!“ [HGt.03_291,07] Auf diese Rede wandte sich der Fungar-Hellan an den Mahal und fragte ihn, was da zu tun sein solle. [HGt.03_291,08] Und der Mahal sprach: „Diese nimm gefangen – aber nicht in deine Kerker, sondern in dein Herz –, und vergib ihnen, so wird es auch dir vergeben werden! Aber die in den Kerkern gefangenen Unterpriester laß heraufführen und sie setzen an die Tafel, auf daß sie essen von den Speisen und dann sterben in ihrem Frevel! Die Agla und den Drohuit aber laß nur während der Mahlzeit im Speisesaale, auf daß sie sehen, wie sich der Frevel straft!“ [HGt.03_291,09] Darauf tat der Fungar-Hellan sogleich alles, wie es ihm der Mahal geraten hatte. [HGt.03_291,10] Bei tausend Unterpriester wurden in den Speisesaal getrieben und mußten sich zum Tische setzen; denn da half kein Sträuben mehr! Den meisten kostete schon das Sich-Niedersetzen das Leben unter den furchtbarsten und schmerzlichsten Konvulsionen; nur wenige wurden durch die gezwungen genommenen Speisen getötet. [HGt.03_291,11] Die zwei Käfigzeugen dieser Mahlzeit aber wurden ohnmächtig ob des schaudervollen Anblickes und wurden darum hinaus ins Freie verbracht, wo sie sich mit Hilfe des Essigs wieder erholten. [HGt.03_291,12] Das Weitere in der Folge. 292. Kapitel — Die Räumung und Einäscherung der Burg auf Mahals Geheiß[HGt.03_292,01] Als diese Szene vorüber war und die beiden Käfigbewohner sich aus ihrer Ohnmacht wieder völlig erholt hatten, da fragte der Fungar-Hellan wieder den Mahal, was nun geschehen solle fürs erste mit denen, die ihren Frevel mit dem Tode gebüßt hatten, und was dann fürs zweite mit denen, die da die Käfige bewohnen. [HGt.03_292,02] Und der Mahal sprach: „Laß sofort deine Schätze aus dieser deiner Burg räumen und laß sie, die Burg nämlich, dann anzünden an allen Ecken und Winkeln! Aber ich sage dir: In drei Stunden mußt du mit der Räumung fertig sein! Was in dieser Zeit von jetzt an nicht aus der Burg gebracht wird, das muß den Flammen überlassen werden, – sonst kommt morgen das Gericht Gottes über dieses Haus! Was aber nach einem zehntägigen Brande die Flammen nicht verzehren werden, das kannst du dann wieder benützen. [HGt.03_292,03] Was aber die beiden Käfigbewohner betrifft, so laß sie nun in die Burg des Königs bringen! Allda sollen sie die ganze Dauer des Burgbrandes hindurch ihre recht geräumigen Käfige bewohnen und sich in ihnen in der Geduld und Demut üben; und das Urteil soll dann über sie fallen nach der Art, wie sie diese demütigende Probe zur wahren Wohlfahrt ihrer Seele benützen werden! [HGt.03_292,04] Das aber sage ich: Wehe dir, Fungar-Hellan, und dir auch, du König Gurat, so ihr die Agla, meine unnatürliche Tochter, je wieder zur Königin machet; denn da werdet ihr ein mächtiges Gericht zu bestehen haben!“ [HGt.03_292,05] Nach diesen Worten Mahals befahl der Fungar-Hellan sogleich aller seiner Dienerschaft und der großen Dienerschaft aller der wieder auf freien Fuß gesetzten Oberpriester – welche beiden Dienerschaften männlichen und weiblichen Geschlechtes über zehntausend Köpfe stark waren –, vorsichtig die Burg zu räumen drei Stunden lang und dann die Schätze zu tragen in die große Königsburg, nach drei Stunden aber diese Priesterburg anzuzünden an allen tausend Ecken und Winkeln. [HGt.03_292,06] Besonders große Brände aber sollten in den großen Speisesaal über die Leichen geworfen werden. Alles aber, was sich in der generaloberpriesterlichen Wohnung befindet – ob Gold oder Silber –, dürfe nicht gerettet werden. Darauf gebot er einigen Trägern, die beiden Käfige in die Burg des Königs zu bringen. [HGt.03_292,07] Alles wurde sogleich pünktlichst vollzogen. In den drei anberaumten Stunden wurden viele tausend Zentner Goldes und Silbers und eine Menge anderer Kostbarkeiten aus der Burg geschafft und in die große königliche Burg überbracht. [HGt.03_292,08] Nach abgelaufenen drei Stunden aber sah man schon tausend und tausend Brandleger in die priesterliche Burg mit brennenden Fackeln und Pechkränzen eilen, und es dauerte keine halbe Stunde, da stand schon die ganze ungeheure Burg, die einen Umfang von zwei Stunden hatte und mehr als dreißigtausend Gemächer zählte, lichterloh in den wütendsten Flammen und setzte nahezu ganz Hanoch in einen Schrecken, der seinesgleichen nicht hatte seit den Zeiten der zehn Feuerpropheten aus der Höhe. [HGt.03_292,09] Was weiter, – in der Folge! 293. Kapitel — Die verschiedenen Meinungen des Volkes über den Palastbrand. Die Dämpfung des drohenden Volksaufstandes durch Fungar-Hellans Rede[HGt.03_293,01] Um den brennenden Palast der Priesterschaft aber wurden sogleich Wachen aufgestellt und ließen niemanden hinzu, der da etwa löschen möchte. Man beschied die Löscher bloß dahin, daß sie auf die nächstliegenden Groß- und Kleinbürgerhäuser achtgeben sollten, daß sie nicht Feuer fangen möchten vom großen Brande des Palastes, der zwar wohl von allen Seiten stark abgesondert dastand, aber bei seinem Vollbrande dennoch einen Glutregen über die benachbarten Gebäude verbreitete, daß sie darum einer großen Gefahr ausgesetzt waren. [HGt.03_293,02] Die Hanocher zerbrachen sich die Köpfe, was denn doch das zu bedeuten haben möchte. Einige meinten, Fungar-Hellan sei von seinen Feinden also zugrunde gerichtet worden. Andere wieder sprachen, Fungar-Hellan hätte seine Feinde in den Palast zu locken gewußt, und als sie darinnen waren, da habe er die Burg anzünden und verschließen lassen, auf daß seine Feinde nun zu Asche würden; denn so etwas sähe dem schlauweisen Generaloberpriester ganz gleich. Und wieder andere meinten, da sie noch einige Kenntnisse von den zehn Feuerpropheten hatten, es sei sicher nun wieder ein solcher Feuerprophet von der Höhe herabgekommen und wirke nun wieder vor der von dem alten Gotte abgewichenen Priesterschaft seine verderblichen Feuerwunder zur Bekehrung derselben. [HGt.03_293,03] Infolge solcher Meinungen gab es denn auch eine Menge neugierige Forscher nach dem eigentlichen Grunde dieser erschrecklichen Tatsache; aber die befragten Wachen mußten stumm sein, und so erfuhr niemand, der sonst in die Sache uneingeweiht war, eine Kunde. [HGt.03_293,04] Es entstand aber darum ein förmlicher Aufstand unter der Bürgerschaft in der Stadt, die da mit Gewalt herausbringen wollte, was da hinter diesem Brande stecke. [HGt.03_293,05] Fungar-Hellan aber zeigte sich da an der Spitze einer starken Macht und sprach zu einem Hauptgroßbürger: „Was wollet ihr denn erzwingen durch euer tumultuarisches Benehmen? Ziehet euch zur Ordnung zurück, sonst lasse ich euch alle über glühende Klingen springen! Bin ich nicht der Herr über mein Haus und kann machen damit, was ich will?! Was kümmert's euch denn nun, wie und warum ich es habe anzünden lassen? – Ziehet euch daher sogleich zurück, wollt ihr nicht auch in ähnlichen Flammen euren Tod finden!“ [HGt.03_293,06] Diese Rede des Generals war von der entschiedensten Wirkung. Der ganze Aufstand war geschlichtet, und es ließen sich im Verlaufe des Brandes gar wenig Zuschauer mehr blicken. 294. Kapitel — Fungar-Hellans neckende Rede an die im Käfig befindliche und um Freilassung bittende Agla[HGt.03_294,01] Da sich aber der Fungar-Hellan während der zehntägigen Zeit des Brandes zumeist in der Burg des Königs aufhielt und von da aus mit dem Könige seine Geschäfte schlichtete, und das im selben Gemache, in dem sich die beiden Käfigbewohner befanden, so geschah es denn auch öfter, daß ihn ganz besonders die Agla bat, daß er sie aus diesem allerschmählichsten Arreste befreien oder doch töten solle; denn darinnen zu schmachten sei zu unerträglich. [HGt.03_294,02] Und der General erwiderte ihr immer mit der sanftesten Stimme: „Du bist wohl ein gar wundersam schönes Vögelein, – aber dabei doch sehr schlimm und böse; daher will ich dich nicht töten, weil du so wundersam schön bist. Aber weil du so schlimm und böse bist, so will ich dich in diesem kostbaren Käfige halten, wie man sonst die schönen Vöglein zu halten pflegt, die auch nicht selten schlimm und böse sind, wenn sie sich in der Freiheit befinden; sind sie aber in den Käfigen, dann werden sie recht sanft, zahm und gut. Wer weiß, ob dieser schöne Käfig bei dir nicht auch die gleiche Wirkung hervorbringen wird! [HGt.03_294,03] Siehe, wie du im herrlichsten Leben von der Welt frei warst, da dachtest du an nichts als an die Vertilgung dir nicht zu Gesichte stehender Menschen! Weil ich dir auch nicht zu Gesichte stand, so hast du alles Mögliche versucht, mich aus der Welt zu befördern; aber der wahre Gott muß denn doch nicht gewollt haben, daß dir, du schönes Vögelchen, deine böse List an mir gelingen solle! Und siehe, ich bin noch, was ich war; du aber bist nun nicht mehr, was du warst, sondern unterdessen bloß mein liebes, schönes Vögelein! [HGt.03_294,04] Siehe, ich könnte dir jetzt sehr leicht dein schönes Köpferl abschneiden lassen, oder dich mit einer vergifteten Nadel ein wenig an deinem schönen, zartesten Leibe kitzeln! Aber ich bin nicht so schlimm und böse wie du; darum tue ich das auch nicht und werde es wohl nie tun! Aber freilassen kann ich dich wohl nicht eher, als bis ich völlig überzeugt sein werde, daß du ganz sanft und zahm werden wirst! [HGt.03_294,05] Es soll dir aber darum doch nichts abgehen in diesem schönen Lusthäuschen! Zu essen und zu trinken sollst du genug haben! Für deine Notdurft ist der kleine Seitenkasten, der täglich dreimal gereinigt werden muß und wohl zu verschließen ist, daß kein übler Geruch in deine Nüstern gelangen kann. Ebenso hast du auch ein weiches Lager darinnen und ein recht bequemes Lotterbettchen. Für die Not kannst du in diesem Häuschen auch eine kleine Promenade machen. Was willst du da mehr? Bleibe daher nur schön ruhig darinnen; es wird dir nichts abgehen! [HGt.03_294,06] Der Drohuit ist freilich nicht so bequem daran wie du; aber im Grunde fehlt auch ihm nichts!“ [HGt.03_294,07] Sooft die Agla den General bat, daß er sie freiließe, so oft auch bekam sie immer die gleiche Antwort und ärgerte sich darob heimlich gewaltig; aber sie verbarg ihren Ärger, um den Fungar-Hellan zu täuschen. Aber Fungar-Hellan war nun sehr vorsichtig und horchte allezeit auf das, was ihm der alte Mahal riet. 295. Kapitel — Die Sammlung der auf der Brandstätte geschmolzenen Schätze. Der Befehl zum Wiederaufbau des Palastes. Der warnende geheimnisvolle Ruf von oben[HGt.03_295,01] Als aber nach zehn Tagen der Brand der priesterlichen Burg zu Ende war, da sprach der Mahal zum Fungar-Hellan: [HGt.03_295,02] „Nun sende Maurer und Zimmerleute in die schon allenthalben erloschene Brandstätte, und laß nachsuchen, ob noch irgend Kostbarkeiten anzutreffen sein möchten! Diese sollen gesammelt werden auch in deinem gewesenen großen Speisesaale und in allen deinen gewesenen Wohnzimmern! [HGt.03_295,03] Es wird zwar all dein Gold- und Silber-Geräte im geschmolzenen Zustande anzutreffen sein, – allein das tut nichts zur Sache! Auch als geschmolzenes Erz muß es auf das sorgfältigste gesammelt werden, nicht so sehr seines Wertes, als vielmehr eines ganz andern Grundes wegen, den du nun nicht einsiehst, und den ich dir vorderhand auch nicht kundgeben kann; befolge aber meinen Rat, und es wird alles gut gehen!“ [HGt.03_295,04] Und der Fungar-Hellan befolgte sogleich den Rat Mahals und sandte sogleich am selben Tage noch tausend Maurer und ebensoviele Zimmerleute nach der Brandstätte; und diese sammelten zehn Tage lang und fanden noch über zwanzigtausend Zentner geschmolzenen Goldes und Silbers und daneben auch eine unglaubliche Menge von den alleredelsten Steinen – wie Diamanten, Rubine und Smaragden –, was alles sie natürlicherweise in die große Königsburg schafften. [HGt.03_295,05] Fungar-Hellan erstaunte gar gewaltig über die große Masse der aus der Brandstätte hervorgeholten Schätze und sprach: „Bei dem Gotte Mahals! Das hätte ich nie geglaubt, daß da noch so viel vom Golde und Silber und Edelsteinen sollte zurückgeblieben sein, indem doch in den ersten drei Stunden vor dem Brande eine ungeheure Menge aus der Burg weggeschafft worden ist!“ [HGt.03_295,06] Und der Mahal sprach: „Ich sage dir, sende die Arbeiter noch einmal aus, und sie werden bei der Wegräumung des Schuttes, den der Brand verursacht hat, noch einmal soviel finden!“ [HGt.03_295,07] Und er, der Fungar-Hellan nämlich, sandte sogleich die Arbeiter wieder aus, daß sie den Schutt aus der Brandstätte räumten; und siehe, diese fanden im abermaligen Verlaufe von zehn Tagen eine beinahe noch größere Menge des edlen Erzes im geschmolzenen Zustande und brachten es in die Königsburg, worüber sich der Fungar-Hellan noch mehr wunderte. [HGt.03_295,08] Mahal aber sagte dann zu ihm: „Nun kannst du die Burg wieder herstellen lassen; denn das Gemäuer ist gut!“ [HGt.03_295,09] Und der General erteilte sogleich Befehle an die Baumeister, und diese begannen alsbald an der Wiederherstellung der Burg zu arbeiten. [HGt.03_295,10] Aber gerade am selben Tage erging auch ein Ruf durch die Stadt, und dieser lautete: „Das ist eine vergebliche Arbeit!“ [HGt.03_295,11] Und niemand wußte, woher dieser Ruf kam; und dieser Ruf machte sogar den Mahal stutzen, noch mehr aber den Fungar-Hellan. 296. Kapitel — Mahals Aufschluß über die wunderbare Stimme. Fungar-Hellans Ärger und Anklage gegen Gott. Mahal in Verlegenheit um eine Antwort[HGt.03_296,01] Fungar-Hellan trat hier gar schnell zum Mahal und fragte ihn, was denn doch dieser sonderbare Ruf bedeuten solle. [HGt.03_296,02] Und der Mahal sprach: „Freund Fungar-Hellan! Dieser Ruf kam nicht etwa aus dem Munde vieler Menschen, sondern – glaube es mir! – das ist eine Rede aus dem unsichtbaren Munde Gottes! Und diese Rede bedeutet so viel als: Gott wird über die Welt in der jüngsten Zeit ein Gericht senden, das da seinesgleichen noch nie gehabt hat, solange diese Erde von den Menschen bewohnt ist! – Aus dem Grunde möchte dann der Wiederaufbau deiner Burg wohl wenig mehr fruchten!“ [HGt.03_296,03] Hier sprach der Fungar-Hellan ganz erbost zum Mahal: „Aber so sage mir doch einmal, was denn der alte, allzeit mürrische Gott will! Sind wir Menschen Ihm nicht recht, wie Er uns erschaffen hat, und wie wir sind, so soll Er uns anders machen, auf daß wir dann also gestellt sein werden, wie es Ihm am wohlgefälligsten ist! [HGt.03_296,04] Ich muß dir aber im Ernste bekennen, daß Sich dein Gott in dem beständigen Androhen irgendeines Gerichtes im hohen Grade schwach zeigt und von Sich an uns, Seine Geschöpfe, eine Unvollkommenheit offenbart, der sich fürwahr kein ehrlicher Mensch bewußt ist! Hat Er uns Menschen schon als freie Wesen erschaffen, was umgarnt Er uns dann mit gewissen Gesetzen, die unserer von Ihm gegebenen Natur zuwiderer sind als der Tod selbst? [HGt.03_296,05] Und können wir diese Gesetze zufolge der verschiedenen Verhältnisse denn doch oft unmöglich halten, oder machen wir bildliche Vorstellungen von Ihm und Seinen wirkenden Kräften und lassen sie vom Volke verehren, das von Ihm, der Sich nie sehen läßt, gar keinen Begriff fassen kann, so ist Er gleich bei der Hand und fängt wieder mit Seiner alten Gerichtsandrohung an, die Er schon dem Kahin gemacht hat! Findest du denn das nicht höchst läppisch von einem Gotte?! [HGt.03_296,06] Ist Ihm meine Verwaltung nicht recht, so komme Er und zeige mir, wie Er die Verwaltung haben will, – und ich werde sie gestalten nach Seinem Begehren! Aber Er redet ein Jahrhundert nichts und verhält Sich, als wäre Er nicht, oder als schliefe Er, oder als wäre Er mit allem und jedem völlig zufrieden! Dadurch geht dann im langen Verlaufe der Zeiten freilich so manches von Seinem irgendwann geoffenbarten Willen und dessen Erfüllung verloren! Wer aber ist da wohl schuld daran als der Schöpfer Selbst, weil Er nicht zu allen Zeiten gleich ist?! [HGt.03_296,07] Kann Er Sich einem Volke als ein weiser Lehrer zeigen, warum dem andern nicht?! Ist denn das eine Volk weniger von Ihm erschaffen als das andere?! Also komme Er und gestalte uns um, oder Er vernichte uns, – aber das in einem Augenblicke, auf daß dann diese mir höchst lästige Gerichtsdroherei ein Ende nehme; denn wahrlich, nun bin ich schon von allem dem satt! [HGt.03_296,08] Du wirst wohl sagen, der Herr habe zu öfteren Malen Boten zu uns gesandt! Ich aber sage: Solche Boten machen einem wahren Gotte wahrlich keine Ehre, da sie am Ende schwächer sind als wir, an die sie gesandt waren! [HGt.03_296,09] Nehmen wir zum Beispiel nur deinen Waltar! Frage: Wie kann ein weiser Gott so einen Propheten an ein Volk, wie wir Hanocher es sind, senden, daß er uns bekehre?! Hat er uns nicht an aller Schwäche bei weitem übertroffen, und doch hätte er, uns von Gott aus gesandt, sollen ein Prophet, ein Lehrer in der Kraft Gottes sein! [HGt.03_296,10] Sage, sage mir, – wie reimt sich das mit deinem alten, allmächtig und höchst weise sein sollenden Gotte?!“ [HGt.03_296,11] Mahal war ganz verwirrt von dieser Rede und wußte nicht, was er dem General erwidern sollte. [HGt.03_296,12] Der General aber fing nun an, in den Mahal ganz ernstlich um eine Antwort zu dringen. 297. Kapitel — Mahals erfolgreiches Gebet um Hilfe. Mahals energische Rede an den General und die Verkündigung des nahen Gerichts. Fungar-Hellans Angst[HGt.03_297,01] Der Mahal aber, als er sah, daß der Fungar-Hellan gegen ihn stets ungestümer ward, hob endlich seine Hand in die Höhe und sprach: „Großer Gott! Siehe, Dein alter Diener und Knecht befindet sich in einer großen Gefahr; daher erbarme Dich seiner, und errette ihn durch Deine große Gnade und Erbarmung! Oh, lege ihm Worte in sein Herz, durch die er einen ohnmächtigen Rebellen gegen Dich, o großer Gott und Herr aller Herrlichkeit, kräftigst bekämpfen kann!“ [HGt.03_297,02] Hier kam ein Strahl der göttlichen Kraft in das Herz des Mahal, und er dankte Gott und richtete dann folgende Worte an den General: [HGt.03_297,03] „O du durchaus ohnmächtiger Wurm von einem Menschen auf dieser Erde! Du willst mit Gott hadern und willst durch deine trügerischen Vernunftgründe den Allerhöchsten und den Allerheiligsten menschlicher Schwächen zeihen, und willst dich an der Weisheit Gottes rächen mittels deines schwachen Weltverstandes?! [HGt.03_297,04] Ich sage dir: Zage und bebe ob deines Frevels an der unantastbaren Heiligkeit Gottes! Denn die Erde ist nun kein fester Grund mehr für deine Füße, und die Luft Gottes wird sich empören wider dich, dieweil du die Heiligkeit Gottes in meinem Angesichte geschändet hast! [HGt.03_297,05] Hättest du gesagt, Gott sei unbarmherzig und habe keine Liebe zu Seinen Geschöpfen, so wäre das ein menschlicher Vorwurf gewesen, der zu verzeihen ist; aber du hast die göttliche Weisheit und ewige Ordnung angegriffen und hast Gott im Verlaufe deines Gehaders als einen Narren erklärt, dessen Weisheit schon von einem ganz einfachen Menschen übertroffen wird. [HGt.03_297,06] Siehe, das war ein Angriff der göttlichen Heiligkeit und somit eine unverzeihliche Sünde, und diese deine Sünde wird um so eher und um so sicherer das Gericht Gottes an euch allen in die unausbleiblichste Vollziehung bringen! [HGt.03_297,07] Denn wäre ein Menschenherz im ganzen Reiche besser als das deinige, so möchte Gott des einen besseren Herzens wegen dieses Reich noch hundert Jahre lang verschonen und harren der Besserung desselben! [HGt.03_297,08] Aber weil gerade du noch bisher der Allerbeste warst, obschon du mit keinem Haare dich mehr in der göttlichen Ordnung befandest und nun gänzlich dich durch dein Gehader von Gott getrennt hast, so ist das Gericht auch vor der Türe! Und ich sage dir: Es werden nicht zweimal zehn Jahre vergehen, und diese deine Welt wird nicht mehr sein! [HGt.03_297,09] Adam hat sich versündigt vor Gott, und Gott hat durchs Feuer die ganze Schöpfung gerichtet! Das zerrissene Gestein der Erde gibt dir davon den unleugbarsten Beweis. [HGt.03_297,10] Zu Ohlads Zeiten, da dies Reich auch ganz von Gott abgefallen ist, hat Gott abermals ein Feuergericht über alle Festen der Erde gesandt, und abermals wurden die Berge und die Täler zum größten Teile zerrissen durch des Feuers Gewalt! Die Quersprünge im Gesteine geben dir davon Zeugnis. [HGt.03_297,11] Bei allem dem aber schonte der Herr den Menschen und wollte ihm nur zeigen die göttliche Macht, und wie gar nichts der Mensch gegen Gott ist; nun aber wird Gott das Menschengeschlecht angreifen und wird es vertilgen so weit, als da reicht die Flut eurer Sünde! [HGt.03_297,12] Siehe, das ist nun die Antwort, die du haben wolltest, und keine andere kann ich dir geben, weil mir Gott keine andere gegeben hat für dich und all dein Volk!“ [HGt.03_297,13] Diese Worte betrübten den Fungar-Hellan gewaltig, und er geriet in eine große Angst; denn er hielt sehr große Stücke auf den Mahal und sann nun nach, wie er Gott und den Mahal wieder besänftigen könnte. 298. Kapitel — Gottes mächtiger Bußruf im Thronsaale. Der Segen der wahren Reue. Die Greuel in der Tiefe. Der göttliche Auftrag an Fungar-Hellan, sämtliche Götzentempel zu zerstören[HGt.03_298,01] Als der Fungar-Hellan aber lange nachgesonnen hatte, was da zu tun wäre, um den Gott Adams, Seths und Henochs wieder zu besänftigen und somit auch seinen alten Mahal, da ertönte auf einmal eine mächtige Stimme im großen Thronsaale, allwo sich eben Fungar-Hellan mit dem Mahal, dann der König Gurat und eine Menge von den ersten Ministern des Reiches befanden, und die Stimme lautete: [HGt.03_298,02] „Wer da eine rechte Reue über seine Sünde aus Liebe zu Gott in seinem Herzen faßt, der darf nicht zagen; denn Gott ist nicht wie ein Mensch unversöhnlich, sondern höchst versöhnlich! [HGt.03_298,03] Wer mit Reue und Liebe sich dem Vater naht, dem darf's nicht bangen; er wird Vergebung seiner Sünden erlangen! [HGt.03_298,04] Wäre das ganze Reich, wie noch Hanoch ist in freilich wenigen Menschen nunmehr, da möchte Gott wohl tausend Jahre noch der vollen Besserung harren; aber gehet zu euren Vasallen, und gehet in die zwölf anderen Städte, allda werdet ihr Greuel über Greuel antreffen, von denen ihr nie eine Kunde erhaltet! [HGt.03_298,05] Ihr habt zwar dem Volke alle bestimmten Steuern erlassen, und habt dafür unbestimmte und gewisserart freiwillige eingeführt; aber eben diese Einführung gab allen euren Vasallen die Gelegenheit, die unbestimmten Steuern also zu gestalten, daß nun kein Untertan mehr eine Stunde sicher ist vor einer mächtigen Bettelei. Und gibt er einem solchen Bettler nicht, was er verlangt, so fängt dieser sogleich an, dem Untertan die schrecklichsten Drohungen zu machen; und kehrt sich der Untertan nicht daran, so entfernt sich der Bettler dann unter Fluchen und unter dem entsetzlichsten Verwünschen. [HGt.03_298,06] Und siehe, es vergeht dann kein Tag, so werden schon alle die Verwünschungen an dem Untertan vollzogen durch verkappte allerortige Natur- und Höllenzauberer! In diesem Augenblicke werden tausend Untertanen auf die unerhörtesten Arten gemartert, und die nächste Stunde erwartet schon tausend andere! [HGt.03_298,07] Sollte Gott bei solchen Umständen wohl noch länger des menschlichen Geschlechtes schonen und harren seiner Besserung? [HGt.03_298,08] Wahrlich, die Hölle sei der ewige Besserungsort für diese Teufel in menschlicher Haut! [HGt.03_298,09] Heute hat der Herr, Gott Himmels und der Erde, dem Noah auf der Höhe geboten, nach gerechtem Plane einen Wasserkasten zu bauen, und der Noah hat schon die Hand ans anbefohlene Werk gelegt! [HGt.03_298,10] Wer von euch errettet werden will, der tue gerechte Buße vor Gott und suche auch andere zur wahren Buße zu bekehren, so wird er Gnade finden, und Gott wird ihn zur rechten Zeit führen aus diesem Lande des Verderbens, auf daß er nicht gerichtet werde mit den Teufeln! [HGt.03_298,11] Und du, Fungar, aber gehe mit deiner Macht hinaus und zerstöre alle Götzentempel, wenn dir an der Vergebung deiner großen Sünde vor Gott etwas gelegen ist; aber enthalte dich von zu großer Grausamkeit! Amen.“ [HGt.03_298,12] Diese Rede, wie aus der Luft des Saales hervorgehend, setzte alle Anwesenden samt dem Mahal ins größte ängstliche Erstaunen; und der Fungar-Hellan gebot sogleich allen seinen Kriegsobersten, längstens binnen drei Tagen die ganze große Kriegsmacht zu ordnen. [HGt.03_298,13] Und Mahal sagte ihm zu, daß er ihn überall hin begleiten werde im Namen des Herrn. 299. Kapitel — Die Mobilmachung der Armee. Gurat bittet den Fungar um Amtleute. Verordnung mit den zwei Käfigbewohnern[HGt.03_299,01] Als die Kriegsobersten, die da selbst Zeugen von dieser sonderbaren Stimme und Rede im großen Thronsaale waren, um so schneller und eifriger davoneilten, um das Kriegsheer zu ordnen, da trat der Gurat hin zum Fungar-Hellan und sprach zu ihm: [HGt.03_299,02] „Freund und Bruder! Du wirst jetzt versehen das große Heer und wirst vielleicht jahrelang abwesend sein von Hanoch, und ich werde es allein regieren müssen! Oh, das wird eine starke Aufgabe sein für mich! Möchtest denn du mir nicht einige von deinen bewährtesten Amtleuten zurücklassen, auf daß sie mir das große Volk übersehen und leiten helfen? Denn solches ist einem Menschen wohl nimmer möglich!“ [HGt.03_299,03] Und der Fungar-Hellan sprach zum Könige: „Bruder, siehe, du zählst ja auch in deiner Burg über zehntausend Beamte hohen und niederen Ranges! Kannst du denn mit diesen nicht auslangen? Ich sage dir: Füttere sie nicht umsonst, sondern treibe sie zur Arbeit an, und sie werden ja doch tun, was du ihnen gebieten wirst!“ [HGt.03_299,04] Und der Gurat erwiderte: „Ja, da hast du wohl recht, wenn in ihren Köpfen etwas wäre; aber da hat es einen gar gewaltigen Haken! [HGt.03_299,05] Du weißt es ja, wie wir beide anfangs genötigt waren, um unsern Thron zu sichern, alle die Großen der Stadt und auch des Reiches an uns zu ziehen und ihnen zu geben bei Hofe einen glänzenden Rang! [HGt.03_299,06] Siehe, diese Menschen waren schon früher sehr dumm, und wir haben sie aus gewissen Gründen in ihrer Dummheit noch mehr bestärkt, obschon wir auch die hellen Köpfe andererseits gehörig zu würdigen verstanden haben! [HGt.03_299,07] Nun sollen diese Dummköpfe an meiner Seite das Staatsruder ergreifen! O Freund, wahrlich, das würde bald eine Regierung geben, vor der es den Satan selbst ekeln würde! [HGt.03_299,08] Aus diesem dir wohlbegreiflichen Grunde wirst du wohl sehr sicher und leicht einsehen, daß ich während deiner Abwesenheit einiger tüchtiger Amtleute vonnöten habe!“ [HGt.03_299,09] Hier sagte der Mahal zum Fungar: „Also gib ihm denn einhundert gute Köpfe aus deiner Schule; mit denen wird er wohl über Orts kommen unterdessen, als wir aussein werden!“ [HGt.03_299,10] Und Fungar-Hellan gab dem Gurat sogleich einhundert Oberpriester aus seiner Schule, die da an der Seite Gurats das Ruder führten. [HGt.03_299,11] Es war aber noch eine Frage, nämlich: was mit der Agla und mit dem Drohuit geschehen solle. [HGt.03_299,12] Hier sprach wieder der Mahal und sagte: „Die bleiben, wie sie sind, bis wir wiederkommen! Nur im Falle einer Krankheit oder im Falle auffallender Besserung kann eines oder das andere aus dem Käfige befreit werden; aber aus dem Zimmer darf keines eher, als bis wir zurückkommen werden! [HGt.03_299,13] Vor allem aber müssen die beiden alsbald getrennt werden, sogar als Käfigbewohner, und das vor unseren Augen noch heute! – Also hat es zu geschehen!“ 300. Kapitel — Aglas demütiges Sündenbekenntnis und inständige Bitte um Befreiung oder Tod. Die Wahl zwischen Dolch und Käfig. Aglas Begnadigung[HGt.03_300,01] Als der Gurat wie der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatten, da begaben sie sich sogleich in den andern Saal, allwo sich die beiden Käfigbewohner unter einer gehörigen Bewachung befanden. [HGt.03_300,02] Allda angelangt, wurden sie sogleich von der Agla angegangen, und zwar mit folgenden Worten: „O ihr ersten Machthaber des Reiches, und du auch, mein Vater Mahal! Ich bin ja eine größte Sünderin vor Gott und vor euch allen; denn ich habe mich vergriffen an den Rechten Gottes und an allen euren Rechten und habe darum nichts als den Tod verdient! Ich erkenne nun, daß diese Käfigstrafe für mich viel zu gering ist; ein glühender Käfig wäre meiner Sünde angemessen! [HGt.03_300,03] Wo aber lebt ein gefangener Sünder, der sich nicht sehnte nach der Freiheit, ob sie ihm schon frommte oder nicht?! Ebenso ist es auch mit mir der Fall! Ich erkenne nun gewiß die ganze Größe meines Verbrechens vor euch und vor Gott, wie es vielleicht kein zweiter Sünder erkennt; aber dennoch erkenne und fühle ich auch den mächtigen Drang nach der Freiheit, der mir diesen Kerker zu einer unerträglichen Qual macht! [HGt.03_300,04] Oh, nehmet einen Dolch und stoßet ihn mir ins Herz, und ihr werdet mich glücklich machen! Nur in dieser allerspottvollsten Gefangenschaft lasset mich nicht länger; denn das kann mich zur Verzweiflung und zum Wahnsinn treiben! Tuet mit mir, was ihr wollt; aber nur darinnen lasset mich nicht länger, allda ich fortwährend von den Wachen geneckt und geschmäht werde! [HGt.03_300,05] O Vater Mahal, und du, mein Bruder Kisarell, und ihr, meine lieben Schwestern, erbarmet euch meiner, die ich vielfach unglücklich bin! Betrachtet mich als ein von der Hölle gefangengenommenes, verblendetes, verlocktes und verführtes Wesen, und ihr werdet ja doch so viel Erbarmung mit mir haben, daß ihr mir wenigstens den ersehnten Tod geben werdet! [HGt.03_300,06] Denket ja nicht daran, als möchte ich euch je wieder gefährlich werden; denn die euch mit aufgehobenen Händen um den Tod bittet, die wird ewig nimmer den Thron von euch erbitten! [HGt.03_300,07] O großer, allmächtiger Gott, wäre meine Sünde nicht so groß, da möchte ich wohl Dich um meine Erlösung bitten! Allein ich erkenne meine zu große Unwürdigkeit vor Dir; daher getraue ich mich nicht, zu Dir, o Du überheiliger, gerechtester Vater, um Erbarmung zu rufen! Erweiche aber doch die Herzen dieser Deiner Machthaber hier, daß sie mich töten möchten, auf daß ich nicht länger mehr dem allerschmählichsten Gespötte der Wachen ausgesetzt bleibe!“ [HGt.03_300,08] Nach diesen Worten sank die Agla in ihrem Käfige ohnmächtig zusammen und ächzte darinnen. [HGt.03_300,09] Fungar-Hellan ließ hier sogleich den Käfig öffnen und herausheben die Agla und ließ sie laben mit guten Spezereien, worauf sie sich wieder erholte. [HGt.03_300,10] Als sie wieder zu ihren Lebenskräften kam, da sprach der Fungar-Hellan zu ihr: „Agla, ist das dein lebendiger Ernst, daß du lieber sterben möchtest, als nun wieder in den Käfig zurückkehren? Siehe, hier ist ein scharfer Dolch, und dort der Käfig! Wähle nun ernstlich zwischen beiden!“ [HGt.03_300,11] Bei diesen Worten enthüllte Agla sogleich ihre Brust und sprach mit etwas bebender Stimme: „Siehe, hier schlägt das Herz, das vielfach betrogene und gefangene; o erlöse es mit dem Stahle in deiner kräftigen Hand!“ [HGt.03_300,12] Hier warf Fungar-Hellan den Stahl von sich und sprach zum Mahal: „Damit habe ich deiner Tochter alles vergeben; Gott und du aber möget weiter mit ihr verfügen!“ [HGt.03_300,13] Und der Mahal sprach: „Wenn du ihr alles vergeben hast, so sei ihr auch von mir aus alles vergeben! Aber hier bleiben kann sie nicht, sondern sie muß mit uns ins Feld ziehen!“ [HGt.03_300,14] Damit war Fungar-Hellan zufrieden; die Agla aber fiel vor ihrem Vater nieder und weinte ob solcher Gnade an ihr, daß sie darob ganz schwach ward. [HGt.03_300,15] Alle aber waren erfreut ob solcher Besserung der Agla. 301. Kapitel — Fungar-Hellans Verordnungen für Drohuit. Aglas gute Rede an ihren Vater[HGt.03_301,01] Als auf diese Weise die Agla befreit ward, da ging der Gurat zum Fungar-Hellan und fragte ihn, ob auch mit dem Drohuit Ähnliches geschehen solle, falls er sich also bessern würde, wie sich die Agla gebessert hat. [HGt.03_301,02] Fungar-Hellan aber sagte in einem ganz festen Tone: „Nein, Drohuit bleibt auf jeden Fall so lange in seinem Käfige, als bis ich, oder – so ich in dem Feldzuge den Tod fände – mein Nachfolger wieder zurückkommen wird! [HGt.03_301,03] Doch sollst du ihm nichts abgehen lassen; er soll zu essen bekommen, was er nur immer verlangt, und also auch zu trinken! [HGt.03_301,04] Will er ein oder das andere seiner Weiber bei sich im Käfige haben, so kann ihm auch solches bewilligt werden, – doch solches nur unter der unerläßlichen Bedingung, daß er fürs erste mit dem bei ihm seienden Weibe nichts anderes rede, als was man gewöhnlich auf dem Beiwohnbette mit den Weibern spricht; oder so er Besseres reden will, da kann er sich mit seinen besseren Weibern über den alten, wahren Gott besprechen, von dem er samt uns allen schon lange gar jämmerlich abgewichen ist! [HGt.03_301,05] Während der Beiwohnung, und überhaupt während des Beiseins eines oder des andern seiner Weiber, muß er allzeit am strengsten bewacht und belauscht werden! Und da die Agla nun frei ist, so kann der Drohuit in diesem Saale verbleiben. [HGt.03_301,06] Ich sage dir aber; zeichne mir ja genau alles auf, was er machen wird in seinem Käfige, damit ich mich dann danach richten kann in der künftigen Verfügung entweder um sein Wohl oder Wehe! Sollte er etwa gar Bücher lesen wollen aus unserer großen Büchersammlung, so soll er auch in dieser Hinsicht befriedigt werden! [HGt.03_301,07] Nun aber hast du auch für den Drohuit die gehörige und gerechteste Instruktion! Wirst du sie genau beachten, so wirst du gut sorgen für ihn, für dich und für uns alle; und das ist sicher auch der Wille des einig wahren Gottes!“ [HGt.03_301,08] Und der Mahal sprach: „Amen, das ist recht und vollkommen gerecht; bei dem verbleibe es!“ [HGt.03_301,09] Als der Gurat solches vernommen hatte, da ward er froh; denn der Drohuit war ja eben der Mann, der ihm durch seine List die Krone schon so gut wie vom Haupte gerissen hatte. Er schwor daher auch, das alles auf das pünktlichste zu erfüllen. [HGt.03_301,10] Es fragte aber auch der Mahal ganz heimlich versuchsweise die Agla, ob sie mit solcher Bescherung für den Drohuit zufrieden sei. [HGt.03_301,11] Die Agla aber sprach: „O Vater, warum versuchst du noch weiter deine über alles versuchte, unglückliche, ärmste Tochter? Bin ich dir noch nicht unglücklich genug, sowohl in der Welt, wie auch in meiner Seele? In der Welt bin ich die Verachtetste und über alle Schlangen Gefürchtetste – und in meiner Seele vor Gott die Verworfenste, weil vor Gott fortwährend das Blut meines Bruders um Rache an meiner Seele schreit! [HGt.03_301,12] O versuche mich nicht mehr; denn unglücklicher war ja noch nie ein Mensch auf dieser Erde, als ich es bin! Habt ihr mir auch alles vergeben, so wird mir aber doch der Bruder nimmer vergeben, den ich habe töten lassen; und Gott wird mir solche Tat auch nicht vergeben! Darum bin ich so endlos unglücklich! Daher, o Vater, versuche die Elendeste nicht mehr!“ [HGt.03_301,13] Diese Rede der Agla erregte eine große Sensation, und Mahal selbst bereute, daß er eine solche Frage an die Agla gestellt. Darum aber fingen bald alle an, sie zu trösten und wie möglich zu stärken und zu laben. 302. Kapitel — Drohuits Heuchelrede und Fungar-Hellans Antwort. Agla im härenen Gewand[HGt.03_302,01] Es wollte aber der Drohuit, der die Bestimmung über sich gar wohl vernommen hatte, sich auch durch ein – aber freilich nur erkünsteltes Weinen und Klagen über sich selbst und über seine Sünde gegen den Fungar-Hellan und gegen Gott aus seinem Käfige befreien. [HGt.03_302,02] Der Fungar-Hellan aber sprach: „Dieses Vogels Gesang ist mir überaus wohl bekannt; denn das ist kein Naturgesang, sondern ein eingelernter! Da man aber nur zu gut weiß, welche Vögel sich zu Kunstsängern abrichten lassen, so ist es auch gar nicht schwer zu erraten, wenn man einen solchen Vogelkunstgesang vernimmt, daß er entweder von einem Stare, einer Amsel, oder von einer Goldlerche herkommt! [HGt.03_302,03] Ebenso erkenne ich auch hier auf den ersten Augenblick den Gesang dieses Vogels, der zwar weder ein Star, noch eine Amsel und noch weniger eine Goldlerche ist, aber desto erkenntlicher als ein echter Toten- und Raubvogel die Stimme der kleinen Vöglein nachahmt, um sie seinen Krallen näher zu locken! Wir aber sind nun keine Narren mehr und werden uns von ihm nicht in irgendein Dickicht verlocken lassen! [HGt.03_302,04] Daher mag er nun weinen und klagen, wie er will, so wird er aber doch in seinem stäbernen Hause verbleiben, wie es ehedem von mir ausgesprochen ward! [HGt.03_302,05] Ich sehe wohl, daß diese Strafe für seine Sünde viel zu gelinde ist – denn er hat es verdient, tausendmal getötet zu werden; allein dem großen Mahal, diesem wahren Propheten Gottes, hat er es zu verdanken, daß seine Strafe so endlos gelinde ausgefallen ist! [HGt.03_302,06] Wahrlich, wenn es da auf mich ankäme, da würde ich ihm auf der Stelle eine andere Strafe diktieren! Allein – hier kommt es auf den Willen Gottes an, den ich von heute an über alles zu respektieren habe angefangen; und so ist diesem Vogel auch von mir aus diese übersanfte Strafe angebilligt, weil sie also mir vom Propheten Gottes ist angezeigt worden! – Und nun nichts mehr weiter darob!“ [HGt.03_302,07] Als der Drohuit aber solche Worte vom General vernommen hatte, da verstummte er und klagte und weinte nicht mehr und bekannte auch keine Sünden mehr vor den Ohren der großen Gesellschaft, die sich im Saale befand, – welcher Umstand aber auch bei vielen eine Lache erregte, da sie ersahen, wie genau der Fungar-Hellan den Käfigarrestanten getroffen hatte. [HGt.03_302,08] Es hatte aber die Agla noch die königlichen Kleider an, und sie ging darum zum Fungar-Hellan und sprach: „O du von mir so tiefst verkannter, edelster Mann! Siehe, ich als nun eine allergrößte Sünderin vor Gott, vor dir, vor dem Könige, vor meinem Vater und vor allen Menschen, habe noch königliche Kleider auf meinem unwürdigsten Leibe! Ich bitte dich darum, daß du mir sie abnehmen möchtest und möchtest mir geben ein allergemeinstes härenes Gewand, das da gebührt einer büßenden Sünderin; denn diese glänzenden Kleider brennen meine Seele wie ein mächtiges Feuer!“ [HGt.03_302,09] Als der Mahal aber solches samt dem Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er zum General: „Bruder, gib ihr, um was sie dich bittet!“ [HGt.03_302,10] Und der Fungar-Hellan tat sogleich, was ihm sein Mahal geraten. [HGt.03_302,11] Und die Agla ging mit dem Vater in ein Seitengemach, kleidete sich alsogleich um und kam auch alsbald in einem grauhärenen Gewande mit dem Vater wieder zur Gesellschaft zurück. [HGt.03_302,12] Und der Fungar-Hellan hatte eine große Freude an solcher Bekehrung der Agla; auch die andere Gesellschaft lobte solche Tat an der Agla. 303. Kapitel — Mahals Frage an Agla nach der schwersten ihrer Sünden. Aglas gute Antwort, Reue und Klage. Mahals Dank an Gott. Agla an der Brust ihres Vaters Mahal[HGt.03_303,01] Es fragte aber nach einer Weile der Mahal seine sich stark gebessert habende Tochter Agla, was es sei, das sie getan habe, das sie nun für ihre schwerste Sünde halte vor Gott und vor allen Menschen, – ob den anbefohlenen Brudermord, oder ob den Mord mit eigener Hand an den einundzwanzig Weibern Waltars, oder endlich die starke Teilnahme an der Verschwörung gegen die generaloberpriesterliche Macht. [HGt.03_303,02] Und die Agla sprach: „O Vater, du weißt es hier am besten, welche von allen meinen Sünden vor Gott und den Menschen die größte ist; denn solches zu ermessen weiß ich nicht! Aber das weiß ich, daß mich jede meiner begangenen Sünden getötet hat vor Gott in meinem Geiste! [HGt.03_303,03] Oh, hätte ich keine je begangen! Oh, hätte ich lieber nie die Tiefe gesehen, so wäre ich vor Gott noch so rein und unschuldig, wie ich es auf der Höhe stets war! Aber nun ist es geschehen, und ich kann das Geschehene nimmer ungeschehen machen! Daher meine ich, es wäre nun obendarauf eine große Torheit für mich, zu erforschen, welche von meinen Sünden nach der Erachtung meines Gewissens wohl die größte sein möchte! [HGt.03_303,04] Ich meine, vor Gott zählt jede Sünde wider Seine heilige Ordnung gleich viel, und ihre Wirkung ist gleich, bringend nämlich den ewigen Tod dem Geiste des Menschen! Ist aber der Mensch in seinem geistigen Teile nun vollkommen tot, wie ich es nun sicher bin, da weiß ich dann ja wirklich nicht, welche Sünde mich am meisten getötet hat; denn ich meine, es kommt da wohl kaum darauf an, ob man etwa mehr oder weniger tot ist, indem der vollkommen Tote doch nach meiner Meinung nicht noch toter werden kann! [HGt.03_303,05] Siehe, ich habe meinen Bruder zu töten befohlen, und das hat meinen Geist getötet vollkommen! Dann lebte die Agla nicht mehr; nur ihre Leibeskräfte walteten nun aus dem Tode ihres Geistes, und so mußte dann ja auch eine jede ihrer Handlungen eine Greueltat sein vor Gott, wie vor allen geistig lebendigen Menschen! Wie konnten sie aber auch anders sein? Denn vom Tode kann ja nur wieder der Tod kommen! [HGt.03_303,06] Also sind meine nachfolgenden Handlungen nun für mein Gewissen weniger drückend, weil sie eine Folge der ersten Handlung sind! Oh, hätte ich die gar erste Handlung wider die göttliche Ordnung nie begangen, da wären alle andern ausgeblieben! [HGt.03_303,07] Beim ersten Tritte herab in die Tiefe hätte ich sogleich umkehren sollen, – da wäre ich noch, wie ich von meiner Geburt an war, und alle lebten noch, die ich getötet habe! Aber jetzt ist es zu spät, und mir bleibt nichts übrig als die Reue über meinen ersten Schritt in diese Tiefe herab!“ [HGt.03_303,08] Darauf fing die Rednerin an zu weinen und klagte sich bitterlich an. [HGt.03_303,09] Der Mahal aber sprach: „O großer Gott, ich danke Dir aus allen meinen Kräften, daß Du mich diese Tochter, die verloren war, nun wieder hast finden lassen! [HGt.03_303,10] Agla, komme nun wieder an die Brust deines Vaters; denn nun habe ich in dir wieder meine Tochter erkannt! Kehre dich aber in deinem Herzen zu Gott, und du wirst wieder Gnade finden vor Ihm, dem guten, heiligen Vater!“ [HGt.03_303,11] Hier eilte die Agla an die Brust des Mahal und erleichterte ihr Herz durch viele Tränen, die sie fallen ließ auf des Vaters treue Brust. 304. Kapitel — Fungar-Hellans Rede über die Torheit des äußeren Glanzes und die Weisheit der Einfachheit. Mahals Lob an den General[HGt.03_304,01] Es trat aber auch der Fungar-Hellan hinzu, da die Agla auf der Brust ihres alten Vaters weinte, und sagte zu ihr: „Agla, – wahrlich, also gefällst du mir besser als in den königlichen Kleidern, die aus dir bald eine vollkommene Dienerin der Hölle gemacht hätten! Bleibe du fürder in dieser Verfassung, und du wirst Gott und auch mir sicher besser gefallen, als du mir je in aller deiner königlichen Pracht gefallen hast; denn auch ich bekenne hier öffentlich, daß ich nicht nur bei dir, sondern auch bei mir und bei jedermann ein abgesagter Feind alles Glanzes sein und bleiben werde mein Leben lang! [HGt.03_304,02] Wer von nun an mein Freund sein will, der werfe alles Glänzende von sich, und gehe in einfachen Kleidern einher; so werde ich ihn ansehen als einen Menschen, dem es ums wahre Wohl der Völker wie mir selbst gelegen ist! [HGt.03_304,03] Das Gold und Silber soll in nützliche Münzen verwandelt werden mit des Königs und mit meinem Bildnisse! Also wird es nützen allem Volke; aber so wir es auf unsere Röcke annähen und diese dadurch oft so schwer machen, daß sie uns fast zu Boden drücken, welchen Nutzen haben da wir selbst, welchen das Volk davon, und welcher Dienst wohl wird dadurch Gott, dem alten Herrn aller Herrlichkeit, erwiesen? [HGt.03_304,04] Wahrlich, solange wir unser Gewand nicht mit den echten Sternen der Himmel und unsere Brust mit der echten Sonne zieren können zur Ehre Dessen, der uns erschaffen hat, so lange soll aller andere falsche Schmuck von uns entfernt bleiben! Denn was da nicht aus sich selbst leuchtet wie die Sonne und wie die Sterne am Himmel, das ist nur ein Lichtdieb und prunkt so lange mit dem gestohlenen Lichte, als die große heilige Leuchte am Himmel strahlt mit ihrem Lichte aus Gott; ist aber diese untergegangen, dann sind die von uns so hochgehaltenen Lichtdiebe gleich dem gemeinsten Dreck und Moder und sind finster diesem gleich! [HGt.03_304,05] Aber alles, nützlich angewendet, ist Gott sicher wohlgefällig, weil Er es sicher zum Nutzen der Menschen geschaffen hat; gebrauchen wir aber diese Dinge zu ganz törichten, hoffärtigen, widersinnigen Zwecken, wofür sie sicher nicht geschaffen worden sind, so muß ein solcher Gebrauch vor Gott ja doch notwendig ein Greuel sein, indem Gott doch sicher die ewige heilige Ordnung Selbst ist! – Also weg mit all dem schimmernden Dreck von unseren Gewanden, hier und in allen Landen!“ [HGt.03_304,06] Hier warf der Fungar-Hellan allen Schmuck von sich, und ihm folgten der König und alle anderen hohen Häupter; und alles das Gold und Silber ward in die Münze gebracht und dort zu gangbarer Münze geprägt. [HGt.03_304,07] Mahal lobte darum den Fungar-Hellan über die Maßen und sagte noch obendarauf: „Fungar-Hellan, mir scheint es, als hätte dich der Geist des Herrn schon ergriffen; denn wahrlich, ich glaubte nun aus dir den alten Henoch vernommen zu haben! Denn siehe, solche Weisheit wohnt sonst im Menschen nicht!“ [HGt.03_304,08] Darauf dankte Mahal Gott, daß Er diesem Manne also gnädig geworden sei; und alles erstaunte über die Weisheit des Fungar-Hellan. [HGt.03_304,09] Und die Oberpriester sprachen: „Nun erst bist du vollwürdig, unser General zu sein!“ [HGt.03_304,10] Und alles sprach ein lautes Amen hinzu. 305. Kapitel — Der Armeebefehl des Generals an das Kriegsheer zum Angriff auf den Tempel des Gottes der Erze und Schmiede[HGt.03_305,01] In dieser Verfassung der Gemüter vergingen die drei Tage, binnen welcher Zeit die obersten Feldherren das Kriegsvolk ordneten und es für den bevorstehenden Feldzug unterweisen mußten. [HGt.03_305,02] Am Abende also des dritten Tages kamen die ersten Feldobersten in die Königsburg zum Fungar-Hellan und zeigten ihm an, daß nun ein Heer von zwei Millionen schon draußen auf den großen Übungsplätzen lagere, und das da wohl ausgerüstet sei für jeden kriegerischen Zweck und harre der weiteren höchsten Befehle. [HGt.03_305,03] Und der Fungar-Hellan sagte zu diesen ersten Feldobersten: „So gehet und erteilet folgenden Befehl: Drei Stunden vor Sonnenaufgang wird aufgebrochen, und die ganze Macht wird sich zuerst bewegen zum Tempel des Gottes der Erze und der Schmiede! Da werden dann die Arbeiter vorrücken und sich sogleich an die Zerstörung alles dessen machen, was nur irgend ein allerleisestes götzenhaftes Ansehen hat, und natürlich vor allem an den Haupttempel! [HGt.03_305,04] Sollten sich die Bergleute und die Priester dieses Tempels widersetzen und die Arbeiter hindern wollen an ihrem anbefohlenen Werke, da soll sogleich eine starke Waffenmännerabteilung da sein und die Priester wie die Bergleute mit scharfer Gewalt zum Gehorsam treiben und alle Hartwiderspenstigen alsogleich über die Klinge springen lassen! [HGt.03_305,05] Werden aber die Priester und die Bergleute alsogleich ohne Widerstand die Tempel und alles Götzentum zerstören lassen, dann sollen sie sogleich in mein Zelt gebracht werden, auf daß sie von mir den Unterricht erhalten, was sie fürder tun und lehren sollen, und worin ihre Versorgung bestehen wird. [HGt.03_305,06] Die große Macht aber hat allezeit und überall eher den Tempel einzuschließen mit drei Kreisen und genau darauf achtzuhaben, daß da niemand von irgendeinem Tempel flüchtig wird! [HGt.03_305,07] Alles Gold und Silber bei den Tempeln aber muß gesammelt und sodann mir überbracht werden, und ich werde eine große Menge Münzpräger mitnehmen und werde alsogleich alles Gold und Silber in gangbare Münzen umgestalten lassen, mit denen fürs erste die Kriegsmacht besoldet wird, durch die dann solches Geld auch unters Volk kommen wird. [HGt.03_305,08] Also hat es zu geschehen! Das gebiete ich, Fungar-Hellan, und der König Gurat!“ [HGt.03_305,09] Nach diesem gegebenen Befehle zogen die ersten Feldobersten sogleich wieder ab und erteilten dem großen Heere den Befehl des Generaloberpriesters und also auch des Königs. [HGt.03_305,10] Gurat aber ließ daheim sogleich tausend Kamele ausrüsten und nahm tausend Münzer, die sich zum Mitzuge bereiten mußten mit ihren Werkzeugen, und ließ dann noch siebenhundert Kamele ausrüsten für den Fungar-Hellan und all sein Gefolge. [HGt.03_305,11] Und am nächsten Tage bei drei Stunden vor Sonnenaufgang war alles schon auf den Beinen; die Kamele wurden bestiegen, und der mächtige Trab bewegte sich zur großen Armee. [HGt.03_305,12] Was weiter, – in der Folge! 306. Kapitel — Der Vortrab Fungar-Hellans vor dem Tempel. Das zurückgewiesene Ultimatum. Die Feuerkünste der Templer[HGt.03_306,01] Bevor aber noch die große Hofsuite zur großen Armee stoßen konnte, war der größte Teil derselben schon im vollen Marsche zum eben nicht sehr ferne von Hanoch gelegenen Tempel der Schmiede Gottes, der, wie schon bekannt, zu Ehren Thubalkains, des Erfinders der Bearbeitung der Erze, errichtet ward. [HGt.03_306,02] Als der Vortrab bei der starken Vormauer des Tempels ankam, da machte er halt und verlangte von den Torwächtern alsbaldigen Einlaß. [HGt.03_306,03] Diese aber erwiderten: „Um diese Zeit wird niemand in den Garten des Heiligtums eingelassen; nur ein abgefeimtester Frevler kann so etwas mit Ungestüm verlangen! Was wollt ihr denn so früh in diesen heiligen Mauern?“ [HGt.03_306,04] Und der große Vortrab gab keckweg zur Antwort: „Wir wollen nichts mehr und nichts weniger, als eben dieses Heiligtum und diese heiligen Mauern nach dem Befehle des Fungar-Hellan vom Grunde aus für alle Zeiten der Zeiten zerstören und dann die Widerspenstigen von euch ein wenig totschlagen oder umbringen, – was euch dann lieber ist! Machet daher nicht viele Umstände; denn hinter uns zieht eine Armee von zwei Millionen Kriegern!“ [HGt.03_306,05] Als die Torwächter solches vernahmen, da erwiderten sie mit viel sanfterer Sprache: „Ja, wenn sich die Sache also verhält, dann müssen wir das ja doch vorher dem Oberpriester dieses Tempels vermelden, auf daß er euch als Abgesandte des großen, allmächtigen Fungar-Hellan würdigst zu empfangen vermag!“ [HGt.03_306,06] Der Vortrab aber sagte: „Der Oberpriester darf es nicht eher erfahren, als bis wir den Tempel schon völlig zerstört haben werden; daher machet das Tor nur alsbald auf, sonst werden wir es mit Gewalt erbrechen!“ [HGt.03_306,07] Als die Torwächter solche Rede vernommen hatten, da schrien sie: „O ihr infamen Spitzbuben, o ihr Auswürflinge der Hölle! Das ist also euer Plan? Ihr wollet nur rauben und stehlen die Heiligtümer des Tempels! Das schöne Gold und Silber wollet ihr! O wartet nur ein wenig; diese Mühe soll euch erspart werden! Nur gleich dem Oberpriester diese Meuterei angezeigt, und es wird ihnen der Weg schon auf eine Art abgekürzt werden, von der bis jetzt noch keinem Teufel etwas geträumt hat!“ [HGt.03_306,08] Darauf liefen sogleich ein paar Torknechte zum Oberpriester und zeigten ihm solches an. [HGt.03_306,09] Dieser aber ergrimmte über einen Tiger, trieb sein ganzes Heer zusammen und setzte sogleich alle seine höllischen Feuerkünste in die allertätigste Bewegung. [HGt.03_306,10] Berge fingen an, auf verschiedenen Stellen Feuer zu sprühen; der ganze Tempel ward bald glühend, und aus der großen Gartenmauer fing auch überall Feuer zu sprühen an, und das alles ward in einer Stunde bewerkstelligt. [HGt.03_306,11] Als der Vortrab solches Wüten des Feuers ersah, da zog er sich alsbald zurück zur großen Armee, die da auch halt machte, weil auch sie in dieses wahre Feuermeer sich nicht zu dringen wagte. [HGt.03_306,12] Mittlerweile aber erreichte auch die Hofsuite die Armee, und der Fungar-Hellan erstaunte selbst über dieses Feuerspektakel um den Tempel des Thubalkain. [HGt.03_306,13] Mahal aber sprach zu ihm: „Laß sie nur einen Tag lang sich mit ihrem Feuer produzieren; morgen aber werden dann wir unsere Produktionen beginnen!“ [HGt.03_306,14] Und der Fungar-Hellan erteilte solches sogleich als einen Befehl der ganzen Armee; und alles sah einen ganzen Tag lang diesem Mordspektakel zu. 307. Kapitel — Die Abweisung Fungar-Hellans durch die Torwächter. Die Sprengung der Tempelringmauer durch Minen. Die Niedermetzelung der fünftausend Templer[HGt.03_307,01] Den nächsten Morgen aber, als die Feuerrevolutionen gegen den Abend vorigen Tages sich schon völlig verloren hatten, ging der Fungar-Hellan selbst unter der Begleitung seiner Suite vor das große, eherne Tor und verlangte den Einlaß. [HGt.03_307,02] Da es aber noch eben auch sehr früh war, so ward er als unerkannt zurückgewiesen, und zwar mit den Worten: „Bei der Nacht kann ein jeder Narr sagen: ,Ich bin der Generaloberpriester Fungar-Hellan und verlange augenblicklichen Einlaß!‘; bist du aber der große Fungar-Hellan, so komme am Tage, und wir werden dir schon die Tore öffnen, wenn wir dich als solchen ganz sicher erkennen werden!“ [HGt.03_307,03] Der Fungar aber sprach: „Gut; also schwöre ich euch aber bei meinem Leben – so ich am Tage meinen Einzug halten werde –, daß ihr alle samt den Oberpriestern und Unterpriestern durch das Schwert werdet getötet werden! Denn ihr haltet mich auf in dem, was zu tun mir der alte Gott Adams, Seths und Henochs anbefohlen hat; darum wird das euch allen den sichern Tod bringen!“ [HGt.03_307,04] Die Wächter des Tores aber sprachen und schrien: „Solche Schreckthesen kennen wir schon! Daher ziehe du nur ab; denn also wirst du auch am Tage – und so du auch der Fungar-Hellan wärest – nimmer eingelassen werden, und solltest du jahrelang hier auf den Einlaß harren!“ [HGt.03_307,05] Diese Erwiderung machte den Fungar-Hellan ergrimmt in seinem ganzen Wesen. Er zog sich zur Armee zurück und befahl sogleich den Minengräbern, zehn Schritte vor der Ringmauer in die Erde sechs Minen bis unter die Mauer zu schlagen und dann unter der Mauer große Säcke von den schärfsten feuerfangenden Sprengkörnern zu legen und sie dann anzuzünden mittels des laufenden Feuers nach einem Brandfaden, der da sicher brennt und nicht eher erlischt, als bis er seinen Dienst geleistet hat. [HGt.03_307,06] Auf diesen Befehl griffen sogleich sechshundert Minengräber zu, maßen die Entfernung genau und schlugen sogleich in die Erde; und als die Sonne aufging, da war jede Abteilung schon unter der Mauer. Darauf wurden sogleich die Sprengkörnersäcke in die Minen gesteckt und die Feuerfäden gelegt und angezündet an den Außenenden; und in wenigen Minuten lag nach einer furchtbaren Explosion schon ein großer Teil der Mauer in Trümmern umher zerschleudert, und der Armee war ein breites Eingangstor eröffnet. [HGt.03_307,07] Als die Priester und die sonstige zahlreiche Dienerschaft dieses Tempels aber dies schreckliche Attentat an ihrer heiligen Mauer ersahen, da ergriffen sie die Flucht ins Gebirge, kamen aber leider der schon ausgebreiteten Wache Fungar-Hellans in den Wurf, wurden sogleich mit Sack und Pack gefangengenommen und also vor den General gebracht. [HGt.03_307,08] Dieser fragte heimlich den Mahal, was er mit diesen Widerspenstlingen tun solle. [HGt.03_307,09] Und der Mahal sprach: „Diese sind rein höllischer Art; daher bleibe bei deiner Androhung, und laß sie alle in Stücke zerhauen!“ [HGt.03_307,10] Und sogleich kommandierte Fungar-Hellan eine Kriegerabteilung dazu, und diese hieb sogleich in diese Gefangenen, deren Zahl bei fünftausend stark war; und nicht einer ward verschont. [HGt.03_307,11] Als also diese Operation beendet war, da erst ward die Zerstörung des Tempels und darauf die Münzenprägung vom vorgefundenen Golde und Silber vorgenommen; und das alles dauerte nur drei Tage. 308. Kapitel — Die Belehrung der Gesandtschaft der Erzgewerksherren durch Fungar-Hellan und Mahal. Der abschlägige Beschluß der Erzgewerksherren wegen der Umkehr zu Gott[HGt.03_308,01] Als nach dieser Zerstörungsoperation sich die Kunde davon in die zerstreut liegenden Erzgewerke verbreitete, da entsetzten sich die Werkmeister und sandten sogleich Abgeordnete in das Lager des Fungar-Hellan und ließen ihn unter den gebührenden Ehrenbezeigungen fragen, was diese schauerliche Begebenheit zu bedeuten habe. [HGt.03_308,02] Und der Fungar-Hellan unterrichtete sie vom wahren Gotte und zeigte ihnen an, daß alles das Götzentum nun darum zerstört werde, weil sonst der alte, wahre Gott Sein von uralten Zeiten her angedrohtes Gericht unausbleiblich würde über alle Kreatur der Erde ergehen lassen, indem alles Götzentum vor Ihm, dem ewig allein wahren Gotte, ein Greuel der Greuel sei. [HGt.03_308,03] Und als der Fungar-Hellan selbst solches den Abgeordneten erklärt hatte, da ermahnte erst dann auch der Mahal eben diese Abgeordneten zur Umkehr zu Gott, und wie sie solche auch unter der schärfsten Androhung eines unausbleiblichen Gerichtes ihren Erzgewerksherren verkündigen sollen und ihnen aber auch dazu treulich vermelden sollen, wie sie wieder Gnade vor Gott finden werden, so sie sich zu Ihm kehren werden, und wie Er sie mit dem Gerichte verschonen werde. [HGt.03_308,04] Auf solche Unterweisung kehrten die Abgeordneten wieder zurück und verkündeten solches alles getreu ihren Herren. [HGt.03_308,05] Diese aber fingen an, darob gewaltig zu fluchen und zu schelten, und sprachen: „Da seht nur einmal die Launen der Großen! Alle fingerlang geben sie andere Gesetze und andere Götter! Was hat eben diesen König die Errichtung aller dieser Tempel gekostet; was war das im ganzen, großen Reiche für ein Getue und was für ein Wunderlärm von allen Seiten her! [HGt.03_308,06] Nun besteht die ganze Sache in allem kaum zehn Jahre – und gar ist's mit ihr, weil sie sicher zu wenig eingetragen hat, und weil die Großen das Gold und Silber, das sich in diesem Zeitraume in den Tempeln angehäuft hat, nicht länger haben entbehren können! [HGt.03_308,07] Nun soll wieder der alte, nichtige Gott an die Reihe kommen, weil Er keine Tempel und auch kein Geld fordert, und das aus dem Grunde, weil Er nirgends und nichts ist! Ja, Er braucht nicht einmal irgendein am allerwenigsten kostspieliges Bild von Sich darum, weil Er nichts ist, sondern nur als ein Gott aus der leeren Luft heraus gedacht werden muß! [HGt.03_308,08] Habet nur acht, heuer werden die Tempel zerstört und der alte Gedankengott wieder eingeführt; aufs nächste Jahr aber werden dann schon wieder die Steuerboten erscheinen und werden von uns sicher einen gar tüchtigen Tribut verlangen im Namen des Königs! [HGt.03_308,09] Das ist ja doch ein wahres Teufelsleben auf der Welt! Können diese großen Müßiggänger auf der Erde denn nicht einmal in einer gleichen Ruhe und Ordnung ihre besten Braten verzehren?! Muß denn immer eine solche Fretterei vor sich gehen?! [HGt.03_308,10] Kaum ist eine kurze Zeit Ruhe; aber kehret die Hand um, da kommt schon wieder von irgendwoher ein hungriger Betrüger von irgendeinem Propheten, versehen mit einigen Zauberkünsten und mit einigen glattgesichtigen Buhldirnen! So ein Kerl fängt dann ganz dreist aufs Geratewohl den großen Dummköpfen vorzupfeifen an, und diese Esel tanzen dann aber auch schon sogleich danach! [HGt.03_308,11] Aber nun sollen sie uns den Dreck vom Arschloche wegfressen! Wir werden ihnen keine beständigen Narren mehr abgeben! Noch mehr aber scheißen wir dem nichtigen alten Gotte auf Sein angedrohtes Gericht! [HGt.03_308,12] Wir werden daher bleiben, wie wir sind! Und wer nicht mit uns halten will, der kann dann halten, mit wem er will, und wir werden ihm keine Einstreuungen machen; nur soll er dahin ziehen, wo die sind, mit denen er hält!“ [HGt.03_308,13] Dieser Beschluß war die Frucht der Verkündung des wahren Gottes bei den vielen Gewerksherren. [HGt.03_308,14] Welche Früchte die weiteren Operationen hatten, das wird sich in der Folge erweisen. 309. Kapitel — Der Angriff auf den Stiertempel und die Zerstörung desselben[HGt.03_309,01] Als aber der Fungar-Hellan die Gesandtschaft der Gewerksherren entließ, die da – wie schon bekanntgegeben – zu Hause schlechte Geschäfte machte, da erteilte er sogleich der ganzen Armee den Befehl, aufzubrechen und zu ziehen in die Gegend im ziemlich fernen Gebirge, allwo sich der Tempel des großen Stieres befindet, und dort geradeso zu verfahren, wie es hier der Fall war mit dem Tempel des Gottes der Erze und Schmiede. [HGt.03_309,02] Darauf brach die ganze große Armee bald auf und bewegte sich in zweihundert langen Zügen, von denen ein jeder zehntausend Mann zählte, die starke Hofsuite nicht dazu gerechnet. In drei Tagen ward die Gegend dieses Tempels erreicht, und die ganze Armee machte ungefähr fünf Stunden vor dem Tempel in einer freien Gegend halt und wartete dort die näheren Verhaltungsbefehle ab. [HGt.03_309,03] Als der Fungar mit seiner Suite nachkam, da ließ er sogleich ein großes Gezelt aufrichten und machte hier sein Standlager. Und als die Obersten zu ihm kamen, um die näheren Verhaltungsregeln einzuholen, da sprach der Fungar-Hellan zu ihnen: [HGt.03_309,04] „Sagte ich nicht vor dem Anbruche des Marsches hierher, hier also zu verfahren, wie es mit dem Tempel des Erz- und Schmiedegottes der Fall war?! Wozu sollen da dann noch nähere Verhaltungsbefehle gegeben werden?! Ihr wisset, wo der Tempel steht, und kennet die ziemlich hochgelegene Gebirgsschlucht, in welcher eben der Tempel steht. [HGt.03_309,05] Also umzingelt sie ebenfalls in drei großen Kreisen, und ein Teil begebe sich dann zu dem Tempel und zerstöre denselben vom Grunde aus, sammle das Gold und Silber, nehme alle die Priester und sonstigen Tempeldiener gefangen und bringe dann das alles zu mir her, und es wird sich dann bald zeigen, was da ferner zu tun sein wird! – Darin liegt das Ganze; also gehet und vollführet es!“ [HGt.03_309,06] Und die Obersten gingen und erteilten solchen Befehl der Armee, und diese ordnete sich zur Vollziehung dieses Befehles. [HGt.03_309,07] In zehn Stunden war der Tempel umzingelt, und die zerstörende große Abteilung begab sich zum Tempel und verlangte Einlaß. [HGt.03_309,08] Allein, da sie so ziemlich spät in der Nacht ankam, ward sie nicht eingelassen. [HGt.03_309,09] Der oberste Anführer aber sprach zum Torhüter: „Wofern ihr uns nicht sogleich einlasset, so soll von euch niemand mit dem Leben davonkommen!“ [HGt.03_309,10] Hier kamen die Priester und fragten nach dem Grunde des Einlasses in einer so ungewöhnlichen Zeit. [HGt.03_309,11] Und der Oberste sprach den Grund deutlich aus. [HGt.03_309,12] Da war es aber auch aus bei der ganzen, bei tausend Mann starken Bevölkerung dieses Tempels. Diese bestieg sogleich die Ringmauer und fing an, die Einlaßfordernden mit Steinen zu bedienen. [HGt.03_309,13] Diese aber zogen sich zurück und legten sogleich Minen an. In wenigen Stunden waren die Minen gegraben und geladen mit den Sprengkörnern, und ehe noch der Morgen graute, ward die ganze Halbringmauer zerstört. [HGt.03_309,14] Die Macht drang dann in den Hof, zerstörte den Tempel und nahm alle Priester und alle ihre Schätze in Beschlag. 310. Kapitel — Das Gespräch des Generals mit den Gefangenen und die Freilassung derselben[HGt.03_310,01] Als nach der vollkommenen Zerstörungsoperation dieses Tempels die Priester und die anderen Tempeldiener von der zurückkehrenden Kriegsmacht vor das Gezelt des Fungar-Hellan und dessen Gefolge gebracht wurden, und als die Gold- und Silberträger ihren erbeuteten Schatz von ebendiesen Metallen an die Münzpräger abgegeben hatten, da erst stellte der General ein scharfes Verhör und Examen mit den Gefangenen an und sprach zu ihnen: [HGt.03_310,02] „Wer war der Erbauer dieses Tempels? War es nicht ich? – So ich aber der Erbauer und der Eigentümer so eines Tempels bin, habe ich da nicht auch allzeit das volle Recht, solches mein Eigentum zerstören zu lassen, wann ich nur immer will?! [HGt.03_310,03] Da ich aber unwidersprechlich solch ein Recht habe, da frage ich euch: Aus welchem Grunde und aus was für einem erweislichen Rechte habt ihr euch meiner euch kundgegebenen Anordnung widersetzt und habt meine Abgeordneten mit Steinwürfen bedient und habt dadurch zehn Menschen getötet und mehrere mehr oder weniger schwer verwundet?“ [HGt.03_310,04] Da sprachen die Gefangenen: „Herr, hätten wir dich gesehen, da hätten wir auch geglaubt, daß so ein Befehl aus deinem Munde ergangen; aber da wir dich unter den Kriegern nicht sahen und also auch deine wohlerkenntliche Stimme nicht vernahmen, da meinten wir, die Vorgabe deines Namens sei nur eine schändlichste Kriegslist irgendeiner fremden Macht, die uns meuterisch und räuberisch angegangen hat, um sich deines Goldes und Silbers zu bemächtigen, das wir allezeit für deine Kammern gesammelt haben. [HGt.03_310,05] Ebenso konnten wir auch zur Nachtzeit die Kleidung und Rüstung nicht unterscheiden, ob sie aus Hanoch oder von irgend anderswoher ist. Darum griffen wir dann zu den Steinen und verteidigten dein Eigentum, so gut es uns nur immer möglich war! Und wir glauben, uns vor dir nicht strafbar gemacht zu haben; denn ein treuer Diener seines Herrn soll doch allzeit eher eines Lohnes als irgendeiner Strafe würdig sein!“ [HGt.03_310,06] Als der Fungar-Hellan solche pfiffige Ausrede von den Gefangenen vernommen hatte, da sagte er zu ihnen: „Gut; da ihr das aus Treue zu mir getan habt, so soll euch auch statt der Strafe der Lohn werden! Ihr seid nun frei; gehet von hier nun, und tuet drei Tage lang zu eurem Besten! Nach dieser Zeit aber kommet dann, auf daß ich euch dann bestätige in eurer Sache und euch gebe ein neues Amt!“ [HGt.03_310,07] Darauf wurden sie alle freigelassen und durften gehen, wohin sie wollten; und sie wandten sich mit dem Freiheitszeichen des Generals sogleich wieder gebirgeinwärts. [HGt.03_310,08] Fungar-Hellan aber sandte sogleich die feinsten Spione nach, die die Freigelassenen auf allen ihren Wegen und Stegen beobachten mußten. [HGt.03_310,09] Was weiter, – in der Folge! 311. Kapitel — Das Verschwinden der Freigelassenen in dem geheimnisvollen Loch der Felsenwand. Rückkehr und Verhör der Freigelassenen durch den General[HGt.03_311,01] Wohin zogen denn die Freigelassenen? – Sie zogen schnurgerade auf die Stelle hin, an der ehedem der Tempel stand. Als sie allda anlangten, da begaben sie sich zu einer Felsenwand, in die ein ganz unförmliches Loch gehauen war, das groß genug war, um von einem Menschen, so er sich nur ein wenig bückt, bestiegen zu werden. [HGt.03_311,02] In dieses Loch verloren sich endlich alle die Freigelassenen, und unsere feinen Spione harrten hier bis zur Nachtzeit, um zu ersehen, was da endlich wieder einmal aus diesem Loche zum Vorschein kommen werde; allein es wollte sich weder ein Mensch noch irgendein Tier sehen lassen. [HGt.03_311,03] Sie riefen daher am Abende die ihnen folgenden zahlreichen Wachen zusammen und ließen in einer gewissen Entfernung das Loch streng bewachen, und ein jeder Wachtmann mußte genau achthaben auf das Loch, ob da jemand und wer da herauskäme; allein das war eine ganz vergebliche Mühe alle drei Tage hindurch; denn von den Hineingekommenen kam keine Seele mehr zurück. [HGt.03_311,04] Nach drei Tagen kehrte ein Teil der Spione zurück und zeigte solches dem Fungar-Hellan an. Da machte dieser große Augen und wußte nicht, was er daraus machen solle. [HGt.03_311,05] Allein es verging keine Stunde, und alle die Freigelassenen kamen ganz wohlbehalten zurück. [HGt.03_311,06] Da machten die Spione große Augen und wurden voll Ärger darob, daß sie von diesen Ochsenpriestern sicher ganz gewaltigst hinters Licht geführt worden waren. [HGt.03_311,07] Fungar aber gab den Spionen einen geheimen Wink, demzufolge sie die noch zurückgelassenen Spione und Wachen durch Eilboten mußten holen lassen. [HGt.03_311,08] Es wurden sogleich die besten Schnelläufer berufen und zu den noch immer sorglichst Wachehaltenden gesandt, daß sie zurückkehren sollten. [HGt.03_311,09] Ehe noch sieben Stunden zu Ende waren, war auch schon alles vor dem Gezelte des Generals versammelt; und dieser trat hervor und sprach zu den Freigelassenen: [HGt.03_311,10] „Ihr seid wohl richtig um die bestimmte Zeit wieder hierher gekehrt; aber das genügt mir nicht, um euch darum ein neues Amt zu geben! Ihr müsset mir auch getreu nun kundgeben, wo ihr in diesen drei Tagen waret, und was ihr da gemacht habet; denn erst daraus werde ich klar ersehen, ob ihr vor drei Tagen, als meine Krieger am Abende den Einlaß verlangten, wohl im Ernste aus wahrer, großer Treue zu mir dieselben mit Steinen angegriffen habt! Daher redet nun, und bedenket, daß jede Lüge euch den sichern Tod bringen wird!“ [HGt.03_311,11] Die also Bedrohten aber sagten: „Hast du uns nicht eine dreitägige Freizeit gegeben? Wie magst du nun Rechenschaft von uns verlangen? Durften wir denn nicht tun, was wir wollten?“ [HGt.03_311,12] Der General aber sprach: „Gerade durch diese Freiheit habe ich euch versucht; und das war notwendig, um euch ein wichtiges neues Amt anzuvertrauen! Darum kommt nach dieser Schule nun die Hauptprüfung, in der ihr entweder bestehen – oder für ewig fallen könnet! Daher gebet mir nur sogleich ohne weitere Widerrede Antwort auf meine früher an euch gestellte Frage, – sonst lasse ich sogleich zehntausend Schwerter über euren Häuptern spielen!“ [HGt.03_311,13] Hier stutzten die Bedrohten gewaltig, und einer sprach: „Herr, so du schon alles wissen mußt, so wisse, daß wir in diesen drei Tagen harte Buße übten, um uns selbst mit uns zu versöhnen, darum du von uns durch unsere Unwissenheit so sehr beleidigt worden bist!“ [HGt.03_311,14] Hier konnte sich der General kaum des Lachens erwehren und sprach darum: „Ah, das läßt sich hören! Wo aber ist der geheiligte Ort eurer Buße, auf daß ich selbst hinziehe und dort ein großes Denkmal solcher eurer Treue zu mir errichte?“ [HGt.03_311,15] Hier bissen sich die falschen Büßer schon in die Lippen, und einer nur sprach: „O Herr, das ist eine gar abscheulich grausliche Höhle im Gebirge, und da würde sich ein Denkmal wohl sehr schlecht ausnehmen; das verlange du daher ja nicht!“ [HGt.03_311,16] Fungar-Hellan aber sprach: „Oh, das macht nichts; wir werden den grauslichen Ort schon schön machen! Daher nur aufgebrochen und zur geheiligten Stelle hin!“ [HGt.03_311,17] Hier wurden die Büßer blaß und mußten sich auf den sehr heißen Weg machen. [HGt.03_311,18] Nächstens die Folge! 312. Kapitel — Fungar-Hellan vor der Felsengrotte. Mahals und der Freigelassenen Auskunft über die Grotte[HGt.03_312,01] Als der Zug mit den Hartbüßern im Gefolge der ganzen Feinspionenabteilung und deren Wache und im Gefolge nun des Fungar-Hellan selbst mit allen seinen Hofchargen die Stelle erreicht hatte, wo ehedem der Tempel stand, und wo sich in einer kleinen Entfernung davon auch das bekannte Loch in der Felswand befand, da trat der Spionenoberste zum Fungar und sprach: [HGt.03_312,02] „Herr, Herr, siehe, hier ist das Loch, das ich dir bezeichnete; in dieses stiegen die von dir Freigelassenen und kamen dann nicht wieder zum Vorschein!“ [HGt.03_312,03] Als der Fungar diesen Wink erhielt, da wandte er sich an seinen Mahal und fragte ihn, ob er ihm nicht die Beschaffenheit dieser Höhle und die Bewandtnis mit derselben näher beschreiben möchte. [HGt.03_312,04] Und der Mahal sprach: „O Freund, nichts leichter als das! Siehe, das ist fürs erste kein von der Natur ausgebildetes Loch, sondern es ist von Menschenhand durch diese eben nicht sehr harte Steinmasse geschlagen, und das durch den Meißel, dessen Spuren sich noch gar deutlich ersehen lassen! [HGt.03_312,05] Weil es aber ein Menschenwerk ist, so ist es fürs zweite sicher nicht etwa der Eingang zu einer unterirdischen, von der Natur gebildeten Gebirgshalle, sondern es ist entweder ein Durchgang in irgendein umfelstes Gebirgsland, oder es ist der Eingang in ein oder mehrere unterirdische, künstlich durch Menschenhände gemachte Gemächer, in denen diese Hartbüßer wohl noch so manchen schweren Klumpen Goldes verborgen halten dürften! [HGt.03_312,06] Eines von diesen zwei Bezeichnungen ist es gewiß, wo nicht beides zugleich, – was es aber um so mehr sein muß, da diese in dies Loch eingestiegenen Hartbüßer auf einem andern Wege zu dir haben gelangen können! [HGt.03_312,07] Nun kommt es auf die Untersuchung von deiner Seite an! Frage aber zuerst die Hartbüßer darob! Werden sie dir vor der Untersuchung die Wahrheit bekennen, dann schenke ihnen nach der gepflogenen Untersuchung das Leben; werden sie dich aber im voraus belügen, dann töte sie, und das durch die Einmauerung in eben dieses ihr Höhlenwerk!“ [HGt.03_312,08] Nach diesen Worten Mahals wandte sich der Fungar-Hellan sogleich an die Hartbüßer und fragte sie, die von der Erklärung Mahals nichts vernommen hatten, was es da mit diesem Loche, in das sie vor drei Tagen eingestiegen, für eine Bewandtnis habe. [HGt.03_312,09] Und die Hartbüßer sprachen: „O Herr, dieses Loch ist nichts als ein trauriger Eingang in eine gar schmutzige Büßergrotte, die einen noch schmäleren Ausgang in eine gar öde Felsgegend hat, in der nichts als wilde Beeren wachsen, die den Büßern zur kargen Nahrung gedient haben! [HGt.03_312,10] Von dieser Gegend kann man wohl auch auf einem höchst beschwerlichen Wege hinab in die Ebene gelangen; aber man hat dabei mit tausend Lebensgefahren zu kämpfen! Und diesen Weg sind auch wir heute gewandert, auf daß unsere Buße eine vollkommene sei! [HGt.03_312,11] Herr, Herr! Du kannst dieses Loch nun selbst näher untersuchen lassen, und wenn du es anders finden wirst, dann kannst du mit uns machen, was du willst!“ [HGt.03_312,12] Und der General berief sogleich die Mineure und sprach zu ihnen: „Schaffet sogleich zehntausend Fackeln her, und wir werden uns sogleich an die Untersuchung dieses Loches machen!“ [HGt.03_312,13] Und die Mineure gingen und erfüllten sogleich des Generals Befehl. 313. Kapitel — Die Untersuchung der geheimnisvollen Grotte und die Entdekkung der geheimen Öffnung in der oberen Grottenwand[HGt.03_313,01] Als die zehntausend Fackeln herbeigeschafft wurden, da berief der Fungar-Hellan tausend der stärksten und biedersten Männer aus den Minengräbern, gab einem jeden zehn Fackeln und sagte dann zu ihnen: [HGt.03_313,02] „Befestiget hier die Grubenleitschnur, zünde dann ein jeder von euch eine Fackel an, und gehet mit großer Vorsicht und Behutsamkeit in dieses Loch! [HGt.03_313,03] Untersuchet alles auf das genaueste, lasset ja keinen Seitengang undurchsucht, und wo sich an den inneren Steinwänden etwa Spuren von einer künstlichen Verstopfung irgendeines Seitenkanals zeigen dürften – was ihr beim Scheine von tausend weißflammenden Fackeln wohl werdet bemerken können –, da schlaget durch, und lasset da ja keine Kleinigkeit als unwert eurer Untersuchung! [HGt.03_313,04] Habt ihr alles genau geprüft, dann kommet, und gebet mir Nachricht, und ich will dann mich selbst von allem überzeugen und sodann euch gar köstlich belohnen und an diesen Scharfbüßern nach dem besten Rate rechthandeln! Und also gehet nun, und vollziehet meinen Befehl!“ [HGt.03_313,05] Auf diesen Befehl gingen die tausend Minengräber an ihre anbefohlene Arbeit und taten alles, was ihnen geboten war, auf das sorgfältigste. Sie fanden aber im Anfange dieser Untersuchung im Ernste nichts anderes, als was die Scharfbüßer ausgesagt hatten: zuerst nämlich einen schmalen, niederen und bei hundert Klafter langen Gang, der sich in verschiedenen Krümmungen fortzog; am Ende dieses Ganges aber war ein ziemlich geräumiges Gemach, welches wohl zweitausend Menschen hätte fassen können. [HGt.03_313,06] Dieses Gemaches Wände waren nach allen Seiten festes und schwarzes Gestein und hatten nur auf der entgegengesetzten Seite eine ebenso schmale Öffnung, als wie da die erste war; und durch diese zweite Öffnung gelangten sie dann auch bald in eine gar öde, felsige Gegend, in der wirklich nichts als einige wilde Beerensträuche vorkamen. [HGt.03_313,07] Nachdem die Mineure solches alles genau besichtigten und weiter nichts fanden, was hier ihnen hätte verdächtig vorkommen können, da kehrten sie wieder zurück und gaben solches getreu dem General kund. [HGt.03_313,08] Dieser aber sprach: „Nein, nein! Ich kann es nicht glauben, daß die Hart- und Scharfbüßer so redlich sein sollen! Gebt mir eine Fackel und die Grubenleitschnur in die Hand, und ich will mich selbst von allem überzeugen!“ [HGt.03_313,09] Hier nahm der General eine Fackel und ging mit den Mineuren in die Höhle und kam bald in das Gemach, untersuchte die Wände genau und fand nichts anderes Verdächtiges als die überaus schwarze Färbung derselben. [HGt.03_313,10] Und er sprach daher zu den Mineuren: „Diese Färbung scheint ihren Grund zu haben! Die Wände sind wohl allenthalben fest; aber ich finde dieses Gemach sehr hoch! Daher schaffet mir eine gute Leiter her, und wir werden auch die höheren Teile dieser Steinwand in den Augenschein nehmen!“ [HGt.03_313,11] Darauf wurde sogleich eine Grubenleiter herbeigeschafft, und die oberen Wandteile wurden untersucht, und man fand zum Erstaunen aller in einer Höhe von drei Klaftern eine recht geräumige Öffnung und vernahm aus einer tiefen Ferne auch wie Stimmen von vielen Menschen. [HGt.03_313,12] Da sprach der Fungar-Hellan: „Jetzt nur zurück; denn ein längerer Aufenthalt könnte uns hier gefährlich werden! Ich aber habe nun schon, was ich so ganz eigentlich habe haben wollen; von hier werden uns die Hartbüßer die Wegweiser machen!“ [HGt.03_313,13] Darauf zog sich schnellst alles aus dieser Kunstgrotte. [HGt.03_313,14] Und als der Fungar wieder ganz wohlbehalten zurückkam, da berief er sogleich die Hartbüßer zu sich und fragte sie um das Nähere über die Hochöffnung in der Wand des Gemachs innerhalb dieser Felsenwand. [HGt.03_313,15] Die Hartbüßer aber fingen alsbald an zu zagen, und einer sprach in seiner Angst: „Nun ist alles verloren!“ [HGt.03_313,16] Das Weitere in der Folge! 314. Kapitel — Die entlarvten Hartbüßer. Mahals Rat an den erzürnten Fungar Hellan. Die Sprengung der Grotte. Das Geständnis der Hartbüßer und ihre Begnadigung[HGt.03_314,01] Als der Fungar-Hellan aber ersah, wie solche seine Frage bei den Hartbüßern eine gar mächtig niederschlagende Wirkung hervorgebracht hatte, und als er auch das gewisserart unwillkürliche: „Wir sind verloren!“ vernommen hatte, da sprach er zum Mahal: [HGt.03_314,02] „Höre, du mein achtbarster Bruder und Freund! Ich meine, man sollte hier mit diesen tausend Hartbüßern einen ganz kurzen Prozeß machen! Ihr Frevel ist so gut als vollkommen erwiesen; was brauchen wir da mehr? [HGt.03_314,03] Diese Kerle lasse ich gleich zusammenhauen; sodann lasse ich zweihundert Säcke Sprengkörner in diese Kunstgrotte stecken und dann anzünden, auf daß diese ganze Masse zerschleudert werde, und wir werden auf diese Weise am ehesten hinter die Geheimnisse dieser Hauptspitzbuben kommen!“ [HGt.03_314,04] Und der Mahal sprach: „Lieber Freund, du hast allerdings recht; aber solange wir die Sache ohne Blutvergießen abmachen können, da lassen wir das Schwert in der Scheide und handeln ohne dasselbe! Die Grotte aber laß auf jeden Fall also, wie du es bestimmt hast, zerstören; da wirst du auf so manche Geheimnisse stoßen, die von ziemlich großem Belange sein werden!“ [HGt.03_314,05] Als der Fungar-Hellan solches vom Mahal vernommen hatte, da kommandierte er sogleich selbst die Minengräber; und diese schafften sogleich zweihundert Säcke von den mächtigst wirkenden Sprengkörnern, die sie hatten, in das schwarze Gemach, legten dann die Brandfäden an, die sie, als sich alles in eine rechte Entfernung zurückgezogen hatte, anzündeten, und flüchteten sich dann natürlich auch in eine rechte Entfernung zurück. Warum? Das wird etwa doch klar sein auch ohne Erklärung! [HGt.03_314,06] In einer kleinen halben Stunde erreichte das Lauffeuer die Säcke; ein alles betäubender Knall geschah, und ein ganzer Berg lag in Trümmern umher zerschleudert. [HGt.03_314,07] Nach der Explosion erst ging man auf eine neue Untersuchung aus, fand aber eben nichts besonderes Erhebliches unter dem Bergschutte. Einige Goldklumpen und mehrere zerrissene Menschen, das war aber auch alles, was man finden konnte. [HGt.03_314,08] Nach solcher bei drei Tage währenden Untersuchung ließ der General die Hartbüßer wieder vorkommen und sprach zu ihnen: „Wahrlich, ich will euch noch jetzt das Leben schenken und euch geben die Freiheit, so ihr mir den Grund saget, warum ihr an mir fortwährend als Betrüger gehandelt habt, während ich euch doch so viele Vorteile bereitet habe von jeher! Warum habt ihr diese Grotte gemacht und warum das Gold darinnen verborgen?“ [HGt.03_314,09] Hier trat einer vor und sprach: „Herr, Herr, das taten wir aus zu großer Furcht vor dir! Denn wir hatten schon lange eine starke Ahnung gehabt, daß du bald so etwas tun werdest; und da wollten wir uns einen Zehrpfennig zurücklegen für die Tage, da unser Amt aufhören würde und wir keinen Verdienst mehr hätten. [HGt.03_314,10] Siehe, das ist aber auch das Ganze schon und der Grund zu dieser Kunstgrotte! Die Menschen aber, die du aus der dir verdächtigen Hochöffnung vernommen hast, waren unsere Brüder! Sie liegen nun begraben; ich wollte, wir wären es mit ihnen schon! – Nun weißt du alles; bedenke aber, daß auch wir Menschen sind!“ [HGt.03_314,11] Da der General solches vernommen, da hielt er auch sein Versprechen; er schenkte ihnen das Leben und gab ihnen die nötige Freiheit. 315. Kapitel — Der Aufbruch der Armee gegen den Sonnentempel und dessen unblutige Übergabe und Zerstörung. Die Einnahme und Zerstörung des Feuertempels und des Windgott-Tempels[HGt.03_315,01] Darauf ließ der Fungar-Hellan, nachdem er noch zuvor die tausend Hartbüßer in der Armee eingeteilt hatte, die ganze Armee sich wieder sammeln und bereitmachen zum Weiterzuge. [HGt.03_315,02] Als sich im Verlaufe eines Tages und einer Nacht die ganze Armee wieder versammelt und marschfertig gemacht hatte, da ließ sie der Fungar-Hellan aufbrechen gegen den Sonnentempel, dessen Eroberung und Zerstörung aber eben nichts Denkwürdiges darbot, da sich seine Priester alsbald ergaben und sogar selbst an der Zerstörung dieses Tempels mitarbeiteten; nur erbaten sie sich den großen Hohlspiegel für andere wissenschaftliche Zwecke, die sie im Verlaufe der zehn Bestandjahre bei opferlichen Verrichtungen hatten kennengelernt, – was ihnen aber der Fungar-Hellan auch gern bewilligte, indem er selbst ein großer Freund von allerlei Künsten und Wissenschaften war. [HGt.03_315,03] Nach einem dreitägigen Aufenthalte, den die Armee zur nötigen Erholung und der General zur Münzprägung aus dem erbeuteten Golde und Silber gebrauchte, brach die Armee wieder auf und zog sich nach dem Befehle des Generals zum Tempel des Feuergottes, mit dessen Eroberung und Zerstörung es aber freilich wohl etwas hartnäckiger herging, weil sich dessen Priesterschaft sehr vermehrt und nach gar vielen Seiten hin ausgebreitet hatte; denn in jeder Nähe irgendeines Feuerspeiers ward ein Aftertempel dieses Gottes errichtet, allwo dann bei den Festen die Feuerkünste produziert wurden gegen reiche Opfer. [HGt.03_315,04] Und so brauchte die Zerstörung dieses Tempels mit seinen Auswüchsen eine längere Zeit und war auch auf den verschiedenen Punkten mit mehr verschiedenen Schwierigkeiten verbunden als die der früheren. Im ganzen dauerte sie vierzig Tage und ging zumeist ohne Blutvergießen ab – bis auf einen einzigen Nebentempel, der auf einem steilen Felsen erbaut war, dessen Priester auf ihre feste Lage pochten und der Aufforderung zur Übergabe kein Gehör geben wollten. Hier wurde der große Fels von allen Seiten unterminiert und zersprengt, was natürlich allen den hartnäckigen Priestern den Untergang kostete. [HGt.03_315,05] Nach der Zerstörung dieser Tempel und nach der beendeten Gold- und Silberausprägung, das hier über zwei Millionen Pfunde betrug, und zu dessen Fortschaffung zweitausend Kamele vonnöten waren, brach die Armee gegen den Tempel des Gottes der Winde auf, welcher Gott aber dem Fungar recht gewaltige Flausen machte, bis er unterjocht werden konnte. Denn fürs erste hatten die Priester den See auf seinen vier Abflüssen durch gewaltige Schleusen stets geschwellt gehalten. Hatte sich nun von einer oder der andern Seite etwas Feindliches genähert, so wurden die Schleusen geöffnet, und eine gewaltige Wassermasse stürzte sich wütend über die Feinde auf jedem möglichen Zugange zu diesem Tempel. Und fürs zweite waren diese Priester auch im Vollbesitze elektrischer Manipulationskenntnisse, mittels denen ihre Gegend geradezu unzugänglich gemacht wird. [HGt.03_315,06] Und so hatte hier der Fungar-Hellan über ein halbes Jahr zu tun, bis er sich dieses Tempels zu bemächtigen imstande war. [HGt.03_315,07] Nach der Zerstörung dieses Tempels zog dann die Armee zum Tempel des Wassergottes. – Von der Eroberung dieses Tempels nächstens das Weitere! 316. Kapitel — Der Armeemarsch gegen den Wassertempel. Die Schwierigkeiten bei der Einnahme des Wassertempels[HGt.03_316,01] Als nach einem mehrtägigen Marsche die ganze, große Armee bei dem großen See anlangte, da lagerte sie sich an den weitgedehnten Ufern und Gestaden dieses Sees, in dessen Mitte sich die Insel befand, auf welcher des Wassergottes Tempel errichtet war. [HGt.03_316,02] Nach einer dreitägigen Rast erst erteilte der Fungar-Hellan die näheren Befehle zum Angriffe dieses von Natur so überaus wohlbefestigten Tempels und Ortes, auf dem der Tempel stand. [HGt.03_316,03] Fungar wollte anfangs den ganzen, viele Meilen im Umfange habenden See mit einer einfachen Kriegerlinie umfangen lassen; allein er stieß bald auf unbesiegbare Terrainschwierigkeiten, die solchen seinen Plan rein unausführbar machten. Denn der See endete auf manchen Stellen mit weithin gedehnten schroffen Steinwänden; auf manchen Stellen verlor er sich in unabsehbar weitgedehnte Sümpfe und Moräste. [HGt.03_316,04] Da somit solcher Plan notwendig aufgegeben werden mußte, so ward alsbald ein anderer entworfen, und dieser bestand darin, daß der Fungar-Hellan im Verlaufe von sechs Wochen zwanzigtausend Seeplätten errichten ließ, von denen eine jede für hundert Mann bequem Platz hatte. Die Plätten wurden aus den schönsten Zedern gemacht, wovon ein jeder Baum zwölf Klafter lang war, auf daß dann auch die ganze Plätte die gleiche Länge, dabei aber auch eine Breite von sechs Klaftern hatte. [HGt.03_316,05] Als diese Plätten fertig und versehen waren mit den nötigen Rudern, Geländern, Bänken und ehernen Kochherden und Speisekästen und anderen kleinen Magazinen für allerlei Kriegsgerätschaften, da wurden sie bemannt und also befehligt, daß sie die ganze Insel zu umfangen haben und streng darauf zu achten haben, daß sich ja kein Mensch weder von der Insel entferne, noch jemand sich dieser Insel nahe. [HGt.03_316,06] Würden die Belagerer gefragt von den belagerten Inselbewohnern, was das zu bedeuten habe, dann sollten sie ganz glattweg den Willen des Generals kundtun und sagen: „Werdet ihr euch dem Willen des Generals unbedingt unterwerfen, so werdet ihr zu seinen Freunden werden; im Gegenteile aber seid ihr seine größten Feinde, die er mit dem Schwerte vertilgen wird!“ [HGt.03_316,07] Mit solcher Weisung versehen, begaben sich die Plättenfahrer hin zur ziemlich ferne gelegenen Insel und belagerten sie mit ihren Plätten ganz und gar, so daß da niemand weder aus- noch eingehen konnte. [HGt.03_316,08] Die Belagerung aber dauerte keinen Tag, als die Priester schon erfuhren, was es damit für eine Bewandtnis habe. Sie sandten daher sogleich eine Deputation an die Belagerer und ließen bitten, daß sie ja nur sogleich des großen Fungar-Hellan Willen vollziehen möchten; denn sonst könnte der Gott der Wässer leicht gar sehr erzürnt werden. [HGt.03_316,09] Als die Belagerer solches von der Deputation vernommen hatten, da waren sie sehr erfreut, und sogleich fuhren zehntausend Mann zur Insel und begaben sich da auf dieselbe. Als sie aber bis an die Stelle des Tempels kamen, da fanden sie keine Spur mehr von einem Tempel, wohl aber überall nur recht artige Landhäuser, in denen ganz gewöhnliche Landleute wohnten. [HGt.03_316,10] Als die zehntausend solches ersahen bei Durchsuchung der ganzen Insel, da sprachen sie: „Was sollen wir hier nun? Hier gibt es nichts zu zerstören; daher kehren wir nun nur wieder zurück und zeigen das alles dem General an!“ [HGt.03_316,11] Gesagt und getan; und als der Fungar solches erfuhr, da wunderte er sich überhoch und wußte nicht, was er tun sollte. [HGt.03_316,12] Nächstens das Weitere! 317. Kapitel — Mahals Auskunft über die verschwundenen Tempel und der Priester List. Die Ladung der Priester vor den General[HGt.03_317,01] Da aber der Fungar-Hellan die Sache nicht einsehen und begreifen konnte, wie auf dieser ihm gar wohlbekannten Insel sich keine Spur mehr von irgendeinem Tempel vorfinden solle lassen, da er doch noch selbst vor ein paar Jahren mit dem Könige Gurat hier gewesen war und sich gar wohl vom Dasein des Tempels überzeugt hatte, so wandte er sich an den Mahal wieder und fragte ihn, ob er ihm nicht zu sagen wüßte, was es denn da mit dem Nichtdasein dieses Tempels für eine Bewandtnis haben dürfte. [HGt.03_317,02] Und der Mahal sprach: „Wie kannst du wohl meinen, als hätten diese sehr pfiffigen Priester von den Zerstörungen der anderen Götzentempel nichts vernommen?! [HGt.03_317,03] Siehe, ihnen ward schon von der Zerstörung des Tempels des Gottes der Schmiede Kunde gegeben! Diese haben sie sogleich benützt, brachen hier alles dem Götzen Geweihte ab, machten aus der Götzeninsel ein recht schönes bewohnbares Land, erbauten Häuser und verteilten dann Grund, Gold und Silber und die Schönheitsgöttinnen, die sich jüngst einmal hierher geflüchtet hatten bei einer gewissen Gelegenheit, untereinander und leben jetzt schon über ein Jahr in solcher Beschaffenheit hier, weltlich genommen recht glücklich. [HGt.03_317,04] Aber ganz tot sind sie in geistiger Hinsicht; denn sie wissen von einem wahren, ewigen Gotte nicht eine Silbe mehr! Darum ist hier nicht zu sehen auf ein materiell bestehendes Götzentum, sondern vielmehr auf die Zerstörung der vollsten geistigen Finsternis, die nun auf dieser recht reichen und schönen Insel zu Hause ist! [HGt.03_317,05] Denn siehe, diese Priester, da sie nun keine Tempel mehr haben dürfen, beten nun das Wasser des Sees an und preisen die Quellen mit den erhabensten, aber auch überaus lügenhaften Ausrufungen und halten Schulen, und predigen des Wassers Macht und Kraft und ewige Ehre, und stellen es als das wahre, lebendig heilige Wesen Gottes dar, in dem alle Fülle des Lebens wohne; kurz, ich sage dir, diese Priester lehren auf eine Art die Göttlichkeit des Wassers, daß du selbst nicht sicher wärest, von solcher Lehre durch und durch ergriffen zu werden! [HGt.03_317,06] Darum ist es hier notwendig, diese Priester eines Bessern zu belehren, sonst steht aller menschliche Geist in der Gefahr, ins Wasser dieser Priester überzugehen!“ [HGt.03_317,07] Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da verlangte er, selbst auf die Insel zu gehen und alle die Priester in seine Schule zu nehmen. [HGt.03_317,08] Der Mahal aber sprach: „Freund, so wirst du wenig ausrichten; wir aber haben eine Rednerin hier, meine Tochter Agla nämlich, und einen Redner, und das ist mein Sohn Kisarel! Laß darum die Priester hierher kommen, und wir werden sehen, was sich mit ihnen wird machen lassen!“ [HGt.03_317,09] Darauf sandte der General sogleich eine starke Macht, um zu holen die sehr schlauen Priester, und diese kamen auch sogleich mit der größten Bereitwilligkeit und Ergebung in des Generals Willen. 318. Kapitel — Belehrung der Wasserpriester durch die schöne Agla auf Wunsch Fungar-Hellans[HGt.03_318,01] Als die Wasserpriester vor das Angesicht des Fungar-Hellan kamen, da verbeugten sie sich ungeheuer tief, und einer von ihnen fing an, also das Wort zu führen: [HGt.03_318,02] „Unendlicher, allerhöchster, allerallmächtigster Gott der Götter, Fürst der Fürsten, Herr der Herren! O du, vor dem alle Festen der Erde erbeben und alle Wässer auf den Laut seiner Stimme bebend horchen, der du Himmel und Erde gegründet hast und hast erbaut die große Stadt für Millionen Völker nach deinem Wohlgefallen, – o gib uns allerabscheulichsten Würmern vor dir allergnädigst kund, was du von uns begehrst!“ [HGt.03_318,03] Über diese höchst dumme Anrede entstand eine allgemeine Lache im großen Gezelte des Generals, und der General wandte sich sogleich an die Agla und bat sie, daß sie nun nach dem Rate ihres Vaters sich an diese allerbarsten Narren wenden und durch einige rechte Worte sie von ihrer Narrheit überzeugen und ihnen dann eine rechte Lehre geben solle. [HGt.03_318,04] Und die Agla trat in ihrem grauen Kleide hervor aus ihrem Hintergrunde, teilte ihr Haar und zeigte den Großschmeichelrednern ihr überaus schönstes Angesicht, das die geilen Priester sogleich nahezu sprachlos machte; denn sie standen wie halb versteinert da, und keiner bewegte auch nicht um ein Haar seinen Kopf, um nur eine solche Augenweide auch nicht einen Augenblick aus dem Auge zu verlieren. [HGt.03_318,05] Die Agla musterte eine Zeitlang die Priester und sagte endlich, sie fragend: „Was stehet ihr so stumm und dumm vor mir? Saget mir lieber, ob euch eure frühere Anrede an den General euer vollkommener Ernst war, und ich werde euch ein anderes Wort geben! Redet; ich gebiete es euch im Namen des großen ewigen Gottes!“ [HGt.03_318,06] Die Priester aber, als sie die süße Stimme Aglas vernommen hatten, wurden darob so entzückt, daß sie nichts als nur bloße stumme oder vielmehr unartikulierte Laute hervorbrachten wie: „Ah – ah – ah, – – oh – oh – oh!“ [HGt.03_318,07] Nur einer besaß ungefähr noch so viel Kraft, daß er folgenden sehr dummen Satz hervorbrachte, der also lautete: „Oh – oh – oh – du bist, – wie keine deinesgleichen ist! – Oh – oh – oh –, du endloser Inbegriff aller – aller – aller weiblichen Schönheit! Wer kann dich schauen und leben zugleich?! Wer kann reden, wenn seine Ohren deines Mundes himmlische Sphärenlaute und Harmonien vernommen haben?! Oh – oh – oh – du Schönste, Schönste, Schönste, – du Himmlische, Himmlische, Himmlische!“ [HGt.03_318,08] Hier lähmte die Entzückung auch dieses Redners Mund und Zunge, und so waren alle diese Priester nun stumm da. [HGt.03_318,09] Fungar-Hellan mußte darob unwillkürlich lachen und sagte zum Mahal: „Da haben wir nun die Narren! Was läßt sich da mit ihnen machen? Sie sind durch den Anblick der Agla ganz verzaubert! Wir müssen die liebe Agla wieder abtreten lassen, sonst kommen uns die Kerle noch in eine Lieberaserei, und wir werden dann mit ihnen unsere schändlichste Not haben!“ [HGt.03_318,10] Und der Mahal, solches selbst einsehend, berief die Agla zu sich und sagte zu ihr: „Meine liebe Tochter, hier wirst du nichts ausrichten; daher verberge dich nur wieder, sonst erleben wir noch ein schmähliches Spektakel!“ [HGt.03_318,11] Und die Agla gab ihrem Vater recht und zog sich unverrichteterdinge zurück. [HGt.03_318,12] Darauf ward der Kisarel berufen. Als er zum Vorschein kam, da ward er aber von den Priestern für die verkleidete Agla gehalten, da er sonst der Agla sehr ähnlich war. Er bewirkte daher nur noch eine größere Entzückung bei den Priestern; aber zum Reden brachte er niemanden und mußte sich daher auch zurückziehen. [HGt.03_318,13] Was weiter, – in der Folge! 319. Kapitel — Mahals Aufschluß an Fungar-Hellan. Die fehlgeschlagene Belehrung der Wasserpriester als Bild des Mißlingens der göttlichen Liebe an uns Menschen[HGt.03_319,01] Als sich nun der Fungar-Hellan und der Mahal überzeugt hatten, daß hier zum ersten Male eben des Mahals Rat mißlang, da fragte der Fungar-Hellan den Mahal: „Bruder in Gott, dem alleinig ewig Wahren, – wie kommt es denn nun, daß hier dein Rat fruchtlos ist und, wie es scheint, auch keinen rechten Grund hat?“ [HGt.03_319,02] Und der Mahal sprach: „Bruder, vor ein paar Augenblicken kam es mir selbst sonderbar vor, da ich doch nichts rede, als was mir zukommt aus dem Geiste des Herrn; aber jetzt verstehe ich es wohl, warum mir solcher Rat zukam, und warum er fruchtlos sein mußte! [HGt.03_319,03] Siehe, diese ganze Begebenheit stellt nun unser gesamtes Verhältnis zu Gott vor! [HGt.03_319,04] Diese geilen, weltsinnigen Priester stellen uns Menschen dar in dieser Zeit. Wir kamen mit einem großen Kriegsheere zu diesen Wasserdienern; also kam auch Gott im Anfange als ein allmächtiger, unerbittlicher Richter vor das erste Menschenpaar. [HGt.03_319,05] Aber dieses Paar ergriff die Reue ob seiner begangenen Sünden vor Gott; und Gott kam im freundlichen Gewande und stellte den Menschen wieder in seinen ersten geistigen Wohlstand. Da vergaß der Mensch bald wieder des Zornes Gottes und sündigte auf die göttliche Freundschaft! [HGt.03_319,06] Gott aber wollte Seine Freundschaft nicht sobald wieder in den Zorn umgestalten, sondern in eine noch größere Liebe, Gnade und Erbarmung, und wollte allein durch die Liebe das verdorbene Menschengeschlecht wieder vollkommen gewinnen. [HGt.03_319,07] Allein – als die Menschen das Angesicht der Liebe Gottes erschauten und deren süßeste Stimme vernahmen, da konnten sie sich anfangs wohl aus lauter Gegenliebe kaum helfen, aber in eben dieser Liebe ersahen sie mit der Zeit in Gott eine solch große Nachsicht und Geduld, daß sie Ihn förmlich für unfähig zu halten anfingen, als könnte Er je wieder zu einem Gerichte schreiten! [HGt.03_319,08] Im Anfange liebten die Menschen Gott so mächtig, daß sie mit ihrer reinen Liebe auch alles umfaßten, was Gott erschaffen hatte; aber mit der Zeit klebten sie sich mit ihrer Liebe stets mehr und mehr an die sichtbaren Geschöpfe und vergaßen nach und nach ganz und gar wieder der göttlichen Liebe und trieben es darin so weit, bis da die göttliche Geduld einen gar starken Riß bekam und das gänzlich nach außen gekehrte Menschengeschlecht wieder mit einem allgemeinen Gerichte heimsuchen mußte – und nun um so mehr wird heimsuchen müssen, da die Menschen von Gott nicht mehr wissen wie eben diese Priester hier, denen du die Macht auf dieser Insel gegeben hast, wie Gott einmal den Menschen auf der Erde. [HGt.03_319,09] Da sie aber diese Macht mißbrauchten, so kamen wir, sie ihnen zu nehmen; sie durchschauten uns aber und planierten ihre Verhältnisse also, daß wir ihnen nichts anhaben können. [HGt.03_319,10] Wir aber haben uns darum ihrer erbarmt, beriefen sie zu uns und wollten ihnen durch das angenehmste Angesicht der Liebe in der Person der Agla und des Kisarel eben die wahre Liebe und Erkenntnis Gottes wiedergeben. [HGt.03_319,11] Aber welchen Effekt brachte das bei diesen Priestern hervor? – Siehe, sie wurden noch geiler und sinnlicher – in unserm Angesicht sogar! [HGt.03_319,12] Und siehe, geradeso sind wir Menschen gegen Gott! Je mehr Liebe und Geduld Er uns erweist, desto mehr kehren wir uns sinnlich nach außen, werden dann eigenliebig, selbstgefällig und wollen am Ende außer uns niemanden mehr achten, und darum auch Gott nicht! [HGt.03_319,13] Bekennen wir Gott auch mit dem Munde, so verleugnen wir Ihn aber doch mit jeder unserer Taten! Denn Gott verleugnet Sich ganz und kehrt alle Seine Schätze uns zu; wir aber tun das im besten Falle also, daß wir nur den geringsten Teil den Brüdern geben und den größten aber allezeit für uns behalten! [HGt.03_319,14] Siehe, darum ließ nun der Herr es auch so geschehen vor unsern Augen, auf daß wir daraus ersehen sollen, wie wir uns nun gerade so gegen Ihn verhalten, wie diese Brüder gegen uns! [HGt.03_319,15] Auf daß aber wir in unserer Selbstsucht nicht völlig rasend werden, so muß Sich Gott nun auch in Seiner Liebe also zurückziehen, wie sich die Agla und ihr Bruder vor diesen Priestern zurückziehen mußten! [HGt.03_319,16] Verstehst du nun das Mißlingen meines Rates? – Siehe, es ist das Bild des Mißlingens der göttlichen Liebe an uns Menschen!“ [HGt.03_319,17] Das Weitere in der Folge! 320. Kapitel — Fungar-Hellans freimütige Kritik an Mahals Erklärung. Mahals Betrübnis und Prophezeiung des Durchbruchs der Hochländer.[HGt.03_320,01] Als der Fungar-Hellan diese ihm etwas unverständliche und ziemlich gedehnte Antwort auf seine kurze Frage vom Mahal bekam, da sprach er zu ihm: [HGt.03_320,02] „Lieber Freund, du magst wohl sehr recht haben; aber dessenungeachtet scheint deine Erklärung über das Mißlingen deines Rates mehr eine weise ersonnene Ausflucht als eine eigentliche Wahrheit zu sein! [HGt.03_320,03] Denn siehe, auch ich bin in der Entsprechungskunde sehr wohl bewandert und weiß gar wohl, was da hinter einer naturmäßigen Erscheinlichkeit steckt; aber trotz solcher meiner Kenntnis hätte ich das in dieser Erscheinung nicht gefunden, was du da zum Vorschein gebracht hast! [HGt.03_320,04] Wahrlich, es wäre mir von dir aus, der du nun all mein Zutrauen besitzest, ums Unschätzbare lieber gewesen, so du mir offen gestanden hättest, daß du dich auch einmal geirrt habest, als daß du mir mit dieser gedehnten Weisheitsfloskel gekommen bist, aus der ich nun machen kann, was ich will; ich kann sie glauben – und kann sie aber auch ebensogut leugnen! [HGt.03_320,05] Ich will dir aber sagen, was der eigentliche Grund des Mißlingens deines Rates ist! [HGt.03_320,06] Siehe, es ist dieser ganz natürliche: Du hast es gut gemeint und dachtest dir, diese verwilderte Art von Priestern werde sich am ersten durch die Rede eines überschönen weiblichen Wesens bekehren lassen! Und darum gabst du mir solchen Rat, wobei du aber freilich die große Geilheit dieser Kerle außer deiner Berechnung gelassen hast, worin aber eben der Grund des Mißlingens verborgen lag. [HGt.03_320,07] Übrigens macht das nichts! Du bleibst deshalb dennoch mein intimster Freund; nur wäre es mir lieber gewesen – wie ich schon gesagt habe –, so du mir sogleich mit der blanken Wahrheit gekommen wärst, statt deiner diesmal sehr bei den Haaren herbeigezogenen weisen Definition! [HGt.03_320,08] Ich bitte dich aber darum, daß du jetzt dafür einen rechten Rat fassest und mir sagest, was da mit diesen geilen Böcken geschehen soll; sollen sie am Leben bleiben, oder soll ich sie durchs Schwert umbringen lassen? – Sage mir den reinen Willen Gottes, und ich werde ja augenblicklich danach handeln!“ [HGt.03_320,09] Als der Mahal solche Rede von dem Fungar-Hellan vernommen hatte, da sprach er in einem etwas bewegten Tone: „Freund und Bruder, warum hast du nun solches zu mir geredet und hast dadurch nicht mich, sondern Gott Selbst als einen Lügner bezeichnet?! [HGt.03_320,10] Siehe, das wird dir nun bald einen großen Kampf kosten, indem du von Gott schwer gezüchtigt wirst! Siehe, dieweil du meiner Rede, die gar sanfter Art war, nicht geglaubt hast, so glaube nun, was ich dir jetzt sagen werde! [HGt.03_320,11] Du hast der Hochlandsbewohner ganz vergessen und denkst nicht mehr, als könnten dir diese je mehr wieder etwas zu schaffen geben; aber die zehn noch lebenden Fürsten beherzigten mit der Zeit dennoch die Rede eines Boten aus der Höhe, nahmen ihr dieser Rede zuwiderlaufendes gegebenes Gesetz bezüglich der Zeugung zurück, stellten aber dafür eine große Prämie dem aus, der da irgendeinen Abweg in die Tiefe zuwege brächte. [HGt.03_320,12] Und ich sage dir: Gerade jetzt steht ein Mensch vor den zehn Fürsten in ihrem goldenen Palaste und zeigt ihnen einen von ihm durch höhere Eingebung erfundenen Plan, nach dem die Tiefe unaufhaltsam erreicht werden kann und werden wird! Und morgen wird schon die Hand ans Werk gelegt, und du wirst die Arbeit mit Millionen Augen schauen und wirst sie dennoch nicht im geringsten zu hindern imstande sein! [HGt.03_320,13] Das aber wird dir ein Wahrzeichen sein, daß meine Erklärung nicht eine leere Finte meines Geistes, sondern eine ewige Wahrheit aus Gott war! [HGt.03_320,14] Was du aber mit diesen Priestern machen sollst? – Da sagt der Herr: ,Laß sie ziehen, woher sie kamen; denn an ihrem Geiste ist nichts mehr zu ändern, indem er tot geworden ist durch die Unzucht ihres Fleisches! Wann aber das Gewässer kommen wird, da werden sie die ersten sein, die in den Fluten den Tod finden werden!‘“ [HGt.03_320,15] Als der Fungar-Hellan solches vernahm, da entließ er alsbald diese Priester und berief die Armee zusammen und zog dann an die Stelle hin, die ihm der Mahal nachher genauer bezeichnete, wo nämlich die Hochländer durchbrechen würden. 321. Kapitel — Das Heerlager Fungar-Hellans längs der Gebirgswand. Die Drohung des zweifelnden Generals gegen Mahal. Mahals prophetisehe Warnung. Der furchtbare Einsturz der von den Hochländern unterminierten Gebirgswand. Mahals Friedensrat[HGt.03_321,01] Der Ort aber, wo die Hochlandsbewohner sich den Weg in die Tiefe bahnten, lag hundert Meilen nach heutigem Maße nordöstlich von Hanoch und dreißig Meilen von dem See, der auf seiner Insel die Wasserdiener hatte. Und dieser Ort war eine weit ausgedehnte Wüste, in der außer einigen Wildbeersträuchern nichts wuchs. Dennoch aber wurde zu seiner Zeit das Gebirge auch hier längs einer zwanzigstündigen Ausdehnung auf eine Höhe von dreißig Klaftern skarpiert, und man konnte also nirgends weder von oben herab, noch von unten hinauf gelangen. [HGt.03_321,02] Bei hundertfünfzig Klafter von der Gebirgswand entfernt, richtete Fungar-Hellan sein gelb- und rotfärbiges Gezelt auf; und als also die ganze, große Armee längs der Gebirgswand eingeteilt und gelagert war, da sprach der Fungar-Hellan zum Mahal, der sich auf seinem Lager gütlich tat: [HGt.03_321,03] „Freund, wir sind nun hier nach deinem Rate gelagert; aber ich sehe noch nicht im entferntesten Sinne etwas, das da deiner Vorsage entspräche! Solltest du mich hierher gefoppt haben?! – Wahrlich, ob ich schon dein innigster Freund bin, so sage ich dir aber doch, daß dir solch eine Fopperei sehr teuer zu stehen kommen dürfte!“ [HGt.03_321,04] Der Mahal aber sprach: „Habe du nur acht, daß dir die Fopperei von oben her nicht etwa am Ende zu teuer zu stehen kommen wird! – Was da mich betrifft, so bin ich schon lange außer aller Rechnung mit dir in dieser, wie in jeder Hinsicht!“ [HGt.03_321,05] Als der Mahal noch kaum diese Worte ausgesprochen hatte, da entstand von der Höhe der Gebirge plötzlich ein schauderhaft dröhnendes Gedonner. [HGt.03_321,06] Man eilte sogleich aus den Zelten, um nachzusehen, was etwa da doch müsse vorgegangen sein, und man bemerkte die Höhen voll Rauches, der gewöhnlich den Sprengkörnern entstammt, wenn sie angezündet werden, und sah aber unter fortwährendem Gedonner tausend mächtige Erd- und Steinlawinen in die Tiefe herabstürzen, durch die der rechtwinklige Raum zwischen der skarpierten Wand und der wüsten Ebene völlig ausgefüllt ward. [HGt.03_321,07] Und da mehrere solche Lawinen längs der ganzen Wand der Wüste hier und da erfolgten, so wurde die Wand auch halb verschüttet an verschiedenen Stellen, und der Weg von der Höhe in die Tiefe wurde dadurch unaufhaltsam gebahnt, – welchem verderblichen Akte der Fungar-Hellan ganz ruhig zusehen mußte, da er ihn unmöglich zu hindern imstande war; denn wer hätte es wohl wagen können, die herabgestürzten Lawinen wegzuschaffen, wo immer neue und mächtigere in kurzen Perioden nachstürzten?! [HGt.03_321,08] Bei dieser schauerlichen Gelegenheit fragte der Mahal den Fungar-Hellan, ob er solche Erscheinung auch für eine Fopperei halte. [HGt.03_321,09] Und der Fungar-Hellan sprach: „O du schrecklicher Prophet aus der Höhe Gottes! Warum mußt du denn nur schreckliche Dinge verkünden, die so verzweifelt richtig eintreffen, und warum nicht auch gute, die da auch so richtig eintreffen möchten?! Sage mir nun aber auch, wie wir uns als Sieger gegen die rachsüchtigsten Hochlandsbewohner behaupten werden!“ [HGt.03_321,10] Und der Mahal sprach: „Eben dadurch, daß wir hier sind! Denn unser Hiersein wird ihnen sagen, daß wir nur von einer höheren Macht inspiriert wissen konnten, wo sie ihre Abwege in die Tiefe errichten werden! Das wird ihnen eine große Achtung vor uns einflößen, und sie werden da statt des Kampfes sich mit uns in ganz friedliche Verhandlungen einlassen! [HGt.03_321,11] Nur darfst du sie nicht feindlich angreifen, wenn sie herabkommen werden; aber eine starke Wache magst du immer um dein Gezelt haben, damit du ihnen eine große Ehrfurcht einflößest vor unserer Macht!“ [HGt.03_321,12] Als der Fungar solches vernommen, da tat er sogleich darnach, und man entdeckte aber auch schon Spione, die da nachsahen, ob die Räume schon gehörig ausgefüllt seien. [HGt.03_321,13] Was weiter, – in der Folge! 322. Kapitel — Des Generals Armeebefehl zur Verteidigungsstellung. Das Anrücken des Hochländerheeres. Die Deputation der Hochländer vor Fungar-Hellan und ihr Tod durch seine Hand. Mahals Übergang zu den Hochländern. Die furchtbare Schlacht. Die nahezu völlige Aufreibung der fünf Millionen Krieger[HGt.03_322,01] Als Fungar-Hellan sich selbst von den Spionen des Hochlandes überzeugt hatte, da erteilte er seiner Armee den Befehl, daß sie sich auf den Übergangspunkten haufenweise konzentrieren solle von einer Abteilung zur andern, und solle sich da allenthalben schlagfertig halten, wo sie nur immer einen allerleisesten Anfall von Seite des Feindes gewahren würde. Im ganzen solle sie sich nicht als eine Angriffsmacht, sondern als eine verteidigende und schützende benehmen. [HGt.03_322,02] Also sah der Befehl aus und ward durch Eilboten auch schon in einem Tage der ganzen Armee mitgeteilt; und diese Zeit war eine knapp bemessene! [HGt.03_322,03] Denn kaum hatte sich die ganze Armee so halbwegs nach dem Befehle Fungar-Hellans geordnet, so erschien schon eine ungeheure Menge der bestgeübtesten Krieger des Hochlandes, untersuchte zuerst die Festigkeit des neuen Lawinenschuttweges, und als sie diesen für vollkommen fest fand, da betrat sie diesen alsbald allermutigst und ging also unerschrocken der ihr gegenüberstehenden Macht entgegen, als wäre diese für sie gar nicht da. [HGt.03_322,04] Dieser tapferste Ernst fiel dem Fungar-Hellan auf, und er befahl darum einem bei hunderttausend Mann starken Haufen, daß er die feindliche Armee, falls sie sich ihm über zehn Schritte nähern sollte, angreife und zurückschlage. [HGt.03_322,05] Aber der Feind tat das nicht, sondern er stellte sich in einer Schleuderwurfweite ebenfalls in dichte Haufen auf und sandte dann drei Deputierte in das glänzende Gezelt des Generals und ließ ihn fragen, was doch im ganzen genommen die vor zehn Jahren vorgenommene Abskarpierung der Berge gekostet habe. [HGt.03_322,06] Denn solches möchte ihr oberster General wohl wissen, indem er nun gekommen wäre, solch eine große Schuld zu bezahlen an den Feldherrn Hanochs; denn solch eine ungeheure Summe von Geld und Mühe, lediglich für die Hochlandsbewohner berechnet, könne von ihrer Seite unmöglich umsonst verlangt werden! [HGt.03_322,07] Wenn dann solche Schuld bezahlt sein werde, dann erst würden sie den vor zehn Jahren im Hochlande selbst mit dem Könige Gurat und mit dem damaligen Unterpriester Fungar-Hellan bedungenen nun zehnjährigen Zehent einbringen! [HGt.03_322,08] Als der Fungar-Hellan solch eine satirische Frage vernommen hatte, da ward er sehr entrüstet und sprach: „Der Fungar-Hellan bin ich selbst und bin mit einer Macht von zwei Millionen der auserlesensten Krieger hier! Ich bin nun der eigentliche Herr von ganz Hanoch und dessen unermeßlichem Reiche! [HGt.03_322,09] Wollet ihr freveln mit dem, dem der alte Herr und Gott Himmels und der Erde genau die Stelle bezeichnet hat, wo ihr von euren Rabennestern herab in die Ebenländer brechen werdet, um sie gleich einem Heuschreckenzuge zu verheeren?!“ [HGt.03_322,10] Als die Abgeordneten solche Antwort vom General bekommen hatten, da sprachen sie: „Du führst wohl eine mächtige Sprache und kommst uns mit der alten, echten Gottheit entgegen; aber da müssen wir dir schon auch sagen, was durch einen Propheten ebenderselbe Gott zu uns geredet hat! [HGt.03_322,11] Siehe, Seine Worte lauteten kurz also: ,So ihr euch auf der angezeigten Stelle den Weg in die Tiefe werdet gebahnt haben auf die Weise, wie Ich sie euch gezeigt habe, da werdet ihr die große Macht Hanochs treffen; denn Ich werde sie durch den Bruder Noahs, der Mir abhold geworden ist seiner Kinder wegen, allda in eure Hände liefern! Den Bruder aber schonet und seine Kinder; denn solchen werde Ich Selbst züchtigen!‘ [HGt.03_322,12] Siehe, also lautet unsere Prophezeiung! Willst du aber alles Blutvergießen vermeiden, so ergib dich nun gutwillig; denn sonst soll außer dem Bruder Noah und dessen Kindern kein Mensch lebendig diese Wüste verlassen!“ [HGt.03_322,13] Als der Fungar-Hellan solches vernommen hatte, da entbrannte sein Grimm; er ergriff die drei und tötete sie mit eigener Hand! [HGt.03_322,14] Da erhob sich Mahal mit den Seinen und zog, von höherer Macht geleitet, unaufhaltsam zu den Feinden über und gab ihnen kund den Frevel Fungars. [HGt.03_322,15] Und das war das Signal zu einer Schlacht, die nachher nie ihresgleichen hatte; denn von Hanochs Heere blieben nur tausend Mann übrig – und von den bei drei Millionen starken Hochländern nur dreitausendsieben Mann. [HGt.03_322,16] Was weiter, – nächstens! 323. Kapitel — Fungar-Hellans Flucht und Schlachtbericht an König Gurat. Die Aufstellung einer neuen Armee von vier Millionen Kriegern durch Fungar-Hellan[HGt.03_323,01] Unter den Übergebliebenen befand sich auch der Fungar-Hellan mit zwei Obersten und floh mit dem Reste nach Hanoch zurück, und zwar eine weite Strecke verfolgt von dem Reste der Hochlandsbewohner. [HGt.03_323,02] Als er nach Hanoch kam, da eilte er sogleich zum Gurat, der ihm mit offenen Armen entgegenkam. Allda kündigte er dem Könige den höchst traurigen Ausgang seines Feldzuges an, sagend: [HGt.03_323,03] „Bruder! Nun ist alles verloren! Die Hochländer haben sich einen verzweifelten Abweg gebahnt an einer wüsten Stelle, bei sechzig Stunden hinter dem großen See an der Stelle, die mir vorher der schändliche alte Spitzbube Mahal bezeichnet hat! Ihre Zahl dürfte um eine Million stärker gewesen sein als die unsrige! [HGt.03_323,04] Kurz, nachdem sich der alte Spitzbube mit seiner Sippschaft auf eine mir bis zur Stunde unbegreifliche Art von mir entfernt und sicher als ein barster Verräter zu den Feinden gezogen hatte, als ich zuvor drei allerfrechste Deputierte mit eigener Hand erdrosselt hatte, da fiel der Feind wütend in uns auf tausend Punkten! [HGt.03_323,05] Ein mörderischer Kampf begann, und dauerte drei Tage und drei Nächte; am vierten Tage war ich bis auf höchstens zweitausend Mann, darunter sich nur mehr tausend eigentliche Krieger befanden, geschlagen und mußte die Flucht ergreifen, um nicht bis auf den letzten Mann aufgerieben zu werden. [HGt.03_323,06] Es hatte der Feind wohl auch sicher über zwei Millionen verloren; denn ich sage dir, wir stritten am dritten Tage auf Bergen von Leichen! Gewiß haben meine Krieger tapferer gekämpft als die Feinde – denn meine Krieger töteten sicher bei drei Millionen der Feinde, während dieselben noch mit meinen zwei Millionen nicht fertig geworden waren –; aber ihre Übermacht war zu groß, als daß wir ihrer hätten Meister werden können! [HGt.03_323,07] Nun aber heißt es schnell ein Heer von vier Millionen Kriegern zusammenstellen und damit eine Rache an den hochmütigen Hochlandsfürsten nehmen, von der die Erde ewig kein zweites Beispiel soll aufzuweisen haben! Aber es heißt hier, schnell die Hände ans Werk gelegt, – sonst kommen uns die Hochländer vorher über den Hals! [HGt.03_323,08] Wehe euch, ihr Mörder meines Volkes. Der Fungar wird nun zum Könige aller Teufel über euch! Mit einer Grausamkeit soll gegen euch verfahren werden, vor der der ärgste und böseste Satan erschauern soll! Tausendfacher Fluch dir, Erde, und aller Kreatur auf deinem Boden; ich werde dir den Todesstoß geben! – Nun auf, und ein Heer gebildet, ein furchtbarstes Heer!“ [HGt.03_323,09] Auf diese Rede erschrak Gurat und konnte nicht reden. [HGt.03_323,10] Fungar-Hellan aber eilte davon und veranlaßte sogleich die stärksten Rekrutierungen und Werbungen. [HGt.03_323,11] Und in einem Monate stand schon ein schlagfertiges Heer von vier Millionen und darüber um und in Hanoch. [HGt.03_323,12] Was weiter, – in der Folge! 324. Kapitel — Das neue Zwei-Millionenheer der Hochländer. Mahals erfolgreiche Warnung vor einem Zuge gegen die Armee Hanochs[HGt.03_324,01] Also aber sammelten auch die Hochlandsbewohner ein neues kräftiges Heer über zwei Millionen an der Zahl und berieten sich mit ihren zehn Fürsten, wie sie abermals Hanoch züchtigen sollten und möchten. [HGt.03_324,02] Da sprach der Mahal, den nun die zehn Fürsten auf das allergastfreundlichste aufgenommen hatten samt seiner Familie: [HGt.03_324,03] „Freunde, eure Zahl ist nun nach genauer Zählung nahezu um drei Millionen verringert worden, und ihr habt nun sehr leicht Platz in diesem großen Gebirgslande, das für euch alle Brot in der hinreichendsten Menge hervorbringt! [HGt.03_324,04] Lasset daher Hanoch gehen! Ich weiß wohl, daß dieses sich sammeln wird zu einem mächtigen Kampfe mit euch und wird ein Heer von über vier Millionen zusammenstellen; aber das beirre euch nicht im geringsten! Denn so ihr nicht hinab zu ihnen ziehet, da werden sie es wohl für alle Zeiten der Zeiten gehen lassen, sich zu euch herauf zu begeben; denn so klug sind sie schon, daß sie das einsehen, daß da gegen zehn auf einem Felsen hundert in der Tiefe es nicht aufnehmen können! [HGt.03_324,05] Daher könnet ihr hier auch vollkommen sicher sein; denn fürs erste werden die Hanocher – und wäre ihre Zahl noch so groß – sich nie getrauen, hierher zu dringen, und fürs zweite aber können sie das auch nicht mehr; denn außer den Stellen, wo ihr die Abwege gebahnt habet, ist nirgends ein Aufgang möglich, – außer über die heiligen Höhen meines Bruders Noah! Da aber werden die Hanocher wohl überall den Aufweg stehen lassen müssen; denn in der Schlachtwüste wird ihnen die Pest auf vielen Stunden entgegenkommen und wird sie alle gar übel umbringen. Und so wird diese Stelle vor zwanzig Jahren weder für sie noch für euch passierbar sein! [HGt.03_324,06] Was aber die heilige Höhe betrifft, wo mein Bruder wohnt, da ist sie im allmächtigen Schutze Gottes, und gegen Den zu ziehen, dürfte für die Menschen wohl eine höchst vergebliche Mühe sein! Darum befolget diesen Rat, und ihr werdet gut fahren!“ [HGt.03_324,07] Als die zehn Fürsten solchen Rat vernommen hatten, da bedachten sie sich und sprachen: „Du hast wohl geredet; aber meinst du wohl, daß da der Grimm des Fungar-Hellan uns wird ruhen lassen? Oder wird er, dessen Geist eine entsetzlichste Unternehmungskraft besitzt, nicht vielmehr alles anwenden, um sich auf tausend anderen Punkten Zugänge zu uns zu verschaffen – und hat sich vielleicht hundert bis jetzt schon verschafft?! Und kommt er in unser Land, was ist dann mit uns?!“ [HGt.03_324,08] Da sprach der Mahal: „Lasset das gut sein! Ich habe gleich anfangs zu euch gesagt, was mein Bruder Noah tut. Wahrlich, eher als der Fungar mit seinen hundert Aufgangstürmen fertig wird, eher wird es Noah mit seinem Wasserhause! Wenn aber dieses fertig wird, dann auch werden dem Fungar-Hellan weder seine Türme, noch die Berge etwas nützen; denn dann wird der Herr ziehen wider alle Welt aus zum Kampfe und wird nicht schonen irgendeine Kreatur – der großen Bosheit der Menschen wegen!“ [HGt.03_324,09] Über diese Rede Mahals wurden die zehn Fürsten sehr nachdenkend und redeten drei Tage nichts; aber den Rat befolgten sie dennoch. 325. Kapitel — Die Traurigkeit König Gurats über Mahals Weggang und seine ahnungsvolle Rede an Fungar-Hellan. Des Generals kluge Erwiderung und der Bau des Aufstiegturmes[HGt.03_325,01] Als aber in der Tiefe Fungar-Hellan das neue große Heer geordnet hatte und eine große Menge Bauleute ausgesandt hatte, die da an der skarpierten Gebirgswand hohe Türme, versehen mit breiten Aufgangsstufen, erbauen sollten, da ging er abermals zum Könige Gurat und fand ihn sehr traurig und fragte ihn nun nach dem Grund solcher seiner Traurigkeit. [HGt.03_325,02] Und der König antwortete und sprach: „O lieber Freund, wenn ich bedenke, daß wir den Mann Gottes nicht mehr den Unsrigen nennen können, da überfällt mich eine große Traurigkeit, und dein erster Ausruf ,Wir sind verloren!‘ – den du tatest, als du nach deinem unglücklichen Feldzuge zu mir kamst – taucht immer lebendiger auf in meiner Seele! [HGt.03_325,03] Denn siehe, was hätte alle unsere Vorsicht uns genützt, als sich Hanoch an der Spitze der Unterpriester gegen uns verschworen hatte, so Mahals Weisheit uns nicht geführt hätte?! [HGt.03_325,04] Nun aber, da du sicher irgendwann und -wo wider seinen Rat grausam wirst gehandelt haben, hat er dich verlassen und ging zu den Hochlandsfürsten über und wird ihr Leiter sein! [HGt.03_325,05] Wo du nur immer gegen diese Fürsten etwas unternehmen wirst, da wird seine große Weisheit dich von großer Ferne durchschauen und wird jeden deiner Pläne zu vereiteln wissen und uns schlagen und verderben, wie du es an seiner Seite mit all den Tempeln gemacht hast, – wozu dir auch alle deine Macht nichts genützt hätte, wenn du die Macht des Mannes Gottes nicht um dich gehabt hättest! [HGt.03_325,06] Darum bin ich nun auch der sicheren, überzeugenden Meinung, daß uns dein Hundertturmbau wenig nützen wird und ebensowenig die neue ungeheure Armee, die uns täglich fünfundzwanzigtausend Pfunde Goldes kostet, uns aber dennoch nie um einen schwachen Silberling Nutzen bringen wird! – – [HGt.03_325,07] Oh, wäre es möglich, daß Mahal je wieder der Unsrige würde und unser seine lieben Kinder, dann würden wir sicher wandeln in unseren Mauern; aber ohne ihn wird es sicher bald ungeheuer werden, zu ziehen durch unserer Stadt Gassen und Straßen, indem wir alle blind sind und nicht sehen, wo ein Abgrund unser harrt!“ [HGt.03_325,08] Als der Fungar-Hellan solches vom Gurat vernommen hatte, da ward er sehr nachdenkend und wußte nicht, was er dem Könige erwidern solle. [HGt.03_325,09] Nach einer Weile erst sprach er: „Mein König und mein Freund, du hast wohl recht, und es läßt sich da nichts einwenden; aber so wir einmal bloßgestellt sind, da ist es ja doch besser, etwas zu tun zu unserer Sicherheit, als gänzlich zu feiern für nichts und wieder nichts! – [HGt.03_325,10] Ich habe wohl den Fürsten die höchste Rache geschworen, also auch dem Mahal, – aber da sich mein Zorn etwas gelegt hat, so will ich es auch mit dem Schwur nicht gar so genau nehmen; aber armiert müssen wir dennoch allzeit sein, indem wir vor einem mächtigen Überfalle von Seite der Hochlandsvölker keine Stunde sicher sind! [HGt.03_325,11] Mahals Weisheit hin oder her! Wir müssen uns dennoch soviel als möglich sicherstellen, wollen wir nicht in einem jeden Augenblicke unsern Untergang erwarten! [HGt.03_325,12] Übrigens, dürfte Mahal jetzt hierher kommen, so würde ich ihn eben wieder so freundlich aufnehmen, als wie er früher in dieser Burg aufgenommen ward; und ich meine, mehr wird – glaube ich – wohl niemand für ihn tun können! [HGt.03_325,13] Wie aber wird er hierher wieder kommen können? Über das Schlachtfeld wird er nicht ziehen; daher soll eben mein Turmbau so geschwinde als möglich vor sich gehen, auf daß wir an den Mahal einen Boten absenden können, der ihn wieder in unsere Mauern bringen soll, so er noch am Leben ist!“ [HGt.03_325,14] Mit dieser Äußerung war der Gurat zufrieden und empfahl darum dem General die Herstellung wenigstens eines Turmes an der skarpierten Gebirgswand. [HGt.03_325,15] Und der Fungar-Hellan tat solches mit allem Fleiße; und in dreißig Tagen stand ein Turm vollfertig an der Wand da. 326. Kapitel — Die Friedensdeputation an die zehn Fürsten und an Mahal[HGt.03_326,01] Als der Turm an der Hauptaufgangsstelle ins Hochland erbaut war, und das in einer so mächtigen Art, daß da seine Aufgangstreppen sogar ganz sicher und bequem von den Kamelen und Eseln betreten werden konnten, da stellten auch alsbald der General Fungar-Hellan und der König Gurat eine gar mächtig wohlberedte Deputation zusammen und sandten sie ins Hochland, auf daß sie dort den Mahal aufsuchete und ihn wiederbrächte nach Hanoch. [HGt.03_326,02] In einigen Tagen ward die Deputation zusammengestellt, mit weißen Friedenskleidern angetan, und dann also ins Hochland gesandt. [HGt.03_326,03] Nach einer fünftägigen Reise auf den Kamelen (auf einen Tag vierzig Stunden Weges gerechnet, den ein solches Tier leicht zurücklegt), wurde von der Deputation das Hochland erreicht, allwo diese auch alsogleich von den Wachen in Beschlag genommen und als gefangen vor die zehn Fürsten geführt worden ist. [HGt.03_326,04] Als die Deputation vor den zehn Fürsten gefangen anlangte, da fragte einer der Fürsten sie, was sie bewogen habe, ihren Untergang auf der Höhe zu suchen. [HGt.03_326,05] Und ein Hauptredner aus der Deputation sprach: „Erhabene, weise Führer eures Volkes! Keine nur im allerentferntesten Sinne böse Absicht hat uns mit großen Unkosten hierher geführt, – sondern nur der beste und friedlichste Sinn war unser Lenker! [HGt.03_326,06] Ihr habt unser Heer geschlagen und habt als Sieger den großen Kampfplatz behauptet; daher habt ihr auch das vollste Kriegsrecht, von uns die Siegessteuer zu verlangen! [HGt.03_326,07] Wir wissen aber, daß auch ihr eine starke Niederlage erlitten habt und vielleicht darum kaum mehr den Mut haben dürftet, von uns eure Gebühr zu fordern, da ihr wohl auf dem Wege eurer tiefen Weisheit urteilen und sicher annehmen könnet, daß wir noch eine bewaffnete Macht von beinahe fünf Millionen Soldaten in der Reserve haben. [HGt.03_326,08] Also sind wir von unserm Könige darum hierher gesandt worden, daß wir euch in seinem Namen fragen sollen, was ihr fürs erste als Siegessteuer von ihm fordern möchtet, auf daß er es euch dann sogleich gäbe; und fürs zweite aber läßt er euch bitten um den Frieden und um die Freundschaft, zu welchem Behufe er nun hundert Verbindungstürme baut, um euch ein für alle Male den Wiederverkehr mit Hanoch zu eröffnen! [HGt.03_326,09] Das ist der Grund unserer Sendung, der in allen seinen Teilen wahr ist, – wozu wir freilich noch einen Auftrag an den Mahal haben, falls er noch am Leben sei, und falls er sich befände in eurer Mitte noch!“ [HGt.03_326,10] Als die Fürsten solches von der Deputation vernommen hatten, da fragten sie die Deputierten, wodurch sie die Wahrheit ihrer Aussage ungezweifelt bezeugen könnten! [HGt.03_326,11] Und die Deputierten sprachen: „Falls sich der Mahal noch unter euch befindet, so rufet ihn vor uns; der wird euch über uns Zeugnis geben!“ [HGt.03_326,12] Als die zehn Fürsten solches vernommen hatten, da sandten sie sogleich nach dem Mahal. 327. Kapitel — Mahals ernst-weise Worte an die Deputierten und an die zehn Fürsten[HGt.03_327,01] Als nun der Mahal in den Ratssaal trat, da erschraken die Deputierten vor seinem ernsten Angesichte, und keiner von ihnen wagte ein Wort über seine Lippen zu lassen. [HGt.03_327,02] Als die ganze Versammlung eine Zeitlang stumm dastand, da fragte sie der Mahal: „Warum habt ihr mich denn begehrt? Bin ich etwa wie ein fremdes Tier, das da die gewissen Tierbanner an den Ketten herumführen und lassen es angaffen um einige Erzblechlein?! – Redet! Warum bin ich hierher gerufen worden?“ [HGt.03_327,03] Nach dieser fragenden Aufforderung sprach einer von den Fürsten: „Mann Gottes! Siehe, diese sind aus der Tiefe hierher gesandt und haben uns solchen und solchen Grund ihrer Hierherreise angegeben! O sage uns, ob wir ihnen glauben sollen oder nicht!“ [HGt.03_327,04] Und der Mahal sprach: „Ja, – ihr könnet ihnen glauben, was sie aussagten, denn es ist nun also; aber nur war die Anbietung der Kriegssteuer nicht der eigentliche Hauptgrund ihrer Hierherkunft, sondern der Hauptgrund alles dessen bin ich! [HGt.03_327,05] Der König Gurat und sein General Fungar-Hellan möchten mich wieder an ihrem Hofe haben, und diese Deputierten sollen mich dazu bewegen; aber sie, wie ihre Gebieter, wissen es nicht, daß sich der Mahal nie durch Menschen, sondern allein nur durch Gott bewegen läßt. [HGt.03_327,06] Saget daher ihr euren Gebietern, daß ich nur dann wieder zu ihnen gehen werde, wenn Gott der Herr mich auffordern wird! Saget ihnen aber auch, daß ich im Namen des Herrn sehr darauf sehen werde, wie sie ihr doppeltes Anerbieten an die zehn Fürsten halten werden!“ [HGt.03_327,07] Als der Mahal solches geredet hatte zu den Deputierten, da wandte er sich wieder zu den zehn Fürsten und sprach zu ihnen: „Lasset nun diese Boten wieder im Frieden abgehen, weil sie euch den Frieden geboten haben; achtet aber wohl darauf, daß ihr Antrag in einer bestimmten Frist erfüllt wird! [HGt.03_327,08] Denn so jemand jemandem ein Wort gibt, da muß er es ihm auf eine bestimmte Frist geben, sonst ist er ein Heuchler und Feinredner nur, der wohl ein Versprechen macht, aber da er keine Zeit bestimmt, binnen welcher er das Versprechen halten möchte, so ist sein Versprechen so gut wie eine barste Lüge, indem er die Erfüllung seines Versprechens bis ins Unendliche ausdehnen kann und kann etwas erst in tausend oder zehntausend Jahren tun, das er sonst in einer bestimmten Zeit tun müßte. [HGt.03_327,09] Daher ist es nicht genug, zu sagen: ,Das werde ich tun!‘, sondern es muß heißen: ,Das werde ich heute oder morgen, oder in einem Jahre tun so und so, wenn mich der Herr diese bestimmte Zeit zur Erfüllung meines Versprechens wird erleben lassen!‘ [HGt.03_327,10] Das verlanget demnach auch ihr von diesen Boten, und lasset sie dann – wie schon gesagt – im Frieden abziehen!“ [HGt.03_327,11] Die zehn Fürsten sahen die Wichtigkeit dieser Erinnerung ein, gaben den Boten eine Frist von drei Monden und ließen sie dann alsbald ganz ungehindert abziehen und stellten nach ihrem Abzuge sogleich verstärkte Wachen zu dem Hauptaufgange. 328. Kapitel — Die große Verlegenheit Fungar-Hellans und Gurats. Die zweite Deputation an die zehn Fürsten des Hochlandes und ihr Mißerfolg[HGt.03_328,01] Als die Deputierten wieder in Hanoch ankamen und allda dem Gurat und dem Fungar-Hellan alle die Effekte ihrer Sendung kundgaben, da machten anfangs beide Herren von Hanoch gar saure Gesichter dazu. [HGt.03_328,02] Aber der Gurat sprach dennoch nach einer Weile zum General: „Ja, – was wollen wir machen? Hier heißt es einmal in den sauren Apfel beißen und nichts anderes, weder darunter noch darüber! In einem Monde heißt es hunderttausend Malter Weizen, ebensoviel Korn und gleichsoviel Gerste und dann zwanzigtausend Kamele, vierzigtausend Ochsen und zweihunderttausend Schafe stellen, sonst sind wir rein aufgelegt gegen die Hochländer! [HGt.03_328,03] Nur fragt es sich: Woher werden wir in solcher kurzen Zeit die große Masse alles dessen nehmen? Woher, woher, – so wir nicht mit unserm Volke selbst einen förmlichen Krieg anfangen wollen, – ja – einen barsten Raubkrieg?!“ [HGt.03_328,04] Der Fungar-Hellan kratzte sich hier sehr stark hinter den Ohren und sprach: „Freund und Bruder, wie es mir vorkommt, so sind wir so wie so aufgelegt! Ich bin nun der Meinung, wir sollten auf der Höhe den Mahal sitzen lassen und mit der Kriegssteuer so hübsch fein zu Hause bleiben! [HGt.03_328,05] Hätten die Hochländer Gold und Silber verlangt, das hätten wir ihnen leicht in einer zehnfach größeren Masse nach Pfunden liefern können, indem wir dessen doch so viel besitzen, daß sich damit ganz Hanoch überdecken ließe; aber Getreide in diesen ohnehin sehr mageren Jahren, und so viele von den Ochsen, Kamelen und Schafen, und das in diesen – wie schon gesagt – mageren Jahren, – das ist nicht möglich, und auf einmal schon gar nie! [HGt.03_328,06] Wenn die Hochlandsbewohner uns dazu eine Frist von zehn Jahren gäben, da wäre die Sache wohl noch ausführbar; aber, Freund, in einem Monde ist das die reinste Unmöglichkeit von der Welt! [HGt.03_328,07] Laß uns daher noch eine Deputation hinaufsenden, durch die um eine zehnjährige Steuerfrist unterhandelt werden soll; werden sich die zehn Fürsten dazu verstehen, so wollen wir auch unser Wort halten, – widrigenfalls sie aber machen sollen, was sie wollen!“ [HGt.03_328,08] Gurat war mit diesem Vorschlage zufrieden. Eine neue Deputation war zusammenberufen und auf die Höhe beordert, – aber leider ohne Wirkung; denn die zehn Fürsten bestanden auf ihrer Forderung und ließen nicht um einen Stater mit sich handeln! [HGt.03_328,09] Was weiter, – in der Folge! 329. Kapitel — Gurats und Fungar-Hellans Grimm auf die Hochländer wegen des Mißerfolges der zweiten Deputation und ihr Racheplan, die Berge des Hochlandes zu unterminieren und zu sprengen[HGt.03_329,01] Als diese zweite Deputation unverrichteterdinge wieder nach Hanoch zurückkam und den schlechten Erfolg ihrer Reise dem Könige und dem Fungar-Hellan kundgab, da wurden beide einstimmig erbost und faßten den festen Beschluß, den Hochländern auch nicht einen Stater Wertes als Kriegssteuer abzuliefern. [HGt.03_329,02] Und der Fungar-Hellan sprach: „Also sollen sie sich's selbst abholen! Wenn sie aber kommen werden, da wollen wir sie schon auf die rechte Weise empfangen! [HGt.03_329,03] Wir wissen aber, daß wir Nachkommen Seths sind, und daß das Sklavenvolk des Hochlandes nur von dem verworfenen Kain abstammt! Sollte unsere Kraft denn gar so eingeschrumpft sein, daß wir dieser hochmütigen Sklaven nicht sollten Meister werden?! [HGt.03_329,04] Wir werden wohl nun vorderhand keine Narren mehr sein, sie mit unserer Macht im Gebirge aufzusuchen; aber wir werden sie schon herabzulocken wissen. Und wenn sie da sein werden, da wehe ihnen; wahrlich, sie sollen unsern gerechten Grimm verkosten! [HGt.03_329,05] Weißt du, Freund Gurat, was wir nun tun? – Wir schicken nun noch eine Deputation hinauf, und das in dieser politischen Eigenschaft: [HGt.03_329,06] Wir übergeben zum Scheine das ganze Reich Hanoch in ihre Hände, und das unter dem Vorwande, weil wir bei solcher zu gewaltigen Forderung nimmer regieren könnten und rein aufgelegt seien! [HGt.03_329,07] Denn ohne Gewalttätigkeit ließe sich im eigenen Reiche diese enorme Forderung an Getreide und Vieh unmöglich zusammenbringen in solch kurzer Zeit; werde aber darum an eigenen Staatsbürgern solche Gewalttat ausgeübt, dann werde sich das ganze Reich wider uns empören und mit seiner großen Übermacht uns gänzlich zugrunde richten! [HGt.03_329,08] Da wir solches wohl berechnet hätten, so übergäben wir ihnen gegen eine gute Leibrente also das ganze Reich lieber in Frieden; denn also seien wir des Herrschens satt geworden und zögen die Ruhe so einem bewegten Leben bei weitem vor! [HGt.03_329,09] Zum Zeichen der Wahrheit sollen die Deputierten sogleich die Schlüssel und einige nachgemachte Kronen von Hanoch mitnehmen und sie den zehn übergeben, sie aber auch zugleich einladen, nach Hanoch zu ziehen und alles zu übernehmen, wie es liegt und steht! – Was meinst du, ist diese meine Idee nicht gut?“ [HGt.03_329,10] Und der Gurat sprach: „Lieber Freund, bedenke nur, daß der Mahal bei den zehn ist, und da ist jede List vergeblich! [HGt.03_329,11] Ich aber bin der Meinung, wir sollen nun nichts mehr dergleichen tun, sondern gerade abwarten, bis sie mit uns werden zu handeln anfangen; dann ergreifen wir eine fürchterliche Offensive und vernichten alles, was da sich uns nähern wird! [HGt.03_329,12] Mittlerweile aber machen wir statt der hundert Aufgangstürme hundert je tausend Klafter tiefe Minen in die Berge des Hochlandes und laden dann eine jede solche Mine mit zehntausend Pfunden von Sprengkörnern und zünden sie dann los, – und es dürfte das dich hochmütigen Hochländer in eine ziemlich starke Verwirrung bringen! [HGt.03_329,13] Was da weiter zu geschehen hat, wird uns die Folge lehren!“ [HGt.03_329,14] Fungar war damit einverstanden und setzte sogleich den Rat Gurats ins Werk. 330. Kapitel — Der ergebnislose Rat der Hochländer und ihr Argwohn gegen Mahal. Mahals Antwort und Prophezeiung. Die ungläubige Antwort der zehn Fürsten[HGt.03_330,01] Die zehn Fürsten im Hochlande aber beriefen auch einen Rat zusammen, um zu beraten, was sie tun möchten, so die Hanocher ihr Wort nicht hielten; der Rat aber dauerte drei Monde, und sie konnten nicht über diese Sache einig werden. [HGt.03_330,02] Da aber fehlten sie, daß sie da nicht den Mahal mit zu Rate gezogen hatten, und das aus dem Grunde, weil sie meinten, Mahal könnte denn doch ganz heimlich mit den Hanochern einverstanden sein und könnte ihnen darnach auch einen Rat erteilen, durch den sie um so eher in die Hände der Hanocher könnten geliefert werden. [HGt.03_330,03] Diesen Argwohn gegen Mahal aber schöpften sie daraus, weil sie ihn viel zu gelinde gegen die Hanocher Deputierten das Wort führen hörten, da sie von ihm vielmehr das Todesurteil für diese Boten erwarteten. [HGt.03_330,04] Mahal aber merkte das gar wohl und ward darob sehr ungehalten. [HGt.03_330,05] Als die zehn Fürsten nach ihrer dreimonatlichen Beratung, die zu keinem Zielbeschlusse geführt hatte, den Mahal, der da in der kleinen Bergstadt in einem ganz abgesonderten Hause für sich lebte, zu sich beriefen und ihn fragten, was sie gegen die Hanocher unternehmen sollten, indem diese ihr Wort nicht hielten, da von der versprochenen Kriegssteuer bis jetzt noch nicht das Geringste eingetroffen sei, da sprach der Mahal: [HGt.03_330,06] „Meine lieben Freunde, es tut mir leid in meinem Herzen, daß ihr so spät zu mir gekommen seid, da euch mein Rat nichts mehr nützen kann! Hättet ihr lieber gleich zu Anfang eurer leeren Beratung, die für nichts und nichts drei Monde angedauert hat, mich um einen rechten Rat gefragt, da hätte ich euch schon auch einen rechten Rat geben können; aber jetzt ist es zu spät! [HGt.03_330,07] Denn während eurer Beratung haben die sehr tätigen Hanocher genau die rechte Zeit gewonnen und konnten ganz unbeirrt auf hundert sehr günstigen Punkten über tausend Klafter tiefe Minen schlagen und auch schon eine jede mit zehntausend Pfunden der stärksten Sprengkörner laden; und heute noch werden alle diese Minen gesprengt werden, wodurch euer Land auf den hundert Punkten ganz gewaltig zerstört wird! [HGt.03_330,08] Und ihr werdet darum die Flucht ergreifen müssen, werdet ihr der Rache der Hanocher entgehen wollen! Fliehet daher lieber sogleich; denn morgen dürfte es zu spät sein!“ [HGt.03_330,09] Als die zehn Fürsten solches vom Mahal vernommen hatten, da lachten sie und sprachen: „Freund, wenn sonst nichts ist, da können wir wohl ganz ruhig hier verbleiben; denn das wissen wir genau, was die Sprengkörner für eine Wirkung haben, und wie tief man in drei Monden in die Erde graben kann! [HGt.03_330,10] Siehe, wenn sie in drei Monden nur vierzig Klafter tief eingedrungen sind im Gesteine, da haben sie Wunder geleistet, geschweige tausend Klafter! Daher also sind wir auch ganz ruhig!“ [HGt.03_330,11] Hier lachten die zehn Fürsten wieder und verließen also den Mahal. [HGt.03_330,12] Was weiter, – in der Folge! 331. Kapitel — Mahals Ermahnung an seine Kinder, auf Gott zu vertrauen. Die Verdorbenheit der Menschen in der Tiefe. Mahals und der Seinen AufbruchaufdieHöhe[HGt.03_331,01] Es fragten aber des Mahal Kinder ihren Vater, was wohl für sie zu machen sein werde, so die Hanocher einen solchen Gewaltstreich gegen die Hochländer ausführen würden. [HGt.03_331,02] Und der Vater Mahal sprach zu seinen Kindern: „Meine Kinder! Vertrauet auf Gott, und seid vollkommen ruhig; denn wir sind sicher und geborgen allenthalben auf der Erde Gottes, solange Gott der Herr mit uns ist! [HGt.03_331,03] Haben wir aber Seine Gnade und Erbarmung und Liebe verscherzt, dann wird uns alles verfolgen und uns feindlich begegnen, was nur Wesen und Gegenstand heißt; nicht einmal unserm Schatten werden wir trauen können, daß er uns nicht verriete an allerlei Feinde! [HGt.03_331,04] Darum aber wollen wir nun um so fester an Gott halten, auf daß wir ja sicher wandeln auf der Erde Gottes! [HGt.03_331,05] Ich aber sage euch nun, meine lieben Kinder, wie ich es nun sehe in meinem Geiste: Also, wie da die Ordnung der Dinge nun steht auf der Erde, kann sie keine zehn Jahre mehr bestehen! [HGt.03_331,06] Ein Mensch ist wider den andern; ein Volk zieht wider das andere; ein jeder will herrschen in seiner Sphäre und achtet keines Vorstandes und keines Königs! [HGt.03_331,07] Also sind nun im ganzen Reiche Hanoch lauter unabhängige Herren, und der König zittert vor den Bürgern seiner Stadt, und alle seine Vasallen und all die Landpfleger in den Außenstädten sind ganz vollkommen eigenmächtige Herren und tun, was sie wollen. Sie legen den Landleuten unmäßige Steuern auf; aber der König wie sein General wissen davon nicht eine Silbe. [HGt.03_331,08] Die auswärtigen Vasallen sind ganz unabhängige Herren geworden, führen untereinander beständig Kriege, so daß da schon seit langem kein Tag mehr ohne Blutvergießen abläuft. [HGt.03_331,09] Hie und da gibt es wieder Volksaufstände! Da wird geraubt, geplündert und gemordet, und ein jeder, der bei irgendeinem solchen Aufruhr an der Spitze war, will hernach Diktator bleiben; und ist er als solcher geblieben, so wird er dann um vieles ärger, als die früheren Tyrannen und Despoten waren! [HGt.03_331,10] Besonders arg verfahren fortwährend im Verborgenen schon seit vielen Jahren die ausgewanderten Kinder der Höhe mit den Kindern der Tiefe. Diese werden gar nicht mehr als Menschen, sondern als pure vernunftfähige Tiere betrachtet und auch also behandelt; und niemand mehr will sich vom Geiste Gottes leiten, ziehen und strafen lassen! [HGt.03_331,11] Seit der höllischen Erfindung der Sprengkörner, der Erdbohrer und der Steinerweichungsbeize ist kein Berg mehr sicher vor der Zerstörungswut der Menschen. [HGt.03_331,12] Saget, – kann Gott solch einem Wüten, Toben, Treiben, Morden, Zerstören, Lügen, Heucheln und Betrügen, und Stehlen und Rauben und einer allerartigen Hurerei länger noch so ganz gelassen zusehen?!“ [HGt.03_331,13] Die Kinder erschraken über diese Beschreibung der Dinge in der Welt. [HGt.03_331,14] Mahal aber sprach: „Lasset uns bei Nacht und Nebel auch diesen Boden verlassen und ziehen zu Noah auf die Höhe; denn von nun an wird für uns nirgends sonst mehr eines Bleibens sein!“ [HGt.03_331,15] Darauf packte Mahal auch sogleich all das Seine zusammen und begab sich mit allen seinen Kindern auf die Höhe zum Noah. [HGt.03_331,16] Was weiter, – in der Folge! 332. Kapitel — Mahal bei Noah. Mahals Bericht über den Stand der Völker in der Tiefe. Noahs und Mahals Trauer[HGt.03_332,01] In zehn Tagen kam der Mahal auf der noch geheiligten Höhe bei Noah an, der ihm schon eine ziemlich weite Strecke entgegenkam. [HGt.03_332,02] Als die beiden Altbrüder zusammenkamen, da umarmten sie sich, und es hatten beide eine große Freude, sich wiederzusehen. [HGt.03_332,03] Noah aber fragte sogleich den Mahal, wie es in den Tieflanden und Reichen aussehe, ob sie sich wohl zum Herrn wenden, oder ob nur stets mehr zur Welt. [HGt.03_332,04] Und der Mahal sprach: „O Bruder, die gänzliche Gottlosigkeit aller der Völker, die ich nun auf meinen weiten Reisen habe vollkommen kennengelernt, ist ja hauptsächlich der Grund, darum ich jetzt schon hier bin! [HGt.03_332,05] Ich war noch immer voll der besten Hoffnungen, daß es mir durch des Herrn Gnade gelingen werde, die Völker durch ihre Könige und Fürsten für Gott zu gewinnen; allein vor zehn Tagen ließ es mich der Herr klar erschauen, wie es mit der Menschheit auf der Erde steht, und sonach auch klarst erkennen, daß mit den Menschen weder durch Wunder, noch durch was immer für andere Mittel etwas auszurichten ist. [HGt.03_332,06] Denn sie sind so ganz und gar zur Welt gekehrt, daß in ihnen aller Geist rein untergegangen ist; wo aber kein Geist mehr im Menschen waltet, wie sollte er Geistiges und Göttliches in sich aufnehmen?! [HGt.03_332,07] Wenn es sich noch etwa um wenige Menschen handeln würde, da ließe sich's eher denken, es wäre noch möglich, diese zu bekehren; aber was kann ein einzelner Mensch gegen so viele Millionen der allerverstocktest gottlosen Menschen machen?! [HGt.03_332,08] Sie hören einem wohl eine Zeitlang zu; aber bald kehren sie einem ganz gleichgültig den Rücken. Wenn es gut geht, so wird man entweder belacht und sogar mitleidig als ein Narr bedauert; geht es aber nur ein wenig ärger, so wird man gestäupt, eingesperrt, auch ums Leben gebracht! Denn ich sage dir: ein Menschenleben gilt in der Tiefe geradesoviel wie hier etwa das Leben einer Mücke! [HGt.03_332,09] O Bruder, es schauert mir, wenn ich nun über die Tiefen nachdenke! Wahrlich, in der Hölle, von der wir schon lange wissen, wie sie ist, geht es beinahe besser zu!“ [HGt.03_332,10] Als der Noah solche Schilderung von seinem Bruder Mahal vernommen, da seufzte er tief auf und sprach: „Also ist es richtig also, wie es mir der Herr gezeigt hat im Geiste! O du Welt, du Welt, warum willst du dich von dem so sanften Geiste Gottes nicht mehr strafen lassen und willst lieber in das Gericht und in dein ewiges Verderben?!“ [HGt.03_332,11] Von hier an gingen beide Brüder ganz stumm auf die Vollhöhe, wo einmal Adam wohnte, und weinten gemeinschaftlich über die so herrlich geschaffene Erde. [HGt.03_332,12] Und Mahal bemerkte auch bald den schon beinahe vollendeten großen Wasserkasten und wunderte sich sehr, wie dieser in so kurzer Zeit zu solcher Vollendung gediehen war. 333. Kapitel — Mahals Erkundigung nach dem Wasserkasten. Noahs Erzählung von der Geschichte der Arche. Der Verfall der Menschen und des Herrn große Langmut[HGt.03_333,01] Als aber der Mahal nachher den Kasten von in- und auswendig genauer beschaut hatte, da sagte er zu Noah: „Bruder, sage mir doch so ganz eigentlich, wie dir der Herr diesen seltenen Bau anbefohlen hat! Ich weiß wohl etwas, – aber ganz umständlich und also auch völlig klar ist mir die Sache nicht bekannt; darum teile mir die Sache vollends mit, auf daß denn auch ich wisse, was ich seinerzeit zu tun habe!“ [HGt.03_333,02] Und der Noah sprach zum Mahal: „Bruder, du weißt die Zeit, als sich die Menschen auf der Erde sehr zu mehren anfingen seit den Zeiten Lamechs und zeugten gar schöne Töchter nachher; und du weißt, wie das die Kinder Gottes auf der Höhe merkten, sie dann bald die heilige Höhe zu verlassen anfingen und auf die Erde in die Tiefe hinabwanderten, und wie sie daselbst die Töchter der Menschen nahmen, die sie wollten, und mit ihnen Kinder zeugten! [HGt.03_333,03] Als darum die Höhe Gottes, die Er für Seine Kinder so hoch und teuer gesegnet hatte, nahezu ganz entmannt ward, da sogar die Ehemänner hier ihre Weiber sitzen ließen und hinabzogen, um sich Weiber aus den Töchtern der Menschen zu suchen in der Tiefe – worauf dann auch bald gar viele hier zurückgelassene Weiber ihnen in die Tiefe nachfolgten und sich unten auch mit Söhnen der Erde vermählten –, siehe, bald darauf sprach der Herr zu mir: [HGt.03_333,04] ,Noah, siehe, die Menschen wollen sich von Meinem Geiste nicht mehr strafen lassen; denn sie sind pur Fleisch geworden! Ich will ihnen dennoch eine Frist geben von einhundertzwanzig Jahren!‘ [HGt.03_333,05] Wie solches der Herr zu mir geredet hatte, warst du gegenwärtig; also weißt du auch, was wir dann zur Bekehrung der zu gemeinsten Erdmenschen gewordenen Kinder Gottes nach dem Willen Gottes getan hatten durch hundert feste Jahre, und das alles ohne den geringsten bleibenden Erfolg! [HGt.03_333,06] Denn die Kinder Gottes zeugten aus den Töchtern der Menschen mächtige und berühmte Menschen; diese wurden zu allerlei Meistern in bösen Dingen vor Gott und wurden zu harten Tyrannen gegen die Kinder der Welt und bekriegten sich auch stets gegenseitig aus lauter herrschsüchtigen Gründen. Und in solcher Gestaltung verrannen hundert Jahre und darüber! [HGt.03_333,07] Da aber der Herr sah, daß sich die Menschen nicht nur nicht bekehrten auf seine täglichen Ermahnungen in aller Art und Gestalt, sondern in ihrer Bosheit nur stets größer und mächtiger wurden, und wie all ihr Dichten und Trachten nur böser ward immerdar, – siehe, da reute es Ihn, daß Er die Menschen gemacht hatte auf der Erde, und Er war sehr bekümmert darob in Seinem Herzen! [HGt.03_333,08] Und siehe, in dieser Zeit – ungefähr vor zweimal sieben Jahren – sprach dann der Herr wieder zu mir: ,Noah, höre! Ich will die Menschen, die Ich gemacht habe, vertilgen von der Erde, vom Menschen an bis auf das Gewürm und bis auf die Vögel unter dem Himmel; denn es reut Mich, daß Ich sie geschaffen habe auf dieser Erde!‘ [HGt.03_333,09] Ich, Noah, aber fand dennoch Gnade vor Gott, und Er zählte mich nicht zu den Menschen der Erde, die böse geworden sind! Und siehe, Gott sah um die Zeit wieder zur Erde; diese aber war verderbt vor Seinen Augen und war voll Frevels! [HGt.03_333,10] Gott aber sandte dennoch Boten zu den verderbten Menschen und wollte Sich ihrer erbarmen. Die Boten aber redeten zu tauben Ohren und wurden als ganz gewöhnliche Menschen betrachtet; man ließ sie gehen und achtete ihrer nicht. [HGt.03_333,11] Darauf sah der Herr in sehr kurzer Frist wieder zur Erde und sprach zu mir: ,Noah, höre! Alle Meine Mühe und Liebe ist vergeblich! Alles Fleisches Ende ist vor Mich gekommen; denn die Erde ist voll Frevels von den Menschen! Und nun siehe da, Ich will sie alle verderben mit der Erde!‘ [HGt.03_333,12] Und siehe, um diese Zeit mußte ich auch, wie du es weißt, das Holz fällen zum Baue des Kastens, der nun da bis auf eine Kleinigkeit fertig vor uns steht! Willst du aber auch den Bauplan näher wissen, so will ich dir ihn auch nach des Herrn eigenen Worten kundgeben!“ [HGt.03_333,13] Und der Mahal bat den Noah darum, und der Noah sprach zum Mahal: „Also komme zuvor in mein Haus, und laß uns im Namen des Herrn eine Stärkung nehmen; dann will ich dir den Bauplan dieses Kastens enthüllen!“ [HGt.03_333,14] Und der Mahal tat nach dem Wunsche Noahs. 334. Kapitel — Noahs Bericht über den Bauplan Gottes zu der Arche. Mahals Betrübnis ob seiner Ausschließung aus der Arche[HGt.03_334,01] Als Noah mit seinem Bruder Mahal und dessen Kindern und mit seinem eigenen Weibe und mit den eigenen Kindern die Leibesstärkung zu sich genommen hatte, da sprach er zum Mahal: [HGt.03_334,02] „Nun, Bruder Mahal, so du mich hören willst, da werde ich dir kundtun den Bauplan Gottes zu diesem großen Kasten!“ [HGt.03_334,03] Und der Mahal bat ihn darum und sprach: „Ja, mein wertester Bruder, tue du das, ich bitte dich zum wiederholten Male darum, auf daß ich daraus ersehe, was dann für mich zu tun sein wird!“ [HGt.03_334,04] Als der Mahal solches geredet hatte, da sprach der Noah zum Mahal: „Gut denn, so höre! Aber darum bitte ich dich, daß du dich nicht ärgerst; denn da müßtest du dir dann selbst die Schuld geben, so dich verzehren möchte dein eigener Zorn!“ [HGt.03_334,05] Und der Mahal beteuerte es dem Noah, daß er sich nimmer ärgern werde, und so ihm der Herr auch einen brennenden Dornstrauch an den nackten Rücken schleudern möchte! [HGt.03_334,06] Darauf sprach Noah: „Also höre denn; denn also sprach darauf der Herr Gott Zebaoth zu mir, als das anbefohlen gefällte Tannenholz behauen war: [HGt.03_334,07] ,Noah! Mache dir einen Kasten von dem Tannenholze, und mache Kammern darinnen, und verpiche sie mit Pech von in- und auswendig; mache den Kasten aber also: dreihundert Ellen sei die Länge; fünfzig Ellen die Breite und dreißig Ellen die Höhe. (Eine Elle war gleich einer halben Klafter.) [HGt.03_334,08] Nur ein Fenster sollst du daran machen, und das oben am Dache, und das soll sein eine Elle groß (gleich in der Länge wie in der Breite, versehen mit einem das Fenster wohl verschließenden Türlein aus Brettern.) [HGt.03_334,09] Das Eingangstor sollst du mitten in seine (des Kastens) Seite setzen! Der Kasten selbst aber soll von unten nach oben in drei Stockwerke durch drei Böden abgeteilt sein, daß der ganze Kasten dann habe zuunterst einen, in der Mitte einen und zuberst einen als den dritten in der Höhe für den Menschen und seine Bedürfnisse.‘ [HGt.03_334,10] Ich, Noah, aber forschte weiter in dem Willen des Herrn, wozu wohl so ein Kasten dienen solle. [HGt.03_334,11] Und der Herr sprach abermals zu mir: ,Noah, siehe, denn Ich will eine mächtige Flut über die Sünde mit Wasser kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch, darinnen ein lebendiger Odem ist unter dem Himmel; und alles, was auf Erden ist, soll untergehen! [HGt.03_334,12] Aber mit dir will Ich einen Bund machen! Du sollst in den Kasten gehen mit deinen Söhnen, mit deinem Weibe und mit deiner Söhne Weibern! [HGt.03_334,13] Daneben aber sollst du auch allerlei Tiere tun von allem Fleische in den Kasten; von jeglichem ein Paar, je ein Männlein und je ein Fräulein, auf daß sie lebendig bleiben bei dir! [HGt.03_334,14] Von den Vögeln nach ihrer Art, von dem Viehe auf der Erde nach seiner Art und von allerlei Gewürm auf Erden nach seiner Art soll je ein Paar zu dir in den Kasten gehen, daß sie am Leben bleiben! [HGt.03_334,15] Also sollst du auch allerlei Speise zu dir nehmen, die man ißt, und sollst sie bei dir sammeln im gerechten Maße, daß sie dir und den Tieren zur Nahrung diene!‘ [HGt.03_334,16] Ich aber fiel vor dem Herrn auf mein Angesicht nieder und weinte und flehte und redete: ,Herr, wie soll ich, ein schwacher alleiniger Mensch, dies alles verrichten? Wo werde ich alle die Tiere fangen und wo finden das rechte Futter für sie? Woher werde ich nehmen für alle die Fleischfresser das Fleisch, und woher Gras für alle die großen Grasfresser, und woher die mir unbekannte Kost für alles das Gewürm? – Wann, o Herr, werde ich fertig mit dem großen Kasten?‘ [HGt.03_334,17] Da sprach der Herr: ,Noah, sorge dich nicht, sondern lege nur deine Hand ans Werk, und Ich werde dir helfen, auf daß du nicht fühlen sollst die Schwere der Arbeit!‘ [HGt.03_334,18] Und siehe, Bruder, da legte ich sogleich die Hand ans Werk, und es fügte sich alles wunderbar von selbst, und ich hatte mit meinen wenigen Helfern eine leichte Arbeit. Der Kasten wuchs von Tag zu Tag mächtig und ist nun bis auf das Fenstertürlein am Dache fertig! [HGt.03_334,19] So also war der Bauplan, und so ist nun auch vollendet das Werk!“ [HGt.03_334,20] Als der Mahal solches vernahm, da ward er traurig über die Maßen; denn er vernahm nicht, daß auch er in den Kasten gehen dürfe. [HGt.03_334,21] Was weiter, – in der Folge! 335. Kapitel — Noahs Ermahnung an seinen Bruder. Des selbstgerechten Mahal Verblendung und Hader mit dem Herrn[HGt.03_335,01] Es merkte aber gar bald der Noah die große innere Trauer an seinem Bruder Mahal, wie an dessen Kindern; denn sie waren alle tief bestürzt darob, da sie vernahmen, wie da nur Noah mit seiner Familie allein Gnade vor Gott gefunden hatte. [HGt.03_335,02] Es sprach daher Noah zum Mahal: „Bruder, warum betrübst du dich denn nun? Hast du mir nicht zuvor das Wort gegeben, daß du dich nicht ärgern würdest, und so dir der Herr auch einen brennenden Dornstrauch an den nackten Rücken schleudern möchte?! [HGt.03_335,03] O Bruder, wie hältst du da dein mir gegebenes und so hochgestelltes Wort?! Weißt du denn nicht, wie gut der Herr ist, und kennst du nicht Seine endlose Geduld und Seine ewige unbegrenzte Erbarmung?! [HGt.03_335,04] Sage mir, – wann hat der Herr noch je jemanden nicht erhört, so er reuig wieder in der wahren Liebe seines Herzens sich an Ihn gewendet hatte, wie ein rechtes Kind an seinen allein rechten und wahren Vater?! Tue du desgleichen, und du wirst sicher nicht nötig haben, also zu trauern!“ [HGt.03_335,05] Darauf ermahnte sich der Mahal und sprach zum Noah: „O Bruder, zeige mir eine Sünde, die ich je wider Gott den Herrn begangen habe, und ich will darob trauern und weinen mein Leben lang und flehen um Vergebung und Erbarmung! [HGt.03_335,06] Bin ich nicht so rein wie du?! – Warum will der Herr mich denn richten? Was tat ich denn Widriges vor Seinen Augen, darum Er vor mir diesen Kasten versperrt? [HGt.03_335,07] Daß ich meine Kinder wiederfinden wollte in der Tiefe, wo der Herr Selbst mir den Waltar hinabgesandt hatte, als er aber unten war, ihn dann freiließ, daß er fiel und zugrunde ging, – Bruder, war das meine Schuld? Wann habe ich zuvor gesündigt und wann nachher, daß mich der Herr also schlug?! [HGt.03_335,08] Du aber sagtest, es reue den Herrn, die Menschen geschaffen zu haben! Wenn so, was ist dann der Mensch der Erde? Siehe, ich sage es dir: Er ist eine Sünde Gottes! – Ich aber meine, Gott sollte doch keiner Sünde fähig sein?! [HGt.03_335,09] Aber da der Herr an mir, dem allzeit Gerechten, also treulos gehandelt hat und hat an mir gesündigt gar schmählichst, da glaube ich es nun, daß auch Gott sündigen kann! Denn ohne Sünde gibt es keine Reue; wer aber spricht: ,Es reuet mich!‘, der hat gesündigt! [HGt.03_335,10] Also sage ich: Gott kann mich keiner Sünde zeihen; ich aber will Ihm zeigen Seine Sünde an mir, dem allezeit Gerechten!“ [HGt.03_335,11] Noah erschrak, als er solche Worte vom Mahal vernommen hatte. [HGt.03_335,12] Mahal aber stand zornig auf und ging mit seinen Kindern auf die Vollhöhe. 336. Kapitel — Mahal mit seinen Kindern auf der Vollhöhe. Kisarels ernste Frage an seinen Vater Mahal, wie er Gott einer Sünde zeihen könne. Mahals Tadel gegen Gott[HGt.03_336,01] Als der Mahal allein mit seinen vier Kindern auf der Vollhöhe sich befand in seinem Zorne wider Gott, da trat sein Sohn Kisarel zu ihm und sprach: [HGt.03_336,02] „Vater, sage uns doch, – uns, deinen Kindern, sage es, – ob das, was du zu Noah geredet hast, wohl ganz vollkommen dein Ernst war! [HGt.03_336,03] Denn siehe, ich kann es nicht begreifen, wie du Gott einer Sünde gegen dich zeihen kannst! Wie ist das möglich, ein Gott – ein Sünder sein? Gegen wen denn und worin? Gegen uns, gegen Seine anderen Geschöpfe, oder etwa gegen Sich Selbst? Wie aber kann das wohl möglich gedacht werden, indem eben Gott Selbst ja das Grundgesetz in allen Dingen, wie ihr Urgrund in Sich Selbst ist?! [HGt.03_336,04] O Vater, bedenke doch, daß Gott allmächtig ist von Ewigkeit; wir aber sind nur ohnmächtige Staubeswürmer gegen Ihn! Kann Er uns nicht plötzlich vertilgen, so wir Seiner Ordnung zuwider sind?!“ [HGt.03_336,05] Und der Mahal sprach zum Sohne: „Du redest, wie du es verstehst! Weißt du denn nicht, was Gott vorhat?! [HGt.03_336,06] Siehe, Er will und wird längstens binnen fünf bis sechs Jahren die ganze Erde unter Wasser setzen durch Fluten aus den Wässern des Firmaments! Und da wird alles den Tod finden in diesen Fluten; nur Noah allein wird übrigbleiben mit den Seinen und mit den zu ihm genommenen Tieren in seinem Kasten! [HGt.03_336,07] Sage, wäre es denn nicht besser, so Gott weise Lehrer mit irgendeiner Wundermacht ausgerüstet unter den Völkern erwecken möchte, die das Menschengeschlecht stets zu Ihm hinlenkten, als so viele Millionen mit einem Hiebe zu töten?! [HGt.03_336,08] Wer sonst ist denn schuld daran, wenn die Menschen Gottes vergessen, als Gott Selbst?! [HGt.03_336,09] Ihm beliebt es, Sich alle tausend Jahre einmal etlichen Menschen zu offenbaren; die andern aber läßt Er sitzen. Sind sie aber dennoch nicht nach Seiner Lust, dann richtet Er alle gleich, die Wissenden wie die Unwissenden, die Belehrten wie die Unbelehrten! [HGt.03_336,10] Also werden in sechs Jahren die Blinden wie die Sehenden ersäuft werden! Warum denn? Darum, weil sie von Gott wenig oder nichts wissen, da sie nie das Glück hatten, von Ihm etwas zu vernehmen! Aber auch wir werden ersäuft werden, so wir Gott auch bestens kennen, und das darum, weil es Gott also beliebt! [HGt.03_336,11] Wären wir Steine, da könnte Er mit uns wohl tun, was Er wollte, rechtlich; aber Er hat uns zu freien Wesen gestaltet! Und da will Er uns verderben in unserer von Ihm Selbst gegebenen Freiheit, und siehe, das ist eine Sünde Gottes an uns, – oder wir selbst sind als ein Fehler, also eine Sünde Seiner Weisheit und Macht! – Verstehst du nun die Sünde Gottes an uns?“ [HGt.03_336,12] Was weiter, – in der Folge! 337. Kapitel — Noah bei seinem Bruder Mahal auf der Vollhöhe, ihm die Augen öffnend über seinen Hauptfehler. Der Gerechtigkeitsdünkel als Grundwurzel des Hochmutes. Mahals Herausforderung an Gott. Der Herr erscheint[HGt.03_337,01] Es kam aber bald der Noah nach auf die Vollhöhe und fand seinen Bruder und dessen schöne Kinder, ganz verstört einander anschauen; er aber ging hin zum Mahal und sprach zu ihm: [HGt.03_337,02] „Höre mich an, Bruder! Siehe, du hast Gott einer Sünde gegen dich beschuldigt, weil du dich als den gerechtesten Mann auf der ganzen Erde dachtest, und das darum, weil dir dein Gewissen freilich wohl sagen muß, daß du nie gesündigt hast vor Gott, indem du Sein Gebot allzeit auf das gestrengste in allen seinen Teilen beachtet hast! [HGt.03_337,03] Aber siehe, eben diese deine große Gewissensreinheit hat in dir einen gewissen Triumphsinn erzeugt und dadurch eine große Zufriedenheit mit dir selbst, derzufolge du dich selbst oft fragtest: ,Kann Gott Selbst reiner und gerechter in Seiner Ordnung leben von Ewigkeit her, wie ich in dieser meiner Zeit?!‘ [HGt.03_337,04] Und dann antwortete dir allezeit dein triumphierendes reinstes Gewissen: ,Nein, Gott kann in Seinem Verhältnisse als Gott nie reiner gewesen sein, als ich es bin in meinem Verhältnisse als Mensch zu Gott und also auch zum Menschen!‘ [HGt.03_337,05] Siehe, Bruder, dieser Gerechtigkeitstriumph aber ist eben Gott dem Herrn noch weniger angenehm als irgendeine gesetzwidrige Handlung als Sünde selbst; denn das ist dann ja eben der Hochmut in seiner Grundwurzel selbst, der aus dem Menschen hinaus muß, wenn dieser vor Gott etwas gelten möchte. [HGt.03_337,06] Aber nicht nur dieser dein Gerechtigkeitshochmut hat dich in den Augen des Herrn herbe gemacht, sondern noch mehr folgende deine daraus hervorgehende Weisheit, die also lautet: [HGt.03_337,07] ,Da ich schon also rein und gerecht bin, wie es Gott Selbst ist, aber dabei dennoch nicht heilig sein darf, weil die Heiligkeit Gottes unantastbar ist, so will ich aber dennoch selbst in meiner Machtbeschränktheit in meinem Menschverhältnisse vollkommener handeln als Gott Selbst! [HGt.03_337,08] Daß Gott in Seinem Handeln allzeit zuvor unvollkommen auftritt und dann erst nach manchem Mißlingen irgendeine Vollkommenheit zuwege bringt, das lerne ich von aller Seiner Schöpfung! [HGt.03_337,09] Denn es gibt auf der ganzen Erde ja nirgends etwas Vollkommenes und Vollendetes! Kein Ding ist ganz ohne Makel; die Sonne selbst ist nicht völlig rein, und der Mond ist unvollkommen in aller seiner Erscheinung und unvollkommen der Sterne Licht! [HGt.03_337,10] Darum aber will und kann ich auch in meiner Sphäre als Mensch durch jede meiner Handlungen Gott übertreffen; denn ich will jede meiner Handlungen also stellen, daß sie sogleich als vollendet dastehen soll, und da solle keine einer Nachbesserung benötigen! [HGt.03_337,11] Läßt aber irgend die von Gott unvollkommen geschaffene Materie eine gänzliche Vollendung eines Werkes nicht zu, so soll es aber dennoch in meinem Gedanken und Wollen als vollendet dastehen; was aber zufolge der von Gott unvollkommen geschaffenen Materie an meinen reellen Werken Unvollkommenes sich auffinden lassen wird, das hat der Schöpfer als Schuld auf Sich zu nehmen!‘ [HGt.03_337,12] Nun siehe du, mein Bruder! Auf diese Weise galt dir der Herr schon gar lange als ein Sünder gegen dich, und das war der arge Same in dir, der nun zu einer lauten und überherben Frucht geworden ist! Denn nun beschuldigst du Gott laut einer Sünde gegen dich! [HGt.03_337,13] Meinst du wohl, daß solch eine Beschuldigung keine Sünde sei vor Gott?! Oder meinst du wohl, Gott werde müssen zu dir erst in die Schule gehen, um ein vollkommener Gott zu werden?! [HGt.03_337,14] O Bruder, betrachte doch diesen deinen großen Irrtum; erkenne ihn als eine gar gröbste Sünde, und bereue sie, so wird der Herr den Kasten vor dir nicht versperren zur Zeit des Gerichtes und der Not!“ [HGt.03_337,15] Mahal aber sprach: „Bruder, mit dir habe ich nichts zu rechten und zu schlichten; denn ich habe mit dir allzeit als ein wahrer Bruder gelebt und habe dir deine Stammherrlichkeit nie mit einer Silbe gefährdet! [HGt.03_337,16] Meine Sache habe ich mit Gott! Ihn fordere ich bei Seiner Heiligkeit heraus, auf daß ich mit Ihm rechte nach meinem Handeln! Er muß es mir erweisen, wann ich vor Seinem Angesichte gesündigt habe!“ [HGt.03_337,17] Hier entstand ein mächtiger Sturm, und der Herr kam sichtbar auf die Vollhöhe vor Mahal und Noah. [HGt.03_337,18] Was weiter, – in der Folge! 338. Kapitel — Des Herrn Gespräch mit Mahal. Mahals herausfordernde Fragen an den Herrn und des Herrn Antwort. Vom Wesen der Reue Gottes. Die natürlichen Ursachen der Sündflut[HGt.03_338,01] Es erschraken aber alle gar gewaltig, als sie den Herrn, Ihn wohl erkennend, nach dem Sturme unter sich stehend ersahen; und Noah selbst hatte eine große Furcht. [HGt.03_338,02] Der Herr aber sprach zu Noah: „Noah, fürchte dich nicht vor Mir; denn Ich bin nicht gekommen, um dich, noch jemand andern zu richten! Aber da Mich dein Bruder Mahal gefordert hat vor den Richterstuhl seiner Weisheit und Rechenschaft von Mir verlangt ob Meiner Sünde an seiner Gerechtigkeit, so mußte Ich ja doch wohl kommen, um zu retten Meine Ehre vor dir und deinen Kindern, wie auch vor den Kindern Mahals! Und so laß uns denn mit Mahal reden!“ [HGt.03_338,03] Hier wandte Sich der Herr an den Mahal und sprach zu ihm: „Mahal, Mein Sohn! Da Ich schon an deiner Gerechtigkeit soll gesündigt haben, da zeige Mir solche Sünde an, wie die am ganzen Volke der Erde, – und Ich stehe völlig bereit, hier alle Meine Sünde an euch tausendfach gutzumachen! Also rede du, Mein Sohn Mahal!“ [HGt.03_338,04] Hier erhob sich der Mahal und stellte sich gar großen Ernstes dem Herrn gegenüber und sprach: „Herr, rede! Warum reut es Dich, den Menschen geschaffen zu haben? Sahst Du doch von Ewigkeit her, wie der Mensch wird! Wer nötigte Dich, Dir Selbst mit dem Menschen eine Sünde an den Hals zu binden?! [HGt.03_338,05] Wäre es nun nicht endlos besser für uns von Dir geschaffene Menschen, so wir nie aus Dir in ein selbständiges Dasein getreten wären, und nicht auch besser für Dich, indem Du da doch sicher nicht nötig zu sagen hättest: ,Es reuet Mich!‘?! [HGt.03_338,06] Was kann Dich wohl reuen sonst als eine durch die unvollkommene Erschaffung des Menschen an Dir Selbst begangene Sünde, die somit auch eine Sünde an uns Menschen ist – und ganz besonders eine Sünde an mir, der ich mich frei Dir gegenüber stellen kann mit jedem Augenblicke meines Lebens und kann Dich fragen: [HGt.03_338,07] ,Herr, zeige mir den Augenblick in meinem Lebensgange von der Kindheit an, da ich wider Deine Ordnung gesündigt habe, und ich will von Dir verflucht sein, wie Du dereinst die Schlange verflucht hast! So Du mir aber keine Sünde zeigen kannst, da gib mir den Grund, warum Du mich richten willst, und warum nicht auch meinen Bruder!‘“ [HGt.03_338,08] Und der Herr sprach: „O Mahal, wie entsetzlich finster muß es in dir aussehen, daß du also zu Mir redest, wie da noch nie ein Wesen geredet hat! [HGt.03_338,09] Sage Mir, wie möglich vollkommener könnte der Mensch wohl gedacht werden, als so er also frei gestellt ist aus Meiner Allmacht hinaus, daß er wie ein zweiter Gott mit Mir, seinem ewig allmächtigen Schöpfer, um seine eigen geschaffene Ordnung rechten kann!? Daß er sein eigener Richter ist und sündigen kann wider Meine Ordnung, in der doch sonst die ganze Unendlichkeit ewig gerichtet ist?!“ [HGt.03_338,10] Mahal schwieg hier; denn er ersah die unbegreifliche Vollendung des Menschen in dessen höchst freiem Zustande. [HGt.03_338,11] Der Herr aber sprach weiter: „Meinst du denn, Meine Reue ist wie die eines Menschen, der da gesündigt hat? O siehe, da auch bist du in großer Irre! Meine Reue ist nur ein Schmerz in Meiner Liebe, die da zusehen muß, wie die von Mir so höchst vollkommen gestellten Menschen sich selbst richten und zugrunde verderben! [HGt.03_338,12] Meinst du denn, Ich habe den Plan gefaßt, je einen Menschen zu richten und zugrunde zu verderben? – Siehe, Ich tue stets nur das Gegenteil! [HGt.03_338,13] Aber um eben die Menschheit nicht zu richten in Meiner Allmacht, muß Ich es nun leider zulassen, daß sich die Menschen selbst die Schleusen der Erde gewaltsam eröffnen, aus denen mächtige Fluten hervortreten werden und werden alles ersäufen, was da atmet in diesem größten Wohnbezirke der Erde! [HGt.03_338,14] Ich sah das lange voraus; darum warnte Ich auch stets die Menschen. Aber nun haben sie einen Krieg sogar gegen Mich unternommen und wollen die ganze Erde mit ihren Sprengkörnern zerstören, wie sie nun auch schon einen Berg um den andern in die Luft sprengen; und das ist ihr eigenes Gericht! [HGt.03_338,15] Siehe, unter den Bergen aber sind große Wasserbecken und enthalten über drei Millionen Kubikmeilen Wassers; dieses Wasser aber wird hervorbrechen und wird steigen über die Hochgebirge dieser Wohnbezirke und wird auch in Dünste hüllen den Erdkreis, aus denen es gewaltsam regnen wird! [HGt.03_338,16] O sage, tat Ich nicht recht, so Ich den einen Mir noch gehorsamen Noah diesen Kasten bauen ließ zur Rettung seines Lebens wenigstens, wenn schon sonst niemand Mich mehr hören will?! [HGt.03_338,17] Nun sage du Mir jetzt, wann Ich dir von dem Kasten Gebrauch zu machen verboten habe; dann werde Ich wieder reden!“ [HGt.03_338,18] Mahal war wieder stumm; der Herr aber redete weiter, wie da folgt. 339. Kapitel — Des Herrn Aufforderung an Mahal. Mahals törichte Einwurfs fragen und des Herrn weise und sanfte Antworten über Tod und Unsterblichkeit. Mahals Frage nach dem Ursprung des Satans und seiner Grundbosheit und des heiligen Vaters klare Antwort.[HGt.03_339,01] Und also redete der Herr: „Siehe, du Mein Sohn Mahal, der du Mich also streng herausgefordert hast, du bist nun still und magst nicht reden und rechten mit Mir ob Meiner Sünde an dir, wie auch am ganzen Menschengeschlechte! Wenn du aber nun nichts zu reden und zu rechten weißt, wie werde Ich dir denn da einen Schadenersatz bieten können?! [HGt.03_339,02] Ich aber sage dir: Stelle es mir aus, was dir an Meiner Schöpfung nicht recht ist, und Ich will es ändern im Augenblicke; nur aber mußt du Mir zuvor gründlich erweisen, daß es da in Meiner Schöpfung wirklich etwas Schlechtes und somit Verwerfliches gibt! – Rede, und Ich will sogleich darnach handeln!“ [HGt.03_339,03] Hier bedachte sich der Mahal eine Zeitlang, richtete sich dann auf und sprach zum Herrn: „Herr, hältst du den für klug, der ein überaus kunstvollstes Werk mit der größten und tauglichsten Zweckmäßigkeit zuwege bringt, – wenn es aber in seiner höchsten Vollendung dasteht, da bricht er es zusammen, wirft es in eine Grube, allwo es verfault und zunichte wird?!“ [HGt.03_339,04] Und der Herr sprach: „So das ein Werkmeister zwecklos täte, da wäre er ein offenbarer Tor und wäre der Verdammnis wert; aber wenn der Werkmeister damit einen höheren heiligen Zweck verbindet, der ohne einen solchen dir töricht und unklug dünkenden Vorgang durchaus nicht zu erreichen ist, da tut er sicher sehr klug und weise, wenn er solch ein wennschon kunstvollstes Vorwerk vernichtend in eine Verwesungsgrube wirft, – denn er erreicht dadurch ja einen höheren und heiligen Zweck! [HGt.03_339,05] Siehe, ein Samenkorn ist gewiß auch ein höchst kunstvolles Werk sowohl in seiner Konstruktion, wie in den substantiellen Teilen, aus denen es zusammengesetzt ist; findest du aber die Einrichtung unklug, daß es in der Erde zuvor verwesen muß, auf daß es dann aus dieser Verwesung hundertfältig wieder erstehe?! [HGt.03_339,06] Wenn aber der weise Werkmeister der Dinge schon bei einem gemeinen Samenkorne eine solche Einrichtung getroffen hat, meinst du da wohl, Er wird diese Einrichtung in ihrer höchsten Vollendung beim Menschen auf die Seite gestellt haben und wird dies endlos vollkommenste Werk bloß darum in die Grube der Verwesung stürzen, um Seiner Laune zu genügen?! [HGt.03_339,07] O Mahal, wie blind mußt du sein, wenn du an Mir einen so törichten Werkmeister wähnst! Sagt es dir nicht dein eigen Gefühl, daß du ewig leben möchtest und möchtest tiefer beschauen Meine endlos vielen Werke?! Meinst du wohl, daß du dieses Gefühl hättest, so du nur für ein zeitliches Dasein geschaffen wärest? Wahrlich, sage Ich, dein Schöpfer, es dir, da würdest du auch nur einen zeitlichen und keinen ewigen Lebenstrieb haben! [HGt.03_339,08] Da du aber einen ewigen Lebenstrieb in dir hast und kannst schauen hinaus ins Unendliche, da trägst du ja schon den lebendigen Beweis in dir, daß du in deiner Grube nicht darum verwesen wirst, um als ein allervollendetstes Werk Meiner Hand zunichte zu werden, sondern eben erst durch dieses dir unklug scheinende Mittel das in Fülle und höchster Vollendung zu erreichen, was du in diesem Vorwerke fühlst und für ewig lebendig begehrst! [HGt.03_339,09] Siehe, die Erde ist ein Leib, aus dem vieles geboren wird, und du weißt es nicht, wie das zugeht, daß da also geschieht; also muß ja auch dein irdischer Leib wieder in die Erde gelegt werden, auf daß dein geistiger, unzerstörbarer Leib frei in der Fülle zum ewigen Leben erstehe! [HGt.03_339,10] Daß sich aber die Sache also verhält, davon hast du in deinem Leben schon die vielfachsten Beweise erlebt, indem du schon mit gar vielen geredet hast, deren Leib auch in die Erde gelegt ist worden. [HGt.03_339,11] Ich meine, daß demnach dein Mir gemachter Vorwurf unbegründet ist; daher schreite zu einem andern, – denn damit wirst du Mich zu keinem Schadenersatze nötigen!“ [HGt.03_339,12] Als der Mahal solche Rede vom Herrn vernommen hatte, da war er überzeugt, daß der Herr vollkommen handle in diesem Punkte; aber er dachte da an den Satan und sprach zum Herrn: [HGt.03_339,13] „Herr, ich ersehe, daß da nach Deinem ewig wahren Worte die Einrichtung mit Deinen Werken gut ist, indem Du sicher nur auf diesem Wege mit Deinen Werken die höchsten Zwecke erreichen kannst; wenn aber demnach alles gut und vollkommen von Dir ausgegangen ist und außer Dir in der ganzen Unendlichkeit nichts ist und alles, was da ist, demnach Dir gleich gut und vollkommen sein muß, – o sage, wessen Ursprungs ist demnach der Satan und dessen unbegrenzte Bosheit? Woher nimmt er das, womit er nun alle Menschen gegen Dich aufgewiegelt hat, daß sie Dich verachten und, so es möglich wäre, Dich Selbst mit allen Deinen Werken vernichten möchten? O sage, wer da ist des Satans Schöpfer und Werkmeister?!“ [HGt.03_339,14] Und der Herr sprach: „O du blinder Verfechter blinder Rechte deiner Selbstsucht, was redest du?! Hast du denn vergessen, wie vollkommen Ich den Menschen geschaffen habe, daß er außer Meiner Allmacht tun kann, was er will, wie ein zweiter Gott, nach einer frei von ihm gestellten Ordnung?! Meinst du, der Satan als ein freies Wesen solle unvollkommener sein als du?! Wenn du Mir gegenüber tun kannst, was du willst, ohne Berücksichtigung Meiner Ordnung, solle das dem freien Geiste unmöglich sein?! [HGt.03_339,15] Muß Ich euch nicht handeln lassen, wie ihr wollt, so Ich euch nicht gerichtet haben will in Meiner Allmacht?! Wenn aber also, da sage du, wie Ich den ersten Geist hätte gestalten sollen, daß er nach deinem Sinne handeln müßte in Meiner Ordnung, dabei aber dennoch haben solle eine vollkommene Willensfreiheit! Oder besteht die Vollendung der Wesen nicht in dem nur, daß sie ganz frei wollen und tun können, – ob es nun für oder gegen Meine Ordnung ist!“ [HGt.03_339,16] Hier ward der Mahal schon wieder stumm und wußte nicht, was er weiter reden solle. [HGt.03_339,17] Aber der Herr redete weiter, wie da folgt. 340. Kapitel — Des Herrn weiterer liebevoller Austausch mit Mahal. Mahals Vorwürfe im Hinweis auf seine Sündenlosigkeit. Des heiligen Va ters Trauer und Seine Worte über besondere Lebensführungen. Das Erscheinen der Engel und Waltars. Des Herrn Entschwinden[HGt.03_340,01] Und also redete der Herr: „Mahal, Mein Sohn, hast du noch etwas wider Mich, so rede, und Ich will dir antworten nach Liebe, Recht und Billigkeit! Denn Ich sehe noch immer einen Ärger wider Mich in deinem Herzen; dieser aber muß zuvor von dir weichen, so du von Mir eine Erlösung zu erwarten haben sollest, – denn ein wider seinen Gott und Schöpfer erboster Geist kann sich nimmer eingen mit Ihm! Und also rede du!“ [HGt.03_340,02] Und der Mahal sprach: „Herr, habe ich bis jetzt je eine Sünde begangen wider Deine Ordnung?! Siehe, Du, wie alle Deine Himmel und diese Deine Erde müssen mir das Zeugnis geben, daß ich durch meine ganze vierhundertneunzig Jahre lange Lebenszeit nie gesündigt habe, weder gegen Dich, noch gegen einen Engel, noch gegen Menschen und Tiere und noch gegen einen Stein! [HGt.03_340,03] Daß ich meiner Kinder wegen in die Tiefe zog, das hielt ich für meine sicher bitterste Pflicht; denn ich ersah es ja in meinem Geiste, wie es mit meinem Sohne Waltar und nachher auch mit dieser meiner Tochter Agla stand, die ihrem Bruder nachgezogen ist. [HGt.03_340,04] Siehe, Du hast den Waltar verlangt, und er zog hinab; als er aber unten war, da ließest Du ihn sitzen, und die ihm freilich wohl ohne Dein und mein Gebot folgende Schwester ließest Du sinken bis in die unterste Hölle, und Dich kümmerte das alles nicht, das ich wohl wußte aus meinem Geiste heraus. Da war es dann doch sicher eine bitterste Pflicht für mich, einen alten Greis, den weiten Weg nach Hanoch zu machen, um dort wo möglich zu retten meine Kinder! [HGt.03_340,05] Ich hatte Dich gar oft darum gebeten, daß Du meine Kinder schützen möchtest; allein Du wolltest meine Bitte nicht erhören und zwangst mich gleichsam hinab! Ich ging, und wie verlassen von Dir ich auch meine Kinder antraf – den Waltar tot und die Agla in der Hölle –, so murrte ich doch nicht wider Dich, sondern lobte und pries allzeit mit Wort und Tat Deinen heiligsten Namen! [HGt.03_340,06] Nun aber, da während meines großen Jammers in der Tiefe mein Bruder nach Deinem Rate den Kasten gebaut hat zur Erhaltung des Lebens, lässest Du mich sitzen wie einen ärgsten Sünder und lässest mich zugrunde gehen wie einen gemeinsten Erdwurm; da frage ich Dich: Nach welchem Rechte tust Du das und nach welcher Ordnung? – Rede Du nun, was Du willst; die Sache ist einmal also und nicht anders! [HGt.03_340,07] Denn so Du nun auch sagst: ,Wann habe Ich gesagt, daß du nicht von dem Kasten zur Zeit der Not Gebrauch machen dürftest, wenn Ich schon Noah berief?‘, so gilt aber eine solche Entschuldigung vor mir dennoch nichts; denn Du hast mich eben dadurch gerichtet, da Du mich nicht beriefest wie den Noah, und solche Deine Stummheit gegen mich war eben auch ein Wort, das mir den Kasten versperrte und mich also auch richtete und zum Tode verdammte. [HGt.03_340,08] Und siehe, Herr, das ist die eigentliche Sünde von Deiner Seite gegen mich, darum, weil ich nie gegen Dich gesündigt habe! Nun aber sage ich Dir: Von jetzt an will ich sündigen gegen Dich, auf daß Du einen Grund haben sollest, vor mir den Kasten zu versperren und mich mit meinen vier Kindern zu verderben; denn von nun an werde ich nimmer zu Dir rufen: ,Herr, rette mich!‘, sondern: ,Herr, verderbe mich!‘“ [HGt.03_340,09] Hier ward des Herrn Angesicht betrübt, und der Herr sprach zum Mahal: „O Sohn, weil Ich dich so lieb hatte, darum wollte Ich dich auf dieser Erde erziehen zu einem Großfürsten Meiner Himmel! Du aber ersahst in Meiner zu großen Liebe nur eine Vernachlässigung von Meiner Seite an dir; oh, wie blind hat dich deine eigene Gerechtigkeit gemacht! [HGt.03_340,10] Damit du aber siehst, daß Ich diesen Kasten nicht nur für Noah, sondern für jedermann bereiten ließ, so sollen von der Stunde an Engel aus den Himmeln unter die Menschen gehen als Menschen und sollen sie warnen vor Sünden und sie einladen, in diesen Kasten zu gehen zur Zeit der Not! [HGt.03_340,11] Also sollst du nun auch deinen Sohn Waltar sehen und sprechen, und er soll dir ein Zeugnis geben von Mir und sagen, ob Ich ihn also verlassen habe, wie du Mich ehedem beschuldigt hast!“ [HGt.03_340,12] Hier blickte der Herr empor, und im Augenblick standen viele tausend Engel auf der Vollhöhe, und also war auch Waltar leuchtend darunter und ging hin zum Mahal und tröstete ihn und zeugte von der endlosen Güte, Liebe, Sanftmut, Geduld und Erbarmung Gottes. [HGt.03_340,13] Mahal aber fragte den Waltar, ob er denn wohl der Waltar sei und lebe als solcher. [HGt.03_340,14] Und Waltar bezeugte vor dem Mahal die vollste Echtheit seines Seins. [HGt.03_340,15] Da erst fing Mahal an, ganz andere Saiten aufzuziehen vor dem Herrn. Aber der Herr entschwand nun, auf daß der Mahal nicht gerichtet würde; die Engel und der Waltar aber blieben. 341. Kapitel — Mahals Besprechung mit Waltar über den Grund der Unsichtbar keit des Herrn. Mahals Selbsterkenntnis und Reue. Des Herrn vergebende Worte aus der lichten Wolke[HGt.03_341,01] Mahal aber, da er den Herrn nicht mehr ersah, fragte den Waltar, was denn nun mit dem Herrn geschehen sei, da er Ihn nimmer erschauen könne unter den vielen Boten aus den Himmeln. [HGt.03_341,02] Und der Waltar sprach: „O Mahal, siehe, daß Er vor dir Sich verbarg, das ist wieder Seine endlose Güte und Liebe! Denn wäre Er nun noch sichtbar vor dir, da wärest du schon gerichtet durch die Macht Seiner sichtbaren Gegenwart, die dich nun gefangen und mit unbeschreiblicher Gewalt an den Herrn gezogen hätte! In diesem gewaltsamen Zuge aber hättest du alle deine Freiheit eingebüßt, und dein Geist hätte den Tod erlitten! [HGt.03_341,03] Siehe, das sah der Herr gar wohl; darum verschwand Er dir aus den Augen! Denn es ist ein unendlicher Unterschied zwischen Schöpfer und Geschöpf und verhält sich wie Tag und Nacht, oder wie Leben und Tod! [HGt.03_341,04] Die Sonne belebt mit ihrem Lichte ja auch die ganze Erde; denn aus ihr steigen die Lebensgeister in die organische Schöpfung dieser Erde und beleben alle die toten Geister zu einer freieren Tätigkeit in ihren Organen, und du ersiehst dann bald den Erdboden grünen und erblühen in allerlei lieblichen Gestaltungen, die da ein Werk sind der neu belebten Geister in den Organen dieser Erde! [HGt.03_341,05] Wenn aber die Sonne fortwährend leuchtete am Mittagshimmel, und es käme keine aller Tätigkeit die notwendige Ruhe bringende Nacht dazwischen, was wohl würde da sehr bald mit allen Dingen auf dem Erdboden werden? Siehe, sie würden verdorren und endlich gar verbrennen! Das wäre aber doch sicher der barste Tod der Dinge! [HGt.03_341,06] Siehe, noch viel ärger aber wäre die beständige sichtbare Gegenwart des Herrn; denn in der könnte kein Wesen das Leben erhalten! [HGt.03_341,07] O siehe, auch wir, die wir im Reiche des ewigen Lichtes Gottes leben im Geiste, missen meistens des Herrn sichtbare Gegenwart! Wir sehen wohl Sein Licht, in dem Er wohnt, aber Ihn sehen wir nicht; also wie du auch nur das Licht der Sonne siehst, aber nicht die eigentliche Sonne selbst, die in der dir allein sichtbaren Lichtumhüllung zu Hause ist! [HGt.03_341,08] Das alles aber zeugt von der endlosen Güte und Liebe des Herrn, der fortbeständig mit aller Seiner endlosen Weisheit und Allmacht bemüht ist, Seine Kinder so zu gestalten und frei zu festen, daß sie dereinst auch Seine sichtbare Gegenwart für ewig ertragen sollen ohne die geringste Beeinträchtigung ihrer Freiheit. – O sage mir, bist du mit solcher Einrichtung des Herrn nicht zufrieden?!“ [HGt.03_341,09] Hier fiel dem Mahal wie eine Decke von den Augen, und er ersah so sehr sein großes Unrecht, das er an dem Herrn verübt hatte, daß er darob laut zu weinen anfing und dabei ausrief: „O Du ewig guter Vater, wirst Du mir wohl ewig je meine gröbste Anmaßung gegen Dich vergeben können?“ [HGt.03_341,10] Und eine Stimme sprach aus einer nahen lichten Wolke: „Mein Sohn, Ich habe dir schon lange eher vergeben, als du gesündigt hast; daher sei ruhig, und liebe Mich, deinen heiligen Vater!“ [HGt.03_341,11] Darauf zog sich die lichte Wolke gen Morgen und ward dort unsichtbar. Alle Engel und Menschen aber beteten an auf der Höhe die große Herrlichkeit Gottes! [HGt.03_341,12] Was weiter, – in der Folge! 342. Kapitel — Waltars Rede über den letzten Versuch Gottes, durch Seine Engel die Menschen vor der Sündflut zu warnen und zu retten. Mahals Mission und der Engel Weggang in die Tiefe[HGt.03_342,01] Nach solcher erhabensten Anbetung des Allerhöchsten sagte wieder der Engel Waltar zum Mahal: „Nun, Mahal, du irdischer Zeuger meines einstigen irdischen Leibes, ist die Zeit wieder herangekommen, wo es heißt: ,Gehet und vollziehet Meinen Willen!‘ Ich aber habe nun nicht nötig, dir solchen kundzugeben; denn der Herr Selbst hat es dir geoffenbart, weshalb Er uns berufen hat aus den Himmeln. [HGt.03_342,02] Siehe, es gilt nun den letzten, außerordentlichen Versuch, die Menschen der Erde zu retten! Gelingt dieser nicht, dann wird es der Herr auch zulassen, daß die argen Menschen in ihrer törichten Mühe ihr eigen Gericht und ihren Untergang finden sollen; und das soll dann wenigstens für ihre wieder von der Materie verschlungenen Geister eine witzigende Lehre sein, daß die Geschöpfe, denen Gott die hohe Freiheit des Lebens gegeben hat, nimmer also töricht und leichtsinnig in die große Ordnung Gottes zerstörend eingreifen sollen! [HGt.03_342,03] Gott Selbst hat die Berge auf der Erde gesetzt und geordnet zum tausendfachen Nutzen und hat unter den Bergen gegraben große und tiefe Wasserbecken, in denen hundertmal so viel Wassers ruht, als da desselben in den Meeren der Erdoberfläche ist. Und dies unterirdische Gewässer ist gleichsam das Blut der Erde, das da seinen Umlauf hat durch die weiten Kanäle der Erde, und bewirkt zumeist nach des Herrn Ordnung die stets gleiche Bewegung der Erde und somit deren inneres organisches Leben; denn auch ein Weltkörper muß ein Leben haben, so er ein Träger und Ernährer fürs Leben sein soll. [HGt.03_342,04] Aber so nun die Menschen sich gleich Nagewürmern angesetzt haben und bohren allenthalben tausend und tausend Klafter tief unter die Berge und zerstören dieselben und öffnen dadurch das Geäder der Erde, sage, wessen Schuld und Gericht wird das wohl sein, wenn dadurch die blinden Toren ihren Untergang finden werden?! [HGt.03_342,05] So du aber einen Wasserschlauch voll mit Wasser irgendwo hingestellt hättest und Würmer kämen dazu und möchten ihn durchnagen, würde da nicht, wenn er durchnagt wäre, alsbald das Wasser aus den Öffnungen gewaltig zu dringen anfangen und würde ersäufen alle die schlechten Nagewürmer?! [HGt.03_342,06] Und siehe, geradeso wird es auch hier mit den Menschen der Fall sein und durch sie mit allen Tieren und Dingen! Und siehe, das ist auch das schon von alters her geweissagte Gefäß, das da übergehen wird zum Gerichte aller Kreatur des Ortes, so dessen Maß voll wird von den Greueln der Menschen! [HGt.03_342,07] Bleibe du aber hier, und belehre die, welche allenfalls hierherkommend Rettung suchen werden; aber die Frevler treibet mit Blitz und Hagelschlag von dannen! [HGt.03_342,08] Da du nun aber alles weißt, wie da die Dinge stehen, so hadere forthin nicht mehr mit dem Herrn, sondern bleibe in deiner alten Ordnung, so wirst du gleich deinem Bruder gerettet werden nach des Herrn weisestem Plane!“ [HGt.03_342,09] Nach dieser Rede sprachen alle Engel „Amen!“ und verließen dann die Höhe und begaben sich in die Tiefe. [HGt.03_342,10] Was sie aber dort im Verlaufe von fünf Jahren ausrichteten, und wie sie dem Noah die Tiere samt Futter in die Arche brachten, soll nächstens gezeigt werden! 343. Kapitel — Die Tätigkeit der zwölftausend Engel in der Tiefe. König Gurats und Drohuits Belehrung durch Waltar[HGt.03_343,01] Was für Geschäfte machten denn solche nun außerordentlichen Boten in der Tiefe? [HGt.03_343,02] Die zwölftausend Engel begaben sich zuerst nach Hanoch, allwo sie nur den König Gurat mit dem schon lange freigelassenen Hauptmanne Drohuit antrafen, die da gerade mit dem Lesen der Berichte über die Gott bekriegenden Unternehmungen Fungar-Hellans beschäftigt waren. [HGt.03_343,03] Diese Himmelsboten aber verteilten sich in Hanoch, und nur hundert begaben sich in die Burg zum Könige; der aber legte sogleich seine Kriegsberichte beiseite, empfing diese vermeintlichen Deputierten wie gewöhnlich mit der größten hofmännisch-politischen Artigkeit und befragte sie um ihr Anliegen. [HGt.03_343,04] Da trat alsbald der Engel Waltar hervor und sprach zum Gurat: „Gurat, kennst du nicht mehr den ermordeten Vizekönig, den Waltar, den Bruder Aglas?“ [HGt.03_343,05] Hier erschrak der König, und noch mehr der Drohuit; denn beide erkannten nur zu bald den unverkennbaren Waltar und wußten nicht, was sie aus dieser Erscheinung machen sollten. [HGt.03_343,06] Nach einer Weile erst fragte der König den Waltar: „Wie? O Waltar, bist du denn nicht ermordet worden von den Schergen deiner Schwester?! Wie ist das zugegangen, daß du nun lebst? Denn es haben die Mörder ja dein unverkennbares Haupt der Agla zurückgebracht, die es dann hat einbalsamieren lassen!“ [HGt.03_343,07] Und der Waltar sprach: „Ja, Gurat, ich bin ganz derselbe Waltar! Aber nur lebe ich jetzt für ewig in einem neuen geistigen, unzerstörbaren Körper, der da Mitgeist ist mit mir und ist völlig eins mit mir! Und also bin ich ein Bote Gottes aus den Himmeln nun, wie alle die, welche hier sind, wie noch gar viele, die schon in der Stadt verteilt sind, zu predigen dem Volke das übernahe Gericht Gottes, also wie wir dir hier solches ebenfalls anzeigen, daß ihr nun beinahe schon rettungslos verloren seid! [HGt.03_343,08] Denn eure Kriege wider die Hochlandsvölker haben euch den unfehlbaren Untergang bereitet; denn da habt ihr durch eure Wissenschaft und Kenntnis ein Mittel in Anwendung gebracht, durch das ihr nun Berge wie Schermäusehäuflein vom Grunde aus zerstöret, ohne zu wissen, was da unter den Bergen in der Erde sich befindet! [HGt.03_343,09] Siehe, die Berge sind Deckel von großen unterirdischen Gewässern und sind daher zumeist aus harten Steinen gefügt nach der Ordnung Gottes, daß ihnen das unterirdische Gewässer nichts anhaben kann! [HGt.03_343,10] Nun, so ihr aber diese mächtigen Schutzwehren gegen die unterirdischen Gewässer zerstört, werden da nicht die Wässer gar gewaltig auf die Oberfläche der Erde zu dringen anfangen und werden da steigen über die höchsten Gebirge und werden euch alle ersäufen?! [HGt.03_343,11] Zwanzig gar starke neue Ströme haben schon angefangen, hundertzwanzig Meilen von hier das Flachland in einen See zu verwandeln, und heute werden wieder fünf dazukommen, und so alle Wochen etliche! – Sage, was wird da in der Kürze euer Los sein?“ [HGt.03_343,12] Hier machte Gurat große Augen und erschrak gewaltigst und konnte nicht reden; Waltar aber behieß ihn alsbald, auf die Höhe zu fliehen, allda er noch Rettung finden könne, so er solches tun wolle. [HGt.03_343,13] Was weiter, – nächstens! 344. Kapitel — Des ungläubigen Gurat abschlägige Antwort an Waltar. Waltars letzte Mahnung an Gurat. Die erfolglosen Mahnungen der Engel bei Fungar-Hellan und dem Landvolke Hanochs[HGt.03_344,01] Als der Gurat aber eine solche Beheißung vom Engel Waltar empfing, da sprach er: „Freund aus den Himmeln oder irgendwo möglicherweise von der Erde! Dein Rat ist recht freundschaftlich und wohlgemeint; aber das geht auch aus deiner Warnungsrede hervor, daß du und deine Gesellschaft entweder sehr leichtgläubig seid, oder ihr seid verkappte Deputierte der irgend flüchtigen Hochlandsbewohner und möchtet mich nun unter der sehr mystischen Angabe als Boten aus den Himmeln ins Bockshorn treiben, auf daß ich von hier alsbald flöhe, ihr aber dann Hanoch in Besitz nehmen könntet! [HGt.03_344,02] Weißt du, mein lieber Waltar der Zweite, so dumm sind wir hier in Hanoch nicht, daß wir gar so geschwinde glauben möchten, was uns von so manchen Gebirgsvagabunden angebunden wird! Es war mir auf den ersten Augenblick wirklich überraschend, dich als einen Waltar zu erschauen; aber im Verlaufe deiner Warnrede gab mir eben sicher auch ein weiser Genius ein, daß es unter den Menschen Zwillingsbrüder gibt und noch sonstige frappante Ähnlichkeiten! Und eben das wird auch mit dir und dem mystischen Waltar der Fall sein, und da du irgend sicher dessen Schicksal erfahren haben wirst, so magst du dich nun wohl für des Waltars Geist ausgeben; aber also körperlich wie du sehen die Geister sicher nicht aus! [HGt.03_344,03] Ich könnte euch zwar jetzt in einen Kerker werfen lassen für eure große Keckheit; allein Grausamkeit war mir nie eigen! Daher lasse ich euch wieder ziehen, wie ihr gekommen seid, weil eure Warnrede an mich wenigstens einen freundlichen Schein hatte; aber glauben werde ich eurer Aussage eher nicht, als bis die Großebenen um Hanoch werden mit Kähnen befahren werden! Sodann werde ich eurem Rate folgen! Und nun gehet, und ziehet im Frieden ab!“ [HGt.03_344,04] Hier sprach der Waltar: „Gurat, weißt du, was ich dir nun sagen werde?! Siehe, ich sage dir nichts als: Wann man schon um Hanoch und in Hanoch mit Kähnen fahren wird, und wann du zuvor noch sehen wirst, wie wir hier durch Hanoch eine große Menge von Tieren führen werden hinauf zu Noah, auf daß sie in die Arche aufgenommen werden für eine zweite erneute Erde, dann wird es für dich schon zu spät sein! [HGt.03_344,05] Denn wenn sich die dem Innern der Erde entstiegenen Dünste in der Luft zu verdichten werden anfangen und werden in gar gewaltigen Massen herabzustürzen anfangen als starke Wasserfluten, dann wird Noah schon lange mit den Seinen sich im Wasserkasten befinden; und da wird niemand mehr in denselben aufgenommen werden. Und wer sich diesem nahen wird, der auch wird vom Blitze und Hagel von dannen getrieben und getötet werden! [HGt.03_344,06] Nun weißt du alles, und unsere außerordentliche Sendung an dich ist beendet! Tue nun, was du willst, und glaube, was du willst; denn also ist es des Herrn Wille, daß da niemandem ein Zwang angetan werden soll!“ [HGt.03_344,07] Nach diesen Worten entfernten sich diese Engel und begaben sich im Augenblicke in die Gegend, allda der Fungar-Hellan operierte, und richteten an diesen Helden gar kräftige Mahnworte. [HGt.03_344,08] Aber dieser bedrohte sie und sprach: „Noah wohnt mir zu hoch; daher werde ich im nächsten Jahre auch seine Berge etwas niedriger machen und werde mir dann den Rettungskasten ansehen!“ [HGt.03_344,09] Die Engel aber redeten dann nicht mehr mit ihm; denn der war schon rein böse und völlig wider Gott. [HGt.03_344,10] Von da gingen die Engel zu allem Landvolke und predigten ihm; aber sie fanden trotz mehrerer Wunderwerke kein Gehör und keinen Glauben. Daher standen sie auch von dem Predigen bald ab und machten sich an die Zusammenbringung der Tiere. [HGt.03_344,11] Was weiter, – in der Folge! 345. Kapitel — Erklärung über die Sammlung und Erhaltung der für die Arche bestimmten Tsere durch die Engel. Von den außerordentlichen Zulassungen vor großen Katastrophen[HGt.03_345,01] Daß diese außerordentlichen zwölftausend Boten aus den Himmeln die Tiere gar leicht zusammenbrachten, und also auch ihr Futter, das versteht sich von selbst. [HGt.03_345,02] Es wird aber hier darum eben dieses Aktes näher kritisch erwähnt, auf daß mit der Zeit die Krittler nicht mehr fragen sollen, wie Noah die Tiere zusammengebracht habe und wie gefüttert diese ungeheure Menagerie. [HGt.03_345,03] Denn so es Mir, dem Herrn, allezeit gar wohl möglich ist, die allergrößte Weltmenagerie Tag für Tag zu erhalten, so wird es Mir etwa wohl auch damals möglich gewesen sein, die Menagerie Noahs in der Arche ungefähr ein halbes Jahr lang zu erhalten! [HGt.03_345,04] Daß in selber Zeit für den frommen Noah und noch für viele andere Menschen Meine Engel sichtbar den Erhaltungsdienst verrichteten, das macht keinen Unterschied vor der gewöhnlichen Alletagserhaltung Meiner Geschöpfe; denn das ist ja immer ein gleiches Geschäft der Engel aus Mir, und die Sichtbarkeit bildet da gar keinen Unterschied. [HGt.03_345,05] Wären die Menschen in dieser Zeit eben auch also fromm, wie es Noah war, da würden sie auch zu öfteren Malen sehen, wie da gar viele Engel Tag und Nacht vollauf tätig sind, um Meine große Weltmenagerie zu erhalten; aber mit den grobweltlichen Augen werden die jetzigen Menschen, die zumeist um vieles schlechter sind wie zu den Zeiten Noahs, das wohl nimmer erschauen! [HGt.03_345,06] Wenn man aber sagen möchte: „Wie haben es denn hernach zu Noahs Zeiten auch sogar die rein bösen Menschen sehen können, wie da die Engel die Tiere führten und ihr Futter nachtrugen in großer Masse?“ [HGt.03_345,07] Da sage Ich: Das tut Meine Barmherzigkeit allezeit vor einem allgemeinen Übel der Welt, welches sich allezeit die dummen Menschen selbst bereiten infolge ihrer großen Unkenntnis in allen Dingen der Welt! Bei und vor jedem Unglücke werden die Menschen allzeit durch außerordentliche Vorerscheinungen gemahnt, den Ort zu verlassen und sich traulich unter Meinen Schutz zu begeben, wo ihnen gewiß nichts von einem Leide zustoßen würde; allein da sind die Menschen als beati possidentes stets taub und blind und sind oft dümmer als die Tiere und lassen eher alles Ungemach über sich kommen, als daß sie der Zeichen achteten und sich alsbald begäben in Meinen Schutz! [HGt.03_345,08] Lasse Ich aber schon bei kleinen örtlichen Übeln außergewöhnliche Zeichen vorangehen, um wieviel mehr werde Ich solches tun bei einem so großen und allgemeinen Weltübel, wie das zu Noahs Zeiten es war! Also entschuldigt die Sündflut doch wohl sicher die vorhergehende sichtbare Tätigkeit der Engel aus den Himmeln! [HGt.03_345,09] Es ist zwar freilich wohl eine solche Erscheinung auch ein Gericht für die Menschen; aber so man nichts als zwei Übel vor sich hat und eines ergreifen muß, da ergreift man doch zuerst das kleinere, um dadurch möglicherweise das große zu verhüten, – allwann sich dann sicher auch eine kleine Wunde eher wird heilen lassen als eine große! Ist aber die Ergreifung des kleinen Übels kein Schutz mehr, dann freilich muß von selbst das große Übel folgen, in dem das Böse dann sein Ende finden muß. [HGt.03_345,10] Ich meine, der Grund dieser sichtbaren Handlung der Engel wäre nun hinreichend dargetan, und so können wir nun schon wieder zu der Geschichte zurückkehren! [HGt.03_345,11] Was aber dann die Engel in Hanoch für ein Aufsehen erregten, als sie die gesammelten Tiere durchführten, davon soll nächstens die Rede sein! 346. Kapitel — Der Zug der Engel mit den gesammelten Tieren durch Hanoch. Der erfolglose letzte Mahnruf an die Hanochiten und ihren König. Die Rückkehr der Himmeisboten auf die Höhe[HGt.03_346,01] Als die außerordentlichen Boten nach einem Verlaufe von vier Jahren mit den gesammelten Tieren in Hanoch ankamen, da machte das ein großes Aufsehen, indem diese Boten die Tiere frei und nicht in Käfigen führten, wie es sonst gewöhnlich auch schon in jener Zeit gebräuchlich war; und ganz besonders zog das die Aufmerksamkeit und die Bewunderung der Hanocher auf sich, wie da beinahe eine unzählbare Tiermenge von aller Art, Gestalt, Größe und Beschaffenheit miteinander in der friedlichsten Ordnung wandelte gleich Lämmern. [HGt.03_346,02] Die Boten durchzogen also alle Gassen und Straßen und riefen allen Menschen zu: „Noch ist euch eine kurze Zeit beschieden; bekehret euch zu Gott dem Herrn, und ziehet vertrauensvoll mit uns hinauf auf die Höhe Noahs, und ihr sollet alle gerettet sein, soviel da auch eurer sein möchten! [HGt.03_346,03] Denn sehet, wir sind nicht Menschen gleich euch, was euch der gleiche Gehorsam dieser Tiere zeigt, die gar verschiedenartig in ihrer Natur sind, uns aber dennoch allsämtlich also gehorchen, als wären sie lauter Lämmer, während ihr darunter doch sicher vom Elefanten bis zur Haselmaus die allergrimmigsten und reißendsten Tiere ersehet! [HGt.03_346,04] Uns ist also eine große Macht gegeben! Und so jetzt auch vom Noah nur ein großer Rettungskasten natürlichermaßen bereitet ist zur Rettung für Tausende und ihr im selben nicht Unterkunft finden dürftet, da ihr aus Millionen bestehet, so tut das aber dennoch nichts zur Sache für eure Rettung; denn in dem Falle eurer wahren Umkehr zu Gott sind wir imstande, in einem Augenblicke hunderttausend gleiche Rettungskästen zu erbauen, in denen ihr alle in eine erneute Erde hinüber ganz unversehrt und besterhalten gelangen könnet! [HGt.03_346,05] Höret! Dies ist der letzte Ruf Gottes, der zu euren Ohren dringt! Verlasset alles, und folget ihm; denn von jetzt an in einem Jahre werden alle diese eure Wohnorte und Ländereien dreitausend Klafter tief unter Wasser und Schlamm stehen!“ [HGt.03_346,06] Dieser Ruf aber war dennoch von keiner Wirkung; man lachte nur über diese vermeinten Zauberer und Tierbändiger und ließ sie übrigens ganz unbeirrt ziehen und schreien. [HGt.03_346,07] Also kamen sie auch wieder zum Könige und luden ihn ein, ihnen zu folgen. [HGt.03_346,08] Er aber gab ihnen gar keine Antwort, sondern ließ sie ganz unverrichteterdinge wieder abziehen also, wie sie gekommen waren. [HGt.03_346,09] Und die Boten zogen ganz betrübt aus der Stadt und begaben sich auf die Höhe mit den gesammelten Tieren. [HGt.03_346,10] Was weiter, – in der Folge! 347. Kapitel — Die Ankunft der Boten mit ihren Herden bei Noah. Die Anordnungen der Engel zum Unterbringen der Tiere. Der Endtermin für die Aufnahme Schutz suchender Menschen[HGt.03_347,01] Als diese außerordentlichen Boten auf der Höhe beim Noah anlangten mit den gesammelten Tieren, da kamen ihnen alsbald der Noah und sein Bruder Mahal entgegen, und beide konnten nicht genug erstaunen über die große Menge der Tiere und über ihre sehr verschiedenen Formen und unterschiedlichen Benehmungsweisen. [HGt.03_347,02] Die Engel aber sprachen zum Noah: „Mache auf die Tür in die Arche, auf daß wir die Tiere hineintun in die für sie bestimmten Zellen; ihr Futter aber wollen wir in ihre Zellen legen, und sie werden davon nach ihrem inneren Triebe täglich so viel verzehren, als zu ihrer Erhaltung vonnöten sein wird! [HGt.03_347,03] Du hast demnach für nichts als fürs Wasser zu sorgen, was dir aber ein leichtes sein wird. Siehe, da der Kasten bis über seine halbe Höhe im Wasser sein wird, so bohre im mittleren Stockwerke ein Loch, und setze von innen eine Pipe an! Wenn du die Pipe öffnen wirst, da wirst du sogleich so viel Wasser bekommen, als du dessen vonnöten haben wirst. [HGt.03_347,04] Solange aber der Herr noch nicht regnen wird lassen, so lange auch laß die Arche offen und die Tiere aus- und eingehen und sich suchen ihren Trank und auch ihre frische Kost; doch mußt du die Zellen also bezeichnen und darfst die Tiere nicht anders einordnen, als wie wir sie jetzt eingeordnet haben! [HGt.03_347,05] Du sollst dich aber auch nicht um die Einordnung weiter kümmern; denn darum legten wir für ein jedes Tier das bestimmte Futter in seine Zelle, und es wird ein jedes Tier darnach seine Zelle erkennen! [HGt.03_347,06] Also sorge dich auch nicht um die Reinigung der Zellen; denn diese werden schon gereinigt werden ohne deine Mühe! [HGt.03_347,07] Also laß auch das Fenster am Dache nun stets offen, auf daß durch dasselbe die Vögel werden einziehen können! Was ihr Futter betrifft, dafür werden schon wir sorgen; nur fürs Wasser wirst du mit den Deinen zu sorgen haben! [HGt.03_347,08] Der Herr Selbst aber wird es dir anzeigen, wann du die Arche zu schließen und dann die Tür fest zu verpichen haben wirst! [HGt.03_347,09] Wenn da vor dem Regen die Menschen bei dir Schutz suchen möchten, so sollst du sie aufnehmen; wenn es aber zu regnen anfangen wird, dann soll niemand mehr in die Arche gelassen werden! [HGt.03_347,10] Nun weißt du alles; der Herr sei mit dir! Amen.“ [HGt.03_347,11] Darauf verschwanden die Engel, und Noah ging mit all den Seinen und lobte und pries Gott. [HGt.03_347,12] Der Mahal aber war, gleich einem Naturforscher, mit seinen Kindern nur mit der Betrachtung der Tiere beschäftigt und hatte eine große Freude an dieser Menagerie. [HGt.03_347,13] Was weiter, – in der Folge! 348. Kapitel — Mahals Murren und Hadern wider die Engel und Gott ob seiner vermeintlichen Vernachlässigung. Aglas belehrende und tröstende Worte und ihre plötzliche Heimholung durch den Engel Waltar[HGt.03_348,01] Als Noah Gott gelobt und gepriesen hatte, da begab er sich dann auch in die Arche und besah, wie da die Tiere eingezellt waren, und suchte dann im mittleren Stockwerke eine passende Stelle für die anbefohlene Wasserpipe. [HGt.03_348,02] Als er diese fand, da bestieg er auch das dritte Stockwerk und fand hier seinen Bruder Mahal, der gerade einen Rat mit seinen Kindern hielt darum, weil die Engel seiner mit keiner Silbe erwähnt hatten, sondern alles nur dem Noah anbefohlen hatten, und war voll Ärgers darob ganz besonders, da die Engel dem Noah wohl zur Unterhaltung der Tiere genaue Weisungen gegeben hatten, zu seiner und seiner Kinder Unterhaltung aber auch nicht eine Silbe fallen ließen! [HGt.03_348,03] Und er sprach in der Gegenwart des Noah, den er aber jedoch nicht bemerkte, weil dieser hinter einer Zellenwand stand: „Bin ich denn weniger vor dem Herrn als die Tiere?! Diese haben ihre Zellen und ihr hinreichendes Futter, und es war für ihre Erhaltung gesorgt; was haben denn wir? [HGt.03_348,04] Also sprachen die Engel auch immer von der Erhaltung Noahs und der Seinigen; aber von unserer Erhaltung war nicht die allergeringste Rede! Was ist das wohl anders, als daß uns die Engel zu verstehen gaben: für uns ist die Arche nicht erbaut, sondern allein nur für Noah und für die Seinen und für die Tiere! [HGt.03_348,05] Ich weiß aber, was ich tun will! Sehet, es ist ja noch eine Menge behauenen Holzes da; ich werde mit den Knechten Noahs reden und mit Noah, daß mir ein eigener Kasten erbaut werde, in dem wir Platz haben werden, und Noah kann dann gleichwohl allein den großen Kasten bewohnen! [HGt.03_348,06] Will uns der Herr erhalten, so ist's wohl und gut, – und will Er das nicht, wie es sich zeigt, so werde ich Ihn nicht darum bitten; denn mir ist nun schon das ganze Wesen des Lebens unter solchen bedrängten Umständen ohnehin zum Ekel geworden!“ [HGt.03_348,07] Hier sprach die Agla: „O Vater, ich meine, du redest zu viel! Denn siehe, ich habe ja auch den Waltar gesehen und er mich, und er hat mich nicht getröstet; und dennoch murre ich nicht wider den Herrn! Warum tust du denn das, der du doch vom Herrn Selbst den allerhöchsten Trost erhieltest?! [HGt.03_348,08] Ich aber sage bei mir: ,O Herr, mir, der größten Sünderin, geschehe nach Deiner Erbarmung!‘ Und muß ich schon auch eine Beute des Todes werden, so sei der Herr auch darum gelobt und gepriesen!“ [HGt.03_348,09] Mahal staunte über diese Rede der weinenden Agla, und Noah trat hervor und lobte die Agla ob solch rechter Rede vor Gott. [HGt.03_348,10] Im Augenblicke aber stand ein lichter Engel vor der Agla und sprach zu ihr: „Agla, siehe, du sollst nimmer eine Beute des Todes, sondern nur eine Beute des Lebens werden für ewig! Und so reiche mir deine Hand, und folge mir, deinem Bruder Waltar!“ [HGt.03_348,11] Hier reichte die Agla dem Engel die Hand und verschwand im Augenblicke; und es blieb von ihr nichts zurück als ihre Kleider und in selben ein wenig Asche. [HGt.03_348,12] Diese Erscheinung setzte alle ins größte Staunen, und sie wußten nicht, wie solches geschah. [HGt.03_348,13] Noah allein faßte sich und fiel aufs Angesicht und lobte und pries Gott über die Maßen. 349. Kapitel — Noahs mahnende Worte an den murrenden Mahal. Der Bau des kleinen Kastens für Mahal und die Seinen[HGt.03_349,01] Als der Noah den Herrn darum bei einer Stunde gelobt und gepriesen hatte, daß Er die verlorene Tochter seines Bruders gar so außerordentlich gnädigst aufgenommen hatte in das ewig-lebendige Reich der Geister aus Gott, da stand er wieder auf, wandte sich an seinen Bruder Mahal und sprach zu ihm: [HGt.03_349,02] „Bruder, möchtest du nun nicht wieder zanken mit Gott dem Herrn darum, daß Er dir eine so endlos große Gnade erwies?! Siehe, es ist in dir nichts als der pure versteckte Hochmut! [HGt.03_349,03] Siehe, es ärgert dich immer heimlich, daß der Herr mich und nicht dich zum Bau der Arche erwählt hat, und daß du nicht bei jeder Gelegenheit ganz besonders gerufen und erwählt wirst! Und weil du sonst niemanden hast, mit dem du darob hadern könntest, so lässest du deinen Hochmutsingrimm auf den Herrn Selbst aus und willst Ihm trotzen sogar bei jeder Gelegenheit! [HGt.03_349,04] Frage dich aber selbst, ob ein solches Benehmen gegen Den, der dich so liebevollst vor vier Jahren Seinen Sohn nannte, recht und billig ist! Meinst du wohl, der Herr wird Sich von dir etwas abtrotzen lassen?! [HGt.03_349,05] Siehe, der Satan(a) trotzt dem Herrn schon seit den undenklichsten Zeiten! Was aber hat er dadurch schon gewonnen?! Denn alles, was er will, tut der Herr nimmer! Und so bleibt der Satan stets der geschlagene Sklave seines eigenen Starrsinns, der eine Frucht seiner Torheit ist; der Herr aber bleibt ewig der Herr und tut, was Er will, ohne Sich dabei an das Geschrei der Weltnarren zu kehren! [HGt.03_349,06] Bruder, ist's denn gar so schwer, sich vor dem heiligen, allerbesten Vater zu demütigen und sich Seine heilige Ordnung gefallen zu lassen?! [HGt.03_349,07] Der Herr hat es dir doch handgreiflich gezeigt, wie Er vor dir noch nie den Kasten Seiner Liebe, Gnade und Erbarmung verschlossen hat und also auch sicher diese Arche nicht! [HGt.03_349,08] So du dich aber aus einem geheimen Ingrimm selbst ausschließen willst, meinst du wohl, daß dich der Herr dann bei den Haaren hereinziehen wird?! Oh, ändere deine Torheit, und stelle des Herrn Geduld nicht stets auf neue Proben, so wirst du bald auch für dich eine Zelle hier in der Arche finden!“ [HGt.03_349,09] Diese höchst wohlgemeinte Rede Noahs machte aber wenig Wirkung beim Mahal, und er bestand darauf, daß ihm ein eigener Kasten gebaut werde. [HGt.03_349,10] Und Noah tat nach dem Wunsche seines Bruders und ließ für ihn einen kleinen Kasten von vier Klafter Länge und zwei Klafter Höhe erbauen; nur waren darinnen keine Zellen angebracht. [HGt.03_349,11] Was weiter, – in der Folge! 350. Kapitel — Die Ubergabe der kleinen Arche an Mahal durch Noah. Mahals trotzige Forderung an den Herrn. Die Hinwegnahme der drei Kinder Mahals durch das Feuer des Zornes Gottes[HGt.03_350,01] Als Noah auch mit dem kleinen Kasten für den Mahal fertig war, da sprach er zu ihm: „Nun denn, da ist vollendet der Kasten deines Starrsinnes! Siehe aber zu, daß ihn der Herr segne für dich und deine drei Kinder; sonst wird er dir wenig Sicherheit bieten! [HGt.03_350,02] Ich habe ihn gesegnet durch den Bau; allein dieser Segen wird fruchtlos sein ohne den Segen des Herrn! Daher gehe vor den Herrn hin, und gib Ihm die Ehre und bitte Ihn, daß Er dir segne den Kasten zu deiner Sicherheit!“ [HGt.03_350,03] Mahal aber sprach: „Du redest nach deiner Art und kennst nicht meine Not! Bin ich nicht ein Mensch wie du, und haben wir nicht einen Vater und eine Mutter?! Dir hat der Herr geboten sogar diese deine Arche nach angegebenem Maße zu deiner Rettung, da du Ihn doch nicht darum gebeten hast; mich aber ließ Er auf der Erde herumlaufen wie ein wildes Tier, meiner Kinder wegen, und sagte mir nicht, daß auch ich mir solle einen Rettungskasten erbauen! [HGt.03_350,04] Er redete wohl durch das Gefühl zu mir und zeigte mir an in der Tiefe, was ich habe tun sollen, und ich tat allzeit darnach; aber von einer Rettung sprach Er nie etwas Bestimmtes zu mir, während ich doch ebenso rein war, wie du es bist! [HGt.03_350,05] Und siehe, darin besteht meines Herzens Not; und ich will daher nichts tun und will harren auf des Herrn ausdrückliches Wort! Wenn Er bestimmt mit mir reden wird, dann werde ich auch bestimmt nach Seinem Worte handeln! Aber nötigen will ich den Herrn weder durch Bitte, noch durch ein Opfer zu etwas; eher will ich zugrunde gehen, als den Herrn in Seiner Freitat an mir zu beirren! [HGt.03_350,06] Will Er diesen Kasten segnen für mich, so wird Er es tun ohne meine Bitte, so wie Er dir die Arche ohne deine Bitte zu bauen hat anbefohlen; will Er aber das nicht, so werde ich von dem Kasten keinen Gebrauch machen, sondern werde beherzt das herbe Los von Millionen mit den Meinen teilen und werde dazu noch ein Zeuge sein, wie die argen Menschen ihren Frevel büßen werden! Amen.“ [HGt.03_350,07] Darauf erhob sich der Mahal und zog mit seinen drei Kindern fürbaß in einen Wald und harrte da auf des Herrn Wort. [HGt.03_350,08] Der Herr aber ließ ihn gehen drei Tage lang; am vierten Tage aber fing der Himmel an, sich zu trüben mit Wolken. [HGt.03_350,09] Da ward der Mahal ärgerlich über den Herrn und haderte gewaltig mit Gott, und das in einem Tone, der nimmer wieder bekanntgegeben werden soll auf der Erde. [HGt.03_350,10] Als Mahal sich heiser gelästert hatte, da sank ein Feuer aus den Wolken vor dem Mahal zur Erde, und aus dem Feuer sprach eine Stimme: [HGt.03_350,11] „Mahal, du Ungeratener! Ich bin satt deines Lästerns geworden! Hältst du Mich, deinen Gott und Herrn, keiner Ehre wert, so halte Ich auch dich nicht wert der Rettung! [HGt.03_350,12] Und so bleibe denn hier, und sei ein Zeuge Meines Zornes über die Erde und über dich; aber deine Kinder, da sie nicht in dein Lied gestimmt haben, will Ich von dir nehmen, und so sollst du Mich wenigstens in Meinem Zorne kennen lernen, weil du Mich in Meiner Liebe nicht erkennen wolltest! – Es geschehe!“ [HGt.03_350,13] Hier ergriff das Feuer die drei Kinder und verzehrte sie im Augenblick. Und Mahal blieb nun allein und ward ganz stumm vor Entsetzen. [HGt.03_350,14] Was weiter, – in der Folge! 351. Kapitel — Mahals Flucht auf einen hohen Felsen und in die Grotte Adams. Mahals Selbstgespräch. Des Herrn gnädiges Wort an Mahal. Der Anbruch der Finsternis und Mahals Umherirren[HGt.03_351,01] Es ließ aber der Noah den Mahal suchen; aber der Herr wollte es nicht, daß dieser je wieder von Noah sollte gefunden werden auf Erden. [HGt.03_351,02] Mahal selbst aber bestieg einen hohen Felsen und nahm mit sich genießbare Wurzeln, Brot und Käse für zwanzig Tage; und da der Felsen eine Quelle hatte, so war er für die Kost, also mit Speise und Trank, versorgt. [HGt.03_351,03] Auf diesem Felsen brachte er sieben Tage zu. Als sich aber der Himmel stets mehr und mehr verdüsterte von Tag zu Tag, da erhob sich der Mahal auch von seinem Felsen, nahm seine Viktualien und ging damit in die berühmte Grotte Adams. [HGt.03_351,04] Als er mühselig da anlangte, da sprach er zu sich: „Ich bin alt und mühselig geworden, und der Herr hat mir alle Stütze genommen; sollte Er etwa auch dafür wollen gedankt, gerühmt und gepriesen werden? [HGt.03_351,05] Ja, Herr! Jetzt, da ich durch Deinen Drang ein Sünder vor Dir geworden bin, jetzt erst will ich Dich rühmen, loben und preisen! Denn da Du mich getreten hast, da tat es mir weh, und ich bäumte und krümmte mich wie ein Wurm vor Dir; nun aber hat ein zu großer Schmerz mich gefühllos gemacht! Ich empfinde weder Schmerz noch Trauer und also auch keinen Ärger und Zorn mehr; daher kann ich Dich, o Herr, ja wieder rühmen, loben und preisen! [HGt.03_351,06] Und so sei denn gerühmt, gelobt und gepriesen, Du mein Gott und Herr und Du mein allmächtiger, heiliger Schöpfer und Vater! Ich habe gerechtet mit Dir, da ich Schmerz hatte; jetzt aber will und werde ich nimmer rechten mit Dir, denn ich habe ja keinen Schmerz mehr! [HGt.03_351,07] Solange ich bei Dir im Himmel des Noah war, da hatte ich auch keinen Schmerz, und ich konnte gerecht sein vor Dir, o Herr, zu jeder Zeit und konnte Dich allzeit loben, rühmen und preisen; da Du mich aber zur Hölle gehen ließest, da ward ich voll Ingrimms und voll Schmerzes, und ich mußte in einen Streit wider Dich geraten! Nun aber bin ich wieder ohne Schmerz; daher kann ich Dich nun auch wieder rühmen, loben und preisen! [HGt.03_351,08] Darum laß mich ja nimmer wieder zur Hölle, allwo Dich niemand rühmen, loben und preisen kann; denn da ist nur ein Feuer, ein Zorn, ein Fluch und ein Schmerz! [HGt.03_351,09] Da ich Dich, o Herr, aber nun schon also rühme, lobe und preise, so bitte ich Dich aber auch, nimm mich nun auch von der Welt, und laß mich nicht Zeuge sein von der gerechten Flut Deines Zornes über alle Deine Kreatur! Dein Wille allezeit geschehe! Amen.“ [HGt.03_351,10] Auf diese Anrede Mahals ertönte aus den inneren Räumen der Grotte wie ein Echo: „Mahal, Ich habe Mich gedämpft in Meinem Zorne gegen dich, weil du dich gedämpfet hast, da Ich dir gewaltige Streiche ob deiner Härte gegen Mich gab; aber dennoch mußt du büßen auf der Erde deine mannigfache Torheit ehedem, bis Ich dich annehmen werde, – denn dein Frevel gegen Mich war groß! [HGt.03_351,11] Sei aber geduldig in allem, was da über dich kommen wird, und harre auf Mich, und Ich will dich nicht von der Flut ersticken lassen; aber deine Fußsohlen sollen dennoch ehedem von der Flut bespült werden, bis Ich dich deines Fleisches entheben werde! Also geschehe es!“ [HGt.03_351,12] Mahal aber erkannte wohl in diesem Echo des Herrn Stimme und ergab sich nun in den Willen des Herrn. [HGt.03_351,13] Als er aber sieben Tage in der sonst hellen Grotte zugebracht hatte, da wollte es nimmer Tag werden; denn das Firmament war schon so dicht mit kohlschwarzen Wolken angestopft, daß da kein Sonnenstrahl mehr durchdringen konnte. [HGt.03_351,14] Daher verließ Mahal auch seine Grotte und ging, wo er ein Licht finden möchte; aber er irrte vergeblich hin und her. Er konnte keinen Weg mehr finden vor lauter Finsternis; dennoch aber murrte er nicht, sondern wartete nun geduldig ab, was da kommen werde über die Erde. [HGt.03_351,15] Das war aber auch schon die Zeit, wo der Herr den Noah mit den Seinen behieß in die Arche zu gehen. [HGt.03_351,16] Wie aber? Das steht im ersten Buche Mosis, 7. Kapitel, zwar schon ausführlich, – dennoch aber soll es nächstens noch näher beschrieben werden! 352. Kapitel — Des Herrn Trostworte an Noah und Seine tiefe Trauer um die Menschen. Die letzten Versuche des Herrn, die Menschen der Tiefe zu retten[HGt.03_352,01] Also aber war es, als der Herr den Noah behieß in die Arche zu gehen: [HGt.03_352,02] Als der Himmel sich gar mächtig zu trüben und das Gewölk die nächsten Bergspitzen in eine dichte Nacht zu hüllen begann und die Tiefe über unabsehbare Fernen hin dampfte gleich einer brennenden Stadt, da kam der Herr zu Noah wie voll Wehmut und Trauer und sagte zu ihm: [HGt.03_352,03] „Noah, fürchte dich nicht; denn siehe, Ich, der Herr aller Kreatur und aller Dinge, bin bei dir, um dich zu schützen und zu schirmen vor jeglichem Ungemache, das Ich nun über die Welt werde kommen lassen darum, weil es die arg gewordenen Menschen also haben wollten! [HGt.03_352,04] Siehe, siehe, wie traurig es nun aussieht auf dieser alten Erde! Der Menschen Kunst hat ohne ihr Wissen und Wollen die argen gefangenen Urgeister dieser Erde vor der Zeit frei gemacht, wodurch ohne ein Gericht alle Himmel gefährdet würden. Daher ist nun der Raum von der Erde bis zum Monde mit solchen Geistern angefüllt. Und würde nicht durch ein örtliches Glühen der Wolken, in denen die freigewordenen argen Geister nun wüten und toben, eine Helle auf den Erdboden kommen, so wäre hier eine solche Nacht, in der alles Leben ersticken müßte; denn der Sonne Licht vermag nimmer durch solche Massen von Wolken und Dünsten zu dringen! [HGt.03_352,05] Aber die Menschen der Tiefe haben keine Furcht! Sie beleuchten ihre Städte mit Fackeln und großen Öllampen und sind lustig dabei; sie freien noch und lassen sich freien und halten Gastmähler, Spiel und Tanz, während Ich, ihr Schöpfer, um sie traure und ihnen nicht helfen kann, um sie nicht zu vernichten in ihrem Geiste auf ewig! [HGt.03_352,06] O du Mein Noah, das ist ein harter Stand für einen Vater, der Seine Kinder vor dem Abgrunde sieht und ihnen nicht helfen kann und darf – außer durch eine neue schroffste Gefangennehmung, welche da ist das bevorstehende nunmehr unausweichliche Gericht! – Was soll Ich dazu sagen? [HGt.03_352,07] Siehe, es gibt auf der Erde weit von hier entfernten Gebieten Nachkommen Kains! Diesen war eine schmutzige Offenbarung genug, und sie leben noch in Meiner Ordnung bis zur Stunde; und die wenigen unter ihnen, die mehr oder weniger manchmal durch eine Tat ihr Gewissen beschwert haben, diese ringen jetzt in dieser allgemeinen Nacht des herangekommenen Gerichtes die Hände zu Mir und flehen Mich an um Erbarmung! [HGt.03_352,08] Ich aber sage dir: Siehe, Ich will Mich ihrer auch erbarmen in ihrer Not; aber dieser große Erdkreis, den da bewohnen Meine Kinder im Gemische mit den Kindern der Welt, soll nun Mein unerbittlichstes Gericht erfahren! [HGt.03_352,09] Bevor Ich aber noch die Wasser aus den Wolken zur Erde fallen lasse, will Ich noch sieben Tage lang in der Tiefe die Menschen durch allerlei Erscheinungen schrecken und wo möglich sie dadurch nötigen, sich hierher zur Flucht zu begeben! [HGt.03_352,10] Sieben Tage wollen wir also noch harren hier in dieser Nacht, und Ich will eine schwache Helle ziehen von hier bis Hanoch und weiter noch, auf daß niemand den Weg hierher verfehlen solle, der sich noch retten will; und so jemand hierher kommen sollte, und wäre es Fungar-Hellan selbst, so soll er in die Arche aufgenommen werden!“ [HGt.03_352,11] Nach dieser Rede ward es dämmerlich helle von der Höhe bis gen Hanoch und weiter; und der Herr öffnete dem Noah die geistige Sehe, daß er zugleich mit dem Herrn in alle Tiefen schauen konnte; aber man ersah niemanden zur Stadt hinausziehen. [HGt.03_352,12] Es geschahen gewaltige Rufe wie Donner; aber niemand kehrte sich daran. Es brachen in Hanoch Feuer aus und setzten viele in große Angst und Schrecken; aber dennoch wollte niemand aus der Stadt ziehen. Es brachen unterirdische Wasser aus und setzten Hanochs Plätze und Gassen mannstief unter Wasser; da flohen die Ärmeren wohl auf die naheliegenden Hügel, – aber die Reichen nahmen Boote und Kähne und fuhren jubelnd über Plätze und Gassen, und niemand begab sich mehr auf die Höhe. [HGt.03_352,13] Und solche Kalamitäten dauerten sieben Tage in der Tiefe; und dennoch kehrte sich niemand daran. [HGt.03_352,14] Da brach dem Herrn die Geduld, und Er führte den Noah zur Arche. [HGt.03_352,15] Wie und was weiter, – in der Folge! 353. Kapitel — Noahs und der Seinen Eintritt in die Arche und des Herrn Anwei sungen und Erklärungen. Die Schließung der Arche durch den Herrn. Der Eintritt der Katastrophe[HGt.03_353,01] Als aber Noah mit dem Herrn bei der Arche anlangte, da sprach der Herr zu ihm: „Noah, gehe nun in den Kasten mit deinem ganzen Hause; denn Ich habe nun in dieser Zeit dich allein gerecht gefunden vor Mir! [HGt.03_353,02] Nimm aber vom reinen Viehe je sieben Stücke und vom unreinen Getiere nur je ein Paar; aber überall ein Männlein und ein Fräulein, – desgleichen auch von den Vögeln unter dem Himmel je sieben und sieben das Männlein und sein Fräulein, auf daß der Same lebendig bleibe auf dem ganzen Erdboden! [HGt.03_353,03] Denn nach sieben Tagen, von diesem Augenblicke angefangen, will Ich regnen lassen vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen alles auf diesem Erdkreise, was da ein lebendiges Wesen hat, das Ich geschaffen habe!“ [HGt.03_353,04] Noah fiel hier vor dem Herrn nieder und betete Ihn an ob der großen Gnade, die ihm der Herr erwiesen hatte. [HGt.03_353,05] Der Herr aber hob den Noah von der Erde und sprach wieder zu ihm: „Noah, du denkst nach, wie es sei, daß Ich dir schon ehedem einmal befohlen habe, ohne Unterschied von allem Getiere gattungsweise nur ein Paar zu dir in die Arche zu nehmen, nun aber von den reinen Tieren sieben paarweise von jeder Gattung, also auch vom Gevögel der Luft ohne Unterschied; nur bei den unreinen Tieren habe es bei einem Paare zu verbleiben! [HGt.03_353,06] Siehe, der Grund liegt darinnen: Damals gedachte Ich im Herzen mit Meiner abgewandten Allsehe: ,Es werden ja doch die Menschen aus der Tiefe kommen und werden hier Schutz suchen!‘ [HGt.03_353,07] Und siehe, Ich wollte Mich nicht fragen in Meiner Allsehe, ob die Menschen, die Ich so oft gerufen habe, das tun werden! Da Ich sie aber nun angesehen habe, da ersah Ich keinen Willen mehr, da alle ihre Geister vom Fleische und von der Welt verzehrt waren, und Ich ersah auch, daß da keiner kommen werde! [HGt.03_353,08] Darum sollst du an die Stelle der unreinsten Menschen, die unter alles Getier hinabgesunken sind, mehr der reinen Tiere zu dir nehmen, und also auch mehr von dem Gevögel unter dem Himmel! Zudem wird dir auch das Getier auf der neuen Erde gut zustatten kommen! [HGt.03_353,09] Verstehst du nun dieses, so gehe und handle darnach! Nimm dir aber kein künstlich Licht in den Kasten; denn Ich Selbst werde dir den Kasten erleuchten aus Mir! Amen.“ [HGt.03_353,10] Hier ging der Noah und tat alles, wie es ihm der Herr befohlen hatte; der Herr aber war mit ihm und half dem Noah alles verrichten. [HGt.03_353,11] Als Noah alles das mit des Herrn Hilfe in der größten Ordnung verrichtet hatte, da begab er sich in die Arche in seinem sechshundertsten Altersjahre, und zwar am siebzehnten Tage des andern Monats, welcher da war nach der jetzigen Zeitrechnung der 17. Februar. [HGt.03_353,12] Als der Noah also mit all den Seinen in der Arche sich befand und mit allem dem anbefohlenen Getiere, da nahm der Herr Selbst das große Tor der Arche und schloß dasselbe mit eigener Hand und segnete dadurch den Kasten; und also ward Noah nun gesichert, und der Herr Selbst bewachte den Kasten. [HGt.03_353,13] Als aber also der Noah gesichert war, da hob der Herr Seine allmächtige Hand auf und gebot den Wolken, den Regen in den mächtigsten Strömen von sich zu lassen auf die Erde, und also auch den mächtigen Brunnen in der Erde, daß sie ihre Gewässer herauftrieben auf der Erde Oberfläche. Da brachen auf die Brunnen in der großen Tiefe und taten sich auf die Schleusen der Himmel. [HGt.03_353,14] Da waren zahllose gar mächtige Springquellen auf dem Boden der Erde und trieben ihr Gewässer bis zu den Wolken, und von den Wolken fiel der Regen wie Wasserfälle von hohen Schneegebirgen, wodurch das Wasser über dem Erdboden so schnell wuchs, daß die Menschen nicht schnell genug auf die Berge sich flüchten konnten; und die da noch flohen auf die Berge, wurden von mächtig über Felsen herabstürzenden Fluten wieder zurückgerissen und ersäuft. [HGt.03_353,15] Nur gar wenigen gelang es mit der Verzweiflung Kraft, die Höhe Noahs zu erreichen. Als sie da ersahen unter beständigem Blitzen diesen mächtigen Rettungskasten, da schrien sie um Hilfe und Rettung; aber des Herrn Macht trieb sie von dannen, und sie eilten den höchsten Bergspitzen zu und klommen mit blutenden Händen hinauf. Aber Blitze rissen sie von den Wänden und stürzten sie hinab in die mächtig wachsenden Fluten. [HGt.03_353,16] Was weiter, – in der Folge! 354. Kapitel — Mahal in der Grotte als staunender Zeuge der schrecklichsten Ereignisse. Mahals ängstliches Selbstgespräch. Die Ankunft der drei Flüchtlinge in der Grotte. Das Wiedererkennen zwischen Mahal und den drei Flüchtlingen Gurat, Fungar-Hellan und Dro huit. Des Herrn Erscheinen in der Grotte[HGt.03_354,01] Der gewaltige Regen aber trieb den Mahal wieder in die Grotte, in der er auf und ab ging und manchmal staunend und halb verzweifelnd hinaussah, wie die gewaltigsten Wasserströme über Felsen dahinstürzten, das Erdreich mit sich rissen, die größten Bäume entwurzelten und sie dann mit der entsetzlichsten Gewalt in die Tiefen hinabschleuderten und auch ganze Felsen lostrennten und sie dann mit Tausenddonnergetöse in die Gräben und Schluchten hinabrollten! [HGt.03_354,02] Er war zwar ein großer Freund von großen Naturspektakeln, aber diese waren ihm denn doch etwas zu stark; denn da ersah er, der sonst so heldenmütige Mahal, den offenbaren Untergang aller Welt und seiner selbst. Daher bebte er aus großer Furcht und sprach bei sich selbst: [HGt.03_354,03] „O Herr, – wahrlich, Deine Macht lernt man erst in Deinem gerechten Zorne kennen! Bist Du auch wunderbar groß, heilig und erhaben in Deinem Frieden, so aber achtet der durch die Gewohnheit stumpfe Mensch dennoch wenig darauf und kann Deiner, o Herr, wohl gar vergessen; aber so eine Szene Deiner Macht zeigt dem stumpfen und auf seine Dummheit stolz pochenden Wurm der Erde, daß Du, o Herr, sehr gewaltig endlos mehr bist als der in Deinem Frieden so hochtrabende Mensch! [HGt.03_354,04] Wenn ich nur nicht gar so allein hier stünde, da ließe sich diese Szene noch erbaulicher ansehen; aber so ganz verlassen von aller lebendigen Gesellschaft ist es wohl ganz verzweifelt schrecklich, also den sichern Untergang aller Dinge und also auch den eigenen zu erwarten! [HGt.03_354,05] O Herr, nimm mich von der Welt, und laß mich nicht länger Zeuge sein von diesem Deinem erschrecklichsten Gerichte! Dein heiliger Wille geschehe!“ [HGt.03_354,06] Als der Mahal also sein Selbstgespräch beendet hatte, da kamen drei Flüchtlinge aus der Tiefe und suchten Schutz in dieser Grotte. Das war für den Mahal eine höchst erwünschte Erscheinung, daß er doch jemanden hatte, um sich ihm mitzuteilen in dieser seiner bedrängtesten Lage! [HGt.03_354,07] Er ging daher sogleich auf die drei Schutzsuchenden zu und bewillkommte sie und fragte sie, wer sie wären. [HGt.03_354,08] Und die drei sprachen: „Wir sind die drei größten Toren aus der Tiefe! Wir glaubten vor wenigen Tagen noch, die Herren von Hanoch und also auch von der ganzen Welt zu sein; aber nun hat uns der alte Gott gezeigt, daß nur Er allein der Herr ist! Wir flohen daher, von der schrecklichsten Wassernot getrieben, hierher und sind auch schon vielleicht die einzigen Lebendigen aus Hanoch; denn da ist alles schon viele Klafter tief unter Wasser und Schlamm! – Unsere Namen sind: Gurat, Fungar-Hellan und Drohuit!“ [HGt.03_354,09] Hier schrie der Mahal auf und sprach: „O Herr, welch eine wunderbare Fügung! Deine größten Feinde hast Du hierher geführt und hast sie wie in meine Hand gegeben! [HGt.03_354,10] Wisset, wer ich bin?! – Sehet, ich bin Mahal, der ich gar oft zu euch von diesem Gerichte geredet habe! Aber eure Ohren waren verstopft! Nun ist es vor euren Augen euer eigenhändig Werk, das schrecklichste Gericht Gottes! Was saget ihr nun dazu? Wo ist nun eure Macht und Herrlichkeit?!“ [HGt.03_354,11] Hier erschraken die drei und wollten wieder fliehen aus der Grotte; aber im Augenblicke trat der Herr in die Grotte und ließ Sich sogleich erkennen von all den vieren. [HGt.03_354,12] Was weiter, – in der Folge! 355. Kapitel — Mahals demütiges Sündenbekenntnis vor dem Herrn. Des heili gen Vaters Zeugnis von Seiner Liebe und Erbarmung. Das Ge richt der Sündflut als eigene Schöpfung der törichten Menschen. Satans Berufung durch den Herrn. Die Höllenfahrt Gurats, Fun gar-Hellans und Drohuits. Der Herr führt Mahal zur Arche[HGt.03_355,01] Mahal aber, als er den Herrn ersah, ging hin vor Ihn, fiel als ein reuiger Büßer nieder auf sein Angesicht und sprach: [HGt.03_355,02] „O Herr Himmels und der Erde, allmächtiger Gott, mein heiliger, liebevollster Vater! Ich habe mich schwer versündigt an Deinem Herzen in diesen meinen letzten Tagen; ja, an Deinem allerheiligsten Herzen, welches von der endlosesten ewigen Vaterliebe erfüllt ist, habe ich mich schwer versündigt! O Du heiliger Vater, Du ewige Liebe, – werde ich, ein elender Wurm des Staubes, des Nichts, wohl je wieder Erbarmung und Gnade finden vor Deinem allerheiligsten Angesichte?“ [HGt.03_355,03] Der Herr aber sprach: „Mahal, Mein Sohn, der du verloren warst und dich nun wieder finden und von Mir ergreifen hast lassen, stehe auf! Denn Ich, dein ewiger, heiliger Vater, sage es dir: Vor Meiner ewigen und unendlichen Liebe ist niemand so weit gefallen von Mir, daß Ich ihn nicht annehmen möchte, so er käme zu Mir in der reuigen Erkenntnis seiner Sünde! [HGt.03_355,04] Aber wer da nicht kommt, der hat sich sein Urteil selbst an seine Stirne geschrieben; denn Ich hebe niemanden wider seinen freien, von Mir ihm eingehauchten Willen und ziehe niemanden wider solchen Willen! [HGt.03_355,05] Alles aber, was Ich, der Allmächtige, tue, ist, daß Ich Meine Kinder rufe, zu Mir zu kommen, als ein allein ewiger, wahrer Vater! Wohl denen, die den Ruf nicht überhören und so sie ihn hören, sich darnach kehren! [HGt.03_355,06] Also habe Ich bis jetzt bei zweitausend Jahre lang Meine Kinder gerufen, gelehrt und gewarnt; aber sie wollten sich solche Meine liebgerechte Warnung nimmer gefallen lassen, sondern legten ihr Ohr und Herz nur an den alten Lügenmund des Satans, und dieser hat ihnen die Wege zum Verderben gezeigt. Und sie wandelten so lange unermüdet auf diesen Wegen, bis sie sich darauf das erbeuteten, was nun über sie und über diesen ganzen Erdkreis gekommen! [HGt.03_355,07] Nicht Ich rief dieses Gericht über die Erde und bin nicht dessen Schöpfer, – sondern hier diese drei sind es! Diese wollten die Erde zerstören, und da ist nun ihr Werk vor ihren Augen! [HGt.03_355,08] Diese haben tollkühn aus Zorn gegen Mich, ihren Schöpfer, in die Erde gestochen, und der Satan führte sie geraden Weges auf jene Punkte der Erde, wo ihre Pulse am seichtesten liegen. Da rissen sie mit ihrer Beize und mit ihren Körnern aus der Hölle die feste Haut von den Adern der Erde, und die mächtigsten Dämpfe und Ströme fingen an emporzubrechen, genötigt von der Schwere der Oberhaut der Erde. Und diese alles verheerende und tötende Flut über diesen ihren Erdkreis ist nun die Frucht ihres Eifers für die Hölle!“ [HGt.03_355,09] Bei diesen Worten fingen die drei ganz gewaltig an zu beben; denn sie merkten es wohl, daß ihr Frevel Millionen den Tod gebracht habe, und wie sie die fast alleinigen Schuldträger dieses Gerichtes wären. [HGt.03_355,10] Der Herr aber berief hier den Satan; und als dieser, vom Grimme entbrannt im Augenblicke dastand, da sprach der Herr zu ihm: „Elender Versucher Meiner Langmut, Liebe und Geduld! Siehe, hier stehen deine drei getreuesten Knechte; sie haben deinen Plan meisterhaft vollbracht! Welchen Lohn wirst du ihnen darum nun geben?“ [HGt.03_355,11] Und der Satan sprach: „Hatten sie nicht auf der Erde alles, wonach ihr Herz dürstete?! Welchen Lohn sollen sie dann fürder noch haben wollen?! – Der Tod sei ihr Los!“ [HGt.03_355,12] Hier sprach der Herr: „Habt ihr es nun vernommen, wie euer Meister seine Knechte lohnt? Seid ihr zufrieden damit?“ [HGt.03_355,13] Hier fingen die drei zu heulen an vor Furcht und Angst und baten den Herrn um Hilfe. [HGt.03_355,14] Der Herr aber sprach: „Das tut nun die Angst in euch, und ihr habt keine Reue! Daher weichet von Mir, Satans Diener, und büßet mit ihm in seinem Feuer euren Frevel!“ [HGt.03_355,15] Hier fuhr ein mächtiger Blitz durch die Grotte und tötete die drei, und des Herrn Macht trieb dann die vier Geister zur Hölle. [HGt.03_355,16] Mahal aber klammerte sich an den Herrn; der aber führte ihn alsbald aus der Grotte hin zur Arche. [HGt.03_355,17] Was weiter, – in der Folge! 356. Kapitel — Des Herrn heilsame Rede an den frierenden und angstbeklomme nen Mahal. Mahals Gesundung in der neuentfachten Liebe zum heiligen Vater. Mahals Erlösung und Verklärung als Engel des Lichts[HGt.03_356,01] Bei der Arche angelangt, bat der Mahal den Herrn um den Tod des Leibes, da er es nimmer ertragen möge, den so mächtigen Regen über seinen schwachen Leib sich ergießen zu fühlen und durch die große Kälte in allen seinen Fasern gefiebert zu werden. [HGt.03_356,02] Der Herr aber sprach: „Mahal, wie magst du über den Regen und über die Kälte dich beklagen in solcher Meiner außerordentlichen Nähe?! Bin es nicht Ich, der dem Cherub seine Glut, dem Seraph seinen Glanz, und allen Sonnen Feuer, Licht und Wärme gab aus Mir?! [HGt.03_356,03] Meinst du, dieser Regen würde dich nässen und gefrieren machen deine Glieder, wenn du völlig bei Mir wärest in deinem Herzen?! [HGt.03_356,04] Oh, mitnichten! Ich sage dir: Jeder Tropfen, der da auf dein Haupt fällt, würde dir also eine Labung sein, wie er es der müden und nun halb getöteten Erde ist, über die eben diese Flut kommen mußte, auf daß sie ja nicht sterbe und vergehe unter dem Frevel der Menschen! [HGt.03_356,05] Diese Fluten werden die Wunden der Erde wieder heilen und vernarben, und sie wird sich wieder erholen und wird genesen und wird wieder den Menschen und Tieren zur Wohnstätte dienen! [HGt.03_356,06] Also aber soll es auch mit dir der Fall sein! Auch über dich muß vorher durch die große Tätigkeit deiner Liebe und daraus hervorgehenden Reue eine Flut kommen; diese wird dich heilen und erwärmen zum ewigen Leben aus Mir in deinem Geiste! [HGt.03_356,07] Wie deine Liebe, so dein Geist! Ist deine Liebe lebendig in Mir, so wird auch dein Geist lebendig sein aus Mir; und das ist diejenige wahre Wärme, die nimmer erkältet werden kann durch alle Kälte, die der Tod in der ganzen Unendlichkeit ausgestreut hat durch die Macht der Lüge in ihm!“ [HGt.03_356,08] Hier erbrannte Mahal und sprach aus der neu angefachten Glut seines Herzens: „O Du überheiliger, der allerhöchsten Liebe vollster Vater! Wie endlos gut mußt Du doch sein in Deinem Wesen, daß Du mit mir, einem nichtigsten Sünder, also liebevollst Dich abgeben kannst, als hättest Du sonst kein Wesen mehr in der ganzen Unendlichkeit! [HGt.03_356,09] O wie unbegreiflich reut es mich nun, daß ich Dich je also sehr habe verkennen können und habe allerundankbarst mit Dir, o Du heilige, ewige Liebe, hadern mögen, wie ein loser Bube mit seinesgleichen! – O Vater, Du heilige, ewige Liebe, ist es wohl möglich noch, daß Du mir vergäbest solchen Frevel?“ [HGt.03_356,10] Hier rührte der Herr den Mahal mit einem Finger an, und im Augenblicke sank der sterbliche Leib in Staub und Asche zusammen; aber der verklärte Geist Mahals stand als ein leuchtender Seraph neben dem Herrn und lobte und pries mit unsterblichen Lippen die ewige Liebe des Vaters, die noch im Gerichte von gleicher endlosester Fülle ist, wie im Frieden der ewigen Ordnung. 357. Kapitel — Der Engel Mahal als Schutzgeist der Arche. Das Ansteigen der Flut. Mittelasien als Hauptort der Flut. Der Aralsee und das Kas pische Meer als Uberbleibsel der Flut und als Grab der Riesen- stadt Hanoch[HGt.03_357,01] Als aber der Herr den Mahal erlöst hatte von seinem Leibe, da hatte die Sündflut schon sieben Tage gedauert, und das Wasser stieg mit solcher Raschheit, daß es in der Zeit von sieben Tagen nämlich schon die Stelle erreicht hatte, wo Mahal mit dem Herrn bei der Arche stand; und so war auch die Voraussage des Herrn am Mahal erfüllt, nach der er nicht eher seines Leibes ledig werden solle, als bis das Wasser seine Füße werde erreicht haben. [HGt.03_357,02] Als aber der erlöste Mahal dem Herrn die Ehre gegeben hatte, da sprach der Herr zu ihm: „Da du nun erlöst bist, so bestehe nun dein erster Engelsdienst darin, daß du diese kleine Welt leitest über die Fluten und sie nicht verlässest eher, als bis sich alle Flut wieder legen wird und Ich kommen und über die neue Erde spannen werde den Bogen des Friedens! – Von da an erst wird dir ein anderer Dienst werden! Mein Wille sei ewig deine Kraft!“ [HGt.03_357,03] Darauf verschwand der Herr in Seiner außerordentlichen Persönlichkeit, und Mahal sah gleich den anderen Engelsgeistern dann nur die Sonne der Himmel, in der der Herr im unzugänglichen Lichte wohnt von Ewigkeit zu Ewigkeit. [HGt.03_357,04] Und also leitete der Mahal die Arche nach dem Willen des Herrn getreu. [HGt.03_357,05] Das Wasser aber stieg auf der Erde so sehr, daß es am siebenten Tage von der Erlösezeit Mahals an schon den Kasten hob und ihn zu tragen anfing. Da leitete dann Mahal den Kasten, auf daß er nicht wankete nach dem Schwunge der Wogen, sondern also ruhig dahinschwamm, wie da schwimmt ein Schwan auf dem ruhigsten wellenlosen Spiegel eines Sees. [HGt.03_357,06] Um sieben Tage später überflutete das Wasser schon die höchsten Berge dieses Erdkreises bis zum allerhöchsten Himalajagebirge, das da das Land der Sihiniten von dem ganzen andern Asien trennte. [HGt.03_357,07] Und dieses Gebirge allein ragte fünfzehn Ellen aus dem höchsten Wasserstande empor; alle anderen höchsten Berge aber waren wenigstens so tief unter dem Wasser. Natürlich waren nach dem verschiedenen Höhenverhältnisse manche niedere Berge wohl auch mehrere Hunderte von Klaftern unter dem Wasser. [HGt.03_357,08] Wie aber und wohin ergoß sich das Gewässer der Sündflut? – Der Hauptteil war das Mittelasien, allwo noch heute der Aralsee und das Kaspische Meer die Überbleibsel von der denkwürdigsten Art sind; denn wo nun das Kaspische Meer ist, da stand einst das übergroße und stolze Hanoch, und es ließen sich noch heutzutage Überreste von dieser Stadt finden, – aber freilich in einer Tiefe von mehr als tausend Klaftern. [HGt.03_357,09] Und an der Stelle des Aralsees stand einst jener See mit seinen Umgebungen und mit seiner Wassergottsinsel, den wir auch sehr wohl kennen; ebenso sind auch der Baikal- oder nun Balkaschsee und Tsanysee ähnliche, die sündigen Reste der Vorsündflutzeit in sich bergende Denkmäler. [HGt.03_357,10] Von diesen Hauptpunkten ergoß sich das Gewässer reichlichst nach Siberien, wie auch nach Europa, das aber damals noch nicht bewohnt war. Ein Teil brach gegen Süden nach dem heutigen Ostindien und am stärksten über Arabien; auch das nördliche Afrika wurde stark mitgenommen bis zum Hochlande, von wo ab dies Land dann nur kleine Überströmungen erlitt. Amerika ward nur von Siberien aus im Norden etwas mitgenommen; der Süden aber blieb ganz frei also, wie die meisten Inseln des großen Meeres. [HGt.03_357,11] Nächstens mehreres darüber. 358. Kapitel — Näheres über die große Flut. Hinweise zum Verständnis dies bezüglicher Schrifttexte. Die Ortlichkeit der Flut[HGt.03_358,01] Warum ward denn hier gesagt, die Flut ergoß sich dahin und dorthin? Regnete es denn nicht auf der ganzen Erde? Und war die Flut nicht überall von gleicher Stärke? [HGt.03_358,02] Da sage Ich: Die Flut ergoß sich dahin und dorthin, weil es nicht über die ganze Erde geregnet hatte und daher die Flut auch nicht von gleicher Stärke sein konnte, – und das darum, weil es nicht überall regnen konnte und die Flut auch nicht überall vonnöten war. [HGt.03_358,03] Hätte es wohl in den überkalten Polargegenden regnen können, wo sogar die Luft gefriert?! Und wozu wäre der vierzigtägige Regen in jenen Gegenden gut gewesen, wo noch kein Mensch wohnte und auch wenig oder gar kein Getier?! Oder was hätte der Regen über dem Weltmeere bewirken sollen? Etwa die Fische ersäufen? Und endlich, wenn das natürliche Flutgewässer auf der ganzen Erde über jedem Punkte gleich eine Höhe von dreitausend Klaftern erreicht hätte, wohin hätte es dann wohl abfließen und sich verlaufen sollen?! [HGt.03_358,04] Man könnte wohl sagen: Es hat sich verdunstet zum Teile und ist zum Teile von der Erde eingesogen worden! [HGt.03_358,05] Wenn das aber zur Verminderung solch eines Gewässers genügte im Verlaufe von einem Jahre, da wäre das Weltmeer schon lange bis auf den letzten Tropfen von der Erde verschwunden, da es doch nicht einmal den zehntausendsten Teil jener Wassermasse ausmacht, so die ganze Erde eine Wassererhöhung von beinahe viertausend Klaftern erhielte! [HGt.03_358,06] Zudem geht durch das Verdunsten nichts verloren; denn das verdunstete Wasser sammelt sich ja wieder in den Wolken und fällt allzeit wieder in einem gleichen Quantum zur Erde zurück. Der gleiche Fall ist es aber auch mit dem eingesogenen Wasser in die Poren der Erde; es sammelt sich da das eingesogene Wasser in den gewissen Behältern und tritt dann teils durch Nebel und teils durch periodische Quellen auf die Erdoberfläche. [HGt.03_358,07] Aus diesem Grunde stünde dann eine solche allenthalben gleich hohe Flut Noahs noch heutzutage in derselben Höhe, als wie da das gesamte Meer noch bis zur Stunde mit wenigen örtlichen Variationen dasselbe ist, wie es zu Adams Zeiten war. [HGt.03_358,08] Darum war die Flut wohl nur dort in ihrem verderblichen Auftritte, wo die arge Menschheit zu Hause war, und bedeckte da besonders Mittelasien wohl auf eine Höhe von viertausend Klaftern über dem Meeresspiegel, von wo aus sie sich dann wohl sehr weit und breit hin nach allen Seiten ergoß! [HGt.03_358,09] Wenn es aber in der Schrift auch heißt: „Über alle Berge der Erde, und außer, was die Arche trug, blieb nichts Lebendiges auf dem Erdboden!“, – so muß das nicht wörtlich auf die Naturerde selbst bezogen werden; denn unter ,Berge‘ wird nur der Hochmut und die Herrschsucht verstanden von Seite der Menschen. Und daß auf der Erde kein Leben übrigblieb, außer in der Arche, besagt, daß Noah allein ein geistiges Leben in Gott und aus Gott getreuest behielt. [HGt.03_358,10] Wer das wohl beachtet, der wird es wohl einsehen, daß die Flut Noahs wohl eine großörtliche, aber deswegen dennoch keine völlig allgemeine war, – und das darum, weil nur in Mittelasien die Menschen durch Tollkühnheit dazu selbst die Hauptveranlassung waren, was in den anderen Weltteilen nicht der traurige Fall war. [HGt.03_358,11] Was weiter, – in der Folge! 359. Kapitel — Weiteres über die Sündflut[HGt.03_359,01] Es bezeichnet aber schon das Wort ,Flut‘ ein Sich-Ergießen des Gewässers über die Erde, von Hanoch aus, und durchaus kein allgemeines Standgewässer über die ganze Erde. [HGt.03_359,02] Hanoch selbst bedeckte mit seinen weitgedehnten Umgebungen einen Bezirk und einen engbewohnten Flächenraum von beinahe achttausend Quadratmeilen, also ein Land für sich, das da sehr geeignet und groß genug gewesen wäre, in der jetzigen Zeit ein bedeutendes Königreich zu sein. Dazu herrschte es mit geringer Ausnahme über ganz Asien und trieb allenthalben sein Unwesen. [HGt.03_359,03] Nun lassen wir über diesen übergroßen Raum einen über dreitausend Klafter hohen Wasserhaufen kommen, und es wird sich zeigen, wie weit dann die Überflutung reichen kann, – und besonders, wenn man erwiesenermaßen annehmen kann, daß Mittelasien der Erde höchstes Land war und zum größten Teile gegen Südosten es noch gegenwärtig ist. [HGt.03_359,04] Man könnte hier freilich einwenden und sagen: „Gut, wenn die Flut Noahs nur ein großörtliches Hochgewässer war, wie konnte es dann da natürlicherweise eine so schauderhafte Höhe erreichen, ohne vorher nach allen Seiten sich in hundert Meilen breiten Strömen abfließend zu ergießen?“ [HGt.03_359,05] Auf diese fragliche Einwendung diene folgende Berichtigung: Fürs erste war der vierzigtägige Regen wohl über ganz Asien, einen großen Teil von Europa, wie auch Nordafrika verbreitet und verursachte schon für sich große Tälerüberschwemmungen; aber da in diesen Fremdlanden die unterirdischen Gewässer nicht dazukamen, so konnte die Überschwemmung oder die Flut keine solche Höhe erreichen wie eben in Asien, wo der Austritt der unterirdischen Gewässer den Hauptausschlag gab. [HGt.03_359,06] Wenn aber jemand ganz sicher annehmen kann, daß fürs zweite in Asien zu dem stärksten Regen mehrere Hunderttausende von den gewaltigsten Springquellen kamen, von denen die kleinste in einer Minute zehn Millionen Kubikfuß Wassers auf die Oberfläche der Erde lieferte, so wird es wohl begreiflich, wie die Flut Noahs über Asien eine solche Höhe hatte erreichen können trotz des allseitigen und gleichzeitigen mächtigsten Abflusses. [HGt.03_359,07] Von da aus konnte sie sich dann ja wohl in alle Weltgegenden mit der furchtbarsten Gewalt ergießen und jene diluvianischen Gebilde zuwege bringen, die noch die Gegenwart allerorts reichlichst aufweist, die aber jedoch nicht zu verwechseln sind mit jenen, welche von den periodischen Meereswechselungen herrühren. [HGt.03_359,08] Die Hauptspuren der Noachischen Flut sind das vielfach vorkommende, auf ziemlichen Höhen rastende Stromgerölle, die hier und da vorkommenden versteinerten Knochen vornoachischer Tiere, wie auch die häufig vorkommenden Braunkohlenlager, dann auch die sichtlichen Abspülungen der Berge, daß sie nun ganz nackt dastehen. Alle anderen Gebilde gehören entweder den Meereswanderungen oder großen örtlichen Feuereruptionen an. [HGt.03_359,09] Also wäre nun das Wesen der Noachischen Flut auch physisch dargetan, und so wollen wir nun zur Dauer und zum Ende derselben übergehen. 360. Kapitel — Dauer und Verlauf der Flut. Die Arche auf dem Ararat. Die Tau be mit dem Ölbiatt. Die Öffnung des Daches der Arche am Neujahrstag. Noahs Auszug aus der Arche[HGt.03_360,01] Wie lange hat denn die ungeminderte gleich hohe Flut auf Erden gedauert? [HGt.03_360,02] Die gleich hohe, also höchste Flut dauerte einhundertfünfzig volle Tage. [HGt.03_360,03] Wie war denn das möglich, da es der ersten Angabe nach nur vierzig Tage geregnet hatte? [HGt.03_360,04] Der Stromregen hatte nach vierzig Tagen wohl aufgehört, aber der stets mächtiger werdende von unten herauf dauerte einhundertfünfzig Tage und erhielt die fortwährende gleiche Wasserhöhe. [HGt.03_360,05] Erst am hundertfünfzigsten Tage wandte der Herr wieder Sein Gesicht zur Erde, und die Brunnen der Tiefe wurden verstopft und die Wasserschläuche des Äthers vollkommen zugebunden; denn bis zum hundertfünfzigsten Tage hatte es immer ortsweise geregnet, wie nun bei Ungewittern ein Platzregen fällt auf die Erde. [HGt.03_360,06] Nach dieser Zeit erst fing das Wasser an sich zu verlaufen, und am siebzehnten Tage des siebenten Monats (17. Juli) fand die Arche Grund und saß auf der sehr geräumigen Spitze des Berges Ararat nieder, vom Geiste Mahals durch die Kraft des Herrn dahin geleitet. [HGt.03_360,07] Das Wasser aber nahm dann sichtlich ab bis auf den zehnten Monat (Oktober), und aller Berge Wesen, selbst der kaum siebzig Klafter hohen, war von der Zeit an außer Wasser, das nunmehr nur noch die Täler und niedereren Hügel bedeckte. [HGt.03_360,08] Um vierzig Tage später, also am 10. November, öffnete Noah zum ersten Male das Fenster am Dache der Arche und ließ einen Raben ausfliegen. Dieser fand aber schon sein Land, flog von einem Orte zum andern und kam nicht wieder in die Arche zurück. [HGt.03_360,09] Da aber der Rabe nicht wiederkam, da ließ Noah alsbald eine Taube ausfliegen, auf daß er erführe, ob das Wasser auf der Erde gefallen sei. [HGt.03_360,10] Die Taube aber, da noch alles kahl und feucht war und in den Tälern noch gewaltige Wasserströme abfließend tobten und sie für ihren Fuß keinen Platz fand, kam wieder zurück und setzte sich auf die durchs Fenster ausgestreckte Hand Noahs, und dieser nahm sie wieder in den Kasten. [HGt.03_360,11] Von da harrte Noah noch sieben Tage und ließ am achten Tage wieder eine Taube ausfliegen; diese kam erst am Abende zurück und brachte in ihrem Munde ein abgepflücktes Blättchen eines Ölbaumes; und das war dem Noah ein Zeichen, daß das Gewässer gefallen war auf der Erde. [HGt.03_360,12] Denn also nur durfte er es erfahren, da es ihm der Herr also angeraten hatte geheim in seinem Herzen. [HGt.03_360,13] Nach abermals sieben Tagen ließ Noah wieder eine Taube ausfliegen; diese aber kam nicht wieder, da sie schon Nahrung auf dem trockenen und neu bewachsenen Erdboden fand. [HGt.03_360,14] Aber Noah harrte von da an noch bis auf den ersten Monat des neuen Jahres, da er sich im 601. Jahre seines Alters befand. [HGt.03_360,15] Da war das Gewässer bis auf den Normalstand auf der Erde zum größten Teile abgelaufen in die großen Meere, und die Erde ward trocken durch ein fortwährendes Wehen der warmen Mittagswinde. [HGt.03_360,16] Da griff Noah mit seinen Söhnen am 1. Jänner zu, und schlug das Dach von dem Kasten, und sah dann zum ersten Male auf die erneute Erde vom hohen Ararat herab, und ersah kein Wasser mehr und die Erde völlig trocken. [HGt.03_360,17] Er aber harrte dennoch bis zum 27. Februar auf des Herrn Wort. [HGt.03_360,18] Da kam der Herr zu Noah, und behieß ihn, wie im ersten Buch Mosis, Kapitel 8, beschrieben steht, aus der Arche zu ziehen. [HGt.03_360,19] Und Noah öffnete alsbald das große Tor, und alles flog, ging und kroch aus dem Kasten und suchte sich Wohnungen auf der erneuten Erde; und der Herr sorgte, daß alles alsbald wieder seine Nahrung fand. [HGt.03_360,20] Und so hatte Noah ein Jahr und zehn Tage mit den Seinen in der Arche verlebt. [HGt.03_360,21] Was weiter, – in der Folge! 361. Kapitel — Noahs Dankopfer und des Herrn Segen[HGt.03_361,01] Als aber Noah und alles, was da Leben hatte, aus dem Kasten gegangen war, da errichtete Noah mit seinen Söhnen einen Altar aus glatten Steinen, ließ hinzutragen das Holz des abgeworfenen Daches der Arche, schlachtete von allen reinen Tieren ein männliches Stück und zündete dem Herrn ein großes Brandopfer an und lobte und pries mit seinem ganzen Hause Gott den Herrn über und über. [HGt.03_361,02] Der Herr roch den lieblichen Geruch des Opfers, der da war die Liebe Noahs und der Seinen zu Gott, und sprach darum auch aus und in Seinem Herzen zu Noah: „Ich werde hinfort die Erde nicht mehr verfluchen der Menschen wegen; denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend an! Und so will Ich hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie Ich es nun getan habe; und so lange die Erde Erde sein wird, soll nicht aufhören Same und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter und Tag und Nacht!“ [HGt.03_361,03] Darauf legte der Herr Seine rechte Hand auf das Haupt Noahs und segnete ihn und somit sein ganzes Haus. [HGt.03_361,04] Und als der Herr den Noah also gesegnet hatte, da sprach Er abermals zu ihm: „Seid fruchtbar und mehret euch, und erfüllet die ganze Erde sowohl mit eurem Geschlechte, wie mit eurem Geiste! [HGt.03_361,05] Euer Wesen sei zur Furcht und zum Schrecken über alle Tiere der Erde, über alle Vögel unter dem Himmel und über alles, was da kriecht auf dem Erdboden; und also seien auch alle Fische in eure Hände gegeben. [HGt.03_361,06] Alles, was sich regt und lebt auf der Erde, sei eure Speise; Ich gebe es euch, wie das grüne Kraut. Allein das Fleisch aber, das sich noch regt in seinem Blute, das esset nicht (denn das Blut trägt bei Tieren wie bei Menschen Meinen Zorn und Meine Rache); darum will Ich rächen alles Blut des Menschen, wie das Blut der Tiere! (Denn im Blute ist der Tod.) [HGt.03_361,07] Also will Ich auch eines jeglichen Menschen Leibesleben rächen des Menschen wegen! Darum bin Ich allein der Herr, und niemand soll des Menschen Blut vergießen! Wer es vergießen wird, des Blut soll auch vergossen werden! [HGt.03_361,08] Ich habe den Menschen nach Meinem Ebenmaße geschaffen. Aber aus seinem Blute kam die Sünde; darum ist auch der Tod im Blute; und Mein Zorn und Meine Rache kam in das Blut, und also soll alles Blut fortwährend durch des Leibes Tod gerächt werden! [HGt.03_361,09] Die Tiere habe Ich in deine Hand gelegt, auf daß des Menschen Seele vollkommen sei; aber der Mensch bleibt in Meiner Hand, auf daß sein Geist nicht verderbe. Seid darum fruchtbar, und mehret euch auf Erden! [HGt.03_361,10] Ich errichte mit euch einen Bund, und also auch mit allen euren Nachkommen! Und das tue Ich auch euretwegen mit allen Tieren bei euch; an allen Vögeln, an allem Vieh und an allen Tieren der Erde, und an allen den Tieren, die mit euch aus der Arche gegangen sind, soll dieser Bund ersichtlich sein, auf daß eure Seele vollkommen sei, daß Ich hinfort keine solche Flut mehr werde über die Erde kommen lassen! Denn die Erde ist nun gereinigt, das sündige Fleisch vertilgt! [HGt.03_361,11] Darum mehret euch auf der Erde von neuem; denn also habe Ich alles in eure Hände gelegt, auf daß eure Seele vollkommen bleibe, und euer Geist nimmer verderbe in Meiner Hand!“ [HGt.03_361,12] Die Fortsetzung der Rede des Herrn folgt. 362. Kapitel — Das sichtbare Zeichen des neuen Bundes. Das Land Eriwan. Das neue und doch alte Gebot der Liebe. Der Herr als Melchisedek. Kanaan und Salem[HGt.03_362,01] Und weiter redete der Herr mit Noah: „Siehe, also habe Ich nun mit euch einen Bund errichtet, nach dem hinfort keine solche Sündflut mehr soll über die Erde kommen und verderben alles Fleisch auf dem Erdboden! [HGt.03_362,02] Ich aber will dir auch ein sichtbares Zeichen geben zum steten Gedächtnisse dieses Meines mit euch gemachten Bundes! Das aber ist das Zeichen des Bundes, den Ich gemacht habe zwischen Mir und euch und allem lebendigen Getier bei euch, hinfort für ewiglich: [HGt.03_362,03] Meinen Bogen habe Ich gesetzt in die Wolken; der soll das Zeichen sein dieses Bundes zwischen Mir und der Erde; und wenn es sich fügen wird, daß Ich Wolken über die Erde führen werde, so soll man diesen Meinen Bogen erschauen in den Wolken! [HGt.03_362,04] Alsdann will Ich gedenken an diesen Meinen Bund zwischen Mir und euch und allem lebendigen Getiere in allerlei Fleische, auf daß hinfort nicht mehr eine Sündflut kommen solle und verderben alles Fleisch! [HGt.03_362,05] Darum soll Mein Bogen in den Wolken sein, daß Ich ihn ansehe und dann gedenke an diesen Meinen ewigen Bund zwischen Mir und aller Kreatur auf der Erde! [HGt.03_362,06] Und das sage Ich, dein Gott und Herr, zu dir, Noah: Das sei das wahrhaftige Zeichen des Bundes, den Ich nun aufgerichtet habe zwischen Mir und allem Fleische auf Erden!“ [HGt.03_362,07] Nach dieser Bundesrede führte der Herr den Noah in eine sehr fruchtbare Gegend, und zwar namentlich in dieselbe, die heutzutage Eriwan heißt. [HGt.03_362,08] Als Noah hier ankam, da verwunderte er sich, da er hier in einem mit allerlei schon vollreifen Früchten vollen Eden im dritten Monate des neuen Jahres sich befand. [HGt.03_362,09] Der Herr aber segnete dies herrliche Land drei Male und gab es vollends dem Noah und seinen Kindern zu eigen. [HGt.03_362,10] Und der Noah rühmte und pries Gott darum über und über und sprach zum Herrn: „O Herr, was verlangst Du von mir nun für einen Dienst, der da für ewig verbleiben soll bei allem Samen aus mir?“ [HGt.03_362,11] Und der Herr sprach: „Du weißt, was Ich geredet habe zu Henoch! Siehe, diese Ordnung sei stets die deine; und also bleibe du in ihr für und für! Denn Ich verlange ewig nichts anderes von den Menschen, als daß sie Mich über alles lieben sollen als ihren Gott, Herrn und Vater! Das verlangte Ich vom Henoch, und das verlange Ich auch von dir und von allem deinem Samen. [HGt.03_362,12] Ich aber will dir nun noch ein Ding offenbaren: Siehe, da es Mir nun wohlgefällt auf dieser Erde, so will Ich Mir als ein wahrer Fürst der Fürsten, Herr der Herren und König der Könige eine Wohnstätte errichten auf dieser Erde! Unweit von hier werde Ich Mir eine Stadt erbauen und werde wohnen in derselben bis zur großen Zeit der Zeiten, alswann Ich Selbst im Fleische wandeln werde unter Meinen rechten Kindern! [HGt.03_362,13] Also soll die Erde nun der Ort sein, auf dem Meine Füße ruhen und wandeln werden! [HGt.03_362,14] Wann Ich zu deinen Vätern kam, da ward Ich wieder unsichtbar; aber du sollst Mich nun auf Meinen Füßen über den Boden der Erde wie einen Menschen von dannen ziehen sehen gegen Abend hinauf in ein Land, das da Kanaan (gesegnetes Land) heißen soll! [HGt.03_362,15] Du wirst es erreichen in siebzehn Tagereisen! Allda werde Ich Mir eine Stadt erbauen; diese sollst du und alle deine Nachkommen ,Salem‘ heißen! Mein Name aber als des Fürsten der Fürsten, Herrn der Herren und Königs der Könige wird sein ,Melchisedek‘, ein Ältester (Priester) von Ewigkeit! [HGt.03_362,16] Du bist frei; aber deine Nachkommen werden Mir den zehnten Teil von allem geben müssen; die sich weigern werden, die sollen vertrieben sein aus Meiner Nähe! Amen.“ [HGt.03_362,17] Hier zog der Herr sichtbar gen Abend hinauf; Noah aber betete dem Herrn nach, solange er Ihn ersah. [HGt.03_362,18] Was weiter, – in der Folge! 363. Kapitel — Die Ansiedlung Noahs. Die Anweisung zum Acker- und Wein bau. Noahs Rausch aus Unkenntnis. Der Fluch über Kanaan und die Verstoßung des Ham und seiner Familie[HGt.03_363,01] Nach einiger Zeit sah sich Noah um in seiner Gegend, daß er ein gutstämmig Holz fände zum Bau einer Wohnhütte; aber es war wenig oder nichts zu finden, da die Flut alle Wälder entweder versandet hatte mehrere Klafter tief, oder hatte sie – besonders von den Bergen – ganz abgeschwemmt und in den Tälern unter Schlamm und Geröll begraben. [HGt.03_363,02] Daher bat Noah den Herrn, daß Er ihm ein Holz anzeigen möchte, daraus er sich eine Hütte erbauen könnte. [HGt.03_363,03] Und es kam alsbald ein Bote aus der Gegend, dahin der Herr gezogen war, und führte den Noah auf einen Ort hin, da sich ein schöner Wald befand, und sprach zu ihm: „Siehe, Noah, diesen Wald hat der Herr unter dem Wasser für dich bewahrt! Daher sollst du dich hier in der Nähe dieses Waldes ansiedeln und dir hier eine Hütte erbauen nach deiner Notdurft! Also sollst du auch Äcker anlegen und anbauen allerlei Getreide, das du in dem Kasten hierher gebracht hast! [HGt.03_363,04] Und siehe, hier zu deinen Füßen ein buschiges Gewächs; es ist der Weinstock! Dessen Zweige verpflanze ordnungsmäßig in die Erde; dünge und begrube sie sorglich, und sie werden dir gar süße Trauben voll des besten Saftes bringen! [HGt.03_363,05] Diese Trauben presse du dann aus in ein gutes Gefäß, das zu verschließen sein muß! Laß dann den Saft im Gefäße wohl ausgären; und wenn er rein wird, dann trinke davon mäßig, und du wirst dadurch gestärkt und sehr heiter und fröhlich werden! Also will es der Herr; tue darnach, und du wirst sehr fröhlich und heiter sein dein Leben lang!“ [HGt.03_363,06] Nach diesen Worten verließ der Bote den Noah, und der Noah setzte das alles alsbald ins Werk mit seinen Söhnen, die da hießen Sem, Ham und Japhet; und so hatte Noah in sieben Jahren nach der Flut eine gute und feste Wohnhütte und viele Äcker, Wiesen und einen recht schönen Weingarten, der aber erst in zehn Jahren nach dem Willen des Herrn Früchte zu tragen begann. [HGt.03_363,07] Da sammelte Noah die Trauben und preßte sie aus in ein tüchtiges Gefäß aus Zedernholz, ließ dann den Saft wohl ausgären, und als der Saft rein ward, da kostete er ihn und fand ihn überaus köstlich, daß er darum eine tüchtige Portion zu sich nahm. [HGt.03_363,08] Da er aber die Wirkung dieses Saftes nicht kannte, so geschah es, daß er davon auch einen tüchtigen Rausch bekam und in einen tiefen Schlaf verfiel. Da aber ihm der Wein sehr viel Hitze im Leibe erzeugte, so entkleidete er sich und lag ganz nackt auf dem grünen Rasen unter einem schattigen Feigenbaume, um den die ohnedachige Wohnung erbaut war. [HGt.03_363,09] Als nun Ham, Kanaans Vater (Kanaan ward im zweiten Jahre nach der Flut geboren), in die offene Hütte kam, von Kanaan geführt, und ersah Noahs Scham, da ging er zu den Brüdern und erzählte das ihnen draußen. [HGt.03_363,10] Sem und Japhet aber nahmen einen Mantel, legten ihn über ihre Schultern, gingen rücklings in die Hütte zum Vater Noah und deckten ihres Vaters Scham zu; ihr Gesicht aber war abgewandt also, daß sie ihres Vaters Scham nicht sahen. [HGt.03_363,11] Als aber Noah von der Weinbetäubung erwachte und dann erfuhr, was ihm der kleine Sohn Hams angetan hatte, da sprach er zum Ham: „Verflucht sei darum dein Sohn Kanaan; er bleibe durch alle Zeiten der Zeiten ein Knecht der Knechte und sei der Geringste unter den Brüdern, weil er dir zuerst meine Scham verriet!“ [HGt.03_363,12] Darauf wandte er sich zu den zwei anderen Söhnen und sprach: „Gelobt sei Gott, und Er breite aus das Geschlecht Sems! Kanaan bleibe sein Knecht! Also breite Gott auch Japhet aus und lasse ihn wohnen in den Hütten Sems; Kanaan aber bleibe sein Knecht!“ [HGt.03_363,13] Darauf segnete er Sem und Japhet; aber den Ham stieß er aus der Hütte samt Weib und Kindern. [HGt.03_363,14] Noch etwas Weiteres in der Folge! 364. Kapitel — Noahs Worte über die falsche Reue Harns. Die Wechselrede zwi schen den drei Söhnen Noahs. Hams edle Rache. Der Zehntbote des Herrn aus Salem[HGt.03_364,01] Da ersah darauf Ham wohl, daß er unrecht und sehr lieblos gehandelt hatte vor seinem Vater und bereute es sehr. [HGt.03_364,02] Das merkten die beiden gesegneten Brüder und gingen zum Noah und erzählten ihm, wie der Ham bereue seine Sünde an ihm. [HGt.03_364,03] Noah aber sprach: „Höret, ihr meine geliebten Söhne, ich sehe den Ham ja wohl weinen; aber er weint nicht meines Vaterherzens wegen, sondern ob seiner Knechtschaft wegen weint er! Also bereut er wohl seinen Frevel an mir, weil er dadurch in die Knechtschaft verfallen ist; aber darum, daß er meinem Vaterherzen wehe hatte getan, bereut er seine Sünde nicht! Und so bleibe er ein Knecht, weil er nicht weiß, daß das lebendige Herz seines Vaters höher steht denn seine Knechtschaft! Gehet und hinterbringet ihm solches!“ [HGt.03_364,04] Und Sem und Japhet hinterbrachten alsbald das dem Ham. [HGt.03_364,05] Dieser aber sprach: „Wahrlich, Brüder, hätte Noah ein lebendig Herz, nimmer hätte er mich verflucht zur ewigen Knechtschaft; aber da er kein lebendiges Vaterherz in seiner Brust trägt, so tat er dies!“ [HGt.03_364,06] Da sprach Sem: „Wahrlich, da tust du dem Vater hohes Unrecht; denn also spricht die Eigenliebe nur aus dir! Das Herz läßt sich nur wieder mit dem Herzen finden, ob es eines oder keines ist! [HGt.03_364,07] Hättest du ein Herz zum Vater, da würdest du auch das seine finden; aber da du eben kein Herz zum Vater hast, so kannst du auch keines finden im Vater, und es ist begreiflich nun, warum der Vater in dir nichts findet, das da seines Herzens wäre!“ [HGt.03_364,08] Diese Lehrrede aber verdroß den Ham, daß er darob Weib und Kinder nahm und etliche Kühe, Ochsen und Schafe und zog von dannen hinauf in die Gegend des heutigen Sidon und Tyrus und nannte das Land nach seinem Sohne und sprach da: [HGt.03_364,09] „Nun, in Namen des Herrn, der auch mich gesegnet hat, will ich doch sehen, wie, wo und wann ich ein Knecht meiner beiden Brüder werde! [HGt.03_364,10] Wahrlich, es tat mir weh der Fluch Noahs, meines Vaters, obschon ich ihn wohl verdient habe! Darum auch will ich mich rächen am Vater und an meinen Brüdern; aber nicht durch Übles – nein, das sei ferne! – sondern durch Segen will ich meine Rache ausüben! [HGt.03_364,11] Die mich verflucht haben, die will ich segnen; und dieser Segen soll zu Glühkohlen werden über ihren Häuptern und soll erbrennen machen ihre Herzen! Und so soll das Land meines Sohnes nie ein Land des Fluches und der Knechtschaft, sondern ein Land der Herrlichkeit und des Segens heißen! [HGt.03_364,12] Also soll mein Stamm nie dahin kommen, daß er Dienste suche in den Hütten meiner Brüder Nachkommen; wohl aber werden sie kommen und werden in diesem gesegneten Lande und da in meinen Städten Wohnung suchen und nehmen! Amen.“ [HGt.03_364,13] Da kam ein Bote aus Salem und sprach zum Ham: „Dies Land gehört nach Salem; wer es bewohnen will, muß nach Salem dem Könige der Könige den Zehent geben von allem!“ [HGt.03_364,14] Ham aber sprach: „Herr, hier ist alles, was ich habe; nimm es, denn es ist ja Dein von Ewigkeit!“ [HGt.03_364,15] Und der Bote sprach: „Weil so dein Wille, da sei gesegnet dies Land für die Kinder des Herrn; und du sollst ihr getreuer Knecht sein!“ [HGt.03_364,16] Dies gefiel dem Ham wohl, und er gab von allem sogleich den Zehnt; aber er verstand es nicht, daß der Bote die Nachkommen Japhets als die Kinder des Herrn bezeichnete. [HGt.03_364,17] Und so lebten die Hamiten und die Kanaaniter bis zu den Zeiten Abrahams ungestört in diesem Lande darum, da Ham gesegnet hatte, die ihm den Fluch gegeben hatten. [HGt.03_364,18] Noch etwas Weniges in der Folge! 365. Kapitel — Schluß. Kurze Geschichte der Familie Noahs bis zu Abraham. Winke über den Hauptzweck dieses Werkes[HGt.03_365,01] Hams Kinder aber vermehrten sich noch zu den Lebzeiten Noahs sehr; denn Noah lebte noch nach der Sündflut dreihundertfünfzig Jahre, und es war sein ganzes Alter neunhundertfünfzig Jahre. [HGt.03_365,02] Ham hatte einen Sohn, der da Chus hieß, und dieser zeugte schon den mächtigen Jäger Nimrod, der die Stadt Babel gründete. Dieser war ein Riese und maß zwölf Schuhe und war der größte unter den Kindern des Chus, die alle von riesenhafter Größe waren. [HGt.03_365,03] Da aber Nimrod sehr mächtig ward vor den Menschen und war aber dennoch sehr fromm, daß man ihn den Jäger Gottes nannte, da dachte der noch lange gut lebende Ham: „Wer wohl werden die Kinder Gottes anders sein als die Kinder des Chus, und Kanaan wird ihnen dienen?!“ [HGt.03_365,04] Da kam wieder ein Bote aus Salem zum Ham und sprach zu ihm: „Warum wirst du eitel ob Nimrod? Siehe, nicht mit dir, sondern mit Sem und Japhet will der Herr Seine Kinder zeugen, und sie sollen kommen aus dem Stamme Sem und aus den Töchtern Japhets! Darum werden die Kinder Gottes sein vom Sem und werden kommen aus Japhet!“ [HGt.03_365,05] Als Ham das vernahm, da ward er betrübt; denn er ersah nun die Wirkung des Fluches Noahs über ihn. [HGt.03_365,06] Der Bote aber sprach zum Ham: „Der Herr von Salem ist nicht wie ein Mensch, daß Er jemanden alsbald verfluchete; also kommen nicht etwa des Fluches wegen die Kinder Gottes nicht von dir, sondern allein der göttlichen Ordnung wegen! [HGt.03_365,07] Denn wärest du auch nicht vom Noah im Kanaan verflucht worden, so würden dennoch die Kinder Gottes durch dich nicht in die Welt treten, weil du nicht der Erstgeborene bist! Sem aber ist der Erstgeborene, und Japhet der Jüngstgeborene vor der Flut; daher bleibt die Herrlichkeit beim Sem, und Japhet als der Jüngste gibt die Töchter. [HGt.03_365,08] Du aber bist aller Knecht nach der Ordnung des Herrn; und also bist du auch darum dem Herrn näher als deine Brüder! Und darum zeichnet der Herr auch deinen Stamm aus an Kraft, Zahl, Weisheit und männlichster Gediegenheit und läßt dich zuerst wohnen in dem Lande, in das Er erst spät Seine Kinder führen wird! [HGt.03_365,09] Glaube aber du ja nicht, daß da alle Nachkommen Sems und Japhets Kinder Gottes genannt werden; oh, mitnichten! Siehe, ich habe das Stammregister Sems; das will ich dir enthüllen, und du wirst am Ende ersehen, wann da und durch wen die Kinder Gottes erst wunderbar in die Welt kommen werden! Und so höre! [HGt.03_365,10] Sem hat gezeugt zwei Jahre nach der Sündflut den Arphachsad, wie du den Kanaan; du hast aber schon gleich im ersten Jahre gezeugt die Zwillinge Chus und Mizraim und im zweiten Jahre den Puth und Kanaan und dich wollen hervortun vor deinen Brüdern. [HGt.03_365,11] Und siehe, das war nicht vollkommen vor dem Herrn! Daher wandte Sich der Herr zu Sem und Japhet, weil sie die Letzten waren, und gab dem Sem den Arphachsad erst mit deinem vierten Sohne und segnete ihn schon im Mutterleibe! [HGt.03_365,12] Dem Arphachsad gab Er den Salah; dem Salah den Eber; dem Eber den Pelek; dem Pelek den Regu, der heute geboren ward; dem Regu aber wird Er geben den Serug; diesem wird Er geben den Nahor; diesem den Tarah; aus dem erst werden der Abraham und seine Brüder Nahor und Haran hervorgehen! [HGt.03_365,13] Und siehe, Abraham erst wird zum eigentlichen Vater der Kinder Gottes berufen werden! [HGt.03_365,14] Es wirst aber du noch, wie Noah, selbst sehen den Abraham, und es werden ihn segnen vom Noah an alle lebenden Geschlechter, und du wirst ihm deinen Segen nicht vorenthalten! [HGt.03_365,15] Bisher sind 131 Jahre nach der Sündflut verflossen, und Abraham wird im 229. Jahre nach der Flut geboren werden; also wirst du samt Noah, der von nun an noch 219 Jahre und im ganzen nach der Flut 350 Jahre zu leben hat, den Vater der Kinder Gottes noch gar wohl kennenlernen, indem du von jetzt an noch über 300 Jahre wirst zu leben haben! [HGt.03_365,16] Siehe, also hat es der Herr bestimmt, und das ist alles gut; darum laß dir das gefallen, so wirst du bei Gott den gleichen Anteil haben ewig! Amen.“ [HGt.03_365,17] Darauf verließ der Bote wieder den Ham, der zu Zidon lebte. (Sidon, heutzutage Saida.) Ham war mit diesem Bescheide zufrieden und ließ völlig fahren seine Selbstsucht ob der Mächtigkeit seiner Nachkommen. – [HGt.03_365,18] Und das war bis zum Abraham Meine Haushaltung, von der da im Anfange dieses Werkes Erwähnung und Bestimmung geschah! [HGt.03_365,19] Es wäre freilich wohl noch vieles von Noah bis Abraham zu zeigen; aber da davon Moses schon Ausführlicheres kundgibt und darnach ein jeder, der in der Entsprechungswissenschaft bewandert ist, jede Kleinigkeit finden kann, so sei damit dieses ohnehin sehr gedehnte Werk abgeschlossen! – [HGt.03_365,20] Wohl jedem, der das darinnen durchleuchtende Gesetz der Liebe wird zum Grunde seines Lebens machen; denn er wird dann darinnen auch das wahre, ewige Leben finden! [HGt.03_365,21] Wer es aber nur lesen wird wie ein anderes märchenhaftes Geschichtsbuch, der wird eine sehr magere Ernte bekommen für seinen Geist! [HGt.03_365,22] Wer aber dieses Werk höhnen und verfolgen wird, der wird dem sicheren zeitlichen und ewigen Tode nicht entgehen; denn Ich werde ihn ergreifen unversehens, wann er es am wenigsten erwarten wird! – [HGt.03_365,23] Von der Veröffentlichung dieses Werkes aber wird schon zur rechten Zeit Meine Weisung ergehen an den einen oder den andern von denen, die da gleich im Anfange damit beteiligt wurden zur Neubelebung ihres Geistes. [HGt.03_365,24] Also sei damit euch allen Meinen lieben Freunden und Kindern Mein reichster Segen, Meine Vaterliebe und Meine vollste Gnade geboten! Wandelt treu und unerschrocken auf diesen Wegen des Lebens, und Ich, euer aller Herr und Vater und Gott, werde euch führen an Meiner Hand in Mein Haus; und es soll niemandem ein Haar gekrümmt werden! [HGt.03_365,25] Amen, Amen, Amen. Ende dieses Werkes. Deo gratias! 366. Kapitel — Anhang — Die vornoachische Gestalt der Erde — 30. März 1864.[HGt.03_366,01] Damit ihr Gestalt und Beschaffenheit der Erde leichter begreifen und eurem Verständnisse näherführen könnet, so ist es vor allem notwendig, euch die damaligen Hauptgebirgszüge, sowohl Asiens, als Europas und Afrikas, wie in einem Bilde vor Augen zu stellen; denn von vielen, die in jener Zeit bestanden haben, ist in der Jetztzeit keine Spur mehr anzutreffen. Zum Teile sind sie bei Gelegenheit des Rücktrittes des Meeres abgeschwemmt und zerrissen worden, und ihre alten Verbindungsrücken liegen nun tief unter dem Stromgerölle der Täler begraben, und hie und da müssen sich die gegenwärtig bestehenden Ströme und Flüsse durch die von ihnen abgezwickten Gebirgsengpässe hindurchzwängen. Was aber die Hochgebirge betrifft, so sind sie – bis auf wenige – auch durch die Wirkung der verschiedenen Witterungen so von der früheren Gestalt verändert worden, daß sie ein Mensch, der nur vor tausend Jahren gelebt hat, nun nicht leichtlich wieder als dieselben erkennen würde, so er mit seinem damaligen Bewußtsein in eine Gegend versetzt würde, die er vor tausend Jahren als Mensch bewohnt hat. Man darf ja nur das Steingerölle eines nur ein paar Stunden breiten Stromtales ein wenig in Augenschein nehmen und die Masse betrachten, die im selben, bis zu einer Tiefe von vierhundert Klaftern, durch das Wasser aus der Gegend der Hochgebirge abgelöst in einem solchen Tale, von der Entstehung eines Stromes angefangen bis zu seiner Mündung in irgendein Meer, sich befindet, und man wird dann leicht begreifen können, daß die Berge vor kaum zwei- bis dreitausend Jahren eine ganz andere Gestalt hatten als jetzt. [HGt.03_366,02] Dieses voranzuschicken war notwendig, auf daß ihr die vornoachische Situation der Berge desto leichter verstehet. – [HGt.03_366,03] Wir fangen beim Norden Europas an und ziehen uns dann teilweise nach Asien hinüber, dann in die südlichen Teile Europas und am Ende Afrikas. [HGt.03_366,04] Von den Gebirgen, die sich nahezu mitten durch Schweden und Norwegen ziehen, ging da ein starker Gebirgszug im äußersten Norden bis an das Uralgebirge und verband sich mit demselben in stets steigender Richtung und hatte eine Fußbreite bis hundert, ja bis zweihundert deutsche Meilen. Dieser Gebirgszug verband sich aber auch mit den gegenwärtigen Gebirgen Dänemarks und von da weiter mit jenem Gebirgszuge, der heutigentags noch teilweise mehr oder weniger das westliche Flach-Europa von dem gebirgigen heutigen deutschen Europa bis in die Schweiz hin trennt, und es standen somit die Schweizer Gebirge im Verbande mit dem Ural und dieser durch Mittelasien hin mit dem hohen Tibet. Das war demnach ein ununterbrochener Gebirgskranz, dessen selbst niedere Teile noch immer eine Höhe zwischen fünf- bis sechstausend Fuß über die Fläche des Meeres darboten; nur waren sie nicht überall von einer gleichfesten Konsistenz und daher bei noch zu beschreibendem Fall der Mittelmeere, die mit dem Hauptmeere zu jener Zeit in keinem Verbande standen, durch die Flutung durchgebrochen und nach verschiedenen Richtungen hinweggeschwemmt worden. [HGt.03_366,05] Es gab in jener Zeit zwei Haupt- Mittelmeere. [HGt.03_366,06] Das nördliche bestand in jenem großen Becken, das, vom heutigen Schwarzen Meere ausgehend, sich zum Teil über das ganze europäische Rußland und alle konfinen Ebenländer mit der gegenwärtigen Ostsee verband und teilweise auch die Ebenen von der gegenwärtigen europäischen Türkei bis zum heutigen sogenannten Eisernen Tor hin, wie auch die Engpässe bis Belgrad und Semlin bei großen Stürmen mit seinen berghohen Wogen bespülte. Das war demnach das nördliche Mittelmeer. [HGt.03_366,07] Das zweite Mittelmeer, welches mit dem in keiner Verbindung stand und heutzutage noch den Namen ,Mittelländisches Meer‘ führt, dieses Meer stand ebensowenig wie vormals das ,Schwarze‘ mit irgendeinem Weltmeere im Verbande; aber seine Oberfläche war im ganzen nicht minder groß als die des vorbenannten ,Schwarzen‘ oder ,Nördlichen‘. In der Gegend des heutigen Fiume zieht sich ein breites und langes Tal in das Kroatien und von da weiter in verschiedenen Verzweigungen nach dem Flußbette der Save bis nach Krain und daselbst bis an jene Gegenden, wo dessen Hochgebirge anfangen. Auf der anderen Seite bedeckte es das gegenwärtige venetianische Königreich, sowie die Lombardei und so auch einige östliche Teile von Frankreich, zog sich in Afrika durch das Niltal bis zu den Katarakten hin und bedeckte auch die heutige große Sandwüste. [HGt.03_366,08] Denn von Asien herüber ging ein bedeutend hoher Gebirgszug, von dem heutzutage noch ganz bedeutende Spuren vorhanden sind. Dieser Gebirgszug zog sich vom nordöstlichen Teile von Afrika an bis ebenfalls an die hohen Katarakte hin, die weiterhin in Verbindung mit den heutigen Hochgebirgen Afrikas stehen. Die Straße von Gibraltar war ebenfalls im Verbande mit dem heutigen Spanien, und zwar durch einen ziemlich hohen Gebirgszug, und bildete somit das zweite Mittelmeer, welches an Flächenausdehnung dem Nordmittelmeere nichts nachgab; nur lag es im allgemeinen um viele Klafter tiefer als das nördliche Mittelmeer, von dem das Schwarze Meer heutzutage noch ein Überrest ist. [HGt.03_366,09] Nun gab es aber noch ein drittes Mittelmeer. Um dieses zu ermitteln, wo es sich befand, dürfet ihr nur einen Blick auf diejenigen Ebenen und Täler werfen, welche heutzutage von der Donau, Drau und Mur nebst ihren Nebenflüssen durchflossen werden. Dieses kleinere Mittelmeer war in jener Zeit freilich wohl niemandem bekannt, weil in solcher Vorzeit das heutige Europa noch von keinem menschlichen Wesen bewohnt worden war; wohl gab es eine Masse von allerlei Tieren, gewöhnlich von riesiger Gestalt, von denen man noch heutigentages in gewissen Gebirgshöhlen und aufgeschwemmten Sand- und Schotterbergen Überreste (im versteinerten Zustande) findet. [HGt.03_366,10] Ihr müßt euch aber nicht denken, daß dieses kleine Mittelmeer als für sich allein bestehend sich vorfand; denn es gab nach ihm besonders in Europa noch eine Menge bedeutend großer Seen, die mit diesem dritten Mittelmeere nur durch schon damals bestehende Abflüsse im Verbande standen. Das Krain, oder dessen Ebenen bis ins tiefe Oberkrain, war ein für sich abgeschlossener See, von dem der heutige sogenannte ,Laibacher Sumpf‘ ein Überbleibsel ist, der sich aber durch einen starken Abfluß bis in die Gegend des heutigen Rann mit dem zweiten Mittelmeere verband, welches die weiten Ebenen von Kroatien her bedeckte. [HGt.03_366,11] Ein mit dem dritten Mittelmeer verbundener Hauptteil war über das heutige Drautal bis in die Gegend der Herrschaft Fall sich erstreckend und dort weg – wo die Drau sich durch eine lange Reihe von Bergen bis in die Gegend des heutigen Eis den Weg bahnen mußte –, dort begann ein zweiter ziemlich bedeutender See, von dem der heutige sogenannte Werther-See ein Überbleibsel ist. Ein Teil dieses Sees aber zog sich nach dem Drautale bis weit über Villach hinaus fort, mit welchem noch viele kleinere Seen in Verbindung standen. So war das heutige Ennstal ebenfalls ein für sich bestehender See, der sich den Weg durch das heutzutage sogenannte G'säus bahnte und von da weiter, bis es einen bei weitem größeren See verband, welcher größere See nach dem Donautale aufwärts alle Flächen Bayerns und auch zum Teile des breiten Inntales in Tirol bedeckte. Die heutige Mur stand gleich wie die Donau mit dem dritten Mittelmeer in flacher Verbindung. Die Gegend des heutigen Wildons bis ins heutige Gösting nahm ein kleinerer See in Besitz, und hinter Gösting angefangen lag ein anderer, der Mursee, längs dem ganzen Murboden und dessen verflachten Nebentälern, die in ihrem Hintergrunde ebenfalls wieder kleinere Seen hatten und mit dem Hauptsee in Verbindung standen durch kleine Abflüsse. Die heutige Schweiz hatte dergleichen kleine Seen in großer Menge, von denen Überbleibsel noch heutzutage bestehen. [HGt.03_366,12] Mit dem habt ihr ein genügendes Bild über den vorsündflutigen Zustand der Gebirge und der Gewässer dieses kleinen Weltteils. Nun wollen wir noch einen Blick besonders in das Mittelasien werfen und auch das Hauptgebirge, welches Mittelasien von Südasien trennt und die eigentliche Wiege des adamitischen Menschengeschlechtes ist, in Betracht ziehen! [HGt.03_366,13] Vom Ural weg zog sich – wie schon gezeigt wurde – ein Gebirgszug bis zum hohen Tibet hin, der aber schon in jener Zeit durch eine Menge der fruchtbarsten Täler durchfurcht war, durch welche Täler die aus den Bergen kommenden Flüsse ihren Lauf hatten und sich zumeist nach Norden hin ergossen. [HGt.03_366,14] Diese Gebirge sind nachher unter Hanochs Zeiten und besonders unter den Nachkommen Seths bewohnt worden, während die Hanochiten in den Ebenen auch weit über diesen Gebirgszug sich ausbreiteten. Da sie aber sahen, daß die Bewohner der Berge viel vorteilhafter daran seien als sie in ihren fruchtbaren und überweit gedehnten Ebenen, so fingen sie diese Gebirgsbewohner stets mehr und mehr zu necken und zu verfolgen an und ließen von diesen Verfolgungen trotz der oft an sie ergehenden Mahnungen nicht ab, sondern fingen mit Hilfe ihrer Sprengkörner, von denen das heutige chinesische Pulver noch ein Abkömmling ist, diese Berge, in die sie tiefe Löcher bohrten, buchstäblich zu zersprengen und zu zerstören an. Dadurch verschafften sie in ihrer tiefsten Blindheit nicht nur den großen Gewässern, über deren Bassins diese Berge standen, sondern auch jenen in weiter Ausdehnung, die da Tibet und der Taurus deckte und nördlich in weiten Strecken hin der Ural, den Ausweg. Dadurch entstand besonders in der Gegend des heutigen Kaspischen Sees, wo einst Hanoch stand, die größte Immersion, und der Durchbruch der Wässer war so gewaltig, daß er eine Höhe zwischen sieben- bis achttausend Fuß über die andern Meere erreichte, und er ward noch durch einen über ganz Mittelasien bewirkten, lang anhaltenden Regenfall vermehrt und unterstützt. [HGt.03_366,15] Dieser außerordentliche Hochstand des Wassers in ganz Mittelasien bahnte sich dann zu einem starken Teile einen mächtigen Abfluß durch das heutige Wolgatal und erhöhte dieses Mittelmeer um viele Klafter; diesem konnte besonders in der Gegend des heutigen Konstantinopel die ohnehin nicht so überfeste Landenge um so weniger mehr zum Durchbruche ein Hindernis stellen, als sich bei dieser Gelegenheit außerordentliche Feuereruptionen, notwendig weithin alles verheerend, gebildet hatten. [HGt.03_366,16] Wie hoch die Wässer Mittelasiens von selbst gestiegen sind, beweist, daß Noah mit seinem Kasten auf einer Hochebene des Ararat einen Boden fand, auf dem der Kasten sitzenblieb. Das meiste Gewässer dieses Mittelasiens fand dann seinen Hauptabfluß freilich nur nach Norden und Osten; aber ein äußerst bedeutender Teil auch nach Süden und Westen. Dadurch war das zweite große Mittelmeer derart überfüllt, daß es zum Teile durch seine Schwere und zum größten Teile durch die unterirdischen Feuereruptionen sich den reißenden Ausweg in den Atlantischen Ozean machte und sich in ein paar hundert Jahren derart verfloß, daß alle die unmittelbar in seiner Verbindung stehenden gegenwärtig zum Teil sehr fruchtbaren Ebenen zum größten Teile trockengelegt wurden, – wonach besonders die Küstenländer von Asien aus nach und nach bevölkert werden konnten. [HGt.03_366,17] Zu einem großen Teile aber haben die noch am Leben gebliebenen Völker des hohen Mittelgebirges von Asien und auch jene des Ural, der in jener Zeit bis an das Nordmeer hin ein fruchtbarer und breiter Landstrich war, von welchem aus dann auch der übrige nördliche Teil Europas besonders auf den Bergen hin bevölkert worden ist, dies bewerkstelligt. Von jenen Völkern stammten auch die Taurisker her, welche sich auf den Bergen Steiermarks und vieler anderer Länder seßhaft machten und lange ruhig untereinander fortlebten, bis der Römer und Griechen Hab- und Gewinnsucht sie ausfindig gemacht hatte. [HGt.03_366,18] Die Landenge, die in der Zeit der hanochitischen Flut Europa mit Asien verband, hieß nach dem dortigen Erzvater, der auch zu den Gebirgsbewohnern gehörte und eine Art Prophet weit durch das westliche Asien abgab und Deukalion hieß – das heißt „von Gott Gesandter“ oder „von Gott komm ich her“ –, auch die Landenge von Deukalion, und die Sündflut wurde daher auch von den Völkern, welche den südasiatischen Teil bewohnten, lange hin die Deukalionische Flut benannt, bis erst nach einigen Jahrhunderten die Nachkommen Noahs die Hauptursache und den Hergang dieser Flut mit all den Nebenumständen kundgaben. Im Verlaufe von vielen Jahren wurde nach den Überbleibseln großer Seen Mittelasien zum trockenen, aber leider bis jetzt noch wüsten und unbewohnbaren Lande; nur gegen China hin und an den nördlichen Füßen des tibetanischen Hochgebirges ist es fruchtbar und bewohnbar. [HGt.03_366,19] Aus diesen Länderteilen stammen die euch bekannten Mongolen, Hunnen, Tataren und Turkomanen her, die nach Überbevölkerung ihrer Ländereien sich zu einer Auswanderung genötigt sahen und sich zum Teile nach Osten und zum Teile nach Westen wandten, wo sie allenthalben den früheren dort lebenden Einwohnern große Not und Verlegenheit bereiteten. [HGt.03_366,20] Im Osten fühlten die alten Sihiniten und in Japan die Meduhediten die Macht und Schwere der Mongolen, und im Westen hatten sich besonders die Hunnen, in Verbindung mit den Tataren, und späterhin die Turkomanen sehr fühlbar gemacht und bewirkten die in jene Zeiten fallenden euch wohl bekannten großen Völkerwanderungen. [HGt.03_366,21] In der Jetztzeit hat man in den wüsten Teilen Mittelasiens wohl schon häufig Versuche gemacht, es oasenweise fruchtbar zu machen; aber der Verstand zum Fruchtbarmachen solch wüster Ländereien steht noch zu tief in der Nacht ihres heidnischen Aberglaubens begraben, und daher wird dieser große Landstrich noch sehr lange zu warten haben, bis er zu seiner alten vornoachischen Fruchtbarkeit gelangen wird. [HGt.03_366,22] Wie fruchtbar in jener Zeit mit Einschluß eines großen Teils von Siberien die Länder waren, beweisen die heutzutage noch häufig aufgefundenen, unter dem ewigen Schnee und Eise ruhenden Mammuts und noch eine Menge anderer gras- und laubfressender Tiere, die sich nach der Zerstörung dieses überaus fruchtbaren Landes nicht mehr ernähren konnten und somit schon lange völlig ausgestorben sind. Dazu gehören nebst dem großen Mammut die Riesenhirsche, die Riesenschafe, das eingehörnte Riesenpferd und dergleichen mehr, von denen man noch zum Teile im Uralgebirge und zum großen Teile in den Höhlen des nördlichen Tibet und auch unter dem Schnee und Eise Siberiens versteinerte Überreste findet. [HGt.03_366,23] Es könnte hier leicht jemand fragen, warum man nicht auch besonders in Siberien Überreste von Menschenkörpern vorfindet. Und die Antwort ist: weil der Menschenkörper viel ätherischer in allen seinen Teilen und somit auch verwesbarer vom Urbeginne an erschaffen ist, – das heißt, was die Nachkommen Adams betrifft! [HGt.03_366,24] Was aber die voradamitischen, sogenannten Tiermenschen, Cephonasims (Betrachter des Firmaments) genannt, betrifft, so finden sich von selben wohl noch hie und da versteinerte Überreste vor, wie sich auch hie und da noch Abkömmlinge dieser Art Tiermenschen vorfinden und ihren Standpunkt zwischen den Nachkommen Kains und den gegenwärtig vorkommenden Affen, als Schimpansen und Orang-Utans, einnehmen. [HGt.03_366,25] Sie besaßen aber unter allen Tiergattungen die größte instinktmäßige Intelligenz und bauten sich hie und da ihre freilich höchst einförmigen Wohnungen und verlegten auch die eben nicht zu breiten Stellen der Bäche und Flüsse mit Steinen und bauten sich dadurch eine Art Brücke über solche Stellen; und fing das Wasser an, über solche Brücken zu fließen – was gewöhnlich der Fall war – , da legten sie bald hinter der alten Stelle, wo die Strömung herkam, eine zweite und höhere und setzten diese Arbeit nicht selten so lange fort, bis in plump terrassenförmiger Richtung oft zehn und mehrere solcher Brücken entstanden, die ihnen am Ende aber wenig nützten, weil das Wasser hinter ihnen immer zu schwellen anfing und diese Brücken samt und sämtlich wieder überströmte. [HGt.03_366,26] Von diesen mit einem kurzen Schweife, der aber mit einem starken Büschel Haare bewachsen war, versehenen Menschen waren sonach die erbauten Mauern, von denen man heutzutage noch Spuren vorfindet, und denen man ein hohes Alter gibt, was mitunter auch der Fall ist, daß manche solcher vorgefundenen Mauern, besonders in den Gebirgsgegenden, das Alter Adams weit übersteigt; aber sie sind ebensowenig Werke eines freien menschlichen Verstandes als die ganz zweckmäßig gebauten Häuschen der Biber an jenen Gewässern, in denen diese Tiere ihre reichliche Nahrung finden. [HGt.03_366,27] Es gibt noch andere Tierarten auf der Erde, die sich ihre Wohnungen also erbauen und einrichten, daß die Menschen selbst, so sie eine solche finden, darüber höchlich erstaunen; aber man erkennt diese Wohnungen dennoch daran gar leicht als Tierwerke, weil sie gleichfort in der gleichen Art und Form vorkommen. Auch kann der Stoff, aus dem sie gebaut sind, wohl von einem erfahrenen Chemiker analysiert werden, woraus er besteht, aber das Baumaterial ist ebensowenig aus der Natur heraus zu bewerkstelligen als der Stoff, aus dem die Spinne ihren Faden spinnt, die Biene ihre Zellen baut und die Schnecke ihr Haus. Und wie es mit derlei Tieren sich verhält, so verhält es sich auch um nicht viel besser mit den eigentlichen Präadamiten, die in den Wäldern Afrikas und hie und da Amerikas vorkommen. – [HGt.03_366,28] Ich meine, daß Ich euch in möglichster Kürze die adamitische Gestalt der Erde mehr als hinreichend klar gezeigt habe, und ihr werdet darüber weiter nicht viel mehr zu fragen haben. [HGt.03_366,29] Nur zwei schlüßliche Bemerkungen mache Ich noch: [HGt.03_366,30] Die erste ist, daß sich die gegenwärtige Donau erst etliche hundert Jahre später durch das Eiserne Tor den gegenwärtigen Weg gebahnt hat, wobei aber dennoch auch Menschenhände in Anspruch genommen werden mußten, um durch das Eiserne Tor dem Strome das lange hin noch sehr gültige Bett derart zu regulieren, daß diese Stelle nun auch für größere Fahrzeuge fahrbar war. Wohin sich die vorbeschriebenen Mur-Seen ihre sie einrahmenden Hindernisse geschafft haben, da dürfet ihr nur die den Murboden umliegenden Hügel und den Murboden selbst in Augenschein nehmen, und deren Gerölle wird es euch gleich sagen, wie diese Hügel entstanden sind und daneben auch das gegenwärtige dritte von der Mur gebildete Ufer; da werdet ihr die Überreste von den nach und nach zerstörten Uferdämmen leichtlich finden. [HGt.03_366,31] Auf dem Boden um Graz werdet ihr leicht noch in einer nicht sehr bedeutenden Tiefe zentnerschwere Rollsteine finden, und zum größten Teil von sehr harter Konsistenz. Unter Wildon hinab gibt's die Mur schon wohlfeiler; nur hie und da, aber schon in einer ziemlichen Tiefe, finden sich noch schwerere abgerollte Kalksteine vor, weiter unter Radkersburg bis zum Ausfluß derselben in die Drau werdet ihr nur mehr Sand als abgerollte Steine finden, und das darum, weil die Mur dort schon ein sehr breites Bett hatte und keinen großen Druck mehr ausüben konnte, weil ihr Fall ein zu geringer war. [HGt.03_366,32] Gehet hin nach Ägypten, und ihr findet bis in die ziemliche Nähe der Katarakte nur sehr wenig Steingerölle, dafür aber eine desto größere Menge rotbraunen und mitunter auch weißlichen Sandes! Die Ursache davon ist, weil dieser Strom bis in die Gegend der Katarakte hin mit dem gegenwärtig mittelländischen Meere noch immer in der wenig abweichenden Fallinie sich befindet – was nämlich die Höhe betrifft –, während andere Ströme gegen das Meer zu einen stärkeren Fall haben, mit Ausnahme der Donau ins Schwarze Meer, der Wolga ins Kaspische und des Amazonenstroms in Amerika ins Atlantische Meer. [HGt.03_366,33] Was aber nun zweitens die Annahme einer Überflutung Amerikas betrifft, von der unter den Ureinwohnern dieses Weltteiles einige dunkle Sagen bestehen, so ist damit zum Beweise einer dortigen allgemeinen Überflutung soviel als gar nichts gesagt! Denn in jener Zeit standen die Niederungen dieses Weltteiles ohnehin noch unter Wasser. Mit der Zeit wurde dieser von Norden nach Süden weitausgedehnte Weltteil zuallermeist durch die inneren Feuereruptionen über den Meeresspiegel stets mehr und mehr emporgehoben, und das Meer war genötigt, immer mehr und mehr abzufließen. [HGt.03_366,34] Dazu trat noch ein anderes für diese Erde großartiges Naturereignis: [HGt.03_366,35] In jener Urzeit der Erde, in welcher nach dem Gesetze der Meereswanderung sich der größere Teil des Meeres noch mehr gegen Norden hin befand, ging von der äußersten Westküste Afrikas eine ununterbrochene Inselreihe bis an die östliche Ecke des heutigen Brasilien hin und teilte somit das Nordmeer des Atlantischen Ozeans von dem südlichen; und diese beiden Meere standen nur durch eine Menge Meerengen im Verbande, von denen die größte kaum die Breite des Roten Meeres hatte. [HGt.03_366,36] Allein in jener Zeit, in der von der unterirdischen Feuergewalt alle damaligen Weltteile, besonders aber der Meeresgrund, viele Veränderungen zu erleiden bekamen, versank auch der größte Teil der vorbenannten Inselreihe, wie auch viele tausend größere und kleinere Inseln des großen Weltmeeres, in den tiefen Grund, und das Nordmeer konnte sich dann durch dieses breite Tor ungehinderter ins Südmeer ergießen, und es traten dann im nördlicheren Teile der Erde viele Inseln und andere Flachländer in nutzbaren Vorschein, und somit auch die Ländereien Amerikas. [HGt.03_366,37] Dafür aber ist die vormals noch weit gegen den Südpol hinabreichende Spitze Afrikas bis jetzt noch unter Wasser; darum denn auch das Meer weit hin unter dem Vorgebirge der Guten Hoffnung eine Art Berg bildet, über den die Schiffe besonders bei schlechten Winden schwer darüberkommen und oft einen großen Umweg machen mußten, um auf den flachen Teil des Ostmeeres zu gelangen. Die Dampfschiffe nun haben's freilich leichter. – [HGt.03_366,38] Da habt ihr denn nun auch die Sündflut Amerikas und von einer Menge größerer und kleinerer Inseln, und forschet über diese Mitteilung nicht weiter, ansonst Ich euch in die Urschöpfungsperioden und vielen Meereswanderungen zurückführen müßte; und ihr würdet da nicht viel Nützlicheres in Erfahrung bringen als jenes alte Weib, das da nicht begreifen konnte, wie es zu so vielen Falten und Runzeln gekommen ist, trotzdem es immer gut und keusch gelebt habe und man, als es als Mädchen noch zwanzig Jahre alt war, am ganzen Leibe sogar um einen Weltpreis nicht eine Falte hat entdecken können. [HGt.03_366,39] Ja, da kann man dann nichts anderes sagen als: „Das hat alles Gott der Herr so eingerichtet, daß sich die Zeiten ändern und wir Menschen mit allem, was uns umgibt, mit den Zeiten!“ [HGt.03_366,40] Lassen wir daher nun die Erde ruhen; in tausend Jahren wird sie ohnehin schon wieder ganz anders aussehen! Und somit gut und zu Ende mit dieser Erklärung, die Ich euch darum gab, damit ihr so manches andere aus den Evangelien und den Schriften Mosis leichter begreifet! Band
2 - Aufstieg und geistige Blüte des ersten
Weltreiches Hanochs 1. Des heiligen Vaters Liebe und Segen als Zeichen Seiner geistigen Gegenwart 2. Der Urväter größte Sorge: Das Werben um des Vaters Liebe und Gnade 3. Lamech und Ghemela, vom Herrn zusammengeführt 5. Die Einsegnung des jungen Paares durch die Urväter. Stiftung weiterer vier Ehen durch den Herrn 6. Zuriel als Schutzgeist der Neuvermählten. Die Liebesprobe des neuen Ehepaares 8. Des Herrn Aussendungsrede an die zehn Boten nach Hanoch 9. Sethlahems Dankrede und Preis der Demut 10. Kisehels Rede über Jehova als Mensch 11. Das Wesen der wahren Demut 12. Die Grenzen des Führeramtes 14. Von den Lasten des Führeramtes und der Schwachheit des Menschen 16. Henoch bringt Uranion, seine sechs Brüder und die Morgenkinder zum Herrn 17. Uranion und Purista bei Adam und Eva. Das Früchtewunder. Das vom Blitz entzündete Opfer 19. Eine inhaltsschwere Frage Abedams an Purista 20. Purista und die Ihrigen erkennen den heiligen Vater in Abedam 23. Die überirdische Schönheit der Ghemela und Purista 24. Henochs aus falscher Demut geborene Redefurcht. Gott nur als Mensch liebbar 25. Satans Macht und Gottes Allmacht. Henochs Sabbatsrede 27. Horeds und Nalmes Rettung durch den Boten Lamel 28. Der vom Tiefenkönig Lamech angelegte Waldbrand 29. Die Löschung des Waldbrandes durch einen Platzregen. Satans Anmaßung vor dem Herrn 32. Abedam zugleich Mensch und Gott. Naämes große Liebe zu Jehova 33. Horeds Einkehr, sein Bekenntnis und sein neuer Irrtum 34. Wahrheit ohne Liebe taugt nicht fürs Leben. Liebe und Leben. Die Mission des Weibes 35. Horeds stille Einkehr und Selbstbetrachtung in der Adamsgrotte 36. Das Tonwunder in der Grotte und seine wohltuende Wirkung auf Hored 37. Horeds Selbstgespräch und Reue 38. Abedam beim reumütigen Hored in der Grotte. Hored an der Brust des hl. Vaters 39. Das Sabbatmahl auf der Morgenhöhe 41. Das gesegnete Mahl. Die ehrgeizige Eigenliebe Adams, vom Herrn gerügt 42. Pariholis im Auftrage des Herrn an Adam gerichtete Mahnung 43. Adams Selbsterkenntnis, Reue und Umkehr 44. Abedams Rede über den ‚Vater‘ und den ‚Richter‘ in Sich 45. Der höchste Lohn des Menschen: den Herrn lieben zu dürfen 46. Wie man beten soll. Vom Wesen Gottes und des Lebens 47. Die Demütigung und Verlegenheit der vorwitzigen Frageboten 49. Die innerste, wahre Absicht der Frageboten, von Abedam enthüllt. 50. Die Allwissenheit und Weisheit des Fremden. Des staunenden Garbiels Ahnung 51. Abedams Rede über das Licht. Der allmächtige Gott und der liebevolle Vater in Abedam 52. Garbiels gute Rede über den göttlich-väterlichen Geist der Rede Abedams 55. Garbiels Lob der Mahlzeit. Abedams Rede vom übertriebenen Dank 57. Henochs Rede über die Zungenfertigkeit Garbiels. Garbiels innere Beschauung 58. Vratahs Gesicht vom Wesen der Schrift 59. Des furchtsamen Sehels Gesicht und seine Entsprechung auf Noah und die Sündflut 61. Der Fehltritt des Sehel. Abedams großes Zeugnis über Sehel 62. Sehels Verklärung und herrliche tief weise Rede 64. Das Gesicht Horidaels. Die innere, belehrende Stimme im Menschen 65. Die Berufung Horidaels zum Schreiber der freien Entsprechungszeichen 66. Abedams Rede über die wahre Verehrung Gottes. Evangelium vom rechten Geben 68. Abedams Rüge und Mahnung an den unaufrichtigen Purhal. Die Erklärung des Gesichtes Purhals 72. Oalims Gesicht: Die drei ineinandersteckenden Herzen 73. Die endlose Verschiedenheit der geistigen Individualitäten. Das Leben in der geistigen Welt 74. Die Wichtigkeit der Bestätigung der Gotteslehre durch das Zeugnis des Geistes im Menschenherzen 75. Thuarims Gesicht: seine Liebefeuerprobe 76. Die Deutung des schrecklichen Gesichtes Thuarims: Der große Kampf zwischen Kopf und Herz 77. Anleitung zum Finden des lebendigen Wortes. Das Gleichnis von der Maid und ihrem Liebhaber 78. Des Riesen Rudomin Gesicht. Die Größe des Menschen als Gotteskind 79. Die geheime Erziehung Rudomins zum Propheten. Die Große des Geistigen im Menschen 80. Die Menschen als Kinder Gottes, als Götter 81. Die Berufung Horedons zur Kundgabe seines Gesichtes 82. Die Würde und Größe der Gotteskindschaft 83. Gotteskindschaft steht höher als Gottesbrüderschaft und Gottesknechtschaft 85. Der neue Bund zwischen dem hl. Vater und den Kindern. Der Weg der Weisheit und der Weg der Liebe 87. Jonas‘ Rede über die Liebe 88. Jonas mit Besela, der Tochter Pariholis, durch den Herrn verehelicht 90. Die Demütigung des ehrgeizigen Garbiel. Die Nachtruhe im Freien mit dem Herrn 91. Die Scheinsonne am Morgen. Adams Ärger und Fluch. Die göttliche Geduld und Ruhe 92. Der Morgensturm auf der Höhe. Des Herrn Morgensegen 94. Seths demütiger Dank. Seth als ‚Bruder‘ des Herrn 95. Der Sonnenaufgang auf der Vollhöhe Adams törichtes Verlangen nach dem Sonnengruß. Des Herrn Rüge 96. Die erschreckenden Erscheinungen beim Morgenmahle. Adams Aufregung und Furcht 99. Kisehel und Seth und das Heer der Kinder der Tiefe 100. Die Macht der Liebe und Gnade Gottes an Horadal, dem Heerführer der Tiefe 101. Henochs Rede an Horadal und sein Heer 102. Die Kinder der Tiefe als freie Gefangene der göttlichen Gnade und Erbarmung. Adams Vatersegen 104. Die wunderbare Speisung des Volkes. Horadals Dank- und Liebesrede. Lieben heißt leben im Geiste 105. Adams Rede über das Wesen Satans und die Weiberliebe 106. Ein Ausnahmefall der Zulassung der Vielweiberei 107. Horadals Geheimnis und Erzählung aus seiner Vergangenheit am Hofe Lamechs in Hanoch 108. Des Herrn Rede über den Unsegen des Fluchen und des Zornes. 109. Horadals Einsetzung zum wahren Führer seines Volkes. Die drei Gnadenzeichen an Horadal 110. Der Abschied Horadals und der Seinen. Des Herrn Abschiedsrede und Mahnung zur Liebe 111. Des Eilboten Lamel Rettertat. Der Bericht des geretteten Mädchens über die Greuel in Hanoch 113. Des Herrn Mahnrede an den ob seiner Torheit verzweifelnden Adam 114. Adams Gesicht: Das Weib auf der Sonne, den Kopf der Schlange zertretend 115. Adams Lobgeschrei über die Erbarmung Gottes und Seine Menschwerdung in Abedam 116. Die Frage Puras, des Mädchens aus der Tiefe, nach der Person Abedama 117. Die Puna auf Abedams Arm sucht den Allerhöchsten 122. Die große, vorbildliche Liebe der Pura zum Herrn. Eine Verheißung des Herrn an die Pura 123. Das Wunder der Menschwerdung des unendlichen Gottes. Maria als Pura dem Geiste nach 126. Abedams Weckruf an den gleichgültigen Enos. Vom Zweck des menschlichen Daseins 127. Der träge Enos preist als Lebensverneiner das Nichtsein 129. Kenans, des Sängers, Lied über das Leben 130. Kenans Lohn für sein Lied: die Unsterblichkeit. Das Wesen des Lebens und des Todes 132. Die Vergänglichkeit der Dinge — ein Irrtum 133. Vom Wesen der dreifachen Zeugung. Die gerechte fleischliche Zeugung 134. Ein Evangelium für Schwätzer und Feinredner 135. Geordnete und ungeordnete Zeugung 140. Die Liebe als rechte Anbetung des Herrn. Puras Liebesprobe und goldenen Worte vom rechten Vater 141. Pura und Jared. Puras Ergebenheit und Demut. Des Herrn Aufforderung zur Nachtruhe 143. Am Streit- oder Dienstage. Abedams, des andern, Rede über die Last des Lehramtes 144. Die Rechtfertigung des mühevollen Lehr- und Prophetenamtes durch Henoch 145. Die Ankunft zweier Boten. Adams und Abedams, des andern, Verlegenheit 146. Die weisheitstiefe Rede des Fremden über den Zweck seines Kommens. Henochs Ahnung 150. Des vorwitzigen Abedams Demütigung durch den Fremden 153. Henochs Selbstgespräch über des Fremden Weisheit. Abedams Träumerei und große Ahnung 154. Henochs Zwiesprache mit dem andern Fremden. Henoch und Adam in kritischer Lage 156. Des Abba Rede über die Vater- und Kindschaft. Nur ein Gott und ein Vater 158. Abbas Warnung vor Satans Bosheit und List. Satans Ohnmacht. Hütet euch vor euch selbst 160. Die vier Zweifler aus der Mittagsgegend. Henochs Scheinrede als Gottesleugner und ihre Wirkung 161. Henochs Mahnung zum eifrigen Forschen nach der Wahrheit und der Erkenntnis Gottes 162. Die Beratung der vier Zweifler 163. Die Auseinandersetzung zwischen den vier Zweiflern und Henoch 165. Das dreifache Wesen Abedams des Hohen und das Wesen Henochs als Werkzeug des Herrn 166. Der Unterschied zwischen Verstandesklugheit und Herzensweisheit 169. Die Liebe als der wahre Gottesdienst und als das wahre Opfer. Der Herr wird wieder unsichtbar 171. Die wunderbare Füllung der Speisekammern Seths 172. Die erste Kirche auf der Erde. Die sieben Boten der Höhe im Palaste Lamechs zu Hanoch 173. Die dritte Treppe im Palaste Lamechs und ihre Hindernisse für die drei Boten 178. Das Feuergericht über die Buhlweiber des Lamech 179. Lamech wird in seiner vorgeblichen Göttlichkeit und Allmacht von Kisehel geprüft und gedemütigt 180. Lamechs Hartnäckigkeit und Trotz. Kisehels scharfe Rede und Lamechs hochmütige Antwort 184. Munddank und Herzensdank. Des bekehrten Lamech Wunsch, die steinerne Tafel wieder zu reinigen 188. Kisehel unterweist Lamech in der Verarbeitung des Golderzes. Thubalkains Berufung 192. Thubalkains politische Schlauheit wird von Kisehel bloßgelegt 195. Thubalkains Anordnungen zur Goldgewinnung. Der Einzug in die Residenz Lamechs 198. Lamechs Siegesrede und demütiges Bekenntnis. Kisehels Erwiderung 199. Die Trugerscheinung der falschen Naäme. Lamech und Tbubalkain in Versuchung und Zweifel 200. Die Entlarvung der falschen Naëme 201. Kisehels Rede über die Brüderlichkeit und Gleichachtung unter den Menschen. Vom wahren Königtum 202. Das Mahl im Speisesaal. Thubalkains Brautwahl und Hochzeit 204. Der Kampf mit den Rebellen 211. Muras Begierde nach Licht. Lamechs Rat zur Geduld. Die Aussteckung des Tempelbauplatzes 220. Gott als die unendliche Liebe und Weisheit ist die ewige Wahrheit. Die Bestimmung des Menschen 228. Des Herrn Rede über die wahre Gottesverehrung 232. Wie die rechte Liebe zu Gott beschaffen ist. Das Gleichnis vom Fürsten und seinen Kindern 238. Die Pracht und innere Ausstattung des Tempels. Die Tempeldienstordnung 245. Henochs Rede über das Wesen der Ernährung. Eine Mahnung zur Mäßigkeit 250. Henoch und der Herr als Armer. Vom Wesen der allmächtigen Gottheit und von der Armut des Vaters 253. Die Zweifel und Ansichten verschiedener Gäste über den geheimnisvollen Armen 260. Die Rede des geistig blinden Verstandeshelden 262. Der vom Herrn zurechtgewiesene Zweifler im Gespräch mit einem seiner Freunde 263. Der von seinem Freunde belehrte Zweifler auf dem Wege zur Erkenntnis des Herrn 267. Die unzufriedenen, scheelsüchtigen Murrer. Des Herrn Antwort an die Murrenden 274. Wechselrede Henochs mit dem Drachen. Der Drache verschwindet _______ * _______ |