PAULUS' BRIEF AN DIE GEMEINDE IN
LAODIZEA
Durch
das Innere Wort empfangen und niedergeschrieben von Jakob Lorber.
Nach
der 6. Auflage von 1980.
Lorber-Verlag
– Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen. Alle Rechte vorbehalten. Copyright
© 2000 by Lorber-Verlag,
D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1.
Kapitel
[Lao.01_001,01]
Paulus, ein Apostel Jesu Christi durch den Willen und durch die Gnade Gottes,
und der Bruder Timotheus
[Lao.01_001,02]
der heiligen Gemeinde von Laodizea und allen den
gläubigen Brüdern in Jesu Christo in ihr und den Weisen im Geiste Gottes. Gnade
sei mit euch und der wahre Friede von Gott, unserm Vater, in dem Herrn Jesu
Christo!
[Lao.01_001,03]
Wir danken und loben und preisen aber allezeit Gott, den Vater unseres Herrn
Jesu Christi, und tragen große Sorge um euch und beten allezeit für euch zu
Gott.
[Lao.01_001,04]
Denn wir haben vernommen durch des Herrn Geist und durch den Bruder Epaphras und durch Nymphas, daß ihr in manchen Stücken abgefallen seid
[Lao.01_001,05]
und habet euch erwählt einen Bischof und eine Geistlichkeit und wollet machen
aus Christo einen Götzen – und habet euch bestimmet ein Haus, einen Tag und
verbrämte Kleider
[Lao.01_001,06]
also, wie es war zum Teile unter den Heiden und unter den Juden, da noch die
Beschneidung des Fleisches galt vor Gott, die Er angeordnet hatte unter dem
Vater Abraham zum Vorzeichen der lebendigen Beschneidung des Geistes durch
Jesum Christum in euch.
[Lao.01_001,07]
Das aber lasse ich euch nun wissen, auf daß ihr
erfahret, welch einen Kampf ich zu leiden habe um euretwillen, die ihr gesehen
und nicht gesehen habet das Fleisch meiner Person,
[Lao.01_001,08]
und auf daß ihr kräftig ermahnet werdet in eurem
Herzen und dann zusammennehmen möchtet eure Liebe, in welcher ist aller
Reichtum des gewissen Verstandes, um zu erkennen das große Geheimnis Gottes,
des Vaters, in Seinem Sohne Jesu Christo,
[Lao.01_001,09]
in dem aber verborgen sind alle Schätze der Weisheit und der lebendigen
Erkenntnis im Geiste.
[Lao.01_001,10]
Ich aber vermahne euch darum, auf daß euch niemand
verführe durch vernünftige und geschmückte Reden und durch die Philosophie der
Heiden.
[Lao.01_001,11]
Denn Vernunft ist auch den Tieren eigen, wie die Philosophie den Heiden, welche
den toten Götzen opfern! –
[Lao.01_001,12]
Ihr aber seid erkauft durch den Tod des Einen zum ewigen Leben in Gott dem
Vater; wie möget ihr da euer Herz, das da eine Wohnstätte des Heiligen Geistes
geworden ist, wieder dem Geiste der Toten weihen?!
[Lao.01_001,13]
Bin ich auch nicht bei euch im Fleische, so bin ich aber doch stets bei euch im
Geiste, durch die Macht Christi in mir, und sehe euren Glauben und eure Werke
[Lao.01_001,14]
und will euch darum ernstlich vermahnen und zeigen, wie so manche von euch,
liebe Brüder, in eine große Torheit verfallen sind; denn ihre Scheingründe
kenne ich und weiß, was sie wollen.
[Lao.01_001,15]
Also aber sei es, daß ihr Jesum Christum halten
sollet, wie ihr Ihn von mir überkommen und angenommen habet, und sollet also
wandeln nach dem Evangelium, das ich euch getreu gepredigt habe,
[Lao.01_001,16]
und sollet im selben feste Wurzeln fassen und fest sein im Glauben, also, wie
ich es euch alle gelehret habe im Geiste unseres
Herrn Jesu Christi, des lebendigen Sohnes Gottes, der da herrschet zur Rechten
des Vaters von Ewigkeit.
[Lao.01_001,17]
Also aber, wie ihr nun werden wollet und es haben wollet, seid ihr Widersacher
Christi und Seines Wortes! –
[Lao.01_001,18]
Was wollet ihr denn? Möchtet ihr von neuem wieder Sklaven und hartgehaltene
Knechte des Gesetzes und der Sünde und des Todes werden, von allem dem wir sind
frei geworden durch Jesum Christum?
[Lao.01_001,19]
Höret mich an! Ich sage zu euch: Sehet gar wohl zu, daß
ihr nicht berücket und beraubet werdet durch eure Weltweisheit und durch die
gar lose Lehre derjenigen unter euch, die da mehr fürchten die Römer und die
blinden Juden als den Herrn der Herrlichkeit, der uns erlöset hat, und durch
den wir und Himmel und Erde und alle Dinge gemacht worden sind! –
[Lao.01_001,20]
Als ich aber unter euch war, da fragten mich eure Weltweisen, was Unterschiedes
da sei zwischen Gott und Seinem Sohne Christus. – Ich aber nahm das Wort und
sprach zu ihnen:
[Lao.01_001,21]
„Höret Brüder! Gott ist Einer, und Christus ist Einer; denn so es nur einen
Gott gibt, so gibt es auch nur einen Christus. Was Unterschiedes sollte da sein
zwischen Gott und Christus? – Gott ist die Liebe, und Christus ist die Weisheit
in Gott oder das Licht, die Wahrheit, der Weg und das ewige Leben!
[Lao.01_001,22]
In Christo wohnt die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig, und wir sind
vollkommen – in Ihm; denn Er ist der Grund und das Haupt aller Herrlichkeit,
aller Macht und Kraft, aller Obrigkeit der Welt, und ist ein Fürst aller
Fürstentümer der Erde“.
[Lao.01_001,23]
So ich, Paulus, aber solches im Geiste und in aller Wahrheit zu euch geredet
habe, wie lasset ihr euch denn nun von Menschenlehre und Weltsatzungen
betören?!
[Lao.01_001,24]
Ihr seid beschnitten worden ohne Hand und Messer durch den Heiligen Geist,
indem ihr abgelegt habet euer sündiges Leben, welches war eine mächtige Wurzel
in eures Leibes Fleische; und das war eine wahre, lebendige Beschneidung in
Christo!
[Lao.01_001,25]
Denn da seid ihr in eurem sündigen Fleische mit Christo für die Welt begraben
worden durch die Taufe mit dem Heiligen Geiste und seid dann wieder durch
Christum neu auferstanden durch den lebendigen Glauben und durch die Liebe zu
Ihm.
[Lao.01_001,26]
Was wollet ihr denn nun wieder mit der alten Beschneidung, die da aufgehört
hat; was mit der Zeremonie, die nunmehr ist ohne Wert, weil Christus schon da
war und auferstanden ist und wir in Ihm; was wollet ihr mit dem Sabbate, wenn
Christus an jedem Tage gewirket hat und noch wirket
und hat dadurch jeden Tag zu einem Tage des Herrn gemacht und hat am Sabbate
nicht gefeiert?! –
[Lao.01_001,27]
Ich aber kenne euch, daß ich euch sage: Christus, wie
Er ist, will arm sein in der Welt; aber ihr wollet Gold! Das ist es, darum ihr
ein Bethaus, einen Feiertag und verbrämte Kleider wollet!
[Lao.01_001,28]
Ihr saget, Gott habe durch Christum, Seinen Sohn, die Satzungen Mosis nirgends
aufgehoben, sondern dieselben im letzten Abendmahle vielmehr bestätigt; also müßte denn auch eine Opferzeremonie sein.
[Lao.01_001,29]
Ich, Paulus, ein rechter, von Gott erwählter Apostel des Herrn, aber bin doch erfüllet
vom Geiste Gottes; wie kommt es denn, daß mir der
Geist Gottes solches noch nie angezeigt hat, indem ich doch vor meiner Berufung
ein viel erpichterer Tempeldiener und -knecht war, denn ihr es je waret?!
[Lao.01_001,30]
Ich aber will euch nun sagen: Wie mich der Geist Gottes erweckt hatte, als ich
nach Damaskus zog, zu verfolgen die junge Gemeinde Christi daselbst, so habe
ich zuerst – in meiner Blindheit sogar – geschaut, daß
der Herr im Geiste und in der Wahrheit will verehrt und angebetet sein, aber
ewig nimmer in einer Zeremonie!
[Lao.01_001,31]
Denn keinen hatte Gott zuerst blind gemacht, den Er berufen hatte zu Seinem
Dienste; ich aber mußte erblinden zuvor, auf daß ich verlöre alles, was der Welt ist, bevor ich werden
sollte einer Seiner geringsten Knechte nur!
[Lao.01_001,32]
Warum aber mußte ich erblinden zuvor? Weil mein
ganzes Wesen in der Materie des Tempeldienstes begraben war, und damit es darum
von ihr genommen ward!
[Lao.01_001,33]
So mich aber der Herr ohne Zeremonie, also in meiner Blindheit, berufen hat,
wie hätte ich da aus dem Abendmahle je eine Zeremonie machen sollen?!
[Lao.01_001,34]
Oder ist es nicht also, wie mich allezeit lehret der Geist Gottes?! – Wer das
Licht der Augen hat, der schauet die Zeremonien der Welt und erlustiget sich
daran;
[Lao.01_001,35]
aber für den Blinden ist alle Welt mit ihrer Zeremonie vergangen und der alte
Tempeldienst und alle die verbrämten Kleider!
[Lao.01_001,36]
Also ist es eine ewige Wahrheit, daß der Herr mich
nicht berufen hat für eine neue Einrichtung der Zeremonie, sondern für die
Aufrichtung der Herzen, um welche der Satan Jahrtausende seine harten Ketten
geschmiedet hatte;
[Lao.01_001,37]
und zu predigen jedermann die Freiheit des Geistes, den Frieden der Seele, und
damit zu zerreißen in Christo dem Herrn die alten, harten Bande des Todes.
[Lao.01_001,38]
Was aber nützt mir und euch meine Lehre, was das Evangelium Gottes, so ihr euch
frei wieder in den alten Tod begeben wollet?!
[Lao.01_001,39]
Ich aber bitte euch um eures ewigen Lebens willen: lasset ab von dem, was die
alte Gefangenschaft zu Babel allen Juden als ein hartes Erbe hinterließ!
[Lao.01_001,40]
Sehet: Babel, die große Hure der Welt, hat der Herr vernichtet; denn sie gab
vielen Völkern den Tod! Was aber werdet ihr gewinnen, so ihr aus Laodizea ein neues Babel errichten wollet?! Daher lasset ab
von dem, was den Greuel der Verwüstung von neuem
herbeiführen möchte, – wovon Daniel geweissagt hat, da er stand an heiliger
Stätte!
[Lao.01_001,41]
Christus aber hat euch lebendig gemacht, da ihr tot waret
in euren Sünden und in der Vorhaut eures Fleisches, und hat euch nachgelassen
alle Sünden, die ihr allezeit begangen habet in dem Tempel, wie in eurer
Vorhaut.
[Lao.01_001,42]
Er vertilgte die blutige Handschrift, welche da war wider uns alle, die da
entstanden ist durch weltliche Satzungen, und unsere Namen waren mit dieser
Schrift eingetragen ins Buch der Welt, ins Buch des Gerichtes und ins Buch des
Todes, indem Er sie ans Kreuz heftete.
[Lao.01_001,43]
Warum aber wollet ihr nun diese von Gott Selbst vertilgte, ans Kreuz des
Gerichtes, der Schmach, des Fluches, des Todes geheftete Blutschrift wieder herabreißen und eure neuen Namen in Christo vertauschen für
die alten, welche mit Blut geschrieben waren im Buche des Gerichtes?
[Lao.01_001,44]
O ihr blinden Toren aller Torheit! In Christo seid ihr frei geworden – und
wollet nun wieder Sklaven und Knechte der Sünde, des Gerichtes und des Todes
werden! Habt ihr denn nicht gehört, daß derjenige
verflucht ist, der da ans Kreuz geheftet wird?! –
[Lao.01_001,45]
Christus aber hat eure Schande, eure Schmach, eure Sünde, euer Gericht und
euern Tod auf Sich genommen und ließ Sich für euch als ein Verfluchter ans
Kreuz heften, um euch allen die volle Freiheit zu verschaffen vor Gott; und
damit ihr in Ehren wandeln sollet, nahm Er alle eure Schande und Schmach mit
ans Kreuz!
[Lao.01_001,46]
Oh, was hat euch doch berücket, die ihr lebendig geworden seid in Christo, daß ihr euch nun wieder dem Tode von neuem ergeben wollet?!
[Lao.01_001,47]
Mit was soll ich euch denn vergleichen, das euch treffen möchte, wie ein guter
Wurf die Zielscheibe? – Ja, ihr seid gleich einer brandigen Buhldirne, die da
wohnet in einer Stadt und ist aber dennoch eines guten Hauses Tochter!
[Lao.01_001,48]
Höret mich an, und schreibet es euch hinter die Ohren! Was nützt der Buhldirne
ihre gute Abkunft, so aber dennoch ihr Fleisch geiler ist als das Fett eines
gemästeten Sündenbockes?!
[Lao.01_001,49]
Wird sie nicht in ihrem Gemache vor Fleischbrand auf und ab rennen und wird
bald bei dem einen und bald wieder beim andern Fenster den halben Leib
hinausrecken und wird ihre buhllüsternen Augen nach allen Seiten umherschießen lassen, ob sie erblicken möchte den, der da
hat, danach ihr Fleisch geilet und brennet?!
[Lao.01_001,50]
Und wird sie ihn erblicken, so wird sie ihm zeigen durch die lose Glut ihrer
Augen, was sie möchte, und wird in ihrer Begierde ums Zehnfache mehr sündigen
mit ihm als eine Hure im Bette der Schande mit ihrem Buhlen.
[Lao.01_001,51]
O sehet, ihr Laodizener, das ist euer Bild! – Wisset
ihr aber, was der redlich werben wollende Bräutigam solch einer Dirne tun wird,
so er vor ihrem Hause vorbeiziehen wird und wird ansichtig ihrer schändlichen Geilerei?
[Lao.01_001,52]
Er wird sie sofort tun aus seinem Herzen und aus seinem Munde und wird sie
hinfort nicht mehr ansehen, und so sie auch gelangen möchte in die größte Not!
[Lao.01_001,53]
Desgleichen wird euch auch der Herr tun; denn Er hat euch einen neuen,
lebendigen Tempel errichtet in euren Herzen, allda ihr Seiner harren sollet;
ihr aber verschmähet den Tempel, dieses heilige Gemach, und rennet aus lauter
weltlicher Geilheit an die Fenster des Gerichtes und wollet da geilen mit der
Welt, des Goldes wegen, des Ansehens und der Herrschsucht wegen, da ihr nach
allem dem lüstern seid!
[Lao.01_001,54]
Ich aber sage euch: Der Herr wird Sich zurückziehen und wird euch in allerlei
Hurerei übergehen lassen, ins alte Gericht und in den alten Tod, so ihr nicht
sofort umkehret und gänzlich ablasset von eurer selbstgewählten Geistlichkeit,
von eurem Tempel, von euerm Feiertage und von euren verbrämten Kleidern; denn
dies alles ist vor dem Herrn ein Greuel gleich einer
brandigen Buhldirne, die da in ihrem Herzen ärger ist denn zehn Huren Babels. –
2.
Kapitel
[Lao.01_002,01]
Lasset euch daher von niemandem mehr ein Gewissen machen, weder durch einen
(d.h. von Gott) unberufenen Bischof und Priester, noch durch einen Feiertag,
noch durch den alten Sabbat und Neumond,
[Lao.01_002,02]
noch durch einen Tempel, noch durch eine opferliche
Zeremonie und verbrämte Kleider und ebensowenig durch
Speise und Trank!
[Lao.01_002,03]
Im Essen und Trinken seid mäßig, – das ist gut für Geist, Seele und Leib und
ist dem Herrn angenehm;
[Lao.01_002,04]
aber so jemand saget und lehret und begehret: „Diese und jene Speise darf nicht
gegessen werden, da sie unrein ist nach Moses!“ –
[Lao.01_002,05]
da sage ich dann entgegen: Moses und die Propheten sind in Christo erfüllet und
befreiet worden; uns aber hat der Herr keine Speise verboten, indem Er Selbst
aß und trank mit Sündern und Zöllnern
[Lao.01_002,06]
und hat ausgerufen: „Was du issest, verunreiniget
dich nicht; aber was da kommt aus deinem Herzen – als: arge Reden, arge
Begierden, Geiz, Neid, Totschlag, Zorn, Fraß und Völlerei, Hurerei, Ehebruch
und dergleichen –, das ist es, was da allezeit verunreiniget den Menschen!“
[Lao.01_002,07]
Da wir aber solch ein Evangelium haben von Ihm, dem alleinigen Herrn aller
Herrlichkeit Selbst, wie große Toren müßten wir da
sein, so wir uns freiwillig wieder ins alte, harte Joch sollten spannen
lassen?!
[Lao.01_002,08]
Was soll nunmehr der Schatten, der von Moses aus wohl eine weissagende
Vorbedeutung hatte auf das, was geschehen ist vor unseren Augen, für uns, die
wir mit Christo und in Christo zu einem Körper geworden sind?!
[Lao.01_002,09]
Ich aber bitte und beschwöre euch sogar: Lasset euch von niemandem das Ziel
vorsetzen, der da nach eigenmächtiger Wahl einhergeht in aller Demut und
völliger Geistigkeit der Engel des Himmels, davon er aber nie etwas gesehen und
gehört hat, – ist aber darum in seiner Sache aufgeblasen in seinem
fleischlichen Sinne nur
[Lao.01_002,10]
und hält sich nicht an das Haupt, aus dem der ganze Leib durch die Glieder,
Gelenke und Fugen Tatkraft überkommt, einander gegenseitig erhält und fasset
und wächst also dann zu einer göttlichen Größe,
[Lao.01_002,11]
sondern nur an seinen Sinn, welcher in sich voll Schmutzes und Unflates, voll
Eigennutzes, voll Trug und Lüge, voll Herrschsucht, voll Geizes und voll Neides
ist!
[Lao.01_002,12]
Also aber steht es gerade mit dem, der sich bei euch aufwerfen will, als wäre
er berufen vom Herrn und von mir und danach erwählet von euch!
[Lao.01_002,13]
Ich aber sage hier zu euch allen: Dieser hat den Geist des Teufels in sich und
gehet unter euch umher wie ein Wolf im Schafspelze und wie ein hungriger,
brüllender Löwe, der euch zu verschlingen auf das eifrigste bemüht ist!
[Lao.01_002,14]
Darum treibet ihn alsbald von seinem Platze, und kehret euch wieder an den Nymphas, dessen Haus da ist eine rechte Gemeinde Christi!
[Lao.01_002,15]
Denn ihr alle seid ja abgestorben für die Welt und ihre Satzungen mit Christo;
aus welchem Grunde möchtet ihr euch denn nun wieder fangen lassen von Satzungen
der Welt, als lebtet ihr noch in ihr?!
[Lao.01_002,16]
Das Haus meines lieben Bruders Nymphas aber ist
geblieben getreu in seiner Freiheit, wie ich sie ihm gegeben habe durch Jesum
Christum, dem Herrn von Ewigkeit.
[Lao.01_002,17]
Nymphas hat den Wolf erkannt, wie ich ihn erkannt
habe durch den Geist Gottes, der in mir ist und mich allezeit treibet, ziehet
und lehret in den verschiedenen Dingen der einzig gerechten Weisheit vor Gott,
wie desgleichen auch den Bruder Nymphas.
[Lao.01_002,18]
Darum vermahne ich euch denn auch mit der Kraft alles gerechten Eifers in
Christo dem Herrn, daß ihr ja hingehet zum Nymphas und wieder eine Gemeinde werdet mit seinem Hause
[Lao.01_002,19]
und horchet nicht auf die, die da mit heuchlerisch-frommer Miene sagen: „Rühre
das nicht an, und koste dies nicht, und greife das nicht an, und tue dieses und
jenes nicht!“, – welches alles sich allezeit verzehret unter den Händen und an
sich nichts ist als eine leere Menschensatzung;
[Lao.01_002,20]
sondern höret, was ich euch sage aus dem Geiste Christi, der in mir ist, auf daß ihr wieder frei werden möchtet und werden zu
wahrhaftigen Miterben Jesu Christi am Reiche Gottes lebendig in euch!
[Lao.01_002,21]
O Brüder, denket, was wollen euch die wohl nützen, die da haben den Schein der
Weisheit und eine durch sich selbst gewählte heuchlerische und gleisnerische
Geistigkeit und Demut,
[Lao.01_002,22]
und die da sagen: „So du ansiehest ein Weib, so hast
du schon gesündiget; so du issest
unreine, von Moses versagte Speise, so bist du unrein auf den ganzen Tag; und
so du anrührest einen Heiden und sprichst mit ihm mehr denn drei Worte, so mußt du solches dem Priester des Tempels kund tun, auf daß er dich reinige vor Gott!“, –
[Lao.01_002,23]
an sich aber sind sie voll Unflates und voll Geizes und Hurerei und treiben
geheimen Handel mit allen Heiden und bieten alles auf, daß
sie sich mit ihnen ja nicht die geheime Freundschaft verderben möchten?!
[Lao.01_002,24]
Ich aber sage: Der Leib braucht das Seinige wie der Geist; denn er hat ja sein
Bedürfnis und seine Notdurft. Daher sollet ihr ihm auch geben im gerechten
Maße, was da Gott für ihn bestimmt hat, und sollet genießen, was da auf den
Markt gebracht wird; denn der Leib braucht seine Pflege, wie der Geist seine
Freiheit. Darum seid frei und nicht Sklaven der blinden Toren der Welt!
[Lao.01_002,25]
Was Rühmliches aber mag da wohl jemand von sich sagen, so er gefastet hat in
seinem Magen, aber sein Herz voll angefüllt hat von argen Gedanken, Wünschen
und Begierden?!
[Lao.01_002,26]
Wäre es denn nicht um vieles klüger, zu fasten im Herzen denn im Magen?! Wie
möget ihr wohl so große Toren sein und euch weismachen lassen, dem Herrn sei
angenehmer, so jemand ißt einen Fisch in Oel gelegt, als so er ißt ein
anderes Fleisch von einem warmblütigen Tiere und dessen Fett statt des Oeles?!
[Lao.01_002,27]
Ich aber sage euch: Esset mit Maß und Ziel allezeit, was euch schmeckt und
wohltut eures Leibes Gesundheit, und trinket Wein mit Wasser, wie auch ich es
tue, so ich es nur haben kann, und machet euch kein Gewissen daraus, so werdet
ihr recht handeln auch in diesem Stücke!
[Lao.01_002,28]
Denn der Herr hat keine Freude am Fasten des Magens; wohl aber an dem des
Herzens; im Herzen aber fastet Tag und Nacht, so werdet ihr fasten im Geiste
und in der Wahrheit!
[Lao.01_002,29]
Wie aber ihr fasten möchtet nach der gleisnerischen Lehre dessen, der vor euch
tut, als wäre er nur mehr mit einem Fuße auf der Erde, alles andere aber schon
im Himmel, also fasten auch alle Heiden, die da essen an ihren Festtagen die
feinsten Leckereien und sind dann geiler darauf denn an einem Gemeintage, da
sie ihre tägliche Kost haben.
[Lao.01_002,30]
Da ihr aber nun mit Christo auferstanden seid, was kümmert euch denn, was da
unten auf der Welt ist, und was suchet ihr den Satzungen der Welt zu genügen,
die da ein Werk der Menschen sind?!
[Lao.01_002,31]
Suchet, was droben ist, da Christus sitzet zur Rechten des Vaters, – das wird
sich besser ziemen für euch denn all die gänzlich wertlosen Torheiten der Welt!
[Lao.01_002,32]
Seid ihr erweckt worden im Geiste und auferstanden mit Christo, da seid ihr ja
von oben, aber nicht von unten her; also suchet denn auch, was droben, aber
nicht, was da unten auf der Erde ist!
[Lao.01_002,33]
Denn ihr seid gestorben der Welt, und euer Leben ist verborgen mit Christo in
Gott.
[Lao.01_002,34]
Wenn aber Christus, der nun euer Leben ist, Sich offenbaren wird, dann werdet
auch ihr offenbar werden mit Ihm in der Herrlichkeit!
[Lao.01_002,35]
Tötet daher von neuem eure Welt, die in vielen Gliedern auf der Erde ist, wie
eures Leibes Glieder, und mit denen ihr getrieben habet und nun wieder treiben
möchtet Hurerei, Unlauterkeit, schändliche Brunst, böse Lust, Habsucht, Neid
und Geiz; in allem dem aber allezeit besteht die wahrhaftige Abgötterei der
Heiden.
[Lao.01_002,36]
Und meidet vor allem die Lüge, denn sie ist der nächste Abkömmling des Satans!
Ziehet den alten Menschen aus und den neuen in Christo an, der da erneuert wird
zur Erkenntnis Dessen, und das nach Des Ebenmaße, der ihn erschaffen hat!
3.
Kapitel
[Lao.01_003,01]
Ich aber sagte: „Meidet die Lüge, welche ist der nächste Abkömmling des
Satans!“, weil ihr nun – wie ich es durch Nymphas
erfahren habe und gleichermaßen durch den Geist Christi in mir erfahre – in die
Menschensatzung zum großen Teile übergegangen seid.
[Lao.01_003,02]
Was ist der Tempel denn anderes denn eine Menschensatzung, ein totes Werk von
Menschenhand, also ein eitles Traumwerk, das da auch allezeit vergeht, sobald
das Auge vom Schlafe erwacht?!
[Lao.01_003,03]
Da es aber das ist, so ist es eine Lüge, in die ihr euch begebet, um euch
selbst zu belügen und zu betrügen, da ihr meinet, daß
ihr darin Gott die Ehre gäbet; und Gott Selbst belüget ihr, so ihr meinet, daß ihr Ihm dadurch einen gar wichtigen Opferdienst
erweiset!
[Lao.01_003,04]
Ihr Törichten! Welchen Dienst wollet ihr denn tun dem Allmächtigen, der Himmel
und Erde schon zuvor gegründet hat, ehe ihr noch von Ihm erschaffen wurdet?!
Was habet ihr wohl, das ihr nicht zuvor empfangen hättet; so ihr es aber
empfangen habet, was tut ihr denn, als so ihr es nicht empfangen hättet?!
[Lao.01_003,05]
Wollet ihr mit dem etwa dem Herrn einen angenehmen Dienst erweisen, so ihr Ihn
in einem Tempel, von Menschenhand erbaut, anbetet durch Zeremonie und Rauchwerk
und durch tote Gebete auf langen oder breiten Streifen?!
[Lao.01_003,06]
O sehet, wie sehr hat euch ein Apostel des Satans berücket! Ist Christus doch,
in dem die Fülle der Gottheit wohnet, leibhaftig im Tempel zum Tode verurteilt
worden – und hat ehedem Selbst von dessen völligem Untergange geweissagt!
[Lao.01_003,07]
Wie möchte Er an dem nunmehr ein Wohlgefallen haben, vor dem Er alle Seine
Jünger, wie im Geiste auch mich, gar sehr gewarnet
hat, indem Er sprach: „Hütet euch vor dem Sauerteige der Pharisäer und
Hohenpriester!“?! Und ihr wollet nun das alte ,Richthaus‘, das vor Gott ein Greuel geworden ist, zu einer Wohnstätte des Herrn
errichten, auf daß ihr Ihn vielfach töten möchtet
daselbst!
[Lao.01_003,08]
Wie blind doch und wie sehr in die Welt übergegangen müßt
ihr sein, daß euch solches nicht auf den ersten Blick
auffallen mochte!
[Lao.01_003,09]
Ist's denn nicht genug, daß Christus einmal für alle
gestorben ist und wir alle nun mit Ihm, auf daß wir
auferstanden sind noch in unserm Fleische mit Ihm zur wahren Erkenntnis Seines
Geistes, der in uns ist, und zur Erkenntnis des Vaters, der uns eher schon
geliebt hatte, als die Welt war?!
[Lao.01_003,10]
Wie oft wohl möchtet ihr Christum noch töten, Ihn, den allein ewig Lebendigen,
der uns alle einmal erwecket hat vom Tode zum ewigen Leben durch Seine
herrliche Auferstehung?!
[Lao.01_003,11]
Ich, Paulus, aber sage euch: Gehet hin und zerstöret den Tempel, löschet den
bezeichneten Feiertag aus den Kalendern, setzet den falschen Bischof und seine
Knechte ab, die sich gleich denen von Jerusalem von eurer Hände Arbeit mästen
wollen und haben sich einen großen ehernen Kasten machen lassen, der euer
erspartes Gold und Silber aufnehmen solle,
[Lao.01_003,12]
und verbrennet die verbrämten Kleider, die nun vor Gott ein Greuel
sind, – so werdet ihr dem Herrn schon dadurch einen bei weitem angenehmeren
Dienst erweisen, als so ihr euch tausend Jahre lang möchtet in einem solchen
Tempel töten lassen!
[Lao.01_003,13]
Wollet ihr aber durchaus ein Gott wohlgefälliges Haus in eurer Mitte, da
erbauet ein Hospital für Kranke, Lahme, für Bresthafte, für Krüppel, für Blinde
und Stumme, und ein Haus für arme Witwen und Waisen, und ein Haus für fremde
Verunglückte, ohne Ausnahme, wer sie immer sein mögen!
[Lao.01_003,14]
Diese nehmet freudig und mitleidig auf, und teilet allen euren Segen mit ihnen,
wie es unser Herr Jesus Christus uns zweimal getan hat, da Er mit Seiner
Segensfülle gesättiget hat Tausende von Hungrigen; da
werdet ihr Ihm, dem allein Heiligen, einen wahren wohlgefälligen Dienst tun zu
eurer Heiligung.
[Lao.01_003,15]
Denn da hat Er Selbst dafür geredet, indem Er sprach: „Was ihr aber tut den
Geringsten aus diesen Armen, das habt ihr Mir getan!“
[Lao.01_003,16]
So Er Sich aber zum öfteren Male klarst darüber
ausgesprochen hat, was Ihm da sei ein angenehmer Dienst, wie wollet ihr denn
dann solch einen, der Ihm ein Greuel, ein Ekelgeruch
und Pestilenz ist?!
[Lao.01_003,17]
Ein Herz voll Liebe aber ist der Gott, dem Herrn in Christo, allein
wohlgefällige lebendige Tempel und ist Ihm lieber denn eine Welt voll
salomonischer, die alle tot sind, während das Herz lebendig ist und kann Gott
und alle Brüder lieben! Also erbauet von neuem diesen Tempel in euch geistlich,
und opfert allezeit im selben dem Herrn lebendig!
[Lao.01_003,18]
Nicht der Tempel, nicht die Zeremonie, nicht der Priester und nicht der
Bischof, auch nicht der Paulus und seine Jünger; nicht der Jude, nicht der
Grieche, noch der Juden Beschneidung und die Vorhaut, noch der Tempel Salomos;
also auch nicht der Urgrieche, der Skythe, der Heide, der Freie, der Knecht;
noch der Sabbat, noch der Neumond, noch das Jubeljahr ist etwas vor Gott,
sondern allein Christus ist alles in allem!
[Lao.01_003,19]
Also ziehet denn allein Christum an als die Auserwählten Gottes, als Seine
Heiligen und Seine Geliebten, durch den lebendigen Glauben, durch die Liebe,
durch herzliches Erbarmen über eure Brüder, durch Freundschaft, Freundlichkeit,
Demut, Sanftmut und alle Geduld.
[Lao.01_003,20]
In allem dem vertrage einer den andern, und vergebet euch gegenseitig von
Herzen, was da irgendeiner hat wider den andern, und so werde auch ich euch
vergeben und der Herr, wie ihr euch vergebet!
[Lao.01_003,21]
Führet nicht Klagen gegeneinander gleich den Heiden, welche da haben ihre
eigenen Klagegerichte, sondern seid verträglich und gegenseitig duldsam, und
machet eure Sachen im Herzen aus, so werdet ihr vor dem Herrn besser tun, als
so ihr alle Satzungen Mosis, die schwer zu merken und noch schwerer zu halten
sind, auf das gewissenhafteste beachten möchtet; denn an den Satzungen Mosis
hat der Herr kein Wohlgefallen, sondern allein nur an einem reinen Herzen, das
Gott und die Brüder wahrhaftig liebet.
[Lao.01_003,22]
Und so denn ziehet vor allem an die Liebe; denn sie allein gilt vor dem Herrn
und ist das allein vollrechtliche Band aller Vollendung und aller
Vollkommenheit!
[Lao.01_003,23]
In der Liebe und durch die Liebe regiere der wahre, vollkommene Friede Gottes
in euren Herzen, in und zu welchem Frieden ihr auch allein alle berufen seid in
einem Leibe in Christo dem Herrn; und so ihr Ihm danket, da danket ihr Ihm
darum allezeit und ewig im Geiste und in der Wahrheit,
[Lao.01_003,24]
aber nicht in einem toten Tempel, der da nichts ist vor Gott, dem Herrn und
Geber des Lebens, der da allein sieht auf das Herz und auf dessen Frieden!
[Lao.01_003,25]
Lasset das lebendige Wort Christi reichlich unter euch wohnen in aller Liebe
und wahrer, vollkommener Weisheit aus ihr! Lehret und vermahnet und erbauet
euch gegenseitig mit allerlei herrlichen geistigen Dingen und Betrachtungen,
[Lao.01_003,26]
mit Psalmen der Liebe und anderen Lobgesängen und geistlichen lieblichen
Liedern; aber singet im Herzen und machet nicht ein leeres Geplärr mit dem
Munde, so werdet ihr dem Herrn angenehmer sein, als da ist das eitle Geplärr
der Pharisäer, Juden und Heiden, die da ihren Lippen viel zu schaffen machen
des Goldes wegen, aber ihre Herzen sind dabei kälter denn Eis!
[Lao.01_003,27]
Alles aber, was immer ihr tuet – sei es mit Worten oder Werken –, das tuet im
Namen unseres Herrn Jesu Christi, und danket für alles Gott dem Vater durch
Ihn; denn Er ist der Vermittler zwischen Gott und uns, – in Seinem Herzen
wohnet die Fülle des Vaters!
[Lao.01_003,28]
Höret aber auch, ihr Weiber zu Laodizea: Also will es
der Herr, unser Gott von Ewigkeit, daß ihr vollkommen
untertan sein sollet euren Männern in Christo dem Herrn; denn im Manne habt ihr
das Haupt Christi.
[Lao.01_003,29]
Ihr Männer aber liebet eure Weiber gerechten Maßes und seid nicht hart gegen
sie; aber treibet es mit der Liebe eurer Weiber nicht zu bunt, daß ihr darob des Herrn vergessen könntet, – denn die Liebe
zum Herrn muß ledig sein, also als hättet ihr kein
Weib.
[Lao.01_003,30]
Und ihr Kinder seid vollkommen gehorsam euren Eltern in allen Dingen, die nicht
wider Christum sind; denn das ist Sein Wille und ist Ihm angenehm.
[Lao.01_003,31]
Ihr Eltern aber machet nicht bitter die Gemüter eurer Kinder durch harte Worte
und Mißhandlungen, auf daß
sie nicht scheu werden vor euch und möchten dann zu feigen Kriechern und
Heuchlern werden; denn einen offenbaren Trotzkopf könnet ihr durch Liebe
geschmeidig machen, – aber ein Heuchler und Schmeichler ist unverbesserlich.
[Lao.01_003,32]
Also sage ich auch euch Knechten und Dienern eurer Herren: Seid ihnen gehorsam
in allen Dingen, die nicht wider Christum sind, – aber nicht mit alleinigem
Augendienste, um dadurch euren Herren zu gefallen, sondern in wahrer Einfalt
eures Herzens und in stetiger Gottesfurcht.
[Lao.01_003,33]
Alles aber, was ihr verrichtet euren Herren, das verrichtet also, als dienetet ihr Christo dem Herrn in aller Treue eures Herzens
– aber nicht, als dienetet ihr den Menschen –, so
werdet ihr auch einst von Ihm den Lohn der Herrlichkeit überkommen.
[Lao.01_003,34]
Wer von euch aber Unrecht verübet an seiner Herrschaft, der tut es auch
gleichermaßen an dem Herrn; der Herr aber sieht nicht darauf, ob jemand ist
Herr oder Knecht, sondern allein auf das Werk und auf des Werkes Grund.
[Lao.01_003,35]
Wer daher Unrecht tut, dem wird auch der Herr geben dereinst den gebührenden
Lohn. Ihr möget wohl die Menschen täuschen, aber der Herr läßt
Sich nicht täuschen; denn vor Ihm liegen allezeit offen eure Herzen.
[Lao.01_003,36]
Euch dienstgebenden Herren aber sage ich auch, daß
ihr wohl bedenket, daß die Knechte und Diener auch
eure Brüder sind vor dem Herrn; daher erweiset ihnen allezeit, was da recht ist
vor Gott! Gebet ihnen den gebührenden Lohn zur rechten Zeit mit Liebe in
Christo, und bedenket, daß wir alle einen Herrn haben
im Himmel, und dieser ist Christus, der Heilige Gottes von Ewigkeit!
[Lao.01_003,37]
Weichet nicht ab vom Gebete, und betet mit Danksagung ohne Unterlaß,
– aber nicht mit den Lippen, sondern im Geiste und in der Wahrheit mit aller
Einfalt eures Herzens und in der wahrhaftigen Andacht in der Liebe zu Christo
dem Herrn!
[Lao.01_003,38]
Betet aber auch zugleich für mich, auf daß der Herr
mir allezeit die Türe des lebendigen Wortes auftun möchte und ich allezeit
reden möchte vor euch und vor allen Brüdern in Christo Sein großes Geheimnis
und das Seines Reiches; denn auch ich bin noch an die Welt gebunden und bin ein
ganz gemeiner Mensch, der nur dann weissagen mag, wann ihm der Herr die Türe
seiner Gnade auftut.
[Lao.01_003,39]
Einfältig und weise sei euer Wandel vor und gegen jedermann, – auch gegen die,
welche draußen sind, gegen Juden und Heiden! Ihr sollet niemanden richten – sei
er ein Skythe, Heide, Jude, Grieche oder Ungrieche –, sondern schicket euch
weise nach Zeit und Umständen!
[Lao.01_003,40]
Eure Rede sei allezeit mit Liebe gewürzt gegen jedermann und sei voll Salz der
wahren Weisheit aus Gott; aus dieser Weisheit sollet ihr allezeit nehmen, was
ihr redet mit jemandem, auf daß er erfahre, wie
verschieden die göttliche Weisheit ist von dem Wissen der Weltweisen.
[Lao.01_003,41]
Ich, Paulus, aber meine nun, daß ich nichts
unterlassen habe, euch zu zeigen, was da ist unter euch, und wie es ist ein
giftig Unkraut, ja ein schädlichster Giftbaum, dessen Hauch alles ersticket;
und so habe ich nichts mehr wider euch!
[Lao.01_003,42]
Das aber, liebe Brüder, sei allezeit eine wahre Zeremonie unter euch, daß ihr im Geiste und in der Wahrheit Gott, dem Vater in
dem Sohne, dadurch die Ehre gebet, daß ihr Ihn
allezeit liebet über alles in Seinem Sohne, der für uns alle aus Liebe am Kreuz
gestorben ist, um uns zu bringen die Kindschaft wieder, die unsere Väter von
Adam her allesamt verwirket haben.
[Lao.01_003,43]
Ich aber bitte euch um Gottes willen, daß ihr würdige
Früchte einer vollen Umkehr von euerm neuen Heidentume in die lebendige Kirche
Gottes bringet, welche in euch, aber nicht in den Tempeln, Gewändern und in
irgendeiner Zeremonie wohnet.
[Lao.01_003,44]
Die Liebe Gottes und die Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch allezeit
und ewig!
[Lao.01_003,45]
Wie es aber um mich steht in Rom, das wird euch kundtun der getreue Bruder Tychikus, den ich nun sende zu euch, wie zu den Kolossern,
die da gleichermaßen wie ihr sich vom Satan möchten berücken lassen.
[Lao.01_003,46]
Grüßet mir alle lieben Brüder und den Nymphas und
seines Hauses getreue Gemeinde; denn ich gebe ihm Zeugnis, daß
er gerecht ist und allezeit wie ich zu Gott betet euretwillen.
[Lao.01_003,47]
Grüßet auch die zu Kolossä, so ihr zu ihnen kommt; denn es sind einige unter
ihnen, die ihr kennet, die da allezeit gerecht sind und getreu in dem Glauben
und in der Liebe zu Gott.
[Lao.01_003,48]
Wenn aber die Kolosser werden ihren Brief gelesen haben, dann leset auch ihr
ihn, so wie ich euch um des Herrn willen bitte, daß
ihr diesen Brief eben auch die Kolosser sollet lesen lassen!
[Lao.01_003,49]
Denn er tut ihnen so not wie euch. Schließlich aber vermahne ich euch hier
schriftlich – wie euch allen auch solches mündlich kundtun wird Tychikus –, daß dieser Brief in
allen Gemeinden soll gelesen werden, wie der an die Kolosser.
[Lao.01_003,50]
Meinen Gruß mit meiner eigenen Hand: Gedenket meiner Liebe! – Die Gnade unseres
Herrn Jesu Christi sei mit euch!
[Lao.01_003,51]
Geschrieben von Rom durch Tychikus und dessen
Gefährten Onesimus, die da beide gesandt sind zu euch
und sind gesandt zu den Kolossern.
BRIEFWECHSEL
JESU
Originaltitel:
Briefwechsel zwischen Abgarus Ukkama,
Fürst von Edessa, und Jesus von Nazareth.
Das
kleine Evangelium in Briefform. Historisch gesichert und voll bibelgemäß, d.h.
reine evangelische Botschaft ohne jeglichen Widerspruch zur Bibel. Jesus von
Nazareth offenbart Sich hier Selbst als Mensch seiender Gott; als der Christus
(Messias), Heiland, Erlöser, der von den Propheten angekündigt und von Johannes
dem Täufer erkannt wurde. Es sind diese Briefe an und von Jesus in den letzten
Monaten und Wochen Seines Erdenlebens entstanden.
Durch
das Innere Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach
der 9. Auflage von 1992.
Lorber-Verlag
– Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle
Rechte vorbehalten.
Copyright
© 2000 by Lorber-Verlag,
D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Erster
Brief des Abgarus an Jesus.
[BJ.01_Brief_1,01]
Abgarus, Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande, der in dem Lande um Jerusalem erschienen ist, alles
Heil!
[BJ.01_Brief_1,02]
Ich habe von Dir gehört und von Deinen Gesundmachungen, wie Du sie ohne
Arzneimittel und Kräuter verrichtest. Denn die Rede geht, daß
Du die Blinden sehen machst, die Lahmen gehen, daß Du
die Aussätzigen reinigst und die unreinen Geister austreibst und diejenigen
heilst, die mit langwierigen Krankheiten kämpfen, und endlich sogar die Toten
auferweckst.
[BJ.01_Brief_1,03]
Nachdem ich alle diese Dinge von Dir gehört habe, so habe ich demnach bei mir
selbst geschlossen, eines von beidem müsse wahr sein: entweder Du seiest Gott,
vom Himmel herabgekommen – oder Du, der diese Dinge tut, seiest doch zum
wenigsten ein Sohn des großen Gottes!
[BJ.01_Brief_1,04]
Ich ersuche Dich daher durch dieses Schreiben, Dich zu mir zu bemühen, um die
Krankheit, die ich habe, zu heilen!
[BJ.01_Brief_1,05]
Ich habe auch gehört, daß die Juden wider Dich murren
und Dir Böses zufügen wollen. – Ich aber habe eine zwar kleine, aber wohlgeordnete
Stadt, welche für uns beide hinreichend sein wird. Daher komme Du, mein überaus
hochgeachtetster Freund Jesus, zu mir und bleibe bei mir in meiner Stadt und in
meinem Lande! Da sollst Du von jedermann auf Händen und im Herzen getragen
sein. – Ich erwarte Dich mit der größten Sehnsucht meines Herzens!
[BJ.01_Brief_1,06]
Gesandt durch meinen getreuesten Knecht Brachus.
Erstes
Antwortschreiben von Jesus.
[BJ.01_Antw.1,01]
Abgarus, du bist selig, weil du Mich nicht gesehen
und doch geglaubt hast! Denn siehe, es steht von Mir geschrieben, daß die, welche Mich gesehen haben, nicht an Mich glauben
werden, auf daß die, welche Mich nicht gesehen haben,
glauben und leben mögen in Ewigkeit!
[BJ.01_Antw.1,02]
Was aber das betrifft, darum du Mir schriebst, daß Ich
solle zu dir kommen, da Ich hier im Judenlande verfolgt werde, da sage Ich dir:
Es ist nötig, daß alles das, um dessentwillen Ich
gekommen bin in die Welt, an diesem Orte an Mir erfüllt werde, und daß Ich, nachdem dieses alles in der Kürze an Mir erfüllt
sein wird, zu Dem aufsteigen werde, von dem Ich ausgegangen bin von Ewigkeit.
[BJ.01_Antw.1,03]
Sei aber geduldig in deiner leichten Krankheit! So Ich in den Himmel werde
aufgenommen sein, da werde Ich einen Jünger zu dir senden, damit er deine
Krankheit heile und dir und allen, die bei dir sind, die wahre Gesundheit gebe!
[BJ.01_Antw.1,04]
Geschrieben durch Jakobus, einen Jünger des Herrn Jesu Christi, und übersandt
durch Brachus, des Königs Boten, aus der Gegend Genesareth.
[BJ.01_Antw.1,05]
Bald darauf, als Abgarus vom Herrn Jesus diese
überhimmlische Antwort erhalten hatte, begab es sich, daß
dieses Königs ältester Sohn und Thronfolger in eine tödliche Fieberkrankheit
verfiel, zu der alle Ärzte in Edessa sagten, daß sie unheilbar sei. Das brachte den armen Abgarus nahe zur Verzweiflung. In solcher seiner übergroßen
Betrübnis schrieb er abermals an den guten Heiland Jesus.
Zweiter
Brief des Abgarus an Jesus.
[BJ.01_Brief_2,01]
Abgarus, ein armseliger Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande, der erschienen ist in dem Lande um Jerusalem, alles
Heil und alle Ehre Gottes!
[BJ.01_Brief_2,02]
O Jesus, Du guter Heiland! Siehe, mein ältester Sohn, der Thronerbe, der sich
mit mir über die Maßen auf Deine Ankunft in meiner Stadt freute, ist todeskrank
geworden. Ein böses Fieber hat sich seiner bemächtigt und droht ihn in jedem
Augenblicke zu töten! – Ich aber weiß, wie es mir der Bote beteuert hat, daß Du derlei Kranke ohne Arznei bloß durch Wort und Willen
in die Ferne heilest! O Jesus, Du guter Heiland, Du wahrhaftiger Sohn des
allerhöchsten Gottes, das Du sicher bist – lasse also auch meinen Sohn, der
Dich so sehr liebt, daß er für Dich sogar in den Tod
gehen möchte, wieder gesund werden durch Dein mächtiges Wort und Willen!
[BJ.01_Brief_2,03]
O Jesus, Du guter Heiland! bescheide mich, der ich auch krank bin, nur diesmal
nicht auf die Zeit nach Deiner mir verkündeten Himmelfahrt; sondern helfe,
helfe, helfe sogleich meinem Sohne!
[BJ.01_Brief_2,04]
Geschrieben in meiner Stadt Edessa, übersandt durch
den früheren getreuen Boten.
Zweites
Antwortschreiben von Jesus.
[BJ.01_Antw.2,01]
Abgarus, groß ist dein Glaube! Und darum könnte es
mit deinem Sohne wohl besser werden. Aber da Ich bei dir Liebe gefunden habe,
mehr als in Israel, so will Ich dir auch mehr tun, als so du nur allein
geglaubt hättest!
[BJ.01_Antw.2,02]
Siehe, Ich, der Herr von Ewigkeit, nun ein Lehrer der Menschen und ein ewiger
Befreier vom ewigen Tode, werde deinem Sohne das ewige Leben schenken vor
Meiner Auffahrt, da er Mich ungesehen und ungekannt vor Meinem bevorstehenden
Leiden für alle Menschen aus seinem ganzen Herzen geliebt hat. Und so wirst du,
Mein lieber Abgarus, wohl deinen Sohn dem Leibe nach
verlieren in der Welt, aber dem Geiste nach tausendfach gewinnen in Meinem
ewigen Reiche!
[BJ.01_Antw.2,03]
Glaube aber ja nicht, daß dein Sohn, so er sterben
wird, im Ernste sterben wird! – Nein, nein! Sondern wann er stirbt, da erst
wird er erwachen vom Todesschlaf dieser Welt zum wahren, ewigen Leben in Meinem
Reiche, welches ist geistlich und nicht leiblich.
[BJ.01_Antw.2,04]
Darum lasse dich nicht betrüben in deiner Seele! Denn siehe und schweige: Ich
allein bin der Herr, und außer Mir ist keiner mehr! Darum tue Ich frei, was Ich
tue, und niemand kann zu Mir sagen: Tue das oder tue das nicht!
[BJ.01_Antw.2,05]
Was Ich aber nun tue, und es zulasse, daß Ich wie ein
schwacher Mensch verfolgt werde, das habe Ich schon ehedem vorgesehen, ehe noch
die Erde gegründet war und eher, als Sonne, Mond und Sterne vom Himmel herab
der Erde leuchteten. Denn Ich ging darum aus von Meinem Vater, der in Mir ist,
wie Ich in Ihm! Der Vater aber ist das Höchste, denn Er ist Meine Liebe, Mein
Wille. Der Geist aber, der aus Mir und dem Vater gehet, wirkend von Ewigkeit zu
Ewigkeit, ist das Heiligste. Und das alles bin Ich, der dir nun solches
offenbaret!
[BJ.01_Antw.2,06]
Darum betrübe dich nicht, da du nun weißt, wer Der ist, der dir nun solches
veroffenbaret hat! Schweige jedoch davon bis dahin, da Ich werde am Pfahle
erhöht werden von den Juden, davon dir sobald Kunde wird, als es geschehen
wird, denn sonst würde die Welt vor der Zeit fallen!
[BJ.01_Antw.2,07]
In diesen Tagen aber wird ein armer Jüngling in deine Stadt kommen. Diesen
nehme auf und tue ihm Gutes, so wirst du darob Mein Herz erfreuen, – darum Ich
deinem Sohne eine so große Gnade erweise und ihn ob seiner Liebe vor Mir dahin
gehen lasse, da Ich hingehen werde nach der Erhöhung am Pfahle. – Amen.
[BJ.01_Antw.2,08]
Geschrieben zu Kana in Galiläa durch den Jünger Johannes und übersandt durch
des Königs Boten.
Dritter
Brief des Abgarus an Jesus.
[BJ.01_Brief_3,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande, der im Lande um Jerusalem erschienen ist, alles Heil
in Ewigkeit!
[BJ.01_Brief_3,02]
Aus Deinem herrlichen Gnadenbriefe, den Du o Herr, Herr Gott von Ewigkeit, mir
bestaubtem Wurme vor diesem meinem jetzt an Dich gerichteten Schreiben allergnädigst zugesandt hast zu meinem und meines Sohnes
übergroßem Troste, habe ich klarst ersehen, daß in
Dir die höchste Liebe wohnen muß. Denn sonst wäre es
rein unmöglich, daß Du, als der einige Herr aller
Himmel wie dieser Erde, mir, einem Wurme vor Dir, meines Dich über alles
liebenden Sohnes wohlgedenkend, einen so allmächtig wirkenden Trost hättest
können zukommen lassen! – Ich kann Dir, o Herr, dafür doch wohl nichts anderes
tun als, vor Deinem allerheiligsten Namen in den Staub meiner Nichtigkeit
sinkend, Dir meinen und meines Sohnes Dank darbringen. Nimm diesen unsern
heißesten Dank als ein Pfand unserer heißesten Liebe gnädigst
an und gedenke unser allezeit in Deiner für mich unbegreiflichen Milde!
[BJ.01_Brief_3,03]
Meines sehr kranken Sohnes Liebe zu Dir hat mir ein liebes Begehren nach Dir
vor ein paar Tagen kundgetan. Herr, vergib es mir, so ich es Dir durch dieses
Schreiben wieder kundtue! – Wohl weiß ich es, daß Dir
unsere Gedanken schon eher bekannt sind, als ich und mein Sohn sie noch gedacht
haben. Aber demungeachtet schreibe ich Dir, wie man einem Menschen schreibt,
und tue das nach dem Rate jenes von Dir mir anempfohlenen armen jungen Menschen,
der sich nun schon bei mir, bestgehalten, befindet, der da mir sagte, daß ja jedermann so zu Dir kommen müsse, der von Dir etwas
erhalten will.
[BJ.01_Brief_3,04]
Dieser junge Mensch gab vor, Dich gesehen zu haben. Er hat eine zwar sehr
einfache, aber sonst, wie es mir vorkommt, sehr richtige und treffende
Darstellungsgabe. Dieser junge Mensch, seiner Fähigkeit zufolge mir sehr teuer,
beschrieb uns jüngst zu unserer größten Freude Deine Gestalt auf eine so
anschauliche Weise, daß ich und mein Sohn, der noch
lebt, aber wohl schon höchst schwach ist, Dich förmlich zu sehen glaubten. In
meiner Stadt aber lebt ein sehr großer Künstler in der Malerkunst. Dieser malte
mir sogleich nach der Darstellung des jungen Menschen Deinen Kopf mit der
Brust. Mich und meinen Sohn überraschte dieses Bild um so höchst erfreulicher,
als mir der arme junge Mensch beteuerte, daß Du, o
Herr, gerade also aussähest!
[BJ.01_Brief_3,05]
Darum aber habe ich nun auch diese Gelegenheit benützt, durch den treuen
Überbringer dieses meines gebührendsten Dankschreibens Dir Dein eigen Bild zu
übersenden, auf daß Du es selbst besehen möchtest und
mir dann kundtun durch den Boten, ob dieses Bild Dir wohl gleichsieht?
[BJ.01_Brief_3,06]
O Herr Jesus, Du guter Heiland aller Menschen, zürne uns ja nicht darob! Denn
nicht eine verächtliche Neugierde, nein, sondern reine, übergroße Liebe zu Dir
trieb uns dazu, uns dies allerteuerste Kleinod unseres Herzens also anfertigen
zu lassen, auf daß wir von Dir uns doch irgendeine
Vorstellung machen können, der Du unsere Herzen bis in die tiefste Tiefe mit
Deiner Liebe erfüllt hast und bist geworden unser größter Reichtum, unser
größter Trost und unseres Herzens köstlichster Brautschmuck im Leben und im
Tode!
[BJ.01_Brief_3,07]
O Herr, höre ja nimmer auf, unser in Deinem Herzen zu gedenken! – Dein für uns
heiliger Wille geschehe!
Drittes
Antwortschreiben von Jesus durch denselben Boten des Königs innerhalb zehn
Tagen.
[BJ.01_Antw.3,01]
Meinen Segen, Meine Liebe und Meine Gnade dir, Mein geliebter Sohn Abgarus!
[BJ.01_Antw.3,02]
Ich sagte hier in Judäa wohl oft zu denen, denen Ich von allerlei Übeln des
Leibes geholfen habe: Siehe, das hat dir dein Glaube getan! – Aber noch keinen
habe Ich gefragt: Liebst du Mich? Und noch keiner hat es Mir aus der Tiefe
seines Herzens gesagt: Herr! ich liebe Dich!
[BJ.01_Antw.3,03]
Du aber glaubtest lange schon zuvor, ohne Mich gesehen zu haben, daß Ich der Einige es bin. Und nun liebst du Mich schon wie
einer, der lange schon wiedergeboren wäre aus dem Feuer des Geistes.
[BJ.01_Antw.3,04]
O Abgarus! Abgarus! Wüßtest du und könntest du es fassen, wie sehr Ich dich
darum liebe und welch eine große Freude du Meinem ewigen Vaterherzen machest –
dich würde die zu große Seligkeit dessentwegen erdrücken, daß
du nimmer leben könntest!
[BJ.01_Antw.3,05]
Sei aber standhaft bei allem, was du mit der Zeit von den bösen Juden über Mich
hören wirst, die Mich bald in die Hände der Henker übergeben werden. So du aber
das hören wirst und wirst dich nicht ärgern darob, so wirst du geistig nach deinem
Sohne der Erste sein, der lebendigen Anteil an Meiner Auferstehung vom Tode
haben wird.
[BJ.01_Antw.3,06]
Wahrlich, wahrlich sage Ich dir: Die da glauben Meiner Lehre, daß sie von Gott ist ausgegangen, die sollen auferwecket
werden am jüngsten Tage, allda ein jeder sein rechtes Gericht finden wird. Aber
die Mich wie du lieben, die werden den Tod nimmer schmecken! Sondern wie
schnell da ist der schnellste Gedanke, also schnell auch werden sie aus diesem
Leben des Leibes in das allerhellste ewige Leben verklärt werden und werden
Wohnung nehmen bei Mir, ihrem Vater von Ewigkeit. Solches behalte jedoch
sorgfältig bei dir geheim, bis Ich werde auferstanden sein!
[BJ.01_Antw.3,07]
Dann aber wird alsbald ein Jünger zu dir kommen, wie Ich dir schon im ersten Briefe
verheißen habe, und wird, bis auf deinen Sohn, der vor Mir gehen wird ohne
Schmerz in Mein Reich, dich und dein ganzes Haus gesund machen leiblich und
geistlich.
[BJ.01_Antw.3,08]
Ob der Ähnlichkeit zwischen Meiner Außengestalt und deinem Mir durch deinen
Boten zugesandten Bilde wird dich dein Bote, der Mich nun schon zum dritten
Male sah, auf das getreueste benachrichtigen. Wer ein Bild in deiner Absicht
von Mir will, dem sei es keine Sünde! Denn da erduldet die Liebe ja alles. Aber
wehe denen, die Mich zu einem Götzen gestalten werden! – Halte aber auch das
Bild geheim!
[BJ.01_Antw.3,09]
Geschrieben in Judäa durch Meiner Jünger einen, der Meinem Herzen nahe ist, und
übersandt wieder durch denselben Boten.
[BJ.01_Antw.3,10]
Mein Heil deinem Hause! – Amen.
Vierter
Brief des Abgarus an Jesus sieben Wochen nach dem
dritten geschrieben.
[BJ.01_Brief_4,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande, der im Lande um Jerusalem erschienen ist und nun
verfolgt wird von einem Ende zum andern von den dummen, blinden Juden, die
nicht erkennen das heilige Urlicht, die Sonne der Sonne in ihrer Mitte, alles
Heil!
[BJ.01_Brief_4,02]
O Du mein guter Heiland Jesus! Nun ist geschehen in der Wirklichkeit an meinem
lieben Sohne, was Du, o Herr, mir im zweiten Briefe vorhergesagt hast. Er ist
vor ein paar Tagen gestorben und hat mich auf dem Totenbette noch angelegentlichst mit vielen Tränen im Auge gebeten, ich
möchte Dir mit diesem Schreiben seinen innigsten Dank ausdrücken dafür, daß Du ihn wirklich so ganz ohne Schmerzen und ganz ohne
Furcht vor dem Tode des Leibes hast gnädigst
dahinscheiden lassen.
[BJ.01_Brief_4,03]
Dein Bild hat er wohl bei tausend Male an sein Herz gedrückt, und sein letztes
Wort war: „O Du mein guter Vater Jesus! O Jesus, Du ewige Liebe, der Du allein
das wahre Leben bist von Ewigkeit! Du, der Du jetzt wie eines Menschen Sohn
wandelst unter denen, die Deine Allmacht ins Dasein rief und ihnen Gestalt und
Leben gab – Du allein, ja Du bist meine Liebe in Ewigkeit! – Ich lebe, ich lebe,
ich lebe durch Dich in Dir ewig!!!“
[BJ.01_Brief_4,04]
Nach diesen Worten verschied mein lieber Sohn. Wohl wirst Du, o Herr, es
wissen, daß da so das irdische Ende meines Sohnes war
und daß ich und mein ganzes Haus viel geweint haben
um ihn. Aber dennoch schreibe ich Dir dieses wie ein Mensch dem Menschen,
dieweil es also mein sterbender Sohn vor seinem irdischen Ende sehnlichst
gewünscht hat.
[BJ.01_Brief_4,05]
O Herr, vergib mir armem Sünder vor Dir, so ich Dir nun schon durch ein viertes
Schreiben zur Last werde und Dir, o Herr, vielleicht irgendeine Störung in
Deinem allerheiligst wichtigsten Geschäfte bewirke.
[BJ.01_Brief_4,06]
Schließlich wage ich noch die Bitte diesem Schreiben anzufügen, daß Du Deinen Trost mir nicht entziehen möchtest! Denn
siehe, mich hat nun nach meinem Sohne dennoch eine große Traurigkeit befallen,
der ich bei meinem festesten und wie möglich besten Willen nicht ledig werden
kann. Daher bitte ich Dich, Du guter Heiland, Du bester Vater von Ewigkeit, Du
wollest von diesem großen Schmerze mich frei machen. Aber nicht mein, sondern
Dein heiliger Wille geschehe!
Vierte,
eigenhändige Antwort von Jesus in griechischer Zunge, während die früheren in
jüdischer Zunge abgefaßt waren.
[BJ.01_Antw.4,01]
Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Was deinen
Sohn betrifft, so weiß Ich alles, und es ist Mir überaus lieb, daß es mit ihm ein so schönes Ende für diese Welt, aber
einen noch bei weitem schöneren Anfang in Meinem Reiche genommen hat.
[BJ.01_Antw.4,02]
Du aber tust wohl daran, so du um ihn ein wenig trauerst, denn siehe, der Guten
gibt es wenige auf der Welt. Die aber da sind wie dein Sohn, die sind wohl
einer Nachtrauer wert!
[BJ.01_Antw.4,03]
Siehe, auch Ich weine deinem Sohne eine köstliche Träne nach! – So ward alle
Welt aus einer Träne aus Meinem Auge, und so wird der neue Himmel auch wieder
gestaltet.
[BJ.01_Antw.4,04]
Ich sage dir, daß da gute Tränen von einem übergroßen
Werte im Himmel sind. Denn mit diesen allerköstlichsten Juwelen wird der Himmel
gezieret in Ewigkeit. Aber mit bösen Haß-, Neid- und Zorntränen wird die Hölle in ihren Festen
gestärkt.
[BJ.01_Antw.4,05]
Daher sei dir das der größte Trost, daß du trauerst
um den Guten! Behalte aber diese Trauer noch eine Kürze, bis du nach Mir
trauern wirst eine Kürze; dann aber wird dich Mein Jünger von allem frei
machen.
[BJ.01_Antw.4,06]
Sei aber fortan sehr barmherzig, so wirst du auch eine große Erbarmung finden! Vergiß der Armen nicht! Diese sind allzumal Meine Brüder!
Was du ihnen tust, das tust du Mir, und Ich werde es dir vergelten
hundertfältig.
[BJ.01_Antw.4,07]
Suche das Große, das ist Mein Reich, so wird dir auch das Kleine dieser Welt
zukommen! So du aber suchtest das Kleine, da könntest du des Großen nicht wert
erachtet werden.
[BJ.01_Antw.4,08]
Du aber hast (in deinem Gefängnisse) einen Verbrecher, der nach deinem weisen
Gesetze den Tod verdient hat. Ich aber sage dir, Liebe und Erbarmung stehen
höher denn Weisheit und Gerechtigkeit! Handle daher mit ihm nach der Liebe und
nach der Erbarmung, so wirst du eins sein mit Mir und mit Dem, der in Mir ist
und von dem Ich ausgehe als Mensch dir gleich. – Amen.
[BJ.01_Antw.4,09]
Von Mir Selbst geschrieben zu Kapharnaum und
übersandt durch deinen Boten.
Fünfter
Brief des Abgarus an Jesus geschrieben drei Wochen
nach der Antwort des Herrn auf den vierten Brief.
[BJ.01_Brief_5,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande, der im Judenlande um Jerusalem erschienen ist als das
Urlicht, als die ewige Urkraft, die alles neu umschaffet – Himmel, Welten,
Wesen – und nicht erkannt wird von den Ersten, die berufen sind, wohl aber von
denen, die bereits Tausende von Jahren in der Finsternis schmachteten, – alles
Heil von uns Kindern der Nacht!
[BJ.01_Brief_5,02]
O Herr! Welcher Sterbliche kann wohl die Größe Deiner Liebe zu uns Menschen,
die wir nur Deine Geschöpfe sind, fassen – aus welcher Liebe Du nun alles neu
gestalten willst, und willst aber dabei selbst einen Weg wandeln, der nach
meinen menschlichen Begriffen für Gott fast unmöglich und undenkbar zu sein
scheint!
[BJ.01_Brief_5,03]
Bist Du auch hier auf dieser Erde, die Du mit einem Hauche verwehen könntest,
als ein ganz einfacher Mensch unter den Menschen gegenwärtig, so regierest und
erhältst Du aber aus Deinem innersten Gottwesen dennoch die ganze
Unendlichkeit! Und jeder Staub der Erde, jeder Tropfen im Meere, Sonne, Mond
und alle zahllosen Sterne horchen der Allmachtstimme Deines Herzens, das da der
ewige Mittelpunkt aller Dinge und Wesen in der ganzen Unendlichkeit ist.
[BJ.01_Brief_5,04]
O wie endlos selig müssen Deine Jünger sein, so sie Dich am hellsten Tage ihres
Geistes nur so erkennen, wie ich armer Sünder aus meiner Nacht!
[BJ.01_Brief_5,05]
O wäre ich nur nicht lahm an meinen Füßen, wie lange schon wäre ich bei Dir! So
aber sind meine elenden Füße mir ein Hindernis zu meiner größten Seligkeit
geworden. Aber das alles ertrage ich nun gerne, weil Du, o Herr, mich nur
insoweit für würdig befunden hast, mit mir armem, dummem Tropfe brieflich zu
reden und mich über so viele Wunderdinge zu belehren, über die man freilich
wohl nur von Dir, o Herr, nie aber von einem Menschen belehrt werden kann.
[BJ.01_Brief_5,06]
Was wußte ich wohl früher von einem Leben nach dem
Tode? – Alle Weisen der Welt hätten mir dieses Rätsel nicht enthüllt. Denn
unsere Vielgötterlehre hat wohl eine dichterische Unsterblichkeit, die aber ebensowenig der Wirklichkeit gleicht wie ein leerer Traum
dem andern, in dem man bald auf dem Meere zu Fuße geht und fährt übers Land zu
Schiffe.
[BJ.01_Brief_5,07]
Du, o Herr, aber hast es mir im Worte und in der Tat gezeigt, wie nach dem Tode
dieses unseres sehr gebrechlichen Leibes erst ein vollkommenstes, wahrhaftiges,
freiestes Geistesleben seinen Anfang nimmt und nimmerdar
verändert wird ewig.
[BJ.01_Brief_5,08]
Aus diesem Grunde aber habe ich es mir nun auch zur unerläßlichen
Aufgabe gemacht, Dir, o Herr, für diese endlos große Gnade durch dieses
Schreiben meinen gebührendsten Dank darzubringen, der freilich gegen diese
Deine endlos große Gnade in das reinste Nichts zerfällt.
[BJ.01_Brief_5,09]
Aber was, o Herr, könnte ich Dir auch geben, das Du mir nicht zuvor gegeben
hättest!?
[BJ.01_Brief_5,10]
Ich denke, ein rechter Dank aus dem Herzen scheint mir noch das dem Menschen am
meisten Eigenste zu sein, weil der Undank sicher sein volles Eigentum ist. Daher
auch kann ich, o Herr, Dir nichts darbringen als eben meinen geringen Dank –
aber dennoch mit der vollsten Versicherung, daß ich
nun bereit bin, in meinem kleinen Staate alles sogleich einzuführen, was Du, o
Herr, mir gnädigst gebieten möchtest, – also wie ich
nach Deinem Wunsche den großen Staatsverbrecher nicht nur alsogleich
aus dem Kerker heben, sondern ihn auch sogleich in meine Schule und an meinen
Tisch bringen ließ.
[BJ.01_Brief_5,11]
Ob ich daran recht getan oder etwa, wie man zu sagen pflegt, des Guten zuviel
getan habe, das zu beurteilen reicht mein menschlicher Verstand nicht hin.
Darum komme ich, o Herr, auch in diesem Stücke zu Dir mit diesem Schreiben, daß Du mir darüber die rechte Weisung gnädigst
erteilen möchtest.
[BJ.01_Brief_5,12]
Meine Liebe, meinen Dank und meinen kindlichsten Gehorsam Dir, o Herr Jesus,
ganz allein! Dein Wille geschehe!
Fünftes
Antwortschreiben von Jesus.
[BJ.01_Antw.5,01]
Höre du, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus! Ich
habe nun bei zweiundsiebzig Jünger, darunter zwölf Apostel; aber alle zusammen
haben nicht solche Sehekraft wie du allein, der du
ein Heide bist und Mich nie gesehen hast und nicht alle die vielen Wunder seit
Meiner Menschwerdung, seit Meiner Geburt.
[BJ.01_Antw.5,02]
Darum aber sei auch der besten Hoffnung; denn siehe, es wird geschehen, und es
ist schon geschehen, daß Ich den Kindern das Licht
nehmen werde und werde es in der Fülle geben euch Heiden! Denn siehe, erst vor
kurzem habe Ich unter den hier mitunter lebenden Heiden, Griechen und Römern
Glauben gefunden, desgleichen in ganz Israel nicht anzutreffen ist. Liebe und
Demut aber sind nun unter den Juden ganz fremde Eigenschaften des menschlichen
Herzens geworden, während Ich sie nicht selten unter euch im Vollmaße antreffe.
[BJ.01_Antw.5,03]
Siehe, darum werde Ich es den Kindern nehmen und werde es euch geben, das ist:
all Mein Reich zeitlich und ewig! Die Kinder aber sollen sich nähren vom Unflate der Welt!
[BJ.01_Antw.5,04]
Du möchtest Meinen Willen in deinem Staate zum Gesetze machen. – Das wird sich
vorderhand noch nicht tun, denn siehe, es gehört zu allem eine gewisse Reife.
Aber Mein Gesetz ist nichts als Liebe. Willst du schon in deinem Staate etwas
von Mir einführen, so führe dieses Gesetz ein, dann wirst du mit Meinem Willen
ein leichtes Werk haben! Denn siehe, Mein Wille und Mein Gesetz sind so völlig
eins, wie da Ich und der Vater völlig eins sind.
[BJ.01_Antw.5,05]
Freilich liegt dann in Meinem Willen noch so manches, was du nun nicht fassen
könntest. Wenn aber Mein Jünger zu dir kommen wird, der wird dich in alles
leiten. Und so du durch ihn auf Meinen Namen getauft wirst, dann wird der Geist
Gottes über dich kommen und wird dich selbst in allen Dingen unterweisen.
[BJ.01_Antw.5,06]
Mit dem Verbrecher hast du völlig recht getan. Denn siehe, Ich tue mit euch
Heiden ja dasselbe. Deine Tat aber sei dir ein guter Spiegel dessen, was Ich
schon tue und später in der Fülle tun werde.
[BJ.01_Antw.5,07]
Das zu deiner Ruhe und zu deinem Segen! – Amen.
Sechster
Brief des Abgarus an Jesus zehn Wochen später
geschrieben.
[BJ.01_Brief_6,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande alles Heil, der um Jerusalem erschienen ist, ein Heil
allen Völkern, die eines guten Herzens sind und den rechten Willen haben, nach
Seinem Worte ihr Leben einzurichten!
[BJ.01_Brief_6,02]
O Herr, vergib mir meine große Dreistigkeit und mein schon wahrhaft
unverschämtes Zudringen zu Dir! Aber Du weißt es ja, daß gute Ärzte bei den Menschen stets in größtem Ansehen
standen, weil sie allezeit noch in den Dingen der Natur die sichersten
Kenntnisse besaßen, darum sich bei großen Erscheinungen in der Natur jedermann
gerne an sie wandte, um von ihnen einen wennschon matten Aufschluß
zu erhalten.
[BJ.01_Brief_6,03]
Um wie endlos höher über alle naturkundigen Ärzte der Welt stehst Du in meinen
Augen, der Du nicht nur Arzt in allen Dingen, sondern auch zugleich Schöpfer
und Herr aller Natur bist von Ewigkeit!!! Dir kann ich daher nun ganz allein
meine gegenwärtige sonderbare Staatsnot vortragen und Dich dann aus aller Tiefe
meines Herzens um die gnädige Abwendung dieser sonderbaren Not anflehen.
[BJ.01_Brief_6,04]
Siehe, wie Du es sicher vom Grunde schon lange weißt, ist vor zehn Tagen hier
ein kleines Erdbeben verspürt worden, welches, Dir ewig Dank, ohne besondere
Spuren vorüberging. Ein paar Tage nach diesem Erdbeben fing (jedoch) alles
Wasser an, trüb zu werden, und jeder Mensch, der das Wasser trank, bekam
Kopfschmerzen und ward darauf ganz unsinnig.
[BJ.01_Brief_6,05]
Ich gab da sogleich ein strenges Gebot heraus, daß da
in meinem ganzen Lande das Wasser so lange niemand gebrauchen darf, bis ich es
wieder zu gebrauchen gebieten werde. Unter der Zeit aber sollen alle meine
Staatsbürger zu mir nach Edessa kommen, allwo sie
Wein und Wasser bekommen werden, das ich nun für den Zweck auf großen Schiffen
eigens von einer ziemlich entfernten griechischen Insel holen lasse.
[BJ.01_Brief_6,06]
Ich glaube, weil mich zu dieser Handlung rein nur die Liebe zu meinem Volke und
die wahrste Erbarmung über dasselbe antrieb, keine schlechte Tat begangen zu
haben. Darum bitte ich Dich, o Herr, in aller Demut und Zerknirschtheit meines
Herzens, Du wollest mir und meinem Volke aus dieser Not helfen!
[BJ.01_Brief_6,07]
Denn siehe, es will sich das Wasser nicht klären, und dessen tolle Wirkung ist
stets die gleiche. O Herr, ich weiß, daß Dir alle
guten und bösen Kräfte und Mächte untertan sind und müssen weichen Deinem
Winke; daher bitte ich Dich, Du wollest Dich gnädigst
meiner erbarmen und mich wegen des armen Volkes befreien von dieser Plage! Dein
göttlicher heiliger Wille geschehe!
[BJ.01_Brief_6,08]
Als der Herr diesen Brief gelesen hatte, erregte Er sich tief in Seinem Innern
und sprach laut wie ein Donner: „O Satana, Satana! Wie lange willst du Gott, deinen Herrn, noch
versuchen!? Was tat dir, du ärgste Schlange, dies arme, gute Völklein, daß du es also
scheußlich plagest?
[BJ.01_Brief_6,09]
Auf daß du wieder erfahrest, daß
Ich dein Herr es bin, so habe es in diesem Lande von diesem Augenblicke an ein
Ende mit deiner Bosheit! Amen.
[BJ.01_Brief_6,10]
Hast du dir einst nicht bloß der Menschen Fleisch bedungen, es zu proben, was
Ich dir gestattete wie bei Hiob?! Was machst du mit Meiner Erde?! – Hast du
Mut, so greife Mich an! Aber Meine Erde und die Menschen, die Mich in ihren Herzen
tragen, lasse in Ruhe bis zur Zeit, die Ich dir zur allerletzten Freiheitsprobe
gönnen werde!“
Nach
diesem Ausruf erst erging durch einen Jünger an den Abgarus
folgende Sechste Antwort des Herrn Jesus.
[BJ.01_Antw.6,01]
Mein lieber Sohn und Bruder Abgarus! Diesen argen
Streich hat dir nicht dein Feind, sondern allein Mein Feind gespielt! Du jedoch
kennest diesen Feind nicht; Ich aber kenne ihn schon gar lange.
[BJ.01_Antw.6,02]
Dieser Mein Feind ist der alte unsichtbare Fürst der Welt und hatte bisher eine
große Macht nicht nur auf dieser Erde, die sein Haus ist, sondern auch in den
Sternen. Allein seine Macht wird nur noch eine kurze Zeit dauern, und bald wird
der Fürst dieser Welt geschlagen werden.
[BJ.01_Antw.6,03]
Du aber fürchte ihn nimmerdar! Denn für dich und dein
Volk habe Ich ihn nun geschlagen. – Gebrauche daher nun ganz ruhig das Wasser
deines Landes, denn es ist in diesem Augenblicke rein und gesund geworden.
[BJ.01_Antw.6,04]
Siehe, dieweil du Mich liebst, ist dir Arges begegnet. Weil aber deine Liebe zu
Mir mächtiger ward in der Bedrängnis, so hat deine Liebe gesiegt über alle
Macht der Hölle, und du bist nun für alle Zeit frei vor solchen höllischen
Ausgeburten!
[BJ.01_Antw.6,05]
Daher wird es kommen, daß der Glaube großen
Versuchungen preisgegeben wird und wird durch Wasser und Feuer wandeln müssen.
Aber das Feuer der Liebe wird das Glaubensprobefeuer ersticken und das Wasser
mit seiner Allgewalt verdampfen.
[BJ.01_Antw.6,06]
Wie es aber nun deinem Lande natürlich ergangen ist, so wird es dereinst vielen
aus Meiner Lehre ergehen geistig; sie werden auch sehr unsinnig werden, die aus
den Pfützen der falschen Propheten trinken werden!
[BJ.01_Antw.6,07]
Meine Liebe, Meinen Segen und Meine Gnade dir, Mein Bruder Abgarus!
– Amen.
Siebter
Brief des Abgarus an Jesus neun Wochen nach Empfang
der sechsten Antwort an den Herrn geschrieben und fünf Tage vor dem Einzug in
Jerusalem an den Herrn gelangt.
[BJ.01_Brief_7,01]
Abgarus, ein kleiner Fürst in Edessa,
Jesu dem guten Heilande alles Heil, der erschienen ist in der Gegend um
Jerusalem, ein Heil allen Völkern, ein Herr und ein gesalbter König von
Ewigkeit, ein Gott aller Kreatur, aller Menschen und aller Götter, der guten
wie der bösen!
[BJ.01_Brief_7,02]
O mein Gott, o mein Herr, o Du alleiniger Erfüller
meines Herzens und vollster Inbegriff aller meiner Gedanken! Ich weiß es zwar
wohl schon aus Deinem ersten gnädigsten Briefe an mich, daß
mit Dir nach Deinem eigenen unbegreiflichen Ratschlusse das alles geschehen muß, was eben die argen jerusalemitischen
Juden mit Dir vorhaben.
[BJ.01_Brief_7,03]
Ich kann es mir wohl auch dunkel vorstellen, daß das
alles schon so wird sein müssen. Aber daß sich mein
Dich nun über alles liebendes Herz dagegen sträubet, von meiner menschlichen
Seite betrachtet, das wirst Du, o Herr, sicher noch besser einsehen als ich,
ein schwacher Mensch. Daß ich aber vollen Grund habe,
Dir, o Herr, solches zu berichten, wird die Folge zeigen im Verlaufe dieses
meines Schreibens.
[BJ.01_Brief_7,04]
Siehe, ich als ein römischer Vasall, ein naher Verwandter des Tiberius, der da
Kaiser (Cäsar) in Rom ist, habe auch in Jerusalem meine römischen getreuen
Beobachter, die besonders ein scharfes Auge auf das dortige überaus hochmütige
Priestertum haben. Diese meine Beobachter haben mir genau berichtet, was diese
stolzen, übermütigen Priester und Pharisäer mit Dir vorhaben.
[BJ.01_Brief_7,05]
Sie wollen Dich nicht nur nach ihrer Art steinigen oder verbrennen; nein, das
ist ihnen viel zu wenig, sondern sie wollen an Dir ein Exempel der allerunmenschlichsten
Grausamkeit statuieren! – Höre, o Herr! Diese Bestien in Menschengestalt wollen
Dich an das Kreuz mit scharfen Nägeln heften lassen und Dich so lange daran
hängen lassen, bis Du langsam vor den ungeheuersten Schmerzen stürbest am
Schandpfahle! Und dieses Meisterstück menschlicher Bosheit wollen sie an diesem
bald kommenden Osterfeste ausführen!
[BJ.01_Brief_7,06]
Herr, sei es, wie es wolle – aber mich hat es bis ins Innerste empört! Ich
weiß, wie diese rein sinnlichen und herrschsüchtigen Bestien Dich gar nicht
darum töten wollen, weil Du Dich als ihren verheißenen Messias ausgibst vor dem
Volke. O das würde diese priesterliche Hyänenbrut wenig kümmern; denn ich weiß
es nur zu gut, daß sie bei sich weder an einen Gott,
noch viel weniger an Dich glauben und unter sich aus einer Gotteslästerung sich
wenig machen.
[BJ.01_Brief_7,07]
Aber sie haben einen ganz anderen Plan! – Siehe, diese Bestien wissen, daß sie von Rom ihrer geheimen Konspirationen wegen mit
Argusaugen beobachtet werden. Und der sehr scharfsichtige Pilatus hat einen
solchen hohepriesterlichen Aufstandsversuch, so fein er auch angelegt war,
schon im vorigen Jahre genau durchschaut und hat, wie Du es weißt, bei
fünfhundert Arme und auch Wohlhabende, zumeist leider Galiläer, vor dem Vorhofe
am Feste ergreifen und sogleich enthaupten lassen, wodurch er sich freilich die
Feindschaft des Herodes zuzog, da das meistens seine Untertanen getroffen hat.
[BJ.01_Brief_7,08]
Dieses Beispiel wirkte stark erschütternd auf die Gemüter der Templer. Um die
lästige Scharte auszuwetzen, haben sie nun Dich ausersehen, wollen Dich als
einen Staatsrebellen beim Pontius anklagen und Dich auch als den
Haupträdelsführer des vorjährigen Aufstandes bezeichnen, um sich auf diese Art
vor dem römischen Hofe wieder weiß zu waschen und dadurch Roms lästige
Argusaugen von sich abzuwenden, um dann wieder leichter ihre Hochverratspläne
zu schmieden, was ihnen aber auf keinen Fall gelingen wird. Du siehst es ohne
dies mein Schreiben auch, und endlos besser, daß sie
von Rom aus auf ein Haar durchschaut sind.
[BJ.01_Brief_7,09]
Willst Du, o Herr, einen Dienst von mir, Deinem innigsten Freunde und Anbeter,
so sende ich darob sogleich Eilboten nach Rom und zu Pontius, und ich stehe Dir
dafür, daß diese Bestien in gleicher Zeit in dieselbe
Grube fallen werden, die sie Dir bereitet haben!
[BJ.01_Brief_7,10]
Doch da ich Dich, o Herr, nur zu wohl kenne und wohl weiß, daß
Du keines Menschen Rates bedarfst, so wirst Du wohl tun, was Dir am besten
deucht. Ich als Mensch aber habe das als eine meiner ersten Pflichten
angesehen, Dir die Sache also getreu kundzugeben, wie sie sich auf ein Haar
also und nicht anders verhält – verbunden mit meinem herzinnigsten Danke für
Deine Gnade, die Du mir und meinem Volke erwiesen hast.
[BJ.01_Brief_7,11]
O Herr, lasse mich wissen, was ich hier für Dich tun soll! – Dein allzeit
heiliger Wille geschehe!
Siebtes
und letztes Antwortschreiben von Jesus.
[BJ.01_Antw.7,01]
Höre, Mein geliebter Sohn und Bruder Abgarus, es
verhält sich richtig alles genau also, wie du Mich nun benachrichtiget hast.
Aber dessenungeachtet muß
mit Mir alles also geschehen, weil sonst kein Mensch ewig je das ewige Leben
erreichen könnte – was du jetzt freilich nicht einsiehst, aber in Kürze dieses
große Geheimnis einsehen wirst.
[BJ.01_Antw.7,02]
Daher lasse vorderhand deine Mir freundlichst dargebotenen Schritte für Meine
Rechtfertigung. Denn sie würden da wenig fruchten, wo des Vaters ewige Macht
waltet, der in Mir ist und Ich als ein Mensch von Ihm ausgegangen bin.
[BJ.01_Antw.7,03]
Darum erschrecke dich Mein Kreuz ja nicht, an das Ich geheftet werde, – denn
siehe, gerade dieses Kreuz soll für alle künftigen Zeiten der Grundstein zum
Reiche Gottes und zugleich die Pforte in dasselbe werden!
[BJ.01_Antw.7,04]
Ich aber werde nur drei Tage lang dem Leibe nach tot sein. Am dritten Tage aber
werde Ich als ein ewiger Überwinder des Todes und der Hölle wieder vom Tode in
Jerusalem auferstehen und Mein allmächtiges Gericht wird treffen alle Täter des
Übels.
[BJ.01_Antw.7,05]
Für die aber, die Meines Herzens sind, werde Ich dann die Pforte der Himmel
weit auftun vor ihren Augen!
[BJ.01_Antw.7,06]
Wenn du aber in wenigen Tagen wirst am Tage die Sonne ganz verfinstert
erschauen, dann denke, daß Ich, dein größter Freund
und Bruder, am Kreuze gestorben bin! – Erschrecke aber nicht darob! Denn das
alles muß so kommen, und den Meinen wird dennoch kein
Haar gekrümmt werden.
[BJ.01_Antw.7,07]
Wann Ich aber auferstehen werde, in dem Augenblick sollst du ein Wahrzeichen
bekommen, daran du Meine Auferstehung sogleich erkennen wirst!
[BJ.01_Antw.7,08]
Meine Liebe, Gnade und Mein Segen mit dir, Mein lieber Bruder Abgarus! – Amen.