|
Jakob Lorber Die drei Tage im Tempel 1. Kapitel – Die Sitte der Kinderprüfungen im Tempel zu
Jerusalem. [DTT.01_001,01] Es war Sitte und
vorgeschriebener Brauch im ganzen Reiche der Juden, daß
sie ihre Kinder, wenn sie das zwölfte Jahr zurückgelegt hatten, nach Jerusalem
bringen mußten, wo sie im Tempel von den Ältesten,
Pharisäern und Schriftgelehrten befragt wurden über alles, was sie bis zu
diesem Alter besonders in der Lehre von Gott und den Propheten sich zu eigen
gemacht hatten. [DTT.01_001,02] Für solche Prüfung war
auch eine kleine Taxe zu entrichten, nach der die Geprüften, so sie es
wünschten, gegen eine nochmalige kleine Taxe ein Fähigkeitszeugnis erhielten.
Hatten sich die Kinder in jeder Hinsicht ausgezeichnet, so konnten sie dann
auch in die Schulen des Tempels aufgenommen werden und hatten Aussicht, einst
Diener des Tempels zu werden. [DTT.01_001,03] Konnten die Eltern
nachweisen, daß sie dem Stamme Levi entstammten, so
ging es mit der Aufnahme in des Tempels Schulen leicht. Konnten die Eltern
das aber nicht nachweisen, so ging es mit der Aufnahme schlechter, und sie mußten sich in den Stamm Levi förmlich einkaufen und dem
Tempel ein bedeutendes Opfer bringen. [DTT.01_001,04] Die Töchter waren von
dieser Prüfung ausgenommen – außer sie wollten auf Antrieb ihrer Eltern sich
auch prüfen lassen, der größeren Gottwohlgefälligkeit wegen. In diesem Falle
wurden sie von den Altmüttern des Tempels in einer besonderen Behausung fein
geprüft und bekamen auch ein Zeugnis von allen bis dahin erworbenen
Kenntnissen und Fertigkeiten. Solche Mädchen konnten dann Weiber der Priester
und Leviten werden. [DTT.01_001,05] Die Prüfungen der
Knaben und noch mehr der Mädchen dauerten nur kurz. Es waren einige
Hauptfragen schon für immer bestimmt, die ein jeder Jude seit langeher auswendig wußte. [DTT.01_001,06] Die Antworten auf die
bekannten Fragen wurden den Kindern geläufig eingebleut,
und es hatte der Prüfer die Frage kaum zu Ende gebracht, so war der geprüfte
Knabe auch schon mit der Antwort fertig. [DTT.01_001,07] Mehr als zehn Fragen
hatte kein Prüfling bekommen, und es ist darum leicht begreiflich, daß eine Prüfung bei einem Knaben kaum über eine Minute
Zeit gedauert hat. Besonders wenn er die ersten Fragen ganz gut und sehr
fertig beantwortet hatte, da wurden ihm die andern meist erlassen. [DTT.01_001,08] Nach vollbrachter
kurzer Prüfung bekam der Knabe ein kleines Zettelchen,
mit welchem er sich mit seinen Eltern an derselben Taxkasse
zu melden hatte, bei der er ehedem die Prüfungstaxe entrichtete, wo er dann
gegen Vorweisung des Prüfungszettelchens wieder
eine kleine Taxe zu entrichten hatte, so er auf das Zettelchen
ein Tempelzeugnis haben wollte. Kinder armer Eltern mußten
ein Signum paupertatis (Armutszeugnis) mitbringen, ansonst sie zur Prüfung nicht zugelassen wurden. [DTT.01_001,09] Die Zeit der Prüfung
war entweder zu Ostern oder zur Zeit des Laubhüttenfestes und dauerte
gewöhnlich fünf bis sechs Tage. Bevor aber die Prüfungen im Tempel ihren
Anfang nahmen, wurden schon ein paar Tage früher Tempeldiener in die
Herbergen geschickt, um sich zu erkundigen, wieviele
Prüfungskandidaten etwa anwesend seien. [DTT.01_001,10] Wer sich da besonders
vormerken lassen wollte gegen ein kleine Taxe, der konnte es tun, weil er
dadurch früher zur Prüfung kam. Die ohne Taxe mußten
dann gewöhnlich die letzten sein, und mit ihrer Prüfung nahm man sich durchaus
nicht viel Mühe, und die Zeugnisse blieben gewöhnlich aus. Man versprach
ihnen wohl, solche einmal nachzutragen, woraus aber gewöhnlich nie etwas geworden
ist. [DTT.01_001,11] Manchmal aber geschah
es auch, daß Knaben von sehr viel Geist und Talent
den Prüfern auch Gegenfragen stellten und Aufklärung über dies und jenes aus
den Propheten verlangten. Bei solcher Gelegenheit gab es unter den Prüfern
dann gewöhnlich verdrießliche und ärgerliche Gesichter; denn die Prüfer waren
selten in der Schrift und in den Propheten mehr bewandert als heutzutage die
sehr mager bestellten Abc-Lehrer. Sie wußten nur soviel, um wieviel sie zu
fragen hatten. Darüber hinaus sah es gewöhnlich sehr finster aus. [DTT.01_001,12] Es saßen aber bei den
Prüfungen, gewisserart als Prüfungskommissare, wohl
auch einige Älteste und Schriftgelehrte. Sie prüften aber nicht, sondern
hörten nur zu, was da geprüft ward. Nur im vorerwähnten besonderen Falle, so
es sich der Mühe lohnte, fingen sie sich zu rühren an und verwiesen zuerst
einem so Fragen stellenden Knaben seine unkluge Vermessenheit, der es gewagt
hatte, seine Prüfer in eine unangenehme, zeitzersplitternde Lage zu
versetzen. [DTT.01_001,13] Solch ein Knabe wurde,
wenn er sich nicht leicht einschüchtern ließ und bei seinem Vorhaben und
Begehren verharrte, mehr des Scheines vor dem Volke als der tieferen Wahrheit
wegen, einstweilen auf die Warteseite gestellt und mußte
auf die für derlei kritische Fragen gegebene erklärende Antwort bis zu einer
gewissen Stunde am Abend warten, wo er dann erst eigens vernommen wurde. [DTT.01_001,14] Kam dann die
anberaumte Stunde, so wurden stets mit einigem Unwillen solche Knaben aus
ihrem Versteck hervorgeholt, mußten ihre früher
gestellten Fragen wiederholen, und einer der Ältesten und Schriftgelehrten
gab dem Fragesteller gewöhnlich eine sehr mystische und soviel
als möglich verworrene Antwort, aus welcher der Knabe offenbar nicht klüger
wurde – und das Volk schlug sich dabei an die Brust und bewunderte tief,
dumm, stumm, taub und blind die unerforschliche Tiefe des Geistes Gottes
durch den Mund eines Ältesten und Schriftgelehrten und verwies am Ende einem
solchen Knaben seine unbesonnene Keckheit. [DTT.01_002,01] Aber so ein recht
geistreicher Knabe ließ darauf den Kopf noch nicht hängen und sagte: „Alles
Wirken in der großen Gotteswelt ist am Tage vom hellsten Sonnenlicht
erleuchtet, und selbst die Nacht ist nie so finster, daß
man gar nichts sehen sollte; warum muß denn gerade
jene wichtige Lehre, die dem Menschen den Weg zum wahren Heile klarst und
hellst zeigen soll, so verworren und keiner Seele verständlich gegeben sein?“ [DTT.01_002,02] Und der Knabe, der den
Ältesten eben dieses eingewendet hatte, war Ich selbst und brachte sie dadurch
in eine große Verlegenheit, zumal Mir alles anwesende Volk sehr recht zu
geben anfing und sagte: „Beim Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs – dieser Knabe
ist zum Verwundern gescheit, der muß noch mehreres
mit den Ältesten und Schriftgelehrten verhandeln! Wir wollen ihnen für ihn
ein bedeutendes Opfer in den Gotteskasten legen.“ [DTT.01_002,03] Ein sehr reicher Israelite aus Bethania (es war
dies der damals noch lebende Vater des Lazarus, der Martha und Maria) trat
hervor und erlegte für Mich ein Opfer von 30 Pfund Silber und etwas Gold bloß
zum Behufe dessen, daß Ich länger mit den Ältesten
und Schriftgelehrten verhandeln durfte. [DTT.01_002,04] Die Ältesten und
Schriftgelehrten nahmen natürlich das große Opfer nur gar zu gerne an, und
Ich bekam dadurch ordentlich Luft, mit den Ältesten in eine ganz
außerordentliche und vorher aus sicherem Grunde nie dagewesene Besprechung kommen
zu dürfen. [DTT.01_002,05] Aus dem Jesaias aber war schon die erste und die vorerwähnte
Vorfrage, deren äußerst mystisch-dunkle Beantwortung dann eben den Grund zur
folgenden gedehnten Verhandlung bildete, die wir nun werden folgen lassen.
Wer sie mit gutem und liebereinem Herzen lesen wird, der wird auch vieles aus
ihr für seine Seele und seinen Geist gewinnen. [DTT.01_002,06] Bevor wir aber zu der
größeren Verhandlung kamen, und weil Ich die gut bezahlte Freiheit, zu reden,
hatte, kehrte Ich zur Vorfrage zurück und fing die Ältesten und
Schriftgelehrten über die einzelnen Punkte derselben zu befragen an. [DTT.01_002,07] Die Vorfrage aber war
genommen aus dem Jesaias, 7. Kapitel, 14. Vers und
15. und 16. Vers dazu, und die Verse lauten: „So wird der Herr selbst euch
ein Zeichen geben: Siehe, eine Jungfrau ist schwanger und wird einen Sohn
gebären, den wird sie Emanuel heißen. Butter und Honig wird er essen, daß er wisse Böses zu verwerfen und Gutes zu erwählen.
Aber ehe der Knabe lernt Böses verwerfen und Gutes erwählen, wird das Land,
davor dir grauet, verlassen sein von seinen zwei Königen.“ [DTT.01_002,08] Der erstere Teil der
Vorfrage bestand darin: wer die Jungfrau und wer ihr Sohn Emanuel sei, und
wann dies geschehen werde, daß solch ein Sohn in
die Welt geboren werde. Die Zeit müßte schon da
sein, indem das Land Jakobs schon seit mehreren Jahren seiner beiden Könige
entsetzt sei und nun die Heiden zum Herrn habe. Ob etwa nicht jener vor zwölf
Jahren zu Bethlehem von der Jungfrau Maria, die dem Zimmermanne Joseph
angetraut war – noch nicht als Weib, sondern als Pflegebefohlene nach dem
alten Brauche des Tempels – in einem Schafstalle geborene Knabe, dessentwegen
die Weisen vom Morgenlande herbeikamen, um ihn als den verheißenen großen
König der Juden zu begrüßen, dem Anna und Simeon im Tempel bei der Beschneidung
ein großes Zeugnis gegeben haben, eben jener Emanuel sei, von dem Jesaias geweissagt habe. [DTT.01_002,09] Nun, auf diese nicht
unbedeutende Vorfrage fing ein Ältester, so ein recht herrschsüchtiger
Knauser, ein verworrenstes Zeug zusammenzuschwätzen
an, das Ich gar nicht bekanntgeben will, weil er Mich daneben auch einen schlecht
erzogenen Knaben nannte, da Ich schon von einem
Aus-einem-Weibe-Geboren-werden etwas wüßte. [DTT.01_002,10] Nur ein jüngerer, ein
wenig menschlicher aussehender Schriftgelehrter erhob sich dagegen und sagte,
daß solches noch keineswegs auf eine schlechte
Erziehung hindeute, da besonders in Galiläa die Knaben eher reif würden als
in dem verkümmerten Jerusalem, wo nichts als Luxus und eine große Verzogenheit der Kinder daheim sei. Man könnte Mir schon
eine bessere Antwort auf sein Gutstehen für Mich geben, denn er meine, daß Ich schon mit allen Verhältnissen des menschlichen
Lebens bestens vertraut sei. Man solle nur die andern Knaben entfernen und
mit Mir dann ganz männlich reden. [DTT.01_002,11] Aber der Älteste
brummte etwas in seinen Bart hinein, und Ich fragte hernach den menschlicher
aussehenden Schriftgelehrten bezüglich der Geburtsgeschichte in Bethlehem.
Aber auch dieser sagte so ganz weitwendig: [DTT.01_002,12] (Der jüngere
Schriftgelehrte:) „Ja, du mein lieber, recht holder Knabe, mit jener glücklicherweise
total verrauchten Geschichte, die in jener Zeit viel von sich reden machte,
ist nun und besonders in bezug auf die dunkle
Weissagung des Propheten Jesaias, der nur für seine
Zeit in stets dunklen Bildern weissagte, soviel als nichts! Denn die Alten
haben sich, glaube ich, wie ich es vernommen habe, nach dem Herodischen Kindermord von Bethlehem – bei welcher
Gelegenheit sicher auch ihr aus dem Morgenlande begrüßter König der Juden
geschlachtet ward – gar aus Judäa irgendwohin geflüchtet und leben vielleicht
gar nicht mehr; denn man hat nachher nichts mehr von ihrem Dasein vernommen. [DTT.01_002,13] Es mag immer etwas an
der Sache gewesen sein, denn sie hat damals viel Aufsehen gemacht; aber merkwürdigerweise
ist wenige Jahre darauf alles derart in das Meer der gänzlichen Vergessenheit
gesunken, daß wohl kein Mensch mehr nur mit einer
Silbe irgendeine Erwähnung davon macht und es sich auch nicht der Mühe lohnt,
darüber ein Wort zu verlieren. Simeon und Anna sind zwei bekannte alte
Tempelschwärmer gewesen, die bei gar manchen Knaben ihre messianischen
Bemerkungen in einem mystischen Tone gemacht haben und dadurch recht viele
schwache Eltern ganz ordentlich verrückten. [DTT.01_002,14] Als Gott dem Moses auf
dem Sinai die Gesetze gab, da bebte beinahe der ganze Erdkreis, und die
Geschichte in der Wüste hat bei vierzig volle Jahre gedauert, und es mußte da schon nahezu alle Welt die Allgewalt Jehovas
anerkennen. Um so mehr wird sich der in diese Welt kommende Messias, von dem
David sang: ,Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der
Ehren? Es ist der Herr stark und mächtig, der Herr mächtig im Streit! –
Machet die Tore weit und die Türen der Welt hoch, daß
der König der Ehren einziehe! Wer ist der König der Ehren? Es ist der Herr
Zebaoth, Er ist der König der Ehren!‘, sicher noch mehr die ganze Welt
erbeben machend zeigen! [DTT.01_002,15] Und du, mein holder
Knabe, wirst sonach wohl einsehen, daß es da mit
der Geburt in Bethlehem, die bereits ganz verschollen ist, bezüglich des anzuhoffenden Messias wohl seine sehr geweisten
Wege haben wird! Bedenke nur, wie Ihn David angekündigt hat, und was man
zuvor tun solle, so der große König der Ehren aus den Himmeln zu den Juden
kommen werde, und bedenke auch, daß da alle Juden
zuvor sicher mehrere Jahre werden von großen Propheten – wie von Elias, der
in jener Zeit dem Herrn der Ehren vorangehen wird – aufgefordert werden, das
ins Werk zu setzen, was der große König David anbefohlen hat, um sich auf
eine solch ungeheure Ankunft des allerhöchsten Gottes wohl vorzubereiten! [DTT.01_002,16] Denke du, holder
Junge, darüber nur nach, und es wird dir dann schon einleuchtend werden, daß ein Jehova Zebaoth nicht gar so leichten Kaufes in
die Welt kommen wird! Darum gehe nun und frage um derlei nicht wieder!“ [DTT.01_002,17] Darauf erst machte Ich
die schon vorher bekanntgegebene Bemerkung, die den reichen Mann aus Bethanien bewog, für Mich die große Besprechungstaxe zu
zahlen, um Mir zu ermöglichen, über die von Mir gegebene Vorfrage weitere
Einwendungen zu machen und Mich darüber auch noch weiter über die auf den
Messias lautenden Texte im Jesaias auszusprechen,
denn er war einer der wenigen, die nun den ,König der Ehren‘ nach Elias nicht
mehr im Sturme oder Feuer, sondern im sanften Windessäuseln
erwarteten. [DTT.01_003,01] Als Ich auf diese
Weise Sprachluft bekommen hatte, sprach Ich zu den Ältesten und
Schriftgelehrten, die Mir bedeuteten, daß Ich nun reden
solle und fragen, um was ich wolle, und sie würden mir nun pflichtgemäß
antworten. Und so begann Ich wieder mit der gestellten Vorfrage und sagte:
„Eure noch so sicher scheinend gestellten Worte können das Meer nicht ruhen
machen und den rauschenden Winden nicht Stillschweigen gebieten! Nur ein
Blinder merkt von den Zeichen dieser Zeit nichts, und als Stocktauber kann er
auch nicht vernehmen den mächtigst dröhnenden
Geschichtsdonner dieser allerdenkwürdigsten Zeit der ganzen Erde. Während
schon Karmel und Sion vor dem angekommenen König
der Ehren ihr Haupt geneigt haben und Horeb aus
seinen hohen Zinken Milch und Honig fließen läßt,
wisset ihr, die ihr am ehesten davon wissen und das harrende Volk davon
benachrichtigen sollet, nicht eine Silbe!“ [DTT.01_003,02] Hier machten alle
große Augen und sahen bald Mich und bald wieder sich untereinander an und wußten nicht, was sie Mir erwidern sollten. [DTT.01_003,03] Nach einer Weile sagte
einer: „Nun so rede du weiter von dem, was du davon weißt!“ [DTT.01_003,04] Sagte Ich: „Sicher
weiß Ich, was Ich weiß; aber darum stellte Ich keine Frage an euch, um Mir
das von euch erläutern zu lassen, was Ich ohnehin weiß, sondern nur, daß ihr es Mir zeigtet, wer des Propheten Jesaias schwangere Jungfrau ist, von der eben der Sohn
des Allerhöchsten soll geboren werden! Warum wird sie Ihm den Namen ,Emanuel‘
(Gott mit uns) geben? – Warum wird Er Milch und Honig essen, um zu verwerfen
das Böse und zu erwählen das Gute? Dieses müsset ihr als Schriftgelehrte denn
doch verstehen, was der Prophet unter der schwanger gewordenen Jungfrau, die
den bezeichneten Sohn gebären werde, bezeichnet hat! [DTT.01_003,05] Ich bin denn doch der
Meinung, daß an jener bethlehemitischen
Geburtsgeschichte etwas mehr ist, als ihr meinet, und daß
jenes Elternpaar, der bekannte Zimmermann Joseph aus Nazareth und dessen
später zum Weibe angetraute Jungfrau, samt dem zu Bethlehem geborenen Sohne
noch ganz gut leben; denn sie sind durch eine recht weise Vermittlung des
damaligen römischen Hauptmannes Kornelius der späteren Grausamkeit des alten
Herodes entronnen und leben nun ganz wohlbehalten zu Nazareth in Galiläa. [DTT.01_003,06] Solches weiß Ich als
ein Knabe von zwölf Jahren, und euch, die ihr doch um alles wisset, sollte
das unbekannt sein – zumal Joseph als einer der tüchtigsten Zimmermeister
noch alle Jahre für Jerusalem etwas zu machen bekommen hat und ihr ihn gar
wohl kennet, sowie dessen Weib, das eine Jerusalemerin ist und bis zu ihrem
vierzehnten Jahre im Tempel erzogen wurde? Ist sie nicht eine Tochter der
Anna und des Joachim, die nach euren chronischen Aufzeichnungen wunderbarerweise
zur Welt kam? Anna war schon hohen Alters, und ohne ein Wunder wäre da an
eine Befruchtung wohl nie zu denken gewesen! [DTT.01_003,07] Nun, dieses Elternpaar
samt dem neugeborenen Knaben lebte bei drei Jahre lang, gleich nach der
Flucht aus Bethlehem, wohl in Ägypten, und zwar in der Nähe des Städtchens Ostrazine, nach der altägyptischen Sprache Austrazhina, das soviel sagt
als ,ein Schreckenswerk‘, also eine Feste, die allen Feinden zu den Zeiten
der Pharaonen den Tod brachte. Später haben die mächtigeren Feinde des alten Ägypten
diesen Schreckensort wie vieles andere erobert, und es ist zu unseren Zeiten
von dem einstigen Schreckensort und -werk nichts geblieben als der alte, verkümmerte
Name, dem die Römer freilich eine andere Deutung gegeben haben als die alten
Ägypter. [DTT.01_003,08] Allein daran liegt
nichts, sondern Ich führte dies Mir Bekannte nur darum an, um euch den
dreijährigen Aufenthaltsort des in Rede stehenden Elternpaares näher zu
bezeichnen. Von dort sollen sie nach einer geheimen höheren Weisung wieder
nach Nazareth heimgewandert sein, wo sie nun vollkommen gottergeben in
möglichster Zurückgezogenheit leben, obschon man sich dort von dem Knaben,
den sehr wohl zu kennen auch Ich die Ehre habe, eine Menge Wunderdinge
erzählt. Denn es gehorchen Ihm die Elemente sogar, und die wildesten Tiere
der Wälder und Wüsten fliehen vor seinem Blick ärger denn vor tausend Jägern.
Denn in dieser Hinsicht ist Er ein tausendfacher Nimrod! Und davon solltet
ihr im Ernste nichts wissen?! Saget es Mir aber ganz aufrichtig und wahr, ob
ihr wohl im Ernste von alledem nichts vernommen habt!“ [DTT.01_003,09] Sagte ein anderer
Ältester, der von einem etwas besseren Sinne beseelt war: „Ja, davon eben
haben wir wohl schon etwas reden hören, wie auch, daß
der uns wohlbekannte Zimmermann mit seinem jungen Weibe Maria sich in
Nazareth für ständig aufhalte! Ob aber der Wunderknabe wohl derselbe ist, der
vor zwölf Jahren zu Bethlehem in einem Stalle geboren ward, das wissen wir
nicht und zweifeln auch sehr daran, daß dies
derselbe ist! Und wie sollte jener Knabe etwa gar der Emanuel des Propheten
sein?“ [DTT.01_003,10] Sagte Ich: „So Er es
aber nicht ist, woher rührt dann die Macht, die Er über alle Elemente ausübt?
Und wer ist des Propheten ,Jungfrau‘ und wer der ,Emanuel‘?“ [DTT.01_003,11] Sagte der Reiche aus Bethanien: „Höret, dieser Knabe hat ja einen
Riesenverstand! Mir kommt es im Geiste vor, als ob er etwa gar ein junger
Elias wäre, den jener Wunderknabe aus Nazareth vor sich hersendet,
um uns alle auf den da seienden Emanuel des Propheten vorzubereiten! Denn
wann hat je einer von uns erlebt, daß außer Samuel
ein Knabe von zwölf Jahren so weise geredet hätte?! [DTT.01_003,12] Daher müßt ihr mit diesem Knaben schon eine bündigere Rede
führen, sonst werden wir des Knaben nicht los! Den Propheten werdet ihr ihm
schon müssen auf eine hellere Weise erläutern und doch prüfen, wie es mit der
Jungfrau Maria, der wunderbarlichen Tochter des
Joachim und der Anna, steht, die am Ende alle ihre bedeutenden Güter dem
Tempel vermachten, als sie starben. Eigentlich nahm der Tempel dieselben als
Lohn für die Erziehung der Tochter Maria mit Gewalt als ein herrenloses Besitztum
in eigentümlichen Beschlag. [DTT.01_003,13] Was haltet ihr so ganz
treu und wahr von jener Jungfrau? Wenn von einem Propheten etwas zu halten
ist, so wäre die von ihm genau bezeichnete Zeit nun wohl da, und das
Wundersame von der in Rede stehenden Jungfrau kann nun nicht mehr geleugnet
werden! So daran doch etwas wäre, da wäre es denn doch auch verzweifelt
frevelhaft von uns allen, so wir uns darum nicht tiefer und näher erkundigen
würden!“ [DTT.01_003,14] Sagte der ärgerliche
Älteste: „Das verstehst du nicht und redest davon, dem Knaben Vorschub
leistend, wie ein vollkommen Blinder von der großen Pracht der schönen
Farben!“ [DTT.01_003,15] Sagte Ich dazwischen:
„Es ist aber das wirklich eine sonderbare Sache, daß
ein Hungriger wähnt, daß da alles hungrig sei, was
ihm nur unterkommt! Ein dummer Mensch hält stets die andern Menschen für noch
dümmer, als er selbst ist. Für den Blinden ist jeder auch noch so scharf
Sehende blind, und für den Tauben ist ein jeder andere Mensch taub! [DTT.01_003,16] Glaubst du alter Zornkopf, daß außer dir kein
Mensch etwas wissen kann? Oh, da irrst du dich sehr! Sieh, Ich bin nur ein
Knabe und könnte dir Dinge, die vollkommen wahr und richtig sind, erzählen
und kundtun, von denen deiner griesgrämigen Weisheit wohl nie etwas geträumt
hat! [DTT.01_003,17] Warum soll Mein
reicher Simon aus Bethanien, der Indien, Persien,
Arabien, Ägypten, Spanien und Rom und Athen bereist hat, nicht auch etwas
wissen, wovon dir noch nie etwas in den Traum gekommen ist?! Wenn aber also,
mit welchem Rechte magst du ihn der Unwissenheit zeihen?! – Ich aber sage
dir, daß er ganz recht urteilt, und ihr solltet darum
das tun, was er um sein vieles Geld von euch verlangt! [DTT.01_003,18] So jemand einen Knecht
dingt für eine Arbeit, so muß der Knecht das tun,
wofür ihn der Herr gedungen hat. Will der Knecht das nicht, oder kann er es
nicht, so wird des Knechtes Herr etwa wohl das Recht haben, den bedungenen
Lohn von dem faulen oder ungeschickten Knechte zurückzuverlangen! – Ihr habt
euch gut zahlen lassen – und wollt dafür aber nichts tun, oder könnt es
nicht! Hat Simon nun nicht das Recht, seinen euch gegebenen Lohn von euch
zurückzufordern?“ [DTT.01_003,19] Sagte ein anwesender
römischer, alles Rechtes kundiger Kommissar und Richter: „Da seht einmal den
Knaben an! Der ist ja ein vollendeter Jurist und könnte sogleich ein Richter
in allen streitigen Sachen sein! Seine Rechtsaussage ist vollkommen in
unseren Rechten begründet, und so Simon aus Bethania
das von mir verlangt, muß ich ihm offenbar das
,Exequatur!‘ geben!“ [DTT.01_003,20] Darauf trat er zu Mir
hin, koste und herzte Mich und sagte zu Mir: „Höre du, mein holdester,
reichlockiger Knabe, ich bin ganz verliebt in dich! Für dich möchte ich
sorgen mit allen meinen Gütern und dich zu etwas Großem erziehen!“ [DTT.01_003,21] Sagte Ich: „Daß du Mich lieb hast, weiß Ich recht wohl – denn in dir
schlägt ein treues, gutes Herz. Du kannst aber auch versichert sein, daß auch Ich dich sehr liebe! Aber für Mein Fortkommen
brauchst du dich nicht zu sorgen, denn da ist schon Einer, der sich darum
kümmert!“ [DTT.01_003,22] Es trat aber auch
Simon von Bethanien zu Mir und fragte Mich ganz
erstaunt: „Sage mir, du mein schönster, liebster und holdester Knabe, woher
du es erfahren hast, wie ich heiße, und wo ich überall schon gewesen bin!“ [DTT.01_003,23] Sagte Ich: „Oh, es
wundere dich dessen ja nicht, denn so Ich irgend etwas
wissen will, so liegt das schon so in Meiner Natur, daß
Ich es weiß! Das Wie würdest du jetzt wohl noch nicht fassen! – Aber nun
wieder zur Sache und zu unserer ,Jungfrau‘! Wollet ihr Priester und
Schriftgelehrten dies näher beleuchten oder nicht?“ [DTT.01_003,24] Sagte einer der
helleren Köpfe aus der bedeutenden Anzahl der Ältesten: „Ja, ja, es wird sich
das schon nicht anders machen, als daß wir dem Knaben
ganz reinen Wein einzuschenken anfangen, und so erklärt ihm denn seinen Jesaias nach der Entsprechungslehre der Kabbala, und er
wird dann keinen Ausweg zu einer weiteren Frage mehr haben!“ [DTT.01_003,25] Darauf trat ein
weisest seiender Schriftgelehrter auf und sagte: „Nun, du wißbegieriger
Junge, nimm deine Sinne denn zusammen und höre und fasse: Unter der
,Jungfrau‘ verstand der Prophet nicht etwa eine Jungfrau aus Fleisch und
Blut, sondern die Lehre nur, die Gott durch Moses den Kindern dieser Welt
gab. Im engsten Sinne stellen wir Priester nun diese Lehre und das Gesetz lebendig
vor. [DTT.01_003,26] Wir aber, als das Wort
Gottes lebendig, sind voll der besten Hoffnung, daß
diese Lehre nun in die ganze Welt von uns hinausgeboren
wird und erquicken wird die Heiden. Und diese lebendige, wahrhafte Hoffnung
ist die vom Propheten gemeinte Schwangerschaft der Jungfrau; der Sohn aber,
den sie gebären soll und wird, sind eben die Heiden alle, die unsere Lehre
annehmen werden, und diese werden dann sagen und also benannt werden:
,Emanuel‘, d.i. ,Gott ist auch mit uns!‘ Und solches geschah schon vor uns
und geschieht nun um so lebendiger und eifriger! [DTT.01_003,27] Aber dieser Sohn werde
Honig und Milch essen und verwerfen das Böse und erwählen das Gute. Unter
,Honig‘ verstand der Prophet die reine Liebe und das wahre Gute aus ihr, und
unter ,Milch‘ verstand er die Weisheit aus Gott, die dem Menschen zuteil wird durch die Befolgung der Lehre und des
Gesetzes; und hat man die Liebe und die Weisheit aus Gott sich lebendig zu
eigen gemacht, so verabscheut man dann auch frei aus sich alles Böse und will
und erwählt das Gute! [DTT.01_003,28] Siehe, du mein lieber
Junge, also verhält es sich der innersten Weisheit und Wahrheit zufolge mit
der Propheten geistigen Worten und Sprüchen und Reden! Sie haben alle nur
einen inneren, geistigen Sinn, der aber nur für den wahrhaft Schriftgelehrten
aus den materiellen Symbolen und Bildern durch die treue und wahre Lehre der
Entsprechungen herauszufinden ist. Ein Laie kann das nicht – und könnte er
es, so wären alle hohen Schulen ganz überflüssig und Moses hätte keine Not
gehabt, für die Verwaltung der Lehren und der Gesetze Gottes eigene Priester
und Gelehrte aufzustellen! – Verstehst du nun diese allein wahre und richtige
Auslegung deines von dir nicht verstandenen Propheten?“ [DTT.01_004,01] Sagte Ich: „O ja, das,
was du nun ganz gut dargestellt hast, habe Ich schon lange gewußt, und du hättest dir füglichermaßen
die ernste Mühe ersparen können, Mir solches kundzutun. Ich bleibe nun einmal
dabei stehen und lasse die Jungfrau Maria nicht aus den Augen! [DTT.01_004,02] Warum sagte denn der
Prophet (Jes.9,5-6): ,Uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben,
dessen Herrschaft auf seinen Schultern ist, und Er heißt: Wunderbar, Rat,
Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf daß
seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Stuhle Davids
und in seinem Königreiche, daß Er es zurichte und
stärke mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit! – Solches
wird tun der Eifer des Herrn Zebaoth.‘ [DTT.01_004,03] Was ist das für ein
Kind, und was ist das für ein Sohn, der uns gegeben ist? Sollte das nicht
etwa doch jener zu Bethlehem in einem Stalle geborene Knabe sein? Denn es
heißt auch: ,Zu Bethlehem in einem Stalle wird den Juden ein König geboren
werden; der wird ein neues Reich gründen, dessen ewig kein Ende sein wird!‘ –
Wie verstehst du Kabbalist dies alles?“ [DTT.01_004,04] Wirrsam
sahen alle einander an und sagten: „Aber von wo hat denn der Knabe sich die
Schrift so zu eigen gemacht? Es bestehen im ganzen nur höchst wenige
Abschriften und vollkommene nur kaum zehn, und von diesen wissen wir, wo sie
sind, und es kommt kein Laie in ihre Nähe. Die Samariter besitzen zwar wohl
noch eine elfte, die aber falsch ist und eine Menge Zusätze enthält, die
reine morgenländische Dichtung sind.“ [DTT.01_004,05] Hierauf fragte Mich
ein Scharfbissiger: „Nun sage du dieses mir, was ich dich fragen werde: Von
woher und seit wann hast du dir die so vollendete Kenntnis der Schrift und
namentlich der Propheten zu eigen gemacht?“ [DTT.01_004,06] Sagte Ich: „Darüber
Mich zu befragen, hast du ebensowenig ein Recht,
als Ich dich zu fragen, woher es komme, daß du als
Priester dir die Schrift noch gar nicht zu eigen gemacht hast – weder im
Worte und noch um vieles weniger in der Tat! Gib mir Antwort auf das, was Ich
frage, und wofür dir gezahlt worden ist! Um alles andere hast du dich wenig
oder gar nicht zu kümmern, denn dich hat es nichts gekostet, weder eine Mühe
noch eine Zeit, noch eine allergeringste Sorge oder irgend ein anderes Opfer. [DTT.01_004,07] Übrigens gereicht es
euerm Lehramte durchaus zu keiner besonderen Ehre hier in Jerusalem, wenn
euch die sichtliche Bildung eines Knaben aus Galiläa eine so große
Bewunderung abnötigt, denn dadurch zeigt ihr ja an, daß
eure Knaben hier in der Bildung kaum ein wenig über dem Tierreich stehen!“ [DTT.01_004,08] Auf diese Meine ein
wenig stark aufgetragene Bemerkung fängt der römische Kommissar laut zu
lachen an, auch Simon kann sich des Lachens nicht völlig erwehren. Der
scharfbissige Bemerker aber tritt ab und läßt sich im Hintergrund ganz verdrießlich nieder auf
eine Bank. [DTT.01_004,09] Darauf sagte ein
Oberster der Synagoge von Bethlehem, der da auch im Tempel bei der
Knabenprüfung zugegen war: „Ich sehe schon, daß ich
da werde Rat zu schaffen anfangen müssen, sonst werden wir mit diesem Knaben
nicht fertig! Er hat nun ein erkauftes Recht, uns eine Woche lang zu fragen;
wir müssen ihm zur Rede stehen, ob wir wollen oder nicht! Macht er uns schon
mit seiner Vorfrage soviel zu schaffen, so dürfen
wir uns erst auf seine Nach- und Hauptfragen gefaßt
machen! [DTT.01_004,10] Verstand hat er genug
und natürlichen Witz auch in Menge, und wir werden mit ihm nicht aufkommen,
so wir nicht das wollen, was er will. Er will einmal einen wahren Sachverhalt
über die eben vor zwölf Jahren erfolgte Geburt eines Knäbleins in einem
Schafstalle bei Bethlehem haben, und diese kann ich ihm verschaffen, weil ich
damals schon, so wie noch heutzutage, der Oberste der dortigen Synagoge war!“ 5. Kapitel – Die Rede des Obersten der Synagoge von
Bethlehem und des Jesusknaben Antwort. Der mißlungene
Störungsversuch des alten stolzen Pharisäers. [DTT.01_005,01] Hierauf wandte sich
der Oberste an Mich und sagte: „Nicht wahr, du willst alle die Daten und
Erscheinungen jener denkwürdigen Geburt zu Bethlehem von uns genauest erfahren?“ [DTT.01_005,02] Sagte Ich: „Oh, damit
kannst du dir auch gar fein die Mühe und Arbeit ersparen, denn alles ist Mir
so getreu und wahr bekannt wie keinem von euch! Ich will von euch nach
alledem, was sich damals in Bethlehem zugetragen hat, nur erfahren, ob und in
welchem Zusammenhang ihr das mit den Aussagen aller Propheten findet, und
namentlich mit den Aussagen des Jesaias. Um das
handelt es sich und um sonst gar nichts, Meine Ältesten!“ [DTT.01_005,03] Spricht der Oberste
aus Bethlehem: „Ja, du mein lieber, holder Junge, siehe, du verlangst da
Dinge von uns, die wir dir sehr schwer oder auch gar nicht zu geben imstande
sind! [DTT.01_005,04] Es ist schon wahr, daß zwischen den Aussagen des Propheten Jesaias und jener vor zwölf Jahren zu Bethlehem erfolgten
Geburt in einem Stalle – eines auch von einem Propheten bezeichneten Ortes –
eine Art Zusammenhang unfehlbar zu suchen und eben auch nicht unleicht zu finden ist; aber, mein Lieber, wieviel Ähnliches mag schon seit den Zeiten des Propheten
Jesaias dagewesen sein, und noch ist von einem
Emanuel leibhaftig keine Spur! [DTT.01_005,05] Judäa war sozusagen
schon mehrmals königlos, und so manche Jungfrau
gebar bei Bethlehem in irgendeinem Stall ein Knäblein, und manchmal sogar
unter – obschon nur zufällig – großer Zeremonie, die aber nur als ein Naturereignis
für sich allein dastand. [DTT.01_005,06] Schwache und
abergläubische Menschen unter Zutritt gewinnsüchtiger Magier aus Indien und
Persien, und Sterndeuter, an denen es bei uns noch nie einen Mangel gab,
haben so etwas zu benützen gewußt. Mit den Sagen
der Propheten vertraut, benutzten sie stets solche besonderen Gelegenheiten
und verkündeten den blinden Juden mit ernsten Prophetenmienen, wie nun ihr
erhoffter Messias unfehlbar zur Welt geboren worden sei. [DTT.01_005,07] Aber die Zeit, die
unerbittliche Zerstörerin aller menschlichen Werke und Sagen und Dichtungen,
hat die Nachkommen stets wieder eines andern und Bessern
belehrt. Alles versank in die bodenlose Tiefe der stets größeren Vergessenheit,
und auf uns kam nichts Weiteres als eine eitle Sage in einer möglichst großen
Verwirrtheit! Die Aussagen der Propheten sind mystische Bilder, an denen die
Menschen noch Hunderte von Jahren nagen werden; aber schwerlich wird ein Volk
zu einer Lösung auf dieser Erde gelangen. [DTT.01_005,08] Und siehe, du mein
holder Knabe, ebenso steht es mit der vor zwölf Jahren erfolgten wunderbaren
Geburt zu Bethlehem als dem mir nur zu wohlbekannten Orte, der eben darum,
weil ihn die Propheten so ausgeschrien haben, stets von allerlei Magiern,
Sehern und Sterndeutern umschwärmt wird, ob sich dort nicht etwa irgend etwas ereignen würde, das sie zu ihrem Nutzen
ausbeuten könnten. Die Geburt vor zwölf Jahren war ein Hauptwasser auf ihre
trocknen Felder. [DTT.01_005,09] Die drei Magier aus
Persien haben um ihre der Jungfrau dargebrachten Geschenke mir wohlbewußtermaßen eine Menge Schafe, Kälber, Kühe und
Ochsen zum Gegengeschenk von den Hirten bekommen und haben ihre Reise sicher
nicht umsonst gemacht. Doch nun sind erst zwölf Jahre seither verflossen, und
schon gedenkt kein Mensch mehr jener Geschichte! [DTT.01_005,10] Daß
du uns aus dem Schwärmerland Galiläa diese
Geschichte wieder vorbrachtest, wundert mich nicht im geringsten, denn
Galiläa war ja stets das Land der Schwärmerei, aus welchem Grunde es auch
schon von den Alten als ein Land bezeichnet wurde, aus dem nimmer ein wahrer
Prophet kommen kann. [DTT.01_005,11] Damit, mein holder
Junge, glaube ich auch deine sogenannte Vorfrage ganz beantwortet zu haben!
Es kann wohl sein, daß einstens
einmal Jehova den jetzt sehr bedrängten Juden einen Helden erweckt, der sie
wieder zu einem freien Volke erheben wird; aber dazu ist eben jetzt nach der
ganz natürlichen Lage der Dinge nicht die geringste Aussicht vorhanden. [DTT.01_005,12] Wie müßte ein Held etwa aussehen, und von woher müßte er gekommen sein, der es mit der ungeheueren Macht der Römer aufnehmen könnte?! Das kann
vielleicht in tausend Jahren einmal geschehen, wenn zufällig allen andern
Weltgroßmächten gleich auch Rom locker und schwach wird, aber jetzt ist dazu
wohl noch lange keine Aussicht vorhanden, und deine berührte Vorfrage geht da
offenbar ins Blaue der Luft über, was soviel sagen
will als: sie handelt vom Nichts und geht auch ins vollkommene Nichts über. –
Bist du nun endlich im klaren mit der Vorfrage?“ [DTT.01_005,13] Sagte Ich: „Ja, ja, so
du alles nach dem diesweltlichen Maße nimmst, da
magst du recht haben. Aber hier ist nur ein geistiges Maß anzunehmen, von dem
du aber keinen Begriff zu haben scheinst, und so hast du Mir mit deiner
ganzen, erfahrungsreich sein sollenden Rede am Ende in bezug
auf Meine Vorfrage dennoch soviel wie gar nichts gesagt! [DTT.01_005,14] Denn so der Messias
kommen wird, wird er kein materielles, sondern nur ein geistiges Reich auf
Erden gründen, und dieses Reiches wird kein Ende sein in Ewigkeit, wie
solches auch der Prophet Jesaias von dem kommenden
Messias geweissagt hat. [DTT.01_005,15] Was ist aber ein
geistiges Reich auf Erden? – Das ist kein Reich mit einem äußerlichen
Schaugepränge, sondern das muß inwendig im Menschen
sich offenbaren, und ein Mensch, der in dieses wahre Gottesreich auf Erden
unter den Menschen gelangen wird, der wird sein ein wahrhaft lebendiger und
wird den Tod nicht sehen noch fühlen und schmecken in Ewigkeit, wie solches
David, Daniel und Jesaias geweissagt haben. [DTT.01_005,16] Wenn es sich mit dem
verheißenen Messias nun also und niemals anders verhalten kann, wie und aus
welchem Grunde sollte denn jene überaus wunderbare Geburt zu Bethlehem ganz
so bedeutungslos dastehen?! [DTT.01_005,17] Gott hat jenes Kind
wunderbar vor der mörderischen Hand des Herodes beschützt, und es lebt
heutzutage, freilich höchst zurückgezogen, und steht, wo es sein muß, in einer allen Elementen gebietenden Kraft da, wie
solche nur einem Gott möglich sein kann. Niemand kann sich vor Ihm verbergen;
verbirgt es sich aber vor den anderen Menschen, so ist es aber dann niemandem
möglich, es eher zu finden, als es sich ganz freiwillig finden läßt. [DTT.01_005,18] Es hat nie Lesen und
Schreiben gelernt, und dennoch gibt es keine Schrift in der Welt, die es
nicht lesen könnte, und schreibt in allen Zungen und ist bewandert in allen
Künsten, die nur irgend in der Welt vorhanden sein können, und hat eine
Kraft, vor der die Berge zittern und die mächtigsten Zedern ihre Häupter bis
zur Erde herab beugen, und selbst Sonne, Mond und Sterne scheinen zu gehorchen
seinem Willen! – Was Ich hier sage, ist keine Übertreibung, sondern eine ganz
buchstäbliche Wahrheit! [DTT.01_005,19] Wenn aber genau also
und nicht anders, da meine Ich denn doch, daß es
von eurer Seite der Mühe wert wäre, euch näher danach zu erkundigen und
darüber nachzusehen in den Propheten, ob die Weissagung des Jesaias nicht übereinstimme mit den bewußten
Eltern des Kindes, mit dem Kinde selbst, mit seiner Geburt, mit dem
Geburtsorte, mit der Zeit, mit seinem jetzigen Aufenthalte und mit so manchen
Zeichen, die es schon bis jetzt von sich gegeben hat! [DTT.01_005,20] Diese an sich gewiß nicht unwichtige Sache sollte von euch Priestern,
Weisen, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes doch nicht ganz so unbeachtet
bleiben, da ihr doch jene Stellen im Volke bekleidet, von denen das Volk die
offene Kundgabe der Ankunft des ihm verheißenen Messias allein und mit allem
Rechte zu erwarten hat. – Ich rede um Mein teuer erkauftes Recht, und es
steht niemandem zu, Mich schweigen zu heißen! Da steht der römische Richter,
dem allein ein solches Recht zusteht!“ [DTT.01_005,21] Ich würde diese
Berufung an den Richter nicht gemacht haben, wenn Mich im Flusse Meiner Rede
nicht ein alter, gar stolzer Pharisäer zu schweigen ermahnt hätte, daß dies Dinge wären, über die ein naseweiser Sauhirte aus Galiläa durchaus nicht zu urteilen habe. [DTT.01_005,22] Aber der Richter, der
ganz auf Meiner Seite war, verwies ernstlich dem Pharisäer seine Grobheit und
gebot ihm, mit solch einer gemeinen Herrschsprache in seiner Gegenwart nicht
mehr zum Vorschein zu kommen. Denn Meine Kundgabe über den bei Nazareth
wohnenden Wunderknaben sei wichtiger auch für die Römer, als ihr ganzer
abgenützter und schon sehr fadensichtig gewordener Judenkram. Er sagte den
Pharisäern trocken ins Gesicht: [DTT.01_005,23] „Eure Lehre bedarf wie
keine auf der weiten Erde einer gänzlichen Reformation, sonst hält sie sich
wahrlich keine fünfzig Jahre mehr! Denn wie eure Gotteslehre und euer
Gottesdienst nun bestellt sind, da sind Roms Bacchanalien
eine wahre Sonne dagegen, obwohl sie als eine Verehrung eines höheren
Gottwesens als eine wahre Mißgeburt des
Menschenverstandes dastehen! [DTT.01_005,24] Du, holder Knabe, aber
rede nur ganz beherzt weiter! Es darf dir kein Leid zugefügt werden, denn in
dir scheint mehr Verstand zu sein als in diesem ganzen Tempel! Daher nur
fortgeredet, mein holder Knabe!“ [DTT.01_006,01] Es trat aber ein
junger Pharisäer vor, der eigentlich noch ein Levite war, und bat um die
Erlaubnis, hier ein paar Worte reden zu dürfen. Der Richter erlaubte ihm das
mit dem Bemerken, gelassen und verständig zu reden. [DTT.01_006,02] Da nahm der Levite das
Wort und fing also zu reden an, sagend: „Ich stamme aus Galiläa, und zwar aus
der Nähe von Nazareth, und ich kann mich nun erinnern, von jenem Wunderknaben
so manches gehört zu haben, von dem eben dieser Knabe eine durchaus nicht unbeachtenswerte Anzeige gemacht hat. Ich kann zwar nicht
behaupten, ihn persönlich kennengelernt zu haben; aber erzählen habe ich von
ihm oft und vieles gehört. [DTT.01_006,03] Ich erkundigte mich
wohl, so gut es gehen konnte, nach seinen Eltern und vernahm, daß sein Vater ein Zimmermann namens Joseph sei und
dessen zweites Weib Maria heiße, und daß beide in
der geraden Primogeniturlinie (Erstgeburtslinie)
von David abstammen. Und es ginge das demnach mit der Aussage der Propheten
zusammen. [DTT.01_006,04] Ich bin sonach der
Meinung, daß es doch der Mühe sich lohnte, diese
namentlich uns Juden sehr nahe angehende Sache einer näheren Prüfung zu
unterziehen. Jedoch, ich habe da nichts anzuordnen, sondern bloß in aller
Demut meine Meinung kundzutun, da ich solches als meine Pflicht ersehe; alles
weitere geht nur den hohen Tempelrat an. – Ich habe in aller Demut geredet.“ [DTT.01_006,05] Da erhob sich ein
Hochpriester und sagte: „Was soll der Tempel auf die Aussage eines
wahnwitzigen Knaben?! Da müssen dem Tempel höhere Indizien gemacht werden!
Derlei Reden waren unter dem Judenvolke schon oft da, und es sind auch sogar
offenbare Wunder geschehen, und dennoch war da von einem Messias späterhin
keine Spur zu entdecken! [DTT.01_006,06] Wie lange ist es denn,
als Zacharias als Hoherpriester dem Tempel
vorstand?! Dessen Weib Elisabeth gebar ihm, schon im hohen Alter stehend,
einen Sohn, was ihm von einem Engel, als er im Tempel opferte, angezeigt
wurde. Zacharias konnte dieser Anzeige keinen Glauben geben, da sein Weib
dafür zu alt war. Da ward er dafür so lange mit Stummheit geschlagen, bis
sein Weib gebar. Als zu ihm aber eines Tages die Kunde in den Tempel kam, daß ihm sein Weib einen Sohn geboren hatte, und er
befragt ward, wie der Sohn genannt werden solle, da ward ihm die Zunge
gelöst, und er sprach: ,Johannes!‘ Und siehe, es war dies eben der Name, den
ihm zehn Monde früher der Engel des Herrn gegeben hatte! [DTT.01_006,07] Zacharias aber fragte
den Engel: ,Was soll aus dem Knaben werden? Laß mich
erkennen des Herrn Willen!‘ [DTT.01_006,08] Der Engel aber sprach:
,Dieser ist es, von dem Jesaias also sprach: ,Er
wird sein die Stimme eines Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den
Weg, und machet eben dessen Fußsteige! Alle Täler sollen voll werden, und
alle Berge und Hügel sollen erniedrigt werden, und was krumm ist, soll
richtig werden; was aber uneben ist, soll werden ein schlichter Weg! Und
alles Fleisch wird sehen den Heiland Gottes!‘‘ [DTT.01_006,09] Man forschte damals
näher nach und fand bald, daß der herrschsüchtige
Zacharias sich nur dadurch mit geheimer Hilfe der Essäer habe eine erbliche
geistige Dynastie gründen wollen. Er ward deshalb von dem Arme der
Gerechtigkeit ergriffen und für solchen Frevel mit dem Tode bestraft. [DTT.01_006,10] Wo ist nun jene große Messiashoffnung hingekommen? Kein Mensch denkt mehr
daran! Alles ist vor dem Tempel, der von Jehova für alle Zeiten der Zeiten
ist geheiligt worden, wie ein schwacher Pfützendunst
vor der Macht der Sonne in Nichts zerronnen! Und doch ging jene Geschichte
vom Hohenpriester selbst aus. Da sie aber unlauter
war und das Heiligtum Gottes zu verunreinigen drohte, so hat der Herr auch
nicht gesäumt, den Frevel zur rechten Zeit zu züchtigen. [DTT.01_006,11] Wenn aber schon jene
sehr denkwürdig aussehende Geschichte ein solches Ende nahm, wie würde sich
dann erst des Zimmermanns Joseph Messiasgeschichte
vor dem Tempel ausnehmen, hinter der nichts als irgendwelche essäische und indomagische
Betrügereien stecken! Der Knabe soll nur vor unseren allsehenden Augen seine
Wunder produzieren, und wir werden es dem dummen Volk dann wohl zu erklären
verstehen und enthüllen seinen vermeintlichen Messias! [DTT.01_006,12] So dieser kommen wird,
werden zuvor vor aller Welt Augen große Zeichen geschehen am Firmamente. Alsdann erst wird der große Erwartete kommen,
mit aller Macht der Himmel ausgerüstet, zu erlösen sein Volk von der Macht
der Heiden, und wird fürder sein ein Herr und König
über alle Lande der Erde, und die Kinder Abrahams werden sein Volk sein und
bleiben in Ewigkeit! [DTT.01_006,13] Wer dieses weiß wie
unsereiner aus den Büchern der alten Weissagungen über die Ankunft des
Messias, der kann doch unmöglich glauben, daß Gott,
der seine allzeitige Ankunft auf überaus großartige Weise vor den Augen der
Menschen und aller Kreatur betätigte, nun so unscheinbar und sogar als ein
uneheliches Kind in diese Welt als ein schwacher Mensch, uns gleich dem Tode untertan, kommen werde! [DTT.01_006,14] Denn wir wissen es ja,
daß des Joachim Tochter Maria eher schwanger wurde,
als sie dem Joseph als Weib im Tempel angetraut ward. Das Fräulein war dem
bekannten Baukünstler aus dem Stamme Davids anfänglich zur Pflege gegeben,
und nur, um ihn nicht zugrunde zu richten, hatte man freundlich geraten, das
Fräulein, bevor die Sache dem Volke ruchbar werde, zum Weibe zu nehmen und somit
den Fleck zu verwischen. [DTT.01_006,15] Jener Knabe aber ist
und bleibt dennoch ein Unehelicher, und es kann dadurch desto weniger
Möglichkeit vorhanden sein, daß er je ein verheißener
Messias werden könnte, und möchte er durch seine erlernten Zauberkünste auch
alle Berge zu versetzen imstande sein! [DTT.01_006,16] Aus dem wird
hoffentlich doch ein jeder noch so Schwachsinnige ersehen können, was irgend
möglich und was hier nach der Gestalt der Sache rein unmöglich ist und sein muß!“ 7. Kapitel – Des Jesusknaben Antwort auf des Hohenpriesters Rede. Von der Mission des Sohnes des Zacharias und von der Wundermacht
des Zimmermannssohnes. [DTT.01_007,01] Sagte der Richter zu
Mir: „Nun, was sagst du, holder Knabe, zu dieser allerdings äußerst triftigen
Rede des Hochpriesters?“ [DTT.01_007,02] Sagte Ich: „Was sollte
Ich anders dazu sagen als: Entweder hat er recht, und der Prophet ist ein
Lügner und hat somit kein Recht, oder das Unrecht fällt auf den Hohenpriester zurück, und der Prophet hat dennoch recht!
Beide aber können unmöglich recht haben, da der Hochpriester gerade das
Gegenteil von dem behauptet, was da der Prophet von der Ankunft des Messias
geweissagt hat! [DTT.01_007,03] So der Prophet
spricht: ,Siehe, eine Jungfrau – also kein Weib – ist schwanger und wird
einen Sohn gebären; den wird sie Emanuel (d.h. ,Gott mit uns‘) heißen!‘, wie
behauptet dann der Hohepriester, daß der Messias
nur unter den großartigsten Zeichen am Firmamente
als ein allmächtigster Kriegsheld und als ein schon gemachter König über alle
Völker der Erde rein vom Himmel herab unter dem größten Himmelsglorienpompe
auf diese Erde zu den Menschen kommen werde?! Wenn es so wäre, was gewönnen
da wohl die armen, schwachen Menschen, die voll der höchsten Furcht über die
Erwartung der Dinge, die da kommen werden, mehr denn zur Hälfte verschmachten
müßten?! [DTT.01_007,04] Ich möchte da schier
behaupten, daß solch eine Messiasankunft
auch den Herren des Tempels sehr ungelegen käme und ihnen am Ende dennoch
lieber wäre des Messias Ankunft auf jene bescheidene, höchst anspruchslose
Weise, wie sie eben der Prophet Jesaias beschrieben
hat! [DTT.01_007,05] Es meinte aber der
Hochpriester zuvor, daß die etwas wunderbare Geschichte
mit dem Sohne des Zacharias, der eben von den Priesterhänden zwischen dem
großen Opferaltare und dem Allerheiligsten ist erdrosselt worden, ganz zu
Ende ist und niemand mehr daran denke. [DTT.01_007,06] Ich aber sage, daß sie noch lange nicht zu Ende ist, als wie es diese
Herren meinen, und es wird die Zeit ehest kommen, wo derselbe Johannes wie
ein mächtiger Blitz unter sie fahren und ein großes Gericht halten wird unter
ihnen. Seine Worte werden schärfer sein für euch denn die allerschärfsten
Pfeile! [DTT.01_007,07] Und wie die Geschichte
des eben in Rede stehenden Johannes, so und als ein noch ärgeres Gericht wird
jener Wunderknabe aus Nazareth über euch kommen und euch zeigen seine volle
göttliche Herrlichkeit, aber etwa nicht zu eurer Auferstehung, sondern zu
eurem Falle!“ [DTT.01_007,08] Hier machte der
Hochpriester zornige Augen und sagte: „Woher weißt du denn das, du
wahnwitziger Knabe? Wer hat dir in solchen Dingen den Kopf also verwirrt
gemacht, und wer bist du denn, daß du es wagst, uns
solche Dinge so keck zu sagen?“ [DTT.01_007,09] „Ich bin, der Ich bin,
und woher Ich kam, das habt ihr aufgezeichnet. Was fragt ihr denn weiter, wer
und woher Ich sei?! Zudem habe Ich es euch ja ohnehin schon gesagt, daß Ich aus Galiläa und eben auch aus Nazareth gekommen
bin und daher den in Rede stehenden Knaben überaus gut kenne und durchaus
nicht so dumm bin, um nicht die Taten eines Magiers – wenn auch sogar aus
Indien – von jenen des Wunderknaben zu unterscheiden. [DTT.01_007,10] Mache Mir von euch
jemand aus Lehm zwölf Sperlinge und belebe sie bloß durchs Wort, daß sie dann auffliegen und gleich den andern sich ihre
Nahrung zu suchen anfangen und fortleben! [DTT.01_007,11] Wer von euch vermag
wohl einem sich zu Tode gefallenen und ganz zerschmetterten Knaben
augenblicklich durchs bloße Wort das Leben wiederzugeben und ihn leiblich
vollkommen wieder zu heilen?! [DTT.01_007,12] Wer von euch vermag
dem Blitze zu gebieten, daß er dorthin und dahin
fahre und erschlage eine Hyäne, die einer Mutter ihr einziges Kind raubte und
damit dem Walde zueilte?! [DTT.01_007,13] Wer von euch kann dem
Sturme, wie jener Knabe, gebieten bei einer großen nächtlichen Windstille und
bei einer Gelegenheit, wo einigen Städten und Flecken eine große Gefahr durch
eine zahlreiche Raubmörderhorde drohte, die nächtlicherweile auf einem großen
Schiffe sich Kapernaum nahte, bei zweihundert Mann stark, die bis an die
Zähne bewaffnet waren?! [DTT.01_007,14] Der bewußte Knabe, der zur selben Zeit mit seinem Vater sich
gerade in Kapernaum befand, rettete den ganzen Ort! Denn auf sein Wort erhob
sich plötzlich einer der fürchterlichsten Seestürme, trieb das Schiff mit Pfeilesschnelle weit vom Ufer hinein in die hohe See, wo
das ganze Schiff durch den zu mächtigen Wogenschlag
zerstört wurde und mit all den zweihundert Raubmördern unterging. [DTT.01_007,15] Das und viele derlei
Taten hat jener Knabe schon verübt allzeit zum Wohle der irgend bedrängten
Menschheit, und noch nie hat es jemand erlebt, daß
er darum von jemand irgendeinen Lohn verlangte. Daß
aber das keine Erdichtungen von Mir sind, dafür möget ihr zum Steuer der
vollsten Wahrheit ganz Nazareth und Kapernaum zur Zeugenschaft anrufen. [DTT.01_007,16] Wenn aber also, ist da
jener Knabe wohl nur schlechtweg ein eingelernter Zauberer, oder tut Er alles
das nur aus der Ihm in aller Fülle innewohnenden Gotteskraft? Oder erklärt es
nun Mir, wie und mit welchen Mitteln der Knabe etwa nach eurer Kenntnis und
Weisheit solches zustandebringt! [DTT.01_007,17] Meine Vorfrage habt
ihr Mir schlecht beantwortet. Wir werden nun sehen, was ihr auf diese
Hauptfrage für eine Antwort bringen werdet, und wir werden dann auf die
Vorfrage schon wieder zurückkommen und sie selbst zu einer Hauptfrage machen!
Redet aber behende, denn der Tag neigt sich, und
wir werden uns dann wohl um ein Abendmahl umzusehen anfangen!“ 8. Kapitel – Die Drohung des Hochpriesters und des römischen
Richters strenge Verwahrung dagegen. [DTT.01_008,01] Sagte der
Hochpriester: „Wenn jener Knabe ohne unser Wissen und ohne Einwilligung des
Tempels also eigenmächtig im Ernste solche Dinge verrichtet, da liegt es ja
klar am Tage, daß er vom Beelzebub, dem Obersten
aller Teufel, besessen ist! Mit Gotteskraft geht das niemals außerhalb des Tempels!
Welche sittliche Reinheit gehört dazu, um der göttlichen Kraft teilhaftig zu
werden, und das kann man nirgends anderswo als allein nur im Allerheiligsten
des Tempels nach der Lehre Mosis und aller Propheten! [DTT.01_008,02] Wer das weiß aus der
Schrift, weiß auch, was es mit derlei Wundern außer dem Tempel für eine
Bewandtnis hat! Da ist es sogar eine unerläßliche
Pflicht des Tempels, solche Kinder und Menschen von der Erde um jeden Preis
zu vertilgen! Und sollte sich es infolge unserer späteren Nachforschungen
bewähren, was du von dem Knaben aussagtest, so wird auch er als ein
Verbündeter des Beelzebub von der Erde vertilgt werden !“ [DTT.01_008,03] Sagte der Richter:
„Das war bei euch wohl ehedem die von euch selbst kreierte (gemachte) Sitte –
aber seit wir Römer als eure Herren und Gebieter dastehen, wird so etwas kaum
mehr geschehen; denn das Schwert der Gerechtigkeit ist nun durchaus und für
alle Fälle ganz in unserer Hand, und wer es immer eigenmächtig ohne unser
Wissen und Wollen erhebt, wird ohne allen Unterschied des Standes als ein
Meuterer und Raubmörder behandelt werden! [DTT.01_008,04] Ich aber habe ehedem
von eben diesem Knaben, wie auch von dir selbst vernommen, daß ihr in euerm Tempelwahn sogar einen Hohenpriester ermordet habt, im Tempel sogar, weil er ein
höheres Gesicht gehabt zu haben vorgab. Er hatte dadurch sicher euern
mächtigen Neid erweckt, und das genügte, um euch zu bestimmen, ihn aus dieser
Welt zu schaffen. Das geschah vor zwölf Jahren, also unter unserer
Herrschaft! [DTT.01_008,05] Dieser Fall wird näher
untersucht, und wer weiß, ob ihr nicht eher das Schwert der römischen
Gerechtigkeit zu verkosten bekommen werdet – denn
jener Wunderknabe eure Tempelrache! Ich sage euch Templern hier kraft meiner
Amtsgewalt, daß ich jeden, der es nur von fernehin wagen würde, jenem Knaben irgendein Leid zu tun,
mit dem Schwerte bestrafen werde! – Eines mehreren bedarf es nicht!“ [DTT.01_008,06] Sprach der
Hochpriester: „Wir aber haben ein Wort vom Kaiser, das uns die Tempeljustiz
sichert, und daß sie von keinem weltlichen Richter
anzutasten ist!“ [DTT.01_008,07] Sagte der Richter:
„Wie weit sich diese erstreckt, weiß ich genau! Ihr könnt wohl eine weise
Disziplin üben, aber über diese hinaus bis zum ius gladii ist noch eine sehr große und sehr weite Kluft! Und
wehe dem von euch, der sie überschreitet!“ [DTT.01_008,08] Sagte der
Hochpriester: „Was ist mit der Macht eines Herodes, der zugleich Vierfürst in
Galiläa ist – besitzt er nicht auch das ius gladii?“ [DTT.01_008,09] Sagte der Richter:
„Herodes samt den übrigen Fürsten in den Landen der Juden sind pure
Lehensfürsten, und ihr ius gladii
ist allein auf ihre Diener, Knechte und Sklaven beschränkt. Gehen sie mit
diesen grausam um – wozu sie wohl ein erkauftes Recht von zehn zu zehn Jahren
haben –, so werden sie bald ohne Diener sein, da von uns niemand gezwungen
wird, bei ihnen Dienste zu nehmen, und sie können daher ihres eigenen Heils
willen keinen besonderen Gebrauch machen von ihrem teuer erkauften Rechte,
und das um so weniger, da ein jeder ihrer Diener – bis auf etliche Sklaven –
aus ihrem Dienste treten kann, wann er will, und sich im Augenblicke des
Austritts nicht mehr unter der Jurisdiktion eines solchen Fürsten befindet,
sondern unter der unsrigen. [DTT.01_008,10] Dann haben sie das
Recht, die Steuern, die ihnen zukommen, zu erheben und nötigenfalls mit
Gewalt einzuheben, aber ohne ius gladii! Die Exekutionen haben sie bei uns zu nehmen und dafür
zu zahlen. [DTT.01_008,11] Das sind deines
Herodes' Rechte, wie die jedes anderen Lehensfürsten; weiter hinaus ist alles
ein schärfst strafbares Verbrechen und wird schon beim ersten Vergehen mit
dem Verlust des Lehensrechtes geahndet. [DTT.01_008,12] So du etwa glaubst,
mit der Macht des Herodes auf den Wunderknaben zu fahnden, da bist du in
einer großen Irre, und Herodes wird sich davor wohlweislich zu hüten
verstehen, über sein Recht hinauszutreten! [DTT.01_008,13] Dieser Knabe befindet
sich nun aber auch in meinem Schutze, und ich erteile ihm nun erst das volle
Recht, euch mit allerlei Fragen zu plagen, und ich werde nicht von seiner
Seite weichen, denn in seinem Gehirne und Gemüte steckt mehr der kerngesundesten
Weisheit als in euch allen und in eurem ganzen Heiligtum. – Und nun, du mein
liebster, holdester Knabe, kannst du wieder reden, denn ich habe den Platz
für dich gereinigt!“ [DTT.01_009,01] Ich aber sah den
römischen Richter freundlichst an und sagte: „Du bist zwar ein Heide, aber du
bist gerecht und guten Herzens, und wahrlich, wenn nun das wahre Gottesreich
zu den Menschen auf Erden kommen wird, wirst du samt deinem ganzen Hause
nicht als einer der Letzten in dasselbe aufgenommen werden! Wer aber darin
aufgenommen wird, der wird selig sein und nicht sehen den Tod ewiglich!“ [DTT.01_009,02] Sagte der Richter:
„Wie magst denn du mir eine solche Verheißung machen?“ [DTT.01_009,03] Sagte Ich: „Nichts
leichter als das! Denn Ich sage es ja, daß Ich
jenen Wunderknaben sehr wohl kenne und sein innigster Freund bin. So Ich zu
Ihm komme, da werde Ich deiner nicht vergessen, und Er wird dich segnen, und
sein Segen wird nicht ohne Folgen sein!“ [DTT.01_009,04] Hier erhob sich zornig
der Hochpriester und sprach: „Ist denn jener Knabe ein Gott, daß er segnen kann, als wäre er ein Gott?! Weißt du denn
nicht, daß nur Gott allein segnen kann und sein Hoherpriester nach der Beheißung
Gottes dreimal im Jahre?! Wie sprichst du von jenem Knaben, daß auch er einen Menschen und sein ganzes Haus sogar segnen
könne?! Welche Lehrer müssen bei euch sein, daß
ihre Schüler solch einen Unsinn schwätzen können!“ [DTT.01_009,05] Sagte Ich: „Fürs erste
habt ihr selbst uns solche Lehrer gegeben, und so die Schüler einen Unsinn daherschwätzen, so fällt dieser auf euch selbst zurück,
und so erzeugt ein Unsinn den andern! Wenn aber das ein Unsinn ist, was Ich
von dem Wunderknaben ausgesagt habe, daß Er die
segne, die ihm wahre Freunde sind, warum lehret dann ihr, daß
die Eltern ihre Kinder und die Kinder ihre Eltern allzeit segnen sollen? [DTT.01_009,06] Noah war doch kein
Gott und segnete höchst fruchtbringend seine beiden Söhne, die seine Scham
bedeckten! Ebenso war auch der alte, blinde Isaak kein Gott, als er den Jakob
segnete und ihm gab den Beinamen ,Israel‘, was soviel
heißt als: ,Aus dir gehe hervor das Volk Gottes!‘ War solcher Segen etwa ein
fruchtloser?! [DTT.01_009,07] So du aber sagst und
fragst in deinem großen Tempelhochmute, ob jener Knabe ein Gott sei, was
kannst du Mir sagen, so Ich dir sage: Ja, Er ist es, und das mit offenbar
mehr Recht, als es von euch geschrieben steht: ,Der Herr Jehova Zebaoth
sprach zu seinen Göttern!‘ So ihr aber also in euerm Dünkel Götter seid,
warum sollte denn jener mit so vielen wahrhaft göttlichen Eigenschaften begabte
und erfüllte Knabe kein Gott sein, da er doch sogar von David abstammt in
erster Linie?! [DTT.01_009,08] Wer aber Gottes Wort
hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig in sich und ist selbst in
seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes geworden und ist also im
Geiste aus Gott! Wo aber das, wer kann da sagen, daß
da der ganze Mensch nicht aus Gott wäre?! Ist ein Mensch aber dadurch, daß er in seinem ganzen Wesen zum lebendigen Gottesworte
geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist er dann nicht ein Gott,
da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im Menschen um so mehr, als
Gott angesehen werden muß?!“ [DTT.01_009,09] Sagte der
Hochpriester: „Was hast du da wieder für einen sträflichen,
gotteslästerlichen Unsinn dahergeschwätzt? Also
kann nur ein unsinniger Narr reden! Das ist ein hirnloses Gewäsch,
darüber ein hellsehender Denker hellauf lachen muß!“
– Darauf lachte der Hochpriester selbst hellauf. [DTT.01_009,10] Ich aber sagte: „Was
heißest du das einen Unsinn? Ist das ein Unsinn, so seid ihr Hochpriester,
Ältesten und Schriftgelehrten selbst Schöpfer und Ausbreiter desselben, was
Ich sogleich auf das allerklarste beweisen kann!“ [DTT.01_009,11] Der Hochpriester: „Wie
willst du kecker Schweinehirte aus Galiläa uns das beweisen?“ [DTT.01_009,12] Sagte Ich: „Bringet
mir her den Volkskatechismus!“ [DTT.01_009,13] Fragte der Hochpriester:
„Und was willst du damit?“ [DTT.01_009,14] Sagte Ich: „Das wirst
du schon sehen! Vorderhand werde Mir das Buch hergeschafft!“ [DTT.01_009,15] Es wurde das Buch
herbeigeschafft, und der Hochpriester sprach: „Hier ist es! Was wirst du nun damit
machen?“ [DTT.01_009,16] Sagte Ich: „Das wirst
du nun gleich sehen!“ – Ich schlug das Buch auf und bat den römischen
Richter, daß er die ihm von Mir angezeigte Stelle
laut vorlesen möchte. Er tat das mit sichtlicher Freude. [DTT.01_009,17] (Der römische
Richter:) „Wer Gottes Wort hört und danach tut, der hat Gottes Wort lebendig
in sich und ist selbst in seinem ganzen Wesen ein lebendiges Wort Gottes
geworden und ist also im Geiste aus Gott. Wo aber das, wer kann da sagen, daß nicht der ganze Mensch aus Gott wäre?! Ist aber ein
Mensch dadurch, daß er in seinem ganzen Wesen zum
lebendigen Worte Gottes geworden ist, voll erfüllt mit dem Geiste Gottes, ist
er dann nicht ein Gott, da das vollwahre Göttliche überall, somit auch im
Menschen um so mehr, als Gott angesehen werden muß?!“ [DTT.01_009,18] Hierauf sagte der
römische Richter: „Nun, das sind ja auf ein Haar dieselben Worte, die ehedem
der respektable Priester bei dir als einen Schweinehirtenunsinn erklärt hat!
Nun, diese Geschichte – wie ich's merke – fängt stets heiterer zu werden an!
Da bin ich denn doch selbst gar sehr neugierig darauf, was da nun
herauswachsen wird!“ 10. Kapitel – Der mißglückte Versuch
eines Schriftgelehrten und eines Ältesten, den Hochpriester zu rechtfertigen
und ihm Geltung zu verschaffen. Die Vertagung der Sitzung durch den Richter
auf den nächsten Tag. Der Jesusknabe und Simon als Nachtgäste des Römers in
der Herberge. [DTT.01_010,01] Der Hochpriester
machte über diese Vorlesung ein sehr ärgerliches Gesicht. [DTT.01_010,02] Ich aber sagte: „Nun,
du gar so hoch gottesgelehrter Oberster des Tempels, ist dadurch von Mir
nicht alleraugenfälligst der Beweis geliefert, daß, wenn das von Mir dir ehedem Gesagte ein Unsinn ist –
das er aber nicht ist –, eben ihr selbst Schöpfer und Verbreiter des Unsinnes
seid?! So Ich aber dadurch eine Unwahrheit geredet habe, kannst du Mir
sogleich eine Maulschelle für Meine Keckheit verabfolgen! Aber du wirst das
schwerlich tun, dieweil du das, was in euerm Volkskatechismus geschrieben
steht, unmöglich mehr als einen Unsinn erklären kannst! Aber nun möchte Ich
von dir den Grund vernehmen, warum du das ehedem getan hast! – Ich habe
geredet, nun rede du!“ [DTT.01_010,03] Der Hochpriester
machte nun eine lächerliche Miene und war um eine Antwort sichtbar im hohen
Grade verlegen. [DTT.01_010,04] Es erhob sich aber
gleich ein anderer Schriftgelehrter und sagte: „Seine hochzuverehrende
Herrlichkeit haben dich dadurch nur auf eine recht heiße Probe gestellt und
wollten daraus ersehen, ob du wohl im Volkskatechismus fest bewandert bist,
dieweil du selbst solchen zugunsten deiner Sache angezogen hast! Laß nun das, und reden wir beide lieber von etwas ganz
anderem! Denn es kommt bei diesem Hin- und Herstreite
ja am Ende doch nichts heraus!“ [DTT.01_010,05] Sagte Ich: „Siehe da,
wie gescheit du sein möchtest, wenn du es sein könntest! Du möchtest dem
Hochpriester nun gerne aus der Kloake helfen, in die er sich selbst bis über
die Ohren und Augen gestürzt hat; aber es geht das nun wohl nicht mehr! [DTT.01_010,06] Ich weiß es wohl, daß er Mir nun den Grund nicht sagen wird, warum er das
bei Mir einen Unsinn nannte, was er als Hochpriester wohl am ersten hätte
wissen sollen, daß das im Volkskatechismus vor
jedermanns Augen geschrieben steht; aber weil er eben darum nicht gewußt hat, so nannte er das einen Unsinn – und doch ist
er ein Hochpriester, ein Schriftgelehrter und Ältester zugleich! [DTT.01_010,07] Das Denkwürdige an der
Sache ist dabei nur das, wie man in dieser Zeit ein Hochpriester werden und
sein kann und wie sich vom Geiste Gottes erfüllt dünken, da man das Wort
Gottes nicht einmal äußerlich kennt! Ist es nicht also Gebot und Sitte, daß ein jeglicher Hochpriester, der auf dem Stuhle Mosis und Aarons sitzt, der Schrift in allen ihren Teilen
vollkommen kundig sein soll und jedem, der in irgend etwas
einen Zweifel hat, einen vollrechten Bescheid gebe?! [DTT.01_010,08] Welchen Bescheid aber
kann der jemandem geben, der nicht einmal die sehr kurz gefaßte
Textierung des Volkskatechismus kennt und somit zum Gelächter und gerechten
Ärger eines wahren und eifrigen Juden aus eigener Unkunde
das Unsinn nennt, was doch ein jeder Judenknabe aus dem Volkskatechismus
wissen muß, ansonst ihn
ein ehrlicher Meister in eine Handwerkslehre nicht aufnimmt!“ [DTT.01_010,09] Da ermahnte Mich ein
anderer Ältester, daß ich wohl bedenken solle, wer
und was ein Hochpriester sei. [DTT.01_010,10] Ich aber sagte: „So
Ich die volle Wahrheit rede, kann Ich dadurch je einen wahren Menschen
beleidigen?! Saget es selbst, ob das, was Ich hier rede, nicht in der Schrift
von Moses geschrieben steht, und ob sich nicht die Sache also verhält, wie
die Sache selbst klar zeigt! [DTT.01_010,11] Leider werden
hochgeborene Menschen nun nicht mehr nach ihrem geistigen Vermögen, sondern
nur nach ihren weltlichen Reichtümern zu den höchsten Ämter befördert, wo sie
dann gewöhnlich geistig noch ärmer, aber dafür materiell desto reicher
werden! Aber saget es selbst, ob es also vor Gott auch gerecht ist!? [DTT.01_010,12] Ja, da kann man, gar
leicht begreiflich, über die Ankunft des verheißenen Messias freilich schwer
eine Auskunft erhalten, so diejenigen, die davon doch füglichermaßen
zunächst und zuerst etwas wissen sollten, in der Schrift so unbewandert sind
wie Menschen, die vom Dasein einer Schrift aus dem Geiste Gottes durch Moses
und andere Propheten gar keine Kenntnis besitzen, aber dabei doch ganz hoch
und breit auf dem Stuhle Mosis und der Propheten
sitzen! [DTT.01_010,13] Sie selbst wissen von
Gott und seinem Worte wenig oder nichts und noch weniger von dem lebendigen
Worte Jehovas im Menschen, durch das sie selbst zu einem Gotte werden sollen
nach ihren eigenen gemachten Volksunterrichtsgrundsätzen! – Was sagst denn
du, römischer Richter, als ein Heide zu solchen Dingen und Verhältnissen?“ [DTT.01_010,14] Sagte der Richter: „Da
kann ich dir in allem nur recht geben! Denn hier zwischen den Mauern und in
diesem abgeschlossenen Saale kannst du reden, wie dir die Zunge gewachsen
ist, nur öffentlich vor dem Volke wäre so etwas natürlich unschicksam
und sogar schlimm – was du aber auch nicht tun wirst, da du ein viel zu
vernünftiger Junge bist und die für diese Zeit schlimmen Folgen daraus selbst
gar wohl berechnen kannst! – Nun aber gehen wir zum Nachtmahle! Du und Simon
seid heute und morgen meine Gäste!“ Darauf hob der Richter die Sitzung auf
und bestellte sie am nächsten Tage wieder. [DTT.01_010,15] In des Tempels
nächster Nähe aber war eine große Herberge, da nahmen wir ein gutes Nachtmahl
und begaben uns dann schnell zur Ruhe. [DTT.01_010,16] Diese Herberge gehörte
aber auch zum Tempel und wurde von den Tempeldienern bedient. Wer von den
Reisenden in dieser Herberge blieb, dem ward es also angerechnet, als wäre er
unmittelbar im Tempel selbst geblieben. Man konnte zwar im Tempel auch
verbleiben, mußte aber doppelt soviel
zahlen und bekam nichts als Brot und Wasser zum Genusse. Wenn es demnach
heißt, daß Ich drei Tage lang im Tempel verblieb,
da muß auch diese Tempelherberge dazugerechnet
werden. [DTT.01_010,17] Uns dreien ging es in
der Herberge ganz gut; jeder konnte ruhig schlafen. 11. Kapitel – Die nächtliche Beratung der Templer. [DTT.01_011,01] Aber die Tempelherren
hatten eben keine so ruhige Nacht; denn Ich wollte es, daß
diese selbst- und herrschsüchtige Art von Menschen durch allerlei beängstigt
werden mußte. Und der Hochpriester konnte vor
Galle, Ärger und Furcht zu keinem Schlafe kommen, denn es genierte ihn
besonders das über alles, daß Mich der römische
Richter als einen geehrten Gast mit sich nahm. Er ließ denn auch in einem
fort seine Horcher in die Herberge kommen, daß sie
ihm Nachricht brächten von dem, was wir etwa miteinander redeten. Aber wir
redeten nichts. [DTT.01_011,02] Aber dafür schwätzten
die Templer um so mehr unter sich und berieten, wie sie Mich am nächsten Tage
durch allerlei Fragen verwirrt und recht unsinnig machen könnten. Nur der
junge Levite, der auf dem Punkte stand, ein selbständiger Pharisäer und
Vorsteher einer Synagoge zu werden, sagte dem Gremium, weil er sehr viel
gesehen und erfahren hatte bei seinen Missionsreisen, ganz trocken ins Gesicht: [DTT.01_011,03] „Mit diesem Knaben
werdet ihr alle nichts ausrichten! Ich habe in Nazareth wahrlich Wunderdinge
von seiner Beredsamkeit gehört, und da gibt es keinen Gelehrten, der diesem
Knaben je etwas abgewonnen hätte! Ich sage es euch ganz offen: Dieses Knaben
Zunge und seines Freundes unbegreifliche Willenskraft sind mächtig zur
Genüge, um die ganze Welt zu unterjochen! Und wir haben uns mit diesem Knaben
eine mächtige Laus in den Pelz gesetzt, die wir ohne Schaden nicht leicht
loswerden! [DTT.01_011,04] Daher wäre meine
freilich immerhin unmaßgebliche Meinung diese: Man lasse ihn bei seiner
Meinung, daß wenigstens möglicherweise jener Wunderknabe
der verheißene Messias sein oder mit der Zeit werden könne, da denn doch die
Weissagungen der Propheten auf ihn wie auf diese Zeit hindeuten! [DTT.01_011,05] Mit was immer für
Widerspruch kommen wir mit ihm nicht weiter – und ihn ärgerlich machen durch
eine Drohung, wäre meiner Ansicht nach sogar bedenklich, denn er weiß um
alles auf das genaueste, und nicht fremd scheinen ihm unsere tiefsten
Tempelgeheimnisse zu sein! [DTT.01_011,06] Es wäre da schon rein
des Beelzebubs zu werden, so er eben von unseren
ganz besonderen Geheimnissen offen vor dem ihm sehr geneigten Simon und dem
römischen Richter auszuplaudern anfinge! Daher heißt es da sehr klug sein,
ihn bei seinem Thema lassen, ihn darin eher noch bestärken, als ihn von
seiner Idee abwendig machen zu wollen! [DTT.01_011,07] Was liegt denn für uns
daran, die wir alle die alten Schriftglaubenssachen schon lange über Bord ins
Meer der Vergessenheit geworfen haben, ob ein Messias, oder ob keiner?!
Sondern klug sein und dadurch herrschen und dabei auf Kosten der blinden und
dummen Menschenmenge sehr gut leben ist besser, als sich allerlei Gewalt, die
wir am Ende doch nicht haben, anmaßen und sich daneben mit allerlei unnötiger
Sorge und Angst zernagen lassen! [DTT.01_011,08] Wir haben uns schon
gestern mit unserer schlecht berechneten Hoheitssteife bei dem Römer schlecht
insinuiert, und die Zachariasgeschichte kann uns
noch in große Verlegenheit bringen! Denn zu scherzen ist's mit den Heiden durchaus
nicht! Wir dürfen uns daher morgen nur ein wenig unsanft gegen den Knaben
benehmen – und wir stehen alle in der heißesten, echt römischen Brühe! [DTT.01_011,09] Darum seien wir nur
ganz feine und schlaue Füchse und machen unsere gestrigen Fehler wieder soviel als möglich gut, und ich will wetten, daß der Römer die Geschichte vom Zacharias ganz fallen läßt, ansonst er sie sogleich
als eine scharfe Waffe gegen uns benützen wird! – Was meinet ihr von meinem
Rate?“ [DTT.01_011,10] Sagte der stets wache
Oberpriester: „Ja, ja, ich bin mit dir da ganz einverstanden; es dürfte also
schier am besten sein! Rede und Antwort müssen wir dem Knaben geben, weil er
dazu ein teuer erkauftes Recht hat, dieses können wir nicht von uns hinwegschieben! Nur bin ich der Meinung, daß wir ihm morgen ein anderes Kollegium aus uns geben,
das ihm günstiger denn wir gestern Rede stehen soll! – Was meinet ihr da?“ [DTT.01_011,11] Sagte der junge
Redner: „Der Meinung bin ich wieder nicht! Ein fremdes Kollegium müßte informiert werden, um recht zu verstehen, wen es in
dem Knaben vor sich hat. Wir aber kennen ihn nun und wissen, was er
eigentlich will. Wir haben ihm sonach leicht Rede zu stehen. Ein fremdes Kollegium
würde morgen vor dem Knaben dastehen wie ein junges Paar Zugochsen vor einem
Berge und wüßte ihm selbst bei einer besten
Information nicht Bescheid zu geben. [DTT.01_011,12] Dann kommt aber da
noch etwas ganz Wichtiges in die Betrachtung, und zwar: Können wir wissen, ob
der Knabe sich nicht gerade auf uns versteifen würde? Wir müßten
dann, von Simon und dem römischen Richter verlangt, kommen und mit dem
verzweifelt pfiffigen Knaben zur Rede stehen, bei welcher Gelegenheit wir uns
eben nicht gar besonders gut vor dem Römer ausnehmen möchten, da wir uns
dadurch ja offenbar verrieten, daß wir im Kampfe
mit dem Knaben das offenbar Kürzere gezogen haben! [DTT.01_011,13] Ich will und kann mit
solcher meiner Meinung keine gültige Vorschrift machen, aber das ist doch gewiß, daß wir das von mir
Bemerkte ganz sicher zu erwarten haben, was niemand von uns eben etwa
erwünscht sein dürfte!“ [DTT.01_011,14] Sagte der
Oberpriester: „Bin ganz mit dir einverstanden, und wir werden uns auch deinen
guten Rat zur Richtschnur nehmen; aber was meinst du, mein Sohn, denn
überhaupt so über diesen ganz verzweifelt pfiffigen Knaben? [DTT.01_011,15] Es ist doch rein des
Satans zu werden! Wir höchsten Würdenträger vom ganzen Judenlande müssen uns
von einem echten galiläischen Schweinehirten bis über die Ohren ins Bockshorn
treiben lassen! Vor solch einem niedrigsten Wurme des Gassenstaubes müssen
wir zittern und alles Mögliche aufbieten, um seiner nur auf eine gute Art
loszuwerden. Nein, nein, so etwas ist noch seit Menschengedenken nicht
dagewesen! [DTT.01_011,16] Aber sage mir, was du
von dem Knaben denkst! Wie und wann kann sich dieser Knabe von zwölf Jahren
Alters solche Totalwissenschaft zu eigen gemacht haben?“ [DTT.01_011,17] Sagte der junge
Redner: „Lieber, nach dem Hohenpriester allerhöchster Gebieter und Gönner! So etwas ist in
Galiläa gar nichts Neues! Alles in Galiläa treibt Handel, kommt mit allen
Nationen der Welt zusammen und macht tausendfache Erfahrungen aller Art und
Gattung, lernt verschiedene Sprachen und verkehrt mit Griechen, mit
Armeniern, mit Ägyptern und noch einer Menge anderer Völker. Es ist daher
auch begreiflich, daß man in den Städten und Flecken
und Dörfern Galiläas nicht selten Kinder antrifft, deren durchdringender
Verstand alles ins größte Staunen setzen muß, was
von uns aus Jerusalem dahin kommt. [DTT.01_011,18] Ich, wie bekannt, bin
selbst in der Gegend von Nazareth geboren und war mit der ganzen Schrift
schon in meinem zwölften Jahre vertrauter denn jetzt, wo ich schon so manches
vergessen habe, und daneben noch mit einer Menge anderer Schriften und Dinge.
Warum unser blondlockiger Knabe nicht?! Mich wundert seine Gewecktheit eben
nicht so sehr, obwohl sie sehr durchdringend ist.“ [DTT.01_011,19] Sagte weiter der
Oberpriester: „Ja, das wäre bei einer frühzeitigen Bildung eines talentierten
Knaben freilich nicht so etwas ganz Besonderes; aber wie kommen diese
Menschen in den Besitz der Schrift, die als allein echt nur im Heiligtume des
Tempels aufbewahrt ist, und aus der niemand lesen darf als neben dem Hohenpriester nur der Oberpriester und die
Schriftgelehrten?“ [DTT.01_011,20] Sagte der junge
Redner: „Höchster Gebieter, das ist ja schon seit der Zeit, als die Römer
unser Reich erobert haben, nicht mehr wahr! Dem Eroberer mußten
alle Einrichtungen des Tempels und alle seine Bücher zur Einsichtnahme
ausgeliefert werden. Da wurden drei Jahre lang von allem und jedem die
getreuesten Abschriften genommen. [DTT.01_011,21] Und nun gibt es unter
den Römern und Griechen sogar schon eine solche Menge der ganz getreuen
Abschriften in allen Zungen, daß man sich um wenige
Silberlinge eine solche Abschrift in jeder beliebigen Zunge anschaffen kann.
So aber das, wie sollte es dann etwa schwer möglich sein, in einem galiläischen
Knaben von Talent einen wahren Schriftgelehrten non plus ultra
anzutreffen?“ [DTT.01_011,22] Sagte der
Oberpriester: „Du kommst mir noch mit römischen Zwischenworten und weißt
doch, daß ich ein Todfeind alles Römischen bin! –
Was heißt denn der Ausdruck ,non plus ultra‘?“ [DTT.01_011,23] Sagte der junge
Redner: „Höchster Gebieter, ich als Galiläer bin auch nebst der hebräischen
noch der Griechen wie der Römer Zunge mächtig, also verstehe ich Syrisch,
Chaldäisch, Armenisch, Persisch und Altarabisch, das man als Sendling auch
verstehen muß – und es geschieht mir da im Flusse
der Rede gar leicht und öfters, daß sich mir eine
fremde Zunge wie von selbst in den Mund schiebt! [DTT.01_011,24] Der Ausdruck ,non plus
ultra‘ ist aber nun unter uns Juden seiner Kürze
und Bündigkeit wegen gang und gäbe, daß es einem ordentlich schwer vorkommt, den langen und
langweiligen hebräischen zu gebrauchen. An und für sich besagt er soviel als: So ein Knabe ist also sehr ,von niemand
übertreffend‘ in aller Schrift bewandert.“ [DTT.01_011,25] Sagte der
Oberpriester: „Gut, gut, es liegt nichts daran, ich bin nur aus leicht
begreiflichen Gründen kein Freund der Römer und somit auch ihrer Zunge nicht;
aber lassen wir das beiseite, und du sage mir, was dir allenfalls von jenem
Wunderknaben in Nazareth bekannt ist, dessen Vater ich kenne wie auch dessen
Mutter!“ [DTT.01_011,26] Sagte der junge
Redner: „Ja, höchster Gebieter, das ist ein stark kitzliger Punkt! Ich
glaube, ihn vor ein paar Jahren gesehen zu haben, und zwar in Gesellschaft
von mehreren Knaben, die einander aber über alle Zwillingsbrüder hinaus
ähnlich waren. Man sagte mir wohl, dieser und solcher und jener sei es, aber
da die Knaben gleichfort sich sehr lebhaft durcheinander tummelten, so konnte
ich unmöglich den rechten aus ihnen fest ins Auge fassen! Ich habe ihn also
gesehen, und doch auch wieder nicht gesehen! [DTT.01_011,27] Unser uns nun ein
rechtes Wetter machender Knabe aber war damals ganz sicher auch in der
Gesellschaft, begleitet von einem ihm sehr ähnlich sehenden Knaben, und zwar
– wie es mir nun vorkommt – mit einem noch mehr ernsthaften Gesichte, und
machte keine lustigen Sprünge. Es hatte sehr das Aussehen, als wären die
beiden Knaben gleichsam Gebieter über die andern, da sich die andern ganz
nach deren Willen zu bewegen schienen. [DTT.01_011,28] Was übrigens dieses
Buntgetriebe der Knaben durcheinander für ein Spiel bedeutete, begriff ich
nicht, da ich früher nie etwas Ähnliches gesehen hatte. Planlos schien mir
die Sache nicht zu sein, weil sich bei längerer Beobachtung irgendeine
Ordnung durchaus nicht verkennen ließ. Was es aber vorstellte, konnte mir
niemand von den mit mir Anwesenden erklären. Man sagte mir, daß die Knaben sich stets auf eine solche Art
unterhielten, die früher noch nie in Nazareth gesehen ward; aber niemand
versteht es, was so eine fremdartige Unterhaltung besagt. [DTT.01_011,29] Das wäre nun aber auch
schon alles, was ich persönlich von jenem Knaben aus eigener Erfahrung weiß.
Nun aber habe ich mir von jenem Knaben wohl gar außerordentliche Dinge
erzählen lassen, die an das Allerunglaublichste stoßen! Alles das
wiederzuerzählen, würde man eine Zeit von wenigstens zehn Tagen vonnöten
haben, daher sage ich nur im allgemeinen: [DTT.01_011,30] Es gehorchen diesem
oder besser jenem Wunderknaben buchstäblich alle Elemente, ja sogar Sonne,
Mond und all die Sterne seien seinem Willen augenscheinlich untertan, da er bloß zu wollen brauche, und die Sonne und
der Mond gäben kein Licht! Und sage er dann ernstvoll zur Sonne oder zum
Monde: ,Leuchte fortan!‘ so sei das Licht gleich wieder gegenwärtig. [DTT.01_011,31] Von der Geburt an
Blinde mache er bloß durch ein Wort also hell sehend, als wie hell sehend da
ist eine Katze, die auch in der finstersten Nacht ihren Raub gar wohl
erschaut. [DTT.01_011,32] Einem Knaben aus der
Mitte seiner Gespielen, der voll Mutwillens auf ein Dachgerüst stieg,
herabfiel und zerschmettert tot liegen blieb, habe er im Angesichte vieler
Zuschauer bloß durch sein Wort das Leben also wiedergegeben, daß der wiederbelebte und von allen Wunden geheilte Knabe
so kerngesund und munter dastand, als ob ihm nie etwas Übles begegnet wäre.
Wohl aber habe daraufhin der Wunderknabe dem vom Tode erweckten Knaben eine
sehr ernste Mahnung gegeben, künftighin nicht mehr so mutwillig und unfolgsam
zu sein, ansonst er ihm nicht mehr helfen würde. [DTT.01_011,33] Man spricht überhaupt
von Wundern der Sittlichkeit und der weisesten Redekraft von seite des Wunderknaben. Nur eines klingt etwas sonderbar:
er, der Wunderknabe nämlich, bitte nie jemanden um irgend
etwas, und so ihm jemand etwas gegeben, so danke er auch niemals
dafür! Er sei stets voll Ernstes, man sehe ihn oft beten, auch weinen im
stillen, aber lachen nie! [DTT.01_011,34] Das ist in aller Kürze
all das Denkwürdige, was ich von jenem Wunderknaben in meine Erfahrung
gebracht habe. Ein mehreres ist mir nicht bekannt. Wie und mit welchen
Mitteln aber jener Knabe solche Wunderdinge zustandebringt,
das zu beurteilen steht zu hoch über dem Horizont meines Wissens und meiner
zu beschränkten Weisheit – das möget nun ihr ältesten und weisesten Vorsteher
des Tempels tun, und ich habe geredet!“ [DTT.01_011,35] Sagte darauf der
Hochpriester: „Mit welch anderer Macht wohl als mit der des leibhaftigen
Beelzebub?! Denn Gott wirkt niemals Wunder durch Kinder und lose Knaben,
sondern höchst selten nur durch fromme, Ihm ganz ergebene und an Jahren reif
gewordene Männer, wie wir da sind! So aber zu Nazareth ein zwölfjähriger
Knabe solche Dinge verrichtet, so liegt es ja klar am Tage, daß so etwas nur durch die Hilfe des Beelzebub geschehen
kann! – Das ist meine Meinung, wer irgendeine andere und bessere geben kann,
der stehe auf und rede!“ [DTT.01_011,36] Es erhob sich ein
Ältester und sagte: „Meiner Ansicht nach räumst du dem Beelzebub denn doch
etwas zu viel Macht ein! Streng unter uns gesagt, ist der Beelzebub ohnehin
nur eine allegorische Persönlichkeit, unter der man sich den Totalbegriff
alles Bösen und Schlechten, das bloß in der Verkehrtheit des Menschenwillens
liegt, vorstellt. [DTT.01_011,37] Daß
dann durch ein volles Zusammenwirken einer allen guten Gesetzen hohnsprechenden
Gesellschaft von vielen Menschen unter sich ein sogenannter Beelzebub erzeugt
wird, der fürder nichts mehr Gutes in ihr aufkommen
läßt, das ist eine schon seit lange her ausgemachte
Sache! Denn ein solch böser Geist gleicht einem moralischen Pesthauche und
vergiftet fortwährend die Herzen der in solcher Gesellschaft lebenden
Menschen, daß sie aus sich und durch sich nimmer
besser werden können. [DTT.01_011,38] Aber auch daran
schuldet nicht ein gewisser geistig-persönlicher böser Geist Beelzebub,
sondern die gänzlich verkehrte und somit schlechte Erziehung der Kinder von
der Wiege an. Derlei Menschen bekommen keinen Begriff von einem allmächtigen
und allweisesten Gotte, auch in allen andern Kenntnissen und Wissenschaften
stehen sie den zivilisierten Völkern himmelweit nach und können darum auch
bald und leicht von denselben besiegt werden. [DTT.01_011,39] Wenn wir aber nun die
außerordentliche Bildung unseres in Rede stehenden Knaben betrachten, dessen
überaus fromme und tiefgebildete Eltern uns nur zu gut bekannt sind, und
beherzigen seinen überaus großen Wohltätigkeitssinn, so kann es wenigstens
mir nicht einmal in einem allerschlechtesten Traume einfallen, zu behaupten,
ein solcher Knabe stehe im vollsten Machtverbande mit dem Obersten aller
Teufel, die nimmer imstande seien, auch nur einen kleinsten Lichtgedanken in
sich aufkeimen zu lassen! [DTT.01_011,40] Oder kann durch das
absolut Böse nach unserer Anschauungsweise je auch nur ein anscheinend guter
Zweck erreicht werden? Mir wenigstens ist so etwas bis jetzt noch ganz fremd
geblieben! Oder weiß es jemand von euch etwa, daß
grundschlechte Menschen je eine gute und lobenswerte Handlung begangen
haben?! Oder läßt sich mit den schlechtesten und verworfensten Mitteln erweislich je etwas wahrhaft Gutes
erreichen?! [DTT.01_011,41] So aber unser
Wunderknabe mit seiner Willenskraft, die für uns freilich etwas Unbegreifliches
ist, lauter allerbeste und großartigst edle Handlungen
von nachhaltig besten Folgen verübt, wie möglich kann er sich dabei des grundschlechtesten
Mittels bedienen?! Darüber bitte ich mir von euch eine haltbare Erklärung
aus!“ [DTT.01_011,42] Mehrere von den
Ältesten und Schriftgelehrten stimmten mit dem Redner überein – nur der
Oberpriester und sein eben nicht sehr zahlreicher Anhang nicht. Und der
Oberpriester erhob sich und sagte zum Verteidiger des Wunderknaben: [DTT.01_011,43] (Der Oberpriester:)
„Sieh, ich merkte aus deiner Rede, daß du des Beelzebubs Persönlichkeit leugnest mit sinniger Rede und
ebenso die Persönlichkeit der ihm unterstehenden Teufel! So du mit deiner
Rede das Recht behaupten solltest, da erkläre es mir auch in deiner Weise,
wer auf dem Berge Nebo gestritten hat um den Leib Mosis mit dem Erzengel Michael drei Tage hindurch und
dazu noch den Sieg behauptete! [DTT.01_011,44] Wer war jene
Lichtgestalt, die sich vor den Gottesthron wagen durfte, um sich die Zulassung
zu erbitten, dem Vater Hiob auf den Zahn fühlen zu dürfen? Wer war denn die
Schlange Evas? Wer der böse Geist Sauls, den der Knabe David mit dem Saitenklang
seiner Harfe verscheuchte? Ferner gibt es noch eine Menge Daten in der
Schrift, besonders im Daniel, der zu öfteren Malen
des großen Drachen und der großen Hure Babels erwähnt! Wie wirst du eigentlicher
Weltweiser das alles in deiner Weise aufklären?“ [DTT.01_011,45] Sagte der frühere,
weise Älteste und Schriftgelehrte: „Dies wäre mir eine gar leichte Arbeit, so
dein Verstand den das zu begreifen erforderlichen Bildungsgrad besäße, aber
deine gänzliche Verstandesnacht faßt solche
Lichtdinge nicht. Und so würde ich nur einem Tauben und Blinden eine vergebliche
Predigt halten, die keine Wirkung hätte – und so lasse ich das bleiben! [DTT.01_011,46] Die mich verstehen
wollten und konnten, die haben mich schon ehedem verstanden. Einem harten
Willen aber eine Predigt zu halten, heißt einen Stein darum ins Wasser legen,
damit er weich werde. Hast du nie die große Kabbala gelesen, die da ist das
Werk eines großen Geistes? Darin geschieht eine gedehnte Erklärung von den
Entsprechungen zwischen den Sprach- und Schriftbildern und der Wirklichkeit,
die sie darstellen!“ [DTT.01_011,47] Sagte der
Oberpriester: „Die kleine wohl, aber die große nicht!“ [DTT.01_011,48] Sagte der Redner:
„Dann kann ich unmöglich reden mit dir, denn die kleine hat einen anderen
Autor und ist nicht wert, ein schlechtester Auszug der alten, großen genannt
zu werden! [DTT.01_011,49] Vor Gott gibt es
keinen Satan und keinen Teufel und somit auch nicht irgend
etwas absolut Böses, denn Ihm müssen alle Mächte und Kräfte gehorchen,
und keine kann über ihren Kreis hinaus wirken. [DTT.01_011,50] Ist das Feuer nicht
ein Kraftelement, das des Bösen und Zerstörenden in höchster Fülle in sich faßt? Ist es darum ein Produkt des Satans, so es ganze
Städte zerstört und in tote Asche verwandelt, wenn es entweder durch den
bösen Willen, sage, der Menschen oder durch ihre immerhin sträfliche
Fahrlässigkeit entfesselt wird? [DTT.01_011,51] Oder steckt darum der
Satan im Wasser, weil es auch Menschen und Tiere tötet, so sie in dasselbe
fallen? Oder steckt der Satan etwa in einem Steine, oder in der Höhe der
Gebirge, oder in den giftigen Tieren und Pflanzen, oder kurz in allem, was
uns Menschen den Tod bringen kann bei einem unsinnigen Gebrauch? – Sieh,
alles auf der Erde und in der Erde kann sein voll Segen, aber auch gleichzeitig
voll Fluch, je nachdem es ein Mensch entweder weise oder dumm gebraucht ! [DTT.01_011,52] Was war denn der
berühmte Kampf des Satan mit dem Erzengel Michael um den Leib Mosis? [DTT.01_011,53] Der fromme Teil der
Juden, die Moses wie einen Gott verehrten, dachte, daß
Moses auch dem Fleische nach nicht sterben werde, da es hieße: ,Die die
Gesetze Gottes streng beachten, die werden nicht sterben, sondern gleichfort ewig
leben, und ihr Fleisch werden die Würmer nicht zernagen!‘ Moses aber ward am
Ende dennoch schwach und starb wie jeder andere Mensch. [DTT.01_011,54] Da waren unter den
Juden ein Weiser und ein Arzt. [DTT.01_011,55] Der Weise sagte: ,Man
trage den Leichnam auf die Spitze eines hohen Berges, wo die reinsten
Lebenslüfte wehen, und Moses wird wieder lebendig und wird führen sein Volk
ins verheißene Gelobte Land!‘ [DTT.01_011,56] Der einsichtsvollere
Arzt aber sagte: ,Kein Leib, der einmal entseelt ist, wird je wieder
lebendig!‘ [DTT.01_011,57] Der Weise sagte: ,So
Moses auf der Bergspitze in drei Tagen nicht wieder lebendig wird, sondern
tot bleibt, hast du über mich und meinen Glauben gesiegt, und ich bin dein
Sklave mein Leben lang!‘ [DTT.01_011,58] Der Arzt aber sagte: ,Daß ich siegen werde, das weiß ich zum
voraus. Darum brauchst du mir aber keinen Sklaven abzugeben, sondern
ich werde bleiben, was ich bin, und du, was du bist, und du wirst einsehen, daß der Fürst oder die Macht des Todes sein Opfer behält
und nimmer ausläßt.‘ [DTT.01_011,59] Und es ward Moses mit
großer Feierlichkeit auf die Bergesspitze des Nebo
gebracht. Viele Tausende der vornehmsten Israeliten begleiteten den Leichnam.
Und als die Spitze des Berges mit vieler Mühe erreicht war, da ward Moses den
freien Lebenslüften ausgestellt, und es wurden an ihm drei Tage hindurch alle
denkbaren geistigen und materiellen Wiederbelebungsversuche gemacht, aber
alles vergebens: des großen Propheten Auge öffnete sich nicht mehr für das
Licht dieser Welt. [DTT.01_011,60] Da sprach am vierten
Tage der Weise ganz entrüstet vor dem Volke: ,Siehe, du Volk Gottes, des
Satans Macht! Drei Tage lang kämpfte Michael (Macht der Himmel) mit dem Satan
(Macht des Todes) um den Leib des Propheten und Satan besiegte ihn; aber
dafür sprach Michael: ,Gott wird dich darum richten‘!‘ [DTT.01_011,61] Das war eine Rede vor
dem Volke, figürlich (symbolisch) zwar, aber doch notwendig und in ihrem
eigentlichen Grunde doch auch sehr wahr. [DTT.01_011,62] Als der Arzt dann
sicher nur unter vier Augen mit dem Weisen sprach und ihn daran erinnerte,
wie er doch recht hatte, da sagte der Weise: [DTT.01_011,63] ,Leider hast du recht.
Aber es ist doch immerhin traurig für uns Menschen, daß
Jehova auch bei seinem größten Propheten keine Ausnahme macht und ihn am Ende
ebenso wie jedes gemeine Tier erwürgt und tötet! Moses hätte Er wohlbehalten
können und zeigen dem Volke, daß Satan über seinen
durch und durch Geheiligten keine Macht mehr habe!‘ [DTT.01_011,64] Der Arzt aber sagte:
,Du rechtest nicht gerecht mit Jehova! Siehe, Er hat allem Fleische seinen
Weg und dem Geiste den seinen vorgezeichnet: der Weg des Fleisches aber muß völlig gerichtet sein, damit der Weg des Geistes ein
freier bleibe für ewig!‘ [DTT.01_011,65] Als die beiden noch also
miteinander Worte wechselten, da trat auf einmal zwischen sie Mosis Geist und sagte: ,Der Friede mit euch! Gottes
Ordnung ist unwandelbar, und alles, was Er tut, ist gut! So der Leib auch
stirbt, da stirbt dennoch nicht auch der Geist. Haltet die Gesetze, und
rechtet nicht um meinen Leib, denn ich, Moses, lebe ewig fort, so auch
tausend Male gestorben wäre der Leib, den ich trug!‘ [DTT.01_011,66] Darauf verschwand der
Geist, und die beiden waren ausgeglichen. – [DTT.01_011,67] Nun, mein lieber
Bruder in Abraham, Isaak und Jakob, was sagst du dazu? Wo ist deine
Persönlichkeit des Satans? Denn was ich dir nun sagte, ist die nackte
geschichtliche Wahrheit, und die im Buche geschriebene ist nur ein Bild, gegeben
wie alle derlei Nachrichten in dichterischen Versen, die man allein nur durch
die Wissenschaft der Entsprechungen in der Natürlichkeit verstehen kann. –
Was sagst du nun dazu als selbst ein Schriftgelehrter?“ [DTT.01_011,68] Sagte der
Oberpriester: „Ja, ja, die Sache hat viel für sich und läßt
sich gut hören, aber sie beruht dennoch auf dem Glauben und läßt über diesen hinaus keinen erweisenden Grund zu. Aber
es mag an dieser Sache immerhin etwas sein, denn so es einmal pur auf dem
Glauben beruht, da ist es am Ende schon bald einerlei, ob ich dieses oder
jenes glaube – und es ist etwas Natürliches immer leichter zu glauben als
etwas Übernatürliches. – Lassen wir demnach von dieser Sache ab! Die Nacht
ist vorüber, und man wird uns in der Sprechhalle schon erwarten!“ [DTT.01_011,69] Sagte der junge Halbpharisäer:
„Bin wahrlich sehr neugierig darauf, was die Sache heute für eine Wendung
nehmen wird! Aber nur um das möchte ich um unseres Heiles willen wohl gebeten
haben, daß mein Rat als klug wegen der Römer in eine
kleine Erwägung gezogen werden möchte; denn es liegt ja doch wahrlich gar
nicht so sehr etwas daran, ob wir unter uns und zwischen den vier Wänden das
halbwegs scheinbar annehmen, was der Knabe ganz eigentlich haben will, da wir
uns sonst die Römer sicher zu noch größeren Feinden machen würden, als sie es
ohnehin schon sind!“ [DTT.01_011,70] Sagte der
Oberpriester: „Sei unbesorgt, mein Sohn! Was sich nur immer tun läßt, das wird nicht unterlassen werden, denn heute kennen
wir unsern Standpunkt offenbar besser, als wir ihn gestern erkannt haben.“ [DTT.01_011,71] Nach diesen Worten kam
ein Tempeldiener und meldete – wie gewöhnlich in allertiefster Ehrfurcht –, daß der römische Kommissarius
mit dem Knaben, der Simon von Bethania und noch etliche
Herren mit ihm in der Halle seien. 12. Kapitel – Der Zusammentritt des Prüfungskollegiums
im Sprechsaale am zweiten Tage. Der mißglückte Versuch der
Templer, die Sitzung aufzuheben. [DTT.01_012,01] Auf diese Nachricht
eilte das ganze Kollegium in den Sprechsaal und wurde dort von den Anwesenden
nach der Sitte geziemend begrüßt, etwas, was die Pharisäer gar sehr liebten,
und weshalb sich einige gleich aufhielten, weil der Knabe nichts dergleichen
tat, was nur von fernhin einem Gruße ähnlich sah. [DTT.01_012,02] Es trat darum ein
Alter zu Mir hin und fragte mehr bescheiden, warum Ich als der etwas trotzig
aussehende Knabe niemanden gegrüßt habe. [DTT.01_012,03] Ich aber sagte ihm
kurz: „Das schickt sich wohl von euch und euresgleichen untereinander, aber
was hat damit ein zwölfjähriger Knabe zu tun?! Übrigens hat ja von euch auch
Mich niemand gegrüßt, warum sollte Ich denn nun wieder etwas zurückgeben, das
Ich zuvor von euch noch nie erhalten habe?! [DTT.01_012,04] Und zudem besteht bei
uns in Galiläa diese Sitte nicht, und für Mich schon gar nicht! Denn ihr
lasset euch allezeit über alle Gebühr ehren und grüßen, dieweil euch die Welt
zu Herren gemacht hat. Ich aber bin in Meiner Art auch ein ganz besonderer
Herr, warum habt denn ihr Mich nicht auch zuvorkommend gegrüßt?! [DTT.01_012,05] O glaubet es Mir, Ich
als Knabe weiß sehr genau, wen Ich zu grüßen habe, aber euch bin Ich durchaus
keinen Gruß schuldig! Den näheren Grund kann euch Mein Römer kundgeben, so
ihr ihn durchaus wissen wollet. Es ist aber heute ja ein Nachsabbat, an dem,
so wie am Sabbate selbst, nach eurer Satzung alles Grüßen und Ehren streng
untersagt ist, weil auch dieses den Sabbat entheilige und den Menschen auf
den ganzen Tag verunreinige. Warum verlanget demnach ihr von Mir etwas, was
euren Satzungen zuwiderläuft?“ [DTT.01_012,06] Hier schwiegen die
Templer, sahen einander groß an, und der junge Levite sagte: „Meine hohen
Gebieter, es ist mit diesem sonst allerholdesten Knaben ganz und gar nicht
mehr zum Aushalten! Das schönste bei der Sache ist nur, daß
er um alles weiß und somit auch unwiderruflich recht hat!“ [DTT.01_012,07] Sagte der Oberpriester
zum römischen Kommissarius: „Hoher Richter nach
Recht und Gebühr! Dieser Knabe wies uns an dich wegen noch eines Grundes,
weshalb er uns nicht gegrüßt hat. Möchte es dir genehm sein, uns denselben
kundzutun?!“ [DTT.01_012,08] Sagte der Richter: „O
warum nicht? Recht gerne auch noch obendrauf! Ob es euch aber eben eine
besondere Freude machen wird, das weiß ich kaum.“ [DTT.01_012,09] Sagten alle: „Nur
heraus damit, denn heute sind wir gut gelaunt und vertragen gar manches, was
wir sonst kaum ertragen würden!“ [DTT.01_012,10] Sagte der Richter:
„Also wohl denn, und so höret! Dieser Knabe selbst ist eben jener Wunderknabe
aus Nazareth, den er gestern nur zu vertreten schien! – Wie gefällt euch
diese Geschichte? Wer ihm ein Haar krümmen würde, hätte meinen höchsten Zorn
zu gewärtigen!“ [DTT.01_012,11] Als das Kollegium
solches hörte, fuhr es sehr erschreckt und bebend zusammen! [DTT.01_012,12] Erst nach einer Weile
sagte der Oberpriester: „Warum hast du uns denn das nicht schon gestern
gesagt? Hätten wir das schon gestern gewußt, so hätten
wir sicher ganz anders mit dir geredet und hätten dir auch ganz andere Antworten
gegeben, die dir offenbar besser gefallen hätten als die gestrigen!“ [DTT.01_012,13] Sagte Ich: „Oh, das
weiß Ich recht gut. Aber da es Mir nicht ums Heucheln, sondern um die
Wahrheit zu tun ist, so tat Ich eben also, wie Ich es getan habe! Und wäre
Ich heute noch der, der Ich gestern war, so hätte Ich von euch wieder kein wahres
Wort erfahren, da ihr in der Nacht euch aus Furcht vor dem römischen Richter
gar fein beraten habt, wie ihr Mir wegen des bereits in dieser Welt seienden
Messias gar alles wolltet gelten lassen, um Mich zu besänftigen und durch
Mich etwa auch den Richter wegen des Zacharias Geschichte. [DTT.01_012,14] Da Ich aber nun nicht
der Verteidiger des Wunderknaben, sondern der Wunderknabe selbst bin, so hat
solch plötzliche, unvorhergesehene Wendung der Sache eure Sinne verwirrt und
euern schlechten Plan vereitelt, und ihr steht nun da voll Furcht und Angst,
und wisset nicht aus und nicht ein. – Redet nun, wie euch diese Geschichte
behagt!“ [DTT.01_012,15] Alle stutzten, und der
Oberpriester sagte mit scheinbar freundlicher Miene: „Nun, du lieber
Wunderknabe, da du so schon um alles zu wissen scheinst, da möchte ich von
dir nun auch noch erfahren, wer von uns eigentlich solchen Rat ausgedacht
hat!“ [DTT.01_012,16] Sagte Ich: „Eben
derjenige, dem Ich selbst den Rat also eingeflüstert! Er ist unter euch der
Jüngste und ist auch aus Galiläa geboren: sein Name ist Barnabe!“ [DTT.01_012,17] Diese Antwort war
wieder ein Blitzstrahl unter die Pharisäer, und es fing sie an eine große
Furcht anzuwandeln; denn vieler Gewissen war sehr unrein, und sie fürchteten
manche Entdeckung ihrer geheimen Laster vor den Ohren des strengen Römers. [DTT.01_012,18] Der Oberpriester
raunte einem Pharisäer still ins Ohr: „Geben wir dem Simon das Geld zurück,
und die Konferenz mit dem Jehova-steh-uns-bei-Knaben, der uns noch die
unerträglichsten Verlegenheiten bereiten wird, ist
aus! Oder wir fragen ihn um nichts mehr! So er uns fragt, wollen wir ihm
schon eine Antwort geben, aus der kein Satan klug werden soll! Nein, der Bube
soll uns noch lange nicht über den Kopf gewachsen sein! Schau du einmal diese
saubere Kundschaft an! Gestern war er ein anderer – und heute wieder ein
anderer!“ [DTT.01_012,19] Hier zog ein gar
schlau sein wollender Pharisäer den Oberpriester auf die Seite und sagte:
„Weißt du was?! Dem Wechselbalge von einem Wunderknaben sind wir ja gar keine
Rede und Antwort mehr schuldig! Für den es bezahlt wurde, der ist der heutige
nicht, für den heutigen aber hat niemand bezahlt, und mithin sind wir ihm
auch keine Rede und Antwort mehr schuldig! – Was meinst du?“ [DTT.01_012,20] Sagte der
Oberpriester: „Freund, diesen Gedanken kann dir nur ein Gott eingegeben
haben! Wenn die Not am höchsten, ist die Hilfe von oben am nächsten! Die
Konferenz und Konzession (Erlaubnis zum Reden) werde somit als aufgehoben
erklärt, weil der heutige Knabe ein anderer ist, als der gestrige war, für
den eigentlich gezahlt worden ist!“ [DTT.01_012,21] Mit dem trat schnell
der Tempelherold hervor und sagte mit großem tempelamtlichen Pathos: „In
aller Ermächtigung von seiten der allerhöchsten
Oberpriesterschaft des Tempels Jehovas erkläre ich auf Grund dessen, daß der heutige Knabe nicht mehr der gestrige ist, für
den die große Taxe bezahlt worden ist, die weitere Sitzung als völlig aufgehoben,
und man wird diesem ganz anderen Wunderknaben, für den keine Taxe bezahlt
wurde, und auch niemand anderem Rede stehen!“ [DTT.01_012,22] Hier erhob sich aber
der Richter voll Ernst und sagte: „Die Sitzung bleibt, und ihr werdet reden!
Der heutige Knabe ist ganz derselbe, für den die große Taxe bezahlt wurde,
nur die moralisch-charakteristische Persönlichkeit ist, von euch unvermutet,
eine andere geworden. Nach unseren Gesetzen ändert aber dieser kluge Umstand
nichts an dem Rechte des Knaben, und somit lautet mein stets gültiger
Richterspruch: Die Sitzung dauert heute und morgen unverändert fort, was da
auch immer kommen möge! Fraget oder antwortet, das ist gleich! Dixi!“ 13. Kapitel – Die Fortsetzung der Sitzung. Des Jesusknaben
Frage an die Templer: „Was würdet ihr tun, wenn Ich denn doch der Messias
wäre?“ Jorams, des Talmudisten, vorsichtige Antwort betreffs des Messias. [DTT.01_013,01] Bei dieser energischen
Widersprache des römischen Richters traten alle, sichtbar unwillig, wieder an
ihre Plätze und verhielten sich eine Zeitlang stumm. Da an Mich keine Frage
mehr ergehen wollte, [DTT.01_013,02] so trat Ich unter sie
und sagte: „Höret, da ihr Mich keiner Frage mehr würdigen wollt, so werde Ich
so frei sein, euch eine kleine Frage zu stellen: Saget Mir – aber ganz offen
–, was ihr dann tun würdet, so Ich denn doch im Ernste der verheißene Messias
wäre, um den sich gestern das Hauptgespräch gedreht hat!“ [DTT.01_013,03] Sagte ein
griesgrämiger, alter Haupttempelzelot: „Knabe, Knabe, nimm dich vor Jehovas
Tempel wohl in acht, was du rechtest und redest allhier
an heiliger Stätte! Hüte dich vor zu großem Frevel!“ [DTT.01_013,04] Ich aber sagte ihm
darauf: „Hüte lieber du dich davor und ihr alle, daß
das Haus des Herrn von euch nicht gänzlich zu einer Mördergrube wird! Dadurch
aber, so Ich frage, was ihr tun würdet, wenn Ich am Ende dennoch der
verheißene Messias wäre, entheilige Ich den Tempel durchaus nicht, indem eine
solche Frage ohne alle Sünde und Scheu ein jeder Mensch an euch stellen kann!
– Und ihr könnt Mir ja ebenso eine bedingungsweise Antwort geben, als Ich
euch nur eine bedingungsweise Frage gestellt habe!“ [DTT.01_013,05] Hier erhob sich der
alte weise Talmudist und Großkabbalist namens Joram und sagte: „Bei Gott sind
alle Dinge möglich; doch wir Menschen müssen sehr auf unserer Hut sein und
eine solche über alles hochwichtige Verheißung erst dann als wahr annehmen,
so alle Umstände, von denen die Erfüllung der Verheißung in der beschriebenen
Art begleitet sein muß, mit Händen zu greifen klar
dastehen vor jedermanns staunendem Auge. [DTT.01_013,06] Nun, du mein
Holdjunge, hast wohl halbwegs in bezug auf deine
Geburt im Propheten Jesaias ein paar Verse für
dich; aber wieviel hat dieser Prophet von dem
verheißenen und kommen sollenden Messias noch alles geweissagt, was auf dich ebensowenig paßt wie auf mich,
obschon auch ich ein Abkomme Davids und auch mit deinem Vater Joseph
weitschichtig verwandt bin, wie ich auch am meisten dazu beigetragen habe, daß die Tempelzöglingin Maria
sein Weib wurde. [DTT.01_013,07] Ich habe dieses mir
sonst sehr werte Ehepaar schon über elf Jahre lang nicht gesehen und dich als
offenbar den Erstling Josephs aus der zweiten Ehe noch gar nie. Ich weiß von
dir also nachgerade nur soviel, als ich gestern aus
deinem Munde und von unserm Leviten Barnabe, der
auch ein Nazaräer ist, vernommen habe. [DTT.01_013,08] Nun, deine besonderen
Fähigkeiten, die nach verläßlichen Berichten alles,
was je irgendeine noch so vollendete Willens- und Glaubensmacht als ein
offenes Wunder leistete, himmelweit übertreffen sollen, wären freilich von
der Art, daß man von ihnen aus auch auf den
Besitzer derselben ein ganz besonderes Augenmerk zu richten hätte; aber von
irgendeiner abgemachten Bestimmtheit dessen, was sie beurkunden sollen, kann
da begreiflicherweise noch lange keine Rede sein, obwohl man – wie gesagt –
sie als ein hell denkender Mensch und Priester nicht unberücksichtigt lassen
kann. [DTT.01_013,09] Auf jeden Fall wird
auch der Messias gleich uns ein Mensch sein, nur seine Eigenschaften und
Fähigkeiten werden göttlicher Art sein. Nun, was deine Eigenschaften schon
jetzt in deinen Kindesjahren betrifft, so wären diese schon von der Art, die
für dein späteres Mannesalter etwas Ungeheures erwarten ließen. Aber siehe,
ich bin schon ein sehr alter Mann und habe viele Erfahrungen gemacht, und ich
habe auch schon zu öfteren Malen bei Kindern in der
oft zartesten Jugend nicht selten Fähigkeiten und Eigenschaften entdeckt, die
mir da sagten: aus diesem und jenem Kinde hat uns Jehova offenbar wieder einen
großen Propheten erweckt! – Allein, als solche Kinder dann älter und älter
geworden sind, haben alle die glänzenden Eigenschaften rein, als wären sie
nie dagewesen, sich verloren, und der Mensch war so ein ganz gewöhnlicher wie
unsereiner, der ich nur das weiß, was ich bei allem Fleiße in vielen Jahren
recht mühsam erlernt und erfahren habe! [DTT.01_013,10] Es hat sonach an mir
wie an unzählig vielen anderen Menschen sich der Schriftspruch bewahrheitet:
,Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen!‘ Und es wird dir,
mein holdester Vetter, vielleicht auch noch einmal also ergehen – vielleicht
auch nicht, was wir Menschen nicht und nie als ausgemacht zum
voraus bestimmen können. Der Mensch denkt wohl so manches, Gott aber
lenkt es! – Nun, mein lieber, holdester junger Vetter, kannst du wieder deine
Bemerkungen machen, und ich werde dir recht gerne Rede stehen!“ [DTT.01_013,11] Sagte Ich: „Du bist
Mir auch aus euerm ganzen Kollegium der Liebste und hast für Mich schon in
dieser Nacht dem Hohenpriester ein gutes und reines
Wort geredet, wodurch dem Hohenpriester ein wenig
die Augen bezüglich der Persönlichkeit des Satans geöffnet wurden, daß er zum wenigsten – und zwar zum ersten Male in seinem
ganzen Leben – einen Dunst von der allwichtigsten Entsprechungslehre bekommen
hat und dadurch einzusehen begann, daß Taten wie die
Meinigen unmöglich mit Hilfe einer bösen Macht und Kraft zustandegebracht
werden können! [DTT.01_013,12] Du siehst aus dem, daß Mir auch das nicht verborgen ist, was du noch so
still und geheim mit dem Oberpriester verhandelt hast, und so kannst du dir
es auch denken, daß Ich nun ganz genau weiß, was
sich nun der sehr verlegene Oberpriester denkt, der darum eine große Furcht
hat, durch Mich in irgend etwas für ihn
Unangenehmem verraten zu werden. Allein, diese Furcht ist bei ihm eine eitle. [DTT.01_013,13] Ja, würde Ich mit des Beelzebubs Hilfe Meine Taten verrichten, da wäre er schon
lange verraten und auch schon gerichtet, aber da Ich alle Meine Werke nur mit
der Kraft und Macht Gottes in Mir verrichte, die ewig nur Gutes und nimmer
etwas Böses will, so hat der Oberpriester sich vor Mir auch nicht zu
ängstigen – denn von Mir ausgehend soll ihm kein Haar gekrümmt werden! [DTT.01_013,14] Wir aber haben nun die
Zeit mit recht vielen unnützen Dingen verplaudert und die eigentliche
Hauptsache in ihrem weiteren Verfolge ganz beiseite
gelassen!“ [DTT.01_013,15] Hier fragte Joram:
„Worin soll eigentlich diese bestehen? Rede du nun ganz von der Leber weg,
und wir werden in unserer Beurteilung billig sein, da wir auch in dir recht
viel Billigkeit entdeckt haben!“ 14. Kapitel – Des Jesusknaben Zeugnis über sich als dem
rechten ,Raubebald, Eilebeute‘. Jorams
Ansicht: Abwarten und die Zeit entscheiden lassen! Jesu Hinweis auf die
Allmacht Gottes in sich. Jorams ablehnende Antwort. [DTT.01_014,01] Sagte Ich: „Hier vor
euch steht in Mir der rechte ,Raubebald, Eilebeute‘, ein Name des Sohnes einer Prophetin im Jesaias. Wir haben gestern von dem kommenden Messias
gesprochen. Ich selbst ward euch als solcher dargestellt, und zwar laut den genauest auf Mich passenden Texten aus dem Propheten Jesaias. Die Sache aber wurde von euch negiert. [DTT.01_014,02] Gestern redete Ich nur
wie ein zweiter von Mir, heute aber stehe Ich selbst vor euch ohne die
allergeringste Furcht, weder vor euch noch vor jemand anderm
in der ganzen Welt, da Ich Mir der ewig nie besiegbaren Kraft und Macht in
Mir selbst bewußt bin, die wahrlich keine fremde,
sondern Meine höchsteigene ist, und greife dasselbe Thema wieder auf und
frage nun besonders dich, Joram, was du davon hältst! Rede aber nun auch du ohne
Scheu und Furcht, so ganz von der Leber weg! Wahrlich, auch dir soll darum
kein Haar gekrümmt werden!“ [DTT.01_014,03] Sagte Joram: „Ja, du
mein sonst allerliebster und holdester Vetter (wirst mirs
nicht übel nehmen, daß ich dich nun also nenne,
denn ich bin ja mit deinem Vater wahrlich sehr nahe verwandt), das ist und
bleibt immerhin eine sehr kitzlige Sache, zu sagen: ,Du bist es, der da
verheißen ist!‘ Und es wäre so etwas unter gewissen Umständen nun auch noch
sehr gewagt, da man doch schon so manche Beispiele von Kindern hat, die auch
in ihrer zarten Jugend manche außerordentliche Talente und Fähigkeiten an den
Tag gelegt haben, daß darob
oft eine große Menschenmenge ins größte Staunen versetzt ward; aber in den
späteren Jahren wurden ganz gewöhnliche Menschen daraus, daß
von ihren Jugendtalenten und -fähigkeiten keine Spur mehr an ihnen zu
entdecken war! [DTT.01_014,04] Nun, ein solcher Fall,
wenn auch nicht wahrscheinlich, muß von uns
Menschen doch auch bei dir als möglich angenommen werden, und es wäre daher
eine volle Annahme dessen, als stecke in dir verborgen der verheißene
Messias, ein wenig verfrüht, was du mir als ein wahrhaft für deine Jugend
überraschend weiser Knabe nicht in Abrede stellen wirst! Aber dir in
Anbetracht deiner Geburt, deiner Abstammung und deiner noch nie dagewesenen Fähigkeiten
apodiktisch in Abrede stellen, daß du der
Verheißene seiest, wäre meiner Ansicht nach ebenso unsinnig, denn du kannst
ja das ebensogut sein wie nicht sein! Daher heißt
es nach meiner Ansicht sowohl für dich als für uns, abwarten und sehen, was
uns die Zeit bringen wird! – Sage mir du nun, ob ich recht habe oder nicht!“ [DTT.01_014,05] Sagte Ich: „Weltlich,
nach der irdischen Vernunft hast du offenbar recht! Aber es liegt im
Menschenherzen ja noch ein tieferes und leuchtenderes
Kriterium; dieses könnte es dir schon sagen, ob Ich ein Knabe jener Art bin,
der in späteren Jahren seiner Fähigkeiten bar werden kann. So Ich die Macht
habe, zu schaffen und zu zerstören nach Meiner höchsteigenen Willkür, wie werde
Ich Mich da selbst zerstören wollen?! [DTT.01_014,06] Ich sage dir: Von
Meinem inneren Geiste hängt das Dasein aller Dinge allein ab. Daher kann ich
denn auch wollen, was Ich will, und es muß geschehen,
was Ich will, wie dir solches auch von Mir ausgesagt ward durch anderer
Zeugen Mund, nicht allein durch den Meinigen. Wenn aber also, wie läßt sich da dann wohl denken, daß
Ich je Meiner dir bekanntgegebenen Eigenschaften und Fähigkeiten bar werden
könnte?! Kann Ich aber das nicht, was bin Ich dann?“ [DTT.01_014,07] Sagte Joram: „Ja –
jetzt – das ist noch immer nur eine Annahme, aber noch lange kein Beweis!
Dasselbe, was du von dir sagst, könnte ebensogut
auch ich von mir sagen; aber da so etwas denn ein wenig zu kühn wäre und
etwas, was mir ewig nicht gleichsehen könnte, so würde man mich entweder weidlichst auslachen oder als einen Narren in Gewahrsam
bringen! Nun, du bist ein geweckter Knabe in einem unzurechnungsfähigen Alter
und scheinst eine große dichterische Begabung zu besitzen, schon von Mutterleibe
an, und man lächelt daher nur zu deinen mutterwitzigen Ausbrüchen! [DTT.01_014,08] Schau, schau, du sonst
allerliebster Knabe! Wo kann denn ein Mensch je von sich sagen: ,Durch meinen
innern Geist ist alles, was da ist, erschaffen!‘?!
Das kann nur der ewige und unendliche Geist Gottes, der in seinem Wesen
allenthalben gegenwärtig ist! Da hast du dich in deiner Messiasidee
ein wenig zu hoch verstiegen! Bleiben wir nur immer schön auf dem Boden
dieser Erde und bearbeiten denselben mit dem rechten Fleiße, damit er uns
eine hinreichende Nahrung bringe, dann werden wir sicher besser daran sein,
als wenn wir uns zu etwas machen wollen, was unmöglich ist und nie werden
kann! [DTT.01_014,09] So etwa einst der
Messias kommen wird, da wird Er nur als ein vollkommener Mensch, nie aber als
ein Gott zu uns kommen! Aber es ist bei euch halbgriechischen Juden und somit
auch Halbheiden also die Sitte, daß
ihr Menschen von besonderen Begabungen gleich unter die Götter steckt oder
euch selbst als solche anseht und betrachtet. Das sollte aber nicht sein und
ist hoch gefehlt gegen das Gebot Gottes, wo es heißt: ,Ich allein bin euer
Gott und euer Herr, ihr sollet keine fremden Götter neben mir haben!‘ Aber in
Gliläa scheint man es mit diesem Gebote eben nicht
gar zu genau zu nehmen, ansonst es dir nie
einfallen könnte, dich als einen Gott zu dünken! [DTT.01_014,10] Siehe, solches unterlaß du in der Folge, und bleibe bei allen deinen
außerordentlichen Talenten und Fähigkeiten dem alten und einzigen Gotte treu,
und laß die Heiden Heiden
sein, so wird es dir wohlergehen auf Erden! Was ist denn selbst die größte
Stärke eines Riesenmenschen gegen die vereinte Kraft von vielen tausend
Menschen, und was dann erst die Stärke eines Knaben?! So aber David sagt:
,Oh, wie gar nichts sind alle Menschen gegen Dich, o Herr!‘ – wie kann es
einem Knaben einfallen, zu sagen, er sei ein Gott in seinem Geiste, durch den
alle Dinge erschaffen seien?! – Siehst du wohl ein, daß
du da ungeheuer über die Schnur gehauen hast?!“ [DTT.01_014,11] Sagte hier der
Oberpriester: „Na, das war einmal wieder eine gesunde Belehrung, gepaart mit
ungewöhnlich vieler Mäßigung! – Das ist aber richtig und wahr: weil es von
den Galiläern geschrieben steht, daß in ihrem Lande
kein Prophet aufstehen kann, so machen sie sich lieber gleich selbst zu
Göttern, diese Halbheiden! Und dieser Knabe scheint
die besten Anlagen dazu zu besitzen! Ja, du mein lieber Messiasknabe,
uns macht man nicht gar so leicht ein Alpha für ein Omega! So etwas kann wohl
in Nazareth gehen, aber bei uns in Jerusalem geht das nicht!“ 15. Kapitel – Allerlei Einwände Jorams und des Oberpriesters gegen die Messianität
des Jesusknaben und ihre Widerlegung. [DTT.01_015,01] Sagte Ich: „Ihr habt
in eurer Art und Erkenntnis ganz wohl geredet, da eure Gedanken und Begriffe
nicht weiter hinreichen, als wie weit da reicht euer Odem. Würdet ihr aber
weiter und höher zu denken imstande sein, so würdet ihr Mich auch mit ganz
anderen Augen ansehen und über Mich auch ganz anders urteilen. Da ihr aber
das schon anstößig findet, was Ich euch über Meinen innern
Geist gesagt habe, so erkläret es Mir, was hernach das für ein Geist war, der
aus den Propheten redete!“ [DTT.01_015,02] Sagte Joram: „Das war
Gottes Geist, und zwar derselbe, durch den alle Dinge gemacht worden sind!“ [DTT.01_015,03] „Gut“, sagte Ich, „so
jener Geist, der aus den Propheten redete, Gottes Geist war, warum sollte
dann Mein innerer Geist kein Gottesgeist sein, da Ich aus demselben bei
weitem Größeres zu wirken imstande bin, als alle die Propheten von Henoch an je gewirkt haben?! Denn sie waren beschränkt,
nur in einer gewissen Sphäre zu wirken, Ich aber bin unbeschränkt und tue,
was Ich will, und es muß geschehen, was Ich will!
Wenn aber also, wie ist dann Mein innerer Geist ein anderer denn jener, der
aus den Propheten redete?!“ [DTT.01_015,04] Sagte Joram: „Ja wohl,
ja wohl und ganz gut, es könnte das schon also sein, wenn du nur kein
Galiläer wärest! Aber es steht denn einmal im Buche geschrieben, daß aus Galiläa kein Prophet kommt – und so mußt du es dir schon gefallen lassen, daß
wir deinen innern Geist jenem der Propheten nicht
gleichstellen können und dürfen!“ [DTT.01_015,05] Sagte Ich: „Bin Ich
denn auch in Galiläa geboren?! Ist nicht Bethlehem, die alte Stadt Davids,
Meine Geburtsstätte?! Schlaget nach in euern Registern, ob es nicht also ist!
Oder war Jesaias darum etwa kein rechter Prophet,
weil er auch nach Galiläa kam und dort Weissagungen machte in der Nähe der
alten Stadt Cäsarea Philippi?! – Sehet, wie blind
ihr doch seid und wie unstichhaltig euer Urteil! [DTT.01_015,06] Es ist in der Schrift
wohl gesagt, daß niemand, der in Galiläa geboren,
zu einem Propheten erweckt werden kann. Da aber weder mein Nährvater Joseph
noch Meine Leibesmutter Maria und ebensowenig auch
Ich von Geburt Galiläer sind, sondern nur als fremde Einwanderer erst neun
Jahre lang in Nazareth leben, wie soll dann Ich nicht auch den wahren,
göttlichen Geist in Mir besitzen können gleich jedem andern Propheten?!“ [DTT.01_015,07] Sagte der
Oberpriester: „Steht es aber nicht auch geschrieben: ,Siehe, Ich sende Meinen
Engel vor Dir her, damit er bereite die Wege dem Herrn und ebne seine
Fußstapfen!‘, und es werde zuvor Elias kommen und die Menschen wohl
vorbereiten auf die große Ankunft des Messias?! Ist das bei dir nun der Fall?
Wo ist der Engel des Herrn und wo Elias?“ [DTT.01_015,08] Sagte Ich: „Für
Menschen eures Schlages, die vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen, ist
freilich weder der Engel des Herrn noch sein Prophet Elias dagewesen; doch
für die Sehenden ist das alles schon vor zwölf Jahren geschehen! Ihr aber
habt weder den Engel, der mit Zacharias redete, noch dessen wunderbar
gezeugten Sohn gesehen und erkannt, denn was bei euch nicht mit Feuer, Blitz
und Donnergekrache geschieht, das merket ihr nicht! [DTT.01_015,09] Als Elias in seiner
Felsenhöhle die Aufforderung erhielt, darauf zu achten, wie Jehova vor seiner
Höhle vorüberziehen werde, da zog zuerst ein Feuer vor seiner offenen Höhle
vorüber, aber darin war Jehova nicht. Dann zog ein mächtiger Sturm vorüber,
aber auch darin war Jehova nicht. Am Ende zog ein kaum merkbares Säuseln vor
der Höhle vorüber – und siehe, darin war Jehova! [DTT.01_015,10] Und seht, eben damit
zeigt der große Prophet die gegenwärtige Ankunft des Messias an! [DTT.01_015,11] Ihr erwartet wohl Feuer
und Sturm, was vor euch schon oftmals vorüberzog, aber da war Jehova nicht
darin. Nun zieht das sanfte Säuseln vor euch vorüber, darin wahrlich Jehova
ist, aber das merken eure tauben Ohren und blinden Augen nicht und werden es
auch nicht merken – außer am Rande eures Lebens, allwann
euch aber solch spätes Merken nicht mehr viel nützen wird! [DTT.01_015,12] Gebt Mir darauf eine
Antwort nach eurer Tempelweisheit!“ 16. Kapitel – Die Frage des spottenden Barnabe. Des Herrn rügende Antwort und Gegenfrage. Barnabes
Verlegenheit und Abbitte. Das Wunder mit den Eselsohren und dem lebendigen
Esel. [DTT.01_016,01] Barnabe
fragte die hohen Pharisäer um die Erlaubnis, mit Mir zu reden, da er auf
einen guten Einfall gekommen sei. Man gestattete ihm das, und er begann also
wie folgt zu reden: [DTT.01_016,02] „Höre, du mein lieber,
kleiner herrgottlicher Messias aus Nazareth in
Galiläa, was freilich nicht viel sagen will! Du hast uns nun so einige
Beweislein geliefert, aus denen wir sogar mit unsern verstopften Ohren zu
hören und mit verbundenen Augen zu sehen anfangen, daß
du am Ende dennoch der verheißene Messias bist, aber eben mit dieser Einsicht
stehen wir nun ganz als eingespannte Ochsen am Berge! Was werden wir nun tun?
Oder was sollen wir nun tun? [DTT.01_016,03] Dieser Tag geht schon
seinem Ende entgegen, und du hast nur noch morgen das erkaufte Recht, zu
reden, obgleich du der Messias bist! Daher meine ich, daß
es für dich nun an der Zeit wäre, deine Anordnungen zu machen, was von nun
an, da wir dich erkannt haben, mit uns und mit dem Tempel zu geschehen hat!
Bleibt alles, wie es ist, oder wird alles neugestaltet? Du bist nun einmal
der verheißene und zu uns hereingesäuselte Messias,
was wir dir nicht mehr abstreiten können: aber was nun? – Rede, und handle nun,
du junger gottmenschlicher Messias – natürlich von oben her!“ [DTT.01_016,04] Sagte Ich: „Wegen
dieses deines gar schlechten Witzes hättest du wahrlich nicht nötig gehabt,
dein Maul gar so weit aufzureißen und zu zeigen, daß
du wohl sehr gerne etwas möchtest, aber es fehlen dir die materiellen und
geistigen Mittel dazu! Verstanden, du Träger Bileams?!
– Aber da du an Mich nun einmal die Frage gestellt hast, was von nun an mit
euch und mit dem Tempel zu geschehen hat, so muß
Ich dir schon auch eine rechte Antwort darauf geben! [DTT.01_016,05] Siehe, also steht es
geschrieben: ,So aber der Messias kommen wird, da wird Er das Gesetz nicht
aufheben – auch nicht ein Häkchen desselben –, sondern es selbst auf das
genaueste erfüllen!‘ Er wird nicht aufheben den Tempel und dessen Diener,
wohl aber züchtigen dessen gesetzwidrige Verkehrtheit, und weise sich
dünkende Protzer von Leviten wird Er kennzeichnen
zur dankbaren Anerkennung ihrer schlecht angebrachten Witzereißerei! [DTT.01_016,06] Ist denn für dich Meine
auf Mich bezug habende Besprechung der eben auch
unwiderlegbar auf Mich bezug habenden Schrifttexte
eine Narrheit?! Oder beweise du es Mir, daß Ich
nicht gerade auf ein Haar derselbe bin, von dem alle Propheten geweissagt
haben! So du aber dessen ernstlich nicht imstande bist, wozu unterfängst du
dich dann, Mich zu verspotten?! – Na warte – Ich werde dir nun auch eine
Frage geben, die du Mir beantworten wirst! Beantwortest du Mir die Frage
nicht zu Meiner Zufriedenheit, so sollst du Mir zu einem wahren Midas der
Heiden werden! [DTT.01_016,07] Sage Mir, du
seichtester Witzbold, was der Name ,Jerusalem‘ besagt?! Was steckt darinnen? Als Levite und angehender Varisar
(Pharisäer) mußt du das aus den Büchern Mosis und auch aus dem Buche Henoch,
das Noah über die Sündflut herübergebracht hat unter dem Titel ,Kriege
Jehovas‘ wissen, und Ich habe nun das volle Recht, von dir die Erklärung zu
verlangen, denn es liegt gar viel an dem richtigen Verständnisse dieses
Namens! Rede nun!“ [DTT.01_016,08] Der junge Levite hatte
von der urhebräischen Zunge keinen Dunst. Er bat Mich deshalb um etwas Zeit
und Geduld, und Ich gewährte ihm das. Nun schlich er sich zu einem alten
Schriftgelehrten, ob dieser ihm das nicht zu sagen wüßte.
Allein der wußte es auch nicht und beschied ihn zum
Kabbalisten Joram. Dieser zuckte auch bedenklich mit den Achseln und sagte
nach einer Weile leise zu ihm: [DTT.01_016,09] (Joram:) „Ja, es gibt
in den gar alten Büchern wohl eine Art etymologischer Erklärung hierüber, und
in der Kabbala geschieht auch eine Art erläuternde Erwähnung, aber in so
mystischen Thesen, daß dagegen das Hohe Lied Salomons
ein wahres Kinderspiel ist! Ich selbst habe weder das eine noch das andere
verstanden und kann dir daher nun unmöglich aus deiner Verlegenheit helfen! [DTT.01_016,10] Übrigens muß ich dir die Bemerkung machen, daß
du mit dem Knaben einmal wegen seiner eminenten Geistesschärfe und dann wegen
des Ansehens seines hohen römischen Protektors viel glimpflicher hättest
reden sollen, zumal du eben derjenige bist, der uns eine mehr haltbare
Auskunft über sein wundersames Wesen gegeben hat! [DTT.01_016,11] Merktest du denn zuvor
nicht, wie er von Wort zu Wort um alles wußte, was
wir in der Nacht in aller Geheimheit über ihn
beraten und gesprochen haben?! Ich sagte dazu nichts, habe aber für mich
darin ein gewaltiges Zeichen gefunden von der Anwesenheit eines Geistes in
diesem Knaben, dem es eben kein Schweres zu sein scheint, Herzen und Nieren
der Menschen zu prüfen. [DTT.01_016,12] Ich gebe dir darum den
Rat, den außerordentlichen Knaben wegen der angetanen offenbaren Beleidigung
um Vergebung zu bitten, sonst stehe ich wahrlich nicht gut, ob er dir nicht
einen lästigen Schabernack spielt! Gehe hin, und folge meinem Rate!“ [DTT.01_016,13] Sagte Barnabe: „Na, das Recht zu reden hat er allerdings, und
Scherz versteht er auch keinen – so muß man ihn
denn doch um Vergebung bitten! Daß aber niemand den
Namen der Stadt zergliedern kann, das ist wahrlich bei uns Templern doch auch
etwas Sonderbares!“ [DTT.01_016,14] Hierauf begab sich Barnabe wieder zu Mir und sagte freundlichen Angesichtes:
„Lieber, holdester Junge! Ich habe meinen groben Fehler, den ich an dir durch
meinen wahrlich schlechten und sehr unzeitigen Witz begangen habe, eingesehen
und bitte dich wahrhaft von ganzem Herzen um Vergebung und füge sogleich inständigst die Bitte hinzu, daß
du uns gefälligst den Namen ,Jerusalem‘ erläutern möchtest, denn wir alle
wissen nichts aus ihm zu machen! Man übersetzt ihn wohl mit dem Ausdrucke
,Heilige Stadt‘ oder ,Stadt Gottes‘ – allein, wie das im Worte ,Jerusalem‘
vorhanden sei, das weiß wohl kaum jemand von uns! [DTT.01_016,15] Man erzählt sich wohl,
daß ein Ort hier unter dem Namen ,Salem‘ bestanden
hatte, wo der große und mächtige König wohnte, dem alle damaligen Fürsten der
Erde den Zehent geben mußten – denn der König Melchisedek war für alle Menschen auf der Erde zugleich
der einzige und wahrhaftigste Hohepriester Jehovas –, aber man weiß sonst von
diesem Hohenpriester, von seinen Lehren und Taten,
wie auch von seiner Persönlichkeit wenig oder auch nichts! Wenn du ohne
Zweifel davon mehr weißt denn wir alle, so setze uns gefälligst davon in
Kenntnis!“ [DTT.01_016,16] Sagte Ich: „Dein
Glück, daß du Mir so gekommen bist – sonst wärest
du auf eine Art gezeichnet worden, die dir wahrlich nicht angenehm gewesen
wäre! Die Zeichen aber, mit denen dein Haupt geziert worden wäre, liegen nun
zu deinen Füßen. Hebe sie auf und lerne daraus, daß
Ich die mutwillige Spottsucht bei jedem Menschen züchtige, und daß man an der Stätte, wo es sich um den größten
Lebensernst aller Menschen der Erde für ewig handelt, sich nicht eines
elenden und nichtigsten Scherzes bedienen soll! – Besieh nun zuvor den
Scherz, den Ich für deinen schlechten Witz mit dir gemacht hätte, dann erst
werde Ich dir auch die zweite Bitte gewähren!“ [DTT.01_016,17] Hier bog sich Barnabe zu Boden und hob zwei zu seinen Füßen liegende,
vollkommen ausgebildete, ganz natürliche Eselsohren auf und entsetzte sich
darum um so mehr, weil ihnen jede Spur mangelte, als wären sie zu dem Behufe
einem wirklichen Esel abgeschnitten worden. [DTT.01_016,18] Einige der Anwesenden
– besonders unser Simon und der römische Richter – gerieten dadurch in ein
helles Lachen, aber allen Templern wurde es ganz sonderbar zumute, und sie
fingen an, sich untereinander zu fragen, wie solches auf eine natürliche
Weise möglich wäre. Und sie rieten hin und her, konnten aber zu keinem nur
von fernhin haltbaren Resultate gelangen. [DTT.01_016,19] Da sagte Barnabe: „Was nützt all unser Hin- und Herraten, die Sache ist ein reines Wunder und weiter
nichts! Denn hätte sich der Knabe damit zuvor schon vorgesehen, so müßte er auch schon zuvor gewußt
haben, daß ich gegen ihn einen schlechten Witz
machen werde! Und das wäre doch etwa ein noch größeres Wunder! [DTT.01_016,20] Der Knabe aber hat uns
von solcher seiner Eigenschaft schon dadurch eine sehr denkwürdige Probe
abgelegt, als er unsere geheimen nächtlichen Besprechungen mir von Wort zu
Wort vortrug und dem Hohenpriester seine geheimsten
Gedanken offen und laut aussprechen wollte! Wer das eine kann, dem dürfte
etwas anderes auch auf eine gleiche, uns freilich unbegreifliche Weise
möglich sein! [DTT.01_016,21] Hinter diesem Knaben
steckt unfehlbar etwas Außerordentliches! Ich wäre für mich schon der
Meinung, daß sich mit der Zeit aus ihm ein ganz vollkommener
Messias herausbilden dürfte!“ [DTT.01_016,22] Sagte der
Oberpriester: „Du redest geradeso wie ein Blinder von der Pracht der Farben!
Wie oft haben persische Zauberer uns mit Zauberstücken überrascht, und
Gedanken erraten, ist bei uns auch nichts Neues mehr! Wer kennt die griechischen
Orakel nicht?! Diese haben das Gedankenerraten so geläufig gehabt, daß sich am Ende nahezu niemand mehr in ihre Nähe zu
kommen getraute! [DTT.01_016,23] Ja, mein Lieber, bei
einer so hochwichtigen Sache muß man mit ganz
anderen Augen schauen und die Erscheinungen einer viel tieferen Beurteilung
unterziehen! Erst wenn man alles genauest
durchgeprüft hat, kann man – aber immer nur sehr behutsam – dabei eine etwas
bessere Meinung anzunehmen anfangen! Von einem Vollglauben aber darf so lange
keine Rede sein, als bis alle Umstände und Zeichen derart konstatiert sind, daß sie nichts mehr zu wünschen übriglassen. [DTT.01_016,24] Das, mein lieber Barnabe, zu deiner Belehrung, denn es ist das noch immer
ein alter Fehler von dir, daß du bei deinen sonst
sehr schätzbaren Kenntnissen sehr leichtgläubig bist!“ [DTT.01_016,25] Sagte Barnabe: „Nein, das war ich nie! Denn wäre ich ein Leichtgläubiger,
so wäre ich niemals zu den mannigfachen gründlichen Kenntnissen gekommen, die
man sich durch Leichtgläubigkeit niemals erwerben kann. Ich verstehe eine
Sache und eine Erscheinung zu prüfen und unterscheide ganz sicher das Alpha
vom Omega, aber hier ist mein ganzer Verstand mir zu kurz geworden, und alle
meine vielen und mannigfachen Erfahrungen sind in den Jordan gefallen! [DTT.01_016,26] Die Zauberkünste der
Perser kenne ich und noch eine Menge anderer, aber da gibt es keine darunter,
durch die man imstande wäre, ein Paar ganz unversehrter Eselsohren aus der
puren Luft ins Dasein zu rufen. Und die klug berechneten Orakelsprüche und Gedankenerratungen sowohl des ältesten Orakels zu Dodona wie jenes zu Delphi sind mir wohlbekannt. Aber
darunter habe ich nie dem Ähnliches gefunden, wie dieser Knabe mir, wie auch
dem Joram, von Wort zu Wort vorhielt, was wir ganz geheim unter uns
besprochen haben! [DTT.01_016,27] Ich bleibe daher bei
meiner ausgesprochenen Meinung und sage noch einmal ganz unverhohlen: Hinter
diesem Knaben steckt mehr, als was wir alle je zu begreifen imstande sein
werden! Ich will gerade nicht behaupten, daß er
wegen seiner außerordentlichen Eigenschaften schon unfehlbar der anzuhoffende Messias sei; aber eher kann es offenbar er
sein denn irgend jemand von uns allen, wie wir da
versammelt sind! [DTT.01_016,28] Aber nun, mein lieber,
holder junger Landsmann, möchte ich wohl, bevor es Abend wird, noch das
,Jerusalem‘ und den ,Melchisedek‘ von dir versprochenermaßen
erklärt haben!“ [DTT.01_016,29] Sagte Ich: „Das soll
dir, weil du so gut für Mich geredet hast, auch werden. Nimm aber zuvor die
beiden Eselsleser (Eselsohren) an den äußersten Spitzen in deine Hände und
halte sie zwischen den Fingern etwas in die Höhe, und wir werden sehen, ob
das auch die persischen Zauberer vermögen!“ [DTT.01_016,30] Barnabe
tat das, und Ich sprach: „Es werde zu diesen Lesern auch ein lebendiger und
völlig gesunder Eselsleib!“ [DTT.01_016,31] Im Augenblick stand
ein gutgestalteter Esel mitten unter der Gesellschaft! [DTT.01_016,32] Da entsetzten sich
alle wegen Meiner Wundertatskraft und machten
Miene, die Flucht zu ergreifen. [DTT.01_016,33] Aber der römische
Richter und Simon ließen das nicht zu und sagten: „Die Zeit muß eingehalten werden, und der Wunderknabe wird noch die
zwei Worte erklären!“ [DTT.01_016,34] Da setzten sich die
Templer wieder und staunten den neugeschaffenen Esel verblüfft an, und keiner
vermochte auch nur eine Silbe über seine Lippen zu bringen oder zu urteilen,
wie etwa solches zu bewirken möglich wäre. [DTT.01_017,01] Ich aber sagte: „Um
euch zu zeigen, welche Macht Mir zu eigen ist, und um euch die Furcht vor
diesem unnatürlichen Tiere zu nehmen, so gebiete Ich, daß
es wieder also vergehen soll, wie es entstanden ist!“ [DTT.01_017,02] Im selben Moment war
das Tier völlig zunichte, so daß auch nicht ein
kleinstes Härchen von ihm übrigblieb. Darüber erstaunten alle noch mehr und wußten nicht, was sie darüber sagen sollten. [DTT.01_017,03] Nur der sehr beherzte
römische Richter sagte: „Nein, höre du, mein liebster Knabe, in dir muß entweder Zeus oder irgendeine andere Hauptgottheit
wohnen! Wenn du wolltest, da könntest du wohl auch ein natürliches Tier oder
auch eines Menschen Dasein zunichte machen?“ [DTT.01_017,04] Sagte Ich: „O ja,
nicht nur das, sondern auch die ganze Erde! Aber Mein Sinn, den noch nie
jemand erkannt hat, ist: alles zu erhalten und nichts zu vernichten. Aber
damit du selbst ersehen magst, daß Ich kein eitler
Prahler bin und das, was Ich aussage, auch zu
leisten imstande bin, so bringet Mir einen Stein, so groß und schwer, wie ihr
wollt, hierher, und leget ihn auf den Tisch!“ [DTT.01_017,05] Alsbald wurde ein über
100 Pfund schwerer und sehr harter Stein herbeigeschafft und mit Mühe auf den
Tisch gelegt. Als der Stein dalag, [DTT.01_017,06] sagte Ich über ihn:
„Löse dich, und werde zu Äther als deinem ursprünglichen Elemente!“ [DTT.01_017,07] Und der Stein war
hinweg, daß von ihm auch nicht ein Sonnenstäubchen
groß übrigblieb. [DTT.01_017,08] Da sagte der Römer:
„Das, meine achtbaren Freunde, kann nur einem Gott, nie aber einem Menschen
von noch so großen Talenten möglich sein! Ich habe davon nun die Überzeugung
bekommen, daß es um sehr vieles besser ist, mit
dir, holdester Knabe, in der besten Freundschaft denn in Feindschaft zu
stehen. [DTT.01_017,09] Was würden uns Römern
all unsere vielen Legionen der tapfersten Krieger gegen dich nützen?! Denn du
darfst nur wollen, und sie erleiden das Schicksal dieses Steines und sind im
Moment deines Wollens nicht mehr hier, sondern aufgelöst in Luft und Äther!
Und somit erkläre ich, daß du unfehlbar ein rechter
Messias deines Volkes bist und keine Macht je mit dir sich in einen gänzlich
fruchtlosen Kampf einlassen wird!“ [DTT.01_017,10] Sagte Ich: „Darum laß du als Römer dir ja nie ein graues Haar wachsen! Denn
Ich bin nicht gekommen in diese Welt, um Mich zu einem Weltfürsten zu machen
und den Juden ein weltliches Reich zu gründen, sondern allein um das
Gottesreich alles Lebens zu bringen allen Menschen, die eines guten Willens
sind, und zu verderben das Reich des Satans, der da ist der Tod auf Erden!
Daher wird jedes irdische Reich wohl bestehen können und am allerwohlsten, so
es auch das Gottesreich, das Ich auf Erden schaffen werde, anziehen wird! [DTT.01_017,11] Es weiche darum jede
Furcht von euch ob Meiner göttlichen Macht, denn Ich werde euch untertan bleiben bis zur Umwandlung Meines Leibes, allwann Ich heimkehren werde dorthin, von wannen Ich
gekommen bin. – Jetzt aber wollen wir zum Schlusse des heutigen Tages noch
die zwei Worte näher beleuchten!“ [DTT.01_017,12] Sagte ganz erfreut
auch Barnabe: „Na, dem Herrn alles Lob! Nur Worte
wieder und keine Wundertaten mehr – denn es wird einem gar unheimlich dabei!“ [DTT.01_017,13] Fragte Ich ihn: „Warum
denn unheimlich? Hast du doch oft schon persische und indische und ägyptische
Wunder angestaunt, und es ist dir dabei niemals unheimlich geworden; warum
denn gerade jetzt?“ [DTT.01_017,14] Sagte Barnabe: „Weil jene samt und sämtlich auf eine mir begreifliche
Weise hervorgebracht werden, während die deinen auf nichts als nur in der
Macht deines Willens basiert sind! Und das ist ein ungeheurer Unterschied!“ [DTT.01_017,15] Sagte Ich: „Na, da muß Ich dir schon noch eine Bemerkung machen, bevor Ich
auf die Erklärung der zwei Worte übergehe!“ 18. Kapitel – Des Jesusknaben Erzählung von den Wundern
der 27 Magier in Damaskus. Barnabes Verlegenheit
und Erstaunen. Vom Geheimnis der Allwissenheit des Jesusknaben. [DTT.01_018,01] (Der Jesusknabe:) „Es
werden nun genau zwei Jahre sein, als du dich in Damaskus herumtriebst?! In
derselben Zeit kamen bei 27 Magier aus Indien. Diese machten große
Ankündigungen, wie am dritten Tage nach dem Neumond sie die großartigsten
Wunder im großen Haine außerhalb der Stadt wirken würden. [DTT.01_018,02] Unter den vielen
Ankündigungen waren auch folgende: ,Fünf der Hauptmagier werden, bloß mit
ihren kleinen Fingern ohne alle physische Kraftanstrengung, einen über 1000
Pfund schweren und über 7 Schuh tief in die Erde – also über seine halbe
Länge – eingegrabenen Pfahl herausziehen und ihn dann frei mehrere
Augenblicke dauernd in der Luft herumschweben lassen.
Dasselbe werden sie dann auch an einem über 10000 Pfund schweren Felsstücke
tun, einer Last, die von 300 der stärksten Männer mit der Kraft ihrer puren
Hände nicht um ein Haarbreit verrückt werden kann. Am Ende wird noch ein
totes Kamel auf einige Augenblicke lang vollkommen lebend gemacht, und zum
Schlusse wird sogar eine Bildsäule auf mehrere Augenblicke lang belebt.‘ [DTT.01_018,03] Auf diese Ankündigung
war an dem bestimmten Tage beinahe ganz Damaskus im großen Haine zugegen, um
die angekündigte Wundertäterei anzustaunen. Du
warst einer der ersten in der Nähe der Zauberer, und hast alles sehr gut
gesehen und dich erstaunt über alle Maßen. [DTT.01_018,04] Die vielen
vorhergehenden Stücke waren dir schon mehr bekannt, aber als die letzten mit
der überraschendsten Präzision ausgeführt wurden, da rissest du Mund und
Augen weit auf, schlugst die Hände über dem Kopfe zusammen und riefst laut
aus: „Das ist unerhört – noch nie dagewesen! Das können keine Menschen,
sondern das können nur Götter sein, die man anbeten soll!“ [DTT.01_018,05] Du hast freilich deine
Exklamation (Ausruf) mehr der vielen hochangesehenen Heiden wegen gemacht,
die bei jener Vorstellung stark vertreten waren; heimlich bei dir aber hast
du dennoch des Beelzebubs gedacht, darum dir auch
sehr unheimlich zumute geworden ist! [DTT.01_018,06] Nun sagst du aber
auch, daß dir bei Meinen Wundern sehr unheimlich
zumute wird! – Was Unterschiedes findest du dann zwischen diesen Meinen
Wundern und jenen von dir vor zwei Jahren in Damaskus gesehenen?“ [DTT.01_018,07] Hier wurde Barnabe sehr verlegen und sagte erst nach einer Weile:
„Aber sage, du holder unbegreiflicher Knabe, woher du das wissen kannst?! Du
warst doch zu jener Zeit nicht selbst in jener Stadt und mir wohl bewußt sonst auch niemand aus deiner Gegend! Außer
einigen wenigen Kollegen im Tempel habe ich jene sonderbare Wunderwirkerei
auch noch niemandem erzählt. Wie kamst du nun hinter mein tief verborgenes
Erfahrungsgeheimnis?“ [DTT.01_018,08] Sagte Ich: „Sei darob ganz ruhig – Ich komme hinter gar alles, aber es
wird darum von Mir aus dennoch nie jemandem ein Hemmschuh angelegt, sondern
ein jeder ist und bleibt frei, zu handeln nach dem Gesetze oder wider dasselbe.
Die Folgen hängen nie von der Macht Meines Willens, sondern von der Ordnung
und Heiligung der gegebenen Gesetze in der Natur sowohl wie auch in der Moralsphäre
der Menschen untereinander ab. [DTT.01_018,09] Das aber, wie und
woher Ich solches alles wissen kann, ist auch ein Geheimnis, darüber der Welt
erst nach etlichen zwanzig Jahren ein Licht gegeben wird, so wie auch über
Meine anderen Wundertaten. Glaubtet ihr, daß in Mir
des Messias Geist wohnt in seiner Fülle, da dürftet ihr bald begreifen, wie
und woher Mir solche noch nie dagewesenen Fähigkeiten eigen sind. So ihr aber
das nicht annehmen und glauben könnet, da müßt ihr
schon der vorhin bestimmten Zeit harren! Dann werdet ihr es wohl begreifen,
aber Mir es doch nie nachmachen!“ 19. Kapitel – Die Erklärung der beiden Worte
,Jerusalem‘ und ,Melchisedek‘ durch den Jesusknaben. Die Heilige Schrift als göttliches Wort. Jorams Hinweis auf die Unverständlichkeit der auf den
Messias hinweisenden Jesaias-Texte. [DTT.01_019,01] Sagte Barnabe: „Aber liebster wunderbarer Knabe! Wegen der zwei
Worte ,Jerusalem‘ und ,Melchisedek‘ – darüber
möchten wir wohl noch heute von dir einiges vernehmen!“ [DTT.01_019,02] Sagte Ich: „So gib
denn acht allein auf die einzelnen Wurzeln der althebräischen Zunge: Je (dies
ist), Ruh oder Ruha (die Wohnstätte), sa (für den), lem oder lehem (großen König); Me oder mei (meines), l'chi oder lichi – gelesen litzi –
(Angesichtes oder Lichtes), sedek (Sitz). [DTT.01_019,03] Ihr wißt, daß die Alten die Selbstlaute
bei der Wortbildung zwischen den Mitlauten wohl aussprachen, aber aus einer
gewissen Pietät nicht niederschrieben. Man muß alsonach bei solchen über tausend Jahre alten Worten die
Vokale zwischen die Konsonanten zu setzen verstehen, und der wahre Begriff
eines so alten Namens erklärt sich dann von selbst aus seinen Wurzeln. – Nun
bist du wohl zufriedengestellt mit dieser Erklärung?!“ [DTT.01_019,04] Sagte Barnabe: „Ja ganz überaus und über die Maßen
vortrefflich! – Aber wie kamst du denn wiederum hinter solche Geheimnisse?“ [DTT.01_019,05] Sagte Ich: „Da ist
eines wie das andere und beruht alles auf der von oben Mich verherrlichenden
Kraft des Geistes aus Gott! Das aber kannst und wirst du noch lange nicht
einsehen, wie solches möglich ist! [DTT.01_019,06] Sieh, du liest auch
die Schrift, findest aber für dich nichts Göttliches darinnen,
denn du hältst sie für ein reines Menschenwerk, das verschiedene Menschen
wegen der leichteren Beherrschung ihrer Nebenmenschen zusammengeschrieben
haben. Die Ägypter hätten das getan durch ihre mystischen und riesenhaft
großen Gebilde und die Hebräer durch ihre mystischen Schriften; für die wahre
Bildung des Menschen dieser Zeit aber tauge das eine wie das andere nicht
mehr, was alle wahren Weltweisen schon lange wohl eingesehen und klar
bewiesen hätten! [DTT.01_019,07] Nun sieh, das ist dein
höchsteigenes inneres und daher wahres Glaubensbekenntnis! Ich aber sage dir:
Wer die Schrift mit deinen Augen betrachtet, der wird nie etwas Göttliches darinnen finden und fortan ein materieller Weltklotz
bleiben, der mitunter wohl auch für außerordentliche Dinge und Erscheinungen
einen Sinn haben wird, wenn sie gerade vor seinen Augen ausgeführt werden.
Aber er wird daraus für seinen Geist nie einen Gewinn ziehen, weil für ihn
jedes noch so große Wunder eine pure, seine Sinne ergötzende Vergnügungssache
ist! [DTT.01_019,08] Wahrlich, derlei
Menschen haben eine große Ähnlichkeit mit den Schweinen, die auch allerlei
zusammenfressen, aber dabei dennoch gleichfort die alten, unveränderlichen
Schweine bleiben, denen alles gleich wohlschmeckt, ob Kot oder feinstes
Weizenbrot. [DTT.01_019,09] Darum aber sollen
solche Menschen, denen es an einem höheren geistigen Glauben fehlt, die
Schriften, die aus dem Geiste Gottes den Menschen gegeben worden sind und als
göttliches Wort zu betrachten sind, auch nicht lesen und sie dadurch verunheiligen, denn es steht geschrieben: ,Den Namen
Jehovas sollst du nicht eitel nennen!‘ [DTT.01_019,10] Ich aber sage und
setze hinzu: Ein jedes Wort aus dem Geiste Gottes ist dem Namen Jehova
gleich! Wer es liest wie ein Menschenwerk, der ist ein strafbarer eitler
Nenner des Namens Jehova. Wer es aber liest mit großer Ehrfurcht seines Gemütes
und glaubt, daß die Schrift göttlichen Ursprungs
ist, der wird auch bald und leicht das Göttliche zur Erweckung und Belebung
seines Geistes darinnen finden! [DTT.01_019,11] Würdest du – und auch
ihr – in euch die Schrift dafür halten, daß sie
göttlichen Ursprunges sei, so würdet ihr Mich schon lange für das gehalten
haben, was Ich eigentlich bin, und wie Ich Meine Wundertaten bewerkstellige.
Weil ihr aber die Schrift nur für ein eitles und für diese Zeit gänzlich
unbrauchbares Menschenmachwerk haltet, so ist es euch auch unmöglich, Mich
als das anzuerkennen, was Ich bin – und da ihr Mich als das nicht anerkennen
möget, so müssen euch auch Meine Taten im höchsten Grade unbegreiflich sein!“ [DTT.01_019,12] Sagte Joram „Mein
holdester Knabe, du scheinst hier in deiner Annahme dich ein wenig zu
versteigen! Denn sieh, wenn unter uns auch etwa einige sind, die an die reine
Göttlichkeit der Schrift nicht glauben, so sind aber dennoch wieder einige,
die daran noch sehr festhalten und glauben und daher auch auf die Ankunft des
verhießenen Messias und seines Reiches hoffen, und
diese werden auch bei deiner näheren Bekanntschaft nicht viel dagegen sein,
so du eben jener verheißene Messias wärest, von dem der große Prophet Jesaias am meisten geweissagt hat. [DTT.01_019,13] Es ist im Jesaias die Weissagung freilich sehr mystisch gehalten,
und man kann mit des Messias Persönlichkeit nicht so recht ins klare kommen;
aber sie hat im ganzen recht vieles, was mit dir stimmt! Einiges ist freilich
darunter, was weder auf dich und am Ende noch weniger auf einen rechten
Messias – und käme er direkt aus den Himmeln – schon gar nicht paßt! Und so wirst du überaus weiser Junge wohl auch
selbst einsehen, daß es selbst für die festest
Gläubigen mit dem guten Messias – so ganz gerade gesprochen – stets noch
seine sehr geweisten Wege hat, und daß es eine wahrlich sehr schwere Sache ist, sich darinnen ordentlich und klar zu orientieren! [DTT.01_019,14] Die Sache bleibt immer
nur mehr eine Volkssage, hervorgehend aus dem langgehegten Wunsch des Volkes,
und da mögen die Römer nicht ganz unrecht haben, so sie sagen: Ubinam vanis invectis superlativum tradit gens, nihil quam aquam
haurire! Und so ist es teilweise auch hier mit dem
Messias! Es kann allerdings schon etwas sein, möglich aber auch nichts – und
so würde man aus dem alten Jakobsbrunnen kaum einen gesunden Wassertropfen zu
schöpfen bekommen! – Was sagst du dazu, holdester Knabe?“ [DTT.01_019,15] Sagte Ich: „Wie lauten
denn hernach die Stellen aus den Weissagungen des Jesaias,
die auf den Messias und namentlich auf Mich schon gar nicht paßten?“ [DTT.01_019,16] Sagte Joram „Ja, mein
liebster junger Freund, da muß ich erst das Buch
holen! Auswendig sind mir jene Stellen eben nicht geläufig, denn so etwas
liest man seltener nach, und da vergißt man denn
doch so manches, namentlich aus der Sphäre der Propheten! – Aber warte nur
ein wenig, wir werden die Sache gleich haben!“ [DTT.01_019,17] Sagte Ich: „Weißt du
was?! Da es heute schon Abend geworden ist, so lassen wir das auf morgen. Und
da heute von frühmorgens bis jetzt niemand zur Stärkung seines Leibes etwas
zu sich genommen hat, so wollen wir nun unsere Sitzung aufheben, ein
Abendbrot nehmen und morgen dann unsere Sache fortsetzen!“ [DTT.01_019,18] Mit diesem Meinem
Antrage waren alle gleich einverstanden, und wir verließen die Sprechhalle
und begaben uns in die schon bekannte Herberge. 20. Kapitel – Die zweite Nacht in der Herberge. Joram
und Barnabe auf der Suche nach passenden Jesaiastexten. [DTT.01_020,01] Ich, der Richter und
der alte Simon begaben uns in die Herberge, in der wir schon eine Nacht
zubrachten, und in der gewöhnlich die Nazaräer in Jerusalem sich aufzuhalten
pflegten. [DTT.01_020,02] Denn es war in
Jerusalem schon eine alte Sitte, daß eine jede
Stadt vom ganzen Judenreiche eine den gleichen Namen tragende Herberge hatte.
Und das war darum, daß, wenn jemand von Jerusalem
oder auch von einer andern Stadt mit jemandem etwas abzumachen hatte oder
einen andern Aufschluß aus irgendeiner Stadt haben
wollte, er bloß in die gleichnamige Herberge zu gehen brauchte und dort
sicher täglich einen oder auch mehrere aus der gleichnamigen Stadt nach
Jerusalem in irgendwelchen Geschäften Angekommene antraf. [DTT.01_020,03] Diese Sitte hatte sich
mit der Zeit auch nach Europa verbreitet. In früheren Zeiten hatten die
Aushängeschilder der Gasthäuser eine ähnliche Bestimmung; in der Jetztzeit
ist davon freilich nahezu keine Spur mehr. [DTT.01_020,04] Ich habe dies nur
angefügt, damit man später leichter begreifen wird, wie Meine Nähreltern Mich
am dritten Tage als am Tage ihrer Rückkunft, und
zwar gegen den Abend hin, ganz leicht haben finden müssen, da sie in der
Herberge namens ,Nazareth‘ Mich ehest erfragt hatten, wo Ich Mich des Tages
aufgehalten habe. [DTT.01_020,05] Die Templer hatten
nach ihrem Abendmahl sich diesmal auch zum größten Teile zur Ruhe begeben.
Nur Joram und Barnabe nahmen den Jesaias zur Hand und suchten darinnen
Texte, die auf Mich oder auf irgendeinen andern Messias nicht sonderlich
passen würden. Mit der Zeit aber wurden auch die beiden vom Schlafe übermannt
und begaben sich zur Ruhe. [DTT.01_020,06] Wie ein Augenblick
verfliegt für die Müden die Nacht; und so war es auch hier der Fall. Die
Templer wollten sich noch einmal umdrehen, aber der schon sehr hell gewordene
Tag forderte sie zum Wachbleiben auf und sich zu begeben an ihr ihnen
obliegendes Geschäft, was ihnen für den Tag gar nicht munden wollte – auch
sogar Joram und dem Barnabe nicht, weil sie im
ganzen Jesaias keine so recht schlagende Stelle
finden konnten, die Mich zum Schweigen hätte nötigen können. [DTT.01_020,07] Joram sagte beim
Suchen zum Barnabe: „Man ist ja gerade wie verhext!
Sonst habe ich gleich ein paar Dutzend der für diesen Zweck passenden Stellen
gerade auf der Nase sitzen gehabt – und jetzt suche ich schon eine Stunde
lang wie ein müder Rabe sein Nest und finde nichts, aber auch gar nichts!“ [DTT.01_020,08] Sagte Barnabe: „Liegt aber ja auch gar nichts daran! Wollte der
Knabe denn schon durchaus zufolge seiner außerordentlichen Eigenschaften, so
sie ihm auch im Mannesalter verbleiben, Messias werden wollen, na, so soll er
dabei bleiben! Da liegt doch wahrlich nicht gar besonders viel daran! Verlassen
ihn etwa späterhin diese Eigenschaften, da wird er seine Idee schon von
selbst fahren lassen! Nimm aber das Buch dennoch mit, denn wir könnten es etwa
doch noch brauchen im Verlaufe des heutigen Tages! – Nun aber gehen auch wir
in den Sprechsaal, denn es werden dort schon die meisten versammelt sein!“ [DTT.01_020,09] Darauf erhoben sich
beide und begaben sich schleunigst in den Sprechsaal. 21. Kapitel – Der Beginn der Besprechung am dritten
Tage. Jorams mißlungener Versuch, das begonnene Thema
abzubrechen. Des ausfällig werdenden Oberpriesters Einwurf und dessen
Widerlegung durch den Jesusknaben. [DTT.01_021,01] Als die beiden auch an
ihre Stellen kamen, da erst begann die Besprechung des dritten Tages. [DTT.01_021,02] Ich trat nach dem
Winke des Mir höchst geneigt gewordenen Römers zuerst auf und wandte Mich an
den Joram, sagend: „Nun sind wir heute als am dritten Tage wieder hier in
dieser Redehalle versammelt! Es kommt nun darauf an, daß
du Mir, schon gestern angetragenermaßen, aus dem
Propheten Jesaias zeigest, welche Texte auf Mich
wie auch auf jeden andern nach deiner Meinung werden mögenden Messias nicht
passen sollten!“ [DTT.01_021,03] Sagte Joram: „Ja, mein
holdester Junge, es wäre alles recht – aber mir sind die fraglichen Texte dem
Wortlaut nach schon lange entfallen, und es würde mir jetzt eine wahre
Verlegenheit bereiten, gerade dir gegenüber, der du infolge deines riesenhaften
Gedächtnisses die ganze Schrift von Wort zu Wort kernfest
im Kopfe zu haben scheinst, die gewissen Texte aufzusuchen! Darum gehen wir
von der Sache lieber ab, und ich sage: wir lassen dich infolge dessen, was
wir von dir gesehen und gehöret haben, als den verheißenen und respektive
schon angekommenen Messias gelten! Aber alle die vielen Texte nun in der
Schrift aufzusuchen, würde uns viel zuviel Zeit und
Mühe kosten!“ [DTT.01_021,04] Sagte Ich: „Nein, Mein
Freund, das geht nicht! Ihr möchtet Mich nun auf eine gute Art loswerden,
denn ob ein Messias oder ob keiner, das ist euch einerlei, wenn ihr dabei nur
recht gut leben könnt und euch sammeln große Haufen Goldes, Silbers und
allerlei köstlichen Edelgesteins! Aber es handelt sich nun vollernstlich
darum: Bin Ich es, oder sollet ihr auf einen andern warten? [DTT.01_021,05] Bin Ich es, so ist das
Reich Gottes schon zu euch gekommen, und ihr werdet es aus der Schrift
wissen, was da an euch ist zu tun, so ihr eines guten Willens seid! Bin Ich
aber nach eurer Meinung und aus dem Propheten erwiesen das nicht – nun, da
möget ihr denn in euren alten Sünden verharren, bis der Tod euer Endlos sein
wird! – Aber da euch das Aufsuchen der tauglichen Texte schon so viel Zeit
raubt und eine gar so große Mühe macht, so gebet Mir das Buch, und Ich werde
euch Zeit und Mühe ersparen!“ [DTT.01_021,06] Hierauf sagte der
Oberpriester: „Da wirst du dir dann wohl alle jene Texte heraussuchen, die
auf dich am allerbesten passen?!“ [DTT.01_021,07] Sagte Ich: „Nun gut,
so suche du Mir welche auf, die auf Mich etwa am wenigsten passen!“ [DTT.01_021,08] Sagte der
Oberpriester: „Na, damit soll dir gleich aufgewartet werden! – Gebet mir das
Buch!“ [DTT.01_021,09] Man gab dem
Oberpriester das Buch in die Hand, und er fing darin mit wichtiger Miene herumzusuchen an, konnte jedoch längere Zeit etwas
Rechtes nicht finden. Endlich aber fand er, ihm scheinend, doch etwas, denn
es malte sich in seinem Gesichte eine eigene Art Zufriedenheit, hinter der
aber auch der oberpriesterliche Hochmutskamm bald ärger als bei einem
zornigen Truthahne zu steigen anfing. Er legte mit einem gewissen
Herrscherpathos das Buch aufgeschlagen vor sich auf den Tisch und bohrte
ordentlich mit seinem Zeigefinger siegesfroh in den Text hinein und sprach: [DTT.01_021,10] (Der Oberpriester:)
„Da! Komm nun her, du junger Messias aus Galiläa, lies den Text und sage mir,
ob auch der auf deine Person paßt!“ [DTT.01_021,11] Sagte Ich: „Was rufst
du Mich, daß Ich den Text aus deinem Buche lesen
solle?! Der Geist, der in Mir wohnt, wußte schon
sehr lange eher darum, bevor er von Jesaias
niedergeschrieben wurde! Und du hast gerade den rechten zu Meinem Siege über
dich aufgeschlagen, wo Ich wahrlich keinen bessern
hätte finden können!“ [DTT.01_021,12] Hier erhob sich der
Oberpriester zornig und sprach voll wutentbrannten Eifers: „Was sagst du? Du
hättest um diesen Text schon früher gewußt, als ihn
der Prophet niedergeschrieben hatte?! Ich warne dich, du galiläischer Knabe,
vor zu großem Mutwillen! Du zählst erst zwölf Jahre und willst schon vor dem
Propheten um diesen Text gewußt haben?! Bist du
denn wahnsinnig?! [DTT.01_021,13] So du auch von deiner
Seele oder deinem Geiste sprichst – was immer ein und dasselbe ist –, so wird
diese doch unmöglich älter sein als ihr Leib, der doch schon nach dem
Zeugnisse Mosis eher da sein mußte,
als die Seele in denselben einziehen konnte! [DTT.01_021,14] Sagt nicht Moses:
,Gott bildete den ersten Menschen aus Lehm und blies ihm durch die Nüstern
eine lebendige Seele ein‘?! Geht aus dem aber nicht klar hervor, daß dann doch jedes Menschen Leib, als das fertige
Wohnhaus der Seele, eher da sein muß als sie
selbst?! Denn was und wo sollte die Seele ohne den Leib sein?! – Daher
bedenke, du junger Galiläer, wohl, wo du stehst und vor wem!“ [DTT.01_021,15] Sagte Ich: „Abgesehen
von dem, daß du durch weltliche Protektion und
nicht durch höhere, geistige Berufung hier Oberpriester bist, und abgesehen
von dem, daß wir hier in der alten Sprechhalle des
Tempels versammelt sind, sage Ich dir dennoch ganz trocken ins Gesicht, daß du über geistige Dinge noch um vieles schlechter
urteilst denn ein Blinder von den Farben! [DTT.01_021,16] So Gott eine lebendige
Seele dem fertigen Leibe Adams durch dessen Nüstern einblies, so war die
Seele doch offenbar zuvor in Gott und konnte auch nirgends anderswo sein,
weil Gott in seinem Wesen unendlich ist und sich streng genommen außer Ihm
nichts befinden kann! [DTT.01_021,17] Gott aber, da Er
selbst ewig ist, kann nichts Zeitliches und Vergängliches oder erst
Entstehendes in sich fassen, sondern, was in Ihm ist, ist wie Er selbst ewig.
Er kann seine ewigen großen Gedanken und Ideen nur außer sich der Erscheinlichkeit nach zur Gewinnung einer wesenhaften
Selbständigkeit wie hinausstellen; und wenn Er das tut, so ist dies von Ihm
ausgehend ein Schöpfungsmoment, und für das durch seine Macht und Weisheit
wie außer Ihn freigestellte Gottesgedankenwesen beginnt dann erst die Zeit,
besser aber der Zustand der zugelassenen Selbsttätigkeit zur Erwerbung eines
bleibenden selbständigen Seins wie außer Gott, wenn schon im Grunde des
Grundes dennoch in Ihm. [DTT.01_021,18] Wenn aber also, wie
sollte Ich dann im Geiste und in Gott nicht eher dagewesen sein, als der
Prophet seine Texte aus Gott schrieb?! [DTT.01_021,19] Zudem aber bist du
noch in einer großen Irre, so du meinst, daß Geist
und Seele ein und dasselbe sind! Die Seele bei den Menschen ist ein geistiges
Produkt aus der Materie, weil in der Materie eben nur ein gerichtetes
Geistiges für die Löse rastet, der reine Geist aber ist niemals gerichtet
gewesen, und es hat ein jeder Mensch seinen von Gott ihm zugeteilten Geist,
der alles beim werdenden Menschen besorgt, tut und leitet, aber mit der
eigentlichen Seele sich erst dann in eins verbindet, so diese aus ihrem
eigenen Wollen vollkommen in die erkannte Ordnung Gottes übergegangen und
somit vollends rein geistig geworden ist. [DTT.01_021,20] Daß
aber bei dir dieser Übergang noch lange nicht stattgefunden hat, hast du
soeben dadurch gezeigt, daß du von deinem eigenen
Geiste, ohne den du nicht einen Augenblick lang leben könntest, noch nie eine
Idee gefaßt hast! [DTT.01_021,21] Ich aber kenne Meinen
Geist und bin schon lange eins mit ihm und kann darum auch aller Natur
gebieten, weil der Geist wahrhaft ein Gottesgeist ist und ewig nie ein
anderer sein kann, weil es außer Gott keinen Geist geben kann, der nicht
Gottes Geist wäre. Denke du und alle nun darüber ein wenig nach, und findet
euch darinnen zurecht, dann erst gehen wir auf den
auf Mich nicht passen sollenden Text über! [DTT.01_021,22] Dir, Oberpriester,
aber rate Ich, daß du dich gegen Mich in den
Schranken der gerechten Mäßigung haltest, sonst könntest du bald die Kraft
Meines Gottesgeistes wider dich zu sehr gereizt haben! Was Ich vermag, hast
du schon gestern erfahren – darum weißt du nun auch schon, was dir bevorsteht,
wenn du hier deine Grenzen überschreitest! Denn Ich habe ein teuer erkauftes
Recht, zu reden in Sachen Jehovas, das da vor allem bedungen ward. Es ist
aber schon schlecht genug, daß man sich bei euch
sein wollenden Dienern Jehovas ein Rederecht, nach Stunden bemessen, erkaufen
muß; und noch schlechter müßte
es sein, so man noch obendrauf von dem erkauften Rechte nicht den bedungenen
Gebrauch machen dürfte!“ [DTT.01_022,01] Hier sagte der
Richter: „Aber, du rein aus den Himmeln herabgekommener holdester Knabe! Du
bist ja jetzt schon weiser denn alle Weisen, die je auf der Erde gelebt
haben! Was wird erst aus dir werden?! – Ja, du bist ein rechter Messias
(Mittler zwischen Gott und Menschen), denn noch nie hat je ein Weiser die
Unterschiede zwischen Materie, Seele und Geist so klar dargestellt und mit so
wenigen Worten wie du! Wahrlich, diese Belehrung verdient eine eigene
Belohnung sogar; denn so etwas ist noch nie dagewesen!“ [DTT.01_022,02] Sagte Ich: „Laß das gut sein, edler Freund! Welchen Lohn könntest du
Mir wohl geben, den Ich dir nicht sogleich tausendfach zurückerstatten
könnte?! Wahrlich, Ich sage dir, wer je einem seiner bedürftigen Mitmenschen
aus wahrer, reiner Liebe zu Gott und den Mitmenschen etwas Gutes tun wird,
der wird es Mir tun, und es wird ihm vergolten werden tausendfach! Aber
ebenso auch das Schlechte und Böse, das jemand an
seinen Mitmenschen verüben wird!“ [DTT.01_022,03] Sagte der Richter:
„Was möchtest du als Schlechtes und Böses, das man den Nebenmenschen nicht
erweisen soll, näher bezeichnen?! Ich möchte es wohl wissen, weil ich als ein
Richter gar oft in die Lage komme, dem Nebenmenschen oft sehr Übles und Böses
zuzufügen, freilich sehr oft wider meinen Willen. Aber unser Gesetz ist ein
ehernes und kennt keine Rücksichten, nicht einmal an den eigenen Kindern! –
Sage mir darum etwas Haltbares!“ [DTT.01_022,04] Sagte Ich: „Hättest du
die Gesetze gemacht, so könntest du sie auch ändern, aber sie sind ein alter
wohlbedachter Volkswille, und du bist gestellt, die Sünder wider solchen
Volkswillen zur gerechten Ahndung zu ziehen. So du aber das streng
gewissenhaft und gerecht tust, was das Gesetz vorschreibt, so tust du darum
kein Böses, sondern nur Gutes! [DTT.01_022,05] Denn jedermann, der
als Mitglied einer großen Menschengesellschaft lebt, muß
sich den Ordnungsgesetzen fügen und sie zu seinen eigenen Lebensmaximen
machen. Will er das nicht, so muß er sich als der
für sich dastehende offenbar Schwächere die notwendig bitteren Folgen als Widerspenstling der allgemeinen Volksordnung gefallen
lassen. [DTT.01_022,06] Und der vom Volke oder
von dessen herrschendem Repräsentanten, der ein König oder gar ein Kaiser
ist, bestellte Richter, der das ihm durch und durch bekannte Gesetz streng
und gerecht ausübt, kann nicht anders als nur wohltun, denn er reinigt das
Feld der Menschensaat vom Unkraut. – So du aber das tust, erfüllst du deine
Pflicht und bist ein Wohltäter der ordnungsliebenden und -beflissenen
Menschen. [DTT.01_022,07] Daß
du als Richter aber hauptsächlich darauf siehst, daß
vor allem ein verirrter Mensch durch das Gericht nicht so sehr gestraft, als
vielmehr gebessert werde, das ist eine Tugend aus den Himmeln in deinem
Herzen, denn du befolgst den ewig wahren Grundsatz der Nächstenliebe, der
also lautet: „Was du vernünftigermaßen nicht
willst, daß man es dir täte, das tue auch deinen
Mitmenschen nicht!“ Damit aber bist du vor Gott wie vor den Menschen schon
ganz in der Ordnung und hast gar nicht nötig, dich darum zu kümmern, was da
eigentlich gut und was böse ist! [DTT.01_022,08] Würden die, so da
sitzen auf dem Stuhle Mosis und Aarons, auch so
handeln und gehandelt haben, so würden sie nie von euch Römern unterjocht
worden sein. Aber da sie nicht mehr dem alten Gesetze treu blieben, das für
alle Menschen gleich gegeben ward, sondern sich eigene Satzungen machten nach
ihren Gelüsten, so hat Gott denn auch sein Angesicht von ihnen abgewendet und
sie gegeben unter die scharfe Zuchtrute der Heiden, unter der sie auch ihrer
großen und groben Halsstarrigkeit wegen belassen werden. [DTT.01_022,09] Du bist ein Heide und
erkennst Mich, diese sind Juden und sollen Kinder Jehovas sein, und sie
erkennen Mich nicht und werden Mich auch schwerlich erkennen! Wie ist nun
das?! Mir kommt es vor, wie da ein Prophet geredet hat, freilich auch damals
schon zu tauben Ohren: ,Er kam zu den Seinen in sein Eigentum, und die Seinen
haben Ihn nicht erkannt und nicht aufgenommen!‘ Aber sei dem nun, wie ihm
wolle, Ich habe dir nun den rechten Stand der Dinge gezeigt, und es ist nun
an der Zeit, jene von dem Oberpriester aufgefundenen Texte näher anzusehen,
die auf Mich nicht passen sollen!“ 23. Kapitel – Die Verlesung und Erklärung von Jesaias 9,5-6 durch den römischen Richter. [DTT.01_023,01] Hier schob Mir der
Oberpriester das Buch zu und sagte: „Da, lies es selber, und überführe Dich!“ [DTT.01_023,02] Ich nahm das Buch und
gab es dem Richter, ihm die zu lesenden Stellen anzeigend, und ersuchte ihn,
selbe laut lesen zu wollen, auf daß da niemand
sagen könne, daß Ich die Texte zu Meinen Gunsten
gelesen hätte. Das konnte der Richter um so leichter tun, da er in den
meisten orientalischen Zungen wohlbewandert war und namentlich die althebräische
Schrift um vieles besser zu lesen verstand als alle Templer zusammen. [DTT.01_023,03] Der Richter nahm
freudig das Buch und las daraus, wie da folgt: ,Uns ist ein Kind geboren, ein
Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft auf seiner Schulter ist; und Er heißt
Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst, auf daß seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein
Ende auf dem Stuhle Davids und in seinem Königreiche, und daß
Er es zurichte mit Gericht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit!
Solches wird tun der Eifer Zebaoths!‘ – Hierauf
fragte der Richter den Oberpriester, ob die Texte also gut gelesen wären.“ [DTT.01_023,04] Der Oberpriester
bejahte das mit einer großen Verbeugung. [DTT.01_023,05] Darauf fuhr der
Richter fort, in Meinem Namen zu reden, und sagte: „Da habt ihr aber nach
meiner Ansicht ja gerade eine Stelle aufgesucht, die meines Erachtens wie
kaum eine andere genau auf diesen jungen, holden und weisen Knaben paßt! [DTT.01_023,06] Wie eine Jungfrau
einen Sohn gebären werde, den sie Emanuel heißen werde, das haben wir –
wenigstens zu meiner subjektiven Einsicht – derart erörtert, daß es bei mir nun nicht mehr dem allergeringsten Zweifel
unterliegt, daß dieser Knabe eben der von dem
Propheten vorbezeichnete Sohn der euch nach eurem höchsteigenen Geständnisse
wohlbekannten Jungfrau, glaube, namens Maria ist. [DTT.01_023,07] Und wenn ich mich
nicht irre, so ist mir bei einer Gelegenheit von dem Hauptmann Kornelius erst
vor gar nicht langer Zeit von jener wunderbaren Geburt eines Knaben zu Bethlehem
in einem leeren Schafstalle – wegen Mangel an besseren Herbergen – erzählt
worden, und zwar mit einer großen Begeisterung und innigsten Teilnahme am
damals höchst mißlichen Schicksal jener
denkwürdigen Familie, und daß er sich oft darum
erkundigte, aber seit deren Abreise von Ägypten nichts von ihr zu erfahren
imstande war! Leider hat er sich in Staatsgeschäften nach Tyrus
begeben müssen, sonst säße er ganz sicher hier! [DTT.01_023,08] Also, was die
prophetische (prophezeite) Geburt dieses Knaben betrifft, so wären wir
darüber im reinen, und es kann da vor dem Forum der ganz gesunden und reinen
Vernunft durchaus kein Kontra mehr geben! [DTT.01_023,09] Nun das, daß er Butter und Honig essen werde, um hernach zu
verstehen und zu erwählen das Gute und zu verwerfen das Böse, kann ich mir
nach der altägyptischen Weise nur als eine Entsprechung denken, die
vielleicht – nach meiner Ansicht geurteilt – soviel
sagt als: „Er wird erfüllt sein mit aller Liebe und Weisheit und wohl
erkennen das wahre, reine Gute und das entschiedene Böse!“ [DTT.01_023,10] Daß
er wie kein Weiser und Gelehrter der ganzen Welt das vermag, davon hat er
vorhin den klarsten Beweis vor euch allen abgelegt, und so hat er des
geistigen Honigs und der geistigen Butter sicher die größte Menge in sich,
wie er das auch euch Weisesten des Tempels schon zur Genüge gezeigt hat, und
wie ihr gar vieles bei ihm noch erlernen könntet – aber er von und bei euch
sicher nichts! Und das dürfte doch hinreichend anzeigen, wieviel
Honig und Butter er bis jetzt schon hat zu sich genommen haben müssen?! [DTT.01_023,11] Das alles aber bezeugt
um so klarer, daß er eben der von dem alten
Propheten vorhergesagte und von einer Jungfrau geborene Emanuel ist und fortan
keine Jungfrau je mehr einen solchen Sohn auf dieser Erde gebären wird! [DTT.01_023,12] Ich habe im ganzen
großen römischen Kaiserreiche noch nie einen Sohn von zwölf Jahren
kennengelernt, der dem – abgesehen von seinen unbegreiflichen
Wundereigenschaften – nur in einem allerentferntesten Maße gleichkäme, und so
glaube ich, daß die zweite, von euch selbst uns vorgelegte
Textierung des Propheten ebenso genau auf ihn paßt
wie die erste, die er auch gleich anfangs als eine sogenannte Vorfrage
aufstellte. [DTT.01_023,13] Ja, in ihm ist uns
wahrlich ein Kind aller Kinder geboren und ein Sohn aus dem Schoße der Götter
wie wir Römer zu sagen pflegen – uns sterblichen Menschen gegeben, dessen
unbegreifliche Herrschaft er selbst wahrlich nur auf seinen höchsteigenen
Schultern trägt, wobei er keines Helfers bedarf! [DTT.01_023,14] Der Prophet
bezeichnete durch die aufgeführten Namen offenbar nur dessen Eigenschaften,
und saget es selbst, ob ihm da nur eine mangelt! [DTT.01_023,15] Ist er nicht wunderbar
in seinem Verstande, in seiner Rede und in seinen Taten?! [DTT.01_023,16] Welcher Weise der Erde
kann mir einen noch weiseren Rat erteilen als dieser wahre und allerreinste
Göttersohn?! [DTT.01_023,17] Daß
er eine wahre Allkraft in jeder Beziehung – sei es
Geist oder Materie – besitzt, daran wird hoffentlich auch niemand zweifeln,
der ihn reden hören und handeln gesehen hat! [DTT.01_023,18] Durch seinen unerschrockensten Mut gegen euch bekannt hochmütigste
Priester, die ihr euch über alle Götter weit hinaus preisen und anbeten
lasset, hat er seinen unerschrockenen Heldenmut auch klar genug an den Tag
gelegt! [DTT.01_023,19] Wie sein Geist ein
notwendig ewiger und eins mit dem Geiste Gottes ist, hat er vor euch auf eine
so begreifliche Weise mit wenigen Worten bewiesen, daß
man wahrlich mit der Blindheit aller Nächte, die je auf der Erde bestanden haben,
geschlagen sein müßte, um da nicht gleich auf den ersten
Augenblick zu verspüren, von woher dieser Wind zu wehen anfängt! [DTT.01_023,20] Daß
er ferner allein dem Menschen den wahren, lebendigen inneren Frieden geben
kann und er daher auch allein nur ein wahrster Fürst aller Fürsten der Erde
ist und einen Frieden den Menschen geben kann auf dieser Erde wie kein
anderer Fürst, das habe ich bereits empfunden! [DTT.01_023,21] Er allein kann das
alte Seher- und Erkenntnisreich Davids, das von euch schon lange zerstört
wurde, wieder lebendig aufrichten und eine Herrschaft gründen, der alle
Fürsten der Erde trotz ihrer Zepter und Kronen für ewig untertan
sein werden; denn das Reich der hellsten Erkenntnis ist und bleibt stets das
mächtigste auf der Welt und kann von keiner Macht je völlig unterjocht
werden. Wo aber Licht ist und seine alles durchschauende Wirkung, da ist auch
ein rechtes Gericht und die vollste, offenste Gerechtigkeit! [DTT.01_023,22] Und am Ende heißt es
noch: ,Und solches wird tun der Eifer Zebaoths.‘
Wer sonst als der diesen Knaben durch und durch erfüllende Geist Gottes ist
eben der Herr Zebaoth selbst – ein Etwas, das ich auf den ersten Augenblick
heraus hatte! Wie denn ihr nicht, da euch das doch offenbar mehr angehen
sollte denn mich, einen Heiden?! [DTT.01_023,23] O Götter und o alle
Orakel der ganzen Welt zusammen! Wie entsetzlich blind, dumm und von ganzem
Herzen schlecht müsset ihr sein, daß ihr das nicht
auf den ersten Blick einsehen und fühlen möget, von wo da der Wind zu wehen
angefangen hat! Ich, ein Heide, muß euch das sagen,
daß es also ist! [DTT.01_023,24] Was würde wohl jener
Prophet, der solche Weissagung niedergeschrieben hat, zu euerm finstersten
Starrsinn sagen, so er wieder aufstünde und vor euch hinträte? [DTT.01_023,25] Wandelt euch denn gar
keine Scham an, so ihr nun dumm und blind dasteht vor den Augen dessen,
dessen Wille allein euch das faule, selbstverschuldet schlechte Leben und
seine finstere Herrschaft beläßt?! Könnte Er mit
euch nicht ein gleiches Manöver machen wie gestern mit dem fertigen Esel und
mit dem großen Steine?! [DTT.01_023,26] Da denken diese noch
in alle Welt hinaus nach, was da etwa Rechtens wäre – entweder vor einem
Gott, den sie nicht kennen und an den sie auch nie geglaubt haben, oder vor
der Welt, von der sie alle sehr fett geworden sind und noch fetter zu werden
gedenken –, und ein allerwahrster Gott steht vor ihnen, ausgerüstet mit allen
Eigenschaften, die sich die menschliche Phantasie nur je von einem Gott hat
vorstellen können, natürlich in der allererhabensten Art und Weise! [DTT.01_023,27] Jetzt möchte ich von
euch alten Dummköpfen denn doch erfahren, wie ihr euch einen Gott vorstellt?!
Einen Begriff müßt ihr euch von Ihm ja doch machen!?
Redet – denn nun gebiete ich euch, daß ihr mir
antwortet!“ 24. Kapitel – Die Rede Jorams über das Wesen Gottes als Antwort an
den römischen Richter. [DTT.01_024,01] Diese scharfe Anrede
des Richters hatte unsere Templer aus aller Fassung gebracht und sie in einen
großen Schrecken versetzt, so daß sie nur zu stottern
statt zusammenhängend zu reden vermochten. Der Gefaßteste
war Joram, er erhob sich denn auch von seinem Stuhle, verneigte sich tief vor
dem Richter und sagte dann: [DTT.01_024,02] (Joram:) „Hoher,
gestrenger und gerechtester Gebieter und Richter über ganz Jerusalem und noch
sehr weit darüber hinaus! Es ist bei uns um den wahren Begriff von dem Wesen
Gottes eine schwere Sache, indem es im Moses ausdrücklich verboten ist, sich
irgendeinen faßlichen Begriff oder irgendeine nur
halbwegs bildliche Idee von Ihm zu machen! Du wirst darum in unserm Tempel
kein Bild finden, durch das für die menschlichen Außensinne sich von der
Gottheit ein anschaulicher Begriff machen ließe! [DTT.01_024,03] Trotzdem aber haben
doch die Väter – als Abraham, Isaak und Jakob – zu öfteren
Malen Gesichte gehabt, in denen sie Gott stets in einer vollendeten
Menschengestalt sahen und sprachen, obwohl es im Moses später heißt: ,Gott
kann niemand sehen und leben zugleich; denn Gott ist ein verzehrend Feuer und
wohnt im unzugänglichen Lichte!‘ [DTT.01_024,04] Aber Moses verlangte
dennoch einmal Gott zu sehen, wenn ihm das auch den augenblicklichen Tod
gäbe. Da aber sprach am Sinai Gott zu Moses: ,Verbirg dich in dieser Grotte,
Ich werde da vorüberziehen! So Ich dich rufen werde, da tritt aus der Grotte,
und du wirst Meinen Rücken sehen!‘ [DTT.01_024,05] Ja, jetzt, wo es sich
bald um eine Form Gottes und bald wieder, sogar streng gesetzlich, um gar
keine mehr handelt und eigentlich bei Strafe nicht handeln darf, da wird eine
Ideefassung und Begriffmachung
von einem Gotte wahrlich etwas schwer oder mit der Zeit schon gar nicht mehr
möglich, obwohl das menschliche Gemüt sich dennoch nach einem formellen Gotte
sehnt und man es streng genommen den Heiden gar nicht so sehr übelnehmen
kann, daß sie sich ihren Zeus als einen vollkommensten
Menschen bildlich vorstellen! Wir haben nur das Wort ,Jehova‘, darüber hinaus
gibt es nicht viel mehr! [DTT.01_024,06] Was mich, bloß als
Menschen, anbelangt, da ist mir, wie dir, dieser Knabe als ein Gott ganz gut
und mächtig zur Genüge. Aber nun bedenke du das Volk, das an der Lehre Mosis und der Propheten hängt! Der Tempel ist der alte Mittelpunkt
seiner Beseligung, dahin trägt es seine Wünsche, seine Hoffnungen und glaubt sich
im Tempel seinem Gotte nahe, allwo es dieser
vernimmt durch das Ohr des Hohenpriesters und es
erhört durch die Gebete desselben und seiner Gehilfen! Nimm das auf einmal
dem Volke weg und stelle an die Stelle der Bundeslade diesen göttlichen
Knaben, und du hast ehest die allgemeine Revolution im ganzen Lande! [DTT.01_024,07] Wir sind Narren, weil
wir es zu sein genötigt sind. Wäre das nicht der Fall und hinge nicht unser
Leben und des Volkes Wohlfahrt und Ruhe davon ab, so wären wir schon lange
keine Narren mehr! Oder meinst du, daß es gar so
ein leichtes ist, dem Volke etwas als seiend vorzustellen, das nicht ist und
von dem man sich sogar beim besten Willen keinen Begriff machen kann?! [DTT.01_024,08] Ich für mich halte
dasselbe vom Knaben, was du hältst. Aber vor dem Volke muß
ich dessenungeachtet die alte Narrheit forttreiben
und von dem nicht die leiseste Spur merken lassen, daß
ich innerlich ganz einen andern Glauben habe, als den ich äußerlich zur Schau
trage! [DTT.01_024,09] Sollte es der Macht des
Knaben mit der Zeit gelingen, das Volk, wie nun uns, auf sich aufmerksam zu
machen, und daß es ihn als das erkennt und annimmt,
was er ist, dann wird er mit dem ganzen Tempel leicht fertig werden. Aber
eine alte Sache, an der sich gar so viele Interessen kreuzen, ist nicht
beiseite zu schieben wie ein alter Schrank, den man leicht ohne allen Anstand
wegwerfen und vernichten kann und stellen einen neuen an seine Stelle. [DTT.01_024,10] Das ist meine Ansicht,
die sicher der ganze Tempel mit mir teilt, und ich glaube kaum, daß mir da jemand eine Widerrede geben wird!“ [DTT.01_024,11] Sagte der Richter:
„Ja, gegen diese Ansicht läßt sich vorderhand
freilich wenig oder nicht viel einwenden. Aber eines kann dabei immerhin bemerkt
werden, und das besteht darin: Ihr – so ihr glaubt an des Knaben Sendung –
könnet doch immerhin das Volk auf den Knaben auf eine geeignete Weise
aufmerksam machen und zeigen, was nun in die Welt gekommen ist?!“ [DTT.01_024,12] Sagte der Joram:
„Diese Forderung gehört offenbar zu denen, die man billig nennen kann, und es
wird sich darin vielleicht auch etwas tun lassen! Aber es wird das immer ein
sehr gewagtes Unternehmen sein, das uns und dem guten Knaben recht viele Verlegenheiten bereiten dürfte! [DTT.01_024,13] Denn fürs erste bleibt
der Knabe sicher nicht im Tempel, da er etwa heute oder ganz gewiß morgen von seinen Eltern wieder nach Nazareth
geführt wird, das von hier doch ein wenig zu entfernt ist, um alle nach ihm
Fragenden dahin zu senden. [DTT.01_024,14] Fürs zweite aber
würden Hunderttausende uns ernstlich nach dem Grunde zu fragen anfangen,
warum er als der, als welcher er durch den Propheten verkündet ist, nicht in
dem ihm allein gebührenden Hause, das da eben der Tempel ist, Wohnung nehme! [DTT.01_024,15] Und was könnten wir da
dem Volke für einen Grund angeben, aus dem er Galiläa und Nazareth der Stadt
Gottes vorziehe? Bald würde das Volk sagen: ,Stadt und Tempel müssen sich
etwas Großes zuschulden haben kommen lassen; die
Sache muß untersucht und gesühnt werden!‘ [DTT.01_024,16] Kurz und gut, wir
könnten es anstellen, wie wir auch nur immer wollten, so würden wir im Volke
eine große Erregung wachrufen, die uns gar viel zu schaffen machen würde.
Daher, meine ich, dürfte es hier immerhin geratener sein, vorderhand dem
Volke davon beinahe keine Erwähnung zu machen, sondern die Sache ganz dem
Knaben und der Zeit selbst zu überlassen! [DTT.01_024,17] Was denn auch kommen
möge, wir wenigstens werden darauf schon durch diesen dreitägigen Akt
vorbereitet sein und werden uns selbst noch besser und tiefer vorbereiten
können! – Übrigens wolle nun der Knabe selbst reden und bestimmen, was er
haben will, denn seinem Willen wird sich's schwer zu widersetzen sein!“ 25. Kapitel – Des Jesusknaben scharfe Rede an die
heuchlerischen Templer als seine ärgsten Gegner. Die Mißbräuche im Tempel. [DTT.01_025,01] Sagte Ich: „Ich bin
nun da, um euch eine Kunde zu geben, daß Ich da
bin, um zu vollbringen die Werke dessen, der Mich gesandt hat, den ihr nach eurem
Geständnisse nicht kennet, den aber Ich wohl kenne, da Er in Mir wohnt in seiner
Fülle! [DTT.01_025,02] Moses verlangte Ihn zu
schauen und bekam den Rücken nur zu sehen – ward aber davon schon geblendet
drei Tage lang, und sein Antlitz strahlte dann so sehr, daß
er es verhüllen mußte, so er zum Volke kam; denn
dessen Augen hätten den Lichtglanz nimmer ertragen. [DTT.01_025,03] Ihr aber möget Mir nun
ganz wohl ins Angesicht schauen, und es blendet eure Augen kein
unerträglicher Lichtglanz! Warum? Weil dies Fleisch den, der in Mir wohnt,
verbirgt! Aber dessenungeachtet ist hier mehr denn
das, was dort war! Aber ihr merket es nicht, weil vor euren Augen die
dreifache Decke Mosis hängt und noch lange hängen
wird, auf daß ihr den ja nicht erkennen möget, der
aus den allerhöchsten Himmeln zu euch gekommen ist. [DTT.01_025,04] Mit dem Richter habt
ihr freilich wohl gut reden, da er euren ganz gut gestellten Worten nur sein
Gehör leihen kann, mit Mir jedoch zu reden ist etwas schwerer, weil Ich auch
die geheimen Gedanken eurer Herzen vernehme, die ganz anders lauten denn die
Worte eures Mundes! Darum auch seid ihr Mir in hohem Grade widerwärtig, weil
ihr euch wohl äußerlich rein waschet, aber inwendig in euren Seelen voll
Schmutz seid! [DTT.01_025,05] So euch der Richter,
in dessen Herzen kein Falsch ist, dazu aufforderte, das Volk auf Mich
aufmerksam zu machen und es zu erquicken mit der Erfüllung seiner Hoffnung,
warum suchet ihr da allerlei nichtige Umstände, denen zufolge so etwas gar
nicht angehen könnte?! [DTT.01_025,06] Ich sage es euch aber
ganz offen heraus: ihr – und nicht das Volk – wollet so etwas nicht, ihr
selbst seid Meine ärgsten Gegner! Allein, es macht das gar nichts; denn fürs
erste ist Meine Zeit noch nicht da, und fürs zweite ist eben dieser Tempel
von euch zu sehr entweiht worden, als daß Ich je darinnen Wohnung nehmen könnte! Wahrlich, euer Ansehen
soll durch Mich nimmer gesteigert werden! [DTT.01_025,07] Darüber schmollet ihr,
daß euch Moses verboten hat, euch von Gott ein
geschnitztes Bild zu machen. Aber das macht euch nichts, so ihr euch selbst
zu Göttern vor dem Volke machet und dasselbe lehret, daß
Gott ohne euch nichts tue, auch keine andere Bitte erhöre als nur die eures
Mundes. Saget, ob das zu tun Moses auch geboten hat?! [DTT.01_025,08] Ja, ja, ihr sollet das
Volk leiten auf den Wegen, die zum Himmel führen – denn das ist Gottes Wille,
und das hat Moses und sein Bruder Aaron geboten –; ihr aber tuet gerade das
Gegenteil und betrachtet euren Stand, Gott, Volk und den Tempel für nichts
anderes als für eine recht fette Melkkuh, die zu melken ihr allein ein Recht
von Gott aus zu haben vorgebet! [DTT.01_025,09] Ich aber sage es euch
ganz offen, daß euch Gott, den ihr verleugnet mit
jedem Atemzuge und mit jedem Pulsschlage, dieses Recht nie gegeben und eure
toten und maschinenartigen Gebete nie erhört hat, sie jetzt nicht erhört und
sie auch nie erhören wird! [DTT.01_025,10] Denn würde Gott euer
wildes Geplärr und euer Rabengekrächze erhören –
wahrlich, da müßte Ich doch auch etwas davon
wissen! Denn was der Vater weiß, das weiß auch der Sohn, oder: was Meine
Liebe weiß, das weiß auch Mein Verstand! Aber von einer jemaligen
Erhörung eures Gebetes weiß weder Meine Liebe noch Mein Verstand etwas! [DTT.01_025,11] Und dennoch saget ihr:
,So du, Mensch, zu Gott um etwas betest, da ist dir das zu nichts nütze, so
du aber uns ein Opfer bringst und wir für dich beten, dann ist dir unser
Gebet schon zu etwas nütze! Wir Priester allein dürfen beten mit Nutz, das
Volk aber darf nur Opfer bringen und also mitbeten
durch die reichlichen Opfer!‘ [DTT.01_025,12] So sauget ihr das Volk
aus doppelt: erstens nehmt ihr von allen Früchten den Zehent und alle
Erstgeburten der Haustiere und lasset euch für die Erstgeburt der Menschen
eine tüchtige Löse geben; und zweitens haranguieret
ihr das Volk ohne Unterlaß um Opfer und verheißet
ihm darum lange und anhaltende Gebete, die ihr dann aber nie vollbringt! [DTT.01_025,13] Denn ihr saget dann
wohl bei euch: ,Ob wir beten oder nicht beten, das nützt dem Opferbringer
ohnehin nichts. So ihm etwas nützt, da nützt ihm allein das Opfer, das er uns
gebracht hat in guter Meinung!‘ Und so tuet ihr auch das nicht, wofür ihr
euch habt zahlen lassen! [DTT.01_025,14] Mit wem soll Ich euch
da vergleichen? – Ihr seid allezeit wider Gott und gleichet vollkommen den
reißenden Wölfen, die in Schafspelzen einhergehen, damit die Schafe vor ihnen
nicht fliehen und sie dieselben mit ihren scharfen Zähnen ohne alle Mühe
erreichen und zerreißen können! Aber wie nun eure Arbeit, so wird euch auch
dereinst drüben im Seelenreiche der Lohn werden! – Ich sage euch das, und ihr
könnet euch darauf verlassen, daß für euch Meine
Verheißung nicht unterm Wege verbleiben wird!“ [DTT.01_026,01] Bei dieser Meiner Rede
ward der Oberpriester zornig und sagte: „Knabe, wer gab dir das Recht, uns
und den Tempel zu bedrohen?! Haben denn wir die Satzungen gemacht, nach denen
wir nun zu handeln haben?! So weise manche deiner früheren Reden waren, so unweise sind sie nun! Weißt du denn nicht, daß auf einen Hieb kein Baum fällt, und daß es eitel ist, etwas zu ändern, was durchaus nicht zu
ändern ist?! Ändere du das Volk, wenn du's kannst! Das Judenvolk ist ein
schon gar alter Baum, den man nicht mehr wie eine junge Haselstaude beugen
kann! [DTT.01_026,02] Wir wollen durchaus
nicht zweifeln, daß dir eine höhere Berufung von
Gott erteilt ist; aber darum mußt du die alten
Institutionen, die von Moses herrühren – wenn auch mit manchen nachträglichen
Beisätzen, die die Zeitverhältnisse erforderten – nicht mit Füßen treten und
uns als die Verwalter derselben nicht mit reißenden Wölfen in Schafspelzen
vergleichen! Denn wir haben noch niemand zerrissen; so wir aber Gottes- und
Tempellästerer gezüchtigt haben und die Ehebrecher, so taten wir nichts als
nur das, was Moses befohlen hat. Kannst du da sagen, daß
wir unrecht und wider die Satzungen Gottes gehandelt haben?! [DTT.01_026,03] So du mit uns redest,
da lege deine Worte in eine bessere Waagschale. Denn findest du etwas
Schlechtes an uns und am Tempel, so sage uns das mit kindlich-guten Worten,
und wir werden sehen, was sich da wird machen lassen! Aber mit Drohungen
wirst du mit uns nichts ausrichten!“ [DTT.01_026,04] Sagte Ich: „Mit eurer
Art hat noch nie jemand weder mit sanfter noch mit scharfer Rede etwas
ausgerichtet. Daher werdet ihr auch bleiben, wie ihr seid, bis ans Ende der
Welt! Darum aber wird die Gnade von euch genommen und den Heiden verliehen
werden! [DTT.01_026,05] Sehet über das große
Meer nach dem Weltteile Europa! Das ist von puren Heiden bewohnt, höchst
selten nur kommt ein Jude dahin. Dorthin wird die Gnade aus den Himmeln verpflanzt
werden! [DTT.01_026,06] In etlichen siebzig
Jahren aber wird man Jerusalem und den Tempel suchen und wird die Stelle
nicht mehr finden, wo die Stadt und wo der Tempel gestanden, und man wird
dann sagen: ,Ha, was liegt wohl an der alten Stelle, wo der Tempel gestanden?!
Nehmen wir die nächste beste Stelle und bauen da einen Tempel Salomonis und richten ihn ein, wie er früher eingerichtet
war!‘ [DTT.01_026,07] Ja, also werden sie
reden und also auch tun! Aber sowie sie am Tempel werden zu arbeiten
anfangen, wird aus der Erde ein mächtiges Feuer emporschießen, und die
Bauleute und das Material werden gar übel zugerichtet werden. [DTT.01_026,08] Bald auf mehrere
solche mißglückten Versuche werden mächtige
Heidenstämme von Morgen und Mittag in dies Land eindringen und es verwüsten,
und ihr werdet zerstreut werden auf der ganzen Erde und werdet verfolgt
werden von einem Ende der Erde bis zum andern! [DTT.01_026,09] Also wird es mit euch
geschehen, dieweil ihr euch eigenmächtig von den alten Satzungen Gottes
entfernt habt und habt dafür eure sehr weltsüchtig-menschlichen hingestellt
und habt euch gemästet von dem großen Gewinne, den euch die Handhabung eurer
Menschensatzungen abwarf. [DTT.01_026,10] Leset selbst die
Chronik des Tempels und seine geheimen Begebenheiten, und ihr werdet Dinge
schon seit den Zeiten der Propheten finden, vor denen sich jedes nur
einigermaßen menschlich gerecht denkenden Menschen Haare bis zur Spitze
Libanons hinan sträuben müssen! [DTT.01_026,11] Ist doch ein jeder
Priester und Prophet noch gesteinigt worden, der es sich ernstlich vornahm,
aus dem Hause Jehovas die abscheulichen Menschensatzungen auszuscheiden und
wieder die rein göttlichen einzuführen! [DTT.01_026,12] Wie lange ist es wohl,
daß der Oberpriester Zacharias, als er in reiner
Weise im Tempel opferte, von, sage, euren Händen erwürgt worden ist?! [DTT.01_026,13] Das Volk, das den
Zacharias hoch achtete und liebte, verlangte laut Kunde von euch, was mit dem
Manne Gottes geschah, als ein neuer Oberpriester an seine Stelle berufen
ward. [DTT.01_026,14] Da beloget
ihr das Volk auf eine überdreiste Weise und sagtet mit erheuchelter Ehrfurchtsmiene,
Zacharias habe im Allerheiligsten gebetet für das ganze Volk, da sei ihm
abermals der Engel des Herrn erschienen, dessen Angesicht mehr denn die
Mittagssonne leuchtete. [DTT.01_026,15] Und der Engel habe zum
erstaunten Manne Gottes gesprochen: ,O treuer Diener des Herrn! Dein irdisch
Tagwerk hast du vollendet, und du bist gerecht befunden worden vor Gott!
Darum sollst du nun verlassen diese Erde und mir folgen, wie du bist, mit
Leib und Seele gleich dem Henoch und Elias vor den
Thron des allmächtigen Gottes im Himmel, allwo ein
großer Lohn deiner harrt!‘ [DTT.01_026,16] Darauf habe Zacharias
mit schon ganz himmlisch verklärten Augen gen Himmel geblickt und sei in den
Armen des Engels augenblicklich aus dem Tempel und von dieser Erde
entschwunden! [DTT.01_026,17] Ihr aber habt dann
noch einen weißen Stein an die erlogene Stelle mit der Inschrift gesetzt:
,Zacharias, des Mannes Gottes, Verklärung!‘ Und damit habt ihr euch vor dem
Volke wieder weiß gewaschen und verehret dann mit dem Volke den Mann Gottes
mit allerlei Psaltern, während er da kniend betete, gleich Raubmördern überfallen
und erwürgt habt! [DTT.01_026,18] Wie es aber dem
Zacharias ergangen ist, so erging es gar vielen Propheten und wahren Hohenpriestern in der Ordnung Aarons! Nachher aber habt
ihr ihnen des Volkes willen gleich erhabene Monumente errichtet und ihnen bis
zur Stunde alle Verehrung erwiesen! [DTT.01_026,19] Saget, ob es anders
ist! – Ihr schweigt und seid nun stumm vor Angst, da Ich solches nun vor euch
aufgedeckt habe! Ihr dünket euch durch eure Stellung freilich sicher vor dem
Arme der Weltgerechtigkeit; ja, ja, der kann euch wohl leider nicht zu, weil
sich außer Mir kein Zeuge wider euch vorfindet! Aber Ich bedarf
für euch auch des Weltgerechtigkeitsarmes nicht – auch werde Ich selbst an
euch keine Hand legen und euch züchtigen. Aber so ihr verharret in eurer
Verkehrtheit, so wird das an euch geschehen, was Ich euch ehedem angekündigt
habe! – Nun habe Ich geredet, redet nun ihr!“ [DTT.01_026,20] Hier machte der
Richter eine böse Miene und sagte zu Mir: „So Du es willst, mache ich mit
diesen Larven von Gottesdienern einen kurzen Prozeß!
Denn mir genügt Dein Zeugnis vollkommen!“ [DTT.01_026,21] Sagte Ich: „Laß das gut sein! Denn sieh, Ich hätte ja Gewalt zur
Übergenüge in Meinem Willen und könnte sie vernichten im schnellsten Augenblicke.
Aber weder du noch das Volk und ebensowenig Ich
würden dabei etwas gewonnen haben! Es genügt nun, daß
wir ihre starke Nacht etwas dämmerlich gemacht
haben, ein plötzlich eintretender Tag würde sie erst recht blind machen, und
mit ihnen das ganze Judenvolk. Das würde aber geschehen, so du sie nun ihrer
übervielen gröbsten Sünden wegen zur schärfsten Ahndung zögest. – Diese
werden sich in ihre gelegten Netze selbst verstricken und darinnen
zugrunde gehen! [DTT.01_026,22] Es ist aber dem
Menschen auf Erden überall ein Maß gestellt, wie fürs Gute also auch fürs
Schlechte; im gleichen aber ist auch einem jeden Institute und jedem Volke
ein Maß gestellt. Wenn es voll wird des Göttlich-Guten, dann wird das Volk
und sein Land anfangen zu triefen vom Segen; wenn aber ein Volk und sein Land
voll wird des Schlechten, dann ergeht über dasselbe aber auch unnachsichtlich ein strenges Gericht. Das Volk hat
ausgespielt seine schlechte Rolle, und das Land wird in eine Wüste
verwandelt, wie es auch in nicht gar ferner Zeit mit diesem Lande der Fall
sein wird! [DTT.01_026,23] Wer es fassen kann und
will, der fasse es! Es ist nun die Zeit nahe herangerückt, in der man den
argen Menschen von den Dächern herab zurufen wird, wessen Geistes Kinder sie
sind, und ihre Taten wird man ihnen von den Stirnen ablesen können! Denn aus
der Schule Ich geschöpft habe, was Ich weiß, aus derselben Schule werden
dereinst viele Jünger Meiner Liebe schöpfen und dann auch wissen, was Ich
weiß, und tun, was Ich tue! Aber noch ist die Zeit nicht völlig da. Wenn sie aber
völlig da sein wird, werdet ihr schon vernehmen und euch danach richten können. [DTT.01_026,24] Ich habe nun geredet!
Wer noch etwas zu reden hat, der rede; denn Ich
werde nur noch eine ganz kurze Zeit Mich unter euch aufhalten, da die, die
Mich verloren zu haben meinen, bald Jerusalem erreichen und Mich hier finden
werden!“ 27. Kapitel – Joram erkennt den Jesusknaben als Messias
an, bittet Ihn um Rat und um die Erklärung von Jesaias 52,14 und 53,3. Des Jesusknaben ausführliche
Antwort. [DTT.01_027,01] Sagte Joram: „Lieber
Knabe, uns tut es wahrlich recht sehr leid, wenn wir Dich irgend beleidigt
haben, und daß Du uns nun schon so früh zu verlassen
gedenkst! Höre mich, Du lieber göttlicher Knabe! Denn ich will nun noch ganz
offen ein paar Wörtlein zu Dir reden und bin der
Meinung, daß Du sie mir nicht übel deuten wirst,
und so ich Dich dann um einen Rat bitten werde, da wirst Du Deinen Mund vor
uns und vor mir nicht verschließen?!“ [DTT.01_027,02] Sagte Ich: „So rede
denn, obwohl Ich weiß, was du reden wirst und welchen Rat du benötigst; aber
sprich du dich dennoch der andern wegen laut aus, denn sie haben es nötiger,
das laut zu vernehmen, denn wir beide!“ [DTT.01_027,03] Hierauf trat Joram
näher zu Mir hin und sagte: „Daß Du unfehlbar
derjenige bist, der uns verheißen ist und auf dessen Ankunft alle Juden und
mit ihnen auch die andern Völker harren, darüber sind bei mir alle Zweifel
gewichen, und was mir die Augen am meisten geöffnet hat, war Deine höchst
genaue Kunde von dem innersten losen Tempelgetriebe schon seit alters her! [DTT.01_027,04] Denn es ist also und
ist schon lange also, und weil es leider also ist, war auch allein der Grund,
daß sich das bedeutende Land Samaria von uns
gänzlich getrennt hat und wir nun mit Galiläa nicht um vieles besser stehen
als mit Samaria. Von Geist ist bei uns nun gar nichts mehr. Nur durch eine
notgedrungene Politik erhalten wir noch das bißchen
Ansehen des Tempels. [DTT.01_027,05] Ich war zwar ein
genötigter Teilhaber an der schwarzen Disziplin der Mauern Salomos, konnte aber, wenn auch das Übel einsehend, als
ein einzelner Mensch nichts gegen sie tun, da bei uns jeder effektive Beschluß vom großen Rate abhängt und da stets die
Stimmenmehrheit den leidigen Ausschlag gibt. Ich war mit meiner einzelnen
Stimme wohl bei solchen Gelegenheiten, wie Du sie vor uns aufgedeckt hast,
nie dafür, sondern allzeit dagegen, aber das hat den Verurteilten keinen
Nutzen gebracht. [DTT.01_027,06] Ich sehe es nur zu
klar ein, daß sich der Tempel so nicht mehr sieben
Dezennien halten kann, und dennoch ist es für dieses alte, ehrwürdige
Institut ewig schade, daß es offenbar zugrunde wird
gehen müssen, und das nun um so sicherer, als uns in der nächsten Nähe noch
die Essäer und die Sadduzäer stark über den Kopf zu wachsen anfangen. [DTT.01_027,07] Aber hier fragt es
sich nun ganz ernstlich um den Rat, was da zu tun noch möglich sein könnte,
um den Tempel den nächstfolgenden Jahrhunderten zu erhalten! In Dir, Du
göttlicher Knabe, scheint jene Weisheit in aller Fülle vertreten zu sein, die
hier nach meiner Meinung allein einen maßgebenden Rat erteilen könnte? [DTT.01_027,08] Und nun schließlich,
da Du schon der Verheißene sein sollst – woran ich, wie gesagt, für meine
Person nicht den geringsten Zweifel mehr habe – noch etwas höchst Sonderbares
über den Messias eben aus dem Propheten Jesaias! [DTT.01_027,09] Hier hast Du das 53.
Kapitel – da sieht es mit dem erhabenen Messias, der identisch mit Jehova ein
und dasselbe Wesen ist, ganz sonderbar aus! Es wird seiner menschlichen
Wesenheit Erwähnung getan, wo es heißt, daß sich
viele über Ihn ärgern werden, weil seine Gestalt häßlicher
ist denn die anderer Leute und sein Ansehen denn das anderer Menschenkinder.
(Jes.52,14) [DTT.01_027,10] Und da, sieh, wieder
weiter heißt es: ,Er war der Allerverachtetste und
Unwerteste, voller Schmerzen und Krankheit. Er war verachtet, daß man das Angesicht vor Ihm verbarg; darum haben wir
Ihn nicht geachtet!‘ (Jes.53,3) [DTT.01_027,11] Wahrlich, wenn ich
Deine vollkommen gesunde Gestalt, die dazu noch von großer Anmut ist,
betrachte und nun auch sehe, wie Du geachtet bist, so stimmt das mit dem
Propheten wohl durchaus nicht zusammen! Oder was hat der Prophet damit sagen
wollen?“ [DTT.01_027,12] Sagte Ich: „Ja, das
wird das endliche vollwahre Zeichen sein, daß eben
Ich der Verheißene bin! Denn an Mir wird das alles vollzogen werden beinahe
buchstäblich, was da gesagt ist. Was jedoch Meine Leibesgestalt anbelangt, so
hat die Aussage des Propheten darauf keinen Bezug, sondern der Prophet drückt
da bildlich entsprechend nur die gänzlich verkehrte Gemütsart und Denkweise
der jetzigen Menschen aus, der gegenüber Meine Gemütsart und Denkweise sich
ausnehmen wird wie eine häßliche Gestalt, die da
verkümmert ist durch allerlei Krankheit und viele Schmerzen. [DTT.01_027,13] Ich werde darum bei
den Angesehenen und Reichen dieser Welt auch sehr verachtet sein, und man
wird fliehen vor Mir wie vor einem Aase, und so es von oben zugelassen wird,
wird man Mich verfolgen wie einen ärgsten Verbrecher, wie sich solches nun
schon bei euch augenfällig gegen Mich zeigte. Denn stünde Ich, als vor euch
ein Menschenkind, nicht unter römischem Schutze, und es wäre die Zeit der
Zulassung über Mein Außenmenschliches schon da, so wäre Ich lebend nimmer aus
euren Händen gekommen. [DTT.01_027,14] So wie ihr aber nun
zum größten Teile seid, also werdet ihr auch fortan bleiben, bis dereinst das
große Gericht über euch ergehen wird, von dem der Prophet Daniel geweissagt
hat, als er an der heiligen Stätte stand! [DTT.01_027,15] Aber es könnte das
alles auch anders gehen, so ihr eure große Irre erkennetet,
Buße tätet und euch bekehrtet gänzlich! Aber es wird das mit euch schwerlich
je der Fall werden, und somit ist der von Mir euch zu gebende und hiermit
auch schon gegebene Rat ein fruchtloser! Denn ihr hängt zu mächtig an eurem
Weltansehen und an euren irdischen Schätzen, und diese werden euch in das Gericht
stürzen! Nicht Ich werde je über euch den Stab brechen – obwohl Ich es könnte
zufolge Meiner Macht –, sondern ihr selbst und euer Welttum
wird das über euch tun! [DTT.01_027,16] Aber du meinst nun,
Ich solle euch nun nur eine rechte Weisung geben – ihr würdet darüber zu Rate
sitzen und beraten, wie solches unvermerkt dem Volke beizubringen wäre? Ja,
ja, ihr würdet darüber wohl einen Rat halten, und euer Geld und Weltansehen
würde dann euch entgegentreten und sagen: ,Wir bleiben, was wir sind, und
wollen erst abwarten, ob jenes Gericht je über uns hereinbrechen wird; denn
ein so altes und gefestigtes Institut soll sich denn doch nicht von einem galiläischen
Knaben ins Bockshorn treiben lassen!‘ – Dann wird Mein Rat mit der
Stimmenmehrheit verworfen, und ihr werdet also sein wie jetzt und eigentlich
noch um vieles ärger! [DTT.01_027,17] Tuet hinweg euer
vieles Gold und Silber, hinweg eure vielen und überkostbaren Edelsteine und
die große Masse Perlen. Teilet vieles unter die Armen, und das viele Mehrere
gebet dem Kaiser, der allein das Recht hat, die Schätze der Erde zu sammeln
und sie zu gebrauchen zur Zeit der Not. Lebet allein von dem, was euch Moses
bestimmt hat, bereuet die vielen Frevel und sühnet die großen Sünden durch
Werke der wahren Nächstenliebe. Habet keine Geheimnisse vor dem Volke,
sondern seid wahrhaftig, gerecht und getreu in allen euren Reden und
Handlungen, und verharret aber immer bei dem, und werdet gegen vom Geiste
Gottes erweckte Menschen niemals halsstarrig: so wird das Gericht unterm Wege
verbleiben und der Tempel bestehen bis ans Ende der Welt! [DTT.01_027,18] Denn Gott der Herr
will die Menschen zu keinen Maschinen seiner Allmacht, sondern zu ganz
freien, selbsttätigen und selbständigen Kindern will Er sie haben! Er bedarf
eurer Opfer und eurer Gebete ewig nicht, sondern Er will, daß
ihr in euren Herzen Ihn erkennet, Ihn über alles liebet und eure nächsten
armen Brüder wie euch selbst. Tuet ihnen alles, was ihr weisermaßen
wollen könnet, daß sie solches auch euch täten, so
werdet ihr bei Gott alle Gnade wiederfinden und werdet Ihm angenehm sein, wie
einer Mutter ihre liebsten Kinder, und Er wird euch schirmen, wie eine Löwin
ihre Jungen, und sorgen für euch, wie eine Henne für ihre Küchlein! [DTT.01_027,19] Könnet ihr das tun? –
O ja, ihr könntet es wohl tun, so ihr dazu den rechten Willen hättet, aber an
dem fehlt es euch und hat euch immer daran gefehlt, und somit habe Ich nun
wie alle die vor Mir dagewesenen Propheten und Seher zu tauben Ohren und
Herzen geredet!“ 28. Kapitel – Des Jesusknaben Erweis, daß der Tempel und das ganze Land nicht mehr zu reinigen und zu retten sind.
Die neue Bundeslade und das ,Verfluchte Wasser‘. [DTT.01_028,01] Sagte Joram: „Das
möchte ich denn doch noch nicht als eine ausgemachte Sache ansehen! Denn es
kommt Zeit, und es kommt Rat, und so Salomo recht hat mit dem, daß er behauptet, daß in der
Welt alles eitel ist, so könnte es ja doch einmal sein, daß
Deine nunmalige Prophezeiung auch in das Fach des
Eitlen übergehen könnte und wir dennoch Deinen wahrhaft höchst zu
beherzigenden Rat ins Werk setzten! Denn siehe, wir mehrere sind einmal sehr
einverstanden mit Dir! Freilich sind wir wohl der allerwenigste Teil der
Tempelbewohnerschaft, aber so ziemlich die Allerhöchsten dürften wir da sein
und somit auch ohne weiteres maßgebend! – Was meinst Du da?“ [DTT.01_028,02] Sagte Ich: „Also aber
war es in diesem Hause schon öfter und manchmal sogar um vieles besser, und
dennoch drang der bessere Teil niemals durch, sondern allzeit der große
Haufe, der stets den größten Lärm zu schlagen verstand! Aber Ich sage es dir
und jedem, der da denkt wie du und aber auch bei sich danach tut – denn auch
bei den übervielen Bösen wird der einzelne Gerechte vor dem Angesichte Gottes
nicht unbeachtet bleiben –: [DTT.01_028,03] Ihr im allgemeinen
habt euch wohl eine neue Bundeslade anfertigen lassen und habt euch
angeschafft ein neues Gefäß zur Aufbewahrung des von keinem Propheten
angeratenen ,Verfluchten Wassers‘, welches da ist eine schlechteste Erfindung
und Einführung der neueren Zeit! Wahrlich, das war unnötig, sowohl die Lade
wie das Gefäß! Warum habt ihr dafür nicht lieber eure Herzen durch eine
rechte Buße in Gott erneuert und euern alten Weltsinn
umgewandelt in den der wahren Liebe und Barmherzigkeit?! [DTT.01_028,04] Wahrlich, Ich sage
euch: Die alte Bundeslade, voll des Geistes aus Gott, steht in Mir nun vor
euch und sagt euch ganz offen ins Gesicht, daß in
eurer neuen Bundeslade sich kein Sonnenstäubchen groß irgendeines Geistes
Gottes befindet, wohl aber eine Überfülle des alten, bösesten Märengeistes, der in euren Herzen ausgeboren wird; und
das Verfluchte Wasser sind die schlechten Tränen um so manche Weltlichtsverluste, von denen ihr euch die größten
Gewinne erhofftet, und diejenigen, die euch verrieten gegen die Römer, so ihr
sie in eure Klauen habet bekommen können, sind zumeist am Verfluchten Wasser elendigst gestorben! [DTT.01_028,05] Aber von nun an wird
euch das selbst tausendmal verfluchte Wasser nichts mehr nützen! Es war zwar
wohl dereinst ausgemacht worden, daß jene, die
einen Tempelverrat in den göttlichen Dingen gegen die Feinde Jehovas machten
– als da waren die Philister und derart sehr böse und finstere Heiden vor
alters –, das böse Wasser aus dem Toten Meere sollten zu trinken bekommen,
und täte ihnen das Wasser kein Leids, sie als unschuldig zu betrachten wären,
wogegen, so ihnen die Bäuche aufgetrieben würden, sie als Schuldige ihrem
argen Schicksale überlassen werden sollten und zugrunde gehen an den Folgen
und Wirkungen des toten Wassers. Aber seit wie lange ist diese Satzung in
eine ganz andere übergegangen! [DTT.01_028,06] Wie viele Tausende
sind schon an den Folgen eures neueren Giftwassers zugrunde gegangen, ohne daß sie den allergeringsten Verrat des rein Göttlichen
aus dem Tempel an irgendeinen bösen Heiden gemacht haben! Warum nahmt denn
ihr selber nicht das tote Wasser, da eben ihr selbst den Heiden geheim – aber
freilich um viel Gold – das Allerheiligste zur Besichtigung gar oftmals
aufgeschlossen habt?! [DTT.01_028,07] Siehe, das und noch
viele andere Dinge gehen hier im Tempel vor, ja dieses sein sollende
Gotteshaus auf Erden ist zu einer wahren Raubmörderhöhle geworden. Da gibt es
keinen Greuel, der in diesem Tempel nicht wäre zu öfteren Malen verübt worden! Meinet ihr wohl, daß solch eine Stätte noch immer gut genug wäre, Gott dem
Herrn eine Wohnstätte abzugeben?! Wahrlich, mit dem Schwerte, an dem das Blut
deines Bruders haftet, sollst du nimmer ins Feld ziehen, denn daran hängt
schon ein alter Fluch, und du wirst damit nimmer einen Sieg erfechten! [DTT.01_028,08] Ja, eure Herzen könnet
ihr noch reinigen, so ihr ernstlich wolltet, aber dies Gemäuer nimmer! Habt
ihr doch selbst ein Gesetz, demzufolge ein ganzes Land, ein Haus, ein Acker,
ein Haustier und ein Mensch durch eine gröbste Sünde wider den Geist Gottes
für immerdar verunreinigt werden können – warum dieser Tempel nicht, in dem
zu verschiedenen Malen die größten und himmelschreiendsten Greuel verübt worden sind?! [DTT.01_028,09] Ich aber sage es euch:
Nicht nur dieser Tempel, sondern das ganze Land ist schon seit lange her unwiederrett- und -reinigbar über alle Maßen verunreinigt
und wird darum in jüngster Folge von den Heiden zertreten und zu einer Wohnstätte
der Räuber und reißenden Tiere werden. [DTT.01_028,10] Damit habe Ich euch
nun Meine Meinung ganz unverhohlen preisgegeben, und ihr könnt nun damit
machen, was ihr wollt!? Denn Ich werde euch bald verlassen, und was Ich
geredet habe, habe Ich nur vor euch geredet und vor sonst niemandem, obwohl
Ich allezeit wußte, wie es um euch steht, und werde
auch zu niemandem weiterreden, da solches fruchtlos wäre! Aber ihr könntet,
so ihr wolltet, die Sache noch ändern, doch dieses Gemäuer würde zu nichts
mehr taugen! – Verstehet ihr das?“ 29. Kapitel – Die hänselnde Frage des Oberpriesters.
Des Jesusknaben abweisende Antwort. Barnabes Bitte um
Erklärung von Jesaia 54,4-9, und ihre Erfüllung durch den Herrn. [DTT.01_029,01] Sagte nun einmal
wieder der Oberpriester darauf: „Sage mir denn nun, du Halbgott und
Halbmensch von einem Knaben aus Galiläa, wohin wirst du ziehen, daß wir dich hinfür lange nicht
mehr zu sehen bekommen sollen? – Ich aber meine, indem du ein Nazaräer bist,
und zwar ein Sohn des mir wohlbekannten Zimmermanns Joseph und dessen Weibes
Maria, und ich oder jemand von uns jährlich sicher ein, zwei, auch drei Male
jene galiläischen Orte besuchen werden, so sollte es etwa ja nicht so besonders
schwer werden, dich dort als sicher eine sehr bekannte Persönlichkeit zu
Gesichte zu bekommen und sich mit dir weiter über eine Reorganisation des
Tempels zu besprechen?! – Was meinst du, junger Prophet aus Galiläa, in
dieser Hinsicht?“ [DTT.01_029,02] Sagte Ich: „So dein
Herz bei deinen Mich nur hänseln wollenden Worten auch dabeigewesen
wäre, so hätte Ich dir allerdings noch eine Antwort gegeben; aber so bist du
keiner andern wert als der allein, die du nun erhalten hast! [DTT.01_029,03] Du kannst ein- oder
tausendmal nach Nazareth kommen, so wirst du Mich doch nie wieder zu sehen
und noch weniger zu reden bekommen. Denn wann du kommen wirst, werde Ich
schon lange voraus wissen, wo aber dann Ich hinziehen werde unterdessen, das
wirst du nicht wissen und keiner deiner Templer! [DTT.01_029,04] Ich sage es dir, daß es ein sehr schweres ist, den zu suchen und zu
finden, der allwissend ist! Ja, wenn die Zeit der Zulassung kommen wird von
dem Geiste, der in Mir ist, dann werdet ihr Mich wiederfinden! – Oder: ihr
alle befolget Meinen Rat, dann werde Ich auf Mich nicht lange warten lassen
und selbst kommen zu euch; aber sonst nur dann, wie Ich schon bemerkt habe!“ [DTT.01_029,05] Auf diese Meine
Äußerung sagte der Oberpriester nichts mehr, denn es ärgerte ihn heimlich
sehr, daß Ich ihm als Stellvertreter des Hohenpriesters keine Achtung zollte. Aber die andern
sahen das gerade nicht ungerne, weil er für sie ein starker Haustyrann war. [DTT.01_029,06] Hierauf trat wieder
einmal Barnabe zu Mir und sagte: „Sage mir, du
weisester Knabe! Wie verstehst du denn folgende Texte des 54. Kapitels des
Propheten Jesaias? Sie besagen den Trost auf Zion
und lauten: [DTT.01_029,07] ,Fürchte dich nicht,
denn du sollst nicht zuschanden werden; werde nicht blöde, denn du sollst
nicht zum Spotte werden, sondern du wirst der Schande deiner Jungfrauschaft
vergessen und der Schmach deiner Witwenschaft nicht mehr gedenken! [DTT.01_029,08] Denn der, der dich
gemacht hat, ist dein Mann, Herr Zebaoth ist sein Name; und dein Erlöser, der
Heilige in Israel, der aller Welt Gott genannt wird. [DTT.01_029,09] Denn der Herr hat dich
lassen im Geschrei sein, daß du seist wie ein
verlassenes und von Herzen betrübtes Weib und wie ein junges Weib, das verstoßen
ist, spricht dein Gott. [DTT.01_029,10] Ich habe dich einen
kleinen Augenblick verlassen; aber mit großer Barmherzigkeit will Ich dich
sammeln. [DTT.01_029,11] Ich habe Mein
Angesicht im Augenblicke des Zornes ein wenig vor dir verborgen; aber mit
ewiger Gnade will Ich Mich deiner erbarmen, spricht der Herr dein Erlöser. [DTT.01_029,12] Denn solches soll mir
sein wie das Wasser Noahs, da Ich schwur, daß die Wasser Noahs nicht mehr
sollten über den Erdboden gehen. Also habe Ich denn auch geschworen, daß Ich nicht über dich zürnen, noch dich schelten will.‘ [DTT.01_029,13] Siehe, diese sehr
gewichtigen Verse Jesaias scheinen mir trotz deiner
Drohungen für Jerusalem und für den Tempel wieder sehr günstig und trostvoll
zu lauten! Kannst du diese Texte auch auf dich beziehen, dann wollen wir dir
ganz glauben, daß du vollernstlich der verheißene
Messias bist, und der ganze Tempel wird niedergerissen und auf dem reinen
Berge Libanon ein neuer erbaut werden für alle Zeiten der Zeiten!“ [DTT.01_029,14] Sagte Ich: „Was bis
jetzt von Mir geschrieben stand, das war auch möglich, es euch begreiflich zu
machen; was aber Mich betrifft und Mein Wirken von nun an weiter hinaus, das
wird euch schwerst und schon eigentlich gar nicht
begreiflich zu machen sein! [DTT.01_029,15] Denn diejenige
,Jungfrau‘, die sich nicht fürchten soll, zuschanden zu werden, und nicht
blöde sein soll, um nicht zum Spotte zu werden, sondern die der Schande der
Jungfrauschaft nicht mehr gedenken soll und vergessen der Schmach der Witwenschaft,
ist ja nicht etwa Jerusalem und sein Tempel, denn wahrlich, da paßten die bildlich entsprechenden Bezeichnungen
,Jungfrau‘ sowenig wie die ,Witwe‘ schon ewig
nimmer! [DTT.01_029,16] Die ,Jungfrau‘, von
der da die Rede ist, die wird von Mir erst gemacht werden: es wird dies sein
Meine neue Lehre an die Menschen aus den Himmeln, und sie wird darum eine
,Jungfrau‘ genannt, weil zuvor noch nicht eine selbstsüchtige und hurerisch freche Priesterschaft sie mißbraucht
hatte zu ihren schnöden weltlichen Zwecken. [DTT.01_029,17] Diese Meine künftige
Lehre wird aber auch auf eine kurze Zeit Witwe genannt, weil Ich ihr da
genommen werde durch euren Zorn und durch eure Rache, aber nur durch
Zulassung dessen, der in Mir ist und nirgends außer Mir. Dieser Jungfrau und
Witwe Mann aber werde eben auch Ich sein, weil sie von Mir gemacht wird! Wer
aber eben der Mann ist, der die Jungfrau und die Witwe gemacht hat, das leset
nur im Propheten, wie auch die ihr gemachten Verheißungen; denn Ich bin der
Mann, und die Verheißungen gehen nur die geheimnisvolle Jungfrau an. [DTT.01_029,18] Es werden viel später
auch Zeiten, wie sie Daniel beschrieben hat, kommen, in denen auch mit dieser
reinsten Lehre großer Mißbrauch getrieben wird,
aber mit der Jungfrau selbst nimmer, sondern mit den Kindern und
Kindestöchtern der reinen Jungfrau und kurzsichtigen Witwe. Natürlich, diese
werden keine Teilhaber Meiner Verheißungen werden, allein wohl aber die
gewisse ,Jungfrau‘, entsprossen aus Meinem Munde, und ihre vielen reinen
Kinder! [DTT.01_029,19] Siehe, also wird die
Sache ausfallen und sich verhalten und ewig nimmer anders werden! Denn mit
euch und eurem Tempel werde Ich hinfort ewig in keiner Gemeinschaft mehr
stehen. Ich kam wohl zu euch, um euch zu erretten; ihr aber habt Mich nicht
erkannt und aufgenommen. Fernerhin werdet ihr zu Mir kommen, wenn euch der
böse Schuh zu drücken anfangen wird, doch dann werde Ich euch nimmer erkennen
und nimmer aufnehmen! – Habt ihr Mich wohl verstanden?“ [DTT.01_029,20] Sagte Barnabe: „Wahrlich, um dich mit leichtem Gemüte zu ertragen,
dazu gehört sehr viel Geduld, denn du wirst stets dichter und eigentlich
gröber! Aber sei ihm nun, wie ihm wolle: wir werden diese Sache denn doch
noch ein wenig abwarten! Die Sache mit dir kommt mir immer so vor wie mit
einem Blitze, der bei seinem Entstehen plötzlich ein mörderisch starkes Licht
erzeugt und durch seinen ihn begleitenden Donner die Erde sogar beben macht;
aber es ist dann gleich aus mit ihm, und nach ihm wird es finsterer als es
früher war! [DTT.01_029,21] Weißt du, – du bist in
deiner Art offenbar ein Phänomen, das seinesgleichen sucht, und du hast uns
bei all deinem Trotze dennoch recht viel Vergnügen gemacht! Deine Talente,
Junge, wären zu brauchen, aber du solltest da in eine ganz andere und freiere
Erziehung kommen und mit deinen wahrlich großartigen und nie dagewesenen
Eigenschaften ein bißchen mehr Humanität vereinen,
so wärest du für späterhin ein Mensch in der Welt, wie es noch kaum je einen
zweiten gegeben hat! Aber mit deiner stets gleichen Schroffheit wirst du
unter den Menschen auf der Welt dir sehr wenig Freunde machen! Wenn du in
deiner sonderbaren Naturmacht noch zunimmst und du zwar keinen Feind zu
fürchten hast, so wirst du wohl von jedermann gefürchtet, aber nie geliebt
und geachtet werden. Mir aber ist es lieber, von allen Menschen geliebt als
gefürchtet zu werden! – Welcher Meinung bis du selbst oder jemand anderer?“ [DTT.01_029,22] Sagte Ich: „O ja, du
hättest ganz recht, so alle Menschen rein und gut wären! Aber da es ganz
verschiedenartige Menschen auf der Erde gibt, von denen einige gut und viele
andere schlecht, meineidig und böse sind, da wäre es wahrlich eine sehr
schwere Aufgabe für einen Gerechten und Wahrhaftigen, sich also zu stellen,
um von allen gleich geliebt zu werden! Man müßte
mit dem Bösen böse und mit dem Guten gut sein, und siehe, das ist ebensowenig möglich, als eine Art Licht zu sein, das
zugleich die größte Helle und auf demselben Flecke aber auch die allerdickste
Finsternis verbreitet! [DTT.01_029,23] Ich sagte es dir: Die
wahren Freunde der ewig unwandelbaren Wahrheit aus Gott, die werden Mich schon
lieben, und das über alle Maßen; aber Menschen, die die göttlichen Gesetze
und Wahrheiten mit Füßen treten und leben, als gäbe es gar keinen Gott mehr,
die sollen Mich immerhin fürchten! Denn derlei Menschen und weltsüchtige
Gottesleugner sollen Mich dann kennenlernen, daß
Ich durchaus keinen Scherz verstehe und jedem vergelte nach seinen Werken;
denn Ich allein habe die ewig allervollkommenste Macht dazu.“ [DTT.01_029,24] Sagte Barnabe lächelnd: „Aber Knabe, was sprichst du von ,ewig‘
und zählst noch kaum zwölf Jahre!? Wohin versteigt sich dein Messiaseifer?! Bleibe schön bei der Natürlichkeit, und
wir werden dich recht gern anhören!“ [DTT.01_029,25] Sagte Ich: „Gehe, du
wirst Mir nun schon widrig! Meine Ich denn etwa damit diesen Leib, der
freilich erst zwölf Jahre auf dieser Erde besteht?! Habe Ich denn euch allen
nicht schon gestern von der Ewigkeit desjenigen Geistes eine hinreichende Erklärung
gegeben, der in Mir ist und wirkt?! Was wirfst du Mir da Meinen sich
versteigenden Messiaseifer vor?! Verstehe etwas
zuvor, dann erst siehe, ob du mit Mir Reden führen magst, und das offenbar
über Dinge, die dir noch ferner und unbekannter sind als der entfernteste Pol
der Erde!“ 30. Kapitel – Des Nikodemus Frage nach
den Polen der Erde. Des Jesusknaben Antwort. Der Freundschaftsbund zwischen Nikodemus und dem Jesusknaben. [DTT.01_030,01] Hier erhob sich ein
anderer Ältester und sagte: „Nun, was weißt du denn von einem entferntesten
Pole der Erde?! Geh und sage mir etwas davon, denn ich habe davon schon
einmal von einem vielgereisten Griechen etwas reden hören.“ [DTT.01_030,02] Sagte Ich: „Ich weiß
nicht nur um die Pole der Erde, sondern sehr genau um alle die ewig weiten
Pole aller Himmel Gottes! Aber um dir davon einen Begriff zu verschaffen, müßte Ich dir mindestens auf tausend Jahre einen Lehrer abgeben!
Also das geht nicht; aber da sage Ich dir ganz etwas anderes: [DTT.01_030,03] Jene, die in Meiner
Lehre einst sein werden, denen werde Ich geben Meinen Geist, der sie zu den
wahrsten Kindern Gottes machen wird und wird sie leiten in alle Wahrheit und
Weisheit, und es soll wahrlich die Unendlichkeit naturmäßig und geistig
nichts in sich bergen, das ihnen fremd bleiben soll! [DTT.01_030,04] Wirst du etwa ein
Jünger Meiner Lehre werden, so sollst auch du von den Gaben des Geistes
Gottes etwas zum Verkosten bekommen und die Pole
der Erde besser kennenlernen, als du sie bis jetzt kennengelernt hast!“ [DTT.01_030,05] Der Fragesteller
machte bei dieser Meiner Antwort große Augen und schrieb sich das fein hinter
die Ohren, denn er war noch nicht alt, aber einer der Weisesten unter den
Ältesten. Denn den Titel Ältester bekam oft ein ganz junger Mensch, wenn er
das hierzu erforderliche Vermögen, d.h. Gold und auch Verstand zur Genüge
besaß! Und an dem hatte es bei Meinem Fragesteller keinen Mangel. – Sein Name
war Nikodemus, der später bei Meinem Lehrantritt
geheim auch im Ernste Mein Jünger wurde, wie solches nun schon bekannt ist. [DTT.01_030,06] Dieser Älteste hatte
sich alle Meine Reden geheim am tiefsten in sein Herz geschrieben und hatte
sehr darauf geachtet. Er erhob sich von seinem Sitze, kam zu Mir und drückte
Mir freundlichst Meine Hände und sagte zu Mir ganz heimlich: „Lieber,
holdester Wunderknabe! Wenn du etwa wieder einmal nach Jerusalem kommen
solltest, da besuche mich ganz allein, wir zwei werden miteinander leicht
gleich werden! Und brauchen deine Eltern irgend etwas,
so sollen sie sich nur an Mich allein wenden! Ich heiße Nikodemus.“ [DTT.01_030,07] Und Ich drückte ihm
auch ebenso freundlich die Hand und sagte: „Wenn du etwa einmal nach Nazareth
kommst, so wirst du aus eurem ganzen Kollegium der einzige sein, der Mich
finden wird. Und so dir etwas fehlt, da komme du zu uns, und Ich werde dir
helfen in allem, was dir je not tun kann! Im
übrigen aber nehme Ich deinen guten Willen schon fürs Werk an. [DTT.01_030,08] Da du aber zugleich
ein bleibender Vorsteher aller Bürger Jerusalems bist, so habe auch darauf
acht, daß von seiten des
höchst herrschsüchtigen Hohenpriesters, der Mir
nicht die Ehre geben wollte, nicht zu arge Bedrückungen in und außer dem
Tempel verübt werden und Ich nicht genötigt werde, das Gericht vor der Zeit
über diese Stadt hereinbrechen zu lassen. [DTT.01_030,09] Gedenke Meiner! Mein
Name heißt Jesus Emanuel, und Mein Geist heißt Jehova Zebaoth! Nun weißt du,
woran du bist! Vertraue und baue auf Mich, und du wirst den Tod nicht sehen!“ [DTT.01_030,10] Als Nikodemus von Mir diese Worte vernahm, da frohlockte er
heimlich in seiner Seele, aber seine Kollegen ließ er nichts davon merken. [DTT.01_031,01] Es rieb sich aber nun
der römische Richter die Stirn und sagte mit sehr lauter Stimme: „Höret nun
auch noch einmal mich! – Nach all dem, was ich mit scharfem Blicke seit nun
drei Tagen an diesem Knaben bemerkt, von Ihm vernommen und gesehen habe, so
geht da auch mit den gröbsten Händen leicht zu greifen klarst hervor, daß Er durchaus ein anderes Wesen ist als wir armseligen,
überaus schwachen und sterblichen Menschen dieser Erde! [DTT.01_031,02] Er gehört zwar seiner
irdischen Geburt nach dem Judenstamme an und steht so teilweise unter den
Gesetzen des Tempels und teilweise gleich einem jeden Juden auch unter den
unsrigen. Ich nahm aber sehr wahr, daß der Geist
dieses Knaben eigentlich das Fundament aller Gesetze, sowohl der jedes
Staates wie jeder gesellschaftlichen Volksordnung, und ferner aber auch aller
uns nie offenbar werden könnenden Gesetze in der großen Natur aller Materie
und aller Geister ist! Er ist zugleich ein tief weisester und gerechtester
Richter, und nicht ein Atom groß auch nur scheinbar Arges ist in seinem
Wesen! Was sollen da unsere Gesetze mehr noch mit Ihm zu tun haben, da Er
doch augenscheinlichst ein Herr über alle Gesetze
ist?! [DTT.01_031,03] Ich stelle Ihn demnach
frei und himmelhoch erhaben über alle unsere römischen und ebenso auch frei
über alle eure eben nicht viel sagenden Tempelgesetze und erkläre auch
hiermit feierlichst, daß
dieser Tempel zur Aufnahme seiner heiligen Persönlichkeit viel zu unwürdig
ist, und sooft es Ihm belieben sollte, das schlechte Jerusalem zu besuchen,
so soll Er in den größten Ehren, die die Sterblichen einem Unsterblichen und
allmächtigen Gotte erweisen können, in meinem offenbar reineren Palaste die
freundlichste Aufnahme finden. [DTT.01_031,04] Und wann Du zu mir
wirst kommen wollen, so will ich laut ausrufen: ,Höret, Völker, meinem Hause
und dem Herrscher Roms ist das größte und höchste Heil widerfahren!‘ [DTT.01_031,05] Er wird das Heil euch
Juden nehmen und es uns Heiden geben, und ihr werdet zu seiner Zeit noch von
unseren schweren Fersen zertreten werden, und Staub und Asche werden wir über
diese Stätte streuen, da ihr euch jetzt als Götter von dem betörten Volke
preisen und förmlich anbeten lasset! [DTT.01_031,06] Ich habe nun aus
meiner innersten Überzeugung gesprochen und bin nun der sogar maßgeblichen
Ansicht, daß wir nun, da ihr wahrlich finsteren Templer
zu keiner besseren Anschauung zu bringen seid, diese Sitzung aufheben! Denn
für was so heilige Worte an gänzlich taube Ohren und steinharte Herzen
vergeuden?!“ [DTT.01_031,07] Sagte Ich: „Noch
einige Augenblicke, bis die kommen, die Mich nun bei drei Tage lang suchen!
Sie werden es in der Herberge ,Nazareth‘, die ohnehin zum Tempel gehört,
erfahren, wo Ich Mich aufhalte, und werden Mich hierher suchen kommen. Mit
ihnen werde Ich wieder nach Nazareth ziehen! Denn dem Leibe nach muß Ich bei denen bleiben, die Ich Mir selbst dazu treu
und wahr erwählt habe!“ [DTT.01_031,08] Sagte der Römer: „Aber
wie ging denn das zu, daß Du Deinen Leibeseltern
hast können verlorengehen? Denn meines Dafürhaltens haben sie Dich ja hierher
begleiten müssen, und ich erinnere mich sogar jetzt, beim Eintritt in die große
allgemeine Prüfungshalle des Tempels einen alten, würdigen Mann und ein ganz
junges, aber sehr fromm aussehendes Weib an Deiner Seite bemerkt zu haben!
Sie gingen nach ihrer entrichteten kleinen Taxe freilich wohl mit vielen
anderen aus dem Tempel, worauf ich sie dann nicht mehr zu Gesicht bekam; aber
sie müssen ja doch gewußt haben, daß Du nirgends anders als nur hier sein kannst?!“ [DTT.01_031,09] Sagte Ich: „Liebster
Freund, sieh, das ist ganz einfach: Ich wollte es also, weil das in Meinem
Willen und in Meiner ewigen Ordnung lag! Denn Ich sage es dir: Diese Szene
war in Mir schon von Ewigkeit her vorgesehen. Dann konnte das auch ganz
natürlich also geschehen! [DTT.01_031,10] Meine Leibeseltern
erwarteten Mich gleich den anderen in der bekannten Herberge, wohl wissend, daß Ich sie nicht verfehlen kann. Da aber der Nährvater
Joseph bei einem Zeugschmied aus Damaskus sich
einige Werkzeuge neu anfertigen ließ und schon vorauswußte,
daß er nicht so bald fertig werde und wegen des
Tragens ihn auch Meine recht leibeskräftige Mutter dahin begleitete, so gab
er mehreren Verwandten und sonst wohlbekannten Nazaräern den Auftrag, falls
er mit der Maria etwa zu spät wiederkehrete, daß sie Mich bis zur nächsten Station nur mitnehmen
sollten, weil die beiden von dem bewußten Schmiede
bei längerem Verweilen nicht wieder nach Jerusalem, was ihnen stark aus dem
Wege läge, zurückzukehren für nötig hätten. [DTT.01_031,11] Also ward es
abgemacht, und also auch getan. Die beiden verweilten lange, und als sie dann
in die bewußte Station kamen, trafen sie daselbst
wohl eine Menge bekannter und auch verwandter Nazaräer, aber Ich war nicht
bei ihnen. Und diese meinten, daß Ich vielleicht
mit einer früher abgegangenen Gesellschaft bis zur weitgelegenen Nachtherberge
mitgezogen sei – was zu glauben Meine Eltern auch keinen Anstand nahmen und
mit diesen gemächlich dahin zogen, wo sie aber erst nach Mitternacht ankamen.
Nun, da war Ich auch nicht dabei! [DTT.01_031,12] Am frühen Morgen
machten sie sich auf zu einer noch um ein bedeutendes weiter liegenden
Herberge, aber auch da vernahmen sie nichts von Mir. Von da kehrten sie
wieder hierher zurück, sind bereits in unserer Herberge angelangt und haben
Mich auch zu ihrer großen Beruhigung erfragt und werden nun alsbald Mich mit
einem kleinen Verweise hier auffinden!“ [DTT.01_031,13] Sagte der Römer: „Oh,
einen Verweis dürfen sie Dir nicht geben, dagegen werde schon ich einen
Protest einlegen!“ [DTT.01_031,14] Sagte Ich: „Ach laß nur alles geschehen, was von den Propheten geweissagt
ist, Ich werde ihnen dann schon auch Meine Meinung sagen, die ihnen als
Menschen sehr heilsam sein wird!“ [DTT.01_031,15] Hier wollte der
Oberpriester noch etwas sagen, aber der Römer und unser Simon ließen es nicht
mehr zu und erklärten die Sitzung nochmals für aufgehoben. 32. Kapitel – Das Eintreffen von Joseph und Maria im
Tempel. Der Eltern Frage und des Sohnes Antwort. Die freundliche Unterhaltung
des Römers und des Nikodemus mit den Eltern Jesu. Im Palaste des Römers. Die Rückkehr nach Nazareth. [DTT.01_032,01] In diesem Augenblick
traten eben Meine Eltern in diese besondere Redehalle, geführt von einem
Tempeldiener, und erstaunten bei sich geheim über die Maßen, Mich in einer so
hochweisen und hochherrlichen Gesellschaft anzutreffen. [DTT.01_032,02] Der Römer fragte sie
sogleich, ob Ich ihr Sohn wäre. [DTT.01_032,03] Und die Eltern
bejahten das mit sichtbar großer Freude. Maria aber – weniger darum, um Mir
einen Verweis zu geben, sondern vielmehr, um ihr Mutteransehen ein bißchen vor den großen Weltherren geltend zu machen –
sagte, freilich mit der freundlichsten Stimme von der Welt: „Aber, liebster
Sohn, warum hast Du uns denn das getan? Nahezu drei Tage suchen wir Dich mit
großer Angst!“ [DTT.01_032,04] Sagte Ich: „Wie
mochtet ihr das tun?! Ich habe es euch daheim ja schon zum
voraus gesagt, daß Ich hier das tun werde
müssen, was der Wille Meines Vaters im Himmel ist!“ [DTT.01_032,05] Darauf schwiegen beide
und schrieben sich diese Worte tief ins Herz. [DTT.01_032,06] Hierauf aber sagte
dann der Römer ihnen recht ausführlich, was Ich für ein Wesen sei, und was
Ich geredet und getan habe, und wie sich alle über die hohe Weisheit und
Macht Meiner Reden verwunderten, wie eben auch über die unbegreifliche Macht
Meines Willens, und wie darum er als eine der ersten Machtautoritäten Roms in
Jerusalem Mich über alle Maßen liebgewonnen habe und er sich erbiete, ihnen
als Meinen Eltern jeden denkbaren Vorteil angedeihen zu lassen, [DTT.01_032,07] wofür ihm besonders
Joseph über alle Maßen freundlichst dankte und ihm sich nötigenfalls als
Zimmermann und Architekt besonders anempfahl und
bald darauf von dem Römer auch große Bauten in und um Jerusalem auszuführen
bekam. Sogar einen neuen Richterthron nach römischer Art bekam Joseph zu machen
und verdiente dabei recht viel Geld. [DTT.01_032,08] Desgleichen
versicherte auch der überreiche Simon von Bethanien
noch im Tempel den Joseph seiner vollsten Freundschaft, worauf wir uns erhoben
und zum Fortgehen bereitmachten. [DTT.01_032,09] Hier erhoben sich auch
die Templer, machten dem Römer eine tiefe Verbeugung und zogen dann bis auf Nikodemus ab. Dieser aber gab uns allerfreundlichst
das Geleite bis zum großen Palast des Römers, der es sich durchaus nicht
nehmen ließ, uns die kommende Nacht bei sich bei der auserlesensten Bewirtung
zu beherbergen. Ich mußte sein Weib und alle seine
Kinder segnen, und er sagte darauf: [DTT.01_032,10] (Der römische
Richter:) „Nun erst ist meinem ganzen Hause das größte Heil und die höchste
Ehre widerfahren; denn der Herr aller Herren und König und Kaiser aller
Könige und Kaiser hat mein ganzes Haus heimgesucht und gesegnet!“ [DTT.01_032,11] Daß
darüber Meine Eltern höchst erbaut und ergriffen waren, läßt
sich leicht denken, und sie vergaßen dieses Momentes nicht wieder. [DTT.01_032,12] Darauf wurden wir in
den Speisesaal geführt, wo eine vortreffliche Mahlzeit unser harrte, die ganz
besonders Meinen müden und hungrig gewordenen Eltern sehr wohl zustatten kam. [DTT.01_032,13] Bei der lange
anhaltenden Tafel mußte die Maria alles über Meine
Empfängnis und Geburt und noch eine Menge Daten aus Meinem Kindesleben dem
Römer erzählen, worüber er stets in einen Enthusiasmus von Verwunderung ausbrach
und dabei oft ausrief: [DTT.01_032,14] „Und das wissen diese
Tempelhelden – und glauben doch nichts!?“ [DTT.01_032,15] Nach der Mahlzeit aber
begaben wir uns zur Ruhe und am nächsten Tage verschaffte uns der Römer eine
sehr bequeme Fahrgelegenheit bis nach Nazareth und versah den Joseph mit
einem reichlichen Reisegeld, und Simon geleitete uns bis nach Galiläa, wo er
in einem Flecken ein Geschäft zu besorgen hatte. Und so kamen wir ganz
wohlbehalten wieder nach Nazareth, womit die Tempelszene ein Ende hat. – [DTT.01_032,16] Daß
Ich darauf bis in Mein dreißigstes Jahr von Meiner Göttlichkeit wenig mehr merken
ließ, ist bekannt, und somit ist diese einzig richtige und wahre Mitteilung
über die drei Tage im Tempel zu Ende. Wohl dem, der sie glaubt und sich daran
nicht ärgert! Wer sie gläubig im Herzen lesen wird, wird vielen Segen überkommen!
Amen. Das sage Ich, der Herr. Amen, Amen, Amen. Jakob Lorbers Schlußwort.
– Meine Knechtes-Anmerkung am 13. Januar 1860. [DTT.01_000,01] O Herr! vor allem
danke ich armer Sünder Dir für diese herrliche und bis jetzt noch nie
dagewesene allerhöchste Gnadenmitteilung, deren ich vor allem und dann auch
die ganze Welt unwürdig ist. Da Du, o Herr, aber schon uns dadurch eine so
übergroße und unverdiente Gnade erwiesen hast, o so segne uns auch damit, die
wir voll des wahren Glaubens Dich aus vollem Herzen lieben! Verzeihe damit
unsere mannigfachen Schwächen, mache uns stark in aller Liebe zu Dir und
unsern armen Brüdern, und lasse uns in Deinem allerheiligsten
Namen allzeit erquicken die Herzen der betrübten und notleidenden Brüder! –
Und, o Herr! gedenke auch in Deiner großen Liebe Deines armen Knechtes auf
Erden fortan und habe meinen innigsten Dank für alle Deine von mir nie
verdienten Wohltaten, die Du mir allzeit gnädigst
hast angedeihen lassen. O laß aber auch meinen
Segen an die vielen Armen und Bedürftigen und Bedrängten und an alle Deine
wahren Freunde und meine Wohltäter in Deinem allerheiligsten
Namen mit Deinem Segen vereint wirksam sein! – Dir allein alle Ehre und Liebe ewig,
und Dein allein heiliger Wille geschehe! In tiefster Zerknirschung Deiner Gnade allerunwürdigster Knecht. 1. Die Sitte der
Kinderprüfungen im Tempel zu Jerusalem. 4. Des
Jesusknaben nochmaliges Verlangen, seine Vorfrage über Jes.9,5-6 beantwortet
zu wissen. 8. Die Drohung
des Hochpriesters und des römischen Richters strenge Verwahrung dagegen. 11. Die
nächtliche Beratung der Templer. 20. Die zweite
Nacht in der Herberge. Joram und Barnabe auf der Suche nach passenden
Jesaiastexten. 23. Die Verlesung
und Erklärung von Jesaias 9,5-6 durch den römischen Richter. 24. Die Rede
Jorams über das Wesen Gottes als Antwort an den römischen Richter. Jakob Lorbers
Schlußwort. – Meine Knechtes-Anmerkung am 13. Januar 1860. _______ * _______ |