[ I: Juni; II: August; III: September;
IV: November;
V: Dezember;]
Das
bis jetzt noch fast unbekannt gewesene medicinische
Hauptwerk der Aebtissin Hildegard von Bingen (1098
bis ca. 1180) giebt uns über volksthümliche
Heilkunde im 12. Jahrhundert so reichen Aufschluss, dass ich gern von der Erlaubniss Gebrauch mache, in diesen Heften eine Uebersetzung der für Mediciner
interessanten Stellen abdrucken zu lassen. Von den Ansichten der Hildegard über
Physiologie und Pathologie des Menschen gebe ich nur charakteristische Proben;
ihre diätetischen und therapeutischen Vorschläge übersetze ich in reichere
Auswahl. Die Uebersetzung ist möglichst treu: doch
habe ich mich bei Anordnung und Wiedergabe der ohnehin kaum von Hildegard
herrührenden Capitelüberschriften nicht immer nach
der Vorlage gerichtet und habe die oft unerträgliche Breite der lateinischen
Darstellung im Deutschen zu kürzen gesucht. Ein Textabdruck erscheint demnächst
im Teubner’schen Verlage.
Die
Bedeutung des Mondes …. Magen und Blase des Menschen nimmt
Alles auf, womit er sich nährt. Wenn diese beiden zu viel Speisen und Getränke
bekommen, verursachen sie im ganzen Leibe einen Sturm der bösen Säfte, wie die
Elemente nach Art des Menschen.
Die
Zeit der Zeugung. Denn zur rechten Zeit der Wärme und Kälte wirft der
Mensch das Saatkorn aus, und dieses geht zur Frucht auf. Wer wäre denn so thöricht, bei zu grosser
Sommerhitze oder Winterkälte zu säen? Und die Saat würde verderben und nicht
aufgehen. So geht es mit den Menschen, die nicht die Reife ihres Lebensalters
und die Zeit des Mondes in Betracht ziehen, sondern zu einer beliebigen Zeit
nach ihrer Willkür zeugen wollen. Deswegen gehen ihre Kinder unter vielen
Schmerzen körperlich ein. Aber wie sehr sie auch am Leibe schwach sind, Gott
sammelt doch seine Edelsteine zu sich. Daher soll der Mann die Reife seines
Körpers erwarten und nach den rechten Mondzeiten mit solchem Fleiss forschen, wie einer, der seine Gebete rein
darbringt; auf dass er zur rechten Zeit einen Sohn zeuge und seine Kinder nicht
elendiglich verkommen. Er soll nicht sein wie ein Mensch, der die Speise in
sich schlingt, ein Vielfrass, der nach der rechten
Essenszeit nicht fragt – sondern wie einer, der die rechte Zeit innehält, dass
er nicht gierig sei. So muss es der Mensch halten und die richtige Zeit der
Zeugung wahrnehmen. Der Mann suche das Weib nicht auf, wenn es noch ein Kind
ist, sondern eine Jungfrau, weil sie dann reif ist; und er soll ein Weib erst
berühren, wenn er einen Bart hat, weil er dann erst reif ist, einen Sprössling
zu zeugen. Denn wer in Fressen und Saufen aufgeht, der wird oft in seinen
Gliedern aussätzig und gebrestenhaft; wer aber mässig isst und trinkt, hat gutes Blut und gesunden Leib.
So verstreut Jener, der immer wollüstig ist und in der Geilheit seines Körpers
seinen Lüsten nachgeht, in dem Sturm seiner Zeugungslust unnütz seinen Samen
und geht oft selbst mit seinem Samen zu Grunde. Wer aber seinen Samen richtig ergiesst, bringt es zur richtigen Zeugung.
Vom
Wasser
… Sumpfwasser, wo auch immer auf der Erde es sei, ist ganz wie Gift; denn es
hat in sich die werthlosen und schädlichen Feuchtigkeiten
der Erde und den giftigen Geifer der Würmer. Dies ist ganz schlecht zum Trunk
und überhaupt zum Gebrauch der Menschen und kann nur zum Waschen dienen, wenn
man es hierzu nehmen muss. Wer es aber aus gänzlichem Mangel an anderm Wasser trinken will, muss es vorm Genuss erst kochen
und dann abkühlen lassen; auch kann man Brot, Speise und Bier, das mit ihm
gekocht wird, in Maassen nehmen, weil man es durchs Feuer reinigt … Aber das
Wasser von Brunnen, die tiefer in die Erde gegraben sind, so dass es steht und
nicht ausfliessen kann, ist besser und angenehmer zur
Speise, zum Trunk und anderem Gebrauch, als fliessendes
Quellwasser. Im Vergleich zu Quellwasser ist es wie milde Salbe, da es nicht
fortwährend ausfliesst und durch den milden Hauch der
Luft erwärmt wird. Denn Quellwasser ist hart und widersteht daher den Speisen,
so dass sie sich kaum erweichen und kochen lassen. Und da es ganz rein ist, hat
es wenig Schaum und vermag darum die Speisen weniger so zu reinigen, wie
anderes Wasser ……… Doch ist das Quellwasser leichter und reiner als
Flusswasser, das durch Erde oder Sand oder Steine, über die es strömt, gereinigt
wird. Zum Trunk taugt es, da es rein ist, und es ist auch hart und gesellt sich
einigermaassen in seinen Eigenschaften dem Wein, doch
ist es an Speisen für den Genuss schädlich und wegen seiner Härte auch beim
Waschen den Augen. Aber das Wasser von Flüssen, die über die Erde fliessen, ist dick, weil es von der Sonne und der Luft
getroffen wird, und ist voll Schaum und zum Trinken nicht gesund, da sich
unterschiedliche Eigenschaften der Luft und der Elemente mit ihm mischen und es
auch von dem Rauch und Nebel, der von gewissen ungesunden Bergen niedersteigt, inficirt wird … Wenn Menschen oder andere Geschöpfe das
Wasser trinken, bringt es ihnen Tod oder macht die Glieder hervorstehen, weil
es sie verbildet oder schwächt … Aber kleine und ganz klare Bäche, die von
anderen Gewässern gleichsam wie Adern abfliessen, die
sind vermöge ihres Ausflusses rein und recht nützlich zu jedem Gebrauch für
Mensch und Vieh. Regenwasser aber ist hart und nimmt kranken Menschen Unrath, böse Säfte und Eiter, doch gesunden Menschen
schadet es, weil es bei ihnen nichts zum Reinigen findet. Wenn es aber in Cisternen steht, wird es milder und ist für Gesunde und
Kranke gut; doch is Quell- und Flusswasser viel
besser u.s.w….
Von
der Empfängnis. Wenn das Blut eines Mannes in der Gluth
der Wollust aufschäumt, giebt es Schaum von sich, den
wir Samen nennen; so giebt ein Topf am Herdfeuer in
Folge der Feuerhitze Schaum von sich. Wenn nun einer vom Samen eines Kranken
empfangen wird oder von schwächlichem, ungekochtem Samen, der mit eitrigem Saft
gemischt ist, der ist in seinem Leben meistens krank und voll Fäulniss, wie Holz, das, von Würmern durchbohrt, vermodert.
So einer wird denn oft voll von Geschwüren und Eiterbeulen und zieht den
eitrigen Krankheitsstoff aus den Speisen leichter an sich zu dem Eiter, den er
schon hat. Wer davon frei ist, ist gesunder. Wenn der Same aber geil ist, wird
der aus ihm empfangene Mensch unmässig und geil … .
Wenn ein Mann unter Erguss kräftigen Samens und in treuer Liebe zur Frau zu ihr
kommt und sie dann auch die rechte Liebe zum Manne hat, dann wird ein
männliches Kind empfangen; denn so hat es Gott eingerichtet … Wenn der Mann
seine Frau treu liebt, die Frau aber den Mann nicht, oder auch die Frau den
Mann liebt, aber der Mann nicht die Frau, und der Mann dermalen nur dürftigen
Samen hat, so entsteht ein weibliches Kind…. Die Wärme der Frauen von dicker Constitution ist stärker als der Samen des Mannes, so dass
das Kind häufig ihnen ähnlich wird; die Frauen von magerer Constitution
bekommen oft ein Kind, das dem Vater ähnelt….
Von
den Krankheiten. Was die verschiedenen Krankheiten betrifft, an denen
manche Menschen leiden, so rühren sie vom Schleim her, der sie anfüllt. Wäre
der Mensch im Paradies geblieben, so hätte er keinen Schleim im Körper – woher die
Krankheiten stammen – sondern sein Leib wäre gesund und frei von ihm. Nun aber
hat er sich dem Bösen zugeneigt und hat das Gute verlassen, und da ist er der
Erde ähnlich geworden, die gute und schädliche Kräuter hervorbringt und gute
und schädliche Feuchtigkeit in sich birgt. Denn vom Genuss des Apfels ist das
Blut der Söhne Adams in das Samengift verwandelt worden, dem die Menschenkinder
entstammen. Daher ist ihr Fleisch voll Schwären und Löcher, die gewissermaassen Sturm und Rauchniederschläge in den Menschen
herbeiführen; und hieraus bildet sich Schleim und erstarrt und macht den Körper
krank … Manche Menschen sind gierig und enthalten sich nicht üppiger Speisen.
So bildet sich in ihnen giftiger, zäher, trockner Schleim, kein feuchter,
sondern scharfer, der aufgeschwemmtes, dunkles und krankes Fleisch in ihnen
wachsen lässt. Und wenn sie sich vom Genuss der fetten Speisen nicht enthalten
mögen, ziehen sie sich leicht den Aussatz zu. Und die Schärfe des Schleimes
erregt einen Brodem wie von Melancholie um Leber und
Lunge, sie werden jähzornig und verdriesslich, und
ihr Schweiss ist nicht sauber, sondern schmutzig. Sie
sind aber nicht schwach, sondern tüchtig und kühn, und in Folge ihrer
Körperbeschaffenheit sind sie herrschsüchtig und anmaassend.
Der Schleim richtet einige dieser Constitutionen
schnell zu Grunde, da er stark ist, einige aber lässt er länger leben. Andere
Menschen sind von geiler Natur und noch weniger enthaltsam, so dass sie sich
kaum mässigen können und auch krank werden. Die haben
zu viel feuchten Schleim, weil sich in ihnen schädlicher Saft bildet und ein
böser Schleim sich ansammelt, der ungesunden Brodem
in ihre Brust und Gehirn aufsteigen lässt. Die Feuchtigkeit dieses dampfenden
Schleimes verringert ihr Gehör, so dass sie in ihrem Magen und in den Ohren wie
ein schädlicher Nebel ist, der gute Pflanzen und Früchte schädigt. Dieser
Schleim thut aber der Lunge nichts, da sie auch
feucht ist und keine Feuchtigkeit annimmt – sonst würde sie sofort
weggeschwemmt werden. Auch auf das Herz hat er keinen bösen Einfluss, denn das
wird immer stark sein und zu grosse Feuchtigkeit
nicht annehmen. Leute von dieser Constitution sind
freundlich und heiter, doch träge, und manche von ihnen leben ziemlich lange;
denn dieser Schleim tödtet nicht, doch trägt er auch
keineswegs zur Gesundheit bei. – Manche sind jähzornig, doch ihr Zorn verraucht
bald, und sie sind trefflich und heiter, doch kalt; sie haben schwankende
Sinnesart und sind mit geringer Nahrung zufrieden. Diese aber ziehen sich von
den drei Schleimarten, dem trocknen, feuchten und lauwarmen Schleim, wässerigen
Schaum zu, der aus dem Schleim entsteht und gleichsam gefährliche Pfeile in
ihre Adern, Mark und Fleisch sendet, wie kochendes Wasser, welches kochenden
Schaum ausstösst …
Vom
Nebel.
Auf einigen Bergen und Thälern und anderen Gegenden
erhebt sich manchmal nach dem Gericht Gottes ein dunkler Nebel, der sich dann
stürmisch verbreitet und schlechten und schädlichen Schmutz in sich birgt. Wenn
er sich über die Lande hebt, bringt er Krankheiten, Seuchen und Tod für
Menschen und Vieh. Bisweilen steigt auch aus Wasser Nebel auf, streift Alles
auf dem Lande und verbreitet sich. Auch er bringt zum Theil
Menschen und Vieh Krankheiten und Seuchen, doch tödtet
er nicht, knickt aber die keimenden Baumblüthen und
schadet den Früchten, so dass Bäume und Pflanzen ihre Blätter zusammenziehen
und verdorren, als ob sie mit heissem Wasser begossen
sind. Ein anderer Nebel rührt von grosser Hitze und
Menge der Luft und der Wolken mit ihrer Feuchtigkeit her, ist aber nicht
schlimm. Mancher Nebel kommt auch von Kälte und Erdfeuchtigkeit oder gewissen
Gewässern, doch bringt er Menschen, Vieh und Erdfrüchten keinen Schaden, weil
es in seiner Natur liegt, dass er sich zu seiner Zeit erhebt …
Die
Schöpfung Adams. Als Gott Adam schuf, umleuchtete
der göttliche Glanz den Erdenkloss, aus dem er
geschaffen wurde, und so nahm jene Erde nach einer gegebenen Form in der äusseren Gliedergestaltung Erscheinung an und blieb innen
leer. Darauf schuf Gott aus derselben Erdmasse in ihr
Herz, Leber, Lunge, Magen, Eingeweide, Augen, Zunge und das andere Innere. Und
als er den lebendigen Odem in sie blies, wurde der Stoff – Knochen, Mark und
Adern – belebt und der Odem vertheilte sich in die
Stoffmasse, wie ein Würmchen sich in sein Haus einzwängt und Lebenssaft im
Baume ist. Sie wurden so belebt, wie Silber eine andere Gestalt bekommt, wenn
der Goldschmied es ins Feuer thut; und der Odem hat
seinen Sitz im Herzen. Dann entstanden auch durch die Glut der Seele in der
Stoffmasse Fleisch und Blut. Und die Lebenskraft der Seele sandte Schaum und
Feuchtigkeit zum Haupt, ins Gehirn; daher ist das Gehirn feucht, und von jener
Feuchtigkeit trägt das Haupt Haare. Aber die Seele ist feurig, bewegt und
feucht und nimmt das ganze Herz des Menschen ein. Die Leber erwärmt das Herz,
die Lunge deckt es, der Magen ist innen ein Raum im Menschenkörper zur Aufnahme
von Speisen. Das Herz hat die Eigenschaft des Wissens, die Leber des Gefühls,
die Lunge des Blattes (der Veränderlichkeit, Beweglichkeit?), der Mund dient
der Vernunft als Weg, ein Sprachrohr für das, was der Mensch vorträgt, und eine
Aufnahme der Erfrischungen des Körpers; und er spricht, hört aber nicht,
während das Ohr hört, aber nicht spricht. Die beiden Ohren sind gleichsam die
Flügel, die jeden Wortschall ein- und ausführen, wie die Fittige
den Vogel in die Luft tragen. Auch die Augen sind Wege für den Menschen, und
die Nase ist sein Witz, und so ist der Mensch auch in seinen übrigen Gliedern
zubereitet … Der Mensch wird auf zwei Arten ernährt: er wird durch Speise
wieder voll und durch Schlaf erfrischt …
Der
Mensch besteht aus den Elementen. Wie die Elemente die Welt zusammenhalten,
so bilden sie auch die Verbindung des Menschenkörpers, und ihre ausströmenden
Wirkungen vertheilen sich in dem Menschen, dass er
durch sie gefestigt wird, wie sie in der ganzen Welt ihre Wirkung ausüben.
Feuer, Luft, Wasser, Erde sind im Menschen, aus ihnen besteht er. Vom Feuer hat
er die Wärme, Athem von der Luft, vom Wasser Blut und
von der Erde das Fleisch; in gleicher Weise auch vom Feuer die Sehkraft, von
der Luft das Gehör, vom Wasser die Bewegung, von der Erde das Aufrechtgehen.
Wie es nun um die Welt gut steht, wenn die Elemente ihre Schuldigkeit thun, dass Wärme, Thau und Regen,
jedes zur rechten Zeit, maassvoll niederfallen zur
Erwärmung der Erde und Früchte und Fruchtbarkeit und Gesundheit bringen – denn
fielen sie gleichzeitig und plötzlich und unregelmässig
auf die Erde, so wurde diese zerbersten und ihre Fruchtbarkeit und Gesundheit
zu nichte werden –: so erhalten auch die Elemente den
Menschen, wenn sie ordnungsmässig in ihm thätig sind, und machen ihn gesund; wenn sie aber wider
einander sind, machen sie ihn krank und tödten ihn.
Denn die von Wärme, Feuchtigkeit, Blut und Fleisch sich absondernden Schleimansammlungen
sind, wenn sie mässig und ruhig wirken, gesund; wenn
sie aber den Menschen zugleich durcheinander treffen, schwächen und tödten sie ihn. Denn Wärme, Feuchtigkeit, Luft und Fleisch
haben sich nach dem Sündenfall im Menschen zu schädlichem Schleim verwandelt.
Von
der Empfängniss. Folgendermaassen aber entsteht jeder Mensch durch
Zusammengerinnen. Der Mensch hat Willen, Ueberlegung,
Macht und Einverständniss. Zuerst kommt der Wille,
denn jeder Mensch hat einen Willen Dies oder Jenes zu thun.
Dann folgt die Ueberlegung, ob etwas passend oder
unpassend, lauter oder unlauter sei. Die Macht ist das Dritte, sie setzt eine
Handlung durch; das Einverständnis schliesst sich an,
da ohne dieses ein Werk nicht vollendet werden kann. Diese vier Kräfte sind bei
der Entstehung des Menschen thätig. Die vier Elemente
rufen viererlei Säfte im Menschen hervor, wenn sie in stürmischer Fülle nahen:
das Feuer, das Trockne, entflammt den Willen, die Luft, das Feuchte, erregt die
Ueberlegung, das Wasser, das Schäumige,
lässt die Macht aufwogen, die Erde, das Milde, lässt das Einverständnis
hervorsprudeln. All dies fliesst über und ruft Sturm
hervor und leitet aus dem Blut giftigen Schleim, den Samen, hervor, welcher an
seinem richtigen Ort geleitet sich mit dem Blut des Weibes vermischt und davon
blutig wird. Aus der Lust, welche die Schlange beim Apfelgenuss dem ersten
Menschen eingeblasen hat, entsteht die Empfängniss,
weil dann das Blut des Mannes durch die Lust erregt wird. Dies Blut giebt dem Weibe kalten Schleim, und dieser erstarrt von der
Wärme des mütterlichen Fleisches und dehnt sich zu einer blutigen Form aus und
verharrt in dieser Wärme so, bis er von der Ausschwitzung des Trocknen in den
Speisen der Mutter zu einer kleinen menschlichen Gestalt anwachsend sich
verdichtet und das Zeichen des Schöpfers, das den Menschen geschaffen hat,
diese dichte Gestalt durchdringt, wie ein Goldschmied ein Gefäss
mit erhabener Arbeit anfertigt … Und dann formt sich aus ihm wie ein Bild die
Menschengestalt, Mark und Adern fügen sich wie Fäden in sie ein, vertheilen sich und bilden überall feste Bänder, und
gleichsam eine Eihaut umgiebt das Mark, die später zu
Knochen wird … Doch noch ist diese Gestalt von solcher Stumpfheit, dass sie
sich nicht bewegen kann, und sie liegt da, als ob sie schlafe und wenig athme. Und der Lebenshauch durchdringt und füllt und stärkt
sie in Mark und Adern, so dass sie mehr wächst als bisher, bis sich Knochen
über dem Mark ausdehnen und die Adern stark genug werden, um das Blut
festzuhalten. Dann bewegt sich das Kind so, dass die Mutter es fühlt, als ob es
plötzlich erwache, und von da an bleibt es immer lebhaft. Denn der lebendige
Odem, die Seele, zieht nach dem Willen der Allmacht in die Gestalt ein und
macht sie lebendig und hält in ihr überallhin seinen Umzug, wie der Wurm, der
Seide spinnt, in der er sich wie in seinem Haus einschliesst
… Nachdem der Same des Mannes an seine richtige Stelle gelangt ist, so dass er
Menschengestalt annehmen muss, dann wächst um diese Gestalt vom Monatsblut der
Mutter gefässartig eine Haut, die sie völlig umgiebt, damit sie sich nicht bewegt und falle; denn das
geronnene Blut sammelt sich dort so, dass die Gestalt in seiner Mitte ruht, wie
der Mensch in seinem Hause. Und in ihm hat sie Wärme, und eine Hülfe wird ihm
von dem schwarzen mütterlichen Leberblute bis zu seiner Geburt aufgezogen. Und
das Kind bleibt solange in dem Gefäss eingeschlossen,
bis seine Vernunft verlangt, dass seine Menschenfülle hervortrete. Da kann und
darf es nicht mehr eingeschlossen bleiben und schweigen, denn im Mutterleibe
kann das Kind nicht schreien. Wenn aber die Geburt beginnt, zerreisst
das Gefäss, in dem das Kind eingeschlossen ist, und
die macht des ewigen Gottes, die Eva aus der Seite
Adams bereitet hat, naht und kehrt alle Winkel der Behausung des mütterlichen
Körpers von ihren Plätzen. Und die Fugen der Mutter bieten sich dieser Kraft
dar und nehmen sie auf und öffnen sich. Und so halten sie fest, bis das Kind
herauskommt, und dann schliessen sie sich zusammen,
wie sie vorher gewesen sind. Auch die Seele des Kindes merkt, während es
hinaustritt, die Macht der Ewigkeit, die sie geschickt hat, und ist fröhlich;
wenn es aber heraus ist, bricht es in Weinen aus, weil es die Finsterniss der Welt spürt …
Von
der Milch.
Wenn ein Weib vom Manne empfangen hat und der Same in ihr zu wachsen beginnt,
dann zieht sich von derselben natürlichen Kraft das Blut der Mutter aufwärts zu
den Brüsten, und was von Speisen und Getränken Blut werden müsste, verwandelt
sich zu Milch, damit von ihr das Kind, das in ihrem Leibe wächst, ernährt
werden kann. Wie das Kind im Mutterleibe zunimmt, so mehrt sich auch die Milch
in den Brüsten, damit das Kind davon ernährt werde …
Die
fleischliche Lust. Die Adern, die in der Leber und im Bauch des Mannes
sind, treffen sich in seinen Genitalien. Und wenn die Erregung der Lust vom
Marke des Mannes ausgeht, gelangt sie in die Geschlechtstheile und erregt im
Blute den Vorgeschmackt der Lust. Und weil diese
Theile eng und fest eingeschlossen sind, kann jene Erregung sich nicht genügend
verbreiten und erglüht dort stark in Lust, so dass sie in dieser Glut
selbstvergessen sich nicht enthalten kann, den Samenschleim zu entsenden; denn
wegen der Eingeschlossenheit der Schamtheile
entbrennt das Feuer der Lust heftiger, wenn auch seltener, in ihm als in der
Frau. Denn wie auf grossen Wellen, die sich von
starken Stürmen auf Flüssen her heben, ein Schiff heftig kämpft und kaum sich
halten und widerstehen kann: so kann auch im Sturm der Wollust die Natur des
Mannes sich schwer zähmen. Aber auf Wellen, die von sanftem Winde sich erheben,
und in Stürmen, die von sanfter Windbewegung herrühren, kann sich der Nachen, wenn auch mit Mühe, halten: so ist des Weibes Natur
in der Wollust, da sie sich leichter bezwingen kann, als die Art der Wollust
des Mannes. Diese gleicht dem Feuer, das erlischt und wieder angefacht wird;
denn wenn es fortwährend glühte, würde es Vieles verzehren: so erhebt sich die
Lust ab und zu im Manne und sinkt dann wieder; denn wenn sie immer in ihm wüthete, könnte er sie nicht ertragen.
Die
Temperamente des Menschen. Choleriker. Einige Männer sind mannhaft
und haben ein starkes und dickes Gehirn. Ihre äusseren
Adern, die die Gehirnhaut umgeben, sind ziemlich roth.
Ihre Gesichtsfarbe ist recht roth, wie auf gewissen
Bildern, die mit rother Farbe gemalt werden; sie habe
dicke und starke Adern, die heisses Blut von
wachsgelber Farbe bergen, und auf der Brust sind sie dick und haben starke
Arme, doch fett sind sie nicht, weil die starken Arme und Blut und Glieder ihr
Fleisch nicht zu fett werden lassen … Diese sind klug und werden von Anderen
gefürchtet, haben Umgang mit den Frauen und suchen sich von anderen Männern
fernzuhalten, weil sie die Weiber mehr lieben als die Männer. Die Gestalt des
Weibes lieben sie im Umgang so sehr, dass ihr Blut unaufhaltsam erglüht, wenn
sie eine Frau sehen oder hören oder an sie denken; ihre Augen sind wie Pfeile,
eine Frau, die sie sehen, zu lieben; ihr Gehör wie ein starker Wind, wenn sie
die Frau hören, ihre Gedanken wie starker Orkan, der über die Erde dahinbrausen muss. Sie sind mannhafte Männer und heissen Künstler der Fruchtbarkeit, weil sie viele
Sprösslinge haben, wie ein Baum, der von sich viele Zweige weit ausgehen lässt.
Wegen ihres Feuers im Umgang mit den Frauen sind sie wie Pfeile. Sie sind
gesund und heiter, wenn sie mit Weibern verkehren; sonst trocknen sie ein und
schleichen einher, als ob sie sterben wollen, es sei denn, dass sie in Folge
wollüstiger Träume oder Gedanken oder einer anderen perversen Sache von selbst
Samen verlieren …
Sanguiniker. Andere
Männer haben warmes Gehirn und anmuthige
Gesichtsfarbe, weiss und roth
gemischt, und fette Adern voll Blut und dickes Blut von rechter rother Farbe. Sie besitzen heitere Säfte, die durch bittere
Traurigkeit nicht bedrückt werden und vor denen die bittere Melancholie sich
flüchtet … Mit Frauen vermögen sie ehrbaren und fruchtbaren Umgang zu haben und
blicken sie mit schönen, reinen Augen an; denn während die Augen der anderen
(der Choleriker) wie Pfeile sind, machen ihre Augen ihnen eine ehrbare Musik,
und während das Gehör der anderen wie heftiger Wind ist, hat ihr Gehör
gleichsam den Klang der Laute u.s.w. …
Vom
Monatsfluss.
Bei zunehmendem Mond mehrt sich das Blut im Weibe wie im Manne, bei abnehmendem
mindert es sich, bis zum 50. Lebensjahr. Während sich aber das Blut des Mannes
nur bei abnehmendem Monde mindert, wird es bei der Frau auch während der
Menstruation geringer. Wenn diese also die Frau bei zunehmendem Monde trifft,
dann hat sie mehr Schmerzen, als wenn es ihr bei abnehmendem passirt; denn dann müsste es sich mehren, während es sich
mindert. Nach dem 50. Jahr richtet sich Zunahme und Abnahme des Blutes nicht
mehr nach dem Mondlauf in solcher behenden
Stärke wie vorher, sondern das Blut lässt das Fleisch bis zum 80. Jahr etwas
dicker werden, als vorher, weil Abnahme und Zunahme des Blutes aufhört. Nach
dem 80. Jahr schwindet Fleisch und Blut des Mannes, die Haut zieht sich
zusammen, es entstehen Runzeln, während in der Blüthezeit
seine Haut glatt und gespannt war, weil Fleisch und Blut voll waren. Weil nun
nach dem 80. Jahr beim Manne Fleisch und Blut dahinwelken, wird er schwach und
bedarf wie ein Kind fortwährend der Speise und des Getränkes, um erfrischt zu
werden, damit durch die Nahrung ersetzt werde, was er an Fleisch und Blut einbüsst. Bei den Frauen aber hört nach dem 50. Jahr die
Menstruation auf, abgesehen von denjenigen, die so gesund und stark sind, dass
die Reinigung bis zum 70. Jahr anhält, und dann, wenn das Blut nicht mehr wie
zuvor fliesst, wird ihr Fleisch dick bis zum 70.
Jahr, weil es dann durch den Blutfluss nicht mehr geschwächt wird. Nach dem 70.
Jahr aber (ist es wie bei den Männern nach dem 80.), weil sie schwächer sind
als die Männer, während dieses Elend des Greisenalters bei den Männern bis zum
80. Jahr hingehalten wird …
1) Siehe über
dasselbe: Osterprogramm des Königst. Gymnasiums 1901,
Berlin, Gärtner's Verl.
[ I: Juni; II: August; III: September;
IV: November;
V: Dezember;]
Vom
Schlaf.
Das Mark des Menschen wächst durch den Schlaf, wie sein Fleisch durch die
Speise. Denn wenn er schläft, wird sein Mark erneuert, und wenn er wacht, wird
es einigermaassen geschwächt und verringert, wie der
Mond beim Zunehmen wächst und beim Abnehmen kleiner wird und wie die
Pflanzenwurzeln zur Winterszeit die Lebenskraft in sich bergen, die sie im
Sommer in die Blüthen treiben. Wenn daher das Mark
des Menschen durch Arbeiten ermüdet oder durch Wachen geschwächt ist, wird der
Mensch vom Schlaf bezwungen und schläft stehend, sitzend oder liegend leicht
ein, da seine Seele an sich selbst die Nothlage des
Körpers wahrnimmt. Denn wenn das Mark durch Wachen geschwächt ist, leiten die
Seelenkräfte einen sanften süssen Hauch aus dem Mark;
dieser durchweht die Halsadern und den Nacken des Menschen und theilt sich den Schläfen und Kopfadern mit und drückt den
lebendigen Athem des Menschen dergestalt nieder, dass
solch einer dann daliegt wie gefühllos und bewusstlos, dass er nicht mehr Herr
seines Körpers ist und bewussterweise weder Verstand
noch Gedanken noch Gefühl hat, nur dass die Seele für Ein- und Ausathmung sorgt wie beim wachenden Menschen…Da sammelt die
Seele des Menschen ihre Kräfte, lässt sein Mark wachsen und erstarken, kräftigt
durch dieses die Knochen und sammelt das Blut, kocht das Fleisch, beruhigt die
einzelnen Glieder und verbreitet in selbigem Menschen Weisheit und Wissen zu
seiner Lebensfreude. Beim Schlafe des Menschen hat (das Mark) daher mehr innere
Wärme als im wachen Zustande, weil es beim Wachen
flüchtig und verwirrt dahinschwindet; und darum schläft jener; wenn er aber
schläft, glüht sein Mark, weil es dann zunimmt und fett und rein wird.
Von
nächtlicher Befleckung. Daher erregt es auch oft in dieser Glut in
Folge seiner Fülle das Blut zur Lust und leitet ohne Wissen des Menschen Samen
in seine Geschlechtstheile. Es erglüht auch oft in Folge übermässigen
Essens und Trinkens, denn Uebermaass facht das Feuer
des Markes an, und der Speisesaft bringt Mark und Blut etwas in Aufregung. Und
das glühende Mark erregt im Blute fleischliche Lust…; was doch in Folge der
Sommerhitze oder der Wärme der Bekleidung nie oder nur selten geschieht.
Vom
Athmen. Wenn der Mensch nicht ein- und ausathmete, würde er den Körper nicht bewegen können, und
sein Blut würde nicht fliessen, wie ja auch Wasser
ohne Luftbewegung nicht fliesst.
Vom
Uebermaass des Schlafes. Wenn einer übermässig viel schläft, bekommt er davon leicht
verschiedene böse Fieber und zieht sich eine Verdunkelung der Augen zu, weil
seine Augen beim Schlaf zu lange geschlossen sind, wie einer, der zu lange in
die Sonne sähe, sich davon eine Verdunkelung der Augen holte. Wenn einer aber mässig schläft, wird er gesund sein. Wer übermässig viel wacht, wird körperlich schwach und verliert
seine Kräfte und wird geistig ziemlich geschwächt, und das die Augen umgebende
Fleisch schmerzt und röthet sich und schwillt auf.
Doch die Sehschärfe und Pupille verletzt er dadurch nicht. Wer aber mässig wacht, bleibt gesund. Oft ist ein Mensch wach und
kann nicht schlafen, weil sein Geist mit verschiedenen Gedanken, Möglichkeiten
und Widerwärtigkeiten beschäftigt oder von grosser
Freude abgespannt ist. Denn wenn er in Trauer, Furcht, Angst, Noth oder in anderen derartigen widerstreitenden
Empfindungen ist, wird sein Blut oft in Unruhe versetzt, und die Adern, die
angenehmen Schlafhauch aufnehmen müssten, ziehen sich etwas zusammen, so dass
sie es nicht können. Und auch wenn er etwas gesehen oder gehört hat oder ihm
etwas begegnet ist, worüber er sich über die Maassen
freut, dann wenden sich seine Adern der Freude zu und können den angenehmen
Schlafhauch nicht behalten, so dass jener die rechte Mischung in sich nicht hat
und wach bleibt, bis er sich in seinem Gemüthe mit
jener Sache abfindet und wieder zur Vernunft kommt und die Adern auf ihr
rechtes Maass zurückgehen und der Mensch schläft.
Auch wenn einer von schwerer Krankheit gepeinigt wird, gerathen
Blut und Säfte in ihm in Widerstreit und erregen Stürme in ihm, und so kann er
wegen dieser Widerwärtigkeiten nicht schlafen, sondern bleibt wach gegen seine
Gesundheit und seinen Willen …
Von
körperlicher Bewegung. Wenn ein körperlich gesunder Mann lange
umhergeht oder aufrecht steht, schadet ihm das nicht viel, weil er sich
körperlich bewegt, vorausgesetzt, dass er nicht zu viel geht oder steht. Wer
aber schwach ist, muss sitzen, weil er davon Schaden nähme, wenn er ginge oder
stände. Das Weib aber – denn es ist gebrechlicher als der Mann und hat einen
andern Schädel – muss mehr sitzen als umhergehen, damit es keinen Schaden
nimmt. Wer aber reitet, nimmt keinen grossen Schaden,
wenn er auch davon müde wird, weil er sich in frischer Luft aufhält; aber er
muss Füsse und Schenkel dadurch pflegen, dass er sie
zuweilen bewegt und ausstreckt.
Die
sanguinischen Weiber. Manche Frauen sind von starker Constitution, haben weiches, schönes Fleisch und zarte
Adern und gesundes Blut ohne schlechte Beimischung. Und weil Ihre Adern zart
sind, haben sie weniger Blut in sich, und ihr Fleisch nimmt desto mehr zu und
mischt sich mit Blut, und sie haben eine reines und weisses
Gesicht, lieben gern und werden geliebt, sind kunstfertig und für sich
enthaltsam, haben zur Zeit der Menstruation nur wenig Blut im Ausfluss, und
ihre Gebärmutter ist stark zum Gebären geschaffen; so sind sie denn fruchtbar
und können concipiren. Doch bekommen sie nicht viele
Kinder; und wenn sie ledig bleiben und keine Kinder bekommen, haben sie leicht
körperliche Schmerzen; verheirathen sie sich aber, so
sind sie gesund. Wenn bei denen der Monatsfluss vor der richtigen Zeit aufhört,
werden sie bisweilen melancholisch oder bekommen Seitenschmerzen, der Wurm
wächst in ihrem Fleisch, fliessende Drüsen, die man Scropheln nennt, brechen bei ihnen auf oder es bildet sich
geringer Aussatz.
Von
den phlegmatischen Weibern. Gewisser anderer Frauen Fleisch wächst
nicht viel, weil sie dicke Adern haben und ziemlich gesundes Blut, das ein
wenig weisses Gift in sich enthält, woher es eine weissliche Farbe bekommt. Sie haben ein ernstes Antlitz von
dunkler Farbe, sind energisch und tüchtig und haben einen männlichen Sinn und
in der Menstuation mässigen
Blutausfluss. Weil sie dicke Adern haben, sind sie meistens fruchtbar und
empfangen leicht, weil ihre Gebärmutter und ihr Eingeweide stark angelegt ist.
Die Männer ziehen sie an sich and nach sich, und
daher lieben die Männer sie. Wenn sie sich der Männer enthalten wollen, können
sie das und leiden darunter nicht viel, wenn auch ein wenig. Wenn sie aber von
der Umarmung der Männer ferngeblieben sind, werden sie in ihrem Wesen herbe und
ernst; wenn sie aber mit Männern verkehrt haben, weil sie ihren Umgang nicht
vermeiden wollten, werden sie ganz geil in ihrer Lust nach den Männern. Und
weil sie etwas männlich sind, haben sie wegen ihres inneren Lebenssaftes
zuweilen ein Bärtchen am Kinn. Wenn aber der Monatsfluss vor der Zeit bei ihnen
versiegt, bekommen sie die Kopfkrankheit der Hirnwuth
oder die Milzsucht oder Wasserzucht, oder stets schwärende Fleischstellen
wachsen an ihnen oder an irgend einem Glied wucherndes Fleisch, wie eine
Blatter an einem Baum oder an einer Frucht.
Von
den cholerischen Weibern. Andere Weiber haben zartes Fleisch, aber
starke Knochen und mässige Adern und träges, rothes Blut und sich von bleicher Gesichtsfarbe; sie sind
gescheit und gütig, Verehrung und Furcht wird ihnen von dem Leuten zu Theil. Sie haben einen sehr starken monatlichen Blutfluss,
ihre Gebärmutter ist stark, und sie sind fruchtbar. Die Männer lieben ihre Art,
doch halten sie sich oft von ihnen fern, weil sie selbst sie mit ihren Reizen
nicht an sich ziehen. Wenn sie sich verheirathen,
sind sie keusch und halten die eheliche Treue und sind körperlich gesund; ledig
aber haben sie Körperschmerzen und sind schwach, weil sie Keinem die eheliche
Treue bewahren können und weil sie keine Gatten haben. Wenn ihre Reinigung vor
der Zeit aufhört, werden sie gelähmt oder lösen sich in ihren Säften auf, so
dass sie an diesen krank werden oder auch leicht die schwarze Drachengeschwulst
(nigrum tumorum dragunculi) bekommen oder ihre Brüste vom Krebs
anschwellen.
Von
den melancholischen Weibern. Andere Weiber haben mageres Fleisch, dicke
Adern, mässige Knochen und mehr rothblaues
als blutfarbenes Blut, und haben ein Antlitz wie mit
blauer oder schwarzer Farbe durchsetzt u.s.w.
Von
den Haaren.
Wenn einem Menschen das Haupthaar ausgeht, kann es durch kein Heilmittel mehr
hergestellt werden, weil der befeuchtende Lebenssaft, den er früher auf seinem
Schädel hatte, vertrocknet ist und sich von nun an dort keiner mehr erheben
kann; daher können von nun an dort auch keine Haare wachsen …
Vom
Kopfschmerz.
Speise mit feuchtem Saft, wie der Saft von Gartenpflanzen oder Früchten ist,
verursacht ohne trockenes Brot gegessen öfter Kopfschmerz; doch legt sich
dieser bald, weil er von dünnem Saft entsteht. Aber auch der Schleim nimmt im
Menschen zuweilen überhand, steigt zum Kopfe auf, trifft die Schläfenadern, die
die Stirn kräftigen, und bringt so der Stirn Schmerzen …
Vom
Zahnschmerz.
Einige ganz kleine Aederchen umgeben das Häutchen, in
dem die Hirnmasse gelagert ist, und erstrecken sich bis zum Zahnfleisch und den
Zähnen selbst. Füllen sich diese mit bösem, übermässigem
und eitrigem Blut und werden sie bei der Reinigung des Gehirns von dem Abgang
befleckt, so bringen sie den Eiter und Schmerz aus sich zum Zahnfleisch und den
Zähnen. Dann schwillt das Fleisch, welches die Zähne umgiebt,
und die Kinnbacken und der Mensch empfinden Schmerz. Wenn aber der Mensch nicht
öfter seine Zähne wäscht und reinigt …., entstehen manchmal Würmer in den
Zähnen, und so schwillt das Zahnfleisch, und der Mensch hat davon Schmerzen.
Vom
Milzschmerz.
Wenn einer rohe Aepfel oder Birnen oder Kohl oder
andere rohe Speisen zu sich nimmt, die weder durch Feuer noch durch irgend ein
Gewürz erwärmt sind, können sie im Magen nicht leicht ausgekocht werden, weil
sie vorher nicht erwärmt sind. Und so dringen die bösen Säfte jener Speisen,
die durch Feuer oder durch ein Gewürz von Salz oder Essig hätten erwärmt und
vertrieben sein müssen, es aber nicht sind, zur Milz und verursachen eine
schmerzhafte Geschwulst derselben …
Vom
Magen und schlechter Verdauung. Der Magen ist im Menschen so eingerichtet,
dass er alle Speisen aufnimmt und verdaut; er hat die Natur, festzuhalten, und
ist innen etwas faltenreich, damit er die Speisen zur Verdauung festhalten kann
und sie nicht zu schnell verdaut werden, wie der Maurer die Steine darum
einhaut, damit sie den Mörtel aufnehmen und festhalten und er nicht ausfliesst oder abfällt. Wenn nun Menschen gewisse Speisen übermässig viel essen, nämlich rohe oder ungekochte oder
halbgare und über die Maassen fette und schwere oder
dürre und trockene, dann können Herz, Leber, Lunge und die andere Wärme im
Menschen dem Magen nicht so viel starkes Feuer darbieten, dass jene Speise
gekocht werden; dann werden sie im Magen käsig und hart und kahmig, so dass
sich in ihm viel grüner, blauer, rothblauer Schleim
sammelt und sich auch bisweilen böse Säfte und Unrath
wie eitriger Koth durch den ganzen Körper verbreitet
und böser Rauch, wie wenn grünes, feuchtes Holz verbrannt wird, überall im
Körper aufsteigt … Vom Magenschmerzen ensteht
Seitenschmerz und davon Unterleibsschmerz. Denn wenn der Magen von schädlichen
und schlechten Speisen krank wird, weil starke und schlechte Speisen in ihm
nicht verdaut werden können, dringt ein Schmerz wie Rauch und Nebel aus ihm in
die Seite, wie ein scharfer Qualm von grünem Holze aufsteigt, und dieser
Magendunst verbreitet sich wie eine schwarze Wolke zum Unterleib, und dieser
nimmt den Dunst auf, weil er nach der andauernden Gewohnheit immer dorthin
strebt, wie Rauch nach dem Rauchfang …
Vom
Podagra.
… Wer verschiedene üppige Speisen häufig geniesst,
bekommt leicht Podagra … Die Weiber bekommen es nicht so leicht, die
schädlichen Säfte gehen in die monatliche Reinigung über, und so werden jene
vom Podagra frei.
Von
der Verdauung. Wenn der Mensch isst, vertheilen
die Aederchen, die den Geschmack empfinden, ihn durch
den Körper, und die inneren Adern der Leber, des Herzens, der Lunge empfangen
den feineren Saft dieser Speisen vom Magen und tragen ihn durch den ganzen
Körper, und so mehrt sich das Blut im Menschen, und der Körper wird ernährt,
wie Feuer, das vom Blasebalg entfacht ist, und wie Gras durch Wind und Thau erstarkt und wächst … Was aber in den verzehrten
Speisen und Getränken Unrath ist, senkt sich beim
Menschen nach unten und verwandelt sich in Koth und
geht dann ab; wie wenn man Trauben in die Kelter legt: den Wein füllt man in
ein Gefäss, den Rest, die Hülsen, wirft man weg.
Vom
Schlummern.
Gleich nach dem Essen, bevor der Geschmack und Saft der Speisen an seinen Ort
gelangt ist, soll man nicht schlafen … Wenn sich aber einer (nach dem Essen)
eine Weile des Schlafes enthält und sich dann eine Zeit lang zum Schlummern
niederlegt, kräftigt sich sein Fleisch und Blut, und er wird gesund.
Vom
Durst nach dem Schlaf. Oftmals, wenn einer Tags oder Nachts
erwacht, dürstet er in Folge der Wärme oder Trockenheit der Speisen. Dann soll
er nicht gleich trinken, so lange die
Schlaftrunkenheit noch in ihm ist, die ihm Krankheiten zuzöge und Blut und
Säfte in unrichtige Wallung versetzen würde. Sondern wenn er erwacht, mag er
sich eine Weile des Trunkes enthalten, wenn er auch stark dürstet, bis ihn die
Schlaftrunkenheit ganz verlassen hat. Mag er dann gesund oder krank sein, soll
er gegen den Durst nach dem Schlaf Wein oder Bier trinken, kein Wasser, denn
dies würde seinem Blut und den Säften mehr schaden als nützen.
Von
der Lähmung
(de paralysi fatigatione).
Wer gelähmt ist …muss nüchtern Wein trinken oder, wenn er den nicht haben kann,
Gersten oder Weizenbier, oder wenn er auch das nicht haben kann, muss er sich
Wasser mit Brot kochen, es durch ein Tuch filtriren
und lauwarm trinken …
Vom
Fieber.
Wer an täglichen Fiebern leidet, die von verschiedenen Speisen entstehen, darf
nüchtern nichts trinken, da er dann innen noch trocken ist; denn wenn er
nüchtern tränke, würde das Getränk durch den ganzen Körper dringen und ihm mehr
schaden als nützen. Vielmehr soll er zuerst essen, damit seine Adern Speisesaft
aufnehmen und erwarmen; dann trinke er Wein, und er
wird ihm nicht schaden. Wenn er Wein nicht hat, trinke er Bier, wenn auch dies
nicht da ist, Meth, wenn er auch den nicht hat, koche
er Wasser, lasse es abkühlen und trinke es. Wer alle 3 oder 4 Tage Fieber hat,
darf nüchtern nur in der grössten Noth
trinken, wenn ihn starker Durst ergreift, und dann nur ein wenig Wasser. Beim
Frühstück aber trinke er Wein; der ist ihm zuträglicher als Wasser (u.s.w. wie oben).
[ I: Juni; II: August; III: September;
IV: November;
V: Dezember;]
Vom
Essen.…
Nüchtern esse der Mensch zunächst etwas Warmes, damit der Magen sich erwärme,
nichts Kaltes, weil dann der Magen so kalt wird, dass er nachher durch warme
Speisen kaum erwarmen kann… Alles Obst, saft- und feuchtigkeitsreiche Nahrung vermeide er bei der
ersten Mahlzeit, weil diese Speisen Schleim und Unruhe in den Säften
herbeiführen würden; wenn er aber schon etwas genossen hat, kann er sie essen,
und dann dienen sie mehr der Gesundheit als zur Schwächung des Körpers. Wer
gesund ist, dem ist es zur guten Verdauung gut und heilsam, dass er sich des
Frühstücks enthalte bis zur Mittagszeit. Wer aber krank oder schwächlich ist,
dem ist es gut und heilsam, am Morgen zu frühstücken, um von den Speisen Kräfte
zu bekommen, die er an sich nicht hat. Zur Nacht kann man dasselbe essen und
trinken wie am Tage, wenn man will; doch dann esse man so zeitig vor der Nacht,
dass man noch seinen Spaziergang machen kann, bevor man sich zur Ruhe legt.
Vom
Trinken.
Edler, starker Wein erregt Adern und Blut des Menschen auf unrechte Weise und
zieht die ganze Feuchtigkeit, die im Menschen ist, an sich, wie
Reinigungstränke es thun, und zwingt vor der
richtigen Zeit den Harn zum Fliessen. Ungarwein thut das nicht … Deswegen müssen starke Weine durch Brot,
das man hineinthut, oder durch einen Zusatz von
Wasser gemildert werden… Ungarwein braucht so nicht gemildert zu werden; wenn
aber einer Wasser dazu thun will oder Brot und ihn so
trinken, dann ist er zwar angenehmer zum trinken, aber nicht gesunder …
Von
Jahreszeiten und Mahlzeiten. Wer zur kalten Winterszeit speisen will,
wähle sich einen Ort, der weder zu warm noch zu kalt ist, sondern mässig warm, und esse … mässig
warme Speisen … Und wenn er auch warm gekleidet ist, darf er beim Essen nicht
an einem kalten Ort sitzen, weil ihn die kalte Luft, die er während des Essens einathmet, krank macht. Kohlenwärme, die während des Essens
den Rücken des Menschen trifft, ist gesunder, als wenn die Glut ihm ins Antlitz
kommt. – Wer im Sommer, wenn er innerlich sehr warm ist, heisse
Speisen geniesst, bekommt leicht Fluss (guttam); wer dann sehr kalte Speisen verzehrt, sammelt in
sich Schleim. Darum soll man im Sommer lauwarme Speisen essen … Wer im Sommer …
viel isst, dessen Blut erhitzt sich übermässig, seine
Säfte nehmen eine üble Art an, sein Fleisch bläht sich und schwillt unnatürlich
auf, weil die Luftwärme zu stark ist. Wenn er dann nur wenig zu sich nimmt,
schadet ihm das nichts, sondern erhält ihn gesund. Wenn aber der Mensch im
Winter, wenn er innerlich recht kalt ist, viel geniesst,
so ist ihm dies gesund und macht ihn fett. Doch muss sich der Mensch in jeder
Jahreszeit hüten, kochheisse und von Feuchtigkeit
dampfende Speisen zu sich zu nehmen; sondern nach dem Kochen warte er, bis die
Glut und der Dampf aufhören, weil glühende und dampfende Speisen seinen Leib
aufblähen und leicht Aussatz herbeiführen. Auch wenn der Mensch unter grosser Traurigkeit leidet, soll er genügsam von ihm
zusagenden Speisen essen, um erquickt zu werden; denn die Traurigkeit beschwert
ihn. Auch bei grosser Freude soll der Mensch mässig essen, weil sein Blut dann frei und ungebunden umherkreist (in apertione vagationis dissolutus est), damit nicht bei reichlicher Nahrungsaufnahme seine blutsäfte sich zu Fieberstürmen verwandeln. Im Winter darf
man nicht viel trinken … und zwar trinke man Wein oder Bier, Wasser aber meide
man möglichst … Im Sommer darf man mehr trinken als im Winter … auch ein
Wassertrunk schadet dann weniger. Wenn aber im Sommer der Mensch erhitzt ist,
und wenn er gesund ist, trinke er nur wenig lauwarmes Wasser und gehe bald ein
wenig hin und her, damit das Wasser in ihm erwarme.
Das ist seinem Körper zuträglicher, als wenn er Wein trinkt. Wenn er aber krank
ist, und wenn es im Sommer ist, trinke er Wein mit Wasser oder Bier, weil ihn
dies mehr erfrischt als Wasser. Immer aber, im Sommer und im Winter, hüte sich
der Mensch vor zu starkem Trinken; denn zu starker Regenguss schadet der Erde,
in dem er sie durchdringt, und so führt auch derjenige, der übermässig
trinkt, eine Unbrauchbarkeit verschiedener Säfte in seinem Körper herbei. Doch
soll man sich auch nicht gar zu sehr des Trinkens enthalten, weil man sich
durch solche Enthaltsamkeit ausdörrt und sich eine Schwerfälligkeit des Geistes
und Körpers zuzieht. Auch können dann die genossenen Speisen nicht gut verdaut
werden und zuträglich sein, wie ja auch dürre und harte Erde keine gute Frucht
trägt, wenn ihr Regenniederschläge fehlen …
Vom
Aderlass.
Wenn die Adern des Menschen voll Blut sind, müssen sie von schädlichem Schleim
und dem Saft ihrer Verdauung durch einen Einschnitt gereinigt werden. Wenn aber
die Ader eingeschnitten wird, erbebt das Blut wie in plötzlicher Angst, und was
dann zuerst herauskommt, ist kein reines Blut; Eiter und Blutverdauung fliessen gleichzeitig aus, und darum hat der Aderfluss
verschiedene Farben, weil er Eiter und Blut ist. Wenn diese aber ausgeflossen
sind, kommt reines Blut, und dann ist mit dem Aderfluss aufzuhören. Wer sich
aber zu Ader lässt und gesund und kräftig ist, der soll so viel Blut lassen,
wie ein starker durstiger Mann in einem Zuge Wasser trinken kann; wer schwach
ist, nur so viel, wie ein Ei von mässiger Grösse fassen kann. Denn übermässiger
Aderlass schwächt den Körper … mässiger aber entfernt
die bösen Säfte und ist dem Körper gesund … Wer stark, gesund und dick ist,
lasse alle drei Monate zur Ader … und zwar bei abnehmendem Monde am 1., 2., 3.,
4., 5. oder 6. Tag nach Vollmond … Der Aderlass ist alten Leuten zuträglicher
als jungen, weil das Blut der Greise mehr mit Eiter vermischt ist als das Blut
junger Leute. Der Mann kann aber, wenn es nöthig ist,
schon im 12. Lebensjahr zur Ader lassen … aber doch nur soviel,
wie zwei Nussschalen fassen können; das thue er
einmal im Jahr bis zum 15. Lebensjahr; von da an … wenn er gesund ist, lasse er
soviel Blut, wie ein dürstender Mann Wasser in einem
Zuge trinken kann, wie oben gesagt ist, bis zu 50 Jahren. Nach dem 50. Jahr, wo
im Manne Blut und Schleim abzunehmen und sein Fleisch zu wachsen beginnt, lasse
er nur einmal im Jahr zur Ader und vermindere den Durchschnitt des Maasses der Blutentleerung, und das thue
er bis zu 80 Jahren. Später aber nützt ihm der Aderlass nichts mehr, sondern
ist schädlich, weil die Lebenskraft des Blutes schon eingetrocknet ist; ausser wenn eine grosse
Aufwallung und ein Aufbrechen der Säfte in ihm erfolgt, und dann lasse er
dieser Noth wegen ein wenig zur Ader. Weil aber nach
dem 80. Lebensjahr die Adern des Mannes dahinschwinden und ein Aderlass ihm
nicht gesund ist, so errege er durch Kräuter, wie Schwarzdistel und
dergleichen, Blättern an seinem Körper, damit die schädliche Säfte zwischen
Fleisch und Haut ausfliessen, wenn die Pusteln
aufbrechen. – Ein Weib … wird den Aderlass bis zum 100. Lebensjahr ausdehnen,
weil sie es wegen der schädlichen, eitrigen Säfte nöthiger
hat als der Mann. Das beweist auch die monatliche Reinigung. Wenn sie durch
diese nicht von schädlichen, eitrigen Säften gereinigt würde, dann würde sie
ganz und gar anschwellen und könnte nicht leben. Nach dem 100. Jahr aber lasse
sie nicht mehr zur Ader …, wenn sie aber dann nocht
schädliche Säfte in sich spürt, erzeuge sie Pusteln an denselben Stellen, wo
auch Erhitzungen (cocturae)
am Menschen gemacht zu werden pflegen. – Man muss wissen, dass in der Cephalica mehr Flüssigkeit ist als in der Mediana oder Epatica, weil der Cephalica mehr Adern mit Flüssigkeit anhaften als der Mediana oder Epatica: darum ist
es heilsamer an der Cephalica den Aderlass
vorzunehmen als an den anderen Adern. Denn wer viel Schleim im Kopf oder auf
der Brust hat oder wem der Kopf so brummt, dass ihm davon das Gehör etwas
verringert wird, lasse an der Cephalica zur Ader;
doch hüte er sich vor zu reichlicher Blutentleerung, damit nicht seine Augen
davon verdunkelt werden; denn einige bis zu den Augen reichende Aederchen haften ihr an, so dass bei starker Blutentleerung
auch diese leer werden und dem Menschen das Augenlicht schwindet.
Vom
Schröpfen.
Wem die Augen von bösen Säften dunkel werden oder schwären oder das Fleisch um
die Augen anschwillt, der lasse hinter den Ohren und am Nacken durch Hörner
oder Schröpfgläser (cornibus aut
ventosis) mässig Blut ab,
drei oder vier Mal im Jahr; wenn er sich aber nothgedrungen
dort öfter schröpfen lässt, lasse er desto weniger Blut abnehmen … Er lasse
sich an dem schmerzenden Körpertheile das Blut entfernen. Hat einer an der
Zunge Schmerzen, so dass sie schwillt oder schwärt, schneide man sie mit
kleinem Schnepper oder der Bremse (cum flebotomo aut cum brema, vgl. mein Progr. S. 7; Dorn?) ein wenig ein, damit dort das eitrige
Blut austritt, und es wird ihm besser gehen. Hat einer Zahnschmerzen, schneide
er in gleicher Weise ins Zahnfleisch … Wessen Herz traurig, wessen Geist
niedergeschlagen ist, lasse in der Mediana Blut ab …,
wenn man Leber- oder Milzschmerzen hat, wenn man Athembeklemmung
im Hals oder in der Kehle wahrnimmt, wessen Augen sich verdunkeln, der lasse
von der Epatica Blut abnehmen; dann wird es ihm
besser gehen. … Der Einschnitt in die genannten Hauptadern muss in der Armbeuge
erfolgen. … Man soll aber, ob Mann oder Weib, während man in der Jugendzeit in
Länge und Breite wächst, die Ader nicht zur Blutentleerung aufschneiden,
wennschon es die Noth zu erheischen scheint, weil
während des Wachsthums von Adern und Blut bei einem
Einschnitt und Blutverlust der Mensch schwach wird an Körper und Wesen und in
seinem Geist gleichsam leer. Sondern wenn es die Noth
fordert, soll er Erhitzungen machen und durch
Schröpfen Blut ablassen … Wenn aber der Mensch über diese Zeit hinaus ist und
er körperlich nicht mehr wächst, also nach dem 20. Jahr, so mag er, wenn
Krankheiten es nöthig machen, einschneiden, aber nur
wenig Blut ablassen. Wenn er aber körperlich gesund ist, lasse er nicht zur
Ader, sondern lasse sich schröpfen und mache Erhitzungen.
Wenn er aber das vollendete Lebensalter von 30 Jahren erreicht hat, kann er, ob
gesund oder krank, mässig zur Ader lassen … (Die
Widersprüche in diesen Verordnungen lassen erkennen, dass die Heilkünstler des
12. Jhs. über den Werth des
Aderlasses verschiedener Meinung waren und vielleicht Hildegard selbst während
ihrer langen Praxis ihre Ansichten geändert hat.)…Wer zur Ader gelassen hat,
muss sich 3 Tage lang vor dem Licht der Sonnenstrahlen und brennenden Feuers
hüten … Das Tageslicht aber ist milde und schadet dem Geschwächten nicht, wenn
die Sonne nicht zu hell scheint. Aber stets und besonders in der Aderlasszeit kocht das die Augen umgebende Fleisch von
Sonnen- und Feuersglut auf, und das Augenlid (pellicula,
scilicet membrana quae oculos continet) wird träge, und
so wird das Gesicht verdunkelt. Der Geschwächte aber darf verschiedenartige und
gebratene Speisen und solche von verschiedenartigem Saft, rohes Obst und rohes
Gemüse nicht geniessen, denn diese würden in seinen
Adern nur den Eiter, nicht das Blut mehren. Auch starken Wein darf er nicht
trinken …, er esse vielmehr passende Speisen und ein oder zwei Gerichte, so
dass er anständig satt wird (ita quod
sibi honeste sufficiat), und trinke leichten, reinen Wein. Das thue er zwei Tage lang, weil dann noch das geschwächte Blut
in Erregung ist. Am dritten Tage bekommt sein Blut wieder Kräfte und vertheilt sich an seine Stellen. Käse aber soll der
Geschwächte vermeiden … Wenn einer sich zur Ader lassen will, so thue er das nüchtern … nur wenn einer sehr schwächlich und krank
ist, nehme er ein wenig Speise vor dem Aderlass, damit er nicht schwach werde.
Auch das Schröpfen geschehe in der Nüchternheit. Damit er aber keine
Herzschwäche bekommt, nehme der Mensch vor dem Schröpfen etwas Brot und Wein …
Das Schröpfen ist für Jünglinge zuträglicher als für Greise … und geschieht
besser im Sommer als im Winter …Wer weiches und fettes Fleisch hat, lasse sich
ein einem Monat zweimal durch Schröpfen Blut abziehen. Wer aber mager ist, kann
es nöthigenfalls in jedem Monat einmal thun. Bei Augen-, Ohren- oder Kopfschmerzen setze man den
Schröpfkopf zwischen Hals und Rücken, bei Brustschmerzen auf die
Schulterblätter, bei Seitenschmerzen auf beide Arme an die Handwurzel, bei
Schmerzen in den Beinen auf die Weichen, bei Unterleibsschmerzen zwischen Gesäss und Kniebeuge auf das Hüftgelenk. Auf die Stelle
aber, auf die man den Schröpfkopf setzt, darf man ihn nicht öfter als drei oder
viermal in einer Stunde, in der das Blut abgezogen wird, setzen. Auf den Waden
und Schienbeinen darf nicht oder nur selten geschröpft werden … Wer sich auf
diese Art durch Schröpfen Blut und Säfte abzapfen lässt, braucht sich vor
Sonnen- und Feuersglut und Speisen nicht so in Acht zu nehmen, als wenn er zur
Ader gelassen hätte …. Die Erhitzung aber (ustio autem, scilicet coctura) ist
stets gut und nützlich, weil sie, vorsichtig angewendet, Säfte und Schleim
innerhalb der Haut vermindert und dem Körper Gesundheit bringt. Sie eignet sich
für junge und alte Leute … , doch ist sie für Greisen noch zuträglicher als Jünglingen
… Jungen Leuten ist sie im Winter zuträglicher als im Sommer, … alten ist sie
besonders im Sommer zuträglich … Will man aber die Erhitzung vornehmen, so
bewirke man die mit Gartenysop oder Spindelbaummark (isca aut medulla
fusarii, vgl. Progr. S. 7
und 18) oder einem geknoteten Leinentuch, nicht aber mit Eisen … noch mit
Schwefel … noch mit Harz, weil dies Flammen ausstrahlt und die Haut versengt …
Wenn man aber die Erhitzung längere Zeit haben will und mit einem Tuch
umwickeln, so nehme man Mark von der Haselstaude und lege ein wenig Werg von Linnen darum und lege es auf. Wenn man sie ohne
Verband und nur kurze Zeit haben will, lege man Werg
von Linnen oder Hasenhaare auf … Wer aber Augen-, Ohren- oder Kopfschmerzen
hat, nehme die Erhitzung hinter den Ohren vor, ohne dass er einen Verband
benutzt; bei Rückenschmerzen wende er sie zwischen den Schulterblättern an oder
an den Armen, wo er einen Verband tragen kann; bei Schmerzen in den Weichen
zwischen diesen und dem Rücken, und wenn man viel Säfte im ganzen Körper hat,
lasse man sich zwischen Schienbein und Wade erhitzen und trage dort einen
Verband. Und wie der, welcher sich zur Ader lässt, bissweilen
eine Pause macht, so soll es auch der halten, der eine Erhitzung vornimmt. Wenn
er sich eine Zeit lang am Tage ausgeruht hat, mag er sich wieder erhitzen. Wer
aber eine Erhitzung anwendet, nehme ein Hanftuch,
tauche es 3 oder 4 Mal in Wachs, lege es auf Rosmarinrinde, weil es mit dem
Wachs auf der erhitzten Stelle fest aufliegt, und lege es auf, so dass das Tuch
überall die Rinde überragt. So hält der Verband den Eiter der Erhitzung fest,
dass er nicht hervortreten kann. Denn je mehr Eiter auf der erhitzten Stelle
zurückgehalten wird, desto mehr Eiter scheidet aus ohne Blutverlust … Cyprusrinde taugt nicht für eine Erhitzung … Wenn der
aufgelegte Verband voll Eiter ist, so dass er davon warm ist, nehme man ihn ab
und lege einen neuen auf …
[ I: Juni; II: August; III: September;
IV: November;
V: Dezember;]
Vom
Speichelauswurf und Schnauben. Das Gehirn hat Oeffnungen,
die stets luftig sind und durch die es erweicht und befeuchtet wird: Augen,
Ohren, Nase, Mund; der feuchtkalte Unrath der Säfte
sammelt sich dort am Ausgang der Nase und Kehle, weil ihn das Gehirn nicht bei
sich behält, sondern zur Reinigung abstösst und durch
den Luftzug wieder entfernt. Wollte der Mensch diese Reinigung irgendwie
unterdrücken, so würde er geisteskrank werden … Wer aber eine verstopfte Nase
hat, der … ist innerlich ungesund und leidet an Geschwüren u.s.w.
Vom
Nasenbluten …
Manche Menschen haben so viel Blut, dass es manchmal vor Fülle dick und dunkel
wird. Wenn diese innerlich gesund sind, so fliesst
das überflüssige Blut aus der Nase ab und ihr Gehirn wird dadurch gereinigt,
ihre Sehkraft geschärft und ihre Kräfte erneuert …
Vom
Schnupfen.
Auch wenn das Gehirn des Menschen einigermaassen rein
und gesund ist, dringen doch bisweilen die Wirbel der Luft und der andern
Elemente ein und lassen verschiedenartige Säfte ein- und ausfliessen
und erzeugen im Nasen- und Kehlwege einen nebelhaften
Dunst, so dass dort ein schädlicher Eiter wie Dunst von nebligem Wasser sich
zusammenzieht. Der Schleim verdichtet sich dann zu festen dünnen Säften, die
unter Schmerzen durch Nase und Kehle ausgestossen
werden; wie auch reife Geschwüre aufbrechen und ihren Eiter fliessen
lassen und wie man keine Speise kocht, ohne dass ihr Abgang im Schaum
ausgeschieden wird … Wenn man eine neue und unbekannte Speise geniesst oder solchen Wein oder anderes Getränk, dann
werden durch diese neuen Säfte die andern im Körper aufgewühlt und gehen
reinigungshalber flüssig aus der Nase ab, wie neuer Wein, den man in ein Gefäss giesst, die Unreinigkeiten
ausscheidet. Wenn Jemand eine derartige Reinigung unterdrücken wollte, würde er
sich ebenso schaden, als wenn er Stuhlgang und Harn zurückhielte, zur rechten
Zeit abzugehen. Vielmehr muss man, wenn jene Säfte sich noch vermehren, so dass
die Körperschmerzen sich mehren, ein Heilmittel anwenden, dass sie desto
leichter abfliessen.
Von
Reinigungstränken. Magenreinigende Tränke nützen denjenigen Menschen
nicht, die sehr krank sind und derartig gebrechlich, dass sie von Lähmungen
heimgesucht werden (a paralysi fatigantur);
noch auch denen, in denen die Flüsse nach Art übergetretener Gewässer beständig
hierhin und dorthin sich ergiessen. Solche schaden
die Tränke mehr, als sie nützen. Denn da sich derartige Flüsse vom Magen aus
zwischen Haut und Fleisch verbreiten und in den Adern nach verschiedenen
Richtungen strömen, sind sie nicht mehr im Magen und würden von den Tränken,
die der Mensch dem Magen zuführt, nicht mehr vertrieben werden können. Solchen
gichtbrüchigen (qui de gutta
paralysi conteruntur) und
an Rheumatismus leidenden Leuten (qui de praefatis humoribus fatigantur) nützen vielmehr Pulver von heilsamen Kräutern
und kostbare Wohlgerüche … Den unten beschriebenen Gesundheitstrank sollen nur
solche nehmen, die weder sehr gesund noch sehr krank sind …; auch solche, die
völlig gesund sind, damit ihnen die Gesundheit erhalten bleibe; auch solche,
die von mannigfaltigen und vielen Speisen fette, eitrige Säfte in sich haben …;
endlich auch solche, die nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen haben …
Man nehme ihn aber im Juni oder Juli, vor dem August, nüchtern und ohne andres
Gewürz … Wenn man nach dem Genuss einer Speise Magenschmerzen empfindet, nehme
man ihn im October. Auch andere Tränke nimmt
Jedermann besser in oben genannten Monaten als in anderen.
Von
der Diät.
Wer gesund sein will, muss nach natürlicherweise warmen Speisen
natürlicherweise kalte geniessen, nach kalten warme,
nach trockenen feuchte, nach feuchten trockene - gekochte oder ungekochte …
damit sie sich gut miteinander vermischen … Wenn man verschiedenartiges Fleisch
und übermässig warme und auserlesene Speisen
durcheinander zu sich nimmt, erregt ihr Saft das Mark so stürmisch, dass es
wollüstig wird. Darum soll man nur einfach gewürztes und mässig
gekochtes Fleisch geniessen, nicht zu warmes,
auserlesen mit allen möglichen Zuthaten bereitetes
und scharf gewürztes … So vernichtet auch starker, köstlicher Wein die Kraft
der Blase des Menschen, so dass sie seinem Mark nicht den gehörigen Lebenssaft
zu schaffen vermag … Wer den trinken will, muss ihn zuvor mit Wasser mischen…,
auch den sogenannten Ungarwein …Ueberhaupt soll man
jede Speise und jeden Trank anständig und in Maassen
zu sich nehmen …Ist man gesund, muss man sich in angegebener Weise beim Essen
und Trinken in Acht nehmen, um gesund zu bleiben; ist man leidend, möge man
sich durch Fleischgenuss mässig und vorsichtig
stärken, abe auch dann nur verdünnten Wein trinken. –
Wenn einer zu fettes Fleisch oder andere zu fette Speisen … geniesst,
ist ihm dies mehr schädlich als nützlich … Ist Jemand dürr an Gliedern und
Körper, so möge er fettes Fleisch … essen … Bier macht dick und verleiht
vermöge der Kraft des Getreidesaftes dem Antlitz eine schöne Farbe. Wasser schwächt
und verursacht einem Schwächlichen Eiter an der Lunge … Trinkt aber ein
gesunder Mensch bisweilen Wasser, so wird ihm dies nichts schaden … Wenn ein
Mensch sich selbst zum Erbrechen zwingt oder irgend ein Gewürz nimmt, wodurch
er das Erbrechen hervorruft, das ist ihm nicht gesund und heilsam … Erbrechen,
welches von selbst kommt, ist besser, als das durch irgend ein Mittel
hervorgerufene.
Von
Blattern. Wenn manche Menschen im Essen übermässig enthaltsam sind und ihrem Körper nicht die
gehörige Erfrischung zukommen lassen und andere leichtfertig in ihren Sitten
sind und andere unter Entkräftung zu leiden haben, dann können gleichsam Stürme
in ihrem Leibe sich erheben … und es ereignet sich, dass in den Gliederbändern
oder an einem andern Körpertheile [die wässrigen und feurigen Elemente] mit
einander in Streit gerathen und eine Blatter mit
Fleischgeschwulst entstehen lassen. Drei Arten giebt
es von diesen Blattern. Eine ist schwarz; sie
entsteht von zu grosser Feuerskraft, bringt dem
Menschen Gefahr und droht ihm den Tod wie ein Wolkenbruch, der Alles zerstört
und vernichtet, worauf er fällt. Die andere ist grau …; sie verletzt den
Menschen, tödtet aber nicht … Die dritte ist weiss …; sie schwächt den Menschen, vernichtet ihn aber
nicht … Die schwarze ist gefahrvoll und fast unheilbar, die graue und weisse sind leichter als die schwarze und können geheilt
werden.
Von
Geschwulst, Geschwüren u.s.w. Durch
widerstreitende Säfte, gute und böse, werden Fleisch und Adern des Menschen
dick, wie Mehl vom Sauerteig aufgeht. Geschwülste, die von Herz, Lunge, Magen
und anderen inneren Theilen ausgehen und in
unrichtigen, übermässigen Widerstreit gerathen, werden zuweilen hartnäckig, schlüpfrig und warm.
Bleiben sie in dem Menschen, schaden sie seiner Gesundheit, brechen sie äusserlich auf, so machen sie ihn gesund. Wenn sie an eine
oder mehrere Stellen so gerathen, dass dort ein oder
mehrere Geschwüre entstehen, so lasse man sie reif werden und aufbrechen …;wenn
sie dann ausgeflossen sind, soll man Medicin und
Salben anwenden. Wenn sich aber von bösen Säften am ganzen Körper ein Ausschlag
bildet, dann warte man, bis sich die Haut zwischen den Geschwüren röthet und trocken wird, und dann wende man passende Salben
an und warte nicht länger, damit die Haut nicht noch mehr schmerzhaft schwärt
und eitert.
Vom
Aussatz …Der
Aussatz in Folge von Schlemmerei ruft rothe
Geschwülste ähnlich wie die Drachengeschwulst hervor; der von der Leber
herrührende macht Einschnitte in Haut und Fleisch bis zu den Knochen; der von
der Wollust stammende bewirkt breite rindenartige Geschwürflächen, unter denen
das Fleisch roth ist. Die beiden ersten Arten sind
schwer zu heilen, die dritte leicht.
Gegen
Haarschwund.
Wenn einem jungen Menschen die Haare ausfallen, so mische er Bärenfett und
Staub von Weizenkleie und salbe damit das ganze Haupt, besonders da, wo der
Haarschwund ist. Diese Salbe muss er lange auf dem Kopfe lassen …
Gegen
Kopfschmerz.
Wenn der Kopf in Folge melancholischer Fieber schmerzt, so nehme man Malve und
Salbei und zerstosse sie in einem Mörser zu Saft, thue ein wenig Baumöl dazu, oder wenn man dies nicht hat,
Essig und bestreiche damit den Kopf vom Scheitel bis zum Hinterhaupt und lege
ein Tuch darauf; das geschehe 3 Tage lang. Während dieser Zeit erneuere man mit
Baumöl oder Essig [die Salbe] oder träufele solches darüber; dann wird es einem
besser gehn …
Gegen
Verrücktheit.
Wenn einer erkältetes Gehirn hat und verrückt wird, nehme man Lorbeerfrüchte, pulverisire sie, mische und knete das Pulver mit Weizenmehl
und schmiere diesen Teig, nachdem die Haare abrasirt
sind, auf dem Kopf und lege einen Verband von Filz darüber, damit das Gehirn
wieder warm werde und [der Patient] schlafen kann … Wenn der Teig trocken
geworden ist, mache man einen neuen u.s.w. … und er
wird wieder zu Sinnen kommen.
Gegen
Migräne.
Gegen Migräne bereite man ein ganz feines Pulver aus Aloë-
und Myrrhen-[wurzel], nehme Weizenmehl und Mohnöl dazu und stelle daraus eine
Art Teig her, bestreiche das ganze Haupt bis zu den Ohren und dem Halse damit,
ziehe eine Mütze darüber und lasse den Teig drei Tage und Nächte lang liegen …
Gegen
Kopfschmerz, der von Magendunst herrührt. Wenn man in Folge
Genusses einer saftreichen Speise Kopfschmerzen hat, nehme man Salbei, Thymian
und Fenchel zu gleichen Theilen und mehr als drei
Theile Andorn, zerquetsche dies zu einem Safte und thue
nach Gutdünken Butter oder, wenn diese nicht zu haben ist, Fett an und schmiere
mit dieser Salbe den ganzen Kopf ein; dann tritt eine Besserung ein … [Ein
anderes Recept:] Man nehme Olivenöl und etwas weniger
Rosenwasser und lasse dies in einer Pfanne aufkochen; dann zerstosse
man Nachtschatten und Beifuss in geringerer Menge als
das Olivenöl zusammen in einem Mörser, filtrire dies
und thue den Saft an den Inhalt der Pfanne und lasse
zum zweiten Mal aufkochen. Dann filtrire man wieder
und thue den Saft in ein neues irdenes Gefäss. Dann bestreiche man damit Schädel, Stirn und
Schläfen, wo sie schmerzen, und binde um Stirn und Schläfen ein in Wachs
getauchtes Leinentuch, damit die Salbe nicht abgewischt werde …
Gegen
Kopfschmerz, der vom Schleim entsteht. Gegen Schmerz im
Vorderkopf in Folge übermässigen Schleimes zerkaue
man eine weisse Erbse, mische den Brei mit reinem
Honig, lege dies auf die Schläfen und mache einen Verband darum …
Gegen
Lungenübel.
Man nimmt Galgant und Fenchel zu gleichen Theilen und
zweimal so viel Muscatnuss und so viel Bertram, dass
Muscat und Bertram gleiches Gewicht haben, pulverisirt
und mischt dieses und isst täglich nüchtern von diesem Pulver zwei Drachmen [nummi] mit einem Stückchen Brot und trinkt gleich darauf
etwas warmen Wein; auch andre wohlriechende heilsame Kräuter mag man nüchtern
und nicht nüchtern häufig essen, damit ihr Wohlgeruch zu den Lungen dringe und
den üblen Athem benehme. Wer irgend welche Lungenübel
hat, muss fettes Fleisch und blutreiche Speisen meiden, auch in Fäulnis
übergegangenen Käse [coctum caseum],
da durch diese Eiter an der Lunge erzeugt wird. Auch Erbsen, Linsen, rohes Obst
und rohes Gemüse darf er nicht essen, Nüsse und Oel
muss er vermeiden; nur mageres Fleisch darf er essen, nicht zersetzten und zu
frischen [crudum] Käse, sondern trocknen; wenn er Oel geniessen will, darf er nur
wenig nehmen, Wasser aber darf er nicht trinken. Auch neuen und jungen Most
darf er nicht geniessen …, Bier schadet ihm nicht
viel, weil es gekocht ist, Wein muss er vermeiden, vor feuchter, nebliger Luft
muss er sich in Acht nehmen.
Gegen
Verrücktheit.
Wenn Jemand in Verstand und Empfindung durch viele mannigfaltige Gedanken
entkräftet wird, so dass er verrückt wird, muss er Gras [?] und dreimal soviel Fenchel in Wasser kochen, die Kräuter wegwerfen und
das Wasser, nachdem es abgekühlt ist, häufig trinken … Er muss trockene Speisen
vermeiden … und gute und auserlesene essen …Auch Mehlbrei mit Butter oder Fett
– nicht aber mit Oel – angerichtet darf er geniessen … Wein darf er nicht trinken … ebensowenig Meth …, auch kein
reines Wasser …, sondern genannten Trank und Bier … Den Kopf muss er bedecken
mit einer Mütze aus Filz oder reine Wolle … [Ein anderes Recept:]
Man nehme Muscatnuss und zweimal so viel Galgant, pulverisire dies, nehme zu gleichen Theilen
Gladiolen- und Wegerichwurzel, aber von beiden
zusammen weniger als von der Muscatnuss, und zerstosse sie unter Zusatz von Salz. Aus all diesem und
Weizenmehl und Wasser bereite man eine dünne Suppe und gebe sie dem Kranken zu
trinken.
Gegen
Augenleiden.
Wenn Wasser und Blut in den Augen in Folge hohen Alters oder einer Krankheit
schwinden, so suche man grünen Rasen auf und blicke
auf diesen so lange hin, bis die Augen thränen … Oder
man gehe an einen Fluss oder giesse frisches Wasser
in ein Gefäss, beuge sich darüber und lasse die
Feuchtigkeit des Wassers in die Augen steigen … Oder man nehme Leinwand, tauche
sie in kaltes, reines Wasser und lege sie um Augen und Schläfen, wobei man sich
zu hüten hat, dass man die Augäpfel berühre, damit sie nicht zu schwären
anfangen … Wenn man graue Augen hat und eine Dunkelheit oder Schmerz daran
empfindet, nehme man, wenn die Schmerzen noch nicht lange dauern, Fenchel oder Fenchelsamen,
zerreibe dies und nehme den Saft und Thau von reinem
Rasen und Weizenmehl, stelle daraus eine Paste her (tortellum
commisceat) und lege sie Nachts auf die Augen und
decke ein Tuch darüber … Wenn einer brennende Augen hat und Dunkelheit oder Schmerzen
empfindet, nehme er Veilchensaft und zweimal so viel Rosensaft und Fenchelsaft
gleich einem Drittel des Rosensaftes, giesse ein
wenig Wein hinzu und streiche, wenn er schlafen geht, dieses Collyrium auf die Augengegend … Wer Augen hat wie eine Wolke,
in der ein Regenbogen erscheint, und Dunkelheit oder Schmerz empfindet, lege caliminum [? mhd. Kalemîn, eine Steinart] in reinen Weisswein und
nehme ihn am Abend, wenn er schlafen geht, heraus und bestreiche mit dem Wein
die Augenlider von aussen, nehme sich aber in Acht,
die Augen innen zu berühren … Wenn einer Augen hat wie eine Sturmwolke, die
nicht ganz feurig und nicht ganz stürmisch ist, sondern bläulich, und
Dunkelheit oder Schmerz an ihnen empfindet, zerreibe, wenn es Sommer ist,
Fenchel, oder wenn es Winter ist, Fenchelsamen und mische ihn mit gut
abgeklärtem Eiweiss und lege dies, wenn er schlafen
geht, auf die Augen … Wer schwarze Augen hat oder so stürmische, wie manche
Wolken sind, und irgendwie Dunkelheit oder Schmerzen empfindet, nehme Rautensaft
und zweimal so viel reinen Honig und mische dazu etwas reinen guten Wein, thue dazu ein Krümchen Weizenbrot und lege es Nachts mit
einem Tuche auf seine Augen … Wer ein Gerstenkorn [? albuginem,
vergl. Progr. S. 21] hat, nehme, wenn es noch frisch ist,
Ochsengalle und lege sie so frisch des Nachts auf die Augen und befestige sie
mit einem Verbande, damit sie nicht abfallen kann, und verfahre so drei Tage
lang … Nach drei Tagen nehme man Bockshornklee [fenugraecum]
mit Rosenöl und lege es auf die Augen … Wenn einer thränende
Augen hat, nehme er ein Feigenblatt, das in der Nacht bethaut
ist und von der Sonne noch am Zweige erwärmt ist und lege es so erwärmt auf …
Wenn er ein Feigenblatt nicht bekommen kann, nehme er ein Erlenblatt [und
verfahre ebenso], doch nicht jeden Tag, sondern jeden dritten und nur einmal am
Tage. Wenn er diese Blätter nicht bekommen kann, nehme er Harz vom Pfirsich-
oder Pflaumenbaum, thue davon etwas in eine
Nussschale und erwärme sie an einem heissen
Ziegelstein oder am heissen verschlossenen Ofen und
lege sie mässig erwärmt auf die Augen, so lange sie noch warm ist. Das thue
er jeden vierten Tag einmal am Tage …
Gegen
Gehörleiden.
Wenn in Folge des Schleimes oder irgend einer Krankheit das Gehör des Menschen
gestört wird, nehme er weisses Harz und lasse es auf
glühender Kohle verdampfen und den Dampf in das verhärtete Ohr steigen, aber
nicht zu häufig …
Gegen
Zahnschmerz.
Wer in Folge eitrigen Blutes oder Schnupfens [de purgatione
cerebri] Zahnschmerzen hat, nehme zu gleichen Theilen Wermuth und Verbene und
koche sie mit gutem reinem Wein in einem neuen Gefäss
und filtrire diesen Wein und trinke ihn mit einem
geringen Zuckerzusatz. Man kann auch die genannten Kräuter, nachdem sie in
beschriebener Weise gekocht sind, auf die Kinnbacken da, wo man Schmerzen hat,
zur Schlafenszeit auflegen und einen Verband darüber thun.
[Ein anderes Recept:] Bei Zahnschmerzen schneide man
mit einem kleinen Schnepper oder Dorn das Zahnfleisch an dem kranken Zahn ein,
damit sich der Eiter entfernt; dann wird es besser … Wer gesunde und feste
Zähne haben will, nehme Morgens nach dem Aufstehen reines und kaltes Wasser in
den Mund und behalte es eine Weile [per modicam horam, mhd. kurze stunt] darin,
damit der Eiter an den Zähnen erweiche, und wasche so mit dem Wasser im Munde
die Zähne; dann wird Eiter an den Zähnen nicht mehr entstehen, sondern sie
werden gesund bleiben. Wenn aber der Wurm die Zähne zerfrisst, nehme man Aloe
und Myrrhen zu gleichen Theilen, erhitze sie in einem
irdenen Gefäss mit enger Oeffnung
über glühenden Buchenholzkohlen und lasse den Dampf durch einen engen Strohhalm
an den schmerzenden Zahn ziehen, indem man die Lippen öffnet, aber die Zähne
zusammenpresst, damit nicht zu viel Dampf in die Kehle dringt, und thue das zwei- oder dreimal täglich fünf Tage lang; dann
wird man geheilt.
Gegen
Herzleiden.
Wenn in den Eingeweiden und in der Milz zuviel böse
Säfte entstehen und durch Melancholie viele Herzleiden verursachen, nehme man
Galgant und Bertram zu gleichen Theilen und weissen Pfeffer gleich dem vierten Theil
eines derselben oder, wenn weisser Pfeffer nicht zu
haben ist, Pfefferkraut, viermal soviel als weissen Pfeffer, und bereite ein Pulver davon. Dann fügt
man Bohnenmehl dem Pulver hinzu und mischt dies mit Bockshornkleesaft ohne
Wasser, Wein oder eine andere Flüssigkeit. Daraus bereitet man kleine Kuchen
und lässt sie in der Sonnenhitze dörren; man muss sie also im Sommer, wenn man
Sonne haben kann, bereiten, damit man in Winter welche habe. Diese Kuchen esse
man nüchtern und nach dem Frühstück. Ferner nehme man Lakritzen und fünfmal soviel Fenchel, dazu Zucker soviel
wie Lakritzen und etwas Honig und bereite daraus einen Lautertrank [Progr. S. 16] und trinke ihn nüchtern und nach dem
Frühstück gegen Herzschmerzen. [Ein anderes Recept:]
Man nimmt weissen Pfeffer, dazu Kümmel zum dritten Theil davon und Bockshornklee zur Hälfte vom Kümmel [quantum medietas cumini pensat], macht ein Pulver
daraus, und wenn die Herzschmerzen anfangen, ehe noch eine Herzschwäche
eintritt, isst man mit ein wenig Brot dieses Pulver nüchtern und nach dem
Frühstück.
Gegen
Lungenleiden.
Wenn böse, garstige Säfte Dunst in das Gehirn aufsteigen lassen und diese dann
auf die Lunge schlagen und dort Schmerzen hervorrufen, nimmt man Lungwurz [Pulmonaria officinalis L.], koche die Pflanze in Wasser–nicht in Wein
… lasse sie gekocht in einem Topf stehen und trinke eine Woche lang davon,
nachdem man filtrirt hat. Man nimmt dies Getränk, das
man erneuern muss, wenn es ausgetrunken ist, täglich nüchtern und nach der
Mahlzeit. [Ein anderes Recept:] Man kocht
Wachholderbeeren, zweimal soviel Wollblume und
viermal soviel Bertram in gutem reinen Wein, lässt
dies darauf in einem Topfe und giebt rohen, in Stücke
zerschnittenen Alant hinzu, filtrirt und nimmt das
Getränk zwei oder drei Wochen lang nüchtern und auch nach der Mahlzeit, bis man
gesund ist. [Ein anderes Recept:] Man nimmt Dill,
Liebstöckel und Brennnessel zu gleichen Theilen,
kocht sie in gutem, reinem Wein u.s.w. …
Gegen
Leberverhärtung. Wenn in Folge übermässigen
Genusses vielfältiger Speisen und davon herrührender schlechter Säfte die Leber
leidet und verhärtet ist, nehme man Huflattich [minner
hufladecha] und zweimal soviel
Wegerichwurzeln und Blätter [?muos]
einer Birnmistel [vielleicht ist das innere einer B.
gemeint], soviel wie Huflattich, zerschneide die beiden ersten Kräuter in
kleine Stücke, durchbohre sie mit einer Ahle oder einem anderen kleinen
Instrument, stecke in die Löcher die Mistelblätter und lege sie so in reinen
Wein. Man nimmt auch im Gewicht von einer Drachme von der Anschwellung, die auf
einem Nussblatt oder Nusszweig bohnen- oder erbsenähnlich wächst, und legt dies
in jenen Wein; dann trinkt man ihn nach dem Frühstück oder nüchtern ungekocht …
Auch Maulbeerwein soll solch Kranker oft asl Getränk
nehmen …, Speise aber mit Essig würzen … Auch Weizenbrot mag er geniessen, wie Einige es als Delicatesse
in Einschnitte eines Schweinerückens legen und mit Wein tränken …
Gegen
Milzleiden.
Wenn man eine rohe Speise geniesst, gelangen die
schlechten Säfte dieser Speise, weil sie durch kein Gewürz gemildert sind,
bisweilen in die Milz und rufen dort Schmerzen hervor. Dann nehme man
Gartenkerbel und etwas weniger Dill und stelle mit Weizenmehl in Essig
Würzkuchen zum Essen her … Dann nimmt man Leinsamen, kocht ihn in einer Pfanne,
giesst das Wasser ab und legt ihn in einem Säckchen,
so warm es ertragen werden kann, in der Milzgegend auf den Körper …
Gegen
Magenleiden.
Wenn unverdaute Speisen im Magen käsig und hart werden und Schmerzen
hervorbringen, nehme man Hundszahn [? mit dactilosa
im Text is Panicum dactylum gemeint oder Paeonia officinalis], den vierten Theil
davon Eberraute und noch weniger Fünfblatt, zerquetsche dies in einem Mörser
und koche es in gutem reinen Wein derartig, dass der Wein zwei Drittel mehr als
der Pflanzensaft ist, filtrire dies alles und giesse es in ein Glas oder neuen Topf. Dann giesst man den so hergestellten Würzwein in eine Pfanne,
hält zwei- oder dreimal glühenden Stahl hinein und wirft, wenn der Wein durch
den Stahl zu kochen beginnt, Galgantpulver oder etwas Pfeffer dazu oder, wenn
man kein Galgantpulver hat, Bertrampulver und trinkt den mit glühendem Stahl
erwärmten Wein nüchtern. Denselben Wein kann man auch in kleinen Portionen fünf
Tage lang nüchtern trinken, muss ihn aber immer erst mit Stahl erwärmen. Nach
fünf Tagen thut man Weizenbrot oder Weizenmehl zu
diesem Wein und bereitet eine Suppe, zu der man des Wohlgeschmacks wegen ein
Eigelb fügt, doch ohne Fett und Oel, und geniesst diese Suppe wieder fünf Tage lang. Hierauf trinkt
man wiederum besagten Wein erwärmt, bis es einem besser geht.– Auch rohen Ysop,
den man in Wein gelegt hat, mag man häufig essen und den Wein trinken. – Kann
man eine genossene Speise nicht verdauen, so nehme man zwei Drachmen Saft von
Osterluzei und eine Drachme Bibernellensaft und
Springkrautsaft [citocacia; so erklart
die Strassburger Ausgabe der Physica
vom Jahre 1533] im Gewicht von einem Skrupel [obolus]
und einen Skrupel Ingwer und etwas Weizenmehl und stelle daraus Pastillen her
in der Grösse eines Groschens [nummus],
aber etwas dick, und erwärme sie an der Sonne oder in einem lauwarm gewordenen
Ofen. Wer nun an Verdauungsbeschwerden der angegebenen Art leidet und innerlich
warm ist, so dass die Speise in ihm zersetzt [exustus]
ist, nimmt frühmorgens nüchtern eine Pastille; wenn aber vor innerlicher Kälte
die Speise in ihm erstarrt und sich zusammenballt, nimmt er ebenso 2 oder 3
Pastillen. Die erste Nahrung, die er dann zu sich nimmt, muss Suppe sein; dann
kann er auch andere gute und leichte Speisen essen. So verfährt er, bis er
merkt, dass sein Magen frei ist. [Ein anderes Recept:]
Man nimmt Ingwerpulver, mischt es mit dem Safte der sogenannten Ringelblume,
macht aus diesem Pulver und etwas Bohnenmehl Pastillen und erhitzt sie in einem
mässig warmen Ofen und nimmt sie nach dem Frühstück
oder nüchtern.
Gegen
Zerreissung des Segels. [? de sifac ruptura, entstellt aus siphari ruptura? Gemeint sind
offenbar Hernien]. Wenn bei einem Menschen durch irgend einen Zufall die innere
Haut, welche die Eingeweide einschliesst, zerreist, so nehme er Eppich und zweimal soviel Schwarzwurz und koche die Kräuter in gutem Weine
auf, entferne sie dann, thue dann in den Wein etwas Zittwerpulver und Zucker im Gewichte des Eppichs und ein
gut Theil gekochten Honig, koche dann den Wein wieder
und seihe ihn wie Lautertrank durch ein Säckchen und nehme nach der Mahlzeit
davon und zur Nacht, und zwar häufig. – Die in dem Wein gekochten Kräuter legt
man warm auf die Stelle, wo die innere Eingeweidehaut gerissen ist. Man kann
auch die Wurzel vom Schwarzwurz in kleine Stücke zerschneiden und sie roh in
Wein liegen lassen, bis er nach ihnen schmeckt, und den Wein stets trinken, bis
man gesund ist.
[ I: Juni; II: August; III: September;
IV: November;
V: Dezember;]
Gegen
Nierenschmerzen. Wenn man an Nieren- und Lendenschmerzen leidet, rührt
das häufig von Magenschwäche her; man nimmt dagegen Raute und Wermut zu
gleichen Theilen und Bärenfett in grösserer
Menge, rührt das zusammen und reibt sich mit dieser Salbe die schmerzende
Nieren- und Lendengegend am Feuer stark ein.
Gegen
Seitenstechen. Wenn ein böser Dunst vom Magen zu den Weichen steigt
und dort Schmerzen erregt, nehme man Salbei, ebensoviel
Arnica [Stichwurz], zehnmal soviel Raute als Salbei
und koche diese Kräuter in einem neuen Topfe bis zum ersten Aufwellen;
dann drücke man das Wasser aus den Kräutern und lege sie auf die schmerzende
Stelle und einen Verband darüber. [Ein anderes Recept:]
Man nimmt Leinsamen und ¾ davon Pfirsichharz und kocht dies in einer
Kohlenpfanne. Dann zerquetscht man eine Birnbaummistel
im Mörser, so dass der Mistelsaft mehr ausmacht als das Harz und wie Birnsaft ist [?], und lasse ihn in einer Pfanne in
ähnlicher Weise wieder aufkochen. Dann durchlöchert man ein Tuch mit einer
Ahle, filtrirt durch dieses und giesst
Alles in ein neues mit Wachs überstrichenes irdenes Gefäss
und salbt den Kranken an der schmerzenden Stelle am Feuer.
Gegen
Geschwulst des Gliedes. Wenn in Folge schädlicher Säfte eine
Geschwulst am männlichen Gliede entsteht und dort Schmerzen hervorruft, nimmt
man Fenchel und dreimal soviel Bockshornklee und
etwas Kuhbutter, verrührt das und streicht es darüber … Dann nimmt man
Malzkuchen, erweicht und erwärmt sie in etwas warmen Wasser und legt sie auf
die Geschwulst.
Gegen
Harnzwang.
Wenn man vor Magenkälte den Urin nicht halten kann, so trinke man häufig warmen
Wein, würze alle Speisen mit Essig und trinke auch Essig, sowie man Gelegenheit
hat … Man kann auch Salbei in Wasser kochen, das Wasser filtriren
und warm häufig trinken.
Gegen
Impotenz.
Ein Mann, dem der Samen abgeht, so dass er nicht zeugen kann, nimmt
Haselkätzchen und zum dritten Theil davon
Mauerpfeffer und zum vierten oder fünften Theil von
Mauerpfeffer Winde und etwas gewöhnlichen Pfeffer und kocht dies zusammen mit
der Leber eines jungen Hirsches, der schon reif ist zur Fortpflanzung, fügt
auch etwas frisches, fettes Schweinefleisch hinzu. Die Kräuter wirft man weg,
das Fleisch isst man, taucht auch Brot in die Brühe und isst es, und dieses
Essen wiederholt man häufig …
Gegen
Unfruchtbarkeit. Einem Weibe, dessen Gebärmutter kalt und zu schwach
zur Empfängniss ist, kann auf folgende Art, wenn Gott
will, geholfen werden, dass sie fruchtbar werde. Man nimmt die Gebärmutter
eines Lammes oder einer Kuh, die schon fortpflanzungsfähig, aber noch unberührt
sind und nocht nicht getragen haben, und kocht sie
mit Speck und anderem fetten Fleisch und Fett und giebt
das der Frau zu essen, wenn sie mit einem Gatten verbunden ist oder bald
verbunden werden soll.
Gegen
Podagra.
Wer in den Beinen oder Füssen an Podagra leidet, kann sich, wenn die Schmerzen
noch nicht lange dauern, recht viel Schröpfköpfe auf die Beine setzen, indem er
vom Knöchel anfängt, aber unblutige, damit die Säfte dort zusammengezogen
werden; dann nimmt er sie weg und setzt sie an einer höheren Stelle, bis wiederum
dorthin die Säfte aufsteigen. So verfährt er, ohne einzuschneiden, bis er zur
Nase gelangt; dann befestigt er eine Binde oberhalb des Knies, damit die Säfte,
die er durch die Schröpfköpfe dorthin gezogen hat, nicht wieder hinabgehen, und
setzt zwischen Gesäss und Kreuz blutige Schröpfköpfe
und zapft die schlechten Säfte ab …
Gegen
Fisteln.
Wenn man in Folge reichlicher böser Säfte eine Fistel am Körper hat, nehme man
oft Reinigungstränke, bis sich die Säfte verringern. Wenn sich dann an der
leidenden Stelle die Haut zusammenzieht, als ob die Heilung bevorsteht, und die
Stelle doch wieder aufbricht, nehme man wieder Reinigungstränke u.s.w.
Gegen
Geschwüre.
Wenn ein Geschwür oder eine Pustel heftige Schmerzen verursacht, bevor es
aufbricht, so überziehe man ein Leinentuch mit neuem Wachs, tauche es in
Olivenöl und lege es über das Geschwür. Dadurch wird das Geschwür erweicht und
geht leichter auf, die Säfte werden herausgezogen und es kommt leichter zur
Heilung. Wenn es aber die sogenannte segena-Pustel ist
[vielleicht mhd. segene, Zugnetz], lege man nichts
auf; denn sie ist gefährlich.
Gegen
Eiterungen.
Wenn Feuchtigkeit und böse Säfte, ohne dass ein giftiges Geschwür da ist, die
Haut brechen und irgendwo sich vereinigen und ausfliessen,
nimmt man Beifuss und quetscht dessen Saft im Mörser
aus und thut so viel Honig hinzu, dass der Beifusssaft 1/3 mehr beträgt als der Honig, und streicht
dies auf die schmerzende Stelle. Dann streicht man Eiweiss
darüber und legt einen Verband an und verfährt damit so lange, bis Heilung
erfolgt.
Gegen
Schlaflosigkeit. Wer in Folge irgend einer Widerwärtigkeit nicht
schlafen kann, nehme, wenn es Sommer ist, Fenchel und zweimal soviel Schafgarbe, koche sie etwas in Wasser, presse das
Wasser aus und lege jene Kräuter warm auf Schläfen, Stirn und Haupt und binde
ein Tuch darüber. Auch nehme man frische Salbei, besprenge sie etwas mit Wein
und lege sie so auf die Herzgegend und den Hals und binde ein Tuch darüber;
dann wird der Leidende durch Schlaf erquickt werden. Im Winter koche man
Fenchelsamen und Schafgarbenwurzel und lege sie, wie beschrieben, auf Schläfen
und Haupt, und Salbeipulver in Wein gelöst aufs Herz u.s.w.
Gegen
Ausbleiben der Menstruation. Ein Weib, welches unter Schmerzen am
Ausbleiben der Reinigung leidet, nehme Anis [anesum] imd Tausendgüldenkraut [?febrifuga]
und Wollkraut etwas mehr als eines der beiden ersten und kocht sie in offenem, fliessendem Wasser, das von Sonne und Luft erwärmt ist;
legt dann Backsteine ins Feuer und stellt mit besagtem Wasser und den Kräutern
ein Dampfbad her. Wenn sie dann das Bad betritt, legt sie die warmen Kräuter
auf eine Fussbank, setzt sich darauf und legt auch
die Kräuter warm auf die Geschlechtstheile bis zum Nabel und um den ganzen
Nabel herum. Wenn sie kalt werden, erwärmt sie sie in demselben Wasser und
verfährt wie vorher, so lange sie in dem Bade
verweilt … Dann nimmt sie rifelbere [?Stachel- oder
Ahlbeere. Progr. S. 7], den dritten Theil davon Schafgarbe, den drittenTheil
davon wieder Raute, Osterluzei soviel wie rifelbere und Schafgarbe und recht viel Diptam, und zerstösst dies alles in einem Mörser und kocht es mit gutem
reinen Wein in einem neuen Topfe, giesst Alles in ein
Säckchen, kocht recht viel zerstossene Gewürznelken
und etwas weniger weissen Pfeffer und frischen reinen
Honig in gutem Wein und giesst diesen zu den
Kräuterwein im Säckchen und stellt so einen Lautertrank her; den nimmt sie
täglich nach dem Frühstück und nüchtern, aber nicht im Bade, da das Bad die
Verdauung etwas hemmt. Sie koche sich auch eine Suppe aus Eiern, reichlichem
Fett und etwas Liebstöckelsaft und nimmt diese vor und nach der Mahlzeit. So
verfährt sie 5 – 15 Tage lang, bis die Reinigung erfolgt; solange sie aber
leidend ist, vermeide sie Rindfleisch und anderes schweres Fleisch, geniesse aber leichtes und trinke Wein; und wenn sie einmal
Wasser trinken will, trinke sie Brunnenwasser; Quellwasser und Flusswasser
vermeide sie, weil es härter ist als anderes Wasser, und koche das Flusswasser
und lasse es abkühlen, bevor sie trinkt, weil dies hierdurch weich [suavis] wird.
Gegen
übermässige Menstruation. Ein Weib, das zur
unrechten Zeit an zu starker Menstruation leidet, soll Leinwand in kaltes
Wasser tauchen und damit häufige Umschläge auf die Schenkel machen … Sie koche
auch Eppich in Wasser und lege ihn warm auf Schenkel und Nabel … Ferner lege
sie Betonie [pandonia] in
Wein, so dass er danacht schmeckt, und trinke ihn
häufig … und drücke und bewege alle Bein-, Bauch-, Brust- und Armadern mit Händen sanft aufwärts, damit sie in Ordnung
bleiben und dem Blut den rechten Weg weisen. Sie darf auch nicht viel arbeiten
und sich durch Gehen nicht zu sehr ermüden, damit dadurch nicht das Blut in
Wallung kommt; auch darf sie keine harten und scharfen Speisen geniessen, die schlecht verdaulich sind, sondern nehme so
lange weiche, leichte Speisen, die zuträglich sind, und trinke Wein und Bier …
Gegen
schwere Geburt. Wenn eine Schwangere schwere Geburt hat, möge man mit grosser Vorsicht angenehme Kräuter, Fenchel und Haselwurz,
in Wasser kochen, das Wasser abgiessen und die
Kräuter warm auf ihre Schenkel und Rücken legen und ein Tuch leicht darüber
binden, damit der Schmerz gelindert und die Geburtswege geöffnet werden …
Zur
Beförderung des Stuhlganges und Auswurfes. Um vom Speichel,
Stuhlgang und Nasenschleim befreit zu werden, nehme man Odermennig und zwiemal soviel Bockshornklee,
zerquetsche sie in einem Mörser und drücke ihren Saft aus und thue dazu einen Skrupel Saft vom Ruprechtskraut
[storchesnabel]. Dann nimmt man Galgant in der Menge
von den genannten Kräutern, Storax im Gewicht von 6, Polypodium
[?vielleicht Archangelica offic.,
Engelwurz] von 2 Drachmen, pulverisirt dies, macht
aus dem Pulver und dem genannten Saft einen steifen Brei und stellt bohnengrosse Pillen daraus her; dann drückt man aus
Schöllkraut den Saft aus und taucht eine Pille in 1/4 Drachme Schöllkrautsaft
ein und legt sie zum trocknen in die Sonne. So verfährt man mit jeder Pille,
indem man zu jeder 1/4 Drachme von jenem Saft verwendet und die Pille an der
Sonne trocknet, nicht aber am Herdfeuer oder im Ofen. Wenn man keine
Sonnenwärme haben kann, lege man sie an sanft wehende Luft … Wenn man aber
diese Pillen nicht nehmen mag, lege man auf die Magengegend Lamm- und andere
Felle, damit der Magen erwärmt werde – denn ihre Wärme ist gesund … und trage
warme Kleidung und nehme sie [wohl die Pillen] schon vor Sonnenaufgang … 5 bis
9 in der Weise, dass man jede einzelne in Honig taucht und verschluckt … in
einem Weizenküchlein im Löffel wegen des guten Geschmackes dieses Küchleins. Und
nachdem man eingenommen hat, gehe man ein wenig auf schattigem Platze umher,
nicht in der Sonnenwärme, bis man Lösung verspürt … Zu Mittag aber, wenn man
Lösung verspürt oder wenn der Magen so verhärtet ist, dass man noch keine hat,
esse man zunächst Suppe oder Weizenmehlbrei, damit die durch die Lösung
angegriffenen Därme durch die Suppe oder den Brei sich erholen oder der
verhärtete Magen erweicht werde.
Gegen
Nasenbluten.Wenn man
starkes Nasenbluten hat, nehme man Dill und zweimal soviel
Schafgarbe und lege diese Kräuter frisch auf Stirn, Schläfen und Brust … Im
Winter pulverisirt man sie und legt sie mit Wein
angefeuchtet in einem Säckchen auf Stirn, Schläfen und Brust …
Gegen
Schnupfen.
Wenn man an starkem Schnupfen leidet, lege man Fenchel und viermal soviel Dill auf einen Dachziegel oder erwärmten Backstein
und wende die Kräuter hin und her, dass sie dampfen, und athme
den Dampf durch Nase und Mund ein und esse dann die so auf dem Stein erwärmten
Kräuter mit Brot. So verfahre man vier oder fünf Tage lang …
Von
Heiltränken.
Wer sich Heiltränke bereiten und sie nehmen will, nehme Ingwer und die Hälfte
Lakritzen und ein Drittel Zittwer, pulverisire dies und wiege dies Pulver zusammen ab. Dann
nehme er Zucker im Gewicht dieses Pulvers und wiege von Allem zusammen 30
Drachmen ab. Dann nehme er eine halbe Nussschale voll ganz reines Weizenmehl
und Springkrautmilch [tantum lactis
de citocacia] soviel, wie
eine Schreibfeder fasst, also ein Schreiber beim Eintauchen der Feder Tinte
nimmt, und stelle aus Pulver, Mehl und Springkrautmilch eine kleine
kuchenartige Masse her und trockne sie im März oder April, weil in diesen
Monaten die Sonne weder zu warm noch zu kalt strahlt und deswegen besonders
gesundheitsförderlich ist. Wenn man in diesen Monaten Springkrautmilch nicht
haben kann und es auf den Mai verschieben muss, stelle man den Kuchen im Mai
her und trockne ihn an der Maisonne und hebe ihn bis
zur rechten Zeit auf … Und wenn er dann den Trank nehmen will, trinke er den 4.
Theil des Kuchens nüchtern. [Seltsamer Weise ist
weder hier noch oben im Capitel ›Von
Reinigungstränken… die Flüssigkeit angegeben, in der die Paste aufgelöst werden
soll.] Wenn der Magen so stark und dick ist, dass er auf diesen Trank nicht reagirt [quod tactum
potionis huius non sentit], nehme man noch ein Sechstel des Kuchens,
bestreiche ihn mit Springkrautmilch und trinke ihn nüchtern, nachdem er an der
Sonne getrocknet ist. Bevor einer den Trank nimmt, muss er, wenn es kalt ist,
sich am Feuer erwärmen und, nachdem er eingenommen hat, wachend auf dem Bett
ruhen, dann aufstehen und ein wenig hin und her gehen, wobei er Kälte zu
vermeiden hat. Nach der Lösung aber nimmt er Weizenbrot, nicht trockenes,
sondern in Suppe getauchtes, junge Hühner, Schweinefleisch und anderes leichtes
Fleisch; grobes Brot aber und Rindfleisch, Fische und andere schwere und
gedämpfte Speisen – ausser gedämpften Birnen [assis piris] – muss er meiden,
auch enthalte er sich von Käse, rohem Gemüse und rohem Obst, Wein trinke er mässig und Wasser unterlasse er. Vor heller Sonne und
hellem Feuer hüte er sich und verfahre so 3 Tage lang …
Gegen
Ueppigkeit. Um Ueppigkeit
und Wollust in sich zu unterdrücken, nehme man im Sommer Dill, zweimal soviel Wasserminze, noch etwas mehr Lungenkraut, viermal so
viel Veilchenwurzel und schneide dies alles in Essig und stelle sich so eine
Würze her, die man stets in allen Speisen geniesst.
Im Winter pulverisirt man die Kräuter u.s.w. …
Gegen
Gedächtnissschwäche. Wer gegen seinen
Willen vergesslich ist, zerstampfe Brennnessel zu Saft, thue
ein wenig Baumöl dazu und salbe damit beim Schlafengehen Brust und Schläfen
recht oft…
Gegen
Schlucken.
Wer an Aufschlucken leidet, löse recht viel Zucker in warmem Wasser auf und
trinke dies Wasser warm … Er esse aber auch trockenen Zucker und Gewürznelken
häufig nüchtern und Zittwer nach dem Frühstück, und
zwar einen Monat lang …
Gegen
Vergiftung.
Ein Pulver gegen Gift und Zauberworte; Gesundheit, Kraft und Glück bringt es
dem, der es bei sich trägt. Man gräbt eine Wurzel von Ruprechtskraut
mit ihren Blättern, ebenso zwei Malvenwurzeln, sieben Wegerichwurzeln
Mitte April an einem Mittag aus, legt sie auf feuchte Erde und besprengt sie
etwas mit Wasser, damit sie sich frisch halten. Wenn es gegen Abend geht, setzt
man sie bis Sonnenuntergang den Sonnenstrahlen aus. Dann legt man sie wieder
für die folgende Nacht auf feuchte Erde und besprengt sie mit Wasser, damit sie
nicht trocken werden … Schliesslich zerdrückt man die
Kräuter, legt sie in eine neue Büchse und giebt etwas
Bisam hinzu … Diese Kräuter hält man täglich, um
gesund zu bleiben oder zu werden, an Augen, Ohren, Mund und Nase, um ihren
Geruch aufzunehmen. Wenn ein Mann sehr wollüstig ist, binde er die Kräuter in
ein Tuch und lege dies in der Schamgegend um die Schenkel …Wenn man nach dem Genuss
einer Speise Schmerzen empfindet, halte man die Kräuter von oben in ein enges
mit Wein gefülltes Gefäss, ohne dass der Wein von
ihnen berührt wird, nur dass er ihren Geruch aufzieht, und bereite sich mit dem
Wein eine Suppe zum Essen. Wenn einer Gift genossen hat oder unter Zauberei
leidet, trinke er denselben Wein …
Gegen
Krampf.
Wenn einer irgendwo am Körper einen Krampf hat, so salbe er sich an der
schmerzenden Stelle kräftig mit Baumöl oder, wenn das nicht da ist, mit irgend
einer werthvollen Salbe. Wenn er weder Baumöl noch eine Salbe auftreiben kann,
streiche er über die Krampfstelle seine Hände unter kräftiger Bewegung hin und
her.
Gegen
Zorn und Schwermuth. Wenn einer zornig oder schwermüthig
wird, muss er Wein am Feuer erwärmen, ihn mit kaltem Wasser mischen und trinken
… Wer aber vom Zorn so erregt wird, dass er Schmerzen leidet und krank wird,
nimmt Lorbeerfrüchte und dörrt sie auf heissem Stein
und trocknet [Salbei- und Majoranblätter; - die
Stelle ist im lat. Text verderbt - ] an der Sonne und pulverisirt
sie und thut dies Pulver mit dem Lorbeerpulver
zusammen in eine Büchse so, dass Lorbeerpulver mehr ist als Salbeipulver und
Salbeipulver mehr als Majoranpulver, und hält die
Pulvermischung des guten Geruchs wegen an die Nase. Dann mischt er einen Theil des Pulvers mit etwas kaltem Wein und bestreicht mit
dem Brei Stirn, Schläfen und Brust …
Gegen
Augenverdunkelung in Folge Weinens. Wessen Augen sich in Folge Weinens
verdunkeln, presse Schafgarbe zu Saft und lege diesen Nachts auf die Augen, ohne
dass der Saft das Innere des Auges berührt, lege ein Tuch darüber und behalte
den Verband bis Mitternacht. Hierauf netze er die
Augenlider mit recht gutem und reinem Wein.
Gegen
unmässiges Lachen. Wer durch unmässiges Lachen erschüttert Schmerzen hat, pulverisire Muscatnuss, füge die
Hälfte Zucker hinzu und thue dies in erwärmten Wein
und trinke ihn nüchtern und nach dem Frühstück.
Gegen
Trunkenheit.
Um einen Trunkenen wieder zu sich zu bringen, nehme man caniculata
[? Cynoglossum, Hundszunge?] lege sie in kaltes
Wasser und befeuchte damit Stirn, Schläfen und Kehle des Trunkenen … Im Herbst
kann man von einem frischen Weinstock den Rebschoss
mit frischen Blättern nehmen und auf Stirn, Schläfen und Kehle legen … Wenn all
dies nicht zu haben ist, esse der Trunkene Fenchel oder Fenchelsamen …
Gegen
Erbrechen.
Wer an Erbrechen leidet, nehme Kümmel, den 3. Theil
Pfeffer und den 4. Theil Bibernell und pulverisire dies, mische das Pulver mit reinem Weizenmehl
und stelle damit und mit Eigelb und etwas Wasser im warmen Ofen oder unter
warmer Asche kleine Kuchen her und verzehre sie, aber auch besagtes Pulver, auf
Brot gelegt …
Gegen
Durchfall.
Wer Durchfall hat, muss Eigelb ohne das Eiweiss in
einer Schüssel verreiben und schlagen. Dann thue man
Kümmel und gestossenen Pfeffer [und das geschlagene
Eigelb] in die Eierschalen und dämpfe sie am Feuer und gebe [den Inhalt] dem
Patienten, nachdem er ein wenig gespeist hat, zum Essen … Man nehme auch andere
Eidottern und lasse am Feuer in einer Pfanne ihr Fett aus und verzehre nach mässiger Mahlzeit Küchlein aus diesem Fett und Weizenmehl …
Was der Patient während der Zeit geniesst, muss warm
sein, weil Magen und Därme und Säfte in ihm erkältet sind; er muss weiche
Speisen essen und die angenehmen Geschmack haben und junge Hühner und anderes
zartes Fleisch und Fische. Häring aber und Lachs muss er vermeiden, auch
Rindfleisch und Käse und schweres, rohes Gemüse, Lauch, Weizen- [siligineum] und Gerstenbrot und alles Gebratene …
Gegen
Blutfluss.
Gegen Blutfluss nimmt man zwei Eidottern, zerrühre [distempera] sie und füge in der Mange eines halben Eies metra [?] hinzu und zwei Eischalen voll Essig; etwas Zimmtpulver und noch weniger Zittwerpulver
gebe man dazu, mische dies alles und bereite mit etwas Wasser einen einigermaassen dicken Suppenbrei und gebe ihn dem Patienten
nach dem Frühstück und in nüchternem Zustand zu essen …
Gegen
Blutfluss aus dem Mastdarm. Gegen Blutfluss nimmt man Brombeerblätter
und zweimal soviel Blutkraut [Lythrum
salicaria, Weiderich] und zerstampfe dies zu Saft, thut es dann in Wein und trinkt den Wein während und nach
der Mahlzeit, aber nicht nüchtern … Auch aus Weizenmehl, reinem Honig und etwas
Salz mache man Kuchen und geniesse sie … Während des
Leidens esse der Kranke Weizenbrot; panem siligineum und Gerstenbrot vermeide er, ebenso Rindfleisch,
Schweinefleisch, alle Fische, die kleine Schuppen haben, Käse, rohes Obst und
Gemüse und alles Gebratene. Anderes leichtes Fleisch kann er essen und andere
Fische un Erbsensuppe; Erbsen und Linsen und Bohnen
aber vermeide er. Alle Speisen aber geniesse er nicht
warm, sondern lauwarm … Auch leichten Wein kann er trinken, aber Wasser nicht …
Gegen
Blutspeien.
Wenn schlechte, dick werdende Säfte im Menschen überhand nehmen und ihn
zwingen, einige Zeit Blut zu speien, soll dieser Mensch so lange keine Medicin gebrauchen, damit nicht das Blut, durch die Medicin zurückgehalten, ihn innerlich vereitert und in
ungewöhnlichem Grade ausfliesst. Sondern wenn das
Blut jenen Menschen einigermaassen heimzusuchen
aufhört, koche er Salbei in leichtem, mit Wasser vermischtem Wein, an den er
auch ein wenig Baumöl oder Butter gethan hat, filtrire ihn dann und trinke ein wenig nach dem Frühstück,
nicht nach Herzenslust [ad sufficientiam] und nicht
nüchtern.
Von
Hämorrhoiden.
Wenn Blut, durch schlechte und wässerige Säfte in Bewegung gesetzt, mit der
Ausleerung abgeht, soll man dies nicht zurückhalten, weil es den Menschen
reinigt. Wenn es aber im Uebermaass geschieht, füge
man dem Gemüse und anderen guten Speisekräutern Gamander hinzu und esse mässig davon …
Vom
Blutspeien.
Wenn einer … Blut speien muss … lasse er am Daumen der rechten Hand Blut ab,
bis das Blut, welches auf der linken Seite den Schmerz hervorruft, dorthin
strömt …
Gegen
Rose [?].
Wenn die “freislicha” genannte Pustel mit Geschwulst
entsteht, nehme man Fliegen, werfe ihre Köpfe weg, zerquetsche sie und lege den
Brei kreisförmig um die Geschwulst … Dann lege man um diesen Kreis wiederum
kreisförmig den Brei einer zerquetschten rothen
Schnecke ohne Gehäuse … Schliesslich benetze man die
Hautstelle um diesen äusseren Kreis mit Liliensaft …
und legt ein Distelblatt [folium vehedisteles,
Prog. S. 7] auf die Pustel und bindet mit einem Tuch
ein Weizenküchlein über die Geschwulst, bis sie erweicht wird und aufbricht …
Wenn sie nicht von selbst aufgeht, kann man sie mit einem trockenen hölzernen
Dorn oder einer anderen trockenen Lanzette [bastula]
aufbrechen, nicht aber mit einer warmen oder kalten eisernen Nadel u.s.w. …
Gegen
Krebs.
Man drückt aus Veilchen den Saft aus, filtrirt ihn
und stellt mit ihm und einem Drittel Olivenöl und drei Dritteln Bocksfett,
indem man Alles in einem neuen Topfe aufkocht, eine Salbe her. Hiermit
bestreicht man die ganze krebsige Stelle …
Gegen
Ausschlag [De scabie]. Wer an
verschiedenartigen Geschwüren und Ausschlag leidet, nimmt cerifolium
und dreimal soviel polypodium
und fünfmal soviel Alant und kocht dies in Wasser, filtrirt das Wasser durch ein Tuch in eine Pfanne, thut ein wenig frisches Harz und Schwefel und etwas mehr
frisches Schweinefett hinzu und lässt dies alles in der Pfanne zu einer Salbe
verdicken. Hiermit salbt sich der Patient an den schwärenden Stellen. Auch die
gekochten Kräuter kann er auflegen. Dies thut er fünf
Tage lang … und wäscht sich dann im Bade …
Gegen
Gelbsucht.
Gegen Gelbsucht nimmt man Verbene, zweimal soviel cephania [?] und dreimal soviel nimmoli [?] oder, wenn keine cephania
da ist, Steinbrech soviel wie Verbene und legt diese
Kräuter in tiefem, fest verschlossenem Gefäss in
recht gutem Wein … Beim Schlafengehen erwärmt man den Wein mit glühendem Stahl
und deckt sich warm zu, um zu schwitzen …
Gegen
Kolik.
Wer an Kolik leidet, nimmt etwas Ingwer, recht viel Zimmt
und pulverisirt das. Dann zerquetscht er Salbei
(weniger als Ingwer) und Fenchel (mehr als Salbei) und Rainfarn (weniger als
Salbei) im Mörser zu Saft und filtrirt ihn. Darauf
kocht er Honig etwas in Wein, fügt weissen Pfeffer
hinzu, oder, wenn er den nicht hat, etwas nimolus
[?entstellt aus humulus, Hopfen?] und vermischt Saft
und Pulver. Dann zerquetscht man Entengrütze, zweimal soviel
Tormentille, ebensoviel Feldsenf und von dem Kraute, auf dem die kleinen Kletten
wachsen, weniger als Entengrütze in einem Mörser zu Saft, thut
ihn in ein Säckchen, giesst den mit dem Pulver
vermischten Honigwein darüber und stellt so einen Lautertrank her. Wer an der
Kolik leidet, trinkt davon, soviel er in einem Zuge trinken kann, nüchtern und
Abends, wenn er zu Bette geht …
[Diese
Proben werden genügen, um ein Bild von dem Heilverfahren der Hildegard zu
geben. Aus dem Rest ihres Werkes führe ich nur noch zwei Absätze an:]
Vom
Pulsschlag.
Wenn die Ader im rechten Arm eines Menschen, der an irgend einer Krankheit
leidend zu Bette liegt, einen ordentlichen und ruhigen Pulsschlag hat, wie
einer ordentlich und ruhig ein- und ausathmet, so
wird der Mensch am Leben bleiben und nicht sterben … Wenn aber die Ader am
rechten Arm eines kranken Menschen eilt … und im Schlagen nachlässt, wird der
Mensch sterben … In der rechten Armbeuge und in der rechten Beinbeuge unter dem
Knie kann der Aderschlag wahrhaft geprüft werden …
Von
Bädern.
Keinem Menschen ist es gut, häufig zu baden, wenn er nicht mager und dürr ist,
weil dieser in Folge seines zarten Fleisches leicht kalt und leicht warm wird …
Wasser, das gut ist zum Trinken, ist auch gut zum Baden, muss aber erwärmt
werden; dann kann man lange darin sitzen … Wenn man im Sommer in Flüssen badet,
so schadet einem das nichts … Einem dürren und mageren Menschen ist ein
Dampfbad, d.h. ein mit glühenden Steinen erwärmtes Bad nicht zuträglich, weil
er dadurch noch magerer wird. Wer aber dick ist, dem ist ein Dampfbad gut, weil
die überflüssigen Säfte in ihm gebunden und vermindert werden. Auch einem, der
an der Gicht leidet, sind Dampfbäder nützlich.