Band 9 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7.
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der
Herr auf dem Weg von Essäa nach Jericho. (Kap.1-5)
[GEJ.09_001,01]
Als wir uns schon bei einer Stunde Weges ferne vom Orte befanden, da kamen uns
obbezeichnete arme Wallfahrer aus der Gegend um Jericho entgegen und baten uns
um ein Almosen.
[GEJ.09_001,02]
Und Ich sagte zu den Judgriechen: „Gebet ihnen von eurem Überfluß; denn diese
sind ebenso arm in der Welt wie Ich Selbst, der Ich auch keinen Stein also als
ein Eigentum besitze, daß Ich ihn als das unter Mein Haupt legen könnte! Füchse
haben ihre Löcher und die Vögel ihre Nester; aber diese Armen haben nichts zu
eigen außer sich selbst und ihre dürftigste Bekleidung. Daher beteilet sie!“
[GEJ.09_001,03]
Auf diese Meine Worte legten alle Judgriechen und auch die etlichen Jünger des
Johannes ein gutes Sümmchen zusammen und übergaben es mit Freuden den Armen,
und diese dankten Mir und den Gebern mit aufgehobenen Händen und baten uns um
Vergebung, daß sie uns auf dem Wege aufgehalten hätten, fragten uns als Juden
aber auch ängstlich und bekümmert, ob sie vor dem Aufgange wohl Essäa erreichen
würden.
[GEJ.09_001,04]
Sagte Ich: „Was sorget ihr euch, durch das Gehen auf dem Wege den Sabbat zu
entheiligen? Hat doch weder Moses noch irgendein anderer Prophet je ein Gebot
gegeben, daß man an einem Sabbat nicht reisen solle; die neuen Tempelsatzungen
aber sind keine Gottesgebote und haben vor Gott auch keinen Wert. Es ist aber
heute noch früh, und ihr werdet in einer Stunde den Ort erreichen. So ihr aber
in den Ort kommen werdet, da kehret in die erste Herberge ein, die sich
außerhalb des Tores des Ortes befindet! Dort werdet ihr eine gute Aufnahme und
Pflege finden, denn Ich habe euch dort schon angesagt. Wer aber Ich bin, das
werdet ihr in Essäa schon erfahren; und so ziehet nun weiter!“
[GEJ.09_001,05]
Es machten diese Armen wohl große Augen darum, daß Ich ihnen solches alles
gesagt habe; aber sie getrauten sich dennoch nicht zu fragen, wie Ich solches
alles wissen konnte, und zogen weiter.
[GEJ.09_001,06]
Auf dem Wege aber fragten Mich die Jünger, warum diese Armen eigentlich nach
Essäa zögen, da es ihnen doch nicht anzusehen war, als wären sie irgend krank;
denn kranke Menschen seien niemals so gut bei Fuß.
[GEJ.09_001,07]
Sagte Ich: „Diese ziehen auch nicht darum nach Essäa, um sich dort heilen zu
lassen, sondern um als gänzlich Verarmte dort eine Arbeit und Unterstützung zu
finden; denn sie haben es von Reisenden in Erfahrung gebracht, daß die Essäer
in dieser jüngsten Zeit sehr wohltätig gegen wirkliche Arme geworden seien, und
so denn machten sie sich auf den Weg nach Essäa, weil sie daheim keine Arbeit
und somit auch keinen sie ernährenden Verdienst finden konnten, was ihrer
Gegend zu keinem Ruhme gereicht und sie darum von Mir auch spärlich gesegnet
wird.
[GEJ.09_001,08]
Es waren aber unter diesen Armen doch auch etwelche Kranke, als sie daheim ihre
Reise antraten; aber es kamen einige der von Mir ausgesandten etlichen siebzig
Jünger zu ihnen in ihrer armseligen Gegend und machten sie gesund, und so war
denn nun auch kein Kranker unter ihnen. Die Jünger rieten ihnen auch, ihrer
Armut wegen nach Essäa zu wandern, allwo sie sicher Arbeit und Versorgung
geistig und leiblich finden würden. Und so denn machten sich diese Armen denn
auch alsbald auf den Weg.“
[GEJ.09_001,09]
Sagte Petrus: „Da müssen sie bald nach uns sich auf den Weg gemacht haben, da
sie nun schon da sind; denn sie können sich ja doch nicht uns gleich auf eine
wunderbare Weise vorwärtsbewegen?“
[GEJ.09_001,10]
Sagte Ich: „Das geht uns aber auch gar nichts an! Sie werden nun den Ort ihrer
Bestimmung bald erreicht haben, und das genügt; an dem Tage und an der Stunde
aber liegt nichts, und so lassen wir nun das!“
[GEJ.09_001,11]
Mit diesem Meinem Bescheid waren alle zufrieden. Wir schritten rüstig vorwärts
und kamen denn auch schnell weiter, was besonders in dieser Gegend ganz gut und
zweckmäßig war; denn sie war sehr öde, und mehrere Stunden weit war kein Baum,
kein Gesträuch und so auch kein anderes Gewächs anzutreffen. In dieser Gegend
begegnete uns denn auch kein Mensch, und wir konnten uns daher mit
Windesschnelle fortbewegen und hatten auf diese Weise die weite und sehr öde
Strecke Weges denn auch bald hinter unserm Rücken.
[GEJ.09_001,12]
Als wir diesen für jeden Wanderer unwirtlichsten Weg hinter uns hatten, zu
dessen Begehung wir trotz unserer Windesschnelle bei zwei Stunden Zeit
benötigten, da sonst ein Wanderer selbst auf einem Kamele wohl beinahe einen
vollen Tag auf der öden Wegstrecke zubringen mußte, da kamen wir wieder in eine
wirtliche Gegend, in der sich am Wege denn auch eine Herberge nebst mehreren
zumeist den Griechen gehörenden Wohn- und Wirtschaftshäusern befand.
[GEJ.09_001,13]
Bei der Herberge angelangt, sagten einige Jünger: „Herr, wir haben nun eine
sehr weite Strecke Weges zurückgelegt und sind durstig geworden! Wäre es Dir
denn nicht genehm, so wir hier eine kleine Erfrischung nähmen und uns zur
Löschung des Durstes ein Wasser geben ließen?“
[GEJ.09_001,14]
Sagte Ich: „Das können wir allerdings tun; aber es ist hier eine wasserarme
Gegend, und der Wirt wird sich auch das Wasser gut bezahlen lassen, denn er ist
ein sehr gewinnsüchtiger Heide, wie das die meisten Griechen sind. Wollet ihr
das Wasser bezahlen, so können wir in die Herberge treten, eine kleine Rast
nehmen und uns Wasser und etwas Brot geben lassen.“
[GEJ.09_001,15]
Sagten die Judgriechen und auch die Jünger des Johannes, da sie Geld bei sich
hatten: „Herr, das tun wir mit vieler Freude! So der Wirt auch einen trinkbaren
Wein hat, da wollen wir auch einen Wein bezahlen!“
[GEJ.09_001,16]
Sagte Ich: „Das steht euch hier frei. Tuet sonach das Eurige, und Ich werde das
Meine tun! Und so treten wir in die Herberge!“
2. Kapitel
[GEJ.09_002,01]
Wir traten darauf sogleich in die Herberge, und der Wirt kam uns überaus
höflich entgegen und fragte uns, womit er uns dienen dürfe.
[GEJ.09_002,02]
Sagte Ich: „Wir sind hungrig und durstig, und so gib uns etwas Brot und
Wasser!“
[GEJ.09_002,03]
Sagte der Wirt: „Meine Herren, ich habe auch Wein! Wollet ihr nicht lieber
einen Wein trinken, der bei mir sehr gut ist, als das Wasser, das in dieser
Gegend kaum zum Kochen taugt?“
[GEJ.09_002,04]
Sagte Ich: „Dein Wein ist wohl eben nicht ungut; wir aber sind irdisch nicht so
wohlhabend, um uns mit deinem teuren Weine unsern Durst zu löschen. Daher
bringe du uns nur, was wir begehrt haben, und wir werden damit denn auch
zufrieden sein! Nimm aber das Wasser aus dem Quellbrunnen in deinem Weinkeller
und nicht aus der Zisterne im hintern Hofraum; denn das Wasser wird bei dir
auch gezahlt, und es muß daher gut, frisch und rein sein!“
[GEJ.09_002,05]
Der Wirt sah Mich groß an und sagte: „Freund, meines guten Wissens bist du nun
wohl das erste Mal in meinem Hause! Wie weißt du denn, wie es bestellt ist? Wer
kann dir das verraten haben?“
[GEJ.09_002,06]
Sagte Ich: „Oh, wundere dich dessen nicht, sondern bringe uns das Verlangte!
Bin Ich mit diesen Meinen Freunden auch nun das erste Mal unter deines Hauses
Dache, so ist Mir in ihm dennoch nichts unbekannt. Wie aber das möglich ist,
das weiß schon Ich, wie Ich denn auch weiß, daß deine älteste und liebste
Tochter Helena schon drei volle Jahre an einem bösen Fieber leidet und du es
dich schon viel hast kosten lassen, und es hat ihr dennoch kein Arzt und noch
weniger einer deiner vielen Hausgötter, die du um ein teures Geld aus Athen
hast bringen lassen, geholfen. Und siehe, so weiß Ich noch um mehreres in
deinem Hause! Aber nun gehe, und bringe uns das Verlangte, auf daß wir uns
stärken und dann weiterziehen können!“
[GEJ.09_002,07]
Hierauf berief der über alle Maßen erstaunte Wirt ein paar Diener und ließ uns
Brot, Salz und mehrere Krüge frischen Wassers bringen.
[GEJ.09_002,08]
Als das alles auf dem Tische sich vor uns befand und die durstigen Jünger
gleich nach den Krügen greifen wollten, da sagte Ich zu ihnen: „So wartet doch
ein wenig noch, bis Ich das Wasser segne, damit es niemandem schade; denn auch
das Quellwasser in dieser Gegend ist fiebrig, da es in sich unlautere
Naturgeister enthält!“
[GEJ.09_002,09]
Da warteten die Jünger, und Ich behauchte die Krüge und sagte zu den Jüngern:
„Nun ist das Wasser gesegnet und gereinigt; aber esset zuvor etwas Brot, dann
erst trinket mit Ziel und Maß, auf daß ihr nicht berauscht werdet!“
[GEJ.09_002,10]
Die Jünger taten das; und als sie zu trinken anfingen, da sagten sie mit
verwundert freundlichen Mienen: „Ja, solch ein Wasser heißt es freilich mit Maß
und Ziel trinken, auf daß man nicht berauscht wird!“
[GEJ.09_002,11]
Das merkte der Wirt und sagte zu den beiden Dienern: „Wie? Habt ihr denn diesen
sonderbaren Gästen Wein gebracht, da sie doch ausdrücklich nur Wasser verlangt
haben?“
[GEJ.09_002,12]
Sagten die Diener: „Herr, wir haben getan, wie uns befohlen ward! Wie aber nun
aus dem Wasser Wein geworden ist, das wissen wir nicht; der es aber behauchet
hat, der wird es schon wissen, wie das Wasser zu Wein hat werden können. Den
frage du, denn der scheint mehr zu verstehen als wir alle in dieser Gegend!“
[GEJ.09_002,13]
Hierauf trat der Wirt an unsern Tisch, und wir gaben ihm zu trinken. Als er den
Krug beinahe ganz geleert hatte, da sagte er voll Staunens zu Mir: „Bist du
denn irgendein großer und berühmter Magier oder gar ein mir noch unbekannter
Gott, daß du solches bewirken kannst? Ich bitte dich darum, daß du mir solches
sagest!“
[GEJ.09_002,14]
Sagte Ich: „Wenn du deine Götter aus deinem Hause schaffst, an sie nicht mehr
glaubst, so will Ich dir gleichwohl sagen, wer Ich bin, und dir auch zeigen den
einen rechten, wahren, aber dir noch völlig unbekannten Gott, der auch deiner
Tochter helfen könnte, so du an Ihn glaubtest und Ihm allein die Ehre gäbest.“
[GEJ.09_002,15]
Als der Wirt solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Du führest
sonderbare Worte in Deinem Munde! Die Götter alle vernichten, wäre gerade keine
Kunst, – erfahren das aber unsere Priester oder die Römer, so wird es mir übel
ergehen; denn ein Vergreifen am Bilde eines auch nur Halbgottes ist bei uns mit
schweren Strafen belegt. Ich müßte mit meinem ganzen Hause zuvor ein Jude werden
und mich darüber vor einem Gerichte mit Schrift, Siegel und Beschneidung
ausweisen, wonach mir das Recht eines römischen Bürgers abgenommen würde und
ich es als ein Jude dann um ein schweres Geld wieder erkaufen müßte, so ich
fernerhin ein römischer Bürger sein wollte! Es ist, wundersamer Freund, dein an
mich gestelltes Verlangen etwas in dieser meiner Stellung kaum Ausführbares.
Aber da weiß ich einen Rat: Schaffe du mir die Götter aus dem Hause unter
Zeugen, die in meinem Hause mir zu Diensten stehen, und ich werde dann im
stillen mit meinem ganzen Hause nur dem mir von dir gezeigten Gott die Ehre
geben!“
[GEJ.09_002,16]
Sagte Ich: „Wohl denn, so gehe nun in deinem Hause umher, und überzeuge dich,
ob noch ein Götze, groß oder klein, eines deiner vielen Gemächer ziert!“
[GEJ.09_002,17]
Als der Wirt darauf nachsehen wollte, da kamen ihm schon mit verzweifelten
Mienen alle Hausgenossen schreiend entgegen und heulten: „Dem Hause muß ein
großes Unglück werden, denn alle Götter haben es auf einmal verlassen!“
[GEJ.09_002,18]
Da sagte der Wirt mit herzhafter Miene: „Seid darob ruhig! Die toten, von
Menschenhänden gemachten Götter nur, die niemandem etwas nützen und in einer
Not helfen können, sind sicher von einem wahren, lebendigen und über alles
mächtigen Gott zunichte gemacht worden; dafür ist aber höchstwahrscheinlich der
eine, allein wahre, lebendige und über alles mächtige Gott in unser Haus
gekommen, den uns dieser Sein schon für sich übermächtiger Diener näher kennen
lehren und sogar zeigen wird! Und so ist durch die Entfernung der toten und
gänzlich machtlosen Götter unserem Hause kein Unheil, sondern nur ein höchstes
Heil widerfahren.
[GEJ.09_002,19]
Auf daß ihr aber glaubet, daß es wundersam also ist und sich verhält, so
besehet hier diese unsere Wasserkrüge! Diese sind auf Verlangen eben dieses
wundersam mächtigen Dieners des einen, wahren Gottes voll Wasser durch meine
hierseienden zwei Diener, die das vor aller Welt bezeugen können, auf diesen
Tisch gestellt worden. Und es wollten diese Gäste, nachdem sie sicher durstig
waren, alsbald das Wasser trinken, aber der mächtige Gottesdiener sagte zu
ihnen, daß sie das Wasser erst dann trinken sollen, so er es zuvor gesegnet
haben werde. Darauf behauchte er die Krüge und das Wasser, und das Wasser ward
augenblicklich in den besten Wein verwandelt. Da ist noch ein voller Krug;
nehmet und verkostet den Inhalt, und urteilet, ob er Wasser oder Wein der
allerbesten Art ist!“
[GEJ.09_002,20]
Hierauf nahm das Weib des Wirtes den Krug, verkostete dessen Inhalt und verwunderte
sich übergroß, sagend: „Höret, das ist noch nie erhört worden! Ein solches
Wunderwerk kann nur einem Gott möglich sein! Ich habe einmal in Athen wohl auch
wundertätige Magier gesehen, die auch das Wasser bald in Blut, bald in Milch
und bald wieder in Wein und in allerlei noch andere Dinge verwandelten; aber
ich als eine damals überaus schöne und reiche Griechin hatte nur zu bald von
einem mir nachstellenden Apollopriester gründlich erfahren, wie derlei
wunderbar aussehende Verwandlungen auf eine ganz natürliche Art bewerkstelligt
werden können. Das nahm mir aber auch den Glauben an alle Magier und ihre
falschen Wunder.
[GEJ.09_002,21]
Aber da ist keine irgend geheime und versteckte Falschheit zu entdecken, und es
ist das demnach eine vollkommen wahre Wundertat eines lebendigen Gottes, was
ich nun vollends glaube und in diesem Glauben auch verbleiben werde bis an mein
Ende. Und nun verkostet ihr alle diesen Wein, und urteilet!“
[GEJ.09_002,22]
Hierauf verkosteten alle den Wein und fanden die Sache so, wie sie der Wirt und
sein Weib beschrieben hatten.
3. Kapitel
[GEJ.09_003,01]
Darauf aber sagte der Wirt weiter zu seinen nun anwesenden Hausleuten: „Wir
haben uns nun überzeugt, daß dieser uns noch völlig unbekannte Diener des
einen, wahren Gottes ein wahres Wunder gewirkt hat, um uns zur Erkenntnis des
einen, wahren Gottes zu bringen; aber er hat mir auch zuvor andere Beweise
gegeben, die nicht minder wunderbar sind und denen ich entnahm, daß es mit ihm
eine gar überaus seltsame Bewandtnis haben müsse, denn er weiß um alle noch so
verborgenen und geheimgehaltenen Einrichtungen und Verhältnisse unseres Hauses
genauer als oft wir selbst.
[GEJ.09_003,02]
Und so weiß er auch um die bis jetzt unheilbare Krankheit unserer liebsten
Tochter Helena, und er hat mir denn auch versprochen, sie zu heilen, so ich die
toten Götzen, groß und klein, alle aus dem Hause schaffe und dann mit meinem
ganzen Hause auf den einen, allein wahren Gott halte und Ihm die Ehre gebe. Ich
aber getraute mich dennoch selbst nicht, mich an den toten Götzen zu
vergreifen, aus Furcht, zuerst von jemandem verraten und dann von den Priestern
und Gerichten bestraft zu werden, sagte aber dann zum wundersamen Diener des
einen, wahren Gottes: ,Schaffe du sie vor Zeugen aus dem Hause, so bleiben wir
unverantwortlich!‘ Und seht, er tat das in einem Augenblick, und es sind
demnach alle unsere vielen Götzen ebenfalls auf eine höchst wundersame Weise im
Hause rein zunichte gemacht worden, und wir alle sind nun des Zeugen und können
weder von den Priestern und noch weniger von einem römischen Gericht darob zu
einer Verantwortung gefordert werden, was ihr alle so gut begreifen werdet wie
ich selbst!
[GEJ.09_003,03]
Aber da nun dieser heute so Unerwartetes plötzlich vor unseren Augen entfaltet
hat, so möge denn auch nun noch unsere Tochter geheilt und uns allen der eine,
allein wahre Gott bekanntgegeben und gezeigt werden, auf daß wir allesamt Ihm
allein die Ehre geben und nach Seinem Willen handeln und leben können!“
[GEJ.09_003,04]
Damit waren nun alle Anwesenden völlig einverstanden, und der Wirt wandte sich
nun samt seinem Weibe und seinen Kindern an Mich und bat Mich um die mögliche
Heilung der kranken Tochter.
[GEJ.09_003,05]
Und Ich sagte: „Weil du glaubst mit all den Deinen, so geschehe auch nach eurem
Glauben! Gehet aber nun in das Gemach eurer Tochter, und überzeuget euch, ob
sie nun schon geheilt ist! Dann aber bringet sie hierher, auf daß auch sie
verkoste von diesem Weine des Lebens und lerne Den erkennen, der sie geheilt
hat!“
[GEJ.09_003,06]
Als Ich das ausgesprochen hatte, da verließen alle eiligst unser Speisezimmer,
um zu sehen, ob Helena wohl geheilt sei. Als sie bei ihr ankamen, da fanden sie
sie ganz vollkommen gesund, und sie erzählte denn auch, wie sie von einem Feuer
durchströmt worden sei und das Fieber und alle Schmerzen und alle ihre frühere
Schwäche sie urplötzlich verlassen hätten. Es entstand darob ein großer Jubel.
Die Tochter verließ denn auch sogleich das Krankenlager, kleidete sich an und
ward unter Jubel denn auch bald zu Mir gebracht.
[GEJ.09_003,07]
Als ihr gesagt ward, daß Ich der Heiland sei, da fiel sie Mir zu Füßen und
benetzte sie mit Tränen des Dankes. Also dankten Mir denn auch alle die andern
für die wunderbare Heilung der Helena.
[GEJ.09_003,08]
Ich aber sagte zu ihr: „Erhebe dich, Tochter, und trinke den Wein aus dem
Kruge, der dir zunächst steht, auf daß du gestärkt werdest am ganzen Leibe und
an deiner Seele!“
[GEJ.09_003,09]
Da erhob sich behende die Helena, nahm bescheiden den Krug und trank daraus den
sie stärkenden Wein, dessen Wohlgeschmack sie nicht genug loben und rühmen
konnte.
[GEJ.09_003,10]
Als sie gestärkt war, da fingen wieder alle an, Mich zu bitten, daß Ich sie nun
denn auch den einen, wahren Gott möchte erkennen lehren und Ihn ihnen dann auch
zeigen, so das möglich wäre.
[GEJ.09_003,11]
Sagte Ich: „So höret denn, was Ich nun in aller Kürze zu euch reden werde!
[GEJ.09_003,12]
Es gibt beinahe keinen Griechen, der im Judenlande lebt und handelt, der mit
der Lehre Mosis und der andern Propheten nicht vertraut wäre. Also der Gott,
den Moses den Juden verkündete, der Gott, der auf dem Berge Sinai mit Moses und
durch ihn und seinen Bruder Aaron unter Blitz und Donner redete und später
gleichfort durch den Mund der Propheten und vieler anderer weiser Männer,
dessen Name Jehova heißt und überheilig ist, ist der eine, allein wahre, ewig
lebendige, höchst weise, übergute und über alles mächtige Gott, der den Himmel
mit Sonne, Mond und allen Sternen und diese Erde mit allem, was in ihr, auf ihr
und über ihr ist, aus Sich erschaffen hat.
[GEJ.09_003,13]
An diesen Gott glaubet, haltet Seine euch bekannten Gebote, und liebet Ihn
dadurch über alles, daß ihr eben Seine Gebote haltet, und liebet aber auch eure
Mitmenschen, so wie ein jeder von euch sich selbst liebt, das heißt, tuet ihnen
alles, was ihr vernünftigerweise wünschet, daß sie dasselbe auch euch tun
möchten, so wird der eine, allein wahre Gott euch allzeit gnädig sein und gerne
erhören eure Bitten!
[GEJ.09_003,14]
Er wird Sich euch dann nicht als ein ferner und harthöriger Gott, sondern als
ein stets naher, euch über alles liebender Vater erweisen, der eure Bitten
niemals unerhört lassen wird.
[GEJ.09_003,15]
In dem bestehet alles, was der eine, allein wahre Gott als auch der allein
wahre Vater aller Menschen von den Menschen verlangt. Die das tun werden, die
werden nicht nur über und über gesegnet sein schon auf dieser Erde, sondern sie
werden auch überkommen nach dem Abfalle des Leibes das ewige Leben ihrer Seele
und werden dort sein ewig, wo der Vater ist selig über selig. Kennet ihr nun
den allein wahren Gott?“
[GEJ.09_003,16]
Sagten alle: „Ja, so Der es ist – was wir nun nicht mehr bezweifeln –, da
kennen wir Ihn aus den uns gar wohl bekannten Schriften! Des Moses Lehre hat
uns allzeit wohlgefallen; aber als wir uns nur zu oft überzeugten, wie ganz
entgegengesetzt sie besonders von den Hauptpriestern befolgt wird, und wie gar
nichts Arges ihnen der allein wahre Gott als Strafe für ihre Frevel, die sie an
ihren Nebenmenschen begehen, tut und erweist, so dachten wir: Was Wahres wohl
kann an einer Lehre haften, an die aus allen Taten nur zu wohl ersichtlich ihre
ersten Vertreter und sogenannten Gottesdiener nicht einen Funken Glauben
besitzen?!
[GEJ.09_003,17]
Denn daß man seinen Nebenmenschen wie sich selbst lieben soll, das ersieht man
ja auf den ersten Blick aus den Geboten Mosis. Man sehe aber auch, wie die
Vorsteher der Lehre Mosis ihre Nebenmenschen lieben, und man müßte mit der
dicksten Blindheit geschlagen sein, um das nicht zu merken, wie eben die
Vorsteher der Lehre an sie nicht im geringsten glauben. Denn ein rechter Glaube
muß sich ja doch vor allem durch das Handeln nach der Lehre als wahr
darstellen, und das besonders bei den Vorstehern und Ausbreitern der Lehre.
Wenn aber diese durch ihr Handeln vor jedermanns Augen nun schon ganz ohne alle
Scheu und Furcht vor einem allein wahren Gott zeigen, daß sie nichts glauben, –
wie sollen dann wir Fremde uns zu ihrer Lehre bekennen?
[GEJ.09_003,18]
Und siehe, du mächtigster, wahrer Diener und Priester des einen, allein wahren
Gottes, das war denn auch stets der Grund, warum wir an der Wahrheit und
Echtheit der Lehre Mosis ebensogut zweifelten wie an unserer Vielgötterei! Wir
machten der Welt und ihrer Gesetze wegen am Ende wohl alles mit, aber wir bei
uns glaubten wahrlich an einen Gott nicht mehr, – wohl aber glaubten wir an die
allwaltenden Kräfte der Natur, die wir durch unsere Weltweisen etwas näher
haben kennen gelernt.
[GEJ.09_003,19]
Aber nun haben sich die Sachen bei uns allen infolge deines Wirkens und Redens
gewaltigst geändert, und wir glauben nun ungezweifelt an den einen, allein
wahren Gott der Juden, der dir, weil du sicher allzeit Seinen Willen erfüllt
hast, solch nie erhörte rein göttliche Macht erteilt hat.
[GEJ.09_003,20]
Wir werden uns aber nur allein an Mosis Lehre und niemals an ihre Vorsteher in
Jerusalem halten. Es sind auch schon spät in dieser Nacht von Essäa herkommend
uns ein paar solcher Vorsteher vorgekommen, die über ihre eigene
Tempelwirtschaft ganz gewaltig loslegten und die große Weisheit und Macht der
Essäer sehr rühmten, und wir dachten uns: ,Wenn ihr über euch selbst schon so
losziehet, was sollen dann erst wir Fremden von euch halten?‘ Aber sie gefielen
uns dennoch, weil sie die Wahrheit bekannten. Heute frühmorgens sind sie
weitergezogen. Wir wären nun, was die Lehre betrifft, in der Ordnung; aber es
ist nun noch ein Punkt übrig, und der besteht in deinem Endversprechen.
[GEJ.09_003,21]
Du versprachst, uns auch den allein wahren Gott zu zeigen, was dir sicher so
wie alles andere möglich sein wird. Da du uns schon unaufgefordert soweit
glücklich gemacht hast, daß du uns mit Tat und Wort den einen, allein wahren
Gott hast erkennen gelehrt, so vollende nun unser Glück denn auch dadurch, daß
du uns den allein wahren, einen Gott zeigest! Wir alle bitten dich darum
allerinständigst!“
4. Kapitel
[GEJ.09_004,01]
Sagte Ich: „Ja, Meine lieben Kinder, das geht aber eben um euretwillen nicht
gar so leicht, wie ihr das meinet; aber weil Ich euch auch das versprochen
habe, so sollet ihr alle den einen, allein wahren Gott auch schauen. Aber zuvor
muß Ich euch wohl ermahnen, daß ihr das Geschaute vor dem Verlaufe eines vollen
Jahres nicht ruchbar machet.“
[GEJ.09_004,02]
Alle versprachen Mir das auf das feierlichste.
[GEJ.09_004,03]
Und Ich sagte dann weiter: „Wohl denn, so höret Mich, und machet eure Augen und
Herzen weit auf!
[GEJ.09_004,04]
Ich Selbst, der Ich nun mit euch rede, bin es also, wie das die Propheten den
Menschen verkündet haben! Es hat Mir nach Meinem ewigen Ratschlusse gefallen,
als Selbst Mensch mit Fleisch und Blut unter die in der alten Nacht der Sünde
irrenden und verschmachtenden Menschen als ein hellstes und lebenbringendes
Licht zu kommen und sie zu erlösen vom harten Joche des Gerichtes und des
ewigen Todes.
[GEJ.09_004,05]
Ich kam aber nicht nur zu den Juden, die von Uranbeginn das Volk des einen,
wahren Gottes waren und sich auch noch also nennen, – obwohl gar viele ob ihrer
argen Taten schon seit langem ein Volk der Hölle geworden sind, sondern auch zu
den Heiden, die zwar auch von demselben ersten Menschen dieser Erde abstammen,
sich aber im Laufe der Zeiten von den Reizen der Welt also haben verlocken
lassen, daß sie dadurch von dem einen, wahren Gott abfielen, Ihn nicht mehr
erkannten und sich dann aus der toten und vergänglichen Materie selbst Götter
nach ihrer Lust und nach ihrem Belieben schufen und sie dann verehrten und
anbeteten, wie das noch gegenwärtig gar sehr der Fall ist, und wie ihr das wohl
kennet.
[GEJ.09_004,06]
Damit also auch die Heiden die ewige und lebendigste Wahrheit, als in Gott
allein seiend, erkennen sollen, so kam Ich denn auch zu den Heiden und gebe
ihnen das selbstwillig lange verlorene Lebenslicht wieder, und also auch das
ewige Leben.
[GEJ.09_004,07]
Ich Selbst bin das Licht, der Weg, die ewige Wahrheit und das Leben. Wer an
Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der hat das ewige Leben schon in sich
und wird nimmerdar weder sehen noch fühlen den Tod, so er dem Leibe nach auch
tausendmal stürbe; denn wer an Mich glaubt, Meine Gebote hält und Mich sonach
liebt über alles, der ist in Mir und Ich im Geiste in ihm. In dem aber Ich bin,
in dem ist auch das ewige Leben.
[GEJ.09_004,08] Und so habe Ich euch denn
auch den allein wahren, einen Gott gezeigt, wie Ich euch das zuvor verheißen habe.
Und nun aber erforschet euch selbst, ob ihr das auch glaubet! Ja, ihr glaubet
nun auch das, – bleibet aber auch in diesem Glauben als wahre Helden, und
lasset euch von niemandem mehr davon abwendig machen, so werdet ihr leben, und
Meines Willens Kraft wird in euch sein und bleiben! Also sei es und bleibe es!“
[GEJ.09_004,09] Als Ich das zu den anwesenden
Heiden geredet hatte, da wurden sie von einem tiefsten Ehrfurchtsschauder
ergriffen, und es getraute sich niemand ein Wort zu reden.
[GEJ.09_004,10] Ich aber sagte mit
freundlicher Stimme: „Fasset euch doch, Kinder! Bin Ich als ein wahrster Vater
aller Menschen denn gar so fürchterlich aussehend, daß euch vor Mir nun ein
solcher Schauder ergreift? Seht, Mir ist wohl sicher nichts unmöglich – denn in
Mir ist alle Kraft, Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden –, aber das kann
Ich nicht machen, daß Ich nicht das wäre, was Ich bin, und ihr auch nicht das,
was ihr seid! Ich bin einmal Der, der Ich bin, war und sein werde von Ewigkeit
zu Ewigkeit, und ihr werdet auch dasselbe sein und bleiben. So Ich euch nun
Meine lieben Kinder nenne, so seid ihr Mir ja vollends ebenbürtig, und so ihr
nach Meiner Lehre und also nach Meinem Willen lebet und handelt, da werdet ihr
wahrlich nicht minder vollkommen sein, als Ich Selbst es bin, und werdet
dieselben Zeichen wirken können, die Ich wirke. Denn welche Freude können einem
vollkommenen Vater unvollkommene Kinder wohl gewähren? Darum lasset fahren eure
zu große Ehrfurcht vor Mir, und fasset dafür ein volles Vertrauen und die Liebe
zu Mir, und ihr werdet Mir um gar vieles angenehmer, wohlgefälliger und werter
sein!
[GEJ.09_004,11] Wahrlich, wer Mich liebt, der
hat nicht not, sich vor Mir zu fürchten! Denn die Gott zu sehr fürchten, die
haben Ihn erstens noch niemals recht erkannt, und ihr Herz steht noch ferne von
Seiner Liebe, und zweitens stehen solche zu furchtsamen Kinder auch in der
selbstverschuldeten Gefahr, in ihrem Glauben und Erkennen irre zu werden, weil
ihnen die Furcht den Mut und Willen schwächt, sich Mir im Herzen soviel als nur
immer möglich zu nahen und dadurch auch in aller Lebenswahrheit aus Mir
erleuchtet zu werden. So ihr das verstanden habt, da lasset fahren eure Furcht
vor Mir, und fasset Liebe und vollstes kindliches Vertrauen zu Mir!“
[GEJ.09_004,12] Als Ich solches zu ihnen
geredet hatte, da wich die götzenhafte Furcht aus ihren Herzen, und sie fingen
Mich traulicher zu loben und zu preisen an, und in ihren Herzen wurde mehr und
mehr die Liebe wach. Aber so ganz trauten sie dem Landfrieden dennoch nicht,
denn ihre aus dem Heidentume lang gepflegten Begriffe von der Unerbittlichkeit
und ewigen Macht und Strenge eines Gottes wollten und konnten nicht so bald
verwischt werden. Doch nach einer Stunde, welche Zeit Ich noch in der Herberge
verweilte, wurden sie alle zutraulich, und Ich gab ihnen noch so manche Lehre,
die ihre Liebe zu Mir stärkte und befestigte.
5. Kapitel
[GEJ.09_005,01] Es fragten darauf aber Meine
Jünger, die da Geld bei sich hatten, den Wirt, was da für das Brot und für das Quellwasser
zu zahlen wäre.
[GEJ.09_005,02] Der Wirt aber sagte: „Oh, wie
könnet ihr mich darum fragen, da ich doch nun Gott dem Herrn und somit auch
euch, Seinen sicher nächsten Freunden, ein ewiger Schuldner verbleiben werde?
Ein jedes Wort, das Er zu uns geredet hat, ist ja endlos mehr wert als alle
Schätze der Erde! So ihr bleiben möchtet tausend Jahre in diesem Meinem Hause
und zehren Tag und Nacht, und ich würde auch nur einen Stater dafür verlangen,
so wäre ich wahrlich nicht mehr wert, als daß man mich lebendigen Leibes den
Schlangen und Drachen zum Fraße vorwürfe! Es ist nun aber nicht ferne mehr vom
Mittage; welch ein Glück wäre das für mich, so Gott der Herr bei mir mit euch
das Mittagsmahl nehmen möchte!“
[GEJ.09_005,03] Sagte darauf Ich: „Dein Wille
gilt Mir fürs Werk! Wir aber müssen nun weiterziehen, da es auch andernorts
arme Kinder gibt, denen Ich helfen will. Es werden aber bald arme Pilger
hierher kommen, und zwar in der Richtung von Essäa gen Jericho. Sie haben dort
wohl die Gesundheit ihres Leibes vollkommen wieder erhalten, aber des Geldes
haben sie wenig und sind hungrig, durstig und müde; denen gib du Speise und
Trank und auch die Nachtherberge, und Ich werde das also annehmen, als hättest
du es Mir getan!“
[GEJ.09_005,04] Sagte der Wirt: „O Herr und
Gott, so die Armen ein volles Jahr hierbleiben wollen, so sollen sie ihre
Verpflegung haben! So sie auf der Heerstraße gehen, da will ich ihnen sogleich
meine Lasttiere und Wagen, mit Pferden bespannt, entgegensenden und sie hierher
bringen lassen.“
[GEJ.09_005,05] Sagte Ich: „Auch da gilt dein
Wille fürs Werk! Die von Mir dir angesagten Pilger sind von Essäa aus übers
Gebirge hierher schon gestern in der Nacht abgegangen und werden denn in ein
paar Stunden auf dem Bergsteige hierher kommen, und es würde ihnen daher mit
deinen Lasttieren und Wagen schlecht gedient sein. Wenn sie aber morgen von
hier abgehen werden, so kannst du ihnen einen oder den andern Dienst erweisen,
so sie eines solchen benötigen werden.
[GEJ.09_005,06] In der Folge aber wolle du
dir das Wasser von niemandem mehr bezahlen lassen; denn Ich habe auch dafür
gesorgt, daß deine Brunnen gleichfort ein reichliches und gesundes Wasser geben
werden. Sei allzeit barmherzig gegen Arme, und du wirst auch Barmherzigkeit bei
Mir finden! Meinen Segen und Meine Gnade hast du erhalten, und er wird dir auch
bleiben, so du tätig in Meiner Lehre verbleiben wirst; und somit werden wir uns
nun wieder auf die Weiterreise begeben.“
[GEJ.09_005,07] Nach diesen Worten erhob Ich
mich schnell und ging mit den Jüngern hinaus.
[GEJ.09_005,08] Es versteht sich von selbst,
daß uns der Wirt mit den Seinen eine Strecke unter Tränen, Dank und Lobpreisung
begleitete; als wir aber unsere Schritte sehr zu beschleunigen anfingen, da
blieben die Begleiter zurück und kehrten wieder heim.
[GEJ.09_005,09] Wir aber zogen, da es auf
dieser Strecke um die Mittagszeit keine Wanderer gab, wieder mit der
Schnelligkeit des Windes vorwärts; wo wir aber wieder in eine Gegend kamen, die
da bevölkert war, da gingen wir denn auch natürlichen Schrittes vorwärts. Und
so kamen wir bis zum Abend hin in die Nähe von unserem Jericho.
[GEJ.09_005,10] Es war da ein schöner
Rasenplatz. Auf diesem ruhten wir bis zum vollen Sonnenuntergang; denn Ich
wollte nicht bei Tageslicht in die Stadt gehen, und das darum um so weniger,
weil die beiden Pharisäer, die wir trotz ihrer schnell trabenden Kamele
eingeholt hatten, nur ein paar Morgen Landes weit vor uns sich der Stadt
nahten.
[GEJ.09_005,11] Als wir auf unserem
Rasenplatz unter mancherlei Besprechungen ruhten, da kam aus dem nahen
Zollhause ein Zolldiener zu uns und fragte uns, von woher wir gekommen seien,
und ob wir auf diesem Platze die Nacht über verweilen würden.
[GEJ.09_005,12] Sagte Ich: „Es geht dich
weder das eine noch das andere etwas an; aber so du es schon wissen willst, da
sage Ich es dir, daß wir erstens heute gar von Essäa her kommen, und zweitens,
daß wir hier nun ein wenig ausruhen und uns dann in die Stadt begeben werden.“
[GEJ.09_005,13] Als der Zolldiener vernahm,
daß wir gar von Essäa an einem Tage bis nach Jericho zu Fuß gekommen seien, da
schlug er die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Oh, das ist wohl einem
schnellbeinigen Kamel möglich, aber von Menschenfüßen ist so etwas noch niemals
erhört worden! Da müsset ihr geflogen sein!“
[GEJ.09_005,14] Sagte Ich: „Das ist unsere
Sache; du aber gehe in die Stadt, dieweil du Zeit hast, und sage es dem Kado,
dessen Vater euer Oberherr ist: er wolle heraus zu Mir kommen; denn Ich, der
Herr, harre hier seiner!“
[GEJ.09_005,15] Da fragte der Zolldiener:
„Herr, so ich dem Kado deinen Namen nicht angeben kann, wird er dann wohl auch
zu dir herauskommen?“
[GEJ.09_005,16] Sagte Ich: „Auch dann! Gehe,
und es wird dir der Lohn schon werden; denn ein jeder willige Arbeiter ist
seines Lohnes wert!“
[GEJ.09_005,17] Auf diese Meine Worte begab
sich der Zolldiener schnell in die Stadt und hinterbrachte das dem Kado.
6. Kapitel – Der Herr in Jericho. (Kap.6-25)
[GEJ.09_006,01] Als Kado das vernahm, da
wartete er keinen Augenblick mehr, gab dem Zolldiener einen Groschen Botenlohn
und eilte so schnell als möglich zu Mir heraus.
[GEJ.09_006,02] Als er beinahe atemlos bei
uns ankam, da erhoben wir uns vom Rasenplatz, und Ich reichte ihm die Hand; er
aber umarmte Mich, drückte Mich an seine Brust, überschüttete Mich mit vielen
Freundschaftsküssen und sagte endlich ganz in Freude und Wonne zerflossen
(Kado): „O Herr und Meister, welch eine unbeschreibbare Freude hast Du mir
durch Deine sobaldige Wiederkunft bereitet! O wir Glücklichen, daß wir Dich
wieder in unserer sündigen und Deiner ewig unwürdigen Mitte haben! Es sind nun
nur erst drei Tage, die Du von hier abwesend warst, und mir sind sie nahe zu
drei Jahren geworden; denn unseres ganzen Hauses größte Sehnsucht nach Dir hat
unsere Geduld auf eine starke Probe gesetzt. Wärest Du heute nicht gekommen, so
hätte ich morgen schon in aller Frühe unsere besten Kamele in Bewegung gesetzt
und wäre Dir nach Essäa nachgezogen. Oh, weil Du nur gekommen bist, so ist nun
schon alles wieder vollkommenst gut und in der besten Ordnung! Aber nun, o Herr
und Meister, Du unsere einzige Liebe und unser höchstes Bedürfnis, komme, komme
nun mit mir, auf daß unser ganzes Haus überselig werde!“
[GEJ.09_006,03] Sagte Ich: „Deine
Freundlichkeit hat Mein Herz erquickt, und Ich werde mit dir gehen; aber wir
wollen uns noch einige Augenblicke Zeit lassen! So es dunkler wird, werden wir
in die Stadt ziehen, auf daß wir für die gafflustige Volksmenge kein Aufsehen
machen; denn es sind wegen des morgigen Marktes viele Fremde hier, und diese
sollen unseren Einzug nicht begaffen und bekritteln. Bei deinem Vater sind ja
nun auch ein paar Pharisäer eingezogen; diese werden bald untergebracht sein,
und dann können wir ganz unbeirrt in dein Haus kommen.“
[GEJ.09_006,04] Das war dem Kado ganz recht;
aber er berief noch einmal den Zolldiener und sandte ihn in die Herberge, auf
daß er seinen Leuten sagen solle, daß sie ein bestes Nachtmahl bereiten
sollten. Warum, das würden sie in einer kurzen Zeit schon allerfreudigst
erfahren.
[GEJ.09_006,05] Darauf eilte der Zolldiener
abermals in die Stadt und richtete die Botschaft aus.
[GEJ.09_006,06] Da sagte der Vater des Kado:
„Ich ahne es schon, um was es sich handelt! Gehe, und sage es dem Kado, es
werde alles in der besten Ordnung besorgt werden!“
[GEJ.09_006,07] Als der Zolldiener wieder
zurückkam und dem Kado des Vaters Antwort hinterbrachte und der Abend schon
ziemlich dunkel zu werden begann, da sagte Ich: „Nun können wir uns schon ganz
gemächlich weiterzubewegen anfangen, und wir werden von niemandem auf dem Wege
mehr beobachtet und erkannt; und sieht uns auch jemand, so wird er uns für
ankommende Handelsleute halten, was uns nicht beirren wird.“
[GEJ.09_006,08] Wir kamen gemach denn auch
ganz unbeirrt in des Kado Herberge.
[GEJ.09_006,09] Vor der Herberge angelangt,
sagte Ich zu Kado: „Freund, nun gehe du zum voraus hinein, und sage es deinen
Angehörigen, daß Ich mit Meinen Jüngern von Essäa angekommen bin! So Ich aber
ins Gastzimmer eintreten werde, da sollen sie keinen zu großen Freudenlärm
machen, um die etlichen Fremden nicht zu vorzeitig auf Mich aufmerksam zu
machen. Also sollen sie Mich auch nicht als ,Herr‘ und ,Meister‘ anrufen,
sondern nur als einen guten Freund; denn Ich sehe ja ohnehin nur aufs Herz und
niemals auf den Mund. Warum Ich es nun aber also haben will, davon wirst du den
Grund schon später einsehen und bestens begreifen. Gehe, und tue das!“
[GEJ.09_006,10] Kado eilte nun ins Haus und
unterrichtete die Seinen also, wie Ich es ihm aufgetragen hatte.
[GEJ.09_006,11] Ich ging darauf in das große
Gastzimmer, in dem schon ein großer Tisch für uns gedeckt war.
[GEJ.09_006,12] Als wir eintraten, kam uns
freilich alles freundlich entgegen. Der Vater und die Mutter des Kado, wie auch
dessen Weib und Kinder grüßten Mich auf das freundlichste und baten Mich, Platz
zu nehmen, indem Ich von der weiten Reise wohl sicher müde sein würde. Diese
Ansprache war ganz gut und ließ die Fremden gegen Mich und Meine Jünger
gleichgültig. Aber bei all der gut gewählten Ansprache kamen allen die Tränen
der höchsten Freude zur Folge in die Augen, namentlich dem Vater des Kado und
dem alten, treuen Diener des Kado, der Apollon hieß. Aber Ich stärkte sogleich
ihr Gemüt, und so konnten sie Meine Gegenwart weiter wohl ohne Tränen ertragen.
[GEJ.09_006,13] Wir setzten uns denn sogleich
an den Tisch, und der Wirt, der Kado, dessen Weib und Kinder, wie auch auf Mein
Verlangen der Apollon setzten sich Mir zunächst; des Kado Mutter aber hatte
ohnehin in der Küche zu tun, und des Kado Geschwister hatten die Gäste zu
bedienen.
[GEJ.09_006,14] Als wir nun so ganz wohlgemut
am Tische saßen, auf dem sich schon des besten Weines und Brotes in Hülle und
Fülle befand, da wollten einige Jünger, und hauptsächlich unser Judas
Ischariot, gleich danach greifen, weil es sie schon bedeutend hungerte.
[GEJ.09_006,15] Ich aber sagte: „Habt ihr
schon bisher ausgehalten, so werdet ihr wohl noch die etlichen Augenblicke ohne
zu verhungern und zu verdursten auszuhalten imstande sein! Wartet auf die warme
Speise; wenn diese auf dem Tische stehen wird, dann erst nehmet zuvor etwas
Brot mit Salz und darauf einen kleinen Schluck Weines, dann wird euch das
Nachtmahl stärken und frisch und heiter machen, sonst aber nur Glieder und
Eingeweide schwächen! Der Mensch muß auch suchen, seinen Leib gesund zu
erhalten, so er seine Seele von Traurigkeit und Angst befreit haben will. Wie
Ich es tue, also tuet es auch ihr!“
[GEJ.09_006,16] Die Jünger dankten Mir für
diesen Rat und befolgten ihn auch.
7. Kapitel
[GEJ.09_007,01] Es hatten einige Fremde
gemerkt, daß Ich den Jüngern solchen Rat gegeben hatte, und es stand einer auf,
der ein Kaufmann von Sidon war, ging zu Mir hin und sagte: „Guter Freund,
vergib mir, daß ich mir die Freiheit genommen habe, als ein Fremder dich hier anzureden!
Ich merkte aus deinen Worten, die du an deine Freunde gerichtet hast, daß du
ohne Zweifel ein Arzt sein werdest; und so möchte auch ich dich um einen Rat
bitten, was ich tun und anwenden soll, um von meinem schon mehrjährigen Leiden
im Magen befreit zu werden.“
[GEJ.09_007,02] Sagte Ich: „So du meinst, daß
Ich ein Arzt sei, da nimm denn von Mir auch den Rat an! Iß nicht, wie es bisher
der Fall war, zuviel und zu fettes Schweinefleisch, und trinke nicht so viel
des stärksten Weines den ganzen Tag hindurch, dann wird dein Magenleiden schon
ein Ende nehmen! Das ist Mein ärztlicher Rat; wenn du den befolgst, so wird es
dir mehr dienen denn dein Aloesaft, der dir wohl den Magen ausräumt, auf daß du
ihn darauf wieder desto mehr anfüllen kannst. Der Mensch lebt nicht, um zu
essen, sondern er ißt nur, um zu leben, und dazu bedarf es keines
vollgestopften Magens und keiner täglichen Nervenberauschung durch einen
möglich stärksten Wein.“
[GEJ.09_007,03] Als der Fremde das von Mir
vernommen hatte, sagte er ganz erstaunt: „Du hast mich zuvor doch noch nie
gesehen! Wie kannst du so genau wissen, wie ich lebe?“
[GEJ.09_007,04] Sagte Ich: „Wahrlich, Ich
müßte ein schlechter Arzt sein, so Ich nicht imstande wäre, einem Kranken von
seiner Stirne abzulesen, wie er lebt, und wie er zu seiner Krankheit gekommen
ist! Tue das, was Ich dir geraten habe, und enthalte dich von der Wollust, dann
wird dein Magen schon besser werden!“
[GEJ.09_007,05] Der Fremde dankte Mir für
diesen Rat und legte drei Goldstücke vor Mir auf den Tisch.
[GEJ.09_007,06] Ich aber gab sie ihm mit den
Worten zurück: „Gib du sie den Armen; denn Ich bedarf weder des Goldes noch des
Silbers, nach dem die Menschen gar so mächtig gieren!“
[GEJ.09_007,07] Da nahm der Fremde sein Gold
wieder und sagte: „Nun erkenne ich erst, daß du ein wahrer Arzt bist! So es mit
mir besser wird, da sollen die Armen das Hundertfache von mir erhalten!“
[GEJ.09_007,08] Mit dem begab er sich wieder
an seinen Tisch, und auf den unsern wurden Speisen aufgetragen.
[GEJ.09_007,09] Die Speisen bestanden in gar
wohlbereiteten Fischen, in drei gebratenen Lämmern und in zwanzig eben auch
gebratenen Hühnern und danebst in mehreren edlen Obstgattungen. Wir fingen nun
denn auch sogleich zu essen an, und jedem schmeckten die Speisen, das feine
Weizenbrot und der Wein, und es ward an unserem Tische bald recht lebhaft.
[GEJ.09_007,10] Als die Fremden das merkten,
wie wir an unserem Tische es uns wohlschmecken ließen und es ihnen auch bekannt
war, daß es in dieser Herberge stets sehr teuer zu zehren war, da sagte eben
der Fremde, dem Ich zuvor für seinen Magen einen guten Rat gab, so mehr in der
Stille zu seinen Gefährten: „Ja, nun wird es mir erst klar, warum der Arzt von
mir die drei Goldstücke nicht annahm! Gäste, wie er und seine Gefährten es sind,
die solch eine kostspielige Mahlzeit einnehmen können, haben der Schätze sicher
mehr denn wir und da sind nur drei Goldstücke für solch einen schon überreichen
Arzt sicher zu wenig! Oh, solch ein Nachtmahl kostet in dieser Herberge
mindestens fünfhundert Groschen! Ja, ja, wer das Geschick hat, ein berühmter
Arzt zu sein, der ist glücklicher und reicher denn ein König, der bei solch
einem Arzte, so er krank geworden ist, um große Schätze Hilfe suchen muß! Denn
mag ein König noch so mächtig und reich sein, da kann er sich aber doch nicht
heilen und vom Tode retten, so er krank und schwach wird. Da läßt er den besten
Arzt, den es nur irgend gibt, oft von großer Ferne um ein großes Geld kommen,
und hat ihm der Arzt geholfen, so wird er mit noch größeren Summen belohnt. Und
das wird bei diesem Arzte auch ganz sicher der Fall sein, daß er sich bei
Königen und Fürsten schon gar große Summen wird erworben haben, daher er auch
ganz anders leben kann als wir armen Kaufleute aus Sidon und Tyrus.“
[GEJ.09_007,11] Meine Jünger vernahmen auch
diese Bemerkung von seiten des Fremden, und es wollte Jakobus der Ältere ihm
schon in die Rede fallen.
[GEJ.09_007,12] Ich aber sagte zu ihm, auch
mehr mit leiser Stimme: „Lassen wir sie reden und urteilen über uns, denn
dadurch schaden sie uns wahrlich nicht! So ihr in Meinem Namen den Menschen in
aller Welt das Evangelium predigen werdet, so werdet ihr allerlei Urteilen, die
die Menschen über euch schöpfen werden, nicht entgehen. Werden die Urteile zwar
blind und dumm sein, da lasset die Menschen reden, so ihre Urteile nur kein
Böses in sich enthalten! Sind die Urteile aber böser Art, dann möget ihr die
bösen Beurteiler entweder vor einem Richter zur Rede stellen, oder ihr
verlasset den Ort und schüttelt auch den Staub von euren Füßen über solch einen
Ort, und Ich werde dann im geheimen schon den Richter über solch einen Ort und
seine Bewohner machen! Und so lassen wir diese nun auch über uns reden und
urteilen, wie sie wollen, und wie sie es verstehen; denn über sein Verständnis hinaus
kann kein Mensch ein Urteil über eine Sache oder über irgendein Verhältnis
schöpfen, sowenig als es einem Ochsen möglich ist, einen Psalm Davids zu
singen, oder einem Blinden, zu führen einen Blinden! Darum sollen euch in der
Folge derlei Vorkommnisse durchaus nicht mehr beirren!“
[GEJ.09_007,13] Alle gaben Mir recht und
dankten Mir für diesen Rat.
[GEJ.09_007,14] Apollon aber sagte hinzu: „O
Herr und Meister, Du hast ewig wohl in allem recht; aber es ist hier nur der
Umstand, daß wir durch diese Fremden dennoch darin sehr beirrt sind, daß Du
Selbst, um Dich nicht ruchbar zu machen, auch uns nichts Besonderes sagen
kannst und wir Dich auch um nichts Außerordentliches fragen können.“
[GEJ.09_007,15] Sagte Ich: „O Freund, sorge
du dich darum nicht! Bis zur Mitternacht hin wird des Außerordentlichen noch
gar vieles vorkommen; denn Ich bin heute, als an einem gut beendeten Tagewerke,
guten Mutes, und ihr alle sollet es auch also sein! Nun aber essen und trinken
wir und lassen uns in unserer Freude durch niemanden stören!“
[GEJ.09_007,16] Darauf aßen und tranken wir
ganz wohlgemut und die Fremden an den andern Tischen auch.
8. Kapitel
[GEJ.09_008,01] Da es aber in Jericho Markt
war, der sieben Tage hindurch andauerte, so kamen dahin nebst vielen Kaufleuten
auch allerlei Gaukler, Pfeifer, Sänger, Harfner und Leierer, die abends von
Herberge zu Herberge zogen und den Gästen um eine kleine Bezahlung allerlei
vorzeigten und vormachten; und so kam denn in unsere Herberge ein Sänger mit
einer Harfe, die er recht gut zu behandeln verstand und dazu auch mit einer
reinen Stimme die Psalmen Davids sang.
[GEJ.09_008,02] Als er ins Zimmer trat, da
bat er die Gäste um die Erlaubnis, sich um einen kleinen Lohn produzieren zu
dürfen.
[GEJ.09_008,03] Die Fremden, zumeist Griechen
und Römer, sagten: „Ah, gehe du mit deinem alten Judengekrächze! Die Musik, die
göttliche Kunst, ist ja nur unter den Griechen zu Hause! Wenn dich aber der
Haupttisch dort anhören will, so werden wir nichts dagegen haben; doch einen
Lohn wirst du von uns nicht ernten.“
[GEJ.09_008,04] Darauf kam der arme Harfner
und Sänger an unseren Tisch und bat uns um die Erlaubnis, sich für und nur vor
uns produzieren zu dürfen.
[GEJ.09_008,05] Und Ich sagte mit freundlicher
Stimme: „Produziere du dich nur ohne Scheu und Bedenken, denn Ich kenne dich
und weiß es, daß du ein reiner Sänger ganz in der Weise Davids bist! Der Lohn
soll dir darum gar reichlich werden!“
[GEJ.09_008,06] Darauf verneigte sich der
Sänger und Harfner tief vor uns, stimmte seine Harfe rein und verwunderte sich
selbst, sagend: „Wahrlich, das ist ein guter Saal für Musik und Gesang; denn so
himmlisch hell und rein habe ich noch niemals die Saiten meiner Harfe ertönen
hören!“
[GEJ.09_008,07] Sagte Ich: „Nun, wenn also,
da magst du dich nun schon zu produzieren anfangen!“
[GEJ.09_008,08] Darauf griff der Harfner mit
kunstgeübten Fingern in die Saiten und ließ ein ergreifendes Vorspiel ertönen.
Als die Fremden die höchst reinen Töne und kunstvollen Tonweisen vernahmen, da
wurden sie stille und hörten mit der gespanntesten Aufmerksamkeit dem Künstler
zu.
[GEJ.09_008,09] Bei vollster Stille im ganzen
Saale begann der Künstler unter gar herrlich klingender Begleitung mit einer
wunderreinen und auch höchst wohlklingenden Stimme folgenden Psalm Davids zu
singen: „Singet dem Herrn ein neues Lied; singe dem Herrn alle Welt! Singet dem
Herrn, und lobet Seinen Namen! Prediget einen Tag um den andern Sein Heil!
Erzählet den Heiden Seine Ehre, unter allen Völkern Seine Wunder; denn der Herr
ist hoch und groß zu loben, wunderbarlich über alle Götter! Denn alle Götter
der Völker sind tote Götzen; nur der Herr hat den Himmel gemacht. Es stehet
herrlich und prächtig vor Ihm und gehet gewaltiglich und löblich in Seinem
Heiligtume.
[GEJ.09_008,10] Ihr Völker, bringet her dem
Herrn, bringet her dem Herrn Ehre und Macht! Bringet her dem Herrn die Ehre
Seinem Namen, bringet Geschenke, und kommet in Seine Vorhöfe! Betet an den
Herrn im heiligen Schmuck, und es fürchte Ihn alle Welt! Saget es unter den
Heiden, daß der Herr allein König sei und habe Sein Reich, so weit die Welt
ist, bereitet, daß es bleiben solle, und richtet die Völker recht! Himmel,
freue dich, und du, Erde, sei fröhlich; das Meer brause, und was darinnen ist!
Das Feld sei fröhlich, und alles, was darauf ist, und lasset alle Bäume im
Walde rühmen vor dem Herrn; denn Er kommt, und Er kommt zu richten das
Erdreich! Er wird den Erdboden richten mit Gerechtigkeit und die Völker mit
Seiner Wahrheit.“ (96.Psalm).
[GEJ.09_008,11] Als unser Sänger und Harfner
diesen Psalm ausgesungen hatte, machte er noch ein Nachspiel und schloß damit
seine Produktion. Da überhäuften ihn die Fremden mit Lob und Beifall und
gestanden, daß sie in ihrem ganzen Leben etwas Herrlicheres sowohl in der
Saitenmusik und ebenso auch im Gesange nicht vernommen hätten und baten ihn
auch um Vergebung, daß sie ihn gar so roh und grob empfangen hätten, baten ihn
aber zugleich auch um die Wiederholung des gesungenen Psalmes.
[GEJ.09_008,12] Der Sänger aber fragte Mich,
ob er das noch einmal tun dürfe.
[GEJ.09_008,13] Und Ich sagte: „Tue das nur
immerhin, denn herrlicher hat auch David diesen Psalm nicht gesungen!“
[GEJ.09_008,14] Und der Sänger sagte: „Herr,
wer du auch seist, – ich selbst auch noch niemals! Es kam mir unterm Singen
wahrlich vor, als wäre mir Jehova ganz nahe gewesen und hätte mich wohlgefällig
behorcht; und wieder kam es mir vor, als hätten ganze Chöre der Engel mit mir
gestimmt. Oh, wenn mir doch die Kunst und Stimme bliebe, so würde ich der
glücklichste Mensch auf der Erde sein und alle Heiden durch meinen Gesang zu
unserm Jehova bekehren!“
[GEJ.09_008,15] Sagte Ich: „Singe du nun nur
noch einmal den 96. Psalm, und sei versichert, du frommer Samarite, daß dir die
Kunst und Stimme erhalten bleibt bis ans Ende deiner irdischen Lebenstage, –
und im Himmel sollst du vor dem Throne des Allerhöchsten ein lieblicher Sänger
sein und bleiben ewig! Aber nun singe!“
[GEJ.09_008,16] Sagte der Sänger: „O Herr, du
mußt ein Prophet sein aller Wahrheit nach; denn so wie du reden gewöhnliche
Menschen nicht! Doch nun nichts Weiteres mehr davon, denn ich muß ja noch
einmal den Psalm singen!“
[GEJ.09_008,17] Hierauf griff er wieder in
die Saiten, und sie klangen noch heller und reiner denn das erste Mal, und so
war es auch mit seiner Stimme. Alle Meine Jünger, unsere Wirtsleute und ebenso
auch die Fremden wurden zu Tränen gerührt, und die Meinen an unserem Tische am
meisten, da sie wohl wußten, Wem dieser Psalm galt.
9. Kapitel
[GEJ.09_009,01] Als der Sänger auch zum
zweiten Male den Psalm vollendet hatte, da erhob sich unter den Fremden ein
ordentlicher Lobes- und Beifallssturm, und sie beschenkten ihn mit vielen
Goldstücken und luden ihn ein, sich an ihren Tisch zu setzen und mit ihnen zu
essen und zu trinken.
[GEJ.09_009,02] Er aber sagte (der Sänger):
„Ich danke euch für die mir angetane Ehre und für das mir so reichlich
gespendete Almosen; doch ich bin noch ein altreiner Jude – wenn ich auch erst
dreißig Jahre Alters zähle –, und darf eure Speisen nicht genießen. Zudem hat
mir nur dieser Herr hier die Erlaubnis zur Produktion erteilt, und so werde ich
auch nur das tun, was er mir gebieten wird!“
[GEJ.09_009,03] Da belobten die Fremden des
Künstlers Treue, und Ich behieß ihn, sich an unsern Tisch zu setzen und mit uns
zu essen und zu trinken, – was er mit vielem Dank denn auch sogleich tat.
[GEJ.09_009,04] Es ging aber unser Wirt und
der Kado und brachten dem Harfner ein reichliches Almosen, das er beinahe gar
nicht annehmen wollte, da er ohnehin schon von den andern Tischen zu reichlich
beschenkt worden sei.
[GEJ.09_009,05] Ich aber sagte zu ihm: „Nimm
du nur an, was man dir mit Freuden gibt; denn du selbst hast ein gutes Herz und
teilst gerne mit den Armen auch von dem wenigen, was du dir mit deiner Kunst
mühsam erwirbst! So du dir von nun an aber mehr erwerben wirst, so wirst du
deinem guten Herzen auch einen größeren Tätigkeitsraum gewähren können. Den
Armen wohltun, ist Gott wohlgefällig, und für die Armen arbeiten und sammeln,
ist herrlich vor Gott und wird allzeit schon in diesem und noch mehr im andern
Leben belohnt.“
[GEJ.09_009,06] Sagte der Harfner: „Ja, du
gütigster Herr, also ist es, und ich habe auch allzeit also geglaubt, obschon
es mich mit dem diesirdischen Lohne lange stecken ließ, und ich doch schon seit
beinahe fünfzehn Jahren treu in diesem Sinne meine schwache Kunst ausgeübt
habe. Doch diesmal ist mir eine reiche Ernte geworden, und Gott dem Herrn, der
mich in meiner Armut einmal angesehen hat, alles Lob und Ehre und allen meinen
Dank dafür immerdar! Aber nun möchte ich dich, du bester Herr, denn doch auch
um etwas fragen, wenn du mir das gnädigst erlauben möchtest.“
[GEJ.09_009,07] Sagte Ich: „Oh, recht gerne!
Frage du nur, und Ich werde dir die Antwort nicht schuldig bleiben!“
[GEJ.09_009,08] Darauf fragte Mich der
Harfner, sagend: „O du bester Herr, dem ich nächst Gott mein großes Glück zu
danken habe, wie weißt du denn gar so genau um alle meine Lebensverhältnisse, –
und ich weiß mich doch nicht zu entsinnen, dich jemals irgend gesehen zu
haben?“
[GEJ.09_009,09] Sagte Ich: „Das ist auch gar
nicht nötig; es genügt, so nur Ich dich schon gar oftmals gesehen und gehört
habe. Siehe, du hast dich nun hier produziert und bist von uns allen fest
angesehen worden! Wir werden dich denn auch leicht überall wiedererkennen, wo
wir uns auch treffen mögen; du aber wirst uns alle gewiß nicht so leicht
wiedererkennen, und das aus dem ganz einfachen und natürlichen Grunde, weil
sogar viele Tausende von Menschen sich einen irgend in etwas besonders ausgezeichneten
Menschen leichter merken und ihn in allem beobachten können als der eine Mensch
die vielen Tausende, vor denen er sich produziert hatte. Siehe, das ist der
ganz natürliche Grund, warum auch allenfalls Ich dich besser kennen kann als du
Mich.
[GEJ.09_009,10] Es kann aber schon auch
andere Gründe geben, die du nun aber nicht wohl verstehen würdest, so Ich sie
dir auch sagte; darum ist es der Fremden wegen besser, davon zu schweigen. Du
hast aber ehedem selbst gesagt, daß Ich etwa ein Prophet sei, weil du in Meiner
Nähe um vieles besser geharft und gesungen habest denn sonst irgendeinmal. Bin
Ich für dich allenfalls denn ein Prophet, so kann Ich etwa als ein solcher ja
aus dem Geiste Gottes in Mir auch wohl wissen, wie es mit deinen Lebensverhältnissen
steht. Und so hast du nun einen natürlichen und einen übernatürlichen Grund,
aus dem Ich dich allzeit besser kennen kann als du Mich oder jemand andern von
uns. – Bist du nun im klaren?“
[GEJ.09_009,11] Sagte der Harfner: „Ja, du
bester und wahrlich auch sehr weiser Herr, ich heiße dich nicht umsonst weise!
Denn ich habe es auf meinen Hin- und Herwanderungen auf dieser lieben
Gotteserde mehrfach erfahren, daß wahrhaft gute Menschen auch stets weise
Menschen waren. Daß aber die guten Menschen im Erdenglück den harten und bösen
Menschen nachstehen, daran schuldet nicht etwa die aus ihrer Weisheit
geschöpfte Klugheit, als wäre sie eine mindere denn die listige der Harten und
Bösen, sondern ihre Herzensgüte, die aus ihr hervorgehende Geduld und die Liebe
zur Wahrheit, zu Gott und sogar zu den Feinden, die am Ende doch auch noch
Menschen sind, wenn auch blind und taub, und aus dem allen erst die rechte und
wahre Weisheit, die die vergänglichen Güter dieser Welt eben nie höher schätzt,
als sie von allen großen und wahrhaft Weisen allzeit geschätzt worden sind. Und
siehe, du wahrhaft bester Herr, darum nannte ich dich denn auch einen Weisen,
weil ich so viel Güte in dir fand!“
[GEJ.09_009,12] Sagte Ich: „Da bist du am
Ende ja auch ein Weiser, weil du meines guten Wissens auch ein guter Mensch
bist?“
[GEJ.09_009,13] Sagte der Harfner ganz
bescheiden: „Bester Herr, ich werde mich dessen wohl nie rühmen, und es mögen
darüber die Weisen über mich urteilen! Aber das kann ich von mir aus über mich
bekennen, daß ich sehr weise und hochgelehrt sich dünkende Menschen schon um
vieles dümmere Handlungen begehen sah, als ich sie je begangen habe. Ich bin
der Meinung: An den einen, allein wahren Gott unter allen noch so oft widrigen
Lebensumständen ungezweifelt fest glauben und aus wahrer Gottesfurcht und Liebe
Seine heiligen Gebote halten, ist offenbar weiser als im Glauben schwach
werden, Gott den Rücken zuwenden und sich als ein hochgeehrter Weltweiser in
alle erdenklichen Lustbarkeiten der Welt stürzen und also leben und handeln,
als hätten die andern Menschen gar kein Recht auf dieser Erde, auf die sie doch
auch von Gott aus gestellt worden sind, auch umherzuwandern und sich ihre
nötigste Nahrung und andern Lebensunterhalt zu suchen! O bester und weiser
Herr, habe ich da recht oder unrecht geurteilt?“
[GEJ.09_009,14] Sagte Ich: „Ganz vollkommen
recht und somit auch recht sehr weise! Aber nun iß und trinke du nur nach
deinem Bedürfnisse!“
[GEJ.09_009,15] Der Harfner aß und trank nun nach
Herzenslust, da er schon sehr hungrig und durstig war; doch merkte man an ihm
keine Eßgier und noch weniger einen Säufersinn.
10. Kapitel
[GEJ.09_010,01] Während aber unser Harfner
ganz bescheiden aß und trank, machten die Jünger unter sich große Augen und
staunten nicht wenig über seine weisen Worte.
[GEJ.09_010,02] Ich aber sagte zu ihnen: „Wie
staunet ihr denn nun gar so über unseres Sängers Verstand? Habt ihr denn das
noch nie gehört, daß Gott dem auch allzeit den Verstand gibt, dem wahrhaft Er zu
Seiner Ehre ein Amt gegeben hat?! Ich sage es euch: Dieses Sängers Amt ist
wahrlich eines der geringsten nicht auf dieser Erde; denn er erweicht durch die
große Wärme seines Gesangs und seines Saitenspiels die harten Herzen, und in
sie dringt dann leicht das Wort und die ewige Wahrheit.
[GEJ.09_010,03] Wenn Saul die Harfe Davids
vernahm, da ward sein steinern Herz mürbe, und der böse Geist wich von ihm, und
es steht auch in der Schrift darum: ,Lobet Gott den Herrn mit Psalmen, reiner
Stimme und wohlgestimmten Harfen!‘ Was ein Johannes war, das soll der Harfner
und Sänger euch werden!“
[GEJ.09_010,04] Mit diesen Worten waren die
Jünger höchlichst zufrieden und begriffen die Ursache der weisen Rede des
Harfners.
[GEJ.09_010,05] Aber die Worte des Psalms
konnten die Heiden nicht unters Dach bringen und sagten untereinander: „Schade
um den Künstler! Wenn er mit seiner götterhaft reinen Stimme unsere Götter nach
der Weise Homers besänge gleich einem zweiten Orpheus, er würde in Athen und
Rom vergöttert werden und sich große Schätze sammeln!“
[GEJ.09_010,06] Nach dergleichen weniger als
nichtssagenden Gesprächen erhob sich derselbe Fremde, dem Ich zuvor einen Rat
für seinen Magen gab, kam an unseren Tisch hin, noch einmal den Sänger
hochbelobend, und sagte: „Um Vergebung, so ich euch irgend störe; aber so wir
schon einmal als Gäste uns in diesem Saale zusammengefunden haben, und wahrlich
keine Ursache haben, uns gegenseitig anzufeinden, so möge uns denn auch
gegenseitig gegönnt sein, bei dieser wahrlich unerwartet herrlichsten
Gelegenheit einige freundliche Worte miteinander zu verkehren! Denn ob wir
Heiden sind und ihr Juden seid, das macht bei mir wenigstens dem wahren
Menschenwerte gar keinen Eintrag, und ihr scheinet in dieser Hinsicht auch
meiner Meinung und Lebensansicht zu sein!“
[GEJ.09_010,07] Sagte Ich: „Freund, vor Mir
kann ein jeder Mensch sein freies Wort aussprechen, und so auch du und jeder
deiner Genossen! Wenn du etwas hast, so rede offen!“
[GEJ.09_010,08] Sagte der Grieche: „Wir
welterfahrenen und gebildeten Griechen sind zwar wohl schon lange über alle
unsere Götterfabeln hinaus, und die besseren Juden halten auf ihren
Eingottstempel vielleicht nicht um vieles mehr als wir Griechen und Römer auf
unsere Vielgöttertempel. Dieser Harfner und Sänger sang einen mir nicht völlig
unbekannten Psalm des einstigen Königs der Juden, der in der Reihe der Könige
eures Volkes der zweite war und David hieß. Die Dichtung ist voll verborgener
Theosophie; was aber daran klar ist, das scheint in dem zu bestehen, daß der
große, mächtige, tapfere und auch siegreiche König als ein Eingottsbekenner
alle Heiden erobern wollte, um sie auch zu bekehren zu seinem Glauben, weil ihm
dies das Regieren um gar vieles erleichtert und sein Ansehen bei allen Völkern
um ein gar großes erhöht hätte. Ob er aber bei sich wohl gar so ernstlich auf
den einen Gott hielt, wie das aus seinen Dichtungen ersichtlich ist, das ist
eine ganz andere Frage! Möglich wohl, – aber man könnte sich aus so manchen
seiner Handlungen auch das Gegenteil denken! Doch sei ihm nun, wie ihm wolle,
David war und bleibt ein großer und höchst denkwürdiger Mann in jeder guten
Hinsicht, und die Erde wird Könige seinesgleichen wenige aufzuweisen haben, und
ich kann den Sänger nur loben, daß er sich als ein reiner Altjude des großen
Königs Psalmen zum Gegenstande seiner Musik und Sangesproduktionen machte. Doch
bei aller seiner großen Vortrefflichkeit ist er dadurch, daß er nur ein
Davidssänger ist, etwas einseitig. Würde oder könnte er auch unserer alten
Dichter Psalter singen gleich einem Orpheus, und käme er als solcher nach Athen
und Rom – wie ich das schon früher bemerkt habe –, so könnte er sich große
Schätze erbeuten! Doch lassen wir das und gehen nun auf die Hauptsache über!
[GEJ.09_010,09] Unter anderm fiel mir in dem
Psalm besonders die Stelle auf, die also lautete: ,Alle Götter der Völker sind
tote Götzen; aber der Herr (also der eine, lebendige Gott der Juden) hat Himmel
und Erde gemacht.‘ Sage mir doch, ob sich die Sache der vollen und erweisbaren
Wahrheit nach denn auch also verhält! Denn wir Heiden nehmen vor dem
ausgebildeten Dasein der Erde und des Himmels einen chaotischen Stoff an, aus
dem dann irgend uns unbekannte mehr oder weniger intelligente Kräfte, die
später von den phantasiereichen Menschen zu Göttern gemacht wurden, die Erde
mit allem, was sie trägt, und auch den Himmel nach und nach geformt haben; ihr
aber lasset alles von dem einen Gott in sechs Tagen oder etwa Zeitperioden aus
nichts erschaffen. Welches ist da wahr? Zahllos viele Menschen in allen uns
weit und breit bekannten Teilen der Erde glauben mit kleinen Unterschieden das,
was wir und schon die ältesten Ägypter als eine nahezu erweisbare Wahrheit
geglaubt haben; ihr aber seid von unserem Glauben so fern wie der Himmel von
der Erde! Wer hat nun recht, und welches ist wahr? Kannst du die Wahrheit eurer
Lehre erweisen, so lassen ich und alle meine Gefährten unsern Glauben und
werden Juden; sonst aber bleiben wir, was wir sind, und werden von dem Sänger
auch nicht begehren, daß er je nach Athen oder Rom kommen solle.“
11. Kapitel
[GEJ.09_011,01] Sagte Ich: „Freund, du
verlangst etwas ganz Sonderbares nun von Mir! Dein Verstand ist zu sehr mit
weltlichen und somit materiellen Dingen angefüllt; wie wird er da Geistiges zu
fassen imstande sein? Wir echten, alten und wahren Juden aber haben unseren
Verstand mit den geistigen Dingen erfüllt und können denn auch geistige Dinge
als für uns wohl erweisbar leicht begreifen.
[GEJ.09_011,02] Es besteht Entsprechung wohl
zwischen dem, was des Geistes und was der Materie ist. Wärest du in solcher
Wissenschaft bewandert, da wäre es dir leicht zu erweisen, daß nur wir alten
und reinen Juden in der vollen Wahrheit stehen, alle Heiden sich aber im
Falschen und Unwahren trotz aller ihrer Weltweisheit befinden; aber solche
innere Wissenschaft ist euch fremd, und es kann euch denn auch auf einem andern
Wege schwer erwiesen werden, daß nur wir Juden allein in der vollen Wahrheit
stehen.
[GEJ.09_011,03] David hat den einen, wahren
Gott nur darum besungen, weil er an Ihn nicht nur geglaubt, sondern Ihn auch
gesehen und allzeit mit Ihm geredet hat. Und unser Sänger hat, als selbst ein
reiner Jude, wohl sehr recht, daß er durch sein Harfenspiel und durch seinen
Gesang nur Dem die Ehre gibt, dem von Ewigkeit her allein die Ehre gebührt. Er
soll darum auch den Heiden, die schon David zur alten Wahrheit zurückgerufen
hat, nur die Psalmen Davids vorsingen, auf daß ihre Herzen weicher und offener
werden zum Erkennen und Anbeten des nur einen, ewig wahren Gottes, der nicht
ein den wahren Menschen so verborgener und unzugänglicher Gott ist, als wie da
euch sind eure wahrlich nur erdichteten und nachher von Menschenhänden aus der
toten Materie gemachten Götter. Daß sich aber die Sache also verhält, das
können wir dir wohl alle sogar praktisch beweisen, obschon du dadurch der
innern, geistigen und somit allein in sich lebendigen Wahrheit nicht
näherstehen wirst, als du nun stehst.“
[GEJ.09_011,04] Sagte der Grieche: „Freund,
so gib mir einen praktischen Beweis, und ich werde mit allen meinen Gefährten
an den Gott der Juden glauben und auch die etwa von Ihm ausgehenden Gebote
halten und dazu noch viele Tausende zu meinem Glauben bekehren!“
[GEJ.09_011,05] Sagte Ich: „Gut denn, einen
solchen Beweis kann Ich als ein wahrer Jude der Juden, der Ich den einen,
allein wahren Gott und Herrn Himmels und der Erden wohl kenne und auch weiß,
daß Er ist, und wie Er ist, dir alsogleich vor deine Augen stellen! Du leidest
noch an deinem Magen, darum du dich auch beinahe nichts zu essen und zu trinken
getraust, obschon du nun Hunger und Durst ziemlich mächtig verspürst. Wieviel
hast du schon deinen Götzen geopfert nach dem Rate der Priester, und wieviel
Arzneien hast du schon verschluckt! Hat alles das dein Leiden nur im geringsten
gemildert? Du sagst: ,Nein, nicht im geringsten!‘ Ich aber will dir durch die
innere Anrufung des einen, allein wahren Gottes der Juden im Augenblick derart
helfen, daß du nimmerdar ein Magenleiden verspüren sollst!“
[GEJ.09_011,06] Sagte der Grieche: „O Freund,
so dir das möglich ist ohne Arznei, dann glaube ich nicht nur allein an euren
Gott und werde Ihm auch sogleich alle Ehre erweisen samt allen meinen
Gefährten, sondern ich will dir auch die Hälfte meines nicht kleinen Vermögens
zukommen lassen!“
[GEJ.09_011,07] Sagte Ich: „Freund, dessen
benötige Ich nicht; denn Mein allein wahrer und allmächtiger Gott gibt Mir und
uns allen allzeit, dessen wir bedürfen. Und so benötigen wir nicht euch Heiden
gleich der irdischen Schätze; denn die Schätze des Geistes Gottes in uns stehen
endlos höher, als was da wert ist die ganze Erde und der ganze sichtbare
Himmel, wovon du dich sogleich überzeugen wirst. Siehe, nun rufe Ich stille in
Mir Gott den Herrn an, daß Er dir heile und stärke deinen Magen, – und sage mir
nun, ob dein Magen schon besser ist!“
[GEJ.09_011,08] Hier erstaunte der Grieche
über alle Maßen und sagte: „Ja, nun glaube ich ungezweifelt, daß nur euer Gott
ein allein wahrer ist! Denn als du, Freund, die Worte zu eurem Gott noch kaum
völlig ausgesprochen hattest, da ward es mir plötzlich so wohl im Magen, wie
ich zuvor ein solches Wohlsein selbst in meinen gesundesten Jugendjahren noch
niemals empfunden habe, und dieses Wohlbefinden fühle ich nun gleichfort und
habe nun erst einen rechten Hunger und Durst. Deinem allein wahren Gott sei von
nun an allein all mein Dank, alle Ehre und alle meine tiefste Hochachtung und
Ergebung in Seinen heiligen, über alles mächtigen Willen bis zu meinem
Lebensende! Oh, Er aber wolle uns Heiden erleuchten, gleichwie Er euch
erleuchtet hat, auf daß wir Ihn möchten tiefer und tiefer erkennen und Ihm
geben allein eine rechte, Ihm wohlgefällige Ehre!
[GEJ.09_011,09] Und du, ausgezeichnetster
Psalmsänger, bleibe nur bei deiner guten, wahren Kunstweise, und besinge
allzeit und überall des allein wahren und lebendigst allmächtigen Gottes Ehre;
denn nur Ihm allein gebührt alle Ehre, nicht nur von uns Menschen, sondern nach
dem Psalme auch von der gesamten Kreatur, die Sein Werk ist. Denn nun sehe ich
es schon ein, daß nur Er allein alles, Himmel und Erde, Sonne, Mond und alle
die zahllos vielen Sterne, erschaffen hat. Wie? Um das werde ich niemals
fragen; denn es ist genug, daß ich nun weiß, daß Er ganz allein der Urgrund
aller Dinge ist, und daß nichts als nur Sein Wille der eigentliche Stoff jedes
Daseins ist. In diesem Glauben will und werde ich fortan leben, handeln, denken
und endlich auch sterben.
[GEJ.09_011,10] Dir liebstem und vom Geiste
Gottes erfülltem Freunde aber danke ich auch, daß du mich in diesem
allerwichtigsten Lebenspunkte so treu und wahr belehrt hast, wodurch mir
beinahe mehr geholfen ist als durch die Heilung meines böse gewesenen Magens.
Doch da es mich nun schon sehr nach Speise und Trank gelüstet, so werde ich
mich nun wieder an unsern Tisch setzen und mäßig meinen Leib erquicken und stärken!“
[GEJ.09_011,11] Sagte Ich: „Tue das nun ohne
Furcht und Scheu, und bitte im Herzen Gott vor dem Essen, daß Er dir und allen
Menschen die Speisen und den Trank segnen möchte, und Er wird solche Bitte
allzeit erhören, und dir wird dann jegliche für die Menschen bestimmte Speise
wohl dienen und deinen Leib wahrhaft nähren und stärken! Also sei es und bleibe
es!“
[GEJ.09_011,12] Auf diese Meine Worte begab
sich allerdankbarst der Grieche wieder an seinen Tisch, bat Gott um Seinen
Segen und aß und trank darauf mit heiterm Mute und hatte keine Furcht mehr, daß
ihm Speise und irgendein Trank je mehr schaden könnte. Was aber nun der eine
Grieche tat, das taten auch alle seine vielen Gefährten und aßen und tranken
darauf noch weiter mit großer Lust und Freude; auch redeten sie viel
untereinander von der Wahrheit bezüglich des Seins des Gottes der Juden und
konnten sich noch immer nicht zur Genüge verwundern über das, daß der wahre
Gott der Juden die Menschen, die an Ihn lebendig glauben, auf Ihn all ihr Vertrauen
setzen und Seine Gebote halten, also sehr mit Seiner Macht unterstützt, daß man
am Ende bald glauben könnte, daß sie selbst Götter seien.
[GEJ.09_011,13] Nach mehreren solchen
Besprechungen, während deren wir uns über die Vorgänge in Essäa besprachen,
erhoben sich die nun vollends gesättigten Griechen, dankten dem wahren Gott der
Juden für Seinen Segen und baten Ihn, daß Er allzeit mit solcher Gnade bei
ihnen und bei allen Menschen, die Ihn darum anflehen werden im Glauben und
Vertrauen, verbleiben wolle.
12. Kapitel
[GEJ.09_012,01] Darauf kam der Grieche wieder
zu Mir und sagte: „Liebster Freund, war es also recht mit unserer Bitte und
unserem Dank?“
[GEJ.09_012,02] Sagte Ich: „Du hast Kinder daheim,
die du sehr lieb hast; wenn es sie hungert und sie bitten dich um Brot, wirst
du ihnen das Brot als den Segen deiner Vaterliebe vorenthalten, wenn sie dich
etwa nach einer dummen, eingelernten Form darum bitten? Siehst du doch als ein
Mensch und Heide nur auf das Herz deiner Kinder, und ihr Lallen gilt dir mehr
als die schmuckvollste Rede eines Rhetors. Um wie vieles mehr sieht Gott als
der allein wahre Vater aller Menschen nur auf deren Herzen und nicht auf die
eitlen Worte des Mundes und auf deren künstlich geordnete Form!
[GEJ.09_012,03] Eure Bitte und euer Dank,
wennschon in schlichte Worte eingekleidet, kam aus euren Herzen, und so hatte
der allein wahre Vater der Menschen im Himmel auch ein rechtes Wohlgefallen
daran. Bleibet also, und es wird euch dann zur rechten Zeit ein höheres Licht
aus den Himmeln hinzugegeben werden! Wendet euch allzeit in der vollsten Liebe
eurer Herzen zu Gott, dem ewigen Vater im Himmel, und Er wird sich allzeit zu
euch kehren mit dem lebendigen Lichte der ewigen Wahrheit in Ihm!
[GEJ.09_012,04] Aber um Gott recht zu lieben,
müßt ihr auch eure Nächsten lieben wie euch selbst und niemandem ein Unrecht
zufügen. Was ihr nicht wünschet, daß man es euch antue, das tut auch euren
Nebenmenschen nicht an! Ich verstehe das in einer vernünftigen und weisen
Hinsicht und Beziehung; denn so könnte sonst auch ein Raubmörder verlangen, daß
man darum auf ihn nicht fahnden und ihn den Gerichten übergeben solle, weil er
in solcher Absicht auf niemanden fahndet, – und derlei Ungereimtheiten noch
eine Menge.
[GEJ.09_012,05] Wer sonach seinen
Nebenmenschen treu und vernünftig und somit auch wahrhaft liebt, der liebt auch
Gott und wird von Gott wiedergeliebt. Wer aber schon seinen Nächsten nicht
liebt, den er doch sieht, wie wird er dann Gott lieben, den er nicht mit seinen
Augen sehen, noch mit seinen Ohren hören kann?
[GEJ.09_012,06] Ihr seid Handelsleute und
Wechsler, und es ist euch ein großer Gewinn denn auch lieber als ein kleiner
und somit gerechter; Ich aber sage es euch: Seid in der Folge in allem gerecht,
und denket, wie es euch lieber ist, daß ein anderer gegen euch gerecht und
billig ist, also seid auch ihr gerecht und billig gegen eure Nächsten im Preis,
Maß und Gewicht! Denn mit welchem Maß, Gewicht und Preis ihr eure Nebenmenschen
bedienet, mit demselben Maße wird es euch Gott der Herr und Vater im Himmel
wiedervergelten. Denn Lügner und Betrüger in jeder diesirdischen
Lebensbeziehung werden von Gott nicht angesehen und in Sein ewiges Lebensreich
nicht eingehen. Das kann Ich euch wohl sagen, weil Ich Gott und Sein Reich und
Seinen ewigen Herrscherthron und Seinen Willen gar wohl kenne.
[GEJ.09_012,07] Habt ihr das verstanden, so
tuet auch danach, und es wird der wahre und lebendige Segen nicht von euch
genommen werden! So ein Mensch in einem Königreich des Königs Gesetze kennt und
sie auch stets treulich befolgt und der König darum weiß, so wird er dem
Menschen wohlgewogen sein, ihn achten und liebhaben und ihn auch leicht in ein
Amt setzen zum Lohne seiner Treue. So ihr aber nun durch Mich vernommen habt
den Willen des einen, wahren Gottes, so tuet denn auch danach, und ihr werdet
Gnade bei Gott finden!“
[GEJ.09_012,08] Sagte der Grieche: „Freund,
wir danken dir für diese wahrlich allerweiseste Belehrung und versprechen dir
auch, daß wir von nun an treulich danach leben und handeln werden! Aber da es
nun eben noch nicht so spät in der Zeit der Nacht ist und ich nun aus deinen
Reden und aus deiner Handlung an mir ersehen habe, daß du den allein wahren
Gott gar wohl kennst und als völlig nach Seinem Willen lebend und handelnd dich
auch Seiner Liebe und Freundschaft erfreust, so kannst du aus dem Lichte Gottes
in dir uns ja auch noch so einige Winke geben, wie Gott wohl aus Sich ohne
Stoff und Materie diese Erde hat erschaffen können. Ich habe wohl schon
ausgesprochen, daß der Stoff, aus dem alles erschaffen ist, pur in dem
allmächtigen Willen Gottes besteht; aber dessenungeachtet muß ich dennoch
darüber nachdenken, wie möglich etwa doch aus dem puren Willen Gottes der Stoff
und die Materie geworden sind. So wir Griechen davon nur so einen kleinen
Begriff bekämen, dann wären wir aber auch über die Maßen zufrieden.“
[GEJ.09_012,09] Sagte Ich: „Ihr verlanget
wahrlich Dinge, die der menschliche Verstand niemals völlig begreifen kann; und
begriffe er auch ein Näheres in des Reiches Gottes tiefsten Geheimnissen, so
würde ihn das der Liebe Gottes nicht näher bringen! Denn niemand kann wissen,
was in Gott ist, denn allein nur der Geist Gottes; wer aber Gottes Gebote hält
und Ihn liebt über alles, der bekommt dann auch den Geist Gottes in sein Herz,
und dieser sieht dann auch in die Tiefen Gottes.
[GEJ.09_012,10] Tut denn nur, was Ich euch
geraten habe; ihr werdet dadurch in alle höhere Weisheit geleitet werden, und
es wird euch dann das, was euch nun unbegreiflich und unmöglich dünkt, so klar
und leichtfaßlich werden wie eurer Kinder Spielzeug!
[GEJ.09_012,11] Auf daß ihr aber noch einen
Beweis habt, wie Gottes Wille in Sich alles ist, als erstens pur Geist und dann
auch Stoff und Materie, so bringet Mir einen völlig leeren Krug von eurem
Tische her!“
[GEJ.09_012,12] Da brachte sogleich ein
anderer Grieche einen völlig leeren Krug und stellte ihn vor Mir auf den Tisch,
sagend: „Hier, Freund Gottes, ist ein bis auf den letzten Tropfen vollkommen
geleerter Krug!“
[GEJ.09_012,13] Sagte Ich: „Gut denn, gebet
nun wohl acht, und nehmet den Krug in eure Hand! Seht, wie er noch leer und
sogar trocken ist! Ich aber will nun aus dem Willen Gottes in Mir, daß der
ziemlich große Krug im Augenblick voll des reinsten und besten Weines werde,
den ihr dann zur besonderen Stärkung eurer Glieder trinken könnet!“
[GEJ.09_012,14] Als Ich das ausgesprochen
hatte, war der Krug auch schon voll des besten Weines.
[GEJ.09_012,15] Als die beiden Griechen das
gar wohl ersahen, da sagten sie höchst erstaunt: „Ja, nun sahen wir
alleraugenscheinlichst, daß der Wille des einen, wahren Gottes Alles in Allem
ist, darum Ihm allein alle Ehre! Wir brauchen das Wie gar nicht zu wissen, es
genügt, daß wir wissen, daß es also und nicht anders ist und sein kann.“
[GEJ.09_012,16] Sagte Ich: „Nun, da ihr den
Wein habt, der ebenso nur der Wille Gottes ist wie der, den ihr daheim in den
Schläuchen in großer Menge besitzet, so trinket ihn denn auch und saget, wie er
euch schmeckt!“
[GEJ.09_012,17] Da verkosteten die Griechen
den Wein und konnten abermals nicht zur Genüge staunen über seine Güte und
Kraft.
13. Kapitel
[GEJ.09_013,01] Als sich aber die Griechen
über das Wunderwerk an ihrem Kruge noch gar löblich besprachen, da kam noch
eine Gesellschaft von einer Art Künstlern, die aber Griechen waren. Ihre Kunst
bestand aber darin, daß sie allerlei gymnastische Bewegungen und Sprünge machen
konnten. Diese ersuchten auch den ihnen wohlbekannten Wirt, ihre armselige
Kunst vor den Gästen produzieren zu dürfen.
[GEJ.09_013,02] Der Wirt aber fragte auch
diesmal Mich, ob er ihnen das gestatten solle.
[GEJ.09_013,03] Sagte Ich: „Du bist der Herr
in deinem Hause und kannst tun, was dir gut dünkt! Uns geht aber das nichts an,
und wir werden uns um deren heidnische Produktion auch gar nicht kümmern. Ich
aber muß gar viele Torheiten der Menschen mit aller Geduld und Langmut
ertragen; warum sollte Ich diese Dummheit nicht mit ertragen? Frage aber die
Griechen, ob sie nun eine solche nichtssagende und für die Menschheit gänzlich
unnütze Produktion wünschen! Ist sie ihnen genehm, so können sie sich von
diesen armseligen Menschen ja einige ihrer Künste vormachen lassen; ist den
Griechen aber das nicht genehm, dann können sie diese Gymnastiker auch gehen
lassen.“
[GEJ.09_013,04] Auf das ging der Wirt hin und
besprach sich mit den Griechen.
[GEJ.09_013,05] Diese aber sagten (die
Griechen): „Freund, wir haben hier das Höchste aller Künste gehört, gesehen und
sind nun ganz mit dem allein wahren Gott der Juden beschäftigt, und da taugen
derlei gar zu dumme und den Menschen nie einen Nutzen bringende Künste nicht
mehr vor unseren Augen. Wir kennen aber diese Gymnastiker ohnehin schon lange
samt ihren Leistungen und wollen sie nun nicht noch einmal wieder kennenlernen,
und so können sie von uns aus gehen, wie sie gekommen sind.“
[GEJ.09_013,06] Als der Wirt von den Griechen
diesen ganz guten Bescheid erhielt, da sagte er zu den Gymnastikern: „Da von
eurer nichts nützenden Kunst niemand etwas zu sehen wünscht, so könnet ihr wieder
gehen, wie ihr gekommen seid!“
[GEJ.09_013,07] Mit diesem Bescheide waren
die Gymnastiker schlecht zufrieden, und ihr Oberster sagte: „Herr, wir sind mit
unserer Kunst beinahe die halbe Welt aus- und durchgereist und sind
allenthalben höchst bewundert worden; es ist uns noch niemals verweigert
worden, uns zu produzieren! Wir sind zum mindesten wahre Halbgötter und sind
die ersten Günstlinge des großen Gottes Mars, wie auch des Apollo und der neun
Musen, und diese werden sich rächen an diesem Hause für die Schmach, die uns
hier angetan wurde!“
[GEJ.09_013,08] Sagte der Wirt, ganz in
heiterer Stimmung: „Seit wir alle in diesem Hause den nur einen und allein
wahren Gott der Juden haben kennengelernt, haben wir vor den toten Göttern der
Ägypter, Griechen und Römer wahrlich nicht die allergeringste Furcht mehr; und
so möget ihr uns mit euren Götzen drohen, wie ihr wollet, so wird uns das in
unserer Ruhe nicht im geringsten beirren.
[GEJ.09_013,09] So ihr aber schon die halbe
Welt nach eurer Aussage bereist und euch auch schon sicher große Schätze und
Reichtümer erworben habt, so bereiset als seiende wahre Halbgötter noch die
übrige halbe Welt, und lasset euch hoch ehren, wie ihr wollet, doch uns lasset
in Ruhe! Wollet ihr hier aber irgendeinen Spektakel machen darum, weil hier
kein Mensch von eurer Kunst etwas sehen will, so dürfte euch so etwas teuer zu
stehen kommen; denn es befindet sich ein gar mächtiger Herr hier an meinem
Tische, dem nichts unmöglich ist. Der würde euch für eure Zudringlichkeit
sicher höchst empfindlich zu züchtigen imstande sein! Und so gehet denn nun
lieber gutwillig aus diesem meinem Hause!“
[GEJ.09_013,10] Sagte der Oberste ganz
ergrimmt: „Wenn du nun vor den erhabenen Göttern keine Furcht mehr hast, so du sie
als tot und nichtig bezeichnest gegenüber dem chimärenhaften Gott der Juden,
der nichts als eine leere Dichtung ist, da wisse, du Götterverachter: Ich
selbst bin der Gott Mars und werde dies Land durch Krieg, Hunger und Pest zu
verderben verstehen! Als Gott aber habe ich sicher keine Furcht vor irgendeinem
allmächtigen Juden an deinem Tische!“
[GEJ.09_013,11] Hierauf aber sagte Ich zu dem
Mars-Obersten: „Du frecher Heide, nun siehe, daß ihr weiterkommt, – sonst
sollst du die Macht des allein wahren Gottes der Juden zu verkosten bekommen!“
[GEJ.09_013,12] Auf diese Meine Worte ward
der Oberste erst recht grob und fing an, gegen Mich aufzubegehren.
[GEJ.09_013,13] Ich aber bedrohte ihn noch
einmal, und da er noch nicht gehen wollte, so sagte Ich zu ihm: „Weil du auf
Meine Aufforderung dich nicht entfernen wolltest, so werde Ich dich durch die
Kraft und Macht des Judengottes nun im Augenblick hundert Tagereisen ferne von
hier samt deiner Gesellschaft entfernen; dort kannst du dich dann als den Gott
Mars von den Mohren anbeten lassen! Und so denn fort mit euch!“
[GEJ.09_013,14] Als Ich das ausgesprochen
hatte, da verschwanden die argen Gymnastiker denn auch augenblicklich und
wurden versetzt unter jene Mohren in Afrika, die wir schon in Cäsarea Philippi
kennengelernt haben, allwo sie bald in der von Mir ausgehenden Lehre
unterwiesen und also zu Meinen Jüngern wurden.
[GEJ.09_013,15] Wir aber besprachen uns dann
noch über manches und auch über die schnelle Entfernung der vorgeblichen
Halbgötter.
[GEJ.09_013,16] Und es war so die Mitternacht
herbeigekommen, in der wir uns denn auch zur Ruhe begaben.
[GEJ.09_013,17] Auch der Harfner und Sänger
blieb bei uns; der fing an, es zu begreifen, vor wem er seine Psalmen gesungen
hatte, darum seine Liebe zu Mir denn auch stets mächtiger wurde.
14. Kapitel
[GEJ.09_014,01] Die Griechen aber blieben
denn die ganze Nacht auf und konnten über das gar so plötzliche Verschwinden
der Gymnastiker nicht ins klare kommen und fragten sich untereinander, ob Ich
es mit ihnen wohl ganz ernst gemeint habe, oder ob Ich sie durch die Gewalt
Gottes in Mir nur so bloß hinaus in irgendeinen andern Stadtteil getrieben
habe.
[GEJ.09_014,02] Aber der erste Redner sagte:
„Ich meinesteils bin der Meinung, daß der machtvolle Freund des einen, wahren Gottes
durchaus niemals etwas nur so pro forma ausspricht; sondern was er einmal im
Verein mit der innern, in ihm wohnenden Kraft des Jehova fest ausspricht, das
geschieht auch ohne die allergeringste Abänderung also, wie er es ausgesprochen
hat. Und so werden die Gymnastiker sich nun denn auch schon dort befinden, wo
er etwa im tiefen Afrika einen Platz für sie bestimmt hat!“
[GEJ.09_014,03] Sagte ein anderer: „Wenn sie
durch die Luft – was denn doch am wahrscheinlichsten ist – dahin in mehr denn
Blitzesschnelle geworfen worden sind, so wird es ihnen bei einer solchen
Wanderung sicher nicht am besten ergangen sein!“
[GEJ.09_014,04] Sagte der erste Grieche:
„Darum sorge ich mich nicht; denn er hat mit seinem Machtworte von einer
Beschädigung der Gymnastiker nichts merken lassen; und so meine ich, daß sie
ihre wundersame Wanderung unversehrt werden gemacht haben. Wie es ihnen aber an
dem neuen und ganz fremden Orte weiter ergehen wird, das ist wohl freilich eine
ganz andere Frage. Wer weiß es aber, warum er das also hat geschehen lassen?
Vielleicht kann mit unseren armseligen Künstlern auch noch ein guter Zweck zu
erreichen sein?“
[GEJ.09_014,05] Dieser Meinung waren bald
auch die andern Griechen, und sie schlummerten bei solchen Gesprächen gen
Morgen an ihrem Tische denn auch ein.
[GEJ.09_014,06] Ich Selbst schlief diesmal
mit den Jüngern bis zum vollen Sonnenaufgang in einem ordentlichen
Schlafgemach; denn Ich wollte Mich mit den Jüngern der vielen Marktleute wegen
nicht zu früh in die offene Stadt begeben, da Ich da wohl erkannt worden wäre,
– was in der Stadt unter den Menschen ein Mich vor der Zeit ruchbar machendes
Aufsehen erregt hätte. Und so blieb Ich denn auch bis nahe gen Mittag hin in
der Herberge.
[GEJ.09_014,07] Als Ich mit den Jüngern
wieder in das große Gastzimmer kam, da waren unsere Griechen auch schon wach
und saßen schon ganz wohlgemut bei dem für sie bereiteten Morgenmahle und
begrüßten Mich freundlichst.
[GEJ.09_014,08] Es ward aber auch für uns das
Morgenmahl bereitet, und wir setzten uns denn auch sogleich zum Tische und
nahmen es ein.
[GEJ.09_014,09] Die Griechen fragten Mich
aber auch gleich nach ihrem eingenommenen Morgenmahle um das etwa sicher sehr
traurige Los der Gott weiß es wohin geworfenen Gymnastiker, und Ich sagte ihnen
auch, wie es ihnen ergehe, noch weiter ergehen werde, und was sie fernerhin tun
würden.
[GEJ.09_014,10] Damit waren die Griechen denn
auch zufrieden, baten Mich noch einmal um den Segen Jehovas und begaben sich
dann bald an ihre Marktgeschäfte.
[GEJ.09_014,11] Ich aber sagte zu ihnen, daß
sie Mich nicht vor ihren Mitkaufleuten am Vormittage ruchbar machen sollten, –
was sie Mir auch versprachen und ihr Versprechen nach Möglichkeit auch hielten.
[GEJ.09_014,12] Als unsere Griechen fort
waren, da fragten Mich die Jünger, sagend: „Herr, bis gen Mittag sind noch
etliche Stunden! Sollen wir diese ganz müßig zubringen oder sollen wir etwas
tun?“
[GEJ.09_014,13] Sagte Ich: „Wir sind nun
schon nahe an dritthalb Jahre beisammen, und ihr habt wenig irgend etwas
anderes zu tun gehabt, als daß ihr Mich allenthalben begleitet, angehört und
Meine Taten angestaunt habt, und ihr habt dabei niemals Hunger und Durst
gelitten und seid nie nackten Leibes einhergegangen. Habt ihr es schon so
lange, ohne etwas Besonderes zu tun, ausgehalten, so werdet ihr es etwa wohl
auch heute bis gen Mittag aushalten, ohne irgend etwas Besonderes zu tun!
[GEJ.09_014,14] Wenn Ich nicht mehr unter
euch sein werde körperlich und an euch Mein Amt übertragen werde, dann werdet
ihr schon genug zu tun haben; für jetzt aber besteht eure Tätigkeit darin, daß
ihr allenthalben Meine Zeugen seid. Es wird aber gar nicht lange hergehen, bis
wir etwas auch hier im Hause zu tun bekommen werden, und es wird euch die Zeit
nur zu schnell verrinnen!“
[GEJ.09_014,15] Mit diesem Bescheid waren die
Jünger wieder zufrieden, blieben ruhig am Tische sitzen und besprachen sich mit
den Jüngern des Johannes.
[GEJ.09_014,16] Mein Jünger Johannes aber
nahm sein Schreibzeug aus seiner stets mit sich getragenen Reisetasche und
machte sich ganz kurze Noten über unsere Reise und Taten von Jericho nach Essäa
und von da wieder nach Jericho.
[GEJ.09_014,17] Ich Selbst aber besprach Mich
mit dem Wirte, mit seinem Sohne Kado und mit seinem alten Diener Apollon über
verschiedene, mehr diesweltliche Dinge, welche zum Nutz und Frommen in
landwirtschaftlichen Angelegenheiten dienlich waren, wofür Mir die drei sehr
dankten, weil ihnen derlei Mittel zum besseren Fortkommen der Landwirtschaft
vorher ganz unbekannt waren.
15. Kapitel
[GEJ.09_015,01] Als wir so bei einer Stunde
Dauer uns mit Wort und Rat unterhielten, da entstand auf dem Platz vor dem
Hause unseres Wirtes ein ungewöhnlich großer Lärm, und es hatte sich darum viel
Volkes in wenigen Augenblicken angesammelt. Das lockte auch einige Meiner
Jünger an die Fenster des Saales.
[GEJ.09_015,02] Ich aber berief sie zurück,
sagend: „Wozu diese Neugier? Wir werden es etwa wohl noch früh genug erfahren,
was es gibt! Etwas gar zu Erbauliches sicher nicht, und das, was schlecht ist,
erfährt man allzeit nur zu früh, so man es auch etwas später erfährt.“
[GEJ.09_015,03] Darauf zogen sich die
etlichen neugierigen Jünger wieder an den Tisch zurück.
[GEJ.09_015,04] Es dauerte aber gar nicht
lange, da brachten mehrere Kaufleute mit ganz ergrimmten Gesichtern drei mit
Stricken fest geknebelte Hauptdiebe, die im Gedränge bei den Kaufleuten Geld
und auch andere Dinge gestohlen hatten, in das Gastzimmer zum Wirte, um sie da
anzuklagen, weil eben der Wirt in dieser Stadt eine Art Bürgermeister und Marktrichter
war und die Diebe zu verhören und dann dem Hauptgericht zur Bestrafung zu
überantworten hatte.
[GEJ.09_015,05] Es war aber dem Wirte dieser
Fall nicht angenehm um Meinetwegen. Aber was wollte er machen? Er mußte die
Kaufleute und noch andere Zeugen anhören und die drei schon allbekannten Diebe
in ein festes Gewahrsam nehmen.
[GEJ.09_015,06] Als die Kaufleute das ihnen
Gestohlene wieder zurückerhielten, da entfernten sie sich denn auch bald wieder
und gingen in ihre Verkaufsbuden.
[GEJ.09_015,07] Ich aber sagte zum Wirte:
„Freund, da außer uns nun niemand hier ist, so lasse du die drei Diebe aus der
festen Kammer hierher bringen, und Ich werde mit ihnen reden!“
[GEJ.09_015,08] Solches tat der Wirt, und die
drei Diebe wurden von seinen Knechten zu uns gebracht.
[GEJ.09_015,09] Als sie vor Mir standen,
redete Ich sie also an: „Ihr seid Juden aus der Gegend unweit von Bethlehem.
Habt ihr nicht erlernt das Gesetz Gottes, darin es heißt, daß man nicht stehlen
soll? Wer erteilte euch denn die Befugnis, wider das göttliche Gesetz zu
handeln? Redet frei und offen, so ihr nicht einer noch härteren Strafe
verfallen wollet als die, die euch auf euer Verbrechen ohnehin erwartet!“
[GEJ.09_015,10] Auf diese Anrede sagte einer
der drei Diebe: „Herr, sei uns gnädig und barmherzig, und ich will dir alles
vom Grunde aus sagen, wie sich diese ganze Sache verhält! Sieh, wir sind drei
Brüder, und unsere Eltern besaßen wahrlich in der Nähe der Stadt Davids Haus,
Grund und Boden und waren samt uns und noch unseren vier Schwestern, die wohl
die Schönsten in der ganzen Gegend waren, ganz gute und fromme Menschen und
waren auch wahrlich wohlhabend.
[GEJ.09_015,11] Es starb aber der Vater um
etliche Jahre früher denn die Mutter, die stets große Stücke auf die Priester
besonders in Jerusalem hielt; was diese ihr mit frommer Miene sagten, das galt
ihr für Gottes Wort.
[GEJ.09_015,12] Die frommen Gottesdiener aber
benutzten nur zu bald die blinde Leichtgläubigkeit der Mutter, malten ihr den
Himmel mit den buntesten Farben überaus herrlich vor, die Hölle (Scheoul) aber
dagegen so schrecklich qual- und martervoll, als einer bösen Menschenphantasie
nur immer möglich ist. Auf daß sich unsere Mutter auf dieser Welt schon völlig
des Himmels versichern könne, so müsse sie nach dem Rate der gar entsetzlich
frommen Priester alles verkaufen und das Geld dem Tempel zum Opfer bringen;
auch die vier Schwestern müsse sie dem Tempel übergeben, auf daß er für sie
sorge und sie bewahre in der jungfräulichen Reinheit und Keuschheit. Denn so
eine der Töchter sich einem Manne vor der Ehe ergäbe, so würde solche Sünde die
Seele der Mutter in den allertiefsten Grund der Hölle auf ewig verdammen. So
die Mutter aber das täte, was er als der Priester, der Tag für Tag mit Gott
verkehre und Seinen Willen kenne, ihr anrate, so komme sie nach des Leibes
Abfall nicht nur sogleich in das himmlische Paradies, sondern sie werde auch
vom Tempel aus im heiligen Witwenstifte zur größeren Heiligung ihrer Seele
versorgt werden, wo etwa an den Sabbaten und hohen Festen die frömmsten Witwen
von den Engeln Gottes bedient werden und kein Teufel sich mehr einer Seele
nahen kann, um sie zu verführen.
[GEJ.09_015,13] Das galt unserer Mutter so
viel, als hätte ihr das Jehova unter Blitz und Donner vom Berge Sinai herab
verkündet.
[GEJ.09_015,14] Wir drei Söhne, die wir das
lose Treiben der Templer schon ein wenig durchschaut hatten, widerrieten der
Mutter, das zu tun; aber das half nichts, und sie verkaufte in kurzer Zeit
alles, und wir mußten das schwere Geld ihr noch in den Tempel schaffen helfen.
[GEJ.09_015,15] Wir aber fragten dann ganz
traurig den Obersten im Tempel, was denn wir nun als an den Bettelstab
Gebrachte tun sollten. ,Wer wird uns versorgen, und wo werden wir nun einen
Dienst und ein Brot finden?‘
[GEJ.09_015,16] Da gab uns der Oberste drei
Silberlinge und jedem ein gewisses Päckchen, darin sich etliche Reliquien
befanden, und sagte: ,Mit den drei Silberlingen könnet ihr sieben Tage lang
leben, und die in den drei heiligen Päckchen wunderbar anwesende Kraft Gottes wird
euch alles zu eurem Glücke gelingen helfen, was ihr immer unternehmen werdet.
Ihr könnet im Besitze dieser Päckchen auch stehlen und rauben, nur nicht
morden, außer im Notfalle einen reichen Heiden und auch einen Samariten, und es
wird euch das von Gott aus zu keiner Sünde gerechnet werden, weil ihr durch die
fromme und Gott überaus wohlgefällige Tat der Mutter vor Ihm gerechtfertigt und
den Engeln gleich geheiligt seid! Darauf bestrich er uns mit einem Stabe und
hieß uns gehen.“
16. Kapitel
[GEJ.09_016,01] (Die drei Räuber:) „Wir waren
anfangs wohl sehr traurig und zogen weinend in unsere Gegend zurück, um allda
ein Unterkommen zu finden. Wir fanden auch Dienste, die aber wahrlich so elend
waren, wie es schon nichts Elenderes geben kann. Von einem Lohne war schon gar
nirgends eine Rede. Um eine für die Schweine zu schlechte Kost mußten wir
beinahe Tag und Nacht schwer arbeiten und wurden bei allem unserm Fleiße
allzeit nur beschimpft und getadelt; und suchten wir irgendeinen andern,
vielleicht doch besseren Dienst, so fanden wir statt einen bessern nur einen
noch schlechteren.
[GEJ.09_016,02] Wir litten so fünf Jahre
hindurch mehr denn so mancher Heidensklave, und da man uns nirgends einen
Geldlohn gab und wir auch sahen, wie schändlich wir von den Templern aller
unserer Güter unter dem Titel ,Zur Ehre Jehovas‘ beraubt worden waren, und auch
stets heller einzusehen anfingen, daß der Tempel zu Jerusalem kein Gotteshaus,
sondern eine wahre Räuberhöhle und Mördergrube ist, so verloren wir denn auch
allen Glauben an einen Gott, und die ganze Lehre Mosis und der Propheten galt
uns nur als ein Menschenwerk, durch das sich die pfiffigeren und zum Arbeiten
trägen Menschen durch die Hände der Armen und leichtgläubig blinden Menschen
eine feste Burg erbauten, um aus derselben die Menschen zu knechten, für sich
arbeiten zu lassen und sich dabei im größten Wohlleben zu mästen.
[GEJ.09_016,03] Ob wir die besagten fünf
elendesten Jahre hindurch uns an keinen Diebstahl gewagt haben? Nein! Weil uns
unser Glaube an einen allsehenden Gott davon noch abhielt. Aber nach dieser
Zeit fingen wir uns ernstlicher zu fragen an, ob es wohl einen Gott gäbe, – und
stets lauter kam uns aus unseren Erfahrungen die Antwort entgegen: Nichts gibt
es! Alles ist Trug und Lüge, erfunden von trägen und phantasiereichen Menschen
zu ihrem irdischen Wohle! Nur wir ohne unser Verschulden arm gewordenen
Menschen sollen die Gesetze halten und an einen Gott glauben; die Reichen und
Arbeitsscheuen haben das nicht nötig, weil sie wissen, daß am Moses und all den
Propheten kein wahres Wörtlein haftet. Denn wäre es anders, so müßten sie ja
doch selbst im Glauben stehen und die Gesetze halten, die an und für sich fürs
irdische Zusammenleben der Menschen wohl ganz gut sind, aber in sich dennoch
keinen moralisch geistigen Wert haben; denn hätten sie den, da müßten ja doch
vor allem die Priester zum Beispiel für die blinden Laien strenge danach leben.
[GEJ.09_016,04] Kurz, unter solchen gewiegten
Betrachtungen in unserem Elende und infolge der stets totalen Unerhörtheit
aller unserer vielen Bitten, die wir unter vielen Tränen zu den Sternen
emporsandten, und ferner noch mehr infolgedessen, als wir vernommen hatten, daß
unsere Mutter in dem gewissen Stifte auffallend bald nach ihrem Eintritt gar
elend gestorben sei und unsere schönsten Schwestern von den Pharisäern beinahe
zu Tode geschändet worden seien, war es vollends aus mit all unserem Glauben,
und wir beschlossen, uns an der argen Menschheit zu rächen und ihr zu Gefallen
keine leichtgläubigen, blinden Narren mehr zu machen.
[GEJ.09_016,05] Wir fingen an, uns an den
Reichtümern der Wohlhabenden zu vergreifen, und es gelang unserer Schlauheit
stets, mit heiler Haut durchzukommen. Dies gab uns doch noch so ein kleines
Vertrauen zu unseren gewissen Paketchen, und wir befanden uns ganz wohl bei
unserem Geschäfte durch einige Jahre. Doch diesmal waren wir zu wenig
vorsichtig und wurden ergriffen, was uns denn auch wahrlich nichts macht; denn
wir sind alles mögliche Elend schon gewohnt und unser Leben ist uns schon lange
zum höchsten Überdruß geworden, und jeder von uns wünscht sich den Tod. Doch
bevor wir etwa ans Kreuz gebunden werden, soll laut der gräßlichste Fluch über
die ganze Erde, über alle Menschen und anderen Kreaturen, über Sonne, Mond und
Sterne und über die Naturkraft, die uns in ein so elendes Dasein rief, überlaut
ausgesprochen werden, und wir werden es den Menschen zeigen, was und wieviel an
ihrem allein wahren Gott, an Seinen Gesetzen und an Seinen Priestern gelegen
ist.
[GEJ.09_016,06] Wir haben zwar bis jetzt noch
keine Mordtat begangen, und das aus dem Grunde, weil wir Elenden jedem sein
elendes Leben gönnten und niemand von seinem größten Elende befreien wollten, –
doch wer sich uns widersetzte auf den Straßen, der ward von uns arg
zugerichtet; denn aus unseren Herzen ist schon lange ein jeder Tropfen
barmherzigen Blutes entschwunden. Wahrlich, könnten wir mit einem Schlag gar
alle Menschen auf der ganzen Erde vernichten, so wäre das für uns ein größtes
Labsal, und irgendein harter und tauber Gott könnte sich dann wieder andere
elende Menschenkreaturen aus den Pfützen und Sümpfen zu Seinem tyrannischen
Vergnügen zusammenmodeln!
[GEJ.09_016,07] Und nun weißt du, gestrenger
Herr und Richter, alles und kannst über uns Elende nach deinem Gutdünken
urteilen; doch bedenke wohl zuvor, wer und was die Schuld an unserem Elend war!
Wir haben treu, wahr und offen, wie du es verlangt hast, geredet.“
17. Kapitel
[GEJ.09_017,01] Als der eine Dieb vor Mir
solches ausgeredet hatte, da schlug der Wirt, Kado und der alte Apollon dreimal
die Hände über dem Kopfe zusammen und sagte: „Nein, Herr und Meister, das von
den Pharisäern von Jerusalem zu hören, macht mich ordentlich grimm- und
wutwirre im ganzen Gemüte, und ich begreife nun wahrlich nicht, wie ein Gott,
den du uns auf die allerwahrste und lebendigste Weise kennen lehrtest, solchen
Greueln so viele Jahre lang mit einer wahrlich unbegreiflichen Geduld zusehen
kann und wie zulassen solche Missetaten. Gegen solche Priester sind ja die
Straßendiebe und Räuber noch wahre Engel!
[GEJ.09_017,02] Wahrlich, wenn diese drei
dadurch so elend geworden sind, wie der eine es ausgesagt hat, so verdienen
erstens die elenden Templer, die ärger denn die Heidenfurien handeln, mit einem
Hieb vernichtet zu werden, und diese drei verdienen zweitens nicht nur keine
Strafe, sondern noch eine Belohnung; denn daß sie das geworden sind, als was
sie nun vor uns stehen, daran schuldet doch wohl niemand anders denn solche
fluchwürdigsten Priester, die sich als Diener des einen, allein wahren Gottes
allenthalben überhoch ehren und anbeten lassen, als Menschen aber alle wilden
und reißenden Wald- und Wüstenbestien an Grausamkeit himmelhoch übertreffen.
[GEJ.09_017,03] Herr und Meister, es wäre da wahrlich
an der Zeit, über solche Ausgeburten der wahrhaftigen Hölle ein sie
vernichtendes Gericht loszulassen; denn diese Ärgsten aller Argen müssen ja
schon eine solche Masse Greuel an ihren Nebenmenschen begangen haben, daß deren
Zahl kein Mensch mehr auszusprechen vermag! Diese drei aber dauern mich als
einen Heiden in der Seele, und ich werde sie mit keiner Strafe belegen, sondern
sie freilassen, und sie sollen und werden in meinem Hause ihr gutes Unterkommen
haben ihr Leben lang und mir als treue Zeugen allzeit zur Seite stehen, wo es
sich darum handeln wird, gegen die Teufel im Tempel zu Jerusalem kräftigst zu
wirken. Es soll mir nur bald wieder so ein Judenpriester, wie das sehr oft
geschieht, mit einer Klage wider jemanden kommen, bei dem er noch einen Zehnt
einzutreiben hat! Ich werde ihm dann schon sagen, wie er heißt, und was er von
mir für ein Recht zu gewärtigen hat! Und habe ich einmal das Zeitliche
verlassen, so wird mein liebster Sohn Kado in meinem Geiste fortzufahren
verstehen.“
[GEJ.09_017,04] Hierauf wandte er sich zu den
drei Dieben mit freundlicher Miene und sagte: „Seid ihr mit meinem Urteil
zufrieden, und wollet ihr meinen Antrag annehmen?“
[GEJ.09_017,05] Sagte der eine, der schon
ehedem geredet hatte: „Also, unter den Heiden gibt es noch wahre Menschen, die
man unter den Juden nicht mehr findet, die sich frechstermaßen das erwählte
Volk Jehovas und Kinder Gottes nennen, dabei aber wahre Kinder aller Teufel
sind! Mit vielen Freuden und mit dem dankbarsten Herzen nehmen wir deinen Antrag
an und wollen dir treuer dienen als jemand, den du zu deinen treusten Dienern
gezählt hast. Wir wollen von nun an das Gute des Guten wegen tun und die
Wahrheit um ihrer selbst willen zu unserer ferneren Lebensrichtschnur erwählen,
und keine Hölle, als der Juden jenseitige Seelenstrafe für ihre Sünden, soll
uns vom Bösen abhalten und kein Himmel, als ewiger Seelenlohn für ihre guten
Taten, uns zum Guten und Wahren ermuntern, sondern das Gute und Wahre für sich
soll unser wahrhaftigster Himmel sein, und wir werden uns nach allen unseren
Kräften emsigst bestreben, uns diesen Himmel anzueignen.
[GEJ.09_017,06] Aber nun bitten wir dich, uns
von den Fesseln zu befreien; denn wir haben sie zu tragen wahrlich nicht
verdient. Wahrhaft gute Menschen werden das wohl auch einsehen, und ein
gerechter Richter sollte lieber diejenigen auf das schonungsloseste züchtigen,
die durch ihr unbarmherzigstes Handeln und Gebaren die Menschen zu Verbrechern
machten und nicht so sehr die Verbrecher, die nur die Not, Verzweiflung und der
Zorn über die unbegrenzte und frechste Bosheit der Menschen zu Handlungen
zwang, die an und für sich zwar böse, aber bei Menschen, wie wir sind, sicher
sehr zu entschuldigen sein sollen.
[GEJ.09_017,07] Oh, wie viele schmachten in
den Kerkern, die, von ihrer Kindheit an gerechnet, sicher die allergeringste
Schuld tragen, daß sie Verbrecher geworden sind; denn entweder sind sie durch
eine schlechte Erziehung oder auf die Art wie wir zu Verbrechern geworden.
[GEJ.09_017,08] Wenn es einen höchst guten,
weisesten und dabei sicher gerechtesten Gott gäbe, so müßte Er das ja doch auch
einsehen und mit Seiner Allmacht jene Menschen züchtigen, die der Hauptgrund an
der stets zunehmenden Verschlimmerung der Menschen waren und noch gleichfort
sind und bleiben werden bis ans mögliche Ende der Welt und ihrer argen Zeit.
Aber weil die großen und mächtigen Teufel in Menschengestalt für ihre noch so
großen Greueltaten nahezu nie sichtlich von Gott aus zum abschreckenden
Beispiel für andere ihresgleichen bestraft werden, sondern sich ganz frei und
auch allzeit hochgeehrt im größten Wohlleben bewegen und dazu noch mehr Greuel
auf Greuel ungestraft begehen können, so kann es uns denn wahrlich auch nicht
verargt werden, so wir sagen und behaupten, daß es bei so bewandten Umständen
keinen eigentlichen Gott, wie Ihn uns die Schriften Mosis und der anderen
Propheten darstellen, je gegeben hat und je geben kann, sondern irgendeine uns
Menschen unbekannte Kraft der Erde unter Einwirkung der Sonne, des Mondes, der
Planeten, der andern Sterne und der vier Elemente haben auch uns armseligste
Menschen so wie alle andern Wesen und Dinge ohne ihr Wollen produziert, und man
wird ungefähr also ins Dasein gerufen von sich ihrer selbst sicher so wenig
bewußten Kräften der rohen Natur, als wie wenig sich der Mensch alles dessen
bewußt ist, wie sein Leib wächst, und wie auf seiner Haut allerlei Haare und
das ihm lästige Ungeziefer produziert wird. Darum ist ein Narr derjenige, der
nur die geringste Freude an seinem so elend bestellten und allzeit
vergänglichen Leben hat und dazu noch voll Demut und tiefster Hingebung einem
nirgends seienden Gott für ein solches Leben dankt.
[GEJ.09_017,09] Ja, ein rechter Mensch soll
Gott wohl suchen, – und hat er Ihn gefunden und von Ihm erfahren, warum er in diese
elende Welt gesetzt worden ist, und ob es wohl der vollsten Wahrheit nach ein
jenseitiges Fortleben der puren Seele gibt, dann soll er Ihm auch in aller
Liebe des Herzens danken für solch ein Leben und Sein, das hinter sich gar
große Bestimmungen wohl erweisbar birgt. Aber wo ist der Sucher auf der Erde
anzutreffen, dem es der vollen Wahrheit nach gelungen wäre, solch einen Gott
irgend gefunden zu haben?
[GEJ.09_017,10] Haben Ihn aber irgend
Menschen jemals gefunden, wie man derlei in der Schrift häufig liest, warum
läßt Er Sich denn von uns gegenwärtigen Menschen nicht mehr finden? Sind wir
etwa weniger Menschen, als es da die in der Schrift benannten Menschen waren?
Von der Geburt an sind sicher alle Menschen gleich höchst unschuldige Wesen
gewesen; wer anders trägt denn hernach die große Schuld an der gegenwärtigen
Verkümmerung der Menschen als eben ein solcher Gott, der Sich wohl von den
Alten hat finden und erkennen lassen, aber uns, ihre Nachkömmlinge, nicht mehr
erhört und ansieht und uns Schwache der vollen Willkür der herzlosesten
mächtigen Tyrannen und somit allem Elende preisgibt?“
18. Kapitel
[GEJ.09_018,01] (Die Räuber:) „Ja, wir armen
Suchenden werden von den vielartigen Mächten zu einem Blindglauben mit Feuer,
Schwert und Kreuz gezwungen; aber die Tyrannen können ungestraft tun, was sie
wollen, – denn sie stehen außerhalb des Gesetzes. Ich aber frage da die reine
Menschenvernunft, ob das auch recht ist im Falle des wirklichen Daseins eines
höchst guten, weisen, allwissenden und allmächtigen Gottes, dem doch alle
Menschen gleich sein sollen, indem sie Sein und nicht ihr eigenes Werk sind.
Wenn sie nun ungeratener sind, als sie früher einmal waren, können sie darum?
Oder kann der darum, der blind oder taub aus dem Mutterleibe in diese Welt gestellt
worden ist und dann ein elendes Leben zu durchleben hat?
[GEJ.09_018,02] Oh, oh, Freunde, es gibt für
einen Denker wohl um tausend Male mehr Gründe, am wahren Dasein eines Gottes zu
zweifeln, als an dasselbe zu glauben! Doch wir wollen damit aber noch immer
nicht als irgend unwandelbar fest begründet aussprechen, daß aller Glaube an
einen Gott ein eitler, von den phantasiereichen Menschen erfundener Trug sei,
den sie durch allerlei Zauberwunder den leichtgläubigen, verstandesblinden
Menschen als volle Wahrheit darstellen, um sie dann desto leichter für sich
dienstwillig zu machen.
[GEJ.09_018,03] War die große Masse einmal
gehörig breitgeschlagen, da half es dann den wenigen Helldenkern nichts mehr,
sich dem wohlgenährten Volksbetruge entgegenzustellen, sondern jeder mußte, um
nicht als ein Frevler gegen die einmal festgestellte Wahrheit auf das
grausamste gemartert zu werden, auch nach der Melodie tanzen und springen, wie
sie ihm von den sogenannten Gotteslehrern stets mit fürchterlich drohender Miene
und Stimme vorgesungen ward. Und hat sich einer erdreistet, solch einen
Gotteslehrer um das Wesen Gottes näher zu fragen, da bekam er sicher eine
Antwort, ob der ihm bald das Hören und Sehen vergangen ist, wie das heute bei
allen Priesterkasten, Heiden und Juden der unbezweifelte Fall ist.
[GEJ.09_018,04] Hat jemand im stillen selbst
nach dem Dasein eines Gottes zu forschen und zu suchen angefangen, so fand er
gleich uns nichts als nur die stets gleichwirkenden stummen Kräfte der großen
Natur, und er erlosch mit der Überzeugung, daß alle seine Mühe eine vergebliche
war.
[GEJ.09_018,05] Da wir an uns selbst bis
jetzt diese Erfahrung auch zu machen die Ehre hatten, so kann uns abermals von
einem vernunftreichen Menschen nicht verargt werden, so wir an einen Gott unter
solchen Umständen nicht glauben können, und ebensowenig an ein Fortleben der
Menschenseelen nach des Leibes Tode. Wir glauben wohl, daß in der großen Natur
im Grunde nichts völlig vergehen, sondern nur seine Formen wechseln kann; ob
aber unsere gegenwärtige Menschenform in einer andern, sicher sehr geteilten
Form auch ein Denken und Selbstbewußtsein haben wird, das ist eine andere
Frage.
[GEJ.09_018,06] Kurz und gut, wir haben nun
auch zur Genüge unsere Gründe dargetan, aus denen wir an dem Dasein eines
Gottes zweifeln, und warum wir von nun an als Menschen den wahren Himmel nur in
der Wahrheit und ihrem Guten suchen und auch finden wollen; und so haben wir
euch in dieser unserer Darstellung auch treu und wahr gezeigt, daß wir keinen
Hinterhalt haben, und so bitten wir dich nun noch einmal, daß du, Bürgermeister
dieser Stadt, uns von den Fesseln befreien wollest!“
[GEJ.09_018,07] Hierauf befahl der Wirt den
Dienern, den dreien die Fesseln abzunehmen, was denn auch sogleich geschah.
Darauf aber hieß der Wirt die drei in ein anderes Gemach führen und ihnen zu
essen und zu trinken geben, sie aber auch ganz frisch bekleiden, indem ihre
Bekleidung sich schon in einem sehr elenden Zustande befand.
19. Kapitel
[GEJ.09_019,01] Als die drei sich ganz wohlgemut
in einem Nebenzimmer befanden, da erst sagte der Wirt zu Mir: „Was, o Herr und
Meister, sagst denn nun Du zu der ganz verzweifelt wohlbegründeten Rede dieser
drei? Nein, ich habe doch schon so manches von unseren Weltweisen gehört und
selbst gelesen, aber so etwas Gediegenes ist mir noch niemals vorgekommen! Man
kann ihnen sowohl im Sonderheitlichen wie auch im Allgemeinen wahrlich selbst
beim besten Willen und Glauben nichts entgegenstellen. Denn es steht mit der
Menschheit im Allgemeinen wie auch im vielfach Sonderheitlichen genau so, und
ich bin nun eben auf Deine Meinung im höchsten Grade begierig, wie Du da Dich
Selbst entschuldigen und rechtfertigen wirst.“
[GEJ.09_019,02] Sagte Ich: „Es sei euch allen
darum nicht bange; denn Ich Selbst habe das alles so kommen lassen der etlichen
Erztempeljuden wegen, die sich dort im anstoßenden Zimmer befinden. Sie sind
heute in der Nacht von Jerusalem hier angekommen und haben im soeben
angezeigten Zimmer die Wohnung auf etliche Tage gemietet. Diese haben an der
Wand scharf gehorcht, was hier im Saale über sie alles gesprochen wurde, und
der Redner hat mit starker Stimme sie gerade so gezeichnet, wie sie auch sind.
Und das war denn auch gut.
[GEJ.09_019,03] Diese Juden kamen hierher, um
einen rückständigen Zehent unter deinem Beistande einzuheben. Du aber wirst nun
etwa wohl wissen, welchen Beistand du ihnen leisten wirst! Wenn sich die drei
werden erholt haben, dann lasse sie wieder hierher bringen, und wir werden dann
die Sache schon ganz gut weiterhin ab- und ausmachen!“
[GEJ.09_019,04] Sagte der Wirt und auch Kado:
„Gedacht haben wir es uns wohl, daß sich die Sache also verhalten werde, doch
auszusprechen getrauten wir uns das darum nicht, weil wir Dich erstens vor den
dreien nicht vor der Zeit verraten wollten, und zweitens, weil uns die Rede des
Redners allen Ernstes zu einer Aufmerksamkeit nötigte und wir sehen wollten,
wie weit es der Mensch mit der Schärfe seines Verstandes bringen kann. Und
wahrlich, vom rein menschlichen Standpunkte aus betrachtet, hatte der Redner
auch in seiner Darstellung der Verhältnisse zwischen Schöpfer und Geschöpf denn
auch recht; denn es ist für unseren Menschenverstand wahrlich schwer zu
begreifen, warum Du die Menschen eine so lang andauernde Zeit auf eine nähere
Offenbarung Deiner Selbst, Deines Willens und Deiner Absichten mit den Menschen
hattest können harren und in der dicksten Lebensnacht zahllos viele
verschmachten lassen. Und wie viele werden noch verschmachten, ohne von Dir
etwas zu erfahren; und so sie von den Ausbreitern Deiner Lehre auch erfahren,
daß Du in Menschengestalt Selbst auf diese Erde kamst und den Menschen gezeigt
hast die Wege zum ewigen Leben der Seelen, – werden sie es wohl glauben so fest
wie wir nun, daß es auch also war, wie sie von Deinen Boten benachrichtigt
worden sind?“
[GEJ.09_019,05] Sagte Ich: „Ihr als Menschen
habt allerdings sehr recht, so zu reden, zu fragen und zu urteilen; aber Mich
als den Schöpfer fordert Meine Liebe, Meine Weisheit und Ordnung auf, Mich
Meinen Geschöpfen gegenüber stets so zu verhalten, wie es für sie zu jeder Zeit
am allernotwendigsten ist.
[GEJ.09_019,06] Vom ersten Menschen dieser
Erde bis zu dieser Stunde sind die Menschen nie auch nur ein Jahr lang gänzlich
ohne alle Offenbarung, von Mir ausgehend, geblieben, – aber stets also, daß ihr
völlig freier Wille keine Nötigung zu erleiden hatte, weil der Mensch ohnedem
kein Mensch, sondern nur eine Maschine Meines Willens wäre.
[GEJ.09_019,07] Es ward darum dem Menschen
aber auch der Verstand gegeben als ein gutes Licht, um mit demselben Gott und
Seinen Willen zu suchen, – was denn auch zu allen Zeiten gar viele Menschen
getan und beim rechten Ernste auch das gefunden haben, was sie suchten.
[GEJ.09_019,08] Daß Sich aber Gott nicht so
bald und so leicht finden läßt, wie es so gar manche Menschen eben gerne
hätten, das hat seinen höchst weisen Grund darin: Würden die Menschen mit
leichter Mühe das finden, was sie suchen, so hätte das Gefundene bald keinen
Wert mehr für sie, und sie gäben sich wenig Mühe mehr, noch weiter zu suchen
und zu forschen; sie begäben sich in die Trägheit, und der von ihnen gar so
leicht und bald gefundene geistige Schatz würde ihnen noch weniger nützen, als
so sie ihn ängstlich gleichfort suchen müssen und in dieser Welt doch nur
selten und schwer völlig finden. Darum geschehen große Offenbarungen selten,
damit die Menschen, in ihrer Seelennacht geängstigt, selbst Hand ans Werk legen
müssen und mit allem Eifer suchen die ewige Wahrheit und also Mich.
[GEJ.09_019,09] Daß die Menschen in dieser
Welt während ihres Suchens gar oft auf allerlei Abwege und auch in allerlei
Bedrängnisse geraten, ist wohl ein diesirdisches Übel; aber dies entsteht nicht
etwa aus dem tätigen Ernst des Suchens, sondern aus der leidigen Trägheit im
Suchen, die eine Frucht der übertriebenen Welt- und Eigenliebe ist, vermöge der
sich die Menschen das Streben nach dem Reiche des Geistes so bequem als möglich
machen möchten. Wenn das andere, noch trägere Menschen merken, so sagen sie
dann bald und leicht zu den lau Suchenden: ,Ei, was gebt ihr euch doch noch für
Mühe, das zu suchen, was wir schon lange in größter Klarheit gefunden haben! So
ihr uns glauben und dienen und statt eures fruchtlosen Selbstsuchens und
Forschens kleine Opfer bringen wollt, so werden wir euch alles treu verkünden,
was wir leicht und bald gefunden haben!‘
[GEJ.09_019,10] Nun, den trägen und Mühe
scheuenden Suchern ist solch ein Antrag willkommen, sie nehmen ihn an und
glauben, was ihnen jene unter Mithilfe von allerlei falschen Wundern und
Zeichen, die die noch Trägeren im Suchen der Wahrheit erfunden haben und zum
Besten ihres diesirdischen Wohllebens vor den Blinden mit allerlei Zeremonie
darstellen, mit ernster Miene sagen. Auf diese Art entstehen dann die vielen
Gattungen des Aberglaubens, Lügen, Betrug und völlige Lieblosigkeit und mit ihr
alles Unheil auf der Erde unter den Menschen.
[GEJ.09_019,11] Ihr fraget nun freilich in
euch, warum Ich so etwas zulasse. Und Ich sage es euch: Aus dem Grunde lasse Ich
so etwas zu, weil es für die Menschenseele, die zum ernsten Suchen zu träge,
besser ist, daß sie doch etwas glaube und durch den Glauben sich in eine
Ordnung füge, als so sie völlig erstürbe in ihrer Trägheit und Arbeitsscheu.
Geht die Sache des Betrugs und der Bedrückung einmal zu weit, dann zwingt
zuerst die Not die Leichtgläubigen zum weiteren Selbstforschen nach der
Wahrheit. Sie merken den Betrug, verlassen ihre Trägheit und fangen an,
ernstlich selbst zu forschen und scheuen den Kampf nicht, – und es geht daraus
bald allerlei Licht hervor. Und zweitens ist darauf eine an solche lang
betrogene und darum eifrige Sucher von Mir neu erteilte Offenbarung eine ihnen
ums unaussprechliche willkommenere und für die Vertreibung des alten
Aberglaubens auch wirksamere.
[GEJ.09_019,12] Da habt ihr nun von Mir aus
eine ganz klare Beleuchtung dahin, warum Ich auf dieser Erde unter Menschen so
manches nach ihrem freiesten Willen zulasse, was vor dem Richterstuhle der
Menschen eben nicht als ganz gut und weise erscheint, aber im Grunde des
Grundes doch höchst gut und weise ist.
[GEJ.09_019,13] So weit nun für euch. Aber
nun lasset die drei wieder hereinkommen, und Ich werde mit ihnen reden!“
20. Kapitel
[GEJ.09_020,01] Hierauf berief der Wirt
sogleich die drei, und sie kamen denn alsogleich in besserem Zustande und somit
auch heitereren Mutes und dankten dem Wirte für die ihnen erwiesene große
Freundschaft.
[GEJ.09_020,02] Der Redner aber bat um die
Erlaubnis, zum Dank noch einige Worte hinzufügen zu dürfen.
[GEJ.09_020,03] Und der Wirt sagte: „Rede
nur, aber fasse dich kurz; denn es steht euch nun noch etwas gar Wichtiges zu
eurem größten Heile zu vernehmen und zu erfahren bevor.“
[GEJ.09_020,04] Sagte der Redner, der Nojed
hieß: „Freund und edelster der Menschen, das werde ich auch beachten; denn dein
Wunsch soll fortan unser Gesetz sein! Da wir in dir als einem Heiden einen
wahren Menschen gefunden haben und auch eine Weisheit mit wahrer Güte vereint,
wie man dergleichen unter den Juden wohl nicht mehr antrifft, so gedachten wir
eurer Götter und kamen auf die Idee, daß sie vielleicht doch mehr als eine
Fabel sind. Wir möchten mit eurer Lehre nun näher vertraut werden, um auch
euren Göttern zu opfern und alle Ehre zu erweisen.
[GEJ.09_020,05] Denn ich denke da also: Unter
welcher Gotteslehre die besten Menschen anzutreffen sind, die muß auch selbst
die beste und wahrste sein. Unsere Gotteslehre ist es wahrlich nicht, weil die
in ihr geborenen und erzogenen Menschen nun sicher wohl die schlechtesten sind,
die es auf der weiten Welt nur je irgend geben kann. Ihre Priester aber sind
schon allgemein bei den besseren Völkern als eine wahre Menschenpest bekannt
und anerkannt. Und eine Gotteslehre, in deren geistigem Schoße statt gute und
weise Menschen nur wahre Tiger und Hyänen und Wölfe und Bären erzogen werden,
kann keine gute und noch weniger wahre Lehre sein. – Was sagst du, edler
Menschenfreund, zu dieser unserer Idee?“
[GEJ.09_020,06] Sagte der Wirt: „Meine
Freunde, über diese Sache besprechet euch mit diesem neben mir sitzenden
Freunde; denn er ist ums unaussprechbare kundiger und weiser denn ich und alle
noch so guten und weisen Griechen!“
[GEJ.09_020,07] Sagte Nojed: „Dein Wunsch ist
uns Gesetz! Dieser Mann und Herr ist dem Ansehen nach zwar auch ein Jude, kann
aber durch den Umgang mit Griechen sehr weise geworden sein; denn wäre er ein
Jünger des Tempels, dann wäre es schade, mit ihm irgend viel noch so helle und
wahrheitsvolle Worte zu verlieren.“
[GEJ.09_020,08] Hierauf wandte er sich an
Mich und sagte: „So du kein Tempeljünger bist und das Wahre und Gute also
gesucht und auch gefunden haben kannst, wie wir es nun suchen und irgend zu
finden hoffen, da gib uns du dein Urteil über unsere von uns laut
ausgesprochenen Ideen! Haben wir nicht recht, nur dort die Wahrheit und ihr
Gutes zu suchen, wo wir gute und weise Menschen gefunden haben?“
[GEJ.09_020,09] Sagte Ich: „Oh, allerdings;
aber darum ist die Gotteslehre Mosis dennoch die allein wahre, wenn sie in
dieser Zeit von den Schweinen im Tempel auch also zertreten und zerstört wurde
wie das alte Babylon und Ninive und noch mehrere solcher alten Hurenstädte.
[GEJ.09_020,10] Glaubet es Mir: Unser Jehova
war von Ewigkeit her der allein wahre, gute, lebendige Gott und hat die Bitten
derjenigen, die an Ihn ungezweifelt glaubten, Seine Gebote hielten und somit
Ihn über alles und ihre Nächsten wie sich selbst liebten, niemals unerhört
gelassen! Wenn Er zur größeren Läuterung der Menschenseelen oft auch mit der
vollen Erhörung ihrer Bitten ein wenig zögerte, so hat Er sie aber darum
dennoch niemals völlig unerhört gelassen und hat sie stets zu einer Zeit
erfüllt, in der es die Bittenden oft am wenigsten gedachten.
[GEJ.09_020,11] Ihr selbst habt – was Ich gar
wohl weiß – unter großer Drangsal Gott oftmals um die Wegnahme eures Elends
gebeten. Er aber ließ euch, die ihr zuvor in großem Wohlstande, aber dabei auch
in vieler leiblichen und geistigen Trägheit als hochangesehene Leute gelebt
habt, durch einige Jahre eine ernstere und härtere Schule des Lebens
durchmachen, auf daß ihr nicht nur des Erdenlebens Anmut, sondern auch dessen
Bitteres selbst erfahren solltet, um danach erst den wahren Wert des Lebens und
dessen Zweck in euch selbst zu erforschen und zu erkennen.
[GEJ.09_020,12] Ihr aber habt nun auch des
Lebens Wermutbecher bis zum letzten Tropfen verkostet und seid dadurch zu
wahren und tief denkenden Menschen geworden, fähig zur Aufnahme des wahren und
lebendigen Gotteslebenslichtes aus den Himmeln, und so hat Gott denn auch nun
in dem Moment eure Bitten erhört, in dem ihr Seiner Hilfe am meisten bedurftet!
[GEJ.09_020,13] Und was Er nun euch getan
hat, das hat Er getreust schon gar sehr vielen Menschen getan, wenn sie sich
wahrhaft gläubig in ihrer Not an Ihn gewendet haben, und so könnet ihr nun
nicht mehr sagen, daß der wahren Juden Gotteslehre falsch und unwahr sei; wohl
aber ist das die Götterlehre aller Heiden!
[GEJ.09_020,14] Meint ihr, daß dieser Wirt,
als ein Patrizier dieser Stadt, euch wohl als noch ein Heide die Barmherzigkeit
erwiesen hätte? Oh, mitnichten! Als ein Heide hätte er euch mit aller Schärfe
des römischen Gesetzes behandelt; da er aber im Herzen kein Heide mehr ist,
samt seinem ganzen Hause, sondern ein wahrer Jude gleich dem Abraham, Isaak und
Jakob, so hat er euch denn auch auf Meinen Rat das angedeihen lassen, was ihr
nun schon genießet und weiterhin noch mehr genießen werdet. – Erkennet ihr
das?“
21. Kapitel
[GEJ.09_021,01] Sagte Nojed: „O weiser
Freund, das riecht wohl sehr nach der Wahrheit, und es wird sich die Sache
schon auch also verhalten; denn es steht ja geschrieben, daß Gottes Ratschlüsse
unerforschlich und Seine Führungen und Wege unergründlich sind. Aber warum
mußte unsere Mutter, die doch allzeit streng nach den Gesetzen des Tempels
handelte und lebte, und so auch unsere vier allerunschuldigsten Schwestern von
Jehova so gänzlich verlassen werden? Ist des Tempels Lehre eine gänzlich
zerstörte und zertretene, was konnten da wohl die Mutter und die armen
unschuldigen Schwestern dafür? Unsere Mutter, wie wir es als etwas Bestimmtes
und Wahres vernommen haben, ist bald nach ihrem Eintritt in das schöne
Gottesstift gestorben – wahrscheinlich an einem Gifte –, und die Schwestern
sind über Hals und Kopf genotzüchtigt worden, und wer weiß es, was da noch
Weiteres mit ihnen geschehen ist. Konnte daran der gute und höchst weise Gott
der Juden auch ein Wohlgefallen haben, weil Er solches zugelassen hat? Kannst
du uns auch darüber eine beruhigende Auskunft verschaffen, so wollen wir denn
auch feste und gläubige Juden verbleiben!“
[GEJ.09_021,02] Sagte Ich: „Oh, nichts
leichter als das, – und so höret! Euer Vater, der Hiponias hieß – so wie der
Älteste von euch –, war ein zum Judentum bekehrter Jude nach der reineren Lehre
der Samaritaner. Er hielt nichts von den leeren Zeremonien und allerlei andern
Betrügereien des Tempels. Er hatte aber dabei stets seine große Not mit seinem
Weibe, die samt euren ihr ganz nachgeratenen Schwestern eine wahre Tempelnärrin
war. Euer ehrlicher Vater grämte sich deshalb zu Tode und bat Gott noch auf dem
Sterbelager, daß Er das Weib und die Töchter noch diesseits möchte erfahren
lassen, daß sie nicht auf Seinen Wegen, sondern auf den Wegen des Fürsten der
Lüge und der Macht des Todes wandeln. Gott aber erhörte die Bitte des Ihm in
der Wahrheit stets unverändert treu ergebenen Vaters.
[GEJ.09_021,03] Und welches Mittel wäre da
zur Besserung der fünf Weiber, die all ihr Heil nur vom Tempel erwarteten, wohl
tauglicher und wirksamer gewesen, als sie das so hochstehende Heil des Tempels
verkosten zu lassen? Die Mutter, als die größte Tempelnärrin, hat zwar ihr
irdisches Leben im Tempel geendet, ist aber dabei zum wahren Glauben ihres
Mannes, dem sie so vielen Kummer bereitet hat, gänzlich zurückgekehrt und hat
des Tempels Tun und Treiben aus dem Grunde des Herzens verachten gelernt. Und
eure Schwestern lernten die sie bedienenden Engel Gottes auch bald aus der
Erfahrung unter vielen Tränen sehr wohl näher kennen, bekamen bald einen großen
Abscheu vor ihnen und befinden sich nun auf eine höhere Fügung und Zulassung
Gottes ganz gesund und voll des rechten Glaubens und Vertrauens auf den allein
wahren Gott der Juden in Essäa im Hause des großen Platzwirtes, allwo ihr sie
bei Gelegenheit sehen und sprechen könnet. Heute aber ist noch kaum der vierte
Tag, daß sie von zwei Erzpharisäern dahin zur Heilung mit mehreren andern
gebracht worden sind. Alles Weitere werdet ihr bei Gelegenheit aus ihrem Munde
erfahren können.
[GEJ.09_021,04] Wenn sich aber die Sache also
verhält, könnet ihr nachher noch behaupten, daß der Gott der Juden eine erdichtete,
leere Fabel sei?“
[GEJ.09_021,05] Sagte Nojed: „Freund, du bist
ein Prophet, und wir glauben dir und glauben nun auch wieder an den Gott
Abrahams, Isaaks und Jakobs! Denn wärest du kein Prophet, erfüllt mit dem
Geiste Jehovas, so könntest du nicht um unsere Namen und noch weniger um unsere
geheimsten Lebensverhältnisse so genau wissen. Darum sei nun von neuem alle
Ehre dem allein wahren Gott der Juden, der uns so wunderbar zu wahren Menschen
durch Seine Sorge umgestaltet hat! In welchem Lande aber bist du ein Prophet
geworden? Bist auch du ein Samaritaner?“
22. Kapitel
[GEJ.09_022,01] Sagte Ich: „Höre du, Nojed,
samt deinen Brüdern Hiponias und Rasan! Ich bin kein Samaritan, wie du es
meinst und verstehst, und doch bin Ich auch ein Samaritan; also bin ich auch
kein Jude und doch wieder ein Jude; also bin Ich auch kein Heide und doch
wieder ein Heide, ansonst Ich mit den Heiden keinen freundlichen Umgang hätte.
Kurz und gut, Ich bin alles mit allem und in allem! Denn wo die Wahrheit, die
Liebe und ihr Gutes in vollster Gemeinschaft walten, da bin auch Ich bei allen
Menschen auf der ganzen Erde und verdamme niemand, der nach der Wahrheit strebt
und ihrem Guten.
[GEJ.09_022,02] Welcher aber aus Welt- und Selbstliebe
der Wahrheit und allem Guten aus ihr den Rücken kehrt und somit notwendig
sündigt wider die Wahrheit und wider ihr Gutes, welches da ist die reine Liebe
in Gott von Ewigkeit, der sündigt auch wider die Ordnung Gottes und wider deren
unwandelbare Gerechtigkeit und verdammt sich selbst.
[GEJ.09_022,03] Erkennt er aber sein großes
Übel und kehrt zur Wahrheit zurück und fängt an, dieselbe und ihr Gutes zu
suchen und danach auch tätig zu werden, dann weicht die Verdammnis in dem Maße
von ihm, als in welchem Maße er vollernstlich die gefundene Wahrheit zu seiner
Lebensrichtschnur macht, und Gott greift ihm da auch unter die Arme und
erleuchtet ihm stets mehr und mehr Herz und Verstand und kräftigt seinen
Willen, und das gleich dem Heiden wie dem Juden. Und so bin Ich aus dem in Mir
wohnenden Geiste Gottes Alles in Allem im Heiden wie im Juden. –
[GEJ.09_022,04] Du hältst Mich auch für einen
rechten Propheten, und Ich sage es dir, daß Ich auch einer bin, – und bin es
doch auch wieder nicht! Denn ein Prophet mußte tun, was ihm der Geist Gottes zu
tun gebot. Ich aber bin da Selbst Herr und Diener, schreibe Mir die rechten
Wege Selbst vor, und niemand kann Mich zur Rechenschaft ziehen und sagen:
,Warum tust du das?‘ Denn Ich Selbst bin aus und in Mir die Wahrheit, der Weg
und das Leben; und wer nach Meiner Lehre tun wird und glaubt, daß Ich Selbst
die Wahrheit, der Weg und das Leben und somit ein gänzlich unabhängiger,
freiester Herr bin, der wird auch gleich Mir in sich das ewige Leben haben.
[GEJ.09_022,05] Denn so die Menschen dieser
Erde Kinder Gottes werden wollen, so müssen sie in allem so vollkommen zu
werden trachten, als wie vollkommen da ist der ewige und heilige Vater im
Himmel, der in Sich ist die ewige Wahrheit, die ewige Liebe und Macht und alles
das endlos Gute, Gerechte und Herrliche aus ihr. Darum heißt es auch in der
Schrift: ,Nach Seinem Ebenmaße schuf Gott den Menschen, und zu Seinem Ebenbilde
machte Er ihn und blies ihm Seinen Odem ein, auf daß er eine lebendige, freie
Seele werde!‘
[GEJ.09_022,06] Auf diese Weise sind die
Menschen dieser Erde nicht etwa pure Geschöpfe der Allmacht Jehovas, sondern
Kinder Seines Geistes, also Seiner Liebe, und somit – wie es auch geschrieben
steht – selbst Götter.
[GEJ.09_022,07] So sie aber das sind, was ihnen
auch ihr freiester und durch nichts beschränkter Wille laut sagt, da sind sie
auch freieste Herren und Richter über sich selbst. Aber vollkommene und Gott
völlig ähnliche Herren werden sie erst dann und dadurch, wenn sie den ihnen
treu geoffenbarten Willen Gottes zu ihrem eigenen durch das Handeln nach
demselben machen, was ihnen auch völlig freisteht.
[GEJ.09_022,08] Darum aber wirkt denn Gott
auch nur höchst selten sichtbar unter den Menschen, weil er ihnen schon von
Uranbeginn die Fähigkeit aus Sich gegeben hat, sich aus eigener Kraft nach und
nach bis zur höchsten, gottähnlichen Lebensstufe erheben zu können.
[GEJ.09_022,09] Wer demnach, sobald er zum
Gebrauch seiner Vernunft kommt, die Wahrheit und ihr Gutes zu suchen beginnt
und nach dem, was er gefunden hat, auch gleich handelt, der hat schon den
rechten Weg betreten, und Gott wird ihm denselben stets mehr und mehr
erleuchten und ihn zu Seiner Herrlichkeit führen. Wer aber träge wird, auch
durch seinen eigenen Willen, und sich an diese Welt und ihre Lustreize hängt,
die nur zur Probung des freien Willens vor die äußeren und vergänglichen Sinne
des Materie- oder Leibmenschen gestellt sind, der richtet sich auch selbst
freiwillig und macht sich dem, was tot und gerichtet ist, ähnlich, – ist somit
auch schon so gut wie gerichtet und tot.
[GEJ.09_022,10] Und dieser Tod ist dann das,
was du unter dem Begriff ,Hölle‘ als Strafe der Seele für ihre Sünden verworfen
hast, da du nimmer aus Furcht vor solch einer Strafe die Sünde meiden, wie auch
einen Lohnhimmel fürs Handeln nach der erkannten Wahrheit erhoffen willst. Und
Ich gebe dir da ganz recht; denn es gibt wahrlich nirgends eine solche Hölle,
noch einen solchen Himmel. Und dennoch gibt es eine Hölle und einen Himmel,
aber nicht irgend außerhalb des Menschen, sondern in ihm, je nachdem er sich
selbst richtet auf die soeben gezeigte Art und Weise.
23. Kapitel
[GEJ.09_023,01] (Der Herr:) „Wäre aber diese
Welt nicht mit allen erdenkbaren Lustreizen versehen, sondern wäre sie nur das
für den Menschen, was da ist eine Wüste für die wilden Tiere, so wären sein
gottähnlicher freier Wille, seine Vernunft und sein Verstand ihm auch
vergeblich gegeben; denn was sollte da seine Liebe erregen und diese nach der
Erregung begehren und wollen, und was könnte da seine Vernunft läutern und
seinen Verstand erwecken und beleben?
[GEJ.09_023,02] Das nahezu endlos viele und
höchst Mannigfaltige, gut und schlecht, edel und unedel, ist also nur des
Menschen wegen da, auf daß er alles sehe, erkenne, prüfe, erwähle und es
zweckmäßig gebrauche; daraus kann er dann auch schon zu schließen anfangen, daß
das alles ein höchst weiser, guter und allmächtiger Urheber also geschaffen und
eingerichtet hat, Der, wenn der Mensch aus sich so zu urteilen beginnt, dann
wahrlich niemals säumt, Sich dem denkenden Menschen näher zu offenbaren, wie
das noch zu allen Zeiten der Menschen unbestreitbar der Fall war.
[GEJ.09_023,03] Aber natürlich, wenn die
Menschen sich zu sehr in die bloßen Lustreize der Welt verrennen und
verstricken und nur denken, daß sie bloß darum da sind, um sich als vernünftige
und denkende Wesen von der mit allem reichst ausgestatteten Welt auch alle
erdenklichen Wohlgenüsse zu bereiten und des eigentlichen Zweckes gar nicht
gewahr werden, warum sie in die Welt gesetzt worden sind, und wer sie in die
Welt gesetzt hat, da kann von einer eigentlichen und höheren Offenbarung Gottes
und Seines Liebewillens so lange keine Rede sein, als bis die Menschen durch
allerlei Not und Elend wenigstens so weit zu denken anfangen, daß sie fragen und
sagen: ,Warum mußten denn wir in diese elende Welt kommen, und warum müssen wir
uns denn so plagen und martern lassen bis in den sichern Tod als dem elenden
Schlußpunkte unserer Verzweiflung?‘, – wie auch du, Nojed, ehedem auf eine ganz
ähnliche Weise weltweise gefaselt hast.
[GEJ.09_023,04] Dann ist auch die Zeit da, in
welcher Sich Gott den Menschen wieder von neuem zu offenbaren beginnt durch den
Mund geweckter Menschen zuerst, durch andere Zeichen und auch durch allerlei
Gericht an jenen Menschen, die durch allerlei Lug und Trug und Bedrückung der
armen und schwachen Menschen reich und mächtig, stolz und lieblos und voll
Übermutes geworden sind und bei sich an keinen Gott mehr denken und noch
weniger im Herzen glauben, sondern sich nur in alle Lustbarkeiten der Welt
stürzen und die armen Menschen mit Füßen treten und ihnen gar nicht mehr den
Wert eines Menschen, sondern kaum den eines gemeinen Tieres erteilen.
[GEJ.09_023,05] Wenn das einmal auf der Welt
unter den Menschen das gewisse Übermaß erreicht hat, dann kommt auch ein großes
Gericht und mit demselben auch eine große und unmittelbare Offenbarung Gottes
an die Menschen, die noch einen Glauben an Gott und also auch eine Liebe zu Ihm
und zum Nächsten in ihrem Herzen bewahrt haben.
[GEJ.09_023,06] Da werden die Gottesleugner
und stolzen Betrüger und Bedrücker von dem Erdboden hinweggefegt und die
Gläubigen und Armen aufgerichtet und aus den Himmeln erleuchtet werden, wie das
nun soeben der Fall ist und später, nach nahe 2000 Jahren, auch wieder einmal
der Fall werden wird. Die Zeit aber, in der so etwas vor sich gehen kann und
sicher wird, ist ebenso leicht zu erkennen, wie ihr im Spätwinter aus dem das
herannahende Frühjahr leicht erkennet, so ihr die Bäume betrachtet, wie ihre
Knospen stets angeschwollener und saftiger werden und von ihren Ästen und
Zweigen der Saft gleich den Tränen der Menschen auf die Erde herabträuft und
diese gewisserart um die Erlösung von der Not des Winters, in der so viele
Bäume schmachteten, anfleht.
[GEJ.09_023,07] Wenn alsonach einmal die
armen Menschen auch anfangen, in ihrem Herzen vom Lichte der Wahrheit aus Gott
heller und angeschwollener zu werden und dabei aber durch die unbarmherzige und
maßlose Bedrückung den Erdboden mit ihren Tränen sehr zu befeuchten anfangen, dann
ist das große geistige Frühjahr in die volle Nähe gekommen.
[GEJ.09_023,08] Wenn ihr drei und auch ihr,
Meine schon älteren Freunde, das so recht betrachtet, so werdet ihr es bald und
leicht herausbekommen, um welche Zeit es nun ist, und was Ich so ganz
eigentlich für ein Landsmann bin.“
24. Kapitel
[GEJ.09_024,01] Sagte Nojed nun ganz voll
Staunens: „O du großer und unbegreiflich weiser Freund! Diese deine Rede klang
seltsam in unseren Ohren und Herzen! Daß du mehr als ein Prophet bist, das
entnahmen wir aus deinen Worten; denn so weit hat es außer Moses und Elias wohl
kein Prophet gebracht, und selbst diese sprachen niemals von ihrer eigenen
Herrlichkeit, sondern stets nur von der Herrlichkeit Gottes. Du aber sagtest,
daß du ganz eigenmächtig ein Herr bist, tun kannst, was du willst, und kein
Gott und noch weniger ein Mensch kann und darf dich zur Rechenschaft ziehen und
fragen: ,Warum tust du dieses und jenes?‘ Höre, wenn dieses von dir selbst über
dich uns gegebene Zeugnis ohne Zweifel sich sicher bewahrheitet, dann ist
zwischen dir und Gott gar kein anderer Unterschied mehr, als daß du gleich uns
ein in der Zeit gewordener Gott bist und Jehova aber Gott schon von Ewigkeit
her ist! Nun, das ist für unseren Verstand denn doch wahrlich etwas zu hoch gestellt,
trotzdem auch wir wohl wissen, daß Gott durch den Mund des großen Propheten zu
den damals frommen Juden gesagt hat: ,Ihr seid Götter, so ihr genau haltet
Meine Gebote und dadurch Meinen Willen zu dem eurigen macht!‘
[GEJ.09_024,02] Es lebten aber hernach bis
auf uns her gar viele Juden, die Gottes Gebote von Kindheit an auf das
strengste erfüllten; aber unter ihnen gab es auch nicht einen, der sich's zu
sagen und zu behaupten nur von weitester Ferne her getraut hätte, daß er gleich
Gott ein eigenmächtiger Herr sei, der weder vor Gott und noch weniger vor den
Menschen für all sein Tun und Lassen irgend je eine Rechnung abzugeben schuldig
ist. Freund, wie sollen wir das denn der Wahrheit gemäß wohl verstehen?“
[GEJ.09_024,03] Sagte Ich: „Ganz leicht und
klar! Habe Ich denn nicht gesagt, daß ein Mensch, der Gott und Seinen Willen
völlig erkannt hat und unwandelbar nach demselben handelt und somit den Willen
Gottes ganz zu dem seinigen macht, Gott gleich ist?! So aber Gott ein Herr ist
durch Seine Liebe, Weisheit und Macht, so ist es im Geiste ja auch der, der in
allem Gott gleich geworden ist.
[GEJ.09_024,04] Ich meine, daß das denn doch
etwas nicht schwer Begreifliches sei. Denn über was sollte er vor Gott oder gar
vor einem Menschen eine wie immer gestaltige Rechnung ablegen, so er nur aus
dem Willen und Geiste Gottes denkt, will, spricht und handelt?
[GEJ.09_024,05] Ist denn der reine Wille
Gottes im Menschen etwa weniger ein göttlicher Wille als in Gott Selbst, und
ist er etwa auch weniger selbständig mächtig denn in Gott, der durch eben
Seinen Willen überall und also sicherst auch im Menschen gegenwärtig ist und
wirkt? Darum soll ein rechter Mensch denn auch also vollkommen werden und sein,
als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel. Ist der Mensch aber das, ist er
dann nicht auch ein Herr voll Weisheit, Macht und Kraft?!“
[GEJ.09_024,06] Sagte darauf Nojed: „Großer
und wahrlich überweiser Freund! Du hast lebendig und lichtvoll wahr gesprochen,
und ich kann dir da nichts entgegenstellen; aber eines bleibt daneben doch auch
noch wahr, und das besteht darin: Der Mensch kann es wohl auf dem Wege der
gänzlichsten Selbstverleugnung dahin bringen, daß er Gott ähnlich und somit
auch mächtig wird, wie sich das besonders bei den großen Propheten auf das leuchtendste
bewährt hat; aber darum ist und bleibt der Mensch doch nur gewisserart ein in
der Zeit gewordener und somit bei aller seiner Gott ähnlichen Vollkommenheit
ein untertäniger und beschränkter ganz kleiner Gott, während Jehova ewig, also
ohne Anfang, unendlich in Zeit und Raum und somit durch gar nichts beschränkt
ist. Und dieser überendlos große Unterschied zwischen dem einen und ewig allein
wahren Gott und dem in der Zeit gewordenen Menschgott wird wohl ewig nie
hinweggefegt werden können.“
25. Kapitel
[GEJ.09_025,01] Sagte Ich: „Da hast du wohl
recht gesprochen und geurteilt. Der geschaffene Mensch wird sich da freilich
mit dem eigentlichen Urwesen Gottes nie vergleichen können; aber in dem geschaffenen
Menschen wohnt denn auch ein ungeschaffener, ewiger Geist aus Gott durch den
urewigen Willen Gottes, und der kann dann ja im Menschen ebensowenig irgendeine
Beschränkung haben als im eigentlichen Urwesen Gottes Selbst, da er doch eins
mit demselben ist.
[GEJ.09_025,02] Oder meinst du wohl, daß das
Licht der Sonne darum ein jüngeres und beschränkteres ist, das soeben die Erde
erleuchtet und erwärmt, als jenes, das vor undenklichen Zeiten diese Erde
erleuchtet und erwärmt hat? Ich sage es dir, daß du ein ganz kluger und
richtiger Denker und Sprecher bist; aber im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott
wirst du erst dann denken und sprechen, wenn deine Seele in dem ewigen Geiste
aus Gott zur völligen Einung gelangt sein wird. Das aber kann und wird nur
dadurch geschehen, daß du in der Folge mit deinem freien Menschenwillen den
erkannten Willen Gottes völlig zu dem deinen machen wirst in aller Rede und
Tat. – Hast du das verstanden?“
[GEJ.09_025,03] Sagte Nojed: „O Freund, da
wird es bei uns noch einer langen Zeit benötigen; denn wir haben noch gar viel
von der Welt in uns! Bis diese vollends hinausgeschafft sein wird und wir von
der allmächtigen Gegenwart des göttlichen Geistes in uns etwas wahrzunehmen
anfangen werden, oh, da wird – wie schon bemerkt –, noch eine geraume Zeit in
das Meer der ewigen und nie wiederkehrenden Vergangenheit hinab verrinnen!“
[GEJ.09_025,04] Sagte Ich: „Das ist auch eine
noch sehr diesirdisch menschliche Sprache! Denn siehe, für den göttlichen Geist
auch im Menschen gibt es weder eine vergängliche Zeit noch irgendeinen
beschränkten Raum und somit auch keine Vergänglichkeit, noch irgendeine ferne
Zukunft, sondern nur eine ewige Gegenwart! Doch in dieser Welt hat alles seine
Zeit, und keine Frucht am Baume wird schon mit der Blüte reif; so du aber nach
dem Willen Gottes von heute an unwandelbar zu leben und zu handeln dir fest
vornimmst, dann wirst du auch bald anders reden.
[GEJ.09_025,05] So wie du nun geurteilt und
geredet hast, so haben schon gar viele geurteilt und geredet; als sie aber aus
Meinem Munde vernommen hatten, was sie zu tun und wie zu leben haben, und
danach aber auch alsbald die Hand ans Werk legten, da ging es denn auch schnell
vorwärts.
[GEJ.09_025,06] So ihr in Bälde nach Essäa
kommen werdet, da werdet ihr an dem Obersten Roklus schon ein Beispiel finden,
wie weit es ein Mensch, dem es um seine geistige Vollendung völlig ernst ist,
in kurzer Zeit mit der Liebe und Gnade Gottes bringen kann.
[GEJ.09_025,07] Wenn Ich aber nun ganz bald
mit diesen Meinen Freunden von hier abreisen werde, so werdet ihr von dem Wirte
schon auch ein Näheres über Mich in Erfahrung bringen und werdet mit desto
größerem Eifer und Ernst nach Meinem Rate zu handeln und zu leben anfangen, und
es wird sich dann auch gar wohl fühlbar der Segen Jehovas an euch bemerkbar
machen.
[GEJ.09_025,08] Und nun habe Ich euch nichts
Weiteres mehr zu sagen, darum, weil ihr es nicht ertragen würdet; wenn aber
Gottes Gnade und Liebe in euch wach wird, dann wird sie euch schon von selbst
in alle euch in dieser Welt nötige Weisheit leiten. Und so denn möget ihr euch
nun schon wieder in euer vom Wirte euch angewiesenes Zimmer begeben!“
[GEJ.09_025,09] Die drei dankten Mir für
alles, was Ich ihnen getan und gesagt habe, und begaben sich in ihr Zimmer, in
welchem sie sich so lange verborgen aufhielten, als wie lange der Markt
andauerte, um nicht von einem oder dem andern Kaufmanne oder Käufer erkannt und
belästigt zu werden.
26. Kapitel – Der Herr auf dem Weg von
Jericho nach Nahim in Judäa. (Kap.26-32)
[GEJ.09_026,01] Als wir nun wieder allein
waren, da sagte der Wirt zu Mir: „O Herr und Meister, möchtest Du denn nicht
noch über den Mittag bei uns verweilen?“
[GEJ.09_026,02] Sagte Ich: „Freund, was euch
not tat, mit dem habe Ich euch wohl versehen! Bleibet nun in Meiner Lehre, und
handelt und lebet danach, so werde Ich denn auch bleiben mit Meinem Geiste in
euch; aber mit Meinem Leibe muß Ich Mich nun schon der vielen Armen, Blinden
und Toten wegen von hier wegbegeben. Zudem werde Ich, so Ich nun am Tage durch
Jericho ziehen werde, ohnehin von vielen Menschen erkannt werden, die Mir bei
Meinem Abzuge vor- und nachlaufen werden, was viel Aufsehen machen wird. Bliebe
Ich erst über Mittag hier, in welcher Zeit sich viele Gäste hier einfinden
werden, so würde das Meine Gegenwart noch ruchbarer machen. Und das will Ich
der anwesenden etlichen Templer wegen nicht! Daher werde Ich Mich mit Meinen
Jüngern denn nun auch sogleich in der Richtung gen Nahim hin von hier begeben.“
[GEJ.09_026,03] Auf dieses sagte Ich denn
auch zu den Jüngern, daß sie sich zur Abreise fertigmachen sollten.
[GEJ.09_026,04] Diese taten das denn auch,
und wir fingen an, uns in Bewegung zu setzen. Da aber das mehrere Knechte des
Hauses vernommen hatten, so liefen sie auf den Platz hinaus und sagten es
vielen, daß alsbald der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth aus dem Hause
abziehen werde, und zwar auf dem Wege gen Nahim hin.
[GEJ.09_026,05] Als das Volk das vernahm, da
lief es eine geraume Strecke auf dem Wege großenteils voraus, und es ward auf
diese Weise die Straße bis hinaus über des Zachäus, der ein Zöllneroberster
war, großes Zollhaus mit Menschen angefüllt; denn alle wollten in Mir den Mann
sehen, von dem sie schon so viele Wunderdinge vernommen hatten.
[GEJ.09_026,06] Es befand sich aber des Zachäus
Zollhaus eine gute halbe Stunde Weges außerhalb der Stadt in entgegengesetzter
Richtung von der, in welcher wir nach Jericho gekommen waren. Als Zachäus sah,
wie sich viel Volk aus der Stadt auf der Straße noch über sein Zollhaus hinaus
dränge, da trat er aus seinem Hause und befragte die Menschen, was es da gäbe.
[GEJ.09_026,07] Und die Befragten sagten, daß
Ich als der berühmte Heiland Jesus aus Nazareth in Galiläa mit Meinen Jüngern
bald nach dieser Straße gen Nahim ziehen werde und sie Mich sehen wollten.
[GEJ.09_026,08] Als Zachäus das vernahm, da
sagte er: „Oh, den muß ja auch ich um so mehr sehen! Denn ich habe gar große
Wunderdinge über ihn vernommen von meinem Freunde Kado, dem alten und dem
jungen, und von dessen altem Diener Apollon, wie auch von einem von dem
Heilande vor etlichen Tagen sehendgemachten Blinden, und es war mir
unbeschreiblich leid, daß ich ihn nicht zu sehen bekam, da er nach seiner
ersten Ankunft in Jericho schon am nächsten Morgen etwa nach Essäa gegangen
ist. Da er nun abermals über Jericho ebendiese Straße weiterziehen wird, so muß
ich ihn denn auch sehen, und koste es, was es da nur immer wolle!“
[GEJ.09_026,09] Da sich aber das Volk immer
mehr an der Straße anhäufte und unser Zachäus, als ein kleiner Mensch von
Statur, wohl sah, daß er Mich so schwerlich durch die Volksmasse hindurch werde
zu Gesicht bekommen können, so bestieg er alsbald einen Maulbeerbaum und harrte
also, bis Ich käme und vorüberzöge. (Luk.19,1-4)
[GEJ.09_026,10] Während aber das Volk schon
die Gassen der Stadt und mehr noch die offene Straße bis über das Zollhaus um
Meinetwillen besetzt hatte und Ich Mich noch im Vorhause Kados mit den Jüngern
befand, weil Ich darum wohl wußte, wie Mich die zu dienstfertigen Hausdiener
Kados ohne Auftrag ruchbar gemacht hatten, so sagte Ich zum noch an Meiner
Seite stehenden Wirte, was da in aller Eile geschehen sei, worüber er seine
Knechte scharf zur Rede zu stellen Mir versprach.
[GEJ.09_026,11] Ich aber riet ihm, das zu
unterlassen, da die Knechte das in einem guten Sinne getan hätten. Aber Ich
begehrte vom Wirte, daß er uns bei des Hauses Hinterflur hinauslassen solle,
weil an der Hauptflur zu viele Menschen auf Mich harrten.
[GEJ.09_026,12] Der Wirt tat das sogleich,
und wir kamen also leicht, von der großen Volksmenge ungesehen, durch eine
schmale und wenig begangene Gasse ins Freie und schlugen da einen Feldweg ein,
der sich etwa bei hundert Schritte vor dem großen Zollhause mit der Hauptstraße
vereinte, und entgingen so dem großen Gedränge in der Stadt sowohl, als dem
größten Teil der Hauptstraße von der Stadt bis zum Zollhause entlang.
[GEJ.09_026,13] Als wir aber in der schon
gezeigten Nähe des großen Zollhauses auf die Hauptstraße kamen und Ich von
einigen Menschen erkannt wurde, da entstand bald ein großer Lärm, und viele
jubelten aus vollem Halse, sagend: „Er ist da, er ist da – der große Heiland
aus Nazareth! Heil ihm, und Heil auch uns, daß wir ihn nun zu sehen bekamen!“
[GEJ.09_026,14] Meine Jünger aber bedrohten
das lärmende Volk und behießen es zu schweigen.
[GEJ.09_026,15] Ich aber verwies ihnen ein
solches Benehmen dem Volke gegenüber, sagend: „Ich bin der Herr! Wenn Ich des
Volkes lauten Jubel ertrage, so werdet ihr ihn wohl auch zu ertragen imstande
sein! Liebe und Geduld leite allzeit eure Schritte, und nie ein Drohen und
Herrschen! Es ist ja doch ums nie Beschreibbare herrlicher, von den Menschen
geliebt denn gefürchtet zu sein!“
[GEJ.09_026,16] Als die Jünger solches von
Mir vernahmen, da gaben sie nach, und wir gingen ruhigen Schrittes vorwärts und
kamen so bald an den Maulbeerbaum, auf dem der kleine Zöllneroberste Zachäus
unser harrte.
[GEJ.09_026,17] Als wir an den Baum gekommen
waren, da blieb Ich stehen, sah empor und sagte: „Zachäus, steige nun nur eilig
vom Baume herab; denn Ich muß heute in deinem Hause einkehren!“ (Luk.19,5)
[GEJ.09_026,18] Da stieg Zachäus auch schnell
vom Baume und nahm Mich samt Meinen Jüngern mit der größten Freude auf.
(Luk.19,6)
[GEJ.09_026,19] Als aber das Volk solches sah,
da fing es alsbald an zu murren und sagte: „Oh, da sehet nun den Heiland an,
der seine Werke durch die Macht des Geistes Gottes verrichte! Das muß ein
schöner Geist Gottes sein, der bei Zöllnern, die doch allzeit die größten
Sünder sind, einkehrt, ißt und trinkt!“ (Luk.19,7)
[GEJ.09_026,20] Und es fing darauf das
murrende Volk an, sich mehr und mehr zu verlieren.
[GEJ.09_026,21] Als aber Zachäus merkte, daß
das Volk solche Bemerkungen über Mich machte, da ward er um Meinetwillen
ärgerlich übers Volk, trat zu Mir hin und sagte laut: „Siehe, o Herr, ich weiß
auch ohne des Volkes Zeugnis, daß ich ein Sünder bin, und bin somit auch höchst
unwürdig, daß du, Gerechtester, bei mir einkehren magst; da du mich aber
dennoch so übergnädig angesehen hast und erweisest mir eine so übergroße und
unschätzbarste Freundschaft, so will ich die Hälfte meiner vielen Güter den
Armen geben, – und so ich jemanden irgend betrogen habe, der komme, und ich
will es ihm vierfach wieder zurückerstatten!“ (Luk.19,8)
[GEJ.09_026,22] Als das noch in großer Anzahl
anwesende Volk solche laut ausgesprochene Äußerung von Zachäus vernahm, da
legte sich auch das Murren; denn einige Bessere sagten untereinander: „Da seht,
ein Mensch, der das tun will und auch sicher wird, ist noch der allerärgste
Sünder nicht! Denn Almosen bedecken die Menge der Sünden, und wer ein unrecht
an sich gebrachtes Gut dem vierfach vergütet, dem er es entrissen hat, der hat
seine Schuld vor Gott und vor den Menschen getilgt, – und es ist sonach dem
Heilande nicht zu einem Fehler zu rechnen, so er bei einem sich gar sehr
bessern wollenden Sünder einkehrt.“
[GEJ.09_026,23] Andere, besonders die Armen,
aber berechneten schon zum voraus, ob und wieviel sie etwa bei der
Güterverteilung von Zachäus bekommen würden. Und noch andere aber dachten auch
schon daran, wie sie etwa mit falschen Zeugen vor den Zachäus treten könnten
und ihm erweisen, daß auch sie von ihm um etwa soundso viel in der und jener
Zeit und bei dieser und jener Gelegenheit betrogen worden seien, um von ihm dann
vierfach soviel zurückzuerhalten.
[GEJ.09_026,24] Ich aber habe später im Hause
den Zachäus auf das alles aufmerksam gemacht und ihm die rechte Klugheit und
Vorsicht empfohlen, die er auch treulich befolgte.
27. Kapitel
[GEJ.09_027,01] Als das Volk sich aber mehr
und mehr verlief, da sagte Ich laut zum nun ganz glücklichen Zachäus: „Heute
ist diesem Hause und somit auch dir ein großes Heil geworden, indem auch du ein
Sohn Abrahams bist! (Luk.19,9) Denn Ich als der Menschensohn und wahre Heiland
bin gekommen, zu suchen und selig zu machen, was da verloren war (Luk.19,10),
und komme als Heiland nur zu den Kranken und nicht auch zu den Gesunden, die
des Arztes Hilfe nicht bedürfen.
[GEJ.09_027,02] Ich bin also in diese Welt
gekommen, auf daß Ich den Menschen wiederbringe das Reich Gottes, das sie nun
schon seit lange her völlig verloren haben, und dessen Gerechtigkeit, die unter
den Menschen nicht mehr besteht. Ich bin sonach der Weg, die Wahrheit, das
Licht und das Leben; wer an Mich glaubt, der wird das ewige Leben haben!“
[GEJ.09_027,03] Als das noch immer ziemlich
zahlreich anwesende Volk das hörte, da sagte es unter sich: „Es hat dieser
Mensch zwar wohl höchst wunderbar seltene Eigenschaften, – aber daß er sich für
den hält, der uns das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit
wiederbringen werde, da lebt er in einer großen Einbildung und
Selbstüberschätzung! Denn wir sind doch aus der Nähe von Jerusalem und wissen
noch nichts davon, daß nun solches geschehen solle! Wenn er aber sagt und
behauptet, daß er das verlorene Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit uns
wiederbringen werde, so kann er uns dasselbe ja auch sogleich offenbaren! Was
zögert er denn noch und hält unsere Erwartung vergeblich in Spannung?“
[GEJ.09_027,04] Ich aber wandte Mich darauf
zu dem also unter sich urteilenden Volke und sagte eben darum zu ihm, weil Ich
Mich bei ihm wahrlich so gut wie in der Nähe Jerusalems befand, folgendes Bild:
„Ihr habt recht, daß ihr saget, daß ihr aus der Nähe von Jerusalem seid und von
der Wiederbringung des Reiches Gottes und desselben Gerechtigkeit nichts wisset
und nun hier begehret, daß sich das Reich Gottes alsogleich offenbaren solle,
so es sich durch Mich offenbaren kann und will!
[GEJ.09_027,05] Ich befinde Mich nun an eurer
Seite wahrlich in der Nähe des blinden Jerusalem, das mit offenen Ohren nichts
hört und mit weit aufgesperrten Augen nichts sieht! Wie oft war Ich schon in
Jerusalem und habe euch gelehrt und vor euren Augen Zeichen zum Zeugnis der
Wahrheit über den Grund Meines Kommens in diese Welt gewirkt, und ihr saget es
noch, daß ihr von der Wiederbringung des Reiches Gottes und dessen
Gerechtigkeit nichts wisset, und verlanget nun von Mir, so Ich der
Wiederbringer des Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit sei, daß Ich denn nun
alsbald das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit auch vor euch offenbaren
solle. Gut denn! Ich will es tun, und so vernehmet denn folgendes Bild
(Luk.19,11):
[GEJ.09_027,06] Ein Edler zog in ein fernes
Land, daß er ein Reich einnähme und dann wiederkäme. (Luk.19,12) Vor seiner
Abreise aber forderte er zehn Knechte vor sich, gab ihnen zehn Pfunde und
sprach: ,Handelt damit, bis ich wiederkomme! (Luk.19,13) Wer von euch mir einen
guten Gewinn bereiten wird, der wird nach seinem Verdienste auch den
gebührenden Lohn ernten!‘
[GEJ.09_027,07] Darauf verzog der Edle. Die
Knechte aber fingen an, mit den Pfunden zu handeln, nütz und unnütz.
[GEJ.09_027,08] Die heimischen Bürger aber
waren dem Edlen, der ihr Herr und König war, feind, und als sie vernahmen, daß
er verreist sei und die Knechte für ihn handelten, da sandten sie eine
Botschaft dahin zu ihm, wohin er gezogen war und ließen ihm sagen: ,Wir wollen
nimmer, daß du fürder über uns herrschest!‘ (Luk.19,14)
[GEJ.09_027,09] Es begab sich aber, daß der
Herr wiederkam, nachdem er das Reich eingenommen hatte, und forderte dieselben
zehn Knechte, denen er das Geld zum Handeln gegeben hatte, zuerst zu sich, um
zu erfahren, wie viel ein jeglicher gewonnen hatte. (Luk.19,15)
[GEJ.09_027,10] Da trat der erste zu ihm und
sprach: ,Herr, dein Pfund hat zehn Pfunde erworben! (Luk.19,16) Hier ist dein
Pfund, und da die zehn Pfunde hinzu! Und der Herr sagte zu ihm: ,Ei du frommer
und treuer Knecht! Dieweil du im Geringsten treu gewesen, so sollst du nun
Macht haben über zehn Städte!‘ (Luk.19,17)!
[GEJ.09_027,11] Darauf kam ein zweiter Knecht
und sagte: ,Herr, dein Pfund hat fünf Pfunde getragen! (Luk.19,18) Hier ist
dein Pfund und die fünf Pfunde hinzu!‘ Und der Herr sprach auch zu diesem
Knechte: ,Also sollst du auch Macht haben über fünf Städte!‘ (Luk.19,19) Und
also geschah es auch den andern, die mit dem einen Pfunde etwas erworben
hatten.
[GEJ.09_027,12] Es kam aber auch, als
besonders berufen, ein dritter und eigentlich ein letzter Knecht und sagte:
,Sieh da, Herr, hier ist dein Pfund, das ich in einem Schweißtuche aufbewahrt
behalten habe! (Luk.19,20) Ich fürchtete mich vor dir, da ich wohl wußte, daß
du ein harter Mann bist, der da nimmt, das er nicht gelegt hat, und erntet, wo
er nicht gesät.‘ (Luk.19,21) Der Herr aber sprach zu ihm: ,Aus deinem Munde
richte ich dich, du Schalk! Wußtest du, daß ich ein harter Mann sei und nehme,
da ich nicht gelegt, und ernte, da ich nicht gesät habe (Luk.19,22), warum hast
du denn mein Geld nicht in eine Wechselbank gegeben, auf daß es mir einen
Wuchergewinn erworben hätte?!‘ (Luk.19,23) Da verstummte der Knecht, weil er
sich da weiter nicht mehr entschuldigen konnte.
[GEJ.09_027,13] Der Herr aber sagte zu den
andern Knechten: ,Nehmet diesem trägen Knechte das Pfund weg, und gebet es dem,
der mir zehn Pfunde erworben hat! (Luk.19,24) Er wird mit ihm am besten
gebaren!‘
[GEJ.09_027,14] Da sprachen die Knechte zu
ihm: ,Dieser hat ja ohnehin das meiste!‘ (Luk.19,25)
[GEJ.09_027,15] Der Herr aber sagte zu den
Knechten: ,Oh, wahrlich, Ich sage euch: Wer da hat, dem wird noch mehr gegeben
werden, daß er dann in großer Fülle habe; wer aber nicht hat – wie ihr in
Jerusalem –, dem wird auch ehest genommen werden, was er irgend noch hat!
(Luk.19,26) Jene Meine Feinde aber, die nicht wollten, daß Ich herrsche über
sie (die Pharisäer nämlich), bringet her, und erwürget sie vor Mir!‘
(Luk.19,27)
[GEJ.09_027,16] Auf daß ihr aber auch
verstehet, was dies Bild besagt, so will Ich es euch in aller Kürze zerlegen, –
und so höret:
[GEJ.09_027,17] Der Herr, der verreiste, um
ein fernes Reich einzunehmen, ist Gott, der durch Moses zu euch geredet hat. Er
übergab den Juden auf zwei steinernen Tafeln die zehn Pfunde (Gesetze des
Lebens), mit denen die ersten Juden wohl gehandelt haben und darum auch bald zu
einer großen Macht gelangten.
[GEJ.09_027,18] Die Zeit der Könige aber ist
jener andere Knecht, der dem Herrn nur fünf Pfunde erworben hat; daher war ihre
Macht auch nach ihrem Gewinne wohl bemessen. Wie diese Zeit aber im Gewinne für
den Herrn stets magerer ward, das zeigte Ich euch im Gebaren der noch übrigen
Knechte, und ihr möget sie näher erforschen im Buche der Könige und in der
Chronika.
[GEJ.09_027,19] Der dritte, ganz träge Knecht
aber stellt diese Zeit dar, in der die Pharisäer das ihnen von Gott verliehene
Pfund vor den Augen, Ohren und Herzen im wahren Schweißtuche der armen und
betrogenen Menschheit verbergen und es auch nicht in die Wechselbank der Heiden
also, wie sie es von Gott erhalten haben, legen wollen, auf daß es dem Herrn
Wuchergewinn brächte, – sondern sie legen ihren eigenen Unrat, den sie als Gold
ausschreien und damit für ihren Leib Wucher treiben, in die Bank der noch
blinden Heiden.
[GEJ.09_027,20] Diese jetzigen Pharisäer und
Juden sind denn auch jene argen Bürger, die dem Herrn feind sind und nicht
wollen, daß Er über sie herrsche. Darum wird ihnen denn auch geschehen, was Ich
euch hier in dem Bilde gezeigt habe: Erstens, weil sie nichts erworben haben,
wird ihnen auch das genommen, was sie noch hatten, und wird dem gegeben werden,
der da nun wahrlich das meiste hat, – und das sind nun die Heiden, die zugleich
jenes ferne Reich darstellen, dahin der Herr verreist ist, um es einzunehmen.
Und Er hat es bereits eingenommen und ist nun in Mir heimgekehrt, um Rechnung
zu machen, wie es euch das Bild in mannigfachem Lichte vor Augen gestellt hat.
[GEJ.09_027,21] Kurz, das Licht wird den
Juden genommen und den Heiden gegeben werden! Die Zeit der Bestrafung der Gott
dem Herrn feindlichen Bürger ist sehr nahe herbeigekommen, und die, denen das
Licht gegeben wird und schon gegeben worden ist, werden jene neuen Diener des
Herrn sein, welche die Feinde des Herrn erwürgen werden.
[GEJ.09_027,22] Das, was Ich euch nun
geoffenbart habe, ist auch Gottes Reich, das Ich euch wiederbringe samt seiner Gerechtigkeit.
Wer das beherzigen und das zum Handeln dargeliehene Pfund treu und gewissenhaft
verwalten wird, der wird auch den Lohn des Lebens finden.
[GEJ.09_027,23] Das habe Ich zu euch, ihr
Bürger in und um Jerusalem, geredet; wohl dem, der es gewissenhaft beherzigen
wird!“
28. Kapitel
[GEJ.09_028,01] Als die Juden solches von Mir
vernommen hatten, wurden sie ärgerlich, und es sagten einige unter sich: „Die
Pharisäer haben am Ende doch recht, so sie diesen Galiläer verfolgen; denn aus
seiner Rede leuchtet klar hervor, daß er die Römer, die ihn seiner Zaubertaten
wegen für einen Gott halten, auf uns hetzen wird, die uns ganz sicher alle
unsere Rechte nehmen und uns vollends zu ihren Sklaven machen werden. Wenn er
der Wiederbringer des verlorenen Reiches Gottes und dessen Gerechtigkeit ist,
und das soll in dem bestehen, was er uns nun geoffenbart hat, da soll er sein
Gottesreich und dessen schöne Gerechtigkeit nur selbst behalten! Und so er
fortfährt, uns Juden ein solches Gottesreich und dessen Gerechtigkeit stets
lauter zu verkünden, da kann es wohl gar leicht geschehen, daß die Juden ihn
noch eher erwürgen werden, als er die Juden mit Hilfe der Römer!“
[GEJ.09_028,02] Als Meine Jünger solches
Gerede vernahmen, sagten sie zu Mir: „Herr, vernimmst Du nun nicht, was diese
reden? Wirst Du sie nun wohl ungestraft von dannen ziehen lassen?“
[GEJ.09_028,03] Sagte Ich: „Es hat noch
keiner seine Hand nach Mir ausgestreckt, um Mich zu ergreifen; warum sollte Ich
sie da bestrafen? Ich habe zuvor geredet, und nun reden sie unter sich und
fangen an, sich davonzumachen; denn Mein Wort hat ihnen nicht gemundet, und
dafür strafe Ich die Blinden nicht. Wenn sie aber einmal die Hände nach Mir
ausstrecken werden, dann wird auch die Strafe über sie kommen, wie Ich sie euch
schon zu mehreren Malen gezeigt habe. Und so lassen wir sie nun ungestraft
reden und ihren Weg gehen! Wir aber begeben uns nun in das Haus des Freundes
Zachäus, und er wird uns ein Mittagsmahl bereiten.“
[GEJ.09_028,04] Auf diese Meine Worte begaben
wir uns in das Haus des Zachäus, und er ließ uns sogleich Brot und Wein geben
und behieß seine Leute, alles aufzubieten, um uns auf das möglich Beste zu
bewirten.
[GEJ.09_028,05] Als wir nun in einem größten
und reichst ausgestatteten Zimmer uns befanden und uns mit Brot und Wein labten
und stärkten, da fing unser Zachäus an, Mir aus voller Brust auch darum zu
danken, daß Ich den ihm sehr widerwärtigen Jerusalemern das verkündet habe, was
sie sich schon lange verdient haben. Denn Zachäus, obwohl ein Nachkomme Abrahams,
war ein Samaritan und darum bei den Jerusalemern um so mehr verhaßt.
[GEJ.09_028,06] Er fragte Mich denn auch, ob
Ich etwas dawider hätte, daß er ein Samaritan sei.
[GEJ.09_028,07] Ich aber sagte zu ihm:
„Bleibe du, was du bist, und sei in allem gerecht aus wahrer Liebe zu Gott und
zum Nächsten, und du wirst Mir so besser gefallen denn die Juden, die des
Tempels Gold küssen und die Armen von ihrer Häuser Türen mit Hunden wegtreiben
lassen! Darum werde auch Ich sie ehest in alle Welt hinaustreiben lassen unter
fremde Völker, und sie werden fürder kein eigen Land und kein Reich mehr
besitzen. Aber nun lassen wir sie noch eine kurze Zeit walten und sündigen, bis
ihr Maß voll werde!“
[GEJ.09_028,08] Nach dieser Meiner kurzen
Rede dankte Mir Zachäus wieder, bat Mich aber, daß Ich ihm einen Rat gäbe, was
er mit seinem ältesten, bereits sechzehn Jahre zählenden Sohne machen solle,
der seit drei Jahren irrsinnig sei und beinahe von Tag zu Tag in eine größere
Raserei verfalle. Er habe zu dem Sohne schon alle ihm bekannten besten Ärzte
kommen lassen, und alle hätten versucht, den Sohn zu heilen; doch alle ihre
Wissenschaft und Mühe sei nicht nur gänzlich erfolglos geblieben, sondern der
Sohn sei nach jedes Arztes Behandlung noch ärger denn vorher geworden.
[GEJ.09_028,09] Da sagte Ich zu Zachäus:
„Freund, derlei Übel heilt kein irdischer Arzt mit seinen Kräutern! Bringe aber
den Sohn hierher, und du sollst die Macht der Herrlichkeit Gottes sehen!“
[GEJ.09_028,10] Da befahl Zachäus seinen
Knechten, daß sie den Sohn, wohl gebunden, aus seinem wohlverschlossenen
Gemache bringen sollten.
[GEJ.09_028,11] Da sagten die Knechte: „Herr,
das wird sich vor diesen fremden Gästen gar übel machen; denn erstens rast er
nun beinahe unausgesetzt, und zweitens stinkt er ärger denn alle Pestilenz, da
er sich gleichfort mit seinem Kote beschmiert!“
[GEJ.09_028,12] Da sagte Ich: „Bringet ihn
nur hierher; denn Ich will ihn sehen und heilen!“
[GEJ.09_028,13] Sagte ein Knecht, der viel im
Hause galt: „O Freund, nur Gott allein kann den heilen, aber auf dieser Erde
kein Mensch mehr! Wenn du auch den heilst, dann bist du kein Mensch, sondern
ein Gott!“
[GEJ.09_028,14] Sagte Ich: „Das kümmere dich
nicht, sondern tue, was dir geboten ist!“
[GEJ.09_028,15] Da gingen die Knechte und
brachten den Sohn, vor dem sich alle Meine Jünger entsetzten und sagten: „Mit
dem steht es noch ärger, als was wir sahen in der Landschaft der Gadarener!“
[GEJ.09_028,16] Ich aber erhob Mich, bedrohte
die bösen Geister im Sohne und hieß sie, ihn augenblicklich für immer zu
verlassen.
[GEJ.09_028,17] Da rissen sie noch einmal den
Sohn und fuhren in Gestalt von vielen schwarzen Fliegen aus dem Sohne, welcher
darauf völlig gesund ward.
[GEJ.09_028,18] Ich aber sagte nun zu den
Knechten: „Nun führet ihn hinaus an den Brunnen, und reiniget ihn; gebet ihm
auch frische Kleidung, und bringet ihn wieder hierher, auf daß er mit uns halte
das Mittagsmahl!“
[GEJ.09_028,19] Das geschah denn auch. Und
als der Sohn nun gesund und gereinigt an unserem Tische sich befand, da kamen
alle im Hause wohnenden Verwandten und Bekannten in unser Zimmer und konnten
nicht zur Genüge erstaunen über solch eine schnelle Heilung des Sohnes, und
Zachäus dankte Mir über alle Maßen für diese Heilung.
[GEJ.09_028,20] Der Hauptknecht aber sagte zu
Mir: „Herr, Du bist kein Mensch wie unsereins, sondern Du bist ein wahrer Gott,
den wir Menschen allzeit anbeten wollen und werden!“
[GEJ.09_028,21] Als der Knecht noch also
redete, da ward auch das Mittagsmahl auf den Tisch gesetzt, und wir fingen an
zu essen.
29. Kapitel
[GEJ.09_029,01] Während des Essens und
Trinkens fragten mehrere den geheilten Sohn, der nun ganz frisch und heiter
aussah, ob er in seinem kranken Zustande auch große Schmerzen zu bestehen
hatte.
[GEJ.09_029,02] Er aber sagte (der geheilte
Sohn): „Wie kann ich nun das wissen? Denn ich war ja so gut wie tot und hatte
kein Gefühl und wußte auch nichts um mich! Das aber weiß ich dennoch, daß ich
mich fortwährend in einem Traume befand und in einer schönen Gegend mich mit
guten Menschen unterhielt.“
[GEJ.09_029,03] Das wunderte die Anwesenden,
und sie konnten das nicht fassen, und Zachäus fragte Mich, wie das doch möglich
wäre, und warum so etwas von Gott zugelassen werde.
[GEJ.09_029,04] Sagte Ich: „Freund, darüber wollen
wir nun nicht viele Worte verlieren! Bei solchen Übeln zieht sich die Seele ins
Herz zurück, und ein oder oft auch viele arge und unreine Geister bewohnen den
übrigen Leib und tun mit ihm, was sie wollen, wovon aber die im Herzen ruhende
Seele nichts wahrnimmt.
[GEJ.09_029,05] Es werden aber derlei
Besessenheiten darum zugelassen, auf daß die Menschen, bei denen der Glaube an
Gott und an die Unsterblichkeit der Seele beinahe ganz erloschen ist, doch
wieder an etwas Geistiges zu denken und auch zu glauben anfangen. Denn auch ihr
seid schon schwachen Glaubens geworden, und so war euch diese Lektion auch sehr
notwendig vor Meiner Ankunft in dieses Haus.
[GEJ.09_029,06] Wenn Ich früher gekommen
wäre, so hättest du selbst Mir nicht also geglaubt, wie du Mir nun glaubst; und
wäre dein Sohn, auf den du die größten Stücke hieltest, nicht in das Übel
gekommen, so hätte dich der Stolz und Hochmut derart zugerichtet, daß du zu
einem wahren Teufel unter den Menschen geworden wärest. Du hättest allen
Glauben an Gott aus dir verbannt und die Menschen als pure Maschinen
eingeschätzt, die vor dir nur dann irgendeinen Wert hätten, so sie dir beinahe
umsonst dienten und dir zu noch größeren Reichtümern verhülfen.
[GEJ.09_029,07] Als aber dein Sohn, als dein
Liebling und dein größter Stolz, also krank ward, wie Ich ihn nun hier
angetroffen habe, da ward es dir ganz anders ums Herz. Du fingst an, wieder an
einen Gott zu denken und zu glauben und wurdest demütigeren Herzens. Du hattest
freilich daneben noch deine Zuflucht zu allen dir irgend bekannten Ärzten, ob
Heiden oder Juden – was dir gleich war, – genommen und hattest dich's viel
kosten lassen; aber als du sahst, daß deinem Sohne gar kein Arzt, auch kein
Essäer und noch weniger irgendein Zauberer hatte helfen können, da wurdest du
traurig und fingst an, ernstlicher darüber nachzudenken, warum Gott, so Er
irgend einer sei, dich mit einem solchen Übel heimgesucht habe.
[GEJ.09_029,08] Du fingst wieder an, in der
Schrift zu lesen, und fandest dein Handeln und Gebaren deinen Nebenmenschen
gegenüber für stets mehr und mehr ungerecht und hattest denn auch Gott gelobt,
daß du vollernstlich all das von dir begangene Unrecht wieder mehrfach
gutmachen wollest.
[GEJ.09_029,09] Als solche Vorsätze in dir
stets ernster und wahrer geworden waren und du auch in dem klarer geworden
warst, daß dir nur der allmächtige Vater im Himmel helfen könne, da kam Ich
dann auch bald in diese Gegend, und du hast es vernommen, was Ich an dem
Blinden getan habe.
[GEJ.09_029,10] Da ward dein Glaube an Gott
denn auch mächtiger und lebendiger, dieweil du vom alten und vom jungen Kado
ein Zeugnis über Mich vernommen hast, das in dir keinen Zweifel übrigließ, daß
Ich kein purer Prophet, sondern der Herr Selbst sei. Und siehe, also bist du
denn auch dahin reif geworden, daß Ich nun bei dir einkehrte und mit Meiner
Macht deinem Sohne half.
[GEJ.09_029,11] Wenn du nun das wohl
überdenkst, so wird es dir wohl klar sein, warum Ich über Menschen, in deren
Herzen noch nicht jeder Himmelslebensfunke völlig erloschen ist, allerlei Übel
zulasse.
[GEJ.09_029,12] Freilich bei ganz verdorbenen
und lebensverschlagenen Menschen, die keiner Mahnung von Mir aus mehr wert
sind, bleiben derlei sie bessernde Zulassungen denn auch unterm Wege; denn sie
fruchten nicht mehr und zeihen die Argen, daß sie noch ärger werden. Diese Art
Menschen aber verzehren ihr Materieleben auch hier; nach diesem Leben aber
erwartet sie ihr eigenes Gericht, das da ist der andere und ewige Tod.
[GEJ.09_029,13] Über den Ich noch allerlei
Leiden und Trübsal zulasse, dem helfe Ich denn auch zur rechten Zeit; den Ich
aber sein irdisch stolzes und schwelgerisches Wohlleben unbeirrt fortgenießen
lasse, der trägt sein Gericht und seinen ewigen Tod schon in sich und sonach
auch allenthalben mit sich. Und somit weißt du nun denn auch, warum so mancher
Weltgroße und Weltreiche ungestraft bis zu seines Leibes Tode hin fortsündigen
und fortgreueln kann.“
30. Kapitel
[GEJ.09_030,01] (Der Herr:) „Es ist von Mir
aus in dieser Welt aber einem jeden ein gewisses Maß gestellt, sowohl im Guten
und Wahren, als auch im Bösen und Falschen.
[GEJ.09_030,02] Hat der Gute durch seinen
Eifer dieses Maß völlig erreicht, dann hören auch alle weiteren Versuchungen
auf, und er geht dann im Volllichte aus den Himmeln von einer Lebensvollendungsstufe
zu einer noch höheren und also ins Unendliche vorwärts.
[GEJ.09_030,03] Hat aber der Böse ebenso auch
sein böses Maß voll gemacht, so hören dann auch weitere Mahnungen auf, und er
sinkt von da an denn auch stets tiefer und tiefer in die dickere Nacht und in
das härtere Gericht seines schon toten Lebens und Seins und wird von Mir aus
weiter nicht mehr angesehen als ein Stein, in dem kein Leben, sondern nur das
Gericht und das ewige Muß Meines Willens, den die Alten den ,Zorn Gottes‘
nannten, ersichtlich ist.
[GEJ.09_030,04] Wie lange aber ein Stein von
großer Härte brauchen wird, bis er nur zu einem noch lange hin unfruchtbaren
Erdreich erweicht wird, das ist eine Frage, die auch kein noch so vollkommener
Engel, im höchsten Himmelslichte stehend, beantworten kann; denn darum weiß
allein der Vater, der in Mir ist, wie auch Ich in Ihm.
[GEJ.09_030,05] So aber einmal gar zu viele
Menschen sich im Vollmaße ihres Bösen befinden, so wird von Mir aus, der noch
wenigen Guten und Auserwählten wegen, die Zeit ihres ungestraften argen Waltens
abgekürzt, und ihr eigenes Gericht und ihr Tod verschlingt sie vor den Augen
der wenigen Gerechten, wie das zu Noahs und zu Abrahams und Lots Zeiten und
auch zur Zeit Josuas teilweise der Fall war und von nun an auch fürderhin noch
zu öfteren Malen der Fall sein wird.
[GEJ.09_030,06] Den Anfang werden die Juden
bald erleben und später auch andere Reiche mit ihren Fürsten und Völkern; nach
etwa nicht völlig 2000 Jahren aber wird abermals kommen ein größtes und
allgemeinstes Gericht zum Heile der Guten und zum Verderben der Weltgroßen und
völlig Lieblosen.
[GEJ.09_030,07] Wie aber das Gericht aussehen
und worin es bestehen wird, das habe Ich schon allen Meinen hier mit Mir
anwesenden Jüngern mehrere Male geoffenbart, und sie werden es nach Mir den
Völkern der Erde verkünden. Wohl dem, der es beherzigen und sein Leben danach
einrichten wird, auf daß er nicht ergriffen werde von dem Gerichte!
[GEJ.09_030,08] Und nun weißt du, Mein Freund
Zachäus, zur Genüge, was du für dein Seelenheil zu tun und zu wirken hast, und
wir haben uns nun an deinem Tische auch zur Genüge gestärkt mit Speise und
Trank, – und so wollen und werden wir uns wieder erheben und auf den Weg nach
Nahim begeben; denn Ich muß heute noch vor dem Untergange im benannten Orte
eintreffen.“
[GEJ.09_030,09] Sagte nun Zachäus: „O Du
allein wahrer Herr und Meister! Es ist bis in den benannten Ort von hier noch
eine weite Strecke Weges, und es wird auf eine natürliche Art wohl sehr schwer
hergehen, heute vor dem Untergange den Ort zu erreichen; denn er liegt ja um
vieles näher bei Jerusalem, als da die Ferne von hier bis zum von Dir benannten
Orte ausmacht! In einem Tage kann man den Weg dahin auf Kamelen wohl machen,
aber zu Fuß in von nun an kaum eines halben Tages Zeit wird das ohne Wunder
wohl nicht möglich sein!“
[GEJ.09_030,10] Sagte Ich: „Das, Freund, wird
schon Meine Sorge sein! Konnten wir den noch weiteren Weg von hier bis nach
Essäa in einem Tage ohne Kamele durchwandern, so werden wir auch den um ein
bedeutendes kürzeren von hier bis Nahim durchmachen. Du hast freilich wohl eine
Sehnsucht dahin, daß Ich noch hier verzöge bis zum Morgen; aber Ich allein weiß
es am besten, was Ich vorhabe, und so denn muß Ich auch handeln, nicht wie Mein
Fleisch es will, sondern wie Der es will, der in Meiner Seele wohnt. Und so muß
Ich heute noch vor dem Untergange in dem vorbestimmten Orte eintreffen.
[GEJ.09_030,11] Gedenke Meiner Lehre, und
handle danach, so wirst du leben im Lichte aus Gott! Und so du vernehmen wirst,
daß die Pharisäer Mich fangen und diesen Meinen Leib töten werden – was auch
zugelassen werden wird zu ihrem Untergange, aber auch zur Auferstehung der
vielen Toten, die nun noch in den Gräbern des Un- und Wahnglaubens schmachten
und kein Leben des Geistes in sich haben –, da ärgere dich nicht darob, und
werde nicht zaghaften Glaubens; denn Ich werde am dritten Tage wieder
auferstehen und werde kommen zu allen Meinen Freunden und ihnen geben das ewige
Leben!
[GEJ.09_030,12] Über Meine Feinde aber wird
hereinzubrechen anfangen das Gericht zu ihrem Untergange, den noch viele jetzt
Lebende sehen werden. Ich habe dir nun denn auch das gesagt, und du weißt es
nun, wie du dich in der Folge zu verhalten hast.
[GEJ.09_030,13] Ich habe dir nun auch ein
Pfund dargeliehen; verwalte es gut und recht, auf daß Ich es, so Ich
wiederkomme, von dir mit Zinsen wieder zurückerhalte! Über Kleines bist du nun
gestellt, und über Großes sollst du dann gestellt werden; denn wer im Kleinen
treu ist, der wird auch im Großen treu bleiben.“
[GEJ.09_030,14] Nach diesen Worten segnete
Ich des Zachäus ganzes Haus und begab Mich mit Meinen Jüngern sogleich auf den
Weg.
31. Kapitel
[GEJ.09_031,01] Es stand aber noch viel Volk auf
der Straße, das Mich noch einmal sehen und sprechen wollte; denn es war durch
die Hausleute ruchbar geworden, was Ich des Zachäus Sohne getan hatte. Ich aber
ließ Mich nicht beirren und ging rasch durch die Menge unaufhaltsam. Da Mich
aber mehrere Hunderte geleiten wollten, so blieb Ich eine kurze Weile stehen
und bedeutete den Nacheilenden, daß sie umkehren und nach Hause ziehen sollten,
was sie dann auch taten.
[GEJ.09_031,02] Doch als Ich also vom Volke
aufgehalten ward, da drängte sich auch ein Weib, das schon mehrere Jahre am
Blutgange litt, und dem niemand helfen konnte, zu Mir. Dies Weib rührte Meinen
Rock an im vollen Glauben, daß ihr das Hilfe bringen werde, und sie ward denn
auch im Augenblick geheilt.
[GEJ.09_031,03] Ich aber befragte zur Probe
die Jünger und die andern Menschen, sagend: „Wer hat Mich da angerührt im
Glauben? Denn Ich gewahrte, daß von Mir eine Kraft ausging.“
[GEJ.09_031,04] Da sagten die Jünger und
etliche andere Menschen: „Da sieh, dies zudringliche Weib hat Dich angerührt!“
[GEJ.09_031,05] Da fiel das Weib vor Mir
nieder und bat Mich um Vergebung; denn sie fürchtete, daß sie deshalb bestraft
werde.
[GEJ.09_031,06] Ich aber sagte zu ihr: „Stehe
auf und gehe nach Hause; denn dein Glaube hat dir geholfen! Sündige aber nicht
mehr, so du gesund bleiben willst!“
[GEJ.09_031,07] Da erhob sich alsbald das
Weib und begab sich, die Macht Gottes lobend, nach Hause.
[GEJ.09_031,08] Ich aber entließ darauf
eiligst das Volk und zog mit den Jüngern schnell weiter.
[GEJ.09_031,09] Wir kamen bald in eine wüste
Gegend, durch die die Straße gebahnt war. Da zog in dieser Zeit kein Wanderer,
und wir konnten so ungesehen die sonst bei zehn Stunden lange Wegstrecke auf
die schon bekannte Weise in einer kaum halben Stunde Zeit zurücklegen und eine Gegend
erreichen, die zum Teil von Juden und zum Teil von Griechen und eingewanderten
Babyloniern bewohnt war.
[GEJ.09_031,10] Wir kamen an ein Dörfchen,
das den Griechen gehörte. In der Mitte dieses Dörfchens befand sich auf einem
Hügel ein Tempel, der dem heidnischen Gott Merkur geweiht war. Für die Duldung
dieses Heidentempels im Judenlande aber mußten die Bewohner dieses Dörfchens an
den Tempel zu Jerusalem jährlich einen namhaften Tribut bezahlen und bekamen
darauf allzeit vom Tempel aus die Bewilligung, ihrem Gott Merkur aufs neue
wieder ein volles Jahr hindurch Opfer darzubringen und ihm zu Ehren gewisse
Feste halten zu dürfen. Dieser Tag – es war ein römischer Merkurtag, obschon
der Juden Nachsabbat – war aber gerade ein Festtag des obbenannten Heidengottes,
und die Griechen trieben ihr Wesen mit ihrem Götzen.
[GEJ.09_031,11] Als wir an die Stelle kamen,
da hielten uns die Griechen auf und verlangten, daß auch wir aus alter Sitte,
also aus einer Art Höflichkeit, unsere Knie vor dem Götzen beugen möchten.
[GEJ.09_031,12] Ich aber sagte: „Höret, ihr
blinden Heiden solltet lieber vor dem allein wahren Gott der Juden eure Knie
und Herzen beugen! Denn dieser euer toter und machtloser Götze ist ein Werk von
Menschenhänden, also um vieles minder als eine kleinste und unansehnlichste
Moospflanze; der eine und allein wahre Gott der Juden aber hat pur aus Sich
Himmel und Erde und alles, was sie trägt, erschaffen. Darum sollen alle
Menschen nur an den einen, wahren Gott glauben, Ihn allein anbeten und keine
anderen, toten Götzen haben und sie mit allerlei unvernünftiger und die
Menschenwürde entehrender Zeremonie ehren.“
[GEJ.09_031,13] Sagte ein Grieche: „So wir
nach Jerusalem kommen, da weigern wir uns nicht, unsere Knie vor eurem Gott zu
beugen, obschon wir recht gut wissen, daß im großen Tempel Salomos sich kein
Gott unter irgendeiner Gestalt befindet. Einen Kasten nur haben die Juden, aus
dem zu gewissen Zeiten eine Naphthaflamme emporlodert, die aber so heilig
gehalten wird, daß sie nur von dem Obersten und Höchsten der Judenpriester
etliche Male im Jahre gesehen und angebetet werden darf. Wir wissen aber auch,
daß der Kasten der Juden gleich wie dieser unser Gott von Menschenhänden
gemacht worden ist; wie sagst du dann, daß der Gott der Juden der allein wahre ist
und aus sich Himmel und Erde erschaffen hat, darum denn auch alle Menschen an
ihn glauben, ihn allein anbeten und ehren und nicht irgendwelche anderen Götzen
haben sollen?
[GEJ.09_031,14] Freund, mir kommt es vor, daß
wir uns in bezug auf die Wahrheit, welcher Gott ein wirklicher sei, gar nichts
vorzuwerfen haben! Wir ehren in unseren Göttern als Symbole der verschiedenen
Kräfte der Natur eben nur die von uns mehr oder weniger erkannten Kräfte der
großen Natur und nicht die von Menschenhänden gemachte Statue samt ihrem
Tempel, und das ist doch sicher vernünftiger, als so ihr Juden einen alten
Kasten samt dem Tempel für den allein wahren Gott haltet und anbetet! Daß wir
aber euch hier aufforderten, eure Knie im Vorübergehen höflichkeitshalber vor
unserem Merkur zu beugen, da wollten wir euch damit ja nicht von eurem
Judentume abwendig machen und euch sonach zu einer Sünde wider euren Gott
verlocken!
[GEJ.09_031,15] Kannst du und alle deine
Gefährten uns aber einen faktischen Beweis liefern, daß trotz meiner vernünftigen
Gründe wider die von euch behauptete Wahrheit nur euer Gott der allein wahre
ist, so sind wir nicht hartwillig und wollen gar bald und leicht nur allein zu
eurem Gott uns kehren!“
[GEJ.09_031,16] Sagte Ich: „Freund, einen
solchen Beweis können wir dir schon liefern, ohne von euch zu verlangen, daß
ihr eure Knie vor uns beugen sollet; aber Ich muß euch zuvor eine Bedingung
setzen, die ihr vorher zu erfüllen versuchen müßt, ob sie euch gelingt oder
nicht. Gelingt sie euch, dann wollen auch wir unsere Knie vor eurem Merkur
beugen und dann als Juden weiterziehen; gelingt euch die Erfüllung der
gestellten Bedingung nicht, so werde Ich euch schon den faktischen Beweis
liefern, daß der Gott der Juden der allein wahre ist, und ihr werdet euch von
euren kostspieligen Götzen abwenden und selbstwillig eure Herzen und Knie vor
unserm Gott beugen.
[GEJ.09_031,17] Die Bedingung aber besteht
darin: Ihr habt schon gestern und heute euren Götzen geehrt und in dem Tempel
die Opfer niedergelegt, und es muß darum der Götze guten Willens sein und
alsbald erhören irgendeine an ihn gerichtete Bitte.
[GEJ.09_031,18] Seht, dort an den Stufen des
Tempels sitzt ein blindgeborenes Mägdlein von zwölf Jahren Alters! Sie ist ein
Liebling ihrer wohlhabenden Eltern, und sie gäben alles darum, so demselben die
Sehkraft verliehen werden könnte. Wendet euch darum alle mit der Bitte an euren
Gott, daß er der Blinden die Augen öffnen wolle! Denn derlei Blinde heilt kein
Mensch auf der ganzen Erde nun; das kann nur einem allmächtigen Gott möglich
sein. Heilt euer Gott die Blinde, dann wollen auch wir uns vor ihm beugen;
heilt er sie aber höchstwahrscheinlich nicht, sodann werde Ich sie heilen mit
der Kraft des Geistes unseres Gottes, der in Mir wohnt, und werde von dieser
Stelle aus, wo Ich Mich nun befinde, nachdem das Mägdlein wird sehend geworden
sein, aber auch den Tempel samt seinem Götzen im Augenblick derart vernichten,
daß ihr nicht einmal die Stelle wiedererkennen sollet, auf der nun der Tempel
samt dem Götzen steht. Gehet und erfüllet die euch gestellte Bedingung!“
[GEJ.09_031,19] Sagte der Grieche, der auch
der Vater der Blinden war: „Freund, wir wollen den Versuch machen, wie ich ihn
schon einige Male gemacht habe – leider allzeit ohne den geringsten Erfolg!
Aber was haben wir dann von euch zu fordern, so dich, Freund, etwa auch dein
allein wahrer Gott im Stiche ließe und nicht erhörete dein Verlangen? Denn ich
habe schon mit gar vielen Juden, die auch ganz ernstlichst an ihren Gott
glaubten, in diesem Punkte geredet, und es hat mir ein jeder treu gestanden,
daß es mit der alsogleichen Erhörung eurer Ihm dargebrachten Bitten auch seine
sehr geweisten Wege habe. Ich aber will darum in das, was du zu leisten
versprachst, keinen Zweifel setzen, weil deine Worte äußerst zuversichtsvoll
klangen. Aber wenn dein Gott am Ende dennoch in der Wirkung unserem Gotte
gliche, was dann?“
[GEJ.09_031,20] Sagte Ich: „Dann wollen wir
eure Sklaven sein unser Leben lang! Aber nun gehet zu eurem Gott, und traget
ihm eure Bitte vor!“
32. Kapitel
[GEJ.09_032,01] Auf diese Meine Worte gingen
die Griechen zu ihrem Götzen und hoben ein starkes Bittgeheul an, das eine
kleine halbe Stunde lang währte, natürlich ohne allen Erfolg.
[GEJ.09_032,02] Als sie ihr Bittgeheul
beendet hatten, da kam der Grieche wieder zu Mir und sagte: „Freund, wie du
siehst, so ist unsere Mühe nun, wie immer, eine völlig fruchtlose gewesen! Nun
kommt die Reihe an dich, uns den versprochenen faktischen Beweis zu liefern,
laut dem euer Gott der allein wahre sei. Gelingt es dir, so wollen wir dann
auch gleich euch für alle Zeiten Juden werden!“
[GEJ.09_032,03] Sagte Ich: „So gehe denn hin,
und bringe Mir deine blinde Tochter, und überzeuge dich, daß sie noch völlig
blind ist! Darauf erst werde Ich ihr die Augen öffnen.“
[GEJ.09_032,04] Da ging der Grieche sehr
erfreut, weil er nun schon glaubte, daß seine Tochter sehend werde, hin zur
Blinden und brachte sie zu Mir, sagend: „Hier, lieber Freund, ist die noch
vollkommen Blinde; wolle ihr denn mit der Hilfe und lebendigen Macht deines Gottes
die Augen öffnen!“
[GEJ.09_032,05] Sagte Ich zum Mägdlein:
„Achaia, möchtest du sehen, so wie die andern Menschen sehen das Licht und
zahllos viele andere herrliche Dinge auf der Erde?“
[GEJ.09_032,06] Sagte das Mägdlein: „O Herr,
wenn ich sehen würde durch deine Macht, dann wäre ich wohl überglücklich und
würde dich lieben mehr denn alles in der Welt! O so tue mir die Augen auf!“
[GEJ.09_032,07] Und Ich behauchte ihre Augen
und sagte: „Achaia! Ich will, daß du sehest in diesem Moment, und daß du in der
Folge nimmerdar blind werdest!“
[GEJ.09_032,08] Als Ich diese Worte über das
Mägdlein ausgesprochen hatte, da ward das Mägdlein denn auch schon vollkommen
sehend und wußte vor Freude nicht, was sie nun gleich zuerst tun sollte, und also
ging es auch ihren Eltern.
[GEJ.09_032,09] Nach einer kurzen Weile erst
fiel das Mägdlein samt ihren Eltern und Geschwistern vor Mir nieder und sagte:
„O Herr! Du bist mehr denn alle Menschen auf der ganzen Erde! Du bist Selbst
der eine und allein wahre Gott nicht nur der Juden, sondern aller Menschen auf
dem ganzen Erdkreis! Dir allein will ich jedes Opfer darbringen und Dich allein
lieben, loben und preisen mein Leben lang!“
[GEJ.09_032,10] Sagte Ich: „Achaia, wie kommt
dir denn das in den Sinn, daß du Mich nun als einen Gott anpreisest? Siehst du
denn nicht, wie Ich gleich den andern, die um dich sind, ein Mensch bin?“
[GEJ.09_032,11] Sagte das Mägdlein: „Das
wohl, das wohl, – aber nur dem Anscheine nach in der Außenform; doch Dein
Inneres ist voll der Kraft Gottes, und diese ist ja der eigentliche und allein
wahre Gott! Zudem hast Du zu mir nicht gesagt: ,Der Gott der Juden mache dich
sehend!‘, sondern Du sagtest: ,Achaia, Ich will, daß du sehest!‘, und ich ward
sehend! Du hast mir sonach aus Deiner Macht geholfen, die rein göttlich sein
muß, da ich sonst wohl blind geblieben wäre für immerdar. Dir darum alle meine
Liebe und tiefste Verehrung!“
[GEJ.09_032,12] Nach dieser Beteuerung kamen
auch alle die andern und lobten und priesen Mich, und aller Augen waren auf
Mich gerichtet.
[GEJ.09_032,13] Während aber alle Mich
betrachteten und lobten und priesen, schaffte Ich denn auch den Tempel samt
seinem Götzen hinweg durch die Macht Meines Willens und sagte darauf zu den
Griechen: „Weil ihr nun den rechten und allein wahren Gott gefunden habt, so
habe Ich denn auch aus Meiner Machtvollkommenheit euren Götzen samt seinem
Tempel schon vernichtet. Gehet hin, und suchet die Stelle, wo der Tempel
gestanden ist!“
[GEJ.09_032,14] Da sahen sich alle nach dem
Tempel um und konnten nicht mehr bestimmen, wo ehedem derselbe gestanden war;
denn Ich hatte nicht nur den Tempel mit dem Götzen, sondern auch den Hügel
vernichtet.
[GEJ.09_032,15] Als die Griechen das sahen,
da fingen sie an, Mich noch lauter zu loben und zu preisen und fragten Mich,
was sie nun tun sollten, um der ihnen nun erwiesenen Gnade würdiger zu
erscheinen.
[GEJ.09_032,16] Ich belehrte sie mit wenigen
Worten, und sie nahmen alle Meine Lehre an und bildeten bald eine gute Gemeinde
in Meinem Namen.
33. Kapitel – Der Herr in Nahim in Judäa.
(Kap.33-44)
[GEJ.09_033,01] Als Ich die Lehre an sie
beendet hatte, machten wir uns gleich auf die Weiterreise, da die Sonne schon
dem Abend sich zu nahen begann. In einer Stunde erreichten wir Nahim. Es
versteht sich aber leicht von selbst, daß uns die über alles erstaunten und zu
Meiner Lehre völlig bekehrten Griechen bis nach Nahim begleiteten und wir somit
eine recht zahlreiche Karawane bildeten.
[GEJ.09_033,02] Nota bene: Hier kommt eine
Begebenheit vor, die eine große Ähnlichkeit mit jener hat, die sich im ersten
Lehrjahre zu Nain in Galiläa zugetragen hatte, die folgende aber trug sich in
Nahim in Judäa zu, – daher die beiden sich ähnlich sehenden Begebenheiten nicht
miteinander zu verwechseln sind. –
[GEJ.09_033,03] Als wir sonach in großer
Anzahl vor das Tor des Städtchens kamen, da trugen die Leichnamsträger in
Begleitung der Trauernden einen verstorbenen Jüngling als den einzigen Sohn
einer Witwe zum Grabe; die Witwe aber weinte gar sehr um ihren einzigen Sohn. Als
der Leichenzug in unsere Nähe kam, da hielt er an, bis wir vorüberzögen.
[GEJ.09_033,04] Ich aber trat zur Witwe,
tröstete sie und befragte sie auch, wie lange ihr Sohn schon tot sei.
[GEJ.09_033,05] Die Witwe aber antwortete:
„Herr! Ich kenne dich nicht, wer du bist; aber deine Trostworte haben sehr
gelindert meinen Schmerz! Wer hat es dir aber nun hinterbracht, daß der
Verstorbene mein Sohn sei?“
[GEJ.09_033,06] Sagte Ich: „Das weiß Ich von
Mir Selbst und habe nicht nötig, daß Mir das jemand verkünde.“
[GEJ.09_033,07] Sagte die Witwe: „Weißt du,
daß der Verstorbene mein Sohn ist, so wirst du auch wissen, wie lange er tot
ist!“
[GEJ.09_033,08] Sagte Ich: „Weib, du hast
richtig geurteilt; denn Ich weiß es auch, daß dieser dein Sohn vor drei Tagen
an einem hitzigen Fieber verstorben ist. Aber so du Vertrauen hättest, da
könnte Ich dir deinen Sohn wieder beleben und ihn dir wiedergeben!“
[GEJ.09_033,09] Sagte die Witwe: „O Herr!
Deine Rede erquickt wohl gar sehr mein Herz, doch einen Toten kann und wird nur
Gott nach Seiner Verheißung am Jüngsten Tage wiederbeleben! Oder bist du ein
großer Prophet, erfüllt mit dem Geiste Gottes, daß du mit dessen Allgewalt auch
einen Toten lebendig machen kannst?“
[GEJ.09_033,10] Sagte Ich: „Das wirst du
schon noch erfahren in dieser Nacht, da Ich in deiner Herberge verbleiben
werde; nun aber öffnet den Sarg, und Ich will den Jüngling beleben und ihn der
traurigen Mutter wiedergeben!“
[GEJ.09_033,11] Auf das öffneten die Träger
den Sarg, und Ich trat hinzu, nahm den Jüngling bei der Hand und sagte:
„Jüngling! Ich will es, stehe auf, und wandle mit deiner Mutter nach Hause!“
[GEJ.09_033,12] Auf diese Meine Worte erhob
sich der Jüngling im Sarge, und als man die Tücher, mit denen die Juden ihre
Toten umwanden, ablöste, da stieg er auch sogleich aus dem Sarge ganz kräftig
und gesund, und Ich gab ihn der über alle Maßen erstaunten Mutter.
[GEJ.09_033,13] Dieses Zeichen aber bewirkte
bei allen Anwesenden – selbst Meine alten Jünger nicht ausgenommen –, ein
ordentliches Entsetzen, so daß einige die Flucht ergriffen und andere vor
lauter Staunen ganz stumm dastanden und sich nicht ein Wort zu reden getrauten.
[GEJ.09_033,14] Ich aber behieß die Träger,
den leeren Sarg hinwegzutragen, auf daß nun Mutter und Sohn ganz heiteren
Gemütes Mir danken konnten für die ihnen erwiesene Gnade. Und die Träger taten
voll der höchsten Ehrfurcht, was Ich ihnen befohlen hatte.
[GEJ.09_033,15] Als der Sarg hinweggeschafft
war und dadurch auch die Erinnerung an den Tod, da erst fingen zuerst die uns
bis hierher geleitet habenden Griechen von neuem an, Mich hoch zu loben und zu
preisen, und sagten laut: „Das kann kein Mensch bewirken, sondern nur ein
Gott!“
[GEJ.09_033,16] Die Juden aber sagten: „Ja,
ja, nur Gott sind solche Dinge möglich! Doch Gott ist ein purer Geist, und es
kann Ihn niemand sehen und daneben behalten das Leben; diesen Menschen aber
sehen wir, und der Tod bleibt ferne, und so ist dieser Mensch wohl sicher ein
neu auferweckter großer Prophet voll Geistes aus Gott; aber darum ist er selbst
dennoch kein Gott!“
[GEJ.09_033,17] Sagten die Griechen: „Ihr
wisset, was ihr wisset; aber wir wissen auch, was wir wissen! So ihr wohl
saget, daß solches nur Gott allein möglich sei und ein solcher Mensch solche
Taten nur darum bewirken kann, weil er mit dem Geiste Gottes erfüllt ist, so
gestehet ihr es ja selbst, daß der Geist Gottes in Ihm unmöglich etwas anderes
ist als eben Gott Selbst! Wenn wir nun Ihn als einen wahren Gott loben und
preisen, so sind wir sicher näher an der Quelle der großen Wahrheit, aus der
alles Licht und Leben kommt, denn ihr Juden, die ihr Den nicht für einen
wahrsten Gott haltet, der da sagt: ,Ich will es!‘ und nicht: ,Der Geist Gottes
in Mir will es!‘, und es geschieht dann alsogleich, was Er mit dem Munde
ausspricht und will!
[GEJ.09_033,18] Wir sind Heiden gewesen noch
vor ein paar Stunden Zeit, und dieser Gottmensch kam zu uns und hat meine
blindgeborene Tochter Achaia mit einem Wort sehend gemacht und ebenso auch
unsern Götzentempel in einem Augenblick derart vernichtet, daß von ihm aber
auch nicht eine leiseste Spur übrigblieb und man gar die Stelle nicht mehr
erkennt, wo er gestanden ist, und Er tat solches alles bloß aus Sich, also aus
Seiner höchsteigenen göttlichen Machtvollkommenheit. Wenn Er aber also wirkt
und handelt, so muß Er auch Selbst ein wahrster Gott sein und braucht keinen
noch höheren und wahreren Gott zu bitten, daß Er Ihm helfe, eine Wundertat zu
bewerkstelligen; denn Er Selbst ist schon der höchste und wahrste Gott!
[GEJ.09_033,19] So denken und urteilen nun wir
Heiden, und Er wird uns auch aus Sich geben das wahre, ewige Leben, wie Er nun
auch diesem Jüngling das irdische Leben aus Sich wiedergegeben hat, so wir
leben und handeln werden nach Seiner Lehre und treu Seinen Willen erfüllen;
denn Er Selbst ist der Urquell alles Seins und Lebens!“
34. Kapitel
[GEJ.09_034,01] Nach dieser ganz gediegen
wahren Rede des Griechen sagte ein Jude dieses Ortes, der ein Rabbi war und
einer Synagoge vorstand: „Du, als ein Heide in unserer Schrift sicher wenig
bewandert, urteilst wohl recht gut, und man kann dir in vielen Stücken nicht
unrecht geben; aber wenn du in unserer Schrift mir gleich bewandert wärest, so
würdest du sicher auch ein wenig anders urteilen! Siehe, sooft Gott Sich eines
frommen Menschen eben der Menschen wegen bedient hat, da konnte ein solcher
Mensch nicht anders handeln und reden, als wie er von dem Geiste Gottes
getrieben ward! Einer unserer ersten der vier Großpropheten redete zum Volke
nahe stets also, als wäre er Gott Selbst gewesen, was ihm die Juden auch oft
zum Vorwurfe machten; aber er konnte eben nicht anders reden und handeln, als
wie er vom Geiste Gottes angetrieben worden war.
[GEJ.09_034,02] Ein Beispiel seiner Rede wird
dir die Sache heller machen. So sagt der besagte Prophet, der Jesajas hieß,
unter anderem gleich im Anfange seines 42. Kapitels, wo er wahrscheinlich auf
diesen vom Geiste Gottes erfüllten Mann eine Vorandeutung machte: ,Siehe, das
ist Mein Knecht, – Ich erhalte Ihn; und Er ist Mein Auserwählter, und Meine
Seele hat an Ihm Wohlgefallen. Ich habe Ihm Meinen Geist gegeben, – Er wird das
Recht unter die Heiden bringen. Er wird nicht schreien und rufen; auf den
Gassen wird man nicht hören Seine Stimme. Das zerstoßene Rohr wird Er nicht
zerbrechen und den glimmenden Docht nicht auslöschen. Er wird das Recht
wahrhaftig halten lehren. Er wird nicht mürrisch und greulich sein, auf daß Er
das Recht auf Erden aufrichte.
[GEJ.09_034,03] Also spreche Ich, Gott der
Herr, der die Himmel schafft und ausbreitet, der die Erde macht und ihr Gewächs,
der dem Volke, das darauf ist, den Odem gibt und den Geist denen, die darauf
halten. Ich, der Herr, habe Dich gerufen mit Gerechtigkeit, Ich habe Dich bei
der Hand gefaßt und habe Dich behütet und habe Dich zum Bund unter das Volk
gegeben und zum Licht der Heiden. Du sollst öffnen den Blinden die Augen und
die Gefangenen aus den Gefängnissen führen und die da sitzen in der Finsternis
und in den Kerkern. Ich, der Herr, das ist Mein Name, will Meine Ehre keinem
andern geben, noch Meinen Ruhm irgendeinem Menschengötzen. Siehe, was da kommen
soll, verkündige Ich nun zuvor und verkünde Neues; ehe denn es aufgeht, lasse
Ich es euch hören.‘
[GEJ.09_034,04] Siehe nun, du mein sonst
recht weiser Grieche, also sprach einst Gott durch den Mund eines Menschen, daß
man meinen möchte, der Mensch Jesajas sei im Ernste der Herr Selbst! Dem aber
war dennoch nicht also. Und wie es damals war, also ist es auch heutzutage.
Dieser wundertätige Mann ist demnach nichts anderes als jener durch den
Propheten angezeigte Knecht Gottes, Sein Auserwählter zum Heile auch der
Heiden, wie er es euch ehedem auch tatsächlich bewiesen hat.
[GEJ.09_034,05] Gott wird ihn darum auch mit
dem höchsten Ruhme krönen und ihn machen zum Könige aller Völker der Erde,
indem Er ihm eine so große Macht gegeben hat, wie sie zuvor noch nie einem
Menschen eigen war. Doch deshalb ist und bleibt er dennoch nur ein Mensch und
ist aus sich heraus kein Gott und noch weniger irgendein Menschengötze, wie ihr
Heiden deren eine Menge aufzuweisen habt. Er ist ein Knecht Gottes, begabt mit
aller erdenklichen Macht, ein besonders Auserwählter, und darum sichtlich ein
erster Liebling Gottes.
[GEJ.09_034,06] Siehe, so urteilen wir in der
Schrift wohlbewanderten Juden; ihr aber, die ihr gewohnt seid, aus jeder
außerordentlichen Erscheinung einen Gott zu machen, haltet solch einen vom
Geiste Gottes erfüllten Menschen um so eher gleich für den wahren Gott, weil er
vor euren Augen Zeichen gewirkt hat, die ganz sicher nur Gott allein möglich
sind. Aber er wirkt derlei unerhörte Wunderdinge doch nicht aus seiner eigenen
Menschenkraft, sondern nur durch die ihm auf eine Zeitlang verliehene
Willensmacht Gottes. So stehen diese Sachen, und ich bin überzeugt, daß er sich
selbst kein anderes Zeugnis geben wird.“
[GEJ.09_034,07] Sagte darauf der Grieche: „Du
hast auch nun wohl geredet und dürftest in manchem auch wohl so für den
Weltverstand der Menschen recht haben. Aber es hat der von dir angezogene
Prophet in seinen vielen Kapiteln auch noch anders gesprochen, was mir,
trotzdem ich ein Heide bin, nicht unbekannt ist, und das dürfte sich wohl mehr
zu meines Urteils Gunsten gestalten denn zu des deinen!“
[GEJ.09_034,08] Sagte der Rabbi: „So lasse
hören, was du weißt!“
[GEJ.09_034,09] Sagte der Grieche: „Gut, wie
ist denn hernach die Stelle zu verstehen, wo der Prophet also spricht: ,Uns ist
ein Knabe geboren, ein Sohn ist uns gegeben, dessen Herrschaft Er trägt auf der
eigenen Schulter! Sein Name ist: Wunderbar, Rat, Kraft, Held, Gott, Ewigkeit,
Vater, Friedensfürst.‘ – Wie erklärst du mir dies Zeugnis des Propheten?“
[GEJ.09_034,10] Darauf wußte der Rabbi nichts
zu antworten, sagte bloß so hingeworfen: „Nun ja, das steht wohl auch im
Jesajas; doch es ist dieser Prophet in gar vielen seiner Weissagungen sehr
dunkel und unverständlich, und man kann da nicht sicher feststellen, was er
darunter gemeint hat.“
[GEJ.09_034,11] Sagte der Grieche:
„Sonderbar, daß du als schriftkundiger Jude hier also urteilen magst, und das
geborene Kind und der gegebene Sohn, dessen großen Namen der Prophet offen
ausgesprochen hat, stehet doch unverkennbar in der Person, in Wort und Tat vor
uns! Er ist als nun ein uns sichtbarer Mensch auch ein Knecht, an dem Gott Sein
höchstes Wohlgefallen hat aus dem Grunde, weil Er sicher in aller Fülle in Ihm
wohnt. Sein Leib ist nur der Knecht; aber Seine Seele ist Gott von Ewigkeit.
Dieser Leib ist doch sicher ein allerhöchst Auserwählter Gottes, an dem Er Sein
innigstes Wohlgefallen hat! Ich als ein Heide werde hier nach meinem
natürlichen Sinne schier der Wahrheit näherstehen, als du mit aller deiner dir
nach deinem eigenen Zeugnisse unklaren und unverständlichen Schriftkundigkeit!“
[GEJ.09_034,12] Hierauf sagte der Rabbi gar
nichts mehr, ward ärgerlich und ging davon.
[GEJ.09_034,13] Ich aber sagte zu Meinen
Jüngern, die sich über den blinden Rabbi im geheimen auch ärgerten: „Da habt
ihr abermals ein Beispiel, wie das Licht den Juden genommen und den Heiden
gegeben wird. Diese Griechen waren vor ein paar kleinen Stunden noch feste
Götzendiener, und nun stehen sie im wahren Lichte schon um gar vieles höher
denn die sich auf ihre Schriftkundigkeit so viel einbildenden Juden! Seid denn
froh, daß es nun einmal also gekommen ist! Wahrlich, Davids Thron wird nicht
mehr unter den Juden, sondern unter den Heiden aufgerichtet werden!“
[GEJ.09_034,14] Hier erst fiel Mir die Witwe
mit ihrem Sohne recht zu Füßen und sagte: „O Herr, Herr! Jetzt erst gehen mir
die Augen auf! Du bist der uns verheißene Messias! Oh, vergib es unserer
Blindheit, daß wir Dich nicht alsogleich erkennen mochten!“
[GEJ.09_034,15] Ich aber sagte zu ihr: „Hebe
dich vom Boden, gehe mit deinem Sohne nach Hause und bereite uns ein Abendmahl;
denn heute bleiben wir in deiner Herberge! Ich habe dir das zwar schon ehedem
gesagt, aber nun tue alsbald, was Ich dir geboten habe!“
[GEJ.09_034,16] Hierauf erhob sich das Weib
alsogleich vom Boden und eilte gar selig mit ihrem Sohne nach Hause und machte
sich sogleich an die Bereitung eines guten Abendmahles, dessen wir schon
bedürftig waren.
35. Kapitel
[GEJ.09_035,01] Da aber die Sonne bereits
schon untergegangen war, so sagte Ich zu den Griechen: „Ich stelle es euch nun
ganz frei: Ihr könnet, so ihr Unterkunft findet, diese Nacht hier in Nahim
verbleiben oder aber auch euch nach Hause begeben. Es wird für euch das eine
wie das andere von keinem Nachteile sein.“
[GEJ.09_035,02] Sagte der Grieche, der Vater
der Blinden und der Vorsteher des griechischen Dörfchens: „Oh, Du Herr, Herr,
Herr von Ewigkeit, wegen der Unterkunft hat es hier seine ganz guten Wege! Wir
sind unser wohl bei hundert Personen stark, die aber alle bei der glücklichen
Witwe eine ganz geräumige Unterkunft finden können und mit Deiner allmächtigen
Hilfe auch werden. So wir heute Nacht um Dich verweilen dürfen, so bleiben wir,
und sollte uns in dieser Nacht zu Hause auch aller unser Weltquark zugrunde
gehen; denn ein Wort aus Deinem Gottesmunde zu vernehmen, ist endlos mehr wert
denn alle Schätze der Erde und mehr als die Sonne, der Mond und alle Sterne!
Wir bleiben darum hier. So viel, als die Herberge kosten wird, haben wir schon
Gelder bei uns; und sollte es alle unsere Güter kosten, so blieben wir dennoch
bei Dir, o Du Herr, Herr, Herr! Denn haben wir auch alle unsere Erdengüter um
Deinetwillen verloren, aber dabei Deine Gnade lebendig gefunden, so haben wir dadurch
ja einen endlos großen Gewinn gemacht! Darum bleiben wir, zu jedem uns
möglichen Opfer bereit, hier in Deiner Nähe!“
[GEJ.09_035,03] Sagte Ich: „So bleibet, – für
alles andere wird schon von Mir aus gesorgt sein! Denn wahrlich sage Ich es
euch: Wer in der Folge nicht eures Sinnes und Glaubens sein wird, dessen Seele
wird schwerlich das Reich Gottes einernten! Wenn ihr gleichfort so im Herzen
bei Mir verbleiben werdet, da werde auch Ich bleiben, im Geiste kräftig
wirkend, bei und unter euch; und bei denen Ich bleiben werde, die werden keinen
Mangel und keine Not je zu erleiden haben, weder für ihre irdischen Bedürfnisse
und noch weniger für die Bedürfnisse der Seele.
[GEJ.09_035,04] Mangel, Not und allerlei
Elend lasse Ich nur dann unter die Menschen kommen, wenn sie von Mir ganz
abgefallen und zum Teil finstere und dumme Götzendiener und zum Teil pur
selbstsüchtige und gottlose Weltlinge geworden sind. Denn Not und Mangel
nötigen die Menschen zum Denken über die Ursachen ihres Elends, machen sie
erfinderisch und scharfsichtig, und es werden auf diese Art bald ganz kluge und
weise Männer aus einem Volke aufstehen, die ihren Mitmenschen die Augen öffnen
und ihnen die Quellen des allgemeinen Elends zeigen, und viele treten dann bald
aus den Schranken ihrer Trägheit und rüsten sich zum Kampfe gegen jene mächtig
gewordenen Müßiggänger, die über die durch sie mit Blindheit geschlagenen
Völker tyrannisch herrschen und die eigentlichen Gründer des allgemeinen Elends
auf dieser Erde sind. Diese werden unter oft schweren Kämpfen entweder gänzlich
besiegt und vertrieben oder zum wenigsten dahin genötigt, den Völkern solche
Gesetze zu geben, unter denen sie bestehen können. Und so kehrt dann allzeit
nach dem Maße Glück und Wohlstand unter den Menschen ein, in welchem Maße die
Menschen wieder zu dem einen allein wahren Gott zurückzukehren angefangen
haben.
[GEJ.09_035,05] Würden die Menschen sich nie
von Gott abwenden, so würden sie auch nie in eine Not und in ein Elend
verfallen.
[GEJ.09_035,06] Wenn ihr sonach auch in euren
Nachkommen stets in und bei Mir im Glauben und in der Tat nach Meiner Lehre
verbleiben werdet, so werdet ihr auch nie ein Elend zu bestehen haben. Auch des
Leibes Krankheiten werden eure Seelen nicht ängstlich und kleinmütig machen;
denn des Leibes Krankheiten sind allzeit nur die bitteren Folgen der
Nichtbefolgung der von Mir den Menschen allzeit klar ausgesprochen gegebenen
Gebote.
[GEJ.09_035,07] Wer diese schon von seiner
Jugend an treu zu halten anfängt, der wird bis in sein hohes Alter keines Arztes
bedürfen, und seine Nachkommen werden nicht an den Sünden ihrer Eltern zu
leiden haben, wie das bei den alten, Gott getreuen Völkern oft durch
Jahrhunderte der Fall war. Aber wenn die Menschen auszuarten angefangen haben,
dann sind auch bald schwere Körperleiden über sie gekommen und haben sie die
Folgen der Gering- oder Garnichtachtung der Gebote Gottes kennen gelehrt.
[GEJ.09_035,08] Denn so da ist ein Mensch
nur, der eine kunstvolle Maschine zu irgendeinem Gebrauch anzufertigen
versteht, so versteht er sicher auch, wie sie zum zweckdienlichen Gebrauch zu
verwenden ist, und wie man die Maschine zu handhaben hat, daß sie nicht
verdorben und sodann zum ferneren Gebrauch völlig untauglich wird. Und wenn der
sachkundige Verfertiger der Maschine dem, der sie ihm zum Gebrauch abgekauft
hatte, sagt und zeigt, was er zu beachten hat, um von der Maschine einen
dauerhaft nützlichen Gebrauch machen zu können, so muß der Käufer das ja auch
genau beachten, was ihm der Maschinenmeister gesagt hat. So aber der Käufer mit
der Weile das entweder aus Eigen- oder Leichtsinn nicht mehr beachtet, wie die
Maschine zu behandeln und zu gebrauchen ist, so muß er es sich selbst
zuschreiben, daß die Maschine verdorben ist und somit für den guten Gebrauch
entweder ganz oder doch zum Teil unbrauchbar geworden ist.
[GEJ.09_035,09] Gott aber ist der große
Maschinenmeister des menschlichen Leibes, den Er zum nützlichen Gebrauch für
die Menschen als eine gar kunstvollste Maschine wohl eingerichtet hat. Gebraucht
die Seele diese belebte Maschine nach dem ihr klar erteilten Rat, der in den
Geboten Gottes besteht, so wird der Leib auch in seiner stets wohl brauchbaren
Gesundheit verbleiben; mißachtet aber mit der Zeit die träg und sinnlich
gewordene Seele diese Gebote des ewig großen Maschinenmeisters, so muß sie es
sich denn auch selbst zuschreiben, so ihr Leib in allerlei Elend verfallen ist.
Ich meine, daß ihr alle Mich wohl verstanden habt, und so wollen wir uns nun in
die Herberge begeben.“
[GEJ.09_035,10] Die Griechen konnten Mir
nicht genug danken für diese Belehrung, und auch Meine Jünger sagten: „Das war
einmal wieder ein klares Wort!“
[GEJ.09_035,11] Darauf machten wir uns auf
den Weg und begaben uns in die schon bekanntgegebene Herberge, allwo schon ein
reichliches und wohlbereitetes Mahl unser harrte.
36. Kapitel
[GEJ.09_036,01] Da aber die Witwe auch die
Griechen ankommen sah, da ward ihr bange, weil sie zu wenig vorbereitet habe.
[GEJ.09_036,02] Ich aber beruhigte sie und
sagte, daß das Bereitete für alle genügen werde.
[GEJ.09_036,03] Sie glaubte, und wir setzten
uns an die Tische und hatten mehr als hinreichend zu essen und zu trinken.
[GEJ.09_036,04] Es fing aber alles sich
überhoch zu verwundern an – und ganz besonders die Witwe, die am besten wußte,
für wie viele Gäste sie die Speisen bereitet hatte –, wie nun mehr als dreimal
so viele Gäste schon bei einer Stunde lang aßen und tranken, und man merke den
Speiseschüsseln noch nicht an, daß in ihnen der Speise weniger geworden wäre.
Auch die Weinkrüge schienen sich von neuem selbst zu füllen.
[GEJ.09_036,05] Als die Sache noch eine Weile
so andauerte, da kam die Witwe mit ihrem Sohne zu Mir und sagte: „O Herr, nun
erst weiß ich ganz, wer in Deiner höchst heiligen und anbetungswürdigen Person
mein unwürdigstes Haus betrat! Die Griechen hatten recht, dem alten Rabbi auf
seine eingebildete Judenweisheit zu zeigen, daß sie die bei weitem Weiseren
sind. Er hat sich auch weislich davongemacht und ist nun am Abend, wie sonst
doch gewöhnlich, nicht zu mir gekommen. Aber nun, o Herr, Herr, möchte ich denn
doch auch aus Deinem heiligsten Munde erfahren, was mich denn vor Dir so würdig
gemacht hat, daß Du mir armen Sünderin solche Gnaden erweisen mochtest!“
[GEJ.09_036,06] Sagte Ich: „Ich kenne wohl
dein Leben schon von der Wiege an, aber Ich kenne auch dein Herz, dem viele
Arme ihr Leben zu danken haben; und darum bin Ich zu dir gekommen in deiner
größten Not. Denn du selbst bist schon ziemlich alt und schwächlich geworden,
und dieser dein einziger Sohn sollte deine Hauptstütze werden, wie du dir das
auch mit Recht erhofftest; aber er ward krank und starb. Da Ich da wohl ersah
deinen Schmerz und deine Not, aber daneben auch die sicher bald eintretende Not
der vielen Armen, die infolge deiner eigenen Schwäche und Hilflosigkeit ihre
bisherige Versorgung in deinem Hause mehr und mehr verloren hätten, so kam Ich,
um nicht nur allein dir, sondern auch den vielen andern Armen und durch
allerlei Not Bedrängten wunderbar zu helfen.
[GEJ.09_036,07] Siehe, das ist der eigentliche
Grund, der Mich bestimmte, zu dir zu kommen! Denn wahrlich, wahrlich sage Ich
euch allen: Wer da nach seinem Vermögen den armen und bedrängten Nebenmenschen
allzeit Barmherzigkeit und Liebe erweist in aller Freundlichkeit, der wird auch
bei Mir Erbarmung, Liebe und Freundlichkeit finden; denn darin besteht das
wahre Reich Gottes, das in Mir nun zu euch gekommen ist, daß ihr Gott liebet
über alles und eure Nächsten wie euch selbst. Wer das tut, der erfüllt das
ganze Gesetz und steht in der vollen Gnade Gottes, und Jehovas segnende Hand
ist über ihm. Wer in solcher Liebe verharrt, der ist und bleibt in Mir und Ich
in ihm. Wer aber in Mir ist, wie auch Ich in ihm, der hat in sich das ewige
Leben und wird den Tod nicht sehen und schmecken; denn er ist also schon in
dieser Welt ein rechter Bürger des Reiches Gottes, in dem es ewig keinen Tod
mehr gibt. Beherziget das alle wohl, und handelt danach; denn darum kam Ich
Selbst in diese Welt, um den Menschen also das wahre Gottesreich zu überbringen
und sie zu erlösen von aller Blindheit und vom Tode ihrer Seelen, der euch
bisher hart gefangenhielt. So nun jemand von euch noch etwas wissen will, der
mag fragen, und Ich werde ihm antworten.“
[GEJ.09_036,08] Als Ich solches ausgeredet
hatte, da wandte sich der neu belebte Sohn der Witwe an Mich und sagte: „O Herr
des Lebens, sieh, ich war völlig tot und lebe nun durch Deine Gnade wieder.
Werde ich von nun an bei der genauesten Beachtung Deines uns nun
bekanntgegebenen heiligen Willens gleich ewig fortleben und nimmerdar sterben?
Denn das Sterben ist ganz entsetzlich bitter, und ich möchte es nicht wieder
noch einmal verkosten! Ist man einmal tot, dann verspürt man freilich keinen
Schmerz mehr, und alle Angst und Furcht ist dahin, weil man um sich nichts mehr
weiß, nichts fühlt, sieht und hört; aber bis man völlig tot ist, das geht
höchst ängstlich und schmerzhaft zu! Daher möchte ich Dich, o Herr des Lebens,
wohl bitten, mich und auch alle andern guten Menschen nicht mehr sterben zu
lassen!“
[GEJ.09_036,09] Sagte Ich: „Mein lieber Sohn!
Ich habe es ja ehedem schon euch allen treuest und wahrst verkündet, daß die,
welche an Mich glauben, Mich über alles lieben und ihre Nächsten wie sich
selbst, den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken werden; denn wer nach Meinem Worte
das ewige Leben in sich hat, wie kann der sterben?
[GEJ.09_036,10] Du sagtest aber auch, daß der
Tod dann wohl auch gewisserart gut sei, so man einmal völlig tot ist, weil man
da nichts mehr höre, sehe und fühle und somit um sich nichts mehr wisse; aber
das, Mein lieber Sohn, ist wohl nicht also, wie du nun nach deinem Gefühle
urteilst! Dir kommt es nun freilich so vor, als wärest du in deinem leibestoten
Zustande völlig tot und bewußtlos gewesen; aber dem war nicht so.
[GEJ.09_036,11] Denn daß du nun keine
Rückerinnerung an das hast, was deiner Seele in ihrer Abwesenheit vom Leibe
alles begegnet ist, das habe Ich ganz weise angeordnet; denn wäre deiner Seele
die Rückerinnerung geblieben an das, wie sie im Paradiese sich höchst wohl und
selig unter vielen Engeln befand, und wie sie dann traurig geworden ist, als
ihr diese verkündeten, daß sie nach dem Willen Jehovas noch einmal in ihren
Leib werde zurückkehren müssen, so würdest du dich als nun wieder mit deinem
Leibe vereint, nicht so heiter wie jetzt befinden. Ich könnte dir die vollste
Rückerinnerung gleich wieder verschaffen, so Ich das wollte; doch Ich würde dir
dadurch nichts Gutes erweisen, weil du dadurch für diese Welt, in der du noch
vieles zu wirken bekommen wirst, auf viele Jahre hin völlig untüchtig werden
würdest.
[GEJ.09_036,12] Es wird in deinem hohen Alter
schon wieder einmal eine Stunde kommen, in der Ich deine Seele aus dem Leibe zu
Mir rufen werde; dann werde Ich dir auch die Rückerinnerung an den dreitägigen
Zustand im Paradiese Meiner Engel zum voraus geben, und du selbst wirst Mich
dann kniend bitten, dich als Seele aus ihrem morsch gewordenen Leibe zu
erlösen.
[GEJ.09_036,13] Dein Leib wird dann freilich
noch einmal und für immer tot werden, und es wird in ihm kein Lebensbewußtsein zurückbleiben;
aber du wirst dann fortleben im vollkommensten Bewußtsein deiner selbst und
wirst mit Meinen Engeln, von einer Weisheits- und Liebesstufe stets seliger
werdend, emporsteigen und den Vater, der in Mir wohnt, stets tiefer und tiefer
erkennen und bewundern Seine end- und zahllos vielen und großen Schöpfungen.
[GEJ.09_036,14] Siehe, du Mein lieber Sohn,
also ist es, und also wird es sein, und du kannst das Mir wohl glauben; denn
Ich, der dich nun wieder in dieses Erdenleben zurückgerufen hat, und Ich als
die ewige Liebe, Weisheit, Macht, Kraft, Licht, Wahrheit und Leben Selbst habe
es dir nun geoffenbart!“
37. Kapitel
[GEJ.09_037,01] (Der Herr:) „Jetzt mußt du
freilich das alles nur glauben; so aber dein Glaube durch Werke lebendig wird,
so wirst du durch den lebendigen Glauben schon auch ins Schauen, Selbstfühlen
und tiefstes dich überzeugendes Erkennen übergehen, und das ist für die Seele
des Menschen um gar vieles besser, als so sie erst etwas als für überzeugend
wahr annimmt, was sie durch ihr eigenes Suchen und Forschen mühevoll auf dem
Erfahrungswege sich als eine Wahrheit zu eigen gemacht hat.
[GEJ.09_037,02] Es ist wohl solch eine
suchende und emsig forschende Seele sicher auch ihres Lohnes wert, da doch
jeder Arbeiter seines Lohnes wert ist, aber besser ist eine Seele, die, so sie
die Wahrheit – sage – aus dem Munde Gottes vernimmt, da glaubt und danach tätig
ist; denn dadurch eint sie durch die Liebe Meinen Geist mit sich, der ihr in
einer Stunde Zeit mehr der lichtvollsten Weisheit geben kann und auch gibt, als
sie sich auf dem Wege des höchsteigenen Forschens in hundert Jahren erwerben
kann. Aber darum sollte auch eine frommgläubige Seele das gerechte Suchen und
Forschen nicht auf die Seite setzen! Denn es sollte ein jeder Mensch alles prüfen,
was er von Menschen vernimmt, und das Gute, das auch allzeit wahr ist,
behalten; doch was leicht erkennbar von Mir Selbst den Menschen geoffenbart
wird, das braucht der Mensch nicht viel zu prüfen, sondern nur zu glauben und
danach zu handeln, und die lebendige Wirkung wird sich ihm bald sehr bemerkbar
zu machen anfangen.
[GEJ.09_037,03] Wer an Mich glaubt, Meinen
Willen tut und Mich liebt über alles und seinen Nächsten wie sich selbst, zu
dem werde Ich Selbst kommen und Mich Ihm treulich offenbaren. In der Folge aber
wird es also sein, daß am Ende ein jeder, den es wahrhaft nach Mir als der
ewigen Wahrheit dürstet, von Mir belehrt werden wird; denn Ich, als die
Wahrheit im Vater, bin gleich wie ein Sohn, der Vater aber ist die ewige Liebe
in Mir. Wen sonach die Liebe oder der Vater zieht, der kommt auch zum Sohne
oder zur Wahrheit.
[GEJ.09_037,04] Darum ist es besser, sich Mir
durch die Liebe zu nahen als durch das Erforschen der puren Wahrheit. Denn mit
der Liebe kommt auch der Geist der Wahrheit unfehlbar gleich also, wie mit dem
Feuer, so es sich zur lebendigen Flamme gesteigert hat, das Licht; aber so
jemand ein irgend fernes Licht wohl ersieht und demselben nacheilt, da wird er
sicher länger zu tun haben, bis er an die Stelle des Lichtes gelangen mag, um
daselbst auch von des Lichtes lebendiger Flamme zum Leben erwärmt zu werden.
[GEJ.09_037,05] Wer Gott wahrhaft sucht, der
muß Ihn im eigenen Herzen, also im Geiste der Liebe, in der alles Leben und
alle Wahrheit verborgen ist, suchen, und er wird Gott und Sein Reich auch so
leicht und bald finden, – auf jedem andern Wege aber schwer und in dieser Welt
oft wohl gar nicht.
[GEJ.09_037,06] Es heißt auch in der Schrift,
daß der Mensch Gott anbeten solle. Wie aber soll er Gott anbeten, so er erstens
Gott noch niemals anders als höchstens vom Hörensagen erkannt hat und dabei
kaum glaubt, daß es einen solchen Gott gibt, und zweitens, er auch nicht von
ferne hin weiß, was Gott anbeten heißt! An dem gewissen Lippengebet, bei dem
das Herz ferne ist, kann aber Gott ja doch wohl, als Selbst die ewige und
reinste Liebe, kein Wohlgefallen haben.
[GEJ.09_037,07] Gott anbeten heißt: Ihn stets
über alles lieben und den Nächsten wie sich selbst. Und Gott wahrhaft lieben
heißt: Seine Gebote treust halten unter oft noch so mißlich scheinenden
Lebensverhältnissen, die Gott, so es nach Seiner Liebe und Weisheit irgend
nötig ist, über einen und den andern Menschen kommen läßt zur Stärkung und
Lebensübung der von der Materie zu sehr angezogenen Seele; denn Gott allein
kennt jede Seele, ihre Natur und Eigenschaft, und weiß es auch am klarsten und
besten, wie ihr auf den wahren Lebensweg zu helfen ist.
[GEJ.09_037,08] Gott ist in Sich also der
höchste und reinste Geist, weil die reinste Liebe, und muß daher von jenen, die
Ihn wahrhaft anbeten wollen, im Geiste und in der Wahrheit angebetet werden,
und das ohne Unterlaß das ganze Leben hindurch, wie das auch tun alle Engel im
Himmel ewig!
[GEJ.09_037,09] Wäre das Lippengebet eine rechte
und Gott wohlgefällige Anbetung, und Gott verlangte das von den Menschen und
Engeln, so wäre Er ebenso schwach, eitel und unweise wie ein blinder und
hoffärtiger Pharisäer, der von jedermann über alles hochgeehrt sein und über
alles herrschen will. Denn so ein Mensch zu Gott Tag und Nacht mit dem Munde
beten sollte, und das ohne Unterlaß, wo würde er dann die Zeit zur andern
nötigen Arbeit hernehmen und wie für sich und die Seinen die nötige
Leibesnahrung schaffen? Leider gibt es nun unter den Juden eine Menge solcher
Narren und wird es auch fürderhin geben, die Gott mit nahe endlos langen
Lippengebeten anbeten und meinen, daß das ein wahrer Gottesdienst sei und Gott
daran ein Wohlgefallen habe, besonders, wenn ein solches Lippengeplärr mit
allerlei Zeremonie begleitet wird.
[GEJ.09_037,10] Allein, wahrlich sage Ich
euch allen: Wo Ich also von den Menschen angebetet und geehrt werde, da werde
Ich sofort Mein Gesicht abwenden und einer solchen Anbetung und Verehrung
nimmerdar achten, und das darum, um den dummen Menschen praktisch zu zeigen,
daß vor Mir derlei Anbetungen und Verehrungen ein wahrer Greuel sind und Ich
ihrer niemals achte, besonders jener schon gar niemals, die von den Priestern
ums Geld verrichtet werden, weil da der Betende, der darum von einem andern
bezahlt worden ist, bloß zum Scheine, zumeist ohne allen Glauben, ein solches
Gebet hinmurmelt, und der, dem das Gebet helfen soll, selbst zu träge ist,
seine Knie vor Gott zu beugen und daher lieber andere für sich beten läßt.
[GEJ.09_037,11] Liebet daher Gott über alles
und eure Nächsten wie euch selbst, und tut sogar denen Gutes, die euch Böses
tun, und betet sogestaltig auch für eure Feinde, und bittet ebenso für die,
welche euch hassen und verfluchen, und vergeltet nicht Böses mit Bösem – außer
im höchsten Notfalle, um einen wahren Bösewicht dadurch vom Wege des Lasters
möglicherweise auf den Weg der Tugend zu setzen –, und Ich werde solch eine
wahre und lebendige Anbetung mit dem innigsten väterlichen Wohlgefallen ansehen
und wahrlich keine eurer Bitten unerhört lassen! Aber ein pures Lippengebet
ohne Herz und vollsten Glauben werde Ich niemals ansehen und irgend erhören.
Ich habe euch nun getreust den rechten Lebensweg gezeigt; wandelt und handelt
also, und ihr werdet dadurch sein und bleiben in Mir und Ich in euch!
[GEJ.09_037,12] In wem aber Ich bin durch
seine Liebe zu Mir und daraus zum Nächsten, der wird nicht in der Nacht des
Gerichtes und des Todes der Seele, sondern gleichfort am hellsten Lebenstage
wandeln.
[GEJ.09_037,13] Und nun sage, du Mein lieber
Sohn, Mir, wie und ob du das wohl verstanden hast? Denn so du es recht
verstanden hast, so wirst du auch recht danach handeln und voll Lichtes
werden!“
38. Kapitel
[GEJ.09_038,01] Sagte der Jüngling: „O Herr,
Herr und ewiger Meister des Lebens, ich habe das alles wohl verstanden und
begriffen, und es kommt mir nun wahrlich vor, als ob es in meinem Herzen nun
schon ganz frei und lebenshelle geworden wäre, und ich bin darum auch schon zum
voraus lebendigst überzeugt, daß es mit der Zeit, so ich nach Deiner heiligsten
Lehre erst selbst vollernstlich die Hand ans Werk legen werde, in mir noch um
gar vieles lebensheller werden wird! O Herr, Herr! Lasse doch viele, ja alle
Menschen also in Deiner Liebe erleuchtet werden, und wir Menschen werden uns
dann schon in dieser Welt im Paradiese befinden!
[GEJ.09_038,02] Aber ich gewahre in mir nun
auch die starke Nacht in Jerusalem, mit der wir bis zu einem allgemeinen
Lebensvolltage gar viele Kämpfe zu bestehen haben werden; denn in meinem nun in
mir erwachten Lichte sehe ich erst den ganz entsetzlichen Gegensatz zwischen
Deiner reinsten Lehre und den haarsträubend machenden Trug- und somit
grundfalschen Lehren und elendsten Gesetzen des Tempels. Wie wird man denen zu
begegnen imstande sein? Denn die Templer haben die irdische Macht noch immer in
ihren Händen und verfolgen jeden anders Glaubenden, Denkenden und Handelnden
mit Feuer und Schwert. So sie uns, wenn sie hierher kommen, nach Deiner Lehre
lebend und handelnd treffen werden und uns um den Grund angehen werden, so
werden wir als in Deiner Wahrheit stehende Menschen doch auch nur die Wahrheit
sagen müssen, um nicht als Lügner vor ihnen und auch vor Dir, o Herr, Herr, zu
erscheinen!
[GEJ.09_038,03] Du ewiger Herr alles Seins
und der Himmel und der Erde, gib uns auch da einen Rat; denn ich, obschon noch
ein junger Mensch, sehe das nun auf einmal nur schon zu gut ein, wie wir uns da
nicht ohne die bittersten und harten Verfolgungen von seiten der Templer in
vielleicht schon jüngster Zeit befinden werden, und das um so mehr, je ernster
und reger wir nach Deiner Lehre leben und handeln werden. O Herr, Herr, was
wird da zu machen sein?“
[GEJ.09_038,04] Sagte Ich: „Nun, nun, du Mein
lieber Sohn! Bin Ich erstens denn nicht mächtiger denn der Tempel, der auch an
Mich nicht glaubt, sondern Mich nur in einem fort verfolgt, zu fangen und zu
verderben trachtet? Wer an Mich glaubt, auf Mich baut und vertraut, dem werde
Ich doch wohl auch wider die blinde Macht des Tempels zu Hilfe kommen können!
Glaubst du das wohl?“
[GEJ.09_038,05] Sagte der Jüngling: „O Herr,
Herr, vergib mir meine eitel törichte Furcht, ich glaube, ich glaube das
ungezweifelt! Du als der ewig alleinige Herr über Leben und Tod wirst die
Deinen zu schützen wissen auch gegen die Macht aller Höllen, so sehr sie auch
bemüht sind auf der ganzen Erde, das Reich Gottes zu vernichten und das Reich
des ewigen Todes aufzubauen.“
[GEJ.09_038,06] Sagte Ich: „Ganz sicher, wahr
und gewiß! Aber ich sage dir als etwas Zweites noch hinzu: Seid auch ihr zwar
in euch sanft gleich den Tauben, gegen die Welt hin aber klug gleich den
Schlangen! Denn Ich will es nicht, daß ihr Meine Perlen offen all den
Weltschweinen vorzeigen und vorwerfen sollet.
[GEJ.09_038,07] So man euch aber irgend zur
Rede stellen wird, da werde schon Ich euch die Antwort in den Mund legen, – und
wahrlich, man wird euch auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein. So
Ich euch auch noch diese Versicherung gebe, da könnet ihr in Meinem Namen jedem
Kampfe, der euch irgend erwarten dürfte, schon ganz mutvoll ins Angesicht
schauen. Denn in dieser Zeit wird die Ausbreitung Meines Reiches unter den
Menschen Gewalt brauchen, und die es werden haben wollen, werden es auch mit
Gewalt an sich reißen müssen! Doch der sichere Sieg wird darum nicht schwer zu
erkämpfen sein, weil Ich Selbst als der mächtigste Held den Kämpfern um Mein
Reich alle Hilfe werde angedeihen lassen! – Verstehst du auch das?“
[GEJ.09_038,08] Sagte der Jüngling: „Ja,
Herr, Herr, mit Deiner Gnade ist alles leicht zu verstehen; denn mit Deiner
Lehre gibst Du dem, der ernstlich nach ihrem göttlichen Sinne leben will, auch
das richtige Verständnis und damit auch den Mut, für die göttliche, reine und
lebensvolle Wahrheit den Kampf mit jedem Feinde aufzunehmen und siegreich zu
bestehen. Denn ich war tot, und Dein göttlich allmächtiges Wort hat meine
Glieder wieder belebt und das Herz von neuem zu pulsieren genötigt, und ebenso
hat Dein allmächtiger Wille nun denn auch unsere Schüsseln und Krüge nicht leer
werden lassen. Zudem hast Du uns allen noch das größte Lebensgut hinzugetan
durch die Gabe Deiner Lehre, durch die wir nun schon ganz lebendig wissen und
gar wohl erkennen, was wir zu tun haben und warum.
[GEJ.09_038,09] So wir nun das alles wissen
und Dich, o Herr, Herr, auch als den allein wahren Gott erkannt haben, so muß
uns das ja den vollsten Glauben und das innigste Vertrauen geben, daß Du uns
auch im Kampfe wider die Feinde der Wahrheit schützen und schirmen und den
sicheren Sieg über sie allzeit verleihen wirst, weil Du als die ewige Wahrheit
uns das treu verheißen hast. Wohl werden wir im Herzen sanft sein gleich den
Tauben, aber es wird uns auch an der Klugheit unseren allfälligen Feinden
gegenüber nicht fehlen mit Deiner Hilfe, o Herr, Herr!“
39. Kapitel
[GEJ.09_039,01] Nach diesen für einen
Jüngling sehr geistvollen Worten, über die sogar alle Meine Jünger sehr
erstaunten, sagte Mein alter Jünger Jakobus der Ältere: „Herr und Meister! Du
weißt es, wie selten ein Wort über meine Lippen kommt; doch hier fühle ich
einen eigenen Drang im Herzen, auch einmal ein paar Worte zu reden, so Du mir
solches gestatten wollest.“
[GEJ.09_039,02] Sagte Ich: „Mein lieber
Bruder! So Ich nicht wollte, daß auch du einmal unter Menschen redetest, da
hätte Ruhe dein Herz wie immer; also aber will Ich, daß auch du einmal redest,
und so öffne du nun nur den Mund und rede, was dir dein innerer Sinn geben
wird!“
[GEJ.09_039,03] Hierauf erhob sich Jakobus
und sprach: „Schon stark über zwei Jahre waren wir in schon gar vielen Orten
und Landen mit Dir und waren Zeugen von den schon nahe zahllos vielen
Wundertaten, die Du mit Deinem Willen verrichtet hast, und hast auch uns die
Macht gegeben, in Deinem Namen die Kranken zu heilen und die Besessenen von
ihren bösen Geistern zu befreien; kurz und gut, so jemand das alles, wovon wir
Zeugen waren, in Bücher schreiben würde, so würde er damit wohl in hundert
Jahren noch lange nicht fertig werden, und der Verstand der noch so weltweisen
Menschen würde den Sinn solcher Schriften auch nicht fassen und begreifen. Doch
diese Deine Tat hier in Nahim hat mich nun ganz besonders erregt, und ich
gestehe es hier ganz offen und sage: Hinter dieser Deiner Tat scheint ein ganz
besonderer, tief geistiger und prophetischer Sinn zu liegen.
[GEJ.09_039,04] Es liegt da wohl am Ende hinter
jeder Deiner vielen Lehren und Taten ein tiefer geistiger Sinn verborgen, und
ich selbst habe mir schon so manches ganz geheim bei mir enträtselt; aber
hinter dieser Deiner Tat scheint nach meinem Gefühle etwas ganz besonders
Großes und für die Zukunft sehr Wichtiges verborgen zu sein, und mich dürstet
nun ganz mächtig danach, von Dir auch nur so einige Winke zu überkommen, wohin
sich diese Deine Tat als weissagend wendet!“
[GEJ.09_039,05] Sagte Ich: „Du hast recht
geurteilt, Mein lieber Bruder Jakobus, der du schon von Meiner diesirdischen
Geburt an stets um Mich warst und somit auch von gar allen Meinen diesirdischen
Schritten, Tritten, Worten und Taten ein treuer Zeuge warst, nun noch bist und
auch bleiben wirst. Hinter dieser Tat steckt freilich wohl etwas ganz
Besonderes; doch das, was dahinter verborgen ist vor den Augen der Menschen,
ist für den Menschenverstand, wie er jetzt besteht, und für den euren nicht
wohl faßbar.
[GEJ.09_039,06] Ich sehe in Mir freilich die
ganze, nie endende Ewigkeit enthüllt und somit auch das als eine schon
vollendete Tat, was hinter dieser Meiner Tat verborgen ist; aber euer Geist
kann, wie nun noch in seiner Kindheit, das nicht schauen und fassen.
[GEJ.09_039,07] Weil du aber schon so ein
geheimer Denker bist und auch selbst begreifst und fühlst, daß Ich nichts tue,
was da nicht für die ganze Unendlichkeit und Ewigkeit eine wohlentsprechende
Bedeutung hätte, und du nur so einige Winke für dich von Mir haben möchtest, da
kann Ich dir denn auch einige Winke geben, und so höre!
[GEJ.09_039,08] Siehe, warum Ich Selbst als
ein Menschensohn in diese Welt gekommen bin, das habe Ich euch und auch gar
vielen andern Menschen nur schon zu oft mit steter Hinweisung auf die Propheten
kundgetan und habe das hier früher wieder berührt. Ich habe euch aber auch
schon sattsam gezeigt, welchen Verlauf in den künftigen Zeiten diese Meine
Lehre, die da ist eine wahrhaft von Mir Selbst neu gegründete Kirche, unter den
Menschen nehmen wird. Das habe Ich euch in Jerusalem auch mit großen Zeichen am
Firmamente gezeigt; und sieh, jene letzte und allerfinsterste Zeit, in der
Meine Lehre in ein tausendfach größeres Götzentum ausarten wird, als je auf der
ganzen Erde bis auf diese Zeit eine reine Gotteslehre ausgeartet ist, in der
man verstorbenen und von den Priestern heilig und selig gesprochenen Menschen
und sogar ihren vermoderten Gebeinen Tempel und Altäre erbauen und ihnen in
selben göttliche Verehrung erweisen wird, entspricht eben dieser Begebenheit.
[GEJ.09_039,09] Ich habe euch, Meinen Jüngern,
schon bei mehreren Gelegenheiten offen gesagt und gezeigt, daß Mein Reich nicht
von dieser Welt ist, daß ihr euch auch nicht sorgen sollet um den kommenden
Tag, was ihr essen und trinken werdet, sondern suchen, das Reich Gottes und
seine Gerechtigkeit unter den Menschen auszubreiten, und sollet euch dafür von
niemand als irgend pflichtgemäß bezahlen lassen, sondern nur das annehmen, was
euch der Menschen Liebe in Meinem Namen geben wird; denn umsonst habt ihr alles
von Mir empfangen, und umsonst sollet ihr es auch wieder andern geben!
[GEJ.09_039,10] Also habe Ich auch zu euch
und zu den andern etlichen siebzig Jüngern, die Ich in Emmaus hinausgesandt
habe, daß sie verkündeten den Menschen das Evangelium aus den Himmeln, gesagt,
daß keiner haben solle zwei Röcke, keinen Sack, um etwas einzustecken, und auch
keinen Stock, um sich gegen einen Feind zur Wehr zu setzen; denn Mein Name,
Mein Wort und Meine Gnade genüge jedem!
[GEJ.09_039,11] Also habe Ich euch und vielen
andern Menschen auch treu und offen gesagt, daß ihr niemanden richten sollet,
um nicht einmal selbst gerichtet zu werden, daß ihr auch niemanden verfluchen
und verdammen und nie jemanden feindlich verfolgen sollet, um nicht dasselbe an
euch zu erleben; denn mit dem Maße ihr ausmessen werdet, mit eben dem Maße wird
es euch zurückbezahlt werden!
[GEJ.09_039,12] Ja, ihr sollt nur beten für
die, welche euch hassen und fluchen, und Gutes erweisen denen, die euch Arges
zu tun bestrebt sind, so werdet ihr den Lohn von Mir zu erwarten haben und werdet
so glühende Kohlen über den Häuptern eurer Feinde sammeln und sie so am ehesten
zu euren Freunden machen!
[GEJ.09_039,13] Und sehet, unter dem Banner
der wahren und lebendigen Nächstenliebe habe Ich euch zu lehren, zu leben und
zu handeln befohlen und habe euch auch gesagt, daß man euch daran allzeit als
Meine wahren Jünger erkennen wird, so ihr euch untereinander also als Brüder
lieben werdet, wie Ich Selbst euch liebe, und daß man allzeit Meine wahren
Nachfolger pur an den Werken der uneigennützigsten Nächstenliebe erkennen wird.
[GEJ.09_039,14] Aber sehet, so wird es in
jener finstersten Zeit nicht sein, sondern gerade solcher Meiner euch treust
geoffenbarten Lehre nur schnurgerade entgegengesetzt!“
40. Kapitel
[GEJ.09_040,01] (Der Herr:) „Der wahre Glaube
und die reine Liebe werden in jener Zeit ganz erlöschen. An ihrer Stelle wird
ein Wahnglaube unter allerlei ärgsten Strafgesetzen den Menschen aufgedrungen
werden, gleichwie da auch ein böses Fieber dem Menschenleibe den Tod aufdrängt.
Und so sich irgendeine von Meinem Geiste gestärkte Gemeinde wider die falschen
und von Gold, Silber, Edelsteinen und andern großen Erdengütern strotzenden und
allerhochmütigsten und herrsch- und selbstsüchtigsten Lehrer und Propheten, die
sich als eure allein wahren Nachfolger und Meine Stellvertreter den Menschen
zur tiefsten Verehrung darstellen werden, erheben und ihnen zeigen wird, daß
sie nur gerade das Gegenteil von dem sind, als was sie sich den Menschen mit
der frechsten und Gottes vergessendsten Keckheit darstellen, indem sie sie
zwingen, nur bei ihnen allein das Seelenheil und die Wahrheit zu suchen, so
wird es da Kämpfe und Kriege und Verfolgungen geben, wie sie seit dem Beginne
der Menschen auf dieser Erde noch nicht stattgefunden haben.
[GEJ.09_040,02] Doch der allerärgste und
allerfinsterste Zustand wird nicht lange währen, und es wird kommen, daß die
falschen Lehrer und Propheten sich selbst am Ende den Todesstoß geben werden.
Denn es wird da Mein Geist, das ist der Geist aller Wahrheit, unter den vielfach
bedrängten Menschen wach werden, die Sonne des Lebens wird gewaltig zu leuchten
beginnen, und die Nacht des Todes wird sinken in ihr altes Grab.
[GEJ.09_040,03] Ich habe euch aber von dieser
nun dargestellten finsteren Zeit schon mehrere Male geweissagt und habe nur
darum ihrer nun wieder erwähnt, auf daß ihr um so leichter die Entsprechung in
diesem heute abendlichen Begebnis mit jener künftigen Zeit findet.
[GEJ.09_040,04] Seht, dies kleine Städtchen,
beinahe von allen Seiten mit heidnischen Dörfchen und Flecken umgeben, ist noch
von einer kleinen Anzahl Juden bewohnt, die gleich mit einigen Altsamariten
sich in einem reineren Judentume befinden, und denen die Tempelgesetze vielfach
ein Greuel sind! Sie sehen des Tempels arges und wirres Treiben gar gut ein,
obschon sie sich demselben nicht widersetzen können. Ihre Nachbarn sind Heiden,
die auf ihre Götzen zwar auch nichts halten, aber des äußeren Scheines halber
doch noch so tun müssen, als hielten sie etwas darauf. Sie glauben aber
eigentlich schon an gar nichts mehr als allein an einen guten Gewinn, den sie
irgend erbeuten können.
[GEJ.09_040,05] Und seht, also wird es in
jener von Mir geweissagten Zeit auch sein, freilich in einem großen
Weltumfange!
[GEJ.09_040,06] Es wird eine reine Gemeinde
ähnlich diesem Städtchen fortbestehen, umgeben zunächst mit völlig
glaubenslosen Menschen, die nur allerlei gewinnbringende Industrie treiben
werden und sich weder um Meine reine Lehre und noch weniger um das verrufene
Heidentum Roms in jener Zeit kümmern werden. Bei solchem Umstande wird es in
der reinen Gemeinde denn auch sehr verwitwet und traurig auszusehen anfangen.
[GEJ.09_040,07] Meine reine Lehre wird
gleichen der traurig gewesenen Witwe, deren toten Sohn Ich zum Leben wieder
erweckt habe; der Glaube aber bezeichnet den toten Sohn, den Ich erweckte. Ihn
tötete das arge Fieber, das da wieder gleicht dem Weltgewinnsinne, in den auch
dieses Völkchen überging, und zwar auf Grund des widersinnigsten und argen
Betrugtumes Jerusalems und daneben auch auf Grund der gänzlichen
Glaubenslosigkeit der diesen Ort umgebenden Heiden, die in der geweissagten
argen künftigen Zeit den Namen ,Industrielle‘ haben werden.
[GEJ.09_040,08] Also auf dem Grunde alles
dessen geht der ehedem reine, wenn auch darum junge Glaube, weil er sich erst
vor etwa sechzehn Jahren durch einen hier eingewanderten Samariten, der eben
der Gemahl dieser Witwe war, hier eingebürgert hatte, durch das Weltsinnsfieber
zugrunde, da er stirbt und wir ihm als einem Toten begegneten.
[GEJ.09_040,09] Aber da komme Ich Selbst,
bekehre die Heiden und komme mit ihnen hierher am größten Trauerabende dieser
Gemeinde und mache den toten Glauben wieder lebendig und gebe ihn der Witwe,
also der reinen Gotteslehre wieder zurück; und es werden nun nach dieser Meiner
Tat auch alle die Heiden hierher kommen und den wieder neubelebten Glauben an
einen, allein wahren Gott annehmen und ihr Leben einrichten nach Seinem ihnen
bekanntgegebenen Willen.
[GEJ.09_040,10] Das blinde Mädchen aber, das
Ich sehend gemacht habe, stellt die völlig glaubenslose Industrie jener Zeit
dar, von der nun die Rede ist, und sie wird eine derart karge und magere sein,
daß die zu stolzen und prachtliebenden Könige von den Menschen sogar große
Steuern mit aller Gewalt von dem fordern werden, was sie essen und trinken
werden, und es wird dadurch entstehen eine große Not, Teuerung, Glaubens- und
Lieblosigkeit unter den Menschen, die sich gegenseitig betrügen und verfolgen
werden.
[GEJ.09_040,11] Doch – das merket euch wohl!
– so die Not am größten sein wird, dann werde Ich der wenigen Gerechten wegen
kommen, und werde das Elend vertilgen von der Erde und Mein reines Lebenslicht
leuchten lassen in den Herzen der Menschen.
[GEJ.09_040,12] Und nun habe Ich dir, du Mein
lieber Bruder Jakobus, die Winke, die du von Mir gewünscht hast, mit dem
Gesagten auch gegeben, und du als ein kräftiger Denker wirst das Weitere leicht
finden.
[GEJ.09_040,13] Obschon aber ein solches
Vorerkennen der leidigen Zukunft die Seele des Menschen nicht seliger zeiht, so
schadet es ihr auch nicht, wenn sie sich in den Entsprechungen übt und durch
sie das erkennt, wie alles Sichtbare, was da ist und geschieht in dieser Welt,
mit der inneren und verborgenen Welt der Geister, die alle Zeiten und Räume als
stets in enthüllter Gegenwart in sich faßt, auf das innigste zusammenhängt und
aufeinander Beziehung hat. – Habt ihr nun das alles wohl verstanden?“
41. Kapitel
[GEJ.09_041,01] Sagten darauf alle: „Ja, Herr
und Meister, was Du uns jetzt wieder erläutert hast, das haben wir wohl verstanden;
nur das ist uns noch trotz dem vielen, was wir darüber schon aus Deinem Munde
vernommen haben, stets nicht völlig klar, warum Du es zulässest, daß in dieser
Welt in einem fort nach einem aus Deinen Himmeln unter die Menschen gekommenen
Lichte wieder eine langwierige dichteste Geistesnacht folgen muß.
[GEJ.09_041,02] Wir alle, die wir nun aus
Deinem Munde die reinste Lehre erhalten, werden sie als lebendige Zeugen Deiner
persönlichen Gegenwart, Deiner Taten und Lehren auch ebenso rein den andern
Menschen überliefern, und unsere Nachfolger werden dasselbe wieder tun. Und
sollte es jemanden geben, der den Menschen in Deinem Namen etwa ein anderes
Evangelium predigen würde, so wirst Du das ja sehen und sicher klarst darum
wissen! Solch einem Propheten wird Deine Macht ja doch den Mund zuschließen
können! Wenn das geschähe, dann sehen wir nicht ein, wie da Deine reinste und
göttlichste Lehre je verfälscht und am Ende in ein finsterstes und plumpstes
Heidentum verkehrt werden könnte.
[GEJ.09_041,03] Sagte Ich: „Ihr sehet jetzt
noch gar vieles nicht ein, was Ich aber wohl einsehe! Und so hätte Ich euch gar
vieles noch zu sagen und zu erklären, aber ihr würdet das nun noch nicht fassen
und ertragen. So Ich aber nach Meiner Auffahrt Meinen Geist aller Wahrheit über
euch ausgießen werde, dann wird er euch in alle Weisheit führen, und ihr werdet
dann alles einsehen und fassen, was ihr jetzt noch lange nicht einsehen und
fassen könnet.
[GEJ.09_041,04] Sehet aber und gebet wohl
acht darauf, was Ich euch nun noch sagen werde! Ich werde euch aber keine Lehre
geben, sondern nur vielen Sinn enthaltende Beispiele, aus denen euch klarer
werden mag, warum ihr jetzt trotzdem, daß ihr schon so vieles von Mir gesehen
und gehört habt, noch gar vieles nicht einsehen und fassen könnet.
[GEJ.09_041,05] Seht und betrachtet das Licht
der Sonne in seiner mannigfachsten Wirkung auf die Kreaturen nur dieser Erde
und also auch die verschiedenartigste Wirkung des Regens auf das Erdreich, auf
die Pflanzen, Tiere und Menschen! Da stehen auf demselben Felde heilsame
Kräuter und mitten unter ihnen aber giftiges Unkraut. Woher nehmen die
Giftkräuter ihr Gift, da sie doch von einer und derselben Sonne beschienen, in
der gleichen Erde ihre Wurzeln haben und vom gleichen Regen und Tau befeuchtet
und belebt werden?
[GEJ.09_041,06] Seht, das wirkt der innere
Geist und verkehrt das Licht und den Regen in sein Eigentümliches! Der Löwe,
der Panther, der Tiger, die Hyäne, der Wolf und noch eine Menge anderer
Raubtiere nähren sich vom Fleische sanfter Tiere und werden auch von derselben
Sonne beschienen und erwärmt, und löschen sich den Durst mit demselben Wasser
wie die sanften und zahmen Haustiere; woher kommt ihnen ihre Wildheit? Seht,
die erzeugt ihr innerer Geist, der das Sanfte in sich in die reißende Wildheit
verkehrt!
[GEJ.09_041,07] Gehet weiter hin in ein Haus,
und ihr werdet daselbst finden ein mit mehreren Kindern wohlgesegnetes
Elternpaar! Diese Kinder haben alle nur einen und denselben Vater, eine und
dieselbe Mutter, genießen an der Eltern Tische dieselbe Kost, empfangen den
gleichen Unterricht und genießen die gleiche Pflege; aber da ist das eine
leiblich stark, das andere schwach, ein anderes ist munter und voll Fleiß in
allem und wieder ein anderes mürrisch und träge. Wieder ein anderes dieser
Kinder ist voll Talente und lernt und begreift alles leicht. Ein anderes wieder
ist zwar voll guten Willens; aber es fehlt ihm an Talenten, lernt schwer und
begreift alles nur mühsam und selten ganz so, wie etwas zu Erlernendes
begriffen werden soll. Und so werdet ihr unter diesen Kindern noch eine Menge
anderer Unterschiede merken. Ja, wie kommt denn das? Möchtet ihr da nicht auch
sagen: ,Aber, Herr und Meister, wie und warum läßt denn Du das zu? Was kann das
wohl für einen weisen Zweck haben?‘
[GEJ.09_041,08] Ja, sehet, auch daran
schuldet der innere freie Geist, und er bewirkt solches alles; und wäre dem
nicht also, so gäbe es auch keinen inneren freien Geist, dessen Aufgabe es ist,
sich aus sich selbst zu einem selbständigen Sein auszubilden und zu gestalten.
[GEJ.09_041,09] Wie und warum aber also, das
habe Ich euch schon bei verschiedenen Gelegenheiten gezeigt und es euch auch
anschaulich zur Genüge erklärt; aber dennoch fasset ihr derlei Dinge noch nicht
in der rechten Tiefe, dieweil der ewige Geist aller Wahrheit und Weisheit eure
Seelen noch nicht völlig durchdrungen und erfüllt hat.
[GEJ.09_041,10] So ihr aber diese euch nun
vorgezeigten Bilder nur einigermaßen durchdenket, so wird es euch auch bald und
leicht klarer werden, wie mit der Zeit ein noch so reinstes Licht aus Meinen
Himmeln in eine dickste Heidenfinsternis verkehrt werden kann und auch wird,
und daß Ich am Ende das doch eher zulassen muß, als mit aller Meiner Macht und
Gewalt den freien Lebensgeist im Menschen zu knebeln.
[GEJ.09_041,11] Wie würde euch eine Erde wohl
gefallen, auf der ein Ding dem andern so völlig ähnlich wäre, wie ein Auge dem
andern? Wie gefielen euch die Menschen, die sich in allem so gleich sähen wie
die Sperlinge, von denen keiner weiser und stärker ist als sein ihm völlig
ähnlicher Nachbar? Ich meine, daß euch so eine mathematisch gleiche Welt in der
kürzesten Zeit sehr zu langweilen anfinge. Und wäre das in Meinen freien
Himmeln etwa anders, so es dort nicht noch endlosere Verschiedenheiten und
Mannigfaltigkeiten gäbe?
[GEJ.09_041,12] Oder was würdet ihr von
Meiner Weisheit denken, so Ich aller Wesenheit nur die Gestalt eines Eies
gegeben hätte? Seht, es ist demnach schon alles recht und gut also, wie es ist!
Ihr sehet, wie schon gesagt, nun freilich von gar vielem den Grund nicht ein;
aber es wird die Zeit schon kommen, in der ihr das alles fassen und begreifen
werdet. Und somit wollen wir uns nun mit dem begnügen, was uns bis jetzt
gegeben ist.
[GEJ.09_041,13] Nun aber stehen noch Speisen
und Wein vor uns auf den Tischen, und wir wollen denn auch noch etwas für
unseren Leib tun. Dann aber werden wir uns zur Nachtruhe begeben und uns morgen
früh wieder auf den Weg machen. Wohin, das wird uns der Geist des Vaters
künden.“
[GEJ.09_041,14] Auf diese Meine Rede
erstaunten die Griechen über alle Maßen und lobten und ehrten Mich. Ich aber aß
und trank noch ungestört weiter, und so auch alle die andern. Nach dem Essen
aber erhob Ich Mich, und die Witwe ließ Mir und den Jüngern gute Lager
bereiten. Die Griechen aber blieben bei ihren Tischen.
42. Kapitel
[GEJ.09_042,01] Da die Witwe aber vernahm,
daß Ich am Morgen früh mit Meinen Jüngern abreisen würde, so sorgte sie auch
dafür, daß zeitlich zur Genüge ein Morgenmahl bereitet werde. Als wir denn am
frühen Morgen vom Nachtlagerzimmer in das Gastzimmer kamen, da war das
Morgenmahl auch schon bereitet, und die Witwe trat mit ihrem Sohne zu Mir und
bat Mich, daß Ich vor der Abreise mit Meinen Jüngern das Morgenmahl zu Mir
nehmen möchte.
[GEJ.09_042,02] Ich aber sah, daß der
Griechen Tische noch nicht gedeckt waren, und sagte zur Witwe: „Siehe, auch die
Griechen, die an Mich glaubend geworden sind, sollen nicht mit nüchternem Magen
heimkehren! Decke auch ihren Tisch, damit sie sehen, daß Ich nicht nur den
Juden, sondern auch den Heiden das Brot des Lebens gebe!“
[GEJ.09_042,03] Als die Witwe das vernahm, da
eilte sie hinaus in die Küche, um auch für die Griechen ein Morgenmahl zu
bereiten.
[GEJ.09_042,04] Als sie aber in die Küche
kam, da fand sie schon ein genügendes Morgenmahl vollauf wohlbereitet und
fragte ihre Küchenmägde unter großem Staunen, wer denn da das zweite Morgenmahl
für die Griechen in so kurzer Zeit bereitet hätte.
[GEJ.09_042,05] Die Mägde aber sagten: „Wir
wissen das nicht und haben auch niemanden außer uns in der Küche gesehen; aber
was du nun mit großem Staunen ersiehst, das ersahen wir auch mit gleichem
Staunen, und es überfällt uns eine Furcht. Der große und mächtige Prophet, der
dir gestern den Sohn belebte, wird das veranlaßt haben durch die Macht seines
Willens! Ja, ja, es ist unter den Juden ein großer Prophet aufgestanden, und
Gott hat in ihm Sein Volk, das Seiner sehr zu vergessen begann, wieder einmal
sichtlich heimgesucht, – und auf diese Heimsuchung, so sich die Menschen nicht
alsbald bekehren und Buße wirken werden, wird sicher folgen ein großes Gericht
und wird vertilgen alle Übeltäter.“
[GEJ.09_042,06] Sagte die Witwe: „Ja wohl, ja
wohl, da möget ihr ganz recht haben! Aber, da nun auch auf eine so überaus wundersame
Weise das Morgenmahl auch für die Griechen bereitet ist, so traget es sogleich
in das Gastzimmer, und setzet es auf den Tisch, an dem die Griechen sitzen;
denn also will es der große und mit aller Gottesgeisteskraft erfüllte Prophet!“
[GEJ.09_042,07] Auf diese Worte der Witwe
wurde das wundersam bereitete Morgenmahl denn auch sogleich auf den
Griechentisch gebracht, und wir begannen denn auch sogleich das wohlbereitete
Morgenmahl einzunehmen und waren dabei voll guten Mutes.
[GEJ.09_042,08] Es wollte aber die Witwe den
Griechen, die sich über die schnelle Bereitung des für sie von Mir verlangten
Morgenmahles sehr wunderten, zu erzählen anfangen, wie es bereitet wurde.
[GEJ.09_042,09] Ich aber sagte zu ihr: „Weib,
was du reden willst, dafür wird sich, nachdem Ich abgereist sein werde, noch
eine hinreichende Zeit finden lassen; jetzt aber essen und trinken wir, was auf
die Tische gesetzt ist!“
[GEJ.09_042,10] Auf diese Meine Ermahnung
schwieg die Witwe und aß und trank mit uns.
[GEJ.09_042,11] Nach einer halben Stunde Zeit
hatten wir alle das Morgenmahl eingenommen, und Ich erhob Mich mit Meinen
Jüngern vom Tische, und wir schickten uns zur Abreise an.
[GEJ.09_042,12] Als wir aber gewisserart
schon die Füße in Bewegung setzen wollten, da kamen schon eine Menge Menschen
von der Stadt vor das Herbergshaus der Witwe und wollten sich da erkundigen, ob
der vom Tode erweckte Sohn der Witwe wohl noch lebe, und ob die Erweckung eine
wirkliche oder etwa nur eine scheinbare gewesen sei. Denn es hätten auch schon
große Zauberer, die oft aus den fernen Morgenländern nach Judäa herübergekommen
seien, tote Menschen wieder lebendig gemacht; aber das Leben wäre nur von
kurzer Dauer gewesen, indem es nur ein Schein-, aber kein wirkliches Leben war,
und sie möchten darum nun sogleich erfahren, ob der Sohn noch fortlebe, oder ob
er das Leben wieder zu verlieren anfange, wie etwa das nach allen zauberischen
Wiederbelebungen noch stets der unausbleibliche Fall gewesen sei.
[GEJ.09_042,13] Da fragte Mich die Witwe, was
sie den zudringlichen Fragern sagen solle.
[GEJ.09_042,14] Und Ich sagte zu ihr:
„Schicke den Sohn hinaus zu den Fragern! So sie ihn ganz frisch und gesund
ersehen werden, da wird er selbst die allerbeste Antwort auf alle ihre albernen
Fragen sein. Es hat sie der hiesige Rabbi also beredet aus Ärger, weil ihm
gestern die Griechen dargetan haben, daß sie den Propheten Jesajas besser
verstehen denn er als ein alter Schriftgelehrter. Der Rabbi also hat die Frager
über die Zauberer, von denen er selbst nur reden gehört, aber nie einen gesehen
hat, also unterrichtet, daß sie nun zweifeln; wenn sie aber den Sohn sehen
werden, so werden ihre Zweifel weichen.
[GEJ.09_042,15] Nehmet euch aber in acht vor
dem Rabbi und vor den Pharisäern; denn sie werden, um ihrer Behauptung den
Glauben und Triumph beim Volke zu erhalten, dem Sohne, so sie ihn gleichfort
gesund leben sehen werden, nach dem Leben trachten und werden ihn irgend zu
vergiften suchen! Darum ladet sie ja nicht zu Gaste, und lasset euch auch von
ihnen niemals zu Gaste laden, und nehmet von ihnen auch keine sonstigen Dinge
an, so werden sie euch nichts antun können! Das beachtet, und Ich werde euch
vor allen andern Gefahren bewahren! Und nun gehe du mit dem Sohne hinaus, auf
daß sie dadurch die einfachste und beste Antwort auf ihre vielen Fragen
erhalten!“
[GEJ.09_042,16] Hierauf ging die Witwe mit
dem Sohne hinaus zu den vielen Fragern und sagte zu ihnen, mit der Hand
deutend: „Sehet, ihr Zweifler alle, dieser mein Sohn lebt und ist frisch und
gesund! Er ist somit von dem großen, mit dem Geiste Gottes erfüllten Propheten
nicht scheinbar, sondern wirklich vom Tode zum Leben erweckt worden. Gehet hin,
und saget das auch dem Rabbi, der euch so töricht unterwiesen hat!“
[GEJ.09_042,17] Hierauf sagte auch der Sohn,
den alle wie ein Weltwunder angafften: „Ja, ja, ich lebe, bin auch ganz heiter,
frisch und gesund und werde nach der Verheißung Dessen, der mich vom Tode zum
Leben erweckt hat, auch fortleben; und so ich Seinen Willen fortan tun und
völlig erfüllen werde, da werde ich auch gleichfort leben und keinen Tod je
mehr sehen, fühlen und schmecken. Gehet hin und saget auch das dem Rabbi, auf
daß möglicherweise auch er gläubig und selig werden möge!“
[GEJ.09_042,18] Als die Frager den ihnen
wohlbekannten Sohn also gesehen und gesprochen hatten, da wich aller Zweifel
von ihnen, und einige fingen an, darum auf den Rabbi unmutig zu werden, weil er
sie hierüber ganz falsch unterrichtet hatte.
[GEJ.09_042,19] Als die Witwe mit ihrem Sohne
wieder ins Zimmer kam, dankte sie samt ihrem Sohne Mir für den guten Rat und
hatte eine große Freude, daß sie die vielen lästigen Frager so bald und so
leicht losgeworden waren.
43. Kapitel
[GEJ.09_043,01] Darauf aber trat noch der
Grieche, welcher schon früher der Wortführer war, zu Mir und sagte: „Herr,
Herr, Gott und Meister von Ewigkeit in Deinem Geiste! Du verläßt uns nun zwar
in Deiner sichtbaren Persönlichkeit, aber wir bitten Dich, daß Du mit Deinem
höchsten Gottgeiste bei uns bleiben wollest, und uns nur dann und wann ein
Zeichen geben, das uns ein Bürge sei, daß Du unser gedenkest und also im Geiste
auch bei uns seiest.“
[GEJ.09_043,02] Sagte Ich: „Ja, das wird auch
also sein bis ans Ende der Zeiten dieser sichtbaren Welt! Doch nicht nur ein Zeichen,
sondern mehrere sollet ihr allzeit haben davon, daß Ich im Geiste bei euch,
unter euch und in euch gegenwärtig bin! Die sicheren und niemals trügenden
Zeichen aber werden allzeit und ewig folgende sein:
[GEJ.09_043,03] Erstens, daß ihr Mich mehr liebet
denn alles in der Welt! Denn so jemand irgend etwas in der Welt mehr liebt denn
Mich, der ist Meiner nicht wert; wer Mich aber wahrhaft liebt über alles, der
ist eben durch solche wahre Liebe in Mir, und Ich bin in ihm.
[GEJ.09_043,04] Ein zweites Zeichen Meiner
Gegenwart bei euch sei auch das, daß ihr aus Liebe zu Mir eure Nächsten und
Nebenmenschen, jung und alt, ebenso liebet wie euch selbst; denn wer seinen
Nächsten nicht liebt, den er sieht, wie kann der Gott in Mir lieben, den er
nicht sieht? Wenn ihr Mich auch jetzt sehet und höret, so werdet ihr Mich in
dieser Welt fortan doch nicht mehr sehen! Und so ihr Mich nicht sehen werdet,
wird eure Liebe also bleiben, wie sie nun ist, da ihr Mich sehet? Ja, es wird
bei euch die Liebe wohl bleiben; aber sehet auch, daß sie bei euren Nachkommen
also bleiben wird! Denn so Mich jemand wahrhaftig im Herzen über alles lieben
wird dadurch, daß er leben und handeln wird nach Meinem ihm geoffenbarten
Willen, zu dem werde Ich Selbst wie persönlich im Geiste kommen und werde Mich
ihm als vollends gegenwärtig offenbaren.
[GEJ.09_043,05] Ein drittes Zeichen Meiner
Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß euch allzeit alles
gegeben wird, um was ihr den Vater in Mir in Meinem Namen ernstlich bitten
werdet. Aber es versteht sich von selbst, daß ihr Mich nicht um dumme und
nichtige Dinge dieser Welt bittet; denn so ihr das tätet, da zeigtet ihr ja
doch offenbar, daß ihr derlei Dinge mehr liebtet denn Mich, und das wäre dann
wahrlich kein Zeichen Meiner Gegenwart bei, in und unter euch.
[GEJ.09_043,06] Ein viertes Zeichen Meiner
mächtigen Gegenwart bei, in und unter euch wird auch das sein, daß so ihr den
leiblich kranken Menschen aus wahrer Nächstenliebe in Meinem Namen die Hände
auflegen werdet, es mit ihnen besser werden soll, wenn das Besserwerden zum
Heile ihrer Seelen dienlich ist.
[GEJ.09_043,07] Es versteht sich aber auch da
von selbst, daß ihr dabei allzeit saget im Herzen: Herr, nicht mein, sondern
nur Dein Wille geschehe! Denn ihr könnet es nicht wissen, ob und wann das
Besserwerden des Leibes einer Seele zum Heile dienlich ist, und ein ewiges
Leben auf dieser Erde im Leibe ist keinem Menschen beschieden! Daher kann das
Händeauflegen auch nicht allzeit und jedem Menschen von seinen Leibesübeln Befreiung
verschaffen. Aber ihr werdet dennoch keine Sünde dadurch begehen, so ihr jedem
Kranken die euch angezeigte Liebe erweiset; den Helfer werde schon Ich machen,
so es zum Seelenheile des Menschen dienlich ist, – was Ich allein nur wissen
kann.
[GEJ.09_043,08] So ihr irgend aus der Ferne
vernommen habt, daß da ein oder der andere Freund von euch krank daniederliegt,
da betet über ihn, und leget im Geiste die Hände auf ihn, und es soll auch
besser werden mit ihm!
[GEJ.09_043,09] Dabei aber bestehe das im Herzen
nur auszusprechende Gebet in folgenden wenigen Worten: ,Jesus, der Herr, wolle
dir helfen! Er stärke dich, Er heile dich durch Seine Gnade, Liebe und
Erbarmung!‘ So ihr das voll Glauben und Vertrauen zu Mir über einen noch so
ferne von euch sich irgendwo befindenden kranken Freund – oder Freundin –
aussprechen und dabei über ihn im Geiste eure Hände halten werdet, so wird es
mit ihm zur Stunde besser werden, wenn das zu seinem Seelenheile dienlich ist.
[GEJ.09_043,10] Ein noch fünftes Zeichen
Meiner Gegenwart bei, in und unter euch aber wird auch noch das sein, daß ihr,
so ihr Meinen Willen allzeit tuet, in euch des Geistes Wiedergeburt erreichen
werdet. Das wird sein eine wahre Lebenstaufe, da ihr dabei mit Meinem Geiste
erfüllt und dadurch in alle Weisheit eingeführt werdet.
[GEJ.09_043,11] Nach diesem fünften Zeichen
aber strebe ein jeder vor allem! Denn an dem sich dieses Zeichen gewärtigen
wird, der wird schon in dieser Welt das ewige Leben haben und wird das tun und
schaffen können, was Ich tue und schaffe; denn er wird da sein eins mit Mir.
[GEJ.09_043,12] Nun habe Ich euch die Zeichen
Meiner Gegenwart gezeigt; tuet danach, so werdet ihr bei, in und unter euch
Meines Geistes ehestens wahrhaftigst gewahr werden!“
44. Kapitel
[GEJ.09_044,01] Hierauf fragte Mich der
Grieche, sagend: „O Herr und Meister! Da wir alle nun das ewig nie genug
schätzbarste Glück hatten, Dich Selbst in Deiner göttlichen Persönlichkeit
kennenzulernen, und aus Deinem Munde die Worte des Lebens vernommen haben, so
wäre ich wenigstens für uns Griechen der Meinung, daß wir Dir ein Haus
erbauten, in welchem wir allwöchentlich einmal uns versammelten, auf daß wir
Deine Lehre besprächen und darin Moses und die Propheten läsen; denn an anderen
Tagen ist ja doch ein jeder von uns mehr oder weniger mit einer Arbeit
belastet, bald da und bald dort, und es ist da nicht leicht möglich, sich über
Deine Lehre und Taten gegenseitig zu besprechen und zur Tätigkeit nach Deinem
Willen zu ermuntern. O Herr und Meister, sage es uns doch, ob Dir das
wohlgefällig wäre!“
[GEJ.09_044,02] Sagte Ich: „Wozu da ein
eigenes Haus erbauen, da ihr ja ohnehin eure Wohnhäuser habt, in denen ihr euch
auch in Meinem Namen versammeln könnet, um euch über Meine Lehre zu besprechen
und die gemachten Erfahrungen mitzuteilen, die sich aus dem Wandel nach dem
Willen Gottes sicher für jedermann ergeben werden?! Also ist es auch nicht
notwendig, einen bestimmten Feiertag dazu einzuführen, den ihr, etwa wie die
Pharisäer den Sabbat, den Tag des Herrn benennetet, da doch ein jeder Tag ein
Tag des Herrn ist und man also auch an jedem Tage gleich Gutes tun kann. Denn
Gott sieht weder auf den Tag und noch weniger auf ein Ihm zur Ehre und Anbetung
erbautes Haus, sondern Gott sieht nur auf das Herz und auf den Willen des
Menschen. Ist das Herz rein und der Wille gut und den ganzen Menschen zur Tat
ziehend, so ist das schon das wahre und lebendige Wohnhaus des Geistes Gottes
im Menschen, und sein allzeit guter und tätiger Wille nach dem erkannten Willen
Gottes ist der wahre und darum auch allzeit lebendige Tag des Herrn!
[GEJ.09_044,03] Sehet, das ist die Wahrheit,
und bei der sollet ihr denn auch unverwandt bleiben! Alles andere aber ist
eitel und hat vor Gott keinen Wert.
[GEJ.09_044,04] Es werden aber die Menschen
in der späteren Zeit Mir wohl gewisse Häuser erbauen und darin, gleich den
Pharisäern im Tempel zu Jerusalem und gleich den Heidenpriestern in den
Götzentempeln, einen gewissen Gottesdienst verrichten an einem bestimmten Tage
in der Woche, zu dem sie dann noch mehrere gewisse große und Hauptfeiertage im
Jahre hinzufügen werden. Aber wenn das wider Meinen Rat und Willen unter den
Menschen gang und gäbe werden wird, dann werden sich die vorbesprochenen
Zeichen Meiner lebendigen Gegenwart bei, in und unter den Menschen völlig verlieren!
Denn in den von Menschenhänden unter dem Titel ,Gott zur größeren Ehre!‘
erbauten Tempeln werde Ich ebensowenig daheim sein, wie nun im Tempel zu
Jerusalem!
[GEJ.09_044,05] So ihr aber aus Liebe zu Mir
in einer Gemeinde ein Haus erbauen wollet, so sei das ein Schulhaus für eure
Kinder, und gebet ihnen auch Lehrer nach Meiner Lehre hinzu! Also möget ihr
auch ein Haus erbauen für Arme und Kranke und Bresthafte! Versorget solch ein
Haus mit allem, was zur Pflege der darin wohnenden Menschen nötig ist, und ihr
werdet euch dadurch Meines Wohlgefallens allzeit zu erfreuen haben! Alles
andere und Weitere ist vom Übel und hat, wie schon gesagt, keinen Wert vor
Gott.
[GEJ.09_044,06] In einem wohlbestellten
Schulhause aber könnet da schon auch ihr eure Versammlungen und Besprechungen
in Meinem Namen halten und habt nicht not, zu dem Zwecke noch irgendein drittes
Haus zu erbauen.
[GEJ.09_044,07] Wie aber Gott im Geiste und
in der Wahrheit ohne Unterlaß anzubeten ist, das habe Ich euch allen klar und
wohlbegreifbar gezeigt, und so habe Ich euch nichts Weiteres mehr hinzuzufügen.
Ich habe euch den Weg gezeigt, auf dem fortwandelnd ihr zu aller Wahrheit und
Weisheit gelangen könnet, und das war vorderhand für euch notwendig. Nun aber
wandelt und handelt also, und suchet vor allem in euch das Gottesreich, alles
andere wird euch hinzugegeben werden!“
[GEJ.09_044,08] Auf diese Meine Worte
verneigten sich alle Anwesenden und dankten Mir in voller Inbrunst auch für
diese Belehrung. Auch die Witwe mit ihrem Sohne trat noch einmal vor Mich hin,
und beide dankten Mir für die ihnen erwiesene Liebe, und Ich erteilte darauf
allen den Segen, und wir begaben uns darauf schnell auf die Weiterreise.
[GEJ.09_044,09] Als wir durch das Städtchen
zogen, da sahen uns viele, die gestern Zeugen waren von dem, was Ich dem Sohne
der Witwe getan hatte, und liefen auf uns zu und riefen laut: „Heil dir, du
großer Prophet des Herrn! Durch dich hat Gott Sein Volk nun abermals in seiner
großen Verlassenheit heimgesucht. Dank und Ehre Ihm, dem Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs, jetzt und in alle Ewigkeit! O du von Gottes Geiste vollst erfüllter
großer Prophet, möchtest du uns denn nicht gestatten, daß da einige von uns mit
dir zögen, damit sie so vernähmen deine Lehre und sie uns dann verkündeten? Denn
wir haben gestern deinen wenigen Worten entnommen, daß du voll göttlicher
Weisheit bist, – und von der möchten wir mehreres vernehmen!“
[GEJ.09_044,10] Sagte Ich: „Dessen habt ihr
nun nicht nötig! Wollet ihr aber nach Meiner Lehre leben und handeln, da haltet
die Gebote Gottes, die Moses gab, und ihr werdet so auch völlig nach Meiner
Lehre leben; denn Ich bin nicht in diese Welt gekommen, um Moses und die
Propheten aufzuheben, sondern zu bestätigen und alles zu erfüllen, was in ihren
Büchern geschrieben steht.
[GEJ.09_044,11] Wollet ihr aber Näheres über
Mich Selbst in Erfahrung bringen, so gehet zu der Witwe hin, bei der sich auch
noch die Griechen befinden! Diese werden es euch schon verkünden, was sie aus
Meinem Munde vernommen haben.“
[GEJ.09_044,12] Auf diese Worte aber
verließen Mich diese Zudringlinge und begaben sich zur Witwe hin.
45. Kapitel – Des Herrn Zug durch Samaria.
(Kap.45-63)
[GEJ.09_045,01] Ich aber zog mit den Jüngern
schnell weiter auf dem Wege, der auch gen Jerusalem führt. Aber Ich zog noch
nicht alsogleich nach Jerusalem, sondern machte einen großen Umweg, und zwar
durch Samaria und einen Teil von Galiläa, in welchen Provinzen Mich die
Menschen schon größtenteils kannten und hie und da ihre Kranken zu Mir
brachten, und Ich sie auch heilte.
[GEJ.09_045,02] Der Weg aber, den wir zu
durchreisen hatten, war ein ziemlich verlassener und war deshalb auch wenig
begangen, und wir konnten, ohne viel gesehen zu werden, oft mit Windesschnelle
uns fortbewegen, wie wir das bei weit zu machenden Reisen auch immer getan
hatten.
[GEJ.09_045,03] Als wir uns gen Mittag hin
schon in Samaria befanden, da begegnete uns eine kleine Karawane, die über
Jericho nach Ägypten zog.
[GEJ.09_045,04] Der erste Führer der Karawane
aber hielt vor uns an und fragte uns in griechischer Zunge, ob man auf diesem
Wege wohl gut nach Jericho und von dort weiter nach Ägypten kommen könne.
[GEJ.09_045,05] Ich aber sagte zu ihm: „Wie
bist du denn ein Führer geworden, so du selbst der Wege unkundig bist?“
[GEJ.09_045,06] Sagte der Führer: „Wir sind
noch weit hinter Damaskus zu Hause und machen in unserem Leben zum ersten Male
diese weite Reise; daher sind wir denn auch oftmals genötigt, hie und da uns
nach dem rechten und nächsten Weg zu erkundigen, was hier oft auch schwierig
ist, weil nur selten jemand unserer Zunge mächtig ist.“
[GEJ.09_045,07] Sagte Ich: „Höre, so ein
Wanderer eines Weges, den er zu bereisen hat, wahrhaft unkundig ist, da tut er
ganz recht und wohl, so er sich bei jemand nach dem rechten und möglich
nächsten Weg, der in ein fremdes Land führt, erkundigt; aber es ist nicht fein
von dir, uns hier auf dem Wege unter dem Vorwande auf- und anzuhalten, als
wärest du des Weges, den du wohl schon bei zwanzig Male durchwandert hast, unkundig!
Der Grund aber, aus dem du uns hier aufhältst, ist ein ganz anderer und
wahrlich kein löblicher! Du meinst, daß wir geheime Schätze mit uns tragen,
deren ihr euch auf eurem Raubzuge bemächtigen möchtet, und deshalb hast du uns
angehalten. Doch wir tragen derlei, das du meinst, nicht bei uns; aber andere
Schätze für Seele und Geist tragen wir in höchster Fülle bei uns und geben sie
auch jedermann umsonst hin, der sie zur Rettung seiner Seele vollernstlich zu
besitzen wünscht!“
[GEJ.09_045,08] Auf diese Worte stutzte der
Führer und fragte Mich in noch keckerem Ton: „Woher weißt du das von uns, und
wer hat uns dir verraten?“
[GEJ.09_045,09] Sagte Ich, auch mit
kräftigerer Stimme: „Ich kenne dich und deine siebzig Gefährten schon von
deiner Geburt an! Dein rechter Name ist Olgon, den du aber nie, sondern dafür
in jedem Orte nur einen erdichteten Namen angibst, so wie auch jeder deiner
Helfershelfer, damit man sich in einem Orte, den ihr beraubt habt, nach euch
schwer erkundigen kann, um nach euch zu fahnden und euch den Gerichten zu
überantworten.
[GEJ.09_045,10] Also wollet ihr nun auch
nicht nach Ägypten ziehen; aber ihr wisset, daß in Jericho ein großer Markt
abgehalten wird, von dem ihr etwas gewinnen möchtet. Und das wisset ihr auch,
daß, von heute an gerechnet in vier Wochen, in Jerusalem das Fest der
Tempelweihe abgehalten wird, zu welchem Feste stets viele Fremde mit allerlei
Schätzen und Waren kommen, von denen ihr sehr vieles gebrauchen könnt. Aber Ich
sage es euch: Diesmal werdet ihr einen schlechten Fang machen!“
[GEJ.09_045,11] Sagte der Führer, nun schon
voll Zorns: „Wollt ihr noch gesunden Leibes von dieser Stelle kommen, da
schweiget, so ihr uns denn schon kennet, allenthalben von uns, und ziehet nun
eiligst von dannen; denn auch ich kenne euch und schwöre euch bei allen Göttern
die fürchterlichste Rache, so ich es irgend in Erfahrung bringe, daß ihr uns
verraten habt! Wir leben wohl vom Raub, aber sind darum dennoch keine Mörder;
denn wären wir das, so erginge es euch nun schlecht!“
[GEJ.09_045,12] Sagte Ich: „Kenntest du Mich,
so würdest du zu Mir sagen: ,Herr, sei mir großem Sünder gnädig und barmherzig,
und vergib mir meine Sünden; denn ich will mich bessern und Buße tun und will
mich bemühen, alles Unrecht, das ich jemandem angetan habe, nach Möglichkeit
gutzumachen!‘ Aber dieweil du Mich nicht kennst, so bist du entschlossen, in
deinen Sünden zu verharren, und schwörest mir Rache bei allen Göttern, da du
doch ein Jude bist und die Gesetze Mosis kennst. Wärst du im Ernste nur ein
Grieche, da hätte Ich es nicht zugelassen, daß du Mich angehalten hättest; aber
weil du auch ein Sohn Jakobs bist, so habe nur Ich das also zugelassen, auf daß
dir eine Gelegenheit werde, die Wahrheit zu erfahren und in ihr einen besseren
Fang für dein Leben zu machen, als der da wäre, auf den ihr ausgegangen seid.“
[GEJ.09_045,13] Sagte darauf in einem
gemäßigten Tone Olgon: „So sage du es mir, wer du seist, auf daß ich dann
anders mit dir reden kann!“
[GEJ.09_045,14] Sagte Ich: „Ich bin einer,
dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden, und der Gewalt Meines
Willens sind alle Dinge untertan; denn Mein Wille ist Gottes Wille, und Meine
Kraft ist Gottes Kraft, die über alle Kräfte ewig waltet und herrscht. Jetzt
weißt du, wer Der ist, der mit dir redet!“
[GEJ.09_045,15] Sagte Olgon: „Oh, oh, – wie
so denn?! Wenn dir denn schon alle Macht gegeben ist im Himmel und auf Erden,
da wärst du ja mehr denn Moses und alle andern Väter und Propheten; denn sie
haben nur eine kleine Macht auf dieser Erde innegehabt, wie wir solches in der
Schrift gelesen haben. Und du hättest aber gar alle Macht im Himmel und auf
dieser Erde inne? Ah, so etwas habe ich noch niemals aus dem Munde eines
Menschen vernommen, – er müßte nur irrsinnig sein, was aber bei dir doch nicht
der Fall zu sein scheint, weil du erstens schon das Ansehen danach nicht hast
und man zweitens in deiner Rede auch nichts Irriges gewahrt. Wenn dir im Ernste
eine solche vollkommenste Gottesmacht innewohnt, so gib uns davon eine Probe,
und wir wollen deinem Worte glauben und tun nach deinem Willen!“
[GEJ.09_045,16] Sagte Ich: „So ihr schweigen
könnet vor den Juden in Jerusalem und besonders vor den Pharisäern im Tempel
und auch andernorts, dahin ihr kommet und Pharisäer treffet; denn vor dieser
Menschenunart soll das Licht der Himmel nicht leuchten!“
46. Kapitel
[GEJ.09_046,01] Sagte Olgon und auch einige
Gefährten von ihm: „Ja, wir werden schweigen! Denn auch wir sind die dicksten
Feinde der unersättlichen Pharisäer! Wir waren zuvor alle ehrliche Juden und
standen im Dienste der Pharisäer. Da wir rüstige und beherzt mutige Menschen
waren und auch die Schrift verstanden, so erklärten sie uns eben die Gesetze
der Nächstenliebe also: Es stehe wohl geschrieben, daß man nicht stehlen und
rauben und auch nicht nach des Nächsten Gut lüstern sein solle, – aber dies sei
nur zu verstehen von den Juden untereinander. Wer aber klug, mutig und kräftig
sei, der könne den Heiden ihre Schätze stehlen und auch mit Gewalt wegnehmen,
wie er nur immer kann und mag, und er begehe keine Sünde vor Gott; im
Gegenteil, es habe Gott nur ein besonderes Wohlgefallen an einem solch mutigen
und klugen Juden, der den Gottesfeinden ihre irdischen Schätze stiehlt und
raubt und davon einen Teil dem Tempel opfert. Doch solle man die beraubten
Heiden ohne Not nicht töten, auf daß sie dann nicht mit ihrem tyrannischen
Gesetz über die ohnehin von ihnen schon über alle die Maßen gedrückten Juden
herfallen und sie ganz zu Tode erdrückten.
[GEJ.09_046,02] Und siehe, weil wir die
Stimme der Pharisäer für Gottes Stimme hielten, so wurden wir denn auch, ohne
uns ein Gewissen daraus zu machen, Diebe und Räuber; denn wir bestahlen und
beraubten die Heiden ja – nach unserem anfänglichen Dafürhalten – im Auftrage
Jehovas, gleichwie auch der große König David im Auftrage Gottes die Philister
und noch andere arge Heidenvölker vom Boden der Erde vertilgen mußte, wie ihm
das Gott sicher zu einem Verdienste anrechnete, da Er ihn den Mann nach Seinem
Herzen nannte!
[GEJ.09_046,03] So dachten auch wir lange
Zeit hin, Männer nach dem Herzen Jehovas zu sein; aber als wir mit der Zeit
selbst dahinter kamen, wie die Templer selbst sich an den Gütern der Juden zu
vergreifen anfingen und das Vermögen der armen Witwen und Waisen an sich
rissen, ehebrachen, auch Knaben und Mägdlein schändeten und noch eine Menge
anderer Greuel begingen, da ließen wir den ganzen Glauben an einen Gott und an
Moses fahren und trieben unser Geschäft für uns, – und es waren nun denn auch
reiche Juden vor uns nicht sicher! Wir haben uns darum denn auch in der
Griechen und Römer Kleider gesteckt, um als solche auch oft reiche Pharisäer
und andere reiche Juden mehr denn irgend Griechen und Römer von ihren Schätzen
befreien zu können. Doch den Armen haben wir niemals etwas weggenommen, wohl
aber sie oft beschenkt, besonders wenn wir so recht reiche Beuten uns errungen
hatten.
[GEJ.09_046,04] Weil du nach dem, daß du in
deiner wundersamen Allkundigkeit genau wußtest, wer wir sind, und dir auch mein
rechter Name nicht fremd war, auch das sicher wissen wirst, daß es sich mit uns
auch also verhielt, wie wir es dir nun treu und offen erzählt haben, so wirst
du als ein weisester Prophet auch den Grund einsehen, warum wir in dieser Zeit
und schon seit mehreren Jahren wahre Erzfeinde der Pharisäer und aller reichen
Erzjuden geworden sind. Und so du uns zur Neubelebung unseres Glaubens an Gott
und an dich, Seinen außerordentlichen Gesandten und Erwählten, nun ein Zeichen
deiner Allmacht über alles im Himmel und auf Erden geben willst, so kannst du
auch versichert sein, daß wir dich den Pharisäern niemals verraten werden. Gib
uns denn etliche Proben deiner gottähnlichen Allmacht im Himmel und auf Erden!“
[GEJ.09_046,05] Sagte Ich: „Gut denn, weil
ihr nun die Wahrheit geredet habt und habet vor Mir offen kundgetan, wie es
euch ergangen ist, so fällt alle eure Schuld an die Pharisäer zurück, die darum
auch desto mehr Verdammnis überkommen werden –, und euch aber vergebe Ich eure
bisherigen Sünden, so ihr in der Folge euer bisheriges Tun und Treiben völlig
aufgebet und als ehrliche Juden euch auch ehrlich ernähret und fortbringt, was
ihr leicht tun könnet, da ihr euch der irdischen Mittel bisher schon in
Übergenüge zu eigen gemacht habt, mit denen ihr aber auch reichlich der Armen,
ob Juden oder Heiden – was nun eins ist –, gedenken sollet. Versprecht ihr Mir
auch das offen und treu, so will Ich euch denn auch sogleich die Proben von dem
geben, was Ich Selbst von Mir zu euch gesagt habe.“
[GEJ.09_046,06] Sagten alle, sich mit den
Händen auf die Brust schlagend: „Herr, das wollen und werden wir tun, so wahr
wir uns mit unseren eigenen Händen auf unsere Brust schlagen, und so wahr wir,
durch dich neu angeregt, an den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs glauben und
alle Seine Gebote genauest halten wollen, auch in allen unseren Kindern und
Kindeskindern bis ans Ende der Welt, so uns Gott helfen wolle!“
47. Kapitel
[GEJ.09_047,01] Sagte Ich: „Nun wohl denn
also! Gebet denn acht, und entsetzet euch nicht; denn es wird euch kein Haar
gekrümmt werden! Sehet, hier ist eine wüste Gegend von mehreren tausend Morgen
Landes; nichts als kahles, wüstes Gestein, kaum hie und da mit einem
halbverdorrten Dorngestrüpp bewachsen und mit wenigen Disteln. Diese Wüste ist
auch ihrer Unfruchtbarkeit und ihrer sonstigen Zerstörtheit wegen für nichts
als höchstens für einen elenden und schwer und mühsam zu begehenden Saumweg
tauglich.
[GEJ.09_047,02] So Ich hier mit dieser Gegend
eine Änderung vornehme und sie dann euch und euren Nachkommen zu eigen gebe, so
wird dabei niemand in seinem Landbesitzeigentum beeinträchtigt. Ihr aber habt
euch ohnehin zumeist in dieser Wüste und in ihren vielen Klüften und Höhlen
aufgehalten und sie so zu eurer Hauptheimat gemacht, was den an diese Wüste
angrenzenden Samaritern und teilweise auch Galiläern und Juden nur zu wohl bekannt
ist, und so werdet ihr diese Gegend auch in ihrem fruchtbaren und blühenden
Zustande unbeanstandet euer Eigentum nennen können.
[GEJ.09_047,03] Doch bevor Ich noch vor euch
und für euch diese Wüste segnen werde, muß Ich euch zeigen, daß Ich auch der Herr
aller Mächte und Kräfte der Himmel bin, und so tuet nun eure Augen, Ohren und
Herzen auf! – Offenbaret euch, ihr den Fleischesaugen verborgenen Mächte und
Kräfte Meiner Himmel!“ –
[GEJ.09_047,04] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da ward allen die innere Sehe aufgetan, und sie ersahen zahllose Heere
von Engeln und vernahmen einen hohen Lobgesang, dessen Sinn aber ihre Seelen
nicht zu fassen vermochten; und viele der lichtesten Engel senkten sich zu Mir
hernieder und beteten an Meinen Namen.
[GEJ.09_047,05] Als die früheren Räuber das
sahen, überkam sie eine große Furcht.
[GEJ.09_047,06] Ich aber sagte zu ihnen: „Was
fürchtet ihr euch denn vor diesen Meinen Engeln, die Mir untertan sind und bleiben
seligst für ewig? Bin ja doch nur Ich der alleinige Herr über alles im Himmel
und auf Erden, und ihr habet vor Mir euch lange nicht gefürchtet, obschon Ich
euch das gesagt habe!“
[GEJ.09_047,07] Hierauf stiegen auch die
Räuber alle von ihren Saumtieren, warfen sich auf die Knie und baten Mich um
Barmherzigkeit.
[GEJ.09_047,08] Diese Erscheinung aber
dauerte bei einer Viertelstunde lang, während welcher Zeit Ich den um Mich
knienden Engeln gebot, daß sie über diese Gegend alsbald den mächtigsten Blitz,
Wind und Regensturm bescheiden sollten, auf daß Ich darauf diese Wüste in ein
Fruchtland segne!
[GEJ.09_047,09] Darauf fing diese Erscheinung
nach Meinem Willen zu verschwinden an; aber an ihrer Stelle fing der irdische
Lufthimmel sich mit den dichtesten Wolken zu füllen an. Es dauerte keine halbe
Stunde, so fingen vom Süden her so heftige Orkane zu wüten an, daß die Räuber
und selbst Meine Jünger Mich zu bitten anfingen, sie nicht zugrunde gehen zu
lassen.
[GEJ.09_047,10] Ich aber sagte: „Habt ihr an
Meiner Seite derlei doch oftmals erlebt, und es ist euch dabei niemals ein Haar
gekrümmt worden! So Ich bei euch bin, ihr Kleingläubigen, welche Macht soll
euch da beschädigen können?“
[GEJ.09_047,11] Mit dem gaben sich die Jünger
wieder zufrieden. Es war aber einige Schritte weiter vorwärts eine geräumige
Höhle. Als der Sturm aber stets heftiger ward, ein Blitz dem andern zu
tausendmal tausendweise folgte und der Regen in Strömen aus den Wolken zu
stürzen begann, da nahmen die Räuber ihre Saumtiere und flüchteten sich mit
ihnen in die Höhle, während Ich mit den Jüngern an der offenen Stelle verblieb,
ohne auch nur von einem Tropfen Regen berührt zu werden.
[GEJ.09_047,12] Der Sturm aber dauerte auch
nur eine volle halbe Stunde lang, und dennoch hatten die mächtigen Blitze das
wüste Gestein der ganzen Wüste mehr denn mannstief zu einem grauen Lehmteige
zermalmt und zerknetet, und die kreuz- und querströmenden Fluten hatten damit
die vielen Gräben und Schluchten ausgefüllt und sie dadurch für Äcker und
Gärten tauglich gemacht. Die vielen andern Erdlöcher und Höhlen aber hatte
unsichtbar Mein Wille ausgefüllt, und so ward die ganze, nicht unbedeutend
große Wüste in der kurzen Zeit von im ganzen kaum einer vollen Stunde zu einem
üppigen Acker- und Weinberglande umgestaltet. Der Sturm war zu Ende, der Himmel
klärte sich auf, und die Sonne beschien mit ihren warmen Strahlen nun einen
neuen Erdboden.
48. Kapitel
[GEJ.09_048,01] Nun kamen denn auch unsere
Räuber ganz kleinmütig aus der Höhle, die Ich nicht verschwemmen und ausfüllen
ließ, zum Vorschein, und Ich berief den Olgon zu Mir.
[GEJ.09_048,02] Und als er kam mit noch einem
Paar seiner ersten Gefährten, da sagte Ich zu ihm: „Nun, Olgon, glaubst du, daß
Ich Der bin, als den Ich Mich dir mit dem Munde vorgestellt habe?“
[GEJ.09_048,03] Sagten Olgon und seine beiden
Gefährten: „Ja, o Herr, Herr! Wir glauben das ja nun weit über auch den
kleinsten Zweifel hinaus! Du bist kein Erwählter Jehovas, sondern Du bist
wahrlich, wahrlich und nun leibhaftig wundersamst Er, Er – Selbst! O sei uns
armen und allzeit schwachen Sündern vor Dir gnädig und barmherzig!“
[GEJ.09_048,04] Sagte Ich: „Ich habe euch
eure Sünden, an denen die Pharisäer die Schuld haben, schon vergeben; habt ihr
aber nach eurem Gewissen noch an jemand irgend etwas verbrochen wider das
Gesetz Mosis, so machet das an ihm gut, – und so er es euch vergeben wird, da
ist es euch auch völlig vergeben in allen Himmeln.
[GEJ.09_048,05] Solltet ihr aber einen harten
Menschen finden, der es euch nicht vergeben wollte, so lasset euch darum nicht
bange werden im Herzen, denn da wird euer guter Wille fürs Werk bei Mir
angenommen werden, und der unversöhnliche Mensch wird seine Härte auf seiner
Rechentafel als Schuld aufgezeichnet finden! – Denn Ich allein bin der weiseste
und allergerechteste Richter, der allein einem jeden sein wahrstes Urteil
allerwirksamst zukommen läßt.
[GEJ.09_048,06] Aber nun habt ihr von Mir ein
förmliches Land zum Geschenk also erhalten, daß es euch auch nicht einmal ein
Engel der Himmel, geschweige ein Mensch streitig machen könnte; aber wie ihr
sehet, so sieht es nun noch öder und unwirtlicher aus denn zuvor, obschon es
nun durch eine außerordentliche Umwälzung ungemein fruchtbar geworden ist. Es
fragt sich nun, wie ihr es bebauen werdet.“
[GEJ.09_048,07] Sagte Olgon: „O Herr, Herr!
Das ginge nach meiner Idee nun ganz sicher, leicht und gut! Siehe, o Herr,
Herr, als Du die Erde erschaffen hast durch Deines Geistes allmächtigsten
Gottwillen, da hattest Du ja doch auch nicht irgend für die zahllos vielen
Pflanzen den Samen zuvor schon irgend vorrätig besessen, außer pur in Deinem
allmächtigen Willen! Du aber bist in Ewigkeit Derselbe, der Du auch zu Anfang
der wunderbaren Erschaffung der ganzen großen Erde warst. Besame nun Du die
Gegend mit der Allmacht Deines Gottwillens, und die Gegend wird sicher also am
allerbesten angebaut sein! O Herr, Herr, tue auch hier dasselbe, und die ganze
ehedem wüsteste Gegend wird ehest in ein wahres Eden umgewandelt werden!“
[GEJ.09_048,08] Sagte Ich: „Ja glaubet ihr
denn wohl auch ungezweifelt, daß Ich auch das zu tun imstande wäre?“
[GEJ.09_048,09] Sagte Olgon: „O Herr, Herr!
Dir ganz allein ist nichts unmöglich! Was Du sagst, ist ewige Wahrheit, und wir
glauben sie ungezweifelt, und was Du willst, das geschieht, und wir wollen und
werden Deinen Willen auch tun also, wie Du ihn durch Moses und durch die
Propheten den Menschen geoffenbart hast. Und wir haben nun ja auch aus Deinem
Munde vernommen, was Dein Wille ist, und wir werden treu danach handeln; aber
besame Du, o Herr, Herr, die jetzt noch wüste Gegend!“
[GEJ.09_048,10] Sagte Ich: „Also sei es denn,
wie ihr glaubet! – Wie wüste und öde da war diese Gegend, ebenso wüste und öde
war euer Herz, Sinn und Wille, und eure völlige Glaubenslosigkeit erzeugte die
Härte eures Herzens, das völligst dem Steinboden dieser Wüste glich. Ich aber
erweckte in euren Herzen einen mächtigen Sturm und erweichte es durch den
geöffneten Himmel in euch, durch die Wahrheitsblitze Meiner Worte, durch die
euch gezeigte Sturmmacht Meines Willens und endlich durch den gewaltigen
Regenerguß Meiner Liebe und Erbarmung und habe euch denn auch wieder besamet
mit vieler Wahrheit aus dem Munde Gottes, die euch die wahrsten Früchte des
Lebens bringen wird, so ihr nach ihr leben und handeln werdet. Wie Ich aber
euch besamt habe nun in aller Kürze mit allerlei Frucht zum ewigen Leben der
Seele, also ist nun auch besamt diese Wüste mit allerlei Frucht zur Nahrung
eures Leibes.
[GEJ.09_048,11] Ihr seid euer siebzig an der
Zahl, und so ihr diese Gegend nach den verschiedenen Richtungen durchwandern
werdet, so werdet ihr auch schon ebenso viele mit allem versehene Wohnhäuser
finden; und wer eines oder das andere in Besitz nehmen soll, das wird euch ein
am Hause angeschriebener Name zeigen. Binnen kurzem wird die Gegend vor euren
Augen ergrünen und erblühen. – Nun möget ihr gehen zu besehen, was Ich für euch
getan habe!
[GEJ.09_048,12] Verbreitet aber Mein Wort
auch unter den Heiden, die häufig zu euch kommen werden; doch von dem
Wunderzeichen schweiget vorderhand, und machet auch nachderhand nicht viele
Worte, es genügt zu sagen, daß bei Gott alles möglich ist.“
[GEJ.09_048,13] Auf diese Meine Worte zog Ich
mit den Jüngern wieder sehr schnell weiter, und ehe sich die bekehrten Räuber
umsahen, waren wir schon weit von ihnen entfernt.
49. Kapitel
[GEJ.09_049,01] Es hatten zwar die bekehrten
siebzig Räuber durch den Mund Olgons angegeben, daß sie noch weit hinter
Damaskus daheim wären; aber es war das auch unwahr, da sie mit ihren Weibern
und Kindern nur gewisse schwer zugängliche Höhlen und Grotten dieser Gegend
bewohnten. Aber sie machten ihre Raubzüge oft wohl auch in der Gegend um
Damaskus, kehrten aber dann mit der Beute allzeit wieder in diese Gegend
zurück, die ihnen vor allen Nachstellungen immer den sichersten Schutz bot.
[GEJ.09_049,02] Als wir ihnen zu ihrem
abermaligen großen Staunen in wenigen Augenblicken aus den Augen völlig
entschwunden waren, da machten sie sich denn auch auf und zogen längs der Wüste
so weit zurück, allwo ihre Weiber und Kinder in einer schwer zugänglichen
großen Grotte, die von dem Sturme mehr verschont blieb und auch nicht
verschlammt ward, mit ihren Habseligkeiten wohnten. Als die siebzig Männer in
die Grotte so bald wieder zurückkamen, da staunten darob ihre vor Furcht und
Angst, die in ihnen der plötzlich entstandene, nie erhörte Sturm bewirkte, noch
bebenden Weiber und Kinder, daß sie so bald und ohne Beute zurückgekehrt seien.
[GEJ.09_049,03] Die Männer aber erzählten in
Kürze alles, was sich mit ihnen unerhörtest wundersamstermaßen zugetragen
hatte, und daß sie nun – was die Weiber schon lange gewünscht hatten – von dem
Raubmachen für alle Lebenszeit abgestanden seien, aber dafür von einem mit dem
Geiste Gottes erfülltesten Manne eine endlos bessere Lebensbeute zum ewigen
Leben der Seele erhielten, als da wert wären alle Schätze der Erde.
[GEJ.09_049,04] Sie erzählten auch den immer
neugieriger werdenden Weibern und Kindern, wie der Gott gleich mächtige Mann
durch Sein Wort und Seinen Willen durch eben den erschrecklichen Sturm diese
alte, unwirtlichste Wüste in ein wahres, fruchtbarstes Eden umgestaltet und
ihnen zum unbestreitbarsten Eigentum gegeben habe, und daß auf den
verschiedenen Punkten dieser ehemals so wüsten Landschaft auch schon fertige
und mit allem wohlversehene Wohnhäuser in Bereitschaft stünden, die sicher auch
nur die rein göttliche Macht des besagten Mannes erschaffen habe.
[GEJ.09_049,05] Als die Weiber solches von
ihren Männern erfuhren, so hieß es, nur gleich ohne viel Säumens die
wunderbaren Häuser aufsuchen gehen. Die Männer aber meinten, daß das vor drei
Tagen kaum möglich sein werde, weil die Klüfte, Gräben und Schluchten noch voll
Schlammes sein würden, in den man leicht ganz versinken und den Tod finden
könnte.
[GEJ.09_049,06] Als die Weiber das vernahmen,
da gaben sie nach; aber nach drei Tagen gingen sie die Wohnhäuser suchen, und
es fand ein jeder das für ihn bestimmte und bezog es auch alsbald.
[GEJ.09_049,07] Es waren aber diese
Wohnhäuser also gestellt, daß sie von den diese Gegend durchziehenden Wanderern
von keinem Punkte des Weges irgend gesehen werden konnten, was für die Bewohner
ganz gut war, auf daß sie nicht von den Reisenden vor der Zeit überlaufen
werden mochten, die sie gleich mit tausend Fragen belästigt hätten, wie und
wann die Bewohner sie erbaut und wie sie diese alte Wüste fruchtbar gemacht
haben.
[GEJ.09_049,08] Denn nach ein paar Wochen
merkte man der Wüste Meinen Segen schon an allen Punkten an, und viele diese
ehemalige Wüste durchwandernde Samariter und Griechen fragten hie und da emsig,
wer diese Wüste so kultiviert habe, und es konnte ihnen niemand einen Bescheid
geben. Die es aber wohl wußten, die ließen sich nicht viel unter den andern
Menschen sehen, – in der ersten Zeit schon gar nicht. Erst als einige Früchte
zu reifen begannen, da kamen auch Samariter und hielten Rat, an wen das Land
verteilt werden solle, so es nicht schon irgend eingewanderte Besitzer hätte.
[GEJ.09_049,09] Da kam denn auch Olgon mit
mehreren seiner Gefährten herbei und sagte zu denen, die da Rat hielten:
„Freunde, diese ganze weite Wüste war nie jemandes Eigentum, wie auch die weite
Meeresfläche nie noch jemandes ausgemessenes Eigentum war. Wir als von den
Pharisäern verfolgte Juden, weil wir ihrem argen Sinne nicht dienen konnten und
wollten, haben diese Wüste in unsern Wohnbesitz genommen und haben sie mit der
alleinigen Hilfe des Herrn Himmels und der Erde fruchtbar gemacht, und
wahrlich, Jehova Selbst hat sie uns zum unbestreitbaren Eigentum gegeben, und
somit brauchet ihr fernerhin keinen Rat darüber mehr zu halten, wem nun diese
fruchtbare Gegend zum Eigentume fallen solle; denn sie ist schon von siebzig
Familien in Besitz genommen, die auch in dieser Gegend ihre Wohnhäuser wohl
eingerichtet haben.“
[GEJ.09_049,10] Als die Beratenden solches
von Olgon vernommen hatten, da stutzten sie und fragten einen römischen
Richter, der mit ihnen diese Gegend durchzog, wie das zu nehmen wäre, indem
diese Wüste denn doch ganz samaritanischer Boden sei und die Samariter darauf
im allgemeinen ein Besitzrecht hätten.
[GEJ.09_049,11] Der Richter aber sagte: „In
welchem Lande immer eine seit undenklichen Zeiten besitzlose vollkommene Wüste
besteht und sich auch kein Landsasse zu einem Besitze einer solchen Wüste je
vor einem Gericht gemeldet hat, so ist eine solche Wüste frei und wird als
Besitz auch von dem Gerichte dem ersten besten eingeräumt, der sich für den
Besitzer erklärt hat. Da sich diese Männer, denen diese ehemalige vollkommene
Wüste die Kultur verdankt, nun als Besitzer erklärt haben, so wird ihnen der
unbestreitbare Besitz vom Gericht aus eingeräumt.
[GEJ.09_049,12] Als Kultivierern einer Wüste,
die zuvor niemandes Eigentum war, kommt ihnen aber noch die Begünstigung zu,
daß sie volle zwanzig Jahre die Befreiung von jeder Art Steuer zu genießen
haben. Wollen sie sich jedoch freiwillig nach einer gemachten guten Ernte zu
einem Ehrentribut für den Kaiser bekennen, so werden sie sich auch bei allen
irgend für sie mißlichen Angelegenheiten eines besonderen Schutzes von seiten
Roms zu erfreuen haben. Ich, ein Richter im Namen des mächtigen Kaisers in Rom,
habe geredet und also befohlen!“
[GEJ.09_049,13] Durch diesen Akt ging denn
auch das in Erfüllung, daß den siebzig Familien den Besitz der kultivierten
Wüste niemand streitig machen konnte. In ein paar Jahren war diese Gegend schon
eine der fruchtbarsten und wurde von allen Reisenden hoch bewundert; und die
Besitzer hatten sich schon nach einem Jahre freiwillig zur Entrichtung eines
Ehrentributs für den Kaiser beim Gerichte gemeldet und wurden dadurch zu
römischen Bürgern erklärt und gemacht, was ihnen viele Vorteile gewährte.
[GEJ.09_049,14] Aber diese neugeschaffene
Gemeinde blieb auch viele Jahre hindurch, obschon sie große Proben zu bestehen
hatte, am reinsten, gleichwie auch die der Essäer. Freilich – in den späteren
Zeiten ging auch dieser schönste Teil Samarias unter den verheerendsten Kriegen
und Völkerwanderungen zugrunde und ward wieder zur alten Wüste.
[GEJ.09_049,15] Und nun kehren wir wieder zu
uns selbst zurück!
50. Kapitel
[GEJ.09_050,01] Wir kamen am selben Tage in
die Stadt Samaria und kehrten daselbst in einer mehr abgelegenen Herberge ein.
Als wir in die Herberge eintraten, da kam uns der Wirt gleich ganz freundlich
entgegen, denn er hoffte, bei uns einen Gewinn zu machen. Es waren aber die
Jünger, da sie seit dem Morgen weder etwas gegessen noch getrunken hatten,
schon sehr hungrig und durstig, was Ich wohl wußte, obwohl sie diesmal nicht,
wie oft zu andern Malen bei ähnlichen Gelegenheiten, heimlich unter sich ein
wenig murrten.
[GEJ.09_050,02] Und Ich fragte darum sogleich
Selbst den Wirt, sagend: „Freund, wir haben heute schon einen sehr weiten Weg
durchwandert und haben von frühmorgens an nichts zu uns genommen, da auf dem
ganzen Wege auch nicht eine Herberge anzutreffen war, und sind darum hungrig
und durstig. Was kannst du uns in Bälde zum Essen und zum Tranke bieten?“
[GEJ.09_050,03] Sagte der Wirt: „Ihr seid
eurer nahe an vierzig Mann an der Zahl, und es werden darum ebenso viele Fische
und Brote und auch ebenso viele Becher Weines sicher nicht zu viel sein!“
[GEJ.09_050,04] Sagte Ich: „Lasse von den
Fischen die doppelte Anzahl bereiten; denn deine Fische sind kleiner Art, und
da sind zwei nicht zuviel für einen von uns. Sieh aber, daß sie bald und gut
bereitet werden! Vorderhand aber gib uns Wein, Brot und Salz!“
[GEJ.09_050,05] Sagte der Wirt etwas
verlegen: „Ja, meine lieben und wertesten Herren Gäste, es wäre schon alles
recht also, wenn ich nur den von euch erwünschten Vorrat an allem dem hätte! Es
wird mir mit den Fischen sowohl, wie auch mit dem Brote etwas schlecht gehen,
da ich mich nicht so reichlich damit einrichte, indem meine Herberge wegen
ihrer unvorteilhaften Abgelegenheit im ganzen nur spärlich besucht wird, aber
mit Wein kann ich schon noch ordentlich dienen. Kurz, was da ist, das sollet
ihr auch haben; mehr aber kann auch Gott Selbst nicht von einem Menschen
verlangen!“
[GEJ.09_050,06] Sagte Ich: „Da hast du zwar
ganz recht geredet; doch mit den Fischen steht es bei dir dennoch besser, als
wie du es hier bekannt hast! Aber du hast geheim nur so eine kleine Sorge, als
dürften wir dir am Ende die achtzig Fische nicht bezahlen können, und gibst uns
darum einen geringeren Vorrat an! Mit dem Brote, ja da geht es dir heute etwas
kärglich, aber mit den Fischen nicht; habe darum keine Sorge, und laß für uns
schnell die verlangte Anzahl Fische bereiten, und bringe uns Brot und Wein!“
[GEJ.09_050,07] Hierauf ging der Wirt eilig,
schaffte alles an und ließ sogleich durch seine Diener Brot, Wein und Licht in
das Gastzimmer bringen; denn es war schon tiefer Abend, und im Zimmer war die
Nacht vollends herrschend geworden. Als das Gastzimmer nun erleuchtet war, da
kam auch der Wirt wieder zu uns und gab uns die Versicherung, daß wir binnen
einer halben Stunde Zeit bestens bedient werden würden. Dabei aber betrachtete
er uns mit der größten Aufmerksamkeit und wußte nicht recht, für was und für
wen er uns halten solle; denn etliche von uns trugen griechische Kleidung,
etliche jüdische und etliche gleich Mir die galiläische.
[GEJ.09_050,08] Da aber den Wirt die
Neugierde zu sehr zu plagen begann, so wandte er sich in aller Artigkeit an
einen ihm zunächst stehenden Jünger, und zwar an den Thomas, und sagte (der
Wirt): „Erlaube mir, Freund, eine Frage!“
[GEJ.09_050,09] Sagte Thomas: „Dort obenan
sitzt der Herr, an Den richte deine Frage! Er wird sie dir am besten
beantworten! Wir andern alle sind Seine Jünger und Diener Seines Willens.“
[GEJ.09_050,10] Auf das kam der Wirt zu Mir
und sagte: „Herr, vergib mir meine Freiheit und gewissermaßen Zudringlichkeit!
Ich möchte denn doch wissen, welches Landes Kinder ihr seid. Nach der Kleidung
seid ihr Judäer, Galiläer und auch Griechen. Welch ein Geschäft treibet ihr
wohl? Handelsleute seid ihr sicher nicht, da ihr keine Waren mit euch führt,
und irgendwelche Künstler oder Zauberer scheint ihr auch nicht zu sein; denn
dazu habt ihr ein zu offenes Aussehen. Und wie wußtest du, daß ich mit Fischen
weit besser versehen sei als mit dem Brote? Kurz und gut, euer ganzes Erscheinen
hier in meiner abgelegenen und stets nur spärlich besuchten Herberge kommt mir
ein wenig sonderbar vor. Ihr müßt es mir schon vergeben, so ich hier etwas
offener, wie sonst gebräuchlich, mit euch rede.“
[GEJ.09_050,11] Sagte Ich: „Höre, du sehr
neugieriger Wirt! Wenn wir uns werden mit dem Brote, Weine und den Fischen
gestärkt haben, dann werde Ich dir schon sagen, was wir für Landsleute sind.
Jetzt sorge du nur, daß das Abendmahl bald bereitet wird, und bringe nun noch
mehr Wein und Brot; denn mit der ersten sehr mäßigen Gabe sind wir bereits zu
Ende!“
[GEJ.09_050,12] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da ging er sogleich und brachte Brot und Wein zur Genüge.
[GEJ.09_050,13] Und Ich sagte zu ihm: „Da
siehe, es scheint dir nun auch mit dem Brote besser zu gehen denn zuvor; auch
kommt mir dieses Brot größer und besser vor als das, welches du uns zuerst
aufgesetzt hast! Wie kommt denn das?“
[GEJ.09_050,14] Nota bene: Ich wußte es wohl,
wie das kam, und fragte den Wirt nur, auf daß er sich selbst prüfen möchte.
[GEJ.09_050,15] Der Wirt machte auf Meine
Frage große Augen und wußte nicht, was er Mir darauf hätte antworten sollen. Er
verkostete das ihm auch fremd vorkommende Brot und fand es überaus
wohlschmeckend.
[GEJ.09_050,16] Nach einer Weile erst sagte
er (der Wirt): „Sonderbar! Ich weiß doch sonst um alles, was in meinem Hause
ist und geschieht; aber woher mein Weib etwa im geheimen dieses wahre
Königsbrot bezogen hat, das weiß ich wahrlich nicht! Es ist nur noch das schon
ordentlich wunderbar, daß nun meine Brotkammer ganz voll mit derlei Brotlaiben
angefüllt ist. Aber sei das nun schon, wie es wolle, – ich bin nur froh, daß
ich wieder mit dem Brote sicher auf mehrere Tage hin bestens versorgt bin! Aber
mein Weib muß ich denn doch ein wenig ausforschen, woher das Brot bezogen
wurde, und wer es bezahlt hat, und um welchen Betrag. Denn derlei wahres
Königsbrot ist teuer, und es dürfte ein Laib wohl vier Pfennige kosten!“
[GEJ.09_050,17] Hierauf berief er sein Weib
und fragte sie, woher das Brot gekommen sei, von dem nun auf einmal die
Brotkammer ganz voll sei, und wie teuer es wäre.
[GEJ.09_050,18] Das Weib kostete auch das
Brot, machte ein noch verwunderteres Gesicht denn zuvor der Wirt und schwor bei
ihrer Treue, daß auch sie nicht im geringsten wisse, von woher das Brot
gekommen sei.
[GEJ.09_050,19] Es wurden darauf auch mehrere
Dienstleute befragt, ob sie nicht wüßten, woher das viele und überaus gute Brot
in die Brotkammer gekommen sei. Aber auch diese schworen, daß sie davon nicht
die leiseste Kunde hätten.
[GEJ.09_050,20] Sagte Ich zum Wirte: „Was
fragst du da nun lange herum? Sei froh, daß deine Kammer voll Brotes ist, und
siehe, daß die bestellten Fische bald auf den Tisch kommen; hernach wird sich
vielleicht noch manches Rätsel lösen lassen!“
51. Kapitel
[GEJ.09_051,01] Darauf ging der Wirt mit dem
Weibe und mit den Dienstleuten wieder in die Küche, und bald darauf wurden die
bestellten und sehr wohlzubereiteten Fische und eine große Schüssel voll mit
wohlgekochten Linsen auf unseren Tisch gesetzt, und wir fingen an zu essen, und
der Wirt selbst mußte mit uns halten, ward dabei voll frohen Mutes und wußte
uns eine Menge zu erzählen, was sich seit wenigen Jahren in Samaria alles, und
das wundersamstermaßen, zugetragen habe.
[GEJ.09_051,02] Unter anderem erzählte er
auch, sagend (der Wirt): „Es nimmt mich gerade wunder, daß ihr als Judäer,
Galiläer und Griechen von dem berühmten Galiläer, der ungefähr vor zweieinhalb
Jahren mit mehreren Jüngern hierher gekommen ist und hat da gelehrt von der
Ankunft des Reiches Gottes mit wunderbarer Rede und hat in der Stadt und in der
Umgebung Wunder gewirkt, die nur Gott allein möglich sein können, beinahe
nichts zu wissen scheinet! Es sind wohl erst unlängst Judäer hierher gekommen
und sagten, daß sie von Ihm ausgesandt seien, um zu predigen allen Völkern das
Evangelium. Und wir glaubten ihnen das auch; denn sie bestätigten ihre Aussage
auch durch sehr beachtenswerte Wunderzeichen, indem sie bloß durch die Auflegung
ihrer Hände im Namen ihres Aussenders gar viele Kranke plötzlich geheilt haben.
Zudem war ihre Lehre ganz dieselbe, die Er in der erwähnten Zeit Selbst hier
gelehrt hat, und so glaubten wir den Jüngern um so mehr.
[GEJ.09_051,03] Sagt mir doch, weil wir nun
schon einmal so recht fröhlich beisammen sind, was ihr von dem großen und für
mich wahrlich über alles denkwürdigen und auch weit über alle Menschen
erhabenen Manne wisset! Denn bei uns Samaritern gilt Er unwiderruflich für den
verheißenen Messias, für den Retter und Erlöser der Menschen aus der Gewalt
jeglichen Feindes der Wahrheit, der Liebe, des Lebens und dessen Freiheit. Oh,
saget es mir doch, ob und was ihr von Ihm wisset und auch von Ihm haltet!“
[GEJ.09_051,04] Sagte Ich: „Freund, wir
wissen gar sehr vieles von Ihm und halten auch alles auf Ihn; aber da Er nach
deiner Aussage vor zweiundeinhalb Jahren Selbst hier war, gelehrt und Zeichen
gewirkt hat, so wirst du Ihn ja doch auch einmal persönlich gesehen haben? Oder
ist dir keine Gelegenheit zuteil geworden, Ihn bei Seiner Gegenwart in dieser
Stadt persönlich zu sehen?“
[GEJ.09_051,05] Sagte der Wirt: „Freunde, das
ist für mich eben das Bedauerliche! Ich war eben in jener Zeit von hier
abwesend, weil ich in Tyrus ein Handelsgeschäft abzumachen hatte, und meine
Leute haben von Seiner Anwesenheit erst dann etwas vernommen, als Er schon über
Berg und Tal war. Ich kam darauf nach ein paar Tagen nach Hause und hörte in
der ganzen Stadt und Umgegend nichts als nur von dem Manne, Seiner Lehre und
Seinen Taten reden, die so unglaublich groß und wunderbar sind, daß sie ein
Fremder, dem man es erzählt, gar nicht glauben kann, so wahr sie auch bloß
durch das Wort und durch den Willen jenes Mannes bewerkstelligt worden sind.
[GEJ.09_051,06] Es lebt hier ein Arzt im
besten Wohlstande mit einem Weibe, die vormals bekanntermaßen, was die
Keuschheit anbelangt, etwa nicht im besten Rufe gestanden ist. Der erwähnte
Arzt habe mit dem Manne etwa die größte Bekanntschaft gehabt und hat von Ihm
auch die Wunderkraft überkommen, die Kranken verschiedener Art zu heilen bloß
durch das Auflegen der Hände. Von dem erwähnten Arzte habe ich denn auch das
meiste über jenen Mann aller Männer in Erfahrung gebracht. Er hat mir auch
Seine äußere Gestalt beschrieben; aber die beste Beschreibung läßt die
Wirklichkeit stets in der Dunkelheit. Man schafft sich in der Phantasie wohl
ein Bild, das aber am Ende mit der Wirklichkeit dennoch keine Ähnlichkeit hat.
Und so kann ich mir aus gar leicht begreiflichen Gründen von der Gestalt des großen
Gottmenschen keine rechte Vorstellung machen.
[GEJ.09_051,07] Es treibt sich im Lande
Samaria auch ein gewisser Johannes herum, der vormals ein Bettler war, nun aber
auch die von dem großen Manne vernommene Lehre den andern Menschen predigt,
selbst ein strenges Leben führt und durchs Gebet und durchs Händeauflegen im
Namen des großen Mannes auch viele Kranke heilt und auch die Besessenen von
ihren Plagegeistern befreit. Nun, dieser erwähnte Mann war auch schon einige
Male bei mir und hat mir vieles erzählt, und ich habe ihn darum nach meinen
Kräften auch allzeit bestens bewirtet; aber darum kann ich mir die Gestalt des
großen Gottmenschen dennoch nicht vollkommen vorstellen.
[GEJ.09_051,08] Ich bin auch schon vor einem
Jahre, als ich von Seinem Wirken viele und große Dinge von vielen Reisenden
erfahren habe, Ihm einen ganzen Monat lang nachgezogen und bin in Orte
gekommen, in denen Er kurz vorher gelehrt und gewirkt hatte; aber wenn ich in
einem Orte ankam und mich emsigst nach Ihm erkundigte, da hieß es: ,Ja, vor
zwei oder drei Tagen war Er hier und hat dies und jenes gesprochen und dies und
jenes getan!‘, und ich fand auch Beweise genug, daß es also war.
[GEJ.09_051,09] Kurz, ich habe alles in
reichlicher Fülle gefunden, das mir zum vollgültigsten Beweise diente, daß Er
da war und gehandelt hatte; nur Ihn Selbst konnte ich bis zur Stunde noch nicht
zu Gesichte bekommen. Ich habe aber von einem besseren Juden aus Bethlehem, der
auch alles auf den großen Gottmenschen hält und an Ihn glaubt, erfahren, daß Er
an allen großen Festtagen in Jerusalem und zwar im Tempel Sich aufhält und das
Volk lehrt, obgleich Ihm die finsteren und argen Pharisäer im höchsten Grade
aufsässig sind. Und so will ich, obschon ich ein von den Erzjuden verachteter
Samariter bin, am nächsten Tempelweihfeste dennoch nach Jerusalem ziehen und
sehen, ob ich den großen Gottmenschen doch etwa einmal zu Gesicht bekommen
werde.
[GEJ.09_051,10] Für jetzt aber macht mich ein
Wanderer schon überglücklich, so er mir nur recht vieles von Ihm zu erzählen
weiß; kann er das, und hält er auch im Glauben alles auf den mir so heilig
gewordenen großen Mann, dann kann er bei mir im Hause die Zeit zubringen, wie
lange er will, kann und mag, und es kostet ihn sein Aufenthalt und auch selbst
die beste Kost nichts. Und wahrlich, so ihr mir ebenfalls recht vieles von dem
großen Manne zu erzählen wisset – aber wohl der vollen Wahrheit getreu –, da
werdet auch ihr bei mir die Zeche höchst leicht bezahlen. Erzählet mir daher,
ihr lieben Männer, auch etwas von Ihm!“
[GEJ.09_051,11] Sagte Ich: „Ja, du Mein
lieber Freund, Ich könnte dir freilich gar manches über deinen großen
Gottmenschen, in dem die Fülle der Gottheit körperlich wohnt, erzählen und
könnte dir am Ende sogar Sein treuestes Ebenbild zeigen, so du deinen Mund
wenigstens nur etliche Tage hindurch im Zaume halten könntest; aber in diesem
Stücke scheinst du eben kein besonderer Meister zu sein?!“
[GEJ.09_051,12] Sagte der Wirt: „Ja, was
meinen heiligen Gottmenschen betrifft, da dürftest du eben nicht ganz unrecht
haben; denn was einem Menschen eine zu große Freude macht und das Herz in die
vollste Bewegung setzt, das kann man auch schwer verschweigen. Doch wenn es
sein muß, dann kann schon auch ich schweigen, dessen ihr alle völlig versichert
sein könnet.“
52. Kapitel
[GEJ.09_052,01] Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich
will sehen, ob Ich dir etwas Rechtes und Wahres über deinen großen Mann werde
zu erzählen imstande sein, – und so höre denn!
[GEJ.09_052,02] Siehe, soweit Ich den Mann
kenne, so ist Er nach Meinem Erkennen eben derselbe Jehova, der schon mit Adam,
Noah, mit dem Abraham, Isaak und Jakob, mit Moses und mit noch vielen andern
Propheten geredet hat. Der Unterschied zwischen damals und jetzt besteht nur
darin, daß Er, als der ewige Herr aller Kreatur, damals nur als der reinste
Geist voll Liebe, Leben, voll der höchsten Weisheit, Macht, Kraft und Gewalt
mit dem geweckten Geiste der Menschen geredet und Sich ihnen also geoffenbart
hat. In dieser Zeit aber – wie Er das auch zu gar öfteren Malen durch den Mund
der Propheten verheißen hat – hat es Ihm wohlgefallen, aus größter Liebe zu den
Menschen dieser Erde, die Er zu Seinen Kindern erschaffen hat und ihnen auch
schon zu Adams Zeit Selbst diesen Namen gab, Selbst das Fleisch anzuziehen und
sie als ein sichtbarer Vater für Sich zu erziehen, auf daß sie ewig dort bei
Ihm sein, leben und wohnen sollen, wo Er Selbst Sich ewig befindet und schafft
und regiert die Unendlichkeit.
[GEJ.09_052,03] Darum heißt es ja: Im Anfang
war das pure Wort, und Gott war das Wort im Munde der Urväter der Erde, aller
wahrhaft Weisen und Propheten. Das ewige Wort, also Gott Selbst, ist aber nun
Fleisch geworden, also ein Mensch, und so kam der Vater zu Seinen Kindern, aber
diese erkennen Ihn nicht. Er kam also in Sein Eigentum, und man will Ihn nicht
als den alleinig wahren und ewigen Vater anerkennen. Aber es gibt dennoch auch
viele, die Ihn als Den, der Er ist, anerkennen und mit aller Liebe sich an Ihn
allein halten, und das Juden und Heiden, und zwar die Heiden mehr denn die
Juden; darum aber wird auch nach Seinem Worte das Licht den Juden genommen und
den Heiden gegeben werden.
[GEJ.09_052,04] Wenn du das, was Ich dir nun
von dem großen Manne gesagt habe, zu würdigen verstehst, so wirst du daraus
wohl auch entnehmen, daß Ich den großen Mann gewiß sehr wohl kenne!“
[GEJ.09_052,05] Sagte der Wirt voll Freuden:
„Oh, oh, oh, überaus wohl und ausgezeichnet also! Das ist auch unser Glaube!
Ich hätte euch das schon lange gerne bekannt; aber weil ihr keine Samariter
seid, so mußte ich klug zu Werke gehen, um mich nicht – wie mir das schon
einige Male begegnet ist – gewissen unnötigen Grobheiten auszusetzen. Denn das
Heiligste gehört nach meiner Ansicht nicht vor die Schweine, die in
aufgeblähter Menschengestalt vor uns einhergehen und uns für gar vieles minder
halten, als was sie sich zu sein dünken.
[GEJ.09_052,06] Weil ihr aber solches von dem
Gottmenschen haltet, so seid ihr denn auch meine freien Gäste, wie lange ihr
auch immer bei mir bleiben wollet. Ich bin zwar kein reicher Wirt, aber so viel
habe ich schon noch im Vorrat, daß wir es in einem Jahre nicht aufzehren
werden. O Freude und übergroße Freude, daß ich in euch so tief erleuchtete
Freunde und treue Bekenner des allein wahren Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs
gefunden habe! Aber jetzt nur gleich mehr und besten Weines her, und zu den
wenigen Fischen, die sämtlich kleiner Art waren, und da ich an Fischen nur noch
einen ganz geringen Vorrat haben dürfte, vier Lämmer geschlachtet und schnell
bestens zubereitet; denn solch wahre Gottesfreunde dürfen in meinem Hause
keinen Hunger und Durst leiden!“
[GEJ.09_052,07] Sagte Ich zum Wirte: „Lasse
die Lämmer für heute noch am Leben, sieh aber dafür in deinem größeren
Fischbehälter nach; denn Mir kommt es vor, als befänden sich darin noch eine Menge
großer und edler Fische aus dem See Genezareth! Wenn sich welche vorfinden, so
lasse sie, etwa vierzig Stück, für uns zubereiten!“
[GEJ.09_052,08] Sagte der Wirt, mit den
Achseln zuckend: „Darin waren sie wohl vor ein paar Wochen; ob sich aber nach
deiner mir ganz unerklärlich scharfsinnigen Wahrnehmung jetzt auch noch welche
darin befinden, das getraue ich mir nicht zu behaupten! Ich bin zwar bei dem
Ausfischen meines größeren Fischbehälters nicht zugegen gewesen, und so wäre es
allerdings möglich, daß da einige zurückgeblieben sind. Aber von vierzig Stück
wird da wohl schwerlich die Rede sein können! Ja, im großen Behälter, der aber
ein paar Feldwege von hier entfernt ist, da habe ich wohl noch einen ziemlichen
Vorrat von allerlei Fischen, aber von den Edelfischen wird wenig darunter sein;
denn der Edelfisch ist ein Raubfisch, und so man ihn unter die andern Fische
gibt, so macht er einen großen Schaden unter ihnen.
[GEJ.09_052,09] Aber ich will auf dein Wort,
weil du mir durch dein Bekenntnis eine so große Freude gemacht hast, denn doch
nachsehen gehen, wie es mit den Edelfischen aussieht. Sollte es mit ihnen
merkwürdigerweise etwa auch so stehen wie mit den Broten, über deren Vermehrung
und Veredlung ich noch lange nicht im klaren bin, dann müßte ich beinahe zu
denken anfangen: du selbst bist auch so ein schon bevollmächtigter Gesandter
des großen Mannes, meines einzigen Herrn und Gottes! Und ich glaube, daß ich
nicht weit fehlen werde, so ich euch alle als das begrüße. Aber jetzt zu den
Edelfischen!“
[GEJ.09_052,10] Auf das eilte der Wirt
schnell hinaus zu seinem in der Küche für das Hausgesinde noch beschäftigten
Weibe und sagte ihr das.
[GEJ.09_052,11] Das Weib aber sagte: „Ei du gar
zu leichtgläubiger Mann, woher denn vierzig Edelfische? Auch nicht einen mehr
wirst du darin finden! Ich habe sie ja alle vor fünf Tagen dem Arzte, der eine
große Mahlzeit gab, verkauft und das schöne Geld in deinen Kasten gelegt, und
er wird uns für die ihm erwiesene Gefälligkeit durch jemanden, der schweigen
muß, mit dem Königsbrote unsere Brotkammer angefüllt haben!“
[GEJ.09_052,12] Sagte der Wirt: „Höre, du
stets etwas hartgläubiges Weib! Das mag also, aber eher auch nicht also sein;
aber deine alte Hartgläubigkeit wird mich nicht abhalten, den größeren
Fischbehälter in Augenschein zu nehmen. Ob du mit- oder auch nicht mitgehen
willst, das wird mir eines sein!“
[GEJ.09_052,13] Auf diese Worte des Wirtes
ging das Weib denn doch mit dem Wirte, – und wie sehr staunten beide, als sie
den Behälter so voll der edelsten Fische fanden, daß sie darob ein ordentliches
Grauen überfiel.
[GEJ.09_052,14] Der Wirt berief abermals alle
seine Dienstleute zusammen und befragte sie ernstlich, ob sie nicht wüßten, wie
diese vielen und sehr kostbaren Edelfische in den Fischbehälter gekommen seien.
Aber alle schworen beim Himmel, daß sie das nicht wüßten.
[GEJ.09_052,15] Da sagte der Wirt: „Wahrlich,
da geht es nicht mit natürlichen Dingen zu! Das hat einer der am Abend angekommenen
Gäste, die alle etwas Rätselhaftes an sich haben, getan.“
[GEJ.09_052,16] Zum Weibe und zu der
Küchendienerschaft sich wendend, sagte er: „Kurz, die Fische sind
wundersamsterweise einmal da zu vielen Hunderten, – so nehmet nun denn statt
vierzig gleich fünfzig! Machet ein größeres Feuer, und bereitet sie nach bester
Art; denn von diesen werde ich selbst ein paar verzehren!“
[GEJ.09_052,17] Darauf griffen die Knechte
gleich zu und hoben die verlangten Fische alsbald aus dem Behälter. Und ehe
eine Stunde Zeit verrann, standen die schönen Edelfische schon bestbereitet vor
uns auf dem Tische.
53. Kapitel
[GEJ.09_053,01] Der Wirt aber war schon
vorher wieder zu uns in das Gastzimmer gekommen und hatte auch seinen ältesten
Sohn, der auf einem Auge blind war, mitgenommen.
[GEJ.09_053,02] Als er voll Staunens zu uns
kam, da sagte er zu Mir (der Wirt): „Guter und liebster Freund, ich habe gleich
nach deinem mir gemachten Bekenntnisse über den großen Mann die Mutmaßung in
mir geschöpft, daß einer unter euch irgendein schon besonders bevollmächtigter
Gesandter des großen Gottmenschen sein dürfte; denn die kleineren sind voraus
entsendet worden, und nun kommen die großen nach. Aber jetzt, wo ich auch den
größeren Fischbehälter voll der edelsten Fische fand, und das auf dein Wort, so
ist denn nun auch schon gar kein Zweifel mehr, daß ihr offenbar Gesandte jenes
großen Gottmenschen seid, dem du das vollkommenst wahre Zeugnis gegeben hast.
Einer unter euch wird sicher der Erste sein, und das am Ende gar du? Wenn das
der Fall ist, da sage es mir, auf daß ich dich ganz besonders ehren kann; denn
bei uns gilt noch immer der Satz: Ehret den, dem die Ehre gebührt!“
[GEJ.09_053,03] Sagte Ich: „Kümmere du dich
nun dessen nicht! Ich bin wohl ein Erster unter diesen Meinen Gefährten, – aber
in einer ganz anderen Weise, als du es meinst. Es ist nur gut, daß die
Edelfische da sind und noch ein guter Wein; alles andere wird sich schon noch
später, und das zur rechten Zeit, zeigen.
[GEJ.09_053,04] Was ist denn mit diesem
deinem halbblinden Sohne da?“
[GEJ.09_053,05] Sagte der Wirt: „Ah, wie
weißt du denn, daß dieser mein Sohn halbblind ist?“
[GEJ.09_053,06] Sagte Ich: „Oh, das zu
erkennen, wird doch etwa keine so wunderbare Sache sein! Sieht er dir ja doch
ganz ähnlich. Du bist geistig halbblind, und dieser dein Sohn natürlich. Am
Ende kann noch euch beiden geholfen werden! Haben denn die Jünger des großen
Mannes, von denen du ehedem erzählt hast, diesem deinem Sohne das eine Auge
nicht zu heilen vermocht?“
[GEJ.09_053,07] Sagte der Wirt: „Ja, einen
Versuch haben sie wohl gemacht; aber der ist ihnen eben nicht gelungen. Auch
der gewisse Johannes war darum schon ein paar Male hier; aber auch dem gelang
es nicht, meinem Sohne das Licht des einen Auges wieder zu verschaffen. Und so muß
er sein bißchen Ungemach schon mit Geduld ertragen. Ich habe ihn in der
Meinung, daß ihr etwa doch die noch mächtigeren Jünger des Herrn wäret, mit
hereingenommen, ob vielleicht ihr ihm helfen könntet. Aber weil ihr das etwa
nicht seid, da kann er schon wieder an seine Arbeit in die Küche gehen!“
[GEJ.09_053,08] Sagte Ich: „Ah, darum soll
auch er nur da verbleiben, – er wird sicher noch eher sehend werden denn du!“
[GEJ.09_053,09] Sagte der Wirt: „Aber
liebster Freund! Sieh doch meine Augen an, – ich sehe auf beiden Augen ganz
vortrefflich gut! Wie kann da mein halbblinder Sohn eher sehend werden denn
ich?“
[GEJ.09_053,10] Sagte Ich: „Ich habe es dir
ja zuvor gesagt, daß du nur geistig halbblind bist; und dein physisch
halbblinder Sohn wird noch eher sein volles Augenlicht bekommen, als du dein
seelisches! Aber nun nichts mehr von dem; denn nun kommen schon die Fische, die
wir noch verzehren werden, denn das erste Gericht war für vierzig Mann und
darüber etwas karg bemessen, trotz der Beigabe des Linsengerichts. Aber diesmal
mußt auch du und dein Sohn mitessen; dein Weib aber soll heute von diesen
Fischen nichts zu essen bekommen, ihres harten Glaubens wegen. Morgen kann sie
sich auch einen Fisch bereiten und ihren Glauben stärken.“
[GEJ.09_053,11] Als die Fische sich auf dem
Tische befanden, da griffen Meine sämtlichen Jünger, nachdem Ich Mir zuvor
einen Fisch genommen hatte, gleich wacker zu; denn diese Art Fische waren ihnen
als die besten schon lange bekannt. Wir aßen und tranken nun voll guten Mutes
und ließen oft den großen Mann aus Galiläa leben, was den Wirt stets über die
Maßen fröhlich stimmte, darum er auch nur stets Denselben mit einem Becher Wein
begrüßte und Ihn überhoch leben ließ. Dabei erzählten auch Meine Jünger
abwechselnd eine und die andere Begebenheit von unseren Wanderungen und auch
manches von Meiner Kindheit, was alles dem Wirte über alles angenehm war.
[GEJ.09_053,12] Als das Erzählen, das nahe in
die Mitternacht hinein dauerte, zu Ende war, da wandte sich der Wirt mit der
Bitte an Mich und sagte: „Mein lieber und selten weiser Freund, ihr habt mir
nun so vieles von dem großen Gottmenschen erzählt, daß ich nun schon der
glücklichste Mensch in der ganzen Welt zu sein mich dünke und zum größten Teile
auch wirklich bin; aber ich wäre nun auch ganz glücklich und so selig wie ein
erster Engel im Himmel, wenn ich nur noch ein wohlähnliches Abbild vom großen
Gottmenschen zu sehen bekäme! Du, Freund, hast mir zuvor versprochen, daß du
ein solches wirst sehen lassen. Wenn du ein solches bei dir hast, so bitte ich
dich, daß du mich es wollest sehen lassen!“
[GEJ.09_053,13] Sagte Ich: „Ja, ja, du hast
recht, Ich habe dir das versprochen und werde Mein Versprechen auch halten;
aber Ich sagte nachher auch, als du deinen halbblinden Sohn zu uns hereingebracht
hattest, daß er noch früher ganz sehend werden würde und du am Ende in deiner
halbblinden Seele wohl etwa auch ganz sehend werden würdest. Denn als ein an
deiner Seele halbblinder Mensch wirst du das wahrste Abbild des Herrn und
Meisters immer nicht ganz wohl ausnehmen und lebendig betrachten können. Lasse
nun denn deinen Sohn zu Mir kommen, und Ich werde sehen, ob Ich sein blindes
Auge werde öffnen und mit dem Lichte erfüllen können!“
[GEJ.09_053,14] Auf diese Meine Worte, die
den Wirt stutzen machten, stellte er den Sohn zu Mir hin, und sagte (der Wirt):
„Da ist der Sohn, Freund! Versuche nun auch du, ob es dir gelingen wird, ihn
sehend zu machen!“
[GEJ.09_053,15] Sagte Ich: „Gut, Mein Freund,
Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! – Es sei!“
[GEJ.09_053,16] Auf diese Meine Worte ward
des Sohnes blindes Auge auch schon sehend, auf welche plötzliche Heilung Vater
und Sohn ordentlich erschraken, und der Sohn zum Vater sagte: „Vater, der Mann
muß mit dem großen Gottmenschen in einer viel innigeren Verbindung stehen als
alle die andern, die mich in Seinem Namen zu heilen versuchten! Jene sagten:
,Im Namen des Herrn Jesus Jehova werde Licht deinem Auge!‘, – und siehe, ich
blieb dennoch blind. Dieser aber sagte: ,Ich will, daß dein Sohn Jorab sehe! Es
sei!‘ Der Freund hat mich also durch seine eigene Macht geheilt, da er sagte:
,Ich will es!‘ Er ist darum der große Gottmensch Selbst und niemand anders! Und
du, Vater, bist noch halbblind an deiner Seele, wenn du solches nicht alsobald
merkst – und Er, Er Selbst ist das treueste Abbild Seiner Selbst voll des
Lebens, der Macht und Kraft Gottes; denn nur Gott allein kann sagen: ,Ich will
es!‘, – ein Mensch aber nur: ,Gott der Herr wolle dies und jenes!‘“
[GEJ.09_053,17] Als der Sohn solches
ausgeredet hatte, da ward auch der Wirt sehend, erkannte Mich und fiel vor Mir
auf die Knie nieder und fing an, Mich um Vergebung zu bitten.
[GEJ.09_053,18] Ich aber sagte: „Freund, was
soll Ich dir vergeben? Daß du Mich erst jetzt erkannt hast, das wollte Ich
also! Und somit sei du nun erst ganz selig! Aber sage es niemandem in deinem
Hause, bevor Ich dir das zu tun anzeigen werde! Siehe aber nun, daß wir ein
Nachtlager bekommen! Morgen werden wir dann schon das Weitere bestimmen.“
[GEJ.09_053,19] Der Wirt erhob sich nun vom
Boden und fing an, Mir über alle die Maßen zu danken, daß Ich ihn solch einer
unschätzbaren Gnade gewürdigt habe.
[GEJ.09_053,20] Ich aber sagte zu ihm: „Mache
nun nicht so viel Aufhebens, damit dein Hausgesinde nicht vor der Zeit auf Mich
aufmerksam gemacht werde! So dein Weib und deine andern Kinder und deine
Hausleute den Jorab sehend erschauen und dich und ihn fragen werden, wie er
sehend geworden sei, da saget: Die angekommenen Gäste haben das vermocht; denn
der große Herr ist mit ihnen mehr denn mit jenen, denen es nicht gelang, dem
Jorab das blinde Auge in Seinem Namen zu heilen. – Aber nun gehe und laß uns
ein Nachtlager bereiten!“
[GEJ.09_053,21] Da ging der Wirt und ließ uns
im großen Schlafsaale etliche vierzig Ruhestühle zurechtrichten und kam dann und
zeigte Mir solches ehrerbietigst an. Und wir erhoben uns von unseren Bänken und
begaben uns zur Ruhe.
[GEJ.09_053,22] Der Wirt aber besprach sich
dann noch über vieles mit seinem Weibe und auch mit seinen mündigen Kindern;
aber Mich verriet er dennoch nicht, obschon sein Weib einige Male die Bemerkung
machte, daß am Ende doch Ich Selbst eben jener wunderbare Meister sein könnte,
der schon vor zweieinhalb Jahren in Samaria so große Zeichen gewirkt habe. Ich
wolle Mich aus gewissen Gründen etwa nur nicht, wie dies bei Meinem ersten
Besuche dieser Stadt der gleiche Fall war, sogleich zu erkennen geben. Am Tage
werde sie Mich schon schärfer ins Auge fassen, da sie Mich bei Meiner ersten
Anwesenheit in diesem Orte wohl ein paar Male zu sehen das Glück gehabt habe.
Und bei solchen Besprechungen schliefen denn auch die Wirtsleute ein und ruhten
samt uns bis zum Sonnenaufgang.
54. Kapitel
[GEJ.09_054,01] Am Morgen aber war gleich das
ganze Haus besorgt, um für uns ein bestes Morgenmahl zu bereiten. Wir erhoben uns
auch von unseren Ruhestühlen und begaben uns wieder in das Gastzimmer, in
welchem der Tisch mit reichen und kostbaren Tischgeräten geschmückt war. Da gab
es viel Goldes und Silbers und das Tischtuch war von feinstem Byssus und war an
den Enden mit Gold und Perlen eingearbeitet. Auch die gestrigen Bretterbänke
waren mit reich geschmückten Stühlen vertauscht worden.
[GEJ.09_054,02] Als Meine Jünger das ersahen,
da sagten sie: „Da sieh, Herr und Meister, wie sehr Dich dieser Wirt ehrt! Eine
solche Aufmerksamkeit von seiten eines Wirtes haben wir noch kaum irgendwo
erlebt!“
[GEJ.09_054,03] Sagte Ich: „Meinet ihr denn,
daß Ich daran ein Wohlgefallen habe? An der Liebe des Wirtes nur habe Ich ein
Wohlgefallen, aber an dieser Pracht gar nicht! Weil Ich aber wohl wußte, mit
welchem Glauben und mit welcher Liebe der Wirt an Mir hängt, obschon er von Mir
nur hatte reden hören und darum denn auch die große Sehnsucht hatte, Meine
Person nur einmal in seinem Leben zu sehen, so kam Ich denn auch mit euch in
sein Haus, um Mich so in seiner nächsten Nähe von ihm finden, erkennen und am
Ende auch erschauen zu lassen. Warum Ich das also einleitete und auch also
geschehen ließ, das sollet ihr als Meine ersten Nachfolger und Jünger, die ihr
vor allem die Geheimnisse Meines Reiches auf Erden zu verstehen habt, aus
Meinem Munde erklärt vernehmen!
[GEJ.09_054,04] Seht, in der Folge werden
Mich auch gar viele Menschen, so sie von Mir hören werden, in aller Welt mit
großem Eifer suchen, und also auch Mein Reich. Sie werden Mich aber, als
halbblind an der Seele, dennoch nicht völlig finden, wenn sie da- und dorthin
Mir nachziehen werden, so ihnen die Menschen sagen werden nach ihrem Forschen:
,Er war wohl hier, und ist nun dort und dort, gehet hin, und ihr könnet Ihn
wohl finden!‘ Und die Mich Suchenden werden hineilen, um Mich zu finden, und
werden Mich dennoch nicht finden, – wie Ich euch auch schon zu öfteren Malen
angedeutet habe, daß da viele sagen werden: ,Sehet, hier ist Er!‘ oder ,Dort
ist Er!‘ oder ,Er ist in diesem Hause, oder in jener Kammer!‘, so glaubet es
nicht; denn so jemand ungezweifelt an Mich glaubt und Mich wahrhaft im Herzen
über alles liebt und darum auch seinen Nächsten wie sich selbst und hat dabei
aber auch eine stets wachsende Sehnsucht, Mich Selbst zu erschauen und Mich und
Meinen Willen tiefer und heller zu erkennen, so werde Ich also, wie es hier der
Fall ist, ganz unerwartet schon in seiner nächsten Nähe gegenwärtig sein,
obschon er Mich noch irgendwo unbekannt ferne zu sein glaubt, und gebe Mich ihm
denn auch bald nur in seiner nächsten Nähe zu erkennen, mit ihm in einem und
demselben Hause wohnend und mit ihm Mahl haltend.
[GEJ.09_054,05] Wer Mich in der Folge, so Ich
wieder in Meine Himmel zurückkehren werde, wahrhaftig wird finden, sehen und
sprechen wollen, der wird Mich nicht in der Welt oder in gewissen Häusern,
Tempeln und Kammern, sondern in seiner nächsten Nähe, das heißt, in seinem
Herzen suchen müssen; und wer Mich also suchen wird, der wird Mich auch finden,
aber so lange auch nicht erkennen, wenn Ich auch schon bei ihm sein werde,
solange er an seiner Seele halbblind verbleiben wird.
[GEJ.09_054,06] Halbblind an der Seele aber
ist ein Mensch so lange, als er zwar im Glauben an Mich und in der Liebe zu Mir
wächst, aber dabei aus der Einwirkung der Welt in ihren vielen Richtungen von
Zeit zu Zeit in allerlei kleine Zweifel und Lebensstumpfheiten gerät und Mich
darum, so Ich Mich oft auch in seiner nächsten Nähe befinde und mit ihm wie ein
bester Freund handle und rede, dennoch nicht gewahrt und Mich denn auch voll
Hochachtung, rechtem Glauben und auch voll Liebe fragt, wo Ich sei, und ob er
Mich wohl je einmal zu Gesichte bekommen werde, und wie und wann, und ob
möglich schon in dieser oder dereinst erst in der andern und ewigen Seinswelt.
[GEJ.09_054,07] Sein physisch halbblinder
Sohn aber bezeichnet des Menschen Sinn und Gemüt. Der Sinn ist das noch diese
Welt schauende Auge, das Gemüt aber ist das für diese Welt und ihre Reize
blinde, aber darum nach innen gekehrte Auge, das Ich aber ansehe und es völlig
heile und erleuchte. Sowie aber dieses Auge lebendig wird, so überwältigt es
bald das Weltsinnsauge und kehrt es auch nach innen. Wenn dieses geschieht, so
wird der ganze Mensch erleuchtet und sehend und ersieht und erkennt Mich bald
und leicht und verwundert sich dann, wie er Mich so lange nicht hatte erkennen
mögen, da Ich Mich doch schon lange in seiner vollen Nähe leicht erkennbar
wirkend und durch viele Tatsachen redend und lehrend befand.
[GEJ.09_054,08] Das, was Ich euch gesagt
habe, das könnet auch ihr die Menschen lehren und ihnen zeigen, wie ein Mensch
von Mir heimgesucht wird, so er Mich zuvor im wahren Glauben sucht, und aus
diesem in der Liebe zu Mir und aus der in der Liebe zum Nächsten. Merket euch
das wohl!“
[GEJ.09_054,09] Die Jünger und besonders Mein
Jakobus major dankten Mir sehr für diese Beleuchtung; denn – wie schon
bekanntgegeben – der benannte Jünger war am meisten mit den Entsprechungen
beschäftigt, und so auch Johannes und Petrus.
55. Kapitel
[GEJ.09_055,01] Als Ich diese Erklärung
beendet hatte, da kam auch der Wirt mit dem geheilten Sohne und kündigte uns
an, daß das Morgenmahl alsbald bestens bereitet auf den Tisch gesetzt werde?
Zugleich aber bat er in aller Ehrerbietung Mich um einen Rat, was er tun solle,
indem sein Weib und seine Kinder ihn in einem fort ordentlich quälten, daß er
ihnen sagen solle, wer und woher Ich sei, daß Ich dem Sohne ohne ein Mittel das
eine blinde Auge wieder sehend habe machen können. Er wie auch der geheilte
Sohn aber wollten Mich darum nicht verraten, weil Ich ihnen das untersagt habe.
[GEJ.09_055,02] Ich aber sagte: „So Ich nach
dem Morgenmahle ohnehin bald weiterziehen werde, dann erst entdecke ihnen, wer
und woher Ich bin; denn so du ihnen das nun sogleich sagen würdest, da wäre
bald Meine Gegenwart in der ganzen Stadt ruchbar, und du könntest vor Zudrang
der Menschen in deinem Hause sehr belästigt werden. Du wirst noch nach Meinem
Abgange mit den Neugierigen deine Not bekommen; um wie vieles mehr würde das
nun während Meiner Gegenwart der Fall sein!“
[GEJ.09_055,03] Mit dem war der Wirt und der
Sohn völlig zufrieden und ging und besorgte das Morgenmahl.
[GEJ.09_055,04] Es ward darauf sogleich in
silbernen Schüsseln auf den Tisch gebracht, so wie auch der Wein in großen
silbernen Bechern. Meine Schüssel und Mein Weinkelch aber waren aus reinstem
Golde angefertigt, und Ich fragte den Wirt, warum er das getan hätte, da Ich an
derlei irdischer Pracht niemals ein Wohlgefallen habe.
[GEJ.09_055,05] Er aber verneigte sich tief
vor Mir und sagte (der Wirt): „O Herr und Meister, ich weiß es wohl, daß Du an
derlei niemals ein Wohlgefallen hast, daß man Dich nur mit einem mit reiner
Liebe erfüllten Herzen wohlgefällig ehren und preisen kann. Du hast aber in Mir
schon einen Menschen gefunden, der Dich im Herzen über alles geehrt und
gepriesen hat und Dich fortan also noch mehr ehren und preisen wird. Ich aber
dachte mir, daß ich eine Sünde begehen würde, so ich Dir als dem höchsten Herrn
Himmels und der Erde nicht auch die Ehre erwiese, die man doch besseren
Menschen zu erweisen pflegt!
[GEJ.09_055,06] Du hast ja die ganze Erde mit
allem, was sie enthält, erschaffen, und so denn auch ihr Gold und Silber, und
so zeugen ja auch diese Metalle, die von den Menschen schon seit gar lange her
als die edelsten und somit auch wertvollsten anerkannt worden sind, von Deiner
Liebe, Weisheit, Macht, Größe und Ehre! Und so denke ich in meiner
Schlichtheit, daß es besser ist, Dich als den Schöpfer auch des Goldes und des
Silbers mit diesen Metallen nach unserer menschlichen Weise zu ehren, als mit
ihnen einen schmählichen Wucher zu treiben oder um ihretwillen die blutigsten
Kriege zu führen und tausendfaches Unheil über die arme Menschheit wie aus der
Hölle heraufzubeschwören.“
[GEJ.09_055,07] Sagte Ich: „Ja, ja, da hast
du freilich auch wohl recht; wenn alle Menschen dir gleich dächten und deines
Herzens und Sinnes wären, dann würden ihnen Gold und Silber und Perlen und alle
die kostbaren Edelsteine niemals zum Unheil werden! Aber weil die Menschen, die
darauf sehen, daß Gott mit Gold und Silber und Perlen und Edelsteinen geehrt
werde, ganz anders zu denken anfangen und sonach auch bald eines andern Sinnes
werden, so wäre es sehr unweise von Gott, wenn Er Sich mit dem ehren ließe, was
unter den Menschen zu allen Zeiten das meiste und größte Unheil gestiftet hat.
[GEJ.09_055,08] So wie du dachten auch die
Erzväter der Erde und ehrten Gott vor goldenen und silbernen Altären und
verrichteten ihre Preis- und Lobgebete in mit Gold und Silber und mit allerlei
Edelsteinen reichlichst gezierten Tempeln, wie du solches im Tempel zu
Jerusalem wohl ersehen kannst. Was war aber die Folge davon? Siehe, eben
dadurch sind die benannten Metalle, Perlen und Edelsteine in der Einbildung der
Menschen so überaus wertvoll geworden!
[GEJ.09_055,09] Als die Menschen am Ende von
dem Werte dieser gottesverehrlichen Dinge in eine zu hohe Idee geraten sind,
haben sie denn auch stets mehr und mehr in der Erde herumzuwühlen angefangen
und suchten Gold, Silber und Perlen und Edelsteine, vergaßen dabei nach und
nach auch Gott und meinten, Gott schon dadurch im höchsten Grade zu ehren und
ungeheure Gnaden von Ihm zu erhalten, wenn sie Ihm zur Ehre irgend den größten
Brocken Goldes, Silbers und der Edelsteine auf den Altar legen konnten.
[GEJ.09_055,10] Da aber doch nicht alle
Menschen so geschickt waren, die benannten Dinge zu finden, um sich durch sie
Gott wohlgefällig erweisen zu können, so befragten sie sich bei den Erzvätern,
die zugleich Priester waren, wie viele Schafe, Kühe, Ochsen oder auch Kälber
und Stiere sie anstatt soundso viel Goldes oder Silbers Gott zum Opfer bringen
sollten, um Ihm wohlgefällig zu werden gleich dem, der da pur Gold und Silber
Gott zum Opfer darbringt.
[GEJ.09_055,11] Da merkten es nur zu bald die
Ältesten oder Priester, daß sich dabei ein einträgliches Geschäft mit dem
Gottesdienste gar leicht und etwa auch unschädlich verbinden ließe, und daß das
zur Erbauung und Beruhigung der Menschen auch ganz wohl dienlich wäre. Und so
fingen die Priester an, Gold und Silber und Perlen und Edelsteine zu wägen und
bestimmten den Wert nach der Anzahl der verschiedenen Tiere, später auch nach
dem Maße des Getreides, der Früchte, des guten Bauholzes, des Weines, der
Kleidungsstoffe und noch einer Menge anderer Dinge.
[GEJ.09_055,12] Dadurch entstand schon der
Tausch- und Stechhandel, die arge und wucherische Wechslerei, darauf Neid, Haß,
Zorn, Verfolgung, Lüge, Betrug, Geilheit, irdische Pracht, Größe und Hoheit und
Stolz und Verachtung unter den Menschen, da man ihren Wert nicht mehr nach
ihrem inneren Seelenadel, sondern nur nach dem Gewichte des Goldes und Silbers,
der Perlen und Edelsteine, nach der Größe der Herden, der Äcker und Weinberge
und nach dem größeren Besitze auch anderer Dinge bestimmte.
[GEJ.09_055,13] Daß die Armen die Reichen beneideten
und durch allerlei List ihnen den Reichtum zu schmälern anfingen, wodurch
Dieberei und Raub und Mord auch nicht lange auf sich warten ließen, ist eine
selbstverständliche Sache. Denn mit dem stets mehr überhandnehmenden
Materialismus geht das Geistige zugrunde, und Gott wird den Menschen am Ende
ein alter, verbrauchter, nichtiger und wertloser Begriff, von dem sie sich
keine Vorstellung mehr zu machen imstande sind, und die volle Gottlosigkeit und
mit ihr alle erdenkbaren Übel werden unter den Menschen auf die
allergewissenloseste Weise gang und gäbe, und die Menschen greifen zu den
Waffen, und der sich besser dünkende Teil sucht dann den böseren mit Gewalt zu
unterjochen; und hat er das, dann gibt er Gesetze, deren Nichtbeachtung er mit
den ärgsten Strafen belegt. Und so entstehen dann die Machthaber und ihnen
gegenüber die Sklaven auf der Erde.
[GEJ.09_055,14] Siehe, das macht alles das
Gold, das Silber, die Perlen und die Edelsteine, so die Menschen in der
Meinung, daß diese Dinge die reinste und edelste Materie seien, sie auch zur
äußeren Verehrung auf was immer für eine Art anwenden!
[GEJ.09_055,15] Was die äußere Verehrung und
Verherrlichung Gottes anbelangt, dafür hat schon Gott Selbst von Ewigkeit her gesorgt;
denn Er hat darum den Himmel und alle sichtbare Natur – als diese ganze Erde,
den Mond, die Sonne und die zahllos vielen Sterne, die zumeist lauter ums kaum
Aussprechliche große Weltkörper sind voll Lichtes und voll der
wunderherrlichsten Dinge und Kleingeschöpfe auf ihren übergroßen und überweit
gedehnten Flächen und Gefilden – erschaffen, und das genügt zur
Außenverherrlichung des großen Gottes und Meisters über alles von Ewigkeit, und
Er bedarf darum keines Goldes, Silbers und keiner Perlen und geschliffener und
polierter Edelsteine dieser Erde.
[GEJ.09_055,16] Die wahre und Gott allein
wohlgefällige Verehrung und Verherrlichung besteht und bestehe denn allzeit nur
in einem reinen, Gott über alles und den Nächsten wie sich selbst liebenden
Herzen und somit – was dasselbe ist – auch in der getreuen Haltung der Gebote,
die Er durch Moses allen Menschen gab; alles andere ist eitel und töricht auch
von seiten eines reinen und Gott wohlgefälligen Menschen. Wird die äußere
Verehrung aber noch von solchen Menschen, wie es da sind die Pharisäer und die
Götzenpriester und -priesterinnen, und auch von anderen Scheinfrommen und
Augendienern und Gleisnern Gott, an den sie bei sich gar nicht glauben und nie
geglaubt haben, dargebracht, und das um Geld und andere bedeutende Opfer, so
gilt das vor Gott nicht nur nichts, sondern es ist das ein Greuel vor Ihm, und
dasselbe ist auch alles, was vor den Augen der Welt groß und glänzend ist. Das,
Mein Freund, merke dir, da du es nun aus dem Munde Dessen vernommen hast, der
Sich mit gar keiner Materie ehren und preisen läßt, sondern allein nur mit
einem reinen, Ihm völlig ergebenen Herzen und Willen!“
[GEJ.09_055,17] Sagte der Wirt, nun ganz
verlegen: „O Herr und Meister von Ewigkeit, so Dir diese meine auch äußere
Verehrung, wie ich das nun schon ganz gründlich einsehe, nicht angenehm ist, so
soll alles sogleich anders bestellt werden!“
[GEJ.09_055,18] Sagte Ich: „Jetzt laß nur
alles so, wie es ist; denn die wohlbereiteten Fische werden uns diesmal auch
aus den goldenen und silbernen Schüsseln wohlschmecken, und desgleichen auch
der Wein! Aber für ein anderes Mal laß das hinweg!“
[GEJ.09_055,19] Mit dem war der Wirt
zufrieden, und wir begannen das Morgenmahl zu uns zu nehmen.
56. Kapitel
[GEJ.09_056,01] Während des Essens aber
fragte Mich der Wirt, ob er nicht den Arzt davon ganz im geheimen
benachrichtigen solle, daß ich hier sei.
[GEJ.09_056,02] Sagte Ich: „Da würdest du dir
eine vergebliche Mühe machen; denn er und sein Weib sind über Land gezogen und
werden erst in ein paar Tagen wieder heimkommen. Wenn sie zu dir kommen werden,
dann kannst du es ihnen schon melden, was alles sich während ihrer Abwesenheit
hier zugetragen hat. Aber nun essen und trinken wir nur ganz ungestört fort!“
[GEJ.09_056,03] Darauf aßen und tranken wir
ganz wohlgemut, und der Wirt und sein geheilter Sohn taten dasselbe und konnten
den Wohlgeschmack der Edelfische nicht genug rühmen.
[GEJ.09_056,04] Und der Wirt konnte sich der
ganz guten Bemerkung nicht erwehren, sagend nämlich: „O Herr und Meister! Also
wohl dürften die erst erschaffenen Fische in den Wassern der Erde auch besser
geschmeckt haben als die nachher unter sich gezeugten; denn diese Edelfische
sind auch keine gezeugten, sondern von Dir, o Herr und Meister, frisch
erschaffene, und haben darum denn auch einen außerordentlichen Wohlgeschmack.“
[GEJ.09_056,05] Sagte Ich: „Ja, ja, da magst
du auch wohl recht haben! Aber also ist auch das Wort, das aus Meinem Munde
geht, kräftiger und wirksamer als das Nachwort eines Propheten; es kann aber das
Nachwort auch zur gleichen Kraft erhöht werden in jedem Menschen, wenn es durch
die Tat im Herzen und Willen wohl zubereitet wird.
[GEJ.09_056,06] Mein Wort ist schon das Leben
in sich und macht lebendig jeden, der es mit gutem Herzen vernimmt, – denn es
geht da sogleich das Grundleben alles Lebens ins Leben des Menschen über; das
Wort des Propheten aber ist nur ein getreuer Wegweiser und zeigt dem Menschen,
wie er zu dem lebendigen Worte aus Meinem Munde gelangen und durch dasselbe ins
Leben des Geistes übergehen kann.
[GEJ.09_056,07] Ich sage euch allen: Am Ende
muß ein jeder Mensch in seinem Herzen von Gott belehrt werden; denn wer da am
Ende nicht vom Vater oder vom Gottgeiste in Mir belehrt wird auf dem Wege der
reinen Liebe zu Mir und zum Nächsten, der kommt nicht zu Mir, dem Sohne der
ewigen Liebe, der Ich bin das ewige Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben
selbst; denn Ich bin des Vaters Weisheit in Mir Selbst. Solches verstehet ihr
zwar jetzt noch nicht völlig, aber ihr werdet es verstehen, so ihr nach Meiner
Auffahrt im Geiste aus Mir wiedergeboren werdet; denn das ist der ewig in Sich
Selbst vollst lebendige Geist aller Wahrheit, und der wird euch leiten in alle
Weisheit. Und so hattest du wohl recht, zu sagen, daß die frischerschaffenen Fische
ums unvergleichbare wohler schmecken denn die nachher unter sich gezeugten.“
[GEJ.09_056,08] Sagte darauf der Wirt: „O
Herr und Meister, ich habe so manches von der einstmaligen Prophetenschule
gehört, die besonders in den Zeiten der Richter sehr gang und gäbe war und sich
dann auch noch unter den Königen nahezu bis an unsere Zeiten fort erhielt. Aber
ich konnte dennoch nie so recht klar dahinterkommen, worin die eigentlichen
Lehr- und Übungselemente dieser Schule bestanden. Wer aber einmal ein Prophet
der vollen Wahrheit gemäß geworden ist, durch dessen Mund hatte aber auch
unverkennbar der Geist Jehovas geredet, was mehrere der großen Propheten denn
auch durch die Tat bewiesen haben.
[GEJ.09_056,09] Worin bestanden denn hernach
die Lehr- und Übungselemente einer Prophetenschule?“
[GEJ.09_056,10] Sagte Ich: „Höre, du Mein
Freund, was damals nur in allerlei Entsprechungen für diese gegenwärtige Zeit
vorbildend geschah, das steht nun in der Erfüllung vor dir! Von
gottesfürchtigen Eltern schon von der Geburt an rein und wohl erzogene Kinder,
natürlich vor allem Knaben, die auch sicher zuallermeist physisch völlig gesund
und kräftig waren, wurden von den im Geiste geweckten Richtern und Priestern in
der Weise Aarons in diese Schule aufgenommen, in der sie zuerst des Lesens,
Rechnens und Schreibens wohl kundig werden mußten; dann wurden sie in der
Schrift wohl unterwiesen, das heißt in den Büchern Mosis, und sodann auch in
der Länder- und Völkerkunde der den Menschen bekannten Erde.
[GEJ.09_056,11] Dabei aber wurden sie auch
sorglichst angehalten, die Gebote Gottes nicht nur zu erkennen, sondern auch
strenge, und das soviel als möglich freiwillig und sich selbst bestimmend, zu
beachten. Sie wurden dabei nach ihrem Alter und nach dem Grade ihrer geistigen
Entwicklung gar manchen Proben und Prüfungen ausgesetzt, auf daß sie in sich
selbst zu der lebendigen Überzeugung kamen, inwieweit sie schon in der Kraft,
aller Welt und ihren Reizen zu widerstehen, zugenommen haben.
[GEJ.09_056,12] Vor allem mußten sie vor der Trägheit
als der Mutter aller andern Sünden und Übel bewahrt werden, darum sie denn auch
zu allerlei ihren Kräften angemessenen körperlichen Arbeiten angehalten wurden.
[GEJ.09_056,13] Waren sie einmal in aller
Selbstverleugnung und Selbstbesiegung groß und stark geworden, so wurden sie
durch die Wissenschaft der Entsprechungen in ihr Inneres geführt, wodurch sie
zum lebendigen Glauben und zu einem unbeugsamen Willen unter der Einung mit dem
wohlerkannten und auch schon von Kindheit an stets genau beachteten Willen
Gottes gelangten, wodurch sie dann auch schon so manche Zeichen zu bewirken
imstande waren, weil ihr eigener Selbstwille mit dem Willen Gottes eins
geworden war und der Glaube, als ein wahres, lebendiges Licht aus den Himmeln,
in ihren erleuchteten Herzen keinen Zweifel mehr zuließ.
[GEJ.09_056,14] War das alles einmal in der
wahren und lebendigen Ordnung, so wurden sie eben durch den lebendigen Glauben
und durch den in aller Tat mit dem Willen Gottes geeinten Selbstwillen mit dem
Geiste Gottes nach der individuellen Fähigkeit erfüllt, wodurch die innere Sehe
erweitert ward und sie dadurch auch zukünftige Dinge und Begebenheiten
voraussahen in entsprechenden Bildern, die sie dann für die Nachwelt
aufzeichneten.
[GEJ.09_056,15] Wer einmal in diesen Zustand,
in welchem er Gesichte bekam, gelangte, der gelangte auch zum innersten,
lebendigen Worte und vernahm also die Stimme Jehovas in sich, und das war das
Gotteswort, das der Prophet wie aus dem Munde Gottes den Menschen verkündete
und eigentlich verkünden mußte, weil er von dem in ihm waltenden Geiste Gottes
dazu angetrieben worden ist. Und siehe, also sah die Schule der Propheten aus,
und auf die beschriebene Art wurden die Menschen in einer förmlichen und wahren
Lebensschule zu Propheten gebildet!“
57. Kapitel
[GEJ.09_057,01] (Der Herr:) „Aber es wurden
fromme und an Gott allzeit fest glaubende und Ihn im Herzen liebende Männer oft
auch ohne die vorangehende Schule zu wahren Propheten erweckt. So waren Moses
und Aaron selbst große Propheten und sind dazu in keiner Schule gebildet
worden; denn ihr Glaube, ihr Gott ergebenes Herz und Gott Selbst waren ihre
Schule. Also wurden auch Elias und Jonas, Josua und Samuel zu wahren Propheten
ohne vorangehende Schule; denn Gott Selbst war ihr Meister und ihre Schule.
[GEJ.09_057,02] So waren auch die Erzväter
zuallermeist Seher und Propheten ohne Schule; denn Gott allein, an den sie
ungezweifelt hielten und glaubten, war ihre Schule, in der Er ihnen Seinen
Willen offenbarte. Und selbst in diesen Zeiten gab es Seher und Propheten, die
nicht in der Schule zu Sehern und Propheten erzogen worden sind; denn Gott
sieht allzeit nur auf das Herz der Menschen und nicht auf die Schule, in der
ein Mensch zu dieser oder jener Geschicklichkeit gelangt ist.
[GEJ.09_057,03] Siehe da diese, Meine Jünger!
Keiner von ihnen hat je eine Prophetenschule gesehen, und dennoch werden von
ihnen viele Größeres leisten denn alle alten Seher und Propheten; denn Ich
allein bin ihr Meister und ihre Schule, und so wird es in der Folge sein und bleiben
bis ans Ende der Zeiten dieser Erde.
[GEJ.09_057,04] Es werden in der Zukunft wohl
gar viele Schulen errichtet werden, aus denen wohl eine Unzahl falscher Lehrer
und Propheten hervorgehen werden, aber nur sehr wenige der wahren dem Willen
Gottes gemäß.
[GEJ.09_057,05] Wahrlich sage Ich dir: In der
Folge wird nur der ein Seher und Prophet, der an Mich glauben, Mich über alles,
seinen Nächsten wie sich selbst lieben und Meine Lehre tatsächlich befolgen
wird! Darum wird aber auch nicht ein jeder, der gläubig zu Mir rufen wird:
,Herr, Herr!‘, in Mein Reich eingehen, sondern nur der, welcher Meinen in
Meiner Lehre klar ausgesprochenen Willen tun wird.
[GEJ.09_057,06] Darum seid denn auch ihr nicht
nur pur eitle Hörer, sondern sofortige Täter Meines Wortes, so werdet ihr in
euch auch das wahre Reich Gottes überkommen! Erwartet aber niemals, als werde
das Reich Gottes, als das Reich des inneren Lebens, jemals mit irgend äußeren
Zeichen und äußerem Glanzgepränge zu den Menschen kommen, sondern es ist
inwendig in euch! Wer es auf die von Mir euch gezeigte Art und Weise sucht in
sich und es nicht also findet, der sucht es in aller Welt und in allen
Gestirnen vergeblich.
[GEJ.09_057,07] Der Pfad zum wahren und
lebendigen Reiche Gottes ist somit ein sehr schmaler und oft mit allerlei
Dornengestrüpp überwachsener. Demut und vollste Selbstverleugnung ist sein
Name. Für den Weltmenschen ist er völlig ungangbar.
[GEJ.09_057,08] Wer aber an Mich glaubt und Meine
Gebote hält, dem werden die Dornen auf dem Pfade zum Reiche Gottes nicht die
Füße verwunden. Nur ein ernster Anfang ist schwer; wenn der Ernst aber bleibt
und nicht durch allerlei Weltrücksichten geschwächt wird, so ist die volle
Erreichung des Reiches Gottes in sich etwas ganz Leichtes. Denn solch einem
stets vollernstlichen Bestreber nach dem Gottesreiche in sich ist Mein Joch
sanft und leicht die ihm zu tragen von Mir aufgelegte Bürde, und Ich werde den
ernsten Suchern des wahren Reiches Gottes stets laut in ihren Herzen zurufen:
,Kommet alle zu Mir, die ihr mühselig und belastet seid! Ich Selbst komme euch
schon mehr denn auf dem halben Wege entgegen und will euch vollauf kräftigen
und erquicken!‘
[GEJ.09_057,09] Die aber zu Mir nur wohl
,Herr, Herr!‘ rufen, ihre Hauptsorge aber pur weltlichen Dingen zuwenden und
nur so nebenbei nach dem trachten werden, was des Reiches Gottes ist, zu denen
werde Ich sagen: ,Was rufet ihr Weltlinge Mich, und was schreiet ihr? Mein Herz
hat euch noch nicht erkannt. Um was ihr euch sorget, das bringe euch auch die
von euch gewünschte Hilfe!‘ Wahrlich sage Ich euch: Solche Menschen werden
diesseits schwerlich je das wahre und lebendige Reich Gottes in sich finden und
werden ihren Nebenmenschen gegenüber schlechte Lehrer, Seher und Propheten
darstellen; und im Jenseits wird es für solche halbtoten Seelen noch ums
unvergleichbare schwerer sein, das Reich Gottes in sich zu suchen und zu
finden.
[GEJ.09_057,10] Darum arbeite ein jeder,
solange der Tag währt; denn es kommt darauf die Nacht, da wird es sich schwer
arbeiten lassen! – Hast du, Mein Freund, das von Mir nun Gesagte wohl auch
verstanden?“
[GEJ.09_057,11] Sagte der Wirt: „Ja, Herr und
Meister über alles, ich danke Dir für diese Belehrung aus der innersten Tiefe
meines Lebens! Nun bin ich über das Wesen der alten Prophetenschule ganz im
klaren. Ich bitte Dich aber auch zugleich, daß Du mir, so ich ernster, als es
bis jetzt der Fall war, den schmalen und dornigen Pfad zum Gottesreiche
betreten werde, gnädig schon gleich auf den ersten Schritt entgegenkommest und
mir helfest, auf daß ich im Fortschreiten auf dem schmalen und dornigen
Lebenswege nicht müde, verzagt und ungeduldig werde!“
58. Kapitel
[GEJ.09_058,01] Sagte Ich: „Um was du Mich
nun gebeten hast, das habe Ich bereits schon jetzt getan, und so wirst du nun
ein leichtes Fortschreiten haben! Denn wem Mein Lebenslicht leuchtet, der wird
auf dem Wege mit seinen Füßen nicht leichtlich mehr an einen Stein stoßen, und
die Dornen wird er wohl vermeiden mögen. Wer mit Mir wandelt, der hat
allenthalben schon einen wohlgebahnten Weg; wer aber ohne Mich dem Reiche
Gottes, als dem inneren Reiche des Lebens und aller Wahrheit, zuwandelt, der
hat wohl einen langen, schmalen und sehr dornigen Weg zu durchwandern, wie das
bei gar vielen alten Weisen aller Völker der Erde von jeher der Fall war und
auch künftighin der Fall sein und bleiben wird.
[GEJ.09_058,02] Du hast es von nun an leicht,
und so auch gar viele, die Mich gesehen und gehört haben und völlig an Mich
glauben; aber die Nachkommen werden nur durch den puren Glauben in das Reich
Gottes gelangen. Wer Mich aber sieht und hört, der glaubt leicht und kann auch
leicht nach Meinem Worte leben und handeln. Aber wer Mich künftighin nicht mehr
in Meinem Fleische sehen wird, der wird es schwerer haben, in das wahre und
lebendige Reich Gottes zu gelangen; denn er wird es pur glauben müssen, was ihm
die ausgesandten Boten von Mir erzählen werden.
[GEJ.09_058,03] So er aber das Vernommene
willig in sein gläubig Herz aufnehmen und eine rechte Freude ob der vernommenen
Wahrheit haben wird, da wird denn auch alsbald die Taufe des Geistes aus Mir
über ihn kommen, und er wird in ihr das geöffnete Tor ins Gottesreich wohl
erschauen. Von der Weg ins volle Gottesreich ein leichter sein.
[GEJ.09_058,04] So ihr aber das alles nun
wohl wisset, so freuet euch des, daß Gott das alles schon von Anbeginn her also
angeordnet hat! Und so ihr zu den Menschen von Mir und Meinem Reiche reden
werdet, da saget ihnen auch das, was Ich nun zu euch geredet habe; aber machet
es ihnen auch vor allem begreiflich, daß Mein Reich nicht irgend von dieser
Welt ist, – sondern es ist das inwendige Reich aller Wahrheit und alles Lebens
im Innersten des Menschen. Wer es in sich gefunden hat und in dasselbe durch
den lebendigen Glauben und durch die tätige Liebe einging, der hat die Welt,
das Gericht und den Tod überwunden und wird gleichfort das ewige Leben haben.
[GEJ.09_058,05] Es kommt zwar das, was Ich
euch jetzt gesagt habe, für den Weltverstand gleich wie eine Torheit anzuhören
vor; aber es ist darum dennoch die höchste Weisheit alles Lebens in Gott. Wohl
dem, der sich an ihr nicht stößt!
[GEJ.09_058,06] Niemand kann wissen, was im
Menschen alles als zum Leben Notwendiges verborgen ist, als nur der Geist, der
im Innersten des Menschen ist und wohnt; und so weiß auch kein Weltweiser, was
Gott Selbst und was in Ihm ist, als nur der Geist Gottes, der alle Tiefen
Dessen durchdringt.
[GEJ.09_058,07] Wenn der Geist im Menschen
aber nicht als das wahre Lebenslicht erweckt wird, da ist es finster im
Menschen, und er erkennt sich nicht; wenn durch den Glauben an Mich und durch
die Liebe zu Mir und zum Nächsten aber der Geist im Menschen erweckt und zum
hellen Lichte entzündet wird, dann durchdringt der Geist den ganzen Menschen,
durch und durch, und der Mensch erschaut da, was in ihm ist und erkennet sich.
Und wer sich erkennt, der erkennt auch Gott; denn der wahre und ewige
Lebensgeist im Menschen ist nicht ein Menschengeist, sondern ein Gottesgeist im
Menschen, ansonst der Mensch kein Ebenmaß Gottes wäre.
[GEJ.09_058,08] So ihr das nun wohl
verstanden habt, da wollen wir uns nun, als leiblich und geistig gestärkt, vom
Tische erheben und unsere Reise von hier nach Galiläa hin antreten.“
[GEJ.09_058,09] Alle beteuerten, daß sie das
wohl verstanden hätten, und dankten Mir für diese Belehrung.
[GEJ.09_058,10] Der Wirt meinte freilich, ob
Ich etwa doch noch bis zum Mittage hin in seinem Hause verweilen möchte.
[GEJ.09_058,11] Ich aber sagte zu ihm: „Sieh,
in dieser Welt hat alles seine Zeit, also auch das Kommen, Bleiben und Gehen!
Ich weiß aber, wo heute noch eine große Arbeit Meiner harrt, und so muß Ich
denn auch nun dahin ziehen, wo die Arbeit Meiner harrt! Zudem wird in einer
Stunde eine große Karawane von aus Jericho kommenden Kaufleuten bei dir
einkehren, und ihr werdet viel zu tun bekommen. Die Kaufleute werden dir vieles
von Mir zu erzählen wissen; erzähle du aber auch ihnen, daß Ich hier war, doch
sage es ihnen nicht, wohin Ich den Weg eingeschlagen habe!“
[GEJ.09_058,12] Der Wirt beteuerte nochmals,
daß er alles streng halten werde, was er als Meinen Willen erkannt hatte, und
dankte Mir auch noch einmal für die ihm erwiesenen Wohltaten; und Ich gab den
Jüngern den Wink zum Aufbruch.
[GEJ.09_058,13] Wir erhoben uns denn darauf
vollends und betraten den Weg. Der Wirt und sein geheilter Sohn gaben Mir über
tausend Schritte weit das Geleit und kehrten darauf voll guter Dinge wieder
nach Hause zurück.
59. Kapitel
[GEJ.09_059,01] Als aber der Wirt nach Hause
kam, da sagte sein Weib in einem schmollenden Tone zu ihm: „Warum hast du mich
mit den andern Kindern denn nicht gerufen, auf daß auch ich mit den andern
Kindern mich bei dem wundersamen Heilande hätte geziemend empfehlen können?“
[GEJ.09_059,02] Sagte der Wirt: „Weib, so das
nötig gewesen wäre, so hätte dich schon der Heiland Selbst gerufen; weil aber
das sicher nicht nötig war, so bist du deines kleinen Unglaubens wegen nicht
gerufen worden, und so du den Heiland gar näher erkannt hättest, so hätte von
Seiner Anwesenheit bald die ganze Stadt gewußt, was Er aber nicht haben wollte,
und so ist auch das gut, daß eben Er Selbst das alles also hat geschehen
lassen. In der Folge, so unser Arzt wieder nach Hause kommen und uns sicher
besuchen wird, da wirst du schon noch früh genug erfahren, wer so ganz
eigentlich der wundersame Heiland war.
[GEJ.09_059,03] Aber nun sieh dich mit allem
wohl vor; denn von jetzt an etwa in einer halben Stunde Zeit wird eine starke
Kaufleutekarawane bei uns einkehren, wie mir das der wahrlich allwissende Heiland
zum voraus angezeigt hat, und wir werden da viel zu tun bekommen; darum sieh
dich mit allem in der Küche wohl vor!“
[GEJ.09_059,04] Als das Weib das vernommen
hatte, da eilte sie sogleich in die Küche und setzte alle ihre Gehilfen und
Gehilfinnen in Bewegung; denn sie glaubte nun dem, was der Wirt ihr als von Mir
verkündet anzeigte.
[GEJ.09_059,05] Und als allerlei Speisen, mit
denen die Kaufleute stets zu bedienen waren, beinahe schon völlig zum Genusse
bereitet waren, da kam denn auch schon die von Mir angekündigte Karawane an und
konnte sich nicht höchlich genugsam verwundern, wie der Wirt diesmal schon zum
voraus wissen konnte, daß sie um diese Zeit ankommen würden.
[GEJ.09_059,06] Es ward nachher noch vieles
darüber geredet, und die Kaufleute begriffen denn auch bald, wie der Wirt um
die Zeit ihrer Ankunft hatte wissen können. Und es glaubten darauf auch mehrere
Kaufleute, die da von Mir abermals gehört hatten, an Mich.
[GEJ.09_059,07] Wir aber zogen unseren Weg ruhig
weiter und kamen denn um die Mittagszeit nahe an ein Dorf, das noch in Samaria
lag. Um das Dorf waren viele Fruchtbäume, zumeist Feigen und Oliven, Äpfel und
Pfirsiche, und die Jünger bekamen Lust, sich mit den Früchten ein wenig zu
erquicken.
[GEJ.09_059,08] Als wir vollends in das Dorf
kamen, da fragten die Jünger einige anwesende Dorfleute, ob sie sich von den
Früchten etwas nehmen dürften.
[GEJ.09_059,09] Die Dorfleute aber sagten:
„Was Wunder! Wie wollet ihr Juden von uns Samaritern Früchte essen?“
[GEJ.09_059,10] Sagten die Jünger: „Wir sind
wohl Juden, aber keine Pharisäer, die euch hassen, – und so mögen wir schon von
euren Bäumen die Früchte essen, so ihr sie uns geben wollet; und wir wollen sie
euch auch bezahlen!“
[GEJ.09_059,11] Da sagten die Dorfleute: „Da
esset, soviel ihr möget! Aber Geld werden wir von euch nicht annehmen; denn wir
haben auch Gott um kein Geld gebeten, als Er unsere Fruchtbäume segnete!“
[GEJ.09_059,12] Da gingen die Jünger hin und
aßen von den Früchten nach ihrer Lust, und je mehr sie aßen, desto voller
wurden die Bäume.
[GEJ.09_059,13] Es merkten aber das bald die
Bewohner des Dorfes und gingen hin zu den Jüngern und sagten: „Wie verzehret
ihr denn unserer Bäume Segen? Wir merken es auffallend genug, daß unsere Bäume
nicht nur nichts an den Früchten verlieren, sondern es werden die Bäume derart
sichtlich voller, daß ihre Äste und Zweige die Last kaum mehr zu tragen
imstande sind. Merket ihr das denn nicht, da ihr so ganz gleichgültig die
Früchte verzehret? Es ist das ja ein helles und augenscheinlichstes Wunder!“
[GEJ.09_059,14] Sagte darauf der Apostel
Andreas: „Was ihr sehet, das sehen wir auch; aber wir Essenden bewirken das
nicht, sondern eure uneigennützige Nächstenliebe bewirkt das! Wir sind für euch
Fremde, und ihr habt uns gastfreundlich von euren in dieser Gegend mühsam
gepflegten Obstbäumen die süßen Früchte ohne Entgelt freundlichst zu essen
gestattet, und es hat das Gott dem Herrn wohlgefallen, und so hat Er euch und
eure Fruchtbäume nun sichtlich vor unsern und euren Augen wegen der von euch
uns erwiesenen Freundschaft und Liebe gesegnet.
[GEJ.09_059,15] Es ist das freilich in dieser
Zeit ein seltener Fall; aber er ist darum ein seltener, weil auch das ein
äußerst seltener Fall geworden ist, daß man fremden Reisenden ohne Entgelt
Freundschaft und Liebe erweist. Denn wohin man nur immer kommt und von einem
oder dem andern Menschen eine Freundschaft erwiesen haben will, so geschieht
das wohl um ein Entgelt; aber aus einer puren Nächstenliebe geschieht das so
selten wie ein derartiges Gottessegenwunder, wie ihr es nun vor Augen habt.
[GEJ.09_059,16] Bleibet darum gleichfort in
der treuen Beachtung der uneigennützigen Nächstenliebe, und liebet auch Gott
durch die treue Beachtung Seiner Gebote, und ihr werdet euch über den Mangel
des Segens Gottes wahrlich nie zu beklagen haben! Gott bleibt Sich allzeit und
ewig gleich, nur die Menschen sind veränderlich, vergessen in ihrem Welttaumel
Ihn und betrachten Seine Satzungen als ein Machwerk pur menschlicher Klugheit
und tun dann dabei, was ihnen nach ihrem Verstande gut dünkt. Bei solchem
Glauben und bei solchem Handeln nach dem Weltglauben aber sieht Gott auf die
Seiner beinahe gänzlich vergessenden Menschen nicht mehr mit dem Auge Seiner
Gnade und Liebe, sondern mit dem Auge Seines Zornes.
[GEJ.09_059,17] Bei solchen Lebensumständen
der Menschen werden die göttlichen Segenswunder wohl gar leicht und sicher zu
den allerseltensten Erscheinungen auf dieser Erde unter den Menschen; aber wo
sich irgend noch Menschen vorfinden, die an Gott noch ungezweifelt glauben,
Seine Gebote halten und ihre Herzen und Seelen noch nicht mit der schnöden Gier
nach dem Weltmammon besudelt und beschmutzt haben, da erweist Sich Gott ihnen
auch, wie es in den Zeiten der Erzväter geschah, stets als ein Seine Kinder
segnender bester Vater, – nur den Seiner nicht achtenden Weltkindern zeigt Er
Sich als ein unerbittlicher Richter und züchtigt sie mit allerlei Ungemach, und
Seine segnende Rechte ist nicht über Weltlinge ausgestreckt.
[GEJ.09_059,18] So ihr lieben und einfachen
Bewohner dieses kleinen Dorfes das beherziget, da wird es euch auch leicht
begreiflich sein, warum Gott euch hier augenscheinlichst euren guten Willen
gesegnet hat.“
[GEJ.09_059,19] Sagte darauf ein Ältester
dieses Dorfes: „Freund, der du hier gar weise im Namen Jehovas des Herrn
geredet und dadurch auch gezeigt hast, daß du kein Anhänger der schlechten
Lehre der Pharisäer bist, du bist ganz unseres Sinnes und hast wahrlich in
allem recht; aber ich bin schon ein alter Bürger dieses Dorfes und weiß es, daß
seine Einwohner noch stets fest an die Satzungen Mosis, durch den Gott geredet
hat, halten. Und was wir euch von Herzen gerne nach eurem Wunsche erwiesen
haben, das haben wir auch schon vielen andern, die hungrig und durstig durch unser
kleines Dorf gezogen sind, ebenso erwiesen; aber eine solche wunderbare Segnung
haben wir dennoch nie erlebt, obwohl ich aber dabei auch offen gestehen muß,
daß wir bei aller unserer Freigebigkeit uns noch nie über den Mangel an Gottes
Segen haben zu beklagen gehabt. Doch, wie gesagt, auf eine so auffallende Weise
haben wir noch nie eine Gottessegnung zu sehen bekommen!
[GEJ.09_059,20] Es scheint denn hier noch ein
ganz besonderer Umstand obzuwalten, den ihr uns vielleicht aus sehr weisen
Gründen nicht offenbaren wollet oder dürfet. Sei es aber nun, wie es wolle! Die
Sache ist einmal ein augenfälligstes Wunder, das niemand leugnen kann, und wir
wollen uns da nicht näher nach dem eigentlichen geheimen Grund desselben
erkundigen. Doch eines fällt mir auf, und das ist, daß einer von euch, der dort
am Wege auf euch wartet, nichts von unseren Früchten verkosten wollte! Ist er
denn entweder ein Erzjude, der von Samaritern nichts annehmen will, oder ist er
kein Freund der Baumfrüchte, wie sie bei uns gedeihen?“
[GEJ.09_059,21] Sagte Andreas: „Freund, Er
ist weder das eine noch das andere! Wer aber Ihn erkannt hat, der hat mehr
erkannt, als was alle Welt je zu fassen imstande sein wird; denn Er ist darum
auch unser aller Herr und Meister!“
[GEJ.09_059,22] Diese Worte des Andreas
fielen dem Alten sehr auf, und er sagte darum auch (der Alte): „Habe ich nicht
recht geurteilt, so ich sagte, daß bei diesem augenfälligsten Wunder nebst der
besonderen Gnade von oben noch ein ganz eigentümlicher, geheimer Grund obwalte?
Und dieser geheime Grund wird sicher in jenem Manne zu suchen sein, den du
euren Herrn und Meister nanntest. – Habe ich recht geurteilt oder nicht?“
[GEJ.09_059,23] Sagte Andreas: „Freund, wenn
es dir so vorkommt, da gehe hin zu Ihm, und rede mit Ihm Selbst! Denn wir
wissen, was wir zu tun und zu reden haben. – Er aber ist der Herr und kann tun
und reden, was Er will.“
60. Kapitel
[GEJ.09_060,01] Als der Alte das vernahm, da
ging er alsbald zu Mir hin und sagte: „Höre du, Herr und Meister dieser Männer,
die sich mit den Früchten unserer Bäume gelabt haben! Warum wolltest denn du
dich nicht auch mit sicher deinen Jüngern und Dienern an den wohlreifen
Früchten erlaben?“
[GEJ.09_060,02] Sagte Ich: „Weil es Mich nun
nicht so sehr nach dem Genusse der süßen Baumfrüchte verlangte, als vielmehr
nach den um ein gar vieles süßeren Früchten eurer Herzen und eures guten
Willens; denn wenn jemand einem Meiner rechten Jünger und Diener eine wahre und
uneigennützige Liebe erweist, so nehme Ich das ebenso an, als hätte er es Mir
Selbst erwiesen.
[GEJ.09_060,03] Ich aber bin mit Gott, und
Gott ist mit Mir; und die mit Mir sind, die sind denn sonach auch mit Gott, und
Gott ist mit ihnen. Gott ist aber auch mit jedem, der lebendig an Ihn glaubt,
Seine Gebote hält, Ihn über alles liebt und seinen Nächsten wie sich selbst. So
aber jemand seinen Nächsten – gleichviel, ob er ein Heimischer oder ein Fremder
ist – schon nicht ohne Entgelt liebt und ihm aus irgendeiner Not hilft, den er
als ein ihm ähnliches Ebenmaß Gottes doch sieht, wie kann der Gott lieben, den
er nicht sieht?
[GEJ.09_060,04] Darum ist die wahre und
uneigennützige Liebe zum Nächsten mit der Liebe zu Gott eins, und Gott belohnt
solche Liebe schon in dieser Welt und wird sie noch mehr belohnen dereinst
jenseits in Seinem ewigen Reiche mit dem ewigen Leben. Wahrlich, auch nicht ein
Trunk Wassers, den ihr einem Durstigen dargereicht habt aus gutem Herzen, wird
euch unvergolten bleiben!“
[GEJ.09_060,05] Sagte der Alte: „Herr und
Meister, aus deinen Worten entnehme ich, daß du wahrlich ein Herr und Meister
bist! Mit Wasser haben wir die Reisenden schon gar oft erquickt; denn wir haben
einen gemeinsamen Brunnen, der ein gar frisches Wasser enthält. Wir würden aber
auch oft gerne einen müden Wanderer mit einem Becher Weines erquickt haben, so
wir einen besäßen; aber unsere Gegend ist eine magere, und die Rebe gedeiht
hier nicht wohl. Um uns aber einen Wein zu kaufen, haben wir weder des Geldes
noch der Herden in der dazu erforderlichen Menge, und so stehen wir denn so
manchem armen Wanderer nur mit dem bei, was wir notdürftig haben; der liebe,
große und allmächtige Vater im Himmel nehme denn auch unsern Willen fürs Werk
an!“
[GEJ.09_060,06] Sagte Ich: „Das hat Er auch
schon seit langem, und ihr habt darum noch niemals eine besondere Not gelitten;
in der Folge aber wird Er schon noch augenfälliger um euer zeitliches und noch
mehr aber um eurer Seelen Heil sorgen, dessen ihr völlig versichert sein
könnet! Denn wer auf Ihn, wie ihr, vertraut, den verläßt Er niemals. So Er ihm
oft auch nicht sogleich augenblicklich und augenscheinlich hilft, so läßt Er
ihn aber doch nicht irgend völlig sinken.
[GEJ.09_060,07] Denn Gott prüft jeden wohl
zuvor, bis Er ihm augenscheinlich hilft; hat ein Mensch aber auch in aller
Prüfung seine Treue und Liebe zu Ihm bewahrt, dann kommt denn auch auf einmal,
ehe sich's ein Mensch versieht, die allzeit augenscheinliche Hilfe von Gott,
und Sein Segen bleibt dann immerdar über dem Getreuen. Das behaltet ihr alle in
euch, und denket: Gott hat euch zum Wohle eurer Seelen geprüft, ihr habt die
Prüfung wohl bestanden, und so kam Er nun mit aller lohnenden Fülle Seines
Segens zu euch, und Sein Segen wird euch zum bleibenden Gute werden.
[GEJ.09_060,08] Mich kennet ihr nicht und
wisset nicht, wer Ich bin; aber es wird die Zeit kommen und ist eigentlich
schon da, in der ihr ausrufen werdet: ,Heil dem Sohne Davids, der zu uns
gekommen ist im Namen des Herrn!‘ – Habt ihr denn nicht Kunde erhalten von dem,
was sich vor zwei Jahren in Samaria zugetragen hat?“
[GEJ.09_060,09] Sagte der Alte: „Herr und
Meister und nun deiner eigenen Aussage zufolge ein Abkömmling aus der Linie des
großen Königs der Juden, wir kommen wohl nur selten nach der Stadt Samaria, die
mehr denn einen halben Tag Weges von hier entfernt ist, und wissen darum auch
wenig von dem, was sich in ihr etwa alles zuträgt und ereignet; aber durch
Reisende haben wir vernommen, daß sich in der von dir besagten Zeit durch einen
neu erstandenen großen Propheten gar unglaublich wunderbare Dinge sollen
zugetragen haben. Er soll den Samaritern auch allerlei trostvolle Lehren
gegeben haben, über die sich aber dennoch einige Priester und auch andere
Weltmenschen sollen geärgert haben, – ob mit oder sicherer ohne wahren Grund,
das vermochten wir in unserer Schlichtheit nicht zu beurteilen und vermochten
nicht über eine uns unbekannte Sache zu richten.
[GEJ.09_060,10] Aber etwas anderes ist uns
erst vor kurzem begegnet, wovon wir alle ebenso wie heute von der wunderbaren
Baumfrüchtevermehrung Zeugen waren, und das bestand darin: Es kamen auch so um
die Mittagszeit aber nur zwei Männer, dem Anzuge und der Zunge nach aus
Jerusalem, zu uns und baten uns um etwas Brot und auch um einige reife Früchte
unserer Bäume, was alles wir ihnen nach unseren Kräften gerne gaben. Als sie
sich damit gestärkt hatten, nahm auch ich mir die Freiheit, sie zu befragen,
wer sie wären, woher sie gekommen seien, wohin sie weiter ziehen würden, wo
ihre Heimat und was ihre Beschäftigung sei.
[GEJ.09_060,11] Und sie sagten: ,Wir waren vor
noch nicht gar langer Zeit ganz gewöhnliche und zumeist sehr gedrückte Diener
und Knechte und dann und wann, wenn wir keinen bestimmten Herrendienst hatten,
auch schlecht belohnte Tagelöhner in Jerusalem. Aber da kam ein Mann voll
göttlicher Kraft, Macht und Weisheit aus Galiläa nach Jerusalem und lehrte
alles Volk mit gar mächtiger Rede und tat große und nie erhörte Zeichen, und
gar viel Volk fing an, an Ihn zu glauben zum großen Ärger der Pharisäer und
Schriftgelehrten, deren arge Volksbetrügereien Er ohne alle Scheu vor dem Volke
offen aufdeckte und ihnen wie einer, der Macht hat, scharf ans Gewissen ging.
[GEJ.09_060,12] Dieser von Gott in die Welt
gesandte Mann, der auch gleichfort einen mächtigen Erzengel zu Seinem Begleiter
hatte, nahm auch uns, da wir völlig an Ihn glaubten, zu Seinen Jüngern an, gab
uns Weisheit und allerlei Macht, zu heilen die Krankheiten des Leibes und der
Seele und von den Menschen auszutreiben die bösen Geister; und Gifte und
giftige Tiere können uns nicht schaden, auch dann nicht, so wir irgend genötigt
wären, über Skorpionen und Vipern barfuß einherzuschreiten.
[GEJ.09_060,13] Unsere Hauptarbeit und
Beschäftigung aber besteht darin, daß wir in des von Gott gesandten
Gottmenschen Namen als dessen Gesandte die Ankunft des Reiches Gottes auf Erden
unter den Menschen, gleichviel ob Juden oder Heiden, verkünden und ihnen sagen,
daß in Seiner Person der von den Propheten verkündete Messias nun in diese Welt
gekommen ist, um sie zu erlösen vom alten und überharten Joche der Sünde, der
Lüge, des Truges, die da seien das Gericht und der ewige Tod.‘
[GEJ.09_060,14] Ich fragte die beiden um die
Elemente der neuen Lehre, durch die das Reich Gottes auf die Erde unter die
Menschen kommen solle. Und siehe, da redeten sie so wie du und auch, wie einer
deiner Jünger nun mit uns geredet hat, und wir fanden, daß sie die Wahrheit
redeten, und glaubten völlig ihren Worten!“
61. Kapitel
[GEJ.09_061,01] (Der Alte:) „Es war aber
unter uns ein Mensch, der schon seit dreißig Jahren irrsinnig war und sich dann
und wann in die Wälder verlief, allwo er von den argen Geistern derart gequält
ward, daß er oft so stark und entsetzlich heulte und brüllte, daß sogar die
wildesten Tiere vor ihm jählings die Flucht ergriffen. Wenn er wieder aus den
Wäldern zu uns zurückkam, da war er ruhig; aber so man ihn befragte, was er in
den Wäldern gemacht habe, da wußte er sich dessen niemals zu entsinnen.
[GEJ.09_061,02] Dieser sehr zu bedauernde
Mensch befand sich zur Zeit gerade hier im Dorfe, als die beiden Männer uns besuchten,
und wir stellten ihn ihnen auf ihr Verlangen vor. Da legten sie die Hände auf
ihn und geboten den argen Geistern im Namen des Gottessohnes Jesus, aus dem
Menschen zu fahren und seinen Leib auf immerdar zu verlassen. Da aber schrien
die bösen Geister so stark wie ein Kriegsheer aus dem von ihnen so lange
geplagten Menschen: ,Den Jesus Zebaoth Jehova, geboren ins Fleisch von einer
zarten Jungfrau in einem Schafstalle zu Bethlehem und zum kräftigen Manne
aufgewachsen in Altnazareth in Galiläa, kennen wir und sind auch Seiner
Allmacht untertan, weil es uns nicht möglich ist, ihr zu widerstreben; aber
euch kennen wir nicht und werden euch auch nicht gehorchen!‘
[GEJ.09_061,03] Darauf aber beriefen im
Geiste die beiden Männer gar ernstlich ihren Jesus zu Hilfe. Wir vernahmen auf
diesen Ruf wie einen mächtigen Donner aus der Höhe, und die argen Geister
verließen plötzlich den Geplagten, und wir sahen sie wie einen großen Schwarm
schwarzer Fliegen eiligst von dannen brausen, und der vorher so viele Jahre geplagte
Mensch ward darauf völlig gesund und befindet sich noch bis zur Stunde so unter
uns im Dorfe. So du, Herr und Meister deiner Jünger, ihn etwa sehen wolltest,
so könnte ich ihn herführen lassen!
[GEJ.09_061,04] Und siehe, das war eine
seltene Begebenheit in unserem sehr abgelegenen Dorfe, – und ich möchte nun
denn auch erfahren, ob etwa auch ihr so Abgesandte von jenem mächtigen Jesus
Zebaoth Jehova aus Nazareth seid, weil auch ihr, gleich den zwei Männern, weise
redet und nun auch an unseren Fruchtbäumen augenscheinliche Wunder durch eure
Gegenwart geschehen sind.“
[GEJ.09_061,05] Sagte Ich: „Laß zuvor den
geheilten Menschen herkommen, und es wird sich dann schon zeigen, wer Ich bin,
und wer Meine Jünger sind!“
[GEJ.09_061,06] Auf diese Meine Worte ward
alsbald der geheilte Mann aus einem Hause, wo er arbeitete, zu Mir gebracht,
und er fragte Mich, was Ich von ihm begehre, das er Mir tun solle.
[GEJ.09_061,07] Ich aber sagte zu ihm: „Daß
du Mir irgendeinen Dienst erweisen sollst, das verlange Ich von dir wahrlich
nicht; aber Ich kann dir einen guten Dienst erweisen und ließ dich darum zu Mir
kommen. Du bist erst vor kurzem von zwei Männern von deinen Plagegeistern
erlöst worden?“
[GEJ.09_061,08] Sagte der Befragte: „Ja, mein
Herr, die argen Geister haben mich – Dank sei Gott in der Höhe! – verlassen;
doch eine gewisse körperliche Schwäche und die stets steigende Furcht vor dem
in meinem Alter sich sichtlich nahenden Tode wollen mich trotz alles Betens und
Vertrauens auf Gott doch nicht verlassen, und ich kann mich darum über gar
nichts in der Welt mehr freuen. Siehe, das ist auch ein großes und sehr traurig
aussehendes Übel, besonders für einen unter lauter ärgsten Plagen altgewordenen
Menschen. Kannst du mich etwa davon befreien, dann würdest du mir freilich
einen größten und mir wohltuendsten Dienst erweisen!“
[GEJ.09_061,09] Sagte Ich: „Ja, mein Freund,
das vermag Ich aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit und bedarf dazu
keines andern Wesens Hilfe! Und so will Ich, daß du nun alsogleich so stark und
kräftig werdest, wie du zuvor noch niemals warst, und so verlasse dich denn
auch für immerdar die eitel törichte Furcht vor dem Tode des Leibes, der
eigentlich kein Tod, sondern nur ein helles Licht ins wahre, ewige Leben ist!“
[GEJ.09_061,10] Als Ich diese Worte über den
Menschen ausgesprochen hatte, da ward er plötzlich voll einer jungmännlichen
Kraft, und die Furcht vor dem Tode verließ ihn alsbald gänzlich also, daß er
vor lauter Freude zu jubeln und Mir aus voller Brust für diese Heilung zu danken
anfing und Gott pries, der Mir solch eine Macht verlieh.
[GEJ.09_061,11] Hierauf trat wieder der Alte
zu Mir und sagte voll Staunen und Ehrfurcht: „O Herr und Meister, mir kommt es
nun vor, als wüßte ich schon, wer Du so ganz eigentlich bist!“
[GEJ.09_061,12] Sagte Ich: „Wenn es dir also
vorkommt, da rede, wie es dir vorkommt!“
[GEJ.09_061,13] Und der Alte sagte: „Herr und
Meister, vergib mir meine Dreistigkeit, daß ich mit Dir rede! Es geht aus
allem, was ich nun vernommen habe, hervor, daß eben Du der Jesus Zebaoth Jehova
bist; denn kein Sterblicher von Anbeginn der Welt könnte es je sagen: ,Ich tue
dir das aus meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘, und es gelänge ihm
wunderbarsterweise auf ein Haar, was er will und ganz einfach mit
leichtverständlichen Worten ausspricht. Du, Freund, aber hast nicht zu Gott
oder dem Jesus Zebaoth Jehova gerufen: ,Hilf mir!‘, sondern Du sagtest: ,Ich
will es also aus Meiner höchsteigenen Machtvollkommenheit!‘
[GEJ.09_061,14] Was bist Du demnach? – Du
Selbst bist da der einzig allein wahre Jesus Zebaoth Jehova, – und so verbirg
denn nicht länger Dein durch der Propheten Weissagungen verheißenes
Messiasantlitz, auf daß wir in Dir Den begrüßen, lieben, loben und preisen
können, der Du bist, und Dir niemand gleicht weder auf Erden noch im Himmel!
Denn so Du Jehova Zebaoth bist – was ich für mich nicht im geringsten bezweifle
–, so gebührt Dir allein alle Ehre und Anbetung von uns Menschen, die wir Dich
erkannt haben aus Deinen Worten und aus Deinen Taten!“
[GEJ.09_061,15] Sagte Ich: „Was ihr tun
wollt, das tuet im Herzen; denn alles Lob aus dem Munde hat vor Mir keinen
Wert! Nur vor euren Brüdern bekennet Meinen Namen auch offen mit dem Munde, und
redet von Meiner Lehre und von Meinen Taten, und tuet nach Meinen Worten, und handelt
und lebet nach Meiner Lehre, die euch Meine zwei Gesandten verkündet haben, und
Ich werde euch bekennen vor Meinem Vater; und den Ich bekennen werde vor Meinem
Vater, der wird in sich haben das ewige Leben.
[GEJ.09_061,16] Nun aber werden wir unseren
Weg wieder weiter fortsetzen; denn Ich muß Mich noch vielen zeigen, die so wie
ihr schon völlig an Mich glauben, aber auch eine große Sehnsucht haben, Mich zu
sehen.
62. Kapitel
[GEJ.09_062,01] (Der Herr:) „So ihr bleibet
in Meiner Lehre, da werde Ich auch bleiben im Geiste bei euch also, wie bei
allen Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner Lehre leben und handeln und
jene, die Ich ausgesandt habe, zu predigen allen Völkern das Evangelium von der
Ankunft des Reiches Gottes auf Erden, und worin es besteht, und was sein Wesen
ist, gleich euch in aller Liebe und Freundlichkeit aufnehmen und ihnen geben zu
essen und zu trinken.
[GEJ.09_062,02] Denn die Ich nun aussende,
sind gleich den Propheten; wer aber einem Propheten irdisch Gutes erweist, der
wird auch eines Propheten Lohn ernten; dieser aber besteht darin, daß Ich im
Geiste also, wie im Propheten, bei ihm sein und bleiben werde, und er wird an
Meinen Segnungen keinen Mangel haben.
[GEJ.09_062,03] Ihr habt eure Grundstücke,
die sehr steinig sind, bisher schwer bearbeitet, und eure Äcker, Gärten und
Wiesen haben euch nur eine magere Ernte gebracht; aber ihr habt nicht gemurrt,
danktet Gott auch für das wenige, und Er aber segnete euch auch das wenige, und
es langte aus für euch und durch eure Nächstenliebe auch für manchen Fremden,
der hungrig, durstig und oft auch nackt zu euch kam.
[GEJ.09_062,04] Da ihr Mir aber mit dem
wenigen treu waret, so sollen von nun an eure Gründe, die wohl keinen kleinen
Flächenraum haben, ihr sehr steiniges Ansehen verlieren, und ihr werdet in der
Folge reiche Ernten machen und werdet auch viele Diener benötigen. Kurz, der
Geist, den Ich in euch erwecken werde, wird euch lehren, wie ihr in der Folge
eure diesweltliche Wirtschaftung werdet zu besorgen und zu bestellen haben.
[GEJ.09_062,05] So aber eure Gründe voll
Segens sein werden, da übernehmt euch nicht, sondern bleibet, wie ihr nun seid,
und Mein Segen wird auch bei euch bleiben natürlich und geistig! Also sei es,
und also bleibe es, gleichwie ihr tatsächlich in Meiner Lehre bleiben werdet!“
[GEJ.09_062,06] Auf diese Meine Worte warfen
sich alle die anwesenden Bewohner dieses kleinen Bergdorfes auf ihre Knie vor
Mir nieder und dankten Mir für die Gnade, die Ich ihnen erwiesen habe. Der Alte
und der ganz Geheilte aber konnten vor lauter Dankestränen kaum reden. Ich aber
hieß sie aufstehen und sich nun heiteren Mutes an ihre Geschäfte begeben, was
sie denn auch taten; nur der Alte und der Geheilte blieben noch und
betrachteten Mich und Meine Jünger mit wonniglichen Blicken.
[GEJ.09_062,07] Und der Geheilte sagte: „Oh,
wie glücklich doch müssen diese Deine auserwählten Jünger sein, die stets um
Dich, o Herr, und Zeugen von allen Deinen Taten und Lehren sein können!“
[GEJ.09_062,08] Sagte Ich: „Darum werden sie
späterhin, so Ich in dieser Meiner sichtbaren Person nicht mehr bei ihnen sein
werde, sondern dort, von wannen Ich gekommen bin, aber auch um so stärkere
Lebensproben und allerlei Verfolgungen von seiten der Welt zu bestehen
bekommen; denn die Welt, wie sie nun ist, ist blind und taub, wird sie hassen
um Meines Namens willen, wie sie auch Mich haßt, weil sie Mich noch nie erkannt
hat und auch nicht erkennen und so in ihren Sünden und Greueln zugrunde gehen
wird.
[GEJ.09_062,09] Und sehet, da werdet ihr es
in dieser Welt leichter haben, obwohl man auch euch häufig erforschen wird, ob
auch ihr an Mich glaubet und nach Meiner Lehre handelt und lebet!
[GEJ.09_062,10] So man aber euch darum fragen
wird, da werdet nicht ängstlich und denket auch nicht nach, was ihr den Fragern
und Versuchern zur Antwort bringen sollet! Es wird euch zur Stunde, wann ihr es
benötigen werdet, die rechte Antwort schon in den Mund gelegt werden, und eure
Versucher werden euch auf tausend auch nicht eins zu erwidern imstande sein.
Auch dessen kann Ich euch völlig versichern.“
[GEJ.09_062,11] Darauf wurden die beiden
beruhigt, und Ich winkte den Jüngern, daß es an der Zeit zur Weiterreise sei.
[GEJ.09_062,12] Da fingen die Jünger an, sich
auf den Weg zu machen, und Ich trat unter sie, und wir verließen in
Windesschnelle das Bergdorf. Und ehe sich die Bewohner desselben noch so recht
umsehen konnten, waren wir ihnen auch schon aus dem Gesichte völlig
entschwunden, welch schnelles Entschwinden einige der Bewohner des Dorfes in die
Meinung versetzte, als wären wir Geister gewesen; aber der Alte und der
Geheilte erklärten ihnen, wer Ich sei, und wie Mir darum auch alles möglich
ist.
[GEJ.09_062,13] In einem Jahre darauf, als
ihre steinigen Gründe sich in gar üppige Fluren umzugestalten anfingen, da ward
auch ihr Glaube noch kräftiger, und Ich trat von Zeit zu Zeit sichtbar unter
ihnen auf und stärkte sie im Glauben und in der Liebe, in der Geduld und
Sanftmut. Denn es wurden einige von ihnen, als sie vernommen hatten, daß Ich in
Jerusalem bin gekreuzigt worden und am Kreuze starb, sehr ängstlich und
bedenklich im Glauben; und so war es denn auch nötig, daß Ich auch persönlich
zu ihnen kam, Mich ihnen als Herr und als der Besieger des Todes zeigte, sie
tröstete, und ihnen auch aus der Schrift erklärte, wie das alles an Mir hatte
geschehen müssen, auf daß durch die finstere Pforte des Todes eine jede Seele,
die an Mich glaubt, in die ewige Herrlichkeit eingehe, in die Ich eingegangen
bin, und in der Ich Mich schon von Ewigkeit befand. Was aber geschah, das sei
aus Liebe zu den Menschen geschehen, auf daß sie durch den Glauben an Mich und
an Meine Menschwerdung zu ihrem Heile, aber auch zum Gerichte der argen Welt,
zu Meinen wahren Kindern würden, Mir gleich in allem. Und es wurden dann eben
diese Bewohner des Bergdorfes, das in wenigen Jahren sehr ansehnlich ward, zu
wahren Helden im Glauben und in der Tat danach.
63. Kapitel
[GEJ.09_063,01] In einer Stunde aber
gelangten wir in einen dichten Wald, durch den der Weg führte gen Galiläa hin.
Der Wald dauerte bei drei guten Stunden Weges, und es war kein Haus irgend am
Wege.
[GEJ.09_063,02] Und es fragten Mich die
Jünger, warum ein solcher Wald von niemandem benützt werde.
[GEJ.09_063,03] Ich aber sagte zu ihnen:
„Seid froh darüber, daß in dem Gelobten Lande noch ein so gesunder Wald besteht
und noch nicht der menschlichen Habgier zum schnöden Opfer geworden ist! In
diesem Walde könnet ihr noch Stellen finden, an denen der Honig aus den Bäumen
wie ein kleiner Bach fließt; denn in solchen Wäldern sind noch reichlich Bienen
vorhanden und bereiten den Honig.
[GEJ.09_063,04] Dazu habe Ich auch allerlei
Getier erschaffen, das da erstens für den natürlichen Bestand der Erde ebenso
notwendig ist wie dem Menschen das Auge zum Sehen, und zweitens zur
fortschreitenden und selbständigen Ausbildung der Seelen auf dieser Erde
vollends unerläßlich ist, wie Ich euch das bei andern Gelegenheiten schon ganz
umständlich und durch die Eröffnung eurer inneren Sehe auch wesentlich gezeigt
habe; und so werdet ihr denn auch einsehen, daß das Getier aller Art und
Gattung, weil es zur endlichen Ausbildung des Menschen nach Meiner Ordnung
dasein muß, neben dem Menschen auf dieser Erde doch auch eine Wohnstätte haben
muß. Und dazu sind denn auch hie und da auf der Erde derlei größere und
dichtere Wälder notwendig. Sie haben aber daneben noch tausendfach andere
Zwecke.
[GEJ.09_063,05] Vor allem sind sie die ersten
Aufnahmegefäße für zahllos viele Naturgeister, die im Reiche der Pflanzen ihre
erste, schon mit einer geordneten Intelligenz gesonderte Inkorporierung
erhalten und insoweit zu einer Reife gelangen, durch die sie dann schon ins
intelligentere und freiere Tierleben übergehen können, – was alles Ich euch
auch schon gezeigt habe, weil Ich es also will, daß ihr alle Geheimnisse des
Reiches Gottes auf Erden wohl erkennen sollet.
[GEJ.09_063,06] Solange derlei Wälder auf der
Erde in gerecht reichlichem Maße bestehen und die stets aus allen Sternen zur
Erde kehrenden und aus dieser Erde sich entwickelnden und aufsteigenden
Naturgeister in solchen Wäldern ihre Aufnahme und wohlgeordnete Unterkunft
finden, so lange werdet ihr über dem Erdboden hin weder zu heftige
Elementarstürme, noch irgend zu verschiedenartig pestilenzische Krankheiten
auftauchen sehen; wenn aber einmal die zu gierende Gewinnsucht der Menschen
sich zu sehr an den Wäldern der Erde vergreifen wird, dann wird für die
Menschen auch böse zu leben und zu bestehen sein auf dieser Erde und am
bösesten dort, wo die Lichtungen der Wälder zu sehr überhandnehmen werden, –
was ihr euch auch merken könnet, um die Menschen vor solch einer losen
Industrie rechtzeitig zu warnen.
[GEJ.09_063,07] Seht, in den ersten Zeiten
der Menschen auf dieser Erde wußte man weder von gezimmerten Häusern und noch
weniger von gemauerten Burgen; solche Wälder dienten auch den Menschen zur
Wohnung, und sie erreichten in diesen naturlebendigen Wohnungen ein überhohes
und völlig gesundes Alter. Im Norden sowohl Asiens als auch Europas und noch
anderer großer und kleinerer Weltteile, auch auf der südlichen Erdhälfte,
wohnen noch heutzutage ganz kräftige und gesunde Menschen, in naturmäßiger
Hinsicht genommen, in Wäldern, und so ist ein solcher Wald nicht etwas so
Furchtbares und Nutzloses, als sich das der kurzsichtige Verstand der Menschen
vorstellt! Wenn ihr das begriffen habt, dann seid nun nur recht heiteren Mutes
darüber, daß wir hier noch so einen recht gesunden Urwald angetroffen haben.“
[GEJ.09_063,08] Während Ich aber den Jüngern
dieses über den dichten Wald eröffnete, kamen wir auf eine freiere Stelle des
Waldes, die mit alten Zedern umwachsen war. Und da war eine Zeder, die hohl war
und darum eine große Masse Bienen in sich beherbergte, die so viel Honig
bereiteten, daß dieser, weil er von den Bienen nicht verzehrt werden konnte,
allenthalben aus den Ritzen und Spalten des mächtigen Baumes so reichlich
herausfloß, daß eine Vertiefung, von dem Baume etwas nach abwärts, wie ein
kleiner Teich ganz mit dem besten Honig vollgefüllt zu sehen war und von den
Jüngern bald ein Abfluß von dem wahren Honigteiche nach rechts weit in den Wald
hinein entdeckt wurde.
[GEJ.09_063,09] Und Petrus sagte: „Da ist
wahrlich noch ein Stückchen des alten Kanaan, in dem Honig und Milch in Bächen
floß! Es ist nur ordentlich wunderbar, daß die stets unersättliche Habsucht der
Menschen diesen wahren Honigsee bis jetzt noch nicht entdeckt hat. Herr und
Meister, schade, daß wir kein Brot bei uns haben, – da könnten wir uns ganz
wohl mit dem Honigbrote sättigen!“
[GEJ.09_063,10] Sagte darauf Philippus:
„Einen Laib Brotes hätte ich wohl bei mir; aber wir sind nun unser etliche
vierzig an der Zahl, und es wird darum wenig auf einen kommen!“
[GEJ.09_063,11] Sagten darauf die
Johannesjünger: „Wir haben auch noch ein paar Laibe, die wir schon in Jericho
gekauft haben, und so dürfte das Brot doch, wenn auch in kärglicher Weise, für
uns alle wohl auslangen!“
[GEJ.09_063,12] Sagte Ich: „Wenn es euch
schon hungert, da verteilet unter euch die drei Laibe, und esset!“
[GEJ.09_063,13] Die Jünger taten das und
übergaben auch Mir ein bestes Stück.
[GEJ.09_063,14] Darauf segnete Ich das Brot,
und es vermehrte sich also, daß wir nun alle des Brotes zur Übergenüge hatten.
Wir setzten uns denn um den Teich, tauchten das Brot in den Honig, und die
Jünger, und ganz besonders Judas Ischariot, konnten sich an dem süßen Brote
nicht zur Genüge satt essen.
[GEJ.09_063,15] Diese Mahlzeit dauerte bei
einer halben Stunde lang, und Ich sagte: „Nun haben wir alle genug des
Honigbrotes gegessen, und es ist Zeit, daß wir diese für euch gar zu süße
Waldstelle verlassen und sehen, heute vor dem Untergange noch Galiläa zu
erreichen, denn hier sind wir noch in Samaria.“
[GEJ.09_063,16] Sagte Petrus: „Herr,
wahrlich, hier wäre es gut, ein paar Tage lang zu verbleiben und so ein wenig
auszuruhen! Hier wären wir auch vor der oft lästigen Zudringlichkeit der
Menschen sicher; denn diese Stelle hat vor uns ganz sicher noch kein Mensch
entdeckt, weil der Honigteich noch so voll ist, daß er überfließt.“
[GEJ.09_063,17] Sagte Ich: „Die Menschen
haben zwar diese Waldstelle nicht entdeckt, aber mehrere Bären dieses Waldes
schon lange, und diese werden nicht zu lange auf sich warten lassen. Wollt ihr
mit solchen Bewohnern diese Nacht an diesem Honigteiche zubringen, da könnet
ihr schon hier übernachten. Doch Ich werde da nicht in der Gesellschaft der
Bären verweilen, und mit der Macht Meines Willens will Ich sie nicht bezwingen
und ihnen ihre Mahlzeit schmälern!“
[GEJ.09_063,18] Als die Jünger von der
Ankunft mehrerer Bären hörten, vor denen die meisten einen Abscheu hatten, da
waren sie denn auch gleich zur Abreise bereit. Ein jeder tauchte noch einmal
seinen Rest Brotes in den Honig, erhob sich dann schnell vom Boden, und wir
verließen diese Stelle und zogen unseren Weg weiter, den wir uns aber eine
ziemliche Strecke weit erst bahnen mußten, weil wir uns ehedem, um zu unserem
Honigteiche zu gelangen, von der gebahnten Straße bergaufwärts entfernen
mußten.
[GEJ.09_063,19] Nach einer Weile gelangten
wir mit mancher kleinen Mühe wieder zu der gebahnten Straße noch im Walde, auf
der wir uns dann wieder mit Windesschnelle vorwärtsbewegten und so denn auch
schon in einer halben Stunde das Land Galiläa erreichten.
64. Kapitel – Der Herr in Galiläa.
(Kap.64-96)
[GEJ.09_064,01] Es waren aber die Jünger auf die
Honigmahlzeit sehr durstig geworden, und da wir zu einer Landherberge kamen, so
verlangten sie zu trinken.
[GEJ.09_064,02] Der Wirt aber entschuldigte
sich, daß er außer etwas Zisternenwasser und Schafmilch keine Getränke besitze,
und die Jünger begnügten sich mit der Schafmilch, die der Wirt in reichlichem
Maße besaß, und stillten sich damit den Durst.
[GEJ.09_064,03] Als sich die Jünger den Durst
gestillt hatten, da fragten die sogenannten und schon bekannten Judgriechen und
auch die Jünger des Johannes, die alle recht viel Geld bei sich hatten, was die
Milch koste.
[GEJ.09_064,04] Der Wirt aber sagte: „Wer
unter euch ein Jude ist, der ist frei – denn so ein Jude zum ersten Male in
meiner Herberge eine Labung verlangt, so ist es bei mir Sitte, daß sie ihm ohne
Entgelt gereicht wird –; aber die Griechen bezahlen die Labung, und zwar ein
jeglicher mit einem Pfennige!“
[GEJ.09_064,05] Die Judgriechen aber, obschon
sie Juden waren, sagten: „Freund, wir tragen zwar der Griechen Kleidung, sind
aber beschnitten und sind darum Juden und keine Griechen! Es macht das aber
nichts. Du hast eine so billige Rechnung gestellt, daß wir sie dir nicht nur
einfach, sondern dreifach bezahlen wollen und auch werden; denn deiner Schafe
Milch war frisch und gut, und wir haben uns unseren Durst gestillt, und so ist
deine Rechnung zu gering gestellt! Hier, empfange du das Geld!“
[GEJ.09_064,06] Mit dem übergab ihm einer der
Judgriechen ein Silberstück im Werte von hundert Pfennig.
[GEJ.09_064,07] Der Wirt aber entschuldigte
sich, daß er so ein Geldstück nicht wechseln könne und sagte: „Da ihr nach
eurer für mich völlig glaubwürdigen Aussage denn auch Juden seid, da seid auch
ihr frei, und ich nehme von euch kein Geld an, weder klein und noch weniger
groß!“
[GEJ.09_064,08] Sagte darauf Ich zum Wirte:
„Wer so billig rechnet wie du, der begeht keine Sünde, so er das annimmt, was
ihm die Gäste freiwillig darreichen.“
[GEJ.09_064,09] Auf dies Mein Wort nahm der
Wirt das Geldstück an und sagte: „Da zahlt einer für den andern! Es ist zwar
diese keine Straße, auf der oft und viele Karawanen ihre Reisen machen – denn
die Reisenden scheuen den großen und dichten Bergwald, in welchem sich allerlei
Raubtiere aufhalten und die Reisenden besonders in der Winterszeit oft sehr
belästigen –; aber im Frühjahr und im Sommer kommen doch noch Reisende auf
dieser alten Straße, die von den Philistern gebahnt worden sein soll, und
darunter werden sich schon etliche vorfinden, denen eine entgeltlose
Verpflegung ganz gut zustatten kommen wird.
[GEJ.09_064,10] Oh, hätte ich nur eine gute
Brunnquelle bei meiner sonst großen Landwirtschaft, so würde es zu gewissen
Zeiten an hier zusprechenden Gästen nicht fehlen; aber alle meine Zisternen
haben oft kaum so viel nur halbwegs trinkbaren Wassers, als ich für meine Wirtschaft
benötige. Ich kann darum denn auch nur selten Fremde bei mir beherbergen. Seht,
es geht der heutige Tag auch schon seinem Ende zu, und ich möchte euch gern
über die Nacht beherbergen, weil der nächste Ort, ein kleiner Flecken, bei zwei
Stunden Weges von hier entfernt ist, – aber ich habe keinen Wein, beinahe kein
Brot und kein Salz! Denn wir leben hier wahrlich nur von der Milch unserer
Schafe und Ziegen und von ihrem geräucherten Fleisch – auch Hühner kommen hier
gut fort und legen viele Eier –; nur muß ich stets recht viele wohlbewaffnete
und mutige Hirten halten, damit meine Herden von den Raubtieren keinen zu
großen Schaden erleiden. Seid ihr aber mit meiner Hauskost zufrieden, da möget
ihr immerhin hier bei mir die Nacht zubringen. Ich habe von euch des Geldes zur
Genüge erhalten und würde euch am Morgen keine neue Rechnung machen. Mein Weib
und meine schon erwachsenen fünf Töchter bereiten unsere Hauskost recht gut.“
[GEJ.09_064,11] Sagte Ich: „Freund, wir
werden zwar heute nicht hier, sondern im nahen Flecken übernachten; aber da Ich
eben ein Meister in der Auffindung der reinen und lebendigen
Brunnenwasserquellen bin, so will Ich Mich bei deinem Hause ein wenig umsehen,
ob sich nicht eine Stelle irgend finden lasse, unter der sich etwa eine reiche
Wasserquelle befindet.“
[GEJ.09_064,12] Sagte der Wirt: „O Freund, da
wirst du dir eine ebenso vergebliche Mühe machen, wie sich das hier schon
mehrere Wasserkundige gemacht haben, die in der ganzen weiten Umgegend Wasser
suchten und mit allen ihren Werkzeugen, mittels denen man das Vorhandensein
irgendeiner unterirdischen Quelle wohl wahrnehmen soll, keine solche Stelle
gefunden haben! Wahrlich, da müßte zuvor Gott in dieser Gegend erst eine
Brunnenwasserquelle erschaffen, ansonst wird sich hier wohl keine finden
lassen, – und um mein Haus herum schon am allerwenigsten; denn da habe ich mit
meinen Knechten schon das Unterste zum Obersten aufgewühlt und fand nichts als
taubes und trockenes Gestein.“
[GEJ.09_064,13] Sagte Ich: „Es kommt da nun
nur auch auf eine kleine Probe an. Vielleicht gelingt es Mir besser als dir und
allen deinen Wasserfühlern?!“
[GEJ.09_064,14] Sagte der Wirt: „O Freund, du
kannst es wohl versuchen, – aber da habe ich einen schwachen Glauben!“
[GEJ.09_064,15] Sagte Ich: „Das macht vorderhand
nichts; denn du wirst schon nachderhand zu einem stärkeren Glauben kommen!“
[GEJ.09_064,16] Hierauf fragte Ich den Wirt,
auf welcher Stelle er sich in der Nähe seines Hauses eine reiche Brunnquelle
wünschen würde.
[GEJ.09_064,17] Sagte der Wirt: „Freund, das
auch noch? Ja, wenn du so einen Hirtenstab Mosis besäßest, siehe, da wäre
dieser bei zwei Mannslängen hohe harte Fels der geeignetste Punkt dazu! Hatte
der Fels in der Wüste sein Wasser geben müssen auf Mosis Geheiß, als er mit dem
Stab in den Felsen stieß, so könnte dieser Fels dasselbe tun. Aber es gibt nun
keinen Moses mehr und einen solchen Stab auch nicht, und so wird unser Fels
wohl auch nimmerdar zu einem Wasserbrunnen werden.“
[GEJ.09_064,18] Sagte Ich: „Freund, hier vor
dir ist mehr denn Moses und alle Propheten, und Mein Wille ist mächtiger als
dein Hirtenstab Mosis! Siehe, Ich werde mit keinem Stabe an den Fels schlagen,
ja denselben nicht einmal mit einem Finger berühren, und der Fels wird so viel
des reinsten und besten Trinkwassers von sich für lange hin geben, daß du und
deine Nachkommen an keinem Wassermangel je zu leiden haben sollen!“
[GEJ.09_064,19] Auf das wandte Ich Mich zum
Felsen hin und sagte: „Ich will, daß aus dir ein ganzer Bach voll des reinsten
und besten Wassers hervorzuquellen anfange, dann fortfließe tausend Jahre lang
und erst dann versiege, wenn finstere Heiden diese Stätte zertreten werden!“
[GEJ.09_064,20] Auf diese Meine Worte löste
sich im Augenblick ein Stück von der Wand des Felsens, und es schoß mit einem starken
Gebrause ein so mächtiger Wasserstrom hervor, daß dann von dem Felsen weg etwas
abwärts dem tiefergelegenen Tale zu sogleich ein so starker Bach zu fließen
begann, daß er sich bald ein Bett grub und im selben fortfloß.
65. Kapitel
[GEJ.09_065,01] Als der Wirt das ersah, da
erschrak er und wußte nicht, was er nun hätte sagen sollen.
[GEJ.09_065,02] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, wie sieht es nun mit der Schwäche deines Glaubens aus?“
[GEJ.09_065,03] Sagte darauf der Wirt, noch
ganz voll Staunens: „O Freund, was da meinen Glauben an dein Wort betrifft, da
könntest du mir nun schon zum Glauben vorstellen, was du wolltest, und ich
würde es dir glauben! Wahrlich, du mußt ein gar mächtiger Prophet sein, ja
größer noch als Moses und Elias! Du magst schon vielerorts große Zeichen
gewirkt haben, um den verfallenen Glauben an den einen wahren Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs wieder von neuem aufzurichten und die alte Gottesfurcht in
den Herzen der Menschen wieder zu erwecken; aber ich lebe hier zwischen den Bergen
von aller Welt ganz abgeschlossen und erfahre wenig, was irgend in der weiten
und großen Welt ist und geschieht, und die seltenen Wanderer auf dieser alten
Straße halten auch nur selten aus den ehedem angeführten Gründen bei mir an, –
und so kann nun schon gar viel Wunderbarstes sich in der Welt zugetragen haben,
und es ist dennoch nichts davon bis zu unsern Ohren gekommen. Was ist denn so
ganz eigentlich deine Sache, die du an der Spitze dieser deiner Gefährten
hauptsächlich betreibst? Denn es kommt mir vor, daß du nicht nur darum in der
Welt umherziehst, um wasserleere Gegenden mit Wasser zu versehen!“
[GEJ.09_065,04] Sagte Ich: „Da magst du wohl
recht urteilen; aber es nimmt Mich wunder, daß du, als selbst ein Galiläer, von
Mir bis jetzt noch nichts solltest vernommen haben. Du kamst vor etlichen
Jahren ja doch zu öfteren Malen nach Nazareth, in welcher Stadt Ich lange als
ein Zimmermann an der Seite des alten, dir wohlbekannten Joseph gearbeitet
habe! Und da hast du über Mich denn auch allerlei erfahren. Erinnerst du dich
dessen denn gar nicht mehr?“
[GEJ.09_065,05] Sagte nun der Wirt, gar große
Augen machend: „Du – wärest eben jener Zimmermannssohn, von dem die Nazaräer
allerlei Märchen und Fabeln erzählten und ihn für einen halb irrsinnigen Sonderling
erklärten? Ja, ja, von jenem Zimmermanne habe ich wohl vor etlichen Jahren so
manches gehört, aber das meiste nur aus seiner Jugendzeit; denn als ein reif
gewordener Jüngling und nachher als schon ein Mann soll er gar wenig von seinen
Kinderfähigkeiten mehr innegehabt haben, redete nur wenig und tat auch keine
Zeichen mehr, und man hat sich denn auch wenig mehr um ihn gekümmert.
[GEJ.09_065,06] Also – du bist des alten
Joseph jüngster Sohn, auf den er gar große Hoffnungen setzte, aber am Ende selbst
daran zu zweifeln begann, da du nahezu ganz stumm geworden wärest und etwa gar
keine Zeichen mehr wirktest! Ah, nun wird mir so manches klar, was ich früher
nimmerdar geglaubt hätte! Aber nun erst möchte ich aus deinem Munde erfahren,
was nun der Zweck deines Umherreisens ist, und jetzt erst wünsche ich vollends,
daß ihr diese Nacht bei mir verbleiben möchtet!“
[GEJ.09_065,07] Sagte Ich: „Siehe, wenn Ich
bald werde dahin zurückgekehrt sein, von woher Ich gekommen bin, dann werden
Meine Jünger in alle Welt ausgesandt werden und werden in Meinem Namen den
Menschen predigen, was sie von Mir gelernt haben, und es wird dir dann der
Zweck Meines nunmaligen Umherreisens schon bekanntgemacht werden.
[GEJ.09_065,08] Wer an Mich und an Mein Wort
glauben und danach handeln wird, aus dessen Lenden werden Ströme des lebendigen
Wassers fließen, und es wird ihn nimmerdar dürsten; denn er wird in sich haben
das ewige Leben in der Wahrheit und im Geiste aller Liebe aus Gott.
[GEJ.09_065,09] Es ist aber ein leichtes, einem
Fels zu gebieten, daß er ein natürliches Wasser aus sich hervorströmen lasse;
aber da die Menschen in ihren Gemütern und Herzen nun um vieles härter geworden
sind, als da ist dieser Fels, der auf Mein Wort das Wasser von sich strömen
läßt, so ist es auch um ein großes schwerer, die Menschen dahin zu bringen, daß
aus ihren Lenden das Wasser des Lebens ströme, – welches Wasser da ist die
ewige Wahrheit in Gott und nun im Worte an die Menschen ergeht.
[GEJ.09_065,10] So es im Worte auch an dich
ergehen wird, dann glaube und handle, und du wirst im Gottesreiche zu einem
Brunnen werden, aus dem sich viele nach der Wahrheit Dürstende fürs ewige Leben
ihrer Seelen erlaben werden. Da hast du nun dargestellt den Zweck Meines
Umherreisens.
[GEJ.09_065,11] Du wünschtest aber auch, daß
Ich diese bald kommende Nacht in deinem Hause zubringen möchte. Allein das kann
Ich dir nun nicht gewähren; denn siehe, der Tag wird noch eine Stunde währen,
und Ich muß arbeiten, solange der Tag währt! Es harret heute Meiner vor dem Untergange
noch eine wichtige Arbeit, und Ich muß darum sogleich weiterreisen mit Meinen
Jüngern. Merke es dir aber, was Ich zu dir nun geredet habe; denn es wird bald
die Zeit kommen, in der du das höher denn alle Schätze der Welt achten wirst
mit deinem ganzen Hause!“
[GEJ.09_065,12] Hierauf winkte Ich den
Jüngern zum Aufbruch und somit zur Weiterreise, und wir machten uns auf und
zogen gleich weiter.
[GEJ.09_065,13] Der Wirt aber gab uns auf ein
paar hundert Schritte das Geleit, dankte Mir für die ihm erwiesene wundersame
Wohltat und bat Mich, ehest wieder zu ihm zu kommen und bei ihm länger zu
verweilen, als das jetzt der Fall war.
[GEJ.09_065,14] Und Ich sagte zu ihm:
„Freund, also, wie diesmal, wirst du Mich wohl nicht mehr sehen; aber wenn du
von Meinen Jüngern über Mich und Meinen Willen wirst unterrichtet sein und an
Meinen Namen glauben wirst, da werde Ich im Geiste zu dir kommen und auch
bleiben bei und in dir. Das verstehst du jetzt noch nicht; aber wenn es
geschehen wird, dann wirst du das auch verstehen!“
[GEJ.09_065,15] Auf diese Worte empfahl sich
der Wirt und kehrte nachdenkend wieder nach Hause zurück, und wir zogen unseren
Weg, der sich auf einem freien Bergrücken fortzog, ruhig weiter und
betrachteten die sehr romantische Gegend nach allen Seiten.
[GEJ.09_065,16] Als der Wirt aber bald wieder
nach Hause kam, da standen alle seine Leute, bei vierzig an der Zahl, und
betrachteten unter großem Staunen und Verwundern den Fels, aus dem nun ein so
reichliches Wasser hervorströmte, und fragten den Wirt, wer Ich denn wäre, und
wie Ich das angestellt hätte, daß der Fels nun ein so reines und reichliches
Wasser von sich strömen lasse.
[GEJ.09_065,17] Der Wirt erzählte ihnen wohl
alles, was er gesehen und gehört hatte; aber seine Leute verstanden von allem
nichts.
[GEJ.09_065,18] Nur ein ganz schlichter
Hirte, der eine Herde Schafe nach Hause brachte und sie gleich an der frischen
Quelle tränkte, sagte: „Ihr ratet, fraget und forschet um allerlei, – und die
Wahrheit scheint hier ganz nahe zu liegen! Ein Mensch, der bloß durch sein Wort
machen kann, was keinem Menschen möglich ist, der muß voll des Geistes Gottes
sein; denn derlei zu bewirken ist nur Gott allein möglich! Aber da Gott unserem
Hause hiermit eine übergroße Gnade erwiesen hat, so sollten wir denn auch nun
zuerst Ihm danken und lobpreisen Seinen herrlichsten Namen; und morgen sollten
wir sogleich unsere Hände ans Werk legen und da unten, wo die Ebene ohnehin
schon eine recht weite Einsenkung hat, einen Teich machen, in dem sich das hier
abfließende Wasser sammle und unseren Herden zu einer bequemeren Tränke diene,
als das hier der Fall ist, wo das Wasser zu rasch von dem Fels ins Tal hinab
entweicht!“
[GEJ.09_065,19] Alle belobten den Hirten
wegen dieses guten Einfalls und Rates, und es nahmen mehrere Knechte sogleich
Krampen, Spaten und Hauen in die Hände und brachten es in einer Stunde so weit
zustande, daß das Wasser sich in die vorbezeichnete Ebene bewegen und daselbst
sammeln mußte; und in ein paar Tagen war die ganze Ebene, die ohnehin nur aus
kahlem Gestein bestand, in einen förmlichen See umgestaltet, worüber sich
später viele Reisende hoch verwunderten, da sie in den früheren Zeiten
hauptsächlich nur darum diese Gegend gemieden hatten, weil sie im Sommer allda
an Wassermangel litten.
[GEJ.09_065,20] Diese alte Straße ward denn
auch bald von vielen Reisenden durchzogen, und der Wirt wurde auch bald so
reich, daß er aus der ehedem kaum beachteten kleinen Herberge eine große
errichtete und stets viele Gäste hatte. Viele zogen auch des bald verbreiteten
Wunders wegen dahin und hielten sich mehrere Tage in dieser Herberge auf.
[GEJ.09_065,21] Der Wirt aber ward später
auch ein Hauptverbreiter Meines Evangeliums, indem er zuvor von Meinen Jüngern
darin wohlunterrichtet worden war.
[GEJ.09_065,22] Das ist als Nachtrag für
dieses als denkenswert zu erwähnen gewesen.
[GEJ.09_065,23] Und so kehren wir nun wieder
zu uns selbst zurück!
66. Kapitel
[GEJ.09_066,01] Wir kamen denn nach einer
kleinen Stunde in die Nähe eines Fleckens oder Marktes, und da kamen uns zehn
mit bösem Aussatze Behaftete entgegen. Diese waren alle aus der Nähe von
Nazareth und mußten schon ein volles Jahr hindurch im Freien lagern, weil sie
niemand in eine Herberge aufnehmen wollte und ihnen auch kein Arzt helfen
konnte. (Luk.17,11.12)
[GEJ.09_066,02] Diese Zehn, als sie vollends
in Meine Nähe kamen, erkannten Mich und auch mehrere Meiner Jünger, blieben
stehen, erhoben ihre Stimme und sprachen: „O Jesus, Du lieber Meister, wir
kennen Dich und Deine göttliche Macht, erbarme Dich unser; denn wir leiden
nicht nur oft kaum erträgliche Schmerzen, sondern alles flieht unsere Nähe!“
(Luk.17,13)
[GEJ.09_066,03] Ich aber sagte zu ihnen: „So
helfe euch denn euer Glaube! Kehret nun aber wieder in den Markt zurück und
zeiget euch einem Priester, der auch ein Arzt ist (wie das gewöhnlich die
Judenpriester zu sein sich einbildeten), der wird euch ein vor der Welt
gültiges Zeugnis geben, daß ihr nun völlig rein seid! Dann aber gehet hin, und
nützet den Menschen durch eurer Hände Arbeit, und sündiget nicht mehr, auf daß
es mit euch nicht noch ärger werde, als es bis jetzt war; denn derlei Übel am
Leibe bewirkt die Sünde der Geilheit! Gehet nun, und tut, was Ich euch befohlen
habe!“
[GEJ.09_066,04] Da kehrten die Gereinigten
eiligst wieder in den Markt zurück und gingen zu einem Priester, zeigten sich
ihm und baten ihn, daß er ihnen ein Zeugnis gebe.
[GEJ.09_066,05] Und der Priester besah sie,
fand sie völlig rein und gab ihnen denn auch gegen ein kleines Opfer ein
Zeugnis, und zwar – wie es gebräuchlich war –, einem jeden ein eigenes,
bestehend in einem Blättchen geglätteter Eselshaut, das mit einem Stern
bezeichnet war.
[GEJ.09_066,06] Mit diesem Zeugnisse gingen
sie denn auch in eine Herberge und wurden mit der Vorzeigung des beschriebenen
Zeugnisses denn auch sogleich ohne allen Anstand in die Herberge als Gäste
aufgenommen. (Luk.17,14)
[GEJ.09_066,07] Einer aber sagte zu seinen
früheren Leidensgefährten: „Höret, der liebe Meister Jesus aus Nazareth hat uns
durch Seine wunderbare göttliche Macht von unserem großen Übel geheilt; ich
erachte es darum für unsere erste Pflicht, daß wir nun alsbald umkehren, Ihm
entgegenziehen und Ihm nochmals unseren Dank darbringen!“
[GEJ.09_066,08] Da sagten die andern: „Du
hast wohl recht; aber es ist die Sonne schon untergegangen, und es fängt an zu
dämmern, und Er wird nun draußen vor dem Markte nicht auf uns warten, daß wir
zurückkämen und Ihm unseren mündlichen Dank darbrächten. Wir danken Ihm im
Herzen, und Er, der auch weiß, was ein Mensch denkt, wird es uns doch nicht zu
einem Übel anrechnen, so wir Ihm nun nicht irgend entgegenziehen, wo Er
schwerlich mehr zu treffen sein wird.“
[GEJ.09_066,09] Der eine aber sagte: „So der
liebe Meister Jesus die Gedanken der Menschen, wie wir das an Ihm schon
erfahren haben, auch in der Ferne erkennt, so wird Er auch erkennen, daß ich
nun zurückkehre an die Stelle, wo wir gereinigt worden sind, um Ihm da die Ihm
gebührende Ehre zu geben, – ob Er dort weilt oder nicht!“
[GEJ.09_066,10] Und die andern sagten: „Tue du
immerhin, was dir gut und recht dünkt; wir aber glauben auch nichts Unrechtes
zu tun, so wir tun, was uns auch gut und recht dünkt!“
[GEJ.09_066,11] Da gingen die neun in die
Herberge, der eine aber kehrte an die Stelle zurück, auf der er gereinigt worden
war, und an der Ich mit Meinen Jüngern des herrlichen Abends wegen auch noch
verweilte. Als er zu Mir kam, empfand er eine große Freude, daß er Mich noch an
derselben Stelle weilend fand, an der er eine halbe Stunde zuvor mit den andern
neun vom bösen Aussatze gereinigt worden war.
[GEJ.09_066,12] Er fiel denn auch alsbald auf
sein Angesicht vor Mir nieder und pries Gott mit lauter Stimme, sagend (der
geheilte Aussätzige): „O Jesus, Du lieber, guter Meister, Du Sohn des
lebendigen, ewigen Gottes, der Du mit Ihm einer Natur und Wesenheit bist und
also auch alles vermagst, was der Vater vermag, ich danke Dir und preise Dich
darum, daß Du mir und auch den andern, meinen Leidensgefährten, eine so große
Gnade erwiesen hast! Ehre, Lob und Preis Dir im gleichen Maße wie dem ewigen
Vater im Himmel, der in Dir, Seinem Sohne, zu uns armen Sündern gekommen ist,
um zu erfüllen, was Er durch den Mund der Erzväter und Propheten treu und offen
verheißen hat! Oh, bleibe Deine Liebe, Gnade und Erbarmung stets bei uns, und lasse,
o Jesus, das auch den Blinden im Geiste erkennen!“ (Luk.17,15.16)
[GEJ.09_066,13] Sagte Ich: „Stehe auf! Denn
dein großer Glaube hat dir geholfen! Du bist ein Samariter und hast Mich
erkannt, und bist gekommen und hast Gott wohlgeziemend die Ehre gegeben; daher
wirst du auch in Meiner Liebe verbleiben. Aber was ist denn mit den andern
neun? Sind sie nicht auch dir gleich rein geworden? Und so sie rein geworden
sind, warum kamen sie nicht mit dir, daß auch sie dir gleich Gott die Ehre
gegeben hätten? Hat sich außer dir denn keiner gefunden, der umgekehrt wäre, zu
geben Dem die Ehre, der ihn gesund gemacht hat? Ein Fremdling also weiß es
besser, was Gott gebührt, als die, welche sich als die Kinder Gottes ehren
lassen! Darum aber wird den Kindern diese Ehre auch bald weggenommen und den
Fremden gegeben werden!“ (Luk.17,17-19)
[GEJ.09_066,14] Der Samariter aber kniete
noch am Boden vor Mir, und Ich sagte zu ihm abermals mit freundlichen Worten:
„Stehe nun nur ganz auf, und gehe in die Herberge; denn dein Glaube hat dir
geholfen! Sage es aber auch deinen Gefährten, die da Juden sind, was Ich zu dir
gesagt habe!“
[GEJ.09_066,15] Da richtete sich der Geheilte
vollends auf und ging hin in die Herberge und fand seine Gefährten, wie sie
sich beim Brote und Weine gar gut geschehen ließen.
[GEJ.09_066,16] Als er zu ihnen kam, da
fragten sie ihn alsogleich, ob er Mich wohl noch irgend angetroffen habe.
[GEJ.09_066,17] Und er erzählte ihnen ganz
ernst und offen, was Ich zu ihm gesagt hatte.
[GEJ.09_066,18] Da überfiel die neun eine
Furcht, daß sie wieder in den Aussatz zurückverfallen könnten. Da aßen und
tranken sie nicht mehr und bereuten, daß sie nicht auch das getan hatten, was
der Samariter getan hatte.
[GEJ.09_066,19] Ich aber kam bald nach mit
Meinen Jüngern und kehrte in derselben Herberge ein; nur ward uns ein großes
Zimmer sogleich angewiesen, und der Wirt selbst, der auch mehr ein Samariter
denn ein Jude war, fragte uns gleich, was wir essen und trinken möchten.
[GEJ.09_066,20] Ich aber sagte: „Laß uns nur
geben, was du hast, und wir werden es genießen!“
[GEJ.09_066,21] Da befahl der Wirt sogleich
seinen Dienern, Brot und Wein zu bringen, und später sollten für uns Fische in
gerechter Menge wohl bereitet werden.
[GEJ.09_066,22] Wie es der Wirt anbefohlen
hatte, so geschah es denn auch.
[GEJ.09_066,23] Als wir eine kurze Weile uns
beim Brote und Weine gütlich geschehen ließen, da lockte die Neugier die
Hausleute zu uns, damit sie sähen und erführen, wer wir seien, und von woher
wir gekommen seien. Als sie uns aber ersahen, da wurden sie inne, daß wir
sicher dieselben wären, von denen die zehn Aussätzigen ihre Reinigung erhalten
hatten; denn diese hatten uns schon zuvor genau beschrieben, und so erkannten
die Hausleute in uns nur zu bald, daß wir die Wunderheilande seien.
[GEJ.09_066,24] Das ward auch dem Wirte
sogleich mitgeteilt, – daher er sich denn auch um uns gleich näher umzusehen
und sich nach unserem Stande und Gewerbe zu erkundigen anfing. Er setzte sich
an unseren Tisch, nahm auch Brot und Wein und fragte einen Meiner Jünger, ob
wir wohl dieselben Männer wären, aus deren Mitte einer, namens Jesus, die zehn
Aussätzigen bloß durch die Macht seines Wortes völlig gereinigt habe.
[GEJ.09_066,25] Der Jünger, namens Jakobus
der Kleinere, aber sagte: „Dort zuoberst am Tische sitzet der Herr; Den frage,
und Er wird dir antworten, was da Rechtens ist!“
[GEJ.09_066,26] Da kam der Wirt denn auch
sogleich zu Mir und sagte: „Höre, Freund, bist du der wundersame Heiland, der
außerhalb des Marktes die zehn von ihrem bösen Aussatze reingemacht hat bloß
durch seines Wortes Macht und Kraft? Bist du der nun schon allbekannte Jesus
aus Nazareth?“
[GEJ.09_066,27] Sagte Ich: „Führe die
hierher, die dir das gesagt haben; sie werden es dir wohl wieder sagen, ob Ich
es bin!“
[GEJ.09_066,28] Da ging der Wirt alsbald hin
und brachte etliche der Gereinigten zu uns, und diese sagten gleich mit einer
Stimme (die Geheilten): „Ja, ja, dieser ist es, der uns Undankbaren die große
Gnade erwiesen hat!“
[GEJ.09_066,29] Und es fielen nun auch die
neun, die zuvor nicht umgekehrt waren, vor Mir nieder und gaben Mir die Ehre.
[GEJ.09_066,30] Ich aber sagte zu ihnen:
„Weil euch die Furcht, als könntet ihr wieder mit dem Aussatze behaftet werden,
zu Mir getrieben hat, so seid nun auch ihr gekommen, um Gott die Ehre zu geben!
Es sei euch diesmal vergeben, und ihr sollet rein verbleiben; aber in der Folge
wird bei denen Mein Segen nicht verbleiben, die da zu bequem sein werden, nach
einer empfangenen Gnade Dem die Ehre zu erweisen, von dem sie die Gnade erhalten
haben. Erhebet euch nun und gehet, und sündiget hinfort nicht mehr!“
[GEJ.09_066,31] Da erhoben sich die
Gereinigten, dankten noch einmal und begaben sich wieder in ihr ihnen
angewiesenes Zimmer.
[GEJ.09_066,32] Der Wirt aber wußte nun, mit
wem er es zu tun habe. Er ward darauf gleich voll Hochachtung vor Mir, ging
hinaus in die Küche und befahl seinen Köchinnen, daß sie für uns die
allerbesten Fische bereiten sollten, was denn auch geschah.
67. Kapitel
[GEJ.09_067,01] Es befanden sich aber auch abends
stets alle in diesem Markte amtierenden Pharisäer, Rabbis und ein
Schriftgelehrter in dieser Herberge, und der Wirt benachrichtigte sie in der
Meinung, Mir eine angenehme Gesellschaft zu bereiten, daß Ich, der Ich zuvor
die zehn ganz wunderbar von dem bösen Aussatze gereinigt habe, nun auch sein
Gast sei und Mich mit mehreren Gefährten im großen Speisesaale befinde.
[GEJ.09_067,02] Als die etlichen Pharisäer,
der Schriftgelehrte und die Rabbis das vom Wirte vernommen hatten, erhoben sie
sich gleich von ihrem Tische und sagten unter sich: „Nun gut, dem wollen wir
hier auf den Zahn fühlen, ob es mit ihm wohl die Bewandtnis hat, die nun schon
weit und breit, sogar unter den Heiden ruchbar geworden ist. Er soll der
verheißene Messias der Juden sein und das Reich Gottes auf Erden gründen. Wir
werden sehen, wie er sich uns gegenüber behaupten wird.“
[GEJ.09_067,03] Mit diesem Vorsatze kamen sie
denn auch, vom Wirte geleitet, zu uns in den großen Speisesaal, ließen sich
gleich einen Tisch decken und ihn mit dem besten Weine und Brote und mit
wohlbereiteten Fischen und noch anderen Speisen best besetzen. Als der Tisch
zum großen Vergnügen ihrer Dickbäuche sehr wohl besetzt war, da setzten sie
sich und zeigten gleich durch Worte und Gebärden, daß sie die Herren im Orte
seien.
[GEJ.09_067,04] Wir aber taten so ganz
gleichgültig gegen sie, als hätten wir kaum gemerkt, daß sie in unserem
Speisesaale Platz genommen haben; wir aßen und tranken und redeten über ganz
gleichgültige Dinge. Es wurden nun auch auf unseren Tisch die Fische gebracht,
und wir fingen an, sie zu verzehren.
[GEJ.09_067,05] Es merkten aber die
Pharisäer, daß wir die kostbarsten Edelfische aßen und daneben auch den besten
Wein tranken. Da wandte sich ein Pharisäer an den Wirt und sagte: „Warum hast denn
du nicht auch für uns solche Fische bereiten lassen? Sind wir denn minder als
diese Galiläer, von denen wir etliche gar wohl kennen?“
[GEJ.09_067,06] Sagte der Wirt: „Ob minder
oder nicht minder, das ist mir gleich; was da jemand bestellt, das bekommt er
auch! Was ihr bestellt habt, das steht auch auf eurem Tische; wollet ihr aber
auch Edelfische, so ist es noch Zeit, sie auch für euch herrichten zu lassen,
soviel ihr deren wollt!“
[GEJ.09_067,07] Die Pharisäer aber wußten es,
daß derlei Fische sehr kostspielig sind, und daß der Wirt sich derlei Speisen
auch stets gut bezahlen ließ, und so bestellten sie keine Edelfische. Aber
einer sagte, um der Pharisäer Geiz zu beschönigen: „Konnten wir als die Ersten
derlei Fische nicht haben, so wollen wir sie auch als die Zweiten nicht!“
[GEJ.09_067,08] Sagte der Wirt: „Ihr möget
nun sagen, was ihr wollet, so beirrt mich das nicht im geringsten! Wer kann mir
denn vorschreiben, jemandem, der nur etwas zu essen begehrt hat, ohne zu
bestimmen, worin die Speise bestehen soll, zu geben, was ich will, und wer kann
mir gebieten, dem für das, was er fest begehrt hat, etwas anderes auf den Tisch
zu setzen? Kurz und gut, bei mir gilt der alte Grundsatz: Jedem das Seinige!“
[GEJ.09_067,09] Sagte der Pharisäer: Da hast
du wohl recht, und wir können dagegen nichts einwenden; aber sonderbar ist es
immerhin von dir, der du eben nicht im Rufe eines freigebigen Mannes stehst,
daß du gerade diesen Galiläern, die alle nicht gar weit her sind, und bei denen
sehr die Frage sein kann, ob sie dir die kostbaren Fische auch zu bezahlen
imstande sein werden, einen gar so guten Willen erweisen mochtest!“
[GEJ.09_067,10] Sagte der Wirt: „Auch das
geht euch schon wieder nichts an! Menschen, wie ihr da seid, sind bei mir
wahrlich nichts Seltenes; aber Menschen wie der euch bekannte Heiland Jesus aus
Nazareth, der durch die wahrhaft überwunderbare Macht seines Wortes und Willens
zehn mit dem bösesten Aussatze behaftete Männer, denen ihr das Zeugnis vor kaum
einer Stunde gegeben habt, in einem Augenblick zu reinigen und sie völlig
gesund zu machen vermag, sind gar überaus selten und sind eigentlich noch gar
nie dagewesen, – und es wird da wohl jedermann sehr begreiflich sein, daß man
ihnen diejenige Aufmerksamkeit freiwillig erweist, die ihnen gebührt.“
[GEJ.09_067,11] Auf diese ganz gute
Gegenbemerkung wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und machten zum für
sie nach ihrer Meinung bösen Spiel eine gute Miene, obschon sie innerlich voll
Ärgers waren. Sie aßen und tranken darauf ganz wacker, und wir taten dasselbe
und kümmerten uns nicht, was die ärgerlichen Pharisäer machten, und was sie
untereinander für Worte wechselten.
[GEJ.09_067,12] Als aber der Wein die
Pharisäer so recht erhitzt hatte und sie mit Mir in einen Wortwechsel zu kommen
trachteten, da erhob sich der Schriftgelehrte, stellte sich ganz keck vor Mich
hin und sagte: „Meister, sage es uns doch, aus was für einer Macht verrichtest
denn du deine offenkundigen Wunderwerke?“
[GEJ.09_067,13] Sagte Ich: „Ich will euch das
sagen, – doch zuvor müsset ihr Mir eine Frage beantworten! Saget Mir: War des
Johannes Predigt und Taufe von Gott verordnet, oder war sie ein pures
Menschenwerk?“
[GEJ.09_067,14] Hierauf wußte der
Schriftgelehrte nicht, was er Mir erwidern solle. Denn er dachte: ,Sage ich:
,Sie war von Gott verordnet!‘, da wird er zu mir sagen: ,Warum habt ihr ihm
denn nicht geglaubt?‘, und sage ich: ,Sie war ein pures Menschenwerk!‘, so
haben wir gleich den Wirt und morgen den ganzen Markt wider uns; denn alle
halten den Johannes für einen von Gott erweckten Propheten!‘
[GEJ.09_067,15] Nach einer Weile erst sagte
er (der Schriftgelehrte): „Meister, das wissen wir alle wahrlich nicht, und ich
kann dir da weder mit Ja noch mit Nein antworten!“
[GEJ.09_067,16] Sagte Ich: „Dann kann Ich
auch dir nicht sagen, aus welcher Macht Ich Meine Wunderwerke verrichte, und so
sind wir miteinander wieder wie vorher!“
[GEJ.09_067,17] Es kam aber nun auch ein
Pharisäer zu Mir und sagte: „Meister, uns ist über dich schon gar Verschiedenes
zu Ohren gekommen, und unter anderm auch das, daß durch dich das Reich Gottes
auf Erden gegründet werde! Durch deine Taten zeugest du über dich selbst, daß
du der seist, den alle Juden infolge der alten Verheißung erwarten. – Siehe,
auch wir wollen an dich glauben; aber sage es uns doch, wie und wann das Reich
Gottes kommen wird unter die Menschen auf dieser Erde!“
[GEJ.09_067,18] Sagte Ich: „So, wie ihr euch
das vorstellet, ganz sicher nicht!“
[GEJ.09_067,19] Sagte der Schriftgelehrte
nun: „Wie denn anders hernach?“
[GEJ.09_067,20] Sagte Ich: „Das Reich Gottes
wird nicht kommen mit irgendeinem äußeren Schaugepränge, und man wird da nicht
sagen: ,Sieh, hier oder da ist es!‘; denn das Reich Gottes ist kein
materielles, sondern ein geistiges Reich, da Gott Selbst in Sich der urewige
und reinste Geist ist und Sein Reich daher auch nicht für den Leib, sondern für
dessen Seele und Geist gegeben und auf dieser Erde errichtet wird. Seele und
Geist aber sind inwendig im Menschen und nicht außerhalb desselben; und so ist
das Reich Gottes auch nur inwendig im Menschen, und so es zum Menschen kommen
wird, da wird er dessen nur in sich gewahr werden und nicht irgend außer sich.“
(Luk.17,20.21)
[GEJ.09_067,21] Auf diese Meine Antwort
wußten die Pharisäer nichts mehr zu erwidern und begaben sich wieder zu ihrem
Tische.
[GEJ.09_067,22] Und der Wirt frohlockte
heimlich, daß Ich den Pharisäern den Mund gestopft habe, und ließ auf unseren
Tisch frischen und besten Wein aufsetzen und sagte zu Mir: „Esset und trinket,
soviel ihr wollet; der Zechmeister bin ich diesmal!“
[GEJ.09_067,23] Und wir aßen und tranken ganz
wohlgemut.
[GEJ.09_067,24] Da das die Pharisäer sahen,
da ärgerten sie sich noch mehr und sagten so ganz laut unter sich: „Der soll
der von Gott in diese Welt gesandte Messias sein? Wie ist er doch ein Fresser
und Vollsäufer samt seinen Jüngern! Dazu aber wissen wir auch noch, daß er mit
Zöllnern, Heiden und andern Sündern umgeht und das Brot mit ungewaschenen
Händen ißt, und so mag er noch so viele Wunder wirken, und es wird dennoch kein
wahrer Schriftgelehrter und Pharisäer an ihn glauben!“
[GEJ.09_067,25] Sagte hierauf der Wirt:
„Daran wird Ihm auch sicher sehr wenig gelegen sein! So Er der Herr ist – wie
ich das nun auch glaube –, da wird Er, als in Sich der vollkommenste Geist aus
Gott, wohl nicht nötig haben, Sich nach unseren Weltsatzungen zu richten,
sondern wir nach denen, die Er uns geben wird!“
[GEJ.09_067,26] Sagten die Pharisäer: „Was du
uns sagst, das ärgert uns nicht, da wir wohl wissen, daß du mehr ein Samariter
denn ein Jude bist; uns ärgert nur das, daß er viele Juden durch seine Lehren
und Taten verführt und sich als etwas ausgibt, das er nicht sein kann, weil er
das Gesetz Mosis in vielen Stücken nicht hält!“
[GEJ.09_067,27] Hierauf erhob Ich Mich mit
ernster Miene und sagte: „Wem soll Ich diese Unart von Menschen vergleichen?
Johannes aß und trank nahe nichts denn nur Heuschrecken und wilden Honig und
führte ein strenges Büßerleben; da sagten sie: ,Wie ist doch der Mensch ein
Gleisner und Scheinheiliger!‘ Aber das sagten sie, weil Johannes ihnen ihre
volle Gottlosigkeit und ihrer Sünden Unzahl vorhielt, darum sie es durch
Herodes dahin brachten, daß er ihn ins Gefängnis werfen und darin enthaupten
ließ.
[GEJ.09_067,28] Ich esse und trinke, mache
keinen Frömmler und Kopfhänger und begegne jedermann freundlich, und helfe
jedem, der zu Mir kommt, glaubt und sich von Mir Hilfe erfleht, und da sagen
sie: ,Wie ist der Mensch doch ein Vollsäufer und Vielesser und ein Freund der
Sünder, Zöllner und Heiden und achtet der Satzungen Mosis nicht!‘
[GEJ.09_067,29] Aber was ist denn hernach
das, so sie lehren: ,So du opferst, ist es dir nützlicher, als so du selbst
ehrest Vater und Mutter!‘? Heben da nicht sie Gottes Gebote auf und quälen die
Menschen mit den Satzungen, die sie zum Besten ihres Bauches erfunden haben?
Darum werden sie aber dereinst auch desto mehr Verdammnis überkommen! Sie
bürden den Menschen unerträgliche Lasten auf, sie selbst aber rühren dieselben
auch nicht mit dem kleinen Finger an! Für die großen Opfer versprechen sie lange
Gebete zu halten, die sie dann von ihren untergeordneten Dienern herz- und
sinnlos ekelig den betrogenen und blinden Menschen vorplärren lassen. Sind sie
da nicht denen gleich, die da Mücken säugen und dafür Kamele verschlingen?
[GEJ.09_067,30] Ja, ja, sie essen das Brot
wohl mit gewaschenen Händen, aber ihr Herz ist voll Unflates und Schmutzes. Sie
gleichen darum auch den fein und zierlich übertünchten Gräbern, die inwendig
voll Moders und Gestankes sind. Mit ungewaschenen Händen das Brot essen, verunreinigt
den Menschen nicht – und schon am allerwenigsten dort, wo man oft keine
Gelegenheit hat, sich vor dem Brotessen die Hände zu waschen –; aber Lüge,
Betrug, Neid, Geiz, Fraß und Völlerei, Stolz, Haß, Zorn, Unzucht, Hurerei und
Ehebruch und Gottesleugnung bei sich selbst verunreinigen den ganzen Menschen
und machen aus ihm ein Kind der Hölle!“
[GEJ.09_067,31] Als die Pharisäer solches von
Mir vernommen hatten, da wurden sie ganz grimmig, erhoben sich von ihrem Tische
und verließen den Saal, was uns allen sehr lieb war.
[GEJ.09_067,32] Und der Wirt kam zu Mir und
konnte Mir nicht genug danken darum, daß Ich diesen Pharisäern die Wahrheit so
ganz unverhüllt ins Gesicht geschleudert habe, und auch alle Meine Jünger
lobten Mich.
[GEJ.09_067,33] Der Wirt sagte am Ende: „O
Herr und Meister, diese Deine Rede wird etwa doch einen oder den andern dieser
Pharisäer auf eine bessere Meinung von Dir bringen?“
[GEJ.09_067,34] Sagte Ich: „Eher wäschest du zehn
Mohren weiß, als daß da einer dieser Gleisner sich bekehre und Buße tue! Wo in
einem Menschen der Geiz, Neid und die Herrschsucht zu tiefe Wurzeln getrieben
haben, da ist von einer wahren Besserung schwer eine Rede mehr! Aber lassen wir
sie nun brüten unter sich; morgen ist auch noch ein Tag, an dem sich etwas tun
lassen wird!“
68. Kapitel
[GEJ.09_068,01] (Der Herr:) „Du hast aber
einen kranken Knecht, der dein Liebling ist, weil er dir stets am treuesten und
eifrigsten gedient hat, der nun schon ein volles Jahr, von der Gicht geplagt,
sich nicht vom Krankenlager erheben kann. So du es wünschest und glaubst, da
kann Ich ihm helfen.“
[GEJ.09_068,02] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, so Du mir solche Gnade erweisen willst, so will ich alles tun, was zu
tun Du nur immer von mir verlangen wollest!“
[GEJ.09_068,03] Sagte Ich: „So geschehe dir
nach deinem Glauben! Gehe hin und siehe, ob dein Knecht noch leidet!“
[GEJ.09_068,04] Da ging der Wirt eiligst in
das Gemach, in dem der kranke Knecht sich befand, und siehe, der Knecht war
gesund und erzählte dem Wirte, daß es ihm klar vorkam, als ob es um ihn
geblitzt hätte, worauf ihn im Augenblick aller Schmerz und alle Schwäche
verließen, derart, daß er sich nun gleich vom Krankenbett erheben möchte! Es
müsse da Gott an ihm ein Wunder gewirkt haben.
[GEJ.09_068,05] Der Wirt aber sagte: „Stehe
nur getrost auf, und komme dann in den Großen Saal; dort wirst du Den sehen,
der dich also wundersam gesund gemacht hat!“
[GEJ.09_068,06] Der Knecht tat bald, was ihm
der Wirt anbefohlen hatte; dieser aber kehrte sogleich wieder mit dem
dankbarsten Herzen zu uns zurück.
[GEJ.09_068,07] Als der Wirt wieder zu uns
kam und seinen Dank Mir dargebracht hatte, da kam auch bald der geheilte Knecht
nach, und mit ihm kamen auch die andern Hausleute und Diener und Mägde und
fragten, welcher von uns derjenige wäre, der den Oberknecht so wunderbar von
seiner Gicht geheilt habe.
[GEJ.09_068,08] Und der Wirt zeigte mit
seiner Hand auf Mich und sagte: „Dieser Gottmensch hier, von dem ich offen also
sagen und bekennen muß, daß wir alle nicht von ferne hin würdig sind, daß Er zu
uns kam und die Türschwellen meines Hauses betrat. Diesem danket alle für die
uns erwiesene Gnade, und gebet Ihm allzeit vor allen Menschen die Ehre!“
[GEJ.09_068,09] Auf diese Worte des Wirtes
fiel der geheilte Knecht alsbald Mir zu Füßen, dankte Mir und pries Mich laut,
was denn auch die andern Hausleute, Diener und Mägde taten, wodurch im Hause
ein großer Lärm entstand, der auch von den Pharisäern, obschon sie sich in
einem von unserem Saale entlegenen Gemach befanden, vernommen wurde und einer
von ihnen nachzusehen kam, was es da gäbe.
[GEJ.09_068,10] Als er aber erfuhr, daß Ich
den Knecht von der Gicht völlig geheilt hatte und auf welche Weise, da ward er
ärgerlich und sagte zum Wirte, den er zu sich berief (der Pharisäer): „Nimm
dich in acht vor diesem Volksaufwiegler; denn so er etwa durch die Hilfe des
Obersten der Teufel oder durch eine andersartige Zauberei, die er etwa von den
Essäern erlernt hat, solche Wunder wirkt, da werden das bald die Römer
erfahren, wie ihm alles Volk nachläuft und ihn am Ende gar zu einem Könige
aller Juden machen will, und werden dann kommen über uns und werden uns gar
übel zurichten!“
[GEJ.09_068,11] Sagte der Wirt: „Dieses
Wundertäters wegen, den die Römer sicher schon lange besser kennen denn wir,
befürchte ich von ihrer Seite nichts; nur von eurer Seite hätte ich alles zu
befürchten, so ich nicht ein römischer Untertan wäre! Aber ihr solltet euch
fürchten vor diesem Manne, der voll des Geistes Gottes sein muß, ansonst es Ihm
unmöglich wäre, solche Zeichen zu wirken und Taten zu verrichten, die nur Gott
allein möglich sein können; wer aber voll des Geistes Gottes ist, der ist auch
ein wahrer Herr über alles im Himmel und auf Erden, und die Ihn anfeinden,
haben nur Ihn und nicht Er sie zu fürchten! Deine an mich gerichtete Warnung
wird daher denn auch in meinem Gemüte niemals Wurzeln schlagen!“
[GEJ.09_068,12] Als der Rabbi, der auch schon
ein minderer Pharisäer war, solches vom Wirte vernommen hatte, ward er noch
ärgerlicher denn ehedem, sagte nichts mehr darauf und begab sich wieder zu
seinen Gefährten.
[GEJ.09_068,13] Als er bei ihnen ankam, da
fragten sie ihn alsogleich, was es gegeben habe.
[GEJ.09_068,14] Der Rabbi aber wurde nach den
Worten des Wirtes bei sich doch nachdenkend und machte darum einen ganz
gleichgültigen Bericht über das, was da vorgefallen sei, und die Hausleute
hätten darüber einen kleinen Jubellärm geschlagen, der wenig zu bedeuten habe.
[GEJ.09_068,15] Damit begnügten sich die
andern Pharisäer und fragten nichts weiter, sondern schwelgten fort und sagten:
„Lassen wir dem verblüfften Wirte die Freude, in einem herumziehenden
Wunderarzt, der offenbar aus der Schule der Essäer stammt, auf die auch die
Römer große Stücke halten, seinen Heiland und Messias zu preisen; in einigen
Wochen wird bei ihm schon alles wieder verraucht und vergessen sein!“
[GEJ.09_068,16] Und es war eine solche
Stimmung der schon ziemlich berauschten Pharisäer für uns gut, weil wir dadurch
Ruhe vor ihnen hatten und uns über gar wichtige Dinge besprechen konnten.
[GEJ.09_068,17] Auch die in unseren Saal
gekommenen Hausleute, Diener und Mägde gingen wieder nach dem Geheiß des Wirtes
an ihr Geschäft; denn sie hatten mehrerer Fremden wegen, die von Kapernaum
hierher in diesen Markt zumeist der Handelsgeschäfte wegen gekommen waren, noch
manches zu verrichten. Nur der geheilte Knecht blieb bei uns, aß und trank mit
uns und stärkte sich.
69. Kapitel
[GEJ.09_069,01] Der Wirt aber sagte zu Mir:
„O Herr und Meister, da wir nunmehr in der Ruhe beisammensitzen und von niemand
so leicht gestört zu werden zu befürchten haben und es auch noch nicht zu spät
in der Nacht ist, so bitte ich Dich, mir so manches zu sagen, was zur Erlangung
des wahren Heils der Seele nötig ist!“
[GEJ.09_069,02] Sagte Ich: „Glaube
ungezweifelt an Gott, halte Seine Gebote, liebe Ihn über alles aus allen deinen
Kräften und deine Nebenmenschen wie dich selbst und glaube, daß Ich der
verheißene Messias bin, der Ich nun im Fleische in diese Welt kam als die ewige
Wahrheit, das Licht und das Leben Selbst, auf daß alle, die an Mich glauben und
nach Meiner Lehre leben, das ewige Leben haben sollen! Wenn du alles das
glaubst und danach tust, so wirst du für deine Seele das wahre und lebendige Heil
dir erwerben und behalten in Ewigkeit.
[GEJ.09_069,03] Siehe, das allein genügt
vollkommen zur Erreichung des Reiches Gottes in dir; alles andere ist eitel und
hat zum Nutzen der Seele keinen Wert vor Gott. So Ich als der Herr alles Lebens
dir das sage, da kannst du es auch glauben, daß es also und nicht anders ist.“
[GEJ.09_069,04] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, ich glaube das nun ungezweifelt fest; nur hat Moses noch eine Menge
Regeln und Verordnungen gegeben, wie die Speisen, die man als Jude allein nur
essen darf, das öftere Waschen des Leibes, das Fasten, das Bußetun in Sack und
Asche, das Tragen eines härenen Rockes, und so noch eine Menge, das man sich
schwer merkt und daher noch schwerer beachtet und darum auch stets in der
Furcht steht, voller unwissentlich begangener Sünden zu sein. Wie soll man sich
denn in diesen Stücken verhalten? Ist die strenge Beachtung aller der von Moses
und auch den andern Propheten gegebenen Verordnungen eine unerläßliche
Bedingung zur Erreichung des göttlichen Wohlgefallens?“
[GEJ.09_069,05] Sagte Ich: „Wenn du das
beachtest, was Ich dir ehedem gesagt habe, so hast du dadurch auch schon alles
erfüllt, was in Moses und allen Propheten zu tun vorgeschrieben steht. Der
Mensch muß essen und trinken zur Erhaltung des Leibeslebens; aber die Speisen
und der Trank sollen rein und frisch sein. Und so ist es für den Leib auch gut
und gesund, ihn möglichst rein zu halten, und ebenso auch in allem rein, mäßig
und nüchtern zu sein. Und so sind derlei Verordnungen auch gut und heilsam
nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen; denn in einem kranken Leibe
kann auch die Seele sich nicht so leicht zu dem erheben, was ihr Heil fördern
und sie zum ewigen Leben kräftigen kann.
[GEJ.09_069,06] Siehe, darum hat Gott durch
Moses und auch durch die andern Propheten das verordnet, was auch für die Zeit
des Erdenlebens dem Leibe des Menschen frommt, und der Mensch tut wohl daran,
so er auch solche Regeln beachtet!
[GEJ.09_069,07] Wer aber das tut, was Ich dir
ehedem gesagt habe, den leitet dann schon der Geist des Reiches Gottes im
eigenen Herzen und zeigt ihm auch die Regeln zur Wohlfahrt seines Fleisches;
und also ist in dem, was Ich dir gesagt habe, auch schon alles enthalten! –
Hast du das nun alles wohl verstanden?“
[GEJ.09_069,08] Sagte der Wirt und mit ihm
auch dankbarst der geheilte Knecht: „O Herr und Meister, wir danken Dir von
ganzer Seele, von ganzem Herzen und aus allen unseren Lebenskräften für diese
Deine gar weise und wahre Belehrung, die da ein ganz anderes Licht in uns
angezündet hat als die langen Predigten der Pharisäer, die nur auf die strenge
Haltung der vielen äußeren Dinge und Regeln alles Heil der Menschen setzen;
aber auf die Haltung der Gebote Gottes, durch die die Seele allein geläutert
und zum ewigen Leben gekräftigt werden kann, halten sie beinahe gar nichts und
sagen, daß ein Mensch dafür opfern könne, – was ihm nützlicher sei als die
starre und schwere Haltung der Gebote.
[GEJ.09_069,09] Und so sieht man gar oft die
Menschen schwere Opfer vor die Türen der Pharisäer legen; aber einen Menschen,
der da strenge die Gesetze Mosis hielte, sieht man beinahe schon gar nicht
mehr. Denn sie sagen: Wenn man durch die Opfer dasselbe vor Gott erreichen kann
und von den Sünden noch mehr gereinigt wird als durch die eigene schwere
Haltung der Gebote, so ist das Opfern um vieles bequemer und das Gewissen
leichter, weil nach den Worten der Pharisäer die Opfer alles vor Gott sühnen,
die Haltung der Gebote aber nur insoweit, als ein Mensch ein und das andere Gebot
strenge und gewissenhaft zu halten imstande war.
[GEJ.09_069,10] Nun, wenn man solche Lehre
mit dem vergleicht, was Du, o Herr und Meister, mir angeraten und allerhellst
erklärt hast, so besteht darin ja ein unendlicher Unterschied. Bei Dir ist
alles die volle und lebendige Wahrheit und bei den Pharisäern faule und tote
Lüge, durch die wahrlich keine Seele das ewige Leben erreichen kann. Herr, was
sollen wir aber in der Folge nun den Pharisäern gegenüber tun?“
[GEJ.09_069,11] Sagte Ich: „Was sie als reines
Wort Mosis und der Propheten predigen, das höret an, und tut nach dem reinen
Worte; aber an ihre eigenen Satzungen haltet euch nicht, denn diese sind vor
Gott ein Greuel!
[GEJ.09_069,12] Es steht ja auch geschrieben:
,Siehe, dies Volk ehrt Mich mit den Lippen; aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
Ich aber sage euch: Das Ende dieser Menschenlehrer ist nahe herbeigekommen! Ich
bin darum zu euch gekommen als die Wahrheit, der Weg und das Leben und werde
von der Erde hinwegfegen die Lüge und ihre bösen Werke. Ich werde zwar in Kürze
diese Welt verlassen, und es wird in der Zeit Meiner sichtbaren Abwesenheit die
Lüge und ihr Falsches und Böses noch eine Zeit fortwuchern unter den Menschen
auf der Erde; aber Ich werde dann zur rechten Zeit wiederkommen mit aller Macht
und Kraft zu euch Menschen und werde der Herrschaft der Lüge und des Truges ein
Ende machen!
[GEJ.09_069,13] Ich bereite aber auch schon
jetzt in den Herzen der Menschen den Grund dazu und erbaue einen neuen Tempel
und eine neue Stadt Gottes. Lasset uns den Bau ehest vollenden, damit für
immerdar zerstört werde der alte Tempel und die Stadt der Lüge, des Truges und
aller Bosheit!
[GEJ.09_069,14] Dieses werdet ihr nun wohl
noch nicht in aller Reinheit verstehen; aber so ihr von Meinem Geiste
durchdrungen sein werdet, dann werdet ihr auch das in aller Klarheit verstehen
und werdet daran euch wohl erinnern, was Ich euch zum voraus gesagt habe.“
[GEJ.09_069,15] Diese Meine Worte wollten
auch den Jüngern nicht recht einleuchtend vorkommen, darum sie auch unter sich
also zu reden anfingen (die Jünger): „Von einer zweiten Wiederkunft auf diese
Erde hat Er schon zu öfteren Malen geredet, aber stets mehr in unbestimmten
Weisen nach Art der Propheten! Gehen wir Ihn nun einmal so recht ordentlich an,
– vielleicht sagt Er diesmal etwas Näheres und Bestimmteres darüber!“
70. Kapitel
[GEJ.09_070,01] Nach solcher Beratung aber
wandten sich die Jünger an Mich und sagten: „Herr und Meister, Du hast uns
schon zu öfteren Malen gesagt, daß es uns gegeben sein solle, die Geheimnisse
des Reiches Gottes wohl zu verstehen, und Du hast uns auch schon so vieles
überklar enthüllt, daß wir im Geiste Deine unendliche Schöpfung und noch
tausenderlei anderes wohl erkennen, wovon sich kein Weltweiser je einen Begriff
gemacht hat und sich auch durch sein eigenes Forschen und Suchen nie einen
vollklaren Begriff wird machen können, darum denn auch bis auf uns alles
menschliche Wissen ein Stückwerk ist. Sage uns denn auch einmal über Deine
abermalige Wiederkunft etwas Bestimmtes! In welcher Zeit wirst Du wiederkommen,
und wo und wie? Denn uns dünket, daß auch das zum Verstehen der Geheimnisse des
Reiches Gottes gehört.“
[GEJ.09_070,02] Sagte Ich: „Auch das habe Ich
euch schon mehrere Male ganz umständlich gezeigt; aber weil auch ihr von Meinem
Geiste nicht völlig durchdrungen seid, so verstehet ihr das denn auch noch
nicht in der rechten Tiefe. Das Jahr, den Tag und die Stunde kann Ich euch
darum nicht fest bestimmen, weil das ja alles auf dieser Erde von dem
vollkommen freien Willen der Menschen abhängt. Darum weiß das denn auch kein
Engel im Himmel, sondern allein nur der Vater und der auch, dem Er es
offenbaren will. Zudem ist das allergenauest zum voraus zu wissen zum Heile der
Seele durchaus nicht unumgänglich notwendig.
[GEJ.09_070,03] Wäre es wohl gut für den
Menschen, so er den Tag und die Stunde Seines Ablebens ganz genau zum voraus
wüßte? Für sehr wenige, im Geiste völlig Wiedergeborene, ja; aber für zahllos
viele wäre das wohl ein großes Übel! Denn die herannahende Stunde ihres Ablebens
würde sie derart mit aller Furcht, Angst und Verzweiflung erfüllen, daß sie
entweder so zu Feinden des Lebens würden, daß sie sich vor der Zeit das Leben
nähmen, um dadurch der Todesangst zu entgehen, oder sie würden in eine
derartige Lebensträgheit geraten, in der für die Seele wahrlich wenig Heil zu
erwarten wäre. Und also ist es für den Menschen besser, so er nicht alles als
ganz bestimmt zum voraus weiß, was, wie und wann in dieser Welt dieses und
jenes über ihn kommen kann und auch kommen muß.
[GEJ.09_070,04] Ich sage es euch: Es wird die
Zeit kommen, in der ihr in euren Glaubensnachkommen fragen werdet, wie nun
hier, wann der Tag des Menschensohnes kommen werde, und werdet begehren, ihn zu
sehen, und werdet ihn dennoch nicht sehen nach eurem Begehren. (Luk.17,22) Und
es werden sich in jenen Zeiten aber viele erheben und hervortun und werden mit
weiser Miene sagen: ,Siehe hier, siehe da und dann ist der Tag!‘ Aber da gehet
nicht hin und folget nicht solchen Propheten. (Luk.17,23)
[GEJ.09_070,05] Der Tag Meiner abermaligen
Wiederkunft wird gleich sein einem Blitze, der vom Aufgange bis zum Niedergange
oben am Wolkenhimmel fährt und über alles leuchtet, was unter dem Himmel ist.
(Luk.17,24) Bevor aber das kommen wird, da wird – wie Ich euch das schon mehrere
Male verkündet habe – des Menschen Sohn noch vieles leiden müssen und wird
gänzlich verworfen werden von diesem Geschlechte (Luk.17,25), nämlich von den
Juden und Pharisäern, und in den späteren Zeiten von jenen, die man neue Juden
und Pharisäer nennen wird.
[GEJ.09_070,06] Und wie es geschah zu den
Zeiten Noahs, so wird es auch geschehen in der Zeit der abermaligen Ankunft des
Menschensohnes. (Luk.17,26) Sie aßen und tranken ganz wohlgemut, sie freiten
und ließen sich freien bis auf den Tag, da Noah in die Arche stieg und dann die
Flut kam und alle ersäufte. (Luk.17,27) Desgleichen auch, wie es geschah zu den
Zeiten Lots: sie aßen und tranken, sie kauften und verkauften und pflanzten und
bauten. (Luk.17,28) An dem Tage aber, den Ich euch auf dem Ölberge näher
erklärt habe, da Lot aus Sodom ging, regnete es schon Feuer und Schwefel vom
Himmel und brachte sie alle um. (Luk.17,29)
[GEJ.09_070,07] Sehet nun, also wird es auch
sein und geschehen in jenen Zeiten, wenn des Menschen Sohn abermals wieder wird
geoffenbart werden! (Luk.17,30) Wer an demselben Tage auf dem Dache ist und
weiß um den Hausrat im Hause, der steige nicht vom Dache, um den Hausrat zu
holen! – was aber so zu verstehen ist: Wer da ein wahres Verständnis hat, der
bleibe in dem Verständnisse und steige nicht unter dasselbe in der Furcht, daß
er dadurch etwa seine Weltvorteile einbüßen könnte; denn derlei wird zugrunde
gerichtet werden. (Luk.17,31a)
[GEJ.09_070,08] Desgleichen ein weiteres
Bild: Wer auf dem Felde (der Erkenntnisfreiheit) sich befindet, der wende sich
nicht nach dem um, was hinter ihm ist (alte Truglehren und deren Satzungen),
sondern er gedenke des Weibes Lots und strebe in der Wahrheit vorwärts.
(Luk.17,31b.32)
[GEJ.09_070,09] Ich sage euch noch ein
Weiteres: In derselben Zeit werden zwei in einer Mühle sein und die gleiche
Arbeit verrichten. Der eine wird angenommen und der andere verlassen werden,
das heißt, der gerechte Arbeiter wird angenommen und der ungerechte und
eigennützige verlassen werden. Denn wer da seine Seele der Welt wegen zu
erhalten sucht, der wird sie verlieren; wer sie aber um der Welt willen
verlieren wird, der wird ihr das Leben erhalten und ihr zum wahren, ewigen
Leben helfen. (Luk.17,33)
[GEJ.09_070,10] Und noch weiter sage Ich
euch: In einer und derselben Nacht der Seele werden zwei in einem und demselben
Bette liegen. Da wird auch der eine angenommen und der andere verlassen werden
(Luk.17,34), das heißt, zwei werden sich zwar dem Äußeren nach in der Sphäre
eines und desselben Glaubensbekenntnisses befinden, der eine aber wird sein im
lebendigen Glauben in der Tat und wird darum auch angenommen werden in das
lebendige und lichtvolle Reich Gottes, der andere aber wird bloß am äußeren
Kultus festhalten, der keinen inneren Lebenswert für Seele und Geist hat, und
wird, da sein Glaube als ein ohne die Werke der Nächstenliebe toter dasteht,
nicht in das lebendige und lichtvolle Reich Gottes aufgenommen werden.
[GEJ.09_070,11] Und weiter werden auch zwei
auf dem Felde der Arbeiten sich befinden. Der eine, der da arbeiten wird im
lebendigen Glauben aus Liebe zu Gott und aus Liebe zum Nächsten ohne Eigennutz,
wird auch ins wahre Reich Gottes aufgenommen werden; der aber da auf dem
gleichen Felde gleich den Pharisäern arbeiten wird ohne inneren lebendigen
Glauben aus purem Eigennutz, der wird selbstverständlich verlassen und ins
lebendige und lichtvolle Reich Gottes nicht aufgenommen werden! (Luk.17,37)
[GEJ.09_070,12] Seht, also wird es mit der
abermaligen Ankunft des Menschensohnes sich verhalten und gestalten! So ihr von
Meinem Geiste in der Folge aber tiefer durchdrungen sein werdet, dann wird euch
über all das von mir euch Gesagte auch ein helles Verständnis werden; für jetzt
aber kann Ich euch das nicht klarer und deutlicher verkünden.“
[GEJ.09_070,13] Sagten die Jünger: „Herr und
Meister, es ist das schon alles recht also; und wir glauben Deinen Worten; aber
wo und wann der irdischen Zeit nach wird das geschehen? Das könntest Du uns ja
doch auch noch hinzusagen!“
71. Kapitel
[GEJ.09_071,01] Sagte Ich: „Es ist wahrlich
zum Staunen, wie unverständig ihr noch seid! Ich habe es euch ja doch schon oft
genug angedeutet, warum sich da die irdische Zeit nicht ebenso auf ein Haar –
wie ihr das meinet – mit Gewißheit bestimmen läßt, wie daß Ich euch wohl genau
auf einen Augenblick vorausbestimmen könnte, wann dieser oder jener Berg und
seine Felsenspitzen von einem Blitze zerstört werden! Denn da haben wir es mit
einer gerichteten Materie zu tun, die in allem ganz von der Macht Meines
Willens abhängt; aber bei den Menschen, die einen freien, sich selbst
bestimmenden Willen haben, geht das nicht ebenso, wovon Ich euch den Grund
schon gar oft gezeigt habe, und ihr werdet ihn endlich doch einmal einsehen und
sollet Mir darum auch nicht gleichfort mit den gleichen Fragen kommen!
[GEJ.09_071,02] So ihr aber das Wann und Wo
schon durchaus näher bestimmt haben wollet, da merket, was Ich euch nun sagen
werde: Wo ein Aas irgend ist, da sammeln sich auch bald die freien Adler.“
(Luk.17,37)
[GEJ.09_071,03] Sagten die Jünger: „O Herr und
Meister, da hast Du schon wieder etwas gesagt, was wir nicht verstehen können!
Wer ist das Aas, und wer sind die Adler; und wo wird das Aas sein, und von
woher werden die freien Adler kommen?“
[GEJ.09_071,04] Sagte Ich: „Sehet euch nun
das faule und glaubenslose Pharisäertum an, und ihr sehet das Aas! Ich und
alle, die an Mich glauben, Juden und Heiden, aber sind die Adler, die das Aas
bald völlig aufzehren werden. Ebenso ist der Seele Sündennacht ein Aas, um das
sich das Licht des Lebens auszubreiten anfängt und das Aas, wie der Morgen die
Nacht, mit allen ihren Nebeln und Truggebilden vernichtet.
[GEJ.09_071,05] Wie aber das nun vor unseren
Augen mit dem faulen und wahrheits- und glaubenslosen Judentume geschieht, das sicher
ein gar gewaltiges Aas geworden ist, mit dem es nach etwa fünfzig Erdenjahren
zu Ende kommen wird, ebenso wird es in einer späteren Zeit mit der Lehre und
Kirche stehen, die Ich nun gründe. Diese wird auch zu einem noch ärgeren Aase
werden, als nun das Judentum ist, und es werden denn auch die freien Licht- und
Lebensadler von allen Seiten über sie herfallen und sie als ein alle Welt
verpesten wollendes Aas mit dem Feuer der wahren Liebe und mit der Macht ihres
Wahrheitslichtes verzehren. Und es kann das noch eher geschehen, als da nach
Mir, wie Ich nun leiblich unter euch bin, zwei volle Tausende von Erdenjahren
verrinnen werden, – was Ich euch auch schon bei anderen Gelegenheiten
angedeutet habe.
[GEJ.09_071,06] Ihr aber habt damals gemeint
und meinet es auch jetzt, warum das von Gott denn also zugelassen werde. Ich
aber habe euch dagegen auch schon oft, wie diesmal, gezeigt, daß Ich die
Menschen, denen ein völlig freier Wille zu ihrer Selbstbestimmung gegeben ist,
mit Meines Willens Allmacht nicht also halten kann und darf wie alle andere
Kreatur, klein und groß, in der ganzen Unendlichkeit; denn täte Ich das, so
wäre der Mensch kein Mensch, sondern ein durch Meine Allmacht gerichtetes Tier
oder eine Pflanze oder ein Stein. Das werdet ihr nun hoffentlich wohl einsehen
und begreifen und Mich um Dinge nicht so leicht mehr fragen, die ohnehin für
jeden nur einigermaßen helleren Denker klar am Tage liegen.
[GEJ.09_071,07] Wenn aber nun schon in dieser
Zeit, in welcher Ich noch im Fleische auf dieser Erde unter euch wandle und
lehre, sich etwelche aufgemacht haben, in Meinem Namen umherziehen und zu ihrem
materiellen Vorteile auch Meine Lehre ausbreiten, aber darunter auch ihren
eigenen unlauteren Samen mengen, aus dem zwischen dem mageren Weizen auf dem Acker
des Lebens und dessen Wahrheit bald viel böses Unkraut emporwachsen wird, –
wird es dann in den späteren Zeiten zu verwundern sein, so sich in Meinem Namen
noch mehrere falsche und unberufene Lehrer und Propheten erheben und mit
gewaltiger Rede, mit dem Schwerte in der Hand, zu den Menschen schreien werden:
,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist Er!‘?
[GEJ.09_071,08] So aber ihr und später eure
rechten und reinen Nachfolger das hören und sehen werdet, so glaubet solchen
Schreiern nicht! Denn an ihren Werken werden sie ebenso leicht zu erkennen sein
wie die Bäume an ihren Früchten; denn ein guter Baum bringt auch gute Früchte.
Auf Dornhecken wachsen keine Trauben und auf den Disteln keine Feigen.
[GEJ.09_071,09] Worin aber das Reich Gottes
besteht, und wie und wo es sich im Menschen selbst nur entfaltet, das habe Ich
vor euch ehedem zu den Pharisäern gesagt; und so werdet ihr denn wohl auch
einsehen und begreifen, daß denen nicht zu glauben sein wird, die da rufen
werden: ,Siehe da, siehe dort!‘ Denn wie der Geist inwendig im Menschen ist und
alles Leben, Denken, Fühlen und Wissen und Wollen urstämmlich von ihm ausgeht
und alle Fibern durchdringt, also ist auch das Reich Gottes als das wahre
Lebensreich des Geistes ja auch nur inwendig im Menschen und nicht irgend
auswendig oder außerhalb des Menschen.
[GEJ.09_071,10] Wer das in sich recht auffaßt
und es der vollen, lebendigen Wahrheit nach begreift, dem wird ein falscher
Prophet in Ewigkeit nichts anzuhaben imstande sein; wer aber in seinem Gemüte
einer Windfahne oder einem Schilfrohre im Wasser gleicht, der wird freilich
schwerlich den ruhevollen und wahrheitshellen Hafen des Lebens finden. Darum
seid denn auch ihr keine Windfahnen und Schilfrohre, sondern seid wahre
Lebensfelsen, denen Stürme und Wasserwogen nichts anhaben können! – Habt ihr
dieses nun wohl begriffen?“
[GEJ.09_071,11] Sagten die Jünger: „Ja, Herr
und Meister, nun haben wir Dich wohl wieder begriffen, da Du uns die Sache auch
lichtvoll und mit verständlichen Worten erläutert hast; aber wenn Du in oft
sehr verhüllten Bildern zu uns sprichst, so können wir nicht darum, so wir
sagen: ,Herr, wo da, wie also?‘ Wir danken Dir nun aber auch, wie allzeit, für
solche Deine uns erteilte Gnade und bitten Dich, daß Du mit uns auch stets die
gleiche Geduld haben mögest!“
[GEJ.09_071,12] Sagte Ich: „So Ich wäre, wie
da sind die Menschen, da wäre Mir Meine Geduld mit euch wohl schon zu öfteren
Malen zu kurz geworden; aber weil Ich Der bin, als den ihr Mich kennet, und bin
voll der höchsten Geduld, Langmut, Liebe und Sanftmut, so werdet ihr euch über
Meine Geduld auch nie zu beklagen haben. Seid aber auch also geduldig, sanft-
und demütig, wie Ich das von ganzem Herzen bin, und liebet euch als wahre
Brüder untereinander, wie auch Ich euch liebe und allzeit geliebt habe, so
werdet ihr es dadurch aller Welt zeigen, daß ihr wahrhaft Meine Jünger seid!
Keiner von euch dünke sich mehr zu sein denn sein Nebenjünger, denn ihr seid
alle gleiche Brüder; nur Ich allein bin euer Herr und Meister und werde das
auch sein und verbleiben in alle Ewigkeit, gleichwie zu allen Zeiten dieser
Welt. Denn so der Vater mit Seinen Kindern keine Geduld hätte, wer anders
sollte da mit ihnen noch Geduld haben?
[GEJ.09_071,13] Wir haben nun schon eine
geraume Zeit miteinander fürs Gottesreich gewirtschaftet, und ihr habet auch in
solcher Zeit so manche Fehler begangen, und nicht einer von euch ist von Mir
noch verstoßen worden, sogar der eine nicht, den Ich euch schon zu öfteren
Malen bezeichnet habe, und der bis zur Stunde noch ein Teufel ist, der sich
noch nicht gebessert hat. Aber Meine Liebe und Geduld hat ihn noch nicht
gerichtet; um wieviel weniger wird sie diejenigen richten, die mit aller Liebe
und vollstem Glauben an Mir hängen! Darum könnet ihr auch allzeit Meiner
höchsten Liebe und Geduld völlig versichert sein; denn wer in Mir bleibt, in
dem bleibe auch Ich.“
72. Kapitel
[GEJ.09_072,01] Sagte nun der Wirt in aller
Ehrfurcht und Hochachtung: „O Herr und Meister, Deine Taten sind
allerwunderbarst, – aber Deine Worte sind wahrhaft pur Wahrheit und Leben. Denn
so Du handelst, da merkt es auch ein Blinder, daß in Deinem Willen mehr als
eine menschliche Kraft und Macht waltet; aber wenn Du sprichst, da erkennt man
erst in der Fülle, daß Du der Herr Selbst bist! Denn die Weisheit Deiner Rede
ist mehr denn das hellste Licht der Mittagssonne.
[GEJ.09_072,02] Aber nun muß auch ich mir
noch die Freiheit nehmen und des Reiches Gottes wegen an Dich, o Herr und
Meister, eine Frage stellen. So Du es mir zuvor allergnädigst gestatten
wollest, will ich reden.“
[GEJ.09_072,03] Sagte Ich: „Rede du, was du
nur immer willst, und Ich werde dir antworten!“
[GEJ.09_072,04] Sagte nun der Wirt: „Herr und
Meister, Du hast nun vieles von Deiner abermaligen Ankunft und somit auch von
der Ankunft des Reiches Gottes auf dieser Erde gar überweise geredet zu Deinen
lieben Jüngern und daneben auch zu mir und zu meinem von Dir geheilten
Oberknecht. Da fiel mir denn doch eines sehr auf, und das von einer irgendwann
in der Ferne der Zeiten werden sollenden und somit auch von der wahren Ankunft
des Reiches Gottes auf Erden.
[GEJ.09_072,05] Und also sagtest Du auch, daß
das Reich Gottes nicht irgend mit äußerem Schaugepränge unter die Menschen
kommen werde, sondern es sei schon inwendigst im Menschen, der es nur zu suchen,
zu finden und also in sich zu entfalten habe.
[GEJ.09_072,06] Ich aber bin da nun einer
solchen Meinung, daß wir uns alle hier in Deiner Gegenwart befinden, die sich
sichtlich nicht in uns, sondern noch sehr außer uns befindet, und wir mit aller
Zuversicht sagen können: Siehe, hier ist Christus, der von Ewigkeit gesalbte
Herr aller Herrlichkeit, und Er Selbst ist Alles in Allem und somit auch das
ewige Reich Gottes und das Leben und die Wahrheit! Da Du nun aber bei uns bist,
so ist ja auch Dein Reich nicht in uns, sondern bei uns in unserer Mitte.
[GEJ.09_072,07] Wird in der von Dir uns
vorhergesagten Zeit sich diese heiligste Sache auch also verhalten, oder wird
Deine zweite Ankunft von der jetzigen doch eine sehr verschiedene sein?“
[GEJ.09_072,08] Sagte Ich: „O du Mein lieber
Freund, du hast nun wahrlich ganz gut geredet, und Ich kann dir sagen, daß dir
das nicht dein Fleisch und Blut, sondern nur dein Geist eingegeben hat; aber
darum verhält sich die Sache von der einstigen Wiederkunft des Menschensohnes
dennoch also, wie Ich sie euch allen klar genug gezeigt habe.
[GEJ.09_072,09] Du hast ganz recht, so du nun
sagst, daß das Reich Gottes in Mir zu euch gekommen ist und sich bei euch und
in eurer Mitte befindet; aber das genügt noch nicht zur Erreichung und vollen
Erhaltung des ewigen Lebens der Seele, weil das Reich Gottes in Mir wohl zu
euch gekommen, aber darum noch nicht in euer Inneres gedrungen ist, was erst
dann geschehen kann und wird, wenn ihr ohne alle Rücksicht auf die Welt Meine
Lehre ganz in euren Willen und somit auch in die volle Tätigkeit aufgenommen
habt. Wenn das einmal der Fall sein wird, dann werdet ihr nicht mehr sagen:
,Christus, und mit Ihm das Reich Gottes, ist zu uns gekommen und wohnt bei und
unter uns!‘, sondern ihr werdet sagen: ,Nun lebe nicht mehr ich, sondern
Christus lebt in mir!‘ Wenn das bei euch der Fall sein wird, dann auch werdet
ihr das in der Fülle lebendig begreifen, wie das Reich Gottes nicht mit äußerem
Schaugepränge zu und in den Menschen kommt, sondern sich nur inwendig im
Menschen entfaltet und die Seele in sein ewiges Leben zieht, festigt und
erhält.
[GEJ.09_072,10] Es muß zwar dem Menschen
zuvor von außen her der Weg gezeigt werden durch das Gotteswort, das da kommt
aus den Himmeln zum Menschen, und wo man sagen kann: ,Der Friede sei mit dir;
denn das Reich Gottes ist nahe zu dir gekommen!‘ Aber darum ist der Mensch noch
nicht im Gottesreiche, und das Reich Gottes ist nicht in ihm.
[GEJ.09_072,11] Aber so der Mensch
ungezweifelt zu glauben anfängt und durch sein Tun nach der Lehre den Glauben
lebendig macht, dann erst entfaltet sich das Reich Gottes also im Menschen, wie
sich im Frühjahre das Leben in der Pflanze sichtlich von innen aus zu entfalten
anfängt, wenn die Pflanze von dem Lichte der Sonne beschienen und erwärmt und
dadurch zur inneren Tätigkeit genötigt wird.
[GEJ.09_072,12] Alles Leben wird wohl wie von
außen her angeregt und geweckt, – aber die Entstehung, Entwicklung, Entfaltung,
Formung und Festigung geht dann immer von innen aus.
[GEJ.09_072,13] Also müssen auch Tiere und
Menschen die Nahrung zuerst von außen her in sich aufnehmen; aber dieses
Aufnehmen der Speise und des Trankes ist noch lange nicht die wahre Ernährung
des Leibes, sondern diese geht erst dann vom Magen in alle Teile des Leibes aus.
Wie aber gewisserart der Magen das Lebensnährherz des Leibes ist, also ist auch
das Herz im Menschen der Nährmagen der Seele zur Erweckung des Geistes aus Gott
in ihr, und Meine Lehre ist die wahre Lebensspeise und der wahre Lebenstrank
für den Magen der Seele.
[GEJ.09_072,14] Und so bin Ich denn in Meiner
Lehre an die Menschen ein wahres Lebensnährbrot aus den Himmeln, und das Tun
nach ihr ist ein wahrer Lebenstrank, ein bester und kräftigster Wein, der durch
seinen Geist den ganzen Menschen belebt und durch die hellst auflodernde
Liebesfeuerflamme durch und durch erleuchtet. Wer dieses Brot ißt und diesen
Wein trinkt, der wird keinen Tod mehr sehen, fühlen und schmecken in Ewigkeit.
[GEJ.09_072,15] So ihr das nun verstanden
habt, so tuet auch danach, und Meine Worte werden in euch zur vollsten und
lebendigsten Wahrheit werden!“
73. Kapitel
[GEJ.09_073,01] Sagten nun die Jünger: „Herr
und Meister, diese Deine Belehrung an uns ist wohl verständlich, – aber als Du
einmal in Kapernaum, wo Dir so viel Volk aus allen Gegenden um Jerusalem
nachgezogen ist, eine ähnliche Lehre von dem Essen Deines Fleisches und vom
Trinken Deines Blutes geredet hast, da war das offenbar eine harte Lehre,
besonders für jene Menschen, die Dein einfaches und klares Wort nicht also
verstanden haben, wie es dem wahren Sinne nach zu verstehen war, darum denn
damals Dich auch viele der damaligen Jünger verlassen haben. Wir selbst
verstanden das anfangs nicht, nur der Wirt, der niemals ein eigentlicher Jünger
von Dir war, hat uns die Sache verdolmetscht, und so wir nun jene Lehre mit
dieser vergleichen, so besagt sie dasselbe, was Du nun wohl in höchster und
handgreiflicher Klarheit gelehrt hast. – Haben wir recht oder nicht?“
[GEJ.09_073,02] Sagte Ich: „Allerdings, denn Brot
und Fleisch sind da eines und dasselbe, so wie auch Wein und Blut, und wer da
in Meinem Worte das Brot der Himmel ißt und durch das Tun nach dem Worte, also
durch die Werke der wahren, alleruneigennützigsten Liebe zu Gott und zum
Nächsten den Wein des Lebens trinkt, der ißt auch Mein Fleisch und trinkt Mein
Blut. Denn wie das von den Menschen genossene natürliche Brot im Menschen zum
Fleische und der getrunkene Wein zum Blute umgestaltet wird, so wird in der
Seele des Menschen auch Mein Wortbrot zum Fleische und der Liebetatwein zum
Blute umgewandelt.
[GEJ.09_073,03] Wenn Ich aber sage: ,Wer da
ißt Mein Fleisch‘, so ist damit schon bedeutet, daß er Mein Wort nicht nur in
sein Gedächtnis und in seinen Gehirnverstand, sondern auch zugleich in sein
Herz, das da – wie bereits gezeigt – der Magen der Seele ist, aufgenommen hat,
und im gleichen auch den Liebetatwein, der dadurch nicht mehr Wein, sondern
schon das Blut des Lebens ist; denn das Gedächtnis und der Verstand des
Menschen verhalten sich zum Herzen beinahe geradeso, wie der Mund zum
natürlichen Magen. Solange das natürliche Brot sich noch unter den Zähnen im
Munde befindet, ist es noch kein Fleisch, sondern Brot; wenn es aber zerkaut in
den Magen hinabgelassen und dort von den Magensäften durchmengt wird, so ist es
seinen feinen Nährteilen nach schon Fleisch, weil dem Fleische ähnlich. Und
also ist es auch mit dem Weine oder auch mit dem Wasser, das sicher auch den
Weinstoff in sich enthält, da ohne das Wasser, das das Erdreich zur Ernährung
aller Pflanzen und Tiere in sich birgt, die Rebe erstürbe. Solange du den Wein
im Munde behältst, geht er nicht ins Blut über; aber im Magen wird er gar bald
in dasselbe übergehen.
[GEJ.09_073,04] Wer demnach Mein Wort hört
und es in seinem Gedächtnisse behält, der hält das Brot im Munde der Seele.
Wenn er im Gehirnverstande darüber ernstlich nachzudenken anfängt, da zerkaut
er das Brot mit den Zähnen der Seele; denn der Gehirnverstand ist für die Seele
das, was die Zähne im Munde für den Leibmenschen sind.
[GEJ.09_073,05] Ist vom Gehirnverstande Mein
Brot, also Meine Lehre, zerkaut oder als volle Wahrheit verstanden und
angenommen, so muß sie dann auch von der Liebe zur Wahrheit im Herzen
aufgenommen werden und durch den festen Willen in die Tat übergehen. Geschieht das,
so wird das Wort in das Fleisch und durch den ernstfesten Tatwillen in das Blut
der Seele, das da ist Mein Geist in ihr, umgestaltet, ohne das die Seele so tot
wäre wie ein Leib ohne das Blut.
[GEJ.09_073,06] Der ernstfeste Tatwille aber
gleicht einer guten Verdauungskraft des Leibmagens, durch die der ganze Leib
gesund und stark erhalten wird; ist aber die Verdauungskraft des Magens
schwach, so ist der ganze Leib schon krank und schwach und siecht selbst bei
den besten und reinsten Speisen.
[GEJ.09_073,07] Ingleichen geht es der Seele,
in deren Herzen der Wille zur Tat nach der Lehre ein mehr schwacher ist. Sie
gelangt nicht zur vollen, gesunden, geistigen Kraft, bleibt so halb hin und
halb her, gerät leicht in allerlei Zweifel und Bedenken und fängt bald die eine
und bald eine andere Kost zu prüfen an, ob sie ihr nicht besser und stärkender
anschlüge. Aber es ist damit der einmal schon schwächlichen Seele dennoch nicht
völlig geholfen. ,Ja‘, aber fraget ihr nun in euch, ,ist denn einer
schwächlichen Seele dann auch nicht mehr völlig zu helfen?‘ O ja, sage Ich. Wie
aber?“
74. Kapitel
[GEJ.09_074,01] (Der Herr:) „Höret! So ein
Mensch einen schwachen Magen hat, so nimmt er einmal einen euch wohlbekannten
Kräutertrank, durch den die schlecht verdauten Speisen auf dem bekannten
natürlichen Wege aus dem Magen und den Gedärmen hinweggeschafft werden; die
schlecht verdauten Speisen aber gleichen den in der Seele erwachten Bedenken,
ob sie dies und jenes wohl völlig glauben und danach tätig sein solle.
[GEJ.09_074,02] Wenn aber der natürlich
schwache Magen einmal gereinigt ist, was ist dann zu tun, damit er wieder stark
werde und stark bleibe? Der Mensch werde recht tätig und mache dabei in der
frischen und reinen Luft eine rechte Bewegung, und der Magen wird dadurch
zuerst seine volle und gesunde Kraft wieder erhalten. Und seht, das tue denn
auch die Seele! Sie reinige ihr Herz von all den irrtümlichen Lehren, Begriffen
und Ideen, nehme die Wahrheit, wie Ich sie euch lehre, liebewillig und
vollgläubig auf und werde danach recht tätig und regsam, und sie wird dadurch
bald sehr erstarken und auch völlig und unverändert bleibend gesund werden!
[GEJ.09_074,03] Darum sei denn keiner von
euch nur Hörer, sondern sogleich auch ein ernstwilliger und emsiger Täter
Meines Wortes, so werden dadurch auch ehest alle Bedenken und Zweifel aus
seiner Seele entwichen sein.
[GEJ.09_074,04] Wie aber der natürliche
Leibesmagen in seinem kräftig gesunden Zustande allerlei reine und im Notfalle
auch unreine Speisen in sich aufnehmen kann, ohne einen Schaden zu leiden, weil
er durch seine Tätigkeit alles Unreine entweder von sich wegschafft oder ins
Reine verkehrt, ebenso tut das auch der kräftige und völlig gesunde Magen der
Seele; und es ist demnach dem Reinen alles rein, und selbst der unreinste
geistige Pestdunst der Hölle kann in ihm keinen Schaden bewirken.
[GEJ.09_074,05] So ihr denn im Vollbesitze
Meines Reiches in euch sein werdet, da werdet ihr über Schlangen und Skorpionen
einherwandeln und Gifte aus der Hölle trinken können, und es wird euch das
nimmerdar schaden.
[GEJ.09_074,06] So ihr nun das alles wohl
begriffen und aufgefaßt habt, so werdet ihr denn nun auch das der vollen und
lebendigen Wahrheit nach einsehen, was Ich in Kapernaum unter dem
,Mein-Fleisch-essen‘ und unter dem ,Mein-Blut-trinken‘ von euch verstanden
haben wollte, und ihr werdet das hinfort auch sicher keine harte Lehre mehr
nennen.
[GEJ.09_074,07] Es sind aber für den puren
Menschenverstand die Dinge und gar viele Erscheinungen schon in der sichtbaren
Naturwelt grundursächlich schwer dahin zu erklären, auf daß er darauf von allen
möglichen, den bösen Aberglauben nährenden Irrtümern frei werde und so den Weg
der Wahrheit wandle; um wie vieles schwerer begreiflich erst sind dann die dem
Fleischesauge des Menschen unsichtbaren, himmlisch geistigen Dinge, Kräfte,
Wirkungen und Erscheinungen für den puren Gehirnverstand und für die Seele
ersichtlich zu machen!
[GEJ.09_074,08] Darum sage Ich euch denn auch
allzeit: In alle Weisheit in geistigen, himmlischen Lebensverhältnissen und in
deren Kraft und Macht werdet ihr erst dann eingeweiht werden, so ihr auf die
Art und Weise, wie Ich sie euch ausführlich klar gezeigt habe, in Meinem Geiste
völlig neu geboren sein werdet. Und nun fraget euch selbst, ob ihr das alles
auch in der rechten und vollen Wahrheitstiefe verstanden und begriffen habt!“
[GEJ.09_074,09] Sagten die Jünger: „Ja, Herr
und Meister, wenn Du also vor uns die Geheimnisse des Reiches Gottes enthüllst,
dann sind sie für uns denn auch leicht verständlich; aber so Du Deinen Mund in
Gleichnissen auftust, dann ist der Sinn Deiner Worte für uns stets schwer und
manchmal gar nicht verständlich. Aber so Du dann die Gleichnisse uns erklärst,
da erst sehen wir ein, daß derlei Bilder und Gleichnisse zu geben nur der göttlichen
Allweisheit möglich ist. O Herr, wir danken Dir aus dem tiefsten Herzensgrunde
für Deine übergroße Geduld mit und für Deine Liebe zu uns! So wir aber als
Menschen irgendwann schwach und müde werden sollten auf dem Wege zur wahren
Neu- und Wiedergeburt Deines Geistes in uns, dann, o Herr, verlasse uns nicht,
sondern stärke uns, und laß uns nimmerdar schwach werden! Und wenn unser Gemüt
ängstlich und traurig wird, wenn Du in der Zukunft nicht mehr sichtbar unter
uns wandeln wirst, dann komme mit Deiner Gnade und Erbarmung, und tröste uns,
und belebe unsere Liebe, unsern Glauben und unser Hoffen und unser Erwarten!“
[GEJ.09_074,10] Sagten der Wirt und sein
geheilter Oberknecht: „O Herr und Meister, um das, um was Dich die Jünger
gebeten haben, bitten auch wir Dich!“
[GEJ.09_074,11] Sagte Ich: „Wahrlich,
wahrlich sage Ich euch: Um was ihr den Vater in Meinem Namen bitten werdet, das
wird euch auch gegeben werden! Wo aber ist ein Vater unter den Menschen, die
doch zumeist eitel böse sind, der einem Kinde, das ihn um ein Stück Brot
bittet, einen Stein gäbe, oder einer Tochter, die ihn um einen Fisch bittet,
eine Schlange?
[GEJ.09_074,12] So aber schon die Menschen,
die – wie gesagt – eitel böse sind, ihren Kindern gute Gaben erteilen, um
wieviel mehr wird der ganz allein übergute Vater im Himmel denen Gutes
erweisen, die Ihn liebend und gläubig darum bitten.
[GEJ.09_074,13] Darum möget ihr allzeit
fröhlichen Herzens und frohen Mutes sein; denn der heilige und übergute Vater
wacht allzeit über euch und sorgt um euer Wohl und Seelenheil.
[GEJ.09_074,14] Der Vater aber ist in Mir,
wie Ich allzeit und ewig in Ihm bin, und Ich gebe euch die volle Versicherung,
daß Ich euch niemals als Waisen belassen werde bis ans Ende der Zeiten dieser
Erde.
[GEJ.09_074,15] Wahrlich sage Ich euch: Wer
Mich wahrhaft lieben und Meine Gebote halten wird, zu dem werde Ich kommen und
Mich ihm selbst offenbaren, und es wird sich dann ein jeder überzeugen können,
daß er sich nicht als Waise in der Welt befindet! Wem Ich Mich aber also offenbaren
werde, der behalte das nicht für sich, sondern teile solchen Trost auch seinen
Brüdern mit, auf daß auch sie dadurch getröstet und gestärkt werden.
[GEJ.09_074,16] Wer die Schwachen gerne
stärkt, die Betrübten tröstet und den Leidenden gerne hilft, der wird in allem
dem den zehnfachen Lebenslohn von Mir zu gewärtigen haben. Dessen könnet ihr
allzeit völlig versichert sein!“
[GEJ.09_074,17] Diese Meine Worte machten
alle fröhlich und heiter, und der Wirt ließ unsere Becher abermals mit seinem
besten Weine füllen, und wir tranken denn auch und unterhielten uns noch bei
einer Stunde lang.
75. Kapitel
[GEJ.09_075,01] Nach einer Stunde aber ward
es unruhig auf der Straße; denn es entstand ein starker Wind und tobte mit
großem Ungestüm durch die Türen und Fenster des Hauses. Darob entsetzten sich
denn auch die Pharisäer so sehr, daß ein paar zu uns kamen und den Wirt
ängstlich fragten, was daraus werde.
[GEJ.09_075,02] Der Wirt aber, der selbst
ängstlich wurde über den so plötzlich entstandenen Sturm, sagte: „Wie möget ihr
Gottesdiener mich darum fragen? Ihr kennet doch sonst alles und saget, daß Gott
auf der Welt ohne euch, die ihr Seine einzigen Stellvertreter und Seine Diener
und Knechte seid, nichts vermöge. So werdet ihr nun wohl auch am besten wissen,
warum Gott diesen gewaltigen Sturm gar so plötzlich hat entstehen lassen, und
was daraus werden wird. Was soll ich als ein von euch noch stets geächteter
Halbsamariter da wissen, wo ihr Gott so nahe Stehende selbst voll Furcht und
Angst zu fragen anfanget?“
[GEJ.09_075,03] Sagte einer der Pharisäer:
„Nun, nun, so fahre als ein Bürger Roms nur nicht gleich so in die Höhe!
Vielleicht weiß uns da der wundersame Nazaräer, der in alle Geheimnisse der Natur
sicher sehr eingeweiht ist, etwas zu sagen? Denn so etwas ist ja noch gar nie
dagewesen! Ein Sturm, wie er nun immer ärger zu wüten anfängt, fängt doch stets
mit einem schwächeren Winde an, der immer heftiger wird, so lange, bis er in
einen Orkan ausartet; aber diesem Sturm ist auch nicht das leiseste Lüftchen
vorangegangen, sondern er kam wie eine mächtige Flut urplötzlich und tobt und
rast nun mit stets zunehmender Heftigkeit fort, und da kann man denn doch wohl
fragen, was daraus werden solle?“
[GEJ.09_075,04] Während der Pharisäer noch
also fortreden wollte, entlud sich draußen ein starker Blitz, dem alsbald ein
gar gewaltig dröhnender Donner folgte. Da stürzten die beiden Pharisäer, von
Schreck und Angst genötigt, ganz zu uns hin und suchten bei uns Schutz und
Trost. Es dauerte aber gar nicht lange, als sich ein zweiter Blitz mit noch
größerer Heftigkeit entlud, der auch die andern Pharisäer und den
Schriftgelehrten zu uns brachte. Alles im ganzen Hause war von Furcht und
großer Angst erfüllt und drängte sich in unseren Saal, und die Pharisäer
verkrochen sich unter den Tisch, an dem sie ehedem gesessen hatten.
[GEJ.09_075,05] Es fragte Mich aber darauf
der Wirt, sagend: „Herr und Meister, die Zeit in der Nacht zu messen, wenn man
keine Sterne sieht, ist eine schwere Sache; aber so nach meinem Gefühl dürfte
es nun wohl schon in die Nähe der Mitternacht gekommen sein. Die meisten von
der Tagesarbeit müden Menschen haben sich schon sicher vor zwei Stunden zur
Ruhe begeben und sollten zur Nachtzeit Ruhe haben; dieser Sturm aber wird doch
sicher niemanden in der Ruhe lassen, da sein Toben ein so heftiges ist, daß
sogar ein Halbtoter wach und mit aller Angst und Furcht erfüllt werden muß.
Warum ist denn doch nun dieser Sturm so urplötzlich entstanden? Sieh, ich bin
doch ein Mensch, der so leicht nicht kleinmütig wird; aber ich gestehe es
offen, daß ich nun trotz Deiner allmächtigen Gegenwart von dem Toben und Wüten
dieses Sturmes, der sich nicht im geringsten legen will, in allerlei
Besorgnisse versetzt werde. Kannst oder willst Du diesem Sturme nicht auch
gebieten, sich zu legen? Denn die Nacht ist ja eine Zeit der Ruhe der ganzen
Natur und nicht eine Zeit der gewaltigsten Unruhe. Warum müssen denn sicher gar
viele Tausende von Menschen und Tieren von solch einem Nachtsturm in eine
größte Angst und Furcht versetzt werden?“
[GEJ.09_075,06] Sagte Ich: „Siehst du nun
auch Mir irgendeine Furcht und Angst an? Laß du diesen äußeren Sturm nur
immerhin wüten und toben; denn es wird durch ihn keinem Gerechten ein Haar
gekrümmt werden!
[GEJ.09_075,07] Um vieles ärger ist der
innere Sturm eines großen Sünders, wenn sein Ende naht und er den ewigen Tod
vor sich sieht und Gottes Zorn über seinem Haupte. Wird der bei Gott wohl auch
noch eine Gnade und Erbarmung zu erlangen hoffen können, der nie einem Armen
auch nur die kleinste Barmherzigkeit erwiesen, wohl aber gar viele Menschen ins
größte Elend und in die drückendste Not gestürzt hat? Siehe, Freund, ein
solcher Seelensturm ist ums unaussprechbare erschrecklicher denn ein solcher
Natursturm, durch den der Erde eine große Wohltat und daneben hie und da nur
ein sehr kleiner Schaden zugefügt wird. Darum lassen wir diesen Natursturm nun
nur wüten und toben noch eine Weile, und wir werden dabei dennoch voll guter
Dinge und voll guten Mutes sein!“
[GEJ.09_075,08] Als Ich damit den Wirt
getröstet und beruhigt hatte, da entluden sich wieder mehrere gar gewaltige
Blitze, denen ein gar mächtig erdröhnender Donner folgte, daß darob das ganze
starke Haus des Wirtes erbebte.
[GEJ.09_075,09] Als die unter einem Tische
zusammenhockenden Pharisäer das Erbeben des ganzen Hauses wahrnahmen, da fingen
sie mit zitternder Stimme laut zu rufen an: „Jehova, Du Gott Abrahams, Isaaks
und Jakobs, erbarme Dich unser, und laß uns nicht zugrunde gehen, etwa gar
dieser zauberischen und frevelhaft kecken Essäer wegen, die sich Juden nennen,
aber mit den Samaritern, Heiden, Zöllnern und anderen Sündern umgehen und sich
über uns, Deine rechten Diener erheben und uns allerorts bei den Menschen
verdächtigen, Deinen Namen eitel nennen und, wie wir es wissen, auch zu öfteren
Malen den Sabbat schänden!“
[GEJ.09_075,10] Als die Pharisäer solches
noch kaum ausgesprochen hatten, da entluden sich wieder mehrere noch heftigere
Blitze mit starkem Gekrache, und ein Blitz hatte sogar in die dem Hause des
Wirtes gegenüberstehende Synagoge geschlagen und das Holzwerk, das Dach und die
Bänke, Tische und Kästen, in Brand gesteckt.
[GEJ.09_075,11] Der Wirt ersah das alsbald
durch die Fenster des Saales und sagte zu den Pharisäern: „Erhebet euch, und
gehet löschen; denn der letzte Blitz hat in die Synagoge eingeschlagen und das
Holzwerk entzündet! Kurz, die Synagoge steht in Flammen; darum gehet hin, und
suchet eure Schätze und Heiligtümer zu retten!“
[GEJ.09_075,12] Als die Pharisäer das
vernahmen, da sprangen sie gleich auf, machten im Hause einen großen Lärm und
wollten Mich und Meine Jünger zum Löschen des Feuers zwingen.
[GEJ.09_075,13] Ich aber sagte mit ernster
Stimme: „Was kümmert Mich euer Feuer und eure Synagoge! Ihr habt ja ohnehin
schon euren Gott angerufen. Warum erhört Er eure Bitte denn nicht? Wahrlich, so
Ich, als ein von euch blinden Pharisäern vermeinter Essäer, den Gott Abrahams,
Isaaks und Jakobs bitten würde, daß Er dem Sturme geböte, aufzuhören, so würde
der Sturm auch alsbald aufhören! Ich werde aber das nun nicht tun; denn ihr
haltet mich für einen Ketzer und Sünder gegen euren Gott, an den ihr selbst in
euren Herzen noch nie geglaubt habt. Wendet euch nun nur an euren Gott, und
sehet, ob Er euch erhören und helfen wird!“
[GEJ.09_075,14] Auf das wurden die Pharisäer
noch zudringlicher und baten uns, ihnen zu helfen, so da bei der schon starken
Überhandnahme des Feuers noch eine Hilfe möglich wäre.
[GEJ.09_075,15] Auch der Wirt bat Mich,
sagend: „O Herr und Meister, so Du auch diese blinden Pharisäer nicht erhören
willst, so wolle doch mich erhören! Denn siehe, mein Haus ist nur bei siebzig
Schritte von der brennenden Synagoge entfernt; wenn der heftige Wind umschlüge,
so stünde auch mein Haus in Gefahr, Feuer zu fangen, und das um so leichter,
weil der Sturmwind von keinem Regen begleitet ist!“
[GEJ.09_075,16] Sagte Ich: „Ich habe dir
schon einmal die Versicherung gegeben, daß dem Gerechten kein Haar gekrümmt
werde, und so der Wind zehnmal umschlüge, so wird dadurch dir und deinem Hause
noch kein Unheil begegnen. Derlei Winde aber schlagen nicht so leicht um, was
Ich wohl kenne, und so hast du nun nichts zu befürchten.
[GEJ.09_075,17] Es sind aber in dieser
Synagoge gar viele ungerechte Schätze aufgehäuft, um die arme Witwen und
Waisen, in der Fremde umherirrend, seufzen und wehklagen, während diese blinden
Pharisäer, die sich von den Juden als Gottes Diener ehren lassen, sich hier
ganz sorglos und um das wahre Wohl der Menschen unbekümmert mästen. Daher ist
denn auch kein Schade um derlei Schätze, an denen Gott ewig nie ein
Wohlgefallen haben kann. Diese hier aber, die nun zum gerechten Schaden kommen,
werden in der Folge noch ebensogut leben, wie sie bisher gelebt haben!“
76. Kapitel
[GEJ.09_076,01] Als die Pharisäer das von Mir
vernommen hatten, da sagte der eine, der unter ihnen noch der Bessere war, zu
dem Schriftgelehrten: „Du, der Galiläer hat an und für sich wahrlich nicht
unrecht. Seine Worte stechen zwar wie scharfe Pfeile; aber er spricht die
Wahrheit! Warum hat der Blitz denn gerade unsere Synagoge treffen müssen? Der
Galiläer kennt unsere Wirtschaft und kann ihr wahrlich kein Lob erteilen und
weiß es denn auch recht wohl, daß Gott unsere Bitte unerhört lassen wird. Wir
sollten uns ihm nun freundlicher nähern, und er könnte uns vielleicht doch
wunderbar erretten. Wer von uns kann es denn nur mit einiger Gewißheit
behaupten, daß er nicht eben Der ist, der uns verheißen worden ist?“
[GEJ.09_076,02] Sagte der Schriftgelehrte:
„Fängst auch du an, wider uns zu zeugen? Steht es denn nicht geschrieben: ,Aus
Galiläa steht kein Prophet auf!‘?“
[GEJ.09_076,03] Sagte der bessere Pharisäer:
„Ja, ja, das steht wohl also geschrieben; aber das steht auch nirgends
geschrieben, daß der Messias nicht in Galiläa erstehen könnte. So er aber Der
wäre, da ist er dann aber auch kein Prophet, sondern der Herr Selbst, und es
hätte dann das, was in der Schrift steht, auf ihn keinen Bezug!“
[GEJ.09_076,04] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, wenn es so wäre, dann freilich nicht; aber wer kann das erweisen, und wer
getraute sich das?“
[GEJ.09_076,05] Sagte der Pharisäer: „Er
selbst und nun schon vielleicht viele Hunderttausende von Zeugen! Für unsern
Unglauben aber kann er nicht. Hier aber ist nun eine Gelegenheit, uns zu
zeigen, daß er mehr denn ein Prophet ist, und wir wollen und werden dann auch
an ihn glauben!“
[GEJ.09_076,06] Hierauf sagte der
Schriftgelehrte nichts mehr, ging aber hinaus, um nachzusehen, welchen Schaden
etwa das stets wachsende Feuer schon angerichtet habe. Da aber der Sturmwind
gleichfort so heftig wehte, daß sich ein Mensch kaum aufrecht stehend halten
konnte, und die Blitze auch beinahe unausgesetzt die Luft und das dichte Gewölk
mit starkem Gedonner durchkreuzten, so blieb der Schriftgelehrte mit noch einem
ihn begleitenden Pharisäer nicht lange draußen als ein Beobachter stehen,
sondern kehrte bald wieder in den Saal zurück und zeigte es den andern an, daß
nun von der Synagoge nicht viel mehr zu retten sein werde, indem das Feuer
schon zu mächtig geworden sei und man im Orte zu wenig Wasser und zu wenig
mutige Menschen zum Löschen besitze.
[GEJ.09_076,07] Der bessere Pharisäer aber
trat wieder zu Mir und sagte: „Meister, Du hast es vernommen, was ich über Dich
zu unserem Schriftgelehrten geredet habe, und er konnte mir darauf nichts
irgend Haltbares erwidern, schwieg daher lieber, ging aber doch hinaus, um
nachzusehen, ob es sich etwa noch der Mühe lohnte, die Synagoge zu löschen und
so auch noch einige Kostbarkeiten zu retten. Damit hatte er andeuten wollen,
daß er auch an Dich zu glauben anfinge, so Du durch Deine Wundermacht den Brand
der Synagoge löschen und so denn auch einige wenige Schätze retten würdest. Da
aber das böse Feuer nun schon bald alles verzehrt und zerstört haben wird, so
wird er sich nun denken: ,Da ist weder mit natürlichen noch mit wunderbaren
Mitteln mehr etwas zu retten, und so bleibe ich bei meinem Unglauben.‘
[GEJ.09_076,08] Ich für mich und meinen Teil
aber denke und urteile da nun ganz anders; denn mir genügen die zwei Zeichen,
die Du hier gewirkt hast, nämlich erstens die Reinigung der zehn Aussätzigen
und zweitens die Heilung des Oberknechtes, und ich glaube, daß Du unwiderlegbar
der Gesalbte Gottes bist und Dir darum auch nichts unmöglich ist. Und so glaube
ich denn auch, daß Du den Sturm stillen und unsere Synagoge noch löschen und
uns das Notwendigste zum Leben retten könntest, so Du das wolltest! Herr und
Meister, vergib es mir, so ich mich ehedem irgend an Dir versündigt habe, und
lasse wenigstens mich sehen, daß Du auch ein Herr der Elemente und der großen
Natur bist!“
[GEJ.09_076,09] Sagte Ich: „Selig bist du, da
du glaubest, und Ich will dir auch tun nach deinem Glauben! Gehe denn nun mit
Mir hinaus ins Freie, und wir wollen sehen, was ein rechter Glaube vermag!“
[GEJ.09_076,10] Darauf ging Ich mit dem
besseren Pharisäer hinaus ins Freie und besah mit ihm den starken Brand, der
bereits im ganzen großen Gebäude wütete, und sagte zu ihm, der ohne Furcht und
Angst mit Mir war: „Meinst und glaubst du noch, daß es Mir möglich wäre, mit einem
Worte den gewaltigen Sturm zu stillen und den Brand zu löschen und dadurch zum
wenigsten deine Habe zu retten?“
[GEJ.09_076,11] Sagte der Pharisäer ganz
zutraulich: „Ja, Herr und Meister, jetzt erst glaube ich das ganz ohne
etwelchen Zweifel! Sprich Du nur ein Wort, und es wird unfehlbar geschehen, was
Du willst!“
[GEJ.09_076,12] Sagte Ich: „Nun, so geschehe
denn, wie du es glaubest!“
[GEJ.09_076,13] Als Ich das ausgesprochen hatte,
da legte sich urplötzlich der Sturm, und der Brand der Synagoge verlosch auch
derart, daß im ganzen großen Gebäude auch nicht ein glühendes Fünklein
aufzufinden war.
[GEJ.09_076,14] Hierauf fiel der Pharisäer
vor Mir auf seine Knie nieder und pries laut die Kraft und Macht Gottes in Mir.
[GEJ.09_076,15] Ich aber hieß ihn aufstehen;
denn es fingen nun auch alle, die die Furcht und Angst in den großen Saal
getrieben hatte, an, sich ins Freie zu begeben, da sie es wohl merkten, daß der
Sturm gänzlich nachgelassen hatte und durch die Fenster vom Brande der Synagoge
auch nichts mehr zu entdecken war.
[GEJ.09_076,16] Als der Schriftgelehrte mit
den anderen Pharisäern das merkte und auch den Himmel ganz wolkenlos erblickte,
da sagte er: „Höret, das ist mehr, als was sich ein noch so weiser Mensch je
hätte können träumen lassen! Was können wir aber nun tun? Glauben wir an den
Galiläer, so wird uns bald der ganze Tempel mit glühenden Scheiten am Genicke
sitzen, – und glauben wir ihm nun noch nicht, so haben wir das Volk der ganzen
Umgegend wider uns. Da wird es nun schwer werden, die goldene Mittelstraße zu
finden und auf ihr fortzuwandeln. Doch davon wollen wir erst morgen
weiterreden. Nun aber schaffet uns Lichter, auf daß wir uns alsbald überzeugen
mögen, welch einen Schaden wir durch den Brand erlitten haben!“
[GEJ.09_076,17] Da brachte der Wirt Lichter,
aus Wachs angefertigt, und alles begab sich nach der Synagoge, um nachzusehen,
was da alles durch das Feuer zerstört worden sei. Die Pharisäer fanden bald, daß
das Feuer in ihren Wohnungen eine große Verheerung angerichtet hatte, und
fingen darob sehr zu jammern an; als sie aber in die Wohnung des besseren und
gläubigen Pharisäers kamen, in der Ich Mich mit ihm befand, da ergriff alle ein
großes Staunen, als sie da alles unversehrt und in der besten Ordnung antrafen.
77. Kapitel
[GEJ.09_077,01] Da trat der Schriftgelehrte
zu Mir und sagte: „Meister, warum hast denn Du nicht auch unsere Wohnungen also
beschützt wie diese hier?“
[GEJ.09_077,02] Sagte Ich: „Warum habt denn
ihr nicht auch also geglaubt wie dieser eine hier?“
[GEJ.09_077,03] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wir konnten uns doch nicht selbst zum Glauben zwingen! Zum vollen Glauben
gehört eine gediegenere Überzeugung als die, die wir über dich haben konnten.
In dieser von allerlei Zauberern und Wundertätern strotzenden Zeit ist es
schwer – besonders für einen alten Schriftgelehrten –, die Wahrheit aus den
vielen ähnlichen Erscheinungen herauszufinden und sie dann auch ungezweifelt
als das, was sie sei, anzunehmen und ungezweifelt zu glauben!“
[GEJ.09_077,04] Sagte Ich: „Wer zwang denn
diesen euren Gefährten zum Glauben, und wie fand denn er aus den vielen
falschen Erscheinungen die Wahrheit heraus? Seht, das liegt nicht im
Gehirnverstande des Menschen, sondern in seinem besseren und aufrichtigeren
Herzen!
[GEJ.09_077,05] Ihr habt euch schon gar lange
kein Gewissen mehr daraus gemacht, die Menschen zu eurem äußeren Weltvorteile
auf alle nur mögliche Art und Weise zu belügen und zu betrügen; dieser allein
tat das nicht, da er bei sich noch auf die Gebote Gottes etwas hielt und sie
nicht also verkehrte, wie ihr sie verkehrt habt.
[GEJ.09_077,06] Ihr hattet in euren Herzen
keinen Glauben und somit auch keine Lebenswahrheit mehr, und darin liegt der
Grund, aus dem ihr Mich nicht erkennen mochtet und an Mich auch keinen Glauben
fassen konntet; denn wo keine Wahrheit und kein Leben ist, da kann sich auch
keine noch so helle Wahrheit mit ihrem Leben eine Aufnahme und eine bleibende
Wohnung verschaffen.
[GEJ.09_077,07] Wo aber noch eine Wahrheit
mit ihrem Leben in einem Menschenherzen wohnt, da greift denn auch bald und
leicht eine höhere Wahrheit Platz und erzeugt den lebendigen Glauben und dessen
Kraft. Und das war denn bei diesem eurem Gefährten der Fall, und Ich habe denn
also auch geschehen lassen, wie er geglaubt hat. Da habt ihr nun den Grund
eures Unglaubens und der Härte eures Herzens, der euch ebenso blind macht und
erhält wie euresgleichen allenthalben im ganzen Judenlande. Ich habe nun
geredet und werde Mich nun wieder in die Herberge begeben.“
[GEJ.09_077,08] Auf diese Meine Worte wußte
der Schriftgelehrte samt seinem Anhange nichts zu erwidern; Ich aber begab Mich
darauf im Geleit des bekehrten Pharisäers, des Wirtes und des geheilten
Oberknechtes sogleich nach der Herberge, in der alle die Jünger noch am Tische
saßen und sich über Meine Lehren und Taten besprachen.
[GEJ.09_077,09] Die andern Pharisäer und der
Schriftgelehrte aber durchsuchten mit mehreren Hausleuten des Wirtes die
Synagoge mit Hilfe der Lichter klein durch, um zu sehen, was alles ihnen durch
den Brand zerstört worden sei. Sie hätten das auch am nächsten Tage tun können;
aber da sie viel Gold, Silber und noch andere Schätze, in der Synagoge
verschiedenen Winkeln und Mauerlöchern wohl versteckt, besaßen, so wollten sie
sich überzeugen, inwieweit das Feuer etwa auch diese wohlverborgenen Schätze
verschont oder unverschont gelassen habe. Als sie nach fleißigem Durchsuchen
der Winkel und Mauerlöcher denn doch noch so manches unversehrt vorfanden, da
ward es ihnen etwas wohler ums Herz; sie stellten aber dennoch eine Wache auf,
die in etlichen Knechten des Wirtes gegen einen guten Lohn bestand, damit ihnen
niemand etwas stehle und sie noch ärmer mache, als sie nun zu sein glaubten.
[GEJ.09_077,10] Wir aber hatten unterdessen
noch über so manches Besprechungen angestellt, die hier sonderheitlich nicht
wiedergegeben zu werden brauchen, weil sie ohnehin an den Orten, wo sie
vorgekommen sind, mehr denn hinreichend klar dargestellt und erklärt worden sind.
[GEJ.09_077,11] Besonders ward hier unsere
Reise von Jericho bis hierher von Meinen Jüngern klar und kurz und bündig
erzählt, worüber der Pharisäer, der Wirt, sein Knecht und sein Weib und etliche
seiner erwachsenen Kinder höchlichst erstaunten und der Pharisäer laut zu
öfteren Malen ausrief: „Nein, das ist mehr als endlosmal zu viel, um selbst die
Steine sehend zu machen! Und meine Gefährten bleiben noch blind und suchen ihre
elenden Weltschätze zu verwahren, während die allerhöchsten und ewig unvergänglichen
Schätze des Lebens hier in der überschwenglichsten Fülle aufgetischt werden.
Aber was kann unsereiner da machen, wo der Herr des Lebens so oftmals
vergeblich die größten Zeichen wirkt und den Menschen Lehren gibt, die allein
nur aus dem Herzen und Munde Gottes kommen können? Ich lebe leider unter Wölfen
und muß, um von ihnen nicht zerrissen zu werden, mit ihnen heulen. Aber sie
werden mich von nun an nicht mehr zum Heulen bringen; denn ich weiß nun schon,
was ich tun werde!“
[GEJ.09_077,12] Als unser Pharisäer noch
solche Ausrufungen machte, da kam auch der Schriftgelehrte und wollte zu
erzählen anfangen, wie das Feuer doch eine bedeutende Menge der Schätze
unversehrt gelassen hätte.
[GEJ.09_077,13] Aber der Pharisäer erhob sich
gleich gegen ihn und sagte: „Ich bitte dich, schweige hier an der heiligen
Stätte von dem fluchwürdigsten Unflate der Welt! Dieser Unflat hat die Menschen
zu Teufeln gemacht und ihre Seelen in den Pfuhl des ewigen Todes gestürzt. Hier
unter uns aber weilt der Herr des Lebens, dem alle Macht über alles im Himmel
und auf Erden innewohnt, und ist gekommen, um uns vom alten Joche der Hölle und
des ewigen Todes zu erlösen durch Seine Liebe, Gnade und übergroße Erbarmung, –
und du suchst den Unflat der Hölle wohl zu verwahren, auf daß du dann noch
blinder, verstockter und toter wirst in deiner Seele, als du ohnehin schon
bist! Hier stehen die Pforten der Himmel weit geöffnet, und du und die anderen
Gefährten bemühet euch, für euch die Hölle wohl zu erhalten. Oh, wie groß muß
da eure Seelenblindheit und Herzensverstocktheit sein!
[GEJ.09_077,14] Frage dich selbst! Wer kann
Der wohl sein, dem Winde, Stürme, Blitze, Feuer und alle andern Elemente und
Kräfte der Natur gehorchen? Ich habe Ihn erkannt und bin nun schon überselig
darob; warum erkennest denn du Den noch nicht, der dich mit dem leisesten
Hauche Seines allmächtigen Willens vernichten oder in die Hölle verstoßen kann?
Weil du an dem bösen Unflate der Welt mit Leib und Seele hängest und tot und
blind im Herzen bist!“
78. Kapitel
[GEJ.09_078,01] Als der Schriftgelehrte
dieses von unserem bekehrten Pharisäer vernommen hatte, da ward er zwar dem
Außen nach unwillig; aber innerlich fing er doch an nachzudenken und sagte nach
einer Weile: „Glücklich der, dem ein offenes Herz gegeben ist; mir ist es bis
jetzt noch nicht gegeben worden! Ich habe die Schrift wohl studiert und suchte
die Wahrheit, – was kann nun ich darum, daß ich sie nicht finden konnte? Was
nützte mir, so ich las: ,Gott hat mit Abraham, Isaak, Jakob und noch mit vielen
andern so und so geredet und hat Sich durch Moses und durch die andern
Propheten den Menschen geoffenbart.‘? Warum hat Er denn mit mir und vielen
andern meinesgleichen nicht geredet? Bin ich denn weniger Mensch, als es die
waren, mit denen Gott geredet und Sich ihnen geoffenbart hat?
[GEJ.09_078,02] Erst jetzt ist abermals ein
Mensch unter uns aufgestanden, der uns von neuem wieder zeigt, daß die Schrift
keine pure von herrschsüchtigen Menschen erfundene und erdichtete Fabel ist,
und daß es einen Gott gibt, dem alle Himmel und alle Mächte und Kräfte der
Natur untertan sind. Und so ist es auch nun an der Zeit, zu denken und zu
forschen, wie und wodurch bewogen Gott nun wieder einen Menschen erweckt hat,
der uns durch Taten und Worte zeigt, daß die Schrift Wahrheit und keine Fabel
ist.
[GEJ.09_078,03] Ich bin Mensch geworden nicht
durch meinen Willen und nicht durch meine Kraft, sondern durch einen
unerforschlichen Willen und durch dessen ebenso unerforschliche Kraft und
Macht. Kann ich denn dafür, wenn mich diese Kraft und Macht nicht auch also
leitete, daß ich an ihrem Dasein nie hätte zweifeln können? Laß mich nun darum
denken, auf daß ich in mir auf den Weg komme, auf dem die alte Wahrheit von
neuem wohlerkennbar werde; dann erst rede du mit mir!“
[GEJ.09_078,04] Darauf sagte der bekehrte
Pharisäer: „Wie groß muß denn die Herzens- und auch Verstandesblindheit bei
einem Menschen sein, der bei solchen Erscheinungen und besonders bei solchen
Lehren noch denken und alles genau erwägen will, ob und wie Gott bewogen werden
konnte, in dieser Zeit von Seinem allmächtigen Dasein den Menschen dieser Erde
wieder einmal ein Zeichen zu geben, und ob das Zeichen auch ein vollgültig
wahres sei. O Herr und Meister voll rein göttlicher Kraft, sei auch den Blinden
und Verstockten gnädig und barmherzig!“
[GEJ.09_078,05] Sagte Ich: „Freund, lasse du
das; denn es hat auf dieser Welt alles seine Zeit! In der Seele deines
Gefährten steckt noch zu viel Gold und Silber dieser Welt, und da kann das
Reich Gottes nicht so leicht Platz greifen wie bei Menschen, deren Seelen nicht
von dem Mammon dieser Welt verhärtet und blind geworden sind. Der schiebt die
Schuld auf Gott, daß Er ihn vernachlässigt habe, – bedenkt aber nicht, daß auch
er gar manche und sehr bedeutungsvolle Mahnungen von Gott aus erhalten hat, die
ihm zu einer großen Leuchte für seine Seele hätten werden können, wenn sie
nicht schon von Kindheit an mit aller Gold- und Silbergier wäre angefüllt
worden.
[GEJ.09_078,06] Er war damals schon im
Tempel, als das offenbare Wunder mit dem Hohenpriester Zacharias geschah, den
sie, weil er die großen Mißbräuche und Betrügereien der herrschsüchtigen
Pharisäer und ihrer getreuen Anhänger zu rügen und abzuschaffen anfing,
zwischen dem Altare und dem Allerheiligsten erwürgt haben. Er war auch im Tempel,
als Simeon und die alte Anna lebten, und hat ihre Worte gehört; er war auch
noch im Tempel, als Ich als ein zwölfjähriger Knabe die unverkennbarsten
Zeichen von dem Geiste gab, der in Mir wohnt, und er kannte Johannes, den
Bußprediger in der Wüste, der ein Sohn des Zacharias und der alten, frommen
Elisabeth war.
[GEJ.09_078,07] Aber er erkannte vor lauter
Gold und Silber das Licht aus den Himmeln nicht, obschon es Tausende geradewegs
mit Händen haben greifen können. Er dachte wohl recht viel in seinem Gehirne
nach, – aber was nützet der Seele, deren Herz mit lauter Mammon verhärtet und
verfinstert ist, ein solches Denken, das da gleicht einem flüchtigen Irrlichte,
das wohl gleich einem Blitz die Nacht auf einen Augenblick erleuchtet, aber
gleich darauf eine viel ärgere Finsternis zur Folge hat, als sie ehedem den
Boden der Erde deckte?
[GEJ.09_078,08] Wahrlich aber sage Ich: So
aber ein solches Verstandeslicht im Menschen schon die purste Finsternis ist,
wie groß und stark muß dann erst die eigentliche Nacht des Herzens und der
Seele selbst sein! Darum laß du diesen Schriftgelehrten mit seinem Irrlichte
nur das Reich Gottes suchen; je länger er es also suchen wird, desto weniger
wird er es finden! So er sein Herz und dadurch auch seine Seele nicht völlig
von dem Mammon frei macht, so lange auch wird er ins Gottesreich nicht
eingehen.
[GEJ.09_078,09] Seine Rede gleicht nur der
eines Blinden, der auch teils Gott die Schuld gibt, daß er blind ist, und nicht
begreift, wie da die andern Menschen sehen können, da doch er nichts sieht.
Doch bei einem Leibesblinden ist solch eine Rede zu entschuldigen, wenn er sich
nicht selbst mutwillig geblendet hat; aber bei einem Seelenblinden ist solch
eine Rede nicht zu entschuldigen, indem er lange gleich vielen andern hätte
sehend werden können, so er die ihm wohlbekannten Mittel dazu treulich
gebraucht hätte. – Doch lassen wir nun das; morgen ist auch noch Zeit, über die
Mittel zur Erlangung des inneren Lichtes zu reden. Die vier Stunden der noch
übrigen Nachtzeit aber wollen wir der Ruhe unseres Leibes widmen!“
[GEJ.09_078,10] Es fragte nun schleunigst der
Wirt, ob Ich in ein eigenes Schlafgemach Mich begeben wolle.
[GEJ.09_078,11] Sagte Ich: „Wir bleiben hier
am Tische; denn Meine Jünger schlafen hier ohnehin schon zum größten Teile, und
die Lampen fangen an, zu erlöschen.“
[GEJ.09_078,12] Mit dem war der Wirt
zufrieden.
[GEJ.09_078,13] Der Pharisäer wollte auch bei
uns bleiben; aber der Schriftgelehrte sagte zu ihm: „Komme du mit mir in deine
unversehrt gebliebene Wohnung; ich werde diese Nacht bei dir Wohnung nehmen und
mit dir noch so manches besprechen!“
[GEJ.09_078,14] Sagte der Pharisäer: „Ganz
gut, – aber mit dem Besprechen wird sich in diesem Reste der Nacht nicht viel
machen lassen; denn auch meine Augenlider haben angefangen, schwach zu werden!“
[GEJ.09_078,15] Sagte der Schriftgelehrte:
„Nun, nun, das tut nichts zur Sache; gehen wir aber dennoch und nehmen die
Ruhe! Vielleicht haben wir einen guten Traum zu gewärtigen, der uns mehr sagen
kann, als wir uns gegenseitig; denn ich habe bei solchen gemütsaufregenden
Gelegenheiten noch allzeit sehr sonderbare Träume gehabt und werde damit auch
diesmal sicher nicht verschont werden.“
[GEJ.09_078,16] Mit dem gingen die beiden und
nahmen die Nachtruhe.
79. Kapitel
[GEJ.09_079,01] Am Morgen, als die Sonne
schon über die Berge gestiegen war und Ich und die Jünger wie gewöhnlich uns
schon im Freien befanden, erwachten denn auch der Pharisäer und der Schriftgelehrte,
wuschen sich nach der strengen Sitte der Juden, und der Pharisäer fragte dann
den Schriftgelehrten, ob er wohl einen Traum gehabt hätte.
[GEJ.09_079,02] Und dieser sagte (der
Schriftgelehrte): „Ja, Freund, wie ich es dir vor unserer Ruhenahme gesagt
habe; aber es träumte mir nichts als lauter dummes Zeug durcheinander.
[GEJ.09_079,03] Höre! Ich befand mich
zwischen hohen Bergen, und wo ich hinsah, waren lauter Gold- und Silberminen;
und ich sah eine Menge Bergleute, die diese Metalle in großen Klumpen aus den
Bergen schafften. Da ich aber dieses Metall in einer so übergroßen Menge vor
mir sah, so hat es vor mir allen Wert zu verlieren angefangen, und als die
Bergleute noch immer mehr und mehr dieser Metalle an das Tageslicht förderten,
da ward es mir bange, und ich fing an, einen Ausweg zu suchen. Wo ich aber auch
hinkam und einen Ausweg nehmen wollte, da war er mit den größten Klumpen Goldes
und Silbers schon derart verrammt, daß es eine Unmöglichkeit war, je darüber
ins Freie gelangen zu können.
[GEJ.09_079,04] Ich wandte mich denn in
meiner großen Angst und nahe völligen Verzweiflung an einen Bergmann, der sich
in meiner Nähe befand, und bat ihn, daß er mir einen Ausweg aus der Gold- und
Silberschlucht zeige.
[GEJ.09_079,05] Aber der rollte mich mit
einer sehr rauhen Stimme an, sagend: ,Da gibt es keinen Ausweg! Wer sich einmal
in diese Schlucht verirrt hat, der kommt nicht mehr hinaus; denn wir merken das
genau, von woher jemand zu uns herein gelangt, und verrammen ihm den Ausweg,
sobald er unsere Schätze zu bewundern angefangen hat. In dieser Schlucht haben
schon gar überaus viele Mächtige und Große der Erde ihren Untergang gefunden,
und du wirst nicht einer der Letzten sein!‘
[GEJ.09_079,06] Auf diese sehr drohenden
Worte des rauhen Bergmanns, der sich darauf auch alsogleich von mir entfernte,
erreichten meine Furcht und Angst den höchsten Grad, so daß ich darob wie ganz
besinnungslos zu Boden fiel und in diesem bösen Zustande abermals in einen
neuen Traum im Traume verfiel.
[GEJ.09_079,07] Da kam ein Mann zu mir und
fragte mich mit ernster Stimme, was ich an diesem Orte mache.
[GEJ.09_079,08] Ich aber sagte: ,Wie fragst
du mich also, – weiß ich doch nicht, wann, wie und warum ich hierher gekommen
bin. Ich habe das ja nie gewollt und befinde mich dennoch hier.‘
[GEJ.09_079,09] Darauf verschwand der Mann,
und ich sah bald darauf ein arges Tier sich mir nahen. Da geriet ich in eine
noch größere Angst. Darauf aber sah ich einen Blitz vom Himmel fahren, der traf
das böse Tier, dessen Gestalt ich dir nicht beschreiben kann. Darauf fing
dasselbe an, sich zu krümmen und zu bäumen und stürzte bald in einen tiefen
Abgrund, und mir ward es behaglicher im Gemüte.
[GEJ.09_079,10] Ich richtete mich auf und
eilte von dieser Stelle einem Orte zu, der sich in einer ziemlichen Ferne von
mir befand und ein freundliches und einladendes Aussehen hatte. Ich kam bald in
die Nähe des Ortes. Da ersah ich gar zierliche Gärten, in denen eine Menge von
allerlei mir unbekannten Fruchtbäumen standen, deren Äste und Zweige von den seltsamsten
Früchten strotzten.
[GEJ.09_079,11] In dem einen der Gärten ersah
ich auch Weiber und Mägdlein von großer Schönheit, und es fing mich zu gelüsten
an, mit ihnen zu reden. Aber mein Gelüsten hatte auch bald ein Ende; denn als
mich die Mägdlein und die Weiber ersahen, da fingen sie an zu schreien und
flohen vor mir.
[GEJ.09_079,12] Ich dachte bei mir, warum
das?
[GEJ.09_079,13] Da vernahm ich eine Stimme
wie aus irgendeinem Versteck: ,Das ist unser Feind! Fliehet vor ihm, damit er
uns nicht auch hier raube unsere Habe und unsere Keuschheit und unsere
Unschuld! Ihr, unsere Männer, aber ergreifet und bindet ihn, und werfet ihn in
einen Kerker, darin Kröten und Schlangen hausen!‘
[GEJ.09_079,14] Als ich solches vernahm, da
fing ich an zu fliehen über Steine und Stoppeln; ich fiel endlich vor Müdigkeit
zu Boden und wurde darauf wach.
[GEJ.09_079,15] Wahrlich, das war denn doch
ein dummer und böser Traum, und ich bin vom Angstschweiß noch ganz naß am
ganzen Leibe!
[GEJ.09_079,16] Was sagst nun du, Freund, zu
diesem meinem bösdummen Traum?“
80. Kapitel
[GEJ.09_080,01] Sagte der Pharisäer: „Freund,
dieser von dir mir nun erzählte Traum scheint mir eben nicht so bösdumm zu
sein, wie du das meinst, und hat eben für dich nach meinem Urteil eine gar tiefe
Lebensbedeutung, die ich dir mit wenigen Worten zeigen könnte!“
[GEJ.09_080,02] Sagte der Schriftgelehrte:
„So tue das; ich will dich recht gerne anhören!“
[GEJ.09_080,03] Sagte weiter der Pharisäer:
„Höre! Die dich so sehr ängstigende Gold- und Silberschlucht, aus der du am
Ende keinen Ausweg mehr finden konntest, zeigte dir den Zustand deiner mit
lauter Goldgier umpanzerten Seele, die aus eben diesem Zustande keinen Ausweg
trotz alles ihres Denkens und Suchens ins Freie der reinen und lebendigen Wahrheit
aus Gott mehr finden kann. Die Bergleute, welche du die benannten Metalle in
großen Klumpen aus den Bergen schaffen sahst, sind deine eigenen unersättlichen
Begierden nach solchen Erdenschätzen. Der Bergmann aber, der zu dir sagte, daß
aus dieser Schlucht kein Ausweg mehr führe, und dir auch mit unsanfter Stimme
dein sicheres Zugrundegehen verkündete, ist dein eigenes Gewissen, das dich –
wie zu einem letzten Mal – allerernstlichst ermahnte, weil du seine sanftere
Mahnstimme nicht mehr achten wolltest.
[GEJ.09_080,04] Hierauf wurde es dir so sehr
ängstlich und bange zumute, daß du wie besinnungslos zu Boden fielst. Das ist
dir ein Zeichen, so zu verstehen nach meiner Ansicht: Weil du deine Gier zu
verachten und zu fliehen begannst und dadurch deine Seele entpanzert hast, so
hast du dich deiner alten Liebe und somit deines materiellen Lebens begeben und
fielst wie tot zu Boden. Weil du aber das getan hast, so erwachte in dir
alsbald ein anderes und schon freieres Leben.
[GEJ.09_080,05] Der Mann, der da bald zu dir
kam und an dich eine ganz gewichtige Frage stellte, die du nicht beantworten
konntest, war abermals dein Gewissen, dein jenseitiger Geist aus Gott. Als er
sich von dir entfernte, da ersahst du alsbald ein böses Tier, das nichts
anderes als deine alte Gier war, die dich trotz deines schon freieren
Seelenzustandes in deinem Gemüte verfolgt. Aber weil du vor deiner alten Sünde
nun einen Abscheu hast, so ist dir selbst die Rückerinnerung an sie widrig und
verächtlich, und du bemühst dich, diesem bösen Tiere zu entfliehen, auf daß es
dich nicht abermals ergreife und dich verderbe und töte. Solche deine gerechte
Furcht vor deinem bösen Tier ersieht der Himmel und entsendet einen Blitzstrahl
der lebendigen Wahrheit aus Gott. Dieser trifft dein böses Tier wohl, das sich
darauf wohl noch eine Weile bäumt und krümmt, aber endlich doch in den Abgrund
stürzt und in deiner Seele nicht mehr zum Vorschein kommt.
[GEJ.09_080,06] Nun zeigt sich dir, wie noch
in einer Ferne, ein wohnlicher Ort, darob es dir ganz behaglich zumute wird. Du
eilst dem Orte zu und in dessen Nähe zu gar schönen und an seltsamen
Fruchtbäumen und Früchten reichen Gärten. Der wohnliche Ort ist die in dein
Herz zurückgekehrte Ruhe, und die Gärten stellen die neuen Wahrheiten aus Gott
dar, an denen du viel Wohlgefallen hast. Aber da sie durch das Tun danach nicht
dein Eigentum sind, so erschaust du sie noch wie außer dir, und die Früchte
getrauest du dir nicht anzugreifen.
[GEJ.09_080,07] In einem Garten ersahst du
auch gar schöne Weiber und Mägdlein, mit denen du dich besprechen und in eine
nähere Bekanntschaft setzen möchtest. Als sie aber, als innerste lebendige
Wahrheiten, deiner als eines puren, äußeren Verstandesmenschen ansichtig
werden, so fliehen sie vor dir, und du denkst: ,Warum wollen sie mich denn
nicht, und warum fliehen sie vor mir?‘ Da erwacht wieder dein Gewissen und
zeigt dir, wie arm du an den Werken der Liebe zu Gott und zum Nächsten
dastehst, und wie viel Unrecht, das du den armen Witwen und Waisen zugefügt
hast, du noch gutzumachen hast, worüber sich aber dein Verstand noch entsetzt.
[GEJ.09_080,08] Da sagt dir abermals dein
Gewissen: ,Ergreifet und bindet ihn – deinen Außenverstand nämlich – und werfet
ihn in einen finstern Kerker, darin Schlangen und Kröten hausen!‘ Das will mit
andern Worten so viel sagen, als: Du selbst nimm deinen Weltverstand durch den
lebendigen Glauben an Gott und Seinen zu uns gekommenen Gesalbten gefangen, und
verbanne ihn, und gib ihn der finstern Welt und ihren giftigen Sorgen zurück;
denn aus dem Worte Gottes muß ein neuer und rein geistiger Verstand werden,
ansonst du in den Ort der wahren und trostreichen Seelenruhe nicht eingehen
kannst.
[GEJ.09_080,09] Da erschrickst du freilich
wie von neuem wieder, weil du all dein Leben in deinem Außenverstande zu
besitzen wähnst, und fliehst daher noch eine Weile über harte und tote Stoppeln
und Steine des Anstoßes. Die Stoppeln und Steine aber sind gleich den Torheiten
der Weltweisheit, die dich ermüden und abermals zu Fall bringen. Wohl dir, so
du durch diesen im Geiste der vollen Wahrheit aus Gott also wach würdest, wie
du nun von deinem guten und für dich sehr bedeutungsvollen Traume ins irdische
Leibesleben zurück erwacht bist!
[GEJ.09_080,10] Siehe, so habe ich die
Bedeutung deines Traumes erkannt und sie dir denn auch ohne Rückhalt
mitgeteilt! Sie ist aber freilich meinem guten Wahrnehmen nach nicht so ganz
auf meinem eigenen Grund und Boden gewachsen; denn es kam mir deutlich vor, als
hätte mir ein höherer Geist die Worte ins Herz und in den Mund gelegt. Und ich
glaube auch, daß dich der Geist Dessen, dem die Kräfte der Himmel und alle
Elemente dieser Erde gehorchen – wie wir das gesehen haben – in einen solchen
Traumzustand hat kommen lassen.
[GEJ.09_080,11] Du aber kannst nun dennoch
glauben, was du willst. Ich habe geredet und werde nun auch sogleich den großen
Meister aufsuchen gehen und sehen, was Er macht; du aber kannst nun tun, was du
willst!“
[GEJ.09_080,12] Sagte der über diese
Traumdeutung ganz erstaunte Schriftgelehrte: „Höre, ich werde das tun, was du
tust, – und so gehen wir!“
81. Kapitel
[GEJ.09_081,01] Als die beiden aus der
Wohnung ins Freie kamen, da sahen sie die große Brandstätte und wie ihre
Gefährten tätig waren, um ihre vom Feuer noch nicht zerstörten Schätze zu
sammeln und irgend in eine gute Verwahrung zu bringen.
[GEJ.09_081,02] Einer rief dem
Schriftgelehrten zu, sagend (ein Templer): „Kümmerst du dich um das Deinige
denn gar nicht?“
[GEJ.09_081,03] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ich werde zu dem, was allenfalls mein ist, noch früh genug kommen; und ist von
dem Meinen nichts zu finden, so werde ich mich darum auch nicht grämen.
Arbeitet ihr nur zu für den Tod; ich aber werde mich nun um eine Arbeit fürs
Leben umsehen!“
[GEJ.09_081,04] Mit diesen Worten begaben
sich die beiden weiter.
[GEJ.09_081,05] Die andern Pharisäer aber
sagten unter sich: „Hat der Galiläer etwa auch schon unseren einzigen
Schriftgelehrten verrückt gemacht?“
[GEJ.09_081,06] Dieser achtete aber dessen
nicht und begab sich in die Herberge mit dem ganz bekehrten Pharisäer, um da
mit Mir reden zu können. Ich aber war mit Meinen Jüngern noch im Freien und
daher nicht in der Herberge.
[GEJ.09_081,07] Da Mich die beiden vermißten,
so fragten sie den Wirt, der mit dem Ordnen des großen Speisetisches
beschäftigt war, wo Ich Mich befände, oder ob Ich etwa gar den Ort schon
verlassen hätte.
[GEJ.09_081,08] Der Wirt aber sagte: „Der
Herr des Lebens ist noch nicht fortgegangen! Er befindet Sich mit Seinen
Jüngern irgendwo im Freien; wo aber, das kann ich euch nicht angeben, da Er
schon eher diesen Saal verließ, als ich wach wurde. Es hatten aber einige
Seiner Jünger Reisebündel bei sich, die ich noch in meiner Verwahrung habe, und
das ist ein Zeichen, daß der Herr diesen Ort noch nicht verlassen hat, und ich
glaube, daß Er bald wieder zurückkommen wird, indem das Morgenmahl bald
vollends bereitet sein wird, darum Er sicher weiß. Gehet aber hinaus, und
suchet Ihn auf; denn es lohnt sich da wohl der Mühe, den Herrn des Lebens
aufzusuchen! Ich werde das selbst tun, sobald ich mit dem Ordnen dieses Tisches
fertig sein werde. Mein geheilter Oberknecht hat das bereits getan.“
[GEJ.09_081,09] Sagte der Pharisäer: „Was
machen denn die zehn Gereinigten? Sind sie noch hier, oder sind sie schon
weitergezogen?“
[GEJ.09_081,10] Sagte der Wirt: „Oh, die sind
schon mit dem Anbruch des Tages weitergezogen! Wohin, das wird auch der Herr am
besten wissen!“
[GEJ.09_081,11] Auf diese Worte verließen die
beiden eiligst den Saal und gingen, daß sie Mich irgendwo träfen. Sie gingen
durch den Markt und fragten einen und den andern Menschen, ob er Mich nicht
gesehen habe; aber es wußte ihnen keiner einen Bescheid zu geben.
[GEJ.09_081,12] Am Ende des Marktes begegnete
ihnen ein armes Kind, das eine Waise war. Das fragten sie auch, ob es Mich in
Gesellschaft von mehreren Männern nicht irgendwohin habe gehen sehen.
[GEJ.09_081,13] Und das Kind sagte: „O ja!
Seht, dort auf dem Hügel gen Kana zu sitzen die fremden Männer, – und einer muß
gar etwas Hohes sein; denn er hat mir die Augen plötzlich geheilt! Ihr wisset
es ja, daß ich von Geburt an völlig blind war, und wie mich meine arme Mutter
täglich vor des Marktes Tor hinaussetzte, auf daß ich von den Menschen ein
Almosen erbettelte!“
[GEJ.09_081,14] Die beiden beschenkten das
arme Kind reichlich und ließen es nun voll Freuden zu seiner Mutter ziehen, die
das Kind bald ersah und ihm ganz erstaunt entgegeneilte und es um alles
befragte.
[GEJ.09_081,15] Die beiden aber eilten darauf
gleich dem Hügel zu und kamen gerade zu uns, als wir uns vom Boden aufrichteten,
um in die Herberge zurückzukehren.
[GEJ.09_081,16] Als sie bei uns ankamen, da
grüßten sie Mich auf das freundlichste und baten Mich, in Meiner Nähe sein zu
dürfen.
[GEJ.09_081,17] Und Ich sagte: „So ihr das
wollet, da bleibet! Wir aber werden nun auf einem andern Wege uns in die
Herberge begeben und nicht durch den Markt ziehen. Denn Ich habe das blinde
Mägdlein sehend gemacht; das wird dieses nun samt ihrer Mutter jedermann
erzählen, und wenn wir nun durch den Markt zögen, würde alles Volk sich zu uns
drängen, um Mich zu sehen und zu preisen, dem Ich nun vorbeugen will. Und so
gehen wir!“
[GEJ.09_081,18] Auf diese Meine Worte
verließen wir eiligst den Hügel und begaben uns schleunigst auf einem kleinen
Umwege in die Herberge.
[GEJ.09_081,19] Als wir in den Saal traten,
wollte eben der Wirt Mich auch aufsuchen gehen, da er mit dem Ordnen des
Tisches zu Ende gekommen war. Da wir aber ihm zuvorgekommen waren, so bat er
Mich um Vergebung, daß er so saumselig gewesen sei. Ich aber beruhigte ihn und
sagte, daß er nun das Morgenmahl solle auf den Tisch setzen lassen, was denn
auch sogleich geschah. Wir setzten uns zu Tische und nahmen guten Mutes das
wohlbereitete Mahl zu uns.
[GEJ.09_081,20] Während des Mahles ward auch
die Heilung des blinden Mägdleins besprochen, worüber sich der Wirt überaus
verwunderte und sogleich nach dem armen Mägdlein und nach seiner Mutter
jemanden senden wollte. Ich aber riet ihm, das vorderhand des Aufsehens wegen
bleibenzulassen; wenn Ich aber aus dem Orte sein werde, dann werde es schon
Zeit zur Genüge geben, der Armen zu gedenken. Und der Wirt tat das.
82. Kapitel
[GEJ.09_082,01] Als der Wirt aber von Mir
vernahm, daß Ich den Ort etwa bald verlassen möchte, da ward er traurig und
sagte: „O Herr und Meister, Du wirst etwa doch nicht heute noch diesen Ort
verlassen?“
[GEJ.09_082,02] Sagte Ich: „Freund, es gibt
noch gar viele Blinde und Taube im Herzen und in der Seele; zu denen muß Ich
auch kommen und ihnen helfen. Wie es euch wohl tat, daß Ich zu euch kam, so
wird es noch vielen wohl tun, wenn Ich zu ihnen kommen werde. Aber etwelche
Stunden werde Ich dennoch in deinem Hause verweilen; und es wird sich in dieser
Zeit noch so manches besprechen lassen. Laß uns aber nun noch einen frischen
und reinen Wein auf den Tisch setzen!“
[GEJ.09_082,03] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, einen frischeren, reineren und besseren Wein besitze ich in allen
meinen Kellern nicht! Was wird da zu tun sein?“
[GEJ.09_082,04] Sagte Ich: „Gehe du in den
Keller, der sich unter diesem Saale befindet, da wirst du schon welchen
finden!“
[GEJ.09_082,05] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, da unter diesem Saale ist wohl ein alter Keller; aber es befinden sich
darin weiter nichts als alte, nahezu unbrauchbar gewordene Kellergerätschaften,
als Schläuche, Krüge und noch andere Gefäße. Von einem Weine ist darin keine
Spur!“
[GEJ.09_082,06] Sagte Ich: „Darum eben sollst
du uns aus diesem Keller einen Wein bringen, auf daß du und alle, die in deinem
Hause sich befinden, es noch mehr denn bisher merken sollen, daß derlei Dinge
kein Essäer je zu bewirken imstande ist, wie der Schriftgelehrte bei sich noch
meint!“
[GEJ.09_082,07] Hierauf sagte der Wirt: „O
Herr und Meister, dieser Meinung ist außer unserem Schriftweisen nun wohl kein
Mensch mehr in meinem ganzen Hause! Ich glaube, daß in Dir die Fülle des
Geistes Gottes wohnet körperlich! Dein Wille ist Sein Wille, und Dein Wort ist
Sein Wort, und es ist darum alles, was Du sagst, eine ewige Wahrheit, Licht,
Liebe, Leben und so gut wie ein vollbrachtes Werk. Und so glaube ich denn auch,
daß sich nun in diesem alten Keller Wein befindet, und das sicher von der
allerbesten Sorte!“
[GEJ.09_082,08] Sagte Ich: „So gehe denn
hinab, und bringe uns einen!“
[GEJ.09_082,09] Hierauf nahm der Wirt zwei
große Krüge, und ebenso auch der Oberknecht, gingen in den besagten Keller und
fanden zu ihrem größten Erstaunen alle die alten Schläuche, bei
hundertundfünfzig an der Zahl, alle Krüge und andern Gefäße, die sich nun alle
in gutem Zustande befanden, voll des besten Weines. Beide kosteten den Wein und
fanden ihn über alle Maßen gut und wohlschmeckend. Sie füllten die
mitgenommenen vier Krüge und brachten den Wein auf den Tisch und füllten unsere
schon leeren Becher.
[GEJ.09_082,10] Der Pharisäer war der erste,
der seinen Becher bis auf den letzten Tropfen leerte und darauf zu seinem
Gefährten, der sich nicht recht getraute, einen etwa zauberischen Wunderwein zu
trinken, sagte: „Versuche auch du den Wein, auf daß auch du erkennest, daß das
Glaubensbekenntnis unseres Wirtes ein wahres ist!“
[GEJ.09_082,11] Da nahm der Schriftgelehrte
denn auch seinen Becher, fing an, den Wein zu kosten, und da er ihm gar zu wohl
schmeckte, so leerte auch er seinen Becher bis auf den letzten Tropfen.
[GEJ.09_082,12] Als er den Becher völlig
geleert hatte, da sagte er (der Schriftgelehrte): „Wahrlich, dies ist eines
jener Zeichen, das sich auf keine natürliche Art und Weise erklären läßt! Denn
aller Art Kranke bloß durch einen überfesten Glauben und unbeugsamen Willen
heilen, das ist nach alten Sagen und Traditionen unter den Menschen schon
dagewesen; denn es gibt, wenn auch selten, hie und da noch gänzlich
unverdorbene Menschen, die eine übergroße und ebenso starke Lebenskraft
besitzen. Wenn derlei Menschen auf irgendeinen Kranken durch ihren Glauben und
Willen einwirken wollen, so wird der Kranke wie von einem Lebensfeuerstrom
durchdrungen und erfüllt und kann dadurch im Augenblick gesund werden, wie man
um derlei Heilungen wohl so manches aus den alten Schriften beinahe aller uns
bekannten Völker weiß. Also weiß man auch, daß es Menschen gegeben hat, die
nach ihrem guten oder bösen Belieben am schönsten und heitersten Tage allerlei
herzaubern und auch andere Dinge verrichten konnten, welche einem natürlichen
Menschen wunderbar vorkommen mußten. Aber alte, leere Schläuche und andere
Gefäße bloß durch den Willen erstens in einen brauchbaren Zustand setzen und
sie dann aber auch mit dem reinsten, besten Weine füllen, das ist etwas, wovon
alle Chroniken und alten Sagen nichts zu erzählen wissen. Und dieses Zeichen
halte denn auch ich für ein übermenschliches, das ohne eine große Fülle wahrer
göttlicher Kraft nicht zustande gebracht werden könnte, – und so fange nun denn
auch ich an zu glauben, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist!“
[GEJ.09_082,13] Sagte Ich: „Da tust du wohl
daran, so du das glaubst; aber in Mein Reich des Lebens werden die nicht völlig
eingehen, die in ihrem Glauben zu Mir sagen werden: ,Herr, Herr und Meister!‘,
sondern jene nur, die nach Meiner Lehre handeln und leben werden. Denn Meine Worte,
so sie von einem Menschen tatsächlich erfüllt werden, sind Leben und
Gotteskraft; aber bei Menschen, die die Worte wohl hören und sie auch im
Gedächtnisse behalten, aber nicht danach handeln und leben, sind sie ohne
Wirkung zum ewigen Leben der Seele, – wohl aber werden sie ihr gereichen zum
Gerichte, das da ist der andere Tod im andern Leben. Ich habe es euch nun
gesagt, auf daß sich niemand damit entschuldigen kann, als habe er das nicht
gewußt!“
[GEJ.09_082,14] Sagte darauf der
Schriftgelehrte: „Herr und Meister, wir glauben das nun freilich wohl ganz
leicht und sind durch Deine hier gewirkten Zeichen vollends überzeugt, daß
Deine Worte volle Wahrheit sind; aber wodurch werden diejenigen von der
Wahrheit überzeugt werden, die Deine Lehre von uns vernehmen werden, vor denen
wir aber keine Zeichen als eine endgültige Bestätigung der in Deiner Lehre
enthaltenen Wahrheit zu wirken werden imstande sein?“
83. Kapitel
[GEJ.09_083,01] Sagte Ich: „Erstens bleibt
die Wahrheit auch ohne Zeichen eine und dieselbe Wahrheit, und wer nach ihr
leben und handeln wird, der wird es schon in sich lebendigst innewerden, daß
Meine Lehre Gottes- und nicht Menschenwort ist.
[GEJ.09_083,02] Und zweitens werden jene, die
Meine Lehre vom Reiche Gottes im Menschen an andere übertragen werden und nicht
pure Lehrer, sondern auch selbst Täter Meines Willens, der in Meiner Lehre klar
enthalten ist, sein werden, in Meinem Namen auch Zeichen, und noch größere denn
Ich Selbst, zu wirken imstande sein.
[GEJ.09_083,03] Aber als pure Lehrer und
nicht Selbsttäter Meiner Lehre werden sie keine Zeichen zu wirken imstande
sein; denn die Kraft, Zeichen zu wirken, geht nicht vom Verstande, sondern vom
lebendigen Glauben und festen Tatwillen aus. Denn der Verstand des Gehirns ist
ein totes Weltlicht des Menschen, das wohl niemals in die innersten
Lebensregionen des Geistes und seiner Kraft dringen kann; aber der lebendige
Glaube im Herzen ist das wahre Lebenslicht der Seele, das in ihr den Geist
erweckt und ihn den ganzen Menschen durchdringen macht. Ist der Mensch aber von
dem Geiste durchdrungen, so ist er auch durchdrungen von seiner alles
vermögenden Kraft; und was dann der lebendige Geist, als ein Wesen mit der
Seele, will, das geschieht, und es ist des Wille schon als ein vollbrachtes Werk
da.
[GEJ.09_083,04] Es steht darum auch in der
Schrift: Zwei Bäume hat Gott in den Garten des Lebens gesetzt, einen Baum des
Lebens und einen Baum der Erkenntnis, und sagte zum Menschen: ,So du nur von
dem Baume des Lebens die Früchte essen wirst, so wirst du auch leben; wirst du
aber auch vom Baume der Erkenntnis die Früchte essen, bevor sie von Mir für
dich gesegnet werden, dann wird der Tod über dich kommen, und du wirst
sterben!‘
[GEJ.09_083,05] Der Mensch aber, da er einen
freiesten Willen hatte, ließ sich durch die Schlange seiner Begierde verlocken
und aß eher noch auch von dem Baume der Erkenntnis, als er durch Glaubensreife
im Herzen des Menschen wäre gesegnet worden, das heißt, er fing an, durch den
Gehirnverstand den Geist Gottes und so den Geist des Lebens zu suchen und zu
ergründen, und die Folge davon war, daß er sich dadurch von Gott nur stets mehr
entfernte, anstatt sich Ihm mehr und mehr zu nahen. Und das war schon der Tod,
das heißt der geistige des Menschen, und der ganze Mensch wurde kraftlos und
verlor die Herrschaft über alle Dinge in der Naturwelt und ward dann genötigt,
mit Hilfe des matten Schimmers seines Gehirnverstandes sich im Schweiße seines
Angesichtes sein Nährbrot physisch und noch mehr geistig zu erarbeiten und zu
erwerben.
[GEJ.09_083,06] Und siehe, so haben sich nun
die Menschen bis auf diese Zeit von Gott und somit auch vom wahren inneren
Leben so weit entfernt, daß sie beinahe an gar keinen Gott mehr glauben und
somit auch an gar kein Fortleben der Seele nach dem Abfalle des Leibes. Und die
noch mechanisch entweder an einen Gott oder im blindesten Aberglauben an viele
Götter, den Heiden gleich, glauben, stellen sich Gott oder die Götter so endlos
weit von ihnen entfernt vor, daß es ihnen am Ende unmöglich vorzukommen anfängt,
als könnte sich ein Mensch dem von ihm so endlos ferne geglaubten Gott je
nahen.
[GEJ.09_083,07] Und so nun Gott Selbst zu den
Menschen in aller Fülle Seiner ewigen Macht und Kraft und mit aller Seiner
Liebe und Weisheit körperlich gekommen ist, so erkennen sie das nicht und
halten das in ihrer großen Blindheit und Dummheit für unmöglich, während bei
Gott doch alle Dinge möglich sind. Und so halten sie Gott Selbst darum, weil Er
Sich nun ihnen mit leiblichem Munde und nicht mit Blitz und Donner offenbart,
für einen Gotteslästerer und bösen Aufwiegler des Volkes gegen Gott und gegen
die Könige der Welt, die sich selbst für Götter halten und sich auch als solche
von den Menschen ehren lassen.
[GEJ.09_083,08] Und siehe, das alles ist eine
Folge davon, weil alle Menschen die tote Frucht vom Baume der Erkenntnis lieber
gegessen haben als die lebendige und lebengebende vom Baume des Lebens.“
84. Kapitel
[GEJ.09_084,01] (Der Herr): „Die Frage,
welche Gott an den Adam stellte, als dieser schon von der verbotenen Frucht
gegessen hatte, die also lautete: ,Adam (oder Mensch), wo bist du?‘ dauert noch
immer fort und wird auch fortdauern bis ans Ende dieser Welt, solange es irgend
Menschen geben wird, die da lieber vom Baume der Erkenntnis als vom Baume des
Lebens essen werden.
[GEJ.09_084,02] Denn der Mensch, der von dem
Baume der Erkenntnis ißt, der verliert nur zu bald Gott, sich und sein inneres
Leben und weiß nicht mehr, wer er ist, warum er da ist, und was aus ihm werden
soll. Da wird voll Angst und Furcht seine Seele und sucht in ihres Leibes
Gehirnverstande die beruhigende und tröstliche Antwort auf ihre Frage: ,Mensch,
wo bist du?‘ Aber da kommt stets dieselbe untröstliche Antwort: ,Du bist im
Gerichte, welches der rechte Tod der Seele ist! Im Schweiße deines Angesichtes
erwirb dir dein Brot!‘
[GEJ.09_084,03] Was sollte denn die Seele im
Gehirne finden? Nichts als innehaftende Bilder dieser Welt, die von dem, was
des Geistes und des Lebens ist, alle um vieles ferner stehen wie sie selbst.
Erkennt die Seele den ihr stets am allernächsten stehenden Geist des Lebens aus
Gott nicht, wie wird sie dann erst dessen ihr oft endlos ferner stehenden Geist
in den Abbildern der Welt in ihres Leibeskopfes Gehirn erkennen?
[GEJ.09_084,04] Aus dieser gänzlichen
Verkehrtheit geht aber dann auch notwendig von selbst die noch größere
Verkehrtheit hervor, in der sich die Seele Gottes Wesen stets entfernter und
unerreichbarer vorstellt, und das so lange fort, bis sie dasselbe endlich
gänzlich verliert und dann in Epikureismus oder in Zynismus übergeht.
[GEJ.09_084,05] In diesem Zustande, in
welchem sich nun die meisten Priester aller Art und Gattung befinden, und nun
zumeist die Pharisäer, die Ältesten und Schriftgelehrten und die Fürsten und
Könige samt ihrem großen Anhange, erkennt die Seele keine Wahrheit mehr. Lüge
gilt ihr so viel und mehr noch als die reinste Wahrheit, wenn sie aus ihr nur
irgendeinen irdischen Vorteil ziehen kann; hindert sie irgendeine Wahrheit
daran, so wird sie derselben feind und flieht oder verfolgt sie mit Feuer und
Schwert.
[GEJ.09_084,06] In solchem Zustande der Seele
gibt es für sie denn auch keine Sünde mehr, und ein Mensch, dem irgendeine
weltliche Macht zu Gebote steht, tut dann, was ihm beliebt, und was seinen
Sinnen schmeichelt, und wehe dem irgend Gerechten und in der Lebenswahrheit
sich Befindenden, der zu einem solchen Mächtigen hinginge und zu ihm sagte:
,Warum bist du ein Feind der Wahrheit, und warum übst du die schreiendste
Ungerechtigkeit unter den Menschen, die auf dieser Erde nichts Minderes sind
denn du blinder Tor?‘
[GEJ.09_084,07] Sehet euch aber nun in der
Welt um, ob es sich nicht allenthalben also verhält! Und wer schuldet daran?
Ich sage es euch: nichts anderes als das stets zunehmende Essen von dem Baume
der Erkenntnis!
[GEJ.09_084,08] Ich bin nun Selbst in diese
Welt zu den sich zu weit vom wahren Ziele des Lebens abgewandten Menschen
körperlich gekommen und frage sie abermals: ,Adam, wo bist du?‘, und es weiß
Mir keiner zu sagen, wo und wer er ist, – und Ich zeige ihnen nun von neuem
wieder den Baum des Lebens und treibe sie an, von seinen Früchten zu essen und
sich an ihnen zu sättigen.
[GEJ.09_084,09] Wahrlich sage Ich euch: Wer
von dem Baume des Lebens essen wird, der wird auch zum wahren Leben des Geistes
aus Mir gelangen, und es wird ihn dann nimmer hungern und gelüsten, von dem
Baume des Todes zu essen! Denn wer sich einmal im Leben des Geistes aus Mir
befindet, der befindet sich auch in aller Weisheit desselben; und durch diese
wird der Baum der Erkenntnis erst gesegnet, und die Seele wird dann in einem
Augenblick mehr erkennen denn durch ihr äußeres und eitles Verstandesforschen
in tausend Jahren.
[GEJ.09_084,10] Wenn ihr euch aber im
Zustande des wahren Lebens befinden werdet, so werdet ihr in Meinem Namen auch
Zeichen zu wirken imstande sein und also jedermann ein Zeugnis geben können von
der Wahrheit Meiner Lehre, so es nötig sein wird. – Hast du, schriftgelehrter
Freund, das nun wohl verstanden?“
85. Kapitel
[GEJ.09_085,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Herr und Meister; aber ich stehe nun auch wie völlig vernichtet da vor
Dir! Denn was ist der Mensch vor Dir?“
[GEJ.09_085,02] Sagte Ich: „Da sieh du Meine
Jünger an! Die sind schon über zwei Jahre stets um Mich und kennen Mich sicher
um gar vieles tiefer denn du nun; aber es ist darum noch keiner vernichtet vor
Mir gestanden.
[GEJ.09_085,03] Es ward wohl Moses gesagt,
als er verlangte, Jehovas Angesicht zu schauen: ,Gott kann niemand sehen und
dabei erhalten sein Leben‘, das heißt das Leben des Leibes. Damals aber war nur
von Gottes ewigem Geiste die Rede, indem Gott in jener Zeit noch kein Fleisch
angenommen hatte, weil dazu die Zeit nach Seiner ewigen Ordnung noch nicht da
war.
[GEJ.09_085,04] Nun aber hat nach der
Weissagung der Propheten Jehova das Fleisch der Menschen dieser Erde angenommen
und dadurch zwischen Sich als dem urewigen Geiste und den Menschen eine
Schutzwand gestellt, auf daß sie unbeschadet ihres Lebens Ihn sehen, berühren,
hören und sprechen können, und es hat sich da niemand zu fürchten, daß er durch
Meine sichtbare Gegenwart irgend vernichtet werde.
[GEJ.09_085,05] Es war zwischen Mir und euch
Menschen wohl eine endlose Kluft, vermöge der sich Mir auch nicht einmal der
allervollkommenste Engelsgeist hätte nahen können; aber nun ist über die
besagte Kluft eine Brücke gebaut, und diese heißt die Liebe zu Mir von eurer
Seite, so wie Ich Meinerseits aus Meiner ewig großen, über alles mächtigen
Liebe zu euch Menschen Selbst Mensch mit Fleisch und Blut geworden bin und habe
auch eure Schwächen angenommen, auf daß Ich kein ewig ferner Gott, sondern ein
vollends naher und leicht erreichbarer Vater, Freund und Bruder sein und nach
dem Maße eurer Liebe zu Mir werden und bleiben kann.
[GEJ.09_085,06] Wenn die Sache zwischen Mir
und euch Menschen sich nun aber also verhält und somit ganz anders als zu den
Zeiten Mosis, so kann da niemand sagen, daß er irgend von Meiner göttlichen
Hoheit und Majestät, die wohl in Mir in aller Fülle wohnt, vernichtet werde, da
Ich ja Selbst von ganzem Herzen sanftmütig und demütig und voll der höchsten
Geduld und Langmut, Liebe und Erbarmung bin. Und so sei du voll guten Mutes und
habe keine eitle Furcht vor Mir, der Ich dich schon gar lange zuvor geliebt
habe, als du noch warst!“
[GEJ.09_085,07] Sagte nun mit mehr Mut und
Selbstgefühl der Schriftgelehrte: „Aber Herr und Meister, wie kannst Du mich
denn eher geliebt haben, als ich noch war?“
[GEJ.09_085,08] Sagte Ich: „Ohne Meine Liebe
wäre nie weder eine Welt und also auch kein Mensch ins Dasein gekommen. Es ist
somit alles, was der endlose Schöpfungsraum faßt, Meine durch Meinen Willen
verkörperte Liebe, und somit sicher auch du.
[GEJ.09_085,09] Meine Liebe aber ist ewig und
sonach im Grunde des Grundes auch alles, was aus ihr hervorging, nun hervorgeht
und ewig hervorgehen wird.
[GEJ.09_085,10] Der lebendige Geist im
Menschen ist eben Meine ewige Liebe und Weisheit, die alles schafft, ordnet und
erhält; und dieser Geist ist der eigentliche wahre und in sich schon ewige
Mensch im Menschen, der sich aber nach Meiner ewigen Ordnung in ihm erst mit
der Zeit, der Selbständigwerdung halber, mit Seele und Leib umkleidet und so in
eine äußerlich beschauliche Form tritt.
[GEJ.09_085,11] Wenn aber also und unmöglich
anders, so wirst du nun wohl einsehen, daß Ich dich ewig lange zuvor geliebt
habe, als du noch das warst, was du nun bist! Du bist nun ein von Mir wie
losgetrenntes Lebensfünkchen Meiner Liebe und kannst selbst zu einer Mir
ähnlichen, großen und selbständigen Liebesflamme werden, dadurch, daß du Mich
über alles liebst und deinen dir völlig ähnlichen Nächsten wie dich selbst.
Bist du aber das und wirst du Mich denn auch also lieben, so wirst du bald in
dir selbst einsehen, wie Ich als die ewige Liebe alles in allem bin und wieder
alles in Mir ist. – Verstehest du nun das?“
86. Kapitel
[GEJ.09_086,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Es gemahnet mich leise im Herzen, als verstünde ich das wohl; aber in meinem
Kopfe menget sich nun alles bunt durcheinander, und ich sehe es nun ein, daß
derlei Dinge nur im Herzen der Seele, aber niemals mit dem Gehirnverstande
begriffen werden können. Aber Moses hat befohlen, Gott zu fürchten und Ihn
allein allzeit anzubeten! Soll ich Dich nun nicht mehr fürchten und Dich nach
der vorgeschriebenen Weise anbeten?“
[GEJ.09_086,02] Sagte Ich: „Ja, ja, das hat
Moses wohl anbefohlen, und es war denn auch wohl recht also; aber in dieser
Zeit versteht auch nicht einer mehr, was ,Gott fürchten‘ heißt, und ihr
Priester habt den Menschen teils infolge eurer eigenen Blindheit und zum
größten Teile aber aus eurer unersättlichen Gewinnsucht ganz falsche und
gänzlich verkehrte Begriffe von der Gottesfurcht beigebracht, und so fürchten
die noch ein wenig an einen Gott glaubenden schwachen Menschen Gott wie einen
bösen, aller Liebe und Erbarmung baren und allerunerbittlichsten Tyrannen und
schaudern bei dem Worte und Begriffe ,Gott‘ zurück, weil sie in Ihm nahezu
nichts denn einen ewigen Zorn und eine ewige Rache erblicken.
[GEJ.09_086,03] Es heißt aber auch, daß der
Mensch Gott anbeten und über alles lieben soll. Wie kann man aber ein Gottwesen
lieben und dadurch auch am wahrsten anbeten, vor dessen Namen man schon ärger
erbebt als vor dem Tode?
[GEJ.09_086,04] Du wirst aus dem nun wohl
einsehen, welch einen unwahren und im höchsten Grade verkehrten Begriff ihr und
durch euch die andern Menschen von der Gottesfurcht habt.
[GEJ.09_086,05] Was heißt denn ,Gott
fürchten?‘ Gott fürchten heißt: Gott als die ewige, höchste und reinste Liebe
über alles lieben und, weil Gott die höchste Wahrheit ist, in der göttlichen
Wahrheit verharren und nicht der Lüge der Welt des materiellen Eigennutzes
wegen huldigen.
[GEJ.09_086,06] Wer in allem wahrhaft ist,
der hat die wahre Gottesfurcht im Herzen; und wer diese hat, der betet Gott
auch allzeit und vollgültig an. Denn wie die Lüge eine größte Verunehrung
Gottes ist, so ist die reine und lebendige Wahrheit auch eine allzeitige und
höchste Verehrung und wahrste Anbetung Gottes. – Verstehest du nun das?“
[GEJ.09_086,07] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Herr und Meister, das verstehe ich nun für mich wohl und sehe es ein, daß
sich diese Sache gar nie anders verhalten kann; aber es wird nun eben nicht so
leicht sein, diese Wahrheit auch den andern Menschen begreiflich zu machen,
weil sie sich schon zu sehr in allerlei Irrtümern begründet haben und die Lüge
für eine Wahrheit halten. Zu dem kommt noch der Tempel mit seinen Vorschriften,
was und wie wir vor dem Volke zu reden haben. Und so wird es wohl schwer
werden, in der Folge einen rechten Volkslehrer abzugeben. Doch jedem Siege muß
ein Kampf vorausgehen! Du als der Herr Selbst hast uns die Wahrheit enthüllt,
und Du wirst uns auch behilflich sein im Kampfe gegen die Feinde der Wahrheit,
darum wir Dich nun bitten und auch allzeit bitten werden; denn ohne Deine
allzeitige Hilfe werden wir nichts vermögen.
[GEJ.09_086,08] Es fragt sich aber nun, wie
wir Dich zu bitten haben, auf daß Du uns erhörest und uns hilfst. So wir Dich
nun in Deiner Gegenwart um etwas Rechtes bitten, so erhörst Du denn auch bald
und leicht unsere Bitte; aber wie dann, so Du persönlich nicht also gegenwärtig
bist wie jetzt? Wie haben wir dann zu bitten?“
[GEJ.09_086,09] Sagte Ich: „Diese Deine Frage
sieht wohl noch ganz pharisäisch aus! So du lebendig an Mich glaubest, so wird
dir auch allzeit werden, was du den Vater in Mir in Meinem Namen bitten wirst,
und dazu bedarf es Meiner persönlich sichtbaren Gegenwart nicht, da Ich im
Geiste überall gegenwärtig bin und alles sehe und höre und um alles vom Größten
bis zum Kleinsten auf das allergenaueste und klarste weiß.
[GEJ.09_086,10] So du denn im Geiste und in
der vollen Wahrheit Mich um etwas bitten wirst, so werde Ich dich sicher auch
hören und erhören; aber eine Bitte, wie sie mit den Lippen in rätselhaften
Worten bei euch gang und gäbe ist, erhöre Ich nicht.
[GEJ.09_086,11] Weißt du als ein
Schriftgelehrter ja doch auch, was Gott durch den Mund eines Propheten zu dem
Volke geredet hat, als dieser der damaligen Bedrängnisse wegen sich dahin zu
Ihm gewendet hatte, daß Er die Bitten desselben erhören möchte: ,Ich kenne dich
und das Volk, das Mich mit den Lippen ehrt und bittet, – sein Herz aber ist
ferne von Mir!‘ Sieh, also wird auch von nun an kein pures Lippengebet, und am
allerwenigsten ein bezahltes, je erhört werden!
[GEJ.09_086,12] Wer aber voll lebendigen
Glaubens im Herzen Mich um etwas Rechtes bitten wird, dem wird auch werden, um
was er gebeten hat.
[GEJ.09_086,13] Wer aber in Meinem Namen nach
Meiner Lehre lebt und handelt der betet wahrhaft ohne Unterlaß, und es wird ihm
darum auch allzeit gegeben werden, wessen er bedarf.“
[GEJ.09_086,14] Sagte der Schriftgelehrte: „O
Herr und Meister, ich danke Dir im Herzen für diese Deine trostvolle Belehrung,
und ich glaube nun, daß dem recht nach Deinem nun laut ausgesprochenen Willen
Bittenden auch das zuteil wird, um was er bittet.“
87. Kapitel
[GEJ.09_087,01] Sagten darauf einige Meiner
Jünger: „Herr, es wäre schon alles recht, so der Mensch in dieser Welt keinen
Versuchungen zur Begehung einer Sünde ausgesetzt wäre! Wenn der Mensch irgend
in einer schwachen Stunde dann doch sehr leicht möglicher Weise eine oder die
andere Sünde begeht, so wird er dadurch in seinem Vertrauen und Glauben schon
geschwächt; und so er auch die begangene Sünde bereut und irgendeinen durch sie
verursachten Schaden völlig gutgemacht hat, so bleibt doch eine Scheu in der
Seele, vermöge der er sich nicht so glaubensvoll zu Dir zu wenden getraut, als
hätte er nicht gesündigt.
[GEJ.09_087,02] Was soll dann solch ein
Mensch tun, um Dich also um etwas zu bitten, daß er es voll glaubete, daß Du
ihn erhören werdest?“
[GEJ.09_087,03] Sagte Ich: „Der soll wissen,
daß Ich erstens kein zorniger und rachgieriger, sondern ein geduldiger und
liebevollst sanftmütiger Gott bin, wie das schon durch den Mund der Propheten
ist gesagt worden und Ich nun zu allen Sündern rufe: Kommet alle zu Mir, die
ihr mühselig und mit Sünden belastet seid; denn Ich will euch alle erquicken!
[GEJ.09_087,04] Und zweitens sollen sich die
Menschen im wahren Beten allzeit üben und darin nicht laß werden; denn ein
rechtes und festes Vertrauen wird dem Menschen auch durch eine rechte Übung
eigen, die noch stets dem Jünger in was immer für einem Fache zur Meisterschaft
verholfen hat.
[GEJ.09_087,05] Ein mit allen diesirdischen
Gütern wohlversehener Mensch verlernt leicht das wahre und glaubensvolle Beten.
Kommt endlich einmal eine Not über ihn, so fängt er wohl auch an, durchs Beten
bei Gott Hilfe zu suchen; aber er hat bei sich zu wenig Vertrauen dahin, daß er
bei Gott werde Erhörung finden, und der Grund liegt offenbar im Mangel an der
Übung des lebendig vollen Vertrauens zu Gott.
[GEJ.09_087,06] Wodurch aber kann der Mensch
sein Vertrauen zu Gott wohl besser kräftigen als durch die Übung, bestehend im
Beten und Bitten ohne Unterlaß? Worin aber hauptsächlich das Beten und Bitten
ohne Unterlaß besteht, habe Ich euch schon gezeigt.“
[GEJ.09_087,07] Hier sahen die Jünger
einander an, und Andreas sagte: „Herr, ich erinnere mich noch gar wohl an das
Bild, das Du uns bei einer ähnlichen Gelegenheit zeigtest, in dem von einem
unverschämten Bettler in der Nachtzeit die Rede war, dem der Hausherr am Ende
doch um die Mitte der Nacht Brot zum Fenster hinaus gab, mehr um vor dem
weiteren Jammern und Geilen Ruhe zu haben, als aus wahrer Barmherzigkeit.
[GEJ.09_087,08] Ich habe so bei mir selbst
über dieses etwas sonderbare Bild wohl schon recht oft nachgedacht, konnte es
aber mit Deiner höchsten Liebe und Erbarmung noch nicht in eine rechte
Vereinigung bringen. Aber nun erst fängt mir die Sache klarer zu werden an, wo
Du jetzt von dem Beten und Bitten ohne Unterlaß und auch von der Übung im
Glauben und Vertrauen zu Dir geredet hast.
[GEJ.09_087,09] Durch das Bitten in der
Mitternacht ums Brot hast Du sicher wohl auch das Üben im Glauben und Vertrauen
zu Dir bezeichnet, indem Du durch den anfangs auch etwas harthörigen Hausvater
Dich Selbst und durch den Bettler aber uns Menschen so darstelltest, wie wir
vom Beten und Bitten nicht abstehen sollen, wenn wir bei Dir auch nicht
alsogleich Erhörung finden.
[GEJ.09_087,10] Du Selbst willst es also, daß
wir Dir durch unser unablässiges Beten und Bitten ordentlich lästig werden
müssen, bevor Du uns erhörest, denn dadurch willst Du unser Vertrauen zu Dir in
einer steten und weiterschreitenden Übung erhalten, durch die wir endlich zu
jener Stärke gelangen können, durch die wir in unseren eigenen Tag des Lebens,
welcher da ist Dein Reich in uns, gelangen, im selben jede Hilfe und Kraft als
in Deinem Geiste und Willen im Herzen unserer Seele als Deine Kinder selbst
tragen und fürder nicht nötig haben sollen, Dir beständig durch Betteln in der
Nacht unseres Lebens lästig zu werden. Denn der Mensch muß nun in seiner
Lebensnachtschwäche Hilfe suchen; ist er einmal durch Deine Gnade selbst stark
und mächtig geworden, so kann er sich selbst helfen! – Herr, habe ich Dein
damals aufgestelltes Bild wohl der Wahrheit gemäß verstanden?“
88. Kapitel
[GEJ.09_088,01] Sagte Ich: „Du hast das Bild
ganz richtig und wohl und wahr aufgefaßt, und es war ganz am rechten Platz, daß
du es mit wenigen Worten hier wieder zum Vorschein gebracht hast. Auf daß aber allda
ein jeder das von dir angezogene Bild noch klarer verstehe nach dem Urteil der
eigenen Vernunft, so will Ich, da uns noch die Zeit günstig ist, euch ein
anderes Bild geben, in dem ihr noch klarer ersehen sollet, wie ein rechter
Mensch im Beten und Bitten nicht laß werden soll, so er in sich zur wahren
Kraft Meines Reiches in sich gelangen will. Und so höret denn! (Luk.18,1)
[GEJ.09_088,02] Es war ein Richter in einer
Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich auch vor keinem
Menschen. (Luk.18,2) Es war aber auch eine Witwe in derselben Stadt; die kam zu
ihm und sprach: ,O du gerechter Richter, rette mich vor meinem Widersacher;
denn siehe, so und so stehen die Sachen völlig gerecht auf meiner Seite!‘
(Luk.18,3)
[GEJ.09_088,03] Der gerechte Richter sah das
wohl auf den ersten Blick ein; aber er war nicht gelaunt und wollte der Witwe
Prozeß nicht annehmen. Die Witwe aber ließ nicht nach, kam zu wiederholten
Malen zum Richter und bat ihn auf den Knien, sich ihrer anzunehmen.
[GEJ.09_088,04] Da dachte der Richter bei
sich selbst: ,Was will ich da machen? Ob ich mich schon vor Gott nicht fürchte
und auch keinen Menschen scheue, – da mir diese Witwe nun schon so viele Mühe
macht, so will ich sie retten, auf daß sie am Ende nicht noch zu öfteren Malen
wiederkommt und mich mit ihren Bitten vollends betäubt!‘ (Luk.18,4.5)
[GEJ.09_088,05] Habt ihr aus diesem Bilde
wohl vernommen, was der Richter gesprochen und auch getan hat? Wenn aber schon
ein nach dem Gesetze streng gerecht richtender Richter das anhaltende Bitten
einer bedrängten Witwe wohl erhört und ihr hilft, sollte dann Gott nicht noch
eher Seine Auserwählten retten, die Tag und Nacht zu Ihm rufen, und sollte Er
etwa weniger Geduld und Liebe mit und zu ihnen haben, als solches der Richter
mit und zu der Witwe hatte? (Luk.18,6.7)
[GEJ.09_088,06] Wahrlich sage Ich euch, Er
wird sie erhören und erretten in Kürze, und das nun in dieser Zeit, wie auch in
der fernen, allwann Er als Menschensohn, wie nun, auf diese Erde wiederkommen
wird!
[GEJ.09_088,07] Aber so in jener Zeit des
Menschen Sohn in diese Welt wiederkommen wird, meinet ihr wohl, daß Er Glauben
finden werde?“ (Luk.18,8)
[GEJ.09_088,08] Sagte Andreas: „Herr und
Meister, da ich schon früher geredet habe, so will ich auch diesmal weiter
reden, so Du mir das gestatten wollest!“
[GEJ.09_088,09] Sagte Ich: „Rede nun du nur
immerhin; denn dir ist eigen dazu Vernunft und Mut und Mund!“
[GEJ.09_088,10] Sagte darauf Andreas: „Was
das Bild selbst anbelangt, so besagt es völlig dasselbe, was das von mir ehedem
wiedererzählte Bild von dem Hausherrn und von dem Brotbettler in der Nacht
besagt hat; nur ist die Stellung Gottes gegenüber den bei Ihm Hilfe suchenden
Weltmenschen in ihrer Lebensnachtbedrängnis noch entschiedener bezeichnet als
in dem andern von mir wiedererzählten Bilde. Denn da steht Gott gewisserart
außer allem Verbande bloß als ein gerechter Richter da, der den Bedrängten wohl
allzeit helfen kann, wenn Er das will; Er hilft ihnen aber auch, aber erst
dann, wenn sie Ihm durch ihre unaufhörlichen Bitten ordentlich lästig geworden
sind.
[GEJ.09_088,11] Aber auch hier handelt es
sich pur um die Übung im Glauben und Vertrauen; ist dieses einmal zu einer
gewissen unbeugsamen Kraft gelangt, so ist die Erhörung und die Hilfe auch
schon da.
[GEJ.09_088,12] Der Nachsatz, in dem Du
sagtest, daß Gott Seine Auserwählten, die schon in der Kraft des Glaubens und
Vertrauens stehen, sicher als ein liebevollster Vater wohl noch eher erhören
werde, so sie an ihrem schon erreichten inneren Lebenstage, wie in ihrer noch
so dann und wann leicht möglich zurückkehrenden Nacht zu Ihm um Hilfe rufen,
stellt Dich nicht mehr als einen schwer erbittlichen Weltrichter, der als
Selbstgott einen Gott nicht zu fürchten und ebenso keinen Menschen zu scheuen
hat, sondern als den Vater derer dar, die sich schon im inneren Lebenstage
befinden. Ich habe die Sache also aufgefaßt und bin der Meinung, mich nicht
geirrt zu haben.
[GEJ.09_088,13] Wir alle aber stehen nun noch
nicht schon völlig im inneren Lebenstage, sondern teilweise auch mitunter noch
sehr in unserer alten Lebensnacht und haben Dich noch um gar vieles zu bitten,
um uns dadurch im Glauben und Vertrauen zu üben und dadurch zu stärken; aber Du
hast uns eine sichere und baldige Errettung verheißen, und wir glauben auch ungezweifelt
fest, daß jede Deiner Verheißungen in Erfüllung gehen wird.
[GEJ.09_088,14] Aber Du sagtest uns abermals
von einer zweiten Ankunft auf dieser Erde und stelltest am Ende die Frage auf,
ob Du dann unter den Menschen auch wohl Glauben finden werdest.
[GEJ.09_088,15] Nun, diese Frage Dir zu
beantworten, steht wohl noch gänzlich und weit außer dem Bereiche dessen, was
uns zu erörtern möglich ist, daher ich Dir darauf auch keine Antwort geben
kann. Du Selbst aber wirst das wohl am besten wissen, wie es in der noch fernen
Zukunft mit dem Glauben der Menschen stehen wird, und so Du es willst, da
kannst Du es uns noch näher bezeichnen, als Du uns das bei mehreren andern
Gelegenheiten schon bezeichnet hast.“
[GEJ.09_088,16] Sagte Ich: „Du hast dies
heutige Bild auch ganz wahr, wohl und gut aufgefaßt und hast dadurch Meinem
Herzen eine rechte Freude gemacht. So ihr alle auch also tuet, da wird die
volle Errettung eurer Seelen vom Joche der Materie dieser Welt und ihren
Anreizungen auch wahrlich nimmer lange auf sich warten lassen.“
89. Kapitel
[GEJ.09_089,01] (Der Herr): „Was aber Meine
Frage nach dem Stande des Glaubens bei den Menschen in der noch fernen Zukunft
betrifft, so des Menschen Sohn wieder auf diese Erde auf die euch schon zu
öfteren Malen angezeigte Art und Weise kommen wird, so sage Ich euch, daß Er im
ganzen noch weniger lebendigen Glauben finden wird denn jetzt. Denn in jenen
Zeiten werden es die Menschen größtenteils durch das unermüdliche Forschen und
Rechnen unter den Zweigen und weit ausgebreiteten Ästen des Baumes der
Erkenntnis in vielen Wissenschaften und Künsten gar sehr weit bringen und
werden mit allen in der Natur der Erde jetzt den Menschen noch ganz verborgenen
Kräften Wunderbares zustande bringen und werden auch sagen: ,Sehet, das ist
Gott, – sonst gibt es keinen!‘
[GEJ.09_089,02] Der Glaube dieser Menschen
wird demnach so gut wie gar keiner mehr sein. Also bei diesen Menschen werde
Ich in Meiner Wiederkunft keinen Glauben mehr finden!
[GEJ.09_089,03] Ein anderer, auch großer Teil
der Menschen aber wird sich in einem noch um vieles dickeren und finsteren
abgöttischen Aberglauben befinden, als jetzt alle Heiden auf der ganzen Erde
sich befinden. Diese werden ihre Lehrer, Vertreter und Beschützer haben in den
dermaligen Großen und Mächtigen der Erde eine geraume Zeit; aber die mit allen
Wissenschaften und Künsten wohlausgerüsteten Kinder der Welt werden den
finstersten Aberglauben mit aller Gewalt unterdrücken und dadurch die Großen
und Mächtigen der Erde in eine übergroße Verlegenheit setzen, weil durch die
Wissenschaftler und Künstler aller Art und Gattung das gemeine und lange mit
aller Gewalt in aller Blindheit gehaltene Volk einzusehen anfangen wird, daß es
nur des Weltruhmes und Wohllebens der Großen und Mächtigen wegen, die selbst keinen
Glauben hatten, in der harten Knechtschaft gehalten worden ist. Und so Ich dann
kommen werde, so werde Ich auch bei diesen keinen Glauben finden.
[GEJ.09_089,04] In der Zeit der großen
Finsternis würde Ich bei ihnen keinen Glauben finden können, weil sie die
dümmsten und allerblindesten Knechte ihrer Beherrscher waren, die bei sich gar
wohl einsahen, wozu die gänzlich Blinden gut zu gebrauchen sind, und daß die
Sehenden sich das niemals gefallen lassen würden wie die gänzlich Blinden. Sind
die Blinden aber einmal durch die Wissenschaftler und Künstler auch sehend
geworden, so sind sie Anhänger derer geworden, die sie zum größten Teil von der
harten Knechtschaft der Großen und Mächtigen frei gemacht haben; und so Ich da
kommen würde und sagen: ,Höret, ihr Völker der Erde, Ich bin nun wieder zu euch
gekommen und will euch von neuem zeigen die rechten Wege zum ewigen Leben eurer
Seelen!‘, – was werden die jedes Glaubens baren Menschen dazu sagen?
[GEJ.09_089,05] Sie werden Mir zur Antwort
geben: ,Freund, wer du auch seist, laß ab von der alten, verbrauchten und
glücklicherweise verrauchten Dummheit, für die seit den Zeiten ihrer ersten
Entstehung viele Ströme oft des allerunschuldigsten Blutes geflossen sind! Ist
der sogenannte gute Vater im Himmel, den wir nicht kennen und nun auch gar
keine Sehnsucht mehr nach Ihm haben, gar ein so großer Blutfreund, so kann Er
Sich ja leicht den großen Ozean in Blut umwandeln und sich daran höchlichst
ergötzen, aber wir brauchen von solch einer Lebenslehre nichts mehr, die statt
des verheißenen Gottesreiches nur die allerbarste Hölle unter die Menschen auf
die ohnehin magere Erde gebracht hat. Wir halten uns nun an die Wissenschaften
und Künste aller Art und Gattung und leben dabei in Frieden und Ruhe, wenn
zuversichtlich auch nur zeitlich; denn uns ist nun ein gewisses zeitliches,
aber friedliches und ruhiges Leben um gar vieles lieber als ein durch
unzähliges Leiden und durch viele Ströme unschuldig geflossenen Blutes
erkaufter und dabei doch in Zweifel gezogener Himmel mit allen seinen schönen
Seligkeiten!‘
[GEJ.09_089,06] Bei solcher Sprache der
einstigen Menschen wird Meine Frage, ob Ich bei Meiner Wiederkunft auf die Erde
einen Glauben finden werde, wohl sehr zu rechtfertigen sein!
[GEJ.09_089,07] ,Aber‘, saget ihr nun in
euch, ,ja, wer wohl wird daran der Schuldträger sein? Etwa die Hölle? Herr, so
vertilge sie! Oder etwa die falschen, eigennützigen Propheten, unter deren
Deckmantel dann auch bald allerlei Große und Mächtige wie die Pilze aus der
feuchten Erde zum Vorschein kommen werden und die Erde mit Krieg nach allen
Richtungen überziehen und die Menschen quälen werden? Herr, so laß die falschen
Propheten in Deinem Namen niemals aufkommen! Willst Du Selbst es aber also
haben, so muß es Dir auch recht sein, wenn Du bei Deiner abermaligen
Wiederkunft auf diese Erde unter den Menschen keinen Glauben mehr findest!‘
[GEJ.09_089,08] Ich aber sage hierzu: Die
kurzsichtige Menschenvernunft urteilt da freilich nach ihrer Einsicht ganz
richtig, und es läßt sich von der diesweltlich-menschlichen Seite eben nicht
gar zu vieles dagegen einwenden; aber Gott, als der Schöpfer und ewige Erhalter
aller Dinge und Wesen, hat da wieder ganz andere Ansichten und Pläne mit allem,
was Er aus Sich erschaffen hat, – und so weiß Er es auch am allerbesten, warum
Er dies und jenes unter den Menschen auf dieser Erde zuläßt.
[GEJ.09_089,09] Am Ende erst wird aller
Aberglaube mit den Waffen der Wissenschaften und der Künste vom Boden der Erde
hinweggeräumt werden, wobei aber dennoch kein Mensch in seinem freien Willen
nur im geringsten beirrt wird.
[GEJ.09_089,10] Dadurch wird mit der Zeit
wohl eine volle Glaubensleere unter den Menschen sein; aber es wird ein solcher
Zustand nur eine höchst kurze Zeit dauern.
[GEJ.09_089,11] In jener Zeit erst will Ich
den alten Baum der Erkenntnis segnen, und es wird durch ihn der Baum des Lebens
im Menschen wieder zu seiner alten Kraft gelangen, und so wird es dann nur mehr
einen Hirten und eine Herde geben!
[GEJ.09_089,12] Wer das nun verstanden hat, der
wird auch Meine Frage verstehen, ob Ich in jener Zeit wohl einen Glauben, wie
jetzt, auf der Erde finden werde. Solch einen Glauben, wie jetzt, werde Ich in
jenen künftigen Zeiten wohl sicher nimmer finden, – aber einen andern! Worin er
aber bestehen wird, davon könnet ihr euch jetzt wohl keine Vorstellung machen;
aber dessenungeachtet wird es dereinst dennoch so kommen, wie Ich es euch nun
zum voraus gesagt habe!“
90. Kapitel
[GEJ.09_090,01] Sagte nun einer aus der Zahl
der sogenannten Judgriechen: „Herr und Meister, wird denn mit Deiner
abermaligen Ankunft auf dieser Erde den Menschen auch eine Lehre gegeben
werden? Wenn Du ihnen wieder mit dieser Lehre kommen wirst, so werden sie dann
ja auch sagen: ,Oh, bleibe uns vom Halse mit dieser Lehre, die so viel Unheil
auf der Erde angerichtet hat!‘“
[GEJ.09_090,02] Sagte Ich: „Freund, die
Lehre, die Ich euch nun gebe, ist Gottes Wort und bleibt ewig, und darum werden
jene Menschen, von denen hier die Rede ist, auch nur diese Lehre von Mir
überkommen, die ihr von Mir überkommen habt; aber in jenen Zeiten wird sie
ihnen nicht verhüllt, sondern völlig dem himmlischen und geistigen Sinne nach
enthüllt gegeben werden, und darin wird das neue Jerusalem bestehen, das aus
den Himmeln auf diese Erde herniederkommen wird. In seinem Lichte wird den
Menschen erst klar werden, wie sehr ihre Vorgänger von den falschen Propheten,
gleichwie die Juden nun von den Pharisäern, hintergangen und betrogen worden
sind.
[GEJ.09_090,03] Sie werden dann nicht mehr
Mir und Meiner Lehre die Schuld an all dem vielen Unheil auf der Erde in die
Schuhe schieben, sondern den höchst selbst- und herrschsüchtigen falschen
Lehrern und Propheten, die sie schon im Lichte ihrer Wissenschaften und vielen
Künste nur zu genau werden erkannt haben, wessen Geistes Kinder sie waren.
[GEJ.09_090,04] Wenn aber das hellste Licht
des neuen Jerusalems über die ganze Erde scheinen wird, dann werden die Lügner
und Betrüger völlig enthüllt werden und der Lohn für ihre Arbeit wird ihnen
gegeben werden. Je höher von ihnen sich jemand zu stehen dünken wird, desto
tiefer wird auch sein Fall sein. Darum hütet euch schon jetzt vor den falschen
Propheten! – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
[GEJ.09_090,05] Sagten darauf auch Meine
anderen Jünger: „Herr und Meister, warum gibst Du uns denn Deine Lehre nicht
auch schon enthüllt also, wie Du sie dereinst in der fernen Zukunft den
bezeichneten Wissenschaftlern und Künstlern aller Art und Gattung geben wirst?
Solch ein neues Jerusalem täte den Menschen jetzt auch not!“
[GEJ.09_090,06] Sagte Ich: „Ich hätte euch
noch gar vieles zu sagen und zu enthüllen, aber ihr alle könntet das noch nicht
ertragen; wenn aber der Geist der Wahrheit aus Mir über euch kommen wird, so
wird er euch in alle Wahrheit und Weisheit leiten, und ihr werdet euch dann
schon völlig im Lichte des neuen Jerusalems befinden.
[GEJ.09_090,07] Ob ihr aber dann auch
imstande sein werdet, das Licht an eure Jünger übergehen zu lassen, das ist
eine Frage, die ihr schwer beantworten werdet, vorausgesetzt, daß ihr das
begreifet und einsehet, daß erstens aller Unterricht gewisserart an Kinder zu
ergehen hat, und daß er ein mehr freier denn ein zwingender sein muß, und
zweitens, daß man von niemandem verlangen kann, die Schrift zu lesen, so ihm
die Buchstaben unbekannt sind.
[GEJ.09_090,08] Ihr könnet es nun noch gar
nicht ahnen, zu welch großen und vieles umfassenden Wissenschaften und Künsten
es dereinst die Menschen bringen werden, und wie sehr dadurch aller Aberglaube
unter den Menschen gelichtet werden wird. Wo in der ganzen Welt aber ist nun
wohl eine Rede von einer auf den Grundsätzen der wohlberechneten Wahrheit
stehenden reinen Wissenschaft, und wo von einer durch solche Wissenschaft
berechneten Kunst?
[GEJ.09_090,09] Wo es nun unter den Menschen
auch noch eine Wissenschaft und eine von ihr abgeleitete Kunst gibt, so sind
dabei auch stets über drei Vierteile blinder Aberglaube. Auf solch eine faule
Frucht von dem noch ungesegneten Baume der Erkenntnis aber läßt sich keine
höhere Himmelswahrheit stellen; und wollet ihr sie darauf stellen, so wird
darauf eine Frucht zum Vorschein kommen, die man wohl den Drachen zum Fraße
vorwerfen, aber nicht den Menschen zur Nahrung geben könnte.
[GEJ.09_090,10] Und sehet, und merket es
wohl! Aus derlei Früchten werden auch die falschen Propheten mit all ihren
Irrlehren und falschen Wunderzeichen hervorgehen und mehr denn drei Vierteile
der Erde verderben. Denn so man sich bemühen wird, Meine reinste Wahrheitslehre
mit den nun unter den Menschen bestehenden, mit allerlei Aberglauben
untermengten Wissenschaften und wenig sagenden und leistenden Künsten in der
Meinung zu vereinen, daß sie dadurch für die Menschen um so leichter annehmbar
würde, so wird man, leicht von selbst verständlich, Meine Lehre stets mehr und
mehr verunreinen, und die Wissenschaften und Künste, die voll Aberglauben sind,
werden dadurch noch tiefer in die alte Nacht hinabsinken, als sie seit Anbeginn
der Menschen jemals gesunken sind. Sie werden am Ende eine Zeitlang bloß nur zu
einem Eigentum der falschen Propheten werden, damit diese mit ihrer Hilfe desto
leichter und umfangreicher das blindgehaltene Volk für sich gewinnen werden
können.
[GEJ.09_090,11] Aber es wird das nicht also
verbleiben; denn zur rechten Zeit werde Ich Menschen erwecken für die reinen
Wissenschaften und Künste, und diese werden es den Menschen von den Dächern
herab verkünden, wie die Diener Balaams ihre Wunder bewirkt haben. Dadurch wird
die reine Wissenschaft in allen Dingen und auch die reinen Künste zu einem
unbesiegbaren Vorläufer und Vorkämpfer für Mich gegen den alten Aberglauben
werden; und so durch sie der Augiasstall wird gereinigt sein, dann werde Ich
ein leichtes und wirksamstes Wiederkommen auf dieser Erde haben. Denn mit der
allenthalben reinen Wissenschaft der Menschen wird sich Meine reinste
Lebenslehre auch leicht vereinen und so den Menschen ein vollständiges
Lebenslicht geben, da eine Reinheit die andere nimmerdar verunreinigen kann, so
wie eine sonnenhelle Wahrheit die andere nicht.“
91. Kapitel
[GEJ.09_091,01] (Der Herr): „Ihr meinet nun
freilich wohl bei euch: Was Mir in jener Zeit möglich sein werde, nämlich die
Wissenschaft zu reinigen, das könnte Mir wohl jetzt auch möglich sein, und es
könnte dadurch die reinste Lehre, vereint mit der reinen Wissenschaft und ihren
Kunstschöpfungen, ja sogleich gewisserart Hand in Hand zu den Menschen
übergehen, wobei die etwa hie und da auftreten wollenden falschen Propheten
sicher keine Geschäfte zur Befriedigung ihrer Selbstsucht machen würden.
[GEJ.09_091,02] Und Ich sage euch dagegen: Es
wäre schon ganz gut also, wenn es so ginge; aber es geht die Sache dennoch
nicht also, wie ihr es nun recht gut meinet, – Ich müßte denn den Menschen den
freien Willen nehmen und sie mit der Allmacht Meines Willens zu puren Maschinen
umgestalten! Was würden aber die Menschen zum ewigen Heile und Leben ihrer
Seelen dadurch gewinnen?
[GEJ.09_091,03] Wisset ihr denn noch nicht,
daß alles, was unter dem Mußgesetze steht, das in der Allmacht Meines Willens
besteht, an und für sich gerichtet und tot ist? Ich habe euch das doch schon so
oft ganz gründlich gezeigt, und ihr kommet alles dessen ungeachtet in euren
alten Weltverstand.
[GEJ.09_091,04] Seht, so Ich nun in dieser
Zeit sogleich tausendmal tausend mit der reinsten Wissenschaft in allen Dingen
und so auch nach der Wissenschaft völlig durchgebildete Künstler aller Art und
Gattung unter den Menschen erweckte, so würden diese von den gegenwärtigen
Menschen noch mehr verfolgt werden, als ihr als die baldigen Ausbreiter Meiner
Lehre und Meines Namens von den finsteren Weltmenschen werdet verfolgt werden!
Denn das Wissen der Menschen, das – wie schon gesagt – mehr denn zu drei
Vierteilen mit dem dicksten Aberglauben gemengt ist, und aus dem sich die
Menschen ihre materiellen Vorteile verschaffen, ist um vieles schwerer zu
reinigen.
[GEJ.09_091,05] Ich habe bei gar vielen
Gelegenheiten die verschiedenen Dinge, Erscheinungen und Vorkommnisse euch und
auch anderen Menschen, die einen guten Willen und ein empfängliches Herz
hatten, wohl und anschaulich gründlich erklärt, habe vor euren Augen und Ohren
den ganzen Sternenhimmel also enthüllt, daß ihr nun wohl wisset, was unsere
Sonne, der Mond, die Planeten, und was die zahllos vielen andern Sterne sind,
und welch eine Beschaffenheit sie haben, und habe euch mehrere sogar durch die
Öffnung der inneren Geistessehe besichtigen lassen; und so besitzet ihr nun in
gar vielem schon die reinste Wissenschaft.
[GEJ.09_091,06] Gehet aber hin, und lehret
die blinden Menschen also, wie Ich euch belehrt habe, und ihr werdet es nur zu
bald erfahren, wie schwer die Menschen von ihrem alten Wissen und von
mystischen Vorurteilen abzuwenden sind!
[GEJ.09_091,07] Dazu gibt es auch eine Unzahl
Menschen, die von ihren selbstsüchtigen Priestern und Beherrschern derart
verdummt sind, daß sie solch eine Aufklärung im Wissen als einen niemals
verzeihlichen Frevel gegen die Götter ansehen würden und einen Menschen gar
übel zurichteten, der sie zu einem Frevel wider ihre Götter verleitete.
[GEJ.09_091,08] Um bei den Menschen mit der
Länge der Zeiten in den Wissenschaften und den aus ihnen hervorgehenden Künsten
eine volle Reinigung zu bewirken, muß ihnen zuvor Meine Lehre gepredigt sein,
und die vielen Götzen samt ihren Priestern und Tempeln müssen zerstört werden.
[GEJ.09_091,09] Ist das geschehen und Mein
Evangelium, wenn auch durch viele falsche Propheten, den Menschen gepredigt
worden, dann auch werden sie fähig, sich nach und nach in den Wissenschaften
und Künsten zu reinigen; und diese werden dann ein Blitz sein, der vom Aufgange
bis zum Untergange alles hell beleuchtet, was da auf der Erde ist. Unter dem
Aufgang aber versteht man das Geistige, unter dem ,Untergang‘ aber alles
Naturmäßige.
[GEJ.09_091,10] So ihr dieses nun verstanden
habt, da fraget nicht wieder, ob dies oder jenes nicht schon jetzt möglich
wäre!“
92. Kapitel
[GEJ.09_092,01] Als die Jünger diese Meine
Rede vernommen hatten, und natürlich auch der Wirt, der geheilte Knecht, der
Pharisäer und der Schriftgelehrte, da sagte der Schriftgelehrte: „Ich habe aus
dieser Deiner Rede, Herr und Meister, entnommen, daß Du Deinen Jüngern nicht
nur das große Geheimnis vom Reiche Gottes auf Erden unter den Menschen enthüllt
hast, sondern auch das Naturreich dieser Erde, des Mondes, der Sonne und der
Sterne, und gabst mir da einen neuen Beweis, daß eben Du in Deinem Geiste der
Schöpfer von all dem sein mußt, ansonst Du diese endlos vielen und wundervollen
Dinge Deinen Jüngern nicht hättest erklären und ihnen sogar beschaulich machen
können.
[GEJ.09_092,02] Da Du aber Deinen Jüngern das
tun mochtest, die doch auch nur Juden und Menschen sind, möchtest Du denn nicht
auch uns in aller Kürze diese wunderbaren Dinge in der Art nur ein wenig
beleuchten, daß auch wir einen helleren Begriff bekommen, was wir von dem
Monde, von der Sonne und von all den Sternen, Finsternissen, von den
furchtbaren Kometen und auch von den vielen Flugsternen halten und glauben
sollen? Denn in diesen Stücken sind wir nicht um ein Haar besser daran als die
Heiden.“
[GEJ.09_092,03] Sagte Ich: „Warum habt ihr
denn das sechste und siebente Buch Mosis verworfen und für unecht erklärt und
den sogar mit starken Strafen bedroht, der es zu lesen sich unterfinge? Sieh,
in diesen zwei Büchern hat Moses die gesamte Naturschöpfung mit klaren Worten
beschrieben!“
[GEJ.09_092,04] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister! Ich habe wohl davon einmal reden hören, aber nie nur einen
Buchstaben davon zu Gesichte bekommen. Es sollen sich diese Bücher im Tempel zu
Jerusalem auch nimmer vorfinden. Darum bitte ich nun Dich, daß Du uns diese
Dinge, um die Ich gefragt habe, in möglicher Kürze also beschreiben und
erklären möchtest, daß wir dann auch wüßten, was und wie sie beschaffen sind.“
[GEJ.09_092,05] Auf diese Bitte des
Schriftgelehrten beschrieb Ich den vieren in möglichster Kürze die Dinge also,
daß sie das wohl verstehen konnten, was Ich erklärt habe.
[GEJ.09_092,06] Nach dieser Erklärung, die
gut bei einer Stunde lang gedauert hatte, fragte Mich der Schriftgelehrte, ob
von dem auch die Altväter schon irgendeine Kunde gehabt hätten.
[GEJ.09_092,07] Sagte Ich: „Allerdings, und
das namentlich die Urbewohner Ägyptens! Sowie aber mit der Zeit sich die
Menschen stets mehr und durch allerlei Sünden von dem einen, ewig allein wahren
Gott entfernten und in das blinde Heidentum übergingen und sich verfinsterten,
so ging auch solche Kunde zugrunde, und an ihre Stelle trat eine leere und mit
allen Irrtümern erfüllte dichterische Faselei und Phantasterei.
[GEJ.09_092,08] Und so verlor sich die Erd-
und Sternenkunde. Nur bei einigen gar wenigen Weisen in irgendeinem verborgenen
Winkel der Erde hielt sie sich noch; aber diese wagten es nicht, damit vor den
ganz verfinsterten Menschen an das Tageslicht zu treten. Und so ist diese Kunde
so gut wie gänzlich zunichte geworden. Aber in den künftigen Zeiten werden die
Menschen schon wieder, und das heller noch denn in der Urzeit, darauf kommen
und alles berechnen; und das wird zu dem Blitz gehören, der vom Aufgange bis
zum Untergange leuchtet.“
[GEJ.09_092,09] Sagte der Schriftgelehrte:
„Von wem hatten denn Moses und Aaron solche Kunde?“
[GEJ.09_092,10] Sagte Ich: „Vom Geiste
Gottes! Obschon er als ein angenommener Sohn des Pharao in die ägyptischen
Mysterien eingeweiht war und auch von der alten Sternenwissenschaft und
Erdkunde so manches kennengelernt hatte, so war aber das dennoch kaum ein
trüber Wassertropfen gegen das ganze Meer seiner nachmaligen Erkenntnis, die
ihm als dem erwählten Führer des israelitischen Volkes vom Geiste Gottes
gegeben worden ist, wodurch er erst ein wahrer Gelehrter aus Gott ward.“
[GEJ.09_092,11] Sagte abermals der
Schriftgelehrte: „Herr und Meister! Josua, als auch ein von Gott erwählter
Führer des iraelitischen Volkes ins Gelobte Land, muß von all dem doch auch die
genaueste Kunde gehabt haben, was Moses beschrieben hat! Wie konnte er denn zur
Sonne vor Jericho sagen: ,Sonne, stehe still, bis ich alle die Feinde
schlage!‘, – und die Sonne soll seinem Befehl gehorcht haben? Hätte er das zur
Erde gesagt, so hätte das nach dem, was Du uns ehedem erklärt hast, einen
wahren Sinn; nun wir von Dir den wahren Sachverhalt vernommen haben, da
erscheint der Befehl Josuas an die Sonne als ein Etwas, das offenbar keinen
Sinn hat, und es scheint, daß Josua den wahren Sachverhalt doch nicht gekannt
hat, so sein Befehl eine naturgemäße Wahrheit hätte werden sollen.“
[GEJ.09_092,12] Sagte Ich: „Josua hat wohl
also gesprochen, aber nicht zur naturmäßigen Sonne, sondern zur Sonne des
Geistes, die da bestand in der Lehre Mosis aus Gott. Diese fing im Glauben und
Vertrauen des Volkes beim Anblick der großen Übermacht des Feindes stark zu
sinken an. Josua hat denn mit seinem kräftigen Ausruf nichts anderes zum
verzagten und schon über Hals und Kopf murrenden Volke sagen wollen als:
,Glaubet und vertrauet doch so lange, bis ihr in Kürze den mächtig scheinenden
Feind vor euch werdet völlig geschlagen erblicken! Dann möget ihr mit mir das
Land, wo Milch und Honig fließt, einnehmen oder wieder in die Wüste
zurückkehren!‘
[GEJ.09_092,13] Dadurch faßte das Volk wieder
Mut im vollen Glauben und Vertrauen auf Gott, der da ist, war und sein wird die
wahre Sonne der Seele und ihres Geistes im Himmel und auf Erden. Und siehe,
diese von Josua angeredete Sonne blieb im Glauben und Vertrauen des Volkes
stehen, erleuchtete es und gab ihm Mut, Klugheit und Kraft, und der Feind wurde
gänzlich vernichtet bis auf die Hure Rahab, welche den Abgesandten Josuas
Barmherzigkeit erwies. – Hast du das nun verstanden?“
93. Kapitel
[GEJ.09_093,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Herr und Meister, das haben wir nun alle wohl so ganz verstanden, daß wir
es nun einsehen, daß Josua mit seinem großartigsten Ausruf unmöglich einen
andern Sinn hat verbinden können; aber warum verstanden wir das denn ehedem
nicht?“
[GEJ.09_093,02] Sagte Ich: „Weil von euch
schon vor der babylonischen Gefangenschaft die alte innere
Entsprechungswissenschaft gänzlich gewichen ist; denn diese Wissenschaft ist
nur jenen Menschen zugänglich und eigen, die im wahren Glauben und Vertrauen an
den einen, wahren Gott niemals wankend und schwach geworden sind, Ihn allzeit
als den Vater über alles liebten und ihre Nächsten wie sich selbst.
[GEJ.09_093,03] Denn die besagte Wissenschaft
ist ja die innere Schrift und Sprache der Seele und des Geistes in der Seele.
Wer diese Sprache verloren hat, der versteht die Schrift unmöglich, und ihre
Sprache kommt ihm in seinem toten Weltlichte wie eine Torheit vor; denn die
Lebensverhältnisse des Geistes und der Seele sind ganz anderer Art als die des
Leibes.
[GEJ.09_093,04] So ist denn auch das Hören,
Sehen, Fühlen, Denken, Reden und die Schrift des Geistes ganz anders beschaffen
als hier unter den Menschen in der Naturwelt, und darum kann das, was ein Geist
tut und spricht, nur auf dem Wege der alten Entsprechungswissenschaft dem
Naturmenschen begreiflich gemacht werden.
[GEJ.09_093,05] Haben die Menschen diese
Wissenschaft durch ihre eigene Schuld verloren, so haben sie sich selbst außer
Verkehr mit den Geistern aller Regionen und aller Himmel gestellt und können
darum das Geistige in der Schrift nicht mehr fassen und begreifen. Sie lesen
die geschriebenen Worte nach dem blind eingelernten Laut des toten Buchstabens
und können nicht einmal das begreifen und dessen innewerden, daß der Buchstabe
tot ist und niemanden beleben kann, sondern daß nur der innerlich verborgene
Sinn es ist, der als selbst Leben alles lebendig macht.
[GEJ.09_093,06] Wenn ihr nun das begreifet,
so trachtet denn auch vor allem, daß das Reich Gottes in euch lebendig und
vollauf tätig werde, so werdet ihr auch wieder in die besagte Wissenschaft der
Entsprechungen zwischen Materie und Geist gelangen, ohne welche ihr weder Moses
noch irgendeinen Propheten je in der Tiefe der lebendigen Wahrheit verstehen
könnt und dadurch in euch selbst bemüßigt seid, in Unglauben, in allerlei
Zweifel und Sünden zu verfallen. Denn so ein Blinder auf einer Straße, auf der
eine Menge Steine liegen, wandelt, wird er es wohl verhüten können, daß er beim
Gehen an einen und den andern Stein stößt und dabei gar oft fällt? Und kommt
auf des Weges Strecke irgendein Abgrund, wie wird er sich schützen, daß er
nicht mit dem nächsten Tritt in denselben stürzt und darin den unvermeidlichen
Tod findet?
[GEJ.09_093,07] Darum trachtet vor allem, daß
ihr im Geiste ehest wiedergeboren und sehend werdet, sonst werdet ihr tausend
Gefahren, die auf euch lauern und euch zu verschlingen drohen, nicht entgehen!“
[GEJ.09_093,08] Sagte darauf der
Schriftgelehrte: „O Herr und Meister, Deine Weisheit ist unermeßlich, und wir
Menschen sind Dir gegenüber blind wie ein Stein! Jetzt erst sehe ich ganz klar
ein, worin der Grund des gänzlichen Verfalls im Glauben und Vertrauen auf Gott
liegt, und ich sehe es auch ein, daß es in Zukunft mit dieser Deiner Licht- und
Lebenslehre genau also gehen wird, wie es nun mit der Lehre Mosis und der
Propheten geht, und daß Du im Ernste wieder auf diese Erde zu den Menschen zu
kommen durch Deine Liebe und Erbarmung wirst genötigt werden. Es fragt sich nun
nur, ob Du wieder so wie diesmal oder vielleicht auf eine andere, nur Dir
allein bekannte Weise wiederkommen wirst! Möchtest Du uns das nicht näher
andeuten?“
[GEJ.09_093,09] Sagte Ich: „Ich habe es euch
ja ohnehin schon klar zur Genüge gezeigt, wie und auf welche Weise Ich wieder
auf diese Erde zu den Menschen kommen werde. Wie magst du Mich um dasselbe
wieder fragen?“
[GEJ.09_093,10] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wahr ist es, Herr und Meister, daß Du uns solches schon gesagt hast, – wäre
ich nun schon im Besitze der Entsprechungswissenschaft, so hätte ich Deiner
Rede Sinn auch ganz verstanden; aber ich bin noch ganz außerhalb dieser Wissenschaft,
und es ist mir darum nicht alles klar, was Du über Deine Wiederkunft geredet
hast.
[GEJ.09_093,11] Siehe, es handelt sich nun
bei dieser meiner Frage hauptsächlich nur darum, ob Du wieder als ein Mensch
mit Fleisch und Blut, wie jetzt, geboren von einem reinen Weibe, oder
ungeboren, mehr als Geist und doch auch sichtbarer Mensch, wiederkommen wirst,
und wo, und unter welchem Volke!
[GEJ.09_093,12] Es ist das vor Deiner
unergründlichen Weisheit wohl sicher eine sehr vernunftlose Frage von mir; aber
ich bin ja nur erst seit ein paar Stunden ein bekehrter Mensch, und es ist mir
darum nicht zu verargen, wenn ich Dir noch mit allerlei unvernünftigen Fragen
zur Last falle.“
94. Kapitel
[GEJ.09_094,01] Sagte Ich: „Gerade
unvernünftig sind deine Fragen nicht, und du hast das volle Recht, danach zu
fragen, was dir unbekannt ist; und Mir steht offenbar das Recht zu, dir zu
antworten, so und so, wie Ich es für dich und für die andern zweckdienlich
finde. Weil du aber nun schon gefragt hast, so will Ich dir denn auch
antworten, und so höre denn!
[GEJ.09_094,02] Ich werde bei Meiner zweiten
Wiederkunft nicht mehr aus einem Weibe irgendwo wieder als ein Kind geboren
werden; denn dieser Leib bleibt verklärt so wie Ich als Geist in Ewigkeit, und so
benötige Ich nimmerdar eines zweiten Leibes in der Art, wie du das gemeint
hast.
[GEJ.09_094,03] Ich aber werde zuerst
unsichtbar kommen in den Wolken des Himmels, was so viel sagen will als: Ich
werde vorerst Mich den Menschen zu nahen anfangen durch wahrhaftige Seher,
Weise und neuerweckte Propheten, und es werden in jener Zeit auch Mägde
weissagen und die Jünglinge helle Träume haben, aus denen sie den Menschen
Meine Ankunft verkünden werden, und es werden sie viele anhören und sich
bessern; aber die Welt wird sie für irrsinnige Schwärmer schelten und ihnen
nicht glauben, wie das auch mit den Propheten der Fall war.
[GEJ.09_094,04] Ebenso werde Ich von Zeit zu
Zeit Menschen erwecken, denen Ich alles das, was jetzt bei dieser Meiner
Gegenwart ist, geschieht und gesprochen wird, durch ihr Herz in die Feder sagen
werde, und es wird dann das einfach Geschriebene auf eine eigene, den
dermaligen Menschen wohlbekannte kunstvolle Art in einer ganz kurzen Zeit von
einigen Wochen und Tagen in vielen Tausenden gleichlautenden Exemplaren können
vervielfacht und so unter die Menschen gebracht werden; und da die Menschen in
jener Zeit beinahe durchgängig des Lesens und Schreibens wohl kundig sein
werden, so werden sie die neuen Bücher auch selbst wohl lesen und verstehen
können.
[GEJ.09_094,05] Und diese Art der Ausbreitung
Meiner neu und rein wiedergegebenen Lehre aus den Himmeln wird dann um vieles
schneller und wirksamer zu allen Menschen auf der ganzen Erde gebracht werden
können denn so wie jetzt durch die Boten in Meinem Namen von Munde zu Munde.
[GEJ.09_094,06] Wenn auf diese Art Meine
Lehre unter die Menschen, die eines guten Willens und tätigen Glaubens sein
werden, gebracht sein wird und zum wenigsten ein Drittel der Menschen davon
Kunde haben werden, so werde Ich denn auch hie und da persönlich und leibhaftig
sichtbar zu denen kommen, die Mich am meisten lieben und nach Meiner
Wiederkunft die größte Sehnsucht und dafür auch den vollen und lebendigen
Glauben haben werden.
[GEJ.09_094,07] Und Ich werde aus ihnen
Selbst Gemeinden bilden, denen keine Macht der Welt mehr einen Trotz und
Widerstand zu bieten vermögen wird; denn Ich werde ihr Heerführer und ihr ewig
unüberwindlicher Held sein und richten alle toten und blinden Weltmenschen. Und
also werde Ich die Erde reinigen von ihrem alten Unflate.
[GEJ.09_094,08] Zur Zeit der neuen Seher und
Propheten aber wird eine große Trübsal und Bedrängnis unter den Menschen sein,
wie sie auf dieser Erde noch niemals da war; aber sie wird Meiner dermaligen
Auserwählten wegen nur eine kurze Zeit dauern, auf daß diese an ihrer
Seligwerdung nicht sollen einen Schaden erleiden.
[GEJ.09_094,09] Doch in diesem Lande, wo Ich
nun schon von einem Orte zum andern von den Juden des Tempels wie ein
Verbrecher verfolgt werde, und das in jener Zeit von den finstersten Heiden
zertreten wird, werde Ich persönlich nicht wieder zuerst auftreten und lehren
und trösten die Schwachen. Wohl aber in den Landen eines andern Weltteiles, die
nun von den Heiden bewohnt werden, werde Ich ein neues Reich gründen, ein Reich
des Friedens, der Eintracht, der Liebe und des fortwährend lebendigen Glaubens,
und die Furcht vor dem Tode des Leibes wird nicht mehr sein unter den Menschen,
die in Meinem Lichte wandeln und im beständigen Verkehr und Umgang mit den Engeln
des Himmels stehen werden. – Da hast du nun eine rechte Antwort auf deine
Frage.“
[GEJ.09_094,10] Sagte der Schriftgelehrte:
„Asien, die alte Wiege der Menschen und der vielen Segnungen Gottes, wird
sonach nicht mehr das Glück haben, Dich in Deiner Wiederkunft auf diese Erde zu
sehen und zu hören? Das ist wahrlich keine freudige Kunde für diesen Weltteil.“
[GEJ.09_094,11] Sagte Ich: „Die Erde ist
allenthalben Mein, und Ich weiß, woorts Meine Wiederkunft für die ganze Erde am
allerwirksamsten sein wird! In jener Zeit aber, in der sich die Menschen von
einem Ende der Erde zum andern so schnell, wie da fährt ein Blitz aus der
Wolke, werden verständigen können, und in der die Menschen auf ehernen Straßen
mit Benutzung der im Feuer und Wasser gebundenen Geister schneller die
weitesten Strecken des Erdbodens werden überfahren können, als da der heftigste
Sturm von einem Ende der Erde zum andern treibt, und die Schiffe mit Hilfe
derselben Kräfte den großen Ozean in einer viel kürzeren Zeit überfahren werden
als nun die Römer von Rom aus bis nach Ägypten, da wird die Kunde von Meiner
persönlichen Wiederkunft in einer ganz kurzen Zeit leicht über die ganze Erde
verbreitet werden können, und also auch nach Asien.
[GEJ.09_094,12] Aber es fragt sich da wieder:
Wird die Kunde bei den blinden und tauben Heiden dieses Weltteils auch Glauben
finden?
[GEJ.09_094,13] Ich meine und sage:
Schwerlich eher, als bis es durch ein großes Weltgericht geläutert werden wird!
[GEJ.09_094,14] Es gibt ein gar großes Land
im fernen Westen, das von allen Seiten vom großen Weltozean umflossen ist und
nirgends über dem Meere mit der alten Welt zusammenhängt. Von jenem Lande
ausgehend, werden die Menschen zuerst große Dinge vernehmen, und diese werden
auch im Westen Europas auftauchen, und es wird daraus ein helles Strahlen und
Widerstrahlen entstehen. Die Lichter der Himmel werden sich begegnen, erkennen
und sich unterstützen.
[GEJ.09_094,15] Aus diesen Lichtern wird sich
die Sonne des Lebens, also das neue, vollkommene Jerusalem, gestalten, und in
dieser Sonne werde Ich auf diese Erde wiederkommen. – Und nun mehr denn zur
Genüge von dem, was dereinst geschehen wird!“
[GEJ.09_094,16] Hierauf machten sogar Meine
Jünger große Augen und sagten unter sich: „So klar und umständlich hat Er von
Seiner einstmaligen Wiederkunft noch nicht geredet! Glücklich werden die
Menschen sein, die in jener Zeit dort leben werden, wo Er wiederkommen wird mit
aller Fülle Seiner Gnade, – aber überunglücklich jene, die an Ihn nicht glauben
werden und etwa, gleichwie nun die Pharisäer, sich gegen Ihn erheben und Ihm
nach dem Leben streben, sich wider Ihn setzen und ihr Heidentum schützen
wollen. Denen wird Er, wie Er das schon zu öfteren Malen und auf dem Ölberge
durch Zeichen am Himmel angezeigt hat, als unerbittlicher Richter
entgegenkommen und ihnen geben den Lohn in der Hölle.“
[GEJ.09_094,17] Sagte Ich: „Ja, ja, da habt
ihr nun die Wahrheit geredet! Und Ich sage es euch: Wahrlich, wahrlich, dieser
sichtbare Himmel und diese Erde werden in der rechten Länge der Zeiten auch
vergehen; aber Meine Worte, die Ich zu euch geredet habe, werden nicht
vergehen!“
95. Kapitel
[GEJ.09_095,01] Bei diesen unseren Reden aber
war es auch in die Nähe des Mittags gekommen, und Ich sagte zu den Jüngern:
„Ihr könnet euch nun zur Abreise bereiten; denn wir haben heute noch einen
weiten Weg zu machen!“
[GEJ.09_095,02] Der Wirt aber sagte: „O Herr
und Meister, das Mittagsmahl, das nun bald vollends bereitet sein wird, wirst
Du mit Deinen Jüngern doch bei mir einnehmen wollen?“
[GEJ.09_095,03] Darum baten Mich auch der
Pharisäer und der Schriftgelehrte.
[GEJ.09_095,04] Und Ich sagte zum letzteren:
„Freund, da sieh hinaus, wie deine Gefährten mit Hilfe vieler gedungener
Arbeiter sich dort im Schutte der abgebrannten Synagoge herumtummeln und ihre
vorgefundenen Schätze sammeln und in Verwahrung bringen. Wirst du dich nicht
auch beteiligen?“
[GEJ.09_095,05] Sagte der Schriftgelehrte: „O
Herr und Meister, ich habe hier den endlos besseren Schatz gefunden und werde
mich in der Folge wohlweislich hüten, mich den Weltschätzen zu sehr zu nahen;
denn so ich das täte, da könnte an mir das, was ich in dieser Nacht geträumt
habe, wohl zur vollen und lebendigen Wahrheit werden. Daher mögen sich die
Weltlinge im Brandschutte herumtummeln, wie sie es nur immer wollen, und
sollten sie sich auch meinen Teil zueignen; mir ist nun Deine Gegenwart endlos
lieber denn alle Schätze der Erde. Daher wolle Du gnädigst doch nur noch über
den Mittag hier verweilen!“
[GEJ.09_095,06] Sagte Ich: „Aus Liebe zu
euch, weil auch ihr Mich liebet, will Ich wohl noch über den Mittag hier
verweilen! Du aber gedenke nur stets Deines Traumes, und bleibe Deinem Vorsatze
getreu, so wirst du bald im helleren Lichte wandeln! Was du aber von deinem
irdischen Schatze noch vorfinden wirst, das nimm und verteile alles an die
Armen, und Ich werde dir darum einen andern Schatz aus den Himmeln zukommen
lassen! Wer in Meinem Namen vieles gibt, dem werde auch Ich vieles geben; wer
aber in Meinem Namen alles gibt, dem werde auch Ich alles geben für die
Ewigkeit!“
[GEJ.09_095,07] Auf diese Meine Worte sagten
der Wirt und der Pharisäer: „Herr und Meister, warum sagtest Du das denn nicht
auch uns?“
[GEJ.09_095,08] Sagte Ich: „Ihr wisset es ja
ohnehin schon, was ihr zu tun habt! Wer den guten Willen hat, der hat auch
schon das Werk für sich. So ihr der Armen wegen gute Hauswirte machet, da tut
ihr auch so viel, als hättet ihr alles hergegeben, und Mein Segen für euch wird
nicht unterm Wege verbleiben. Gedenket vor allem der armen Witwen und Waisen,
und Ich werde euer gedenken und euch nicht als Waisen auf dieser Erde belassen,
sondern im Geiste bei euch verbleiben fortan! Aber nun sieh, du Wirt, wie es
mit dem Mittagsmahle steht!“
[GEJ.09_095,09] Darauf eilte der Wirt schnell
in die Küche und sah nach, wie es mit der Bereitung des Mittagsmahles stehe. Es
stand damit ganz gut, und der Wirt beeilte sich denn auch, um den Tisch neu zu
decken.
[GEJ.09_095,10] Ich aber sagte: „Laß das, –
diese Schüsseln, die noch vom Morgenmahle her auf dem Tische stehen, sind noch
nicht so verunreinigt, daß man aus ihnen die Mittagsspeisen nicht sollte
genießen dürfen; was für Mich rein ist, das sei auch für euch rein!“
[GEJ.09_095,11] Da nahm aber der Wirt dennoch
reine Tücher und reinigte die völlig leeren Schüsseln; denn Meine Jünger
verstanden sich wohl aufs vollkommene Leeren der Schüsseln. Darauf nahmen der
Wirt und seine Diener die gereinigten Schüsseln, gingen damit in die Küche und
brachten bald darauf eine Menge der wohlbereiteten Fische, und so auch des
Brotes und mehrere Krüge voll des Wunderweines; und wir fingen denn auch
sogleich an, das Mahl zu genießen.
[GEJ.09_095,12] Während des Essens wurde noch
über so manches gesprochen, was auch schon bei andern Gelegenheiten besprochen worden
ist und daher – nota bene – nicht abermals erzählt zu werden braucht.
[GEJ.09_095,13] Als wir aber mit dem Mahle zu
Ende waren, da kamen ein paar von jenen Pharisäern in den Speisesaal, welche
den ganzen Vormittag ihre Schätze aus dem Brandschutte ausgesucht und in
sichere Verwahrung gebracht hatten.
[GEJ.09_095,14] Diese verwunderten sich sehr,
als sie den einen Pharisäer und sogar den Schriftgelehrten an unserem Tische
ganz wohlgemut speisen sahen, und sagten zum letzteren (die Pharisäer): „Oh,
ihr machet es euch ja ganz bequem! Wir arbeiten draußen den ganzen Vormittag,
um noch etwas von den durch Feuer zerstörten kostbaren Schätzen aufzufinden und
in Verwahrung zu bringen, und ihr lasset euch da um uns ganz unbekümmert
wohlgeschehen! Wohin gehört denn solch euer Benehmen?“
[GEJ.09_095,15] Sagte der Schriftgelehrte,
ganz erbost über diese Anrede: „Höret! Erstens haben wir das, was wir unser
nennen durften, schon lange ganz in der vollsten Ordnung und sehen nun ganz und
gar nicht ein, warum wir euch auch das Eurige hätten aufsuchen und in Ordnung
bringen helfen sollen, da auch euch es noch niemals eingefallen ist, uns mit
etwas behilflich zu sein. Und zweitens haben wir bei dieser Gelegenheit einen
ganz andern Schatz nebenher entdeckt und gefunden, der uns nun ums Endlose
lieber ist als all euer zusammengerafftes Gold und Silber; doch von diesem
Schatze werdet ihr schwerlich je Besitzer werden. Und drittens haben wir hier
einen wahren Lebenswein zum Genießen bekommen, wie eure vielsüffigen Kehlen noch
niemals etwas zum Verkosten bekommen haben werden! Und so sind wir beide nun
ganz wohl versorgt in allem und jedem und haben euch darob keine Rechnung zu
legen. Wenn ihr mich verstanden habt, so könnet ihr euch alsbald wieder dahin
zurückwenden, von woher ihr wahrlich ganz unberufenermaßen gekommen seid!“
[GEJ.09_095,16] Als sich die beiden Pharisäer
gegen diese Antwort streng aufzuhalten anfangen wollten, da erhob sich der
Wirt, der als ein Samariter und römischer Bürger mit den Pharisäern niemals
viel Aufhebens machte, und sagte: „Hier bin in irdischer Beziehung noch ich der
Herr, und es ist mir ein jeder friedliche Gast lieb, wert und teuer, ob er nun
ein Heide oder ein Jude ist; denn der Heide hat sich nicht selbst zum Heiden
und der Jude sich wahrlich nicht selbst zu einem Juden gemacht. Aber wenn mir
solche Stänker über die Schwelle meiner Haustür kommen, so braucht es gar nicht
zu besonders viel, um mich zum Gebrauche meines alten Hausrechtes zu nötigen!
Wollt ihr etwas zu essen und zu trinken, so begebet euch in euer gewöhnliches
Speisegemach, und verlanget, was ihr wollet, und es wird euch das Verlangte
auch alsbald verabreicht werden. Aber hier habt ihr nichts zu tun, nichts zu
reden und nichts zu schaffen; denn dies ist keine jüdische, sondern eine römische
Herberge, in der alle Reisenden gleich behandelt und bedient werden.“
96. Kapitel
[GEJ.09_096,01] Als die beiden den Wirt also
reden hörten, da machten sie eben nicht viel Gegenbemerkungen mehr, sondern
kehrten uns bald den Rücken und begaben sich in ihr Speisegemach, in welchem
auch schon ein paar andere auf sie warteten.
[GEJ.09_096,02] Denen erzählten sie, wie sie
vom Schriftgelehrten, und namentlich vom Wirte, behandelt worden seien.
[GEJ.09_096,03] Ihre Gefährten aber sagten:
„Den Wirt kennen wir gar lange schon als den stolzesten und eigensinnigsten,
und so machen wir uns denn aus seiner angeborenen Roheit auch nichts. Wir sind
nur noch froh, daß wir unsere guten Sachen von Wert zum größten Teil
aufgefunden und in gute Verwahrung gebracht haben, und können uns nun ganz wohl
geschehen lassen.
[GEJ.09_096,04] Sonderbar aber ist es
immerhin, daß der eine von uns und auch der Schriftgelehrte, die sich am
meisten an den Nazaräer gehalten haben, ihre Schätze nach ihrer Aussage ganz
unversehrt erhielten, und der Pharisäer Joram sogar seine Wohnung! Auch des
Schriftgelehrten Wohnung ist nur insoweit beschädigt, daß die Zimmerdecke hie
und da durchgebrannt erscheint; die Tür in sein Wohngemach aber scheint vom
Feuer wenig gelitten zu haben, und so werden auch seine Schätze sicher weniger
gelitten haben!“
[GEJ.09_096,05] Sagte ein anderer: „Sei ihm
nun schon, wie ihm wolle; in etlichen Monden ist unsere Synagoge schon wieder
ganz in der Ordnung, und wir haben zum Leben noch mehr als zur Genüge. Lassen
wir uns in unserem gegenwärtigen Vergnügen durch keine Seitenbetrachtungen mehr
stören!“
[GEJ.09_096,06] Darauf verlangten sie Fische
und Lammfleisch, ungesäuertes Brot und Wein, den ein echter Jude trinken darf,
– was sie denn auch sogleich bekamen und sich dabei ganz unbesorgt
wohlgeschehen ließen.
[GEJ.09_096,07] Wir aber waren mit unserem
Mahle auch zu Ende, und der Wirt fragte Mich, ob er den zwei Pharisäern doch
vielleicht zuviel gesagt habe.
[GEJ.09_096,08] Sagte Ich: „Sorge du dich
darum nicht; denn die haben einen guten Magen und können viel vertragen, wenn
sie dabei nur die Aussicht haben, in ihren Interessen nicht zu kurz zu kommen!
Wenn diese beiden, die Ich nun auch schon zu den Meinigen zähle, klug sind, so
kann es ihnen gelingen, auch die andern auf ihre Seite zu bringen.
[GEJ.09_096,09] Aber jetzt ist die Zeit
vollends gekommen, wo Ich mit Meinen Jüngern fortziehen muß; denn Ich sehe es,
wo Ich bald einzutreffen habe. Werdet aber darum nicht irgend traurig, denn nur
dem sichtbaren Leibe nach verlasse Ich euch; aber Meinem allwirkenden Geiste
nach bleibe Ich bei euch, so wie bei jedermann, der an Mich glaubt, Mich liebt
und nach der empfangenen Lehre lebt und handelt. So ihr irgendeinen Zweifel in
euch noch verspüret, so wendet euch im Herzen nur an Mich, und Ich werde die
Antwort auf eure Zunge legen. Und so denn bleibet in Mir, und Ich werde in euch
bleiben!“
[GEJ.09_096,10] Hierauf versprachen Mir alle
auf das feierlichste, tätigst in Meiner Lehre bis an ihr irdisches Lebensende
zu verharren und Mich in ihren Herzen zu behalten und gegen jede Anfeindung und
arge Verfolgung zu verteidigen.
[GEJ.09_096,11] Darauf erhob Ich Mich schnell
mit Meinen Jüngern und zog auf der geheimen Straße gen Kana weiter; denn Ich
wollte des Aufsehens wegen nicht durch den Markt ziehen, weil das Weib noch
immer auf Mich wartete, um in Mir den zu sehen, der ihre Tochter am Morgen
sehend gemacht hatte.
[GEJ.09_096,12] Das Weib hatte sich zwar
schon den ganzen Vormittag nach Mir in mehreren Häusern erkundigt, konnte aber nirgends
eine rechte Kunde erhalten, und so hatte sie sich mit dem Mägdlein auf die
Lauer am Platze aufgestellt, aber natürlich fruchtlos. Der Wirt aber fand das
Weib samt dem Mägdlein, nahm beide in sein Haus auf und verpflegte sie bestens.
Das Mägdlein diente ihm im Orte als ein triftiger Beweis von dem, was Ich im
Orte gewirkt habe; denn die zehn gereinigten Aussätzigen waren schon lange, wie
man sagt, über Berg und Tal, und der geheilte Oberknecht des Wirtes konnte, als
ein geheilter Gichtkranker, eben für die Weltverständigen auch nicht als ein
besonderer Beweis von Meiner Wunderkraft vorgestellt werden, weil es denn doch
Fälle gegeben hatte, wo dergleichen Gichtkranke am Ende auch durch gute
Arzneien, an denen es damals weniger denn – nota bene – in dieser Zeit gebrach,
geheilt wurden.
[GEJ.09_096,13] Aber ein blindgeborenes
Mägdlein, das in der ganzen Gegend als solches nur zu bekannt war, hatte ein
viel stärkeres Gewicht; und so war am Ende dieses Mägdlein samt ihrer Mutter
dem Wirte, dem Joram und dem Schriftgelehrten als Beweis Meiner göttlichen
Macht lieber denn alle die andern Zeichen, von denen sie wohl zu reden, aber
keine so handgreiflichen Beweise mehr darzustellen imstande waren.
[GEJ.09_096,14] Dieses Mägdlein, zugleich
sehr schön von Gestalt, hat zehn Jahre später auch noch ein ungewöhnlich großes
Erdenglück gemacht. Denn es war dem bekannten Kado in Jericho sein Weib
gestorben; er kam in diese Gegend, lernte sie kennen und nahm sie aus Liebe zu
Mir zum zweiten Weibe. Und so hat Meine Gnade, dem sie zuteil wird, auch in der
diesirdischen Beziehung stets ihre guten Folgen.
[GEJ.09_096,15] Joram, der zuerst bekehrte
Pharisäer und der Schriftgelehrte, der Boz hieß, hatten in kurzer Zeit auch die
andern Pharisäer auf ihre gute Seite gebracht, wozu freilich das geheilte
Mägdlein und später der Freund Kado sehr vieles beigetragen haben.
[GEJ.09_096,16] Mit dem wollen wir die kleine
Geschichte von diesem Markte denn auch vollends als beendet ansehen und nun
wieder zu uns selbst zurückkehren und sehen, wie es uns auf unserer Weiterreise
nach Kana ergangen ist!
97. Kapitel – Der Herr in Kana. (Kap.97-113)
[GEJ.09_097,01] Der Weg von dem nun schon
sehr bekannten Markte war ein noch sehr gestreckter. Ein guter Fußgänger hätte
ihn kaum in einem vollen Tage zurückgelegt; wir aber benötigten, nach unserer
oft stark wunderbaren Art zu reisen, nur drei Stunden dazu. Wir kamen denn gen
Abend in Kana an und nahmen Herberge beim selben Wirte, bei dem Ich bei
Gelegenheit einer Hochzeit auf die Aufforderung Meiner Gebärerin Maria zum
ersten Mal offen das Wasser in Wein verwandelt habe.
[GEJ.09_097,02] Als der Wirt Meiner ansichtig
ward, war er beinahe außer sich vor Freude und gab Mir einen ordentlichen
Verweis darob, daß Ich Mich bei ihm schon so lange nicht wieder habe sehen
lassen.
[GEJ.09_097,03] Ich aber sagte zu ihm: „Weil
es mit und bei euch allen, die ihr hier zu Hause seid, keine Not gehabt hat, so
kam Ich denn auch nicht in diese Gegend; nun ist aber bei euch eine kleine Not
eingetreten, und so kam Ich zur rechten Zeit, um euch allen zu helfen.“
[GEJ.09_097,04] Sagte der Wirt: „O du lieber
Herr und Meister, die Not dauert bei mir schon über ein Jahr fort, und ich habe
mich schon mehrere Male teils im Herzen an Dich gewendet, und teils habe ich
mich bei Deinen Brüdern und bei Deiner gegenwärtig zumeist in Kis weilenden
Mutter angelegentlichst nach Dir erkundigt; aber Du schienst die frommen
Wünsche meines Herzens nicht zu vernehmen, und von Deinem irgendwoigen
Aufenthalte war auch nichts zu vernehmen, und so mußte ich die große Not meines
Hauses im Namen des allmächtigen Gottes denn bisher ruhig ertragen. Ich weiß
zwar nicht um den Grund, warum ich von Gott dem Herrn so hart heimgesucht
worden bin; aber nun bitte ich Dich, daß Du, lieber, guter Heiland, mir helfen
möchtest.
[GEJ.09_097,05] Das Weib ist von der Gicht
geplagt, und die Kinder leiden an bösen Fiebern, und zwei meiner besten und
treuesten Knechte liegen am bösen Aussatz schon über ein halbes Jahr danieder, und
ich muß meine Wirtschaft zum größten Teil um einen teuren Lohn von fremden
Arbeitern bestellen lassen. Und das wird doch eine Not sein, besonders da ich
selbst auch nicht mehr zu den gesunden Menschen zu zählen bin!
[GEJ.09_097,06] O Du liebster Herr und
Meister, seitdem, als du bei einer hier gefeierten Hochzeit ein erstes Zeichen
auf Verlangen Deiner Mutter gewirkt hast, ist es in meinem Hause so groß anders
geworden! Wenn Du mir nicht helfen wolltest, so gehe ich in Kürze geistig und
auch diesirdisch zugrunde!“
[GEJ.09_097,07] Sagte Ich: „Das wußte Ich
wohl, daß bei dir die Not groß geworden ist, und da Ich dein oftmaliges Flehen
um Abhilfe wohl vernommen habe, so kam Ich denn nun auch, wo bei dir die Not
einen sehr hohen Grad erreicht hat, um dir die rechte Hilfe zu bringen. Ich
hätte auch schon früher zu dir kommen können, aber da fehlte es dir noch sehr
am lebendigen Glauben und Vertrauen; als du aber nach Kis zu Kisjonah kamst, da
erst bekamst du ein rechtes Licht über Mich und gelangtest auch zum rechten
Glauben und Vertrauen auf Mich, und also kam Ich denn auch, um dir alle Hilfe
zu bringen. Und so will Ich denn nun, daß da alles, was in deinem Hause krank
ist, samt dir so gesund sein soll, als hätte nie jemandem je etwas gefehlt.
Gehe nun hin zu allen deinen Kranken, und sage es ihnen!“
[GEJ.09_097,08] Da eilte der Wirt zu allen
und fand sie alle völlig gesund also, daß sie sich von ihren Lagern
aufrichteten, frische Kleider anzogen, zu Mir kamen und Mir dankten.
[GEJ.09_097,09] Da es aber schon sehr stark
abenddämmerlich geworden war, so sagte Ich zum vor Freude weinenden Wirte: „Da
Deine Hausnot nun beseitigt ist und Ich diese Nacht in deinem Hause bleiben
werde, so sehet nun, daß Ich und Meine Jünger ein Nachtmahl bekommen. Laß uns
Fische bereiten und dann etwas Brot und Wein auf den Tisch setzen!“
[GEJ.09_097,10] Als der Wirt solchen Meinen
Wunsch vernommen hatte, da ward alles in die freudigste Bewegung gesetzt, um
Meinem Wunsche zu entsprechen. Es dauerte kaum eine volle Stunde Zeit, so war
das Nachtmahl auch schon bereit, ward auf den Tisch gebracht, und Ich sagte zum
Wirte: „Siehe, dort ist noch ein Tisch! Laß nun alle Geheilten sich zu jenem
Tische setzen, und sie sollen das essen, was wir essen, jeglicher nach seinem
Bedarfe, und sollen auch den Wein trinken und das Brot essen, auf daß sie
wieder recht kräftig werden!“
[GEJ.09_097,11] Als Ich das gesagt hatte, da
fielen alle die Geheilten vor Mir auf ihre Knie nieder und sagten: „O Herr, wir
sind solch einer Gnade nicht würdig! Daher möchten wir lieber in unserer Stube
ein mäßiges Nachtmahl zu uns nehmen an unserem alten Dienstbotentische; aber
nicht unser, sondern nur Dein allein heiliger Wille geschehe!“
[GEJ.09_097,12] Sagte Ich: „Höret, eure
gerechte Demut und Bescheidenheit gefällt Mir und frommt eurer Seele; aber
dessenungeachtet bleibet ihr hier! Denn ihr habt viel mit Geduld und mit voller
Ergebung in den Willen Gottes gelitten und habt euch dadurch als wahre Helden
im Glauben und Vertrauen auf Gott erwiesen und seid darum denn auch würdig, als
Begnadigte des Herrn in Seiner nächsten Nähe euch zu stärken; und so setzet
euch nun nur ganz wohlgemut an jenen Tisch, und esset und trinket, was euch
aufgesetzt wird auf den Tisch!“
[GEJ.09_097,13] Als die Geheilten, mit
Ausnahme des Weibes, das in der Küche beschäftigt war, das von Mir vernommen
hatten, da erhoben sie sich voll Ehrfurcht vom Boden, dankten Mir und begaben
sich ruhig an ihren Tisch, der so wie der unsrige schon mit Speisen, Wein und
Brot recht wohl besetzt war. Wir fingen denn darauf auch gleich an, zu essen
und den recht reinen und guten Wein zu trinken, und also taten auch die
Geheilten.
[GEJ.09_097,14] Wir aßen und tranken nun ganz
wohlgemut, und Meine Jünger gaben recht vieles der wahrlich recht frommen
Gesellschaft zum besten, was wir alles auf unseren Kreuz- und Querzügen erlebt
hatten. Das vergnügte unsere kleine Gesellschaft außerordentlich, und es ward
dabei viel Gemütliches von beiden Seiten gesprochen, und ebenso ward dabei auch
viel geweint.
[GEJ.09_097,15] Aber das gewisserart
Bemerkenswerte war das, daß unser nur schon zu bekannter Judas Ischariot auf
einmal ganz bedeutende Gegenbemerkungen zu machen anfing.
98. Kapitel
[GEJ.09_098,01] Der Wirt sagte zu ihm (nota
bene, Ich will euch Neusalemiten das ein wenig umständlicher kundtun): „Freund,
du bist ein Jünger des Herrn und bist von Profession, insoweit ich dich vermöge
deiner stets allerschlechtesten Töpferprodukte nur zu gut kenne, also auch
nichts anderes als ein Töpfer! Wie aber du in die Gesellschaft dieses Herrn und
Meisters, also so gut wie in die vollendetste Gesellschaft Gottes des Herrn,
gekommen bist, darüber würde uns auch der Erzengel Michael selbst die Antwort
vollends schuldig bleiben!“
[GEJ.09_098,02] Sagte Judas Ischariot: „Ja,
Freund, du hast recht, gegen mich eine solche Rede zu erheben! Ich bin ein
Töpfer wohl, und bin wahrlich nicht unbewandert in der Schrift! Moses und die
Propheten habe ich trotz eines Schriftgelehrten im kleinen Finger und weiß es
sicher recht wohl, in wessen Gesellschaft ich mich befinde. Ich reise wahrlich
nicht mit, um etwas Weltliches zu gewinnen – was bei den obwaltenden
Weltverhältnissen doch jedermann gestattet sein sollte –, sondern allein des
Erfolges wegen, ob der Prophet Jesajas in seinen Weissagungen wohl keine Unwahrheit
geredet und geschrieben hat! Denn auch ich bin, obwohl der Kunst nach ein
Töpfer, ein Schriftgelehrter und fand nach meiner stets mehr stillen
Beobachtung an diesem wahren Gottmenschen alles als vollkommen wahr bestätigt,
was der genannte Prophet und auch die andern Propheten von Ihm geweissagt
haben.
[GEJ.09_098,03] Ich habe aber auch noch ein
gutes Gedächtnis und weiß um ein jedes Wort, was eben der Herr wider mich schon
bei mehreren Gelegenheiten geweissagt hat. Kurz und gut, – ich bin ein Teufel
in der Gesellschaft der Jünger des Herrn, den ich als das auch trotz jedes
andern anerkenne; denn die Zeichen, die Er wirkt, hat noch niemals ein
natürlicher Mensch gewirkt. So ich aber das gleich allen andern anerkenne und
fest glaube, da frage ich: Warum bin ich denn ein Teufel?
[GEJ.09_098,04] Gut, so ich einer bin, so bin
ich einer und muß auch einer sein! Wenn man aber schon einmal etwas sein muß,
was man im Grunde nie hat sein wollen, – bin ich an all dem dann wohl
Schuldträger? Kurz und gut, die Sache wird mir nun auf einmal zu toll und zu
bunt! Ich bin nun schon bei zwei und ein halb Jahren gleich allen andern ein
erster Jünger des Herrn, – und ich muß zu einem Teufel der Hölle werden! Aber
nein, das geschieht aber nun ganz und gar nicht; denn ich weiß es nun wohl, was
auf der ganzen Erde ich zu tun habe, um kein Teufel zu werden.
[GEJ.09_098,05] Ja, in der Zeit, als der Herr
mir ein solches Zeugnis gab, war ich vor Ihm auch sicher das; denn Er allein
prüfet der Menschen Herz und Nieren. Er wußte es demnach auch, wie es mit mir
stand, und Er wird es auch wissen, wie es nun mit mir steht. So Ich in Seine
Gesellschaft nicht tauge, so hat Er auch der Macht in der höchsten Genüge, mich
auf der Stelle zu entfernen. Er allein ist der Herr und kann tun, was Er will,
und niemand kann zu Ihm sagen: ,Herr, warum tust Du das?‘; aber von einem
Menschen, vollends meinesgleichen, lasse ich mich wahrlich ungern
zurechtweisen! Denn ein jeder Mensch hat seine Schwächen und hat mit sich zu
tun zur Genüge, um in die rechte Ordnung zu gelangen, und soll, solange er noch
mit seinen eigenen Schwächen zu kämpfen hat, seinen Nächsten in Ruhe lassen und
sich nicht über dessen Fehler lustig machen, nicht ihn vor der Welt
verkleinern.
[GEJ.09_098,06] Ich kenne Moses und die
Propheten und kenne nun auch die Lehre des Herrn, in der alles bestätigt wird,
was alle die Propheten von Adam, Sehel und Henoch an von Dem, der nun unter uns
sitzet, geweissagt haben, – und so denn weiß ich auch, was ich zu tun und zu
lassen habe. Ich möchte nur das wissen, warum ich stets unter uns Jüngern des
Herrn als ein letzter zumeist mit unfreundlichen Augen angesehen werde, als
wäre ich im vollen Sinne des Wortes ein Teufel unter ihnen!“
[GEJ.09_098,07] Sagte der Wirt nun: „Freund,
du bist nun wohl über mich am meisten nur deshalb erregt worden, weil ich in
meinem Frohsinn dich gefragt habe, wie es denn gekommen ist, daß auch du ein
bleibender Jünger des Herrn geworden bist! Ich habe dich darum nicht irgend in
etwas zurechtweisen wollen und wußte auch von dem durchaus nichts, daß dich der
Herr irgendeinmal mit einem Namen bezeichnete, den ich selbst nicht wieder
aussprechen will. Ich drückte nur meine Verwunderung darum über dich aus, weil
ich dich ehedem in deinem bürgerlichen Handeln und Walten dahin nur zu gut
gekannt habe, wie du trotz deiner Schriftgelehrtheit es mit der Haltung der
Gebote Gottes eben niemals zu genau und strenge genommen hast.
[GEJ.09_098,08] Wenn man mit dir redete, da
wußtest du wohl alles besser als irgendein anderer; aber so man dich deines oft
wohl sehr unlöblichen Handelns wegen befragte, ob du selbst wohl das auch als
eine unbestreitbare Wahrheit glaubest, da sagtest du: ,Gott hat nie jemand
gesehen, noch gehört Seines Mundes Stimme, aber Menschen von verschiedenen
Talenten und Fähigkeiten hat es zu allen Zeiten gegeben; und Moses und alle
Propheten waren auch nur Menschen, mit denen wir selbst niemals geredet haben.
Was sie gelehrt und aufgezeichnet haben, war gut für ihre Zeiten; aber die
Zeiten haben sich bis auf uns herab gewaltig geändert und wir und unsere
Bedürfnisse in und mit ihnen, und so taugen für uns denn Moses und die
Propheten in gar vielen Stücken nicht mehr. Und wer das aus den selbstgemachten
Erfahrungen nicht anerkennt, der betrügt sich selbst, indem er um die Erreichung
des einst zu erwartenden Himmels, von dem man nicht die geringste Gewißheit
hat, sein Erdenlebensglück mit den Füßen zertritt!‘ Siehe, Freund, daß auch ich
noch ein gutes Gedächtnis besitze!
[GEJ.09_098,09] Ich kenne dich also gar wohl,
und deine Lebensgrundsätze sind mir nicht fremd geblieben, und eben das hat
denn auch meine Verwunderung über dein Verweilen in dieser allerhöchst
geehrtesten Gesellschaft hervorgerufen; denn du warst in deinem Glauben schon
ein vollkommener Sadduzäer und hast dir auch die Hundsweisheit der Griechen zu
eigen gemacht, von der du oft sagtest, daß sie der Natur des Menschen am
meisten zusagen möchte, so man schon als ein Kind nach ihr gebildet werden
würde.
[GEJ.09_098,10] Sage du nun selbst, ob es
mich nicht wundernehmen solle, daß auch du ein bleibender Jünger des Herrn
geworden bist und dein früheres Geschäft aufgegeben hast, das dir viel Geld
eintrug, obschon deine Geschirre niemals die besten waren, – warum, das wirst
du als Sachverständiger wohl am besten wissen! Aus dem aber geht doch klar
hervor, daß ich niemals die Absicht hatte, dich irgend verkleinern und noch
weniger zurechtweisen zu wollen.
[GEJ.09_098,11] Warum du dich selbst aber
stets als einen Letzten unter den Jüngern des Herrn ansiehst und betrachtest, das
ist deine Sache; ich merke aber hier wahrlich nicht, daß dir vor den andern
Jüngern irgendein minderer Rang zugedacht ist.
[GEJ.09_098,12] Aber das ist so meine
Meinung, daß solche Gedanken nur in eines solchen Menschen Gemüt entstehen
können, der, in sich von einem gewissen Hochmutsdünkel getrieben, stets gerne
lieber ein Erster und Angesehenster in dem, was er bekleidet, sein möchte, als
irgendein Letzter und Untergeordneter. Ein Mensch aber, der schon überglücklich
ist, in solch einer Gesellschaft der Letzte der Letzten und der Diener der
Diener des Herrn sein zu können, wird sich sicher niemals darüber beklagen und
in sich darob auch keine geheime Kränkung empfinden, weil er sich in der
Gesellschaft als ein Letzter betrachtet!
[GEJ.09_098,13] Soweit ich nun den Sinn der
Lehre des Herrn erkenne, über die ich mit dem Kisjonah und mit dem Philopold
von dem benachbarten Orte Kane an der in unser Land stark einmündenden
Landspitze von Samaria vieles gesprochen habe, wie auch erst vor ein paar
Wochen mit zwei von Jerusalem ausgesandten Jüngern, die ich in Kapernaum
antraf, so ist eben der Sinn der Lehre die vollste Demut, Sanftmut und
Selbstverleugnung, ohne welche Gemütseigenschaften keine wahre und reinste
Liebe zu Gott und zum Nächsten denkbar ist.
[GEJ.09_098,14] Ein Mensch aber, der noch
durch die Schwächen seiner Nebenmenschen gekränkt und beleidigt werden kann,
ist noch nicht auf jenen wahren Lebenspunkt gedrungen, auf dem der Herr von ihm
sagen möchte oder könnte: ,Siehe, das ist der Mann nach Meinem Herzen!‘
[GEJ.09_098,15] Ich habe dir jetzt meine
Meinung offen mitgeteilt, und das darum, weil du mich dazu genötigt hast; nun
kannst du wieder deine Bemerkungen machen, so du dagegen welche machen kannst!“
[GEJ.09_098,16] Judas Ischariot fühlte sich
durch die höchst kluge Rede des Wirtes sehr getroffen und wußte zuerst nicht,
was er ihm hätte entgegnen sollen.
[GEJ.09_098,17] Nach einer Weile erst sagte
er (Judas Ischariot): „Ja, ja, du sollst recht haben; denn wahrlich, du bist in
den Geist der Lehre tief eingedrungen! Aber so der Herr zu dir nun sagte: ,Du
bist ein Teufel!‘, wie würde dir solch ein Zeugnis aus Seinem Munde schmecken?“
[GEJ.09_098,18] Sagte der Wirt: „Freund, so
der Herr mir ein solches Zeugnis gäbe, so würde ich zu Ihm in meinem Herzen
sagen: ,O Herr und Meister des Lebens, ich danke Dir, ganz zerknirscht vor
Deiner Herrlichkeit, daß Du mir gezeigt hast, ein wie großer Sünder ich noch
vor Dir bin; ich bitte Dich aber, erweise mir die Gnade und Barmherzigkeit und
treibe den Teufel des Hochmutes, der Lüge und des Betruges und der schnöden
Selbstsucht aus mir, und erfülle mich mit dem Geiste der wahren Demut,
Sanftmut, Selbstverleugnung, der wahren Liebe zu Dir und mit uneigennützigster
Liebe zum Nächsten!‘ Und ich glaube, daß der Herr mir auch solche Gnade zu
erweisen sicher nicht vorenthalten würde, so eine solche Bitte aus dem vollsten
Ernste meines Lebens hervorginge.
[GEJ.09_098,19] Und nun wende ich mich an
Dich, o Herr und Meister, Selbst und bitte Dich, mich gnädigst zurechtweisen zu
wollen, so ich im Verlaufe dieser meiner Worte etwas Unrechtes gesagt habe!“
99. Kapitel
[GEJ.09_099,01] Sagte Ich voll Freundlichkeit
zum Wirte: „Wie hättest du nun etwas Ungerechtes und somit Unrechtes sagen
können, da ja Ich dir die Worte in den Mund und ins Herz gelegt habe? Und so
hast du dem Jünger nun ganz nach Meinem Sinne und in Meinem Namen die volle
Wahrheit unverhüllt ins Gesicht gesagt; wohl ihm, so er sie für sein Leben
beherzigen will!
[GEJ.09_099,02] Oh, Ich weiß es gar wohl, daß
er ein Schriftgelehrter ist, und weiß auch um alle seine anderwärtigen
Kenntnisse und Erfahrungen, in dem allem er allen Meinen andern Jüngern bei
weitem überlegen ist. Aber was nützt ihm alles das, so er nun schon bei zwei
und nahe ein halb Jahren mit Mir nur hauptsächlich darum umherzieht, um Mich in
allem dem, was Ich rede und tue, scharf zu beobachten, ob er am Ende doch etwas
fände, was da nicht mit der Schrift harmoniert. Und in dem findet sein geheimer
und somit noch nicht abgelegter Hochmut und somit auch seine Selbst- und irgend
mögliche Erwerbsucht stets neue Nahrung, darum er denn auch gleichfort bleibt,
wie er ist, und sich von niemand irgend völlig und wahrhaft lebensverbesserlich
zurechtweisen läßt; denn er denkt sich immer: ,Was wollt ihr armen und
ungelehrten Fischer mich belehren, der ich ein Schriftgelehrter bin?‘
[GEJ.09_099,03] Ich aber sage: Ein
Schriftgelehrter sein ist an und für sich ganz wohl und recht; aber Mir ist ein
Mensch, der auch nur weniges aus der Schrift weiß und danach gläubig lebt und
tut, um ein gar Großes lieber denn ein Mensch voll Schriftgelehrtheit, der die
Schrift nur kritisiert, an sie einen schwachen und am Ende gar keinen Glauben
hat und darum auch nicht nach der Schrift lebt und handelt, sondern nur nach
dem Rate seiner Weltvernunft.
[GEJ.09_099,04] Ein Mensch, der einmal von
dem Dünkel seines vielen Wissens sich aufgebläht hat, ist so gut wie alle die
hochweisen Juden und Pharisäer und Schriftgelehrten in Jerusalem im Geiste
blind, und das also, daß er am hellsten Tage den Wald vor lauter Bäumen nicht
sieht, ihn daher auch noch immer sucht und inmitten desselben fragt: ,Ja, wo
ist denn der Wald, den ich suchte und sehen wollte?‘
[GEJ.09_099,05] Ist es etwa nicht ebenso in
geistiger Beziehung mit dem Menschen, der mitten im Leben zu fragen anfängt, ob
er wohl lebt, und worin denn sein Leben besteht?
[GEJ.09_099,06] Tor! Deine Haut und dein
Fleisch und die ganze dir gleiche Außenwelt wird dir das freilich wohl nicht
sagen können, weil das alles in sich kein Leben, sondern nur eine Wirkung des
Lebens ist! Gehe aber in dein Inneres hinein durch den Glauben, durch die
Liebe, durch die Demut, Sanftmut und wahre Selbstverleugnung, und werde dadurch
zum Selbstleben mit dem Leben aus Gott in dir, dann wirst du schon erfahren,
daß du wahrhaft lebst, und was das Leben ist!
[GEJ.09_099,07] Warum suchen denn die
Menschen das Gold nicht in dem tauben Gestein, sondern dringen an einer Stelle,
wo sie Spuren dieses Metalls entdeckten, in das Innere der Berge und sammeln sich
darin große Schätze? Tun aber die Menschen das ohne Furcht und Scheu zur
Gewinnung der irdischen Schätze, die in sich tot sind und gar vielen auch den
Tod bringen, warum tun sie das denn in und mit sich nicht zur Gewinnung des in
ihnen verborgenen Lebensgoldes? Haben sie ja doch schon auf ihrer Haut die
deutlichsten Spuren des inneren und wahren Lebensgoldes.
[GEJ.09_099,08] Wer einmal da ist und lebt,
sich aber als eine noch unreife Lebensfrucht noch nicht auskennt, wie und warum
er da ist und lebt, der stelle sich tätig dem Lichte aus Gott entgegen, lasse
sich von ihm kräftig erleuchten und im Herzen erwärmen, so wird er dadurch zur
inneren Löse und wahren Lebensreife gelangen. In dieser wird er dann schon wohl
erkennbar gewahr werden, wie und warum er da ist und lebt, und was und wer das
Leben in ihm ist!“
100. Kapitel
[GEJ.09_100,01] (Der Herr:) „Der Mensch, wie
er sich noch so lebensblind und unreif in der Welt bewegt, gleicht einem
Weizenhalme, wie dieser aus dem Keime sich zu entwickeln anfängt. So er erst
eine Spanne hoch über dem Boden der Erde unter der Einwirkung der Sonne
gewachsen ist, so merkt man noch nichts von einer Fruchtähre; aber unter der
stets kräftiger werdenden Einwirkung der Sonne wird auch bald die Ähre
ersichtlich, wird voller und vollkommener, blüht, setzt das Korn an, und dieses
reift am Halme und in den Hülsen der Ähre zur festen und lebentragenden
Weizenkornfrucht, die in ihrer Vollreife sich ganz vom Halme und ebenso von der
Hülse völlig löst und für sich frei befindet.
[GEJ.09_100,02] Ist das Korn einmal zur
vollen Reife gelangt, dann stirbt der Halm und die Ähre. Warum denn? Weil all
sein früheres Außenleben sich in das wahre, innere Fruchtleben im Korne begeben
hat, in welchem sich nun auch die Wurzeln und der emporwachsende Halm in jedem
Stadium seines Wachsens und Vollkommenerwerdens bis zur vollen Reife nicht nur
einfach, sondern gleich unendlichfältig befinden, ansonst ein in die Erde
gelegtes Korn nicht wieder alles in stets vervielfachterer Anzahl zum Vorschein
bringen könnte, was zum Wachsen und Reifwerden des Weizens erforderlich ist.
[GEJ.09_100,03] Habt ihr aber auch schon
einmal erlebt, daß im starren und kalten Winter unter dem schwachen Lichte der
Sonne, des Mondes und aller Sterne ein Weizenhalm aus der Erde bis zu seiner
Vollreife samt Ähre und Korn erwachsen ist? Sowenig aber das im Winter möglich
ist, sowenig ist auch das möglich, daß ein Mensch unter den zahllos vielen und
verschiedenartigen Lichtlein der so hochgepriesenen Weltweisheit je zur wahren,
inneren Lebensreife und Löse gelangen kann! Es muß über ihn der Lebenssommer
mit dem vorangehenden Frühling kommen, der in dem durch die Tat stets
lebendiger werdenden Glauben, wie der alle Früchte zur Vollreife bringende
Sommer in der stets mächtiger werdenden Liebe zu Gott und daraus auch zum
Nächsten besteht.
[GEJ.09_100,04] Gott aber, an und in Sich die
Liebe, das Licht und das Leben, ist die wahre Sonne alles Lebens. Wer Gott
stets inniger liebt in aller Tat nach Seinem geoffenbarten Willen, der dringt
in sein Inneres und geht so in den wahren Sommer des Geistes aus Gott über, in
welchem er unter dem Liebelebenslichte und unter dessen Lebenswärme zur wahren
Lebensreife gelangt.
[GEJ.09_100,05] So ihr nun das aus Meinem
Munde vernehmet, so beachtet es wohl und tuet danach, so werdet ihr zur wahren
Lebensreife gelangen! – Habt ihr das nun verstanden, und auch du, Judas
Ischariot?“
[GEJ.09_100,06] Sagte dieser (Judas
Ischariot): „Herr und Meister, du hast nun in klaren Bildern geredet, wir haben
sie auch verstanden, und jeder weiß es nun noch überzeugender denn zuvor, was
er zu tun hat, um in das Reich Gottes in sich zu gelangen; aber es ist dennoch
immerhin keine leichte Arbeit, in sich das zur lebendigen Kraft zu bringen, was
im Menschen noch ebenso unregsam ruht und schlummert, wie in einem Samenkorn
der Keim. Dieses muß erst in ein gutes Erdreich gelegt werden und zuvor völlig
absterben, damit der alles bewirkende Geist im Keime erwachen und die ihm
eigene Tätigkeit nach der eben auch in ihm wohnenden Intelligenz beginnen kann,
ansonst wird aus dem Samenkorn, das in einer Scheune irgend trocken liegt,
trotz des schönsten Frühlings und Sommers niemals ein Halm, eine Ähre und ein
reifes Korn erwachsen!“
[GEJ.09_100,07] Sagte Ich: „Gut, so du das
der vollen Wahrheit nach weißt, so ziehe du den alten, materiellen
Adamsmenschen aus und ziehe den neuen aus Mir an, so wird dann der innere
Mensch in dir schon von sich selbst heraus ebenso tätig werden wie der Geist im
Keime, wenn das ihn umgebende Korn in der Erde verwest und dadurch als Nahrung
und Stärkung in den Keimgeist übergegangen ist!“
[GEJ.09_100,08] Sagte darauf wieder Judas
Ischariot: „Herr und Meister, wie kann man denn den alten Adam ausziehen und
dann einen neuen anziehen? Soll man den Fleischleib denn töten, um dadurch zu
einem geistigen Leibe zu gelangen?“
[GEJ.09_100,09] Sagte Ich: „Wie aber kann
einer Meiner alten und gelehrtesten Jünger zu einem solch überdummen Urteil
gelangen? Wer hat denn davon geredet, daß ein Mensch seinen Leib töten soll, um
dann ein rein geistiger Mensch werden zu können? Deine weltlichen Begierden und
Gelüste, die im Fleische toben und wüten, unterjoche du mit deinem freien
Willen, und trachte nach dem Reiche Gottes in dir nach der euch allen nur schon
zu klar bekannten Weise, so hast du dadurch den alten Menschen ausgezogen und
einen neuen angezogen.
[GEJ.09_100,10] Wenn du aber in einem fort
noch so geheim bei dir an den äußeren Dingen und ihren Reizen hängen wirst und
herumschwärmen in dem engen Bereich deiner irdischen Weisheit und allerlei als
ein Blinder erworbener Erfahrungen, so kann es dir schon noch begegnen, daß der
böse Geist der Welt dich ganz gefangennehmen wird und du ihm als ein
jammervolles Opfer zur Beute wirst mit Leib und Seele.
[GEJ.09_100,11] Wer durch pure Beobachtungen
und nach den Urteilen seines Weltverstandes zur inneren, wahren Weisheit des
Geistes aus Gott gelangen will, der irrt groß, gerät auf Abwege, die voll
Abgründe sind, in die er in der Nacht seines Geistes nur zu bald und leicht
fallen und sich gänzlich zugrunde richten kann.
[GEJ.09_100,12] Leuchten in der Nacht nicht
zahllos viele Lichter am Himmel? Und dennoch kannst du bei ihrer Beleuchtung
keine Schrift lesen! Ebenso kann ein Mensch bei all dem Tausendgeflimmer seiner
mühevoll errungenen Weltwissenschaften und gemachten Erfahrungen die innere
Lebensschrift nicht entziffern.
[GEJ.09_100,13] Wie man aber am Tage beim
Lichte der Sonne jede noch so kleine Schrift wohl lesen kann, so kann ein
Mensch, so durch das Tun nach Meinem Worte die innere Lebenssonne in ihm
aufgegangen ist, dann auch seine innere, wahre Lebensschrift lesen und
verstehen und erkennen die Verhältnisse alles dessen, was in ihm ist und ihn
auch nach allen Seiten nach außen hin umgibt.
[GEJ.09_100,14] Mit dem puren Suchen mit dem mattesten
Schimmerlichte des Weltverstandes findet die Seele im Menschen nicht einmal
sich selbst – und noch weniger ihr Lebensverbandesverhältnis mit dem Leibe und
mit dem Geiste in ihr. Es soll der Mensch wohl den Gehirnverstand ausbilden und
vernünftig denken lernen – aber nicht nach der Weise der Welt, sondern nach der
Weise der wahren Kinder Gottes, wie das wohl ersichtlich ist bei den frommen
Patriarchen und Altvätern –, so wird auch der Gehirnverstand bald und leicht zu
jener Lichtstärke gelangen, gegen die alle Weltweisheit eine große Finsternis
ist.
[GEJ.09_100,15] Betrachtet die erste
Verstandesbildung zum Beispiel nur eines Samuel und eines David, eines Salomo
und noch einer Menge von Menschen! Wo steht unter den noch so Weltgelehrten, sowohl
der Juden als der Heiden, einer, der jenen Männern an Weisheit gleichkäme?
Beachtet demnach das, was Ich Selbst euch zeige, so wird auch der
Gehirnverstand gar wohl in allem erleuchtet werden!“
101. Kapitel
[GEJ.09_101,01] Sagte nun der Wirt: „Herr und
Meister, ich danke Dir nicht nur für mich, sondern auch für alle von Dir
Geheilten meines Hauses für diese Belehrung, durch die wir in den Stand gesetzt
worden sind, uns selbst zu erkennen und also auch das Reich Gottes in uns! Was
wir zu tun haben, das wissen wir nun klarer denn jemals zuvor; und weil wir das
nun wissen, so werden wir auch danach handeln und uns von der Welt nicht mehr
irreführen lassen. Stärke Du mit Deiner Gnade und Liebe unseren Willen, auf daß
auch er stets gleichen Schrittes mit unserem Erkennen der Wahrheit aus Dir
wandle bis an das lichtvollste Ziel unseres Lebens; denn das Erkennen der noch
so lichtvollen Wahrheit genügt nicht, wenn an seiner Seite ein träger und
schwacher Wille einhergeht! Der Wille aber ist die Kraft der Liebe in uns; wie
diese beschaffen ist, ebenso auch der Wille. Daher stärke, o Herr, in uns denn
auch vor allem die Liebe zu Dir und zum Nächsten!“
[GEJ.09_101,02] Sagte Ich: „Deine Bitte ist
eine wahre und gerechte und wird auch die volle Erhörung finden; aber so da ein
Mensch um nichtige und törichte Dinge dieser Welt bittet, da wird er bei Mir
schwerlich eine volle Erhörung finden. Darum sei du nun voll Trostes; in deinem
Handeln wirst du auch die volle Erhörung deiner Bitte finden; und also auch
alle, die du in deine Bitte eingeschlossen hast. Denn Mir ist das allzeit
wohlgefällig, so da aus purer Liebe jemand zu Mir mit einer gerechten Bitte
kommt; diese soll niemals unerhört bleiben. Aber Bitten und Gebete von solchen
Menschen, die sich als Gottes Diener hoch ehren und preisen und sich für ihr
leeres Bitten und Beten recht unbarmherzig groß und stark bezahlen lassen,
werden bei Mir niemals auch nur die geringste Erhörung finden. Denn was ein
Mensch seinem Nächsten nicht aus wahrer Liebe tut, sondern nur, um vor der Welt
zu glänzen, hat bei Mir keinen Wert.
[GEJ.09_101,03] So du deinem Nächsten eine
Wohltat mit der rechten Hand erweisest, so laß deine Linke nichts davon merken;
Gott, der alles noch so Verborgene wohl sieht, wird es dir schon vergelten!
[GEJ.09_101,04] Wenn jemand sein
überflüssiges Geld ausleiht, so leihe er es nicht denen, die ihm dafür große
Zinsen bezahlen können, sondern denen, die in einer wahren Not stecken, ohne
Zinsen! Und können sie ihm auch das Kapital nicht zurückerstatten, so grolle er
darob nicht und pfände die oft ohne ihre Schuld Verarmten nicht, sondern
erlasse ihnen in aller Freundlichkeit und wahrer Nächstenliebe, was sie ihm
schulden; wahrlich, da werde Ich dem also barmherzigen Gläubiger das Kapital
mit hohen Zinsen zurückerstatten und für ihn einen großen Schatz im
Himmelreiche gründen, von dem er ewig in Hülle und Fülle zu zehren haben wird.
[GEJ.09_101,05] Wahrlich, auch ein Trunk
frischen Wassers, den eure Liebe einem Durstigen dargereicht hat, wird bei Mir
Belohnung finden!
[GEJ.09_101,06] Wenn die Menschen alle also
untereinander lebten und nach dem ihnen schon gar oft geoffenbarten Willen und
Rate Gottes täten, so würde auch niemals eine Not und Bedrängnis und Trübsal
unter ihnen auf dieser Erde entstehen. Alles Elend bereiten sich die Menschen
durch ihren bösen Wuchergeist nur selbst. Zuerst leiden die Kleinen und Armen,
dann aber kommt es tausend Male ärger über die Großen und Mächtigen; denn sie
sind durch ihren Wuchersinn und durch ihre zu himmelschreiend große Herrschsucht
Diebe und Räuber der Völker und haben darum von Mir aus auch zur rechten Zeit
den verdienten Lohn zu gewärtigen.
[GEJ.09_101,07] Sehet euch alle die großen
Reiche der euch bekannten Erde an! Wo sind die einst so mächtigen Könige von
Babylon, von Ninive und von Griechenland, und die mächtigen Ägypter und ihre
Pharaonen? Sie sind verdorret alle; und ebenso wird es auch andern solchen
Großreichen in aller Zukunft ergehen, ihres Wuchers und ihrer zu großen
Herrschsucht wegen! Denn der zu selbstsüchtige Wucher und die zu große Herrsch-
und Glanzsucht der Menschen ist der eigentliche Satan, ein Fürst dieser Welt,
die – weil ohne alles Lebenslicht aus den Himmeln – vollkommen die Hölle selbst
ist, der es wohl gestattet ist, sich wegen der Probung des freien Willens und
seiner Liebe sich bis zu einer gewissen Höhe zu erheben; wird diese Höhe aber
überschritten, so kommt das Gericht, und Hölle und Satan werden in den Abgrund
des Verderbens gestürzt. Darum bleibet denn alle in Meiner Lehre, und kämpfet
mit reiner Liebe, gutem Willen und mit aller Sanftmut und Demut wider die Hölle
und wider den Satan, und ihr werdet dafür des ewigen Lebens Siegeskrone
überkommen und schon auf dieser Erde ein wahres Gottesreich gründen!
[GEJ.09_101,08] Ich bin sonach denn auch nicht
in diese Welt gekommen, um ihr, wie sie ist, Frieden und Ruhe zu bringen,
sondern das Schwert zum Kampfe wider sie, und Ich Selbst bin als die ewige
Wahrheit das Schwert! Und dieses Schwert habe Ich auch euch zum Kampfe wider
die Hölle und alle ihre tobende Macht gegeben. Fürchtet darum diejenigen nicht,
die wohl euren Leib töten, aber der Seele nicht schaden können; so ihr aber
schon jemanden fürchtet, so fürchtet Den, dem alle Macht zu eigen ist im Himmel
und auf aller Materiewelt, und der allein ein Herr und Meister des Lebens ist
und eine mit Sünden erfüllte Seele in den tiefsten Abgrund der Hölle und ihres
ewigen Todes verstoßen kann! – Habt ihr das begriffen?“
[GEJ.09_101,09] Sagten alle: „Ja, Herr und
Meister; aber traurig ist, daß wir Menschen in dieser Welt, die ganz sicher
schon eine vollkommene Hölle ist, den Himmel erkämpfen müssen! Es ist schon gar
oft der Himmel unter den Menschen aufgerichtet gewesen in dieser Welt, währte
aber alle Male nur eine kurze Zeit! Nur zu bald machte sich darauf die alte
Hölle unter den Menschen breit und machte sie zu Teufeln; nur höchst wenigen in
irgendeinem verborgenen Winkel der Erde gelang es, ganz im stillen den Himmel
zu erhalten und zu bewahren. Könnte denn das auf dieser Erde nicht anders
werden? Wird diese Erde für immerdar ein Erntefeld des Todes und ein ewiges
Grab alles dessen, was da atmet und lebt, verbleiben?“
102. Kapitel
[GEJ.09_102,01] Sagte Ich: „Könnte jemand
bestehen mit seinem Leibe auf einer Erde, die nicht aus allerlei Materie und
ihren Elementen bestünde? Was ist aber alle Materie, und was ihre Elemente? Das
ist durch die Allmacht Gottes gerichtetes und festgehaltenes Geistiges, dem
aber die Fähigkeit zu einem stets freier werdenden und also auch stets
selbständigeren Leben innewohnt!
[GEJ.09_102,02] Um aber all die zahllos
vielen und durch die Weltenmaterie von Gott gleichsam abgetrennten Urgeister in
ein vollkommen freies und dem Urgrundleben Gottes ähnlich selbständiges Leben
zu überführen, gehört eben diese vielfache Übergangsordnung, wie ihr sie auf
allen Punkten der Erde ersehet, und wie Ich sie euch schon vom Kleinsten bis
zum Größten ganz sonderheitlich gezeigt habe, unumgänglich dazu.
[GEJ.09_102,03] Bis zum Menschen sorgt ganz
Gottes Liebe, Weisheit und Macht dafür, daß die Entwicklung des in der
Weltmaterie gefesteten und gehaltenen Urgeistlebens von Stufe zu Stufe in eine
stets größere Vollendung übergehe und sich fortbilde; aber beim Menschen, als
dem Schlußstein der Urgeistlebensentwicklung, geht diese Sache dann notwendig anders.
Was seinen materiellen Leib anbelangt, so ist dessen Einrichtung auch noch zum
allergrößten Teil von der Liebe, Weisheit und Macht Gottes abhängig, – aber
nicht so die Entwicklung der Seele und ihres Geistes. Dieser ist gegeben die
Vernunft, der Verstand, ein freies Denken, ein vollkommen freier Wille und die
Kraft zu handeln, wie sie es für gut und nützlich erkennt.
[GEJ.09_102,04] Damit aber die Seele wissen
kann, wie sie zu handeln hat, um zur endlichen und gottähnlichen materielosen
und von allem Gerichte befreiten und also vollends freiesten
Lebensselbständigkeit nach der Ablegung des Leibes zu gelangen und vor dem
Angesichte Gottes bestehen zu können, so werden ihr von Gott aus die Wege
gezeigt, die sie zu wandeln hat, um seligst zum endlichen Lebensziele zu
gelangen.
[GEJ.09_102,05] Es kommt dann auf den wahren
Verstand und Willen der Seele selbst an, sich von allen Banden der alten
gerichtvollen Materie frei zu machen und sich durch die materiellen Weltgelüste
nicht wieder wie von neuem von der Materie gefangennehmen und verschlingen zu
lassen.
[GEJ.09_102,06] In der Materie ist Gottes
unbesiegbare ewige Macht gegenwärtig. Sie kann nur durch die Macht Gottes
Selbst hie und da nach Bedarf zu einem höheren Zwecke gelöst werden. Darum kann
denn auch keine Kreatur anders sein und handeln, als wie sie von der Macht
Gottes geformt und gestellt ist. Darum hieß es auch schon bei den alten Weisen,
die das Machtverhältnis Gottes in aller materiellen Kreaturen Wesenheit wohl
erkannt hatten: ,Erschrecklich ist es für den frei werden sollenden Menschen,
wieder in die Machthände Gottes zu gelangen!‘
[GEJ.09_102,07] ,Ja‘, meinet ihr nun in euch,
,wie kann aber der schwache Mensch sich je der allwaltenden Händemacht Gottes
irgend entziehen?‘ Das kann ein Mensch, dessen Seele noch in allerlei
materiellen Weltgelüsten steckt, freilich wohl nicht und nimmer; aber darum ist
dem Menschen ja von Gott aus die große Fähigkeit verliehen, sich selbst der
Macht Gottes zu bemächtigen. Hat er sich dieser bemächtigt, dann ist er auch
also vollkommen in allem, als wie vollkommen da ist der Vater im Himmel; er ist
also selbst zur Macht Gottes geworden, und diese kann und wird sich selbst ewig
nimmerdar irgend besiegen, richten und gefangen nehmen.
[GEJ.09_102,08] Worin aber besteht diese
Macht Gottes im Menschen? Diese besteht in der wahren und reinen Liebe zu Gott,
in deren alles überbietenden Weisheit und daraus in der rechten Liebe zum
Nächsten, und ferner in der Sanftmut und Demut, wie auch in der
Selbstverleugnung gegenüber den Reizungen von seiten der Welt. Wer in allem dem
stark geworden ist, der hat schon die Macht Gottes in sich, ist durch die
Einung des Machtgeistes aus Gott mit der Seele eben mit Gott vollends eins
geworden und hat sich dadurch über den Zwang der Zeit und des Raumes und somit
auch über alles Gericht und über allen Tod erhoben. Er ist in und aus Gott ein
Selbstherr geworden und hat den ,Zorn Gottes‘, welcher da ist dessen
allmächtiger und alles vermögender Wille, dessen unbeugsamster Ernst die Feste
aller Kreatur in Zeit und Raum ist, ewig ebensowenig mehr zu fürchten, als wie
wenig Gott Sich vor Sich Selbst zu fürchten hat, weil der Mensch auf die euch
nun klar dargestellte Art mit Gott eins geworden ist.
[GEJ.09_102,09] So wie nun Ich im Vater und
der Vater in Mir ist, so werden auch alle, die nach Meiner Lehre, die da ist
Mein Wille, leben werden, in Mir sein und Ich in ihnen!“
103. Kapitel
[GEJ.09_103,01] Hierauf dankten Mir wieder
alle für diese Belehrung.
[GEJ.09_103,02] Und der Wirt sagte: „O Herr
und Meister! Diese Deine Worte haben auf mich einen großen und mein Inneres
hellst durchleuchtenden und somit auch bleibenden Eindruck gemacht. Oh, welch
eine unermeßliche Tiefe Deiner Liebe und Weisheit liegt darin! Über die
wunderbaren Verhältnisse zwischen Gott und den Geschöpfen kann nur der Geist
Gottes den Menschen, die auch Seine Geschöpfe sind, solche überklaren und
wahrheitsvollsten Aufschlüsse geben, aus denen wir ersehen können, warum Gott
den Menschen Seinen Willen geoffenbart hat, und warum sie in aller Tat
denselben sozusagen zu ihrem Eigentume machen sollen!
[GEJ.09_103,03] O Welt, o Welt, wo stehst du
mit deiner so hoch gepriesenen Weisheit! O Herr und Meister, wäre es Dir denn
nicht möglich, solch ein Licht in den Verstand der Menschen zu legen? So alle
das in sich einsehen würden, da würde es bei gar vielen sicher ein Ende mit dem
Sündigen haben.“
[GEJ.09_103,04] Sagte Ich: „Du meinst es wohl
recht gut mit den Menschen, aber es wäre das dennoch eine völlig vergebliche
Mühe! Ich müßte dem Menschen nur an seinem Willen, der frei sein muß, ansonst
der Mensch kein Mensch wäre, einen Zwang antun; täte Ich aber das, so wäre der
Mensch schon gerichtet und könnte sich nimmerdar zur selbständigen
Lebensfreiheit emporschwingen.
[GEJ.09_103,05] Mit dem bloßen Erleuchten des
Verstandes der Menschen aber würde der guten Sache noch weniger gedient sein,
als so sie von außen her durch einen nach Meiner Lehre weise und stark
gewordenen Nebenmenschen unterrichtet werden. Glauben aber nun so viele
Menschen Mir Selbst nicht, wo Ich vor ihnen neben der Lehregebung auch Zeichen
wirke, die bis auf Mich noch nie jemand gewirkt hat, so werden sie ihrem
eigenen Verstande noch weniger trauen, durch den allein sie keine Zeichen sich
vorzuwirken imstande wären, weil ihr Herz und Wille mit dem, was sie als wahr
und gut einsehen würden, nicht so leicht und so bald, wie du das meinst, in
einen völligen Einklang kämen. Denn sieht der Mensch auch mit seinem Verstande
all das Gute und Wahre ganz klar ein, sein Herz ist dabei aber noch voll von
allerlei weltlichen Dingen, so kostet es den Menschen noch gar manchen harten
Kampf mit seiner eigenen Welt, bis sie aus dem Herzen und dessen Willen
geschafft wird und der Mensch dann auch nur das liebt und will, was er als gut
und wahr erkennt.
[GEJ.09_103,06] Wenn erst die Liebe, der
Wille und der von aller Wahrheit erfüllte Verstand in aller Tat eins geworden
sind, so ist der Mensch auch in die Wiedergeburt des Geistes aus Gott in seiner
Seele eingegangen und ist in den ersten Grad der Macht Gottes in sich getreten
und kann in diesem Zustande schon auch Zeichen wirken.
[GEJ.09_103,07] Aber es kann ein schon von
der Welt oft zu sehr erfüllter Mensch in diesen Zustand nicht so bald und so
leicht gelangen, wie Ich dir davon den Grund schon gezeigt habe; ohne die
Gelangung in diesen Zustand aber bleibt alle pure Verstandeswissenschaft für
den Menschen nur das, was alle andere Wissenschaft für ihn ist, und hat für die
Vervollkommnung des inneren Menschen einen sehr geringen Wert, ja oft mehr
Schaden als Nutzen, und es ist dem Menschen im allgemeinen besser, so er, von
allerlei Bedenken und Zweifeln gepeinigt, die Wahrheit des Lebens suchen muß,
als so er sie schon gleich einer urplötzlich in seinem Verstande aufgegangenen
Sonne hätte, besäße in seiner Liebe und in seinem Willen aber noch lange nicht
die dazu erforderliche Kraft, danach zu handeln. Darum müssen beim Menschen
Herz und Verstand stets zugleich nach und nach gebildet und gestärkt werden,
ansonst kein Mensch irgend recht vorwärts in der Einsicht und im Handeln nach
ihr gelangen kann.
[GEJ.09_103,08] Was nützten dem Menschen zwei
männlich starke Arme zu jeglicher Arbeit, so seine Füße von der Gicht gelähmt
wären? Und wozu wäre es gut, an einen und denselben Karren zwei Ochsen so
anzuspannen, daß da einer nach vorwärts und der andere nach rückwärts zöge? Zu
zwei kräftigen Mannesarmen gehören auch zwei gesunde und kräftige Füße, und vor
einem Karren müssen die Zugtiere vorne angespannt werden, ansonst es mit der Arbeit
und mit dem Fuhrwerk nicht vorwärts gehen kann und wird. Daher ist die Art und
Weise, die Menschen zum wirksamen Lichte des Lebens zu führen, schon also am
besten, wie Ich nun Selbst das tue und ihr es nach Mir auch nicht anders machen
sollet.
[GEJ.09_103,09] Hast du, Mein Freund, das nun
auch so klar verstanden wie Meine frühere Belehrung, mit deren Licht du gleich
aller Menschen Verstand erleuchtet haben wolltest?“
[GEJ.09_103,10] Sagte der Wirt: „O ja, Herr
und Meister, es stellt sich da wieder der ewig wahre Grundsatz heraus, demnach
ein guter und weiser Vater die Lebensbedürfnisse seiner Kinder besser kennt als
die noch in gar vielen Dingen völlig unerfahrenen Kinder. Habe Dank auch für
diese großwichtige Belehrung!“
104. Kapitel
[GEJ.09_104,01] Sagte Ich: „Freund, es ist
die dritte Stunde der Nacht zu Ende gekommen, und es ist hier die Seele und
auch der Leib gesättigt worden; aber draußen auf der Straße haben sich zwei
arme Wanderer gelagert, weil sie kein Geld haben, um in dieser Herberge eine Unterkunft
suchen zu können. Laß sie hereinbringen, und gib ihnen Brot und Wein und dann
ein Nachtlager, nachdem Ich mit ihnen euretwegen werde einige Worte gewechselt
haben!“
[GEJ.09_104,02] Als der Wirt solches von Mir
vernahm, da eilte er mit dem Oberknechte sogleich hinaus, fand aber bei den
zwei Männern auch ein Weib und ein Kind und sandte den Knecht zu Mir mit der
Frage, ob er auch das Weib mit dem Kinde aufnehmen solle.
[GEJ.09_104,03] Und Ich sagte: „Ein Mann und
ein Weib sind ein Leib! Der zweite Mann aber ist des Weibes Bruder; daher soll
der Wirt alle aufnehmen!“
[GEJ.09_104,04] Da ging der Knecht und
hinterbrachte das dem Wirte, und dieser führte sie alle ins Zimmer und gab
ihnen Brot und Wein.
[GEJ.09_104,05] Als sich die vier Personen
gestärkt hatten, da fragte Ich den Mann, der das Weib und ein Kind, ein
Mägdlein von zwölf Jahren, hatte, sagend: „Höre, Freund, du bist deiner
Abstammung nach auch ein Jude, bist aber zur Zeit der Babylonischen
Gefangenschaft, natürlich in deinen Ureltern, ganz in das ferne Indien mit noch
zweihundert Männern, Weibern und Kindern geflohen.
[GEJ.09_104,06] Über fünfzig Tage lang waren
deine Ureltern auf der Reise und fanden endlich in den weit ausgedehnten hohen
Bergreihen ein einsames Tal, das reich war an üppigen Wiesen, allerlei ihnen
unbekannten Fruchtbäumen und an Ziegen und Gazellenherden. Ebenso fehlte es in
dem erwähnten Tale auch nicht an Quellen und Bächen, und ebenso auch nicht an
edlen Fischen.
[GEJ.09_104,07] Eure Ureltern, die sich auf
dieser weiten Reise mit allerlei Früchten und Wurzeln ernährt hatten,
untersuchten das viele Stunden der Reisezeit lange Tal nach allen Richtungen
und fanden alles zum Leben Nötige, nur keine Menschen, noch irgendeine Art
Wohnhütte, aus der sie hätten entnehmen können, daß dieses Tal schon irgendwann
einmal von Menschen wäre bewohnt worden.
[GEJ.09_104,08] Nach solcher Untersuchung des
Tales sagte eben dein Urvater, der unter den zweihundert Entflohenen ein
Ältester war: ,Gott dem Herrn alles Lob und alle Ehre! Auch dieses Tal hat Er
gebaut und hat seine Triften bepflanzt mit allerlei Gras, Kräutern und Wurzeln
und Bäumen, die vielerlei Früchte tragen, von denen wir schon welche genossen
und sie uns nicht geschadet haben. Ebenso ist dieses schöne Tal auch reich an
allerlei sanften Tieren, welche keine Furcht vor uns haben, da sie sicher noch
niemals weder von Raubtieren und noch weniger von beutesüchtigen Jägern
verfolgt worden sind. Wir sind sicher die ersten Menschen, die in dieses Tal
gekommen sind.
[GEJ.09_104,09] Hier wollen wir uns Wohnungen
errichten und im vollen Frieden ohne irgendwelche Verfolgung beisammen leben,
für den nötigen Lebensunterhalt gemeinschaftlich sorgen und allzeit Gott dem
Herrn für die Gnade danken und Ihm allein die Ehre geben, daß Er uns auf eine so
wundersame Weise ganz wohlbehalten in dieses schöne Tal geführt hat!
[GEJ.09_104,10] Als Er einst unsere Väter aus
Ägypten durch die Wüste nach Kanaan führte, da kamen gar viele, die Ägypten
verlassen hatten, nicht ins Gelobte Land, und die da hineinkamen, hatten zuvor
gar viele Kämpfe und Drangsale zu bestehen; wir aber entkamen mit Seiner Hilfe
ganz glücklich der gottlosesten Tyrannei des Nebukadnezar und gelangten
allesamt gar wohl behalten in das ferne Tal, das nach allen Richtungen hin von
unübersteiglich hohen Bergen umfangen ist. Wir selbst kamen nur durch eine sehr
schmale und kaum ersteigbare Kluft hierher, die wir leicht so verlegen können,
daß auch durch sie kein Mensch mehr zu uns gelangen kann. Dann haben wir keine
stolzen und lieblosen Könige der Erde mehr zu fürchten.
[GEJ.09_104,11] Wir selbst aber wollen und
werden vollends die uns wohlbekannten Gebote Gottes unter uns allzeit streng
und ohne jemaligen Nachlaß beachten und uns an jedem Tage unseres Lebens
dankbarst daran erinnern, daß uns Gott dieses Tal hat auffinden lassen. Wir
werden auch die Tage zählen und den siebenten Tag als den Sabbat bestimmen und
an demselben Gott alle Ehre geben. Die Arche des Bundes, um deren Aufenthalt
wir alle nicht wissen, werden wir wohl in diesem Tale nimmerdar zu Gesichte
bekommen; dafür aber wollen wir in unseren Herzen Gott eine neue Lade erbauen
durch die Befolgung Seiner heiligen Gebote und werden Ihm in unseren Herzen
durch die Liebe zu Ihm ein Opfer darbringen, das Ihm wohlgefälliger sein wird
als die Brandopfer jener Priester, die die Propheten steinigten und sich von
den Zehnten und reichen Opfern mästeten!‘
[GEJ.09_104,12] Als dein Urvater solche gute
Ansprache an die andern beendet hatte, da fielen alle auf ihr Angesicht zur
Erde und lobten Gott bei einer vollen Stunde lang und baten Ihn um Seine
fernere Hilfe, Liebe und Gnade.
[GEJ.09_104,13] Gott aber fand ein rechtes
Wohlgefallen an diesen Flüchtigen und gab deinem Urvater die Weisheit, und er
erfand dann in diesem Tale viele Dinge, die zum besseren Fortkommen nötig
waren. Einige notwendige Werkzeuge und Gerätschaften hatten sie ohnehin mit
sich gebracht auf den Rücken ihrer mitgenommenen etlichen Lasttiere, mittels
deren sie sich im Anfange zur Notdurft ihre Hütten und Vorratskammern erbauen
konnten; alles weitere hatte ihnen der Geist Gottes gezeigt und mit ihrer
geringen Mitmühe verschafft.
[GEJ.09_104,14] In einer kurzen Zeit von
etlichen Jahren waren sie schon mit allem ganz wohl versehen, hatten große
Herden von den edelsten Gebirgsziegen mit feinster Wolle und Gazellen und Lamas
und eine Menge seltsames und zahmes Geflügel und Rehe und Hirsche, die sie alle
zu zähmen und zu ihrem Nutzen zu gebrauchen verstanden.
[GEJ.09_104,15] Und nun seid ihr zu einem
Volke angewachsen und seid irdisch wohlhabend geworden; aber ihr habt
angefangen, zu sehr auf den irdischen Gewinn zu sehen und habt dadurch schon
vieles von eurer inneren Weisheit verloren!
[GEJ.09_104,16] Ihr werdet aus dem, was Ich
euch nun der vollen Wahrheit nach gesagt habe, wohl erkannt haben, daß Mir alle
eure Lebensverhältnisse wohlbekannt sind, und Ich könnte euch noch gar viele
andere Dinge von eurem Lande und von euren Lebensverhältnissen sagen; aber nun
kommt die Reihe an euch, davon zu reden, aus welchem Grunde ihr hierher aus eurem
fernen Morgenlande gekommen seid. Redet aber rückhaltlos die reine Wahrheit;
denn Meinen Worten werdet ihr entnommen haben, daß man bei Mir mit einer Lüge
oder verdeckten Rede nicht auskommen kann!“
105. Kapitel
[GEJ.09_105,01] Hierauf öffnete der Verheiratete
den Mund und sagte in gut verständlicher hebräischer Sprache: „O Freund, wer
hat dich so über unser Land unterrichtet, das bis zur Stunde noch gar wenigen
Fremden bekannt ist? Du hast die volle Wahrheit geredet, und es steht mit uns
also; aber wie kamst du hinter unsere so tief verborgenen Geheimnisse?“
[GEJ.09_105,02] Sagte Ich: „Das kümmere euch
vorderhand nicht, sondern seid frohen Mutes, und du rede, was Ich von euch
verlangt habe!“
[GEJ.09_105,03] Hierauf öffnete abermals der,
welcher verheiratet war, den Mund und sagte (der Indojude): „Lieber, uns noch
völlig unbekannter Freund, siehe, wir haben wahrlich ein gesegnetes
Gebirgsland, das noch einmal so viele Menschen und Tiere ernähren könnte, als
es gegenwärtig ernährt; aber den Eigennutz und die Selbstsucht hat der Satan
auch in unser Land verpflanzt! Die Ältesten, sein wollend die Weisen und Leiter
des Volkes, haben das Land unter sich geteilt und haben das Volk zu ihren
Dienern bestimmt, und so gibt es nun in unserem Lande bei siebenhundert Patriarchen,
von denen beinahe ein jeder an zehntausend untergeordnete Diener beiderlei
Geschlechts zählt.
[GEJ.09_105,04] Es gibt aber nun zwischen uns
selbst schon einen gegenseitigen Neid und dadurch auch Zwietracht und Verfolgungen
und somit auch kleine Kriege; denn da will ein jeder der Weiseste sein und auch
der Reichste und Angesehenste, und es ist in unseren Tagen schon mehrere Male
nahe daran gewesen, daß das dienende Volk aus den siebenhundert Patriarchen
einen Weisesten zum Könige erwählen sollte. Aber das Volk ist noch klug und
sagt: ,Gott allein ist unser aller Herr und König! Er hat uns aus der argen
Gefangenschaft der Heiden in dies herrliche Land geführt, – sollen wir Ihm auch
so ungetreu und ungehorsam werden, wie es Ihm einst unsere Väter zu den Zeiten
Samuels, des letzten Richters, geworden sind? Das sei ferne von uns!
[GEJ.09_105,05] Sollte Gott auch durch den
Mund eines Propheten die gerechte Klage über uns also erheben, daß Er mit der
Stimme des Donners sagete: ,Siehe, dies Volk hat vor Mir schon so viele der
größten Sünden begangen, als wie viel es da gibt des Grases auf der Erde und
des Sandes im Meere, und zu allen diesen Sünden fügt es nun noch dadurch die
allergrößte hinzu, daß es mit Meiner so väterlich guten und weisen Regierung
unzufrieden ist und einen König, wie ihn die Heiden haben, mit allem Ungestüm
verlangt!‘ Oh, das sei ferne von uns! Lieber wollen wir euch noch hundert Jahre
als gute Arbeiter dienen und euch die unrecht an euch gerissenen großen Gründe
um den bedungenen Lohn bearbeiten, als aus euch erwählen einen König!
[GEJ.09_105,06] Es steht aber auch
geschrieben, daß Gott dereinst allen Juden einen König aus den Himmeln
herabsenden werde, und unsere Weisen haben schon etwa Seinen Stern entdeckt und
sind Ihn nach dem Laufe des Sternes suchen gegangen. Wenn sie wiederkommen
werden, da werden wir es schon aus ihrem Munde erfahren, wie es mit der Ankunft
des großen Königs aller Juden steht!‘
[GEJ.09_105,07] Freund, diese Versammlung des
Volkes zur Wahl eines Königs aus der Zahl der siebenhundert Patriarchen geschah
vor dreißig Jahren nach unserer Zeitrechnung, und das Volk enthielt sich um so
mehr bis zur Stunde von einer Königswahl, da nach einem Jahre unsere
ausgegangenen sternkundigen Weisen wieder zurückkamen und uns treu und wahr
ganz umständlich erzählten, wie und wo sie den neugeborenen König der Juden
gefunden haben, und welche unerhörten Wunder aus den Himmeln Seine Geburt und
Sein Dasein auf Erden verkündeten und verherrlichten!
[GEJ.09_105,08] Auf diese Nachricht, an die
auch unsere siebenhundert Patriarchen glaubten, obschon einige mit sauren
Mienen, unterblieb bis zur Stunde eine irgend erneuerte Königswahl. Es
verstrichen aber seit jener Zeit schon mehr denn dreißig Jahre, und es wurden
von uns zu verschiedenen Malen Kundschafter hierher gesandt, um zu erfahren,
wie es mit dem Könige aller Juden, wo solcher auch auf der Erde immer wohnen
möge, stehe. Selbst unsere alten drei Sternkundigen haben sich schon vor etwa
ein paar Jahren wieder hierher begeben; ob sie schon wieder mit guter Nachricht
heimgekehrt sind, das wissen wir nicht, da unser Wohnland nun um vieles größer
ist, als es zur Zeit der ersten Besitznahme war und nun oft schon etliche Jahre
dazu erforderlich sind, bis das ganze, nun sehr große und weit auseinander
wohnende Volk erfährt, welche Nachrichten von außen her ins Land gebracht
worden sind.
[GEJ.09_105,09] Es mögen daher die drei
Weisen schon wieder vielleicht mit den besten Nachrichten nach Hause gekommen
sein, so konnten wir dennoch aus dem treu und wahr angeführten Grunde nicht
erfahren, was die abermals ausgegangenen drei für Nachrichten ins Land gebracht
haben. Zudem hat uns auch die stets wachsende Herrschlust unserer Patriarchen
mit allerlei Besorgnis erfüllt, als könnten sie etwa beim Vernehmen guter
Nachrichten über den neuen Himmelskönig aller Juden stützig (widerspenstig)
geworden sein und den Weisen strenge verboten haben, dem Volke solche Nachricht
zu hinterbringen. Und so machten wir uns heimlich auf den weiten Weg, um hier
in unserem alten Vaterlande auszukundschaften, wie es hier mit dem neuen Könige
steht.
[GEJ.09_105,10] Unsere Reise war eine
beschwerliche, da wir zu wenig Goldes und so auch nur wenig Edelsteine, die bei
uns als Tauschmittel gebraucht werden, haben mit uns nehmen können. Wir mußten
uns auf dem weiten Wege zum Teil von uns bekannten Wurzeln und zum Teil von der
noch hie und da im Gebrauche stehenden Gastfreundschaft der Menschen
durchbringen. Aber alle unsere Beschwerden hielten uns nicht zurück, Den suchen
zu gehen, der uns – wie es in den Propheten geschrieben steht – von aller Not
erretten kann und wird.
[GEJ.09_105,11] Wir sind nun trotz aller
Beschwerden und Entbehrungen in das alte Vaterland der Juden gekommen, das etwa
nach vierzig Jahren ihnen zurückgegeben ward, aber nun abermals unter der
Herrschaft der Heiden – Römer genannt – steht, und wir hoffen denn nun auch mit
großer Zuversicht, daß wir unsere weite Reise nicht vergeblich unternommen und
gemacht haben. Gold, Silber und Edelsteine, womit man Könige zu ehren pflegt,
haben wir freilich wohl nicht, aber ein aufrichtiges und den großen
Himmelskönig aller Juden über und über liebendes Herz, das Er auch nicht
zurückstoßen wird; und mit dem wollen wir Ihn ehren und preisen unser Leben
lang!
[GEJ.09_105,12] Aber nun noch etwas, du
lieber und überaus weiser und um alles wissender Freund! Ihr seid euer viele in
dem Speisezimmer, und scheint mit allen Verhältnissen der Menschen auf der
ganzen weiten Erde bestens vertraut zu sein und werdet sicher auch wissen, wo
Sich der große König wohnlich befindet. Ist Er in Jerusalem oder in Bethlehem,
wo Er nach der Aussage unserer drei Weisen, die auch den Ehrentitel ,Könige‘ in
der Sternkunde besitzen, geboren worden ist, oder in irgendeiner andern Stadt
des einst so großen und mächtigen Judenreiches anzutreffen, und wie und wann,
auf daß wir dahin ziehen schon am morgigen Tage und Ihn aufsuchen?“
[GEJ.09_105,13] Sagte Ich: „Freund, du hast
deinen Weg wahrlich nicht umsonst gemacht, – aber weder in Jerusalem noch in
Bethlehem und in einer andern stolzvollen Stadt wirst du Ihn, deinen neuen
König der Juden, als bleibend wohnlich finden, da Er stets arm und ganz ohne
allen äußeren Weltglanz von einem Orte zum andern zieht und die Menschen
erkennen lehrt das Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit; aber wo ihr es euch
nicht versehet, wird Er sein und euch mit offenen Armen und Herzen aufnehmen!
[GEJ.09_105,14] Das Ehrenopfer aber, das ihr
Ihm darbringen wollet und eigentlich schon dargebracht habt, wird Ihm
wahrhaftest lieber sein denn alles, was die Menschen auf der Welt irgend als
höchst wertvolle Schätze anerkennen und begierlich an sich zu reißen sich alle
Mühe geben! Denn bei Ihm gilt nur ein reines, liebevolles, demütiges und mit
aller Sanftmut erfülltes Herz; die Schätze der Welt aber sind vor Ihm ein
Greuel und bekommen erst dann einen Wert, wenn sie zu den Zwecken der wahren
Nächstenliebe verwendet werden. Wo sie aber als Nahrung für den menschlichen
Geiz, für des Menschen Hochmut und Herrschsucht dienen und die Menschen zu
Trägheit, Fraß, Völlerei, Hurerei, Raub, Mord und zu noch vielen andern Lastern
verleiten, da sind sie auch aller Verdammung werte Greuel vor Ihm, der ein Herr
ist über alles im Himmel also wie auf Erden.
[GEJ.09_105,15] Sein Thron ist die reine
Liebe, und Sein alles überstrahlender Glanz ist die ewige und lebendige
Wahrheit; wer an Ihn glaubt, Ihn über alles liebt und Seine Gebote hält, dem
gibt Er aus Sich das ewige Leben.
[GEJ.09_105,16] Seht, so ist der neue König
der Juden und auch der Heiden beschaffen und läßt Sich von jenen Menschen
allzeit gern und sicher finden, die Ihn mit der wahren Liebe in ihrem Herzen
suchen! Und da ihr Ihn also suchet, so werdet ihr Ihn auch sicher finden; denn
Er Selbst wird euch unversehens entgegenkommen!“
[GEJ.09_105,17] Sagte der Verheiratete: „O du
lieber und sehr weiser Freund! Aus unseren Mienen kannst du lesen, welch eine
große Freude du uns mit deiner Aussage und Beschreibung in bezug auf den großen
König gemacht hast! Denn also muß Er sein nach der Weissagung der alten Weisen!
Du aber mußt schon sehr oft und sehr viel mit Ihm zu tun gehabt haben, weil du
Ihn gar so durch und durch zu kennen scheinst! Wie sieht Er denn so von Person
gestaltlich aus? Möchtest Du uns nicht davon eine kleine Beschreibung geben?“
[GEJ.09_105,18] Sagte Ich: „Seht, unser Wirt
hat unterdessen für euch etliche gute Fische bereiten lassen! Gehet nun zuvor
an euren Tisch, und verzehret sie; darauf erst wollen wir wieder weiterreden!“
[GEJ.09_105,19] Darauf taten die vier freudig
das, was Ich ihnen geraten hatte.
106. Kapitel
[GEJ.09_106,01] Als die Fische verzehrt
waren, da sagte der Wortführer zum Wirte: „O lieber Freund, du hast uns nun
eine gute Stärkung für unseren Leib gegeben; aber mit dem Bezahlen wird es
schlecht gehen!“
[GEJ.09_106,02] Sagte der Wirt: „Meine lieben
Stammesverwandten, für das habt ihr euch nicht zu sorgen, und so ihr wieder
heimkehren werdet, da wird schon auch dafür gesorgt werden, daß ihr eure
Rückreise nicht mit leeren Säcken machen werdet; darum seid nun frohen Mutes
und habt keine Furcht und keine unnötige Sorge!“
[GEJ.09_106,03] Sagte darauf das zwölfjährige
Mägdlein, das nun, wohlgestärkt mit Speise und Trank, auch Mut zum Reden bekam,
zu ihrem Vater: „Höre, du mein Vater, mir hat vor drei Tagen, als wir auch das
Glück hatten, einen Menschenfreund im Wirte einer Herberge zu treffen, Wahres
geträumt! Du hast zu mir freilich, wie immer, gesagt, daß die Träume der Kinder
nichts zu bedeuten haben; aber ich habe im Traum dieses Zimmer gesehen und so
auch die über alles freundliche Aufnahme in dieser Herberge. Aber ich habe im
Traum noch viel mehr gesehen, was du aber, als ich es dir erzählen wollte,
nicht anhören wolltest und mich zu schweigen nötigtest; aber mir kommt es nun
hier vor, daß mein Traum ganz in Erfüllung gehen wird!“
[GEJ.09_106,04] Sagte darauf der Vater zur
Tochter: „Nun, was hat dir denn noch Weiteres, das nun hier in Erfüllung gehen
solle, geträumt? Hier erlaube ich es dir schon, uns deinen Traum ganz zu
erzählen!“
[GEJ.09_106,05] Sagte das Mägdlein darauf:
„Ganz werde ich dir den gehabten hellen Traum nicht erzählen, sondern nur die
Hauptsache berühren, und diese besteht darin: Ich sah im Traumgesichte auch
jenen großen Tisch und dieselben Männer um den Tisch sitzen. Und siehe, einer
von ihnen war eben jener neue Himmelskönig, dessentwegen wir unsere Wanderung
hierher unternommen haben! Ich könnte dir Ihn auch zeigen; aber ich habe nun
eine Stimme in mir vernommen, die es mir verbot, solches zu tun, und der Stimme
muß ich gehorchen! Weil aber alles aus meinem Traume hier in Erfüllung geht, so
wird auch vielleicht das noch in Erfüllung gehen, daß wir eben hier Den finden
werden, den wir über alles gerne finden möchten!“
[GEJ.09_106,06] Sagte darauf, ganz
überrascht, der Vater: „Mein liebes Kind, es kann wohl etwas Wahres in deinem
Traume stecken, – aber deiner Traumaussage sogleich einen unbedingten Glauben
schenken, wäre bei einer so hochwichtigen und heiligen Sache doch etwas zu sehr
Gewagtes: daher heißt es da mit aller prüfenden Vorsicht zu Werke gehen! Ich
werde mich darum wieder an jenen sehr weisen Mann, mit dem ich schon geredet
habe und der offenbar ein Prophet ist, wenden; von dem werde ich am ehesten
etwas Näheres über den Himmelskönig aller Juden erfahren. Ich habe ihn schon
früher um die Personbeschreibung des genannten heiligen Königs gebeten; wenn er
mir diese gibt, so wird es dann eben nicht gar zu Schwieriges mehr geben, Ihn
ausfindig zu machen und auch zu erkennen!“
[GEJ.09_106,07] Sagte nun auch das Weib zum
Manne: „Höre, du mein Gemahl, das unschuldige und reine Gemüt eines Kindes ist
Gott oft näher als das unsrige, das schon durch manche Leidenschaftlichkeit
verunlautert worden ist, und sieht und erkennt die Nähe Gottes denn auch oft
eher als das unsrige! Im Suchen und Finden sind die Kinder mit ihren scharfen
Augen oft um gar vieles geschickter denn wir Alten. Du aber bist in manchen
Dingen zu strenge prüfend, und ich habe es schon bei dir mehrere Male erlebt,
daß du mit der Zeit das auch als echt und gut anerkannt hast, was wir dir
gleich anfangs als echt und gut vorgestellt haben; wer weiß es, ob es dir
diesmal nicht auch so ergehen wird!“
[GEJ.09_106,08] Sagte der Mann: „Diesmal
wünschte ich wohl, daß ihr recht haben möchtet! Aber nun gehen wir beiden
Männer zu dem Weisen hin und bitten ihn noch einmal um die Personbeschreibung
des großen Königs, dem alle Macht gegeben ist im Himmel und auf dieser weiten
Erde!“
[GEJ.09_106,09] Auf diese Unterredung, die
stets mit halblauten Worten geschah, auf daß sie von uns nicht vernommen würde,
standen die zwei Männer auf und begaben sich wieder voll Ehrfurcht zu Mir und
baten Mich um die Personbeschreibung des großen Königs.
[GEJ.09_106,10] Ich aber sagte mit
freundlicher Miene zum Verheirateten: „Ihr habt zwar mit ganz leiser Stimme von
dem Könige geredet und über den Traum deines Töchterleins geurteilt, und doch
habe Ich jede Silbe wohl vernommen. Ihr möchtet von Mir die Personbeschreibung
des Königs vernehmen, weil ihr der Meinung seid, durch sie den König, so ihr
mit Ihm irgend zusammenkämet, alsbald zu erkennen und Ihm die Ehre zu geben.
[GEJ.09_106,11] Ich aber sage es euch: Der
neue König der Juden muß von denen, die Ihn wahrhaft zu erkennen wünschen, vor
allem im Geiste und aller Wahrheit erkannt werden, dann wird auch Seine Person
bald und leicht erkennbar werden. Es hatte aber deine Tochter dir aus ihrem
Traume vor drei Tagen unweit von Damaskus ja die persönliche Gestalt des Königs
beschreiben wollen; warum wolltest du sie denn nicht anhören?“
[GEJ.09_106,12] Sagte der Mann: „Liebster und
sehr weiser Freund, weil bei mir, wie bei meinen Eltern und Voreltern, stets
der weise Erziehungsgrundsatz gehandhabt ward, demnach Kinder wohl recht Gutes
und Wahres hören, aber nur dann reden sollen, wenn sie um etwas gefragt werden,
auf daß sie nicht zu losen Schwätzern werden; denn viel denken und danach
handeln ist klüger denn viel schwätzen und dabei wenig tun. Und so wollte denn
ich mir auch den Traum von meinem Kinde nicht alsogleich erzählen lassen, um es
in der Geduld und Selbstverleugnung zu üben und zu stärken, was besonders dem
weiblichen Geschlecht am meisten not tut, das seine Zunge ohnehin schwer zu
bändigen imstande ist.“
[GEJ.09_106,13] Sagte Ich: „Da hast du wohl
ganz recht, – aber weil dein Töchterlein ohnehin von einer selten schweigsamen
Gemütsbeschaffenheit ist, so hättest du von deiner festen Regel schon auch
einmal eine kleine Ausnahme machen können; denn so sittsam und wohl erzogene
Kinder stehen der inneren Lebenswahrheit gewöhnlich um vieles näher als jene
erwachsenen Leute, die durch ihr unermüdsames Forschen ihr Gehirn mit vieler
Weltweisheit so vollgefüllt haben, daß sie am Ende den Wald vor lauter Bäumen
nicht mehr sehen. Bei dir ist das auch so recht stark der Fall; denn du wolltest
dem alten Rufe deines Stammes keine Unehre machen, – was dir auch zu keinem
Übel anzurechnen ist. Aber das wirst du auch schon selbst bemerkt haben, daß
ein zu scharf geschliffenes Messer stets eher schartig wird, denn eines, das
zwar ein wenig stumpfer, aber immer noch zur Genüge scharf geschliffen ist! –
Aber dem sei nun, wie ihm wolle! Lasse du nun dein Töchterlein hierher kommen,
und sie soll sich aus uns Den aussuchen, der ihr im Traum als der neue König
der Juden ersichtlich geworden ist!“
[GEJ.09_106,14] Sagte der Mann, der auf diese
Meine Worte ganz verlegen geworden war, so wie auch sein Schwager: „O du
liebster und unbegreiflich hochweisester Freund, sollte der heilig große König
denn etwa wohl im Ernste unter euch sein?“
[GEJ.09_106,15] Sagte Ich: „Das wird sich
hernach schon zeigen; jetzt aber tue du das, was Ich dir anbefohlen habe!“
[GEJ.09_106,16] Auf diese Worte ging der Mann
hin und führte sein Töchterlein zu Mir.
107. Kapitel
[GEJ.09_107,01] Als die Maid mit der
ehrfurchtsvollsten Miene vor Mir stand, fragte Ich sie mit aller
Freundlichkeit, sagend: „Nun, du Meine liebe Tochter, sage Mir es, welcher von
uns bei diesem Tische Dem am meisten gleich schaut, der dir in deinem Traume
vor drei Tagen als der große König aller Juden und als ein Herr Himmels und der
Erde ersichtlich geworden ist!“
[GEJ.09_107,02] Sagte die Maid: „O Herr, du
setzest mich armes Kind nun wohl auf eine harte Probe!“
[GEJ.09_107,03] Sagte Ich: „Warum nennest du,
Mein liebes Töchterlein, das denn eine harte Probe?“
[GEJ.09_107,04] Sagte das Töchterlein: „O
Herr, wenn mich ein anderer darum gefragt hätte, so hätte ich ihm leicht zu
antworten; aber weil gerade Du, der Du eben Selbst Derjenige bist, den ich im
Traume als den großen und über alles mächtigen König nicht nur aller Juden,
sondern aller Menschen gesehen habe, fragest, so ist mir das schwer zu sagen!
[GEJ.09_107,05] Aber da ich nun vor Dir, Du
allmächtiger Herr und Herrscher von Ewigkeit zu Ewigkeit über alle Himmel und
Welten, reden muß, so sage ich denn auch nun offen heraus: Du, o Herr, bist es
Selbst! Dich sah ich im Glanze der Sonne! Zahllose Scharen der seligsten Engel
umgaben Dich und priesen überhoch Deinen allerherrlichsten Namen.
[GEJ.09_107,06] Und ich fragte einen Weisen,
der in meiner Nähe stand, wie Dein Name wohl laute.
[GEJ.09_107,07] Und der Weise sagte: ,Den
Namen des Allerhöchsten konnte vom ewigen Uranfange an auch kein Engel
aussprechen; denn Sein Name ist so unendlich groß wie der unendliche Raum
Seiner Schöpfungen, von denen die Erde, die du bewohnst, kaum das ist, was ein
winzigstes Stäubchen gegen die ganze, große Erde selbst ist. Aber der ewige
Gott, Schöpfer und Vater hat aus übergroßer Liebe zu euch, Seinen Kindern, auf
daß ihr euch Ihm vollauf nahen könnet, Selbst euer Fleisch angezogen und hat
mit demselben auch einen Namen Sich gegeben, den jeder Mensch dieser Erde und
auch jeder Engel fühlen und aussprechen kann; – und dieser heiligste Name
lautet: Vater, Liebe, Wahrheit und Leben; als Menschensohn aber heißet Er
Jesus!‘
[GEJ.09_107,08] Auf das sah ich in großen
Reihen Sonnen und Erden ohne Zahl und Maß vor Dir vorüberschweben, und alle
waren voll der herrlichsten Wesen unseresgleichen und auch anderer
wunderbarster Dinge, und wohin Du Dein Auge wandtest in die Tiefen des endlosen
Raumes, ersah ich alsbald neue große und wundervollste Schöpfungen ins Dasein
treten! O Herr, o Liebe, o Vater, o Du nun mein König Jesus! Wie endlos groß,
mächtig und über alles heilig und herrlich bist Du in Dir Selbst von Ewigkeit
zu Ewigkeit! Dir ist ewig niemand gleich! Oh, vergib es der Schwäche meiner
Zunge, daß sie Dein Lob und Deine Ehre nicht würdiger auszusprechen vermag!“
[GEJ.09_107,09] Hierauf sank das Mägdlein auf
ihre Knie und lobte und pries Mich, vor lauter Liebe weinend, still im Herzen.
[GEJ.09_107,10] Als ihr Vater, ihr Oheim und
auch ihre Mutter das vernahmen, sanken sie auch auf ihre Knie und fingen an,
Mich laut anzubeten.
[GEJ.09_107,11] Ich aber sagte: „Stehet auf,
ihr Meine lieben Kinder; denn der Vater will von euch nicht, wie etwa ein Götze
von den Heiden, angebetet, sondern allein nur wahrhaft geliebt sein! Denn eurer
Liebe zu Ihm wegen hat Er Sich von euch denn auch hier finden lassen! Den ihr
suchtet, der bin Ich. Aber nun erhebet euch vom Boden, und seid frohen und
heitern Mutes! Setzet euch nun zu diesem Tische, und labet euch mit dem Weine,
mit dem Ich eure Becher füllen werde! Du, Töchterchen der lieblichsten Art,
setze dich zu Meiner Rechten samt deiner Mutter, ihr beiden Männer aber setzet
euch zu Meiner Linken! Es ist noch eine Stunde Zeit bis zur Mitternacht, und
wir wollen da noch über gar sehr wichtige Dinge uns besprechen.“
[GEJ.09_107,12] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da erhoben sich die vier voll der höchsten Ehrfurcht vom Boden und
sagten: „O Du nie begreifbar große Liebe, o Herr, König und Vater Jesus, laß
uns an dem kleinen Tische dort wieder unseren früheren Platz einnehmen; denn
wir fühlen uns zu unwürdig, nun in deiner vollsten Nähe zu sein!“
[GEJ.09_107,13] Sagte Ich: „Was Ich einmal
gesagt habe, bei dem hat es zu verbleiben! Bin Ich im Geiste denn nicht überall
zugegen? Wohin wollt ihr euch wohl verstecken, auf daß euch nicht fände das
Licht Meiner Augen? Darum seid nun heitern und frohen Mutes, darum daß Ich Mich
von euch habe finden lassen! Denn nun bin auch Ich, wie ihr, ein Mensch mit
Fleisch und Blut auf dieser Erde und bin wie ein Freund und Bruder unter euch.“
[GEJ.09_107,14] Auf dies Mein Zureden setzten
sich die vier denn endlich doch zu Mir, und das Mägdlein wandte ihre Augen
nicht von Mir ab und ward nahe ganz leuchtend vor lauter Liebe zu Mir, was
sogar Meinen Jüngern auffiel.
[GEJ.09_107,15] Ich aber sagte zum Wirte:
„Bringe du vier reine und völlig leere Becher; denn Ich will diesen Meinen vier
Freunden von Meinem Weine eine rechte Kräftigung zukommen lassen! Denn sie
haben Mir zuliebe viele Tage alle Beschwerden, die arme Menschen auf einer so
weiten Reise zu erdulden haben, mit aller Geduld und dabei doch mit einem
wahren Heldenmut ertragen, und so sollen sie hier denn dafür entschädigt und
belohnt werden!“
[GEJ.09_107,16] Hierauf ging der Wirt und
brachte vier reine und leere Becher und setzte sie vor die vier armen Gäste.
[GEJ.09_107,17] Als die Becher vor ihnen
standen, sagte Ich, das Mägdlein ansehend: „Du, Mein allerliebstes Töchterchen,
hast in deinem Traume gesehen, wie im endlosen Raum dort neue Schöpfungen
entstanden, wohin das Licht aus Meinen Augen drang, – und nun siehe, Ich werde
das Licht aus Meinen Augen in eure bis jetzt noch leeren Becher dringen lassen,
und sie werden dann auch sogleich voll des reinsten Weines aus den Himmeln
werden! Solchen Wein trinket dann aus Liebe zu Mir, und ihr werdet dadurch zu
jener Kraft und Stärke gelangen, die euch den rechten Mut, mit Mir zu reden,
geben wird, – und was Ich euch sagen werde, das werdet ihr leicht ertragen und
behalten und werdet dann auch imstande sein, Meinen Namen in eurem Lande euren
Brüdern zu verkünden.“
[GEJ.09_107,18] Hierauf besah Ich die leeren
Becher, und sie wurden im Augenblick voll des besten und reinsten Weines,
worüber sich die vier über und über zu verwundern anfingen.
[GEJ.09_107,19] Als die vier Becher, nun mit
dem besten Weine gefüllt, vor den vieren standen, da sagte Ich zu ihnen: „Habt
nun keine Furcht und Scheu, und trinket den neuen, nun für euch geschaffenen
Wein! Denn so wie Mein Wort und Wille den ganzen Menschen erweckt und belebt,
also auch dieser Wein, der auch gleich ist Mein Wort und Wille; er wird euch
erwecken und beleben zum ewigen Leben eurer Seelen! Und so denn trinket!“
[GEJ.09_107,20] Auf diese Meine Anrede nahmen
die vier voll Ehrfurcht die Becher in die Hand und tranken den Wein, da er
ihnen zu wohl schmeckte, bis zum letzten Tropfen aus. Als sie den Wein im Leibe
hatten, da verließ sie die übertriebene Ehrfurcht vor Mir und wandelte sich in
Liebe um, und diese erst gab ihnen den rechten Mut, mit Mir also offen zu
reden, als wie offen und zutraulich da reden die Kinder mit ihren Eltern.
108. Kapitel
[GEJ.09_108,01] Und so denn fragte Mich zuerst
das Mägdlein, sagend: „O Herr und Meister und höchster König voll göttlicher
Macht und Kraft, wie war es Dir doch möglich, diesen wahren Himmelswein rein
aus nichts in den Bechern zu erschaffen, und das so plötzlich, daß man sich
nicht versehen konnte, wie er in die Becher kam? Ich weiß wohl, daß der
göttlichen Kraft nichts unmöglich ist, und daß Gott alles, was da ist,
erschaffen hat und noch gleichfort erschafft; aber bei dem Erschaffen beachtet
Gott stets also eine gewisse Ordnung, daß da, um ein vollendetes Ding ins
Dasein zu setzen, immer eins dem andern vorangeht und die Hauptsache dann auch
immer als eine Folge der oft recht vielen Vorangänge erscheint und auch aller
Wahrheit nach ist.
[GEJ.09_108,02] Ja, der Wein, den die Rebe
gibt, ist nicht minder ein Wunder! Aber bei dem Werden des Weines von der Rebe
her gibt es gar viele Vorgänge bis zur vollreifen Traube; hier bei der wahren
Erschaffung des allerbesten Weines in den Bechern aber gab es keinen Vorgang,
sondern Du wolltest, – und die Becher waren schon voll Weines! Wie ist das doch
wohl möglich?“
[GEJ.09_108,03] Sagte Ich: „Höre, du Mein
liebes Töchterlein, du bist zwar erst volle zwölf Jahre alt; aber dein Verstand
reicht über vierzig Jahre wohlgebildeten Alters! Mit solch einer Frage ist Mir
noch kaum jemand zum Vorschein gekommen. Ja, du Mein liebes Töchterlein, die
Frage, die du hier gestellt hast, ist wohl recht klar und verständlich, – aber
die darauf zu gebende Antwort wird euch offenbar nicht ebenso klar und
verständlich vorkommen; aber weil du schon gefragt hast, so sollst du von Mir
auch eine Antwort bekommen.
[GEJ.09_108,04] Siehe, der Wein, der durch
die Rebe nach und nach bereitet wird, ist eben ein solches Wunder wie dieser,
den Ich für euch hier plötzlich erschaffen habe! Ich könnte gleichfort den Wein
und auch alles andere also erschaffen, gleichwie erschaffen wird in der Luft
die Wolke und der Regen, und wie Ich nun auch für euch den stärkenden Wein
erschaffen habe aus der Luft, in der schon alle Bestandteile, die zum Weine gehören,
vorhanden sind gleichwie auch alles, was zur Hervorbringung aller anderen
Kreaturen erforderlich ist; aber der Mensch kann das mit seinen Fleischesaugen
nicht sehen, sondern der Geist nur kann das sehen, sondern und vereinen, und so
denn entweder plötzlich oder – wegen der Probung des menschlichen Verstandes,
der Liebe und der Geduld und wegen der Erweckung der Tätigkeit und
Hintanhaltung der Trägheit der Menschen – nach und nach auf die euch als
natürlich bekannte Weise bewerkstelligen. Immer aber ist es ein und derselbe
Geist, der ganz allein nur alles so oder so zu bewirken imstande ist, weil er
uranfänglich der Grund von allem ist und auch ewig sein wird; denn alles, was
da ist, ist im Grunde des Grundes nur des Geistes Macht, Kraft, Liebe, Weisheit
und Wille.
[GEJ.09_108,05] Auch ein jeder Mensch ist im
Besitze solch eines Geistes, der aber erst dann im Menschen wirkend auftritt,
wenn er völlig nach dem erkannten Willen Gottes tätig wird und sein Geist auf
dem Wege der reinen Liebe zu Gott und daraus zum Nächsten mit der Seele im
Menschen sich vereinigt und sie dadurch selbst zur puren Liebe und Willen
Gottes wird. Ist das im Menschen vor sich gegangen, dann ist er auch Gott
ähnlich und kann auch Dinge bewirken, von deren Grunde kein pur äußerer Menschenverstand
sich einen Begriff machen kann.
[GEJ.09_108,06] Nun aber seid ihr an der
Quelle, Gottes Willen zu hören und für euer Leben zu erkennen; wenn ihr danach
tätig geworden sein werdet – was von eurem völlig freien Willen abhängt –, so
werdet ihr dadurch den allmächtigen Willen Gottes zu dem eurigen machen und
durch ihn alles vermögen.
[GEJ.09_108,07] In dem Willen Gottes aber
lebt auch die höchste Weisheit, daher er auch nichts bewirken kann und will,
was da wider die Weisheit Gottes wäre. Wer demnach den Willen Gottes sich durch
die Taten danach zu eigen gemacht hat, der hat sich auch die Weisheit Gottes zu
eigen gemacht, ohne die der Wille nichts zu bewirken imstande wäre; und so ist
denn ein Mensch, der dem Willen Gottes gemäß handelt, voll des wahren
Lebenslichtes und voll der durch die Liebe zu Gott und zum Nächsten lebendigen
Weisheit. Und siehe nun, du Mein allerliebstes Töchterlein, da hast du nun eine
vollgültigst wahre und alles besagende Wahrheit auf deine Mir gegebene Frage;
und nun sage Mir, ob du sie auch verstanden hast!“
[GEJ.09_108,08] Sagte das gar wohl erzogene
und gut gebildete Töchterlein: „O Du über alles großer und mächtiger König,
Herr und Meister, es kommt mir wohl vor, als hätte ich den rechten Sinn Deiner
Worte begriffen; aber in die klare Tiefe dieser nur einem reinsten Geiste wohl
begreiflichen Weisheit werde ich erst sicher nur dann zu dringen imstande sein,
wenn auch ich es dahin werde gebracht haben, wo meine Seele mit dem Geiste nach
Deinem Worte eins sein wird. Dank Dir, o Herr und Meister, für Deine
allerweiseste Belehrung!“
[GEJ.09_108,09] Sagte Ich: „Du hast nun ganz
wohl geredet, und Ich sage es dir, daß du eher noch, als du denkst, in den
Zustand, den Ich dir als den vollkommenen und Gott ähnlichen gezeigt habe, gelangen
wirst; denn du hast schon die rechte Liebe zu Mir und so auch eine rechte Liebe
zum Nächsten. Diese Liebe ist das einzige und sicherst wirkende
Vereinigungsmittel des Geistes mit der Seele, weil solche Liebe in der Seele
schon der eigentliche Geist Gottes ist; laß ihn durch gute Taten stark werden,
und du wirst dich dann bald von seiner wunderbaren Macht und Kraft in dir und
auch außer dir gar wohl überzeugen.
[GEJ.09_108,10] Wer Gott mit seinem Verstande
zu suchen und zu ergründen strebt, der hat eine mühevolle Arbeit und kommt
schwer auch nur um einen Schritt weiter; wer aber Gott sucht mit der Liebe im
Herzen, der findet Ihn bald und erreicht leicht das wahre Lebensziel. –
Verstehst du das?“
[GEJ.09_108,11] Sagte das Mägdlein: „O Du
großer Herr und Meister, das habe ich nun wohl verstanden; denn es ist in mir
nun auf einmal helle geworden, und ich begreife nun auch schon Deine mir
gegebene Antwort auf meine Frage um vieles heller denn ehedem. Also begreife
ich nun meinen Traum und sehe es ein, daß solchen nur Dein Geist in meiner
Seele geschaffen hat, ansonst sie aus sich sicher nicht imstande gewesen wäre,
in die ewig nie ermeßbaren Tiefen Deiner Schöpfungen einen so hellen Blick zu
tun!“
[GEJ.09_108,12] Sagte Ich nun zu den Eltern
des Mägdleins: „Dieses Kind wird euch noch zu einer Leuchte werden! Aber so sie
euch aus Meinem Geiste in ihr so manches kundtun wird, da machet es nicht
ebenso, wie vor drei Tagen in der Nähe von Damaskus! Nun aber sollen eure
Becher noch einmal gefüllt sein, und ihr sollet sie auch zum zweiten Male
leeren!“
[GEJ.09_108,13] Sagte hierauf das Weib: „O
Herr, laß das; denn wir sind nun gesättigt und gestärkt zur Übergenüge!“
[GEJ.09_108,14] Sagte Ich: „Weib, was geht
das dich an, was Ich euch tue! In dem Weine ja, den die Rebe euch bringt, ruht
auch ein betäubender und den Menschen verunreinigender Geist, der die Seele
nicht erleuchtet, wohl aber verfinstert. Aber in dem Weine, den Ich hier euch
aus den Himmeln gebe, liegt der Geist der wahren und lebendigen Liebe und
Weisheit; denn er ist eigentlich Mein Wort und Mein Wille. Darum sollet ihr ihn
denn auch trinken ohne Furcht und Scheu, auf daß ihr kräftig werdet, in eurem
Lande den andern Menschen in Meinem Namen kundzumachen Mein Wort und Meinen
Willen!“
[GEJ.09_108,15] Als Ich dieses gesagt hatte,
da baten Mich alle vier, daß Ich die Becher doch noch einmal mit dem
Wunderweine füllen möchte. Und Ich besah die Becher, gleichwie ehedem, und sie
wurden alsbald voll des besten und reinsten Weines. Darauf behieß Ich die vier,
daß sie die Becher leeren sollten; und sie taten das mit aller Lust und Freude.
[GEJ.09_108,16] Als sie auch diesmal den Wein
ausgetrunken hatten, da fingen sie im Herzen an, stets heller und offener zu
werden, und der Verheiratete fing an, ganz weise zu reden, so daß sich auch
Meine Jünger darob hoch zu wundern anfingen und auch einige (Jünger) unter sich
die Bemerkung machten, sagend: „Siehe, diese Indier machte Er mit einem
paarmaligen Trunke vom Wunderweine weise und in die ganze Lehre eingeweiht;
warum tut Er das nicht auch den andern Menschen?“
[GEJ.09_108,17] Sagte Ich: „Was kümmert euch
das, so Ich tue, was Ich will? Weiß Ich doch für jede Pflanze die geeignete
Kost zu verschaffen und jedem Tier die ihm zusagende Nahrung zu geben, so werde
Ich wohl auch verstehen, wie Ich einem und dem andern Menschen die geistige
Nahrung zu verschaffen und darzureichen habe. Ihr seid stets um Mich und höret
und sehet alles; merket es euch aber auch, wie Ich die Menschen behandle, und
wie Ich sie je nach der Art ihrer Seele belehre, und tut desgleichen, und ihr
werdet gute Wirkung machen! Diese vier aber sind nur bis morgen mittag bei Mir,
und sie sollen Mir dennoch zu einem Rüstzeuge werden; darum befähige Ich sie,
weil ihre Seelen also tauglich sind, denn auch schneller für solch ein Amt, wie
Ich auch die zweiundsiebzig Jünger in Emmaus dazu befähigt habe. – So ihr das
nun verstehet, da gebt euch zufrieden!“
[GEJ.09_108,18] Auf das wurden alle Jünger
wieder ruhig. Ich aber belehrte die vier noch weiter vom Reiche Gottes.
[GEJ.09_108,19] Nachdem Ich die vier vom
Reiche Gottes im Menschen auf dieser Erde wohl belehrt und ihnen auch die
Wirkungen desselben gezeigt hatte, wie auch, daß Mein Königtum und Reich nicht
von dieser Welt ist, dann sagte Ich dem Wirte, daß er den vieren eine
Ruhestätte anweisen solle, da es bereits eine Stunde über die Mitte der Nacht
geworden war. Der Wirt tat das sogleich, und die vier begaben sich zur Ruhe.
Wir aber blieben, wie zu öfteren Malen, an unserem Tische und ruhten allda bis
zum Aufgange der Sonne; auch der Wirt ruhte neben uns an einem kleinen Tische.
[GEJ.09_108,20] Am Morgen war der Wirt nach
seiner Gewohnheit schon um eine Stunde vor dem Aufgange auf den Beinen und
besorgte alles in seiner Wirtschaft vor dem Aufgange der Sonne; denn es war der
Sabbat, an dem mit dem Aufgange der Sonne alle knechtliche Arbeit bis zum
Untergange ein Ende hatte. Also ließ er auch das Morgenmahl vor dem Aufgange
bereiten, damit es auch vor demselben verzehrt werden solle; denn in dieser
Hinsicht war er ein strenger Jude.
109. Kapitel
[GEJ.09_109,01] Da Ich aber solche seine
Schwäche wohl kannte, so stellte Ich ihn dadurch auf eine Probe, daß Ich bis
zum vollen Aufgange der Sonne samt Meinen Jüngern schlief, was dem Wirte sein
Sabbatsgewissen zu beunruhigen anfing.
[GEJ.09_109,02] Nachdem die Sonne vollends
aufgegangen war, erhob Ich Mich samt den Jüngern vom Tische und ging ins Freie,
wie auch sonst allerorts zumeist.
[GEJ.09_109,03] Der Wirt aber kam Mir
alsogleich nach, grüßte Mich und auch die Jünger ehrerbietigst und fragte Mich,
sagend: „O Herr und Meister, was soll nun geschehen? Es ist heute Sabbat! Das
Morgenmahl aber ist schon vor dem Aufgange bereitet worden. Wirst Du es wohl
auch nun nach dem Aufgange zu Dir nehmen wollen, und soll ich auch den vieren
aus Indien am Tage ein Essen darreichen?“
[GEJ.09_109,04] Sagte Ich: „O du Mein lieber
Freund, siehe, du bist sonst in allen Stücken ein recht weiser Mann, aber was
da betrifft die Feier des Sabbats, da bist du noch gleich den blinden
Pharisäern, die da sich nach dem Buchstaben des Gesetzes richten, aber den
Geist desselben noch niemals erkannt haben. So du am Sabbat deine Schafe,
Ochsen, Kühe, Kälber, Esel und Ziegen gleich wie an einem Werktage fütterst –
was doch auch eine knechtliche Arbeit ist –, warum sollen denn die Menschen
fasten? Sind denn die Menschen vor Gott minder denn deine Haustiere? Zudem bin
Ich ja heute also wie vor Ewigkeiten auch ein Herr des Sabbats, wie eines jeden
andern Tages, der, gleich wie der Sabbat, auch ein Tag des Herrn ist. Sollte
Ich denn an einem Sabbat nicht tun gleich wie an jedem andern Tage?
[GEJ.09_109,05] Wer läßt denn die Sonne
aufgehen, wer das Gras wachsen, wer die Winde wehen und die Wolken ziehen? Wer
treibt das Wasser in den Quellen, Bächen, Flüssen und Strömen, wer bewegt das
Meer von einem Ende der Erde bis zum andern? Wer treibt dein Blut in den Adern
und das Herz in der Brust – wohl gemerkt – auch am Sabbat?
[GEJ.09_109,06] So Ich ruhete an einem Sabbat
auch nur einen Augenblick, ginge da nicht die ganze Schöpfung zugrunde?
[GEJ.09_109,07] Siehe, Werke der wahren
Nächstenliebe verrichten, heißt bei Mir wahrhaft Gott und den Menschen dienen,
– was sicher höher steht, als mit der Trägheit den Sabbat feiern! Verrichte
demnach gute Werke auch am Sabbat, und du wirst dadurch den Sabbat Mir, dem
Herrn, am wohlgefälligsten feiern!
[GEJ.09_109,08] Und nun gehen wir wieder in
den Speisesaal und nehmen das Morgenmahl zu uns, und dasselbe sollen auch die
vier Indojuden tun, die erst übermorgen ihren Sabbat haben!“
[GEJ.09_109,09] Als der Wirt diese Meine
Worte vernommen hatte, sah er auch sogleich die große Torheit der äußerlichen
Sabbatfeier ein und ging und ließ das Morgenmahl auf den Tisch bringen, und wir
gingen denn auch in den Speisesaal, setzten uns zu Tische und nahmen ganz
wohlgemut das Morgenmahl zu uns.
[GEJ.09_109,10] Es kamen aber auch die vier
Indojuden, und Ich behieß sie, an unserem Tische Platz zu nehmen und mit uns
das Morgenmahl zu verzehren, was sie denn auch sogleich mit aller Freude taten;
denn sie wußten es nicht, daß in Galiläa, wie auch im ganzen Judenlande, an
diesem Tage der Sabbat gefeiert wurde.
[GEJ.09_109,11] Als wir das Morgenmahl zu uns
genommen hatten, da ging der Sabbatrufer durch die Straßen des Städtchens Kana
und behieß die Menschen, in die Synagoge zu gehen, groß und klein und jung und
alt. Hier erschraken die vier, weil sie nun erfahren hatten, daß dieser Tag der
wahre, alte Judensabbat sei und sie nach dem Aufgange ein Morgenmahl zu sich
genommen hatten.
[GEJ.09_109,12] Ich aber sagte: „Ich bin der
Herr auch des Sabbats! So Ich euch das wahrlich zu keiner Sünde rechne, warum
sollet ihr dann euer Gewissen belästigen (belasten)?“
[GEJ.09_109,13] Sagte der Mann: „Wir danken
Dir, o Herr, für dies Dein unsere Herzen mächtig tröstendes Gnadenwort; denn
hätten wir gesündigt nun vor Dir, so hättest Du uns das sicher gesagt und uns
zurechtgewiesen. Aber wie ist das vor Dir nun keine Sünde, was nach dem Gesetze
Mosis als eine Sünde bezeichnet wurde? Warum hat denn Moses hernach dem Volke solche
Gesetze, als von Gott ausgehend, gegeben?“
[GEJ.09_109,14] Sagte Ich: „Du bist sonst ein
recht weiser und in der Schrift Mosis wohlerfahrener Mann, den Buchstaben
kennst du wohl, und das Wort ist dir nicht fremd; aber der wahre, alles
lebendig machende Geist, der im Worte verborgen ist, ist dir noch fremd,
gleichwie er allen Juden schon lange vor der Babylonischen Gefangenschaft fremd
geworden ist. Darum hältst du dich auch noch an die tote Baumrinde; aber das
lebendige Mark im Innern des Baumes ist dir fremd in seiner Wesenheit und
Tätigkeit. Wenn du die alte Rinde eines Baumes irgend verletzest, so wird das
dem Leben des Baumes keinen irgend nur im geringsten merklichen Schaden
bringen; wenn du aber das Mark eines Baumes verletzest, so wird das eine Sünde
gegen des Baumes Leben sein, weil der Baum darauf verdorren und also sterben
wird.
[GEJ.09_109,15] Siehe, die Israeliten sind in
Ägypten unter den Pharaonen träge und gleich den Tieren gefräßig geworden und
haben den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sehr zu vergessen angefangen und
hielten schon große Stücke auf die Götzen der Ägypter; nur wenige noch blieben
dem einen, wahren Gott getreu, und diese baten Gott, daß Er Sein Volk aus der
harten Knechtschaft und gewissenlosesten Tyrannei der Ägypter erretten möchte.
Und Gott tat das durch Moses, wie es dir wohlbekannt ist.
[GEJ.09_109,16] Moses aber hatte dann durch
vierzig Jahre in der Wüste mit der täglich sichtbaren Hilfe Jehovas vollauf zu
tun, um das entartete Volk durch weise Lehren, wie durch geeignete Gesetze in
den Stand zu erheben, in welchem sich ein Mensch nach der Ordnung Gottes
befinden soll. Dazu waren denn für ein entartetes Volk auch Gesetze notwendig,
die dem Menschen vorschrieben, wann, was, wieviel und wie oft er an einem Tage
essen und trinken solle, und wie sich bekleiden und am Leibe reinigen.
[GEJ.09_109,17] Ebenso ward durch Moses dem
zur Trägheit sehr geneigten Volke, das an jedem Tage nichts tun wollte, nur der
siebente Tag zur Feier und Ruhe gegeben, an dem es von den Führern über Gott,
Seine Ordnung, über Seinen Willen und Seine Führungen belehrt und vor der
Widerspenstigkeit gegen die Gesetze auf das ernstlichste gewarnt worden ist.
[GEJ.09_109,18] So aber ein Mensch sich die
Ordnung Gottes zu eigen gemacht hat und in allem, was da gut, wahr und recht
ist, aus seinem freien Willen tätig geworden ist, so kann das für ihn ja keine
Sünde sein, wenn er als ein völlig gesunder Mensch sich nicht mehr der Arzneien
bedient, deren sich ein Kranker zu bedienen hat. Darum wirst auch du als ein
gottesfürchtiger und gerechter Mann dich nicht wider die Sabbatfeier
versündigen, wenn du allzeit mäßig auch nach dem Aufgange, zu Mittag und auch,
so es dich hungert, vor dem Untergange Speise und Trank zu dir nimmst und
deinem Nächsten, wie an einem Werktage, Gutes erweisest. Wie Ich tue, so tue
auch du, und du wirst recht tun und leben!
[GEJ.09_109,19] Was gewinnt denn die
Sabbatfeier dadurch, so die Juden oft schon bei drei Stunden vor dem Aufgange
der Sonne übermäßig sich vollfressen und vollsaufen, derart, daß sie den ganzen
Sabbat über kaum gehen und stehen können und nach dem Untergange wieder zu
prassen und zu schwelgen anfangen bis zur Mitte der Nacht, daß sie darauf auch
am nächsten Werktage zu keiner Arbeit fähig sind? Wisse! Solch eine Sabbatfeierhaltung
ist vor Mir wohl ein Greuel; aber den Sabbat so zu halten, wie Ich es dir nun
gezeigt habe, ist Mein Wille und daher Mir denn auch sicher wohlgefällig. Darum
denke dir allzeit: Der Buchstabe des Gesetzes tötet; nur der innere Geist der
Liebe und Wahrheit macht lebendig.“
[GEJ.09_109,20] Als der Mann solches von Mir
vernommen hatte, dankte er Mir mit den andern dreien für diese Belehrung, und
alle wurden vollends heiteren Mutes.
[GEJ.09_109,21] Es fragte Mich aber darauf
der Wirt, ob er mit den Seinen in die Synagoge gehen solle, oder ob er auch
daheim bleiben könne.
[GEJ.09_109,22] Sagte Ich: „Wer ist denn
mehr, Ich oder die Synagoge? Laß dein Gesinde hingehen und schicke dem Rabbi
ein Opfer, das ihm um vieles lieber ist denn deine Gegenwart, – du aber bleibe
daheim; denn es wird bald eine Karawane von Persien hier anlangen und dir viel
zu schaffen geben!“
[GEJ.09_109,23] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, diese kommt mir heute als an einem Neumondssabbat sehr ungelegen; denn
wir Wirte haben ein strenges Gesetz, auf solch einen Sabbat nicht einmal einen
Juden, geschweige erst einen Fremden in die Herberge aufzunehmen!“
[GEJ.09_109,24] Sagte Ich: „Gutes tun auch an
einem Sabbat ist recht vor Mir, wie Ich das dir und soeben auch den Indiern
gesagt habe, wenn du aber eine eitle Furcht vor dem Obersten der Synagoge hast,
so sende durch deinen Oberdiener ein Dispensopfer dem Obersten, und er wird dir
die Erlaubnis gern erteilen!“
[GEJ.09_109,25] Der Wirt tat das, und der
Oberdiener brachte ihm sogleich eine Dispenskarte, gültig für drei Sabbate,
worüber der Wirt sehr froh war; denn die Karawane brachte ihm den hundertfachen
Gewinn von dem, was ihn die Karte gekostet hatte.
[GEJ.09_109,26] Darauf aber fragte Mich der
Wirt, sagend: „Herr und Meister! Ist es aber auch recht von seiten des Obersten
der Synagoge, mir gegen ein Dispensopfer zur Schändung des Sabbats – was vor
ihm als eine übergroße und strafbarste Sünde gilt, zu gestatten, solche mit
meinem ganzen Hause zu begehen, und das ohne irgendeine Besorgnis, als hätte
ich dafür je eine Strafe zu befürchten?“
[GEJ.09_109,27] Sagte Ich: „Freund, so der
Oberste die Sabbatschändung im Ernste für eine Sünde hält nach seinem Gewissen
aus seinem Glauben, so fällt die Sünde auf seine Rechnung, da er sie ums Geld
von andern begehen läßt; hat er aber keinen Glauben und tut vor dem Volke aber
dennoch also, als glaubte er fest und ungezweifelt daran, was er nach der
Schrift als eine höchst strafbare Sünde zum Scheine zu halten vorgibt und
darüber scharfe Strafpredigten hält, so ist er durch die um Geld gegebene
Erlaubnis zur Begehung einer Sünde nicht nur ein so oftmaliger Sabbatschänder,
als wie vielen er um Geld die Erlaubnis zur Sabbatschändung erteilt hatte,
sondern er begeht dadurch noch die viel größere Sünde der Lüge, der Heuchelei
und des Geizes, weil er seinen Glauben seiner Habsucht wegen aufgegeben hat.
[GEJ.09_109,28] Wer aber, wie du nun, eine
Erlaubnis zu der sogenannten Entheiligung des Sabbats erhalten hat, der kann um
so getroster am Sabbat gute Werke verrichten, weil also den Sabbat zu feiern
eben Mein Wille ist!“
[GEJ.09_109,29] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da sagte er alsogleich zu seinen Hausleuten, daß sie nun alles
herrichten sollten, was zur Bewirtung einer großen Karawane erforderlich ist.
[GEJ.09_109,30] Und alles verteilte sich zur
Arbeit und mit einem desto größeren Eifer, weil der Vortrab der Karawane
bereits vor der Herberge ankam.
110. Kapitel
[GEJ.09_110,01] Es merkten aber das einige
sehr sabbathalterische Nachbarn, wie des Wirtes Leute so tätig wurden wie an
einem Werktage, und kamen darum zum Wirte und sagten: „Du scheinst nicht zu
wissen, daß heute ein Neumondssabbat ist?“
[GEJ.09_110,02] Der Wirt aber sagte: „Kehret
ihr vor euren Haustüren; ich habe vor der meinigen schon gekehrt! Da ist vom
Obersten der um ein Opfer gelöste Erlaubnisschein, und ihr habt euch um mich
weiter nicht zu kümmern!“
[GEJ.09_110,03] Auf diese Worte gingen die
Nachbarn wieder von dannen, und die Hausleute erwarteten die schon durch die
Stadt daherziehende Karawane. Als diese mit ihren Kamelen und allerlei Waren
vollends in dem großen Hofraum angekommen war und des Wirtes Knechte für die
Lasttiere das hinreichende Futter herbeigeschafft hatten, da kam ein
Dolmetscher und sagte dem Wirte, welche Speisen er für die angekommenen
Handelsleute aus Persien bereiten solle.
[GEJ.09_110,04] Der Wirt aber sagte: „Was in
meiner Macht steht, werde ich euch sicher dienen! Aber du hast etwelche
Getränke und etwelche besonderen Speisen verlangt, die mir als einem Juden
bisher fremd waren, und ich besitze solche Dinge nicht; aber Fleisch nach
unserer Sitte, sehr rein und schmackhaft zubereitet, könnet ihr haben, ein
feines Weizenbrot, Honig, Milch und Käse, wie auch sehr edle Fische aus dem
nicht ferne von hier liegenden Meere Galiläas.“
[GEJ.09_110,05] Auf diese Worte entfernte
sich der Dolmetscher, ging hinaus zu seinen Herren und gab ihnen kund, womit
sie in dieser Herberge bedient werden könnten; und diese stellten sich
zufrieden.
[GEJ.09_110,06] Bald darauf traten sie in
einen zweiten, größeren Speisesaal, in dem die Tische und die hinreichende
Anzahl Stühle und Bänke schon in der besten Ordnung hergestellt waren. Alle
nahmen sogleich Platz und ließen sich sogleich Brot, Wein und Salz geben, was
denn auch eiligst herbeigeschafft wurde; und alle lobten den Wein und das Brot
und gestanden, noch nie ein so gutes Brot gegessen und einen so feinen und
köstlichen Wein getrunken zu haben.
[GEJ.09_110,07] Der Wirt aber begriff anfangs
solches einmündige Lob der vielen persischen Handelsleute selbst nicht und
sagte zu Mir: „Herr und Meister, es kamen schon zu gar öfteren Malen derlei
Karawanen aus dem fernen Morgenlande hier an und haben wohl alles für gut und
billig befunden; aber daß sie meinem Brote und Weine ein gar so
außerordentliches Lob erteilt hätten wie diesmal, dessen kann ich mich wahrlich
nicht erinnern! Hast Du, o Herr und Meister, denn da schon wieder ein neues
Zeichen gewirkt?“
[GEJ.09_110,08] Sagte Ich, der Ich Mich unter
der Zeit mit den vier Indiern, sie über manches belehrend, abgegeben hatte:
„Gehe in deine Brotkammer und in deinen Weinkeller, und sieh nach!“
[GEJ.09_110,09] Da ging der Wirt nachzusehen
und fand in der Brotkammer sowie in dem Weinkeller einen großen Vorrat, und
sein Weib ebenso daneben auch in der Speisekammer und in den großen
Fischbehältern, kam wieder, dankte Mir aus vollem Herzen und sagte darauf:
„Aber Herr und Meister, was habe ich denn je so viel Verdienstliches vor Dir
getan, daß Du mich nun schon zum zweiten Male einer so großen Gnade für würdig
befunden hast?“
[GEJ.09_110,10] Sagte Ich: „Wer allzeit, dir
gleich, gegen Fremde gut, gerecht, billig und erbarmungsvoll handelt und die
Armen aufnimmt und vor keinem sein Herz und die Tür seines Hauses verschließt,
vor dem verschließe auch Ich Mein Herz nicht, das da ist die wahre Eingangstür
ins Himmelreich, das da ist das ewige und seligste Leben der Seele. Und Ich
weiß es, daß du allzeit also gehandelt hast. Und so wisse denn auch, daß Ich
auch dir gegenüber stets also handeln werde, wie du in Meinem Namen gegen deine
Mitbrüder handeln wirst! Und was dir gilt als wohl verheißen aus Meinem Munde
und Herzen, das gilt auch jedem zu allen Zeiten der Erde, der dir in allem
gleich sein wird.
[GEJ.09_110,11] Oh, Ich weiß es gar wohl, wie
es dir, als einem Wirte einer Herberge, oft sehr knapp mit allen deinen
Vorräten ging und dein sonst recht braves Weib dir bittere Vorwürfe darum
machte, weil du nach ihrer Ansicht zu billig gegen die Fremden und zu gut und
barmherzig gegen die Armen warst! Aber du sagtest: Wer gerecht und billig gegen
seine Mitmenschen denkt und handelt, den verläßt Gott niemals; und wer den
wahrhaft Armen Barmherzigkeit erweist, der wird auch bei Gott allzeit Erhörung
seiner Bitten und also auch Barmherzigkeit finden.
[GEJ.09_110,12] Und siehe, weil du eben also
in deinem Herzen lange zuvor dachtest und nach deinen Kräften auch also
handeltest, als du Mich in Meiner Person erkannt hast, so kam Ich denn auch nun
schon zum zweiten Male zu dir und erweise dir, was du Mir an den vielen
Mitmenschen erwiesen hast; denn was jemand den Armen in Meinem Namen tut und
auch gerecht und billig gegen die Fremden ist, das hat er Mir getan, und Ich
werde es ihm vergelten hier schon und gar vielfach im andern Leben. Und so
wirst du jetzt denn auch leicht begreifen, Wer, und warum, deine Vorräte nun so
reichlich gesegnet hat!“
[GEJ.09_110,13] Als der Wirt das nun aus
Meinem Munde erfahren hatte, dankte er Mir abermals und ging hinaus in die
Küche und sagte das alles auch seinem geschäftigen Weibe, das denn auch alsbald
zu Mir in den Saal kam und Mir dankte für die erwiesenen vielen Gnaden und
Erbarmungen.
[GEJ.09_110,14] Ich aber sagte zum Weibe:
„Habe auch du stets das Herz deines Mannes, und du wirst fortan gesund bleiben
am Leibe und an der Seele! In der Zukunft soll euch keine Not mehr drücken! Nun
aber gehe du wieder an dein Geschäft!“
[GEJ.09_110,15] Das Weib dankte mir nochmals
und begab sich darauf eiligst in die Küche, wo sie viel zu tun hatte.
111. Kapitel
[GEJ.09_111,01] Darauf kamen ein paar Perser
mit dem Dolmetscher zu uns und verlangten, mit dem Wirte zu sprechen.
[GEJ.09_111,02] Der Wirt fragte sie sehr
freundlich, was sie für ein Anliegen hätten.
[GEJ.09_111,03] Und der Dolmetscher sagte:
„Lieber Freund, wir sind schon etliche Male hier eingekehrt und haben an dir
stets einen gerechten und billigen und sonach auch einen seltenen
Menschenfreund gefunden, darum wir dich denn auch diesmal bei unserer
Handelsreise nach Tyrus besucht haben. Wir waren mit dir stets zufrieden, und
du wirst dich auch nie über uns zu beklagen eine Ursache gehabt haben. Diesmal
aber hat uns auf der Reise hierher ein Ungemach irgend nach einem nie
erforschbaren Ratschlusse eines Gottes heimgesucht, was uns im Geschäft zum
Wohle der Unsrigen daheim recht sehr beirrlich (hinderlich) ist.
[GEJ.09_111,04] Wir haben zwar an unseren
mitgenommenen Schätzen und Waren nichts verloren, aber was im Grunde beinahe
schlimmer ist denn irgendein vorerwähnter Verlust, das ist die Erkrankung
unseres ersten und besten Geschäftsleiters. Er hat schon ein paar Tage hindurch
geklagt, daß er von ungewöhnlichen Schmerzen im Magen und auch im Kopfe von
Zeit zu Zeit befallen werde. Als wir uns nun mit deinem Brote und Weine gelabt
haben, da haben ihn seine Schmerzen wieder, und zwar diesmal gar bedenklich
heftig, ergriffen. Gibt es denn hier keinen Arzt, der unserem Geschäftsleiter
helfen könnte? Wahrlich, er soll von uns königlich belohnt werden! Sollte dem
guten Manne aber – wie es bei solchen Krankheiten wohl oft der Fall ist – nicht
alsbald geholfen werden können, so würden wir dich bitten, unseren leidenden
Freund in deiner Pflege hier zu behalten; und so wir in etlichen Tagen wieder
hierher kämen – was du als sicherst und wahrst annehmen kannst –, da werden wir
dir alles zehnfach erstatten, was du zur Pflege unseres Freundes gebraucht
hast.“
[GEJ.09_111,05] Sagte der Wirt: „Liebe
Freunde, dazu hättet ihr wahrlich nicht so viele Worte vonnöten gehabt; denn es
soll von mir aus sogleich für alles gesorgt werden. Es befände sich nun wohl
ein allererster und bester Arzt in Meinem Hause, der dem kranken Manne
plötzlich für immerdar helfen könnte; aber Er verlangt von denen, die bei Ihm
Hilfe suchen, einen vollen und zweifellosen Glauben nach unserer alten Judenweise.
Ihr aber glaubet nur an gewisse von den Menschen erdichtete Götter, die nie
jemandem helfen können, und nicht an den einen, wahren und lebendigen Gott der
Juden, der allein allmächtig ist und auch jedermann helfen kann und will, der
Ihn darum bittet, und so weiß ich denn auch nicht, ob der erwähnte Arzt in
meinem Hause eurem kranken Freunde wohl wird helfen wollen.“
[GEJ.09_111,06] Sagte der Dolmetscher:
„Freund, du irrst dich an uns sehr, wenn du meinst, daß wir noch ebenso
Götzendiener sind, wie es die alten Vorfahren unter der babylonischen
Herrschaft waren! Den einen und allein wahren Gott der Juden kennen auch wir
und verehren Ihn in unseren Herzen still; zum Scheine nur für die blinde Welt
betreten wir dann und wann auch noch einen alten Götzentempel und bewundern in
ihm die kaum denkbar mögliche Dumm- und Blindheit der Menschen. Und wir baten
auch schon oft still in unseren Herzen, daß der eine, allein wahre Gott denn
einmal unter uns Morgenländern auch ein wahres Lebenslicht möchte erstehen lassen,
da wir ja doch schon lange genug in der dicksten Lebensnacht geschmachtet
haben, – was aber freilich nur wir wissen, die wir durch den Handel mit gar
vielen Völkern verkehren und uns auf diese Art gar manche und tröstliche
Wahrheit zu eigen gemacht haben; aber es war unser Bitten ein vergebliches.
[GEJ.09_111,07] Einen Blindgeborenen
belästigt die eigene ewige Nacht sicher nicht, und er sehnt sich nicht nach dem
Lichte, dessen Wert er nicht kennt; aber wer gesehen hat und erblindet ist, dem
wird das Licht sicher schmerzlich abgehen, und also auch uns, die wir schon
lange sehend geworden sind, so wir daheim wie mit verbundenen Augen einhergehen
müssen.
[GEJ.09_111,08] Aus dem wirst du wohl
entnehmen können, daß euer Licht uns nicht fremd ist. Und da du nun das wohl
berechnen kannst, daß auch wir Perser eures Glaubens fähig sind, und dein nur
auf dem Wege des Glaubens unserem kranken Freunde sicher helfen könnender Arzt
daher an uns keinen Anstand zu nehmen hätte, so könntest du ihn wohl an unserer
Stelle bitten, daß er sich unseres Freundes erbarmen möchte!“
[GEJ.09_111,09] Sagte der Wirt: „Es wird
schon also sein, wie du es mir nun gesagt hast! Aber der von mir dir angeratene
Arzt ist ein gar wundersam scharfsehender Mann; Er sieht in das Innerste der
Menschen und erkennt sogar ihre geheimsten Gedanken und weiß es genau, wie
jemandes Herz und Gemüt beschaffen ist. Er ist in Seinem Willen aber auch so
mächtig, daß demselben sogar alle Elemente und alle Kräfte der Natur gehorchen
müssen. Wenn Er euch unter solchen Seinen Eigenschaften anständig ist, so will
ich Ihn euch wohl vorstellen!“
[GEJ.09_111,10] Sagte der Dolmetscher: „Unter
solchen Eigenschaften ist er uns allen sicher am alleranständigsten und
zugleich am wünschenswertesten, und du kannst ihn uns mit der Versicherung nun
getroster vorstellen, daß wir infolge unseres Handels und Wandels keine Furcht
vor ihm haben, und daß wir auch alles tun werden, was er von uns verlangen
wird!“
[GEJ.09_111,11] Sagte nun Ich Selbst zum
Dolmetscher: „Freunde, es werde dem Wirte die Mühe erspart, euch den alles
vermögenden Arzt vorzustellen! Ich Selbst bin es und habe Mich euretwegen hier
noch verweilt; denn Ich wußte es schon lange zum voraus, daß ihr Meiner
benötigen werdet. Ich habe eure Ankunft dem Wirte auch schon vor einer Stunde
darum angezeigt, auf daß ihr heute, als an einem Neumondssabbat sogar, an dem
ohne priesterliche Erlaubnis kein Jude etwas tun darf, dennoch die erwünschte
Versorgung finden solltet.
[GEJ.09_111,12] Und so weiß Ich denn auch,
daß euer getreuer und wohlerfahrener Geschäftsleiter schon vor drei Tagen in
einer schlecht bestellten Herberge in der Nähe des Euphrat sich mit einem
schlechten Fisch und mit einem noch schlechteren Wein seinen Magen gar sehr
verdorben hat; und hätte Ich nicht darum gewußt, so wie Ich es jetzt weiß, so
wäre er darauf auch in Kürze gestorben. Nur Meine euch bis jetzt noch völlig
unbekannte Kraft und Macht hat ihn euch bis zur Stunde erhalten und wird ihn,
so ihr an Mich und an die Kraft und Macht des einen, allein wahren Gottes der
Juden glaubet, ganz wohl und gesund erhalten.“
[GEJ.09_111,13] Sagte der Dolmetscher: „O du
wundersamer Meister der höchsten und ersten Kunst und Wissenschaft auf Erden!
Aus deinen Worten haben wir nun in uns die vollste Überzeugung überkommen, daß
dir nicht leichtlich etwas unmöglich sein dürfte, – und so glauben wir denn
auch fest und ungezweifelt, daß du unserem Freunde sicher und unfehlbar helfen
wirst, wenn du das nur willst. Darum bitten wir dich aber auch in unserer
trostvollen Überzeugung dahin, daß du unserem Freunde helfen wirst, zum voraus
uns gütigst zu bestimmen, welch ein Opfer wir dir dafür zu entrichten haben
werden.“
[GEJ.09_111,14] Sagte Ich: „Das sei ferne von
Mir; denn Ich bedarf zu Meinem und Meiner Jünger Lebensunterhalt der
menschlichen Opfer nicht und niemals! Gehen wir aber nun zum kranken Freunde
von euch, und wir wollen sehen, ob und wie ihm zu helfen ist!“
[GEJ.09_111,15] Das war den drei Persern wohl
das Allererwünschteste, und sie führten Mich hin zu dem Kranken, der sich vor
Schmerzen gleich einem halbzertretenen Wurme krümmte und bäumte und um Hilfe
oder um den Tod bat.
[GEJ.09_111,16] Als Ich zu ihm hintrat, legte
Ich ihm sogleich die rechte Hand auf die Magengrube, und der arge Krampf
verließ ihn auf immer. Er ward denn auch im selben Augenblick so völlig gesund,
wie er es zuvor noch niemals war, da er schon von Geburt an an einem
schwächlichen Magen litt; aber nun wurde sein Magen auch von seiner alten
Schwäche geheilt, und so denn wurde der kranke Mann vollkommen geheilt.
112. Kapitel
[GEJ.09_112,01] Als er nun so vollkommen
gesund sich von seinem Lehnstuhle erhob, da trat er voll Freundlichkeit zu Mir
hin und sagte (der Geheilte): „O du wundersamster Arzt auf der ganzen Erde, vorerst
meinen allergrößten Dank dir und eurem Gott, der dir solch eine wunderbarste
Heilkraft in deine Hände gelegt hat, mit der du mich so plötzlich von meinem
allerverzweiflungsvollsten Schmerze befreit hast! Und nun verlange von mir all
mein vieles Gold und noch andere Kostbarkeiten zum Lohne für deine Kunst und
Mühe, und es soll dein sein!“
[GEJ.09_112,02] Sagte Ich: „Alles dessen
benötige Ich nicht und nimmer; denn so Ich das Gold achtete, da hätte Ich dir
auch nicht helfen können! Ich sehe nur auf ein treues, Gott über alles und
seine Nebenmenschen wie sich selbst liebendes Herz; wo Ich das auch in einem
Heiden finde, da helfe Ich denn auch einem jeden, der Meiner Hilfe benötigt.
Und so kannst du dein Gold schon zu andern guten und Gott wohlgefälligen
Zwecken verwenden, und zwar namentlich zu denen der wahren Nächstenliebe.
[GEJ.09_112,03] So du aber auf einer Reise
bist, da hüte dich dennoch vor den faulen Fischen, und laß dir nur solche zur
Speise bereiten, die du zuvor noch frisch und lebendig im reinen Wasser hast
herumschwimmen sehen; denn alles faule Fleisch, und ganz besonders das der
Fische, ist der leiblichen Gesundheit des Menschen nachteilig. Das merke dir
zum Wohle deines Leibes!
[GEJ.09_112,04] Aber nun sage Ich euch allen
noch etwas, das um vieles wichtiger ist denn die volle Gesundheit eures Leibes,
und das ist die volle Gesundheit eurer Seelen. Diese aber könnet ihr erhalten
und sie zum ewigen Leben behalten, so ihr die euch mehreren wohlbekannten
Gesetze, trotzdem ihr auch keine Beschneidung habt, genau befolget. Dadurch
werden eure Herzen geistig beschnitten, was vor Gott um gar endlos vieles mehr
gilt denn die euch bekannte Beschneidung der Juden, die dabei aber zum größten
Teile völlig unbeschnittenen Herzens sind.
[GEJ.09_112,05] In etwa drei Jahren, von nun
an gerechnet, werden Jünger von Mir auch zu euch in euer Land kommen und werden
euch verkünden die Ankunft des Reiches Gottes und seiner Gerechtigkeit zu allen
Menschen auf dieser Erde. Diese nehmet wohl an Meiner Statt auf und glaubet
ihren Worten, und ihr werdet dadurch das von euch Besseren schon so lange
ersehnte Licht von dem einen, allein wahren Gott und Vater aller Juden und also
auch aller Menschen auf dieser Erde überkommen und dadurch auch das ewige Leben
eurer Seelen. Dies einzige verlange Ich nun für Mich als Lohn für die eurem
treuen Geschäftsleiter erwiesene Liebe.
[GEJ.09_112,06] So ihr aber in etlichen Tagen
nach Tyrus und Sidon kommen werdet, da suchet mit dem alten Oberstatthalter
Cyrenius, den ihr auch schon wohl kennet, zusammenzukommen! Dem erzählet, was
euch hier begegnet ist, und entrichtet ihm einen Gruß von Mir! Er wird euch
dann gar manches über Mich eröffnen; denn er kennt Mich schon von Meiner
Kindheit an und liebt Mich mehr denn sein Leben.
[GEJ.09_112,07] Dort werdet ihr auch einen
wundersamen Jüngling antreffen; der wird euch in viele Weisheit erheben, so ihr
auf ihn merken werdet! (Es ist das nämlich Raphael, der von Zeit zu Zeit am
Hofe des Cyrenius sichtbar weilte.)
[GEJ.09_112,08] Und nun seid heiteren und
frohen Mutes, und gedenket im Herzen im Namen Jehovas der Juden Meiner, und ihr
sollet bewahrt werden vor jeglichem Ungemach am Leibe und an der Seele!“
[GEJ.09_112,09] Hierauf verließ Ich die
Perser, nachdem sie Mir zuvor noch mit aller Treue versprochen hatten, daß sie
allem dem nachkommen würden, was Ich offenbar nur zu ihrem eigenen größten
Lebensvorteile von ihnen mit liebreichen Worten verlangt habe.
[GEJ.09_112,10] Der Dolmetscher und der
Geheilte aber begleiteten Mich und den Wirt noch in unseren kleineren
Speisesaal und dankten Mir noch einmal für die ihnen erwiesene Liebe und Gnade,
wie sie sich denn auch also ausdrückten.
[GEJ.09_112,11] Ich aber erwiderte ihnen:
„Wie redet ihr denn hier von einer euch erwiesenen Gnade? Wisset ihr denn nicht,
daß solche nur die Könige der Erde austeilen nach ihrem Belieben?“
[GEJ.09_112,12] Sagte der Dolmetscher: „O du
lieber Freund, rede nicht von der Gnade eines Königs! Die größte Gnade eines
Königs, die er in seinem Übermut dann und wann einem blinden Throngünstling
erteilt, ist nicht ein Tautropfen gegen das ganze Meer deiner Gnade, die du uns
erwiesen hast. Du, Freund, bist mit deiner gottähnlichen Eigenschaft mehr denn
alle noch so stolzen und sich mächtig dünkenden Könige der Erde! Denn du kannst
mit deinem Willen und Worte den Kranken die volle Gesundheit wiedergeben; die
Könige aber, wenn sie krank werden, können weder sich und noch weniger einem
andern Kranken helfen. Verwunden und töten können sie wohl, aber die
Verwundeten wieder heilen und gar die Getöteten wiederbeleben, – das können sie
nicht! Darum ist auch die größte von einem Könige einem Menschen erwiesene
Gnade nicht des Erwähnens wert gegen diese allein wahre Gnade, die du uns
erwiesen hast. Denn deiner Gnade wohnte deine Liebe und wahre Erbarmung bei;
der Gnade eines Königs der Erde aber geht gewöhnlich der größte Hochmut und die
innere Verachtung der armen Menschheit voran. Wehe dem, dem eine große Gnade
von einem Könige zuteil wurde! Denn kriecht er darauf nicht beständig wie ein
gehorsamster Wurm vor des Königs Majestät, so wird ihm seine Gnade wohl zum
größten Unheil. Darum haben wir uns auch noch niemals von der Gnade eines
Königs etwas gewünscht; aber dich bitten wir, daß du uns mit deiner wahrsten
Gnade niemals verlassen möchtest!“
[GEJ.09_112,13] Sagte Ich: „So ihr das also
betrachtet in eurem Herzen, so wird auch solche Meine von euch erkannte Gnade
nimmerdar von euch scheiden. Wer in Meiner Liebe durch seine Liebe bleibt, in
dem bleibt auch Meine Liebe durch seine Liebe zu Mir, und somit auch Meine
Gnade, die pur in Meiner Liebe besteht.“
[GEJ.09_112,14] Für diese Meine Zusicherung
dankten Mir die beiden noch einmal, verneigten sich tief vor Mir und gingen
dann voll des besten Mutes zu ihren Gefährten, die sich unterdessen über Meine Heilart
nicht genug verwundern konnten.
113. Kapitel
[GEJ.09_113,01] Als die beiden sich wieder
unter ihnen befanden, da ward vieles über Mich geredet und geurteilt; am
meisten aber fiel einem von ihnen Meine Uneigennützigkeit auf.
[GEJ.09_113,02] Aber der Dolmetscher sagte:
„Freunde, wem so alles möglich ist wie diesem Wunderarzte, der bedarf wahrlich
der Schätze dieser Welt nicht, da er die endlos edleren in seinen gottähnlichen
Eigenschaften besitzt! Es ist ja eine bekannte Eigentümlichkeit aller wahrhaft
großen und weisen Menschen auf der Erde diese gewesen, daß sie die
vergänglichen Güter dieser Welt verachteten. So kann es uns hier auch gar nicht
wundernehmen, wenn dieser Mann auch keine Liebe zu den Schätzen dieser Welt
hat; ich hätte sie auch nicht im Besitze seiner völlig gottähnlichen
Eigenschaften. Aber unser sonst allzeit sehr guter und billiger Wirt, dem wir
zunächst diese Bekanntschaft mit dem Wunderarzte zu verdanken haben, soll denn
anstatt des höchst uneigennützigen Arztes von uns entschädigt werden!“
[GEJ.09_113,03] Damit waren alle
einverstanden und bestimmten für den Wirt eine Summe von zehn Pfund Goldes und
hundert Pfund Silbers über das, was die gewöhnliche Verpflegung – nämlich für
den Mann zwei Groschen samt Dienerschaft und Lasttieren – ausmachte.
[GEJ.09_113,04] Die Karawane blieb aber nur
über den Mittag und setzte dann die Reise voll heiteren Mutes und voll der
besten Erwartungen nach den Orten ihrer handelsmännischen Bestimmung fort.
[GEJ.09_113,05] Ich aber sagte zum Wirte:
„Ich verweilte nun bei dir eine rechte Zeit, die für Mich und so auch für dich
fruchtbar war. Du wirst von den Persern an Meiner Statt wohl bedacht werden;
gedenke du dann aber auch in Meinem Namen der wahrhaft Armen, wie du das auch
ohne besondere irdische Mittel stets getan hast, und Mein Segen wird nicht von
dir weichen!
[GEJ.09_113,06] So aber die hiesige
Priesterschaft dich am Abend nach dem Untergange fragen wird, was für Menschen
du beherbergt hast, so kannst du Meinen Namen wohl nennen; und wirst du gefragt,
was ich geredet und getan habe, so sage ihnen: ,Nichts als nur Gutes!‘ Werden
sie dich weiter fragen, da gib ihnen keinen Aufschluß; denn diese
ehebrecherische Art verdient keinen Teil am Reiche Gottes! Das behalte du für
dich, für dein Haus und für die Armen im Geiste; denen kannst du bei guter
Gelegenheit Mein dir anvertrautes Evangelium predigen, und du wirst so
vollkommen in Meinem Namen die Hungrigen speisen, die Dürstenden tränken, die
Nackten bekleiden und die Gefangenen erlösen, wofür du in Meinem Reiche
dereinst im andern Leben einen großen Lohn finden wirst.
[GEJ.09_113,07] Ich aber werde nun mit Meinen
Jüngern alsogleich abreisen; daher lasse du für uns kein Mittagsmahl bereiten!
Sage den Persern aber nicht sogleich, daß Ich abgereist bin, sondern wenn sie
sich bei dir nach Mir erkundigen werden, da sage ihnen, daß Ich anderwärts hin
zu kranken Menschen gegangen sei! Wohin aber, das kannst du nicht sagen, weil
auch Ich dir das nicht sage, weil Ich Meinen Grund dafür habe. Was Ich dir nun
gesagt habe, das tue! Im Geiste aber werde Ich bei dir also wie bei jedem
segnungsvoll wirkend verbleiben, der nach Meiner Lehre handelt, an Mich glaubt
und den Vater in Mir über alles liebt.“
[GEJ.09_113,08] Als Ich solches zum Wirte
geredet hatte, da wollte er seine ganze Familie zusammenberufen, auf daß sie
von Mir den Segen nähme und Mir für die Heilung danke.
[GEJ.09_113,09] Ich aber ließ das nicht zu
und sagte: „Wie dereinst im Abraham das ganze israelitische Volk gesegnet
wurde, so auch durch dich deine Familie, – und so laß das, was nun nur ein
unnötiges Aufsehen erregen würde!“
[GEJ.09_113,10] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, gab er sich völlig zufrieden, dankte Mir für alles nochmals,
und Ich gab den Jüngern den Wink zum Aufbruch.
[GEJ.09_113,11] Wir begaben uns denn auch
sogleich durch eine Hintertür – um kein Aufsehen zu erregen –, so ganz in aller
Stille ins Freie und zogen schnell nach einem Fußsteige in der Richtung gen Kis
vorwärts.
114. Kapitel – Der Herr in Kis am Galiläischen
Meer. (Kap.114-134)
[GEJ.09_114,01] Als wir Kana verließen, da
fehlte noch eine und eine halbe Stunde Zeit vom Mittage, und wir gelangten
mittels unserer dann- und wannigen Schnellreise gerade bis zum Mittag an das
Galiläische Meer, und zwar unfern von der großen Maut, bei der unser Matthäus
ehedem als ein Schreiber im Dienste der Römer stand. Von da aus war es denn
auch nicht mehr fern bis nach Kis, wo, wie bekannt, auch eine Großmaut sich
befand.
[GEJ.09_114,02] Als wir an das Meer kamen, da
ließen wir uns nieder, ruhten eine Zeit von einer Stunde aus und betrachteten
die starkgehenden Wellen und Wogen, und es wandelte die Jünger die Lust zu
fischen an.
[GEJ.09_114,03] Und Petrus sagte: „Schade,
daß wir nun keine Netze bei uns haben! Da könnten wir bald einen guten Fang
machen!“
[GEJ.09_114,04] Sagte Ich: „Gedenkst du denn
heute des Sabbats nicht? Wen es hungert, der mag auch an einem Sabbat fischen,
so er sich an dem Vorsabbat keinen Vorrat hat verschaffen können; doch ohne Not
soll ein jeder Jude beim alten Gesetze bleiben, auf daß an ihm die Kleinen sich
nicht ärgern!
[GEJ.09_114,05] Gutes tun auch an einem
Sabbat ist Meine Lehre und Mein Wille; aber ohne Not an einem Sabbat aus dem
Meere Fische fangen, ist weder recht nach dem Gesetz noch nach Meiner Lehre;
darum lasset euch die Lust zum Fischen vergehen! Ich aber habe euch zu
Menschenfischern gemacht, und so eure Zeit bald kommen wird, da werdet ihr
schon auch an den Sabbaten arbeiten können.“
[GEJ.09_114,06] Als Ich also redete, da kamen
etliche Griechen und betrachteten uns von einiger Ferne. Unter sich aber rieten
sie, wer wir wären.
[GEJ.09_114,07] Einige sagten: „Das sind
Fischerjuden, die heute ihren Sabbat feiern!“
[GEJ.09_114,08] Einige aber sagten: „Es
können das auch Griechen sein; denn wir sehen ja auch Griechen unter ihnen, die
den Sabbat der Juden nicht zu feiern nötig haben, so sie das nicht frei
wollen.“
[GEJ.09_114,09] Auf das faßten sie Mut und
gingen auf uns zu.
[GEJ.09_114,10] Als sie vollends zu uns
kamen, fragte uns sogleich einer von ihnen, sagend: „Was machet ihr denn hier
an einem Sabbat, an welchem Tage doch die meisten Juden in irgendeiner Synagoge
sich zu versammeln pflegen? Oder seid ihr denn Griechen? Warum tragen denn
mehrere von euch Judenkleider?“
[GEJ.09_114,11] Sagte Ich: „Alles das geht
euch nichts an; denn ihr seid noch nicht reif, von Mir Worte des Lebens zu
vernehmen, und so werde Ich auch nicht vieles mit euch reden!
[GEJ.09_114,12] Ihr aber seid Diener des
Kisjona zu Kis; daher gehet vor uns hin nach Kis, und saget es dem Kisjona, daß
der Herr mit Seinen Jüngern zu ihm kommen werde! Kisjona wird es euch dann
schon sagen, wer wir sind. Und nun gehet und störet uns nicht fürder in unserer
Ruhe und Betrachtung!“
[GEJ.09_114,13] Auf das wandelte diese
Griechen eine Furcht an, und sie verließen uns schnell und eilten ihres Weges
vorwärts.
[GEJ.09_114,14] Als sie uns aus dem Gesichte
kamen, da erhoben wir uns denn auch und zogen längs des Ufers vorwärts. In etwa
zwei Stunden kamen wir dem Orte Kis in die Nähe. Wir betraten nun, das Ufer
verlassend, den breiten Fahrweg, auf dem in einiger Ferne vor uns ein Mann, wie
in tiefe Gedanken versunken, langsamen Schrittes wandelte. Er merkte gar nicht,
daß wir uns ihm genaht hatten und ging seines Weges vorwärts. Als Ich ganz in
seine volle Nähe kam, da erst sah er sich um und erschrak ordentlich, als er
uns viele in seiner Nähe bemerkte.
[GEJ.09_114,15] Ich aber redete ihn an und
sagte: „Philopold! Erkennst du Mich denn nun nicht, – und hast doch schon von
heute frühmorgens an nichts denn nur an Mich gedacht in deinem Herzen!“
[GEJ.09_114,16] Hier sah Mich unser Philopold
ganz erstaunt an und fiel Mir vor Freuden um den Hals. Anfangs konnte er kaum
reden; aber Meine Liebe und Freundlichkeit gab ihm bald den rechten Mut, und wir
redeten über vieles bei einer Stunde lang miteinander, worüber auch Meine
Jünger eine große Freude hatten und Mir auf Befragen des nun ganz seligen
Philopold über manches von Mir dem Philopold Erzählte ein treues Zeugnis gaben.
[GEJ.09_114,17] Wir blieben an der Stelle, wo
Ich den Philopold aus seinem Traume weckte, wohl über eine Stunde Zeit stehen,
und unser Philopold kam Mir stets mit neuen Fragen, die Ich ihm gern
beantwortete; und wir wären noch länger an der erwähnten Stelle auf dem Wege
stehengeblieben, so da nicht der Freund Kisjona, durch die gewissen Griechen
von Meiner Ankunft Kunde erhaltend, Mir mit ein paar seiner Freunde mit offenen
Armen entgegengeeilt wäre.
[GEJ.09_114,18] Es versteht sich aber von
selbst, welch eine übergroße Freude Ich durch diesen unerwarteten Besuch dem
Kisjona gemacht habe, und es ist daher denn nun auch gar nicht nötig, darüber
eine weitläufige Beschreibung zu machen. Kurz, wir verließen nun die Stelle und
zogen gar guten und seligen Mutes in das große Wohnhaus des Freundes noch gut
eine Stunde vor dem Untergange, und Kisjona gab seinen Leuten sogleich die
Weisung, für ein allerbestes Abendmahl zu sorgen.
[GEJ.09_114,19] Es wohnte aber in dieser Zeit
auch Meines Leibes Mutter Maria mit dem Joel, einem Sohne Josephs, in Kis, aber
in einem ihr von Kisjona eingeräumten Hause; und es fragte Mich Kisjona, ob er
sie von Meiner Gegenwart benachrichtigen solle.
[GEJ.09_114,20] Ich aber sagte zu ihm: „Laß
das nun noch; denn Ich Selbst werde mit dir, mit Johannes und Jakobus am Abend
zu ihr gehen und sie hierher zum Abendmahle bringen samt ihren Freundinnen.
Jetzt aber laß uns vorderhand etwas Brot und Wein geben, da Meine Jünger schon
hungrig und durstig sind!“
[GEJ.09_114,21] Dies geschah denn auch
sogleich, und wir labten uns, und Ich erzählte manches von Meinen Reisen und
von deren Wirkungen.
[GEJ.09_114,22] Kisjona und seine Freunde und
auch seine Kinder konnten sich nicht genug verwundern über die Wirkungen Meiner
Reisen.
[GEJ.09_114,23] Und unser Philopold sagte
immer: „Ja, groß ist der Herr, der Löwe von Juda, und voll Herrlichkeit ist
Sein Name! Solches zu bewirken ist nur dem Herrn allein möglich! Die Wahrheit
der Himmel, gepredigt den Menschen aus Deinem Munde und bezeugt durch Taten,
die nur Gott allein möglich sind, muß ja Steine bekehren und sehend machen!“
[GEJ.09_114,24] Alle lobten das Wort des
Philopold, und Kisjona sagte zu Meinen Jüngern, die das Wort des Philopold auch
sehr lobten: „Ja, liebe Freunde, Philopold ist unser aller Lehrer! Er hat uns
so manches aufgeklärt, was uns bei all dem, was wir selbst gehört und gesehen
haben, wie ein Rätsel vorkam; darum ist er aber auch unser aller geliebter und
hochgeachteter Freund und wird als solcher auch verbleiben für immerdar.“
[GEJ.09_114,25] Sagte Ich: „Darum habe Ich
ihn euch denn auch gegeben und erleuchtet, und ihr tut wohl daran, den Weisen
aus Kane in Samaria zu behalten in Meinem Namen; in der Folge wird er noch
Größeres zu wirken imstande sein, als er bisher gewirkt hat.“
[GEJ.09_114,26] Im Verlaufe solcher Gespräche
sagte zu Mir Petrus: „Herr, als wir heute Kana verließen, da hast Du zuvor die
Perser gesegnet und so auch mit Wort und Tat den Wirt und sein ganzes Haus;
aber die vier Indojuden scheinst Du wenigstens dem Äußern nach denn doch
vergessen zu haben! Sie sind Dir zuliebe doch so weit hergereist!“
[GEJ.09_114,27] Sagte Ich: „Was geht dich das
an? Als wir abzogen, da waren sie nicht gegenwärtig, indem sie sich die
Synagoge ansehen gegangen waren. Ich aber habe dennoch bestens für sie gesorgt.
Sie sind aber nach dem Mittagsmahl heute dennoch von Kana wieder abgereist und
werden in einer Stunde Zeit hier eintreffen, und da wird sich das von dir
vermeintlich Versäumte etwa wohl auch noch einbringen lassen, und du kannst
darum nun ganz ruhig sein. Zudem sind sie vom Wirte und von den Persern für
ihre Heimreise zur Übergenüge reichlich ausgestattet worden, und das alles
durch Meine geheime Fürsorge, und das ist mehr wert als ein äußerer
Abschiedsgruß!“
[GEJ.09_114,28] Mit dem war Petrus zufrieden,
und es freuten sich alle darauf, diese Familie auch in Kis zu sehen, zu
sprechen und bestens zu bewirten.
[GEJ.09_114,29] Kisjona hatte ihnen sogar
sogleich Boten entgegengesandt und bat Mich um die Beschreibung ihres
Aussehens. Und Ich gab sie ihm auch mit dem Bemerken, daß sie auf vier
Saumrossen daherkommen würden, die ihnen von dem Wirte für die bequemere
Heimreise geschenkt wurden.
[GEJ.09_114,30] Mit dieser Beschreibung
sandte nun Kisjona ihnen auf der Straße, die Ich ihm auch anzeigte, zwei Boten
entgegen mit der Weisung, sich von dieser Familie keinen Zollpfennig bezahlen
zu lassen. Und die Boten gingen sogleich den vieren auf der angezeigten Straße
entgegen, die nach einer Stunde Zeit auch ganz wohlbehalten in Kis bei uns
anlangten, worüber Kisjona, Philopold, Meine Jünger und auch alle andern
Freunde des Kisjona eine große Freude hatten.
115. Kapitel
[GEJ.09_115,01] Als die vier zu uns in den
großen Saal kamen und Mich ersahen, da fielen sie sogleich vor Freuden und vor
Liebe Mir zu Füßen und dankten Mir mit Tränen in ihren Augen für alle die
großen Segnungen und Wohltaten, die ihnen Meine Liebe hatte zuteil werden
lassen. Ich aber behieß sie aufzustehen und Platz zu nehmen an unserem Tische
und sich zu laben mit Brot und Wein, was sie denn auch taten.
[GEJ.09_115,02] Kisjona und unser Philopold
fingen gleich an, sich um ihr Wohnland zu erkundigen, und wie man in dasselbe
gelangen könnte.
[GEJ.09_115,03] Und der Mann sagte voll
Freundlichkeit: „Unser Land ist wohl sehr ferne von hier, und du würdest es
vergeblich suchen; denn bevor man zu jenen überhohen Bergen gelangt, muß man
gar viele andere hohe Berge überschreiten der vier großen Ströme wegen, die man
hinter sich haben muß, um zu jenen Bergen zu gelangen, von denen unser wahrlich
großes Land nach allen Seiten derart umfangen ist, daß es nicht einmal einem
Adler möglich ist, sich über ihre noch hoch über alle Wolken hinausragenden
Spitzen zu erheben. Man könnte wohl mehr in den Niederungen etwa auch in die
Nähe unserer nun heimatlichen Berge gelangen, wenn die Ströme nicht wären, über
welche die Menschen noch keine Brücken erbaut haben, und namentlich über die
drei letzteren. Nur der Euphrat hat dort, wo er noch schmäler ist, eine Art
Brücke, die andern Ströme werden sie schwerlich haben. Wir wenigstens wissen um
keine, da wir auch noch niemals ihrem Laufe zu weit nachgeforscht haben. Sowie
man denn an einen solchen Strom kommt, so muß man lange denselben beinahe bis
zu seinem Ursprunge verfolgen, um da über ihn setzen zu können, und, Freunde,
das macht den Weg in unser Land beschwerlich und gestreckt und lange dauernd.
[GEJ.09_115,04] Und kommt man endlich nach
vielen Mühen und Beschwerden in die Nähe unseres Landes, so kannst du ein
volles Jahr und noch um vieles länger auch noch umherirren, und du wirst
dennoch keinen Eingang finden. Um den weiß nur Jehova allein, und dann
derjenige, dem es der Geist Jehovas offenbaren will. Und so sind wir denn auch
bis jetzt von keinem Menschen, so viele es deren auf der großen Erde geben mag,
aufgefunden worden, – was wir dem Schutze Jehovas zu verdanken haben. Wir
selbst aber können – so wir wollen – wohl zu den Menschen, die in den
Niederungen hausen, kommen, wann wir wollen, und mit ihnen dann und wann auch
einen Tauschhandel treiben; aber sie können nicht zu uns kommen, außer wir
selbst würden sie zu uns führen, was wir aber nicht tun und auch niemals tun
werden.
[GEJ.09_115,05] Unser Land ist denn sonach
auch ein Geheimnis auf der Erde; und Du, o Herr und Meister, wirst es gnädigst
auch fortan also beschützen, daß es von all den gottlosen Feinden niemals
aufgefunden wird, und wir werden in unserer alten Treue niemals wankend
werden.“
[GEJ.09_115,06] Und Ich sagte: „Bewahret
Meine Liebe, und diese wird bewahren euch und euer Land! Damit ihr aber auch
wisset, welch ein Land ihr bewohnet, so will Ich es euch sagen, – und so
vernehmet Mich!
[GEJ.09_115,07] Seht, euer Land ist das alte
Eden, in dem Adam und Eva erschaffen worden sind, es aber nach der Sünde
verlassen mußten, und es ward bis auf euch auch nie von einem Menschen
aufgefunden und bewohnt! Und so wird es auch noch fürderhin von niemand
aufgefunden werden, so ihr verharren werdet in Meiner Liebe!“
[GEJ.09_115,08] Über diese Meine Erklärung
entstand ein ordentlicher Jubel, und die vier fingen vor lauter Freude an zu
weinen.
[GEJ.09_115,09] Ich aber beruhigte sie und
sagte: „Bildet euch darauf nichts ein; denn Erde bleibt Erde, und Land bleibt
Land! Von nun an wird es kein irdisches Eden mehr geben, sondern nur ein Eden
im Herzen des Menschen. Nach dem strebet alle, und bewahret es vor dem Feinde,
der da heißt Weltsinn; denn der ist die Quelle aller Laster und der Untergang
aller menschlichen Glückseligkeit!“
[GEJ.09_115,10] Alle gaben Mir recht und
lobten die Weisheit Gottes in Mir.
116. Kapitel
[GEJ.09_116,01] Darauf sagte Ich zu Kisjona:
„Freund, nun erst wollen wir zu der Maria gehen! Die Ich früher benannt habe,
gehen mit!“
[GEJ.09_116,02] Auf das erhoben wir uns und
gingen zur Maria.
[GEJ.09_116,03] Als wir bei ihr ankamen, da
hatte sie eine große Freude; nur konnte sie nicht umhin, Mir ihr vieles Leid
und ihre oft übergroße Sorge zu klagen, die sie um Meinetwillen zu bestehen
hatte.
[GEJ.09_116,04] Ich aber tröstete sie und
sagte zu ihr: „So du von Meiner Empfängnis an weißt, warum Ich in diese Welt
gekommen bin im Fleische durch deinen Leib, wie kannst du dich dann ängstigen,
so Ich den Willen des Vaters, der im Himmel ist, tue? Gehe aber nun mit uns
samt allen, die um dich sind; im Hause des Freundes sollst du vieles erfahren,
was Ich unter den Menschen gewirkt habe!“
[GEJ.09_116,05] Da erhob sich Maria mit ihren
Freundinnen und dem Joel und folgte Mir, begleitet von Jakobus und Johannes,
die sie unterwegs um allerlei befragte, und die ihr die tröstlichsten Auskünfte
erteilten.
[GEJ.09_116,06] Wir kamen nun im Hause
Kisjonas an, in dem unterdessen der große Speisesaal und in ihm ein großer
Tisch ganz königlich geschmückt ward, und wir erstaunten vollends, wie des
Kisjona Leute in einer so kurzen Zeit alles das zu bewerkstelligen vermocht
hatten.
[GEJ.09_116,07] Der Maria gefiel das
besonders wohl, und sie fragte Mich, sagend: „Sohn, wie gefällt wohl Dir solch
eine Aufmerksamkeit von seiten des lieben Freundes Kisjona?“
[GEJ.09_116,08] Sagte Ich: „Ich habe nur eine
große Freude an seinem Herzen, das rein, gut und edel ist, – aber der Glanz des
Goldes, Silbers und der Edelsteine hat keinen Wert vor Mir; weil es aber schon
dem Freunde eine Freude macht, Mich auch also zu ehren, so soll ihm seine
Freude auch nicht benommen werden!“
[GEJ.09_116,09] Mit diesen Meinen Worten war
Maria denn auch einverstanden, und da die Speisen und der Wein schon auf dem
Tische unser harrten, so setzten wir uns in guter Ordnung an den Tisch und
fingen an zu essen und zu trinken.
[GEJ.09_116,10] Maria saß an Meiner Rechten
und Joel an Meiner Linken. Gleich an der rechten Seite Marias saßen Kisjona,
Philopold, Jakobus und Johannes, und an der linken Seite saßen die vier
Indojuden, nach ihnen die Freunde des Kisjona und die Freundinnen Marias; dann
kamen Meine Jünger alle, und so war, wie schon gesagt, der große Tisch in
bester Ordnung besetzt.
[GEJ.09_116,11] Wohlbereitete Edelfische aus
dem Galiläischen Meere machten den Anfang, von denen Ich etliche verzehrte, und
so auch Maria, die sich als eine selbst wohlerfahrene Fischbereiterin nicht
genug lobend über die gute Bereitung der Fische aussprechen konnte. Es waren
aber noch gebratene Hühner, zwei fette Lämmer und ein ganzes Kalb
wohlzubereitet auf dem Tische, und Obst der allerbesten Art und Gattung, an dem
allen sich die Jünger und auch die andern Gäste recht viel zugute taten. Ich
aber blieb bei den Fischen, obschon Maria meinte, daß Ich denn doch von allem
etwas kosten solle.
[GEJ.09_116,12] Ich aber sagte: „Ein
jeglicher esse nach dem Bedürfnisse seines Magens; Ich habe Mich gesättigt an
den Fischen, und eines Weiteren bedarf Mein Leib nicht auf dieser Welt. Du aber
sieh nicht auf Mich, sondern iß, was dir schmeckt!“
[GEJ.09_116,13] Darauf nahm die Maria denn auch
samt Mir noch einen Fisch und verzehrte ihn mit Brot und etwas Wein. Die vier
Fremden aber ließen es sich von allem wohlschmecken, wie auch Meine Jünger; nur
die etlichen mit Mir ziehenden Jünger des Johannes taten Mir gleich.
[GEJ.09_116,14] Kisjona sagte endlich selbst
zu Mir: „Herr und Meister, aber warum nimmst Du denn nicht auch von den anderen
Speisen etwas Weniges zu Dir? Du weißt es ja, daß bei mir alles frisch, rein
und bestens bereitet ist!“
[GEJ.09_116,15] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, kümmere du dich nur um Mich nicht; es ist ja genug, daß Ich für euch
alle sorge und wache! Seid denn nun voll frohen Mutes, dieweil Ich unter euch
noch sichtbar wandle; es wird aber bald die Zeit kommen, in der Ich nur im
Geiste des Glaubens und der Liebe unter euch sein werde, – da werdet ihr dann
auch nicht mehr so heiter und froh auf dieser Erde sein und werdet vieles zu
erdulden bekommen um Meines Namens willen. Jetzt ist das ganze Gottesreich in
Mir bei euch; dann aber werdet ihr es in euch suchen, finden und bewahren
müssen. Darum seid denn nun fröhlich und heiter! Ich esse jetzt nur Fische,
weil diese am meisten der gegenwärtigen Menschheit in ihrer Erkenntnis
gleichen; diese sollen in Mir zum Leben, zum Geistesleben und zu dessen Lichte
gelangen!“
[GEJ.09_116,16] Sagte einer der Freunde
Kisjonas: „Aber Herr und Meister, wie kann man Fische mit Menschen vergleichen?
Ein Fisch ist und bleibt ja doch das dümmste aller Tiere; ein Wurm, der auf der
Erde herumkriecht, scheint schon mehr Verstand zu haben denn der edelste
Fisch!“
[GEJ.09_116,17] Sagte Ich: „Da hast du wohl
nicht ganz unrecht; aber dennoch sind die Menschen zum allergrößten Teil nun
noch dümmer als die Fische im Wasser.
[GEJ.09_116,18] Willst du einen reichen
Fischfang machen, so fische in der Nacht beim Lichte der Fackeln; daraus wirst
du – wenigstens in der natürlichen Hinsicht – entnehmen, daß die Fische sicher
nicht lichtscheu sind, da sie sich an der Stelle in großer Anzahl sammeln, wo
sie ein Licht gewahr werden.
[GEJ.09_116,19] Ich aber bin das Licht alles
Lichtes und bin das Leben alles Lebens! Sieh aber dir nun die Menschen an, und
du wirst erstaunen über die kleine Zahl derer, die Mir in ihrem Herzen gläubig
und liebend in ihrem Weltsinnswasser zuschwimmen und sich von Mir ins Reich Gottes
fangen lassen! Daher vergleiche Ich nur jene wenigen Menschen mit den Fischen –
die Meine liebste Speise sind –, die Mich als das wahre Licht der Welt und als
die Sonne der Himmel erkennen und Mir zuschwimmen und sich von Mir zum ewigen
Leben fangen lassen. – Verstehest du dieses Bild?“
[GEJ.09_116,20] Sagte der Freund: „Ja, Herr
und Meister, nun verstehe ich das wohl, und Du tust alles nach Deiner
unwandelbaren Ordnung, die für jedermann, der Dich mehr denn wir zu beobachten
die Gelegenheit hat, auch ein Evangelium ist; aber es gehört da schon ein sehr
geweckter Geist dazu, um solch ein Evangelium zu begreifen!“
[GEJ.09_116,21] Sagte Ich: „Es ist aber alles
leicht und sicher zu bewirken, so man nur das rechte Mittel dazu hat und es
auch recht anwendet. Ebenso kann ein Mensch denn auch den Geist in sich bald
und leicht vollends erwecken, so er das rechte Mittel dazu besitzt und es aber
dann auch recht anwendet. Das rechte Mittel aber ist die wahre, reine und
tätige Liebe zu Gott und also auch zum Nächsten.
[GEJ.09_116,22] Wer aber Gott lieben will,
der muß ja zuerst glauben, daß es einen Gott gibt, der, als Selbst ganz Liebe,
der ewige Urgrund aller Dinge in der ganzen Unendlichkeit ist.
[GEJ.09_116,23] Wie aber kann ein Mensch zu
solch einem Glauben gelangen? Am sichersten durch die Offenbarung, durch das
Anhören des Wortes Gottes und durch die Erkenntnis des Willens der ewigen
Liebe.
[GEJ.09_116,24] Hat der Mensch solchen Willen
erkannt, so unterordne er seinen Willen ganz dem Willen der ewigen Liebe und höchsten
Weisheit in Gott und lasse sich von dem Willen Gottes gleich diesen Fischen als
ein wohlzubereitetes Gericht verzehren, so wird er dadurch vom Geiste Gottes
ganz durchdrungen werden und aus ihm als eine neue Kreatur hervorgehen zum
ewigen Leben.
[GEJ.09_116,25] Wer das an sich
bewerkstelligt, der hat auf dem rechten Wege und durch das rechte Mittel den
Geist des Lebens und der Weisheit in sich erweckt und wird dann auch in der
Natur der Erde und aller Wesen auf ihr, sowie in Mond, Sonne und Sternen ein
wohlverständliches Evangelium finden.
[GEJ.09_116,26] Willst du, Freund, vollauf
geweckten Geistes werden, so befolge Meinen Rat, und es wird dir dann bald
alles klar werden, was dir jetzt noch bedenklich und hie und da zweiflig
(zweifelhaft) vorkommt!“
[GEJ.09_116,27] Sagt darauf Maria: „Mein
Sohn, welch herrliche Lehren hast Du schon den Menschen gegeben in der Fremde,
– uns Heimische aber hast Du noch wenig bedacht!“
[GEJ.09_116,28] Sagte Ich: „Maria, war Ich
nicht von der Kindheit an bis zu Meinem dreißigsten Jahre unter euch
Heimischen? Habe Ich nicht gar oft euch über Mich belehrt und Meine Worte auch
mit allerlei Zeichen bestätigt? Bin Ich nicht auch nachher nach Nazareth
gekommen, habe gelehrt und Zeichen gewirkt? Was aber haben die blinden Heimischen
in und um Nazareth gesagt?
[GEJ.09_116,29] Siehe, ihre Rede war: ,Woher
kommt denn dem die Weisheit? Ist er ja doch des Zimmermanns Sohn, den wir
kennen; wie konnte aus ihm ein Prophet erstehen?‘
[GEJ.09_116,30] Und siehe, da die Heimischen
also über Mich dachten, urteilten und Mir auch nicht glaubten, so blieb Ich
denn auch nicht bei den Heimischen und ging zu den Fremden. Denn Ich sagte es
damals und sage es nun abermals: Ein Prophet gilt nirgends weniger denn in
seinem Vaterlande und am wenigsten in dem Orte, der ihm, von den Kinderjahren
angefangen, zur Wohnstätte gedient hat.
[GEJ.09_116,31] Die aus den Heimischen aber
an Mich geglaubt haben, die sind noch bei Mir und werden auch allenthalben bei
Mir verbleiben. Doch in Nazareth werde Ich Selbst nicht mehr lehren und Zeichen
wirken; das werden später schon Meine Jünger in Meinem Namen tun.
[GEJ.09_116,32] Für dich aber habe Ich schon
gesorgt für die Zeit und für die Ewigkeit. So Ich wieder dahin zurückkehren
werde, von wannen Ich gekommen bin, so werde Ich auch für euch alle eine
Wohnung bereiten, in der euch ewig kein Kummer und keine eitle Sorge mehr
plagen werden; denn wo Ich sein werde, da werdet auch ihr bei Mir sein, so ihr
euch von dieser Welt nicht irgend habt fangen lassen.“
[GEJ.09_116,33] Auf diese Meine Worte sagte
Maria nichts mehr, sondern behielt sie in ihrem Herzen.
117. Kapitel
[GEJ.09_117,01] Hierauf kam ein Diener in den
Saal und sagte zu Kisjona: „Es sind etliche Templer aus Jerusalem hier
angekommen und verlangen Unterkunft. Was sollen wir tun?“
[GEJ.09_117,02] Als unser Kisjona dieses
vernommen hatte, da ward er ganz unwillig und sagte: „Ei, so hat man vor diesen
mir überlästigen Menschen doch Tag und Nacht keine Ruhe! Diese Menschen haben
nichts zu tun als in einem fort zu reisen von einem Ort zum andern, um den
Menschen durch ihren Hochmut, Übermut und durch ihre nie zu sättigende Habgier
zur oft unerträglichen Last zu fallen. Herr und Meister, hast denn Du keinen
gewaltigen Sturmwind, der diese lästigen Gäste irgend an einen andern Ort
hintrüge?“
[GEJ.09_117,03] Sagte Ich: „Mache du dir aus
den fünf Templern nichts, und nimm sie nur auf! Wollen sie zu uns herein, so
verwehre ihnen auch das nicht; denn Ich und wir alle haben keine Furcht vor
ihnen. Gib ihnen, was sie verlangen, auf daß sie keinen Grund haben sollen, uns
zu schmähen! Sie kennen Mich nicht, und wir werden bald so manches von Mir mit
ihnen zu reden bekommen. Sie sollen die Wahrheit hören!“
[GEJ.09_117,04] Als Kisjona solches von Mir
vernommen hatte, da ward er williger und sagte zum Diener, daß er sie aufnehmen
solle und sie im Hause beherbergen und bewirten nach ihrem Wunsche.
[GEJ.09_117,05] Da ging der Diener hinaus und
sagte ihnen, was ihm sein Herr gesagt hatte.
[GEJ.09_117,06] Als die Templer das
vernahmen, da wurden sie mürrisch und fragten den Diener, was der Wirt denn im
Hause gar so Wichtiges zu tun habe, daß er darob vergessen könne, was er den
Priestern Gottes schuldig sei.
[GEJ.09_117,07] Der Diener aber sagte: „Es sind
ohnehin schon eine bedeutende Anzahl der fremden Gäste, darunter Griechen in
der Herberge, und der Wirt muß ja doch den zuerst angekommenen Gästen die Ehre
geben und kann nicht auf die warten, von denen er nicht weiß, ob sie ankommen
werden. Kurz, der Wirt, seit er ein römischer Bürger ist, macht unter den
Gästen keinen Unterschied mehr. Wem das nicht recht ist, der kann sich eine
andere Herberge aufsuchen. Wollt ihr aber hier bleiben, so werdet ihr nach
Bedarf auch redlich bedient werden!“
[GEJ.09_117,08] Nach dem sagte ganz mürrisch
ein Pharisäer: „Nun, nun, so führe, du römisch gesinnter Diener deines
römischen Maut- Herbergsherrn, uns in das Hauptgastzimmer!“
[GEJ.09_117,09] Hierauf führte sie der Diener
zu uns ins Hauptgastgemach, in welchem an der entgegengesetzten Seite ein Tisch
für sie gedeckt wurde.
[GEJ.09_117,10] Als sie in das Gastzimmer
traten, da stand unser Kisjona wohl auf, grüßte sie und führte sie an den für
sie gedeckten Tisch.
[GEJ.09_117,11] Als sie da Platz genommen
hatten, fragten sie (die Pharisäer) unseren Freund, wer denn wir wären.
[GEJ.09_117,12] Sagte Kisjona: „Die römische
Polizei übe ich hier aus; es genügt, daß ich die Gäste kenne und für ihre
Ehrlichkeit den Römern Bürgschaft zu leisten habe. Wollt ihr diese meine lieben
Gäste aber näher kennenlernen, so wendet euch selbst an sie!“
[GEJ.09_117,13] Als die Templer solche
Antwort von Kisjona erhielten, sagten sie darauf nichts Weiteres und ließen
sich Brot, Wein und Fische geben; denn sie hatten schon Hunger und Durst, weil sie
als an einem Sabbat Reisende seit dem Aufgange weder Speise noch einen Trank zu
sich genommen hatten des Volkes wegen; daheim aber hätten sie sich aus dem
Neumondssabbat nichts gemacht.
[GEJ.09_117,14] Maria sagte hier mit einer
gewissen Ängstlichkeit zu Mir: „Mein geliebtester Sohn Jesus, wenn diese Deine
größten Feinde doch nur Dich nicht erkennen möchten; denn ich habe in Nazareth
vom dortigen Obersten um Deinetwillen viele böse Reden und Urteile zu erdulden
gehabt und habe mich hauptsächlich hierher in diese Einsamkeit begeben, um vor
dem Obersten und seinem Anhange Ruhe zu haben. Diese da ziehen sicher auch
darum in unser Land, um über Dich und Dein Wirken von neuem wieder
Erkundigungen zu machen. Zwei kommen mir sehr bekannt vor, und ich habe sie schon
etliche Male Deinetwegen in Nazareth gesehen.“
[GEJ.09_117,15] Sagte Ich: „Sei darob völlig
unbekümmert, ob sie Mich in der Person erkennen oder nicht; im Geiste wird Mich
diese Art erst dann erkennen, wenn Ich über sie Gericht halten werde. Aber dann
wird ihr Erkennen ein zu spätes sein und wird ihnen den vollen Untergang
bereiten. Jetzt aber essen und trinken auch wir noch; denn wir haben auch noch
Fische, Brot und Wein!“
[GEJ.09_117,16] Mit dem beruhigte sich Maria
und nahm noch etwas Speise und Trank zu sich.
[GEJ.09_117,17] Als die Templer ihre dicken
Bäuche gefüllt hatten, da standen die zwei Pharisäer von ihrem Tische auf und
begaben sich ganz dreist zu uns hin.
[GEJ.09_117,18] Und einer, der ein Oberster
und auch Schriftgelehrter war, sagte zu uns: „Ihr werdet es uns Gottesdienern
schon zugute halten, so wir uns nach unserer alten Sitte zu euch her begeben
haben, um von euch sicher so manches Neue zu erfahren. Wer und was wir sind,
das erkennt leicht ein jeder von euch; aber auch wir möchten dafür von euch
erfahren, von woher ihr gekommen seid, und was ihr da zu tun und zu schaffen
habt!“
[GEJ.09_117,19] Sagte nun Ich: „Obwohl euer
Verlangen an uns ein überaus anmaßendes und jede bessere Lebensart
hintansetzendes ist, so wollen wir eurem Verlangen dennoch nachkommen, so ihr
uns zuvor saget, was denn euch dazu vermocht hat, sogar an einem Neumondssabbat
eine Reise zu unternehmen, – da ihr das zu tun jedem andern Juden, der sich bei
euch dazu keine Erlaubnis um eine große Summe Geldes erkauft hätte, zu einer
großen, kaum vergebbaren Sünde angerechnet haben würdet. Welch ein
großwichtiger Grund hat denn euch dazu bestimmen können, den Sabbat zu brechen?
Saget ihr uns das zuvor, dann wollen auch wir uns euch näher zu erkennen
geben!“
[GEJ.09_117,20] Sagte etwas betroffen der
Schriftgelehrte: „Freund, wir sind Priester und haben nach dem Gottesrate auch
an einem Sabbat das volle Recht, im Namen des Tempels zu Jerusalem zu handeln,
da wir eigentlich das lebendige Gesetz Mosis selbst sind. Zudem wird es euch
nicht fremd sein, wie schon seit einer geraumen Zeit der gewisse Nazaräer, der
sich für den verheißenen Messias ausgibt, dabei den Tempel verfolgt, eine neue
Sekte stiftet und durch seine Zeichen das Volk groß und klein verführt und von
uns abwendig macht. Wir haben davon neue Kunde erhalten, daß er nun wieder bald
hier und bald dort auftritt und lehrt, etwa gar außergewöhnliche Zeichen wirkt
und allenthalben das Volk gegen den Tempel hetzt; und so denn mußten wir nach
dem Gottesrate im Tempel auch den Sabbat benutzen, um zu erfahren, wo sich der
Volksverführer befindet, und was er tut. Nun wisset ihr, warum wir auch an
einem Sabbat eine Reise unternommen haben, – und so könnet ihr es uns nun auch
sagen, woher ihr seid, und welcher Grund euch zur Reise bestimmt hat. Denn ihr
seid offenbar auch Reisende, was wir an euren gebräunten Gesichtern und Händen
wohl erkennen.“
[GEJ.09_117,21] Sagte Ich: „Und was sollet
ihr dann mit dem Nazaräer machen, so ihr Ihn irgendwo treffen würdet?“
[GEJ.09_117,22] Sagte der Schriftgelehrte:
„Was machen? Erstens ihn beobachten, dann ihn ergreifen und dem Gerichte
überliefern!“
[GEJ.09_117,23] Sagte nun Kisjona: „So! Und
sonst weiter nichts? Wißt ihr aber wohl, daß der Nazaräer ein Freund auch der
Römer ist, und daß auch die Heiden an Ihn glauben? Wißt ihr, daß Er alle
Kranken bloß durch die Macht Seines Willens heilt, den Elementen gebietet und
Tote erweckt? Wenn alles Volk in Ihm den verheißenen Messias erkennt und Ihn
liebt und ehrt, warum denn ihr nicht? Seid ihr denn weiser denn Er und
mächtiger denn Sein Wille?“
[GEJ.09_117,24] Sagte der Schriftgelehrte:
„Bist denn auch du schon von dem Nazaräer betöret worden?“
[GEJ.09_117,25] Sagte Kisjona: „Ich wahrlich
nicht; denn ich bin durch Ihn nur weise geworden, da ich erst durch Ihn die
Wahrheit und das Leben erkannt habe! Aber ihr seid betört von eurer
unersättlichen Habgier und Herrschsucht und seid blind und taub; darum erkennet
ihr den Nazaräer nicht und verfolget in eurer Ohnmacht Den, der allmächtig ist.
[GEJ.09_117,26] Er ist wohl voll der höchsten
Geduld und Langmut und läßt Sich von euch gar sehr vieles gefallen; aber bis
zum Ende Seiner Geduld mit euch ist nur eine ganz kurze Zeitfrist mehr übrig.
Wird diese ehest verronnen sein, dann wehe euch, ihr hartnäckigen Verfolger des
größten Freundes der Menschen! Dann wird über euch das Gericht losbrechen, von
dem ihr vor einiger Zeit die untrüglichsten Zeichen zur Nachtzeit am Firmament
gesehen habt! Ich, Kisjona, nun ein Römer, der keine Furcht vor euch hat, sage
euch das ganz unverhohlen.“
[GEJ.09_117,27] Hierauf wurden die beiden
Pharisäer ganz stutzig, und der Schriftgelehrte sagte: „Nun gut, du sollst auch
recht haben! Du hast leicht reden über den Wert, über Würde und Charakter des
Nazaräers; denn du kennst ihn sicher persönlich und hast mit ihm sicher auch
schon zu öfteren Malen zu tun gehabt. Wir aber kennen ihn gar nicht und haben
bis jetzt noch nichts mit ihm zu tun gehabt; was wir von ihm wissen, das wissen
wir nur durch die nach ihm ausgesandten Kundschafter, und die Nachrichten von
allen Orten her stimmen darin vollkommen überein, daß er sich dem Tempel
gegenüber stets feindlichst benimmt. Mache uns aber zu wissen, wo wir ihn
finden, und wir werden dann selbst mit ihm sprechen, ihm auf den Zahn fühlen
und sehen, was an ihm ist!“
[GEJ.09_117,28] Sagte Kisjona: „Ihr lügt, so
ihr saget, daß ihr Ihn persönlich nicht kennet; denn ich selbst weiß es nur zu
bestimmt, daß Er schon zu öfteren Malen zu Jerusalem im Tempel das Volk offen
gelehrt und Seine Lehre auch durch Zeichen als eine rein göttliche bestätigt
hat. Da wurden Heiden bekehrt, – aber ihr Templer habt Steine aufgehoben und
wolltet Ihn steinigen! Wenn also – wie könnet ihr da sagen, daß ihr Ihn
persönlich nicht kennet?“
[GEJ.09_117,29] Sagten die beiden: „Davon
haben wir wohl reden hören, als wir von Damaskus, wo wir zu tun hatten, nach
Hause kamen; aber darum haben wir dennoch nie Gelegenheit gehabt, den so sehr
berühmten, aber im Tempel auch über alle die Maßen arg berüchtigten Nazaräer
persönlich kennenzulernen. Da wir aber durch unsere Reisen sicher weltläufiger
und klüger geworden sind als alle, die da beständig im Tempel sitzen, so hat
der große Rat im Tempel uns bald als die tauglichsten Kundschafter gegen guten
Lohn dazu erwählt, den Nazaräer irgend auszukundschaften und dem Tempel von
seinem Aufenthalt und von seinem Treiben unverzügliche Nachricht zukommen zu
lassen. Wir sind zwar in dieser immerhin lästigen Angelegenheit schon mehrere
Male vom Tempel ausgesandt worden, waren einige Male sogar in Nazareth und haben
dort seine Mutter und Brüder kennengelernt, – aber den, den wir suchten, haben
wir bis jetzt noch nicht gesehen! Und so haben wir dir keine Unwahrheit gesagt,
so wir dir bekannten, daß wir ihn persönlich nicht kennen und mit ihm noch nie
verkehrt haben.
[GEJ.09_117,30] Mache du uns daher bekannt,
wo wir ihn treffen, ihn hören und beobachten können, so werden wir dann schon
nach unserer eigenen Erfahrung selbst urteilen können, inwiefern die großen
Anschuldigungen von seiten des Tempels gegen ihn wahr oder falsch und böswillig
erdichtet sind. Wir sind Schriftgelehrte und wissen alles, was in den Propheten
über den kommen sollenden Messias geschrieben steht; daher nehmen wir eine neue
Lehre freilich wohl so leichten Kaufes nicht an wie das in der Schrift zumeist
unerfahrene und durch die Heiden schon sehr verdorbene Volk.“
[GEJ.09_117,31] Sagte nun Ich wieder: „Wer
schuldet aber daran, daß das Volk in der Schrift nun so schlecht unterwiesen
ist? Seht, ihr selbst! Ihr enthaltet dem Volke das Wort Gottes vor und quält es
dafür mit euren Satzungen, die das Volk für Gottes Wort annehmen muß. Ist es
dann ein Wunder, daß das Volk wider euch Schutz bei den Heiden sucht und ihn
auch findet?
[GEJ.09_117,32] Wenn nun Gott Seine
Verheißung erfüllt hat und Sein Gesalbter nun den Menschen wieder das reine
Wort lehrt und durch dessen Kraft Wunder wirkt, wie sie auch die Propheten
gewirkt haben, – ist das dann wider den Tempel, so der Tempel wäre, wie er nach
der Anordnung sein sollte? So ihr Schriftgelehrte seid, da urteilet selbst, wie
weit sich der Tempel in seinem Wirken von dem reinen Worte Gottes entfernt hat!
[GEJ.09_117,33] Ich sage es euch: Die Heiden
stehen nun dem Throne Gottes um gar vieles näher denn der Tempel mit seinen
überselbst- und herrschsüchtigen Satzungen! Wo ist nun die alte Bundeslade, wo
der immergrünende Aaronsstab, wo das Manna, und wo die schon lange von den
Motten zernagten Schaubrote?
[GEJ.09_117,34] Ihr zeiget dem Volke wohl
derlei Dinge noch und machet lange Reden darüber, aber euer Inneres sagt es
euch laut: ,Wir betrügen das Volk und sind genötigt, es zu betrügen, auf daß es
nicht aufstehe, über uns herfalle und uns verderbe!‘
[GEJ.09_117,35] Und seht, darin liegt denn
auch der Hauptgrund, aus dem ihr den von Gott in diese Welt Gesandten mit dem
glühendsten Eifer verfolget und Ihn auch ärger fürchtet und hasset als den Tod,
der euch nicht verschonen wird!“
118. Kapitel
[GEJ.09_118,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Freund, wie weißt du um alles das?“
[GEJ.09_118,02] Sagte Ich: „Du sagtest zuvor,
daß ihr sehr erfahrene und weltläufige Menschen seid. Wo steht es denn
geschrieben, daß nicht auch unsereiner sehr erfahren und weltläufig sein
sollte? Wie oft habt ihr schon den Fremden um Geld alle Einrichtungen des
Tempels gezeigt, – wie hätten sie verschwiegen bleiben sollen?
[GEJ.09_118,03] Einst durfte in das
Allerheiligste nur im äußersten Notfall der Hohepriester treten, und für
gewöhnlich nur zwei- bis höchstens viermal im Jahre, – und nun ist das Allerheiligste
eine Schaubude für die Fremden um Geld geworden, und im Tempel wird allerlei
Handel und großer Betrug getrieben, was nun schon alle Welt weiß. Wie kann es
euch denn wundernehmen, so auch unsereiner davon in Kenntnis ist, und daß von
allen solchen gotteslästerlichen Dingen und Betrügereien auch der Gesalbte
Gottes in der vollsten und hellsten Kenntnis sein wird?
[GEJ.09_118,04] Ist da der Tempel, gegen den
nun geeifert wird aus dem wahren Gottesmunde, wohl noch das, was er zu den
Zeiten Salomos war? O mitnichten! Das alte, gottgeweihte Bethaus ist zu einer
Räuberhöhle und Mördergrube geworden!
[GEJ.09_118,05] Seht, also stehen nun schon
zu jedermanns Wissenschaft die Dinge des Tempels, und es hat der Gesalbte
Gottes nun gar nicht mehr nötig, von ihrer Ruchlosigkeit zum Volke zu reden, um
dadurch den Tempel zu verdächtigen und zu entwerten, sondern alles bessere Volk
weiß schon lange darum und beklaget sich deshalb bitter bei dem Gesalbten
Gottes! Meinet ihr denn, daß Er bei solch bewandten Umständen den Tempel loben
und das klagende und weinende Volk verstoßen sollte? Nein, wahrlich nein, das
wird Er als der Gerechteste der Gerechten ewig nimmer tun!
[GEJ.09_118,06] Wenn ihr mit dem euch so sehr
verhaßten Nazaräer zusammenkommen würdet und Er genauso zu euch redete, wie Ich
nun zu euch geredet habe, – was würdet ihr Ihm wohl erwidern?“
[GEJ.09_118,07] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Freund, da ließe sich, so man bei der Wahrheit zu bleiben genötigt wäre,
zugunsten des Tempels wenig erwidern; nur das einzige ist da zu bedenken, daß
da nicht wir und gar viele unseresgleichen es sind, die die alten guten und
wahren Einrichtungen des Tempels so verkehrt und entstellt haben, wie sie nun
verkehrt und entstellt sind, sondern nur die Ersten, Obersten und Mächtigsten
im Tempel schon vor langer Zeit. Was können wir Untergeordnete nun wohl anders
tun, als uns selbst in das fügen, was uns der Tempel, von dem wir leben,
vorschreibt? Wir müssen als gemachte junge Wölfe mit den alten Wölfen heulen,
so wir von ihnen nicht wollen zerrissen und aufgefressen werden!
[GEJ.09_118,08] Die reine Wahrheit predigen
und auch nach derselben handeln, wäre das Beste, Schönste und Herrlichste unter
den Menschen auf der Erde. Was kann man aber nun machen, wo man sich der
Wahrheit willen alle erdenklichen Verfolgungen, Strafen und sogar den Tod am
Kreuze bereiten kann? Man muß bei so arg bewandten Umständen selbst zum
Verfolger der Wahrheit werden, um leben zu können, da man schon einmal in
dieser Welt – ohne es jemals gewollt zu haben – leben muß.
[GEJ.09_118,09] Gott aber ist allmächtig und
ebenso auch höchst weise; Er hat vom Urbeginn an alles gut und weise
eingerichtet. Warum ließ Er es denn nach dem Verlaufe der Zeiten zu, daß eben
die Menschen, als sicher Seine vorzüglichsten Geschöpfe, nun gar so tief von
ihrer ursprünglichen Reinheit und Würde hinabgesunken sind?
[GEJ.09_118,10] Wenn der Gesalbte Gottes so
mächtig ist im Worte, Willen und in der Tat und Ihm alle Elemente gehorchen, so
kann Er ja auch mit aller Ihm innewohnenden Macht und Kraft gegen die
gegenwärtigen Unfuge des Tempels auftreten und sie völlig vernichten!“
[GEJ.09_118,11] Sagte Ich: „Du bist ein
Schriftgelehrter und urteilst über göttliche Dinge und Einrichtungen noch um
vieles finsterer denn ein Blinder von den Farben, die durch das Licht dem Auge
ersichtlich werden!
[GEJ.09_118,12] Der Mensch ist freilich nicht
durch seinen eigenen, sondern nur durch den allmächtigen Willen Gottes in diese
Welt gesetzt worden; Gott aber als die ewige und reinste Liebe Selbst ist höchst
gut und weise und weiß es, warum Er den Menschen erschaffen und zur Probung und
Stärkung des ihm gegebenen freien Willens nur auf eine kurze Zeit in diese Welt
gestellt hat.
[GEJ.09_118,13] Damit aber auch der Mensch
wohl inne werde, warum er erschaffen und in diese Welt gestellt worden ist, so
hat ihm Gott das alles zu allen Zeiten treu geoffenbart und ihm auch solche
Lebensgesetze gegeben, durch deren gar leicht mögliche Beachtung er unfehlbar
das ihm vorgestellte Ziel erreichen muß.
[GEJ.09_118,14] Wann aber hat Gott dem
Menschen je geboten, von seinem freien Willen den größtmöglichen Mißbrauch zu
machen und dadurch sich selbst zu beschädigen?!
[GEJ.09_118,15] So Gott mit dem Menschen die
vollkommenst besten Absichten hat, um ihm den ewig freiesten und somit Ihm
gleich seligsten Lebensgenuß zu bereiten, – warum sträubt sich denn der
ohnmächtige Mensch, der Gott, dem ewigen Herrn, das Erschaffen nicht verbieten
kann, wider solch edelste Absichten Gottes also, als wäre er ein Herr über den
weisesten und besten Willen Jehovas? Wenn du in dir fühlst, daß du in dieser
Welt leben mußt, – warum fühlst du denn nicht auch mit dankbarem Herzen, warum
dich Gott in diese Welt gesetzt hat, da Er dir doch Seinen Willen treuest
geoffenbart hat?!
[GEJ.09_118,16] Wenn der Mensch nun fühlt,
welches Übel er sich selbst durch seine hochmutsvolle Widerspenstigkeit gegen
den geoffenbarten und wohlerkannten Willen Gottes zugezogen hat und Gott nun
Selbst im Menschensohne nach Seiner Voraussage zu der entarteten Menschheit der
vollsten Wahrheit nach gekommen ist, um sie mit aller Liebe und größter Geduld
auf die alte Bahn des Lebens zu führen und zu bringen – was Er durch Lehre und
Taten beweist –, warum verabscheuet ihr Ihn denn und wollet euch von Ihm nicht
helfen lassen?
[GEJ.09_118,17] Daran schuldet sicher nicht
Gott, sondern nur ihr selbst durch eure unersättliche Habgier und durch eure
wahrhaft satanische Herrschsucht sogar über Gott! Ja, wäre Gott ebenso hart,
lieblos und voll Ungeduld, wie ihr es seid, so hätte Er nicht nur mit dem
Tempel und seinen bösen Dienern, sondern auch mit dieser ganzen Erde einen
völligen Garaus gemacht; aber Er duldet eure Blindheit und eure daraus
hervorgehende Bosheit und ermahnt euch alle zur Umkehr auf die lichtvolle Bahn
des Lebens.
[GEJ.09_118,18] Ihr aber wollet das nicht und
verharret nicht nur in euren alten Lastern aller Art und Gattung, sondern
häufet solche noch von Tag zu Tag dazu und verfolget Gott Selbst, der euch nun
helfen will, wohl ersichtlich und erkennbar für jedermann. Ist da etwa wieder
Gott daran der Schuldträger, so euch Seine ewige Liebe und Wahrheit zu einem
durch eure Blind- und Bosheit strafbaren Ekel geworden ist?!
[GEJ.09_118,19] Ja, ja, ihr werdet die ewige
Wahrheit wohl noch durch eure Gesetze der Lüge an das Kreuz heften; aber dann
wird das Maß eurer Bos- und Verstocktheit auch voll werden, und das Gericht
wird dann über euch kommen und euch den Lohn geben, den ihr selbst von Gott
eurer Bosheit wegen verlanget, und den Er euch infolge Seiner Liebe, Geduld und
Erbarmung noch immer vorenthält, weil Er keine Seele, auch die des argen
Hohenpriesters nicht, des Verderbens wegen in diese Welt gesetzt hat.
[GEJ.09_118,20] Seht, also denken wir alle
hier! Warum denket denn nicht auch ihr also völlig in der wahren Lebensordnung
aus Gott?“
[GEJ.09_118,21] Auf diese Meine Rede wußte
nun der Schriftgelehrte nicht mehr, was er dagegen einwenden könnte. Nach einer
Weile sagte er: „Ja, ja, Freund, der du, als sicher von Geburt aus ein
Galiläer, von dem berühmten Nazaräer ganz durchdrungen zu sein scheinst, du
hast freilich wohl ganz recht; aber was können wir von aller Art Weltgesetzen
Abhängige da tun?
[GEJ.09_118,22] Verlassen wir den Tempel, so
werden wir uns den Vögeln gleich den nötigen Lebensunterhalt in aller Welt
suchen können; und bleiben wir im Tempel, so müssen wir uns seine Satzungen und
Bestimmungen gefallen lassen und müssen wenigstens zum Scheine das tun, was uns
zu tun befohlen wird. Die Propheten haben gewiß den ihnen wohlbekannten Willen
Gottes allzeit erfüllt, aber ihr Leben in dieser Welt war wahrlich kein
beneidenswertes; und dazu haben sie zumeist unter allerlei harten Verfolgungen
ihr Leben auf dieser Erde beendet.
[GEJ.09_118,23] So aber ein Mensch selbst
unter den glücklichsten Lebensverhältnissen um gar viele Male übler daran ist
als ein Vogel in der Luft, – wie sieht es dann erst mit dem diesirdischen
Lebensglück jener Menschen aus, die von den Menschen der Welt verachtet und
verfolgt werden?“
[GEJ.09_118,24] Sagte Ich: „Mit dem
Lebensglück der von Gott begeisterten Menschen sieht es immer am allerbesten
aus; denn diese wissen es in sich, warum sie in diese Welt gestellt worden
sind, und so sie leiden, da wissen sie es klarst, warum. Dann haben sie keine
Furcht vor dem Leibestode, weil sie das ewige Leben der Seele schon in aller
Klarheit in sich haben, fühlen und sehen und in diesem Leben aber auch die
Kraft und Macht des Geistes Gottes in ihnen, durch den sie das ewige Leben und
die göttliche Weisheit innehaben.
[GEJ.09_118,25] Was hat aber dagegen ein in
allen Weltwohlgenüssen schwelgender Mensch in sich, wessen wird er am Ende
inne? Des Todes, hinter dem sich ihm kein Leben zeigen will, – und Verzweiflung
ist am Ende sein Los. Was ist am Ende des Gottbegeisterten diesirdisches Leiden
gegen sein seligstes Abscheiden von dieser Welt, und was ist all das
kurzzeitige Wohlleben eines Weltmenschen gegen sein unglückseligstes Abscheiden
von dieser Welt? Urteile nun selbst, wer von den zwei Menschen in dieser Welt
der Glücklichere ist!
[GEJ.09_118,26] Was verliert der aus Gott
weise Mensch denn wohl, so er von den blinden Weltnarren verachtet und irgend
verfolgt und am Ende gar getötet wird? Er verliert nicht nur nichts, sondern
gewinnt dabei nur, weil er durch seine Geduld mit dem Geiste Gottes nur stets
inniger verbunden und somit auch in sich des seligsten, ewigen Lebens aller
Wahrheit nach bewußter wird!
[GEJ.09_118,27] Was gewinnen aber die den aus
Gott Weisen verachtenden und verfolgenden Weltlinge? Den ewigen Tod und dessen
Gericht! Wenn denn euch der Tempel nichts Besseres bieten kann, so ihr ihm für
seine argen Zwecke dienet, als eures Leibes Befriedigung, dann seid ihr
wahrlich höchst bedauerliche Menschen, und ein blinder Bettler auf der Straße
ist besser daran denn ihr!“
[GEJ.09_118,28] Als die beiden das von Mir
vernommen hatten, wurden sie noch stutziger, und keiner wußte nun mehr, was er
Mir hätte erwidern können.
[GEJ.09_118,29] Der Schriftgelehrte belobte
sehr Meinen Verstand, gab Mir in allem recht und sagte am Ende zu Mir: „Freund,
ich werde in dieser Nacht mit den andern einen Rat halten, demzufolge wir von
dem Verfolgen des Nazaräers sicher gänzlich abstehen werden; aber wir werden
dennoch trachten, mit ihm eine persönliche Bekanntschaft zu machen, und was er
uns raten wird, das werden wir tun! Denn wir haben nun von euch seine wahrhaft
göttliche Weisheit verkostet und sind schon jetzt ganz andere Menschen
geworden; welchen Eindruck wird dann erst er selbst auf uns machen! Morgen ein
Weiteres davon!“
[GEJ.09_118,30] Mit dem empfahlen sich die
beiden, begaben sich wieder an ihren Tisch und bald darauf zur Ruhe. Wir aber
blieben noch eine gute Stunde wach und besprachen uns über diese Meine
Verfolger, und Kisjona und die Maria waren überaus froh darob, daß Mich diese Templer
nicht erkannt hatten, und daß sie andern Sinnes geworden waren.
[GEJ.09_118,31] Als die Pharisäer in ihr
Schlafgemach kamen, da fingen sie an, sich ganz ernstlich zu beraten, was sie
in der Folge tun sollten. Und sie wurden alle einig, mit Mir irgendwo
zusammenzukommen und sich von Mir raten zu lassen, welche Lebensrichtung sie in
Zukunft einschlagen sollen.
[GEJ.09_118,32] Wir aber begaben uns auch zur
Ruhe, doch nicht in ein eigenes Schlafgemach – mit Ausnahme der Maria, für die
Kisjona eigens gesorgt hatte –, sondern blieben, wie zu öfteren Malen, an
unserem Tische, der natürlich zuvor abgeräumt wurde.
119. Kapitel
[GEJ.09_119,01] Am frühen Morgen, der ganz
rein war, erhoben wir uns von den guten Ruhestühlen und begaben uns ins Freie,
und zwar an das sehr nahe Meeresufer. Kisjona, Philopold und auch die vier
Indojuden waren bei uns. Maria aber blieb noch ruhend im Hause und kam erst
nahe dem vollen Aufgange der Sonne zu uns heraus, begleitet von Joel.
[GEJ.09_119,02] Bei dieser Gelegenheit sagte
Ich: „Indem Ich diesmal also leiblich, wie jetzt, diese Stelle nicht mehr
betreten werde, so sollet ihr mit euren Augen in Erfüllung gehen sehen, wie es
von Mir geschrieben steht: ,Und ihr werdet Engel zwischen Himmel und Erde auf-
und absteigen sehen, und diese werden Ihm dienen!‘“
[GEJ.09_119,03] Es hatten solches Meine
Jünger wohl schon zu öfteren Malen gesehen; hier aber ließ Ich das geschehen
zumeist der vier Indojuden wegen.
[GEJ.09_119,04] Zuerst berief Ich im Geiste
den Michael, der wie ein hellster Blitz vom sichtbaren Himmel zur Erde
herabfuhr, daß darob alle gar mächtig erschraken. Michael aber stand in aller
Majestät vor Mir, leuchtend mehr denn die Sonne, und es konnte außer Mir
niemand seinen Lichtglanz ertragen.
[GEJ.09_119,05] Ich aber sagte zu ihm:
„Johannes, umschatte dich, auf daß dich Meine Freunde anschauen, erkennen und
sprechen mögen!“
[GEJ.09_119,06] Da umschattete er sich und
stand voll Liebe und Ehrfurcht vor Mir und sagte (Michael): „Sehet Brüder! Dies
ist das Lamm, das die Sünden der Welt von euch hinwegnimmt und euch den Weg
bahnt zum ewigen Leben! Glaubet an Ihn und liebet Ihn über alles; denn Er ist
der urewige Anfang und das urewige Ende, das Alpha und das Omega, der Erste und
der Letzte, – außer Ihm gibt es keinen Gott!“
[GEJ.09_119,07] Als der Engel diese Worte mit
gar lieblicher Stimme ausgesprochen hatte, da verneigte er sich tief vor Mir
und pries hoch Meinen Namen.
[GEJ.09_119,08] Da fielen auch alle andern
vor Mir nieder und lobten und priesen Mich gleich dem Engel.
[GEJ.09_119,09] Ich hieß sie alle aufstehen
und sagte zu ihnen: „Bleibet in eurer Natürlichkeit; denn Ich bin nun ein
Mensch wie ihr und bin durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir
in euch, wie ihr in Mir! Daher bleibet in eurer Natürlichkeit!“
[GEJ.09_119,10] Da erhoben sich alle wieder,
und Johannes ging zu seinen ehemaligen Jüngern und besprach sich mit ihnen über
Dinge, die nach Mir über die Juden und über die Menschen der Erde kommen werden
ihres Unglaubens wegen, und er blieb in sichtbarer Menschengestalt als der
allen wohlerkennbare Johannes den ganzen Tag unter uns.
[GEJ.09_119,11] Nach ihm berief Ich den
Erzengel Gabriel. Dieser kam gleich wie Michael- Johannes, umschattete sich
aber sogleich, gab Mir die Ehre und trat dann zu Maria und besprach sich über
seine Sendung mit ihr, und sie ward dabei voll der demutsvollsten Wonne und
Seligkeit. Nach dem trat Gabriel, der in der Gestalt und Person des Urvaters
Jared erschienen war, auch unter Meine Jünger und besprach sich über die
Adamitische Urzeit und über die damaligen Offenbarungen an die Kinder der Höhe
und auch an die Kinder der Welt; und er blieb auch bis zum Abend sichtbar unter
uns.
[GEJ.09_119,12] Auf ihn berief Ich den
Raphael. Und dieser erschien auch gleich also wie die zwei ersten, umschattete
sich, gab Mir die Ehre und trat darauf zu den vier Indojuden in der Gestalt und
Person Henochs und besprach sich mit ihnen gar freundlich über Mich, und wie er
es war, der sie aus der babylonischen Gefangenschaft auf Mein Geheiß befreite
und sie in das Land brachte, das zuvor außer Adam und Eva von keinem Menschen
bewohnt worden war.
[GEJ.09_119,13] Und das Töchterchen war ganz
erstaunt über des Raphaels Gestalt und sagte: „O du lieblichster Bote aus den
lichtvollen Höhen Gottes! Dich habe ich in meinen hellen Träumen schon gar oft
gesehen und auch gesprochen; aber so ich davon zu meinen Eltern reden wollte,
da wollten sie es mir nicht gelten lassen und hießen mich eine
Traumschwärmerin. Aber jetzt sehen sie dich selbst mit ihren Augen und werden
nun wohl glauben, daß ich in den Träumen die volle und lichte Wahrheit geschaut
habe!“
[GEJ.09_119,14] Und die Eltern lobten Mich,
daß Ich ihnen eine so fromme Tochter gegeben habe.
[GEJ.09_119,15] Diese Szene der Ankunft der
drei Engel dauerte bei einer Stunde lang.
[GEJ.09_119,16] Und es fragte Mich Kisjona,
beinahe ganz verwirrt vor Freude, sagend: „O Herr und Meister, wie viele
solcher Geister mögen wohl in Deinen Himmeln wohnen?“
[GEJ.09_119,17] Und Ich sagte zu ihm: „O du
Mein lieber Freund, die Zahl solcher Geister in Meinem Reiche ist endlos; denn
was wäre eine endliche Zahl für einen ewigen und in Seinem Geiste der Liebe und
Weisheit unendlichen Gott?! Sieh dir an die für dich zahllos vielen Sterne in
einer hellen Nacht – du weißt es schon, was sie sind –; auch auf ihnen werden
Menschen gezeugt und geboren! Aus ihnen aber werden auch Geister erweckt zum
ewigen Leben und Wirken. Wenn du dich als selbst ein vollendeter Geist in
Meinem Reiche befinden wirst, dann wirst du alles selbst sehen, und deiner
Seligkeit darob wird nimmerdar ein Ende sein!
[GEJ.09_119,18] Ich sage es dir: Kein Auge
hat es je gesehen, kein Ohr gehört und kein Sinn empfunden, was die im Himmel
erwartet, die Gott über alles lieben und Seine Gebote halten!
[GEJ.09_119,19] Es ist wohl wahr, daß des
Menschen Leben von der Geburt an bis zum Abfalle des Leibes von gar vielen
Drangsalen und Leiden aller Art behaftet ist; aber so er nach der erkannten
Ordnung Gottes lebt und dadurch in sich schon auf dieser Erde das lebenshelle
Bewußtsein überkommt, was ihn im andern, wahren Leben erwartet, so wird er alle
die oft noch so bitteren Prüfungen, die alle nur zur Erweckung des Geistes
Gottes in seiner Seele ihm zugesandt werden, mit aller Geduld und
Standhaftigkeit ertragen und dabei vollauf frohen Mutes sein.
[GEJ.09_119,20] Nimm dir an Mir Selbst ein
Beispiel! Ich weiß, welche Leiden Mich auf dieser Erde in kurzer Zeit erwarten;
aber Meine übergroße Liebe zu euch Menschen, ja zu euch Meinen Kindern, versüßt
sie Mir. So lasset euch denn, ihr Kinder, so manches Leid und so manchen
Schmerz, den ihr in diesem Leben zu erdulden bekommet, auch durch die Liebe zu
Dem, der in Mir wohnt, versüßen, und ihr werdet dadurch auch, Mir gleich, guten
und frohen Mutes und heitern Sinnes sein können!
[GEJ.09_119,21] Siehe, diese drei
Engelsgeister, die heute bis zum Untergange unter uns verweilen werden, haben
auf dieser Erde viel zu erdulden gehabt; nun aber sind sie darum überselig und
werden ewig nichts mehr zu erleiden überkommen. Ihre größte Seligkeit aber besteht
dennoch darin, so sie in Meinem Namen den Menschen auf dieser Erde einen
rechten Liebesdienst erweisen können, obschon sie daneben über zahllos viele
Sonnen und Erden im endlosen Raume zu gebieten haben.
[GEJ.09_119,22] Erweiset denn auch ihr schon
jetzt auf dieser Erde den Menschen um Meines Namens willen Liebe, und ihr
werdet darob auch schon viele Seligkeiten zum Genusse bekommen; denn es ist das
Geben um gar vieles seliger als das Nehmen!“
[GEJ.09_119,23] Als Kisjona solches aus Meinem
Munde vernommen hatte, da dankte er Mir für diese Lehre und versprach Mir auf
das wärmste, daß er solche Meine Worte in aller Tat über alles beherzigen
werde.
[GEJ.09_119,24] Da aber kam auch ein Diener
vom Hause zu uns ans Ufer des Meeres und zeigte uns an, daß das Morgenmahl
bereitet sei.
120. Kapitel
[GEJ.09_120,01] Kisjona aber fragte den
Diener, was die gestern spät angekommenen Templer machten.
[GEJ.09_120,02] Und der Diener antwortete:
„Sie warten schon im Saale auf dich und auf den Herrn und Meister, um dessen
Aufenthalt sie sich bei dir näher erkundigen wollen und also auch bei dem Herrn
und Meister Selbst, den sie nicht kennen; sie haben sich auch schon bei uns
erkundigt, bekamen aber keine Antwort, und sie fragten uns dann um nichts Weiteres
mehr.“
[GEJ.09_120,03] Kisjona belobte darob den
Diener, und wir begaben uns zum Morgenmahle und mit uns auch die drei Geister.
[GEJ.09_120,04] Als wir in den Saal kamen, da
gingen uns sogleich die Templer entgegen, grüßten Mich und den Kisjona und wollten
sich alsogleich nach des Nazaräers Aufenthalt zu erkundigen anfangen.
[GEJ.09_120,05] Kisjona aber sagte: „Nun ist
die Zeit des Morgenmahles; nach demselben wollen wir davon reden! So ihr aber
nicht zu blind und zu taub seid, so werdet ihr wohl aus unseren Reden entnehmen
können, wo sich irgend der große Herr und Meister befindet!“
[GEJ.09_120,06] Mit dem stellten sich die
Templer zufrieden, und wir setzten uns in guter Ordnung an den Tisch, und nun
also, daß Gabriel-Jared an der Seite Marias, Michael-Johannes in der Mitte
seiner Jünger und Raphael-Henoch in der Mitte der vier Indojuden zu sitzen
kamen. Wir fingen an zu essen und auch zu trinken, und es fiel wieder den
Fremden sehr auf, daß die drei Geister um das Zehnfache so viel verzehrten, als
ein anderer Gast am Tische; am meisten aber fiel das den Templern auf, die uns
aufmerksamst von ihrem Tische aus beobachteten, daß die drei scheinbaren
Jünglinge gar so viel von den Fischen zu verzehren vermochten.
[GEJ.09_120,07] Einer von ihnen konnte nicht
umhin, an unseren Tisch zu kommen und den Kisjona zu fragen, was denn das für
Jünglinge wären, die gar so vieles mit ersichtlicher Hast verzehren können.
[GEJ.09_120,08] Sagte Kisjona: „Gehet hin,
und fraget sie selbst! Mir aber macht ihre große Eßlust nur eine besondere
Freude; denn sie dient mir zum Beweis, daß die Fische wohl zubereitet sind, und
daß auch mein Wein rein und gut ist, wie auch mein Hausbrot. Fraget, wie
gesagt, um ein Weiteres nur die lieben Jünglinge selbst!“
[GEJ.09_120,09] Da ging der Schriftgelehrte
zu Raphael und fragte, was er für ein Landeskind sei, und ob in seinem
Geburtslande alle Menschen auch so starke Esser seien.
[GEJ.09_120,10] Sagte Raphael: „Unser Essen
fällt euch wohl auf, – warum ist euch denn unsere Ankunft nicht aufgefallen?“
[GEJ.09_120,11] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wie hätte uns diese auffallen sollen? Denn ihr seid doch ebenso wie die andern
in den Saal hereingekommen?“
[GEJ.09_120,12] Sagte Raphael: „Ihr waret,
als wir angekommen sind, auf dem Söller und hattet eure Augen nach dem Meere
gerichtet, als ein hellster Blitz aus den Himmeln zur Erde niederfuhr unter die
Menschen, die am Ufer standen, und ihr dachtet: ,Oh, das müssen große Sünder
vor Gott sein, daß Gott sogar einen Blitz aus dem reinsten Himmel zur ungewöhnlichen
Jahreszeit unter sie fahren läßt!‘ Seht, mit dem ersten Blitz, der euch gar in
ein gewaltiges Erstaunen und Bedenken gestellt hatte, kam jener Jüngling an,
der nun dort gar liebfreundlich an der Seite eines würdigsten Weibes sitzt.
Bald fuhr ein zweiter Blitz aus dem Himmel auch unter die Schar jener von euch
vermeinten großen Sünder, hatte abermals niemanden beschädigt, und ihr sagtet:
,Gott ermahnt die Sünder!‘ Und sehet, mit dem zweiten Blitz kam jener Jüngling
an, der nun dort unter den sieben Männern sitzt, die vor noch gar nicht langer
Zeit seine Jünger waren. Und mit dem dritten Blitz bin ich angekommen.
[GEJ.09_120,13] Unsere Natur ist sonach pur
Feuer aus den Himmeln; das Feuer aber verzehrt mehr denn ein Mensch, – und so
kann es euch nicht gar zu sehr wundernehmen, daß wir drei Gäste aus den Himmeln
mehr verzehren können als ein schwacher Mensch dieser Welt.“
[GEJ.09_120,14] Als der Schriftgelehrte
solches aus dem Munde Raphaels vernommen hatte, da wußte er nicht, was er
darauf hätte erwidern sollen, – denn er meinte, daß der Junge ihn zum besten
halten wolle; denn er konnte das nicht glauben, was ihm Raphael angegeben
hatte. Er besah sich aber die drei darauf genauer, ging wieder zu den Seinigen
und erzählte ihnen, was er von einem der drei Jünglinge vernommen hatte.
[GEJ.09_120,15] Einer von ihnen aber sagte:
„Wir wollen abwarten, bis die Kisjona freundliche Gesellschaft das Morgenmahl
wird beendet haben; dann wollen wir sie ernstlich um den Aufenthalt des
berühmten Nazaräers befragen. Wollen sie uns das kundgeben, so werden wir
unverweilt dorthin ziehen, wo er zu treffen sein wird, und werden dann diesen
Halbrömern, denen wir zu einem Dorn im Auge geworden sind, den Rücken
zuwenden!“
[GEJ.09_120,16] Ein anderer aber sagte: „Ihr
seid zwar schriftgelehrter denn unsereiner, – aber ich glaube durch meinen
Scharfblick mehr entdeckt zu haben denn ihr. Mir kommt es nun so vor, als
befände sich der berühmte Nazaräer unter dieser Gesellschaft!
[GEJ.09_120,17] Und einer der drei Jungen hat
eine große Ähnlichkeit mit dem Prediger in der Wüste, der ungefähr vor zwei
Jahren im Gefängnis des Herodes soll enthauptet worden sein, was wir freilich
wohl nicht gar so genau weder der Zeit noch der Tat nach wissen können, weil
wir uns damals in Damaskus befanden; aber bevor wir nach der benannten Stadt
gekommen sind, habe ich ihn in der kleinen Wüste am Jordan gesehen, wo er
lehrte und die zu ihm Bekehrten mit dem Wasser des Flusses taufte und den von
ihm Getauften einen neuen Namen gab.
[GEJ.09_120,18] Er sah damals freilich wohl
älter aus und war sehr mager; aber er kann auch nicht enthauptet worden sein –
wie man sich die Sache also erzählt –, und Herodes habe, um den Willen der
Herodias zu erfüllen, etwa einen jenem Täufer ähnlichen Sklaven enthaupten
lassen und habe ihn mit der Weisung freigelassen, sich in einer fremden
Kleidung zu den Heiden zu begeben samt seinen Jüngern. Dort wird er sein
strenges Leben abgelegt haben, hat sich besser genährt und sieht nun hier ganz
jugendlich aus.
[GEJ.09_120,19] Ist er aber da, so wird der
Nazaräer auch nicht ferne von ihm sein; denn er predigte ja in einem fort von
der vollen Ankunft des Messias. Bei seiner wahrhaft heidnischen Eßlust aber
kann er nun schon um einige Jahre jünger aussehen, als er in der Wüste
ausgesehen hat, wo er etwa nichts anderes als Heuschrecken mit wildem Honig
aß!“
[GEJ.09_120,20] Sagte der Schriftgelehrte zum
Redner: „Deine Bemerkung ist wahrlich sehr beachtenswert; aber was sagst du
denn von den drei Blitzen, die wir alle vom Söller aus gerade in diese
Gesellschaft vom Himmel herab haben fahren sehen, die sich damals am Ufer
befand und nun um gerade drei Jünglinge zahlreicher sich beim Morgenmahle
gütlich tut? Wir haben aber niemanden zur Gesellschaft hinzukommen sehen –
außer zuletzt einen einzigen Hausdiener, der die Gesellschaft zum Morgenmahle
rief; auch gestern abend haben wir keinen von diesen drei Jungen gesehen. Woher
kamen sie zu der Gesellschaft?“
[GEJ.09_120,21] Sagte der Redner: „Sie können
ja schon am frühen Morgen zu ihnen gekommen sein!“
[GEJ.09_120,22] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wenn das der Fall wäre, so hätten uns unsere wachhabenden Diener das sicher
angezeigt, weil nach unserer Weisung sie schärfst darauf zu achten hatten, wer
da ankommt, und von welcher Seite, und wer aus dem Hause geht, mit wem, und
wohin er sich wendet. Es haben aber unsere Diener uns nichts zu sagen gewußt,
daß da jemand am frühen Morgen angekommen wäre. Und so sahen sie auch
namentlich von den drei Jungen heute frühmorgens keinen aus dem Hause treten
und mit der Gesellschaft ans Meeresufer hinausziehen; wohl sahen sie das Weib
mit einem Manne beinahe eine Stunde später und, wie schon bemerkt, zuletzt den
Hausdiener zu der Gesellschaft hinausziehen. Und es ist somit die sehr
bedenkliche Frage, woher diese drei Jünglinge gekommen sind!“
[GEJ.09_120,23] Sagte der Redner, der die
drei Jünglinge vernatürlichen wollte: „Ist es denn nicht möglich, daß diese
drei Jungen etwa schon am Ufer die Nacht über verweilten und am Morgen erst von
der Gesellschaft alldort angetroffen und aufgenommen worden sind?“
[GEJ.09_120,24] Sagte darauf abermals der
Schriftgelehrte: „Da würden auch unsere Diener etwas bemerkt und uns davon
Anzeige gemacht haben; denn drei unserer Diener haben auch das Ufer eures guten
Wissens bis dahin bewacht, als diese Gesellschaft sich am frühen Morgen aus dem
Hause ans Ufer zu begeben anfing, wo unsere Diener ihr noch begegneten, was wir
vom Söller aus mit eigenen Augen sahen. Und so können wir nun denken und reden,
was wir wollen, so sind die drei viel verzehren könnenden Jünglinge in jedem
Fall eine außerordentliche und geradewegs wunderbare Erscheinung! Denn ich bin
sicher auch kein leichtfertig wundergläubiger Mensch; aber die drei nun in
jener uns auch etwas rätselhaften Gesellschaft anwesenden Jungen scheinen mir
offenbar ein Wunder zu sein. Wer und was nun hinter ihnen steckt, das ist
freilich eine ganz andere Frage. Nach dem Mahle werden wir wohl darauf kommen!“
[GEJ.09_120,25] Auf diese Rede des
Schriftgelehrten waren auch die andern mit ihm einverstanden und warteten mit
großer Sehnsucht auf das Ende unseres Morgenmahles, das denn auch bald
erfolgte.
121. Kapitel
[GEJ.09_121,01] Als wir uns vom Tische
erhoben, da kam auch alsogleich der Schriftgelehrte zu uns und sagte zu Mir: „Weiser
Freund, gedenke nun deines gestern abend mir gemachten Versprechens!“
[GEJ.09_121,02] Sagte Ich: „Du bist auf dem
rechten Wege wohl, – aber es ist auch das ein Wunder, daß du bei schon so viel
empfangenem Lichte noch immer blind bist. Du hast dich gestern abend zwar so
halbwegs von der Wahrheit dessen überzeugt, was Ich dir von dem Nazaräer gesagt
habe, aber du und deine Gefährten denket bei euch im Herzen dennoch: ,Wir
wollen einmal mit dem Nazaräer um jeden Preis persönlich zusammenkommen und wollen
ihm da scharf auf den Zahn fühlen. Finden wir an ihm, was wir in Kis über ihn
vernommen haben, so wollen wir uns zu ihm halten; finden wir aber das nicht
völlig also, so werden wir ungesäumt nach unserem Auftrag an ihn die Hände
legen und ihn den Gerichten überantworten.‘
[GEJ.09_121,03] Ihr gehöret sonach samt dem
Hohenpriester und samt allen euren falschen Propheten, als da sind die
Ältesten, Schriftgelehrten, Pharisäer und Leviten zu Jerusalem und also auch in
den Synagogen allerorten des ganzen Judenlandes, zu eben jenen falschen
Propheten, von denen der Herr im Propheten Hesekiel also spricht:
[GEJ.09_121,04] ,Du Menschenkind, weissage
wider die Propheten Israels, und sprich zu denen, die aus ihrem eigenen Herzen
und Sinne weissagen: Höret des Herrn Wort! Also aber spricht der Herr Herr:
Wehe den tollen Propheten, die ihrem eigenen Geiste folgen, da sie doch niemals
ein Gesicht hatten und einen Ruf vernommen haben! (Hes.13,1-3)
[GEJ.09_121,05] O Israel, deine Propheten, an
denen du hängst, sind gleich den Füchsen in der Wüste! Sie treten nicht vor
ihre Löcher (aus Furcht, gefangen zu werden) und machen sich also auch nicht zu
Hürden um das (bedrängte) Haus Israel und stehen nicht im Streite am Tage des
Herrn (Probezeit für den wahren Glauben). Ihre vorgeblichen Gesichte sind
nichts, und ihre Weissagungen sind eitel Lügen! Sie sprechen wohl ganz dreist:
,Der Herr hat es gesagt!‘ und wissen es doch klar in sich, daß Er sie niemals
berufen und gesandt hat, und mühen sich nur darum in wildem Eifer, auf daß sie
erhalten ihre Dinge (zu ihrem Weltlebensbesten). (Hes.13,4-6)
[GEJ.09_121,06] (Saget, ihr falschen
Propheten, alle:) Ist es etwa nicht also, daß eure vorgeblichen Gesichte nichts
und eure Weissagungen eitel Lügen sind? Und doch sprechet ihr zum Volke: Der
Herr hat es gesagt!, – so Ich mit euch nach eurem guten Wissen doch niemals
geredet habe! (Hes.13,7)
[GEJ.09_121,07] Darum spricht der Herr weiter
also: Weil ihr dem Volke das prediget, daraus nichts wird, und dem Volke Lügen
weissagt, so will Ich Selbst an euch (dem Volke eure List enthüllen), spricht
der Herr. Und Meine Hand soll über jene Propheten kommen, die das predigen,
daraus nichts wird, und Lügen weissagen! Sie sollen in der Versammlung Meines
Volkes nicht sein, in die Zahl des Hauses Israel nicht geschrieben werden, noch
in das Land Israel kommen; und ihr sollet erfahren, daß Ich der Herr Herr bin!
(Und Meine Hand soll darum über sie kommen,) dieweil sie Mein Volk verführen
und zu ihm sagen: ,Der Friede (sei mit dir)!‘ und dennoch kein Friede da ist.
(Hes.13,8-10a)
[GEJ.09_121,08] So das Volk (in Meinem Namen)
noch die Wand baut, so kommen sie und übertünchen dieselbe mit ihrem losen Kalk
(äußere Scheinfrömmigkeit des irdischen Gewinnes wegen). Sprich zu den
Tünchern, die mit ihrem losen Kalke tünchen: Ihre Tünche wird von der Wand bald
abfallen; denn es wird ein Platzregen kommen und werden große Hagel fallen, die
die Tünche abfallen machen werden, und ein mächtiger Wirbelwind wird sie
zerreißen. (Unter ,Platzregen‘ ist zu verstehen das reine Gotteswort, unter
,großem Hagel‘ dessen feste Wahrheit und unter dem ,mächtigen Wirbelwind‘ die
Macht der Wahrheit.) Sieh, also wird mit der Tünche auch die verdorbene Wand
einfallen! Was gilt es, daß man dann zu euch sagen wird: ,Wo ist nun das, was
ihr getüncht habt?‘ (Hes.13,10b-12)
[GEJ.09_121,09] Also spricht der Herr Herr:
Ich werde in einem Wirbelwind alles (Falsche) niederreißen lassen in Meinem
Grimme, einen Platzregen senden in Meinem Zorne und große Hagelsteine in Meinem
Grimme; die sollen alles umstoßen! Also will Ich die Wand umstoßen und zu Boden
werfen, die ihr mit losem Kalk übertüncht habt, und man soll, so sie
zertrümmert am Boden liegt, ihren falschen Grund sehen, und ihr falschen
Propheten sollet dabei auch umkommen und erfahren, daß Ich der Herr bin! Also
will Ich Meinen Grimm an der Wand und an denen auslassen, die sie mit losem
Kalk tünchen, und will zu euch sagen: Hier ist weder Wand noch ein Tüncher
mehr! Das sind die Propheten Israels, die zu Jerusalem weissagen und predigen
vom Frieden, so doch (unter ihnen selbst) kein Friede ist, spricht der Herr
Herr. (Hes.13,13-16)
[GEJ.09_121,10] Und du, Menschenkind
(Hesekiel), richte dein Angesicht auch wider die Töchter in deinem Volk, welche
auch weissagen in ihrem Herzen, und weissage wider sie und sprich: Also spricht
der Herr Herr: Wehe euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und
Pfühle (Polster) unter die Häupter, beides für jung und alt, um ihre Seelen zu
fangen, und, so ihr die Seelen gefangen habt unter Meinem Volk, denselben das
ewige Leben verheißet! Und also entheiliget ihr Mich im Volke um einer Hand
voll Gerste und eines Bissen Brotes willen dadurch, daß ihr die Seelen, statt
zum Leben, zum Tode verurteilet, die doch nicht sterben sollen, und verurteilet
die zum Leben, die (nach ihrem gottlosen Wandel) doch nicht leben sollten,
durch eure Lügen unter Meinem Volke, das gerne Lügen hört. (Hes.13,17-19)
[GEJ.09_121,11] Darum spricht der Herr Herr:
Siehe, Ich will über eure Kissen herfallen (wie ein Löwe), mit denen ihr die
Seelen fanget und fälschlich vertröstet! Ich will sie von euren Armen wegreißen
und die Seelen, die ihr fälschlich vertröstet und für den Tod gefangen habt,
losmachen. Also will Ich auch eure Pfühle (Polster) zerreißen und Mein Volk aus
eurer Hand erretten also, daß ihr es nicht mehr fangen sollet, – und also
sollet ihr erfahren, daß Ich der Herr bin! Ich will und werde darum das tun,
weil ihr die Herzen der Gerechten fälschlich betrübet, die Ich Selbst doch
niemals betrübt habe, und stärket aber dafür die Hände der Gottlosen, auf daß
sie sich von ihrem bösen Wesen ja nicht bekehren und dadurch zum Leben gelangen
mögen. Darum sollet ihr nimmerdar unnütze Lehre predigen noch weissagen! Ich
will demnach Mein Volk aus euren Händen reißen, und ihr sollet es erfahren, daß
Ich ganz allein nur der Herr bin!‘ (Hes.13,20-23)
[GEJ.09_121,12] Siehe, Mein Freund, also hat
der Herr durch den Mund des Propheten geredet zu den falschen Propheten; und
was Er geredet hat, das geht nun vor euren Augen völlig in Erfüllung! Wer in
dieser Zeit aber ärger denn jemals zuvor die falschen Propheten sind, das
brauche Ich euch nicht noch einmal zu sagen, da Ich sie euch ohnehin schon zur
Übergenüge beschrieben habe.
[GEJ.09_121,13] ,Wer aber‘, fraget ihr in
euch, ,sind denn dann die gewissen Töchter Israels, die auch fälschlich
weissagen und für die Menschen Kissen unter die Arme und Pfühle unter den Kopf
machen?‘ Das sind die von euch gezeigten Satzungen, die euch nun nicht mehr
allein mit Gerste und Brot, sondern mit allen denkbaren Schätzen reichlichst
versehen.
[GEJ.09_121,14] Auf daß die Menschen ja nicht
selbst unter sich die Gesetze des Lebens zu beachten haben, habt ihr es ihnen
durch eure Satzungen bequemer gemacht, indem ihr ihnen vorgelogen habt, daß ihr
Gesichte gehabt und der Herr Herr es euch geoffenbart habe, daß die Menschen
euch lieber größere Opfer darbringen sollen, was Gott um vieles wohlgefälliger
wäre denn das eigene, unbequeme Halten der Gesetze, – was euch das von euch
blind gemachte und zur Selbsttätigkeit ohnehin stets träge Volk gerne glaubte.
[GEJ.09_121,15] Dadurch aber habt ihr das
Volk von Gott und so auch vom Leben der Seelen aus Ihm abgewendet und die Türen
zum Reiche Gottes versperrt, auf daß ja kein Mensch mehr zum ewigen Leben
seiner Seele gelange.
[GEJ.09_121,16] Oder bestehen bei euch nun
nicht Satzungen, denen nach sich ein Mensch durch reiche Opfer, dem Tempel
natürlich und namentlich dargebracht, für eine bestimmte Anzahl von Jahren für
die Zukunft von aller Haltung der Gottesgebote loskaufen kann? Er kann dann
lügen, stehlen, rauben, morden, Hurerei treiben, ehebrechen und den Sabbat
schänden, wie er nur mag und kann, und er begehe keine Sünde!
[GEJ.09_121,17] Ist das dann nicht eine
elendeste und allerloseste Kalktünche über die von Gott erbaute Wand zum
Schutze Seines Volkes, durch welche Tünche am Ende die Wand selbst unnütze
geworden ist und mit der Tünche nun niedergerissen und von neuem aufgebaut
werden muß?!
[GEJ.09_121,18] Sind solche eure Lehren und
falschen Weissagungen nicht zu vergleichen jenen aus ihren bösen Herzen
weissagenden Töchtern, die da sagen: ,Da hast du weiche Kissen zur bequemen
Stütze deiner Arme, mit denen du nun wohl ruhen kannst, und dazu sanfte Pfühle
für deinen Kopf, auf daß du, statt nach den lästigen Gesetzen mühsam zu denken
und zu forschen, was vor Gott und den Menschen recht ist, ohne Sorge schlafen
kannst!‘
[GEJ.09_121,19] Meinst du wohl, Gott hätte es
je über Sein Volk kommen lassen, daß es von den Heiden beherrscht würde, wenn
es nicht durch die grundfalschen Weissagungen und Lehren und Satzungen derart
gottlos geworden wäre, daß es sich schon lange bis auf den letzten Menschen
aufgerieben hätte, so das die Heiden durch ihre strengen und klugen
Staatsgesetze nicht verhindert hätten?
[GEJ.09_121,20] Gott aber sah das große Elend
des armen und Seiner hie und da doch noch nicht völlig vergessenden Volkes und
führte zu seinem Schutze die Heiden in das Gelobte Land, ansonst es zum vollen
Opfer eurer selbstsüchtigsten, argen Willkür geworden wäre.
[GEJ.09_121,21] Wie möget ihr zum Volke
sagen, Gott sei viel zu heilig und erhaben, daß Er Sich um das Tun und Treiben
der Menschen kümmern möchte. Er gebe darum Seinen Willen nur den höchsten
Erzengeln kund, und diese dann auf dem Wege von allerlei Gesichten und inneren
Weissagungen nur euch, – und das Volk kann also nur von euch, als den von Gott
bestellten Propheten, Seinen Willen vernehmen.
[GEJ.09_121,22] Ich sage es euch: Ihr seid
als Zedern auf Zion faul geworden; darum ist euch nun die Axt an die Wurzel
gelegt. Ihr werdet gefällt und im Feuer Meines Grimmes und Zornes zu Asche
verbrannt werden, spricht der Herr Herr, der nun Sein Volk erretten will und
wird!
[GEJ.09_121,23] Was aber der Herr aus Seiner
höchsteigenen Macht nun tut, das wird Er allzeit tun, wo sich ein Pharisäertum
irgend auf dieselbe Weise entfalten wird, wie es sich in Jerusalem entfaltet
hat!
[GEJ.09_121,24] Wie oftmals sind an Jerusalem
von Gott aus dem Munde der wahren Propheten Mahnungen gekommen! Was haben aber
die Templer getan? Statt sich an die Mahnungen zu kehren, haben sie die
Propheten gesteinigt und erwürgt und erklärten dem Volke, daß solche Propheten,
die wider den Tempel predigen, Abgesandte des Teufels der Teufel sind und daher
von der Erde vertilgt werden müssen.
[GEJ.09_121,25] Und so habt ihr gar viele
Propheten getötet bis auf Zacharias und zuletzt auch durch eure Vermittlung den
Johannes, und ihr unschuldig vergossenes Blut wird strafend kommen über euch
und eure Kinder bis ans Ende der Zeiten.
[GEJ.09_121,26] Wie Spreu werdet ihr verweht
werden in alle Teile der Welt! Ihr werdet kein Volk mehr sein und als niedrige
Sklaven werdet ihr den Heiden, denen das von euch genommene Licht gegeben wird,
dienen müssen; und wie die Juden einst das erste Volk der Erde waren, also
werden sie bald das letzte und allenthalben verachtetste werden! Denn sie haben
an den vielen Propheten, deren Gräber sie nun des Volkes wegen auch mit ihrem
losen Kalk übertünchen, noch nicht sattsam gemordet, – sie wollen sich nun auch
an den Herrn Selbst machen, Ihn fangen und töten! Aber es wird der Herr auch
noch das zulassen, aber nicht zum Heile der falschen Propheten, sondern zu
ihrem Gerichte; und also wird Er Selbst sein der mächtige Wirbelwind, der sie
alle zerreißen und in alle Pfützen der Erde zerschmeißen wird!
[GEJ.09_121,27] Und was der Herr mit den
Pharisäern tun wird, das wird Er auch tun mit allem euch ähnlich sich irgend
entfaltenden Pharisäertum auf der ganzen Erde.
[GEJ.09_121,28] Ich habe nun sattsam geredet,
und nun möget ihr reden und sagen, wie euch die Wahrheit gemundet hat!“
[GEJ.09_121,29] Sagte darauf der
Schriftgelehrte: „Du mein sehr wahrhaftiger und weiser Freund, ich und auch
alle meine Gefährten und Diener können dir nicht im geringsten unrecht geben;
denn es steht mit dem Tempel nun buchstäblich also, wie du ihn nun vor uns
dargestellt hast. Aber was können wir dagegen tun? Es komme über ihn nur das,
was der Prophet Hesekiel über ihn geweissagt hat! Aber wir werden, obschon wir
darum vom Tempel ausgesandt sind, unsere Hände nimmerdar an den Gesalbten
Gottes legen; denn wir haben Ihn nun aus deinem Munde wohl kennengelernt,
wollen unserer Weltwürde völlig entsagen und Seiner Lehre folgen, dessen wir
dich und alle deine Gefährten wahrheitsgetreust versichern können.
[GEJ.09_121,30] Aber nun erlaube mir armem
Sünder vor dir noch eine ganz schlichte, aber für uns doch höchst
bedeutungsvolle Bemerkung zu machen, – und diese besteht darin: Siehe, im
Verlaufe deiner wahren Bußpredigt an uns habe ich aus deinem Eifer stets mehr
und mehr wahrzunehmen angefangen, daß du entweder ein erster Jünger Dessen, der
als Herr Herr zu Hesekiel gesprochen hat, seist, oder du selbst bist es, den zu
suchen wir ausgesandt worden sind; und bist du es selbst, da lasse (gestatte)
uns, daß wir uns umkleiden, dann bei dir verbleiben und dir nachfolgen!“
[GEJ.09_121,31] Sagte Ich: „Wenn ihr glaubet,
da möget ihr auch bleiben; die Folge aber wird es euch schon zeigen, ob ihr in
Mir wohl den Rechten gefunden habt! Am äußeren Menschen aber hängt das Heil
nicht, sondern das kommt von dem Geiste der ewigen Liebe und Wahrheit, der im
Menschen wohnt.
[GEJ.09_121,32] Der äußere Mensch wird auch
gleich jedem andern Menschen diese Erde verlassen und nicht unter den Menschen
verbleiben; aber sein Geist wird verbleiben bis ans Ende der Zeiten.
[GEJ.09_121,33] Wollet ihr euch an Meinen
Geist halten, da bleibet; wollet ihr euch aber an Meine Person halten, da
könnet ihr so, wie ihr hierhergekommen seid, wieder von hinnen ziehen!“
[GEJ.09_121,34] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr Herr und Meister in Deinem Geiste, nicht an Deine Person, sondern nur an
Deinen Geist wollen wir uns halten; denn Deine Person dient nur Dir zunächst,
so wie jedermann die seinige, – aber Dein Geist kann dienen einem jeden Menschen,
der sich richtet nach Ihm!“
[GEJ.09_121,35] Sagte Ich: „So bleibet, und
glaubet! Denn selig ist, der da glaubt und nach der erkannten Wahrheit lebt und
handelt.“
122. Kapitel
[GEJ.09_122,01] Auf diese Meine Worte waren
die vollends bekehrten Templer über die Maßen froh und heiter geworden und
wandten sich nun an den Kisjona mit der Bitte, ob er ihnen wohl irgend
griechische Kleider verschaffen könne.
[GEJ.09_122,02] Kisjona aber sagte: „Dies,
liebe Freunde, wird nun etwas hart gehen, da wir im Orte keinen Kleidermacher
haben; zu Kana gibt es deren wohl, aber dahin werdet ihr nun nicht ziehen
wollen?“
[GEJ.09_122,03] Sagte Ich zu Raphael:
„Verschaffe du diesen sieben Templern und ebenso auch ihren Dienern ein
griechisches Gewand; denn sie sollen zur Bekehrung der Griechen in Afrika
gestärkt werden!“
[GEJ.09_122,04] Als Ich solches laut zu
Raphael gesagt hatte, da trat er zu den Templern und sagte: „Was Der will, der
mir befohlen hat, euch ein neues Gewand nach der Art der Griechen in Afrika zu
verschaffen, das werde euch! Ich will denn in eine Stadt in Ägypten mich
begeben, in der es fertige Gewänder in Übergenüge zu kaufen gibt, und ihr möget
euch dann damit bekleiden.“
[GEJ.09_122,05] Sagten die Templer: „O du
holdester und über alles dienstfertiger Jüngling! Da werden wir wohl lange hier
zu warten haben, bis du uns die neue Kleidung gar von Ägypten herbringen
wirst!“
[GEJ.09_122,06] Sagte Raphael: „Nach der
diesirdisch menschlichen Weise ginge es wohl also; aber da ich kein
diesirdischer Mensch mehr bin, so ist mein Gedanke hier und dort, und da ich
mein Gedanke selbst bin, so bin ich selbst auch ebenso schnell wie mein
Gedanke! Und sieh, ich habe also mein mir vom Herrn für euch anbefohlenes
Geschäft denn auch schon beendet, war schon dort und bin auch schon wieder
hier! Gehet nun in euer Gemach, und überkleidet euch!“
[GEJ.09_122,07] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wie möglich konntest du in Ägypten gewesen sein, da wir dich ja doch nicht
einen Augenblick vermißt haben? Das wäre ja doch ein Wunder über alle Wunder!“
[GEJ.09_122,08] Sagte Raphael: „Für euch
sicher, aber nicht also auch für mich! Gehet aber hin, und überzeuget euch;
dann erst mögen wir einiges darüber reden!“
[GEJ.09_122,09] Darauf gingen sie in ihr
Gemach und fanden alles, was ihnen unser Raphael angesagt hatte, worüber sie
sich über alle die Maßen zu verwundern anfingen.
[GEJ.09_122,10] Sie kamen darauf bald als
Ägypter der Tracht nach wieder zu uns, und so auch ihre Diener, lobten und
priesen Mich, und der Schriftgelehrte sagte zu Mir: „Daß Du, o Herr und
Meister, eben Derjenige bist, auf den alle Juden warten und hoffen, das
brauchen wir nicht mehr zu glauben; denn wir sind davon nun auf das lebendigste
überzeugt! Aber nun möchten wir denn auch über die drei Jungen, von denen der
eine auf eine so überwunderbare Art uns nun mit Ägyptens Kleidern versah, eine
Aufhellung haben! Denn sind sie selige Geister, wie haben sie dann einen uns
sicht- und fühlbaren Leib, – und ist ihr Leib gleich dem unsrigen, wie kann er
eine so unbegreifbar schnelle Bewegung machen und aus dem fernen Lande Hams
(einem Sohne Noahs) die vielen Kleidungsstücke für uns und unsere Diener
beschaffen?“
[GEJ.09_122,11] Sagte Ich: „Meine lieben
Freunde, habt ihr denn nicht gelesen, wie es also geschrieben steht in der
Schrift, daß zu jener Zeit Engel auf- und niedersteigen werden und Mir und den
Menschen sichtbar dienen werden? Und sehet, also ist die Schrift nun denn auch
in diesem Stücke erfüllt vor euren Augen!
[GEJ.09_122,12] Aber so auch das sähe des
Tempels hoher Rat, so würde er es doch nicht glauben, auf daß er selig werden
möchte; darum wird über ihn auch das kommen, was Hesekiel geweissagt hat.
[GEJ.09_122,13] Nun aber besprechet euch mit
dem Engel, der euch mit neuen Kleidern versah; Ich aber werde nun mit dem Wirte
und dessen Freunde Philopold auf eine kurze Zeit Mich ins Freie begeben und
also in Meinem Geschäfte eine kleine Ruhe Mir gönnen!“
[GEJ.09_122,14] Mit dem waren die Templer
vollends zufrieden und gesellten sich alsbald zu Raphael, der ihnen, so wie
früher einmal auf dem Ölberge, viele Dinge zeigte und auch erklärte.
[GEJ.09_122,15] Bevor Ich aber mit den zwei
Obbenannten den Saal verließ, trat noch die Maria zu Mir und fragte Mich, ob
auch sie mit uns gehen solle.
[GEJ.09_122,16] Ich aber sagte, daß sie nun
im Saale bei den Brüdern verweilen möge, wo sie vieles hören und sehen werde.
[GEJ.09_122,17] Und sie blieb und unterhielt
sich mit dem Engel Gabriel über die Lebensgeheimnisse der Himmel.
[GEJ.09_122,18] Darauf aber trat noch Judas
Ischariot zu Mir und fragte Mich, wie lange Ich Mich im ganzen in Kis aufhalten
werde.
[GEJ.09_122,19] Und Ich sagte: „Volle sieben
Tage, und da du Mich deshalb darum fragtest, um in der Zeit deine Familie zu
besuchen, so kannst du dich schon auf den Weg machen!“
[GEJ.09_122,20] Als Judas Ischariot das von
Mir vernahm, da machte er sich auch sogleich auf den Weg.
[GEJ.09_122,21] Als dieser Jünger fort war,
da sagten die andern Jünger: „Das war ein kluger Geist, der solches ihm
eingehaucht hat; und wir sind froh, seiner nur auf etliche Tage los zu sein!“
[GEJ.09_122,22] Ich fragte aber auch die
andern Jünger, ob auch etwa sie ihre Weiber und Kinder besuchen wollten.
[GEJ.09_122,23] Diese aber sagten (die andern
Jünger): „Herr, unsere Weiber und Kinder sind schon von Dir aus bestens
versorgt, und so bleiben wir hier, wo wir in jedem Augenblick vieles für Seele
und Geist gewinnen können!“
[GEJ.09_122,24] Sagte Ich: „Also bleibet
denn, und so da jemand kommen und nach Mir fragen wird, so belehret ihn, und
heißet ihn verharren, bis Ich mit Meinen Freunden wiederkomme!“
[GEJ.09_122,25] Darauf aber fragten Mich auch
noch die vier Indojuden, ob sie um Meinetwillen auch noch länger in Kis
verweilen dürften.
[GEJ.09_122,26] Und Ich sagte: „Solange ihr
wollt; wenn das euer Herz verlangt, da tuet ihr wohl daran, so ihr hier
verweilet!“
[GEJ.09_122,27] Auf das erst begab Ich Mich
mit den beiden Freunden ins Freie, und wir besprachen uns auf einem kleinen
Hügel ganz nahe am Meere Galiläas über verschiedene Dinge auf der Erde und auch
in den Gestirnen, und auch über die innere Einrichtung der Erde und ebenso auch
der andern Gestirne, woran die beiden Freunde ein großes Wohlgefallen hatten.
123. Kapitel
[GEJ.09_123,01] Als wir aber bei einer Stunde
lang uns auf unserem Hügel unterhalten hatten, da kamen etliche Samariter in
den Ort Kis und erkundigten sich bei mehreren Menschen, ob sie nichts von Mir
wüßten, wo Ich Mich irgend aufhielte.
[GEJ.09_123,02] Und einer von den Dienern des
Kisjona sagte, daß Ich Mich samt den Jüngern seit gestern abend eben in diesem
Orte befände und wahrscheinlich im großen Herrenhause Mich aufhalten dürfte.
[GEJ.09_123,03] Da wurden die Samariter
überfroh und heiter, denn sie hatten schon gar vieles über Mich reden hören,
wie auch, daß Ich erst vor wenigen Tagen durch Samaria gezogen sei. Aber sie
hatten dennoch nicht das Glück gehabt, Mich irgendwo gesehen und gesprochen zu
haben. Sie ließen sich von dem Diener alsogleich ins Haus führen und brannten
vor Begierde, Mich endlich einmal zu sehen, zu sprechen und zu hören.
[GEJ.09_123,04] Als sie in den großen Saal
kamen, grüßten sie alle Anwesenden und fragten gleich den Nächstbesten, wo Ich
wäre, oder welcher unter ihnen der große Meister in aller Fülle der göttlichen
Macht und Kraft wäre.
[GEJ.09_123,05] Thomas aber, der gefragt
wurde, sagte: „Freunde, körperlich befindet Sich in diesem Augenblick der Herr
und Meister nicht unter uns, wohl aber im Geiste! Was wollet ihr denn, das Er
euch tun soll?“
[GEJ.09_123,06] Sagten die Samariter:
„Freunde, wir haben Seine Lehre und leben und handeln streng nach ihr, und es
haben auch schon mehrere unter uns die alles belebende Kraft dieser Lehre in
sich gefunden und loben und preisen darum Gott, daß Er Sich nun Seiner Völker
gar so augenscheinlich erbarmt habe! Aber es gibt unter uns viele, die da, uns
gleich, den großen Meister, dieweil Er noch auf dieser Erde umherwandelt,
persönlich sehen und hören möchten; aber sie haben die Gelegenheit und auch die
Mittel nicht, Ihm nachzureisen. Daher haben sie uns abgeordnet, Ihn im Namen
aller aufzusuchen und Ihm den gebührenden Dank zu überbringen und die Ihm
allein gebührende Ehre zu geben. Darum sind wir denn auch hierhergekommen und
werden diesen Ort nicht eher verlassen, als bis wir in Ihm Selbst den Herrn und
Meister aller Meister werden begrüßt haben!“
[GEJ.09_123,07] Sagte Thomas: „So geduldet
euch denn; es wird so lange nicht dauern, bis Er kommen wird!“
[GEJ.09_123,08] Darauf setzten sie sich an
den Tisch, ließen sich etwas Brot und Wein geben und behorchten die Reden, die unser
Raphael mit den sieben Templern und auch mit den vier Indojuden führte, und
staunten über die große Weisheit des vermeinten Jünglings.
[GEJ.09_123,09] Gabriel und Johannes aber
besprachen sich mehr still mit den Jüngern. Den Samaritern schmeckte das Brot
und der Wein trotz ihrer stets sehr mäßigen Lebensweise gar gut, und sie ließen
sich darum mehr Brot und Wein geben, aßen und tranken und wurden dabei voll
heiteren Mutes.
[GEJ.09_123,10] Dabei aber sahen sie, wie
Raphael bei Gelegenheit seiner den sieben Templern und den vier Indojuden
gegebenen Erklärungen über Verschiedenes auch so manches Wunder wirkte, wie
ehedem einmal zu Jerusalem auf dem Ölberge vor Heiden und Juden, wennschon
nicht in dem großen Maße, und sie fingen an, sich gegenseitig zu befragen, wer
denn doch der Jüngling sei, der da so weise rede wie ein Salomo und Wunder
wirke wie ein Moses. Einige meinten, daß er ein Anverwandter, die andern aber,
daß er ein bester Jünger von Mir sein werde. Mit dieser geteilten Meinung
begnügten sie sich denn auch einstweilen.
[GEJ.09_123,11] Raphael aber fing an, seiner
vorbezeichneten Zuhörerschaft die ganze Erde, den Mond, die Sonne, die andern
Planeten, und daneben auch die Kometen, die Fixsterne mit ihren Planeten, das
Wesen der Zentralsonnen und am Ende auch der Hülsengloben, deren Unzahl im
endlosen Schöpfungsraume, und des Großen Schöpfungsmenschen leichtfaßlich und
mit wenigen Worten zu erklären, und versinnlichte seine Erklärungen mit
sogleich im Luftraume des Saales geschaffenen Bildern, was natürlich am meisten
dazu beitrug, daß die Zuhörer das Erklärte um so leichter und schneller
begreifen konnten.
[GEJ.09_123,12] Aber das war unseren
Samaritern für einen puren, vermeintlich besten Jünger von Mir denn doch zu
viel, und es stand einer von ihnen vom Tische auf, ging zu Thomas hin und
fragte ihn, sagend: „Freund, vergib es mir, daß ich so frei bin, dich zu
fragen, was es mit diesem Jünglinge für eine Bewandtnis habe! Wer, was und
woher ist er denn? Seines Mundes Rede ist weiser denn die eines Salomo, und er
wirkt dabei Wunder wie dereinst Moses in Ägypten und in der Wüste!“
[GEJ.09_123,13] Sagte darauf Thomas: „Freund,
geduldet euch nur, bis der Herr Selbst kommen wird, dann werdet ihr nicht nur
über diesen Jüngling ins klare kommen, sondern noch viel Größeres erfahren! Das
aber könnet ihr euch wohl vorstellen, daß um den Herrn sich allerlei himmlische
erste Mächte und Kräfte sammeln und auf uns Menschen belehrend und belebend
einwirken. Denn der Herr ist ja der Mittelpunkt alles Seins, Lebens, aller
Macht und Kraft, wie aller Liebe, Wahrheit und Weisheit!
[GEJ.09_123,14] So ihr an den Herrn glaubet,
da werdet ihr es auch einsehen, daß derlei Wesen fort und fort entweder von
Zeit zu Zeit sichtbar, für sinnliche Menschen aber, wenn auch nicht allzeit
sichtbar, doch fühlbar immer um Ihn sind und auf Seinen Willen horchen; denn
sie selbst sind Sein allzeit und ewig wirkender Wille.
[GEJ.09_123,15] Zudem aber steht es
geschrieben: ,In jener Zeit aber werdet ihr die Mächte der Himmel zur Erde
herabkommen sehen; die werden Ihm und den Menschen, die eines guten Willens
sind, dienen. Sonne, Mond und alle Sterne werden sich beugen vor Seiner
Herrlichkeit!‘ Ja, Freund, so uns blinden Menschen nicht diese himmlischen
Wesen die Augen öffneten über die zahllosen Wunder der Himmel Gottes, – wer
sonst wohl könnte uns da die Augen auftun?
[GEJ.09_123,16] Wer Gott wahrhaft lieben
will, der muß Ihn auch erkennen, wie Er wunderbar ist auch in Seinen Werken.
Wir Menschen stehen wohl inmitten von lauter Wundern Gottes, und wir selbst
sind dazu noch das größte Wunder; so wir uns aber von der Geburt an betrachten,
da finden wir uns schwach, unbehilflich, sprachlos und ohne welche Gedanken.
Wenn ein Kind nicht langehin sorgsam gepflegt würde, so würde es um vieles
schlimmer mit ihm stehen als selbst mit dem elendsten Tier. Erst durch die
Liebsorge der Eltern wird aus dem Kinde ein Mensch.
[GEJ.09_123,17] Gehe du nun aber auf einen
ersten Menschen zurück! Wie möglich wohl wäre er je verständig und voll
Vernunft und auch voll anderer und höherer Erkenntnisse geworden, so Gott nicht
durch höhere, himmlische Wesen ihn erzogen und Sich ihm geoffenbart hätte? Wenn
Gott der Herr nun uns nicht in allen Dingen Selbst belehren und uns zeigen
möchte, wie weit wir uns schon von der Wahrheit entfernt haben, so würden die
Menschen derart verwildern, daß sie tief unter die Tiere zu stehen kämen.
[GEJ.09_123,18] Siehe an die gewissen
Tempeljuden, die Pharisäer und Schriftgelehrten! Wie waren sie zur Zeit der
ersten Richter und auch noch zur Zeit der ersten Könige, – und wie sind sie in
dieser Zeit? Sie sind in allen Dingen blind, dumm und dabei voll Hochmutes und
jeglicher Bosheit und hassen die, welche aus den Himmeln das Licht des wahren
Lebens wiederbringen, und keiner von ihnen glaubt an den Herrn, sondern haßt
und verfolgt Ihn nur, wo und wie er es nur immer mag und kann.
[GEJ.09_123,19] Und siehe, das ist ja schon
ein hoher Grad der bösen Entartung und Verwilderung der Menschen! Stehen aber
nun die Lehrer des Volkes auf einer so tiefen Stufe der Verwilderung, woher
soll dann das Volk eine höhere Weisheit nehmen, so nicht der Herr Selbst Sich
seiner erbarmte und es nun erleuchtete in allen Dingen durch Lehren und
Zeichen?
[GEJ.09_123,20] Und so siehst du denn nun diesen
Jüngling auch den blinden Menschen durch Worte und wunderbare Zeichen, die zu
bewirken ihm im Namen des Herrn wohl gar leicht möglich sind, den gestirnten
Himmel erklären, auf daß aus ihren Herzen der finstere und böse Aberglaube
verschwinde und der Wahrheit Licht sie erleuchte! Und so du das nun so recht
überdenkst, so wirst du über die Wesenheit dieses Jünglings auch bald im klaren
stehen!“
124. Kapitel
[GEJ.09_124,01] Als der Samariter solches von
Thomas vernommen hatte, dankte er ihm für diese Belehrung, ging wieder an
seinen Tisch zu seinen Gefährten, die unterdessen ganz Aug und Ohr für das
waren, was unser Raphael sprach und wirkte, und sich nicht genug wundern
konnten über den finsteren Aberglauben der Menschen, mit und aus welchem sie
den Mond, die Sonne und die andern Sterne betrachten und ihren Unsinn auch an
andere Menschen übertragen.
[GEJ.09_124,02] Und der eine von Thomas
Unterwiesene sagte: „O ihr meine lieben Freunde! Wir sind doch noch bei der
alten Lehre Mosis geblieben und haben des Tempels zu arg gewordene Torheiten
mit vollem Grunde verachtet und uns darum von ihm gänzlich losgemacht; aber in
diesen Dingen, die nun der Jüngling den Gästen mit leichtfaßlicher Rede
erklärt, waren auch wir bis jetzt nicht minder blind als die Templer zu
Jerusalem, und wir können darum dem Herrn nicht genug dankbar sein, daß Er es
sicher also zugelassen hat, daß wir noch zur rechten Zeit hierher gelangt sind,
um diesem wahren Himmelsunterricht beiwohnen zu können und zu dürfen.
[GEJ.09_124,03] Es soll auch Moses ein
eigenes Buch in der Wüste geschrieben haben in wohlverständlicher Rede; aber
das soll schon bei Gelegenheit der Babylonischen Gefangenschaft
verlorengegangen sein. Und als später die Griechen und die Römer den
babylonischen Staat eroberten und verheerten, sollen jene denkwürdigen Bücher
auch in die Hände der Sieger geraten sein. Und so besitzen auch wir nichts als
nur Bruchstücke der alten Mosaischen Weisheit.
[GEJ.09_124,04] Aber doch habe ich mehrere
Male mit unserem Rabbi über die Gestirne des Himmels gesprochen, und der hat
mir so manches gesagt, was er auf dem Wege der mündlichen Überlieferung sich zu
eigen gemacht hatte. Und ich habe ihn denn auch mehrere Male dazu gewisserart
aufgefordert, daß er über derlei Dinge auch zum Volke reden solle. Aber da
meinte er, daß das Volk noch zu tief im Aberglauben stecke, den es ehedem unter
den Juden sich zu eigen gemacht habe, und da müßten kräftigere und mächtigere
Lehrer kommen, die bei dem Volke den alten Aberglauben vertilgen würden. Wir
aber sehen nun den kräftigeren Lehrer auch in diesen Dingen und begreifen nun
auch schon ganz gut, was die leuchtenden Körper des endlos weiten
Schöpfungsraumes sind, und wozu sie erschaffen wurden. So wir wieder nach Hause
kommen werden, da werden wir denn auch ohne Furcht und Scheu zu unseren
Nachbarn davon zu reden anfangen, und es soll auf diese Art der alte Aberglaube
zugrunde gerichtet werden.“
[GEJ.09_124,05] Sagte ein anderer darauf:
„Bruder, dein Vorsatz ist allerdings gut, und es wäre ein paradiesisches Leben
mit den Menschen, so sie alle fern von allem Aberglauben in allen Dingen in der
Wahrheit stünden; aber es läßt sich nichts schwerer aus dem Gemüte des Menschen
hinwegfegen als eben sein schon in der Kindheit eingesogener Aberglaube, aus
dem seine Phantasie mit leichter Mühe allerlei fabelhaft klingende und
ergötzliche Trugbilder schafft, und wir werden darum mit unseren Nachbarn auch
nicht gar zu leichten Kaufs fertig werden. Wir wollen uns denn nicht eher etwas
Ernstliches vornehmen, als bis wir darüber mit dem Herrn Selbst geredet haben
werden. Er wird es uns schon sagen, was wir zu tun haben werden. Für jetzt aber
geben wir noch auf alles unsere größte Aufmerksamkeit, was der wundersame Junge
spricht und tut; denn es ist wahrlich ein seltsames Ding, wie auf des Jungen
Wink allerlei leuchtende Kügelchen in des Saales Luftraum entstehen und sich
nach allen Richtungen drehen und bewegen!“
[GEJ.09_124,06] Nach diesen klugen Worten
ließ Raphael es geschehen, daß das plastische Abbild der Erde mit dem wohlerkennbaren
Mond ganz in die Nähe unserer Samariter kam; und sie betrachteten alles mit der
größten Aufmerksamkeit.
[GEJ.09_124,07] Und der Hauptwortführer
sagte: „Also – das ist die wahre Gestalt unserer Erde und die kleinere des
Mondes! Nun, die des Mondes ist begreiflicher als die der Erde; denn so die
Erde auch ringsum bewohnt ist – also unterhalb wie oberhalb –, wie kann sich
das Gewässer an die Feste der Erde halten, und wie Tiere und Menschen unterhalb
der Erde, ohne von ihr weg in den ewig tiefen Raum hinabzufallen? Dazu dreht
sich die Erde in etwa 25 Stunden um sich, wodurch Tag und Nacht erzeugt werden;
da wechselt das Oben und das Unten ja fort und fort miteinander, und es ist da
um so schwerer begreiflich, wie das Gewässer und all die andern freien Körper
nicht von der Erde hinwegfallen.
[GEJ.09_124,08] Du, Freund, der du ehedem
schon von der Schwierigkeit, den alten Aberglauben im Volke zu vertilgen,
geredet hast, hast eben nicht unrecht; denn bis das Volk das begreifen wird,
daß unsere Erde also ist und besteht, wie wir sie nun vor uns sehen, da wird es
noch gar viele Kämpfe absetzen. Und ich sehe nun den Grund auch recht wohl ein,
aus dem unser alter Rabbi – obschon er so manche geheimen Kenntnisse in bezug
auf die wahre Gestalt und Wesenheit der Erde hatte, von solchen Dingen mit dem
Volke nichts verkehren wollte und stets sagte, über dem Grabe erst werde den
würdigen Seelen ein wahres Licht über alles gegeben werden.
[GEJ.09_124,09] Ich aber möchte nun doch von
dem Jungen selbst vernehmen, wie sich das Gewässer und alle die freien Körper
nach unten der Erde hin an ihre Feste halten können, ohne von ihr hinwegfallen
zu müssen!“
125. Kapitel
[GEJ.09_125,01] Hierauf trat Raphael mit den
Pharisäern und den vier Indojuden zu unseren wißbegierigen Samaritern hin und
sagte: „Ihr seid lüstern zu begreifen, wie das Gewässer und die freien Körper
von der Erde nach unten hin nach eurem Verständnisse nicht von der Erde
hinwegfallen können, sondern an ihrer Feste hängen bleiben?
[GEJ.09_125,02] Sehet euch einmal nur einen
Apfel an, der am Baume hängt, und betrachtet, wie ihn oft allerlei Insekten
nach unten und oben umkriechen, und er am Morgen nach allen Seiten mit vielen
Tausenden von kleinen Tautröpflein umgeben ist! Wer hält denn alles an dem
Apfel also, daß weder ein Tierlein noch ein Tautröpflein von ihm wegfällt,
außer die Tierlein entfernen sich selbst und die Tröpflein werden am Tage von
der warmen Luft verzehrt?
[GEJ.09_125,03] Oder nimm du einen Apfel und
bestäube ihn, und der Staub, der aus lauter für dein Auge sehr verkleinerten
freien Körpern besteht, wird nach oben und unten hin ebenso vom Apfel gehalten
werden und von selbst sich vom Apfel nicht entfernen! Wirst du den Apfel
genießen wollen, so wirst du zuvor mit einiger Mühe ihn vom Staube reinigen
müssen.
[GEJ.09_125,04] Siehe, der Apfel, als ein
verhältnismäßig größerer und gediegenerer Körper, hat in sich eine Kraft, die
die um vieles kleineren und leichteren Körper also anzieht, daß sie sich nicht
von ihm entfernen können, – außer sie werden durch eine verhältnismäßige äußere
Kraft von ihm entfernt.
[GEJ.09_125,05] Was aber ist ein Apfel als
Körper gegen den großen Erdkörper? Siehe, dieser hat in sich denn auch eine
solche Kraft, infolge deren er das Gewässer, wie auch alle andern freien Körper
derart an sich zu ziehen und festzuhalten imstande ist, daß sich auch nicht ein
Sonnenstäubchen von ihm entfernen kann! Und diese Kraft wächst mit der Größe
und Schwere der Körper und wirkt noch gar weit über deren Oberfläche hinaus,
also, daß auch der Mond noch von dieser Erde also festgehalten wird, daß er auf
sie herabfallen würde, so er von seiner verhältnismäßigen Schwungkraft, die ihn
um die Erde führt, nicht daran gehindert würde.
[GEJ.09_125,06] Verstehe wohl, was ich euch
über die Erde nun erklärt habe; denn wer Gott wahrhaft erkennen will, der muß
Ihn auch in der höchst weisen Einrichtung Seiner Werke erkennen.
[GEJ.09_125,07] Wer aber in der Einrichtung
der Werke Gottes lauter falsche und grundfalsche und unwahre Ansichten und
Begriffe hat, der kann dabei ja unmöglich je zu einer klaren, richtigen und
wahren Erkenntnis Gottes gelangen; wer aber Gott nicht der Wahrheit nach
erkennt, der kann Ihn auch nicht wahrhaft lieben, ehren und Seinen Willen ganz
erfüllen, und es wird finster in seiner Seele, die sich dann und darum an die
Materie zu hängen und zu halten anfängt, weil sie des inneren Wahrheitslichtes
bar geworden ist. Und also ist die Unkenntnis in der wahrheitsvollen
Einrichtung der Werke Gottes auch allzeit der Grund zur Abgötterei, zum Götzen-
und Heidentume gewesen und am Ende zur völligen Gottlosigkeit, wie sie nun
unter den meisten Juden, Pharisäern und unter den Heiden besteht.
[GEJ.09_125,08] Das arme Volk wird mit Gewalt
einerseits und allerlei Betrug anderseits in allerlei blindestem Aberglauben
erhalten und lebt und handelt nach allerlei falschen Lehren und Satzungen, auf
daß sich die trägen und bei sich völlig glaubenslosen Machthaber auf seine
Kosten desto mehr ergötzen und mästen können.
[GEJ.09_125,09] Aber Gott der Herr sieht solchem
Unfuge nur eine Zeitlang zu und läßt dabei an die Menschen aber dennoch stets
Mahnungen durch eigens geweckte Seher und Weissager ergehen; kehrt sich aber
das Volk samt seinen Vorstehern nicht daran, so kommt Er mit Seinem Gerichte
und fegt den Unflat von der Erde. Und das geschieht allzeit, wenn sich mit der
dicksten Dummheit auch die alle Nächstenliebe hintansetzende selbstsüchtigste
Bosheit vollends und nahe allgemein vereinigt hat. Denn solange noch die
Dummheit allein waltet, da läßt sie sich durch weise Lehren noch leicht, wenn
auch nicht völlig allgemein, ins Licht umgestalten, und Gott hat Geduld mit der
puren Dummheit.
[GEJ.09_125,10] Aber so einmal die volle,
ehedem bezeichnete Bosheit sich an die Spitze der dicksten Dummheit gestellt
hat und dem Eindringen des ewigen Wahrheits- und Lebenslichtes sich mit allem
Trotz und aller Gewalt entgegenstellt, dann hat es mit der Geduld Gottes denn
auch ein Ende, und Er kommt mit Seinem Gerichte, – und dann wehe dem
Abtrünnigen!
[GEJ.09_125,11] Darum lernet denn auch
allzeit Gott der vollen Wahrheit gemäß erkennen in Seinen Werken also, wie sie
sind, und in ihren überweisen Einrichtungen, dann wird unter euch keine
Dummheit und noch weniger ihre Bosheit Platz greifen können! Und ich erkläre
euch darum nun denn auch die für euch sichtbaren Werke Gottes, auf daß ihr
allenthalben ein volles Licht haben sollet. Behaltet und bewahret es getreu,
und lasset es vor euren traurigen Brüdern und Schwestern leuchten! Denn so
einmal dieses Licht wieder irgend unter den Menschen gemindert wird, da wird
das alte Heidentum auch wieder noch ärger erstehen als jemals zuvor. Dieses
merket euch alle wohl!“
[GEJ.09_125,12] Hierauf dankten alle dem
Raphael für seine Belehrung; er aber begab sich wieder an seinen früheren Platz
und erklärte da allerlei Dinge und Erscheinungen in, auf und über der Erde.
[GEJ.09_125,13] Die Samariter aber hörten
auch mit der größten Aufmerksamkeit seinen Belehrungen zu und hatten eine
übergroße Freude daran, daß sie nun Dinge zu verstehen und wohlzubegreifen
angefangen haben, die ihnen zuvor so unbegreiflich waren wie der Grund ihres
eigenen Lebens.
[GEJ.09_125,14] Auch Maria hörte die
Belehrungen Raphaels mit aller Aufmerksamkeit an und war überaus erbaut über
dessen Weisheit; Gabriel und Johannes-Michael aber erklärten ihr und den
Jüngern alles noch tiefer und geistiger, als es Raphael seinen Zuhörern tat und
auch tun konnte, weil diese in den Dingen des Geistes noch nicht erleuchtet
waren.
[GEJ.09_125,15] Als Raphael bis gen Mittag
hin seine Belehrungen beendet hatte, da kamen auch Ich, Kisjona und Philopold
wieder ins Haus, und die sieben Pharisäer samt ihren Dienern, die vier
Indojuden und auch Meine Jünger jubelten Mir Dank zu, daß Ich es zugelassen
hatte, daß sie von den drei Engeln über so große und wichtige Dinge belehrt
wurden.
126. Kapitel
[GEJ.09_126,01] Als die Samariter an ihrem
Tische das alles mit großer Aufmerksamkeit vernommen hatten, da sagte der
Hauptredner: „Freunde, das ist also der Herr Selbst, als ein sichtbarer Mensch unter
uns Menschen! Welch eine herrliche Gestalt! Welch ein himmlisch-sanftes
Liebefeuer leuchtet aus Seinem Auge, welch eine Weisheit strahlt aus Seiner
hohen Stirn, und welcher Worte muß Sein herrlicher Mund fähig sein!
[GEJ.09_126,02] Wenn man nur Seine
durchgehends erhabenst herrliche Menschengestalt mit einer rechten
Aufmerksamkeit betrachtet, so kann man keinen Augenblick mehr darüber im
Zweifel sein, daß in solch einer noch nie dagewesenen edelsten Menschenform ein
Geist wohnen müsse, dem alles möglich sein muß, was Er nur immer will. Wer von
uns hat wohl den Mut, sich Ihm zu nahen und Ihn anzureden? Ich als ein sündiger
Mensch habe ihn nicht – und ihr andern sicher noch weniger!“
[GEJ.09_126,03] Sagte ein anderer: „Da hast
du wohl vollkommen recht geurteilt! So ich auch nicht wüßte, daß Er der Herr
ist, so würde mich schon Seine zu erhaben edle Gestalt mit einer so großen
Ehrfurcht erfüllen, daß sie meinen Mut lähmte und meine Zunge unbeweglich
machte. Darum bleiben wir nun denn auch ganz ruhig an unserem Tische und
horchen in der Stille, was Er irgend zu jemandem sagen wird! Ihm allein alle
unsere Liebe, alle Ehre und alles Lob!
[GEJ.09_126,04] Wir wollten Ihn ja auch nur
sehen und – so möglich – auch hören; darum sind wir ja auch hierher gewandert!
Die von uns allen so sehnlichst erwünschte Gnade ist offenbar durch Seine
Zulassung uns zuteil geworden, – was mehr sollten wir nun noch wollen? So wir
Ihn auch noch werden reden gehört haben, dann werden wir ganz still an einen
Diener unsere Zeche bezahlen und uns darauf sogleich frohen und dankbarsten
Herzens und Mutes auf die Rückreise begeben; denn hier wird es mir wenigstens
vor lauter Erhabenheit und Heiligkeit ordentlich unheimlich. Ich begreife es
nur nicht, wie die andern Menschen sich so ganz in aller Furchtlosigkeit Ihm zu
nahen und mit Ihm sogar wie mit einem andern Menschen zu reden getrauen. Da
gehört auch mehr als ein menschlicher Mut dazu! Und, soviel ich vernehme, reden
sie mit Ihm auch noch über ganz gleichgültige Dinge und Verhältnisse dieser
Welt.“
[GEJ.09_126,05] Sagte wieder der erste:
„Freund, das ist aber auch zum Verwundern wahr! Was werden Ihn die Fische und
die Lämmer wohl kümmern, wie sie fürs Mittagsmahl zubereitet werden? Und doch
reden sie alle davon. Sonderbar! Der Junge hat ehedem uns alle über so wichtige
und große Dinge belehrt; da nun aber der Herr Selbst gegenwärtig ist, reden
alle von der Zubereitung des Mittagsmahles also, als gäbe es nun nichts
Größeres und Wichtigeres mehr, und der Herr bespricht Sich mit dem uns nur zu wohlbekannten
Wirte und seiner Gemahlin und mit dem andern Weibe, das ehedem unter den
Jüngern saß, sichtlich mit Wohlgefallen darüber. Nun, nun, es muß aber ja auch
nicht immer von lauter göttlich erhabenen Dingen geredet sein. Werden sie mit
der Mahlbestellung in der Ordnung sein, dann werden schon sicher auch andere
Dinge und Sachen zur Sprache kommen.“
[GEJ.09_126,06] Als wir aber über die
qualitative und auch quantitative Bereitung des Mittagsmahles zu Ende waren, da
wurde Ich von Kisjona befragt, wie und wann man mit wahrem Vorteile fischen
solle.
[GEJ.09_126,07] Wir setzten uns an den Tisch,
ließen uns unterdessen etwas Brot und Wein geben, und Ich belehrte den Kisjona,
wann und wie man in einer oder der andern Zeit am vorteilhaftesten diese oder
die andere Gattung der verschiedenen Fischarten fangen kann, wie sie
aufzubewahren und wie sie für des Leibes Gesundheit am zuträglichsten
zuzubereiten und sodann auch zu genießen sind, worüber unser Kisjona eine große
Freude hatte.
[GEJ.09_126,08] Aber unsere Samariter an
ihrem in einem Winkel des Saales befindlichen Tische waren darüber unter sich
auf Kisjona ordentlich ärgerlich, und einer von ihnen sagte: „Hat aber dieser
schon ohnehin über alle die denkbaren Maßen reiche Zöllner und Wirt denn von
nichts anderem zu reden, als wie er etwa auf eine noch leichtere und sicherere
Weise eben auch noch reicher werden könnte? Und der Herr erklärt ihm das dazu
noch auf sehr freundliche und ganz umständliche Weise! Was können wir aber
darum? Was dem Herrn wohlgefällig ist, das darf auch uns nicht zuwider werden.
Es ist das doch noch ums unbeschreibbare besser, als so es Ihm irgend
wohlgefällig ist, einen und den andern Menschen nicht selten mit allerlei bösen
Krankheiten zu plagen, über die ein wahrer Jude auch niemals murren, sondern
sie in aller möglichen Geduld und in der vollen Ergebung in den Willen Gottes
ertragen soll. Kurz, der Herr ist und bleibt einmal der Herr, und alle Menschen
sind nichts gegen Ihn!“
[GEJ.09_126,09] Alle seine Gefährten gaben
ihm recht und verhielten sich wieder ganz ruhig und voll Ehrfurcht in ihrem
Winkel.
127. Kapitel
[GEJ.09_127,01] Darauf befragten Mich die
Indojuden, ob es, wie es in ihrem Lande steht, im Notfall nicht auch einem
Juden gestattet wäre, das Fleisch auch anderer, auch eben nicht unreiner Tiere,
die im Buche Mosis nicht als für Menschen genießbar bezeichnet erscheinen, gut
zubereitet zu genießen.
[GEJ.09_127,02] Und Ich erklärte ihnen das
und sagte, daß man im Notfall nahezu aller Tiere Fleisch essen könne, aber ohne
Blut und so und so jegliches in seiner Art zubereitet, wie Ich das auch schon
bei anderen Gelegenheiten ausführlich gezeigt habe.
[GEJ.09_127,03] Und Kisjona und die Indojuden
waren darüber sehr erfreut, daß Ich in bezug des Fleischessens die alte Satzung
Mosis gewisserart aufgehoben habe.
[GEJ.09_127,04] Den sieben Pharisäern aber
kam das doch etwas sonderbar vor, und der Schriftgelehrte sagte: „Herr und
Meister, Du allein hast sicher wohl das unbestreitbare Recht, die Gesetze den
Menschen zu geben, sie aber nach Deinem Wohlgefallen auch wieder aufzuheben!
Aber es steht dennoch auch geschrieben, daß derjenige, der an einem Gesetze
rüttle, sich am ganzen Gesetze vergreife; denn ein Gesetz sei die Grundlage des
andern Gesetzes und sonach auch aller Gesetze. – Wie soll man hernach das
verstehen?“
[GEJ.09_127,05] Sagte Ich: „So es euch kein
Gewissen machte, nahezu alle Satzungen Mosis aufzuheben und an ihre Stelle eure
welt- und selbstsüchtigen Gesetze zu stellen – da ihr doch niemals Herr und
Meister waret, dem alle Gewalt im Himmel und auf Erden innewohnt –, wie fraget
ihr Mich nun darum, ob dadurch am Gesetze nicht gerüttelt werde, so Ich euch
anrate und erlaube, im Notfall unter gewissen Zubereitungsbedingungen das
Fleisch auch anderer Tiere zu essen, die Moses zu essen den Juden vorenthalten
hat?!
[GEJ.09_127,06] Was durch den Mund unter
gerechter und zweckdienlicher Zubereitung in den Menschen zur Stillung seines
Hungers kommt, das verunreinigt ihn niemals; aber was zum Munde aus dem Herzen,
in Worte oder Gedanken verkleidet, herauskommt – wie Lüge, böser Leumund,
Meineid, schmutzige und unzüchtige Reden, Flüche, Lästerungen, Ehrabschneidung,
Verleitung zur Hurerei und zum Ehebruch und verführerische Reden zu allerlei
Sünden und Lastern –, das verunreinigt wahrhaft den ganzen Menschen. Aber was
unter guter und zweckdienlicher Zubereitung als Leibesspeise in den Menschen
kommt und auf dem natürlichen Wege auch wieder aus dem Leibe hinausgeschafft
wird, das, wie schon gesagt, verunreinigt den Menschen nicht.
[GEJ.09_127,07] Ich aber habe ja nicht
gesagt, daß ihr das tun sollet, sondern nur, daß ihr das im Notfall so und so
tun könnet, und habe dadurch keine Satzung Mosis aufgehoben.
[GEJ.09_127,08] Hat nicht David, der Mann
nach dem Herzen Gottes, als es ihn hungerte, die Schaubrote, die außer dem
Hohenpriester niemand essen durfte, genommen und sich damit gesättigt? Hatte er
dadurch Moses aufgehoben?
[GEJ.09_127,09] Wollt ihr Meine Jünger sein,
so lasset eure Herzen in der Folge nicht mehr von solch aberwitzigen Gedanken
beschleichen und am Ende gar vollends gefangennehmen!“
[GEJ.09_127,10] Als die sieben das von Mir
vernommen hatten, sahen sie ihre Blindheit ein, dankten Mir für diese
Aufklärung und fragten Mich hinfort um derlei nicht wieder.
[GEJ.09_127,11] Unsere Samariter, die alles
das auch mit der größten Aufmerksamkeit angehört hatten, waren als strenge
Mosaisten anfangs unter sich damit auch nicht einverstanden, daß Ich den vier
Indojuden das Fleisch auch anderer Tiere, so und so zubereitet, zu essen
gestattete; als sie aber Meine Antwort auf die blinde Frage der sieben
verkleideten Templer vernahmen, da gaben sie Mir recht und lobten Meine
Weisheit unter sich.
[GEJ.09_127,12] Der Hauptredner sagte darauf:
„Nun haben wir es aus Seinem Munde vernommen, was man im Notfall tun kann, ohne
dadurch eine Sünde zu begehen; was Er aber zu diesen und jenen Menschen sagt,
das gilt auch für uns gleich also wie die Gesetze Mosis, die eigentlich auch
nicht nur pur für die Israeliten, sondern für alle Menschen der Erde gegeben
worden sind, und nach denen sich auch ein jeder Mensch richten soll, so er
davon irgendeine wahre Kunde erhalten hat. Wir aber haben nun aus Seinem Munde
vernommen, was ein Mensch in bezug auf seines Leibes Nahrung im Notfall tun
kann und darf, und so werden denn auch wir uns danach in der Not zu richten
verstehen.
[GEJ.09_127,13] Freilich wird das unseren
Rabbis nicht besonders munden, und sie werden dabei ihre Köpfe schütteln, weil
sie lehren, daß ein wahrer Altjude eher vor Hunger verschmachten solle als sich
sättigen mit einer unreinen Speise, die nach Moses von Gott nicht gesegnet sei.
Aber auf diese Rede des Herrn wird der alte Unsinn der reinsten Vernunft
weichen müssen, die eben aus dieser Rede wie eine Morgensonne hervorleuchtet,
und ein jeder vernünftige Samariter wird deshalb die Liebe und Weisheit des
Herrn preisen sein Leben lang.
[GEJ.09_127,14] Wenn nun aber nur jemand den
Herrn noch fragte, ob man zur Zeit der Not nicht auch die verschiedenen Früchte
und Kräuter und Wurzeln, die der Erdboden oft im reichlichsten Maße
hervorbringt, unter gewisser Zubereitung essen darf, um damit seinen Hunger zu
stillen?“
[GEJ.09_127,15] Als der Samariter also seinen
Wunsch ausgesprochen hatte, da kam es auch dem Kisjona in den Sinn, Mich
hinsichtlich der verschiedenen Kräuter und Baum- und Erdfrüchte zu fragen,
welche Arten von ihnen, außer den bisher üblichen, im Notfall zur Nahrung der
Menschen, und wie zubereitet, verwendet werden könnten.
[GEJ.09_127,16] Und Ich bestimmte die
Kräuter, die Wurzeln und ebenso auch die Früchte der Bäume und so mancher
Gesträuche und ebenso auch noch mehrere Hülsenfrüchte und zeigte dazu noch mit
klaren Worten, wie alles das anzupflanzen, wie zu sammeln und aufzubewahren
ist, und schließlich, wie alles das zubereitet und von den Menschen genossen
werden kann, – wofür Mir alle nicht genug danken konnten.
128. Kapitel
[GEJ.09_128,01] Da diese Erklärung und
Belehrung aber beinahe eine Stunde lang gedauert hatte, so war unterdessen auch
das Mittagsmahl bereitet und auf den Tisch gebracht worden, und wir nahmen es
frohen Mutes zu uns.
[GEJ.09_128,02] Es wurden aber auch zur
selben Zeit die gleichen wohl zubereiteten Speisen auf den Tisch der Samariter
gebracht, und dazu Brot und Wein im rechten Maße.
[GEJ.09_128,03] Als die Samariter das sahen,
da fragten sie die Tischdiener, wer solches angeschafft habe, ohne sie zuvor
befragt zu haben, ob sie ein Mittagsmahl, worin bestehend und um welchen Preis,
haben wollen; denn sie dürften kaum so viel Geldes bei sich haben, um solch ein
köstliches Mahl bezahlen zu können.
[GEJ.09_128,04] Sagten die Diener: „Wir haben
das im Auftrag unseres Dienstherrn getan, und ihr könnet das Mahl ohne alle
weitere Sorge verzehren; denn auch ihr werdet hier als freie Gäste
gastfreundlich behandelt.“
[GEJ.09_128,05] Auf das dankten die Samariter
laut Mir und dem Kisjona.
[GEJ.09_128,06] Und er erwiderte ihnen mit
aller Freundlichkeit (Kisjona): „Stärket und labet euch frohen Mutes, meine
lieben Gastfreunde, ohne alle Sorge!“
[GEJ.09_128,07] Darauf dankten alle Mir und
dem Kisjona noch einmal für eine so große Freundlichkeit, fingen dann an zu
essen und zu trinken und wurden bald voll guten und frohen Sinnes und Mutes.
[GEJ.09_128,08] Während des Mahles ward wenig
geredet; als aber das Mahl zu Ende ging und die Samariter an unserem Tische die
drei Jungen auch nicht zur Genüge bewundern konnten, wie diese um ein
bedeutendes mehr von den Speisen verzehrten denn wir, da sagte ihr Wortmann:
„Ihr seid samt mir sehr erstaunt über die große Eßlust der drei Jungen am
Tische des Herrn; aber ich habe dabei doch etwas bemerkt, was euch allen
vielleicht nicht also auffiel, wie es mir aufgefallen ist. Und seht, das mir
sehr Auffallende bestand darin: Ich sah, wie eine jede Speise, welche von den
dreien zum Munde geführt wurde, sich schon vor dem Munde derart auflöste und
verflüchtigte, daß von ihr auch nicht um einen kleinsten Brosamen groß in den
Mund der drei Jungen kam.
[GEJ.09_128,09] Ich sah das klar und deutlich
und vermute, daß die drei Jungen als ganz außerordentliche Geistwesen durch
ihre ihnen innewohnende Macht die materielle Leibesspeise eher in ihr geistiges
Element verkehren und solches dann erst in sich aufnehmen und es irgend auf
eine ihnen eigentümliche Weise mit ihrer Wesenheit vereinen. Denn seht nur hin,
wie vor den andern Gästen die abgenagten Lamms- und Kalbsknochen unverzehrt in
ihren Speiseschüsselchen liegen; bei den dreien aber merket ihr nichts von
derlei, obschon sie mehrere Male große, mit Knochen versehene Stücke sowohl von
den Lämmern als auch von den drei wohlgebratenen Kälbern zu ihrem Munde
gebracht haben.
[GEJ.09_128,10] Diese Wahrnehmung an den
dreien aber bürgt mir, daß sie keine leiblichen, sondern rein geistige Wesen
sein müssen und ihre sichtbaren Leiber nur unseren Augen gegenüber so lange
halten, als wie lange das der Herr sicher der Menschen wegen zuläßt und es also
haben will. – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.09_128,11] Sagte ein anderer: „Ja, ja,
da hast du wahrlich eine ganz richtige Bemerkung gemacht, und deine Beurteilung
ist denn auch der Sache völlig angemessen. Weil aber diese Sache sich sicher
also und nicht anders verhält, so ist es denn auch klar, daß der eine Junge,
der uns ehedem den gestirnten Himmel und unsere Erde, sie samt den Sternen wie
aus der Luft erschaffend, erklärt und ihre äußere und innere Form und
Beschaffenheit gezeigt hat, von der Geisteskraft des Herrn erfüllt, keiner
materiellen Kost zur Erhaltung seines unsterblichen Lebens benötigt; wenn er
aber schon scheinbar welche vor unseren Augen zu sich nimmt, so verkehrt er
solche sofort in sein Geistiges, welches ihm allenfalls dazu dienen kann, um
sich uns wie in einem materiellen Leibe zeigen zu können.
[GEJ.09_128,12] Denn ich bin bei mir schon
lange der Meinung, daß alle Materie in sich auch ganz geistig ist und durch die
Weisheit und Allmacht Gottes unter allerlei Form ersichtlich und für unsere
Außensinne fühlbar wird, und die reinen und aus Gott mächtigen Geister werden
die Materie auch sicher nur also der vollen innersten Wahrheit nach sehen, wie
und was sie ist, und nicht, wie sie der Blödheit unserer Sinne erscheint.
[GEJ.09_128,13] Ja, ja, wir leben nun unter
lauter Wundern über Wundern, und doch will die Seelenblindheit die Menschen
nicht verlassen; neben den größten und lebendigsten Lichtern aus den Himmeln
schreitet der finsterste Aber- und auch vollste Unglaube einher, und der Himmel
Mächte vermögen ihn nicht zu vernichten! So es aber nun bei den Menschen nicht
licht werden will, wo sie die höchsten Wahrheiten und deren Wunder an der
Urquelle schauen und prüfen können, wie finster wird es erst dann wieder unter
den Menschen werden, so sie von diesen Dingen, die nun vor unseren Augen
geschehen, bloß nur von Mund zu Mund Kunde erhalten werden? Werden sie den
puren Überlieferungen wohl den festen Glauben schenken, da sie nun dem nicht
glauben, was vor ihren Augen ist und geschieht? Darauf setze ich einen
schlechten und sehr schwachen Glauben.
[GEJ.09_128,14] Ja, es wird wohl zu jeder
Zeit von Gott erleuchtete Menschen geben, die als Leuchten vor den anderen
Menschen einhergehen werden, – werden die vielen Blinden und die Weltweisen
ihrer achten? Narren werden sie sie schelten und wo möglich mit aller Hast
verfolgen.
[GEJ.09_128,15] Oh, die Ausbreiter dieser
Lehre, die nun wahrlich körperlich aus den Himmeln an uns ergeht, werden keine
gute Arbeit haben, auch dann nicht, so sie mit der Macht dieser drei Jungen
begabt wären! Denn man wird sie für überspannte Schwindler, dabei für Magier
aus der Schule der Essäer und somit auch für Lügner und Betrüger und
Volksaufwiegler erklären und sie verfolgen und martern.
[GEJ.09_128,16] Das ist so meine Ansicht;
denn je heller oft an einem Tage die Sonne scheint, desto empfindlich finsterer
wird die darauf folgende Nacht, in der finstere Gewitterwolken die Sterne des
Himmels dicht überdecken. Doch dem Herrn alles Lob, daß wir würdig waren, den
hellsten Tag zu erleben und am selben zu wandeln vor des Herrn Augen!“
[GEJ.09_128,17] Sagten alle: „Ja, dem Herrn
allein alles Lob und alle Ehre darum, und Seine Liebe und Gnade bleibe fortan
bei allen Menschen, die eines guten Herzens und Willens sind!“
129. Kapitel
[GEJ.09_129,01] Hierauf erhob Ich Mich von
Meinem Stuhle und begab Mich an den Tisch der Samariter, die sich auch von
ihren Sitzen eiligst erhoben und in tiefster Ehrfurcht zu Mir sagten (die
Samariter): „O Herr, Herr! Wir sind Sünder und nicht würdig, daß Du Selbst an
unseren Tisch kommest, sprich aber auch nur ein Wort über uns, auf daß wir
stark in Deinem Lichte werden!“
[GEJ.09_129,02] Sagte Ich: „Lasset ab von der
zu großen Ehrfurcht vor Mir, und nehmet dafür zu in der rechten und wahren
Liebe zu Mir! Denn Gott den Herrn über alles lieben, ist und gilt um ein gar
Großes mehr denn Gott über alles fürchten. Eine übertriebene Furcht vor Gott
entfernt den Menschen von Gott stets mehr und mehr und ist am Ende das böse
Samenkorn, aus dem mit den Zeiten das Heidentum erwächst mit all seinem
Götzentum, Aberglauben und am Ende mit dem vollen Unglauben.
[GEJ.09_129,03] Mit der vollen Liebe aber
nähert sich der ganze Mensch Gott stets mehr und mehr, wird vertraulich mit Ihm
und sehnt sich nach Ihm und wird somit stets erfüllter mit dem Geiste Gottes;
denn die stets zunehmende und zutraulicher werdende Liebe zu Gott ist ja eben
der wahre und lebendige Geist Gottes im Menschen und der Geist des ewigen
Lebens in der Seele. Darum ist denn auch ein Sünder, der sich aus Liebe zu Gott
bekehrt, Gott näher und angenehmer denn neunundneunzig sehr gottesfürchtige
Menschen, die sich noch nie an einem Gesetze versündigt und somit als Gerechte
der Buße niemals bedurft haben.
[GEJ.09_129,04] Seht euch ein Kind an, das
eine zu große Furcht etwa darum vor seinen Eltern hat, weil sie es seiner
kindlichen Ungezogenheit wegen ein paarmal abgestraft haben! Solch ein Kind
wird dann seinen Eltern wohl gehorchen, aber nicht so sehr aus Liebe als
vielmehr aus Furcht vor einer Strafe, die es zu gewärtigen hätte, so es sich
wieder einmal gegen der Eltern Willen versündigte. Die Nähe der Eltern wird
solch einem Kinde mit der Zeit auch widrig, und es sucht sich aus solch einer
für es unangenehmen Lage dadurch zu befreien, daß es das elterliche Haus
verläßt und in der weiten Fremde sein Glück und seine Ruhe und Behaglichkeit
sucht, – und es kehrt von da unter Furcht und Zittern reuig erst dann zu den
Eltern zurück, so es in der Fremde das Gegenteil von dem gefunden hat, was es
zu finden wähnte.
[GEJ.09_129,05] Dieselben Eltern aber haben
noch ein Kind, das sie weniger fürchtet, aber dafür stets mehr und mehr liebt,
sich aus einigen Zurechtweisungen wenig macht und seine Fehler demnach nicht
aus der stets steigenden Furcht vor der Strenge der Eltern, sondern aus der
eigenen stets wachsenden Liebe zu ihnen ablegt und ihren Willen tut.
[GEJ.09_129,06] Was meinet ihr wohl, welches
der beiden Kinder der größere Liebling der Eltern sein wird?“
[GEJ.09_129,07] Sagte der Wortführer:
„Offenbar das, welches weniger Furcht vor den Eltern, aber dafür mehr Liebe und
kindliches Vertrauen zu ihnen hat!“
[GEJ.09_129,08] Sagte Ich: „Du hast da gut
geurteilt und Mir eine rechte Antwort gebracht; seid aber darum auch ihr gleich
dem Kinde, das seine Eltern mehr liebt denn fürchtet, und liebet demnach Gott
als den ewigen Vater aller Menschen mehr, als ihr Ihn als irgendeinen
unerbittlichen Richter fürchtet, und ihr werdet dann auch vor Meiner Gegenwart
bei euch keine solche Furcht und Scheu mehr haben, wie das bis jetzt bei euch
der Fall war!
[GEJ.09_129,09] Glaubet es Mir, daß Gott auch
die sehr furchtsamen Kinder liebt; aber mit dem kindlich furchtlosen Zutrauen
zu Ihm hat es da oft seine sehr krummen Wege, ohne welches Zutrauen aber eine
Seele nie völlig gottähnlich und selbständig frei in Gott selig werden und auf
den besagten krummen Wegen auch schwer dahin gelangen kann. Nur eine große Not
kann solche Kinder auf den rechten Rückweg ins Haus der Liebe seiner Eltern
bringen.
[GEJ.09_129,10] Weil aber die Kinder durch
die von oben kommenden Züchtigungen anstatt gebessert nur verschlimmert werden,
so kommen diese auch nur selten und nur dann, wenn alle Liebeversuche an dem
blinden Eigensinn der Menschen gescheitert sind; und Gott hat eben darum
allzeit eine so große Geduld mit dem Übermute der Menschen, um sie durch ein
beständiges Strafen Sich nicht noch mehr zu entfremden, als sie sich selbst von
Ihm entfernen.
[GEJ.09_129,11] Hat aber Gott einmal die
Menschen mit der Zuchtrute in Seiner Hand heimsuchen müssen, so trägt Er ihnen
dabei in der andern Hand, wennschon etwas verhüllt, auch Sein Herz entgegen,
auf daß sie erkennen mögen, daß Gott der Vater auch mit der Zuchtrute in der
Hand ihnen dennoch mit aller Liebe entgegenkommt, gleichwie das nun vor euren
Augen der Fall ist.
[GEJ.09_129,12] Ich sage euch aber noch eines
hinzu, und das merket euch alle wohl! Wer bei einer Arbeit zu furchtsam ist
wegen einer leicht möglichen Begehung eines Fehlers, durch die der Arbeit in
bezug auf ihren Zweck ein Nachteil erwachsen kann, der wird auch nicht selten
recht grobe Fehler begehen. Wer aber da arbeitet mit Lust und Liebe ohne eine
zu ängstliche Furcht vor der möglichen Begehung eines Fehlers, dem wird die
Arbeit auch gut vonstatten gehen, und man wird schwerlich an ihr irgendeinen
Fehler von einer Bedeutung entdecken; denn die rechte Liebe mit dem lebendigen
Vertrauen ist nicht blind, wie das die heidnischen Weltweisen meinen, sondern
sie ist um gar vieles schärfer sehend als der schärfste Weltverstand mit seinem
zu ängstlichen Gewissen.
[GEJ.09_129,13] Hat die Liebe auch hie und da
einen Fehler begangen, so macht sie ihn durch sich bald und leicht wieder gut;
hat aber der Verstand mit seiner Ängstlichkeit einen Fehler begangen, so
verliert er alles Vertrauen zu sich und findet oftmals gar lange hin kein
Mittel, durch das sich der Fehler völlig wieder gutmachen ließe.
[GEJ.09_129,14] Ich will euch aber darum
nicht sagen, als solle darob ein Mensch seinen Verstand und sein Gewissen
völlig auf die Seite stellen, – das sei ferne; aber sich ganz von dem Verstande
und von der zu ängstlichen Furcht vor der Begehung eines Fehlers beherrschen zu
lassen und an der viel besseren Wirkung der Liebe und ihres Vertrauens
ordentlich verzweifeln, ist doch sicher im hohen Grade blind und albern.
[GEJ.09_129,15] So ihr nun das richtig
begriffen habt, so wird euch Meine Gegenwart auch leicht erträglich sein, und
ihr werdet in euch nicht mehr den Wunsch haben, aus lauter Furcht und Scheu vor
Mir euch sobald als möglich von hier wieder zu entfernen!“
[GEJ.09_129,16] Auf diese Meine freundliche
Belehrung wurden diese Samariter ganz umgestaltet, dankten Mir für diesen
Unterricht und wurden sehr zutraulich.
[GEJ.09_129,17] Und der Hauptredner sagte: „O
Herr und Meister aller Dinge und alles Lebens! Es hat uns wohl nur eine große
Liebe zu Dir hierher geführt, da wir vernommen haben, daß man hier oder in
Nazareth von Deinem irgendwoigen Aufenthalte am ehesten eine sichere Kunde
erhalten könnte, und so sind wir denn in gutem Vertrauen hierher gereist. Nun,
statt der erwarteten sicheren Kunde, wo Du Dich irgend aufhalten würdest, trafen
wir zu unserer größten Überraschung gleich Dich Selbst, und diese Überraschung
hat uns denn auch mit einer übergroßen Furcht vor Deiner endlosesten
Herrlichkeit erfüllt. Doch diese unsere sicher nicht unbillige und auch nicht
ungerechte Furcht hast Du nun auf einmal in eine zutraulichste Liebe
umgestaltet, und somit werden wir auch hier verweilen, solange Du hier
verweilen wirst, und auch Dir folgen – so Du es willst –, wohin Du nur immer
ziehen wirst; denn auch wir möchten ganz Deine Jünger und Austräger Deines
lebendigen Wortes werden.“
[GEJ.09_129,18] Sagte Ich: „Darum habe Ich es
auch also gewollt, daß ihr Mich habt müssen suchen gehen; denn Ich kenne euch
gar wohl und also auch euren Geist. Doch nun esset und trinket noch, und dann
werden wir ein Weiteres besprechen!“
[GEJ.09_129,19] Damit waren alle zufrieden,
aßen und tranken nun ohne Scheu weiter, und Ich begab Mich wieder auf Meinen
Platz.
130. Kapitel
[GEJ.09_130,01] Als Ich Mich nun wieder auf
Meinem Platze unter Meinen Jüngern befand, da lobten diese die Samariter und
ihren Eifer.
[GEJ.09_130,02] Auch die Maria, die gleich
dem Joseph eine strenge Jüdin war und noch auf den Tempel hielt – wenn auch in
Meiner Zeit nicht mehr so viel wie ehedem –, verwunderte sich über den treuen
Altjudensinn und über die Stärke des Glaubens der Samariter und sagte am Ende:
„So diese den Tempel bewachten und leiteten – was leider nicht ist –, da würde
die alte Lade wieder vom Geiste des Herrn zum Heile Jerusalems und aller Juden
erfüllt sein, und die Engel würden die Jungfrauen im Tempel speisen mit
himmlischer Kost, wie solches noch geschah vor etlichen dreißig Jahren unter
dem frommen Simeon und der greisen Anna, die des Tempels Jungfrauen zu
versorgen hatte. Aber seit der Neid der Pharisäer den frommen Zacharias im
Tempel, als er kam, Gott die Opfer zu weihen mit Gebet und Rauchwerk, erwürgte,
zerfiel die alte Lade, und des Herrn Geist entwich. Wohl hat man eine neue Lade
angefertigt, aber des Herrn Geist kehrt nimmer in sie zurück; wohl aber wohnt
in ihr der Geist der Lüge, des Betrugs, des Neides, der Scheel- und
Schmähsucht, der Hoffart und schnöden Herrschsucht.
[GEJ.09_130,03] Aber bei den Samaritern, die
vom Tempel aus mit vielen Tausenden der gräßlichsten Bannflüche belegt sind,
wohnt der Geist des Herrn, wie sich das nun deutlich erwiesen hat, und wird
sie, solange sie bleiben werden, wie sie nun sind, nicht verlassen. Ich selbst
habe mich ehedem mit ihnen nicht zufriedenstellen können, weil sie sich vom
Tempel losgemacht haben; aber von nun an will ich sie zu meinen Freunden
zählen, und ihr Garizim steht hoch über dem Tempel Salomos.“
[GEJ.09_130,04] Alle belobten diese Worte
Marias, und es kam ein Samariter zu uns herüber und sagte: „Höret, ihr Freunde
des Herrn, wer wohl ist dies liebliche Weib, das nun im hohen Geistessinne
geweissagt hat?“
[GEJ.09_130,05] Und der an Marias Seite sich
befindende Gabriel sagte: „Dies ist das Weib, von dem es geschrieben steht:
,Siehe, eine Jungfrau wird uns einen Sohn gebären! Des Name wird Immanuel
heißen, und in Ihm wird Gott wahrhaftig mit uns sein!‘
[GEJ.09_130,06] Siehe nun an den Herrn unter
uns – Er ist der Immanuel, also der eine und allein wahre Gott mit uns! Und nun
weißt du auch, wer dies Weib ist, gehe hin, und sage es auch deinen Freunden!“
[GEJ.09_130,07] Da verneigte sich der
Samariter, ging zu seinen Gefährten und hinterbrachte ihnen das. Und sie
erhoben sich alle, kamen zu uns herüber und begrüßten mit salbungsvoller Rede
Maria.
[GEJ.09_130,08] Maria aber sagte zu ihnen:
„Ich war und bin nur eine erwählte Magd des Herrn; und daß ich das ward, was
ich bin, das war Sein Wille. Darum preiset nicht mich, sondern gebet allzeit
Gott allein die Ehre! Was der Sohn des Allerhöchsten, der Eins ist mit Ihm,
sagen wird, das tuet!
[GEJ.09_130,09] Darauf begrüßten sie Maria
noch einmal und dankten Mir und dem Kisjona für das gute Mittagsmahl. Nach der
Danksagung erst fragten sie Mich, was sie nun tun sollten.
[GEJ.09_130,10] Und Ich sagte: „Ruhet nun
noch eine kurze Zeit gleich uns, dann werdet ihr es schon vernehmen, was bis an
den Abend hin zu tun sein wird!“
[GEJ.09_130,11] Darauf begaben sie sich
wieder an ihren Tisch und besprachen sich über manche Stellen aus den
Propheten, in denen des Weibes Erwähnung geschieht, das einen Sohn gebären
werde, vor dessen Namen und Macht sich alle Knie beugen werden.
[GEJ.09_130,12] Nach einer Weile unserer
Tischruhe erhob Ich Mich und sagte: „Es ist nicht fein, so ein Mensch einen Tag
untätig durchfeiert; darum wollen nun auch wir unsere Ruhe bis zum Abend hin in
eine rechte Tätigkeit umgestalten!
[GEJ.09_130,13] Seht, unseres Freundes
Kisjona Fischbehälter sind nun stark gelichtet worden, und so wollen wir uns
ans Fischen machen und seine Behälter alle mit den Fischen füllen! Wir wollen
uns alle an dieser Arbeit beteiligen!“
131. Kapitel
[GEJ.09_131,01] Dem Kisjona war dieser Antrag
sehr angenehm, da er wirklich schon einen Mangel, besonders an den edlen
Fischen, hatte.
[GEJ.09_131,02] Aber etliche seiner
anwesenden Diener und Knechte sagten: „Es wird sich heute am Tage mit dem Fischen
schlecht machen; denn erstens sind die meisten noch im brauchbaren Zustande
sich befindenden Fischerbarken und Boote schon vor drei Tagen der Fische wegen
irgendwohin übers Meer hinausgefahren, haben beinahe alle zum Fischfange
notwendigen Geräte mitgenommen und sind bis zur Stunde noch nicht
zurückgekehrt, was wohl begreiflich ist, da es in dieser Zeit stets schlecht zu
fischen ist, und zweitens geht nun das Meer stark, und die Fische versenken
sich da in die Tiefe und meiden die seichten Uferstellen. Woher werden wir nun
brauchbare Schiffe nehmen, mit denen wir uns auf des stark wogenden Wassers
Höhe hinauswagen könnten?“
[GEJ.09_131,03] Sagte Ich: „Was Ich euch
sage, das tuet, und wir werden keine vergebliche Arbeit unternommen haben!“
[GEJ.09_131,04] Auf das erhoben sich alle,
auch die Samariter, und wir begaben uns hinaus ans nahe Ufer des Meeres.
[GEJ.09_131,05] Als wir uns am Ufer befanden,
an das starke Wellen schlugen, da sagte zu Mir Kisjona und auch Philopold:
„Herr und Meister! Meine Knechte haben in natürlicher Hinsicht doch eine ganz
wahre Bemerkung gemacht, – ohne gute Schiffe und ohne taugliche und starke
Netze wird sich da auf eine natürliche Weise nichts machen lassen. Dir, o Herr,
ist freilich wohl nichts unmöglich, aber uns Menschen ist mit vieler Mühe nur
dann etwas zu bewirken möglich, wenn die Gelegenheit und die Umstände dazu
günstig und vorhanden sind.“
[GEJ.09_131,06] Sagte Ich: „Eben darum habe
Ich euch bei den zum Fischen ungünstigsten Umständen herausgeführt, um euch die
Macht des lebendigen Glaubens zu zeigen. Nehmet die alten Netze, die dort an
den Uferzäunen hängen, und besteiget die zwei alten Boote, die sich hier am
Ufer befinden, werfet die Netze ins Wasser, und seid gläubig, und wir werden in
kurzer Zeit der besten Fische in großer Menge bekommen!“
[GEJ.09_131,07] Es waren aber die alten Boote
bis zur Hälfte mit Wasser gefüllt, und die Knechte und auch Meine Jünger
machten sich ans Ausschöpfen des eingedrungenen Wassers und verstopften mit
Lappen einige lecke Stellen, damit die Boote zur Not brauchbar wurden; die
Samariter aber machten sich in der Eile über die schadhaften Netze her und
besserten sie, so gut es möglich war, aus, und es war auf diese Art zur Not ein
Fischgerät hergestellt. Ein Teil der Knechte aber schaffte eine rechte Anzahl
von Lägeln herbei, in die die gefangenen Fische hineinzulegen und dann darin in
die großen Behälter zu überbringen waren.
[GEJ.09_131,08] Als sich so alles in der
nötigen Ordnung befand, da bestiegen etliche Meiner Jünger mit den Knechten die
sonst ziemlich geräumigen Boote, stießen sie ein wenig vom Ufer und senkten das
zwischen den beiden Fahrzeugen ausgebreitete Netz ins Wasser, das schon nach
wenigen Augenblicken mit den edelsten Fischen derart angefüllt war, daß die
Knechte darob erschraken; denn sie konnten das Netz vor lauter Schwere nicht
ans Ufer bringen und fingen an, um Hilfe zu rufen. Da stiegen die Samariter ins
Wasser, das an der Stelle, wo die Boote standen, kaum etwas über einen halben
Mann Tiefe hatte, und halfen den Jüngern und den Knechten, die Fische ans Ufer
zu schaffen. Bei hundert Menschen hatten über eine Stunde zu tun, bis alle
Fische in die für sie bestimmten Behälter geschafft wurden.
[GEJ.09_131,09] Als die Fische untergebracht
waren, da sagte Ich zu Kisjona, der sich samt Philopold über diesen so
überreichen Fang nicht genug verwundern konnte: „Willst du noch einmal das alte
Netz mit Fischen aller Art und Gattung, die in dieses Sees Wasser leben,
gefüllt haben, so laß das Netz, wie dies erstemal, ins Wasser senken, denn es
ist nun die beste Zeit zu fischen! Denn so die Sonne sich dem Untergange zu
nahen anfängt, da nahen sich die Fische den Ufern in dieser Zeit und in dieses
Sees Wasser.“
[GEJ.09_131,10] Sagte Kisjona: „O Herr und
Meister, ich bin schon mit dem einen Zuge mehr als überaus zufrieden; aber so
Du es willst und mit Deiner Gnade den Menschen die Arbeit nicht zu beschwerlich
wird, so kann das Netz ja schon noch einmal ausgeworfen werden!“
[GEJ.09_131,11] Sagten die Knechte, die
Jünger und auch die Samariter zu Kisjona: „O du lieber Freund, nicht nur
einmal, sondern noch mehrere Male, so es dem Herrn und dir genehm ist, wollen
wir das Netz ins Wasser legen; denn mit solchem Gewinn ist die Arbeit wohl der
kleinen Mühe wert!“
[GEJ.09_131,12] Sagte Ich: „Nun denn, so tuet
noch einmal, was ihr schon getan habt! So ihr aber werdet den Zug gemacht
haben, da sondert die Gattungen also, daß ihr die Raubfische, die ihr diesmal
auch ins Netz bekommen werdet, von den edlen Fischen sondert und sie dann in
einen eigenen Behälter leget; denn die Raubfische sind ein Schaden der
Edelfische, gleichwie die Wölfe ein Schaden sind den Schafen!“
[GEJ.09_131,13] Sagte Kisjona: „Herr, ich
danke Dir für diesen Rat! Bisher hatten meine Knechte und Fischer da keine
Sonderung vorgenommen und sagten: ,Was im Meere beisammen lebt, das kann auch
im Behälter beisammen leben!‘ Ich habe mich aber davon schon mehrere Male
selbst überzeugt, daß die Raubfische mit den sanfteren Edelfischen sich
schlecht vertragen, aber meine Leute wollten mir das nicht gelten lassen; da
sie es nun aber aus Deinem Munde vernommen haben, so werden sie in der Folge
auch das Klügere tun, zu ihrem und zu meinem Nutzen!“
[GEJ.09_131,14] Sagten alle: „Ja, was der
Herr sagt, das wollen wir auch tun; denn nur Er allein kennt und weiß alles aus
dem Fundamente!“
[GEJ.09_131,15] Auf das bestiegen die Jünger
und die Knechte abermals die beiden Boote und warfen, wie zuvor, das Netz ins
Wasser. In wenigen Augenblicken war es wieder, doch mit verschiedenen Gattungen
der Fische, so überfüllt, daß abermals unsere Samariter ins Wasser steigen und
das überfüllte Netz den Fischern ans Ufer fördern helfen mußten.
[GEJ.09_131,16] Als das Netz wieder ans Ufer
gebracht ward, da ging es ans Ausheben und Sondern der Fische, deren größerer
Teil nun aus Raubfischen bestand, und es wurde ein großer Behälter mit ihnen
gefüllt; aber auch die verschiedenen Edelfischgattungen wurden gesondert und
jede Gattung in einen eigenen Behälter gebracht.
[GEJ.09_131,17] Darauf ward das Netz wieder
aus dem Wasser genommen und zum Trocknen an den Zaun gehängt, und die beiden
Boote wurden am Ufer befestigt. Die Sonne hatte bei dieser Gelegenheit unserer
Fischerei den Horizont erreicht, und Kisjona meinte, daß man nun etwa wieder
ins Haus sich begeben könnte, da es in dieser Herbstzeit am Wasser infolge der
starkwehenden Winde nach dem Untergange der Sonne oft ganz empfindlich kühl
werde.
[GEJ.09_131,18] Sagte Ich: „Freund, sorge du
dich darum nicht; denn auch die Wärme und Kühle liegen, wie alles, in Meiner Hand!
Wir wollen hier die Rückkunft deiner Schiffe abwarten und sehen, welchen Gewinn
sie dir bringen werden.“
[GEJ.09_131,19] Sagte Kisjona: „Herr und
Meister, da erwarte ich wenig; denn am Vorsabbat fuhren sie in der Richtung gen
Jesaira ab. Da werden sie wenig gearbeitet haben. Gestern war Sabbat, also ein
voller Ruhetag; heute ist der Nachsabbat, auch ein Tag, an dem nicht viel
gearbeitet wird. Es müßte daher ein Wunder geschehen sein, so mir meine
vierzehn Schiffe irgendeinen Gewinn brächten; zudem sehe ich noch von keiner
Seite her ein mir bekanntes Schiff auf dieses Ufer zusteuern.“
[GEJ.09_131,20] Sagte Ich: „Freund, du denkst
zwar ganz folgerichtig; aber es ist dein Denken von Zeit zu Zeit noch stärker
denn dein Glaube! Siehe dahin, wo während unseres Fischens die drei Engel sich
befanden in der Gesellschaft der Gebärerin Meines Leibes. Siehe, sie wurden
unsichtbar mit dem vollen Untergange der Sonne und halfen deine Schiffe mit
allerlei guten Fischen füllen. Und ehe du dich sieben Male umsehen wirst, werden
deine vierzehn Schiffe sichtbar werden! Ein jedes Schiff wird hundert Fische
überbringen.“
[GEJ.09_131,21] Als Ich dem Kisjona dieses
sagte, da kamen in der ersten Dämmerung die Schiffe auch in Sicht, und es
dauerte kaum eine halbe Stunde Zeit, so waren die Schiffe auch schon am Ufer.
[GEJ.09_131,22] Und der Hauptschiffmeister
trat sogleich aus dem Schiffe, begrüßte uns und ward über alle die Maßen froh,
als er auch Mich in der Gesellschaft ersah; denn er kannte Mich von früher her,
und sagte: „Ja, nun ist mir alles klar geworden! Als wir vorgestern die Buchten
über Jesaira hinaus als stets die fischreichsten durchsuchten, fanden wir auch
nicht einen Fisch, denn ein heftiger Südwind trieb sie in die Tiefe. Kurz, wir
haben bis in die späte Nacht mit Hilfe der Fackeln gearbeitet, aber es war
alles eine völlig vergebliche Mühe. Gestern war Sabbat, da durften wir nicht
arbeiten; aber heute waren wir schon mit dem frühesten Morgen bei der Arbeit
und fischten ununterbrochen bei neun Stunden lang, aber auch ganz ohne Erfolg.
Als ich sah, daß alle unsere Arbeit und Mühe eine vergebliche war, da gab ich
das Zeichen zur Heimfahrt.
[GEJ.09_131,23] Als wir uns aber auf mein
gegebenes Zeichen zur Heimfahrt anzuschicken begannen, da kamen drei herrliche
Jünglinge ans Ufer und verlangten von mir, daß ich sie in mein Schiff aufnehme.
Ich nahm sie denn auch ohne den geringsten Anstand auf. Als ich sie befragte,
wohin sie fahren möchten, da sagten sie: ,Wir sind nicht gekommen, um mit dir
irgendwohin über diesen See zu fahren, sondern um euch fischen zu helfen; denn
ihr habt nahezu zwei Tage lang gefischt und habt keinen Fang gemacht. Senket
daher noch einmal eure Netze ins Wasser, und ihr werdet einen guten Fang
machen!‘ Wir taten das, die Arbeit ging gut vonstatten, und in wenigen
Augenblicken waren unsere Netze mit den schönsten Fischen aller Art gefüllt!
[GEJ.09_131,24] Aber wie nun so viele Fische
in kurzer Zeit in die Lägel schaffen? Die drei Jungen halfen uns, und ehe wir
uns versahen, waren alle Fische in die Lägel gebracht. Darauf aber verschwanden
die drei plötzlich, und es kam ein starker Wind und schob unsere Schiffe in der
Richtung nach hierher.
[GEJ.09_131,25] Als ich dies mir wohlbekannte
Ufer ersah und auch schon ausnehmen konnte, daß sich eine ziemliche Menge
Menschen am selben befanden, da sagte ich zu meinen Schiffern: ,Es muß der
große Heiland aus Nazareth sich in Kis befinden, denn die drei Jungen, die uns
auf eine so wundersame Art zu den Fischen verhalfen, waren offenbar drei
mächtige Geister, die stets zu Seinen Diensten bereit sind. Der große Heiland
und Meister aber hat unsern Herrn lieb und wirkte durch Seine dienstbaren
Geister ein Zeichen auf seinen Schiffen zu seinem Nutzen!‘
[GEJ.09_131,26] Als ich nun ans Ufer trat, da
ersah ich bald, daß meine Mutmaßung zur Wahrheit geworden ist. Und nun erst
danke ich Dir, o Du großer Sohn Gottes und Meister aller Meister, für die uns
erwiesene unschätzbare Wohltat. Dir sei unsere und alle Ehre Gott in der Höhe
der Höhen!
[GEJ.09_131,27] Aber nun heißt es, dieweil es
noch ziemlich hell ist, die Fische versorgen!“
[GEJ.09_131,28] Sagte Ich: „Tuet das, bringet
sie in die Behälter nach der Gattung und Art: Die etlichen Raubfische lasset
nicht unter den Edelfischen, sondern gebet sie in den Behälter, der für sie hergerichtet
ist! Dann möget ihr euch zur Ruhe begeben!“
[GEJ.09_131,29] Als darauf die Diener die
Lägel mit den Fischen aus den Schiffen gehoben hatten, da besah sie Kisjona,
und er erstaunte überaus über die Anzahl und über die edle Art der Fische,
darunter keiner unter fünf Pfund wog.
[GEJ.09_131,30] Darauf sagte Ich: „Da wir
auch diesen Tag zu Nutz und Frommen der Menschen wohl zugebracht haben, so
begeben wir uns auch wieder ins Haus, und du, Freund Kisjona, laß uns ein
mäßiges Abendmahl bereiten!“
[GEJ.09_131,31] Darauf begaben wir uns denn
auch alsbald ins Haus, und es ward viel über die Begebenheiten des Tages
gesprochen.
132. Kapitel
[GEJ.09_132,01] Ich aber redete noch über so
manches mit den vier Indojuden, gab ihnen Weisungen, wie sie das, was sie bei
Mir gesehen und gehört hatten, auch ihren Landesgefährten fruchtbringend zur
Erlangung des ewigen Lebens der Seele mitteilen sollen. Dann legte Ich den
beiden Männern die Hände auf und erteilte ihnen die Kraft, in Meinem Namen
mittels der Auflegung der Hände die Kranken zu heilen und die Besessenen von
den bösen Geistern zu befreien. Die vier dankten mir mit aller Inbrunst für
diese Gnade und lobten Meine Güte.
[GEJ.09_132,02] Es baten Mich aber auch die
sieben Templer, daß Ich auch ihnen eine solche Gnade erteilen möchte, auf daß
sie im Lande Hams mit Meiner Hilfe die Menschen leichter zur Erkenntnis des
einen, allein wahren Gottes und zum Glauben an Mich und Mein Wort fördern
könnten.
[GEJ.09_132,03] Und Ich sagte: „Für euch hat
es damit noch Zeit; diese vier aber reisen schon morgen frühest von hier ab,
und so erteilte Ich ihnen die Kraft, Kranke zu heilen, denn auch schon heute
abend. Zudem sind sie auch schon länger um Mich denn ihr und sind in allem wohl
unterrichtet worden, daß sie nun genau wissen, was sie zu tun haben werden, und
ihre Seelen sind rein und ohne Sünde, und die ihnen erteilte Kraft bleibt in
ihnen; eure Seelen aber sind noch mit so gar manchen Schwächen behaftet, deren
ihr durch die wahre Selbstverleugnung erst los werden müsset, ansonst die von
Mir euch erteilte Kraft nicht in euch verbleiben würde, – denn ein Gefäß, in
dem Meine Gnade verbleiben soll, muß haltbar, fest, gut und rein sein. Ihr aber
werdet dazu schon noch in Bälde gelangen, so es in euch und für euch auch an der
rechten Zeit sein wird!“
[GEJ.09_132,04] Mit dem begnügten sich die
sieben und dankten Mir für diese Belehrung und Verheißung. Darauf begaben sie
sich auf ihre Plätze und nahmen etwas Brot und Wein zu sich. Es kamen aber nun
auch die Samariter zu Mir und fragten Mich, ob es geraten wäre, in dieser
höchst abergläubischen Zeit den Menschen neben dem Evangelium für Seele und
Geist auch das von dem Jünglinge vernommene und wohlbegriffene Evangelium über
alle die Dinge und Erscheinungen in der großen Naturwelt ihren Brüdern zu
predigen und ihnen ein rechtes Licht zu geben über alle Torheiten, in die sich
die Menschen von Zeit zu Zeit immer mehr und mehr versetzt hätten, und zwar
namentlich durch das selbst- und habsüchtige Priestertum, das das blinde Volk
durch allerlei neu erfundene Trugkünste und durch leere phantastische Reden und
Lehren von aller Wahrheit wohl abzubringen verstanden habe.
[GEJ.09_132,05] Sagte Ich: „Meine lieben
Freunde, so ihr in Meinem Namen die Menschen zu lehren und zu bilden anfanget,
da saget zuerst: ,Der wahre Friede sei mit euch! Denn das Reich Gottes ist nahe
zu euch gekommen!‘
[GEJ.09_132,06] Dann lehret sie, worin das
Reich Gottes besteht, und was ein Mensch zu tun hat, um des Reiches Gottes
teilhaftig zu werden schon diesseits und um so mehr jenseits, was ihr alles
wohl innehabt, da erstens Ich Selbst und dann auch mehrere von Mir ausgesandte
Jünger bei euch Meine Lehre mit klaren Worten schon verkündet haben.
[GEJ.09_132,07] Habt ihr auf diese Weise die
Herzen und Seelen der Menschen geläutert und gereinigt, dann möget ihr ihnen
auch die Dinge in der Naturwelt erklären, um ihren Verstand auf den Stand der
Urwahrheit zurückzuführen und ihr Gemüt von allem Aberglauben zu reinigen. Denn
es ist das um so notwendiger, weil ein Mensch, der die von Gott geschaffenen
Werke irrwähnig erkennt, auch Gott niemals richtig erkennen kann, also auch
nicht sich selbst und ebensowenig seinen Nächsten.
[GEJ.09_132,08] Wo es aber an dieser
Erkenntnis gebricht, da wird es dann auch an der verlangten wahren Liebe zu
Gott und desgleichen an der Liebe zum Nächsten gebrechen. Denn wer da seinen
Nächsten nicht liebt, den er doch als ein Wesen seinesgleichen sieht, wie wird
der Gott lieben, den er mit den Augen seines Leibes nicht sehen kann?
[GEJ.09_132,09] Gott kann der Mensch also nur
auf dem reinen und wahrheitsvollen Wege der Erkenntnis der geschaffenen Dinge
und Seiner liebevollen und weisesten Ordnung in ihnen mit den Augen seines
Geistes schauen und dann aber auch über alles lieben; und wer Gott über alles
liebt, der erkennt aus solcher Liebe auch sich und seinen Nächsten und wird in
ihm ebenso das Ebenmaß Gottes lieben und achten wie in sich selbst.
[GEJ.09_132,10] Das aber ist eine richtige
und wahre Annahme von euch, daß man sorglichst dahin arbeiten solle, daß am
Ende aller Aberglaube von den Menschen weiche; denn solange noch irgendein
Fünklein Wahnglauben das menschliche Gemüt belastet, ist der Mensch nicht frei
und kann aus diesem Fünklein in viele und grobe Irrtümer verfallen. Darum kann
nur die vollends reinste Wahrheit den Menschen auch vollends frei und also auch
hier und jenseits vollkommen glücklich und selig machen.
[GEJ.09_132,11] Das Reich Gottes aber, das in
Mir in diese Welt gekommen ist, ist eben also die reinste und vollkommenste
Wahrheit, wie auch Ich der Weg, die Wahrheit und das Leben Selbst bin, wovon
Ich euch doch sicher schon allorts die genügendsten Beweise gegeben habe, und
was nun auch schon gar viele Tausende von Menschen, Juden und Heiden, aus allen
Weltgegenden wissen und auch fest daran glauben.
[GEJ.09_132,12] Das merket euch aber auch,
daß es stets ein leichteres ist, dem Menschen von irgendeiner Sache eine Kunde
im Bereich seines Wissens zu verschaffen denn sein Gemüt zu einem festen und
zweifellosen Glauben zu bewegen! Darum sollet ihr auch auf die Gründung des
lebendigen Glaubens ein viel größeres Augenmerk haben denn auf ein pures
Wissen; denn im Wissen allein ist das Leben nicht, wohl aber im reinen und
durch die Werke der Liebe lebendigen Glauben.
[GEJ.09_132,13] Das noch so reine Wissen ist
ein Ablicht der Dinge und ihrer Ordnung aus dieser Welt, die also, wie sie nun
ist, vergänglich ist wie alle Dinge in, auf und über ihr; aber die Dinge des
Glaubens sind ein wahres Licht aus den Himmeln, sind ein lebendiges Angehör des
Gemüts, der Seele und ihres Geistes, sind unsterblich und unvergänglich.
[GEJ.09_132,14] Ich sage es euch allen:
Dieser für euch sichtbare Himmel, bestehend aus Mond, Sonne und all den
Sternen, wird dereinst auch vergehen; aber Meine Worte und der an sie glaubt,
werden nicht vergehen, sondern ewig bestehen!
[GEJ.09_132,15] Ich will aber damit nicht
sagen, als solltet ihr des lebendigen Glaubens wegen bei den Menschen das, was
man reine Wissenschaft nennt, unbeachtet lassen; denn der Mensch kann an etwas
nicht eher glauben, als bis er vom selben eine Kunde oder Wissenschaft erhalten
hat. Hat der Mensch einmal von einer guten und wahren Sache auch eine reine und
verläßlich wahre Kunde und wohldurchprüfte Wissenschaft erhalten, so soll er
sich dann nicht mit der puren Wissenschaft begnügen, sondern sie in den
lebendigen Glauben aufnehmen und nach ihren Grundsätzen handeln; tut er das, so
wird ihm die reine Wissenschaft auch den wahren, lebendigen und unvergänglichen
Nutzen bereiten. Darum werdet ihr, die ihr nun Meine Worte mit aller
Aufmerksamkeit anhöret, auch erst dann in der Fülle erkennen, daß sie Gottes
Worte sind, so ihr vollends danach leben und handeln werdet.
[GEJ.09_132,16] Ich kenne die Samariter wohl,
und Mir sind ihre mannigfachen Vorzüge nicht unbekannt, aber es gibt unter
ihnen auch gar manche Irrtümer, in denen sie oft hartnäckiger verharren denn
die Heiden bei den ihrigen; darum werdet ihr um Meines Namens und um Meiner
Lehre willen auch manchen harten Kampf zu bestehen bekommen. Denn der Menschen
Weltverstand begreift die inneren Dinge des Geistes und der lebendigen Wahrheit
nicht und hält die für Narren, die ihm davon Kunde bringen, und verfolgt sie
denn auch, wo er das nur immer kann. Aber ihr sollet euch nichts daraus machen
und die Wahrheit also lehren, wie sie euch von Mir ins Herz und in den Mund
gelegt wird, so werdet ihr am Ende für Mein Reich viele und gute Früchte
sammeln, und euer Lohn wird dereinst in Meinem Reiche kein kleiner sein!
[GEJ.09_132,17] Höret ihr selbst aber nicht
auf die Drohungen und finsteren Worte eurer Rabbis, die sich auf ihre
verborgene Weisheit, an der wenig Vollwahres hängt, überaus viel einbilden,
sondern haltet an dem fest, was ihr von Mir vernommen habt, und ihr werdet so
manchen Rabbi zu Mir wenden!
[GEJ.09_132,18] So ihr euch aber nur in
irgend etwas von ihnen werdet einschüchtern lassen, da werdet ihr mit eurem
besten Willen wenig erheblich Gutes stiften. Mit dem habe Ich euch nun auch
alles gesagt, was ihr in Meinem Namen zu tun habt, um Mein Reich auch unter
euch segensvoll auszubreiten.
[GEJ.09_132,19] Ihr werdet aber von der Welt
bald so manche Dinge vernehmen. Es wird der Hirte geschlagen werden, und die
Schafe werden sich aus Furcht zerstreuen. Dann aber ärgert euch ja nicht an
Mir, und werdet nicht kleinmütig und wankenden Glaubens; denn so Ich auch diese
Welt leiblich verlassen werde, da werde Ich im Geiste aber dennoch bei den
Meinen verbleiben bis ans Ende der Welt und werde Mich denen, die Mich lieben
und Meine Gebote halten werden, allzeit treulich Selbst offenbaren.
[GEJ.09_132,20] Ich werde euch nicht als
Waisen in dieser Welt lassen, sondern wo sich auch nur zwei oder drei irgend in
Meinem Namen versammeln werden, da werde Ich auch mitten unter ihnen sein; und
um was ihr dann den Vater, der in Mir ist, wie Ich auch in Ihm, in Meinem Namen
bitten werdet, das wird euch auch gegeben werden.
[GEJ.09_132,21] Und so denn werde nicht
traurig und ängstlich euer Gemüt, so ihr hören werdet, daß Ich als der Herr
Selbst Mich von der Welt habe demütigen lassen und auf dem schmalsten und
dornigsten Wege aus dieser Welt in Meine Himmel übergegangen bin; denn seht, es
muß das ja alles also geschehen, auf daß der argen Welt Maß voll werde und das
Gericht, das ihr geweissagt ist, über sie komme.
[GEJ.09_132,22] Ich aber sage euch nun auch
das darum zum voraus, auf daß ihr, wenn ihr davon Kunde erhalten werdet, euch
darob nicht entsetzet oder gar über Mich ärgert. Denn so ihr wahrhaft Meine
Jünger und Ausbreiter Meines Reiches auf Erden sein wollet, da müsset ihr auch
in allem fest und niemals wankend werden.“
133. Kapitel
[GEJ.09_133,01] Als Ich diese Rede an die
Samariter beendet hatte, da ward auch das Abendmahl, schon bereitet, in den
Schüsseln auf die Tische gesetzt. Da setzten sich die sieben Templer an einen
Tisch, der für sie bereitet war, und die Samariter an den in dem einen Winkel
des Saales für sie gedeckten, und wir alle nahmen darauf das zumeist in bestens
bereiteten Fischen bestehende Mahl zu uns und tranken den Wein.
[GEJ.09_133,02] Als nach einer Stunde das
Mahl verzehrt war und der Wein die Zungen wieder regsamer machte, da kamen auch
ein paar Samariter zu Mir und statteten Mir erst mit lauter und gewählter Rede
im Namen aller den Dank für die ihnen erteilte Lehre ab. Und der eine fragte
Mich darauf, ob sie als Meine Jünger im Notfall in Meinem Namen auch würden
etwelche Zeichen wirken können.
[GEJ.09_133,03] Und Ich sagte zu ihnen: „Das
wird erstens von der Stärke eures Glaubens abhängen, und als ein zweites habe Ich
euch ja ohnehin schon mehr als handgreiflich klar die vollwahrste Versicherung
gegeben, daß euch alles gegeben wird, um was ihr den Vater in Meinem Namen
bitten werdet. Was soll Ich euch nun noch für eine andere Versicherung geben?“
[GEJ.09_133,04] Als die beiden das vernahmen,
verneigten sie sich vor Mir und gingen wieder zu ihren Gefährten.
[GEJ.09_133,05] Bald auf diese Verhandlung,
nach der nichts von irgendeiner Bedeutung vorgefallen ist, begaben wir uns zur
Ruhe und schliefen bis zum Morgen, diesmal auf guten Ruhebetten.
[GEJ.09_133,06] Von da an blieb Ich noch
sieben Tage in Kis samt Meinen Jüngern. Auch die sieben Pharisäer samt ihren
Dienern blieben, und neben ihnen auch die Samariter, und sie wurden von Meinen
Jüngern in Meiner Lehre vollkommen unterrichtet; nur die vier Indojuden zogen
am frühen Morgen auf einem andern Wege, der um vieles näher war, wieder in ihr
Land.
[GEJ.09_133,07] Auf daß sie aber den Weg
nicht verfehlen konnten, so erweckte Ich des Mägdleins weit vorgediehene innere
Sehe und sagte, daß sie den dreien zum Führer dienen solle, womit sie auch
völlig einverstanden waren, und sie reisten nach eingenommenem Morgenmahle noch
vor dem Aufgange der Sonne ab, nachdem sie Mir zuvor für die Lehre und für die
erteilte Gnade allerwärmst gedankt hatten und von Kisjona und auch von den
sieben Templern, die sehr goldreich waren, reichlich beschenkt worden waren.
[GEJ.09_133,08] Was aber Ich dann die sieben
Tage hindurch in Kis machte, will Ich nur ganz kurz berühren, auf daß in der
Erzählung über Mein Tun auf Erden keine Lücke werde.
[GEJ.09_133,09] Sechs Tage brachte Ich mit
Kisjona und Philopold abwechselnd bald in Kane in Samaria (ein Grenzort) und
bald in Kis zu, bei welcher Gelegenheit Ich auch die Menschen, die zu uns
kamen, belehrte und mehrere Kranke heilte und Mich mit den beiden Begleitern
auch über gar manche natürlichen Dinge, sie belehrend, besprach.
[GEJ.09_133,10] Am siebenten Tage aber
stärkte Ich zuerst die sieben Pharisäer samt ihren Dienern, deren ein jeder
Pharisäer sieben hatte, und entsandte sie nach Oberägypten über Tyrus, wo sie
sich in Meinem Namen bei Cyrenius zu melden hatten, der ihnen einen Geleitbrief
gab und ihnen eine Reisegelegenheit zu Wasser nach Ägypten verschaffte.
[GEJ.09_133,11] Nachdem die Pharisäer also leicht
abgefertigt waren, wandte Ich Mich zu den Samaritern, deren Zahl dreißig
betrug, stärkte sie und entsandte sie in ihr Land, auf daß sie allen noch
Blinden und Tauben die Augen und die Ohren öffnen sollten. Und sie zogen darauf
ab.
[GEJ.09_133,12] Als Ich Mich gen Mittag hin
zur Weiterreise anzuschicken begann, da baten Mich Kisjona, unser Philopold und
auch die Maria, daß Ich noch bis zum nächsten Morgen verweilen möchte.
[GEJ.09_133,13] Und Ich sagte: „Der Liebe
soll man niemals widerstreben; und so werde Ich zwar nicht bis morgen bei euch
verweilen – da Ich vor allem den Willen Dessen, der Mich in diese Welt gesandt
hat, erfüllen muß –, aber über den Mittag hin will Ich denn doch noch bei euch
verharren, und so denn kannst du, Freund Kisjona, uns noch ein Mittagsmahl
bereiten lassen!“
[GEJ.09_133,14] Das tat Kisjona wohl mit dem
größten Vergnügen von der Welt.
[GEJ.09_133,15] Wir aber setzten uns an den
Tisch, nahmen Brot und Wein und stärkten uns.
134. Kapitel
[GEJ.09_134,01] Hier fragt Mich der weise
Philopold, sagend: „Herr und Meister voll Liebe und Weisheit und Kraft! Wir
haben aus Deinem wahrhaftigst göttlichen Munde so vieles von Deinem Wirken
vernommen, aber vom ersten Wirken, als Du das irdische Elternhaus verlassen
hast, wissen wir gar nichts. Ich habe mich mit Maria, Deines Leibes Mutter, und
ebenso mit Joel und auch mit Deinen andern irdischen Leibesbrüdern über Deine
ganze Jugendzeit getreulichst besprochen, und was ich vernommen hatte, von
Deiner wundersamen Darniederkunft ins Fleisch der Maria angefangen bis zu
Deinem dreißigsten Erdenlebensjahre, habe ich getreust ohne allen Zusatz und
ohne eine Weglassung in ein Gedenkbuch zusammengeschrieben in griechischer
Zunge und Schrift.
[GEJ.09_134,02] Und so habe ich auch in
freilich lauter Bruchsätzen als Nachtrag alles, was ich einmal hier selbst an
Deiner Seite erfahren, und was ich von verläßlichen Augen- und Ohrenzeugen auch
von vielen anderen Seiten und Orten her erfahren habe, in ein eigenes Buch
niedergeschrieben. Aber von Deinem dreißigsten Jahre und vom Tage Deines
Abganges aus Nazareth an bis über beinahe drei Monde Zeit hinaus konnte ich von
niemand etwas erfahren, wo Du Dich in jener ganz ersten Zeit aufgehalten und
was Du gewirkt hast.
[GEJ.09_134,03] Von jenem Momente an, wo Du
von Johannes Dich im Flusse Jordan hast mit Wasser taufen lassen, weiß ich wohl
so manches, wie auch von der Berufung Deiner ersten Jünger; aber, wie gesagt,
von der vorerwähnten allerersten Zeit konnte ich über Deinen Aufenthalt und
über Dein Wirken trotz aller Meiner Bemühungen nicht eine Silbe in Meine
Erfahrung bekommen.
[GEJ.09_134,04] Mir als stillem Aufzeichner
Deines gesamten Erdenlebens und Wirkens liegt aber höchst viel daran, daß mir
auch aus jener Deiner ersten Lehramtszeit, von der auch Deine alten Jünger
nichts zu sagen wissen, über Dein Sein und Wirken etwas bekanntgegeben würde;
und das ist wohl niemand anderm möglich denn nur Dir, o Herr und Meister,
allein. So es Dir genehm wäre, mir davon so manches zu eröffnen, so wäre mir
das eine große und überaus schätzbare Gnade von Dir!“
[GEJ.09_134,05] Sagte Ich: „Ich kenne deinen
guten Eifer um Mich und lobe dich als einen rechten Freund Meines Herzens; doch
von jener ersten Zeit, in der Ich vom Geiste des Vaters in Mir in eine Wüste am
Jordan geführt worden bin, vierzig Tage hindurch fastete und Mich nur zur Not
mit Wurzeln und wildem Honig ernährte, und, als es Mich nach vierzig Tagen
solchen Fastens im Leibe sehr zu hungern begann, darum von einem bösen Geiste,
einem Teufel ersten Ranges, dreimal versucht worden bin, rede Ich wahrlich
nicht gerne näher, als Ich nun schon geredet habe. Und so die Menschen darüber
auch Näheres wüßten, so gereichte ihnen solch eine Wissenschaft zu ihrem
Seelenheile nicht um ein Haarbreit mehr, als so sie davon auch nichts Näheres
wissen.“
[GEJ.09_134,06] Sagte Philopold: „Aber, o
Herr und Meister, wie mochtest Du Dich von einem Erzteufel versuchen lassen,
und wie konnte er sich je Dir nur im geringsten nahen? Denn zwischen Dich und
einen Teufel ist ja durch Deine Weisheit und Macht eine solche Kluft gestellt,
über die kein böser Geist ewig je sollte gelangen können? Wer war denn dieser
überkecke böse Geist? O Herr und Meister, weil Du mir nun schon so viel gesagt
hast, so sage mir noch etwas mehr und etwas Näheres darüber!“
[GEJ.09_134,07] Sagte Ich: „Es gibt zwar
keine urgeschaffenen Erzteufel in der Art, wie ihr euch dieselben vorstellet, –
aber dennoch ist alles der Materiewelt in seinem Urelement ebensoviel wie ein
urgeschaffener Erzteufel, und es ist darum eines, ob man da sagt, man werde von
der Welt oder von den materiellen Gelüsten des Fleisches versucht, oder man
werde von dem und jenem Erzteufel versucht; und wer sich von der Welt und
seinem Fleische zu sehr gefangennehmen läßt, dessen Seele ist dann auch ein persönlicher
Teufel und lebt im steten Vereine mit den argen, noch ungegorenen
Materiegeistern nach dem Tode des Leibes fort, und ihr Streben ist fortan
gleich wie ihre Liebe ein böses, und sie sucht denn auch fortan ihre arge Liebe
zu befriedigen.
[GEJ.09_134,08] Diese Art Teufel können
freilich wohl über die unermeßliche Kluft zwischen Mir und sich nicht kommen;
aber da Ich nun Selbst in diese Welt, die in sich voll Gericht und somit auch
voller Teufel ist, gekommen bin, so habe Ich auf eine Zeitlang aus der tiefsten
Tiefe Meiner Erbarmungen durch die Annahme des Fleisches eine Brücke über die
vorbenannte Kluft erbaut, ohne welche Brücke kein Mensch dieser Erde je zur
wahren und vollen Seligkeit gelangen könnte, und es versteht sich von selbst,
daß sich auf dieser Brücke Mir ein Teufel gleich wie ein Mensch, wenn er auch
noch so böse ist, nahen und in seiner gänzlichen Blindheit Mich auch versuchen
und auch auf das grimmigste verfolgen kann, wennschon ohne Wirkung gegen Meine
Macht, sondern nur zur steten Vermehrung seines eigenen Verderbens. Das wirst
du wohl einsehen?
[GEJ.09_134,09] Und siehe, Freund, also war
es denn auch in jener von dir angeregten Zeit einem Teufel möglich, Mich zu
versuchen!
[GEJ.09_134,10] Damit du aber ein Näheres
noch über diesen dir freilich wohl etwas sonderbar klingenden Akt in deine
Erfahrung bringst, so will Ich dir denn auch noch in Kürze die Art und Weise
der Versuchung anzeigen, – und so höre denn!
[GEJ.09_134,11] Als Ich einmal bei drei
Wochen lang in der Wüste gefastet hatte, um Mich von aller Welt vollends
abzuwenden und Meinen Leib mit Mir in allem einstimmiger zu machen, als das in
der Zeit sein konnte, in der Ich mit Meinem Nährvater Joseph und seinen Söhnen
aus seiner ersten Ehe viel als ein Zimmermann zu verkehren hatte, und es Mich
bei Meiner Wüstenwurzelkost und wildem Honig sehr zu hungern begann und Ich
wahrlich in Meinem Leibe eine starke Lust, Brot zu essen, gar sehr gewahrte, da
trat der Versucher in der Gestalt eines ernsten und weltweisen Magiers vor Mich
hin und sagte: ,Herr und Meister, ich kenne Dich, daß Du dem Leibe nach Gottes
Sohn bist! Warum quälst Du Dich mit dem Hunger in dieser elenden Wüste, wo Dir
doch alle Schätze aller Welten und Himmel zu Gebote stehen?! Willst Du sie aber
nicht benutzen, weil Du der elenden Menschen wegen auch ein Mensch werden
wolltest, um ihnen als ein Beispiel der höchsten Enthaltsamkeit und
Nüchternheit vorzuleuchten, um sie dadurch Dir ähnlicher zu zeihen, so mache,
weil Dich hier wohl niemand beobachten kann, aus den vielen Steinen Brot – was
Dir wohl möglich ist – und iß Dich einmal ordentlich satt!‘
[GEJ.09_134,12] Ich aber sagte ganz ernsten
Angesichtes: ,Höre, der du es wagst, Mich, deinen Herrn von Ewigkeit, zu
versuchen! Mein Leib ist nun auch ein Mensch, versehen mit den Bedürfnissen
eines jeden Menschen in dieser Welt; aber wisse und begreife, der Mensch lebt
nicht so sehr vom Brote dieser Erde, sondern vielmehr von einem jeglichen
Worte, das aus dem Munde Gottes kommt! Auch für euch wäre nun die
Übergangsbrücke zum ewigen Leben hergestellt; aber ihr solltet euch lieber nun
selbst demütigen und Mich um Vergebung eurer Sünden bitten, und es würde euch
geholfen sein!‘
[GEJ.09_134,13] Auf diese Meine Worte
entfernte sich der Versucher auf einige Tage von Mir, als wollte er diese
Mahnung beherzigen und sich am Ende danach richten. Aber dem war nicht so; er
kam bald abermals zu Mir und sagte: ,Herr und Meister, Du weißt es, daß ich
voll Hochmutes und voll Herrschsucht bin; ich will aber von Dir, der Du nun in
dieser Wüste Dich Selbst demütigst, die rechte Demut erlernen. Laß Dich darum
nun – was uns ein leichtes ist, – auf des Tempels höchste Zinne stellen, und
dort will ich mit Dir weiter reden!‘
[GEJ.09_134,14] Ich aber sagte: ,Von deiner
Ohnmacht werde Ich Mich nicht dahin stellen lassen; aber Ich Selbst will es nun
so, – und wir befinden uns schon an Ort und Stelle! Und nun kannst du denn auch
weiterreden!‘
[GEJ.09_134,15] Als Ich das zum Versucher
sagte, da sprach er zu Mir: ,Herr und Meister! So du dem Leibe nach wahrhaft Gottes
Sohn bist, so laß Dich von dieser Höhe hinab in die Tiefe, und Gott wird dann
ohnehin Seinen Engeln gebieten, daß sie Dich auf ihren mächtigen Händen tragen
werden, auf daß Du mit keinem Gliede an einen Stein stoßest!‘
[GEJ.09_134,16] Da sagte Ich zum Versucher:
,Du sollst dich wohl vor Mir, deinem Gott und Herrn, demütigen, aber nicht Ich
Mich vor dir durch einen Sprung in diese Tiefe hinab! Dadurch kommst du ewig zu
keiner Demut und Besserung. Dieser dein Versuch hat dir wahrlich nichts
genützt, darum entferne dich!‘
[GEJ.09_134,17] Darauf verließ Mich der
Versucher, und Ich befand Mich, durch Meine Macht getragen, im Augenblick
wieder in Meiner Wüste, in der es freilich wohl nicht angenehm zu wohnen war.
[GEJ.09_134,18] Nach wenigen Tagen aber erschien
der Versucher abermals vor Mir, und Ich fragte ihn: ,Was willst du
unverbesserlicher Teufel nun zum dritten Male von Mir?‘
[GEJ.09_134,19] Sagte der Versucher: ,Herr
und Meister! Gehe nun mit mir auf einen hohen Berg! Dort will ich die Demut von
Dir lernen und mich bessern!‘
[GEJ.09_134,20] Und Ich ging mit ihm auf
einen hohen Berg und sagte: ,Was willst du nun hier von Mir?‘
[GEJ.09_134,21] Und der Versucher sagte:
,Herr und Meister, demütige Du Dich vorerst vor Mir, und ich will mich dann vor
Dir demütigen! Siehe, alle die schönen und reichen Lande will ich Dir geben, so
Du vorerst Dich vor mir auf die Knie niederbeugst und mich anbetest!‘
[GEJ.09_134,22] Da sagte Ich: ,Nun habe Ich
von dir genug! Weiche nun von Mir, Satan! Denn es steht geschrieben: ,Du sollst
Gott, deinen Herrn, allein anbeten und Ihm dienen und Ihn nicht versuchen!‘‘
[GEJ.09_134,23] Darauf wich der Versucher für
immer von Mir; aber dafür traten viele Legionen Engel aus den Himmeln zu Mir
und bedienten Mich.
[GEJ.09_134,24] Mit dem nahm Ich denn auch
Abschied von der Wüste, nahm zuvor schon etwelche Jünger zu Mir und ließ Mich
darauf denn auch von Johannes im Flusse Jordan taufen. Von da an nahm Ich dann
die andern Jünger, die zumeist Fischer waren, auf und reiste mit ihnen von Ort zu
Ort.
[GEJ.09_134,25] Und mit dem hast du, Freund
Philopold, nun denn auch das, was dir abgegangen ist. So Meine alten Jünger
sich das auch aufzeichnen wollen, da können sie das auch tun.“ –
[GEJ.09_134,26] Mein Matthäus hatte sich das
auch noch in Kis aufgezeichnet, weil er im Schreiben fertiger war als die
andern Jünger, die des Schreibens kundig waren.
135. Kapitel – Der Herr in Jesaira.
(Kap.135-149)
[GEJ.09_135,01] Als das alles bald und leicht
beendet war, war das Mittagsmahl auch bereitet. Wir nahmen es zu uns und
schickten uns darauf gleich zur Abreise an. Kisjona, Maria, Joel und Philopold
aber wollten Mich begleiten bis an den Ort, den Ich zunächst zu besuchen
willens wäre.
[GEJ.09_135,02] Und Ich sagte: „So wollen wir
zu Schiff nach Jesaira hinsteuern! Was dort zu geschehen hat, das werden wir
aus dem freien Willen der dortigen Menschen ersehen. Und nun machen wir uns auf
die Abreise!“
[GEJ.09_135,03] Darauf gingen wir, begleitet
von allen Hausleuten Kisjonas, ans Ufer, bestiegen zwei Schiffe und fuhren mit
gutem Wind, der den Schiffern das ermüdende Rudern sehr erleichterte, nach
Jesaira hin, welchen Ort wir nach ein paar Stunden erreichten.
[GEJ.09_135,04] Als wir ans Ufer gestiegen
waren, da sagte Kisjona zu Mir: „O Herr und Meister, wie es mir vorkommt, so
hast Du bei dieser Gelegenheit doch den einen, noch immer sehr weltlich
gesinnten Jünger Judas Ischariot verloren! Denn als er fortging, fragte er
Dich, wie lange Du bei mir verweilen werdest, auf daß er rechtzeitig wieder
zurückkäme; aber er kam nicht, weil er vielleicht irgendein vorteilhaftes
Geldgeschäft Dir vorzog?“
[GEJ.09_135,05] Sagte Ich: „Letzteres ist
wohl der Fall, aber er wird uns bald nachkommen. Denn er kam nahezu um eine
Stunde später nach Kis, als wir abgefahren sind, und erfuhr, wohin wir gezogen
sind, mietete sogleich ein Schiff und wird uns, ehe eine Stunde verrinnen wird,
hier einholen. So er aber kommen wird, da machet nicht viel Aufhebens mit ihm,
obschon er euch eine Menge wird erzählen wollen. Saget ihm: ,Erspare dir ein
unnötiges Reden; denn der Herr weiß um alles!‘ Und er wird dann bald
verstummen.“
[GEJ.09_135,06] Als Ich solches dem Kisjona
angesagt hatte, da wurden alle Meine Jünger beinahe unwillig und sagten: „Aber
so können wir den lästigen Menschen doch nimmer loswerden!“
[GEJ.09_135,07] Sagte Ich: „Was Ich ertrage,
das ertraget auch ihr! In dieser Welt geht es einmal nicht anders! Der Leib ist
der Seele auch eine große und sie oft sehr drückende Bürde; aber sie muß ihn
doch ertragen, wenn er, besonders im höheren Alter, noch so gebrechlich wird.
[GEJ.09_135,08] Sehet an einen noch so
sorgfältig gepflegten Weizenacker, ob ihr unter dem Weizen durchaus kein
Unkraut finden werdet. Mußte Ich den ersten Versucher in der Wüste ertragen –
und erst, als er von Mir völlig wich, traten Engel zu Mir und stärkten Meinen
Leib –, also müssen wir nun am Ende Meiner Erdenzeit den zweiten Versucher
ertragen.
[GEJ.09_135,09] Ich habe es euch ja schon
einmal bei einer Gelegenheit klar gesagt, wie einer von euch ein Teufel ist,
und ihr habt es in euch wohl begriffen, welchen Ich gemeint habe. Aber deshalb
sagte Ich zu ihm doch niemals, daß er gehen solle; denn auch der Teufel hat
seinen freien Willen, der ihm nicht genommen wird. Will er mit uns ziehen, so
ziehe er mit uns; will er aber wegbleiben, so bleibe er auch weg. Wir aber
wollen ihn, ob er geht oder bleibt, nicht mit scheelen Augen ansehen.“
[GEJ.09_135,10] Die Jünger alle beherzigten
diese Meine Worte, und wir begaben uns in das Dorf, und zwar zu jenem Wirte,
bei dem Ich schon einmal eingekehrt war.
[GEJ.09_135,11] Als wir uns dem Hause nahten,
ersahen und erkannten uns alsbald der Wirt, sein Weib und seine Kinder, und
eilten uns entgegen mit großer Freude.
[GEJ.09_135,12] Als der Wirt vollends zu Mir
kam, verneigte er sich tief vor Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister,
wie oft doch habe ich schon nach Dir gefragt und geseufzt und wie oft den
sehnlichsten Wunsch gehabt, Dich in meinem Leben als das größte Heil aller
biederen Menschen nur noch einmal zu sehen, zu sprechen und in Meinem Hause zu
beherbergen; aber es wollte mir solch eine höchste Gnade von Dir nicht zuteil
werden. Wie groß nun meine Freude ist darob, daß Du Mich dieser Gnade doch
endlich einmal gewürdigt hast, das kann ich mit Worten nicht dartun! Aber da Du,
o liebster Herr und Meister, zu mir gekommen, so wirst Du doch auch etliche
Tage bei mir verweilen wollen? Ich will ja gerne alles aufbieten, um Dir und
allen Deinen sicher überseligen Freunden den Aufenthalt so angenehm wie möglich
zu machen!“
[GEJ.09_135,13] Sagte Ich: „Freund, wo Ich
Herzen finde wie bei dir, da verweile Ich gern, – dessen kannst du völlig
versichert sein; kann Ich aber schon nicht mit Meinem Leibe stets an einem Orte
verweilen, so bleibe Ich aber dennoch mit Meinem Geiste stets bei solchen
Menschen, die Mich also lieben, wie du Mich liebst! Aber heute und morgen werde
Ich dennoch auch mit dem Leibe bei dir bleiben. Aber übermorgen früh muß Ich
dennoch weiterziehen; denn es gibt noch viele, die auf Mich harren, daß Ich
ihnen helfe. Aber nun lasse für uns alle ein ganz mäßiges Nachtmahl richten, –
wozu es aber noch keine Eile hat, da die Sonne noch ziemlich hoch über dem
Horizonte steht!“
[GEJ.09_135,14] Auf diese Meine Worte sagte
der Wirt sogleich dem Weibe, was sie zu tun habe.
[GEJ.09_135,15] Und das Weib dankte Mir für
diesen Auftrag, bat Mich aber, ob sie Maria, die das Weib schon lange wohl
kannte, sogleich mit ins Haus führen dürfe, weil sie sich gerne über
verschiedenes mit ihr besprechen möchte, indem sie schon lange nicht mehr das
Glück gehabt habe, die würdigste der Mütter zu sehen und zu sprechen.
[GEJ.09_135,16] Und Ich sagte: „Liebes Weib,
auch die Mutter hat ihren freien Willen, und Ich kann zu ihr nicht sagen: ,Tue das,
oder tue jenes!‘ – So sie will, kann sie dir schon die Freude machen; denn was
sie tut, ist stets wohlgetan, und Ich habe stets eine größte Freude an dem, was
sie will, und was sie tut.“
[GEJ.09_135,17] Darauf trat das Weib zu Maria
und bat sie, ihr diese Freude zu machen, und Maria ging alsbald mit dem Weibe
ins Haus und half ihr sorgen für die Bereitung eines besten Nachtmahles.
[GEJ.09_135,18] Wir aber lagerten uns noch
nahe dem Ufer im Grase und sahen einigen Fischern zu, wie sie sich abmühten,
Fische zu fangen, aber beinahe keine in ihr Netz bekamen.
[GEJ.09_135,19] Kisjona bemerkte das auch und
sagte zu Mir: „O Herr und Meister, geradeso mag es vorvorgestern, oder
eigentlich am Vorsabbat, und gestern als am Nachsabbat unsern Fischern ergangen
sein, bis endlich Deine Gnade zu ihnen kam und ihre Netze mit Fischen füllte!“
[GEJ.09_135,20] Sagte der Wirt: „Ich habe
deinen Fischern, lieber, alter Freund, zugesehen und sie auch recht von Herzen
bedauert. Aber es kamen endlich drei wunderliebe Jünglinge ans Ufer, und zwar
gerade an der Stelle, und verlangten in ein Schiff zu steigen. Da fuhr ein dem
Ufer nächststehendes Schiff ans Ufer, nahm die Jünglinge auf und fuhr wieder zu
den andern Schiffen. Da aber hießen die drei Jünglinge die Fischer ihre Netze noch
einmal ins Wasser senken, und der Erfolg davon war vollends wunderbar. Nun
wären für diese Fischer wieder derlei sonderbare Jünglinge eine wünschenswerte
Erscheinung! Aber ob die Jünglinge mit deinen Fischern, Freund Kisjona, nach
Kis gefahren sind, oder ob sie wie ein Traum verschwunden sind, das weiß ich
dir nicht zu sagen. Ich wenigstens habe nach dem Fischfange keinen auf einem
oder dem andern Schiffe mehr gesehen. Wer etwa doch die drei Jungen mögen
gewesen sein?“
[GEJ.09_135,21] Sagte Kisjona: „Mein Freund,
wo der Herr persönlich gegenwärtig ist, da sind auch Seine himmlischen, mit
aller Macht ausgerüsteten Diener nicht ferne! Die drei Jungen waren auch
gestern von frühmorgens bis zum Untergange der Sonne bei mir im Hause und haben
die Jünger des Herrn und auch andere Menschen, die zu mir gekommen sind und
eines guten Willens waren, in allerlei Dingen belehrt. Als sie am Abend sich
aber plötzlich bei uns entfernten, da hast du sie sicher auch schon im selben
Augenblick hier gesehen, wie sie meinen Fischern zu dem reichen Fange
behilflich waren. Und das alles wollte der Herr also! Denn ohne Seinen Willen
kann dir kein Haar gekrümmt werden und kein Sperling vom Dache sich erheben und
hinwegfliegen.“
[GEJ.09_135,22] Sagte der Wirt: „Du hast mir
nun aus der Seele geredet! Als Ich gestern daheim von den drei Jungen meinen
Leuten erzählte, da sagten beinahe alle einstimmig: ,Wenn hie und da seltene
Dinge sich zu ereignen und zuzutragen anfangen, dann steht uns eine baldige
Heimsuchung des Herrn bevor. Gebe Er uns die Gnade, daß Er uns Seiner
Heimsuchung auch für würdig erachten möchte!‘ Und ich sagte am Ende: ,Amen, des
Herrn Wille geschehe! Er komme, Er komme bald und erlöse uns von allem Übel!‘
Und siehe, da ist Er nun unter uns!“
[GEJ.09_135,23] Hier fing der Wirt vor Freude
an zu weinen und konnte eine Weile nicht reden. Ich aber stärkte ihn, worauf er
wieder zu der natürlichen Gemütsruhe kam und wieder reden konnte.
136. Kapitel
[GEJ.09_136,01] Es bemerkten uns aber auch
die armseligen Fischer, von denen einer in ein Boot stieg, zu uns herüberfuhr
und uns besah, um zu erfahren, wer wir etwa wären. Als er den Wirt unter uns
entdeckte, da dachte er sich, daß es seine Bekannten sein würden, forschte
nicht weiter nach und wollte zu den Fischern wieder zurückfahren.
[GEJ.09_136,02] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, komme du nur vollends zu uns herauf ans Land, und Ich werde dir etwas
ganz Besonderes sagen!“
[GEJ.09_136,03] Da kehrte der Bootsmann
wieder um, stieß ans feste Ufer, band das Boot mit einem Strick an einen
Uferstock, begab sich festen Mutes zu Mir und fragte Mich, sagend: „Guter Mann,
da bin ich! Was ist es denn, das du mir als etwas Besonderes künden willst?
Rede, denn lange zu warten habe ich nicht Zeit, da der Tag schon auf die Neige
geht und wir den ganzen Tag hindurch noch wenig Fische gefangen haben!“
[GEJ.09_136,04] Sagte Ich: „So du an Mich
glaubtest, da könnte Ich dir und deinen Gefährten zu einem reichen Fange
verhelfen! Aber dann solltest du am Morgen zu Mir kommen und Mir nachfolgen!“
[GEJ.09_136,05] Sagte der Fischer: „Guter
Mann, wie sollte ich nun an dich und was von dir glauben? Kann ich mich doch
nicht entsinnen, dich jemals irgendwo gesehen zu haben, weiß daher auch nicht,
wer du bist. Gib du dich mir zuvor bekannt, und ich werde dir glauben. Ob ich
aber am Morgen zu dir kommen und dir dann nachfolgen werde, wohin du ziehen
wirst, das steht nicht bei mir, sondern bei denen, für deren Lebensunterhalt
ich zu sorgen habe. Also, was ist es nun, was soll ich von dir glauben?“
[GEJ.09_136,06] Sagte Ich: „Hast du von dem
Manne noch nichts reden hören, der in Nazareth aufgestanden ist und nun allen
Menschen das ewige Gottesreich überbringt und aus eigener Macht auch allen
jenen gibt, die an Ihn glauben und Seine Lehre als ein reinstes und lebendigstes
Gotteswort annehmen wollen?“
[GEJ.09_136,07] Sagte der Bootsmann: „Guter
Mann, von dem großen Heilande Jesus aus Nazareth habe ich wohl schon gar vieles
gehört und glaube auch an Ihn, obschon ich Ihn noch niemals irgendwo gesehen
habe! Bist du es etwa, da sage es mir, und ich will vor dir niederfallen und
dich anbeten; denn mit jenem Heilande ist Gott der Herr wie in einer Person
sichtbar vereint, wie ich solches also vernommen habe von solchen Menschen, die
mit Ihm zu tun hatten und auch Seine Jünger geworden sind.“
[GEJ.09_136,08] Sagte Ich: „So du also an den
Jesus aus Nazareth glaubest, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes Gottes
körperlich, da kehre du nun zu deinen Fischern getrost zurück, und werfet noch
einmal euer Netz ins Wasser; und so ihr einen reichsten Fang werdet gemacht
haben, dann wird dir schon ein Licht in dir aufgehen, aus dem du leicht
erkennen wirst, wer Ich bin, und du wirst noch heute zu Mir kommen und dich von
Mir mit dem Geiste der Wahrheit und des Lebens taufen lassen. Doch nun forsche
nicht weiter, sondern tue, was Ich dir angeraten habe!“
[GEJ.09_136,09] Auf das verneigte sich der
Fischer vor Mir, bestieg schnell sein Boot, fuhr behende zu seinen Gefährten,
die sich schon dazu anzuschicken anfingen, ihre Netze einzuziehen, zurück und
sagte ihnen, was Ich ihm angeraten habe.
[GEJ.09_136,10] Da schrien alle laut, so daß
wir es am Ufer wohl vernehmen konnten: „Heil Dem, der dir den Rat erteilt hat!
Er ist es Selbst, an den wir glauben! Was Er dir riet, das wollen wir tun! Hosianna
dem hohen Sohne Davids, der zu unserer Rettung gekommen ist im Namen des Herrn!
Und nun Glück auf in Seinem Namen, – werfen wir die Netze aus!“
[GEJ.09_136,11] Da warfen sie die Netze aus,
und diese füllten sich in wenigen Augenblicken mit so vielen Fischen, daß die
Netze dieselben kaum fassen konnten, und es hatten die Fischer, bei zwanzig an
der Zahl, über eine Stunde zu tun, bis sie alle Fische aus den Netzen in die
Lägel überheben konnten.
[GEJ.09_136,12] Als sie mit der Arbeit fertig
waren, da fingen sie an zu jubeln und priesen Gott, der Seinen Namen in dem
Sohne Davids so sehr verherrlicht hatte, und fuhren mit dem reichen Fange ihrem
dem Orte Jesaira nahe gelegenen kleinen Dorfe zu.
[GEJ.09_136,13] Als sie mit ihrer reichen
Beute daheim anlangten und ihre Angehörigen ersahen, mit welch einer großen
Menge von Fischen sie nach Hause gekommen waren, da gab es des Verwunderns kein
Ende. Und die Angehörigen sagten: „Höret, so viele und zumeist lauter edle
Fische habt ihr selbst in der allergünstigsten Zeit noch niemals gefangen! Da
muß an euch von irgendeinem frommen, Gott überaus wohlgefälligen Menschen, wie
es deren nun mehrere geben soll, seit der große Heiland aus Nazareth umherzieht
und mit göttlicher Kraft und Stimme den Menschen die Wahrheit lehrt, ein Wunder
ausgeübt worden sein!“
[GEJ.09_136,14] Und die Fischer gaben da
ihren Angehörigen recht und erzählten ihnen, wie es zugegangen sei; und die
Angehörigen fingen darauf auch an, Gott zu loben und zu preisen, daß Er einem
Menschen solche Macht gegeben hatte.
[GEJ.09_136,15] Der Fischer aber, der zuvor
in einem Boot zu uns ans Land gekommen war, sagte: „Höret, dieser Mensch Jesus
aus Nazareth ist aber nicht wie irgendein Prophet, der nur das reden und tun
kann, was ihm von Gottes Geiste gegeben und zugelassen wird, sondern Er ist
einer, in dem die Fülle des Geistes und der Kraft und Macht Gottes wohnt
körperlich; denn Er spricht nicht den Propheten gleich: ,Der Herr hat zu mir
geredet: ,Tue deinen Mund auf und verkünde dem Volke Meinen Willen und rede
also zu denen, die Meiner vergessen haben, – und da tue dies und jenes!‘‘ Denn
unser Jesus spricht: ,Ich bin der Herr, und ihr alle seid Brüder, und es soll
sich keiner über den andern erheben!‘ Und zu den Kranken sagt Er: ,Ich will es,
– sei geheilt!‘, und der Kranke wird geheilt in einem Augenblick. Der blind
war, sieht klarer denn ein Aar, und der lahm war, springt wie ein Hirsch. Und
spricht Er zu einem Toten: ,Stehe auf und wandle!‘, so richtet sich der Tote
auf voll neuen Lebens und wandelt voll Heiterkeit und frohen Mutes.
[GEJ.09_136,16] Und seht, das und vieles mehr
noch bezeugen nun Tausende, die das mit eigenen Augen gesehen und mit eigenen
Ohren gehört haben, und ich glaube darum, daß in dem Menschen Jesus aus
Nazareth die Fülle des Geistes Gottes wohnt körperlich; aber viele Tausende und
abermals Tausende stoßen sich an Seiner sichtbaren Menschheit und heißen Ihn
einen großen Propheten aus dem Stamme Davids, der Ihn im Geiste doch selbst
seinen Herrn nannte!
[GEJ.09_136,17] So es aber in der Schrift
heißt, daß Gott den Menschen nach Seinem Ebenbilde erschaffen hat und Abraham
Gott in der Gestalt eines Mannes sah, wie auch Jakob-Israel, wie sollte sich
denn nun ein Mensch an der vollen Mannesgestalt des Herrn Jesus aus Nazareth
stoßen und nicht völlig glauben, daß in Ihm ganz derselbe Herr wohnt, der auf
Sinai Moses berief und ihm für Israel die Gesetze gab?!
[GEJ.09_136,18] Da ich aber vollends
ungezweifelt glaube, daß es sich mit Jesus aus Nazareth also verhält, so werde
ich nun ungesäumt mich aufmachen und eiligen Schrittes nach Jesaira wandeln, wo
Er Sich nun persönlich aufhält bei dem Wirte, der euch allen wegen seiner
Rechtschaffenheit nur zu wohl bekannt ist. Da will ich zum ersten Male
persönlich Ihn noch näher kennenlernen; und so ich wiederkommen werde, da werde
ich euch nichts verheimlichen.“
[GEJ.09_136,19] Sagten noch einige Fischer:
„Auch wir wollen Ihn persönlich kennenlernen, – und da wir vom Schiffe aus Ihm
mit lautem Rufen das Wort gegeben haben, noch heute abend, statt morgen in der
Frühe, auch zu Ihm zu kommen, so gehen auch wir mit dir nach Jesaira hin!
Nehmen wir aber etliche der schönsten und besten Edelfische mit, die der Wirt
für den Herrn bereiten soll!“
[GEJ.09_136,20] Dies gefiel allen, und zwölf Fischer,
ein jeder mit drei Fischen beschwert, machten sich gleich nach dem vollen
Untergange der Sonne in der ersten Dämmerung auf und kamen denn auch leicht und
bald nach Jesaira zu uns.
137. Kapitel
[GEJ.09_137,01] Als sie bei uns ankamen,
waren wir noch im Freien, wo wir uns unterdessen über verschiedene Dinge
besprochen hatten.
[GEJ.09_137,02] Der Bootsmann trat zuerst vor
Mich hin, verneigte sich tief und sagte: „O Herr und Meister, vergib es meiner
großen Blindheit, daß ich Dich, als Du mich gnädigst ans Ufer zu kommen
beriefst, als ich umkehren wollte, nicht alsogleich erkannt habe! Dann vergib
mir es auch, daß ich mit etlichen meiner Gefährten schon heute abend und nicht
erst morgen in der Frühe, wie Du mich berufen hattest, gekommen bin! Und endlich
nimm es uns armen Fischern nicht ungütig auf, daß wir uns nach dem Drange
unserer Herzen die Freiheit genommen, für Dich von Deinem großen Segen, den Du
uns in dem reichen Fischfange sichtbar erteilt hast, ein freilich nur ganz
kleines Opfer darzubringen. Siehe hier die kostbarsten Fische dieses Meeres!“
[GEJ.09_137,03] Sagte Ich: „Ich habe wohl ein
viel größeres Wohlgefallen an euren Herzen denn an den Fischen, die ihr Mir
hier zum Opfer gebracht habt; aber wo das Herz mit dem Opfer vereint ist, da
ist Mir auch das Opfer angenehm, – und so wollen wir diese Fische an diesem
Abende miteinander verzehren. Gebet sie dem Wirte, und er wird schon wissen,
wie sie zu bereiten sind!“
[GEJ.09_137,04] Hierauf berief der Wirt
sogleich einige seiner Diener und ließ die Fische in die Küche bringen, über
die sich des Wirtes Weib nicht genugsam verwundern konnte. Es sind ihr diese
sechsunddreißig Fische auch darum sehr willkommen zugekommen, weil sie in ihren
Behältern keine so großen und edlen Fische besaß. Auch die in der Küche
mitbeschäftigte Maria hatte eine große Freude an dieser ganz unerwarteten
Spende.
[GEJ.09_137,05] Wir aber hatten uns denn auch
vom Rasen aufgerichtet und begaben uns auf einen schönen und geräumigen Söller,
der sich auf einem kleinen Hügel am See befand, von dem man eine recht
herrliche Aussicht über das Meer und auch über die umliegenden Landschaften
genoß.
[GEJ.09_137,06] Es war nun freilich schon
etwas spät am Abend, aber es tat das nichts zur Sache; denn da der Mond sich
schon zu drei Vierteilen im Volllichte befand und die Spätdämmerung doch auch
noch wirkte, so war die mehr ruhevolle Aussicht noch immer recht wundersam
schön zu nennen, und alle lobten den guten Sinn des Wirtes, der auf unserem
kleinen Hügel solch einen schönen und geräumigen Söller hatte erbauen lassen.
[GEJ.09_137,07] Auf diesem Söller
betrachteten alle eine Weile die stets ruhiger werdende Natur, und der
Bootsmann machte die ganz gute Bemerkung hinzu, sagend: „Wenn der Seelenabend
beim Menschen, der einmal in die Lebensjahre geraten ist, von denen er sagt,
daß sie ihm nicht gefallen, auch diesem Naturabende gliche, so würde er auch
sicher ein Wohlgefallen an ihm haben. Aber das ist beinahe schon gar nie der
Fall; denn entweder verlebt der Mensch seine alten Tage in allerlei Kummer,
Sorgen, Schwächen, Krankheiten und in der stets zunehmenden Furcht vor dem
sicheren Tode des Leibes – für welche Furcht ihm sein schwacher Glaube und die
noch schwächere Hoffnung auf ein Fortleben der Seele in irgendeinem Jenseits,
das bis jetzt noch niemand der vollen Wahrheit nach kennt, eine höchst matte
Bürgschaft bieten –, oder ein Mensch, dem es sein Vermögen erlaubt, stürzt sich
in seinen alten Tagen erst so recht mit aller Gier auf allerlei weltliche
Vergnügungen, um sich nur die ihm über alles lästige Furcht und Angst vor dem
Tode zu verscheuchen. Und haben ihn aber dann dennoch Krankheiten, gegen die
kein heilend Kräutlein gewachsen ist, ergriffen, und hat er sein nahes Ende mit
Händen zu greifen klar vor sich, so stürmt es in seiner Seele um so gewaltiger,
und so ist der Seelenabend des alten Menschen wohl höchst selten, und in
unseren Zeiten beinahe schon gar nicht, mit diesem wahrlich wunderherrlichen
Naturabend zu vergleichen. O Du lieber Herr und Meister, sage es uns doch, ob
es bei den Menschen stets also verbleiben wird!“
[GEJ.09_137,08] Sagte Ich: „Um den Menschen
einen ruhigen Seelenabend zu verschaffen, bin Ich Selbst als der Herr über
Leben und Tod in diese Welt gekommen. Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre
allzeit lebt und handelt und dadurch das wahre Reich Gottes in sich sucht, wo
er es auch ungezweifelt sicher finden wird, dessen Seelenabend auf dieser Erde
wird auch ein noch um vieles ruhigerer und herrlicherer werden, als da vor uns
zu sehen und zu fühlen ist dieser heutige Naturabend.
[GEJ.09_137,09] Warum ist denn bei den
Menschen ihr Seelenabend so oft ein höchst stürmischer und elender geworden?
Weil sich die Menschen von Gott, dem Urquell alles Seins und Lebens und alles
Lichtes und aller Wahrheit beinahe völlig entfernt und dafür ihr ganzes Sinnen
und Trachten der Welt und ihrer im Gerichte und Tode gehaltenen Materie
zugewandt haben.
[GEJ.09_137,10] So sich die Menschen gleich
euch von der Welt völlig wieder abwenden und zu Mir im vollen Glauben und in
aller Liebe wieder zurückkehren werden, dann werden sie in Mir den ruhe- und
seligkeitsvollen Seelenabend finden; ohne dieses aber wird in der Folge der
Seelenabend bei den Menschen noch stürmischer und erschrecklicher werden, als
er bisher von jemand ist erlebt und empfunden worden. Denn von nun an werden
die Menschen nicht mehr sagen können: ,Wer hat Gott je gesehen und mit Ihm
geredet, und wer bürgt uns für die volle Wahrheit dessen, was in der Schrift
geschrieben steht?‘; denn Ich Selbst als der Herr rede nun für jedermann wohl
erkennbar und sichtbar zu den Menschen und zeige ihnen als die ewige
Grundwahrheit aller Wahrheit die Wahrheit des Lebens. Wer diese in sich
aufgenommen hat, der wird vor des Leibes Tode wahrlich keine Furcht mehr haben;
denn er wird den Tod weder sehen noch fühlen, und müßte er hundert Male dem
Leibe nach sterben.“
[GEJ.09_137,11] Sagte der recht weise
Bootsmann: „O Du lieber Herr und Meister, wir danken Dir aus unserem tiefsten
Lebensgrunde für diese Deine unsere Herzen gar überaus tröstende Belehrung! An
Dich glauben wir, auf Dich hoffen wir, und Dich wollen und werden wir auch über
alles lieben. Aber da ich nun einmal schon im Reden bin, so erlaube Du, o Herr
und Meister, es mir gnädigst, Dich noch mit einer Frage zu belästigen!“
[GEJ.09_137,12] Sagte Ich: „Freund, Ich weiß
es wohl, was es ist, darum du Mich nun noch fragen willst; aber stelle du an
Mich deine Frage dessenungeachtet, der andern wegen, nur laut, offen und frei,
auf daß auch sie es vernehmen und auch erkennen mögen, um was es sich handelt!“
138. Kapitel
[GEJ.09_138,01] Sagte darauf der Bootsmann:
„O lieber Herr und Meister, warum wird es denn nicht zugelassen, daß die Seelen
der Verstorbenen wenigstens zu ihren Verwandten – besonders dann, so diese in
der Gefahr stehen, von der Welt verschlungen zu werden – in sichtbarer Gestalt
kämen und sie vor der Welt warnten und ihnen das Jenseits zeigten, wodurch dann
doch der Glaube an das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode bei den
Menschen ein wahrer, fester und auf Selbsterfahrung begründeter verbliebe und
durch ihn dann auch leichter und sicherer an einen Gott, den denn doch nicht,
so wie wir nun, ein jeder Mensch zu jeder Zeit sehen und sprechen kann?
[GEJ.09_138,02] Was nützt es am Ende, dem
Menschen von einem künftigen Leben der Seele nach des Leibes Tode zu predigen,
so man ihm davon keine wirkliche Überzeugung verschaffen kann?
[GEJ.09_138,03] Die Priester, die selbst gar
wenig oder auch wohl zumeist gar nichts glauben, haben darum schon seit langem
zu allerlei Trugkünsten ihre Zuflucht genommen, um das gemeine, blinde Volk
darum in einem wahren Aberglauben zu erhalten, damit es nur für sie arbeite und
ihnen allerlei Opfer bringe, auf daß sie sich ohne alle irgend beschwerliche
Mühe mästen können. Erschiene dem Volke stets ein schon Hinübergegangener und
belehrte es über den wahren Sachverhalt, so würde das Priestervolk mit seinen
Betrügereien sicher keinen Aberglauben im Volke gründen und ihn erhalten
können!“
[GEJ.09_138,04] Sagte Ich: „Freund, das, was
du in deiner Meinung als bestehen sollend wünschest, das ist bei jedem Volke,
solange es nach dem allzeit treu geoffenbarten Willen Gottes lebte, immer der
Fall gewesen! Aber als die Menschen sich nach und nach von den Gelüsten der
Welt und ihres Fleisches zu sehr gefangennehmen ließen, da verfinsterte sich
auch ihre geistige Sehe, und die Menschen fingen an, die Ermahnungen aus dem
Jenseits zu verachten, zu fürchten und zu fliehen, und verloren denn auch die
Fähigkeit, im Wachzustande mit den im großen Jenseits fortlebenden und
-wirkenden Seelen zu verkehren; nur in einem hellen Traume wurden bessere
Menschen von seligeren Bewohnern des Jenseits besucht und belehrt, und das zum
Teil für ihre eigene Person und zum Teil auch für andere Menschen, die sich
irgend am Rande eines zu tiefen Verderbensabgrundes befanden und dadurch auch
zumeist gerettet wurden.
[GEJ.09_138,05] Gehe du aber hin zu einem
rechten Weltmenschen, und sage ihm, daß dir dieser und jener Geist erschienen
ist und zu dir dies und jenes gesprochen hat, – meinst du wohl, der Weltmensch
wird dir das glauben? Oh, mitnichten, – verlachen wird er dich und für einen
Narren und dummen Schwärmer erklären.
[GEJ.09_138,06] Als auf dem Sinai dem Moses
die Gesetze unter allen Zeichen Meiner vollen Gegenwart gegeben wurden, da tanzte
das Volk im Tale um ein goldenes Kalb. Warum achtete es denn Meiner nicht?
Siehe, das bewirkte der Weltsinn! Nun bin Ich sichtbar handelnd Selbst in
dieser Welt, – warum glaubt das Weltvolk denn nicht an Mich? Siehe, das bewirkt
wieder dessen Weltsinn! Und dieser böse Sinn treibt die Priester sogar also an,
daß sie Mich verfolgen, ja Mich wie einen gemeinsten Verbrecher sogar ergreifen
und töten wollen, wie sie das schon mehrere Male versucht haben!
[GEJ.09_138,07] Ist dem Zacharias nicht wie
allen, die im Tempel waren, sicht- und vernehmbar ein Engel erschienen, als
eben Zacharias im Tempel opferte und betete? Und er ward darum erwürgt von den
weltsüchtigen Pharisäern! Und so ging es gar vielen Weisen und Propheten, die
dem Weltsinne der Menschen entgegentraten mit der lichtvollsten Wahrheit.
[GEJ.09_138,08] Was du in deiner Frage als
einen lobenswerten Wunsch ausgedrückt hast, das ist auch allzeit zugelassen
worden, und die einfachen und in ihren Sitten noch reinen und unverdorbenen
Menschen der Urzeit sind in allen Dingen ja nur von den reinen Geistern belehrt
worden, da sie im beständigen Verkehre mit ihnen standen. Die Geister zeigten
den Menschen, die Metalle aus der Erde zu graben und aus ihnen mit Hilfe des
Feuers, das zu erzeugen die Geister sie auch lehrten, allerlei nützliche
Werkzeuge und Gerätschaften zu machen. Denn von wem anders hätten die an
Verständnis den Kindern völlig gleichenden ersten Menschen alles das erlernen
sollen als von jenen weisheitsvollen Wesen, denen alles klar ist aus dem Lichte
Gottes in ihnen?
[GEJ.09_138,09] Wem das nicht klar ist, der
stelle sich nur ein neugeborenes Kind vor, das von seinen Eltern nur des Leibes
Pflege, aber nicht irgendeinen geringsten Anschein von einer Erziehung bekäme,
weder von den Eltern noch von irgendeinem andern Menschen. Es wird so wohl
aufwachsen, aber im Gebrauche seiner Glieder sogar um vieles dümmer sein als
ein von Natur blödestes Tier.
[GEJ.09_138,10] Denke dir nun aber irgendein
abseitiges Land auf dieser Erde, das da bevölkert wäre mit derlei unterrichts-
und erziehungslosen Menschen! Sie werden in tausend Jahren aus sich selbst zu
beinahe gar keinem Verstande gelangen und nicht einmal irgend eine andere
Sprache haben als die Tiere der Wälder und Wüsten, wie es derlei Menschen in
dieser Zeit auf der Erde auch gibt und noch lange hin geben wird zu einem
Beweise dessen, daß ein Mensch ohne Erziehung und Belehrung aus sich nichts
erkennen und erfinden kann.
[GEJ.09_138,11] So aber die Menschen nun mit
allerlei Kenntnissen und Künsten versehen sind – die sie nun freilich
voneinander lernen –, da muß es ja doch auch, nach der Vernunft geschlossen,
wahr sein, daß sie zum wenigsten in den Anfangsgründen von höheren und in allem
verständigen Geistern unterrichtet worden sein müssen.
[GEJ.09_138,12] Ja, die ersten Menschen, die
auch ,die Kinder Gottes‘ genannt wurden, sind denn im Anfange in allem aus den
Himmeln unterrichtet worden. Aber die Menschen wurden gewahr, daß sie weise und
verständig geworden, und wurden darum eitel, einbilderisch (eingebildet) und
hochmütig und dadurch auch stets mehr weltsinnig und selbstsüchtig. Sie
benötigten des Unterrichtes aus den Himmeln nicht mehr und fingen an, sich
dessen sogar zu schämen, und wurden dem feind, der sie daran erinnerte.
[GEJ.09_138,13] Sie errichteten selbst
Schulen und bestellten sie mit allerlei Lehrern und Priestern, die nach und
nach stets mehr und mehr nur auf ihren Weltvorteil bedacht zu werden begannen
denn auf den des Volkes, das in seiner Verblendung sie für eine Art Götter zu
halten und zu verehren anfing und sie nun noch allerhäufigst also verehrt.
[GEJ.09_138,14] So das vor aller Welt Augen
nun geschieht und der Weltmensch an nichts Reingeistiges mehr glaubt, ist es
dann zu verwundern, daß die reinen Geister sich stets seltener bei den
weltsinnigen Menschen einfinden? O Freund, die Zulassung ist noch immer die
alte, – nur die Menschen sind nicht jene alten, die mit den reinen Geistern der
Himmel im steten Verkehr gestanden sind!
[GEJ.09_138,15] Werden die Menschen nach
Meiner Lehre wieder rein und geistig, so werden sie auch wieder in einen
näheren Verband und Verkehr mit den Geistern oder Seelen von dieser Erde
abgeschiedener Menschen treten; den weltsinnigen Menschen aber kann ein solcher
Verkehr ja ohnehin nichts nützen, da sie an ihn nicht glauben und ihn für die
Torheit eines Menschen erklären, der es wagt, sie an die Möglichkeit desselben
zu erinnern.
[GEJ.09_138,16] Du selbst aber hast derlei
Gesichte und Erscheinungen schon zu mehreren Malen gehabt; haben sie dir aber
etwas genützt? Du sagst es in dir: ,Sehr wenig; denn ich selbst glaubte nicht,
daß daran etwas Wirkliches und Wahres gewesen wäre, und hielt, den andern
Weltmenschen gleich, derlei für die Wirkung einer lebhaften Einbildung und für
eine Ausgeburt meiner Phantasie.‘
[GEJ.09_138,17] So du selbst aber über derlei
Vorkommnisse also urteiltest, der du doch ein reinerer Mensch bist, wie sollen
darüber dann erst ganz verkehrte und durch und durch weltsinnige Menschen
urteilen?
[GEJ.09_138,18] Es ist demnach von solchen
Menschen höchst unsinnig, zu sagen: ,Ja, so zum Beispiel mein verstorbener
Vater als ein sichtbarer Geist zurückkäme und mir sagte: ,Siehe, so und so ist
es!‘, so würde ich das glauben!‘ Nun kommt aber der Geist des Vaters entweder
am Tage oder in der Nacht in einem hellen Traume und belehrt den Sohn. Der Sohn
aber hält dann sein Gesicht für ein Produkt seiner eigenen Phantasie und glaubt
danach oft noch weniger denn zuvor. Wozu war dann die verlangte Erscheinung des
Vaters vom Jenseits herüber gut und dienlich?
[GEJ.09_138,19] So denn nun die Menschen zum
allergrößten Teil beim Abscheiden von dieser Welt einen sehr stürmischen und
mit allen Zweifeln durchmengten Seelenabend zu bestehen haben, so schuldet
niemand daran als nur sie selbst. – Wenn du, Freund, dieses verstanden hast, so
wirst du Mir auch sicher mit keiner solchen Frage mehr kommen!“
[GEJ.09_138,20] Nach dieser Meiner Rede
dankten Mir alle für diese wahre und für jedermann leichtfaßliche Aufklärung
über diesen Sachverhalt.
139. Kapitel
[GEJ.09_139,01] Wir betrachteten darauf noch
eine Weile die Gegend, und unser Bootsmann, der besonders scharfe Augen hatte,
ersah in einiger Ferne ein Schiff unserem Orte zusteuern und fragte mich,
sagend: „O Herr und Meister, wen mag dieses Schiff am späten Abend wohl nach
diesem Orte bringen?“
[GEJ.09_139,02] Sagte Ich: „Es bringt einen
Meiner Jünger. Aber redet nicht viel mit ihm, so er zu uns kommen wird; denn er
ist auch einer, dem ein Pfund gelber Erde, das man Gold nennt, lieber ist denn
der ganze Himmel mit den Schätzen des Geistes und des ewigen Lebens!“
[GEJ.09_139,03] Die Jünger verstanden Mich,
und auch unser Kisjona und Philopold; doch der Wirt und die zwölf Fischer
verstanden das nicht völlig, was Ich damit hatte andeuten wollen. Aber es
fragte Mich niemand um etwas Weiteres, da nun auch ein Diener kam und uns die
Nachricht brachte, daß das Abendmahl bereitet sei.
[GEJ.09_139,04] Wir erhoben uns denn auch
sogleich von unseren Sitzen, die im Söller angebracht waren, und begaben uns
ins Haus, allwo in einem sehr geräumigen Saale die Speisetische mit Brot, Wein
und mit den bestbereiteten Fischen unser harrten. Wir setzten uns denn auch
alsbald zu den Tischen und nahmen das Mahl zu uns.
[GEJ.09_139,05] Als wir uns gestärkt hatten
mit Speise und Trank und uns über allerlei nützliche Dinge gegenseitig
besprachen, daran auch Maria sehr lebhaft teilnahm, da kam denn auch unser
Judas Ischariot zu uns in den Saal und fing an, sich vor Mir zu entschuldigen,
daß er nicht eher hätte nachkommen können.
[GEJ.09_139,06] Sagte Ich: „Was kümmern Mich
denn deine Weltgeschäfte! Weißt du denn noch immer nicht, warum Ich in diese
Welt gekommen bin? Wer mit der Welt hält und sie liebt, der findet früher oder
auch oft um etwas später, doch allzeit sicher den Lohn, den die Welt für ihre
Freunde stets in Bereitschaft hat, und dieser Lohn heißt – Tod!
[GEJ.09_139,07] Mein Reich aber ist nicht von
dieser Welt, und wer mit Mir es hält, dem wird nicht der Tod, sondern das ewige
Leben in Meinem Reiche zum Lohne werden. Haben nicht die andern Meiner Jünger
bis auf etliche wenige auch Weib und Kinder daheim, – und sie blieben dennoch
bei Mir des Reiches Gottes wegen! Warum bist denn du zu deiner Familie
gegangen, als wäre deine Sorge um sie mehr denn die Meine? Schreibe dir das in
dein Weltherz!“
[GEJ.09_139,08] Diese Meine Worte mundeten
dem weltsinnigen Jünger zwar nicht am besten, aber er ermahnte sich dennoch und
dankte Mir für die Zurechtweisung; und Ich bedeutete dem Wirte, daß er ihm an
einem andern Tische etwas zu essen und zu trinken geben solle. Und der Wirt tat
das alsbald, und der Jünger setzte sich und nahm Brot und Wein zu sich; Fische
aber bekam er keine mehr, weil keine mehr vorrätig waren und der Jünger sich in
Kis mit den Fischen vollgegessen hatte.
[GEJ.09_139,09] Wir saßen darauf ganz
wohlgemut an unserem Tische, und Ich Selbst unterwies die zwölf Fischer in
Meiner Lehre vom Reiche Gottes im Menschen und machte ihnen das alles aus der
Schrift klar und wohlbegreiflich.
[GEJ.09_139,10] Als Ich Mich so bei zwei
Stunden lang mit den zwölf Fischern beschäftigt hatte und Meine Belehrungen für
diesen Tag und Abend schloß, da kam nahe außer Atem ein Diener des Hauses zu
uns in den Saal und sagte: „Liebe Herren, ich hatte im Söller zu tun und sah
nach der Gegend des Aufganges hin. Da entdeckte ich einen übergroßen Stern, der
sich ganz nahe dem Horizont befindet. Sein Licht ist rot wie Blut, dabei aber
so stark, daß man es nicht viele Augenblicke lang betrachten kann. Ich habe
noch nie einen solchen Stern gesehen. Was wird dieser Stern wohl zu bedeuten
haben? Der Herr Heiland aus Nazareth, dessen Weisheit die des Salomo
übertreffen soll, wird die Bedeutung des Sternes sicher am besten zu erkennen
vermögen.“
[GEJ.09_139,11] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, du bist noch nicht lange Diener in diesem Hause, da du den Herrn
Heiland aus Nazareth noch nicht tiefer erkannt hast; aber weil du vorher
längere Zeit Diener bei einem Pharisäer zu Kapernaum warst, so ist es auch
begreiflich, daß du deinen Herrn Heiland aus Nazareth noch nicht tiefer
kennest. Wo ist denn hernach dein Stern, der dich in eine so große Angst
versetzt hat?“
[GEJ.09_139,12] Sagte der Diener, nun etwas
verlegen: „Ja, da müßten sich die Herren schon ein wenig hinaus ins Freie
bemühen; denn von diesem Saale aus kann man ihn nicht sehen, da seine Fenster
sich dem Aufgange gerade entgegengesetzt befinden.“
[GEJ.09_139,13] Sagte Ich: „So gehen wir denn
noch ein wenig ins Freie und wollen da sehen, welch ein Stern dich gar so sehr
in Angst versetzt hat!“
[GEJ.09_139,14] Darauf gingen wir ins Freie
und ersahen auch sogleich den roten und großen Stern im Osten, der aber nun,
weil er schon höher über dem Horizont sich befand, seine rote Farbe um ein
bedeutendes geändert hatte, obwohl sein Licht recht ausnehmend stark war.
[GEJ.09_139,15] Ich fragte nun alle
Anwesenden, die den Stern auch mit etwas scheuen Augen betrachteten: „Nun, was
haltet denn ihr von diesem Stern? Kennet ihr ihn, oder kennet ihr ihn nicht?
Dir, du Mein Jünger Andreas, sollte dieser Stern doch wahrlich nicht fremd
sein, da du doch ein Sternkundiger bist.“
[GEJ.09_139,16] Sagte Andreas: „Wahrlich,
Herr und Meister, das Sternbild, in dem er steht, kenne ich wohl – es ist der
Löwe, wie dieses Sternbild schon von alters her also benannt wird –, aber den
Stern kenne ich nicht. Die Farbe wohl wäre ähnlich mit der des Planeten Mars,
wie er von den Heiden benannt wird; aber die Größe stimmt mit dem benannten
Planeten nicht überein.
[GEJ.09_139,17] Sagte Ich: „Und dennoch ist
es eben jener Planet, den du soeben benannt hast. Daß er in diesem Jahre bei
weitem größer erscheint als sonst gewöhnlich, rührt daher, weil er sich nun in
der möglich größten Nähe der Erde befindet. Es ist euch aber die veränderbare
Stellung der sämtlichen Planeten zur Sonne und auch unter sich viele Male bei
tauglichen Gelegenheiten genau gezeigt und erklärt worden, und es ward euch
gezeigt, wie sich die Planeten, je nachdem sie sich in einer oder der andern
Stellung befinden, vermöge ihres Umschwungs um die Sonne gegenseitig um ein
bedeutendes nähern und ebenso sich auch voneinander entfernen können, und noch
begreift ihr derlei ganz natürliche Erscheinungen nicht und werdet dabei selbst
ängstlichen Gemütes, das so in seiner Ängstlichkeit gar leicht für allerlei
Aberglauben der Heiden aufnahmefähig wird.
[GEJ.09_139,18] Seht, dieser Planet befindet
sich aus den euch bekanntgegebenen Gründen eben nun, wie schon bemerkt wurde,
in der größten Erd- und auch Sonnennähe und sieht aus eben dem Grunde um ein
bedeutendes größer aus als in seiner Erdferne, wie denn ein jeder Gegenstand
sich in einer größeren Nähe auch sicher größer darstellt und zeigt denn in
einer größeren Ferne. – Verstehet ihr nun das?“
[GEJ.09_139,19] Sagte nun Andreas: „Herr und
Meister, nun ist mir und sicher auch allen andern diese Sache schon wieder ganz
klar, und wir werden uns künftighin bei ähnlichen Vorkommnissen nicht mehr
ängstlichen Gemütes die Köpfe zerbrechen.
[GEJ.09_139,20] Aber weil uns schon gerade dieses
Gestirn ins Freie herausgelockt hat, so möchte ich denn doch auch aus Deinem
Munde nur ganz kurz angedeutet vernehmen, wie denn bei diesem Sterne die
meisten uns bekannten Völker auf den Glauben gekommen sind, daß er, besonders
so er sich, wie nun, wegen seiner Nähe dem Menschenauge größer zeigt, den Krieg
unter den Völkern erwecke, darum er auch mit dem Namen des heidnischen
Kriegsgottes belegt ist und viele Heiden ihn auch für den Kriegsgott selbst
halten und ihn darum auch fürchten.“
[GEJ.09_139,21] Sagte Ich: „Weißt du denn
noch nicht, wie alle die über alle Maßen verschmitzten Priester jedes Volkes,
das sie in seiner Blindheit, die auch ein Werk solcher Priester ist, für Diener
und Freunde der Götter ansieht, alle außergewöhnlichen Erscheinungen –
besonders am Himmel – dazu zu benutzen verstehen, um die Menschen in eine große
Furcht und Angst zu versetzen, teils durch ihre Reden und teils durch andere
Trugkünste, um sie dadurch zu großen Opfern und anderen Bußwerken zu zwingen?
Siehe, auch das ist ein Werk der Priester, aus denen mit der Zeit zumeist auch
die Könige der Erde hervorgegangen sind!
[GEJ.09_139,22] Dies Gestirn hat vermöge
seiner starken Atmosphäre als Erdkörper eine etwas rötlichere Färbung als sonst
ein Planet mit einer minder starken Atmosphäre, und seine bald größere, bald
mindere Lichtstärke bei stets rötlichem Lichte brachte die Priester nur zu bald
auf die Idee, ihn vor dem Volke als den Kriegsstern zu bestimmen. Wenn er
größer zu sehen war, so wurde dem Volke von kommenden Kriegen gepredigt, und
dieses fing an zu opfern.
[GEJ.09_139,23] Gab es aber unter dem Volke
auch hie und da einen Menschen, der dem Volke sagte, daß die Priester es bei
dieser Gelegenheit nur ausbeuten wollen und der Stern für sich ein ganz
harmloser Planet sei, und das Volk glaubte dem weisen Manne und brachte den
Priestern wenig oder gar keine Opfer, so verstanden sich die Priester ganz gut
darauf, unter den Völkern Feindschaften zu stiften und sie zum Kriege zu
entflammen. Es wurden dann diese auch mit der größten Erbitterung und
Grausamkeit geführt. Da lief das Volk dann in Massen zu den Priestern in ihre
Tempel und opferte den Göttern, um sie zu besänftigen. Hatten die Priester bei
solchen argen Gelegenheiten einen großen Gewinn gemacht, dann suchten sie die
Regenten wieder zu besänftigen, und der Krieg hatte dann bald wieder sein Ende
erreicht.
[GEJ.09_139,24] Wenn du das nun verstanden
hast, so wirst du nun wohl auch einsehen, wie unser Planet zu der Ehre des
Gottes der Kriege gelangt ist. – Lassen wir nun dieses Gestirn und begeben uns
wieder ins Haus und darin zur Ruhe!“
140. Kapitel
[GEJ.09_140,01] Als wir uns wieder in unserem
Saale befanden, da fragte Mich der Wirt, wo er für Mich ein gutes Ruhebett
richten solle.
[GEJ.09_140,02] Ich aber sagte: „Sieh,
Freund, wer da ein Bett haben will, dem gib auch eins; Ich aber werde auf
Meinem Stuhle die Nacht hindurch ruhen. Deine Stühle taugen Mir zur Ruhe besser
denn ein Bett.“
[GEJ.09_140,03] Da Ich aber gleich auf Meinem
Stuhle die Nachtruhe nahm, da wollten auch Meine Jünger keine Betten, sondern
blieben, wie sonst zumeist, neben Mir auf den Stühlen sitzen. Nur Maria und
Joel nahmen in einem Nebenzimmer zwei Betten.
[GEJ.09_140,04] Die zwölf Fischer aber gingen
wieder in ihr nahes Dörfchen heim mit der Vornahme, am Morgen für Mich und
Meine Jünger wieder – aber eine größere Menge – Fische herbeizuschaffen; denn
sie wurden von Meinen Reden und Belehrungen über alle die Maßen erbaut und
konnten sich vor lauter Dankgefühl beinahe gar nicht helfen. Den ganzen Weg bis
in ihr Dörfchen jubelten sie laut über Mich und konnten daheim ihren Gefährten
nicht genug erzählen, welche tiefen und reinst göttlichen Wahrheiten sie aus
Meinem Munde vernommen hätten. Ihre Gefährten und Angehörigen aber fragten sie,
ob Ich etwa auch noch welche Zeichen und Wunder gewirkt hätte.
[GEJ.09_140,05] Der Bootsmann aber sagte:
„Was Zeichen, was Wunder! Des Herrn Wort und Lehre, als die ewige, lichtvollste
und lebendigste Wahrheit aus Seinen ewigen Himmeln, ist schon an und für sich
das größte Zeichen und Wunder; denn so wie Er spricht und lehrt, hat noch nie
ein Mensch vor Ihm geredet und gesprochen und gelehrt. Ich werde von Ihm morgen
noch gar vieles, was mir bis jetzt noch völlig unbekannt ist, kennenlernen;
denn wer an Seiner Seite nicht weise und voll des ewigen Seelenlebens wird, der
bleibt toter denn ein Mauerstein in Ewigkeit.
[GEJ.09_140,06] Ich aber werde es mir nun zu
einer Hauptaufgabe meines Lebens machen, Seine Ehre, Seine Göttlichkeit und
Seinen wahrhaft heiligsten Namen vor aller Welt laut zu bekennen; denn mich hat
nun alle Furcht vor der Dummheit und Bosheit aller Weltmenschen gänzlich
verlassen. Wer wird vor mir bestehen mit der Lüge, so ich ihm die Wahrheit wie
einen brennenden Dornstrauch ins Gesicht schleudere also, wie einst der Hirte
David dem Riesen Goliath den Stein in seine stolze Stirne schleuderte und ihn
zu Boden warf?
[GEJ.09_140,07] Wehe dem heuchlerischen
Pharisäer, der sich vornehmen sollte, mich eines andern zu belehren; ich werde
es ihm sagen und zeigen, auf der wievielten Stufe zur Hölle hinab er steht, und
welch ein Lohn dort seiner harrt!“
[GEJ.09_140,08] Alle seine Gefährten staunten
über den Mut des Bootsmannes, sagten aber doch, daß es klüger sein dürfte, im
Anfange nicht gleich so viel zu lauten Aufhebens zu machen, um die argen
Pharisäer dem Heilande und Seinen Jüngern nicht noch feindlicher zu machen, als
sie es ohnehin schon seien.
[GEJ.09_140,09] Aber der Bootsmann sagte:
„Wenn man gegen diese größten Menschen- und Wahrheitsfeinde noch fortan alle Rücksichten
aus lauter Furcht vor ihrer Bosheit beachten wird, dann wird es nie licht unter
den Menschen auf dieser Erde werden! Darum werde ihnen die Wahrheit mit wahrem
Mute offen ins Gesicht geschleudert, und man zeige diesen verschmitzten
Feiglingen nur ordentlich, einem Löwen gleich, Zähne und Krallen, und sie
werden sich bald in ihre finsteren Löcher zu verkriechen anfangen!“
[GEJ.09_140,10] Und so in diesem Sinne hatte
unser Bootsmann noch eine Weile fort geredet, bis ihn der Schlaf übermannte und
er sich dann auch eine kurze Ruhe gönnte. Er war aber am Morgen dennoch als der
erste ganz gestärkt auf den Beinen, und sein erster Gedanke war Ich, dem er aus
seinem Herzen sein Lob darbrachte und Ihn pries.
[GEJ.09_140,11] Da er aber sah, daß seine
Gefährten noch schliefen, da weckte er sie und sagte zu ihnen (der Bootsmann):
„Freunde, beeilen wir uns, damit wir noch vor dem Aufgange mit unseren Fischen
eintreffen; denn an diesem Tage gilt es die Gewinnung des ewigen Lebens für
unsere Seelen und auch für die Seelen noch vieler anderer Menschen!“
[GEJ.09_140,12] Alle erhoben sich denn
schnell von ihren Ruhestätten, gingen zu den Fischbehältern, hoben bei hundert
der schönsten und besten Fische heraus und trugen sie nach Jesaira.
[GEJ.09_140,13] Diesmal gingen auch die
gestern abend zu Hause gebliebenen acht Fischer mit und halfen die Fische nach
Jesaira schaffen in Lägeln, die sie auf einen Karren legten, den sie selbst
zogen und schoben.
[GEJ.09_140,14] Als sie leicht und bald in
Jesaira ankamen, da schliefen noch die meisten Jünger, nur Ich, Petrus,
Andreas, Jakobus, Johannes, Kisjona, Philopold und der Wirt nebst mehreren
seiner Dienstleute waren schon auf den Beinen und besahen im Freien die
munteren Szenen des frühen Morgens.
[GEJ.09_140,15] Als die Fischer Mich ersahen,
fingen sie alsogleich an zu jubeln und dankten Mir schon von einiger Ferne, daß
Ich sie gewürdigt habe, daß sie Mich sehen und sprechen können auch an diesem
Tage.
[GEJ.09_140,16] Als sie mit ihrem Karren
vollends zu uns kamen, baten sie Mich abermals, daß Ich ihr kleines Opfer
gnädig und wohlgefällig annehmen möchte.
[GEJ.09_140,17] Und Ich sagte zu ihnen: „Mein
schon gestern bei der gleichen Gelegenheit zu euch gesprochenes Wort gilt auch
für heute und fortan in alle Ewigkeit. Übergebet die Fische dem Wirte; er wird
schon wissen, wie er sie verwenden wird.“
[GEJ.09_140,18] Da übergaben sie dem Wirte
die Fische, und der Bootsmann bedeutete dem Wirte, daß er mit den Fischen nicht
kargen solle; denn ihre Behälter seien noch so überfüllt mit den besten Arten,
daß sie hundert Tage lang auf keinen neuen Fang auszugehen nötig haben würden.
[GEJ.09_140,19] Da übernahmen die Diener des
Wirtes die Fische und schafften sie in die große Gastküche, in der sich ein
ziemlich großer, aus Zedernholz gezimmerter Fischbehälter befand, den Mein
Nährvater Joseph gemacht hatte, schon eher, als Ich geboren ward, welchen
Behälter der Wirt darum in großen Ehren hielt, weil ihn sein Vater in dem Jahre
anfertigen ließ, als er bald darauf verstarb.
[GEJ.09_140,20] Des Wirtes Vater aber war ein
frommer und überaus biederer Mann und war darum denn auch ein intimer Freund
Josephs, und dieser hatte oft eine gute Arbeit bei dem Vater unseres Wirtes und
blieb auch des Sohnes Freund, solange er lebte. Darum war Meine Familie dem Wirte
auch gleichfort eine sehr liebwerte.
[GEJ.09_140,21] Nur Ich Selbst war zuvor
diesem Hause weniger bekannt und hatte wenig Ansehen, weil Ich stets sehr
wortkarg war und nichts aus Mir machte.-
[GEJ.09_140,22] Dies wenige zur näheren
Bekanntschaft mit diesem Hause zu Jesaira, von dem aber, nota bene wie von
vielen andern Orten am Galiläischen Meere, schon seit über tausend Jahren keine
Spur mehr zu finden ist; denn die vielen Kriege und Völkerzüge, mit denen diese
Länder oft heimgesucht wurden, haben alles zerstört und verwüstet. – Und nun
wieder zu uns zurück!
141. Kapitel
[GEJ.09_141,01] Als die Fische untergebracht
waren, begab Ich Mich mit den früher benannten Freunden und mit den zwanzig Fischern
wieder in unseren schon bekannten Söller, in dem wir den Aufgang der Sonne
erwarteten. Der Morgen war vollkommen rein und heiter, weil ein aus dem Süden
wehender Wind die Dünste vom Meere und auch von den dasselbe umlagernden Bergen
hinwegfegte, und es war darum nach allen Seiten hin eine herrliche Aussicht,
welche besonders unsere Fischer nicht genug rühmen konnten.
[GEJ.09_141,02] Als unser Bootsmann ganz
entzückt ward über den herrlichen Anblick der Gegend, sagte er: „O Herr und
Meister, wie herrlich und wunderbar sind doch alle Deine Werke! Wer ihrer
achtet im reinen Sinne, der hat sicher eine große Lust und Freude an ihnen, und
das um so mehr erst dann, so er in sich fühlt, daß sie für seine Seele, die
ewig zu leben hat, auch nimmerdar verlorengehen werden. Was sagst denn Du, o
lieber Herr und Meister, zu dieser meiner vielleicht noch sehr unreifen
Ansicht?“
[GEJ.09_141,03] Sagte Ich: „Deine Ansicht ist
ganz gut und auch wahr; denn eine vollkommene, in Meinem Geiste der Liebe und
Wahrheit wiedergeborene Seele wird durch den Abfall ihres Leibes nicht nur
nichts verlieren – als ihre Last und Bürde, die sie an diese materielle Welt
fesselt –, sondern nur unaussprechbar vieles noch hinzugewinnen. Denn wahrlich
sage Ich dir: Kein Fleischesauge hat es je geschaut, kein Ohr gehört, und
keines Menschen Sinn je empfunden, was die im großen Jenseits alles für
Seligkeiten zu erwarten haben, die Mich lieben und nach Meiner Lehre leben und
handeln! Ein mehreres brauche Ich dir nicht zu sagen.“
[GEJ.09_141,04] Sagte abermals der Bootsmann:
„O Du lieber Herr und Meister! Wo wohl befindet sich das große, so
überherrliche Jenseits, in das nach des Leibes Tode eine vollkommene Seele
aufgenommen wird? Ist es über all den Sternen, oder mitten unter den Sternen,
oder in den freien Lufträumen, in denen die lichten Wolken schweben?“
[GEJ.09_141,05] Sagte Ich: „Mein Freund, du
fragst da noch sehr in einer diesseitig menschlichen Weise, was bei dir aber
auch noch nicht anders sein kann! Siehe, das große allerseligste Jenseits ist
vor allem, als das wahre Gottesreich, inwendig im Menschen, und zwar im
Innersten seiner Seele. Von da aus aber ist es dann auch überall über den
Sternen den ganzen endlosesten Raum nach allen Richtungen hin, also auch in und
unter den Sternen, im freien Luftraume, auf und in dieser Erde, und also auch
überall, wo du dir es nur immer denken magst. Denn alles, was du schaust und
fühlst auf dieser Welt, das ist entsprechend auch in der Geisterwelt vorhanden,
ohnedem nichts Materielles bestehen könnte und würde.
[GEJ.09_141,06] Denn siehe, diese Erde, der
Mond, die Sonne und alle die zahllos vielen Sterne, die auch lauter große
Weltkörper sind, auf denen, so wie auf dieser Erde, allerlei Wesen und
Geschöpfe leben, sind im Grunde ja auch nur pur Geistiges, weil sie nur der
durch den Willen Gottes festgehaltene Ausdruck Seiner Gedanken, Ideen und
Anschauungen in Ihm Selbst sind. Würde Gott eine solche Seine Idee aus dem
Bereiche Seines Willens stoßen und sie nicht mehr in Seiner Anschauung halten
wollen, so wäre sie auch nicht mehr da, was Gott wohl könnte, so Er das in
Seiner ewigen Ordnung wollte; aber Gott will, daß alles, wie Er Selbst, ewig
fortbestehe, wennschon unter so manchen Veränderungen, die aber von Gott
verordnet sind, daß alles aus dem ersten, durch den Willen Gottes hart
gehaltenen Zustande, in dem sich alle Materie befindet, in einen freien und wie
für sich bestehenden übergehe, der eben der geistige und gottähnliche ist.
[GEJ.09_141,07] Wenn du im Geiste Gottes in
deiner Seele vollendet sein wirst, dann wirst du auch alles das in einem
verjüngten Maße in dir selbst zur Beschauung und zum Gebrauche haben, was Gott
von Ewigkeit her im endlosest größten Maße in Sich hat. Und so wirst du auch
diese Erde, wie sie nun ist, wie sie in allen den früheren Bestandsperioden war
und in den künftigen bis an ihr materielles Ende sein wird und darüber ewig
hinaus in ihrem unveränderbaren geistigen und reinsten Zustande fortbestehen
wird, und ebenso auch den Mond, die Sonne und alle die endlos vielen andern Weltkörper
unbeschreibbar klarer schauen und sie auch vom kleinsten bis zum größten
verstehen denn nun mit deinen trüben und unvollkommenen Sinnen, die dem
Menschen eben darum leiblich trüb und unvollkommen gegeben sind, damit sie ihn
zur inneren Denk- und Suchtätigkeit in einem fort nötigen, weil der Seele, die
dem Urlichte Gottes verwandt ist, nichts lästiger und unerträglicher ist als
die Trübheit und Unbestimmtheit in allem, was sie eben nur durch des Leibes
trübe und unvollkommene Sinne wahrnimmt und kaum der Außenrinde nach erkennt.
[GEJ.09_141,08] Die Seele sehnt sich also in
einem fort nach der vollen Wahrheit und denkt und fragt und sucht denn auch
ebenso ununterbrochen; und in dieser Seelentätigkeit besteht denn auch das
fortwährend wachsende Zunehmen der Erweckung und Stärkung des inneren geistigen
Sinnes, sowohl in bezug des Schauens, Hörens und Wahrnehmens, als des Fühlens
und Empfindens.
[GEJ.09_141,09] Würde aber eine Seele
sogleich mit dem vollgeweckten inneren Sinne in diese Welt treten, so würde sie
denn auch sogleich in eine vollste Trägheit und Untätigkeit versinken, was dann
ebensoviel wäre, als hätte sie kein Leben.
[GEJ.09_141,10] Die Seligkeit des Lebens aber
besteht hauptsächlich ja nur in der Tätigkeit, und so ist es der Seele nützlicher,
daß sie sich in aller Tätigkeit übe, als daß sie sich gleichfort in aller
Klarheit des inneren Wahrnehmens nach allen Richtungen des Lebens hin befände.
[GEJ.09_141,11] Wenn du dieses alles wohl
überdenkst, so wirst du dadurch schon zu einer großen Klarheit in dir gelangen
und wirst vieles begreifen, was dir bis jetzt unbegreiflich war.“
142. Kapitel
[GEJ.09_142,01] Sagte darauf ein anderer aus
der Zahl der Fischer: „O Herr und Meister, Du sagtest, daß es da keiner Seele
etwas nütze, so sie gleich bei ihrem Eintritt in diese Welt sich in aller
inneren Klarheit befände, weil sie für uns nun wohlbegreiflichermaßen in alle
Trägheit und vollste Untätigkeit verfiele; denn so jemand etwas Kostbares
verloren hat, da wird er es sicher so lange suchen, bis er es möglicherweise
wiederfindet, – und so sucht die Seele denn das durch ihre trüben Außensinne
verlorene innere Klarlicht. So sie aber diesen höchsten Lebensschatz wird
gefunden haben, wie wird es dann mit ihrer ferneren Tätigkeit aussehen? Denn so
ein Mensch das, was er verloren hatte, glücklicherweise wiedergefunden hat, so
hat dann sein Suchen und somit seine Tätigkeit doch sicher ein Ende! Und so
dürfte dann eine Seele, so sie durch ihre Suchtätigkeit das im Vollmaße
gefunden hat, was sie gesucht hatte, dann ja wieder in alle Trägheit und
Untätigkeit versinken; wenn aber das, da wäre sie als ein völlig untätiges
Wesen ja von neuem wieder wie tot, und das könnte ihr wahrlich zu keiner
besonderen Seligkeit dienlich sein. In diesem Stücke, o Herr und Meister, bin
ich noch etwas im unklaren.“
[GEJ.09_142,02] Sagte Ich: „Freund, weil eben
im klarsten Schauen und Erkennen die wahre Lebensseligkeit nicht besteht,
sondern nur in der stets zu steigernden Liebtätigkeit, darum muß denn auch eine
jede Seele sich diese zuvor zum einzigen Lebenselemente machen, ohnedem sie
niemals zur inneren Lebensklarheit gelangen kann; denn die Liebtätigkeit ist
ein inneres Lebensfeuer, das durch seine stets zunehmende Regewerdung zu einer
hell leuchtenden Flamme werden muß.
[GEJ.09_142,03] Ist aber dieses Lebenselement
in der Seele vollwach geworden, so daß die Seele also selbst ganz zu diesem
Lebenselement wird – was soviel sagen will als: der ganze Mensch ist im Geiste
neu- und also wiedergeboren –, dann bleibt die Seele trotz ihrer inneren
Klarheit, die eine Folge der bis auf die möglich höchste Stufe gesteigerten
Liebtätigkeit ist, auch stets im möglich höchsten Grade tätig, und ihre
Seligkeit und ihre Klarheit steigert sich nach den Graden ihrer Liebtätigkeit
und nicht nach den Graden ihrer Klarheit, zu der sie ohne die Liebtätigkeit
ohnehin nie und niemals gelangen kann; denn es ist das schon von Ewigkeit her
von Gott also verordnet, daß kein Geist und keine Menschenseele ohne eine
entsprechende Tätigkeit je zum Lichte gelangen kann.
[GEJ.09_142,04] Wie erzeugen die Menschen
aber auf dieser Materiewelt das Licht? Siehe, sie reiben entweder Holz mit Holz
oder Stein mit Stein so lange, bis es Feuerfunken von sich zu geben anfängt!
Die Feuerfunken fallen auf leicht entzündbare Gegenstände, die zu bleibender
Glut werden. Ist die Glut einmal in einem hinreichenden Maße vorhanden, und
kommen mit ihr brennbare Gegenstände – wie Holz, Stroh oder das gewisse schnell
entzündbare Harz, mit Schwefel und Naphtha gemengt – in Berührung, so wird alsbald
eine helle Flamme emporlodern, und es wird licht werden in ihr selbst und um
sie nach allen Richtungen.
[GEJ.09_142,05] Wäre ohne eine vorangehende
Tätigkeit wohl je eine Glut und aus dieser eine leuchtende Flamme, die durch
ihre sichtbar regste Bewegung selbst den höchsten Grad der Tätigkeit an den Tag
legt, entstanden?
[GEJ.09_142,06] Siehe, also zeigt es sich
schon in der toten Materiewelt, daß zum Feuer- und Lichtmachen eine gewisse
Tätigkeit vorangehen muß! Und so muß denn zum Lichte des Lebens der Seele um so
mehr eine gewisse Tätigkeit vorangehen; durch diese wird die Liebe erweckt, die
da ist das Lebenselement, und aus ihrer gesteigerten Tätigkeit entsteht dann
erst das Licht in der Seele, das ist die Weisheit, die sich und alle Dinge aus
sich erkennt, beurteilt und ordnet.
[GEJ.09_142,07] Siehe, Freund, also stehen
die Dinge des Lebens der Seele und ihrer inneren Erkennungsklarheit, und du
hast demnach nicht zu befürchten, daß je eine selige Seele ihrer gottähnlichen
Weisheit zufolge jemals träge und untätig werde, weil eben die Weisheit einer
Seele hier und noch mehr jenseits stets die Folge ihrer Tätigkeit ist; würde
oder könnte diese je aufhören, so würde bei der Seele auch die Weisheit und die
innere Lebensklarheit aufhören. – Hast du dieses nun verstanden?“
143. Kapitel
[GEJ.09_143,01] Sagte der Fischer: „Ja, Herr
und Meister, nun bin ich darin schon ganz im klaren; aber nun möchte ich denn
auch noch hierzu wissen, worin die Tätigkeit einer vollkommenen Seele im großen
Jenseits denn wohl hauptsächlich besteht. Auf dieser harten Erde gibt es für
die Menschen freilich wohl vieltausenderlei zu tun, so er leben will, – was ist
dann aber im großen geistigen Jenseits zu tun? Wird auch dort gepflügt, gesät
und geerntet des Lebensunterhaltes wegen?“
[GEJ.09_143,02] Sagte Ich: „Jawohl, Freund,
pflügen, säen und ernten, – aber freilich auf eine andere Art und in einem
andern Sinne, als das auf dieser materiellen Welt geschieht.
[GEJ.09_143,03] Siehe, ohne die große
Tätigkeit der Geister, und ganz besonders der vollkommenen, würde auf keiner
Erde etwas entstehen! Es würde nicht nur nichts wachsen und kein lebendes Wesen
auf dem Boden umherwandeln, sondern es würde auch keine Sonne und keine Erde je
entstanden sein und sicher noch weniger fortbestehen.
[GEJ.09_143,04] Die Menschen pflügen wohl die
Erde und streuen den Samen in ihre Furchen; aber den Geistern liegt es ob, das
Keimen, das Wachsen und das Reifwerden der Frucht zu bewerkstelligen. Und du
wirst aus dem nun wohl erkennen, daß es besonders den vollkommenen Geistern
auch für die euch sichtbare Welt, hier auf dieser Erde sowohl als auch auf all
den andern Weltkörpern, viel zu schaffen und zu machen gibt, noch mehr aber für
die rechte Seelenbildung und Vervollkommnung der Menschen schon diesseits, und
um gar vieles mehr erst dann jenseits. Denn es kommen ja ums unvergleichbare
stets mehr oft höchst unvollkommene Seelen ins große Jenseits denn der
vollkommenen, besonders von dieser Erde. Die unvollkommenen und argen Seelen
aber würden diese ganze Erde mit Hilfe der ungegorenen Naturgeister bald derart
verderben, daß auf ihr kein Gras, kein Strauch, kein Baum mehr wachsen und kein
Tier und kein Mensch mehr bestehen könnte.
[GEJ.09_143,05] Nur durch die Liebe, Weisheit
und Macht der vollkommenen Geister werden die argen und unvollkommenen Seelen
im Jenseits daran gehindert, nach und nach fortgebildet und möglicherweise auch
von Stufe zu Stufe dem Reiche Gottes nähergebracht.
[GEJ.09_143,06] Wie die vollkommenen Geister aber
das alles bewirken, das läßt sich mit Worten nicht darstellen; wenn ihr aber im
Geiste selbst neu- und wiedergeboren sein werdet, dann wird es euch schon klar
und wohlverständlich werden, wie die Geister arbeiten und wirken. – Hast du
auch das verstanden?“
[GEJ.09_143,07] Sagte abermals derselbe
Fischer: „Ja, Du lieber Herr und Meister, und ich danke Dir für Deine übergroße
Geduld mit uns schwachen und noch sehr blöden Menschen! Oh, es wird sicher noch
lange hergehen, bis wir, mitten unter lauter Wundern lebend, die Wunder
verstehen werden! Wir sehen und genießen das Wasser und wissen nicht im
geringsten, was es ist. Ebenso sehen wir auch das Feuer und sein Licht und
empfinden dessen Glut und Wärme, wissen aber auch nicht im geringsten, was es
ist, und was sein eigentlicher Entstehungsgrund ist. Aber es sei ihm nun, wie
da wolle, wir sind nun schon darum über die Maßen froh und heiter, daß wir
durch Deine übergroße Gnade und Liebe nun den untrüglichen Weg zur vollen und
lebendigen Wahrheit überkommen haben. O Du lieber Herr und Meister, sei uns
aber auch mit Deiner Gnade behilflich, daß wir diesen Weg bis ans lichtvolle
Ziel zu wandeln niemals müde, schwach und träge werden!“
[GEJ.09_143,08] Sagte Ich: „Wer da glaubt und
den rechten Willen hat, der wird auch das erreichen, nach dem er ernstlich
strebt; und so werdet auch ihr das Ziel bald und leicht erreichen, da ihr nun
an Meiner Seite schon mehr als den halben Weg eifrigst durchgemacht
(zurückgelegt) habt!“
[GEJ.09_143,09] Als Ich die Fischer mit den
Belehrungen vollends zufriedengestellt hatte, da dankten sie Mir abermals,
traten zurück und besprachen sich unter sich über das Vernommene und prägten es
ihrem Gedächtnisse fest ein.
144. Kapitel
[GEJ.09_144,01] Ich aber besprach Mich mit
unserem Wirte, mit Philopold und mit Kisjona über so manches, und auch über die
Zukunft des ganzen Judenlandes.
[GEJ.09_144,02] Die Jünger aber, als sie Mich
über die sehr düster aussehende Zukunft des Landes reden hörten, sagten unter
sich: „So manchmal kennt man sich bei Ihm denn wahrlich doch nicht aus! Wir
wollen von Seinen Gleichnissen, denen stets ein tiefer Geistsinn zugrunde liegt
und Er sie auch allzeit erklärte, so wir sie nicht verstanden hatten, nichts
sagen; aber so Er bei Seiner Lehre, die doch schon im Verlaufe von nur zehn
Jahren ein Gemeingut der Menschen werden muß, und die die Menschen zu Lämmern
umgestalten kann und wird, immer von einer noch elenderen Zukunft spricht, als
wie elend da nun ist die Gegenwart, da weiß man denn doch oft im Ernste nicht,
was man sich dabei denken soll.
[GEJ.09_144,03] Zudem sagte Er auch schon zu
öfteren Malen, wie ohne den Willen Gottes niemandem auch nur ein Haar gekrümmt
werden und kein Sperling vom Dache fallen könne. Wenn denn ohne Seinen Willen
nichts geschehen kann, so kann es ja auch keine böse Zukunft geben ohne Seinen
Willen, und das um so weniger, als – wie schon gesagt – die Menschen zu Lämmern
umgestaltet werden sollen durch Seine Lehre, die ein lebendiges Gotteswort ist,
und die von nichts so sehr und eindringlich spricht als von der Liebe zu Gott
und zum Nächsten, also auch von der Demut, Versöhnlichkeit, Selbstverleugnung
und von der Barmherzigkeit.
[GEJ.09_144,04] Wenn die Menschen durch Seine
Lehre aber das in der Tat werden müssen, wie das auch in der kurzen Zeit
unseres guten Wissens mehrere Tausende geworden sind, wie mag Er da denn immer
von einer, wie gesagt, noch um vieles elenderen Zukunft in einem fort
weissagen, als je eine vergangene Zeit samt dieser sicher schon ohnehin über
alle Maßen elenden Gegenwart war und nun ist? Das begreife, wer es mag und
kann; wir begreifen das durchaus nicht!
[GEJ.09_144,05] Er müßte es nur aus
irgendeinem nur Ihm allein bekannten geheimen Grunde Selbst also haben wollen,
ansonst ist uns solche Seine Weissagung von einer allerelendesten Zukunft als
eine Folge Seiner Lehre, die jetzt in ihrem Entstehen im weiten Asien, im
tiefen Ägypten sogar unter den Mohren und auch schon in Europa unter den Römern
und Griechen unter vielen Tausenden von Menschen ausgebreitet ist, die an Ihn
lebendig glauben und ihre lichtvollste Wahrheit auch stets mit Zeichen zu
bestätigen vermögen, unbegreiflich.
[GEJ.09_144,06] Ja, wenn die von Ihm
geweissagten überargen Zukunftszustände die Folge von dieser rein göttlichen
Lehre sein sollen und das Reich Gottes unter den Menschen eine solche
bedauerlichste Gestalt annehmen wird, dann wäre es ja doch um vieles besser,
solche Lehre den Menschen gar nicht zu verkünden, auf daß sie nicht zu noch
ärgeren Teufeln werden, als sie es nun ohnehin in der größten Mehrzahl sind!“
[GEJ.09_144,07] Ich aber hatte solche Reden
Meiner Jünger wohl vernommen und sagte zu ihnen: „Wie mögen denn euch Meine
Weissagungen über die Zukunft noch ärgern? Habe Ich sie ja doch schon zu
öfteren Malen vor euch enthüllt und euch auch getreuest wahr gezeigt, was
infolge des freien Willens der Menschen die Ursache der überaus argen Zukunft
sein wird, und ihr habt das wohl begriffen, eingesehen und verstanden und habt
euch nicht geärgert. Wie seid denn ihr nun darob ärgerlich geworden, und wie
möget ihr sagen, daß die Zukunft beim Bekanntwerden Meines Evangeliums nur dann
so arg werden könne, wenn Ich sie so arg aus einem nur Mir bekannten Grunde
werde haben wollen?
[GEJ.09_144,08] Oh, oh, wie gar sehr
kurzsichtig seid ihr alle noch! Ohne Meinen Willen kann sich wohl freilich kein
Haar krümmen auf eines Menschen Haupte, kein Sperling vom Dache fallen und kein
Mensch seines Leibes Größe und Gestalt ändern und den Tag nicht länger oder
kürzer machen, – denn alle diese Dinge stehen in der unmittelbaren Macht Meines
Willens, der auch in allen den zahllos vielen Engeln Meiner ewigen und
unendlichen Himmel einer und derselbe ist. Aber hier auf dieser Erde, wo ein
jeder Mensch erst die Willensfreiheitsprobe durchzumachen hat, steht es mit der
Allmacht Meines Willens in der sittlichen und seelischen Lebenssphäre des
Menschen ganz anders, – wie Ich euch solches gar oft schon gezeigt habe!
[GEJ.09_144,09] Habe Ich denn nicht gesagt:
In einer Welt, wo ein Mensch nicht zu einem ärgsten aller Teufel werden kann,
da kann er auch zu keinem wahren Kinde Gottes werden?! Denn darum offenbare Ich
nun ja Selbst Meinen Willen unmittelbar an euch Menschen, daß ihr ihn zu dem
eurigen machen und Mir dadurch in allem vollkommen ähnlich werden könnet.
[GEJ.09_144,10] Wenn aber also und unmöglich
anders – was ihr nun doch schon grundursächlich klar einsehen solltet –, wie
mag es euch denn ärgern, so Ich auch für diese unsere Freunde kundgebe, wie es
infolge der Verstockt- und Blindheit der Menschen, die sich gleich den vielen
Pharisäern nicht zum Lichte des Lebens wenden wollen, sondern dasselbe
allenthalben mit aller Wut der Hölle verfolgen, in der Zukunft aussehen wird?!
[GEJ.09_144,11] Wir haben nun die Lehre vom
Reiche Gottes wahrlich unter gar viele Menschen nach weit und breit vom
Aufgange bis zum Niedergange und vom Mittag bis gen Mitternacht hin
ausgebreitet, und viele sonnen sich schon im Lichte aus den Himmeln, – aber es
ist diese erste Ausbreitung dennoch eine sehr vereinzelte und ist ein Eigentum
nur kleiner Familien und Gemeinden; sie macht darum auch noch nicht ein zu
großes Aufsehen bei all den vielen weltmächtigen und über alles
herrschsüchtigen Feinden des Lichtes, und sie haben bis jetzt noch wenig
Erhebliches gegen dasselbe unternommen.
[GEJ.09_144,12] Lasset aber dieses Licht nur
allgemeiner werden, daß es die Priester wohl merken mögen, wie ihre Tempel an
den gewissen Fest- und großen Opfertagen sich nicht mehr mit Menschen füllen,
sondern stets leerer und leerer werden, und ihr werdet es dann schon sehen, mit
welcher namenlosen Wut sie sich gegen Meine Lehre und gegen ihre Bekenner
erheben werden!
[GEJ.09_144,13] Meine Lehre in sich ist wohl
der wahre Friede einer Seele, die nach ihr lebt und handelt, – ja sie ist der
selige Friede des Himmels im ganzen Menschen; aber für die Teufel der Hölle,
die in Menschengestalt auf dieser Erde unter den Menschen schalten und walten
durch Lüge und Trug, ist sie ein zweischneidiges und flammendes Schwert, ein
Krieg und eine größte Verheerung. Darum wird das wahre Reich Gottes auf Erden
eine große Gewalt zu erleiden haben, wie es sie auch teilweise schon jetzt
erleidet, und die es werden haben wollen, werden es auch mit Gewalt an sich
reißen müssen!
[GEJ.09_144,14] Und sehet, weil solche von
Mir vorausgesehenen Kämpfe infolge der Erhaltung des freien Willens der
Menschen, der der Arm ihrer Liebe und somit ihres Lebens ist, unvermeidbar sind
– weil Wir die nun im Falschen und Bösen sich befindenden Menschen, deren Zahl
übergroß ist, der Lehre aus den Himmeln wegen nicht zuvor durch eine Sündflut
wollen vom Boden der Erde vertilgen lassen, da eben diese Lehre der Kranken,
Tauben und Blinden und mit allerlei Übeln Behafteten und nicht der Gesunden
wegen gegeben wird –, so wird es ja auch wohl und leicht begreiflich sein, daß sich
mit der Zeit große Kämpfe und Kriege über den Boden der Erde und vor allem und
zuerst über das alte Reich der Juden, von dem die Lehre ausgeht, mit so großen
Verheerungen ausbreiten werden, daß man nicht mehr wird zu erkennen vermögen,
wo eine und die andere Stadt gestanden ist, wo die Weinberge, wo die
fruchtbaren Äcker und reichen Obstgärten, Wiesen und Weiden waren. Es wird zu
einer Wüste verwandelt werden und wird sich hinfort nimmerdar in ein gelobtes
Land umgestalten, in dem dereinst Honig und Milch floß.
[GEJ.09_144,15] Daß Ich es euch aber zum
voraus sage, hat den Grund, daß ihr euch zeitlich genug dagegen rüsten und wohl
bewaffnen könnet. Denn so man weiß, wann der Dieb kommt, und was er im Sinne
hat, dann ist es ein leichtes, sich ihm zur Wehr zu stellen; aber so man nicht
weiß, daß er kommt, und wann und wie, ob am Tage oder ob in der Nacht, da alles
in einen tiefen Schlaf versunken ist, dann ist es dem Diebe ein leichtes, ins
Haus zu dringen und sich seine Beute zu nehmen. Darum wandelt stets im Lichte
des inneren Tages, und bleibet wach in Meiner euch geoffenbarten Wahrheit, so
werdet ihr mit dem Feinde den Kampf wohl bestehen können!
[GEJ.09_144,16] Seid ihr nun auch noch voll
Ärgers, daß Ich euch dieses nun sonnenhell gezeigt habe?“
145. Kapitel
[GEJ.09_145,01] Sagte nun Petrus: „O Herr und
Meister, wir waren ja auch ehedem nicht ärgerlich, und wir werden um so weniger
ärgerlich sein, da wir nun völlig klar einsehen, daß wir das nimmer
hintanhalten können, was Du mit aller Deiner Allmacht nicht hintanhalten magst
und willst. Was sich aber dennoch wird tun lassen mit Deiner steten Mithilfe,
das wird auch geschehen; denn wir wollen für die Wahrheit allzeit mit unserem
Leben gegen alle Feinde der Wahrheit einstehen, und bevor ich falle, werden im
Notfall tausend Feinde der Wahrheit und des Lebens fallen. Denn wir wollen
nicht nur Lehrer in Deinem Namen, sondern auch Helden sein und kämpfen mit Wort
und Schwert gegen die Widersacher und Feinde der Wahrheit. Mit Deinem Namen im
Herzen und im Schilde besiegen wir die ganze Welt! Verlasse nur Du uns mit
Deiner Gnade niemals!“
[GEJ.09_145,02] Sagte Ich: „So ihr werdet
bleiben in Mir, da werde Ich auch bleiben in euch. Ohne Mich aber werdet ihr
nichts zu tun imstande sein.
[GEJ.09_145,03] So ihr aber mit Mir und in
Meinem Namen alles werdet getan haben, da saget es in euch: ,Siehe, o Herr, wie
wir doch stets als faule und unnütze Knechte in der Bearbeitung Deines
Weinbergs vor Dir dastehen!‘ Denn wahrlich: wer sich selbst erhöhen wird, der
wird erniedrigt werden; wer sich aber selbst erniedrigen wird, der wird erhöht
werden!
[GEJ.09_145,04] Aber dabei sollet ihr doch zu
niemandem ,Herr‘ sagen; denn nur einer ist euer Herr und Meister, und Der bin
Ich! Also sollet ihr zu niemandem ,Vater‘ sagen; denn nur einer ist euer Vater,
– Der im Himmel nämlich! Also sollet ihr auch niemanden gut und heilig nennen;
denn nur Gott allein ist gut und heilig!
[GEJ.09_145,05] Ihr alle aber seid Brüder und
Schwestern untereinander. Wer aber unter euch der Erste und meiste sein will,
der sei aller Knecht und Diener! Denn in Meinem Reiche ist der Demütigste und
Geringste und anscheinend der Letzte eben der Erste und Größte in aller
Weisheit und Macht.
[GEJ.09_145,06] Nun wisset ihr, was ihr zu tun
und stets zu beachten habt, um Mich und Meine Kraft und Macht in euch zu
erhalten und mit ihr zu wirken; tut denn auch allzeit also, da werdet ihr auch
verbleiben in Mir und Ich in euch!“
[GEJ.09_145,07] Hier trat noch unser
Bootsmann zu Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister, Du sagtest, daß man
zu keinem Menschen ,Vater‘ sagen solle, da nur Gott allein der Vater aller
Menschen ist! Ich sehe wohl ein, daß Du auch völlig recht hast; nur weiß ich
mir nun das im Gesetze Mosis nicht zu deuten, wie man sich das erklären soll,
wenn da Moses sagt: ,Ehre Vater und Mutter, auf daß du lange lebest und es dir
wohlergehe auf Erden!‘ Hier nennt Moses, der große und mächtige Prophet
Jehovas, den Zeuger der Kinder doch Vater, und so heißt es auch: ,unser Vater Abraham,
Isaak und Jakob!‘ Wenn wir als Kinder unseren Zeuger nun Vater nennen, begehen
wir nach Deinem hier ausgesprochenen Worte irgend eine Sünde vor Dir, o Herr?“
[GEJ.09_145,08] Sagte Ich: „Am Worte selbst
liegt nichts, sondern nur am inneren Sinn desselben! Darum mögen die Kinder
immerhin ihren Zeuger ,Vater‘ und ihre Gebärerin ,Mutter‘ nennen; denn die
Kinder können ja nicht fassen des Wortes Geist. Ihr aber fasset nun schon des
Wortes inneren Geist und wisset es, daß die ewig allerhöchste und reinste Liebe
in Meinem Herzen zu euch Menschen, die Ich zu Meinen Kindern erziehe und erhebe
für ewig, der einzig und allein wahre Vater ist. Also, wohl verstanden, Freund,
nur unter diesem Geistsinne im Worte sollet ihr zu niemandem ,Vater‘ sagen!
[GEJ.09_145,09] Merke es dir noch hinzu, daß
da ein jedes pur äußere Wort, so wie auch ein Buchstabe für sich, tot ist und
niemanden zum Leben erweckt; nur der innere Geist im Worte – ob ausgesprochen
oder mit Buchstaben geschrieben – ist es, der da lebendig macht jeden, der nach
seinem inneren, lebendigen Sinne denkt, handelt und lebt. Wer aber nur nach dem
äußeren Sinne des Wortes glaubt, handelt und lebt, gleich den Pharisäern, der
bleibt tot auch gleich also, wie der pure Buchstabe des Wortes an und für sich
tot ist. – Das also zu eurer Beruhigung!“
[GEJ.09_145,10] Die Fischer und alle dankten
Mir für diese nachgetragene Erklärung und dachten sehr über alles wohl nach,
was Ich ihnen hier am Morgen noch vor dem Aufgange der Sonne mitgeteilt und
erklärt habe.
[GEJ.09_145,11] Da aber nun die Sonne sich in
stark rötlicher Färbung über den Horizont zu erheben begann, umlagert von rosig
schimmernden Wölkchen – was einen herrlichen Anblick gewährte –, da sagte der
Wirt: „Schön und herrlich ist wohl solch ein Morgen anzuschauen; nur schade,
daß derlei rosige Morgen beinahe nie auch einen ebenso rosigen Abend zur Folge
haben! Man sagt schon von alters her: ,Morgens Rosen, und abends Kot!‘ Herr und
Meister, werden uns auch dieses Morgens Rosen für den Abend einen Kot bereiten?“
[GEJ.09_145,12] Sagte Ich: „Laß du nun,
solange Ich bei euch und unter euch weile, der alten Astrologen Sprüche, die
dann und wann sich wohl hie und da in der Tat bestätigen; denn Der, der ein
Herr des Morgens ist, ist auch ein Herr des Abends! Wenn du dieses verstanden
hast, so brauchst du dich vor dem Kote des Abends nicht zu fürchten.“
[GEJ.09_145,13] Als Ich das dem Wirte gesagt
hatte, da ward er froh; denn er war nie ein Freund von einem kotigen Abend.
146. Kapitel
[GEJ.09_146,01] Es kam aber nun auch ein Bote
aus dem Hause und zeigte uns an, daß das Morgenmahl unser harre. Da verließen
wir den Söller und begaben uns sogleich ins Haus. Allda setzten wir uns in der
schon bekannten Ordnung an unseren Tisch, und die zwanzig Fischer an den für
sie gedeckten, und wir nahmen da, von dem schönen Morgen gestärkt, gar frohen
Mutes das überaus wohlbereitete Morgenmahl zu uns.
[GEJ.09_146,02] Als wir mit dem Mahle nach
einer halben Stunde zu Ende waren, da fragte Mich der Wirt, was Ich von nun an
bis zum Mittage hin etwa unternehmen werde.
[GEJ.09_146,03] Sagte Ich: „Fragen ist frei,
aber das Antworten auch! Es liegt zwar nicht immer in Meiner Ordnung, im voraus
zu bestimmen, was Ich tun werde; denn das kommt alles auf Den an, der in Mir
wohnt, und Ich, als nun auch nur ein Mensch mit Fleisch und Blut und einer
unsterblichen Seele, muß horchen auf diesen Geist in Mir. So Er zu Mir sagt:
,Gehe dort und da hin, und tue dies und dies!‘, dann erst weiß es auch Mein
Fleisch und Mein Blut. Aber diesmal hat der Vater in Mir schon geredet, und Ich
weiß es, was Ich zu tun habe, und kann es euch denn auch wohl mitteilen.
[GEJ.09_146,04] Siehe, nicht ferne von hier,
in der Richtung gen Cäsarea Philippi hin, hat dies Galiläische Meer eine seiner
größten Einbuchtungen, welche Einbuchtung aber mit einem größeren Schiffe
beinahe gar nicht zu befahren ist; mit kleineren Booten aber kann man bis zu
ihren dir noch nicht bekannten ziemlich weit gedehnten Ufern gelangen. Auf
diesen Ufern befindet sich, knapp an ein schroffes Gebirge angelehnt, ein
kleines Fischerdörfchen, dessen griechische Bewohner sich zumeist von Fischen
ernähren und von der Milch einiger Ziegen. Den allfälligen Überfluß ihrer
Fische verkaufen sie immer nach Cäsarea Philippi und nehmen dafür Salz, Brot
und einige wenige ihnen notwendige Gerätschaften, deren sie zu ihrem kleinen
Haushalte und Gewerbe benötigen.
[GEJ.09_146,05] Ich habe diese Fischer schon
einmal besucht, als sie sich noch geistig und physisch in einem gar sehr
ärmlichen Zustande befanden; denn geistig gehörten sie zur Schule der
griechischen sogenannten Hundsweltweisen, und in physischer Hinsicht bewohnten
sie die allerdürftigsten Hütten, die sie sich auf dem wüstesten Steingeröll
erbaut haben. Ich aber habe sie bei Gelegenheit Meines Besuches sowohl in der
physischen Lage und ganz besonders aber in ihrer geistigen Sphäre sehr
emporgerichtet.
[GEJ.09_146,06] Und siehe, diese dir nun
bezeichneten Fischer wollen wir besuchen! Daher verschaffe uns eine rechte
Anzahl kleinerer und leichterer Fahrzeuge, mit denen wir dann die Bucht
befahren können. In einer Stunde und etwas darüber können wir das besagte
Dörfchen leicht erreichen. So es euch genehm ist, da sorget, daß wir bald zur
Abfahrt kommen! Ihr werdet mit jenen euch bis jetzt noch unbekannten Fischern eine
große Freude haben. Ein paar Stunden nach dem Mittage werden wir uns dann
wieder hier in Jesaira befinden.“
[GEJ.09_146,07] Als Ich dieses zum Wirte
gesagt hatte, sagte zu Mir Kisjona: „Herr und Meister, von mir stehen nun ja
drei gute Schiffe im Hafen; können denn wir uns nicht derselben bedienen und
unserem Wirte, der mit Seefahrzeugen nicht reichlich genug versehen ist, die
Mühe ersparen, bei seinen Nachbarn die gehörige Anzahl von kleineren Fahrzeugen
aufzubringen?“
[GEJ.09_146,08] Sagte Ich: „Freund, da, wo
das Meer tief ist, werden wir uns ohnehin deiner Schiffe bedienen; aber so dann
die seichte und mit vielem Schilf und Röhricht stark bewachsene Bucht kommt,
dann werden uns deine Schiffe etwa den erwünschten Dienst nicht mehr zu leisten
imstande sein!“
[GEJ.09_146,09] Sagte Kisjona: „Auch bei
jedem meiner Schiffe sind vier kleine Boote angehängt und können im Notfall
benutzt werden. Übrigens aber ist mein Glaube an Dich und Deine Macht so stark,
daß ich auch nicht im geringsten zweifeln kann, daß wir in Deiner Gegenwart mit
meinen Schiffen die seichte Bucht nicht sollten befahren können!“
[GEJ.09_146,10] Sagte Ich: „Ja, so ihr alle
also glaubet, da können wir die kleine Seefahrt mit deinen Schiffen ja
versuchen!“
[GEJ.09_146,11] Als Ich das sagte, da erhoben
wir uns und eilten zu den Schiffen Kisjonas, und er befahl seinen anwesenden
Schiffern, was sie zu tun hätten. Als diese von dem Befahren der Schilfbucht
vernahmen, da zuckten sie mit den Achseln und gaben dadurch zu verstehen, daß
es sich da nicht tun werde.
[GEJ.09_146,12] Wir aber bestiegen dennoch
die drei Schiffe und fuhren schnell ab. Maria aber blieb in Jesaira, weil sie
vernommen hatte, daß wir ein paar Stunden nach dem Mittage wieder zurückkommen
würden, und besprach sich da über vieles mit dem Weibe des Wirtes, das mit dem
ersten Weibe Josephs nahe verwandt war.
[GEJ.09_146,13] Wir aber gelangten nach einer
halben Stunde Zeit schon zu der fatalen Bucht, und die Schiffer sagten: „Da
heißt es nun die Ruder einziehen und zu den Schubstangen greifen!“
[GEJ.09_146,14] Sagte Kisjona: „Höret, der
Herr ist bei uns, und Er ist mit uns! Was Er euch sagen wird, das tut; denn
Seine Macht vermag mehr denn eure Schubstangen!“
[GEJ.09_146,15] Als die Schiffer solches von
Kisjona vernommen hatten, da wandten sie sich an Mich und fragten Mich, was sie
nun tun sollten.
[GEJ.09_146,16] Und Ich sagte: „So wendet
denn die Ruder nach rückwärts, und wir wollen sehen, ob ein rechter Wind uns
durch das Schilf treiben wird!“
[GEJ.09_146,17] Da taten die Schiffer, was
Ich ihnen geboten hatte, und es kam urplötzlich von Osten her ein sehr starker
Wind, trieb große Wogen in die Bucht und trieb mit solchen Wogen auch unsere
Schiffe überaus schnell über und durch das Schilf in die Bucht, und wir
erreichten so denn auch bald und leicht den Ort unserer Bestimmung, und alle
bewunderten die nunmalige Anmut dieses kleinen Dörfchens, das nur Mir und
Meinen Altjüngern bekannt war. Wir stiegen da alsbald ans Land und suchten die
Bewohner auf.
[GEJ.09_146,18] Als wir zum ersten Hause
kamen, da war niemand zu Hause, und ebenso ging es uns auch bei den andern
Häusern; sie waren verschlossen, und es war keine Seele in einem Hause oder in
einer Ziegenhütte.
[GEJ.09_146,19] Da sagten mehrere Jünger
unter sich: „Er weiß sonst doch um die geheimsten Gedanken eines Menschen und
hat schon zu öfteren Malen die fernste Zukunft vor uns und vielen andern
Menschen genau enthüllt; wie wußte Er denn diesmal nicht, daß die Bewohner
dieses kleinen Örtchens nicht zu Hause sein würden? Sonderbar, und recht
sonderbar! Wußte Er um das wirklich nicht, so hätte Er uns und Sich Selbst
diese Seefahrt ersparen können; wußte Er es aber und hatte diese Fahrt nur zu
einer Probung unseres Glaubens unternommen, so weiß Er es ja ohnehin, daß wir
alle ungezweifelt an Ihn glauben und halten, ansonst wir nicht beinahe
dritthalb Jahre lang Ihm allenthalben nachgefolgt wären! Wozu dann eine solche
neue Glaubensprobung?“
[GEJ.09_146,20] Auch unser Kisjona fragte Mich,
sagend: „Herr und Meister! Was tun wir nun hier in diesem von seinen Bewohnern
vielleicht schon lange verlassenen Örtchen? Besteigen wir wieder unsere Schiffe
und fahren nach Jesaira zurück! Denn was sollen wir hier machen?“
[GEJ.09_146,21] Sagte Ich: „Etwas
kleingläubig ist noch ein jeder von euch! Hätte Ich nicht gewußt, daß die
Bewohner dieses Örtchens eben nur heute alle daheim sind, weil sie gestern
einen guten Fischfang gemacht haben unter Meinem ihnen freilich unbekannten
Willen, und einen Teil der Fische morgen auf den Markt nach Cäsarea Philippi,
welche Stadt sich wieder so ziemlich erholt hat, bringen wollen, so hätte Ich
sie auch nicht irgend vergeblich heimgesucht. Sie sind aber daheim, und wir
hätten sie auch in ihren Häusern angetroffen; sie aber haben sich aus Furcht,
da sie unsere Schiffe gewahr wurden, in aller Eile in jenen Wald dort gen
Mitternacht hin ordentlich verkrochen, weil sie der festen Meinung waren, daß
sie von irgend jemandem entdeckt und verraten worden seien und nun Herodische
Schiffe ankämen, um sie zu verderben.
[GEJ.09_146,22] Aber sie haben dort hinter
einem Felsen eine Wache mit scharfen Augen aufgestellt, und diese hat nun schon
bemerkt, daß wir weder Herodianer noch irgendwelche Pharisäer seien. Und diese
Wache verläßt nun schon ihren Platz und wird uns bald so nahe kommen, daß sie
sich bestimmter wird überzeugen können, wer wir sind. Darauf wird sie den sich
vor uns versteckt habenden Bewohnern dieses Örtchens kundtun, daß wir keine
Feinde sind, und die Bewohner werden darauf bald bei uns sein und eine
übergroße Freude an den Tag legen, daß Ich sie besucht habe.“
147. Kapitel
[GEJ.09_147,01] Es geschah denn auch bald
also, wie Ich es gesagt habe. Es dauerte gar nicht lange, da kamen alle aus
ihrem Versteck ins Freie hervor, und Ich berief sie mit lauter Stimme zu Mir.
[GEJ.09_147,02] Sie erkannten alle sogleich
Meine Stimme und schrien: „Das ist ja der große Heiland aus Nazareth, erfüllt
mit aller Macht Jehovas! Laßt uns zu Ihm eilen!“
[GEJ.09_147,03] Sie kamen eiligen Schrittes
zu uns und grüßten Mich mit salbungsvollen Reden, mit denen auch ihr Herz
vereint war, und dankten Mir für alle Wohltaten, die sie seit Meinem ersten
Besuche im reichlichsten Maße genossen haben und noch immer fort genießen.
Darauf baten sie Mich, daß Ich auch ferner ihrer und ihrer Kinder gedenken
möchte, was Ich ihnen auch zusagte auf so lange hin, als sie in Meiner Lehre
gläubig und tätig verharren würden.
[GEJ.09_147,04] Darauf führten sie uns in
ihre Wohnungen und zeigten uns ihre sehr zweckmäßigen Einrichtungen, ihr
Fischergerät, ihre Fischbehälter und so auch ihre Herden, bestehend aus Ziegen
und Schafen. Auch Hühner hatten sie sich gezüchtet und Enten und Gänse, welche
beiden letztgenannten Geflügelgattungen bei ihnen als urstämmlichen Griechen
sehr beliebt waren. Ebenso zeigten sie uns auch ihre sehr bedeutenden
Bienenhütten, die ihnen vielen überaus guten Honig gaben, den sie in Cäsarea
Philippi um ein teures Geld leicht verkaufen konnten. Kurz und gut, dieses
ehedem geistig und physisch gar überaus arme Völklein hatte in der Zeit von
etwa anderthalb Jahren sich derart erholt, daß es sich nun in einem rechten
Wohlstande befand.
[GEJ.09_147,05] Einer dieser Bewohner war ein
Schmied und verstand sich wohl darauf, aus Eisen und auch andern Metallen
allerlei nützliche und brauchbare Werkzeuge zu machen. Dieser hatte denn auch
bis auf ein paar Spieße und Lanzen, die diesem Völklein bei Meinem ersten
Besuche geblieben waren, bei der schon bekannten Gelegenheit diese Werkzeuge
zum Verkaufe angeboten. Und diese Waffen kaufte ihnen nun unser Kisjona um ein
Pfund Goldes ab nebst noch mehreren andern Werkzeugstücken, die er bei seiner
großen Wirtschaft gut verwenden konnte.
[GEJ.09_147,06] Kisjona bat den Vorsteher
dieser kleinen Gemeinde, ihn in Kis zu besuchen, wo sie miteinander
verschiedenes zum Vorteile dieses Örtchens besprechen und abmachen würden. Der
Vorsteher versprach, das zu tun, und hat es auch bald darauf getan nach seiner
Rückkunft von Jesaira, das er diesmal, da ihn der Wirt mit uns dahinzufahren
einlud, zum ersten Male hatte kennengelernt. Auch unser Wirt hat nun hier dem
Schmied mehrere Werkzeuge abgekauft.
[GEJ.09_147,07] Nachdem der Vorsteher dem
Kisjona, dem Philopold und dem Wirte in Kürze eine Beschreibung gemacht hatte,
wie diese Gegend vor Meiner ersten Ankunft ausgesehen hatte, und wie sie durch
Mein Wort auf einmal blühend geworden war, da verwunderte sich besonders der
Wirt, dem das noch ungewöhnlicher vorkam als den beiden ersteren, die schon
größere Zeichen von Mir gesehen hatten.
[GEJ.09_147,08] Darauf wollten uns die
Bewohner mit allerlei bewirten; Ich aber sagte zu ihnen: „Meine lieben Freunde,
darum sind wir nicht hierhergekommen, und wir werden uns auch bald wieder auf
den Rückweg machen, da Ich so manches in Jesaira noch zu schlichten habe; aber
darum bin Ich mit Meinen Jüngern und Freunden nun zu euch gekommen, weil ihr
Meine Lehre treust bewahrt habt und zu wahren Edelsteinen Meines Willens
geworden seid.
[GEJ.09_147,09] Weil ihr aber das geworden
seid, so ist es auch an der Zeit, euch auch mit andern Menschen
bekanntzumachen, die von euch die wahre Festigkeit im Glauben erlernen und
erwerben sollen. Da ihr aber auch gute Redner seid, so möget ihr von nun an bei
Gelegenheiten von Mir und von Meinem Reiche auf Erden zu andern Menschen reden
und ihnen den Weg des Lebens zeigen.
[GEJ.09_147,10] Wer also nach Meiner Lehre
lebt und handelt wie ihr und nicht sagt und bei sich denkt: ,Siehe, diesmal hat
der Herr wieder ganz wie ein gewöhnlicher Mensch geredet, darin nicht viel vom
Reiche Gottes zu entdecken war!‘, der wird auch das erreichen, was ihr schon
erreicht habt und wird auch euch gleich sagen können: ,Nun lebe nicht mehr ich,
sondern der Herr lebt in mir!‘
[GEJ.09_147,11] Darum bleibet denn auch
gleichfort, auch in euren Nachkommen, in Meiner Treue, und Ich werde bleiben in
euch! Tut denn auch in Meinem Namen, was Ich euch nun angeraten habe, bei einer
rechten Gelegenheit, die ihr schon gar leicht und bald erkennen werdet; doch
den Schweinen von puren Weltmenschen sollet ihr Meine Perlen nicht vorwerfen!
[GEJ.09_147,12] Nun aber sage Mir, du
Vorsteher dieser kleinen, aber bei Mir doch großen Gemeinde, warum ihr euch
denn in des Waldes Dickicht versteckt habt, als ihr des Einlaufens unserer drei
Schiffe in diese Bucht gewahr wurdet! Gedachtet ihr denn nicht der Kraft, die
euch infolge eures unbeugsam festen Glaubens von Mir gegeben ist?“
[GEJ.09_147,13] Sagte der Vorsteher: „O Herr
und Meister voll der allerhöchsten Gottesmacht und -kraft, siehe, es hat das
nun seine ganz eigentümliche Bewandtnis gehabt! Es hatten schon mehrere Male
seit Deinem ersten Hiersein größere und kleinere Schiffe versucht, diese stets
fischreiche Schilf- und Rohrbucht zu befahren; aber es gelang keinem, auch nur
eine Handspanne weit über die Schilfgrenze hereinzudringen, denn mit der Macht
Deines lebendigen Wortes und Willens in uns trieben wir alle sogleich weit ins
Meer hinaus. Aber diesmal half uns aus einem mir nun sehr wohl begreiflichen
Grunde Dein Wort und Wille in unseren Herzen nichts.
[GEJ.09_147,14] Als wir dieser drei Schiffe
ansichtig wurden, verboten wir ihnen auch alsogleich in Deinem Namen das
Einlaufen in diese Bucht; aber die Schiffe hielten nicht an, sondern drangen
unaufhaltbar tiefer und tiefer in unsere Bucht herein. Da wurde uns allen
ernstlich bange, und es blieb uns nichts anderes übrig, als die Flucht zu
ergreifen und uns im Dickicht des Waldes zu verbergen und in der großen Höhle,
die hinter dem Walde ihren unscheinbaren Eingang hat, sich aber im Innern
derart ausbreitet, daß darin viele Tausende von Menschen einen überaus bequemen
Raum finden würden.
[GEJ.09_147,15] Wir stellten aber dennoch
eine Wache aus, die uns anzuzeigen hatte, wer aus den drei Schiffen, die der
Macht Deines Wortes und Willens in uns nicht gehorchen wollten, ans Land
steigen und was er dann machen werde. Die Wache benachrichtigte uns aber
sogleich, daß die ans Land Gestiegenen weder Römer noch Herodianer, sondern
ganz freundlich aussehende Menschen, bestehend aus Juden und Griechen, seien
und keine Miene machten, in unsere Wohnhäuser zu dringen.
[GEJ.09_147,16] Auf diese Nachricht wurde uns
leichter ums Herz, und wir rieten der Wache, sich noch näher zu überzeugen, wer
die ans Land Gestiegenen seien. Wir bekamen eine noch bessere Nachricht. Darauf
erst wagten wir selbst, ans Licht zu treten, vernahmen da Deinen uns
wohlbekannten Ruf und eilten zu Dir, dem Vater und Herrn alles Seins und
Lebens.
[GEJ.09_147,17] Nun wurde es uns freilich
klar, warum die drei Schiffe uns nicht gehorchten; denn obwohl Dein Wort und
Wille in uns wahrlich wundersamst mächtig ist, so wird er aber die Urmacht
Deines höchsteigenen Willens doch ewig nicht erreichen und ihm irgend
entgegenwirken können. Und das ist es auch, was wir diesmal sicher wohl zu
wenig überdacht haben, und wir haben uns auch zuvor bei Deinem Geiste in uns
nicht Rates zur Genüge erholt, ob wir den Schiffen in Deinem Namen hätten
gebieten sollen oder nicht. Hätten wir uns diesmal auch also wie bei andern
Gelegenheiten des Rates erholt, so wären wir denn auch ins klare gekommen, wen
uns die Schiffe bringen; da wir aber das nicht getan haben, so mußten wir das
durch unsere Angst und Flucht büßen. – Ist es nicht also, Herr und Meister?“
[GEJ.09_147,18] Sagte Ich: „Ja, wohl ist es
also, und ihr seid durch diese Erfahrung nun wieder um vieles klüger geworden;
doch nun mache du, Vorsteher, dich auf, und fahre mit uns nach Jesaira!“
148. Kapitel
[GEJ.09_148,01] Auf diese Worte machte sich
der Vorsteher auf, bestieg das Schiff, in dem Ich mit Meinen alten Jüngern und
den andern drei Freunden Mich befand, und fuhr dann mit uns nach Jesaira. Wir
kamen bald und leicht in den genannten Ort, wo schon ein wohlbereitetes
Mittagsmahl auf uns wartete. Es waren nur zwei Stunden Zeit über den Mittag
hinaus verstrichen, und so war es noch um die gewöhnliche Zeit, in der wir zu
Mittag zu speisen pflegten.
[GEJ.09_148,02] Unser Vorsteher war ganz
erstaunt über das schöne Weizenbrot, und noch mehr über den guten Wein und über
die bestbereiteten Edelfische. Nachdem wir das Mahl zu uns genommen hatten,
begaben wir uns wieder in unseren schon bekannten Söller, von dem aus unser
Vorsteher die sehr schöne Aussicht nicht genugsam loben konnte.
[GEJ.09_148,03] Als er sich alles nach allen
Seiten angesehen hatte, sagte er (der Vorsteher): „Es ist doch sonderbar! Kaum
zwei Stunden ist unser kleines Dorf von hier entfernt und liegt am selben
Meere, und welch ein Unterschied zwischen hier und dort! Hier strotzt die
Gegend von Anmut und reizendster Schönheit, und bei mir sieht es eher
schrecklich als irgend anmutig aus. Um unser Dörflein sieht es nun durch Deine
Gnade, o Herr, freilich wohl ganz erträglich aus, – aber mit einer das Gemüt so
erquickenden Fernsicht hat es seine Not! Unsere wahrlich nicht unbedeutende
Bucht ist am Eingange zu beiden Seiten mit einem ziemlich hohen und äußerst
schroffen Vorgebirge derart eingeschlossen, daß wir von der Höhe unserer
Wohnungen und auch von unserem Hintergebirge, soweit es wegen seiner
Schroffheit nur höchst mühsam ersteigbar ist, nicht einmal das hohe Meer, geschweige
etwas anderes ersehen können, weil sich das rechte Vorgebirge halbkreisförmig
weiter ins große Meer hinaus dehnt und uns die Fernsicht vollends benimmt.
[GEJ.09_148,04] Aber dafür hat unsere Gegend
wieder einen andern Vorzug vor dieser hier. Hier wird man sicher eher zur
Weltliebe gewendet als in unserer wahren Wüste; und die Weltliebe taugt
schlecht zur Erweckung des göttlichen Geistes im Menschen. Ist dieser einmal
erweckt, dann freilich schadet dem Menschen auch der Anblick einer solchen Gegend,
wie diese da ist, sicher nicht mehr!“
[GEJ.09_148,05] Als unser Vorsteher der Bucht
sich über diese Gegend wahrlich sehr sinnvoll ausgesprochen hatte, da
erkundigte er sich, wer die zwanzig schlichten Männer seien, die auch die Bucht
mit uns besucht, aber weder unter sich, noch mit jemand andern bis jetzt ein
Wort gesprochen haben. Und Ich beschrieb sie ihm, worüber er eine große Freude
hatte.
[GEJ.09_148,06] Ich berief darauf den
Bootsmann, er besprach sich mit ihm und erstaunte über dessen Redekraft und
über seinen Ernst und großen Mut.
[GEJ.09_148,07] Darauf erhob er sich, reichte
dem Bootsmanne, wie auch allen seinen Gefährten freundlichst die Hand und sagte
(der Vorsteher): „Mit solchen Männern im Bunde lassen sich große Dinge zum Heile
der Menschen ausführen. Wahrlich, wer die Menschen dieser Welt noch fürchtet,
der ist zur Ausbreitung des Reiches Gottes besonders in dieser Zeit nicht
geeignet, wo Gewalt gegen Gewalt gebraucht werden muß, um der Wahrheit die Tore
zu öffnen und ihr Eingang zu verschaffen!
[GEJ.09_148,08] Da heißt es nicht mehr im
verborgenen wirken, sondern mit dem Lichte aus den ewigen Himmeln Gottes
mutvoll auch den Königen und Fürsten dieser Welt entgegentreten und ihnen
zeigen, daß auch sie Menschen sind, die so, wie sie sind, nicht ewig leben
werden, sondern im großen Jenseits das Gericht und den ewigen Tod zu erwarten
haben. Ja, ja, du hast recht: Wie Feuerbrände muß man den Weltlingen die
Wahrheit ins Angesicht schleudern und mit flammendem Schwerte gegen die Priester
der Lüge, des finsteren Aberglaubens und Betrugs kämpfen, sonst bleibt die Erde
ein stetes Jammertal und Totengrab nicht nur ihres Fleisches, sondern auch
ihrer Seelen.“
[GEJ.09_148,09] Sagte nun Ich: „Ihr habet
recht, und Ich lobe euren Eifer; doch merket euch das zu eurem gerechten Eifer
noch hinzu: In der Klugheit des menschlichen Geistes liegt stets eine größere
Kraft denn in seiner Faust; und wo der gewisse Ernst für sich wenig oder nichts
ausrichtet, da wirkt die Liebe und ihre Geduld und Sanftmut Wunder. Der volle
Ernst im eigenen Herzen und dessen Mut beherrsche euch selbst; eure Waffe
gegenüber den Menschen aber bestehe stets nur in der Liebe, Sanftmut und
Geduld, und ihr werdet auf diesem Wege, den Ich Selbst vor den Menschen wandle,
mehr ausrichten als mit dem puren Feuereifer und seinem diamantenen Ernste!
[GEJ.09_148,10] Furcht sollet ihr wahrlich
vor den Weltmenschen nicht haben, die in ihrem Grimme wohl euren Leib töten,
aber eurer Seele nichts Weiteres mehr anhaben können; fürchten sollet ihr
allein nur Den, der ein wahrer Herr über Leben und Tod von Ewigkeit her ist!
[GEJ.09_148,11] Doch wo ihr sehen werdet, daß
ihr mit der Liebe und der rechten Weisheit mit den zu verfinsterten Menschen
nichts ausrichten möget, denen kehret den Rücken und ziehet von dannen, und ihr
werdet schon wieder Menschen finden, mit denen ihr in Meinem Namen gute
Geschäfte machen werdet.
[GEJ.09_148,12] Bekennen sollet ihr Mich vor
allen Menschen, da auch Ich euch bekenne vor Meinem Vater; aber aufdringen
sollet ihr Mich den Weltfinsterlingen nicht und ihnen, als den Weltschweinen,
auch nicht vorwerfen Meine Perlen! Denn Ich sage es euch: Mein Wort ist nur ein
rechter Lebensdünger für den Weizen und Meine Lehre ein wahrer Dünger für des
Weinberges edle Reben; aber für das Unkraut der Erde habe Ich keinen
Lebensdünger, – denn dieses ist nur da, auf daß es zertreten und verbrannt
werde und mit seiner Asche dünge den gemeinen Boden der Erde.
[GEJ.09_148,13] Wer zum Leben da ist auf der
Erde, der soll durch Mein Wort zum Leben erweckt werden; wer aber da ist durch
seinen eigenen Willen und Starrsinn für den Tod, der soll auch in den Tod
übergehen. Wer auferstehen will zum Leben aus dem Grabe seiner Materie, der
erstehe; wer aber fallen will, der falle!
[GEJ.09_148,14] Den Teufeln das Evangelium
predigen, hieße Öl ins Feuer gießen; darum seid denn auch ihr allzeit wohl klug
gleich den Schlangen, aber dabei dennoch so sanft wie die Tauben, und ihr
werdet so gar sehr tüchtige Arbeiter in Meinem Weinberge des Lebens werden!“
[GEJ.09_148,15] Als Ich solches zu den
Feuereiferern geredet hatte, da wurden sie in ihrem Gemüte ganz umgestimmt und
dankten Mir aus ihrem Innersten für diese Belehrung.
149. Kapitel
[GEJ.09_149,01] Darauf wurde bis zum Abend
hin noch vieles gesprochen über die Erde, ihre Gestalt, über Sonne, Mond und
Sterne und über die anderen Erscheinungen in der Naturwelt, worüber alle eine
große Freude hatten.
[GEJ.09_149,02] Und unser Vorstand aus der
Bucht sagte: „Dir, o Herr und Meister, alles Lob, alle Ehre, alle Liebe und
allen Dank, daß Du auch solches vor uns enthüllt hast und wir nun wissen, wie
das große Haus – Erde genannt –, das wir zeitweilig bewohnen, aussieht und
beschaffen ist! Denn die Unkenntnis in diesen Dingen war zumeist die Quelle des
bösen Aberglaubens und dieser eine nahezu unversiegbare Nährquelle für die
faulen und trägen Götzenpriester. Aber es soll nun bald anders werden mit
Deiner Hilfe!“
[GEJ.09_149,03] Hier kam ein Diener und lud
uns zum Nachtmahle; denn die Sonne war schon vor ein paar Stunden
untergegangen. Wir erhoben uns denn auch sogleich von unseren Plätzen im
Söller, begaben uns ins Haus und nahmen das Nachtmahl zu uns.
[GEJ.09_149,04] Nach dem Nachtmahle blieben
wir noch bis gen Mitternacht wach, in welcher Zeit diesmal Mein Johannes auf
Mein Geheiß vieles den zwanzig Fischern und dem Buchtvorsteher erklärte. Um die
Mitte der Nacht begaben wir uns zur Ruhe und waren vor dem Aufgange dennoch auf
den Beinen.
[GEJ.09_149,05] Die Fischer aber begaben sich
nach Hause, kamen jedoch am frühesten Morgen schon wieder mit einer Ladung der
besten Fische nach Jesaira, die auch sogleich fürs Morgenmahl zubereitet
wurden.
[GEJ.09_149,06] Ich begab Mich aber, wie
gewöhnlich, vor dem Aufgange ins Freie, begleitet von allen, die in diesem Orte
bei Mir waren. Im schönen Söller legte Ich den zwanzig Fischern, dem
Buchtvorstande, dem Wirte, dem Kisjona und dem Philopold die Hände auf und
erfüllte sie mit der Kraft, in Meinem Namen allerlei Kranke zu heilen, und gab
ihnen das Recht, Meine Lehre unter den Menschen auszubreiten, und das unter den
blinden Juden und Heiden.
[GEJ.09_149,07] Alle dankten Mir aus dem
Innersten ihres Herzens für diese Berufung und begaben sich dann mit Mir zum
Morgenmahle.
[GEJ.09_149,08] Beim Morgenmahle sagte die
Maria zu Mir: „Mein allerliebster Sohn, Du hast doch allenthalben so viele
Zeichen gewirkt, hier aber hast Du nichts von Deiner wahrsten Gottesmacht
merken lassen. Wirke doch auch hier ein Zeichen, bevor Du weiterziehst!“
[GEJ.09_149,09] Sagte Ich: „Weib, rede mit
den Fischern, und sie werden es dir sagen, ob Ich hier kein Zeichen gewirkt
habe! Ich bin aber in diese Welt nicht der Zeichen wegen, sondern der Wahrheit
und des Lebens der Seele wegen gekommen, auf daß ein jeder, der an den
Menschensohn glaubt, das ewige Leben in sich habe.
[GEJ.09_149,10] Meiner Zeichen wegen wird
kein Mensch selig werden, wohl aber ein jeder, der an Mich glaubt und nach
Meiner Lehre lebt und handelt. Zudem habe Ich nun Meinen Freunden die Macht
erteilt, den armen und leidenden Menschen Gutes zu erweisen in Meinem Namen,
und das ist sicher ein größeres Zeichen, als so Ich nun vor euren Augen eine
Welt erschaffen würde!
[GEJ.09_149,11] Ich werde aber am Ende Meiner
Zeit auf dieser Erde, die in der kommenden Osterzeit in Jerusalem sein wird,
ein größtes Zeichen für alle Menschen wirken, durch das viele zum ewigen Leben
und gar viele aber zum Gerichte und ewigen Tode gelangen werden. Wer sich da an
Mir nicht ärgern wird, der wird das Leben der Seele erhalten.“
[GEJ.09_149,12] Sagte Maria: „Worin wird denn
das letzte große Zeichen bestehen, auf daß auch ich nach Jerusalem komme und
Dein größtes Zeichen, von Dir gewirkt, anschaue?“
[GEJ.09_149,13] Sagte Ich: „Weib, du wirst
wohl nach Jerusalem kommen und Mein letztes und größtes Zeichen, das Ich wirken
werde, anschauen, aber du wirst darob keine Freude, sondern eine große Trauer
in deinem reinsten Herzen haben! Ich werde verraten, von den Pharisäern
ergriffen und dem Gerichte überantwortet und am Kreuze dem Leibe nach wie ein
gemeinster Verbrecher getötet werden; aber am dritten Tage werde Ich aus Meiner
eigenen Kraft und Macht wieder auferstehen und kommen zu allen Meinen Freunden
und Brüdern und werde ihnen die Macht erteilen, die Sünden den Menschen in
Meinem Namen zu vergeben und die Toten zum Leben zu erwecken. Siehe, Weib,
darin wird Mein letztes und größtes in Meinem Fleische gewirktes Zeichen
bestehen!“
[GEJ.09_149,14] Sagte die Maria und die
andern Freunde mit ihr: „Aber, Herr und Meister, das wirst doch Du nicht über
Dich kommen lassen?!“
[GEJ.09_149,15] Sagte Ich: „Des Vaters Willen
in Mir kenne nur Ich, und Meine Seele weiß es, was Ich zu wirken habe! Wer sich
an Mir nicht ärgern wird, der wird Mir gleich den Tod überwinden und zum ewigen
Leben durchdringen.
[GEJ.09_149,16] Wer dieses Leibes Leben liebt
der Welt wegen, der wird das Leben der Seele verlieren; wer es aber nicht liebt
um Meinetwillen, der wird es erhalten für ewig in Meinem Reiche.“
[GEJ.09_149,17] Auf diese Meine Worte wurden alle
Anwesenden betrübt und dachten bei sich, was daraus werden solle.
[GEJ.09_149,18] Und Ich sagte: „Was betrübet
ihr euch darob? Meinet ihr denn, daß Ich euch nach Meines Leibes Tode etwa
verlassen werde? Oh, mitnichten! Ich werde dann erst recht bei den Meinen
verbleiben bis ans Ende der Zeiten dieser Erde und für jeden, der an Mich
glauben wird, offen halten die Tore zum ewigen Leben in Meinen Himmeln. Es
werden sich zwar Meine Schafe zerstreuen, so Ich als ihr Hirte geschlagen
werde, – aber Ich Selbst werde sie dann wieder sammeln, und es wird dann nur
eine Herde und ein Hirte sein für immerdar; die Böcke und die Wölfe in
Schafspelzen aber werden ausgeschieden und dem Gerichte und Tode der Materie
überliefert werden.“
[GEJ.09_149,19] Als Ich diese kleine Rede
beendet hatte, da ertönte eine Stimme in der Luft des Saales, und die Worte
lauteten: „Dieser Jesus mit Fleisch und Blut ist Mein geliebter Sohn, den
sollen loben alle Geschlechter der Erde! Er ist der verkörperte Ausdruck Meiner
Liebe, Meiner Weisheit und Meines Willens. Ich bin in Ihm und Er in Mir; Wir
sind vollends Eins. Wer Ihn sieht und hört, der sieht und hört auch Mich; und
wer Meinen Willen tut, der hat in sich das ewige Leben.“
[GEJ.09_149,20] Auf diese Worte fielen alle
vor Mir nieder und wollten Mich anbeten.
[GEJ.09_149,21] Ich aber sagte zu allen:
„Erhebet euch vom Boden; denn an derlei Ehrenbezeigungen habe Ich kein
Wohlgefallen, wohl aber an eurer Liebe, und daß ihr treu und tätig verharret in
Meiner Lehre!
[GEJ.09_149,22] Der Friede sei denn mit euch,
– doch kein Friede, wie ihn die Welt hat und gibt, sondern der innere Friede
des Herzens, der Seele in Meiner Liebe, die da ist das ewige Leben! Amen.“
[GEJ.09_149,23] Auf diese Meine Worte erhoben
sich alle und dankten Mir für diese Tröstung und wurden wieder heiteren Mutes.
150. Kapitel – Der Herr in der Gegend von
Cäsarea Philippi. (Kap.150-214)
[GEJ.09_150,01] Darauf sagte Ich zu Kisjona:
„Freund, nun laß deine drei Schiffe abermals zu einer Weiterfahrt sich fertig
halten; denn Ich will zum alten Markus, der da in der Nähe der Stadt Cäsarea
Philippi wohnt, ziehen und ihn stärken, denn er leidet schon ein halbes Jahr an
einem Fieber.“
[GEJ.09_150,02] Kisjona ließ denn auch
sogleich seinen Schiffern sagen, was sie zu tun haben sollen. Und es wurden die
Schiffe sofort zur Weiterreise hergerichtet.
[GEJ.09_150,03] Es fragten Mich auch die
zwanzig Fischer, ob einer oder der andere Mich an den angegebenen Ort begleiten
dürfte, ebenso auch Maria und Joel und der Vorstand aus der Bucht.
[GEJ.09_150,04] Und Ich sagte zu den
Fischern: „Tut, wie es euch freuet; aber es genügt, so der Bootsmann und noch
ein Gefährte als Zeugen mitfahren in die wenigen Orte, die Ich am Meere
Galiläas besuchen werde. Also mögen Mich auch Maria und Joel und der Vorstand
aus der Bucht begleiten; und so denn machen wir uns auf die Abreise!“
[GEJ.09_150,05] Es fragte Mich aber auch der
Wirt, ob auch er mit seinem ältesten Sohne Mich begleiten solle.
[GEJ.09_150,06] Sagte Ich: „Auch du hast
einen völlig freien Willen; tue demnach, wie es dich verlangt in deinem
Herzen!“
[GEJ.09_150,07] Auf diese Meine Worte machte
sich auch der Wirt in aller Eile zur Abreise bereit.
[GEJ.09_150,08] Wir bestiegen darauf die
Schiffe und fuhren in der Richtung gen Cäsarea Philippi ab.
[GEJ.09_150,09] Als wir schon beinahe eine
Stunde Weges auf dem Wasser weitergekommen waren, da kamen uns ein paar Schiffe
aus der Gegend Tiberias entgegen und waren stark belastet mit Salz und
Getreide; und da ihnen unser für uns gute Wind entgegenwehte, so litten sie Not
und fürchteten, daß sie untergehen könnten.
[GEJ.09_150,10] Sie (die Schiffer) baten uns
denn flehentlichst, ob wir ihnen nicht helfen möchten.
[GEJ.09_150,11] Und Ich sagte: „Warum habt
ihr eure beiden Schiffe so stark belastet? Ein anderes Mal lasset euch von der
Gewinnsucht nicht so stark betören, und lasset auch euren Nachbarn einen
Verdienst zukommen, so werdet ihr mit euren Schiffen keine solche Gefahr und
Not zu bestehen bekommen! Dort kommen aber nun ein paar leere Schiffe hierher,
auf die überladet die Hälfte eurer Ware, und teilet dann in Kapernaum mit ihnen
euren Gewinn, und ihr sollet unbeschädigt daselbst ankommen. Werdet ihr aber in
Kapernaum geizig sein, dann möget ihr sehen, wie ihr wieder nach Tiberias
zurückkommen werdet!“
[GEJ.09_150,12] Die Schiffer versprachen Mir
das, und die zwei leeren Schiffe kamen herbei, und Ich sagte ihnen, was sie tun
sollten gegen den halben Gewinn in Kapernaum; und es geschah alsbald, wie Ich
es angeordnet hatte.
[GEJ.09_150,13] Darauf dankten Mir alle
Schiffer auf den vier Schiffen und fuhren dann trotz des Gegenwindes in der
Richtung nach Kapernaum weiter.
[GEJ.09_150,14] Wir aber fuhren auch mit
gutem Wind, der unseren Schiffern das Rudern sehr erleichterte, auf den Ort
unserer Bestimmung zu, den wir denn bald erreichten.
[GEJ.09_150,15] Als wir im Orte des Markus
ankamen, da fanden wir viele Gäste daselbst, die hier die Heilquellen mit guten
Erfolgen benutzten.
[GEJ.09_150,16] Des Markus Diener kamen denn
auch eiligst ans Ufer und bedeuteten uns, daß wir, so wir etwa auch die
Heilquellen benutzen möchten, schwer eine Unterkunft finden würden, da alle
Räumlichkeiten mit Gästen aus allen Ländern überfüllt seien; zudem liege der
Herr krank, und es sei nun schwer, mit ihm zu reden, da gerade heute sein Fiebertag
sei.
[GEJ.09_150,17] Sagte Ich: „Ihr seid neue
Diener in diesem Hause und kennet Mich nicht; aber der Besitzer Markus und sein
ganzes Haus kennen Mich. Daher gehet hin zu eurem Herrn und saget ihm: Der Herr
und Meister ist angekommen mit Seinen Jüngern und mit Seinen Freunden! Er solle
sich aus dem Bette machen und zu Mir herauskommen, und er wird von seinem
Fieber alsbald geheilt werden. Gehet und hinterbringet ihm das!“
[GEJ.09_150,18] Da gingen die Diener und
sagten das dem Markus und auch dessen Weib und Kindern. Als die das vernahmen,
da entstand ein großer Jubel unter ihnen, und alle beeilten sich, um ja so
schnell als möglich zu Mir hinauszukommen.
[GEJ.09_150,19] Als der alte Markus Meiner
ansichtig ward, da streckte er seine Arme aus und sprach mit lauter Stimme: „O
Herr und Meister voll göttlicher Liebe und Erbarmung, mit welch großer
Sehnsucht haben wir alle Dich erwartet, daß Du in unserer Not uns sicher einmal
besuchen wirst, wie Du uns das denn auch, als Du hier warst, zu unserem und gar
vieler andern Menschen Heil und Wohle versprochen hast. Und da nun meine wahre
Not nahe den höchsten Punkt erreicht hat, bist Du denn auch gekommen, um mir
und auch meinem schon alten und samt mir schwach und mühselig gewordenen Weibe
zu helfen und mein ganzes Haus von neuem zu stärken im Glauben an Dich und an
Deine Lehre. Oh, wir alle danken Dir im voraus für die übergroße Gnade, daß Du
uns Deines Besuches gewürdigt hast!“
[GEJ.09_150,20] Sagte Ich: „Ereifere dich,
lieber Freund, nicht so sehr; denn du weißt es, daß Ich auch die innere Sprache
des Herzens wohl vernehme und auch bestens verstehe! Aber vor allem seid ihr,
du und dein Weib, nun völlig gesunden Leibes!
[GEJ.09_150,21] In der Folge aber esset keinen
Fisch mehr, der im Wasser tot geworden ist; einen geschlachteten Fisch aber
lasset keine halbe Stunde Zeit ohne Salz und Thymian und Kümmel! Bereitet ihn
dann auf die euch bekannte jüdische Art, und ihr werdet von Fiebern aller Art
und Gattung verschont bleiben! Dasselbe beachtet auch beim Fleische der Tiere,
und esset kein faul werdendes Obst und kein verschimmeltes Brot!“
[GEJ.09_150,22] Auf diese Meine Worte wurden
der alte Markus und dessen Weib und Kinder vollkommen gesund und kräftig, und
alle dankten mit vielen Freudentränen in ihren Augen für die Heilung ihres
Leibes und für den ihnen erteilten Rat.
151. Kapitel
[GEJ.09_151,01] Darauf sagte Ich zu Markus:
„Freund, deine neuen, Mich noch nicht kennenden Diener hatten Mir bei Meiner
Ankunft bedeutet, daß wir ob deiner vielen Badegäste hier schwer eine
Unterkunft finden würden! Was sagst denn da du dazu?“
[GEJ.09_151,02] Sagte Markus: „O Herr und
Meister! Du bei mir keine Unterkunft finden?! Mit Dir dürften noch hundert Male
so viele Jünger und Freunde hier anlangen, als das nun der Fall ist, so wollte
und könnte ich sie jahrelang bestens beherbergen. Meinen neuen Dienern, deren
ich in einer großen Anzahl besitze, schmeckt nur die Arbeit nicht, und so
machen sie den neu ankommenden Gästen hinsichtlich der Aufnahme immer
Schwierigkeiten; aber wenn die Gäste sie dann mit Geld zum voraus schon
beteilen, dann gibt es denn auch bald keinen besondern Unterkunftsmangel mehr.
Und das scheint mir auch bei Dir und mit euch der Fall gewesen zu sein.
[GEJ.09_151,03] Ich werde aber den faulen
Dienern darob schon eine ganz gehörige Predigt machen, auf daß sie wissen
sollen, was sie für die Folge mit den Gästen zu tun haben, die hier in dieser
Anstalt, die nur Du, o Herr und Meister, allein zum Heile der Menschen
geschaffen hast, eben vielfach erprobt ihr Leibesheil suchen und daneben auch
sehr oft schon ihr Seelenheil gefunden haben; denn ich und Meine Kinder und
alten Diener haben es niemals ermangeln lassen, Dich als den wundervollsten
Meister dieser Anstalt allen Gästen derart bekanntzugeben, daß sie nur durch
den lebendigen Glauben an Dich in dieser Anstalt das wahre Heil ihres Leibes
und ihrer Seele finden können.
[GEJ.09_151,04] Und Heiden und Juden glaubten
unseren Worten; die aber nicht glaubten, die gingen auch ebenso aus der
Anstalt, wie sie gekommen waren. Und das waren zumeist Pharisäer von Jerusalem
und auch aus vielen andern Orten und Gegenden. Sie glaubten nicht, was wir
ihnen doch so treu bekanntgaben, schimpften über unsere Predigten, ärgerten sich,
weil sie uns, die wir Römer sind, nichts anhaben konnten, und verließen die
Anstalt denn auch ebenso, wie sie gekommen waren.
[GEJ.09_151,05] Es ist aber wahrlich
merkwürdig mit diesen Menschen! Sie sahen Hunderte, die hier den vollen Glauben
an Dich angenommen haben und darum von allen ihren Übeln und Gebrechen
vollkommen geheilt worden sind, und doch sagten sie, das sei ein purer Betrug
und eine mehrfache Gotteslästerung, so man nur durch den Glauben an Dich in
dieser Anstalt eine Heilung zu erwarten hätte. Wenn da die Heilquellen durch
ihre Naturkraft nicht zu heilen vermöchten, die ihnen von Gott verliehen sei,
so sei die Heilung durch den Glauben an Dich ein pures Satanswerk; und wer da
also geheilt worden sei, der habe seine Seele auch vielfach dem Teufel
verschrieben.
[GEJ.09_151,06] Ich habe mit diesen Menschen
aber besonders in diesem Jahre wenig Umstände gemacht. Wenn sie gekommen sind,
so nahm ich sie gar nicht mehr auf; und fragten sie um den Grund, da sagte ich
zu ihnen das, was meine neuen Diener Dir bei Deiner Ankunft gesagt haben, und
sie mußten abziehen.
[GEJ.09_151,07] Es kam von Kapernaum vor ein
paar Monden sogar eine Untersuchung deshalb, weil sich höchstwahrscheinlich die
dortigen Pharisäer, Schriftgelehrten und Rabbis samt ihrem Obersten beim
römischen Hauptmann beschwert hatten. Aber ich kam dabei – sicher nur mit
Deiner Hilfe – ganz gut aus; denn in derselben Zeit hatte sich die Anstalt so
sehr mit Römern und Griechen angefüllt, daß es mir wahrlich schwer gekommen
wäre, noch einen Menschen in die Anstalt aufzunehmen.
[GEJ.09_151,08] Die die Untersuchung
führenden Römer mußten oben auf dem Dir wohlbekannten Hügel, und zwar im neuen,
Dir zur Ehre erbauten großen Söller acht Tage lang die Nachtruhe nehmen. Weil
auf diese Art die benannten Judenpriester gegen mich nichts auszurichten
vermochten – nach dem römischen Richterspruch ULTRA POSSE NEMO TENETUR –, so
besuchten sie diese Anstalt gar nicht mehr, und es ist darum denn nun auch kein
solches Individuum in dieser Anstalt anwesend, was Dir, o Herr und Meister,
sicher nicht unangenehm sein wird.
[GEJ.09_151,09] Und mit dem habe ich Dir nun
alles, was mir das Wichtigste zu sein dünkte, offen Deiner Jünger und Freunde
wegen, weil sie nicht Dir gleich allwissend sind, mitgeteilt, und nun wolle Du,
o Herr und Meister, meinem Wohnhause mit Deinem Eintritt die segensvollste
Gnade erweisen, und es wird sogleich für ein reichliches und gutes Mahl gesorgt
werden; an Wein und Brot aber hat es in Meinem Hause ohnehin keinen Mangel.“
[GEJ.09_151,10] Sagte Ich: „Ich kam darum
denn ja auch zu dir, weil Ich ein paar Tage in deinem Hause verweilen will.
Doch heute und morgen machet Mich nicht ruchbar bei den hier anwesenden Gästen;
sollte Mich ohne euer Zutun jemand erkennen, so werde dann schon Ich mit ihm reden!
[GEJ.09_151,11] Hier aber siehst du auch die
Mutter Meines Leibes. Dein Weib und deine Kinder sollen von ihr gesunde Speisen
bereiten lernen. Und nun wollen wir in dein Haus, das du erweitert hast, ziehen
und etwas Brot und Wein zu uns nehmen!“
[GEJ.09_151,12] Darauf gingen wir ins Haus,
setzten uns zu den Tischen und nahmen etwas Brot und Wein zu uns. Maria
unterhielt sich gleich mit der Familie des Markus, Ich aber machte ihn mit
allen, die nun bei Mir waren, und die unser Markus noch nicht kannte, bekannt,
und er befragte sie um verschiedenes und erkannte aus ihren Antworten, daß sie
von Meinem Geiste durchdrungen waren, und er hatte darob eine große Freude an
ihnen und erzählte ihnen vieles von den Zeichen und Begebnissen, die sich bei
Meinem ersten Hiersein zugetragen hatten.
[GEJ.09_151,13] Und es vergingen so ein paar
Stunden wie ein paar selige Augenblicke. In dieser Zeit ward denn auch das Mahl
bereitet, in den ganz geräumigen Speisesaal gebracht und auf die Tische
gesetzt. Wir nahmen es auch sogleich zu uns und begaben uns darauf auf den
schon bekannten Hügel und bezogen den neuen Söller, den der Wirt von Jesaira
nicht genug bewundern und loben konnte. Es war für alle ein hinreichender Raum
und für noch zehnmal so viele, als wie groß da war unsere Anzahl, auch noch
darüber.
[GEJ.09_151,14] Hier fragte Kisjona den
Markus, ob dieser Söller sicher auch häufig von Kurgästen besucht werde, und um
welche Zeit.
[GEJ.09_151,15] Sagte Markus: „Du möchtest
etwa wohl mit den Fremden hier nicht zusammenkommen? Habe darob keine Sorge! Da
sieh nur in den sicher sehr großen Prachtgarten hinab, wie es im selben von
Kurgästen wimmelt! Gegen das Meer siehst du mehrere große herrliche
Aussichtssöller und in ihnen überall eine Menge Menschen. Die Gäste erheitern sich
demnach stets im Garten, und nur selten wirst du jemanden außerhalb des Gartens
ersehen. Und dieser Söller auf diesem eben nicht gar niederen Berge wird trotz
der herrlichen Aussicht, die man von hier nach allen Richtungen hin genießt,
von den Gästen noch seltener besucht; denn so sie als Kranke ankommen, da haben
sie keine Lust, auf diesen Berg zu steigen, und sind sie geheilt, so ziehen sie
lieber sogleich in ihre Heimat. Und so wird dieser Punkt von den Fremden stets
nur sehr selten besucht und dient daher nur mir und den Meinigen zur
Erheiterung. Wir sind demnach hier ganz sicher und werden von den Fremden nicht
belästigt werden.“
[GEJ.09_151,16] Damit waren unser Kisjona und
auch alle andern zufrieden.
[GEJ.09_151,17] Alle bewunderten nun die
herrliche Aussicht, und Markus beschrieb ihnen alle Orte, Gegenden und Berge
und erheiterte sogestaltig über eine Stunde lang die Gesellschaft.
[GEJ.09_151,18] Auch Ich erklärte mitunter
einiges aus der Vorzeit, das sich in dieser Gegend zutrug, und so wurde hier
die ganz weit ausgedehnte Gegend topographisch und historisch zergliedert.
[GEJ.09_151,19] Als sich die Sonne dem
Untergange zu nahen anfing, da bemerkten wir ein wohlerkennbar römisches Schiff
auf unseren Ort lossteuern, und alle fragten Mich, wen etwa dieses Schiff wohl
bringen werde.
[GEJ.09_151,20] Sagte Ich: „Um das zu
bestimmen, braucht man eben nicht allwissend zu sein. Wo ein bekannter Heilort
ist, da ziehen auch die Kranken hin. Es sind etliche Griechen und Römer; lasset
sie kommen! Denn wer da gläubig ein Heil sucht, der soll es auch finden.
[GEJ.09_151,21] Nach einer Weile kam das
Schiff auch ans Ufer und brachte zehn Römer und sieben Griechen in den Ort, die
von den Dienern, die uns ehedem beinahe nicht aufnehmen wollten, dennoch ohne
Anstand aufgenommen und sogleich in der Heilanstalt untergebracht wurden.
[GEJ.09_151,22] Wir aber blieben noch eine
volle Stunde der Zeit nach dem Untergange auf dem Berge, und Meine Jünger
erzählten dem Markus vieles von Meinen Reisen, Lehren und Taten, an welchen
Erzählungen unser Markus und auch alle die andern eine große Freude hatten.
Nach der beendeten Erzählung begaben wir uns wieder hinab ins Haus, nahmen ein
kleines Abendmahl zu uns und begaben uns dann zur Ruhe.
152. Kapitel
[GEJ.09_152,01] Am Morgen vor dem Aufgange
befanden wir uns schon wieder im Freien, und zwar am Meeresufer, wo sich auch
einige schon mehr geheilte Kurgäste befanden und sich an dem Wogenspiel der
weitgedehnten reinen Wasserfläche vergnügten.
[GEJ.09_152,02] Es fragten Mich aber einige
Jünger, sagend: „Herr und Meister, wir bemerken das, seit wir um Dich sind, daß
Du stets gut eine Stunde Zeit vor dem Aufgange auch zur Winterszeit Dich ins
Freie begibst und Dich gleich uns Menschen an den Erscheinungen der Naturwelt
erheiterst. Da Dir aber ohnehin alles erschaulich bekannt ist, was nicht nur
auf und in dieser Erde, sondern auch in der ganzen Unendlichkeit ist und
geschieht, war und geschehen ist und sein und geschehen wird, so haben wir
schon oftmals darüber nachgedacht, wie Du an den Dingen und Erscheinungen auf
einem nur kleinen Flecke dieser Erde doch noch irgendein Wohlgefallen haben
kannst und magst!“
[GEJ.09_152,03] Sagte Ich: „Das war einmal
wieder eine so recht menschlich blinde Frage von euch! So Ich an den Dingen und
Erscheinungen auch in dieser materiellen Natur kein größeres und innigeres
Wohlgefallen hätte denn ihr, da würde von dieser ganzen Erde mit allem, was auf
ihr, in und über ihr sich befindet, gar sehr bald auch nicht ein Pünktlein mehr
irgend sich vorfinden.
[GEJ.09_152,04] Es ist ja doch alles, was da
ist, Meine ewige Liebe verkörpert vor euren Augen; wie sollte Ich dann kein
Wohlgefallen an Meiner Liebe haben, die doch von Ewigkeit her Alles in Allem
ist?
[GEJ.09_152,05] Daß Ich Mich aber stets schon
am frühen Morgen, wie oft auch bis in den späten Abend, gerne im Freien
befinde, das hat seinen doppelten Grund: Denn erstens sollet ihr daraus lernen,
wie auch in des Menschen Seele der geistige Morgen ähnlich dem dieser Erde frühzeitig
erwachen soll und dann, daß Ich an solch einem frühzeitigen Morgen im Menschen
eben auch schon eher, als es in ihm zum vollen Aufgange kommen wird,
gegenwärtig sein und Mich an dem stets heller werdenden Lebensmorgen ebenso
erfreuen werde, wie Ich Mich vor euch sichtbar und euch zu einem wahren
Beispiele an jeglichem Naturmorgen erfreut habe.
[GEJ.09_152,06] Und zweitens aber sollet ihr
aus Meinem steten und frühen Morgenbesuche die Tätigkeit und den rechten Eifer
kennenlernen und sollet Mir auch darin gleichen und die Menschen, denen ihr
Mein Evangelium predigen werdet, dessen wohl erinnern; denn nur durch den
rechten Eifer und durch eine frühe Tätigkeit kann der Mensch zum wahren Reiche
Gottes in sich gelangen und es dann auch für ewig behalten.
[GEJ.09_152,07] Daß Ich aber auch die Abende
gerne im Freien zubringe, dadurch zeige Ich euch an, erstens, daß der Mensch
auch am Abende seines Erdenlebens tätig sein soll, um zu kräftigen das innere
Lebenslicht. Denn wer sich zu früh zur trägen Ruhe begibt und sich in seinem
Hause dem sorglosen Schlafe ergibt, der wird es leicht erleben, daß Diebe bei
ihm einbrechen und ihn seiner Schätze berauben werden; wer aber lange wach
bleibt, dem wird solch ein Unheil so leicht nicht begegnen.
[GEJ.09_152,08] Der andere und zweite Grund,
warum Ich auch die Abende gerne im Freien zubringe, aber besteht in dem: Ihr
möget daraus ersehen, daß dann erst am Abend eine freie Ruhe zu einer wahren
Seligkeit wird, so man schon vom frühen Morgen an den Tag über bis zum Abend hin
vollauf tätig gewesen ist.
[GEJ.09_152,09] So ihr nun das von Mir euch
Gesagte wohl begriffen habt, da bleibet in diesem Lichte, und fraget hinfort
nicht so leicht wieder um Dinge, die euch nun doch schon von selbst
einleuchtend sein sollten. Habt ihr das wohl verstanden, so tuet auch danach;
denn aus dem Verständnisse allein könnet ihr in euch das wahre Reich Gottes
nicht wachrufen!“
[GEJ.09_152,10] Als die Jünger und auch alle
die andern das vernommen hatten, da dankten sie Mir für Meine Geduld mit ihnen
und baten Mich auch für fernerhin um Geduld.
[GEJ.09_152,11] Und Ich sagte: „Ein jeder
Mensch, der viel Liebe hat, der hat auch viel Geduld; Ich aber habe die meiste,
höchste und reinste Liebe zu euch, und so habe Ich mit euch denn auch sicher
die größte Geduld. Wer da in Mir verbleibt durch seine Liebe zu Mir, in dem
bleibe auch Ich; denn Ich Selbst bin da ja seine Liebe und seine Geduld.“
[GEJ.09_152,12] Hier nahten sich Mir zwei
Kurgäste und fragten den neben Mir stehenden Wirt Markus, wer Ich wäre; denn
sie hätten Mich weise reden hören und hielten Mich für einen Weltweisen. – Es
waren dies zwei Griechen nach der Lehre des Pythagoras. –
[GEJ.09_152,13] Markus aber sagte zu ihnen:
„Da ist unaussprechbar mehr denn der griechische Weise Pythagoras! Pythagoras
konnte keinen Blinden sehend und keinen Tauben hörend machen; Der aber kann das
aus Seiner höchsteigenen Macht, und selbst einen Toten kann Er zum Leben
erwecken! Und das ist sicher endlos mehr denn Pythagoras.“
[GEJ.09_152,14] Da wollten die beiden mit Mir
zu reden anfangen; aber es kam ein Diener und lud uns zum Morgenmahle. Die
beiden aber folgten uns bis zum Hause und harrten, bis Ich wieder aus dem Hause
käme; denn sie wollten um jeden Preis Mich näher kennenlernen.
[GEJ.09_152,15] Diesmal hielten wir uns beim
Morgenmahle über eine Stunde Zeit auf, und unseren zwei Griechen wurde die Zeit
lang. Ins Haus getrauten sie sich aber doch nicht zu treten, da sie das als
welthöfliche Menschen für unschicksam hielten; aber sie befragten bald den
einen und bald wieder den andern Diener, ob er Mich nicht näher kenne.
[GEJ.09_152,16] Die Diener aber hatten von
Markus das Gebot erhalten, Mich nicht ruchbar zu machen vor der Zeit, die Ich,
so es nötig würde, Selbst bestimmen würde; und so konnten die beiden Griechen
sogar um ein den Dienern angebotenes reichliches Trinkgeld über Mich nichts
Weiteres erfahren, als was ihnen zuvor Markus gesagt hatte.
[GEJ.09_152,17] Endlich aber wurde unser Mahl
beendet, das diesmal darum etwas länger angedauert hatte, weil unsere Maria
mehrere Begebenheiten aus ihrer und auch aus Meiner Jugendzeit erzählt hatte,
welche von Matthäus auch in einem besonderen Buch getreu aufgezeichnet wurden.
153. Kapitel
[GEJ.09_153,01] Wir begaben uns denn nun
wieder ins Freie, und als Ich noch kaum den einen Fuß über die Türschwelle
gesetzt hatte, da verneigten sich die beiden Griechen sogleich tief vor Mir und
baten Mich, daß Ich ihnen doch nur etwas wenig Näheres über Mich Selbst
kundgeben möchte.
[GEJ.09_153,02] Ich aber sagte zu ihnen: „Was
soll Ich zu euch über Mich Selbst wohl reden? Denn fürs Wort allein habt ihr
als kernfeste Anhänger des Pythagoras und zum Teil auch des Aristoteles keinen
Glauben; und wirke Ich ein Zeichen vor euren Augen, so werdet ihr sagen: ,Ah,
er ist einer aus der Schule der Essäer!‘ Und so möget ihr das nun wohl von
selbst einsehen, daß ein Zeugnis von Mir Selbst über Mich keinen großen und für
euch nutzbaren Wert hätte, und es wird darum vorderhand schier klüger sein, vor
euch zu schweigen denn etwas zu reden.“
[GEJ.09_153,03] Sagten die beiden Griechen:
„Meister, du hast recht und wahr geredet, und wir haben nun schon aus dem, wie
du uns mit wenigen Worten haarscharf charakterisiert hast, nur zu klar ersehen,
daß du in des Menschen Inneres überaus helle Blicke richten kannst, und es
dürfte selbst einem weltklügsten Weisen sehr schwer werden, sich vor dir nur im
geringsten verstellen zu können. Da wir aber dieses schon aus deinen wenigen
Worten entnommen haben und darum keinen Grund haben, deinen Worten nicht zu
trauen, so kannst du, so es dein Wille ist, uns schon ein mehreres über dich
selbst kundtun; denn ein Wort aus dem Munde eines wahrhaft großen Weisen wiegt
mehr fürs Leben von vielen tausendmal tausend Menschen denn alle Schätze der
Erde, die sie am Ende ihrer Tage nicht zu stärken und zu trösten vermögen.
[GEJ.09_153,04] Das Wort des Weisen aber wird
ein bleibend Angehör des Menschenherzens, und so es in ihm zu dämmern und sehr
lebensabendlich zu werden beginnt und er in die Tage kommt, die ihm nicht mehr
gefallen, da wird das Wort zu einer Leuchte voll Trostes und der wahren,
inneren Lebenskraft und somit eines jeden Menschen wahrster und innigster
Freund. Und darum möchten wir von dir denn auch einige Worte über dich selbst
aus deinem Munde vernehmen; denn wir sind schon im voraus der vollsten
Überzeugung, daß unsere Herzen in deinen Worten einen großen Trost und eine
rechte und wahre Stärkung finden werden.“
[GEJ.09_153,05] Sagte Ich: „So ihr solchen
Glaubens seid, da kommet mit uns auf den Berg in den Söller, und wir wollen uns
alldort näher besprechen!“
[GEJ.09_153,06] Sagten die beiden Griechen:
„Meister, dieser Felsberg ist zwar nicht hoch, aber er ist sehr steil, und es
gehören eine gute Lunge und ziemlich gesunde Füße dazu, um ohne eine erhebliche
Anstrengung in den Söller auf dem Berge zu gelangen. Wir sind – dem Gott der
Juden alles Lob! – in dieser Anstalt wohl schon auf dem Wege der Besserung,
doch mit unserer Brust und mit unseren Füßen will es sich noch nicht so recht
machen, und es dürfte uns denn am Ende doch etwas schwer werden, den Söller auf
dem Berge oben zu gewinnen. Möchtest du uns denn nicht hier in der Ebene nur
eine kurze Zeit widmen, für die wir dir sicher nach unseren Kräften dankbar
sein würden?“
[GEJ.09_153,07] Sagte Ich: „Liebe Freunde, warum
Ich nur auf dem Berge mit euch reden will, das weiß Ich allein am besten, und
ihr werdet es dann auch wissen. Fürchtet euch darum nicht vor diesem Hügel;
denn eure kleine Mühe wird in eine rechte Tröstung verwandelt werden!“
[GEJ.09_153,08] Auf diese Meine Worte
entschlossen sich die beiden Griechen, doch mit uns den Berg zu besteigen, und
als wir oben im Söller angekommen waren, verwunderten sich die beiden, daß sie
die Höhe mit beinahe gar keiner fühlbaren Mühe und Anstrengung ganz leichten
Atems erreicht hatten, und meinten, daß auch dieser Berg, so wie die sicher aus
seinem Innern entstammenden Heilquellen, in seiner Ausdünstung sehr heilsam auf
den Leib der Menschen wirken werde. Bei ihnen werde solchen Bergen eine Art
göttlicher Verehrung erwiesen, und ihre Spitzen würden mit einem oder oft auch
mehreren den Göttern geweihten Tempeln geziert; denn die Menschen meinten und
glaubten auch, daß solche Berge mit ihren Heilquellen zu öfteren Malen von den
unsterblichen Göttern eigens darum besucht und gesegnet worden seien, damit sie
der leidenden, sterblichen Menschheit in ihrer Not zum Heile dienten.
[GEJ.09_153,09] Der eine sagte weiter: „Es
wird sich mit der Sache schier anders verhalten; aber der größte Teil der
Menschen, die in die Welt hinausgestoßen sind, ohne je von jemandem darin einen
Unterricht bekommen zu haben, warum sie da sind, urteilt anders. Der Anblick
des Himmels mit der Sonne, dem Monde, mit der Unzahl von Sternen und der
Anblick der gesamten Natur der Erde haben sie auf dem Wege der eigenen, stets
regen Phantasie auf allerlei übersinnliche Vermutungen gebracht, wozu auch so
manche sehr lebhafte Träume, die gewisse Menschen hatten, entschieden
mitgewirkt haben, die freilich auch nur eine Folge einer sehr lebhaften
Phantasie sein können; und so sind aus den Vermutungen und Träumen Lehren von
höheren, übersinnlichen Wesen entstanden, die später von geistreichen Dichtern
in allerlei Persönlichkeiten umgestaltet und von geschickten Bildnern den
Menschen beschaulich dargestellt wurden.
[GEJ.09_153,10] Dann gesellten sich
geschickte Redner und Magier hinzu, aus denen das gegenwärtige, nahezu
unbesiegbare Priestertum mit seinen Tempeln und Orakeln hervorging, das nun
nicht mehr der Götter wegen, an die kein Priester mehr glaubt, sondern nur der
Könige und Fürsten wegen das gemeine Volk in dem blinden Glauben an die
mächtigen Götter erhält, damit sich dieses nicht gegen seine Peiniger erhebe
und sie verderbe.
[GEJ.09_153,11] Aber sei nun an der
Göttersache, was da immer wolle, so dünkt mir irgendein noch so blinder Glaube
an irgend ein oder auch mehrere höhere Wesen doch immer besser als gar keiner,
und es erbaut so ein mit einem Tempel gezierter Berg oder Hügel das menschliche
Gemüt immer mehr als irgendeine wüste Flachgegend, an der des Menschen
Phantasie sicher wenig Nahrung findet.
[GEJ.09_153,12] Ich will aber damit das
Göttertum vor einem höchst weisen Manne, wie du, hoher Meister, einer bist, zu
keiner Realität erheben; aber ich verachte es darum nicht, weil es einer zahllosen
Menschenmenge im bittern Leben auf dieser Erde in allen Leiden und endlich
sogar im stets qualvollen Moment des Sterbens den erwünschten Trost bietet. Und
darin bin ich mit dem weisen Aristoteles ganz einverstanden, ohne dadurch der
viel erhabeneren Gotteslehre nur im geringsten nahetreten zu wollen.
[GEJ.09_153,13] Und so haben ich und mein
Freund nun vor euch uns völlig enthüllt, und ich glaube nun, daß auch du, hoher
Meister, dich vor uns ein wenig näher enthüllen könntest. Doch nur dein Wille leite
dich, so wie auch der unsere uns leitet!
[GEJ.09_153,14] Siehe, ich will dir aus
unserer alten griechischen Weisheit noch eines zu dem bereits Gesagten
hinzufügen: Wir sind in unserer Art wahrhafte Weise, weil wir dessen stets
eingedenk sind, daß wir bald sterben werden. Wir suchen auf dieser Erde nur
noch das einzige Glück zu erreichen, daß uns der Tod kein Erschrecknis, sondern
eine wahre Herzenslabung voll Trostes werden solle. Und darum ist uns ein Wort
aus dem Munde eines großen Weisen mehr denn alle Schätze der Erde; denn das
kann uns auch dann zu einer tröstenden Leuchte in unserem Herzen werden, wenn
unser Auge fürs Licht dieser Welt erloschen sein wird.
[GEJ.09_153,15] Wolle du, hochweiser Meister,
demnach uns beiden ein solches Wort zukommen lassen, und du selbst wirst
glücklicher sein durch das Bewußtsein, zwei Unglückliche glücklich gemacht zu
haben!“
154. Kapitel
[GEJ.09_154,01] Sagte Ich: „Höret, Meine
lieben Freunde, euer Wunsch ist ein sehr löblicher wohl, aber dabei dennoch
etwas eigennützig; denn als ihr noch junge, gesunde und rüstige Leute waret und
nicht, so wie nun in eurem Alter, an einen bitteren Tod dachtet, da war die
Welt mit ihren Schätzen euch alles, und ihr trachtetet denn auch nur nach
diesen vergänglichen Erdengütern, die ihr denn durch allerlei Handel und Wandel
euch in großer Menge gesammelt habt. Daneben habt ihr denn auch allerlei
Weltlustbarkeiten nicht verachtet und habt alles mitgemacht und genossen, was
die Welt nur immer als vergnüglich und lustreizlich aufzubieten vermochte. In
jener Zeit dachtet ihr wenig an irgendeinen Gott oder an irgendeinen Weltweisen
und ebensowenig an ein tröstendes und euer Herz stärkendes und erleuchtendes
Wort.
[GEJ.09_154,02] Als ihr aber nahe die fünfzig
Jahre Alters zu zählen begannet und eures Leibes Lebenskräfte matter zu werden
begannen und ihr gar manchen eurer guten Freunde und Bekannten aus diesem Leben
verschwinden sahet, und manchen unter vielen und bitteren Schmerzen und Qualen,
da ward es euch ernster im Gemüte, und ihr fragtet euch: ,Wie lange kann es
denn mit uns noch dauern? Gibt es nach diesem Leben nach unserer Priester Lehre
wohl ein anderes, entweder besseres oder auch noch schlechteres Leben, oder
gibt es keines? Wer in der Welt kann uns darüber einen haltbar sicheren Beweis
liefern?‘
[GEJ.09_154,03] Andere, die das Leben nicht
von einer so ernsten Seite betrachteten und sich um das leidige Sterben auch
weniger kümmerten als ihr, sagten euch: ,Leset den Plato, den Aristoteles, den
Pythagoras, da werdet ihr schon ins klare kommen, wie es mit dem jenseitigen
Leben aussieht!‘
[GEJ.09_154,04] Ihr tatet das mit vielem
Eifer, aber es wollte in euch dennoch zu keiner Klarheit kommen. Ihr wandtet
euch an die Orakel, die euch noch weniger befriedigten. Ihr erfuhret dabei, daß
in dieser Hinsicht die wahre Weisheit bei den Essäern und in den Schriften und
Büchern der Altjuden daheim sei. Ihr reistet darum nach Essäa und fandet das
Gesuchte auch nicht also, wie ihr es zu finden hofftet. Ihr verschafftet euch
darauf der Juden Schriften, laset sie durch und durch, konntet aber daraus auch
nicht klug werden, weil ihr sie nicht verstehen konntet; nur das habt ihr dabei
gewonnen, daß ihr von euren Vielgöttern abkamet und an das mögliche Dasein nur
eines Gottes zu halten anfinget.
[GEJ.09_154,05] Bei solchem eurem Suchen, das
nun schon beinahe an die zwanzig Jahre dauert, da ihr schon bei siebzig
Lebensjahre zählt, wurdet ihr schwach, mühselig und von allerlei Seelen- und
Leibeskrankheiten befallen, habt allerlei Heilanstalten und nun auch diese
hier, von der ihr viel Rühmliches vernommen habt, besucht, um da des Leibes
Gesundheit insoweit nur wieder zu erreichen, um mit einem heitereren Sinn dem
Wesen des Lebens nachforschen zu können.
[GEJ.09_154,06] Ihr bestieget mit uns auf
Mein Anraten nun diesen Berg und fühlet jetzt nach eurem eigenen Geständnisse,
daß es euch um vieles wohler ist als ehedem unten in der Ebene. Und weil es
euch wohler geworden ist, so möchtet ihr aus Meinem Munde jenes vernehmen, das
ihr in eurer stets wachsenden Bedrängnis volle zwanzig Jahre hindurch trotz
aller eurer Mühe nicht habt in der vollen Klarheit vernehmen können.
[GEJ.09_154,07] Ja, wer da sucht mit allem
Ernste in seinem Alter, was er in seiner Jugend mit einer viel geringeren Mühe
leicht hätte finden können, so ihn die lustvolle Welt und sein Leichtsinn daran
nicht gehindert hätten, der soll es auch noch finden, – aber erst dann, wenn er
seine Seele von allen materiellen Schlacken und Flecken gereinigt hat!
[GEJ.09_154,08] Ginge es dem Menschen auch
bis in sein möglich höchstes Alter gleichfort so recht jugendlich frisch,
munter und heiter, so würde das, was ihr schon vor zwanzig Jahren zu suchen
begonnen habt, ihm auch so gleichgültig sein und verbleiben, wie es euch in
euren jungen Jahren war; aber das stets mühseliger werdende Alter und damit das
stete Näherrücken dem Ende des Leibeslebens nötigt die das Leben liebende
Seele, sich um das weitere Wesen eben des Lebens zu kümmern anzufangen und zu
fragen hie und da, was es mit dem blinden Volksglauben für eine Bewandtnis
habe.
[GEJ.09_154,09] Die dunklen und zweifelhaften
Antworten, die ihr bei ihrem Suchen und Forschen zuteil werden, reinigen sie
durch die in ihr erweckte Angst vor dem Leibestode von der sie
gefangenhaltenden und blind und taub machenden Weltliebe; sie fängt an, die ihr
einst so wohlschmeckenden Güter dieser Welt zu verachten und zu fliehen und
reinigt sich eben dadurch von dem, was sie im Gefühle des Gerichtes und des
Todes der Materie gefangenhielt.
[GEJ.09_154,10] Aber würde die Seele ihres
Leibes vergängliche Materie durch irgendein Arkanum auch im Alter wieder
verjüngen können, so bliebe sie abermals in ihrem wandelnden Grabe ganz
vergnügt ruhen und würde sich nicht um ihr eigenes Leben kümmern. Darum aber
hat Gott dieses irdische Willensfreiheitsprobeleben aus Seiner ewigen Liebe
schon gerade also eingerichtet, daß der Mensch älter, schwächer und mühseliger
werden muß, und das besonders jener, der in seiner Jugendzeit zu sehr an der
Materie dieser Zeitwelt hing, auf daß sich endlich auch seine so lange vom Tode
gefangengehaltene Seele zum sicheren ewigen Leben emporrichten kann.
[GEJ.09_154,11] Hat sich die Seele so mit der
Hilfe ihres ihr verborgenen Schöpfers und Herrn von dem Gerichte der Materie
losgemacht und sich durch ihr reges Streben in dem inneren Lebenslichte selbst
gefunden, dann ist sie auch ein Herr über ihre Materie und über deren Tod, den
sie nicht mehr so fürchtet wie ehedem, geworden und kümmert sich wenig mehr um
des Leibes Alter und Schwäche; denn sie selbst ist ja gesund, kräftig und in
sich voll Trostes geworden.
[GEJ.09_154,12] Darin aber besteht auch das,
was ihr gesucht und hier denn auch gefunden habt! Denn wer da ernstlich sucht,
der soll das Gesuchte auch finden. Wer an die Tür pocht, dem wird sie auch
rechtzeitig aufgetan, und dem, der da bittet, wird das Erbetene auch gegeben
werden.
[GEJ.09_154,13] Wie ihr aber das so lange und
bange Gesuchte eben nun hier endlich einmal gefunden habt, das wird euch die
Folge erst hell und klar machen. Doch nun kommt es abermals an euch, hier offen
euch vor uns zu äußern, wie ihr das von Mir euch Gesagte verstanden habt. Denn
man kann ein Haus, das man neu aufbaut, nicht eher vollenden, bis der Grund,
der das Haus zu tragen hat, seine vollste Festigkeit erreicht hat. So ihr nun wollet,
so könnet ihr reden!“
[GEJ.09_154,14] Hierüber waren die beiden
alten Griechen so sehr erstaunt, daß sie gar nicht wußten, womit sie eine Rede
hätten beginnen mögen.
155. Kapitel
[GEJ.09_155,01] Nach einer kleinen Weile erst
fing der eine also zu reden an und sagte: „O du höchst weiser Meister! Wir
haben doch, wie du es uns höchst wahr und richtig dargestellt hast, die
leidigen zwanzig Jahre hindurch gar vieles erfahren, – aber selbst die
bewährtesten Orakel wußten nichts von unserer Jugend und ebensowenig von
unserem Handel und Wandel; du aber, den wir hier zum ersten Male in unserem
Leben ganz unvermutet zu Gesichte bekamen, hast unser ganzes Tun und Lassen so
ganz der Wahrheit getreu dargestellt, als wärest du von Jugend an schon bei uns
gewesen. Wie ist dir denn das doch möglich? Hast du das aus unseren Gesichtern
gelesen? Wie, wie war dir das möglich?“
[GEJ.09_155,02] Sagte Ich: „Bekümmert euch
darum jetzt noch nicht; denn sagte Ich es euch auch gerade heraus, so würdet
ihr das nicht fassen! So aber in euch euer Geist wacher werden wird, da werdet
ihr das schon eben in euch selbst zu begreifen anfangen, wie Mir das gar leicht
möglich ist, jedem Menschen offen darzutun, was er von der Geburt an in jedem
Augenblick gedacht, gesprochen, gewollt und getan hat; denn vor Mir kann sich
niemand verbergen. Aber nun vorderhand nichts Weiteres mehr davon, und ihr
möget weiter reden!“
[GEJ.09_155,03] Sagte darauf der eine
Grieche: „Höchst weiser Meister! Wir haben gar manche Schule besucht, wir waren
in ganz Ägypten und haben daselbst in den Städten uns um unser Geld alles
zeigen lassen und ließen uns auch einweihen in gar manche alte
Weisheitsgeheimnisse; aber wir haben in keiner Schule einen Meister gefunden,
der da der vollen Wahrheit gemäß hätte von sich sagen können, was du soeben von
dir gesagt hast, – und doch bist du dem Ansehen nach auch nur ein Mensch, der
einmal auch nur in einer Schule seine Weisheit und geheime Kunst erlernt hat!
[GEJ.09_155,04] Wo in dieser Welt aber ist
diese Schule? Und gibt es auf der ganzen Erde aber eine solche Schule nicht, da
müßtest du ja offenbar ein Gott sein, dem allein – was wir nach den
verschiedenen Götterlehren von den Fähigkeiten und Eigenschaften der seienden
Götter wissen – solche von dir ausgesprochenen Dinge möglich sind.
[GEJ.09_155,05] Einem Menschen, den man zuvor
nie gesehen hat und von dem man auch nicht wissen kann, welchen Namen er führt
und in welcher Stadt oder auf welcher Insel oder in welchem Teile eines
Festlandes er geboren ist, zu sagen, was er ist, was er hat, wie er gelebt und
gehandelt hat, das ist endlos mehr denn alle noch so verborgen gehaltene Magie.
Weißt du etwa auch um unsere Namen, um unsere Geburtsstätten und um unsere
Weiber und Kinder?“
[GEJ.09_155,06] Sagte Ich: „So Ich um das
eine weiß, da weiß Ich sicher auch um das andere! Aber so Ich eure Namen und
eure Geburtsstätten und auch eure Weiber und Kinder euch vorgesagt hätte, da
hättet ihr euch dabei gedacht: ,Ja, das kann er leicht wissen aus unseren
Reiseschriften, die wir bei unserer Ankunft haben aufweisen müssen, um in
dieser Anstalt angenommen zu werden, weil da alles streng nach den Gesetzen
Roms behandelt wird!‘
[GEJ.09_155,07] Aber das, was Ich euch gesagt
habe, steht in euren Reiseschriften nicht aufgezeichnet und ist darum sicher um
vieles denkwürdiger, als so Ich euch gleich als Meliteer bei euren Namen
Polykarp und Eolit begrüßt und euch auch noch hinzugesagt hätte, daß eure noch
lebenden Weiber Athenerinnen sind, und daß du, Polykarp, acht Kinder – drei
Knaben und fünf Mägdlein – hast und Eolit zwölf – fünf Männlein und sieben
Mägdlein. Solches aber steht in euren Reiseschriften, die Ich allenfalls hätte
können gelesen haben; aber was Ich euch gesagt habe, das steht nicht in euren
Reiseschriften, und so habe Ich es auch nicht wissen können aus euren
Schriften, – und dennoch weiß Ich um noch viel anderes, das Ich euch aber jetzt
noch nicht sagen will.
[GEJ.09_155,08] Die Schule aber, in der Ich,
nach eurer Denkweise, solches erlernt haben mag, besteht in der ganzen Welt nirgends;
denn da bin Ich Selbst der Meister und die Schule.
[GEJ.09_155,09] Wer es von Mir erlernt und zu
Mir in die Schule des Lebens durch den Glauben an den nur einen, allein wahren
Gott, durch die Liebe zu Ihm und aus der durch die Liebe zum Nebenmenschen
kommt und nach dieser Meiner Lehre dann lebt und handelt, der ist ein rechter
Jünger Meiner Schule. Und es ist das eine allein rechte und wahre Schule des
Lebens für jeden Menschen, der in diese Schule eintreten und in ihr unwandelbar
bis ans Ende seines diesirdischen Lebens verharren will. In dieser Schule
allein wird er das jenseitige ewige Leben seiner Seele finden, und der Tod und
das Gericht der Materie werden von ihm weichen.
[GEJ.09_155,10] Wer in diese Meine Schule
eintritt und nach ihrer Lehre tut, der wird es denn auch in sich erfahren, wie
und warum eben nur Ich der Meister und die Schule Selbst bin.
[GEJ.09_155,11] Aber in dieser Schule heißt
es nicht, halb hin und halb her sein, sondern da heißt es: Trachtet vor allem
nur nach dem Reiche Gottes und nach seiner Gerechtigkeit, das alles inwendig im
Menschen ist und nirgends anderswo außerhalb des Menschen mit einem
Schaugepränge, und kümmert und sorget euch nicht um die Dinge und Schätze
dieser Welt, die für das Leben der Seele des Menschen keinen Wert haben, weil
sie vergänglich sind so wie ein noch so schön strahlender Tautropfen, den schon
ein schwacher Wind verweht; denn was ein rechter Jünger Meiner Schule für den
zeitlichen Unterhalt seines Leibes benötigt, wird ihm schon als eine freie Hinzugabe
beschert werden.
[GEJ.09_155,12] Sehet an die Vögel in der
Luft, die Tiere des Waldes und die der Gewässer! Sie säen nicht und ernten auch
nicht, und doch sind sie alle versorgt mit allem, was sie nötig haben. Sorget
aber Gott für die Tiere, so wird Er sicher noch um vieles mehr sorgen für die
Menschen, die an Ihn glauben und Ihn über alles lieben.
[GEJ.09_155,13] Also möget ihr auch, euch zu
einem Beispiele nehmend, das Gras und die vielen Blumen des Feldes betrachten!
Wahrlich, sie sind herrlicher geziert und bekleidet, als es der König Salomo in
seiner größten Pracht je war!
[GEJ.09_155,14] Sorgt aber Gott als der
allein wahre Vater aller Menschen schon also für die Gewächse des Feldes, die
heute wohl noch stehen, aber am nächsten Tage abgemäht, getrocknet und dann zum
Teil in den Öfen verbrannt und zum Teil den Haustieren verfüttert werden, so
wird Er wohl um so mehr für Seine Kinder sorgen, daß sie nicht nackt auf der
Erde umhergehen müssen; denn ein Mensch, der ein rechter Jünger Meiner Schule ist,
wird doch besser sein denn all das Gras und alle die andern Gewächse auf der
ganzen Erde?!
[GEJ.09_155,15] Darum soll sich denn auch ein
rechter Jünger Meiner Schule nicht sorgen um den kommenden Tag, was er essen
und trinken werde und womit bekleiden seinen Leib; denn das tun wohl die
Heiden, die keine Jünger Meiner Schule sind –, für Meine rechten Jünger wird,
dessen sie nötigs bedürfen, schon gesorgt werden.
[GEJ.09_155,16] Und so wisset ihr es nun denn
auch, aus welcher Schule Ich Meine Weisheit geschöpft habe. Da um Mich aber
ersehet ihr schon eine ziemliche Anzahl Meiner Jünger; sie können es euch auch
sagen, daß es sich mit Meiner Meisterschaft und Schule nur so und nicht anders
verhält, wie Ich euch das nun gezeigt habe.“
[GEJ.09_155,17] Hierauf machten die beiden
Griechen große Augen, wandten sich an einen Meiner Jünger, und zwar an den
Johannes, der ihnen der freundlichste zu sein schien, und fragten ihn, ob sich
die Sache, die ihnen nicht völlig klar sei, wohl also verhalte.
156. Kapitel
[GEJ.09_156,01] Und Johannes sagte: „Ja,
liebe Freunde, die Sache verhält sich genau also, ob sie euch auch nicht völlig
klar ist; sie wird euch aber schon noch klarer werden, so ihr selbst in diese
Schule in euch durch den Glauben an den einen, allein wahren Gott und durch die
reine Liebe zu Ihm und zum Nebenmenschen treten werdet.
[GEJ.09_156,02] Für diese Schule aber besteht
auf der ganzen Erde kein Haus, kein Tempel und keine ägyptische Pyramide; denn
sie besteht allein nur im Erkennen der inneren Wahrheit aus Gott und danebst im
getreuen Handeln nach der erkannten Wahrheit.
[GEJ.09_156,03] Ihr aber habt die Wahrheit
lange gesucht und habt sie nun denn auch gefunden. Ihr wisset nun, was ein
Mensch zu tun hat, um ein rechter Jünger der Schule des inneren Lebens zu
werden, zu sein und zu verbleiben; aber das Wissen und Erkennen allein genügt
noch lange nicht, um ein Jünger dieser inneren Lebensschule aus Gott im
Menschen selbst zu sein, sondern das offene und freiwillige Handeln nach der
erkannten Wahrheit macht den Menschen erst zum wahren und rechten Jünger in der
eigenen inneren Schule des Lebens.“
[GEJ.09_156,04] Als die beiden von Johannes
dies vernommen hatten, da dachten sie bei sich: „Sonderbar! Der Jünger spricht
wie der Meister und sagt auch, daß wir hier die lange gesuchte Wahrheit endlich
einmal gefunden hätten. Das ist wahrlich sehr löblich, nur – wir verspüren von
dieser Wahrheit noch sehr wenig in uns! Wir sollen aber auch nach ihr handeln,
aber wie möglich das, so uns die Wahrheit selbst noch sehr dunkel ist?
[GEJ.09_156,05] Wir sollen nur an einen und
allein wahren Gott glauben, Ihn über alles ganz rein lieben und unsere
Nebenmenschen auch. Ja, das wäre eine der schwersten Lebensaufgaben eben nicht,
– aber wer und wo ist dieser allein wahre eine Gott?
[GEJ.09_156,06] Sich so zufällig nur irgend
einen, allein wahren Gott denken und an dieses als Einen Gott gedachte Wesen
dann aber auch schon ungezweifelt fest glauben, es zugleich über alles lieben
und daraus auch seinen Nebenmenschen, das ist ein etwas sonderbares Verlangen.
So ein jeder Mensch das tut, da hat dann ja auch ein jeder Mensch seinen
eigenen Gott, was dann ebenso viele allein wahre Götter geben müßte, als wie
viele Menschen auf der lieben Erde leben, gelebt haben und noch leben werden. Und
das wäre ja dann noch ärger denn unser Vielgöttertum; denn wir wissen doch, an
was wir uns zu halten haben, und es kann keiner zum andern sagen: ,Siehe, der
Zeus oder der Apollo, an den ich glaube und halte, ist besser als der deine!‘
[GEJ.09_156,07] Bei dieser Lehre aber muß das
mit der Zeit zu einem unvermeidlich derartigen Übel unter den Menschen führen,
und ein jeder von Natur aus weisere Mensch wird seinem Gott auch offenbar den
Vorzug vor dem Gott eines andern, von Natur aus minder begabten Menschen
einräumen, und die alten Götterkriege werden wieder zum Vorschein kommen.
[GEJ.09_156,08] Es muß demnach der eine und
allein wahre Gott dem Menschen wie irgend außer ihm seiend mit der größten
Bestimmtheit und Klarheit gezeigt werden, und daß nur an diesen Gott alle
Menschen zu glauben und Ihn auch über alles rein zu lieben haben, – ansonst ist
mit dieser Lehre keinem Menschen für die Dauer gedient.
[GEJ.09_156,09] Es solle das unsertwegen auch
der Gott der Juden sein, an den aber die erfahreneren Juden selbst nicht gar zu
fest zu glauben scheinen; aber da heißt es: Licht geben über diesen Gott, sonst
ist es auch mit dem Gott der Juden nicht um ein Haar besser als mit unserem
Zeus, den wir auch noch nie zu Gesichte bekommen haben!“
157. Kapitel
[GEJ.09_157,01] Als die beiden Griechen sich
noch mit solchen Gedanken beschäftigten, unterbrach Ich sie und sprach also zu
ihnen: „Meine Freunde, ihr habt nun auf die Rede Meines Jüngers Johannes ganz
sonderbare Gedanken in euch aufkommen lassen! Wenn es also wäre, wie ihr es
euch denket, da hättet ihr am Ende auch recht; aber es verhält sich die Sache
des Glaubens an nur einen, allein wahren Gott ganz anders, als ihr es euch
gedacht habt, und so habet ihr über eben diese Sache sehr unrichtig geurteilt.
[GEJ.09_157,02] Ihr wollet Licht und volle
Klarheit über den Gott der Juden, und das ist ein ganz billiges Verlangen von
euch. Ihr aber habt ja die Bücher Mosis gelesen, in denen über das Wesen des
einen, allein wahren Gottes alles mit aller Bestimmtheit und großem Lichte
geschrieben steht, wer der eine, allein wahre Gott ist, an den allein die
Menschen glauben und keine fremden Götter neben Ihm haben sollen.
[GEJ.09_157,03] Dieser eine und allein wahre
Gott hat aber durch Moses am Berge Sinai Sich als Solcher daseiend nicht nur
unter großen, allen anwesenden Israeliten sichtbaren Zeichen geoffenbart,
sondern Er hat ihnen auch höchst weise Gebote und Vorschriften gegeben, mit
deren genauer Beachtung sie ein ganz glückliches Volk sein konnten, da sie
dadurch Gott nicht nur als völlig sichtbar vor sich gehabt hätten, zu dem sie
als rechte Kinder zu ihrem Vater in allen ihren Anliegen und Nöten frei und
offen reden konnten und durften, sondern der ihnen auch den Weg zum ewigen
Leben der Seele stets hellst erleuchtete und das große Jenseits mit seinen
seligsten Bewohnern beschaulich offen hielt, wofür Tausende von Zeugen reden
können noch in dieser sehr verfinsterten Zeit, und wovon gar viele alte
Propheten und Seher gesprochen und geschrieben haben.
[GEJ.09_157,04] Wenn aber also und nicht
anders, warum sind sie denn bei so glücklichen Lebensumständen, die sie durch
gar viele alleruntrüglichste Erfahrungen als bestbewährt oft selbst erlebt
haben, nicht in dem Glauben und in der besten und lebensvollsten Ordnung, Gott
über alles als den besten Vater zu lieben, geblieben?
[GEJ.09_157,05] Seht, das machte die bei gar
vielen Menschen stets mehr und mehr überhandnehmende Eigen- und Weltliebe, von
der sie sich am Ende durch alle Ermahnungen und auch häufig vorkommende scharfe
Züchtigungen nimmer völlig haben abwendig machen lassen.
[GEJ.09_157,06] Sie versanken aber dadurch
denn auch in das alte Gericht der Materie der Welt und ihres geilen Fleisches,
verloren das alte, innere Lebenslicht ihrer Seelen so sehr, daß sie nun ihre
Seelen nicht mehr von ihrem Fleische unterscheiden können, nicht mehr wissen,
was eine Seele ist, und so auch darin ganz im unklaren sind, daß sie eine Seele
haben, die ewig leben soll.
[GEJ.09_157,07] Wer sich aber selbst in seinem
edelsten Lebensteile so sehr verloren hat, daß er, als noch lebend und
daseiend, nicht mehr wahrzunehmen imstande ist, daß er da ist, wie sollte der
das Wesen Gottes erkennen und lebendig an dasselbe glauben, so er selbst in
seinem lebendig sein sollenden Teile durch die übermäßigste Liebe zur Welt
nahezu völlig tot geworden ist?
[GEJ.09_157,08] Wie es aber euch ergangen
ist, bevor ihr die verlorene alte Wahrheit habt zu suchen angefangen, und wie
es euch zum Teile noch ergeht, um noch tausend Male ärger ergeht es nun beinahe
zahllos vielen Menschen; und wahrlich, so Ich nicht in diese Welt gekommen
wäre, den Menschen von neuem den Weg zum ewigen Leben der Seele zu zeigen, so
hätte diesen Weg auch kein Mensch mehr auffinden und selig werden können hier
und jenseits!
[GEJ.09_157,09] Ich Selbst bin darum der Weg,
die Wahrheit und das ewige Leben; wer an Mich glaubt und nach Meinen Worten
lebt und handelt, der wird seine Seele vom ewigen Tode und Gerichte der Welt
und ihrer Materie erretten.
[GEJ.09_157,10] Den Willen des einen, allein
wahren und ewig aus Seiner Macht lebendigen Gottes und Vaters der Menschen aber
könnet ihr aus den Büchern Mosis und der Propheten kennenlernen. So ihr nach
den – sage – nur zehn Geboten Mosis genau leben werdet, so wird der Geist
Gottes euch durchdringen und euch selbst erleuchten. In solchem Lichte werdet
ihr dann den einen und allein wahren Gott nicht nur vollkommen erkennen und Ihn
dann auch über alles lieben können, sondern Er wird Sich euch dann auch Selbst
offenbaren und euch in alle Weisheit und ihre Macht erheben.
[GEJ.09_157,11] Dann werdet ihr nicht denken,
daß ein jeder Mensch nach Meiner Lehre am Ende seinen eigenen Gott haben würde,
so er sich selbst einen denken solle, an den er ungezweifelt glauben und den er
auch über alles lieben müsse, so er das ewige Leben seiner Seele erreichen
will, sondern da werdet ihr in euch lichtvollst innewerden, daß der Gott, der
Sich euch geoffenbart hat, Einer und unwandelbar Derselbe ist, der Sich noch zu
allen Zeiten allen jenen Menschen stets treulichst geoffenbart hat, welche
völlig nach Seinem Willen gelebt und gehandelt haben.
[GEJ.09_157,12] So ihr Mich nun besser denn
anfangs verstanden habt, so tuet danach; und so es in euch dann licht und helle
wird, dann werdet ihr es erst vollkommen einsehen, wie ihr hier bei Mir eben
das gefunden habt, was ihr vergeblich mit noch mehreren eurer Gefährten zwanzig
Jahre hindurch suchtet und nun hier erst fandet.“
158. Kapitel
[GEJ.09_158,01] Sagte darauf Polykarp: „Wir
sind dir, du überaus weiser Meister, für diese Belehrung überaus dankbar und
werden deinen Rat nach allen unsern Kräften auch möglichst genau befolgen,
obschon uns Moses in vielen Stücken seiner Schriften schwer verständlich ist.
Wir hoffen aber nach deiner uns gemachten Verheißung, dadurch auch in den
ganzen Geist der Schriften Mosis und dadurch der andern Propheten einzudringen,
so wir nach deinem Rate die einfachen zehn Gebote möglichst genau befolgen
werden.
[GEJ.09_158,02] Doch nun habe du, weisester
Meister, nur noch die geduldvolle Güte, uns zu sagen, ob denn auch du auf
diesem geistigen Wege zu solcher deiner wahrhaft göttlichen Weisheit und Macht
gelangt bist!“
[GEJ.09_158,03] Sagte Ich: „Als Mensch mit
Fleisch und Blut sicher auf keinem andern, weil es ewig nach der göttlichen
Ordnung keinen andern gibt und geben kann. Aber Ich, den ihr hier sehet und
sprechet, bin es nicht, der euch solchen Rat gegeben hat, sondern es wohnt ein
Höherer in aller Fülle der göttlichen Liebe, Weisheit und Macht in Mir, und Der
ist es, der nun zu euch eben also geredet hat wie dereinst zu Moses und vielen
andern Propheten und Weisen; und das ist auch eben Der, an den allein ihr
ungezweifelt glauben und durch euer Handeln nach Seinem euch treu geoffenbarten
Willen über alles lieben sollet.
[GEJ.09_158,04] In Mir ist demnach auch eben
Der in diese Welt sichtbar gekommen, den ihr suchtet und dennoch in keiner
Schule und in keinem Tempel finden konntet.
[GEJ.09_158,05] Wie Ich nun aber in Mir
Selbst da bin und wirke durch die ganze Unendlichkeit, also werde Ich im Geiste
auch in allen sein und wirken, die Meine leichten Gebote halten, an Mich
glauben und Mich in der Tat über alles lieben werden.
[GEJ.09_158,06] Die aber an Mich wohl glauben
werden und Herr, Herr! sagen, aber im Tun lau sein werden und nachlässig in der
Liebe zum Nächsten, in denen werde Ich nicht wohnen und werde Mich ihnen nicht
Selbst offenbaren, und Meine Kraft und Weisheit wird ihre Seele nicht erfüllen.
Denn Ich will, daß ein jeder Mensch, dieweil er einen vollkommen freien Willen
hat, nach Meinem ihm treu geoffenbarten Willen vorerst in aller Tat danach ganz
frei zu Mir kommen soll, und Ich werde sodann auch zu ihm kommen, Mich ihm
Selbst offenbaren und ihn dann durch den Heiligen Geist Meiner ewigen und
allwaltenden Liebe mit aller Meiner Weisheit und Macht erfüllen. – Also sprach
dereinst und spricht auch nun der Herr!“
[GEJ.09_158,07] Als die beiden diese Worte
aus Meinem Munde vernommen hatten, da machten sie ganz verwunderlich große
Augen und sagten nach einer Weile tiefen Nachdenkens: „So ganz leise haben wir
es uns immer schon gedacht, daß hinter Dir etwas ganz anderes verborgen ist als
nur ein überaus weiser Mensch; denn Du hast uns das Selbst dadurch nur zu klar
merken lassen, als Du uns unsern ganzen Lebenswandel enthülltest. Nun aber ist
uns das durch Deine letzten Worte mehr denn sonnenhell geworden, daß Du trotz
Deines Leibes in Dir Selbst völlig ein Gott bist, und zwar eben Derselbe, den
wir so lange suchten und bis jetzt nicht finden konnten.
[GEJ.09_158,08] Da wir Dich aber nun gefunden
haben, so wird uns auch keine Macht in aller Welt nicht nur von diesem unserem
Glauben, sondern von dieser unserer vollen Überzeugung je mehr abwendig zu
machen imstande sein.
[GEJ.09_158,09] Da Du, Herr, Herr, aber in
Dir Selbst eben Derselbe allein wahre, eine Gott bist, an den alle Menschen
vollauf glauben und Seinen ihnen treust geoffenbarten Willen in lebendigster
Tat erfüllen sollen, so wagen wir denn in unserem vollsten Glauben die
alleruntertänigste Bitte an Dich zu richten, daß Du unsere Leiber, solange wir
deren zu unserer wahren Seelenvollendung noch bedürfen werden, möglichst gesund
machen möchtest! Denn wir glauben nun, daß Dir nichts unmöglich ist.
[GEJ.09_158,10] Wir verlangen das aber nun
nicht etwa als ein Zeichen für die Wahrheit dessen, was wir von Dir glauben,
sondern nur darum, weil wir mit einem gesunden Werkzeuge für unsere und auch
unserer Gefährten Seelenvollendung sicher tätiger sein könnten als mit einem
kranken und schwachen. Denn mit einem kranken Leibe leidet auch die Seele und
hat eine geringe Lust zu irgendeiner erhöhteren Tätigkeit.“
[GEJ.09_158,11] Sagte Ich: „Euch geschehe
nach eurem Glauben; aber das merket euch auch zu eurem Glauben hinzu, daß es
dem Menschen um seiner Seele willen eben nicht allzeit zuträglich ist, so er
völlig gesunden Leibes einherwandelt; denn ist sein Fleisch zu gesund, da wird
es auch leicht erregt für allerlei sinnliche Lustreize, in die die Seele dann
auch eher mitbegierlich wird, als so ihr Fleisch kränklich und schwach ist, –
und so ist eine Leibeskrankheit gewisserart eine Wache vor der Tür des inneren
Lebens der Seele.
[GEJ.09_158,12] Aber nun sollet ihr dennoch
völlig gesunden Leibes werden; aber hütet euch, daß ihr bei Gelegenheiten, die
bei Griechen sehr häufig vorkommen, nicht wieder in eure alten Sünden und mit
ihnen auch in noch ärgere Krankheiten verfallet! Habet darum stets die Gebote
Mosis vor Augen, in eurem Herzen und in eurem Willen! Verleugnet euch selbst,
und folget dem Geiste Meiner Lehre nach!
[GEJ.09_158,13] Ich will nicht, daß da jemand
mit einem kranken Leibe dies irdische Willensfreiheitsprobeleben durchmachen
soll; so aber die Menschen den alten Rat Meiner Liebe und Meiner Ordnung nicht
beachten, sondern tun, was sie nicht tun sollen, so sind sie denn auch selbst
die Schöpfer aller Übel ihres Leibes und ihrer Seelen.
[GEJ.09_158,14] Ich aber kann des
Leichtsinnes und der selbstverschuldeten Blindheit der Menschen wegen Meine
Ordnung, durch die allein der Bestand aller Dinge möglich ist, nicht umkehren.
Wer da weiß, daß sein Leib, so er geschlagen oder gestochen wird, einen Schmerz
empfindet, sich aber dennoch schlägt und sticht, so ist ja er selbst schuld
daran, so sein Leib dabei große Schmerzen empfindet; denn der aberwitzigen
Torheit der Menschen wegen werde Ich keine Seele mit einem unempfindlichen
Leibe versehen und nicht machen, daß man vom Dache der Schwere wegen nicht auf
den Boden herabfallen dürfte. – Das also auch noch zu eurer Danachachtung!“
159. Kapitel
[GEJ.09_159,01] Sagten die beiden Griechen:
„O Herr Herr, wir danken Dir aus dem innersten Grunde unseres Herzens und
Lebens für die so wunderbar plötzliche Heilung unseres Leibes und bitten Dich
aber auch, daß Du uns, so wir je infolge unserer leiblichen Gesundheit in was
immer für einer Weise könnten schwach werden und uns von einer oder der andern
Anreizung der Welt und unseres Fleisches sollten betören lassen, – daß Du uns
stets die nötige Kraft erteilen wollest, auf daß wir allen Versuchungen, die
über uns kommen könnten, ganz heldenmütig widerstehen mögen; denn das sehen wir
nun schon von selbst, daß kein Mensch ohne Deine Hilfe alle auf ihn lauernden
Gefahren und Feinde aller Art und Gattung besiegen kann.
[GEJ.09_159,02] Es ist wohl ein leichtes,
einem Feinde, den man sieht, entweder auszuweichen oder ihm mit Waffen in der
Hand kräftig und voll Mutes entgegenzutreten und ihn unschädlich zu machen;
aber der Mensch hat eine unzählige Menge unsichtbarer Feinde, mit denen nur Du,
o Herr, Herr, allein es stets siegreichst aufnehmen kannst. Und wir bitten Dich
denn auch darum um Deine Hilfe, wenn irgend ein unsichtbarer Feind sich uns
nahen sollte, um uns schädlich zu werden; denn solcher Feinde kann der Mensch
nur mit Deiner alles vermögenden Kraft Meister werden.“
[GEJ.09_159,03] Sagte Ich: „Da habt ihr ganz
wahr und richtig geurteilt: Ohne Mich kann niemand etwas wirken zum Heile
seiner Seele; und hat er auch alles nach den ihm geoffenbarten Gesetzen wie aus
eigener Willenskraft getan, so soll er aber dennoch in sich bekennen, daß er
ein fauler und träger Diener war, und soll in allem Guten, das er gewirkt hat,
Gott allein die Ehre geben, und Gott wird ihn also denn auch allzeit stärken
und kräftigen.
[GEJ.09_159,04] Wer Gott in allem Guten die
Ehre gibt, der ist Ihm wohlgefällig und ein rechter Knecht und Diener nach
Seinem Herzen. Den wird Gott nicht verlassen, sondern schirmen mit Seiner Hand,
der Gott in seinem Herzen nicht verläßt; wer aber in seinem Herzen Gott verläßt
und Seiner wenig oder oft gar nicht achtet, sich selbst ein Herr zu sein dünkt
und nach seinem Weltverstande handelt, und so ihm etwas gelungen ist, sich nur
dafür ehren läßt und von seiner Klugheit und von seinen edlen Taten spricht,
der belohnt sich auch selbst und hat von Gott keinen Lohn zu erwarten. Was ihr
denn immer tut, das gut und wahr ist, das tuet in Meinem Namen, und Ich werde
mit euch sein und euch stärken und kräftigen!“
[GEJ.09_159,05] Hierauf dankten Mir die
beiden Griechen abermals, auch unser Kisjona, Philopold, der Wirt von Jesaira,
der Bootsmann und der Vorsteher aus dem bekannten Fischerdörfchen, und alle
Jünger priesen Mich, daß Ich solches den beiden Griechen eröffnet habe.
[GEJ.09_159,06] Hierauf fragten Mich die
beiden, ob sie das, was sie hier allerwunderbarst erlebt hätten, auch ihren Gefährten
mitteilen dürften, die mit ihnen in diese Kuranstalt gekommen seien.
[GEJ.09_159,07] Sagte Ich: „Solange Ich in
diesem Orte verweilen werde, sollet ihr von Mir nicht reden und Mich nicht
ruchbar machen; aber was ihr von Moses wisset und von den Propheten, besonders
von Jesajas und Hesekiel und aus den Psalmen Davids, davon könnet ihr reden mit
einem rechten Eifer!
[GEJ.09_159,08] Ich werde aber vor Meiner
Abreise schon Selbst noch die Gäste der Anstalt besuchen und werde an sie eine
Einladung machen, ob auch sie ins Gottesreich eingehen wollen. Darauf erst
möget ihr weiter mit ihnen reden. Denen ihr in Meinem Namen die Hände auflegen
werdet, die werden gesund werden; aber das sollet ihr auch erst dann tun, so
Ich zuvor werde die Anstalt besucht haben. Heute aber werde Ich die Anstalt
noch nicht besuchen.“
[GEJ.09_159,09] Darauf erhoben sich die
beiden Griechen, dankten Mir nochmals und begaben sich hinab zu ihren
Gefährten, die sie schon zu suchen angefangen hatten. Wir aber blieben bis zum
vollen Mittag auf dem Berge und besprachen uns über die Wirkungen des Glaubens
und der wahren, reinen Liebe zu Gott und zum Nächsten.
[GEJ.09_159,10] Es fragte Mich aber im Punkte
der Nächstenliebe unser Markus, sagend: „Herr und Meister, soll man auch
gewissen bekannten Lumpen und Verschwendern, die ihr Vermögen zumeist auf eine
ärgerlich sündige Weise vergeudet und verpraßt haben, die Nächstenliebe
erweisen, und auch unsern offenbaren Feinden?“
[GEJ.09_159,11] Sagte Ich: „Ihr sollet in der
Erweisung der Nächstenliebe keine Ausnahme machen, sondern jedem Gutes
erweisen; denn wer da eine Ausnahme macht, bei dem werde auch Ich allerlei
Ausnahmen machen.
[GEJ.09_159,12] Wenn jemand in einer Not
steckt und zu euch kommt, so erweiset ihm die Nächstenliebe entweder geistig
oder auch materiell; die geistige Nächstenliebe aber soll der materiellen
vorangehen!
[GEJ.09_159,13] Habt ihr einen Sünder
bekehrt, und er steckt in einer irdischen Not, so helfet ihm auch aus dieser.
Hat er darauf abermals gesündigt, so ermahnet ihn in Liebe und werdet ihm nicht
feind! Denn mit welchem Maße ihr in Meinem Namen ausmessen werdet, mit
demselben Maße wird es euch wieder zurückgemessen werden!
[GEJ.09_159,14] Richtet niemanden, so werdet
auch ihr dereinst nicht gerichtet werden. Also verdammet und verfluchet auch
niemanden, auf daß dereinst auch ihr nicht verdammt und verflucht werdet!
[GEJ.09_159,15] Denen, die euch Arges tun,
erweiset Gutes und ihr werdet eben dadurch glühende Kohlen über ihre Häupter
streuen und sie zu euren Freunden machen. Also segnet auch die, welche euch
hassen und fluchen, und sie werden zur Reue gelangen. Vergebet euren Feinden
siebenmal siebenundsiebzig Male; werden sie dadurch nicht besser, so könnet ihr
die Sache bei einem Weltrichter anzeigen, und der unverbesserliche Feind soll
aus der Gemeinde gestoßen werden. Denn wer da unverbesserlich Arges tut, der
soll auch gezüchtigt werden, auf daß durch ihn die Nebenmenschen nicht länger
geärgert werden.
[GEJ.09_159,16] Darum seid auch der
weltlichen Obrigkeit stets untertan, ob sie mild oder strenge ist; denn sie
hätte keine Macht, so sie ihr nicht der vielen unverbesserlichen Sünder wegen
von oben verliehen wäre!
[GEJ.09_159,17] Aber ihr sollet darum nicht
klagsüchtig sein und ohne eine dringende Not nicht zu den Weltrichtern laufen;
denn was ihr nicht wollet und wünschet, daß es euch begegne, damit verschonet
auch eure Nebenmenschen, solange es möglich ist. Nur offenbare Diebe und Räuber
und zu arge Hurer und Ehebrecher möget ihr den Gerichten überliefern und
imgleichen den, der einen Mord begangen hat. Aber ihr sollet dabei nicht erbost
werden, sondern nur tun, was da not tut, alles andere überlasset Mir und den
Richtern!
[GEJ.09_159,18] Siehe, Mein Freund Markus, so
ist in diesem Punkte Mein Wille; wer danach tun wird, der wird auch nie einen
Mangel Meines Segens haben.“
[GEJ.09_159,19] Markus und alle dankten Mir
für diesen Rat.
[GEJ.09_159,20] Es kam aber nun ein Diener
und zeigte uns an, daß das Mittagsmahl fertig sei, und wir erhoben uns und
gingen hinab ins Haus.
160. Kapitel
[GEJ.09_160,01] Während wir bei Markus das
Mittagsmahl einnahmen, besprachen sich die beiden Griechen mit ihren Gefährten;
denn als diese nur zu bald ersahen, daß ihre beiden Gefährten ganz vollkommen
gesund in die Anstalt kamen, da wurden sie von ihnen befragt, was da mit ihnen
vorgegangen sei, daß sie so vollkommen gesund geworden seien.
[GEJ.09_160,02] Die beiden aber konnten nun
selbst beim besten Willen nicht völlig verschweigen, was mit ihnen am
Vormittage sich alles zugetragen hatte. Sie machten Mich daher bei ihren
Gefährten ruchbar, aber doch so ganz bescheiden und zurückhaltend; denn sie
gedachten dessen, was Ich zu ihnen gesagt hatte.
[GEJ.09_160,03] Sie beschrieben Mich als
einen sehr großen Weisen der Juden, der dazu eine außerordentliche Kraft
besitze, bloß durch seinen Willen alle Krankheiten so vollkommen zu heilen, daß
ein Kranker urplötzlich so gesund werde, wie er zuvor sogar in seiner Jugend es
schwerlich je war.
[GEJ.09_160,04] Als die Gefährten solches und
noch einiges über Meine Weisheit vernommen hatten, da wollten auch sie zu Mir
gehen und Mich um Heilung ihres Leibes bitten. Aber die beiden Griechen hielten
sie davon ab, da sie ihnen kundgaben, daß Ich die Kuranstalt ohnehin vielleicht
noch an diesem Nachmittage besuchen würde. Damit stellten sich einstweilen die
Gefährten unserer zwei Griechen zufrieden, wollten dabei aber doch von nichts
anderem denn nur von Mir reden.
[GEJ.09_160,05] Einer von ihnen, der selbst
in seinem Orte ein sehr geschätzter Arzt war, machte, als er von den beiden
Gefährten doch ein etwas Näheres über Mich vernommen hatte, folgende Bemerkung
und sagte: „Es fängt mir nun an, über den seltsamen Heiland und Weisen der
Juden ein Licht aufzugehen! Er wird sicher derselbe sein, von dem ich in Tyrus
und Sidon schon vieles habe reden hören. Auch mehreren von euch wird davon
schon mehreres zu Ohren gekommen sein.
[GEJ.09_160,06] Er sei ein Galiläer aus
Nazareth und der Sohn eines Zimmermanns, habe etwa in seinem dreißigsten
Lebensjahre die Zimmerei völlig aufgegeben, Jünger an sich gezogen und dann
sein Lehr- und Heilamt begonnen. Der Juden Priester aber verfolgen ihn, weil
alles Volk zu ihm geht und an ihn glaubt, weil er seine Lehre mit großen
Wundertaten und andern großen Zeichen bestätige.
[GEJ.09_160,07] Einige halten ihn für einen
großen Propheten, andere für einen neuen König der Juden, der die Römer aus dem
Judenlande treiben werde, – was aber etwa sein Plan nicht sei, da er ein viel
größerer Freund der Heiden als der ihres Gottes wenig achtenden Juden sein
soll. Noch andere halten ihn etwa für einen reinen Gottessohn und einige für
den alten Jehova Selbst, der da aus Seiner Macht Sich mit dem Fleische der
Menschen dieser Welt umkleidet habe, um sie über alles zu belehren und aus der
langen Nacht aller ihrer Irrtümer zu heben.
[GEJ.09_160,08] Sei die Sache nun aber, wie
sie wolle, so er zu uns kommen wird, da werden wir ihn sicher auch selbst näher
kennenlernen, vorausgesetzt, daß er eben derjenige ist, über den ich wahrlich,
wie gesagt, schon sehr vieles habe reden hören!“
[GEJ.09_160,09] Sagten nun auch die andern:
„Ja, da hast du wahr und recht gesprochen! Von dem gewissen Galiläer haben auch
wir schon zu öfteren Malen die sonderbarsten Dinge erzählen hören, die freilich
noch unglaublicher klangen als unsere Göttermythen, weshalb wir denn auch
sagten: Wenn es sich mit ihm also verhält, dann ist er offenbar der vollsten
Wahrheit nach ein Gott, an den auch wir Griechen und Römer glauben werden!“
[GEJ.09_160,10] Sagten die beiden schon
geheilten Griechen: „Da habt ihr recht und habet uns auf das aufmerksam
gemacht, was wir in der letzten Zeit unseres euch bekannten Wahrheitssuchens
auch schon ein paar Male vernommen haben, was uns aber in Seiner Gegenwart
nicht eingefallen ist, obschon Er uns Selbst darauf hingeleitet hatte;
vielleicht wollte Er das Selbst nicht, und so vermochten wir uns des schon ein
paar Male Vernommenen denn auch nicht zu erinnern. So Er nun in die Anstalt
kommen wird, da soll auch das besprochen werden, obschon nicht unsert-, sondern
vielmehr euretwegen!“
[GEJ.09_160,11] Sagten die Gefährten: „Das,
liebe Freunde, wird sich erst bei seiner Gegenwart zeigen, ob sich dazu eine
schickliche Gelegenheit bieten wird, und ob er es uns zulassen wird, ihn darum
zu befragen. Wir werden froh und ihm im höchsten Grade dankbar sein, so er
unsere Leiber heilen wird und besonders unsere Eingeweide, die schon
altersschwach und zum Lebensdienste unserer Glieder völlig untauglich geworden
sind.
[GEJ.09_160,12] Ich bin wohl ein Arzt und
habe schon gar manchem Leidenden seine Schmerzen gelindert; aber die freilich
zumeist selbst verschuldeten Schwächen des Alters heilen unsere Kräuter,
Wurzeln, Öle und Heilbäder nimmer so völlig, wie ihr beide von dem Wundermanne
geheilt worden seid.
[GEJ.09_160,13] Ein Mensch aber, der das bloß
durch seinen Willen vermag, ist offenbar mehr denn eine zahllose Menschenmenge,
die mit ihrem Willen allein nicht einmal den schwächsten Faden einer Spinne zu
zerreißen vermag, geschweige zu heilen eines alten und schwachen Menschen Blut
und Eingeweide. Ein das vermögender Mensch ist daher den andern Menschen
gegenüber ein Gott, und das aus dem sicher höchst vernünftigen Grunde, weil er
Dinge zu bewirken vermag, die man sonst nur von den hohen, aber von einem Sterblichen
nie geschauten Göttern zu erwarten hätte.
[GEJ.09_160,14] Man sagt wohl, daß die Götter
für uns Menschen stets nur unsichtbar wirken und ihnen eine unzählige Menge von
allerlei Naturkräften und dienstbaren Geistern zu Gebote stehen, – aber das müssen
die Menschen pur glauben, und noch nie hat jemand hinter den dichten Schleier
der ominösen Isis geschaut. Unser Mann aber wirket Göttliches vor unsern Augen
und spricht, lehrt und nimmt sogar Jünger an, die von ihm die Kunst, den
Göttern gleich zu werden, erlernen, wie auch vielleicht, gleich ihnen
unsterblich zu werden. Ein solcher Mann ist dann ja offenbar allen Göttern
vorzuziehen, die nie vor eines Menschen Auge da waren und ihm von ihrem Dasein
und Wirken ein nur halbwahres Zeugnis gaben.
[GEJ.09_160,15] Dieser aber ist da und gibt
vor aller Menschen Augen Zeugnis der vollsten Wahrheit gemäß, daß Er ein
wahrster, lebendiger und wirklich daseiender Gott ist, was wir nicht einmal
blind zu glauben nötig haben, weil wir uns davon mit allen unseren Sinnen
überzeugen können; und somit erkläre ich Ihn schon bloß darum für einen allein
wahren Gott und verwerfe alles andere, sicher nur in der Phantasie und
Einbildungskraft der Menschen entstandene Göttertum in das Reich vager und
eitler Fabeln, weil Er euch beide nur durch Seinen Willen also gesund gemacht
hat, wie ihr zuvor meines langen Wissens wohl niemals waret. Daher sei Ihm
schon im voraus von mir alle einem Gott gebührende Ehre erwiesen! Ich freue
mich, trotz meines auch schon alten Magen- und Leberleidens, Ihn zu sehen und
Ihm mit aller Liebe und tiefster Ehrfurcht entgegenzukommen. Vielleicht wird Er
mich auch einer vollen, Ihm gar leicht möglichen Heilung würdigen.“
161. Kapitel
[GEJ.09_161,01] Als der Arzt also von Mir
geredet hatte zu den andern Gefährten, die mit Ausnahme der beiden schon
geheilten Griechen bei einer oder der andern Behauptung des mit einer ganz
reinen Vernunft begabten Arztes denn doch mit den Achseln zuckten, darum Ich
sicher wohl wußte, da heilte Ich durch Meinen Willen den Arzt so vollkommen von
allen seinen alten Übeln, wie die beiden Griechen zuvor auf dem Berge, was er
denn auch augenblicklich wahrnahm und also mit der heitersten Miene von der
Welt zu reden begann: „Höret, Freunde, der Mann, den ich vor euch trotz eures manchmaligen
Achselzuckens zu einem allein wahren Gott nach meiner Vernunft und vollen
Überzeugung erhob, hat – ohne Sich uns gezeigt zu haben – an mir schon das
gewünschte Wunder gewirkt! Denn ich fühle mich nun auf einmal so gesund und in
allen meinen Leibesteilen so heiter und gestärkt wie nie je zuvor in meinem
schon ziemlich langen Leben.
[GEJ.09_161,02] Das hat mir nun der Mann, der
für mich als der völlig allein wahre Gott gilt, und gegen den alles andere ins
finstere Reich der Fabeln gehört, getan und hat mir damit mehr als mit tausend
neu geschaffenen Sonnen am Firmament bewiesen, daß meine Behauptung eine völlig
wahrheitsvolle ist; denn ein Mensch, selbst mit aller Kunst der
orakelsprüchigen Magier ausgestattet, hat der Wahrheit nach noch nie in der Ferne
jemandes geheime Wünsche erkannt und noch weniger ohne irgendein Medium nach
seinem bloßen Willen einem Leidenden so gänzlich geholfen, wie mir nun geholfen
worden ist.
[GEJ.09_161,03] Wollet ihr nun auch noch mit
den Achseln zucken, so ich als ein in gar vielen Dingen wohlerfahrener Arzt den
großen Mann, ob Er auch dem uns sichtbaren Leibe nach aus Galiläa stammt, als
den einen, allein wahren Gott, der uns in allem helfen kann, will und wird, so
wir Ihm die Ehre geben, anerkenne und mit vollster Überzeugung für das erkläre,
was Er unbestreitbar ist?
[GEJ.09_161,04] Die kindischen Metamorphosen
unserer erdichteten und in Stein, Holz und Erz geformten Götter und Halbgötter
könnet ihr wohl glauben – obschon sie noch nie jemandes Bitte erhört und ihm
irgend geholfen haben –, aber bei dem Wundermanne machet ihr eine bedenkliche
Miene! Warum denn, frage ich?“
[GEJ.09_161,05] Sagte einer von den
Gefährten: „Lieber und uns allen sehr achtbarer Freund, wir kennen dich, daß du
ein äußerst biederer Mann bist und für alles Gute, Wahre und Außerordentliche
stets den wärmsten Sinn an den Tag gelegt hast, aber wir wissen von dir auch,
daß du die Extreme entweder nach unten oder nach oben gern berührst und von der
sogenannten goldenen Mittelstraße nur selten Gebrauch machst; bei uns aber
heißt es immer: FESTINA LENTE!
[GEJ.09_161,06] Wir sind deiner Behauptung
gar nicht abgeneigt und sind nun auch der Meinung, daß du in dieser deiner
Ansicht dich nicht geirrt haben wirst; aber es ist uns alles das gleich einem
Blitze zu schnell gekommen, und wir konnten das mit unserem auch sehr
verdorbenen Magen und geschwächten Gedächtnisse auch nicht so schnell verdauen
wie du nun mit deiner vollen Gesundheit. Zudem werden wir hier von mehreren
Griechen und Römern und von noch viel mehr Juden behorcht; und so wir über das
Erlebte, über das wir uns unterdessen auch im stillen sehr freuen können,
gleich einen zu lauten Jubel schlagen, so können wir der in sich völlig guten
und wahrhaft göttlich wunderbaren Sache leicht mehr schaden als nützen.
[GEJ.09_161,07] Darum haben wir denn auch
über deine vor uns aufgestellte Behauptung eigentlich mit unsern Achseln nicht
so sehr bedenklich gezuckt, als vielmehr über deine volleifrige, dann und wann
ein wenig zu laut gewordene Stimme, die uns bald zu viele Zuhörer in die Nähe
gelockt hätte. Lassen wir zuvor den großen Gottmann erst Selbst zu uns kommen
und reden, dann werden schon auch wir lauter reden! Haben wir da nicht auch
recht, so wir die stillere Klugheit einem gleich anfänglich etwas zu lauten
Lärm vorziehen?“
[GEJ.09_161,08] Sagte der Arzt mit einer
etwas gemäßigteren Stimme: „Freunde, wer einmal, wie ich nun, den einen wahren
Gott gefunden und erkannt hat, der soll seine stille Klugheit fein
beiseitesetzen und aller Welt offen zeigen den unermeßbar großen Schatz, den er
gefunden hat, auf daß auch die Blinden nach dem Lichte des Lebens lüstern
werden mögen!
[GEJ.09_161,09] Weil ich nun von der großen
Wahrheit meiner Behauptung mehr als bis in die innerste Faser meines Leibes und
Lebens überzeugt bin, so fürchte ich auch keine Welt, keinen Griechen, keinen
Römer und noch weniger einen falsch frömmelnden Juden mehr! Hätten sie mir
allesamt, die sich hier in dieser neuen Heilanstalt ihrer Krankheiten wegen uns
gleich befinden, auf eine so wunderbare Art helfen können, wie mir mein laut
und offen bekannter Gott und Herr geholfen hat?
[GEJ.09_161,10] Hat sich aber nun die
Allmacht Seines Willens so offen an mir bestätigt, wieso sollte ich, Seiner
Hilfe gewärtig, vor den ohnmächtigen Menschen schweigen? Sollte ich etwa Furcht
haben, von einem oder dem andern Menschen wegen meines auf der lebendigsten
Erfahrung beruhenden neuen Bekenntnisses zur Rede gestellt zu werden? Wahrlich,
darob hätte ich auch vor dem Kaiser keine Furcht!
[GEJ.09_161,11] Ein Tyrann kann wohl meinen
Leib töten, aber der Seele nichts mehr anhaben; Mein Gott aber kann die Toten
wieder lebendig machen und hat auch unsere Seelen in Seiner Gewalt, ansonst Er
unmöglich im Augenblick um unsere geheimsten Gedanken, Wünsche und Begierden wissen
könnte.
[GEJ.09_161,12] Wer denn einmal den einen,
allein wahren und allmächtigen Gott mit Händen zu greifen wahr und klar
gefunden hat und die ohnmächtigen Menschen mehr fürchtet als Gott, der ist ein
Tor! Wer da eine Furcht hat, der habe sie vor Gott und nie vor den Menschen um
seinetwillen!
[GEJ.09_161,13] Welcher Mensch kann mich denn
ergreifen und mir schaden, so mich Gottes allmächtige Hand hält, deckt und
schützt?! Lasset alle Furien und alle jüdischen Teufel, so sie irgend sind,
über mich kommen, und dazu alle reißenden Tiere, Nattern und Schlangen, –
werden sie es wohl mit der Allmacht Gottes aufnehmen können?“
162. Kapitel
[GEJ.09_162,01] Hier trat ein angesehener
Römer, der den Arzt schon eine Zeitlang belauscht hatte, zu unserem Arzte und sagte
zu ihm: „Freund, was für einen allein wahren Gott hast denn du gefunden, um
dessen Allmacht willen du hier vor deinen bescheideneren Gefährten allen alten
Göttern, allen Menschen, allen Furien, Teufeln, den wilden, reißenden Bestien,
Nattern und Schlangen und in deiner Idee vielleicht auch den Elementen den
Krieg erklärt hast? Du kennst Roms Gesetze und ihre strenge und unerbittliche
Handhabung, und ich bin ein römischer Oberrichter und habe meine Leute hier.
Was würdest du denn sagen, so ich dich nun trotz der dich schützen sollenden
oder mögenden Allmacht deines neuen Gottes dennoch von meinen Schergen
ergreifen und in einen bösen Kerker werfen ließe? Daher rechtfertige dich nun
über deinen neuen, allein wahren Gott, oder dir soll geschehen, was ich zu dir
gesagt habe!“
[GEJ.09_162,02] Sagte der Arzt, voll der
männlichsten Unerschrockenheit: „Hoher Richter, du bist auch als ein Kranker
hierhergekommen, nachdem du zuvor schon bei allen Göttern für dein unheilbares
Lungenleiden wie auch bei allen Ärzten, sogar bei mir zu Melite, vergeblich
Hilfe gesucht hast! Was würdest denn du von einem Menschen, den man sehen und
sprechen kann, halten, der in einem Augenblick bloß durch die wunderbare Macht
seines Willens sogar von der Ferne dich derart heilte, daß du dich so
vollkommen und für bleibend gesund befändest, wie du je zuvor in deiner Jugend
warst?
[GEJ.09_162,03] Würdest du solch einen
Menschen auch uns, die wir einander nicht mehr helfen können, etwa
gleichstellen und ihn mit deiner römischen Richtermacht bedrohen? Oder würdest
du am Ende nicht selbst bei dir sagen: ,Siehe, dieser Mensch vermag, was nur
einem Gott, nie aber je einem Menschen möglich ist. Er muß daher in Sich auch
vollkommen göttlicher Natur und Wesenheit sein!‘?
[GEJ.09_162,04] Und sieh, einen solchen
Menschen haben wir gefunden! Da stehen zwei, die heute vormittag auf dem Berge
von Ihm nur durch Seinen Willen geheilt worden sind. Sie brachten uns solche
frohe Kunde, und ich, als ein Arzt zu Melite – wie dir das bekannt sein wird,
weil du selbst mich meines weit ausgebreiteten Rufes wegen vor einem Jahr
besucht hast, der ich auch die Unheilbarkeit deines alten Übels so gut wie
meinen eigenen bösen Zustand wohl erkannt hatte –, faßte auf die bei den beiden
Freunden gewonnene Überzeugung hin in mir selbst das vollste Vertrauen zu dem
wahrhaften Gottmenschen und bat Ihn, daß Er auch mir also helfen wolle, wie Er
den beiden Freunden geholfen hatte, so Er nach Seinem Versprechen etwa noch
heute in diese Heilanstalt segenvollst kommen werde.
[GEJ.09_162,05] Als ich diesen in mir im
vollsten Vertrauen auf des Gottmenschen wunderbarste Macht gefaßten Wunsch aber
noch kaum vor diesen meinen Orts- und Leidensgefährten laut ausgesprochen
hatte, da fuhr es wie ein Blitz durch alle Fibern meines Leibes, – und siehe,
ich ward im selben Augenblick so vollkommen gesund, wie ich es zuvor kaum je
war!
[GEJ.09_162,06] Der dir, hoher Richter, von
mir nun dargestellte Gottmensch besitzt demnach nicht nur die rein göttliche
Eigenschaft, jede Krankheit bloß durch die Allmacht Seines Willens zu heilen,
sondern Er weiß auch in der Ferne sogar um das, was du noch so geheim in dir
denkst und fühlst und kann dir denn auch aus der größten Ferne helfen.
[GEJ.09_162,07] Kann dir das auch der Kaiser
mit allen seinen tapfersten Legionen oder unser stummer Zeus, Apoll oder ein
anderer von dir höchst verehrter Gott? Wenn sie das könnten, da hätten wir in
unsern alten und letzten Tagen uns sicher nicht dieser Heilanstalt, von der wir
wohl viel Wunderrühmliches vernommen haben, anvertraut. Wir wurden bei allem
unserem vielen Bitten und Opfern an unsere Götter nicht um ein Haar besser, im
Gegenteil nun schon von Tag zu Tag schlimmer, – und diese so hochgerühmte
Anstalt, in der du dich schon sicher länger denn ich befindest, hat nach meiner
Erkenntnis deinen Zustand eben noch nicht um ein Wahrnehmbares gebessert!
[GEJ.09_162,08] So nun mein neuer, nach
meiner unerschrockenen Behauptung allein wahrer und nicht von den alten,
selbstsüchtigsten und faulsten Priestern erdichtete Gott auch dir plötzlich
also helfen würde, wie Er mir geholfen hat, – welche Meinung würdest du über
Ihn fassen, und welch eine Sprache sicher aus deinem innersten Gemüte laut
durch deinen Mund ausstoßen?“
[GEJ.09_162,09] Sagte nun der Richter: „Ja,
wenn die Sache sich also verhält, dann gewinnt alles ein ganz anderes Gesicht!
Ich bin in meinem Amte zu Tyrus und habe auch schon so manches von einem
gewissen Wunderheiland, der im Judenlande sein Wesen treibe, vernommen, wie
auch, daß er eine ganz neue Gotteslehre unter den Juden ausbreite, einen großen
Anhang finde und darum von den Judenpriestern und ihren Obersten allerorts
verfolgt werde, daß sie ihm aber dennoch nicht an den Leib kommen können; aber
von seiner von dir entschieden dargestellten Göttlichkeit habe ich bis jetzt
noch nichts vernommen.
[GEJ.09_162,10] Doch dem sei nun, wie ihm
wolle! Weil er sich in diesem Orte sicher erst seit kurzem aufhält und sogar
diese Anstalt besuchen will, so werde ich ihn bei dieser Gelegenheit wohl auch
noch näher kennenlernen.
[GEJ.09_162,11] Von unserem Oberstatthalter
Cyrenius und von seinen untergebenen Räten weiß ich wohl, daß sie große Stücke
auf ihn halten, – aber ob sie ihn auch für einen Gott anerkennen, darüber ist
mir noch nichts zu Ohren gekommen; heimlich kann das schon sein, doch offen
werden sie davon nicht reden, sondern nur unter sich.
[GEJ.09_162,12] Ich möchte daher auch dir als
Freund nun raten, mit deiner Behauptung noch etwas geheimhältiger zu sein und
dann erst laut davon zu reden, so sich noch ein mehreres über deinen Gott unter
den Menschen als wahrhaft göttlicher Art darstellen wird; denn sonst könntest
du doch, besonders bei den finsteren Priestern, bedeutende Anstände zu erdulden
bekommen.
[GEJ.09_162,13] Ich bin nun selbst kein
Freund mehr der faulen und dabei stets bösen Götterdiener – denn sie haben mich
für nichts und wieder nichts um manches Pfund Goldes und um sehr viele Pfunde
Silbers gebracht –; aber wehe dem, der es wagte, in ihre alten Wespen-,
Hornissen- und Skorpionennester zu stechen! Mehr brauche ich dir nicht zu
sagen.“
[GEJ.09_162,14] Sagte darauf der Arzt, ganz
voll glühenden Eifers: „Freunde, mit der sicheren Hilfe meines neuen und allein
wahren Gottes getraue ich mir die heilig große und lebendige Wahrheit vor allen
Menschen laut auszusprechen, und sie werden mir nicht an den Leib kommen! Diese
Überzeugung fühle ich schon jetzt lebendigst in mir, obschon ich noch nicht die
Gnade hatte, die Person meines Gottes und Herrn zu sehen; um wie vieles größer
wird dann mein Mut werden, so ich Ihn erst selbst werde gesehen und gesprochen
haben! Er komme nun bald zu uns!“
163. Kapitel
[GEJ.09_163,01] Sagte darauf der Richter:
„Ich lobe deinen Eifer, und du bist glücklich in deiner erprobten Überzeugung,
und so dein Herr und Gott auch mir die Gnade erwiese, die er dir und deinen
zwei Gefährten erwiesen hat, da würde sicher auch ich deine Sprache in meinem
Munde führen. Aber da wir schon von dieser Sache reden, so muß ich dich dabei
noch auf einen Umstand aufmerksam machen.
[GEJ.09_163,02] Siehe, dein allmächtiger
Helfer ist dem Leibe nach denn doch auch ein Mensch, in dem sicher eine große
Fülle von einer uns unbegreiflich übernatürlichen Kraft wohnt, wie sie
ähnlichermaßen nach der Schrift der Juden, die uns nicht unbekannt ist, einst
auch im Menschen Moses, der ein Zuchtsohn (Ziehsohn) eines Pharao war, und dann
auch in noch vielen andern Propheten gewohnt hat.
[GEJ.09_163,03] Alle diese außerordentlichen
Menschen haben auch große Dinge und Zeichen gewirkt; aber gestorben sind sie
dennoch alle dem Leibe nach. Wohin ihre Seelen gekommen sind, das weiß nun mit
überzeugender Bestimmtheit kein lebender Mensch. Man glaubt wohl, und das aus
vielen triftigen Vernunftgründen, daß die Seelen besonders großer und
tugendhafter Menschen in einem seligsten Geisterreiche ewig fortleben und recht
fromme Menschen mit solchen seligsten Seelen auch vielmals verkehrt haben, –
nur ich und sicher auch du und noch mehrere deiner Gefährten haben noch keine
solche Erfahrung gemacht, und wir müssen uns in dieser Sache bloß mit dem
Glauben begnügen.
[GEJ.09_163,04] Wie, wenn dein neuer Gott und
Herr am Ende dem Leibe nach denn doch sterben würde, entweder auf eine
gewaltsame Weise unter den rachgierigen Händen seiner vielen Feinde oder auf
eine ganz natürliche Art wie ein jeder andere Mensch, – würdest du auch dann
noch bei deiner Behauptung stehenbleiben?“
[GEJ.09_163,05] Sagte der Arzt: „Noch stärker
und ernster denn jetzt; denn Sein Leib ist ja sicher nicht Sein mächtigst
wirkendes Wesen, sondern nur Sein sicher allenthalben wie daseiend wirkender
Geist, der ewig leben muß! Denn lebte Er nicht ewig in gleicher Macht und
Kraft, wer hätte Ihm dann einen tauglichen Leib geschaffen, durch den Er nun,
für uns blinde Menschen sichtbar, eben also wirken kann, wie Er als ein purer
Geist von Ewigkeit her gewirkt hat?
[GEJ.09_163,06] Daß aber nicht Sein uns
sichtbarer Leib, sondern nur Sein Geist wirkt, erklärt sich ja aus dem Umstande
von selbst, daß Er mir aus der Ferne ohne die Anwesenheit Seines Leibes
geholfen hat. Seine wirkende Kraft und Macht geht daher sicher nicht von Seinem
Leibe, sondern nur von Seinem ewigen und überall wie völlig gegenwärtigen
Geiste aus.
[GEJ.09_163,07] Dieser Geist bedarf zu Seinem
eigentlich göttlichen Wirken des Leibes nicht; da Er aber Sich dennoch mit einem
sichtbaren Leibe umkleidet hat, so tat Er das sicher nur darum, um Sich uns in
den Sphären des Geistes völlig blinden Menschen sichtbar, begreiflicher und
zugänglicher zu machen und uns Seinen ewigen Willen und dessen endlose Kraft
und Macht verständlicher zu offenbaren.
[GEJ.09_163,08] Hat Er sicher aus purer Liebe
zu uns Menschen diesen Zweck nach Seiner endlosen Weisheit wohlberechnet mit
uns erreicht, so wird Er des uns nun sichtbaren Leibes auch nicht mehr bedürfen
und wird ihn von Sich lassen in der Art und Weise, wie Er es für gut finden
wird.
[GEJ.09_163,09] Ob Er es vielleicht zulassen
wird, daß Seine sicher überblinden und verstockten Feinde ihre Hände an Seinen
Leib legen mögen, oder ob Er auf eine andere Weise Seinen Leib ablegen wird,
das wird an meiner Behauptung nichts ändern. Denn einmal wird Er uns Menschen
wieder unsichtbar werden, aber darum doch ebenso ewig fortwirken, wie Er vor
Seiner Leibesannahme von Ewigkeit her gewirkt hat; denn ohne Sein Vorsein wäre
auch kein anderes Sein denkbar.
[GEJ.09_163,10] Daß Er aber sicher ein
Meister und Herr alles Seins und Lebens ist, das ersehe ich aus dem, daß Er
unseres Leibes gesunde und auch kranke Einrichtung bis in die allerkleinste
Faser durch und durch allerhellst wohl kennen muß, auf daß Er dann mit der
Macht Seines Willens gerade das wieder in einen gesunden und dem Naturleben des
Leibes brauchbaren Zustand umgestalten kann, was in uns mit der Zeit schadhaft,
krank und unbrauchbar geworden ist, was ich als ein alter und sicher vielfach erfahrener
Arzt wohl einsehen muß. Denn wie möglich könnte man einem Kranken ein
taugliches Mittel zur Herstellung seiner verlorenen Gesundheit geben, so man
zuvor nicht wüßte, was und wo es ihm fehlt?
[GEJ.09_163,11] Unser Sehen, Wahrnehmen und
Beurteilen aber ist und bleibt bei aller unserer Erfahrenheit dennoch nur ein
höchst plumpes und zusammenhangloses Stückwerk, weil wir den inneren
Zusammenhang unserer physischen Lebensmaschine in ihren zahllos vielen
allerkleinsten Teilen unmöglich schauen und beurteilen können und daher denn
auch mit all unserm besten Wissen und Willen eine schwere Krankheit selbst mit
den kräftigsten und wirksamsten Arzneien nimmer zu beheben imstande sind; denn
wir sehen ja den eigentlichen, vielleicht allerkleinsten kranken Punkt in der
so überaus kunstvollen Lebensmaschine nicht. Der Schöpfer und ewige Meister der
Maschine aber ersieht im Augenblick alles in ihr, weiß somit allergenauest, wo
der Fehler steckt, und weiß infolge Seiner ewigen Allweisheit um das rechte
Mittel, das in Seinem Geiste vorhanden ist und sein muß, um damit den
schadhaften Teil augenblicklich wieder von neuem in die gute Ordnung zu stellen
und ihn zu beleben.
[GEJ.09_163,12] Wenn du, lieber Freund, das
so recht durchdacht hast, so wirst du auch einsehen, daß ich von meiner
ursprünglichen Behauptung nicht um ein Haarbreit weichen kann und werde, wenn
meines Gottes uns nun sichtbarer Leib auch tausend Male sterben würde; denn
dessen bin ich nun mehr als von meinem nun überaus gesunden Dasein überzeugt,
daß Sein Leib nicht Er Selbst, sondern pur ein Mittel ist, damit Er Sich uns
Menschen näher offenbaren kann denn auf eine pur rein geistige Weise. Hätte Er
mich etwa mit Seinen Händen berührt, und ich wäre darauf erst gesund geworden,
dann würde ich vielleicht auch deine Besorgnis mit dir geteilt haben; aber da
ich aus der Ferne – wie ich dir das schon früher gesagt habe – pur nur durch
Seinen Geist geheilt worden bin, so bleibt Er auch ohne den Leib ewig Der, der
Er von Ewigkeit her war.
[GEJ.09_163,13] Fasse du solche meine Ansicht
als eine volle Wahrheit recht tief in deinem Gemüte auf, und gehe in ein
zuversichtliches Vertrauen auf die Allmacht Seines Willens über, bitte Ihn dann
auch um die Heilung deines Leibes, und es wird dir werden, was da mir so
wundersam geworden ist!“
[GEJ.09_163,14] Sagte der Richter, ganz
erstaunt über des Arztes gediegene Vernunft: „Ich danke dir, lieber Freund, für
diese deine Belehrung! Du hast nun mein Gemüt ganz umgewandelt, und ich bin nun
schon ganz deiner Ansicht. Oh, wollte dein und nun auch mein allein wahrer Gott
auch mir helfen, wie Er dir geholfen hat, so würde ich wohl mein ganzes Leben
hindurch Seinen Namen allein preisen und vor jedem Menschen Seine Ehre laut
verkünden! O Herr und nun völlig mein allein allmächtiger lebendig wahrster
Gott, hilf auch mir von meinem schon lange andauernden bösen Leiden! Dein
heiligster Wille heile mich!“
164. Kapitel
[GEJ.09_164,01] Als der Richter solches
lebendig und voll des festesten und ungezweifelten Vertrauens in sich und auch
offen mit dem Munde ausgesprochen hatte, da fuhr es denn auch alsogleich wie
ein Blitz durch seine Brust, und er ward sogleich so vollkommen gesund, wie er
es zuvor in seinem ganzen Leben nie gewesen war; denn er war schon von Geburt
an ein Schwächling, darum er – als der Sohn eines Hauptmanns – sich nicht dem
Militärstande widmete, sondern die Gesetze Roms studierte und ein Richter ward.
[GEJ.09_164,02] Als er nun plötzlich völlig
gesund geworden war, da fing er auch laut zu jubeln an und dankte Mir und dann
auch dem Arzte, der ihm durch seine unerschrockenen Worte und durch seiner Rede
tiefen und lebenswahren Sinn zu solchem Glauben und Vertrauen verhalf.
[GEJ.09_164,03] Als er sich in lauter
Lobpreisungen Meines ihm persönlich noch völlig unbekannten Wesens schon
ordentlich erschöpft hatte, da wandte er sich wieder an den Arzt und sagte (der
Richter): „O du nun mein liebster Freund, wie soll ich dich nun belohnen für
deinen Mut vor mir und für deine wahrlich nicht geringe Mühe, die du mit meiner
Blindheit hattest, und wie belohnen auch diese deine beiden Gefährten, die dir
zuerst die Kunde von dem persönlichen Hiersein des großen Meisters und von
Seiner vollstwahren Göttlichkeit überbracht haben? Saget, ihr beiden lieben
Freunde, was sagte Er denn zu euch, was der Mensch tun solle, um sich Seiner
Gnade als bleibend zu versichern?“
[GEJ.09_164,04] Sagte hierauf unser Polykarp:
„Er sagte in dieser Hinsicht nichts anderes als: ,Haltet die zehn Gebote Mosis,
und liebet also Gott, den Einen und allein Wahren, über alles und eure Nächsten
wie euch selbst; tut ihnen, was ihr vernünftig wollen könnet, daß sie das auch
euch tun möchten; dann lasset euch nicht von den reizenden Verlockungen der
Welt berücken, – so werdet ihr bleiben in Mir und Ich in euch, und ihr werdet also
in euch haben das ewige Leben durch Meiner Liebe Geist; denn Ich Selbst bin der
Weg, die Wahrheit und das ewige Leben! Wer an Mich glaubt und Meine Gebote
hält, der ist es, der Mich über alles liebt; zu dem werde Ich Selbst kommen,
werde Mich ihm offenbaren und ihm geben das ewige Leben!‘ Siehe, darin besteht
das Wesentliche Seiner Lehre.
[GEJ.09_164,05] Wir aber haben noch vieles
mit Ihm geredet, und Er hat uns über viele und große Dinge gründlich belehrt,
über die wir jetzt ihrer Gedehntheit wegen nicht reden können; aber wir werden
dazu schon noch eine rechte Zeit finden.“
[GEJ.09_164,06] Der Richter und der Arzt
dankten dem Polykarp für diese Mitteilung und beschlossen fest, ihr ganzes
Leben hindurch danach zu handeln.
[GEJ.09_164,07] Auf diese zweite Heilung
glaubten auch die andern Gefährten nun vollends an Mich und baten Mich auch um
die Heilung ihres kranken Fleisches und Blutes, und es ward auch ihnen
plötzlich geholfen, worauf es des Jubelns und Preisens Meines Namens, den ihnen
auch Polykarp kundgab, beinahe kein Ende war.
[GEJ.09_164,08] Und es wurden viele Kurgäste
darauf aufmerksam und gingen hinzu und fragten, was da denn so etwa ganz
Eigentümliches müsse vorgefallen sein, daß sie gar so anhaltend jubelten.
[GEJ.09_164,09] Der Richter aber sagte:
„Fragten wir euch doch nicht, warum ihr nicht jubelt? Solange man krank ist am
Leibe und ebenso auch an der Seele, da hat man auch sicher wenig Lust zum
Jubeln; so man aber völlig gesund geworden ist am Leibe und an der Seele, dann
hat man auch allen Grund zu jubeln!“
[GEJ.09_164,10] Sagte darauf ein reicher,
aber in dieser Anstalt noch wenig geheilter Jude: „Wie seid ihr denn sobald
hier auf diesem Flecke gesund geworden?“
[GEJ.09_164,11] Sagte der Richter: „Es
gereicht dir als einem Juden eben zu keiner besonderen Ehre, so du uns Heiden
darum fragst! Ihr glaubet ja doch an den einen, allein wahren Gott, und wir
haben an Ihn erst wahrhaft zu glauben angefangen und baten Ihn um Seine Hilfe,
– und Er zögerte nicht und half uns, und darum jubeln wir unsern Dank eurem
Gott entgegen, der nun auch unser Gott ist und bleiben wird. Warum wendest du
als ein Jude dich nicht vollgläubig an deinen Gott, daß Er dir auch also helfe,
wie Er uns sichtlich geholfen hat?“
[GEJ.09_164,12] Sagte der Jude ganz
betroffen: „Ich habe in der Schrift nichts von dem gelesen, daß unser Gott
jemals den unbeschnittenen Heiden geholfen hätte!“
[GEJ.09_164,13] Sagte der Richter: „Und doch
haben auch wir das Leben und alles von Ihm, und Er läßt uns über euch
herrschen! Wie ist denn das?“
[GEJ.09_164,14] Als der Jude solches vernahm
und mehrere seiner Stammesgenossen, da fragte er um nichts Weiteres mehr,
kehrte sich um und ging von dannen.
[GEJ.09_164,15] Die Geheilten aber waren
darob sehr froh, daß sie auf diese Art die lästigen Gäste losgeworden waren.
[GEJ.09_164,16] Da Ich aber noch nicht in die
Anstalt kam und sie Mich doch mit der größten Sehnsucht schon erwarteten, da
beschlossen sie einstimmig, Mich aufsuchen zu gehen, um Mir die Ehre vor allen
Menschen zu erweisen, und sie fragten darum einen Diener des Markus, ob Ich
Mich noch im Hause des Markus befinde, und ob sie zu Mir kommen dürften.
[GEJ.09_164,17] Der Diener sagte: „Der Herr
und Meister befindet Sich noch im Hause beim Mittagsmahle und erzählt
wunderbare Dinge.“
[GEJ.09_164,18] Ich erzählte nämlich das, was
unter diesen Geheilten vor sich gegangen war, und was sie geredet hatten, was
aber der Diener, der vorher im Hause uns bediente und darauf von Markus um
etwas in die Anstalt gesandt wurde, nicht verstand, darum er den fragenden
Geheilten auch keinen Bescheid geben konnte; denn er wußte ja nichts von dem,
wie die Griechen aus Melite und wie der römische Richter von Mir durch die
Macht Meines Willens geheilt worden waren.
[GEJ.09_164,19] Er aber sagte zu denen, die
ihn fragten, ob sie zu Mir kommen dürften, dennoch (der Diener): „Ich habe hier
in der Anstalt für meinen Herrn nur etwas Weniges zu tun, werde dann wieder ins
Haus gehen, mich wegen eures Anliegens erkundigen und euch dann sogleich die
Antwort des großen Herrn und Meisters überbringen.“
[GEJ.09_164,20] Mit dem waren die Geheilten
zufrieden. Der Diener ging und verrichtete sein Geschäft, kam darauf ins Haus
zu uns und hinterbrachte Mir das, um was ihn die Geheilten gefragt hatten.
[GEJ.09_164,21] Ich aber sagte zu ihm: „Gehe
hin, und sage es Meinen Freunden, die dich fragten, ob Ich noch im Hause Mich
befinde, und ob sie zu Mir kommen dürften: Wen die Liebe zu Mir führt, der kann
allzeit zu Mir kommen, und Ich werde ihn mit der Liebe aufnehmen, die ihn zu
Mir geführt hat!“
[GEJ.09_164,22] Auf diese Meine Worte ging
der Diener abermals in die Anstalt und sagte das zu den Geheilten, die sich
darauf voll Freude sogleich aufmachten und mit aller Ehrfurcht dem Wohnhause
des Markus zueilten.
165. Kapitel
[GEJ.09_165,01] Als sie in unseren Speisesaal
kamen, da fragten sie gleich die beiden Griechen, wo Ich wäre. Und diese
zeigten ihnen sogleich an, welcher der ,Ich‘ ist.
[GEJ.09_165,02] Als sie nun das wußten, da
gingen sie schüchtern zu Mir hin, sahen Mich mit der tiefsten Ehrfurcht an und
getrauten sich nicht, Mich anzureden.
[GEJ.09_165,03] Ich aber sah sie voll Liebe
an und sagte zu ihnen in ganz natürlicher Redeweise: „Warum denn nun so
schüchtern vor Mir, ihr Meine lieben Freunde? Bin Ich hier denn etwas anderes
als dort in der Anstalt, wo Ich im Geiste zu euch kam und euch nach eurem
Glauben und Vertrauen von euren Übeln geheilt habe? Fasset Mut, setzet euch zu
uns an diesen Tisch, und esset und trinket zuvor nach eurem Bedarf, und stärket
dadurch eure Glieder! Hernach erst werden wir ein Weiteres miteinander
besprechen!
[GEJ.09_165,04] Die Geheilten taten das von
Mir ihnen Anbefohlene schon mit mehr Mut, weil Meine Liebe ihnen die Furcht vor
Mir mehr und mehr benahm. Es waren noch eine Menge bestbereiteter Fische auf
dem Tische, und an Brot und Wein hatte es ebenfalls keinen Mangel. Die
Geheilten hatten auch schon Hunger und Durst, und es kam ihnen also diese Meine
Beheißung sehr erfreulich erwünscht und gut zustatten. Sie aßen und tranken mit
vieler Herzenslust und bekamen denn auch immer mehr des wahren kindlichen
Zutrauens zu Mir und auch zu Meinen Jüngern.
[GEJ.09_165,05] Nachdem sie sich nun an
unserem Tische nach dem rechten Bedarfe gestärkt hatten, da erst fragte Mich
der nun schon am meisten mutig gewordene Grieche Polykarp, sagend: „O Herr und
Meister, Du hast auf dem Berge zu uns wohl gesagt, daß Du uns in der Anstalt
besuchen werdest, und wir warteten, – Du kamst aber dennoch nicht. Es gibt wohl
gar viele sehr Elende darin, denen Dein Besuch wohl zustatten käme!“
[GEJ.09_165,06] Sagte Ich: „Ob Ich schon
nicht mit dem Leibe zu euch kam, so kam Ich aber dennoch mit Meiner Liebe zu
euch und half denen, die sich an Mich gläubig und volltrauig gewendet haben,
und Ich habe somit Mein euch gegebenes Versprechen erfüllt.
[GEJ.09_165,07] Der andern wegen aber habe
Ich mit Meiner Person in der Anstalt nichts zu suchen; denn die haben schon
vieles von Mir gehört und mehrere auch Zeichen von Mir vor ihren Augen wirken
sehen, und so sie auch wußten, wo sie Mich hätten finden können, da suchten sie
Mich aber dennoch nicht und achteten weder auf die Zeichen und noch weniger auf
Meine Worte. Warum sollte nun Ich sie suchen gehen und achten und gedenken
ihrer Leiden?!
[GEJ.09_165,08] Ich aber werde noch etliche
Tage hier verweilen; wer Mich suchen wird, der soll Mich auch bald und leicht
finden, wie auch ihr Mich bald und leicht gefunden habt.
[GEJ.09_165,09] Als dieser Mein Freund, der
Arzt aus Melite, laut von Mir sprach nach der wahren Vernunft aus den Himmeln,
da wurde er von vielen Juden behorcht; aber nur ein Römer – ein Heide – trat
näher hinzu und fing an, sich über den neuen Gott mit dem Arzte zu besprechen,
und wurde bald seines Glaubens. Die Juden aber hatten aus der Rede des Arztes
bald gemerkt, von wem er sprach, kehrten ihm darum denn auch bald den Rücken
und achteten nicht weiter seiner durchaus weisen Reden. Warum sollte Ich da
ihrer achten?
[GEJ.09_165,10] Als ihr später Mir alle laut
zugejubelt habt, da kam wieder ein blinder Jude, der in Kapernaum ein reicher
Kaufmann und Wechsler ist, zu euch, und als ihm der Richter eine rechte Antwort
gegeben hatte und er daraus merkte, wem der Jubel galt, da kehrte auch er euch
den Rücken und verließ euch. Hat er aber euch verlassen, die ihr mit Meinem
Geiste waret, so hat er auch Mich verlassen; wer aber Mich verläßt, den
verlasse auch Ich auf so lange, bis er reuig und gläubig sich zu Mir kehrt.“
166. Kapitel
[GEJ.09_166,01] (Der Herr:) „Dies aber merket
euch alle wohl: So ihr in Meinem Namen irgend versammelt seid – wie ihr es
ehedem im Garten der Anstalt waret –, da werde Ich auch stets also, wie ehedem
im Garten, wirkend unter euch, bei euch und in euch sein.
[GEJ.09_166,02] Wer euch hören wird, der wird
auch Mich hören, und Ich werde ihm barmherzig sein; und so ihr über einen an
Mich haltenden Kranken in Meinem Namen eure Hände auflegen werdet, so wird es
besser mit ihm werden.
[GEJ.09_166,03] Wer euch aufnehmen wird, der
hat in euch auch Mich aufgenommen, und Ich werde ihm darum vergeben seine
Sünden und ihn segnen zeitlich und ewig. Wer aber euch nicht aufnehmen wird,
der wird auch Mich nicht aufnehmen, und seine Sünden werden bleiben in seiner
Seele, und ferne von ihm wird Meine Barmherzigkeit sein.
[GEJ.09_166,04] So ihr aber zu jemandem
kommen werdet in Meinem Namen, und er wird euch wohl hören und auch glauben,
was ihr ihm von Mir sagen werdet, wird aber nach der Annahme Meiner Lehre aus
dem Grunde seines Herzens zu euch nicht sagen: ,Bleibet bei mir, liebe Freunde,
und haltet mit mir Mahl!‘, bei dem bleibet auch nicht! Denn wer da hat und
gegen euch kargen wird, da ihr doch nicht mit Meinem Worte als dem höchsten Gut
für das Leben seiner Seele gekargt habt, da werde auch Ich kargen mit Meinem
Segen; denn der Glaube an Mich wird lebendig wirksam durch die Werke der Liebe.
[GEJ.09_166,05] Wer euch um Meines Namens
willen lieben wird, der wird auch Mich lieben, und Ich werde ihn wiederlieben,
und Mein Segen wird über ihm sein fortan. Wer euch aber hassen und verfolgen
wird, der wird in euch auch Mich hassen und verfolgen; er wird aber da mit
seiner Zunge gegen den Stachel löcken und wird sich so mächtig verwunden, daß
er an diesen Wunden den Tod und das Verderben seiner Seele finden wird.
[GEJ.09_166,06] Ihr sollet um Meines Namens
und Wortes willen für euch wohl von keinem Menschen weder eine Ehre noch einen
Lohn verlangen; doch wer euch verunehren und harten Herzens sein wird gegen
euch, der wird also auch sein gegen Mich, und Ich werde auch also sein gegen
ihn.
[GEJ.09_166,07] Was Ich euch umsonst gebe,
das gebet wieder umsonst! Was euch aber die Liebe der erleuchteten Menschen
bieten wird, das nehmet und danket Mir darum; denn nur Meine Liebe in den
Herzen der Menschen wird es euch geben, und so denn verschmähet auch die
kleinste Gabe nicht!
[GEJ.09_166,08] Suchet aber dennoch nirgends
einen irdischen Gewinn um Meines Namens und Wortes willen, noch irgendein
weltliches Herrscherreich; denn fürs erste ist Mein Reich nicht von dieser
Welt, fürs zweite aber würdet ihr mit dem gesuchten und empfangenen irdischen
Gewinn und mit einem überkommenen Reiche dieser Welt den Lebenslohn für eure
Seele schon empfangen haben und hättet dann von Mir aus im Himmel keinen
weiteren zu erwarten.
[GEJ.09_166,09] Es werden zwar in den
späteren Zeiten falsche und herrschsüchtige Propheten in Meinem Namen das
ebenso tun, wie es nun tun die Pharisäer und ihre Anhänger, und werden Mich vor
den Augen des Volkes ehren mit allerlei Zeremonie und mit Gold, Silber und
Edelsteinen; aber Ich werde zu ihnen durch den Mund Meiner durch Meinen Geist
Erweckten sagen: Siehe, dies elende Volk ehrt Mich, den Herrn des Lebens, mit
dem Kote und mit dem Tode und Gerichte der Materie, – aber sein Herz ist ferne
von Mir! Darum werde auch Ich ferne von solch einem Volke sein.
[GEJ.09_166,10] Darum sollet ihr Mir in der
Folge auch nicht irgend Tempel und Altäre erbauen; denn Ich werde nimmerdar
wohnen in den von Menschenhänden erbauten Tempeln und werde Mich nicht ehren
lassen auf den Altären. Wer Mich liebt und Meine leichten Gebote hält, der ist
Mein lebendiger Tempel, und sein Herz, voll Liebe und Geduld, ist der wahre und
lebendige und Mir allein wohlgefällige Opferaltar zu Meiner Ehre. Alles andere
ist Gericht, Tod und Verderben.
[GEJ.09_166,11] Ihr wisset, wie nun alle
Priester – unsere jüdischen so gut wie eure heidnischen – gewisse äußere
Heiligungs- und Reinigungsmittel haben, deren Annahme und Gebrauch sie ihren
Bekennern aufdrängen und den mit allen Schrecknissen und ärgsten zeitlichen und
ewigen Strafen bedrohen, der den Gebrauch vorbesagter Mittel nicht annehmen und
sie als leer und völlig wirkungslos bezeichnen würde. Ich aber sage es euch:
Mit all dem soll es bei euch für alle Zukunft sein vollkommenes Abkommen haben,
und Ich werde den, der sich auch in Meinem Namen solcher Mittel zur Heiligung
und Reinigung bedienen möchte, mit zornigen Augen ansehen. Es genügt, daß ihr
den, der Meine Lehre im Herzen angenommen hat, in Meinem Namen taufet und ihm
einen Namen der Ordnung wegen gebet, und Ich werde ihn stärken.
[GEJ.09_166,12] Dann möget ihr auch in Meinem
Namen und in Meiner Liebe in euch denen, die an Mich lebendig glauben und Meine
Gebote halten, von Zeit zu Zeit, so ihr es habt, Brot und Wein geben zu Meinem
Gedächtnisse. Wo ihr ein solches Liebesmahl unter euch halten werdet, da werde
auch Ich sein unter euch, bei euch und in euch, wie nun mit Fleisch und Blut;
denn das Brot, das eure Liebe zu Mir bieten wird, wird auch gleich sein wie
Mein Fleisch und der Wein wie Mein Blut, das bald für viele wird vergossen
werden. Wie, das werdet ihr schon vernehmen.
[GEJ.09_166,13] Das allein genüge euch als
ein äußeres Zeichen, das aber nur durch die Liebe einen rechten Wert von Mir
überkommen wird.
[GEJ.09_166,14] Und da Ich euch nun in diesen
wichtigen Dingen unterwiesen habe, so wollen wir uns nun wieder vom Tische
erheben und uns ins Freie hinaus und zwar auf unseren Berg begeben; dort soll
euch noch manches gezeigt und gegeben werden.“
[GEJ.09_166,15] Auf diese Rede dankten Mir
alle, und wir erhoben uns und bestiegen leichten Fußes unseren Berg.
167. Kapitel
[GEJ.09_167,01] Als wir uns auf dem Berge
befanden, da bewunderten die Griechen und der Römer die schöne Gegend.
[GEJ.09_167,02] Und der Römer sagte:
„Wahrlich, so eine nach allen Richtungen hin wunderherrliche Landschaft ist mir
noch gar nie vorgekommen! Wenn man auf dieser lieben Erde immer jung, kräftig
und gesund bliebe und mit dem Nötigen versorgt, so könnte man an solch einer
Gegend auch eine ewige Freude haben.
[GEJ.09_167,03] Es erfüllt aber das
menschliche Gemüt oft mit vieler Wehmut beim Anblick einer so herrlichen
Landschaft, so der Mensch sich dabei stets denken muß: Nur noch eine ganz kurze
Zeit ist dir diese Freude gegönnt, und du wirst sie dann auf ewig schmerzhaft
verlassen müssen. Was aber kann der schwache Mensch da wohl anderes dagegen tun
als seufzen, daß er ein oft auch auf dieser Erde sehr schönes und angenehmes
Leben so bald gänzlich verlassen muß und nicht mehr schauen und genießen kann
die Reize und Schönheiten solch wunderherrlicher Gegenden dieser Erde? Du, o
Herr und Meister, willst es einmal also, und der arme und ohnmächtige Mensch
muß sich der Allmacht Deines Willens fügen.“
[GEJ.09_167,04] Sagte Ich: „Freund, nun hat
wohl wieder der alte, blinde Römer und Heide aus dir geredet, und du hast trotz
deines musterhaft starken und lebendigen Glaubens und Vertrauens an Mich
dargetan, daß du in die Geheimnisse des wahren, inneren Seelenlebens noch gar
nicht eingeweiht bist!
[GEJ.09_167,05] Meinst du denn, daß die Seele
ohne Hilfe des materiellen Leibes nicht auch die Gegenden dieser Erde werde zu
schauen imstande sein, vorausgesetzt, daß sie nach Meiner euch klar gezeigten
Ordnung vollendet sein wird und also verlassen wird ihren schweren Leib?
[GEJ.09_167,06] Wer anders sieht denn jetzt,
wennschon unvollkommen, durch die zwei kleinen Fensterlein unter deiner Stirne
diese Landschaft als eben nur deine allein lebendige Seele? Der Leib ist ja nur
auf eine kurze Zeit ihr als ein Werkzeug gegeben, um sich beim rechten
Gebrauche desselben die volle Lebensfreiheit und Selbständigkeit für ewig hin
zu bereiten und zu sichern. Was im Leibe fühlt, hört, sieht, riecht, schmeckt,
denkt und will, das ist ja das unsterbliche Wesen der Seele und nicht der an
und für sich tote Leib, dessen Scheinleben ja nur durch das wahre Leben der
Seele bedingt ist.
[GEJ.09_167,07] Sieht aber deine Seele nun
bei aller ihrer Lebensbeschränktheit durch den Leib die schönen Landschaften
dieser Erde und empfindet darüber eine rechte Freude schon beim Anblick der
alleräußersten Form, so wird sie dann wohl eine noch größere Freude und Wonne
empfinden, so sie mit ihren helleren Augen nicht bloß die äußerste Rinde der
Wesen und Dinge, sondern das ganze Innere in seiner wundervollsten Verbindung,
Wirkung und Bedeutung wird schauen, beurteilen und verstehen können.
[GEJ.09_167,08] Ja, wer da noch so tief in
seinem Fleische vergraben ist, daß seine Seele mit dem sicheren Tode ihres
Leibes auch mit in diesen Tod sich gezogen fühlt – was eine Folge ihrer zu
großen Welt- und Fleischliebe ist –, dann muß der Mensch freilich so
bedauerlich reden, wie du, Freund, nun geredet hast; aber in welchem Menschen
die Seele einmal nach Meiner Lehre und nach Meinem Willen frei von den
irdischen Schlacken und dadurch vollkommener und vollendeter geworden ist, der
wird beim Anblick einer solchen Gegend und Landschaft eine ganz andere und
höhere Sprache führen.
[GEJ.09_167,09] Daß aber ein Naturmensch, wie
du bis jetzt noch einer bist – obschon du nun den Herrn und Meister alles Seins
und Lebens mit deinen Augen schauen und mit deinen Ohren vernehmen kannst –,
beim Anblick einer herrlichen Gegend darob wehmütig gestimmt wird, weil das
Gefühl über seine Vergänglichkeit erwacht, so ist das nur sehr heilsam für
seine Seele; denn dieses Gefühl ist eben der unsterbliche Geist aus Mir in
eines jeden Menschen Seele, ohne den sie kein Leben hätte, der in der Seele
ruft: ,Habe die Welt ihrer äußeren Reize wegen nicht lieb; denn sie alle sind
dem Tode und der Vergänglichkeit unterworfen! Ermanne dich, und wende ab dein
lüstern Auge von dem, was an und für sich nichts ist. Kehre dafür in dein
Innerstes, in mich, dein wahres Sein und ewiges Leben zurück, da wirst du nicht
nur die tote, alleräußerste Rinde der Dinge und Wesen schauen und erkennen,
sondern auch vorzüglich das, was in ihnen ist und wirkt, und wie und warum und
zu welchem Endzweck!‘
[GEJ.09_167,10] Sage du, Freund, Mir nun, so
sich die Sache aber nur also und unmöglich anders verhält: Hat der in sich über
sein Wesen und Dasein klar gewordene Mensch wohl einen Grund, darob beim
Anblick irgendeiner reizenden äußeren Form in sich wehmütig zu werden, weil er
einmal den Moderleib ablegen wird?“
168. Kapitel
[GEJ.09_168,01] Sagte darauf der Römer in einer
schon um vieles besseren Stimmung seines Gemütes: „O Herr und Meister alles
Lebens und Seins, wer in sich in Deiner ewigen Seins- und Lebensklarheit sich
befindet und sicher nach dem großen geistigen Jenseits mit derselben alles
durchdringenden Lichtmacht schaut wie Du, dem wird der Anblick solch einer
schönen Gegend in seinem Gemüte sicher nicht die allergeringste Wehmut
hervorrufen; aber unserer menschlichen Kurzsichtigkeit, besonders in den
Sphären des inneren Geist- und Seelenlebens, ist solch eine Wehmütigkeit sicher
nicht gar zu sehr zu verargen. Denn woher sollte ein in aller Lebensfinsternis
geborener und dann großgezogener Mensch wohl Begriffe und Anschauungen über das
wahre, innere Lebenswesen der Seele nehmen, da er doch schon von der frühesten
Kindheit an mit nichts als nur mit der Materie und ihren mannigfachsten Formen
zu tun hatte?
[GEJ.09_168,02] Nun wird es bei mir sicher
auch bald anders werden durch Deine Gnade, Hilfe und große Erbarmung; aber bis
jetzt war bei mir Leib und Seele noch so vollkommen eins, daß es mir wie vielen
tausend andern völlig unmöglich schien, daß es ohne einen Leib eine für sich
bestehende Seele hätte geben können. Denn die in mir denkende Seele stellte ich
mir als ein Produkt der Tätigkeit des Herzens, der Lunge und der andern
Eingeweide vor; denn so es mit deren Tätigkeit ein Ende hat, so hätte es damit
auch ein Ende mit dem Fühlen, Hören, Schauen, Riechen, Schmecken, Wahrnehmen,
Denken, Urteilen und Handeln.
[GEJ.09_168,03] Zudem habe ich selbst noch
nie nur im geringsten etwas wahrgenommen, das dem Fortbestande einer Seele nach
dem Tode des Leibes nur von ferne gleichgesehen hätte, obschon mir andere
Menschen so manches in dieser Beziehung kundgegeben haben. Denn wovon ich mich,
als auch ein Mensch, nicht habe selbst überzeugen können, da ging es mir mit
dem puren Glauben schlecht, und es ist mir denn auch sicher nicht zu verargen,
daß mir der Gedanke an den baldigen Tod besonders beim Anblick einer herrlichen
Landschaft, wie diese da ist, stets ein wehmütiges Gefühl in meinem Gemüte
erzeugte.
[GEJ.09_168,04] Hätte ich einen von meinen
vielen, schon lange verstorbenen Freunden und Bekannten je zu sehen und zu
sprechen vermocht, dann würde ich beim Anblick solch einer herrlichen
Landschaft auch nicht von der Wehmut ergriffen worden sein in der Art, wie das
bei mir schon seit langem der Fall war, wozu meine von keinem irdischen Arzte
mehr heilbare Lungenkrankheit und mein Alter, das mir ohnehin keine langlebige
Aussicht mehr gewährte, ihr Wesentliches beitrugen und mich zu einem
ordentlichen Feinde des Lebens, der Schönheiten der Natur und der jungen,
munteren Jugend machten.
[GEJ.09_168,05] Jetzt geht es in Deiner
sichtbaren Gegenwart, o Herr und Meister, freilich ganz anders; denn nun weiß
ich es aus Deinem göttlichen Munde, was es mit dem Menschen nach dem Tode des
Leibes für eine Bewandtnis hat, und das hat mir die mich schon so lange gequält
habende Furcht und Angst vor dem Tode beinahe gänzlich benommen, wofür ich Dir
aus aller Tiefe meines Herzens danke.
[GEJ.09_168,06] Könnte ich dazu noch jemand
von meinen verstorbenen Freunden sehen und sprechen – was Du, o Herr und
Meister der Sinnen- und Geisterwelt, sicher bewirken könntest –, so wäre ich in
meinem Gemüte sicher auch noch mehr in der Ordnung. Daß es Dir, o Herr und
Meister, gar leicht möglich ist, daran habe ich nicht den allergeringsten
Zweifel; ob aber das nach Deiner Weisheit und Ordnung auch zulässig ist, das
kannst nur Du allein wissen und der Mensch auch, dem Du es gesagt hast. Sollte
das auch zulässig sein, so würde ich Dich darum bitten.“
[GEJ.09_168,07] Sagte Ich: „Freund, es ist
das möglich und auch zulässig für solche Menschen, die dafür schon reif
geworden sind; denn den im eigenen Geiste schon stark gewordenen Menschen
können die noch sehr unlauteren Seelen, so sie sich in dieser Welt zeigen
müssen, keinen Schaden zufügen, – wohl aber denen, die in ihrem Geiste noch
unreif sind.
[GEJ.09_168,08] Alle deine von der Sinnenwelt
abgeschiedenen Freunde und Bekannten würden dir keine angenehme Erscheinung
sein, so Ich sie dir alle zeigen würde; daher will Ich dir nur einige um etwas
weniges Bessere vorstellen, und du kannst dich mit ihnen über ihren jenseitigen
Zustand selbst besprechen.
[GEJ.09_168,09] So du das noch ernstlich
wünschest, so will Ich dich auf eine kurze Zeit dazu befähigen, und du wirst
deine besten Freunde nicht nur sehen und sprechen können, sondern auch sehen,
wie ihre Wohn- und Handelswelt aussieht und beschaffen ist.“
[GEJ.09_168,10] Sagte der Römer: „O Herr und
Meister, erweise mir diese Gnade!“
[GEJ.09_168,11] Sagte Ich: „Also sei es denn,
und es geschehe!“
169. Kapitel
[GEJ.09_169,01] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da standen auch schon – nicht nur ihm, sondern auch allen andern
Anwesenden sichtbar – vier bewaffnete Römer vor unserem Richter, der sich vor
ihnen ganz gewaltig zu fürchten begann, weil sie ihn mit zornglühenden Augen
ansahen. Er hatte anfangs auch nicht den Mut, sie anzureden; erst als Ich ihn
behieß, die Erschienenen anzureden, da erst fragte er einen, der sein Vater
war, ob er nach dem Tode des Leibes wohl im Ernste fortlebe und wie.
[GEJ.09_169,02] Da sagte der Geist in der
seinem Sohne nur zu wohlbekannten kreischenden Stimme: „Aberwitziger Dümmling
von einem Sohne, was hast du uns zu stören in unserer Ruhe, in unserer Liebe
und in unserem Handeln?!
[GEJ.09_169,03] Daß wir fortleben und
eigentlich noch gar niemals gestorben sind, das siehst du nun ja wohl mit
deinen kotvollen Augen. Wir hatten nun soeben einen Großfeldzug vorbereitet und
haben Eile, damit dem Feinde zuvorzukommen, und du mußt mich nun hindern, eine
so glorreiche Heldentat für meinen Kaiser auszuführen! Ich hätte nun gute Lust,
dich, du aberwitziger Bube, mit meinem scharfen Schwert in tausend Stücke zu
zerhauen!
[GEJ.09_169,04] Wäre der dumme Zauberer von
Nazareth, dem deine Dummheit eine göttliche Ehre erweist, nicht hinter dir mit
seiner Kunst, so wäre dir dein Aberwitz teuer zu stehen gekommen. Aber
aufgeschoben ist nicht aufgehoben! Wenn du zu uns aus deinem Fleischsacke
herüberkommen wirst, da sollst du den Lohn für deinen Aberwitz schon bekommen!“
[GEJ.09_169,05] Sagte ganz kleinmütig unser
Römer: „Wie kann ich euch in eurer Ruhe gestört haben, da ihr bei eurem
Kriegführen doch keine Ruhe zu haben scheint, und so der Mann da an meiner Seite
nur ein dummer Zauberer aus Nazareth ist, warum gehorchet ihr denn Seinem
Willen? Seid ihr als Helden denn nicht mächtiger denn Er?“
[GEJ.09_169,06] Sagte der Geist: „Was
verstehst du dummer Aberwitzling von unsern Dingen! Wir tun, was wir wollen und
lassen uns von niemandem etwas vorschreiben!“
[GEJ.09_169,07] Sagte der Richter: „Weil ihr
denn gar so mächtig seid, warum verharret ihr denn hier und denket nicht daran,
daß euch nun der Feind einen Vorteil abgerungen hat? Glaubet ihr denn nicht,
daß es nur einen allmächtigen Gott gibt, gegen dessen Willen ihr mit euren
losen Waffen ewig nichts ausrichten werdet?“
[GEJ.09_169,08] Sagte der Geist: „Glaubst
denn du, daß wir vollkommenen Menschen in unserer großen Welt, die keinen
Anfang und kein Ende hat, auch noch so blind sind wie ihr Schermäuse und
Blindschleichen dieser haselnußgroßen Koterde? Wo hat es außer uns je einen
Gott gegeben? Wir sind die Götter, und unser großer Kaiser ist unser Hauptgott,
und ich stehe nun auch schon in der Reihe, bald ein Kaiser zu werden; denn bei
uns gibt es nun schon eine große Menge Kaiser!“
[GEJ.09_169,09] Sagte der Richter: „Ja, da
kann bei euch am Ende ein jeder Mensch ein Kaiser werden?“
[GEJ.09_169,10] Sagte der Geist, von Hochmut
ganz aufgebläht: „Wisse, du Dümmling, aus dem gemeinen Volke wird nie ein
Kaiser; denn das ist nur darum da, daß es im steten Schweiße seines Angesichts
für uns arbeite und kämpfe, auf daß aller Ruhm und alles Wohlleben uns allein
zum unbestreitbaren Teile werde! Wir geben Gesetze zu unseren Gunsten, und das
Volk muß sie bei der schärfsten Ahndung befolgen. Wer aus dem gemeinen Volke
sich wider uns auch nur mit einem schiefen Worte vermessen möchte, wird als
Hochverräter mit dem Tode bestraft; denn wir allein haben das Recht, alles
niederzumachen, was uns nur im geringsten mißfällig erscheint. Wir können auch
das gemeine, uns dienstbare Volk zu unserem Vergnügen morden, und es hat uns da
kein Weiser zu fragen, ob das recht oder unrecht sei; denn was wir wollen und
tun, das allein ist recht, alles dawider aber ein strafbares Verbrechen!“
[GEJ.09_169,11] Das war unserem Richter nun
denn doch schon ein wenig zu viel geworden, und er sagte in einer starken
Erregtheit: „O ihr überblinden Seelen, wie endlos weit entfernt seid ihr von
der inneren Wahrheit des Lebens! Wie wollet ihr in eurer Welt denn jemand
töten, da es bei euch doch unmöglich einen Tod mehr geben kann?“
[GEJ.09_169,12] Sagte der Geist: „Desto
besser! Wenn bei uns eine zerrissene gemeine Seele sich auch wieder
zusammenrafft und fortlebt, so kann sie von neuem wieder ergriffen und
zerrissen werden!“
[GEJ.09_169,13] Sagte der Richter: „Wie sieht
denn hernach die Herrlichkeit eurer Welt aus?“
[GEJ.09_169,14] Sagte der Geist: „Dümmling,
mache deine Kotaugen auf, und schaue!“
[GEJ.09_169,15] Da ersah der Römer eine sehr
düstere Gegend, in der allerlei Burgen zu sehen waren. Außer diesen Burgen
waren eine Menge schmutziger Hütten da, und daneben erschaute er auch eine
Menge Menschen, deren Aussehen ein sehr armseliges Gesicht darbot. Ebenso sah er
auch Streiter, mit allerlei Waffengattungen ausgerüstet, und in einer weiteren
Entfernung bemerkte er auch Feldlager und außerhalb derselben Kämpfe.
[GEJ.09_169,16] Und er bat Mich, sagend (der Römer):
„O Herr und Meister, setze mich wieder in den Zustand, in dem ich keine im
Jenseits fortlebenden Seelen sehen werde; denn wenn alle Seelen nach dem Tode
ihres Leibes einen solchen Zustand zu erwarten haben, dann wäre es für den
Menschen ja um tausend Male besser, so er nie wäre erschaffen und geboren
worden!“
[GEJ.09_169,17] Ich benahm dem Römer darauf
sogleich das Vermögen, die untere, schmutzige Welt der unreinen Seelen zu
schauen, und fragte ihn, als die stark argen Geister sich jählings entfernt
hatten und unsichtbar geworden waren, sagend: „Nun, Freund, hast du deine
Verwandten wohl erkannt der Gestalt, der Sprache und dem Charakter nach? Wie
gefielen sie dir?“
[GEJ.09_169,18] Sagten der Römer und auch der
Arzt: „O Herr und Meister, das ist doch entsetzlich über entsetzlich!“
[GEJ.09_169,19] Hierauf redete der Römer
allein also weiter: „Erkannt habe ich meinen Vater im Augenblick; denn er war
derselbe überstolze Römer, der er bei seinen Leibeslebzeiten war. Wer bei ihm
nicht Patrizier war, der galt bei ihm weniger denn ein herumirrender,
herrenloser Hund, und ich, als dem Leibe nach ein Schwächling und somit für den
ihm über alles erhabenen Kriegsdienst unfähig, war sein Liebling nicht. Aber
ich mußte dennoch etwas werden, vor dem alles Volk zittern müsse, und bin darum
denn auch nach dem stets etwas aufstandssüchtigen Asien gesetzt worden mit der
Weisung, als Oberrichter mit der äußersten Strenge gegen die Übertreter des
Gesetzes zu Werke zu gehen, – was ich aber als ein stets mehr oder weniger leidender
Mensch dennoch nicht tat; denn ich dachte mir: ,Ihr seid denn doch auch
Menschen, wie ich es bin, trotz des unbändigen Hochmutes meiner Anverwandten,
und seid geplagt über und über. Ich will wohl urteilen nach Recht und
Billigkeit; aber mit einer tyrannischen Strenge sollet ihr von mir nicht
geplagt werden!‘ Und ich war darum beim Oberstatthalter stets wohlgelitten.
[GEJ.09_169,20] Als der Vater noch ein Bürger
dieser Welt war und einmal nach Tyrus kam, da fragte er mich mit seiner
kreischenden Herrscherstimme, wie viele durch meinen strengen Richterspruch
schon enthauptet, und wie viele gekreuzigt worden seien. Und ich gab ihm der
vollen Wahrheit gemäß zur Antwort: ,Bis jetzt noch kein Mensch; denn es war
glücklicherweise dazu nirgends ein erheblicher Grund vorhanden!‘
[GEJ.09_169,21] Da sagte er mit ebenso
zornglühenden Augen zu mir: ,Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger
Dümmling! So man das Volk im stets wachsenden Respekt vor dem Gesetz erhalten
will, da muß man von Zeit zu Zeit dennoch Exempel statuieren, wenn sich auch
niemand gegen das Gesetz vergangen hat. Man nehme bei Mangel an Verbrechern
gewaltsam den nächsten besten aus dem gemeinen Volke, dichte ihm ein Verbrechen
an, lasse es durch gedungene Zeugen bekräftigen und handle darauf sein strenges
und unerbittliches Amt. Dadurch flößt man dem Volke den wahren Respekt vor dem
Gesetze ein, und man kann sich dafür beim Kaiser ein großes Lob erwerben.‘
[GEJ.09_169,22] Und ich sagte darauf: ,Wir
haben aber doch vom Kaiser die streng zu beachtende geheime Weisung, keinen
Menschen ohne einen hinreichenden Grund mit der zu schroffen Strenge des
Gesetzes zu plagen. Ein Krieger und Feldherr mag wohl also zu Werke gehen; aber
in der friedliebenden Sphäre des Bürgertums geht das durchaus nicht.‘
[GEJ.09_169,23] Darauf sagte der Vater unter
einem höhnischen Lächeln abermals: ,Du warst, bist und bleibst ein aberwitziger
Dümmling!‘, kehrte mir den Rücken und verließ mich mit sichtlicher Hast, und
ich habe ihn nachher bis jetzt nicht mehr zu Gesichte bekommen. Ein paar Jahre
darauf bekam ich aus Rom die Nachricht, daß er gestorben sei, – und ich konnte
wahrlich nicht trauern um ihn!
[GEJ.09_169,24] Wie er also in seinem
Leibesleben war, so ist er noch, nur in seiner Kaiservergötterung um ein
bedeutendes ärger!
[GEJ.09_169,25] O Herr und Meister alles
Seins und Lebens! Wird es denn mit solch einer Seele ewig nimmer besser werden?
Wird sie nimmerdar zu einem besseren Lichte kommen, – auch das mit ihm haltende
Seelenvolk des Jenseits nicht?“
[GEJ.09_169,26] Sagte Ich mit freundlicher
Miene: „Freund, bei Gott sind alle Dinge möglich, wenn sie dem Menschen auf
dieser Erde auch noch so unmöglich vorkommen; doch das Wie und Wann wirst du
erst dann einsehen, so es dir Mein Geist der ewigen Liebe und Wahrheit in deiner
Seele selbst verkünden wird.“
[GEJ.09_169,27] Mit dem gab sich der Römer
zufrieden und fing an, über das Geschaute und über das von Mir Ausgesprochene
näher nachzudenken.
170. Kapitel
[GEJ.09_170,01] Aber nun wandte sich der Arzt
von Melite an Mich, sagend: „Herr und Meister, da wir alle ganz das gleiche
gesehen und auch vernommen haben, so war diese von Dir zugelassene Erscheinung
offenbar eine volle Wahrheit und keine traumartige Erscheinung im wachen
Zustande, wie mir solche bei manchen meiner Kranken schon zu öfteren Malen
vorgekommen sind, wo besonders in einem Orte fünf Fieberkranke auch ähnliche
Wesen in einem und demselben Gemache gesehen haben; aber die von ihnen
geschauten Wesen stimmten bei weitem nicht überein – denn es hatte ein jeder
Kranke ganz andere gesehen und sie auch in verschiedener Sprache vernommen –,
und so schien es mir, daß die von meinen Fieberkranken gesehenen Wesen denen in
einem Traume ähnlich waren, die doch sicher nichts anderes sind als nur ein
leeres Spiel der höchsteigenen, durch das rascher durch die Adern strömende
Blut erhitzten Phantasie.
[GEJ.09_170,02] Aber bei dieser am hellen
Tage durch Deine Zulassung stattgehabten Erscheinung hatte von uns niemand ein
Fieber und somit auch keinen schnellen Pulsschlag und keine erhitzte Phantasie,
und wir sahen und hörten alle das gleiche, und so denn hatte, wie schon
bemerkt, diese Erscheinung eine wahrheitsvolle Realität.
[GEJ.09_170,03] Aber es fragt sich nun: Ist
die von uns allen gleich gesehene überaus düstere und schmutzige Gegend mit all
dem, was wir in ihr schauten, doch irgend örtlich noch auf dieser Erde, oder
wurde sie uns bloß als zustandsgemäßes Bild – als etwa ein aus der losen
Phantasie der von uns geschauten Geister hervorgehendes Traumbild –
ersichtlich? Und waren die in dieser Gegend von uns gesehenen andern Geister
auch Seelen einst auf dieser Erde gelebt habender Menschen, oder gehören sie
auch nur in das Reich der argen Phantasie der von uns in unserer Nähe gesehenen
Geister? Denn es hatte mit der Anschauung der jenseitigen Trauergegend das
Sonderbare, daß wir durch sie hindurch auch die Gegend dieser Erde ohne einen
Anstand schauen konnten, und daneben sahen wir auch ganz klar von Punkt zu
Punkt das traurige Jenseits. Und schließlich ergibt sich da von selbst eine
Frage, und diese lautet: Sehen die Geister, die wir sahen, auch unsere Erde
oder nur ihre Phantasiegegend?“
[GEJ.09_170,04] Sagte Ich: „Die Geister, die
ihr hier sahet, und noch viele Tausende ihresgleichen haben vollkommene
Realität. Sie bewohnen jene Burgen und Festen, die ihr in der schmutzig-düstern
Gegend geschaut habt. Die Gegend, all die Burgen und Festen, die schmutzigen
Hütten, die Zelte, die armseligst aussehenden untertänigen Geister und
Feldlager samt ihren Kriegern sind nichts als Ausgeburten ihrer argen
Phantasie, besonders die Gegend und ihre Einrichtung. Denn mit den armseligen,
von euch geschauten Geistern hat es, so ihr tausend als ein Ganzes euch denken
möget, einen tausendsten Teil Realität. Zum größten Teil also gehören sie in
den Bereich der argen Trugphantasie der von euch gesehenen Geister und zum
tausendsten Teil aber dennoch ungefähr also einer wahren Geistrealität an, wie
da auf der Erde euer Schatten auch zu eurer wesenhaften Realität gehört. Der
Schatten an und für sich ist wohl durchaus nichts Wesenhaftes, aber er wäre
dennoch nicht da, so ihr selbst zuvor nicht da wäret.
[GEJ.09_170,05] Die von euch gesehenen
armseligen Geister sind zum größten Teil wohl auch schon im Jenseits, zum Teil
leben sie aber noch leiblich auf dieser Erde; weil aber die von euch gesehenen
reellen Geister samt ihresgleichen voll der Eigenliebe, des Hochmutes und der
Herrschgier bei ihren Erdlebzeiten mit den vielen Tausenden von untergebenen
Menschen herrscherisch zu tun hatten, so sind deren Abbilder oder gewisserart
Schattenrisse im Sensorium ihrer Seele so schwachweg haften geblieben.
[GEJ.09_170,06] Da aber die argen von euch
gesehenen Geister samt den noch vielen andern völlig ihresgleichen vom Lichte
der vollen Wahrheit kaum ein winzigstes Fünklein in sich haben und somit auch
von dem, was außer ihnen der vollen Wahrheit nach ist, nichts sehen und
wahrnehmen können – gleichwie auch ein Tiefschlafender von dem nichts sieht und
wahrnimmt, was in der Wirklichkeit ihn umgibt –, so sehen sie in ihrem inneren,
höchst matten Truglichte nur das, was ihre aus ihrer bösen Eigenliebe
entstammende Phantasie mit Hilfe ihrer in ihrem Sensorium haftenden Erinnerung
ihnen schafft.
[GEJ.09_170,07] Dieses Geschaffene aber kann
ein jeder vollkommene Geist schauen, und kommt er so dann und wann mit seinem
Willen und Schauen aus Meinem Willen und Lichte einem solchen argen Vereine
gewisserart nahe oder wendet sich ihm zu, so erkennt er aus seiner ihm sogleich
vollends sichtbaren Trug- und Scheingegend augenblicklich, von welcher Art und
Beschaffenheit die eigentlichen Realgeister irgendeines Vereines sind, und es
können solche Geister ihr inneres Arges denn auch vor den Augen der
vollkommenen Geister unmöglich verdecken und verbergen.
[GEJ.09_170,08] Hier auf dieser Welt wohl
kann ein Wolf in einem Schafspelze erscheinen, – aber in der andern Welt wird
ihm das laut und offen von den Dächern herab verkündet werden, was er im
Innersten seines Hauses denkt, will und tut.
[GEJ.09_170,09] Weil aber ein jeder
vollkommene Geist das kann, so kann er auch mit seiner Weisheit und Macht all
dem argen Sinnen und Trachten mit den bestentsprechenden Gegenmitteln wirksam
begegnen.
[GEJ.09_170,10] Ein solcher Verein muß oft je
nach der Stärke seiner bösen Eigenliebe bis in den tiefsten Grund des Argtums
sinken und sich selbst ordentlich zerstören und wie vernichten; sodann erst ist
eine leise Möglichkeit vorhanden, sich nach und nach mehr und mehr wieder zum
Lichte der Wahrheit emporzuheben.
[GEJ.09_170,11] Und so wird es auch den von
euch gesehenen Geistern ergehen; wenn es aber welche unter ihnen gibt, die das
Eitle ihres Strebens durch allerlei entsprechende, von Mir zugelassene
Erscheinlichkeiten einzusehen beginnen, dann werden sie sich auch leichter zum
Lichte der Wahrheit erheben.“
[GEJ.09_170,12] Sagte der Arzt, Mich weiter
fragend: „O Herr und Meister, wie möglich kann denn solch ein arger Geist sich
selbst ordentlich zerstören und vernichten?“
[GEJ.09_170,13] Sagte Ich: „So wie sich mit
der Zeit alle Materie selbst zerstört und in ihrer nach außen hin
erscheinlichen Form vernichtet und sodann in ihr wahres Urelement zurückkehrt.
[GEJ.09_170,14] Bei diesen Geistern gilt das
aus ihrer argen Phantasie Geschaffene als eine feste materielle Realität; sie
bleibt als das, was sie zu sein scheint, auch so lange, als des Geistes
Erinnerung und die aus ihr entspringende Phantasie durch seine stets wachsenden
Leidenschaften nicht einen Bruch und Schaden erleidet. Geschieht das, so ist
seine Welt samt ihren Burgen, Festen und Schätzen auch schon dahin.
[GEJ.09_170,15] Es ist das zu vergleichen mit
einem Menschen, der einen ihm über alles wertvollen Schatz an irgendeinem
sicheren Orte vergraben hat, welchen Ort er sich wohl gemerkt hat. Da ihn aber
die Sorge, daß dieser Schatz dennoch von jemand anderm könnte entdeckt werden,
stets mehr und mehr plagt, so verfällt er nach und nach stets mehr in eine
Sinnenverwirrung, sein Gedächtnis wird schwächer und schwächer, also auch seine
Erinnerung und so denn auch seine Phantasie; er verfällt dabei gar in eine Art
Gehirnfieber, das ihm sein ganzes Gedächtnis und seine Erinnerung derart
benimmt, daß er seines so treu und gut verborgenen Schatzes nimmer zu gedenken
imstande ist. Was ist nun der Schatz für ihn, wohin ist er gekommen? Siehe, er
ist für ihn aus dem Dasein gewichen! Und ebenso geht es diesen Geistern mit
ihrer Welt.
[GEJ.09_170,16] So wie ein Mensch mit dem
Verluste seines Gedächtnisses und seiner Erinnerung im Grunde alles verloren hat
– ob es auch an und für sich da ist –, ebenso verliert auch ein Geist alles,
was seine Phantasie aus dem Bereich seiner im Sensorium haften gebliebenen
Erinnerung geschaffen hatte, und solch ein Geist steht dann ganz überaus
armselig und von allem verlassen da.
[GEJ.09_170,17] In solch einem Zustande ist
es dann erst tunlich, daß irgendein weiser Geist sich auf eine stets
geeignetste Weise ihm naht und ihm das Vane und durch den eigenen Freiwillen
auch Arge und Böse anschaulich und begreiflich macht und ihn dann unvermerkt
nötigt, nach und nach die Wege des Lichtes zu betreten.
[GEJ.09_170,18] Doch so bald, wie du, Mein
Freund, es dir nun vorstellst, gelangt ein solcher Geist wohl nicht zum vollen
Lichte; denn sobald ein solcher Geist zu einem derartigen freieren, sich an
mehreres rückerinnerlichen Bewußtsein gelangt, so taucht auch seine alte
Phantasie auf, und er schafft sich damit auch bald wieder eine Welt, die seiner
alten Liebe entspricht, und hat sein Wohlgefallen dabei. Er muß daher abermals
um sein sich selbst geschaffenes Paradies kommen und dessen Nichtigkeit gewahr
werden, wonach er dann schon wieder auf eine höhere Lichtstufe gestellt werden
kann.
[GEJ.09_170,19] Das aber kommt bei vielen
Geistern, wie du sie hier gesehen hast, gar sehr oftmals vor; denn eine
verkehrte Liebe, die denn doch trotz aller ihrer Verkehrtheit allein das sich
selbst bewußte Leben eines Geistes bedingt, ist auf dem notwendigen Wege der
freien Willenswaltung nicht so leicht und so bald, wie du es dir vorstellst, in
eine rechte und wahre umzugestalten.“
171. Kapitel
[GEJ.09_171,01] (Der Herr:) „Du denkst dir
nun freilich wohl und sagst bei dir: ,Ja, der göttlichen Weisheit und Allmacht
sollte das doch überaus leicht möglich sein!‘ Ich aber sage dir: So Ich das
wollte, da hätte Ich es auch nicht nötig gehabt, je Selbst im Fleische als ein
Menschensohn auf diese Erde zu kommen und euch Menschen als ein Lehrer zu
unterrichten, und hätte auch in der Vorzeit nicht nötig gehabt, für euch
allerlei Weise und Propheten zu erwecken.
[GEJ.09_171,02] Denn so ihr bloß durch Meine
Allmacht zu freiesten, Mir in allem völlig ähnlichen Kindern hättet gestaltet
werden können, so hätte Ich das sicher auch getan; aber da ihr als am
beständigen Gängelbande Meiner Allmacht nie zu freien, selbständigen und Mir in
allem ähnlichen Kindern hättet umgestaltet werden können, sondern stets gleich
allen andern materiellen Wesen, als da sind der Lehm, die Luft, das Wasser,
Gestein, Metalle, Pflanzen und aller Art Tiere, geblieben wäret – was Ich als der
Schöpfer aller Dinge und Wesen sicher am klarsten einsehen werde –, so muß es
also sein, wie es ist, und wie es auch also sein muß. Denn – verstehe das wohl!
– Götter zu erschaffen ist etwas ganz anderes denn Sonnen, Welten und all die
andern Wesen im ganzen endlosen Schöpfungsraume! – Hast du dieses nun wohl
begriffen?
[GEJ.09_171,03] Darum kommt der Mensch nahezu
gänzlich ohne alle Kenntnis und Wissenschaft in die Welt und muß in allem
unterrichtet werden, während die Tiere schon alles in die Welt mitbringen,
dessen sie zur Fristung ihres Lebens benötigen.
[GEJ.09_171,04] Der Mensch, wie er in diese
Welt kommt, wird der Seele nach völlig von der Allmacht Gottes getrennt und ist
in allem seinem eigenen Wollen und Erkennen anheimgestellt. Erst so er auf dem
Wege des Unterrichts aus dem Munde seiner Eltern und anderer weiser Lehrer zur
Erkenntnis Gottes gelangt, sich dann gläubig an Ihn wendet und Ihn um Seine
Hilfe und Seinen Beistand anfleht, fängt dann auch von der göttlichen Seite das
Einfließen an durch alle Himmel hindurch, und die Seele des Menschen geht in
ein stets klareres Erkennen über und aus dem immer mehr und mehr in die Liebe
zu Gott; sie ordnet dann ihren Willen dem erkannten Willen Gottes unter und
einigt sich also mit dem Geiste Gottes und wird dadurch nach und nach ebenso
vollkommen in und durch den Geist Gottes in ihr, wie der göttliche Geist in ihr
selbst vollkommen ist, und bleibt dabei dennoch in allem vollkommen frei und
selbständig, wie Gott an und für Sich ewig vollkommenst frei und selbständig
ist.
[GEJ.09_171,05] Du meinst nun nach deiner
ziemlich geklärten Weltvernunft: Wenn aber eine jede in Mir vollendete Seele in
allem also vollkommen wird, wie Ich Selbst vollkommen bin, – kann es da mit der
Weile nicht zu einer Art Götterkriegen führen, und wer wird am Ende den Sieg
davontragen?
[GEJ.09_171,06] Siehe, das ist wohl unter
ungebildeten und noch oft im höchsten Grade mit allerlei trügerischer Welt- und
Eigenliebe behafteten Erdenmenschen denkbar und auch, wie es die Weltchronik
nur zu klar beweist, sehr möglich; aber im wahren Gottesreiche ist das weder
denkbar und noch um vieles weniger möglich. Denn wer selbst einmal in der
vollkommensten Wahrheit aus Gott steht und wohl einsieht, daß ohne sie kein
Ding möglich ist, wie sollte der ewig je mit der ewigen Urwahrheit in Gott in
einen Streit geraten können?
[GEJ.09_171,07] Denn wäre es möglich, daß zum
Beispiel nur ein Engelsgeist je wider eine urgöttliche Wahrheit in einen Streit
geriete, da sie doch sein Wesen ausmacht, so würde er dabei nicht mit Gott,
sondern nur mit sich selbst in einen Streit und Kampf geraten und dadurch denn
auch niemandem als nur allein sich selbst schaden.
[GEJ.09_171,08] Hast du das schon je einmal
auf dieser Erde erlebt, daß etwa zwei in der Rechenkunst wohlbewanderte
Menschen darum in einen Streit geraten sind, weil nach dem in aller Welt
angenommenen Zählungssystem zwei völlig gleiche Einheiten und abermals zwei
wieder gleiche Einheiten in der Summe vier Einheiten geben? Siehe, in dem sind
alle nur einigermaßen rechnungskundigen Menschen vollkommenst einig und werden
darob bei nur einiger klarer Vernunft wohl sicher niemals in einen Zank und
Krieg geraten; denn sie müssen ja auch des eigenen Vorteils wegen diese
Rechnungswahrheit als allenthalben und für alle Zeiten gültig anerkennen.
[GEJ.09_171,09] Und ebenso geht es mit allen
vollendeten Seelen im Reiche Gottes; sie sind alle von ein und derselben
Wahrheit durchdrungen, weil sie als Licht ihrer Liebe zu Gott und zum Nächsten
entstammt.
[GEJ.09_171,10] Solange die Menschen unter
sich in Zank, Streit, Krieg geraten können, da sind sie noch ferne vom Reiche
Gottes und werden nicht eher in dasselbe kommen, als bis sie in aller Geduld,
Demut, Sanftmut, wahrer Nächstenliebe unwandelbar groß geworden sind. Sind sie
aber einmal das, und gelangen sie dadurch zur Wahrheit aus Gott in sich, dann
hat es mit allem Zank, Streit und Krieg ein ewiges Ende, und von deinem
Götterkriege kann da denn auch für ewig keine Rede sein. – Verstehst du das
wohl?“
172. Kapitel
[GEJ.09_172,01] Sagte der Arzt: „O Herr und
Meister, nun ist mir alles klar, und wir danken Dir, daß Du vor uns erstens die
Welt der Geister so licht und hell enthüllt hast und wir nun wissen, wie sich
das Fortleben der Seelen der weltsüchtigen Menschen im großen Jenseits
gestaltet und gestalten muß; und zweitens danken wir Dir, o Herr und Meister,
für die Erklärung über den Zustand der vollendeten Geister im Gottesreiche.
[GEJ.09_172,02] Es wäre freilich wohl auch
wünschenswert, einen inneren Blick in das Wesenhafte des Reiches Gottes und
seiner schon seligen Bewohner senden zu können; doch weil Deine Gnade und Liebe
uns dasselbe ohnehin so klar mit Worten dargestellt hat, daß wir es ordentlich
wie mit den Augen schauen konnten, so hielte ich das für eine Vermessenheit,
von Dir zu verlangen, uns auch das Jenseits der seligen Geister zu zeigen, –
und somit danken wir Dir nochmals hier für die große Gnade, die Du in so
überreichem Maße uns hast zukommen lassen.
[GEJ.09_172,03] Sagte Ich: „Ja, mein Freund,
mit dem Zeigen des wesenhaften Gottesreiches, in dem sich schon zahllose
seligste Geister seit für euch undenklichen Zeiten und Ewigkeiten befinden,
ginge es bei euch allen ohnehin noch nicht, und das so lange nicht, bis das
Reich Gottes in euch voll ausgebildet und zur lichten und in euch selbst
beschaulichen Wahrheit geworden ist.
[GEJ.09_172,04] Wird aber das Reich Gottes in
euch selbst wesenhaft und voll Tätigkeit nach Meinem euch geoffenbarten Willen
werden, dann werdet ihr es auch erschauen und darob eine übergroße Freude
haben. Aber da ihr alle – bis auf einen, den Ich oft ermahnt habe, und der von
seinem Geize noch nicht ablassen kann –, schon völlig in Meinen Willen
eingegangen seid, so will Ich einen schon lange vollendeten seligsten
Engelsgeist hierher berufen, und er soll euch über das Wesenhafte des Reiches
Gottes die näheren Aufklärungen erteilen!“
[GEJ.09_172,05] Hierauf rief Ich laut:
„Raphael, komme und diene Mir und deinen Brüdern!“
[GEJ.09_172,06] Als Ich das ausgesprochen
hatte, da stand Raphael ernstfreundlichen und vor lauter himmlischer Schönheit
ordentlich strahlenden Angesichtes vor Mir und sagte: „Mein Herr und mein Gott!
Dein Wille ist mein Sein, mein ewiges Leben und meine Weisheit und Macht und
lasse, daß diese Brüder Deinen Willen als Dein Reich in mir erschauen sollen!“
[GEJ.09_172,07] Als besonders die Griechen
und unser Römer des Raphael ansichtig wurden, da verstummten sie ordentlich und
konnten sich in ihren Herzen nicht zur Genüge über die gar überaus herrliche
Gestalt des Engels verwundern; zudem hatte seine ganz kurze Ansprache voll
Geist, Wahrheit und Leben an Mich einen so tiefen Eindruck auf ihre Gemüter
gemacht, daß sie sich darüber lange nicht Rates erholen konnten, was sie nun
mit diesem vollendeten Geiste anfangen sollten.
[GEJ.09_172,08] Auch der noch immer anwesende
Wirt von Jesaira, der Bootsmann, der Vorsteher des bekannten Fischerdörfchens
wurden durch das urplötzliche Auftreten Raphaels im höchsten Grade überrascht,
und sie wußten auch nicht, was sie in einer solch überraschenden Zeitkürze aus
und mit ihm machen sollten. Denn erstens überraschte sie sein urplötzliches
Auftreten und zweitens seine über alle ihre je gehabten Begriffe und
Vorstellungen über die größte Schönheit einer Menschengestalt himmelweit
hinausragende Anmut.
[GEJ.09_172,09] Sie alle konnten sich an ihm
nicht zu nur einiger Genüge satt sehen, und der Arzt sagte bei sich: „Nein,
nein, das ist zur Seligkeit im Reiche Gottes ja an und für sich schon endlos
mehr denn zu viel; denn das Anschauen solch einer höchst vollendet schönsten
Menschengestalt müßte ja doch jedem Menschen tausend Jahre so bald vergehen
lassen, als wie schnell und kurz da währt ein flüchtiger Augenblick!“
[GEJ.09_172,10] Und solches gedachten bei
sich noch mehrere.
[GEJ.09_172,11] Am Ende nach einer ziemlichen
Weile solchen Verwunderns faßte unser Arzt wieder Mut und sagte zu Mir: „Herr,
Herr und Meister, hier wäre für ewig gut sein, und ich verlangte für mich
nimmerdar eine noch höhere Lebensglückseligkeit! Aber da Du durch Deine endlos
große Liebe und Gnade diesen sicher an und für sich schon über alles
vollendeten Geist hast wie in flammender Liebe vor uns erscheinen lassen, und
er auch vor uns allen laut gesprochen hat, so möchte ich, so das tunlich und
zulässig wäre, denn doch auch mit ihm mich über das Wesenhafte des Reiches
Gottes besprechen!“
[GEJ.09_172,12] Sagte Ich: „Darum habe Ich
ihn ja berufen! Du kannst nun mit ihm wie mit einem deiner Gefährten sprechen.
Gehe hin zu ihm, und rede mit ihm!“
173. Kapitel
[GEJ.09_173,01] Hierauf ging unser Arzt sehr
bedächtigen Schrittes zu Raphael, der sich unterdessen mit Kisjona und
Philopold über einiges, die nahe Zukunft betreffend, besprach, machte eine
tiefe Verbeugung vor ihm und sagte dann: „Hoher Geist aus den Himmeln und
seligster Freund Dessen, der nun als ein Mensch, mit Fleisch und Blut angetan,
unter uns weilt und durch Sein Wort und Seine Taten von Sich Selbst zeugt, daß
in Ihm der urewige, überweiseste und allmächtige Geist des allein wahren, einen
Gottes wohnt, wolle mir denn doch auch etwas über das Wesenhafte des Reiches
Gottes kundtun in einer mir noch sehr unvollkommenem Menschen begreiflichen
Weise!“
[GEJ.09_173,02] Sagte Raphael: „Ja, Freund,
so verzagten Mutes mußt du nicht vor mir stehen; denn da könnte ich dir eben
nicht besonders vieles vom Wesenhaften des Reiches Gottes offenbaren, da eine
schüchterne Seele sich eben nicht in dem Zustande befindet, tiefere Wahrheiten
in sich aufzunehmen und sie anschaulich zu begreifen zum Nutzen ihres in ihr
wach werden sollenden göttlichen Geistes. Fasse also den rechten Mut, betrachte
mich als deinen Bruder, der einmal auch das Fleisch dieser Welt getragen hat,
und wir werden dann leicht miteinander reden!“
[GEJ.09_173,03] Auf diese kurze Anrede bekam
der Arzt mehr Mut und sagte zu Raphael: „Sieh, nun habe ich schon mehr Mut denn
zuvor, als mich dein plötzliches Erscheinen auf des Herrn Ruf gar sehr gewaltig
überrascht hatte, und so denn bin ich schon gefaßt, von dir eine rechte
Erklärung über das Wesenhafte des Reiches Gottes zu vernehmen; wolle du, hoher
und überherrlicher Geist der Himmel des Herrn, sie mir denn zukommen lassen!“
[GEJ.09_173,04] Sagte darauf Raphael: „Höre
also, du mein lieber Freund und Bruder im Namen und in der Liebe des Herrn! Du
bist als ein nun geheilter Arzt aus Melite sonst ein schon recht weiser Mann –
denn du hast den Herrn in der Heilanstalt, als Er dich auf deine Bitte
augenblicklich geheilt hatte, als den einen und allein wahren Gott zuerst und
am richtigsten erkannt und bist nun so fest in diesem dein ganzes Wesen
durchdringenden Glauben, daß dich gar keine Erscheinung in der ganzen Welt
davon abwendig machen könnte, was deiner Seele und deinem Herzen zum großen
Lobe gereicht –; da du aber aus deinem ehemaligen Heidentumswuste die allererste
und größte Lebenswahrheit so bald erkannt hast, so ist es nun wahrlich etwas
seltsam, daß du das Wesenhafte des Reiches Gottes nicht noch eher und leichter
erkennest, denn ehedem den Herrn aus Seinem Wirken, ohne Ihn auch je zuvor
gesehen und gesprochen zu haben!
[GEJ.09_173,05] Denn daß du zuvor von einem
seltenen Menschen aus Nazareth gehört hast, der sich nun hier befinde und dich
ebenso wie – der Sage nach – viele andere auf eine wundersame Weise geheilt
haben dürfte, das hat dir noch lange nicht die Überzeugung verschafft, daß
hinter Ihm der Herr Selbst daheim sei; aber dein Geist hat dir diese größte und
heiligste aller Wahrheiten enthüllt.
[GEJ.09_173,06] Wo ist denn nun dein Geist,
daß er es dir sage: Wie wohl magst du um das Wesenhafte des Reiches Gottes
fragen, – wie siehst du nun den Wald vor lauter Bäumen nicht? Ist denn das
Wesenhafte des Reiches Gottes vorerst nicht mit den Händen greifbar eben nur
dort, wo der Herr Selbst persönlich gegenwärtig ist und wirkt?
[GEJ.09_173,07] Wenn du vollkommen in des
Herrn Willen wirst eingegangen sein und wirst ganz durchdrungen sein von Seinem
Geiste, so wirst du das wie am hellsten Tage auch schauen im Reiche Gottes in
dir, was du nun gleichwohl noch ganz trübe schaust mit den Augen deines Leibes.
[GEJ.09_173,08] Siehe und begreife: Alles,
was du nun schaust in aller Welt, stellt ja das Wesenhafte des Reiches Gottes
dar! Du mußt dir nicht denken, daß das Reich Gottes irgendwo besonders sei. Das
Reich Gottes ist überall in der ganzen ewigen Unendlichkeit, und der Mensch,
der dessen inne wird aus dem Geiste des Herrn, der hat das Reich Gottes auch in
sich und befindet sich, wo er auch immer sein und weilen und handeln mag – ob
noch in seinem Leibe oder als Geistmensch in seiner puren Seele –, überall im Reiche
Gottes und dessen vollster Wesenhaftigkeit.
[GEJ.09_173,09] Du bist nun noch in deinem
Leibe und ich in meiner lautern Geistmenschwesenheit, und wir beide befinden
uns völlig in ein und demselben wesenhaften Reiche Gottes. Der ganz kleine
Unterschied besteht darin, daß ich dessen vollkommen für ewig in mir klarst
inne bin, du aber noch unvollkommen, darum du denn alle die lange schon seligen
reinen Geistbrüder und -schwestern nicht sehen kannst – außer in einem hellen
Traum; wenn du aber noch vollkommener wirst denn nun, dann werden sie nicht
verdeckt sein vor deinen Augen.
[GEJ.09_173,10] Daß du nun mich sehen kannst,
rührt ja schon auch daher, weil dein Geist schon insoweit in dir erwacht ist,
daß er aus einer Ferne in dem Gottmenschen Jesus aus Nazareth den allein
wahren, ewigen Geist Gottes erkannt hat; ohnedem könntest du mich eben nicht so
leicht sehen und sprechen! – Verstehst du nun das Wesenhafte des Reiches
Gottes?“
[GEJ.09_173,11] Sagte, ganz erstaunt über die
klare Weisheit Raphaels, der Arzt: „O du herrlicher, unsterblicher Freund und
Bruder! Du hast mir nun eine gewaltige Binde von meinen Augen hinweggetan! Das
sieht der Mensch denn doch allzeit am schlechtesten, was ihm ganz knapp vor die
Augen gestellt wird. Ich suchte wahrlich das, was ich in der Hand hielt. Ich
danke dir für dein mir gegebenes Licht. Laß mich nun ein wenig darüber
nachdenken, und wir wollen dann diese Sache noch näher behandeln!“
[GEJ.09_173,12] Sagte Raphael: „Tue das, und
es soll in deiner Seele ganz helle werden!“
174. Kapitel
[GEJ.09_174,01] Auf das ging unser Arzt zu
seinen Gefährten und besprach sich auf eine sehr sinnvolle Art über das von
Raphael Vernommene von der Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes.
[GEJ.09_174,02] Raphael aber besprach sich
abermals mit unserem Kisjona und mit dem Philopold über die künftigen Zustände
des Reiches Gottes auf dieser Erde und auch über die Gründe der Zulassung
derselben.
[GEJ.09_174,03] Ich aber hatte Mein Wesen mit
dem Römer, der die so plötzliche Erscheinung Raphaels nicht begreifen konnte
und ihn anfangs bei sich beinahe für den heidnischen Gott Apollo gehalten
hatte, von welch nichtigem Wahnglauben Ich ihn aber bald abbrachte.
[GEJ.09_174,04] Es wollte sich aber darauf
auch der Römer für sich mit Raphael besprechen; doch wollte er dessen
Besprechung mit den beiden vorbenannten Freunden nicht stören.
[GEJ.09_174,05] Als sich aber der Arzt mit
seinen Gefährten über das von Raphael Vernommene ganz umfassend ausgesprochen
hatte, da faßte er wieder vollen Mut, ging zu Raphael hin und bat ihn um die
noch nähere Erleuchtung seiner Seele.
[GEJ.09_174,06] Und Raphael sagte zu ihm:
„Ja, du mein lieber Freund und Bruder, das kann man dir nicht ebenso geben, wie
man zur Nachtzeit ein Gemach dadurch erleuchtet, daß man ein Licht im selben anzündet
und es dann leuchten läßt für alle, die im Gemache wohnen! Denn solange das
angezündete Licht fortdauert, wird das Gemach zur Not wohl erhellt bleiben; so
aber das Licht am Öle erlischt, dann wird es im Gemache wieder finster werden.
So es aber im Gemache nimmerdar finster werden soll, da gehört mehr dazu, als
daß man zur Not nur eine mit wenig Öl gefüllte Lampe anzündet.
[GEJ.09_174,07] In Gemächern ist das wohl
eine schwere Sache; denn die Zeiten, in denen gewisse Weise unter den Menschen
es verstanden haben, ein gewisses ewiges, sich nie verzehrendes Licht zu
bereiten, sind vorüber, und so können zur Nachtzeit in diesen Zeiten die
Gemächer nur dadurch dauernd erleuchtet werden, daß in denselben die Lampen mit
vielem Öle gefüllt werden, also, daß ein jedes Licht die ganze Nacht hindurch
eine hinreichende Nahrung hat, wozu eine auf Erfahrung beruhende kluge
Berechnung erforderlich ist. Und so sollte in dieser finsteren Nachtzeit denn
auch ein kluger, um sein Seelenheil besorgter Mensch sich mit recht vielem
geistigen Öle versehen, auf daß es bis dahin ausreiche, bis sein innerer
geistiger Tag des wahren, ewigen Lebens anbricht, was da ist das gewisse alte,
sich nie verzehrende, ewige Licht im Menschen, und er wird also im Gemache
dieses seines Erdenlebens stets ein hinreichendes Licht besitzen.
[GEJ.09_174,08] Das geistige Öl aber besteht
erstens in dem Worte des Herrn und daraus in den guten Liebeswerken eben nach
dem Worte und Willen des Herrn. Wer mit diesem Öle recht reichlich versehen
ist, der befindet sich schon im wesenhaften Reiche Gottes und wird nimmerdar
eine Lebensnacht in seiner Seele zu überstehen bekommen.
[GEJ.09_174,09] Das Licht der vollgefüllten
Lebenslampe in seinem diesirdischen Leben aber ist ein voller, lebendiger
Glaube, der ihm die Dinge des Reiches Gottes mehr denn zur Genüge erleuchtet.
Wer in diesem Lichte verharrt und sich nicht mehr denn zu seinem Leibesleben
nötig um die Dinge dieser Welt kümmert, der kommt frühzeitig zum ewigen
Lebenslichte in sich, und also denn auch schon diesseits ins ersichtlich
wesenhafte Reich Gottes und in seine Kraft und Macht; denn wer da eins ist mit
dem Willen Gottes des Herrn, der ist auch eins mit Dessen ewig vollkommenster
Weisheit, Freiheit, Selbständigkeit, Macht und Kraft und ist dadurch denn auch
für ewig ein wahrstes Gotteskind.
[GEJ.09_174,10] Siehe, ich bin ein solches,
bin es aber nicht erst in der reinen Welt der Geister geworden, sondern noch in
meinen Erdenlebzeiten derart, daß die Macht des göttlichen Geistes in mir alles
das zu bewirken vermochte, was sie jetzt zu bewirken vermag.
[GEJ.09_174,11] Ich bin denn auch nicht in
der Weise dem Leibe nach gestorben, wie nun alle Menschen sterben, sondern die
Macht des göttlichen Geistes in mir löste ihn plötzlich derart völlig auf, daß
von ihm auch nicht um ein Sonnenstäubchen groß auf dieser Erde zurückblieb;
alles des Leibes ist zu meinem ewigen, unverwüstbaren Kleide geworden, und du
siehst mich nun denn auch mit Leib, Seele und Geist.
[GEJ.09_174,12] So dir das schwer zu glauben
wäre, da fühle du mich an, und du wirst einen Menschen mit Fleisch und Bein
gewahren, solange ich das will; will ich aber alles wieder ins rein Geistige
verwandeln, so wirst du mich zwar auch noch ebenso sehen wie nun, doch nicht
mit deinen Fleischesaugen, sondern mit den Augen deiner Seele, die ich dir
öffnen kann, wann und auf wie lange ich das will. Tritt denn näher und befühle
mich; denn auch diese von dir an mir gemachte Erfahrung gehört in den Bereich
der dir von mir gegebenen näheren und stärkeren Beleuchtung der Wesenhaftigkeit
des Reiches Gottes!“
175. Kapitel
[GEJ.09_175,01] Hierauf trat der Arzt ganz
nahe zu Raphael und befühlte dessen Hände. Als er damit bald fertig war, da
sagte er: „Ja, du hochherrlichster und sicher seligster Freund, dein Aussehen ist
wahrlich ganz entschieden geistiger Art; denn die unbeschreibbare Zartheit und
Weiße der Haut deines Leibes und das Ätherartige deines Faltengewandes sagen es
laut, daß derlei noch nie bei einem Menschen ist erlebt und gesehen worden.
Aber das Feste und Gediegene deiner von mir nun befühlten Arme hat eben nichts
Geistartiges an sich und zeigt, daß du dich, abgesehen von deiner Geistesmacht
und -kraft, auch zufolge deiner natürlichen Muskelstärke und Gediegenheit mit
so manchem Ringer messen könntest, – und dennoch bist du ein völlig reinster
Geist! Wie soll man das verstehen?“
[GEJ.09_175,02] Sagte Raphael: „Habe nur noch
eine kleine Geduld, und du wirst das bald klarer einsehen und begreifen!
Befühle mich aber nun noch einmal, und überzeuge dich, ob ich nun auch noch
etwas Leibartiges an mir habe, und urteile dann mit der Helle deiner Vernunft
und mit der Stärke deines Verstandes!“
[GEJ.09_175,03] Hierauf befühlte der Arzt
abermals Raphaels Hände. Als er sie aber mit seinen Fingern ganz mannskräftig
anfaßte, da fühlte er nichts denn nur die Luft; denn seine Finger kamen
ungehindert auf die eigene Handfläche und gewahrten nichts Körperliches
zwischen ihnen und der Handfläche, und dennoch sah der Arzt den Raphael ebenso
vor sich wie zuvor, aber freilich mehr mit den Augen der Seele denn mit denen
des Leibes. Als er nun auch diese Erfahrung gemacht hatte, da ward er verlegen
und wußte nicht, was er darauf sagen sollte.
[GEJ.09_175,04] Nach einer kleinen Weile
tieferen Nachdenkens erst sagte er nicht so sehr zu Raphael, sondern mehr wie
zu sich selbst (der Arzt): „Das sieht ja aus wie Sein und Nichtsein! Einmal ein
ganz gediegener Leib und nun – zwar noch die ganz gleiche Gestalt, aber ohne
eine nur im geringsten irgend fühlbare Wesenheit! Wie soll die menschliche
Vernunft das fassen, und wie selbst der schärfste Menschenverstand das
beurteilen? Da bleiben mir Vernunft und Verstand wie angemauert stehen! O du
hochherrlicher und seligster Freund, das mußt du mir erklären, sonst wird es
bei uns Griechen mit dem klareren und näheren Begreifen der Wesenhaftigkeit des
Reiches Gottes eine noch größere Not haben denn zuvor.
[GEJ.09_175,05] Du bist da, denn ich sehe
dich und höre deine helle Stimme, und dennoch bist du für das Gefühl meiner
Hände ganz und gar nicht da! So ich dich nun auch mit den Augen meiner Seele
mehr als mit denen des Leibes sehe, so habe ich dich aber nun zum zweiten Male
doch mit meinen leiblichen Händen befühlt also wie beim ersten Male, wo ich
deinen Leib gar wohl wahrnahm. Wie ist das? Oder habe ich dich etwa auch, wie
etwa in einem Traume, nur mit den Händen meiner Seele befühlt, was für das
Körperhafte etwa auch ebenso nichtig ist wie dem Körperhaften das Seelische
oder Geistige? Wenn aber also, da wird es der menschlichen Vernunft schwer, sowohl
in der materiellen Körperwelt als auch in der der Geister etwas Wesenhaftes
herauszufinden; denn die erste ist so gut wie nichts für die zweite und die
zweite dasselbe für die erste, – und doch stehen sie sich als etwas Daseiendes
für den Gesichts- und Gehörsinn gegenüber!
[GEJ.09_175,06] Wie ist das, wer kann das
verstehen? Du bist ein Etwas – und dabei aber doch auch gegenüber meinem
Tastsinn ein sozusagen reines Nichts; und ebendasselbe muß ich auch dir
gegenüber sein, und so sind wir beide ersichtlich und vernehmbar ein Etwas –
und dem eigentlichen Lebensgefühle nach dennoch ein vollkommenes Nichts! Was
ist das – ein Sein ohne Sein, und ebenso ein Nichtsein ohne Nichtsein?! Freund,
das faßt keines Menschen Vernunft, und sein Verstand wird dabei zu einer
ehernen Säule, an der die losen Zeitenstürme so lange lecken, bis sie am Ende
trotz ihrer Härte dennoch völlig zunichte wird!
[GEJ.09_175,07] Wer und was sind die Stürme?
Keines Menschen Auge hat je ihr eigentliches Wesen geschaut; nur der Tastsinn
fühlt ihren flüchtigen Gang. Die Säule aber ist mächtig, ist da für alle Sinne
des Menschen. Wie können am Ende die nichtigen Stürme mit dem Laufe der Zeiten
ihre Vernichtung bewirken, – warum nicht die für alle Lebenssinne eines
Menschen daseiende Säule die Vernichtung der Stürme? Was ist des Menschen
Verstand, der die Säulen erfand und sie allen Stürmen zum Trotz aufstellte?
Seine Werke überdauern ihn, und er als ihr Schöpfer ist tot und kann den
nichtigen Stürmen nimmerdar gebieten, seine festen Werke zu schonen.
[GEJ.09_175,08] O du mein himmlischer Freund,
mit dieser nun an dir gemachten Erfahrung ist uns Menschen zum Begreifen der
Wesenhaftigkeit des Reiches Gottes wahrlich schlecht gedient, wenn du selbst
uns diese Sache nicht näher und bestimmter aufhellst! Da könnte ich denken bis
ans Ende aller Zeiten – so das möglich wäre – und stünde dabei dennoch
gleichfort am selben Flecke, wo ich nun stehe. Bist du ein Etwas, oder bist du
ein Nichts, oder bin ich dasselbe trotz meines nunmaligen Daseinsgefühles?“
176. Kapitel
[GEJ.09_176,01] Sagte Raphael: „Ich wußte es
ja, daß du hier an mir eine Erfahrung machen wirst, an der deine in dir noch
stark haftende griechische Philosophie einen Schiffbruch erleiden wird. Diese
muß aus deinem Gemüte, so du das Wesenhafte des Reiches Gottes schon bei deinen
Leibeslebzeiten fassen willst!
[GEJ.09_176,02] Was faselst du von einem Sein
und Nichtsein? Es gibt nur ein Sein; aber ein Nichtsein gibt es im ganzen
endlosen Schöpfungsraume nimmerdar. Das zeitlich- materielle Dasein ist
freilich wohl nur ein Probedasein zur Erreichung des wahren und nimmerdar
zerstörbaren Daseins, ist aber in sich dennoch auch nur ein völlig geistiges
Dasein, da es an und für sich in der vollsten und allerausgedehntesten
Unendlichkeitssphäre unmöglich ein anderes wirkliches und wahres Dasein geben
kann.
[GEJ.09_176,03] Sieh Freund, mit aller deiner
griechischen Weltweisheit, – dort sitzt nun der Herr unter uns! Er ganz allein
ist das wahre und ewig wirkliche Dasein in Sich Selbst; wir sind nur Seine durch
Seinen Willen vom Kleinsten bis zum Größten verwirklichten Ideen und
Lichtgedanken.
[GEJ.09_176,04] Da aber Seine Ideen und
Lichtgedanken als die Frucht Seiner ewigen und endlosen Liebe, die Sein Wesen
und Sein ist, gleich Ihm unvergänglich und ewig hin unzerstörbar sind, so ist
ja unser Dasein auch ein völlig für ewig hin unzerstörbares im reellen
geistigen Sein.
[GEJ.09_176,05] Da aber Seine endlose
Weisheit und Seine Liebe aus Seinen Ideen und Gedanken nicht nur für Ihn Selbst
schaubare bewegliche Bilder – wenn man so nach menschlicher Weise sagen könnte
– wie etwa für Sein vergängliches und gewisserart vorübergehendes Vergnügen
geschaffen hatte, sondern daß sie als Ihm – weil aus Ihm – völlig ähnliche und
selbständig freie Wesen für ewig bestehen sollen, so sind diese Seine Ideen und
Gedanken nicht mit denen der Phantasie eines Menschen als ähnlich zu stellen,
sondern sie sind so sicher wahre Realitäten, als Er Selbst die einzige, ewig
allein wahre Realität ist.
[GEJ.09_176,06] Daß Er allen Seinen überendlos
vielen Ideen und Gedanken ein zu ihrer Selbständigkeitsfestung gewisses
materielles Probedasein gibt, dafür hat Er in Seiner endlosen Weisheit sicherst
und wahrst schon den besten und wahrsten Grund; denn welch ein wahrer Meister,
der ein großes Kunstwerk errichten will, wird zuvor nicht mit sich in
möglichster Klarheit beraten, wie es für dauernd als das zu erhalten sein
werde, was es nach dem weisesten Plane, den der Meister in sich faßte, sein
soll?
[GEJ.09_176,07] Es ist also völlig unmöglich,
daß da nur ein Pünktlein von dem je vernichtet werden könnte, was einmal da
ist, weil alles einmal Daseiende in der endlosesten Fülle der Gedanken und
Ideen des Herrn und ewigen Meisters seine unvertilgbare Realität hat. Daß die
in der materiellen Welt vorkommenden Formen, Erscheinungen und
Wesenhaftigkeiten Veränderungen und scheinbaren Vergänglichkeiten unterliegen,
das ist vom Herrn schon ebenso bestimmt wie bei einem weisen Baumeister, der
irgend eine große und feste Burg zu erbauen hat. Da wirst du im Anfange des
Baues auch eine übergroße Menge von allerlei rohen Bausteinen, Ziegeln, Balken
und noch eine große Menge anderer zum Bau erforderlichen Dinge bemerken; aber
alle diese für sich einzelnen Dinge werden durch die Anordnung des Baumeisters
zuvor noch ganz gewaltigen Veränderungen unterworfen werden, bis sie zum großen
Burgbau als tauglich und brauchbar werden verwendet werden können, was du aus
dem besagten Bilde gar leicht ersehen und auch begreifen wirst. Und geradeso
sind denn auch alle die naturmäßigen Dinge, von denen der Mensch den
Schlußstein bildet, ein vorangehendes Baumaterial, aus dem dann erst das
Wesenhafte und Unzerstörbare der Geisterwelt hervorgehen muß und wird.
[GEJ.09_176,08] Oder meinst du wohl, daß der
Meister, der den sichtbaren Himmel, diese Erde mit allem, was auf ihr sich
vorfindet, und den Menschen aus Sich nach Seiner ewigen Liebe und Weisheit
geschaffen hat, auch nur das unansehnlichste Moospflänzchen etwa darum hat
werden lassen, auf daß Er, der Ewige, an solch einem Geschöpflein Sich ein paar
Augenblicke lang vergnügte, es dann wieder verderben und vergehen ließe, aber
dabei sogleich auf einem andern Plätzchen ein gleiches Vergnügungsspiel
begänne? O Freund, wie kleinlich doch wäre solch eine Idee!
[GEJ.09_176,09] Sieh, wenn der Herr auch nur
einen kleinsten Seiner schöpferisch göttlichen Gedanken und Ideen irgend völlig
vertilgen und vernichten könnte, so würde Er ja offenbar an Seiner endlosesten
Vollkommenheit etwas verlieren, – was in sich aber die reinste Unmöglichkeit wäre;
denn Er ist dem ewigen Geiste nach eben jene Macht, die den endlosen
Schöpfungsraum allerorts mit Seiner allwirkenden Gegenwart erfüllt! Wohin in
Ihm Selbst sollte Er dann ein aus Ihm und in Ihm durch Seinen Willen
realisiertes und einmal ins selbstische (selbständige) Dasein gestelltes Wesen
tun, daß es völlig zunichte werden könnte?
[GEJ.09_176,10] Wenn du das alles recht
aufgefaßt hast, so wirst du dein altes Sein und Nichtsein wohl dahin zu
berichtigen verstehen, daß es nur ein Sein, aber ewig nie ein Nichtsein geben
könne. Denn gäbe es ein Nichtsein, so müßte es doch irgendwo sein und bestehen;
bestünde es aber irgendwo, da wäre es ja doch kein Nichtsein, sondern ein
Etwas, das am Ende doch auch da wäre, und du kämst mit aller deiner Weltweisheit
vollends um dein Nichtsein.
[GEJ.09_176,11] Siehe, weil du mir nach
deiner Griechenphilosophie hattest etwas erweisen wollen, das unmöglich je zu
erweisen ist, so habe ich denn auch derselben Waffe mich bedient und dir damit
ein rechtes Licht angezündet. Wirst du es in dir zu einer recht hellen
Lebensflamme werden lassen, dann wird dir auch das Wesenhafte des Reiches
Gottes in sich, das heißt in seiner rein geistigen Sphäre, wie auch in
wohlentsprechender Beziehung und innigster Verbindung sowohl auf dieser Erde
als auch in den andern zahllos vielen Erdkörpern, davon du einen
allergeringsten Teil als Sterne am sogenannten Firmament erschaust, klar und
begreiflich werden. Aber deine alte Griechenphilosophie mußt du ganz aus dir
entfernen! Denn in dieser mit Händen zu greifenden Wahrheit wirst du doch
sicher auch einen wahreren Trost finden denn in einer Lehre, nach der ein
Mensch am Ende seines kurzen Erdenlebens seine Glückseligkeit im vollen
Nichtsein erwartet!“
177. Kapitel
[GEJ.09_177,01] Sagte darauf der Arzt voll
Staunens über Raphaels Weisheit: „Hochherrlicher Freund, du hast in mir nun
nahezu alle meine alten Zweifel getötet, und ich fange an, in meiner Seele
lichter und auch lebendiger und mutvoller zu werden, wofür ich dir aus dem
Innersten meines Herzens danke und dir auch die Zeit meines ganzen Lebens
dankbar verbleiben werde; aber eine Frage in Hinsicht des von dir mir als
unmöglich erklärten Nichtseins eines Wesens muß ich dir denn doch noch stellen.
Kannst du mir auch diese auf eine ebenso faßliche Art erklären in deiner
Antwort, so sind dann alle meine alten Zweifel in bezug auf das für uns
kurzsichtige Menschen noch immer denkbare Nichtsein vollends zunichte.
[GEJ.09_177,02] Die Frage aber lautet: Wo und
was waren denn vor der Werdung durch den allmächtigen Willen Gottes alle nun
daseienden Wesen? Wo und was war denn ich vor der Zeugung und Geburt? War ich
schon irgendwo, und war ich auch ein Etwas? Warum blieb in meiner Seele davon
keine Rückerinnerung?
[GEJ.09_177,03] Ohne eine solche aber betrachte
ich nach meinem Verstande ein jedes künftig zu erwartende Dasein ebenso wie ein
Vorsein, verglichen mit meinem gegenwärtigen mir klar bewußten Dasein, als ein
Nichtdasein; denn bin ich nicht mehr das, was ich war, und wird mir bei einem
künftigen Sein alle Rückerinnerung auf ein wie immer geartetes Vorsein gänzlich
benommen, dann ist jedes Dasein für mich soviel wie gar kein Dasein.
[GEJ.09_177,04] So zum Exempel – wie einige
unserer vielen Anthropologen der Annahme sind – kann meine nun meinen Leib bewohnende
Seele in einem Hirsch oder auch in einem andern Tiere gesteckt haben, alles
dessen ich mich aber nicht im geringsten erinnern kann. Da ich aber von solch
einem wie immer gearteten Vordaseinszustande auch nicht die allerleiseste
Rückerinnerung in diesem meinem nunmaligen Dasein besitze, so ist bei mir ein
solches mögliches Vordasein ein rechtes Nichtsein oder, kurz und gut noch
anders geurteilt: Der ich nun bin, der war ich noch nie jemals zuvor, und so
denn war ich auch nicht.
[GEJ.09_177,05] Und werde ich in einem
künftigen Dasein wieder ganz etwas anderes sein, als ich nun bin, oder wird mir
auch alle Erinnerung an dieses Dasein benommen werden, da werde ich auch nicht
mehr der sein, der ich nun bin, und somit abermals nicht sein! Denn was nützen
einer Kette viele tausend zusammenhängen sollende Glieder, die aber niemals in
einen ineinander sich unterstützenden Zusammenhang gebracht werden? Solange sie
nicht in einen ineinandergreifenden Zusammenhang gebracht werden, ist kein vorderes
Glied für sein nächst nachfolgendes da; so aber das der offenbare Fall ist,
dann ist das Dasein der Kette auch ein nichtiges und das eines jeden Gliedes in
bezug zum andern Gliede, mit dem es in keinem Verbande steht, ganz desgleichen.
[GEJ.09_177,06] Siehe, du hochherrlicher
Freund, in dieser Frage steckt für den auf dieser Erde armselig im vollen
Lebensbewußtsein dahinlebenden, oft hell denkenden und dabei von der Furcht vor
einem stets schmerzvollen baldigen Tode gepeinigten Menschen vieles von einer
überaus großen Wichtigkeit. Und ich habe dir diese Frage ja nicht im geringsten
etwa in der Absicht gegeben, um durch sie deine große Weisheit auf irgendeine
harte Probe zu stellen, sondern lediglich nur in der Absicht, um durch deine
alles durchsehende Weisheit selbst ins klare zu kommen. Hochherrlicher Freund,
wolle du nun reden!“
178. Kapitel
[GEJ.09_178,01] Sagte Raphael: „Höre, du mein
Freund, so du auf das Beispiel vom Bau einer großen und festen Burg so recht
viel innere Aufmerksamkeit verwendet hättest, so hättest du kaum nötig gehabt,
mir mit dieser Frage zu kommen. Was gehen denn die noch nicht erbaute Burg die
sicher vor ihr dagewesenen Materialien an? Laß erst die Burg vollends erbaut
werden, dann werden die vorangegangenen Materialien für die ganze Burg schon zu
einem wohl erkennbaren Zusammenhang gelangen!
[GEJ.09_178,02] Würdest du dir aller der
Vorzustände bis zu deinem gegenwärtigen Zustande ganz klar bewußt werden, die
du der Seele nach in sehr geteilter Weise auf dieser Erde schon durchgemacht
hast, so würdest du dadurch in deinem Denken, Urteilen und Wollen derart
zerteilt und zerrissen werden, daß es dir unmöglich wäre, jene sittliche
Einheit, Kraft und Stärke aus dem Geiste der Liebe Gottes, die nun dein inneres
und allein wahres Leben ist und bedingt, in deiner Seele derart aufzunehmen,
daß sie eins würde in ihm und durch ihn.
[GEJ.09_178,03] Wird die Seele aber eins mit
ihm, dann wird sie in der Beschauung ihrer selbst schon in jene an alles
rückerinnerliche Klarheit gelangen, aus der sie die endlose Liebe und Weisheit
jenes einen, großen Baumeisters im seligsten Dankgefühle allerhellst erkennen
und ewig bewundern wird; dann wird ihr eine solche von dir schon jetzt
verlangte Rückbeschauung zum ewigen Lebensnutzen dienlich sein, während sie dir
jetzt gar gewaltig schaden würde.
[GEJ.09_178,04] Es verfallen die Menschen
selbst bei dem vom Herrn verfügten stärksten Verdecktsein der
Rückerinnerlichkeit ihrer seelischen Vorzustände nur noch zu leicht und
vielfach in die in der Seele, wenn auch noch so verborgen haftenden tierischen
Begierden und Leidenschaften, frönen ihren Gelüsten, fallen von Gott ab und tun
den Tieren gleich; um wieviel mehr würden sie das werden, so der Herr nicht
höchstweisermaßen derlei Rückerinnerlichkeiten soviel als nur immer möglich
verdeckt hätte!
[GEJ.09_178,05] Wie fingen die Israeliten als
das erwählte Volk Gottes zu murren und zu toben an, als sie in der Wüste ihre
ägyptischen vollen Fleischtöpfe vermißten! Das Manna aus den Himmeln Gottes
mundete den in Ägypten schon zu sehr zum Tierischen zurückgekehrten Kindern
Abrahams nicht, da doch durch den Genuß des Brotes ihr Leib seelischer und die
Seele geistiger hätte werden können und sollen.
[GEJ.09_178,06] Wenn das durch Moses von der
harten Knechtschaft Ägyptens befreite Volk Israel dazu noch die volle
Rückerinnerlichkeit an die Seelenwerdungs- und – bildungszustände besessen
hätte, – ich sage es dir: solche Menschen würden ärger geworden sein in der
wütendsten Gefräßigkeit als alle reißenden Tiere und ärger um vieles denn eure
Schweine, die, so sie hungrig werden, ihre Jungen nicht verschonen!
[GEJ.09_178,07] Wäre aber bei solch einem
Zustande der Menschen wohl eine geistige Bildung und nachfolgende Einung einer
so zertragenen und zerklüfteten Seele aus ihrem Denken, Erkennen und Wollen mit
dem göttlichen Geiste jemals denkbar?
[GEJ.09_178,08] Du wirst aus dem von mir dir
nun der vollsten und handgreiflichsten Wahrheit nach Gezeigten wohl begreifen,
daß es dem Menschen, solange er noch auf dieser Erde mit der Einigung mit dem
göttlichen Geiste nach dem ihm geoffenbarten Willen Gottes und auch nach der
vollen Freiheit seines eigenen Willens und Erkennens zu tun hat, sehr schädlich
wäre, so er sich an alle seine Vorzustände des Befindens seiner Seele völlig
klar rückerinnern könnte.
[GEJ.09_178,09] Werde du daher nach dem dir
nun wohlbekannten und erkannten Willen des Herrn erst eins mit dem göttlichen
Geiste in dir, werde selbst ein vollkommener Baumeister deiner selbst nach dem
Willen des Herrn, dann wird es dir auch alsbald zu einem ganz hellen Bewußtsein
werden, warum der weise und wohlkundige Erbauer einer großen und festen Burg
sein früher unzusammenhängendes Baumaterial verständlich so und so geordnet
hat, vom Größten bis zum Kleinsten, und es nachher zusammengefügt und verbunden
hat zu einem großen, herrlichen und für ewig dauernden Ganzen.
[GEJ.09_178,10] Aber solange du in der
besagten Baukunst selbst nicht durch und durch erfahren und bestkundig bist, da
nützt dir dein noch so scharfes Besichtigen und teilweises Bekritteln eines
großen Bauwerkes nichts, sondern es macht dich am Ende in allem irre.“
179. Kapitel
[GEJ.09_179,01] (Raphael:) „Du ersiehst bei
einem fertigen großen Gebäude zum Beispiel in einer Wand einen Stein und wieder
irgendeinen hervorragenden Balken. Da wirst du auch also urteilen und sagen:
,Aber warum hat denn der Baumeister diesen Stein gerade in dieser Wand
einmauern und warum jenen Balken dort oben hervorragen lassen? Hätte er den
Stein nicht auch ebensogut und wirksam in einer andern Wand verwenden und den
Balken auf einen andern Teil hinfügen können?‘
[GEJ.09_179,02] Und der Baumeister wird zu
dir sagen: ,Freund, du urteilst da über meine mir nur zu klar und wohlkundig
bewußte Baukunst wie ein Blinder von der Farbe! Siehe, jener dir anstößige
Stein muß gerade an der Stelle zum Ganzen und Dauerhaften des Gebäudes
eingemauert sein, als wie zweckdienlich deine Augen eben an jener Stelle deines
Hauptes sich befinden, die für sie am allerbesten taugt. Und ebenso steht es
auch mit dem vorstehenden Balken. Werde zuvor selbst baukundig vom Grunde aus,
dann wirst du über ein Gebäude und über seine einzelnen Bestandteile vom ersten
bis zum letzten und vom kleinsten bis zum größten ein richtiges und wahres
Urteil zu fällen imstande sein!‘
[GEJ.09_179,03] Was der in der Baukunst
wohlkundige Baumeister zu dir auf dein Urteil über das von ihm erbaute Gebäude
sagen müßte, dasselbe sage ich dir über dein Urteil über die Vorzustände der
Seele bis zu ihrem Vollausbau.
[GEJ.09_179,04] Du führtest mir, um deine
Sache aus deiner griechischen Weisheit so ganz einleuchtend darzustellen, eine
Kette vor, deren Ringglieder einzeln für sich wohl da wären; aber da sie
miteinander nicht verbunden wären, so sei ein Glied für das andere so gut wie
gar nicht da und könne daher auch keine wechselseitige Beziehung haben. Denn
wenn ein Glied nicht wohl erkennbar und sicht- und fühlbar an seinem
nachkommenden hänge, da habe die ganze lose Kette auch gar keinen Wert und sei
so gut wie etwa gar nicht da.
[GEJ.09_179,05] Ich aber sage dir: Gehe hin
zu einem besten Kettenschmied und sieh zu, wie er eine Kette macht! Zuerst
werden lauter einzelne Ringe angefertigt; sind diese einmal in der rechten
Anzahl da, dann werden sie durch Mittelglieder nach der alten Schmiederegel
miteinander verbunden, und zwar also, daß daraus bei der ersten Bindearbeit
auch Kettenteile von nur drei Ringgliedern zum Vorschein kommen. Ist diese
Arbeit beendet, dann werden die Drei- und abermals Dreigliedteile durch ein
siebentes Mittelglied miteinander verbunden, danach die dadurch entstandenen
Fünfzehngliedteile abermals durch ein neues Mittelglied, und so fort, bis die
ganze, lange Kette fertig wird.
[GEJ.09_179,06] Wenn auf diese Altschmiedeart
die lange Kette vom ersten bis zum letzten Gliede fertig ist, wirst du dann
auch noch sagen und fragen, warum der in seiner Kunst wohlbewanderte
Schmiedemeister für die anzufertigende lange Kette anfangs nur einzelne,
unzusammenhängende Ringglieder gemacht hatte? Oder wirst du nicht vielmehr dir
dabei nun denken: ,Der Schmiedemeister hatte ganz recht, so zu arbeiten; denn
dadurch überzeugte er sich von der Solidheit eines jeden einzelnen Gliedes. Ist
aber ein jedes Glied für sich fest, so wird nach der Verbindung sicher auch die
ganze Kette fest und dauerhaft sein!‘
[GEJ.09_179,07] Sind die vereinzelten
Vorzustände einer Seele auch für deinen Verstand wie unverbunden, so sind sie
aber gegenüber dem großen Schmiedemeister dennoch schon als verbunden daseiend.
Denn welch ein Schmiedemeister auf der ganzen Erde würde wohl so blöde sein,
nur zu seinem sicher höchst einförmigen Vergnügen in einem fort einzelne
Kettenringe zu verfertigen, ohne je die Idee und den Willen zu fassen, sie zu
einer ganzen, wohlbrauchbaren Kette zu verbinden?
[GEJ.09_179,08] So aber das sicher der
irdische Schmied, dessen Verstand gegen die Weisheit Gottes soviel wie gar
nichts ist, schon nicht tut, um wie vieles weniger ist so etwas von dem höchst
liebevollen und überweisen Gott zu erwarten! Ein Schmied aber, der blöde und
unsinnig wäre, könnte wahrlich auch nicht einen noch so schlechten Ring einer
Kette mehr zustande bringen, geschweige eine ganze Kette. Kann aber ein Schmied
einzelne Ringe schaffen mit Hilfe seines Verstandes, seiner Kunst und Kraft, da
wird er auch eine ganze Kette daraus anzufertigen ebensogut imstande sein, weil
er die Einzelringe nur zur Gewinnung der ganzen, wohlbrauchbaren Kette zum
voraus angefertigt hat.
[GEJ.09_179,09] Und es hat denn um so mehr
Gott die Einzelvorzustände der Seele des Menschen auch nur zum Behufe ihrer
endlichen Vollverbindung zum voraus werden und in ein wie vereinzeltes Dasein
treten lassen.
[GEJ.09_179,10] Wäre Gott aber nicht weise,
so wäre Er auch nicht also mächtig, um etwas aus Sich in ein formelles, wie
außer Ihm bestehendes Dasein zu rufen. Eine allerhöchste Macht und Kraft aber
setzt auch eine höchste und reinste, alleruneigennützigste Liebe und, von ihrem
ewig lebendigsten Feuer ausgehend, ein allerhöchstes und lebendigstes
Weisheitslicht voraus, und von diesem Lichte kann keine nur einigermaßen
geläuterte Menschenvernunft je erwarten, daß sie nur darum allerlei Wesen voll
Schwäche und Unbehilflichkeit in ein oft überkurzes Dasein riefe, um sich
dadurch eben auch nur ein flüchtiges Vergnügen, gleich den Kindern mit ihren
Spielsachen, zu verschaffen; denn in solch einem an und für sich ganz
unmöglichen Falle wäre Gott in Seiner Liebe und Weisheit einem Menschen gleich
ohnmächtig und könnte kein Wesen durch die Macht Seines Willens in ein
wirkliches Dasein rufen.
[GEJ.09_179,11] Du wirst aus dem ersehen, daß
es erstens einen wahren und ewigen, in Sich unwandelbaren Gott geben muß, ohne
den kein anderes Wesen denkbar wäre, und zweitens, daß dieser eine und allein
wahre Gott die höchstreinste Liebe und so denn auch die höchste Weisheit, von
der alle Seine endlos vielen Werke zeugen, sein muß und darum auch über alles
mächtig, weil ohnedem nichts erschaffen werden könnte, und drittens: Weil Gott
in Sich als die ewige Ordnung unwandelbar ist, so können auch Seine Geschöpfe
nach der vorgesehenen Periode ihrer Vollendung, der freilich wohl einige
scheinbare Umwandlungen voranzugehen haben, unmöglich anders als gleich Ihm für
ewig hin unwandelbar verbleiben.
[GEJ.09_179,12] Wenn dir das nun noch nicht
genügt, so kannst du ewig noch überzeugendere Beweise suchen, und du wirst sie
nimmerdar finden! – Hast du alles das von mir dir nun Gesagte aber auch wohl
und als lebendig wahr verstanden?“
180. Kapitel
[GEJ.09_180,01] Sagte der Arzt: „O du mein hochherrlicher,
himmlischer Freund! Nun hast du alle Bedenken und Zweifel ganz rein bis aufs
letzte Atom aus mir hinausgefegt, und ich bin nun über alles vollends im
klaren, und auch alle meine Gefährten werden es so gut sein wie ich; darum
alles Lob dem allein Heiligen unter uns, der uns aus Seiner unermeßlichen Liebe
durch dich, einen Bewohner der Himmel, auch die wahre Weisheit aus den Himmeln
hat so lichtvoll und für unsern noch blöden Verstand leicht faßlich verkünden
lassen!
[GEJ.09_180,02] Nun ist mir das Wesenhafte
des Reiches Gottes, wie vor meine Fleischesaugen gestellt, beschaulich gemacht
worden. O wie froh und heiter ist nun meine Seele!“
[GEJ.09_180,03] Hierauf sagten auch die
Jünger zum Arzte: „Freund, nicht nur du allein bist dabei über das Wesenhafte
des Reiches Gottes vollends ins klare gekommen, sondern auch wir; denn in
dieser Hinsicht waren auch wir noch immer in unserem Gemüte mehr oder weniger
umdunstet, obschon wir Übergroßes und zahllos vieles aus der Liebe und Weisheit
des Herrn und auch von dir schon vernommen haben. Daher auch von uns aus alle
Liebe, alles Lob und alle Ehre allein dem Herrn, der uns allen durch dich hier
auf diesem Berge von neuem ein so helles Licht gegeben hat! Mit diesem Lichte
aus den Himmeln soll alles, was auf der Erde noch finster ist, voll erleuchtet
werden!“
[GEJ.09_180,04] Sagte Raphael: „Freunde, gut
wäre es wohl, wenn das so leicht ginge, wie ihr Erleuchtete es euch nun
vorstellet! Die Menschen im allgemeinen sind zu sehr materiell und vertiert
geworden, und den Steinen und wilden, reißenden Tieren ist schwer das
Evangelium vom Gottesreiche zu predigen.
[GEJ.09_180,05] Ihr habt nur einen noch
ziemlich starken Weltling unter euch, der von Anfang an bei euch war und auch
alles gehört und gesehen hat, was ihr gehört und gesehen habt. Für den war
meine laute Unterredung mit dem Arzte nicht das, was sie für euch war. Er
dachte dabei bei sich: ,Oh, hätte ich dessen Weisheit und Macht, alle Goldberge
der Erde wären mein Eigentum!‘
[GEJ.09_180,06] Darum wird aus den Himmeln
auch nur denen das Licht zur Erweckung ihres Geistes gegeben, die es suchen und
als ein höchstes Lebensgut auch über alles lieben und hochschätzen; aber die
damit nur in der Welt prunken möchten, um sich damit der Erde tote Schätze in
Überfülle zu erwerben, für die ist solch ein Licht kein nütze und stürzt sie
noch mehr in das alte Gericht der Materie. Darum ist es nicht gut, den
Schweinen die Perlen aus den Himmeln vorzuwerfen. Das Reine gebet darum vorerst
auch nur den Reinen!
[GEJ.09_180,07] Wenn ihr die Tiere erst zu
Menschen umgestalten werdet, dann gebet ihnen auch eine reine, für Menschen
gebührende Kost! Der wahren Menschen aber gibt es nur wenige, und die da noch
sind, wohnen im Elend und werden von den Steinmenschen beinahe erdrückt und von
den Tiermenschen zertreten.
[GEJ.09_180,08] Wenn ihr denn den Menschen
das Evangelium predigen werdet, so prediget es zuerst den Armen und Elenden;
dann erst sehet, wie ihr aus den Steinen und Tieren Menschen bilden werdet! –
Dieses zu euch nun Gesagte gehört auch zur Weisheit aus den Himmeln.“
[GEJ.09_180,09] Unser römischer Richter, der
alle die weisen Reden Raphaels mit großer Aufmerksamkeit mit angehört hatte und
Ich ihn aber auch geheim innerlich erweckte, so daß er den Sinn solcher Reden
hatte fassen können, sagte zu Mir: „O Du Herr und Meister, wie überaus weise
ist doch dieser herrliche Himmelsgeist! Ja, so ein Mensch auf dieser Erde es je
verstanden hätte, die inneren, geheimen Dinge des Seelenlebens so klar und
leichtbegreiflich darzustellen, da wäre doch sicher niemals ein finsterstes
Götzentum unter den Menschen emporgekommen; denn nach einer solchen Belehrung
und gemachten wundersamsten Erfahrung hätte doch ein jeder noch so einfache
Mensch zu denken angefangen und hätte auch alsbald angefangen, aus seinem
Glaubenslichte sich selbst nach solch einer Lehre zu bearbeiten und zu richten
und wäre also mit Deiner Hilfe denn auch bald und leicht in jene innere
Lebensvollendung gekommen, um derentwillen ihn Deine Liebe, Weisheit und Macht
erschaffen hat.
[GEJ.09_180,10] Und – wie man sagt, daß die
Beispiele ziehen – es würden darauf die andern Menschen sicher sehr aufmerksam
geworden sein und den Vollendeten gefragt haben, wie er zu solch einer
gottähnlichen Lebensvollkommenheit gekommen sei.
[GEJ.09_180,11] Und hätte er ihnen dann mit
der Klarheit dieses Geistes, den Du, o Herr, ,Raphael‘ nanntest, die mit Händen
zu greifende Wahrheit verkündet, so wären sie sicher auch alsogleich aus allen
ihren Lebenskräften in jene Tätigkeit übergegangen, durch die allein auch sie
als gleiche Menschen zur wahren Lebensvollendung hätten gelangen müssen.
[GEJ.09_180,12] Aber so ist meines Wissens
wohl noch nie ein Gottes- und Lebenslehrer in solch einer leichtfaßlichen
Klarheit vor und unter den Menschen auf dieser Erde aufgetreten wie nun dieser
herrliche Geist, und es ist darum denn auch begreiflich, daß mit der Zeit gar
so viele Menschen Gott, sich selbst und ihre wahre Lebensbestimmung ganz aus
ihrem Erkennungs- und Wahrnehmungskreise verloren haben.
[GEJ.09_180,13] Ich habe als Richter mich mit
allen im Römischen Reich vorhandenen Götter- und Menschenlehren und Gesetzen
wohl bekannt gemacht und somit selbstverständlich auch mit der jüdischen Lehre;
aber da sind allenthalben Mysterien auf Mysterien gehäuft, die ein natürlicher
Mensch, selbst mit klarer Vernunft und scharfem Verstande begabt, unmöglich
verstehen und zur praktischen Anwendung für die wahrlich über alles notwendige
Bildung seines inneren Seelenlebens begreifen kann. Doch nach solch einer Lehre
muß es ja doch jedem Menschen klar werden, was er ist, was aus ihm werden soll,
und was er zu tun hat, um das zu werden, wozu ihn Du, o Herr und Meister aller
Wesen und Dinge, bestimmt hast. – O Herr und Meister, habe ich hier nicht doch
noch nur so einigermaßen richtig geurteilt?“
181. Kapitel
[GEJ.09_181,01] Sagte Ich: „Ja, du Mein
Freund, unter den Menschen deinesgleichen ginge dein Urteil schon an; aber hier
geht es nicht gar so wohl an, wie du es meinst!
[GEJ.09_181,02] Hast du aus dem Munde
Raphaels denn nicht vernommen – als sich alle für die von ihm gemachten großen
Enthüllungen in bezug auf das Wesenhafte des Reiches Gottes inniglichst bedankt
haben –, wie er einem Meiner ältesten Jünger, der schon beim Beginne Meiner
Lehrzeit bei Mir war und noch ist, eine wohlverdiente Rüge hat zukommen lassen?
Der Jünger hat alles gesehen und gehört, und doch gilt ihm die Welt mehr als
alle die vernommenen Wahrheiten!
[GEJ.09_181,03] Kann er sich über das
Unverständliche Meiner Lehre, ob sie aus Meinem höchsteigenen Munde oder aus
dem Munde eines Meiner Engel kommt, beklagen? Oh, mitnichten! Er versteht
alles; aber wo ist sein irdisch gewinnsüchtiger Wille bereit und fertig zur
rein geistigen Tat?
[GEJ.09_181,04] Wie aber der besagte Jünger
beschaffen ist aus seinem freien Willen, ebenso sind viele Tausende beschaffen.
Vor wie vielen Menschen habe Ich Selbst gelehrt auf dem offenen Felde, auf den
Straßen, in den Städten, Flecken, Häusern, auf dem Meere, auf den Bergen, im
Tempel und in den Wüsten und habe dabei, um den Blinden die Augen zu öffnen,
stets große, nie erhörte Zeichen gewirkt; gehe hin und forsche nach, wie wenige
sich von allen, die Mich gehört und gesehen, wahrhaft bekehrt haben!
[GEJ.09_181,05] Und siehe, wie es nun ist,
also war es und wird es auch in der Folge sein; denn ein jeder Mensch hat frei
seine Liebe, seinen Willen und seinen Verstand! So er mit dem Verstande auch
die volle Wahrheit begreift, so sieht er aber mit seinen begierlichen Augen
dennoch auch die Welt mit ihren vielen Reizen, von denen sich sein Herz nicht
trennen kann und mag, weil sie seinem Fleische sicher mehr zusagen als die
geistigen, die sein sinnliches Auge nicht schauen und sein Fleisch nicht fühlen
kann.
[GEJ.09_181,06] Dazu ist dem Menschen auch
die Trägheit sehr eigen. Er macht sich wohl oft einen guten Vorsatz um den
andern; aber so er ihn zur vollen, tatsächlichen Ausführung bringen sollte,
dann fängt sein träges und genußgieriges Fleisch an, sich dagegen zu sträuben,
und zieht auch die Seele in den Schwerpunkt seiner Trägheit und Sinnlichkeit
hinab. Was nützt nun der Seele die Klarheit in den Dingen des Geistes, so sie
sich nicht selbst verleugnen und vollernstlich die Wege betreten will, auf
denen sie zur vollen Einung mit Meinem Geiste in ihr gelangen könnte?!
[GEJ.09_181,07] Du denkst dir nun freilich in
deinem Herzen und sagest in dir: ,Herr, warum aber umhülltest Du der Menschen
Seele mit solch einem Fleische, das für ihre geistige Vollendung nur schlecht
taugt?‘
[GEJ.09_181,08] Ich aber sage dir, daß Ich
allein das wohl sicher am allerbesten und klarsten einsehe, wie eine Seele zum
Behufe ihres kurzen, diesirdischen Probelebens in ein rechtes Gleichgewicht
zwischen die Welt der Materie und jene der reinen Geister zu stellen ist, damit
eben dadurch die volle Freiheit ihrer Liebe und ihres Willens bedungen wird.
[GEJ.09_181,09] Daß für eine jede Seele die
Materie ein gewisses Übergewicht haben muß, das ist darum also verordnet, auf
daß die Seele dadurch genötigt wird, tätig gegen das kleine Übergewicht der
Materie zu werden, um so von der Freiheit ihres Willens den rechten Gebrauch
machen zu können; um aber das tun zu können, ist ihr die Lehre zu allen Zeiten
klar aus den Himmeln gegeben, welche die Seele in eine vollkommene Freischwebe
zwischen Geist und Materie stellt.
[GEJ.09_181,10] Wenn die Seele sich dann nur
einige Mühe geben will, sich tatsächlich ins Geistige zu erheben, da bekommt
das Geistige aber auch alsogleich ein mächtiges Übergewicht, und die Seele
erhebt sich mit großer Leichtigkeit über das Gewicht der Trägheit der Materie
ihres Fleisches und dringt in das Leben des Geistes in ihr.
[GEJ.09_181,11] Hat sie das mit wenig Mühe
getan, so kann ihr dann die Schwere der Materie ihres Fleisches kein Hindernis
zum Fortschreiten zur möglich höchsten Lebensvollendung in den Weg legen; und
gelangt sie auf dem leichten Wege ihres Fortschreitens auch noch dann und wann
auf kleine Steine des Anstoßes, so kostet es sie nur eine höchst geringe Mühe,
sie aus dem Wege zu räumen.“
182. Kapitel
[GEJ.09_182,01] (Der Herr:) „Aber wenn eine
Seele, so sie die reine Lehre erhalten hat und die Wahrheit auch wohl begreift,
sich denkt: ,Ah, nun weiß ich, was ich Rechtens zu meinem Heile zu tun habe;
aber bevor ich noch danach völlig tätig werde, will ich denn doch auch von den
Reizen und Süßigkeiten dieser Welt, weil sie mir geboten sind, eine kurze Zeit
nur genießen; denn da ich nun die Wege zur geistigen Vollendung klar und genau
kenne, so wird es ja nicht gerade auf die bestimmte Zeit ankommen, wann ich sie
dann vollernstlich betreten will, betrete ich sie, so werde ich dann auch
sicher vorwärts kommen!‘ – siehe, Freund, da fängt die Seele an, die Reize und
Süßigkeiten der Welt zu verkosten und dann auch bald in vollen Zügen zu
genießen und verleiht dadurch der Materie ihres Fleisches ein bedeutendes
Übergewicht, das ihre klare Einsicht in die Dinge des Geistes nur sehr schwer
und oft auch gar nicht mehr zu überwinden imstande ist.
[GEJ.09_182,02] Weil sich aber eine solche
Seele infolge ihres ersten Aberwitzes nach und nach immer mehr und mehr in die
Materie versenkt, so wird auch die ursprüngliche rein geistige Erleuchtung
stets matter und matter. Die Seele verfällt in allerlei Zweifel und findet es
in ihrer materiellen Trägheit gar nicht mehr so recht der Mühe wert, sich
aufzurichten und doch wenigstens auf eine kurze Zeit von nur einigen Tagen oder
Wochen einen ernsten, sich selbst verleugnenden Versuch zu machen, um sich zu
überzeugen, ob an der aus den Himmeln geoffenbarten Lehre zur Gewinnung des inneren,
wahren Lebens denn doch irgend etwas sei.
[GEJ.09_182,03] Ja, Freund, wenn solch eine
durch ihren höchsteigenen Aberwitz einmal träge gewordene Seele dann auch
Menschen um sich sieht, die durch ihren anfänglichen Eifer sich zur inneren
Lebensvollendung emporgeschwungen haben, so macht das auf sie dennoch keine
erhebliche Wirkung und bestimmt sie nicht zur Selbsttätigkeit. Sie läßt sich
wohl, wenn sie gerade gut aufgelegt ist, von den geweckten Nebenmenschen die
Wunder des Geistigen im Menschen vorerzählen, und es wird in ihr auch dann und
wann der Wunsch rege, selbst das zu sein, was die Vollkommenen sind, – aber
gleich darauf wirken die schon genossenen und noch zu genießenden Reize dieser
Welt gleich so mächtig auf sie ein, daß sie ihnen nicht widerstehen kann, und
sie denkt dabei: ,Ja, was Schlechtes tue ich damit denn doch nicht, wenn ich
auch nicht sogleich mich völlig umkehre! Dies und jenes will ich in dieser Welt
doch noch eher sehen und probieren, und es wird mir dann ja etwa doch noch so
viel Zeit übrigbleiben, in die Fußstapfen der Vollendeten zu treten.‘
[GEJ.09_182,04] Und siehe, also denken,
beschließen, simulieren und kalkulieren dann noch mehr die Nachkommen solcher
in sich lau und träge gewordenen Menschen, werden im Geiste ganz finster und
auch böse, so man sie an das nur erinnert, was sie als Menschen zur Gewinnung
der inneren Lebensvollendung tun sollen.
[GEJ.09_182,05] Und so wächst und wuchert
dann von einem Lebensalter der Menschen zum andern das Unkraut der Nacht der
Seelen infolge ihrer stets wacher werdenden Weltgenußsucht und zunehmenden
Trägheit derart, daß Mir dann nichts anderes übrigbleibt, als solche Menschen
mit allerlei Plagen und Gerichten heimzusuchen, um ihnen das Nichtige und Arge
ihrer Weltbestrebungen an ihnen selbst fühlbar zu machen.
[GEJ.09_182,06] Sind sie durch allerlei
bitterste Erfahrungen dahin gebracht worden, daß sie selbst einen wahren Ekel
vor der Welt und ihren nichtigen Lustreizen zu bekommen anfangen, dann erst ist
es wieder, so wie nun, an der Zeit, ihnen durch neue Offenbarungen aus den
Himmeln die Wege zum Lichte des Lebens zu zeigen, auf denen dann viele mit
allem Eifer wandeln werden; aber noch um vieles mehrere zu tief in die Nacht
des Gerichtes und Todes der Welt Versunkene werden dennoch bleiben und alle
verfolgen, die sie zum Leben des Geistes werden erwecken wollen, auf so lange
hin, bis die über sie zugelassenen Gerichte sie von der Erde, wie die Stürme
die Spreu, hinwegfegen werden.
[GEJ.09_182,07] Ja, Freund, von Mir aus ist
das Verhältnis zwischen Geist, Seele und Leib schon bei jedem Menschen ein
vollkommen genaust abgewogenes; nur der Aberwitz der Menschen, diese alte
Erbsünde, hat das gute Verhältnis zu einem schlechten gemacht.
[GEJ.09_182,08] Siehe an die alte Sage von
eurem Prometheus und seiner selbstgeschaffenen Tochter Pandora! Wer ist denn
die Pandora?
[GEJ.09_182,09] Siehe, es ist das,
entsprechend bildlich dargestellt, der Aberwitz und die Neu- und Weltgenußsucht
des Menschen, durch die er dann an die harte Materie gefesselt wird! Wenn auch
von Zeit zu Zeit ein Adler zu ihm von den Himmeln kommt und ihn gewaltig mahnt,
sich von der Materie loszumachen, so fruchtet das wenig; denn kaum ist der
Adler auf einige Zeit dahin, so ist in der Seele solch eines Menschen die
Leber, als das Symbol seiner Weltgelüste, schon wieder voll angewachsen, und
der Himmelsadler kann sie von neuem wieder zu verzehren anfangen. – Verstehst
du dieses gute Bild?
[GEJ.09_182,10] Siehe aber daneben hin, was
Moses selbst in einem helleren Bilde von dem ersten Menschenpaare spricht, und
du wirst darin ganz dasselbe finden!
[GEJ.09_182,11] Wenn aber also, siehe, da bin
nicht Ich schuld an der Verschlimmerung der Menschen darum, weil Ich in die
Seele eine kleine Vorneigung zur Welt legte, ihr aber zugleich auf der andern
Seite ein volles Licht aus den Himmeln zukommen ließ, mit dem sie mit leichter
Mühe die kleine Vorneigung zur Welt besiegen kann. – Verstehest du, Freund,
solches?“
[GEJ.09_182,12] Auf diese Meine Belehrung,
die auch alle andern aufmerksamst angehört hatten, dankte Mir der Römer und
auch alle die andern bis auf den einen, dem Mein Zeugnis nicht mundete.
183. Kapitel
[GEJ.09_183,01] Auf des Raphaels frühere und
auf diese Meine Belehrung trat eine Ruhe ein; denn alle dachten über das
Gesehene und Vernommene nach und prägten es so tief als möglich ihrem
Gedächtnisse und ganzen Gemüte ein.
[GEJ.09_183,02] Raphael aber besprach sich
wieder mit Philopold und Kisjona über die Urzeit der Erde und über die
Veränderungen derselben; denn Philopold war ein guter Erderforscher und hatte
aus seinen Beobachtungen schon recht vieles aufgezeichnet und seine Urteile
darüber gemacht, und ebenso unser Kisjona. Darum interessierten sich denn auch
beide sehr für das, was ihnen Raphael darüber mit großer Klarheit und Leichtigkeit
eröffnete.
[GEJ.09_183,03] Meine Jünger, die derlei
schon zu öfteren Malen in großer Klarheit vernommen hatten, gaben freilich wohl
eben nicht so sehr acht darauf und besprachen sich darum mehr über das, was sie
von Raphael über das Wesenhafte des Reiches Gottes und über den Grund der
Verschlimmerung der Menschen auf dieser Erde aus Meinem Munde vernommen hatten.
Aber alle die andern, die davon, was Raphael dem Philopold und dem Kisjona
erklärte, noch nie etwas Ausführliches und Gründliches vernommen hatten, hörten
dem Raphael mit der größten Aufmerksamkeit zu und verwunderten sich über Meine
Macht und Weisheit, der Ich solches alles also in der höchsten Ordnung
eingerichtet habe.
[GEJ.09_183,04] Besonders interessierte das
den Arzt aus Melite (heutzutage Malta), denn er hatte sich seine Kenntnisse
zumeist in Athen, auch in Alexandrien in Ägypten und zu Syrakus auf Sizilien
erworben und hatte sich in seiner Jugend viel mit dem Erforschen der Erde und
ihrer Kräfte abgegeben. Er hatte zu dem Behufe denn das Ägypten bis zu den
Wasserfällen durchreist, ebenso ganz Griechenland, die Gegenden am Pontus und
auch am Kaspischen Meere, ebenso auch einen bedeutenden Teil von Arabien und
die Küsten Asiens am Mittelmeere, und hätte darum gern mit Raphael in dieser
Hinsicht zu reden angefangen; aber da Raphael über alles so im Vorbeigehen
sprach, da konnte unser Arzt nicht zu Worte kommen und horchte darum lieber
still auf die Erklärungen Raphaels und machte für sich seine Bemerkungen.
[GEJ.09_183,05] Als aber Raphael von den
feuerspeienden Bergen zu reden begann, da konnte sich unser Arzt nicht mehr
enthalten, Raphael zu bitten, ob er ihm nicht gestatten möchte, ihn um dies und
jenes zu fragen.
[GEJ.09_183,06] Raphael aber sagte: „Horche
du, Freund, nur auf das, was ich alles in Kürze darüber sagen werde, und du
wirst auch deine gemachten, dir bis jetzt unerklärlichen Erfahrungen ganz wohl
erklärt vernehmen und sie auch verstehen!
[GEJ.09_183,07] Denn euren Ätna und euren
Vesuv kenne ich von ihrem innersten Ursprung an, so wie ich auch deine Gedanken
und Fragen schon lange eher genauest kenne, als du sie noch gedacht hast; denn
des Herrn Geist und Leben, das mein Alles ist, ist auch in mir allwissend und
vollmächtig.“
[GEJ.09_183,08] Als der Arzt solches von
Raphael vernommen hatte, stellte er sich vollkommen zufrieden und horchte auf
die weiteren Erklärungen des Engels mit der gespanntesten Aufmerksamkeit.
[GEJ.09_183,09] Die Erklärungen aber dauerten
über zwei volle Stunden, und alle, die sie mit der rechten Aufmerksamkeit
angehört hatten, haben in der kurzen Zeit über das Wesen und über die
Beschaffenheit der Erde mehr kennengelernt, als das einem noch so eifrigen
Jünger je in einer Hochschule zu Athen oder zu Alexandrien, oder in Syrakus in
hundert Jahren möglich gewesen wäre.
[GEJ.09_183,10] Als Raphael aber solche seine
Vorträge beendet hatte, wobei er auch das Verhältnis der Erde und des Mondes
zur Sonne, die da vorkommenden Erscheinungen, sowie die andern Planeten und
Fixsterne den aufmerksamen Jüngern erklärte, da sagte der Römer zu Mir: „O Herr
und Meister, jetzt ist mir wieder ein neues Licht aufgegangen! Unsere höchst
unrichtigen und grundfalschen Begriffe von unserer Erde, vom Monde, von der
Sonne, von den Planeten, Kometen, Fixsternen und all den andern Erscheinungen
am Himmel haben die Menschen ja in den tiefsten, blindesten und sinnlosesten
Aberglauben stürzen müssen! Wer hätte sie je von diesem befreien können, so
nicht Du Selbst mit Deinen Dienern aus den Himmeln zu uns herabgekommen wärst
und uns den wahren und wundervollsten Sachverhalt dieser Deiner großen Dinge
gezeigt hättest? Haben denn die Menschen in der Urzeit von all dem nichts
gewußt? Und haben sie davon etwas gewußt, so fragt es sich, wie möglich sie von
einer so lichtvollen Wahrheit in den allerdicksten und dümmsten Aberglauben
haben verfallen können.“
184. Kapitel
[GEJ.09_184,01] Sagte Ich: „Gerade auf ganz
dieselbe Weise, die Ich dir ehedem gezeigt habe!
[GEJ.09_184,02] Die ersten Menschen wußten um
alles der vollsten Wahrheit gemäß; aber so der Mensch infolge seiner Trägheit,
seines Aberwitzes und seiner Sinne Lust seiner Seele nach einmal finster wird
nur in einem und dem andern, so wird er dann auch bald finster in allem andern.
[GEJ.09_184,03] Moses selbst hat für die in
Ägypten verfinsterten Israeliten ein eigenes Buch geschrieben in der Weise, wie
es euch nun Mein Raphael vorgetragen hat. Das ward geachtet bis zur Zeit der
ersten Könige; als aber ihre Nachkommen sich von aller Sinnlichkeit hatten
gefangennehmen lassen, da ging auch alle reine Wissenschaft unter ihnen
zugrunde, und an ihre Stelle trat das, was du nun unter den Juden in einem oft
noch finstereren Grade antriffst denn unter den Heiden.
[GEJ.09_184,04] Nun ist euch und schon früher
zu öfteren Malen den alten Jüngern, wie nebst ihnen auch gar vielen andern
Menschen, alles haarklein und auf das gründlichste und handgreiflich klarste
gezeigt worden; rechne aber von nun an nur zweihundert Jahre, und du wirst in
dieser reinen Wissenssphäre wieder auf den alten Aberglauben kommen.
[GEJ.09_184,05] Doch aber wird im Verborgenen
auch diese Kunde unter denen erhalten werden, die in Meiner Lehre verbleiben
werden, und es wird dann eine Zeit kommen, in der diese Wissenschaft, und an
ihrer Seite tausend andere, allen alten Aberglauben von Grund aus zerstören
wird für immerdar. Es wird aber zuvor noch lange dauernde und harte Kämpfe
geben; doch am Ende wird die Wahrheit siegen, und alles Finstere, Falsche und
Arge wird in den Abgrund für ewig verdammt werden.
[GEJ.09_184,06] Du wirst bald Gelegenheit
bekommen, mit euren gewissen Erd-, Natur- und Sternkundigen zusammenzukommen,
und wirst auch den Versuch machen, ihnen die von dir hier erkannte Wahrheit
beizubringen; du wirst aber damit auf harte Steine stoßen. Einige werden
darüber wohl nachdenken, aber deshalb doch bei ihrem alten System verbleiben;
die andern werden es ohne irgendwelches Bedenken für eine Torheit erklären.
Denn zum ungezweifelten, richtigen und wahren Erkennen auch in den Dingen der Naturwelt
gehört zum voraus eine geistige Gewecktheit, die Erkenntnis des einen, allein
wahren Gottes und so auch die Erkenntnis seiner selbst, aus der der Mensch in
sich klar und lebendig inne wird, wer er ist, und warum er da ist.
[GEJ.09_184,07] Erst so der Mensch in diesen
Hauptstücken seines Seins und Lebens im klaren ist und dadurch Mein Geist in
seiner Seele licht- und lebenstätig sich zu entfalten und den ganzen Menschen
zu durchdringen beginnt, wird der Mensch mit seinem von oben her erleuchteten Verstande
auch die Wesenheit und Ordnung in den Dingen der großen und kleinen Naturwelt
der vollen und unbestreitbaren Wahrheit nach bald und leicht fassen und von
Grund auf begreifen; aber wenn du den Heiden – und haben sie auch alle die
hohen Weltweisheitsschulen mit allem Eifer durchgemacht – das, was du von
Raphael vernommen hast, vorzupredigen beginnst, so werden sie es nicht
begreifen und es als eine Torheit ansehen und verlachen, und die finsteren,
über alles selbst- und herrschsüchtigen Priester werden solch eine neue Lehre,
weil sie unmöglich für ihren alten Götzen- und Betrugskram paßt, mit aller Hast
und Wut verdammen und das Volk gegen sie aufwiegeln.
[GEJ.09_184,08] Daher heißt es da zuerst das
Evangelium vom wahren Reiche Gottes auf Erden unter den Menschen predigen, –
und haben sie das angenommen und sind durch den Geist aus Gott gestärkt worden,
dann werden sie alle anderen Wahrheiten leicht fassen; denn Mein Geist, den Ich
in Fülle über jeden ausgießen werde, der an Mich lebendig glaubt und Mich
liebt, wird sie in alle Weisheit und Wahrheit leiten.
[GEJ.09_184,09] Meinst du wohl, daß du die
von Raphael erklärten Dinge auch ohne deinen nun lebendigen Glauben an Mich
begriffen hättest? Ich sage dir: Ebensowenig, wie die Steine dieses Berges sie
begriffen haben!
[GEJ.09_184,10] Wo der Grund alles
menschlichen Erkennens Lüge und Trug ist, wie sollen aus solchem Grunde andere
Wahrheiten erblühen können?
[GEJ.09_184,11] Wenn du im Zählen die Einheit
als die Grundbedingung aller eben nur aus der Summe der Einheiten entstandenen
Zahlen nicht kennst, wie möglich wirst du dann die Wahrheit der Zahlen selbst
erkennen?“
185. Kapitel
[GEJ.09_185,01] Hier machte der Römer große
Augen und sagte: „O Herr und Meister, Du allein bist wahrlich die ewigste
Wahrheit und Weisheit Selbst! Nun erst sehe ich es ein, daß beim Unterricht der
Menschen stets nach einer gewissen Ordnung vor sich gegangen werden muß, so der
Unterricht dem Menschen einen wahren Nutzen für das Leben schaffen soll.“
[GEJ.09_185,02] Sagte Ich: „Ganz sicher, denn
einen Menschen verkehrt zu unterweisen anfangen, heißt ein Haus auf dem Sande
aufbauen wollen. Wie wird es sich halten, so da Stürme und starke Regenströme
über eben solch ein Haus kommen werden?
[GEJ.09_185,03] Nur wer seinen Nebenmenschen
lehrt in der rechten Ordnung, wie Ich sie dir gezeigt habe, der baut ein Haus
auf einem Felsengrund. So über ein solches Haus dann Stürme und Fluten kommen,
so werden sie demselben nichts anhaben können, weil es auf einem Felsengrund
erbaut ist. Und dieser Felsengrund bin Ich; mit Mir angefangen, werdet ihr
alles wohl und bestens vermögen, ohne Mich aber nichts. Das merke du, Mein
Freund, dir wohl!
[GEJ.09_185,04] So da aber jemand ernstlich
seinen Nächsten über Mich zu belehren anfangen wird, da soll er nicht bei sich
lange überlegen, wie er das etwa am fruchtbarsten beginnen werde. Denn Ich
Selbst werde ihm die rechten Worte ins Herz und in den Mund legen.
[GEJ.09_185,05] Und so ihr nun auch das
wisset, so werdet ihr in Meinem Namen beim Unterricht eurer Nebenmenschen nicht
einen Fehltritt machen können; wer aber das nicht völlig beachten wird, der
wird bald und leicht auf Irrwege geraten, auf denen er sich samt seinem Jünger
schwer je völlig zurechtfinden wird.
[GEJ.09_185,06] Das war allzeit der arge Anfang
des falschen und lügenhaften Prophetentums und der Verfinsterung und
Verschlimmerung der Menschen. Darum soll nur der seine Nebenmenschen lehren,
der es zuvor von Mir in seinem Herzen erlernt hat. Wer aber aus sich nur von
dem, was er durch andere Menschen stückweise vernommen hat, auch seine
Nebenmenschen gleich einem von Mir Gelehrten wird zu lehren anfangen und auch
schreien wird: ,Siehe, hier, da oder dort ist Christus, die von Ewigkeit
gesalbte Wahrheit aus Gott!‘, so glaubet ihm nicht; denn das ist schon ein
falscher Prophet, der nur eines Ansehens und eines zeitlichen Gewinnes wegen
auch einen Propheten spielen will.
[GEJ.09_185,07] Wer aber einen falschen von
einem wahren, von Mir berufenen Propheten und Lehrer mit leichter Mühe erkennen
will, der schaue auf seine Werke!
[GEJ.09_185,08] Alles kann ein Mensch
leichter vor den Augen seiner Nebenmenschen verbergen als seine Selbstsucht und
seine Gewinngier. Um diese zu befriedigen, wird er nur zu bald und zu
ersichtlich kein Mittel unversucht lassen, um zu dem Zwecke zu gelangen, nach
dem sein Herz eine unzerstörbare Liebe hat.
[GEJ.09_185,09] Lasset darum die falschen
Propheten niemals zu einer Macht und äußerem Ansehen gelangen! Denn werden sie
einmal das irgend erreichen, dann wird es bald wieder höchst finster unter den
Menschen aussehen, und ihr werdet gegen sie harte Kämpfe zu bestehen bekommen!“
[GEJ.09_185,10] Sagte der Römer mit einer
bedenklichen Miene: „O Herr und Meister alles Seins und Lebens, das werden wir
Menschen wohl schwer zu verhindern imstande sein! So Du, Allmächtiger, das
nicht Selbst verhindern wirst, da wird es nur zu bald wimmeln von lauter
falschen Propheten auf dieser Erde. Denn das blinde Volk wird schwer oder gar
nicht einen Unterschied zwischen einem wahren und falschen Propheten zu machen
imstande sein. Wer wird ihm dann sagen und begreiflich machen können, daß seine
Lehrer falsche Propheten sind?“
[GEJ.09_185,11] Sagte Ich: „Freund, Ich werde
das Meinige tun, aber ihr müsset auch das Eurige tun! Es hat aber ein jeder Mensch
seinen völlig freien Willen, den Ich mit Meiner Allmacht nicht ergreifen und
bändigen darf, weil das – wie Ich es euch schon klar und sehr begreiflich
gezeigt habe – gegen Meine Ordnung wäre.
[GEJ.09_185,12] Aber Ich gebe euch ja eben
darum in der gezeigten Wahrheit das wirksamste Mittel gegen alles Falschtum in
die Hand, mit der ihr unter Meinem Beistande wider die gesamte Lügenbrut der
Hölle die festesten Dämme und Wälle erbauen könnet.
[GEJ.09_185,13] So bald und so leicht aber,
wie ihr euch das nun vorstellet, wird das falsche Prophetentum von dieser Erde
freilich wohl nicht vertilgt werden können; doch wird am Ende nur einzig und
allein die lichte und lebendige Wahrheit siegen! Darum bleibet nur fest und
unbeugsam in der Wahrheit; denn sie allein wird nicht nur euch, sondern am Ende
auch alle Menschen frei machen vom alten, schweren Joch der Lüge und des
Truges! Lasset daher nur ihr euch von keiner noch so hell glänzend scheinenden
Lüge mehr berücken, – dann wird alles wohl gehen!
[GEJ.09_185,14] Ihr seid nun das Salz, als
die beste Würze, unter den Menschen auf dieser Erde. So ihr nicht faul und lau
werdet, dann wird es mit den geistigen Speisen wohl vonstatten gehen, und die
Menschen werden nach ihnen gieren; so ihr aber als das Salz faul und übelschmeckend
werdet, womit soll dann die geistige Kost für die Menschen gewürzt werden?
[GEJ.09_185,15] Tut darum in allem nach
Meiner Lehre und nach Meinem euch nun wohl bekanntgegebenen Willen, und es wird
euer Salz das Unkraut unter dem Weizen auf dem Acker des Lebens schon ausrotten
mit der Zeit mehr und mehr, und ihr selbst werdet darob euch freuen über die
Maßen über die Kraft und Macht Meiner Wahrheit unter den Menschen!
186. Kapitel
[GEJ.09_186,01] Als Ich solche Rede beendet
hatte, da kam ein Diener des Markus und lud uns zum Mittagsmahle; denn es war
schon stark über die Zeit des Mittags geworden.
[GEJ.09_186,02] Ich aber sagte: „Wer von euch
nun hinabgehen will, um sich zu stärken mit irdischer Speise und irdischem
Tranke, der gehe und befriedige seinen Leib; Ich Selbst aber werde heute
verbleiben bis zum Abend auf diesem Berge. Wer aber bei Mir bleiben wird, den
wird es auch weder hungern noch dürsten!
[GEJ.09_186,03] Es werden aber bald eine Menge
hungriger und durstiger Armer aus der Gegend von Joppe hier anlangen, die
sollen das für uns bereitete Mahl verzehren. Es werden darunter Krüppel und
Lahme an Händen und Füßen und Aussätzige und von bösen Fiebern Gequälte sein;
und so sie essen werden von den für uns bereiteten Speisen, wird es besser mit
ihnen werden. – Das soll der Diener im Hause also anordnen!“
[GEJ.09_186,04] Sagte einer der anwesenden
Jünger des Johannes: „Herr und Meister, die ankommenden Joppeer haben ja noch
keine Kunde von Dir und können ja noch keinen Glauben an Dich und Dein Wort
haben, – und dennoch werden sie von Deinem Segen, den Du in die Speisen legen
wirst, geheilt. Wie ist das mit dem zu vereinen, so Du immer sagst: ,Dein
Glaube hat dir geholfen‘?“
[GEJ.09_186,05] Sagte Ich: „Wie ist denn das
mit dir zu vereinen, daß du, als ein schon alter Jünger, eine so blöde Frage
stellen magst? Habe Ich denn nicht schon eine große Anzahl Jünger ausgesandt?
[GEJ.09_186,06] Zwei von ihnen befinden sich
nun in Joppe und predigen den Armen Mein Wort. Sie legten diesen Armen in
Meinem Namen wohl auch die Hände auf, und es ward besser mit ihnen; aber die
Geheilten fielen wieder in ihre alten Schwächen und Gewohnheitssünden und
dadurch denn auch in die alten Leibesübel.
[GEJ.09_186,07] Sie kehrten sich wieder an
die beiden Jünger, daß diese sie heilen möchten. Aber die Jünger sagten: ,So
wir euch auch wieder heilen im Namen des Herrn, da werdet ihr von neuem wieder
sündigen; darum sagen wir euch: Wirket zuvor eine rechte Buße, und so der Herr
es wohl sehen wird, daß ihr euch für immer ernstlich gebessert habt, da wird Er
Selbst euch helfen! Erhebet euch und wandert voll Reue, voll Glauben und
Vertrauen zu dem Wunderbrunnen an Galiläas Meer, den der Herr Selbst gestellt
und gesegnet hat, und ihr werdet Heilung finden; die für euch mühsame Wanderung
aber diene euch zur Buße!‘
[GEJ.09_186,08] Siehe, auf diese ernste
Ermahnung machten sich, so schwer es auch ging, die kranken Armen voll Glauben
und Vertrauen auf den weiten und beschwerlichen Weg, und das Schiff, das soeben
diesem Ufer zusteuert, bringt sie hierher.
[GEJ.09_186,09] Also kommen sie nicht ohne
Glauben, sondern mit einer rechten Fülle des Glaubens hier an, und es soll
ihnen denn durch ihren Glauben geholfen werden.
[GEJ.09_186,10] Du aber stelle in der Folge
keine so blöde Frage mehr an Mich; denn derlei Fragen würden dir das Zeugnis
geben, daß du noch kein rechtes Salz zur Würzung der Speisen für Seele und
Geist der Menschen wärest!“
[GEJ.09_186,11] Hierauf bat Mich der Jünger
um Vergebung und dankte Mir für diese Zurechtweisung.
[GEJ.09_186,12] Ich aber wandte Mich an den
Diener, dem unterdessen unser Markus dahin die Weisungen gab, auf den Berg in
rechter Fülle Brot und Wein zu stellen, und sagte: „Die Armen aber sollen im
Freien abgespeist werden; denn die Freie ist ihrer Gesundheit zuträglicher denn
die Luft und der Dunst des Speisegemachs. Gehe nun und tue, was dir anbefohlen
ist!“
[GEJ.09_186,13] Hierauf ging der Diener und
besorgte alles genau.
[GEJ.09_186,14] Andere Diener brachten bald
mehrere Krüge voll Wein und ebenso auch mehrere Laibe Brot.
[GEJ.09_186,15] Der hinabgesandte Diener aber
hieß die ans Land gestiegenen armen Gäste sich an die Tische im Freien lagern,
so gut es ging, und ließ sogleich die für uns bestbereiteten Speisen in Hülle
und Fülle auf ihre Tische setzen.
[GEJ.09_186,16] Die Armen aber erschraken
darob ordentlich und sagten: „O Freund, bedürftig wären wir solcher Speisen
wohl; aber wir sind ja arm und werden sie kaum bezahlen!“
[GEJ.09_186,17] Sagte der Diener: „Der diese
Speisen für euch verordnet hat zu eurer Heilung, der hat sie schon bezahlt;
darum esset und trinket ohne weitere Sorge! Aber so ihr gesund werdet, dann
verfallet nicht wieder in eure alten Schwächen und Sünden, wie ihr in solche
erst vor kurzem in Joppe nach der ersten Heilung durch die zwei Jünger
verfallen seid!“
[GEJ.09_186,18] Als die Armen das vernommen
hatten, da erstaunten sie über solch eine Rede des Dieners, und einer fragte
ihn, wie er das wissen könne, da seines Wissens jene beiden Jünger, die zu
ihnen solches geredet hätten, schon längere Zeit in der Hafenstadt weilten und
diese Gegend sicher nicht besucht haben, wo sie ihm so etwas hätten eröffnen
können, und da sonst außer den beiden Jüngern des großen Heilandes und ihnen
selbst niemand irgend etwas davon wissen könne.
[GEJ.09_186,19] Sagte der Diener: „Fraget nun
darum nicht weiter, sondern esset und trinket, auf daß ihr wieder gesund
werdet! So ihr wieder gesund geworden seid, dann wird es sich schon auch
darüber reden lassen, wie ich zu solch einer Kunde gelangt bin.“
[GEJ.09_186,20] Darauf fingen die Armen an,
zu essen und auch zu trinken, und als sie sich ordentlich gesättigt hatten, da
verließen sie auch ihre Übel; die Aussätzigen wurden rein, die Fiebrigen
verließ das Fieber, und die Lahmen und Krüppel wurden gerade und konnten ihre
Füße und Hände also gebrauchen, wie das nur einem kräftigen und vollauf
gesunden Menschen möglich ist. Da war des Staunens, des Fragens und auch des
Lobens nahezu kein Ende. Aber der Diener gab ihnen keine besonders gewichtige
Antwort.
187. Kapitel
[GEJ.09_187,01] Einer der Geheilten, der ein
Grieche, von der Insel Cypern gebürtig, war, aber sich in Joppe später als ein
Fischer angesiedelt hatte und ein sonst sehr erfahrener Mensch war, sagte zum
Diener: „Freund, das Land, in dem ich geboren bin und in dem ich nahe gegen
dreißig Jahre lang als ein erfahrenster Fischer gelebt und gehandelt habe,
heißt Cypern und ist trotz seiner großen Ausdehnung nach allen Richtungen hin
vom großen Meere umflossen, ist über alle Maßen fruchtbar, und es ist in allem
derart heilsam und gesund, daß es zum Sprichwort geworden ist: ,In unserem
Lande kennt man keine Krankheit, und hier stirbt man nicht!‘, aus welchem
Grunde aber auch reiche Römer, Griechen, Ägypter und auch Juden sich da um
teures Gold Besitzungen ankaufen, sich herrliche Wohnungen erbauen und dann
voll heiteren Sinnes in dem herrlichsten Lande leben.
[GEJ.09_187,02] Ich aber war doch oft Zeuge,
wie dahin auch Kranke gekommen sind und von den gesundesten Speisen gegessen
und den besten und reinsten Wein getrunken haben; aber sie sind dennoch nicht
ebenso gesund geworden wie wir nun hier in diesem eben auch sehr herrlichen
Orte.
[GEJ.09_187,03] Was enthielten denn diese
Speisen und der von uns genossene, auch gar köstlich schmeckende Wein, daß wir
alle, bei vierzig an der Zahl als mit verschiedenen Übeln Behaftete, auf einmal
so plötzlich gesund geworden sind, als hätte uns nie etwas gefehlt?“
[GEJ.09_187,04] Sagte der Diener: „Weder die
Speisen noch der Wein haben euch von euren Übeln geheilt, sondern Dessen Gnade
und Wille, dessentwegen euch die beiden Jünger hierher beschieden haben, und an
den ihr den vollen Glauben angenommen habt, als die beiden Jünger euch von Ihm
gepredigt haben, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes des einen, allein
wahren Gottes.
[GEJ.09_187,05] Also mit Dessen Liebe,
Erbarmung, Gnade und Willen waren diese Speisen und der Wein gewürzt, und
solche geistige Würze hat euch gesund gemacht. Darum danket Ihm allein darob,
und verfallet, als nun wieder völlig geheilte Menschen, nicht wieder in eure
alten Schwächen und Sünden, auf daß ihr nicht noch einmal in ärgere Übel
geratet, als diese da waren, von denen ihr nun wundersamst geheilt worden
seid!“
[GEJ.09_187,06] Als die Geheilten solche
guten Mahnworte von dem Diener vernommen hatten, da gelobten sie auf das
heiligste, daß sie dessen bis zum Tode hin auf das ernsteste eingedenk bleiben
würden. Nur möchten sie wissen, wohin sie nun ziehen sollten, um den großen
Heiland zu treffen, um Ihm Selbst auf den Knien den Ihm allein gebührenden Dank
darzubringen.
[GEJ.09_187,07] Sagte der Diener: „Euch das
zu sagen, habe ich keinen Auftrag erhalten. Fasset aber eine rechte Liebe zu
Ihm, und da kann es auch schon noch geschehen, daß ihr Ihn auch zu Gesichte
bekommen könnet!
[GEJ.09_187,08] Er läßt Sich von den Menschen
nur dann finden und auch sprechen, so sie Ihn in ihrem von der Sünde
gereinigten Herzen suchen, und befänden sie sich auch irgendwo am Ende der
Welt; denn Er sieht alles, Er kennt alles, und Er weiß selbst um die geheimsten
Gedanken eines jeden Menschen, ob er sich auch verberge in irgendeinem fernsten
Winkel dieser weiten Erde.
[GEJ.09_187,09] Tut darum, was ich euch nun
gesagt habe, und ich kann euch das auch sagen, da ich Ihn persönlich wohl kenne
und für mich, trotzdem ich nur ein Diener dieses Hauses und meines Herrn bin,
auch voll Geistes aus der ewigen Wahrheit Seiner Lehre bin.“
[GEJ.09_187,10] Darauf verließ der Diener die
Geheilten und ging seinen andern Geschäften nach.
188. Kapitel
[GEJ.09_188,01] Die Geheilten aber erhoben
sich darauf von ihren Tischen, gingen ans Meer hin und erzählten alles den noch
anwesenden Schiffern, was ihnen da alles widerfuhr.
[GEJ.09_188,02] Da staunten auch die Schiffer
aus der Gegend Tiberias und sagten, daß auch sie schon gar vieles von dem
großen Heilande aus Nazareth gehört hätten; aber sie hätten ihn noch nie zu
Gesichte bekommen, und so könnten sie auch nicht gleich alles aufs Wort
glauben, was sie von dem großen Wunderheilande von andern Menschen vernommen
hätten. Aber nun hätten sie einen augenscheinlichsten Beweis vor sich und
könnten und wollten denn auch alles andere glauben, was sie von ihm gehört
hätten und also denn auch Gott loben über alles, der einem Menschen solch eine
Macht gegeben habe; denn so etwas sei seit Menschengedenken noch niemals
dagewesen.
[GEJ.09_188,03] Sagte darauf ein Geheilter:
„Da habt ihr wahrlich ganz recht nach euren Begriffen und Erkenntnissen; doch
wir haben die Sache in uns ein wenig anders bedacht, und wir werden uns nicht
irren. Der Mensch, dem nach eurem Verstande Gott eine so große Macht verliehen
hat, darum ihr Ihn als euren Gott loben wollet, scheint eben der Herr Selbst in
Seinem Hause zu sein und kann mit Seiner Macht verfügen nach Seinem höchsteigenen
Willen, und der Gott, den ihr des Menschen willen loben wollet, scheint in
aller Fülle in Ihm Selbst daheim zu sein! Denn nach dem, was wir ganz getreu
von Seinen nach Joppe ausgesandten zwei Jüngern vernommen haben, redet Er
durchaus nicht in der Weise, wie ehedem die verschiedenen Propheten zum Volke
geredet haben – diese sagten allzeit: ,Höre, Volk!‘ oder ,Höre du, König, oder
dieser oder jener! – Also spricht der Herr!‘, und dann erst sprach des Herrn
Geist aus dem Munde des Propheten –, sondern Er sagt: ,Ich Selbst sage euch,
und Ich will es!‘
[GEJ.09_188,04] Und, Freunde, sobald ein
Mensch so redet und spricht und Gott ihn für solch eine für jeden Menschen
frevelhafteste Anmaßung nicht vor allen Menschen sichtbar bestraft, so muß
solch ein Mensch die Fülle Gottes Selbst in Sich haben und sonach auch Selbst
völlig der Herr sein, ansonst es Ihm wahrlich niemals gelingen würde, allen
Geistern, Kreaturen und Elementen zu gebieten, und alles gehorcht der
unendlichen Macht Seines Willens! Denn wir wissen das aus dem Munde Seiner
Jünger, die von gar vielen Zeichen und Wundertaten Augenzeugen waren.
[GEJ.09_188,05] Und so kommt es uns vor, daß
wir es in dem großen Heilande aus Nazareth schon gleich mit Gott Selbst zu tun
haben und mit keinem noch so großen Propheten mehr!“
[GEJ.09_188,06] Sagte darauf ein Schiffer,
der in der Schrift so ziemlich bewandert war: „Ihr seid aus Joppe, einer Stadt,
die nun mehr von den Heiden denn von den echten und wahren Juden bewohnt wird,
und seid darum selbst mehr Heiden als Juden. Was macht es aber den Heiden, ob
sie zu ihren mindestens in allem bei zehntausend Göttern wieder einen neuen
ganzen oder halben Gott noch hinzutun?
[GEJ.09_188,07] Bei uns echten und noch
wahren Juden aber heißt es schon im ersten Gebote Mosis: ,Ich allein bin dein
Gott und Herr; also sollst du nur an Mich als den einen, allein wahren Gott
glauben und keine fremden, von den Menschen erdichteten Götter neben Mir haben
und verehren!‘
[GEJ.09_188,08] Seht, also lautet das Gesetz
für uns Juden für ewig hin! Wenn aber also, wie könnten wir den Wunderheiland
auch als einen zweiten und somit neuen Gott annehmen und ihm die Ehre geben,
die wir nur dem einen, allein wahren Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs schuldig
sind?
[GEJ.09_188,09] Wir haben aber alles dessen
ungeachtet dennoch eine große Freude an dem Wunderheilande aus Nazareth, darum,
weil ihm Gott, als einem uns gleichen Menschen, seiner sicher größten
Frömmigkeit wegen solch eine noch nie dagewesene Macht gegeben hat, und loben
darum nur den einen, allein wahren Gott, aber nicht den mit einer Fülle der
göttlichen Macht begabten Menschen.
[GEJ.09_188,10] So ihr wahre Juden wäret, da
würdet ihr auch wohl dasselbe tun; doch als mehr Heiden denn Juden möget ihr
tun, was ihr wollet, denn ihr habet nicht nötig, euch für euren Glauben vor den
Pharisäern im Tempel zu Jerusalem zu verantworten!“
189. Kapitel
[GEJ.09_189,01] Sagte darauf der geheilte
Fischer, der aus Cypern gebürtig war: „Obschon ich von der Geburt an ein Heide
bin, so kenne ich aber Moses und die Propheten dennoch so gut wie du.
[GEJ.09_189,02] Steht es nicht im Propheten
Jesajas: ,Es ist eine Stimme des Predigers in der Wüste: Bereitet dem Herrn den
Weg, machet auf dem Gefilde eine ebene Bahn unserem Gott!‘? Und weiter heißt
es: ,Der Herr wird Seine Herde weiden wie ein Hirte; Er wird die Lämmer in
Seine Arme sammeln und in Seinem Busen tragen und führen die Schafmütter.‘
[GEJ.09_189,03] Wir sind zwar in Joppe, aber
wir haben dennoch aus dem Munde der zwei Jünger wohl erfahren, was sich alles um
Jerusalem zugetragen hat.
[GEJ.09_189,04] Die Stimme des Predigers in
der Wüste – war Johannes der Täufer, der Gott auf dem Gefilde eurer Blindheit
eine ebene Bahn bereitete, aber dafür durch die Eifersucht der Templer, die den
Herodes auf ihre Seite zu bringen verstanden, ins Gefängnis kam und bald darauf
enthauptet wurde.
[GEJ.09_189,05] Dieser Prediger in der Wüste
erkannte in dem Heilande aus Nazareth den Herrn, und sein Zeugnis öffnete
vielen die Augen. Warum blieben denn die Pharisäer blind und verstockten
Herzens? Haben sie nicht auch Moses und die Propheten?
[GEJ.09_189,06] Wenn der Prophet spricht:
,Der Herr wird Seine Herde (uns Menschen nämlich) weiden wie ein Hirte‘, – und
es geschieht das nun unzweifelhaft vor unsern Augen –, ist dieser Hirte, dessen
persönliche Ankunft auf diese Erde doch alle Propheten, von Moses angefangen,
treu und klar gerade für diese Zeit vorangekündigt haben, dann nicht einer und
ganz derselbe Herr und Gott, der Moses auf Sinai die Gebote gab?
[GEJ.09_189,07] So wir uns denn nun gläubigst
gleich den Lämmern um Ihn scharen und Er uns mit aller Liebe Seines
Gottherzens, gleich wie ein guter Hirte die Schafmütter, führt – was wir aus
Seiner Lehre und aus Seinen Taten nur zu wohl und klar erkennen –, glauben wir
da, so wir auch mehr Heiden als Juden sind, etwa an einen andern und fremden
Gott als an Den nur, an den allein zu glauben Moses geboten hat? Und tun wir
ein Unrecht, so wir Ihm für die uns erwiesene Gnade danken und Ihm allein die
Ehre geben?
[GEJ.09_189,08] Wahrlich, es gereicht euch zu
keiner Ehre, so wir als gewesene Heiden das Licht, das zu euch gekommen ist,
eher der vollen Wahrheit nach erkennen denn ihr als ein für solch ein Licht
nach eurer Schrift erwähltes Volk!“
[GEJ.09_189,09] Auf diese Rede des Fischers sagten
die Schiffer nichts Weiteres mehr; denn sie erkannten, daß der Redner in der
Schrift kundiger war denn sie, und wollten sich mit ihm in keinen Wortkampf
einlassen. Zugleich aber fingen sie unter sich an zu denken und auch zu reden,
daß der Fischer am Ende etwa doch recht haben könnte, und es wurden dabei
einige gläubiger, als sie früher waren. Sie lösten darauf bald ihre Schiffe und
fuhren nach Tiberias mit dem Versprechen zurück, die vierzig geheilten Joppeer
in ein paar Tagen allhier abzuholen, so diese es wünschten.
[GEJ.09_189,10] Diese (die Geheilten) aber
sagten: „Wir danken euch nun für euren guten Willen; wir werden einen andern
Weg in unsere Heimat nehmen!“
[GEJ.09_189,11] Auf das fuhren die Schiffer
vollends ab.
190. Kapitel
[GEJ.09_190,01] Unsere Joppeer aber besahen
sich die Ufer des Meeres und sprachen beständig von Mir. Sie besahen auch das
Badehaus und verwunderten sich höchlichst über dessen große, viele, überaus
zweckmäßig eingerichtete Räumlichkeiten und über deren Reinheit, und ebenso
besahen sie auch den ganzen großen Garten und rühmten den Badeherrn, den
Baumeister und den Gärtner, welche das einmal geschaffen haben mochten. Sie
fragten auch einen und den andern Badediener, wie lange diese herrliche Anstalt
schon bestehe, wer der Baumeister und von woher er gewesen sei.
[GEJ.09_190,02] Aber die Diener durften das
niemandem sagen, und sie beschieden die Frager mit dem, daß sie das schon vom
Badeherrn erfahren würden, so das zu ihrem Heile nötig sein werde.
[GEJ.09_190,03] Als diese vierzig im Garten
schon nahe gen Abend hin alles besehen und sich hoch verwundert hatten, da
gingen sie wieder ins Freie und berieten sich wegen einer Nachtherberge; und
als sie auf dem Berge mehrerer Zelte und eines großen tempelartigen Söllers
ansichtig wurden, da fragten sie einen Diener, der sich in ihrer Nähe befand,
ob sie als arme und mittellose Menschen auf dem Berge in den Zelten
Nachtherberge nehmen dürften.
[GEJ.09_190,04] Der Diener aber sagte: „So es
Zeit zur Nachtruhe wird, da werdet ihr schon wie ein jeder andere Gast damit
bedacht werden; nun aber geduldet euch, bis die Herren, die sich schon beinahe
den ganzen Tag auf dem Berge aufhalten und vergnügen, herab ins Haus kommen
werden!“
[GEJ.09_190,05] Damit waren die Geheilten
auch wieder zufrieden, begaben sich an ihre Tische, wo sich noch etwas Brot und
Wein befand, und stärkten sich damit und besprachen sich abermals besonders
über Mich. –
[GEJ.09_190,06] Was geschah aber währenddem,
als die Armen unten nach Meinem Willen behandelt, verpflegt und geheilt wurden,
auf dem Berge bei und unter uns?
[GEJ.09_190,07] Unser Raphael erzählte den
Anwesenden alles, was unten vor sich ging, und es ward die Klugheit des Dieners
gelobt, wie später auch die des Fischers aus Joppe wegen seines Benehmens gegen
die Schiffer von Tiberias. Und die Jünger des Johannes sahen nun noch mehr und
heller ein, daß die Joppeer nicht ohne Glauben an Mich von Mir von ihren Übeln
geheilt worden sind.
[GEJ.09_190,08] Als Raphael seine Erzählungen
beendet hatte und die Sonne sich schon sehr dem Untergange zu nahen begann, da
trat abermals der Arzt von Melite zu Raphael hin und sagte: „Hochherrlicher
Freund, seit hier mein Geist durch des Herrn Worte aus deinem Munde stets
wacher und heller wird, kommt mir alles, was ich je getan, gesehen und aus den
Büchern gelesen habe, so lebhaft in die volle Erinnerung, daß ich nun imstande
wäre, dir alle Bücher Mosis, der Propheten und noch gar vieles andere aus den
Büchern der Juden von Wort zu Wort herzusagen; und da finde ich nun etwas
Sonderbares eben in jener Zeit, als die Israeliten sich in der Wüste aufhielten
und sich von dem Manna, das täglich, mit Ausnahme des Sabbats, aus den Himmeln
reichlich zur Erde herabfiel, ernähren mußten.
[GEJ.09_190,09] Daß dieser Mannaregen ein
reines Wunder war, daran habe ich nun nicht den allergeringsten Zweifel, und es
besteht das, was mir da sonderbar vorkommt, denn auch nicht in dem offenbaren
Wunder, sondern in dem, daß da kein einziger Mensch an einem Tage von dem Manna
für sich und die Seinen mehr sammeln durfte, als genau nur so viel, wie er nach
der Vorschrift für den einen Tag benötigte. Nur am Freitage durfte ein jeder
auch für den Sabbat, an dem kein Manna aus den Himmeln kam, sich den
vorschriftsmäßigen Vorrat sammeln; wer sich aber an einem andern Tage einen
Vorrat auch für den kommenden Tag sammelte, dem ward solcher faul, stinkend und
voll Würmer und somit weder für Menschen noch für die Tiere genießbar.
[GEJ.09_190,10] Nun, in dieser sonderbaren
Verordnung Jehovas durch Moses und Aaron finde ich die eigentliche Weisheit des
Herrn und ihren Grund nicht heraus. Verhielt sich die Sache wohl in der Tat
also, oder ist das nur irgendeine allegorische, hieroglyphenartige Darstellung
irgendeiner geheimen, tiefgeistigen Wahrheit, die im Menschen erst dann
enthüllt wird, wenn sein Geist vollherrschend in der Seele geworden ist?
[GEJ.09_190,11] Wenn es aber in der Tat also
war, so begreife ich wahrlich nicht, warum sich kein Mensch außer am Freitage
für den Sabbat nur und für keinen andern Tag einen Vorrat sammeln durfte. Und
so das Manna am Sabbat nicht faul, wurmig und stinkend wurde, – warum ward denn
dann ein für einen andern Tag aufgesammelter Vorrat also, wie da beschrieben
ist? – Hochherrlicher Freund, möchtest du mir da nicht auch ein rechtes
Lichtlein in meiner Seele anzünden?“
191. Kapitel
[GEJ.09_191,01] Sagte Raphael: „Ja, du mein
Freund, die Sache verhielt sich in der Tat also, und das aus einem höchst
weisen Grunde; denn so Gott das in Ägypten ganz in alle schmutzigste
Welttümlichkeit versunkene Volk für ein höheres Licht erziehen wollte, da blieb
Ihm, nachdem das Volk die Lebensgesetze empfangen hatte, nichts anderes übrig,
als es durch volle vierzig Jahre in der kahlen und unfruchtbaren Wüste unter
aller möglichen Nüchternheit zu erhalten und so einem höheren Lichte
zuzuführen. Dieses Volk hatte sich in Ägypten durch seinen Schachersinn
einerseits und anderseits durch allerlei Entbehrungen angewöhnt, sich aufs
Sammeln, aufs übermäßige Sparen, dadurch auf die Habsucht und auf den bösen
Geiz derart zu verlegen, daß es ein sehr Schweres war, derlei Untugenden und
Laster bei ihm völlig zu vertilgen. Betrügen, stehlen, rauben, auch morden,
lügen und allerlei Hurerei und Ehebrecherei treiben, namentlich gegen die heidnischen
Ägypter, war dem Volke Gottes zur zweiten Natur geworden, trotz aller Mahnungen
und Züchtigungen.
[GEJ.09_191,02] Unter dem bekannten Pharao,
der dieses sonst sehr arbeitsame Volk zu gewaltig und zu grausam zu bedrücken
und nach allen Richtungen zu verfolgen anfing, gab es den Mahnungen Gottes
wieder Gehör und ließ von seinen vielen Untugenden und Lastern bedeutend ab,
und Gott erweckte Moses zum Retter dieses Volkes also, wie dir das aus den
Büchern bekannt ist.
[GEJ.09_191,03] Nun kam das Volk in die
starre Wüste, wo es keine Äcker, keine Gärten, keine Weiden, keine Milch, kein
Brot und keine Fleischtöpfe gab, worüber das Volk sehr betrübt ward und zu
klagen und zu murren begann; denn seine mitgenommenen Vorräte waren bald
aufgezehrt, und die Fische aus dem Roten Meere reichten nicht aus, um das Volk
zu ernähren.
[GEJ.09_191,04] Da erbarmte sich Gott des
Volkes und gab ihm das tägliche Brot aus den Himmeln. Als das Volk solches im
reichlichsten Maße aus den Himmeln bekam, da wurde der alte, arge, übertriebene
Sammel- und Schachergeist nur zu bald rege; aber Gott gab dem Volke durch Moses
sogleich wohlsanktionierte Vorschriften, wie die Nährgabe aus den Himmeln zu
sammeln und zu benutzen sei, und wer diese Vorschrift nicht achtete, der ward
denn auch alsbald genau nach der Vorschrift gezüchtigt.
[GEJ.09_191,05] Und siehe, das erstickte den
argen Weltsinnsgeist bald im ganzen Volke, denn beim Vorratsammeln des Manna
sah da niemals ein Gewinn heraus, und so hielt sich das Volk an die Vorschrift.
[GEJ.09_191,06] Daß das am Freitag für den
Sabbat gesammelte Manna sich auch am Sabbat frisch und wohl erhielt, das war
also der Wille des Herrn, um dem Volke, das in Ägypten des Ruhetages im Geiste
Gottes völlig vergessen hatte und nicht mehr gedachte, sondern an einem jeden
Tage gleichfort sammelte, arbeitete und kaufte und verkaufte, doch den einen
Tag in der Woche dahin zu erhalten, daß es sich an demselben aller unnötigen
Arbeit enthielte und sich mit Gott und dessen Lehre und Willen beschäftigen
solle. Denn ein Volk ohne allen Unterricht in den Sphären des Geistes
verkümmert, verwildert nur zu bald unter das Tierreich hinab und ist dann kaum
mehr imstande, sich durch die Macht des eigenen Verstandes und Willens zu einem
höheren Lichte emporzurichten.
[GEJ.09_191,07] Wenn du das alles nun
miteinander in eine rechte, bloß nur menschlich vernünftige Erwägung ziehst, so
wirst du da schon des Herrn Liebe und Weisheit sicherlich hellstrahlend
erkennen.
[GEJ.09_191,08] Es hat aber diese Erscheinung
beim israelitischen Volke freilich auch einen tiefst geistigen und himmlischen
Sinn.
[GEJ.09_191,09] Das Brot, das der Herr in der
natürlichen Wüste, die aber dabei auch der inneren, geistigen Wüstheit des
israelitischen Volkes entsprach, eben für dies Volk zur leiblichen Ernährung
aus den Himmeln regnen ließ, entspricht nun dem Herrn Selbst, der nun in die
wahre geistige Wüste der Menschen als das lebendige Brot aus den Himmeln
herabgekommen ist. Sein Wort, Seine Lehre und Seine Liebetaten sind das wahre,
lebendige Brot aus den allerhöchsten Himmeln. Wer von diesem Brote tatsächlich
essen wird, der wird nimmerdar sterben der Seele nach, sondern er wird in sich
haben das ewige Leben.
[GEJ.09_191,10] Gar viele, die das alte Manna
gegessen haben, sind gestorben, nicht nur dem Leibe, sondern leider auch der
Seele nach, und sind bis zur Stunde noch nicht zum Leben auferstanden; die aber
dieses lebendige Manna im Geiste der Tat nach essen werden, die sind in sich
auch schon zum ewigen Leben auferstanden. Und siehe, das ist der geistige Sinn
des einstigen Mannas!
[GEJ.09_191,11] Das natürliche Manna aber,
von dem sich die Israeliten keinen Vorrat sammeln durften, entspricht auch dem,
daß sich die Menschen keine solchen Schätze sammeln sollen, welche vom Rost und
von den Motten zerstört werden können, sondern nur die Schätze des Sabbats für
Seele und Geist, die ewig bleiben. – Verstehest du das nun?“
[GEJ.09_191,12] Der Arzt bejahte das
dankbarst, und alle staunten über diese Rede; denn das verstanden früher auch
Meine Jünger nicht.
192. Kapitel
[GEJ.09_192,01] Es meinte nun darauf unser
Markus, da die Sonne bereits unter den Horizont zu sinken begann, ob es nicht
gewisserart angezeigt wäre, sich nun, da auch in der herbstlichen Jahreszeit
die Abende oft kühler werden, hinab ins Haus zu begeben.
[GEJ.09_192,02] Ich aber sagte: „Freund, dazu
ist es noch um wenigstens eine halbe Stunde zu früh. Sorge dich ja nicht, ob
für uns ein Abendmahl bereitet wird oder nicht; denn so wir ins Haus
zurückkommen werden, da wird schon alles in Ordnung sein!
[GEJ.09_192,03] Hier auf dem Berge aber wird
sich noch etwas zutragen, daß ihr euch darob höchlich verwundern werdet, und es
wird das auf euer Herz und eure Seele eine beste Wirkung machen; darum aber
heißt es hier noch eine gute halbe Stunde verweilen.
[GEJ.09_192,04] So die Sonne vollends
untergegangen sein wird, so werdet ihr Mich loben und preisen, daß Ich euch
solches offenbart habe. Von nun an aber verhaltet euch bis dahin in völliger
Ruhe!“
[GEJ.09_192,05] Darauf wurde alles still und
ruhig. Auch den Geistern in der Luft, in der Erde und in den Gewässern wurde
von Mir im stillen geboten, sich völlig ruhig zu verhalten. Und so wurde es in
der ganzen sichtbaren Natur derart völlig ruhig, daß sich nicht ein noch so
leises Lüftchen irgend rührte, kein Vöglein irgend fliegend zu erschauen war
und das Wasser des Sees so vollkommen ruhig war, daß man die den großen See
umlagernden hohen Berge aus dem Spiegel des Meeres ebenso klar und ungetrübt zu
Gesichte bekam wie von der Natur, was alle Anwesenden im hohen Grade entzückte,
weil sie solch eine vollkommenste Ruhe des Sees zuvor wohl kaum je gesehen
hatten.
[GEJ.09_192,06] Es hätten Mich gern einige
gefragt, was solch eine noch nie erlebte vollkommenste Ruhe in der Natur wohl
zu bedeuten habe. Aber weil Ich allen Anwesenden ohne Ausnahme die vollste Ruhe
geboten hatte, so getraute sich niemand, seinen Mund zu öffnen. Auch im Hause
unten, wie auch in der großen Badeanstalt war alles völlig ruhig geworden,
obschon da niemand wußte, was ihn zu solch völlig tatloser Ruhe bewogen hatte.
Auch unser Raphael, der sich in Meiner Nähe befand, verhielt sich derart ruhig
wie eine Bildsäule.
[GEJ.09_192,07] Als es vollends dämmerlich zu
werden begann und die Sterne nach und nach sichtbar wurden, da fingen in der
ganz reinen und vollkommen ruhigen Luft an sich eine Menge bekannter, aber noch
mehr unbekannter Gegenden, besonders am westlichen Himmel, zu zeigen. Man
ersah, soweit das Auge reichte, die Küste des Mittelmeeres mit allen
Ortschaften und Schiffen, und alle bemerkten, daß sich auch das große
Mittelmeer in einer vollkommenen Ruhe befand. Ganz am westlichen Rande, wo die
Sonne unterging, kam auch das getreue Bild der Sonne in einer sehr geröteten
Färbung zum Vorschein, worüber sich alle Anwesenden bei sich höchlichst zu
verwundern anfingen. Diese Erscheinungen wurden von Minute zu Minute lebhafter.
[GEJ.09_192,08] Als sich die Anwesenden schon
sattsam diese Erscheinungen besehen hatten, da sagte Ich zu den Jüngern: „Nun
urteilet ihr über diese Erscheinung, die zu gewissen Zeiten besonders in
Ägypten und im wüsten Arabien sehr häufig zum Vorschein kommt, oft auch am
hellen Tage, und die Menschen zu allerlei Aberglauben verleitet!“
[GEJ.09_192,09] Auf diese Meine Aufforderung
sagten die Jünger: „Herr, es sind uns ähnliche Erscheinungen eben nicht völlig
fremd; aber was sie so ganz eigentlich der vollen Wahrheit nach sind, und wie
und warum sie entstehen, das hat, wie gar vieles andere, noch kein sterblicher
Mensch ergründet.
[GEJ.09_192,10] Hier hast offenbar Du sie
entstehen lassen, um uns auch über derlei Dinge die rechte Auskunft zu
erteilen, auf daß wir bei derlei Vorkommnissen nicht in der Irre sein sollten;
doch wie sie sonst in ähnlicher Weise entstehen, das weißt nur Du und Raphael.
[GEJ.09_192,11] Die Juden halten sie für
prophetische Vorzeichen und für eine bedeutungsvolle und inhaltsschwere
Zeichenschrift Jehovas, ähnlich der, die wir vor einiger Zeit auf dem Ölberge
in der Nacht zu sehen bekamen.
[GEJ.09_192,12] Für was sie aber die Heiden
halten, davon haben wir noch wenig vernommen, da wir uns mit ihrer Götterlehre
nie befaßt haben. Da wir aber nun mehrere völlig bekehrte Heiden unter uns
haben, so wollen diese nun auch ihre Ansicht und ihren Glauben über derlei
Erscheinungen zum besten geben.“
[GEJ.09_192,13] Hier traten die am Morgen
zuerst den allein wahren Gott suchenden und geheilten zwei Griechen vor Mich
hin und sagten: „Herr und Meister! Die Fabel von der großen Hexe Morgana ist zu
dumm, als daß wir es wagen könnten, sie hier wiederzugeben; denn wir selbst
haben sie schon als Knaben verlacht, und so muß sie uns nun um so dümmer und
lächerlicher erscheinen.
[GEJ.09_192,14] Aber wir hatten auf unseren
weiten Reisen nicht nur oftmals die Gelegenheit, solche Erscheinungen – wenn
auch nicht immer in dieser Ausdehnung – zu beobachten, sondern auch mit ganz
tüchtigen Naturforschern und Weltkundigen darüber zu sprechen, und darunter war
einer, der nach unserer Meinung den Nagel so ziemlich auf den Kopf getroffen zu
haben scheint.
[GEJ.09_192,15] Dieser meinte, daß derlei
Erscheinungen, so wie tausend andere, einen völlig natürlichen Grund haben und
als sichere Vorboten von andern auf sie folgenden Erscheinungen zu betrachten
und zu beachten sind, besonders für die Schiffer auf dem Meere und für die
Karawanen durch große Sandwüsten. Da sie stets nur bei einer möglich größten
Ruhe der auf der Erde lagernden Luft zum Vorschein kommen, so scheine es, als
ob die ganze ruhige Luft in der Höhe der Wolkenregion gleich einer vollkommen
ruhigen Wasserfläche abspiegelungsfähig würde, und wir bekämen dann von der
hochstehenden und ruhigen Luftspiegelfläche von oft weiter Ferne sich da
abspiegelnde Gegenden, Orte, Berge, Ströme und eine Menge uns unbekannter Dinge
zu Gesichte. Werde aber die Luft – was auf derlei Erscheinungen unausbleiblich
zu geschehen pflegt – unruhig, und fingen Winde zu wehen an, dann vergingen
auch alsbald derlei Erscheinungen, weil durch die stets heftiger werdende
Luftströmung die Luft ihre Ruhe und mit ihr auch die Abspiegelungsfähigkeit
gänzlich verlöre.
[GEJ.09_192,16] Ob nun diese Ansicht unseres
Naturkundigen eine vollkommen wahre und richtige ist, das wissen wir nicht der
vollen Wahrheit nach zu beurteilen; aber daß sie für den forschenden, helleren
Menschenverstand noch als die allerwahrscheinlichste und begreifbarste
erscheint, dessen sind wir völlig dadurch überzeugt, weil auf derlei
Erscheinungen die Folgen stets sicher eintreffen.
[GEJ.09_192,17] Zugleich haben wir bei
solchen Erscheinungen auch oft das bemerkt, daß die Abbilder auf dem seienden
Luftspiegel umgekehrt zu sehen sind, und das bestätigt die Ansicht unseres
Naturkundigen noch mehr; denn die Abbilder auf einer vollständig ruhigen
Wasserfläche sind ja auch allzeit in einer verkehrten Richtung zu sehen, –
warum nicht auch auf einem Luftspiegel?
[GEJ.09_192,18] Das wäre nun denn auch unsere
Ansicht über derlei Erscheinungen. Wer da von uns Jüngern eine bessere besitzt,
der wolle sie vor uns aussprechen!“
193. Kapitel
[GEJ.09_193,01] Sagte einer aus der Zahl der
bekannten Judgriechen aus Jerusalem, der ehedem ein Schriftgelehrter war: „Eure
Ansicht über diese Sache, obschon dem Weltverstande so ziemlich annehmbar
vorkommend, scheint mir denn doch ein wenig zu naturgemäß zu sein, da sie jedes
geistigen Hintergrundes entbehrt.
[GEJ.09_193,02] Wir sahen ja auch nicht nur
Gegenden, Orte, Berge und das große Meer mit seinen vielen Schiffen, sondern
auch die Sonne mit einigen Wölkchen, die um sie schwebten. War denn diese auch
nur ein pures Abbild auf dem von euch recht wohlbeschriebenen Luftspiegel?“
[GEJ.09_193,03] Sagte der eine der beiden
Griechen: „Du scheinst ehedem, als der Geist, namens Raphael, uns die Erde, den
Mond und die Sonne genau dargestellt hat und so auch alle die Verhältnisse
dieser Weltkörper zueinander, eben nicht besonders aufmerksam gewesen zu sein.
Vielleicht hast du bei seinen Erklärungen etwa auch einen zu geringen geistigen
Hintergrund entdeckt?
[GEJ.09_193,04] So der Untergang der Sonne,
des Mondes und aller Sterne nur dadurch bewirkt wird, daß unsere Erde als eine
große Kugel sich in etwa 24 Stunden und etwas darüber von Westen nach Osten um
ihre Achse dreht, so muß ja die Sonne scheinbar auch stets tiefer unter unseren
sichtbaren Horizont zu stehen kommen. Da aber der Luftspiegel sicher sehr hoch
über unseres Westhorizontes Berge zu stehen kommt, so wird er die in solcher
Höhe sicher noch um eine Stunde länger sichtbare Sonne als Abbild auf seiner
Fläche ebensogut wiedergeben können wie alle andern tiefer liegenden Dinge. –
Verstehet ihr solches?“
[GEJ.09_193,05] Die Judgriechen sahen
einander groß an, und der Schriftgelehrte sagte: „Es ist nahezu ärgerlich, daß
uns die Heiden nicht nur physisch beherrschen, sondern auch geistig; denn sie
überflügeln uns bei allen Gelegenheiten mit ihrem Verstande, mit ihren
Kenntnissen und Wissenschaften und vielfachen Erfahrungen hoch, und wir können
ihnen keine Gegenrede stellen, die so beschaffen wäre, daß sie uns dieselbe
nicht widerlegen könnten.
[GEJ.09_193,06] Zwar hat weder der Herr noch
Raphael über diese Erscheinung eine Erklärung gegeben; aber, wie ich die Sache
nun beurteile, so wird der Grieche ganz sicher recht haben!“
[GEJ.09_193,07] Sagte nun Ich: „Da hast du
einmal auch richtig geurteilt, so du dem Griechen sein Recht zuerkennest; denn
er hat nach dem, was er selbst von einem helldenkenden Naturkundigen hier
angeführt hat, diese Erscheinung ganz richtig beurteilt, und was nach ihr bald
folgen wird nach seiner Anzeige, davon werden wir in ein paar Stunden den
Beweis bekommen.
[GEJ.09_193,08] Weißt du als ein
Schriftgelehrter denn noch nicht, wie es in der Schrift also geschrieben steht:
,In jener Zeit wird den Juden die Macht und das Licht genommen und den Heiden
gegeben werden.‘?
[GEJ.09_193,09] Und sieh, auf Grund dessen
herrschen nun die Heiden über euch und übertreffen euch an Verstand und allen
Künsten, Kenntnissen und allerlei Wissenschaften himmelhoch und werden euch, so
ihr nicht vollkommen in Meiner Lehre verbleiben und nach ihr leben und handeln
werdet, noch mehr und über alle Maßen gänzlich übertreffen und in Staub zertreten
das ganze, große Gelobte Land. Das schöne, große Jordantal mit seinen vielen
Städten, Flecken und Dörfern wird zu einer Wüste werden, in der neben Dieben
und Räubern wilde Tiere wohnen werden.
[GEJ.09_193,10] Ich bin gekommen in diese
Welt und als Selbstjude zu euch Juden, um euch zu retten aus jeglicher Not;
zählet aber die Juden, die an Mich glauben, – wie klein und gering ist ihre
Zahl gegen die, so Mich hassen und allenthalben verfolgen! Zählet aber nun die
Heiden, die von nah und fern stets hierher kommen und mit vieler Freude Meine
Lehre annehmen und Mich auch als Den, der Ich bin, bald und leicht anerkennen
und Mich gleich über alles lieben!
[GEJ.09_193,11] Und so liegt es ja auch
handgreiflich vor euren Augen, wie und warum die Macht und das Licht den Juden
genommen und den Heiden gegeben wird.
[GEJ.09_193,12] Es wird zwar in der Folge das
Licht auch unter den Heiden sehr getrübt und verfinstert werden. Sie werden
sich wohl mit großem Pomp Meine Gesalbten nennen und hochpreisen lassen, aber
in der Tat werden sie um vieles ärgere Heiden sein als nun die Römer, Griechen
und andere Heiden von ganz Europa.
[GEJ.09_193,13] Doch selbst unter solchen
Heiden wird es stets eine Menge geben, die in Meiner Lehre verbleiben werden und
sich von der Welt und ihren flüchtigen Reizen nicht blenden und verlocken
lassen.
[GEJ.09_193,14] Zählet aber nun die Juden,
wie viele es etwa gibt, die sich von dem Mammon dieser Welt nicht haben
verführen und verlocken lassen! In allen Städten Galiläas, Judäas, Palästinas,
Kanaans und Samarias und noch anderer Landschaften werdet ihr nicht hundert
finden, die von alters her die Wahrheit nach Moses und den Propheten im Herzen
und in der Tat befolgt und bewahrt haben. Nur in dieser Zeit hat sich eine größere
Anzahl durch Meine Lehre wieder zur alten Wahrheit zurückgewandt, und das
zumeist nur aus der Klasse der Armen.
[GEJ.09_193,15] Vergleiche Ich aber die große
Zahl der bekehrten Heiden aus allen Teilen und Gegenden der Erde, so ist diese
schon jetzt um tausend Male größer als die der Juden, unter denen Ich in diese
Welt kam und nun unter ihnen als ein wahrstes und hellstes Licht umherwandle
und sie allenthalben laut rufe, daß sie alle zu Mir kommen sollen.
[GEJ.09_193,16] Wenn aber nun vor euren Augen
und Ohren solches geschieht, wie verwundert ihr euch denn nun in eurem Gemüte
geheim, so Ich sage der Wahrheit nach, daß die Macht und das Licht den Juden
genommen und den Heiden gegeben werden wird, und daß es am Ende selbst unter
den überaus verfinsterten Christheiden dennoch immer viele geben wird, die bei
der Urwahrheit verbleiben werden und sich von der Welt nicht also betören
lassen?“
194. Kapitel
[GEJ.09_194,01] (Der Herr:) „Ja, ja, es wird
mit der Zeit wohl noch eine große Finsternis und Trübsal und Not über die
Menschen kommen, wie sie zuvor noch niemals also von den Menschen erlebt worden
ist; aber in dieser größten Finsternis werden gar viele das wahre Licht suchen
und auch finden, und mit diesen werde Ich sein und Gericht halten über alle Menschen
der Erde!
[GEJ.09_194,02] Und so, wie unser
Henoch-Raphael nun ein Zeuge ist von dem, was nun geschieht, ebenso werdet auch
ihr in jener Zeit Zeugen sein, daß es also geschehen wird, wie Ich es euch nun
zum voraus gesagt habe.
[GEJ.09_194,03] Saget aber ja nicht in euren
Herzen, daß es nicht fein sei, dem alten erwählten Volke Gottes die Macht und
das Licht zu nehmen und es den Heiden zu geben!
[GEJ.09_194,04] Ich sage es euch: Niemand
nimmt es den Juden und gibt es den Heiden, sondern die Juden selbst stoßen mit
dem zu ihnen gekommenen Lichte auch die Macht von sich. Und wenn die Heiden mit
allem Eifer annehmen, was die Juden verwerfen und verstoßen, – bin da Ich es,
der den Juden Licht und Macht wegnimmt und es den Heiden gibt, oder tun das nun
nicht die blinden Juden selbst?
[GEJ.09_194,05] Ich sage es euch: Es haben
die Juden wohl noch die Schrift und halten aus ihr dem blinden Volke auch
blinde Predigten von Selbstsucht und ehebrecherischer Unlauterkeit. In der
Schrift stehen wohl noch die alten Wahrheiten verdeckt, sie werden aber weder
vom Prediger, der kein inneres Licht hat, und noch weniger vom Volke dem Geiste
der Wahrheit nach verstanden, und es führt also ein Blinder den andern, und
kommen sie an eine Grube, so fallen beide hinein, und es kann keiner dem andern
helfen.
[GEJ.09_194,06] Was nützen demnach nun den
Juden Moses und alle die Propheten? Die in ihnen enthaltenen Urwahrheiten sind
für sie nicht einmal so viel wert, wie für euch die frühere Erscheinung
irgendeinen reellen Wert haben konnte, da sie nur ein flüchtiges und zum
größten Teil verkehrtes Luftspiegelabbild von tiefer liegenden Wirklichkeiten
war.
[GEJ.09_194,07] Solch ein ziemlich ähnliches
Abbild von den tief liegenden Wahrheiten der Schrift erblicken auf Momente wohl
auch noch dann und wann die gegenwärtigen Judenpriester; da aber ihr Herz und
Gemüt von all den vielen Weltsorgwinden nur zu bald und zu leicht zerrissen
wird, so wird auch der Herzens- und Gemütsspiegel zur Aufnahme für geistige
Dinge und Wahrheiten aus der Sphäre des inneren Geistlebens zerrissen und
zerstört, und sie können dann die in der Schrift verhüllten Wahrheiten nicht
mehr erschauen und erkennen und werfen sich gleich allem Welttaumel in die
Arme.
[GEJ.09_194,08] Sie denken an die gehabten
Lichtmomente gar nicht mehr und treiben sich in aller Schwelgerei wieder also
weiter durch ihr ganzes Erdenleben fort; und ermahnt man sie, daß sie sich auf
dem Wege des Verderbens befinden, so werden sie voll Ärgers, Zorns und
verfolgen Den, Der zu ihnen voll Niedrigkeit, Liebe, Sanftmut, Geduld, Demut
und voll Güte und Erbarmung gekommen ist.
[GEJ.09_194,09] Wenn aber also – wie ihr euch
selbst schon zu gar öfteren Malen habt überzeugen können –, bin Ich es dann,
der solchen Juden die Macht und das Licht nimmt und sie den Heiden gibt, oder
tun sie das nicht selbst?
[GEJ.09_194,10] Wer da sucht, der findet; wer
da kommt und bittet, dem wird's gegeben – und wäre er auch ein dreifacher Heide
– und so da kommt ein Heide und pocht bei Mir an die Tür, so wird sie ihm
aufgetan.
[GEJ.09_194,11] Und so wird es werden, daß
die alten Kinder des Lebenslichtes aus Gott durch ihr eigenes Tun und Treiben
in die äußerste Weltfinsternis hinausgestoßen werden, wo sie dann den Wölfen
und Schweinen gleich heulen und mit den Zähnen klappern werden; aber die Kinder
der Welt, die Heiden nämlich, werden in Mein ewiges Lebensreich aufgenommen
werden.
[GEJ.09_194,12] Wie eine Mutterhenne ihre
Küchlein lockt und sie unter ihren Flügeln zu verbergen und zu schützen strebt
vor den Feinden, also habe Ich die Kinder Abrahams allzeit mit Meiner
Vaterstimme gelockt und wollte sie versammeln unter Meinen Flügeln des Lichtes,
der Wahrheit und des ewigen Lebens, und siehe, als Ich redete durch den Mund
der Propheten, da sagten sie: ,Wir erkennen wohl aus der Sprache, daß das
Jehovas Wort und Stimme ist; aber warum kommt Er nicht Selbst zu uns, wie Er
einst zu Abraham, Isaak und Jakob gekommen ist, und redet mit uns, Seinen
Kindern?‘
[GEJ.09_194,13] Darauf geschahen Verheißungen
über Verheißungen, daß Ich in dieser Zeit Selbst kommen werde mit aller Meiner
Macht und Kraft und Mein ganzes ewiges Lebensreich mit Mir.
[GEJ.09_194,14] Die geweissagte Zeit ist
gekommen und Ich mit ihr, genau nach der Weissagung; warum nehmen sie Mich denn
nicht an, warum erkennen sie Mich denn nicht, warum glauben sie nicht an Mich,
da Ich doch vor ihren Augen zur Steuer der ewigen Wahrheit aller Weissagung von
Meiner persönlichen Ankunft in diese Welt Zeichen wirke, die außer Mir und
Meinem Willen niemandem möglich sind?
[GEJ.09_194,15] Für alle Meine Liebe, Güte,
Sanftmut, Demut, Geduld und Erbarmung hassen sie Mich und verfolgen Mich mit
aller Hast und Wut!
[GEJ.09_194,16] Sind das demnach die
gepriesenen Kinder des Lichtes? Oh, mitnichten! Das sind nun Kinder der Hölle,
und nicht Gott, sondern der Teufel ist ihr Vater.
[GEJ.09_194,17] Ist es bei solchen Umständen
denn von Mir unrecht, so Ich nun die Heiden zu Meinen Kindern mache und die
Kinder des Teufels dahin verweise, wo das Reich ihres nunmaligen Vaters und
Herrn ist?
[GEJ.09_194,18] Sage Mir, du
Schriftgelehrter, nun, ob Ich da unrecht handle, so Ich die zu argen Juden
fahren lasse nach ihrem freien Willen und Ich den Heiden zukommen lasse Macht
und Licht!“
[GEJ.09_194,19] Hierauf sagte der
Schriftgelehrte: „Herr und Meister, wer kann mit Dir rechten? Was Du sprichst,
das ist ewig wahr, und was Du tust, ist ewig gut!
[GEJ.09_194,20] Auch die Heiden stammen von
Noah ab wie die Juden. So sie zu Dir nun wieder zurückkehren, so ist das ihr
Wohl und Glück, und Du stößest sie nicht von Dir, – und wer sollte da sagen
können, daß es nicht recht wäre, so Du sie annimmst anstatt der Kinder des
Lichtes, die Dich als Den nicht anerkennen und annehmen wollen, der Du vor uns
aller Wahrheit nach bist?!
[GEJ.09_194,21] O Herr und Meister, vergib mir
die Dummheit meiner ehedem ausgesprochenen Worte! Mit Deiner Gnade werden wohl
auch wir noch in allen Dingen Deines Reiches einmal vollends ins klare kommen.“
[GEJ.09_194,22] Sagte Ich: „Das sollet ihr
auch; aber verwundern müßt ihr euch selbst darüber, daß nun die Heiden als
Kinder der Welt in gar vielen Dingen und Stücken klüger sind denn ihr! – Aber
nun nichts Weiteres mehr von dem!
[GEJ.09_194,23] Die Erscheinung ist nun
gänzlich vergangen, und es ist schon ziemlich dunkel geworden; wir wollen uns
denn nun auch wieder hinab ins Haus begeben und ein schon bereitetes Abendmahl
zu uns nehmen. Die Joppeer harren schon mit vieler Sehnsucht auf uns, und sie
sollen auch Kunde von Meiner Gegenwart erhalten. Und so sie diese erhalten
werden, da werden sie darob sicher eine größere Freude haben als die Juden zu
Jerusalem, so Ich wieder zu ihnen kommen werde. Und so machen wir uns denn nun
auf und begeben uns ins Haus hinab!“
195. Kapitel
[GEJ.09_195,01] Hier kam auch ein Diener des Markus,
und zwar derselbe, der uns zu Mittag die Einladung zum Mittagsmahle gebracht
hatte. Diesen belobte Ich wegen der guten und klugen Behandlung der armen und
kranken Joppeer. Er dankte Mir für diese Belobung, und wir machten uns auf den
Weg hinab.
[GEJ.09_195,02] Wir erreichten auch bald das
Haus und gingen sogleich in das Gastzimmer; denn es hatte von Westen her ein
ziemlich starker Wind zu wehen angefangen, der auch den Joppeern zu arg ging,
die sich im Freien, und zwar am Ufer des Sees, aufhielten und mit den
anwesenden Schiffern unseres Kisjona Bekanntschaft machten, sich mit ihnen viel
über Mich besprachen und von ihnen auch Andeutungen bekamen, daß Ich noch hier
verweile und sie Mich zu Gesichte bekommen dürften.
[GEJ.09_195,03] Als sie wahrnahmen, daß die
gewissen Herren vom Berge herab ins Haus gekommen waren, da ging der bekannte
Fischer, der geborene Cyperer, sogleich zum Hause hin und fragte einen Diener,
ob auch sie ins Haus kommen dürften; denn der Wind am See draußen im Freien
werde stets heftiger, kühler und unangenehmer.
[GEJ.09_195,04] Und der Diener sagte: „Gehe
du hinein und rede mit dem Herrn Selbst; Er wird dir schon den rechten Bescheid
erteilen.“
[GEJ.09_195,05] Sagte der Fischer: „Freund,
wie ich durch diese offene Tür bemerke, so sitzen viele am großen Speisetisch!
Welcher von ihnen ist es wohl?“
[GEJ.09_195,06] Sagte der Diener: „Gehe du
nur hinein und frage auch selbst nach dem Herrn, und du wirst es gleich
erfahren, welcher unter den vielen der Herr ist!“
[GEJ.09_195,07] Hierauf kam der Fischer mit
einigem Bangen zu uns ins Speisezimmer, machte vor uns eine tiefe Verbeugung
und sagte darauf mit einer entschlossenen Stimme: „Meine hochwertesten Freunde
und Herren dieses Ortes, ich möchte in einer Angelegenheit mit dem eigentlichen
Oberherrn dieses Ortes ein paar Wörtlein sprechen! Wollet ihr mir armem Joppeer
denn nicht gütigst anzeigen, an welchen von euch ich mich wenden soll?“
[GEJ.09_195,08] Sagte hierauf freundlichst
unser Markus: „Ja, du mein Freund, der zeitliche Besitzer und Pfleger dieses
Ortes wäre wohl ich; aber der eigentliche und allein wahre Herr und Meister
über alles ist der Mann, hier zu meiner rechten Hand sitzend! Von Dem hängt
alles ab, was du hier zu erreichen wünschest.“
[GEJ.09_195,09] Auf diese Worte des Markus
trat der Fischer in aller Ehrfurcht zu Mir hin, machte abermals eine tiefe
Verbeugung und wollte mit gar zierlichen Worten mit Mir zu reden anfangen.
[GEJ.09_195,10] Ich aber sagte zu ihm: „Ich
weiß es schon, was du Mir sagen und vortragen möchtest. Sieh, dort in der
andern Ecke dieses geräumigen Speisezimmers befindet sich noch ein großer
Speisetisch und ist bereits mit Wein, Brot und anderen Speisen versehen! Gehe
hinaus, führe deine Gefährten alle herein, besetzet den Tisch, und stärket euch
mit Speise und Trank! Darauf wird es sich schon zeigen, was in dieser Nacht
noch als ein Weiteres zu machen sein wird. Gehe nun und tue das, was Ich dir
anbefohlen habe!“
[GEJ.09_195,11] Hierauf machte der Fischer
wieder eine tiefe Verbeugung voll Dankes in seinem Herzen und eilte hinaus zu
seinen Gefährten, die schon mit der höchsten Sehnsucht auf seine Rückkehr
harrten.
[GEJ.09_195,12] Als er ihnen das mitteilte,
was Ich zu ihm gesagt hatte, da entstand ein großer Jubel unter ihnen, und sie
verließen alsbald das Ufer und begaben sich voll Dankes in das Zimmer, machten
beim Eintreten tiefe Verbeugungen vor uns, setzten sich darauf sogleich an den
für sie gedeckten Tisch und fingen nach der Absingung eines Psalmes recht
wacker zu essen und zu trinken an und wurden bald sehr heiteren und fröhlichen
Mutes.
[GEJ.09_195,13] Auch an unserem Tische wurde
alles lebhafter, und es fehlte nicht an allerlei Erzählungen von Meinen Taten
und Lehren, auf welche die Joppeer stets aufmerksamer wurden und darum
untereinander stets weniger Worte wechselten.
[GEJ.09_195,14] Aus den Worten Meiner Jünger
aber merkten die Joppeer bald, daß Ich unter denen sein dürfte.
[GEJ.09_195,15] Und der Fischer wandte sich
an einen Diener und sagte: „Freund, sage es uns doch gefälligst, welcher dort
am Herrentische ist wohl der hier nun sicher anwesende große und heilige
Meister aus Nazareth, von dem uns in Joppe zwei Seiner von Ihm ausgesandten
Jünger gepredigt haben, daß in Ihm wohne die Fülle des Geistes Gottes
körperlich und darum alles Seinem Willen gehorche! Wer an Ihn glaube und nach
Seiner Lehre lebe und handle, der werde von Ihm das ewige Leben überkommen und
in das Himmelreich aufgenommen werden!“
[GEJ.09_195,16] Sagte der Diener: „Wie fragst
du mich darum? Siehe, wir alle haben von unserem Dienstherrn ein Gebot, den
Heiligen aus Nazareth vor keinem Gaste ruchbar zu machen, und wir müssen das
Gebot halten. Gehe aber hin, und rede mit Dem, der euch hereinkommen hieß auf
deine Bitte; Der wird dir die Wahrheit verkünden!“
[GEJ.09_195,17] Sagte der Fischer und mit ihm
mehrere seiner Gefährten: „O Freund, wir danken dir für deine uns gespendeten
Worte! Uns ist nun schon alles klar; eben Der, an den wir uns wenden sollten,
um die Wahrheit zu vernehmen, ist der Heilige aus Nazareth Selbst! Wir begreifen
nun, warum dein alter Dienstherr Ihn uns als den eigentlichen und wahren Herrn
über alles angezeigt hat. Darum Ihm allein alle Ehre, alles Lob und alle unsere
Liebe und Anbetung!“
[GEJ.09_195,18] Hierauf sagte der Diener: „So
bleibet denn bei dem, was euch euer Geist eingegeben hat!“
[GEJ.09_195,19] Darauf ging der Diener weiter
seinem Geschäft nach, der Fischer aber sagte zu seinen Gefährten: „Freunde und
Brüder, da wir nun wohl wissen, daß eben Der der Heilige aus Nazareth es ist,
den mir der Inhaber dieser Anstalt als den eigentlichen, wahren Herrn über
alles anzeigte, und der uns hereinkommen hieß und uns an diesen Tisch behieß,
an dem wir uns nun wohl gesättigt und erquickt haben, so ist auch nur Er es,
Dem allein wir nun schon zum zweiten Male unsere vollkommene Heilung von unsern
Übeln zu verdanken haben!
[GEJ.09_195,20] Es ist nun hoch an der Zeit,
daß wir Ihm, da wir das unschätzbare Glück hatten, Ihn erstens hier persönlich
gegenwärtig seiend zu treffen, und nun auch zu erkennen, nun denn auch mündlich
unsern Dank, wie wir ihn in unseren Herzen lebendigst empfinden, darbringen und
Ihn dann aber bitten, daß Er uns auch in der Folge bis ans Ende unseres Lebens
mit Seiner allmächtigen Gnade und Liebe nicht verlassen möchte; denn all unser
Heil hängt von nun an nur von Ihm ab.“
[GEJ.09_195,21] Mit diesem Vortrage des
Fischers waren alle vollkommenst einverstanden, erhoben sich von ihren Sitzen
und schickten sich an, vor Mich hinzutreten, um Mir mündlich ihren Dank
vorzutragen und dann Mich um das zu bitten, was der Fischer ihnen vorgetragen
hatte.
[GEJ.09_195,22] Ich aber kam ihnen zuvor,
erhob Mich von Meinem Sitze, ging zu ihnen hin und sagte zu ihnen: „Seid nun
ruhig, Meine Kinder und Freunde, der Dank und die Bitte in euren Herzen genügen
Mir, und durch euren Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir und also auch
zu euren Nächsten soll bei Mir für ewig hin auch eure Bitte die vollste
Gewährung finden. Setzet euch nun nur wieder an eure Plätze, und seid voll
frohen Herzens!
[GEJ.09_195,23] Es wird sich aber noch vor
Mitternacht so manches zu eurer tieferen Belehrung zutragen, was ihr mit vieler
Aufmerksamkeit für euch und für viele eurer blinden Brüder treu behalten und
bewahren sollet; denn auch ihr könnet in der Folge Verbreiter Meines Namens und
Meiner Lehre werden und sein.“
[GEJ.09_195,24] Hierauf begab Ich Mich wieder
auf Meinen Platz, und die Joppeer dankten Mir aus voller Brust nach und konnten
Mich nicht genug rühmen und loben darum, daß Ich Selbst an ihren Tisch gekommen
war und sie im größten Übermaße getröstet hatte.
[GEJ.09_195,25] Markus aber gebot den
Dienern, noch mehr Brot und Wein an den Tisch der Joppeer zu bringen, was denn
auch sogleich geschah, und diese nahmen denn auch von Zeit zu Zeit etwas Wein
und Brot zu sich und horchten stets mit der größten Aufmerksamkeit auf alles,
was an unserem Tische besprochen wurde.
[GEJ.09_195,26] Mit der Weile erkannten sie
auch die an unserem Tische sich befindende Maria aus den Gesprächen der Jünger
als die Mutter Meines Leibes und priesen sie unter sich als die glücklichste
aller Mütter auf der ganzen Erde.
[GEJ.09_195,27] Da ging die Maria zu den
Joppeern hin und sagte zu ihnen: „Liebe Freunde, preiset allein nur den Herrn,
und tut nach Seinem Willen! Ich bin wohl die Mutter Seines Leibes nach Seinem
ewigen Ratschluß; aber Er allein ist der Herr von Ewigkeit, und Ihm allein
gehört denn auch alle Ehre, alles Lob und aller Preis in Ewigkeit! Ich für mich
aber bin nur Seine Magd und lasse über mich allzeit walten Seinen Willen. Seid
darum ruhig, und preiset nur den Herrn allein!“
[GEJ.09_195,28] Auf diese Worte Marias wurden
die Joppeer wieder ruhig, besprachen sich aber dennoch über das, wie diese
Mutter schon von ihrer Geburt an überfromm müsse gewesen sein, daß sie solch einer
unaussprechbar großen Gnade gewürdigt worden sei.
196. Kapitel
[GEJ.09_196,01] Als sie sich in solcher
Besprechung mehr und mehr erschöpft hatten, da vernahm man von außen her ein
stets heftiger werdendes Toben des Windes, und es kamen zwei Schiffer des
Kisjona zu uns und fragten, was sie bei solch einem Sturme tun sollten; denn
das Meer treibe unerhört mächtige Wogen an das Ufer und drohe sogar – so es
noch ärger werde mit dem Sturmwind, der nun plötzlich von Osten her zu wehen
begonnen hatte –, sein Gewässer bis in dieses Haus zu treiben. Sie hätten die
Schiffe wohl dreifach stärker denn ehedem am Ufer befestigt, hätten sich auch
gläubig an Mich gewandt und um Abhilfe gebeten, aber der Sturm werde dennoch
immer heftiger.
[GEJ.09_196,02] Hier bat Mich Kisjona, daß
Ich dem Sturme, über den Ich auch der einzige und alleinige Herr und Gebieter
sei, gebieten möchte, daß er minder heftig werde und den vielen Uferbewohnern
nicht einen zu empfindlichen Schaden zufüge.
[GEJ.09_196,03] Sagte Ich: „Ich bin wahrlich
wohl auch der Herr des Sturmes, und er würde nun nicht also gewaltig wehen, so
eben Ich es nicht also haben wollte; warum aber eben Ich das so haben will, das
wird euch in einer Stunde schon noch ganz klar werden!
[GEJ.09_196,04] Laß darum den Sturm nur
immerhin seine Pflicht und Schuldigkeit tun; er wird deinen Schiffen keinen
Schaden zufügen, und deine Schiffer sollen keine Furcht vor ihm haben, so er
auch noch heftiger wird. Des Sees Wasser wird er dennoch nicht weiter als jetzt
über die Ufer treiben. Laß aber den Schiffern etwas Brot und Wein geben, und
sie werden dann schon mutiger dem Sturm ins Antlitz schauen, als das nun der
Fall ist!“
[GEJ.09_196,05] Das geschah denn auch
alsbald, und die beiden Schiffer bekamen etliche Krüge Wein und ebenso auch
etliche Laibe Brot und trugen es zu ihren Gefährten, die sich in der am Ufer
erbauten Schifferhütte befanden. Als diese eine solche Labung vor sich hatten,
da machten sie sich aus dem Sturm auch nicht mehr gar so viel.
[GEJ.09_196,06] Es fragten sich untereinander
alle die Anwesenden, was etwa doch dieser Sturm zu bedeuten habe, und was er
bewirken werde.
[GEJ.09_196,07] Unser Philopold wandte sich
sogar an den ganz ruhig am Tische sitzenden Raphael.
[GEJ.09_196,08] Dieser aber sagte (Raphael):
„Freund, so es des Herrn Wille wäre, würde ich es dir wohl sagen; aber das ist
nun noch nicht Sein Wille, und so kann ich jetzt deinem Wunsche auch noch nicht
entsprechen! In ein paar Stunden Zeit aber wird sich diese Sache vor euren
Augen schon von selbst aufzuhellen anfangen.
[GEJ.09_196,09] Es hatte aber der Grieche bei
seiner ganz richtigen Erklärung der Luftspiegelung auf dem Berge ja ohnehin
beigesetzt, daß nach derlei seltenen Erscheinungen, die stets einer großen Ruhe
der Luft bedürfen, stets und bald bedeutende Stürme sowohl in der Luft als auch
im Wasser folgen, – und siehe, er hat da in weltnatürlicher Hinsicht auch
vollkommen recht geurteilt, weil er das schon mehrere Male erfahren hat.
[GEJ.09_196,10] Warum aber urgründlich der
Herr derlei Erscheinungen werden und kommen läßt, das ist freilich eine ganz
andere Frage, die ich dir aus dem schon gesagten Grunde noch nicht beantworten
kann und darf.
[GEJ.09_196,11] Siehe aber an das Gemüt eines
Menschen, das oft in eine völlig sorglose Ruhe versinkt, bei der sich der
Mensch ganz glücklich und selig fühlt! Aber je ruhiger, sorgloser, glücklicher
und seliger sich ein Mensch irgend eine kurze Zeit lang gefühlt hat, desto
stürmischer wird es darauf bald in seinem Gemüte zu werden anfangen, wenn
dasselbe anfänglich nur ein wenig durch irgend etwas Unbehagliches in seiner
süßen Ruhe gestört worden ist.
[GEJ.09_196,12] Ein Mensch aber, dessen Gemüt
stets mit allerlei Stürmen zu kämpfen hat, macht sich aus abermaligen irgend
neu auftauchenden Stürmen wenig und behält leichter seine Fassung und bei allen
Vorkommnissen die nötige Ruhe.
[GEJ.09_196,13] Wäre es heute den ganzen Tag,
vom Morgen angefangen bis zum vollen Abend hin, in der ganzen Natur etwas
unruhiger hergegangen, als das der besonders naturruhige Fall war, so hätten
Kisjonas Schiffer auch keine solche Angst vor den hochgehenden Wogen bekommen.
Diese haben sie nun aus ihrer vollen, ganztägigen Ruhe aufgeweckt, und sie
wußten sich nicht mehr zu helfen. Jetzt aber ist ihr Gemüt schon mitstürmisch
geworden, und sie haben darum nun auch schon beinahe gar keine Angst mehr vor
den hochgehenden Wogen.
[GEJ.09_196,14] Und siehe, Freund, das ist
auch eine gute Lehre für alle jene, die sich gerne der gewissen süßen und
sorglosen Trägheit ergeben! Wer stets tätig ist, dem genügt leicht eine kleine
Ruhe zur Stärkung seines ganzen Wesens; und ist er gestärkt, so sehnt er sich
gleich wieder nach der Tätigkeit und findet nur in ihr sein wahres Behagen.
[GEJ.09_196,15] Wer aber die Tätigkeit scheut
und sich nur in einer stets zunehmenden tätigkeitslosen Trägheit glücklich und
selig fühlt gleich den vollgemästeten Pharisäern und andern reichen
Müßiggängern, der wird in eine völlige Raserei verfallen, so seine ihn so selig
stimmende Trägheit nur im geringsten irgend bedroht wird.
[GEJ.09_196,16] Daher hat der Herr aber auf
dieser Erde denn auch allerlei Wesen, Dinge und Erscheinungen verordnet, durch
die die trägheitssüchtigen Menschen stets aus ihrer arbeitsscheuen Ruhe
aufgerüttelt werden und sie auch erkennen müssen, daß erstens nicht sie – wie
sich das die trägen Reichen oft nur zu gewaltig einbilden – die Herren der Welt
und all der Wesen und Dinge auf und in ihr sind, sondern der gewisse Jemand
Andere, den derlei Menschen freilich nicht kennen und von Ihm auch nicht irgend
etwas Wahres erfahren wollen, wie ihr das an den vielen Pharisäern und andern
Juden nur zu wohl beobachten könnet.
[GEJ.09_196,17] Sehet, dieses von mir nun zu
euch Gesagte ist einer größeren und tieferen Beachtung wert, als gleich zum
voraus zu erfahren, was dieser Sturm zu bedeuten hat!“
197. Kapitel
[GEJ.09_197,01] Diese gar triftige Rede und
Belehrung Raphaels hatten auch die Joppeer mit der größten Aufmerksamkeit
angehört, und sie verwunderten sich hoch über des scheinbaren Jünglings
Weisheit.
[GEJ.09_197,02] „Wer muß denn dieser gar
herrlich aussehende Jüngling sein?“ fragten einige von ihnen.
[GEJ.09_197,03] Der Fischer aber sagte: „Wie
möget ihr noch also fragen? Hatten nicht die beiden Jünger in Joppe uns genau
erzählt, wie sich in der Gesellschaft des Herrn auch ein Jüngling befindet,
allen Menschen sichtbar, der nach dem Willen des Herrn große Zeichen und
Wundertaten wirkt und den Menschen auch überweise Lehren gibt?
[GEJ.09_197,04] Dieser Jüngling sei ein
Engel, der dem Herrn zu Diensten steht, auf daß die Schrift auch in diesem
Punkte erfüllt werde, wo es heiße: ,In jener Zeit aber werdet ihr sehen, wie
die Engel Gottes aus den Himmeln zur Erde niedersteigen und dem Herrn und den
Menschen dienen werden.‘ Seht, meine lieben Freunde und Gefährten, das haben
uns die beiden Jünger treulichst erzählt, und wir überzeugen uns nun persönlich
von der Wahrheit dessen vollkommen, was uns die beiden Jünger erzählt haben!
[GEJ.09_197,05] Es hat dieser Jüngling zwar
vor unsern Augen noch kein Zeichen gewirkt, allein wir bedürfen dessen auch
nicht, da uns die sehr weise Lehre, die er den etwas zu neugierigen Jüngern und
Freunden am Tische des Herrn gegeben hat, genügt, um aus ihr zu erkennen, daß
ein Jüngling, aus dessen Munde so viel Wahres und Weises hervorkommen kann,
kein gewöhnlicher Mensch, sondern ein gar hoher Geist sein muß. – Kennet ihr
euch nun aus, was es mit jenem Jünglinge für eine Bewandtnis hat?“
[GEJ.09_197,06] Sagten alle: „Ja, Freund, du
hast völlig recht; also und nicht anders ist es, und wir danken dir, daß du
unserem Gedächtnis zu Hilfe gekommen bist! Die beiden Jünger haben uns so
vieles erzählt, daß wir des Jünglings nun gar nicht mehr gedachten; aber nun
ist uns schon alles wieder klar.“
[GEJ.09_197,07] Darauf erhob sich unser
Raphael und ging an den Tisch der Joppeer hin, worüber diese in eine kleine
Verlegenheit gerieten.
[GEJ.09_197,08] Er aber beruhigte sie
alsbald, indem er mit freundlicher Stimme zu ihnen sagte (Raphael): „Entsetzt euch
darum ja nicht vor mir, weil ich auf eure Besprechung über mich nach dem Willen
des Herrn zu euch herübergekommen bin; denn wo sich da irgend wahre Freunde des
Herrn über das besprechen, was des Geistes der ewigen Liebe und Wahrheit ist,
da sind auch stets die Engel des Herrn scharenweise um sie versammelt.
[GEJ.09_197,09] Ich bin nun wahrlich nicht
der einzige, der sich in eurer Nähe befindet, sondern noch gar viele
meinesgleichen sind hier. Machet eure Augen nur ein wenig weiter auf, und ihr
werdet auf die gnädige Zulassung des Herrn es selbst sehen!“
[GEJ.09_197,10] Hierauf wurde den Joppeern
auf einige Augenblicke die innere Sehe eröffnet und sie erschauten wie in einem
Lichtmeere zahllose Scharen von vollkommenen Geistern, und es ertönte von
diesen Scharen der Engel Gottes eine mächtige Stimme wie aus einem Munde:
„Glücklich, wer den Herrn, so er Ihn erkannt hat, über alles liebt und nach
Seinem Worte treu handelt und lebt; denn der ist schon in seinem Fleische uns
gleich, und wir sind allzeit bereit, ihm zu dienen in aller Bruderliebe!“
[GEJ.09_197,11] Hierauf ward den über alles
erstaunten Joppeern das Gesicht wieder benommen, da sie es vor zu großer Wonne
im Fleische nicht länger hätten ertragen können.
[GEJ.09_197,12] Als sie die Engel nicht mehr
sahen, da sagte der Fischer: „O Freund! War das Wirklichkeit oder nur so eine
Art Traum, bewirkt durch deine unbeschreibliche Schönheit? Denn noch nie habe
ich eine so reizend schönste Menschengestalt gesehen, wie da ist die deine, die
denen glich, die ich nun im Lichte der Himmel auf einige Augenblicke geschaut
habe.“
[GEJ.09_197,13] Sagte Raphael: „Freunde des
Herrn, das war kein Traum, sondern die nackteste Wahrheit, dessen ihr ganz
versichert sein könnet! So ihr durch euren Glauben und ganz besonders durch die
reine Liebe zum Herrn selbst im Geiste vollendeter werdet, dann auch werdet ihr
das, was ihr nun geschaut habt, auch fortwährend in einem höheren Licht- und
Lebensgrade gar oft und auf eine längere Zeit schauen können; für jetzt aber
begnüget euch mit dem, was ihr gesehen und vernommen habt!“
[GEJ.09_197,14] Sagte darauf der Fischer: „O
du herrlicher Freund aus den Himmeln Gottes! Der Mensch lebt zwar schon von der
Geburt an unter lauter Wundern, und er selbst ist sich noch eines der größten
Wunder; aber weil die zahllos vielen Wunder ihn bleibend umgeben, so hat er
sich an sie gewöhnt, achtet ihrer wenig und denkt noch weniger über sie nach,
was sie sind und warum, und wer Der ist, der sie stets teils von neuem ins
Dasein ruft und andere wieder länger, und wieder andere wie für ewig hin
erhält, wie die Erde, ihre Länder, Berge und Ströme, Seen, Meere, den Mond, die
Sonne und all die zahllosen Sterne.
[GEJ.09_197,15] Aber wenn da neue Zeichen und
Wunder, wie das jetzt bei der wundervollsten Gegenwart des Herrn der Fall ist,
vor den Augen der Menschen geschehen, da bekommen freilich auch die schon
altbestehenden Wunderwerke des Herrn als das, was sie sind, wieder den rechten
Wert, und die geweckten Menschen achten ihrer und loben und preisen den ewig großen
Schöpfer solcher zahllos vielen Wunderwerke. Wir selbst schauen schon jetzt die
ganze Natur mit ganz andern Augen an, als das je zuvor einmal der Fall war.
[GEJ.09_197,16] Heute abend ersahen wir
einmal wieder die uns schon bekannten Lufterscheinungen, die wir mit dem Namen
Fata Morgana bezeichnen. Wir verstehen freilich nicht, wie und warum solche
entstehen. Aber daß auf sie bald Stürme folgen, das wissen wir aus der
Erfahrung, und wir hielten sie bis jetzt für Mahnungen des Himmels, daß man
sich bei ihrem Erscheinen in Sicherheit begeben soll. Es werden aber solche
Erscheinungen sicher auch noch einen andern und tieferen Grund haben. So es für
uns not tut, wird der Herr uns auch darüber ein Licht zukommen lassen; und tut
es nicht not, so sind wir auch nicht lüstern darauf, – denn von nun an walte
über uns nur der Wille des Herrn! Wir danken dir für den Besuch.“
[GEJ.09_197,17] Hierauf sagte Raphael: „Meine
lieben Freunde und Brüder im Herrn, der unser aller Schöpfer und Vater ist von
Ewigkeit, ich habe mit euch noch mehreres zu verhandeln, da es sich nun darum
handelt, daß der alte, höchst blinde und dumme Aberglaube vollends verschwinde.
[GEJ.09_197,18] Ihr kennet weder die Erde und
noch weniger den Mond, die Sonne und all die andern Sterne. Ich bin darum zu
euch herübergekommen, um euch darüber und noch über gar manches andere ein
rechtes und wahrstes Licht zu erteilen; denn so jemand in den Dingen und
Erscheinungen in der Naturwelt im Falschen steht, so kann er tiefere, geistige
Dinge unmöglich je vollkommen fassen und begreifen. Da ihr aber nun auch
berufen seid, das Wort und das Lebenslicht an andere Menschen zu übertragen, so
will ich euch in die Geheimnisse der sichtbaren Naturwelt einweihen.“
[GEJ.09_197,19] Über diesen Antrag Raphaels
waren die Joppeer über die Maßen froh, und er stellte ihnen des leichteren und
schnelleren Begreifens wegen, wie er das auch bei anderer Gelegenheit getan
hatte, alles plastisch vor, worüber es am Verwundern und Überverwundern keinen
Mangel hatte, und erklärte ihnen mit wenigen Worten alles auf das
handgreiflichste. In einer Stunde begriffen die Joppeer alles und lobten Meine
Weisheit.
198. Kapitel
[GEJ.09_198,01] Nach solchem Unterricht
kehrte Raphael wieder zu uns zurück, und nun kam es zur Erklärung des noch fortwährenden
Sturmes.
[GEJ.09_198,02] In Tiberias hielten sich
viele Herodianer auf, die den Auftrag hatten, auf Mich und Meine Jünger zu
fahnden, so sie irgend Meinen Aufenthalt erführen, – und diesen erfuhren sie
durch jene heimgekehrten Schiffer, die um die Mittagszeit die Joppeer zu Markus
gebracht hatten. Sie hatten darum mehrere Schiffe bemannt und sie gen Abend von
Tiberias zu Markus abfahren lassen, um Meiner habhaft zu werden. Es hat aber
das Galiläische Meer von der mehr heidnischen denn jüdischen Stadt Tiberias bis
an den Ort des Markus sehr steile und felsige Ufer, und man hat zwischen den
beiden obbenannten Orten, die doch ziemlich weit voneinander entfernt sind, zur
Not kaum drei Plätze, an denen die Fischer mit ihren Booten landen können.
[GEJ.09_198,03] Daß es den etlichen größeren
Schiffen, die mit Herodianern gegen Abend von Tiberias ausgefahren waren, um
Meiner habhaft zu werden, bei dem Sturme schlecht erging, kann sich ein jeder
leicht von selbst denken; denn gleich bei ihrer Abfahrt von Tiberias ging ein
äußerst heftiger Nordwestwind und trieb die Schiffe mit unwiderstehlicher
Gewalt an die Ostküste hin, wo sie beim gewaltigen Anprall schon ziemlich
beschädigt wurden.
[GEJ.09_198,04] Die Schiffer hatten nun zu
tun, um einige zerbrochene Ruder in einen doch halbwegs brauchbaren Zustand zu
setzen, erklärten aber den Herodianern zugleich, in dieser Nacht – so der Wind
nicht umschlüge oder sich gänzlich lege, dieses Ufer um keinen Preis mehr zu
verlassen.
[GEJ.09_198,05] So aber die Herodianer selbst
ihr Leben wagen wollten, da sollten sie selbst drei der besten Schiffe
besteigen, die Ruder selbst in die Hand nehmen und versuchen, ans jenseitige
Ufer dem Bade, das sich gut bei drei Stunden Entfernung bei gutem Winde
befindet, zuzusteuern. Dazu aber zeigten die Herodianer eben auch keine Lust.
[GEJ.09_198,06] Als aber bald darauf der
Nordwest- in den Ostwind umschlug, da sagten die Herodianer: „Nun, ihr mutlosen
Schiffer, der Wind hat sich günstig gewendet! Getraut ihr euch auch jetzt
nicht, dem jenseitigen Ufer zuzusteuern?“
[GEJ.09_198,07] Sagten die Schiffer: „Am
Tage, wo man die Gefahren sieht, wäre mit diesem Winde leicht nach dem Bade am
jenseitigen Ufer zu steuern; aber in der Nacht ist das trotz der günstigen
Wendung des Windes ein Wagstück, und man kann da sehr arg mitgenommen werden.
Zudem ist dem Ostwind, so er am Abend ersteht, nicht zu trauen, ob er nicht in
einen Orkan übergeht; und dann wehe dem, der sich bei seinem Walten auf dem
Wasser befindet!“
[GEJ.09_198,08] Die Schiffer befestigten ein
paar Schiffe für sich am Ufer und sagten zu den Herodianern: „Da stehen die
andern und besseren Schiffe zu eurer Benutzung! Fahret nur selbst, wohin ihr
Mut und Lust habt; wir greifen in dieser Nacht an kein Ruder mehr! Die euch
hier abgetretenen Schiffe sind ein Eigentum der Stadt; so sie mit euch zugrunde
gehen, so mag sie Herodes den Bürgern vergüten. Diese zwei Schiffe aber sind
unser Eigentum, und wir werden sie keiner weiteren Gefahr aussetzen, und uns
selbst noch weniger.
[GEJ.09_198,09] Zudem wissen wir von allen
Seiten her, daß noch alle, die nach dem Nazaräer gefahndet haben, schlecht zu
Teile gekommen sind, – und wer weiß es, ob er, der im Bunde mit allen geheimen
Mächten und Kräften stehen soll, nicht genau schon um euer Vorhaben weiß und
uns den Weg nach dem Bade, wo er sich nun nach der Meinung derer, die wir heute
nach dem Bade gebracht haben, etwa aufhalten dürfte – was da sein, aber auch
nicht sein kann –, schon ganz vollkommen vereitelt hat, was wir euch schon auch
in Tiberias bemerkt haben, und ihr uns darum verlachtet. Und nun stehen wir da
und können nicht weiter!“
[GEJ.09_198,10] Darauf sagte ein Oberster der
Herodianer: „Lassen wir doch diese beiden Feiglinge hier sitzen! Es ist eine
mondhelle Nacht, und der Wind ist günstig; bei seiner Kraft sind wir in einer
Stunde am jenseitigen Ufer, und wir werden im Badeort bald erfahren, wo sich
der Nazaräer mit seinen Anhängern aufhält.“
[GEJ.09_198,11] Hierauf bestiegen sie die
fünf Schiffe, die ein Eigentum der Stadt waren, und griffen ganz kräftig an die
Ruder. Als sie aus dem Moosicht in das freie und offene Meer gelangten, da ging
der schon früher heftig wehende Ostwind sogleich in den stärksten Orkan über;
dieser wühlte das Wasser bald zu berghohen Wogen auf.
[GEJ.09_198,12] Da sagten am sicheren Ufer
die Schiffer: „Oh, da müßte es wunderbar zugehen, so nur eines dieser fünf
Schiffe das jenseitige Ufer erreichen wird. Recht geschieht den Narren, wenn
sie alle zugrunde gehen! Möglich, daß das Schiff, das den Obersten trägt, weil
es gut gezimmert und wohl gedeckt ist, am jenseitigen Ufer irgend scheitert;
aber die vier offenen Schiffe versinken ohne Rettung!“
[GEJ.09_198,13] Und also geschah es auch: Die
vier offenen Schiffe mit hundertdreißig herodischen Kriegsknechten verschlang
das Meer schon nach einer Viertelstunde Zeit; nur das Schiff des Obersten
gelangte nach zwei Stunden Zeit zu uns herüber, und das nur darum, weil Ich es
also haben wollte.
199. Kapitel
[GEJ.09_199,01] Als sich eben dieses Schiff unserem
Ufer, auf den Wogen wie auf- und niederspringend, zu zeigen begann, da sagte
Ich zu den Anwesenden: „So von euch nun jemand ans Ufer gehen will, da wird er
den Grund dieses Sturmes sehen, der sich darauf aber auch alsbald legen wird.
Vier Schiffe mit hundertdreißig Kriegsknechten hat das Meer verschlungen; nur
das eine gedeckte, das den Obersten mit seinen Untergebenen und zehn
Kriegsknechten trägt, kommt hier an, und sie werden uns wahrlich nichts
anhaben!“
[GEJ.09_199,02] Als Ich dieses gesagt hatte,
da erhoben sich mehrere Jünger, und namentlich die bei Mir seienden Jünger des
Johannes, die sich ganz besonders für den Grund des Sturmes interessierten,
eilten ans Ufer hinaus und sahen das Schiff schon ziemlich nahe an das Ufer
heranschaukeln.
[GEJ.09_199,03] Es dauerte nicht lange, so
ward das Schiff mit einer hochgehenden Woge auch schon ziemlich unsanft an das
Ufer geworfen, und die darin Seienden schrien um Hilfe.
[GEJ.09_199,04] Da kamen des Kisjona
Schiffsknechte mit einer Fackel aus ihrer Hütte, hingen das Schiff an einen
festen Uferpfahl an und sagten dann zu den im Schiffe Seienden: „Heraus aufs
Trockene steigen könnt ihr selbst, so es euch beliebt!“
[GEJ.09_199,05] Da fragte der Oberste,
sagend: „Oh, der arge Sturm hat uns ganz wirr gemacht! Sagt uns doch, wo wir
nun sind, und ob sich hier über die Nacht für uns eine Herberge finden läßt;
denn im Schiffe, das trotz seiner dichten und guten Deckung denn doch Wasser in
seinen inneren Raum bekommen hat, läßt sich nicht eher übernachten, bis es am
Tage völlig ausgetrocknet sein wird!“
[GEJ.09_199,06] Sagte ein erster Schiffer des
Kisjona: „Fürs erste seid ihr im Badeorte des alten Römers Markus; was aber die
Nachtherberge betrifft, da ist er selbst der Herr! Wir sind selbst nicht hier
zu Hause und kennen die Ordnung dieses Hauses nicht.“
[GEJ.09_199,07] Darauf sagte der Oberste:
„Sind denn keine heimischen Diener anwesend?“
[GEJ.09_199,08] Da sagte ein auch schon
anwesender Diener des Markus: „Ihr müsset euch zuvor ausweisen, von woher ihr
kommt, wer ihr seid, und was der Zweck eurer Reise hierher ist; oder geht eure
Reise am Morgen wieder wo anderorts hin? Wollet oder könnet ihr euch darüber
nicht ausweisen, so könnet ihr in eurem Schiffe, so naß es inwendig auch ist,
verweilen die ganze Nacht hindurch; und daß von euch nicht jemand aus dem
Schiffe komme, dafür werden schon unsere römischen Nachtwachen Sorge tragen!“
[GEJ.09_199,09] Sagte der Oberste: „So höre,
du ziemlich roher Diener deines Herrn! Ich bin ein herodischer Oberster und
habe mehrere Unterdiener und zehn Kriegsknechte bei mir; wir kommen eigentlich
von Jerusalem, doch zunächst von der Stadt Tiberias her, und der Zweck unserer
Reise liegt in dem, daß wir dem Willen unseres Königs zu gehorchen haben.“
[GEJ.09_199,10] Sagte der Diener: „Ich weiß
es wohl, daß der stolze und habgierige Herodes auch diese Landschaft von Rom
aus in Pacht hat; doch dieser Ort mit allem, was dazu gehört, bildet eine
Ausnahme. Es ist eine für alle Zeit von Rom aus für sich bestehende Taverne,
und Herodes hat hier weder etwas zu suchen und noch weniger etwas zu schaffen
und zu gebieten, außer er will als ein Kranker zur Heilung seines Leibes für
sein Geld das Bad benutzen, das ihm ebenso wie einem jeden andern Menschen zu
Diensten steht. Im übrigen aber wird er hier gar nicht angehört, und es wird
ihm sogar nicht gestattet, den Boden zu betreten. Wollte er das aber mit Gewalt
tun, so würde man ihm mit Gewalt entgegenzutreten verstehen. Euer Gehorsam nach
dem Willen eures Herrn und Gebieters geht uns demnach hier nichts an; wollet
ihr aber hier durch unsern Ort etwa weiter in einen andern Ort, in dem euer
Gebieter herrscht, ziehen, so werde ich unsere Wachen herbeirufen, die euch
hier empfangen und über unseres Herrn Gebiet begleiten werden.“
[GEJ.09_199,11] Sagte der Oberste: „Nein,
mein Freund, dessen hat es hier nicht vonnöten; denn wir sind ja eigentlich des
Bades wegen hierhergekommen und wären schon um etliche Stunden eher hierher
gekommen, so wir nicht mit dem argen Sturme solch eine entsetzliche Not zu
bestehen gehabt hätten. Daher nehmet uns nur auf, – wir werden euch keine
Ungelegenheiten machen!“
[GEJ.09_199,12] Sagte der Diener: „Führet ihr
Kriegswaffen? So ihr welche führt, so müsset ihr sie zuvor hier zur Verwahrung
bis zu eurer Weiterreise abliefern; denn hier dürfen nur Römer Waffen tragen!“
[GEJ.09_199,13] Sagte der Oberste: „Waffen
führen wir allerdings, weil wir dem Kriegerstande angehören; aber so schon hier
in diesem Orte also ein Gesetz und eine Sitte besteht, da werden wir uns
demselben nicht widersetzen. Ihr möget denn unsere Waffen in eure Verwahrung
nehmen, aber dann wohl dafür sorgen, daß wir eine Nachtherberge bekommen!“
[GEJ.09_199,14] Hierauf berief der Diener
sogleich eine gehörige Anzahl wohlbewaffneter Nachtwächter, und als diese da
waren, da sagte er zum Obersten: „Nun möget ihr schon ans Land steigen!“
[GEJ.09_199,15] Da stiegen diese Herodianer
denn auch alsbald ans Land, gaben ihre Waffen ab und wurden dann in eine
neuerbaute Herbergshütte geführt, in der sich ein Tisch, eine rechte Anzahl
Bänke und ebenso auch ganz brauchbare und reine Ruhebetten befanden. Und auf
die Frage, ob sie auch etwas zu essen und zu trinken bekommen könnten, sagte
der Diener: „Gegen sogleiche Bezahlung nurmehr Brot und Wein; von andern
Speisen ist kein Vorrat mehr da!“
[GEJ.09_199,16] Sagte der Oberste: „So
bringet uns denn Brot und Wein in rechter Menge; denn wir alle sind nun voll
Hungers und Durstes! Wegen der Bezahlung hat sich da niemand zu sorgen.“
[GEJ.09_199,17] Da ward ein Licht in die
Hütte gebracht und mit demselben auch eine rechte Menge Brot und Wein. Der
Oberste bezahlte alles sogleich, worauf der Diener und seine Gehilfen die Hütte
verließen und die Herodianer allein ließen, die sich übers Brot und über den
Wein hermachten und ein bedeutendes Quantum in wenigen Augenblicken verzehrten.
200. Kapitel
[GEJ.09_200,01] Als sich die Herodianer ganz
allein fühlten, da sagte der Oberste mit sehr leiser Stimme zu seinen
Untergebenen: „Höret! Daß sich morgen ja niemand auch nur mit einer Miene
verrate, warum wir eigentlich die wahre Unglücks- und Narrenreise hierher
unternommen haben, sondern ein jeder schütze eine Krankheit vor! Wir benutzen
dann auf meine Rechnung, die dem Herodes teuer zu stehen kommen wird, ein paar
Tage hindurch das Bad und empfehlen uns dann als völlig Geheilte am dritten
Tage wieder. Ja, hätten wir die vier Schiffe mit den hundertdreißig tapfersten
Kriegern nicht durch den heillosen Seesturm eingebüßt, da hätten wir mit dem
Diener und sicher auch erstem Verwalter dieser Anstalt schon eine andere
Sprache geführt; aber so sind wir als Schiffbrüchige hier ohne alle Macht und
irgendwelche Herrlichkeit, und es heißt darum: schweigen wie eine Mauer von dem
eigentlichen Zweck, zu dem wir hierher gekommen sind, – denn die geringste
Enthüllung dessen würde uns hier in diesem rein römischen Nest die größten
Ungelegenheiten bereiten!
[GEJ.09_200,02] Die Schiffer aus Tiberias,
die am jenseitigen Ufer vernünftigstermaßen geblieben sind, haben uns die reine
Wahrheit gesagt; und wie sie es gesagt haben, so ist es uns auch ergangen. Und
ich leiste euch nun den heiligsten Eid auf meinen Tod und auf mein Leben, daß
ich mich nie mehr zur Fahndung auf den geheimnisvollsten Nazaräer werde
gebrauchen lassen und würde mir dafür auch ein ganzes, großes Königtum zum
Lohne geboten werden!
[GEJ.09_200,03] Gegen Feinde, die man sieht
und deren Stärke man berechnen kann, ist leicht zu kämpfen; aber gegen einen
unsichtbaren Feind, dessen Macht, Kraft und Stärke niemand berechnen kann, soll
unser blinder und dummer Herodes nur selbst kämpfen! Wir werden ihm keine
Narren mehr abgeben.
[GEJ.09_200,04] Der Nazaräer soll von uns aus
sich zu einem zwölffachen Könige über alle Juden aufwerfen, und wir werden ihm
nimmer entgegentreten! Weiser, besser und mächtiger ist er sicher denn unser
ganz von Gold und Edelsteinen strotzender Herodes und seine Helfershelfer im
Tempel. Das Volk lobt ihn allenthalben und hält hie und da freilich vielleicht
zu große Stücke auf ihn; aber sei ihm nun schon, wie ihm wolle, – wir werden
von nun an seine Feinde nimmerdar sein, noch je werden!
[GEJ.09_200,05] Es ist freilich ewig schade
für die hundertdreißig Kriegsknechte, die der herodianischen Dummheit zum
schmählichen Opfer im Meere ihr Leben eingebüßt haben; aber im ganzen ist es
vielleicht doch gut, daß es also gekommen ist. Denn wären wir mit ihnen hier
gelandet und hätten auf diesem rein römischen Boden Gewalt zu gebrauchen
angefangen, wer weiß, wie es uns erst dann ergangen wäre! Gut sicher in keinem
Falle; denn es ist mir eben nicht unbekannt, daß selbst überaus hohe Römer im
geheimen übergroße Stücke auf den Nazaräer halten. Kurz und gut, wir wissen
nun, wie wir uns hier zu verhalten haben, auf daß wir ja bei niemandem über uns
irgendeinen Verdacht wachrufen!
[GEJ.09_200,06] Sind wir einmal wieder in
Jerusalem, so werde schon ich dem Herodes eine Rechnung machen, über die er
sich sicher über zehn Jahre lang hinter den Ohren kratzen und kneipen wird! Und
würde er mir die Zahlung verweigern, dann trete ich sogleich in eine römische
Legion und werde ihm dann als Römer zu erzählen anfangen, so unter vier Augen
anfangs, was das sagen will, ohne alle Zustimmung Roms mit seinen Kriegern in
ein römisches Gebiet exekutiv einzufallen. Und der alte Fuchs wird uns eher die
teure Rechnung bezahlen, als sich von uns an die unerbittlichen Römer verraten
lassen! Denn ich weiß es, daß er besonders bei dem Oberpfleger Cyrenius in
keinem günstigen Lichte steht.
[GEJ.09_200,07] Aber nun wäre es gut, so von
uns jemand, bevor wir uns noch zur vollen Ruhe begeben, hinaus nachsehen ginge,
wie wir etwa bewacht sind, was unser Schiff macht, und ob der Sturm noch
forttobt!“
[GEJ.09_200,08] Sagte einer, der ein
Hauptmann war: „Das wäre schon alles recht gut; aber so einen irgendein
Wachtmann dann fragt, was man nun im Freien wolle, was soll man ihm dann zur
Antwort geben?“
[GEJ.09_200,09] Sagte der Oberste: „Das ist
doch leicht! Man rede die Wahrheit, und man kann ihm auch allenfalls noch
bedeuten, daß man gewissen natürlichen Bedürfnissen eines Menschen nicht in
einer reinen Herbergshütte schicklichermaßen abhelfen könne, und der Wachtmann
wird dagegen sicher nichts einzuwenden haben!“
201. Kapitel
[GEJ.09_201,01] Darauf ging denn auch der
Hauptmann selbst hinaus ins Freie und stieß auch gleich auf einen Wachtmann, der
ihn alsogleich fragte, was er nun außerhalb der Hütte suche.
[GEJ.09_201,02] Der Hauptmann sagte ihm den
Grund auch gleich ganz offen, und der Wachtmann ließ ihn weiterhin
unbeanstandet.
[GEJ.09_201,03] Wie voll Staunens kehrte aber
der Hauptmann wieder in die Hütte zurück; denn es hatte sich der ganze Sturm
derart völlig gelegt, daß der See ganz spiegelruhig sich vor seinen Augen
weithin verhielt und das Schiff am Ufer auch nicht die geringste Bewegung von
irgendeiner kleinen Woge anzunehmen genötigt war.
[GEJ.09_201,04] Auf diese Nachricht ward der
Oberste ganz heiter gestimmt und sagte: „Es ist nun schade, daß wir keinen Wein
und kein Brot mehr haben! Jetzt möchte ich noch ein paar Stunden lang wach
bleiben und mit euch mich des Lebens freuen!“
[GEJ.09_201,05] Sagte der Hauptmann: „Im
Herrenhause, wie auch im großen Bade geht noch alles bunt durcheinander!
Vielleicht ließe es sich durch unsern eben nicht unfreundlichen Wachtmann doch
noch ermöglichen, daß wir noch mehr Brot und Wein gegen unsere sogleich bare
Bezahlung erhielten?“
[GEJ.09_201,06] Sagte der Oberste: „Mache den
Versuch!“
[GEJ.09_201,07] Als der Oberste in der Hütte
den Wunsch noch kaum ausgesprochen hatte, da hatte im Hause auch schon Ich dem
Markus bedeutet, daß er sogleich in die Hütte noch mehr Wein und Brot, aber von
der besten Art, solle schaffen lassen, was denn auch alsogleich geschah; denn
bei uns im Hause wurde alles das, was in der Hütte gesprochen und beraten
wurde, von Raphael laut wiedergegeben, was eine rechte Heiterkeit erregte.
[GEJ.09_201,08] Als der Hauptmann gerade
schon im Zuge war, aus der Hütte zu treten, um mit dem Wachtmanne wegen noch
mehr Brot und Wein zu verhandeln, da trat auch schon ein Diener mit mehreren
Gehilfen in die Hütte und überbrachte ihnen doppelt soviel Brot denn das erste
Mal und des Weines aber gut dreimal soviel, worüber der Oberste und alle die
andern höchlichst erstaunten.
[GEJ.09_201,09] Der Oberste wollte sogleich
bezahlen, doch der Diener sagte: „Dafür ist auch am Morgen Zeit!“
[GEJ.09_201,10] Darauf entfernte er sich mit
seinen Gehilfen sogleich, und die in der Hütte wußten nicht, wie sie daran
waren. Einer sah den andern groß an, aber keiner wußte sich zu bescheiden
(erklären), durch wessen Veranlassung nun diese zweite und stärkere Sendung von
Brot und Wein ins Werk gesetzt worden sei.
[GEJ.09_201,11] Nach einer Weile Nachdenkens
fing der Oberste also zu reden an: „Höret, die Sache fängt sich bei mir ein
wenig aufzuklären an! Hier diese zwar recht wohl und fest aus Zedernholz
erbaute Hütte hat sicher irgendeine geheime Öffnung, durch welche der Wachtmann
die in ihr beherbergten Gäste belauschen kann, was sie miteinander reden. Käme
etwas Ungerechtes vor, so würden sie am nächsten Tage ganz gewiß sich über ein
jedes unbedachtsam ausgesprochene Wort vor einem Richter sehr strenge zu
verantworten haben.
[GEJ.09_201,12] Wir haben unsere erste
Besprechung wohl so leise und kleinlaut gehalten, daß sie von dem Wachtmanne
durchaus nicht gehört und auch nicht verstanden werden konnte, weil ich in
althebräischer Sprache euch meine gute Meinung mitgeteilt habe; aber den Wunsch
nach noch mehr Brot und Wein habe ich in griechischer Zunge ziemlich laut und
wohlverständlich ausgesprochen, was der Wachtmann sicher vernommen hat. Dieser
hat es sogleich einem Badediener unterbreitet, und der beeilte sich, damit er
unserem Wunsche zuvorkäme, was denn auch der Fall war. Daß er uns nun sichtlich
besser bedachte denn das erstemal, da wird der Grund etwa darin zu suchen sein:
Der Badeherr wird unsere reichen Waffen in den rechten Augenschein genommen und
ihren hohen Wert erkannt haben und sagte dann zum Diener, daß er uns sicher
schon besser und reichlicher bewirten möge, da wir auch eine reichlichere und
bessere Bewirtung zu bezahlen imstande sein würden. Also und nicht anders wird
es gewesen sein, und wir brauchen uns darüber den Kopf nicht mehr zu
zerbrechen.
[GEJ.09_201,13] Essen und trinken wir nun auf
das Wohl aller guten und wahrhaftigen Menschen und denken über unsere böse
Geschichte gar nicht weiter nach! Jehova sei den Seelen der im Meere
Ertrunkenen gnädig und barmherzig! Amen.“
[GEJ.09_201,14] Nach dieser Rede des
Obersten, die der Wachtmann wohl vernommen hatte, trat er in die Hütte und
sagte mit einer ernstfreundlichen Miene: „Du, Oberster deiner kleinen Schar,
also, wie du nun geurteilt hast – was ich wohl vernommen und verstanden habe –,
verhält sich die Sache durchaus nicht! Denn ich habe keinen Diener beauftragt,
daß er euch mehr Brot und Wein herbeischaffen solle, dessen ihr alle bei einem
strengsten Eide aller Wahrheit nach vollkommen versichert sein könnet. Es muß
dahinter schon ein ganz anderer Grund stecken.
[GEJ.09_201,15] Machet euch weiter nichts
daraus; denn wir leben hier in einer Gegend, in der die Wunder nichts Seltenes
sind, daher dieser Badeort den Namen ,Wunderbad‘ erhalten hat; denn es sei
seine Entstehung schon an und für sich eine rein wunderbare gewesen, und so ist
auch seine Heilungskraft eine stets wahrlich wunderbare. Seid darum voll guter
Dinge; denn dieser Ort ist ein Ort des Heils und nicht des Fluches und seines
Gerichtes!“
202. Kapitel
[GEJ.09_202,01] Auf diese unvermutete
Versicherung des Wachtmannes, der sich darauf gleich wieder aus der Hütte
entfernte, waren unsere Herodianer einesteils sehr befriedigt worden, aber
andernteils wurde das Gemüt besonders des Hauptmanns, der ein Grieche war, und
ebenso des Obersten, der wohl ein Jude war, über die nach dem kaum
ausgesprochenen Wunsche auch schon erfolgte Herbeischaffung von mehr Brot und
Wein in eine große Unruhe versetzt.
[GEJ.09_202,02] Und es sagte nun der
Hauptmann: „Wunder, – Wunder sollen in diesem Orte sozusagen ganz an der
Tagesordnung sein? Also muß hier eine Art Orakel bestehen, vor dem man nicht
einmal mit seinen geheimsten Gedanken derart sicher sein kann, daß sie von irgendeinem
Wundermanne einem, der sie gehabt hatte, gleich laut verkündet würden!
[GEJ.09_202,03] Wenn also – was sehr
wahrscheinlich zu sein scheint –, da wird man auch um unsere stille Besprechung
wegen der von uns wohl zu beachtenden Klugheit von Wort zu Wort genau wissen,
und es wird uns daher unsere einzuhaltende Vorsicht wenig nützen! Denn
erkannten die im Herrenhause auf irgendeiner Zaubertafel sogleich unsern Brot-
und Weinwunsch, so werden sie auch die erste Besprechung ebenso gut und genau
vernommen und auch sehr wohl verstanden haben, und hätten wir sie auch in der
altägyptischen Zunge gehalten.
[GEJ.09_202,04] Das Beste ist dabei noch das,
daß wir nichts Feindliches im Schilde geführt haben weder gegen den Nazaräer
noch gegen irgendeinen Seiner Anhänger; was aber den Herodes betrifft, da
werden sie sicher unserer Meinung sein. Kurz, morgen wird sich diese sonderbare
Sache etwa wohl näher von selbst aufklären. Seien wir darum nach der Aussage
des Wachtmannes nur guten Mutes; denn dieser Ort sei ja ein Ort des Heils und
nicht des Fluches und seines Gerichtes!“
[GEJ.09_202,05] Sagte darauf der Oberste:
„Wenn sich diese Sache also verhält, wie du, Hauptmann, sie nun beurteilt hast,
da wird es mit unserer politischen Badnahme auch schon zum voraus seine
geweisten Wege haben, und man wird auch um die vier untergegangenen Schiffe, um
die ertrunkenen hundertdreißig Kriegsknechte und um den wahren Zweck unserer
Hierherkunft schon lange völlig im klaren sein. Wie werden wir uns
entschuldigen, so man uns darob zur Rede stellen wird?
[GEJ.09_202,06] Je mehr ich nun darüber
ernstlich nachdenke, desto verwirrter wird es in meinem Gemüte, und es will mir
darob weder das sehr gute Brot und ebensowenig der ausgezeichnete Wein so recht
munden. – Was meinst denn du, Hauptmann, – was da ein anderer von euch, wie
sich da am rätlichsten zu verhalten wäre?“
[GEJ.09_202,07] Sagte ganz beherzt der
Hauptmann: „Das finde ich wieder leichter; denn wissen diese Menschen um alles,
so werden sie auch um das wissen, daß wir dem dummen und stolzen Herodes vorher
sicher wohlbegründete Vorstellungen gegen seinen starren Willen gemacht haben,
ehe wir uns demselben am Ende mit sichtlichem Widerwillen fügten. Haben wir
unsere Aufgabe nicht ohnehin so saumselig betrieben, wie es nur immer möglich
war? Wir hätten uns auf Kosten des Herodes noch ganz gut ein paar Wochen lang
in Tiberias aufhalten können, wenn uns nicht die Fischer und Schiffer durch
ihre Erzählung zum Aufbruch genötigt hätten. Denn erstens wollten die
Tiberianer uns sicher schon sehr gern loswerden und haben uns durch ihre
Erzählungen, die sie vielleicht möglich übertrieben haben, genötigt, unserer
ihnen bekannten Pflicht nachzugehen. Und zweitens, so wir das nicht getan
hätten, wer weiß es, ob sie nicht alsbald einen Boten an Herodes abgesandt
hätten, der uns bei ihm möglichst schwarz gemacht hätte.
[GEJ.09_202,08] Die Schiffer haben des
starken Windes und der herannahenden Nacht wegen freilich unser rasches
Unternehmen sicher mehr ihres als unseres Heils willen widerraten; aber wir
mußten aus Furcht vor einem Verrat die Mutigen und rasch Handelnden spielen.
Wir sind also nicht schuld an unserem Unternehmen, sondern zuerst Herodes und
dann die Umstände, unter denen wir uns nun besonders in Tiberias befanden. Ich
bin darum nun ganz heiteren Mutes und habe keine Angst vor den Herren und
Richtern dieses Ortes, und wäre selbst der Nazaräer anwesend, was mir sogar
sehr lieb wäre; denn Er soll ein sehr guter, gerechter und weiser Mann sein,
wie ich das vom Volke schon oftmals vernommen habe, und mit solchen Menschen
ist bei unserer stets antiherodianischen Gesinnung leicht reden. – Seid ihr
alle damit nicht meiner Meinung?“
[GEJ.09_202,09] Sie gaben dem Hauptmann recht
und aßen und tranken darauf recht wohlgemut. Auch der Oberste ward heiterer.
203. Kapitel
[GEJ.09_203,01] Als alle von dem Wein etwas
mehr begeistert worden waren und mit allerlei ganz guten Reden über Mich und
mit bösen Reden über den Herodes, den sie stets den bösen und dummen Antipas nannten,
sich unterhalten hatten, da sagte der Oberste: „Wir sind hier nun alle wie
Freunde und Brüder, die wenigen Kriegsknechte nicht ausgenommen, da auch sie
ebensogut Menschen sind wie wir und das wahrlich herbe Los auf dem Meere mit
uns geteilt und durch ihre angestrengte Tätigkeit zu unserer Rettung vieles
beigetragen haben.
[GEJ.09_203,02] Wir sind nun zwar – Jehova,
dem Herrn, alles Lob und alle Ehre! – recht heiter und voll guten Mutes, und
ich bin auch der Meinung, daß wir vor einem römischen Richter dieses Ortes ganz
gut bestehen werden, – doch gar zu sehr sich von einer guten Hoffnung
gefangennehmen zu lassen, scheint jetzt noch nicht so recht an der Zeit zu
sein.
[GEJ.09_203,03] Es wäre daher doch rätlich,
so wir uns auch darüber noch näher besprächen, was wir dem Richter, vor den wir
morgen sicher gestellt werden, auf seine über unser in dieser Gegend ohne
römische Bewilligung immerhin ganz unbefugtes Unternehmen für Antworten geben
werden; denn ich traue diesem heutnächtlichen Landfrieden wahrlich noch nicht
so völlig trotz der guten Ansicht, die du, mein Freund (d.i. der Hauptmann),
ehedem ausgesprochen hast.
[GEJ.09_203,04] Mir kommt es immer vor, daß
wir morgen einen nicht minder argen Sturm – wennschon nicht auf dem Meere –
werden zu bestehen haben. Darum würde es uns nun gar nicht schaden, so wir mit
noch so ziemlich klarer Vernunft uns darüber beraten möchten, wie wir uns aus
dieser fatalen Lage helfen könnten.“
[GEJ.09_203,05] Sagte der Hauptmann: „Aber,
Freund, was kann uns hier eine solche Beratung und Besprechung nützen und
helfen? Hast du denn das nicht tiefer beherzigt, daß es drüben im Herrenhause
Menschen gibt, die auch unsere geheimsten Gedanken vielleicht schon eher
wissen, als wir sie in uns noch gedacht haben?
[GEJ.09_203,06] Siehe, Menschen, die man
morgen vor ein strenges Strafgericht stellen will, traktiert man bei den harten
Römern niemals mit derlei Brot und Wein, sondern mit dem elendsten Brote und
mit schlechtem Wasser, mit Fesseln und finsteren Kerkern und mit noch andern schauderhaften
Dingen; denn gegen Verbrecher kennen die Römer niemals auch nur einen Funken
groß von einer Humanität. Darum reden wir nun auch nicht mehr eine Silbe von
dem, was wir um keinen Preis der Welt mehr ändern können.
[GEJ.09_203,07] Mein Wunsch wäre es, mit dem
berühmten Nazaräer zusammenzukommen und mit ihm selbst über diese Sache zu
reden; er allein könnte uns allen am ehesten helfen! Ich setze all mein
Vertrauen auf ihn!“
[GEJ.09_203,08] Sagte der Oberste: „Ja, das
wäre freilich ganz gut, so er in Wahrheit hier nur anwesend wäre! Aber was
dann, so er am Ende doch nicht anwesend ist?“
[GEJ.09_203,09] Sagte der Hauptmann: „Da wird
sicher ein anderer, als ein Abgeordneter von ihm, der in seinem Geiste handelt
und richtet, unfehlbar anwesend sein. Und mit dem wird sich sicher ein kluges
und wahres Wort reden lassen. Darum nun nur möglichst frohen und heiteren
Mutes; denn ausgestanden haben wir ja heute doch schon ohnehin zur Übergenüge
und im Sturme wahrlich so gut wie zehnmal den Tod erlitten!“
[GEJ.09_203,10] Als der Hauptmann diese Worte
ausgesprochen hatte, da kam, von Mir entsendet, abermals ein Diener des Markus
zu den Herodianern, doch diesmal ohne Brot und Wein.
[GEJ.09_203,11] Als er bei den darob
verblüfften Herodianern ankam, sagte er in fragender Weise zu ihnen (ein
Diener): „Welcher von euch ist der mutige Hauptmann, der den Namen Leander
führt?“
[GEJ.09_203,12] Sagte der Hauptmann: „Freund,
der bin ich! Was gibt es denn nun? Was soll geschehen?“
[GEJ.09_203,13] Sagte der Diener: „Höre! Der,
auf den du dein Vertrauen setzest, und mit Dem du reden möchtest, ist hier und
will, daß du zu Ihm kämest und Er mit dir rede! Folge mir darum ins
Herrenhaus!“
[GEJ.09_203,14] Anfangs überraschte diese
Einladung den Hauptmann sehr.
[GEJ.09_203,15] Und der Oberste konnte sich
vor lauter Angst nicht helfen und sagte halblaut vor sich hin: „Oh, ich habe es
mir wohl gedacht, daß unsere Sache ein arges Ende nehmen werde!“
[GEJ.09_203,16] Sagte der Diener: „Was
ängstigst du dich umsonst vor dem größten und höchsten Wohltäter der Menschen?!
Wer an Den glaubt, auf Ihn baut und vertraut, der geht niemals zugrunde! Komme
du, Hauptmann Leander, nun mit mir; denn der Herr will nur mit dir reden!“
204. Kapitel
[GEJ.09_204,01] Auf diese Worte des Dieners
wurde allen leichter ums Herz.
[GEJ.09_204,02] Und der Hauptmann ging
sogleich mit dem Diener in das Herrenhaus, wo ihn derselbe gleich vor Mich
hinbrachte und zu ihm sagte: „Siehe, das ist der Herr!“
[GEJ.09_204,03] Hier verneigte sich der
Hauptmann tief vor Mir und sagte: „Herr! Sei nicht nur mir, sondern auch den
andern Sündern gnädig und barmherzig! Denn wir waren ja nur blinde und
willenlose Knechte des bösen Herodes, weil er uns in seinen Dienst mit vielem
Zwange aufnahm, – allein, wir haben heute völlig aufgehört, ihm je wieder zu
dienen, und werden auch nach dir ewig nimmerdar fahnden. Ja, wir wollen, so es
möglich wäre, von heute und morgen an dir zu Diensten stehen, aber dem argen
und dummstolzen Wollüstling Herodes nimmerdar!“
[GEJ.09_204,04] Sagte Ich: „Leander, Ich
vergebe euch eure Sünden! Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt und
handelt, der wird nicht verlorengehen!
[GEJ.09_204,05] Meine Lehre aber besteht ganz
einfach in dem: Erkenne den einen, allein wahren Gott und Herrn, und also auch
Mich, der Ich, als von Ihm aus in diese Welt kommend, Seinen Geist in Mir
berge, und liebe den einen Gott über alles und deinen Nächsten wie dich selbst,
und du wirst in dir das ewige Leben überkommen!
[GEJ.09_204,06] Wie dir dein Vertrauen den
Weg zu Mir eröffnet hat, ebenso wird dir dein Glaube an Mich den Weg zum ewigen
Leben eröffnen.
[GEJ.09_204,07] Du kennst aber auch jene
Gesetze, die Gott auf Sinai dem Volke Israel durch Moses gab; diese halte und
achte deiner vielen falschen und toten Götter und anderer heidnischen Sitten
und Gebräuche nicht, und du kannst in Meinem Reiche Mir zu einem tüchtigen
Rüstzeuge werden!“
[GEJ.09_204,08] Sagte der Hauptmann voll
Freuden: „O Herr, wo wirst du dein Reich gründen? Wo ist deine Burg, auf daß
ich morgen hinziehe und daselbst als ein tapferster Kriegsknecht dir meinen
Dienst anbiete?“
[GEJ.09_204,09] Sagte Ich: „Höre! Mein Reich,
das Ich nun von neuem wieder gründe unter den Menschen auf dieser Erde, ist
kein irgend diesirdisches Reich gleich dem eines Königs, dem du gedient hast,
und wie es deren noch eine Legion gibt auf der ganzen Erde, sondern Mein Reich
ist ein geistiges und ist nicht irgend unter einem Schaugepränge ersichtlich
mit den Augen des Fleisches; denn es besteht inwendig im Menschen, und das
gläubige, liebe- und vertrauensvolle Herz ohne Hochmut, ohne Neid, Scheelsucht,
ohne Lüge und Trug, aber dafür voll Demut, Sanftmut, Geduld und Barmherzigkeit
ist die feste und von keiner Macht ewig je zu besiegende Burg, in der Ich als
der eine und allein wahre Herr und König alles Seins und Lebens Wohnung halten
werde bei jedem Menschen, dessen Herz und Gemüt die erwähnten Eigenschaften
besitzen wird.
[GEJ.09_204,10] Willst du bei Mir
Kriegsknechtsdienste nehmen, so mußt du dich in der dir nun gezeigten Burg nach
deinem freien Willen nach Meiner Lehre darum voll Glauben, Vertrauen und voll
Liebe zu Gott und den Nebenmenschen umsehen!
[GEJ.09_204,11] Das verstehst du nun freilich
noch nicht in einem vollen Wahrheitslichte; glaube, lebe und handle aber nur
mit allem Eifer nach dem, was du glaubest, so wird der Geist der ewigen Liebe
Gottes in dir erwachen und dich in alle Wahrheit führen, und im Lichte dieser
Wahrheit erst wirst du Den erkennen, der solches nun zu dir geredet hat. Und
wirst du Den völlig der Wahrheit nach erkannt haben, so wird dir auch alles
hell und übersonnenklar werden, was dir jetzt als tief verborgenes Geheimnis
erscheint. – Solches verkünde auch deinen Gefährten!“
[GEJ.09_204,12] Auf diese Meine Rede war der Hauptmann
Leander ganz verblüfft und sagte: „O Herr und Meister! So wie Du hat noch nie
ein Mensch auf dieser Erde geredet! Ich habe wohl sicher nicht alles in der
rechten Tiefe verstanden; aber so viel ist mir aus Deinen Worten klar geworden,
daß Du nicht nach einer Krone und nach einem Zepter dieser Welt strebst,
sondern danach nur, daß alle Menschen wieder zur alten, schon seit überlange
verlorengegangenen Wahrheit des innersten Geistlebens zurückkehren sollen.
[GEJ.09_204,13] Unsere alten Weisen haben dieses
verlorengegangene Reich der vollen und lebendigen Wahrheit wohl mit vielem
Eifer gesucht und sind hie und da auch auf ihre Fährten gekommen; aber den
ominösen Schleier unserer Isis vermochte auch der weiseste Forscher nicht zu
lichten.
[GEJ.09_204,14] Du, o Herr und Meister, aber
bist die wahre Isis Selbst und lichtest den dicken Schleier vor uns Menschen
nun, und darin besteht nach meiner Meinung das wahre, geistige Lebensreich, das
Du unter uns Menschen auf dieser Erde nun gründest und sein allein wahrer Herr
und König bist, in Deinem Geiste warst und fortan auch bleiben wirst. Denn ist
die Liebe, die Wahrheit und das Leben eine und dieselbe Kraft, so ist das Leben
ebenso unvergänglich und unzerstörbar, wie die Wahrheit an und für sich ewig
Wahrheit bleiben muß.
[GEJ.09_204,15] Insoweit habe ich den Sinn
und Geist Deiner an mich unwürdigsten Menschen gerichteten Worte aufgefaßt; ein
weitergehendes und tieferdringendes Licht erwarte ich von der Liebe und Gnade
Dessen, der der allein rechte und vollstwahre König des inneren, geistigen
Lebensreiches ist.
[GEJ.09_204,16] Aber nun fragt es sich, was
wir mit dem argen und überdummen Herodes machen sollen! Wie kann diesem
Wollüstlinge je nur beifallen, auf den liebevollsten Wiederbringer der Wahrheit
des Lebens aller Menschen mit seiner Ohnmacht zu fahnden?! Oh, des stockblinden
Wichtes!“
[GEJ.09_204,17] Sagte Ich: „Lasset den
Herodes gehen und kümmert euch wenig mehr um ihn; denn seine Herrlichkeit wird
bald ihr volles Ende erreichen!
[GEJ.09_204,18] Was aber dein Oberster gegen
ihn bezüglich der Vergütung der vier zugrunde gegangenen Schiffe der Bürger von
Tiberias auszuführen beschlossen hat, das soll er auch ausführen, und Ich werde
ihn unterstützen mit der Macht Meines Willens, und er wird künftighin wenig
Kriegsknechte mehr aussenden, die die Wahrheit mit Fesseln belegen und am Ende
gar töten und völlig vernichten sollen!“
[GEJ.09_204,19] Der Hauptmann dankte Mir tief
gerührt für diesen Auftrag an den Obersten und versprach Mir auch, daß die
Ausführung Meines Wunsches nicht unterm Wege verbleiben werde.
[GEJ.09_204,20] Darauf aber fragte er Mich
auch, was der Oberste wegen der hundertdreißig im Meere zugrunde gegangenen
Kriegsknechte, die doch auch Menschen waren und sich gezwungen dem dümmsten
Willen des Wüterichs fügen mußten – und das, wie bekannt, um den elendsten Sold
– zu unternehmen berechtigt wäre, und das im Namen der hinterlassenen Witwen
und Waisen; denn diese Kriegsknechte, die als dem Herodes sehr ergeben und treu
auch seine Leibwache bildeten, hatten von ihm die Begünstigung, zu ehelichen
gleich einem jeden andern Staatsbürger. Da die Kriegsknechte nun nicht mehr
sind, wer wird nun ihre Weiber und Kinder erhalten und ernähren?“
[GEJ.09_204,21] Sagte Ich: „Die zugrunde
gegangenen Kriegsknechte waren gleich abgerichteten Jagdhunden und hatten keine
Liebe und Erbarmung gegen Menschen, die sie im Namen Herodis nur zu oft ohne
Not und Auftrag quälten, um sich darin einen ansehnlichen Ersatz für ihren
kargen Sold zu bereiten, und haben in dieser letzten Zeit die Sache im geheimen
schon so arg zu treiben angefangen, daß die von ihnen nur zu oft Bedrängten in
eine wahre Verzweiflung gerieten.
[GEJ.09_204,22] Sie haben durch ihre geheimen
Umtriebe, wider die sich niemand bei einem Gerichte zu beklagen getraute aus
Furcht, nachher noch ärger gequält zu werden, sich viele Schätze erworben, und
ihre Hinterlassenen haben mehr denn du und dein Oberster zu verzehren. Was sie
haben, das haben sie wohl verwahrt, und es würde einem Weltrichter schwer
möglich sein, sie dessen geständig zu machen, daß sie ein ungerechtes Gut
besitzen.
[GEJ.09_204,23] Aber Herodes soll an den
durch seine getreuen Jagdhunde oft stark Bedrängten den Schaden ersetzen, da er
es unterlassen hat, seinen Jagdhunden jene strengen Gesetze zu geben, nach
denen sie mit den armen Untertanen nicht nach ihrer Willkür hätten verfahren
sollen! Dazu war ihm das sogar auch noch recht, so er auch von derlei Umtrieben
seiner Jagdhunde von irgendwoher etwas erfahren hat; denn er ersparte dabei ja
einen besseren Sold.
[GEJ.09_204,24] Diese argen Jagdhunde haben
denn endlich ihren Lohn bekommen, und Herodes soll den durch sie verübten
Schaden nur ersetzen, was der Oberste zu veranlassen schon ganz gut verstehen
wird. Und nun kannst du wieder in eure Hütte ziehen, in der du voll Sehnsucht
erwartet wirst. Morgen werden wir uns wiedersehen.“
[GEJ.09_204,25] Der Hauptmann dankte Mir über
alle Maßen für Meine Belehrung und Geduld und begab sich dann voll Trostes zu
seinen Gefährten und erzählte ihnen alles, was er von Mir vernommen hatte.
205. Kapitel
[GEJ.09_205,01] Es läßt sich leicht von
selbst denken, welch eine Wirkung die Erzählung des Hauptmanns bei dem Obersten
und auch bei den andern hervorgebracht hat.
[GEJ.09_205,02] Am meisten aber machte die
Beschreibung der hundertdreißig zugrunde gegangenen Kriegsknechte den Obersten
nachdenkend und mißmutig; denn von dieser argen Seite hatte er zuvor diese
treuesten Diener des Herodes nicht kennengelernt. Aber er ersah nun aus vielen
an ihnen gemachten Beobachtungen doch so manches, was ihm erst auf die
Erzählung des Hauptmanns hin hatte aufzufallen angefangen, und sagte denn auch
(der Oberste): „Ja, ja, der große, mit Seinem rein göttlichen, alles
durchdringenden Geiste erfüllte Nazaräer hat vollkommen recht; denn mir fangen
nun eine Menge Dinge, die ich von Zeit zu Zeit an den besagten Kriegsknechten
wahrgenommen habe, an, recht augenfällig zu werden. Sie standen von Herodes aus
in einem kleinen Solde; nur bei Eintreibungen und Erpressungen der Steuern
hatten sie von hundert Groschen einen für sich zu behalten. Ihr geringer Sold
und die wenigen Steuergroschen konnten freilich nicht hinreichen, um sich und
eine oft recht zahlreiche Familie auch recht anständig zu erhalten!
[GEJ.09_205,03] Zugleich traf ich nicht
selten einen und den andern in den angesehensten Herbergen, in denen sie sich
gleich unsereinem ganz vortrefflich bedienen ließen. So sah ich sie auch zu
öfteren Malen mit Wechslern und Maklern umgehen; aber es fiel uns allen das
nicht auf, weil sie sonst in ihrem Dienste sehr genau und gegen uns und gegen
den König sehr getreu waren und man ihnen nichts hatte zur Last legen können.
Aber nun klärt sich die schnöde Sache schon auf, und wir begreifen nun so
manches, was uns ehedem schon immerhin oft etwas sonderbar vorgekommen ist.
[GEJ.09_205,04] So habe ich auch zu öfteren
Malen hie und da über die starken Bedrückungen des Herodes allerlei Klagen und
geheime Verwünschungen vernommen; aber ich und auch ihr und noch viele andere
Beamte und Diener des Herodes achteten solcher Klagen nicht, da man wohl weiß,
daß da nie ein Mensch am besten gestimmt ist, so er seine Steuern und sonstigen
Abgaben dem Herrn, den er stets für einen zweckwidrigen Diener der Trägheit,
des geilsten Wohllebens, des Hochmuts, der Lieblosigkeit und noch einer Menge
anderer Untugenden ansieht, darbringen muß.
[GEJ.09_205,05] Aus diesem Grunde kam so
etwas auch nie zu irgendeiner Untersuchung, und die Kriegsknechte des Herodes
hatten einen freien Spielraum und konnten das Volk, besonders bei oft vorkommenden
exekutiven Steuereintreibungen, nach ihrem bösen Belieben handelnd bedrücken,
ohne dabei von jemandem beanstandet zu werden. Und ging auch jemand zu einem
römischen Richter und beklagte sich wegen der groben, großen und oft
unerschwingbaren Bedrückungen des elenden Herodes, so richtete er wenig oder
nichts aus; er bekam höchstens den Rat, daß er sich bei (von) Herodes loskaufe
und dann ein römischer Bürger werden solle.
[GEJ.09_205,06] Gar viele Reiche konnten das
freilich wohl tun und haben es auch klugermaßen getan; aber was blieb da den
Armen sonst zu tun übrig, als sich von Herodes gewissenlosest in einem fort
bedrücken zu lassen? Aber es soll diese Sache nun bald anders werden! So wir
bald nach Jerusalem zurückkommen werden, da soll dem Könige die Hölle so heiß
als nur immer möglich gemacht werden, und er wird zu Ersatzzahlungen auf eine
Art genötigt werden, von der er sich noch nie etwas hat träumen lassen!
[GEJ.09_205,07] Oh, warte nur, du liebloser
und überstolzer Wollüstling von einem Könige! Du sollst uns in der Folge mit
vor Angst weit offenstehenden Augen kennenlernen und den Grund wohl einsehen,
aus dem ich dir oft freundlich widerraten habe, Menschen, die offenbar von
einem höheren Geiste von Gott aus begabt sind, zu verfolgen, solange dir dazu
kein Auftrag von Rom aus gegeben ward! – Aber er achtete solchen Rat niemals,
sondern tat, wie es ihm beliebte; und so soll er denn nun auch bald die Früchte
seines Starrsinns zu verkosten bekommen, die ihm sicher nicht süß schmecken
werden! Des Herrn und Meisters Geist und Wille wolle mit uns sein und wirken!
[GEJ.09_205,08] Unser großer Nazaräer ist
nach dem, was du, Freund Leander, uns aus Seinen Worten kundgabst, offenbar der
aus den Himmeln in diese Welt nun als treu und wahr nach den vielen Verheißungen
unserer Propheten gekommene Messias, ausgerüstet mit aller göttlichen Weisheit
und Macht, daran ich nun unerschütterlich fest glaube; denn Er hat uns das
dadurch ja handgreiflich klar bewiesen, daß Er eben durch die Macht Seiner
alles durchschauenden und alles wohlerkennenden Weisheit und durch die rein
göttliche Macht Seines Willens den großen Sturm auf dem Meere werden ließ,
durch den die gewissen treuen Jagdhunde des Herodes ihren sicher schon lange
wohlverdienten Lohn bekommen haben. Ihm darum alle Ehre!
[GEJ.09_205,09] Wir aber haben auch für uns
selbst vieles gutzumachen, was wir an unseren Mitmenschen verbrochen haben, –
und wohl uns dann, so Er mit Seiner Liebe und Gnade, die Er uns nun
allerunverdientestermaßen so überreichlich hat zukommen lassen, uns nach allen
unsern Lebenskräften erfreuen wird und wir Seinen Namen darob hoch loben und
preisen immerdar!
[GEJ.09_205,10] Ihr mit uns durch Seine Gnade
geretteten zehn Kriegsknechte aber erwecket auch euer Gewissen, inwieweit es
etwa auch mit jenen Lastern stark behaftet ist, um derentwillen sie ihren
Untergang im Wasser gefunden haben; bereuet eure Sünden mit dem
unerschütterlich festen Vorsatze, allen Menschen, mit denen ihr zu tun gehabt
hat, den zugefügten Schaden nach Möglichkeit wieder gutzumachen, auf daß auch
ihr Gnade beim Herrn und Meister über alle Dinge in dieser Welt finden möget!
Denn das haben wir nun vor unseren Sinnen erlebt, daß Er ein Wesen ist, das mit
den blinden Menschen eine übergroße Geduld hat; aber so die Menschen trotz
aller Ermahnung in ihrer Bosheit verharren und sich nicht bessern wollen, da
bekommt Seine Geduld ihr Ende, und die Strafe folgt darauf unverzüglich.
[GEJ.09_205,11] Bedenket wohl, was ich als
euer Oberster euch nun gesagt und geraten habe; denn gegen die ewig wirkende
göttliche Allmacht kann der ohnmächtige Mensch mit seinem Starrsinn nichts
ausrichten! Wehe dem, den der gerechte Zorn Gottes ergreift!“
206. Kapitel
[GEJ.09_206,01] Auf diese Rede des Obersten
ermannten sich die zehn und versprachen unter einem festen Eide, den Rat auf
das genaueste zu befolgen, obschon sie sich solcher Sünden, welche von den
hundertdreißig begangen worden seien, nicht bewußt fühlten, da sie auch in
dieser Sphäre dem Herodes nicht zu dienen hatten, indem sie stets nur als Burg-
und Palastwachen verwendet worden seien, was der Oberste, der Hauptmann und
auch die andern Vorgesetzten sicher auch wohl wissen würden.
[GEJ.09_206,02] Der Oberste sagte: „Das
wissen wir wohl; aber ein jeder Mensch, der einmal einem Herodes dient, ist ein
großer Sünder gleich mir. Will er der Gnade des Allerhöchsten, Allwissenden und
Allmächtigen teilhaftig werden, so muß er sich von seinen vielen Sünden dadurch
völlig reinigen, daß er sie erstens als Sünden gegen den göttlichen Willen erkennt,
zweitens sie wahrhaft verabscheut und bereut und drittens sie niemals wieder
begeht und den ernstlichsten Willen und Vorsatz faßt, das an den Menschen
begangene Unrecht nach Möglichkeit wieder gutzumachen.
[GEJ.09_206,03] Ich für mich werde das sicher
tun, und ich wünsche und rate, daß es ein jeder von uns wohl beherzigen und tun
soll; denn der große Herr und Meister hat uns hier eine übergroße Gnade und
Erbarmung schon dadurch erwiesen, daß Er uns erstens nicht gleich den andern
hat zugrunde gehen lassen in den empörten Wogen des Sees, und zweitens, daß Er
uns hier nicht von den strengen Römern hat gefangennehmen und vor ein Gericht
auf Leben und Tod stellen lassen, sondern uns eine übergroße Freundlichkeit
angedeihen ließ und uns solche sicher für fernerhin nicht vorenthalten wird, so
wir alle das tun, was ich nun nach meiner Ansicht euch angeraten habe.“
[GEJ.09_206,04] Auf diese abermals gute
Anrede des Obersten hoben alle ihre Hände auf und schwuren, seine Worte wohl zu
beherzigen und danach zu handeln. Und der Oberste war damit zufrieden.
[GEJ.09_206,05] Der Hauptmann aber machte
darauf dennoch folgende Bemerkung, sagend: „Freund, du hast im Verlaufe deiner
guten und wahrheitsvollen Anrede an die zehn Kriegsknechte auch diese Bemerkung
gemacht, daß ein jeder, der dem Herodes dient, schon an und für sich ein Sünder
ist! Und das ist auch vollwahr; denn er will vor Gott und allen Menschen nur
Ungerechtes über Ungerechtes. Wer demnach ihm durch seinen ihm mit Eid
angelobten treuen Dienst hilft, seine Ungerechtigkeit bei den armen Menschen in
Vollzug zu bringen, der sündigt allzeit, sooft er den Willen des
gewissenlosesten Wollüstlings in Vollzug bringt. So wir noch fernerhin im
Dienste des Herodes verbleiben, da wird es wohl sehr schwer sein, sich vom Sündigen
fernzuhalten.
[GEJ.09_206,06] Meine Meinung wäre demnach
diese: So wir einmal den Herodes auf die besprochene Weise werden mürbe und zu
starken Vergütungen gebracht haben, da lassen auch wir uns entschädigen und
treten dann aus seinen Diensten; denn, wie gesagt, ihm noch fortdienen, hieße
auch noch ferner fortsündigen wollen. – Habe ich recht oder nicht?“
[GEJ.09_206,07] Sagte der Oberste: „Da hast
du vollkommen recht, und so wir von ihm werden das erreicht haben, dann werden
wir auch das sogleich in Ausführung bringen! Doch darüber werden wir vom Herrn
schon morgen auch sicher nähere Weisungen erhalten, und ich bin nun der
Meinung, da es schon sicher gen Mitternacht an der Zeit gekommen ist und wir
auch sehr müde geworden sind, so sollten wir uns nun im Namen des Herrn und
Meisters, der uns so viele Gnade erwiesen hat, zur notwendigen Ruhe unseres
Leibes begeben!“
[GEJ.09_206,08] Damit waren alle
einverstanden, und besonders die Kriegsknechte, die während des Sturmes ihre
Kräfte tüchtig erschöpft hatten.
[GEJ.09_206,09] Der Hauptmann aber sagte
darauf noch zum Obersten, und so auch zu allen Anwesenden: „Höret, bevor wir
uns noch der vollen Leibesruhe überlassen, ist es hier und dann auch allerorts,
wo wir uns immer befinden werden, Sitte, Dem, den wir als den Herrn und Meister
wohl erkannt haben, in unserem Herzen einen wahren Dank auszusprechen für die
übergroße Gnade und Erbarmung, die Er uns hier anstatt einer gerechten Strafe
im reichsten Maße hat angedeihen lassen; und so denn sagen wir: O Herr und
Meister, der Du erfüllt bist mit der Fülle der göttlichen Liebe, Weisheit,
Kraft und Macht! Wir danken Dir für Deine große Huld und Gnade, die Du uns
großen Sündern hier anstatt der verdienten Strafe hast angedeihen lassen, und
bitten Dich aber auch für alle Folge, daß Du uns mit Deiner Gnade, Liebe und
Erbarmung nicht verlassen möchtest; denn von nun an wollen auch wir ganz Dir
angehören! Oh, nimm Du, lieber großer Herr und Meister, dem alle Geister,
Kräfte und Elemente gehorchen, auch uns zu Untertanen des Reiches auf, das Du
nun sicher für ewig auf dieser Erde unter den blinden Menschen gründest, und
lasse in der Folge auch keine zu großen Versuchungen über uns kommen, sondern
stärke uns mit Deiner Gnade und Erbarmung! Dir allein alle unsere Liebe, Ehre
und alles Lob! Dich preise alles, was da ist, lebt und atmet! Dein Name sei
geheiligt in uns!“
[GEJ.09_206,10] Als der Hauptmann diesen Dank
und die Bitte ausgesprochen hatte, da belobte ihn der Oberste gar sehr darob
und imgleichen auch alle andern, und sie übergaben sich dann der Nachtruhe.
Dasselbe taten auch wir im Herrenhause und schliefen wohl bis zum vollen
Morgen.
207. Kapitel
[GEJ.09_207,01] Ich war, wie allzeit, der
erste auf den Beinen; aber auch die Jünger erwachten nahezu gleich mit Mir und
gingen mit Mir ins Freie, und zwar an das Ufer des Meeres, über das bei der
sich dem Aufgange nahenden Sonne ein stärkender Morgenhauch wehte und der
Oberfläche des Wassers eine anmutige Bewegung verschaffte. Auf dem Spiegel des
Meeres zeigten sich hie und da ganze Scharen von allerlei schwimmenden Vögeln
größerer und kleinerer Art und suchten sich ihr ihnen wohlschmeckendes
Morgenmahl.
[GEJ.09_207,02] Und es sagte zu Mir der auch
schon anwesende Römer: „Herr und Meister! Solch ein Morgen in einer so herrlichen
Gegend erquickt und stärkt des Menschen Herz und Gemüt über alle Maßen wohl, –
aber ich habe dabei nur das ausstellend (beanstandend) zu bemerken, daß eben
der Morgen als des Tages schönste und angenehmste Zeit stets am allerkürzesten
dauert; denn sowie die liebe Sonne den Horizont überstiegen, so fängt der Tag
mit seiner stets zunehmenden langweiligen Einförmigkeit auch schon an und
dauert dann bis an den Abend mit wenig Abwechslungen fort. Oh, wenn es auf der
Erde doch irgend ein Land gäbe, in dem der Morgen gleichewig fortbestehen
würde, so möchte ich in einem solchen leben und mich gleichfort des Lebens
freuen! Aber diese unsere kurz andauernden Morgen haben mein Gemüt schon gar
oft, statt mit Freude, nur mit einer Art Wehmut erfüllt. O Herr und Meister,
gibt es denn auf dieser Erde nirgends ein Land, wo der Morgen wenigstens länger
andauert denn hier bei uns?“
[GEJ.09_207,03] Sagte Ich: „Jetzt hat wohl
noch so ein wenig der Heide mit seiner ewigen Aurora aus dir geredet! Hast du
denn gestern die Belehrungen Raphaels über die Erde und ihre verschiedenen
Erscheinungen nicht vernommen und der notwendigen Wahrheit nach aufgefaßt? Bei
der für diese Erde festgesetzten Ordnung kann es ja doch unmöglich irgend ein
Land mit einem ewigen Morgen geben!
[GEJ.09_207,04] Ja, in Meinem Reiche im
andern Leben wird es wohl einen ewigen Lebensmorgen geben; worin aber dieser
bestehen wird, das könntest du nun auch noch um gar vieles weniger fassen, als
du des Raphaels Erklärungen aufgefaßt hast. Willst du aber auf dieser Erde den
Morgen länger genießen, so gehe allzeit um ein paar Stunden Zeit früher ins
Freie, und du wirst den Morgen über drei Stunden lang genießen können!
[GEJ.09_207,05] Dazu hat ja auch ein jeder
Tag zu jeder Zeit sein Angenehmes und auch Unangenehmes, so auch der Abend, und
ebenso die Nacht; es kommt beim Menschen nur darauf an, mit welchen Augen des
Gemütes er eine jede Zeit des Tages betrachtet.
[GEJ.09_207,06] Siehe, es geht nun soeben die
Sonne auf, und des Morgens Herrlichkeit dauert noch fort und wird noch über
eine Stunde Zeit fortdauern, und du kannst dich daher auch noch der Anmut des
Morgens fortfreuen! Dann wird der Morgen allmählich in den vollen Tag
übergehen, und du wirst dich am Tage des Lebens ebenso freuen wie nun am jungen
Morgen; daher laß auf dieser Erde nur fein die alte Einrichtung unbeanstandet
fortwalten, die ganz gut und sehr zweckmäßig ist.
[GEJ.09_207,07] Wären auf dieser Erde nur
auch die Menschen aus ihrem freien Willen heraus so gut, wie da ist die alte
Einrichtung der Erde, da gäbe es für viele schon hier einen wahren, geistigen
Lebensmorgen, nach dem vor allem ein jeder Mensch streben sollte! – Hast du
diese Meine ganz natürliche Rede wohl verstanden?“
[GEJ.09_207,08] Sagte der Römer: „Ja, hoher
Meister und Herr, ich danke Dir für diese Belehrung! Nun freut mich auch der
Tag mit seinen oft sehr vielfach abwechselnden Erscheinungen.“
208. Kapitel
[GEJ.09_208,01] Auf diese unsere ganz
natürliche Besprechung kamen auch unsere Griechen mit dem Arzt aus Melite und
alle, die hier anwesend waren, und erfreuten sich des schönen, wenn in dieser
Zeit auch oft kühler gewordenen Morgens.
[GEJ.09_208,02] Der auch noch gleichfort
anwesende Wirt von Jesaira und die uns bekannten Bootsmänner besichtigten das
gedeckte Schiff, das beim nächtlichen Sturm die nun noch in ihrer Hütte
ruhenden Herodianer an unser Ufer brachte, und verwunderten sich höchlich, wie
dieses schon ziemlich alte und durchaus nicht zu fest gebaute Schiff samt den
andern vieren nicht auch untergegangen sei.
[GEJ.09_208,03] Und der eine Bootsmann sagte
zu dem Wirte: „Freund, dort am Ufer weilt der Retter! Dies Schiff könnte noch
zehnmal elender sein, als es ist, und des Herrn Wille hätte es gewiß dennoch
gerettet!“
[GEJ.09_208,04] Der Wirt belobte den
Bootsmann und gab ihm recht.
[GEJ.09_208,05] Kisjona aber fragte den
Raphael, was es zu bedeuten habe, daß sich in diesem Herbste gar so viele
Wasservögel zumeist an den Ufern eingefunden hätten, und darunter einige
Gattungen, die man sonst nur äußerst selten in geringer Anzahl an Galiläas Meer
wahrgenommen habe.
[GEJ.09_208,06] Sagte Raphael: „Freund, das
hat weiter gar nichts zu bedeuten, als das, daß zur Zeit ihrer Auswanderung aus
den großen Seen und Meeren des hohen Nordens ein ganz anderer als der zu jener
Zeit gewöhnliche Wind wehte; und dieser für die Auswanderzeit dieser Vögel
ungewöhnliche Wind trägt die Schuld, daß nun dieses Meer mit diesen Tieren
reichlicher bevölkert ist denn sonst. Und eine weitere ganz natürliche Folge
dieser Erscheinung wird die sein, daß der diesjährige Winter ein ganz gelinder
werden wird, – sonst wären diese Vögel wohl weiter gegen den Mittag hin gezogen
und hätten sich ihre Winterwohnstätte dort aufgesucht. Es liegt also in dieser
ganz natürlichen Erscheinung auch ganz und gar nichts irgend Besonderes und
Beachtenswertes.
[GEJ.09_208,07] Die an diesem Meere häufig
wohnenden Griechen, die sich auf den Fang dieser Vögel ganz gut verstehen,
werden ihre große Anzahl schon lüften, denn diese Vögel sind für sie wahre
Leckerbissen, und sie können auch ihr Gefieder sehr gut gebrauchen und es
verwerten. Und da hast du, Freund, nun aber auch schon alles, was diese Vögel
betrifft!“
[GEJ.09_208,08] Sagte Kisjona: „Dürften denn
wir Juden nicht auch Jagd auf diese Vögel machen und, gleich den Griechen, sie uns
zunutze machen?“
[GEJ.09_208,09] Sagte Raphael: „O ja, so ihr
sie zu fangen und dann als eine Leckerspeise zu bereiten verständet! Aber da
ihr der ganz reinen Speisen aller Art noch in einer großen Menge besitzet und
euch damit sättigen könnet, so laßt bis zu einer Zeit der Not diese wilden
Vögel, gleichwie auch die Schweine, Hasen, Gazellen, Hirsche und noch mehr
anderes Wild, nur die ärmeren Griechen für ihre Tische fangen und zum Genusse
zubereiten!“
[GEJ.09_208,10] Mit dem war unser Kisjona
ganz vollkommen zufrieden und verlor die Sehnsucht, derlei Vögel für sich zu
fangen.
[GEJ.09_208,11] Als sich all die Anwesenden
noch bald über dies und jenes besprachen, da kamen auch unsere Joppeer zu uns
ans Ufer, drangen zu Mir hin, verbeugten sich tief vor Mir und dankten Mir mit
hoch aufgehobenen Händen für die gestrige Heilung und für die nie erwartet
freundliche Aufnahme und
[GEJ.09_208,12] Ich aber sagte zu ihnen: „Ihr
tut wohl, daß ihr Mir darum danket; doch für die Folge danket Mir ohne äußere
Gebärden nur allein im Herzen, und lebet und handelt stets nach Meiner Lehre,
und es wird Mir das angenehmer sein als das tiefe Verbeugen, Aufheben der Hände
und die vielen lauten Worte! – Habt ihr alle das wohl verstanden?“
[GEJ.09_208,13] Sagte der Fischer, der in
Cypern geboren war: „O Herr und Meister voll göttlicher Kraft, Macht und
Weisheit, wir haben Deinen wahren und weisen Rat nun durch Deine Liebe und
Gnade wohlverstanden, in unserem Gemüte als Gottesrat angenommen und werden in
der Folge auch danach handeln; doch eine Bemerkung erlaube mir, o Herr und
Meister, zu unserer Entschuldigung Dir vorzutragen!“
[GEJ.09_208,14] Sagte Ich: „Also rede und
entäußere dich!“
[GEJ.09_208,15] Sagte der Fischer: „Es ist
mehr als wahr, daß ein Mensch, der an Dich, so wie wir, lebendig glaubt, daß Du
– obschon als ein uns sichtbarer Mensch mit Fleisch angetan – doch mit dem
ewigen Gottgeiste vollkommen ein Wesen und eine und dieselbe Persönlichkeit
bist, Dich nur ganz ohne äußere Gebärden bitten und Dir danken kann in der innersten
Stille seines Gemüts und Herzens, – und Du wirst seine Bitte wohl vernehmen und
auch erhören und an dem stillen, aber geistlebendig wahren Dank Dein
Wohlgefallen haben. Aber siehe, wir Menschen sind schon von Kindheit an
gewohnt, unsere Bitten und Danksagungen auch mit äußeren Gebärden zu begleiten,
um den Menschen, die wir um etwas bitten oder denen wir für eine empfangene
Guttat danken, der altüblichen Sitte gemäß das auch äußerlich ersichtlich zu
machen, was wir in uns lebendig und wahr fühlen.
[GEJ.09_208,16] So wir aber gar oft genötigt
sind, vor den Menschen, die doch unseresgleichen sind, unsere Knie zu beugen,
so glaube ich, daß es sich noch um unaussprechbar vieles mehr schickt, vor dem
Herrn von Ewigkeit unsere Knie und unseren ganzen Leib zu beugen; denn es ist
ja auch unser Leib nur Sein Werk und ist der Träger der lebendigen Seele, die,
so sie zu sehr den Begierden ihres Fleischleibes frönt, verdorben werden kann.
So sie aber den Leib ihren hohen inneren, geistigen Bestrebungen anpaßt und ihn
mit sich in ihr Geistiges verkehrt, da kann sie dadurch ja doch nicht
leichtmöglich irgendeinen Verstoß gegen Deine Ordnung, die da ist die Macht und
Kraft Deines ewigen Gottwillens, machen und Dir darum irgend unwohlgefällig
werden?“
209. Kapitel
[GEJ.09_209,01] Sagte Ich: „Freund, du hast
nun ganz wohl geredet, und Mein Herz erquickte sich an dem Sinn deiner Worte!
Es ist also auch recht, wenn der um etwas bittende und dankende Mensch sich
dabei so verhält, wie du es nun dargestellt hast; aber dann sollte der Mensch
auch stets völlig in deiner Gesinnung verbleiben, nur auf das Innere allein den
wahren Lebenswert legen und das Äußere nur als gewisserart eine Last nach sich
ziehen und es seiner inneren Kraft untertan machen, und es wäre also das Bitten,
Danken und Verehren, wie gesagt, auch schon ganz recht und gut und Mir
wohlgefällig.
[GEJ.09_209,02] Aber die Menschen bleiben
nicht also, wie ihr da vor Mir nun seid, sie fangen nur zu bald an, auf die
äußerlichen Gebärden einen größeren Wert zu legen, als sie der inneren
Lebenswahrheit nach sollten, und halten das allein wahre Innere in Ermangelung
des Äußern für nicht genügend und am Ende gar für wertlos; und es geht mit
dieser Sache dann nur zu leicht so weit, daß gewisse, wie eingeweihte und von
Gott erwählte und berufene Priester das Volk dahin zu verleiten anfangen, daß
es dem gemeinen Menschen genüge, nur das von ihnen vorgeschriebene Äußere zu
beachten und es höchst zu verehren, denn das eigene innere, selbst an Gott
entweder bittend oder dankend gerichtete Wort sei ohne allen Wert vor Gott und
habe keine Wirkung, da Gott daran nicht nur nicht das geringste Wohlgefallen,
sondern nur gerechtes Mißfallen habe, da solch ein eigenmächtiges inneres
Beten, Bitten und Danken von Gott als eine Frechheit und Gotteslästerung
angesehen werde.
[GEJ.09_209,03] Was kommt da am Ende heraus?
Siehe, die Menschen entfernen sich also stets mehr und mehr von Gott, anstatt
daß sie sich Ihm stets mehr und mehr im Herzen und in der Liebe und im wahren,
lebendigen Glauben und Vertrauen nähern sollen! Die traulich wahre und reine
Liebe wird in eine gespenstische Furcht verkehrt und der lebendige
Wahrheitsglaube in einen finsteren heidnischen Aberglauben, bei dem sich dann
eine träge und jedes Betruges fähige Priesterkaste irdisch sehr wohl befindet,
während die sogenannte gemeine Menschheit aber dabei oft ratlos in aller
geistigen Not und verzweiflungsvollen Finsternis, Armut und Blindheit
schmachtet und dabei auch oft der Leib sich nicht mehr die ihm gedeihliche
Nahrung verschaffen kann, weil die wie die Fliegen sich vermehrenden
sogenannten von Gott allein berufenen Priester voll Trägheit und Arbeitsscheu
dem armen Volke unter allerlei Verheißungen von den jenseitigen himmlischen
Freuden und noch häufigeren grellsten Androhungen von ewigen Höllenstrafen,
Qualen und Peinen alles ordentlich vom Munde hinwegrauben und damit ihre Bäuche
mästen, wie du das nun sowohl bei den Pharisäern wie auch bei allen
Heidenpriestern sehen kannst.
[GEJ.09_209,04] Und siehe, das alles entsteht
so nach und nach aus den anfangs freilich sehr unschuldig und sogar sittlich
geziemend scheinenden äußeren Bitt-, Dank- und Gebetsgebärdungen, und Gott muß
endlich wieder durch den Mund eines neuerweckten Propheten zu den Menschen
rufen und schreien: ,Siehe, dieses Volk ehrt Mich mit den Lippen und eitler und
toter Weltzeremonie, – aber sein Herz ist ferne von Mir!‘
[GEJ.09_209,05] Darum merket euch das, und
machet es zu eurer steten Lebensleitschnur: Gott ist in Sich ein Geist, voll
Liebe, Wahrheit, Weisheit und Macht unveränderlich von Ewigkeit her und kann
daher auch nur im Geiste und in der Wahrheit, die inwendig im Menschen ist,
angebetet werden.
[GEJ.09_209,06] So jemand denn ein Anliegen
hat, daß ihm Gott als der allein wahre Schöpfer und Vater aller Menschen und
Engel in diesem oder anderem helfen möchte, so gehe er mit seinem Anliegen
nicht in einen Tempel oder in eine Synagoge und auch zu keinem Priester,
sondern sperre sich in ein Kämmerlein, und besonders in das ganz stille seines
Herzens, ein und bete darin zu Gott und bitte Ihn als den liebevollsten Vater
um eine rechte Hilfe. Und der Vater, der alles im noch so Verborgenen hört und
sieht, wird dem also allein recht und im Geiste der Wahrheit lebendig Bittenden
allzeit gerne geben, um was er rechtlich gebeten hat, dessen ihr alle völlig
versichert sein könnet. Aber auf eine offen vor den Menschen zur Schau
getragene Bitte, wobei oft das Herz sehr wenig empfindet, wird der Vater im
Himmel niemals Sein allmächtiges Amen aussprechen.
[GEJ.09_209,07] Dieses alles verstehet, und
merket es euch überaus wohl, und tut auch danach, so ihr eure Nachkommen nicht
in ein noch finstereres Heidentum übergehen sehen wollet, als es nun auf dieser
Erde allenthalben unter den Menschen zu Hause ist.
[GEJ.09_209,08] Das gefällige Gebärdenmachen
kann wohl vor den eitlen, blinden, stolzen und ehrsüchtigen Menschen als etwas
Wertes erscheinen; aber bei Dem, der die ewige Liebe und Wahrheit Selbst ist
und allzeit das Innerste und Geistlebendigwahre durchschaut, gilt die Gebärde
nicht, sondern allein die lebendige innerste Lebenswahrheit.
[GEJ.09_209,09] So ihr aber den Vater um
etwas bittet, da bittet Ihn nicht so sehr um die Güter dieser Erde, nach denen
die blinden und törichten Heiden und auch die Gottes vergessenen Juden und
Pharisäer trachten, sondern bittet Ihn vielmehr um die unvergänglichen Schätze
für Seele und Geist, und sie werden niemandem vorenthalten werden. Was aber die
zum zeitlichen Lebenserhalt nötigen diesirdischen Güter betrifft, so werden sie
jedem, der sein Bestreben und Bitten und Suchen nur nach dem Reiche Gottes und
nach dessen liebevollster Gerechtigkeit richtet, frei hinzugegeben werden.
[GEJ.09_209,10] Wer da stark im Geiste und
somit im Reiche Gottes geworden ist, der wird auch ein Herr sein über die Dinge
der Welt und wird niemals eine große Nährnot für seinen Leib zu erdulden haben;
aber besser ist es auch für den im Geiste Erweckten, in den Gütern der Himmel
Gottes zu schwelgen, aber dabei sich an den Gütern dieser Erde eine kleine Not
gefallen zu lassen. – Das merket euch auch und beachtet es in der Tat!“
210. Kapitel
[GEJ.09_210,01] (Der Herr): „Darum sammelt
euch allzeit Schätze, welche die Motten nicht zernagen mögen und der Rost und
die Verwesung nicht zerstören können.
[GEJ.09_210,02] Hütet euch vor den Gütern und
Schätzen dieser Welt; denn in ihnen ruht der arge Geist der Versuchung zu allen
Sünden!
[GEJ.09_210,03] So ihr denn zu Gott betet und
im Herzen saget: ,Vater im Himmel, führe uns nicht in die Versuchung!‘, so
saget, denket und wünschet, daß Er euch nicht mit vielen irdischen Gütern und
Schätzen wohl versehe, sondern bittet Ihn nur um das tägliche Brot, und Er wird
es euch nicht vorenthalten, da Er es wohl am besten weiß, wessen ihr bedürfet.
[GEJ.09_210,04] So ihr aber nach Meiner Lehre
Gott über alles liebet und darum auch euch untereinander also, wie sicher ein
jeder sich selbst liebt und nach allen Richtungen hin für sein Bestes sorgt, so
werdet ihr euch untereinander nie über irgendeine Not zu beklagen haben; denn
die Not und die Armut unter den Menschen auf dieser Erde erzeugt einzig und
allein ihre gegenseitige Lieblosigkeit, – diese aber ist stets die Folge des
Un- oder finsteren Aberglaubens. Denn wer den Glauben an den einen, ewig allein
wahren Gott nicht hat, – wie sollte er Ihn dann ehren und über alles lieben und
aus solcher Liebe seinen Nächsten wie sich selbst?
[GEJ.09_210,05] Es sieht zwar ein mit
irdischen Schätzen bestens versehener Mensch seinen armen Nächsten; aber da er
selbst keine Not zu erleiden hat, so sagt er: ,Ich bin versorgt, was gehen mich
die andern an! Ein jeder sorge für sich, und er wird nicht Not zu leiden nötig
haben!‘
[GEJ.09_210,06] Ich aber werde dereinst zu
einem solchen sagen: ,Warum sorgtest denn du weit über die Gebühr nur für dich
und entzogst darum den andern das, was von Mir aus ihnen gebührt hätte? Darum
wirst du aber nun in Meinem Reiche verlassen sein und dir alle Armut und Not
gefallen lassen müssen!‘
[GEJ.09_210,07] Und so er sich dann damit entschuldigen
wird, daß er an Mich nicht geglaubt habe darum, weil ihm von Mir niemand eine
rechte Kunde gebracht habe, so werde Ich aber zu ihm sagen: ,Wer hat denn dir
hernach die Kunde gebracht von einem Recht, demnach du die Güter der Erde
deinen Nebenmenschen, die ein gleiches Recht auf ihren nötigen Besitz hatten,
als Stärkerer entzogen und sie für dich zusammengehäuft hast? Hättest du da
nicht nach der rechten Vernunft und nach dem Recht, das vor jedermanns Augen
und Ohren die Einrichtung der Erde und ihrer Natur laut verkündet, handeln
sollen, da du doch das klar gewahren mußtest, daß die Erde mit ihren Gütern
nicht für dich allein, sondern auch für alle andern Menschen da ist und dasein
muß?!
[GEJ.09_210,08] Weil du aber dessen, was dir
deine Vernunft eingeben mußte, nicht achtetest, so wird hier in Meinem Reiche
auch deiner Seelennot und Armut nicht geachtet werden!
[GEJ.09_210,09] So du aber sagst, daß du
darum an keinen wahren Gott glauben konntest, weil dir von Ihm niemand eine
rechte Kunde gebracht habe, da werde Ich dir aber sagen: Siehe, wie du doch ein
arger Lügner bist! Meinst du denn, daß jene vom Geiste Gottes wahrhaft
erfüllten und wohlerleuchteten Menschen auch gleich den dir gleichen
Weltprassern von allen Schätzen und Gütern dieser Erde strotzen? Oh, wie sehr
bist du da in der größten Irre!
[GEJ.09_210,10] Sie kamen als arme und
bedürftige Menschen vor die Türe deines Hauses und wollten dir die Kunde von
dem einen, allein wahren Gott überbringen, du aber ließest sie nicht vor dich
kommen, aus der geizigen Furcht, daß du ihnen dafür etwas geben sollest oder am
Ende sogar freiwillig gäbest, so du möglicherweise durch sie zum ungezweifelten
Glauben an den einen, allein wahren Gott bekehrt würdest.
[GEJ.09_210,11] Auf daß du dich aber nicht durch
deine mögliche Bekehrung je genötigt fühlen könntest, ihnen also zu geben, so
ließest du dich auch lieber gar nicht bekehren und wünschtest dir deines Geizes
wegen, keine wahre Kunde von dem einen, allein wahren Gott durch einen von
Gottes Geiste erleuchteten Menschen zu erhalten.
[GEJ.09_210,12] Wenn aber also und nicht
anders, – wie entschuldigst du dich nun vor Mir damit, daß du der armen
Nebenmenschen darum nicht achten konntest, weil du in deiner Unkunde von Gott
keine Verpflichtungen gegen sie gewahrtest! Also hast du im ersten Falle das
Recht der Natur, an das doch alle besseren Heiden halten, aus deinem Geize mit
Füßen getreten, im zweiten Falle deiner Mir vorgebrachten Entschuldigung aber
bist du ein Lügner, und es soll dir hier der Lohn des Geizes und des Lügners
zuteil werden, und es soll fortan deiner von Meinen Auserwählten ebenso gedacht
sein, wie du in der materiellen Welt eines allein wahren Gottes gedachtest und
Ihn über alles liebtest, und also auch deiner Nebenmenschen!‘
[GEJ.09_210,13] Der Same zur wahren
Erkenntnis Gottes und zum lebendigen Glauben an Ihn ist vorerst die Liebe zum
Nächsten, und darin auch die reine Liebe zu Gott.
[GEJ.09_210,14] Wer aber schon ein so hartes
Herz hat, daß er seinem ihm wohl sichtbaren armen Nächsten nicht mit Liebe
begegnen kann, – wie wird der in seiner verstockten Seelenblindheit Gott lieben
können, den er unmöglich sehen und irgend gewahren kann und will?
[GEJ.09_210,15] Sehet, also wird sich
dereinst vor Mir kein unbußfertiger Sünder entschuldigen können, da es einem
jeden Menschen von Mir aus gegeben ist, die Wahrheit und ihr Gutes zu erkennen,
dem Heiden von der Erkenntnis der vor seinen Augen liegenden Dinge und
Verhältnisse im großen Reiche der Natur, und dem Juden auf dem Wege der
außerordentlichen Offenbarung!
[GEJ.09_210,16] Darum sage Ich es euch noch
einmal: So ihr den Vater in Mir in Meinem Namen um etwas bittet, da bittet Ihn
vor allem nur um die unvergänglichen Schätze des Reiches Gottes, und ihr werdet
sie erhalten, und mit ihnen auch das, was euch zum Leben auf dieser Erde not
tut!
[GEJ.09_210,17] Wem aber auch viel von den
Erdengütern verliehen worden ist, der verwalte sie nach dem Liebewillen des
Vaters, und er wird dann, als ein treuer Verwalter schon auf dieser Welt über
nur kleine Dinge, in Meinem Reiche über Großes gestellt werden!“
[GEJ.09_210,18] Nach dieser Meiner längeren
Rede an die Joppeer dankten sie Mir inniglichst, aber nicht mehr sehr mit der
Mithilfe der äußeren Gebärden, und es fragte Mich in aller Liebe und Demut der
Fischer, ob sie als vollkommen gesunde und kräftige Menschen nicht schon heute
die Heimreise antreten sollten.
[GEJ.09_210,19] Ich aber sagte: „Von Mir aus
werdet ihr weder zur Heimreise noch zu einem längeren Hierverweilen genötigt
werden; so sich aber nach dem Morgenmahle eine Gelegenheit zur Heimreise bieten
kann, so möget ihr sie schon benutzen!“
[GEJ.09_210,20] Als der Fischer das vernahm,
da ward er frohen Mutes; denn er brannte schon vor Begierde, daheim alles zu
erzählen, was er und seine Gefährten hier alles erlebt hatten.
211. Kapitel
[GEJ.09_211,01] Nun kamen aber auch die
Herodianer aus ihrer Herbergshütte ins Freie und gingen zu ihrem Schiff, um es
zu besichtigen, ob es zur Weiterfahrt wohl noch tauglich und brauchbar sein
werde.
[GEJ.09_211,02] Bevor sie aber noch das
Schiff in einen ordentlichen Augenschein nahmen, ersah uns der Hauptmann von
dem Schiffsplatze bei zweihundert Schritte entfernt mehr auf einer kleinen
Ufererhöhung beisammenstehen und sagte zum Obersten: „Freund, überlassen wir die
Schiffsbesichtigung nun nur unsern treuen Kriegsknechten, sie werden die Sache
schon auch ohne uns ganz wohl zu beurteilen imstande sein, inwieweit das Schiff
brauchbar oder nicht brauchbar sein wird. Wir aber begeben uns zu jener
Gesellschaft dort oben am erhöhten Ufer; denn mir kommt es vor, daß sich der
große Herr und Meister unter ihr befindet. Ich habe mir gestern am Abend Seinen
Anzug wohl gemerkt, und jenen eines wunderschönen Jünglings auch. Sie sind es
unfehlbar; darum eilen wir vor allem nun nur hinauf zu ihnen, was die
Hauptsache ist, – alles andere wird sich schon nachher ganz wohl schlichten
lassen!“
[GEJ.09_211,03] Als der Hauptmann das noch
kaum ausgeredet hatte, da stand auch schon Raphael, den er aus der Ferne als
den am Abend bemerkten schönen Jüngling erkannt hatte, ganz knapp vor ihm und
vor dem Obersten, und beide erschraken vor dieser so plötzlichen Gegenwart
Raphaels; denn sie konnten es wahrlich nicht begreifen, wie er eine Strecke von
zweihundert Schritten in einem Augenblick zu ihnen hatte gelangen können. Und
sie fingen an, sich sehr vor ihm zu fürchten, so daß sie sich nicht getrauten,
ihn zu fragen, wie er so schnell zu ihnen gekommen sei.
[GEJ.09_211,04] Er aber redete sie an und
sagte (Raphael): „Warum fürchtet ihr euch denn vor mir? Ich sehe ja doch nicht
fürchterlich aus und habe auch nicht im Sinne, euch nur im geringsten
irgendeine Unannehmlichkeit zu bereiten, und so ist eure Furcht vor mir eine
eitel törichte! – Sehet ihr das nicht ein?“
[GEJ.09_211,05] Sagte der Hauptmann: „O du
holdester Jüngling, gar so eitel töricht ist unsere sicher sehr zu
entschuldigende Furcht vor dir mitnichten, wie du es da meinst! Denn so du dich
auch, sehr stark laufend, zu uns in etlichen Augenblicken der Zeit nach begeben
hättest, so wäre das eben gerade nichts Überraschendes gewesen; denn ein ganz
kerngesunder Jüngling kann bald einem gehetzten Hirsche gleich schnelle Sprünge
machen. Aber dort und hier einem Blitze gleich gegenwärtig sein ohne alles
Geräusch, das ist denn doch offenbar ein wenig viel! Ich muß es mir nun nur
also denken, daß deinem, wie nun auch unserem Herrn und Meister nichts
unmöglich ist, und da ist deine überschnelle Hierherkunft zu uns wohl
begreiflich; nur möchten wir nun vorerst von dir erfahren, aus welch einem
sicher höchst wichtigen Grunde dich der große Herr und Meister so blitzschnell
zu uns herab entsandt hat!“
[GEJ.09_211,06] Sagte Raphael: „Auf daß ich
euch hinterbringen soll, daß ihr euch nun nicht sogleich zu Ihm hinaufbegeben
sollet! Er wird Sich dann aber Selbst zu euch herabbegeben und euch kundtun,
was ihr bei eurer Rückkehr nach Jerusalem in der Herodesangelegenheit zu tun
haben sollet, und das will der Herr nur euch allein, ohne dabei seienden
Zeugen, sagen.
[GEJ.09_211,07] Zugleich aber habe ich als
ein Diener des Herrn noch etwas zu tun, was denn auch alsbald ins Werk gesetzt
wird. Seht, euer Schiff ist durch den starken Anprall an dieses mit Steinen
reich versehene Ufer am Boden bedeutend stark beschädigt worden! Säße es hier
nicht am seichtesten Punkte dieses Meeres, so wäre es schon lange
untergesunken; aber da hier das Meer kaum ein paar Ellen Tiefe hat, so kann das
Schiff denn auch nicht tiefer sinken, als es eben schon gesunken ist.
[GEJ.09_211,08] Sehet aber nun nur eure
Kriegsknechte an, wie sie sich mit den ihre Köpfe schüttelnden andern Schiffern
beraten, was mit eurem lecken Schiffe zu machen sein wird! Das Wasser
ausschöpfen nützt nichts; denn das wäre eine ebenso vergebliche Arbeit, als so
jemand einen Bach ausschöpfen wollte. Denn soviel Wasser er aus dem Bache
wegnähme, ebensoviel und dann noch um gar vieles mehr flösse ja von neuem
wieder nach. Daß es sich aber mit eurem Schiffe also verhält, da kommet nun nur
ganz beherzt mit mir und überzeuget euch selbst!“
212. Kapitel
[GEJ.09_212,01] Darauf gingen der Oberste,
der Hauptmann und auch die andern ihnen untergebenen Führer und Leiter mit dem
Raphael zum Schiffe hin und fanden es zu ihrem Leidwesen geradeso beschaffen,
wie es ihnen zuvor Raphael beschrieben hatte.
[GEJ.09_212,02] Auch die zehn Kriegsknechte
sagten nach der mit ihnen übereinstimmenden Meinung der andern anwesenden
Schiffer, zumeist des Kisjona, zum Obersten: „Herr und unser Gebieter, mit
diesem Schiffe wird sich etwa vor acht bis zehn Tagen Zeit nichts unternehmen
lassen; es muß zuvor ans Land gehoben und von sachkundigen Zimmerleuten wohl
untersucht, dann ausgebessert und geprüft werden, sonst ist es nicht ratsam,
sich auf demselben in dieser wetterwendischen Zeit auf die Höhe dieses ohnehin
stets unruhigen Wassers zu begeben!“
[GEJ.09_212,03] Als der Oberste und der
Hauptmann sich davon überzeugt hatten, da sagte der Hauptmann zu Raphael:
„Holdester Freund, du sagtest ehedem, daß du auch darum zu uns so wundereilig
gekommen seist, um dieses Schiff wieder in einen für uns gut brauchbaren
Zustand zu setzen! Wie wird dir das wohl möglich sein, wo diese alle ihre Köpfe
bedenklich schütteln? Mit zwanzig Ochsen wird sich dieses Schiff kaum ans Land
herausheben lassen, und wo sind endlich die dazu nötigen Zimmerleute?“
[GEJ.09_212,04] Sagte Raphael: „Ihr urteilt
allen Menschen gleich nach ihrer Ohnmacht; ich aber urteile nach der Macht
Gottes in mir, und so werde ich, um dieses Schiff in einen brauchbaren Zustand
zu setzen, wahrlich nicht eines längeren Zeitraumes benötigen, als ich
desselben benötigte, um von der Gesellschaft des Herrn zu euch herab zu
gelangen! Aber diesmal erschreckt nicht so sehr, wie ihr euch zuvor ob meiner
Schnellreise zu euch herab erschreckt habt!
[GEJ.09_212,05] Seht, ich will nun aus dem
Willen des Herrn in mir, daß dieses Schiff im schnellsten Augenblick in einen
brauchbarsten Zustand umgewandelt werde! Und seht, schon ist euer Schiff in der
vollsten Ordnung! Lasset es nun von euren Kriegsknechten und auch von den
anderen Schiffern besteigen und untersuchen, und sie werden nicht einen
allerkleinsten Fehler weder von außen noch von innen entdecken!“
[GEJ.09_212,06] Voll des höchsten Staunens
wurde das Schiff von allen Seiten untersucht, und es war nirgends nur ein
Makelchen zu entdecken. Von innen war es so trocken, als wäre nie auch nur ein
Tropfen Wasser in seinen inneren Raum gedrungen, und von außen sah es wie ganz
neu und frisch gezimmert aus.
[GEJ.09_212,07] Da sagten nach der
Durchsuchung alle: „Das ist ein Wunder über alle Wunder! Das ist nun ja ein
Schiff, auf dem man sich auch dem großen Meere anvertrauen kann!“
[GEJ.09_212,08] All die Herodianer
betrachteten den vermeintlichen Jüngling mit einer stets größeren
Aufmerksamkeit und wußten nicht, was sie aus ihm machen sollten.
[GEJ.09_212,09] Nach einer Weile sagte der
Oberste: „Und – gegen – solche Menschen wollte Herodes zu Felde ziehen?! Er,
kaum eine Mücke gegen tausend Löwen?“
[GEJ.09_212,10] Sagte darauf Raphael: „Ja,
ja, da hast du eine gute und wahre Bemerkung gemacht! Die Menschen, die kein
wahres, inneres Lebenslicht haben, leben in einem Wahnlichte und unternehmen
gar oft Dinge und Handlungen, deren Ausführung ebenso unmöglich ist, wie
unmöglich ein von der Geburt an Stockblinder von einer Farbe ein Urteil abgeben
kann; aber das hindert die vielen Wahnmenschen nicht, irgend etwas rein und
völlig Unmögliches ins Werk setzen zu wollen mit allen ihnen zu Gebote
stehenden irdischen Mitteln. Und gelingt ihnen das Werk mit einem ersten
Versuche nicht, so stehen sie davon doch nicht ab, sondern erneuern die
Versuche gleich fort und fort; und haben sie nach oft vielen Versuchen
ebensoviel ausgerichtet wie beim ersten, so schreckt sie das ja nicht ab,
abermals mit neuen Versuchen aufzutreten, und das so lange fort, bis sie dabei
ihren vollen Untergang gefunden haben.
[GEJ.09_212,11] Nun sollte aber ein solches
oft wiederholtes Mißraten von Versuchen doch vielen andern Menschen zu einer
guten Belehrung dienen; aber nein, sie denken, hausen und handeln ebenso
wahnsinnig fort, wie das ihre stets verunglückten Vorfahren getan haben, und
rennen darum in das alte Unglück ihrer wahnsinnigen Vorfahren.
[GEJ.09_212,12] Allein dem, der etwas selbst
will und sich auch von niemand belehren läßt, geschieht nie ein Unrecht. Sein
freier Wille, der ihm von Gott aus gegeben ist zu seiner Selbstvollendung, wird
mißbraucht und stürzt den Menschen oft nur zu bald in den Abgrund des Elends
und Verderbens seiner Vorfahren. Der Mensch weiß es sicher aus vielfacher
Erfahrung, daß er zugrunde geht, so er in die Fußstapfen seiner Vorfahren tritt
und ihre losen Pfade und selbstsuchtsvollen Wege fortwandelt; aber, wie gesagt,
wer sich von der Wahrheit nicht belehren läßt, der ist selbst an seinem
unvermeidlichen Untergange schuld.
[GEJ.09_212,13] Wie es aber noch allen bösen
Narren ergangen ist, also wird es auch dem Herodes gar bald ergehen, zum Teile
schon in diesem Leben, und um viele tausend Male ärger im großen Jenseits für
immer!
[GEJ.09_212,14] Ich kann euch dessen
versichern, da ich das Jenseits gar wohl kenne, und das aus dem leicht
begreiflichen Grunde, weil ich schon seit gar lange her ein Bürger des großen
Jenseits bin. Daß ich hier unter den Menschen sichtbar wandle, wirke und sie im
Namen des Herrn belehre durch Wort und Tat, das ist eine große Gnade des Herrn,
der nun Selbst als ein Mensch unter den Menschen wandelt, sie belehrt und ihnen
allerorts zeigt die großen Irrsale, in denen sie sich befinden. Mit dem wisset
ihr denn nun auch, wer ich bin, und ihr braucht euch nicht gar zu sehr zu
verwundern über meine euch freilich unbegreiflichen Taten.“
213. Kapitel
[GEJ.09_213,01] Als Raphael solches zu dem
Obersten geredet hatte, da stutzte dieser samt seinen Gefährten noch mehr und
sagte nach einer Weile etwas schüchtern (der Oberste): „Was, – du bist also ein
Geist aus dem Jenseits? – – Wir haben wohl auch von Geistern so dann und wann
märchenhafte Dinge erzählen hören, auch in der Schrift wird deren zu öfteren
Malen erwähnt; aber ich selbst und mit mir sicher viele tausendmal Tausende
haben daran beinahe gar keinen Glauben mehr und auch schon seit langem keinen
mehr gehabt, da unter uns sich wohl niemand rühmen kann, je einen Geist gesehen
und gesprochen zu haben.
[GEJ.09_213,02] Es sind zu uns wohl Magier
teils aus den Morgenlanden und teils aus Ägypten gekommen, die neben ihren
vielen betrugsvollen Künsten im Fache der Zauberei sich auch mit dem Beschwören
der Geister abgaben und auch gewisse, stets sehr unheimliche Gestalten vor die
Augen der Menschen stellten; aber man wußte nur zu bald, wer hinter diesen Erscheinungen
steckte, – und so haben besonders bei den mehr gebildeten und erfahrenen
Menschen derlei magische Geisterzitationen (Geisterbeschwörungen) dem Glauben
an eine jenseitige Existenz der Geister kaum aussprechbar um gar vieles mehr
geschadet als irgend genützt.
[GEJ.09_213,03] Das gemeine Volk, das nichts
versteht, nichts denkt, weil es über derlei Betrügereien der gewinnsüchtigen
Magier von niemand jemals eine Aufklärung erhalten hatte und auch nicht
erhalten konnte, glaubt freilich noch, daß es Menschen gibt, denen die Macht
eigen sei, Geister aus dem Jenseits zu beschwören; doch uns ist solch ein
Glaube, obschon wir ihn unter dem gemeinen Volke gerne duldeten und aus
gewissen leicht begreiflichen Gründen noch dulden, stets als eine barste
Torheit vorgekommen.
[GEJ.09_213,04] Doch nun sind wir eines
andern durch dich, du wahrlich hoher und mächtigster Geist aus dem großen
Jenseits, belehrt worden, und wir werden von nun an das Dasein der Geister und
auch an die Möglichkeit ihrer Sichtbarwerdung vor den Augen der Menschen
vollkommen und ungezweifelt glauben. Daß du kein uns gleicher, natürlicher
Mensch seist, das hat uns deine blitzschnelle Ankunft zu uns her schon gezeigt,
und darauf noch mehr die so urplötzliche Ausbesserung unseres sehr beschädigten
Schiffes; und da du nun selbst uns frei und offen heraus sagtest, wer du bist,
so glauben wir das nun um so fester, daß du wahrhaftig ein vollkommener Geist
aus dem großen himmlischen Jenseits bist.
[GEJ.09_213,05] Aber du sagtest unter anderm
auch, daß du schon seit gar lange her ein Bürger des großen Jenseits seist!
Nach dem müßten wir annehmen, daß du etwa einmal auch als ein Mensch mit
Fleisch und Blut irgend auf dieser Erde gelebt hast?“
[GEJ.09_213,06] Sagte Raphael: „Allerdings, –
aber noch viel vor Noah! Mein Name lautete ,Henoch‘; ein Weiteres braucht ihr
vorderhand nicht zu wissen. Nun aber kommt der Herr Selbst zu euch herab, und
mit Ihm auch Markus, der jetzige Besitzer dieser Badeanstalt. Was der Herr euch
sagen wird, das tuet; ich aber kehre nun zu der Gesellschaft des Herrn zurück.“
[GEJ.09_213,07] Als Raphael solches
ausgesprochen hatte, befand er sich auch schon bei der oberen Gesellschaft, was
den Obersten und seine Gefährten in ein neues, großes Erstaunen setzte.
[GEJ.09_213,08] Und der Hauptmann sagte: „Ja,
Freunde, das ist mehr denn ein handgreiflicher Beweis, daß der überaus holde
Junge ein vollkommener und wahrer Engelsgeist ist; denn nur die vollkommenen
Geister können sich etwa den Gedanken gleich schnell bewegen! Aber nun kommt
der Herr schon stark in unsere Nähe, und Den heißt es mit der möglichsten
Ehrfurcht empfangen!“
[GEJ.09_213,09] Als Ich gleich darauf mit
freundlicher Miene zu ihnen trat, da legten alle ihre Hände kreuzweise über
ihre Brust und ließen sich auf ihre Knie nieder.
[GEJ.09_213,10] Ich aber richtete sogleich
freundlichst diese Worte an sie: „Kinder und nun Freunde, richtet euch nur
schnell vom Boden empor; denn Ich bin kein Götze und verlange keine äußere
gebärdliche Verehrung! Ich habe in eure Herzen geschaut und habe sie als Mir
nun ganz wohlgefällig befunden, und eines Weiteren bedarf Ich nicht.“
[GEJ.09_213,11] Auf diese Meine Anrede
erhoben sich alle schnell vom Boden und dankten Mir für die Rettung ihres
Lebens und für die Gnade, Liebe und große Freundschaft, die ihnen hier anstatt
einer wohlverdienten Strafe zuteil geworden sei; zugleich aber baten sie Mich
auch um eine volle Vergebung der Sünde, die sie an Mir hätten begehen sollen.
[GEJ.09_213,12] Und Ich sagte darauf zu
ihnen: „Bleibet bei dem, was ihr euch vorgenommen habt; erkennet in Mir den
alleinigen Herrn und Meister, und liebet Gott über alles tatsächlich dadurch,
daß ihr eure Nächsten liebet gleich wie euch selbst und gerecht seid gegen
jedermann, und es werden euch dadurch alle eure Sünden vergeben sein!
[GEJ.09_213,13] So ihr aus eurem Antriebe
jemandem ein Unrecht zugefügt habt, da machet es – wo das tunlich ist – wieder
gut; und ist das irgend nicht mehr tunlich, so tuet andern Armen dafür Gutes,
und ihr werdet euch dadurch Schätze sammeln fürs künftige Leben in Meinem
ewigen Himmelreiche!
[GEJ.09_213,14] Darin besteht ganz kurz Meine
Lehre an euch Menschen und enthält Moses und alle Propheten. So ihr sie
beachten werdet in der Tat, da werdet auch ihr Meine rechten Jünger sein, und
Ich werde im Geiste der Macht Meiner Liebe in euren Herzen Wohnung nehmen, euch
führen in alle Weisheit und euch geben das ewige Leben; denn Ich allein kann
das tun, weil Ich das Licht, der Weg und das Leben Selbst bin!
[GEJ.09_213,15] Ich bin das Licht der Liebe
des Vaters in Mir; wie aber die Liebe das Leben Selbst ist, so ist auch das
Licht dasselbe gleiche und eine Leben. Wer demnach an Mich glaubt, daß Ich vom
Vater, der die Liebe ist, als ein rechter Sohn oder Licht allzeit ausgehe, der
glaubt auch sicher an den ewigen, heiligen Vater, der Mich als ein rechtes und
lebendiges Licht in diese Welt gesandt hat, auf daß alle, die an Mich glauben,
in sich das ewige Leben haben.
[GEJ.09_213,16] Glaubet demnach, daß Ich, als
das Licht und Leben, also der wahrhaftigste Sohn des ewigen Vaters bin, durch
den alles – der Himmel und diese Erde mit allem, was Himmel und Erde und die
ganze Unendlichkeit enthält –, gemacht wurde, und lebet und tut allzeit nach
Meiner Lehre, und liebet also Gott über alles und euren Nächsten wie euch selbst,
und ihr habt dadurch das ewige Leben in euch, und so ihr auch dem Leibe nach
einmal sterben werdet, so wird aber eure Seele dennoch im hellsten und vollsten
Bewußtsein fortleben und ewig nimmerdar einen Tod sehen, fühlen und schmecken!
[GEJ.09_213,17] So ihr dieses begriffen habt,
da fasset auch in euren Herzen den unbeugsamen Vorsatz, nach diesen Meinen
Worten tätig zu werden und zu bleiben!“
214. Kapitel
[GEJ.09_214,01] Sagte hierauf der Oberste: „O
Herr und Meister, das werden wir alle, da wir nun zu klar von dem durchdrungen
sind, wer in Dir also zu uns geredet hat, wie noch nie ein Mensch zu seinen
Nebenmenschen geredet hat. Du allein bist wahrhaft der Herr Selbst und wirst es
auch ewig sein und bleiben!
[GEJ.09_214,02] Aber nun erlaube, o Herr, es
mir gnädigst, Dich zu fragen, was wir mit dem Herodes tun sollen! Ist es recht
und Dir wohlgefällig, so wir unser gefaßtes Vorhaben an ihm vollführen zum
Besten so vieler Armen und Notleidenden, die er nur zu oft über die Gebühr
allerunbarmherzigst bedrückt hat durch seine wahren Häscher und
gewissenlosesten Kriegsknechte, wie deren gestern auf den Schiffen
untergegangen sind?“
[GEJ.09_214,03] Sagte Ich: „Was recht ist,
das ist auch gut! So ihr aber gegen den schlauen Fuchs etwas unternehmet, da
sehet euch zuvor wohl vor, und beratet alles in Meinem Namen gut! Lasset alle
Leidenschaft und allen Zorn beiseite, und berechnet jeden Schritt mit voller
Klugheit, auf daß niemand euch die Wege verramme und ihr dann mit eurer guten
Vornahme in einen wirkungslosen Hintergrund gestellt werdet!
[GEJ.09_214,04] So ihr in Meinem Namen und
nach Meinem Rate handeln werdet, da werdet ihr den Fuchs leicht in die Enge
treiben, und er wird eurem gerechten Verlangen nachkommen müssen. Machet sonach
die Sache nicht eher ruchbar, als bis ihr alles so werdet eingeleitet haben,
daß der Fuchs der ihm gelegten Falle nicht entgehen kann; denn ein Fuchs hat
feine Ohren, und man muß ganz leise und geräuschlos schleichen zu seinem
Geschleife, um ihm vor demselben eine wirksame Falle aufrichten zu können.
[GEJ.09_214,05] Also machet auch über Mich
und Mein Wirken kein Aufheben, und machet Mich vor dem Fuchse nicht noch
ruchbarer, als Ich es ohnehin schon bin, sondern saget, was euch infolge eures
blinden Eifers begegnet ist, und daß ihr Mich auf römischem Schutzgebiet
angetroffen habt, auf dem ihr wider Mich erstens infolge des Gesetzes und
zweitens infolge eurer Schwäche, zu der euch der Sturm verhalf, nichts
unternehmen durftet und konntet, worüber euch hier Mein Freund Markus nebst
noch vielen andern Zeugen ein gültiges Zeugnis geben werden, und noch eines,
die Tiberianer, denen er dann den verursachten Schaden wohl vergüten wird. Von
einem weiteren Plane gegen ihn aber lasset ihn nichts merken!
[GEJ.09_214,06] Und nun noch etwas! Es sind
arme und kranke Joppeer der Heilung willen hierher gekommen und auch vollkommen
geheilt worden; diese nehmet nach dem eingenommenen Morgenmahle auf euer nun
völlig gutes Schiff, und bringet sie nach Tiberias, von wo aus sie dann den Weg
in ihre Heimat nehmen werden! Von diesen Joppeern werdet ihr vieles über Mich
erfahren, was ihr hier nicht erfahren konntet; das wird eurem Herzen, eurem
Glauben und eurer Liebe zu Mir eine große Kraft erteilen.
[GEJ.09_214,07] In Tiberias könnet ihr ihnen
von eurem Überflusse auch ein nötiges Reisegeld zukommen lassen, was euch nicht
unvergolten bleiben wird. Was Ich euch nun sagte, das tuet!
[GEJ.09_214,08] Und nun begeben wir uns zum
Morgenmahle! In eurer Herbergshütte werdet ihr schon das für euch bereitete
Morgenmahl, eure euch gestern abgenommenen Waffen und die wohlgeschriebenen
Zeugnisse für den Herodes antreffen. Und somit seid ihr von uns in allem
Frieden, aller Freundschaft und Liebe entlassen!“
[GEJ.09_214,09] Auf diese Meine Worte dankten
Mir die Herodianer wahrhaft aus ihrem tiefsten Herzensgrunde, baten Mich, daß
Ich sie nimmerdar mit Meiner Gnade und Liebe verlassen möchte, und begaben sich
darauf schleunig in ihre Herbergshütte.
[GEJ.09_214,10] Ich und unser Markus aber
begaben uns in unser Haus, und alle Meine Jünger und alle die andern Anwesenden
taten, als sie uns dem Hause zugehen sahen, dasselbe. Wir setzten uns denn auch
sogleich an unsere Tische und nahmen das wohlbereitete Morgenmahl zu uns, und
desgleichen auch die Joppeer in ihrem schon bekannten Winkel.
[GEJ.09_214,11] Nach dem Morgenmahle fragte
Mich Markus, sagend: „Herr und Meister, wer hat denn den Herodianern in solch
unglaubbar kurzer Zeit die Zeugnisse ausgestellt?“
[GEJ.09_214,12] Sagte Ich, auf unseren
Raphael hinweisend: „Kennst du denn Meinen Schnellschreiber nicht?“
[GEJ.09_214,13] Sagte Markus: „Ja, so ist es!
Da ist die Sache freilich leicht abgetan, vor der ich mich schon wahrlich ein
wenig gefürchtet hatte, da ich mit dem Schreiben sehr schlecht umgehen kann.
Und so bin ich nun sehr froh, daß diese Sache nun bestens abgemacht ist. Nun
wird man aber den Joppeern anzeigen müssen, was sie jetzt zu tun haben?“
[GEJ.09_214,14] Sagte Ich: „Auch das ist
nicht nötig! Denn Mein Raphael hat sie schon unterrichtet, was sie nach ihrem
Wunsche nach dem Morgenmahle zu tun haben, und sie erheben sich schon von ihrem
Tische und werden alsbald bei den Herodianern sein.“
[GEJ.09_214,15] Sagte Markus, als er die
Joppeer sich von ihrem Tische erheben und ohne eine äußerlich ersichtliche
Abschiedsnahme und ohne einen laut ausgesprochenen Dank schnell zur Tür
hinauseilen sah: „Es ist aber doch auch ein wenig sonderbar von diesen
Menschen, daß sie gar so gleichgültig uns verlassen!“
[GEJ.09_214,16] Sagte Ich: „Hast du denn
draußen am Ufer nicht vernommen, welche Lehre Ich ihnen gegeben habe in
Hinsicht auf die äußere Gebärdendankbarkeit und über Gebete und Bitten mit den
Lippen, und welche Folgen solche Dinge nach sich ziehen?
[GEJ.09_214,17] Was sie nun taten, war schon
ganz recht vor Mir, und es soll euch da ihre nur scheinbare Gleichgültigkeit
gegen uns nicht beirren, da sie in ihrem Herzen um so tiefer erbaut von uns
geschieden sind und uns keine Mühe gemacht haben.“
[GEJ.09_214,18] Als Markus solches von Mir
vernommen hatte, da war ihm auch gleich alles recht.
[GEJ.09_214,19] Es traten nun aber auch alle
andern Anwesenden zu Mir hin und fragten Mich, ob auch sie sich in ihre Heimat
begeben sollten.
[GEJ.09_214,20] Sagte Ich: „Bis auf Kisjona,
Philopold und den römischen Richter mögen sich alle in ihre Heimat begeben und
sollen daheim ihren Freunden die treue Kunde überbringen von dem, was sie hier
alles gehört und gesehen haben, und also Mein Reich unter den Menschen
ausbreiten. An Gelegenheit von hier nach allen Richtungen hin hat es eben hier keinen
Mangel. Ich Selbst aber werde noch etliche Tage hier verweilen und Mir einige
Ruhe gönnen.“
[GEJ.09_214,21] Als Ich solches ausgeredet
hatte, da kamen der Arzt, die andern geheilten Griechen, der Wirt aus Jesaira,
die bekannten Fischer aus seiner Nähe, die etlichen mit hierher gereisten
Schilfbuchtfischer, die einmal Kyniker waren, dankten für all das physisch und
geistig Empfangene und Genossene und begaben sich darauf in ihre Heimatorte.
Ein Teil zog übers Land gen Westen, die andern wurden zu Wasser
weiterbefördert. Wir aber blieben noch bei einer Stunde lang im Hause und
besprachen uns über so manches Nützliche, Gute und Wahre.