Band 8 (GEJ)
Lehren und Taten
Jesu während Seiner drei Lehramts-Jahre.
Durch das Innere
Wort empfangen von Jakob Lorber.
Nach der 7
Auflage.
Lorber-Verlag –
Hindenburgstraße 5 – D-74321 Bietigheim-Bissingen.
Alle Rechte
vorbehalten.
Copyright © 2000
by Lorber-Verlag, D-74321 Bietigheim-Bissingen.
1. Kapitel – Der
Herr und Seine Widersacher, Fortsetzung. (Kap.1-220)
[GEJ.08_001,01]
Als Ich noch kaum die letzten Worte ausgesprochen hatte, da kam schon ein
Diener des Lazarus in den Speisesaal, in dem wir noch gar wohlgemut
beisammensaßen, und sagte zu ihm, daß mehrere Fremde angekommen seien und mit
dem Herrn der Herberge zu sprechen wünschen.
[GEJ.08_001,02]
Da fragte mich alsbald Lazarus, was er nun machen solle.
[GEJ.08_001,03]
Sagte Ich: „Du bleibst gleich uns vorderhand hier! Nur Raphael und die sieben
Ägypter werden hinausgehen und mit den verschmitzten Pharisäern und
Schriftgelehrten eine kleine Abhandlung halten. Was sie zu tun und zu reden
haben, das wissen sie!“
[GEJ.08_001,04]
Hierauf begaben sich Raphael und die sieben Oberägypter sogleich hinaus, und
Raphael fragte sie mit ernsten Worten, was sie hier suchten und wollten.
[GEJ.08_001,05]
Da sprach ein höchst heuchlerischer Pharisäer: „Junger Mensch, der du von guter
Abkunft zu sein scheinst, bist du ein Abgeordneter des Lazarus, den wir kennen,
und mit dem allein nur wir reden wollen? Es ist das eine sonderbare Sitte nun
hier geworden, daß der Gerufene an seiner Stelle denen, die nur den Herrn
sprechen wollen, einen unbärtigen Knaben entgegensendet! Gehe du hin zu
Lazarus, den wir sprechen wollen, und sage ihm, daß wir, die ihn sprechen
wollen, wohl in Jerusalem und in allen Landen der Juden einen viel höheren Rang
einnehmen als er!“
[GEJ.08_001,06]
Sagte Raphael: „Wenn ihr denn schon gar so große Herren seid, so wundert es
mich wahrlich, daß ihr, verkleidet, im schon ziemlichen Dunkel des Abends euch
hier herauf auf diesen von euch in den Bann gelegten Berg und Ort begeben habt!
Heißt es nicht also in eurem Fluche: ,Wer von den Juden diesen Berg betritt zur
Tages- oder Nachtzeit, der sei verflucht an Leib und Seele!‘? Wenn aber also,
wie mochtet ihr selbst euch heraufbegeben, um mit dem Ketzer Lazarus zu
sprechen?“
[GEJ.08_001,07]
Sagte der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von dem? So wir die
Macht von Gott haben, einen Ort aus guten Gründen in den Bann zu tun, so haben
wir auch die Macht, ihn zum wenigsten für uns aufzuheben, wann wir wollen; denn
wir stehen nicht unter dem Gesetz, sondern über demselben, so wir das sind, was
du meinst. – Hast du das verstanden?“
[GEJ.08_001,08]
Sagte Raphael: „Höret! Wenn ihr euch dünket, über dem Gesetze Gottes zu stehen,
da seid ihr dann ja doch offenbar mehr als Gott Selbst! Denn Gott Selbst fügt
Sich ewig in Seine ewigen Ordnungsgesetze und handelt niemals wider dieselben
und hebt darum auch ewig nie ein Gesetz auf – etwa aus dem Grunde, um
zeitweilig Selbst, so es Ihn gelüstete, wider das Gesetz zu handeln.
[GEJ.08_001,09]
So ihr euch aber dazu zur Genüge machthabig dünket, da steht ihr ja weit über
Gott; denn Gott Selbst, als das Urgesetz, besteht und handelt stets in Seinem
Gesetz und steht sonach in und unter Seinem Gesetz. Wenn aber Gott Selbst das
ewig auf das allerstrengste beachtet, wer gab demnach euch das Recht, euch
übers Gesetz zu stellen, euch zu verkleiden, damit man euch nicht erkennen
möchte, wie und wann ihr selbst euer Gesetz übertretet? So ihr Herren über das
Gesetz seid, wozu dann eure Furcht, vom Volke erkannt zu werden, so ihr wider
eure Gesetze handelt?“
[GEJ.08_001,10]
Sagte ganz unwillig der Pharisäer: „Was verstehst du unbärtiger Knabe von
diesen höheren Dingen, über die allein die Priester des Tempels zu urteilen von
Gott das Recht haben?“
[GEJ.08_001,11]
Sagte Raphael: „So, – warum hatte denn Samuel schon als Knabe das Recht, mit
Gott zu reden und über göttliche Dinge zu urteilen?“
[GEJ.08_001,12]
Sagte der Pharisäer: „Wie magst du dich erkühnen, dich mit Samuel zu
vergleichen?“
[GEJ.08_001,13]
Sagte Raphael: „Wie erkühnet denn ihr euch, euch über Gott und Seine Gesetze zu
stellen? Wer gab euch das Recht dazu! Wahrlich, ich habe ein tausendfach
größeres Recht, mich mit Samuel zu vergleichen, als ihr, euch über Gott und
Seine Gesetze zu stellen!
[GEJ.08_001,14]
Aber nun habe ich eure Dummheit satt! Gebet mir Antwort auf meine erste Frage,
warum ihr nun hier herauf gekommen seid, und was ihr hier wollet, sonst sollet
ihr mich bald näher kennenlernen und daraus ersehen, was mich berechtigt, mich
aus gar guten und wahren Gründen mit Samuel zu vergleichen!“
[GEJ.08_001,15]
Sagte der Pharisäer: „Das ist ein Geheimnis, welches wir niemand anderem als
nur dem Lazarus anvertrauen können; darum hole uns den Lazarus heraus, sonst
sind wir genötigt, mit Gewalt ins Haus zu dringen! Dich aber geht unser
Anliegen an den Lazarus gar nichts an, und wärest du auch ein zehnfacher
Samuel!“
[GEJ.08_001,16]
Sagte Raphael: „Was? Ihr habt ein Geheimnis? Wie aber kann das ein Geheimnis
sein, was die Sperlinge von den Dächern schon jedermann verkünden! Ich werde
euch aber euer Geheimnis hier kundgeben, damit ihr daraus entnehmen könnet, daß
euer vermeintes Geheimnis schon seit lange her kein Geheimnis mehr ist.
[GEJ.08_001,17]
Seht, ihr habt in eurem Rate beschlossen – weil die von euch gestern
Ausgesandten euch keine Nachricht über den Aufenthalt des euch so sehr
verhaßten Propheten aus Galiläa haben bringen können, und das aus dem höchst
einfachen Grunde, weil sie selbst nicht wieder zurückgekehrt sind –, erstens
euch hier auf eine schlaue Weise zu erkundigen, ob etwa Lazarus hier anwesend
sei, und ob er nicht wüßte, wohin etwa der Prophet gezogen ist, und zweitens,
wenn Lazarus etwa nicht mehr anwesend sein sollte, den Wirt oder einen anderen
Diener zu bestechen, daß er euch möglicherweise eine erwünschte Auskunft gäbe!
Erhieltet ihr diese, so würdet ihr dann sogleich alle eure euch noch treu
gebliebenen Häscher aussenden, um den euch so sehr verhaßten Propheten fangen
und auch alsogleich töten zu lassen.
[GEJ.08_001,18]
Sehet, das ist euer gar sehr löbliches Geheimnis, das uns, und besonders mir,
der ich ein größter Freund des erhabensten Propheten bin, schon seit lange her
nur zu gut bekannt ist! Und nun redet wahr und treu, ob sich die Sache irgend
anders verhält!“
[GEJ.08_001,19]
Hierauf sah der Pharisäer den Raphael groß an und sagte nach einer Weile: „Wer
gibt dir, du unbärtiger Junge, das Recht, uns also zu verdächtigen? Erstens
weißt du noch nicht, ob wir wohl im Ernste dem Tempel angehören, und ob wir
Juden sind, und zweitens sagen wir, daß wir von deinem großen Propheten kaum
etwas wissen! Wir haben auf unserer Reise hierher wohl hie und da etwas
vernommen, daß im Judenlande ein großer Magier sich bemerkbar mache durch seine
Künste oder Zaubereien, ob er aber ein Freund oder Feind der Judenpriester ist,
oder ob diese ihn verfolgen, das ist uns wahrlich sicher ganz gleichgültig! Wir
sind Handelsleute und kümmern uns sicher um derlei Kleinigkeiten niemals! Wenn
aber also, wie kannst du uns Dinge vorhalten, die uns noch nie gekümmert
haben?“
[GEJ.08_001,20]
Sagte Raphael: „So, weil euch nun das Wasser zum Munde hineinzurinnen anfängt,
so möchtet ihr nun sogar euren Stand verleugnen; aber es geht das vor mir und
diesen meinen sieben Gefährten mit dem Verleugnen sogar eures Charakters und
Standes durchaus nicht! Damit ihr aber das einsehet und noch besser begreifet,
daß ihr euch vor uns unmöglich verstellen könnet, so werde ich mir nun die
Freiheit nehmen und werde euch eurer griechischen Überröcke berauben, auf daß
ihr dann in euren Tempelkleidern vor uns steht; dann werdet ihr sicher nicht
mehr zu leugnen imstande sein, daß ihr das seid, als was ich euch bezeichnet
habe!“
[GEJ.08_001,21]
Hier griffen die Pharisäer nach ihren Überröcken und hielten sie fest, – aber
es nützte das nichts; denn Raphael gebot in seinem Willen, und die Templer
standen sogleich in ihren nur zu wohlbekannten Priesterkleidern da und machten
Miene, die Flucht zu ergreifen. Aber die sieben Oberägypter waren schnell bei
der Hand, verstellten ihnen den Weg und bedeuteten ihnen, stehenzubleiben und
keinen Schritt irgend zum Entfliehen zu versuchen; wenn sie dem Verlangen nicht
gehorchten, würde es ihnen gar übel ergehen.
[GEJ.08_001,22]
Um diesem Mandate mehr Gewicht zu verschaffen, zeigten sie den nun schon sehr
geängstigten Pharisäern drei große Löwen, die etwas tiefer unten am Wege lagerten
und sich gar grimmig gebärdeten. Dieses Mittel wirkte, und die Pharisäer – zehn
an der Zahl – fingen an, Raphael um Vergebung zu bitten, und gestanden nun auch
gleich alles ein, warum sie auf den Ölberg gekommen seien, und sagten auch, daß
er die Wahrheit geredet habe.
[GEJ.08_001,23]
Als sie nun also dastanden in großer Angst, da sagte Raphael zu ihnen: „Saget
mir nun: Wer von allen Menschen ist wohl schlechter noch als ihr? Ihr wollt
Diener Gottes sein, seid aber Diener der Hölle! Welcher Teufel hat euch wohl
gezeugt? Der große Meister aus Nazareth hat euch durch Worte und Taten mehr als
sonnenklar gezeigt und bewiesen, daß Er der verheißene Messias ist und als
solcher auch der alleinige Herr Himmels und der Erde – wie das von Ihm auch
geweissagt ist durch den Mund aller Propheten –, und ihr glaubet nicht nur
nicht daran, sondern verfolget noch mit aller Wut und Gier den Herrn Himmels
und der Erde! O ihr ohnmächtigen Toren! Was wollet ihr denn ausrichten gegen
die Gewalt des Allmächtigen, der euch mit dem leisesten Gedanken vernichten
oder eure argen Seelen in die Hölle werfen kann, die ihr schon lange verdient
habt? Was wollet ihr Elenden nun tun?“
[GEJ.08_001,24]
Sagte ein anderer Pharisäer: „Höre, du junger weiser Redner, wir bitten dich
nun um nichts Weiteres, als daß du uns wieder unversehrt hinab in die Stadt
kommen lässest, und wir geben dir die vollste Versicherung, daß wir als nun
Hierseiende uns nimmerdar an der Verfolgung des wundersamen Propheten aus
Galiläa irgend im geringsten beteiligen werden! Ja, wir wollen und werden sogar
den andern nach Möglichkeit davon abraten! Ob wir aber unsere Amtsgenossen
gegen den Wundermann werden geneigter machen können, dafür können wir dir
freilich nicht gutstehen; aber daß wir unser möglichstes aufbieten werden, um
die Verfolgungswut unserer Genossen zu dämpfen, dafür stehen wir euch gut! Denn
wir haben es jetzt erfahren und uns selbst überzeugt, daß unsere blinde
Verfolgung des Galiläers eine der größten Torheiten ist, die zu gar nichts
anderem als nur zu unserem Untergange führt. Und so wollen und werden wir auch
das tun, was wir dir hier gelobt haben; aber nur laß du uns, wie wir dich schon
gebeten haben, unversehrt die Stadt wieder erreichen!“
[GEJ.08_001,25]
Sagte darauf Raphael: „Wohl denn! – Ihr könnet wieder abziehen, und es soll
euch kein Leides geschehen; aber wehe jedem von euch, der sein hier mir
gegebenes Wort brechen wird! Denn das merket euch, daß Gottes Macht, Weisheit,
Allwissenheit und Ernst unendlich ist und der schwache sterbliche Mensch gegen
Gott und Seine Wege ewig nichts ausrichten kann und wird!
[GEJ.08_001,26]
So ihr aber alle leicht sehet und auch wohl begreifen könnet, daß Werke, die
der Gesalbte Gottes vor den Menschen verrichtet, stets derart sind, daß sie nur
Gott allein bewirken kann, so werdet ihr auch einsehen, daß eben Gott Selbst
innigst vereint mit dem euch so verhaßten Propheten aus Galiläa waltet und
wirkt, und daß es übertöricht ist, sich den Anordnungen Gottes zu widersetzen!
[GEJ.08_001,27]
Saget das auch euren argen und blinden Genossen! Sie können ihre Wut gegen Ihn
auch so weit steigern, daß sie – durch Seine Zulassung – Hand legen an Seines
Leibes Leben und es töten, so werden sie damit dennoch nichts anderes erreichen
als die Beschleunigung des Gerichtes über sich und ganz Jerusalem. Er aber wird
nicht getötet werden können, weil Er das Leben Selbst ist, sondern Er wird
fortleben und richten alle Geschlechter der Erde. Wohl dem, der an Ihn glaubt
und nur Sein Wohlgefallen und Seine Freundschaft sucht!
[GEJ.08_001,28]
Nun wisset ihr, was ihr zu tun habt, und könnet nun abziehen, so ihr wollet;
wollet ihr aber zuvor jetzt noch mit Lazarus ein weises Wort reden, so soll
euch das nun auch gestattet sein.“
[GEJ.08_001,29]
Sagte ein Pharisäer: „So er hier ist, möchte ich mit ihm wohl reden, doch von
etwas ganz anderem, als was wir ihn eigentlich haben fragen wollen. Denn warum
wir heraufgekommen sind, das hast du uns nur zu klar vorgehalten; von dem aber
soll bei uns nun keine Rede mehr sein, sondern von etwas ganz anderem! Wenn wir
demnach mit Lazarus ein Wort reden könnten, so wäre uns das wohl sehr lieb!“
[GEJ.08_001,30]
Hierauf sagte Ich zu Lazarus im Saale: „Nun erst kannst du hinausgehen und
etliche gute Worte wechseln mit den sehr geängstigten Pharisäern; doch von Meinem
Aufenthalte rede nichts!“
2. Kapitel
[GEJ.08_002,01]
Hierauf ging Lazarus hinaus, begrüßte nach der Sitte die Templer und fragte sie
dann, was ihr Anliegen an ihn sei.
[GEJ.08_002,02]
Sagte der eine Pharisäer: „Es hatte uns zwar anfangs ein böser Geist
heraufgeführt, und so war auch das, um was wir dich so ganz eigentlich haben
fragen wollen, durchaus nichts Gutes. Wir sind durch die Worte dieses
überklugen und weisen Jünglings und durch die sonderbare Macht dieser sieben
Männer, die uns noch umstehen, eines Besseren belehrt worden und haben bald
eingesehen, wie eitel töricht unsere böse Mühe war, und so sind wir denn auch
von ihrem losen Grunde ganz abgestanden.
[GEJ.08_002,03]
Nun aber bitten wir dich freundschaftlichst, daß du uns gestatten möchtest,
dich als deine Freunde wieder in Bethanien besuchen zu dürfen, allwo wir über
gar manches mit dir unter vier Augen sprechen möchten. Dann bitten wir dich nun
aber auch, daß du uns ein sicheres Geleit über den Berg bis in die Stadt
möchtest angedeihen lassen; denn da, etwas weiter unten am Wege, liegen drei
Löwen, die sicher den sieben Männern angehören, weil sie sich auf ihren Ruf
sogleich eingefunden haben. Diese bösen Tiere werden – was schon öfter der Fall
gewesen sein soll – wahrscheinlich wohlgezähmt den sieben anstatt der Hunde zum
Schutze auf ihren Reisen dienen, aber trotz ihrer Zahmheit ist ihnen dennoch
nicht zu trauen! Ein noch so böser Hund kennt auch zur Nachtzeit seinen
Hausherrn; aber einen Fremden packt er an und reißt ihn, und das wäre von den
drei Löwen um so mehr zu erwarten! Darum bitten wir dich, daß du den sieben
andeuten möchtest, daß sie die drei Bestien wieder zur Seite schaffen möchten.“
[GEJ.08_002,04]
Hierauf sagte Lazarus: „Wenn euer innerer Sinn gleichlautend ist euren Worten,
und wenn ihr den Schaden, den ihr an gar vielen Armen, Witwen und Waisen verübt
habt, nach Möglichkeit wieder gutmachen wollet, so könnet ihr ganz ruhig an
diesen Löwen vorüberziehen, und es wird sich keiner nach euch umsehen; aber so
ihr in eurem Herzen dennoch eines andern Sinnes seid, als wie gelautet haben
eure Worte, da wäre es für euch eben nicht geheuer, sich den Löwen zu nahen!
Darum prüfet selbst euer Herz, und saget es offen heraus, wie dessen Sinn
lautet!
[GEJ.08_002,05]
Auch nach Bethanien, und zwar in mein Wohnhaus, werdet ihr so lange schwerlich
einen Eingang finden, solange ihr im Herzen nicht eines andern Sinnes seid, als
wie da lauten eure Worte; denn auch mein Haus bewachen ähnliche Hüter, wie
diese drei da unten sind. Wer zu mir redlichen Sinnes kommt, der hat nichts zu
befürchten; wer aber unredlichen und bösen Sinnes sich meinem Hause naht, dem
ergeht es übel!“
[GEJ.08_002,06]
Sagte der redeführende Pharisäer: „Du kannst es mir glauben, daß wir alle nun
auch also denken, wie ich rede, und wir werden auch, wo wir irgend jemanden
bedrückt haben, den Schaden nach aller Möglichkeit gutzumachen auf das
eifrigste bemüht sein; aber an den drei Bestien getrauen wir uns dennoch nicht
allein vorüberzuziehen! Darum gib uns dennoch ein sicheres Geleit!“
[GEJ.08_002,07]
Sagte Lazarus: „Die sieben werden euch das sicherste Geleit geben, so ihr
redlichen Sinnes seid. Aber nun noch eine Frage an euch! Saget es mir, aus
welchem Grunde glaubet ihr denn an Jesus aus Nazareth nicht, daß Er allein der
vollwahre Messias ist? Ihr habt doch gelesen die Schrift, habt auch vernommen
Seine Lehre und gesehen die Zeichen, die Er wirkt! Wie möglich könnet ihr über
alles das noch so verstockten Sinnes sein? Tausende von Juden und Heiden
glauben an Ihn, und viele Heiden kommen von allen Enden der Erde, verneigen
sich vor Ihm, nehmen Sein Wort an und glauben, daß Er der Herr ist; nur ihr,
die ihr allem Volke mit einem besten Beispiele vorangehen sollet, sträubet euch
dagegen, ärger denn die harten Berge den Stürmen.
[GEJ.08_002,08]
Der Herr kam im Fleische als Mensch auf diese Erde, wie Er es durch den Mund
der Propheten Selbst geoffenbart hat, und tut nun auch die Werke, die ebenfalls
die Seher schon vor Jahrhunderten besungen haben – was ihr als Schriftgelehrte
am ehesten erkennen müßtet –, und dennoch glaubet ihr, wie gesagt, nicht an
Ihn! Worin liegt denn davon wohl der Grund?“
[GEJ.08_002,09]
Sagte der Pharisäer: „Das, liebster Freund, wollen wir in Bethanien bei dir
jüngst einmal ganz klar besprechen; hier aber kann ich dir nun so viel sagen,
daß es nun im Tempel eine höchst schwere Sache ist, ein Mensch zu sein. Man ist
zwar ein Priester, aber darum ein Mensch nicht. Ein jeder ist ein Feind des
andern und sucht ihm zu schaden, um daraus für sich einen Nutzen zu ziehen, und
so muß man darinnen und dort, wo man als Mensch lieber weinen möchte, mit den
Wölfen heulen, damit man von ihnen nicht zerrissen wird. Aber laß nun das nur
noch eine kurze Zeit gut sein, und dieses Tempelgetriebe wird einen großen
Umsturz erleiden; denn für die Länge der Zeit gibt es darin kein Bleiben mehr!
[GEJ.08_002,10]
Nun kennst du auch unsere eigentliche innere Gesinnung; habe darum die Güte,
den sieben zu sagen, daß sie uns wohlbehalten von diesem Berge hinab bis zur
Stadt geleiten möchten!“
[GEJ.08_002,11]
Hierauf erst sagte nun wieder Raphael zu den Pharisäern: „Warum beeilt ihr euch
denn nun so sehr, wieder in die Stadt zu kommen? Wenn ihr wahrhaft gut und
ehrlichen Sinnes seid und auch schon saget, daß ihr an den Messias glauben
wollt, so seid ihr ja auch hier bei uns sicherer als in der Stadt! Ihr seid
doch mit dem Sinne heraufgekommen, um als des Messias Feinde hier
auszukundschaften, wo Er Sich etwa aufhalte? So ihr aber nun gegen Ihn anders
gesinnt worden seid, warum wollet ihr euch nun als Seine Freunde nicht nach Ihm
erkundigen, wo Er Sich aufhält, damit ihr Ihn aufsucht und euch Ihm zeiget als
solche, die an Ihn glauben?“
[GEJ.08_002,12]
Sagte der Pharisäer: „Lieber junger Weiser, so wir das täten, da könnte uns das
übel angerechnet und etwa so gedeutet werden, als wollten wir, zum bösen Spiele
eine gute Miene machend, nun dennoch aus euch herausbringen, wo sich nun der
Messias aufhält. Es liegt uns aber nun wahrlich nichts mehr daran, wo er sich
aufhalten mag! Denn seine Feinde sind wir fürwahr nicht mehr; sich ihm aber nun
als bekehrte Freunde vorzustellen, fühlen wir uns noch viel zu schlecht und
seiner unwürdig, und so ist es denn ja doch begreiflich, daß wir uns nun gar
nicht nach seinem irgendwoigen Aufenthalt näher erkundigen können und wollen
und darum auch schon in unseren Wohnungen sein möchten, um uns selbst treu zu
beraten, was wir in der Folge zu tun haben werden, um uns in uns vollends ihm
anzuschließen. Zudem müssen wir vor allem aber auch das Fruchtlose unseres
Unternehmens dem Tempel anzeigen, auf daß er nicht, bevor er noch von uns eine
Nachricht bekommt, schon andere Kundschafter aussende und so die ganze Stadt
und die ganze Umgegend beunruhige. Wir glauben, euch nun alle unsere Gründe
genügend dargetan zu haben, die uns nötigen, sobald als möglich wieder in den
Tempel und in unsere Wohnungen zu kommen, und so gewähret uns den sicheren
Abzug!“
[GEJ.08_002,13]
Sagte nun Raphael: „Ich kann euch aber versichern, daß der Tempel bis morgen
auf eure Nachrichterstattung warten wird, und er wird darum keine neuen
Kundschafter aussenden. Hier aber hat Lazarus auch der Gemächer zur Genüge, in
denen ihr euch beraten könnet, und hat auch der Speisen und des besten Weines
in Hülle und Fülle, damit ihr euch stärken könnt. Mein Rat an euch, weil ihr
schon einmal da seid, wäre, daß ihr mindestens bis zur Mitte der Nacht hier
verbliebet und euch dann erst unter sicherem Geleite in die Stadt hinabbegäbet.
Aber so ihr nun schon durchaus hinab wollet, so sollet ihr von uns auch nicht
mehr aufgehalten werden! Die Löwen – wie ihr das noch gut sehen könnet – sind
bereits weg, und dort im nächsten Zelte liegen eure griechischen Mäntel! Tut
nun, was ihr wollt!“
3. Kapitel
[GEJ.08_003,01]
Auf diese Worte Raphaels wußten die Pharisäer nicht so recht, was sie nun tun
sollten.
[GEJ.08_003,02]
Aber einer von ihnen sagte nach einer Weile: „Wißt ihr was? Der Junge wird
recht und wahr gesprochen haben, und ich bin darum der Meinung, daß wir bis
Mitte der Nacht gerade hier verbleiben sollten, wenn uns Lazarus ein Zimmer
anweisen kann, in dem wir unbeirrt allein sein könnten, um die Sache des
Messias unter uns genau und gut besprechen zu können und danebst noch so
manches andere mit unserem Freunde Lazarus.“
[GEJ.08_003,03]
Damit waren alle einverstanden, und Lazarus führte sie durch ein anderes Tor
ins Haus, wies ihnen da ein geräumiges Zimmer an und ließ auch sogleich den
Tisch darin decken und Brot, Wein, wie auch andere Speisen in großer Menge
auftragen und wohlleuchtende Lampen aufstellen, was alles den Pharisäern so
ganz wohlgefiel, daß einer von ihnen sogleich die Bemerkung machte: „Ja, wenn
also, da können wir es auch bis zum Morgen hier aushalten und lassen unsere
Amtsgenossen im Tempel gute Männer sein! Die sollen auf eine Nachricht von uns
nur ganz fein bis zum Morgen warten!“
[GEJ.08_003,04]
Damit waren alle einverstanden, und ein Ältester, der soviel wie ein Oberster
war, wohl bewandert in allerlei Weltweisheit, sagte, als der Wein seine Zunge gelöst
hatte: „Wo es dem Menschen wohl geht, da soll er auch bleiben, und so bleiben
wir auch bis zum Morgen hier, und ich möchte mit euch, meine lieben
Amtsgenossen, etliche freie Worte reden! Denn im Tempel geht das nicht; aber
hier, wo wir ganz unbeirrt beisammensitzen und von niemandem behorcht werden,
der uns schaden könnte, kann man schon auch ein freies Wort reden!
[GEJ.08_003,05]
Es ist doch ein sonderbares Ding um den Menschen! Was ist eigentlich der
Mensch, der sterbliche Gott der Erde, der ihren Boden bebaut und große Werke
mit seinem Verstand und mit der Kraft seiner Hände in ein harmonisches Dasein
schafft? Ich sage es euch: Der Mensch ist nichts als ein elendestes Tier; denn
er weiß es, daß er sterben muß und wird, während kein Tier davon eine Ahnung zu
haben scheint, daher es bis zu dem Zeitpunkt seines Verendens ganz ruhigen
Gemütes fortleben kann, ohne jemals einen Gedanken zu haben, daß es dereinst
sterben werde. Es tut der Mensch darum wohl daran, wenn er sein elendes Leben
manchmal ein wenig erheitert und den schwarzen Gedanken an den Tod auf
Augenblicke verscheucht.
[GEJ.08_003,06]
Die Macht, die den Menschen ins Dasein rief, kann nach meinem Urteil nie eine
weise und gute gewesen sein, gleichwie auch ein Mensch nie gut und weise
genannt werden könnte, der die kunstvollsten Werke schaffte, um sie dann, wenn
sie durch seine Sorge und Mühewaltung ihre höchste Vollendung erreicht haben,
wieder zu zerstören und die abscheuvollen Trümmer und Reste gänzlich alles
Daseins zu berauben und darauf gleich wieder dieselben Werke von neuem für den
gleichen Zweck zu schaffen.
[GEJ.08_003,07]
Wer das so recht beim Lichte betrachtet, der kann sich in (unter) Gott als der
alles erschaffenden Macht unmöglich etwas höchst Weises und Gutes vorstellen.
Denn wäre sie ganz gut und weise, so müßte sie ja auch für den Fortbestand
ihrer allerkunstvollsten Werke, wie wir Menschen es sind, gesorgt haben! Aber
nichts von dem! Wenn ein Mensch erst in seinem rechten Alter eine größere
Vollendung im Wissen, Denken und Handeln erreicht hat, dann fängt er aber auch
schon zu sterben an; er wird schwächer und schwächer, seine Lebenskräfte nehmen
von Tag zu Tag ab, und das so lange fort, bis er das Leben ausgehaucht hat. Was
dann mit ihm geschieht, wißt ihr alle, und es ist nicht nötig, die Sache näher
zu beschreiben.
[GEJ.08_003,08]
Freilich haben wir wohl in unserer Gotteslehre die Versicherung, daß es im
materiellen Menschen noch einen geistigen gibt, der nach dem Abfalle des Leibes
fortlebt, – aber was nützt dem Menschen eine Lehre und nach ihr der Glaube, so
dafür niemandem ein unumstößlicher Beweis gegeben ist?!
[GEJ.08_003,09]
Welche erhabenen Väter, Weise und Propheten haben vor uns gelebt nach den
besten und weisesten Gesetzen, glaubten ungezweifelt an einen Gott, beteten Ihn
an und liebten und ehrten Ihn über alle Maßen und glaubten auch ungezweifelt
fest an ein ewiges Leben nach dem Tode des Leibes! Aber endlich mußten diese
großen und weisen Glaubenshelden denn doch sterben, und es ist von ihnen bis zu
uns nichts übriggeblieben als ihre Namen und ihre in der Schrift
aufgezeichneten Taten und Lehren! Wohin sind denn aber ihre Seelen gekommen?
[GEJ.08_003,10]
Wer von uns allen hat denn je im Ernste und der vollsten Wahrheit nach eine
nach dem Tode irgendwo fortlebende Seele gesehen und gesprochen?! In einem
Traume höchstens oder in einer bösen Fieberhitze! Es gibt wohl Menschen, die da
behaupten, daß sie mit den Seelen verstorbener Menschen geredet haben; aber das
sind Menschen, denen zumeist alle Wissenschaft und alle Beurteilungsfähigkeit
mangelt, und sie gefallen sich oft und zumeist selbst darin, den anderen
Menschen aus ihrer natürlichen Phantasie und lebhaften Einbildung
übernatürliche Dinge zu erzählen, um sich dadurch ein gewisses mystisches
Ansehen zu verschaffen, an dem ihnen oft mehr liegt als einem Magier an seinem
baren Gewinne.
[GEJ.08_003,11]
Man muß auch das eingestehen, daß es mitunter Menschen gibt, die zur
Bekräftigung ihrer Aussagen und Lehren gewisse wundervolle Taten verrichten und
damit ihren Lehren das Wahrheitszeugnis aufprägen wollen, wie wir das nun an
dem wirklich merkwürdigen Propheten aus Nazareth erleben. Er lehrt dabei das
Volk auch ganz gut und verheißt allen, die an ihn glauben, das ewige Leben der
Seele.
[GEJ.08_003,12]
Ja, das ist alles recht schön und sogar gut, weil das gar vielen Menschen eine
gewisse Beruhigung verschafft und ihnen die Furcht vor dem Tode benimmt; aber
das haben auch die alten Propheten getan, und Tausende von Menschen haben fest
geglaubt und haben ihren Glauben sogar mit dem Martertode besiegelt. Die Zeit
aber hat die großen Propheten samt ihren Gläubigen hinweggerafft, und es ist
von ihnen bis auf uns, wie schon gesagt, nichts übriggeblieben als ihre in den
Schriften verzeichneten Namen und Taten, die wir aber auch ohne alle weitere
Überzeugung bloß nur glauben müssen!
[GEJ.08_003,13]
Warum kommt denn nicht einmal eine irgend jenseitig fortlebende Seele zu uns
und sagt es uns: Ich bin zum Beispiel der jenseits glücklichst fortlebende
Elias, Daniel, David oder Jesajas? Ich sage es euch: Wie die alten Propheten
samt Moses vergangen sind, so werden wir samt dem nun so berühmten Propheten,
der sogar Tote erwecken soll, vergehen, und die späteren Nachkommen werden von
uns und ihm gerade das überkommen, was wir von den alten Propheten überkommen
haben. Wenn sich auch der Glaube vielleicht viele Jahrhunderte mit manchen
Zusätzen und Entstellungen erhalten wird, so wird die lebendig wahre
Überzeugung aber doch auf ein Haar ganz dieselbe sein, die wir nun von dem
Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes haben.
[GEJ.08_003,14]
Es wäre ein solches Fortleben der Seele nach dem Leibestode freilich etwas
unschätzbar erhaben Großes, und ein Mensch würde gewiß alles tun, wodurch er
sich eines solchen Lebens völlig versichern könnte, wenn er für dasselbe
irgendwelche haltbaren Beweise hätte; aber diese haben allzeit gemangelt, und
es ist darum nicht zu verwundern, daß der einst bei den Alten noch so kernfeste
Glaube bei uns erkaltete.
[GEJ.08_003,15]
Wer von dem mehr gebildeten und erfahreneren Teil der Menschen besucht denn nun
noch vollgläubig den Tempel? Die Hohen und Weisen gehen nur des gemeinen Volkes
wegen in den Tempel und tun, als wäre ihr Glaube noch so kernfest, damit dann
das Volk etwa doch bei sich denkt und sagt: ,Es muß denn doch etwas daran sein,
weil die Hohen, Gelehrten und Weisen, die alles wissen können, so viel darauf
halten!‘
[GEJ.08_003,16]
Ich bin darum wahrlich kein Feind des berühmten Galiläers, weil er die armen
Menschen von neuem wieder für ein Leben der Seele nach dem Tode des Leibes
begeistert und ihnen einen guten Trost gibt; aber es ist mir nur das nicht
recht, daß er uns bei jeder Gelegenheit als die größten Volksbetrüger darstellt
und als ein weise sein wollender Mann nicht bedenkt, daß er im Grunde doch dasselbe
am Volke tut, dessen er uns beschuldigt. Er rede nur, wie ich nun, die
Wahrheit, wie sie die alte Erfahrung lehrt, zum Volke, und er wird schwerlich
so viele Anhänger haben, wie er sie nun hat.
[GEJ.08_003,17]
Das ist so mein wahrer Glaube und mein treues Bekenntnis vor euch, meine
Amtsgenossen, das ich aber nur unter uns ausgesprochen habe, weil ich es wohl
weiß, daß ihr alle in euch geradeso denkt wie ich; im Tempel vor dem Volke und
vor unseren vielen und sehr blinden Amtsgenossen aber heißt es freilich wohl
anders reden! Was saget ihr alle zu dieser meiner Ansicht?“
4. Kapitel
[GEJ.08_004,01]
Sagte ein anderer Schriftgelehrter: „Ich kann dir nicht unrecht geben und bin
vielfach auch deiner Ansicht; aber als eine völlig ausgemachte Wahrheit kann ich
deine Meinung und Ansicht denn doch auch nicht annehmen! Denn ich kann denn
doch nicht glauben, daß Gott als sicher ein allerweisester Schöpfer Himmels und
der Erde, der doch Sonne, Mond, Sterne und diese Erde gleichfort erhält, uns
Menschen als ganz sicher die vollendetsten Werke Seiner Weisheit und Macht pur
zu Seinen vergänglichen Spielpuppen geschaffen hat!
[GEJ.08_004,02]
Daß der Mensch nur ein kurzes diesirdisches Leben hat, davon scheint der Grund
denn doch mehr darin zu liegen, daß seine Seele sich in ihrem Leibe gewisserart
ausbilde, eine gewisse und haltbare Gediegenheit erhalte, auf daß sie dann in
einer andern, ihrem Wesen ähnlichen Welt, die unbegrenzt sein muß, fortbestehen
kann.
[GEJ.08_004,03]
Denn wenn der Mensch mit Leib und Seele nur für diese materielle Welt bestimmt
wäre, die sicher ihre Grenzen hat, wenn sie auch noch so groß ist, so würde
infolge der täglichen Vermehrung der Menschen, so sie auch dem Leibe nach
unsterblich wären, diese Erde, die dazu noch aus viel mehr Wasser als aus festem,
bewohnbaren Boden besteht, eben für die Menschen bald zu klein und enge werden;
es müßte Gott nach einer bestimmten Zeit die Menschen nur unfruchtbar machen
und sie auch nimmer älter werden lassen, damit sie dann in einer gewissen
normalen Kraft und Stärke gleich ewig fortleben und den Boden der Erde zu ihrem
Unterhalte bearbeiten könnten.
[GEJ.08_004,04]
Daß die Menschen aber mit der Zeit eines solchen notwendig einförmigen Lebens
auch satt würden, das können wir mit aller Bestimmtheit annehmen; denn es lehrt
uns ja die tägliche Erfahrung, daß jeder in ein und demselben stets gleichen
Lebensverhältnisse sich sehr zu langweilen und nach irgendeiner Veränderung zu
sehnen anfängt, und so würde selbst der allererfinderischste Mensch nach vielen
tausend Jahren mit den ihn ergötzenden Veränderungen zu Ende kommen und endlich
in eine größte Langeweile geraten, die er mit nichts mehr verscheuchen könnte.
[GEJ.08_004,05]
Aus diesen sicher inhaltsschweren Betrachtungen aber ist es wohl ersichtlich,
daß Gottes Weisheit die Menschen für ein anderes, höheres und freieres Leben
erschaffen hat und nicht für eine in allem höchst beschränkte Welt, die wohl
gut genug ist, um dem Menschen als eine erste Bildungsstufe zu dienen, aber nie
dazu bestimmt sein kann, ihm einen seligen ewigen Unterhalt zu geben.
[GEJ.08_004,06]
Aus diesen und noch manchen andern Gründen aber glaube ich an die
Unsterblichkeit unserer Seelen, weil ihre Sterblichkeit uns Gott, dessen Macht
und höchste Weisheit aus allen Seinen Werken hervorleuchtet, so wie auch Seine
Güte und Gerechtigkeit, entweder als ohnmächtig und unweise oder auch als gar
nicht daseiend vorstellen würde.
[GEJ.08_004,07]
Das kann aber doch kein nur einigermaßen heller denkender Mensch behaupten, daß
irgendeine blinde und stumme Kraft Werke, wie da wir Menschen es sind, in ein
geordnetes Dasein rufen könnte. Denn was man selbst nicht hat, davon kann man
auch unmöglich jemand anderem etwas geben. Oder
stellt einen sehr dummen Menschen, der kaum seine Muttersprache lallen kann,
als Lehrer einer fremden Sprache in eine Schule! Was wird der wirken? Nichts
mehr als eine Bildsäule! Darum muß es ja einen höchst weisen und allmächtigen
Gott geben, was ein jeder hellere Denker als höchst wahr bekennen muß.
[GEJ.08_004,08] Ist aber der allmächtige Gott
höchst weise, so ist Er auch höchst gut und gerecht und hat mit uns Menschen
sicher höchst wahre und gute Absichten und hat durch den Mund der Propheten und
anderer weiser Menschen auch allen anderen Menschen kundgetan, was Er mit uns
Menschen für Absichten hat, und was aber auch die Menschen zu tun haben, um
hier auf Erden schon ein gutes und recht seliges Vorleben zu genießen und sich
durch dieses Vorleben für das nachfolgende ewige Leben so tüchtig und
empfänglich wie möglich zu machen.
[GEJ.08_004,09] Ein Gott aber, der das getan
hat und noch gleichfort tut, hat uns Menschen, ja sicher nicht einmal eine
Mücke, zu keinem leidigen Spielzeug Seiner Launen erschaffen! Oder kann man
sich einen weisen und somit auch guten Menschen denken, der daran sein größtes
Vergnügen hätte, seine armen Nebenmenschen in einem fort auf das grausamste
quälen zu sehen? Soviel aber ich die Menschen in allen Verhältnissen und
Richtungen betrachtet habe, habe ich auch stets bemerkt, daß Gott den Menschen
durchaus kein Leid zufügt; sondern das tun sich die Menschen gegenseitig und
auch ein jeder nur zu oft und am allermeisten sich selbst. Denn erstens treibt
die Menschen ihre nie zu sättigende Selbstsucht und Habgier dazu an, daß sie
sich nach aller Möglichkeit verfolgen und sich gegenseitig dadurch Übel und
Qualen aller Art und Gattung bereiten und zuziehen; und weil sie dabei auf den
geoffenbarten Willen Gottes nicht mehr achten, so gelangen sie durch die
ungeordnetsten Lebensweisen auch in allerlei böse Leibeskrankheiten, die ihnen
dieses Vorleben höchst verbittern.
[GEJ.08_004,10] Frage: Ist da auch etwa
Gottes Weisheit und Güte daran schuld? Wenn das der Fall wäre, so müßten jene
hoch zu ehrenden Menschen, die stets streng nach den Gesetzen Gottes gelebt
haben, vor ihrem Abscheiden von dieser Welt auch mit solchen bösen Krankheiten
zu Tode gemartert werden wie diejenigen, die von ihrer Jugend an schon ein
gottloses Leben geführt haben und dadurch die Natur ihres Wesens in die größte
Unordnung brachten. O nein, ich selbst habe mich schon gar oft überzeugt, daß
der nach der Ordnung Gottes lebende Mensch zumeist ein hohes Alter erreicht und
am Ende eines sichtlich ganz sanften Todes stirbt.
[GEJ.08_004,11] Es gibt hie und da freilich
wohl auch Beispiele, daß recht fromme und gerechte Menschen am Ende auch mit
irgendeiner eben nicht sehr sanften Todesart von dieser Welt scheiden; aber da
können wir immer zwei Fälle annehmen, und diese können wohl darin bestehen, daß
Gott so einem Menschen eine größere Geduldsprobe zukommen läßt, damit seine
Seele fürs Jenseits eine desto größere Gediegenheit erlange. Warum? Das wird
Gott sicher höchst klar wissen!
[GEJ.08_004,12] Im zweiten Fall aber kann der
im gesetzten Alter fromm und gerecht gewordene Mensch durch so manche
Jugendsünden doch seines Leibes Natur leicht in irgendeine Unordnung gebracht
haben, und diese kann ihm dann am Ende seines Lebens auch so manche bitteren
Folgen zum Verkosten bringen, die ihm die letzten Stunden eben nicht zu den
angenehmsten machen dürften. Aber das können wir als völlig sicher und gewiß
annehmen, daß von der Wurzel an ganz nach der Ordnung Gottes lebende Menschen
stets höchst sanft dahinsterben.
[GEJ.08_004,13] Das ist nun so mein wahres
Bekenntnis, bei dem ich für mich bis an den Rand dieses meines Erdenlebens treu
verbleiben werde; von euch aber glaube und tue ein jeder, was er will!“
5. Kapitel
[GEJ.08_005,01] Hierauf sagte der erste
Redner: „Ja, da kann ich dir wahrlich nichts anderes einwenden, als daß du uns bei
allen deinen überaus guten Ansichten nicht auch darüber einen Aufschluß gegeben
hast, wie sich der frühe Tod der Kinder mit der Weisheit, Güte und
Gerechtigkeit Gottes vereinen läßt.
[GEJ.08_005,02] Der Mensch ist nach deiner
Ansicht von Gott berufen, sich durch ein wohlgeordnetes Vorleben auf dieser
Erde eine wahre und der Absicht Gottes gemäße Gediegenheit und Solidität seiner
Seele zu verschaffen – denn daß das in der Absicht Gottes liege, davon zeige
sich der Grund ja klar in aller Offenbarung durch den Mund der Urväter und
Propheten –; aber was wird dann jenseits mit und aus den Kindern, die wegen
ihres frühen Todes eigentlich weder ein ungeordnetes und noch weniger ein
geordnetes Vorprobeleben aufzuweisen haben? Wenn des Menschen Seele nur durch ein
wohlgeordnetes Vorprobeleben zum gediegenen, wahren, ewigen Leben gelangen
kann, durch was gelangt dazu dann die Seele eines Kindes? Oder stirbt die
Kindesseele mit dem Leibe?“
[GEJ.08_005,03] Sagte darauf der zweite, gute
Redner: „In der Urzeit der Menschen weiß kein Mensch etwas davon, daß damals
auch Kinder gestorben wären; den frühen Tod der Kinder haben nur die Sünden der
Eltern bewirkt, und sie sind darum wissentlich oder unwissentlich schuld am
frühen Tode ihrer Kinder. Aber Gott wird in Seiner höchsten Weisheit auch für
die unschuldigen Seelen der Kinder zu sorgen wissen; sie werden sicher im
großen Jenseits das hier nicht durch ihre Schuld Versäumte nachzuholen
bekommen!
[GEJ.08_005,04] Ist denn diese Erde etwa die
einzige Welt? Sehen wir den gestirnten Himmel an! Große Weise der Vorzeit und
selbst Moses in seinen Beibüchern, die wir zwar noch haben, aber ihnen keinen
Glauben schenken, haben gezeigt, daß Sonne, Mond und alle Sterne Welten seien,
und oft um gar vieles größer, als die unsrige da ist; wenn aber so, da wird es
für Gottes Weisheit und Macht wohl auch ein leichtes sein, für die Seelen der
Kinder eine andere und vielleicht auch um manches bessere Vorlebensprobewelt zu
bestimmen, auf der sie dann ihre Lebensvollendung erreichen werden.
[GEJ.08_005,05] Daß Gott im ewig großen
Schöpfungsraume noch andere Schulerden für Menschen haben wird, daran ist
wahrlich nicht zu zweifeln, – haben ja doch auch wir kleinen und schwachen
Menschen für unsere Kinder mehr als nur ein einziges Schulhaus! Was aber schon
bei uns noch ohnmächtigen Menschen möglich ist, warum sollte das dem
allmächtigen und höchst weisen Gott etwas Unmögliches sein?
[GEJ.08_005,06] Die Urväter, die sicher mehr
denn wir nun mit dem Himmel Gottes im Verbande standen, wußten gar wohl darum,
daß es also ist; wir aber haben durch unseren materiellen Weltsinn alles, was
des Geistes ist, verloren und wissen kaum mehr etwas Näheres davon. Ich bin
zwar auch nur ein Materiemensch, aber ich habe viel gelernt und erfahren und
rede darum nun also, wie ich rede. Freilich kann ich im Tempel vor allen nicht
auch also reden!“
[GEJ.08_005,07] Sagte der erste Redner: „Nun
kann ich dir nichts mehr einwenden und bin recht froh, daß du mich auf eine
andere Meinung gebracht hast. Aber es ist nun auch an der Zeit, auf unser
Hauptthema, nämlich auf den sonderbaren Propheten aus Galiläa, zurückzukommen.
Ich habe gleich anfangs dahin meine Bemerkung gemacht, daß es auf der Erde
immer gewisse und sonderbare Menschen gibt, aus deren Worten und Taten sich
unleugbar eine höhere, gottähnliche Begabung leicht erkennen läßt, wie das eben
bei unserem Galiläer der Fall zu sein scheint.
[GEJ.08_005,08] Aber auch bei andern Menschen
fehlt es an ähnlichen Begabungen nicht. Nehmen wir nur heute das plötzliche
Verschwinden unserer Mäntel und die Herbeizauberung der drei Löwen! Das ist ein
offenbares Wunder, das ein gewöhnlicher Mensch nicht begreifen kann. Nun
könnten aber diese auch sagen: ,Ich oder der da ist euer Messias, weil er
Wunder zu wirken imstande ist!‘, – was wir denn doch nicht annehmen können!
Denn würden wir das, so würde es bald vor lauter Messiassen wimmeln. Die Essäer
wirken auch Wunder, aber darum sind sie noch lange keine Messiasse. Der
Galiläer aber offeriert sich uns als ein solcher. Was sollen wir dazu sagen?“
[GEJ.08_005,09] Sagte der zweite, gute
Redner: „Meine Meinung wäre diese, die ich aber aus begreiflichen Gründen nicht
habe aussprechen können: Seine Lehren und Taten sind mir wohlbekannt. Er ist
ganz mit Leben und Tat der reinste Jude, ganz im Sinne Mosis. Wie es aber nun
bei uns im Tempel mit dem lieben Moses aussieht, das wissen wir alle nur zu
gut, und auch er scheint es ganz perfekt zu wissen, ansonst er uns heute
vormittag nicht so derbste Brocken vorgeworfen hätte. Zudem aber hat er auch an
dem Blindgeborenen ein wahres Gotteswunder bloß durch seinen Willen gewirkt,
was vorher wohl niemandem möglich war, und so bin ich nun der Meinung, wir
sollten als scharfe Beurteiler die Sache auf sich beruhen lassen. Kommt Zeit,
kommt auch der Rat. Ist er am Ende denn doch das, als was er sich offen allen
Menschen ankündet, so werden wir gegen ihn schon ewig nichts ausrichten; ist er
aber am Ende dennoch nicht das, so wird er auch gegen uns nichts ausrichten –
trotz allen seinen Wundern!
[GEJ.08_005,10] Das beste ist, so wir im
geheimen alle seine Lehren und Taten prüfen. Finden wir sie ganz rein und seine
Taten ganz göttlicher Art, dann werden auch wir an ihn glauben; ist aber für
uns von ihm aus diese Bedingung nicht erfüllt, dann bleiben wir, was wir sind, und
überlassen alles andere Gott!“
[GEJ.08_005,11] Mit dem waren nun alle
einverstanden und aßen und tranken darauf wieder.
[GEJ.08_005,12] Nach dieser Rede aber kam auf
Mein Geheiß Lazarus wieder zu ihnen. Er wußte um alles, was sie geredet hatten,
denn Ich hatte das allen gesagt.
6. Kapitel
[GEJ.08_006,01] Als die jetzt wohlgesättigten
Pharisäer des Lazarus bei ihnen ansichtig wurden, drückten sie alle ihre Freude
aus, daß er nun ungerufen zu ihnen gekommen sei.
[GEJ.08_006,02] Er aber grüßte sie auch, sagend
(Lazarus): „Es freut mich sehr, daß ihr euch auf diesem von euch in den Bann
gelegten Orte doch so wohl befindet! Aber ich meine nun, da mir alles bekannt
ist zu meiner rechten Herzensfreude, was ihr hier ganz allein miteinander
verhandelt habt, so werdet ihr wahrlich recht weisen Männer von eurem
Bannfluche gegen diese meine Besitzung eben keinen besonderen Gebrauch machen?“
[GEJ.08_006,03] Sagte der erste Redner: „Das
sicher nicht; aber wie – bei Moses! – hast du bei verschlossenen Türen und
Fenstern denn vernehmen können, was wir so leise wie möglich unter uns
gesprochen haben? Sage uns den Inhalt unserer Reden, sonst müssen wir glauben,
daß du uns hier zum besten haben willst!“
[GEJ.08_006,04] Hier beteuerte ihnen Lazarus,
daß so etwas höchst ferne von ihm sei, und trug ihnen darauf alles Wort für
Wort vor, was sie ehedem miteinander verhandelt hatten.
[GEJ.08_006,05] Als die Pharisäer das
vernahmen, da sagte der erste wieder: „Aber wie – um alle Sterne am Himmel! –
bist du dahintergekommen?“
[GEJ.08_006,06] Sagte Lazarus: „Hast doch du
selbst in deinen Worten bekannt, daß es in der Welt Menschen gäbe, die mit gar
seltenen Fähigkeiten begabt sind! Warum sollte zum Beispiel ich nicht auch mit
so mancher seltenen Fähigkeit von Gott aus begabt sein? Aber ich kann euch noch
etwas viel Wichtigeres sagen, und das besteht darin, daß ihr infolge eures
Wissens und Redens dem Reiche Gottes recht nahe wäret, wenn euch die böse Luft
des Tempels nicht daran hinderte. Besonders aber bezeichne ich dafür deinen
Gegenredner, dem du am Ende selbst in allem beistimmtest, sowie auch alle die
andern, darum ihr alle nun mit dem gar sehr werten Gegenredner auf ein und
demselben Punkte stehet zu meiner wahrlich großen Freude; denn Männer
euresgleichen werden sich nun nicht gar viele mehr im ganzen Tempel vorfinden.
Darum sage ich euch, als nun euer alter und wahrer Freund, daß ihr dem Reiche
Gottes nun näher stehet, als ihr es ahnet!“
[GEJ.08_006,07] Sagte nun der zweite Redner:
„Lieber Freund, erkläre du dich deutlicher! Was willst du uns damit denn sagen?
Wie sollen und können wir nun hier dem Reiche Gottes näher sein, als wir es zu
ahnen imstande sind? Sollen wir hier etwa sterben? Hast du uns etwa – Gift in
den Wein getan?“
[GEJ.08_006,08] Sagte Lazarus: „Wie könnet
ihr als wahrlich gescheite Leute euch so etwas nur denken! Ich will ja gleich
aus euren Bechern trinken, um euch zu beweisen, wie irrig ihr da denket; ihr
werdet noch lange genug auf dieser Erde zu leben haben! Nur mit eurem Wissen
seid ihr dem Reiche Gottes nahe gekommen und mit eurem geheimgehaltenen
Glauben, aber nicht mit eurem irdischen Leben!“
[GEJ.08_006,09] Sagte der erste Pharisäer:
„Was verstehst du denn hernach unter dem Reiche Gottes?“
[GEJ.08_006,10] Sagte Lazarus: „Nichts
anderes als nur die rechte Erkenntnis Gottes in eurem Gemüte! Würdet ihr dazu
aber auch noch Den als das annehmen, was Er wahrhaft ist, den ihr bis jetzt
verfolgt habt, so wäret ihr schon auch völlig im lichtvollsten Reiche Gottes!
Verstehet ihr mich nun, was ich euch damit habe sagen wollen, als ich sagte:
,Ihr seid dem Reiche Gottes näher gekommen, als ihr es ahnen möget!‘?“
[GEJ.08_006,11] Sagte nun wieder der erste
Redner: „Nun gerade recht, daß du uns auf dieses Thema gebracht hast! Daß du
auf den sonderbaren Galiläer alles hältst, das wissen wir schon eine ziemliche
Zeit lang, und wir haben dir das, ob recht oder unrecht, auch tatsächlich zu
erkennen gegeben. Das ist uns nichts Neues. Aber da du den Mann sicher besser
kennst denn wir und wir nun hoffentlich wieder wahrhaftige Freunde geworden
sind, weil du durch deine uns früher unbekannte Fähigkeit dich selbst überzeugt
hast, wie wir eigentlich bei uns denken, so wäre es nun bestens an der Zeit,
daß eben du uns den Mann möchtest näher kennen lehren. Du brauchst uns darum
seinen irgendwoigen und etwa nunmaligen Aufenthalt gar nicht anzugeben, weil
wir von dem lächerlichen Beschlusse des Tempels ja ohnehin nimmer Gebrauch
machen wollen und werden; ja, wir brauchen den Galiläer auch nicht etwa der
verschlagenen Tempelpriester wegen näher kennenzulernen, sondern nur allein
unsertwegen, und kannst du nun schon ganz offen von ihm zu uns reden!“
[GEJ.08_006,12] Sagte darauf Lazarus: „Wie
und wo Er geboren ist, und was sich bei Seiner Geburt schon alles zugetragen
hat, als der alte, böse Herodes vor dreißig Jahren zu Bethlehem Seinetwegen die
schwere Menge der unschuldigen Knäblein von ein bis zwei Jahren Alters hat
ermorden lassen, weil ihm die drei Weisen aus dem fernen Morgenlande, die ein
Stern hierhergeführt hatte, die Kunde gebracht hatten, daß den Juden ein neuer
König zu Bethlehem geboren worden sei, das alles wisset ihr so gut wie ich;
aber ihr wisset es nicht, daß jener neugeborene König der Juden durch göttliche
Vorsehung und Waltung nicht in die Hände des grausamen Herodes geraten ist,
sondern durch Gottes Hilfe und durch die Vermittlung des damaligen noch jungen
römischen Hauptmanns Kornelius glücklich nach Ägypten und – ich glaube – in die
alte Stadt Ostrazine entflohen ist und erst, als der alte Herodes nach drei
Jahren, von Läusen gefressen, gestorben ist, in die Gegend von Nazareth ganz
wohlbehalten zurückgekehrt und dort in ganz stiller Zurückgezogenheit ohne
irgendwelchen besonderen Unterricht zu einem Manne herangewachsen ist.
[GEJ.08_006,13] Als er zwölf Jahre alt war,
kam er mit Seinen irdischen Eltern zu der vorgeschriebenen Knabenprüfung nach
Jerusalem, blieb drei volle Tage im Tempel und setzte durch Seine Antworten und
Fragen alle Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer ins größte Erstaunen, was
mir mein Vater, der für Ihn wegen der Armut Seiner Eltern sogar die höhere
Prüfungstaxe bezahlt hatte, erzählte.
[GEJ.08_006,14] Auch das wird den älteren von
euch noch sicher erinnerlich sein, wenn gerade schon das nicht, daß er der Wut des
alten Herodes entflohen und nach drei Jahren aus Ägypten wieder nach Nazareth
zurückgekehrt ist.
[GEJ.08_006,15] Und sehet nun, der Mann, der
nun so große Werke verrichtet bloß durch die rein göttliche Macht Seines
Willens und Seines Wortes, ist ebenderselbe vor dreißig Jahren zu Bethlehem
neugeborene König der Juden und ebenderselbe weise Knabe, der vor zwanzig
Jahren den ganzen Tempel ins größte Erstaunen gesetzt hat!
[GEJ.08_006,16] Nun wisset ihr einmal
genealogiter, mit wem ihr es in dem nun so außerordentlichen Galiläer zu tun
habt, und das gehört auch sehr dazu, um über Ihn ein günstiges Urteil fällen zu
können.
[GEJ.08_006,17] Was Er aber nun tut, das
wisset ihr teilweise, haltet aber davon das meiste, was euch von Ihm, Seinen
Lehren und Taten hinterbracht wurde, mehr denn zur Hälfte für Fabeln und
Übertreibungen des Volkes, das an Ihm hängt und an Ihn glaubt, – und da eben
irret ihr euch groß!
[GEJ.08_006,18] Ich bin wahrlich, wie ihr
mich auch wohl kennet, der Mensch nicht, der die Katze im Sacke kauft! Ich habe
mich darum auch bei Ihm sehr genau selbst mehrorts und längere Zeit hindurch
überzeugen wollen, was denn eigentlich an diesem Manne sei. Und seht, ich, der
ich doch auch in der Schrift bewandert bin, fand an Ihm nie etwas Verdächtiges,
wie gar so oft schon an den marktschreierischen Magiern und Zauberern!
[GEJ.08_006,19] Seine Lehren sind vollkommen
die des Moses und der Propheten, und Seine Wunder wirkt Er nur, wo es not ist,
und läßt sich von niemandem dafür je etwas bezahlen. Kurz und gut, Sein
kräftiges Wort ist reinstes Gotteswort, Seine Weisheit Gottes Weisheit, und
Seine Taten sind ebenso nur Gottes Taten, weil es keinem Menschen möglich ist,
daß er sie bewerkstellige!
[GEJ.08_006,20] Als ich vor mehr als einem
halben Jahre mit Ihm und Seinen damals vielen Jüngern nach Bethlehem zog, da
fanden wir daselbst vor den Toren der alten Stadt Davids eine große Menge
Bettler, weil alldort ein Fest abgehalten wurde. Diese Armen beiderlei
Geschlechts baten uns unter großem Gejammer um ein Almosen. Am allermeisten
schrien ganz Verstümmelte ohne Hände und manche auch ohne Füße, und ich wollte
sie auch nach meinen Kräften beteilen.
[GEJ.08_006,21] Er aber gab mir zu verstehen,
daß es dazu noch Zeit sei, und fragte die Armen dann, ob sie sich, so sie
völlig gesund wären und ihre geraden Glieder hätten, nicht lieber mit der
Arbeit ihrer Hände das nötige Brot verdienen möchten. Alle beteuerten, wenn das
möglich wäre, so würden sie lieber Tag und Nacht arbeiten als nur einen
Augenblick mehr jemanden um ein Almosen bitten. Er aber sagte darauf: ,So
stehet auf und wandelt, und suchet euch Arbeit!‘ Auf dieses Wort hin waren alle
augenblicklich von ihren allerartigen Übeln geheilt. Die Blinden sahen, die
Tauben und Stummen hörten und redeten, die Lahmen sprangen auf wie junge
Hirsche, und die Verstümmelten ohne Hände und Füße bekamen – sage – ganz
offenbar neue Glieder, und das war alles das Werk eines Augenblicks! Ich aber
nahm dann gleich alle diese so wunderbar Geheilten in meine Dienste, beschenkte
sie sogleich und wies ihnen an, wohin sie zu gehen hatten.
[GEJ.08_006,22] Wenn man selbst Zeuge einer
solchen Tat und noch von hundert anderen war, von denen man nicht einmal mehr
sagen kann: ,Siehe, diese waren größer und denkwürdiger denn die anderen!‘,
wenn man auch gesehen hat, daß Seinem Willen auch alle Tiere, alle Elemente,
die ganze Natur, selbst Sonne, Mond und Sterne und die Meere der Erde wie auch
ihre Berge gehorchen, und Er Selbst sagt: ,Ich und der Vater im Himmel sind
Eins! Wer Mich sieht, der sieht auch den Vater. Wer da an Mich glaubt, der wird
das ewige Leben haben; denn Ich Selbst bin die Wahrheit, der Weg und das
Leben!‘, so kann man bei gesunden Sinnen und bei gesunder Vernunft denn doch
nimmer zweifeln, daß es also ist, wie Er es lehrt, und wie das von Ihm schon
von – sage – Adam an alle Väter, Patriarchen und Propheten geweissagt und
gelehrt haben.
[GEJ.08_006,23] Ich glaube nun vollkommen
fest und ungezweifelt an Ihn und getraue mir das auch vor aller Welt laut zu
bekennen, weil ich meine unumstößlichen Gründe dafür habe; ein anderer aber
kann tun, was er will! Nun wisset ihr in Kürze das Wichtigste, was den großen
Galiläer betrifft, in vollster Wahrheit und möget nun selbst urteilen, was ihr
von Ihm zu halten und zu glauben habt!“
7. Kapitel
[GEJ.08_007,01] Sagte der zweite, gute
Redner: „Ja, Freund Lazarus, da kann ich dir durchaus nicht unrecht geben; denn
wäre ich an deiner Stelle, so würde ich auch das tun, was du tust! Aber so kann
ich das, wie jede andere bessere Überzeugung, nur geheim bei mir behalten, weil
ich in meiner Stellung nicht offen gegen den argen Weltstrom schwimmen kann. Du
aber bist ein überreicher und nun durch dein römisches Bürgerrecht ein ganz
freier Mann und kannst des Guten so viel tun, als du nur immer willst. Niemand
kann dir in die Quere treten! Wie wir Templer aber nun stehen, das weißt du
ohnehin! Darum können wir nur im stillen der Wahrheit zugetan sein; offen aber
sind wir genötigt, der Lüge das Wort zu reden. Daß es sich aber mit uns, die
wir noch den älteren und besseren Tagen angehören und die Wahrheit für uns wohl
begreifen, leider nun in dieser neueren Lügenzeit also verhält, weißt du so gut
wie wir.
[GEJ.08_007,02] Ich glaube nun das, was du
glaubst, und es ist also und wird nie anders werden, da zu große und
unleugbarste Beweise aller Art und Gattung nur zu sehr dafür sprechen und
zeugen; aber wir können offen dennoch nichts dafür tun, außer daß wir uns im
Rate jeder Stimmung weder dafür noch dawider ganz kategorisch enthalten und bei
guter Gelegenheit dartun, daß bei dieser Gelegenheit ein jeder
Verfolgungsversuch ein rein vergeblicher ist. Und ich meine, daß wir dadurch
der guten Sache, wennschon nicht gerade förderlich, so aber doch nicht als
hinderlich erscheinen, und das kann denn am Ende doch auch nicht als etwas
völlig Schlechtes angesehen werden! – Was ist da deine Meinung, Freund
Lazarus?“
[GEJ.08_007,03] Sagte Lazarus: „Freund, offen
gesagt: Wenn man von einer so großen und alles Sonnenlicht übertreffenden
Wahrheit in sich völlig überzeugt ist, sich aber offen vor der Welt dennoch
nicht getraut, sich zu ihren Gunsten auszusprechen – abgesehen von jeder wie
immer gearteten Stellung in dieser Welt –, so ist man da immer mit einem
Menschen zu vergleichen, der da nicht kalt und auch nicht warm ist. Wenn ich
mir nun denken und laut der größten und unwiderlegbarsten Beweise gläubigst
sagen muß: ,Das ist der Herr Selbst, durch dessen Liebe, Gnade und Willen ich
lebe!‘ – wie das auch alle Propheten von Ihm vorausgesagt haben –, so ist Er
allein mir alles und alle Welt und der ganze Tempel nichts mehr! Er hat nun
erfüllt, was Er verheißen hat; Er, der auf Sinai dem Moses und unseren Vätern
die Gebote gegeben hat, ist nun leibhaftig unter uns und zeigt uns durch Worte
und Taten, daß Er es ist, der ewig getreue, wahrhaftige Jehova. Wie ist es da
einem wahren Menschen noch möglich, sich bei einer so endlos hochwichtigsten
Lebenssache lau zu verhalten?!
[GEJ.08_007,04] Ich an eurer Stelle, indem
ihr es ohnehin einsehet, daß es mit dem Tempel, wie er nun bestellt ist, keinen
langen Halt mehr haben wird, würde mein Vermögen nehmen und sehen, ein wahrer
Lebensjünger des Herrn zu werden. Ihr könnt von nun an im Tempel nicht für euer
irdisches Leben viel mehr irgend gewinnen, weil die Opferungen von Jahr zu Jahr
aus sehr begreiflichen und euch wohlbekannten Gründen um ein sehr bedeutendes
magerer werden. Dazu seid ihr aber auch schon so ziemlich an der Neige eurer
irdischen Lebensjahre und müsset euch selbst sagen: Mit uns wird es auf dieser
Welt wahrscheinlich nicht gar zu lange mehr dauern! Was dann?
[GEJ.08_007,05] Über das Jenseits habt ihr
meines guten Wissens wohl Vermutungen, aber durchaus noch lange keine
Gewißheit. Der Herr, der nun wunderbarstermaßen unter uns Menschen als Selbst
Mensch wandelt, könnte euch das Jenseits zeigen und euch des künftigen Lebens
versichern, und das wäre für euch doch sicher der größte Lebensgewinn! Was
dünket euch?“
[GEJ.08_007,06] Sagte der erste Redner: „Ja,
ja, Freund, da hast du ganz wohl gesprochen, und es wird sich mit dem Galiläer
die Sache auch also verhalten; aber man muß auch das bedenken, wie man sich auf
eine gute Art vom Tempel frei machen kann, damit es den andern Amtsgenossen
nicht auffalle. Wären wir nicht die Ältesten des Tempels, so könnten wir uns
unter irgendeinem Vorwande aus dem Tempel entfernen, etwa als Judenapostel, um
irgend Heiden zum Judentum zu bekehren; aber wir sind dazu schon zu alt und
bekleiden die ersten Stellen im Tempel, und so ist das eine schwere Sache.
[GEJ.08_007,07] Wir könnten uns wohl in den Ruhestand
setzen lassen gegen Rücklassung des zehnten Teiles unseres Vermögens, aber wir
würden dadurch der guten Sache des erhabenen Galiläers offenbar mehr schaden
als nützen; denn so wir unsere Stellen im Tempel verlassen, so werden sie ehest
von anderen besetzt, die ohnehin schon darauf lauern. Diese unsere
Stellvertreter würden als gewisserart neue Kehrbesen der guten Sache des
Galiläers sicher um noch gar viele Male wütender entgegentreten als wir, die
wir nun durch dich wissen, was wir zum wenigsten für uns von ihm zu halten
haben.
[GEJ.08_007,08] Wir können nun im Hohen Rate
beschwichtigend für den Galiläer wirken und ihm so manche Hindernisse bei
seinem erhabenen Lehramte aus dem Wege räumen, weil wir als Älteste des Tempels
denn doch auf den Hohepriester, der in seiner Sphäre ein wahrer Tyrann ist,
einen bedeutenden Einfluß haben, und können ihm auch bei guter Gelegenheit so
manches Außerordentliche mitteilen und ihm zeigen, wer der ihm so überaus
verhaßte Galiläer ist, und daß es ein Wahnsinn ist, sich als ein schwacher
Mensch einem Menschen entgegenzustellen, dessen Wille eine ganze Welt im
Augenblick zu vernichten imstande ist.
[GEJ.08_007,09] Wenn wir dem Hohenpriester
das so recht kernfest darstellen, so wird er in seinem wilden Eifer sicher kühler
werden und nicht oft Tag und Nacht Rat halten, wie der Galiläer mit seinem
ganzen Anhange zu ergreifen und zu verderben wäre. Wir für uns aber werden dann
geheim schon wohl eine Gelegenheit finden, als nunmehr wahre Freunde und
Anhänger des Galiläers mit ihm irgend persönlich zusammenzukommen und uns von
ihm belehren zu lassen. Ich meine, daß diese meine Ansicht sich auch hören
läßt?“
[GEJ.08_007,10] Sagte Lazarus: „Oh,
allerdings; aber es sieht dabei für euch selbst der Wahrheit nach noch wenig
Heil heraus! Was ihr von nun an zu Seines Amtes Gunsten im Tempel tun wollet,
hat ein gutes, menschliches Ansehen; aber so ihr bedenket, daß Er, den ihr noch
immer den berühmten Galiläer nennet, wahrhaft der Herr Selbst ist, dem alle
Weisheit und Macht zu Gebote steht, so muß es euch dabei ja doch klar sein, wie
albern und eitel der Gedanke ist und wie dumm des Menschen Einbildung, in
seiner sterblichen Schwäche und Blindheit irgend durch einen Rat oder durch
eine Tat Gott helfen zu wollen. Er bedarf unserer Hilfe ewig nicht, sondern wir
nur der Seinigen!
[GEJ.08_007,11] Wenn Er uns Menschen Gutes in
Seinem Namen tun und wirken läßt, so geschieht das nur unseres eigenen Heiles
wegen; denn dadurch üben wir uns in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und
aus dieser zum Nächsten. Je mehr aber jemand in der Liebe zu Gott und zum
Nächsten in seinem Herzen zugenommen hat, desto mehr Fähigkeiten wird er von
Gott erhalten, Ihn und den Nächsten noch immer mehr und mehr lebendigst lieben
zu können!
[GEJ.08_007,12] Aber darum benötigt Gott
unserer Tätigkeit nicht, wie etwa wir Menschen der Tätigkeit unserer Knechte
und Mägde benötigen, sondern so wir nach Seinem Rate und nach Seiner Lehre
tätig sind, so sind wir das nur zu unserem Heile, aber ewig nie etwa zum Heile
des Herrn, der Selbst das ewige Heil aller Kreatur ist.
[GEJ.08_007,13] Daß sich hier die Sache also
und nicht anders verhält, werdet ihr nun wohl leicht selbst einsehen, das
heißt, so ihr in eurem berühmten Galiläer das sehet und erkennet, was ich schon
lange gesehen und erkannt habe, nämlich, daß Er der Herr Selbst ist.
[GEJ.08_007,14] Haltet ihr Ihn aber noch
immer für einen bloß außerordentlichen Menschen, der bei allen seinen
wunderbaren Fähigkeiten denn zuweilen doch auch noch der Mithilfe der Menschen
bedarf, dann ist das, was ihr für Ihn tun wollet, allerdings löblich; denn die
Nächstenliebe gebietet uns das, daß wir Menschen uns gegenseitig mit Rat und
Tat behilflich sein sollen.“
8. Kapitel
[GEJ.08_008,01] Sagte nun wieder der erste
Redner: „Lieber Freund Lazarus, du hast da ganz richtig geurteilt, so sich die
Sache mit dem wundersamen Galiläer im vollsten Ernste also verhält, wie du sie
uns aus deiner wohlerwiesenen Überzeugung mitgeteilt und getreu dargestellt
hast, laut der wir auch der vorwiegenden Meinung sind, daß sich diese Sache
auch also verhalten wird. Aber bei einer so endlos hochwichtigen Sache ist von
unserer Seite als Juden – dem Volke Gottes – sehr notwendig, eine starke
Prüfung anzustellen und zuvor gar vieles wohl zu bedenken und zu überlegen, ob
möglicherweise doch etwa irgend etwas in einem sehr verborgenen Hintergrunde
stecken könnte, das am Ende der Sache doch ein anderes Gesicht geben könnte,
als für was sie ein von den Wundereffekten gewisserart berauschter und im Gemüt
und Verstande gefangengenommener Mensch von ihr sich vorstellte.
[GEJ.08_008,02] Siehe, so ist mir, wie auch
uns allen, ehedem draußen sehr aufgefallen, wie zuerst der junge, wohlberedte
Mensch uns unsere Mäntel bloß durch sein Wort und durch seinen Willen abnahm in
einem so schnellen Augenblick, daß wir uns dawider gar nicht versehen konnten
und auch gar nicht wußten, wohin unsere Mäntel verschwunden waren. Weiter kamen
die sieben, dem Aussehen nach Ägypter oder Araber; es kostete sie nur einen
Wink, und drei grimmige Löwen waren zu unserem Entsetzen da! Siehe, das sind
von Menschen hervorgebrachte Wunder, was sich nicht leugnen läßt. Wenn nun der
junge Mensch, dem es an der Weisheit auch nicht gebricht, von sich aussagte:
,Ich bin Christus; meine Wundertat beweist euch das!‘, – würdest du ihn dann
wohl auch gleich als das annehmen, was er aussagt, daß er sei? Oder so einer
jener sieben Männer ein gleiches von sich vorgäbe, würdest du ihm wohl auch den
Glauben schenken? Haben, wie wir aus der Schrift lesen, nicht auch Moses wie
die andern Propheten nach ihm große Wunder gewirkt und waren darum doch nicht
Christus?!
[GEJ.08_008,03] Nun wirkt der wundersame
Galiläer auch große und jedermann höchst auffallende Wunder, hat dazu auch eine
wahrlich höchst weise Rede und sagt, daß er Christus sei! Nun, daß er von sich
das aussagt, was kein anderer Wundertäter von sich ausgesagt hat, das genügt
noch nicht vollkommen als ein Beweis, daß er darum auch schon das wirklich ist,
als was er sich vor den Menschen ausgibt! Wir nehmen es nun nach deinem
Zeugnisse wohl an und glauben, daß sich die Sache also verhalten wird; aber
darum kann es uns noch nicht benommen sein, die Sache nebstbei noch immer nach
allen Richtungen hin zu prüfen. Finden wir dabei nirgends einen auch nur
scheinbaren Widerspruch, so werden wir auch alsogleich das tun, was du uns
wahrlich sehr weise und freundlich angeraten hast.
[GEJ.08_008,04] Siehe, du kannst noch ganz
andere und sonderheitliche Beweise haben, die wir nun noch nicht kennen, diese
können dich zu einer tieferen und inneren Überzeugung geführt haben! Nun,
solches mangelt uns offenbar aus leicht begreiflichen Gründen; denn wir selbst
haben persönlich ihn, den berühmten Galiläer, nur etliche Male im Tempel
gesehen und gehört und hörten nur von seinen Wundertaten aus anderer Menschen
Munde vieles; aber selbst Augenzeugen waren wir eigentlich von nur sehr
wenigem, das in der Heilung eines Gichtbrüchigen und jüngst in der eines
Blindgeborenen bestand. Und das, Freund, genügt uns nun wahrlich um so weniger,
als wir eben heute abend den jungen Menschen, der auch ein Galiläer zu sein
scheint, und die sieben andern Männer auch Wunder wirken sahen und daraus wohl
entnommen haben, daß andere Menschen auch Wunder zu wirken imstande sind.
[GEJ.08_008,05] Was die weise Rede anbelangt,
so sprach auch der junge Mensch höchst weise wie ein wahrer Prophet, und unsere
Mäntel schützten uns nicht vor seinem Scharfblick; und so können wir bis jetzt
noch immer sagen: Weder Wundertaten noch weise Reden und Lehren sind für uns genügende
Beweise, daß darum der Galiläer schon im vollsten Wahrheitsernste der
verheißene Messias sei, von dem es geschrieben steht, daß Er sei Jehova, der
Herr Selbst.
[GEJ.08_008,06] Auch du selbst gabst uns
ehedem einen gar sonderbaren Beweis, wie ein Mensch auch durch seinen sehr
geweckten Scharfsinn sogar die innersten Gedanken und geheimen Reden Wort für
Wort wissen kann und vielleicht noch manches andere, was er aber einem Freunde,
um niemand anderm ein Ärgernis zu geben, nur unter vier Augen sagen würde. Da
aber sogar dir schon, als nur einem Menschen unseresgleichen, eine solche
Fähigkeit innewohnt, die etwas sehr Wunderbares ist, warum sollen dem Galiläer
nicht auch solche besonderen Fähigkeiten innewohnen, die jedem andern Menschen
als ein offenbares Wunder vorkommen müssen, weil ihm die Wege zur Erlangung
solcher besonderen Fähigkeiten gänzlich unbekannt sind und selbst die Menschen,
die solche besonderen Eigenschaften und Fähigkeiten besitzen, einem andern
darin gar keinen Unterricht entweder geben oder geben wollen.
[GEJ.08_008,07] Es gab einst
Prophetenschulen, in die aber nur solche Menschen, und das schon als Jünglinge,
aufgenommen wurden, die sich schon von der Geburt an durch gewisse besondere
Eigenschaften bemerkbar gemacht hatten; vor allem soll dazu ein höchst
sittlicher und, was die Fleischnatur des Menschen betrifft, auch höchst
keuscher Charakter erforderlich gewesen sein.
[GEJ.08_008,08] Nun, das sehen wir wohl ein,
daß in einer sittlich ganz unverdorbenen Menschennatur sich ganz andere Fähigkeiten
entwickeln können als in der kranken eines ganz gewöhnlichen, sinnlich
unsittlichen Menschen; aber ein solcher hernach mit außerordentlichen
Fähigkeiten begabter Mensch kann darum doch noch lange und eigentlich gar nie
sagen, daß er vor anderen natürlich schwachen Menschen ein Gott sei.
[GEJ.08_008,09] Ich selbst habe in meiner
Jugendzeit einmal einen ganz einfachen Hirten gesehen, den seine Gefährten
ihren König genannt haben. Dieser Mensch war sehr sittlich und fromm. Er hatte
keinen Hirtenstab und brauchte nur zu wollen, und seine Herde folgte seinen
Winken und seinem Worte und Willen. Ob er noch andere Dinge zu bewirken
imstande war, weiß ich nicht; aber warum konnte er solche seine besondere
Eigenschaft nicht zu einem Gemeingut auch der anderen Hirten machen?
[GEJ.08_008,10] Darum bleibt es bei mir
solange ein fester Satz, daß es auf der Welt immerhin einige besonders
befähigte Menschen geben kann; aber man muß darum sehr auf der Hut sein, solch
einen irgend besonders befähigten Menschen als einen in diese Welt aus den
Himmeln gekommenen Gott anzusehen und anzuerkennen.
[GEJ.08_008,11] Es hat ja unter den alten
Propheten auch große und kleine gegeben, aber Gott war weder Moses noch Elias.
Ich habe dir nun meine Meinung ganz klar ausgesprochen, und du kannst nun
darüber nach deinem Gutdünken urteilen, wie du nur immer magst und kannst!“
[GEJ.08_008,12] Sagte nun Lazarus in einem
ganz freundlichen Ton: „Nach dem irdisch- menschlichen Verstande hast du ganz
wahr und richtig gesprochen und konntest auch wohl füglich nicht anders
urteilen und sprechen, weil dir, wie auch deinen Amtsgenossen, noch gar vieles
mangelt, um den erhabensten Galiläer vollends als das anzuerkennen, was Er
trotz deiner Zweifel und allervernünftigst scheinenden Einwendungen und
Einwürfe dennoch ist.
[GEJ.08_008,13] Glaubet es mir, daß ich mich
auch nicht durch eine gewisse Wunderberauschtheit habe hinreißen lassen, den
erhabensten Galiläer als den Messias anzuerkennen! Oh, da haben ganz andere
Dinge mich dazu bestimmt!
[GEJ.08_008,14] Ihr bewundert nun wohl auch
den jungen Menschen, die sieben Ägypter und daneben sogar nun auch mich; aber
ich sage es euch, daß ihr weder den jungen Menschen noch die sieben Ägypter,
die noch ganz einfache und unverdorbene Menschen sind, wie es einst die Urväter
auf der Erde waren, kennet und also auch nicht wisset, wie es mir möglich war,
auf ein Haar genau zu wissen, was ihr allein untereinander geredet habt!“
[GEJ.08_008,15] Sagte der erste Redner: „Nun,
so erkläre uns das näher, und wir werden dann sehen, ob wir dir vollends im
Glauben folgen können!“
9. Kapitel
[GEJ.08_009,01] Sagte Lazarus: „Hast du denn
in der Schrift nicht gelesen: Wenn der Herr als ein Menschensohn auf diese Erde
kommen wird, so werden die wenigen Gerechten sehen die Engel aus den Himmeln
herniederkommen und Ihm dienen!? Was werdet ihr aber sagen, so ich euch sage:
Das habe ich und viele an meiner Seite gesehen, und es war das weder ein Traum,
noch weniger irgendeine andere Täuschung, sondern eine volle, mit Händen zu
greifende Wahrheit! Und der junge Mensch ist eben auch ein Engel, und das ein
Erzengel auch noch dazu!
[GEJ.08_009,02] Den sieben Männern im
tiefsten Hinterägypten aber hat es ihr innerer Geist angezeigt, daß bei uns
Juden die große Verheißung in die volle Erfüllung gegangen ist, und sie machten
sich auf und kamen, vom Geiste geführt, zu uns, um selbst zu sehen den Herrn
aller Herrlichkeit als Menschen wandeln und lehren unter uns Menschen, die wir
so blind sind, daß wir das noch nicht erkennen mögen, was jene überweit von
hier entfernt wohnenden Menschen schon im hellsten Lichte schauen.
[GEJ.08_009,03] Was aber meine Fähigkeit
anbelangt, durch die ich wissen konnte, was ihr allein untereinander geredet
habt, so habe ich sie zuvor nie besessen, sondern der große, erhabenste
Galiläer, der Herr, hat sie mir gegeben infolge meines Glaubens an Ihn und
meiner Liebe zu Ihm und Seinetwegen zu den vielen armen Nebenmenschen.
[GEJ.08_009,04] Was ich euch hier gesagt
habe, ist eine heilige Wahrheit; aber ich kann sie euch nicht anders bezeugen,
als daß ich euch ein für alle Male sage: Also ist es und nicht anders, und ich
glaube darum, daß der erhabenste Galiläer lebendigst wahr der verheißene
Messias, Jehova Zebaoth ist. Wer an Ihn glaubt und Ihn auch über alles liebt
und seine Nächsten wie sich selbst, der wird das wahre, ewige Leben in sich
haben!
[GEJ.08_009,05] Und nun könnet ihr aber
deswegen tun, was ihr wollet; denn dies ist auch des Herrn heiliger Ausspruch:
Der Wille muß sogar dem Teufel frei gelassen bleiben; denn ohnedem wäre der
Mensch kein Mensch und kein Ebenmaß Gottes. Er wäre ein Tier, dessen Seele
keine Freiheit hat und darum also tun muß, wie es von der Allmacht Gottes
getrieben wird.
[GEJ.08_009,06] Alles, was ihr sehet auf der
Erde und am Firmament, ist gerichtet und steht unter dem unwandelbaren Gesetze
des Muß. Der Mensch muß sich dieses starre und unwandelbare Gesetz auf eine
kurze Zeit hin nur für seinen Leib gefallen lassen; denn den Leib des Menschen
leitet, was dessen Form, Wachstum und kunstvollste organische Einrichtung wie
auch die normale Dauer des Fleischlebens betrifft, nur die Allmacht Gottes, und
Gott kann darum auch jeden kranken Leib augenblicklich heilen mittels der Macht
Seines göttlichen Willens. Aber mit der freien Seele des Menschen hat die
Allmacht Gottes nichts zu tun! Darum sind auch die Verhaltensregeln, die Gott
für die Seelen der Menschen den Menschen gegeben hat, nicht unter Muß, sondern
unter ,Du sollst‘ gegeben.
[GEJ.08_009,07] Wir haben die Gesetze von
Gott demnach ohne Muß erhalten und können sie beachten, wenn wir sie beachten
wollen; darum wird auch nun vom Herrn aus gar niemand gezwungen, sich im
Glauben an Ihn zu wenden, sondern wer das aus sich frei will. Aber man bedenke
die Folgen für die Seele im Jenseits, wo sie ebenso frei bleiben wird, wie sie
jetzt ist, nur mit dem Unterschied, daß sie dort alles aus sich wird schöpfen
müssen, was sie zu ihrem ewigen Lebensunterhalte benötigen wird. Aber wie wird
es ihr da dann ergehen, so sie sich nach dem Rate Gottes hier keine geistigen
Schätze und Materialien in sich selbst angesammelt hat?
[GEJ.08_009,08] Wie Gott Sich hier wegen der
vollsten Lebensfreiheit der Seele mit Seiner Allmacht ferne hält, so wird Er
Sich vermöge Seiner ewigen Ordnung auch ewig ferne halten. Hier auf dieser Erde
aber hat jeder Mensch für seine Seele den Vorteil, daß ihm die Allmacht Gottes
allerlei Schätze zu seinem Gebrauche hinzugegeben hat, mit denen er sich bei
rechtem Gebrauche nach dem Rate Gottes übergroße geistige Schätze für seine
Seele für ewighin erwerben kann. Jenseits aber fällt eine irgend von Gott
erschaffene Schätze- und Nährwelt ganz weg; da wird eine jede Seele, als ein
Ebenmaß Gottes, sich alles selbst erschaffen müssen aus sich, das heißt, aus
ihrer eigenen Weisheit und aus ihrem eigenen freiesten Willen. Wie wird es ihr
aber ergehen, wenn sie nicht im Verbande mit dem Willen Gottes, mit Seiner
Weisheit und Liebe je gestanden ist?
[GEJ.08_009,09] Was wird da eine blinde,
finstere und sonach gänzlich ohnmächtige und an allen inneren, geistigen
Schätzen völlig arme Seele – sage – jenseits anfangen und machen? Wenn ihr das
nur einigermaßen bedenket, so müsset ihr es doch einsehen, wie höchst dumm es
ist, sich jetzt der größten Zeit der Gnade Gottes des Herrn nicht teilhaftig
machen zu wollen, wo man sie vor sich hat, wie man vielleicht ewig nie wieder
im solch allerhöchsten Grade die wundervollste Gelegenheit vor sich haben wird!
[GEJ.08_009,10] Ich habe euch nun alles
gesagt, was ein wahrheitsliebender Freund euch sagen kann, und ich sage euch
nun noch einmal das, was ich euch schon etliche Male gesagt habe: Ihr seid von
mir aus aber darum durchaus nicht gebunden und könnet tun, was ihr wollet; denn
eure Seelen sind ebenso vollkommen frei, wie da ist die meinige.“
[GEJ.08_009,11] Als die Pharisäer den Lazarus
also reden hörten, da sagte der zweite Redner, der, wie schon bekannt, ein
tüchtiger Schriftgelehrter war: „Daß der Freund Lazarus, der sicher als ein
Privatmann beinahe so wohlhabend ist wie kaum ein zweiter im Lande, durchaus
kein Interesse haben kann, so wir seinem Rate folgen, das ist mehr als mit
beiden Händen zu greifen! Denn was sollte ihm an unserem Golde und Silber,
Perlen und Edelsteinen wohl gelegen sein? Er hat dessen so viel, daß er sich
damit ganz leicht ein Königreich kaufen könnte! Er beredet uns also nicht,
darum an den Galiläer zu glauben, daß wir etwa aus dem Tempel träten und dann
unsere Schätze gegen Zinsen in seine Wechselbank legten; das sei ferne von uns,
so etwas von ihm zu glauben, da er ohnehin schon vor ein paar Jahren seine
Wechselbank für immer gesperrt hat! Aber er als ein bekannt gar tüchtiger
Beurteiler aller möglichen Begebnisse in dieser Welt hat die Sache des großen
Galiläers durchaus nicht irgend einseitig betrachtet und hat mit seinem bekannt
scharfen Geiste den rechten Kern in dieser sonderbaren Sache gefunden; darum
täten wir wahrlich wohl am besten, so wir ohne weiteres das täten, was er uns
als Freund angeraten hat!
[GEJ.08_009,12] In unserem Tempel gibt es nun
wahrlich sehr wenig irgend mehr zu gewinnen! Der materielle Gewinn ist so gut
wie zum größten Teil dahin, für unsere Seelen aber gibt es im Tempel nur stets
größere Verluste, aber nie mehr einen Gewinn; darum würden wir ganz klug tun,
so wir uns denn auch endlich in diesen unseren alten Tagen umsähen, wie es nach
unserem Leibestode, der bei uns sicher eben nicht gar zu lange auf sich wird
warten lassen, mit unseren Seelen aussehen wird. Ich wäre sogleich dabei, mich
vollends vom Tempel frei zu machen, so auch ihr alle dasselbe tätet!
[GEJ.08_009,13] Aber nur eines möchte ich
vorher noch zu einer leicht erfüllbaren Bedingung stellen, und das bestünde
darin: Ich möchte nun noch einmal mit dem Jungmenschen reden, den der Freund
Lazarus uns soeben zuvor als einen Erzengel bezeichnet hat. Sage mir, Freund
Lazarus, wäre das nun wohl etwa möglich?“
[GEJ.08_009,14] Sagte Lazarus: „Oh, nichts so
leicht möglich als das! Ich darf ihn nur rufen, und er wird im Augenblick sich
hier befinden!“
[GEJ.08_009,15] Sagte der zweite Redner: „Ich
bitte dich, Freund, tue das; denn ich brenne vor Begierde, nun diesen
Erzengelmenschen zu sehen und zu sprechen!“
10. Kapitel
[GEJ.08_010,01] Hierauf berief Lazarus nach
Meiner ihm schon im großen Speisesaale gegebenen Instruktion sogleich den
Raphael, und dieser war auch im Augenblick in dem kleinen Speisesaale, in
welchem sich eben die Pharisäer nun mit Lazarus befanden.
[GEJ.08_010,02] Als Raphael gar so plötzlich
vor den Pharisäern stand, da erstaunten sie überaus darüber, wie er gar so
schnell auf den Ruf des Lazarus hatte dasein können.
[GEJ.08_010,03] Als Raphael zum hohen
Erstaunen aller nun da vor den Pharisäern stand und sie ihn mit sehr
bedeutungsvollen Blicken musterten, da sagte, von einer geheimen, tiefsten
Ehrfurcht durchschauert, der zweite Redner: „Sage uns, du geheimnisvoller
Jüngling, ist die Sache sicher also, wie sie uns unser Freund Lazarus ehedem
berichtet hat?“
[GEJ.08_010,04] Sagte Raphael: „Warum
zweifelt ihr daran? Habt ihr es zuvor denn nicht selbst erfahren, daß ein
Mensch meines Alters unmöglich meine Fähigkeiten besitzen kann? Ja, ich sage es
euch: Wie es euch Lazarus nur etwas zu früh enthüllt hat, gerade also verhält
sich auch alles! Ich bin nicht wie ihr ein irdischer Mensch, sondern ich bin
wahrlich ein Bote des Herrn! Mein Name ist Henoch, Raphael bin ich aber nun
genannt, weil ich auf dieser Welt, als ich in der Urzeit auch als ein irdischer
Mensch das Fleisch trug, keinen Tod des Leibes auf dieser Erde genossen habe,
gleich dem Propheten Elias. Denn Gott der Herr hat mich in einem Augenblick
verwandelt. Doch solche Gnade hat der Herr etwa nicht mir allein erwiesen,
sondern auch andern, die Ihn über alles liebten.
[GEJ.08_010,05] Aber ihr seid allzeit voll
Unglauben gewesen und seid es auch jetzt um so mehr! Doch zu eurem Heile
gereicht euch solche eure Zweifelsucht nimmer! Wenn ihr das alles nicht frei
glaubet, so wird euch auch keine äußere oder innere Macht dazu zwingen; denn
euer Wille muß völlig frei sein, weil ihr ohne den freien Willen, wie euch das
schon Freund Lazarus erklärt hat, nicht Menschen, sondern pur stumpfsinnige
Tiere wäret, ähnlich den Affen der Wälder Afrikas.
[GEJ.08_010,06] Ich sage es euch nun: Wer nun
noch die Vergänglichkeit dieser Welt und ihre nichtssagenden bösen Ämter mit
ihrem beklagenswerten Ansehen mehr schätzen und lieben kann als den Herrn, der
nun leibhaftig unter euch Menschen wandelt und wir, Seine Himmelsdiener, mit
Ihm, der ist ein großer Narr bei allem seinem Weltverstande, ist des Herrn
nicht wert, und Seine Hilfe wird ihm nicht zuteil werden. Wer den Herrn erkannt
hat und Ihn nicht sucht, den wird auch der Herr nicht suchen mit Seiner Gnade!“
[GEJ.08_010,07] Sagte der zweite Redner, der
sich an der endlos schönen Gestalt Raphaels nicht genug weiden konnte: „Ja, ja,
du bist wahrlich ein Erzengel! Ich glaube nun alles, und es ist nun die größte
Sehnsucht in mir wach geworden, mit dem erhabensten Galiläer irgend
zusammenzukommen, vor Ihm niederzuknien und Ihn um Vergebung zu bitten für alle
die großen Sünden, die ich auf dieser Welt schon begangen habe!“
[GEJ.08_010,08] Das sagten darauf auch die
andern neun Pharisäer und Schriftgelehrten.
[GEJ.08_010,09] Darauf sagte Raphael: „Nun
wohl denn, so möget ihr am Morgen wieder in den Tempel euch begeben! Werden
euch eure nun beinahe durchgehends argen und finsteren Gefährten fragen, was
ihr in Erfahrung gebracht habt, da antwortet ihr: ,Wir haben mit Eifer
geforscht und haben Ersprießliches erfahren. Aber es tut uns sehr not, die
Forschung zu unserm Heile noch weiter fortzusetzen, um alles, was da not tut,
in volle Erfahrung und beste Kenntnis zu bringen. Darum werden wir auch heute
die Forschung fortsetzen und erst dann im Rate wieder erscheinen, wenn wir
alles erfahren haben werden!‘
[GEJ.08_010,10] Auf solche eure Äußerung wird
man euch gerne gehen lassen. Dann kommet aber nach Bethanien, und sorget euch
um nichts Weiteres mehr! Denn für alles andere wird dann schon von mir aus nach
dem allmächtigen Willen des Herrn gesorgt werden. Von allem andern aber, das
ihr hier erfahren habt, redet nichts! Wie ich es euch nun gesagt habe, so
tuet!“
[GEJ.08_010,11] Darauf verschwand Raphael,
und auch Lazarus empfahl sich bei den Templern.
[GEJ.08_010,12] Die Templer besprachen sich
nun noch bis über die Mitternacht über das Erlebte und Vernommene und schliefen
dabei auf den guten Ruhestühlen ein.
11. Kapitel
[GEJ.08_011,01] Ich aber sagte zum nun wieder
zu uns zurückgekehrten Lazarus: „Mein Sohn, Mein Freund und Mein Bruder! Du
hast deine heutige Aufgabe zu Meiner vollsten Zufriedenheit gelöst; denn es ist
nun der letzte Rest der noch klarer denkenden Templer gewonnen, und das ist gut
für Meine Sache. Denn auf diese nun Gewonnenen fußte zumeist der Hohe Rat; denn
sie haben Kenntnisse und Erfahrungen und haben einen guten Mund. Was nun, wenn
auch noch in einer großen Anzahl, im Tempel haust und regiert, ist vollends
blind, dumm und böse.
[GEJ.08_011,02] Es sollen aber die nun
Gewonnenen dennoch also beim Tempel verbleiben, wie da verbleiben unser
Nikodemus und Joseph von Arimathia. Denn würden sie den Tempel ganz verlassen,
so würden die andern, voll des bittersten Unmutes, zu wüten und derart zu toben
anfangen, daß die Römer noch vor der Zeit zu den Waffen greifen müßten und
verderben Volk und Land. So aber diese Ältesten bleiben, da können sie zu
unseren Gunsten noch so manches hintanhalten und auf den Grimm der vielen
andern beschwichtigend einwirken. Aber es ist dennoch gut, daß sie morgen unter
einem klugen Vorwande nach Bethanien kommen, und daß auch ihre sehr bedeutenden
irdischen Schätze in die Verwaltungskammer des Lazarus kommen; denn dadurch
sind die zehn nicht mehr an den Tempel gebunden und können sich frei von ihm
entfernen, wann sie wollen und auf wie lange sie wollen, und dabei dennoch
Mitglieder des Tempels verbleiben, auf daß ihre Stellen nicht von argen
Heuchlern alsbald besetzt werden.
[GEJ.08_011,03] Der Grund, den sie angeben
werden, warum sie längere Zeit vom Rat und Tempel entfernt bleiben werden, ist
ganz gut; denn die Templer werden, in die zehn all ihr böses Vertrauen setzend,
meinen, sie gehen darauf aus, um Mich ganz bestimmt irgend zu fangen. Aber da
werden sie im großen Irrtume sein! Die zehn werden wohl ausgehen, um größere
Forschungen nach Mir und über Mich vorzunehmen, aber nicht zugunsten des
Tempels, sondern zugunsten ihrer Seelen.
[GEJ.08_011,04] Darum ist das heute ein
letzter und guter Fang aus dem Tempel; denn die zehn waren noch die letzten
grünen Zweiglein am alten, schon gänzlich verdorrten und totmorschen Baume des
Tempels. So sie als noch brauchbare Pfropfreiser auf einen jungen und frischen
Stock gesetzt werden, können sie in Kürze noch gar viele und gute Früchte zum
Vorschein bringen.
[GEJ.08_011,05] Eines aber will Ich ihnen
heute noch tun, und das bestehe darin, daß alle zehn einen ganz für sie höchst
denkwürdigen Traum haben sollen. Der wird ihnen morgen und noch lange hin
vielen Stoff zum Denken und zum Reden geben. Worin er bestehen wird, das werden
sie euch morgen in Bethanien schon kundgeben mit aller ihrer Beredsamkeit.
[GEJ.08_011,06] Nun aber wollen wir uns erst
an unser Nachtmahl machen; denn zuvor mußte Ich euch ja alles von Wort zu Wort
kundgeben, was draußen mit den Templern vorgenommen und verhandelt worden ist.
Und so, mein Freund Lazarus, kannst du nun die gutbereiteten Fische, gutes Brot
und noch mehr guten Wein auf die Tische setzen lassen! Denn diese Nacht
hindurch, die für euch alle eine sehr denkwürdige sein muß, werden wir uns
nicht dem Schlafe weihen, sondern wachen und dabei noch gar manches erfahren.
Darum tue du, Freund, nun das, was Ich dir gesagt habe!“
[GEJ.08_011,07] Darauf ging Lazarus mit
Raphael sogleich hinaus, und es war alles in wenigen Augenblicken bestens
besorgt. Wir aßen und tranken nun ganz wohlgemut und besprachen dabei so
manches, was zum Nutzen der Menschen dient, wie auch, was die Pharisäer unter
sich besprochen und abgemacht haben.
[GEJ.08_011,08] Es hatten aber besonders die
Römer, Nikodemus und Joseph von Arimathia eine große Freude daran, daß die zehn
ärgsten Pharisäer, die im Hohen Rat stets unbeugsam gegen Mich zu Felde gezogen
waren, sich nun doch hatten umstimmen lassen.
[GEJ.08_011,09] Sagte Ich: „Es ist dadurch
ein großer Sieg für die gute Sache des Lebens wohl erkämpft worden, aber die
Hölle ist darum noch gleichfort überaus tätig, und der Fürst der Lüge und
Finsternis ist nun tätiger, daß er verderbe die Aussaat des neuen Lebens aus
Mir, als er es je zuvor war, und ihr werdet, bevor von nun an ein Jahr um sein
wird, die argen Früchte seiner Tätigkeit schon gar wohl wahrnehmen!“
12. Kapitel
[GEJ.08_012,01] Sagte nun etwas aufgeregt
Agrikola: „Aber, Herr und Meister, Du bist doch endlos weise und bist voll des
allmächtigsten Willens; auch stehen Dir zahllos viele Legionen der mächtigsten
Engel, wie da Raphael einer ist, zu Gebote; auch wir Römer wollen in
diesweltlicher Beziehung für das Gedeihen der guten Sache gegen die Macht aller
Teufel in den Kampf gehen und wollen den Spruch im Herzen und im Munde führen:
,Eher soll die ganze Erde in eitle Trümmer zerfallen, als daß zerstört werde
nur ein Häkchen an der Wahrheit und Gerechtigkeit dessen, was uns Deine Lehre
verkündet hat!‘
[GEJ.08_012,02] Du aber bist allein
allmächtig zur Übergenüge und bedarfst weder der Hilfe Deiner zahllos vielen
Engel und noch weniger unserer römischen Kriegsheere; da ist es Dir ja doch ein
leichtestes, dem irgendwo im geheimen gegen dich wirkenden Fürsten der Lüge und
der Finsternis für ewig sein arges Handwerk zu legen! Was tun denn wir Menschen
mit einem völlig unverbesserlichen Verbrecher? Wir werfen ihn entweder in ein
sogenanntes ewiges Gefängnis, oder wir geben ihm nach dem Gesetz den Tod als
eine gerechte Strafe! Denn ein Mensch, der einmal zu einem vollendeten Teufel
geworden ist, ist ja um gar viele Male besser von der Erde vertilgt, als daß er
fortlebe zum größten Unheile der andern, besseren Nebenmenschen. Tue Du, o Herr
und Meister, desgleichen auch mit dem Fürsten der Lüge und der argen
Lebensfinsternis, und es wird dann Ruhe und Ordnung und Wahrheit, Liebe und
Gerechtigkeit auf der Erde herrschen unter den Menschen!“
[GEJ.08_012,03] Sagte Ich: „Du hast da gut
reden, weil du jetzt noch nicht verstehst und einsiehst, worin eigentlich die
Hölle und worin der Fürst der Lüge und der Finsternis besteht!
[GEJ.08_012,04] Du hast recht, daß du sagst,
daß Ich sicher die Macht habe, die Hölle samt ihrem Fürsten und allen seinen
Teufeln zu vernichten; aber so Ich das tue, dann hast du keine Erde mehr unter
deinen Füßen, keine Sonne, keinen Mond und ebenso auch keine Sterne mehr! Denn
alle materielle Schöpfung ist ja ein fortwährendes Gericht nach der nie
verrückbaren Ordnung Meines Willens und Meiner Weisheit. Dieses muß sein und
bestehen, damit die Seelen der Menschen auf dem harten Boden des Gerichts die
Freiheit und die volle Selbständigkeit des ewigen, unverwüstbaren Lebens sich
erkämpfen können.
[GEJ.08_012,05] So Ich nach deinem Rate nun
alle materielle Schöpfung auflöste, da müßte Ich ja auch unter einem jeden Leib
der Menschen vertilgen, der denn doch ein notwendiges Werkzeug der Seele ist,
weil sie nach Meiner höchsten Weisheit und tiefsten Erkenntnis sich nur einzig
und allein mit diesem Werkzeuge das ewige Leben erkämpfen und erwerben kann.
[GEJ.08_012,06] Obwohl aber der Leib der
Seele zur Erreichung des ewigen Lebens unumgänglich notwendig ist, so ist er
aber leicht auch das größte Unheil für die Seele; denn wenn sie sich von den
notwendigen Reizungen ihres Fleisches betören läßt, ihnen nachgibt und sich
ganz in dieselben mit aller ihrer Liebe und mit allem ihrem Denken und Wollen
versenkt, so ist sie in das Gericht ihres eigenen Fürsten der Lüge und
Finsternis eingegangen, aus dem sie höchst schwer zu erlösen sein wird.
[GEJ.08_012,07] Und siehe, was dein Leib für
deine Seele ist, das ist die Erde für das ganze Menschengeschlecht! Wer sich zu
sehr von dem Glanze ihrer Schätze blenden und gefangennehmen läßt, der kommt
auch selbst- und freiwillig in ihr Gericht und in ihren materiellen
Gerichtstod, aus dem er ebenfalls noch schwerer sich befreien wird.
[GEJ.08_012,08] Weil nun aber die Menschen
der Erde stets mehr und mehr der glänzendsten Schätze zu entlocken verstehen,
um damit ihrem Fleische die größtmögliche Wohlfahrt, Behaglichkeit und Wollust
zu verschaffen, so ist eben das die besonders erhöhte Tätigkeit des Fürsten der
Hölle, welche in sich ist das ewige Gericht und somit der Tod der Materie und
der Mittod jener Seelen, die sich aus oberwähnten Gründen von ihr haben
gefangennehmen lassen.
[GEJ.08_012,09] Mit welcher Allmacht und
Weisheit willst du dagegen als für ewig wirksam kämpfen? Ich sage es dir und euch
allen: Mit keiner andern als mit der Wahrheit, die Ich euch gelehrt habe, und
mit der Macht der möglichsten Selbstverleugnung und der wahren und vollen Demut
des Herzens!
[GEJ.08_012,10] Wolle du nur das, was du als
wahr erkennst, und handle danach auch der Wahrheit gemäß und nicht irgend aus
weltlichen Gründen zum Schein wie also tun da unten die Templer und auch gar
viele Heiden, so hast du dadurch die ganze Hölle und ihren Fürsten in dir
besiegt! Alle bösen Geister, die in aller Materie vorhanden sind, werden dir
nichts mehr anhaben können, und kämen sie dir auch im endlos großen Vereine aus
der Materie des gesamten, großen Schöpfungsmenschen entgegen, so würden sie vor
dir dennoch also fliehen müssen, wie lockere Spreu und der Sand der Wüsten vor
dem mächtigen Sturmwind.
[GEJ.08_012,11] Aber wenn dich die Schätze
der Erde gefangenhalten, so daß du, um in ihren vollen Besitz zu gelangen, auch
die erkannte Wahrheit verleugnen würdest, dann bist du in deiner Seele schon
ein Besiegter von der Macht der Hölle und ihres Fürsten, der da heißt Lüge und
Finsternis, das Gericht, das Verderben und der Tod.
[GEJ.08_012,12] Sieh an unsere sieben
Ägypter! Sie kennen alle inneren, verborgenen großen Schätze der Erde und
könnten dieselben auch in großen Massen ausbeuten; aber sie verachten das,
leben lieber höchst einfach und suchen nur die Schätze des Geistes, und so
haben sie aber auch noch unverrückt jene wahren, urmenschlichen Eigenschaften,
durch die sie als wahre Herren und Gebieter über die gesamte Natur dastehen,
was sicher nicht der Fall wäre, wenn sie sich von den Reizen der Natur je
hätten irgend gefangennehmen lassen.
[GEJ.08_012,13] Wenn ein Hausvater und
Hausherr die rechte und gute Ordnung in seinem Hause erhalten will, so muß er
mit seinem Gesinde nicht gemein werden und sich bald fügen in dessen
allerartige Schwächen. Denn tut er das, so wird er ein Gefangener seines losen
Hausgesindes, und wenn er dann zu einem oder zum andern sagen wird: ,Tue dies!‘
oder ,Tue jenes!‘, – werden ihm da seine über ihn mächtig gewordenen Diener
wohl noch gehorchen? O nein, sie werden ihn nur verhöhnen und verlachen!
[GEJ.08_012,14] Also auch wäre es der Fall
mit einem Feldherrn, so er sich unterordnete seinen Kriegern, die ihre Kraft
und ihren Mut nur dem Feldherrn verdanken. Es käme der Feind, und er geböte
dann den Kriegern, den mächtig drohenden Feind anzugreifen und zu besiegen,
würden die Krieger dem schwach gewordenen Feldherrn wohl gehorchen? O nein, sie
würden sich sträuben und sagen: ,Wie magst du, Schwacher, uns gebieten? Hast du
nicht den Mut und den Willen je gehabt, uns ernstlich den Gebrauch der Waffen
einüben zu lassen und tändeltest nur mit uns wie ein Spielgefährte, wie kannst
du uns nun gegen den Feind führen? Du warst nie unser Meister, sondern wir die
deinen! Wie wirst du es nun auf einmal anstellen, uns alten Meistern über dich
ein Meister zu werden?‘
[GEJ.08_012,15] Sehet, so auch ergeht es
einem jeden Menschen, der nicht schon von der frühesten Zeit an von seinen
Eltern und Lehrern streng angehalten wird, sich in allen möglichen
fleischlichen Leidenschaften selbst zu verleugnen, damit diese nicht die Herren
und Meister über seine Seele werden! Denn sind sie einmal der Seele über den
Kopf gewachsen, so hat diese dann einen schweren Stand, über alle die Begehrungen
und Reizungen ihres Fleisches zu gebieten, weil sie eben in ihrem Fleische
schwach und nachgiebig und hinfällig geworden ist.
[GEJ.08_012,16] Wird aber eine Seele schon
von Jugend an nach der Wahrheit des klaren Verstandes vernünftig also geleitet und
geübt, daß sie stets mehr Herr ihres Fleisches wird und demselben ja nicht mehr
gewährt, als was ihm von der Natur aus nach Meiner Ordnung gebührt, so wird
solch einer Seele auch von selbst verständlich alle Welt mit ihren Schätzen und
ihren andern Lustreizen gleichgültig, und die also nun rein im Geiste starke
Seele ist dadurch denn auch nicht nur Herr über ihres Leibes Leidenschaften,
sondern auch ein Herr über die gesamte Natur der Welt und somit auch ein Herr
über die gesamte Hölle und ihren Fürsten der Lüge und der Finsternis.
[GEJ.08_012,17] Nun wisset ihr, wer und was
eigentlich die Hölle und der Fürst der Lüge und der Finsternis ist, und wie er
zu bekämpfen und sicher zu besiegen ist. Tut es denn auch also, so werdet ihr
Menschen auf dieser Erde sein Reich bald und leicht vollends zerstört haben,
und ihr werdet wahre Herren der ganzen Erde und eurer und ihrer Natur sein!“
13. Kapitel
[GEJ.08_013,01] Sagte nun Agrikola: „Herr und
Meister, Du hast mir nun wieder eine neue und übergroß-wichtige Wahrheit
enthüllt, und ich sehe nun klar ein, daß es so sein soll. Aber wo steckt da nun
nahezu in aller Welt die Erziehung des Menschen schon von Kindesbeinen an? Man
weiß ja nicht einmal, wie und wo man bei der Erziehung der Kinder anfangen und
wo enden soll!
[GEJ.08_013,02] Da wird den reichen Eltern
ein Kind geboren. Sie haben eine wahre Affenliebe zu ihm und gewähren ihm
alles, was sie ihm nur in den Augen ansehen, und verzärteln es oft auf eine
unausstehliche Weise. Sie selbst getrauen sich nicht, ein solches Kind nur mit
einem ernsteren Worte ob seiner vielen Unartigkeiten zu strafen, und tut das
dann später etwa ein Lehrer, so hat er sich das Kind und die Eltern zu Feinden
und Verfolgern gemacht; schon die alten Römer sagten: ,Wen die Götter haßten, aus
dem haben sie einen Schulmeister gemacht!‘ Nun, die Eltern sind blinde Toren,
und der Schulmeister muß es sein, wenn er leben will. Woher sollen dann solche
Kinder eine rechte Menschenerziehung bekommen?
[GEJ.08_013,03] Bei solcher Erziehung aber,
wie sie nun in der besonders großen Herrenwelt nahezu allgemein gang und gäbe
ist, muß ja der Mensch und die gesamte Menschheit derart entmannt (degeneriert)
werden, daß er gar nie mehr von irgendwoher erfahren kann, wie der eigentliche,
wahre Mensch aussehen und beschaffen sein soll! Und ich muß es hier offen
gestehen, daß auf dieser Erde noch gar viele Stürme über ihre Gefilde und Meere
dahinbrausen werden, bis die Menschheit wieder auf den großen und wahren
Standpunkt zurückkommen wird, von dem sie im Urbeginne ausgegangen ist.
[GEJ.08_013,04] Es müßten nun gute Schulen
nicht nur für Kinder, sondern auch für die blinden Eltern ernstlich errichtet
werden, in denen sie alle die großen Wahrheiten erlernen müßten, die ein jeder
kennen und wissen muß, um, als nach ihnen tätig, ein wahrer Mensch werden zu
können.
[GEJ.08_013,05] Aber woher wird man für so
zahllos viele Menschen die rechten Lehrer nehmen? Du, o Herr und Meister, hast
wohl schon eine Menge Jünger gebildet, die da wissen, was dazu gehört, um ein
wahrer Mensch nach Deiner Ordnung zu werden und zu sein; aber was ist ihre Zahl
gegen die nahe endlos große Zahl der Menschen auf der ganzen Erde? Dazu kommt
noch die große Roheit und gänzliche Verwilderung der Menschen und Völker auf
der Erde und die starre Begründung in ihren Sitten und Gebräuchen und auch ihre
verschiedenen Sprachen!
[GEJ.08_013,06] Wie möglich kann ein Mensch
gegen alle diese kolossalsten Hindernisse kämpfen und wie sie besiegen? Du bist
doch der Herr Selbst, und alles gehorcht Deinem Willen, und dennoch stößt Du
Selbst hier in den Ländern der Bildung auf unübersteigbare Hindernisse. Auf
welche Hindernisse werden dann erst die wenigen Jünger stoßen?
[GEJ.08_013,07] Ja, gut wäre es, wenn man
Deine göttliche Lehre so über eine Nacht hin in aller Menschen Herzen legen
könnte samt dem Eifer, danach zu handeln! Aber das liegt nicht in Deiner
Absicht, weil ein jeder Mensch sich alles das nur durch den Unterricht von
außen her zu eigen machen muß und dann den ernsten Willen fassen, danach zu
handeln. Aber es wird auf diese Weise mit der Menschheit wohl nur sehr langsam
vorwärtsgehen, und es ist da gar keine Zeit zu ermessen, in der alle Menschen
auf der ganzen Erde Deine Lehre überkommen werden, und so wird Deiner Lehre
reinstes Lebenslicht nur stets ein Eigentum weniger Menschen bleiben, und es
fragt sich selbst da, wie langehin ganz rein!
[GEJ.08_013,08] Denn solange die Menschen
nicht von der Wahrheit Deiner Lehre lebendigst durchdrungen sein werden, werden
sie in ihren Weltgelüsten nebenbei dennoch stets verharren, mehr oder weniger,
was am Ende gleich ist, und werden sich aus Deiner Lehre bald mit manchen
Zusätzen eine irdische Erwerbsquelle schaffen, und es wird dann mit Deinen
späteren Jüngern um nichts besser stehen, als wie es nun steht mit den vielen
Juden und Heiden, und der wahre Segen und die lebendige Frucht Deiner Lehre
wird ferne sein den Menschen. Ich bin zwar kein Prophet; aber es sagt mir das
so mein ziemlich klarer Verstand, der mir durch meine vielen Erfahrungen zuteil
geworden ist, und ich glaube, daß ich in dieser Sache ein ganz wahres Urteil
ausgesprochen habe.“
14. Kapitel
[GEJ.08_014,01] Sagte darauf Ich: „Das hast
du zwar wohl, und Ich weiß es wohl auch, daß es zum größten Teil also gehen wird,
aber es macht das im ganzen dennoch nichts aus, denn in Meiner Schöpfung gibt
es für die Seelen noch eine Menge Schulhäuser. Wer es in Jerusalem nicht lernt,
dem wird es andernorts verkündet werden!
[GEJ.08_014,02] Ja, Ich weiß und sehe es, wie
nach Mir eine Menge falscher Lehrer aufstehen und zu den Menschen sagen werden:
,Sehet, hier ist Christus!‘ oder ,Dort ist er!‘! Aber Ich sage es nun euch, und
ihr saget es euren Nächsten und euren Kindern, daß man solchen falschen Lehrern
nicht glaube, denn sie werden aus ihren Werken leicht zu erkennen sein!
[GEJ.08_014,03] Wie aber ein rechter Jünger
nach Meinem Worte beschaffen sein soll, das hast du gestern zu Emmaus auf dem
Berge des Nikodemus bei der Gelegenheit erfahren, als Ich die etlichen siebzig
aussandte, daß sie ausbreiteten Meine Lehre.
[GEJ.08_014,04] Wo du demnach Lehrer
antreffen wirst, die also nach Meinem Willen die Lehre von der Ankunft des
Reiches Gottes unter den Menschen ausbreiten werden, diese halte du und
jedermann für echte und vollends wahre Lehrer; wo aber Lehrer zwar auch unter
Meinem Namen aus Meiner Lehre ein Geschäft machen werden um Geld und andere
Schätze, die halte du für falsche und von Mir niemals berufene Ausbreiter
Meiner Lehre! Denn Meine wahren Jünger und Ausbreiter Meiner reinen Lehre
werden stets irdisch arm, gleich Mir, aber darum geistig überreich sein; denn
sie werden nicht nötig haben, Meine Lehre und Meine Worte von einem Vorgänger
gewisserart durch ein langweiliges Erlernen sich zu eigen zu machen, sondern
Ich werde ihnen Meine Lehre und Meinen Willen in ihr Herz und in ihren Mund
legen.
[GEJ.08_014,05] Aber die falschen werden
durch ein langes Lernen von ihren ebenfalls falschen Lehren sich allerlei
Lehren, Worte und Sprüche zu eigen machen müssen und werden dann erst, wenn sie
alles mühsam werden erlernt haben, von ihren großtuenden und prahlerischen
Lehrern und Vorstehern unter allerlei leerer und blinder Zeremonie zu Jüngern
geweiht werden, wie solches nun auch geschieht im Tempel bei den Pharisäern,
Schriftgelehrten und Ältesten und auch bei euch Heiden, wo der Priesterstand
eine ordentliche Kaste bildet, die sich vom Vater auf den Sohn vererbt, und ein
Mensch aus dem Volke nur dann aufgenommen wird, wenn irgendein Priester keine
Kinder hat, und selbst da nur als ein Kind, das hernach erst zu einem Priester
erzogen wird.
[GEJ.08_014,06] Wie sonach ein wahrer von Mir
berufener Lehrer und Ausbreiter Meiner reinen Lehre von einem falschen zu
unterscheiden sein wird, das habe Ich euch allen nun klar dargetan, und es wird
sich da leicht ein jeder vor den falschen Lehrern und Propheten hüten können;
wer ihnen aber zugetan sein wird und wird ihnen Glauben schenken, sie ehren und
ihnen noch in allem behilflich sein, der wird es nur sich selbst zuzuschreiben
haben, so er von ihnen dann verschlungen wird.
[GEJ.08_014,07] Ja es wird sogar geschehen,
daß die falschen Propheten sich auf goldene Throne emporschwingen werden und
die wahren von Mir Erwählten und Berufenen mit aller Hast verfolgen werden.
Wenn aber das eintreffen wird, dann wird auch ihr Gericht und ihr Ende über sie
kommen, und Meine Lehre wird dennoch fortbestehen unter gar vielen Menschen auf
der Erde; aber sie wird stets nur als ein freies Gut unter den Menschen im
stillen glänzen, leuchten und trösten, nie aber als eine Herrscherin über ganze
Völker auf einem Herrscherthrone mit Krone, Stab und Zepter gebieten.
[GEJ.08_014,08] Wo das in Meinem Namen der
Fall sein wird, da werde Ich Selbst ferne sein, und anstatt Meiner Liebe wird
die Habsucht, der Geiz, Neid und Verfolgung aller Art und Gattung unter den
Menschen zu Hause sein, und ein Betrug wird dem andern die Hände reichen. Wenn
ihr aber solche Früchte Meiner sein sollenden Lehre unter den Menschen sehen
werdet, so werdet ihr es ja wohl merken, welches Geistes Kinder die auf den
Thronen herrschenden Propheten sind und von wem ihre falschen Lehren stammen!
[GEJ.08_014,09] Wenn du aber allzeit das
Rechte und Wahre wirst haben können, wenn du nur ein Verlangen danach haben
wirst, so wirst du dein Herz doch wohl nicht dem Falschen zuwenden? Und so
wisset ihr nun, daß trotz all der späterhin auftauchenden falschen Propheten
und Lehrer im stillen und Prunklosen Meine reine Lehre bis ans Ende der Zeiten
unter den Menschen fortbestehen wird.
[GEJ.08_014,10] Daß aber diese Meine Lehre
erst nach und nach unter alle Völker der Erde ausgebreitet wird, davon habe Ich
euch die Gründe schon mehrfach klar gezeigt; denn wann ein Volk zur Aufnahme
Meiner Lehre reif ist, das weiß Ich sicher wohl am besten!
[GEJ.08_014,11] Was aber zur möglich
schnellen Ausbreitung Meiner Lehre in alle nur etwas reifen Punkte der Erde
geschehen konnte, das ist auch geschehen und wird bald ein viel mehreres noch
geschehen; und so können wir dieses Thema nun schon ohne weitere Bemerkungen
auf sich beruhen lassen, da wir noch um vieles wichtigere Dinge zu besprechen
haben.“
[GEJ.08_014,12] Sagte nun wieder Agrikola:
„Das wird schon allerdings also sein, denn Du allein weißt es am besten, was
auf dieser leidigen Erde noch alles zu geschehen hat; aber unsereiner, der
keinen Blick in die Zukunft machen kann und sehen, wie sich die Sachen noch
gestalten werden, dem von Dir aus nur vergönnt ist, sein diesirdisches
Freiheitsprobeleben nach Deiner Lehre möglichst glücklich durchzumachen, und
der aber dabei noch gar viele Hindernisse auf dem Wege des Lichtes aufgestellt
findet, wird dennoch selbst beim besten Wissen und Willen von der Sorge
ergriffen und fragt notgedrungen: Was wird mit der Zeit aus allem dem werden?
[GEJ.08_014,13] Wird Deine nun so heilig
reine Lehre zu allen Menschen kommen, und wann? Oder wird sie stets nur ein
besonderes Gut weniger Erwählter bleiben? Nach Deinen nun erflossenen Worten
scheint wohl nur das letzte der Fall zu sein! Nun, auch recht; denn was Dir, o
Herr und Meister, recht ist, das muß wohl auch uns Menschen recht sein, da wir
die Sache ohne Dich nicht ändern können; aber weil es Dir wohlgefallen hat, uns
Menschen, Deinen Geschöpfen, nebst dem freien Willen auch einen ebenso freien
Verstand zu geben, so hast Du uns dadurch auch ein freies Urteil eingeräumt,
und demzufolge habe ich denn auch also geredet, wie ich geredet habe!
[GEJ.08_014,14] Aber ich habe Deiner
Gegenrede entnommen, daß Du denn doch mit den Menschen ganz außerordentliche
Pläne und Absichten hast, ansonst Du es nicht zuließest, daß neben Deiner nun
einmal gegebenen reinsten Lehre und neben Deinen wohlunterrichteten Jüngern
noch andere, falsche aufstehen und die Menschen von neuem wieder in die
gottloseste Finsternis verleitet werden; so kann ich freilich für weiterhin
nicht mehr reden und werde mich nun wieder ganz aufs Zuhören verlegen.“
[GEJ.08_014,15] Sagte Ich: „Freund, daran
wirst du sehr wohl tun! Besser ist das Hören als das Predigen, solange man den
rechten Grund dazu noch viel zu wenig kennt.
[GEJ.08_014,16] Glaube es Mir: Welten
erschaffen ist ein leichtes; aber freie Menschen also ins Dasein zu rufen und
sie aus sich selbst vollenden zu lassen, wobei die göttliche Allmacht vermöge
der Ordnung ihrer Liebe und Weisheit schweigen und untätig sein muß, das bleibt
am Ende auch für Mich eine Sache, die nicht leicht zu nennen ist! Da hilft Mir
nichts als Meine unbegrenzte Geduld und übergroße Sanftmut.
[GEJ.08_014,17] Darum müssen die Menschen
durch ihr höchsteigenes Glauben und Tun in allerlei gute und böse Zustände
versetzt werden, damit sie erst aus den Folgen ihres Glaubens und ihrer
Handlung klug werden und am Ende selbstwillig das rechte Licht zu suchen
anfangen.
[GEJ.08_014,18] Wie aber alle Kreatur auf
dieser Erde zwischen Tag und Nacht und zwischen Sommer und Winter gedeiht
materiell, so auch der Mensch geistig.
[GEJ.08_014,19] Als die Urmenschen dieser
Erde geistig am hellen Tage wandelten, da war ihnen am Ende das Licht
ordentlich lästig geworden, als aber bei ihnen dann später die geistige Nacht
eingetreten war, da erst fingen sie an, den Wert des geistigen Tages zu
begreifen und zu schätzen, und die Besseren suchten ängstlich das verlorene
Paradies.
[GEJ.08_014,20] Es ward dann wenigen wieder
gegeben, zu finden den geistigen Tag, und viele rannten zu den glücklichen
Wiederfindern des geistigen Tages und ließen sich leiten zu dessen Lichte hin.
Aber auch viele von der Welt Geblendete begriffen nimmer, was da ist ein
geistiger Tag, und blieben in ihrer Nacht, durch ihre eigene Trägheit dazu
genötigt. Diese genossen dann freilich wohl nichts von dem Glück eines
geistigen Tages und befanden sich in einer großen Not; aber diese Not war
dennoch ein guter Wächter für die Glücklichen, weil sie wohl sahen, welche
Früchte dem Menschen aus seiner geistigen Nacht erwachsen.
[GEJ.08_014,21] Siehe, so denn geschieht es,
daß neben den Erleuchteten sich auch stets Unerleuchtete aufhalten und
fortpflanzen werden! Aber darum wird es auf dieser Erde an wahrhaft
erleuchteten Menschen nie einen Mangel haben, und diesen wird stets die
Gelegenheit geboten sein, die Unerleuchteten mit ihrem wahren Lebenslichte zu
erleuchten; und welche Erleuchteten das tun werden in Meinem Namen, deren Lohn
wird groß sein in Meinem Reiche dereinst!
[GEJ.08_014,22] Selbst erleuchtet sein durch
Meine Gnade ist ein großes und unschätzbares Glück für den Menschen; aber noch
tausend Male schätzbarer ist es, mit seinem wahren Lebenslichte auch andere,
die in der Finsternis wandeln, zu erleuchten, das heißt, wenn sie das Licht
annehmen wollen. Aber das sei euch auch zu wiederholten Malen gesagt, daß ihr
die Perlen Meiner Lehre nicht den Schweinen von Menschen vorwerfen sollet! –
Denn welcher Mensch einmal eine rechte Sau geworden, der bleibt auch eine Sau!
Denn wenn so ein Mensch in einer gewissen guten Stunde auch ein wahres und
gutes Wort recht wohlgefällig anhört und es auch aufnimmt, so geht er aber
dennoch bei der nächsten Gelegenheit seiner alten Pfütze zu und wirft sich mit
aller Behaglichkeit in dieselbe und bleibt gleichfort die alte Sau. – Also, solchen
Menschen ist kein Evangelium zu predigen, und Ich habe für solche dann schon
ein anderes, das ihnen ihre eigene Natur predigen wird unter vielen Schmerzen,
Heulen und Zähneknirschen!
[GEJ.08_014,23] Und nun haben wir wieder
einen wichtigen Punkt verhandelt und können auf etwas ganz anderes ganz getrost
übergehen. Wer von euch noch in irgend etwas einen Zweifel hat, der trete auf
und rede; denn Ich will es, daß ihr morgen mit Mir wohlerleuchtet diesen Ölberg
verlassen sollet! Darum steht es nun einem jeden von euch frei, zu reden, wie
es ihm sein Sinn gibt.“
[GEJ.08_014,24] Sagten darauf die meisten:
„Herr, wir fühlen gar keinen Zweifel mehr in uns und sind ganz glücklich
darob!“
15. Kapitel
[GEJ.08_015,01] Aber einer der indischen
Magier, die auch noch bei uns waren, sagte: „Großer Herr und Meister, ich hätte
noch so manches, worüber mir ein helleres Licht nicht schaden könnte! Wenn ich
Dich sonach um etwas fragen würde, würdest Du mich dann wohl einer Antwort aus
Deinem Munde würdigen?“
[GEJ.08_015,02] Sagte Ich: „Du bist nicht
minder ein Mensch als irgendein anderer, und das ist genug! Und so frage denn,
um was du nur immer willst, und Ich werde dir antworten!“
[GEJ.08_015,03] Hierauf besann sich der
Magier ein wenig, ob die Frage wohl etwa nicht eine zu alberne und gemeine
wäre; aber er ermannte sich dennoch bald und sagte: „Herr, etwas finde ich nach
meinen gemachten Erfahrungen auf dieser Erde denn doch eben nicht besonders zum
Behufe des Fortbestandes der Menschen eingerichtet! Wenn diese Sache von Dir
aus nicht in etwas abgeändert und gewisserart verbessert wird, so wird es mit
dem Fortbestande der Menschen mit der Länge der Zeit seine entschiedene Not
haben.
[GEJ.08_015,04] Siehe, Menschen und Tiere vermehren
sich von Tag zu Tag und benötigen auch stets mehr Nahrung; aber der Boden der
Erde bekommt nirgends einen Zuwachs und irgendeine Vergrößerung! Wenn die Sache
noch ein paar Tausende von Jahren also zugehen wird, so wird es mit dem
Fortbestande der Menschen seine entschiedene Not haben müssen. – Was sagst Du,
o Herr, zu dieser meiner Meinung und Ansicht?“
[GEJ.08_015,05] Sagte Ich: „Mein lieber
Freund, diese Sorge hättest du dir aus mehrfachen Gründen ganz und gar ersparen
können; denn wie viele Menschen der nun bewohnbare Teil der Erde gar wohl
fassen kann, das ist schon seit ewigen Zeiten von Mir wohlst berechnet gewesen.
Wenn die Erde – was bis jetzt nur von ihr zur Beherbergung der Menschen
trockengelegt ist – also noch zehntausend Jahre fortbesteht und das
Menschengeschlecht alle Jahre sich verdoppeln oder auch verdreifachen wird, so
werden auf dieser Erde noch zehnmal so viele Menschen, wie sie nun bestehen,
recht wohl fortbestehen können. Und sollten denn mit der Zeit im Ernste so
viele Menschen auf dieser Erde zum wirklichen Vorschein kommen, daß der jetzige
große und trockengelegte Boden der Erde sie nimmer ernähren könnte, nun, so
haben wir noch eine Menge Mittel im Vorrat, um in einem Augenblick noch für
hunderttausendmal so viele Menschen, als deren jetzt auf der Erde wohnen, aus
dem Meere ganze Weltteile herauszuheben! Was sonach diesen dir so bedenklichen
Punkt betrifft, da kannst du völlig außer aller Sorge sein!
[GEJ.08_015,06] Es wohnen jetzt auf der Erde
eine so große Anzahl von Menschen, daß du nun gar keine so große Ziffer kennst,
mit der du die Zahl bezeichnen könntest, und dennoch gibt es auf der Erde noch
so große Strecken völlig unbewohnten Bodens, daß ein Mensch, der sie bereisen
und besichtigen wollte, in tausend Jahren noch kaum alle durchgemacht hätte.
Und doch besitzen gewisse reiche Menschen für sich ganze große Landteile, die
für ihr Nährbedürfnis wahrlich mehr als hundertfach zu groß ausgemessen sind!
Nimm du mit der Zeit eine etwas gleichere Verteilung des Erdbodens an, und alle
Menschen – wären ihrer noch hundertfach so viele wie jetzt – werden noch eine
hinreichende Nahrung und Unterkunft für ihren Leib finden, und dann schon ganz
besonders leicht, wenn sie nach Meiner Lehre leben werden! – Bist du mit dieser
Meiner Erklärung nun wohl zufrieden?“
[GEJ.08_015,07] Sagte der Magier: „Herr und
Meister, ganz vollkommen, und es ist mir nun um ein großes leichter ums Herz!
Aber ich hätte nun noch eines, worüber ich von Dir noch um ein kleines mehr
Licht haben möchte, als ich es mir bis jetzt in Deiner erhabensten Gesellschaft
habe zu eigen machen können. Es ist zwar davon schon die Rede geführt worden,
und es sind aus Deinem Munde auch Erklärungen erflossen, die mir viel Licht
gegeben haben; aber einiges ist mir dabei dennoch dunkel geblieben. Weil ich
mit meinen Gefährten nun schon einmal an der Urquelle des Lichtes stehe, so
möchte ich denn auch in allem, was mir noch dunkel ist, ein wenig nur noch mehr
erleuchtet sein, als das bis jetzt hat geschehen können.
[GEJ.08_015,08] Siehe, Herr und Meister, es
ist wahrlich ein großes und überherrliches Ding um das Sein und Leben eines
Menschen! Er wird gezeugt, geboren und von da an von seinen Alten erzogen zu
einem Menschen, der denken, reden und handeln kann nach den Begriffen, die ihm durch
die Erziehung beigebracht worden sind, wie auch nach denen, die er als ein
denkender Mann durch seine Vernunft und durch seinen auf dem Wege der
Erfahrungen gebildeten Verstand selbst gefunden hat.
[GEJ.08_015,09] Wenn dann ein Mensch von
gutem Willen seine geistigen Kräfte unter mancher großen Mühe und oftmals
bitteren Erfahrungen auf eine für ihn möglichst höchste Stufe gebracht hat, so
fangen seine physischen und auch geistigen Kräfte zu schwinden an, der Leib
wird mühselig, alt und gebrechlich, wird krank und stirbt dann auch unter
zumeist großen Schmerzen und unter großer Angst und Furcht vor dem Tode.
[GEJ.08_015,10] Nun weiß ich wohl aus Deinem
Munde, daß für die Menschen der Tod gar nichts Schreckliches hätte und auch
völlig schmerzlos wäre, wenn sie in der ihnen geoffenbarten Ordnung geblieben
wären und fortgelebt und -gehandelt hätten; nun ist aber das ein Umstand, der
für die Menschen von einer höchst bedauerlichen Art ist, daß so viele ohne ihr
Verschulden von einer in den Urzeiten geoffenbarten Menschenlebensordnung
unmöglich etwas wissen können, daher auch in einer vollsten Widerordnung zu
leben genötigt sind. Sie sind sonach durchaus nicht schuld an ihrer
Lebensunordnung; aber sie müssen dennoch die argen Folgen davon so gut tragen,
als ob sie dieselben durch ihre Schuld verdient hätten. Nun, das finde ich,
aufrichtig gesprochen, von Dir aus für eine sehr sonderbare Einrichtung im
Mechanismus des menschlichen Leibes!
[GEJ.08_015,11] Es ist das Gesetz ganz gut,
daß der, der einen Menschen tötet, auch mit dem Tode soll bestraft werden zum
warnenden Beispiel für andere, denen vielleicht auch irgendein Mensch für ihre
argen Gelüste im Wege steht. Aber ein Gesetz, daß zum Beispiel auch ein Mensch,
der vom Dache fiel und durch seinen Fall einem gerade unten stehenden Menschen
das Leben nahm, auch mit dem Tode bestraft werden soll, wäre doch so ungerecht,
wie es schon nichts Ungerechteres in der Welt geben könnte! Und siehe, geradeso
kommt mir auch die soeben angeregte göttliche Verfügung hinsichtlich der
Krankheiten und des qualvollsten Leibestodes der meisten Menschen vor; sie
erleiden damit eine Strafe, die sie im Grunde nie als verschuldet verdient
haben! Das könntest Du für die Folge etwa doch anders einrichten!
[GEJ.08_015,12] Es sind zwar eben die Indier,
die oft die größten Schmerzen viele Jahre lang mit der größten Standhaftigkeit
erdulden, weil unsere Gotteslehre ihnen sagt, daß Gott an denen sein größtes
Wohlgefallen habe, die die größten Schmerzen langehin mit der größten Geduld
und Standhaftigkeit ertragen. Aber bei dem Anblick solcher oft gräßlichsten
Leiden und Schmerzen sträubt sich das Gemüt eines Menschenfreundes von
unbefangenem und vorurteilsfreiem Gemüte und fragt den Schöpfer der Erde und
der Menschen: ,Allmächtiger und sicher höchst weiser Gott! Kannst Du an den
unsäglichen Qualen und Schmerzen Deiner Geschöpfe denn wohl im Ernste ein
Wohlgefallen haben? Sind die Menschen verrückt in ihrer Vernunft und in ihrem
Verstande, so hast Du ja doch der Mittel zur Genüge, sie allzeit von neuem
wieder also zu erleuchten, wie Du die erstgeschaffenen Menschen dieser Erde
erleuchtet hast!
[GEJ.08_015,13] Warum lässest Du aber zu, daß
sich Tausende von Geschlechtern zuvor auch Tausende von Jahren blutigst
durchquälen müssen, bevor nur ein Fünklein Deines Lichtes unter sie ausgestreut
wird?‘
[GEJ.08_015,14] Sieh, Herr, das ist eine gar
gewichtige Frage von unserer höchst geplagten menschlichen Seite an Dich, den
Herrn und Schöpfer der Erde und der Menschen! Gib uns darüber ein wahres
Licht!“
16. Kapitel
[GEJ.08_016,01] Sagte Ich: „Freund, darüber
habe Ich euch vor ein paar Tagen ein klares Licht gegeben. Wenn du es nicht
völlig begriffen hast, so kann Ich wahrlich nicht dafür! Sieh hinauf zu den
Sternen! Ich sage dir, daß sie alle weltengroße Erden sind, auf denen auch
Menschen wie hier wohnen.
[GEJ.08_016,02] Viele jener zahllos vielen
Menschen auf den Sternenerden wissen es durch ihre Engel, daß eine Seele nur
hier auf dieser Erde zur wahren Kindschaft Gottes gelangen kann, aber nur durch
ein höchst beschwerliches und mühevolles Fleischleben. Wenn sie es wünschen, so
wird es zugelassen, daß ihre Seelen auch auf diese Erde ins Fleisch gezeugt
werden. Sind sie aber einmal da, so müssen sie sich auch das durchzumachen
gefallen lassen auf eine kurze Zeit, weil sie dadurch auch für ewig den Triumph
der vollen Gottähnlichkeit ernten, und dafür können sie sich schon auch etwas
gefallen lassen, da doch Ich Selbst aus Liebe zu Meinen Kindern Mir auch
freiwillig gar vieles gefallen lasse und Mir noch ein Größtes und Bitterstes
werde müssen gefallen lassen, zum Heile aber für Meine Kinder.
[GEJ.08_016,03] Das Reich Gottes kann nur mit
Gewalt und großen Opfern gewonnen werden! Das bedenke wohl, wie auch das, was
Ich darüber schon gesagt habe! – Hast du nun das wohl verstanden?“
[GEJ.08_016,04] Sagte darauf der Magier: „Ja,
Herr und Meister, ich habe das nun wohl verstanden und habe mich an das auch
wohl zurückerinnert, was Du vor ein paar Tagen eben über diesen Gegenstand
geredet hast, und ich danke Dir für alles, was wir nun an Deiner heiligen Seite
zum ewigen Wohl unserer Seelen gewonnen haben. Wenn denn auch unseren Leib
Leiden und Schmerzen heimsuchen werden, so werden wir sie aus Liebe zu Dir auch
mit aller Geduld ertragen; denn auch wir können nun nicht wissen, unter welchen
anderen Bedingungen wir auf diese Erde ins Fleisch gesetzt worden sind, als daß
wir Gott suchen, erkennen und Ihn dann unter allen noch so bitteren Umständen
über alles lieben sollen, wollen und auch werden.
[GEJ.08_016,05] Denn mir scheint es, daß Du
gerade denen, die Deinem Herzen am nächsten stehen, stets größere Lebensproben
zukommen läßt als jenen, die sich durch ihr Tun und Treiben Deinem Herzen
entfernter befinden. Denn ich habe schon oft bei unseren Reisen in allen Teilen
der Erde Menschen getroffen, die nahe an gar keinen Gott glaubten und ihre
Nebenmenschen oft ärger als wilde Tiere behandelten, aber dabei selbst eine
unverwüstliche Leibesgesundheit besaßen und im größten Wohlleben schwelgten. Am
Ende starben sie noch dazu eines schmerzlosen, blitzschnellen Todes!
[GEJ.08_016,06] Während ich wieder andernorts
gar fromme und in ihrem Glauben sehr gottergebene und gute Menschen mit aller
Geduld oft im größten Elende antraf, was mir die Fürsorge eines guten und
höchst weisen Gottes und selbst das Dasein eines solchen in ein sehr
zweifelhaftes Licht stellte.
[GEJ.08_016,07] Nun haben sich solche Zweifel
bei uns freilich wohl gänzlich gelegt, und wir wissen und erkennen nun, woran
wir sind, und in welchen mannigfachen Verhältnissen die verschiedenen Menschen
auf dieser Erde ihr Freiheitsprobeleben durchzumachen haben; aber dabei muß ich
doch nach meinem Gefühle sagen und bekennen, daß eben dieses
Freiheitsprobeleben eine schwere Aufgabe für die Menschen ist, wenn sie auch
durch ihre Lösung den größten und ewigen Lebensvorteil erreichen.
[GEJ.08_016,08] Wir Menschen konnten vor
unserem Dasein nie gewollt haben, dazusein, sondern nur Du allein konntest das
wollen, und wir sind demnach Deine Werke, für die Du sorgst, damit sie vollends
das werden können, wozu Du sie erschaffen und bestimmt hast.
[GEJ.08_016,09] Weil es denn aber einmal so
und nicht anders ist und Du uns nun Selbst die Wege lichtvoll gezeigt hast, die
wir zu wandeln haben, so wollen wir denn auch treu und dankbarst auf denselben
dem Ziele zuwandern, das Du uns gestellt hast, und die Dornen, die sich hie und
da uns in den Weg stellen, standhaft und mit möglichster Geduld und Ergebung in
Deinen Willen überschreiten. Das ist nun mein wie auch meiner Gefährten fester
und ernster Entschluß. Du aber als nun unser wohlerkannter Herr des Lebens
lasse nicht zu harte Proben und Prüfungen über uns kommen zur Zeit unseres
Scheidens von dieser Erde, und sei also auch allen andern Menschen nach ihrem
Lebensverdienste gnädig und barmherzig!“
[GEJ.08_016,10] Sagte Ich: „Um was ihr den
Vater bitten werdet in Meinem Namen, das wird euch auch gegeben werden. Denn
der Vater allein ist gut und hat kein Wohlgefallen an den Leiden der Menschen;
aber Er hindert auch nicht, daß solche über die Menschen kommen, so sie aus
lauter Weltsinn des Vaters vergessen, keinen Glauben haben und sich selbst in
alles das begeben, was ihnen alles mögliche Ungemach bereiten und bringen muß.
[GEJ.08_016,11] Wandelt gleichfort auf den
Wegen, die Ich euch nun treulich gezeigt habe, so werdet ihr wenig zu leiden
haben, und euer Abgang von dieser Welt wird ein leichter sein!
[GEJ.08_016,12] Nur über jene kommen am Ende
zumeist bittere Leiden, die aus allerlei Welttümlichkeiten ihre Seele zu sehr
in ihr Fleisch vergraben haben; denn eine solche Seele muß, damit sie nicht
völlig verderbe in ihrem Fleische, mit großer Gewalt von ihm losgetrennt
werden, und dies muß dann auch im Leibe große Schmerzen erzeugen. Und das ist
noch gut für die Seele, weil sie durch die Schmerzen und Leiden von ihren
fleischlichen Gelüsten gereinigt wird und dadurch im Jenseits einen leichteren
Fortgang und ein sichereres Vorwärtsschreiten auf der Bahn des geistigen Lebens
findet.
[GEJ.08_016,13] Ganz welttümliche Menschen
aber, die an keinen Gott glauben und dabei doch ein gesundes Leben bis in ihr
hohes Alter genießen und am Ende auch eines schnellen und schmerzlosen Todes
sterben, haben ihren Lebenslohn auch schon auf dieser Welt empfangen und werden
im Jenseits sehr schwer je mehr einen zu gewärtigen haben. In der Gesellschaft
solcher wird die äußerste Finsternis walten, und es wird sein viel Heulen und
Zähneknirschen unter ihnen.“
[GEJ.08_016,14] Sagte der Magier: „Herr und
Meister, wenn aber solche Menschen, die nun denn doch zumeist Heiden sind, nicht
dafür können, daß sie von einem wahren Gott nie etwas vernommen haben und darum
auch an keinen glauben konnten, so ist dann ein gar fürchterliches Fortbestehen
ihrer Seelen im Jenseits doch eine zu arge Strafe! Ja, Menschen wie nun wir,
die Gott wohlerkannt haben und an Ihn glauben müssen, weil Er vor ihnen
sichtbar da ist und sie Selbst lehrt die Wege des Lebens, – wenn sie dennoch
abfielen und Böses täten, verdienten dann wohl ein solches von Dir nun sehr
erschrecklich ausgesprochenes Los im Jenseits; aber Menschen, die da nicht
dafür können, daß sie nahezu mehr Tiere als Menschen auf der Welt waren,
erscheinen vor meinem Verstande als unzurechnungsfähig, und eine jenseitige
Strafe für ihre hier verübten bösen Taten scheint mit der göttlichen Ordnung und
mit der der Liebe Gottes entstammenden Gerechtigkeit in keiner besonderen
Harmonie zu stehen; denn wo jemand auf dieser Erde keinen Gott und somit auch
Dessen Willen nicht kennt und kein anderes Gesetz hat als das nur, das ihm
seine Natur und seine Leidenschaften vorschreiben, der kann ja dem ungekannten
Willen Gottes gegenüber auch keine Sünde begehen und für dieselbe gestraft
werden. Herr und Meister, siehe, da ist nun wieder ein noch finsterer Winkel in
Meiner Seele, den Du mir noch gnädigst ein wenig heller erleuchten möchtest!“
17. Kapitel
[GEJ.08_017,01] Sagte Ich: „Auch über diesen
Punkt ist hier schon das Rechte und völlig Geeignete gesagt worden, und ihr
habt das auch von Meinen Jüngern teilweise wohl erfahren; aber es geht euch mit
dem Merken eben nicht am besten, und es ist darum in euch wieder so mancher
Lebenswinkel ein wenig dunkel geworden. Aber so ihr leben werdet nach Meinem
Worte, so werdet ihr in euch die Taufe des Geistes überkommen, welche da ist
die wahre, innere Wiedergeburt des Geistes in eurer Seele. Dieser lebendigste
Geist alles Lichtes und aller Wahrheit wird euch dann schon in alle Wahrheit
leiten, und es wird dann auch alles helle werden in euch, was nun dunkel und
finster ist.
[GEJ.08_017,02] Das aber, was dir schon dein
mehr geklärter Verstand sagt, daß es als von Gott also verordnet sicher
ungerecht und unbillig wäre, kennt Gottes Liebe und Weisheit auch also und
sicher noch um gar vieles heller: daß man den nicht strafen kann, dem man kein
Gesetz zur Befolgung gegeben hat.
[GEJ.08_017,03] Aber es besteht nun kein Volk
irgend auf der ganzen Erde, das da ganz ohne alle Gesetze wäre. Denn Gott hat
unter allen Völkern nach dem Bedürfnisse derselben weise Männer erweckt und
berufen, und diese haben ihnen Gesetze gegeben und ihnen auch gesagt und
gezeigt, daß es einen Gott gibt, der alles erschaffen hat und auch alles
forterhält, leitet und regiert. Also lehrten die benannten weisen Männer die
Menschen auch, daß Gott diejenigen, die die Gesetze befolgen, belohnen werde hier
und jenseits, die Widersacher aber auch züchtigen und unnachsichtlich strengst
bestrafen werde auch hier schon und gar sicher jenseits, weil die Seele des
Menschen nach dem Tode des Leibes in einer anderen Welt der Geister fortlebe
und nach ihrem Tun gerichtet werde.
[GEJ.08_017,04] Siehe, solche Kunde hat jedes
Volk erhalten, und wenn es diese zu vergessen beginnt, so wird es gleich von
neuem wieder daran erinnert, teils durch abermals neuerweckte weise Männer und
teils und stets aber durch das eigene Gewissen, und so kann sich da niemand,
der einen Verstand und seine gesunden Sinne hat, so ganz entschuldigen, so er
wider seine ihm bekannten Gesetze handelt. Wenn er aber jenseits ohnehin in den
Zustand seiner Liebe und seines freien Willens kommen wird, so wird auch
niemand Gott gegenüber sagen können, daß Er an diesem oder jenem irgend
ungerecht gehandelt habe; denn einem Selbstwollenden geschieht kein Unrecht.
[GEJ.08_017,05] Jeder Seele wird drüben das
werden, was sie will. Ist es Böses, so wird sie zuvor darauf wohl aufmerksam
gemacht, welche Folgen es notwendig haben wird. Wird sie sich daran kehren, so
kann ihr bald und leicht geholfen werden; kehrt sie sich aber nicht daran, so
wird ihr unbehindert belassen werden, also alles zu haben und zu genießen, wie
sie es aus ihrer Liebe heraus will.
[GEJ.08_017,06] Die Liebe aber, ob guter oder
böser Art, ist das eigenste Leben der Seele eines jeden Menschen, Engels und
des Teufels; nehmen wir der Seele die Liebe, so nehmen wir ihr auch das Leben
und das Dasein. Das aber kann ewig nicht in der reinen Ordnung Gottes bestehen;
denn könnte nur das kleinste Atom in der Schöpfung vernichtet werden und
gänzlich das Dasein für ewig verlieren, so würde Gott Selbst dadurch an Seinem
Dasein ein Atom verlieren, was aber unmöglich ist.
[GEJ.08_017,07] Und so kann eine
Menschenseele um so weniger je ihr Dasein völlig verlieren; aber sie kann
höchst unglücklich und unselig werden durch ihren höchst eigenen Willen und
kann, so sie es nur ernstlich will, auch wieder durch ihren eigenen freien
Willen glücklich und vollends selig werden.
[GEJ.08_017,08] Wenn aber die
Lebensverhältnisse und Zustände für die Seele also gestaltet und geordnet sind,
wie möglich anders und besser und gerechter könnten sie gestaltet und geordnet
sein? – Verstehest du nun das, und ist dein noch dunkler Winkel nun auch schon
um etwas heller?“
[GEJ.08_017,09] Sagte der Magier: „Herr und
Meister alles Lebens, ich bin nun schon wieder um ein bedeutendes heller
geworden! Ja, weil die Sache sich also verhält und auch also verhalten muß, so
läßt sich von unserer menschlichen Seite Dir gegenüber auch nicht die
allergeringste Einwendung mehr machen, und ich habe mit dem mein Fragen
beendet.“
[GEJ.08_017,10] Sagte Ich: „Da wirst du nun
vorderhand sehr wohl daran tun! Aber es wird sich schon wieder geben, wo du
noch um gar manches fragen wirst. Doch nun ist es an der Zeit, daß wir zu etwas
anderem übergehen. Wer von euch nun noch irgend etwas wissen möchte, der trete
hervor und rede und frage; denn heute stehet euch allen die Pforte der Himmel
weit geöffnet!“
18. Kapitel
[GEJ.08_018,01] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da trat schnell der gewonnenen Pharisäer einer hervor und sagte: „Herr
und Meister, da Du nun ausgesprochen hast, daß uns allen die Pforte des Himmels
weit offen steht, – könnte es denn nicht geschehen, daß wir nun alle die
geöffnete Pforte des Himmels mit unseren Augen besehen könnten, um uns doch nur
so einen kleinen Begriff von der inneren Gestalt des Himmels machen zu können,
von dem man durch die geöffnete Pforte sicher einen kleinen Teil wird erschauen
können?“
[GEJ.08_018,02] Sagte Ich: „Wie lange werde
Ich noch müssen um euch sein und wie lange euch in eurem materiellen Sinne
ertragen?! Wer ist denn die Pforte ins wahre Himmelreich? Ich bin die Pforte,
der Weg und der Himmel Selbst! Wer Mich hört, an Mich glaubt und den Vater in
Mir über alles liebt, der wandelt durch die rechte Pforte alles Lebens und
Seins den lichten Weg in das Reich der Himmel, das geistig geschaffen ist aus
Meiner puren Liebe in der lichtesten und lebendigsten Form aus Meiner Weisheit.
[GEJ.08_018,03] Sehet weder hinauf noch hinab
mit euren Fleischesaugen, wollt ihr die wahre Gestalt und das Wesen des
Himmels, welcher ist das Reich Gottes, ergründen, sondern richtet die Augen
eures Gemütes in euer innerstes Liebelebensbewußtsein, da werdet ihr den Himmel
erschauen, und das überall, auf welchem Punkte Meiner Schöpfungen ihr euch auch
immer befinden möget, ob auf dieser Erde oder auf einer andern, das wird stets
gleich sein; denn die Gestalt des Himmels wird sich nach dem formen aus eurem
Lebensgrunde, wie dieser nach Meinem Worte und durch eure guten Werke
beschaffen sein wird. Erst durch solchen euren Himmel werdet ihr dann auch in
Meinen ewigen und endlos großen Himmel gelangen.
[GEJ.08_018,04] Das merket euch alle wohl:
Das Reich Gottes ist nirgends ein äußeres Schaugepränge und kommt auch nicht in
einer äußeren Zeichnung und Form zu euch, sondern es ist inwendigst in euch und
besteht im Geiste der reinen Liebe zu Gott und zum Nächsten und in der Wahrheit
des Lebens der Seele daraus; denn wer keine Liebe weder zu Gott noch zum
Nächsten in sich hat und gewahrt, der hat auch kein Leben in sich und keine
Auferstehung, welche da ist der Himmel im Menschen, und sonach auch kein Leben
im selben, sondern nur das Gericht und den alsogestaltig sicher ewigen Tod
gegenüber dem allein wahren und vollkommenen Leben im Himmel.
[GEJ.08_018,05] Es leben gewisserart die
Seelen der Bösen nach dem Tode auch fort; aber es ist das nur ein Scheinleben
gleich dem aller Materie und gleich dem, das gewisse Tiere haben, die den
ganzen langen Winter in irgendeiner Erdhöhle schlafen und vollkommen untätig
sind.
[GEJ.08_018,06] So ihr das nun ein wenig
tiefer betrachtet, so werdet ihr doch hoffentlich zu Mir nicht mehr sagen:
Herr, zeige uns die Pforte des Himmels und so etwas Weniges vom Himmel selbst,
oder zeige uns etwa auch die Hölle, auf daß wir, durch ihren Anblick gewarnt,
uns desto leichter von allen Sünden enthalten! Wer also fragte, den müßte Ich
einen Toren nennen; ein jeder Mensch hat entweder den Himmel oder im
schlimmsten Falle auch die Hölle vollkommen in sich und kann alles in sich
beschauen.
[GEJ.08_018,07] Aber wer die Hölle in sich
birgt, der ist taub und blind in seinem Gemüte; nur dann und wann mahnt ihn
sein Gewissen daran, ansonst er der Hölle in sich nicht gewahr werden könnte, –
denn eine höllisch gewordene Seele ist schon so gut wie vollends im Tode durch
das Gericht aller ihrer Materie.
[GEJ.08_018,08] Aber eine Seele, die durch ihre
guten Werke nach Meinem Willen den Himmel in sich hat, die kann in sich auch am
hellen Tage den Himmel wohl gewahren und von Zeit zu Zeit in nächtlichen hellen
Traumgesichten in sich erschauen. Denn es sind darum dem Menschen Traumgesichte
gegeben, damit er durch sie in einem Verkehr mit der Welt der Geister minderer
oder höherer Art während seines diesirdischen Lebens verbleiben kann, je
nachdem sie in sich mehr oder weniger des wahren Himmels durch ihre guten Werke
nach dem Willen Gottes erbaut und eigentlich erschaffen hat.
[GEJ.08_018,09] Wandelt also nach Meinen
Geboten, und ihr werdet leicht und bald in euch gewahren die Gestalt und die
Wesenheit des Himmels! – Habt ihr das nun wohl auch verstanden?“
[GEJ.08_018,10] Sagten die Juden, Römer,
Ägypter und Indier: „Ja, Herr und Meister, und wir danken Dir herzinniglichst
für solche Deine Belehrung an uns, die wir trotz all dem vielen und großen
Lichte, das Du uns hattest zukommen lassen, noch immer stark blind und taub
sind! Daher aber bitten wir Dich denn auch, daß Du Geduld habest mit unseren
noch immer großen Schwächen; aber wir werden uns fürder schon also
zusammennehmen, daß Dein heiliges uns gespendetes Licht in uns stets heller und
heller soll zu leuchten beginnen.“
19. Kapitel
[GEJ.08_019,01] Sagte Ich: „Was ihr aber
immer tut, das tuet stets in Meinem Namen; denn ohne Mich vermöget ihr nichts
Wirksames zum Heile eurer Seelen zu tun! Und wenn ihr am Ende schon alles getan
habt, was euch zur Erlangung des wahren, ewigen Lebens zu tun geboten und
angeraten ist, da saget und bekennet in euch wie auch vor der Welt, daß ihr
faule und unnütze Knechte gewesen seid! Denn nur Gott allein ist Alles in Allem
und wirket auch in dem Menschen alles Gute.
[GEJ.08_019,02] Wo ein Mensch den erkannten
Willen Gottes tut, da tut er nicht nach seinem eigenen Willen, sondern nach dem
Willen Gottes; was aber der Wille Gottes tut im Menschen oder im schon reinen
Engel, das ist dann sicher nicht ein Werk pur des Menschen oder eines Engels,
sondern ein Werk dessen, wessen der Wille ist, nach dem ein Werk vollbracht
ward.
[GEJ.08_019,03] Des Menschen Werk zu seinem
Heile ist dabei nur das, daß er aus Liebe zu und aus wahrer Ehrfurcht vor Gott
den erkannten Willen Gottes mit seinem freien Willen vollends zu seinem Willen
gemacht hat und dann nach demselben handelt. Aber von da an wirkt nicht mehr
des Menschen Wille, sondern der Wille Gottes alles Gute im Menschen, und so ist
denn das Gute im Menschen auch nur ein Werk Gottes, was der rechte und wahre
Mensch anzuerkennen hat in seiner rechten Demut. Schreibt sich aber ein Mensch
ein gutes Werk als sein eigenes Verdienst zu, so zeigt er dadurch schon, daß er
weder sich und noch weniger Gott je wahrhaft erkannt hat, und er ist darum noch
ferne vom Reiche Gottes.
[GEJ.08_019,04] Darum gebet allzeit Gott in
allem die Ehre, und handelt stets in Seinem Namen, so werdet ihr die Liebe
Gottes in euch haben! Wer aber die Liebe Gottes in sich hat, der hat alles für
Ewigkeiten in sich.
[GEJ.08_019,05] Daneben aber merket euch nun
auch das: Wenn der Mensch wider den erkannten Willen Gottes Böses tut, so ist
die Tat nicht ein Werk Gottes, sondern des Menschen völlig eigene Tat; denn da
hat der Mensch seinen eigenen freien Willen nicht dem erkannten Willen Gottes
untergeordnet, sondern demselben nur allzeit widerstrebt, und es kann von ihm
füglich gesagt werden, daß seine bösen Taten völlig sein eigen sind. Aber eben
darum hat der Mensch durch den großen Mißbrauch seines freien Willens sich
selbst gerichtet und in seiner Blindheit sich dadurch unglücklich gemacht.
[GEJ.08_019,06] Sehet, es ist da mit diesen
geistigen Dingen nahe also wie mit einem weisen Feldherrn und mit seinen ihm
untergebenen Kriegern! Die Krieger müssen wohl zu vielen Tausenden in den heißen
und blutigen Kampf; aber keiner von ihnen darf anders als nur nach dem Plan und
Willen des Feldherrn kämpfen. Wer das tut, der führt auch einen glücklichen
Kampf; wer von den vielen Kriegern aber etwa bei sich dächte: ,Ah, ich habe
selbst Mut, Kraft und auch rechte Kenntnisse, und ich werde auf meine eigene
Faust mich in den Kampf begeben und mir für mein Haupt eine Krone erkämpfen!‘
und träte aus der Kampfesplanlinie seines kriegserfahrenen Feldherrn, der wäre
schon so gut wie verloren; denn er würde von den Feinden bald gefangen und arg
zugerichtet werden. Und wer schuldet daran? Niemand als er selbst! Warum hat er
den Willen seines weisen Feldherrn nicht für immer zu dem seinigen gemacht? Er
hätte da ein leichtes gehabt, über die Feinde mitzusiegen. Da er für sich
selbst einen Feldherrn und einen Krieger zugleich machen wollte, so ward er
auch bald und leicht eine Beute der Feinde.
[GEJ.08_019,07] Ich aber bin auch, und das
einzig und allein, ein Feldherr des Lebens gegen alles, was dem Leben ein Feind
ist. Wer da unter Meinen Geboten und nach Meinen Plänen kämpft, der wird auch
gegen die vielen Lebensfeinde leicht zu kämpfen haben und sie auch leicht
besiegen; wer sich aber ohne Mich und nach seinem eigenen Verstande und Willen
in den Kampf mit den vielen Feinden des Lebens einlassen wird, der wird
gefangen und dann arg zugerichtet werden. Ist er aber einmal in der harten
Gefangenschaft, wer wird ihn dann aus derselben erlösen, wo er seine ärgsten
Lebensfeinde nur in sich selbst zu suchen und zu bekämpfen hat?!
[GEJ.08_019,08] So aber jemand an Meiner
Seite leicht den Sieg über gar viele Feinde erkämpft, so ist dann der Sieg ja
doch nur Mein Werk; denn er konnte den Sieg ja doch nicht anders als nur durch
die genaue Befolgung Meines Willens, Planes und Rates erkämpfen. Ist der
erkämpfte Sieg aber Mein Werk, so ist er auch Mein Ruhm und Mein Verdienst!
[GEJ.08_019,09] Ihr werdet nun hoffentlich
zur Genüge einsehen, wie und warum ihr ohne Mich nichts Verdienstliches zum
ewigen Heile eurer Seele wirken könnet, und warum ihr dann noch, so ihr alles
getan habt, was euch weisest zu tun geboten war, frei vor Mir zu bekennen habt,
daß ihr faule und unnütze Knechte an Meiner Seite waret.
[GEJ.08_019,10] Wenn ein Landmann seinen
Acker bebaut, so düngt er ihn, ackert dann das Erdreich mit dem Pfluge auf,
streut das Weizenkorn in die Furchen und eggt es darauf ein, und er hat dann
bis zur Ernte nichts mehr zu tun. Ist darauf die Ernte des Landmanns pures
Verdienst und Werk, oder ist sie nicht vielmehr in allem Mein Werk und
Verdienst? Wer schuf ihm das kräftige Ochsenpaar für seinen Pflug? Wer gab ihm
Holz und Eisen, wer das Samenkorn mit dem lebendigen Keime? Wer legte in diesen
schon zahllos viele neue Keime und Körner? Wessen war das alles erwärmende und
alles belebende Licht der Sonne? Wer sandte den fruchtbaren Tau und Regen? Wer
gab den wachsenden und reifenden Halmen das Gedeihen und wer am Ende dem
Landmanne selbst das Leben, die Kraft, die Sinne, die Vernunft und den
Verstand?
[GEJ.08_019,11] Wenn ihr nun dieses Bild so
ein wenig tiefer überdenket, so wird es euch doch klar werden, wie höchst wenig
als Werk und Verdienst bei der Bestellung des Ackers auf den Landmann entfällt?
Ganz bei klarem Lichte betrachtet wohl beinahe gar nichts, – und doch mag
dieser sagen: ,Sehet, das habe ich alles meinem Fleiße zu verdanken!‘ Aber
daran denkt er kaum, wer der alleinige Hauptbearbeiter des Weizenackers war!
Sollte er nicht vielmehr in seinem Herzen sagen und bekennen: ,Herr, Du großer,
guter und heiliger Vater im Himmel, ich danke Dir für solche Deine Sorge! Denn
alles das war, ist und wird sein allzeit nur Dein Werk; ich war dabei ein
fauler und völlig unnützer Knecht!‘?
[GEJ.08_019,12] Wenn sich aber das schon bei
einer materiellen Arbeit wohl geziemte, – um wieviel mehr geziemt sich das dann
erst zu sagen und zu bekennen von seiten eines Menschen, dem Ich seinen
geistigen Lebensacker mit allem und jedem bearbeiten helfe, wobei er schon
eigentlich nichts anderes zu tun hat, als an Mich zu glauben und dann Meinen
göttlichen Willen als ein purstes Geschenk aus Mir sich also anzueignen, als
wäre er so ganz sein, obwohl er im Grunde des Grundes dennoch pur Mein ist!
Wenn solch ein Mensch mit dem Vollbesitze Meines Willens dann alles vermag und
große Dinge und Werke verrichten kann, wessen ist dann das Hauptverdienst?“
20. Kapitel
[GEJ.08_020,01] Hier sagten wieder alle:
„Herr und Meister! Alles, alles ist von Ewigkeit her nur Dein alleiniges Werk
und Dein alleiniges Verdienst! Wir Menschen sind ja allzeit in allem gar nichts
gegen Dich! Nur Deine Liebe und Gnade hat uns das Dasein gegeben und will uns
nun gar noch zu ihren ihr ähnlichen Kindern erheben, und so sind wir ja selbst
in allem Dein Werk, und unsere Vortrefflichkeit ist Dein alleiniges Verdienst!
Verlasse, o Herr und Meister, nur Du uns nie und niemals; denn ohne Dich sind
wir vollends nichts! Was wüßten wir nun aus uns von allen den geistigen Dingen,
von Dir und Deinem allmächtigen Willen? Und so wie wir nun Dir allein alles zu
verdanken haben, so auch werden unsere späten Nachkommen auch nur Dir alles zu
verdanken haben, so sie sich möglicherweise auch noch in unserer Einsicht und
in unserm reinen Glauben befinden werden. Aber Du, o Herr und Meister, wirst
wohl dafür sorgen, daß sie nicht zu ferne von dem Lichte kommen werden, das uns
nun gar so helle leuchtet!“
[GEJ.08_020,02] Sagte Ich: „Das wird so wie
bis jetzt den Bearbeitern Meiner Äcker und Weinberge auch für die Folge
überlassen werden; und da wird es wohl sehr darauf ankommen, wie von ihnen Mein
nun wohl erkannter Wille gehandhabt wird, ob recht oder möglicherweise auch
verkehrt. Habt darum wohl acht darauf, daß nach Meinem leiblichen Scheiden von
euch nicht Zänkereien und Streitigkeiten vorkommen; denn diese würden dann
vollwahr die Mutter des Gegenchristen auf dieser Erde werden! Ich sage euch
dieses nun zum voraus, auf daß ihr das verhütet. Zwar werdet ihr es wohl
verhüten, – ob aber eure Nachjünger das auch also tun werden, das ist darum nun
eine noch andere Frage, weil denn auch ihr freier Wille so gut wie der eurige
geachtet werden muß.
[GEJ.08_020,03] Meine Lehre gibt euch die
höchste Freiheit und kann darum nicht mit dem Schwerte und mit den Ketten der
finsteren Sklaverei verkündet werden; denn was dem Menschen die höchste
Lebensfreiheit verschaffen kann und wird, das muß er auch in seiner vollen
Freiheit anerkennen und annehmen. Wie Ich aber alles das euch umsonst gegeben
habe, also sollet ihr es denen, die es von euch haben möchten, auch wieder
umsonst geben!
[GEJ.08_020,04] Also habe Ich auch niemandem
von euch einen Zwang angetan, sondern in der vollsten Freiheit habe Ich euch
nur zugerufen: Wer da will, der komme, höre, sehe und folge Mir nach! Und ihr
tatet das aus eurem freien Willen heraus. Und also tuet auch fürder in Meinem
Namen, und ihr werdet guten Weges zu wandeln haben!
[GEJ.08_020,05] Wer aber daraus ein Muß
machen wird, der wird Mein Jünger nicht sein, und auf seinem Wege wird er
Felsen, Klippen und Dornen finden. Nehmet euch alle an Mir ein rechtes und
wahres Beispiel! Was kostete es Mich denn, nun in einem Augenblick alle
Menschen auf der ganzen Erde durch Meine Allmacht geradeso zur Annahme Meiner
Lehre und zur vollsten Befolgung Meines Willens zu zwingen, als wie es Mir
möglich ist, in einem Augenblick aller anderen Kreatur den Weg mit Muß
vorzuzeichnen, den sie streng nach Meinem Willen zu gehen hat? Aber welche als
selbständig sich selbst wahrhaft beglückende, sittliche Lebensfreiheit hat sie
wohl dabei? Ich sage es euch: gar keine!
[GEJ.08_020,06] Denn eine stumpfe und höchst
beschränkte Intelligenz mit einem Fünklein Meines Mußwillens, nach dem sie
tätig sein muß, ist doch sicher ein ganz anderes Ding als eine nach allen
möglichen Richtungen hin unbeschränkteste Innewerdung, verbunden mit einer
lichtvollen Vernunft, hellem Verstande und dazu mit dem allerunumschränktest
freien Willen, dem Ich nie durch ein ,Du mußt!‘, sondern allzeit nur mit dem
freien ,Du sollst!‘ Meine Gebote und Meinen väterlichen Rat gab! Denn alle die
Gebote, die Ich den Menschen gab, waren eigentlich niemals Gesetze, sondern nur
Ratschläge, die Meine ewige Liebe und Weisheit den freien Menschen erteilte.
Aus diesen Meinen den Menschen erteilten Ratschlägen haben dann erst die
Menschen in der Meinung, Mir dadurch eine desto größere Ehre zu erweisen,
strengst zu haltende Gesetze gemacht, deren Nichthaltung sie mit zeitlichen und
ewigen Strafen sanktionierten.
[GEJ.08_020,07] Moses selbst tat viele dazu,
um den Juden eine desto größere Achtung vor dem geoffenbarten Willen Gottes zu
verschaffen, und andere taten dasselbe. Und die gegenwärtigen Pharisäer haben
den höchsten Kulminationspunkt nicht nur der Dummheit, sondern auch der
notwendig daraus hervorgehenden Bosheit erreicht. Daß die Sache des Judentums
nun auf so unbeschreibbar schlechten Füßen steht, ist eine notwendige Folge
davon, daß die Menschen aus Meinen freiest gegebenen Ratschlägen Mußgesetze
gemacht haben. Wie verträgt sich aber ein Mußgesetz mit dem freiesten Willen
und mit dem ebenso freien und durch nichts beschränkten Verstande der Menschen?
[GEJ.08_020,08] Der freie Wille des Menschen
wird eine helle Erleuchtung seines Verstandes sicher gern und stets mit dem
größten Dank als eine Gnade von oben annehmen; aber ein strenges Mußgesetz wird
er in seinem Willen und Gemüte verfluchen. Darum ist ein jeder Mensch, der
unter einem Gesetze mit Muß steht, so gut wie gleichfort gerichtet und somit
auch wie verflucht.
[GEJ.08_020,09] Wer sonach den Menschen
Mußgesetze in Meinem Namen geben wird, der wird ihnen anstatt Meines Segens nur
das harte Joch und die schwere Bürde des Fluches geben und sie zu neuen Sklaven
der Sünde und des Gerichts machen.
[GEJ.08_020,10] Darum gehe eure Sorge bei der
Weiterverbreitung Meiner Gebote vor allem darauf hin, daß ihr ihnen damit kein
neues und schwer zu tragendes Joch auf den Nacken bürdet, sondern daß ihr sie
dadurch von dem alten frei machet!
[GEJ.08_020,11] Wenn der Mensch mit freiem
Gemüte die lichte Wahrheit Meiner Lehre und Meines besten väterlichen Willens
erkennen und einsehen wird, so wird er sich dann schon selbst mit seinem freien
Willen ein auch freies Mußgesetz daraus machen und wird frei danach handeln,
und das auch allein nur wird ihm zur wahren Wohlfahrt der Seele gereichen, aber
ein ihm gegebenes Mußgesetz schwerlich je oder auch gar niemals, und das darum,
weil erstens ein Mußgesetz für den freien Willen eines Menschen ganz wider
Meine göttliche Ordnung ist und den Menschen nur verfinstert und nie
erleuchtet, und zweitens, weil mit dem Mußgesetz sich die Gesetzverkünder
sogleich eine höhere, nur ihnen zukommende Gewalt anmaßen, darum bald stolz,
hochmütig und herrschsüchtig werden und zu den als rein göttlich pronunzierten
(ausgesprochenen) Satzungen auch aus einer angemaßten göttlichen
Gewaltsinnehabung, vor der ihre Gläubigen oft mehr als vor Gott Selbst zittern und
beben müssen, eigene arge Satzungen als göttlichen und ihnen neu geoffenbarten
Willen hinzufügen und auf deren Beachtung stets ein viel größeres Gewicht legen
als auf die Beachtung der rein göttlichen Gebote.
[GEJ.08_020,12] Daraus aber geht dann hervor
finsterer Aberglaube, Abgötterei, Haß gegen Andersgläubige, Verfolgung, Mord
und die verheerendsten Kriege. Die Menschen begründen sich dabei mit allerlei
finsterem Unsinn, daß sie am Ende der Meinung und des Glaubens werden, Gott
einen angenehmen Dienst zu erweisen, wenn sie an ihren andersgläubigen
Nebenmenschen die größten Frevel und Missetaten begehen. Und daran schulden
allein die Mußgesetzgeber!
[GEJ.08_020,13] Darum aber werden sie auch
jenseits in der Hölle, deren eifrige Diener sie hier waren, sicher die ersten
Plätze unter den allerunerbittlichsten Mußgesetzen einnehmen; denn in Meinen
Himmeln herrscht nur die höchste Freiheit, aber dadurch auch die höchste
Eintracht, durch die reine Liebe und größte Weisheit bewerkstelligt.
[GEJ.08_020,14] Ich habe euch das nun treu
und offen dargestellt und lichtvoll erklärt, und ihr wisset nun denn auch frei
ohne einen geringsten inneren Zwang, was ihr als Ausbreiter Meines Evangeliums
zu beachten habt. Aber so da jemand von euch oder euren Jüngern anders wird handeln
wollen, so wird er wohl gewarnt, aber es wird ihm von Mir darum kein innerer
Zwang aufgebürdet werden. Doch an den faulen und schlechten Früchten werden es
die besseren Menschen wohl bald merken, wessen Geistes Kind so ein Nachjünger
ist.
[GEJ.08_020,15] Da Ich euch aber nun solches
kundtue, sollet ihr aber dennoch nicht des Glaubens sein, als höbe Ich damit
das durch Moses gegebene Gesetz auf; denn es ist ja ganz dasselbe, das Ich euch
in seiner ursprünglichen Reinheit wiedergebe. Nur das alte verrostete ,Muß‘
hebe Ich auf und gebe euch die alte volle Freiheit wieder; und darin besteht
eben hauptsächlich das Werk der Erlösung eurer Seelen aus dem harten Joche des
Gerichts und des eigentlichen Satans, des euch schon bekannten Fürsten der
Nacht und der Finsternis, daß ihr von nun an unter keinem Mußgesetz in Meinem
Namen mehr stehen sollet.
[GEJ.08_020,16] Wie aber Ich nun euch allen
die volle Freiheit aus Mir Selbst wiedergebe, so tut ihr in Meinem Namen auch
euren Brüdern dasselbe! Taufet sie im Namen Meiner ewigen Liebe, welche da ist
der Vater, des Wortes, das da ist des Vaters fleischgewordener Sohn, und dessen
Geistes aller Wahrheit, und löschet in ihnen dadurch das alte Erbübel aus, das
da ist das euch nun wohlbekannte und verdammliche Muß des Gesetzes! – Und nun
frage Ich euch, ob ihr alle das verstanden habt.“
21. Kapitel
[GEJ.08_021,01] Es bejahen das wohl alle;
aber Agrikola tritt zu Mir hin und sagt: „O Herr und Meister, ich selbst
begreife und erkenne nun tief die reinste, göttliche Wahrheit dieses Deines
lichtvollsten Ausspruches und sehe es nun auch ein, daß eben das ewig zu
verwünschende Muß des Gesetzes, ein Werk der menschlichen Blindheit, den
Menschen notwendig alles höheren Lichtes berauben muß, weil es ihm alle jene
Quellen verstopft, durch die das rein geistige Licht aus den Himmeln in ihn
einfließen könnte und eben dadurch auch seine Seele mit der eisernsten Gewalt
in die finstere Materie zieht und erdrückt. Aber dies größte Übel ist in
unserer Zeit zu einer solchen Macht und Größe herangewachsen, daß es schwerlich
je völlig vom materiellen Boden der Erde zu verbannen sein wird.
[GEJ.08_021,02] Nehmen wir nur unseren
römischen Gesetzeskram an, zu dessen strenger Aufrechthaltung mindestens 800000
blindeste und roheste Krieger und eine nicht minder große Zahl der
allerfinstersten Heidenpriester mit ihren Plenipotenzen als treue Wachen
dastehen. Diesen seelenmörderischen Damm zu durchbrechen und zu vernichten, ist
menschlichen Kräften auch beim besten Willen und der größten und allerenergischsten
Klugheit so gut wie völlig unmöglich.
[GEJ.08_021,03] Ich rede hier nur von unserem
Staate, in dem bekanntlich noch bis jetzt die meiste Zivilisation anzutreffen
ist, und will von anderen Reichen der Erde nicht reden, in denen die Menschheit
sich von den wilden Tieren der Erde um nicht vieles unterscheidet. Aber wenn
ich schon bei uns Römern auf Schwierigkeiten stoße, die vorderhand sicher
unüberwindbar sind, – wie wird sich dann diese Sache erst bei den ganz wilden
Völkern dieser Erde machen?
[GEJ.08_021,04] Ja, einzelne, wie ich und
sicher noch mehrere es sind, werden alles das mit größter Freude annehmen; aber
wie sich in diesem reinen Geisteslichte werden Gesellschaften und Gemeinden zu
bilden anfangen, so werden sich die Priester hinter den Kaiser stecken und ihn
so lange torquieren (plagen), bis er selbst gegen solche Gemeinden das Schwert
wird ziehen müssen. Da wird das alte Mußgesetz dann erst recht mit ehernen
Klammern und Ketten um die armen Völker geschlungen werden. Wehe darauf dem, der
es dann noch wagen wird, irgendwo diese Deine Lehre unter den Menschen
auszubreiten!
[GEJ.08_021,05] Und nun muß ich zu dem noch
eines Punktes Erwähnung tun, der mir auch von großer Wichtigkeit zu sein
scheint, und das ist die Erziehung der Jugend von der Wiege an. Viele
tausendmal tausend Kinder sind schon entweder durch die wahre Affenliebe der
Eltern zu ihren Kindern oder oft auch durch ihre tyrannische Strenge und
sonstige Blindheit total verzogen. Dazu kommen dann noch – sage – für den
sogenannten besseren Teil der Menschen in den Städten die Schulen, die alle
unter dem Zepter der Priester stehen, in denen die Kinder wohl lesen, schreiben
und rechnen lernen, aber von etwas rein Geistigem nie etwas anderes vernehmen
als allerlei Dinge des finsteren Aberglaubens.
[GEJ.08_021,06] Frage: Wie wird man da zu
wirken haben, um erstens den Eltern der Kinder zu zeigen und begreiflich zu
machen, wie sie von Hause aus ihre Kinder erziehen sollen? Und sollte es
möglich sein, daß man in diesem ersten zu einem günstigeren Resultate gelangt
ist, – wie soll man dann zu wirken anfangen, um den öffentlichen Volksschulen
jene Einrichtung zu verschaffen, aus der für die Menschen ein wahres Seelenheil
nach Deiner Lehre erwachsen soll? Herr und Meister, so unbeschreibbar gut und
wahr Deine Ratschläge an und für sich schon sind und noch mehr durch ihre
lebendige und möglich allgemeine Praxis wären, so nahezu unmöglich erscheint
die Bekehrung der Menschen im nur einigermaßen allgemeinen dazu auf einem ganz
natürlichen Wege. Da wird Deine Allmacht denn doch so in recht dicken und
großen Portionen ziemlich augenscheinlich mitwirken müssen, ansonst mit der
Menschheit, wie sie jetzt beschaffen ist, bis ans Ende der Zeiten nicht viel
auszurichten sein wird.
[GEJ.08_021,07] Ich bin wohl kein Prophet,
aber ich habe als nun schon ein ziemlich alter Staatsmann gar viele Erfahrungen
gemacht, kenne die Staatsmaschine und kenne die Völker und kann somit auch ein
sicheres Prognostikon (Voraussage) stellen, wie diese Sache auf dem natürlich-menschlichen
Mitteilungswege aufgenommen und welche Wirkung es machen wird.
[GEJ.08_021,08] Darum zeige Du uns neben der
höchst rein göttlich wahren Lehre, von der ich nun für mich und in der Folge
auch sicher für mein ganzes Haus erfüllt bin, auch die sicheren Wege und
Mittel, wie wir schwachen Menschen sie unseren gar vielen Mitmenschen
wirkungsvoll werden mitteilen können! Denn sonst werden die Menschen mit
seltenen Ausnahmen bis ans Ende der Zeiten dieser Erde das verbleiben, was sie
nun sind: nichts als mit einiger Vernunft und etwas materiellem Verstande,
gepaart mit einem sinnlich freien und bösen Willen, begabte Tiere.“
22. Kapitel
[GEJ.08_022,01] Sagte Ich: „Du hast nun als
ein ehrlicher Staatsmann recht weise gesprochen, und es verhalten sich die Dinge
auch also, wie du sie Mir recht hell und ohne irgendeinen Vorhalt dargestellt
hast; und Ich sage es dir, daß wir sie nun in diesem Momente auch nicht ändern
wollen, wenn wir das auch sicherlich wohl imstande wären.
[GEJ.08_022,02] Denn wie selbst der irdische
Tag nicht auf einmal anbricht, sondern vom ersten, kaum merkbaren Grauen bis
zum vollen Sonnenaufgange nur durch gar viele Lichtzunahmestufen nach und nach,
ebenso geht es auch mit dem werdenden geistigen Tage bei den Menschen auf
dieser Erde. Denn ließe Ich den vollen geistigen Tag allen Menschen auf einmal
plötzlich werden, so würden die Menschen, solange sie ihren schweren Leib noch
zu tragen haben, dann träge und würden sich nicht mehr viel mit dem Suchen und
Forschen abgeben. Sie würden wohl die Gebote halten und handeln nach der in
ihnen helleuchtenden Wahrheit, aber das sicher mehr auf eine mechanische, als
auf eine vollends lebendige Art; und so ist es sicher besser, daß die Menschen
erst so von Stufe zu Stufe durch ihr eigenes Suchen, Forschen und Handeln den
geistigen Tag in sich entstehend gewahren und, dabei eine große Freude habend,
auch ihre noch in der eigenen Nacht wandelnden Brüder belehren und sie auch zum
Suchen des eigenen inneren Geistestages anregen und aneifern, als daß ein jeder
Mensch ohne eigenes Tun und Handeln gleich in alle Fülle des inneren
Geistestages durch Meine Allmacht versetzt würde.
[GEJ.08_022,03] Es werden besonders in dieser
gar finsteren Zeit Meine diese Lehre ausbreitenden Jünger auch mit all dem
ausgestattet sein, was nun allein in Meiner Macht steht, und werden in Meinem
Namen große Zeichen zu wirken imstande sein, wo und wann selbige zum wahren
Wohle der Menschen nötig sein werden; aber es wird dennoch das stets einen um
gar vieles größeren Wert haben, wo die Bekehrungen zum Glauben an Mich und
Handeln nach Meiner Lehre geschehen werden.
[GEJ.08_022,04] Denn durch das reine Wort
erleidet die Seele keinen Zwang, sondern bleibt völlig frei im Erkennen und
Handeln, während vor der Lehre gewirkte Zeichen der Seele offenbar einen
Glaubenszwang auferlegen und dann eben um nichts besser sind als das Muß des
Gesetzes.
[GEJ.08_022,05] Was aber eure äußeren
Staatsgesetze betrifft, so sollen sie bestehen fürs Fleisch der Menschen; denn
solange der Mensch nicht vollends im Geiste wiedergeboren ist, sind ihm äußere
Staatsgesetze notwendig, weil sie ihn in der Demut und Geduld üben, die zur
Erreichung der vollen Wiedergeburt höchst notwendig sind, andernteils aber den
gar finsteren und bösen Menschen abhalten, seinen Nebenmenschen Böses in zu
großem Maße zuzufügen, indem sie mit scharfgezogenen Linien jedem das Seinige
zuweisen und den mutwillig dawider Handelnden züchtigen.
[GEJ.08_022,06] Ich sage euch darum auch, daß
ihr der weltlichen Macht untertan bleibet, ob sie euch minder gut oder auch gar
böse dünkte; denn ihre Gewalt ist ihr von oben verliehen. Wer aber einmal im
Geiste wiedergeboren ist, den wird so wenig wie Mich Selbst ein weltliches
Gesetz mehr beirren.
[GEJ.08_022,07] Die Kinder aber sollen mit
wahrer und ernster Liebe behandelt und erzogen werden. Jede Verzärtelung und
Nachgiebigkeit von seiten der Eltern ist ein großer Seelenschaden für die
Kinder, der den Eltern als Schuld gerechnet werden wird.
[GEJ.08_022,08] Weise Eltern werden auch mit
weisen Kindern gesegnet werden.
[GEJ.08_022,09] Bei der Erziehung der Kinder
aber ist ein Muß so lange nötig, bis das Gute der Gesetze zu einem freiwilligen
und freudigen Gehorsam geworden ist. Ist der Fall eingetreten, so hat das Kind
des Gesetzes Muß in sich selbst aufgehoben und ist zum freien Menschen
geworden.
[GEJ.08_022,10] Tuet demnach das, was ihr nun
gehört habt, so wird alles gut und recht werden! – Wer noch etwas hat, der
frage, und Ich werde ihm Licht geben, damit er wandle und handle am hellen
Tage!“
23. Kapitel
[GEJ.08_023,01] Hier trat der zu Emmaus
wohnende Römer Agrippa mit seinem Gefährten Laius zu Mir und sagte: „Herr und
Meister! Du hast uns nun wahrlich übergroße und herrliche Dinge kundgetan, und
uns sind dabei wie schwere Steine von unserer Brust hinweggetan worden; aber
etwas, das unser Freund Agrikola auch als eine große Gegensache bei der
Ausbreitung Deiner Lehre dargestellt hat, hast Du nun doch noch nicht besonders
berührt, und das ist die schwer mögliche Besiegung des über alle Maßen
hartnäckigen heidnischen Priestertums.
[GEJ.08_023,02] Es geht schon hier mit den
Judenpriestern, die doch einen Begriff von dem einen, wahren Gott haben,
schwer; um wie vieles schwerer wird sich das dann erst bei den materiellst
verknöcherten Heidenpriestern machen, die von einem wahren Gott gar keine
Ahnung haben und ihre Götter, die sie vor dem Volke anbeten, und denen das Volk
opfern muß, aus der oft gröbsten Materie, wie Stein, Erz und Holz, bei den
Bildnern anfertigen lassen. Da wäre es demnach wohl auch gut, so Du uns darüber
etwas sagen würdest.“
[GEJ.08_023,03] Sagte Ich: „Auch darum sollet
ihr euch keine leere und eitle Sorge machen! Denn fürs erste sage Ich euch, daß
ihr eher hundert heidnische Priester für Meine Lehre gewinnen werdet denn einen
Pharisäer, denn es haben die heidnischen Priester durch die griechischen und
auch nach ihnen gebildeten römischen Weltweisen ungeheuer viel an ihrem alten
Ansehen verloren; und zweitens ist durch die vielen umherziehenden Magier, die
von allen Orten der Erde nach Rom kamen, auch ihr Wunderwirken in einen großen
Mißkredit beim Volke gekommen. Es macht des gewissen Anstandes und Ansehens
wegen wohl noch so manches mit und schaut des Zeitvertreibes wegen die
Spektakel an; aber es hat keinen besonderen Glauben mehr daran. Und es wird
sonach auch geschehen, daß im Volke bald gar kein heidnischer Priester mehr
bestehen, während das Pharisäertum der Juden sich noch gar lange fort erhalten
wird. Und was aber noch ärger als das alte Pharisäertum sein wird, das wird
leider darin bestehen, daß sich unter Meinem Namen ein neues Pharisäertum
bilden wird, das viel ärger denn das gegenwärtige sein wird!
[GEJ.08_023,04] Als Ich euch die zwei Kapitel
des Propheten Jesajas erklärt habe, da habe Ich euch auch das neue Pharisäertum
gezeigt und brauche es euch nun nicht noch einmal zu zeigen und zu enthüllen.
[GEJ.08_023,05] Was aber nun die heidnischen
Priester betrifft, so fängt sie ihre eigene Finsternis bereits schon selbst
sehr zu drücken an, und es sehnen sich viele nach einem möglich besseren und
wahren Lichte. Viele ziehen darum von Zeit zu Zeit nach Ägypten, um dort von
irgendeinem Weisen über die Bestimmung des Menschen ein höheres Licht zu
bekommen, und es steht darum im geheimen mit dem heidnischen Priestertum eben
nicht so sehr schlecht, wie ihr es euch vorstellt, und Ich habe darum dieses
Umstandes wegen keine besondere Erwähnung tun wollen; weil ihr euch aber
darunter eine gar so unübersteigbare Klippe vorgestellt habt, so war es denn
auch nötig, euch eines Bessern zu belehren.
[GEJ.08_023,06] Ich sage euch allen nur ganz
besonders das und lege es euch lebendig ans Herz, daß ihr aus Meiner Lehre ja
unter gar keiner Bedingung ein Mußgesetz für die Menschen machet, damit sie
doch wenigstens unter wenigen in ihrer freien Reinheit verbleibe bis ans Ende
der Zeiten dieser Erde und Ich darum auch im Geiste stets gleichwirkend unter
euch.
[GEJ.08_023,07] Es werden mit der Zeit wohl
sicher eine Menge halb- und ganz falscher Propheten in Meinem Namen vorgeblich
aufstehen, und es werden die einen dies und die andern jenes behaupten; die
Sehenden in der reinen Lehre werden ihnen aber sicher in aller Sanftmut und
Geduld entgegenarbeiten und am Ende den Sieg auf ihrer Seite haben.
[GEJ.08_023,08] Aber es wird der ganz Reinen
Zahl gegen die der Unreinen stets nur eine geringe sein; und sehet, das kann
Ich nicht verhüten – außer Ich mache alle freien Menschen durch Mein Machtwort
zu Tiermaschinen –, und ihr werdet das im allgemeinen um so weniger imstande
sein!
[GEJ.08_023,09] Hätte Ich aber das bei den
Menschen durch Meinen allmächtigen Willen verhüten wollen, so hätte Ich
wahrlich nicht nötig gehabt, je ins Fleisch dieser Erde zu treten; denn alle
andere Kreatur hätte Ich auch ewig fort von Meinen Himmeln aus pur durch Meinen
allmächtigen Willen lenken und regieren können, wie Ich das auch jetzt tue und
ihr darum an aller Kreatur sicher keine noch so geringe Veränderung zu merken
vermöget. Denn der Steine, der Pflanzen und der Tiere wegen bin Ich wahrlich
nicht als nun Selbst ein leibhaftiger Mensch auf diese Erde gekommen, sondern
nur des in seinem Willen und Erkennen völlig freien Menschen wegen! Und da kann
Ich Selbst ihm kein göttliches Muß, sondern nur die vollste göttliche Freiheit
als ein wahres Evangelium aus den Himmeln geben und danach den Menschen frei
wählen und handeln lassen.
[GEJ.08_023,10] Daß aber auch dafür gesorgt
ist, daß nach Meiner Ordnung die Nichtbeachtung Meiner Lehre auch stets die
alten bösen Folgen nach sich ziehen wird, dessen könnet ihr völlig versichert sein,
und das ist genug zur Bändigung jener Menschen, die von Meiner reinen Lehre
eine gute Kunde erhielten, sich aber dann doch wieder zur Welt kehrten.
[GEJ.08_023,11] Zu einer gewissen Zeit aber
werde Ich, wenn die Trübsal zu groß wird, die Erde vom alten Unflate schon zu
reinigen verstehen! Solches aber habe Ich euch schon gezeigt, was da sind die
bösen Folgen der Sünde leiblich und moralisch für die Seele; der Körper wird
verfallen in allerlei böse Krankheiten, und die Seele in allerlei Zweifel durch
den Unglauben oder falschen Glauben und in aus diesem hervorgehende dumme und
böse Handlungen.
[GEJ.08_023,12] An allem dem aber wird der,
der im reinen Lichte des Lebens steht, bald und leicht erkennen, in welchem
Geisteslichte die physisch und moralisch geplagten Menschen sich befinden. Wo
ihr solche sehen werdet, da gehet hin und saget zu ihnen: ,Der Friede sei mit
euch! Ihr wandelt auf Irrwegen, und wir sind zu euch gekommen, vom Geiste des
Herrn geführt, um euch zu verkünden das wahre Evangelium, die Wege zum Lichte
des Lebens, welches ist das wahre Heil der Seele in Gott!‘
[GEJ.08_023,13] So man euch dann aufnehmen
wird, so bleibet, lehret sie erkennen die Wahrheit und handeln nach ihren
leicht zu fassenden Grundsätzen! Haben sie diese freudig angenommen und haben
auch alsbald danach zu handeln bereitwillig angefangen, so betet über sie,
leget den Kranken die Hände auf, damit sie geheilt werden von ihren Übeln, und
taufet sie dann auf die Weise wahrhaft, wie Ich sie euch zuvor gezeigt habe,
und ihr werdet dadurch nach Meinem Willen ein Mir wohlgefälliges Werk
ausgerichtet haben, und euer Lohn im Himmel wird dadurch um vieles vergrößert
werden.
[GEJ.08_023,14] Wo und wann ihr irgendeine
solche Gemeinde bekehrt, sie geheilt und in Meinem Namen gefestet habt, so
stellet dann aus ihrer Mitte den kundigsten und getreuesten Mitbürger zu einem
freundlichen Hüter und Aufseher über die Gemeinde. Erteilet ihm besonders die
Gaben des Heiligen Geistes, auf daß er ein wahrer Wohltäter der ihm
anvertrauten Gemeinde werden und sein kann. Aber bindet ihn auch nicht mit
einem Mußgesetz, was auch er gegen die Glieder der Gemeinde zu beachten haben
soll, mit Ausnahme der Kinder, wie Ich euch dafür schon eine Weisung gegeben
habe.
[GEJ.08_023,15] Aber obwohl ein solcher Hüter
von euch bestellt wird in Meinem Namen, so soll er aber dennoch darum keinen
irdischen Rang haben, sondern er soll sein gleich euch ein demütigster und wie
ein geringster Diener der ihm anvertrauten Brüder und Schwestern und soll sich
von ihnen nicht ehren oder von ihnen für seine ihnen geleisteten Dienste gar
belohnen lassen; denn was er umsonst erhalten hat, das soll er umsonst wieder
geben in aller Liebe zu seinen irgend schwächer begabten Brüdern und
Schwestern.
[GEJ.08_023,16] Was ihm aber die freie Liebe
seiner Gemeinde bieten wird, das soll er auch annehmen gleich also, wie Ich
solches auch euch gestattet habe; denn wer einem von Mir Gesandten etwas Gutes
tun wird, der wird auch den Lohn eines Gesandten ernten. Und somit wisset ihr
nun alles, was euch vor allem zu wissen nötig war; vieles andere werdet ihr zur
rechten Zeit überkommen.“
24. Kapitel
[GEJ.08_024,01] Hier trat ein Pharisäer zu
Mir und sagte: „Herr und Meister! Du hast in Deiner Rede zu uns gesagt, daß
Deine Jünger, die Deine wahre Lebenslehre ausbreiten werden, jene, die vollends
Deine Lehre tatsächlich angenommen haben, durch die Auflegung ihrer Hände
taufen, das heißt stärken sollen im Namen des Vaters, welcher die Liebe ist, im
Namen des Wortes, das da ist der Sohn oder die Weisheit des Vaters, und im
Namen des Heiligen Geistes, welcher da ist der alles vermögende Wille des
Vaters und des Sohnes.
[GEJ.08_024,02] Ich aber denke mir da: Wenn
Deine Jünger alle die gläubig Gewordenen nur in Deinem Namen oder allein im
Namen des Vaters tauften, so würde das für viele leicht daraus hervorgehende
Streitfragen ein Hinderungsmittel sein; denn mit den drei wennschon
allerhöchsten und hochheiligsten Begriffsnamen können in der Folge die
begriffsschwächeren Menschen ganz leicht auf den Glauben von drei besonderen
Göttern als drei göttlichen Persönlichkeiten gebracht werden, gleichwie der
uralte reine Glaube an nur einen, wahren Gott mit der Zeit bei den alten
Ägyptern sich aus den vielen Eigenschaften Jehovas eine zahllose Menge von
Göttern schuf, die dann die blinde Phantasie der Menschen in allerlei für sich
bestehende und besonders wirkende göttliche Wesen umwandelte, ihnen Tempel
erbaute und sie dann auch besonders verehrte, aber dabei auch in den krassesten
Materialismus derart versank, daß sie den also sich vorstellenden göttlichen
Persönlichkeiten oft die gemeinsten menschlichen Schwachheiten und lasterhaften
Leidenschaften zuschrieb.
[GEJ.08_024,03] Das könnte mit der Zeit, als
etwa nach mehreren Jahrhunderten, auch wieder der Fall werden, daß die mehr
dummen und blinden Menschen bloß infolge der bei der Taufe vernommenen
allerhöchsten Begriffsnamen anfingen, sich drei Götter vorzustellen, und es
würde dann auch sicher das nicht auf sich warten lassen, daß man die drei sich
also vorgestellten Götter auch besonders zu verehren anfinge in ihren eigens
erbauten Tempeln. Geschieht aber das, so wird es dann auch nicht lange währen,
daß die Menschen auch Deine ihnen dem Namen nach bekannt gewordenen Jünger und
auch ihre Nachfolger Dir gleich zu verehren und in ihnen erbauten Tempeln
anzubeten anfangen werden. Dem wäre nach meiner Meinung dadurch am leichtesten
und dauerndsten vorgebeugt, wenn man Gott den Menschen nur unter einem
Begriffsnamen bekannt machte. – Was sagst Du dazu?“
[GEJ.08_024,04] Sagte Ich: „Da hast du ganz
wohl und recht gesprochen; aber Ich kann da dennoch nicht umhin, euch allen ans
Herz zu legen, das zu tun; denn unter den drei Begriffsnamen ist das Wesen
Gottes wie ganz erklärt den Menschen vollständig dargestellt.
[GEJ.08_024,05] Es ist wahr, daß dabei
gewisserart für einen schwachbegriffsfähigen Menschen eine Art göttlicher
Dreipersönlichkeit zum Vorschein kommt; aber man kann das, um der tiefsten und
innersten Wahrheit in allem völlig getreu zu bleiben, ja doch nicht anders geben,
als wie es eben ist.
[GEJ.08_024,06] Siehe, der Mensch ist ganz
nach dem Ebenmaße Gottes erschaffen, und wer sich selbst vollkommen kennen
will, der muß wissen und in sich erkennen, daß er als ein und derselbe Mensch
eigentlich auch aus drei Persönlichkeiten besteht! Du hast einmal einen Leib,
versehen mit allen notwendigen Sinnen und anderen für ein freies und
selbständiges Leben nötigen Gliedern und Bestandteilen vom größten bis zum kaum
denkbar kleinsten. Dieser Leib hat zum Bedarf der Ausbildung der geistigen
Seele in ihm ein ganz eigenes Naturleben, das sich von dem geistigen
Seelenleben in allem streng unterscheidet. Der Leib lebt von der materiellen
Nahrung, aus der das Blut und die andern Nährsäfte für die verschiedenen
Bestandteile desselben gebildet werden.
[GEJ.08_024,07] Das Herz hat in sich einen
eigens belebten und derartigen Mechanismus, daß es sich in einem fort ausdehnen
und darauf wieder zusammenziehen muß und dadurch das den Leib belebende Blut
mit den andern aus demselben entstehenden Säften in alle seine Teile treibt und
durch das Sichzusammenziehen auch wieder in sich zurück aufnimmt, um es mit
neuen Nährteilen zu sättigen und dann wieder zur Ernährung der
verschiedenartigsten Leibesbestandteile von neuem hinauszutreiben, in welchen
zahllos vielen und allerverschiedenartigsten Bestandteilen auch ebenso viele
und verschiedene Naturgeister wohnen, die die ihnen zusagenden und zur
Ernährung und Erhaltung eben der von einem solchen Geiste beherrschten Teile
notwendigen Nähr- und Erhaltungsstoffe aus dem Blute nehmen und sie dann eben
den von ihnen, das heißt den von eigenen Geistern beherrschten Teilen
assimilieren und so den ganzen Leib kräftigen und stärken, ohne welche
fortwährende eigene Tätigkeit des Herzens der Mensch keine Stunde lang dem
Leibe nach leben würde.
[GEJ.08_024,08] Siehe, mit dieser
Lebenstätigkeit hat die Seele gar nichts zu tun; denn sie liegt mit dem freien
Willen der Seele in gar keiner Verbindung und ebenso auch die eigene Tätigkeit
der Lunge, der Leber, der Milz, des Magens, der Gedärme, der Nieren und so noch
von zahllos vielen andern Bestandteilen ihres Leibes, die sie gar nicht kennen
und für die sie denn auch nicht Sorge tragen kann, und dennoch ist der Leib als
eine für sich ganz abgeschlossene Persönlichkeit ein und derselbe eine Mensch
und tut und handelt also, als wären beide eine und ganz dieselbe
Persönlichkeit! Wer von euch aber kann da sagen, daß Leib und Seele völlig ein
Ding seien!
[GEJ.08_024,09] Betrachten wir aber nun die
Seele für sich, und wir werden finden, daß sie auch für sich ein ganz
vollkommener Mensch ist, der substantiell geistig auch in sich und für sich die
ganz gleichen Bestandteile enthält wie der Leib und in höherer geistiger
Entsprechung sich derselben auch also bedient wie der Leib seiner materiellen.
[GEJ.08_024,10] Obschon aber einesteils der
Leib und andernteils die Seele für sich zwei ganz verschiedene Menschen oder
Personen darstellen, von denen eine jede für sich eine ihr ganz eigentümliche
Tätigkeit innehat, von der sie sich am Ende nicht einmal eine Rechenschaft über
das Wie und Warum geben können, so machen sie aber im Grunde des eigentlichen
Lebenszweckes dennoch so ganz nur einen Menschen aus, daß da niemand weder von
sich noch von jemand anderm sagen und behaupten kann, daß er nicht ein
Einmensch, sondern nur ein Zweimensch sei. Denn es muß der Leib der Seele
dienen und diese mit ihrem Verstande und Willen dem Leibe, weshalb diese auch
für die Handlungen, zu denen sie den Leib benutzt hatte, ebenso verantwortlich
ist wie für ihre höchst eigenen, die in allerlei Gedanken, Wünschen,
Begehrungen und Begierden bestehen.
[GEJ.08_024,11] Wenn wir aber das Leben und
Sein der Seele für sich noch näher betrachten, so werden wir auch bald und
leicht finden, daß sie als auch noch ein substantielles Leibmenschwesen für
sich um nichts höher stünde als allenfalls die Seele zum Beispiel eines Affen.
Sie würde wohl eine instinktmäßige Vernunft in einem etwas höheren Grade
innehaben denn ein gemeines Tier, aber von einem Verstande und einer höheren
freien Beurteilung der Dinge und ihrer Verhältnisse könnte da nie eine Rede
sein.
[GEJ.08_024,12] Dieses höhere und eigentlich
höchste und Gott völlig ähnliche Vermögen in der Seele bewirkt ein rein
essentiell geistiger dritter Mensch, eben in der Seele wohnend. Durch ihn kann
sie Wahres vom Falschen und Gutes vom Bösen unterscheiden und kann frei nach
allen erdenklichen Richtungen hin denken und völlig frei wollen, wodurch sie
sich selbst dem in ihr wohnenden Geiste, je nachdem sie sich mit ihrem von ihm unterstützten
freien Willen für das reine Wahre und Gute bestimmt, nach und nach völlig
ähnlich, also stark, mächtig, weise und als in ihm wiedergeboren, identisch
macht.
[GEJ.08_024,13] Ist das der Fall, dann ist
die Seele so gut wie ein Wesen mit ihrem Geiste, so wie auch die edleren
Leibesteile einer vollkommenen Seele – welche Leibesteile eigentlich in den gar
sehr verschiedenen Leibesnaturgeistern bestehen – ganz in den geistig
substantiellen Leib, den ihr das Fleisch der Seele nennen könnet, übergehen und
am Ende dadurch auch in den essentiellen des Geistes, darunter auch zu
verstehen ist die wahre Auferstehung des Fleisches an dem jüngsten und wahrsten
Lebenstage der Seele, der dann erfolgt, wenn ein Mensch vollkommen im Geiste
wiedergeboren wird, entweder schon hier in diesem Leben oder etwas mühevoller
und langwieriger jenseits.
[GEJ.08_024,14] Obschon aber ein im Geiste
vollends wiedergeborener Mensch ganz nur ein vollkommener Mensch ist, so
besteht seine Wesenheit aber dennoch ewigfort in einer in sich wohl
unterscheidbaren Dreiheit.
[GEJ.08_024,15] Wie aber das, das will Ich
euch allen nun ganz klar dartun, und so habt denn auch alle wohl acht darauf!“
25. Kapitel
[GEJ.08_025,01] (Der Herr:) „Ihr merket an
jedem Dinge, so ihr nur ein wenig aufmerksam sein wollet, und an jeder Sache
ein unterscheidbares Dreifaches: Das erste, das euch in die Augen fällt, ist
doch sicher die Außenform; denn ohne diese wäre kein Ding und keine Sache
denkbar und hätte auch kein Dasein. Das zweite aber, so das erste einmal da
ist, ist offenbar der Inhalt der Dinge und der Sachen; denn ohne den wären sie
auch gar nicht da und hätten auch keine Form oder Außengestalt. Was ist denn
nun das dritte zum Dasein eines Dinges oder einer Sache ebenso Notwendige wie
das erste und zweite? Sehet, das ist eine innere, jedem Ding und einer jeden
Sache innewohnende Kraft, die den Inhalt der Dinge und Sachen gewisserart
zusammenhält und das eigentliche Wesen desselben ausmacht. Und weil eben diese
Kraft den Inhalt und somit auch die Außenform der Dinge und Sachen ausmacht, so
ist sie auch das Grundwesen von allem wie immer gearteten Dasein, und ohne sie
wäre ebensowenig ein Wesen, ein Ding oder eine Sache denkbar wie ohne einen
Inhalt und ohne eine äußere Form.
[GEJ.08_025,02] Ihr sehet nun, daß die
benannten drei Stücke an und für sich sicher wohl unterscheidbar sind, da die
Außenform nicht ihr Inhalt und der Inhalt nicht die ihn bedingende Kraft selbst
ist. Und doch sind die benannten drei Stücke völlig eins; denn wäre keine Kraft
da, so gäbe es auch keinen Inhalt und sicher auch keine Form desselben.
[GEJ.08_025,03] Gehen wir nun zu unserer
Seele zurück! Die Seele muß des sicheren und bestimmten Daseins wegen einmal
eine Außenform, die eines Menschen nämlich, haben. Die Außenform ist demnach
das, was wir den Leib oder auch das Fleisch nennen, ob noch materiell oder
vergeistigt substantiell, das ist da ganz einerlei.
[GEJ.08_025,04] Ist aber die Seele als ein
Mensch der Form nach da, so wird sie auch einen der Außenform entsprechenden Inhalt
haben. Dieser Inhalt oder innere Körper der Seele ist ihr eigenes Lebenswesen
selbst, also die Seele.
[GEJ.08_025,05] Ist das alles aber da, so ist
auch die Kraft da, die die ganze Seele bedingt, und diese ist der Geist, der am
Ende alles in allem ist, da es ohne ihn unmöglich eine gediegene Substanz und
ohne diese auch keinen Leib und somit auch keine Außenform gäbe.
[GEJ.08_025,06] Obschon aber die drei wohl
unterscheidbaren Persönlichkeiten im ganzen nur ein Wesen sind, so müssen sie
aber dennoch eigens als unterscheidbar benannt und erkannt werden.
[GEJ.08_025,07] Dem Geiste oder der ewigen
Essenz wohnt die Liebe inne als die alles bewirkende Kraft, die höchste
Intelligenz und der lebendig feste Wille; alles das zusammen erzeugt die
Substanz der Seele und gibt ihr die Form oder das Wesen des Leibes.
[GEJ.08_025,08] Ist die Seele oder der Mensch
also einmal da nach dem Willen und nach der Intelligenz des Geistes, so zieht
sich der Geist ins Innerste zurück und gibt der einmal daseienden Seele nach seinem
innersten Willen und nach seiner innersten Intelligenz einen wie von ihm
getrennten freien Willen und eine freie und gewisserart selbständige
Intelligenz, die sich die Seele teilweise durch äußere Wahrnehmungssinne und
teils durch ein inneres Innewerden also aneignet und dann so vervollkommnet,
als wäre die vervollkommnete freie Intelligenz ihr eigenes Werk.
[GEJ.08_025,09] Infolge dieses notwendig also
gestalteten Zustandes, in dem sie sich wie getrennt von ihrem Geiste fühlt, ist
eben die Seele auch einer sowohl äußeren wie inneren Offenbarung fähig.
Empfängt sie diese, nimmt sie sie an und tut danach, so fängt sie dadurch auch
an, sich mit ihrem Geiste zu einen und geht dadurch dann auch stets mehr in
dessen unbeschränkte Freiheit über, sowohl in Hinsicht der Intelligenz und der
Willensfreiheit nach eben der lichtvollen Intelligenz, wie auch in der Kraft
und Macht, alles das bewirken zu können, was sie erkennt und will.
[GEJ.08_025,10] Daraus aber könnet ihr wieder
erkennen, daß die Seele als der in die lebendige Substanz umgewandelte Gedanke
des Geistes, der im Grunde der Geist selbst ist, doch gewisserart als ein
zweites aus dem Geiste Hervorgehendes angesehen und betrachtet werden kann,
ohne deshalb ein anderes zu sein, als da ist der Geist selbst.
[GEJ.08_025,11] Daß endlich die Seele als ein
Individuum auch mit einem äußeren Leibe umkleidet erscheint, der gewisserart
als die dritte Persönlichkeit erscheint, das zeigt euch die tägliche Erfahrung.
Der Leib dient der Seele als eine äußere Offenbarung ihres innersten Geistes
und hat den Zweck, die Intelligenz und den freien Willen der Seele nach außen
zu kehren, zu beschränken und dann erst die innere Unbeschränktheit der
Intelligenz und des Willens und dessen wahrer Kraft zu suchen, sicher zu finden
und dadurch ein endlos verherrlichtes und völlig individuell selbständiges Eins
zu werden mit dem innersten Geiste, der immer selbst das alleinige Etwas und
durchgreifende Sein des Menschen ist.
[GEJ.08_025,12] Da ihr nun aus dieser Meiner
Erklärung hoffentlich einsehen müsset, wie ein Mensch in und für sich, so wie
auch in untergeordneten Graden ein jedes andere, aus einem gewissen
unterscheidbaren Drei besteht, so wollen wir zum Schlusse dieser
hochwichtigsten Beleuchtung und Verhandlung zu dem dreieinigen Wesen Gottes
selbst übergehen, auf daß ihr hell und klar einsehen möget, warum Ich euch
infolge der höheren und inneren lebendigen Wahrheit habe anbefehlen müssen, daß
ihr die Menschen, die an Mich glauben und Meine Lehre tatsächlich angenommen
haben, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes taufen, das
heißt stärken sollet.
[GEJ.08_025,13] Und so habt denn abermals
wohl acht darauf, was ihr nun zur wahrsten Vervollständigung des Ganzen aus
Meinem Munde vernehmen werdet!
[GEJ.08_025,14] Sehet, die Schrift der
Propheten, wie ihr das nun schon alle gar wohl wisset, sagt und erklärt, daß
Ich, namens Jesus, Christus – auch Menschensohn genannt, der wahre Gott sei,
obschon Er unter verschiedenen Namen, als Vater, Sohn und Geist bezeichnet und
benannt wird! Und dennoch ist Gott nur eine persönliche Herrlichkeit in der
vollkommensten Form eines Menschen.
[GEJ.08_025,15] Wie aber, euch nun schon
bekannt, die Seele, ihr Außenleib und ihr innerster Geist geeint sind also, daß
sie nur ein Wesen oder gewisserart am Ende nur eine individuelle Substanz
ausmachen, unter sich aber doch ein wohl unterscheidbares Drei sind, eben also
geeint sind der Vater, Sohn und Geist, wie das obenerwähnt auch klar lehrt die
Schrift der alten Väter und Propheten.
[GEJ.08_025,16] David sagte einst, daß seine
Seele, sein Leib und sein Geist vor Gott möchten als unsträflich befunden
werden. Wenn aber da die Worte des alten, weisen Königs also lauteten, könnte
man da nicht auch sagen und fragen: Wie? Besteht denn der Mensch aus drei
Personen oder aus drei Menschen? So aber das schon beim Menschen nicht angehen
kann, bei dem seiner Bildung und wahren Lebensvollendung wegen die Zerspaltung
seines Drei doch gar fühlbar notwendig da ist, – wie könnte dann erst Gott, der
in Sich von Ewigkeit her höchst vollendet nur Einer ist, in drei verschiedene
Personen oder gar in drei Götter zerteilt werden?“
26. Kapitel
[GEJ.08_026,01] (Der Herr:) „Höret! Wenn Gott
als der Schöpfer aller Wesen, aber dennoch unterschieden von allen andern von
Ihm geschaffenen Wesen, sicher ewig war, ist, und sein wird, legt Ihm das etwa
irgendeine unwandelbare Notwendigkeit, zu verharren im gewissen Urzentrum,
auf?! Wenn schon dem Menschen eine freie Bewegung nach jeder Richtung des
Leibes sogar und noch endlos mehr dem Geiste nach gegeben ist, wie sollte Sich
da allerfreieste Gott in dem beschränken, worin Er sogar Seinen Geschöpfen die
vollste Freiheit gab? Ich sage es euch: Die göttliche Unendlichkeit in allem
hat die Macht, Sich auch endlos frei zu bewegen! Ihr steht demnach sicher wohl
auch das Recht zu, Ihre Herrlichkeit ins Fleisch zu wandeln, um Selbst
gegenüber den von Ihr geschaffenen Menschen auch als ein ewig vollkommenster
Mensch schau- und begreifbar dazustehen.
[GEJ.08_026,02] Aber die Macht hat die endlose
Herrlichkeit Gottes nicht und kann sie unmöglich haben, andere, Ihr völlig
gleiche Gottheiten außer Sich zu schaffen; denn könnte Sie das, so müßte Sie
außerhalb des einen unendlichen Raumes auch noch mehrere ebenso unendliche
Räume erschaffen können, was wohl sicher jeder nur ein wenig helldenkende
Mensch schon von ferne für einen allerbarsten Unsinn ansehen und anerkennen
muß. Denn wenn der eine Raum nach allen denkbaren Richtungen hin unendlich ist,
wo sollte dann ein zweiter ebenso unendlicher Raum seinen Anfang nehmen?
[GEJ.08_026,03] Ein nur zweiter vollkommener
Gott mit der vollsten unendlichen Herrlichkeit ist demnach ebensowenig denkbar
wie ein zweiter unendlicher Raum, und ihr könnet daraus nun klar ersehen, daß
Ich als nun euch gleich auch ein Menschensohn im Fleische wandelnd kein
zweiter, sondern nur ein und derselbe Gott bin, der Ich vor aller Kreatur von
Ewigkeit her war und also auch bleiben werde in alle Ewigkeit. Ich kann darum
nichts wider Meine ewige Herrlichkeit tun, aber alles für dieselbe.
[GEJ.08_026,04] Würde Ich außer Mir noch zwei
Götter schaffen, wie etwa den Sohn und den Heiligen Geist, so daß dann beide
von Mir individuell unterschieden wären, so müßten sie ja notwendig auf alle
Meine Machtvollkommenheit Anspruch machen, da ohne diese kein Gott denkbar ist,
sowenig wie der Begriff eines zweiten und gar dritten vollkommen unendlichen
Raumes unter einer gewissen Teilung und gegenseitigen Beschränkung. Wenn aber
das denkbar möglich wäre, wie sähe es dann mit dem nur einen möglichen
Hoheitsrechte Gottes aus?
[GEJ.08_026,05] Es kann aber nur ein solches
endloses göttliches Hoheitsrecht geben! Denn gäbe es deren drei, so wäre das
endlose Einreich Gottes zersplittert, und sein Bestand wäre ebenso undenkbar
möglich wie der Bestand von drei unendlichen Räumen nebeneinander.
[GEJ.08_026,06] Das Einreich des nur einen
Gottes kann ewig bestehen, weil Er allein nur ein Einiger König und Herr
desselben ist, wie solches denn geschrieben steht in der Schrift der Propheten,
die aus dem Munde Gottes also geweissagt haben: ,Gott wird Seine Herrlichkeit
keinem andern geben‘ (Jes.42,8). Denn allein Ich, Christus, bin der Einzige
Gott! Menschen, Engel, Herrschaften und Gewalten, ja alle Dinge im Himmel und
auf allen Erden haben sich allzeit vor Mir gebeugt und werden sich auch in
Ewigkeit nur vor Mir beugen und nie vor einem andern, gleichwie auch alle für
eure Begriffe noch so endlos groß scheinenden Weltenschöpfungsräume von dem nur
einen unendlichen Schöpfungsraume verschlungen werden und ihm gegenüber als
völlige Nichtigkeiten erscheinen.
[GEJ.08_026,07] Wenn unter dem Namen Vater,
Sohn und Heiliger Geist nicht ein für Sich bestehender, grund- und einwesiger
Gott zu verstehen wäre und man anstatt dessen einen von dem Vater
unterschiedenen Sohn und ebenso einen unterschiedenen Heiligen Geist annehmen
müßte, – was für ein Gott wohl müßte dann der Vater sein?
[GEJ.08_026,08] Wenn nach der Schrift der
Propheten, die der grobe, selbstverschuldete Unverstand der Menschen nicht
faßt, der Vater den Sohn mit aller Macht und Gewalt im Himmel und auf allen
Erden und Welten bekleidet und den Heiligen Geist als einen Mitwirker Ihm
beigesellt hat behufs der Heiligung und Bewaltung der nun euch gegebenen neuen
Lehre aus den Himmeln, zu deren Haupt eben nur der Sohn, den Ich vorstelle, wie
auch zum Haupte aller andern Dinge gemacht ist, so frage Ich euch: Was für
einen Gott machet ihr dann da aus dem Vater? Könnet ihr überhaupt noch einen
Gott aus Ihm machen?
[GEJ.08_026,09] Und könnet ihr euch in der
materiell-menschlichen Blindheit noch einen vorstellen, so müsset ihr Ihn euch
offenbar als müßig und tatlos vorstellen, da ihr doch offenbar einsehen müßt,
daß Er bei so bewandten Umständen nichts mehr zu wirken und auch nichts mehr zu
regieren hätte. Ihr müßtet euch nur nach der höchst finsteren menschlichen Art
vorstellen, daß der Gott-Vater etwa wegen Seines hohen Alters gleich dem alten
Könige Pharao in Ägypten, der die Regierung dem Joseph übergab, auch nun also
Seiner Schwäche und Mühseligkeit wegen sie dem Sohne für ewig übergeben habe,
damit Er Sich nun in Seiner Ruhe ganz müßig könne wohlgeschehen lassen!
[GEJ.08_026,10] Könnet ihr euch wohl denken,
daß der Vater alt geworden sei, und daß Er Sich nun zur Ruhe setzen wolle,
indem Er nun außer Sich einen vollkommen Ihm gleich allmächtigen Sohn und
weiter noch einen gleich allmächtigen Heiligen Geist habe, den Er etwa aus Sich
und Seinem Sohne hervorgebracht habe, denen Er nun die ganze Regierung
übergeben und, Sich Selbst abdankend, überweisen wolle?
[GEJ.08_026,11] Oh, wie überheidnisch dumm,
blöde und blind müßte da der Menschenverstand sein, dem es möglich würde, in
solch eine Raserei zu geraten!
[GEJ.08_026,12] Besteht ein Sohn und ein
Heiliger Geist unterschieden von und außer dem Vater im Gleichen, wie da bestehen
Engel und Menschen, so können sie weiter nichts als nur Seine Geschöpfe sein,
weil sie ihr etwa noch so vollkommenes Wesen nur von dem einen Schöpfer und
nicht aus sich infolge der höchsteigenen und ewigen Machtvollkommenheit
erhalten haben.
[GEJ.08_026,13] Wie aber kann da eine
vollkommene, göttliche Verwandtschaft oder eine wesentliche Einheit zwischen
einem Geiste ohne Leib und Form und einem Geiste mit Leib und Form bestehen?
Kann von dem Sohne, der eine leibliche Person ist und, wie ihr sehet, einen
Körper hat, gesagt werden, daß Er in dem Vater sei, wenn der Vater keinen Leib,
keine Gestalt und keine Form hat? Oder kann der leib-, gestalt- und formlose
unendliche Vater im Sohne sein?
[GEJ.08_026,14] Weiter: Wenn der Heilige
Geist eine vom Vater und Sohne ausgehende dritte für sich dastehende Person
ist, wie kann sie da mit beiden gleich geeigenschaftet und gleich ewig sein?
Oder kann das, was sein Sein von einem andern erhält, gleich sein dem, das sein
Sein ewig aus sich selbst hat? Kann je die Ewigkeit gleich sein der stets
flüchtigen Zeit oder ein beschränkter Raum der Unendlichkeit?
[GEJ.08_026,15] Wenn man auch annehmen kann,
daß alle Zeiten der Zeiten in der Ewigkeit stecken, sich bewegen und verändern,
so kann man aber unmöglich denken, sagen und behaupten, daß die Ewigkeit in der
irgend noch so lange währenden Zeit enthalten ist, gleichwie man auch wohl
denken, sagen und behaupten kann, daß da alle noch so großen, aber endlich doch
noch begrenzten Räume sicher wohl im endlosen Urraume enthalten sind, aber
dieser unmöglich auch in ihnen.
[GEJ.08_026,16] Wenn sonach der Heilige Geist
wirklich gleich einem andern Geschöpf vom Vater und Sohn als eine für sich
wesenhafte Person ausginge, dann wäre er ja offenbar ein Gott der Zeit und
nicht der Ewigkeit! Ein solcher Gott aber könnte dann, wie alles Zeitliche, mit
der Zeit aufhören zu sein! Wenn aber das, wer würde und könnte dann allen
Menschen und Engeln ein ewiges Dasein geben und erhalten?!
[GEJ.08_026,17] Damit euch aber diese
allerhöchst wichtige Sache noch heller und klarer einleuchtend wird, so
verfolgen wir dieses Thema noch weiter, und ihr höret Mich!“
27. Kapitel
[GEJ.08_027,01] (Der Herr:) „Wenn ferner der
Sohn von Ewigkeit her war, wie konnte Er gezeugt werden? Und wenn der Heilige
Geist eben auch von Ewigkeit her war, wie konnte er vom Vater und Sohn ausgehen
und also seinen Ursprung nehmen? Wenn nach eurem Sinne und Verstand die von
euch beanstandeten drei göttlichen Personen, aus denen die späteren Menschen
leicht drei Götter machen könnten, insgesamt ewig, das heißt ohne Anfang sind,
so konnte dann ja nicht einer dem andern den Anfang des Seins geben!
[GEJ.08_027,02] Ich bin, als nun ein Mensch
im Fleische vor euch, der Sohn und bin niemals von einem andern als nur von Mir
Selbst gezeugt worden und bin eben darum Mein höchsteigener Vater von Ewigkeit.
Wo anders könnte da der Vater sein als nur im Sohne, und wo anders der Sohn als
nur im Vater, also nur ein Gott und Vater in einer Person?
[GEJ.08_027,03] Dieser Mein Leib ist sonach
die verherrlichte Gestalt des Vaters der Menschen und Engel wegen, damit Ich
ihnen ein begreiflicher und schaubarer Gott bin, und ihr könnet Mich nun
schauen, hören und sprechen und doch leben dabei! Denn ehedem hieß es, daß Gott
niemand sehen und dabei leben könne. Ich bin denn nun durchgängig Gott; in Mir
ist der Vater, und die von Mir nach Meiner Liebe, Weisheit und nach Meinem
allmächtigen Willen ausgehende Kraft, die den ewig endlosen Raum allenthalben
erfüllt und auch überall wirkt, ist der Heilige Geist.
[GEJ.08_027,04] Ich, wie ihr Mich nun als
Gottmenschen unter euch sehet, bin mit Meiner ganzen Urzentralwesenheit sicher
vollkommen und ungeteilt unter euch hier in diesem Speisesaale auf dem Ölberg
und befinde Mich darum als ein wahrster Gott und Mensch zugleich nirgends
anderswo, weder auf dieser Erde und noch weniger auf einer andern; aber durch
die von Mir ausgehende Kraft, die da ist der Heilige Geist, erfülle Ich wirkend
dennoch alle Himmel und den irdisch materiellen und endlosen Raum. Ich sehe da
alles vom Größten bis zum Kleinsten, kenne alles, weiß um alles, verordne alles
und schaffe, leite und regiere alles.
[GEJ.08_027,05] Wenn ihr aber nun solches
wohl wisset aus Meinem Munde, so werdet ihr auch verstehen, aus welchem Grunde
ihr die Menschen, die an Mich glauben und nach Meiner ihnen bekanntgemachten
Lehre auch handeln werden, im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen
Geistes durch die Auflegung der Hände stärken sollet.
[GEJ.08_027,06] So ihr nun den Grund
einsehet, da werdet ihr auch einsehen, daß infolge der Nennung der drei
Eigenschaftsnamen die Menschen, so sie von euch wahr und richtig unterrichtet
werden, nicht leicht auf die Idee von drei persönlich wesenhaften Göttern
verfallen werden. Aber Ich lege euch das denn auch teuerst ans Herz, daß ihr
den Menschen allenthalben ein rechtes und wahrheitsvolles Licht gebet; denn wo
es an dem gebrechen wird, da werden die Menschen denn auch leicht und bald
verkümmern und in allerlei Irrlehren übergehen, und es wird dann schwerhalten,
sie auf die Wege der vollen Wahrheit zu bringen.
[GEJ.08_027,07] Daß aber auch bei aller eurer
Treue dennoch falsche Lehrer und Propheten aufstehen und gar viele Menschen
verführen werden, das werdet ihr wohl nicht zu verhindern vermögen, und es wird
euch das auch nicht zur Last gerechnet werden, sowenig als es einem Landmann,
der reinen Weizen auf seinen Acker säte, und dem sein Feind zur Nachtzeit
Unkraut darunter streute, zur Sünde gerechnet werden kann, so auf seinem Acker
unter dem Weizen das Unkraut wuchert und die gute Frucht schwächt.
[GEJ.08_027,08] Es ist wohl Mein
Liebeswunsch, daß alle Menschen dieser Erde die lichten Wege der Wahrheit
betreten und auf denselben dem ewigen Leben zuwandeln möchten; aber weil Ich
Mich aus euch schon bekanntgegebenen Gründen mit Meiner Allmacht da völlig
zurückziehen muß, so ist ein jeder Mensch völlig frei und kann am Ende glauben
und tun, was er selbst will.
[GEJ.08_027,09] Ihr aber werdet bei der
Weiterverbreitung Meiner Lehre am besten tun, so ihr den Verstand und mit
demselben das Gemüt der Menschen bearbeitet. Denn wo einmal der Verstand und
das Gemüt durchdrungen sind, da wird der Glaube durch den guten Willen lebendig
und erfolgvoll tätig; ohne die rechte Aufhellung des Verstandes und Gemütes
aber bleibt der Glaube nur eine stumme und blinde Annahme dessen, was der
Mensch von irgendeiner autorisierten Seite her vernommen hat. Solch ein Glaube
aber ist so gut wie nahe gar keiner; er belebt das Gemüt nicht zur freiwilligen
und das Herz beglückenden Tat und ist sonach denn auch tot, weil er ohne freie
und Freude erzeugende Werke ist.
[GEJ.08_027,10] Werke aber, die der Mensch
durch ein äußeres Muß erzwungen verrichtet, haben für die Seele keinen Wert, da
sie dieselbe nicht beleben, sondern erdrücken, weil sie nicht freiwillig aus
innerer Überzeugung mit Freude, sondern nur aus Furcht vor der angedrohten
Strafe unter geheimem Ärger, Grimm und Zorn vollbracht werden.
[GEJ.08_027,11] Wenn Ich aber schon zu euch
sage, daß ihr so vollkommen in der Erkenntnis und reinen Liebe sein sollet, als
wie vollkommen da ist der Vater im Himmel, so sollen das auch eure Jünger sein!
Darum sage Ich euch noch weiter: Prüfet alles wohl zuvor, und behaltet dann das
Gute und Wahre!
[GEJ.08_027,12] Was Ich euch aber anrate, daß
ihr es für euch selbst beachten möget, das tut auch euren einstigen Jüngern!
Ich könnte von euch nun ja auch gar wohl verlangen, daß ihr Mir auch ohne
weitere Erklärungen glaubet, was Ich euch sage und zu tun anrate, denn die
Zeichen, die Ich vor euren Augen gewirkt habe, haben Mir doch sicher jene
Autorität verschafft, die euch nötigt, Mir zu glauben; aber ein solcher
genötigter Glaube ist noch lange kein inneres Licht der Seele und belebt sie
nicht freudig zur Tat.
[GEJ.08_027,13] Daß es aber also ist, das
beweiset ihr durch euer beständiges Fragen, und ihr bekennet dadurch offen, daß
der pure Autoritätsglaube der Seele viel zu wenig Licht bietet, dessen Mangel
euch dann erst Meine Erklärungen in euch decken. Wenn ihr aber nun neben allen
Meinen gewirkten Zeichen und Lehren noch immer helle Erklärungen verlanget und
diese euch wohltun, so werden das auch eure Jünger von euch verlangen, und ihr
sollet damit nicht sparsam sein, so ihr dem Auftreten der falschen Propheten
nach aller Möglichkeit steuern wollet!
[GEJ.08_027,14] Ihr werdet auch Zeichen
wirken, und die Falschen werden durch allerlei Trugwerk dasselbe tun, und es
werden daher die von euch gewirkten Zeichen stets ein magerer Beweis für die
Echtheit der von euch dem Volke gepredigten Lehren sein und bleiben; aber was
ihr dem Verstande und dem Gemüte der Menschen durch lichtvolle Worte einprägen
werdet, das wird als ein lebendiger Beweis für die Wahrheit der Lehre aus
Meinen Himmeln ewig unvertilgbar bleiben. Solch eine hell begriffene Wahrheit
wird euch und eure Jünger dann erst vollends frei machen. – Und nun habe Ich
euch allen wieder vieles enthüllt und euch viel Licht gegeben und frage euch
darum abermals, ob ihr das auch wohl begriffen habt.“
[GEJ.08_027,15] Sagten alle: „Ja, Herr und
Meister, das haben wir nun gar wohl begriffen; denn nun hast Du wieder einmal
ganz frei und offen geredet!“
[GEJ.08_027,16] (Hierauf sagte Ich:) „Es ist
noch Zeit; so jemand noch weiter etwas wissen will, der komme und frage!“
28. Kapitel
[GEJ.08_028,01] Auf diese Meine Aufforderung
erhob sich einer der gewissen Judgriechen, die da schon bekannt sind, und
sagte: „Herr und Meister, wir haben bis jetzt aus Deinem Munde, wie auch durch
Deine Zulassung aus dem Munde Raphaels schon so viele und lichtvollste
Wahrheiten vernommen, daß ich nun wahrlich hin und her denken kann, wie ich
will und mag, und ich finde nichts mehr, das mir unbekannt wäre, und es wird
darum einem jeden von uns nun schwer werden, Dich noch über etwas zu fragen,
worüber Du uns noch keine Erklärung gegeben hättest. Was Du uns aber erklärt
hast, das ist auch also erklärt, daß es selbst ein ganz einfacher Verstand ganz
hell fassen und begreifen muß, und so bleibt uns nun nahe schon gar nichts mehr
übrig, um das wir Dich fragen und dabei um eine noch hellere Beleuchtung bitten
könnten.“
[GEJ.08_028,02] Sagte Ich: „Wohl deiner
Seele, wenn sie nun schon so viel Lebenslicht eingesogen hat! Wenn du aber
schon in dir keinen unerleuchteten Winkel mehr finden kannst, so wird schon
etwa ein anderer sich finden, der in sich noch so manche Dunkelheit verspüren
wird, und mit der Zeit vielleicht auch wieder du selbst!“
[GEJ.08_028,03] Als der Judgrieche solches
von Mir vernommen hatte, verneigte er sich vor Mir und setzte sich auf seinen
Platz.
[GEJ.08_028,04] Darauf sagte aber Lazarus:
„Herr und Meister, ich hätte wohl noch so einige dunkle Winkel in mir; wenn Du
sie mir gnädigst aufhellen wolltest, so würde das für meine Seele ein großes
Labsal sein!“
[GEJ.08_028,05] Sagte Ich: „Wohl kenne Ich,
wonach es dich dürstet, und Ich könnte dir auch darüber eine lichtvollste
Antwort ins Herz legen; aber da es sich hier um die Erleuchtung aller hier
Anwesenden handelt und damit auch so mancher von euch allen gewahren möge, ob
es in ihm wohl schon vollends hell ist, so frage du nur offen, und Ich werde
dir auch vor allen laut und offen antworten!“
[GEJ.08_028,06] Sagte darauf weiter Lazarus:
„Herr und Meister! Nach dem, was Du uns erklärt hast von den großen Sphären und
Weltkörpern, von den Hülsengloben und von dem Großen Schöpfungsmenschen, ist es
mir über die schaudererregende endlose Größe des ewig unbegrenzten Raumes nicht
unbedeutend hell geworden; aber ich habe da doch bald darauf eine sehr große
und sehr finstere Kluft gefunden, über die auch mein kühnster Gedanke nicht zu
fliegen wagte!
[GEJ.08_028,07] Siehe, daß der Schöpfungsraum
unendlich ist und also nach keiner Richtung hin je ein Ende haben kann, das ist
mir und auch sicher jedem andern klar! Aber wie sieht es mit dessen ewigem Bestande
aus? Wer hat ihn so endlos weit ausgedehnt, und wie und wann? Was ist so ganz
eigentlich die Ewigkeit, und wie ist in der Zeit und im Raume Gott Selbst ewig
und in allem unendlich? Siehe, Herr und Meister, es ist das für einen
sterblichen Menschen zwar Dir gegenüber eine sicher höchst ungeschickte Frage;
aber was kann da die auch in dieser Sphäre nach Licht dürstende Seele dafür,
wenn solche Gedanken in ihr wach werden?“
[GEJ.08_028,08] Sagte Ich: „Du nanntest das
eine Mir gegenüber höchst ungeschickte Frage; Ich aber heiße sie eine ganz gute
und sehr geschickte Frage und will euch allen darauf auch eine möglichst helle
Antwort erteilen!
[GEJ.08_028,09] Seht! Gott, Raum und Ewigkeit
sind wieder gleich den Begriffen Vater, Sohn und Geist. Der Vater ist
durchgehend Liebe und sonach ein ewiges Streben nach dem vollendetsten Sein
durch die Kraft des ewigen Willens in ihr. Der Raum oder der Sohn ist das aus
dem ewigen Streben der Liebe auch ewig gleich hervorgehende Sein, und die
Ewigkeit oder der Geist als die endlose Urkraft im Vater und Sohne ist die
Bewegung und Effektuierung (Verwirklichung) der Bestrebungen der Liebe im
Sohne.
[GEJ.08_028,10] Hätte der Raum einmal etwa
wie aus einem Punkte sich ins Endlose nach allen Richtungen hin auszudehnen
angefangen, so wäre er erstens bis zur Stunde ebensowenig unendlich, als es für
sich der Große Schöpfungsmensch ist. Zweitens aber stellt sich von selbst die
Frage auf, was dann das war, das sicher nach allen erdenklichen Richtungen
endlos weit hinaus den Punkt umgeben hat, aus dem dann erst der unendliche
Schöpfungsraum sich ausgedehnt hat. War das der lichtlose Äther, oder war es
das heidnische Chaos, oder war das eine völlig feste Masse, oder war es Luft
oder Wasser oder Feuer?
[GEJ.08_028,11] Wenn es eines von den
benannten Dingen war, wie hat der Raumpunkt in sich die Kraft haben können,
solche endlosen Massen von sich hinaus ins unendlichmal Unendliche zu
verdrängen, und wohin sind dann die verdrängten Massen gekommen, so aus dem
ursprünglichen Punkte der ewig unendliche Raum hervorgegangen sein soll? Sie
müßten sich dann notwendig außerhalb des unendlichen Raumes befinden, wie sie
sich ursprünglich außerhalb des Punktes befunden haben, aus dem der endlose
Raum hervorgegangen sei. Wenn aber das auch nur zu denken möglich wäre, so wäre
der Schöpfungsraum ja dennoch wieder begrenzt und beschränkt und würde auch bei
einem ewig andauernden sich weiter und weiter Ausdehnen dennoch nie unendlich
werden.
[GEJ.08_028,12] Ihr erseht aus dem, daß der
Schöpfungsraum notwendig ewig nach allen Richtungen hin unendlich war und nie
einen Anfang hat nehmen können, und da Gott, Raum und Ewigkeit identisch sind,
wie Ich euch das schon gezeigt habe, so ist Gott, der alle diese Begriffe in
Sich vereinigt, ja auch ohne Anfang, weil ein Anfang von Gott ebenso unmöglich
zu denken ist wie der Anfang im Werden des unendlichen Raumes und mit ihm der
ewigen Zeit. Ich meine, daß das nun schon so hinreichend klar dargetan ist, daß
ein jeder darüber vollends im klaren sein kann.
[GEJ.08_028,13] Aber Ich sehe dennoch eine
gewisse dunkle Klippe in euch, über die ihr noch nicht hinwegzukommen imstande
seid. Und sehet, diese Klippe besteht darin, daß ihr euch den endlosen und
ewigen Raum als an und für sich tot und ohne alle Lebensintelligenz seiend
vorstellt und daher auch nicht begreifen könnet, wie Gott als das alleinige
ewige Lebensprinzip Sich im ewigen und endlosen Tode gewisserart Selbst
gefunden und Sich als das vollendetste Leben erkannt und begriffen hat.
[GEJ.08_028,14] Ja, wenn man vom endlosen und
ewigen Schöpfungsraume sich den Begriff macht, dann kann man freilich auch
schwer oder gar nicht begreifen, wie der unendliche Geist – Gott – Sich im ewig
unendlichen Tode als ein vollendetstes Leben auch von Ewigkeit her hat
zurechtfinden können!
[GEJ.08_028,15] Machet euch daher gerade die
entgegengesetzte Vorstellung vom ewig unendlich großen Raume, denket euch, daß
es in ihm nicht einmal ein leb- und intelligenzloses Pünktchen gibt, und daß
selbst das, was vor euch wie tot und völlig leblos sich darstellt, nicht tot
und leblos, sondern nur von dem allmächtigen Willen Gottes also gerichtet ist,
wie ihr das an einem Weltkörper selbst oder an seinen leblos scheinenden
Bestandteilen gar wohl bemerken könnet!
[GEJ.08_028,16] Wenn aber alle Weltkörper und
ihre mannigfachsten Bestandteile nichts anderes sind und sein können als durch
den allmächtigen Willen Gottes fixierte Ideen und Gedanken Desselben, wie
können sie dann von den Menschen für tot und völlig intelligenzlos angesehen
werden?
[GEJ.08_028,17] Wenn Gott, der mit dem
endlosen Raume und seiner ewigen Zeit identisch, aber durchgängig in Sich das
höchste und allervollendetst vollkommene Leben ist, wie möglich soll dann das,
was nur aus Ihm hervorgeht, tot, leb- und intelligenzlos sein?!
[GEJ.08_028,18] Was demnach als daseiend euch
wie tot vorkommt, das ist nur also von Gott aus gerichtet und kann wieder ins
völlig freie Leben zurückkehren, sobald Gott an solch einem gerichteten Dinge
die festen Bande Seines Willens löst.
[GEJ.08_028,19] Ihr habt desgleichen von Mir
Selbst und durch Meine Zulassung auch von Raphael bewerkstelligen sehen, als da
Steine entweder plötzlich in den ursprünglichen Lebensäther verwandelt wurden
oder dieser zu einem festen Steine wurde, wovon euch die Säule am Wege gen
Emmaus sicher ein sehr handgreifliches Beispiel bietet.
[GEJ.08_028,20] Wenn aber das alles also und
unmöglich anders sich verhält, so müsset ihr, um zu lebendig wahren Begriffen
über Gott zu gelangen, allen Tod aus dem endlosen Raume vollends verbannen und
euch nichts als Leben über Leben und Intelligenz über Intelligenz vorstellen,
weil es in dem unendlichen Intelligenz-Machtwesen Gottes ewig keinen Tod geben
kann.“
29. Kapitel
[GEJ.08_029,01] (Der Herr:) „Daß dem mit
einem eigenen Lebensbewußtsein begabten Menschen aber der endlose
Schöpfungsraum und das gar endlos viele in ihm Enthaltene wie stumm, tot und
intelligenzlos vorkommt, hat seinen weisesten Grund darin, daß sein
Lebensbewußtsein wegen der Gewinnung der vollsten, Mir ähnlichen Lebensselbständigkeit
durch Meinen Willen von dem allgemeinen Lebensbewußtsein und dessen endlosester
und höchster Intelligenz völlig abgesondert ist, damit es sich in sich selbst
finde und sich dadurch zum ewigen Selbstfortbestande auf dem ihm wie von außen
her geoffenbarten Wege auch selbst bilde und befestige.
[GEJ.08_029,02] Solange aber ein Mensch mit
sich selbst wegen der Gewinnung seiner Lebensselbständigkeit zu tun hat, ahnt
er kaum, daß er von lauter Leben und von der höchsten Lebensintelligenz umgeben
und seinem Leibe nach auch durchdrungen ist, ohne dessen er eigentlich gar
nicht da wäre. Wenn er aber nach dem ihm geoffenbarten Willen Gottes mit sich
selbst fertig geworden ist, indem sein innerster Geist ihn ganz durchdrungen
hat, da tritt der ganze Mensch dann auch in den freien Verband mit dem höchsten
Leben und dessen lichtester Intelligenz in der allgemeinsten Unendlichkeit
Gottes, ohne dabei sein Selbstisches und Persönliches zu verlieren. Dann aber
gewahrt er außer sich auch keinen toten und stummen Raum und keine toten Steine
mehr, sondern da wird für ihn alles Leben und lichte, sich selbst wohlbewußte
Intelligenz.
[GEJ.08_029,03] Daß es aber also ist und sich
verhält, beweist euch ja zuerst klar Meine von euch oft erprobte Allwissenheit.
Wie könnte Ich denn um gar endlos vieles und alles wissen, wenn der Raum
zwischen Mir, das heißt Meiner individuell-persönlichen Wesenheit, und zum
Beispiel der Sonne oder einem andern noch um gar vieles ferneren Objekte ein
lebloser und ein intelligenzloser wäre? Und zweitens beweist das auch schon die
Weisheit gar vieler Menschen, die, obwohl ihren Ort nicht verlassend, um gar
vieles wissen, was irgend in weiter Ferne sich befindet, wie und was mit
demselben vor sich geht oder erst in der Folge vor sich gehen wird.
[GEJ.08_029,04] An den sieben Ägyptern habt
ihr gleich ein sprechendes Beispiel. Wer hat sie benachrichtigt, daß Ich da
sei? Sie wurden in sich aus der großen und allgemeinen Intelligenz dessen inne,
wie auch des Weges, der sie hierher brachte. Wäre der Raum zwischen hier und
Oberägypten ein leb- und intelligenzloser, so wären sie dessen auch unmöglich
innegeworden, was hier ist und geschieht.
[GEJ.08_029,05] Des Menschen Seele ist in
ihrem Leibe nur durch eine gar dünne, mit der allgemeinen Lebensintelligenz in
keiner Verbindung stehenden Wand getrennt, und das genügt, daß sie in ihrem
natürlichen Zustande zumeist gar keine Ahnung nur von dem hat, was oft
zunächst, als hinter ihrem Rücken, ist und geschieht, und auch nicht einmal den
tausendmal tausendsten Teil von dem begreift, was vor ihren Augen ist und
vorgeht. Und das macht alles die höchst dünne, obbezeichnete Scheidewand
zwischen ihrem speziellen und dem allgemeinsten endlosen Raumleben. Wenn aber
diese Scheidewand von einer großen Dichte und Ausdehnung wäre, was würde dann
erst so eine mächtig isolierte Seele von dem wissen, was sie nach allen
Richtungen hin umgibt?!
[GEJ.08_029,06] Daß aber eine Seele dann und
wann aus nur Mir bekannten Gründen durch eine stärkere und dichtere Scheidewand
von dem allgemeinen allerintelligentesten Gottleben getrennt ist, das könnet
ihr an den Blöden, Stummen und sogenannten Trottelmenschen gar wohl ersehen;
eine solche Seele ist darum auch nur einer sehr mageren und dann und wann auch
gar keiner Bildung fähig.
[GEJ.08_029,07] Warum aber auch das
zugelassen wird, das weiß Ich gar wohl, und etliche von Meinen alten Jüngern
wissen es teilweise auch; ihr andern aber werdet alles dessen schon noch
innewerden.
[GEJ.08_029,08] Tierseelen, wie auch die der
Pflanzen, aber sind von dem allgemeinen Gottraumesleben nicht strenge
geschieden und sind darum aus dem Innewerden zu dem ohne allen Unterricht
geschickt, wozu sie ihrer Beschaffenheit und Einrichtung nach bestimmt sind.
Jedes Tier kennt seine ihm zusagende Nahrung und weiß sie zu finden; es hat
seine Waffen und weiß sie ohne alle Übung zu gebrauchen.
[GEJ.08_029,09] So kennt auch der Geist der
Pflanzen genauest den Stoff im Wasser, in der Luft und im Erdreich, der seiner
besonderen Individualität dienlich ist. Der Geist oder die Naturseele der Eiche
wird nimmer und niemals den Stoff an sich ziehen, von dem die Zeder ihr Sein
und Wesen schafft. Ja, wer lehrt denn das eine Pflanze, daß sie gleichfort nur
den für sie bestimmten Stoff an sich ziehen mag? Seht, das alles ist die Wirkung
der höchsten und allgemeinsten Raumlebensintelligenz; aus dieser schöpft eine
jede Pflanzen- und Tierseele die ihr speziell nötige Intelligenz und ist dann
nach deren Weisung tätig.
[GEJ.08_029,10] Wenn aber also, wie das ein
jeder Mensch aus der Erfahrung allzeit ersehen und wohl erkennen kann, so ist
es ja klar, daß der endlose Raum und alles in ihm ein Leben und eine
allerhöchste Intelligenz ist, von der die Menschenseele nur darum kein
erschauliches Innewerden hat, damit sie mittels ihrer abgesonderten Intelligenz,
die von höchst großem Umfange ist, ihre bleibende Lebensselbständigkeit sich
erschaffen kann, was aber keine Pflanzen- und Tierseele vermag und darum für
sich keine gesonderte, sondern nur eine mengbare und sonach bis zur
Menschenseele hin eine unzählig oftmalige Veränderungsexistenz hat, von der ihr
auch keine Erinnerung zurückbleibt, weil sie nach jeder Mengung und
Wesensänderung auch in eine andere Intelligenzsphäre übergeht.
[GEJ.08_029,11] Selbst die Seele des
Menschen, als die höchst potenzierte Zusammenmengung von Mineral-, Pflanzen-
und Tierseelen, hat für ihre Präexistenzen keine Rückerinnerung, weil die
speziellen Seelenteile in den obbenannten drei Reichen keine eigene und streng
gesonderte, sondern für ihre Art nur aus dem allgemeinen Gottraumleben
gewisserart entliehene Intelligenz besaßen. Es sind zwar in einer Menschenseele
alle die zahllos vielen speziellen Vorintelligenzen vereinigt beisammen, und
das bewirkt, daß die Menschenseele aus sich alle Dinge wohl erkennen und
verständig beurteilen kann, aber ein spezielles Rückerinnern an die früheren
Bestands- und Seinsstufen ist darum nicht denkbar und möglich, weil in der
Menschenseele aus den endlos vielen Sonderseelen nur ein Mensch geworden ist.
[GEJ.08_029,12] Wenn aber der Mensch von dem
Geiste alles Lebens und Lichtes vollends durchdrungen wird, so wird er solche
Ordnung auch also in sich erschauen, wie Ich Selbst sie in Mir ewig und allzeit
erschaue, daß nämlich aus Mir alles besteht und Ich Alles in Allem bin. – Und
nun sage Mir, du Freund Lazarus, ob du das alles nun auch wohl begriffen hast!
Und es steht auch einem jeden von euch frei, sich darüber zu äußern.“
30. Kapitel
[GEJ.08_030,01] Sagte nun Lazarus: „Herr und Meister!
Diese Deine nunmalige Erklärung übertrifft alles, was wir bis jetzt von Dir
gehört und gesehen haben, und es wird mir erst jetzt vollends klar, warum Du
Selbst zu uns Menschen als Selbst Mensch gekommen bist, um uns zu belehren über
Gott und über uns selbst: weil wir von Dir aus bestimmt sind, ewig fortzuleben
in der höchstmöglichen Selbständigkeit, was wir aber erst durch unsere
Selbsttätigkeit nach Deiner Lehre uns frei erringen müssen, wollen und mit
Deiner Hilfe auch werden.
[GEJ.08_030,02] Jetzt erst haben wir einen
vollständig richtigen Begriff über Dich und auch über uns selbst und wissen
auch, warum dies und jenes zu tun notwendig ist; denn ohnedem wäre es wohl
keinem Menschen möglich, das wahre, ewige Leben zu erringen. Nun kennen wir das
Wesen Gottes wahrhaft und kennen aber auch uns selbst. Nun ist es also denn
auch ein leichtes, auf dem wohl erleuchteten Wege zum Leben fortzuwandeln. Aber
wie viele tausendmal Tausende von Menschen haben keine Ahnung von allem dem und
sind genötigt, den Weg des Verderbens fortzuwandeln! Wann sie möglich daraus,
so wie wir nun, werden erlöst werden können, das weißt Du allein; uns aber
bleibt nur der Wunsch übrig, daß die Menschenseelen sobald als möglich aus der
zu großen Drangsal möchten befreit werden. Denn je heller und freier wir nun
durch Deine Gnade werden, desto mehr und tiefer fühlen wir auch das Unglück
aller derer, denen diese Gnade nicht zuteil wird.
[GEJ.08_030,03] Aber was läßt sich da machen?
Wenn Du Selbst das also zuläßt aus Dir bekannten, sicher höchst weisen Gründen,
so muß das denn auch uns also recht sein. Aber wie lange wird das noch dauern,
bis alle Menschen auf der ganzen Erde eines Glaubens, eines Lichtes und eines
wahren Brudersinnes werden?“
[GEJ.08_030,04] Sagte darauf auch Agrikola:
„Ja, das ist auch fortwährend mein Kummer! Auch mich fängt mein stets helleres
Licht im Herzen darum ganz ordentlich zu beengen an, weil ich dabei den Abstand
der andern, beinahe gesamten Menschheit nur zu klar erschaue. Herr und Meister,
Dir ist die Zukunft so bekannt, wie Dir sicher alle unsere Gedanken und Wünsche
bekannt sind, und so könntest Du uns schon auch eine ganz bestimmte Zeit
angeben, in der doch sicher der größte Teil der Menschen sich eines höheren und
wahren Lebenslichtes wird zu erfreuen haben!“
[GEJ.08_030,05] Sagte Ich: „Es ist dem
Menschen, solange er auf dieser Erde als im Geiste noch nicht völlig
wiedergeboren wandelt, eben nicht gar besonders zum Guten dienlich, wenn er um
gar zu vieles weiß, und die ihm zu klar enthüllte Zukunft würde sein noch zu
wenig starkes Gemüt erdrücken und leicht zur Verzweiflung bringen.
[GEJ.08_030,06] Bedenke du nur den einzigen
Umstand, wie es den Menschen zumute wäre, so sie ganz bestimmt wüßten, in
welcher Zeit und Stunde sie dem Leibe nach sterben werden! Es ist ihnen schon
unangenehm zu wissen, daß sie sicher sterben müssen; wie noch unangenehmer wäre
es ihnen, auch das Jahr, den Tag und die Stunde zu wissen, wann der Leibestod
über sie kommen werde!
[GEJ.08_030,07] Ah, etwas ganz anderes ist es
mit dem hier schon völlig im Geiste alles Lebens wiedergeborenen Menschen, der
sein künftiges Leben schon in aller Klarheit in sich hat und allerwahrst und
lebendigst fühlt! Der kann seines Leibes Ziel und Ende schon ganz genau zum
voraus wissen; denn die Zeit der Abnahme der schweren Bürde wird ihn nicht mit
Trauer, sondern nur mit einer höchsten Freude erfüllen. Aber bei einem
gewöhnlichen Menschen würde solch eine bestimmte Voraussicht sicher von einer
höchst traurigen Wirkung sein.
[GEJ.08_030,08] Darum forschet auch ihr nicht
zu emsig nach der Gestaltung der Zukunft, sondern begnüget euch mit dem, was
ihr als zum Heile eurer Seele Nötiges wisset, und dann auch mit dem, daß Ich in
Meiner Liebe und Weisheit darum weiß und sicher alles so werde kommen lassen, wie
es zu jeder Zeit für die gute oder auch entartete Menschheit sicher noch immer
am besten sein wird, und ihr werdet dann auch jede böse und gute Zukunft
erträglich finden!
[GEJ.08_030,09] Wenn ihr aber selbst im
Geiste des Lebens werdet wiedergeboren sein, so werdet ihr auch in die Zukunft
zu schauen imstande sein und werdet darob nicht betrübt und schwach werden.
[GEJ.08_030,10] Wie es sich aber in der
ferneren Zukunft gestalten wird, habe Ich erstens durch die Nachterscheinung
schon ziemlich klar gezeigt und noch klarer in der Erklärung der zwei Kapitel
des Propheten Jesajas, und Ich werde euch schon noch ein Weiteres von dem Ende
der eigentlichen argen Menschenwelt zeigen, womit ihr zwar auch nicht besonders
zufrieden sein werdet. Aber in dieser nunmaligen Mitternachtsstunde lassen wir
die Sache noch auf sich beruhen; denn wir haben noch um vieles notwendigere
Dinge miteinander zu besprechen und zu verhandeln. Wer von euch denn noch etwas
hat, der frage, und Ich werde ihn erleuchten.“
31. Kapitel
[GEJ.08_031,01] Sagte hierauf Agrippa: „Herr
und Meister, weil Du in dieser Nacht mit dem Lichtgeben schon einmal so
freigebig bist, so möchte ich von Dir bei dieser Gelegenheit über eine
sonderbare Lebenserscheinung unter den Menschen eine rechte Aufhellung haben!
[GEJ.08_031,02] Siehe, ich bin gleich dem
Freunde Agrikola ein um recht vieles wissender und auch in manchen seltenen
Dingen wohlerfahrener Mensch und kann darum auch über so manches reden, was
gerade nicht jedem Menschen möglich wäre. Ich kam vor mehreren Jahren in hohen
Amtsgeschäften nach Illyrien in Europa. Dieses Illyrien ist ein sehr gebirgiges
und zum großen Teil auch ein ödes und hartes Land, und seine Bewohner sind
darum auch wenig gebildet und haben mit dem von ihnen bewohnten Lande viele Ähnlichkeit.
Sie sind hart, im Geiste wenig fruchtbar, aber dafür in allerlei Sagen und
besonders in allerlei Aberglauben stark und wie ihr Land an allerlei Unkraut
sehr fruchtbar.
[GEJ.08_031,03] Nun, in einem Flecken, wo wir
Römer schon seit langer Zeit eine feste Burg haben, fand ich eine Gruppe
Menschen, worunter sich auch ein paar Priester befanden. Diese hatten mit einem
Menschen von etwa dreißig Jahren Alter zu tun, von dem sie mir angaben, daß er
schon jahrelang von einem Kakodämon besessen sei und sie nun Versuche machten,
ihn von diesem zu befreien. Der Mensch sei der Sohn einer in diesem Orte
angesehenen Familie, und es leide das ganze Haus, ja zuzeiten sogar der ganze
Ort von diesem Menschen eine rechte Höllenqual, und doch könne der Mensch
nichts dafür, da er selbst dabei der am meisten Geplagte sei.
[GEJ.08_031,04] Ich hielt das anfangs für
eine Narrheit dieser Menschen und daneben aber auch für einen feinen Kniff der
Priester, die sich irgendein dazu präpariertes Menschenindividuum ausgesucht
hätten, um durch dessen vielleicht nur eingelernte Raserei das wundersüchtige
Volk sich anheischiger und an sie gläubiger zu machen. Aber als ich mich bald
darauf mit allen meinen Sinnen überzeugte, daß des Menschen Raserei durchaus
keine natürliche sein konnte, weil seine Kraftäußerungen sich zu einer solchen
Höhe steigerten, gegen die die sogenannten Herkulischen Arbeiten purste
Kinderspielereien wären, so fing ich selbst an, das Vorhandensein eines
Kakodämons in dem Menschen aus völliger Überzeugung zu glauben.
[GEJ.08_031,05] Die zwei Priester, die sich
bei dem unglücklichen Menschen nach vorausgegangenen Symptomen wohl recht gut
auskannten, sagten zu den andern, lauter starken Männern: ,Die Zeit des Tobens
und Rasens wird bald erscheinen; darum bindet und knebelt ihn nun sogleich mit
den stärksten Stricken und Ketten!‘ Denn nur dann werde den Menschen der
Kakodämon verlassen, so er dessen etwa geweihte Stricke und Ketten nicht zu
zerreißen imstande sein werde.
[GEJ.08_031,06] Darauf wurde der Mensch mit
Stricken und Ketten derart zusammengeknebelt, daß nach einer solchen Knebelung
hundert Herkulesse sich nimmer hätten rühren können. Darauf entfernten sich die
Priester und auch die andern Menschen auf wenigstens hundert Schritte von dem
Geknebelten und baten auch mich, das Gleiche zu tun. Ich tat auch, was sie mir
rieten.
[GEJ.08_031,07] Es dauerte aber keine zwanzig
Augenblicke, nachdem wir uns in der vorbesagten Ferne befanden, da erhob sich
unter gräßlichem Gejauchze der Mensch pfeilschnell, zerriß in einem Augenblick
Stricke und Ketten in viele Stücke, sprang darauf gleichfort gräßlich jauchzend
unglaublich hoch vom Boden in die Luft, faßte dabei aber auch noch mehrere
hundert Pfund schwere Steine und schleuderte sie gleich leichten Bohnen um sich
herum. Als dieses Toben und Rasen bei einer Stunde lang angedauert hatte, da
sank der Mensch ganz ohnmächtig auf den Boden, und wir durften uns ihm wieder
nahen.
[GEJ.08_031,08] Die beiden Priester richteten
Fragen an ihn, daß er ihnen sage, wie es ihm ergangen sei. Er aber wußte nichts
von seiner Raserei, sondern erzählte nur ein Traumgesicht, nach dem er sich in
einer sehr schönen Gegend befunden habe. Bei dieser kurz dauernden Erzählung
war der Ton seiner Stimme ein ganz sanfter, wie der einer geduldig leidenden Mutter;
aber bald änderten sich Ton und Sprache. Es ward ihm der Mund weit, wie durch
eine magische Gewalt aufgesperrt und eine ganz fremde, donnerähnlich kräftige
Stimme in griechischer Zunge drang aus dem weit aufgesperrten Munde an unsere
Ohren mit ungefähr diesen Ausdrücken:
[GEJ.08_031,09] ,O ihr elenden Mücken unter
Menschenlarven wollet mich da aus diesem gemieteten Hause vertreiben!? Alle
römischen Heere sind das nicht imstande! Ehe noch ein Stein zur Erbauung Roms
in Bereitschaft lag, ja gar lange eher war ich der berühmte König Cyaxares, der
erste dieses Namens, habe die Skythen geschlagen, mit Lydien Krieg geführt.
Meine zweite Tochter Mandane wurde des Königs der Perser Weib und Mutter des
berühmten großen Cyrus, dessen Vater Kambyses hieß. Mehr brauchet ihr nicht zu
erfahren!
[GEJ.08_031,10] Dieses Fleischhaus aber, das
ich nun beliebig bewohne und mich daraus nicht vertreiben lasse, stammt von
meinem Blut, und ich besitze es darum mit Recht! Darum ist alle eure Mühe, mich
daraus zu vertreiben, eine vergebliche; ich kann in diesem meinem Hause mich
unterhalten, wie es mir gefällig ist!‘
[GEJ.08_031,11] Auf dieses sonderbare
Gespräch stieß er noch einige gräßliche Verwünschungen und Drohungen über die
beiden Priester aus, riß den Menschen einige Male, worauf dieser wieder zu sich
kam, sich äußerst schwach fühlte und etwas zu essen verlangte. Er wurde, als er
nach zu sich genommener Speise etwas kräftiger ward, wieder befragt, ob er
darum wisse, was er zuvor geredet habe. Er verneinte das mit seiner natürlichen,
weichen Stimme, wohl aber erinnere er sich, daß er geschlafen habe und sich im
Traume unter weißgekleideten Jünglingen befand.
[GEJ.08_031,12] Ich besprach mich dann
sonderlich mit den Priestern und auch mit des Menschen noch lebenden Eltern und
riet ihnen, daß man solch einem Menschen auf eine gute Art das Leben nehmen
sollte, so werde der Kakodämon dann sein Haus wohl verlassen müssen. Aber da
versicherten mir alle, daß dies so gut wie rein unmöglich wäre und der, welcher
so etwas unternähme, sich selbst in die größte Lebensgefahr begeben würde. Es
habe das schon einer versucht, sei aber sehr böse zugerichtet davongekommen.
Ich bin bald darauf von dem unseligen Orte abgezogen und habe mir dieses treu
erlebte Faktum wohl notiert, habe es auch oft schon weisen Menschen erzählt,
auch hier den Juden schon, aber von einer nur einigermaßen genügenden Erklärung
darüber war da noch nie eine Rede.
[GEJ.08_031,13] Man erzählte mir wohl auch
manches von Menschen, die von Teufeln oder bösen Geistern besessen seien, und
daß es sehr schwer sei, solche Leidende zu heilen; aber niemand wußte mir zu
sagen, wer eigentlich solche Teufel oder böse Geister seien, und wie sie in
einem armen und schwachen Menschen sich einbürgern und dessen Natur gänzlich
beherrschen mögen und dürfen. Oft fände man schon Kinder, die von den bösen
Geistern jämmerlich geplagt werden.
[GEJ.08_031,14] Herr und Meister, was ist da
wohl dahinter? Betrug von seiten eines solchen unglücklichen Menschen ist da
wohl sicher keiner möglich; denn das, was ich an dem Illyrier erlebt habe, war
sicher so ferne von einem Betruge wie von einem Ende der Welt bis zum andern.“
32. Kapitel
[GEJ.08_032,01] Sagte Ich: „Deine Erfahrung
ist eine ganz richtige, und Ich Selbst habe hier im Lande der Juden und auch
bei den Griechen mehrere von solchen Übeln befreit. Es gibt demnach wirklich
solche Menschen, die von bösen Geistern auf eine Zeitlang, im Fleische aber
nur, in Besitz genommen werden, ohne dadurch der Seele eines solchen Besessenen
nur im geringsten schaden zu können.
[GEJ.08_032,02] Die das Fleisch eines
Menschen in Besitz nehmenden argen Geister sind im Ernste Seelen verstorbener
Menschen, die einst auf der Welt ein arges Leben geführt haben, und das wohl
wissend, daß ihr Tun ein böses war.
[GEJ.08_032,03] Es kommt aber das
Besessensein nur unter jenen Menschen vor, bei denen der Glaube an einen Gott
und an die Unsterblichkeit der Seele rein gar geworden ist.
[GEJ.08_032,04] Diese an sich schlimm
aussehenden Vorkommnisse in den glaubensfinsteren Zeiten sind demnach eine
Zulassung, damit die Ungläubigen darin eine derbe Mahnung erhalten, daß ihr
Unglaube ein eitler ist, und daß es nach dem Abfalle des Leibes ein sicheres
Fortleben der Seele des Menschen gibt und sicher auch einen Gott, der die
Bosheit und Dummheit der Menschen auch jenseits gar wohl zu züchtigen imstande
ist.
[GEJ.08_032,05] Der arge Geist, der da das
Fleisch eines Menschen in Besitz nimmt, erfährt trotz seines bösen Sträubens
die für ihn kaum erträglichen Demütigungen und wird darauf in sich sanfter und
lichter; und die Zeugen vom Vorkommen solcher Zustände werden aus ihrem zu
materiellen und finsteren Lebenswandel wie mit Gewalt gerissen, fangen an, über
Geistiges nachzudenken, und werden besser in ihrem Tun und Lassen.
[GEJ.08_032,06] Und so hat diese unter den
Menschen vorkommende und sehr schlimm aussehende Sache auch wieder in den
Zeiten der größten Glaubensnot ihr entschieden Gutes, wie du das bei deinen
Illyriern sicher selbst wahrgenommen hast.
[GEJ.08_032,07] Die beiden Priester, die
ehedem das Volk durch allerlei magische Betrügereien an sich zu fesseln
verstanden, für sich nichts glaubten, aber sich dabei dennoch bedeutende
Schätze sammelten, sind durch jenen Besessenen auf ganz andere Gedanken
gekommen und haben von ihren Betrügereien bedeutend abgelassen; denn der böse
Geist hat es ihnen schon mehrere Male vorgedonnert, daß sie sehr elende
Betrüger seien, und daß er um vieles besser sei denn sie, die ihn in ihrer
Ohnmacht bekämpfen wollten.
[GEJ.08_032,08] Die beiden Priester glauben
nun vollends an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tode und glauben nun an
einen Gott, weil ihnen der Geist auch mehrere Male ins Gesicht geschrien hat,
daß er selbst als ein böser Geist um gar vieles mehr sei als zehntausend
Legionen ihrer eingebildeten Götter, mit deren Hilfe sie ihn austreiben
wollten; aber es gäbe nur einen wahren Gott, dem er gehorchen würde, so dieser
ihm geböte, aus dem Fleischhause zu ziehen.
[GEJ.08_032,09] Solches aber vernahmen auch
die andern Menschen und sind darum auch eines andern und besseren Glaubens
geworden, und es ist somit solch ein Besessensein eben nicht immer etwas gar so
Schlechtes und von Gott wie ungerecht Zugelassenes, wie es sich die menschliche
Vernunft vorstellt.
[GEJ.08_032,10] Bei Menschen, die im wahren
und lichtvoll lebendigen Glauben sind, kommt das Besessensein schon gar nie
vor, weil des Menschen Seele und der Geist in ihr auch den Leib also
durchdringen, daß da kein fremder und etwa auch noch arger Geist in ein
lauteres und durchgeistigtes Fleisch dringen kann; aber wo die Seele eines
Menschen finster, fleischlich und materiell geworden ist und dadurch auch
ängstlich und furchtsam, krank und schwach, daß sie einem fremden Eindringling
keinen Widerstand leisten kann, da geschieht es auch leicht, daß dann und wann
die argen Seelen, die sich nach dem Austritt aus dem Leibe zumeist in jenen
niederen Regionen dieser Erde aufhalten und ihr Unwesen treiben, wo die
Menschen ihres Gelichters im Fleische leben, in den Leib irgendeines schwachen
Menschen dringen, sich zumeist im sinnlichsten Unterleibe ansetzen und sich als
fremde und stets arge Geister durch das Fleisch des Besessenen nach außen hin
zu äußern anfangen.
[GEJ.08_032,11] Für die Seele aber erleidet
der Besessene niemals einen Schaden, wie Ich das schon gleich anfangs bemerkt
habe, und so ist das Besessensein, wie auch schon gesagt, eben nicht so etwas
Arges, wie es den Menschen vorkommt.
[GEJ.08_032,12] Wo ihr aber in der Folge
solche Besessene antreffen werdet, da leget ihnen in Meinem Namen die Hände
auf, und die argen Geister werden den Besessenen verlassen. Solltet ihr aber
irgendeinen treffen, der von einem hartnäckigen Geiste besessen ist, den
bedrohet, und er wird dann sogleich gehorchen dem, der ihn ernst und
vollgläubig in Meinem Namen bedroht hat! Denn wo durch euch Meine Lehre den
Menschen gepredigt wird, da ist es nicht mehr nötig, daß auch die Teufel den
ganz gefallenen Glauben aus dem Fleische eines Besessenen bei den Menschen
aufrichten sollen. Wo die Engel lehren, da sollen die Teufel in die Flucht
geschlagen werden!
[GEJ.08_032,13] Was aber nun jenen
illyrischen Besessenen betrifft und auch seine Umgebung, so lebt er noch und
ist nun von seiner Plage befreit, und seine Umgebung glaubt nun an einen, ihnen
freilich noch unbekannten Gott, wie auch an die Unsterblichkeit der Seele, und
so jemand von euch in der Bälde dahin kommen wird in Meinem Namen, so wird er
bei jenen Menschen und auch im weiten Umkreise jenes Landes ein leichtes haben,
jene Menschen zum wahren Glaubenslichte zu bekehren und ihren Aberglauben zu
vernichten. – Hast du, Agrippa, das nun wohl verstanden?“
33. Kapitel
[GEJ.08_033,01] Sagte Agrippa: „Herr und
Meister, das ist mir nun, wie auch sicher den andern, klar, und ich danke Dir
für dieses Licht. Doch etwas Kleines habe ich dabei noch zu bemerken, und das
besteht darin, daß Du uns auch anzeigen möchtest, wo sich örtlich im Vergleich
mit dieser Erde die eigentliche Geisterwelt befindet. Du hast in Deiner Rede
zwar wohl so ein Fünklein fallen lassen, aber ich konnte daraus noch nicht
völlig klug werden. Wenn es Dir genehm wäre, so möchte ich Dich wohl darum
bitten, mir auch in dieser Hinsicht das Geeignete zu sagen.“
[GEJ.08_033,02] Sagte Ich: „Es hat zwar alle
Geisterwelt, wie Ich das schon einige Male dargetan habe, mit dem Raume und der
Zeit dieser materiellen, gerichteten und somit unfreien Welt durchaus nichts
mehr zu tun; aber er (der Raum), als eine äußerste Hülle, ist am Ende dennoch
der Träger aller Himmel und aller Geisterwelten, weil diese sich irgend außerhalb
des unendlichen Schöpfungsraumes nirgends befinden können. Und so muß es, um
klar und für euch verständlich zu reden, auch gewisse Räumlichkeiten geben, in
denen sich die Geisterwelten wie örtlich befinden, obschon besonders einen
vollendeten Geist die Örtlichkeit des Raumes ebensowenig angeht wie dich nun
dieser Ölberg, wenn du dir Rom oder Athen denken willst, denn für den Geist
gibt es sogestaltig weder einen bestimmten Raum noch irgendeine gemessene Zeit.
[GEJ.08_033,03] Aber was das sogenannte individuelle
Wesen eines Geistes betrifft, so kann es sich dennoch sowenig wie Ich nicht
völlig außer Raum und Zeit befinden; und so befinden sich denn auch die Seelen
der von dieser materiellen Welt Abgeschiedenen in einer bestimmten örtlichen
Räumlichkeit, obwohl besonders die lebensunvollendeten keine Ahnung davon
haben, – sowenig wie du in einem Traume, in dem du dich zwar auch bald in
dieser und bald in einer ganz anderen Gegend recht behaglich und sogar tätig
befindest, ohne dabei die materiell- räumliche Örtlichkeit für dein
persönliches Individuum auch nur um eine Linie zu verändern.
[GEJ.08_033,04] Du willst aber von Mir die
eigentliche, gleichsam stabile Örtlichkeit kennenlernen, in der sich besonders
die lebensunvollendeten Seelen nach dem Tode des Fleisches befinden, und Ich
will dir das denn auch treulich kundgeben. Und so höre Mich denn und verstehe
Mich wohl, was Ich dir darüber sagen werde!
[GEJ.08_033,05] Wenn ein Mensch in seinem
Leibesleben eine besondere Liebe für diesen oder einen andern Ort auf der
materiellen Welt hatte, so bleibt er auch als abgeschiedene Seele in demselben
Ort, oft viele hundert Jahre lang und wird dessen auch, wenn auch unklar,
zuweilen inne auf dem Wege der geistigen Entsprechungen.
[GEJ.08_033,06] Wo du demnach auf dieser Erde
einen Ort hast, da hast du auch schon eine Örtlichkeit für die Welt der
Geister, die in sich aber freilich wohl keine materielle, sondern nur eine
geistige ist, weil sie aus der gewissen Phantasie der Geister mittels ihres
Willens entsteht.
[GEJ.08_033,07] Du kannst demnach eine solche
von dir selbst geschaffene Welt kreuz und quer durchreisen, bleibst aber als
Individuum dennoch fest in ein und derselben materiellen Örtlichkeit.
[GEJ.08_033,08] Es sei aber zum Beispiel ein
Mensch, der eine große Sehnsucht dahin in sich trägt, den Mond, die Sonne und
auch die Sterne näher kennenzulernen. Wenn eines solchen Menschen Seele
entleibt wird, so ist ihre materielle Örtlichkeit auch schon dort, wohin sie
ihre Liebe gezogen und gestellt hat. Dort wird sie auch bald durch die Geister
jener Welten in Verkehr treten und ihre dortigen Anschauungen und Studien in
tätigsten Angriff nehmen.
[GEJ.08_033,09] Ist eine Seele aber hier
schon von der Liebe zu Gott vollends durchdrungen, so wird ihre
materiell-individuelle Bestandsörtlichkeit zwar aus der Nähe dieser Erde als
der Erziehungswiege für die Kinder Gottes nicht verändert, aber sie wird durch
Mich dennoch im hellsten Lebenslichte die ganze Unendlichkeit nach dem stets
steigenden Bedürfnisse ihrer Intelligenz und daraus hervorgehenden Seligkeit
durchwandern können, ohne dabei die materiell-räumliche Örtlichkeit für ihr
individuelles Sein auch nur um eine Linie verändern zu dürfen, gleichwie auch
Ich sie im Geiste nicht verändere und dennoch allenthalben in der ganzen
Unendlichkeit zugleich gegenwärtig bin.
[GEJ.08_033,10] Ein Mehreres und Tieferes
kann Ich dir darüber jetzt nicht sagen; wenn du aber im Geiste selbst
wiedergeboren sein wirst, so wirst du auch noch ein Mehreres sonnenklar
verstehen. – Hast du nun das wohl verstanden?“
[GEJ.08_033,11] Sagten hierauf Agrippa und
auch viele andere: „Herr und Meister, wir danken Dir für diese Deine uns allen
sehr nötig gewesene Erklärung; denn wir alle hatten die Gelegenheit zu öfteren
Malen, Besessene aller Art und Gattung zu sehen und zu beobachten, und wußten
uns die Sache unmöglich anders zu erklären, als daß solche Unglücklichen von
ganz wirklichen Teufeln besessen und somit auch ihre Beute sind, wenn sie ihrer
nicht los werden können.
[GEJ.08_033,12] Unter solcher Beurteilung
über das Vorkommen des Besessenseins waren wir genötigt, entweder den
Besessenen selbst als einen gröbsten Sünder und von Gott schon auf dieser Welt
als vollends verdammt anzusehen, oder wir zuckten da über die Liebe und höchste
Gerechtigkeit Gottes besonders dann heimlich mit unseren Achseln, wenn wir uns
oft von der Unbescholtenheit des Besessenen sowohl als auch von der Frömmigkeit
seiner Eltern gelegentlich nach allen Richtungen hin überzeugen konnten, was
uns wahrlich nicht zu verargen war. Aber nun hat diese Sache freilich ein ganz
anderes Gesicht bekommen, und wir sind über die Maßen froh, daß wir durch Deine
Gnade auch da ins reine gekommen sind.“
[GEJ.08_033,13] Sagte Ich: „Nun, wohl denn
also, so ihr nun auch in dieser Sphäre im klaren seid, da haben wir bis zum
Morgen noch bei vier Stunden Zeit, uns noch über so manches zu besprechen und
ins reine zu stellen. Wenn jemand von euch irgend im unklaren ist, so frage er
laut, und es soll ihm ein rechtes und helles Licht werden; denn euch will Ich
es geben, das Geheimnis alles Gottesreiches wohl zu verstehen!“
34. Kapitel
[GEJ.08_034,01] Hier trat wieder einer der zu
Emmaus bekehrten Pharisäer, der ein Schriftgelehrter war, auf und sagte: „Herr und
Meister! Wir wissen nun wohl, was es mit den Besessenen der Wahrheit nach für
eine Bewandtnis hat, und wer im Grunde die argen Geister sind, von denen hie
und da eine Menschennatur in Besitz genommen wird; aber es wird in der Schrift
dennoch von den wirklichen, urerzbösen Teufeln und von ihrem Fürsten, dem
Satan, sehr augenfällig gesprochen und auch gesagt, daß der Satan, auch Luzifer
genannt, und eine zahllose Menge der nach ihm sich gerichtet habenden Engel von
Gott verstoßen und ins ewige Höllenfeuer verworfen worden sind.
[GEJ.08_034,02] Also steht es auch
geschrieben, wie eben der Satan in der Gestalt einer Schlange die ersten
Menschen zum Falle brachte, und wie Gott durch ihn den frommen Hiob versuchen
ließ.
[GEJ.08_034,03] Was hat es nun nach Deiner
neuen Lehre mit dem Satan und mit seinen ihm untergeordneten Teufeln für eine
Bewandtnis? Wer und wo ist der Satan, und wer und wo sind die Teufel?
[GEJ.08_034,04] Wenn es uns schon von Dir aus
gegönnt ist, das gesamte Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, so müssen
wir auch in dieser Sache im klaren sein, und Du wolle uns großgnädig darüber
eine verständliche Aufklärung geben!“
[GEJ.08_034,05] Sagte Ich: „Darüber ist von
Mir schon vieles gesagt und erklärt worden, und Meine älteren Jünger wissen es,
woran sie sind; aber da du bei Mir noch ein Neuling bist, so magst du wohl
danach fragen, was dir noch nicht verkündet ward, und so magst du Mich
vernehmen!
[GEJ.08_034,06] Siehe, was der endlose Raum
als eine Materie in sich faßt, das ist gerichtet und dadurch gefestet durch die
Macht des Willens Gottes! Wenn es nicht also wäre, da befände sich keine Sonne,
kein Mond, keine Erde und gar keine Kreatur im ganzen endlosesten Raume; nur
Gott allein bestünde in der Anschauung Seiner großen Gedanken und Ideen.
[GEJ.08_034,07] Gott aber hat schon von
Ewigkeit her Seine Gedanken wie gleichsam aus Sich hinausgestellt und sie
verkörpert durch Seinen allmächtigen Willen. Diese verkörperten Gedanken und
Ideen Gottes aber sind dennoch keine so ganz eigentlichen Körper, sondern sie
sind gerichtetes Geistiges und Gefäße zur Ausreifung für ein selbständiges
Sein. Es sind das sonach Geschöpfe, bestimmt, wie aus sich und aus eigener
Kraft neben Mir, dem ihnen sichtbaren Schöpfer, für ewig fortzubestehen.
[GEJ.08_034,08] Alle Kreatur als ein
gerichtetes Geistiges ist gegen das schon Rein- und Freigeistige noch unrein,
unreif, daher noch nicht gut, und kann dem reingeistig Guten gegenüber als an
und für sich noch schlecht und böse angesehen werden.
[GEJ.08_034,09] Verstehe sonach unter ,Satan‘
im allgemeinen die ganze materielle Schöpfung und unter ,Teufel‘ das getrennte
Spezielle derselben.
[GEJ.08_034,10] Wenn ein Mensch auf dieser
Welt nach dem erkannten Willen Gottes lebt, so erhebt er sich dadurch aus der
geschöpflichen Gefangenheit und geht in die ungeschöpfliche Freiheit Gottes
über.
[GEJ.08_034,11] Ein Mensch aber, der an einen
Gott nicht glauben und darum auch nicht handeln will nach dessen den Menschen
geoffenbarten Willen, versenkt sich dann stets mehr und mehr und tiefer und
tiefer in das geschaffene Materielle und wird geistig unrein, schlecht und
gerichtet böse und somit ein Teufel; denn alles pur Geschaffene und Gerichtete
ist, wie schon gezeigt, dem ungeschaffenen Rein- und Freigeistigen gegenüber
unrein, schlecht und böse, nicht aber etwa darum, als hätte Gott aus Sich je
etwas Unreines, Schlechtes und Böses erschaffen können, sondern nur in und für
sich darum, weil es erstens des Daseins wegen notwendig ein Geschaffenes sein
muß, begabt mit Intelligenz und Tatkraft und im Menschen auch mit freiem
Willen, und zweitens, weil es in sich das geschaffen Gegebene, um zur möglichen
Selbständigkeit zu gelangen, selbsttätig zu verwenden und wie in sein
Eigentümliches zu verkehren hat.
[GEJ.08_034,12] Vor Gott aber gibt es nichts
Unreines, nichts Schlechtes und nichts Böses; denn Dem Reinen ist alles rein,
und alles ist gut, was Gott geschaffen hat, und Gott gegenüber gibt es denn
auch keinen Satan, keinen Teufel und somit auch keine Hölle. Nur das
Geschaffene in und für sich ist alles das so lange, als es ein Geschaffenes und
Gerichtetes zu verbleiben hat und endlich im Besitze des freien Willens, ob gut
oder böse, verbleiben will.
[GEJ.08_034,13] Wenn es denn in der Schrift
heißt, daß Satan in der Gestalt einer Schlange das erste Menschenpaar verführt
habe, so will das soviel sagen als: Das erste Menschenpaar, das Gott und Seinen
Willen wohl kannte, hatte sich von der Anmut der materiellen Welt bestechen
lassen, und ihres gerichteten Fleisches Begehren und Stimme sagte: ,Wir wollen
sehen, was daraus wird, so wir einmal dem wohlerkannten Willen Gottes
zuwiderhandeln! Denn Gott Selbst hat uns das Handeln freigestellt; wir können
dadurch an unserer Erkenntnis ja nichts verlieren, sondern nur gewinnen. Denn
Gott weiß es sicher, was uns durch ein freies Handeln werden kann, wir aber
wissen es nicht; darum handeln wir einmal nur nach unserem Sinn, und wir werden
dann durch die Erfahrung auch das wissen, was nun Gott allein weiß!‘
[GEJ.08_034,14] Und siehe, also aßen die
beiden von dem verbotenen Baume der Erkenntnis auf dem Wege der selbst machen
wollenden Erfahrung und versanken dadurch um einen Grad tiefer in ihr
gerichtetes Materielles, das dem freien Geistleben gegenüber auch ,der Tod‘
genannt werden kann.
[GEJ.08_034,15] Sie erkannten darauf wohl,
daß in ihrem Fleische das Mußgericht und der Tod daheim ist, der bei der
steigenden Weltliebe auch die freie Seele in sein Gericht und in seine
Unfreiheit begraben kann, und so verloren sie denn auch das reine Paradies, das
in der vollen Einung der Seele mit ihrem Geiste bestand, und mochten aus sich
heraus dasselbe wohl nicht völlig wiederfinden; denn ihre Seele war vom Stachel
der Materie verletzt worden und hatte dann viel zu tun, um sich noch so frei
als möglich über dem Gerichte des geschaffenen Muß zu erhalten, wie das nun bei
allen Menschen der Fall ist, – und Ich bin darum in diese Welt gekommen, um den
Menschen wieder den wahren Lebensweg zu zeigen und das verlorene Paradies durch
Meine Lehre wiederzugeben.
[GEJ.08_034,16] Also ist es auch bei Hiob der
Fall. Hiob war ein irdisch äußerst glücklicher Mann und hatte viele Güter. Er
war aber auch ein weiser und Gott sehr ergebener Mensch, der strenge nach dem
Gesetze lebte. Sein außerordentlicher Wohlstand machte aber dennoch sein Fleisch
mehr und mehr begierlich und machte große Anforderungen an den Geist in ihm.
[GEJ.08_034,17] Der gerichtete Geist des
Fleisches sagte gewisserart zur Seele: ,Ich will denn doch sehen, ob ich dich
durch alle meine irdischen Freuden und Leiden von deinem Gott nicht abziehen,
dich in deiner Geduld nicht ermüden und nicht in mein Mußgericht setzen kann!‘
[GEJ.08_034,18] Da kostete es Hiob einen
mächtigen Kampf; denn einerseits standen ihm alle irdischen Freuden zu Gebote,
die er zwar genoß, aber dieselben übten über seine Seele dennoch keine
Herrschaft aus, und sie blieb mit dem Geiste im Verbande.
[GEJ.08_034,19] Da aber der arge Geist der
Materie mit der Seele auf diese Art nichts ausrichtete, so ward die Seele Hiobs
durch allerlei körperliche Unannehmlichkeiten versucht, die bildlich im Buche
dargestellt sind. Aber Hiob bestand sie alle mit Geduld, obschon er hie und da
murrte und über seine Not klagte, aber am Ende dennoch allzeit offen bekannte,
daß ihm Gott zuvor alles gegeben, nun weggenommen und ihm wiedergeben könne,
und das noch mehr, als Er ihm genommen hatte wegen der Vollstärkung der Seele
im Geiste.
[GEJ.08_034,20] Wenn aber also, wer war dann
der Satan, der den frommen Hiob so sehr versuchte? Es war der gerichtete Geist
seines Fleisches, das heißt dessen verschiedenartige Begierlichkeiten!
[GEJ.08_034,21] Aber einen gewissen
persönlichen Ursatan und persönliche Urteufel hat es in der Wirklichkeit
niemals woanders gegeben als nur in der gerichteten Weltmaterie aller Art und
Gattung. Daß aber der Satan und die Teufel von den alten Weisen unter allerlei
Schreckensbildern dargestellt wurden, hat den Grund darin, damit die Seele
unter allerlei argen Formen sich einen Begriff bilde, welch eine Not ein freies
Leben zu erleiden hat, so es sich wieder von dem Gerichte der Materie
gefangennehmen läßt.“
35. Kapitel
[GEJ.08_035,01] (Der Herr:) „Ich Selbst habe
Meinen ersten Jüngern einmal den Satan in einem entsprechenden Bilde auftreten
lassen, und sie entsetzten sich gewaltigst vor demselben. Desgleichen geschah
auch zu öfteren Malen bei den Altvätern dieser Erde; doch damals ward keine
Erklärung darum wörtlich hingesetzt, weil die Alten, aus dem Geiste Weise, die
bildliche Darstellung auf dem Wege der inneren Entsprechungen wohl verstanden
und darum auch sagten: Erschrecklich ist es, in die Gerichtshände Gottes zu
fallen, das heißt: Erschrecklich ist es für eine Seele, die schon einmal zum
vollen Selbstbewußtsein gelangt ist, sich wieder von dem nie wandelbaren
Gerichtsmuß des göttlichen Willens in der Materie gefangennehmen zu lassen.
[GEJ.08_035,02] Daß dieses für die Seele als
etwas Erschreckliches bezeichnet wird, das lehrt jedermann die Erfahrung eines
Sterbenden, der zuvor nicht die volle Wiedergeburt im Geiste erlangt hat.
[GEJ.08_035,03] Warum fürchtet sich denn
solch eine Seele gar so sehr vor dem Tode ihres Leibes? Weil sie, als noch in
sein Mußgericht verstrickt, auch mit zu sterben wähnt! Daß das also der Fall
ist, das könnet ihr bei allen jenen ersehen und wohl erkennen, die darum an ein
Fortleben der Seele nach dem Tode des Leibes entweder gar nicht oder nur schwer
glauben, weil sie auch entweder ganz oder zum größten Teil im Gerichte ihres
Fleisches steckt und somit auch dessen Tod mitempfinden muß auf so lange hin,
als sie nicht von demselben durch Meinen Willen völlig getrennt wird.
[GEJ.08_035,04] Da ihr nun aber hoffentlich
wohl erkennen werdet, was es mit dem eigentlichen Satan und seinen Teufeln für
eine wahre Bewandtnis hat, so werdet ihr daraus auch von selbst in euch darüber
klarwerden können, daß es auch mit der Hölle die gleiche Bewandtnis haben muß.
Sie ist gleich dem Satan in sich das ewige Mußgericht, also Welt und ihre
Materie.
[GEJ.08_035,05] Warum aber wird der Satan
auch ein Fürst der Finsternis und der Lüge genannt? Weil alle Materie das nicht
ist, was sie zu sein scheint, und wer sie in seiner Liebe dem Scheine nach
erfaßt und sich von ihr gefangennehmen läßt, der befindet sich denn auch
offenbar im Reiche der Lüge und, der Wahrheit gegenüber, im Reiche der
Finsternis.
[GEJ.08_035,06] Wer zum Beispiel die
sogenannten Schätze aus dem Reiche der toten Materie zu sehr liebt, sie für das
hält und schätzt, was sie zu sein scheinen, und nicht für das, was sie der
Wahrheit nach sind, der befindet sich dadurch schon im Reiche der Lüge, weil
seine Liebe als der Grund seines Lebens sich in sie wie ganz blind versenkt hat
und sich höchst schwer aus solcher Nacht zum Lichte der vollen Wahrheit wieder
emporschwingen kann.
[GEJ.08_035,07] Wer aber das Gold nur als
eine entsprechende Erscheinlichkeit betrachtet, durch die das Gute der Liebe in
Gott, wie durch das reine Silber die Wahrheit der Weisheit in Gott, dargestellt
wird, der kennt denn auch den wahren Wert des Goldes und Silbers, steht somit
im Reiche der Wahrheit, und seine Seele wird nicht erstickt im trüglichen
Scheine und dessen Gericht.
[GEJ.08_035,08] So hatten denn bei den Alten
und allen Propheten Gold, Silber und die verschiedenen Arten der Edelsteine nur
allein die wahre Bedeutung; als Materie aber hatten sie keinen Wert und konnten
darum einer Seele auch nicht gefährlich werden. Aus der Erkennung des wahren
Wertes der Materie erkannten sie auch leicht und bald deren naturmäßige
Tauglichkeit und Brauchbarkeit und schöpften daraus den wahren Nutzen.
[GEJ.08_035,09] Als aber mit der Zeit die
Menschen die Materie ihres Glanzes und ihres Scheines wegen zu schätzen und zu
achten anfingen, da gingen sie in ihr Gericht über, wurden blind, hart,
habgierig, geizig, lügnerisch, zänkisch, betrügerisch, hochmütig, böse und
kriegs- und eroberungssüchtig und gerieten dadurch ins Götzen- und Heidentum
und somit auch in die eigentliche Hölle, aus der sie ohne Mich nicht erlöst
werden konnten.
[GEJ.08_035,10] Darum mußte Ich Selbst die
Materie anziehen, mit ihr das Gericht, und muß es durchbrechen, damit Ich
dadurch zur Eingangspforte ins ewige Leben werde für alle Gefallenen, wenn sie
durch diese Pforte zum Leben eingehen wollen. Darum auch bin Ich die Tür zum
Leben und das Leben Selbst. Wer nicht durch Mich eingeht, der kommt nicht zum
Leben im Lichte der ewigen Wahrheit und der Freiheit, sondern bleibt gefangen
im Gerichte der Materie.
[GEJ.08_035,11] Nun aber ergibt sich noch
eine Frage von selbst, und diese lautet: Gibt es denn sonach im Ernste keinen
persönlichen Satan und keine persönlichen Teufel?
[GEJ.08_035,12] Und Ich sage: O ja, es gibt
deren schon hier, noch im Fleische wandelnd, und noch um ein Großes mehr im
großen Jenseits, die auch fort und fort bemüht sind, einen argen Einfluß auf
das Diesseits auszuüben, und das einmal durch die rohen Naturgeister, die noch
in allerlei Materie weilen, der bestimmten Ausreifung wegen, und dann aber auch
unmittelbar durch gewisse geheime Einflüsterungen, Anreizungen und
Verlockungen. Sie merken bei den Menschen gar wohl die verschiedenen Schwächen
und Anlagen zu denselben, bemächtigen sich derselben und fachen sie zu
glühenden Leidenschaften an.
[GEJ.08_035,13] Ist aber eines Menschen
Schwäche einmal zur glühenden Leidenschaft geworden, dann befindet er sich
schon ganz in dem Zustande des Gerichtes der Materie und ihrer argen Geister,
und es ist für ihn dann schwer, sich davon loszumachen.
[GEJ.08_035,14] Der Satan ist die
Zusammenfassung des gesamten Materiemußgerichtes, und was seine Persönlichkeit
betrifft, so ist diese an und für sich nirgends da, wohl aber ist sie als ein
Verein aller Art und Gattung von Teufeln nicht nur dieser Erde, sondern aller
Welten im endlosen Schöpfungsraume anzusehen, gleichwie auch nach Meiner euch
schon gegebenen Erklärung alle die zahllos vielen Hülsengloben am Ende ihrer
gemeinsamen Zusammenfassung einen übergroßen Schöpfungsmenschen darstellen.
[GEJ.08_035,15] Im kleineren ist freilich
auch ein Verein aller Teufel eines Weltkörpers ein Satan, und im kleinsten Maße
ein jeder einzelne Teufel für sich.
[GEJ.08_035,16] Solange es aber keinen
Menschen auf einem Weltkörper gab, gab es auf demselben auch keinen
persönlichen Teufel, sondern nur gerichtete und ungegorene Geister in aller
Materie eines Weltkörpers; zur Materie aber gehört alles, was ihr mit euren
Sinnen wahrnehmet.
[GEJ.08_035,17] Aber das könnet ihr auch
annehmen, daß es nun wohl auf keinem Weltkörper ärgere und bösere Teufel gibt
als eben in und auf dieser Erde. Wenn es ihnen zugelassen wäre, so würden sie
die Erde und ihre Bewohner gar arg zurichten – aber es wird das nicht
zugelassen –, und damit die Teufel das nicht tun können, so sind sie eben darum
mit aller Blindheit und somit auch mit der größten Dummheit behaftet, und ihre
Vereine gleichen jenen Sicherheitsanstalten dieser Erde, in denen die argen Narren
und Wahnsinnigen festgehalten werden, auf daß sie den andern Menschen nicht
schaden können.
[GEJ.08_035,18] Aus dem bisher Gesagten
könnet ihr alle nun wohl mit voller Vernunft und erleuchtetem Verstande
einsehen, was es mit dem Satan und mit seinen Teufeln für eine Bewandtnis hat,
und habt nun nicht mehr nötig, darüber um ein Weiteres zu fragen. – Und nun
sage du, Schriftgelehrter, ob du das alles auch wohl verstanden hast!“
36. Kapitel
[GEJ.08_036,01] Sagte darauf der
Schriftgelehrte: „Ja, Herr und Meister, denn Du hast über diese Sache nun so
klar und umfassend als möglich gesprochen und hast uns dabei Deine
Schöpfungsart und -weise ordentlich wie ganz zergliedert gezeigt, und so mußte
uns die Sache ja vollends klarwerden, das heißt, insoweit es dem immerhin
beschränkten Menschenverstande klarwerden kann, denn das Wissen allein ist noch
lange kein alles durchdringendes Schauen; aber es genügt uns, weil wir das, was
wir wissen, völlig vom Grunde aus wissen.
[GEJ.08_036,02] Aber da Du uns nun schon so
vieles über diese schwer zu fassenden Dinge gesagt hast, so wolle uns nun dazu
noch die Örtlichkeiten des Aufenthaltes der persönlichen Teufel etwas näher
bezeichnen, auf daß wir dieselben meiden können; denn so sich ein Mensch oder
auch eine ganze Gesellschaft in einer solchen Örtlichkeit unwissend befände, so
könnte ihr das am Ende sehr übel zustatten kommen. Darum wolle Du auch in
dieser Hinsicht die Gnade haben, uns das ein wenig näher zu beleuchten!“
[GEJ.08_036,03] Sagte Ich: „Du denkst noch
sehr materiell! Was liegt denn an irgendeiner gewissen Örtlichkeit, in der sich
irgend geistige Teufelspersönlichkeiten besonders aufhalten könnten?
[GEJ.08_036,04] Wenn deine Seele aus Mir nur
rein und stark ist, so kann sie sich in der ärgsten Teufel Vereine befinden, so
werden sie ihr nicht im geringsten einen Schaden zufügen können. Denn eine
reine und aus Mir starke Seele befindet sich mitten unter zahllosen Legionen
von persönlichen Teufeln dennoch vollkommen im Reiche der Himmel, die da nicht
irgend sind wie ein äußeres Schaugepränge, sondern inwendig im Herzen der
vollkommenen Seele; denn also wird die Seele zu einer Mir ähnlichen Schöpferin
ihres seligsten Wohnreiches, in das ewig kein persönlicher Teufel wird zu
dringen vermögen.
[GEJ.08_036,05] Und so kann einer reinen und
aus Mir starken Seele auch schon auf dieser Erde die örtliche, etwa mindere
oder größere Wohnlichkeit der persönlichen Teufel wohl eine ganz gleichgültige
sein; denn die reine und aus Mir starke Seele trägt allerorts ihren Himmel
ebenso in und mit sich wie der persönliche Teufel seine Hölle oder sein
Gericht.
[GEJ.08_036,06] Aber da wir nun schon davon
reden, so will Ich euch gleichwohl auch die besonders wohnlichen (bewohnten)
Örtlichkeiten der persönlichen Teufel etwas näher bezeichnen, und so höret
denn:
[GEJ.08_036,07] Seht unter den Menschen jene
öffentlichen Häuser und Gebäude an, in denen viel betrüglicher Handel und
Wandel getrieben wird, wie zum Beispiel nun im Tempel und in vielen andern
Kauf- und Verkaufhäusern! Das sind denn auch besondere Wohnörtlichkeiten für
die vielen persönlichen Teufel. Also sind auch jene Häuser, in denen allerlei
Unzucht, Hurerei und Ehebruch getrieben wird, ebenfalls besondere
Ortswohnlichkeiten für die persönlichen Teufel. Ebenso auch sind jene Berge und
Höhlen, in denen die Menschen mit großer Hast und Gier dem Golde, Silber und
andern Erdschätzen nachgraben, von den persönlichen Teufeln sehr stark und
mächtig bewohnte Örtlichkeiten; desgleichen Wälder und Höhlen, in denen sich
Diebe, Räuber und Mörder aufhalten; also auch die Kriegslager und -felder, die
Wege der kaufmännischen Karawanen und die Flüsse, Seen und Meere, auf denen ein
starker Gewinnhandel betrieben wird.
[GEJ.08_036,08] Und weiter sind die Länder
und Gründe, Wiesen, Äcker, Weinberge und Wälder der harten Heiden und auch der
jüdischen geizigen und hartherzigen Reichen besonders beliebte Wohnorte für die
persönlichen Teufel, imgleichen auch die Luft über und in den bezeichneten
Wohnörtlichkeiten und das Feuer, die Wolken und der Regen, und auch alle
Götzentempel und falschen Orakel.
[GEJ.08_036,09] Ferner halten sich die
persönlichen Teufel gar sehr zahlreich dort auf, wo ihr eine große irdische
Pracht und den mit ihr noch verbundenen starken Hochmut erschauet.
[GEJ.08_036,10] An Orten aber, die von
Menschen nicht bewohnt werden und auch von ihren Sünden nicht verunreinigt
worden sind, halten sich auch die persönlichen Teufel nicht auf, außer es
bereisete sie eine weltgewinnsüchtige Menschenkarawane; dieser zuliebe würden
sich dann dort auch die persönlichen Teufel bald wohnlich einfinden.
[GEJ.08_036,11] Nun hast du, Freund, auch das
angezeigt erhalten, was du von Mir noch hattest erfahren und für dich wissen
wollen.
[GEJ.08_036,12] Warum aber die persönlichen
Teufel gerade die angezeigten Wohnörtlichkeiten lieben, das liegt für den, der
das Frühere nur einigermaßen aufgefaßt hat, von selbst klar auf der Hand und
bedarf darum keiner weiteren Erklärung.“
37. Kapitel
[GEJ.08_037,01] Sagte der Schriftgelehrte: „Aber
wie werden die Teufel dessen inne? Können sie diese Erde und auch uns Menschen
samt unserem Handeln sehen?“
[GEJ.08_037,02] Sagte Ich: „O ja, aber nur
das, was da ist ihresgleichen. Ich sage es dir: Auch da versammeln sich schnell
die bösen Geier, wo sich ein ihnen wohlschmeckendes Aas befindet.
[GEJ.08_037,03] Ich allein weiß es von
Ewigkeit her, was dazu erforderlich ist, um einen Gedanken aus Mir zu einem
freien Wesen, und das in der vollsten göttlichen Selbständigkeit, darzustellen;
daher weiß Ich auch nur ganz allein, was dazu gehört, um dieses allerhöchste
Werk vollkommen zu realisieren. Ob nun Tod, Gericht, Mensch oder Engel, das ist
vor Meinen Augen bis zur Realisierung des Hauptzweckes Meiner Liebe und
Weisheit ganz ein und dasselbe. Denn, wisse du, der Ewige hat immer Zeit genug
dazu. David sagte zwar, daß tausend Jahre vor Gott kaum ein Tag seien, Ich aber
sage dir, du nun Mein schriftgelehrter Freund: tausendmal tausend Jahre sind
vor Mir kaum ein allerflüchtigster Augenblick!
[GEJ.08_037,04] Siehe, du bist nun da, und
zahllose myriadenmal Myriaden Schöpfungen, wie nun diese es ist, liegen schon
vollendet hinter uns, der natürlichen Zeitenfolge nach! Welche Beschwerde
kannst du darum gegen Mich anbringen, daß Ich dich nun erst in dieser jüngsten
Zeit habe ins Dasein treten lassen? Und welche Beschwerde werden dann erst die
gegen Mich anstrengen können, die Ich erst nach vergangenen äonenmal Äonen
langen Zeit- und Ewigkeitsfolgen ins Dasein rufen werde?
[GEJ.08_037,05] Ich bin ja doch der Herr Meiner
ewigen Gedanken und Ideen und kann sie ins selbstbewußte freie Dasein rufen,
wann Ich will! Denn Ich stehe ewig unter keinem Gesetz, weil Ich Selbst das
Gesetz von Urewigkeit her bin, und Ich kann darum in der göttlich moralischen
Angelegenheit auch ein Gesetz, was nur von Mir ausgehen kann und in Meinem
Wollen liegt, ergehen lassen, wie und wann Ich aus Meiner Liebe und Meiner
Weisheit heraus es will!
[GEJ.08_037,06] Wer außer Mir kann das
voraussehen, und wer Mich dazu nötigen und bestimmen, als nur Ich Mich Selbst
aus Meiner ewigen Ordnung heraus?
[GEJ.08_037,07] Mein ewig freiester Wille ist
das Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, die zwar von Ewigkeit in Mir ihr nur
für Mich beschauliches Dasein haben; wenn es Mir aber nach Meiner Liebe wohlgefällig
ist, sie in ein festes und selbständiges Dasein treten zu lassen, so bestimmt
Meine Weisheit Meinen Willen zum Gesetz über Meine Gedanken und Ideen, und sie
werden zu Realitäten wie außerhalb Meines Seins, und sie müssen dann also
fortbestehen als äußere selbständige Realitäten, solange Meine Liebe und
Weisheit Meinen Willen als das Gesetz aller Gesetze über sie gutachtlich und
zweckdienlich waltend erhält.
[GEJ.08_037,08] Und siehe, also ist der
Fortbestand auch der persönlichen Teufel ein Gesetz, das in sie gelegt ist
nebst dem noch immer eigenen freien Willen! Solange sie selbst Mich nicht als
Den anerkennen wollen, der Ich von Ewigkeit her war, noch bin und ewig sein
werde, so lange auch wird Mein Mußgesetz nicht von ihnen weichen; denn zöge Ich
Mein Mußgesetz hinweg, so hätte ihr Dasein für sich als ein selbständiges ein
Ende.
[GEJ.08_037,09] Ob sich aus seinem freien
Willen ein schon für sich bestehendes Wesen jetzt oder etwa erst gar nach einer
für dich undenklich langen Zeit bessert und ins Reich der Wahrheit übergeht,
das kann Mir wohl nur ein und das selbe sein, und Ich werde darum Meine ewige
Ordnung nicht um ein Haar ändern; wer es aber in sich anders haben will, der
kann das auch, denn es sind ihm alle Mittel dazu gegeben.
[GEJ.08_037,10] Da Ich euch nun aber auch die
Wohnörtlichkeiten der argen und bösen Seelen, die die eigentlichen persönlichen
Teufel sind, angezeigt habe, so meidet, wenn ihr euch noch irgend schwach
fühlet, dieselben; denn an solchen Orten droht dem Schwachen noch immer Gefahr!
Wer sich aber als ein noch Schwacher in eine Gefahr begibt, der kommt auch
leicht in der Gefahr um, oder er kommt zum wenigsten nicht leicht ganz ohne
Schaden davon.
[GEJ.08_037,11] Lasset euch denn auch nicht
gelüsten nach all dem unlauteren und unreifen Zeug dieser Welt, dieweil ihr als
nun schon auf der letzten Stufe der inneren Lebensvollendung stehende Menschen
das alles hinter euch habt! Trachtet nur stets nach vorwärts und nicht mehr
nach dem unreifen Rückwärts, so werdet ihr leicht und bald am wahren Lebensziel
stehen, und es wird euch dann nicht mehr gelüsten, auch nur Blicke nach dem
unreifen Rückwärts zu machen! – Habt ihr alle das nun auch verstanden?“
[GEJ.08_037,12] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, auch das ist uns nun klargeworden, und wir wissen nun, wie
wir auch in dieser Beziehung daran sind; aber es gibt unter den Menschen doch
so manche Erscheinungen, mit denen man doch noch nicht so recht im klaren ist.
So zum Beispiel kenne ich selbst im Judenlande mehrere alte Burgen und von den
Menschen vielleicht schon einige Jahrhunderte nicht mehr bewohnte alte Häuser.
In denen spukt es oft so entsetzlich, daß sich kein sonst noch so beherzter
Mensch ihnen nur von weitem zu nahen getraut, und wehe dem, der etwa wie
zufällig oder auch des leidigen Sachverhaltes unkundig, solchen Orten in die
Nähe kommt! Denn ein solcher Mensch wird sehr übel bedient, und noch um vieles
übler der, welcher gar mutwilligerweise sich an einen solchen Ort hinbegeben
möchte. Nun, solche eben nicht selten vorkommenden Orte sind schon gar viele
Jahre lang weder von einem noch dem andern groben Sünder betreten worden, und
man darf sie dennoch nicht betreten. Was ist hernach das?“
[GEJ.08_037,13] Sagte Ich: „O Mein Freund, da
steckt nicht immer das dahinter, was du meinst, sondern zumeist etwas ganz
anderes. Laß du solche berüchtigten Burgen und alten Meierhöfe nur von einer
mutigen Kriegerschar umringen, und Ich stehe dir dafür, daß sich bei solch
einer Gelegenheit deine sonst so gefährlichen Erscheinungen derart zurückziehen
werden, daß kein Krieger von ihrem allfälligen Dasein auch nur das
Allergeringste merken wird!
[GEJ.08_037,14] Es gibt wohl hie und da schon
auch solche Örtlichkeiten, in denen sich Seelen von schon lange verstorbenen
Menschen aufhalten und sich dann und wann den vorüberziehenden Menschen auf
eine oder die andere Art bemerkbar machen. Das sind Seelen, die bei ihren
Leibeslebzeiten zu mächtig in ihren irdischen Besitz verliebt waren und, um ihn
zu vermehren, auch so manche große Ungerechtigkeit begangen haben. Solche auch
höchst materiell gewordenen Seelen halten sich dann auch nach dem Abfalle des
Leibes in jenen Örtlichkeiten auf, die ihnen bei ihren Leibeslebzeiten über
alles lieb und teuer waren, und das oft so lange, bis von ihrem meist so teuren
Besitz jede Daseinsspur verweht worden ist. Dann erst fangen sie an, jenseits
mehr und mehr darum in sich zu gehen, weil sie in sich selbst zu gewahren
anfangen, daß aller irdische und zeitliche Besitz ein eitler und leerer Wahn
ist und war.
[GEJ.08_037,15] Doch solche Seelen können nie
in eine gar zu fühlbare Bosheit ausarten, und ihr höchst beschränktes und
machtloses Dasein kann keinem Menschen auch nur einen moralischen Schaden
zufügen, im Gegenteil wirkt ihr Sich-dann-und- wann-Kundgeben oft ganz gut auf
den Unglauben so manches Weltmenschen ein, der dann gläubig wird und sein
Weltleben ändert, weil er nach dem Tode des Leibes ein Fortbestehen der
Menschenseelen erfährt, das ihm eben nicht von einer guten und seligen Art zu
sein scheint.“
38. Kapitel
[GEJ.08_038,01] (Der Herr:) „Also derlei
Geister eben auch nicht guter und reiner Art können einem Menschen nicht
gefährlich werden, und es ist gut, für solche Seelen zu beten. Denn das Gebet
einer mit wahrer Liebe und Erbarmung erfüllten Seele im vollen Liebevertrauen
auf Mich hat eine gute Wirkung auf solche wahrlich armen Seelen im Jenseits,
denn es bildet um sie einen gewissen Lebensätherstoff, in dem sie wie in einem
Spiegel ihre Mängel und Gebrechen erkennen, sich bessern und dadurch leichter
zum Lebenslichte emporkommen.
[GEJ.08_038,02] Und Ich Selbst biete euch
diese Gelegenheit, damit ihr auch euren abgeschiedenen Brüdern und Schwestern
wahrhaft nützlich werden könnet.
[GEJ.08_038,03] Aber wie sollet ihr für sie
denn beten?
[GEJ.08_038,04] Das geht ganz leicht! Ihr
sollet bei euren Gebeten nicht etwa der Meinung sein, als möchtet ihr Mich
dadurch zu einer größeren Erbarmung bewegen, da Ich wahrlich Selbst endlos
barmherziger bin denn alle besten und liebevollsten Menschen der ganzen Welt zusammengenommen,
sondern traget ihnen gläubig und aus dem wahren Liebegrunde eures Herzens, eben
im Herzen, das Evangelium vor, und sie werden es vernehmen und sich auch danach
richten! Und auf diese Weise werdet ihr auch den wahrhaft Armen im Geiste das Evangelium
predigen, das ihnen von großem Nutzen sein wird.
[GEJ.08_038,05] Alles andere Beten und
Plärren aber nutzt keiner abgeschiedenen Seele auch nur im geringsten, sondern
schadet ihr vielmehr, weil sie sich, so sie derlei inne wird, nur ärgert, weil
dergleichen Gebete für die Seelen der Verstorbenen, wie das bei den Pharisäern
vor allem sogar gesetzlich gang und gäbe ist, mit großen Opfern bezahlt werden
müssen.
[GEJ.08_038,06] Die Art und Weise, wie Ich
euch nun gezeigt habe, für die Verstorbenen zu beten und für ihre geistige
Armut zu sorgen, ist sicher ein fruchtbarer Segen für sie; dagegen ist ein
hochbezahltes Gebet der Pharisäer ihnen ein Fluch, den sie sehr fliehen und
tiefst verachten.
[GEJ.08_038,07] Dieses möget ihr euch auch
als einen guten Rat, euch von Mir gegeben, wohl merken und ihn auch sehr wohl
beachten; denn dadurch werdet ihr euch wahre, große, mächtige und sehr dankbare
Freunde im großen Jenseits schaffen, die euch, so ihr in irgendeine Not
gerietet, nicht verlassen werden weder dies- noch jenseits! Solche Freunde
werden dann eure wahren Schutzgeister sein und sich allzeit um das Wohl ihrer
Wohltäter kümmern.
[GEJ.08_038,08] Aber ihr könnet euch diese
nur erwerben, wenn ihr für sie auf die euch von Mir angezeigte Weise bekümmert
und besorgt seid. Ihr brauchet da aber eben nicht auf alte Burgen und Meierhöfe
zu warten, sondern das könnet ihr allzeit tun so vielen abgeschiedenen Seelen,
als ihr euch solche nur immer vorstellen möget; denn euer Glaube, eure wahre
Liebe und Erbarmung und die Wahrheit aus Mir reichen noch endlos weit über die
großen Sphären des euch gezeigten großen Weltenmenschen hinaus. Denn ihr seid
nicht Meine Geschöpfe nur, sondern ihr seid Mir, eurem Vater, gleich endlos
mehr, und der Große Schöpfungsmensch ist nicht einmal ein fühlbarer
Daseinspunkt im kleinsten Lebensnerv eures kleinen Fußzehens, – freilich alles
das nur geistig oder vom Standpunkte der tiefsten Wahrheit aus betrachtet.
[GEJ.08_038,09] Wahrlich sage Ich euch: Euch
ist ein endlos großer Wirkungskreis zugemittelt (zugedacht), dessen Größe ihr
selbst aber erst dann vollendeter erschauen werdet, wenn ihr dereinst in Meinem
ewigen Reiche in einem Vaterhause mit Mir wohnen und wirken werdet! Denn jetzt
ist euch das alles nur noch so ein wunderlicher Traum, wie das auch oft bei
guten Kindern frommer Eltern der Fall ist; aber was Ich euch hier sage, ist
tiefe und göttliche Wahrheit.
[GEJ.08_038,10] Wie Mir Selbst alle Macht und
Gewalt im Himmel und auf dieser winzigen Erde eigen ist, ebenso soll sie auch
euch allen, die ihr an Mich glaubet und Mich über alles liebet, vollends eigen
werden; denn die Kinder eines Vaters dürfen nicht minder vollkommen sein, als
wie endlos vollkommen da ist ihr Vater.
[GEJ.08_038,11] Bei den Menschen auf dieser
Erde sieht das zumeist wohl anders aus, besonders wo der Vater seine irdischen
Kinder zu sehr verhätschelt; aber das ist bei Mir wahrlich nicht und niemals
der Fall, denn Ich weiß es von Ewigkeit her, was da Meinen Kindern not tut.
[GEJ.08_038,12] Nun, Ich habe euch jetzt so
einen kleinen Vorgeschmack gegeben, damit ihr daraus entnehmen sollet, wer Ich
bin, und wer ihr seid und eigentlich noch viel mehr werden sollet. Darum tuet
überall und allzeit nach Meinem Worte, und ihr werdet das auch mit einer
Leichtigkeit erreichen, was ihr nach Meinen Vaterworten zu erreichen habt; denn
einen sichereren und mächtigeren Bürgen, als Ich Selbst es bin, hat die ganze
Ewigkeit und Unendlichkeit nicht. Aber, wie gesagt, merket euch das ja wohl im
tiefsten Grunde eures Lebens, ansonst Ich umsonst solches zu euch geredet
hätte!
[GEJ.08_038,13] Suchet für eure Mir
dargebrachten kleinen Opfer nicht Entschädigungen in dieser Welt – denn
wahrlich, da wäret ihr Meine Kinder nicht, sondern Kinder dieser Welt und Erde,
die da ist ein schlechter Fußschemel Meiner Liebe und Meines Ernstes –, sondern
tut alles, was ihr tut, aus wahrer, lebendigster Liebe zu Mir, eurem Vater, und
Ich werde dann schon etwa auch wissen, womit Ich Meinen lieben Kindern eine
wahre Gegenfreude werde zu machen haben!
[GEJ.08_038,14] Wahrlich, wahrlich sage Ich
euch: Keines Menschen Auge hat es je geschaut, keines Menschen Ohr gehört und
keines Menschen Sinn je gefühlt, was Ich für jene Meiner Kinder in der
Bereitschaft halte, die Mich als ihren Vater wahrhaft mit einfältigem Herzen
lieben!
[GEJ.08_038,15] Aber das sage Ich euch allen
auch: Neben der Welt her lasse Ich Mich durchaus nicht schleppen! Denn entweder
alles her oder auch alles hin; aber die gewisse Halbheit ist ein Ding der
finsteren Heiden und trägt ihnen denn auch schlechte Früchte.
[GEJ.08_038,16] Was kann es denn einem
Menschen nützen, so er besäße alle Schätze der Welt, aber dabei großen Schaden
litte an seiner Seele? Darum kümmert euch allzeit nur um Schätze, die die
Motten nicht verzehren und der Rost nicht zerfressen kann, so werdet ihr auch
allzeit bestens daran sein!
[GEJ.08_038,17] Also, diesen Rat merket euch
auch wieder und befolget ihn, so werdet ihr ein gutes Sein auch schon auf
dieser Erde haben und die andern Menschen, die an euch glauben werden, mit
euch; alles andere aber soll schmachten, damit sein Fleisch nicht zu hochmütig
werde! Denn nur Ich ganz allein bin der Herr und tue nach Meiner ewigen
Weisheit allzeit, was Ich will! Die Welt möge da Zeter schreien, wie stark und
mächtig sie das nur immer will und mag, und das bald über dieses und jenes, und
Ich werde niemals horchen auf ihr eitles Geplärr!
[GEJ.08_038,18] Aber was Mir Meine wahren
Kinder und Freunde vortragen werden, auf das werde Ich auch horchen und dem
Übel leicht und bald abhelfen; doch alles, was Welt heißt und ist, soll von nun
an ums hundertfache mehr gezüchtigt werden, als es je vom Anfange der Welt her
der Fall war! Das ist auch Mein Wort, und die Zeiten werden es die Menschen
lehren, daß Ich nun diese Worte nicht vergeblich ausgesprochen habe.
[GEJ.08_038,19] Wehe allen Weltsüchtigen und
Meinem Willen Widerspenstigen! Denn diese Erde ist eine Wiege für Meine Kinder,
und diese werden nicht tüchtig ohne die Zuchtrute; und helfen da sanftere
Mahnstreiche nichts, so werden dann schon schärfere und sehr ernste in die
volle Anwendung gebracht werden, was da Meine Sorge sein wird. Doch nun haben
wir noch den einen Teil deiner Frage zu berichtigen!“
39. Kapitel
[GEJ.08_039,01] (Der Herr:) „Du, Mein
schriftgelehrter Freund, hast Mir in deiner Frage von gar entsetzlich
polternden Geistern in alten Burgen und Meierhöfen Erwähnung getan, und Ich
sage es dir, daß sich die Sache auch – besonders in diesen Zeiten – also
verhält; aber Ich kann dir da auch die vollste Versicherung geben, daß dies
durchaus keine gefährlichen Geister, wohl aber oft recht sehr gefährliche und
grundschlechte Menschen sind, die im Vereine mit heidnischen Magiern, auch
jüdischen Expriestern und abgedankten oder so durchgegangenen Essäern ihr arges
Spiel treiben. Diese Menschen haben allerlei böses Gesindel im guten Solde und
sammeln sich durch Raub, Mord und allerlei andere echt teuflische Trugkünste
große Schätze, und die alten Burgen mit ihren unterirdischen Gängen dienen
ihnen zu den für ihr Handwerk bequemsten Werkstätten.
[GEJ.08_039,02] Will ein harmloser Mensch
sich diesen wahren Höllennestern nahen, so wird er, damit der Betrug nicht ans
Tageslicht kommt, ja nicht in die Nähe gelassen, aber durch ihre bösen Künste
so in Angst versetzt, daß er dann selbst der beste Beschützer und Verteidiger
eines solchen Höllennestes bleiben muß; denn er erzählt das tausend andern
Menschen von Mund zu Mund, und alle halten das für etwas erschrecklich
Übernatürliches, und keiner von Tausenden wagt sich dann je mehr auch nur in
einige Nähe eines solchen wahren Höllennestes. Aber, wie Ich das schon gleich
einleitend in dieser deiner Frage bemerkt habe, lassen wir nur ein
wohlgerüstetes römisches Kriegsheer sich solch einer verrufenen Spukgeisterburg
nahen, und die Geister werden sich nicht rühren, sondern durch ihre geheimen,
unterirdischen Gänge schleunigst die Flucht ergreifen.
[GEJ.08_039,03] Ich sage es dir: In solchen
von dir angeführten Burgen und Meierhöfen halten sich wenige der eigentlichen
verteufelten Menschenseelen auf, die ihre Leiber schon lange abgelegt haben,
aber dafür oft eine desto größere Menge solcher, die noch im Fleische ihren
überteuflisch schlechten Lebenswandel führen und gewöhnlich um vieles ärger
sind als die jenseitigen absoluten Teufel! Ich meine, daß dir aus dieser Meiner
Darstellung nun diese Sache auch sehr anschaulich klar sein dürfte! Oder hast
du noch irgendeinen Zweifel, so lasse ihn uns hören!“
[GEJ.08_039,04] Hierauf trat der Römer
Agrikola wieder auf und sagte: „Ah, so geht es in solchen Nestern zu? Gut, daß
ich nun auch dieses aus dem Munde des allerwahrhaftigsten Zeugen erfahren habe!
Diese Art Spukgeister werde ich schon auszutreiben verstehen! Auch bei uns in
Europa kenne ich eine Menge solcher berüchtigten Nester, und es wird solchen
Geistern mit Fleisch und Blut bald das Handwerk gelegt werden!“
[GEJ.08_039,05] Sage Ich: „Es wird dir dabei
aber um ein bedeutendes schwerer ergehen, als das hier in den Judenlanden der
Fall wäre; denn bei euch steht eure effektive Heidenpriesterschaft besonders
interessiert mit im argen Spiel. Solange dort Meine euch nun gegebene Lehre
nicht einmal einen bedeutenden Vorsprung genommen haben wird, wird sich mit den
europäischen Spuknestern mit irgendeiner Gewalt nicht viel anfangen lassen. Aber
das beste Mittel gegen solch einen großbetrügerischen Unfug ist die Aufklärung
des besseren Volksteiles; denn weiß dieser einmal so recht verläßlich, wie sich
der vollen Wahrheit nach diese Sachen verhalten, so erfährt es von ihm auch
bald der Pöbel, und der ist dann ehest der Hauptaustreiber solcher bösen
Geister mit Fleisch und Blut.
[GEJ.08_039,06] Wer die Vögel fangen will,
muß nicht gleich mit Prügeln in den Stauden herumzuschlagen anfangen, sondern
er muß zuvor die Garne legen und dann erst mit dem Werfen der Prügel nach den
Stauden anfangen, und die Vögel werden sich dann haufenweise selbst in den
Garnen fangen.
[GEJ.08_039,07] Wo gewisse
Weltregierungsmaximen zu eng mit dem betrügerischsten Priestertum verbunden
sind, da läßt sich mit offener Gewalt vorderhand eben nicht viel ausrichten;
aber nachderhand wird sie schon recht wohl zu gebrauchen sein.
[GEJ.08_039,08] Doch hier im Judenlande, und
namentlich in Galiläa, habe Ich Selbst schon ein paar solcher Trugstätten
zerstört, wovon dir Cyrenius etwas wird erzählen können. Es bestehen aber noch
welche, und mit denen werde Ich auch noch bald fertig werden, so wie Ich auch
mit den bösen Götzentempeln in Samosata am Euphrat fertig geworden bin.
[GEJ.08_039,09] Aber bei euch im noch tief
heidnischen Europa läßt sich jetzt eben nichts anderes gegen solche Spukwerke
unternehmen als nur das, was Ich dir früher angezeigt habe.
[GEJ.08_039,10] Es wird Europa einst im
Glauben Asien bei weitem übertreffen; aber für jetzt ist es im allgemeinen noch
sehr roh und unreif, weil es noch zu tief im allerfinstersten Heidentum steckt
und dasselbe auch nach vielen Hunderten von Jahren nicht völlig wird fahren
lassen können. Aber es werden dort auch viele in Meinem Namen in der vollsten
Wahrheit stehen, aber von den Heiden auch gleichfort mehr oder weniger verfolgt
werden. Aber Ich werde dann einmal ein größtes Gericht über alle wie immer
gearteten Heiden ergehen lassen, und das wird dann allen Heiden den
vollkommenen Rest geben. – Aber nun lassen wir noch den Schriftgelehrten reden.
[GEJ.08_039,11] Sage nun du, Mein
schriftgelehrter Freund, was du noch irgend nicht verstehst! Denn als ein
wahrer Schriftgelehrter mußt du auch die Schrift vollends verstehen, und so
gebe Ich nun dir und den andern Gelegenheit, euch über alles, was euch noch
unklar ist, bei Mir sicher das rechte Licht zu verschaffen.“
[GEJ.08_039,12] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, ich bin nun schon über alles, was mir am wichtigsten schien,
vollends aufgehellt worden durch Deine Güte und Gnade; aber da Du Selbst ehedem
von einem allergrößten Gericht über alle Heiden Erwähnung gemacht hast, so
könntest Du uns ja auch die Zeit näher bestimmen, wann das alles eintreffen
wird.
[GEJ.08_039,13] Es haben davon wohl auch
Daniel und Jesajas in dunklen Bildern geredet, und Du Selbst hast zwei volle
dahin deutende Kapitel des Jesajas erklärt, wie auch den sicheren Untergang
Jerusalems; aber von einer bestimmten Zeit hast Du darin nichts Besonderes
angedeutet. Da wir nun aber von Dir schon so vieles erfahren haben, so könntest
Du darüber, und namentlich über das letzte Gericht über die Heiden allerorten,
auch etwas Bestimmtes kundtun, wie auch, wie solches Gericht geartet sein wird,
und welche Zeichen ihm vorangehen werden. Denn ohne gewisse Mahnzeichen läßt Du
niemals ein Gericht über die Menschen ergehen.“
[GEJ.08_039,14] Sagte Ich: „Mein lieber
schriftgelehrter Freund! Du hast wahrlich eine ganz gute Frage nun gestellt,
und Ich werde sie euch allen auch beantworten; aber ihr müßt euch das Heidentum
in jener Zeit, deren Ich Erwähnung tat, nicht also vorstellen, wie da nun
beschaffen ist das Heidentum in der Jetztzeit. Es werden die Götzentempel der
Jetztzeit wohl schon lange zerstört sein; aber an ihre Stelle werden vom
Widerchristen eine Unzahl anderer, und das sogar unter Meinem Namen, erbaut
werden, und ihre Priester werden sich als Meine Stellvertreter auf Erden
überhoch ehren lassen und werden alle Weltschätze an sich zu ziehen am
allermeisten bemüht sein. Sie werden sich mästen; aber das Volk wird in großer
Not sein geistig und leiblich.
[GEJ.08_039,15] Seht, wenn jenes Heidentum
wird überhandgenommen haben, dann wird auch ehest das große Gericht über die
neue Hure Babels ausgegossen werden! Ein Näheres werde Ich euch später sagen,
jetzt aber lasset uns zuvor etwas Wein zu uns nehmen!“
40. Kapitel
[GEJ.08_040,01] Lazarus ließ sogleich einen
frischen Wein bringen und sagte: „Das Große und Allererhabenste, was wir nun
aus Deinem Gottesmunde vernommen haben, muß auch mit einem frischen Weine
bekräftigt und in unseren Herzen besiegelt werden!“
[GEJ.08_040,02] Sagte Ich: „Da hast du,
Freund und Bruder Lazarus, recht! Alles Gute und Wahre findet im Brot und Wein
seine volle Entsprechung. Darum werdet ihr nach Mir zu Meinem Gedächtnis auch
beim mäßigen Genusse des Brotes und des Weines stets versichert sein können,
daß Ich im Geiste, so wie nun im Leibe, bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde
Mich unter euch, Meinen Kindern, Brüdern und Freunden, persönlich befinden
werde. Werdet ihr Mich mit euren Fleischesaugen auch gerade nicht allzeit
erschauen, so wird es euch aber dennoch euer Herz sagen: ,Freuet euch; denn
euer Herr, Gott und Vater ist unter euch und segnet für euch das Brot und den
Wein! Seid denn fröhlich und heiter in Seinem Namen, und gedenket dabei der armen
Brüder und Schwestern und besonders der Armen im Geiste!‘
[GEJ.08_040,03] Wenn euch euer Herz eine
solche Mahnung geben wird, da denket und glaubet allzeit, daß Ich Mich
persönlich unter euch befinde, und um was Gutes und Wahres fürs Leben der Seele
ihr Mich da bitten werdet, das werde Ich euch denn auch allzeit bereitwilligst
und wohlverständlichst geben.
[GEJ.08_040,04] Die Mich aber da mit großer
Liebe ihrer Herzen begrüßen werden, die werden sich auch bald mit ihren Augen überzeugen,
daß Ich wahrhaft persönlich Mich unter euch befinde. Was Ich aber hier euch
sage und beteuere, das gilt auch ganz gleich allen euren wahren und getreuen
Nachfolgern. – Aber nun gib den frischen Wein her; denn Ich bin durstig
geworden!“
[GEJ.08_040,05] Hierauf ward ganz frischer
und bester Wein kredenzt. Ich trank, und auch alle andern tranken und lobten
den Wein, der durch Meinen Willen sehr gewürzt und versüßt war.
[GEJ.08_040,06] Als wir uns also gestärkt
hatten, da sagte abermals der Schriftgelehrte, ob Ich nun schon willens wäre,
ihm das zu beantworten, um was er Mich gefragt hatte.
[GEJ.08_040,07] Ich aber sagte: „Freund, es
gibt da noch andere Dinge, die nun nötiger sind, daß sie besprochen werden, als
das Ende des Heidentums. Lassen wir erst den Morgen herankommen und die im
andern Gemache ruhenden Pharisäer zuvor von hier abziehen, und Ich werde euch
dann im Freien das Wie- und Wann-Ende des Welt- und Heidentums bildlich dartun.
[GEJ.08_040,08] Nun aber wollen wir, wie
schon bemerkt, von etwas anderem reden, das vorderhand wichtiger sein wird, als
das traurig und höchst bedrängnisvoll aussehende Welt- und Heidentumsende. Was
dünket euch, worüber wir nun zuerst reden könnten, und was zu wissen und zu
glauben euch allen recht not tut?“
[GEJ.08_040,09] Hier sagte einmal wieder
Petrus: „Herr, ich hätte nun etwas; so auch ich nun reden dürfte – darum ich
Dich bitte –, so wüßte ich an Dich eine Frage zu stellen!“
[GEJ.08_040,10] Sagte Ich: „So rede! Denn nun
hat ein jeder von euch das Recht zu reden und zu fragen.“
[GEJ.08_040,11] Sagte nun Petrus: „Herr,
Moses hat zur Reinigung der Sünder gewisse äußere Mittel verordnet, wie sie
jedem Juden wohlbekannt sind. Sollen wir uns deren auch bedienen? Haben sie für
den Menschen eine ihn heiligende Kraft, und sind sie zur Erlangung des ewigen
Lebens der Seele unumgänglich notwendig?
[GEJ.08_040,12] Sollen auch die Heiden sich
beschneiden lassen, so sie Deine Lehre annehmen werden, oder genügt bei ihnen
schon die Taufe allein? Und sollen auch die andern Läuterungsmittel nebst der
Beschneidung bei den zu uns bekehrten Heiden stattfinden?“
[GEJ.08_040,13] Sagte Ich: „Wer ein Jude ist
und die Beschneidung hat, der soll sie auch gleichfort haben; aber die
Beschneidung selbst für sich ist nichts und hat für niemand einen irgend
geheimen und gewisserart seelenmagisch heiligenden Wert.
[GEJ.08_040,14] Den Menschen heiligt nichts
als der lebendige Glaube und seine tätige Liebe zu Gott und zum Nächsten.
[GEJ.08_040,15] Wer aber gesündigt hat gegen
Gott und gegen seinen Nächsten, der erkenne wahrhaft reuig seine Sünden, bitte
Gott ernstlich um Vergebung, mache am Nächsten die ihm zugefügten Unbilden gut
und sündige fürder nicht mehr, so ist er dann auch schon völlig gereinigt; denn
dadurch, daß er die Übel gutgemacht hat und keine Sünde mehr begeht, werden ihm
selbstverständlich auch die Sünden nachgelassen.
[GEJ.08_040,16] Wer aber das nicht tut, der
bleibt in den Sünden und in ihren argen Folgen auch dann ganz gleich fort, so
für ihn auch zehntausend Böcke wären geschlachtet und in den Jordan geworfen
worden. Dieses und auch alle andern äußeren Reinigungsmittel bessern und
heiligen den Menschen nicht im geringsten, sondern allein sein wahres und
aufrichtiges Handeln nach Meiner Lehre, und daß er glaubt an den einen, wahren
Gott, und also auch an Mich im Herzen.
[GEJ.08_040,17] Ich aber habe euch ja ohnehin
gesagt, daß ihr jedermann, der lebendig und wahrhaft Meine Lehre und also auch
Mich Selbst an- und aufgenommen hat, im Namen des Vaters, des Sohnes und des
Heiligen Geistes taufen sollet; dazu aber genügt die Auflegung der Hände und
als ein äußeres Zeichen der wahren, inneren Reinigung durch den Geist Gottes
ein Waschen mit reinem Wasser. Und das genügt für Juden und Heiden völlig.
[GEJ.08_040,18] Alles andere hat hinfort
keinen Wert vor Mir, so wie da vor Mir auch keinen Wert hat ein äußeres und
noch so langes Lippengebet. Wer da will und wünscht, daß sein Gebet bei Mir
erhört werde, der bete im stillen Kämmerlein seines Herzens vollgläubig zu Mir,
und Ich werde ihm geben, um was er gebeten hat.
[GEJ.08_040,19] Ich sage euch abermals, wie
Ich das schon oft gesagt habe: Suchet in allem allein nur die Wahrheit, diese
wird euch völlig frei machen!
[GEJ.08_040,20] Es ist ganz gut, daß der
Mensch nach der Lehre Mosis rein halte auch seinen Leib. Durch Unreinigkeit
kommen allerlei böse Krankheiten in das Fleisch und Blut und erzeugen Unlust
und Traurigkeit in der noch schwachen Seele; aber was das Fleisch vom Schmutze
reinigt, das reinigt die Seele nicht von ihren Sünden. Waschen sich doch die
Juden vor und nach einem Mahle die Hände und oft auch die Füße, und wir tun das
oft nicht, und doch sind wir reiner mit ungewaschenen Händen als die strengen
Juden mit allzeit gewaschenen Händen und Füßen.
[GEJ.08_040,21] Und nun kurz und gut: Kein
äußeres Reinigungsmittel hat für den inneren Menschen irgendeine Heiligung,
sondern allein der lebendige Wahrheitsglaube, seine Liebe und seine guten
Werke. – Habt ihr das nun verstanden?“
[GEJ.08_040,22] Sagte Petrus: „So denn wird
es in der Folge auch nicht nötig sein, daß wir gleich den Tempelpriestern die
Ehen einsegnen?“
[GEJ.08_040,23] Sagte Ich: „An und für sich
ganz und gar nicht; denn das Band der Ehe schließt genügend das gegenseitige
Gelöbnis vor den Eltern oder sonstigen wahrhaftigen Zeugen. Aber so ihr in
einer Gemeinde, die ihr irgend in Meinem Namen werdet gegründet haben, die Ehen
einsehet und sie segnet in Meinem Namen, so wird ihnen das zum Nutzen und zur
Bekräftigung ihres Bundes dienen. Es geschehe das nur von eurem guten Willen als
ein Liebesdienst ausgehend.
[GEJ.08_040,24] Ich gebe euch aber dieses nur
als einen guten Rat und nicht etwa als ein Gesetz. Und also soll auch von euch
um so weniger ein Gesetz daraus gemacht werden; denn welch eine arge Wirkung
Mußgesetze auf die freiwollende Seele ausüben, habe Ich euch in dieser Nacht
mehr denn zur Genüge gezeigt, wie auch deren notwendige Folgen, und so sei
unter euch alles nur eine freie Handlung der wahren und reinen Liebe und nie
eines gebieterischen Zwanges. Daran nur wird man erkennen Meine wahren Jünger,
daß sie unter sich nur das freie Gesetz der Liebe üben und sich untereinander
lieben, wie nun Ich euch liebe.
[GEJ.08_040,25] Aber solch eine bezahlte
Einsegnung der Ehe durch einen gebieterischen und überhochmutsvollen Priester
in oder außer dem Tempel hat vor Mir nicht den allergeringsten Wert, sondern
nur Mein vollstes Mißfallen. Was Mir aber mißfällt, das ist auch sicher wider
Meine Ordnung und ist ein Übel und eine Sünde, die wahrlich keinem Menschen
einen Segen bringt. So ihr aber das wohl begriffen habt, da handelt auch also,
und ihr werdet dabei wohl tun!“
[GEJ.08_040,26] Sagte hierauf Agrikola: „Herr
und Meister, da werden auch wir Römer wohl tun, so wir unser Ehewesen also
einrichten! – Und was sagst Du denn für oder gegen die Vielweiberei?“
41. Kapitel
[GEJ.08_041,01] Sagte Ich: „Wer von euch
Heiden in Meiner Lehre wandeln wird, der wird sich auch solchen Meinen Rat
allzeit wohl gefallen lassen. Doch was da betrifft die Vielweiberei, so soll es
bei Meinen Nachfolgern sein, wie es war im Anfange der Menschen auf dieser
Erde, da Gott nur einen ersten Mann schuf und ihm auch nur ein Weib gab; denn
wer schon einmal ein Weib geehelicht hat, dem er seine volle Liebe und
unwandelbare Treue gelobt hatte, und er freit dann noch ein zweites und ein
drittes Weib hinzu, und mancher noch mehrere, so begeht er dabei ja offenbar
gegen das erste Weib einen Ehebruch, und da steht es aber im Gesetz: ,Du sollst
nicht ehebrechen!‘
[GEJ.08_041,02] Ich sage es euch, daß die
Vielweiberei von großem Übel ist; denn sie zeihet (macht) die Seele ganz
sinnlich durch die zu große Wollust des Fleisches und ist und bleibt eine böse
Geilerei und Hurerei und offenbare Ehebrecherei.
[GEJ.08_041,03] Alle mit diesen Gebrechen
Behafteten werden ins Reich Gottes nicht eingehen, – wie könnten sie das auch?
Ihre Seele ist ja zu sehr in ihres Leibes sinnliche Fleischmasse vergraben und
kann nichts Geistiges mehr fassen und fühlen! Darum gelangen solche
Wollüstlinge schwer oder auch nahe gar nicht ins Gottesreich. Denn worin das
eigentliche Gottesreich besteht, das habe Ich euch allen schon überhinreichend
erklärt.
[GEJ.08_041,04] Aber so schädlich für die
Seele des Menschen die Mehrweiberei auch ist, so gebe Ich euch dawider doch
kein Gesetz, sondern überlasse alles dem freien Willen jedes Menschen, zeige
euch die Wahrheit und gebe euch den guten Rat.
[GEJ.08_041,05] Ebenso aber verhält es sich
auch, so ein Mann sich Sklavinnen als Beischläferinnen oder Kebsweiber hält, denn
auch mit ihnen bricht er gegen das ordentliche Weib die Ehe.
[GEJ.08_041,06] Ein Mann aber, der mit gar
keinem ordentlichen Weibe, sondern nur mit Beischläferinnen sein geiles Leben
fortführt, ist ebenfalls so schlecht, und oft schlechter noch, als so mancher
schwache Ehebrecher, denn er schadet nicht nur seiner Seele, sondern auch den
Seelen seiner wollüstigen Beischläferinnen. Solche Menschen bereiten sich schon
in dieser Welt ein böses und bitteres Los und ein noch schlechteres und
bittereres im Jenseits, denn sie haben durch ihren Wandel beinahe allen
Seelenätherlebensstoff vergeudet!
[GEJ.08_041,07] Wer immer nach Meiner Lehre
eine baldige und volle Wiedergeburt im Geiste seiner Seele wünscht, der führe
ein möglichst keusches Leben und lasse sich nicht berücken und betören vom
Fleische der Jungfrauen und Weiber; denn dieses zieht den Lebenssinn der Seele
nach außen und verhindert dadurch gewaltigst die Wachwerdung des Geistes in der
Seele, ohne die aber keine volle Wiedergeburt der Seele in ihrem Geiste denkbar
möglich ist!
[GEJ.08_041,08] Eine gute, mit Vernunft,
Weisheit und Selbstverleugnung gepaarte Ehe verhindert die geistige
Wiedergeburt nicht, aber die Geilheit und Wollust macht sie unmöglich. Darum
fliehet sie ärger denn die Pestilenz!
[GEJ.08_041,09] Wollüstlinge beiderlei
Geschlechts, wenn sie auch nach einer Zeit völlig in sich gehen und durch eine
große Selbstverleugnung ein völlig keusches Leben zu führen anfangen und durch
solch eine rechte Buße auch die volle Vergebung ihrer Sünden erlangen, werden
doch die volle geistige Wiedergeburt auf dieser Welt schwer oder auch gar nicht
erlangen, sondern nur eine teilweise; denn es hat die Seele solcher Menschen zu
tun genug, sich nur so weit von ihrem Fleische frei zu machen, daß sie des
Geistes Mahnungen insoweit vernehmen kann, als sie zu ihrem Heile notwendig
sind. Ein solcher Mensch kann zwar noch sehr gut und weise werden und viel
Gutes wirken; aber zu der wundermächtigen Tatkraft wird er schwer in der Fülle
gelangen. Das kann solch eine Seele erst im Jenseits erlangen.
[GEJ.08_041,10] Es gleicht eine solche Seele
einem Menschen, der viele Jahre lang siech und krank war und endlich durch ein
wahres und rechtes Heilmittel gesund geworden ist. Ja, gesund ist nun so ein
Mensch wohl und kann, wenn er hinfort ganz ordentlich lebt, auch noch ein
gesundes und hohes Alter erreichen; aber die Kraft eines von der Wiege an
völlig gesunden Menschen wird er kaum mehr erreichen, weil seine inneren
Muskeln, Nerven und Fibern durch die lange Krankheit erstens an der gehörigen
Ausbildung verhindert worden sind, und zweitens, was die Hauptsache ist, sie
haben auch nicht in den verschiedenen Bewegungen und Anstrengungen geübt werden
können.
[GEJ.08_041,11] Wie aber ein solcher von der
lange angedauert habenden Krankheit, ob Mangel an der inneren Ausbildung der
Muskeln, Nerven und Fibern und ob Mangel an der Übung derselben, nicht leicht
zur vollen Leibeskraft eines urgesunden Menschen gelangen kann, so geht es
entsprechend einer lange krank gewesenen Seele; denn es fehlt ihr die
ursprüngliche Ausbildung der wahren und reinen Liebe zu Gott, somit auch des
Glaubens und des Willens. Fehlt ihr aber dies erste, so fehlt ihr dann sicher
noch mehr die Übung der bezeichneten drei Stücke, und es bleibt die Mächtigkeit
dieser drei Lebensstücke der Seele eines völlig gebesserten Wollüstlings stets
zurück, obschon im Himmel über die volle Bekehrung eines Sünders mehr Freude
waltet als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft haben. Denn
soll eines Menschen Liebe, Glaube und Wille wahrhaft tatkräftig werden, so
müssen sie schon von Jugend an gehörig ausgebildet und dann recht geübt werden.
[GEJ.08_041,12] Aber wie Ich die Macht habe,
jede noch so schwere und langdauernde Krankheit also vollkommen zu heilen, daß
der von Mir geheilte Mensch auch also kräftig wird, als wäre er von der Geburt
an nie krank gewesen, ebenso kann von nun an die Seele eines vollends bekehrten
Sünders auch noch zu jener inneren Kraft gelangen wie die Seele eines
Gerechten, der einer Buße nie bedurft hatte. Aber es kostet sie das viele sich
selbst verleugnende Mühe.
[GEJ.08_041,13] Wer da Kinder hat, der übe
sie schon von früher Jugend an in den drei Stücken, und sie werden dann mit der
Besiegung der Welt in sich ein leichtes haben!
[GEJ.08_041,14] Seht, das alles gebe Ich euch
nur als einen guten Rat und nicht als irgendein Gesetz; denn unter dem
Mußgesetz kannst du Mensch nicht der freie Gründer deines Heiles werden! Wer
sich aber solchen Meinen Rat selbst in seinem Willen als ein Mußgesetz auferlegt
und danach handelt und lebt, der tut wohl daran. – Habt ihr alle das aber nun
auch wohl verstanden?“
42. Kapitel
[GEJ.08_042,01] Sagten alle: „Ja, Du wahrlich
allerweisester Herr und Meister, die wahre und vollkommene Buße ist und bleibt
also das einzige und alleinige Seelenheilmittel (sacramentum), und alles andere
ist nichts und hat keinen Lebenswert. Das sehen wir nun alles wohl und ganz
rein ein. Aber was sagst Du, o Herr und Meister, zu den strengen Büßern in Sack
und Asche? Sind bei der strengen Buße der Sack und die Asche notwendig?“
[GEJ.08_042,02] Sagte Ich: „Das ist es
ebensowenig, als es von eurer Seite nun auch nicht notwendig war, Mich darum zu
fragen, da Ich euch doch ohnehin hinreichend klar gezeigt habe, worin die wahre
und bei Mir allein Wert habende Buße eines Sünders besteht. Was sollen denn
Sack und Asche dem Menschen für eine Heiligung seiner Seele bieten? Sack und
Asche wurden bei den Alten nur als entsprechende Bilder aufgestellt, unter
denen die rechte Buße zu verstehen war; denn der Sack bezeichnet die äußere
Demut und die Asche die wahre innere der Seele. Aber das faule Tragen eines
Sackes und das Bestreuen des Hauptes mit der Asche hat einem Menschen
ebensowenig eine Heiligung gebracht wie das Fasten und Kasteien, – wie auch der
Krieger, der sich vor dem Feinde in eine sichere Höhle aus Furcht und Angst
verkriecht, statt mit ihm mutvoll in einen Kampf zu treten, wohl auch
schwerlich mit einer Siegerkrone gekrönt wird.
[GEJ.08_042,03] Darum fort mit Sack und
Asche, fort mit dem Kasteien und Fasten, und fort mit der Opferung der Böcke
und fort mit allen andern Tempelopfern wegen der Vergebung der Sünden; denn sie
haben vor Mir nicht den allergeringsten Lebenswert! Aber dafür herbei mit einem
festen und unbeugsamen Willen zur wahren inneren Lebensbesserung! Herbei mit
der lebendigen Liebe zu Gott und zum Nächsten, und herbei mit dem vollen
Glauben an Gott und Dessen Menschwerdung in Mir; denn nur das heiligt den
Menschen und macht stark und voll-lebend die Seele in Meinem in ihr waltenden
Geiste!
[GEJ.08_042,04] Bei dem bleibet, und lehret
es auch alle andern Völker, so werdet ihr Mir das angedrohte Gericht über alle
Heiden in den späten Zeiten ersparen; aber ihr müßt vor den Menschen nicht
zittern und beben, sondern in gutem und mutvollem Willen ihnen den vollen
göttlichen Ernst der Wahrheit offen verkünden! Und werdet auch ihr nicht ganz
imstande sein, alles Heidentum vollends siegreich zu bekämpfen in kurzer Zeit,
so wird aber das die reine Wahrheit in den späten Zeiten doch gar wohl
vermögen. Denn das große euch von Mir angekündigte Gericht über das Reich der
Lüge wird eben in dem Siege der Wahrheit über sie bestehen, und das wird keine
andere Wahrheit sein als eben diese, die Ich euch hier nun verkünde.
[GEJ.08_042,05] In jenen Zeiten werde Ich
wieder Männer und sogar Mägde erwecken, die den Menschen diese Wahrheit ebenso
rein und klar überliefern werden aus Meinem Munde in ihren Herzen, wie Ich sie
nun euch Selbst mit Meinem leiblichen Munde verkünde, und solche Wahrheit wird
für alle blinden Heiden der mächtige und unerbittliche Richter sein.
[GEJ.08_042,06] Also keinen Sack und keine
Asche mehr, sondern in allem die volle Wahrheit und den festen Willen!
[GEJ.08_042,07] Also, Meine Jünger und
Freunde, habe Ich nun offen und in keinen Bildern zu euch geredet, und eben
also verstehet und begreifet das auch ihr offen und durch die Tat; denn das
Wissen allein nützt der Seele wenig oder nichts! Wer aber durch die Tat der
Wahrheit ein rechtes Opfer bringt, der wird das ewige Leben ernten.
[GEJ.08_042,08] Und nun saget Mir abermals,
ob euch noch irgendeine finstere Dummheit drückt, und ob ihr diese Meine klaren
Worte auch der vollen Wahrheit nach verstanden habt! Ich frage euch um das aber
nicht, als wüßte Ich es nicht, wie und ob ihr alles das verstanden habt,
sondern Ich frage euch nur darum, daß auch ihr euch lebendig selbst fragen
sollet, wie sich die Wahrheit in euch selbst gestaltet; denn nur das gehört zu
eurem eigenen Leben. Und so möget ihr nun abermals reden!“
[GEJ.08_042,09] Sagten alle wie aus einem
Munde: „O Herr und Meister, wir haben nun alles wohl begriffen, was Du uns
erklärt hast, und sehen auch die volle Wahrheit des Gesagten und Erklärten ein!
Wir werden darum auch das in der Tat ausführen, erstens für uns selbst, und werden
es auch getreu den andern Menschen, die eines guten Willens sind, also
beibringen. Aber es bedünket uns dennoch sehr, ob diese golden lichte Wahrheit
von den vielen gar sehr blinden Menschen als das freudig angenommen wird, was
sie in sich ist. Denn wer da sehend ist, der hat sicher auch stets eine große
Freude am werdenden Tag; doch für den Stockblinden ist Nacht und Tag schier
etwas ganz gleiches.
[GEJ.08_042,10] Es gibt nun aber eine
übergroße Menge im Geiste stockblinder Menschen, die sich nur in der alten
mystischen Zeremonie glücklich fühlen und sich gegen Gott, den sie freilich
noch nie erkannt haben, zu versündigen wähnen, wenn sie von den alten
Gebräuchen irgend etwas vergeben müßten und somit ausziehen den alten Menschen
wie ein altes, morsches Kleid und anziehen einen ganz neuen.
[GEJ.08_042,11] Mit solchen Menschen wird
sich schwer reden und handeln lassen, was da leicht vorauszusehen ist; denn wer
nicht schon auf dem Wege vieler Erfahrungen zu einem helleren Denken gelangt
ist, der wird diese noch so lichtvolle Wahrheit dennoch nicht als das ganz
lebendig in sich aufnehmen, was sie ist, sondern aus seiner alten verrosteten
Gewohnheit am Altmystischen kleben bleiben, die alten Sitten und Gebräuche als
einen über alles hochzuverehrenden Gottesdienst ansehen und diese neuen,
lichtvollsten Wahrheiten am Ende für Ketzereien betrachten und sie verachten
und verfolgen. Und so wird es schwer werden, diese allerlichtesten Wahrheiten
den gar vielen Blinden als auch für sie wirksam beizubringen.
[GEJ.08_042,12] Also besteht bei den Juden
eine alte Gewohnheit, derzufolge sie sich durch ein Bekenntnis einem Priester
zu zeigen haben, auf daß er um ihre Sünden wie auch um ihre guten Werke wisse,
sie gegeneinander abwäge und vergleiche, um danach zur Sühnung der Sünden die
Bußwerke und die Reinigungsopfer zu bestimmen. Der Mensch nun, der sich so
einem Priester gezeigt und darauf auch das getan und vollbracht hat, was ihm
vom Priester auferlegt wurde, betrachtet sich darauf für vollkommen gereinigt
und vor Gott gerechtfertigt; aber so man ihn näher betrachtet, so ist und
bleibt er nach einer solchen Reinigung gleichfort ganz der gleiche ungebesserte
Mensch und begeht bis zum nächsten Bekenntnisse nicht nur die alten Sünden
wieder, sondern oft noch einige neue hinzu, und da zeigt es sich offenkundig,
daß diese alte Reinigungssitte den Menschen nicht nur nicht besser, sondern oft
nur noch schlechter macht, als er früher war.
[GEJ.08_042,13] Aber man versuche gegen
diesen alten Unfug aufzutreten und zu lehren, und man wird die Flucht ergreifen
müssen, wenn man nicht gesteinigt werden will! – Was aber sagst Du, o Herr und
Meister, dazu?“
43. Kapitel
[GEJ.08_043,01] Sagte Ich: „Darum sollet ihr
eben nur die Wahrheit den Menschen predigen! Die sie annehmen werden, die
werden frei und selig werden; die sie aber nicht annehmen werden, die werden
denn auch verbleiben in ihren Sünden und in deren Gericht und geistigem Tode.
[GEJ.08_043,02] Ich verpflichte euch ja
nicht, diese Wahrheiten des Lebens allen Menschen in der kürzesten Zeit
beizubringen, derart, daß sie auch schon völlig danach leben sollen. Vorderhand
habe Ich ja nur euch gegeben, das Geheimnis des Gottesreiches zu verstehen, und
nicht auch allen in dieser Zeit gar sehr arg blinden Menschen. Nachderhand aber
werdet ihr schon auch Menschen in Menge finden, die sich euch mit allem Eifer
anschließen und mit euch wirken werden zum Gedeihen der von Mir euch
verkündeten Wahrheiten.
[GEJ.08_043,03] Was aber da für sich betrifft
die von euch berührten Sündenbekenntnisse vor den Priestern, so sind sie in der
Art und Weise, wie sie nun bestehen, schlecht und somit völlig verwerflich,
weil sie die Menschen nicht bessern, sondern sie nur in ihren Sünden bis an ihr
Ende verharren machen; aber Ich bin auch wieder nicht dawider, so ein schwacher
und seelenkranker Mensch im guten Willen einem stärkeren und seelengesunden
Menschen seine Schwächen und Gebrechen treu bekennt, weil dann der gesunde und
lichtstarke Mensch ihm aus wahrer Nächstenliebe leicht jene wahren Mittel an
die Hand geben kann, durch die des schwachen Nächsten Seele erstarken und
gesund werden kann. Denn auf diese Weise wird dann ein Mensch dem andern ein
rechter Seelenheiland. Aber Ich mache daraus auch kein Gesetz, sondern gebe
euch damit auch nur einen guten Rat; und was Ich tue, das tuet auch ihr, und
lehret jedermann die Wahrheit!
[GEJ.08_043,04] Das Bekenntnis allein aber
reinigt einen Menschen ebensowenig von seinen Sünden, wie das einen leiblich
Kranken schon gesund macht, so er einem Arzte seine Leiden, und wie er dazu
gekommen ist, noch so treu bekennt, sondern er muß darauf auf den Rat des
weisen und kenntnisreichen Arztes hören und ihn dann auch getreu befolgen und
alles in der Folge meiden, was ihn zum Leiden gebracht hat.
[GEJ.08_043,05] Also ist es auch gut, daß in
einer Gemeinde ein jeder Bruder den andern kennt, sowohl in seinen starken wie
schwachen Seiten, damit einer den andern der vollen Wahrheit nach seelisch und
auch leiblich unterstützen kann und mag. Wer aber verschlossen sein und bleiben
will in der Meinung, daß er durch sein Bekenntnis jemanden ärgern könnte, dem
soll niemand seine Schwächen herausfordern!
[GEJ.08_043,06] Wenn aber jemand von euch ein
Weiser ist, und sein Geist offenbart ihm die Schwächen des schwachen und
ängstlichen Bruders, so gebe ihm der Weise unter vier Augen einen guten Rat und
helfe ihm mit Rat und Tat aus der geheimen Not, und sein Lohn wird nicht unterm
Wege irgendwo steckenbleiben!
[GEJ.08_043,07] Doch lasset jedem den freien
Willen, und tut niemandem einen Zwang an; denn ihr wisset es nun, daß ein jeder
moralische Zwang völlig wider Meine ewige Ordnung ist! Was Ich nicht tue, das
tuet auch ihr nicht!
[GEJ.08_043,08] Und so hätten wir nun auch
die rechten Worte über das offene Bekenntnis der Schwächen und geheimen Sünden
geredet; alles, was darüber oder darunter ist, das ist wider Meine Ordnung und
ist vom Übel.
[GEJ.08_043,09] Ihr sollet aber dem schwachen
Bruder, der sich einem Stärkeren von euch traulich enthüllt hat, ja nicht mit
einer richterlich drohenden Miene begegnen, sondern ihm stets mit aller Liebe
und Freundlichkeit die Wahrheit offen kundtun und ihm auch die Mittel an die
Hand geben, durch die er leicht und sicher geheilt werden kann, so wird er auch
den Mut dazu nicht sinken lassen und wird ein dankbarer Jünger der freien
Wahrheit werden; aber wenn ihr ihm mit allerlei Strafpredigten kommen werdet,
so werdet ihr nicht nur nichts oder wenig ausrichten mit ihm, sondern ihr
werdet ihn noch um vieles elender machen, als er je zuvor war.
[GEJ.08_043,10] Es wird aber in den späteren
Zeiten leider geschehen, daß die Sündenbekenntnisse vor den falschen Propheten
in Meinem Namen noch mehr gang und gäbe werden, als sie je unter den Pharisäern
und Erzjuden es waren, und das wird zum Fall und zum Gerichte der falschen
Propheten unter Meinem Namen führen. Denn diese werden den Menschen gleich den
Heiden sagen, daß sie allein das von Gott ihnen erteilte Recht haben, allen
Sündern die Sünden nachzulassen oder auch vorzuenthalten; also werden sie auch
gegen große Opfer ihre blinden Günstlinge für alle Himmel selig und heilig
sprechen.
[GEJ.08_043,11] Wenn das geschehen wird, dann
wird bald jene Zeit herbeikommen, in der das große Gericht über das neue
Heidentum ergehen wird. Darum seid denn vorsichtig mit den offenen
Bekenntnissen, damit sie euch nicht zu bald in einem noch ärgeren Sinne
nachahmen, als wie das nun bei den Pharisäern und Erzjuden der Fall ist!
[GEJ.08_043,12] Ich habe es euch, besonders
Meinen alten Jüngern, auch einmal gesagt, daß ihr denen, die an euch gesündigt
haben, die Sünden vergeben könnet, und denen ihr sie vergeben werdet hier auf
Erden, denen sollen und werden sie auch im Himmel vergeben sein; solltet ihr
aber wegen sichtlicher Unverbesserung (Unverbesserlichkeit) guten Grund haben,
ihnen die Sünden, die sie gegen euch begangen haben, vorzuenthalten, so werden
sie ihnen auch im Himmel vorenthalten sein.
[GEJ.08_043,13] Wir haben aber schon damals
ausgemacht, daß ihr erst dann das Recht haben sollet, den Sündern ihre Sünden
gegen euch vorzuenthalten, so ihr ihnen zuvor schon siebenmal siebenundsiebzig
Male vergeben habt.
[GEJ.08_043,14] So aber ihr als Meine
nächsten Jünger erst auf die besagte Weise das Recht von Mir aus habt, nur den
Sündern gegen euch die Sünden vorzuenthalten oder auch zu vergeben, so ist es
ja klar, daß kein Priester je das Recht von Gott aus haben konnte, auch fremde
Sünden zu vergeben oder vorzuenthalten.
[GEJ.08_043,15] Wer zum Beispiel sich an
Kaiphas versündigt hat, dem kann Kaiphas die Sünden auch vergeben oder nach
Gestalt der Sache auch vorenthalten; wer sich aber gegen Herodes versündigt
hat, der hat mit Kaiphas, und er mit ihm, nichts zu tun, sondern nur allein mit
Herodes. Wer sich aber versündigt hat gegen den Tempel, der soll sehen, wie er
mit dem Tempel ins reine kommt!
[GEJ.08_043,16] Aber da meine Ich freilich
nicht den Tempel, wie er nun beschaffen ist, sondern wie er einst beschaffen
war – denn nun wäre auch Ich ein Sünder gegen den Tempel, wie ihr alle es seid
–, und wir werden dann auch vor dem Tempel kein Sündenbekenntnis abzulegen
haben; denn nun sind wir der vollstwahre Tempel Gottes, der da unten aber ist
eine Mördergrube geworden. Darum wird es denn auch bald zur Ernte seiner bösen
Früchte kommen, die er auf seinen Äckern ausgesät hat. Da wird man von seinen
Dornen und Disteln keine Trauben und Feigen ernten.
[GEJ.08_043,17] Wie aber nun der Tempel –
sage – im Namen Jehovas bestellt ist, ebenso und noch um vieles ärger wird
dereinst das neue Heidentum in Meinem Namen bestellt sein; aber die Ernte
seiner Früchte wird noch um vieles schlechter ausfallen, als wie da bald die
Ernte dieses Tempels da unten ausfallen wird.
[GEJ.08_043,18] Ihr werdet an dem neuen
Heidentum wohl keine Schuld tragen, wie auch die Propheten keine Schuld tragen,
daß nun der Tempel da unten also geworden ist, wie er nie hätte werden sollen,
sondern alle Schuld werden die Menschen tragen, denen es ihre behagliche
Trägheit nicht zuließ, die Wege der Wahrheit selbsttätig zu wandeln, sondern
lieber die andern und namentlich die sogenannten Priester für sich um ihnen
dargereichte schmutzigste Opfer wandeln zu lassen, – aber auch nicht die Wege
der Wahrheit, sondern nur die Wege des Truges und der Lüge. Allda führt dann
ein Stockblinder den andern so lange, bis beide zu einer Grube kommen und
sodann auch beide hineinfallen.
[GEJ.08_043,19] Wenn ihr dieses nun aus
Meinem Munde vernommen habt, so verstehet es aber auch der vollen Wahrheit
nach, und lasset euch niemals von der Trägheit der Vornehmen berücken! Denn wer
da nicht selbst arbeiten will, der soll auch nicht essen aus der Schüssel des
Lebens!“
[GEJ.08_043,20] Sagte der Schriftgelehrte:
„Nun, das war über alle Maßen klar von Dir geredet, und die Wahrheit des
Gesagten ist mit Händen zu greifen! Hätten Moses und die Propheten auch so klar
zum Volke geredet, wie Du, o Herr und Meister, nun zu uns geredet hast, so
stünde das ganze Judentum auf einem ganz andern Fuße, als es da in dieser argen
Zeit steht! Wenn solche Deine Lehre unter das Volk kommen wird, so wird sie
sicher für alle Zeiten ganz andere Früchte tragen; denn von uns aus wird sie
wahrlich so wenig verändert an die andern Menschen übergehen, als wie die
Sterne am Himmel unverändert auf- und niedergehen. Wir bitten Dich, o Herr und
Meister, wolle Du uns nur stets mit Deiner Gnade und Hilfe nimmerdar verlassen,
wie auch jene nicht, die nach uns Deine Völker führen und leiten werden!“
44. Kapitel
[GEJ.08_044,01] Sagte Ich: „Du hast nun zwar
recht wohl geredet, und es wird sich diese nun euch gegebene Lehre bis ans Ende
der Zeiten rein bei den Reinen erhalten; aber wenn du meinst, daß es nun mit
dem Judentum auch anders stünde, so Moses und die Propheten ebenso klar zu dem
Volke geredet hätten, wie Ich nun zu euch geredet habe, da sage Ich dir, daß du
darob in einer großen Irre bist. Denn hätten Moses und die Propheten in der
Weise zum Volke gesprochen, wie Ich nun zu euch geredet habe, da hätte das
Volk, das sich damals nur in der Bildersprache am leichtesten verständigen
konnte, weder Moses noch die Propheten verstanden.
[GEJ.08_044,02] Damals besaß selbst das ganz
einfache und gemeine Volk die Wissenschaft der Entsprechungen, und seine
Schrift waren Bilder, und seine Sprache richtete sich nach den dem Volke
wohlbekannten Bildern. Als aber das Volk dann später irdisch wohlhabender und
angesehener geworden war, da bekam es auch bald eine Menge irdischer
Bedürfnisse, und um diese zu befriedigen, mußte es sich auch eine Menge
natürlicher Mittel dazu verschaffen. Nun, die vielen Bedürfnisse und die vielen
Mittel bekamen auch ihre ganz einfachen Wortnamen, hinter denen keine
entsprechenden Bilder sich vorfanden. Diese erst später von den Menschen
gebildeten einfachen Namen der vielen Bedürfnisse und der Mittel zu ihrer
Herbeischaffung verdrängten dann nur zu bald die Bilderschrift und ihre innere
Bedeutung, und so waren da weder Moses noch die Propheten schuld daran, daß sie
von den gegenwärtigen Juden nicht mehr verstanden werden, sondern nur die
Menschen selbst, die durch ihren selbstverschuldeten und immer wachsenden
Weltsinn die Kunde der alten Schrift und Sprache, die immer Tiefgeistiges in
sich barg, ganz verloren haben.
[GEJ.08_044,03] Hättest du zu Mosis Zeiten
also geredet, wie du nun redest, so hätte dich damals weder Moses noch einer
der andern Propheten verstanden; da sich aber nun bei euch die alte Sprache aus
den euch bekanntgegebenen Gründen in dieser Zeit so gänzlich verloren hat, so
müßt ihr auch darin die Ursache suchen, wegen der ihr nun Moses und die
Propheten nicht verstehen könnet.
[GEJ.08_044,04] Aber nun fängt es im Aufgange
zu grauen an, und unsere Templer im andern Saale fangen an, sich dahin zu
rühren, um bald den Weg in ihre Wohnungen anzutreten und dort die sich fest
vorgenommenen Anordnungen zu ihrer Abreise zu treffen. So sie bald von hier
abgezogen sein werden, dann werden wir uns hinaus ins Freie begeben und
daselbst unsere Betrachtungen machen.
[GEJ.08_044,05] Du, Freund Lazarus, aber
wirst wohl tun, wenn du einige deiner Knechte den Templern zum Geleit bis zum
Gartentore mitgehen lässest; denn sie sehen in ihren Gedanken die drei Löwen
unten am Wege lauern, was ihnen das Fortgehen ängstlich macht. Darum laß einige
Knechte zu ihnen in ihr Gemach treten und ihnen sagen, daß von den Löwen keine
Spur mehr vorhanden ist! Sollten sie aber noch bedenklich sein, da auch sollen
ihnen die Knechte die Begleitung anbieten, die die Templer mit Freuden annehmen
und darauf aber gleich abziehen werden, und wir können uns dann sogleich ins
Freie hinausbegeben.“
[GEJ.08_044,06] Lazarus tat das sogleich, und
in wenigen Augenblicken waren die Knechte schon dienstfertig und in einer
kleinen Viertelstunde geschah auch schon der Abzug der Templer.
[GEJ.08_044,07] Darauf berief Ich Meinen
Raphael und sagte der Anwesenden wegen laut zu ihm: „Du aber versorge nun
unsere Jungen, und bringe sie vor uns nach Bethanien auf einem Wege, der kein
allgemeiner ist! Dort erwartet uns; denn wir werden in drei Stunden
nachkommen!“
[GEJ.08_044,08] Da begab sich Raphael eiligst
zu der Jugend und brachte auch alles schnell zurecht.
[GEJ.08_044,09] Unterdessen war es heller
geworden, und wir verließen die Herberge und begaben uns auf die Anhöhe, die
schon beschrieben ist. Am Himmel schimmerten noch die größeren Sterne, der Mond
in schon starker Sichelgestalt und der Planet, Venus genannt, was alles einen
herrlichen Anblick gewährte.
[GEJ.08_044,10] Es war aber der Morgen
ziemlich kühl, und die Römer sagten: „Herrlich wäre dieser seltene Anblick
wohl, wenn der Morgen nur nicht so empfindlich kühl wäre!“
[GEJ.08_044,11] Sagte Ich: „Diese Kühle ist
zwar für die Haut ein wenig unangenehm, aber dafür stärkend für Leib und Seele;
denn nun ziehen die reineren Geister in der Luft an uns vorüber. Aber so es
euch zu kühl ist, da will Ich schon machen, daß es euch von innen aus wärmer
wird. Doch wir andern bleiben in dieser reinen Temperatur!“
[GEJ.08_044,12] Da sagten die Römer: „Oh, da
bleiben auch wir; denn eine größere Stärkung für Leib und Seele kann auch uns
Römern nicht schädlich sein!“
[GEJ.08_044,13] Und so blieb darauf alles
heiter und zufrieden, und niemand achtete der Kühle mehr.
[GEJ.08_044,14] Da aber sagte Agrikola zu
Mir: „Herr und Meister, haben denn die nun an uns vorüberziehenden Geister auch
irgendeine für sich abgegrenzte Gestalt, oder sind sie gestaltlos nur so
ineinander verschwommen wie im Meere ein Tropfen Wasser in den andern?“
[GEJ.08_044,15] Sagte Ich: „Mein Freund, da
wird es ein wenig schwer werden, dir in dieser Hinsicht eine völlig verständige
Antwort zu geben; aber wir wollen es auf eine andere Art versuchen! Ich werde
euch Römern auf einige Augenblicke wieder die innere Sehe auftun, und ihr möget
euch dann selbst eine rechte Antwort aus dem Geschauten verschaffen!“
[GEJ.08_044,16] Das war den Römern recht, und
Ich öffnete ihnen sogleich die innere Sehe, auch dem Agrippa und dem Laius, die
uns aus Emmaus hierher gefolgt und noch bei uns waren.
[GEJ.08_044,17] Nun ersahen diese eine
zahllose Menge von allerlei Gestalten gedrängt aneinander an sich
vorüberschweben, und Agrippa sagte: „Ah, das ist aber doch sonderbar! Welch
eine Unzahl von nicht beschreibbaren Formen und Gestaltungen! Da sieht man
allerlei Kräuter und Pflanzen, auch Sämereien dazwischen! Auf den Pflanzen
ersieht man auch eine Menge von allerlei Insekteneierchen, deren Larven und
auch schon ausgebildete Insekten. In ihnen, sowohl in den Pflanzen, deren
Sämereien, wie auch in den Insekteneierchen, in deren Larven, wie auch in deren
schon völlig ausgebildeten Insektenformen ersieht man wie helleuchtende Punkte
und zwischen den besagten Formen ersieht man unermeßbar viele ganz kleine
Lichtpünktlein mitschweben. Und es geht alles bunt und munter durcheinander,
und keines vermengt sich mit dem andern. Also, das sind die reineren
Naturgeister?“
[GEJ.08_044,18] Hierauf machte Ich wieder der
Römer innere Sehe zu, und sie sahen wieder nichts als nur die reine Luft.
[GEJ.08_044,19] Da sagte Agrikola: „Herr und
Meister, was haben denn diese Geister für eine besondere Bestimmung? Wird aus
ihnen erst alles das in der materiellen Welt, wozu sie offenbar die Anlagen in
ihren Formen in sich tragen, oder sind das gewisserart die Seelen verstorbener
Pflanzen und Kräuter und Bäume und Insekten?“
[GEJ.08_044,20] Sagte Ich: „Das zweite nicht,
aber das erste wohl in der Weise, wie ihr sie nun mittels der inneren Sehe
geschaut habt!
[GEJ.08_044,21] Ihre Intelligenz, die sich
auch durch die Form offenbarte, treibt sie an, sich mit all dem schon
Bestehenden auf dieser Erde zu einen, was ihrer Form engst verwandt ist. In den
Pflanzen werden sie hernach tätig, und von ihrer Vielheit und erhöhten
Tätigkeit hängt dann auch der Reichtum einer oder der andern Ernte ab, sowie
auch die Vielheit der verschiedenartigsten Kleintiere, die ihr Mücklein,
Insekten und Würmchen nennet. Das sind aber auch stets die ersten Tiere einer
werdenden Erde, deren Seeleneinigung dann erst die größeren Tiere einer Erde
ins Dasein ruft.“
[GEJ.08_044,22] Sagte Agrikola: „Herr und
Meister, aber warum konnten wir denn nun keine Seelen von schon verstorbenen
Menschen dieser Erde sehen?“
[GEJ.08_044,23] Sagte Ich: „Aus zwei
Ursachen. Fürs erste habe Ich eure innere Sehe nur so weit aufgetan, daß ihr
die schon mehr in die Materie übergehenden Naturgeister habt erschauen können,
was zum untersten Grade des inneren Schauens gehört, welches manche einfachen
Menschen von Natur besitzen. Mit diesem Grade des inneren Schauens aber lassen
sich die Seelen, besonders die schon vollendeteren, nicht erschauen, weil
dieses Schauen noch mehr zum materiellen als zum reinen, geistigen Schauen
gehört.
[GEJ.08_044,24] Zum zweiten aber, was die
unlauteren Seelen betrifft, die ihr mit diesem euch von Mir nun auf einige
Augenblicke verliehenen inneren Schauen hättet sehen können, so befand sich
deren keine an diesem Orte, und so habt ihr auch keine sehen und wahrnehmen
können; denn derlei Seelen wittern die Örtlichkeit Meiner persönlichen und
vollen Gegenwart und meiden dieselbe auf das allersorgfältigste. – Und da hast
du nun die beiden Ursachen, warum ihr bei dieser Gelegenheit keine
abgeschiedenen Seelen habt sehen und wahrnehmen können!“
[GEJ.08_044,25] Mit dieser Erklärung waren
alle Römer vollkommen zufrieden und fragten Mich um derlei weiter nicht mehr.
45. Kapitel
[GEJ.08_045,01] Aber Agrikola, der ein
äußerst gefühlvoller Mann war, erbat sich bei Mir das Wort und sagte: „Oh,
welche unermeßlichen Schätze haben wir nun kaum volle acht Tage hindurch
geerntet! Wir haben das Allerhöchste, das Allererste und Allergrößte hier
gefunden! Und wem nach Deiner geheimen Gnade haben wir dieses nie beschreibbare
Glück zu verdanken? Sehet und höret! Jenem noch jungen Weibswesen, das uns am
ersten Abende unserer Hierherkunft den Weg hier herauf wies!
[GEJ.08_045,02] Jenes Weibswesen, das nach
meiner unmaßgeblichen Beurteilung jenen weiblichen Persönlichkeiten anzugehören
scheint, die es mit der Keuschheit und anderen Sittenreinheiten eben nicht zu
genau nehmen, war ohne weiteres von Deinem Willen geheim inspiriert, und es
mußte ein Wegweiser zum Lichte des Lebens werden.
[GEJ.08_045,03] Nun, ich als ein Römer kenne
das besagte Weibswesen sicher durchaus nicht und kenne auch dessen Wohnung und
Namen nicht, also kann ich auch nicht wissen, ob es arm oder reich ist und
einer Unterstützung bedarf. Aber wenn es etwa doch in die Klasse der Armen
gehörte, was ich als das Wahrscheinlichste annehmen kann, so möchte ich ihm
durch den Freund Lazarus aus wahrer menschlicher Dankbarkeit eine Unterstützung
zukommen lassen, was sicher recht und billig wäre; denn der Freund Lazarus wird
es schier wissen, wie es mit dem Wesen steht. Es wundert mich sehr, daß es uns
nicht wieder besucht hat hier auf diesem Berge des Heils. In Emmaus, wie ich
mich entsinne, soll es Dich, o Herr und Meister, etwa haben suchen wollen und
hat sich hier zuvor erkundigt nach Deinem Aufenthalt, aber keine Kunde erhalten,
und so kam es wahrscheinlich auch gar nicht dahin. Aber wir sind nun schon
wieder einige Tage hier, und es wundert mich wieder, daß es nicht mehr zum
Vorschein gekommen ist!“
[GEJ.08_045,04] Sagte Ich: „Jene Maid wußte
es nicht, daß Ich Mich hier noch aufhalte; aber sie hat es gestern in Bethanien
erfahren aus dem Munde der Schwestern unseres Freundes Lazarus und ist nun auf
dem Wege hierher. Um die Zeit des Aufgangs der Sonne wird sie auch hier
eintreffen, und du kannst mit ihr alles Gute und Rechte abmachen.
[GEJ.08_045,05] Was aber ihren bisherigen
Lebenswandel anbelangt, so hast du richtig geurteilt; aber sie hat dabei stets
der Armut gedacht, weil sie als eine irdische Schönheit durch ihren Wandel zu
großen Schätzen gekommen ist und schon von ihren Eltern aus mit allem reich
ausgestattet war.
[GEJ.08_045,06] Dort, weit gen Mittag,
ersiehst du auf einem Hügel ein Schloß, es führt den Namen Magdalon. Dort ist
die Maid geboren, und das Schloß, viele Gärten, Äcker, Wiesen, Weinberge und
Waldungen sind nun ihr Eigentum, da ihr ihre Alten schon vor ein paar Jahren
gestorben sind. Sie hätte schon mehrere Male ehelichen können, aber die Templer
hielten sie davon ab, weil sie bei ihr stets eine gute Herberge fanden und sich
auch sonst mit ihr gut unterhielten. Aber seit sie Mich ersah, kennenlernte und
Meine Worte hörte, ist es anders in ihrem Hause, Verstande und Herzen geworden;
und weil sie viel geliebt hatte die Armen, so wurden ihr auch viele ihrer
Sünden vergeben.
[GEJ.08_045,07] Ihr Name ist Maria von Magdalon.
Ihrer Armut wegen benötigt sie sonach keine Unterstützung von eurer Seite; aber
so sie von euch für ihre vielen Armen etwas wird annehmen wollen, so könnet ihr
es ihr ja wohl antragen. Und so wisset ihr nun auch, wer und woher jene Maid
ist, und wie sie heißt; doch auch ihre Schuld sei in den Sand geschrieben!
[GEJ.08_045,08] Und nun gut von dieser Sache,
und wir betrachten nun lieber den schönen Morgen, aus dessen Gestaltungen nach
allen Richtungen hin ihr so manches, besonders für die letzte Zeit der neuen
Heiden, werdet entnehmen können!“
46. Kapitel
[GEJ.08_046,01] Hier sagten Meine alten
Jünger: „Herr und Meister, Du hast uns ja verheißen, noch hier ein Näheres
darüber kundzutun, und so tue nun das, da nun wohl die schicksamste Gelegenheit
dazu wäre!“
[GEJ.08_046,02] Sagte Ich: „Wann dazu die
schicksamste Gelegenheit ist, das weiß wohl Ich am besten, und dann habe Ich
eben euch schon gar vieles davon kundgegeben, was auch sicher also kommen wird,
weil Ich an dem freien Willen der Menschen nichts ändern darf – und ihr es
nicht ändern könnet!
[GEJ.08_046,03] Aber es hat mit Meiner Geburt
das Gericht der Heiden allerorten schon begonnen und dauert nun in stets
erhöhterem Maße fort und wird noch bis zum Vollichte unter den Menschen auf
dieser Erde fortdauern nahe an 2000 Jahre.
[GEJ.08_046,04] Wie ihr aber nun in der
Morgengegend allerlei Wolken sich bilden und sich am Horizonte hinlagern sehet,
als wollten sie sich dem Aufgange der Sonne hinderlich entgegenstellen, also
wird sich gegen den einst kommenden großen Aufgang der geistigen und ewigen
Wahrheitssonne auch eine große Masse von allerlei Hinderungswolken aufzutürmen
anfangen und unter den Menschen vielen Schaden anrichten, aber den endlich
großen Aufgang der Wahrheitssonne doch nicht verhindern können.
[GEJ.08_046,05] Ihr habt ehedem noch recht
viele schöne Sterne am Himmel leuchten sehen, und am Untergange sahet ihr auch
Sterne, die in der tiefen Nacht geleuchtet haben. Sehet, die gingen als gute Boten
den noch sichtbaren Morgenboten voran und wirkten in der Nacht; und das ist nun
euer Beruf!
[GEJ.08_046,06] Wenn aber am geistigen
Morgenhorizonte aufgehen werden die noch helleren Morgenboten, so wird das ein
Zeichen sein, daß ihnen bald die große und allgemeine Lebens- und
Wahrheitssonne folgen wird. Ihr hellstes Licht wird ein unerbittliches Gericht
sein aller Lüge und alles Truges, und sie wird samt ihren Jüngern und Verehrern
und samt ihrem großen Weltpompe hinabgeschleudert werden in den Abgrund der
Verachtung, des gerechten Zornes und der Vergessenheit. Denn dann werden die
erleuchteten Menschen nicht mehr gedenken des Truges und des lange gedauert
habenden Gerichts.
[GEJ.08_046,07] Wie ihr aber nun wohl schon
gut merken könnet, daß das ehedem so drohend schwarz aussehende Gewölk anfängt,
golden leuchtende Säume zu bekommen, so werdet ihr es in jener Zeit auch
merken, wie die Menschen, die vor kurzem noch ganz finster und wahre Feinde des
Lichtes der Wahrheit waren, von allen Seiten von den Lichtstrahlen der Wahrheit
stets mehr und mehr und heller und heller erleuchtet und dann auch als selbst
leuchtend zu Feinden der alten Lüge werden. Und solches Erleuchten von der dem
vollen Aufgange sich nähernden Wahrheitssonne aus den Himmeln wird sein Mein Menschensohnszeichen
allen Wahrhaftigen auf der Erde und das beginnende große Gericht über die Hure
des neuen Babels.
[GEJ.08_046,08] Da werden die Liebhaber der
Wahrheit hoch aufzujubeln anfangen und werden Mich loben, daß Ich ihnen schon
zum voraus gesendet habe Meines Aufgangs Zeichen am Himmel des inneren
Geistestages. Aber die Feinde der Wahrheit werden zu heulen und mit den Zähnen
sehr zu knirschen anfangen und werden sich, soviel noch irgend möglich, in
finstere Winkel zu verbergen suchen mit ihren stets weniger werdenden Getreuen,
was ihnen aber nichts nützen wird; denn so dann die volle Wahrheitssonne
aufgegangen sein wird, so wird ihr Licht alle noch so finsteren Löcher und
Winkel und Höhlen durchleuchten, und die Feinde des Lichtes werden auf der ganzen
neuen Erde keine Zufluchtsstätte mehr finden.
[GEJ.08_046,09] Ich Selbst aber werde als die
ewige Wahrheit in jener Sonne sein und durch ihr Licht bei den Menschen als
Herrscher und Leiter ihres Lebens und ihrer zeitlichen und geistigen und ewigen
Geschicke.
[GEJ.08_046,10] Und somit habe Ich euch nun
der vollen und leichtbegreiflichen Wahrheit nach das große Gericht des neuen
und alten Heidentums gezeigt. Aber Ich werde euch später für die Menschen noch
ein Bild geben, das ihr dann auch den Menschen mitteilen könnet, aber nicht
ohne die wahre Erklärung. – Nun aber betrachten wir die Morgenszene wieder
ruhig weiter!“
47. Kapitel
[GEJ.08_047,01] Nach der Zeit von einer
Viertelstunde, in der wir alle die Morgenszenen mit vieler Aufmerksamkeit
betrachteten, sagte Ich wieder zu allen Anwesenden: „Nun erst habet wohl acht
darauf, was sich alles noch vor dem vollen Aufgange der Sonne ordentlich
bildlich zeigen wird; denn Ich will es, daß auch ihr mit euren Augen schauen
sollet, wie sich in der letzten Zeit des neuen Heidentums alles gestalten
wird!“
[GEJ.08_047,02] Nun richteten alle mit
verdoppelter Aufmerksamkeit ihre Augen nach dem Osten. Es war bis zum vollen
Aufgange noch eine gute halbe Stunde Zeit, und es konnte somit noch so manches
Bild sich vor den Augen der beobachtenden Jünger entwickeln.
[GEJ.08_047,03] Zuerst ersah man einen
dichten und völlig schwarzen Nebel weithin von dem Horizonte aufsteigen. Als
dieser Nebel die ungefähr siebenfache Höhe der fernen Gebirge des Horizonts
erreichte, da wurde er bald wie glühend; denn er ward von einer Unzahl von
Blitzen durchzuckt, daß darum alle die Anwesenden meinten, daß dort nun ein
gräßliches Gewitter wüten werde.
[GEJ.08_047,04] Ich aber sagte: „Sorget euch
um etwas anderes, denn von dieser Erscheinung sieht außer uns niemand etwas nur
im geringsten!“
[GEJ.08_047,05] Es ward darauf weiterhin
wieder mit aller Ruhe beobachtet, was da alles nachkommen werde.
[GEJ.08_047,06] Und siehe, auf dem obersten
schwarzen und von den vielen Blitzen durchglühten Rande des Genebels zeigte
sich eine große Stadt!
[GEJ.08_047,07] Und Ich sagte: „Sehet an das
Bild des neuen Babels!“
[GEJ.08_047,08] Da sagte Agrikola: „Herr, das
hat mit unserem Rom eine bedeutende Ähnlichkeit! Nur bemerke ich eine Menge
Ruinen ringsherum, doch in der engeren Stadt nebst den alten mir nur zu wohl
bekannten Gebäuden wohl auch eine Menge neuer Gebäude und Tempel, deren Giebel
sonderbarerweise mit Kreuzen verziert sind. Was bedeutet nun das wohl?“
[GEJ.08_047,09] Sagte Ich: „Siehe, das ist
der Untergang des alten und zugleich der Anfang des neuen Heidentums! Etwa
schon in 500-600 Jahren, von nun an gerechnet, wird es alldort buchstäblich so
aussehen. Beobachtet aber das Gebilde nun nur weiter!“
[GEJ.08_047,10] Wieder richteten alle ihre
Aufmerksamkeit auf das Gebilde, dessen Szenen sich schnell nacheinander
entwickelten. Und siehe, man ersah große Völkerzüge und viele arge Kämpfe und
Kriege, und in der Mitte der Stadt ersah man etwas sich hoch erheben wie einen
Berg! Auf dem Berge stand ein hoher und großer Thron, aussehend, als wäre er
von glühendem Golde. Auf dem Throne saß mit einem Stabe, dessen oberstes Ende
ein dreifaches Kreuz zierte, ein Herrscher mit einer dreifachen Krone auf dem
Haupte. Aus seinem Munde gingen zahllose Pfeile, und aus seinen Augen und aus
seiner Brust zuckten ebenso zahllos viele Blitze des Zornes und des höchsten
Hochmutes. Und es zogen ihm Könige zu, von denen sich viele vor ihm tiefst
verneigten. Die sich vor ihm also verneigten, die sah er freundlich an und
bestätigte ihre Macht; die sich aber vor ihm nicht verneigten, die wurden von
seinen Pfeilen und Blitzen arg verfolgt und zugerichtet.
[GEJ.08_047,11] Hier sagte Agrippa: „Herr,
das gibt kein gutes Vorbild für die späteren Beherrscher des neuen Babels! Es
scheint wohl, daß ihre Macht eine noch größere, aber auch eine um vieles
grausamere sein wird, als sie nun ist. Denn jetzt werden nur die ärgsten
Verbrecher mit dem Kreuze bestraft, aber nur mit dem einfachen; der aber hält
gar ein dreifaches in seiner Herrscherhand sogar allen andern Königen entgegen!
Herr und Meister, erkläre uns das nur ein wenig!“
[GEJ.08_047,12] Sagte Ich: „Das stellt keinen
besonderen Herrscher über viele Länder und Völker vor, sondern nur die
sichtliche Persönlichkeit des Antichristen. Das dreifache Kreuz aber bezeichnet
Meine Lehre, die daselbst eben dreifach verfälscht den Königen und ihren
Völkern aufgedrungen werden wird: falsch im Wort, falsch in der Wahrheit und
falsch in der lebendigen Anwendung.
[GEJ.08_047,13] Die Könige aber, die sich vor
ihm nicht beugen, und die er verflucht, die sind es, die noch mehr oder weniger
in der Wahrheit der alten Lehre verbleiben. Es erreichen sie wohl seine Pfeile
und Blitze, aber sie können ihnen dennoch keinen Schaden von einiger
Erheblichkeit zufügen. – Aber beobachtet nun das Gebilde weiter; denn Ich kann
euch durch dasselbe nur die Hauptmomente zeigen!“
[GEJ.08_047,14] Nun sahen wieder alle mit
erhöhter Aufmerksamkeit hin.
[GEJ.08_047,15] (Der Herr:) „Und siehe, es
sammeln viele Könige, die sich zuvor noch vor dem, der auf dem Throne sitzt,
tiefst verneigt hatten, ihre Kriegsscharen und ziehen gegen ihn! Seht, das gibt
einen erbitterten Kampf, und es sinkt sein erhabener Thron schon sehr bedeutend
tief ganz zur Stadt herab, und ihr sehet nur etliche Könige, die sich, so pro
forma nur, vor ihm verneigen, während aber von den vielen andern von ihm
abgefallenen Königen nun gar viele Pfeile und Blitze auf ihn zurückgesandt
werden. Aber nun ist von ihm beinahe gar nichts mehr zu sehen, und das wird
geschehen schon nach 1000 bis 1500 bis 1600 und 1700 Jahren.
[GEJ.08_047,16] Aber nun sehet abermals hin!
Sehet, er macht Versuche, sich abermals zu erheben, umgeben mit schwarzen
Rotten, und einige Könige reichen ihm die Hände, um ihm zu helfen; aber sehet,
die das tun, die werden alsbald ganz ohnmächtig, und ihre Völker reißen ihnen
die Kronen vom Haupte und geben sie den starken Königen! Und sehet! Nun sinkt
sein Thron, und die starken Könige eilen herbei und zerteilen ihn in mehrere
Teile, und so geht für ihn nun alle seine Macht, Höhe und Größe unter! Wohl
schleudert er noch Pfeile und matte Blitze um sich, aber sie beschädigen
niemanden mehr; denn die allermeisten kehren auf ihn selbst zurück und
verwunden ihn und seine matten und finsteren Horden.“
48. Kapitel
[GEJ.08_048,01] (Der Herr:) „Aber nun sehet,
wie die Sonne bereits alles mit ihrem Lichte zu durchdringen anfängt, und ihr
sehet die finsteren Horden nach allen Seiten hin fliehen, nur dahin nicht, von woher
die Sonne kommt! Vor ihrem Lichte schwindet nun alles und sinkt in das Reich
der Vergessenheit.
[GEJ.08_048,02] Nun aber sehet noch einmal
hin, und ihr ersehet, wie aus den lichten Wölklein sich eine neue Erde bildet!
Was wohl stellen die lichten Wölklein dar? Es sind das Vereine von lauter
solchen Menschen, die von der göttlichen Wahrheit durchleuchtet sind. Und
sehet, nun rücken diese Vereine enger und enger zusammen und bilden so einen
großen Verein, und sehet, das ist eben die neue Erde, über der sich ein neuer
Himmel ausbreitet voll Licht und Klarheit!
[GEJ.08_048,03] Ihr müsset aber dabei nicht
etwa der Meinung sein, als würde dann diese natürliche Erde vergehen und in
eine neue umgewandelt werden, sondern nur die Menschen werden durch die Vollaufnahme
der göttlichen Wahrheit in ihre Herzen als wahre Brüder und Schwestern in
Meinem Namen unter sich eine neue geistige Erde schaffen.
[GEJ.08_048,04] Auf dieser neuen Erde werde
Ich Selbst dann sein und herrschen unter den Meinen, und sie werden mit Mir
Umgang pflegen und Mich nimmerdar aus ihren Augen verlieren.
[GEJ.08_048,05] Aber betrachtet nun auch
nebenbei die alte Erde! Seht, wie aus der neuen Erde in stets dichteren Strömen
Lichter hinab auf die alte Erde schweben und diese so entzünden, daß sie wie in
vollen Flammen zu stehen scheint! Da sehet ihr gar viele Tote wie aus den
Gräbern hervor ans Licht gehen, und wie sie auch bald bekleidet werden mit dem
Gewande der Wahrheit und dann auch aufwärtsschweben in das Reich der neuen
Erde.
[GEJ.08_048,06] Aber zugleich merket ihr
auch, wie noch ein gar großer, finsterer Teil sich auch bestrebt, das Gewand
des Lichtes über sein schwarzes anzuziehen und daraus und damit aus Eigennutz
und aus Herrschsucht abermals ein neues antichristliches Heidentum zu schaffen;
aber Ich Selbst lasse Meinen Zorn über sie hereinbrechen, das ist das Feuer
Meiner Wahrheit, und Meine Engel der neuen Erde fallen wie mit flammenden
Schwertern über sie her und schlagen jede weitere finstere Bestrebung in die
Flucht und in den Abgrund der gänzlichen Vernichtung.
[GEJ.08_048,07] Dies ist dann das allerletzte
und größte Gericht um tausend Jahre später. Diese Zeit wird genannt werden Mein
tausendjähriges Reich auf Erden, das durch dies allerletzte Gericht auf eine
ganz kurze Zeit noch einmal eine kriegerische Unterbrechung haben wird; aber
der Sieg wird ein baldiger und für alle künftigen Zeiten ein gänzlicher sein.
Von da an wird aus den Himmeln und aus der Erde ein Hirt und eine Herde werden.
Der Hirt werde wie allzeit Ich sein, und die Herde werden die Menschen auf
Erden ausmachen im vollen Vereine mit den Seligen in Meinen Himmeln.
[GEJ.08_048,08] Denn diese Letztgenannten
werden wieder so, wie es in den Urzeiten der Menschen auf dieser Erde war,
sichtbar mit den Menschen auf der Erde verkehren. Aber bevor das geschehen
wird, wird auch die natürliche Erde ganz mächtige Umgestaltungen erleiden.
Große Länder und Reiche, die jetzt noch das große und tiefe Meer bedeckt,
werden zum fruchtbarsten Boden emporgehoben werden, und gar viele jetzt noch
sehr hohe Berge werden erniedrigt und mit ihren zerbröckelten Spitzen gar viele
tiefe Gräben und Täler ausgefüllt werden und ein fruchtbares Land bilden.
[GEJ.08_048,09] Da in jener Zeit die Menschen
nicht mehr nach irdischen und vergänglichen Schätzen gieren und geizen werden,
so werden auf der Erde auch hunderttausendmal so viele Menschen, als nun auf
derselben leben, gar wohl versorgt und glücklich leben können. Zugleich aber
werden in jener Zeit auch alle die bösen, das Fleisch mächtig quälenden
Krankheiten von der Erde verschwinden. Die Menschen werden ein heiteres und
hohes Alter erreichen und viel Gutes wirken können, und niemand wird eine
Furcht vor dem Tode des Leibes haben, weil er mit klaren Blicken das ewige
Leben der Seele vor sich sehen wird.
[GEJ.08_048,10] Die Hauptsache im Wohltun
wird in jener Zeit in der rechten Erziehung der Kinder bestehen und daß der
Starke mit aller Liebe das physisch schwächere Alter nach allen Kräften
unterstützen wird.
[GEJ.08_048,11] Es werden aber auf der neuen,
glücklichen Erde auch Ehen geschlossen werden, aber also wie im Himmel nach
Meiner Ordnung, und es werden auch Kinder gezeugt werden in großer Anzahl, aber
nicht auf dem Wege der puren Geilsucht, sondern auf dem Wege des wahren
Liebeernstes, und das bis ans Ende aller Zeiten dieser Erde.
[GEJ.08_048,12] Da habt ihr nun ein treues
Bild von dem letzten Gerichte über alle Heiden auf der ganzen Erde, das ihr
auch ganz leicht und wohl verstehen könnet!“
49. Kapitel
[GEJ.08_049,01] Hier fragten Mich die Jünger:
„Herr und Meister! Werden wir aus dem Reiche der Geister das auch alles mit
anschauen und mit empfinden können? Und wie lange wird dann die glückliche Erde
noch fortbestehen bis zum vollen Ende ihrer Zeiten?“
[GEJ.08_049,02] Sagte Ich: „Was eure erste
Frage betrifft, so versteht es sich ja ohnehin von selbst, daß ihr aus den
Himmeln das alles nicht nur allerklarst sehen, hören und fühlen werdet, sondern
ihr werdet die Hauptleiter daselbst und zu allen Zeiten sein, – aber nicht nur
auf der neuen Erde, sondern über den ganzen Großen Schöpfungsmenschen, wie auch
über alle endlos vielen Vereine aller Himmel, die ewig nirgends begrenzt sind.
[GEJ.08_049,03] Darum sage Ich es euch
abermals, daß es kein Mensch je geschaut, noch gehört und in keines Menschen Sinn
jemals empfunden worden ist, was Gott denen bereitet hat, die Ihn wahrhaft
lieben.
[GEJ.08_049,04] Ich könnte euch sogar jetzt
noch vieles sagen und auch schon zeigen, aber ihr könntet das jetzt noch nicht
ertragen; wenn aber der Geist aller Wahrheit und alles Lebens über euch kommen
wird und ihr in ihm wiedergeboren sein werdet, so wird er euch in alle Tiefen
Meines Lichtes leiten und erheben. Dann erst werdet ihr es begreifen und
einsehen, welche großen Worte Ich nun zu euch und also auch durch euch zu allen
Menschen geredet habe.
[GEJ.08_049,05] Was aber eure zweite Frage
betrifft, so ist sie wahrlich noch sehr albern; denn unsere Rechnung hat gar
keine Zahl, durch die man die übergroße Vielheit der Erdjahre bestimmen könnte,
die bis zu ihrem Zeitende verrinnen werden, und wäre selbst das irgend möglich,
so kann das denen, die im Geiste ewig fortleben werden, wohl nur ganz ein und
dasselbe sein.
[GEJ.08_049,06] Ich sage es euch: Von solch
einer irgend bestimmten Zeit und Stunde weiß auch kein Engel im Himmel; das
weiß allein der Vater im Himmel! Denn die ganze Schöpfung ist Sein großer
Gedanke, der aber kein Zeitgedanke, sondern ein ewiger ist wie sein
allmächtiger Träger und Festhalter. Ich habe es aber ja ohnehin erst unlängst
gezeigt, wie endlich einmal alles Materielle ins rein Geistige, aber wie
selbständig Seiende verwandelt wird, und es ist sonach wohl nicht mehr nötig,
euch noch ein mehreres darüber zu sagen.
[GEJ.08_049,07] Sehet und betrachtet nun
lieber die herrliche Morgennatur des Tages, und wie das stets kräftiger
werdende Licht der Sonne alle Dünste und Trübnisse der Erde verscheucht, und
lernet daraus, wie in der Folge das geistig auch euer Geschäft sein wird, und
ihr werdet besser daran tun, als so ihr euch zu emsig um das erkundiget, was
euch nun noch lange hin nichts angeht!
[GEJ.08_049,08] Um was ihr euch zu sorgen
habt, das habe Ich euch schon gar oft gezeigt; um alles andere aber habt ihr
euch gar nicht zu sorgen! Ja, Ich sage euch, daß es sogar unnötig und eitel ist
– so ihr lebendig an Mich haltet im Glauben und in der Liebe –, daß ihr euch
sorget um den kommenden Tag, was ihr essen und trinken und womit ihr euren Leib
bekleiden werdet!
[GEJ.08_049,09] Bekommt man auf dem Markte
nicht hundert Sperlinge um einen Pfennig? Wie gering ist also ihr Wert vor den
Menschen, und dennoch sorgt der Vater im Himmel für sie und bekleidet sie wohl!
Ihr seid als Menschen aber doch sicher mehr wert als die Sperlinge?
[GEJ.08_049,10] Betrachtet da diese
Feldblumen und Lilien! Salomo in aller seiner Pracht war nicht so herrlich
bekleidet, wie sie da sind. Wer sorgt denn da für ihr Gewand? Darum ist alle
derlei Sorge eitel von euch, und noch eitler die ums einstige völlige
Zeitenende dieser Erde! – Habt ihr alle Mich nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_049,11] Alle bejahten dies bis auf
Judas Ischariot. Dieser meinte, daß es ihm nicht ganz klar wurde, was Ich da
auf dem Berge von dem letzten Heidengerichte geweissagt habe.
[GEJ.08_049,12] Ich aber sagte zu ihm: „So
wende dich an jene, denen es klar geworden ist! Was die Römer als Heiden
fassen, das sollte nun dir als einem Juden und einem alten Jünger wohl auch
schon faßbar sein!“
[GEJ.08_049,13] Hierauf sagte er nichts mehr,
denn er hatte es wohl gemerkt, warum Ich ihm solch eine Antwort gegeben hatte,
und zog sich wieder zurück.
50. Kapitel
[GEJ.08_050,01] Als wir uns aber da auf
dieser Höhe noch eine Zeitlang vergnügten, da ersahen wir alle die gewisse
Maria von Magdalon zur Herberge des Lazarus kommen, und sie fing auch sogleich bei
dessen Dienern sich nach Mir zu erkundigen an. Diese aber hießen sie warten,
bis Ich zurückkehren werde; aber sie ließ sich nicht zurückhalten, als sie uns
bald und leicht auf der Anhöhe gewahrte, und zog eilenden Schrittes zu uns
herauf.
[GEJ.08_050,02] Als sie sich unserem
Standorte nahte, da ging ihr Agrikola entgegen, grüßte sie freundlich und
führte sie dann vollends zu uns, wo sie auch von den andern Römern auf das
freundlichste begrüßt wurde.
[GEJ.08_050,03] Sie (Maria von Magdalon) aber
sagte: „Ich weiß es wahrhaftig nicht, aus welchem Grunde mir hier eine solche
Ehre zuteil wird! Ich bin nur eine Sünderin und verdiene, von allen Menschen
tief verachtet zu werden; aber daß ich auch einer Ehre würdig wäre, besonders
von solchen hohen Herren, wie ihr es seid, das fasset mein Verstand nicht. Dazu
bin ich nun nur hergekommen, um allein dem Herrn meines Lebens zu danken, da Er
mich von den argen Geistern des Fleisches erlöst hat; aber um mich ehren zu
lassen, bin ich nicht hierher gekommen!“
[GEJ.08_050,04] Sagte Agrikola: „Höre, du
holde Maria von Magdalon! Wir alle, die wir aus Rom hierher gekommen sind,
haben dir gar vieles zu verdanken; denn hättest du uns an jenem Abende vor
ungefähr acht Tagen nicht hierherauf den Weg gezeigt und uns auch geführt, so
hätten wir vielleicht gar nicht das ewig unschätzbare Glück gehabt, den Herrn
alles Lebens und alles Seins persönlich kennen, Ihn als den allein wahren Gott
erkennen und über alles lieben zu lernen. Siehe, darin liegt denn auch einzig
und allein der Grund, dessentwegen wir dir so dankbar sind und auch fortan
bleiben werden; und so wundere dich nun darob nicht also sehr, wenn wir dir so
freundlich entgegenkommen! Denn wir erachten das als unsere Pflicht, weil du
uns zu einem so unschätzbarsten Glück verholfen hast.
[GEJ.08_050,05] Denn wir haben ein gutes
Staatsgesetz, laut dem derjenige, der durch einen andern Menschen zu einem
großen und wahren Glück gelangt ist, eben diesem Menschen zeitlebens im hohen
Grade dankbar zu verbleiben hat durch Gebärden, Worte und Taten, auch dann,
wenn der Mensch, durch den ein anderer zum großen Glücke kam, nicht darum
wußte, daß er seinem Nebenmenschen zu einem Glücke verhelfen werde. Die
Dankbarkeit hat sich auch auf des Glück verursachenden Menschen Nachkommen zu
erstrecken.
[GEJ.08_050,06] Was sind aber alle
materiellen Glücksgüter, zu denen ein Mensch durch einen andern gelangen kann,
gegen diese rein geistigen, die wir hier geerntet haben? Durch diese haben wir
den allein wahren Gott und durch Ihn uns selbst, die wir verloren waren, und
das wahre ewige Leben unserer Seelen gefunden, und das ist endlos mehr, als so
du uns zu allen Schätzen der Erde verholfen hättest. Und darum sind wir dir, da
du die erste Veranlasserin dazu warst, auch allen Dank für alle Zeiten schuldig.
[GEJ.08_050,07] Wärest du eine Arme an
irdischer Habe, so würden wir dich auch königlich belohnen; da du aber ohnehin
mit den Gütern dieser Erde reichlichst versehen bist, so können wir dir wohl
unsere Dankbarkeit mit nichts anderem als mit unseren wahren und ungeheuchelten
Worten, wie sie in unserem Herzen gewachsen sind, allerfreundlichst ausdrücken,
und du wirst solche unsere dir pflichtschuldigste Dankbarkeit nicht von dir
weisen?“
[GEJ.08_050,08] Sagte nun ebenfalls in einem
sehr freundlichen Ton die Maria von Magdalon: „Es ist das wohl gar sehr schön
und artig von euch edlen Römern, daß ihr mir darum dankbar sein und bleiben
wollet, weil ich euch zufällig – wahrlich ohne mein Wissen und Wollen – zu
einem, wie sich's leicht begreifen läßt, so endlos großen Glück verholfen habe,
aber es gebührt mir darum dennoch kein Dank und keine Ehre; denn das war alles
also des Herrn Wille, und ich selbst war nur Sein stummes und blindes Werkzeug.
Und so seid ihr dem Herrn allein auch nur allen Dank und alle Ehre schuldig!“
[GEJ.08_050,09] Sagte abermals Agrikola: „O
du liebe und holdeste Maria von Magdalon! Das wissen wir auch, daß wir alle nur
Ihm allein alles zu verdanken haben; aber wir denken da nun also: Wollen wir
dem Herrn unsere wahrste und vollste Dankbarkeit für die endlos große Gnade
erweisen, die Er uns nun in einem so nie erhört überschwenglichsten Maße
erwiesen hat, so dürfen wir das Werkzeug, dessen Er Sich zu unserer Heiligung
bedient hat, doch nicht verächtlich über die Achseln anblicken, sondern es auch
ehren des Herrn wegen. Und nur in dieser Hinsicht ehren wir nun dich denn auch,
abgesehen davon, ob du zu unserem größten Lebensglücke ein sehendes oder nur
blindes Werkzeug in der allmächtigen Hand des Herrn warst, und ich bin der
Meinung, daß das auch in der Folge beachtet werden wird. Denn wenn man das
Werkzeug des Herrn nicht mit dankbarem Herzen begrüßen möchte, wie stünde es
dann mit der wahren Nächstenliebe, die wir doch nach der Lehre des Herrn sogar
unseren Feinden schuldig sind und sicher um so mehr denen, durch die uns der
Herr so große Gnaden zukommen ließ?
[GEJ.08_050,10] Siehe, du unsere nun holdeste
und unvergeßliche Freundin, da habe ich recht und lasse es mir von gar niemand
bestreiten und nun schon am allerwenigsten von dir, die der Herr zu unserem
Glücks- und Leitstern auserkoren hat, und wir dir darum Ehre und wahre Liebe
schulden! Laß mich darum nur bei meinem guten Rechte!“
[GEJ.08_050,11] Sagte die Maria von Magdalon:
„Ja, ja, in dieser Hinsicht hast du, hoher Herr, schon ganz recht, aber ich
selbst werde darum den Herrn, meine einzige Liebe, loben, rühmen und preisen
immerdar, daß Er mich, eine große Sünderin, zu einem blinden und stummen
Werkzeuge gemacht hat! Denn hätte ich gewußt, daß Er hier oben sei, so hätte
ich euch nicht hierherauf geführt; denn ich hätte es als eine zu grobe Sünderin
ja selbst nicht gewagt, mich dem Herrn zu nahen, da ich von der Wahrheit Seiner
Lehre und Seines heiligsten göttlichen Wesens nur zu tief überzeugt bin und
auch einsehe, daß eine Sünderin, wie ich eine war, nie wert sein und werden
kann, sich Seiner heiligsten Person zu nahen.
[GEJ.08_050,12] Ich aber wußte erstens nicht,
daß sich der Herr hier aufhalte mit Seinen getreuen Jüngern; aber das wußte
ich, daß diese Bergherberge eine der besten von ganz Jerusalem ist. Und weil
diese Herberge gewöhnlich von den Fremden besucht wird, so habe ich, da ihr
mich in einer Straße der Stadt aufhieltet und um eine gute Herberge befragtet,
euch hierherauf geführt und habe daher von euch nur den Dank nach menschlicher
Weise zu beanspruchen, der mir als einer Wegweiserin zu einer guten Herberge
gebührt; aber dafür, daß ihr hier der höchsten Gnade des Herrn teilhaftig
geworden seid, gebührt mir wahrlich kein noch so geringer Dank, da es unmöglich
in meiner Absicht hat liegen können, euch solche hier zu verschaffen, indem ich
selbst keine Ahnung haben konnte, daß ihr einer solchen hier würdet teilhaftig
werden. Daher gebet darum nur allein dem Herrn allen Dank und alle Ehre, und
gedenket deshalb meiner nicht, worum ich euch sogar inständigst bitte!“
[GEJ.08_050,13] Hierauf sagte Ich: „Höre du,
Meine Maria! Du hast nun ganz wohl und wahr gesprochen und hast völlig recht in
deinem Teile; aber auch die Römer haben recht in dem ihrigen. Daß du Mir allein
alle Ehre und allen Dank zuwendest, dadurch zeigst du, daß du vom wahren Geiste
der Demut vollends erfüllt bist und dir darum auch alle deine Sünden vergeben
sind; aber auch die Römer zeigen, daß sie vom rechten Geiste der Nächstenliebe
durchdrungen sind, und begehen deshalb keine Sünde gegen Mich, so sie dich in
ihrer dankbaren Erinnerung behalten, wenn du auch nur ein blindes Werkzeug
Meiner Liebe und Meines Willens warst.
[GEJ.08_050,14] Ich aber sage nun bei dieser
Gelegenheit allen: Ihr sollet zwar nicht suchen Dank und Ehre bei den Menschen,
denen ihr in Meinem Namen werdet Gutes getan haben, so wie auch Ich Selbst bei
den Menschen desgleichen nicht suche, da Der, der in Mir wohnt, Meine
allerhöchste Ehre ist; aber so euch die Menschen für die in Meinem Namen erwiesenen
höchsten Lebenswohltaten verunehren und mit Undank begegnen werden, so werde
Ich ihnen das ebenso anrechnen, als hätten sie Mir Selbst das angetan! Denn wer
den rechten Jünger, den Ich erweckt habe, nicht ehrt und ihm in Meinem Namen
nicht dankbar ist, der ehrt auch Mich, den Herrn und Meister, nicht und ist Mir
für die ihm erwiesene Gnade auch nicht dankbar.
[GEJ.08_050,15] Denn so Ich Jünger und
Propheten erwecke, so geschieht das nicht der Jünger und Propheten allein
wegen, sondern aller Menschen wegen; und darum sollen die Jünger und Propheten
auch als das geachtet werden, als was sie von Mir berufen sind. Wer denn einen
Jünger und einen Propheten in Meinem Namen mit Liebe und rechter dankbarer
Achtung aufnehmen wird, dem werde Ich es auch also anrechnen, als hätte er Mich
Selbst also aufgenommen, und er wird denn auch dereinst eines Jünger- und
Prophetenlohnes teilhaftig werden. Und deren Lohn wird wahrlich kein geringer
sein!
[GEJ.08_050,16] Aber wehe auch jenen falschen
Jüngern und Propheten, die sich gleich den Pharisäern und Hochpriestern von den
Menschen werden ehren lassen und solches von den Menschen sogar gesetzlich
verlangen werden! Wahrlich, die sollen als Diebe und Räuber angesehen werden
und dereinst vor allen Engeln zu großen Schanden werden! Je mehr Ehre sie sich
in dieser Welt für sich nehmen werden, desto mehr der ärgsten Schande werden
sie dereinst zu gewärtigen haben.
[GEJ.08_050,17] Dieses sollet ihr euch alle
auch wohl merken und könnet das auch leicht; denn so ihr Mein Gebot der wahren
und reinen Nächstenliebe recht in Betrachtung ziehet, so werdet ihr es gar
leicht begreifen, daß jedem echten und wahren Menschen der stinkende Hochmut
seines Nebenmenschen am meisten weh tut!“
51. Kapitel
[GEJ.08_051,01] (Der Herr:) „Daher sei ein jeder
voll Sanftmut und Demut, und ihr werdet euch dadurch gegenseitig die größte und
wahrste Menschenehre erweisen und in Frieden und Ruhe miteinander leben und
verkehren!
[GEJ.08_051,02] Ehrsucht und Hochmut aber
erzeugen Mißmut, Ärger, Verachtung, Groll, Zorn und am Ende Rache, Krieg und
sein böses Gefolge. Der Hochmütige und Ehrgierige ist auch stets voll
Selbstsucht und Habgier; und weil er alles nur für sich zur Erhöhung seiner
Weltehre gewinnen will, so ist dann davon die traurige Folge, daß Hunderte und
Tausende um ihn dann nichts haben und in der größten Armut und Not leben
müssen, wie das auch zu den Zeiten Noahs der Fall war und in der letzten Zeit
des neuen Heidentums noch mehr der Fall sein wird.
[GEJ.08_051,03] Aber eben dieser böse und
vollends höllische Zustand unter den Menschen wird das Gericht sein, das sie
sich selbst schaffen werden. Die übergroße Zahl der Armen und Gedrückten wird
sich endlich über ihre überhochmütigen Bedrücker erheben und mit ihnen ein
Garaus machen, und das wird sein eine zweite Sündflut durch das Zornfeuer der
am Ende zu arg und mächtig gedrückten Armut.
[GEJ.08_051,04] Aber auch ein natürliches
Feuer wird in jener Zeit viele Orte verwüsten; denn es werden in jener Zeit die
Menschen aus zu hoch übertriebener irdischer Gewinnsucht gleich bösen Würmern
in die Tiefen der Erde dringen und darin allerlei Schätze suchen und auch
finden. Wenn sie aber an die mächtigen Lager begrabener Urwälder der Erde
kommen werden und sie zur Feuerung und Schmelzung der Metalle und noch zu vielen
anderen Dingen gebrauchen werden, so wird auch das letzte Gericht, das sie sich
selbst bereiten werden, vor der Türe sein.
[GEJ.08_051,05] Am meisten aber werden die zu
leiden haben, die da wohnen werden in den großen Städten der Könige und der
dermaligen Mächtigen der Erde.
[GEJ.08_051,06] Darum bleibet alle stets in
der Sanftmut und Demut und dadurch in der wahren Nächstenliebe, so wird kein
Gericht unter euch erzeugt werden; denn wo in jener Zeit die Menschen in Meiner
Ordnung leben werden, dort wird auch kein letztes Gericht zum Vorschein kommen.
Ich habe euch das nun deshalb zum voraus gesagt, auf daß ihr es auch den andern
Menschen sagen und verkünden sollet, damit sich am Ende niemand entschuldigen
kann, daß er nicht vor der Gefahr gewarnt worden sei.“
[GEJ.08_051,07] Sagten alle: „Herr und
Meister, an unserem Eifer für die gute und wahre Sache wird es uns mit Deiner
Hilfe wahrlich nicht fehlen; aber es gibt der Menschen viele auf der Erde, die
groß und weit ist, und wir werden nicht in alle ihre Orte kommen können, und so
wird das Böse unter dem Guten und Wahren fortwuchern, und wir werden wohl nicht
imstande sein, demselben vollen Einhalt zu tun!“
[GEJ.08_051,08] Sagte Ich: „Dafür werdet ihr,
wie ein jeder wahrhaft Gute in Meinem Namen, auch zu keiner Verantwortung
gezogen werden. Denn es genügt, daß den Menschen die Wahrheit verkündet wird;
das Leben und Handeln danach ist ihre höchst eigene Sache. Wer danach leben und
handeln wird, der wird in kein Gericht kommen, sondern das ewige Leben ernten
und selig werden.“
52. Kapitel
[GEJ.08_052,01] Hier trat die Maria von
Magdalon näher zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, kann auch ich noch selig
werden und dereinst das ewige Leben ernten? Denn ich bin eine große Sünderin, und
mir kommt es in Deiner heiligsten Nähe stets mehr und mehr vor, daß ich auch
Deiner allergeringsten Gnade zu unwürdig bin!“
[GEJ.08_052,02] Sagte Ich: „Bleibe du nur
fortan in der reinen Liebe, und sündige nicht mehr! Das sei deine Sorge; um
alles andere werde schon Ich für dich Sorge tragen. Ich habe dich befreit von
deinen unreinen Geistern und habe zu dir auch gesagt: Deine Sünden sind dir
vergeben, weil du den Armen viel Liebe erwiesen hast und nun auch Mich liebst
über alles. Zu wem Ich aber sage: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, dem sind
sie auch wahrhaft vergeben. Aber er muß hinfort keine Sünden mehr begehen; denn
sündigt er von neuem wieder, so versetzt er sich in einen noch ärgeren Zustand,
als da war sein erster. Aber Ich sehe bei dir den ernsten Willen, nicht mehr zu
sündigen, und so wirst du auch verbleiben in Meiner Gnade und Liebe. Wer aber
in Meiner Gnade und Liebe verbleibt, der hat schon das ewige Leben in sich und
mit ihm die ewige Seligkeit.
[GEJ.08_052,03] Wer aus Liebe zu Mir alles
tut, was die Nächstenliebe fordert, dem werde auch Ich alles tun, was in Meiner
Macht steht. In Meiner Macht aber steht nicht nur vieles, sondern alles. So du,
liebe Maria, nun das weißt, da sei du frohen Gemütes, und tue fortan Gutes, und
Ich werde dich nicht verlassen!“
[GEJ.08_052,04] Hierauf fiel die Maria von
Magdalon zu Meinen Füßen, dankte Mir mit dem gerührtesten Herzen und benetzte
Meine Füße mit ihren Tränen und trocknete sie mit ihren Haaren. Meinen alten
Jüngern aber kam diese Szene etwas zu lange dauernd und nach ihrer Meinung auch
etwas unanständig vor, und sie murrten heimlich unter sich.
[GEJ.08_052,05] Ich aber merkte das und sagte
zu ihnen: „Warum ärgert denn ihr euch darob? Ich bin schon lange unter euch,
und ihr habt Mir eine solche Liebe noch nie bezeigt, und Ich verlangte sie von
euch auch nicht. Darum aber sage Ich euch nun auch: Wo immer Mein Evangelium
den Menschen gepredigt wird, da soll auch dieser Maria volle Erwähnung gemacht
werden; denn sie hat Mir einen großen Liebedienst erwiesen. Das merket euch
auch! Du, Maria, aber erhebe dich nun wieder, und sei Meiner vollen Liebe und
Gnade versichert!“
[GEJ.08_052,06] Darauf erhob sich die Maria
und dankte Mir nochmals mit dem liebevollsten Herzen.
[GEJ.08_052,07] Die Jünger aber baten Mich
und sie um Vergebung ob ihrer kleinen Ungeduld.
[GEJ.08_052,08] Und Ich sagte: „Lernet die
Schwachen ertragen, so werdet ihr dadurch mehr Stärke eurer Seelen vor Mir an
den Tag legen, als so ihr nur mit den Helden kämpfet und über sie sieget!
[GEJ.08_052,09] Nun aber ist die Sonne schon
ziemlich hoch über den Horizont gestiegen, und das Morgenmahl steht in
Bereitschaft; wir wollen dasselbe zu uns nehmen und uns dann von hier nach
Bethanien begeben!“
[GEJ.08_052,10] Darauf begaben wir uns
behende ins Haus und nahmen das Morgenmahl ein, an dem auch unsere Maria
teilnahm.
[GEJ.08_052,11] Nach dem Morgenmahle aber
machte Lazarus mit seinem Wirte die Rechnung und nahm den Gewinn, wie auch die
andern Schätze und Kostbarkeiten mit sich. Es hatten daran zehn Maultiere zu
tragen, da auch die Schätze von den etlichen bekehrten Pharisäern dabei waren,
die Lazarus zur Verwaltung übernahm.
[GEJ.08_052,12] Nikodemus, Joseph von
Arimathia und der alte Rabbi empfahlen sich Meiner Gnade und Liebe, dankten für
alles und gingen samt den Magiern in die Stadt, allwo sie zu tun hatten. Die
Magier aber begaben sich zu den Ihrigen, die schon mit vieler Sehnsucht ihrer
harrten. Die beiden Römer aber, die zu Emmaus wohnten, zogen mit den sieben
Oberägyptern nach Emmaus, von wo aus dann die letzteren nach einigen Tagen
wieder in ihr Land zogen. Alle andern Anwesenden aber zogen mit uns nach
Bethanien.
[GEJ.08_052,13] Es braucht hier nicht weiter
und sonderheitlich angegeben zu werden, welche Menschen noch da waren, da
dieselben im Verlaufe der erzählten Begebenheiten auf dem Ölberge ohnehin
mehrere Male benannt und bezeichnet wurden.
[GEJ.08_052,14] Maria von Magdalon bat Mich
auch, uns nach Bethanien nachkommen zu dürfen, und fragte Mich, wie lange Ich
wohl in Bethanien verweilen werde.
[GEJ.08_052,15] Und Ich sagte: „Ich werde
daselbst drei Tage hindurch ruhen; denn Ich habe nun viel gearbeitet, und auf
viel Arbeit kann man sich eine kleine Rast nehmen. Wenn du dein Haus bestellt
haben wirst, dann komme zu uns nach Bethanien!“
[GEJ.08_052,16] Darauf begab sich auch die
Maria sogleich nach Hause, um daselbst schnell alles zu ordnen, und das auf
einige Tage, da sie es sich vornahm, diese Zeit bei Mir zuzubringen.
53. Kapitel
[GEJ.08_053,01] Schließlich fragte Mich noch
Agrikola, ob er nicht eines von den Goldgeschirren, die wunderbar für den Tisch
der Römer geschaffen worden waren, zum Gedächtnisse mitnehmen dürfe gegen
Erlegung eines ausgesprochenen Geldwertes.
[GEJ.08_053,02] Und Ich sagte zu ihm: „Was
für euch geschaffen ward, das gehört euch auch, und ihr könnet es daher auch
ohne Erlegung eines Geldbetrages mit euch nehmen. Zudem wirst du ohnehin der
Armen genug von hier mit dir nach Rom nehmen und sie dort wohl versorgen, und
so sind in der materiellen Hinsicht diese Gefäße wohl nur ein ganz geringer
Lohn für das, was du Mir zuliebe tust. Darum nimm nur alles, was sich irdisch
Kostbares auf eurem Tische befindet! Aber betrachte das nicht etwa als einen
wirklichen Lohn für alles das, was du aus Liebe zu Mir den vielen Armen und Bedrängten
tust; denn dein Lohn dafür wird ein ganz anders gestalteter sein auf Erden
schon, und über alles jenseits in Meinem Reiche.
[GEJ.08_053,03] Sorge daheim aber ernst und
gut für die, welche Ich dir zur Pflege übergeben habe! Du wirst nach einem
Jahre nach dem äußersten Westen Europas in Regierungsangelegenheiten eine Reise
machen müssen mit einem Sohne von dir, und du wirst dort lange und viel zu tun
haben. In der Zeit aber bestelle dein Haus wohl, damit alle die, welche Ich dir
anvertraut habe, ja keine Not weder leiblich und noch weniger seelisch zu
erleiden haben sollen!“
[GEJ.08_053,04] Sagte Agrikola, von der Liebe
zu Mir ganz zu Tränen gerührt: „O Herr und Meister, das wird wohl meine erste
und größte Sorge sein, und ich hoffe, daß mir mit Deiner Hilfe alles wohl und
bestens gelingen wird! Aber verlasse ja Du mich niemals, und lasse keine zu
starken Versuchungen über mich und mein Haus kommen! Ich kenne wohl nun ganz
gut meine von Dir mir geschenkte Stärke; aber ich kenne auch meine alten,
höchsteigenen Schwächen. Sollte mich dann und wann eine oder die andere
gemahnen zu einem Falle, – o Herr, da ergreife mich und stärke meinen Willen,
auf daß ich mich aufrecht erhalte und nicht falle!“
[GEJ.08_053,05] Sagte Ich: „Wahrlich, um was
du den Vater, den du nun kennst, bitten wirst in Meinem Namen, das wird dir
auch gegeben werden! Darum sei du stets voll Trostes und voll der wahrsten und
lebendigsten Zuversicht; denn Ich werde, so du im lebendigen Glauben und in der
Liebe zu Mir verharrst, stets bei dir sein und werde dich führen und leiten,
wie auch jeden, der deines Glaubens und deiner Liebe sein wird!“
[GEJ.08_053,06] Hierauf dankten Mir alle
Römer und auch alle die, welche die Römer in ihre Sorge und Pflege aufnahmen.
[GEJ.08_053,07] Wir waren nun reisefertig und
begaben uns hinab auf die Straße, die nach Bethanien führte.
[GEJ.08_053,08] Als wir an der Mauer der
Stadt vorüberzogen, da sagte der Wirt im Tale, der auch mit uns heimzog, wie
auch der an der großen Heerstraße unweit Bethlehem: „Herr, sieh doch diese
furchtbar starken Mauern der Stadt an! Wie wohl werden die mit menschlichen
Kräften zerstört werden können?“
[GEJ.08_053,09] Sagte Ich: „Was Menschenhände
schufen, das können sie auch zerstören. Denn es sind die Menschen überhaupt
geschickter im Zerstören als im Schaffen, und so werden sie zur rechten Zeit
auch Meister dieser starken Mauern werden. Ich sage euch: Nicht ein Stein wird
auf dem andern gelassen werden! In ein paar Jahrhunderten werden die Menschen
die Stelle suchen, auf welcher nun noch der Tempel steht, und werden sie nicht
finden.
[GEJ.08_053,10] Wie war es denn zu den Zeiten
Noahs vor der großen Flut? Ich habe euch das gezeigt vor einigen Tagen! Konnten
die Menschen jener Zeit sogar Berge zerstören, wodurch die inneren Gewässer der
Erde zum Ausbruch kamen und die Frevler ersäuften, also werden die Menschen
desto leichter mit dieser Mauer fertig werden zur rechten Zeit!“
[GEJ.08_053,11] Mit diesem Bescheide waren
die beiden zufrieden, und wir zogen auf der Straße weiter und kamen bald an ein
Mauthaus.
54. Kapitel
[GEJ.08_054,01] Der Zöllner aber erkannte
Mich bald, trat zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, seit Deine Worte und
Lehren mich auf dem Ölberge durchdrungen haben, bin ich wahrlich ein ganz anderer
Mensch geworden und danke Dir nun noch einmal aus vollem Herzen für die
übergroße Gnade, die Du mir und meinem Hause erwiesen hast! Ich habe alles von
Dir Vernommene allen meinen Angehörigen treulich mitgeteilt, und sie glauben
nun an Dich; lasse darum auch Deinen Segen über mein ganzes Haus walten!“
[GEJ.08_054,02] Sagte Ich: „Weil du solches
getan hast, so wird das Heil dir und deinem Hause auch nicht ferne bleiben!
Aber du forderst dennoch auch sogar von den Einheimischen den Zoll, wenn der
Fremden zu wenige nach Jerusalem kommen; wenn aber die Fremden kommen, so
verlangst du willkürlich um vieles mehr, als es nach dem Gesetz bestimmt ist.
Das aber habe Ich wahrlich nicht gelehrt, und ein solches Handeln steht nicht
im allerentferntesten Verbande mit der Nächstenliebe, die Ich jedermann vor
allem ans Herz legte. Hast du aber die Nächstenliebe in der Tat nicht, da bist
du ferne von Meinem Reiche; denn der pure Glaube ohne die Werke der Liebe ist
tot und der, welcher ihn hat, mit ihm. Darum ändere du dein Handeln, ansonst
dir wenig Heil aus deinem Glauben an Mich erwachsen wird!
[GEJ.08_054,03] Daß du ein Zöllner bist, von
dem die Templer sagen, daß er gleichfort ein großer Sünder sei, das wird dir
von Mir aus nicht zur Sünde gerechnet; aber daß du die Wanderer bedrückst und
von ihnen forderst, was über die gesetzliche Gebühr geht, das ist wider die
Nächstenliebe und ist somit auch eine grobe Sünde, die keinem Menschen ein Heil
bereitet. Ändere darum dein Handeln, so du ein rechter und fruchtbarer Jünger
nach Meiner Lehre sein willst!“
[GEJ.08_054,04] Sagte der Zöllner nun ganz
betroffen: „O Herr und Meister, ich sehe nun, daß es vor Deinen Augen nichts
Verborgenes gibt, und ich werde darum mein Handeln völlig ändern! Dir aber
danke ich nun abermals inbrünstigst für diese Deine Ermahnung.“
[GEJ.08_054,05] Sagte Ich: „Mache aber auch
an den Armen den ihnen zugefügten Schaden gut, sonst baust du deine künftige
Nächstenliebe auf hohlem Sandgrunde!“
[GEJ.08_054,06] Als der Zöllner solches von
Mir vernahm, verneigte er sich und sagte: „Herr und Meister, an meinem Willen
dazu wird es nicht fehlen, aber an der Möglichkeit, da ich die allermeisten
nicht kenne und ihnen die manchmaligen Überbürdungen nicht zurückerstatten
kann!“
[GEJ.08_054,07] Sagte Ich: „So habe den
ernsten Willen dazu und tue, was dir möglich ist, so wird dir der Wille als
Werk angerechnet werden! Es gibt aber um Jerusalem noch Arme genug, die dann
und wann einer Hilfe bedürfen; denen tue du Gutes und bringe ihnen ein Opfer,
so wirst du dein Unrecht sühnen!“
[GEJ.08_054,08] Auf diese Meine Worte
verneigte sich der Zöllner abermals, versprach auf das feierlichste, Meinen Rat
zu befolgen, und wir zogen dann weiter.
[GEJ.08_054,09] Auf dem halben Weg nach
Bethanien aber saß am Wege ein Blinder, der da bettelte. Er hatte aber einen
Führer bei sich, der dem Blinden sagte, daß Ich vorüberzöge.
[GEJ.08_054,10] Als der Blinde das vernahm,
da fing er sogleich aus voller Brust zu schreien an: „O Jesus von Nazareth, Du
wahrer Heiland der Menschen, hilf mir armem Blinden!“
[GEJ.08_054,11] Weil er aber gar so stark
schrie, so bedrohten ihn Meine Jünger und verwiesen ihm sein starkes Schreien
und sagten, daß Ich ihm auch so helfen könne, wenn er auch nicht gar so heftig
schreie.
[GEJ.08_054,12] Ich aber verwies das den
Jüngern und sagte: „Warum ärgert ihr euch denn darum, daß dieser Blinde Mich um
Hilfe angeht? Ist euch sein Geschrei lästig, so haltet euch die Ohren zu, und
lasset ihn Mich um Hilfe rufen! Denn sähe er, so würde er nicht also schreien;
da er aber wahrlich völlig stockblind ist, so schreit er, damit Ich ihn erhören
möchte, wenn sein Geschrei von Mir vernommen wird. Euch aber hat er nicht um
Hilfe angerufen, sondern nur Mich, und so geht euch sein Schreien auch nichts
an, und ihr habt euch darüber nicht zu ärgern und den Blinden nicht zu
bedrohen!“
[GEJ.08_054,13] Da wurden die Jünger still,
und Ich trat zum Blinden hin und sagte: „Hier stehe Ich vor dir. Was willst du
denn, daß Ich dir nun tun soll?“
[GEJ.08_054,14] Sagte der Blinde: „O guter
Heiland, Herr und Meister, gib mir mein Augenlicht wieder; denn ich habe wohl
vernommen, daß Du alle Blinden wohl heilen und sehend machen kannst! Und so
bitte ich Dich, daß Du Dich nun auch meiner erbarmen möchtest!“
[GEJ.08_054,15] Sagte Ich: „Glaubst du denn wohl
so ganz ungezweifelt fest, daß Ich dir helfen kann?“
[GEJ.08_054,16] Sagte der Blinde: „Ja, Herr
und Meister, nur Du ganz allein kannst mir helfen, wenn Du das willst!“
[GEJ.08_054,17] Sagte Ich: „Nun, so will Ich
denn, daß du wieder sehen sollst! Aber das sage Ich dir auch, daß du in Zukunft
nicht mehr sündigest; denn so du in deine alten Sünden verfallen würdest, da
würdest du auch wieder blind werden! Darum beachte wohl, was Ich dir nun gesagt
habe!“
[GEJ.08_054,18] Der Blinde versprach Mir das
aufs feierlichste, und Ich berührte darauf mit dem Finger seine Augen, und er
war im Augenblick sehend und wußte sich darob vor lauter Freuden nicht zu
helfen und dankte Mir mit aufgehobenen Händen, daß Ich ihm geholfen habe.
[GEJ.08_054,19] Ich aber sagte darauf zu ihm:
„Da du sehend geworden und sonst noch ein kräftiger Mensch bist, so erhebe dich
nun von dieser Stelle und suche dir in irgendeinem Hause einen Dienst und
verdiene dir das tägliche Brot; denn der Müßiggang ist stets der Grund und der
Anfang zu allerlei Sünden und Lastern!“
[GEJ.08_054,20] Sagte der nun sehend
gewordene Blinde: „O Du guter Heiland, Herr und Meister! Gar gerne möchte ich
nun dienen und arbeiten, wenn sich nur irgend ein Dienstgeber vorfände! Ich und
dieser mein Führer würden wohl gar gerne arbeiten, so uns jemand in Arbeit
nähme.“
[GEJ.08_054,21] Hier traten sogleich die
beiden Wirte hervor und sagten: „So gehet mit uns, und ihr sollet sogleich
Dienst und Arbeit haben; denn wir sind Besitzer von vielen Äckern, Gärten,
Wiesen und Weinbergen!“
[GEJ.08_054,22] Als die beiden das vernahmen,
da wurden sie überfroh, erhoben sich von ihren alten Bettelsitzen und zogen
ganz wohlgemut mit uns fort nach Bethanien, wo sie einen ganzen Tag
wohlverpflegt wurden.
55. Kapitel
[GEJ.08_055,01] Als wir nach Bethanien kamen,
da ersahen Mich die beiden Schwestern des Lazarus schon von weitem und liefen
Mir mit offenen Armen entgegen.
[GEJ.08_055,02] Als sie zu Mir kamen, konnten
sie nicht genug lobend erzählen, was sich unterdessen alles Gutes in Bethanien
zugetragen habe, während Ich Mich zu Jerusalem aufhielt, und welche Freude
ihnen am Morgen die Ankunft der vielen Jungen verursachte; aber zugleich
bedauerten sie auch, daß die lieben Jungen nicht in Bethanien verbleiben
würden, wie ihnen das der Raphael angezeigt habe.
[GEJ.08_055,03] Ich aber sagte ihnen den
Grund, und sie stellten sich zufrieden.
[GEJ.08_055,04] Dabei erreichten wir den Hof
und begaben uns denn auch sogleich ins Haus, wo in einem großen Saale die Jungen
Mich empfingen und als Vater begrüßten, und das mit so herzlichen Worten, daß
darob alle zu Tränen gerührt worden sind.
[GEJ.08_055,05] Von diesem Saale bezogen wir
einen anderen Saal.
[GEJ.08_055,06] Als wir in dem schon
angezeigten Saale uns befanden und uns gewisserart zu einiger Ruhe geordnet
hatten, da ließ Lazarus Brot und Wein auf die Tische setzen und ersuchte uns,
daß wir uns damit ein wenig stärken möchten. Wir taten das denn auch eben nicht
ungern, da wir von dem kleinen Marsche ein wenig müde geworden waren. Doch
diese Müdigkeit war wahrlich kaum des Erwähnens wert; aber da die Römer den
Wunsch geäußert hatten, auch diese Stammbesitzung des Lazarus, die von großem
Umfange war, näher kennenzulernen, so war da eine kleine leibliche Vorstärkung
eben ganz am rechten Orte. Wir nahmen denn auch das Brot und den Wein, nachdem
Ich beides zuvor gesegnet hatte, und aßen und tranken ganz wohlgemut das
Gegebene.
[GEJ.08_055,07] Nach dieser kleinen
Leibesstärkung aber begaben wir uns abermals ins Freie und durchzogen den
größten Teil der Besitzungen des Lazarus, und die Römer verwunderten sich sehr
über den großen Reichtum des Lazarus.
[GEJ.08_055,08] Aber dieser sprach (Lazarus):
„Liebe Freunde, ich besitze noch bei dreißigmal soviel, als was ihr hier nur
flüchtig habet übersehen können! Aber all dieser große Besitzesreichtum macht
mich darum nicht glücklich, weil ich ihn auf dieser Erde völlig mein nennen
kann; denn heute bin ich wohl noch vor den weltlichen Gesetzen ein rechtmäßiger
Besitzer, doch morgen fordert der Herr die Seele von mir, und diese wird vor
Ihm Rechnung zu legen haben, wie und zu welchem Frommen sie die Erdengüter, die
ihr anvertraut worden waren, getreu verwaltet hat. Und sehet, da wird es dann
wohl gar mancher Seele schwer ergehen, vor dem Herrn in der Rechenschaft
bestehen zu können! Daher sind wir wohl nur, vom rechten Standpunkte des Lebens
auf dieser Welt aus betrachtet, zeitweilige Verwalter solcher Erdengüter zum
Frommen der armen Menschheit, aber niemals Besitzer. Denn der ewig rechtmäßige
Besitzer ist allein der Herr; wir aber besitzen nur das Recht, diese Erdengüter
zum Frommen der bedürftigen Menschen zu verwalten und sie zweckdienlich zu
bearbeiten.
[GEJ.08_055,09] Und so bin denn auch ich kein
Besitzer von allem dem, sondern nur ein noch immer schwacher Bearbeiter und
Verwalter. Der aber nun als der allerhöchste Lebensfreund unter uns wandelt und
ein wahrster Herr alles Lebens ist, Der ganz allein ist auch der wahre Besitzer
dieser und aller Güter der Erde, und es wird uns dereinst zum Heile gereichen,
so Er zu uns sagen wird: ,Ihr habet Meine euch anvertrauten Güter wohl
verwaltet!‘“
[GEJ.08_055,10] Sagte Agrikola: „Was du nun
von deinen Gütern denkst und sagst der vollen Wahrheit nach, das werde auch ich
von den meinen denken und sagen und nach Möglichkeit auch dir gleich handeln.
Dich, o Herr, aber bitten wir schon jetzt, daß Du mit uns dereinst nicht eine
allzustrenge Rechnung über unser Gebaren mit Deinen uns nur zur Verwaltung
verliehenen Erdengütern halten möchtest! Denn am Willen, recht zu tun, soll es
uns nicht mangeln; aber ob die äußeren, finsteren Weltverhältnisse uns dann und
wann nicht manchen unerwarteten und unvorhergesehenen Strich durch unsere gute
Rechnung machen werden, das liegt außer unserer Macht, und Du, o Herr, wirst
uns für solche möglichen Fälle gnädig und barmherzig sein.“
[GEJ.08_055,11] Sagte Ich: „Was da immer
geschehen wird wider euren Willen, dafür werden die Rechnung zu geben haben,
die euch dann und wann als Hindernisse in den Weg getreten sind. Denn die vor
Mir allein gültige Rechnung wird in euren Herzen geschrieben stehen. Da ihr
aber nun Meine Freunde seid, so werdet ihr auch als dieselben verbleiben in
Ewigkeit!
[GEJ.08_055,12] Denn wahrlich sage Ich euch:
Selig seid ihr, die ihr nun das sehet und höret, was alle Patriarchen und
Propheten zu sehen und zu hören so sehnlichst wünschten! Aber es war damals
noch nicht an der Zeit. Im Geiste sehen und hören sie nun das auch und freuen
sich über die Maßen darob; doch ihrem Fleische blieb das verborgen, und den
künftigen Generationen wird das auch mehr oder minder verborgen bleiben. Für
euch aber ist es nun ein leichtes, zu glauben und danach zu handeln, denn ihr
seid nun Augen- und Ohrenzeugen von allem dem, was auf dieser Erde noch nie ein
Menschenauge geschaut und ein Menschenohr gehört hat; aber in der Folge werden
nur jene selig, welche, so sie auch nicht sehen und hören werden, wie ihr nun,
dennoch glauben und nach dem Glauben handeln werden. Darum aber wird ihr
Verdienst ihnen noch höher angerechnet werden.“
[GEJ.08_055,13] Sagten Meine Jünger: „Wenn
Du, o Herr, in der Folge niemandem mehr sichtbar und vernehmbar wirst, wie
wirst Du denn dann bei den Deinen verbleiben bis ans Ende der Zeiten?“
[GEJ.08_055,14] Sagte Ich: „Das war einmal
wieder eine ausgezeichnet blöde Frage von euch! Wie vieles und Großes habe Ich
euch schon verkündet und gezeigt, und dennoch verstehet ihr noch wenig von der
inneren Weisheit in Gott! Ich kann doch nicht ewig in diesem Fleische auf
dieser materiellen Welt verbleiben, und Ich habe es euch schon zu mehreren
Malen gesagt, was Mir noch begegnen wird, damit das Sündenmaß der Juden voll
werde und ihr Gericht über sie komme, und noch fraget ihr beinahe wie
Blindgeborene nach den Farben des Lichtes, wie Ich dann in der Folge bis ans
Ende der Zeiten bei den Meinen verbleiben werde! Weil ihr aber das noch nicht
verstehet, so will Ich es euch noch einmal sagen:
[GEJ.08_055,15] Ich werde im Geiste, im Worte
und in der Wahrheit bei den Meinen verbleiben, und die in großer Liebe zu Mir
sich befinden werden, die werden Mich auch persönlich auf Momente zu sehen
bekommen. Die aber nach Meinem Worte leben und nach der inneren Wahrheit
desselben sorglich forschen werden, mit denen werde Ich reden durch das
Verständnis ihres Herzens und werde also legen Meine Worte in ihr Gemüt, und in
Meinem Namen wohlerzogene Jünglinge und Mägde sollen Gesichte haben, in denen
ihnen erklärt wird Meine Wesenheit, die Himmel und das ewige Leben, wie auch
das Los der Abtrünnigen und Bösen, und auch also werde Ich verbleiben bei den
Meinen bis ans Ende der Zeit dieser Erde. Das alles verstehet nun recht, und
fraget Mich um derlei nicht wieder!“
[GEJ.08_055,16] Die Jünger stellten sich mit
dieser Meiner Antwort ganz zufrieden und fragten Mich dann fürder nicht mehr um
solches.
56. Kapitel
[GEJ.08_056,01] Als wir aber noch zwischen
den Äckern und Gärten schon ganz in der Nähe von Bethanien umherwandelten und
dann bald auf dem schon bekannten Lieblingsruheplatze des Lazarus auf einer
kleinen Anhöhe anlangten, um allda im Freien ein wenig auszuruhen, da wir bei
der Besichtigung der Gründe des Lazarus denn doch bei drei Stunden lang auf den
Füßen zugebracht hatten, da trat einer aus der Zahl der Römer zu Mir und
fragte: „Herr und Meister, bis jetzt habe ich nur zugehört und für mich noch
kein Wort geredet und sage nun, daß alles von Dir, wie auch von dem sonderbaren
Engel Gesprochene, Erklärte und von uns Gesehene mir das unwidersprechbarste
Zeugnis von Deiner unmittelbaren und persönlichen Göttlichkeit gab. Aber Du
erklärtest uns auch den gestirnten Himmel und hast uns durch Deine Güte und
durch die Allmacht Deines heiligen Willens in derartige Zustände versetzt, in
denen wir die andern Erdkörper ebenso klar besehen konnten wie nun mit den
fleischlichen Augen die Gefilde dieser Erde, und fanden überall Menschen und
eine Menge anderer Geschöpfe. Ja, wir fanden in den geschauten andern
Erdkörpern sogar noch um vieles herrlichere Länder und Gegenden und Menschen
und andere Geschöpfe in einer auch um vieles höheren Vollendung, und die
Schönheit und große Regelmäßigkeit ihrer Wohngebäude übertraf die dieser Erde
ums unbeschreibbare.
[GEJ.08_056,02] Nun, als ich bei mir darüber
allerlei Betrachtungen anstellte, da warf sich in meinem Herzen die Frage auf,
wie und aus welchem Grunde Du, o Herr, gerade auf dieser in jeder Hinsicht
mageren Erde hast einen diesmenschlich fleischlichen Leib anziehen wollen, da
Dir zu diesem Zwecke doch zahllose Myriaden der herrlichsten und größten
Sonnenwelten zu Gebote gestanden wären. Könntest oder wolltest Du uns darüber
nicht auch noch so einige für uns Römer verständlichere Aufschlüsse geben?“
[GEJ.08_056,03] Sagte Ich: „O ja, – obschon
Ich euch alle bei der Enthüllung der materiellen Schöpfung und namentlich bei
der Darstellung und klaren Erklärung der Sonnenordnung in einer Hülsenglobe und
hernach des ganzen großen Schöpfungsmenschen darauf wohl aufmerksam gemacht
habe, wie und warum Ich gerade auf dieser Erde und auch eben in dieser Zeit das
Leibliche angezogen habe; aber so Ich es euch auch wieder erkläre, so werdet
ihr das doch auf den vollen Grund nicht einsehen, und das so lange nicht, bis
ihr nicht selbst im Geiste wiedergeboren werdet. Aber dessenungeachtet kann Ich
euch dennoch noch einen ganz kurzen Wink darüber geben, weil Ich es zum voraus
sehe, daß eben dieser Punkt unter den künftigen Weltweisen und Theosophen ein
ganz bedeutsam und bedenklich strittiger werden kann und auch werden wird. Und
so höret Mich denn nochmals an!
[GEJ.08_056,04] Der eigentliche Grund liegt
freilich nur in Meiner Weisheit und in Meinem Willen. Daß ein jeder Mensch, so
wie auch jedes warmblütige Tier, ein Herz hat, von dem sein leibliches Leben
abhängt, das werdet ihr wohl alle wissen, aber ihr kennet den Bau des Herzens
nicht, Ich aber kenne ihn gar wohl und weiß darum auch, was im Herzen ist,
durch das dasselbe belebt wird.
[GEJ.08_056,05] Es befinden sich im Herzen
zwei überaus kleine Kämmerlein, die den beiden großen Blutkammern entsprechen.
Für eure Augen würden diese beiden Kämmerlein wohl kaum als kleinste Pünktlein
sichtbar sein. So klein aber auch diese Pünktlein sind, so bedingen sie durch
ihre Einrichtung doch ganz allein zuerst das Leben des Herzens und durch
dasselbe das Leben des ganzen Leibes und aller seiner zahllos vielen Teile und
Organe.
[GEJ.08_056,06] Das eine erste und somit
allerwichtigste Kämmerlein entspricht dem, was des Geistes und somit des
eigentlichen Lebens ist, und wir wollen es das bejahende und somit wahre
nennen. Das zweite, gewisserart minder wichtige, obschon zum natürlichen Leben
des Leibes auch unumgänglich notwendige, aber wollen wir das der Materie
entsprechende, also auch das verneinende nennen. Dieses hat für sich kein
Leben, sondern ist nur ein Aufnahmegefäß fürs Leben, welches es mit jedem
erneuten Herzschlage aus dem bejahenden Kämmerlein wie von neuem aufnimmt und
es dann dem ganzen Leibe durch das Blut mitteilt.
[GEJ.08_056,07] Aus diesem leicht faßlichen
Bilde könnet ihr nun schon entnehmen, wie das Herz in seinem Lebensgrunde
beschaffen ist und sein muß, auf daß es dem ganzen Leibe das Leben verschaffe.
Daß das Herz dann noch eine sehr weitwendige und überaus kunstvolle und höchst
weise organisch-mechanische Einrichtung zur Fortförderung des in ihm
entwickelten Lebens hat und haben muß, das versteht sich auch ohne weitere
Erklärung von selbst; denn wo etwas weitergebracht werden soll, da müssen zu
dem Zwecke auch wohlgebahnte Wege und Überbringungsmittel bestehen und dasein.
Wir aber brauchen zur Beleuchtung unserer Sache hauptsächlich nur die beiden
Kämmerlein, und von ihnen eigentlich nur das bejahende.“
57. Kapitel
[GEJ.08_057,01] (Der Herr:) „Seht, wie im
Kleinen ein jeder Mensch zum Behufe seines leiblichen kurzen Probelebens
eingerichtet ist, also ist entsprechend auch in den weitesten Umrissen der
ganze große Schöpfungsmensch eingerichtet!
[GEJ.08_057,02] Denket euch, daß eben diese
Hülsenglobe, in der sich diese Erde mit dem Monde, der Sonne und allen zahllos
vielen andern Sonnen und Erdkörpern befindet, zur Einrichtung des Herzens im
Großen Schöpfungsmenschen gehört, und daß eben diese Sonne mit ihren Planeten,
von denen sie umbahnt wird, das bejahende Lebenskämmerlein darstellt und in
diesem Lebenskämmerlein eben diese Erde entsprechend den eigentlichen geistigen
Grundlebensstoff bedingt und ausmacht, was wohl nie ein Weltweiser einsehen
wird, wie und warum. Aber Ich als der Schöpfer der Unendlichkeit aus Mir weiß
darum und kann es euch denn auch also sagen, wie sich diese Sache verhält.
[GEJ.08_057,03] Ich bin aber von Ewigkeit der
Grund alles Lebens und alles Seins und bin somit auch die urbejahende
Lebenskammer im ewigen Lebensherzen der Unendlichkeit.
[GEJ.08_057,04] So Ich denn nach Meiner
Liebe, Weisheit und Ordnung in Mir Selbst beschlossen habe, das
Leiblich-Menschliche anzuziehen, so konnte Ich der ewigen Ordnung gemäß in dem
Großen Schöpfungsmenschen ja das auch nur auf dem Punkte realisieren, der
Meinem Urwesen, wenn auch aus Mir geschaffen, völlig entspricht.
[GEJ.08_057,05] Es ist zwar damit nicht
gesagt, daß gerade diese Erde, auf der wir nun sind, den eigentlichen
Hauptbejahungspunkt darstellen müßte. Das könnte auch eine andere Erde, zu
dieser Sonne gehörig, sein, und es war auch schon eine andere dazu bestimmt;
aber deren Bewohner haben sich noch um vieles unwürdiger benommen als nun die Bewohner
dieser Erde, und so ward jene Erde verworfen und verwüstet samt ihren
Bewohnern.
[GEJ.08_057,06] Da aber nun diese Erde seit
den Zeiten Adams dazu erkoren ward und auf ihrem Boden Ich nun das Leibmenschliche
angenommen habe, so wird sie als das auch verbleiben bis ans Ende der Zeiten
der gerichteten Geister in aller Materie, und ihr werdet aber auch die
Austräger des Urgrundlebens in alle Unendlichkeit und Ewigkeit im Geiste aus
Mir verbleiben und eben darum Meine wahren Kinder sein.
[GEJ.08_057,07] Sehet, da ist nun ganz kurz
und so klar als möglich der Grund vor euch hingestellt, warum Ich nur auf
dieser und auf keiner andern noch so großen und vollkommenen Erde habe das
Leibmenschliche aus purer Liebe zu nun Meinen Kindern anziehen können!
[GEJ.08_057,08] Es gibt aber neben diesem
Hauptgrunde auch noch andere Gründe, die da mit in die Bestimmung Meines
Willens der ewigen Ordnung gemäß gezogen werden können. Allein diese
Nebengründe sind denn doch nur notwendige Folgen des eigentlichen Hauptgrundes,
und wir brauchen sie darum nicht gar zu namentlich vorzuführen.
[GEJ.08_057,09] Ein solcher Grund ist einmal
die gänzliche Demütigung und Erniedrigung, ohne die sich auch ein höherer Geist
nicht mit dem Fleische der Lebensprobe umkleiden und dann wieder ins völlig
freieste und selbständige Leben übergehen oder zurückkehren kann; und das
stellt auch diese Erde dar.
[GEJ.08_057,10] Das bejahende
Lebenskämmerlein im Herzen ist, was die Leibesteile betrifft, sicher auch das
unansehnlichste Partikelchen des ganzen Leibes, ist finster und wird nie von
den Strahlen der Sonne erleuchtet und wird selbst von den Menschen, denen es
doch das Leben schafft und gibt, gar nicht erkannt und geachtet. Ja, wenn man
davon zu den Weltweisen redete, so würden sie mit den Achseln zucken und sagen:
,Wie möglich kann das mächtige allgemeine Leben eines Menschen wohl nur von
einem kaum sichtbaren kleinen Pünktlein abhängen?!‘ Aus dem aber geht ja doch
klar hervor, daß selbst die größten Weltweisen ihren eigenen Lebensgrund nicht
von fernehin kennen, geschweige erst ein anderer Tagesmensch.
[GEJ.08_057,11] Und doch muß ein jeder
Mensch, der sich selbst und Gott wahrhaft erkennen will, in dies sein
allerunansehnlichstes Herzlebenskämmerlein auf dem Wege der äußersten Demut und
Fügsamkeit eingehen und das aus demselben empfangene Leben geistig wieder
zurückgeben! Wenn ein Mensch das tut, so erweitert er das Lebenskämmerlein und
erleuchtet es durch und durch. Ist aber das geschehen, so wird dann das ganze
Herz und vom Herzen aus der ganze Mensch erleuchtet und erkennt sich selbst und
dadurch auch Gott, weil er da erst gewahren und erschauen kann, wie das Leben
in diesem Kämmerlein aus Gott einfließt, sich da sammelt und zu einem freien,
selbständigen Leben ausbildet.
[GEJ.08_057,12] In diesem Kämmerlein wohnt
sonach der eigentliche Geist aus Gott, und so die Seele des Menschen in dies
Kämmerlein durch die rechte Demut, Fügsamkeit, wie die Liebe des rechten
Menschen zur ewigen, unerschaffenen Liebe Gottes eingeht, so einigt sich
dadurch die Seele mit dem ewigen Geiste aus Gott und dieser mit der
geschaffenen Seele, und das ist dann eben die Wiedergeburt der Seele im Geiste
aus Gott.
[GEJ.08_057,13] Wie aber ein rechter Mensch
das tun muß, um in sich zur vollen Herrlichkeit des Lebens einzugehen, also
habe es nun auch Ich Selbst euch allen zum wahren Muster und zu einem wahrsten
Wegweiser im Großen Schöpfungsmenschen getan und bin darum auf diese Erde, weil
sie nach Meiner ewigen Ordnung eben, wie schon gezeigt, dem bejahenden
Herzenskämmerlein entspricht, gekommen, um so zu Meiner eigenen und dadurch
auch zu eurer größten Herrlichkeit einzugehen in alle Gewalt im Himmel und auf
allen Erden.
[GEJ.08_057,14] Ich war wohl schon von
Ewigkeit her in Mir Selbst in aller Macht und Herrlichkeit, aber Ich war
dennoch für kein geschaffenes Wesen ein schau- und begreifbarer Gott, auch
nicht für einen vollkommensten Engel. So Ich Mich jemandem, wie dem Abraham,
Isaak und Jakob, gewisserart beschaulich machen wollte, so geschah das dadurch,
daß Ich einen Engel besonders mit dem Geiste Meines Willens also erfüllte, daß
er dann auf gewisse Momente Meine Persönlichkeit darstellte. Aber von nun an
bin Ich allen Menschen und Engeln ein schaubarer Gott geworden und habe ihnen
ein vollkommenstes, ewiges und selbständig freiestes und somit wahrstes Leben
gegründet, und eben darin auch besteht Meine eigene größere Verherrlichung, und
so denn auch die eurige.
[GEJ.08_057,15] Denn wie konnten selbst die
vollkommensten Engel und auch die frömmsten Menschen dieser und aller andern
Erden den niemals geschauten und daher auch niemals vollkommen begriffenen Gott
wahrhaft verherrlichen durch eine wahre und lebendige Liebe zu Ihm? Denn da
hieß es allzeit: ,Gott kann niemand schauen und dabei erhalten das Leben; denn
die pure Gottheit in Sich ist ein verzehrendes, ewiges Feuer!‘ Dies Feuer ist
nun in Mir bedeckt und gedämpft durch diesen Meinen Leib, und es heißt nun
nicht mehr: ,Gott kann niemand schauen und leben!‘, sondern: ,Von nun an wird
ein jeder Engel und Mensch Gott schauen und leben können; und wer nicht Gott
schauen wird, der wird ein sehr elendes und gerichtetes Leben haben!‘
[GEJ.08_057,16] Dieses nun euch Gesagte und
Gezeigte ist demnach sicher auch ein Nebenhauptgrund, warum Ich eben nur auf
dieser Erde das Fleischmenschliche angenommen habe.
[GEJ.08_057,17] Wie ihr aber nun aus dieser
Darstellung sicher habet klar entnehmen müssen, warum Ich auf dieser und auf
keiner andern Erde das Fleischmenschliche habe annehmen können, so werdet ihr
auch noch das Weitere ebenso klar entnehmen und einsehen können.
[GEJ.08_057,18] Ihr habt gesehen, wie das
gewisse allerunansehnlichste bejahende Herzlebenskämmerlein als das eigentliche
Grundlebensprinzip des Menschen auch allein der hellsten und wahrsten
Intelligenz fähig und sonach schon in sich das Licht, die Wahrheit und das
Leben ist. Also verhält es sich auch mit den Menschen dieser Erde. Sie sind
gegenüber den Menschen der andern Erden ursprünglich auch höchst unansehnlich,
verdeckt, finster, klein, schwach und ohnmächtig und sind von den Geistern der
andern Weltkörper auch wie ungekannt und kennen sich am Ende auch selbst nicht;
aber eben in ihrer verborgenen inneren Lebenstiefe sind sie aus Mir der
Grundlebenspunkt des ganzen Großschöpfungsmenschen und können aus sich darum
auch solch allerhöchste Lebensfähigkeiten entwickeln, die bei den Menschen
anderer Erden nur in einem höchst einseitigen und untergeordneten Grade
vorkommen.
[GEJ.08_057,19] Vermöge solcher höchsten und gottähnlichen
Fähigkeiten der Menschen dieser Erde, zu denen auch besonders eine
wohlartikulierte äußere und innere Sprache, die Schreib- und Rechenkunst und
noch gar manches andere gehört, sind sie denn auch allein geeignet, das
geoffenbarte Wort aus dem Munde Gottes einmal vorerst im äußeren Buchstaben-
oder Bildersinne und daraus dann auch im wahren geistigen und endlich auch im
tiefsten himmlischen Lebenssinne zu vernehmen.
[GEJ.08_057,20] Diese Fähigkeit aber ist
etwas unschätzbar Großes und Vorzügliches, gleichwie auch die Lebens- und
Intelligenzfähigkeit des bejahenden Herzlebenskämmerleins der
allerunschätzbarst vollkommenste und edelste Teil des ganzen Menschen ist. Und
Ich konnte darum auch wieder nur zu euch auf diese Erde und zu niemand anderem
auf einer anderen Erde kommen.
[GEJ.08_057,21] Sehet, das ist denn wieder so
ein Grund, aus dem Ich auch eben nur auf dieser Erde das Fleischmenschliche
habe annehmen können! Und darin bestehen schon so die Hauptgründe Meiner
Menschwerdung auf dieser Erde.
[GEJ.08_057,22] Und nun denket darüber ein
wenig nach, und äußert euch, wie ihr das nun begriffen habt!“
58. Kapitel
[GEJ.08_058,01] Sagte der Römer: „Ja, ja,
Herr und Meister, das kann Deiner nunmaligen Erklärung zufolge unmöglich anders
sein als gerade also, wie Du es uns nun dargestellt hast. Begreifen können wir
das freilich wohl noch lange nicht zur Genüge; aber wir glauben es
ungezweifelt, weil Du als die ewige Wahrheit und Weisheit Selbst es uns also,
wie es ist und sein muß, gezeigt hast. Denn Du als der Schöpfer aller Dinge
mußt ja wohl am besten wissen, wie und in welcher Ordnung Deine Werke
erschaffen sind, zu welchem Zwecke das eine und das andere. Wir können demnach
derlei Verhältnisse Deiner ewigen und uns Menschen bis jetzt völlig unenthüllten
Ordnung nur von Dir enthüllt vernehmen und glauben alles, was Du uns sagst,
wenn wir mit unserem Verstande und noch weniger mit unseren Sinnen auch nicht
in die vollen Tiefen Deiner Weisheit zu dringen vermögen. Wir danken Dir für
diese übergroße Enthüllung.
[GEJ.08_058,02] Damit, was wir nun von Dir
vernommen haben, hast Du uns aber auch eine Waffe in die Hand gegeben, mit der
wir alle Weltweisen und alten Theosophen am ehesten zu Boden strecken werden
können. Denn das ist ein Beweis wie kein zweiter, aus der innersten
Lebensquelle eines jeden Menschen geschöpft, die darum mit dem ganzen endlos
Großen Deiner Schöpfung im allerwahrsten Entsprechungsverbande stehen muß, weil
der Mensch als ein Dir Selbst nun vollends ähnliches Wesen den
allervollendetsten Schlußstein aller Deiner Werke darstellt und darum das in
kleinster Gestalt ist, was da ist die gesamte endlos große Schöpfung.
[GEJ.08_058,03] Daß aber der Weg zum wahren,
freien und selbständigen Leben ein sehr enger und schmaler ist, das geht aus
dieser Deiner wunderbarst großen Enthüllung auch wie von selbst klar hervor;
aber man sieht es auch ein, daß es also sein muß und unmöglich anders sein
kann.
[GEJ.08_058,04] Wer sich selbst und dadurch
auch Dich wahrhaft und lebendig finden will, der muß durch das engste Pförtlein
in sich dringen, sonst bleibt er außerhalb seines Herzlebenskämmerleins. Nur
die Liebe zu Dir und zum Nächsten erweitert das sonst so enge Pförtlein, die
wahre Demut macht die sonst sich so groß dünkende Seele klein, und die rechte
Sanftmut macht sie schmiegsam; und nur eine also zubereitete Seele kann dann
durch das enge Pförtlein in das Lebenskämmerlein ihres göttlichen Geistes
dringen und daselbst mit ihm eins und dadurch in ihm auch neu- oder
wiedergeboren werden. Das habe ich nun so als etwas für unser diesirdisches
Probeleben unumgänglich Praktisch-Notwendiges aus Deiner großen Enthüllung
herausgefunden und bin denn auch auf den wahren und rechten Grund gekommen,
warum Du uns die Liebe zu Gott und zum Nächsten und die Demut und Sanftmut vor
allem so teuer und wichtig ans Herz gelegt hast.
[GEJ.08_058,05] So wir aber nun den Grund
kennen, wie auch, was wir auf diesem Wege unfehlbar sicher zu erreichen haben,
so haben wir denn auch nun leicht zu handeln und werden das auch mit dem möglichsten
Fleiße und Eifer tun!
[GEJ.08_058,06] Denn wissen wir in unserer
großen Lebensarmut, wo der große und reichste Schatz verborgen ist, und haben
wir auch die Mittel und Werkzeuge, denselben für uns zu erbeuten, so müßten wir
doch die größten Toren sein, wenn wir zu seiner sicheren Auffindung und Hebung
unsere Hände gewisserart träge in den Schoß legten und uns gleich den
geistblinden Weltmenschen nach dem höchst vergänglichen Kote der gerichteten
Weltmaterie zerbalgten, der heute noch etwas zu sein scheint und morgen von den
Winden und Stürmen verweht wird wie wertloseste Spreu.
[GEJ.08_058,07] Oh, Dank Dir, o Herr und
Meister, daß Du uns nun den Grund der tiefsten Dinge Deiner Schöpfung so klar
enthüllt hast!
[GEJ.08_058,08] Aber nun, o Herr und Meister
von Ewigkeit, – noch eine kleine Frage hätte ich im Hintergrunde! Ich weiß es
wohl, daß Du schon eine Ewigkeit voraus hellst gewußt hast, um was ich Dich nun
fragen möchte; aber ich frage Dich dennoch offen, erstens, weil Du es also
haben willst, und zweitens der andern wegen, die hier sind, damit sie
innewerden, um was es sich noch weiter handelt.
[GEJ.08_058,09] Die Frage aber lautet: Haben
die Bewohner anderer Erden entweder gar keine Kunde und Kenntnis von Dir, oder,
haben sie welche, wie kommen sie dazu? Sind die Menschen anderer Erden und
Welten auch wahrhaft Menschen, oder sind sie nur der Außenform nach Menschen,
dem Innen nach aber noch gewisse, uns Menschen dieser Erde ähnlich gestaltete
Tiere, die von einem gewissen weisen, von Dir in sie gelegten Instinkt geleitet
werden, wie wir Ähnliches schon hier bei gewissen Tieren in der Art und Weise
beobachtet haben, daß wir nahe daran waren, ihnen einen gewissen Grad von
Verstand, Vernunft und Beurteilungsfähigkeit zuzumuten?
[GEJ.08_058,10] Nun, darüber, o Herr und
Meister, noch ein Lichtlein, und wir sind dann für unsere Seelen aber schon
ganz versorgt!“
59. Kapitel
[GEJ.08_059,01] Sagte Ich: „Du hast Meine
Worte in der Beantwortung deiner ersten Frage ganz wohl begriffen und hast von Meiner
euch gemachten Enthüllung eine so treffliche und wahre Anwendung auf euer Leben
gefunden, wie Ich Selbst sie euch nimmer klarer hätte zu geben vermocht, und
wer also nach deiner Rede durch das enge Pförtchen in sich eingehen wird, der
wird auch vollends wahr in seinem Geiste zum ewigen Leben wiedergeboren werden.
Aber weil du eben Meine euch gemachte Enthüllung gar so klar und gut begriffen
hast, so ist es nahezu ein Wunder, daß du die volle Antwort auf deine zweite
Frage nicht auch in dir wahrgenommen und vollauf gefunden hast.
[GEJ.08_059,02] Siehe, wenn die Menschen
dieser Erde im anbetrachtenden Vergleiche zum endlos großen Schöpfungsmenschen
das sind, was ihres Herzens bejahendes Herzenskämmerlein gegen ihren ganzen
Umfang ist, der denn doch auch lebt und nach den Normen des Verstandes, Willens
und mitunter auch noch des Instinktes tätig ist, so ist da dann deine zweite
Frage ja ganz leicht und offen zu beantworten!“
[GEJ.08_059,03] Sagte der Römer: „Ja ja, Herr
und Meister, es kommt mir nun die Sache schon beinahe selbst also vor! Es ist
mir, als hätte ich die Sache schon; aber – ich habe sie eigentlich doch noch
nicht! Darum habe Du denn doch die Güte und Gnade für mich und uns alle und
führe uns auf den rechten Weg!“
[GEJ.08_059,04] Sagte Ich: „Nun gut denn, Ich
will es tun! Siehe und höre!
[GEJ.08_059,05] Der Hauptlebensgrund liegt
sowohl für den Leib als auch für die Seele im bekannten bejahenden
Herzenskämmerlein. Wenn dieses tätig ist, so leben von ihm aus auch alle endlos
vielen Teile deines ganzen Wesens derart, als wären sie selbst
Lebenskämmerlein, Lebensbewirker und Lebensträger. Und siehe, deine Glieder
können durch eine rechte Übung wahrlich in gar vielen Dingen zu einer
erstaunlichen Kraft und kunstvollsten Fertigkeit gelangen! Wem aber haben sie
am Ende dennoch alle ihre Eigenschaften und großen Kunstfertigkeiten zu
verdanken? Siehe, alles nur dem gewissen Herzenskämmerlein; denn ohne dieses
wären ja alle Glieder ebenso tot und unbeweglich wie die eines ehernen
Götzenbildes!
[GEJ.08_059,06] Ja, von wem erlernten denn
eines Künstlers Glieder solche Fertigkeiten, und das ein jedes Glied nach
seiner besonderen Bauart und zweckdienlichen Befähigung? Siehe, alles nur aus
dem Herzenskämmerlein, und das zwar stufenfolgerecht!
[GEJ.08_059,07] Die ersten Lebensregungen
machen von Stufe zu Stufe das ganze Herz tätig. Von da geht die Tätigkeit durch
das Blut in die Lunge, Leber und Milz über und von da aus in die andern
Eingeweide und in den Kopf und alle seine Teile.
[GEJ.08_059,08] Ist der Kopf einmal in der
Ordnung und das Gehirn ausgebildet, so geht beim Menschen dann das Denken,
Urteilen, Schließen und Verstehen und Begreifen an und von da dann erst die
rechte und weise Übung der äußersten Glieder, die dann alle noch so kunstvolle
Arbeit bald so gut und weise verrichten, als hätten sie es selbst zu einem
eigenen, freien und selbständigen Leben gebracht. Ich sage dir aber noch etwas
darüber:
[GEJ.08_059,09] Wenn ein Mensch im Geiste
wiedergeboren ist, so kann er auch in allen seinen Seelen- und Leibesteilen
denken und für sich ganz wohlvernehmbar reden und ist dann in seinem ganzen
Wesen Mir gleich Geist, Leben, Kraft, Gedanke und ein vollends lebendiges Wort.
Von woher ist denn das der Mensch geworden? Siehe, schon wieder alles nur aus
seinem bejahenden Herzenskämmerlein!
[GEJ.08_059,10] Wie aber der Mensch seinen
gesamten Unterricht und seine gesamte Ausbildung nur aus seinem
Herzenskämmerlein überkommt, in gleicher Weise erhalten die Menschen anderer
Welten ihre bestimmte Ausbildung auch nur aus des Großen Schöpfungsmenschen
Herzenskämmerlein – das freilich wohl überaus groß ist – je nach ihrer eigenen
Gestaltung und Befähigung.
[GEJ.08_059,11] Das Wie kannst du nun
freilich wohl noch nicht fassen; wenn du aber im Geiste völlig wiedergeboren
sein wirst, dann wirst du das große Wie und Warum klar fassen und wohl
begreifen. Hast du nun schon so einen Schein, wie die Menschen anderer Welten
zu Meiner Erkenntnis gelangen und auch weise und selig werden?“
60. Kapitel
[GEJ.08_060,01] Sagte der Römer: „O Herr und
Meister, durch diese Deine nun zweite Beleuchtung dieser für mich und sicher
auch für jeden andern hochwichtigen Sache bin ich auch in eine ganze Sonne voll
des stärksten Lichtes versetzt worden! Wir auf dieser Erde, als mit Dir in der
nächsten und innigsten Liebe- und Weisheitslebensverbindung stehend, sind für
den ganzen, endlos großen Schöpfungsmenschen gerade und in Anbetracht Deiner
größten Nähe zu uns notwendig das, was in unserem Herzen das bejahende
Lebenskämmerlein ist. Die andern Weltkörper mit ihren Menschen, die
Hülsengloben mit ihren Sonnenallen und Zentralsonnen verhalten sich zu uns wie
unsere andern Leibes- und Seelenteile zu dem Herzenslebenskämmerlein.
[GEJ.08_060,02] Du bist nun einmal hier bei
uns in Deiner vollkommensten und intensivsten Gottpersönlichkeit und
beherrschest die ganze Unendlichkeit also auch sicher von nirgendwo anders als
eben von da aus, wo Du ganz und vollends gegenwärtig bist, – und wir Menschen
dieser Erde und zuallernächst nun dieses Ortes in unserer großen Liebe zu Dir
sind Deine auch sicher nächste und durch die Annahme Deiner Lehre, Deiner
göttlichen Liebe und Weisheit lebendigste und durch Deinen Willen mächtigste
und tätigste Umgebung.
[GEJ.08_060,03] Wenn also und unmöglich und
undenkbar anders, wie kann es da anders sein, als daß von uns aus durch Deinen
Willen alle Bildung auch in alle zahllosesten andern Weltkörper und deren
Bewohner auf eine uns freilich unbekannte Weise überströmen muß, gleichwie auch
das Grundleben und alle sonstige Bildung aus dem kleinsten Herzkämmerlein auf
eine dem Grundleben im Kämmerlein sicher auch bis zur vollen Wiedergeburt
unbekannte Weise in den ganzen Menschen überströmt!
[GEJ.08_060,04] Daß sich die Sache ganz
sicher also verhält, das unterliegt nun keinem Zweifel; an dem Wie aber liegt
vorderhand darum nicht soviel für uns als geistig noch unmündige Kinder Deiner
Liebe und Gnade. Denn Du, dem das große Wie sicher schon von Ewigkeit her nur
zu überklar bekannt ist, bist ja unter uns und wirst auch im Geiste vorzüglich bei
uns bleiben nicht nur bis ans Ende der Zeiten, sondern nach meiner Meinung
schon gleich ewig! Bleibst Du aber gleich ewig fort bei und unter uns, so kann
sich das Bestands- und Bildungsverhältnis in der ganzen Unendlichkeit ja auch
nie ändern, weil sich unser gegenwärtiges Verhältnis, das heißt zwischen Dir
und uns, ja auch nie ändern kann.
[GEJ.08_060,05] Denn das
Herzenslebenskämmerlein wird nie etwa in die Augen, Ohren, Nase oder in den
Magen, die Nieren, die Milz oder in die Hände und Füße des Leibes oder gar in
dessen Extremitäten versetzt werden, obwohl sicher ein jedes dieser Teile, groß
oder klein, auch ein eigenes Hauptlebensorgan ganz besonders eingerichtet haben
wird, ansonst es das Leben aus dem Grundleben des Herzenskämmerleins nicht auf-
und annehmen und für seinen besonderen Zweck tätigst gebrauchen könnte.
[GEJ.08_060,06] Denn das Auge verwendet das
vom Herzen in ihn einströmende Leben sicher ganz anders als das Ohr, und so
jeder Teil des Menschen anders zu seinem Zwecke, und am Ende ist dennoch das
endlos Viele nur ein vollends Ganzes und entspricht völlig dem Urgrundleben im
Herzen und findet sich dort wie in seiner Urheimat; und hat es sich da
gefunden, so ist dieses Sichfinden ja eben das, was Du, o Herr, so treffend die
Wiedergeburt im Geiste nanntest.
[GEJ.08_060,07] Und nun durchzuckt mich ein
gar endlos großer Gedanke so hell und licht, wie da oben leuchtet die Sonne!
Neben der Wiedergeburt eines Menschen auf dieser Erde, von der wir nun schon
sonnenklar wissen, worin sie besteht und wir sie auch sicherst erreichen
werden, leuchtet noch eine andere, endlos große Wiedergeburt im Geiste hervor,
nämlich die des ganzen großen Schöpfungsmenschen!
[GEJ.08_060,08] Ich würde aus mir sicher in
diesem Leben wohl nie darauf gekommen sein, wenn Du, o Herr, mir nicht einen
sehr klaren Wink dazu gegeben hättest; aber diesen hast Du mir nur wie ein
Fünklein groß gegeben, und siehe, er hat sich in mir nun zu einer leuchtenden
Sonne umgewandelt!
[GEJ.08_060,09] Siehe, Du sagtest aus Deiner
endlosen Klarheit, daß bei einem völlig im Geiste wiedergeborenen Menschen sein
Grundleben alle seine endlos vielen Teile derart durchströmt, daß dann im
ganzen Menschen ein Ur- und Grundleben wird und der Mensch dann auch in allen
seinen Teilen denken, urteilen, schließen und für sich wohlverständlich reden
kann, wodurch dann der ganze Mensch Dir ähnlich zu einem lebendigen Worte wird!
[GEJ.08_060,10] Wie aber bei einem völlig im
Geiste seines Grundlebens seienden und von ihm ganz durchdrungenen Menschen
alles ein hellstes und lebendigstes Wort wird, also muß es endlich ja auch beim
ganzen großen Schöpfungsmenschen der gleiche Fall werden. Er wird durch Dich
von uns in allen seinen noch so endlos vielen Teilen durchdrungen werden, und
unser Leben und Licht wird in der ganzen endlosen Größe des
Urschöpfungsmenschen wirken und leuchten, und so wird der ganze große
Schöpfungsmensch mit uns und Dir, o Herr, auch nur ein großes und lebendiges
Wort werden.
[GEJ.08_060,11] Und so kommt es mir nun vor,
als verstünde ich nun auch schon so ein wenig von dem großen Wie; denn nur also
und nicht anders kann es Deiner ewigen Ordnung gemäß gehen, daß da von uns
Menschen dieser Erde aus endlich auch der ganze große Schöpfungsmensch in allen
seinen Teilen mit unserer Erkenntnis und Bildung durchdrungen und uns gleich
lebendig wird.
[GEJ.08_060,12] Und nun noch etwas als einen
Wahrheitsbeleg aus Deinem Munde hinzu; denn ich habe durch Deine Gnade schon
von meiner Kindheit an ein überaus scharfes und starkes und bis jetzt noch
unverwüstliches Gedächtnis gehabt und habe mir darum auch jedes Wörtlein, das
Du gesprochen, gar wohl gemerkt.
[GEJ.08_060,13] Siehe, Du hattest uns auf dem
Berge so eine Geschichte Wiederkehr eines gewissen verlorenen Sohnes zu seinem
Vater erzählt, um uns die Größe Deiner göttlich-väterlichen Barmherzigkeit so
recht anschaulich zu machen; aber ich urteilte schon damals über Deine Worte
ganz anders als vielleicht so mancher andere aus seinem zwar guten, aber sonst
vielleicht doch noch etwas beschränkteren Gesichts- und Auffassungskreise und
dachte mir das um so leichter, weil Du Selbst uns ganz bedeutungsvolle Winke
dazu gabst.
[GEJ.08_060,14] Dieser gewisserart verlorene
und dann zum Vater wieder zurückgekehrte Sohn scheint mir im kleinen Maßstabe
zunächst wohl nur die nun schon bekannt wie geartete Wiedergeburt eines
Menschen dieser Erde anzudeuten, aber im größten Maßstabe auch zugleich jene
einstige totale des ganzen großen Schöpfungsmenschen. Denn, Herr, Deine Worte
sind keine Menschenworte, sondern sie sind Gottesworte, und diese gelten nicht
nur uns, sondern durch uns auch der ganzen Unendlichkeit naturmäßig und
geistig. Denn es ist ja die ganze Schöpfung von Ewigkeit her auch Dein Gedanke,
Dein Wort und Dein Wille.
[GEJ.08_060,15] Herr und Meister, habe ich in
meiner noch starken, menschlichen und heidnischen Schwäche Deine mir erteilte
Belehrung wohl nur so annähernd richtig aufgefaßt?“
61. Kapitel
[GEJ.08_061,01] Sagte Ich: „Freund und Bruder
Markus, Sohn einer Aurelia als der züchtigsten und wohlerzogensten Patrizierin,
du hast Meine an dich ergangene Belehrung nicht nur annähernd richtig und wohl
verstanden, sondern du hast da den Nagel auf den Kopf getroffen, und Ich sage
hier noch abermals: Also wird das Licht von den Juden genommen und den viel
weiseren Heiden gegeben werden. Denn die lange Nacht der Heiden hat sich in den
Tag umgewandelt, und der Tag der Juden sinkt in die dickste Nacht hinab.
[GEJ.08_061,02] Bringet sie Mir her von ganz
Jerusalem und vom ganzen Judenlande, und es wird sich auch nicht einer darunter
finden, der nun diesem Meinem Markus in der wahren Weisheit sich vergleichen
könnte!
[GEJ.08_061,03] Wahrlich sage Ich dir, daß du
nun mit deinem rechten Verstande Meinem Herzen eine große Freude gemacht hast;
denn Meine Worte sind in deinem Herzen lebendig geworden! Darum aber wirst du
und auch deine Gefährten in der kürzesten Zeit die volle Wiedergeburt in Meinem
Geiste in euch erlangen.
[GEJ.08_061,04] Du, Markus, aber stehest nun
schon am Eingange des engen Lebenspförtchens in dein Grundlebenskämmerlein;
denn wäre das nicht der Fall, so hättest du Meine Worte nicht in solch einer
Lichttiefe aufgefaßt, wie du sie aufgefaßt hast. Denn solches kann dem Menschen
nicht sein Fleisch, sondern nur Mein in ihm schon für seine Seele erwachter
Geist geben.
[GEJ.08_061,05] Aus dem aber könnet nun ihr
alle ersehen und wohl erkennen, in welchen Wahrheits- und Weisheitstiefen
diejenigen sich befinden werden, die sich der vollen Wiedergeburt ihrer Seelen
in Meinem Geiste werden zu erfreuen haben. Ich sage es euch hier noch einmal,
was Ich euch schon zu öfteren Malen gesagt habe: daß es keines Menschen Auge je
gesehen, keines Menschen Ohr je gehört und keines Menschen Sinn je empfunden,
was Gott denen für eine endlose und nie mit einem Fleischmunde auszusprechende
Seligkeit bereitet hat, die Ihn wahrhaft, das heißt werktätig lieben!
[GEJ.08_061,06] Ich habe in Mir Selbst sicher
von Ewigkeit her unvermeidbar die allerhöchste Seligkeit im höchsten
Vollgenusse; denn Meine Liebe, Meine Weisheit und Meine endloseste Macht bietet
Mir in Mir Selbst ewig den unnennbar allerseligsten Vollgenuß Meines
göttlichen, allervollkommensten Lebens, und Ich als euer Vater sage es euch:
Was Ich habe, das sollet auch ihr als Meine liebsten Kinder haben! Denn wo ist
schon auf dieser Erde irgendein Vater, der mit den Kindern, die er mehr denn
sich selbst liebhat, nicht gern alle seine Freuden teilen würde, und am Ende
selbst erst dann die größte Freude hat, wenn er seine lieben Kinder voll
Freuden um sich versammelt hat?
[GEJ.08_061,07] Meinet ihr etwa, daß der
Vater im Himmel über Seine Kinder, die Ihn über alles lieben, eine mindere
Freude haben wird? O mitnichten, sondern eine noch endlos größere! Darum aber
wird Er ihnen auch endlos größere Freuden bereiten, als das einem irdischen Vater
vom allerbesten Herzen seinen Kindern gegenüber je möglich ist oder sein kann;
denn euer Vater im Himmel hat dazu wahrlich Mittel in der unendlichsten und
ewig wunderbarst abwechselnden Menge.
[GEJ.08_061,08] Aber tut darum auch gern und
mit großem Eifer, was Ich euch nicht befohlen, sondern als Vater nur angeraten
habe, und ihr werdet es in euch bald gewahren, welch ein Lohn euer harrt!
[GEJ.08_061,09] Saget es aber selbst, und
denket darüber recht wohl nach: Wäre ein Kaufmann, der da wüßte, daß er um
einen annehmbaren Preis eine der allergrößten Perlen von einem sicher
unschätzbaren Werte zu kaufen bekäme, nicht ein allergrößter Narr, so er, wenn
er auch eben nicht soviel Geld besäße, nicht sogleich alle seine wenig werten
Güter verkaufte und dafür dann die unschätzbare Perle sich ankaufte? Denn die
unschätzbare Perle ist doch vor den Augen der Menschen unaussprechbar mehr wert
denn alle seine früheren Güter zusammengenommen.
[GEJ.08_061,10] Und sehet, also steht es auch
mit dem Werte der Wiedergeburt der Menschenseele in ihrem Urlebensgeiste aus
Mir! Ist diese nicht wert, daß ein rechter Mensch auf alle Weltschätze
verzichtet und aus allen seinen Kräften nur nach der größten Lebensperle,
nämlich nach der Wiedergeburt der Seele im Urlebensgeiste, nach allen seinen
Kräften trachtet? Oder ist es nicht besser, für das ewige Leben der Seele zu
sorgen denn um alle vergänglichen Schätze der Welt, die vergehen und verwesen,
und zum ewigen, klaren Leben ihrer Seelen wohl nahe niemals völlig wieder
zurückkehren?
[GEJ.08_061,11] Es ist wohl wahr, daß während
des Lebens auf dieser Erde die Seele aus ihrem Fleische das ihr Verwandte sich
aneignet und es in ihr Wesen verkehrt und nach dem gänzlichen Abfalle des
Leibes, und zwar aus dem Verwesungsäther nach und nach auch noch das ihr
Entsprechende sich zu ihrer Bekleidung aneignet; aber das ist darum kein
Lebensschatz einer Seele, sondern nur eine in Meiner Ordnung begründete
Lebenseigentümlichkeit einer jeden Seele, die niemals zu ihrem Verdienste
gerechnet werden kann, weil das nur Meiner Sorge Sache ist.
[GEJ.08_061,12] Aber das ist auch dabei als
etwas Sicheres und Wahres anzunehmen, daß bei einer reinen und nach Meinem
Willen gelebt habenden Seele mehr von ihrem irdischen Leibe in sie übergehen
wird denn bei einer unreinen und sündigen Seele; denn war ein keuscher Leib
hier schon eine Zierde der Seele, so wird er es in einem verklärten geistigen
Zustande sicher noch desto mehr sein.
[GEJ.08_061,13] Aber auch selbst das gehört
nicht zum eigentlichen Lebensverdienst der Seele, sondern es ist auch eine die
Seele lohnende Anordnung von Mir, und es wäre selbst da eine eitle Torheit
einer Seele, so sie sich um diesen ihr auch im Jenseits bleibenden Erdenschatz,
der doch zu ihrem Ich gehört, nur einen Augenblick lang sorgen möchte. Ja, es
wäre diese Sorge jener von gar sehr törichten Eltern ganz zu vergleichen, die
sich vor allem nur darum kümmern, ob ihre Kinder wohl eine höchst schöne und
anmutige Gestaltung überkommen werden, und wie sie es machen sollen, daß ihr
eitel törichter Wunsch in Erfüllung ginge, bedenken aber dabei nicht, daß das
Wachstum und die Gestaltung nur allein von dem Willen Gottes abhängen und kein
Mensch daran etwas ändern kann.
[GEJ.08_061,14] Für eine jede Seele ist darum
ganz allein nur das einzige notwendig, daß sie in sich suche und auch finde
Mein Lebensreich im kleinen Grundlebensherzenskämmerlein; alles andere wird ihr
ja ohnehin als eine freie Zugabe von Mir werden.
[GEJ.08_061,15] Darum sagte Ich auch schon
mehrere Male zu euch, daß ihr euch nicht ängstlich sorgen sollet, was und wo
ihr etwas zu essen und zu trinken bekommen und womit ihr euren Leib bekleiden
werdet, sondern suchet vor allem nur Mein Reich und seine wahrste Gerechtigkeit
in euch! Alles andere wird euch schon so hinzugegeben werden; denn der Vater im
Himmel weiß es, wessen ihr zu eurem irdischen Unterhalte bedürfet.
[GEJ.08_061,16] So ihr heute arbeitet und
esset und trinket, so habt ihr euch für die Zeit schon hinreichend gesorgt für
den Tag der Mühe. Es wäre darum eitel, sich am Tage der Arbeit auch schon für
den morgigen Tag zu sorgen; wenn ihr ihn erleben werdet, so wird er schon seine
Sorgen für euch mit sich bringen. Denn nur der Tag, an dem ihr noch lebt und
arbeitet, ist von Mir euch auf die Rechnung gegeben; der kommende ruht noch in
Meiner Hand und ist euch noch nicht auf eure Rechnung verliehen. Und es ist
darum töricht, sich in irdischer Richtung heute auch schon für morgen zu
sorgen; denn es stehet ja doch rein nur bei Mir, ob Ich einen Menschen den
kommenden Tag erleben lasse oder nicht.
[GEJ.08_061,17] Es sorgte sich auch ein
Hausherr und Besitzer größerer Gründe und Herden einmal derart zum voraus, daß
er, um seinen irdischen Reichtum zu erhöhen und zu sichern, neue Scheunen,
Stallungen und große und feste Getreidekästen erbauen und dazu noch zur
größeren Sicherung eine starke und hohe Mauer um die Neubauten errichten ließ.
Und als dann alles fertig war, da sagte er: ,Ah, nun wird es mir leicht in
meinem so sorgenvollen Herzen; denn von nun an werde ich ohne Sorgen und Kummer
mit meiner großen Habe ganz ruhig fortleben können!‘ Aber als er so sich
tröstend noch fortredete, da ertönte eine Stimme wie ein Donner und sagte: ,O
du irdisch eitler Tor! Was rühmest du dich nun und tröstest dich, als wärest du
der Herr deiner Seele und deines Lebens? Siehe, noch in dieser Nacht wird man
deine Seele trennen von deinem Fleische, um das du so viel zu sorgen hattest.
Was werden dann der Seele alle deine großen Sorgen, Mühen und Arbeiten wohl
nützen?‘ Da erschrak der Mensch und erkannte, daß er für seine Seele sich gar
wenig noch gesorgt hatte, und starb alsbald auf diese Kunde.
[GEJ.08_061,18] Fraget euch selbst nun, wozu
dem Menschen seine viele Sorge in der Welt ums Weltliche nunmehr dienlich war!
Wäre es nicht klüger gewesen, so er lieber seine Seele recht und wohl versorgt
hätte und hätte in sich das Reich Gottes gefunden, wie das viele Alten auch in
sich gefunden haben, und auch sogar die Heiden, wie ihr das bei den sieben
Ägyptern wohl habt merken können?
[GEJ.08_061,19] Ich will aber damit nicht
sagen, als sollte darum ein rechter Mensch etwa Meinem Willen zufolge gar keine
irdische Arbeit verrichten! Oh, das sei ferne; denn der leibliche Müßiggang ist
der Erzeuger und Ernährer aller Laster! Im Gegenteil soll ein jeder Mensch gar
sehr emsig und tätig sein und im Schweiße des Angesichtes sein Brot essen.
[GEJ.08_061,20] Es kommt hier nur auf die
Absicht an, in welcher ein Mensch tätig und arbeitsam ist. Wer also sorgsam,
tätig und arbeitsam ist, wie da Mein Freund und Bruder Lazarus es ist, der
sucht auch kräftig und sehr wirksam in sich Mein Reich und dessen Gerechtigkeit
und wird es auch finden, gleichwie er es schon gefunden hat zum größten Teile
und du auch, Mein lieber Markus. Sei du darum nun froh und heiter; denn du hast
die große Perle schon dir zu eigen gemacht und wirst deinen Brüdern zu einer
tüchtigen Stütze dienlich werden.
[GEJ.08_061,21] Aber nun ruhen wir ein wenig,
denn Ich sehe dort den Weg entlang, der von Westen hierher führt, etliche jener
Jünger zurückkommen, die Ich von Emmaus ausgesandt habe; sie werden bald hier
sein, und wir werden hören, wie es ihnen ergangen ist.“
62. Kapitel
[GEJ.08_062,01] Wir warteten noch eine kurze
Zeit, und es kamen die von Emmaus ausgesandten Jünger bei uns an; denn es ward
ihnen von ihrem Geiste angezeigt, daß Ich Mich in Bethanien und nun auf dem
schon bekannten Hügel aufhalte unter Meinen Freunden.
[GEJ.08_062,02] Es waren von den Angekommenen
anfangs nur etliche vierzig, aber es kamen auch andere, von ihrem Geiste
getrieben, in wenigen Augenblicken zu Mir, auf daß sie alle vor Meinen Freunden
zeugten, wie sich schon in den wenigen Tagen bei ihnen alles erfüllt hatte, was
Ich ihnen bei der Aussendung vorhergesagt und verheißen hatte.
[GEJ.08_062,03] Es kamen mit ihnen aber auch
noch andere in allerlei Dingen erfahrene und gelehrte Juden und Griechen, damit
einige von Mir Selbst die Worte des Lebens zu vernehmen vermöchten, die andern
aber, daß sie Mich versuchten, ob Ich wohl im Ernste Der wäre, als den Mich die
ausgesandten Jünger ihnen verkündet hatten.
[GEJ.08_062,04] Als nun alle die nun
genannten Jünger und die andern Juden und Griechen um Mich versammelt waren, da
fragte Mich ein Jude, sagend: „Meister, diese Jünger haben uns eine gute Kunde von
dir gebracht, haben in deinem Namen unsere Kranken gesund gemacht und die
Besessenen von den bösen Geistern befreit! Wir haben daraus ersehen und
erkannt, daß du entweder ein rechter Prophet seist, oder daß aber auch im
Ernste in dir der verheißene Messias verborgen sei. Da wir aber aus den Worten
der Boten dennoch nicht völlig haben klar werden können, so sind wir denn auch
hierher gekommen, um aus deinem Munde zu vernehmen, wie es mit dem steht, was
uns deine Boten verkündet haben. Wolle darum unsere Hierherkunft nicht ungütig
aufnehmen!“
[GEJ.08_062,05] Hierauf wandte Ich Mich an
die anwesenden Jünger und sagte zu ihnen: „Wer euch hört, der höret auch Mich;
wer aber euch verachtet, der verachtet auch Mich. Wer aber Mich verachtet, der
verachtet auch Den, der Mich gesandt hat. Der Mich aber gesandt hat, der ist
Eins mit Mir, und eben Der ist es, von dem ihr saget, daß Er euer Gott sei;
aber ihr habt Ihn noch nie erkannt, und so möget ihr auch Den nicht erkennen,
den Er gesandt hat. Ich aber sage nun zu euch, Meinen Jüngern, daß ihr alle
treu, wahr und recht den Menschen Mein Wort verkündet habt.“
[GEJ.08_062,06] Hierauf traten die etlichen
siebzig Jünger voll Freude näher zu Mir und sagten: „O Herr, in Deinem Namen
waren uns auch die ärgsten Teufel untertan, und wir hatten eine große Freude
darob!“
[GEJ.08_062,07] Darauf sagte Ich in
verdeckter Rede: „Ja, ja, Ich sah wohl den Satanas vom Himmel fallen wie einen
Blitz (die Sichtung des Falschen vom Wahren), aber das genügt noch nicht,
sondern das Handeln nach der Wahrheit, damit die Wahrheit im Menschen zu einem
lebendigen Gute werde!
[GEJ.08_062,08] Sehet, Ich habe euch aus Mir
die Macht gegeben, auf Schlangen und Skorpione zu treten, und also auch über
alle Gewalt der Feinde! Doch deshalb freuet euch nicht, wohl aber freuet euch
darüber, daß eure Namen nun im Himmel geschrieben sind; und das ist nun auch
Meine große Freude! Darum preise auch Ich in dieser Meiner Menschnatur Dich,
Vater und Herr Himmels und der Erde, daß Du solches verborgen hast den Klugen
und Weisen der Welt und hast es geoffenbart den Unmündigen. Ja, Vater, also war
es schon von Ewigkeit wohlgefällig vor Dir!
[GEJ.08_062,09] Ich sage es nun euch
Weltweisen und Klugen: Mir ist vom Vater alle Gewalt übergeben im Himmel und
auf Erden! Aber von euch weiß es niemand, wer und was der Sohn ist; nur Mein
ewiger Vater weiß es. Und also weiß und erkennt es auch niemand von euch, wer
der Vater ist als nur der Sohn und der dann auch, dem es der Sohn offenbaren
will. Denen es aber der Sohn hat offenbaren wollen, denen hat Er es auch schon
geoffenbart; aber denen, die da große Stücke auf ihre Weisheit und Klugheit
halten, wird das der Sohn nicht offenbaren!“
[GEJ.08_062,10] Hierauf wandte Ich Mich zu
Meinen sämtlichen nun hier anwesenden Jüngern und sagte insbesondere zu ihnen:
„Wahrlich sage Ich euch: Selig sind die Augen, die das sehen, was ihr sehet und
gesehen habt, und selig die Ohren, die das hören, was ihr höret und gehört
habt! Denn Ich sage es euch nochmals: Gar viele Propheten und Könige wollten
sehen, was ihr sehet, und hören, was ihr höret, und haben es nicht gesehen und
auch nicht gehört!
[GEJ.08_062,11] Aber es gibt nun auch welche
hier, die das auch sehen und hören, was ihr sehet und höret; aber sie vernehmen
davon doch nichts und verstehen und fassen auch nichts, denn sie sind und
bleiben verstockt und blind im Herzen. Wer aber verstockt und blind im Herzen
ist, der ist auch verstockt und blind im Gehirne und im ganzen Leibe; denn wenn
schon das, was im Menschen Licht sein soll, Finsternis ist, wie groß wird dann
erst des ganzen Menschen Finsternis sein?
[GEJ.08_062,12] Ihr wisset es auch, daß das
Salz die erste und beste Würze für die Speise ist; wo aber das Salz selbst faul
geworden ist, womit sollen dann die Speisen gewürzt werden? Ihr aber seid nun
ein rechtes Salz fürs Leben der Menschen; sehet aber zu, daß ihr nicht auch
faul werdet, gleichwie die Pharisäer und Schriftgelehrten faul geworden sind
und deshalb die Menschen nicht zum ewigen Leben, sondern nur zum Tode versalzen
mit ihrem faul gewordenen Salze!“
63. Kapitel
[GEJ.08_063,01] Es befand sich aber unter
denen, die mit den etlichen siebzig Jüngern zu Mir nach Bethanien gekommen
waren, auch ein Schriftgelehrter. Diesen verdrossen Meine Worte.
[GEJ.08_063,02] Er trat darum zu Mir hin, in
der Absicht, Mich zu versuchen, und sagte darum (der Schriftgelehrte):
„Meister, ich habe deinen Worten entnommen, daß du in der Schrift wohlbewandert
bist und ein rechtes Urteil aussprichst; sage denn nun auch mir, was ich tun
soll, um gleich deinen Jüngern selig zu werden!“
[GEJ.08_063,03] Sagte Ich: „Wie stehet es
denn im Gesetze Gottes geschrieben, und wie liesest du, was geschrieben ist,
als ein Schriftgelehrter?“
[GEJ.08_063,04] Sagte der Schriftgelehrte:
„Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus
allen Kräften und aus dem ganzen Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst!“
[GEJ.08_063,05] Sagte darauf Ich zum
Schriftgelehrten: „Du hast völlig recht geantwortet. Tue das, so wirst du
leben! Denn das Rechte wissen allein gibt und bringt niemandem das ewige Leben.
Es ist das Wissen allerdings nötig, weil man ohne dieses als ein Blinder ohne
Führer am Wege stünde; aber so der Blinde sehend geworden ist durch die
Wissenschaft, aber dann auf dem Wege nicht fortwandeln will, so nützt ihm sein
Licht wenig oder nichts. Wer da nicht weiß, was er tun soll und es sonach auch
nicht tun kann, der hat auch keine Sünde, so er das Rechte nicht tut; wer aber
das Rechte weiß und nicht tut, obgleich er weiß, daß es ein Rechtes ist, der
hat die Sünde!“
[GEJ.08_063,06] Hierauf sah Mich der
Schriftgelehrte groß an und sagte, sich vor Mir gleichsam rechtfertigen
wollend: „Meister, ich erkenne, daß du in der Wahrheit wohlerfahren bist, und
weiß auch, daß es zum wahren, Gott wohlgefälligen Leben nicht genügt, die
Gesetze nur allein zu kennen, sondern danach zu leben und zu handeln! Gott über
alles lieben kann man sicher nur dadurch, daß man alle Seine Gebote genau
befolgt; aber so man den Nächsten wie sich selbst lieben soll, da muß man zuvor
ja doch wissen, wer denn so ganz eigentlich der Nächste ist, den man wie sich
selbst lieben soll. Wen soll ich als meinen Nächsten ansehen?“
[GEJ.08_063,07] Darauf sagte Ich: „Das ist
wahrlich zum Staunen, daß du als ein Schriftgelehrter nicht weißt, wer dein
Nächster ist. Ich will dir ein Geschichtlein erzählen, aus dem soll dir klar
werden, wen du als einen Nächsten anzusehen hast.
[GEJ.08_063,08] Es war ein Mensch, der ging
von Jerusalem hinab gen Jericho in Geschäften, fiel auf dem Wege aber unter die
Räuber. Diese zogen ihn bis auf die Haut aus, schlugen ihn darauf beinahe zu
Tode, gingen mit ihrem Raube davon und ließen den Menschen halbtot liegen.
[GEJ.08_063,09] Es begab sich aber zufällig,
daß auch ein Priester aus Jerusalem dieselbe Straße hinabzog. Er sah den
Menschen, den die Räuber übel zugerichtet hatten, am Wege liegen, ging aber
ganz unbekümmert vorüber. Desgleichen kam bald nach dem Priester auch ein
Levite und tat wie der Priester.
[GEJ.08_063,10] Bald darauf kam auch ein
Samariter an dieselbe Stelle, und als er den Menschen da liegen sah, da
jammerte ihn des Halberschlagenen Not. Er ging zu ihm, verband ihm seine
Wunden, goß Öl und Wein hinein, hob ihn auf sein Lasttier und brachte ihn also
in eine Herberge und pflegte ihn den Tag und die Nacht hindurch selbst. Als er
am nächsten Tage sah, daß es mit dem Verwundeten bei rechter Pflege wohl besser
werde, so berief er den Wirt, gab ihm zwei Groschen und sagte zu ihm: ,Da ich
dringende Geschäfte habe, so reise ich nun ab; du aber pflege seiner, bis ich
in etlichen Tagen wiederkommen werde! Was du mehr brauchen solltest, das werde
ich dir dann getreu ersetzen!‘ Dann reiste er ab, und als er nach einigen Tagen
wiederkehrte, fand er den Menschen, über den er sich erbarmt hatte, gut
gepflegt und soweit geheilt, daß er ihn nach Jerusalem zurückbringen konnte,
bezahlte dem Wirte nochmals zwei Groschen und bekleidete den Geheilten noch
obendarauf.
[GEJ.08_063,11] Was meinst du nun? Welcher
von den dreien war dem wohl der Nächste, der unter die Räuber und Mörder
gefallen ist?“
[GEJ.08_063,12] Da sagte der Schriftgelehrte:
„Offenbar der, der ihm die Barmherzigkeit erwiesen hat!“
[GEJ.08_063,13] Sagte Ich: „Gut, so gehe du
hin und tue desgleichen! Ein jeder Mensch, der in irgend etwas deiner Hilfe
bedarf, ist dein Nächster; und so du ihm hilfst, da bist auch du sein Nächster.
Und so du ihm geholfen hast, da hast du ihn als deinen Nächsten auch geliebt
wie dich selbst; denn die wahre Nächstenliebe besteht eben darin, daß ihr euren
Nebenmenschen alles das tuet, was ihr vernünftigerweise wünschen könnet, daß
sie im Notfalle auch euch tun möchten. – Weißt du nun, wer dein Nächster ist?“
[GEJ.08_063,14] Hierauf getraute sich der
Schriftgelehrte Mich um nichts Weiteres mehr zu fragen, zog sich zurück und
sagte zu seinen Gefährten: „Wahrlich, in diesem Galiläer steckt ein mächtiger
Wahrheitsgeist! Es lohnt sich der Mühe, ihn zu hören!“
[GEJ.08_063,15] Darauf aber sagte einer von
den Jüngern: „Noch mehr aber lohnt sich's der Mühe, also zu leben und zu
handeln, wie Er lehrt; denn Er ist der Herr und hat alle Macht in Sich über
Leben und Tod. Wer Seine Lehre tut, der wird von Ihm das Leben überkommen!“
[GEJ.08_063,16] Sagte der Schriftgelehrte:
„Wenn er der Messias der Juden ist, da hast du ganz recht; aber so er das ist
und alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden besitzt, so kann er ja das
den Hohenpriestern sagen; und sträuben sie sich, das anzunehmen und zu glauben,
so verwerfe er sie und züchtige sie mit Feuer aus den Himmeln, wie Gott
dereinst Sodom und Gomorra gezüchtigt hat!“
[GEJ.08_063,17] Sagte der Jünger: „Du redest
nach der Weise der Menschen; wir aber reden nach der Weise Seines Geistes! Wir
aber wissen es schon aus Ihm, was Er noch alles tun wird, und kennen Seine
Macht, und wir sind Zeugen von allem, was Er in Jerusalem gewirkt hat und was
gelehrt; und so können wir auch reden, und wir wissen es, woran wir sind, und
was noch alles geschehen wird.
[GEJ.08_063,18] Haben nicht alle
Hohenpriester die Zeichen am Himmel gesehen, die ihnen klar andeuteten, was sie
bei ihrer Verstocktheit zu gewärtigen haben? Aber es hat das auf sie keinen
Eindruck gemacht, außer den des Hasses gegen Ihn, und sie trachten nun noch
mehr und halten Rat über Rat, wie sie Ihn ergreifen und töten könnten! Aber Er
wandelt dennoch frei im ganzen Judenlande und hat keine Furcht vor Seinen
vielen und sich übermächtig dünkenden Feinden. Wäre Er nicht der Herr aller
Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden, so würde Er schon lange aus dem Lande
geflohen sein. Aber da Er wohl weiß, welche Macht und Gewalt Ihm eigen ist, so
flieht Er vor Seinen Feinden nicht, sondern geht ohne alle Scheu und Furcht in
den Tempel und lehrt das Volk von der Ankunft des Reiches Gottes auf Erden und
bedroht die Pharisäer und Juden mit aller Schärfe Seiner Rede. Wer anders als
nur Er als der Herr aller Macht und Kraft würde sich das wohl zu tun getrauen?
Das aber wird doch für jeden Vernünftigen mehr als ein genügender Beweis sein,
daß nur Er und kein anderer mehr der wahre Messias und somit auch der Herr ist!
[GEJ.08_063,19] Wir haben Seine Taten und
Seine Wunderzeichen gesehen und haben vernommen die ewige Wahrheit Seiner Worte
und glauben darum auch lebendig an Ihn; ihr habt dasselbe gesehen und gehört
und glaubet doch nicht, daß Er der verheißene und nun in diese Welt zu uns
gekommene Messias ist!
[GEJ.08_063,20] Worin kann da wohl der Grund
eures Unglaubens zu suchen sein? Sehet, in der großen Blindheit und
Verstocktheit eurer Herzen liegt da der Grund! Ihr seid doch Schriftgelehrte
und kennet es aus der Schrift, unter welchen Zeichen und Bedingungen der
Messias in diese Welt kommen wird. Nun, alles das trifft nun bei Ihm auf ein
Häkchen überein! Ist aber das unbestreitbar der Fall, wie möget ihr noch
zweifeln und einen andern erwarten?
[GEJ.08_063,21] Ja, ihr werdet in eurer
Blindheit wohl einen andern erwarten; der aber wird nicht kommen bis ans Ende
der Welt und ihrer Zeiten! Ihr habt uns also reden hören vor ein paar Tagen zu
Bethlehem und auch an andern Orten, und wir erklärten euch die Schrift, obschon
wir als einfache Menschen nie lesen und schreiben gelernt haben, und wirkten
Zeichen vor euren Augen zum Wohle und Frommen der Menschen, daß ihr euch darob
hoch erstauntet; ich aber frage nun euch, von wem haben denn wir solche
wunderbaren Fähigkeiten, oder in welcher Schule haben wir solches alles wohl
erlernen können?
[GEJ.08_063,22] Oh, gäbe es eine solche
Schule irgend in der Welt, so wüßtet ihr sicher um sie und hättet sie zu eurem
Vorteile auch schon besucht! Aber es besteht keine solche Schule in der Welt
außer allein nun unter diesem Herrn und Meister von Ewigkeit, der, zwar auch
mit Fleisch und Blut angetan, als ein sichtbarer Mensch unter uns wandelt, aber
in Seinem Geiste eben Derjenige ist, durch dessen Liebe, Weisheit, Wort und
Willen alle Himmel, diese Erde und alles, was auf ihr ist, erschaffen worden
sind.
[GEJ.08_063,23] Wer es nun nicht von Ihm
lernt, der überkommt es auch nicht, und würde er auch alle die hohen
Weltweisheitsschulen besuchen. Und wer es nicht von Ihm erlernt hat, der kommt
auch nicht zum ewigen Leben und nicht zu Ihm; denn es steht geschrieben: ,In
jener Zeit werden alle, die da wollen, von Gott gelehrt; des Vaters Geist wird
sie erziehen!‘ Und wer da nicht vom Vater wird gezogen sein, der wird nicht
kommen zum Sohne, in welchem der Vater wohnt, den ihr nicht kennet und noch nie
erkannt habt, und also auch nicht kennet den Sohn und wer Er ist, wie Er dir
das Selbst gesagt hat.
[GEJ.08_063,24] Wir aber kennen nun den Sohn
und den Vater in Ihm, da Er uns das Selbst geoffenbart hat; und Er hat uns das
geoffenbart, weil wir an Ihn alsogleich geglaubt haben. Er hat aber auch offen
gesagt und gezeigt, wer Er ist. Aber ihr glaubtet nicht und glaubet noch nicht;
darum werdet ihr aber auch verbleiben in eurer Sündennacht und sterben in ihrem
Tode. Merket euch das! Denn wir als Seine nun wahrhaftigen Zeugen haben das
schon in Bethlehem zu euch gesagt, als ihr uns bedrohtet, und hatten keine
Furcht vor euch und sagen es euch nun abermals ohne alle Furcht und Scheu in
Seiner Gegenwart, auf daß Er Selbst euch verdolmetschen kann, ob wir recht oder
unrecht zu euch geredet haben.
[GEJ.08_063,25] Ihr seid uns wohl hierher
nachgezogen, als wolltet ihr die Wahrheit aus Seinem eigenen Munde vernehmen;
aber eigentlich seid ihr mit uns nur darum hierher gewandert, um den Herrn der
Herrlichkeit Gottes zu versuchen. Er aber hat es euch gezeigt, wie unsinnig es
ist, als ein schwacher, sterblicher Mensch den Herrn des Lebens und des Todes
zu versuchen. Und ihr seid darum denn auch verstummt und hattet nichts Weiteres
mehr, um Ihn nochmals zu versuchen. Darum werdet ihr nun schier am besten tun,
so ihr alsbald diese geheiligte Stätte verlasset und euch in eure alten
Sündennester zurückziehet, auf daß euch nicht noch etwas Ärgeres begegne, als
euch schon begegnet ist!“
64. Kapitel
[GEJ.08_064,01] Diese sehr triftige Rede des
einen Jüngers rauchte dem Schriftgelehrten sehr in die Nase, wie auch seinen
Gefährten, und sie kamen darum zu Mir und fragten Mich, sagend: „Meister, hast
du deinen Jüngern das Recht gegeben, mit uns also zu reden? Wenn wir alsofort
nicht glauben mögen, was sie glauben, sondern als Gelehrte noch allerlei andere
Beweise suchen, so geht sie das doch sicher wenig oder nichts an! Kommen sie
uns gut und sanft entgegen, so werden wir sie auch anhören und ihre Aussage in
guter Art prüfen; kommen sie uns aber so wie nun entgegen, so bleibt uns dann
am Ende ja auch nichts übrig, als ihnen auch so zu begegnen, wie sie uns
entgegenkommen! Haben Sie aber von dir aus das Recht, uns Gelehrten also zu begegnen,
dann werden sie mit uns auch wenig ausrichten!“
[GEJ.08_064,02] Sagte Ich: „Ein jedes Wort,
das der eine Jünger zu euch redete, habe Ich ihm in den Mund gelegt und habe
also Selbst durch Seinen Mund zu euch geredet. Und es ist daher eure Frage damit
auch schon völlig beantwortet und zeigt euch, von wem Meine Jünger das Recht
haben, also mit euch zu reden. Ihr aber möget nur die Wahrheit niemals hören
und haltet die eitle Schmeichelei und Heuchelei in Ehren; darum kommt euch
Meine Rede hart und roh vor und macht euch ärgerlich.
[GEJ.08_064,03] Ich aber sage es euch: Wer,
wie ihr, einmal im Falschen begründet ist und auch falsch lehrt und dafür von
den blinden Menschen noch eine große Ehre begehrt, da er sich selbst in seiner
Blindheit für etwas Großes hält, dem kommt die lichte Wahrheit stets hart und
seine vermeinte Ehre verletzend vor und macht ihn ärgerlich. Aber Ich sage es
euch, daß ein solcher Mensch, so er sich in seinem Falschen nicht durch die
lichtvollste Wahrheit demütigen lassen will, auch niemals in die Wahrheit
eingehen wird, sondern er wird sich gleichfort in seiner Finsternis ehren
lassen, aber dann auch untergehen in derselben.
[GEJ.08_064,04] Es war einmal ein Mensch, der
wahrlich viel gelesen hatte von allen Wegen und Straßen, und man ehrte den
Menschen seiner Wissenschaft wegen, und der Mensch hielt denn auch große Stücke
auf diese Ehre. Obwohl er aber von den Wegen und Straßen in der Welt vieles
wußte, so hatte er aber dennoch persönlich die von ihm aus den Schriften der
Römer und Griechen bekannten Wege niemals bereist.
[GEJ.08_064,05] Es fügte sich aber, daß gegen
guten Sold ein königlicher Mensch, der eine weite Reise vorhatte, diesen
wegkundigen Menschen zu einem Führer dingte, obschon er auch noch andere Führer
bei sich hatte, die zwar nicht so gelehrt waren wie er, aber schon viele Reisen
gemacht hatten und denn auch aus der Übung mit den vielen Wegen und Straßen
bekannt waren.
[GEJ.08_064,06] Da begab es sich aber bei
einer Reise im tiefen Ägypten, in welchem Lande der Königliche in etlichen
Tagen die alte Stadt Memphis erreichen wollte, daß er sich mit den
Reisekundigen beriet, wie man dahin wohl den nächsten und sichersten Weg
einschlagen könnte. Die alten Reise- und Wegkundigen rieten, daß man die Straße
längs des Stromes, wenn sie auch etwas gedehnter wäre, einhalten solle. Aber
der Gelehrte sagte: ,Ihr wisset nichts, und was ihr gewußt habt, das wisset ihr
nun schon lange nicht mehr; ich allein habe die Wege und Straßenzüge der
Ägypter, Griechen und Römer studiert, und mir sind sie alle wohlbekannt. Ich
schlage hier vor, daß der gerade Weg durch die Wüste genommen wird und wir also
Memphis um drei Tage eher erreichen mögen, als so wir am Strome fortziehen!‘
[GEJ.08_064,07] Dem Königlichen gefiel dieser
Vorschlag, und er stellte den Wegkundigen zum Führer.
[GEJ.08_064,08] Mit vielen Beschwerden zog
die Karawane schon tagelang durch den Sand, und es fing ihr schon an Wasser und
Lebensmitteln zu gebrechen an.
[GEJ.08_064,09] Da berief der Königliche
abermals die Führer und stellte den Wegkundigen zur Rede und bedrohte ihn, so
er durch seinen Starrsinn die Karawane auf Abwege gebracht hätte.
[GEJ.08_064,10] Da sagten auch die alten
Führer: ,Herr, wenn wir nicht umkehren und nicht dem Aufgange zu den Weg
nehmen, sondern fort und fort dem Untergange zuziehen, so werden wir auch alle
untergehen!‘
[GEJ.08_064,11] Der gelehrte Wegweiser aber
wollte noch dartun, daß er recht habe, da es ihm gar sehr an seiner Weltehre
gelegen war.
[GEJ.08_064,12] Aber da befahl der
Königliche, den Weg nach dem Aufgange zu nehmen. Alle gehorchten und erreichten
in drei Tagen glücklich wieder den Strom und in sieben Tagen die alte Stadt.
[GEJ.08_064,13] Was hat der eingebildete und
ehrsüchtige gelehrte Wegkundige der Karawane wohl genützt? Wenn sie ihm vollends
gefolgt wäre, so wäre sie offenbar zugrunde gegangen; aber dadurch, daß sie ihm
nur einige Tage lang gefolgt ist, ist sie auch um so viel später und ermüdeter
ans Ziel gelangt.
[GEJ.08_064,14] Als der Königliche aber in
Memphis ankam, da sagte er zum eingebildeten Wegkundigen: ,Du hast deine
Aufgabe schlecht gelöst; daher sollst du in der Folge der letzte und geringste
unter meinen Dienern sein! Du mußt in deiner Demut durch die Erfahrung klug und
brauchbar werden, ansonst du keines Lohnes wert bist, wohl aber einer gerechten
Strafe!‘
[GEJ.08_064,15] Und was der Königliche dem
eingebildeten Wegkundigen sagte, das sage Ich auch euch Schrift- und
Gottesgelehrten. Auch ihr führet in eurem Ehrdünkel die Menschen anstatt dem
Aufgange des inneren Lebens nur dem traurigen Untergange desselben zu; und so
man es euch sagt, da werdet ihr voll Ärgers und Grimmes, weil ihr in euren
Köpfen wohl die toten Buchstaben der Schrift herumtraget, aber den belebenden
Geist, der in ihnen steckt, noch nie erkannt habt, weil eure Herzen stets voll
Hochmutes und Weltsinnes waren und der nur in der wahren Demut des Herzens
wohnende Geist noch nie zum hellen und lichtvollen Leben hat erwachen können.
[GEJ.08_064,16] Weil ihr aber fürderhin zur
Führung Meiner Karawanen nicht mehr taugt, so habe Ich in der alten und ersten
Art und Weise wieder ungelehrte, aber der Wege der wahren Herzensdemut und
Nächstenliebe wohlkundige und erfahrene Führer bestimmt, und diese werden Meine
durch euch in die Wüste verleiteten Karawanen wieder an den Strom des Lebens
zurückleiten; ihr aber, so ihr noch fürder in eurem Hochmute verharret, werdet
dem nicht entgehen, was dem Hochmute als Lohn folgt! Denn Ich sage es euch: Der
pure Buchstabe der Schrift tötet, nur der Geist macht lebendig. Diesen aber überkommen
nur jene, die Mir nachfolgen in der Demut und Liebe.
[GEJ.08_064,17] Solange euch noch ein sogar
gutgemeintes Wahrheitswort aus dem Munde eures Nebenmenschen kränken und
beleidigen kann, stehet ihr ferne vom Reiche Gottes! Wer aber Mein wahrer
Jünger und Nachfolger sein will, der muß sogar seinen wahren und erwiesenen
Feinden vergeben, für die beten, die ihm fluchen, und die segnen, die ihn
hassen und verwünschen, also auch denen Gutes erweisen, die ihm einen Schaden
zugefügt haben, so wird er eher glühende Kohlen der Reue über den Häuptern
seiner Feinde sammeln, als so er Böses mit Bösem vergilt.
[GEJ.08_064,18] So ihr verbleibet in eurem
Starrsinn und eurer hochmütigen Verstocktheit, da wird das Licht von euch
genommen und den Heiden gegeben werden, was schon lange vorgesehen ist, und ihr
euch nun zu dem Behufe unter dem Joche der Heiden befindet und euch ihre harten
Gesetze müsset gefallen lassen, weil ihr die leichten Gesetze Gottes mit euren
Füßen zertreten habt.
[GEJ.08_064,19] Ich kam nun, um euch wieder
zu versammeln und aufzurichten, und will euch durch die Macht der Wahrheit
wahrhaft frei machen. So ihr aber in eurer selbstgeschaffenen Sklaverei
verbleiben wollet, so bleibet, und Ich werde Mein Licht geben den Heiden; ihr
aber werdet gelassen werden in der Nacht eurer Sünden, und die Heiden werden
fortan herrschen über euch. Dieses euer gelobtes Land aber wird zertreten von
den Feinden und wird hinfort wüste und öde verbleiben. Das sei euch gesagt zu
eurer Danachachtung!
[GEJ.08_064,20] Wenn sich das alles an euch
erfüllen wird, so werdet ihr Mich wohl erkennen und ausrufen: ,Herr, Herr!‘;
aber Ich werde euch nicht anerkennen, sondern zu euch sagen: ,Ich habe euch
niemals anerkannt; darum weichet von Mir, ihr Feinde der Wahrheit!‘“
65. Kapitel
[GEJ.08_065,01] Als der Schriftgelehrte und
seine Gefährten solches von Mir vernommen hatten, konnten sie nichts mehr
finden, das sie Mir hätten einwenden können.
[GEJ.08_065,02] Aber der Schriftgelehrte
besann sich und sagte zu Mir: „Meister, ich erkenne es ja, daß du ein
wahrhaftiger und weiser Lehrer bist, lehrest das Wort Gottes recht und achtest
weder das Ansehen einer Person, noch das eines Volkes. Also wissen wir auch,
was in den Propheten von der Ankunft des Messias geschrieben steht, und wir
sind auch bei uns schon halbwegs des Glaubens, daß du der verheißene Messias
sein kannst; denn wir haben vieles von deinen Lehren und Taten gehört und
manches auch selbst erlebt, da wir dich als einen merkwürdigen Nazaräer schon
über zehn Jahre lang kennen und schon damals von dir manches Unbegreifliche
erlebt haben, wie zum Beispiel wunderbar schnell hergestellte Bauten,
Krankenheilungen, reiche Fischereien und sogar eine unbezweifelte Erweckung
eines Menschen, der durch einen gewaltigen Fall ums Leben kam. Solches und noch
anderes mehr erfuhren wir von deinem geheimen Wirken, obschon du selbst wie
auch dein Vater Joseph das unter den Menschen nicht wolltet ruchbar werden
lassen.
[GEJ.08_065,03] Aber damals war nie auch nur
im entferntesten von dir irgend zu vernehmen, daß du ein Prophet seist und noch
weniger der verheißene große Messias der Juden und aller Menschen der Erde.
Erst seit etwa kaum zwei Jahren und etlichen Monden darüber ist es allenthalben
laut und offenkundig von dir geworden, daß du im Volke aufgestanden bist und
von dir durch Worte und Taten zeugest, daß eben du der verheißene Messias
seist.
[GEJ.08_065,04] Wir sind denn auch nicht
hierhergekommen, um von dir irgendein Wunderzeichen zu verlangen, sondern nur,
daß wir höreten deines Mundes Rede; denn daheim warst du alles eher denn ein
Redner, und das also, daß selbst dein wohlberedter Vater Joseph uns darüber
seine Not klagte, als fürchtete er sich, daß du mit der Zeit noch ganz stumm
und blöde werden könntest, weil von dir oft wochenlang kein Wort
herauszubringen war. Und nun bist du ein Volkslehrer geworden, vor dem man, wie
vor jedem großen Propheten, die allergrößte Hochachtung haben muß.
[GEJ.08_065,05] Daß du als der uns schon
lange wohlbekannte Sohn des Zimmermanns Joseph gar der Messias selbst seist,
ja, das konnten wir denn trotz all dem, was wir über dich vernommen haben, denn
doch nicht gleich so unbedingt völlig glauben. Und so wir nun von Bethlehem und
von noch weiter hierher gekommen sind, angeregt durch deine zu uns gekommenen
Jünger, um uns von dieser höchst wichtigen Sache selbst näher zu überzeugen, so
kannst du uns darob ja doch nicht gram werden; denn so du vom höchsten
Weisheitsgeiste nach der Aussage deiner Jünger und nun auch nach deiner eigenen
durchdrungen und erfüllt bist, so wirst du es ja doch einsehen, daß uns keine
böse Absicht zu dir hierher geleitet hat.
[GEJ.08_065,06] Heißt es ja schon in den
alten Sprüchen der Weisheit, daß man alles wohl prüfen und dann annehmen und
behalten solle das Gute! So wir als Menschen das nun auch an dir tun, so sind
wir deshalb ja doch noch als keine vor dir verdammlichen Sünder anzusehen! Du
hast doch den Jüngern, die ehedem ganz ungelehrte Leute waren, ein solches
inneres Licht erteilet, demzufolge sie dich als den verheißenen Messias alsbald
erkennen mochten; warum enthältst du denn uns solch ein Licht vor? Müssen denn
wir darum, weil wir in der Annahme des Glaubens an dich etwas bedenklicher
sind, von dir zur ewigen Finsternis verurteilt sein? Siehe, du hast uns ehedem
ein gar gutes Geschichtchen über das, wer unser Nächster sei, gegeben! Wir aber
sind auch arm am Lichte, und es täte uns da auch ein barmherziger Samariter
noch um vieles mehr not, als jener vor Jericho dem halberschlagenen Menschen
not tat; aber in dir scheint er sich für uns eben noch nicht vorfinden zu
wollen. Was sagst du, weisester Meister, nun dazu?“
[GEJ.08_065,07] Sagte Ich: „So deine Mundrede
auch die deines Herzens wäre, so hättet ihr zur Heilung eurer zerschlagenen
Seelen auch mehr denn einen barmherzigsten Samariter gefunden! Aber solange ihr
in euren Herzen ganz anders fühlet, als was da aussprechen eure glatten Zungen,
so lange auch werdet ihr an Mir den vermeinten barmherzigen Samariter nicht
finden. Ich aber habe euch dennoch dadurch Meine Barmherzigkeit bezeiget, daß
Ich euch eben das sagte, was Ich euch gesagt habe! So ihr es beherzigen wollet,
wozu Ich euch niemals nötigen werde, so wird es auch in euch licht und helle
werden.
[GEJ.08_065,08] Daß ihr Mich als des
Zimmermanns Sohn nach eurem blinden Urteil wohl kennet, das weiß Ich wohl; aber
ihr habt selbst eingestanden, daß ihr von Mir zuweilen vernommen habt, daß Ich
Taten verrichtet habe, die keinem Menschen möglich wären. So hättet ihr doch in
der Schrift nachschlagen können, und ihr hättet darin schon mit leichter Mühe
gefunden, Wer Sich hinter dem Zimmermannssohne verborgen aufhält, wie das in
jener Zeit sogar viele Heiden gefunden haben. Aber das tatet ihr niemals, und
seid ihr von einem Menschen besseren und helleren Lichtes bei guten
Gelegenheiten darauf aufmerksam gemacht worden, so dachtet ihr nicht nur nie
darüber weiter nach, sondern bedrohtet einen jeden, der solch eine Meinung
hegte, und hieltet Mich teilweise für einen Besessenen und, so es gut ging,
teilweise auch für einen talentierten Magier, der seine geheime Kunst dort oder
da bei guter Gelegenheit erlernt hat, um sich in der Folge damit etwa große
Schätze bei den Heiden zu erwerben.
[GEJ.08_065,09] Als ihr aber nun von Mir
wieder Kunde erhieltet, da sagtet ihr in eurem bösen Rate wider Mich: ,Ah, nun
ist uns von dem Menschen alles klar! Sein Vater Joseph soll in gerader Linie
von David abstammen?! Der Alte hat in seinem Sohne Talente verspürt und hat ihn
irgend geheim in aller Zauberei unterrichten lassen, die bei den Heiden als
etwas Götterhaftes angesehen wird. Er hat sich dadurch schon viele große Heiden
zu Freunden gemacht; und weil diese unsere Feinde sind, so hat er die Idee
gefaßt, in seinem Zauberer von einem Sohne sich durch ihre Gunst auf den Thron
Davids emporzuschwingen und uns als die Feinde der Heiden dann mit einem Schlag
zu stürzen und mit der Essäer Hilfe zugrunde zu richten, die auch bei den
Römern im großen Ansehen stehen. Dem aber muß um jeden Preis vorgebeugt werden,
dadurch, daß wir ihn bei einer günstigen Gelegenheit aufgreifen und ihm das
Leben nehmen, wonach es dann mit ihm sicher für immer gar sein wird. Denn ist
er nur ein böser Zauberer und will uns zugrunde richten, dann ist es wohl
recht, daß wir ihn lange eher zugrunde richten, als er uns irgend wird zu
schaden imstande sein; und sollte er im Ernste der Christ sein, so werden wir
ihm nichts anhaben können und können dann hinterdrein noch früh genug glauben,
daß er der Christ sei, und er wird es uns nicht zum Übel anrechnen können, so
wir an ihm alles eher versuchen mußten, bis wir ihn als den verheißenen Christ
annahmen, und er wird uns dann erst noch als Eiferer für die Wahrheit obendrauf
loben und hoch belohnen müssen.‘
[GEJ.08_065,10] Sehet, also denket ihr im
Herzen, wie auch der ganze Tempel in Jerusalem ebenalso denkt, und nicht einer
von euch hat auch nur von ferne den Wunsch, daß Ich etwa doch der Christ sein
möchte, sondern nur, daß Ich als ein von euch Erwürgter für ewig tot bleiben
solle!
[GEJ.08_065,11] So aber bei euch das der
Lieblingswunsch ist und kein anderer, welchen Wunsch sollte dann Ich der
Wahrheit gemäß für euch in Meinem Herzen tragen? Seid ihr bei solch eurem
Wunsche und Willen gegen Mich wohl noch Meiner Erbarmung wert? Urteilet darüber
selbst! Ich aber bin endlos besser denn der Beste von euch und erweise euch
dennoch diese große Barmherzigkeit dadurch, daß Ich es euch nun offen sage, wie
ihr inwendig beschaffen seid, auf daß ihr euch erkennen möget und eines ganz
andern Sinnes werdet; denn noch wäre das bei euch möglich! Aber welche Barmherzigkeit
erweiset ihr Mir dafür? Oder redet nun offen, ob Ich euch nun etwas anderes als
eben nur die reine Wahrheit ins Gesicht gesagt habe!“
[GEJ.08_065,12] Hier machten alle große
Augen, und keiner hatte den Mut, Mir zu widersprechen.
66. Kapitel
[GEJ.08_066,01] Es trat aber alsbald mit ganz
ernster Miene der Römer Agrikola zu Mir und sagte: „O Herr und Meister, ist es
möglich, daß es unter den Juden gar so elendeste Kreaturen geben sollte, die so
etwas gegen Dich geheim im Herzen tragen können? O Du großer Gott! Hast Du für
sie denn kein verzehrendes Feuer mehr? Von solchen elendesten Kreaturen
verdient ja doch ein jeder tausend Male gekreuzigt zu werden! Wahrlich, ich
habe schon manches Böseste über das vernommen, wie die Templer gegen Dich
gesinnt sind, aber das habe ich noch nicht gehört!“
[GEJ.08_066,02] Sagte Ich: „Freund, wundere
dich dessen ja nicht gar besonders; denn es wird bald die Zeit kommen, in der
du noch ganz anderes von dieser argen Art über Mich hören wirst! Denn sie wird
nicht eher ruhen in ihrem geheimen Grimme gegen Mich, als bis Ich Selbst, wie
Ich es euch schon zum voraus angedeutet habe, es zulassen werde, daß sie an Mir
Selbst das Maß ihrer Greuel vollmachen werden; dann aber wird auch kommen das
große Gericht über sie, von dem der Prophet Daniel geweissagt hat, als er stand
an der geheiligten Stätte, und von dem Ich dir auch schon zum voraus eine
Wahrkunde gab!“
[GEJ.08_066,03] Sagte Agrikola: „O Herr und
Meister, es ist ganz gut, daß Du mir solches geoffenbart hast; denn dadurch werden
wir Römer dann schon am klarsten wissen, was wir nachher zu tun haben werden!“
[GEJ.08_066,04] Sagte Ich: „Ihr werdet
handeln, so ihr dazu berufen werdet! – Aber nun lassen wir das; es wird nun
bald etwas anderes zum Vorschein kommen!“
[GEJ.08_066,05] Als der Schriftgelehrte
solches alles vernommen hatte, da fing er an, in sich zu gehen, und sagte nach
einer Weile: „Herr und Meister, nun erkenne ich, daß Du mehr als der Sohn
Josephs, des Zimmermanns, bist, der vor drei Jahren das Zeitliche gesegnet hat!
Denn so Du weißt, was im Herzen eines Menschen vor sich geht, so mußt Du ein
Gott sein! Und siehe, dieweil Du vermochtest, solches hell und der Wahrheit
getreust uns ins Gesicht zu sagen, was keinem sterblichen Menschen je möglich
wäre, so fange ich nun an zu glauben, daß Du sicherlichst der Messias bist!
Herr und Meister, stärke mich in meinem Glauben!“
[GEJ.08_066,06] Sagte Ich: „Der Glaube allein
wird dich nicht selig machen, sondern die Tat nach dem Lichte des Glaubens, auf
daß der Glaube lebendig werde. Mache aber auch das Unrecht, das du vielfach an
deinen Nebenmenschen begangen hast, soviel es möglich ist, wieder gut, so
werden dir deine Sünden vergeben werden; denn solange jemand nicht den letzten
ungerechten Stater an seinem Nebenmenschen berichtigt hat, wird er ins Reich
Gottes nicht eingehen!“
[GEJ.08_066,07] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, da werden wenige ins Reich Gottes eingehen! Denn wie häufig
ist das der Fall, daß man selbst beim besten Willen das an jemand wissentlich
verübte Unrecht gar nicht mehr wieder gutmachen kann, und solcher
Verhinderungsfälle gibt es eine Menge. Was soll man da tun, um zur Vergebung
der Sünden zu gelangen?“
[GEJ.08_066,08] Sagte Ich: „Wo ein Mensch,
der sein Unrecht erkannt und bereut hat, das unmöglich an seinem Nebenmenschen
mehr gutmachen kann, was er ihm geschadet hat, so bekenne er sein Unrecht reuig
und wahr im Herzen vor Gott und bitte Ihn um Vergebung und daß Er, dem alle
Dinge möglich sind, an dem Geschädigten den ihm zugefügten Schaden gutmachen
wolle und möge, so wird Gott solch eine aufrichtige Bitte auch allzeit sicher
erhören und dem ernst gutwilligen und reuigen Bittsteller die Sünde vergeben,
besonders wenn derselbe durch Liebewerke an anderen wieder gutzumachen bemüht
ist, was er an denen, die für ihn nicht mehr da sind, hätte gutmachen sollen.
[GEJ.08_066,09] Wer aber auch das nicht mehr
könnte, dem solle durch eine rechte Reue und durch seinen wahrhaft guten Willen
von Gott aus geholfen sein. Aber solange die Gelegenheit noch da ist, daß du
das deinem Nebenmenschen angetane Unrecht selbst noch gutmachen kannst, da
nützet dir der pure gute Wille, Reue und Bitte wenig oder nichts, sondern
allein die Tat. Nach dieser erst sollst du auch Gott um Vergebung deiner Sünden
bitten, und sie werden dir auch von Gott aus vergeben werden, so du dir den
wahren und ernsten Vorsatz im Herzen gemacht hast, keine Sünde mehr zu begehen,
und den gemachten Vorsatz auch aus allen deinen Lebenskräften, die unter der
Herrschaft deines freien Willens stehen, hältst.
[GEJ.08_066,10] Fällst du aber wieder in
deine alten Sünden von neuem, so bleiben dir auch alle die begangenen auf der
Rechnung. Denn hast du an deinem Nächsten ein begangenes Unrecht einmal
gutgemacht, daß ihr dann Freunde geworden seid, begehest aber bald darauf
entweder an demselben Freunde oder an einem andern ein neues Unrecht, so kommt
dir auch das schon gutgemachte vor dem Gericht als ein erschwerender Beweis für
deine neu begangene Sünde entgegen, und du wirst von dem Gerichte auch doppelt so
stark bestraft werden, als du für deine erste Untat wärest bestraft worden.
Wenn aber schon die weltlichen Richter also ihre Urteile fällen, und das mit
Recht, so wird Gott sicher mit einem verstockten Sünder, der sich wohl manchmal
bessert und sein Unrecht sühnt, aber bald wieder von neuem zu sündigen anfängt,
nicht milder verfahren.
[GEJ.08_066,11] Der Mensch kann also nur
dadurch die wahre und volle Vergebung seiner begangenen Sünden erlangen, so er
erstens seine Sünden als ein Unrecht gegen seine Nebenmenschen erkennt, sie
bereut und nach Möglichkeit wiedergutmacht, und zweitens aber dann auch Gott um
Vergebung bittet mit dem ernsten Vorsatz, die Sünden nicht mehr zu begehen und
dem gemachten guten Vorsatz auch treu zu bleiben. So ihr das in euren Herzen
euch treu und wahr vornehmen und dann aber auch nach der Vornahme handeln
werdet, so sage Ich es euch schon hier: Eure Sünden sind euch von Mir
vergeben!“
[GEJ.08_066,12] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister! Deine Lehre ist scharf, aber wahr, und ich werde nach aller
Möglichkeit trachten, ihr in der Tat nachzukommen. Aber Du sagtest, daß Du uns
die Sünden vergibst im voraus, so wir Deiner Lehre nachkommen werden. Hast Du
denn auch an Gottes Stelle das Recht und die Macht, den Menschen ihre Sünden zu
vergeben?“
[GEJ.08_066,13] Sagte Ich: „Mit euch Blinden
ist schwer von der Pracht der Farben zu reden! Habe Ich denn nicht zuvor
gesagt, daß Mir alle Macht und Gewalt im Himmel und auf Erden zukommt?“
67. Kapitel
[GEJ.08_067,01] Als Ich dieses laut zu dem
Schriftgelehrten sagte, da kam die eine Schwester des Lazarus, die Martha
nämlich, nahe außer Atem zu uns auf den Hügel und brachte uns die Nachricht,
daß ein Knecht von einem hohen Gerüst, auf dem er etwas zu tun hatte,
herabgefallen sei und nun kein Lebenszeichen mehr von sich gebe. Sie bat Mich,
daß Ich ihm helfen möchte.
[GEJ.08_067,02] Und Ich sagte: „Nun, so laß
ihn durch die andern Knechte hierher bringen, und Ich werde sehen, was Ich tun
werde!“
[GEJ.08_067,03] Auf diese Worte eilte die
Martha wieder hinab, und der sich zu Tode gefallene Knecht wurde, auf einer
Trage liegend, in wenigen Augenblicken vor Mich hingebracht.
[GEJ.08_067,04] Und Ich sagte: „Habe Ich es
euch nicht zum voraus gesagt, daß wir ehest etwas anderes zu tun bekommen
werden?“
[GEJ.08_067,05] Hierauf sagte Ich zu dem
Schriftgelehrten, der seine Augen starr auf den Toten richtete: „Untersuche
ihn, weil du in diesem Fache auch Kunde besitzest, ob dieser Knecht wohl völlig
tot ist!“
[GEJ.08_067,06] Hierauf besah und befühlte er
den Toten vom Kopfe bis zu den Fußzehen und fand ihn vollkommen tot; denn er
war vom Gerüst auf den Kopf hinabgestürzt, und es war ihm die Hirnschale
eingedrückt und das Genick völlig gebrochen.
[GEJ.08_067,07] Als der Schriftgelehrte
solche den Tod sicher bewirkende Beschädigungen an dem Toten fand, da sagte er:
„Herr und Meister, den kann nur Gott wieder lebendig machen; für menschliche
Hilfe ist er unwiederbelebbar!“
[GEJ.08_067,08] Sagte Ich: „Was dünket dich,
was da leichter zu sagen ist, ob: ,Deine Sünden sind dir vergeben!‘, oder zu
diesem Toten wirkungsvoll zu sagen: ,Stehe mit geheiltem Leibe auf und
wandle!‘?“
[GEJ.08_067,09] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, das erste offenbar leichter als wirkungsvoll das zweite!
Denn das erste kann ein jeder Mensch zu dem sagen, der an ihm gesündigt hat,
und das gilt nach Deiner Lehre dann auch sicher vor Gott; das zweite aber mit
Wirkung ist nur Gott allein möglich und vielleicht dem auch, dem Gott dazu die
Macht verleihen würde.“
[GEJ.08_067,10] Sagte darauf Ich: „Auf daß du
aber siehst und wohl merkest, daß Mir auch die Macht zukommt, dem gebesserten
Sünder seine Sünden als für ewig gültig zu vergeben, so sage Ich nun aus Meiner
höchsteigenen Macht zu diesem Toten: Sei geheilt, stehe auf und wandle!“
[GEJ.08_067,11] In diesem Augenblick richtete
sich der Tote auf, ersah Mich vor sich und dankte Mir inbrünstigst für die
Heilung.
[GEJ.08_067,12] Der Schriftgelehrte aber
sagte zum nun wieder Lebenden: „Mensch, du warst völlig tot, und der Herr hat
dich nicht nur geheilt, sondern Er hat dich auch völlig von neuem wieder
belebt; darum danke Ihm auch für dein neues Leben!“
[GEJ.08_067,13] Sagte Ich: „Wer für die
Heilung dankt, der dankt auch fürs Leben, und das genügt!“
[GEJ.08_067,14] Hierauf aber wandte Ich Mich
wieder an den neubelebten Knecht und sagte zu ihm: „Ein anderes Mal aber sieh
dich vor, und besteige kein hohes Gerüst ohne besondere Not! Wenn aber ein
solches zu besteigen ist, so überlaß das denen, die darin geübt sind; denn eine
jede unnötige Prahlerei straft sich allzeit von selbst, wie es nun auch bei dir
der Fall war.
[GEJ.08_067,15] Dazu aber merke dir noch
etwas, und das besteht darin: Wolle dich unter deinen Mitknechten niemals durch
allerlei Wagestücke hervortun, um von deinem Dienstherrn als ein erster Knecht
geachtet zu werden und dann über deine Mitknechte herrschen zu können, sondern
sei du nur treu und fleißig in dem, was dir zusteht, so wirst du nie mehr das
Unglück haben, hoch herabzufallen und dir das Genick zu brechen, womit des
Leibes Tod verbunden ist! Denn wer hoch steigt, der fällt dann auch tief
herab.“
[GEJ.08_067,16] Auf diese Meine Worte dankte
der Knecht abermals und ging mit seinen Mitknechten, die ihn auf der Trage zu
Mir gebracht hatten, wieder hinab mit dem Vorsatz, Meine Worte sein Leben lang
zu befolgen.
[GEJ.08_067,17] Hierauf aber sagte Ich noch
zum Schriftgelehrten: „Dies Zeichen, das Ich zur Stärkung eures Glaubens nur
gewirkt habe, behaltet bei euch, und gebet es niemand anderm vor der rechten
Zeit kund! Ich weiß es, warum Ich das also will. Nun aber könnet ihr gehen mit
den Jüngern wieder dahin, wohin euch Mein Geist führen wird! Im Tale beim Wirte
werdet ihr alle zu essen und zu trinken bekommen.“
[GEJ.08_067,18] Hierauf begaben sich diese
wieder von dannen, und wir begaben uns auch zum Mittagsmahle, da es schon
ziemlich spät an der Zeit war.
[GEJ.08_067,19] Wir stiegen nun den Hügel
hinab und begaben uns ins Haus und darin in den großen Speisesaal, allwo ein
gutes Mahl für uns schon bereitet war. Wir setzten uns an die Tische, und Ich
berief den Raphael, daß er auch einigen Jungen, die alle in einem andern Hause
des Lazarus untergebracht waren, bedeuten solle, sich zu uns zu begeben und an
unserem Tische teilzunehmen. Und Raphael ging und brachte zwölf Jünglinge und
zwölf Fräulein, die von ausnehmender Schönheit und nun auch schon durch Meinen
Einfluß der hebräischen, griechischen und römischen Sprache kundig waren. Diese
vierundzwanzig wurden an einem besonderen Tische untergebracht, an dem Raphael
präsidierte.
[GEJ.08_067,20] Als Agrikola diese schöne
junge Gesellschaft eine Zeitlang mit großem Vergnügen betrachtet hatte, da
sagte er ganz gerührt: „O Herr, mit diesem Geschenk hast Du mir wahrlich eine
übergroße Freude gemacht; denn auf diese Weise bin ich nun der Vater von vielen
Kindern geworden und werde für sie auch so und noch besser besorgt sein wie für
meine eigenen! Nur bitte ich Dich um ein noch recht langes und gesundes Leben,
damit ich alle, die Du mir anvertraut hast, geistig und auch leiblich bestens
versorgen kann; am Willen dazu wird es mir nie mangeln und so auch nicht am
Handeln!“
[GEJ.08_067,21] Sagte Ich: „Darüber freue
auch Ich Mich, und Ich werde dir auch geben, um was du Mich bitten wirst; aber
du wirst daheim wenig Zeit finden, weil du – wie Ich dir schon angezeigt habe –
dich bald nach Britannia wirst zu begeben haben und dort viel zu tun bekommen
wirst. Was wirst du dann mit den Jungen tun?“
[GEJ.08_067,22] Sagte Agrikola: „Herr, dann,
wie allzeit, werde ich Mich im Herzen an Dich wenden, und Du wirst mich nicht
ratlos lassen!“
[GEJ.08_067,23] Sagte Ich: „Also hast du ganz
wohl dich beraten und Mir auch ganz wohl geantwortet! Wenn du aber nach
Britannia gehen wirst, so kannst du diese vierundzwanzig Leutchen mit dir
nehmen; sie werden dir gute Dienste tun. Nun aber essen und trinken wir!“
[GEJ.08_067,24] Darauf aßen und tranken wir
wohlgemut und besprachen uns über allerlei gute und seltene Dinge.
[GEJ.08_067,25] Maria, des Lazarus jüngere
Schwester, aber setzte sich auf einen niederen Stuhl neben Mich zu Meinen Füßen
und horchte auf Meine Worte, wie sie das auch sonst tat.
[GEJ.08_067,26] Da aber diesmal viele Gäste
da waren, und Martha in Sorge kam, allein die vielen und hohen Gäste etwa nicht
gut genug bedienen zu können, so kam sie zu Mir und sagte: „Herr, sieh, ich
habe viel zu tun; sage doch Du der Schwester, daß sie mir helfe!“
[GEJ.08_067,27] Da sagte Ich: „Martha,
Martha, du bist noch die gleiche, obwohl Ich dir schon ein paarmal aus dem
gleichen Grunde Meine Meinung sagte! Du sorgst dich viel um das, was der Welt
ist, aber Maria hat sich den besseren Platz erwählt; darum soll sie auch allda
bei Mir verbleiben. Wir aber haben ja ohnehin zu essen und zu trinken in
Überfülle. Was sorgst du dich nun noch um ein mehreres?“
[GEJ.08_067,28] Martha aber sah ihren Fehler
alsbald ein, beließ die Maria bei Mir und verrichtete allein mit den
Dienstleuten leicht die noch übrige Arbeit.
68. Kapitel
[GEJ.08_068,01] Als wir aber also beisammensaßen
und ganz wohlgemut aßen, tranken und uns über allerlei Dinge besprachen, da
fingen die großen Hunde im großen Hofe stark zu bellen an.
[GEJ.08_068,02] Lazarus, darauf aufmerksam
gemacht, sagte zu Mir: „Herr und Meister, sicher nahen sich meinem Bethanien
wieder ungeladene Gäste! Aber es ist gut, daß Du mir die Wächter gabst; wir
sind durch sie vor lästigen Besuchern gesichert. Aber nachsehen sollte man etwa
doch, was es gibt, weil die Tiere einen gar so starken Lärm machen.“
[GEJ.08_068,03] Sagte Ich: „Lasse du das nur
gut sein; denn Ich weiß es schon, was es draußen gibt! Erinnerst du dich nicht
mehr der Pharisäer, die gestern nacht bei dir bis zum Morgen verblieben sind?
Siehe, diese haben es dir ja versprochen, heute Meinetwegen heraus nach
Bethanien zu kommen! Siehe, diese und noch einige nähern sich nun diesem Orte
und wollen in dieses dein Hauptwohnhaus einkehren; aber es ist noch nicht an
der Zeit, und das darum um so weniger, weil sie heute vormittag wieder im Rate
gesessen sind und ihre gestrigen Gesinnungen schon wieder um ein bedeutendes
geändert haben. Es sind noch ein paar weitmaulige, wahre Zeloten bei ihnen, und
so haben sie nun gut warten, bis sie hereinkommen werden. Sende aber du einen
deiner Diener hinaus; der soll sie in die Herberge der Fremden bringen! Gen
Abend werden wir dann schon sehen, was wir tun werden.“
[GEJ.08_068,04] Lazarus entsandte sogleich
einen Diener, und es geschah, wie Ich es anbefohlen hatte.
[GEJ.08_068,05] Lazarus aber sagte darauf:
„Das wundert mich von den gestrigen Pharisäern sehr, daß sie wieder eines
anderen Sinnes geworden wären, indem Du doch Selbst gesagt hast, daß dies wohl
etwa die letzten und einzigen seien, die sich aus der großen Zahl der Templer
zu Dir bekehrt haben! Und wir waren auch alle des ganz frohen Glaubens.“
[GEJ.08_068,06] Sagte Ich: „Sei darob nicht
zweiflig und bange! Diese werden uns auch bleiben; aber gerade jetzt sind sie
noch nicht völlig bekehrt. Doch wenn der Abend sich nahen wird, dann werden sie
auch eines anderen und besseren Sinnes werden, und wir wollen dann zu ihnen
gehen. Für jetzt aber bleiben wir hier ganz heiteren Mutes beisammen, und es
wird sich noch so manches finden, darüber wir unter uns einige Worte werden
wechseln können.“
[GEJ.08_068,07] Damit waren Lazarus und alle
Anwesenden völlig zufrieden.
[GEJ.08_068,08] Es wurde darauf eine kurze
Zeit völlig still an unserem Tische; nur am Tische der Jungen wurde dann und
wann ein Wort gesprochen, indem die Jünglinge den Raphael um allerlei befragten
und er sie darüber auch stets freundlichst belehrte.
[GEJ.08_068,09] Wir behorchten sie, und die
bei uns anwesenden vier Templer, die in Emmaus zu uns getreten waren, wie auch
die sieben, die am Ölberge schon früher zu uns gestoßen waren, sagten: „Solch
ein Unterricht gibt aus! Denn von solch einem Lehrer lernt die Jugend ja in
einer Stunde mehr als bei einem Weltlehrer in zehn Jahren! Herr, unsere Weiber
und Kinder befinden sich auch hier in Bethanien, in irgendeinem Hause des
Lazarus unter gebracht, wenn sie auch nur eine Stunde lang solch einen Lehrer
aus den Himmeln hätten, welch ein großer Vorteil wäre das für sie!“
[GEJ.08_068,10] Sagte Ich: „Allerdings wäre
das ein großer Vorteil für sie; aber sie wären nicht fähig, von solch einem
Lehrer den Unterricht anzunehmen, weil ihre Herzen und Seelen schon mit zu
vielen weltlichen Dingen vollgepfropft sind. Diese Jungen aber sind von
möglichst keuschem Sinne und sittlich unverdorben; ihnen ist jede Sünde noch
fremd, und sie haben viel Not und Elend ausgestanden und mußten sich an
Entbehrungen aller Art gewöhnen, daher sie auch aller Leidenschaften, denen
Kinder reicher Eltern unterworfen sind, völlig bar geworden. Ihre Seelen sind
demnach engelrein und somit fähig, den göttlichen Geist in sich unbehindert
sich ausbreiten zu lassen. Und sieh! Darin liegt denn auch der Grund, daß sie
schon als Kinder nun von einem ersten Engel unterrichtet werden können; denn
nur solche höchst reinen und gänzlich unverdorbenen Seelen können von den
Engeln des Himmels unmittelbar unterrichtet werden, Kinder aber, wie die
eurigen, nur, so es gut geht, mittelbar.
[GEJ.08_068,11] Ich sage es euch: Wenn die
Eltern es verstünden, ihre Kinder also zu erziehen, daß diese ihre Unschuld und
Seelenreinheit erhalten könnten nur bis in ihr vierzehntes Jahr, so würden
ihnen auch aus den Himmeln Lehrer und Führer unmittelbar gegeben werden; aber
da das nun in dieser Zeit unter den besonders angesehenen Juden schon gar nie
mehr vorkommt, so haben auch die Lehrer aus den Himmeln mit euren Kindern
unmittelbar nichts mehr zu tun.
[GEJ.08_068,12] Aber bei den Patriarchen war
das sehr häufig der Fall, und hie und da geschah das auch noch in diesem, wie
auch im vorigen Säkulum. Meines Leibes Mutter wie auch Mein Nährvater Joseph,
dann auch der alte Simeon, die Anna, der Zacharias, sein Weib Elisabeth und
sein Sohn Johannes und noch etliche sind von den Engeln aus den Himmeln erzogen
worden, und das unmittelbar; aber die Benannten sind von ihren Alten (Eltern)
auch in der größten Sitten- und Seelenreinheit von der Wiege an erzogen worden,
was aber bei euren Weltkindern wohl nie der Fall war.
[GEJ.08_068,13] Allein, es wäre das wohl gar
überaus gut für die Menschen, obwohl das zur Erlangung der Seligkeit und des
ewigen Lebens nicht gerade unbedingt nötig ist; denn es ist bei Mir und somit
auch im Himmel unendlich mehr Freude über einen Sünder, der Buße tut und sich
wahrhaft bessert, als über neunundneunzig Gerechte, die der Buße nie bedurft
haben, wie Ich euch das schon einmal gesagt habe. Darum tuet nun das, was Ich
euch lehre, und ihr werdet leben; denn Ich, der Ich euch das sage, bin mehr
denn alle Engel der Himmel, und somit auch sicher Meine Lehre!“
[GEJ.08_068,14] Sagte nun ein
Schriftgelehrter, dessen Weib und Kinder auch in Bethanien sich befanden:
„Herr, mein Weib und meine sieben Kinder haben meines guten Wissens allzeit
streng nach dem Gesetze leben müssen, und die Seelen der Kinder dürften wohl
noch ganz rein sein! Diese könnte ich ja doch wohl hierher bringen lassen? Sie
würden hier sicher für ihr ganzes künftiges Leben viel gewinnen. Was meinst Du,
o Herr, da?“
[GEJ.08_068,15] Sagte Ich: „Da meine Ich
dennoch also, daß es für dein Weib und für deine Kinder, die nicht so rein
sind, wie du das meinst, besser ist, wenn sie heute bleiben, wo sie sind; denn
morgen ist auch noch ein Tag und übermorgen auch einer, und da wird es sich
schon noch fügen, daß Ich auch mit euren Weibern und Kindern zusammenkommen
werde. Und nun machet Mir in dieser Hinsicht keine Vorstellungen mehr!“
[GEJ.08_068,16] Nach diesen Meinen Worten
machten sie Mir auch keine derartigen Vorstellungen mehr.
69. Kapitel
[GEJ.08_069,01] Da wir aber nun ganz in aller
Ruhe wohlgemut beisammensaßen, da sagte der Römer Markus, den wir schon als
einen tiefen Denker haben kennengelernt, zu Mir: „Herr und Meister, erlaubst Du
es mir, weil wir gerade Muße haben, an Dich noch eine Frage zu stellen? Es
drückt mich noch etwas, und ich möchte darüber eine noch nähere Aufklärung
haben, als Du sie uns auf dem Ölberge hast zukommen lassen.“
[GEJ.08_069,02] Sagte Ich: „Rede und frage du
nur immer zu, denn in dir wohnt eine helle Seele! Ich weiß zwar wohl, was du
noch hast, aber Ich habe der andern wegen gern, daß eben du redest und fragst,
auf daß auch sie wissen, um was es sich handelt; denn es ist das stets ein
großer Fehler bei den Menschen, daß nur wenige in sich merken, was und wo es
ihnen fehlt. Denn würden die Menschen das merken und fühlen, so würden sie auch
mit großem Fleiß und Eifer das Abgängige suchen und zu finden trachten und
würden auch vieles finden. Weil sie aber träge sind und nicht wissen und
fühlen, was ihnen noch mangelt, so suchen sie das Mangelnde auch nicht und
finden es auch nicht. Wer aber sucht, der findet, und wer da bittet, dem wird
gegeben, und wer da anklopft, dem wird aufgetan! Und so sage du nun nur, über
was du noch ein helleres Licht haben möchtest, als es euch auf dem Ölberge
gegeben worden ist!“
[GEJ.08_069,03] Sagte nun unser Römer Markus:
„Siehe, Herr und Meister, Du Selbst hast es laut gesagt, daß der Mensch Gott
nicht völlig über alles lieben könne, der Ihn nicht, soweit es ihm nur immer
möglich ist, zu erkennen trachtet; und da habe ich nun nach längerem Nachdenken
gefunden, daß mir noch gar manches mangelt!
[GEJ.08_069,04] Siehe, ich habe in Illyrien
und auch in unseren weiten Länderstrichen mehrere Bergwerke und gewinne da
allerlei Metalle, wie Gold, Silber, Blei und eine große Menge Eisen, das wir
gar wohl gebrauchen können!
[GEJ.08_069,05] Aber beim Baue in den Bergen
habe ich schon so Seltsames und Denkwürdiges aufgefunden, und das sehr tief
unter dem gewöhnlichen Erdboden. Es waren das Knochen und Gerippe von einst auf
der Erde lebenden riesenhaft großen Tieren. Wann haben diese die Erde bewohnt,
und wie konnten sie so tief unter – sage – sogar hohe Berge geraten? Also fand
man in Ägypten und auch in Hispania sogar Knochen und Gerippe, die mit denen
eines Menschen eine große Ähnlichkeit hatten; nur waren sie auch wenigstens ums
Vier- bis Fünffache größer und stärker als die eines jetzigen Menschen. Also
fand ich noch gar manche Seltenheiten, deren ich hier näher zu gedenken nicht
für nötig finde.
[GEJ.08_069,06] Du hast uns auf dem Berge
wohl ganz kurz eine Erwähnung davon gemacht, daß es vor Adam auf der Erde schon
gar lange eine Art Menschen gegeben habe, die aber noch wenig freien Willen
hatten, sondern sich mehr den Tieren ähnlich instinktmäßig bewegten und auch
nach dem Instinkte handelten. Erst vor etwa viertausend Jahren erscheint nach
der Juden Schrift der erste Mensch Adam mit einem vollends freien Willen und
mit einem auch ebenso freien Verstande und gibt selbst aus sich seinen
Nachkommen weise Gesetze und Anordnungen.
[GEJ.08_069,07] Hier wage ich eine große
Frage zu stellen, und diese besteht darin: War diese Erde zur Zeit Adams hie
und da noch von den Vormenschen bewohnt, und hat sich dieses Geschlecht
vielleicht auch irgendwo an gewissen Punkten der Erde bis auf unsere Zeiten
erhalten, und wird es sich vielleicht auch noch länger forterhalten? Und wie
kamen die Knochenüberreste der Vorwelttiere sogar unter die Grundfesten der
Berge und ebenso auch die riesigen Überreste der Präadamiten?
[GEJ.08_069,08] Herr, darüber gib mir noch
einen näheren Aufschluß; denn was wir forschenden Römer bis jetzt schon
aufgefunden haben, das und sicher noch ein mehreres werden unsere Nachkommen
finden.
[GEJ.08_069,09] Die uns bekannten Bücher
Mosis geben uns über die Bestandsverhältnisse der Erde vor Adam gar keinen
Aufschluß. Moses beginnt gleich mit der höchst mystischen Schöpfungsgeschichte,
die aber mit dem, was wir nun auf der Erde finden, in gar keinem Zusammenhang
steht, – ja, nur die höchsten Widersprüche aufstellt.
[GEJ.08_069,10] Wenn Du uns über das nun kein
höheres Licht zukommen läßt, so wird das besonders bei den späteren Nachkommen
große Wirrnisse erzeugen, und Deine Lehre wird großen Spaltungen unterworfen
werden. Denn Deine Lehre ruht auf der mosaischen; ist aber jene in irgend etwas
dunkel, so kann Dein Licht nicht zur vollen Helle auf der Erde kommen. Darum
gib Du uns auch da noch einen helleren Aufschluß; wir bitten Dich darum!“
70. Kapitel
[GEJ.08_070,01] Sagte Ich: „Höre, du Mein Mir
sehr liebgewordener Markus! Gar vieles habe Ich euch schon gesagt und gezeigt
und werde euch auch noch das sagen und zeigen; aber alles das euch nun Gesagte
und Gezeigte wird nicht viel über eure nächsten Nachkommen hinauskommen, weil
die Weltmenschen das nicht fassen, nicht begreifen und somit auch nicht glauben
werden. Du hast wohl einen ganz guten Grund aufgestellt, demzufolge eine von
dir beanspruchte Erklärung über die Dinge und Bestandsverhältnisse dieser Erde
zur wahren Festigung des Glaubens der Menschen an Meine Lehre besonders als
notwendig erscheint. Doch habe Ich es euch aber auch gesagt, daß über alles in
Meiner Schöpfung Vorkommende einem jeden, der im Geiste wiedergeboren wird,
eben der Geist es offenbaren wird. Wem es aber der Geist offenbaren wird, der
wird es dann auch im wahren Lichte lebendig begreifen, wie sich alle die dir
nun noch so unbegreiflich scheinenden Dinge verhalten.
[GEJ.08_070,02] Was Ich euch aber nun
mündlich darüber sagen werde, das werdet ihr Mir wohl glauben, weil Ich es euch
sage; aber in der Tiefe begreifen werdet ihr es auch nicht, und noch weniger
werdet ihr imstande sein, den andern nun im Geiste noch völlig blinden Menschen
einen rechten Begriff davon beizubringen. Und so werden die Menschen noch lange
zu warten haben, bis für sie alle die sogenannten großen Fragen werden
beantwortet werden können, auf eine solche Weise, daß sie ihnen verständlich
werden.
[GEJ.08_070,03] Siehe, auch die Juden sind
als einst das erleuchtetste Volk der Erde, abgesehen, daß ihnen Moses selbst
alles erklärt hatte durch den Mund seines Bruders Aaron in zwei nachgetragenen
Büchern, nun dahin gekommen, daß sie von allen dergleichen urweltlichen Dingen
rein nichts mehr wissen und verstehen. Alles, was sie irgend von solchen
Urüberresten finden, bezeichnen sie als eine Wirkung der von ihnen nicht mehr
verstandenen noachischen Sündflut. Lehre sie etwas anderes, so werden sie dich
als einen Ketzer verdammen!
[GEJ.08_070,04] Ihr Heiden habt in eurer
Götterlehre die mythische Kunde gleich von zwei großen Erdüberflutungen und
schreibt ihnen zunächst den ursächlichen Grund der Erscheinungen zu, und das
Volk hängt fest daran. Saget ihm nun die Wahrheit, so wird es euch verlachen
und, wenn es gut geht, dazu sagen: ,Ei, wer kann das wissen? Das wissen nur die
Götter!‘ Was könnet ihr ihm dann entgegnen? Sieh, darum werden die Menschen in
dieser Hinsicht erst dann die Wahrheiten zu fassen imstande sein, wenn sie
erstens in allerlei Wissenschaften werden bewandert sein, und zweitens, so es
ihnen ihr geweckter Geist offenbaren wird!
[GEJ.08_070,05] Euch aber will Ich nun
gleichwohl einige Winke geben, wie sich die Sachen etwa verhalten, obschon Ich es
nur zu klar einsehe, daß ihr das alles mit eurem gegenwärtigen Verstande nicht
fassen werdet, weil fürs erste euch dazu der Begriff von überaus großen Zahlen
mangelt, und weil ihr fürs zweite von den Sternen und ihren Größen,
Entfernungen und Bewegungen nun nur das wisset und glaubet, was Ich euch
darüber gesagt habe; aber es ist alles das so lange auch bei euch nur ein
äußeres Wissen, bis es sich in eurem Geiste als eine selbständige und
selbstgeschaffene lichtvolle Wahrheit gestalten wird.
[GEJ.08_070,06] Daß diese Erde ein derartig
hohes Alter hat, daß ihr die Zahl ihrer Bestandjahre gar nicht fassen könntet,
wenn Ich sie euch auch darstellen würde, das habe Ich euch schon auf dem
Ölberge gezeigt. Kurz aber und gut, die Erde besteht als ein Weltkörper für
eure Begriffe schon nahezu unendlich lange und hat viele Veränderungen auf
ihrer Oberfläche zu erleiden gehabt, bis sie zu ihrer gegenwärtigen Gestalt
gediehen ist. Feuer, Wasser, Erdbeben und andere große Stürme, besonders in
ihren Urzeiten, waren die Handlanger, die aus ihr nach Meinem Willen das
gemacht haben, was sie nun ist. Und damit sie fortbesteht und zur zeitweiligen
Ernährung von noch viel mehr Menschen und anderen Kreaturen noch fähiger wird,
so müssen Feuer, Fluten, Erdbeben und kleine und große Stürme noch in ihr, auf
ihr und über ihr nach rechtem Bedarf tätig sein.“
71. Kapitel
[GEJ.08_071,01] (Der Herr:) „Als die Erde in
ihren Urzeiten nur so weit gediehen war, daß sich über ihren Gewässern nur
einige größere und kleinere Inseln erhoben, die mit dem Meeresschlamme
überdeckt waren, da legte Ich auch bald aus Meiner Weisheit und aus Meinem
Willen allerlei Pflanzensamen in den fruchtbaren Schlamm. Und siehe, da wurden
solche Inseln denn auch bald bepflanzt, und zwar zuerst mit allerlei seltenen
Gräsern, Kräutern und kleinen und später auch überaus großen Bäumen!
[GEJ.08_071,02] Als solche Inseln also
bewachsen waren, da legte Ich dann auch Eier oder Samen zur Bildung einer für
jenen Erdzustand tauglichen Tierwelt, die zuerst nur in allerlei kleinen und
dann größeren Würmern bestand und im Verfolge aus Insekten und endlich, als der
trockener gewordene Boden schon des Futters in großer Fülle hatte, auch aus
riesig großen Tieren, deren Aufgabe es war, sich mit den noch sehr rohen
Kräutern und Baumästen zu nähren und mit ihrem Kote den Boden mehr und mehr zu
düngen, und endlich auch mit ihren umgestandenen (verendeten) riesig großen
Leibern, von deren Knochen ihr auch noch in den tiefen Höhlen und Schächten der
Erde Überreste finden möget.
[GEJ.08_071,03] Aus der Verwesung solcher
Tiere entwickelten sich nach Meinem Willen auch wieder eine Menge neuer Tiere
in der Gestalt von kleineren und größeren Würmern und aus ihnen allerlei
Insekten.
[GEJ.08_071,04] Nennen wir nun das einen
Erdbildungsabschnitt. Es versteht sich aber schon von selbst, daß der Erdkörper
vordem schon beinahe zahllose Male allerlei Vorveränderungen unterworfen werden
mußte, weil dieser Zustand ohne jene Vorgänge nie hätte stattfinden können.
Allein alle solche Vorgänge gehen euch ebensowenig etwas an wie jene zum
Beispiel eines ins Erdreich gelegten Weizenkornes bis dahin, wo endlich aus dem
Keime eine vollreife und sehr gesegnete Frucht zum sicher sehr brauchbaren
Vorschein kommt. Kurz, Ich habe euch nun die Erde in ihrer ersten Befruchtungsblüte
gezeigt, wo in ihrem Oberboden allerlei Samen für Kräuter und Bäume gelegt
worden sind und Eier für allerlei Getier, für was alles schon lange zuvor im
Wasser der Grund gelegt worden ist; denn gewisse und sehr verschiedenartige
Wasserpflanzen und -tiere sind offenbar in allem um sehr vieles älter als die
Tiere der festen Erde und die Tiere der Luft.
[GEJ.08_071,05] Ihr habt nun einen ersten
Abschnitt der ersten Fruchtbodenbildung der Erde in Meinen Worten angeschaut
und habt dabei euch selbst denken müssen, daß auf diesem Urfruchtboden für ein
besseres Getier, geschweige erst für einen Menschen, ein Sein nicht stattfinden
konnte. Aber es war dieser sauere Zustand dennoch notwendig, da ohne ihn kein
zweiter und vollendeterer hätte folgen können, so wenig, als ohne die
vorgängige Magersauerknospe je auf einem Baume eine reifere und endlich ganz
reife Frucht zum Vorschein kommen kann.
[GEJ.08_071,06] Zum Vollreifwerden einer
Baumfrucht aber gehören nach dem Magersauerknospenbilden doch sicher noch eine
Menge Vorgänge, die freilich nur Mein Auge ganz genau beobachten kann; und das
ist sicher bei der Reifebildung eines Weltkörpers noch um so mehr der sehr
bedingt notwendige Fall.
[GEJ.08_071,07] Wir haben nun die Erde in
ihrer Magersauerknospengestaltung gesehen. Was geschieht denn bei einem Baume
im ersten Frühjahre, wenn die Magersauerknospe so recht geschwollen und
grünsaftig wird? Sehet, sie springt, von innen gedrängt, auf, wirft ihre erste
Umhüllung gewisserart über Bord ins Meer der Vergänglichkeit und Auflösung und
entfaltet sich zu einer größeren Vollkommenheit, damit aus ihrer Mitte sich
dann die Blätter als die notwendigen Begleiter der nachfolgenden Blüte zur
Entwicklung der Frucht entfalten können. Obschon aber, wie schon bemerkt, ein Baum
nur ein höchst magerer Vergleich zur Entwicklung eines Weltkörpers ist, so kann
er euch aber dennoch als ein gutes Bild dienen, dem ihr in einem sehr
verjüngten Maße entnehmen könnet, wieviel dazu gehört, bis ein Weltkörper
tauglich wird, um Menschen eurer Gattung zu tragen und zu ernähren.
[GEJ.08_071,08] Diese erste Periode oder der
erste Abschnitt der Erdbefruchtung in der noch allerrohesten und
unkultiviertesten Art geht nach sehr vielen tausendmal tausend Jahren, wie sie
nun auf dieser Erde gerechnet werden, unter; denn damals gab es für diese Erde
noch keine bestimmten Jahreszeiten, und die schon da waren, die dauerten ein
wenig länger als die nunmaligen.
[GEJ.08_071,09] Was wir in der ersten Periode
gesehen haben, das ging durch zugelassene und, noch besser, fest angeordnete
Feuerstürme aus dem Innern der Erde unter, und nach einer großen Anzahl von
jetzigen Erdjahren erhoben sich größere Landstrecken, schon mit Bergen geziert,
aus den großen Tiefen der Meere der Erde, mit einem schon um vieles fruchtbareren
Schlamme überdeckt.
[GEJ.08_071,10] Zur rechten Zeit wurden aus
Meiner Weisheit und aus Meinem Willen vollkommenere Sämereien in diesen Schlamm
gelegt, und bald ward es eines schon gar üppigen Aussehens auf den größeren
Länderstrecken der noch immer jungen Erde.
[GEJ.08_071,11] Als es nun abermals des
Futters in großer Menge auf den verschiedenen größeren Länderstrecken gab, da
ward von Mir aus auch gleich in der weisesten Ordnung für eine größere und
schon vollkommenere Anzahl der kleinen und großen Konsumenten gesorgt. Da ward
das Wasser zwischen den Länderstrecken von größeren Tieren belebt, und die
größeren Länderstrecken hatten ihre großen Verzehrer dessen, was ihr Boden an
neuen Pflanzen, Kräutern und Bäumen bot.
[GEJ.08_071,12] Gräser, Pflanzen, Kräuter,
Gesträuche und gar riesige Bäume erzeugten teilweise schon Samen und konnten
sich fortpflanzen; doch der größere Teil wuchs immer noch den Pilzen gleich aus
dem fruchtschwangeren Boden der Länderstrecken, und die Tiere entstanden auf
nahezu die Art und Weise wie die euch bekannten Drachen des Nilstromes in
Ägypten, nämlich aus den Eiern, und konnten in der Luft wie auch im Wasser
leben und sich auch nähren von Pflanzen im Wasser und auf den Länderstrecken,
auf denen es aber auch noch lange nicht irgend zu trocken aussah.
[GEJ.08_071,13] Denn in dieser gewisserart
für das fruktitive Pflanzen- und Tierleben fortschreitenden Bildungsperiode der
Erde konnte es ebensowenig wohnlich trocken aussehen wie bei den sich mehr und
mehr entfaltenden Baumknospen; denn so es bei diesen ein trockenes Aussehen
hat, dann sieht es mit der Blüte und mit der nachfolgenden Frucht sicher eben
nicht am besten aus.“
72. Kapitel
[GEJ.08_072,01] (Der Herr:) „Die zweite
Vorbildungsperiode dauerte wieder eine für euch nicht aussprechbare Zeit von
jetzigen Erdjahren. Aber die Erde war noch lange nicht tauglich, warmblütige
Tiere, geschweige Menschen von noch so unterer Art, zu tragen; daher ging sie
auch wie die erste unter, und es dauerte dann wieder lange, bis eine dritte Vorbildungsperiode
zum Vorschein kam.
[GEJ.08_072,02] Natürlich gingen zwischen
einer und der andern Hauptvorbildungsperiode eine Menge auch sehr stürmischer
Zwischenperioden vor sich, deren Bedeutung zunächst nur Ich als der Schöpfer am
besten kenne und endlich auch der Geist, dem Ich es offenbaren will.
[GEJ.08_072,03] Es entstand aus den vielen
notwendigen Vorgängen wieder eine dritte Periode. Nun treten schon gar
bedeutend große Länder aus dem Meere hervor, getrieben durch das innere Feuer der
Erde, natürlich nach Meinem Willen. Die Vegetation wird noch um vieles
reichhaltiger und immer noch riesiger Art; die Tiere ebenso wie die Vegetation.
Aber auch diese Periode, die ebenfalls überaus lange angedauert hat, und die
man gewisserart mit der Blüte eines Baumes vergleichen könnte, war so wie die
beiden früheren noch lange nicht geeignet, dem Menschen zu einem Wohnorte zu
dienen; daher ging auch diese unter und begrub so wie die erste und zweite ihre
Produkte sowohl in der vegetabilen wie in der animalischen Sphäre, nur nicht so
tief wie die erste.
[GEJ.08_072,04] Darauf gab es wieder eine
Menge Zwischenperioden, und es kam nach langen Zeiten eine vierte
Vorbildungsperiode zum Vorschein. Die Landteile wurden wieder um vieles größer,
die Vegetation abermals auch um vieles üppiger, und es fing an, im Wasser, auf
den schon trockeneren Landen, wie auch in der Luft von allerlei kleinen und
daneben auch von größeren Tieren sehr lebendig zu werden, und es gab darunter
schon sogar warmblütige Säugetiere, die nicht mehr mittels der Eier in diese
Welt kamen, sondern auf dem Wege der natürlichen Zeugung, und sonach lebendige
Junge zur Welt brachten, mit Ausnahme der Wassertiere, einiger großer
Amphibien, der Vögel, Würmer und Insekten.
[GEJ.08_072,05] Diese vierte
Hauptvorbildungsperiode dauerte ungemein lange, und der Boden der Erde wurde da
schon von Zeit zu Zeit von den Strahlen der Sonne beleuchtet, und an einigen
Bäumen fing sich schon eine Frucht zu zeigen an, die euch aber freilich eben
noch nicht besonders gemundet hätte; aber sie diente der damaligen Tierwelt
doch zu einem guten Futter.
[GEJ.08_072,06] Auch in dieser vierten
Vorbildungsperiode gab es noch nichts Menschenähnliches auf der Erde.
[GEJ.08_072,07] Es kamen wieder große
Erdumwälzungen und begruben auch zum größten Teil alles, was ihr damals als
eine Kreatur benamset hättet, und ihr findet aus dieser Periode auch gar vieles
und manches unter dem Boden der Erde begraben, das sich aber von den Produkten
der ersten drei Perioden hier und da schon sehr wesentlich unterscheidet.
[GEJ.08_072,08] Nach langen Zeiten, in deren
Verlauf nun auf der Erde schon eine größere Ruhe und Ordnung eintrat, und nach
vielen noch immer sehr großen Erdstürmen sehen wir nun eine fünfte
Erdvorbildungsperiode auftauchen. Aus dem tiefen Meeresgrunde erheben sich von
neuem große Länder, schließen sich an die aus den früheren Perioden schon
bestehenden an und bilden schon ordentliche Festlande.
[GEJ.08_072,09] In dieser fünften Periode
entstehen die meisten und höchsten Berge der Erde. Ihre überhohen Spitzen
werden von den Blitzen zertrümmert und dann durch gewaltige Erdbeben und durch
mächtige Wolkenbrüche entstandene Strömungen in die tiefen Täler und Gräben der
Erde geschoben. Dadurch werden weitgedehnte Ebenen und minder breite Täler und
Triften gebildet, auf denen dann alles besser gedeihen kann.
[GEJ.08_072,10] Mit dem Beginn dieser Periode
wird die Erde auch in eine geordnete Umbahnung um die Sonne gebracht. Tag und
Nacht wechseln schon regelrecht, auch des Jahres Zeiten, obschon noch unter
allerlei Veränderungen, weil die Schwankungen der Erdpole noch immer bedeutend
sind und in dieser Periode auch noch sein müssen.
[GEJ.08_072,11] In dieser Periode, in der
sich schon ein bleibendes Festland gebildet hat, beginnen die regelmäßigen
Meeresströmungen von 14000 zu 14000 Erdjahren. Durch diese wird nach und nach
einmal die südliche Erdhälfte und darauf wieder die nördliche vom Meer
überschwemmt zur weiteren Fruchterdbildung über die oft sehr weitgedehnten
Steingeröllwüsten. Denn nach ungefähr 14000 Jahren hat das Meer so viel
fruchtbaren Schlamm über die wüsten Steingeröllflächen und Täler gelegt, daß
sie dann, so das Meer wieder zurücktritt und der zurückgelassene Schlamm zu
einem gediegeneren Boden wird, überaus fruchtbar sind.
[GEJ.08_072,12] Es bedurfte bei dieser
fünften Periode wohl mehr denn tausendmal tausend Jahre, bis aller gut gelegene
Erdboden vollends für eine neue Schöpfung von einer großen Anzahl der
verschiedenartigsten Pflanzen, wie Gräser, Kräuter, Sträucher und Bäume, und
dann auch für allerlei Tiere und voradamitische Menschen geeignet war.
[GEJ.08_072,13] In dieser Periode sehen wir
schon eine große Menge von allerlei Fruchtbäumen und anderen Fruchtgewächsen
aller Art und Gattung für Tiere und für die damaligen Vormenschen. Doch von
einem Ackerbau ist da noch keine Rede, wohl aber benutzen die Vormenschen schon
gewisse Tierherden und führen ein rohes Nomadenleben, haben kein Gewand und
bauen sich auch keine Häuser und Hütten; aber auf den dicken Baumästen errichten
sie sich den Vögeln gleich gewisse feste Wohn- und Ruhenester und schaffen sich
Vorräte von Nahrungsmitteln, die sie nach und nach verzehren. Ist der Vorrat
aufgezehrt, so gehen sie wieder scharenweise auf neue Jagd nach Nahrungsmitteln
aus. Wenn es frostig wird, weil in dieser Periode auch der Schnee zum
gedeihlichen Vorschein kommt, so ziehen diese Menschen samt ihren Haustieren,
die in Mammuts, großen Hirschen, Kühen, Ziegen und Schafen bestehen – auch der
Elefant, das Nas- und Einhorn, allerlei Affen und auch Vögel gehören dazu –, in
wärmere Gegenden.
[GEJ.08_072,14] Mehr gegen das Ende dieser
Periode erscheint auch der Esel, das Kamel, das Pferd und das Schwein, welche
Tiere auch von diesen Vormenschen beherrscht werden. Denn so viel höheren Vernunftinstinkt
besitzen sie, daß sie die benannten Tiere beherrschen und auch gebrauchen
können teils zum Tragen, teils zur Jagd und teils zur Gewinnung der Milch und
der Wolle, mit der sie sich ihre Nester wohl auslegen und sich so ein weiches
Lager bilden.
[GEJ.08_072,15] Sprache haben sie eigentlich
in der Art, wie sie nun unter Menschen gang und gäbe ist, keine; aber sie haben
dennoch gewisse artikuliertere Laute, Zeichen und Gebärden als selbst die
vollkommensten Tiere und können sich gegenseitig verständigen, was sie für ein
Bedürfnis haben, und kommen dann auch einander zu Hilfe. Wird jemand krank,
gewöhnlich wegen hohen Alters, so kennt er schon das Kraut, das ihm hilft; kann
er nicht mehr gehen und es suchen, so tun das die andern für ihn.
[GEJ.08_072,16] Nur ein Feuer machen und es
benutzen, das können sie nicht; so sie es aber hätten sehen können, wie es die
Adamiten später machten, so würden sie es ihnen nachgemacht haben, weil bei
ihnen der Nachahmungstrieb ein sehr vorherrschender ist und ihre Intelligenz
mit einem gewissen Grade des freien Willens schon weit über die Intelligenz
eines noch so vollkommenen Affen ragt. Also würden sie auch reden erlernen
können nach unserer Weise, doch aus sich nie eine weise Rede erschaffen.
[GEJ.08_072,17] Als Menschen aber waren sie
riesig groß und überaus stark und hatten auch ein so starkes Gebiß, daß sie
sich dessen statt der Schneidewerkzeuge bedienen konnten. Ebenso hatten sie
auch einen höchst starken Geruchs- und Gefühlssinn und gewahrten schon von
weitem, wenn sich ihnen etwas Feindliches nahte; mit ihren Augen und mit ihrem
Willen bändigten sie die Tiere und mitunter auch die Naturgeister.
[GEJ.08_072,18] Obschon aber diese fünfte
Vorbildungsperiode gar sehr viel tausendmal tausend Jahre währte, so war unter
diesen Menschen doch keine wie immer geartete Fortschrittskultur bemerkbar,
sondern sie lebten ihr einförmiges Nomadenleben fort und waren somit nur eine
Vordüngung der Erde fürs gegenwärtige Mir in allem völlig ähnliche
Menschengeschlecht.
[GEJ.08_072,19] Die Farbe ihrer noch ziemlich
behaarten Haut war zwischen dunkel- und lichtgrau; nur im Süden gab es auch
haarlose Stämme. Ihre Form hatte eine bedeutende Ähnlichkeit mit den Mohren der
Jetztzeit. Sie pflanzten sich bis zu Adam in den Niederungen und dichten
Wäldern fort; aber auf die Berge verpflanzten sie sich niemals.“
73. Kapitel
[GEJ.08_073,01] (Der Herr:) „Zu den Zeiten
Adams, mit dem die sechste Periode beginnt, hatte die Erde wieder teilweise
große Umwälzungen zu bestehen durchs Feuer und durchs Wasser, und da ging bei
dieser Gelegenheit das beschriebene Voradamitengeschlecht samt ihren Haustieren
nahezu ganz unter, so auch die vielen Wälder und deren andere Tiere, die nicht
zu den Haustieren zu rechnen sind; nur einige Gattungen der Vögel blieben, wie
auch die Tiere der Berge und der Gewässer der Erde.
[GEJ.08_073,02] Es erhielten sich hier und da
die beschriebenen Vormenschen wohl noch, aber höchst schütter mit den Adamiten
bis in die Zeiten Noahs in Asien; aber sie verkümmerten nach und nach, weil sie
keine ihnen entsprechende Nahrung in rechter Genüge mehr fanden. Doch in
einigen tiefen Gegenden des südlichen Afrika und auf einigen größeren Inseln
der weiten Erde sind noch einige verkümmerte Nachkommen aus der fünften Periode
anzutreffen. Sie sind aber noch ganz wild; nur haben sie sich von den
Nachkommen Kains doch hier und da eine etwas größere Kultur angeeignet. Sie
können zu verschiedenen Arbeiten abgerichtet werden, aber aus sich im Grunde
doch nichts erfinden. Ein Teil steht ja etwas besser, weil er aus der
Vermischung der Kainiten und später auch der Lamechiten hervorging; aber auch
dieser Teil ist zu einer höheren und tieferen Geistesbildung nicht geeignet.
[GEJ.08_073,03] Diese Art von Menschen aber
wird sich alldort, wo sie nun ist, noch lange forterhalten und fortpflanzen und
nach und nach von den Adamiten auch noch mehr Bildung annehmen, aber dabei doch
nie zu einem großen Volke werden. – Da habt ihr nun die Präadamiten aus der
fünften Erdvorbildungsperiode.
[GEJ.08_073,04] Bei deren Beginn hatte diese
Erde auch den Mond zu ihrem Begleiter und Regulator ihrer Bewegung um die Sonne
und um ihre eigene Achse bekommen; freilich hatte auch der Mond nicht sogleich
die Gestalt, die er jetzt hat. Bis er zu dieser kam, hatte er auch für ihn große
und sturmvolle Perioden durchzumachen, die freilich wohl nicht so lange
andauerten wie die der Erde.
[GEJ.08_073,05] Fraget Mich aber nun nicht,
warum denn das Ausbilden eines Weltkörpers eine so undenkbar lange Zeit
vonnöten hat, denn das liegt in Meiner Weisheit und Ordnung. Wenn aber der Herr
eines Weinbergs alle Arbeit in einem Augenblick könnte fertig haben, was würde
er dann das ganze Jahr hindurch tun? Der kluge Weinbergsbesitzer aber teilt
sich die Arbeit ein, hat alle Jahre etwas zu tun, und diese tägliche Tätigkeit
bereitet ihm auch stets eine neue Seligkeit. Und sehet, also ist es auch bei
Mir der Fall; denn Ich bin in der ganzen Unendlichkeit ewig das allertätigste,
aber darum auch das allerseligste Wesen.
[GEJ.08_073,06] So im Frühjahre die Kinder
eines Hausvaters im Garten die Kirschen, Pflaumen, Birnen und Äpfel blühen
sehen, so haben sie wohl zwar auch eine Freude darüber, aber sie möchten doch
schon gleich die reifen Früchte sehen und genießen, als sich pur nur an den
schönen Blüten ergötzen. Aber der weise Vater sagt zu den noch sehr von der
Ungeduld befangenen Kindern: ,Nur Geduld, meine lieben Kinder! Alles in dieser
Welt hat nach der Anordnung Gottes seine Zeit, und alles kommt in ihr zu seiner
Reife! Darum habet auch ihr nur Geduld; auch diese nun blühenden Bäume werden
in wenigen Monden mit reifen und süßen Früchten voll behangen dastehen, und wir
werden sie dann mit dem Vater im Himmel genießen!‘ Das beruhigt dann die
Kinder.
[GEJ.08_073,07] Und so möget auch ihr
beruhigt sein, wenn ihr auch nicht schon allenthalben auf dieser Erde die
vollreifen Früchte Meiner Lehre erschauet; zur rechten Zeit werden sie schon
zur Reife gelangen. Denn das könnet ihr euch wohl denken, daß Ich nicht umsonst
und vergebens den lebendigen Samen Meines Wortes unter euch ausgestreut habe.
Von heute aber bis morgen kann die Vollreife noch nicht erfolgen.
[GEJ.08_073,08] Und sehet, was schon bei
einem Baume eine gewisse Zeit braucht nach Meiner Ordnung, das benötigt es nach
derselben sicher um so mehr bei einer Erde! Denn es ist da nicht hinreichend,
daß eine Welt nur als ein übergroßer Klumpen von Steinen, Erde und Wasser im
großen Ätherraume sich befindet, denn ein solcher Klumpen wäre völlig tot, und
es könnte auf ihm nichts wachsen und leben. Eine Welt aber, die Lebende tragen
und ernähren soll, muß zuvor selbst lebend werden. Dazu aber gehört, daß sie
zuvor unter allerlei Einflüssen und Prozessen innerlich gleich einem großen
Tier organisch völlig ausgebildet wird.
[GEJ.08_073,09] Es hat zwar jeder werdende
Weltkörper, gleich wie ein Embryo im Mutterleibe, schon alle Anlagen zu einer
vollkommenen tierisch-organischen Lebensform, aber sie liegen im Anfange der
Bildung wie chaotisch untereinandergemengt; erst nach und nach ordnen sie sich
und werden dann zu einem organisch lebenden Ganzen. Wie aber dieses Ordnen vor
sich geht, das weiß Ich, weil Ich allein in allem der Grundordner bin. Wenn ihr
aber selbst im Geiste werdet vollendet sein, da werdet es auch ihr einsehen,
wie dieses Ordnen vor sich geht.
[GEJ.08_073,10] Nach und aus den euch nun so
einfach und klar als möglich dargestellten Bildungsperioden könnet ihr aber
noch etwas entnehmen, und zwar den eigentlichen Urgrund, aus dem der Prophet
Moses die Schöpfung in sechs Tage eingeteilt hat.
[GEJ.08_073,11] Diese sechs Tage sind demnach
die euch gezeigten sechs Perioden, die ein jedes geschaffene Wesen einmal
naturmäßig und dann, wie es bei euch Menschen der Fall ist, auch seelisch und
geistig zu seiner Reife und Vollendung durchzumachen hat.
[GEJ.08_073,12] Nach diesen erst kommt die
siebente Periode der Ruhe, welche ist das seligste, ewige Leben. Ruhe aber
heißt die siebente Periode darum, weil den vollendeten Geist kein Zwang, kein
Gericht und keine ängstliche Sorge mehr drückt, sondern sein Sein in die
vollste Wissenserkenntnis- und freieste Willensmacht übergeht für ewig.
[GEJ.08_073,13] Und nun sage du, Mein lieber
Markus, Mir, wie du nun diese Meine Erklärung verstanden hast!“
74. Kapitel
[GEJ.08_074,01] Sagte Markus ganz voll
Staunens: „Herr und Meister von Ewigkeit! Ich und hoffentlich auch alle die
andern haben Deine gnädige Erklärung wohl aufgefaßt, von einem durchdringenden
Vollverständnisse aber kann bei uns nun darum sicher keine Rede sein, weil uns
eben das mangelt, was Du Selbst uns angezeigt hast. Aber wir sind in uns
dennoch dahin zu einer klaren Anschauung gelangt, daß wir erstens nun wissen,
für was wir die in den Tiefen der Erde aufgefundenen Reliquien zu halten haben,
und wie sie durch die mehrfachen periodischen Umwälzungen der Erde und ihre
nachherigen Meereswanderungen in solche Tiefen gekommen sind, und zweitens
erkannte zum wenigsten ich, was der große Prophet Moses mit seinen sechs
Schöpfungstagen so im Hinterhalte angedeutet hat. Und das genügt uns
vorderhand, und wir können ganz ruhig nun abwarten, bis wir durch unsere eigene
geistige Vollendung ein Weiteres erfahren werden. Aber das sehe ich auch ein,
daß das nur eine Lehre für wenige ist und auch bleiben wird.
[GEJ.08_074,02] Nur eine Frage ist mir,
wenigstens für mich, noch übriggeblieben, und Du, o Herr und Meister, wirst es
mir gnädigst erlauben, Dir damit noch einmal zur Last zu fallen?“
[GEJ.08_074,03] Sagte Ich: „Du weißt es ja,
daß Ich dich gern vernehme, und so magst du wohl reden!“
[GEJ.08_074,04] Sagte der Römer Markus: „Herr
und Meister! Die besprochenen Voradamiten, obschon nur mit einer
instinktartigen Intelligenz und mit nur wenig freiem Willen begabt, hatten ja
doch auch Seelen, die als solche nicht sterblich, obwohl vielleicht wandelbar
sein können. Was hat es nun mit diesen Seelen für eine Bewandtnis? Wo und was
sind sie nun in dieser sechsten Erdperiode, und was wird etwa noch fürder aus
ihnen werden? Man könnte das freilich wohl schon eine anmaßende und frevelhafte
Frage nennen; aber da ich noch immer ein wißbegieriger Römer und kein
schläfriger Jude bin, so magst Du mir diese Frage auch noch zugute halten und
mir darüber eine ganz kurze Antwort geben!“
[GEJ.08_074,05] Sagte Ich: „O ja, warum
sollte Ich das nicht? Haben wir ja doch der Zeit noch zur Genüge dazu, und so
magst du Mich nun wohl anhören! Siehe! So sogar die Stein-, Pflanzen- und
Tierseelen fortleben und in ihrem von der Materie freien Zustande durch die
Einung schon in – sage – Menschenseelen übergehen und dann im Leibe eines
Menschen zu wahren Menschen werden können, so werden die Seelen der Voradamiten
doch auch ein Fortleben haben, gleichwie auch die Seelen der Menschen aller
anderen Welten im endlosen Schöpfungsraume ein ewiges Fortleben haben.
[GEJ.08_074,06] Als im Reiche der Geister fortlebende
Seelen aber werden sie auf irgendeinem großen Weltkörper, das heißt auf seinem
entsprechenden geistigen Boden, in tiefere Erkenntnisse über Gott und Seine
Macht und Weisheit geleitet, leben so auch ganz selig fort und können auch noch
immer seliger werden. Doch wo sich in dieser Hülsenglobe solch ein großer
Weltkörper befindet, das wäre wohl sehr unnütz, so Ich dir auch das anzeigte,
weil du solch einen Weltkörper mit deinen Sinnen nicht wahrnehmen könntest, und
von einer Überzeugung dessen, ob es dort wohl also aussehe, wie Ich es dir
beschriebe, könnte bei deinen Leibeslebzeiten ohnehin so lange keine Rede sein,
solange du in deinem Geiste nicht völlig wiedergeboren werden würdest; und so
mußt du dich bis dahin nun schon mit dem begnügen, daß Ich dir sage: In Meines
Vaters Hause gibt es gar viele Wohnungen! Einst in Meinem Reiche wird euch
allen alles klar werden. – Hast du Mich verstanden?“
[GEJ.08_074,07] Sagte Markus: „O ja, Herr und
Meister! Aber nun noch etwas, weil da eins so das andere gibt!
[GEJ.08_074,08] War zur Zeit der Voradamiten
diese Erde auch schon das gewisse Lebenskämmerlein im Herzen des Großen
Schöpfungsmenschen?“
[GEJ.08_074,09] Sagte Ich: „Wenn auch nicht
völlig in der handelnden Wirklichkeit, so doch in der Bestimmung dazu; als
handelnd war in jener Vorzeit ein anderer Weltkörper, dessen Menschen aber zu
sehr in den größten Hochmut und in die vollste Gottvergessenheit übergingen,
und die noch an einen Gott glaubten, die achteten Seiner nicht, boten Ihm Trotz
und suchten Ihn in ihrer Blindheit gewisserart vom Throne Seiner ewigen Macht
zu stürzen. Sie suchten Ihn, und arge Weltweise sagten, daß Gott im Zentrum
ihrer Erde Wohnung habe; man müsse dahin Minen machen und Ihn dort
gefangennehmen. Sie gruben denn auch entsetzlich tiefe Löcher in jene Erde,
wobei gar viele zugrunde gingen.
[GEJ.08_074,10] So Ich zu ihnen Boten sandte
und sie warnte, so wurden diese allzeit erwürgt, und die Menschen besserten
sich nicht. Und siehe, da ließ Ich zu, daß jene Erde von innen aus in viele Stücke
zerrissen wurde! Und das geschah zu Anfang der sechsten Periode dieser Erde,
und diese Erde ward zum Lebenskämmerlein. Wo aber jene Erde sich auch um diese
Sonne kreisend befand, darüber wollen wir noch etwas Näheres bestimmen. Aber
lasse du, Lazarus, einen frischen Wein bringen; dann wollen wir weiterreden!“
75. Kapitel
[GEJ.08_075,01] Lazarus ging nun mit einigen
Dienern und brachte frischen Wein, der von einem ganz besonders guten Geschmack
war. Mit diesem wurden die Becher wieder angefüllt, und wir tranken alle davon
und wurden gestärkt im ganzen Leibe, und alle wurden voll des besten Mutes und
priesen Mich, daß Ich so gute und stärkende Dinge auf diese Erde gesetzt habe.
[GEJ.08_075,02] Ich aber sagte: „Ja, ja, es
ist solch ein Wein ein stärkendes Getränk, aber nur dann, so er mit Maß und
Ziel getrunken wird! Wer den Wein aber unmäßig zu sich nimmt und sich
berauscht, für den ist er dann kein stärkendes, sondern ein sein ganzes Wesen
schwächendes Getränk. Darum genießet dieses Getränk allzeit mäßig in Meinem
Namen, so wird es euch stärken auch zum ewigen Leben der Seele; im übermäßigen
Genusse dieses Getränkes aber ruht der arge Geist der Geilheit und der Unzucht.
Dieser Geist aber belebt die Seele nicht, sondern tötet sie für den wahren
Lebensgeist aus den Himmeln und macht auf dieser Erde die geistige Wiedergeburt
der Seele in dem Geiste aus den Himmeln nahe zu einer Unmöglichkeit. Dieses
merket euch auch!“
[GEJ.08_075,03] Ich sagte aber das nun eben
nicht der guten Wahrheit willen allein, da Ich solches schon mehrere Male
gesagt hatte, sondern weil Judas Ischariot zu gewaltige Züge tat und dem vollen
Berauschtwerden nahestand. Er merkte das wohl, stand vom Tische auf und zog
sich ins Freie und besichtigte das Städtchen Bethanien.
[GEJ.08_075,04] Als er draußen war, sagte der
Jünger Andreas: „Bin recht froh, daß der unheimliche Mensch sich entfernt hat;
denn er kommt mir seit einiger Zeit immer verdächtiger vor, und Deine Lehren
und großen Zeichen machen auf ihn keinen Eindruck. Er gewinnt sonach nichts und
doch will er uns nicht verlassen! Wenn ich, o Herr, Deine Macht hätte, da wäre
der schon lange nicht mehr in unserer Gesellschaft!“
[GEJ.08_075,05] Sagte Ich: „Er hat aber auch
einen freien Willen, und demzufolge kann er auch bleiben oder gehen, wie und
wann er will. Ihr habt aber gesehen, daß Ich sogar den Teufeln nach ihrem
Willen gestattete, in die Säue zu fahren, und so gestatte Ich auch diesem
Menschen, der unter euch auch ein Teufel ist, zu bleiben oder zu gehen; denn
von Mir aus ist jeder Mensch und Geist vollkommen frei. Ein jeder aber wird
sich durch sein Handeln auch seinen Lohn bereiten. Will er ein Engel werden
oder ein Teufel, das steht jedem frei. – Doch nun nichts mehr von dem, denn wir
haben über andere Dinge noch viel zu reden!
[GEJ.08_075,06] Wir hatten zu Anfang der
sechsten Periode gesehen, wie ein Weltkörper von innen aus zerstört, und wie
mit Adam diese Erde zum Lebenskämmerlein im Großen Schöpfungsmenschen wurde.
Ich aber werde euch nun den Stand jener zerstörten Welt zeigen, und zwar wie
sie früher war, und wie sie jetzt aussieht; dann aber werde Ich euch auch
zeigen, in welchem Verhältnisse diese Erde ehedem zum Großen Menschen stand,
das heißt, nur in geistiger Entsprechungsweise, aber nicht in der materiellen
Wirklichkeit. Da euch aber solches ohne eine bildliche Versinnlichung mit puren
Worten nicht gezeigt werden kann, so werde Ich euch nun durch Meinen Willen die
Sonne mit allen ihren Planeten in einem kleinen Maßstabe darstellen, und ihr
werdet bei dem Anschauen solch eines Bildes Meine Worte bald und leicht fassen,
und so denn habet nun alle wohl acht!“
[GEJ.08_075,07] Als Ich solches
ausgesprochen, da entstand im freien Luftraume eine Kugel von einer Handspanne
Durchmesser; diese stellte die Sonne vor. In möglich annähernd guten
Verhältnissen der Größen und Entfernungen – für welch letztere der Saalraum
freilich zu klein war, um sie in voller verhältnismäßiger Richtigkeit
darzustellen – wurden auch alle Planeten mit ihren Monden dargestellt, und zwar
so wie damals, als der zu Anfang der sechsten Periode zerstörte Planet mit
seinen vier Monden noch nicht zerstört war. Ich erklärte allen die Stellungen
der Planeten, benannte sie sowohl in der jüdischen wie auch in der griechischen
Sprache, und sie sahen den Planeten, von dem nun die Rede ist, zwischen Mars
und Jupiter schweben und seine vier Monde um ihn kreisen. An Größe kam er dem
Jupiter gleich, nur hatte er mehr Festland als der Jupiter und auch einen
höheren Luftkreis über sich und eine stärkere Polneigung und darum auch eine
schiefere Bahnlinie um die Sonne.
[GEJ.08_075,08] Als alle das nun wohl
begriffen hatten, da sagte Ich weiter: „Sehet, also stand die Ordnung von jetzt
an zurückgezählt vor ungefähr viertausend Jahren. Dann aber geschah die euch
angezeigte Zerstörung dieses Planeten. Wie und warum sie geschah, das habe Ich
euch schon gesagt. Nun aber sehet, wie es mit dem Planeten nach der erfolgten
Zerstörung aussieht!“
[GEJ.08_075,09] Alle sahen nun nach dem
Planeten, der sich nun in viele größere Stücke auseinanderteilte. Nur die vier
Monde blieben ganz; da sie aber ihren Zentralkörper verloren hatten, so
gerieten sie in Unordnung, und sie entfernten sich voneinander mehr und mehr
auch aus dem Grunde, weil sie durch die Berstung des Hauptplaneten einen sehr
merklichen Stoß erhalten hatten.
[GEJ.08_075,10] Die Stücke des Planeten aber
zerteilten sich in dem sehr breiten Raume zwischen der Mars- und Jupiterbahn.
Eine große Menge kleinerer Trümmer entfernte sich auch über die beiden
angezeigten Bahnen, und es fielen etliche in den Jupiter, etliche in den Mars,
etliche sogar auf diese Erde, in die Venus, in den Merkur und auch in die
Sonne.
[GEJ.08_075,11] (Der Herr:) „Ja sogar die
körperlich sehr riesenhaft großen Menschen wurden bei der Berstung des Planeten
in großer Anzahl in den freien Himmelsraum hinausgeworfen, gleichwie auch die
anderen Kreaturen. Einige verdorrte Leichname schweben noch im weiten
Ätherraume umher, einige sitzen und liegen tot und ganz verdorrt in ihren
Häusern, die auf den größeren Planettrümmern noch bestehen; etliche von jenen
Menschenleichen fielen sogar auch auf diese Erde, auf der sie aber schon nach
etlichen hundert Jahren aufgelöst wurden, und so auch in andere Planeten.
[GEJ.08_075,12] Dieses Planeten große Meere
verteilten sich bei der Berstung auch mit ihren Einwohnern aller Art und
Gattung in größere und kleinere Tropfen, von denen einige viele Stunden
Durchmaß haben, auch festeres Erdreich in sich bergen und auch von manchen
Tieren noch bewohnt werden. Auf den vier Monden aber leben noch die früheren
Geschöpfe, nur in einem schon mehr verkümmerten Zustande, also auch auf
etlichen wenigen größten Stücken des Planeten, aber in einem noch mehr
verkümmerten Zustande; auf den kleineren Trümmern aber waltet kein organisches
Leben außer dem der Verwitterung und langsamen Auflösung.“
76. Kapitel
[GEJ.08_076,01] Als den Anwesenden das also
gezeigt und erklärt wurde, da sagte Markus, der Römer: „O Herr und Meister, das
muß auf jenem Planeten für seine Menschen ja doch etwas unbeschreibbar Schreckliches
gewesen sein! Sie mußten ja alle aus Verzweiflung gestorben sein! Und was ist
aus ihren Seelen geworden?“
[GEJ.08_076,02] Sagte Ich: „Daß eine solche
Katastrophe für jene Menschen etwas sehr Entsetzliches war, das ist ganz
sicher; aber sie waren selbst schuld daran. Sie sind zuvor schon viele und
lange Zeitläufe hindurch belehrt, ermahnt und gewarnt worden. Es ward ihnen
gezeigt, was sie zu erwarten haben. Sie hielten aber alles das in ihrer großen
Weltklugheit für Hirngespinste und eitle Faseleien von seiten jener Seher, die
in ihrer Schlichtheit und irdischen Armut nur etwa darum solche Dinge einem
leichtgläubigen Volke vorsagten, damit sie zu einem Ansehen und auch zu einer
körperlichen Versorgung kämen. Die Großen und Vornehmen glaubten ihnen nicht
nur nicht, sondern verfolgten sie nach allen Richtungen auch mit Feuer und
Schwert; ja, sie stellten sich am Ende allem dem, was nur nach etwas Geistigem
roch, so ernst entgegen, daß ein jeder, der es wagte, irgend etwas an einen
Geist nur von ferne hin Bezughabendes laut auszusprechen oder zu schreiben,
ohne alle Gnade getötet wurde, und es war sonach denn auch nicht mehr möglich,
dem zu großen Hochmute und der zu unbarmherzigen Härte jener Menschen zu
begegnen.
[GEJ.08_076,03] Jene Menschen waren in
irdischen Dingen sehr erfinderisch und erfanden schon vor gar vielen Tausenden
von Jahren dieser Erde eine Art Sprengkörner. Diese zerstörten alles, wenn sie
angezündet wurden. Wenn ihr von jenen bösen Sprengkörnern etwa zehntausend
Pfund etwa tausend Mannslängen tief unter den Berg Libanon in einem Haufen in
einer Höhle aufschichtetet und dann anzündetet, so würden sie sich dann alle in
ein und demselben Augenblick entzünden und den ganzen großen und hohen Berg in
viele Stücke zerreißen, wie solches auch die Hanochiten vor Noah mit gar
manchem Berge taten, dadurch die inneren Wasserschleusen der Erde öffneten und
dann alle in den hochgestiegenen Fluten umkamen.
[GEJ.08_076,04] Sehet, mit solchen bösen,
ihnen von den Teufeln angegebenen Erfindungen trieben denn auch die Menschen
des nun zerstörten Planeten ihr stets größeres Unwesen und Spiel am Ende schon
in dem großartigsten Maße. Sie führten Kriege, und einer unterminierte des
andern Land tief nach allen Richtungen hin und füllte die Minen mit großen Haufen
solcher teuflischen Sprengkörner. Diese wurden dann auf eine künstliche Art
angezündet und zerstörten das ganze große Land. Mit solchen
Länderzerstörungsversuchen trieben sie es stets weiter und weiter und machten
auch stets tiefere und großartigere Löcher ins Innere ihrer großen Erde, die
beinahe zweitausendmal größer war als diese Erde, und kamen endlich einmal doch
zu tief, wodurch der Erde innere Kammern, die von Natur auch mit dem
Urfeuerstoff weit und tief angefüllt sind nach zahllos vielen Richtungen hin,
mit in den heftigsten Schnellbrand gerieten. Und sehet, solche innere
Feuergewalt trieb dann den ganzen großen Planeten aus seinen Fugen und machte
ihn nach allen Richtungen hin zerplatzen, und die argen Menschen hatten samt
ihrer Erde ihr Ende erreicht!
[GEJ.08_076,05] Ich wußte wohl darum, daß es
also kommen werde, und hatte es auch schon mit dieser Erde vorgesehen, daß sie
nun das ist, was sie ist. Diese Erde aber entsprach ursprünglich schon dem
demütigst letzten Teile am Leibe des Menschen, nämlich dem untersten
Hautnervenwärzchen des kleinen Zehens am linken Fuße – zwar nicht der
Örtlichkeit, sondern, wie gesagt, der demütigen geistigen Bedeutung nach –, und
nun ist sie die Trägerin Meiner eigentlichen Kinder, die sich nach Meinem ihnen
geoffenbarten Willen selbst aus ihrem freien Willen zu richten und zu erziehen
haben.
[GEJ.08_076,06] Es besteht aber selbst in
physischer Hinsicht zwischen dem Hauptlebenswärzchen im Herzen und dem
untersten Hautnervenwärzchen des kleinen Linkfußzehens eine Verbindung und
Entsprechung, und so kann man besonders in der demütig geistigen Beziehung
sagen, daß diese Erde zuvor auch bei dem Großen Schöpfungsmenschen dem
obbezeichneten Zehenhautnervenwärzchen entsprach und daher nun auch das
Hauptlebenswärzchen im Herzen des Großen Schöpfungsmenschen ist und auch
bleiben wird, das heißt, geistig durch die auf ihr gewordenen Kinder Meiner
Liebe und Weisheit. Aber sie kann das auch noch physisch eine für euch
undenkbar lange Zeit verbleiben, ob es auch auf ihrem Boden zu großen
Veränderungen kommen wird. Denn auch die späteren Nachkommen werden wieder die
bösen Sprengkörner erfinden und noch eine Menge anderer Zerstörungswerkzeuge
und werden viele, viele Verheerungen auf der Erde anrichten; daß sie aber nicht
in zu große Tiefen der Erde werden kommen können, dafür wird von Mir aus schon
vorgesehen werden.
[GEJ.08_076,07] Also werde Ich auch die
Meinen auf dieser Erde nimmerdar als Waisen lassen, sondern im Geiste bei ihnen
verbleiben bis ans Ende ihrer Zeiten, und es wird darum eine solche Zerstörung
auf dieser Erde nimmerdar geschehen können; aber örtliche Verheerungen und
Verwüstungen werden wohl sicher vor sich gehen, und die Menschen werden dabei
auch in große Ängste, Schrecken und Trübsale geraten, und es werden viele
verschmachten vor Furcht und banger Erwartung der Dinge, die über die Erde
kommen könnten. Aber sie werden auch selbst schuld sein an allem, was über sie
kommen wird.
[GEJ.08_076,08] Und so habe Ich vor euch nun
enthüllt, was es mit jenem nun zerstörten Weltkörper zu seiner Zeit und was es
nun mit dieser Erde für eine Bewandnis hat und auch fürder haben wird; ihr aber
fraget euch nun selbst, ob ihr wohl alles verstanden habt!“
77. Kapitel
[GEJ.08_077,01] Sagte nun der Römer Markus:
„O Herr und Meister, das ist mir wenigstens nun alles wohl klar; aber das sehe
ich nun auch ganz hell ein, daß dieses die Menschen, die das von irgendher
vernehmen werden, nicht fassen und begreifen werden; denn dazu gehören wohl die
allergewaltigsten Vorkenntnisse! Wir haben es nun an Deiner Seite freilich
leicht, weil Du uns alles mit Hilfe Deiner Allmacht, Liebe und Weisheit so
darstellen kannst, daß wir selbst die wunderbarsten Dinge verstehen können; wir
aber vermögen das nicht, und so werden sich diese wunderbaren Dinge von uns aus
den andern Menschen schwer oder auch gar nicht begreiflich machen lassen
können.“
[GEJ.08_077,02] Sagte Ich: „Das macht ja aber
auch nichts; denn das habe Ich ja nur euch enthüllt und kundgemacht wegen des
tieferen Verständnisses des Reiches Gottes. Denen es aber in der Folge not tun
wird, des Reiches Gottes wegen Meine Werke tiefer zu verstehen, denen wird es
schon Mein Geist in ihnen enthüllen, und er wird sie in alle Wahrheit und
Weisheit leiten. Die andern Menschen aber tun genug, so sie an Mich glauben und
nach Meinen Geboten leben und handeln. Denn es sind gar sehr viele wohl berufen
zum Reiche Gottes, aber der Auserwählten gibt es nur wenige, denen es gegeben
ist, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen.
[GEJ.08_077,03] So ihr sie aber verstehet, da
besteht zwischen Mir und euch und durch euch auch mit den andern Menschen ein
rechtes Band, und Ich bin also in euch, wie auch ihr in Mir, und eines mehreren
bedarf es vorderhand nicht.
[GEJ.08_077,04] Das Reich Gottes ist hier
gleich einem Senfkörnlein, das wohl eines der kleinsten Samen ist, so es aber
ins gute Erdreich gesät wird, da wächst es bald zu einem förmlichen Baume
heran, daß hernach des Himmels Vöglein kommen und unter seinen Ästen und
Zweigen Wohnung nehmen.
[GEJ.08_077,05] Mein Wort aber ist das kleine
Körnlein. Leget es nur in die guten Herzen der Menschen, und es wird sich in
ihnen auch bald zu einem Baume entfalten, unter dessen Ästen und Zweigen die
hellen Erkenntnisse, aus den Himmeln kommend, Wohnung nehmen werden!
[GEJ.08_077,06] Also ist Mein Reich auch
wieder zu vergleichen einem Weibe, das, um Brot zu backen, drei Scheffel Mehl
nahm und dazu nur wenig Sauerteig gab. Als sie aber dann den Teig anmachte, so
ward er von dem wenigen Sauerteige dennoch bald im rechten Maße durchsäuert.
Seht, auch Mein Wort ist da wieder der wenige Sauerteig, gemengt unter viel
Mehl, und es genügt zur Durchsäuerung von viel Mehl! Darum gebet den Menschen
in Meinem Namen nur so viel, als es vorderhand nötig ist; das Weitere wird dann
schon Mein Wort aus sich wirken!
[GEJ.08_077,07] Wem ein Kind geboren wird,
der sorge sich nur um dessen Gesundheit; das Wachsen hängt von Mir allein ab.
[GEJ.08_077,08] So ihr Meine Lehre den
Menschen überbringt in der Wahrheit, die ihr von Mir überkommen habt, so machet
sie auch darauf aufmerksam, daß man deren Früchte erst dann ernten kann und
wird, so man von der Liebe zur Welt und ihren Schätzen sich im Herzen völlig
abgewendet hat; denn die Liebe zu den Dingen der Welt ist eine dunkelgraue
Wolke, die sich stets zwischen die Sehe der Seele und das Licht aus den Himmeln
stellt!
[GEJ.08_077,09] Aus diesem Grunde haben die
meisten Menschen aus dem schwachen Schimmer, der eine Folge des reinen, hinter
der dunkelgrauen Wolke leuchtenden Himmelslichtes ist, wohl nur so ganz
schwache Ahnungen von etwas Höherem und Übersinnlichem; aber weil die besagte
Wolke nicht weicht und statt heller nur zumeist immer dunkler wird und häufig
ganz finster, so begreifen und fassen sie auch nichts von der reinen Weisheit
aus den Himmeln, sind sonach denn auch stets voll Sorgen, voll Furcht und voll
Ängste und glauben an allerlei dumme Dinge und suchen Trost und Beruhigung bei
den toten Götzen und ihren Priestern, weil sie des wahren Trostes aus den
Himmeln nicht gewärtig werden können, indem die besagte Wolke zwischen der Sehe
der Seele und der Sonne der Himmel unverrückt liegenbleibt.
[GEJ.08_077,10] Denn sehet! Der Mensch
gleicht da einem Wanderer, der an einem trüben Tage reist, wenn dichte Nebel
Täler und Berge belagern. Obwohl solche Nebel die ganze sonst gar herrliche
Gegend völlig unsichtbar machen, so besteht aber die Gegend dennoch; nur ihre
reinen Abbilder können nicht zum Auge des Wanderers gelangen, und er kann sich
darum auch keinen Begriff und keine Vorstellung von dem machen, was der dichte
Nebel vor seinen Augen verhüllt. Er betrachtet wohl den Weg und erkennt aus den
nur schwach ersichtlichen Wegzeichen, daß er etwa wohl auf dem rechten Wege
wandelt. Aber es kommen oft Seitenwege, die erfüllen ihn dann schon wieder mit
Furcht und Sorge, weil er nicht recht wissen kann, welcher Weg da wohl der
rechte ist. Er wartet, ob nicht ein anderer Wanderer ihm nach- oder
entgegenkäme. Es kommen wohl welche; aber es geht ihnen wie dem, der von ihnen
das Rechte zu erfahren wünschte. Der eine meint, zu dem angesagten Orte führe
etwa wohl der Mittelweg; ein anderer sagt, daß das die Stelle sei, wo der Weg
zum angesagten Orte nach rechts abbiegt; ein dritter behauptet das Gegenteil,
und ein vierter meint und sagt: ,Wir kennen uns hier alle nicht aus; daher
kehren wir gerade um und verweilen an dem Orte, von dem wir ausgegangen sind,
bis sich der Nebel verziehen wird, und wir können dann mit Sicherheit unsere
Wanderschaft antreten!‘
[GEJ.08_077,11] Und sehet, aus diesem Bilde
könnet ihr nun recht wohl ersehen, wie es nun den meisten Menschen auf der
Wanderung zum Reiche Gottes ergeht!
[GEJ.08_077,12] Es deckt dieses ewigen
herrlichen Reiches reinste Gegenden und Fluren, Berge, Täler, Gärten und
Städte, Bäche, Flüsse, Ströme, Seen und Meere der vorbesprochene Nebel der
Weltliebe vor den Augen der Seele. Daher sei eure Aufgabe, da Ich in euch den
Nebel hinweggefegt habe, daß ihr dasselbe auch bei denen vor allem tuet, bei
denen ihr Mein Wort verkünden werdet; denn so ihr das unterlassen würdet, so
würdet ihr Häuser auf dem Sande bauen, die nicht halten würden, so da kommen
würden Stürme, Regengüsse und Fluten, sondern sie würden zusammenstürzen und
von den argen Wässern fortgerissen werden.
[GEJ.08_077,13] Wenn ihr aber bei der
Ausbreitung Meines Wortes die gewissen Nebel zuvor hinwegfegen werdet, da
werdet ihr Häuser auf Felsen bauen, und werden da auch kommen Stürme,
Regengüsse und Fluten, so werden sie den Häusern, die auf festen Felsen erbaut
sind, nichts anhaben können.
[GEJ.08_077,14] Sehet, niemand kann zwei
Herren, die einander anfeinden, dienen; denn er muß es entweder mit dem einen
oder mit dem andern halten und muß demnach auch mit ein Freund oder ein Feind
des einen oder des andern sein! Also kann auch niemand der Welt und ihrem toten
Mammon und zugleich aber auch dem lebendigen Reiche Gottes dienen; denn das ist
unmöglich.
[GEJ.08_077,15] Darum muß der, welcher dem
Reiche Gottes dienen will, das Reich der Welt aus seinem Herzen schaffen! Wie
aber das zu geschehen hat, das habe Ich euch allen schon gar oft nicht nur mit
hellen und lebendigen Worten, sondern auch durch allerlei Taten gezeigt. Tut
denn auch ihr desgleichen, und ihr werdet viele und gute Früchte ernten!
[GEJ.08_077,16] Die Ernte wäre als eine große
und überreiche zu erwarten, und viel Weizen stünde schon völlig zum Schnitte
reif; aber der Schnitter gibt es noch wenige. Darum bittet auch ihr den Herrn
der Ernte, daß Er ehest viele Schnitter dinge für Seine Felder!
[GEJ.08_077,17] Aus allem dem aber könnet ihr
nun doch wohl entnehmen, was ihr bei der Ausbreitung Meiner Lehre bei den
Menschen vor allem zu bewerkstelligen habt; das viele und das Außerordentliche
aber braucht ihr nicht allen Menschen zu verkünden, sondern nur denen, die euch
im Amte folgen werden! Was Ich aber nun euch zu einer Richtschnur gesagt habe,
das saget ihr auch denen, die euch in eurem von Mir euch anvertrauten Amte
folgen werden, und es wird dann alles gut gehen! – Habt ihr alle das nun wohl
verstanden?“
78. Kapitel
[GEJ.08_078,01] Sagte Markus, der Römer, und
mit ihm einstimmig auch Agrikola: „Herr und Meister, verstanden hätten wir Dich
wohl und sehen es auch ein, daß das Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels
eine unerläßliche Vorbedingung bei jedem Menschen sein muß, weil er ohne sie
nie wahrhaft und in sich lebendig überzeugt in Dein Reich eingehen kann; aber
uns deucht es, daß es eben mit dem Hinwegfegen des gewissen Weltliebenebels,
der gar starr zwischen der Sehe der Seele und dem Reiche Gottes haftet, wohl seine
größten Schwierigkeiten haben wird, und das aus gar außerordentlich vielen
Gründen.
[GEJ.08_078,02] Einmal ist und bleibt für die
jüngere, leiblich gesunde und mit den nötigen Lebensbedürfnissen wohlversehene
Menschheit die Erde mit ihren zahllos vielen und anmutigsten Abwechslungen
sicher ein um so überwiegender großer Reiz, weil ein solcher Mensch von der
inneren Herrlichkeit des in ihm kaum noch keimenden Reiches Gottes keinen Dunst
hat und durch seine wenn noch so sittliche äußere Welterziehung auch keinen hat
bekommen können.
[GEJ.08_078,03] Wenn man nun solch einem
Menschen sagen wird, daß er an allen den Schönheiten der Erde nicht hängen
solle, weil solche Erdliebe wie ein dichter Nebel ihm die Herrlichkeit des
höheren und ewigen Reiches Gottes verhüllt und den Blicken seiner Seele
entrückt, wird er da nicht sagen: ,So zeiget mir jene Herrlichkeiten, und ich
will denen dieser Erde den Rücken zeigen!‘? Wie werden wir bei solch einem
Menschen, der am Ende doch auch recht hat in seiner Art, seinen Weltnebel
ausfegen?
[GEJ.08_078,04] Aber es seien das Menschen
weltlich guter Art, und wir können uns dabei wohl denken, daß kein Baum auf
einen Hieb mit einer noch so scharfen Axt zum Falle kommt, – und kommt Zeit,
kommt auch Rat! Aber es gibt eine übergroße Menge solcher, die von ihrer
Weltstellung in allem abhängen; zu denen gehört einmal der Priesterstand, dann
der weitverzweigte Staatsbeamtenstand und endlich der zumeist noch ganz rohe
Soldatenstand. Bei allen diesen vielen Legionen von Menschen ist der Weltliebenebel
eine feste, finstere Masse, und das zum größten Teile. Wie wird der auszufegen
sein? Von den Dienern und Sklaven, die doch auch Menschen sind, aber gewöhnlich
in aller besseren Bildung tief unten stehen, wollen wir hier gar nicht reden.
Es wird mit dem vorauszugehen habenden Wegfegen des Weltliebenebels schon bei
den meisten Juden eine schwere Arbeit sein, wie schwer erst dann bei den andern
Völkern der Erde! Darum, weil diese erste Arbeit, so schwer sie sei, eine gar
wichtige ist, bitten wir Dich, o Herr und Meister, um eine noch nähere
Aufklärung, wie wir das anstellen sollen, um nicht vergeblich zu arbeiten!“
[GEJ.08_078,05] Sagte Ich: „Meine lieben
Freunde, daß nun diese Arbeit keine leichte ist und gar manche Anstrengungen
und große Opfer kosten wird, bis von ihr die erwünschten Lösungen zum Vorschein
kommen werden, das weiß ich wohl am allerbesten; aber Ich gebe euch ja auch die
Mittel und die nötigen Behelfe an die Hand, durch die ihr an geeigneten Stellen
das ebenso, wie Ich nun an euch, werdet bewirken können, – und mehr kann Ich
euch doch nicht geben, als was Ich Selbst habe! Zur rechten Stunde und zur
rechten Zeit wird es euch schon Mein Geist in euch völlig klar anzeigen, was
ihr zu tun haben werdet, um das zu bewirken, was zum Empfange des Reiches
Gottes nötig ist.
[GEJ.08_078,06] Die Menschen werden dadurch
inne, was ihnen fehlt und abgeht, und werden sich dann vielfach bestreben, das
zu erlangen, was sie an euch wohl gewahren werden. Denn da sage auch Ich in
eurer Zunge: Exempla trahunt (Beispiele ziehen). Denn so jemand es an euch
sehen wird, was das heißt, im Besitze des Reiches Gottes sein, dann wird er
sicher kommen und euch fragen: ,Wie seid denn ihr dazu gekommen?‘ Und sehet,
dann werdet ihr auch leicht zu reden haben, und die gewissen Nebel werden dann
vor euren Worten und Taten bald flüchtig werden, gleichwie auch die eurigen vor
Meinen Worten und Taten flüchtig geworden sind!
[GEJ.08_078,07] Daß ihr nun aber schon gleich
etwa in einem Jahre oder gar an einem Tage alle Berge und Hügel den Tälern
gleichmachen sollet, das verlange Ich von euch ja gar nicht. Es genügt, daß ein
jeder von euch mit seinem eigenen guten und redlichen Willen nur das tut, was
er kann; um das Weitere werde dann schon Ich Selbst sorgen. Ich werde von euch
doch nicht mehr verlangen, als Ich Selbst bei dem Stande des freien Willens der
Menschen tun kann! Oder wäre es nicht töricht von einem starken Vater, von
seinen noch schwachen Kindern zu verlangen, daß sie um vieles schwerere Bürden
tragen sollen, als er sie trägt? Ich sage es euch, und ihr werdet es selbst
erfahren, daß das Joch, welches Ich euch auferlegt habe, sanft und die Bürde zu
tragen leicht ist.
[GEJ.08_078,08] Aber dessenungeachtet wird
sich die Welt sträuben, von ihrem Scheinlichte zu lassen, und wird zur Zeit,
wenn das Licht aus den Himmeln schon bei gar vielen Menschen volle Aufnahme
wird gefunden haben, große Kämpfe gegen das Eindringen des reinen
Himmelslichtes führen, und es wird da viel unschuldiges Blut vergossen werden;
aber am Ende wird dennoch das Reich Gottes auf dieser Erde für ewig den Sieg
davontragen, und alles Scheinlicht der Welt wird untergehen und allen Wert
verlieren wie ein falsches Gold und Silber vor den Augen des Kenners.
[GEJ.08_078,09] Daß aber die Menschen auch
eine Freude an der schön gezierten Erde haben können, das habe Ich ja nie
untersagt; aber nur sollen sie dabei allzeit Dessen in ihrem Herzen gedenken,
der die Erde so schön gemacht und geziert hat, so werden sie in ihrem Herzen
und Gemüte erbaut werden. Denn wer Gottes Werke mit den rechten Augen
betrachtet, der kann schon auch eine eitle Lust daran haben. Die Freunde der
schönen Natur der Erde sind auch sicher bessere Menschen und sind leicht zum
Reiche Gottes reif zu machen.
[GEJ.08_078,10] Aber die Freunde der toten
Schätze der Erde, die Freunde ihres Mammons, sind schwer zu einem besseren
Lichte zu bekehren. Solches zeigt sich bei den Pharisäern, vielen andern
reichen Juden und bei den vielen Kaufleuten, Wechslern und Krämern. Diesen
Leuten vom Reiche Gottes zu predigen, hieße die Mohren weiß waschen zu wollen.
Diese Art Menschen sind den Schweinen gleich, denen ihr die Perlen aus den
Himmeln niemals als ein Futter vorlegen sollet.
[GEJ.08_078,11] Denn Menschen dieser Art
werden nach ihrem Leibestode erst in dem kahlen Monde ihre Todsünden
abzuwaschen bekommen, und vom Reiche Gottes werden sie stets hübsch weit
entfernt bleiben; denn diese werden ins neue Jerusalem niemals eingelassen
werden. Menschen, die aller Liebe zu Gott und zum Nächsten bar sind, die sind auch
des Reiches Gottes in sich bar. Diese sollen denn auch bleiben in ihrem
schwarzen Scheinlichte! Im Monde soll ihre Wohnstätte sein, und das nur auf
jener Seite, die er starr, stets unverrückt, der Materie dieser Erde zuwendet.
[GEJ.08_078,12] Es ist das nun zwar etwas
Neues, was Ich euch hier nun gesagt habe, aber wahr; darüber werden wir bei
einer anderen Gelegenheit vielleicht noch ein paar Wörtlein fallen lassen,
obschon es Mir nicht angenehm ist, über Schweineställe und Narrenzwinger dieser
Erde viele Worte zu verlieren. – Habt ihr das alles nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_078,13] Alle dankten Mir für diese
Belehrung, und wir setzten uns wieder zu Tische, nahmen wieder etwas Brot und
Wein, und Matthäus zeichnete sich mehreres von dem Gehörten auf.
79. Kapitel
[GEJ.08_079,01] Es fragte Mich auch der
Jünger Johannes, ob auch er, da es noch an der Zeit wäre, von dem Gehörten und
Geschehenen sich Notierungen machen solle.
[GEJ.08_079,02] Sagte Ich: „Es genügt, was
Matthäus aufgezeichnet hat; alles aber gehört ohnehin nicht fürs Volk und noch
weniger für die gewissen Menschenschweine, deren Ich Erwähnung machte. Ihr
werdet aber nach Mir noch der Zeit zur Genüge überkommen, aus dem Geiste heraus
zu schreiben, was ihr nun von Mir vernommen und gesehen habt.
[GEJ.08_079,03] Denn Ich werde in der fernen
Zukunft auch Knechte erwecken und werde ihnen durch den Geist in ihrem Herzen
das alles zum Schreiben diktieren, was nun seit der Zeit geschehen und gelehrt
worden ist, als Ich in das Lehramt trat und euch zu Meinen ersten Jüngern
machte, und auch das, was nachkommen wird und noch gar vieles andere dazu; und
so Mir das möglich sein wird in der fernen Zukunft, so wird es wohl bei euch um
so möglicher sein, euch durch den Geist eures Herzens alles in die Feder zu sagen,
was Ich des Aufzeichnens für nötig finden werde.
[GEJ.08_079,04] Ihr sollet aber im Anfange
euch eben nicht mit zu vielem Schreiben abgeben, sondern nur mehr mit dem
Reden, damit die Menschen einmal erfahren, um was es sich da handelt!
[GEJ.08_079,05] Sind die Menschen von dem
einmal in Kenntnis gesetzt, und haben sich in Meinem Namen Gemeinden gebildet,
so könnet ihr dann an solche Gemeinden auch wohl schreiben, so ihr in einer
entfernten Gemeinde zu tun haben werdet. Doch in der Gemeinde, in der ihr
prediget, braucht ihr an sie keinen Brief zu schreiben; so ihr sie aber
verlasset, da könnet ihr ihr auch ein schriftliches Gedenkzeichen hinterlassen.
[GEJ.08_079,06] Aber ermahnet die Gemeinde ja
wohl auf das lebendigste, daß sie mit derlei Hinterlassenschaften keine
Abgötterei treibe gleichwie die Pharisäer und Juden mit den Büchern Mosis und
mit den Propheten; denn die Genannten machen nun tiefe Verbeugungen vor dem
Kasten im Tempel, in dem die Bücher aufbewahrt sind, und beten die
Gesetzestafeln an und meinen, daß sie dadurch Gott eine rechte Verehrung
erweisen. O der blinden Narren! Was ist denn mehr und besser: die
Gesetzestafeln anzubeten in der Meinung, Gott dadurch eine rechte Ehre zu
bezeigen, oder die Gesetze, die auf den Tafeln geschrieben sind, im Leben zu
beachten? Das zweite, das allein recht wäre, tut kein Templer und kein Jude der
Wahrheit nach; aber das erste, was ohne Wert ist, tun sie gewissenhaft, weil es
ihnen sicher weniger Mühe macht.
[GEJ.08_079,07] Darum aber sage Ich euch nun
das, auf daß ihr erstens nicht zu viel schreibet, sondern mehr redet, damit man
in der Folge nicht auch mit Meiner neuen Lehre das tue, was nun die Templer und
die Erzjuden mit den Büchern Mosis tun und mit den Gesetzestafeln und
Propheten, und ihnen sogar gewisse magische Wirkungen zuschreiben, die sie nie
besessen haben. Das also suchet alle sorgsamst wohl zu vermeiden!
[GEJ.08_079,08] Ferner aber sollet ihr
vorderhand auch darum nicht zu viel schreiben, auf daß der Schreibgeist in der
ersten Zeit unter den Menschen nicht zu übermäßig geweckt werde. Es ist besser,
so die Menschen nach Meiner vernommenen Lehre mehr handeln als dieselbe
niederschreiben; denn so der Schreibgeist unter den Menschen zu früh wach wird,
so werdet ihr in kurzer Zeit nach Mir eine Unzahl von geschriebenen Evangelien
sogar unter euren Namen entstehen sehen, und ihr werdet viel zu tun haben, alle
die falschprophetlichen Geschreibsel zu widerlegen. Darum möget ihr wohl viel
reden, aber wenig schreiben! Wenn aber die rechten Zeiten kommen werden, dann
soll schon auch viel geschrieben werden! – Habt ihr das nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_079,09] Sagte nun Simon Juda: „Herr,
da wäre es am Ende ja besser, so entweder gar nichts geschrieben werden würde,
oder es solle gar alles genauest aufgezeichnet werden, damit dann nur eine
wahre Schrift aus Deinem Munde bestünde, von der dann erst autorisierte und
vollkommene Abschriften für andere Völker könnten genommen werden! Denn ich
denke mir, daß gewisse Menschen mit der Zeit auch das von uns gepredigte Wort
etwa schlecht und unrichtig aufschreiben werden, und so können ja auch auf
diese Art noch eine Menge falscher Evangelien ans Tageslicht gefördert werden,
und die späteren Menschen werden sich dann nicht mehr auskennen, welch ein
Evangelium das rechte und wahre ist, und das wird dann auch zu allerlei
Glaubensspaltungen führen.“
[GEJ.08_079,10] Sagte Ich: „Simon Juda, Ich
verwerfe deine Ansicht nicht und sage auch nicht, daß ihr etwas Unweises
zugrunde läge; aber das, was Ich euch geraten habe, ist und bleibt vorderhand
besser!
[GEJ.08_079,11] Ihr möget aber tun, was ihr
nur wollet und möget, so werdet ihr es für die Folge der Zeiten nicht
verhindern können, daß neben dem wahren und echten Evangelium sich auch eine
Menge Afterevangelien entwickeln, und es wird für die späteren Nachkommen, die
ein oder das andere geschriebene Evangelium in die Hand bekommen werden, stets
schwer sein zu bestimmen, ob es ein echtes ist.
[GEJ.08_079,12] Darum aber soll nun Mein Wort
von euch nur mehr mit dem Munde gepredigt werden; da werden die wahren Bekenner
schon von selbst in sich zum lebendigen Worte aus Mir gelangen und werden dann
nicht nötig haben, dies oder jenes geschriebene Evangelium zu prüfen, ob es
wohl ein echtes und wahres ist.
[GEJ.08_079,13] Aber so ihr nun gleich nach
Mir statt viel zu predigen nur viel schreiben würdet, so würden eure Schriften
sicher um so eher von andern Menschen mit allerlei Weglassungen oder auch
Zusätzen nachgeschrieben werden, und die Menschen müßten sogestaltig sehr bald
zu fragen anfangen, ob die Schriften wohl echt und verläßlich von euch
herrühren. So ihr aber persönlich lehret und euch im Falle der Notwendigkeit
auch als das durch Zeichen manifestiert, so wird da niemand fragen, ob ihr wohl
meine echten Jünger seid und eure Worte völlig die Meinigen sind.
[GEJ.08_079,14] O ja, wenn ihr Mich schon
einmal häufig werdet verkündet und viele in Meinem Namen werdet getauft haben,
und so dadurch auch schon viele werden zum inneren lebendigen Evangelium gelangt
sein, dann, wie gesagt, könnet ihr auch schreiben, auf daß die Nachkommen in
euren Schriften ein Zeugnis haben, daß und wie Ich euer Herr und Meister war,
und wie ihr Meine Jünger gewesen seid. Aber solche eure Schriften sollen dann
auch nur bei jener Gemeinde aufbewahrt und bewacht werden, bei denen sich durch
ihr Handeln auch das innere, lebendige Evangelium von Vater zu Sohn und so fort
erhalten wird und ihr demnach nicht als pur geschriebene, sondern in den Herzen
der Menschen als lebendigtätige Apostel zum wahren und ewigen Zeugnisse
verbleibet.
[GEJ.08_079,15] Wo bei einer Gemeinde das
nicht der Fall sein wird, da sollen ihr die Schriften auch nicht zur
Aufbewahrung übergeben werden; denn sie würden ihr auch darum nichts nützen,
weil ihre im Geiste des Herzens toten Nachkommen ihre Echtheit gar nicht mehr
zu prüfen imstande wären und nicht mehr erkenneten eine falsche Schrift von
innen heraus, sondern nur nach der Mehrheit der Stimmen in ihrem allgemein
blinden Rate, wie das nun im Tempel bei den Pharisäern und Hohenpriestern der
Fall ist. Was können aber viele Stimmen von blinden Menschen gegen die eine
Wahrheit machen? Ich sage es euch: So da ein in sich lebendiger und lichtvoller
Mensch die Wahrheit aussagt, was können da zahllose Ratsstimmen gegen die eine
Wahrheit noch vermögen?
[GEJ.08_079,16] Es gibt nur eine Wahrheit,
die ebensogut nur ein Mensch wie Myriaden Engel aussprechen und erweisen
können. Wenn sich aber nun eine Weltweisheit dagegenstemmt, weil die Wahrheit
nicht zu ihrem weltlichen Vorteile taugt, wird die Wahrheit darum etwa wohl
weniger Wahrheit sein?!
[GEJ.08_079,17] Die Lüge kann sich im großen
Menschenrate durch zahllose Stimmen vertreten lassen, so wird sie darum doch
nie zur Wahrheit.
[GEJ.08_079,18] Darum sorget euch nicht, was
da besser sei, ob das gepredigte oder das geschriebene Wort; denn an der Frucht
läßt sich die Wahrheit gar wohl erkennen! Die Lüge baut ihre Häuser auf
lockeren Sand, die Wahrheit aber auf Felsen, und da kann die Hölle keinen
Feldzug dawider unternehmen; denn sowenig die Finsternis der Nacht je zum
Tageslichte wird, sowenig wird auch die Lüge je zur Wahrheit. Und es können
darum zehntausend falsche Evangelien geschrieben werden, so wird immer nur das
das einzig wahre sein und verbleiben, das sich im Menschen, so er nach Meinen
Worten leben und handeln wird, nach Meiner Verheißung lebendig offenbaren wird,
– und dieses lebendige Evangelium wird auch bis ans Ende aller Zeiten der
einzige Prüfstein sein und bleiben, ob ein geschriebenes Evangelium echt oder falsch
ist.
[GEJ.08_079,19] An den Früchten also müsset
ihr das erkennen; denn von den Disteln erntet man keine Feigen und von den
Dornhecken keine Trauben! Aus dem aber wird man leicht erkennen, ob jemand Mein
Jünger ist oder nicht. Meine Jünger und auch ihre Jünger werden sich allzeit
lieben, wie auch Ich euch allzeit liebe; aber die unechten Jünger werden sich
schon entweder offen oder heimlich ganz gewiß hassen. Denn darin besteht die
eigentliche schwarze und arge Frucht der Lüge, daß sie sich stets haßt, weil
eine Lüge von der andern niemals überflügelt sein will; die Wahrheit aber sucht
nur fortwährend ihresgleichen und liebt sie stets mehr und mehr, gleichwie auch
ein Licht das andere niemals verdunkelt, sondern nur heller und heller zeihet
(macht) und am Ende ein hellstes und vereintes Licht bewirkt.
[GEJ.08_079,20] Das Licht hat sonach eine
große Liebe zu noch mehr Licht; aber die Lüge haßt die Lüge, weil sie ihren
Verrat fürchtet. Sehet, darin besteht ein Hauptkriterium, wie man die Wahrheit
von der Lüge sogar mit verbundenen Augen gar wohl unterscheiden kann!
[GEJ.08_079,21] Darum wird man die falschen
Evangelien auch stets ganz leicht von den echten unterscheiden können; denn die
falschen werden sich gegenseitig stets verfolgen und hassen, – aber die echten
werden sich lieben wie Zwillingsbrüder und werden einander suchen und auch bald
und leicht finden.
[GEJ.08_079,22] Ich meine nun, du Mein lieber
Simon Juda, daß Ich nun wohl klar genug zu euch geredet habe! Aber nun
entscheide du bei dir selbst, ob du Mich auch wohl verstanden hast!“
[GEJ.08_079,23] Sagte Simon Juda: „Herr,
diesmal hast Du einmal wieder ausnahmsweise klar zu uns gesprochen, und ich
habe Dich in allem überklar verstanden und sicher auch alle die andern. Aber
ich habe aus dieser Deiner sonnenhellen Rede auch entnommen, daß man Dir auf
tausend auch nicht eins entgegnen kann. Das ist aber auch völlig recht also;
denn könnte man das, da wärest Du nicht der Herr und Meister von Ewigkeit! Aber
es soll uns diese Deine Rede auch zu einer immerwährenden Richtschnur bleiben!
Und wir danken Dir alle für diese gar so helle Belehrung!“
[GEJ.08_079,24] Sagte Ich: „Haltet sie aber
nur auch fest, ansonst fallet ihr, ehe ihr's euch versehen könnet!“
80. Kapitel
[GEJ.08_080,01] Hierauf wandte Ich Mich
wieder zum Römer Markus und fragte ihn, ob er auch das verstanden habe.
[GEJ.08_080,02] Sagte Markus: „Und ob ich es
verstanden habe! Aber ich habe nun noch immer mit dem Monde als gewisserart
einem Straforte für zu weltsüchtige Weltmenschen zu tun. Du hast es uns
versprochen, daß Du noch etwas darüber uns erklären und zeigen wirst; darum
bitten wir Dich denn nun, daß Du Dein Versprechen uns gegenüber auch erfüllen
mögest.“
[GEJ.08_080,03] Sagte Ich: „Das werde Ich
auch tun; denn was Ich verheiße, das geht auch in Erfüllung, nur muß dazu auch
die rechte Zeit kommen. Sieh, es ist nun noch Tag, weil die Sonne noch nicht
untergegangen ist; lassen wir daher die Nacht kommen und die Sterne der Erde
leuchten, dann wird sich so etwas euch besser erklären lassen als am hellen
Tage, wo euer Auge noch mehr mit irdischen Bildern durchtrübt ist! Für jetzt
aber wird sich schon noch etwas anderes auffinden lassen, worüber wir noch vor
dem Abend einige Worte wechseln können; am Anfange des Abends aber wollen wir
die gewissen Pharisäer und Schriftgelehrten besuchen und mit ihnen einige Worte
tauschen.“
[GEJ.08_080,04] Mit dem begnügte sich der
Römer Markus, und wir nahmen wieder etwas Wein und Brot zu uns.
[GEJ.08_080,05] Wir ruhten nun so bei einer
halben Stunde lang, als ein Diener des Lazarus zu uns in den Saal kam und
sagte, daß draußen ein gar schönes junges Weib mit ein paar Dienern angekommen
sei und den sehnlichsten Wunsch habe, den Herrn zu sehen und zu sprechen. Solle
sie hereingelassen werden, oder solle man ihr eine andere Wohnung anweisen.
[GEJ.08_080,06] Sagte Ich: „Das angekommene
Weib kenne Ich; darum lasset sie hereinkommen!“
[GEJ.08_080,07] Mit dem entfernte sich der
Diener, und Lazarus und die Jünger fragten Mich, was es für ein Weib sei.
[GEJ.08_080,08] Und Ich sagte: „Ihr kennet
die Maid Maria von Magdalon, die heute frühmorgens auch schon bei uns am
Ölberge war. Diese hat daheim schnell ihre Haussachen geordnet und sich beeilt,
hierher zu kommen; darum ärgere sich niemand von euch darob, daß sie nun hierher
gekommen ist!“
[GEJ.08_080,09] Als Ich diese Worte noch kaum
ausgeredet hatte, da trat die Maid auch schon, wohlgekleidet und geschmückt, in
den Saal, fiel Mir gleich zu Füßen, öffnete sogleich eine goldene Büchse, die
mit der kostbarsten Nardussalbe gefüllt war, und salbte damit Meine Füße, denn
dies war bei den vornehmsten Juden als eine der höchsten Ehrenbezeigungen von
alters her gebräuchlich, so man jemandes Füße, wenn er von einem königlichen
Hause abstammte, mit der Nardussalbe salbte.
[GEJ.08_080,10] Als aber Meine Jünger das
merkten, sprachen sie untereinander: „Ist denn das Weib irrsinnig geworden? Die
Salbe hätte mindestens um zweihundert Groschen verkauft werden können, welches
Geld man dann unter die Armen hätte verteilen können, – und der Herr bedarf ja
derlei weltlicher Ehrenbezeigungen nicht!“
[GEJ.08_080,11] Ich aber sah die murrenden
Jünger an und sagte: „Was kümmert und ärgert euch das denn schon wieder?! Arme
werdet ihr stets unter euch haben, Mich aber nicht, wie Ich nun unter euch bin.
Dies Weib aber hat nun ein gutes Werk an Mir getan, und wo dies Mein Evangelium
gepredigt wird, da soll auch dieses Weibes und dieser Begebenheit wohl erwähnt
werden! Ich bin doch schon lange unter euch, und ihr habt Mir zum Waschen
Meiner Füße noch nie einen Krug reinen Wassers gereicht; dies Weib aber hat
heute morgen schon Meine Füße mit ihren Tränen gewaschen und ist nun
wiedergekommen und hat Mir die Füße gesalbt. Wie mag euch dann das ärgern? So
es aber geschrieben steht, daß Ich ein Sohn Davids sei, da gebührt Mir ja auch,
daß jemand Mir diese königliche Ehre erweiset!“
[GEJ.08_080,12] Auf diese Meine Worte sagte
niemand irgend mehr etwas dagegen, und alle belobten das Weib und ihre Tat.
[GEJ.08_080,13] Darauf aber erhob sich das
Weib und wollte gehen.
[GEJ.08_080,14] Ich aber sagte: „Nun bleibe
du bei Mir; denn von nun an sollst auch du eine Zeugin Meiner Taten und
Erbarmungen werden und bleiben!“
[GEJ.08_080,15] Da blieb das Weib voll
Freuden, und Lazarus bewirtete sie freundlichst und ließ auch ihre Diener
bewirten. Und wir unterhielten uns dann bis nahe gen Abend, bei welcher
Gelegenheit uns diese Maid so manches von ihren Erlebnissen treuherzig
erzählte.
[GEJ.08_080,16] Als das Weib uns aber bei einer
Stunde lang ihre Erlebnisse in sittsamster Weise erzählte, da meinten einige
der zu Mir bekehrten Pharisäer, daß sich so manches des von dem Weibe Erzählten
für diese erhabene Gesellschaft nicht fein schicke; solches aber bemerkten sie
eigentlich nur darum, weil in der ganz guten Erzählung des Weibes so manches
ganz zart eingeflochten war, was auch sie sehr nahe anging.
[GEJ.08_080,17] Ich aber belobte des Weibes
Offenheit und Treuherzigkeit und sagte dann zu den Pharisäern und
Schriftgelehrten: „Meine nun ein wenig aufgeregten Freunde! Ärgert euch darum
ja nicht, daß nun durch den Mund dieses Weibes so manches an das Tageslicht vor
Mir kam, woran auch ihr einen bedeutenden Schuldanteil an eurem Fleische
traget! Wenn euch aber schon die Worte des Weibes, das niemandes Namen nannte,
in eurem Gemüte beirren, warum beirrt euch denn nicht auch Meine Allwissenheit?
Ich sage es euch: Jenseits im Reiche der Geister wird man euch das laut von den
Dächern herab verkünden, was ihr auf dieser Welt noch so sehr zu verbergen
suchtet; darum ist es besser, ein kleines Gericht noch in dieser Welt zu
bestehen und sich eine leichte Demütigung gefallen zu lassen, als jenseits vor
allen Engeln der Himmel zuschanden zu werden.
[GEJ.08_080,18] Wer sich hier auf dieser Erde
als ein besserer Mensch zeigen will, als er es der Wahrheit nach ist, in dem
rastet noch ein heuchlerischer Sinn; mit diesem aber kann man ins Gottesreich
noch nicht wohl gelangen. Wer aber vor Mir einst wird bestehen wollen, der muß
sich auch der Welt so zeigen, wie er beschaffen ist, dann wird er auch vor Mir
und Meinen Engeln kein weiteres Gericht mehr zu bestehen haben, so er sich in
seinem Tun und Lassen gebessert hat.
[GEJ.08_080,19] Sehet an dies Weib! Sie hat
wahrlich viel gesündigt; weil sie aber voll Offenheit im Herzen ist und dabei
auch viele Werke der Nächstenliebe ausgeübt hat, so ist ihr nun auch vieles
vergeben, und sie ist Mir nun lieber denn so mancher Gerechte, der nie
gesündigt hat. Denn der Gerechten wegen bin Ich nicht in diese Welt gekommen,
sondern nur der reuigen Sünder wegen, gleichwie auch ein Arzt nur zu denen
geht, die seiner bedürfen, und nicht zu den Gesunden, die des Arztes nicht
bedürfen.“
[GEJ.08_080,20] Auf diese Meine Worte sagten
die ein wenig ärgerlich gewordenen Pharisäer und Schriftgelehrten nichts mehr
und stellten sich mit dieser Zurechtweisung zufrieden.
[GEJ.08_080,21] Darauf aber bat Mich das
Weib, daß Ich mit ihr Geduld haben möchte, und sie werde auf das eifrigste
bemüht sein, noch alles gutzumachen, was durch sie je irgend Sündiges verübt
worden sei.
[GEJ.08_080,22] Ich aber sagte liebfreundlich
zu ihr: „Du hast wenig mehr gutzumachen; aber andere hätten an dir gar vieles
gutzumachen! Aber da sage Ich dir: Vergib allen, die an dir und gegen dich
gesündigt haben, so wie auch Ich dir vergeben habe, und Ich werde dann auch
denen vergeben ihre Sünden gegen dich! Nun aber iß und trink, und stärke deine
Glieder!“
[GEJ.08_080,23] Sagte die Maid: „O Herr! Du
allein bist für mich das beste Brot und der allerkräftigste und süßeste Wein
aus den Himmeln; Du allein bist die rechte und wahrste Lebensstärkung meiner
Seele und meines Leibes; sei nur Du mir gleichfort gnädig und barmherzig, und
verlasse mich arme Sünderin nicht!“
[GEJ.08_080,24] Sagte Ich: „Meine liebe
Tochter, diese Worte hat dir dein Fleisch nicht gegeben, sondern der Geist der
Liebe im Herzen deiner Seele!
[GEJ.08_080,25] Ja, Ich bin ein wahres Brot
aus den Himmeln und also auch ein wahrer Wein; wer dies Brot essen und den Wein
trinken wird, den wird es ewig nicht hungern und nicht dürsten. Ich bin sonach
eine rechte Speise und ein rechter Trank; wer Mich genießen wird im Geiste und
in der Wahrheit, der wird den Tod nicht sehen, noch fühlen und schmecken. Aber
darum iß und trink nun auch leiblich dieses irdische Brot und den irdischen
Wein!“
[GEJ.08_080,26] Darauf nahm die Maid erst
Brot und aß und trank dazu auch etwas Wein.
81. Kapitel
[GEJ.08_081,01] Ein Schriftgelehrter aber,
der als ein zu Mir Bekehrter bei uns war, sagte: „Herr und Meister! Du hast nun
zu der herrlichen Maria von Magdalon gesagt, daß Du Selbst ein wahres Brot aus
den Himmeln seist und so auch ein rechter Wein, und wer dies Brot und den Wein
genießen wird, der werde auch den Tod nicht sehen, fühlen und schmecken
ewiglich. Ich weiß wohl, daß Du unter ,Brot‘ Dein Wort und unter dem ,Wein‘ den
lebendigen Geist im selben gemeint hast, so wie unter ,Essen des Brotes‘ die
Annahme Deines Wortes und unter ,Trinken des Weines‘ das Handeln nach Deiner
göttlichen Lehre, die sicher aus den Himmeln ist, weil Du Selbst der alleinige
allerhöchste Herr des Himmels und auch der Erde bist; aber daß der, welcher das
wahre Himmelsbrot essen und den Wein aus den Himmeln trinken wird, gar nicht
sterben werde, das ist etwas ganz Neues, und ich weiß nun nicht, wie ich das
begreifen soll. Denn man kann das wohl auch von allen Menschen sagen, daß sie
den Tod nicht sehen, nicht fühlen und auch nicht schmecken; denn solange noch
ein Mensch lebt, sieht, fühlt und schmeckt er den Tod sicher auch nicht, – ist
er dann aber gestorben und tot, so sieht, fühlt und schmeckt er den Tod sicher
auch nicht, weil er kein Leben und somit auch keine wie immer geartete
Empfindung mehr hat. Du siehst, daß diese Sache nach meinem Erkennen einen
doppelten Sinn in sich enthält und demnach zu wünschen ist, daß Du als der Herr
über Leben und Tod uns diese Sache ein wenig klarer darstellen möchtest.
[GEJ.08_081,02] Alle die Altväter und
Propheten, die auch streng nach Deinem ihnen geoffenbarten Willen gelebt und
gehandelt haben, sind am Ende denn doch gestorben, und wir werden auch sicher
alle sterben müssen, weil Du Selbst uns auf den Abfall des Fleisches von der
Seele schon bei verschiedenen Gelegenheiten nur zu deutlich und klar aufmerksam
gemacht hast; und nun sagtest Du aber, daß es für den, der Deine Lehre annehmen
und werktätig befolgen wird, keinen Tod geben wird. Wie sollen wir das
verstehen?“
[GEJ.08_081,03] Sagte Ich: „Freund, bei dir
wird es noch mancher Probe benötigen, bis es in dir ganz helle wird! Meinte Ich
denn etwa, daß ein Mensch, der nach Meinem Worte leben wird, auch leiblich
gleichfort auf dieser Erde leben werde? Wie kann man aber als ein
Schriftgelehrter so blind und sinnlos denken und urteilen! Dem Leibe nach wird
wohl freilich ein jeder Mensch sterben, und sein Leib wird den Tod sicher nicht
sehen, fühlen und schmecken, – aber desto mehr die Seele eines Sünders, so er
nicht nach Meiner Lehre sich bessern und eine rechte und wahre Buße tun wird!
Denn bei wem die Seele noch gar sehr ins Fleisch und dessen sinnliche Lust
vermengt und verwachsen ist, bei dem auch wird eben die Seele den Tod sehr
sehen, fühlen und schmecken, so für den Leib die Stunde des Abfallens kommen
wird.
[GEJ.08_081,04] Sieh nur einen Verbrecher an,
so er nach den Gesetzen zum Tode auf den Richtplatz hinausgeschleppt wird, wie
es seiner Seele dabei zumute wird! Die Seele sieht erstens schon den
natürlichen Tod und fühlt und schmeckt ihn auf eine gar qualvolle Weise, und
zweitens dauert der Tod für die ohnmächtige und geistig tote Seele jenseits
noch gar lange fort, und das erstens, weil sie sich in ihrer Ohnmacht und
völligen Verlassenheit an denen, die ihren Leib getötet haben, nicht nach ihrem
brennenden Zorne rächen kann, und zweitens, weil sie in die größte
Lebensfinsternis gerät, aus der sie keinen Ausweg findet und daher in die
ärgste Qual gelangt, so lange, bis sie ihr eigenes Arge zu erkennen und
geduldig zu ertragen beginnt. Heißt denn das nicht den Tod sehen, fühlen und
schmecken?!
[GEJ.08_081,05] Eine Seele aber, die nach
Meiner Lehre in ihrem Geiste aus Mir schon auf dieser Erde vollends
wiedergeboren wird, wird solch einen Tod sicher ewig nicht sehen, fühlen und
schmecken, weil sie mit dem vollsten und hellsten Lebensbewußtsein frei von
aller Qual aus dem Leibe scheiden wird, wenn Ich sie zu Mir für ewig berufen
werde. Ich sage es euch: Es werden von euch viele, welche die geistige
Wiedergeburt werden erreicht haben, zu Mir von dieser Erde bitten und sagen:
,Herr, wie lange wirst Du uns noch die schwere Bürde des Fleisches auf dieser
Erde herumtragen lassen?‘ Und Ich werde zu ihnen in aller Liebe sagen:
,Geduldet euch noch eine kurze Zeit, und Ich werde euch eurer Bürde
entledigen!‘ Und so einer und der andere von euch von den Heiden um Meines
Namens willen zum Tode geführt wird, so wird er lachen und frohlocken, daß er
als Blutzeuge seines Fleisches entledigt wird, und wird Seligkeit und Wonne
empfinden selbst in des Fleisches Schmerzen. Wenn aber ganz sicher also und
nicht anders, habe Ich da dann doppelsinnig geredet also, wie du als ein
Schriftgelehrter es willst verstanden haben? Rede nun du, ob dir die Sache nun
noch also vorkommt!“
[GEJ.08_081,06] Sagte der Schriftgelehrte:
„Ja, Herr und Meister, nun ist mir auch diese Sache klar! Ich begreife sie nun
und bin auch sehr froh darob, obschon ich dabei dennoch offen gestehen muß, daß
der noch so beseligende Leibestod für die, welche noch auf der Erde im Fleische
zu verbleiben haben, durchaus nichts Anmutiges und Wünschenswertes, sondern nur
das Gegenteil aufzuweisen hat und für die Ehre, ein Mensch und gewisserart Herr
der Natur zu sein, sehr entwürdigend erscheint, weil der vernunftvolle Mensch,
der sich in seinem Denken, Glauben und Wissen bis zur vollen Gotteserkenntnis
emporschwingt und in seinem Herzen auch Gottes Liebe trägt, am Ende beim
Sterben vor jeglichem Tiere nicht nur nichts voraus hat, sondern demselben weit
nachsteht.
[GEJ.08_081,07] Denn das Tier weiß zum voraus
sicher nicht, daß es sterben wird, und der Mensch muß sich mit diesem höchst
unangenehmen Bewußtsein sein ganzes Leben lang herumtreiben, und es ist sonach
auch eben nicht ganz unbegreiflich, daß sich manche Menschen bloß aus dem
Grunde in alle sinnlichen Weltfreuden stürzen, weil sie der bittere Gedanke an
den sicheren Tod gewisserart dazu nötigt.
[GEJ.08_081,08] Im besonders gesunden
Menschengemüte ist ein heiterer Seligkeitssinn sicher der vorherrschendste,
denn wer wird etwa nicht wollen froh, glücklich und heiter sein? Aber inmitten
der den Menschen oft so beseligenden Gefühle steigen die schwarzen und das
Gemüt ängstigenden Gedanken an den sichern Tod auf, und mit der Seligkeit hat
es da auf Tage lang ein Ende!
[GEJ.08_081,09] Ja, wenn ein jeder Mensch das
wüßte, was wir durch Deine Gnade nun wissen, dann würde er sich aus dem
Gedanken an den Tod wohl auch eben nichts machen! Aber wie wenige gibt es
derer, die das wissen. Und so sind sie nach meiner Ansicht auch zu
entschuldigen, so sie sich inmitten ihres ihnen stets klar bewußten Elendes
nach aller Möglichkeit hin zerstreuen, damit sie nicht als große Freunde eines
glücklichen Lebens alle Augenblicke mit dem Gedanken an den Tod und an das Grab
erschreckt werden. Ich sehe nun wohl ein, daß der Mensch mit dem Tragen der
schweren Fleischbürde nie völlig selig werden könnte, und daß am Ende der
Leibestod für ihn ein unschätzbarer Gewinn ist; aber diese Begünstigung hätte
dem Menschen doch vom Schöpfer können erteilt werden, daß sein Tod nichts
Bitteres und sein Gemüt oft so sehr Beängstigendes an sich hätte? Der Mensch
könnte ja in einem Augenblick aufgelöst und der Bewohner einer andern Welt
werden!
[GEJ.08_081,10] Wozu das oft lange Hinsiechen
bis zum Tode, wozu die Schmerzen, und wozu das Bittere des Todes und das darauf
im Grabe lange Verwesen und Vergehen des toten Leibes?
[GEJ.08_081,11] Kurz und gut, mit der
gewöhnlichen Todesart der Menschen bin ich durchaus nicht einverstanden und
kann sie nicht als etwas Billiges ansehen!“
82. Kapitel
[GEJ.08_082,01] Sagte Ich: „Da kann Ich
Selbst dir eben nicht ganz unrecht geben; denn auch Ich bin mit der
gewöhnlichen Todesart der Menschen durchaus nicht einverstanden. Aber was kann
da Ich dafür, so die Menschen sich selbst eine so bittere und unangenehme
Todesart bereiten? Lebten die Menschen nur nach der ihnen schon vom Urbeginne
hellst geoffenbarten Ordnung, so gäbe es auch nicht einen, der sich über das
Bittere des Todes beklagen könnte.
[GEJ.08_082,02] Die Altväter starben alle
eines leichten und ganz sanften Todes; denn ihre Seelen verließen, so der Engel
sie rief, mit großer Freude den Leib, der von den Kindesjahren an bis ins hohe Alter
keine Schmerzen zu bestehen hatte, sondern stets zumeist kräftig und gesund
verblieb, und der endliche Leibestod war auch keine Folge von großen Leiden und
Schmerzen, sondern er erfolgte nur auf den stets ersehnten Ruf eines Engels,
nach welchem die Seele frei und ohne allen Zwang aus dem Leibe trat, der Leib
aber ohne den geringsten Schmerz gewisserart einschlief.
[GEJ.08_082,03] Als aber dann die Menschen
anfingen, stets mehr und mehr nach ihrem Sinne zu leben und sich mehr und mehr
der Unzucht, Hurerei und andern schwelgerischen und die Sinne betäubenden
Genüssen ergaben, so verdarben sie selbst ihre gesunde Natur, wurden schwach,
elend und krank, und ihr Leibestod mußte dann selbstverständlich einen andern
Charakter annehmen.
[GEJ.08_082,04] Wenn du ein Messer nimmst,
dich irgend ins Fleisch schneidest und dabei einen Schmerz empfindest, kannst
du das bei gesunder Vernunft dem Schöpfer zur Schuld legen, oder möchtest du da
nicht etwa auch sagen: ,Ja, warum hat denn der Schöpfer dem Menschen nicht
einen unempfindlichen Leib gegeben?‘ Ich aber sage dir: So dein Leib völlig
unempfindlich wäre, wie möglich könnte er dann lebendig sein? Nur ein völlig
toter Leib ist auch völlig unempfindlich!
[GEJ.08_082,05] Ich setze aber den Fall, daß
ein Mensch, wenigstens nach außen hin, einen unempfindlichen Leib hätte, etwa
so, wie da sind seine Haare. Was wäre davon bei einem leichtsinnigen Menschen
die nur zu bald sichere Folge? Selbstverstümmelungen aller Art und Gattung, so
daß die Menschen am Ende gar keine menschliche Gestalt mehr hätten und auch zu
keiner Arbeit mehr fähig wären.
[GEJ.08_082,06] Damit aber die Menschen
wenigstens doch noch ihre Außengestalt nicht zu sehr verstümmeln können, so ist
ihnen die Empfindlichkeit als ein guter Wächter gegeben worden. Zudem aber
versteht es sich schon von selbst, daß ein Mensch, der keine Empfindung für
Schmerzen hätte, auch keine Empfindung für die Wonne und Seligkeit haben
könnte; denn da bedingt eins das andere, und es kann eines ohne das andere
nicht bestehen, ja nicht einmal gedacht werden.
[GEJ.08_082,07] Ich weiß aber wohl, daß die
Menschen infolge ihrer großen Blindheit nun und schon seit langem namentlich
beim Sterben sehr viel leiden, und das erstens, weil sie zum größten Teil gar
keine sichere Kunde vom Fortleben der Seele nach des Leibes Tode haben und gar
viele schon in dem Glauben der Sadduzäer stecken, und zweitens, weil die
Menschen durch ihre höchst unordentliche Lebensweise ihren Leib mit allerlei
unreinen Geistern angefüllt haben, aus denen mit der Zeit unvermeidbar auch
allerlei böse und schmerzvolle und auch den frühen Tod zur Folge habende
Krankheiten entstehen müssen. Und so bin Ich auch aus dem Grunde Selbst im
Fleische auf diese Erde gekommen, daß Ich dem Menschen jene Wege zu wandeln
vorzeichne, auf denen er erstens wieder wahr und lebendig inne wird, daß und
wie seine Seele als sein eigentliches Ich nach dem Tode des Leibes fortlebt,
und zweitens, daß er so lange, als er auf dieser Erde zu leben hat, gesund und
kräftig bleibe bis in ein hohes Alter und sein Scheiden kein schmerzliches und
qualvolles, sondern ein fröhliches und höchst beseligendes werde. Und so kann
Ich als der Herr des Lebens euch die volle Versicherung geben, daß derjenige,
der – wohl verstanden! – Mein Brot essen und Meinen Wein trinken wird, den Tod
nicht sehen, fühlen und schmecken wird. Mit andern Worten gesagt: Wer nach
Meiner Lehre leben wird, der wird auch in ihre allbeseligende Wirkung versetzt
werden. – Ich meine nun, daß du, Mein schriftgelehrter Freund, diese Sache
anders verstehen wirst, als du sie ehedem verstanden hast?“
[GEJ.08_082,08] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, nun verstehe ich die Sache freilich wohl anders und besser,
als ich sie zuvor verstanden habe, und ich bin Dir auch von ganzem Herzen
dankbar für das uns allen auch in dieser Hinsicht gegebene Licht; denn ich
halte das für etwas höchst Wichtiges für den Menschen, daß er es wisse und am
Ende auch lebendig fühle, was es mit dem Tode des Leibes für eine Bewandtnis
hat, und wodurch dieser seine alten Schrecken, Schmerzen und Qualen verlieren
kann. Denn nur durch ein sicheres und lebenswahres Innewerden alles dessen kann
sich der Mensch erst zur wahren Würde eines Menschen von Gott aus erhoben
fühlen, und sein Tierisches sinkt in den Staub der Nichtigkeit zurück.
[GEJ.08_082,09] Aber es ergibt sich hier noch
eine gar gewichtige Frage an Dich, da nur Du allein sie uns als lebensgültig
beantworten kannst. Siehe, Herr und Meister, wir haben nun mit vollem und unser
ganzes Wesen überzeugendem Glauben Deine Lehre angenommen und werden auch
strenge nach ihren heiligst wahren Grundsätzen leben und handeln. Aber wir
haben zuvor doch schon eine ziemliche Reihe von Jahren sicher nicht nach Deiner
Ordnung unter allerlei Sünden durchgemacht. Es mögen sich bei solchen
Gelegenheiten auch so manche unreinen Geister in unser Fleisch eingeschlichen
und eingewurzelt haben, was ich nun aus so manchen Krankheiten, die ich schon
zu bestehen hatte, nur zu klar entnehme. Werden diese leiblichen Krankheitsgeister
durchs tätige Essen Deines Brotes und durchs Trinken Deines himmlischen Weines
wohl noch so ganz hinausgeschafft werden können, daß sie in meinem
Scheidungsmomente mich nicht mit einiger Qual drücken werden, oder werde ich
der begangenen Sünden wegen am Ende doch noch auch die Herbe des Todes ein
wenig fühlen und schmecken müssen?“
[GEJ.08_082,10] Sagte Ich: „Wenn du also
leben wirst, daß deine Seele in ihrem Geiste vollends wiedergeboren wird, so
wird eben der Geist dann mit allen in deinem Fleische noch steckenden unreinen
Geistern auch bald und leicht vollends fertig werden, und du wirst eines ganz
seligen Todes sterben auch dem Leibe nach; aber so da jemand im allgemeinen
zwar wohl nach Meiner Lehre ganz ernstlich leben und handeln, aber so geheim
bei sich doch auch noch in seine alten Gewohnheiten verfallen wird, ja, da wird
er diesseits auch nicht die völlige Wiedergeburt der Seele im Geiste erlangen
können und wird sich's am Ende in aller Demut und Geduld schon müssen gefallen
lassen, so er beim Scheiden mit noch manchen Leiden zu kämpfen haben wird. Denn
da werden die Leiden das Feuer sein, durch das des Menschen Lebensgold von gar
manchen Schlacken gereinigt wird; denn etwas geistig Unreines kann in den
Himmel nicht eingehen, was soviel gesagt haben will als: Der reine Geist aus
Gott kann sich nicht eher völlig einen mit der Seele, als bis diese alles der
Materie und ihrem Gerichte Angehörige völlig aus sich für immer verbannt hat. –
Wer demnach eines seligen Leibestodes von dieser Welt scheiden will, der muß
auch das wohl berücksichtigen!
[GEJ.08_082,11] Auch sollet ihr im Essen und
Trinken mäßig sein und nach keinen verkünstelten Leckereien gieren, so werdet
ihr des Leibes Gesundheit lange erhalten, und der Tod in einem hohen Alter wird
gleich sein dem süßen Einschlafen eines müde gewordenen Arbeiters im wahren
Weinberge Gottes. Die Seele wird dabei selig und hellsehend der morsch
gewordenen Leibeshülle entschweben und alsogleich von vielen Freunden in die
unbeschreibbaren Freuden der Himmel eingeführt werden und wird endlos froh und
heiter sein, daß sie einmal von dieser Welt und ihrem Jammer erlöst worden ist.
[GEJ.08_082,12] Wer sonach vollkommen nach
Meiner Lehre leben und handeln wird, der wird auch vollkommen mit ihren seligen
Wirkungen gesegnet werden; wer aber unvollkommen leben und handeln wird, der
wird auch danach den Segen ernten. – Hast du, Mein Freund, das nun verstanden?“
83. Kapitel
[GEJ.08_083,01] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, nun erst bin ich vollkommen im klaren, was da die Sache des
Sterbens betrifft; doch ein paar Nebensachen, die zwar nicht wesentlich zum
Akte des Sterbens gehören, möchte ich von Dir wohl noch erklärt haben, weil man
bei der Ausbreitung Deiner Lehre, und zwar namentlich unter den Heiden, denn
doch wohl darum befragt werden könnte, wo man dann, so man von Dir darüber
nicht belehrt wäre, mit der Antwort offenbar steckenbleiben müßte.
[GEJ.08_083,02] Die zwei Punkte aber bestehen
darin: Erstens: Warum muß der Leib des Menschen nur langsam verwesen und
zunichte werden? Es läge ja in Deiner Macht, ihn in einem Momente aufzulösen
und in etwas anderes zu verwandeln; denn dies langsame Verwesen und Vergehen
eines toten Leibes macht auf jeden Menschen einen unangenehmen Eindruck, und
die Verwesung vieler Leichname verpestet die Luft und wirkt schädlich auf die
Gesundheit der lebenden Menschen. Würde aber ein Leichnam, sobald er vollends
tot ist, etwa also vergehen wie allenfalls eine Schneeflocke an der Sonne, so
wäre es erstens eine für den Menschen würdigere Erscheinung, und zweitens
hätten die Menschen von der pestilenzialischen Ausdünstung während der
langweiligen (lange dauernde) Verwesung des Leichnams nichts zu befürchten und
würden auch die oft doch bedeutenden Unkosten des Begrabens und die traurige
Mühe sich ersparen. – Das wäre sonach der erste Punkt, über den ich von Dir
eine nähere Aufklärung haben möchte.
[GEJ.08_083,03] Der zweite aber besteht darin
und lautet: Wird die Seele, so sie des Leibes entledigt sein wird, auch auf
diese Erde, wenn sie das möchte, zurückschauen können, ihre Veränderungen und
auch das Tun und Treiben der Menschen bemerken? – Das wäre der zweite Punkt,
über den ich auch noch von Dir, o Herr und Meister, ein paar Wörtlein vernehmen
möchte!“
[GEJ.08_083,04] Sagte Ich: „Mein Freund, was
da betrifft den ersten Punkt, so ist es schon einmal so in Meiner Ordnung
begründet, daß der Leichnam aus gar verschiedenen und sicher sehr weisen
Gründen nur langsam verwest und sich verwandelt. Wenn ein Mensch aber nach
Meiner Ordnung gelebt hat, so wird sein toter Leib ohnehin schneller verwandelt
und wird während dem Akte der Verwesung keine pestilenzialische Ausdünstung
verbreiten. Nur wo in eines Menschen Leibe sich durch seine Sünden viele
unreine Geister angesammelt haben, die sich dann während des Aktes der
Verwesung lösen, da entwickelt sich der pestilenzialische Ekelgeruch und kann
auf die Gesundheit der anderen Menschen einen bösen Einfluß nehmen, wenn der
Leichnam zu lange unbegraben irgend im Freien sich befindet; doch ein paar Tage
geben da auch noch keinen fühlbaren Ausschlag.
[GEJ.08_083,05] Würde Ich aber einen
Leichnam, der voll unreiner Geister ist, plötzlich auflösen lassen, so würden
die dadurch in großer Masse freigewordenen unreinen Geister sich wohl auch
gleich auf die Leiber der nächsten Menschen in Blitzesschnelle stürzen und sie
sehr verderben und manche sogar töten.
[GEJ.08_083,06] Beim langsamen Verwesen aber
werden die unreinen Geister einmal zu einer Unzahl kleiner und auch größerer
Würmer; diese verzehren den Leichnam und endlich auch sich untereinander,
verwesen dann selbst, steigen in schon lauteren Feuchtigkeiten auf die
Oberfläche der Erde, wo sie wieder in allerlei Kräuter übergehen, und von
diesen dann in ein reineres Gewürm und Insektentum. Und siehe, also will es
Meine Weisheit und Meine Ordnung, und Ich habe dir nun eben so viel gesagt, was
darüber dem Menschen zu wissen notwendig ist; ein Weiteres aber wird dir schon
der Geist verkünden, wenn du es zu wissen benötigen wirst.
[GEJ.08_083,07] Was aber deinen zweiten
Fragepunkt betrifft, so versteht es sich von selbst, daß vollendete Seelen, wie
Ich euch das schon auf dem Ölberge gezeigt habe, nicht nur diese Erde, sondern
auch die ganze Schöpfung, wenn sie es wünschen, werden sehen und nach allen
Richtungen durch und durch beobachten können, und es werden ihnen auch die auf
den Weltkörpern lebenden Menschen und auch die andern Geschöpfe zur Leitung und
Führung anvertraut werden, und da ist es wohl von selbst verständlich, daß
vollendete Seelen auch die materiellen Schöpfungen sehen müssen und werden.
[GEJ.08_083,08] Aber unvollendete und böse
und finstere Seelen werden das nicht vermögen; denn es wäre das auch nicht gut,
weil sie in ihrer großen Schadenfreude und Rachgier der Erde und allen
Geschöpfen sicher großen Schaden zufügen würden. Sie halten sich zwar in den
Niederungen dieser Erde auf, auch in manchen Höhlen und Löchern der Erde; aber
sie sehen dennoch den von ihnen besessenen Ort nicht, sondern nur das haltlose
und lockere Gebilde ihrer Phantasie. Nur zuweilen wird es einem oder dem andern
gestattet, des materiellen Ortes, den ein solcher Abgeschiedener bewohnt,
innezuwerden. In solch einem Zustande weiß er dann auch, was irgend ein ihm
verwandter oder auch ein anderer Mensch auf der Erde tut, wie es ihm geht, und
noch so manches andere, – aber alles nur einige Augenblicke lang; dann kehrt er
gleich wieder in seinen nichtigen Phantasieort zurück, wo er seinesgleichen
findet. Denn es ist das auch bei den unvollendeten und argen Seelen der Fall,
daß die Gleichgesinnten sich in Vereine zusammenbünden, aber freilich in keine
guten; denn in gute Vereine bünden sich nur die seligen Geister. Alles andere
habe Ich euch auch schon auf dem Ölberge erklärt und euch gezeigt, und somit
wäre das einmal abgetan. – Habt ihr das wohl verstanden?“
[GEJ.08_083,09] Sagten alle samt dem
Schriftgelehrten: „Ja, Herr und Meister; sei Du uns Sündern nur stets gnädig
und barmherzig, auf daß wir dereinst nicht in die Vereine arger Seelen gelangen
mögen, und habe Geduld mit noch manchen unseren Schwächen! Dir allein sei alles
Lob und alle Ehre ewig!“
84. Kapitel
[GEJ.08_084,01] Als alle vor Mir solches
ausgesprochen hatten, da trat noch Agrikola zu Mir und sagte: „Herr und
Meister, bei uns Römern werden die Leichname, besonders vornehmer Menschen,
verbrannt und die Asche dann in gewissen Urnen und Krügen an dazu bestimmten
Orten und Stellen aufbewahrt, oder die Leichname gar hochstehender Herren
werden einbalsamiert und dann in den Katakomben aufbewahrt; nur das ganz arme
Volk und die Sklaven werden begraben auf den dazu bestimmten wohleingefriedeten
Stellen. Ist das also zu belassen oder zu ändern? Was sagst Du zum Verbrennen
und Einbalsamieren der Leichname?“
[GEJ.08_084,02] Sagte Ich: „So ihr es nicht
ändern könnet, da belasset es beim alten Brauch! Aber das Verbrennen ist besser
noch als das Einbalsamieren, durch das der Akt der Verwesung sehr verzögert
wird; aber ein rechtes Beerdigen des Leichnams ist das Beste. Nur soll dabei
darauf gesehen werden, daß ein Leichnam erst dann beerdigt wird, wenn er
vollkommen tot ist, was ein Arzt aus der Gesichtsfarbe und dem üblen
Verwesungsgeruch wohl muß beurteilen können; denn bei den Scheintoten stellen
sich die eigentlichen Todeszeichen nicht ein. Darum sollen sie auch nicht eher
beerdigt werden, als bis sie erkennbar völlig tot sind.
[GEJ.08_084,03] Ein vollkommener Mensch wird
wohl freilich nie in den Scheintod kommen; aber der materielle und
genußsüchtige Mensch leicht, weil seine Seele oft mit zu großer Liebe an ihrem
Fleische hängt. Wenn so ein Mensch auch kalt, steif, atem- und pulslos wird und
kein Lebenszeichen von sich gibt, so ist aber die Seele doch noch im Leibe und
bemüht sich ängstlich, ihn wieder zu beleben, was ihr nach einigen Tagen auch
zumeist gelingt. Wird aber ein solcher Mensch zu bald in die Erde vergraben und
wird dann im Grabe wieder auch dem Leibe nach lebendig, so könnet ihr es euch
wohl vorstellen, daß das für ihn, wenn auch nur auf einige Augenblicke, einen
sicher höchst verzweiflungsvollen Zustand abgeben muß. So ihr aber lebet nach
Meiner Lehre, in der vor allem unter euch die Nächstenliebe zu pflegen ist, da
gehört auch das sehr zu einem Akte der wahren Nächstenliebe, daß ihr darauf
wohl sehet, daß kein Scheintoter begraben oder verbrannt wird. So ihr es aber
merket, daß da jemand im Scheintode liegt, da bringet ihn in ein Gemach mit
guter und frischer Luft, betet über ihm, und leget ihm die Hände auf, und es
wird mit ihm besser werden!
[GEJ.08_084,04] Sollte manches Menschen
Scheintod hartnäckiger sein, so habt Geduld, und haltet ihn nicht eher für tot,
als bis sich die wahren Todeszeichen an ihm wohlerkenntlich zu zeigen anfangen!
Denn was ihr zuverlässig wünschet, daß es euch die Menschen tun möchten, so ihr
in einen solchen Zustand, der immer ein trauriger ist, gerietet, das tut ihr
auch ihnen! Das merket euch, ihr Römer, ganz besonders! Denn mit dem Beerdigen
der verstorbenen Armen und Sklaven macht man bei euch eben keine besonderen
Umstände, – und Ich habe euch nun darauf aufmerksam gemacht.“
[GEJ.08_084,05] Als die Römer dieses von Mir
vernahmen, dankten sie mir, daß Ich sie darauf aufmerksam gemacht habe, und
versprachen Mir, darauf alle denkbare Sorgfalt zu verwenden.
85. Kapitel
[GEJ.08_085,01] Als nun auch über diesen Gegenstand,
den der Schriftgelehrte hervorgehoben hatte, alles Nötige erörtert worden war
und der Abend schon sehr nahe war, da entsandten die schon vor einigen Stunden
nach Bethanien gekommenen Pharisäer einen Diener an den Lazarus, daß er zu
einer guten Besprechung zu ihnen kommen möchte; denn sie möchten nun von ihm
erfahren, ob sie vergeblich nach Bethanien gekommen seien.
[GEJ.08_085,02] Hierauf fragte Mich Lazarus,
was er nun tun solle.
[GEJ.08_085,03] Sagte Ich: „Die Anwesenden
haben nun viel für und wider Mich verhandelt, haben sich nun aber dahin geeint,
daß sie Mir nicht mehr feindlich entgegentreten wollen, und so gehen nun Ich
und du und unsere römischen Freunde zu ihnen. Alle andern aber verbleiben hier,
bis wir wiederkommen. Mein Raphael aber wird euch schon das angeben, was wir
bei den Pharisäern verhandeln werden. Und so begeben wir uns zu den auf uns
Harrenden!“
[GEJ.08_085,04] Ich ging voran, und Lazarus
und die Römer folgten Mir.
[GEJ.08_085,05] Im Vorhofe begegnete uns
Judas Ischariot und fragte, wohin Ich ginge.
[GEJ.08_085,06] Und Ich sagte: „Dahin du
nicht gehest! Das Weitere kannst du im Hause vernehmen!“
[GEJ.08_085,07] Da sagte er nichts Weiteres
darauf, zog sich ins Haus, und wir gingen zu den Pharisäern. Lazarus machte
hier den Vortritt, der den Templern schon bekannte Raphael begleitete ihn. Ich
und die Römer aber harrten noch ein wenig im Vorhofe.
[GEJ.08_085,08] Als unser Lazarus mit dem
Raphael in das sehr geräumige Gemach der Templer eintrat, begrüßten sie ihn mit
der ihnen eigenen Höflichkeitssitte, die unser Lazarus auch ganz wohl zu
erwidern verstand, womit die Templer auch ganz zufrieden waren. Nach dieser
gegenseitigen Begrüßung ging es sogleich auf die Hauptsache über, die natürlich
in nichts anderem bestand als nur in dem, was da selbstverständlich Mich
betreffen mochte.
[GEJ.08_085,09] Ein sehr auf seine Weisheit
eingebildeter Schriftgelehrter, den wir schon vom Ölberge aus kennen, sagte zu
Lazarus: „Freund, du weißt es sicher noch, was wir gestern abend besprochen und
auch so gut wie völlig abgemacht haben! Wir sind darum heute so früh, als es
uns nur immer möglich war, zu dir heraus gewandert. Aber wir sind hier, Freund,
wahrlich nicht in einer solchen Art empfangen worden, an der wir eine gerechte
Freude hätten haben können. Denn von deinen Hunden wären wir beinahe ganz böse
zugerichtet worden, so uns nicht deine Diener zu Hilfe gekommen wären! Das war
schon einmal der Empfang nicht, wie man uns Templer zu empfangen pflegt!
[GEJ.08_085,10] Allein, auch aus dem würden
wir uns wenig oder am Ende auch gar nichts gemacht haben; aber du selbst
verhießest uns, daß wir heute mit dem Messias persönlich zusammenkommen würden.
Nun sind wir schon einige Stunden hier, und wir haben nicht nur nichts von der
allfälligen Anwesenheit des Messias zu Gesichte bekommen, sondern du hast uns
sogar nicht mit deiner sonst allbekannten Gastfreundlichkeit empfangen, wie oft
zu andern Malen, und wir durften sogar nicht in dein Haupthaus einkehren,
sondern wurden in diese deine Fremdenherberge gewiesen, – und das war, siehe,
sicher nicht ganz recht von dir, und das um so weniger, weil du unseres Wissens
zu Hause warst und auch keine dringenden Geschäfte hattest! Aber lassen wir das
alles nun beiseite, weil du mit dem wunderbaren Jungen nur jetzt gekommen bist
und wir mit euch beiden über die Hauptsache reden können!
[GEJ.08_085,11] Sage uns denn nun, ob der
Nazaräer, der der verheißene Messias sei, was wir selbst unter uns als eine
ziemlich ausgemachte Sache betrachten, irgend schon hier in Bethanien sich
befindet, oder ist Er – dir bekannt – irgendwo andernorts? Denn nun läge es uns
um unser selbst willen sehr daran, mit Ihm eine nähere Bekanntschaft zu machen.
Wir hatten heute vormittag eine große und schwere Probe Seinetwegen im Hohen
Rate zu bestehen. Doch wir haben uns am Ende dennoch ganz erträglich
durchgefochten, obschon wir selbst – abgesehen von all dem, was wir gestern bei
dir erfahren und gehört haben – in unserer Annahme etwas schwankend geworden
sind; aber nun haben wir alle die uns bekannten Umstände näher erwogen und sind
aus unserem Schwanken herausgekommen. Darum möchten wir nun eben mit Ihm Selbst
sprechen. Verschaffe uns dazu die Gelegenheit, und wir sind und bleiben wieder
die alten guten Freunde!“
[GEJ.08_085,12] Sagte Lazarus: „Wäret ihr bei
eurer Hierherkunft so einig gewesen, wie ihr es nun so ziemlich seid, so hättet
ihr auch alsbald die Gelegenheit haben können, mit dem wahrhaftigsten Messias
zu reden; aber ihr waret sehr uneinig, und es waren einige unter euch
vorherrschend der Ansicht, daß das die beste Probe wäre – um zu erforschen, ob
Er der Messias sei oder nicht –, daß man Seiner mit Gewalt habhaft würde und
Ihn den Gerichten zum Tode überantwortete. Sei Er der Messias, so werde Ihn
wohl niemand zu töten imstande sein; sei Er aber nur so ein außerordentlicher
Mensch, wie es deren schon so manche auf der Welt gegeben habe, so werde Er im
Tode erliegen, und es werde dann niemandem mehr in den Sinn kommen, Ihn je für
den Messias zu halten. Sehet, diese eure vorherrschende Annahme war denn auch
der Grund, warum ihr erstens nicht in mein Haupthaus habt eingelassen und
zweitens darin auch nicht dem Messias habt vorgestellt werden können!
[GEJ.08_085,13] Da ihr aber nun
einverständlich von dieser argen Annahme abgegangen seid und einen andern
Beschluß gefaßt habt, so könnet ihr nun auch das Glück haben, den Messias zu
sehen und auch zu sprechen. Kommet Ihm aber ja nicht mit forschenden Herzen und
Blicken entgegen, sondern mit Glauben und mit der Liebe, so wird auch Er euch
mit Seiner Liebe entgegenkommen, – sonst aber mit Seiner alles durchdringenden
Weisheit, und da werdet ihr auf tausend nicht eins zu erwidern imstande sein!
Denn so Er es wohl wußte, mit welchen Gesinnungen ihr hierher gekommen seid,
wie ich sie euch nun offen kundtat, da weiß Er auch um jeden Gedanken, der
irgend etwa noch so still und geheim in eurem Gemüte aufsteigt. Dies sei somit
ein freundlicher Rat an euch, den ihr befolgen möget zu eurem zeitlichen und
ewigen Wohle!“
[GEJ.08_085,14] Sagte der Schriftgelehrte: „Du
hast nun wohl geredet und hast uns abermals Erstaunliches gesagt, und wir
werden uns nach deinem Rate verhalten; aber nun bringe uns vor den Weisesten
aller Weisen!“
[GEJ.08_085,15] Hier öffnete Raphael die Tür
und sagte: „O Herr, komme herein zu denen, die nun nach Dir dürsten!“
[GEJ.08_085,16] Und Ich trat mit den zehn
Römern in das große Zimmer und sagte zu den Pharisäern und Schriftgelehrten:
„Der Friede sei mit allen, die eines guten Willens sind, und somit nun auch mit
euch, da ihr in eurem Gemüte auch eines besseren Willens geworden seid! Warum
suchet ihr Mich, und was wollet ihr von Mir?“
[GEJ.08_085,17] Sagte der Schriftgelehrte:
„Herr und Meister, warum wir Dich nun suchen, weißt Du sicher ebensogut, wie Du
es zuvor wußtest, mit welchen Gesinnungen wir hierher nach Bethanien gekommen
sind! Wir zweifeln nun auch für uns und in uns gar nicht mehr, daß Du der
verheißene Messias bist, aber wir möchten nun aus Deinem Munde vernehmen, was
wir tun sollen, um in unserer sicher höchst fatalen Stellung Deiner Gnade und
Erbarmung doch nur einigermaßen würdig zu erscheinen.“
[GEJ.08_085,18] Sagte Ich: „Sitzet doch ein
Nikodemus und auch ein Joseph von Arimathia auch oft in eurem Rate! Was diese
tun, das könnet ja auch ihr tun, so ihr es wollet! Ich aber habe schon zu
öfteren Malen im Tempel offen gelehrt und habe euch durch Worte und Zeichen
klar gezeigt, wer Ich bin. So ihr das im Herzen glaubet und auch danach
handelt, so werdet ihr leben und selig werden; glaubet ihr aber nicht und tut
auch nicht danach, so werdet ihr euer Leben und eure Seligkeit verwirken.
[GEJ.08_085,19] Der Tempel aber, wie er nun
ist und besteht, ist schon lange kein Gotteshaus mehr, sondern er ist zu einer
Räuberhöhle und Mördergrube geworden. Ihr Pharisäer, Hohenpriester und Schriftgelehrten
habt ihn dazu umgestaltet; darum aber kann auch für keinen Menschen aus dem
Tempel mehr ein Heil zum ewigen Leben seiner Seele erwachsen. Nun bin Ich die
lebendige Arche des Bundes, bin auch der Tempel und das Heil und die Wahrheit
und das ewige Leben! Wer an Mich glaubt und nach Meiner Lehre lebt, der wird
auch das ewige Leben in sich haben und selig werden in Meinem Reiche.
[GEJ.08_085,20] Mein Reich aber wird nicht
sein ein Reich von dieser Welt, sondern ein Reich einer andern Welt, die ihr
noch nie erkannt habt; denn hättet ihr je jene Welt erkannt, so hättet ihr auch
Mich erkannt, als Ich zu euch in den Tempel kam, und hättet ihr Mich erkannt,
so hättet ihr auch Den erkannt, der Mich gesandt hat, von dem ihr saget, daß Er
euer Gott sei. Aber der Vater, der Mich gesandt hat, hat Mich nicht also
gesandt, wie man in der Welt einen Menschen aussendet, sondern also, daß hier
der Sender und der Gesandte Eines sind!
[GEJ.08_085,21] Wer da glaubt, daß der Vater
in Mir ist und Ich im Vater bin, der kann sagen, daß er den Vater und den Sohn
gesehen und gesprochen hat; vom Erkennen aber kann erst dann die Rede sein, so
Ich Mich jüngst vollends wieder in Meinem Reiche befinden werde und Ich über
die, so an Mich glauben und Meine Worte behalten und nach ihnen leben und
handeln, Meinen Geist ausgießen werde.“
[GEJ.08_085,22] Sagte nun der
Schriftgelehrte: „Herr und Meister, Deine Worte sind entschieden und bestimmt
ausgesprochen! Von einem Menschen also ausgesprochen, würden sie als eine
höchste Gotteslästerung angesehen werden, auf die Moses die Todesstrafe gesetzt
hat; es ist daher aber unter den Juden auch noch nie erhört worden, daß sich je
jemand selbst die höchste Würde und Ehre Gottes anmaßte und beilegte außer der
Heidenkönig Nebuchkadnezar, der aber darum auch von Gott gezüchtigt worden ist.
[GEJ.08_085,23] Du aber hast keine Furcht vor
dem Gesetz und noch weniger vor den Menschen, und Deine Taten, von denen wir
vieles schon vernommen und manches selbst erfahren haben, bezeugen, daß Deinem
Willen alle Mächte und Kräfte dieser Welt und auch der Himmel untertan sind; so
müssen wir bei uns und für uns wohl glauben, daß Du eben Der bist, als den Du
Dich nach allem, was die Propheten von dem kommenden Messias aussagten, uns
schon im Tempel und nun hier wieder dargestellt hast.
[GEJ.08_085,24] Wir glauben nun an Dich, und
so glauben wir auch, daß Du uns auch nun, wie in der Zeit der Babylonischen
Gefangenschaft, ehest aus der noch härteren Gefangenschaft der Römer befreien
und uns wieder zu einem freien, selbständigen und für immer mächtigen Volke
machen wirst. Tust Du das, so werden alle Juden an Dich glauben, sonst aber
sicher nur wenige!“
[GEJ.08_085,25] Sagte Ich: „Selig werden nur
diejenigen werden, die sich an Mir nicht ärgern werden und glauben, daß Ich der
verheißene Messias bin! Ich aber bin nicht gekommen, um den Juden abermals ein
irdisches und vergängliches Reich zu gründen, sondern ein geistiges in der
Liebe zu Gott und zum Nächsten und somit ein Reich des Lichtes und aller
Wahrheit aus Gott, ohne Lüge und ohne Trug.
[GEJ.08_085,26] Wer aber da meint, daß Ich
nun ein irdisches Reich gründen werde, der irrt sich groß. Die Römer sind nun
eure irdischen Herren und werden als solche auch in der Zukunft so lange
bleiben, wie es Gott gefallen wird. Wenn ihr euch aber wider sie auflehnen
werdet, dann werden sie euch auch zerbrechen und zermalmen.
[GEJ.08_085,27] Wer sich aber in Meinem
Reiche, das nun auch den Römern gegeben wird, befinden wird, der wird sich vor
keiner Macht der Welt zu fürchten haben, gleichwie auch Ich Mich vor keiner
Weltmacht fürchte. Hier aber an Meiner Seite stehen bereits zehn der irdisch
höchst beamteten Römer aus Rom; diese mögen euch auch Zeugenschaft über Mich
geben, ob Ich je nach einer Weltherrschaft getrachtet habe, und sie sollen euch
auch sagen, was sie als Heiden von Mir halten!“
[GEJ.08_085,28] Als die Pharisäer solche
Worte von Mir vernommen hatten, da wurden sie der anwesenden hohen Römer wegen
sehr verlegen und wußten nicht, was sie nun tun sollten.
86. Kapitel
[GEJ.08_086,01] Der Römer Markus aber trat zu
ihnen hin und sagte in der griechischen Zunge, deren auch die Pharisäer
mächtiger waren als der römischen: „Meine Freunde, werdet deshalb ja nicht
verlegen, weil ihr euch vor uns nun so hübsch offen geäußert habt, daß ihr
unsere Herrschaft gerne loswerden möchtet und den auch nahe unbedingt für den
rechten Messias halten würdet, der euch wieder zu einem freien, großen und
mächtigen Volk auf dieser Erde machen würde! Denn sehet, an derlei Äußerungen
von eurer Seite sind wir ja schon seit lange her gewöhnt, und wir lassen uns
ihretwegen auch kein graues Haar wachsen. Wir bleiben da noch immer bei unserem
alten Sprichwort: LEO NON CAPIT MUSCAS, weil wir uns dazu wahrlich noch stark
und mächtig genug fühlen.
[GEJ.08_086,02] Ihr aber habt nun für euch
vor dem Herrn und Meister bekannt, daß ihr an Ihn für euch und bei euch glauben
wollet und werdet, auch wenn dieser wahrste Messias nicht nur der Juden,
sondern auch aller andern Menschen der Erde die irdischen Verhältnisse nicht
ändern werde; und das war so ziemlich wohl von euch gesprochen, und wir
vergeben euch darum auch eure eben nicht sehr schmeichelhafte Äußerung. Aber
nur nimmt es uns wahrlich im hohen Grade wunder, daß ihr als in euren Schriften
wohlbewanderte Leute erst jetzt das so ein wenig zu begreifen anfanget, was wir
Römer teilweise schon lange als eine unumstößliche Wahrheit eingesehen und gar
wohl erkannt haben.
[GEJ.08_086,03] Sehet, dieser Jesus aus
Nazareth, aber geboren zu Bethlehem nach eurer Rechnung im 4151. Jahre nach der
Entstehung Adams, und zwar im Monat Januar am siebenten Tage in der
Mitternacht, ist der äußeren Geburt nach sicher so gut ein Jude, wie ihr es
seid!
[GEJ.08_086,04] Wir haben aber schon seit
lange her Kunde von allem, was sich bei Seiner Geburt und auch später dann und
wann mit Ihm Wunderbares zugetragen hat, und wir ließen es an guten
Kundschaftern auch nie so ganz mangeln und verloren Seine höchst denkwürdige
Persönlichkeit auch niemals, euch gleich, leichtfertig so ganz aus den Augen;
denn wir erhielten von Ihm Kunde durch Cyrenius und Kornelius, und da wir schon
alle Männer von 50-65 Jahren Alters sind, so wird es euch auch wohl begreiflich
sein, daß wir auch sicher schon so manches dürften erfahren haben.
[GEJ.08_086,05] Wir Heiden, die wir von euch
blind gescholten werden, haben aber schon lange auch bei und für uns gedacht –
und das um so mehr, als wir uns auch mit euren Gesetzen und Propheten vertraut
gemacht haben –, daß hinter dem wunderbaren Nazaräer etwas höchst Außerordentliches
verborgen sein müsse, und ob Er nicht etwa gar der nach den Propheten allen
Menschen verheißene Messias sei. Nun aber sind wir darüber, wenn vorderhand
auch nur bei und für uns, über alle Zweifel, daß Er auch vollends wahr das ist,
als was wir Ihn schon lange zu sein vermuteten.
[GEJ.08_086,06] So aber nun wir blinden
Heiden das einsehen, daß Er der große Weltmessias ist, und Ihn auch als einen
Herrn über uns und über alle Herrscher der Erde preisen, obschon Er äußerlich,
wie schon bemerkt, nur ein Jude ist, der als solcher bei uns wahrlich in keinem
besonderen Ansehen steht, – was hinderte dann euch, diesen euren so großen und
endlos erhabenen Landsmann sogleich als Den anzuerkennen, der Er ohne allen
Zweifel ist?! Ist das nicht eine Ehre auch für euch, daß wir irdisch mächtigen
Römer Ihn, der der äußeren Geburt nach ein Jude ist, als einen Herrn und
Meister über alle Herren der Welt anerkennen und preisen, wodurch wir denn auch
treu, offen und wahr an den Tag legen, daß Er uns Römer im Geiste aller
Wahrheit völlig besiegt hat, welchen Bekenntnisses wir uns auch nie schämen
werden, da es uns nur zum größten Ruhme gehört, daß Er auch uns unter Sein
allmächtiges und väterliches Zepter als Kinder aufgenommen hat! Und ihr Juden
haltet in eurem Hochmut und in eurer großen Blindheit nur Rat über Rat, wie ihr
Ihn, den allmächtigen Herrn aller Herrlichkeit, ergreifen und gar töten
könntet! Saget es uns Heiden nun, wie das bei euch nur denkbar sein kann!“
[GEJ.08_086,07] Auf diese energische Anrede
des Römers Markus stutzten die Pharisäer noch mehr und wußten nicht, was sie
ihm erwidern könnten.
[GEJ.08_086,08] Der Römer aber forderte sie
dennoch auf, daß sie reden sollten, was sie nur könnten und wollten, und es
würde ihnen nichts zu einem Übel angerechnet werden; denn freie und ehrliche
Menschen dürften sich auch vor Gott allzeit frei und ehrlich ohne Vorhalt
aussprechen.
87. Kapitel
[GEJ.08_087,01] Hier besann sich ein Ältester
und sagte: „Ihr hohen Römer und unsere Gebieter, ihr habt ganz recht, daß ihr
uns einen schon lange verdienten Vorwurf machet; denn wir Juden befinden uns
schon seit gar langem an der reinsten Quelle und wollen nicht daraus trinken!
Aber wer schuldet daran? Seht, so jemand einen Schatz hat, da achtet er ihn
nicht so hoch wie derjenige, der ihn nicht hat und ihn sich erst mühevoll
irgend erwerben muß, so er ihn besitzen will! Hören wir von fremden Propheten
und Weisen, so gieren wir nach ihrer Weisheit; aber die heimischen Propheten
und Weisen achten wir nicht, weil wir sie von ihrer Geburt an kennen und dann
bei ihrem Auftreten sagen: ,Woher kommt diesem die Weisheit und die wunderliche
Tatkraft?‘ Kurz und gut, der Mensch und besonders wir schon alt gewordenen
Juden sind träge und gleichgültig geworden gegen alles, was unter uns, wenn auch
noch so außerordentlich, als neu auftritt; denn unser gewohntes und
gemächliches Leben scheut alle weitere Arbeit und Mühe, und wir feinden aus
diesem alleinigen Grunde daher alles an, was uns in unserer Ruhe und
altgewohnten Behaglichkeit zu stören anfängt.
[GEJ.08_087,02] Wir sehen unser Unrecht bei
uns und für uns sogar recht gut und klar ein, können uns aber dennoch des
gewissen Ingrimms gegen den, der uns stört, nicht entschlagen. Wer schuldet
wohl daran? Siehe, unsere alte und schon lange nicht mehr gestörte Gewohnheit!
Je greller nun eine solche unsere behagliche Ruhe störende Erscheinung
auftritt, desto unangenehmer wirkt sie auch auf uns und reizt uns zum
Widerstand.
[GEJ.08_087,03] Ihr Römer seid Herren eines
großen und mächtigen Reiches und lasset euch auch ganz behaglich gut geschehen,
so im ganzen Reiche der Friede herrscht; so ihr aber von irgendeinem Teile des
Reiches die Kunde erhaltet, daß dort das Volk sich wider euch erhoben hat, so
fraget ihr auch nicht, ob etwa jenes Volk wegen zu großer Bedrückungen sich
wider euch mit vollstem Menschenrechte erhoben hat, sondern ihr entsendet bald
ein mächtiges Heer und züchtiget das aufgestandene Volk ohne alle Gnade und
Rücksicht darauf, ob das Volk mit Recht oder Unrecht aufgestanden ist. Warum denn
also? Weil euch das aufgestandene Volk aus eurer Ruhe und Behaglichkeit nur ein
wenig aufgerüttelt hat. Ihr kennet das Volk und fraget dann auch in eurem Rate:
,Aber wie hat es dem Völklein nur beifallen können, sich wider uns zu
erheben?‘, und saget dann: ,Na warte, du Völklein, du sollst deinen Mut und
Aberwitz teuer büßen!‘ Warum saget ihr da nicht unter allerlei weisem Bedenken:
,Das kleine Volk hat sich zwar wider uns erhoben; aber wir wollen Friedensboten
und auch Friedensrichter dahin entsenden, und diese sollen den Grund erforschen
und auch in gute Erfahrung bringen, ob das Volk ein wohl erweisbares und gutes
Recht dazu hatte!‘ Nein, das tut ihr nicht, und so ihr auch erführet, daß sich
sogar ein Gott an die Spitze des bedrängten und darum aufgestandenen Volkes
gestellt hätte, sondern ihr entsendet gleich ein Heer und fallet schonungs- und
rücksichtslos über das Volk her; und solltet ihr vom Volke etwa gar einige Male
geschlagen werden, dann wird der Beelzebub bei euch erst ganz und gar los sein,
auch dann, so ihr gar wohl einsehen würdet, daß das Volk ein vollstes Recht
hatte, sich wider euch zu erheben. Kurz, das Volk hat einmal eure Ruhe und
Behaglichkeit gestört, und dafür bietet ihr dann auch alles auf, um es zu
züchtigen, auch dann, so, wie gesagt, selbst ein Gott aus Seiner Güte, Weisheit
und Erbarmung das Volk wider euch zum siegenden Aufstand ermuntert hätte!
[GEJ.08_087,04] Seht, so fragt bei gewissen
Gelegenheiten der Mensch nicht nach Wahrheit und Recht, sondern handelt in
seinem blinden Zorn und Grimm wider den, der ihn in seinem vermeintlichen Recht
gestört hat, ob er es bei sich auch wohl einsieht, daß er schon von lange her
in allem unrecht und seiner Ruhe und Behaglichkeit zuliebe auch stets nur die
Lüge und den Betrug zu seinem Schutzschilde hatte!
[GEJ.08_087,05] Das ist nun auch bei den
allermeisten Templern der Fall. Sie sehen bei und für sich wohl ein, daß sie
schon seit langem wider das Gesetz Mosis und wider das Volk im Unrecht sind,
und daß der große Meister aus Nazareth vollkommen recht hat; aber Er stört sie
in ihrer irdischen Ruhe und Behaglichkeit, und sie hassen Ihn darum und möchten
Ihn aus demselben Grunde vernichten, wie da jemand, der in einem süßen
Schlummer sich befindet, eine lästige Fliege, die ihn in seiner behaglichen
Ruhe stört, zu fangen und zu vernichten trachtet.
[GEJ.08_087,06] Du, hoher Römer, magst da
freilich fragen und sagen: ,Ja, haben denn die Templer gar keinen Glauben mehr
an einen Gott und an Sein Wort aus dem Munde der Propheten?‘ Da kann ich dir
aus meiner höchsteigenen, vieljährigen Erfahrung sagen, daß es wohl vielleicht
im ganzen Judenlande keinen Laien unter den Juden gibt, der da weniger Glauben
hätte als ein Templer, besonders so er schon alt geworden ist. Die Jungen haben
manchmal wohl noch so einen Schimmer von einer Art Autoritätsglauben; aber wenn
sie so nach und nach innewerden, daß die Ersten und Alten, Schriftgelehrten und
Vorgesetzten gar keinen Glauben haben, so verlieren sie dann auch allen
Glauben, werfen sich bei und für sich geheim den griechischen Weltweisen in die
Arme, genießen das spannelange Leben, so gut sie es nur immer vermögen, und der
alte Jehova und Moses und die Propheten sind nichts als für sie nur darum
bedeutungsvolle Aushängeschilder, weil sie ihnen durch die ihnen geweihten
Satzungen und Zeremonien viele und große Schätze eintragen, mit denen sie ihr
Wohlleben stets mehr und mehr fördern können.
[GEJ.08_087,07] So haben sich die Templer die
Sache einmal recht gut eingerichtet und haben sich auch alles stets aus dem Wege
zu räumen verstanden, was sich ihnen irgend in den Weg gestellt hat; und was
sie allzeit taten, das tun sie noch und werden es, solange sie bestehen werden,
fort tun.
[GEJ.08_087,08] Da hast du, hoher Römer, nun
die Gründe ganz klar dargestellt, warum die Templer nun auch gegen diesen
Nazaräer, den aber wir nun Hierseiende wohl der vollen Wahrheit nach für den
verheißenen Messias halten, gar so zu Felde ziehen. Sie sagen: ,Lasset uns ihn
erst ergreifen und töten, dann wird es sich schon zeigen, ob er wohl der
verheißene Messias ist, ob es einen Gott gibt, und ob die Propheten alle keine
Menschheitsbetrüger waren!‘
[GEJ.08_087,09] Daß der ganze Tempel nun also
denkt und auch also handeln will, dafür können wir wahrlich nicht, und solange
wir auch im Tempel beamtet sind, können wir gegen dessen unsinnigstes Geheul
wenig oder nichts ausrichten; es ist schon viel, so wir dann und wann
beschwichtigend einwirken können. Ich habe auf deine Aufforderung nun treu und
wahr geredet, und du, hoher Römer, magst nun darüber dein Urteil aussprechen!“
88. Kapitel
[GEJ.08_088,01] Sagte darauf der Römer
Markus: „Ich bin dir für diese deine nun völlig rückhaltlose Beleuchtung sehr
verbunden, und wir Römer werden in Kürze wohl wissen, was wir mit solch einem
Priestertum werden zu tun und zu machen haben. Wo die Menschen nur des
einträglichen Amtes wegen sich dem Priestertum weihen und nicht der ewigen
Wahrheit aus Gott wegen, da wird es auch bald an der Zeit sein, ein solches
arge Priestertum von der Wurzel auszurotten und ein besseres und wahres an
seine Stelle zu setzen!
[GEJ.08_088,02] Ich als ein wohlerfahrener
Römer aber denke nun also, und der Herr Selbst gibt es mir ins Herz: In der
Folge kein Priestertum, keine Tempel und keine Sabbate, Feiertage,
Gedächtnistage und keine Jubeljahre und Olympiaden mehr, – sondern ein jeder
Mensch trachte, nach der Lehre des Herrn ein rechter Lehrer seiner Mitmenschen
und ein rechter Vater seiner Kinder zu werden! Die Tempel sollen in
Wohltätigkeitshäuser für die Armen umgestaltet werden; und die Sabbate,
Feiertage und andere nichtssagende Gedächtnistage sollen in Wohltatstage
umgestaltet werden, so werden sich bald alle Menschen als wahre Brüder im Herrn
umarmen und lieben!
[GEJ.08_088,03] Aber solange sich noch ein
Mensch einen Priester unter einem gewissen Divinationsansehen nennen und als
solcher sich von seinen Mitmenschen ehren und bezahlen lassen wird, solange man
Tempel bauen, Sabbate und andere Festtage halten und mit allerlei Zeremonie
zelebrieren wird, wird es böse mit der Menschheit aussehen. Ist von Gott aus
nicht ein jeder Tag ein Tag des Herrn, an dem man Gott im Herzen gläubigst und
über alles liebend bekennt und dem Nächsten Gutes tut geistig und leiblich? Ich
bin nun wohl dieser von allem Vorurteile freien Meinung und glaube auch, daß
ein jeder Denker eben dieser Meinung sein wird, die ich nun ausgesprochen
habe.“
[GEJ.08_088,04] Sagte darauf der
Schriftgelehrte: „Deine Meinung, hoher Römer, hat nach der natürlichen
Menschenvernunft viel für sich; aber wir müssen auf das auch Rücksicht nehmen,
was Gott durch den großen Propheten Moses eingesetzt hat, wo es ausdrücklich
heißt: ,Sechs Tage sollst du arbeiten; aber am siebenten Tage, als am Sabbate,
sollst du ruhen und dich von aller schweren, knechtlichen Arbeit enthalten und sollst
diesen Tag Gott, deinem Herrn, weihen und Ihm allein dienen nach der Art, wie
sie durch Aaron dem Volke vorgeschrieben ist!‘
[GEJ.08_088,05] Wenn nun deine Meinung zur
Realität und die Satzungen Mosis aufgehoben würden, so wäre das ja doch soviel
als: der Gott, der zu Moses redete und nun in dem wunderbaren Nazaräer abermals
wie persönlich zu uns redet, widerspräche Sich Selbst!
[GEJ.08_088,06] Ich bin auch gegen ein
kastenartiges Priestertum, aber Älteste und Rabbi muß es doch bei jedem Volke
geben; denn nicht ein jeder Mensch hat den Geist und das Talent, sich zu einem
wahren Rabbi auszubilden, und hat hier und da auch ein gewöhnlicher Mensch
Geist und Talent, so fehlen ihm die Zeit und die rechten Mittel! Darum hat
Moses den Stamm Levi bestimmt zum Priestertum und hat den andern Stämmen den
Zehent auferlegt, von dem dieser Stamm solle erhalten werden, damit er sich pur
dem Lehramte widmen könnte.
[GEJ.08_088,07] Ich bin aber nun auch der
Meinung, daß die notwendigen Volkslehrer nicht gerade aus dem Stamme Levi
hervorgehen sollten, weil das wie ein Kastentum erscheint, sondern ein jeder
Mensch, mit Geist, Talent und Zeit versehen, sollte das Recht haben, sich zu
einem Lehrer auch in göttlichen Dingen zu bilden; ist er aber dann ein
tüchtiger Lehrer geworden, so solle die Gemeinde, der er als Lehrer dient, ihn
auch erhalten und aus Achtung und Liebe nicht gestatten, daß er sich neben
seinem Lehramte mit dem Spaten und Pfluge sein Brot im Schweiße seines
Angesichtes erwerben muß.
[GEJ.08_088,08] Was aber deine Ansicht über
die Tempel und sonstigen Fest- und Feiertage außer dem Sabbat betrifft, so bin
auch ich deiner Meinung; denn derlei hat Moses nicht eingesetzt. Ein Tag in der
Woche aber ist ja von selbst verständlich des Volkes wegen notwendig, daß es
sich an demselben irgend an einem tauglichen Orte versammle und da über Gott
und seinen Willen belehrt werde, damit es nicht entweder in die volle
Gottlosigkeit oder in die schmutzigste Abgötterei verfalle. Das ist nun meine
Meinung, und es wäre uns lieb, daß nun der Herr und Meister Selbst darüber auch
Seine Meinung uns vernehmen ließe.“
89. Kapitel
[GEJ.08_089,01] Sagte nun Ich: „Gut denn, und
so vernehmet Mich! Ihr habt beide recht und wahr geredet; aber von nun an bin
auch Ich der Meinung, die der Freund Markus ausgesprochen hat, weil die Sache
ganz der Natur und der rechten Vernunft eines Menschen und somit auch der
Weisheit und Ordnung Gottes angemessen ist, aber Ich verwerfe darum auch deine
Ansicht nicht. Aber ihr Priester sollet aus dem Sabbat nicht einen gewissen
magisch wirkenden Tag machen und die Menschen mit harten Strafen belegen, so
sie sich im Notfalle auch am Sabbat ihr Brot verdienen müssen. Denn eine nötige
Tat, besonders zum sichtlichen und uneigennützigen Wohle des armen Bruders,
entheiligt den Sabbat nicht nur niemals, sondern heiligt ihn tausendfach mehr
denn alles eitle Geplärr im Tempel und in den Synagogen.
[GEJ.08_089,02] Denn wer den Sabbat durch
edle Taten heiligt, der heiligt ihn auch wahrhaft und werktätig und somit
lebendig, was allein vor Gott einen Wert hat. Wer aber den Sabbat nach eurer
Art heiligt, der schändet ihn; denn er ehrt Gott mit den Lippen, wie der
Prophet gesprochen hat, aber sein Herz ist ferne von Gott, weil es ferne vom
Nächsten ist.
[GEJ.08_089,03] Es sollen ja auch freie und
wahre Lehrer in einer Gemeinde sein, die sich da nicht ihr Brot mit der Arbeit
ihrer Hände verdienen sollen; aber so du der ganz guten Meinung bist, daß die
Menschen an einem Sabbat sich an einem Orte versammeln sollen, um da über Gott
und Seinen Willen wieder wie von neuem unterrichtet und an Ihn wohl erinnert zu
werden, da soll das denn auch statthaben. Aber darauf hat dann der Lehrer ja
auch sechs Arbeitstage! Wenn er einmal im Geiste geweckt ist, so braucht er die
sechs Tage ja auch nicht nur mit dem zuzubringen, sich für den kommenden Sabbat
etwa mühsam vorzubereiten, was er der Gemeinde vortragen wird; denn wer aus dem
Geiste Gottes redet, dem wird das, was er zu reden hat, in dem Augenblick in
sein Herz und auf seine Zunge gelegt werden.
[GEJ.08_089,04] Wenn aber das nach Meiner
Verheißung sicherst geschehen wird, wie es auch allzeit zu den Zeiten der
Urväter und zu den Zeiten der Propheten also geschehen ist, so meine Ich, daß
es an den sechs Arbeitstagen auch für den Gemeinderabbi eben nicht unnütz wäre,
so er auch als ein Muster für seine Gemeinde irgendeine gute und nützliche
Handarbeit verrichten möchte und sich dadurch sein tägliches Brot verdiente,
damit er den Gliedern der Gemeinde nicht um gar alles zu kommen genötigt wäre
und diese ihn dann sicher um so mehr achtete und ihm nachstrebte, weil sie in
seiner Haustätigkeit den schönsten und wahrsten Beweis seiner
Uneigennützigkeit, seiner Liebe zur und seiner Gerechtigkeit für die Gemeinde
vor Augen hätte.
[GEJ.08_089,05] Ich meine, daß dies um gar
sehr vieles besser wäre, als, den gegenwärtigen Templern gleich, die sechs
Arbeitstage mit völligem Nichtstun zu vergeuden und statt einer nützlichen
Beschäftigung nur zu schwelgen, zu prassen, zu huren, ehezubrechen, zu betrügen
und sich sogestaltig für die Hölle und für den ewigen Tod zu mästen. Das ist so
Meine Meinung!
[GEJ.08_089,06] Ah, etwas anderes ist es
jetzt für die, welche Ich nun in alle Welt aussende, um zu predigen das
Evangelium allen Völkern der Erde! Diese Meine ersten Boten haben weder Zeit
noch die Gelegenheit, sich mit den Händen ihr Brot zu erwerben; darum heißt es
für sie auch: Esset und trinket, was euch aufgesetzt wird auf den Tisch! Und
weiter: Sorget euch nicht für den kommenden Tag, was ihr essen und trinken und
womit ihr den Leib bekleiden werdet – denn dies wäre stockfinster und ganz
heidnisch! –, sondern suchet vor allem nur das Reich Gottes und seine
Gerechtigkeit unter den Völkern auszubreiten mit allem Fleiß und Eifer, so wird
euch alles andere schon wie von selbst zufallen; denn der Vater im Himmel weiß,
wessen ihr bedürfet! Aber wie gesagt, das gelte nur für die von Mir nun in alle
Welt Ausgesandten; wo aber einmal feste und stehende Gemeinden, in Meinem Namen
gegründet, bestehen werden, da soll dann Meine früher ausgesprochene Meinung
zur aktiven Geltung kommen!
[GEJ.08_089,07] Denn Ich will es durchaus
nicht, daß dann die Gemeinderabbi regelmäßig sechstägige Trägheitsdiener sein
sollen, da in der Trägheit die Wurzel aller Laster zu Hause ist. Ein in Meinem
Namen wahrhaft vollauf tätiger Gemeinderabbi aber wird eben auch unter den
sechs Tagen öfter die Gelegenheit finden und haben, den Gemeindegliedern mit
allerlei guten Beispielen voranzugehen, um sie zur tätigen Nachahmung zu ermuntern
im wahren und lebendigen Geiste, und da ist dann ein jeder solcher Tag gleich
dem Sabbat ein Heilstag für die ganze Gemeinde.
[GEJ.08_089,08] Also ist es auch durchaus
nicht unumgänglich für das Seelenheil der Menschen nötig, daß gerade der
jüdische alte Sabbat als ein besonderer Unterweisungstag verbleiben solle; denn
dazu kann ein jeder Tag nach Umständen gewählt werden. So sich der alte Sabbat
zur Verrichtung einer nötigen Arbeit zum Besten der Gemeinde günstig gestaltet,
während mehrere Wochentage infolge eines Unwetters ungünstig waren, so arbeitet
am Sabbat und bestimmet einen andern Tag für den Unterricht! Denn ein jeder
Tag, an dem ihr Gutes tun werdet in Meinem Namen, wird ein wahrer Sabbat sein;
denn am Namen des Tages liegt gar nichts, sondern nur daran, was jemand an
einem Tage getan hat.
[GEJ.08_089,09] Also ist es auch gar nicht
nötig, daß gerade alle acht Tage ein fixierter Unterrichtstag stattfinden soll,
sondern der kann nach Zeit und Umständen bestimmt werden; denn das Wort Gottes
läßt sich an einem andern Tage ebensogut predigen und anhören, und die
bestimmte Anzahl der Tage von einer Predigt bis zur andern hat vor Mir gar
keinen besonderen Wert und macht die Predigt selbst und auch die Menschen nicht
besser.
[GEJ.08_089,10] So der Gemeinderabbi aber
sieht, da es ihm im Geiste von Gott aus angezeigt wird, daß irgend ein
Gemeindeglied auf Abwege geraten ist, so gehe der Rabbi alsogleich hin und
ermahne ihn und warte dazu nicht den Sabbat ab; denn der Tag wird für den
Verirrten und wieder Zurechtgebrachten ein rechter Sabbat sein, an dem er sich
völlig gebessert hat.
[GEJ.08_089,11] Wenn der Gemeinderabbi in
einem Jahr nur eine wahre Predigt der Gemeinde gehalten hat, und die Gemeinde
lebt und handelt dann fest und treu danach, so braucht sie dann auch sobald
keine zweite Predigt mehr. Denn wer nach Meiner Lehre lebt und handelt, für den
braucht der Gemeinderabbi nicht mehr zu predigen an jedem Sabbat, denn für den
ist dann schon ohnehin ein jeder Tag ein rechter Sabbat, und die wahre und lebendige
Predigt trägt er in seinem Herzen, die ihm vom Geiste eingegossen wird.“
90. Kapitel
[GEJ.08_090,01] (Der Herr:) „Nur für die
Kinder mag die Gemeinde ein eigenes Schulhaus errichten und es mit einem oder
bei einer größeren Gemeinde nach Bedarf auch mit mehreren wohlerfahrenen und
sittsamen Lehrern versehen, die der Jugend das Lesen der Schrift, also auch das
Rechnen, das Selbstschreiben und noch mehrere nützliche Kenntnisse beizubringen
haben. Haben sie das an jedem Tage gewissenhaft und redlich mit Fleiß und Eifer
getan, so haben sie auch an einem jeden Tage den Sabbat geheiligt; und der
Gemeinderabbi wird dasselbe tun, wenn er solch eine Schule zu öfteren Malen
besucht und Lehrer und Schüler zu Fleiß und Eifer ermuntert und ihnen von Zeit
zu Zeit gute Lehren gibt in Meinem Namen. Was er aber da zu reden haben wird,
für das wird schon von Mir aus gesorgt werden.
[GEJ.08_090,02] Also ist es auch recht, so
eine stehende Gemeinde sich nebst dem Schulhause für Kinder ein
Versammlungshaus errichtet, in dem sie sich von Zeit zu Zeit in Meinem Namen
versammeln kann und mag. Aber es soll in einem solchen Hause dann nicht nur pur
der bestellte Gemeinderabbi das Recht zu reden und zu predigen haben, sondern
ein jedes männliche Gemeindeglied, so es von Meinem Geiste dazu ermuntert
worden ist. Denn es soll in einem solchen Hause nicht nur von der Schrift und
von den Propheten und von Mir gepredigt werden, sondern auch von andern Dingen
zur tieferen und wahren Erkenntnis Gottes und zur Belebung der Liebe zu Gott
und dem Nächsten; und da soll der reden, der von Meinem Geiste in ihm dazu
ermuntert wird, und die Gemeinde samt ihrem Gemeinderabbi soll ihn hören. Und
so sie das tun wird an was immer für einem Tage, da wird sie auch eine wahre
Sabbatheiligung begehen.
[GEJ.08_090,03] Ich will aber damit nicht
sagen, daß ihr deshalb die Ordnung der Zeit und die Zählung der Stunden, der
Tage, der Wochen, der Monde und der Jahre ganz außer acht lassen sollet; das
könnet und sollet ihr auch immerhin tun. Aber ihr sollet nicht die gewissen
Tage, weil sie in der Woche oder im Monde oder im Jahre die soundsovielten sind
und diesen und jenen Namen haben, für besser und heilsvoller halten als die
andern; denn an der Zahl und am Namen liegt gar nichts, sondern nur am Leben
und Handeln nach dem geoffenbarten Willen Gottes.
[GEJ.08_090,04] Denn wer da an einem Sabbat
an seinem Nächsten gesündigt hat, für den war der Sabbat wahrlich kein Sabbat!
So aber jemand an einem andern Tage seinem Nächsten etwas Gutes erwiesen hat,
für den war auch dieser andere Tag ein vollkommener Sabbat.
[GEJ.08_090,05] Darum soll in der Folge unter
Meinen wahren Nachfolgern alles völlig frei sein, und nichts kann einen Tag zu
einem wahren Sabbat erheben als allein nur Taten, die aus der wahren und
lebendigen Liebe zu Gott und dem Nächsten hervorgehen. Pfui und Schande solch
einer dümmsten Menschensatzung, die das für eine Sabbatschändung erklärt, so
man einem Armen und Bedrängten auch an einem Sabbat eine Hilfe bringt! Pfui und
Schande solchen Priestern, die das Volk lehren, daß Gott ein Wohlgefallen habe
an ihrem ekligen Geplärre und an ihren Opferzeremonien, die nur ein Greuel vor
Mir sind, wie sie es auch allzeit waren!
[GEJ.08_090,06] Darum werde der Sabbat nun
erst ein wahrer Werktag, und alle Zeremonie bestehe im reinen Handeln nach
Meinem Worte; das werde Ich allzeit mit Wohlgefallen ansehen und die wahren
Sabbatheiliger auch belohnen mit aller Meiner Gnade und Liebe. – Also spricht
nun der Herr!
[GEJ.08_090,07] Die aber den Sabbat heiligen
werden in der Weise, wie die Templer es nun tun und schon seit lange her getan
haben, und die dem Sabbat eine gewisse magische Heiligungswirkung zuschreiben,
so wie den gewissen Festtagen und den Neumonden, die sollen von der Feuerflut
Meines gerechten Zornes verzehrt werden! – Das hat nun auch der Herr
gesprochen, vor dem alle Tage, Wochen, Monde und Jahre völlig gleich sind.
[GEJ.08_090,08] Habt ihr das nun verstanden,
wie da für alle Zeiten und Ewigkeiten gültig lautet Meine Meinung? Denn
wahrlich, wahrlich sage Ich euch: Himmel und Erde, die ihr nun sehet, werden
einst vergehen; aber Meine Worte werden bleiben in Ewigkeit! Das ist nun so
Meine Meinung!“
[GEJ.08_090,09] Als die Pharisäer solches von
Mir vernahmen, wußten sie nicht, was sie Mir darauf erwidern könnten; die Römer
aber frohlockten heimlich, weil Ich die Ansicht des Markus durch Meine Rede
gutgeheißen hatte, zu der Ansicht des Schriftgelehrten aber ganz überaus
bedeutende Änderungen anriet. Es merkten aber das die Pharisäer und ärgerten
sich heimlich, obschon sie davon offen nichts merken ließen.
91. Kapitel
[GEJ.08_091,01] Nach einer Weile tieferen
Nachdenkens erst sagte der Schriftgelehrte: „Herr und Meister, ich habe nun bei
mir Deine Worte so gut als möglich erwogen und habe gefunden, daß Du nach den reinsten
Menschenvernunftprinzipien ganz recht hast und nach dem, was Du ohne allen
Zweifel bist, auch recht haben mußt; aber nachdem in Dir der ewige Geist
Jehovas wohnt, Dein Herz Sein Thron ist, und Er aus Dir redet und durch Seinen
allmächtigen Willen handelt und die ganze Schöpfung erhält und regiert, so
begreife ich nicht, wie Er einst auf Sinai dem Moses die Heiligung des Sabbats
gar strenge durch ein eigenes Gesetz mit beigegebener Art und Weise, wie der
Sabbat zu heiligen ist, hat geben können? Er hätte damals als Einer und
Derselbe ja auch so reden können, wie Du nun klar und weise vor uns geredet
hast, und man wäre nie auf eine tatlose und zeremonielle Heiligung des Sabbats
verfallen! Ja, man weiß es sogar, daß Juden, die den Sabbat durch knechtliche
Arbeit entheiligt haben, von Gott augenscheinlich gezüchtigt worden sind! Warum
hat demnach Gott durch Moses nur den Sabbat zu heiligen befohlen und warum
denselben nicht so gestellt, wie Du ihn nun gestellt hast? Gott ist ja doch
ewig unveränderlich in Seinen Ratschlüssen und kann Seine Worte nicht ändern!“
[GEJ.08_091,02] Sagte Ich: „Nun hat der
Schriftgelehrte aus dir gesprochen; aber er hat in dieser Sprache auch offen
gezeigt, daß er die Schrift noch nie auch nur im geringsten Teile verstanden
hat – und am allerwenigsten die Bücher Mosis! Damals war es für die in Ägypten
sehr entarteten Juden notwendig, daß ihnen ein Tag zur Rast von der
knechtlichen Arbeit und zur Anhörung des Wortes Gottes anbefohlen wurde; denn
ohne ein solches Gebot wären sie nach wie vor, wie sie sich's in Ägypten zur
Gewohnheit gemacht hatten, wohl an keinem Tage zu einer Ruhe und noch weniger
zur Anhörung des Wortes Gottes gelangt. Denn das jüdische Volk war sinnlich und
sorgte sich Tag und Nacht um nichts anderes, als wie es sich Mittel verschaffen
könnte, um den Bauch mit Fleisch vollzufüllen. Darum gab Gott damals schon
einmal aus ganz natürlichen und dann aber auch aus geistigen Gründen einen
bestimmten Tag, und zwar denselben, den schon die Urväter zum Ruhetag erwählt
hatten, den Sabbat nämlich, zur Ruhe und zur Anhörung des Wortes Gottes.
[GEJ.08_091,03] Aber das hat Gott in Seinem
Sabbatgesetz gar niemandem geboten, daß er am Sabbat niemandem einen notwendigen
und guten Dienst erweisen solle. Solch ein Gebot habt erst ihr an die Stelle
des mosaischen gesetzt und ließet nur dem auch am Sabbat eine Arbeit und ein
notwendiges und an und für sich gutes Werk verrichten, der euch dafür ein
starkes Lösegeld und sonstige reiche Opfer dargebracht hatte.
[GEJ.08_091,04] So du aber meinst, daß Gott
die einmal gegebene Form eines in einer gewissen Zeit notwendigen Gesetzes
nicht ändern könne, weil Er in Sich ewig unveränderlich ist, wie habt denn
hernach ihr euch die Freiheit zu nehmen getraut, das Gesetz Mosis so arg nach
eurem Gutdünken und zu eurem materiellen Wohle umzuändern, daß ihr nun
tatsächlich auch nicht ein Häkchen von dem mehr beachtet, was Moses und die
Propheten gelehrt und anbefohlen haben?
[GEJ.08_091,05] So euch denn die Gesetze
Mosis und seine Schriften gar so heilig sind, warum habt ihr denn dann das
sechste und siebente Buch Mosis und den rein prophetischen Anhang als unecht
seiend verworfen und habt ein anderes Menschenwerk an dessen Stelle gesetzt?
[GEJ.08_091,06] War die alte Bundeslade nicht
ein Heiligtum allen Juden gewesen? Als aber schon vor dreißig Jahren die Rauch-
und Feuersäule ob eurer bösen Taten entfloh und die Lade, von ihrer Kraft
verlassen, im Allerheiligsten dastand, da habt ihr sie in einer Kammer
aufbewahrt und eine andere, aus der der Fremden wegen ein natürliches Feuer
brannte und auch ein natürlicher Rauch aufstieg, an ihre Stelle gesetzt. Warum
habt ihr denn das getan? Hat dafür etwa auch Moses ein Gesetz gegeben, in dem es
hieße, daß ihr solches tun dürfet?
[GEJ.08_091,07] Ja, es haben wohl die
Propheten davon geweissagt, daß in der Zeit, die nun vor euch da ist, die alte
Lade des Bundes in eine neue und lebendige vor aller Menschen Augen umgewandelt
werden wird; aber also, wie ihr es eigenmächtig gemacht habt, haben es die
Propheten sicher nie gemeint! Denn wäret ihr aus den Propheten überzeugt
gewesen, daß vor dreißig Jahren solches nach dem Willen Gottes zu geschehen
habe, so hättet ihr davon dem Volke sicher durch lange Reden verkündet und
hättet es auch zu großen Opfern aufgefordert; das aber ließet ihr gar fein und
weislich bleiben, und das Volk weiß bis zur Stunde von solcher eurer
eigenmächtigen Gebarung nichts.
[GEJ.08_091,08] Wisset ihr aber, daß unter
der neuen Bundeslade die Propheten nur Mich gemeint haben, – warum verkündet
ihr das dem Volke nicht, und warum verehret ihr an Meiner Statt eurer Hände
eitel nichtiges und totes Werk?
[GEJ.08_091,09] Ihr berufet euch stets auf
Moses und auf die Propheten; so Ich euch nun den rechten und allein wahren Sinn
und inneren Geist der Schrift zeige, wie kommt es aber dann, daß in der Tat
gerade ihr Templer die größten Leugner Gottes, Mosis und aller Propheten seid?
[GEJ.08_091,10] Moses hat aus wohlweisen
Gründen das ihm von Gott geoffenbarte Wort und namentlich dessen inneren
lebendigen Sinn und Geist in entsprechende Bilder verhüllt, und was er euch
enthüllt hat, das habt ihr verworfen. Nun bin Ich Selbst gekommen und enthülle
euch das Verborgene, warum glaubet ihr es nun nicht und suchet Mich nur zu
fangen mit dem, was ihr selbst noch nie geglaubt und noch weniger je begriffen
habt?“
92. Kapitel
[GEJ.08_092,01] (Der Herr:) „Seht, es ist das
seit den ersten Zeiten der Menschen der Brauch gewesen, die Woche in sieben
Tage einzuteilen, welche Einteilung die Menschen auf dem natürlichen Wege von
den Mondvierteln ableiten und auf dem übersinnlichen Wege, der ihnen
geoffenbart wurde, aber von den sieben Geistern in Gott, von denen ihr auch
etwas gehört, aber noch niemals nur ein Wörtlein verstanden habt.
[GEJ.08_092,02] Von den sieben Geistern aber
ist es der siebente, der wie rückwirkend alle die sechs vorangehenden
durchläutert und durchsänftet, und dieser siebente Geist heißt die tätige
Erbarmung. Und seht, auch aus dem Grunde hat Gott durch Moses den siebenten Tag
als den Sabbat bestimmt, daß ihr euch am selben von der knechtlichen Arbeit für
den eigenen Bauch enthalten und bei der Zusammenkunft vor der Hütte, darin die
Lade stand, nach den armen Brüdern, Schwestern, Witwen und Waisen umsehen und
euch über sie werktätig erbarmen sollet; denn darin besteht ja das ganze Gesetz
Mosis und alle Propheten, daß ihr im vollen Glauben an Gott und in der Liebe zu
Ihm an euren armen Nächsten die Werke der rechten Barmherzigkeit ausüben sollet,
und darin besteht auch allein der wahre und Mir wohlgefällige Gottesdienst!
[GEJ.08_092,03] Wenn aber also und nie
denkbar anders, wie hätte Moses je sich nur in einem noch so schlechten Traume
einbilden können, daß der Sabbat von Gott dazu bestimmt worden sei, daß an ihm
kein Jude auch seinem armen Nächsten ein Werk der Barmherzigkeit erweisen solle
und dürfe?
[GEJ.08_092,04] Denket euch selbst, ob das
Gott eine Ehre erweisen heißt, so ein Mensch einen ganzen Tag erstens im
vollsten Müßiggange zubringt und dann zweitens entweder zu Jerusalem im Tempel
oder andernorts in einer Synagoge oder in seinem Hause hockend zubringt, sich
etliche Male die Zehn Gebote und einige Psalmen Davids und noch anderes aus der
Schrift herz-, gedanken- und somit kopflos entweder selbst vormurmelt und
vorplärrt oder sich vormurmeln und vorplärren läßt von einem Priester, dem er
darum ein Opfer reicht, weil er des blinden Glaubens ist, daß das Gemurmel und
das Geplärr aus dem Munde eines Priesters kräftiger und Gott wohlgefälliger sei
als sein eigenes! O ihr Unsinnigen! Denket euch doch, ob es möglich sei, daß
der allweiseste Gott an solchen nur von euch und nie von Moses und von den
Propheten erfundenen und sogar zum Gesetz gemachten Torheiten und Narrenpossen
jemals ein Wohlgefallen haben konnte und Er, der ewig unveränderlich Gleiche,
es jetzt haben kann oder je wird haben können!
[GEJ.08_092,05] Ja, die Menschen, die Gott
erkennen und Ihn über alles lieben, sollen im Herzen auch zu Ihm beten. Aber
wie? Erstens durch die rechte Befolgung Seines Willens, durch die Ausübung der
Werke der Nächstenliebe, und zweitens sollen sie im Herzen lebendig und voll
Liebe also zu Gott reden:
[GEJ.08_092,06] ,Unser liebevollster Vater,
der Du wohnst in Deinen Himmeln! / Dein Reich der ewigen Liebe und Wahrheit
komme tatsächlich zu uns! / Dein allein heiliger Wille, das Sein aller Wesen,
werde auch unter uns also zur Tat, wie er es in allen Deinen Himmeln und
Schöpfungsräumen ist! / Gib uns, Deinen Kindlein, das Brot des Lebens! / Unsere
Schulden vergib uns, so wie wir unseren Brüdern, die uns beleidigt haben,
vergeben! / Lasse nicht Versuchungen und Reizungen zur Sünde über uns kommen,
denen wir in unserer Schwäche schwer oder gar nicht widerstehen könnten,
sondern befreie uns von allen Übeln! / Dein Name werde allzeit geheiligt, hoch
gepriesen und über alles gelobt; denn Dein ist alle Liebe, Weisheit, Kraft und
Macht ewig!‘
[GEJ.08_092,07] Sehet, das ist ein rechtes
Gebet zu Gott, so es von jemandem im Herzen lebendig und wahr und vollernstlich
ausgesprochen wird! Aber auch dieses Gebet hat keinen Wert, so es auch von
jemandem im Munde tausend Male ausgesprochen würde, sondern es muß sich im
Herzen lebendig, wahr und voll Willensernstes aussprechen, und der Mensch muß
das auch durch die Tat zeigen, was die Rede seines Herzens ausspricht, sonst
ist alles Beten ein Greuel vor Gott; denn der ewig lebendige Gott, als die
Liebe, Weisheit, Kraft und Macht, läßt Sich nicht durch leere und tote
Lippenworte und sinnlose Opfer und Zeremonien ehren, sondern allein durch Werke
nach Seinem Willen. Diese aber kann und soll ein jeder Mensch an jedem Tage und
nicht nur allein am Sabbat ausüben; tut der Mensch aber das, so macht er jeden
Tag zu einem wahren Sabbat und braucht nicht auf den siebenten Tag der Woche zu
warten, der als Tag vor Mir um kein Haar einen größeren Wert hat als ein
anderer. Sehet, das ist auch so Meine Meinung! Und du, schriftgelehrter
Templer, kannst Mir nun eine Widerrede machen, wenn du einen Grund dazu hast.“
[GEJ.08_092,08] Sagte der Schriftgelehrte: „O
Herr und Meister, das werde ich nun wohl und auch für immer bleiben lassen;
denn nun erst habe Ich klar erkannt, daß Du wahrhaft der Gesalbte Gottes bist!
Ja, Du hast in allem recht, und der Vorwurf, den Du uns Templern machst, ist
wahr und strotzt von Gerechtigkeit. Aber wir sind leider eben vom Tempel aus
gefangen und können für diese Deine wahrste Gottessache nichts tun.
[GEJ.08_092,09] Du, o Herr, aber bist
mächtig; tue Du nach Deiner Gnade, Liebe und Weisheit, was Dir wohlgefällig
ist! So wir aber auch im Tempel verbleiben, da werden wir wahrlich in keinem
Rate je mehr wider Dich ein Wort abgeben, wohl aber bei Gelegenheiten den
Hohenpriestern zeigen, was an dieser Sache ist. So Du uns aber eigens anzeigen
wollest, was wir tun sollen, so werden wir das auch tun, um von Dir in Gnaden
angenommen zu werden. Herr und Meister, was ist da Dein Wille mit und an uns?“
[GEJ.08_092,10] Sagte Ich: „Ich habe euch nun
doch schon einiges gesagt, aus dem euer Verstand wohl Meinen Willen wird
erkannt haben! Tuet danach, so werdet ihr auch das Leben überkommen! Der Tempel
wird euch nicht hindern, im Herzen an Mich zu glauben und nach Meinem Willen zu
handeln und, wo es not ist, Mich auch zu bekennen vor der Welt; denn das sage
Ich euch auch: Wer Mich bekennen wird vor der Welt, den werde Ich auch bekennen
vor Meinem Vater im Himmel. – Und nun könnet ihr wieder nach Jerusalem ziehen;
wenn euch aber die Templer nach Mir fragen werden, so machet Mich nicht
ruchbar! Mein Segen mit euch! Amen.“
[GEJ.08_092,11] Hierauf erhoben sich voll
Rührung die Templer, dankten Mir für die Belehrung und für die Erlösung aus
ihrem Wirrsal und machten sich, da es schon ziemlich dunkel geworden war, auf
den Heimweg, und Lazarus gab ihnen einige Begleiter mit einer Fackel mit, was
den Templern sehr angenehm war. Wir aber begaben uns wieder in den Saal und
setzten uns an unseren Tisch. Hier erst äußerten die Römer ihre vollste und
größte Freude über alles, was Ich den Templern gar so offen und göttlich wahr
gesagt hatte.
[GEJ.08_092,12] Alle aber baten Mich um das
den Templern gezeigte wahre Gebet. Da aber trat Raphael zu Agrikola und übergab
es ihm auf Pergament geschrieben, wofür Mir die Römer nicht genug danken
konnten.
[GEJ.08_092,13] Ich aber sagte darauf zu
Lazarus: „Bruder, wir haben nun wieder gearbeitet, darum laß uns vor dem Mahle
etwas Wein und Brot bringen, damit wir uns stärken mögen!“
93. Kapitel
[GEJ.08_093,01] Und Lazarus besorgte gleich
alles. Als wieder Brot und frischer Wein auf den Tisch gebracht wurde und wir uns
ein wenig erlabten, da kam die Martha und fragte Mich, was Ich zum Abendmahle
wohl am liebsten äße.
[GEJ.08_093,02] Sagte Ich: „Siehe, du Meine
liebe Martha! Die Menschen, die Mein Wort hören und nach demselben leben, sind
Meine liebste Speise und auch Mein liebster Trank! – Hast du diese Worte nun
wohl verstanden?“
[GEJ.08_093,03] Sagte mit etwas ängstlich
verblüffter Stimme die Martha: „Aber Herr und Meister! Du wirst doch nicht
Menschenfleisch essen wollen?“
[GEJ.08_093,04] Sagte Ich: „Du, Meine liebe
Freundin, bist in den Dingen des Geistes noch nicht zu tief gedrungen! Meine
Ich denn eine Speise für den Geist oder fürs Fleisch, so Ich sage, daß jene
Menschen Meine Lieblingsspeise und Mein Lieblingstrank sind, die Mein Wort
hören, es beherzigen und danach leben und handeln? Ich sage es dir und auch
allen, die hier sind: Der Mensch lebt nicht allein vom Brote und Weine, sondern
vielmehr von jeglichem Worte, das aus dem Munde Gottes kommt, so er danach tut;
und es ist sonach das Wort Gottes eine allervorzüglichste Nährspeise für den
ganzen Menschen, während das Brot dieser Erde nur allein seinen sterblichen
Leib ernährt und nicht zugleich seine Seele und seinen Geist.
[GEJ.08_093,05] Wie aber Gott durch das Wort die
Hauptspeise für den ganzen Menschen ist, so ist dann auch der Mensch, der Gott
erkennt, Ihn über alles liebt und Seinen Willen erfüllt, ebenfalls eine gute
und höchst erquickliche Speise für die ewige Liebe in Gott. Wenn du das nun
verstanden hast, so magst du uns heute zum Abendmahle ein gutes Gericht von
wohlzubereiteten Fischen auf den Tisch setzen!“
[GEJ.08_093,06] Sagte die Martha: „O Herr und
Meister, jetzt habe ich Dich schon verstanden, Daß Du zuvor nur eine geistige
Speise und einen geistigen Trank gemeint hast, und ich danke Dir inbrünstigst
für Deine große Geduld mit mir; aber da Du nebstbei Deinen Wunsch für ein
wohlzubereitetes Gericht von edlen Fischen ausgesprochen hast, so kann ich nun
nicht umhin, Dir offen zu bekennen, daß uns der Fischvorrat gerade heute ganz
ausgegangen ist. Beim Mittagsmahle ist der ganze Rest verzehrt worden, und ich
bin nun mit Deinem Wunsche in eine große Verlegenheit versetzt. Was soll ich
nun tun?“
[GEJ.08_093,07] Sagte Ich mit freundlichster
Miene: „Ja, Meine liebe Martha, das ist nun freilich eine etwas unangenehme
Geschichte! Woher sollst du nun so viele edle Fische bekommen, die für uns alle
genügen würden?“
[GEJ.08_093,08] Sagte die Martha, noch
verlegener denn zuvor: „O Herr und Meister, ich weiß es wahrlich nicht; aber Du
könntest mir da wohl raten und helfen!“
[GEJ.08_093,09] Sagte Ich: „Ja, das könnte
Ich allerdings, wenn du dafür einen rechten und festen Glauben hättest!“
[GEJ.08_093,10] Sagte Martha: „O Herr und
Meister, ich glaube ja alles! Denn Du bist ja die ewige Liebe und Wahrheit
selbst, und was Du sagst und willst, das geschieht auch allzeit sicher und
gewissest!“
[GEJ.08_093,11] Sagte Ich: „So gehe denn und
sieh nach in dem Weiher, der sich, in einen großen Stein gehauen, in eurer
großen Küche unter dem stets fließenden Brunnquell befindet, und du wirst darin
Fische für heute und morgen in hinreichender Menge finden!“
[GEJ.08_093,12] Auf diese Meine Worte eilte
die Martha samt ihrer Schwester Maria in Begleitung der Maria von Magdalon
hinaus in die große Küche, und sie fanden den Weiher voll mit den besten
Fischen aus dem Flusse Jordan, und ihr Staunen darüber war groß. Sie kamen bald
wieder und erzählten allen das Wunder, und ihr dankbares Erstaunen nahm nahe
schon kein Ende.
[GEJ.08_093,13] Ich aber sagte zur Martha:
„Oh, erstaune darüber doch nicht gar so sehr, da Ich vor euren Augen ja doch
schon so manches Zeichen gewirkt habe, sondern gehe nun und bereite uns ein
gutes Abendmahl!“
[GEJ.08_093,14] Auf diese Meine Worte eilte
die Martha und auch die Maria hinaus in die Küche und setzten allda alles in
Bewegung, damit das Abendmahl in einer Stunde Zeit bestens bereitet werden
könnte. Es war aber ein sternenheller Abend, und im Westen waren noch die
letzten Strahlen der untergegangenen Sonne ersichtlich, was wir durch die
offenen Fenster wohl merken konnten, und es äußerten besonders die Römer den
Wunsch, nun eine kurze Zeit im Freien an Meiner Seite den gestirnten Himmel und
so manche abendliche Erscheinung zu besehen und zu beobachten.
[GEJ.08_093,15] Und Ich sagte: „Gut, so gehen
wir eine Stunde lang hinaus, und es wird sich so manches sehen, beobachten und
erkennen lassen!“
94. Kapitel
[GEJ.08_094,01] Als Ich solches ausgesprochen
hatte, da waren alle Anwesenden, deren es eine bedeutende Anzahl gab, sogleich
bereit, auch die Stunde im Freien zuzubringen, und wir erhoben uns und gingen
hinaus, wo ein großer und ganz freier Platz war. Alle staunten nun über die
unzählbar große Menge der Sterne und priesen die Allmacht und Größe Gottes.
[GEJ.08_094,02] Als wir so eine Zeitlang den
gestirnten Himmel beobachtet hatten, da fragte Mich Markus, der Römer, sagend:
„Herr und Meister, das sind also bis auf einige wenige Planeten lauter Sonnen,
um die abermals die zu ihnen gehörigen Planeten und Monde und auch
Schweifsterne bahnen?“
[GEJ.08_094,03] Sagte Ich: „Allerdings, wie
Ich euch solches schon auf dem Ölberge gezeigt habe; doch sehet ihr unter
diesen vielen Sonnen auch mehrere Zentralsonnen, um die sich, wie euch schon
bekannt, die Planetarsonnen mit allen ihren Planeten in großen Kreisen bewegen,
und wieder sehet ihr jene größeren Zentralsonnen, um die sich ganze
Sonnengebiete bewegen, und auch ein paar solche Zentralsonnen, um die sich in
überweiten Kreisen schon ganze Sonnenalle bewegen. Aber so Ich sie euch nun
auch mit den Fingern zeigte, so würde euch das wenig oder auch gar nichts
nützen; wenn ihr aber im Geiste erweckt sein werdet, dann wird euch der Geist
des innersten Lebens und aller Wahrheit schon ohnehin in alles Licht leiten und
führen. Wie aber das möglich ist und auch sein wird, davon habe Ich euch schon
auf dem Ölberge einige selbstanschauliche Erfahrungen machen lassen. Hier kann
Ich euch nur das wiederholen, daß es in Meines Vaters Hause gar viele und große
Wohnungen gibt.“
[GEJ.08_094,04] Sagte abermals Markus: „Herr
und Meister, ich danke Dir auch für diese Belehrung! Aber nun möchte ich von
Dir doch auch so ganz bestimmt vernehmen, wo nun die Sonne sich befindet! Du
hast uns wohl gezeigt, und das auf eine höchst wunderbar sinnige Weise, wie da
alle Weltkörper eine runde Kugelform haben, und somit auch diese unsere Erde;
aber ich hatte in meinen jüngeren Jahren im äußersten Südwesten Hispaniens zu
tun, und da fing ein furchtbar großes Meer sich auszubreiten an. Ich bestieg
daselbst mit mehreren Gefährten eines der höchsten Ufergebirge, und zwar in der
Meinung zu sehen, ob dieses Meer etwa doch gleich dem Mittelländischen irgendwo
ein Ende nähme. Aber ich irrte mich groß; denn da war von keinem Ende nur eine
allerleiseste Spur zu entdecken! Wohin wir auch unsere scharfen Augen nach
Westen richteten, entdeckten wir nichts als Wasser und Wasser.
[GEJ.08_094,05] Von dem besagten Berge aus
sah ich denn auch die Sonne vollkommen ins Meer sinken. Es bestätigte mir dies
auch das: Als die Sonne vollends ins Wasser sich versenkte, da erlosch ihr
Feuer und Licht aber auch so vollkommen, daß nach ihrem vollen Untergange keine
Spur von einer Abenddämmerung mehr wahrzunehmen war, und die besagte
Erscheinung brachte uns auf den Schluß, daß die Sonne, der Mond und alle Sterne
im tiefen Westen geradezu buchstäblich wahr ins Meer sinken und in 12, manchmal
14 und manchmal – im hohen Sommer – auch schon in 9 Stunden irgendwo im
fernsten Osten wieder aus dem Meere emporsteigen.
[GEJ.08_094,06] Daß sich die Sache in der
großen Wirklichkeit sicher ganz anders verhält, das weiß ich nun wohl; aber die
Erscheinung, daß die Sonne, so sie augenscheinlich ins große Meer untersank,
keine Spur von einer Abenddämmerung – besonders an sehr reinen und wolkenlosen
Abenden – hinterläßt, ist im Ernste denn doch etwas sonderbar. – Wie soll ich
mir das erklären?“
[GEJ.08_094,07] Sagte Ich: „Nun, nun, Mein
lieber Freund Markus, siehe, nach etwa tausend Jahren werden über derlei euch
jetzt noch gar wundersam vorkommende Erscheinungen sogar die Kinder die ganz
richtigen Begriffe haben!
[GEJ.08_094,08] Siehe, dein großes Weltmeer
hat auch seine Begrenzung im tiefen Westen, wie jedes andere Meer; und es gibt
dort noch ein gar großes Festland, das aber von den späteren Nachkommen von
Europa gen Westen hin aufgefunden werden wird. Von den nordöstlichen Landfesten
Asiens aber ist es schon vor nahezu mehr denn tausend Jahren entdeckt worden
und ist in (seit) dieser Zeit von verschiedenen Völkern Asiens, darunter auch
sogar von den alten Phöniziern, Trojanern und Griechen bewohnt.
[GEJ.08_094,09] Von Europa aus gen Westen hin
aber wird es erst dann entdeckt werden können, wenn sich ihre Schiffe in einem
besseren Zustande befinden werden, als sich die eurigen dermalen befinden.
[GEJ.08_094,10] Daß aber die Sonne im tiefen
Westen, von Hispania aus betrachtet, ohne zurückgelassene Dämmerung untergeht,
besonders an sehr reinen und dunstfreien Abenden, davon liegt die Ursache
erstens in der großen und weithin gedehnten Luftmasse, die am Ende auch das Licht
der Sonne ebenso schwer hindurchdringen läßt, als wie schwer dasselbe auf den
tiefen Grund des Meeres dringt. Wo dieses seicht ist, wirst du den Meeresgrund
sicher noch zur Genüge erleuchtet erschauen, weil das Licht nur mit einer ganz
wenig Tiefe habenden Wassermasse zu tun hat; aber wo das Meer einmal etliche
20-100 Manneslängen tief ist, da wirst du keinen von der Sonne erleuchteten
Grund mehr wahrzunehmen imstande sein. Siehe, da hast du denn einen Grund,
warum die Sonne im fernen Meereswesten oft ohne alle zurückgelassene Dämmerung
untergeht!
[GEJ.08_094,11] Der zweite Grund aber liegt
eben in der oftmaligen völligen Dunstlosigkeit; denn finden die Lichtstrahlen
der Sonne nahe ganz und gar nichts derart Dichtes, daß sie auf dasselbe fallen
und von da wie gebrochen wieder weiter geworfen werden können, so können sie
als daseiend auch nicht wahrgenommen werden. Solches kannst du am Monde, wie
auch an den übrigen Planeten, lernen.
[GEJ.08_094,12] Siehe, der Mond wie auch die
andern Planeten sind an und für sich ebenso finstere Körper, wie da ist diese
Erde! Das Licht geht von der Sonne als einem runden Körper nach allen möglichen
Richtungen aus; aber es äußert sich nur da als rückstrahlend und ersichtlich
daseiend, wo es einen Gegenstand trifft, von dem es dann zurückstrahlt und von
euren Augen wahrgenommen wird.
[GEJ.08_094,13] Wenn Ich dir nun einen großen
Gegenstand in der allfälligen Entfernung des Mondes dieser Erde stellte, so
würdest du sogleich wahrnehmen, daß die Sonne nicht ins Meer dieser kleinen
Erde gesunken ist, sondern sich nun, so wie am Tage, auf ihrem freien Platz
befindet und allen Erden, die um sie bahnen, ihr Licht samt der Wärme spendet.
Was aber auf dieser Erde, wie gleichfalls auf den andern Erden, die ihr
Planeten nennt, den Tag und die Nacht bewirkt, das habe Ich euch schon mehr als
hinreichend gezeigt, und so magst du dich nun schon von deiner alten
Weltstandsansicht ganz frei machen.“
[GEJ.08_094,14] Sagte Markus: „Ich danke Dir,
o Herr und Meister, auch für diese Belehrung! Sie ist zwar nicht von der hohen
Art, wie wir schon Lehren aus Deinem heiligen Munde empfangen haben, aber ich
betrachte sie für uns auch in der Weltanschauung noch sehr irrig daran seiende
Römer auch für sehr wichtig und erhaben. Denn wenn der Mensch in einer Sache,
sei sie auch nur eine diesweltliche, in der Irre ist, so muß er dann auch in
anderen, geistigen Dingen in allerlei Irrtümer geraten; denn ein Irrtum erzeugt
den andern so lange, bis der ganze Mensch voll Irrtümer und Torheiten wird.
Fängt es aber bei einem Menschen oft nur bei einer kleinen Sache an, licht zu
werden, so breitet sich das Licht dann nach und nach auf größere und wichtigere
Dinge aus, und der Mensch gelangt so zur wahren Weisheit. Darum Dir, o Herr,
Dank auch für solche Belehrungen, die uns Römern von einem besonders großen
Nutzen sind!“
95. Kapitel
[GEJ.08_095,01] Als Markus Mich darob sehr
lobte, weil Ich ihm diese Erklärung machte, sagte Ich zu ihm: „Du hast nun ganz
wohl geredet und hast mit deinem Lobe Meinem Herzen eine rechte und wahre
Freude gemacht; denn wer eine geringer scheinende Gabe nicht ehrt, ist auch
keiner größeren wert. Ich sage es euch aber, daß Ich es stets also tue, wie ihr
das in aller Natur der Erde sehen könnet: Sowie Ich etwas Übergroßes zu tun
scheine, da ist die Wirkung aus wohlweisen Gründen eine mindere; wo Ich aber
kaum merkbar etwas zu tun scheine, da ist die Wirkung stets eine endlos große
und unverwüstliche. Daher könntet ihr sagen: Ich bin im Großen klein, aber im
Kleinsten endlos groß!
[GEJ.08_095,02] Wenn Ich einen gewaltigsten
Gewittersturm verheerend über Länder und Meere ziehen lasse, so sagen die
Menschen: ,Wie furchtbar groß und mächtig bist Du, o Herr!‘ So Ich aber ein
unscheinbares Samenkörnlein in die Erde lege, das dann keimt, wächst und einen
starken und mächtigen Baum aus seiner Unscheinbarkeit ins Dasein stellt, so
wird dabei kein Mensch voll Staunens ausrufen: ,Wie groß und mächtig bist Du, o
Herr!‘, sondern er betrachtet dies viel größere Wunder mit ganz gleichgültigem
Gemüte und sagt höchstens: ,Ja, ja, es muß das schon alles so sein, daß nach
dem Willen des Herrn aus kleinen Samen große Bäume und Wälder entstehen.‘
[GEJ.08_095,03] So staunen die Menschen auch
über sehr hohe Berge, breite Ströme, große Seen und Meere und achten eines
fruchtbaren Hügels und einer reinen, ihren Durst stillenden Quelle kaum; aber
bei Mir steht der fruchtreiche Hügel bei weitem über dem unfruchtbaren hohen
Ararat und die reine Quelle bei weitem über dem Ozean. Denn diese sind schon
mit dem Leben aus Mir wunderbar sehr nahe verwandt; aber der Ararat und der
Ozean stehen noch sehr tief im Gerichte und stehen vom Leben noch ferne.
[GEJ.08_095,04] Darum achtet auch ihr auf
Meine oft gering scheinenden Worte; denn eben in diesen Worten gebe Ich euch
mehr des Liebelebens aus Mir, als so Ich euch eine ganze Hülsenglobe ordentlich
in Atome vor euren Augen und Ohren zerlegte! Denn von Meiner endlosesten
Weisheit und Macht könnet ihr nur einzelne Tröpflein einschlürfen, aber aus dem
Lebensborne Meiner Vaterliebe könnet ihr allzeit Ströme in euch schlürfen.
[GEJ.08_095,05] Und sehet, also ist es auch
der Fall, so Mich die Menschen lieben, ehren und preisen! Wer Mich liebend im
stillen ehrt und preist und erkennt dabei in aller Demut seine Geringheit und
Mein Alles, der ehrt Mich wahrhaft im Geiste und in der Wahrheit vollkommen,
und Ich habe ein großes Wohlgefallen an ihm, und es erzeugt das etwas ganz
gering Scheinende eine große Wirkung. Wer Mich aber mit großem Weltgepränge,
mit allerlei nichtiger Zeremonie und langen Gebeten und Gesängen ehrt und
preist und dabei glaubt, daß Mir das wohlgefällt, der ist in einer großen Irre;
denn derlei Preisung ist vor Mir ein Greuel, so sie von den Priestern ausgeht;
und so das unwissende Volk Mich dadurch zu ehren wähnt und dadurch sich von Mir
eine Gnade erbitten will, so wird es von Mir nicht erhört werden in einem
großen Maße, auf daß es zur Einsicht komme, daß Ich an solchen großen und
prunkvollen Gebeten und Verehrungen gar kein Wohlgefallen habe.
[GEJ.08_095,06] So viele Nährfrüchte auf den
hohen Bergspitzen wachsen, so viele Gnadenfrüchte sollen auch den Menschen
werden, die Mich mit den großen Geprängen anbeten, preisen und verehren! Denn
wer zu Mir nicht im Herzen, im Geiste und in aller Wahrheit betet, der wird
auch nicht erhört werden; denn würde Ich solche Gebete erhören, so würde Ich
Selbst der Lüge und dem Heidentume den begünstigenden Vorschub leisten, was von
Mir wohl nie jemand, der nur einen helleren Verstand besitzt, erwarten wird.
Denn Ich Selbst bin das Licht, der Weg, die Wahrheit und das Leben, wie möglich
könnte Ich dann der Finsternis, den Irrpfaden, der Lüge und dem Tode hold sein?
[GEJ.08_095,07] Darum sage Ich euch auch, daß
Ich weder im Sturmgebraus noch in dem Wüten des Feuers, sondern im sanften
Gesäusel der wehenden Morgenluft einhergehe. Wer Mir dann in solcher Stille
seines Gemütes entgegengehen wird, der wird Mir auch begegnen.“
[GEJ.08_095,08] Sagte nun Markus: „O Herr und
Meister, wie groß und herrlich und wie voll Liebe und ewiger Wahrheit sind
Deine Worte, und wie glücklich ist der, welcher sie begreift und nach ihrem
Sinne handelt! Aber wie wenige gibt es nun derer, die das vernehmen und wohl
beherzigen möchten! Doch wir werden das wohl tun, was Du uns angeraten hast;
denn wir wissen und glauben nun lebendig, daß Du allein der Herr und Meister,
der allein eine und wahrste Gott von Ewigkeit bist, und daß alles, was die
Unendlichkeit faßt, von Dir erschaffen ist und fort und fort erhalten wird.
Darum auch sei Dir allein alles Lob, aller Preis und alle unsere Liebe und
Anbetung in der Tat!
[GEJ.08_095,09] Aber da wir nun hier schon
einmal das nie beschreibbare Glück haben, Dich als den ewigen Meister aller
Dinge leibhaftig unter uns zu haben, so wäre es von uns wissensgierigen Römern
wahrlich unverzeihlich, so wir uns nicht noch mit allerlei Fragen an Dich
wendeten – denn Du allein kannst uns ja nur sagen, wie sich diese und jene
Dinge verhalten –, und so hätte ich nun bei dieser Gelegenheit noch eine kleine
Frage.“
96. Kapitel
[GEJ.08_096,01] Sagte Ich: „Um was du Mich
nun fragen möchtest, weiß Ich bereits, und so will Ich dir die Fragestellung
ersparen und dir gleich mit der Antwort auf deine Frage entgegenkommen.
[GEJ.08_096,02] Siehe, der Wind, der nun so
ziemlich kühl zu wehen angefangen hat, hat die gewisse Frage in dir
hervorgerufen! Du möchtest gerne wissen, von wannen der Wind ursprünglich
kommt, und wohin er geht; aber es ist das für dich schwer zu fassen, wenn es
für Mich auch ein leichtes wäre, es dir zu sagen.
[GEJ.08_096,03] So vernehmen auch viele
Menschen des Windes Zug, aber sie wissen es nicht, von woher er urständlich
kommt, und wohin er zieht, und noch weniger fassen und begreifen sie, von woher
der geistige Wind in ihren Herzen kommt, und wohin er zieht. Daher sind sie
denn auch gleichfort unverständigen Herzens und kennen nicht einmal ihre Seele
und noch weniger den Geist in ihr, und Mich als den Ur- und Hauptlebenswind
aber mögen sie schon am allerwenigsten erkennen.
[GEJ.08_096,04] Siehe, nichts in der
materiellen Schöpfung kann entstehen und fortbestehen ohne einen geistigen
Grund, und also auch der Wind, der nun wehet, sicher nicht!
[GEJ.08_096,05] Ich habe euch schon auf dem
Ölberg einen Wink gegeben und bei einer anderen Gelegenheit Meinen Jüngern noch
einen ausführlicheren, daß diese Erde, wie auch ein jeder andere Weltkörper,
ein tierisch-organisches Leben hat und somit auch alle die natürlichen
Verrichtungen und Erscheinungen des organisch- tierischen Lebens äußert. Sie
muß erstens ernährt werden, und das so wie etwa ein großes Tier. Weil sie aber
ein tierisches Leben hat, so muß sie auch eine Art Herz, Lunge, Milz, Leber,
Nieren, Magen und, kurz, in Entsprechung alle jene Eingeweide haben, die auch
einem vollkommenen Tier zum Leben notwendig sind. Hat die Erde aber alles das
in sich, so versteht es sich auch schon von selbst, daß auf ihrer Oberfläche
alle möglichen Äußerungen ihres inneren organisch-tierischen Lebens
wahrgenommen werden von euch Bewohnern eben der Oberfläche der Erde.
[GEJ.08_096,06] Die Erde atmet sonach auch,
und das von sechs Stunden zu sechs Stunden. Sechs Stunden braucht sie zum
Einatmen und sechs Stunden zum Ausatmen. Nun, solches Ein- und Ausatmen wird
auf der ganzen Erde, und zwar viermal durch einen periodischen Windzug
wahrgenommen, der, obschon er für die ganze Erde genommen zur gleichen Zeit
bewirkt wird, aber auf der Oberfläche derselben nicht gleichzeitig wahrgenommen
werden kann, weil es da vermöge der täglichen Umdrehung der Erde um ihre Achse
und infolge dieser Erdbewegung wegen des stets wandelbaren Standes der Sonne
über der Erde vom Morgen zum Niedergange hin nicht gleichzeitig Mittag oder
Morgen, Abend und Mitternacht sein kann.
[GEJ.08_096,07] Sehr weit im Osten von hier
ist jetzt schon Mitternacht, und sehr weit im Westen, als etwa in jenen Landen,
von denen Ich ehedem sagte, daß sie über dem großen Ozean sich befinden, wird's
jetzt um die Mittagszeit sein. Kurz und gut, auf der ganzen Erdperipherie sind
zum Beispiel eben jetzt alle Tageszeiten vertreten, und so kann eine
Lebensäußerung der Erde, wenn sie für sie auch in ein und demselben Momente
geschieht, nicht in ein und derselben Tageszeit wahrgenommen werden.
[GEJ.08_096,08] Der Wind, der nun weht, rührt
eben von einer solchen atemholenden Lebensäußerung der Erde her. Aber du mußt
dir das nicht also vorstellen, als hätte die Erde einen Mund oder eine Nase,
und der durch diese Werkzeuge ausgestoßene Atem wäre nun etwa gar schon vom
Nord- oder Südpol hier angekommen, sondern derlei Winde entstehen vielmehr nur
dadurch, weil sich die Erde bei ihrem Einatmen namentlich als besonders fühlbar
unter dem Meere als ihrem weicheren Teile nach ausdehnt und sich so erweitert,
daß das Meer allenthalben um etliche Handspannen steigt und beim Ausatmen,
wobei die Erde sich wieder mehr verengt und zusammenzieht, wieder um so viel
fällt, als es während der Einatmungszeit gestiegen ist. Und sieh, dieses Fallen
und Steigen des Meeres bringt denn auch die periodische Bewegung der die Erde
umgebenden atmosphärischen Luft zustande, die du nun als Wind wahrnimmst! Denn
kein Wind ist etwas anderes als nur eine oft mehr oder minder heftige
Fortströmung der Luft; auch der heftigste Sturmwind ist nichts anderes. Die
Ursachen aber, durch welche die Luft in eine Strömung versetzt wird, können
verschieden sein; um sie dir alle aufzuzählen und genau zu beschreiben, würden
mehrere Tage erforderlich sein.
[GEJ.08_096,09] Daß Winde, die vom Norden
kommen, kalt, und die vom Süden kommenden warm sind, das bewirken die klimatischen
Verhältnisse. Im Norden der Erde ist es des vielen Schnees und Eises wegen
kalt, und also kann von dorther auch kein warmer Wind kommen. Gen Süden wird es
ob der mehr senkrecht auf die Erde fallenden Sonnenstrahlen stets wärmer und am
Mittelgürtel der Erde sogar heiß, wie du das schon aus der Erfahrung weißt, und
so sind die vom Süden herkommenden Winde denn auch warm; in den großen
Sandwüsten werden sie oft sengend heiß. Im eigentlichen und tiefen Süden aber
werden die Südwinde des dortigen Polareises und Schnees wegen ebenfalls wieder
sehr kalt, gleichwie hier auf der nördlichen Erdhälfte die Nordwinde es sind.
[GEJ.08_096,10] Und damit, Freund Markus,
hast du vorderhand eine hinreichende Erklärung über die natürliche
Entstehungsursache der Winde; ein Weiteres wird dir zur rechten Zeit schon dein
eigener Geist verkünden, so wie auch einem jeden, der im Geiste wiedergeboren
wird.
[GEJ.08_096,11] Daß aber bei allem, was auf
der Erde und auch auf allen andern Weltkörpern geschieht, im Hintergrunde Geister
wirken, das habe Ich euch schon gezeigt, und so können wir nun mit diesen
Erklärungen enden.
[GEJ.08_096,12] In den späteren Zeiten aber
werden ohnehin nur zu viele Forscher aller Naturerscheinungen aufstehen und
alles abwägen und wohl berechnen, was zur Bekämpfung vieler Irrtümer und zur
Vernichtung des schwarzen Aberglaubens sicher gut und nützlich sein wird; aber
es werden dennoch viele solcher Naturforscher sich derart zu weit verirren, daß
sie den geistigen Standpunkt ganz verlieren und sich in der toten Materie
herumtreiben werden, und das ist dann auch nichts Gutes mehr.
[GEJ.08_096,13] Es soll ein Mensch wohl in
allen Dingen und Erscheinungen den wahren Grund wohl erkennen; aber er soll das
aus seinem lebendigen Geiste überkommen, damit er alles im Geiste und in der
vollen Wahrheit erkennt und somit dabei den geistigen Lebensgrund nicht
verliert. Steht der Mensch mit seinem Erkennen auf diesem Standpunkte, so kann
er mit seinen Belehrungen über alle möglichen Dinge und Vorkommnisse den Nebenmenschen
auch wahrhaft und lebendig nützen, aber als ein purer Naturkundiger mehr
schaden als nützen; denn was nützte es einem Menschen, so er besäße und
verstünde alle Dinge der Welt, aber dabei Schaden litte an seiner Seele? Wäre
ihm das dann zu etwas nütze in der andern Welt?“
97. Kapitel
[GEJ.08_097,01] (Der Herr:) „Siehe, bei den
alten Ägyptern gab es zu den Zeiten der späteren Pharaonen auch eine Menge bloß
äußerer Naturforscher und Naturkundiger, und ihre geschriebenen Werke füllen
noch jetzt große Säle und Schränke und Kästen! Du hättest wohl ein paar
Jahrhunderte zu tun, um alle die Bücher und Rollen und Tafeln durchzulesen. Und
siehe, die Seelen jener Naturkundigen setzen auch jenseits ihr Forschen und
Suchen fort, fallen von einem Irrtum in den andern, lassen sich von einem Engel
nicht belehren und bleiben in ihrem Wahne und suchen der Kräfte Urgrund stets
in der Materie, die für sie so gut wie gar nicht da ist; denn sie zerplagen
sich nur in ihrer Scheinmaterie, die nirgends anders als nur in ihrer lockeren
und überleicht veränderlichen Einbildung und Phantasie besteht!
[GEJ.08_097,02] Daß es sich mit jenen Seelen
also verhält, kannst du Mir wohl glauben; aber Ich frage da: Welcher
Lebensnutzen erwächst daraus für sie? Siehe, gar keiner; denn solange sie in
ihrem Wahne verharren, kann für sie ja doch wohl nie ein Lebensheil erblühen
und zu einer reifen Frucht werden! Daher ist auch hier ein pures Forschen in
den Dingen der Natur nur insoweit von einem vorübergehenden irdischen
Nutzzweck, als sich daraus für die Menschen so manche Sachen entwickeln können,
die zu weltlichen Zwecken wohl zu gebrauchen sind; aber alle noch gar vielen
Erfindungen, welche in der Folge von den Naturkundigen ins Werk gesetzt werden,
werden so lange das Gepräge der Unvollendetheit an sich tragen, als sie nicht
von solchen Menschen ins Werk gesetzt werden, die die Kräfte der Natur der
Materie nur aus dem licht- und wahrheitsvollen Geistesgrunde heraus erkennen
und dadurch auch wahre Herren der gesamten Natur sind, wie ihr davon ein
Beispiel an den sieben Oberägyptern gesehen habt.
[GEJ.08_097,03] Aber Menschen, die es einmal
in der wahren Erkenntnis ihrer selbst und daraus auch in der gesamten Natur und
ihrer Kräfte weit gebracht haben, werden zu ihrer diesirdischen Beschäftigung
ganz etwas anderes und Besseres wählen, als sich mit der Herstellung von
allerlei künstlichen und materiell nützlichen Dingen, Maschinen und Produkten
abzugeben; denn geistige Menschen werden allzeit vor allem bestrebt sein, sich
stets mehr Mir zu nahen und sich die Fülle des ewigen Lebens eigen zu machen.
Denn nur das allein kann für den wahren Denker und Seher einen reellen Wert
haben, weil es ihm ewig verbleibt, alles Diesirdische aber nur insoweit, als es
ihm zur Erreichung des großen Hauptzweckes behilflich sein kann.
[GEJ.08_097,04] Wer da sagt: ,Siehe, ich
besitze viele Güter, habe große Schätze und setze allerlei neue und kunstvolle
Dinge ins Werk; denn ich verschaffe mir Künstler von allen Weltgegenden, die allerlei
Dinge zu schaffen verstehen!‘, dem sage Ich aber da: Wie lange wirst du denn
alles das noch dein nennen können? Siehe, morgen schon kann man deine Seele vom
Leibe nehmen, und was wird sie dann von allem dem, was du nun noch dein
nennest, mit hinübernehmen? Ich sage da: Gar nichts als nur das, was sie in
dieser Welt irgend jemandem wahrhaft Gutes erwiesen hat! Hat sie aber das
nicht, so werden ihr die hier verlassenen vielen Güter, Schätze und kostbaren
Dinge jenseits eine große und schwer übersteigliche Scheidewand zwischen Meinem
Reiche und ihrem Wesen aufstellen, da auf ihrer Seite viel Heulens und
Zähneknirschens vorkommen wird.
[GEJ.08_097,05] Daher suche vor allem ein
jeder von euch das wahre Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, die da besteht
in der wahren und lebendigen Liebe zu Gott und in der tätigen Liebe zum
Nächsten, alles andere wird, so es not tut, als eine freie Gabe hinzugetan
werden.
[GEJ.08_097,06] Lasset die Winde wehen und
die Wolken ziehen ihre Wege, und achtet auf alle die Naturerscheinungen auf
dieser Erde nicht höher als auf die des inneren Lebens; denn die Früchte fürs
ewige Leben werden nur aus den letzteren hervorwachsen. Und so hätten wir auch
über diesen Punkt zur Genüge geredet, und ihr werdet Mich auch verstanden haben.“
[GEJ.08_097,07] Sagte Markus: „Ja, Herr und
Meister, was Du nun geredet hast, haben wir sicher alle verstanden, und Du hast
in dieser Deiner Belehrung abermals dargetan, daß Du der alleinige Schöpfer,
Herr, Erhalter und Leiter aller Dinge in der Sinnen- und Geisterwelt bist. Ich
bin Dir dafür abermals von neuem zu allem Dank für ewig hin verpflichtet. Nun
wissen wir einmal ganz, was unsere Erde für eine Gestalt hat, und was sie ist
und wie beschaffen.
[GEJ.08_097,08] Wir haben zwar von Dir wohl
auch schon auf dem Berge und bei der großen Darstellung der sechs
Schöpfungsperioden die Erde sehr großartigst enthüllt bekommen; aber nun haben
wir über ihren gegenwärtigen Stand eine ganz klare und richtige Ansicht
bekommen, und die ist für uns auch von großer Wichtigkeit. Wir werden nun davon
mit der Zeit und durch unseren Einfluß auf den Unterricht der Jugend es doch
dahin bringen, daß man die Erde nicht mehr für einen großen Länderkreis,
sondern für eine große Kugel halten wird, und daß der Tag und die Nacht nicht
durch den täglichen Umlauf der Sonne um die Erde, sondern nur durch die
selbständige Umdrehung der Erde um ihre Mittelpunktsachse in der Zeit von 24-25
unserer Stunden bewirkt wird. Oh, das ist ein gar großer Vorteil für unser
wahres Fortbildungssystem, und wir werden uns auch alle Mühe geben, daß
zunächst unsere Kinder in allem zu einer möglichst richtigen Bildung gelangen
werden.“
98. Kapitel
[GEJ.08_098,01] Als Markus diese Worte
gesprochen hatte, da wurde gen Südwesten eine Feuerröte ersichtlich, die hinter
einem Berge aufstieg.
[GEJ.08_098,02] Alle fragten Mich, was dies
wäre und zu bedeuten hätte.
[GEJ.08_098,03] Ich aber sagte: „Freunde, da
ist es kaum der Mühe wert, einer solchen ganz gemein natürlichen Erscheinung
eine geringste Aufmerksamkeit zu schenken! Auf dem hinteren Teile jenes eben
nicht zu hohen Berges haben Schafhirten eine Menge dürres Holz am Tage
zusammengebracht und haben es nun, da es schon ganz dunkel geworden ist,
angezündet, und das verbrennt nun und wird auch bald ganz verbrannt sein. Darin
besteht die Bedeutung dieser Erscheinung.“
[GEJ.08_098,04] Sagte Agrikola: „Da ist
wahrlich nicht viel daran zum Besten der Menschen!“
[GEJ.08_098,05] Sagte Ich: „Das sicher nicht;
aber die Pharisäer haben dieses Feuer von Jerusalem aus doch auch bemerkt und
werden schon allerlei Deutungen daraus zu machen verstehen. Es ziehen über
jenes Gehügel nun Reisende nach Tyrus hinauf und werden auf dem Rückwege
Jerusalem besuchen, und durch sie werden die Pharisäer wieder Lügen gestraft
werden, und das wird noch die beste Wirkung dieser Erscheinung sein.
[GEJ.08_098,06] Aber nun sind im Hause unsere
Köchinnen auch schon mit dem Nachtmahle fertig; diese Nacht wird uns wenig
Sehenswertes mehr bieten, und so wollen wir uns denn auch ins Haus begeben und darin
das Nachtmahl verzehren!“
[GEJ.08_098,07] Als Ich solches noch kaum
ausgesprochen hatte, da kam auch schon ein Diener aus dem Hause und
benachrichtigte uns, daß das Nachtmahl bereitet sei; und wir gingen denn auch
sogleich ins Haus, setzten uns zu Tische und nahmen die wohlzubereiteten Fische
zu uns, und so das Brot und den Wein. Alles war heiteren Mutes, weil auch Ich
heiteren Mutes war.
[GEJ.08_098,08] Die Maria von Magdalon
erzählte der Maria und Martha mehrere Geschichten von den Templern, und wie
sich diese alle Mühe gegeben haben, sie zu verführen und auf ihre Seite zu
bringen, und welch große Geschenke sie ihr dargebracht haben. Sie aber
gedachte: ,Das können die Armen brauchen‘; und so habe sie denn auch rein nur
der Armen wegen der Sündgier der Templer Gehör gegeben. Aber selbst diese Art,
sich zur Sünde verleiten zu lassen, war für sie vom Übel; denn sie sei bald von
sieben bösen Geistern in Besitz genommen worden, und da habe sie gar viel
auszustehen und zu leiden gehabt. Und sie erzählte da so manches noch aus der
Zeit ihres Leidens und auch, wie eben Ich sie von jenen argen Geistern erlöst
habe, bei welcher Gelegenheit sie sich auch wieder an Mich in aller Liebe in
Herzensinbrunst wandte.
[GEJ.08_098,09] Ich aber beruhigte sie und
behieß sie nun zu essen und zu trinken.
[GEJ.08_098,10] Hierauf fragte Mich Markus
wieder, ob die aus dieser Maid vertriebenen argen Geister auch von der Art
waren wie jener in Illyria.
[GEJ.08_098,11] Sagte Ich: „Allerdings; denn
nur solche noch höchst materiellen Geister oder, hier besser gesagt, Seelen tun
solches, wenn sie dazu eine Gelegenheit bekommen. Wie sich aber derlei
Gelegenheiten ergeben, das habe Ich euch insoweit, als es euch zu wissen nötig
war, gezeigt. Und so wollen wir auch nichts Weiteres darüber verhandeln; denn
Ich wollte Mir hier mehr Ruhe gönnen, als das auf dem Ölberg der Fall war. Aber
sehet da, Ich bekam hier mit euch mehr zu tun als auf dem Ölberg an irgendeinem
Tage. Doch es macht das nun nichts; denn solange es Tag ist, soll man auch arbeiten;
kommt dann die Nacht und die Finsternis, in der sich nie gut arbeiten läßt, so
kann man sich erst die Ruhe gönnen. Wer aber in der Nacht ruht, der schlafe nie
zu fest, damit er vernehmen kann, ob etwa Diebe in sein Haus dringen, die des
Tiefschläfers Habe sich zueignen wollen!“
[GEJ.08_098,12] Sagte hier Petrus: „Herr und
Meister, wenn man einmal des Abends von der oft schweren Arbeit und Mühe sehr
schlafmüde wird, dann ist es wohl sehr schwer, sich selbst im Schlafe zu
überwachen. Wie möglich soll ein Mensch das anstellen?“
[GEJ.08_098,13] Sagte Ich: „Also wohl
freilich nicht, wie du es verstanden hast; aber so ein Mensch dem Leibe nach
auch noch so fest schläft, so wacht doch seine in Mir starke Seele, und diese
wird den Leib, wenn es not ist, schon erwecken.
[GEJ.08_098,14] Darum eben aber habe Ich
solches zu euch nun geredet, auf daß ihr eure Seelen rein erhalten sollet; denn
eine unreine Seele ist am Ende so materiell wie ihr Leib und kann nicht wachen
über denselben, da auch ihr innerer Geist über die festschlafende Seele nicht
wachen kann, weil sie von seinem Einfließen nichts vernehmen kann und mag.“
[GEJ.08_098,15] Sagte nun Thomas: „Herr und
Meister, wir wissen es wohl, daß unsere Seelen noch lange nicht zur Genüge rein
sind, aber was sollen wir tun, damit sie nach Deinem Wohlgefallen rein werden
möchten?“
[GEJ.08_098,16] Sagte Ich: „Nun, das habe Ich
euch wohl schon gar oftmals gesagt und gezeigt! Tut nur allzeit danach, und das
Feuer eurer Liebe zu Gott und zum Nächsten wird euren Seelen schon ehest das
verschaffen, was ihnen noch irgend abgeht! So Ich erst aufgefahren sein werde
und über euch ausgießen werde Meinen Geist, dann auch werden eure Seelen rein
werden wie ein reines Gold; aber bis dahin verharret in aller Liebe und rechter
Geduld!“
[GEJ.08_098,17] Mit dem waren die Jünger
zufrieden und fragten Mich um nichts Weiteres mehr an diesem Abend.
99. Kapitel
[GEJ.08_099,01] Es fragte Mich aber nun einer
der Pharisäer, der auch sein Weib und seine Kinder in Bethanien hatte: „Herr
und Meister, würdest Du mir gram werden, so ich hinginge, zu begrüßen mein Weib
und meine Kinder?“
[GEJ.08_099,02] Sagte Ich: „O mitnichten,
aber siehe da diese Meine ältesten Jünger; sie haben daheim auch Weiber und
Kinder, und keiner fragt Mich wie du nun! Ich aber sage es dir nun und so auch
euch allen: Wer da irgend in der Welt noch eines oder das andere mehr liebt als
Mich, der ist Meiner nicht wert, und wer einmal seine Hand an den Pflug legt
und sich nach rückwärts, das heißt nach dem, was der Welt ist, umsieht, der ist
noch nicht geschickt zum Reiche Gottes. Meinst Du wohl, daß darum dein Weib und
deine Kinder versorgter sein werden, so du sie in dieser Nacht noch sähest und
sprächest? – Das ist nun so Meine Meinung; übrigens steht es dir vollkommen
frei, zu tun, wie es dir gut dünkt.“
[GEJ.08_099,03] Als der Pharisäer solches von
Mir vernommen hatte, da hatte er auch keine Lust mehr, nun am späten Abend sein
Weib und seine Kinder zu besuchen und blieb ganz ruhig am Tische sitzen.
[GEJ.08_099,04] Es fragte Mich aber nun ein
anderer aus der Zahl der Judgriechen, der auch ein Pharisäer war, sagend: „Herr
und Meister, Du weißt schon von Ewigkeit her in Deinem Geiste, was Du am
morgigen Tage alles tun und unternehmen wirst! Manchmal hast Du uns das schon
frei von Dir aus angezeigt, und so kann es nun ja auch nicht etwa gar zu weit
gefehlt sein, so ich Dich nun darum frage, was Du etwa am morgigen Tage alles
unternehmen wirst.“
[GEJ.08_099,05] Sagte Ich: „So es dir und den
andern not täte und dienlich wäre, da würde Ich es euch auch schon sagen, was
Ich morgen alles unternehmen werde; aber weil das eben nicht der Fall ist, so
sage Ich es euch auch nicht.
[GEJ.08_099,06] Es ist aber für den Menschen
eben nicht gut, so er zu viel voraus weiß, was in der Zukunft als bestimmt
geschehen wird; denn das würde die Menschen entweder zur Verzweiflung bringen
oder sie am Ende ganz lau und untätig machen.
[GEJ.08_099,07] Und auf dieser Erde, auf der
die Gotteskinder erzogen werden, geht es mit dem Weissagen über die Zukunft
auch unmöglich mit einer solchen Bestimmtheit, wie das auf irgendeinem andern
Weltkörper der Fall sein kann; denn bei der vollen Freiheit des Willens der
Menschen dieser Erde kommt es ja zuallernächst darauf an, was die Menschen selbst
wollen, und wie sie nach ihrem Erkennen und Willen handeln.
[GEJ.08_099,08] Wenn Ich nun sagete: ,Du
magst nun erkennen, wollen und handeln, wie du willst, so wird als ganz
bestimmt doch nur das geschehen, was Ich da will und dir verkünde!‘, ja, wenn
es also wäre, da wäre Ich wahrlich ganz zwecklos zu euch Menschen von den
Himmeln herabgekommen, und alle Meine Lehre an euch wäre eitel!
[GEJ.08_099,09] Ja, Ich sage noch mehr: Wenn
in der sittlichen und staatlichen Hinsicht nur das geschehen müßte, was Ich
euch verkünde, und zwar unabänderlich, so hättet ihr Menschen keine höhere
Bestimmung als die Tiere; und wozu hättet ihr dann eure Vernunft, euren
Verstand und eure Liebe und aus ihr den vollkommen freien Willen? Ich kann euch
nur dahin als ganz bestimmt zum voraus sagen, daß über euch dies oder jenes
kommen wird, wenn ihr so oder so wollet und handelt; aber wenn Ich je einem
Volke oder auch nur einem Menschen als ganz bestimmt zum voraus anzeigen würde,
daß dies oder jenes als ganz bestimmt geschehen werde, so wäret ihr nicht
bestimmt, Kinder Gottes zu werden, und Ich wäre in Meinem Geiste nicht euer
Vater.
[GEJ.08_099,10] Gehet zurück auf alle
Propheten, die zukünftige Dinge geweissagt haben, ob je einer etwas als
unabweichbar Kommendes geweissagt hat! Ein jeder hat seine Weissagung nur stets
unter gewissen Bedingungen aufgestellt, die sich stets auf die Besserung oder
Verschlimmerung der Menschen bezogen. Nur Meine Fleischwerdung ist den Menschen
als ganz bestimmt ohne ihr Wollen und Handeln geweissagt worden zu ihrem Heile,
darum sie auch pur Mein Werk ist; obschon sie aber das ist, so lasse Ich aber
nun dennoch einen jeden, der es nur will, teilnehmen an diesem Meinem größten
Werke.
[GEJ.08_099,11] Jonas mußte, von Meinem
Geiste getrieben, zu den Niniviten gehen und ihnen ihren Untergang verkünden,
so sie in ihrer Bosheit verharren würden. Er tat es ungern, da er als ein
Prophet wohl wußte, daß Meine Vorausanzeigen stets auf Bedingungen gestellt
sind. Das Volk von Ninive aber besserte sich, und das Tatsächliche Meiner
Androhung blieb natürlich aus, was selbst den Jonas ärgerte.
[GEJ.08_099,12] Ähnlich verhielt es sich mit
dem Propheten Jeremias, einem Sohne Hilkias, aus den Priestern zu Anathot im
Lande Benjamin, den Ich berufen hatte zur Zeit Josias, des Sohnes Amons, Königs
von Juda, in seinem dreizehnten Regierungsjahre, und so auch zur Zeit des
Königs Jojakim, Josias Sohn, und bis ans Ende des elften Jahres Zedekias, auch
eines Sohnes Josias, Königs von Juda, und bis aufs Gefängnis Jerusalems im
fünften Monde. Ja, dieses Propheten Weissagung ist vielfach in Erfüllung
gegangen, und die Gefangenschaft erfolgte, aber nicht deshalb, weil Ich es den
damaligen Meiner ganz vergessen habenden Juden durch den genannten Propheten
hatte voraus verkünden lassen, sondern weil die Juden sich nicht besserten, den
Propheten nur verlachten und beschimpften und am Ende sogar verfolgten, daß er
selbst unwillig ward und alles Geschriebene vertilgte, und Ich ihn dann von
neuem alles wieder niederschreiben hieß und ließ.
[GEJ.08_099,13] Die Juden waren sonach selbst
schuld, daß an ihnen zum größten Teile das zum leidigen Vollzug kam, was ihnen
angezeigt wurde. Aber an vielen Juden, die sich wahrhaft gebessert hatten, ging
der böse Teil der Weissagung des Jeremias nicht in Erfüllung, sondern nur der
gute.
[GEJ.08_099,14] Und so zerfällt auch alles,
was Ich euch geweissagt habe und noch weissagen werde, von selbst begreiflich
notwendig in zwei Teile, und das entweder im Eintreffen des Schlimmen oder im
Eintreffen des Guten; also wird auch die Zeit nie als fest angegeben, sondern
sie richtet sich stets ganz nach dem Wollen und Handeln der Menschen! Denn wie
könnte Ich zu einem noch so entarteten Volke sagen: ,Weil du so sehr arg
geworden bist und nicht geachtet hast Meine ernsten Mahnungen an dich, so
sollst du, von heute an gerechnet, mit Blitz und Donner und Pech und Schwefel
vom Himmel in sieben Tagen von der Erde vertilgt werden!‘, – das Volk aber
nähme sich das sehr zu Herzen, täte Buße in Sack und Asche und kehrte sich zu
Mir?! Werde Ich bei einem solch bewandten Umstande auch noch am siebenten Tage
Meine Androhung in Vollzug setzen, weil Ich Selbst sie verkündet habe? O nein,
– sondern Ich werde Mich des in sich gegangenen Volkes erbarmen und werde es
segnen und nicht züchtigen!
[GEJ.08_099,15] Ihr habt die Zeichen gesehen
und wisset, was Ich Selbst über die Zukunft Jerusalems geweissagt habe, aber
darum ist davon noch keine Folge, daß das auch als ganz unabänderlich bestimmt
eintreffen müsse, sondern es wird das alles vom Wollen und Handeln der Juden
und Templer abhängen!“
[GEJ.08_099,16] Sagte hier der Pharisäer:
„Aber Herr, Du mußt es doch für Dich als ganz bestimmt voraussehen, ob sich die
Juden und Templer bessern oder nicht bessern werden, und danach dann auch
sagen, daß über sie das angezeigte Gericht entweder nicht kommen oder für
bestimmt kommen wird!“
[GEJ.08_099,17] Sagte Ich: „Ja, so denkst du
als ein Mensch, – aber Ich denke da ganz anders. Hast denn du noch nie in der
Schrift gelesen hier und da, wo es hieß: ,Und Gott hatte von diesem Volke sein
Gesicht abgewandt.‘? Was will aber das sagen? Siehe, das will soviel sagen: Ich
sehe, so Ich ein Volk ein-, zwei-, drei- bis sieben Male ermahnt habe, dann
nicht mehr darauf, was es will, und was es dann tut; kurz und gut, das Volk
oder auch ein jeder Mensch für sich kann da wollen und tun, was ihm beliebt,
und Ich nehme von nichts Kenntnis und Wissenschaft bis entweder zu seiner
vollen Besserung oder bis zu seinem Sündenvollmaße. Wie dann das Volk oder auch
ein Mensch will und handelt, so wird es ihm auch werden! Denn Ich habe das auf
der Erde schon so eingerichtet, daß auf jede Handlungsweise der Menschen der
sichere Erfolg von selbst kommen muß.
[GEJ.08_099,18] Und so denn wird auch der
morgige Tag kommen, ohne daß Ich euch nun zu weissagen brauche, wie er aussehen
wird. Wenn auch zuzeiten reine Lichtgeister den Menschen etwas weissagen
werden, so wird es doch auch bei dem verbleiben, was Ich euch nun gesagt habe,
und was eure Vernunft als allein wahr erkennen muß. Da wir aber heute zur
Genüge über Verschiedenes verhandelt haben, so wollen wir uns nun auch einmal
wieder zur Ruhe begeben und unsere Eingeweide durch den Schlaf stärken.“
[GEJ.08_099,19] Darauf erhoben sich alle und
begaben sich dahin, wo ihre Ruhestätten für sie bereitet waren. Ich aber blieb
auf Meinem Ruhestuhl im Saale bis zum Morgen.
100. Kapitel
[GEJ.08_100,01] Nachdem sich in dieser Nacht
ein jeder ganz wohl ausgeschlafen und ausgeruht hatte, standen samt Mir alle
schon mehr denn eine Stunde vor dem Aufgange der Sonne auf und wuschen sich
nach der Sitte der Juden; die Römer aber wuschen sich nach ihrer Sitte mit
wohlriechenden Wässern und bestrichen sich hernach mit ebenfalls wohlriechendem
Öl, das natürlich einen großen Wohlgeruch in den Zimmern des Hauses verbreitete.
[GEJ.08_100,02] Da traten einige Jünger zu
Mir und sagten: „Herr, diese haben wohl unseren Glauben und unsere Überzeugung
angenommen, aber in ihren heidnischen Gebräuchen scheinen sie dennoch
verbleiben zu wollen! Diese ihre Wässer, Öle und Salben mögen sehr kostspielige
sein, und da wäre es für sie ja auch dienlicher, sich gleich uns nur mit purem
und frischem Wasser zu waschen und das viele Geld, das ihre Wässer, Öle und
Salben sicher kosten, für die Armen zu verwenden!“
[GEJ.08_100,03] Sagte Ich: „Wer den Armen das
tut, was diese Römer tun, der hat auch das Recht, so er dazu des Vermögens in
hinreichender Menge besitzt, auch seinen Leib zu pflegen nach der Art und
Weise, wie er schon von Kindesjahren an gewöhnt worden ist; denn ihnen ist das zu
einem so natürlichen Bedürfnisse geworden wie euch das reine und frische
Wasser. Ich aber sehe nicht darauf, ob und womit jemand seine Haut gereinigt
und belebt hat, sondern nur allein darauf, ob er gewaschenen und reinen Herzens
vor Mir ist.
[GEJ.08_100,04] Daher, so ihr den Völkern
Mein Evangelium verkünden werdet, sollet ihr sie auch belassen in ihren
Leibespflegesitten; denn es genügt für einen jeden, daß er an Mich und Meinen
Namen glaubt und nach Meiner Lehre lebt; seinen Leib aber soll er nähren und
pflegen, wie er das von Kindheit an gewohnt war, damit er nach seiner Art
frisch und gesund verbleiben kann.
[GEJ.08_100,05] Kurz und gut, was ihr sehet,
das Ich dulde, das duldet auch ihr! Was Ich aber zu jedermanns Seelenheile euch
angeraten habe, das ratet auch ihr – ohne euch zu ärgern, ob es jemand annimmt
oder auch nicht annimmt – denen an, zu denen ihr von Meinem Geiste geführt
werdet!
[GEJ.08_100,06] Auch ihr sollet essen und
trinken, was euch irgend auf den Tisch aufgesetzt wird, und sollet nicht Wesens
machen mit dem materiellen äußeren Judentum, das vor Mir keinen Wert hat,
sondern handeln nach dem Geiste des wahren, inneren und lebendigen Judentums,
so werdet ihr Meine wahrhaftigen Jünger sein, und Ich werde ein Wohlgefallen
haben an euch und euren Werken und werde unter euch im Geiste verbleiben bis
ans Ende der Zeiten dieser Erde! – Habt ihr Mich verstanden?“
[GEJ.08_100,07] Sagte einmal Johannes: „Herr,
Du sagst immer: ,Bis ans Ende der Zeiten dieser Erde!‘ Gut, wenn aber diese aus
sein werden, was wird denn dann werden für die ganze Ewigkeit, und werden wir
denn bis ans Ende der Zeiten dieser Erde hier verweilen und stets allen Völkern
der Erde Dein Evangelium predigen müssen?“
[GEJ.08_100,08] Sagte Ich mit freundlicher
Miene zu Meinem Lieblinge: „Aber bist du noch manchmal voll kindischen Sinnes
und Verstandes! Ihr werdet der leiblichen Persönlichkeit nach auch nicht länger
auf dieser Erde zu leben haben wie irgendein anderer ordentlicher und gesunder
Mensch; aber ihr werdet teils fortleben geistig wirkend in allen jenen, die
euch in Meinem Namen nachfolgen werden, – andern Hauptteiles nach aber werdet
ihr ewig fortleben bei Mir in Meinen Himmeln und werdet von da aus mehr denn
jetzt einfließen und einwirken können auf die Menschen dieser Erde, die vor
allem aus euch schon bekannten Gründen die Bestimmung haben, Meine Kinder
gleich euch zu werden.
[GEJ.08_100,09] Bis aber das eigentliche Ende
der Zeiten dieser Erde kommen wird, das wird für euch bis jetzt noch
unbegreifbar lange währen! Denn siehe, alle Materie dieser Erde besteht aus
gerichteten und erst frei zu machenden Seelen. Rechnet ein Atom Materie auf die
Substanz einer Seele und daß auf ein Jahr nur 10000 mal 10000 Seelen aus dem
Gerichte der Materie erlöst werden können auf dem Wege, den Ich euch schon zu
öfteren Malen gezeigt habe – und das aus dem Grunde, weil auf dem Boden der
Erde mit solch einem jährlichen Zuwachs von einer so großen Menschenzahl nicht
mehr Seelen bestehen können –, so werdet ihr wohl einsehen, daß die Erde noch hübsch
lange, wennschon noch unter manchen Veränderungen, auch in der materiellen
Beziehung fortbestehen wird.
[GEJ.08_100,10] Dazu aber kommt noch, daß die
Materie der Erde aus der Sonne und aus dem sie umgebenden Äther stets von neuem
eine Vermehrung erhält, die freilich geringer ist, als was das jährliche
Erlösungsquantum ausmacht, und sogestaltig werdet ihr es noch um so mehr
einsehen, in ein wie sehr langes Dauern der Bestand dieser Erde bis in ihre
letzten Zeiten noch hinausgeschoben ist. Allein, alles das ist also von Mir
schon von Ewigkeit her verordnet, und die Zeit kommt nur dem noch die Last des
Fleisches tragenden Menschen langewährend vor; in Meinem Reiche aber werdet ihr
die Zeit und ihre Dauer mit ganz andern Augen und mit einer ganz andern Einsicht
und Weisheit betrachten. – Sehet, so stehen die Sachen!
[GEJ.08_100,11] Aber nun gehen wir wieder ins
Freie hinaus! Denn es werden nun bald alle Anwesenden aus ihren Gemächern in
diesen Saal kommen; Ich aber will Mich zuvor mit euch wenigen schon im Freien
befinden.“
[GEJ.08_100,12] Als Ich das mit den etlichen
Meiner alten Jünger gesprochen hatte, und zwar mit Petrus, Johannes, Andreas,
Jakobus und Matthäus, da kam auch unser Lazarus zu uns, begrüßte Mich und fragte
Mich, wann Ich das Morgenmahl einnehmen möchte.
[GEJ.08_100,13] Und Ich sagte: „Bald nach dem
Aufgange (Sonnenaufgang), da Ich Mich dann bis auf den Abend hin nach einem
Orte hinbegeben werde, von dem wir dann erst am Abend hierher wiederkehren werden;
den Ort selbst aber, den wir besuchen werden, werdet ihr schon nachher
erfahren!“
[GEJ.08_100,14] Als Lazarus das vernahm, da
ging er hinaus und ordnete alles an; Ich aber ging mit den etlichen Jüngern
sogleich ins Freie, und Lazarus kam mir bald nach.
101. Kapitel
[GEJ.08_101,01] In einer Entfernung von etwa
tausend Schritten von dem Städtchen Bethanien befand sich ein freier Hügel, der
auch zum Besitztum des Lazarus gehörte. Auf diesen gingen wir zu und bestiegen
ihn auch bald und leicht, da er eben nicht gar zu hoch war; aber da er ganz
frei dastand, so gewährte er eine herrliche Rundschau, und man sah von ihm aus
auch ganz gut bis nach Jerusalem.
[GEJ.08_101,02] Als wir uns ganz auf der Höhe
befanden, da ersahen wir von Nordwesten her einen starken Zug Kraniche in der
Luft kommen, und Lazarus meinte, daß dies eine seltene Erscheinung sei, diese
Vögel so frühmorgens weiterziehen zu sehen; denn gewöhnlich ziehen sie erst um
den Mittag herum, am meisten aber in den Nachmittagsstunden. Es müßte das etwas
ganz Besonderes bedeuten; denn diese Vögel haben einen gar scharfen Instinkt
und fühlen schon tagelang ein ihnen drohendes Ungemach in der Natur, wo sie
sich aufhalten ihres Unterhaltes wegen, machen sich zur Reise bereit, und auf
ein gegebenes Zeichen ihres Führers erheben sie sich auf einmal und ziehen
einem andern sicheren Orte zu.
[GEJ.08_101,03] Sagte Ich: „Da hast du die
Natur dieser Vögel wahrlich recht wohl beobachtet, und es ist das diesen Vögeln
gegeben; aber hier zeigen sie mitunter auch etwas anderes an. Würdest du in der
alttreuen Kunde der Entsprechungen zwischen der Geister- und Sinnenwelt
wohlbewandert sein, was du schon noch werden wirst, so würdest du die
eigentliche Bedeutung dieses morgendlichen Kranichfluges auch ganz verstehen;
so aber verstehst du nur das, was du durch die Erfahrung der Natur dieser Vögel
entnommen hast.
[GEJ.08_101,04] Gebet aber nun wohl acht
darauf, was diese sonst äußerst vorsichtigen Vögel machen werden, so sie gerade
über uns hinwegfliegen werden!“
[GEJ.08_101,05] Hierauf ward von uns der Flug
dieser Vögel scharf ins Auge gefaßt, wie er sich in der schönsten Ordnung uns
nahte. Es waren an hundert Vögel in der langen Reihe, und genau sieben bildeten
die kurze Winkelreihe, die allzeit aus den alten, kräftigen und gewisserart
erfahrenen männlichen Führern besteht.
[GEJ.08_101,06] Als der Kranichzug über
unseren Häuptern schwebte, mindestens bei vierhundert Mannshöhen hoch, da
machte er halt, die Reihe löste sich auf, und die hundertsieben Kraniche fingen
an, in Kreisen zu fliegen, und senkten sich niederer und niederer und das so
lange, bis sie kaum sieben Mannshöhen hoch über uns herumkreisten und uns durch
ihren eben nicht sehr wohlklingenden Gesang gewisserart die Ehre bezeigten.
Dieses dauerte ein paar Minuten lang, und die Vögel senkten sich dann unter den
Hügel in die Ebene hinab, auf der sich ein ziemlich großer Teich befand, in
welchem Lazarus fürs Haus die Fische zog, die freilich nur zu den gewöhnlichen
gehörten. In diesem Teiche nahmen die Vögel Wasser zu sich, soviel sie dessen
zu ihrem Weiterflug bedurften. Als sichtlich alle damit versorgt waren, da
gaben die sieben Ältesten das wohlerkennbare Zeichen zum Aufbruch, und alle
Vögel erhoben sich wie mit einem Schlag in die Luft, machten aber vor ihrem
gänzlichen Abflug noch einmal etliche Kreisflüge um den Hügel, auf dem wir uns
befanden. Darauf aber hoben sie sich, in Kreisen fliegend, schnell zur
ursprünglichen Höhe, stellten daselbst sogleich die frühere Linienordnung her
und zogen dann gen Nordost; erst in einer ziemlichen Ferne veränderten sie ihre
nordöstliche Fluglinie in eine südöstliche und kamen uns außer Sicht.
[GEJ.08_101,07] Hier sagte abermals Lazarus:
„Herr und Meister, wenn man das mit der rechten Aufmerksamkeit betrachtet, so
ist es auch ein vollkommenes Wunder!“
[GEJ.08_101,08] Sagte Ich: „Wie möchtest du
Mir das wohl erklären bloß so aus deinem Gemüte?“
[GEJ.08_101,09] Sagte Lazarus: „Herr und
Meister! Wie es sich ganz natürlich zeigte, so war es auch schon in dem bloß
natürlichen Verhalten ein Wunder; denn diese Vögel sind gar sehr klug und
scheinen gar wohl zu wissen oder stark zu fühlen, daß wir Menschen, und
namentlich wir Juden, eben nicht zu ihren Freunden zu zählen sind, und so ist
es auch noch nie erhört worden, daß eben diese Vögel sich einer Anzahl Menschen
je so freundlich genaht haben.
[GEJ.08_101,10] Bei den Griechen, die diesen
Vögeln eine Art von göttlicher Verehrung bezeugten, soll das eben nicht zu
selten der Fall gewesen sein, daß diese Vögel sich ihnen in einer vielleicht
ebenso freundlichen Weise genaht haben, wie das nun hier der Fall war; aber,
wie gesagt, bei uns Juden ist das noch nie der Fall gewesen, wenigstens meines
Wissens und meiner Erfahrung nach nicht. Und so halte ich das für ein wahres
Wunder! Denn diese klugen Vögel haben es gemerkt, wer sich nun hier auf diesem
Hügel befindet – nämlich auch ihr Herr und Schöpfer –, und das bewog sie, sich
von der großen Flughöhe bis in die nächste Nähe dieses Hügels herabzulassen, um
hier gewisserart nach ihrem Instinkt und nach ihrer Empfindung ihren Schöpfer
und Herrn zu begrüßen und zu beehren.
[GEJ.08_101,11] Mein Teich hat zudem auch
noch niemals die Ehre gehabt, daß sich Kraniche, die nur ein reinstes Seewasser
zu ihrem Trank nehmen, von seinem etwas trüben Wasser Labung genommen hätten;
sie mußten also wohl geahnt haben, daß Du mit Deinem heiligen und allmächtigen
Willen geheim das Wasser des Teiches gesegnet und für sie gekräftigt hast. Sie
empfanden das sicher wohl, daher erhoben sie sich nach eingenommenem Wasser und
umkreisten abermals jubelnd diesen Hügel, Dir gewisserart den Dank für die
Wassersegnung darbringend, und erhoben sich erst nach Dir dargebrachtem Danke
jubelnd zu ihrer ersten Flughöhe und setzten, also von Dir gestärkt, ihren
wohlgeordneten Flug weiter fort.
[GEJ.08_101,12] Daß sie von hier nicht gleich
in der südöstlichen Richtung ihren Flug fortsetzten, davon scheint wohl mehr
ihr scharfer, nahe an unsere Vernunft grenzender Instinkt der Grund gewesen zu
sein. Denn in solcher Richtung wären sie dem Toten Meere etwa zu nahe gekommen,
dessen weithin reichende böse Ausdünstung ihnen leicht einen Schaden hätte
zufügen können. Sie nahmen darum ganz weise, könnte man sagen, anfangs die
nordöstliche Richtung, und als sie außer aller Gefahr, die ihnen etwa in der größeren
Nähe des bösen Meeres gedroht hätte, sich befanden, dann erst schlugen sie jene
Richtung ein, nach der sie sicher gefahrlos an den Ort ihrer Bestimmung
gelangen konnten.
[GEJ.08_101,13] Das ist nun nach meiner ganz
natürlichen Beobachtung und Ansicht sicher ein wahres Wunder vor den Augen
eines jeden Menschen, der von Jugend an gewohnt war, alle Erscheinungen in der
Naturwelt mit schärferen Blicken und auch mit einem tätigeren Verstande zu
beobachten, als das die gewöhnlichen Weltweisen zu tun pflegen und eigentlich
zu tun imstande sind. – Habe ich recht geredet, o Herr und Meister?“
[GEJ.08_101,14] Sagte Ich: „Ja, ja, du Mein
lieber Freund und Bruder, du hast diese Sache sehr wohl und gut aufgefaßt; denn
also verhielt sich diese Sache auch, bloß von einem natürlichen Standpunkte aus
betrachtet. Aber hinter dem steckt freilich eine noch um gar unglaubbar tiefere
Weisheit, die aber nur der erkennen kann, der sich in einem inwendigen
geistigen Schauen und Fühlen befindet und den Tod seiner Materie insoweit wohl
besiegt hat, inwieweit er in die Seele noch hinüberragte und sie ängstigte.
[GEJ.08_101,15] Damit ihr alle hier seienden
wenigen aber auch davon absonderlich zum voraus einige Winke habt, so will Ich
sie euch geben, bevor uns noch die andern finden werden; und so vernehmet Mich
denn!“
102. Kapitel
[GEJ.08_102,01] (Der Herr:) „Seht, alles in
der Naturwelt, was sich da in allen ihren drei Reichen befindet, und alle noch
so unbedeutenden Erscheinungen sind Schrift und Sprache für die erleuchtete Seele
des Menschen. Und so war und ist es auch der von uns beobachtete Kranichflug.
Daß diese Vögel Mir hier eine gewisse Ehrerbietung bezeigten, das ist ganz
sicher; aber es wäre unvernünftig anzunehmen, daß diese Tiere Mich irgend
erkannt hätten. Die Sache verhält sich da ganz anders, und das euch vollends
wunderbar Vorkommende kehrt ins ganz getreu Natürliche zurück.
[GEJ.08_102,02] Seht, ein jeder Mensch hat
als ein geistig, seelisch und naturkörperlich lebendes Wesen ebenso eine
Außenlebensatmosphäre um sich, wie sie ein jeder Weltkörper, jeder einzelne
Stein wieder eigens für sich und so ein jeder Baum und jedes Gewächs nach
seiner Art und also auch ein jedes Tier hat; denn ohne solch eine
Außenlebensatmosphäre könnte weder eine Erde noch ein Stein, noch ein anderes
Mineral, noch ein Gewächs und ein tierisch lebendes Wesen bestehen.
[GEJ.08_102,03] Daß sich die Sache aber also
verhält, könnet ihr einer von euch schon sicher oft erprobten Erfahrung
entnehmen, daß ihr zum Beispiel in einem Eichenwald sicher von einer ganz
anderen Empfindung bemeistert werdet als in einem Zedernwalde. Ein ganz anderes
Gefühl bemächtigt sich des Menschen, wenn er sich auf einem Kalkfelsen
befindet, und ein anderes auf einem Granitfelsen; ein anderes Empfinden hat der
aufmerksame Mensch in einem Weinberge und ein anderes in einem Garten mit
Feigenbäumen; und dasselbe wandelbare Gefühl hat der Mensch bei der Annäherung
verschiedener Tiere und noch mehr bei der Annäherung verschiedener Menschen.
Ein sehr fühlender Mensch empfindet das schon oft auf eine beträchtliche Ferne
und fühlt es, ob ihm ein guter oder ein böser Mensch begegnen wird.
[GEJ.08_102,04] Und sehet, das empfinden auch
die Tiere, und manche um vieles schärfer als irgendein materieller und wenig
über Gutes und Wahres denkender Mensch.
[GEJ.08_102,05] Ist ein Mensch von einer
vollendet guten Art, und ist er in seiner Seele von göttlichem Geiste erfüllt,
so wird seine Außenlebensatmosphäre auch stets kräftiger und in weite Fernen
hin zu reichen anfangen. Wenn solch einem Menschen sich dann auch selbst die
reißendsten Tiere nähern, so werden sie von seiner Außenlebensatmosphäre
durchdrungen und gesänftet, werden sich ihm voller Freundlichkeit nähern und
ihm nichts zuleide tun, und er wird ihnen sogar mit seinem Willen gebieten
können, und sie werden sich ihm gehorsam erweisen.
[GEJ.08_102,06] Beispiele von der Wahrheit
des Gesagten findet ihr bei den Urvätern der Erde, bei den Patriarchen und bei
den Propheten; und in dieser Zeit habt ihr das schon selbst an Meiner Seite gar
vielfach erprobt.
[GEJ.08_102,07] Nun, Ich Selbst sicher am
meisten und auch ihr mit Mir haben wohl sicher die am allerweitesten über uns
selbst hinausreichende Außenlebensatmosphäre von höchster Kraft, Güte und
Vollkommenheit!
[GEJ.08_102,08] Die von uns gesehenen
Kraniche, die sich den Sommer hindurch in den nördlicheren Sümpfen und kleinen
Seen Griechenlands aufhielten, sind nun im Herbst in die Zeit ihrer Wanderung
gekommen, die ihnen ihr scharfer Instinkt anzeigt. Diese uns aus den nächsten
Sümpfen daher zur Sicht gekommenen Kraniche haben unsere Außenlebensatmosphäre
auch am allerersten und am allermeisten empfunden und sind ihrem Zuge
nachgeflogen. Als sie vollends hierher gekommen sind, wurden sie auch von einem
mächtigen Wohlgefühl derart bemeistert, daß sie denn haltmachten und sich in
unsere völlige Nähe herabsenkten und hier, um uns kreisend, in einer großen
Wonne schwelgten. Sie wurden wie ganz gesättigt und nahmen darum auch das
Wasser, – erstens, um sich den Durst zu stillen, und zweitens, um für ihren
Weiterflug einen Vorrat zu haben, da ihre Reise bis in die großen Ebenen
Indiens bestimmt ist.
[GEJ.08_102,09] Sehet, was ihr denn nach
eurer Meinung an den Kranichen als Wundersames zu beobachten glaubtet, war im
Grunde etwas ganz Natürliches, das aber freilich nun nur Der erkennen kann, der
die gesamte Einrichtung aller Kreatur wohl kennt!
[GEJ.08_102,10] Es ist das alles zwar auch
ein Wunder, aber kein Wunder einer solchen Art, die eigentlich von der blinden
Menschheit als ein Wunder angesehen wird also, als wäre so ein Wunder eine Art
göttlicher Magie, sondern ein Wunder für den im Geiste geweckten Menschen von
ganz natürlicher Art.
[GEJ.08_102,11] Sollte nun etwa noch ein
zweiter Kranichzug in einer Stunde nachkommen, so werdet ihr an ihm ganz die
gleiche Erscheinung erleben, sie aber auch besser begreifen als die erste.
[GEJ.08_102,12] Aber was besagt denn solch
ein Kranichflug durch die Schrift und Sprache der inneren geistigen
Entsprechung? Wer kann das Bild lesen und es im Worte treu und wahr und
verständlich aussprechen? – Sehet, das ist eine ganz andere Frage, die sicher
schwerer zu beantworten ist denn das, was ihr aus der Erscheinung als ein pures
Wunder zu sein des Glaubens waret!
[GEJ.08_102,13] Diese Vögel bewohnen nur
reine Sümpfe in der Nähe von Seen, die ein reines Wasser haben; in stinkenden
und faulen Pfützen wird man sie schwerlich je antreffen. Ihre Nahrung sind
gesunde und lebendige Fischlein und auch anderes reines Seegewürm.
[GEJ.08_102,14] Nun, das reine Wasser
bezeichnet in der geistigen Entsprechung reine und durch nichts mehr getrübte
Erkenntnisse der vollen Wahrheit aus den Himmeln.
[GEJ.08_102,15] Diese Tiere stellen demnach
die Menschen dar, die stets bemüht sind, nach reinen Erkenntnissen zu trachten
und ihre Seele mit den lebendigen reinen Fischlein (lebendiges Wort aus Gott)
und reinem Gewürm (reine Erfahrungserkenntnisse aus dem Bereich der Natur) zu
sättigen.
[GEJ.08_102,16] Infolge dessen, daß die hier
in Rede stehenden Tiere sich also nur mit dem Reinen abgeben, sehen wir bei
ihnen eine überwiegende Intelligenz und Ordnung in allem, was wir aus dem
Bereich ihrer Tätigkeit kennen. Wo sie wohnen, stellen sie sehr sorgsame Wachen
auf, die durch einen gewissen Ton die ganze Gemeinde zu benachrichtigen haben,
so sich derselben irgendein Feind naht, den der aufgestellte Wächter aus dessen
ihm weit vorangehenden Außenlebensatmosphäre durch sein scharfes Gefühl
untrüglich wahrnimmt. Also merken diese Tiere auch genau die Zeit ihrer
Wanderung; und wenn sie diese antreten, so geschieht es stets mit der größten
Vorsicht und Ordnung, wie ihr euch davon schon oft zu überzeugen die
Gelegenheit gehabt habt.
[GEJ.08_102,17] Sehet, so wird auch der
Mensch, und am Ende eine ganze große Gemeinde, alles aus seinen ganz reinen
Erkenntnissen in eine gewisse bestmögliche Ordnung stellen, in allem Tun und
Handeln die rechte Vorsicht und Weisheit anwenden und somit auch davon fürs
ganze Leben und für ewig die besten und sichersten Erfolge ernten!
[GEJ.08_102,18] Der geradlinige Flug der
Kraniche bedeutet den festen und ernsten Charakter, niemals von der einmal
wohlerkannten Wahrheit abzuweichen; denn mit dieser sicher höchst geraden
geistigen Richtungs- und Wanderlinie kommt der Mensch am ehesten zum fürs Leben
ersprießlichsten Ziel.
[GEJ.08_102,19] Beim Weiterflug dieser Vögel
habt ihr vorne die gewissen Führer der ganzen langen Linie bemerkt. Sehet, das
geht abermals aus der reinen Kost hervor!
[GEJ.08_102,20] Wenn nun die Seelen der
Menschen einer Gemeinde mit der reinen Wahrheitskost genährt werden, so werden
sie auch aus ihrer Mitte die Weisesten bald und leicht herausfinden und ihnen
die Leitung und Führung übergeben und völlig anvertrauen; diese aber bleiben
dann auch, solange sie auf dieser Erde leben, ihre Leiter und Führer, und ist
einer von ihnen hinübergewandert, so wird er alsbald durch einen Würdigsten aus
der Gemeinde ersetzt, und des Hinübergewanderten Geist wird auch vom Jenseits
herüber als ein wahrer Schutzgeist über die zurückgelassene Gemeinde wachen und
wird mit ihr in der seligsten Gemeinschaft und im Verkehr stehen und belehrend
auf sie einwirken, wie das auch der Fall war bei den Urvätern, Patriarchen und
vielen Propheten. Und so wird sich solch eine wohlgeordnete Gemeinde sicher
auch stets in einer wahren, himmlischen Glückseligkeit schon hier auf dieser
Erde befinden.
[GEJ.08_102,21] Denn nur der Mensch, der in
diesem Leben schon in einem Vollmaße das innere Lebenslicht besitzt, indem er
sich, Gott und dessen liebevollsten und weisesten Absichten mit den Menschen
klar erkennt und keinen Tod, sondern nur ein ewiges, allerseligstes Leben klar
vor sich sieht, kann auch hier auf Erden schon in einer ganz himmlischen Weise
selig sein, während ein anderer Mensch, der sich nicht in solch einer Lebensordnung
befindet, von einem Zweifel in den andern verfällt, sich mit allerlei finsteren
Gedanken ängstigt und, um diese zu verscheuchen und zu betäuben, sich am Ende
allen sinnlichen Genüssen in die Arme wirft und so anstatt ein Kind des Himmels
nur ein Kind der Hölle und ihres alten Gerichtes wird.
[GEJ.08_102,22] Die sieben Führer stellen
auch die Vollzahl des Guten und Wahren der Himmel aus Gott dar, weil in solcher
Vollzahl die euch schon bekanntgegebenen sieben Geister Gottes, als in der
rechten Ordnung wirkend und handelnd, dargestellt sind. Daher genügen auch
einer jeden Gemeinde sieben Vorsteher in der Ordnung der sieben Geister in
Gott; aber da muß dennoch ein jeder die sieben Geister in sich als völlig tätig
haben, aber dabei dennoch in der Führung der Gemeinde einen Hauptgeist
vertreten.
[GEJ.08_102,23] Eine solche Gemeinde wird
dann sein wie ein vollkommener Mensch vor Gott, wie solches in den Himmeln der
Fall ist, der aus zahllos vielen Vereinen besteht und ein jeder Verein
gewisserart einen vollkommenen Menschen darstellt. Die Unterschiede zwischen
den Vereinen bestehen nur darin, daß in zahllos mannigfachen Verhältnissen des
Mehr oder Weniger in einem oder dem andern Vereine der eine oder der andere
Geist Gottes als reichlicher ausgebildet und vertreten erscheint.
[GEJ.08_102,24] Aus diesen nun angezeigten
Verhältnissen, die zwischen mehr oder minder ins Unendliche gehen, entstehen
auch die endlos vielen und mannigfaltigen Formen in der materiellen Schöpfung,
gleichwie aus sieben einfachen Grundfarben eine endlose Mannigfaltigkeit von
allen möglichen Farben und aus den sieben einfachen Tönen in der reinen Musik
eine nie endende Mannigfaltigkeit von Melodien und entzückenden Harmonien
geschaffen werden kann.
[GEJ.08_102,25] Sehet, so wie Ich euch hier
nur in einem ganz kurzen Abriß von der Natur und dem Fluge der Kraniche ein
entsprechendes geistiges und himmlisches Bild gezeigt habe, also besteht auch
Entsprechung von allem, was euch diese Erde zu sehen, zu hören, zu riechen, zu
schmecken und zu fühlen bietet! Aber nicht der Leib, noch eure ängstliche
Seele, sondern nur allein der lebendige und ewige Geist aus Gott im Herzen
eurer Seele kann euch dazu den Eröffnungsschlüssel geben; darum bestrebet euch
der Wiedergeburt eures Geistes in eurer Seele, und die ganze Schöpfung mit
allen ihren zahllos vielen Erscheinungen wird für euch sein wie ein großes und
aufgeschlagenes Buch, in dem ihr den Grund der göttlichen Liebe, Weisheit und
Macht gar wohl werdet erschauen und klarst begreifen können! – Habt ihr dieses
nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_102,26] Sagten alle: „Ja, Herr, Du
großer Gott und Meister von Ewigkeit, denn diesmal hast Du wieder einmal ganz
klar und offen geredet! Wer in Deiner Schule nicht gut, erleuchtet und weise
wird, der wird es sonst wohl sicher niemals und nirgends!“
103. Kapitel
[GEJ.08_103,01] Hierauf sagte Lazarus: „Herr
und Meister! Es ist aber wahrlich schade, daß diesen gar so besonderen
Unterricht die sehr wißbegierigen, biederen Römer nicht auch haben vernehmen
können! Was werden wir ihnen sagen, so sie uns sicher fragen werden, was hier
in ihrer Abwesenheit sich alles ereignet habe? Dürfen wir ihnen von der großen
Belehrung über den Flug der Kraniche etwas mitteilen?“
[GEJ.08_103,02] Sagte Ich: „So Ich es für gut
und nötig für sie erachtet hätte, da hätte schon auch Ich sicher am ersten
dafür gesorgt, daß sie daran teilgenommen hätten; aber da das für sie
vorderhand noch nicht nötig ist, sondern nur für euch wenige, die tieferen
Geheimnisse des Reiches Gottes zu erkennen, so habe Ich das auch nur euch
wenigen als etwas Besonderes gezeigt und enthüllt.
[GEJ.08_103,03] Es haben aber eben die Römer,
wie vor ihnen auch die Griechen, aus den unverstandenen alten Lehren und
Weissagungen der alten Ägypter, die diese aus den Entsprechungen zwischen der
Sinnen- und Geisterwelt vollwahr ableiteten, ihr finsteres Heiden- und
Götzentum abgeleitet, und mehr als die Hälfte ihrer Priester beschäftigt sich
mit den Erscheinungen auf dieser Naturwelt und machen daraus allerlei
Wahrsagereien. Der Morgenflug der verschiedenen Vögel ist ihnen dazu sehr
dienlich, so wie das Blut und die Eingeweide der vor dem Aufgange
geschlachteten Tiere, ebenso die Winde, der Zug der Wolken, der nächtliche
Stand der Sterne und die Färbung des Himmels; auch zünden sie morgens ein Feuer
an und machen auch daraus allerlei Wahrsagereien und lassen sich dafür von groß
und klein bezahlen. Wenn nun die hierseienden Römer Mich über den Flug der
Kraniche hätten also reden hören, da wären sie uns gleich mit einer Unzahl von
Fragen über gar viele Erscheinungen, die sie erlebt haben, und von denen nach
den Wahrsagungen ihrer Zeichendeuter auch dann und wann manches eingetroffen
ist, über den Hals gefallen, und wir hätten da tagelang zu tun, bis wir sie nur
halbwegs der Wahrheit gemäß befriedigt hätten.
[GEJ.08_103,04] So sie Meiner Lehre gemäß
leben und handeln werden, so werden sie schon durch ihren Geist ohnehin auch in
alle andere Weisheit geleitet werden; wüßten sie aber nun auch das, was Ich nun
nur euch anvertraut habe, so würden sie daheim beinahe schon nichts anderes
mehr tun, als mit aller Hast und Gier die Erscheinungen der Naturwelt
beobachten und sie zu enträtseln versuchen, dabei aber wegen Mangel der
Geisteseinung mit der Seele in allerlei Irrtümer verfallen, was für die Entwicklung
ihres inneren Lebens wahrlich nicht ersprießlich wäre. Aus diesem Grunde
behaltet das von Mir euch Erklärte vorderhand nur bei euch! – Nun aber werden
sie bald bei uns sein, da sie es von Raphael erfahren haben, wo wir uns
befinden.“
[GEJ.08_103,05] Als Ich das den wenigen
gesagt hatte, da kam auch schon die ganze Schar aus dem Städtchen ins Freie,
ward bald unser ansichtig und ging auf uns zu.
[GEJ.08_103,06] Raphael aber führte nach
Meinem Willen die Jugend auf einen andern größeren Hügel und hatte sein Wesen
mit ihr. Als er den Jungen den Hügel zeigte, auf dem Ich Mich befand, da fielen
alle auf ihre Knie und lobten und priesen Mich voll Inbrunst als den guten,
lieben Vater.
[GEJ.08_103,07] Nun kamen aber auch schon die
Römer und alle andern Jünger an. Nur die etlichen bekehrten Templer, deren
Weiber mit den Kindern sich in Bethanien befanden, waren nicht dabei, weil sie
eben von ihren Weibern und Kindern erschaut und somit auch aufgehalten worden
waren, wofür sie nicht konnten; denn Ich Selbst ließ das zu, auf daß sie dann
den Tag über von ihnen in Ruhe gelassen werden möchten. Mit den benannten
Templern kamen wir denn auch erst beim Morgenmahle zusammen.
[GEJ.08_103,08] Als die Römer zuerst am Hügel
zu Mir kamen, grüßten sie Mich auf das liebevollste, und Agrikola sagte: „O
Herr und Meister, wie froh sind wir doch, daß wir Dich wiedergefunden haben,
und daß wir nun sehen, daß Du uns mit Deiner heiligen Persönlichkeit nicht
verlassen hast! Wir waren schon alle ängstlich geworden, da wir Dich im Hause
nicht fanden und dann bei uns der Meinung geworden sind, daß Du mit den wenigen
Jüngern irgendwohin etwa schon gleich auf den ganzen Tag verreist seist. Deine
zurückgebliebenen Jünger waren selbst unserer Meinung, darum, weil Du gestern
aus wohlweisen Gründen niemandem einen Aufschluß geben wolltest, was Du etwa
heute unternehmen werdest. Am Ende unseres Fragens und Ratens gab uns der
herrliche Raphael dahin den Aufschluß, daß du Dich in der Nähe, als hier,
befändest. Da brachen wir denn auch eilends auf, eilten hierher und fanden Dich
auch zu unserem Troste. Und wir sind nun über die Maßen froh, daß wir Dich,
unser Alles, nur wieder in unserer Mitte haben!“
[GEJ.08_103,09] Sagte Ich: „Also bin auch Ich
froh, daß ihr noch so ziemlich früh vor dem Aufgange hier bei Mir euch
eingefunden habt; denn wer an Mir Freude hat und Mich liebt, an dem habe auch
Ich Freude und liebe ihn.
[GEJ.08_103,10] Es werden aber Zeiten kommen,
in denen Mich auch die Menschen suchen, aber nicht so bald und leicht finden
werden, wie das nun bei euch der Fall war.
[GEJ.08_103,11] Wer Mich aber ernstlich
suchen wird im Herzen und in der Tat nach Meinem Worte, der wird Mich auch
finden und eine größte Freude haben, daß er Mich gefunden hat. Wer Mich aber
einmal wird gefunden haben, der wird Mich auch nicht mehr verlieren! Auf
gewisse Augenblicke, zur größeren Probung seiner Liebe und Geduld, werde Ich
wohl noch dann und wann Mein Antlitz vor ihm verhüllen, aber ihn deshalb nicht
verlassen!
[GEJ.08_103,12] Wohl aber denen, die Ich
recht viel prüfen werde; denn aus dem werden sie erkennen, daß Ich sie überaus
liebe! Denn wer viel geprüft wird und die Prüfungen wohl bestehen wird, der
wird jenseits in Meinem Reiche auch über Vieles und Großes gesetzt werden; wer
aber weniger geprüft wird seiner Schwäche wegen, der wird auch über Wenigeres
und Geringeres gesetzt werden.
[GEJ.08_103,13] Ihr alle aber werdet um
Meines Namens und der Wahrheit willen auch noch gar manche Proben zu bestehen
bekommen, und eure Geduld, die in euch noch der schwächste Geist ist, wird der
Feuerprobe nicht entgehen. Wenn aber solches über euch kommen wird, so denket
an diesen Hügel, und daß Ich euch solches zum voraus verkündet habe; aber
denket auch im Herzen, daß Ich da im Geiste zu euch kommen, euch stärken und
kräftiglichst helfen werde! Dieses alles merket euch alle auch besonders wohl!
Denn in diesen Tagen und auch in den künftigen Zeiten leidet das Reich Gottes
Gewalt, und die es mit Gewalt an sich reißen, die werden es auch besitzen. In
den künftigen Zeiten aber wird es also sein, wie Ich euch das nun durch ein
Gleichnis zeigen werde.“
104. Kapitel
[GEJ.08_104,01] (Der Herr:) „Es war ein
Mensch, den es in der Nacht auf dem Wege sehr zu hungern begann. Da kam er nahe
in der Mitternachtsstunde in einen Ort. Da war ein Haus, das einer Herberge
glich, aber alles schlief schon im Hause. Der Wanderer aber fing an die Haustür
und auch an die Fenster zu pochen an, und da er eine Zeitlang pochte, so ward
der Herr der Herberge wach, ging ans Fenster und fragte mit unwilliger Stimme
den späten Wanderer, was es denn sei, darum er in so später Nachtstunde gar so
unverschämt an Türen und Fenster poche.
[GEJ.08_104,02] Der Wanderer aber sagte: ,O
Herr, ich komme weiten Weges, habe den ganzen Tag über nichts zu essen und zu
trinken bekommen, da auf dem ganzen Wege durch die Wüste kein Haus und keine
Herberge anzutreffen war; darum bitte ich dich, daß du dich nun meiner erbarmen
und mir ein Brot geben möchtest, daß ich mich sättigen und stärken kann, sonst
verschmachte ich!‘
[GEJ.08_104,03] Da sprach der Herr der
Herberge: ,Was fällt dir denn ein, in so später Stunde der Nacht von mir ein
Brot zu verlangen! Warte, bis der Tag kommen wird!‘
[GEJ.08_104,04] Der Wanderer aber ließ sich
mit diesem Bescheide nicht abfertigen, sondern bat den Herbergsherrn noch viel
mehr und um vieles dringender um Brot.
[GEJ.08_104,05] Da gab der Herbergsherr denn
doch nach, – und so er dem Wanderer gewisserart auch nicht aus Erbarmung das
verlangte Brot gab, so gab er es ihm doch des in so später Nacht unverschämten
Bittens wegen.
[GEJ.08_104,06] Und sehet, aus diesem Bilde
könnet ihr entnehmen, wie ein Mensch, der seinen ganzen Erdenlebenstag auf ödem
Wege durch die Wüste des weltlichen Irrsals sicher kein Brot zum Leben seiner
Seele finden und bekommen konnte, dabei in die tiefe Lebensnacht hineinkommend,
am Ende doch noch in der Nacht, dieweil er doch den Weg fortwanderte, an eine
Herberge kam, von der er wenigstens dahin überzeugt war, daß sich darin ein
Brot des Lebens vorfinden werde!
[GEJ.08_104,07] Da fing er denn auch an zu
pochen und zu bitten, und es ward ihm am Ende seiner Zeit doch noch zuteil, was
er in der Wüste der Welt lange vergeblich gesucht hatte.
[GEJ.08_104,08] Und sehet, das heißt denn in
diesen Tagen und noch mehr in den künftigen finsteren Zeiten das Reich Gottes
mit Gewalt an sich reißen; denn wer da suchen wird, der wird auch finden, so er
auf dem noch so öden Wege nicht stehenbleibt. Wer an die Türe pochen wird, wenn
auch schon in der Nacht, dem soll dennoch aufgetan werden, und wer da bitten
wird mit Beharrlichkeit, dem wird auch gegeben werden, um was er gebeten hat! –
Habt ihr dieses Bild nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_104,09] Sagte Agrikola: „Herr und
Meister, verstanden haben wir dieses Bild wohl, aber es ist darin, wie ich es
entnommen habe, eben nichts so ganz Tröstliches, wie wir solches schon aus
Deinen vielen andern Lehren und Worten überkommen haben. Es ist schon wahr, daß
die Erreichung eines großen Glückes auch zum voraus großer Opfer und
Anstrengungen bedarf; aber so man nach meiner Meinung einen vollends ernsten
und festen Willen hat, völlig nach Deiner Lehre zu leben – was ich nach meiner
Beurteilung für eben nichts besonders Schweres und überaus Anstrengendes halte,
indem Du doch Selbst gesagt hast, daß Dein Joch sanft und Deine Bürde leicht
sei –, so muß ich nun aufrichtig gestehen, daß ich aus diesen Worten, nach
denen das Reich Gottes in diesen Tagen, wie auch in einer künftigen, wüsten
Zeit nur mit Gewalt und Anstrengung wird an sich gerissen werden können, das
Trostvolle des sanften Joches und der leichten Bürde nicht herausfinden kann.
[GEJ.08_104,10] Wohl aber finde ich in diesen
Deinen Worten, daß die Ausbreitung Deiner Lehre, so überaus göttlich wahr sie
auch immerhin ist, viele und große Kämpfe und sogar die blutigsten Kriege nach
sich ziehen wird! Denn so auf dieser Erde zufolge der Erhaltung und möglichen
Gutbildung des freien Willens die vielen Teufel und die nur wenigen echten
Engelmenschen ein gleiches und durch nichts als höchstens durch strenge
Staatsgesetze etwas beschränktes Handlungsrecht haben, da braucht das Gewinnen
des Reiches Gottes freilich wohl sehr viel Gewalt; aber mit dem sanften Joch
und mit der leichten Bürde, Herr und Meister, sieht es da ganz schmal aus!
[GEJ.08_104,11] Es ist das nur so meine
Ansicht, und ich bin der Meinung, daß ich eben auch nicht ganz unrecht haben
werde. Aber ich bitte Dich dennoch, daß Du uns das, wie man eigentlich dem
Reiche Gottes Gewalt antun muß, um es an sich zu reißen, ein wenig näher
beleuchten möchtest! Denn ich möchte Dein sanftes Joch und die leichte Bürde
und die Gewalt ein wenig näher beisammen haben.“
105. Kapitel
[GEJ.08_105,01] Sagte Ich: „Freund, dem
Ernstwollenden ist jede Mühe und Arbeit ein sanftes Joch und eine leichte
Bürde; aber wenn du bei einer ernsten Arbeit die Mühe scheust, so wirst du mit
derselben nicht gar füglich zum erwünschten Gewinne gelangen, und die rechte
Mühe und Kräfteanstrengung ist ja eben die Gewalt, die ein jeder Mensch dem
Reiche Gottes antun muß, um es sich vollends zu eigen zu machen!
[GEJ.08_105,02] Siehe, ihr selbst tuet dem
Reiche Gottes eine wahrhaft große Gewalt an; aber weil ihr es euch
vollernstlich zu eigen machen wollet, so scheuet ihr auch keine Mühe und keine Opfer,
und Mein Joch kommt euch dennoch gar sanft und Meine euch auferlegte Bürde gar
leicht und gering vor. Bedenket nur, daß ihr aus Liebe zu Mir die vielen Jungen
mit euch nach Rom nehmet und sie dort in Meinem Namen auch bestens versorgen
werdet! Ihr nehmet aber nebstdem noch die arme Familie von Emmaus, die Familie
Helias und mehrere bekehrte Templer mit ihren Weibern und Kindern ebenfalls mit
euch und werdet auch für sie sorgen, – und sehet, darin liegt eine gar große
Gewalt, die ihr als Heiden dem wahren Reiche Gottes antut, um es vollends an
euch zu reißen, und ihr werdet demselben noch eine größere Gewalt antun, da
euch euer voller Glaube an Mich, eure Liebe zu Mir und euer fester und vollends
guter Wille noch mehreres zu tun nötigen wird, als ihr bis jetzt schon getan
habt! Und es wird euch das alles doch nur ein sanftes Joch und eine leichte
Bürde sein, weil ihr selbst es also gern und vollernstlich wollet.
[GEJ.08_105,03] Wenn du, Freund, das nun so
mit dem rechten Verstandesauge ansiehst und beurteilst, so wirst du es wohl
einsehen, daß hier das sanfte Joch, die leichte Bürde und die dem Reiche Gottes
anzutuende Gewalt ganz auf ein und dasselbe hinauslaufen.
[GEJ.08_105,04] So du aber zum Beispiel nun
unsere Templer betrachtest und daneben gar viele Weltmenschen, so frage dich
selbst, ob das, was ihr zur Gewinnung des Reiches Gottes nun ganz leicht tuet,
für sie nicht eine derartige Gewaltanstrengung für ihren Willen wäre, mit der
man schon gleich die Berge der Erde verschieben könnte! Und wenn sie, die es
könnten, dem Reiche Gottes nicht eine solche Gewalt antun werden, wie ihr sie
ihm schon freudigst angetan habt, so werden sie es auch wahrlich nicht
überkommen!
[GEJ.08_105,05] Und wie es nun ist in diesen
Tagen und in dieser Zeit, also wird es bei den Weltmenschen auch in den
künftigen Zeiten der Fall sein; denn es wird diese Erde nie einen gänzlichen
Mangel an weltsüchtigen Menschen haben, und denen wird Mein Joch nicht sanft
und Meine Bürde nicht leicht vorkommen. Und so sie in ihren letzten Tagen etwa
doch noch gewillt werden, das Reich Gottes zu gewinnen in der langen Nacht
ihres Erdenlebens, so werden auch sie an die Türen zu pochen anfangen müssen,
um nur ein wenig Brotes zur Lebenssättigung ihrer Seele aus den nur untersten
Himmeln zu erlangen.
[GEJ.08_105,06] Darum wird der, welcher um
Meinetwillen viel tun und viele Tatenopfer bringen wird, auch viel vom Reiche
Gottes überkommen; wer aber, dem nächtlichen Wanderer gleich, am Ende seiner
Reise durch diese Welt vor Meiner Tür ernstlich zu pochen und zu bitten
anfangen wird, der wird wohl auch nicht verstoßen werden, aber er wird nur
wenig bekommen, weil er zur Gewinnung des Reiches Gottes sich auch nur eine
kleine Mühe gab und es erst dann zu suchen begann, als ihn die äußerste Not
dazu zwang.
[GEJ.08_105,07] Daß ein solcher Mensch dem
Reiche Gottes nur eine sehr geringe Gewalt angetan hat, ist sicher leicht
begreiflich, und es ist daher auch leicht begreiflich, daß ein solcher Mensch
aus dem Reiche Gottes keinen großen Anteil zu erwarten haben wird! Denn mit
welchem Maß jemand hier mißt, mit demselben Maß wird ihm auch im Reiche Gottes
zurückgemessen werden.
[GEJ.08_105,08] Wer also dem Reiche Gottes,
um es zu gewinnen, eine große Gewalt angetan hat, der wird im selben auch schon
hier auf Erden zu einer großen Macht und Gewalt gelangen; wer aber dem Reiche
Gottes, um es zu gewinnen, nur eine kleine Gewalt angetan hat, der wird auch im
selben eine ganz kleine Macht und Gewalt überkommen und wird jenseits
diejenigen ewig nicht erreichen, die schon hier auf dieser Erde groß und
mächtig vor Mir geworden sind. – Hast du, Mein Freund, das nun wohl
verstanden?“
106. Kapitel
[GEJ.08_106,01] Sagte Agrikola: „Ja, Herr und
Meister, nun ist mir freilich alles klar geworden, und wir danken Dir alle aus dem
tiefsten Grunde unserer Herzen für diese Deine uns so liebreich und gnädig
erteilte Belehrung!“
[GEJ.08_106,02] Als der Römer diesen Dank
ausgesprochen hatte, da fing es im Osten schon an, sehr golden helle zu werden,
und es ward sehr munter in der Natur. Die Vöglein fingen an, in der buntesten
Weise ihre Lieder anzustimmen, die frischen Morgenwinde fingen an, lebhafter zu
wehen, und des eben nicht unansehnlichen Teiches recht schöne Wasserfläche
wurde wellengeschäftig, als hätte sie eine Freude an den Liebkosungen des
Morgenwindes. Also ward auch das Gras belebt, und der blaue und duftige Rauch
aus den Kaminen der Häuser wurde von dem Morgenwind auch in allerlei seltenen
Formen und Wendungen in der Luft verweht, und so gab das eine recht schöne und
heiter bewegte Morgenszene ab.
[GEJ.08_106,03] Als wir alle mit recht vieler
Lust und Freude die Morgenszenen eine Zeitlang betrachteten und es dabei immer
heller und heller ward, da kamen eine Menge Turteltauben von Osten her
geflogen, ließen sich auch um den Teich nieder und nahmen Wasser zu sich.
[GEJ.08_106,04] Das gefiel den Römern, und
unser Markus meinte und sagte: „Herr und Meister, sieh, unseren manchmal eben
nicht ungeschickten Zeichendeutern würde das, so um diese Zeit von Osten her
Scharen von Vögeln dieser Art kommen, einen frühen Winter, aber von kurzer
Dauer, andeuten; im Monde des Januarius aber komme dann schon ein beständiger
Frühling. Nun, das hatte schon manchmal seine Richtigkeit und öfter ja als
nein; aber Du als der Herr der gesamten Natur wirst uns da sicher eine bessere
Auskunft geben können, und es wäre das auch gut für uns, damit wir, auf dem
wahren Grunde stehend, so manche einheimischen Irrtümer bekämpfen und nur die
reine Wahrheit an ihre Stelle setzen könnten. – Was sagst Du zu dem, was ich
Dir über die Bedeutung dieses Vogelfluges anzeigte?“
[GEJ.08_106,05] Sagte Ich: „Darüber, Freund,
werden wir nicht viele Worte verlieren! Alle solche Zeichendeutungen sind von
alten Erfahrungen wohl abgeleitet, und es kann hier und da noch etwas Wahrscheinliches
an ihnen kleben; aber sie sind schon unter den Griechen und besonders bei euch
Römern durch allerlei phantastische Zusätze derart entstellt worden, daß nun
beinahe keine völlig wahre Silbe daran klebt.
[GEJ.08_106,06] Aber hier bedeutet dieser
Turteltaubenflug gar nichts anderes, als daß die Tauben morgens gewöhnlich in
einer größeren Menge diesem Teiche zueilen und da Wasser nehmen, damit sie dann
zu ihrem Herumfliegen größere Kraft erhalten; denn ohne Wasser könnte am Ende
kein Vogel mehr fliegen.
[GEJ.08_106,07] Warum aber ein jeder Vogel
zum Fliegen des Wassers benötigt, das könnet ihr jetzt noch lange nicht
begreifen; aber die Menschen in den kommenden Zeiten werden auch hinter solche
Geheimnisse nach und nach kommen. Sieh, nun haben diese Vögel ihren Durst
gestillt, und sie erheben sich und fliegen wieder zumeist dahin, von woher sie
gekommen sind! Lassen wir sie fliegen!“
[GEJ.08_106,08] Als Markus solches von Mir
vernommen hatte, da fragte er nicht mehr nach der Bedeutung der Zeichen und
betrachtete wieder ganz wohlgemut die Szenen des schönen Morgens.
[GEJ.08_106,09] Als wir alle so recht
heiteren Mutes die schönen Morgenszenen betrachteten, die dadurch an
Lebhaftigkeit gewannen, daß die Hirten ihre Tiere auf die Weideplätze
hinaustrieben und andere Menschen an ihre Feldarbeiten hinauszugehen begannen,
da fingen am Aufgangshorizont eine Menge der sogenannten Lämmerwölkchen sich zu
bilden an, die, vom Lichte der dem Aufgange sich schon sehr nahenden Sonne
stark erleuchtet, einen überaus schönen Anblick gewährten.
[GEJ.08_106,10] Da sagte der Römer Markus:
„Herr und Meister, wahrlich, dieser Morgen ist so schön, daß ich mich gar nicht
erinnern kann, jemals einen noch schöneren gesehen zu haben! Da könnte man
schon beinahe sagen: In Deinen wirklichen Himmeln kann es auch nicht schöner
und herrlicher aussehen!“
[GEJ.08_106,11] Sagte Ich: „O du Mein Freund,
du bist nun wohl sehr heiter erregt in deiner Seele und machst da einen
Vergleich mit dem wahren, ewigen Himmel, da du ihm diese vergängliche
Morgenpracht gleichstellst, und es ist dir das sehr zu verzeihen, weil du dir
auf dieser Erde von der endlosen, unvergänglichen Schönheit und Herrlichkeit
der Himmel Gottes nicht den allerleisesten Begriff machen kannst! Und würde Ich
dich nur einen Augenblick im Geiste dahin versetzen, so könntest du nicht mehr
auf dieser Erde leben, denn die zu unbeschreibbar große Anmut der Himmel, das
Licht, die Freundlichkeit und des Lebens höchstes Wohlgefühl würde dein Fleisch
in einem Augenblick vernichten und die Sinne deiner Seele derart ermatten und
betäuben, daß sie selbst dahinfiele und lange wie tot und völlig bewußtlos
daläge. Ich müßte ihr dann die Erinnerung des Geschauten und Empfundenen völlig
wegnehmen, ansonst für sie eine Existenz irgend gewisserart außer den Himmeln
nicht mehr denkbar möglich wäre. Darum muß aber auch eine jede Seele von Stufe
zu Stufe geleitet und geführt werden und muß pur und lauter werden wie reinstes
Gold, auf daß sie fähig wird, in die endlosen Freuden der Himmel Gottes einzugehen.
[GEJ.08_106,12] Siehe, das Licht der
irdischen Sonne ist gegen das Licht der Himmel fürwahr so gut wie eine barste
Finsternis, und doch vermagst du mit deines Leibes Augen nicht unverwandt
hineinzuschauen; und tätest du das nur eine halbe Stunde lang, so würdest du
erblinden. Was würde aber dein ungewohntes und zum Schauen des höchsten Lichtes
nicht eingerichtetes Auge dann beim Anblicke des eben höchsten und mächtigsten
Lichtes tun, so es von Mir zugelassen würde, selbes zu erblicken?
[GEJ.08_106,13] Daher, Mein lieber Freund,
ist deine freudige Erregung beim Anschauen dieses schönen und heiteren Morgens
wohl recht gut, und ein Mensch, der also fühlt wie du, hat sicher ein gutes
Herz und ist im ganzen schon als ein besserer und edlerer anzunehmen, – aber zu
meinen, daß die Himmel Gottes auch kaum etwas Herrlicheres aufweisen könnten,
als wie herrlich da ist dieser Morgen, das wäre ein großer Irrtum! Aber Ich bin
sonst mit deiner Empfindung ganz zufrieden.“
[GEJ.08_106,14] Sagte darauf Markus: „Herr
und Meister, als wir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft am Ölberge bei
Dir waren, da zeigtest Du uns auf einige Augenblicke die Scharen von zahllos
vielen Engeln, die in einer Art lichtvollen Luft schwebten, sich regten und
bewegten und von Dir zeugten. War das noch nicht der eigentliche Himmel?“
[GEJ.08_106,15] Sagte Ich: „O ja Freund! –
aber ebenso verhüllt und verdeckt, wie verhüllt und verdeckt der Erzengel
Raphael vor euch sich zeigt. Könntest du ihn in seiner rein himmlischen Glorie
und Schönheit erschauen, so würde dir das den Leib augenblicklich töten und
deine Seele auf lange hin betäuben. Es ist darum sein inneres Wesen mit einer
Art körperlichen Umkleidung verhüllt, auf daß die, mit denen er umgeht und
verhandelt in Meinem Namen, seine persönliche Gegenwart ertragen können. Darum
sagte Ich euch ja, daß es keines Menschen Auge je geschaut, kein Ohr gehört und
keines Menschen Sinn je empfunden hat, welche Freuden und Seligkeiten Gott
denen, die Ihn über alles wahrhaft lieben, in den Himmeln bereitet hat.
[GEJ.08_106,16] Sehet, ihr alle befindet euch
nun fürwahr als in Meiner nächsten Nähe leiblich und auch geistig durch euren
Glauben an Mich und durch eure Liebe zu Mir im allerhöchsten und vollkommensten
Himmel zwar, aber ihr dürfet von der Gestalt desselben dennoch nichts gewahren,
weil ein solches Gewahren eure Leiber töten würde, solange ihr im Geiste noch
nicht vollends wiedergeboren seid! Wenn ihr aber im Geiste vollends
wiedergeboren sein werdet, dann werdet ihr auch der Himmel Gestalt, die aus
eurem Geiste wie ein Baum aus dem Keime des Samenkorns hervorgehen wird, zu
gewahren anfangen. – Aber nun wird unsere Sonne gleich über den Horizont
emportauchen, und das wollen wir denn auch recht aufmerksam betrachten!“
[GEJ.08_106,17] Als Ich diese Rede über der
Himmel Gestalt beendet hatte, da tauchte auch die Sonne in voller Majestät über
dem fernen Horizont auf, während sie schon eine halbe Stunde vorher die hohen
Spitzen der Berge mit ihren Strahlen vergoldet hatte. Wir betrachteten den
herrlichen Aufgang so lange ruhig, bis die ganze Sonne über dem Horizont stand
und ihre Strahlen auch die Täler zu erleuchten anfingen.
107. Kapitel
[GEJ.08_107,01] Hier fragte Mich abermals
Markus, sagend: „Herr und Meister; ist aber das nicht auch sonderbar, daß die
höchsten Berge, deren Kuppen und Spitzen offenbar im ganzen um eine Stunde
früher von der Sonne beschienen werden und daher auch einen längeren Tag als
die Täler haben, mit ewigem Schnee und Eis bedeckt sind, während es in den
Tälern und Ebenen warm und im Sommer oft unerträglich heiß wird? Bei uns in
Europa, im Westen unseres Reiches, gibt es Alpen, die noch keines Menschen Auge
je ohne Schnee und Eis gesehen hat, während es in der Ebene und in den vielen
Tälern zwischen den hohen Alpen sehr warm ist; ja selbst in unserem Sizilien
haben wir einen Berg, der dazu noch in seinem Innern voll Feuers ist und sein
muß, weil er an vielen Stellen beständig raucht und dampft, und doch ist seine
höchste Spitze gleichfort mit Schnee bedeckt. Nun, worin liegt denn da der
Grund?“
[GEJ.08_107,02] Sagte Ich: „So Ich dir den
wahren Grund auch sage, wirst du ihn dennoch nicht verstehen; aber weil du Mich
schon einmal gefragt hast, so muß Ich dir denn auch eine Antwort geben.
[GEJ.08_107,03] Siehe, so du ein Stück Metall
und zugleich ein Stück weiches Holz an die Sonne legst, so wirst du schon nach
ein paar Stunden das Metall so stark erwärmt haben, daß du es mit der Hand kaum
wirst anfühlen können, am weichen Holze aber wirst du kaum eine Erwärmung
wahrnehmen.
[GEJ.08_107,04] Wenn du zum Beispiel die
schwarzen und steinigen Ufer des Toten Meeres um die Mittagszeit befühlst, so
wirst du sie nahezu glühheiß finden, und befühlst du dann das Wasser, so wirst
du es im Vergleich mit den Ufern kalt finden. Da könntest du dann auch fragen
und sagen: ,Ja, Herr und Meister, wie ist denn das? Warum wird das Metall und
das schwarze Gestein so stark von den Sonnenstrahlen in derselben Zeit erwärmt,
in der das weiche Holz und besonders das Wasser von einer besonderen Erwärmung
noch nahezu nichts verspüren läßt?‘
[GEJ.08_107,05] Und Ich kann dir da, weil dir
die Vorkenntnisse noch mangeln, nur so viel sagen, daß die dichteren Körper zur
Aufnahme der Wärme aus dem Lichte um vieles tauglicher sind denn die weniger
dichten. Und so ist denn auch die Luft ein Körper, der in sich die Eigenschaft
hat, daß er in den Tiefen der Erde durch den Druck der oberen, auf ihm
liegenden Luftschichten dichter ist als auf den Höhen der Berge; und weil denn
also die Luft in den Tiefen der Erde um vieles dichter ist als auf den Berg-
und Alpenhöhen, so ist sie denn auch erwärmbarer als auf den Höhen. Siehe, das
ist so der ganz gewöhnliche, natürliche und für dich auch noch am ehesten
begreifbare Grund, warum es auf den Höhen der Berge, wenn sie länger von der Sonne
beschienen werden, kälter ist als in den Tiefen und Tälern!
[GEJ.08_107,06] Aber es gibt da freilich auch
noch andere Gründe, die du, so Ich sie dir auch verkündete, nun nicht verstehen
würdest und könntest. Aber es werden schon noch Zeiten kommen, wo die Menschen
auch die tieferen Gründe von derlei Erscheinungen ganz klar erkennen, berechnen
und einsehen werden; aber sie werden darum dem Reiche Gottes nicht näherstehen
als ihr nun, die ihr das noch lange nicht begreifet als alterfahrene
Staatsmänner, was dann schon die Kinder einsehen und wohlbegreifen werden,
sondern derlei zu sehr Natur- und Weltgelehrte werden sich oft sehr ferne vom
Reiche Gottes befinden, und so sie es suchen werden in den ihnen enthüllten
Kräften der Naturwelt, werden sie es schwer oder auch gar nicht finden. Darum
suchet nur vor allem das wahre Reich Gottes und dessen Gerechtigkeit in euch,
alles andere wird euch schon zur rechten Zeit von selbst als eine freie Zugabe
werden!
[GEJ.08_107,07] Das aber könnet ihr euch als
ein wohlentsprechendes Bild hinzumerken! Der hohen Berge Spitzen und Kuppen
gleichen jenen Weltweisen, die auch viel Verstandeslicht haben, – dabei aber
sind sie sehr eingebildet und stolz, tragen ihre Köpfe hoch und schauen mit
Verachtung auf die ungelehrte Welt herab, ja sie erheben ihr stolzes Haupt
sogar über jene ihnen ebenbürtigen Gelehrten, die allenfalls im
Staatenrangleben mit ihnen nicht auf einer gleich hohen Stufe stehen, wenn
diese Minderhochstehenden ihnen an fruchtbarer Gelehrtheit auch überlegen sind.
[GEJ.08_107,08] Und seht, da geben uns eben
die höchsten Berge ein gar vortreffliches Bild! Je höher ein Berg ist, und eine
desto weitere Aussicht man von seiner höchsten Spitze genießen kann, desto
unfruchtbarer ist ein solcher Berg auch und ist kalt und mit Schnee und Eis
bedeckt. Nicht einmal ein allerverkümmertstes Moospflänzchen werdet ihr zum
Beispiel auf des Ararats höchster Kuppe finden; auf seinen um vieles niedereren
Nachbarhöhen aber werdet ihr schon allerlei Moos- und andere Steinpflänzchen
antreffen, auf den noch niedereren schon allerlei Gras und Alpenkräuter und
noch tiefer herab schon Sträucher und Bäume.
[GEJ.08_107,09] Also aber steht es auch mit
all den hohen Weltweisen und Naturgelehrten, besonders so sie dazu noch infolge
ihrer Gelehrtheit vom Staate aus irgend hochgestellt sind; sie sind voll
Eigendünkel, voll Hochmut, sehen alles tief unter ihnen stehend, sind darum
kalt und gefühllos, haben keine Liebe außer die starre für sich selbst und für
die eigene Höhe. Darum sind sie denn aber auch trotz ihres Lichtes, das keine
Lebenswärme enthält, völlig unfruchtbar und dienen dem Staatsoberhaupte wohl
als eine Art Hoheitsprunk, in der Tat aber wenig oder zumeist gar nichts,
während die Niedereren schon arbeiten und dem Staat durch die ins Werk gesetzten
Kenntnisse nützen, und die noch niederer Gestellten arbeiten noch mehr und
nützen dem Staat und den Menschen offenbar auch noch um vieles mehr.
[GEJ.08_107,10] So sind denn die hohen Berge in
einem Lande wohl eine Pracht, und der Wanderer, so er ihrer ansichtig wird,
wundert sich über ihre Höhen; aber so man die landwirtschaftliche Frage
stellte, welchen praktischen Nutzen das Land von seinen hohen Bergen hat, und
welche Früchte sie ihm tragen, so wird darauf die Antwort sicher so kahl und
mager ausfallen, als wie kahl und mager eben die hohen Berge selbst sind.
[GEJ.08_107,11] Ich will aber damit nicht
sagen, als wären der Erde hohe und höchste Berge etwa als völlig nutz- und
zwecklos da. In bezug auf die ganze Erde sind sie höchst notwendig, denn sie
nötigen die atmosphärische Luft, daß sie sich mit der ganzen Erde in der
bestimmten Tag- und Nachtzeit in der Mittelpunktsachse drehen und bewegen muß,
ansonsten kein Geschöpf vor der Heftigkeit der beständigen Luftströmung
bestehen könnte. Denn die Bewegung der Erde um ihre Achse ist hier, wo wir uns
nun befinden, schon so schnell, daß wir in jedem Augenblick um gute zwei
Stunden von Westen nach Osten hin fortgerückt werden.
[GEJ.08_107,12] So die Erde nun ganz glatt
und von Bergen und Hügeln ganz entledigt sich befände, so würde die sie
umgebende Luft gewisserart stillstehen und sich mit der Erde nicht mitbewegen;
aber dieses Stillstehen der Luft würde dennoch ein fortwährendes, selbst die
heftigsten Orkane weit übertreffendes Luftströmen sein, bei dem, wie gesagt,
auf der Oberfläche der Erde kein geschöpfliches Sein und Bestehen je denkbar
möglich wäre.
[GEJ.08_107,13] Da die Erde aber nun
besonders in der Nähe ihres Mittel- und somit Hauptumschwungsgürtels, den die
späteren Erdkundigen Äquator benennen werden, auch zumeist die höchsten Berge
in weit gedehnten Reihen besitzt, deren Spitzen weit über die Wolken
hinausragen, so nötigen sie die Luft zur steten Mitbewegung um die Achse der
Erde, und ihr merket daher von dieser heftigsten Luftströmung nichts; daß aber
die Luft dennoch manchmal in eine Strömung gerät, die sich, wie nun am Morgen,
durch einen Wind bemerkbar macht, davon habe Ich euch die Ursache und den
Entstehungsgrund schon gezeigt und brauche nun nicht noch einmal davon zu reden
anzufangen.
[GEJ.08_107,14] Und seht, das ist denn schon
einmal der eine Nutzzweck der hohen Berge, für die gesamte Erde dargestellt!
Neben dem aber haben die hohen Berge und so auch ihr Schnee und Eis eine Menge
anderer Zwecke, die von den späteren Naturkundigen auch werden erkannt werden;
aber für euch ist es nun noch nicht an der Zeit, in alle Geheimnisse der
Naturwelt eingeweiht zu werden; und würde Ich sie euch auch dartun und
erklären, so würdet ihr sie nicht fassen, weil euch die nötigen Vorkenntnisse
dazu mangeln.
[GEJ.08_107,15] Nur das kann Ich euch noch
sagen, daß in und um die Erde in einem fort unsichtbare Kräfte strömen, die zur
Belebung der Mineral-, Pflanzen- und Tierwelt, zu der auch der Mensch dem Leibe
nach gehört, höchst notwendig sind, und diese unsichtbaren Kräfte werden auch
von den Bergen und ihrer Vegetation, Natur und Beschaffenheit geregelt und
geleitet, darum die Bewohner der Berge auch stets gesünder und rüstiger sind
als die Bewohner von großen Ebenen und tiefen Tälern.
[GEJ.08_107,16] Damit habe Ich euch nun an
diesem Morgen einen Naturlehrer gemacht, insoweit es für euch vorderhand
notwendig ist, damit ihr nicht in euren alten Irrtümern zu verbleiben nötig
haben sollet; wenn aber der Geist der vollen Wahrheit und des Lebens in euch
eins mit eurer Seele wird, so wird er euch schon ohnehin weiter und in alle
Weisheit leiten. – Habt ihr das wohl verstanden?“
108. Kapitel
[GEJ.08_108,01] Sagten alle, Mir dankend, daß
sie das wohl verstanden hätten, und unser Markus, und mit ihm auch die andern
Römer, sagte noch insbesonders: „Herr und Meister! Nun fange ich und auch meine
Gefährten an, immer klarer einzusehen, daß zu einer richtigen Erkenntnis Gottes
und zu einem ungezweifelten lebendigen Glauben an Ihn eine richtige Erkenntnis
der Erde und alles dessen, was in und auf ihr ist und in die Erscheinlichkeit
tritt, unumgänglich nötig ist; denn daraus ersieht man erst, daß diese Erde und
alles, was auf ihr ist, einen höchst weisen und allmächtigen und somit auch
höchst guten Urheber und Schöpfer haben mußte, weil eine blinde, ihrer selbst
nicht einmal bewußte Macht, die wir Heiden das Fatum nennen, unmöglich auf der
Erde und in jedem einzelnen Geschöpfe alles gar so weise und zweckdienlich eingerichtet
hätte.
[GEJ.08_108,02] Es liegt also schon in der
richtigen Erkenntnis der Natur und ihrer weisest geordneten Kräfte ein
unumstößlicher Beweis vom Dasein eines ewigen und höchst weisen, allmächtigen
und überguten Gottes und Schöpfers aller Dinge und aller Wesen. Ist aber dieser
Beweis einmal da und unbeugsam festgestellt, so ist dann der vollwahre Glaube
an einen Gott ja eine selbstverständlich ausgemachte Sache.
[GEJ.08_108,03] Wenn dann dazu noch Deine
Lehre vom Fortleben der Seele nach des Leibes Tode und vom wahren, inneren und
lebendigen Reiche Gottes hinzukommt und der Mensch zu der Kenntnis gelangt, was
er ist, und warum er da ist, und wie er zu leben und zu handeln hat, um zur
Kindschaft Gottes zu gelangen, so wird er das auch sicher tun, und das um so
mehr, weil er eben auch aus Deiner Lehre erfahren wird, welches Los er nach dem
Tode des Leibes zu gewärtigen hat, so er in seinen Irrtümern und Bosheiten
verbleibt.
[GEJ.08_108,04] Herr und Meister, ich rede
hier nicht als ein Jude, sondern als ein vielerfahrener Heide, und sage: Deine
Lehre vom Reiche Gottes und von der allein wahren und ewigen Bestimmung des
Menschen ist offenbar das Höchste, Reinste und Wahrste und zugleich auch das
überzeugend Faßlichste, was je die Menschen als eine Lehre von Gott und von
ihrer Bestimmung vernommen haben, und für uns ist sie nun um so faßlicher und
glaubbarer, weil wir das unaussprechliche Glück haben, sie aus Deinem
Gottesmunde zu vernehmen; denn wir sehen Dich, hören Dich und können und dürfen
mit Dir, dem allein wahren Gott und Herrn von Ewigkeit, über die
verschiedensten Dinge und Verhältnisse uns besprechen.
[GEJ.08_108,05] Wir für uns bedürfen wahrlich
keines andern Beweises vom wirklichen Dasein eines Gottes als eben nur Dich
Selbst; aber wir sind unser nur zehn, denen das unbeschreibbare Glück und die
ewig unverdiente Gnade zuteil geworden ist, in Dir den ewigen Herrn aller
Himmel, aller Welten und alles Lebens gefunden zu haben.
[GEJ.08_108,06] Du wirst persönlich nicht mit
uns nach Europa und nach Rom ziehen und dort Dich also wie hier offenbaren
durch Worte und Taten, auf daß alle Heiden Dich erkennen und an Dich glauben
möchten, sondern wir allein werden Dich ihnen verkünden und sind auch schon zum
voraus überzeugt, daß unsere Arbeit und Mühe keine fruchtlose sein wird. Aber
unsere Stammesgenossen daheim sind gar sehr kritische Menschen und glauben an
eine Sache erst dann, wenn sie sich von ihrem wirklichen Dasein von möglichst
vielen Seiten die klaren und ganz untrüglichen Beweise verschafft haben, was
nun um so notwendiger ist, weil bei unseren Weltweisen und Klugen der Atheismus
gang und gäbe geworden ist und kein höher Gebildeter mehr an einen oder den
andern Gott denkt und noch weniger glaubt.
[GEJ.08_108,07] Und da, siehe o Herr und
Meister, bin ich der Meinung, müssen vor der Verkündigung Deines heiligsten
Namens und Deiner Lehre die Beweise fürs unbestreitbare Dasein eines allein
wahren Gottes vorerst aus der Natur und Ordnung dieser Erde und ihrer Wesen
klar aufgestellt werden! Haben diese einmal Wurzel gefaßt, dann wird es sicher
auch ein leichtes sein, Deinen Namen und Deine Lehre also zu verkünden, daß man
allgemein an Dich glauben und Dich für den allein wahren Gott halten, anbeten
und lieben wird in Worten und Taten.
[GEJ.08_108,08] Den Kindern kann man freilich
bald und leicht etwas glaubbar machen, – doch Männern, wie wir sie in Rom und
vielen andern Städten in einer übergroßen Anzahl haben, muß man ganz anders
kommen, so man sie für etwas gewinnen will! Und aus eben diesem Grunde habe ich
mich denn auch bemüht, mir über verschiedene Dinge und Erscheinungen in der
Sphäre dieser materiellen Welt so manche Aufhellungen zu verschaffen, und danke
Dir denn schon im voraus im Namen aller derer, die etwa durch mich zu Dir
bekehrt werden, daß Du uns Römern solche Aufhellungen nicht vorenthalten hast!“
[GEJ.08_108,09] Sagte Ich: „Das wußte Ich gar
wohl, wofür ihr euch von Mir über dieses und jenes Erklärungen erbeten habt,
und Ich lobe euren Eifer und guten Willen, und eure Arbeit und Mühe um Meines
Namens willen soll stets mit Meinem Segen gekräftigt sein!
[GEJ.08_108,10] Aber Ich sage dennoch, daß
ihr die Menschen nicht zu sehr auf die Natur der materiellen Dinge der Welt
anweiset, daß sie Gott in ihnen suchen sollen. Ihr werdet damit die Menschen zu
einem Ahnen und Wittern des Daseins eines Gottes, aber nie zu Dessen voller
Erkenntnis und zum wahren und lebendigen Glauben an Ihn bringen.
[GEJ.08_108,11] So ihr aber Meine Lehre, wie
ihr sie von Mir klarst und reinst überkommen habt, euren Brüdern gebet, so
werden sie euch hören und werden die Lehre auch annehmen, und da Meine Worte
Kraft, Macht und Leben in sich bergen, so werden sie auch eine ganz andere
Wirkung in den Herzen und Gemütern eurer Brüder hervorbringen als alle
erdenklichen Beweise aus dem Bereiche der materiellen Welt und ihrer Ordnung.
[GEJ.08_108,12] Wenn aber dann die Menschen
an Mich glauben werden und auch leben und handeln nach Meiner Lehre und also
nach Meinem Willen, da werden sie dann schon den wahren Lehrer und Weiterführer
in sich finden, der sie in alle andern Wahrheiten führen wird.
[GEJ.08_108,13] Wer Gott und Sein ewiges
Lebensreich finden will, der muß das in sich, also in seines Herzens stillem
Kämmerlein in der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu suchen anfangen. Und wer da
ernstlich zu suchen angefangen hat und im Suchen nicht nachläßt, der wird auch
das finden, was er gesucht hat; aber wer im Suchen lau wird, der wird das, was
er wohl finden möchte, so es ihm keine zu große Mühe kostete, auf dieser Welt
und auch jenseits schwerlich oder auch gar nicht finden.
[GEJ.08_108,14] Schicket daher nur Mein
lebendiges Wort voraus und machet dann erst hinterher die, welche Mein
Evangelium angenommen haben, auf den Grund und auf die Erscheinungen der Dinge
und ihrer Ordnung in dieser Welt aufmerksam, und ihr werdet also die besten
Erfolge von eurer Arbeit und Mühe ernten!
[GEJ.08_108,15] Nun aber wollen wir diesen
Hügel wieder verlassen und uns zum bereits fertigen Morgenmahle begeben und
dann sehen, was wir an diesem Tage noch alles unternehmen werden!“
[GEJ.08_108,16] Die Römer und auch alle die
andern dankten Mir für den ihnen gegebenen Rat, und wir begaben uns sogleich in
den Ort und ins Haus, wo in dem großen Speisesaale die wohlzubereiteten Fische,
Brot und frischer Wein in voller Menge auf den Tischen sich befanden. Wir
setzten uns denn auch sogleich dazu; Ich segnete wie allzeit zuvor Speise und
Trank, und dann aßen und tranken wir. Für die Jungen sorgte unser Raphael.
109. Kapitel
[GEJ.08_109,01] Als wir das Morgenmahl schon
über die Hälfte aufgezehrt hatten, da erst kamen auch die etlichen Templer, die
ihre Weiber und Kinder besucht hatten, und Lazarus wies sie an einen freien
Tisch und ließ ihnen bringen, was wir hatten, und sie aßen und tranken.
[GEJ.08_109,02] Als wir das Morgenmahl aber
völlig aufgezehrt hatten, da traten die Templer, die mit ihrem Morgenmahle auch
zu Ende gekommen waren, zu Mir und entschuldigten sich des Besuches ihrer
Weiber und Kinder wegen und baten Mich, daß Ich sie doch auch besuchen und
segnen möchte.
[GEJ.08_109,03] Ich aber sagte zu ihnen:
„Höret, wer an Mich glaubt, Mein Wort annimmt und danach lebt und handelt, der
hat auch Meinen Segen in der Fülle; daher trachtet, daß auch eure Weiber und Kinder,
die nun noch stark an den leeren Zeremonien des Tempels hängen und Mich und
Meine Jünger heimlich bei sich für Ketzer wider den Tempel halten, an Mich
glauben und nach Meiner Lehre handeln werden, dann wird auch Mein Segen ihnen
zuteil werden! Aber so, wie sie bei uns hier jetzt noch beschaffen sind und nur
daran denken, daß ihre Söhne auch schon bald zu den Angesehensten des Tempels
gehören möchten, da bin Ich wahrlich nicht gewillt, zu ihnen zu kommen und sie
besonders zu segnen. Gehet hin und belehret sie erst, und es wird sich morgen
dann schon zeigen, ob sie schon reif für Meinen Segen sind! Ihr könnet heute
hier verweilen und die Sache mit euren Weibern und Kindern behandeln. So Ich am
Abend wieder hierher kommen werde, dann möget auch ihr euch wieder zu Mir
begeben!“
[GEJ.08_109,04] Als Ich das diesen etlichen
Templern gesagt hatte, da fragten sie Mich, wohin Ich Mich den Tag über begeben
würde, auf daß Mir einer oder der andere etwa in einem Notfalle nachkäme.
[GEJ.08_109,05] Sagte Ich: „Fürs erste wird
bei euch kein wie immer gearteter Notfall eintreten, und fürs zweite bleibt
Raphael hier der Jungen wegen, und ihr könnet euch bei ihm Rat holen; und so
brauchet ihr nun nicht zu wissen, wohin Ich Mich diesen Tag über begeben werde.
So Ich aber wiederkommen werde, dann werdet ihr es schon erfahren, wo und was
Ich gewirkt habe.“
[GEJ.08_109,06] Mit diesem Bescheid waren die
etlichen Templer zufrieden, dankten Mir darum und begaben sich wieder zu ihren
Weibern und Kindern.
[GEJ.08_109,07] Darauf sagte Ich zu den
andern Anwesenden: „Wem es eine Freude macht, Mir zu folgen, dahin Ich nun
gehe, der folge Mir!“
[GEJ.08_109,08] Auf diese Meine Einladung
erhoben sich alle und machten sich reisefertig. Auch die Maria von Magdalon
fragte Mich, ob auch sie Mich begleiten dürfe.
[GEJ.08_109,09] Sagte Ich: „Das steht dir
frei; so du aber hier verbleibst bei den Schwestern des Lazarus und hilfst
ihnen in der Bedienung der Gäste, die zum Teil schon hier sind, zum andern Teil
aber heute noch nachkommen werden, so ist es Mir lieber. So aber Gäste aus
Jerusalem und auch aus andern Orten hier ankommen und nach Mir fragen werden,
da machet Mich nicht ruchbar, und die Angekommenen sollen wieder also
weiterziehen, wie sie hierher gekommen sind!“
[GEJ.08_109,10] Die Magdalena dankte Mir für
diese Worte und blieb bei den beiden Schwestern; desgleichen blieb auch die
Helias mit den Ihrigen und die arme Familie aus Emmaus.
[GEJ.08_109,11] Wir aber machten uns auf und
gingen zuerst zu dem Wirte im Tale, der bei uns war samt dem Wirte an der
großen Heerstraße, unweit Bethlehem, der auch noch bei uns war und Meine
Belehrungen anhörte.
[GEJ.08_109,12] Als wir bei dem Wirte
ankamen, da ging uns das gesamte Hausvölklein entgegen, grüßte uns und hatte
eine große Freude an uns. Das Weib bat Mich, daß Ich mit allen, die mit Mir
seien, über den Mittag zu Gaste bleiben möchte.
[GEJ.08_109,13] Ich aber sagte: „Weib, dein
guter Wille gilt Mir als ein vollbrachtes Werk; was du aber immer den Armen tun
wirst in Meinem Namen, das wird von Mir also angesehen werden, als hättest du
solches Mir getan. Es werden heute über den Mittag aber auch eine Menge Gäste
hierher kommen, und es werden sich etliche nach Mir erkundigen; da aber machet
Mich nicht ruchbar, und so euch jemand fragen wird, wohin Ich gezogen wäre, da
redet die Wahrheit und saget: ,Wir wissen es nicht!‘ Und es liegt darin auch
der Grund, warum Ich heute auch Meinen Jüngern nicht zum voraus sage, wohin Ich
gehe, und was Ich tun werde. Gen Abend aber werde Ich wieder auch hierher kommen
und eine Stunde lang verweilen. Beachtet nun, was Ich euch angeraten habe!“
[GEJ.08_109,14] Alle gelobten Mir das, und
wir zogen im Tale südwärts weiter, und es begegneten uns viele Menschen,
zumeist Griechen und auch Ägypter, die über Jerusalem nach Damaskus mit
allerlei Waren zogen: von denen kümmerte sich niemand um uns, und wir konnten
sonach unseren Weg unaufgehalten fortsetzen.
[GEJ.08_109,15] Als wir so eine gute Stunde
lang fortgewandert waren, da fragte Mich ganz geheim denn doch Lazarus, der
stets an Meiner Seite einherging, sagend: „Herr und Meister! Nun könntest Du es
mir ja doch sagen, wohin Du Dich begeben wirst. Denn ich und alle, die wir hier
sind, werden Dich sicher nicht verraten!“
[GEJ.08_109,16] Sagte Ich: „Wir ziehen in
einen Ort nahe bei Bethlehem. Was dort geschehen wird, das werdet ihr alle
schon am Orte und an der rechten Stelle erschauen und ganz wohl erfahren.“
[GEJ.08_109,17] Sagte Lazarus: „Es ist nun
schon gut, daß ich nur wenigstens das weiß! Aber da dürfen wir schon recht gut
auftreten; denn der Weg dahin ist eben nicht ein kurzer.“
[GEJ.08_109,18] Sagte Ich: „Darum werden wir
daselbst dennoch zur rechten Zeit und früh genug eintreffen; denn Mir ist es
auch möglich, einen langen Weg in einer ganz kurzen Zeit zu durchwandern.“
[GEJ.08_109,19] Sagte Lazarus: „O Herr und
Meister, ich weiß wohl, daß Dir nichts unmöglich ist; aber ich fragte Dich
dennoch, damit wird diesen etwas öden Weg nicht ganz lautlos fortwandern, und
weil ein jedes noch so unbedeutend scheinende Wort aus Deinem Munde mich stets
mit einer neuen Kraft belebt.“
[GEJ.08_109,20] Sagte Ich: „Ja, ja, da hast
du ganz recht und wahr geredet; denn Meine Worte sind in sich auch pur Geist,
Kraft und Leben. Aber nun wandern wir wieder schweigsam weiter, denn es wird
uns bald ein Zug römischer Soldaten begegnen, die da nach Galiläa ziehen, und
wir werden mit ihnen eine kleine Mühe zu überstehen bekommen!“
110. Kapitel
[GEJ.08_110,01] Wir zogen von da noch bei
dreitausend Schritte ganz schweigsam vorwärts und ersahen den Zug Soldaten mit
ihren Waffen die Heerstraße, die hier über eine Anhöhe führte, hereinziehen.
Sie machten viel Lärm, wie es bei ihnen üblich war, und wühlten mit ihren Füßen
den Straßenstaub so auf, daß mit ihnen auch eine ordentliche Staubwolke
einherzog.
[GEJ.08_110,02] Da meinte Agrikola, daß wir
von der Straße etwa so ein wenig abbiegen sollten, weil derlei rohe
Kriegsknechte, die bei solchen Märschen nicht selten betrunken seien, mit den
ihnen in den Weg kommenden Wanderern eben nicht gar zu freundlich umzugehen
pflegten.
[GEJ.08_110,03] Sagte Ich: „Da hast du wohl
ganz recht; aber da seid ihr Römer wohl selbst schuld daran, daß eure
Kriegsknechte gar so rohe und wilde Menschen sind! Gebet Ihnen nebst dem
Unterricht im Gebrauch der Waffen auch den Unterricht, daß sie Menschen werden,
und sie werden sich dann auch als solche betragen!“
[GEJ.08_110,04] Agrikola und auch die anderen
Römer merkten sich diese Meine Bemerkung, und als der wilde Zug in unsere Nähe
kam, bogen wir denn auch einige Schritte vom Wege ab. Aber es nützte uns das
wenig; denn die Führer hießen die Kriegsknechte haltmachen, gingen dann ganz
keck auf uns los und fragten uns, wer wir wären und wohin wir zögen, und in
welchen Geschäften und Angelegenheiten.
[GEJ.08_110,05] Da trat Agrikola vor und
sagte zum ersten Führer: „Kannst du lesen?“
[GEJ.08_110,06] Sagte dieser (der Führer):
„Ohne das wäre ich kein Oberführer!“
[GEJ.08_110,07] Hier zog Agrikola eine
Pergamentrolle aus einer Tasche, die er bei sich trug, und wies sie dem kecken
Führer vor. Als dieser ersah, was in der Rolle stand, da erschrak er und
entschuldigte sich.
[GEJ.08_110,08] Aber Agrikola bedrohte ihn
und verwies ihm sein tumultuarisches Benehmen mit scharfen und sehr
eindringlichen Worten.
[GEJ.08_110,09] Da zogen sich die Führer
gleich in aller Ruhe und Ordnung zurück.
[GEJ.08_110,10] Agrikola und die andern Römer
aber traten darauf zu der Schar der Krieger und untersuchten sie, wie sie sonst
geordnet und bestellt wäre. Da fanden sie aber in der Mitte der Schar etliche junge
Mädchen und auch zwei Jünglinge, deren Hände auf den Rücken gebunden waren.
[GEJ.08_110,11] Als die Römer solches mit
starker Entrüstung bemerkt hatten, da fragten sie sogleich die Führer, was
dieses zu bedeuten hätte, ob diese Menschen irgendeines Verbrechens schuldig
seien, und welcher Nation sie angehören.
[GEJ.08_110,12] Die Führer wurden sehr
verlegen und wußten nicht, was sie dem strengen und hohen Römer für eine
Antwort geben sollten.
[GEJ.08_110,13] Da fingen aber die Mädchen
und die beiden Jünglinge den Agrikola in hebräischer Zunge weinend zu bitten
an, daß er sie aus der Gewalt dieser rohen und grausamen Krieger befreien
möchte; denn sie seien Kinder ganz ehrlicher Eltern in der Nähe von Bethlehem,
hätten diesen Kriegern nichts zuleide getan, und ihre Eltern, die dort eine
Herberge hätten, hätten alle diese Krieger nach ihrem Verlangen wohl bewirtet
mit zehn Schläuchen Wein und mit dreißig Brotlaiben und hätten am Ende für das
Verlangte nicht mehr als siebzig Groschen begehrt.
[GEJ.08_110,14] (Die Gefangenen): „Da wurden
aber diese Soldaten so böse und zahlten nicht nur nichts, sondern verlangten
von den Eltern noch als eine Strafe für das, daß eben die Eltern es gewagt
hatten, von den Soldaten die siebzig Groschen zu verlangen, über tausend Groschen.
So viel Geld aber hatten die Eltern nicht, und sie baten diese Krieger um
Vergebung und Nachsicht. Aber da half kein Bitten und Flehen; die Eltern wurden
daheim im Hause mit Stricken an die Türpfosten fest angebunden. Darauf fingen
die Grausamen uns sieben Kinder zusammen, banden unsere Hände auf den Rücken
und trieben uns mit ihnen fort also, wie ihr hohen Herren uns nun da sehet. Was
sie mit uns vorhaben, das wissen wir unmöglich; daß sie mit uns aber sicher
nichts Gutes vorhaben, das können wir uns wohl denken. O ihr lieben und großen
Herren! Befreit uns doch um Jehovas willen von diesen Wüterichen!“
[GEJ.08_110,15] Hier fing Agrikola vor Zorn
ordentlich zu glühen an, befahl, die sieben Kinder augenblicklich freizulassen
– was auch sogleich geschah –, und sagte dann zu den Führern: „So beschützet
ihr als Römer die Rechte unserer Untertanen? Wisset ihr nicht, wie die
Hauptregel, die ein jeder Krieger beschwören muß, lautet? Diese lautet: ,Lebe
ehrenhaft, beleidige niemand ohne Grund; wer dich aber beleidigt, so du nach
dem Gesetze handelst, der soll vor ein Gericht gestellt werden!‘ Und am Ende
heißt es: ,Gib und laß einem jeden das, was sein ist!‘ Habt ihr da nach dieser
alten Hauptregel gehandelt? Wer hat euch das Recht erteilt, auf dem Marsche von
einem Ort in den andern die Herbergen zu brandschatzen, die unsere Untertanen
sind und unter dem Schutze unserer Gesetze stehen?“
[GEJ.08_110,16] Die Führer erblaßten, denn
sie kannten die unerbittliche Strenge des ihnen schon lange bekannten
Staatsmannes und baten ihn um Gnade.
[GEJ.08_110,17] Agrikola aber sagte: „Diese
Kinder und ihre Eltern haben euch auch um Gnade und Erbarmen gebeten! Habt ihr
den Unschuldigen keine Gnade und kein Erbarmen bezeigt, wie wagt ihr Frechen
nun, mich um Gnade anzuflehen! Ich werde euch als gemeine Räuber und Mörder
behandeln lassen und diese Kriegsknechte zu den gemeinsten Galeerensklaven
machen! Jetzt kehret um, und ziehet vor uns nach Bethlehem! Dem Obersten werde
ich die Weisung geben, was mit euch, ihr Elenden, zu geschehen hat!“
[GEJ.08_110,18] Hierauf trat Ich zu Agrikola
hin und sagte zu ihm: „Freund, du hast nun ganz wohl getan, daß du erstens
diese Kinder befreit hast, und zweitens, daß du diese betrunkenen Soldaten mit
deiner Sentenz völlig nüchtern gemacht hast. Aber die eigentliche Schuld an
ihrer Roheit tragen nicht so sehr sie selbst, als der, der sie nach Galiläa
beordert hat. Der behielt das kaiserliche, für diese Schar bestimmte Zehrgeld
für sich und erlaubte ihr, daß sie sich auf dem Marsche umsonst in den
Herbergen und auch bei den Landleuten ihren Bedarf verschaffen kann, entweder
mit Güte oder mit Gewalt. Du weißt aber, daß eure Krieger, so sie von ihren
Vorgesetzten zum Plündern eine Erlaubnis bekommen, da keine Schonung kennen und
den Löwen, Tigern und Hyänen gleichen; daher ist hier das Vergehen dieser
Krieger bei weitem geringer, als es dem Ansehen nach erscheint.
[GEJ.08_110,19] Der Hauptfehler und der
eigentliche Grund von solchen Übergriffen aber liegt in eurem zu unbedingten
Vertrauen auf eure Feldherren und Obersten. Ihr versehet sie mit allen
möglichen Generalvollmachten, denen zufolge dann ein jeder in seinem Bezirk
einen förmlichen Kaiser spielt und tut, was er will, ohne sich viel um Roms
allgemeine Gesetze zu kümmern, da er selbst in seinem Bezirk nach seiner Laune
und Willkür Gesetze geben kann und darf.
[GEJ.08_110,20] Ist hier und da ein Oberster
von Natur aus ein guter und gerechter Mensch, so werden die ihm untergebenen
Bezirke auch gut zu leben und handeln haben; ist aber ein Oberster irgend zu
sehr auf seinen Privatvorteil bedacht, da wehe allen denen, die unter der Macht
seines Schwertes stehen! Und sieh, das ist nun eben hier in dem großen Bezirk
Bethlehems der Fall!
[GEJ.08_110,21] Der gegenwärtige Hauptmann,
der die höchste Macht von euch aus in seinen Händen hat und ganz so handelt,
wie es ihm von Rom aus gestattet ist, ist auf seinen Vorteil bedacht und macht
denn auch solche Anordnungen, bei denen er sicher nie zu kurz kommt; aber das
Volk wehklagt und verflucht im Herzen die römische Oberherrschaft und Tyrannei.
Die Sache verhält sich ganz genau also, wie Ich sie dir nun dargestellt habe,
und es fragt sich nun, wer bei dieser Handlung zur eigentlichen Strafe zu
verurteilen ist.
[GEJ.08_110,22] Siehe, Ich wußte wohl darum,
daß hier in der Nähe von Bethlehem das vor sich gehen wird und zog mit euch
denn auch eben deshalb hierher, auf daß hier diesem Übel möge abgeholfen
werden; aber es muß dort geholfen werden, wo eigentlich der Fehler steckt! Denn
hier mit der Bestrafung dieser Soldaten wird niemandem etwas geholfen sein; gib
ihnen einen Verweis, eine ordentliche Vorschrift, wie sie sich in der Folge
benehmen sollen, und lasse ihnen ein Zehrgeld für die Reise nach Galiläa
zukommen, und sie werden dann ganz in der Ordnung an den Ort ihrer Bestimmung
gelangen!
[GEJ.08_110,23] Dem Hauptmanne, den wir heute
mittag in derselben Herberge, von der diese Kinder sind, treffen werden, aber
nimm die Generalvollmacht, und gib ihm Gesetze, und es wird dann alles in der
Ordnung sein!“
[GEJ.08_110,24] Sagte hier Agrikola: „Ja, ja,
Herr und Meister, Du hast auch hier schon wieder ganz vollkommen recht, und ich
werde auch ganz nach Deinen Worten die Verfügungen treffen! Doch vor allem
sollen wir uns nun beeilen, in die Herberge zu kommen, und die Eltern dieser
lieben Kinder von ihrer Qual und Not befreien.
[GEJ.08_110,25] Sagte Ich: „Dafür ist schon
gesorgt; denn die Nachbarsleute haben ihnen den Gefallen erwiesen, und sie sind
nun in die Stadt zum Hauptmann gegangen, die Anzeige wegen ihrer Kinder zu machen,
auf daß ihnen diese wieder zurückgegeben werden möchten. So wir in die Herberge
kommen werden, da werden auch die Eltern dieser Kinder zurückkommen.
[GEJ.08_110,26] Der Hauptmann wird ihnen
Recht widerfahren lassen, wird dieser Schar einen Reiter nachsenden, dem sie
die Kinder unversehrt zu übergeben hat, und wir dürfen nun nicht zu lange mehr
harren, so wird der Reiter auch schon hierher kommen; diesem aber gib dann du
die Weisung an den Hauptmann, daß er um die Mittagszeit in der Herberge zu dir
zu kommen habe, und so werden wir ihn denn auch in der Herberge schon
antreffen, so wir hinkommen werden. Die Kinder aber werden wir mit uns nehmen.“
[GEJ.08_110,27] Die Führer aber vernahmen,
was Ich mit Agrikola gesprochen hatte, und sahen, daß er sich nach Meinen
Worten richtete, und sie wollten vor Mir niederfallen und Mir danken.
[GEJ.08_110,28] Ich aber sagte zu ihnen: „Nur
dieses Mal habe Ich euch gerettet; wenn ihr aber andernorts euch abermals so
benehmen werdet, wie ihr euch in der Herberge benommen habt, dann werdet ihr
nicht mehr gerettet werden. Nun aber wartet hier, bis ihr abgefertigt werdet,
und ziehet dann ruhig und in der Ordnung weiter!“
[GEJ.08_110,29] Für diese Meine Worte dankten
sie Mir und nannten Mich einen großen Weisen, dessen Wort mächtiger sei denn
die sonst so unerbittliche Strenge des hohen und mächtigen Agrikola; auch
nannten sie Mich den Gerechtesten aller Gerechten, und sie und auch ihre Schar
lobten Mich laut.
[GEJ.08_110,30] Darauf gab ihnen Agrikola
eine Anweisung, mittels welcher sie in Bethanien zu verweilen hatten, bis er
zurückkehren werde, und Brot und Wein zu bekommen hatten nach rechtem Bedarf,
was dann er bezahlen werde, und daß er auch für das weitere Zehrgeld sorgen
werde, gebot ihnen zugleich auf das strengste, sich gut und ordentlich zu
betragen, was sie ihm denn auch feierlichst gelobten. Darauf befahl er ihnen,
weiterzuziehen. Sie ordneten sich, dankten Mir noch einmal und setzten sich in
Bewegung.
111. Kapitel
[GEJ.08_111,01] Als sie sich etwa ein paar
tausend Schritte von dieser Stelle entfernt befanden, da ersahen wir, die wir
auch weiterzogen, schon von ferne den Reiter einhersprengen. Es dauerte nicht
lange, so war er auch schon bei uns, blieb stehen und fragte uns hastig, ob wir
nicht der Kriegerschar begegnet seien, und ob diese nicht Judenkinder in ihrer
Mitte mit sich führte.
[GEJ.08_111,02] Agrikola zeigte ihm, wer er
sei, belehrte ihn über alles und zeigte ihm auch die geretteten Kinder, worüber
der Reiter sehr erfreut wurde. Aber darauf gab er dem Reiter auch die Weisung
an den Hauptmann, wie Ich sie ihm zuvor angeraten hatte.
[GEJ.08_111,03] Der Reiter kehrte darauf
schnell um und ritt eiligst nach der Stadt, die von da noch bei anderthalb
Stunden Weges entfernt lag, und wir zogen mit den Kindern, die sich mit
besonderer Liebe um Mich scharten, unseren Weg weiter.
[GEJ.08_111,04] Die fünf Mädchen, von denen
das älteste siebzehn und das jüngste zehn Jahre zählte, klagten, daß sie
Schmerzen in den Händen hätten, weil sie zuvor so fest gebunden waren; desgleichen
klagten auch die beiden Jünglinge.
[GEJ.08_111,05] Ich aber bestrich mit Meiner
Hand ihre Hände und fragte sie, ob sie nun noch einen Schmerz verspürten.
[GEJ.08_111,06] Da sagten sie (die Kinder)
freudig: „O du guter Mann, wir fühlen nun keine Schmerzen mehr! Wie aber hast
du das jetzt gemacht, daß wir nun gar keine Schmerzen mehr fühlen? Ah, du mußt
ja gar ein wunderbarer Heiland sein! Du hattest doch keine Salbe und kein Öl,
und doch haben wir nun gar keine Schmerzen mehr! Zu Hause haben wir eine
Großmutter, die ist schon lange sehr krank, und kein Heiland kann ihr helfen;
vielleicht könntest du ihr auch helfen auf die Art, wie du nun uns geholfen
hast?“
[GEJ.08_111,07] Sagte Ich: „Ja, ja, ihr Meine
lieben Kinder, so wir dahin kommen werden, da wird es sich schon zeigen, was
sich alles mit eurer Großmutter wird machen lassen! Habt ihr aber nicht noch
einen kranken Menschen im Hause?“
[GEJ.08_111,08] Sagten die Kinder: „O du
wundersamer Heiland, wie fragst du uns darum, als wüßtest du schon ohnehin, daß
auch einer unserer besten Knechte schon über ein halbes Jahr von einem bösen
Fieber gequält wird? Bist du denn schon einmal in unserer Herberge gewesen und
hast daselbst übernachtet?“
[GEJ.08_111,09] Sagte Ich: „Meine lieben
Kinder, seht, Ich bin persönlich wohl noch niemals in eurer Herberge gewesen,
aber mit Meinem Geiste bin Ich überall! Und so weiß Ich denn auch um alles, was
irgend ist und geschieht, und kann den Bedrängten und Elenden auch helfen, so
sie wahrhaft auf Gott vertrauen und nach den Geboten Gottes handeln und leben!“
[GEJ.08_111,10] Sagten die Kinder: „Wie
machst du es aber, daß du mit deinem Geiste dich überallhin versetzen kannst,
und dann alles sehen und hören kannst, wie irgend etwas ist und geschieht? Das
ist ja nur Gott allein möglich! Hast du denn etwa den Propheten gleich den
Geist Gottes von Zeit zu Zeit in dir? Denn die Propheten, so sie weissagten,
wurden, wie wir es gelernt haben, mit dem Geiste Gottes erfüllt. Bist etwa auch
du ein Prophet?“
[GEJ.08_111,11] Sagte Ich: „Ja, ihr Meine
lieben Kinder! Was Ich so ganz eigentlich bin, das würdet ihr jetzt noch nicht
begreifen, so Ich es euch auch sagen würde. Aber mit dem Geiste Gottes in Mir
hat es seine Richtigkeit; denn ohne den kann kein Mensch etwas wahrhaft Gutes
und Ersprießliches tun. Daheim bei euren Eltern aber werden wir uns schon noch
näher kennenlernen.
[GEJ.08_111,12] Seht, dort in der Ferne aber
kommen eben eure Eltern uns schon entgegen; denn sie haben es schon von dem
Reiter in Erfahrung gebracht, daß ihr euch ganz wohl bei uns befindet! So ihr
nun wollet, da könnet ihr ihnen entgegeneilen und ihnen sagen, daß wir alle bei
ihnen einkehren werden.“
[GEJ.08_111,13] Als die Kinder das von Mir
vernommen hatten und ihre Eltern in der Ferne erkannten, da fingen sie an,
ihnen entgegenzulaufen, und waren auch bald zu der Eltern größter Freude bei
ihnen. Wir aber ließen uns mehr Zeit; denn die Gegend, weil höher gelegen, war
hier schön, und die Römer hatten genug zu schauen und zu bewundern und Lazarus
und die beiden mit uns ziehenden Wirte ihnen genug zu erklären.
[GEJ.08_111,14] Als die Eltern von ihren
Kindern erfuhren, wie wir sie aus den Händen der rauhen Krieger befreit haben,
und daß wir in ihrer Herberge einkehren werden, da kehrten sie um, eilten mit
den Kindern nach ihrem Hause, um daselbst zu unserem Empfange und zu unserer
Bewirtung Anstalten zu treffen und alles aufs möglich beste zu ordnen. Es blieb
ihnen wohl freilich nicht viel Zeit übrig, da von unserem Standpunkte aus nur
mehr eine halbe Stunde Weges Entfernung bis zur Herberge war; aber wir ließen
uns, wie schon früher erwähnt, beim Gehen Zeit, da die Römer diese Gegend in
der Nähe Bethlehems sehr denkwürdig fanden und sich bald nach diesem und jenem
erkundigten.
[GEJ.08_111,15] Wir verbrachten daher noch
eine gute Stunde auf dem Wege bis zur Herberge, und so hatten die Besitzer
derselben Zeit, bis zu unserer Ankunft das Nötigste anzuordnen und
vorzubereiten. Es ward ein fettes Kalb geschlachtet und für uns wohlzubereitet,
und noch manches andere.
[GEJ.08_111,16] Als wir aber der Herberge
schon sehr nahe kamen, da eilten uns die beiden Eltern samt ihren sieben
Kindern entgegen, grüßten uns auf das höflichste, bewillkommten uns und dankten
uns mit Tränen in den Augen für die Wohltat, die wir ihnen durch die Rettung
ihrer Kinder erwiesen hatten.
[GEJ.08_111,17] Desgleichen dankten uns auch
die Kinder nochmals aufs herzlichste und sagten zu den Eltern, auf Mich
hinweisend: „Dies ist der wundersame Heiland, der unsere wunden Hände bloß
durchs Bestreichen geheilt hat und uns auch versprach, die arme Großmutter und
auch unseren Knecht ganz vollkommen gesund zu machen. Er muß ein großer und von
Gottes Geist erfüllter Weiser sein, – denn er wisse um gar alles, was in der ganzen
Welt irgend ist und geschieht!“
[GEJ.08_111,18] Die Eltern traten darauf zu
Mir hin und sagten: „Nochmals dir, du sichtlich großer Menschenfreund,
besonders unseren innigsten Dank für die große Wohltat, die du unseren Kindern
erwiesen hast, und wir bitten dich denn auch, daß du auch unserer alten Mutter,
und wo möglich auch unserem braven Knechte helfen möchtest; denn wir glauben
fest und ungezweifelt unseren Kindern, was sie uns von dir ausgesagt haben, und
uns bestärkt im Glauben auch die Gegenwart des uns wohlbekannten Lazarus aus
Bethanien und der beiden uns ebenfalls bekannten Wirte. Denn diese Männer wären
sicher nicht so leicht zu uns gekommen, so du sie nicht hierhergezogen hättest.
Die andern Herren aber kennen wir noch nicht näher; nur sehen wir unter ihnen
der Tracht nach Römer und Griechen. Diese sind sicher auch nur dir zulieb zu
Fuß hierher gekommen; denn so vornehme Römer machen nicht leichtlich einen Weg
von etlichen Stunden zu Fuß. Aber sei ihm nun, wie ihm wolle, du bist auf jeden
Fall mehr, als du zu sein scheinst! Ihr kommet sicher aus der Gegend Bethaniens
und werdet müde sein; wollet ihr euch denn nicht ins Haus begeben und darin
ausruhen, bis das Mittagsmahl vollends bereitet sein wird?“
[GEJ.08_111,19] Sagte Ich: „Seht, hier unter
dem Schatten eurer Obstbäume und im Freien läßt sich's angenehmer ruhen, und es
gibt ja hier auch eine Menge Tische und Bänke, die wir benutzen können!
Zugleich weiß Ich aber, daß der Hauptmann um etwas früher als wir von Bethlehem
zu Pferde hierher gekommen ist, mit dem diese Staatsmänner aus Rom etwas zu
verhandeln haben. Er stärkt sich nun mit seinen zwei Gefährten mit Brot und
Wein, und wir wollen ihn dabei nicht stören; wenn er sich wird gestärkt haben,
dann wolle er herauskommen und sich mit diesen Römern besprechen.“
112. Kapitel
[GEJ.08_112,01] Nach dieser Meiner
Bescheidung aber erinnerte Mich ganz zutrauensvoll der Wirt an die alte kranke
Mutter und an den kranken Knecht und bat Mich, daß Ich derer gedenken möchte.
[GEJ.08_112,02] Sagte darauf Ich: „Seht, bei
Gott sind alle Dinge möglich! Wenn ihr glaubet, da sollen die beiden Kranken,
ohne daß Ich sie ansehe und berühre, allein durch Meinen Willen und Mein Wort
völlig geheilt werden!“
[GEJ.08_112,03] Sagte der Mann: „Herr und
wundersamer Heiland, ich glaube deinen Worten! Denn ein Mann, wie du einer
bist, erfüllt gleich einem Propheten mit Weisheit und Wahrheit, hat sicher noch
nie eine Unwahrheit gesprochen! Wenn es nicht also wäre, hättest du solches
nicht zu uns geredet. Dieweil du aber solches zu uns geredet hast, so glauben
wir auch ungezweifelt, daß du unsere beiden Kranken heilen kannst durch die
Macht deines Willens und Wortes, und wir bitten dich darum, nur durch deinen
Willen und durch dein Wort unsere beiden Kranken zu heilen!“
[GEJ.08_112,04] Sagte Ich: „Nun wohl denn, so
will Ich denn, daß die beiden Kranken auf einmal vollkommen gesund ihr
Krankenlager verlassen sollen! Gehet aber nun zu ihnen, reichet ihnen etwas
Speise und Trank zu ihrer Stärkung, und sie sollen darauf ins Freie wandeln!
Doch saget es ihnen nicht alsogleich, daß Ich solches an ihnen getan habe; erst
nach dem Mittagsmahle sollen sie Mich näher kennenlernen!“
[GEJ.08_112,05] Die Kinder, die solches auch
vernommen hatten, sagten gleich: „Gott in Seinen Himmeln alles Lob, daß Er den
guten Menschen, die nach Seinen Geboten leben, solche Kraft und Macht gegeben
hat! Nun ist unsere Großmutter sicher schon ganz gesund und zugleich auch unser
braver und treuer Knecht!“
[GEJ.08_112,06] Darauf begaben sich die
Kinder samt den Eltern sogleich in das Haus zu den Kranken und fanden zu ihrem
größten Erstaunen die beiden vollkommen gesund, frisch und heiter.
[GEJ.08_112,07] Und die beiden bekannten
einstimmig, daß es ihnen so vorgekommen sei, daß sich eine ganz hellweiße
Flamme über sie gleich einem Blitze ergossen habe, worauf sie alle Schmerzen
verließen und sie sich ganz wohl und sehr gesund fühlten und es ihnen auch
vorkam, daß sie so gestärkt wären, daß sie ganz füglich das Bett verlassen
könnten.
[GEJ.08_112,08] Da sagte der Herbergsherr,
der ein Sohn der krank gewesenen Mutter war: „Uns hat das ein angekommener Gast
gesagt, daß ihr gesund geworden seid, das Bett verlassen und zu eurer noch
größeren Stärkung Speise und Trank zu euch nehmen könnet; darum verlasset nun
getrost das Bett, kleidet euch frisch an, und nehmet dann Speise und Trank und
stärket euch nach Herzenslust!“
[GEJ.08_112,09] Auf diese Worte erhoben sich
die beiden Geheilten aus den Betten, kleideten sich an und nahmen darauf Speise
und Trank zu sich. Darauf wollten sie den fremden Gast sehen; aber der Sohn
ermahnte sie zur Geduld und sagte zur Mutter, daß sie den Gast schon nach dem
Mittagsmahle kennenlernen würden. Und die beiden begnügten sich damit.
[GEJ.08_112,10] Wir aber ruhten unter den
Bäumen und besahen die schöne Gegend, die, weil diese Herberge auf einer
ziemlichen Anhöhe sich befand, sich von hier besonders gut ausnahm. Denn eine
kleine Stunde von hier gen Südost lag Bethlehem mit seinen alten Ringmauern und
Türmen auf einer gleichen Anhöhe, nur ein Tal mit vielen Äckern, Wiesen und
Gärten trennte unsere Herberge, bei der die Hauptstraße eben nach Bethlehem
vorüberführte, von der Stadt Davids. Man sah aber von unserer Anhöhe noch eine
Menge Ortschaften und auch einzelne Burgen und Gehöfte und gen Westen auch
große und wohlbestellte Weinberge, und im weiten, schon blau gefärbten Umkreise
waren hohe Gebirge zu sehen, deren Majestät der ganzen Gegend einen noch
erhöhteren Reiz verlieh. Es ist darum begreiflich, daß unsere Römer, die große
Freunde von schönen Gegenden und Landschaften waren, sich bei dem Beschauen
dieser Gegend ganz besonders vergnügten und gleichfort zu fragen hatten, was
dies und jenes sei, wie es heiße, wem es gehöre und wie der und der andere Ort
wäre, und was sich in den größeren Orten etwa besonders Denkwürdiges zugetragen
habe.
[GEJ.08_112,11] Und Lazarus, die beiden Wirte
und mitunter auch ein oder der andere Jünger hatten da zu erklären genug. Die
Römer vertieften sich derart in die Betrachtung dieser Gegend, daß sie beinahe
vergaßen, daß der Hauptmann aus Bethlehem sich schon bei einer Stunde lang
ihretwegen hier befinde und in großer Besorgnis stehe, was er etwa von den
mächtigen Gebietern alles vernehmen werde.
113. Kapitel
[GEJ.08_113,01] Endlich kam der Wirt wieder
zu uns, erzählte uns mit großem Dankgefühl die wunderbare Heilung der beiden
Kranken und sagte zu Mir: „Herr! Du bist mehr als ein Mensch meiner Art! Du
bist nicht nur ein Heiland, der seinesgleichen in der Welt nicht mehr hat,
sondern du bist ein großer Prophet, der uns in dieser Zeit schon höchst not
tut; denn wenn es unsere Pharisäer noch lange so forttreiben, wie sie es jetzt
machen, so geht aller Glaube an einen Gott unter.
[GEJ.08_113,02] Ich habe wohl von Reisenden, die
hier blieben, schon so manches von einem Propheten gehört, daß er große Zeichen
wirke und die Menschen wieder zum wahren Glauben an einen Gott bekehre; aber
die Pharisäer sollen ihm sehr feind sein.
[GEJ.08_113,03] Vor ungefähr etwa einem Jahre
oder auch weniger noch soll er auch in Bethlehem und in den umliegenden
Ortschaften sein wundersames Wesen getrieben haben, davon ich aber selbst
nichts gesehen habe, da ich ob der vielen Sorge und Arbeit zur
Aufrechterhaltung dieser meiner großen Herberge beinahe schon gar nirgends
hinkomme und Jerusalem schon über zehn Jahre nicht gesehen habe, selbst ins
nahe Bethlehem nur sehr selten persönlich komme, – und so weiß ich, was ich
weiß, nur so vom flüchtigen Hörensagen.
[GEJ.08_113,04] Es kommen wohl auch beinahe
jede Woche etliche Pharisäer von Bethlehem hierher, aber diese um so etwas zu
fragen, wäre eine vergebliche Mühe; denn sie verdammen gleich alles, was sich
als etwas Außerordentliches darstellt, und erklären schon das für eine sehr
sträfliche Sünde, so man ihnen auch noch so harmlos erzählt, daß man davon nur
so von weitem her habe reden hören. Es ist darum unsereinem denn auch nicht zu
verargen, daß man sich nahe schon um gar nichts anderes mehr kümmert und sorgt
als nur um sein eigenes Hauswesen.
[GEJ.08_113,05] Nun, so vor einigen Tagen
waren in der Nacht wahrlich außerordentliche Dinge am Himmel zu sehen. Man ging
da wohl zu den Pharisäern und dachte sich, was Wunder man da alles hören werde,
und dachte auch daran, daß der gute, alte Jehova doch endlich wieder einmal ein
Zeichen von Sich den Juden gebe. Aber nichts von allem dem! Die Pharisäer
unterrichteten das Volk mit ganz heiterer Miene dahin, daß die ganze
großartigste Erscheinung, die für uns Juden keinen guten Propheten abgab, ein
von den Römern durch die Essäer, die in allerlei Zauberei wohlbewandert seien,
bewirkter Volksbetrug sei und sonst nichts zu bedeuten habe, als daß die Römer,
denen besonders der hohe und reiche Teil der Juden schon lange nicht besonders
gewogen sei, durch derlei Mittel das mehr leicht- und abergläubische Volk
betören und gegen ihre jüdischen Oberen aufreizen und dadurch einen allgemeinen
Judenaufstand wider die etwas schwach gewordene Obermacht der Heiden verhindern
wollten. Mit solcher Erklärung ging man denn wieder ganz gleichgültig und guten
Mutes ohne weitere Besorgnisse nach Hause und kümmerte sich um die ganze noch
so schrecklich aussehende Erscheinung gar nicht mehr.
[GEJ.08_113,06] Bald darauf sah man drei
Sonnen aufgehen. Man fragte und bekam zur Antwort, das bezeichne Wind und ein
bald eintretendes rauhes Wetter. Und man ging wieder ohne weitere
Bedenklichkeiten nach Hause.
[GEJ.08_113,07] So sollen auch vor wenigen
Tagen sich in dieser Gegend gewisse Verbreiter einer neuen Lehre, die eben von
dem Propheten aus Galiläa ausgehen soll, herumgetrieben und auch Zeichen von
außerordentlicher Art gewirkt haben, und es soll sich schon viel Volkes an sie
halten. Wieviel daran Wahres ist, weiß ich natürlich kaum; denn zu mir ist
niemand gekommen, der nur von weitem einem solchen Neulehreboten gleichgesehen
hätte.
[GEJ.08_113,08] Ich aber fragte erst vor ein
paar Tagen einen aus Bethlehem hierher gekommenen Synagogiker, was es mit den
gewissen Neulehreboten, die sich in dieser Gegend herumtreiben sollen, für eine
Bewandtnis habe, und er sagte mir: ,Ei, derlei müßiges und arbeitsscheues
Gesindel treibt sich, seit die Römer unsere Herren sind, ja stets in einer
Unzahl herum! Es wird von ihnen geduldet und unterstützt, und wir können
dawider wenig oder nichts tun!‘
[GEJ.08_113,09] Ja, gegen solch eine
Erklärung konnte man vernünftigermaßen auch wieder nichts einwenden! Denn
erstens hat man selbst gar keine näheren Kenntnisse von allem dem, was nun
alles im ganzen großen Judenreiche ist und geschieht, und zweitens kann man
sich selbst dann, so man von etwas Außerordentlichem auch nähere Kenntnisse
hätte, mit den wohlberedten Synagogikern ja in kein Gespräch einlassen, denn
man würde einmal mit ihnen nichts ausrichten und dann auch in die Gefahr
kommen, von ihnen nach allen Richtungen hin verfolgt zu werden. Und so bleibt
man denn lieber so ein stiller Landbürger und kümmert sich weder um eines noch
ums andere, obschon man nur zu wohl einsieht, daß die Synagogiker auch nur
ihres Bauches wegen das sind, was sie sind, und bei sich noch weniger an einen
Gott glauben als einer dieser meiner vielen Obstbäume.
[GEJ.08_113,10] Und ich sagte darum zuvor,
daß es nun schon höchst nötig wäre, so wieder einmal ein wahrer und mächtiger
Prophet aufstünde; denn sonst verliert das Volk ehest allen Glauben an einen
allein wahren Gott. Du scheinst mir nach deiner Macht und inneren Weisheit ein
solcher zu sein, und ich bin dessen nun froh, daß ich in dir nun endlich einmal
selbst einen solchen Mann zu Gesichte bekommen habe, der gut ein Elias sein
könnte.
[GEJ.08_113,11] Jetzt glaube ich wieder, daß
es in den früheren Zeiten Propheten gegeben hat, die von Gott des blinden und
ungläubigen Volkes wegen mit einer besonderen Weisheit und Macht ausgerüstet
worden sind. Bisher war solch ein Glaube bei mir in das Reich der frommen
Märchen hinabgesunken. Aber wo ich nun selbst gesehen habe, daß dein Wille und
Wort zwei Kranke, die jeder sonst noch so bewährte Heiland für unheilbar
erklärte, auf einen Schlag derart frisch und gesund gemacht hat, da ist auch
mein Glaube an einen Gott und an die Propheten wieder vollkommen hergestellt, –
was mir lieber ist, als so mir jemand der halben Welt Schätze geschenkt hätte.
[GEJ.08_113,12] Aber nun kommt der Hauptmann
heraus und wird sicher mit den hohen Römern zu verhandeln haben, und da dürfte
ich mich wohl als überflüssig hier dabei befinden, und so wird es Zeit sein,
daß ich mich ins Haus begebe!“
[GEJ.08_113,13] Sagte Ich: „Gerade jetzt bist
du notwendig dabei! Denn die Römer haben eben deinetwegen mit dem Hauptmanne
etwas zu reden. Durch seine Verfügung bist du heute von der vorüberziehenden
Kriegerschar zu einem nicht verdienten Schaden gekommen, der dir wird ersetzt
werden müssen, und das eben vom Hauptmanne, und darum mußt du als ein
benachteiligter Kläger vor den hohen Richtern gegenwärtig sein; denn wo es
keinen Kläger gibt, da gibt es auch keinen Richter!“
[GEJ.08_113,14] Sagte der Wirt: „Ja, ja, du
machtvoller und weiser Heiland, das wäre schon alles recht; aber der Hauptmann
wird nachher auch mein Herr verbleiben! Kommt er nun durch mich zu einem
bedeutenden Schaden, so werde ich dann, so ihr von hier fort sein werdet, meine
große Not mit ihm haben, – und so möchte ich ihm schon fast lieber alles
nachsehen, als mich hintendrein förmlich ans Kreuz binden lassen.“
[GEJ.08_113,15] Sagte Ich: „Da sorge du dich
nur um etwas anderes; denn es wird dadurch der Hauptmann erst ein Mensch und
auch dein wahrer Freund werden! Daß du aber Meinen Worten schon den vollsten
Glauben schenken kannst, dafür habe Ich dir schon mehr als einen
handgreiflichen Beweis geliefert.“
[GEJ.08_113,16] Sagte der Wirt: „Ja, wenn so,
da bleibe ich freilich wohl da! Sollen etwa auch mein Weib und meine Kinder und
mein einziger nächster Nachbar, der mir zu Hilfe gekommen ist, da meine
Dienstleute auf dem Felde Arbeit hatten und nicht zu Hause waren, herzuberufen
werden?“
[GEJ.08_113,17] Sagte Ich: „Dessen hat es
nicht not, – du allein, als das Haupt des Hauses, genügst!“
[GEJ.08_113,18] Mit dem begnügte sich denn
auch unser Wirt und blieb allein bei uns.
114. Kapitel
[GEJ.08_114,01] Auf das erst begab sich der
Hauptmann voller Demut zu Agrikola, grüßte ihn und bat ihn, daß er kundtäte
seinen hohen und mächtigen Willen.
[GEJ.08_114,02] Agrikola sah ihn sehr ernst
an und sagte: „Ihr von uns mit aller rechtlichen Macht begabten Hauptleute
machet davon, wie Ich leider nun bei meiner Bereisung Palästinas mehrere
Erfahrungen davon gemacht habe, einen sehr bedeutenden und ärgerlichen
Mißbrauch! Heute habe ich einen solchen von dir in eine mir höchst mißliebige Erfahrung
gebracht. Wie wirst du dich nun rechtfertigen vor mir? Denn du bist angeklagt
von den Soldaten und faktisch von diesem ehrlichen und braven Bürger. Ich weiß
um deine ganze Schuld so gut wie du selbst und brauche sie dir nicht
vorzutragen; daher rede du nun und rechtfertige dich!“
[GEJ.08_114,03] Sagte der Hauptmann:
„Mächtiger Gewaltträger des Kaisers und der weisen Gesetze Roms oberster
Ausfolger und Bestimmer! Rechtfertigen kann ich mich vor dir nicht, obschon ich
streng genommen dem Inhalte der in Rom mir erteilten Vollmacht gerade nicht
dawidergehandelt habe; aber aus Menschlichkeitsrücksichten hätte ich freilich
auch anders handeln können, weil mir es freisteht, auch milde zu sein, so ich
es für gut finde. Hier war zwar kein Grund vorhanden, die Soldaten mit etwas zu
vielen Freiheiten in eine andere Provinz ziehen zu lassen, aber ich wollte eine
kleine Ersparung machen und habe ihnen die Zehrpfennige vorenthalten, dafür
aber ihnen erlaubt, sich für den notwendigen Mundbedarf mäßig auf dem Wege bei
den großen Herbergen schadlos zu halten. Und darin besteht für hier meine
Hauptschuld, die ich völlig, und das zehnfach, gutmachen will.
[GEJ.08_114,04] Das aber, daß die Soldaten
samt den wohlinstruierten Führern schon von hier von der ihnen nur mäßigst
erteilten Freiheit einen groben Mißbrauch zu machen sich getrauten, habe ich
nicht erwarten und voraussehen können, indem sie sich nun schon drei volle
Jahre hindurch in Bethlehem stets so betragen haben, daß noch keine Klage über
sie von jemandem geführt wurde. Zudem waren sie an geschäftslosen Tagen
abwechselnd schon oft hier, haben gezehrt und gezahlt, was der Wirt wohl wissen
wird. Daß sie aber nun bei ihrem Abzuge sich auf eine solche Weise schon hier
benommen haben, als wären sie in einem Feindeslande, dafür kann ich wahrlich
nicht; denn dazu habe ich ihnen keine Instruktion gegeben.
[GEJ.08_114,05] Da ich aber dennoch die
Schuld trage, daß von den Soldaten hier solch eine Ungebührlichkeit begangen
wurde, so will ich auch, wie schon gesagt, jeden Schaden zehnfach gutmachen.
Ich habe geredet.“
[GEJ.08_114,06] Sagte darauf Agrikola: „Das
ist nun nicht mehr als recht und billig; aber sollte in der Folge noch einmal
so etwas vorkommen, und ich erfahre das in Rom, dann wird mein Richterspruch
ganz anders lauten! Denn so weit erstrecken sich die euch von uns im Namen des
Kaisers erteilten Vollmachten nicht, daß ihr ganz nach eurer Willkür den
Soldaten das ihnen Gebührende vorenthalten und es für euch behalten dürftet.
Nur in dringenden Fällen, wo sich etwa in einem Lande Unruhen und Aufstände
zeigen, wäre allenfalls solch ein Mittel in Anwendung zu bringen, damit die
Krieger den Aufständischen fürchterlicher und rücksichtsloser begegnen mögen.
Doch ist selbst da so lange eine weise Mäßigung der zu großen Strenge stets
vorzuziehen, als es nur immer möglich ist; denn ein zu geplagtes Volk wird zu
einer Regierung nie eine Liebe und Anhänglichkeit an den Tag legen. Das geheime
Zornfeuer wird in ihm fortglühen; sowie es einmal von irgendwoher Luft bekommen
wird, wird es in alles verheerende Flammen ausbrechen, denen dann schwer ein
Schutzdamm wird gesetzt werden können. Das hast du nun als allzeit gültige
Instruktion für deine fernere Amtswaltung strenge zu beachten.
[GEJ.08_114,07] Nun aber kommt es auf den
Wirt an, daß er treu und wahr ansage, wieviel die Soldaten bei ihm verzehrt
haben, und wieviel er für die Mißhandlung seiner selbst, seines Weibes und
besonders seiner Kinder beansprucht. Und am Ende hast du dem Lazarus, einem
getreuen Wirte von Bethanien, der hier zu meiner Rechten sich befindet, heute
noch die Zehrpfennige für die Soldaten zu bezahlen. – Nun rede du, Wirt dieser
Herberge!“
[GEJ.08_114,08] Sagte der Wirt: „Höre, du
hoher Gebieter! Mir ist durch diesen weisesten und wundermächtigsten Heiland
eine unschätzbar große Wohltat zuteil geworden, und ich stehe mit meinem
Vermögen, Gott dem Herrn alles Lob, noch so als ein Bürger da, daß ich den mir
von den Soldaten zugefügten Schaden ganz leicht ertragen kann, und mache darum
auf gar keine Entschädigung irgendeinen Anspruch. Will aber der sonst mir stets
freundliche Hauptmann und Gebieter über Bethlehem und diese ganze Gegend den
Armen eine Wohltat erweisen, so stehe das bei ihm und seinem freien Willen! Was
aber deine und des Lazarus Sachen sind, da habe ich nichts zu reden.“
[GEJ.08_114,09] Sagte Agrikola, ganz gerührt
von dem Edelmut des Wirtes: „Wahrlich, solch ein Edelmut ist mir wohl nur
äußerst selten vorgekommen, und der Hauptmann wird ihn auch zu würdigen
verstehen!“
[GEJ.08_114,10] Sagte der Hauptmann: „Ja, bei
allen Mächten der Himmel, das werde ich auch! Nicht nur zehnfach, sondern
tausendfach werde ich solch einen Edelmut mit allen mir zu Gebote stehenden
Mitteln zu belohnen nimmerdar unterlassen. Was aber das betrifft, was ich an
den Lazarus zu bezahlen habe, so wird das Geld binnen einer Stunde hergeschafft
werden; meinen Geheimschreiber und Säckelmeister will ich sogleich darum
entsenden. Aber dann erlaubet mir, daß ich als ein nun bekehrter Sünder in
eurer Gesellschaft verweilen darf; denn auch ich möchte den wundersamen Heiland
näher kennenlernen und ihm auch den Dank dafür abstatten, daß er schon zum
voraus diesem edlen Wirt das vergütet hat, was ich ihm zu vergüten gehabt
hätte!“
[GEJ.08_114,11] Sagte Agrikola: „Du magst schon
bleiben als nun unser Freund, und die nähere Bekanntschaft mit unserem größten
Heilsmanne wird dir von größtem Nutzen sein, und du wirst Ihm bald noch mehr zu
verdanken bekommen, als was du Ihm nun zu verdanken hast. Siehe aber nun mit
Lazarus in Ordnung zu kommen; denn ich habe auf dem Wege den Führern der
Soldaten die Weisung mit seiner Einwilligung gegeben, sich dort mäßig auf deine
Kosten verpflegen und sich auch die von dir ihnen vorenthaltenen Zehrpfennige
ausbezahlen zu lassen!“
[GEJ.08_114,12] Sagte nun Lazarus: „Nun
lasset auch mich ein Wort reden! Da dieser Hauptmann nun gar so edelsinnig
geworden ist und mir vor zehn Jahren auch eine entschieden große Freundschaft
erwiesen hat bei meinen Besitzungen, die sich in dieser Umgebung befinden, so mache
auch ich es unserem edlen Wirte nach, und der freundliche Hauptmann ist denn
auch mir nichts mehr schuldig! Er möge dafür den Armen und Bedrängten stets ihr
Recht beschützen und sie schirmen vor des Herodes Übergriffen und großen
Willkürlichkeiten; denn in dieser Gegend macht er sich noch breiter denn in
Jerusalem.“
[GEJ.08_114,13] Sagte hier abermals der Wirt:
„Ja, Herodes ist unsere größte Plage! Wir würden mit einer noch größeren Liebe
an dem Kaiser hängen, als das nun der Fall ist, wenn er uns, was sicher ganz
leicht ginge, nur von dieser Plage befreien möchte. Wir wissen wohl, daß
Herodes als ein Lehensfürst nach Rom einen großen Tribut bezahlt; aber dafür
entschädigt er sich zehnfach durch überstarke Steuererpressungen und schont
niemanden. Wenn seine Steuererpresser kommen, da heißt es gutwillig zahlen, was
und wieviel sie verlangen. Da wird keine Frist gegeben, sondern da heißt es:
Zahlen! Wer das Geld nicht hat, dem wird alles genommen, Vieh und Getreide, und
reicht das nicht aus, auch Weib und Kinder. Wenn der so um alles beraubte Mann
dann die verlangten Steuern bis zu einem gesetzten Termin nicht bezahlen kann,
so werden sein Vieh, Getreide, und Weib und Kinder auf offenen Märkten
verkauft. Ja, das ist denn doch etwas Entsetzliches! Da kann man sich bei den
römischen Gerichten beschweren, wie man will, so findet man keinen Schutz, und
das ist denn doch ein himmelschreiendes Unrecht!
[GEJ.08_114,14] So wir dem Kaiser den
jährlichen Zinsgroschen zahlen, so tun wir das gerne – denn erstens ist das
nicht viel, und zweitens wissen wir, warum wir den kleinen Zins bezahlen; denn
der Kaiser gibt uns dafür weise Gesetze und sorgt durch seine Gerichte und
durch seine Soldaten für die Aufrechterhaltung der guten Ordnung im Lande –;
Herodes aber fordert das Zehnfache, ja oft sogar das Hundertfache als purer von
Rom aus begünstigter Lehensfürst und tut und gibt uns nichts dafür. Wir haben
freilich vom Kaiser aus das Recht, uns von Herodes loszukaufen; aber es ist das
mit vielen Umständen und Kosten verbunden. Wir Reichen dieser Gegend und auch
anderorts haben das auch getan und befinden uns nun ganz wohl dabei; aber die
ärmeren Besitzer, die das nicht können und sich vor den Drohungen der Priester,
die es mit dem Herodes halten, fürchten, sind desto elender daran, weil dieser
wahre Tyrann, obschon er das Lösegeld bekommt, dann bei den andern die Steuern
derart erhöht, daß sie auch für die Losgekauften das bezahlen müssen, was wir
ehedem bezahlt haben.
[GEJ.08_114,15] So habe zum Beispiel ich an
den Herodes jährlich hundert Groschen mindestens zu zahlen gehabt. Als ich mich
aber schon vor zehn Jahren um tausend Silbergroschen losgekauft habe, so war
Herodes ja ohnehin ganz entschädigt, da er die tausend Groschen zu zehn von
hundert in die Wechselbude legte. Aber das genügte dem großen Schwelger nicht;
er legte die von mir nicht mehr zu bekommenden hundert Groschen auf zwanzig
andere ihm pflichtige Untertanen, so daß ein jeder nun um fünf Groschen mehr
zahlen muß denn zuvor. Und beschweren sich diese bei den Römern, so finden sie
nur selten einen Schutz, sondern man rät ihnen auch den Loskauf. Ja, das wäre
schon alles recht, wenn die am meisten Bedrängten nur die Mittel dazu hätten!
Und dann ist es bei dem Sichloskaufen in Hinsicht auf das willkürliche und
unbeschränkte Gebaren des Herodes auch wahrlich eine wahre Gewissenssache und
ein Verstoß gegen die Nächstenliebe; denn ich habe mir mein Los wohl
verbessert, aber dafür das von zehn und zwanzig andern verschlimmert.
[GEJ.08_114,16] Ihr hohen und weisen
Gewaltträger des Kaisers, ich habe euch nun die Sache so dargestellt, wie sie
ist; seid darum bedacht, daß endlich einmal diesem großen Übel Einhalt getan
werde! Jeder würde darum dem Kaiser gerne den zehnfachen Zins bezahlen, so er
nur von der Herodesplage befreit wäre, und der Kaiser würde dabei sicher mehr
denn um die Hälfte mehr erhalten, als was der Herodes an ihn bezahlt; denn wir
wissen es ja, wieviel Herodes zu zahlen hat, und das macht nicht den hundersten
Teil von dem aus, was die Untertanen an den Herodes zahlen müssen.“
[GEJ.08_114,17] Sagte Agrikola: „Ja, ich sehe
es nur zu gut und klar ein, was Herodes treibt, und es sind ihm auch schon
manche Schranken gesetzt worden und werden auf diese deine Beschwerde ehest
noch größere gesetzt werden! Doch für den Augenblick läßt sich das nun nicht
ändern; denn er hat sich neuerdings mit dem Lande auf zehn Jahre belehnen
lassen und hat dafür den vom Kaiser gesiegelten Vertrag in seinen Händen. Aber
dessenungeachtet werden wir beim Kaiser das schon erwirken, daß dem losen
Treiben des großen Schwelgers die rechten und wirksamen Schranken gesetzt
werden. Doch bevor ich nun schon hier im Namen des Kaisers etwas anordne, werde
ich auch hier diesen allerweisesten Herrn und Meister um einen rechten Rat
bitten, und Er wird es mir sagen, was da vor allem not tut.“
115. Kapitel
[GEJ.08_115,01] Hierauf wandte sich Agrikola
an Mich und sagte: „O Herr und Meister! Gib Du uns Römern nach Deiner Liebe,
Gnade und Gerechtigkeit einen Rat, was in dieser wahrlich sehr argen Sache zu
tun wäre zum Wohle dieser Menschen!“
[GEJ.08_115,02] Sagte Ich: „Da läßt sich nun
nicht viel tun; denn nach euren Gesetzen muß ein Vertrag aufrecht und geltend
erhalten werden auf die bestimmte Zeit hin, wenn der Vertragsbesitzer die im
selben enthaltenen Bedingungen erfüllt. Aber im Vertrage steht es nicht, daß
Herodes die Steuern derer, die sich losgekauft haben und römische Bürger
geworden sind, auf die nicht Losgekauften verlegen könne, und so könnet ihr ihm
das wohl verbieten. Es hat zwar solches schon der Landpfleger Pontius Pilatus
zum Teil getan und hat sich den Herodes dadurch zum Feinde gemacht, aber es
wirkte das eben nicht viel, und Herodes tut noch, was er will, und kümmert sich
wenig um den Landpfleger; denn er hat ja im Vertrage vom Kaiser die klar
ausgesprochene Befugnis, im Lande sich aller Rechte eines Königs insoweit zu
bedienen, inwieweit sie nicht den Gesetzen Roms als widerstrebend und mit
diesen unvereinbar erscheinen.
[GEJ.08_115,03] Nun, nach solch einer ihm
erteilten Befugnis, die sicher nicht zu den weise überdachten gehört, kann er
gar manche schreiendste Ungerechtigkeit ausüben, und ihr könnet ihn laut eurem
Vertrage zu keiner Verantwortung ziehen.
[GEJ.08_115,04] Daß er aber nun geizt und das
Volk im hohen Grade bedrückt, liegt in dem Umstande, daß er soviel Geldes
zusammenbringen möchte, um damit euch Römern das ganze Land, als für alle
Zeiten geltend, zu seinem Nutzen und Zwecke abzukaufen, um so ein von euch ganz
unabhängiger Herrscher über ganz Judäa zu sein. Er wird es zwar nicht dahin
bringen, aber da er einmal diesen Sinn und Vorsatz hat, so handelt er auch also
nun, um ihn nach seiner Idee einmal bei gutem Winde aus Rom in Ausführung zu
bringen.
[GEJ.08_115,05] Ich könnte alles das, wie es
nun besteht, wohl mit einem Gedanken ändern, und das ganze Haus des Herodes bis
auf seine entferntesten Verwandten bestünde nicht mehr, aber Ich tue das
dennoch nicht, weil er als eine Zuchtrute für den Geiz und für die Hoffart des
Volkes von Gott zugelassen ist.
[GEJ.08_115,06] Denn als die Juden unter den
Richtern standen, hatten sie außer dem Zehnten keine Steuern und waren reich
und mächtiger denn irgend ein Volk der Erde. Da wurden sie übermütig in ihrem
Glanze und wollten einen König haben, der an Glanz, an Pracht und an Macht alle
Könige der Erde überträfe. Und es ward ihnen ein König gegeben. Aber mit ihm
kam auch alles Elend über das mit der Regierung Gottes unzufrieden gewordene
Volk.
[GEJ.08_115,07] Da murrten und klagten die
Menschen noch ärger denn jetzt, und viele baten Gott um Abhilfe; aber Gott ist
nicht ein Wesen, das gleich einem Menschen von heute bis morgen seinen einmal
gefaßten Entschluß ändert – denn täte Er das, so bestünde schon lange keine
Erde und keine Sonne mehr! –, und so beließ Er denn auch die Juden unter den Königen.
Die Könige aber waren so lange weise und leiteten das Volk gerecht, als das
Volk selbst gut und weise und gerecht nach den Gesetzen Gottes verblieb. Wie
sich aber das Volk unter sich zu übernehmen begann und Hurerei und allerlei
Ungerechtigkeit zu treiben anfing, da wurden auch unweise und harte und
ungerechte Könige über dasselbe gesetzt.
[GEJ.08_115,08] Und als das ganze Judenvolk
bis auf nur wenige nahezu ins Heidentum überging, da kam es denn auch in die
Gefangenschaft der Babylonier, damit es da erfahre, wie sich's unter der
Herrschaft der finstersten Heiden leben läßt. Da erst kehrte das Volk wieder zu
seinem alten und allein wahren Gott zurück, und Gott machte es wieder zu einem
selbständigen Volke und gab ihm weise und gerechte Lenker.
[GEJ.08_115,09] Aber es dauerte abermals
nicht lange, und das Volk verfiel in seine alten Sünden und Übel, und Gott
stellte es nach und nach also, wie es verdientermaßen nun steht und seufzet und
klagt.
[GEJ.08_115,10] Und Gott ist nun Selbst zum
Volke im Fleische gekommen also, wie die Propheten es geweissagt haben, und
will es erlösen und glücklich machen für Zeit und Ewigkeit; aber das große Volk
glaubt es nicht, so es auch davon hört und selbst mit den offensten Augen
schaut, und verfolgt den allmächtigen Helfer und will von Ihm nichts hören.
Darum aber läßt denn Gott auch zu, daß das blinde und arg gewordene Volk nach
allen Richtungen hin geplagt werde und noch stets mehr geplagt werden wird, und
es wird noch kommen, daß es unter alle Völker der Erde zerstreut werden wird
und wird kein Land haben, das es sein nennen könnte.
[GEJ.08_115,11] Weil das Volk aber nun also
ist, so muß es nun auch von den Römern und noch mehr von deren Lehensfürsten
geplagt werden. Wer aber da noch weise und gerecht ist und die Gebote Gottes
achtet und hält, der wird auch Gerechtigkeit, Gnade und Hilfe finden bei Gott
und den Menschen, und die Hab- und Herrschsucht des Herodes wird ihm nichts
anhaben können, davon Lazarus und viele andere zeugen können.
[GEJ.08_115,12] Wer aber noch gedrückt wird,
der wende sich zuerst wahrhaft an Gott und bitte Ihn im Herzen um Hilfe, und es
wird ihm geholfen werden, so er sich enthält von allen den vielen Sünden, die
unter den Juden nun mehr denn unter den Heiden gang und gäbe sind!
[GEJ.08_115,13] Siehe, Freund Agrikola, also
stehen die Sachen, und du wirst aus dem Gesagten nun schon entnehmen können,
was du in bezug auf den Herodes zu tun hast!“
[GEJ.08_115,14] Sagte Agrikola: „Ja, Herr und
Meister, Du allein Wahrhaftigster und Getreuer, nun weiß ich ganz klar, was mir
zu tun übrigbleibt; was Dir, o Herr, recht ist, das ist auch mir recht!“
116. Kapitel
[GEJ.08_116,01] Während Ich aber also mit
Agrikola redete, hatten Mich der Hauptmann, seine beiden Gefährten, die in
seinem Dienste standen, und auch der Wirt scharf beobachtet, und der Hauptmann
sagte nach den Worten des Agrikola: „Herr und Meister und wundersamer Heiland,
so wie nun Dich habe ich noch nie einen Menschen reden hören! Mir scheint, –
mir scheint es stark, daß hinter Dir ganz wer anderer steckt, als Du in Deiner
Harmlosigkeit zu sein scheinst! Du bist sicher der große Mann aus Galiläa, von
dem mir schon Kornelius und mehrere andere Römer Kunde gemacht haben? Und bist
Du eben Derselbe, dann ist mir nun alles klar, und ich für mich weiß es schon,
mit Wem wir da zu unserer höchsten Beseligung zu tun haben. Sei mir aber darob
nicht gram, daß ich solches hier ausgesprochen habe!“
[GEJ.08_116,02] Sagte Ich: „O mitnichten, –
aber sonderbar ist es dennoch, daß die Heiden das Licht früher erschauen als so
viele Juden, die doch schon von Urbeginne an zum Lichte berufen waren! Aber sei
es nun, wie es da ist, Ich habe darum schon also verordnet, daß nun das Licht
von vielen Juden genommen und den Heiden gegeben werden wird. Sie waren lange
blind und sehnten sich nach dem Lichte, und weil sie sich nach dem Lichte
sehnten, so fanden sie es auch; die Juden aber prahlten mit dem, daß sie allein
das Licht haben, sind aber nun blind geworden, also daß es ein Schweres ist,
sie nun wieder sehend zu machen.
[GEJ.08_116,03] Meine Worte sind das Licht
und das Leben, und Meine Taten zeugen, daß Meine Worte lebendig sind, weil der
Geist, der in ihnen ist, kein toter, sondern ein ewig lebendiger und über alles
mächtiger ist; denn bevor je etwas geschaffen war, da war schon das Wort, das
ihr nun höret. Das Wort war bei Gott, und Gott Selbst war das Wort. Das Wort
aber ist nun Fleisch geworden und wohnt nun unter euch. Ich kam in Mein
Eigentum zu den Meinen, und diese erkennen Mich nicht!
[GEJ.08_116,04] O der großen Blindheit der
Juden, und das namentlich der in dem Tempel und in den Synagogen sitzenden und
sich breitmachenden! So Ich sie rufe, da vernehmen sie nichts, und zeige Ich
ihnen das große Licht, so sehen sie es nicht an. Darum wehe ihnen am Tage des
Gerichts, das über Jerusalem kommen wird! Doch nun nichts weiteres mehr von
dem!“
[GEJ.08_116,05] Sagte hierauf der Wirt: „O
Herr und Meister! Du scheinst etwas ungehalten zu sein auf mich, weil ich Dich nicht
sobald tiefer erkannte, wie Dich die Römer erkannten; aber dafür kann ich ja
doch wohl nicht! Herr und Meister, sage es rund heraus, daß in Dir die Fülle
der Gottheit wohne körperlich, und ich und mein ganzes Haus werden es glauben!
Denn die Zeichen, die Du wirkest, kann ja nur Gott allein wirken und der Mensch
erst dann auf Augenblicke lang, so er vom Gottesgeiste auf eben gewisse
Augenblicke lang durchdrungen und ergriffen worden ist; denn kein Mensch könnte
die zu endlose Macht und Gewalt des Geistes Gottes in sich ertragen und dabei
erhalten das Leben!
[GEJ.08_116,06] Wer demnach aber Dir gleich
die Fülle des Geistes Gottes körperlich in sich fasset und trägt und also auch
gleichfort lebt und handelt, der ist soviel wie Gott Selbst. Denn hat der Geist
Gottes uns Menschen aus Seinem Worte und Willen einen Leib mit der lebendigen
Seele erschaffen und geben können, warum sollte Er Sich Selbst, so es Ihm
wohlgefällt, nicht auch einen reinsten Leib geben können nach der Ordnung
Seiner Liebe und Weisheit?!
[GEJ.08_116,07] Du, o Herr und Meister, magst
aus dem wohl schier endlos heller als ich ersehen, daß ich nicht zu den
begriffsstutzigen Juden gehöre, sondern das bald und leicht glaube, was ich als
handgreiflich wahr erkenne; darum wolle Du mir deshalb nicht gram werden, weil
der Hauptmann als ein Heide Dich eher erkannte als ich, der ich ein Jude bin!“
[GEJ.08_116,08] Sagte Ich: „So Ich dir gram
werden könnte, da wäre Ich nicht zu dir gekommen! Ich habe aber wohl schon
lange gewußt, was dir am heutigen Tage begegnen werde, und kam darum mit diesen
Meinen Freunden hierher zu dir, um dir zu helfen! Und da Ich das getan habe,
bin Ich dir doch sicher nicht gram, sondern ein gar erster und größter Freund.
Was Ich aber ehedem gesagt habe, das gilt allen Juden und allen Völkern der
Erde, und auch denen, die in den Sternen wohnen.
[GEJ.08_116,09] Nun aber will Ich dir noch
etwas sagen, und du wirst dann um so klarer einsehen, warum Ich nun als ein
erster und wahrster Freund zu dir gekommen bin.
[GEJ.08_116,10] Siehe, dort in der Nähe der
Stadt besteht im Vordergrunde unweit von der Straße eine Grotte, die noch
heutigentags zu einem Schafstalle dient! Dort wurde Ich, als Kaiser Augustus
die erste Volksbeschreibung im Judenlande anbefahl, von einer Jungfrau, die nie
einen Mann erkannt hatte, um die Mitternacht herum geboren und gepflegt. Es
geschahen aber zum Erkennungszeichen für die Menschen, auf daß sie gewahreten,
Wer da ins Fleisch der Menschen getreten ist, große Zeichen am Himmel und auch
auf der Erde, die von euch Hirten zuerst erschaut wurden.
[GEJ.08_116,11] Du als damals noch ein Hirte
auf jener bedeutenden Trift, die noch heute euer Gemeingut ist, warst einer der
ersten, die zu der Grotte kamen und den neugeborenen König der Juden begrüßten
und Ihm die Ehre erwiesen.
[GEJ.08_116,12] Als du aber die Chöre der
Engel vernahmst, da sagtest du zu mehreren zu der Grotte gekommenen Hirten:
,Seht, seht! Dieses Knäbleins Antlitz strahlt ja wie die Morgensonne, und es
ist volle Tageshelle in der Grotte! Da ist mehr als nur ein neugeborener König
der Juden! Das ist der verheißene Messias; das ist Der, von dem alle Propheten
geweissagt haben! Der wird uns bringen das Heil, und darum sollen wir Ihn
anbeten!‘
[GEJ.08_116,13] Da warst auch du es, der
folgenden kurzen Psalm den andern Hirten vorsang: ,Gott sei uns gnädig und
segne uns! Er lasse uns Sein Antlitz leuchten – Sela! –, daß wir auf Erden
erkennen Seinen Weg und unter allen Heiden Sein Heil! Es danken Dir, Gott, die
Völker, es danken Dir alle Völker! Die Völker freuen sich und jauchzen, daß Du
die Leute recht richtest und regierest die Leute auf Erden, Sela. Es danken
Dir, Gott, die Völker, es danken Dir alle Völker! Das Land gibt sein Gewächs;
es segne uns Gott, unser Gott! Es segne uns Gott, und alle Welt fürchte Ihn!‘
[GEJ.08_116,14] Siehe, diesen Psalm hast du
damals, von deinem inneren Geiste getrieben, auf Mich gerichtet und hast
hernach, als du nach deinem Vater Besitzer dieses Gutes geworden bist, unweit
von hier an der Straße einen wohlbehauenen Stein setzen lassen und schriebst
mit eigener Hand den Psalm darauf, also, daß er für jedermann wohl zu lesen und
zu erkennen ist, da du ihn in der hebräischen, griechischen und römischen
Schrift und auch in den drei Zungen geschrieben hast mit einer unverlöschbaren Farbe!
[GEJ.08_116,15] Aus dem aber kannst du nun
schon ersehen, daß Ich dich gar wohl kenne, und daß Ich dir nicht gram bin, wie
du es dir dachtest, denn du warst ja eben einer der ersten, der Mich erkannt
hat schon bei Meiner Geburt, und hast Mir gegeben die rechte Ehre, und so wirst
du nun sicher auch nicht der Letzte sein, der Mich nun wiedererkennen wird!“
[GEJ.08_116,16] Hier ward unser Wirt zu
Tränen gerührt und sagte: „Gott, Herr und Meister! Es ging mir das im Geiste
vor, daß es also sein werde, wie ich Deiner nur ansichtig wurde; aber ich
getraute mich doch nicht, mich darüber laut zu äußern. Da Du mich nun aber
gnädigst daran erinnert hast, so ist es nun ja außer allem Zweifel, daß Du
Derselbe bist, dem schon vor zweiunddreißig Jahren mein Lieblingspsalm allein
gegolten hat. O welch ein endlos großes Heil ist nun meinem Hause widerfahren!
O Herr, o Gott! Welchen Psalm soll ich Dir denn jetzt vorsingen?“
[GEJ.08_116,17] Sagte Ich: „Wir bleiben schon
bei dem, den du Mir zuerst gesungen hast; denn der enthält schon ohnehin alles,
was der ewigen Wahrheit gemäß ist, und Ich bin damit zufrieden!“
[GEJ.08_116,18] Da bat Mich der Wirt, ob er
nun nicht alles das im Hause dem Weibe, seiner geheilten Mutter, seinen Kindern
und auch seinem geheilten Knechte verkünden dürfte, welch ein Heil ihnen allen
widerfahren sei.
[GEJ.08_116,19] Sagte Ich: „Das tun wir erst
nach dem Mittagsmahl, das nun nicht lange mehr auf sich wird warten lassen. Bis
dahin aber werden wir schon noch etwas anderes zu besprechen bekommen.“
117. Kapitel
[GEJ.08_117,01] (Der Herr:) „Siehe, Ich war
vor einem Jahre hier und habe in der Umgegend viele Lahme, Krüppel und Blinde
geheilt! Als Ich dann von da nach Galiläa zog, da ging Mir viel Volkes nach bis
nach Kapernaum. Dieses Volk wollte Mich am Wege zum Könige erheben, weil es die
Zeichen sah, die Ich gewirkt habe. Als Ich aber in Kapernaum in einer Synagoge
sie treu tiefe Worte aus dem Geiste hören ließ, da fingen alle an sich zu
ärgern, sagten, das sei eine harte Lehre, wer solle diese hören und verstehen,
und verließen Mich und zogen wieder heim. Da du mehrere von jenen kennst und
mit ihnen sicher auch so manches darüber wirst gesprochen haben, so möchte Ich
es eben von dir nun vernehmen, was diese Menschen nun so von Mir urteilen.“
[GEJ.08_117,02] Sagte der Wirt: „O Herr, der
Du die Herzen und die Nieren der Menschen prüfest, was soll ich Dir nun noch
erzählen können, um das Du etwa nicht um gar endlos vieles besser wüßtest denn
ich!?“
[GEJ.08_117,03] Sagte Ich: „Ja, du Mein
lieber Freund, es handelt sich hier nicht darum, ob Ich das schon zum voraus
weiß oder nicht, sondern es handelt sich hier um deine eigene Entäußerung und
volle Reinigung deiner Gedanken und Worte, und darum möchte Ich das von dir
ausgesprochen vernehmen! Zudem müßten dann alle Menschen vor Mir wie ganz stumm
wandeln, da sie, die Mich einmal erkannt haben, das wohl allzeit voraussetzen
können, daß Ich um gar alles weiß, was in ihnen vorgeht.
[GEJ.08_117,04] Ich aber will, daß auch ihr
reden sollet und euch frei entäußern dessen, was in euch ist; und so kannst du
dich vor Mir nun in aller Kürze schon auch entäußern dessen, was du von den
Menschen so hier und da vernommen hast!“
[GEJ.08_117,05] Sagte der Wirt: „Ja, Gott,
Herr und Meister, es wäre das schon alles recht, so alles das, was diese
Menschen von Dir sagen, ziemlich wäre, es Dir vor diesen Menschen
wiederzusagen; aber die Sache steht ein wenig anders!“
[GEJ.08_117,06] Sagte Ich: „Stehe sie, wie
sie wolle, das macht hier nichts; rede du nur frei heraus!“
[GEJ.08_117,07] Sagte abermals der Wirt:
„Gott, Herr und Meister! Die Menschen, mit denen ich über Dich sprach, ohne
Dich wie nun gekannt zu haben, sagten, daß ein großer Prophet, der zu Jerusalem
wie auch in dieser Gegend gar weise Lehren an das Volk gehalten habe, danebst
auch solche Zeichen, besonders in der Heilung der Kranken aller Art und Gattung
wirke, die vorher wohl nie ein Mensch gewirkt habe. Diese Menschen wurden dem
großen Propheten – wie sich Dich nennen – sehr zugetan, folgten ihm auf dem
Fuße nach und hatten auch darum eine große Freude an ihm, weil sie gar wohl
erkannten, daß er kein Freund der nun schon allgemein verhaßten Pharisäer ist.
Bis gen Kapernaum haben sie nichts Anstößiges an ihm gefunden, außer daß er
ihnen auf einem Berge, wo er sie zuvor noch wunderbar mit wenigen Broten und
Fischlein gespeiset hatte und sie ihn zum Könige ausrufen wollten,
durchgegangen ist und seine alten Jünger verlassen hat, aber in später Nacht
doch wieder zu ihnen kam, etwa wunderbar auf dem wogenden Meere wie auf trockenem
Lande einhergehend.
[GEJ.08_117,08] Alle hatten eine große
Freude, daß er wieder nachgekommen ist und freuten sich auf den kommenden Tag
und auf seine Lehren und Taten. – Aber diese anzuhoffenden Freuden seien sehr
zu Wasser geworden; denn am nächsten Tage habe er so unsinnige Worte in einer
Synagoge zum Volke geredet, daß sich darüber sogar seine alten Jünger sehr
geärgert haben und ihn bis auf wenige alle verließen, und so denn alle die von
hier ihm gefolgten Menschen. Denn sie sind der festen Meinung geworden, daß er
in Wahnsinn verfallen sei; denn er solle in jener seiner Rede ganz
vollernstlich alle aufgefordert haben, sein Fleisch zu essen und sein Blut zu
trinken, ohnedem niemand das ewige Leben überkommen könnte; denn er werde nur
den zum Leben erwecken am gewissen Jüngsten Tage, der sein Fleisch essen und
sein Blut trinken werde.
[GEJ.08_117,09] Ja, das ist denn freilich
wohl etwas stark, und ich konnte es den sonst für alles Höhere sehr
eingenommenen Menschen gerade nicht verdenken, daß sie auf solch eine Predigt
durchgegangen sind und noch heute beklagen, daß es Gott zugelassen habe, daß so
ein entschieden großer Prophet auf einmal habe irrsinnig werden müssen, dem die
Menschen doch schon so viel Gutes zu verdanken haben.
[GEJ.08_117,10] So Du aber schon eine solche
Rede gehalten hast, da hast Du auch sicher dadurch den Menschen eine verborgene
Wahrheit kundtun wollen nach der Weise der alten Propheten, wie ich das mir
freilich erst jetzt vorstelle. Doch so ich auch vor einem Jahre in der Gesellschaft
gewesen wäre, so wäre sicher auch ich mit den andern durchgegangen.
[GEJ.08_117,11] Aber nun kann ich es mir
schon vorstellen, was Du den Menschen damit hast sagen wollen, und ich meine,
daß wir nun bald Dein Fleisch und Blut genießen werden materiell, so wie wir
nun aus Deinem Munde geistig wahrhaft Dein Fleisch und Blut genossen haben. Und
so habe ich denn nun nach Deinem Willen geredet ohne einen Vorbehalt.“
[GEJ.08_117,12] Ich belobte nun den Wirt, und
alle Anwesenden hatten eine große Freude an ihm, und Meine alten Jünger
staunten über seinen Verstand, wie auch die Römer.
118. Kapitel
[GEJ.08_118,01] Nun aber kamen auch die
Kinder und luden uns zum Mittagsmahl, und wir folgten der Einladung. Das Herbergshaus
aber, wohl eines der bei weitem schönsten und großartigsten im ganzen weiten
Umkreis, war durchgehend aus wohlbehauenen Quadersteinen erbaut und hatte zwei
gewölbte Stockwerke noch übers ebenerdige Geschoß. In jedem Stockwerk befanden
sich drei große Säle, von denen in jedem bei Siebenhundert speisen konnten.
Außer den drei Speisesälen aber befanden sich in jedem Stockwerk auch dreißig
Wohnzimmer, jedes mit zwei Fenstern versehen, die freilich nicht mit Glasrahmen
(Glasscheiben), wie (nota bene) in dieser Zeit in Europa, zu verschließen
waren; aber es gab damals in Damaskus Fabriken, die ein wie das gegenwärtige
Glas völlig durchsichtiges Pergament erzeugten, und mit solchem Pergamente
waren die vielen Fensterrahmen ganz zierlich gedeckt, und der Zugwind und die
oft große Tageshitze konnten nicht in die Säle und in die Zimmer dringen. Diese
Art Fenstereinrichtung war etwas Seltenes, weil sie zu kostspielig war, und man
bediente sich dafür der verschieden gefärbten Vorhänge innerhalb der Fenstergitter.
[GEJ.08_118,02] Wir wurden über bequeme und
breite Marmorstufen in das zweite Stockwerk geführt und da in den mittleren
Hauptsaal, in dem eine große und lange Tischtafel für uns gedeckt war. Da gab
es des feinsten Brotes in großer Menge und große Becher aus Silber und Gold
voll des besten Weines. Das wohlzubereitete Kalb lag schon wohlzerteilt auf den
vielen Speiseschüsseln, die auch aus reinstem Silber gemacht waren. Danebst
aber gab es auch noch eine Menge bestzubereiteter Nebengerichte, als bestzubereitete
Fische, so auch Hühner, Tauben und Lämmer und allerlei gute Früchte, bestehend
aus allerlei Obstgattungen und süßen Beeren.
[GEJ.08_118,03] Die Römer machten da große
Augen, und Agrikola sagte: „Wahrlich, so eine Pracht und solch ein Reichtum ist
mir schon lange nicht mehr untergekommen, und solch eine wohl und reichlichst
besetzte Tafel auch nicht, und des Kaisers Speisesaal in Rom übertrifft diesen
nicht an zierlichster Pracht!“
[GEJ.08_118,04] Als sich die Römer von ihrem
Staunen ein wenig erholt hatten, setzten wir uns an den Tisch und begannen zu
essen und zu trinken, und alle erquickten sich überwonniglich am vortrefflich
bereiteten Mittagsmahle, konnten aber natürlich nicht die Hälfte des Bereiteten
aufzehren, da es in zu großem Maße vorhanden war.
[GEJ.08_118,05] Unter dem Essen ward wenig
geredet. Erst als der Wein den Gästen die Zungen mehr und mehr löste, da fingen
zuerst die Römer an, gesprächig zu werden, und Agrikola fragte den überaus
vergnügten und dabei dennoch sehr fromm gestimmten Wirt: „Aber sage du mir:
Trägt denn eine solche Herberge doch so viel Gewinn, daß schon sicher deine
Voreltern ein solch großartigstes Prachtgebäude haben erbauen können?“
[GEJ.08_118,06] Sagte der Wirt: „Gerechter
und mächtiger Herr, eine solche Herberge bringt im Verlaufe eines Jahres wohl
freilich einen schönen Gewinn; aber so ich auch die Gewinne von hundert Jahren
zusammentäte, so wäre es dennoch nicht möglich, damit ein solches Haus
aufzubauen.
[GEJ.08_118,07] Siehe, die Fensterdeckung
hatte wohl mein Vater und zum Teil auch schon ich errichtet; aber das Haus und
seine Mauern sind schon gar alt und älter als die Stadt Bethlehem, die David,
der große König der Juden, erbauen ließ, darum sie auch noch die Stadt Davids
heißt!
[GEJ.08_118,08] Dieses Haus soll zum Teil
schon Saul, der erste König der Juden, erbaut haben; und als nach ihm David zum
Könige durch Gottes Ratschluß gesalbt worden ist, da habe er es erst vollendet,
bevor er noch an der Stadt zu bauen angefangen hatte, und hat es hernach auch
lange Zeit bewohnt. In diesem Hause hat er viele seiner Psalmen geschrieben,
von denen etliche noch in den weißen Marmorsteinen zu sehen und für den in der
alten Schrift Kundigen auch zu lesen und zu verstehen sind.
[GEJ.08_118,09] Auch die Schüssel und der Becher,
die ich dem anbetungs- und der allerhöchsten Verehrung würdigsten Herrn und
Meister vorgesetzt habe, sollen noch aus den Zeiten Davids ein Eigentum dieses
alten Hauses sein. Er allein aber wird es am besten wissen, ob daran etwas
Wahres ist.
[GEJ.08_118,10] So sollen auch ich und meine
Voreltern nach einer Seitenlinie von David abstammen. Das wenigstens aber ist
gewiß, daß es in unserer Hauschronik, die einige Jahrhunderte zurückreicht,
nicht vorkommt, daß je jemand dieses Haus und Gut irgend durch einen Kauf an
sich gebracht habe. Sei ihm aber nun, wie ihm wolle, so ist doch das sicher und
wahr, daß erstens dieses Haus weder mein Großvater noch mein Vater und noch
weniger ich erbaut habe und es nun zweitens mit allem und jedem, was zum Hause
gehört, und was das Haus enthält, mein volles und rechtliches Eigentum ist und
ich niemandem in der Welt etwas schulde.
[GEJ.08_118,11] Die Silber- und Goldgeräte
sind wohl zum größten Teil von meinen mir aus unserer Hauschronik schon mehr
bekannten Voreltern stets redlich und ehrlich angeschafft worden. Ich habe bis
jetzt noch nichts von derlei Kostbarkeiten ins Haus geschafft; denn erstens ist
dies Haus damit ohnehin reichlichst versehen, und fürs zweite halte ich
wahrlich auf alle derlei Dinge nicht viel, weil wir sie, so herrlich sie auch
sind, über kurz doch alle verlassen werden müssen, und vor dem ewigen Richter
werden dann nur jene Schätze einen Wert haben, die wir uns durch die Befolgung
Seines uns durch Moses und Seine Propheten geoffenbarten heiligsten Willens
werden zu eigen gemacht haben.
[GEJ.08_118,12] Das ist so mein lebendiger
Sinn, den ich auch bis zum Grabe stets getreu beachten werde, und von jetzt an
um so lebendiger, da mir durch die nie erwartete Ankunft des Herrn und Gottes
ein so endlos großes Heil widerfahren ist. Aber nun wende ich mich
ehrfurchtsvollst an den Herrn Selbst!“
119. Kapitel
[GEJ.08_119,01] Sagte Ich: „Ja, ja, Ich weiß
es nun schon, was du vor allem möchtest! Lasse jetzt nur deine Mutter, dein
Weib, deine Kinder und auch deinen Knecht zu Mir kommen, doch von dem
Besonderen, was du von Mir weißt, künde ihnen noch nichts! Wenn Ich aber gen
Abend von hier wieder werde abgereist sein, dann kannst du ihnen je nach ihrer
Fassungsfähigkeit auch die Hauptsache verkünden und ihnen sagen, daß alle, die
an Mich glauben, Meine Gebote halten aus innigster Liebe zu Mir und also die
Nächsten als Arme und Hilfsbedürftige lieben mit Rat und Tat, das ewige Leben
haben werden in Meinem Reiche, das keinen Anfang und kein Ende hat. Und nun
gehe und bringe sie hierher!“
[GEJ.08_119,02] Hierauf ging der Wirt und
brachte alsbald all die Seinen in den Speisesaal und stellte sie Mir vor, dabei
zu den Seinigen sagend: „Vor diesem wahrsten Heiland aller Heilande der Welt
verbeugt euch tief, und danket Ihm allein für die uns erwiesene übergroße und
mit allen Schätzen der ganzen Welt nie bezahlbare Wohltat und Gnade!“
[GEJ.08_119,03] Die Kinder und das Weib
kannten Mich wohl ohnehin schon und nahten sich Mir alsogleich auf eine
ehrfurchtsvoll freundlichste Weise und priesen Gott, daß Er einem Menschen
solch wahrhaft göttliche Macht verliehen habe. Die geheilte Mutter und der
geheilte Knecht aber überboten sich ordentlich an Dankes- und Lobesbezeigungen,
die sie mit Worten und Gebärden ausdrückten.
[GEJ.08_119,04] Ich aber sagte zu ihnen:
„Danken für eine empfangene Wohltat ist schön, recht und billig; denn man ist
dem, der einem Liebe bezeigt hat, auch wieder alle Liebe und Freundschaft
schuldig. Aber es ist das eben keine zu große Kunst im Leben; die größere und verdienstlichere
Kunst des Lebens ist: die Gebote Gottes halten; die größte und am meisten
verdienstliche Kunst im Leben aber ist: allen seinen Feinden von Herzen
vergeben, denen, die uns Arges wünschen, wollen und auch tun, dagegen wo
möglich Gutes erweisen und für die beten und sie segnen, die uns hassen und
fluchen.
[GEJ.08_119,05] Wer das tut, der sammelt
bessernde Glühkohlen über den Häuptern seiner Feinde, macht sie am ehesten zu
seinen reumütigen Freunden, und er selbst hat dadurch für alle seine Sünden von
und vor Mir die vollkommenste Nachlassung und ist schon auf Erden den Engeln
Gottes gleich.
[GEJ.08_119,06] Tut auch ihr desgleichen, so
wird Gottes Gnade und Segen nie von eurem Hause und von euch weichen!
[GEJ.08_119,07] So ihr aber schon Gelder darleihet,
da leihet sie auch den Armen, die es euch nicht wieder mit Wucher zurückzahlen
können, so werdet ihr dafür die Zinsen als einen großen Schatz im Himmel
finden!
[GEJ.08_119,08] Wenn ihr diesem oder jenem
eine Wohltat erweiset, da machet es nicht also, daß dann ein anderer, der's tun
kann, es euch ersetze entweder durch ihm auferlegte größere Zinsen oder durch
Verminderung des Liedlohnes bei denen, die genötigt sind, euch zu dienen,
sondern was ihr Gutes tut den Armen, das tut aus Liebe zu Gott und zum Nächsten
frei, so werdet ihr den Ersatz im Himmel finden!“
[GEJ.08_119,09] So da manchmal kommen
unfruchtbare Jahre, da werdet nicht karger, verkaufet euer Korn nicht teurer,
backt das Brot nicht kleiner und schlechter, und vermindert den Liedlohn des
Arbeiters nicht, so werdet ihr darum allen Segen von oben haben!
[GEJ.08_119,10] Aber so ihr in den Notzeiten
karget gegen eure Nächsten, da wird auch Gott kargen mit Seinem Segen über eure
Felder, Weinberge und Herden, und ihr werdet euch dadurch wenig Schätze im
Himmel sammeln. Das merket euch wohl und handelt danach ohne Bedenken, und ihr
werdet für zeitlich und ewig des Segens in Hülle und Fülle haben!“
[GEJ.08_119,11] Als Ich dieser Familie
solches gesagt und angeraten hatte, da sagte nach einer Weile der Wirt selbst:
„Ja, ja, vor den Augen des allsehenden Geistes aus Gott bleibet nichts, auch
nicht das Allergeringste verborgen!
[GEJ.08_119,12] Es ist bei uns und in meinem
Hause das seit jeher der Brauch gewesen, also zu sagen und auch also zu
handeln: ,Tue jedermann Gutes, so es ihm not tut; aber vergiß dabei deinen
eigenen Vorteil nicht!‘ Ich aber sehe es nun in Deinem Lichte, o Herr und
Meister, daß diese Denkungs- und Handlungsweise durchaus nicht der göttlichen
Ordnung gemäß ist, und so werde ich auch da in der nächsten Folge eine ganz
andere Ordnung einführen. Ich werde zwar noch dann und wann mein Geld jemandem,
so er dessen bedarf, gegen gesetzlich mäßige Zinsen darleihen; aber so da
jemand kommen wird, der Mir auch keine Zinsen zahlen kann, und mir wird bekannt
sein, daß er wirklich in einer Not steckt, so werde ich ihm auch zu jeder Zeit
das Nötigste ohne Zinsen darleihen und im äußersten Notfalle auch schenken.
Feinde zähle ich wohl gar sehr wenige und habe ihnen daher denn auch wenig zu
vergeben. Sollte ich aber, was nicht für uns vorauszusehen ist, in der Folge
welche bekommen, so werde ich mit ihnen also verfahren, wie Du es nun uns allen
angeraten hast!“
120. Kapitel
[GEJ.08_120,01] Sagte Ich: „Daran wirst du sehr
wohl tun! Aber nun werde Ich dir noch etwas sagen, und zwar gleichnisweise zu
deinem Gemüte: Siehe! Du möchtest dich in gewissen Angelegenheiten und
Geschäften auf eine weite Reise begeben! Da du aber schon viele Tagereisen in
fremden Landen von Hause entfernt wärest, fügte es sich – wie sich solches
schon gar oft in der Welt durch Zulassung von oben ereignet hat –, daß du um
all dein auf die lange und weite Reise mitgenommenes Vermögen kämest und es dir
dann gar sehr verzweifelt im fremden Lande und in einem weltfremden Orte zumute
würde, und du gingest dann mit traurigstem Gemüte und sicher höchst betrübtem
Gesichte im fremden Orte einher.
[GEJ.08_120,02] Ein Mensch aber merkete dir
das wohl an und fragte dich: ,Freund, du scheinst sehr traurig und ganz
niedergeschlagen zu sein! Sage mir, wo es dir fehlt!‘
[GEJ.08_120,03] Du erzähltest ihm dann dein
Unglück, und er spräche darauf zu dir: ,Freund, komme, ich will dir helfen;
aber sei in der Folge vorsichtig und verwahre wohl, was dein ist! Kannst du es mir
gelegentlich erstatten, was ich dir nun gebe, so wird es wohl von dir gehandelt
sein; und solltest du das nicht können, so hast du an mir keinen Gläubiger!‘
Darauf gäbe dir der Mensch aber, was du verloren hattest.
[GEJ.08_120,04] Sage nun Mir und auch dir
selbst, in welch einem hohen Grade würde das dein ganzes Gemüt erfreuen, und
wie sehr würdest du darob Gott und solch einen edlen Menschen loben und
preisen; und so du dann wieder ganz glücklich zurückkämest, würdest du da nicht
alles aufbieten, um dich solch einem Menschen und danebst auch Gott
allerdankbarst zu erweisen?!
[GEJ.08_120,05] Nun aber denke dir das auch
von einem andern Menschen, der aus weiter Ferne zu dir kommt, dem ein Unglück
begegnet ist, und der vor deiner reichen Herberge voll Traurigkeit weilt, weint
und nicht aus und ein weiß, was er tun soll. So du nun zu ihm hinausgingest und
fragtest ihn, sagend: ,Freund, du bist sehr traurig und scheinst in einer
großen Verlegenheit zu sein? Wo fehlt es dir? Sage es mir ganz offen, denn siehe,
ich bin der Mensch, der, insoweit es nur immer in meiner Macht steht, dir zu
helfen bereit ist‘, und der Mensch sagte dann zu dir: ,Ach, edler Freund, ich
bin von gar fernem Lande in Geschäften hierhergereist, fiel aber unfern von
hier unter Diebe, und diese nahmen mir all mein Geld weg, bestehend in zwanzig
Pfunden Goldes, und dazu noch tausend Groschen dieses Landes gangbarer Münze,
und nun stehe ich völlig vermögenslos da und weiß mir so ferne von Meinem Lande
und Hause nicht zu raten und auch nicht zu helfen!‘ Du aber sagtest dann zu
ihm: ,Freund, komme, und ich will dir helfen! Deinen Namen, dein Land und
deinen Ort brauchst du mir nicht einmal anzugeben; wie aber dieses Land, dieser
Ort, und wie auch ich heiße, wirst du schon erfahren! Kannst du mir das
Dargeliehene einmal abstatten, so wirst du daran vor Gott und allen guten und
gerechten Menschen wohl tun; und solltest du das nicht können, so wird es auch
so gut sein!‘, darauf gäbest du ihm dann, was er verloren hatte, – was meinst
du, wie Gott solch ein Werk der wahren Nächstenliebe ansehen und lohnen würde,
und wie dieser durch dich nun von neuem glücklich gemachte Mensch, so er nach
Hause käme, dann sicher alles aufböte, um sich dir dankbar und erkenntlich zu
erweisen, weil du ihm eine so große Freundschaft ohne allen Eigennutz erwiesen
hast?! Und sollte dieser Mensch auch deiner möglicherweise im Taumel seines
Erdenglückes nicht gedenken wollen, wird in dem Falle etwa dann nicht Gott
deiner hundertfach gedenken?
[GEJ.08_120,06] Wahrlich, wer solche Taten
übt ohne Eigennutz, sondern aus purer, reiner Nächstenliebe, der ist auch ein
größter Freund Gottes und ist schon auf dieser Erde gleich den Engeln des
Himmels und hat schon die Fülle des Reiches Gottes in seinem Herzen!
[GEJ.08_120,07] Denn ein fremder Armer ist
ums Hundertfache ärmer denn ein einheimischer, der bei allen denen, die seine
Not wohl kennen, leicht eine Hilfe noch findet; aber der fremde Arme gleicht
einem unmündigen Kinde, das seine Not noch niemandem angeben kann, außer durchs
Weinen. Darum seid auch barmherzig gegen Fremde, so werdet ihr auch im Himmel
Barmherzigkeit und Aufnahme finden; denn für den Himmel seid ihr bis jetzt noch
lauter verunglückte Fremde auf eurer irdischen Wanderung dahin! – Was sagst du
nun zu dieser Meiner Rede?“
[GEJ.08_120,08] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister! Was soll unsereiner da anderes dazu sagen? Das ist eine reinste
Wahrheit, und unsereinem bleibt nichts anderes übrig, als deren reinen,
göttlich wahren Sinn bei vorkommenden Fällen ins Werk zu setzen. Denn was mir
wohltun würde, so ich in einem fremden Lande in eine Not käme, das bin ich auch
dem Fremden in meinem Lande schuldig! Denn Menschen sind ja auch die, welche in
den von uns weit entfernten Ländern und Reichen wohnen. Wenn sie auch andere
Sitten und einen andern Glauben haben, so soll man das nach meiner Ansicht in
keine Betrachtung ziehen und nicht tun nach der Lehre unserer Pharisäer, die da
sagen, daß ein wahrer Jude alle Heiden so lange als Hunde betrachten solle,
solange sie in ihrem Heidentum verharren, – und wer einem Heiden eine Wohltat
erweise, sich den Zorn Gottes zuziehe und seine Seele den Teufeln verschreibe,
sondern er soll lieber auch den Heiden sich freundlich erweisen und ihnen
zeigen, daß er als ein Jude ein guter und freundlicher Mensch ist, und der
Heide wird ihn eher fragen und sagen: ,Freund, wie lautet deines Glaubens
Lehre, aus der so gute Menschen hervorgehen?‘, als so ich mich ihm gegenüber
als ein harter und noch dazu als ein feindlich verschlossener Jude erweise.
[GEJ.08_120,09] So ich einem Heiden eine
wahre Freundschaft bezeige, da ist ja davon keine Folge, daß ich dadurch selbst
in seinen finsteren Glauben übergehe, wie es die Pharisäer lehren, sondern ich
bleibe ein Jude und habe durch meine Freundlichkeit dem Heiden nur den Weg
gezeigt, auf dem auch er ein rechter Jude werden kann.
[GEJ.08_120,10] Wahre Liebe und Sanftmut sind
für alle Menschen sicher ein um vieles wirksamerer Lehrer und Bekehrer als der
Zorn und dessen Rachelust gegen jene, die sicher ohne ihr Verschulden in des
Geistes Nacht sich befinden! Wie es sicher höchst töricht und unmenschlich arg
wäre, einen Menschen deshalb, weil er das Licht der Augen verloren hat, zu
hassen, zu fliehen, zu verachten und ihm keine Liebe zu erweisen, um so
törichter und ärger aber scheint es mir zu sein, so man Menschen, die im Geiste
blind sind und sich nicht helfen können, haßt und verachtet und niemals
bestrebt ist, ihnen auch nur von ferne hin eine menschliche Freundlichkeit zu
erweisen.
[GEJ.08_120,11] Daß wir Juden uns aber leider
gegen die Fremden zumeist hart und unfreundlich erwiesen, daran schuldet wohl
niemand als allein unsere Priester, die es lieber haben möchten, daß man ihnen
alle die besten Früchte opferte und die Fremden mit Stachelbeeren bedienete.
Aber von nun an wird es in meinem Hause ganz anders werden! Dein Wort, Herr und
Meister, wird in der Folge die Handlungsordnung meines ganzen Hauses sein, und
ich werde dafür sorgen, daß auch meine Nachbarn im weiten Umkreise sich nach
mir richten werden.“
[GEJ.08_120,12] Sagte Ich: „Du hast nun in
allem wohl und wahr geredet, und es ist also. Die Blindheit der Pharisäer ist
an allem Argen, das nun unter den Juden gang und gäbe ist, allein schuld. Sie
selbst sind blinde Führer der Blinden, die, wenn sie an einen Graben kommen,
sicher beide hineinfallen und dann keiner dem andern heraushelfen kann; darum
sollet ihr von ihnen auch nichts anderes annehmen und anhören, als nur die
Lehren Mosis und der Propheten. Ihre Satzungen aber sollet ihr verabscheuen,
gleichwie auch ihre Werke, die eitel böse sind!
[GEJ.08_120,13] Es heißt ja wohl, daß auf den
Stühlen Mosis und Aarons die Ältesten, Schriftgelehrten und Pharisäer sitzen.
Es sei denn auch also! Darum nehmet von ihnen aber auch nur das an, was sie von
Moses und Aaron euch vortragen; alles andere aber betrachtet als ein
übertünchtes Grab, das nach außen hin wohl prunkt, aber im Innern voll Moders
und eklen Gestankes und Todes ist.
[GEJ.08_120,14] Nun habe Ich euch das
Notwendigste der vollsten Wahrheit nach gesagt und gezeigt. So ihr danach leben
und handeln werdet, dann werdet ihr auch den Lohn ernten, den Ich euch
verheißen habe; denn Ich Selbst habe die Macht, ihn euch zu geben, wie Ich auch
die Macht habe, alle leiblich Kranken durch Mein Wort und durch Meinen Willen völlig
gesund zu machen und die Toten zu beleben, wofür alle, die hier um Mich sind,
Mir vor euch ein gültiges Zeugnis geben können und auch geben werden nach Mir,
wenn Ich dahin werde zurückgekehrt sein, von wannen Ich gekommen bin. – Aber
nun genug von allem dem, und wir wollen nun noch dein Haus ein wenig näher in
Augenschein nehmen!“
121. Kapitel
[GEJ.08_121,01] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, da geschieht meinem Hause doch wahrlich zu viel Heil und zu viel der
nie verdienten Gnade, denn bisher habe ich noch wenig Verdienstliches zum
ewigen Leben gewirkt!“
[GEJ.08_121,02] Sagte Ich: „Freund, Gott
sieht aber nicht auf das, was du schon getan oder nicht getan hast in der
Beschränktheit deines inneren Lichtes und Willens, sondern nur auf das sieht
Gott, was du von nun an in der Folge tun wirst! Da aber Gott deinen ernsten
Willen wohl sieht, so kannst du auch schon zum voraus Seiner Gnade und des
rechten und vollwahren Heiles dich erfreuen. Hätte Ich dich nicht schon lange
eher gekannt als du Mich, so wäre Ich nicht in dein Haus gekommen.“
[GEJ.08_121,03] Mit dieser Meiner
Versicherung war der Wirt vollends zufrieden und dankte Mir mit den Seinen für
solche Lehren und für alle Gnade, die Ich seinem Hause erwiesen habe.
[GEJ.08_121,04] Darauf sagte er zu den
Seinen, daß sie im zweiten Stockwerke, in dem wir uns befanden, alle Zimmer und
Gemächer öffnen sollten, was denn auch alsogleich geschah.
[GEJ.08_121,05] Wir bewegten uns zuerst nach
rechts in den anstoßenden großen Saal, der vor Reichtum und alten Denkwürdigkeiten
strotzte. In diesem Saale befand sich schon eine große Marmorplatte in der Wand
gen Mittag, in der folgender Psalm Davids mit unverlöschbarer Farbe noch ganz
wohl leserlich geschrieben stand und nun vom Hebräischen ins jetzige Deutsche
verdolmetscht also lautete (Ps. 8): Herr, unser Herrscher, wie herrlich ist
Dein Name in allen Landen, da man Dir danket wie im Himmel! Aus dem Munde der
jungen Kinder und Säuglinge (die Heiden) hast Du Dir eine Macht zubereitet um
Deiner Feinde (die Pharisäer und Schriftgelehrten) willen, daß Du vertilgest
diesen Feind, diesen Rachgierigen. Denn ich (David oder das bessere Judenvolk)
werde sehen die Himmel, Deiner Finger Werk, den Mond und die Sterne, die Du
bereitest. (Der ,Himmel‘ bedeutet die Lehre, die ,Finger‘ das Leibliche des
Herrn, der ,Mond‘ die Liebe des Herrn zu den Menschen, und die ,Sterne‘ die
endlos vielen Wahrheiten, die aus der Liebe hervorgehen.)
[GEJ.08_121,06] Was ist der Mensch, daß Du
seiner gedenkest, und des Menschen Kind, daß Du Dich dessen annimmst? (Unter
,Mensch‘ wird hier das ganze Menschengeschlecht und unter ,Kind‘ desselben
Schwäche und Blindheit verstanden.) Du wirst ihn lassen eine Zeit von Gott
verlassen sein; aber mit Ehre und Schmuck wirst Du ihn dann krönen. (Siehe die
Zeit des babylonischen Hurentums! Unter ,ihn‘ ist zu verstehen das Christenvolk
ohne das innere Gotteslicht.) Du wirst ihn zum Herrn machen über Deiner Hände
Werk; alles hast du unter seine Füße getan. (Unter ,ihn‘ verstehe man hier den
Herrn vom Standpunkte der reinen Lehre aus den Himmeln, die am Ende alles
durchleuchten und beherrschen wird.) Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die
wilden Tiere; die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer, und was im
Meere geht. (Darunter sind zu verstehen alle Menschen und Geschlechter der
Erde. Hoch und nieder, jung und alt, gebildet und ungebildet, Starke und
Schwache werden sich erfreulich sonnen am lebendig machenden Lichte aus den
Himmeln.) Herr, wie herrlich ist nun Dein Name in allen Landen!‘
[GEJ.08_121,07] Als Ich den Psalm also von
der Marmorplatte abgelesen hatte, da hatten alle eine große Freude, und der
Wirt bat Mich, daß Ich ihm denn auch ganz kurz die Erklärung dieses Psalmes
geben möchte; denn es komme ihm vor, daß darunter ein weiser und prophetischer Sinn
verborgen sei.
[GEJ.08_121,08] Und Ich sagte zu ihm: „Da
hast du abermals ganz richtig geurteilt, und Ich werde dir auch den verborgenen
Geist der Wahrheit zeigen; aber du wirst ihn nicht völlig fassen, weil David da
von der noch fernen Zukunft sprach und sang.“
[GEJ.08_121,09] Hierauf erklärte Ich den
verborgenen Geist des Psalmes in der Weise – nur etwas gedehnter –, als er hier
nun in den Einschlußzeichen kurz und leicht verständlich dargestellt ist. Damit
war der Wirt sehr und dankbarlichst zufrieden und die andern alle auch; denn
sie fanden das mit dem völlig übereinstimmend, was Ich ihnen schon bei andern
Gelegenheiten über das Los Meiner Lehre und über die ferne Zukunft geweissagt
hatte in wohlverständlicher Rede.
[GEJ.08_121,10] Darauf führte uns der Wirt zu
einem uralten Schrank, der gar zierlich aus Zedern- und Ebenholz gemacht war,
öffnete ihn und sagte: „Dieser Schrank enthielt die besonderen Schriften und
Aufzeichnungen des großen und mächtigen Königs, von denen sich nun nichts mehr
vorfindet. Ich benutze ihn aber nun zum Aufbewahren alles dessen, was ich an
Schätzen, aus jenen Zeiten herstammen sollend, besitze.“
[GEJ.08_121,11] Er öffnete darauf mehrere
geheime Fächer dieses großen Kastens und zeigte uns eine Partie Darmsaiten, die
David selbst gemacht hatte, eine Steinschleuder und ein paar Steine, dann eine
Lanze, mehrere Schreibtafeln, was alles die Römer mit großer Aufmerksamkeit
betrachteten und bewunderten.
[GEJ.08_121,12] Mich aber fragte der Wirt,
sagend: „Herr und Meister, ist dieses Reliquienzeug wohl echt aus den Zeiten
Davids?“
[GEJ.08_121,13] Sagte Ich: „Freund, ob echt
oder unecht, das ist da nun wohl einerlei, denn alles das hat für den wahren,
nur nach dem Geiste der Lebenswahrheiten aus Gott strebenden Menschen gar keinen
Wert. Was aber als Hinterlassenschaft des weisen Königs der Juden einen Wert
hat, das ist der Geist in seinen Schriften und Gesängen, und auch das, was die
Chronik von seinen Taten für die Menschen aufbewahrt hat. Denn einst im andern
Leben wird der Mensch nur von dem sein seligstes Dasein haben, was er sich
durch gute Taten nach dem Willen Gottes zu eigen gemacht hat.
[GEJ.08_121,14] Übrigens schadet es einer
durch gute Taten edlen und reinen Seele nicht, so sie eine Freude an den
geschichtlichen Altertümern hat; nur enthalte sie sich einer Art übertriebener
Verehrung für derlei Dinge, die als in sich tote Gegenstände für ihr inneres
Leben keinen Wert haben können.
[GEJ.08_121,15] Wer solche Dinge zu hoch
verehrete, der triebe mit ihnen eine Art schädlicher Abgötterei und verfiele am
Ende leicht in allerlei Aberglauben. Und das wäre eben dem finsteren Heidentume
gleich, dem um des Reiches Gottes willen, das nun zu allen Menschen kommt, nach
allen Richtungen zu steuern ist, auf daß es nicht in der neuen Lehre Wurzel
fasse, sie verunreinige, verderbe und den inneren Sinn des dir erklärten Psalms
vor der Zeit unter den Menschen bewahrheite, in der die Menschen eben durch
allerlei Aberglauben von einer Gottlosigkeit in die andere versinken werden.
[GEJ.08_121,16] Darum zeige du diese
Reliquien auch nur solchen Menschen, die von keinem Aberglauben beseelt sind,
sondern sie nur als pure geschichtliche Dinge betrachten und ihnen keine
sogenannte magische Heilswirkung beilegen.
[GEJ.08_121,17] Sieh an die Berge und ihr
Gestein! Das sind Werke der Macht und Weisheit Gottes und sind für dich schon
unaussprechbar alt, sind als solche sicher um gar vieles denkwürdiger als die
Werke von der Hand eines Menschen. Welcher Vernünftige aber möchte die Berge
darum verehren oder gar anbeten, weil sie unfehlbar Werke der Allmacht und
Weisheit Gottes sind und ein überhohes Alter aufzuweisen haben! Sie sind und
bleiben Materie und haben ihre Bestimmung zum Nutzen der Erde.
[GEJ.08_121,18] Und so haben derlei
Altertümer auch nur den kleinen Nutzen, daß sie als Beweise der Geschichte
teilweise dienen können, insoweit sie als erweisbar echt betrachtet werden
können, was aber freilich für die nach der reinen Wahrheit forschenden Menschen
in allen Dingen eben etwas schwer darzutun ist.
[GEJ.08_121,19] Diese Sachen da sind zwar
echt, – aber so auch Ich dir das Zeugnis gebe, so erhöht das ihren Wert nicht.
Und so weißt du nun auch, was du von diesen Reliquien zu halten hast. Du kannst
nun diesen Schrank denn auch wieder schließen und uns in den andern Saal führen
der Römer wegen!“
122. Kapitel
[GEJ.08_122,01] Hier dankte Mir der Wirt
abermals auch für diese Belehrung, schloß den Schrank, und wir gingen in den
Saal gen Morgen. Der strotzte abermals von allerlei Schätzen und Altertümern,
an denen die Römer viel Behagen fanden.
[GEJ.08_122,02] Und unser Agrikola sagte:
„Freund, du und deine Eltern und Voreltern müßt sehr schweigsam gewesen sein
über das, was ihr besaßet und du nun noch besitzest; denn sonst hätten wir
davon doch schon irgendeine Kunde einmal nach Rom erhalten! Denn diese Schätze
haben einen doppelten Wert; erstens bestehen sie aus edlen Metallen, Perlen und
sehr kostbaren Edelsteinen, und dann haben sie namentlich für euch Juden einen
großen geschichtlichen Wert.“
[GEJ.08_122,03] Sagte der Wirt: „Mächtiger
Herr, es ist aber da auch in mehrfacher Hinsicht nötig, sehr schweigsam zu
sein, nicht so sehr der Römer als vielmehr der Priester wegen. Denn wüßten
diese um alles das, so hätten sie mir und diesem Hause schon sicher seit lange
her keine Ruhe gegeben und hätten auch schon so manches zu ihren
gewinnsüchtigen Zwecken davongeschleppt; aber da verraten wir nicht, was da
ist, obgleich wir schon viele Male von Priestern um dieses und jenes befragt
worden sind. Und so habe ich denn nun auch darum mehr Ruhe vor den Priestern,
weil ich mich mit allen meinen Besitztümern unter den Schutz der Römer gestellt
habe. In diesem oberen Stocke aber beherberge ich auch selten die Reisenden, da
sie zu ebener Erde und im ersten Stockwerk leicht untergebracht werden können
und ich noch andere Nebengebäude habe, in denen ich viele Reisende beherbergen
kann. Von Dieben und Räubern aber habe ich auch nichts zu befürchten; denn
erstens ist, wie ihr gesehen habt, dieses Haus mit starken und hohen Ringmauern
eingeschlossen, über die man nicht steigen kann, und zweitens ist diese Gegend
ringsum zu bevölkert und ehrlich, und die Diebe und Räuber halten sich da fern,
und so haben diese Schätze hier gut und sicher ruhen. Aber dort ist wieder eine
Psalmplatte! Der Herr wolle sie uns verdolmetschen!“
[GEJ.08_122,04] Sagte Ich: „Ja, ja, das wird
weiser sein, als lange zu bewundern die alten Schätze, die für die Seele und
für den Geist keinen Wert haben! So ihr euch aber in der Folge Schätze sammelt,
da sammelt euch solche, die vom Roste nicht zerstört und von den Motten nicht
zernagt werden können! Was nützen dem Menschen alle Schätze der ganzen Welt, so
er dabei an der Seele Schaden leidet? So in die Seele durch die Liebe zu den
toten Weltschätzen der Keim des Todes gelegt worden ist, durch den die Seele in
den Tod der Materie übergeht, – wer wird sie dann erretten aus den ehernen
Armen des Gerichtes, das der Seele Liebe und Scheinleben geworden ist?“
[GEJ.08_122,05] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, bei Gott sind ja doch wohl alle Dinge möglich!“
[GEJ.08_122,06] Sagte Ich: „Jawohl, das
sicher; aber in der Ewigkeit geht alles um gar vieles langsamer vorwärts als
auf dieser Welt, auf der alles nur eine gewisse Zeit, die stets sehr flüchtig
ist, dauert, sich bald und leicht verändert und in der Art, wie es da war, zu
sein für immer aufhört.
[GEJ.08_122,07] Im Reiche der Geister aber
gibt es keinen Zeitenflug mehr, und du kannst nicht sagen: ,Heute tue ich das
und morgen jenes!‘, sondern alles liegt schon als eine fertige Tat und als ein
ausgeführtes Werk in der Seele. So dies übler Art ist, woher wird die
fortlebende Seele dann einen neuen Stoff und eine neue Einsicht nehmen, um in
sich das daseiende Arge umzugestalten?
[GEJ.08_122,08] Es wird zwar dort den Seelen
wohl auch vergönnt sein, sich zu ändern; aber das wird dort bei sehr in die
Welt versunkenen Seelen oft höchst lange dauern, und am Ende wird doch nur
weniges als sicher erreicht werden. Denn die Liebe ist das Leben der Seele. Ist
diese geistig und somit nach der Ordnung in Gott gut, so hat die Seele auch ein
wahres und vollkommenes Leben in sich und lebt vollkommen in großer Klarheit
ewig fort, und das ist dann schon ein rechtes ewiges Leben; ist aber die Liebe
in der Seele eine materielle und somit eine tote, weil gerichtete, so ist das
Leben der Seele auch gleich der Liebe in ihr.
[GEJ.08_122,09] Solch ein Leben kann kein
wahres, sondern nur ein Schein- und Trugleben sein. Und weil es das ist, so ist
es auch kein ewiges Leben, weil es in seiner Unart nicht fortbestehen kann,
sondern sich ändern muß entweder zum Guten oder im schlimmsten Falle zum
Grundbösen, das da ist das harte Mußgericht und der eigentliche ewige Tod, aus
dessen harten Banden sich eine Seele ebenso schwer losmachen wird, als da ein
harter Stein sich selbst in ein reines und fließendes Quellwasser umwandeln
kann.
[GEJ.08_122,10] Darum habt die Welt nicht
lieb, sondern fliehet sie in ihrem verlockenden Wesen, und benützet ihre
Schätze zu guten Werken und ihr werdet dadurch die wahren für Seele und Geist
überkommen!
[GEJ.08_122,11] Und nun wollen wir sehen, was
dereinst David auf die vor uns in der Wand befestigte Steinplatte geschrieben
hat!
[GEJ.08_122,12] Was da geschrieben steht aber
lautet also (Ps.93): ,Der Herr ist König und herrlich geschmückt (mit Liebe,
Weisheit und Macht); der Herr ist geschmücket und hat ein Reich (das Reich
Gottes auf Erden) angefangen, soweit die Welt ist, und also zugerichtet, daß es
bleiben soll. Von dem an stehet der Stuhl (der Wahrheit und des Lebens) fest; Du,
o Herr, bist ewig! Die Wasserströme erheben sich, die Wasserströme erheben ihr
Brausen, die Wasserströme heben empor die Wellen. Die Wasserwogen im Meere sind
groß und brausen greulich; der Herr aber ist noch größer in der Höhe! Dein Wort
ist eine rechte Lehre, und die Heiligkeit ist die Zierde Deines Hauses
ewiglich.‘
[GEJ.08_122,13] Sehet, also lautet der ganz
kurze, aber überaus inhaltgroße und -schwere Psalm, der nun ganz in diese Zeit
sein verborgenes Licht ausbreitet und auch schon die Zukunft beleuchtet!
[GEJ.08_122,14] Der Stuhl der ewigen Wahrheit
wird nun wohl aufgerichtet für die ganze Erde und wird auch bleiben; aber die
Wasserströme der Heuchler, Lügner, der Pharisäer und falschen Propheten erheben
sich auch und fangen an, stets ärger gegen die Wahrheit, die aus den Himmeln zu
den Menschen dieser Erde gekommen ist, zu brausen, und heben ihre Machtwellen
gegen das Licht, um es zu ersticken. Auch die Wasserwogen im Meere sind groß
geworden und brausen greulich.
[GEJ.08_122,15] Das deutet auf die künftigen
großen Kämpfe zwischen Licht und Finsternis; aber des Herrn Wahrheit steht über
ihnen und wird endlich siegen über alles, was falsch und böse ist. Die Waffe
wird sein das reine Wort aus dem Munde Gottes, eine rechte Lehre des Lebens,
und wird bleiben ewig; denn wie Gott ewig ist und mächtig, also ist es auch
Sein Wort! Und wie die Heiligkeit das Licht und die Zierde Gottes ist, also ist
sie auch die Seines Wortes und Seiner Lehre.
[GEJ.08_122,16] Das Haus Gottes aber ist
nicht etwa der tote Tempel zu Jerusalem, sondern die Menschen, die das Wort
Gottes hören, es mit Freuden in sich aufnehmen und danach leben. – Nun habe Ich
euch denn auch diesen Psalm vorgelesen und erläutert; an euch aber ist es nun,
es Mir offen zu bekennen, ob ihr den Psalm auch richtig verstanden habt.“
[GEJ.08_122,17] Sagte darauf der Wirt: „O
Herr und Meister, wer soll das auch nicht verstanden haben? Denn was David aus
seinem von Gott ihm eingehauchten Geiste geschrieben hat, das stehet ja nun
tatsächlich wunderbarst vor uns und enthüllt uns auch schon die ferne Zukunft,
so wie nun die Gegenwart. Das Brausen der Wasserströme und die großen
Meereswogen gefallen mir wohl freilich durchaus nicht; aber was läßt sich
dagegen tun und was dawider vorkehren? Denn solange die Welt das bleiben muß,
was sie ist, ein läuterndes Jammerhaus für die Seelen der Menschen, und solange
auf der Erde der Tag mit der Nacht wechselt und der Mensch seinen freien Willen
haben wird, wird es auch schwerlich je ganz helle werden in den Gemeinden und in
den Herzen der Menschen. Wohl dem, der das Licht überkommt und es dann zum
Glücke seines Hauses in seinem Hause behält und wohl pflegt!“
[GEJ.08_122,18] Sagte Ich: „Da hast du recht;
aber wer ein rechtes Licht in seinem Hause hat und pflegt, der halte es nicht
ganz verborgen, sondern lasse es auch von Zeit zu Zeit bei guter Gelegenheit
über sein Haus hinaus leuchten! Und wenn das dann viele Häuser tun werden, dann
wird auch des Geistes Finsternis in der Welt sich sehr vermindern, und die
Nacht selbst wird zum Tage werden. – Aber nun lasset uns denn noch die andern
Gemächer dieses Hauses in seinem zweiten Stockwerke besehen! Denn die Römer
möchten alles in Augenschein nehmen!“
123. Kapitel
[GEJ.08_123,01] Darauf durchwanderten wir alle
Gemächer, die mit allerlei Kostbarkeiten geschmückt waren.
[GEJ.08_123,02] Als wir darauf wieder in
unseren Speisesaal kamen und uns zu dem Tische, der noch mit allerlei Speisen
und Getränken wohlbesetzt war, setzten und einer und der andere auch noch etwas
aß und trank, da sagten die Römer: „Fürwahr, das ist ein wahres Königshaus und
zeugt von der einstigen Größe des Judenvolkes! Nur eines wundert uns, und das
besteht geschichtlich darin, wie dieses Haus in der Zeit der Herrschaft
Babylons, die doch lange nach dem Könige David durch volle vierzig Jahre
dauerte, verschont worden ist! Denn wie man es liest, so hat der König
Babylons, als er dieses Land erobert hatte und Jerusalem und den Tempel
zerstört, sich auch aller Schätze dieses Landes bemächtigt und sie nach Babylon
geschleppt. Hatte er da keine Kenntnis von den großen Schätzen dieses
merkwürdigen alten Königshauses?“
[GEJ.08_123,03] Sagte der Wirt: „Nach der
Chronik dieses Hauses haben die Babylonier dieses Haus verschont! Denn erstens
trieben sie ihr Wesen doch hauptsächlich nur in und um Jerusalem in den
gewissen zehn Städten, auch in Samaria und auch in Galiläa. Diese damals noch
sehr armselig aussehende Gegend um Bethlehem schonten sie mehr und nahmen ein
mäßiges Lösegeld; die Bewohner aber führten sie nicht in die Gefangenschaft,
sondern verlangten von ihnen nur die Untertänigkeit, die volle Anerkennung der
Herrlichkeit Babylons und die jährliche Zahlung des Tributs. Wer sich willig
dazu bekannte und ihnen das Verlangte an dem festgesetzten Termine abgab, der
hatte dann Ruhe; aber wo die Babylonier auf einen hartnäckigen Widerstand
kamen, da wurde freilich alles niedergemacht, und Häuser und Städte wurden
geplündert und verwüstet. Dies war aber in Bethlehem nicht der Fall, und so
steht das alte Bethlehem noch, wie es in den Zeiten Davids erbaut worden ist,
und also auch dieses Haus. Zudem hatte diese Gegend, die noch stets Gott dem
Herrn am getreuesten geblieben ist, Gott auch nicht so hart heimsuchen lassen
wie das stolze alte Jerusalem und auch die zehn reichen Handelsstädte, die viel
Goldes und Silbers besaßen. Das scheint nach meiner Ansicht denn auch der Grund
zu sein, aus dem sich die Babylonier hier milder benommen haben denn in den
anderen Städten und Orten.“
[GEJ.08_123,04] Sagte Agrikola: „Ja, ja, es
wird sich das schon also verhalten; denn so die Babylonier Herren dieses großen
Judenreiches geworden sind, da durften sie es ja vernünftigermaßen nicht von
allen Arbeitskräften entblößen. Hätten sie das getan und das Land menschenleer
gemacht, von wem hätten sie sich den Tribut können bezahlen lassen? Daß sie
aber die Menge der damals Vorzüglichsten als Geiseln nach Babylon in die
Gefangenschaft werden geschleppt haben, das ist ganz sicher und wahr, und so
kann dieser Ort und diese Gegend, wo sich das Volk ruhig und ohne Widerstand
ergab, auch mehr verschont worden sein. Wir Römer, die wir als Krieger und
Eroberer mit den Eroberten auch sicher nicht zu barmherzig umgehen, tun das
auch und erweisen uns gegen ein Volk oder gegen eine Stadt oder Gemeinde, die
sich uns frei und freundlich ergibt, nie als Feinde, sondern sogleich als
Freunde.“
[GEJ.08_123,05] Hierauf bat der Wirt die
Römer, daß sie daheim von dem, was sie hier gesehen haben, keinen Verrat machen
möchten.
[GEJ.08_123,06] Sagte Agrikola: „Sorge du
dich nicht darum, denn uns Römern ist das Eigentumsrecht heilig, und unsere
Gesetze hängen die Diebe, Räuber, Mörder und Verräter ans Kreuz! Habe du darum
ganz sorglos, was du hast, und sei gegen die Armen nach deinem Vermögen
wohltätig, wie es dir der Herr und Meister angeraten hat, so wirst du Ruhe
haben, denn auch wir Römer glauben an den Herrn und an die Erfüllung Seiner
Verheißungen.“
[GEJ.08_123,07] Nach diesen Worten des Römers
erhoben wir uns vom Tische, begaben uns wieder ins Freie und fingen an,
Anstalten zum Rückzuge nach Bethanien zu ordnen, von denen aber freilich der
Wirt nichts wissen wollte. Da wir aber doch darauf bestanden, so bat er uns,
doch noch wenigstens eine Stunde bei ihm zu verbleiben. Das taten wir denn
auch, besprachen uns noch über manches und traten dann, vom Wirte begleitet,
den Rückweg an. Der Wirt, sein Weib, seine Kinder und auch seine Mutter samt
dem geheilten Knechte aber dankten Mir noch vor der Abreise auf das innigste
und baten Mich, daß Ich ihrer nicht vergessen möchte, wenn sie wieder elend
würden. Ich versicherte sie dessen, gab ihnen Meinen Segen und entließ sie dann
bis auf den Wirt, der, wie schon bemerkt, uns bis nach Bethanien begleitete.
124. Kapitel
[GEJ.08_124,01] Es war aber schon ziemlich
spät am Nachmittage, und es ist darum auch begreiflich, daß wir so ziemlich
spät nach dem Untergang in Bethanien ankamen, wo aber dennoch zu unserem
Empfang alles bestens vorbereitet war, weil Raphael in des Lazarus Hause alles
anzeigte, daß und wann wir zurückkommen würden. Auf dem Wege aber ereignete
sich diesmal nichts besonders Erwähnenswertes. Wir zogen ganz ruhig unseren Weg
weiter.
[GEJ.08_124,02] Die Römer besprachen sich mit
Lazarus und mit den Wirten, die bei uns waren, über so manches, und auch Meine
Jünger redeten über die Erscheinung dieses Tages viel unter sich.
[GEJ.08_124,03] Ich Selbst aber redete wenig,
ging zumeist schweigend voraus und hatte niemanden an Meiner Seite. Ich aber
tat das um des schnelleren Weiterkommens wegen; denn sonst hätten die, welche
viel miteinander zu reden hatten, alle Augenblicke ein sogenanntes
Plauderständchen gemacht, und wir wären vor Mitternacht schwerlich ganz nach
Bethanien gekommen, indem wir uns ohnehin noch beim Talwirte eine kleine Stunde
aufzuhalten hatten, da Ich es der Familie am Morgen versprochen hatte.
[GEJ.08_124,04] Bei unserem raschen
Fortschreiten gelangten wir denn auch in etlichen Stunden Zeit zum Talwirte,
der uns alsbald Brot und Wein aufsetzen ließ und Mich bat, daß Ich eine kleine
Stärkung zu Mir nehmen möchte, was Ich denn auch tat der Anwesenden wegen, weil
diese sich, bis auf unseren Judas Ischariot, nicht getraut hätten, vor Mir
etwas zu nehmen; aber als Ich etwas Brot und Wein zu Mir nahm, da griffen dann
alle recht wacker zu und aßen und tranken.
[GEJ.08_124,05] Es waren aber hier auch
einige Jünger Johannes des Täufers zugegen, die zwar noch viel vor uns hierher
gekommen waren, weil sie willens waren, nach Galiläa zu gehen, allwo sie etwas
zu verrichten hatten; aber da sie von der Hauswirtin vernommen hatten, daß Ich
am Abend hier mit vielen Jüngern anlangen würde, so blieben sie in dieser
Talherberge, um Mich zu sehen, zu hören und zu sprechen.
[GEJ.08_124,06] Als wir aber ankamen und in
der großen Speisestube Platz genommen hatten und uns mit Brot und Wein labten,
da ärgerten sich heimlich diese Johannesjünger, daß wir ihnen nicht alsogleich
bei unserem Eintritte unsere Aufmerksamkeit gespendet hatten.
[GEJ.08_124,07] Und es kam einer zu Mir und
sagte: „Herr und Meister, wissen denn Deine Jünger nicht, daß man sich zuvor
die Hände waschen soll, besonders nach einer zurückgelegten Reise, bevor man
ein Brot in die Hände nimmt, es bricht und dann ißt? Ich aber sehe, daß alle
Deine Jünger mit ungewaschenen Händen das Brot brechen und dann essen! Es hat
ja auch Moses das befohlen, und was dieser befohlen hat, das soll ein wahrer
Jude ja auch tun!“
[GEJ.08_124,08] Als die Jünger und auch die
Römer diese Anrede an Mich vernahmen, da wurden sie ärgerlich und wollten dem
Johannesjünger mit unsanften Worten einen Verweis geben.
[GEJ.08_124,09] Ich aber beruhigte sie und
sagte darauf: „Lasset den Ärger von eurer Seele, denn dieser verunreinigt den
Menschen im Herzen, und das ist vom Übel; aber das Brot mit ungewaschenen
Händen brechen und essen verunreinigt den Menschen nicht. So euch Jünger des
Johannes aber das ärgert und ihr aber schon zum voraus erfahren habt, daß Ich
an diesem Abend hier anlangen werde, warum habt ihr denn Mir zur Ehre nicht
Anstalten getroffen, daß uns schon bei unserem Eintritt Wasser und ein
Waschbecken samt Tüchern nach der Weise der Juden wäre vorgestellt worden!
[GEJ.08_124,10] Ich sage euch, ihr durchs
Wasser gereinigten Johannesjünger, ihr beachtet auch gleich den Juden alles
äußere Gepränge genau und waschet und reiniget euch siebenmal am Tage, auf daß
ihr stets reinen Leibes verbleibet; aber eure Herzen und Seelen sind noch sehr
ungewaschen, und ihr stehet darum auch noch ferne vom Reiche Gottes.
[GEJ.08_124,11] Johannes hat in der Wüste
Buße gepredigt mit scharfer Rede zur Vergebung der Sünden und hat seine Jünger,
die sein Wort annahmen und Buße gewirkt haben, im Flusse Jordan getauft und hat
allen gezeigt den Weg zu Mir, Dem es allein zukommt, den Menschen ihre Sünden
wahrhaft zu vergeben! So ihr aber nun vor Mir stehet, wie kommt es denn, daß
ihr euch so benehmet, als wäret ihr über Mich und über Meine Jünger? Hat euch
das auch Johannes gelehrt?“
[GEJ.08_124,12] Auf diese Meine Antwort und
schließliche Frage ward der Jünger des Johannes sehr verlegen und wußte nicht,
was er Mir hätte erwidern sollen.
[GEJ.08_124,13] Da trat aber ein anderer, der
bescheidener war, vor und sagte zu Mir: „Herr und Meister, ich habe den weisen
Sinn Deiner Rede vernommen und in ihm die vollste und reinste Wahrheit ersehen;
doch aber hat er mir mein Herz ganz trübselig gemacht, als Du uns eben sagtest,
daß wir noch ferne vom Reiche Gottes uns befinden, während wir schon des
Glaubens waren, in der Mitte desselben zu stehen. Was sollen wir denn tun, um
in das Reich Gottes zu gelangen?“
[GEJ.08_124,14] Sagte Ich: „Tuet das, was
Meine Jünger tun, und richtet die Menschen nicht nach dem Außenschein, sondern
nach dem inneren Wert! Kehret allzeit nur vor eurer Haustüre, und sehet nicht
auch schon zuvor nach des Nachbars Tür, ob der Weg zu ihr schon gefegt ist!
Wenn ihr den Weg vor eurer Tür gereinigt haben werdet, dann erst könnet ihr
auch zum Nachbar sagen: ,Freund, siehe, ich habe meinen Weg vor meines Hauses
Tür schon gereinigt, du aber noch nicht; so du Zeit und Muße hast, da reinige
denn auch den Weg zu deines Hauses Tür! Hast du aber ein anderes dringlicheres
Geschäft, da laß es zu, daß ich auch deinen Weg rein mache!‘ Wenn dann dein
Nachbar zu dir sagen wird: ,Tue mir den Liebesdienst!‘, dann kannst du den Weg
vor deines Nachbars Tür reinigen; doch zuvor reinige den deinen!
[GEJ.08_124,15] Ein jeder Jünger ist niemals
mehr denn sein Meister. So er aber durch Fleiß und Eifer so vollkommen wird,
wie da ist sein Meister, dann wird er ihm auch gleichen. Wenn der Jünger aber
dem Meister gleicht, da wird er auch tun, was sein Meister tut und getan hat.
Dann auch hat er aufgehört, ein Jünger zu sein, und ist gleich auch ein
Meister. Ist er das, dann erst kann auch er sich Jünger dingen und sie lehren
seine Kunst und Wissenschaft vollkommen.
[GEJ.08_124,16] Ihr aber seid noch lange
keine Meister, sondern nur höchst schwache Jünger des Johannes. Wie könnet ihr
euch denn nun schon selbst Jünger anwerben und sie lehren etwas, das ihr selbst
nicht kennet? Ist es denn nicht schon eine alte Lebensregel, nach der niemand
jemandem etwas geben kann, was er zuvor nicht selbst besitzt? Wie könnet ihr
denn eure Jünger die Erkennung des Reiches Gottes lehren, dem ihr selbst noch
ferne seid? Lernet daher zuvor selbst das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit
erkennen von dem Meister, der das Reich Gottes in sich hat und es euch auch
geben kann! Habt ihr es dann in euch vom rechten Meister überkommen, dann erst
könnet ihr es auch den andern Menschen, die es haben wollen und suchen,
mitteilen und geben, und der rechte Meister wird euch darum loben und eine
rechte Freude an euch und euren Jüngern haben!
[GEJ.08_124,17] Aber wenn ein Meister
euresgleichen als Führer der andern, die blind sind, noch selbst blind ist,
wohin wohl wird er seine Jünger bringen? Werden da nicht Führer und Jünger, so
sie zu einer Grube kommen, zugleich hineinfallen, wo dann keiner dem andern
wird heraushelfen können? So ihr aber schon durchaus Lehrer sein wollet, so
lernet es selbst zuvor von Dem, der da ist ein wahrer Meister und Lehrer!“
125. Kapitel
[GEJ.08_125,01] Als dieser zweite Jünger des
Johannes solches von Mir vernommen hatte, da sagte er: „Herr und Meister, wir
erkennen, daß Du allein ein rechter und wahrster Meister und vollkommenster
Lehrer bist; nimm Du uns nun zu Deinen Jüngern an, und wir wollen Dir folgen
und alles von Dir erlernen! In einem Tage werden wir von Dir sicher mehr
erlernen, als wir bei Johannes in einem Jahre erlernt haben. Wir wollen Dir
folgen, wohin Du auch immer ziehen willst!“
[GEJ.08_125,02] Sagte Ich: „Das wäre wohl ein
ganz guter Vorsatz von euch; aber bevor Ich zu euch sage: ,Kommet!‘, muß Ich
euch noch auf etwas aufmerksam machen; steht euch das nicht im Wege, dann möget
ihr Mir immerhin als Jünger folgen! Sehet, die Vögel haben ihre Nester und die
Füchse ihre Löcher; aber Ich als des Menschen Sohn habe auch nicht einmal einen
Stein auf der ganzen Erde, den Ich unter Mein Haupt legen könnte! Habt ihr aber
ein rechtes Vertrauen und einen lebendigen Glauben, so möget ihr Mir folgen!“
[GEJ.08_125,03] Sagte ein anderer Jünger:
„Herr und Meister, wir benötigen nur Deiner Lehre, – unseren Leib werden wir
schon selbst versorgen; denn wir sind vermögliche Leute und brauchen nicht, daß
wir vom Meister auch ernährt werden sollen.“
[GEJ.08_125,04] Sagte Ich: „Was Ich zu euch
gesagt habe, das habe Ich nicht darum gesagt, als wollte Ich euch von dem
Tische fernehalten, an dem Ich noch allzeit mit allen Meinen Jüngern gespeiset
habe; aber darum habe Ich das zu euch gesagt, daß ihr als Meine Jünger nicht
etwa an einen materiellen Erwerb an Meiner Seite denken sollet, – denn so etwas
gibt es bei Mir nicht! Bei Mir ist nur ein Erwerb für sich gestattet, und der
heißt: das Reich Gottes und das ewige Leben! So ihr nur um dessentwillen Mir
als Jünger folgen wollet, so könnet ihr Mir auch folgen!“
[GEJ.08_125,05] Sagte der Jünger: „Herr und
Meister! Wir haben Weiber und Kinder, und haben auch Häuser, Äcker, Wiesen,
Gärten und Weinberge und Ochsen, Kühe, Kälber, Esel, Schafe, Ziegen und
allerlei zahmes Geflügel in großer Menge, und wir treiben mit allem dem denn
auch einen rechtmäßigen Handel und haben noch nie jemanden übervorteilt.
Solches hat uns auch der sonst überstrenge Prophet Johannes nicht verwehrt und
dabei gesagt, daß es Gott wohlgefällig sei, so der Mensch arbeitet und also
gerecht sorgt fürs Haus und für alle ihm Angehörigen; wer aber mit den Gaben,
die ihm Gott beschert hat, einen Wucher treibe, der werde von Gott mit zornigen
Augen angesehen werden und keine Gnade bei Ihm finden.
[GEJ.08_125,06] Wir gingen sonach denn auch
unter die Menschen und erzählten ihnen, was wir von Johannes gesehen und gehört
hatten. Nun, bei solchen Gelegenheiten haben wir denn freilich auch dessen
Erwähnung gemacht, daß wir dies und jenes zu verkaufen haben um einen möglich
billigsten Preis; und es wurden uns nach dem gemachten Antrage denn auch die
angebotenen Dinge gern und häufig abgekauft, und wir konnten mit dem Erlösegeld
unser Hauswesen stets ehrlich und wohl bestellen. Darin bestand denn hernach
auch der Erwerb, den wir mit unserem Jünger- und nun Predigeramte verbanden. So
Dir, o Herr und Meister, aber das nicht genehm wäre, wenn wir als Deine Jünger
auch dann und wann an Deiner Seite unserer Häuser und Familien gedächten, da
können wir uns auch davon enthalten und für die Besorgung unseres Hauswesens
ganz andere Verfügungen treffen. Du darfst uns denn nur Deinen Willen
bekanntgeben, und wir werden danach handeln!“
[GEJ.08_125,07] Sagte Ich: „Ihr könnet tun,
wie ihr wollet; denn ein jeglicher Mensch hat seinen vollkommen freien Willen.
So aber jemand als Mein Jünger Mir folgt zur Gewinnung des Gottesreiches, der
muß bis zur Zeit der vollen geistigen Neugeburt Haus, Weib und Kinder aus Liebe
zu Mir verlassen; denn beim Suchen und Forschen nach dem Reiche Gottes muß er
alle Sorge um Dinge dieser Welt Dem allein überlassen, der um alles weiß, und
dessen allmächtiger Wille alles vermag. Denn sorgt sich ein wahrer Jünger an
Meiner Seite auch um Dinge der Welt, so gleicht er einem Ackersmann, der seine
Hände wohl an den Pflug legt, sich aber dabei stets nach rückwärts umsieht,
nicht achtet auf den Gang des Pfluges und sonach nicht geschickt ist zum Reiche
Gottes.
[GEJ.08_125,08] Da sehet Meine alten Jünger!
Sie haben um Meinetwillen auch Haus, Hof und Weiber und Kinder verlassen und
sind Mir nachgefolgt; aber ihr irdisches Hauswesen besteht fort und ist
versorgt.
[GEJ.08_125,09] Wer als Mein Jünger der Welt
nicht völlig entsagen kann, der wird nicht stark im Gottesreiche werden; denn
Gott und der Welt dienen, geht schwer oder auch wohl gar nicht. So aber jemand
im Reiche Gottes stark geworden ist, dann erst kann er wahrhaft auch aller Welt
nützlichst dienen.
[GEJ.08_125,10] Als in den älteren Zeiten auf
den gewissen Bergen noch die wahren Schulen der Propheten bestanden, da mußte
der, welcher ein rechter Prophet werden wollte, sich von aller Welt völlig
zurückziehen und in sich suchen das lebendige Wort Gottes; hatte er das
gefunden, so wurde er auch freigelassen und war so erst fähig, der Welt
wahrhaft nützend zu dienen.
[GEJ.08_125,11] Wie aber die wahren Propheten
und in der Vorzeit auch die Patriarchen der Welt gedient und genützt haben, das
kennet ihr aus der Schrift, und Ich brauche es euch nicht zu erzählen. Und
somit kennet ihr nun Meinen Willen und Meinen Rat und könnet nun tun, wie es
euch beliebt.
[GEJ.08_125,12] Wer nicht zuvor völlig Gottes
wird, ehe er wirkend kehrt zur Welt, den verführt die Welt und verschlingt bald
und leicht sein Herz und seine Seele; wer aber zuvor ganz Gottes geworden ist,
dem kann die Welt nichts mehr anhaben; denn er hat um sich einen festen Damm
und für sich eine Burg erbaut, die von den Pforten der Hölle nicht überwunden
werden kann.“
[GEJ.08_125,13] Als die etlichen
Johannesjünger solches von Mir vernommen hatten, da dachten sie nach, was sie
tun sollten.
[GEJ.08_125,14] Einer von ihnen, der zuerst
geredet hatte, aber sagte zu den andern: „Wisset, ich rate, daß wir nun
alsogleich bleiben, so wir Ihm als Jünger folgen wollen! Unser Hauswesen ist
ohnehin gut bestellt, und an Arbeitern und Mitteln fehlt es ihm nicht, und eines
Weiteren bedarf es nicht. Was der Herr und Meister aber zu uns nun gesagt hat,
das ist wahr, und wir wollen denn auch sogleich bei der Wahrheit verbleiben!“
[GEJ.08_125,15] Hierauf traten sie zu Mir und
baten Mich, daß Ich ihnen erlaube, alsogleich zu bleiben.
[GEJ.08_125,16] Und Ich sagte: „So bleibet,
und werdet zu guten und tätigen Arbeitern in Meinem Weinberge!“
[GEJ.08_125,17] Sagte einer: „Herr und
Meister! Wie hast Du denn einen Weinberg nun und hast doch zuvor bekannt, daß
Du auch nicht einen Stein besäßest, den Du unter Dein Haupt legen könntest?“
[GEJ.08_125,18] Sagte Ich: „Diese Welt ist
Mein Weinberg, und die Menschen, die Mein Wort hören und halten und an Mich,
den wahren Gottessohn, glauben, sind die guten und edlen Reben, die durch ihre
guten Werke Mir auch viele Frucht bringen werden; aber zwischen den edlen Reben
gibt es auch gar viele unedle, und diese sollen auch veredelt werden, und dazu
benötiget es vieler und kräftiger Arbeiter. Wohl denen, die sich als tüchtige
Arbeiter in solchem Meinem Weinberge erweisen werden, und zwar aus Liebe zu
Gott und zum Nächsten!“
[GEJ.08_125,19] Nach diesen Worten dankten
sie Mir und blieben und fingen an, sich mit Meinen alten Jüngern zu besprechen.
126. Kapitel
[GEJ.08_126,01] Als aber nun diese Sache geordnet
war, da kam auch der Hauptmann aus Bethlehem, den wir in der Herberge verlassen
hatten, mit noch etlichen Gefährten uns zu Pferde nach; denn er wollte Mich
noch einmal sehen und hören und hatte auch mit den Römern noch manches zu
besprechen.
[GEJ.08_126,02] Als er draußen die Pferde den
Knechten übergeben hatte, da kam er sogleich zu uns ins große Zimmer und sagte
zu Mir (der Hauptmann): „O Du großer Herr und Meister! Als ihr die Herberge
verlassen hattet, bin ich erst wie aus einem Traume erwacht und wollte mich
erst so ganz Dir anempfehlen, aber da waret ihr schon über Berg und Tal. Mich
aber ergriff darauf eine übermächtige Sehnsucht, Dich noch einmal zu sehen, zu
sprechen und zu hören. Ich ließ mir denn auch alsobald die besten Reitpferde
von Bethlehem bringen und ritt mit diesen meinen Gefährten hierher im schnellen
Trabe und vernahm draußen von den Leuten dieses Hauses, daß Du hier eine kleine
Rast genommen hast. Da hüpfte mir vor Freude das Herz im Leibe. Ich sprang samt
meinen Gefährten eiligst vom Pferde und eilte herein und bin nun da, um Dich zu
begrüßen und Dir von ganzem Herzen zu danken für die endlos große Gnade, die
ich von Dir zum Heile auch meiner Heidenseele empfangen habe. Nimm daher, o
Herr und Meister, auch gnädig solchen meinen Dank an!“
[GEJ.08_126,03] Sagte Ich: „Freund, solcher
Heiden mehr, wie du einer bist, so wird es bald licht und helle unter den
Menschen auf dieser Erde werden! Aber leider gibt es solche Menschen und Heiden
nur wenige, und so steht trotz Meiner Darniederkunft dem Menschen im
allgemeinen eine lange andauernde geistige Nacht bevor, in der noch viele
Kriege pro und contra geführt werden, aber es wird dabei der wahre Sieg der
ewigen Wahrheit über die Nacht alles Falschen und Bösen ein unentschiedener
verbleiben.“
[GEJ.08_126,04] Sagte der Hauptmann: „Herr
und Meister! In der großen Herberge bei Bethlehem hat es Dich nur eines Wortes
und Willens gekostet, und zwei von allen Ärzten für unheilbar erklärte Kranke
wurden gesund. Weil Dir das möglich war, so wäre es Dir ja auch ebenso leicht
möglich zu sagen: ,Höret, ihr finsteren Seelen! Ich will, daß es in euch licht
werde!‘, und siehe, es würde durch ein solches Machtwort, von Dir mit Willen
ausgesprochen, sicher auf der ganzen Erde auch nicht mehr einen finsteren und
bösen Menschen geben!“
[GEJ.08_126,05] Sagte Ich: „Da hast du
einesteils wohl ganz recht; aber Ich, der Ich es wohl am besten kenne, wie der
ganze Mensch beschaffen ist und auch also beschaffen sein muß, um ein Mensch
und kein Menschtier zu sein, sage dir da, daß der Mensch nur dem Leibe nach
eine gar kunstvoll und weise eingerichtete Maschine ist, deren Gesundheit,
Erhaltung und Gebrauchsfähigkeit nicht von der Freiheit des menschlichen
Willens abhängt, sondern allein von Dem, der sie geschaffen und gebaut hat.
Wenn denn der Maschine etwas fehlt, da kann der Meister derselben auch leicht
durch Seinen allmächtigen Willen helfen, ohne dadurch der Erkenntnis-,
Glaubens- und Willensfreiheit des Menschen nur im geringsten schädlich zu
werden. So Ich es aber auch mit jemandes Seele und Geist so täte, so wäre ihre
eigene Lebenskraft, die da besteht in ihrer freien Liebe, in dem ebenso freien
Denken, Forschen und Erkennen, im Glauben und im freien Wollen, so gut wie
gebrochen und zerstört und mit ihr denn auch alle individuelle Selbständigkeit.
Was hätte dann eine solche Seele, was am Ende Ich Selbst davon?
[GEJ.08_126,06] Die Seele des Menschen muß
daher durch einen guten Unterricht und dann durch ihr eigenes Forschen, Prüfen,
Erkennen, Glauben und Wollen ins innere, lebendige Licht ihres aus Gott ihr
innewohnenden Geistes gelangen, dann ist ihr für ewig wahrhaft geholfen; jede
andere Gewalt, ihr nach deiner Idee zu helfen, würde nur zerstörend und nie
heilend auf ihre Lebenselemente einwirken.
[GEJ.08_126,07] Und siehe, darum denn nehme
Ich auch Jünger an und lehre Selbst also, wie da lehret ein recht weiser Vater
seine Kinder, was sie zu glauben, zu kennen und dann zu tun haben; denn würde
Ich sie mit Gewalt auf einen Schlag mit Meinem Geiste erfüllen, so wäre es mit
ihrer eigenen Selbständigkeit, mit ihrem eigenen Suchen, Forschen, Prüfen,
Erkennen, Glauben und Wollen aus, aber auch aus mit ihrem individuellen Leben
und mit dessen Freiheit.
[GEJ.08_126,08] So Ich sie aber nun lehre,
die volle Wahrheit zu erkennen und danach selbständig zu handeln, so ist
dadurch ihrer Seelen vollste Freiheit nicht im geringsten gehemmt, und was sie
sich nach Meiner Lehre ehest werden errungen und erkämpft haben, das wird dann
ihr Werk und auch ihr volles Eigentum sein.
[GEJ.08_126,09] Und siehe, das ist denn auch
also nach der ewigen Ordnung der Wille Gottes für die wahre und allein wahrhaft
nützliche Lebensbildung der Menschen auf dieser Erde, und nur auf diese Art und
Weise kann eine Seele zum wahren, ewigen Leben gelangen und am Ende gottähnlich
zur Selbstschöpferin ihres Lebens und ihres Himmels werden!
[GEJ.08_126,10] Aus diesem dir nun dargetanen
Grunde ist es Mir wohl ein leichtes, eines Menschen kranken Leib, aber nicht auch
damit eine kranke und finstere Seele zu heilen. Ich heile aber wohl auch die
Seelen, aber nur durch Meine Lehre, wenn sie dieselbe gläubig annehmen und dann
danach wollen und handeln. Wer aber das will, der hat eben in solchem festen
Willen schon ohnehin Meinen Geist sich angeeignet und in ihm eine hinreichende
Lebenshilfskraft in sich, die er dann mit allem Recht sein nennen kann, wenn er
auch einsieht, daß das dennoch nur Meine Kraft in ihm ist und handelt und
waltet.
[GEJ.08_126,11] Wer daher Gelegenheit hat, zu
erteilen den Menschen Meine Lehre und Meinen Willen, der wird als ein treuer
Arbeiter in Meinem Menschenlebensweinberge auch seinen Lohn in Meinem Reiche
überkommen. – Hast du das nun wohl aufgefaßt und begriffen?“
127. Kapitel
[GEJ.08_127,01] Sagte der Hauptmann: „Ja,
Herr und Meister, das ist mir nun ganz klar geworden! Der äußere Leibmensch ist
sonach der Seele nur als eine Stütze zu ihrer Selbstentfaltung von Gott gegeben
und liegt zum größten Teile in der Willensmacht Gottes, ist aber dennoch also
eingerichtet, daß sich die Seele seiner auch nach ihrem Willen bedienen kann.
Bedient sie sich desselben nach Deinem Willen, den sie aus Deiner Lehre wohl
erkennen kann, so gereicht ihr das zum größten Nutzen, da sie sich im Leibe so
zum wahren selbständigen und ewigen Leben ausbilden kann; bedient sie sich aber
ihres Leibes auf eine Deiner Ordnung widerstrebende Weise, so bringt ihr das
ein sicheres und offenbar notwendiges Verderben. Aber da kommen wir nun eben
auf einen Punkt, den ich schon lange aus ganz wohl überdachten Gründen bei mir
selbst gegenüber einem weisen und sicher allmächtigen Gott und Schöpfer sehr
beanstandet habe!
[GEJ.08_127,02] Siehe, wie viele tausendmal
tausend Menschen sind ohne ihr Verschulden in die dickste Nacht ihrer Seelen
geraten und müssen also denn auch alle verkümmern und zugrunde gehen, weil sie
vielleicht auch in tausend Jahren noch nicht das Glück haben werden, von Deiner
hier ausgesprochenen Lehre auch nur ein Wort zu vernehmen! Wie viele aber sind
schon auf der Erde seit sicher vielen Tausenden von Jahren zugrunde gegangen,
die von Deiner Lehre nie etwas haben vernehmen können! Dieser lange lichtlose
Aktus zum sicheren Untergange so zahllos vieler Seelen kommt mir von seiten
einer allgütigsten und weisesten Vorsehung Gottes ganz bedeutend traurig
aussehend vor.
[GEJ.08_127,03] Es fehlt den Menschen eben
nicht am Ernste, auf gar vielen Punkten dieser Erde die Wahrheit zu suchen, wie
ich mich davon selbst überzeugt habe, und es fand schon mancher auch so eine
Spur davon –, aber wo lag denn die Bestätigung, gültig für den Verstand der
Menschen, daß die von einem eifrigen Sucher und Forscher aufgefundene
Lebenswahrheitsspur wohl eine ganz rechte war? Man lernte sie kennen, zollte
ihr auch den Beifall, aber man kam auch zu andern emsigen Forschern nach der
Lebenswahrheit, und man überzeugte sich bald, daß sie auf ganz andere Spuren
gekommen waren, die mit der des ersteren gar keine noch so ferne Ähnlichkeit,
aber dennoch gar manches für sich hatten.
[GEJ.08_127,04] Ja, es besteht wohl kein mir
bekanntes Volk auf der Erde, insoweit ich sie kenne, das nicht an irgendeine
Gottheit glaubte und hielte, aber wie materiell sind solche Lehren und Begriffe
von einem allerhöchsten und weisesten Gottwesen. Aber das eine und sicher nur
allein wahre Gottwesen scheint Sich ewig wenig darum zu kümmern, ob da ganze
Völker und Geschlechter in der dicksten Irrtumsnacht zugrunde gehen und
verderben!
[GEJ.08_127,05] Und so kann nun, wie es durch
Dich nun hier der Fall ist, die einzig wahre und allerhöchste Gottheit kommen
und den vielen tausendmal Tausenden das wahrste Lebenslicht verkünden, und die
Menschen werden es im allgemeinen dennoch nicht annehmen, und es werden gar
viele sagen: ,Waren unsere Vorfahren, die schon lange gestorben sind, denn
nicht auch Menschen wie wir? Was haben sie denn verschuldet, daß ihnen die
allein und ewig wahr seiende Gottheit das Lebenslicht vorenthielt?
[GEJ.08_127,06] Eine wahre Gottheit muß
allzeit für eine rechte Erleuchtung der Menschen gesorgt haben; hat sie das
aber erweislichermaßen nicht getan, was sie eben jetzt zu tun vorgibt, so ist
sie entweder nie eine wahre Gottheit gewesen, oder sie wollte es nicht aus
einer gewissen Verachtung der Menschen dieser Erde, die ihr vielleicht nicht zu
Gesichte gestanden sind, weil sie vielleicht ebenso nicht geraten sind wie gar
viele Früchte, die ein Baum nach der Blüte ansetzt, sie aber aus irgendeinem
Mangel des inneren Lebenssaftes nicht ernähren kann und sie zu vielen Tausenden
abwirft und am Boden verderben und zertreten läßt, – von welcher sehr
unökonomischen Wirtschaft eine allsehende und höchst weise Gottheit etwa auch
wissen müßte, sie aber doch duldet und immerfort zuläßt.‘
[GEJ.08_127,07] Ich für mich bin nun wohl
höchst ferne davon, Dir mit solchen Bedenken entgegenzukommen, aber ich weiß
es, daß sie in den Menschen schon gar alte und tiefgehende Wurzeln getrieben
haben, und wir von der Wahrheit Deiner Lehre und vom Dasein der wahren Gottheit
in Dir noch so durchdrungenen Menschen werden ohne eine besondere Hilfe von Dir
wohl nie imstande sein, alle die tausendmal tausend Irrtümer bei den Menschen
segensvoll auszurotten. Denn so wir als selbst nur schwache Menschen ihnen auch
allergetreust das kundtun werden, was wir selbst gesehen und gehört haben, – wer
wird es uns aber glauben?
[GEJ.08_127,08] Also, dazu bedürfen wir denn
auch einer besonderen Hilfe für beständig von Dir, o Herr und Meister, sonst
ist alle unsere Arbeit und Mühe eine vergebliche, und es ist nach meiner
Ansicht besser, die Menschheit auch für alle Zukunft in ihrem finstersten Wahne
ebenso verderben zu lassen, wie sie Tausende von Jahren vor uns zugrunde und in
ein volles Nichts übergegangen ist. Denn was kann einem allmächtigen und ewigen
Gott an einer solchen Welt voll Menschen gelegen sein, und was den zugrunde
gegangenen und ewig nicht mehr seienden Menschen an einem Gott?
[GEJ.08_127,09] Wenn das ewige Fortleben
einer Menschenseele nun allein nur von dem abhängt, daß man um Deine Lehre
wisse und dann nach ihr lebe und handle, dann wird es wohl wenig so Glückliche
geben, die ewig leben werden! Sollten sich aber die Sachen mit dem Fortleben
der Seelen nach dem allzeit etwas grausamen Tode des Leibes anders verhalten,
so nehme ich alle meine menschlichen Bemerkungen zurück und will mich gerne
eines Besseren belehren lassen.
[GEJ.08_127,10] Ich habe nun treu und offen
geredet und bin auch bereit, alles mögliche zu tun und zu wirken, um möglichst
viele Menschen aus ihrer Todesnacht an den ewigen Tag des Lebens zu stellen;
aber ich möchte nun denn auch aus Deinem Munde, o Herr und Meister, vernehmen,
wie die Sachen vom Urbeginn an stehen, und was ich zu tun habe. – Ich habe
geredet.“
128. Kapitel
[GEJ.08_128,01] Sagte Ich: „Ja, ja, du Mein
ganz aufrichtiger Freund, du hättest mit deiner scharfen Bemerkung ganz recht,
wenn sich die Sachen zwischen Gott und den Menschen also verhielten, wie du es
aus deinen gemachten Erfahrungen im Namen der gesamten Menschheit nun vor Mir
dargetan hast; aber die Sachen verhalten sich ganz anders, und somit hat deine
scharfe Darstellung der Verhältnisse zwischen Gott und den Menschen keinen
andern Grund als die völlige Unkenntnis eben der Verhältnisse zwischen Gott und
den Menschen.
[GEJ.08_128,02] Gott hat schon vom Urbeginn
an der freien Menschheit, also dem ersten Menschenpaare, Seinen Willen treuest
geoffenbart, und die Hauptnachkommen des ersten Menschenpaares waren in einer
steten Verbindung mit Gott und mit den Engeln, die ehedem auch, wennschon auf
einem andern Erdkörper als Körpermenschen gelebt haben, und wurden in allen
Dingen hellst belehrt und waren denn auch dadurch vollkommene Menschen und
Herren der gesamten Natur; denn ihrem Willen waren sogar alle andern Geschöpfe,
wie auch die Elemente untertan.
[GEJ.08_128,03] Aber ihre vielen Kinder, die
sich nach und nach auf der Erde verschiedene Wohnplätze aussuchten und sohin
selbständig wurden, wollten sich die Vormundschaft Gottes und noch weniger die
ihrer Eltern und sonstigen Anverwandten nicht mehr gefallen lassen. Sie
trachteten, in der Welt reich und berühmt zu werden, und als sie das wurden, da
wurden sie auch träge und hochmütig und kümmerten sich um Gott und Seinen ihnen
noch gar wohl bekannten Willen wenig mehr. Sie taten, was sie wollten. Und hat
Gott sie durch allerlei Züchtigungen auch ermahnt, die Er ihnen allzeit durch
allerlei Zeichen, wie durch weise Boten bekanntgemacht hatte, da lachten sie,
verhöhnten Gott, Seine Mahnungen, und mißhandelten die an sie gesandten Boten.
[GEJ.08_128,04] Unter sich errichteten sie
dann Schulen nach ihrem Sinne. Ihre Lehrer aber machten sich bald die ihnen
bekannten Schwächen zunutze und richteten ihren Unterricht also ein, daß er der
Gemeinde schmeichelte und sie bis zu den Sternen erhob. Eben solche Lehrer
wurden als Leiter der Menschen einer Gemeinde bald zu machthabenden Königen und
waren als solche auch stets die ersten Urheber der Abgötterei, des Götzentums
und des entweder blinden Aberglaubens oder auch der vollkommenen Gottlosigkeit.
[GEJ.08_128,05] Gott aber ließ dennoch nie ab
und ließ auch unter solchen Heiden stets Männer aufstehen, die durch Lehren und
Taten ihnen zeigten die große Trübsal, in der sie lebten, und ihnen auch
zeigten des Lebens rechte Wege. Solche Männer aber bekamen stets nur wenige
Jünger und wurden von andern Volkslehrern und Priestern und sogenannten
Weltweisen verachtet, verfolgt und für Narren erklärt, und die Hohen und
Weltmächtigen wollten von solchen Demutspredigern schon gar nie etwas hören.
[GEJ.08_128,06] Wenn aber also, wie nun
heutzutage die vielen Beispiele selbst Mir gegenüber nur zu klar zeigen, – was
hätte Gott den Menschen denn noch tun sollen und können, um sie beim lebendigen
Glauben an Ihn zu erhalten bei stets gleicher Belassung ihres freien Willens?
[GEJ.08_128,07] Auch diesmal, wo Ich
persönlich unter die Juden gekommen bin, um sie wieder um Mich zu versammeln,
habe Ich dafür gesorgt, daß die Kunde von Mir in allen euch bekannten
Weltteilen den Menschen gemacht wurde auf die jedem Volke entsprechende Art.
Gehe aber hin und frage die Menschen und Völker, und du wirst Antworten
bekommen, über die du sicher höchlichst erstaunen wirst!
[GEJ.08_128,08] Du meinst aber nun ebenfalls
großirrtümlich, daß von jetzt an nur jene Seelen ein ewiges Leben nach des
Leibes Todes haben werden, die nun Mein Wort hören, an Mich glauben und nach
Meiner Lehre leben und handeln, alle andern Seelen aber für ewig vernichtet
würden.
[GEJ.08_128,09] Gegen solche deine Meinung,
die nun auch vielen andern Menschen eigen ist, kann Ich dir auf pur
vernunftgründigem Wege vorerst nur das sagen, daß eines jeden Menschen Leben
eine Kraft aus Gott ist, die Gott Selbst mit aller Seiner Allmacht ebensowenig
zerstören und vernichten kann wie Sich Selbst; denn würde Gott die aus Ihm
allein hervorgegangenen Lebenskräfte zerstören und vernichten können, so müßte
Er da bei Sich zuerst anfangen, weil im Grunde des Grundes ja eben Er Selbst
alles in allem von Ewigkeit her ist! Gott kann wohl jegliche Materie, die
nichts als Seine durch Seinen Willen festgehaltene Idee ist, auflösen und sie
in Geistiges und Unwandelbares zurücktreten lassen, aber vernichten ewig nicht,
weil Er Sich Selbst und Seine Ihm ewig klaren Gedanken und Ideen nicht
vernichten kann.“
129. Kapitel
[GEJ.08_129,01] (Der Herr:) „Daß aber aller
Menschen Seelen, ob gute oder böse, nach des Leibes Tode fortleben, davon haben
bei allen Völkern der Erde gewisse mehr in sich gekehrte Menschen mehr als
viele tausendmal Tausende von allersprechendsten und überzeugendsten Beispielen
erlebt, indem sie mit den Seelen der leiblich Verstorbenen oft sogar jahrelangen
Verkehr und belehrenden Umgang hatten.
[GEJ.08_129,02] So aber pure und ganz
materielle Weltmenschen daran nicht glauben aus dem Grunde, weil ihnen noch nie
etwas Ähnliches zu Gesichte gekommen sei, kann da etwa auch Gott die Schuld
gegeben werden? Diese Weltmenschen suchen das ja nie, und so finden sie es auch
nicht; die es aber suchen, die finden es auch unter allen Völkern der Erde.
[GEJ.08_129,03] Sieh, diese Römer hatten Mir Selbst
von solchen Erscheinungen erzählt, die sie selbst erlebt haben! Sind sie darum
unwahr für dich, weil du noch nichts Ähnliches gesehen und wahrgenommen hast?
[GEJ.08_129,04] Hinter Asias höchsten Bergen
im weiten Osten besteht ein großes Kaiserreich, das Sihna oder China heißt.
Besteht es darum etwa nicht, weil du es noch niemals gesehen hast? Und noch
weiter im Osten, ganz vom großen Weltmeere umflossen, besteht abermals ein
großes Kaiserreich namens Jhipon (Japan). Besteht es etwa deshalb auch nicht,
weil du bis jetzt noch nie etwas davon gehört hast? Ja, Freund, auf dieser Erde
bestehen noch gar große Reiche und Weltteile außer den dir bekannten drei
Weltteilen, wenn du sie auch nicht kennst; aber Ich kenne sie und kann dir
sagen, daß sie da sind und von den Menschen in der Zukunft auch aufgefunden
werden.
[GEJ.08_129,05] Überall aber leben schon
Menschen und sind nicht ohne Offenbarung von oben und von seiten solcher
Geister, die einst dort auch im Fleische gewandelt haben. Daß aber solcher
Menschen Seelen nicht alsogleich beim Hinübertritt ins Reich der Geister sich
in einer solchen Lebenslichtvollendung befinden können, das ist doch sicher und
leicht daraus erklärbar, weil auch hier die Menschen, deren Seelen sehr
weltliebig geworden sind, nur schwer und mühsam auf den rechten Lebenslichtweg
zu bringen sind. Der Leib des Menschen kann weder etwas glauben noch wollen; er
dient der Seele eine kurze Zeit nur als ein Werkzeug zur Tätigkeit nach außen
und sonach auch zu ihrer Ausbildung. Das Denken, Lieben, Wollen und Handeln
nach den erkannten Wahrheiten ist Sache der Seele.
[GEJ.08_129,06] Wie schwer und mühsam aber
oft eine weltliebige und zur Trägheit geneigte Seele das reine Gute und Wahre
begreift und sich danach zu handeln entschließt, das kannst du an deinen
eigenen Kindern merken; und so geht es einer hier verwahrlosten Seele im großen
Jenseits sicher noch um vieles schlimmer, weil sie sich in dem Leibesleben in
allerlei Irrtümern und daraus im Falschen und Bösen begründet hat. Eine solche
Begründung aber ist gleich wie eine Erhärtung der Liebe und des Willens der
Seele, welche beide aber eben das Leben und das individuelle Sein ausmachen.
Wenn Ich da einer solchen Seele ihre Liebe und ihren Willen auf einmal
hinwegschaffte, so wäre dadurch ja auch die ganze Seele hinweggeschafft!
[GEJ.08_129,07] Es muß daher mit solchen
Seelen gar behutsam zu Werke gegangen werden, um sie so nach und nach, von
ihnen ganz unbemerkt, auf den rechten Weg zu bringen. Dazu gehört aber eine gar
allerhöchste göttliche Liebe, Weisheit und Geduld; denn man muß eine solche
Seele, stets nur wie von außen her einwirkend, in solche Zustände durch ihr
Wollen, Trachten und Handeln kommen lassen, in denen sie aus sich innezuwerden
anfängt, daß sie sich in großen Irrtümern befindet. Fängt eine Seele an, diese
in sich wahrzunehmen, dann wird in ihr auch schon der Wunsch rege, den Grund zu
erfahren, aus dem sie, sozusagen, auf kein grünes Gras, sondern nur auf
düsterere und fruchtlosere Wüsteneien gelangt.
[GEJ.08_129,08] Nun, in solch einem Zustande
ist es dann erst an der Zeit, solch einer Seele einen ihr wie ganz ebenbürtig
aussehenden weisen Geist entgegenkommen zu lassen, der sich dann mit ihr über
dies und jenes besprechen kann, wodurch es denn in solch einer verirrten Seele
dann auch schon lichter wird und sie nun wie völlig aus sich zu erkennen
anfängt, daß sie sich in großen Irrtümern befindet und sich nach dem wahren
Lichte stets mehr und mehr zu sehnen anfängt.
[GEJ.08_129,09] Du siehst nun ganz leicht,
daß in einem solchen schon besseren Zustande eine Seele schon anders zu denken
anfängt und ihre Liebe und ihr Wollen als ihr eigentliches Ich, Leben und Sein
eine andere Richtung aus sich selbst nimmt; ist das nun da, so kommt dann eine
ehedem noch so im Finstern wandelnde Seele auch bald und leicht zum wahren
Lebenslichte.
[GEJ.08_129,10] Aber eine nach deiner Meinung
urplötzliche Umwandlung der Seele wäre soviel wie ihre völlige Vernichtung. Ich
hätte ja auch, statt hier bei den Juden, bei euch Römern oder auch bei einem
andern Heidenvolke als das, was Ich hier bin, auftreten können; aber was hätte
das bei dem blinden und sehr abergläubischen Volke für eine Wirkung gemacht,
gegen die auch die weiseste Lehre nichts gefruchtet hätte? Siehe, das Volk
hätte Mich für einen oder den andern Gott zu halten und anzubeten angefangen
und Mir Opfer gebracht in Hülle und Fülle, und Meine Jünger, die auch schon so
manches in Meinem Namen zu wirken vermögen, hätte es als Halbgötter angestaunt
und ihnen auch Opferaltäre und sogar Tempel erbaut, und so hätte Ich bei einem
heidnischen Volke sein Götzentum nicht nur nicht zerstört und aufgehoben,
sondern nur vermehrt.
[GEJ.08_129,11] Die Juden aber, die besonders
in dieser Zeit zumeist ganz glaubenslos geworden sind, obschon sie die Schrift
und die Verheißung Meiner Herniederkunft haben, aber aus der Tradition doch
noch wissen, wie Gott das Volk geführt hat, wenn sie daran auch zweifeln, sind
eben am geeignetsten noch, Meine persönliche Gegenwart zu ertragen, da sie mit
Mir keine Abgötterei treiben können. Denn die Mich erkennen, die wissen es aus
dem rechten Grunde, wer Ich bin; die Ungläubigen aber halten Mich für einen
Magier und die Mittelklasse für einen Propheten. Da ist sonach mit Meiner
Gegenwart keine Seele in ihrer Eigentümlichkeit und in ihrem freien Willen
gefährdet, und so muß denn das Licht auch von dem Judenvolke in alle Welt
ausgehen.
[GEJ.08_129,12] Wenn du mit deiner
Verstandesschärfe nun dies von Mir dir Gesagte so ganz genau prüfst, dann wirst
du schon innewerden, daß du Mir gegenüber mit einer ganz irrigen Meinung
aufgetreten bist.
[GEJ.08_129,13] Wenn Gott nicht der Menschen
zur stets größeren Sättigung Seiner Liebe bedurft hätte, so hätte Er sie auch
nie erschaffen; da Er sie aber erschaffen hat, so kümmert Er sich auch um sie
und um ihre ewige Erhaltung und zeigt dadurch, daß Ihm gar alles an den
Menschen gelegen ist. Es sollte den Menschen darum aber auch alles an Gott
gelegen sein! Hast du, Mein Freund, das nun wohl begriffen?“
[GEJ.08_129,14] Sagte der auf diese Meine
Lehre ganz erstaunte und von aller Ehrfurcht ergriffene Hauptmann: „Herr und
Meister, so wie Du nun geredet hast, hat noch kein Weiser je zu einem Menschen
geredet! Du hast mir jetzt erst ganz vollkommen gezeigt, wer Du bist. Ich danke
Dir für die mir nun erwiesene große Gnade, bitte Dich aber auch von ganzem
Herzen um Vergebung dafür, daß ich es gewagt habe, mit Dir so keck und dumm zu
reden.“
[GEJ.08_129,15] Sagte Ich: „Wer also redet,
wie du geredet hast, dem ist es um die Wahrheit ernst, und Ich gebe ihm da gerne
ein rechtes Licht; wer aber da weder kalt noch warm ist, sondern lau, der ist
Meines Lebenslichtes auch nicht wert und wird es auch so lange nicht
überkommen, als ihm darum nicht völlig ernstlich zu tun sein wird. Ich aber
weiß es, daß es gar vielen Heiden aus euch schon lange ernstlich darum zu tun
war, während die Juden stets lauer und lauer geworden sind; darum aber wird nun
das Licht den Juden auch genommen und euch Heiden gegeben werden in aller
Fülle. Aber sorget und wachet darum, daß es dann bei euch nicht in ein neues
Heidentum umgestaltet wird; denn ein solches wäre schlimmer noch denn euer
jetziges! Ihr werdet zwar darum wohl sorgen, aber am Ende das Auftreten der
falschen Propheten doch nicht verhindern können. Darum wachet alle, und hütet
euch vor den falschen Propheten, die ihr leicht an ihren Werken erkennen
werdet!“
[GEJ.08_129,16] Hier kam ein Bote von
Bethanien und sagte, daß daheim schon alles bereitet sei zu unserem Empfange.
[GEJ.08_129,17] Da sagte Ich: „Unsere
Raststunde ist nun vorüber, und wir wollen denn auch weiterziehen. Wer Mir
folgen will, der folge Mir!“
130. Kapitel
[GEJ.08_130,01] Hier erhoben sich alle, auch
die Johannesjünger, und folgten Mir eifrig ins nahe Bethanien. Auch der
Hauptmann folgte mit seinen Gefährten nun zu Fuße, indem er seine Pferde bei
dem Talwirte zurückließ.
[GEJ.08_130,02] In einer halben Viertelstunde
kamen wir denn auch schon nach Bethanien.
[GEJ.08_130,03] Es war zwar die dritte Stunde
nach dem Untergange der Sonne vorüber, aber zu einem wohlbereiteten Nachtmahle
noch immer früh genug, und Ich wollte es auch so haben, daß wir um solche Zeit
nach Bethanien gekommen sind, auf daß wir von der gafflustigen Menge nicht
beobachtet werden konnten; denn an diesem Tage sind nach unserem Abzuge viele
Menschen, jung und alt, nach Bethanien gekommen, weil sie vernommen hatten, daß
Ich Mich allda aufhielte. Da sie Mich aber nicht fanden und ihnen auch niemand
sagte, wohin Ich gezogen sei, und wann Ich wiederkommen würde, so blieben sie
des Vergnügens wegen nur bis zum Sonnenuntergang in Bethanien und kehrten dann
wieder nach Jerusalem zurück. Einige aber kehrten schon in der Zeit um, als die
uns schon bekannten Soldaten in Bethanien eintrafen, nach der Anweisung im
Hause des Lazarus ihre Speise und die Zehrpfennige erhielten und dann nach
kurzer Rast wieder weiterzogen; denn Ich hatte es dem Raphael also in den Sinn
gegeben, daß die Soldaten nicht auf die Rückkehr der Römer warten sollten. Es
war denn um diese Zeit, da wir ankamen, alles in der besten Ordnung, und wir
waren für uns, von niemandem beirrt, da.
[GEJ.08_130,04] Als wir ins Haus traten, da
empfingen uns mit vieler Liebe und Freundlichkeit die Schwestern des Lazarus
und die Maria von Magdalon, also auch Mein Raphael mit etlichen Jungen, die
noch wach geblieben waren, und die am meisten talentiert waren und eine große
Sehnsucht hatten, Mich wiederzusehen.
[GEJ.08_130,05] Lazarus aber führte seinen
Schwestern den Wirt aus der Gegend von Bethlehem vor und auch den Hauptmann und
die etlichen Johannesjünger; und die Schwestern bewillkommten sie und wiesen
ihnen am Tische die Plätze an.
[GEJ.08_130,06] Als dies alles vorüber war,
da setzten wir uns zu Tische und nahmen ein bestbereitetes Nachtessen zu uns.
Die Römer hatten aber mehr Durst als Hunger und leerten bald ihre Becher, die
auch gleich wieder gefüllt wurden. Der Wein löste ihre Zungen, und so wurde es
bald recht lebhaft im Speisesaal.
[GEJ.08_130,07] Dem Hauptmanne, seinen
Gefährten und dem Wirte aus der Nähe Bethlehems aber fiel unser Raphael auf,
der nun neben Mir am Tische ebenfalls speiste, und das diesmal absichtlich noch
mehr als zu andern Malen, um eben die Fremden auf sich aufmerksam zu machen.
Diese betrachteten ihn denn auch stets aufmerksamer und konnten sich heimlich
nicht genug verwundern, wie ein sonst so holdester Jüngling gar so viel essen
könne.
[GEJ.08_130,08] Da das aber besonders dem
Hauptmanne auffiel, so fragte er Mich, sagend: „Herr und Meister, vergib es
mir, so ich Dich nun in Deiner Eßruhe ein wenig störe! Siehe, der sonst so
zarte und über alle Begriffe schöne Jüngling ißt ungewöhnlich viel! Es beneidet
ihn wohl sicher niemand um das, was er verzehrt; aber ich habe wahrlich nur
Angst darum, daß ihm das Zuviel, was er verzehrt, denn am Ende doch schaden
könnte, und daß er dann krank würde, indem er da leicht ein böses Fieber
bekäme. Es wäre wahrlich jammerschade um solch einen holden Jüngling, der
vermöge seines sehr geistreichen Aussehens sicher etwas Großes werden könnte!“
[GEJ.08_130,09] Sagte Ich: „Freund, deine
Sorge laß du nur Mir über! Dieser Junge ist schon lange Mein Diener und weiß
selbst gar wohl, was er zu tun hat, und wieviel er von einer oder der andern
Speise verzehren kann. Täte er also, wie er es tut, nicht recht, so würde Ich
es ihm schon sagen. Hätte er nun nicht also gegessen, daß es dir ein wenig
übernatürlich vorkommen mußte, so wärest du ja auf ihn um vieles weniger
aufmerksam geworden; da du nun aber auf ihn aufmerksam geworden bist, so wirst
du von ihm auch noch andere Dinge erfahren, und es wird dich dann gar nicht
mehr so sehr wundern, daß er etwas mehr als ein gewöhnlicher Mensch von den
Speisen und Getränken zu sich nehmen kann. Von nun an kannst du schon mit ihm
selbst verkehren.“
131. Kapitel
[GEJ.08_131,01] Als der Hauptmann solches von
Mir vernommen hatte, da wandte er sich sogleich an den vermeinten Jüngling und
sagte zu ihm: „Höre, du mein junger und überholder Freund! Wie kommt es denn,
daß du nun in deiner Jugend im Essen und Trinken geradezu mit Riesen dich
messen könntest, und daß es dir nicht schadet?“
[GEJ.08_131,02] Sagte Raphael: „Ich bin aber
meiner Kraft nach auch ein Riese, wenn ich der Gestalt nach es auch nicht zu
sein scheine! So du es willst, da kann ich dir sogleich ein Pröbchen liefern?“
[GEJ.08_131,03] Sagte der Hauptmann: „Wenn dir
so etwas möglich ist, so zeige mir etwas von deiner Riesenkraft!“
[GEJ.08_131,04] Sagte darauf Raphael: „Ganz
wohl! Sieh, dort an der Wand zwischen den beiden großen Fenstern steht eine
eherne Säule, die dazu dient, daß man in den Festzeiten sie als einen
Opferaltar gebraucht; denn sie ist ein Hausopferaltar, und es wurden in den
früheren Zeiten viele Opfer darauf verbrannt. Nun ist diese nahe mannshohe
Säule freilich nur eine pure Zierde dieses Speisesaales. Für wie schwer
schätzest du diese Säule, die nebst ihrer Höhe auch einen sehr beachtenswerten
Umfang hat?“
[GEJ.08_131,05] Sagte der Hauptmann, indem er
zuvor aufstand und die Säule wohl prüfte und besichtigte: „Ja, du mein liebster
junger Freund, dieser Säule Gewicht ist kaum zu schätzen; ich meine, daß
darüber uns der Hausherr Lazarus etwas Näheres sagen könnte.“
[GEJ.08_131,06] Hierauf sagte Lazarus: „Diese
Säule ist auf zwanzigtausend Pfunde geschätzt und wurde aus Korinth schon vor
zweihundert Jahren mit großer Mühe und vielen Kosten hierhergeschafft.“
[GEJ.08_131,07] Sagte der Hauptmann: „Ja, für
so schwer hätte ich sie auch mindestens geschätzt! Und was wirst du, mein
holdester junger Freund, nun mit dieser ungeheuer schweren Säule machen?“
[GEJ.08_131,08] Sagte Raphael: „Ich werde sie
aufheben und ganz ruhig und ohne alle Anstrengung hinstellen, wo immer du sie
hingestellt haben willst!“
[GEJ.08_131,09] Sagte der Hauptmann: „Du hast
es gesagt und willst auch solches tun, und so versuche solche deine Riesenkraft
an dieser Säule, und stelle sie um ein Fenster weiter!“
[GEJ.08_131,10] Als der Hauptmann solches
ausgesprochen hatte, da stand Raphael auf, ging zur Säule hin, griff sie mit
beiden Händen an, hob sie schnell mit so großer Leichtigkeit in die Höhe, als
hätte er es mit einer Federflaume zu tun und stellte sie mit gleicher
Leichtigkeit auf die angezeigte Stelle, ließ sie dort einige Augenblicke stehen
und setzte sie auf des Lazarus Bitte wieder an die alte Stelle zurück.
[GEJ.08_131,11] Als er mit dieser Kraftprobe
fertig war, da sagte er, freundlich lächelnd, zum über alle Maßen erstaunten
Hauptmanne (Raphael): „Nun, mein Freund, wirst du doch einsehen, warum ich
etwas mehr esse als ein anderer Mensch?!“
[GEJ.08_131,12] Sagte der Hauptmann: „Mein
holder junger Freund, wenn deine Riesenkraft von dem abhinge, daß du ungefähr
viermal soviel Speise verzehrst wie unsereins, dann könntest du mit dem
Gewichte dieser Säule noch lange nicht so spielen, als hättest du es mit der
Last einer kleinen Feder zu tun; denn da müßtest du wohl auch für hundert Menschen
essen können, weil nach meinem Urteile da wohl eine Kraft von hundert Menschen
erforderlich wäre, um dir gleich Meister von dieser Säule zu werden. Deine
Riesenkraft scheint demnach einen ganz andern Grund zu haben! Und ich werde
mich wahrscheinlich nicht zu weit irren, so ich sage, daß hinter deiner noch
nie erhörten Riesenkraft dieser Meister aller Meister, ein wahrer Gott aller
Götter steckt! – Was sagst du nun zu solcher meiner Meinung?“
[GEJ.08_131,13] Sagte Raphael: „Ja, ja, da
hast du wohl recht geantwortet; aber dieser Meister steckt auch hinter einem
jeden Menschen und hinter gar allem, was da ist, und so auch hinter dir, und du
kannst diese Säule dennoch nicht von der Stelle schaffen! Wie verstehst du
demnach solches?“
[GEJ.08_131,14] Sagte der Hauptmann: „Das ist
nach meiner Beurteilung ganz leicht zu verstehen! Wem Er mehr Kraft in einem
oder im andern geben will, entweder für immer oder auch nur für einen Moment,
der hat sie denn auch; mir und auch gar vielen andern Menschen aber hat Er nur
so viel Kraft gegeben, wie mir als einem gewöhnlichen Menschen nötig ist.
[GEJ.08_131,15] Nun, warum Er gerade dich mit
einer so außerordentlichen Kraft ausgerüstet hat, das ist eine ganz andere
Frage, die außer Ihm und sicher auch dir niemand wird beantworten können!“
[GEJ.08_131,16] Sagte darauf Raphael: „Da
hast du im Grunde auch recht, obwohl es hier außer dir, deinen Gefährten und
dem Wirt aus der Gegend um Bethlehem wohl keinen Menschen geben wird, der es
nicht wüßte, mit wem er es in meiner Person zu tun hat. Ich aber habe
vernommen, daß du unten beim Talwirte dahin eine ganz energische Rede an den
Herrn und Meister gehalten hast, daß Gott Sich um die Bildung der Menschen gar
wenig kümmere und die Menschen am Ende um alles innere Lebenslicht kommen
müßten. Du verlangtest dabei auch, daß die Seelen der leiblich Verstorbenen
sich den noch hier Lebenden zeigen sollten, auf daß diese daraus ersehen und
lebendig glauben könnten, daß es nach dem Leibestode ein Fortleben der Seele
gibt, und wie allenfalls dasselbe geartet ist.
[GEJ.08_131,17] Der Herr hat dich darüber
wohl belehrt, und du hast die Belehrung auch verstanden, obschon du selbst noch
nie eine schon abgeschiedene Seele gesehen hast. Der Herr hätte dir wohl schon
beim Talwirte die Augen dahin öffnen können, daß du sogleich mit den Seelen der
Verstorbenen hättest in einen sichtbaren Verkehr treten können; aber Seiner
Weisheit gefiel es, dir erst hier das zu zeigen, was dir zu einem lebendigen
Glauben noch abgeht. Und dieses Geschäft hat der Herr in meine Hände gelegt,
und ich habe mich denn auch schon beim Essen also benommen, daß ich dir
auffallen mußte. Ich kann dir nebst meiner Kraftprobe nun schon auch noch
andere Proben geben, so du sie verlangst!“
[GEJ.08_131,18] Hier sann der Hauptmann nach,
um was er nun den Raphael angehen solle.
[GEJ.08_131,19] Es meldeten sich aber auch
die etlichen Johannesjünger und sagten zu Raphael: „Höre, du junger Simson, du
hast nur wenige bezeichnet, die dich nicht kenneten; wir kennen dich aber auch
nicht! Offenbare dich denn auch uns; denn wir sind über das Fortleben der
Seelen nach dem Leibestode auch noch in keinem hellen Glauben!
[GEJ.08_131,20] Als Johannes im Gefängnis
enthauptet wurde, da überkam uns eine große Angst und Trauer, und wir sehnten
uns sehr, daß sein Geist zu uns käme und uns eine Weisung gäbe, was wir nun
Weiteres unternehmen sollten. Aber unser Sehnen blieb bis zur Stunde unerfüllt,
und wir kamen so unter uns schon mehrere Male zu der Annahme der Sadduzäer, die
an ein Fortleben der Seele nach des Leibes Tod nicht glauben.
[GEJ.08_131,21] Wir urteilten also: So die
Seele besonders eines so frommen Lehrers fortlebt und somit auch fühlt und
denkt, so kann es ihr doch auch im Jenseits nicht gleichgültig sein, was ihre
noch hier lebenden Jünger machen, und wie sie sich in einem trostlosen Zustande
befinden! So diese Jünger aber nun schon oft mit Tränen den Geist des Getöteten
baten, daß er ihnen erscheinen möchte und sie doch nur insoweit vertrösten, daß
er nach dem Tode in der Welt der Geister glücklich fortlebe, er aber alle die
dringenden Bitten unerhört läßt, was anders läßt sich dann denken als: Der
Glaube an das Fortleben der Seele nach des Leibes Tode ist nichts denn ein
allgemein gedachter und ausgesprochener frommer Wunsch, aber keine je völlig
erweisbare Wahrheit!
[GEJ.08_131,22] Diese Annahme aber ist
wahrlich für jene Menschen, die etwas tiefer denken, als das bei den
gewöhnlichen, leichtfertigen, leichtgläubigen und sich um nichts Höheres
kümmernden Menschen der Fall ist, durchaus nichts Tröstliches, und das um so
weniger, weil die meisten Menschen am Ende den sie vernichtenden Tod mit den
oft größten Leiden und unerträglichsten Schmerzen sich erkaufen müssen. Du,
junger Simson, wirst daraus wohl ersehen, daß auch wir allen Grund haben, dich
näher kennenzulernen!“
[GEJ.08_131,23] Sagte Raphael: „Dieser
Meinung bin ich zwar auch, aber es wird mit euch etwas schwer zu verhandeln
sein, weil eben der Glaube als das Lebenslicht der Seele bei euch noch nie auf
den stärksten Füßen gestanden ist! Es hat euch aber ja schon ein Jünger des
Herrn über mich etwas in die Ohren geraunt, darum ich euch denn auch nicht
völlig unter diese zählen konnte, die über mich gar nichts wüßten! Aber ihr
sagtet: ,Ach, höre auf mit solcher Rede! Wie kann das sein, und wer kann so
etwas glauben?!‘ Ja, Freunde, wenn ihr dem Jünger, der mich gar gut kennt,
nicht glaubet, wie werdet ihr dann mir glauben? Werdet ihr da in euch nicht
auch sagen: ,Ah, da hört alles auf! Der junge Magier versteht sich wohl schon
sehr darauf, durch allerlei Zauberei unseren Verstand breitzuschlagen!‘ Was
werde ich euch darauf dann weiter tun können, um euch im Glauben zu stärken?“
[GEJ.08_131,24] Sagte einer der Jünger:
„Darum, junger Simson, kümmere dich nicht; denn so viel Urteilsgabe besitzen wir
schon, um die Wahrheit von etwas Falschem sondern zu können, ansonst wir nie
Jünger eines Johannes geworden wären!“
[GEJ.08_131,25] Sagte Raphael: „Nun wohl
denn, so sehet und höret auch ihr!“
132. Kapitel
[GEJ.08_132,01] Darauf erst kam wieder der
Hauptmann zu Worte und sagte: „Ich habe mir nun schon etwas ausgedacht und
bitte dich darum, mir einen bekannten Geist erscheinen zu lassen, auf daß ich
mit ihm selbst rede und er frei aus sich mir antworte und meinen Glauben
aufrichte. Wir haben ja schon gar manchen Bekannten vor uns im großen Jenseits,
auch unsere Eltern und etliche Kinder; so mir von diesen einer erscheint, da
werde ich ihn auch wohl sicher erkennen?! Wenn du auch so etwas vermagst, so
tue es; ich werde dir darum danken!“
[GEJ.08_132,02] Sagte darauf Raphael: „Höre,
dir einen Geist nach deiner Idee als eine Art Gespenst erscheinen zu lassen,
auf daß du ihn mit deines Fleisches Augen sähest und mit deiner Zunge ihn um
ein und das andere fragen könntest, das geht wahrlich nicht an, weil ich da die
ewige Ordnung Gottes ganz verkehren und gänzlich umändern müßte!
[GEJ.08_132,03] Eure sogenannten
Geisterbanner und Geisterbeschwörer, die aber für sich erstens selbst an das
Dasein eines Geistes nur einen höchst schwachen Glauben haben, und zweitens noch
weniger je einen Geist der Wahrheit nach, außer in einem hellen Traume, gesehen
haben, tun es wohl also: sie rufen mit ihren mystischen, aber in sich völlig
sinnlosen Zeichen und Wortformeln einen Verstorbenen, der dann entweder nach
einem dreimaligen oder auch siebenmaligen Rufen und Beschwören denn gewöhnlich
zum großen Schrecken dessen, der ihn rufen ließ, auch unter allerlei Feuer und
großem Gepolter und Krachen erscheint und mit sehr drohender und verstörter
Miene und Sprache den, der ihn rufen ließ, fragt, was er wolle, und warum er
ihn in seiner Ruhe störte. Aber solch ein Geist hat die Geisterwelt selbst noch
nie gesehen, glaubt so wenig an sie wie sein Beschwörer und ist nichts als ein
verstellter Mensch, der sich oft schon jahrelang mit dem Geisterbeschwörer im
festen und wohleinstudierten Geschäfts- und Gewinnsbunde befand.
[GEJ.08_132,04] Die Erscheinung eines solchen
gewöhnlich höchst groben Geistes versetzt dann den, der ihn rufen ließ, in einen
Glauben an das Fortbestehen und Fortleben der Menschenseelen nach dem Tode des
Leibes, – aber was ist das für ein Glaube? Siehe, ein ganz grundfalscher!
Dieser Glaube nützt dann dem Menschen auch nicht nur nichts, sondern schadet
ihm oft ganz gewaltig; denn erstens bewirkt er bei dem, der ihn rufen ließ,
einen ganz gröbst materiellen Begriff von einem Geiste, und zweitens versetzt
er den blinden und leichtgläubigen Rufer besonders dann durch allerlei
Drohungen und böse Prophezeiungen in eine große Furcht und Angst, so dieser dem
Geisterbeschwörer ein nicht hinreichend erstaunlich großes Opfer dargebracht
hat.
[GEJ.08_132,05] Will er sich von der Qual
mehr und mehr befreien, so muß er sich wieder an den Geisterbeschwörer mit
größeren Opfern wenden; dieser bespricht sich dann mit dem Geiste, den er noch
einmal ruft, und der Geist wird ein zweites Mal auch gewöhnlich ein wenig
gemütlicher. – Also, Freund, eine derartige Geisterbeschwörung hast du von mir
durchaus nicht zu erwarten, sondern eine ganz andere!
[GEJ.08_132,06] Damit du aber zu einer wahren
und nicht falschen Anschauung eines wirklichen Geistes, der kein vermeintliches
Gespenst ist, gelangen kannst, so mußt du zuerst wissen, was ein Geist ist, und
unter welchen Lebensverhältnissen ein Mensch einen wahren Geist sehen und
sprechen kann.
[GEJ.08_132,07] Da eine Seele, oder nach
deinem Begriffe ein Geist, durchaus nichts Materielles ist, so kann er mit den
Materieaugen auch niemals gesehen und mit keinem bloß materiellen Sinne
wahrgenommen werden; der Mensch, der aber doch einen wirklichen Geist sehen,
hören und sprechen will, muß zuvor selbst geistig werden, da nur sein Geistiges
und niemals sein Fleischliches einen wahren Geist sehen, hören und sprechen
kann.
[GEJ.08_132,08] Du bist aber nun noch sehr
materiell, und dein rein Geistiges ist in dir noch sehr unentwickelt. Es ist
daher hier nötig, bei dir auf einige Augenblicke lang dein verborgenes Inneres,
das geistig ist, zu stärken und es gewisserart über deine Fleischmaterie hinaus
sehfähig zu machen, und du wirst dann nicht nur einen Geist, sondern gar viele
zu sehen, zu hören und auch zu sprechen bekommen. Wenn dir das genehm ist, so
habe ich dazu schon auch die hinreichende Kraft, dich plötzlich in einen
solchen Zustand zu versetzen, in welchem du die Seelen der Verstorbenen wirst
sehen, hören und sprechen können.“
[GEJ.08_132,09] Als der Hauptmann solche Rede
von Raphael vernommen hatte, da sagte er: „Ganz gut, so du das ohne
Beeinträchtigung meiner leiblichen Gesundheit vermagst, dann tue es!“
133. Kapitel
[GEJ.08_133,01] Hier streckte unser Raphael
die Hände über den Hauptmann aus und zugleich auch über seine Gefährten und
über die etlichen Jünger des Johannes, und im Augenblick ward ihre innere Sehe
geöffnet, und sie sahen sogleich eine große Anzahl ihnen wohlbekannter Geister,
und den Jüngern erschien auch Johannes, belehrte sie über Mich und verwies
ihnen ihren Unglauben.
[GEJ.08_133,02] Dem Hauptmann aber erschien
auch sein Vater und pries ihn glücklich, daß er schon auf der materiellen Erde
das allerhöchste und ewige Lebensglück für seine Seele gefunden habe, und
ermahnte ihn mit sehr eindringlichen Worten, daß er dieses Glück ja niemals
einem vergänglichen Erdenglück opfern solle. Der Hauptmann gelobte ihm solches
auch auf das feierlichste.
[GEJ.08_133,03] Darauf erweckte Raphael die
Seher wieder aus ihrer Verzückung, und zwar mit der vollen Rückerinnerung an
alles das Gesehene und Gehörte.
[GEJ.08_133,04] Als die Erweckten sich nun
wieder in einem natürlichen Zustande befanden, da sagte der Hauptmann: „Ah, das
war ja wie ein heller Traum! Aber es war doch ein großer Unterschied zwischen
einem Traum und diesem Gesichte; denn in einem Traume erscheinen einem
Träumenden selten Menschen, die schon verstorben sind, sondern zumeist doch nur
solche, die noch in dieser Welt leben, und sehr oft auch solche, von denen man
nicht weiß, ob sie leiblich noch leben oder ob sie irgend auch schon verstorben
sind. So sind die Gegenden in den Träumen zumeist phantastischer Art und haben
an und für sich keinen Bestand, ebenso die Tiere und die Pflanzen, und
verwandeln sich schnell.
[GEJ.08_133,05] Aber da war die Sache ganz
anders! Denn erstens befand ich mich nicht, wie in einem Traume, stets nur in
einem leidenden, sondern in einem wie völlig selbständig tätigen Zustande, und
zweitens war alles, was ich sah, sehr beständig, und die Menschen waren auch
vollkommen Menschen. Ihre Sprache war gut, wahr und ernst, und sie gaben mir
gar wohl zu verstehen, daß sie nicht in einer traumartigen Unkenntnis alles
dessen sind, was ich auf der Erde denke, will und tue.
[GEJ.08_133,06] Zugleich aber sah ich auch
meine Gefährten, den Wirt und die etlichen Johannesjünger, sah auch ihren
Meister und vernahm, was er zu ihnen gesprochen hat.
[GEJ.08_133,07] Also ersah ich auch des Wirtes
Ahnen bis in den zehnten Stamm zurück und bemerkte unter ihnen königliche
Gestalten, die sich in einer mehr geheimen Sprache mit ihm besprachen, die ich
nicht verstand.
[GEJ.08_133,08] Die Gegend glich einer
irdischen. Man sah schöne Berge, Felder, Gärten, Weinberge und eine Menge
Wohnhäuser, die gar schön und bestgeordnet aussahen, und die gar große Gegend
war wohlerleuchtet, obschon ich kein leuchtendes Gestirn am hellblauen
Firmament entdecken konnte. Das Sonderbarste aber war, daß ich durch die ganz
klar geschaute Geistergegend auch so manches von dieser materiellen Gegend
erblicken konnte, aber nur wie auf Momente, und dennoch blieb die Geistergegend
konstant, und das alles beweist mir nun schon hinreichend, daß das von mir
Gesehene kein eitel leerer Traum, sondern Wahrheit war.
[GEJ.08_133,09] Jetzt kommt es nur noch
darauf an, ob auch die andern – aber treu und wahr dasselbe gesehen und gehört
haben, was ich gesehen und gehört habe! Tun sie das so treu und wahr, wie ich
es getan habe, dann ist die vollste Wahrheit, mehr als tausendfach erwiesen,
klar vor uns da, daß es nach dem Tode des Leibes ein sicheres und bestandvolles
Fortleben der Seele eines jeden Menschen, ob Heide oder Jude, gibt.“
134. Kapitel
[GEJ.08_134,01] (Der Hauptmann:) „Nun wollen
auch die andern offen kundgeben, ob auch sie dasselbe gesehen und gehört haben!
Denn ich verlange das nicht umsonst, da es mir um die reine Wahrheit zu tun
ist, um daraus darzutun, daß dieses Gesicht kein Traum, sondern Wahrheit war.
[GEJ.08_134,02] Denn es träumte mir einmal
von einem meiner liebsten Brüder so lebhaft, daß wir in Athen beisammen waren
und uns über eine wichtige Angelegenheit besprachen. Ich war aber damals noch
in Rom und der Bruder auf der Insel Rhodus, wo er zu tun hatte. Ich zeichnete
mir den gehabten Traum auf, um ihn nicht zu vergessen. Nach einem halben Jahre
kamen aber im Ernste ich und der Bruder in Athen auf demselben Platze zusammen,
auf dem wir in meinem Traume zusammengekommen waren, und der Gegenstand unserer
Besprechung, wennschon mit etwas andern Worten, war derselbe, über den wir uns
schon im Traume vor einem halben Jahre besprochen hatten.
[GEJ.08_134,03] Ich fragte denn nach der
Besprechung den Bruder, ob er vor einem halben Jahre nicht auch in der und der
Nacht einen solchen Traum gehabt hätte, wie ich ihn gehabt habe, und zeigte dem
Bruder bei dieser Gelegenheit die getreue Aufzeichnung, die ich mit nach Athen
genommen hatte, und er durchlas sie mit großer Aufmerksamkeit und verwunderte
sich sehr, daß sich mein gewisserart prophetischer Traum nun in Athen beinahe
buchstäblich bewahrheitet hatte, versicherte aber dabei, daß er für seine
Person davon nie einen Traum und auch keine entfernte Ahnung hatte, daß wir uns
in Athen sehen und sprechen würden. Über den zu besprechenden Gegenstand habe
er wohl für sich schon oft nachgedacht und sich darum nach Rom zu mir begeben
wollen, auch habe er nach mir oft eine große Sehnsucht gehabt; aber daß wir uns
so ganz zufällig in Athen treffen, sehen und sprechen würden, davon habe er,
wie gesagt, nie eine Ahnung und noch weniger einen ähnlichen Traum gehabt.
[GEJ.08_134,04] Dieser Traum war sonach für
mich etwas Wahres; warum aber wußte denn der Bruder gar nichts davon, da die
Sache ihn doch um vieles näher anging denn mich? Was war der Bruder in meinem
Traume? Nichts als ein Bild, das sich die Phantasie meiner Seele als lebend
plastifizierte und ihm sicher die von ihm gesprochenen Worte in den Mund legte!
Nur ich war das eigentliche Ich, alles andere war eine Schöpfung der Phantasie
meiner Seele, für die ich aber nicht sagen kann, ob sie sich dabei frei und
selbständig tätig oder doch nur leidend verhielt.
[GEJ.08_134,05] Und darin liegt denn nun auch
der Grund, warum ich hier auch die andern – die wie ich noch im materiellen
Leben seiend – vernehmen möchte, ob sie erstens auch mich, wie ich sie, gesehen
haben, und zweitens, ob sie auch alles andere also gesehen und gehört haben,
wie ich es gesehen und gehört habe, und wollen sie darum nun treu, wahr und
offen reden; denn es handelt sich hier um die allerwichtigste Lebenswahrheit
für einen jeden Menschen! Es ist das ein wahres Aut Caesar, aut nihil! Denn
sind derlei Erscheinungen auch nur den Träumen gleich, aus denen kein Weiser
ein wahres ewiges Fortleben der Seele des Menschen nach seinem Leibestode
beweisen kann, so ist jede Sittenlehre ohne wahren Wert, und ihre Gesetze und
Forderungen und Verheißungen haben nur fürs zeitliche und bürgerliche
Gemeinleben einen kleinen, aber dabei immer illusorischen Wert; was aber das
Geistige betrifft, so gehört es in den alten Augiasstall.
[GEJ.08_134,06] Ist aber solch eine
Erscheinung eine durch mehrere vollkommene Wahrheitsfreunde erwiesene Wahrheit,
dann erst erscheint die tröstende Sittenlehre, besonders in ihrem stets
vorwiegend geistigen Teile, in einem ganz andern Lichte. Ich als ein großer
Wahrheitsfreund habe euch das nun ernst ans Herz gelegt, und so redet denn nun
auch die volle, ungeheuchelte Wahrheit!“
[GEJ.08_134,07] Hierauf erzählten alle ganz
offen, was sie gesehen und gehört hatten, und beschworen ihre Erzählung als
ungeheuchelt wahr.
[GEJ.08_134,08] Als der Hauptmann die
Erzählungen vernommen hatte und dabei die vollste Überzeugung gewann, daß das
Gesehene und Gehörte seine vollwahrste Realität hatte, da sagte er zu Raphael:
„Siehe, du junger Riese, das ist für mich nun mehr als tausend der weisesten
Reden und Lehren und Wundertaten der noch so außerordentlichen und seltenen
Menschen, die ihre Nebenmenschen nur so lange zur Verwunderung hinreißen mit
Worten und Taten, als sie selbst unter ihnen leben, aber als von dieser Welt
Abgeschiedene dann für immer erlöschen und verstummen! Den hinterbliebenen
Menschen bleibt aber dann nichts anderes zu tun, als blind und ohne alle
weitere Überzeugung aufs Geratewohl zu glauben, daß es am Ende vielleicht doch
so sein könnte, wie die lange verstorbenen Weisen die Menschen gelehrt haben!
[GEJ.08_134,09] Jetzt aber glaube ich nicht
nur an ein ewiges Fortleben der Menschenseelen nach des Leibes Tode, sondern
ich selbst bin faktisch davon vollkommen überzeugt und kann es darum auch gar
vielen andern Menschen verkünden, daß der alte Glaube an einen allein wahren
Gott und an das ewige Fortleben der Seele nach dem Leibestode eine völlig
hellst aus mehrfacher untrüglicher Erfahrung erwiesene Wahrheit ist, von der
sich ein jeder Mensch, wenn er treu nach dem Worte und geoffenbarten Willen des
nur einen, ewig wahren Gottes lebt, selbst überzeugen kann.
[GEJ.08_134,10] Ah, nun hat aber auch für
mich ein jedes Wort, das ich aus dem wahrst heiligen Munde des Meisters der
Meister vernommen habe, erst den wahren und allerlebendigsten Wert, und ich
werde mich bestreben, diese Lehre nicht nur an mir selbst durch Taten zu
realisieren, sondern auch Tausende auf diesen Weg zu bringen und zu setzen!
[GEJ.08_134,11] Es wäre freilich wohl auch
gut, so ich selbst im Notfalle die Macht und Kraft besäße, auch andere Menschen
auf die nun von uns erlebte Art und Weise zu überzeugen, daß ich die volle
Wahrheit rede; doch es bedarf dessen vorderhand weniger, da ein jeder Mensch,
der mich nur ein wenig näher kennt, es nur zu gut weiß, daß das, was ich sage,
eine wohl erwiesene Wahrheit sein muß, da ich mich noch niemals durch bloße
Worte habe zufriedenstellen lassen.
[GEJ.08_134,12] Das wäre sonach nun vollends gut
und abgemacht, aber da ich hier schon einmal meinen Traum erzählt habe, so
möchte ich denn nun auch von dir, du junger, weiser Riese, über so manches in
selbem vorkommende Sonderbare eine kleine Beleuchtung erhalten. Denn daß er
sicher sehr viel Geistiges in sich enthält, das ist gar nicht zu bezweifeln!
Aber wie hängt er mit dem erst nach einem halben Jahre erfolgten Materiellen
zusammen? Was war das im Traume gesehene Athen, und was war der Bruder, und
woher nahm er die Worte, die er, sich als ein Objekt außer sich befindend, zu
mir gesprochen hat? Denn des Bruders irgend freigewordene Seele konnte er nicht
sein, weil der Bruder durchaus nichts davon wußte.“
135. Kapitel
[GEJ.08_135,01] Sagte nun Raphael: „Zwischen
deinem gehabten Traum und dem, was du nun geschaut hast, ist freilich ein ganz
bedeutender Unterschied, aber dessenungeachtet war dein Traum doch auch
geistiger Art, wie das ein jeder Traum mehr oder weniger ist. Aber er ist darum
kein völlig klares geistiges Schauen, weil in solch einem Traume die Seele
nicht also in der vollen Verbindung mit dem Geiste in ihr sich befindet, wie es
nun bei dieser Erscheinung der Fall war.
[GEJ.08_135,02] Siehe, in der Seele gibt es
drei sehr unterscheidbare Schau- und Wahrnehmungsgrade! Der erste ist, selbst
im Traume der materiellen Naturmenschen, bei denen der innere Geist noch so
untätig ruht wie der Pflanzengeist im Keimhülschen eines Samenkornes, nur ein
pur naturmäßiger.
[GEJ.08_135,03] Die Seele trägt als eine Welt
im Kleinen alles in sich, was die Erde im großen Maße in und über sich enthält
und faßt.
[GEJ.08_135,04] So des Leibes Sinne im
Schlafe wie tot und untätig ruhen, da beschaut die Seele, die nicht schlafen
und tot werden kann, ein und das andere aus den materiellen Gebilden in sich,
belebt sie auf Momente und erheitert sich, so sie auf etwas Schönes und
Angenehmes geraten ist; ist sie aber auf etwas Arges und Unschönes geraten, da
wird sie auch im Traume ängstlich und müht sich ab, der sie molestierenden
(bedrängenden) Erscheinung durch den vollen Rücktritt in ihres Leibes Fleisch
los zu werden.
[GEJ.08_135,05] Was eine Seele in solchem
ersten Schaugrade in einem Traum ersieht, hat dann freilich keine objektive,
sondern nur eine leidende, subjektive und verbandlose Realität; denn sie
beschaut da nur in der materiellen Weise ihr eigenes Weltkonglomerat und ist
dabei zum Teil tätig und zum Teil leidend.
[GEJ.08_135,06] Aber in einem Traume, wie du
ihn gehabt hast, befindet sich eine Seele in der Übergangsstufe von dem ersten
Sehgrade in den zweiten und höheren. In diesem Falle ist die Seele von ihrem
pur Materiellen schon mehr isoliert, tritt gewisserart aus ihrem Fleische,
setzt sich durch ihren Außenlebensäther mit der Außenwelt in eine volle
Verbindung und sieht und fühlt da Fernes und Wahreres aus den auf sie
einwirkenden Lebens- und Sachverhältnissen auf der Erde.
[GEJ.08_135,07] Aber weil dieser Schaugrad
der Seele schon ein höherer ist, so geschieht es sehr oft, daß die Seele, so
sie beim Erwachen wieder in den Leib zurücktritt, von dem in diesem höheren
Schaugrade Gesehenen und Vernommenen nichts mehr weiß, weil davon im Gehirne
gewisserart keine Abzeichnung hatte genommen werden können, aus der dann im
leiblichen Wachsein die Seele hätte ersehen können, was sie in ihrem freieren
Lebenszustande gesehen und getan hat.
[GEJ.08_135,08] Doch manche Menschen, wie
auch du einer bist, haben die Fähigkeit, auch das in dem höheren Schaugrade
Gesehene und Vernommene aus dem Traume oder freierem Seh- und Handelnszustande
der Seele ins Fleischgehirn zu zeichnen; und so die Seele sich dann wieder in
den Leib zurückzieht und auch leiblich erwacht, so ersieht sie da im Gehirne
alles, was sie in ihrem freieren und höheren Schaugrade gesehen, getan und
vernommen hat.
[GEJ.08_135,09] Und so hatte dein Bruder in derselben
Nacht wohl auch das gleiche Traumgesicht, wie du es gehabt hast, aber seine
Seele hatte nicht die Fähigkeit, das in ihrem höheren Schaugrade Gesehene und
Vernommene ins Fleischgehirn zu zeichnen, und so konnte sie sich an dasselbe
auch nicht auch nur ahnungsweise erinnern. Du hast demnach deines Bruders Seele
völlig wahr gesehen und gesprochen.
[GEJ.08_135,10] Daß aber deine und auch
deines Bruders Seele im Traume das schon um ein halbes Jahr früher getan haben,
das liegt in der sehr feinen Fühlbarkeit der freieren Seele, die aus den in ihr
zugrunde liegenden Bedürfnissen und deren folgerechten Tat- und
Sachverhältnissen sich in ihrem freien Zustande das schon vergegenwärtigt, was
der Erdzeit nach erst um vieles später geschieht. Es hat aber eine jede Seele
auch im leiblich wachen Zustande das Vermögen, sich für die Zukunft Pläne zu
machen und dieselben sich als schon vollendete Werke vorzustellen; aber weil
der Seele in ihrem Fleische das reinere und bestimmtere Sehen und Fühlen aller
zur Ausführung eines gefaßten Planes nötigen Bedingungen und Verhältnisse
offenbar mangelt, so wird an den vorgefaßten Plänen auch noch gar manches
geändert, sowohl in der Form und Zweckdienlichkeit, als auch in der Zeit, in
der die Seele nach ihrem vorgenommenen Plane das Werk schon in seiner vollsten
Vollendung betrachtete.
[GEJ.08_135,11] Könnte aber eine Seele auch
im leibwachen Zustande ebenso klar alles übersehen, wie sie das in ihrem
freieren Schau- und Fühlzustande vermag, da würde an dem einmal gefaßten Plane
auch nichts mehr geändert werden, und er würde auch in der völlig genau
bestimmten Zeit als ein vollendetes Werk dastehen; denn eine frei sehende und
frei fühlende Seele durchschaut schnell alle Verhältnisse, Bedingungen und die
möglichen Hindernisse, wie auch zugleich die besten und sicheren Mittel, durch
welche die Hindernisse sicherst zu beseitigen sind, und so muß ja das, was sie
sich vorgenommen hatte, auch in der bestimmten Zeit geschehen.
[GEJ.08_135,12] Und siehe, darin liegt denn
auch die Vorhersehungsfähigkeit einer freieren und reineren Seele nicht nur für
das, was sie zunächst angeht, sondern auch für das, was außer ihr irgend in der
Welt geschehen, werden und vor sich gehen wird, weil sich eine solche rein-,
fein- und fernsehende und -fühlende Seele den Verband aller für die kommenden
Ereignisse schon lange vorhanden seienden Verhältnisse, Bedingungen und
Ursachen mit ihren bestimmten Wirkungen unverhüllt und also auch wie plastisch
vollendet vorstellen kann, was bei einer unfreien und noch sehr materiellen
Seele unmöglich der Fall sein kann. Da hast du nun ganz natürlich klar
dargestellt, in welch einem Zustande sich deine und deines Bruders Seele in
deinem Traume befand, und wie und warum!
[GEJ.08_135,13] Aber solch ein Zustand ist
noch nicht der volle zweite Hellsehungsgrad der Seele, weil der Geist in ihr da
noch nicht in einem höheren Verbande sich befindet, sondern nur also, wie
allenfalls der Pflanzengeist im Samenkeimhülschen, wenn das Samenkorn ein paar
Tage lang in der fruchtbaren Erde liegt, das Hülschen zu zersprengen beginnt
und seine Tätigkeit zu äußern anfängt.“
136. Kapitel
[GEJ.08_136,01] (Raphael:) „Der volle zweite
und wohlunterscheidbare höhere Schau- und Fühlgrad der Seele tritt im
Leibesleben wie auch im Traume dann ein, wenn der Geist in der Seele also tätig
zu werden anfängt wie der Pflanzengeist im Samenkorne, so er aus der
eigentlichen Seele, die im Fleische des Kornes ruht, die Wurzeln in die Erde
und die Keimblättchen übers Erdreich zu bilden und zu ziehen begonnen hat. Die
Seele fängt da an, sich zu einer wahren Form zu entfalten und dringt einesteils
in sich, gleich wie der werdenden Pflanze Wurzeln in die Erde dringen und aus
der Gotteskraft in derselben die rechte Nahrung einzusaugen beginnen, während
andernteils die Pflanze selbst aber, also von innen aus genährt, sich als das
eigentliche und wahre Formwesen der Seele infolge der inneren Nahrung aus der
reinen, wahren und lebendigen Gotteskraft in die Sphäre des Lichtes erhebt und
zur endlichen Vollendung höher und ausgebildeter emporwächst.
[GEJ.08_136,02] Alles das aber geschieht
durch die stets steigende Tätigkeit des Geistes in der Seele, der sich eben
dadurch mit der Seele stets mehr eint. In diesem Zustande der Seele ist ihr
Schauen und Fühlen kein dumpfes Ahnen mehr, sondern schon ein helles und klares
Bewußtwerden aller Lebensverhältnisse, und wie dieselben sich zum eigenen Leben
verhalten.
[GEJ.08_136,03] Der Mensch erkennt in diesem
zweiten und höheren Schaugrade sich und auch Gott und kann da auch die Geister oder
respektive Seelen der sowohl schon verstorbenen, als auch der noch im Fleische
lebenden Menschen schauen und auch beurteilen, wie sie beschaffen sind. Solch
eines Menschen Traumgesichte werden denn auch keine materiellen und unreellen,
sondern geistig, rein, wahr und somit reell sein, und es wird da wenig
Unterschied mehr zwischen dem Hellsehen im wachen Zustande oder im leiblich
schlafenden Traumzustande eines Menschen sein.
[GEJ.08_136,04] Und siehe, in einen solchen
Zustand habe ich euch denn ehedem durch meine mir innewohnende Kraft auch
versetzt, und eure Seele konnte da denn auch ungehindert die Seelen schon lange
auf der Erde verstorbener Menschen sehen und auch sprechen. Aber ihr konntet in
solchem zweithöheren Schaugrade nur solche Geister sehen und sprechen, die sich
mit euch auf einer gleichen Stufe befanden, bis auf den Johannes, der seiner
Jünger wegen sich aus den Himmeln in die beschriebene zweite Seh- und
Fühlsphäre herab aus eigener Macht versetzte, ansonst ihr ihn als einen höchst
vollendeten Geist nicht hättet ersehen und sprechen können.
[GEJ.08_136,05] Daß euch aber das Gesehene in
der vollen und klaren Erinnerung geblieben ist, das bewirkte auch ich durch die
Zulassung des Herrn; denn es ward das von euch Gesehene und Vernommene sogleich
in euer Fleischgehirn und auch in euer Herz und in eure Nieren gezeichnet. Ohne
dieses hättet ihr von all dem Gesehenen und Vernommenen ebensowenig etwas
herüber ins erdwache Leben gebracht, als die Seele deines Bruders, mit der du
nach deiner Traumerzählung in Athen zusammengekommen bist, von dem etwas
mitgebracht hat ins leibwache Leben, was sie träumend mit dir in Athen
verhandelt hatte.
[GEJ.08_136,06] Es gibt gewisse fromme
Menschen, die beinahe täglich zur Stärkung der Seele im Leibesschlafe in der
Geisterwelt leben und handeln. Wenn sie aber wieder leibeswach werden, so
wissen sie nichts davon; nur ein gewisses tröstlich- stärkendes Gefühl gewahren
sie in sich, und es kommt manchem vor, als hätte er angenehme Dinge gehört und
gesehen.
[GEJ.08_136,07] Nur solche Menschen, die sich
gleich den Propheten schon im Übergange in den dritten und somit höchsten und
hellsten Schau- und Gefühlsgrad befinden, weil ihr Geist sich schon völliger
mit der Seele zu einen angefangen hat, bringen das in der auch schon höheren
Geisterwelt Geschaute und Vernommene in den leibeswachen Zustand zurück und
können es ihren Nebenmenschen wieder verkünden. In solch einem Zustande
befanden sich die meisten kleinen Propheten.
[GEJ.08_136,08] Betrachte du aber nun zum
Beispiel einen Weizenhalm, wie er sich bis dahin entfaltet, wo auf seinem
höchsten Wachstumspunkte die Fruchtähre sich zu zeigen und zu entfalten
beginnt! Siehe, dasselbe geschieht beim Menschen, wenn die Seele anfängt,
völlig in ihren Geist überzugehen.
[GEJ.08_136,09] Durch das Handeln im zweiten
Hellschaugrade hat nur der Geist die immer noch zum halben Teile materielle
Seele zu bearbeiten angefangen und breitete sich in ihr immer mehr aus, und das
so lange fort, bis von ihm die ganze Seele erfüllt und geistig belebt wurde.
[GEJ.08_136,10] In diesem dritten Stadium
aber fängt die Seele an, durch die Liebe des Geistes ganz entzündet, in den
Geist überzugehen und alle ihre immer noch mit der Materie verwandte Substanz
in die rein geistige Essenz umzugestalten, und da wird die wahre Fruchtähre
fürs freie, ewige Leben gebildet.
[GEJ.08_136,11] In diesem Zustande wird ein
Mensch denn ganz ins Licht gehoben, fängt an, vom selben ernährt zu werden, und
je mehr Nahrung er vom selben erhält, desto weniger nimmt er als stets mehr und
mehr vergeistigte Seele Nahrung von der seelisch-materiell substantiellen
Sphäre an. Die Lebensähre blüht, einigt sich dadurch mit dem Geiste der Liebe,
und das erzeugt dann das Lebenskorn, das anfänglich mit der Milch aus den
Himmeln genährt wird, in kurzer Zeit aber mit stets helleren und ewig festen
und unwandelbaren Wahrheiten.
[GEJ.08_136,12] Und sieh! Da wird das
Lebenskorn reif, und das Leben der Seele, das im zweiten Schaugrade als
gewisserart vereint mit dem Geiste den Kornhalm bildet, befindet sich nun im
vollreifen Lebenskorne, darum denn der früher so emsig gebildete Halm welk
wird, völlig abstirbt und sich vom Lebenskorne abscheidet und mit dem Korne
keine Gemeinschaft mehr hat!
[GEJ.08_136,13] Siehe, das ist denn auch dann
der dritte und höchste Schau- und Lebensgrad der Seele! In diesem Zustande
sieht und vernimmt dann die Seele alles, was in der ganzen Schöpfung ist und
irgend besteht. Sie sieht den Himmel offen und kann mit aller Geisterwelt in
den lichtesten und lebendigsten Verkehr treten. Was solch eine Seele dann
sieht, vernimmt und fühlt, das kann nimmer aus ihrer hellsten Erinnerung
entschwinden; denn ihr hellster Schau- und Fühlkreis ist ein allumfassender, ewig
bleibender und alles durchdringender.
[GEJ.08_136,14] In solch einem Zustande
befanden sich die großen Propheten, und in solch einem Zustande befinden sich
auch alle vollendeten Geister der Himmel, und ich selbst befinde mich auch in
einem solchen Zustande, ansonst ich dir ihn nicht hätte beschreiben können, –
denn niemand kann jemand anderem etwas geben, was er selbst nicht hat, was du
wohl einsehen wirst.“
137. Kapitel
[GEJ.08_137,01] (Raphael:) „Wie aber kann ein
Mensch schon auf dieser Welt in diesen Zustand des Lebens gelangen?
[GEJ.08_137,02] Der Mensch muß das Wort
Gottes, in welchem Er dem Menschen treu Seinen Willen offenbart, einmal mit
freudigem, dankbarem und willigem Herzen und Verstande annehmen. Dadurch legt
er schon das wahre Lebensweizenkorn in das fruchtbare Erdreich.
[GEJ.08_137,03] Darauf muß er aber auch
ungesäumt nach dem Willen Gottes zu handeln anfangen. Dieses Handeln ist dann
der belebende Regen, durch den der göttliche Geist in die Seele des
Lebenskornes überzugehen bewogen wird. Nun heißt es dann zuerst in sich gehen
durch die wahre Demut, durch die Geduld, Sanftmut, durch die wahre Liebe zum
Nächsten und durch die rechte Barmherzigkeit. So ein Mensch lebendig und mit
allem Eifer in diese Stücke eingeht, so gehet er dadurch auch in seine eigenen
Lebenstiefen und schlägt die geistigen Lebensnährwurzeln ins Erdreich der
Gotteskraft, die solche Wurzeln dann gierig einsaugen und den Lebenshalm zum
Gotteslichte emporzutreiben, zu bilden und zu vollenden anfangen. In diesem
Zustande geht die Seele denn auch stets mehr in die immer lebendiger werdende
Liebe zu Gott über, und zwar in dem Maße, als ihr Geist auch immer tätiger in
die Seele übergeht.
[GEJ.08_137,04] Wenn des Menschen Lebenshalm
auf diese Weise bis zur Ähre gediehen ist und die Seele sich ganz in der Liebe
zu Gott und in ihrem Lebenslichte und in ihrer Lebenswärme befindet, so fängt
sie damit auch an, selbst in ihren Geist überzugehen und völlig eins zu werden
mit ihm. In diesem seligen Zustande wird die Lebenskornähre zuoberst am Halme
ersichtlich und bildet sich nun im reinen Gotteslichte schnell aus bis zur
Blüte; die Blüte aber zeigt dann die volle Liebe- und Lebenseinigung mit ihrem
Geiste und also auch mit Gott.
[GEJ.08_137,05] Aus dieser Einigung entsteht
dann die wahre Lebensfrucht, deren volle Reifwerdung erhaben ist über alles
Irdische im vollen Lebenslichte Gottes. Daß ein Mensch sogestaltig sich denn da
auch im hellsten Schauen und lebendigsten Innewerden über alles in aller
Geisterwelt, wie auch in aller materiellen Schöpfung befindet, das wird wohl
niemand bezweifeln, der das von mir nun Dargestellte, mit der Wachstumsordnung
einer Pflanze vergleichend, nun mit einiger Aufmerksamkeit überdenkt. – Und nun
habe ich geredet, und dir steht das Recht zu, auch wieder zu reden.“
[GEJ.08_137,06] Sagte darauf voll Staunens
der Hauptmann: „Höre, du mein junger, holdester Freund, du mußt sicher schon im
Mutterleibe diesen Lebensweg zu betreten angefangen haben, ansonst es wohl
nicht denkbar ist, daß ein Mensch in deiner Jugend sich in solch eine
Lebenshöhe emporschwingen könnte! Doch sei das nun, wie es wolle; es ist genug,
daß du dich in aller Lebensvollendung befindest. Aber wenn du einmal auch
diesen deinen Leib ablegen wirst, wirst du alsdann als ein reiner Geist mit den
Menschen dieser Erde so wie jetzt verkehren können?“
[GEJ.08_137,07] Sagte Raphael: „Allerdings,
aber nur mit solchen, die sich durch ihren Lebenswandel nach der Lehre des
Herrn in jenen Zustand werden erhoben haben, in welchem sie dafür befähigt sein
werden!“
[GEJ.08_137,08] Sagte wieder der Hauptmann:
„Hast du nun auch gar keine Furcht mehr vor dem Tode des Leibes?“
[GEJ.08_137,09] Sagte Raphael: „Wie möglich
könnte ich diese haben, da ich ja schon ganz ins ewige Leben des Geistes aus
Gott übergegangen bin und somit auch mein Leib in meiner Gewalt steht! Ich
selbst kann diesen verwandeln, wann ich will, und kann mir ihn wieder schaffen,
wie und wann ich will. – Glaubst du mir das?“
[GEJ.08_137,10] Sagte der Hauptmann: „Das
wäre stark! Solches habe ich noch niemals vernommen! Kannst du mir darüber auch
einen begreifbaren Beweis geben, und ich will dich darob sehr loben.“
[GEJ.08_137,11] Sagte Raphael, freundlich
lächelnd: „Oh, damit kann ich dir schon dienen! Da greife nun meinen Arm an und
befühle ihn, ob er Fleisch und Knochen hat!“
[GEJ.08_137,12] Der Hauptmann tat das und
sagte: „Mein junger Freund, dein Arm ist stark und völlig männlich kräftig. Du
hast feste Muskeln und starke Knochen.“
[GEJ.08_137,13] Sagte darauf wieder Raphael:
„Damit du aber nun siehst und erfährst, daß ein Mensch, im höchsten und
hellsten Schaugrade stehend, auch vollkommen ein Herr über seinen Leib ist, so
fasse mich nun noch einmal am Arme und sage es mir, ob meine Muskeln noch so
fest und meine Knochen noch so hart sind wie zuvor!“
[GEJ.08_137,14] Der Hauptmann tat das, griff
aber den Arm des Raphael gleich also durch und durch, als wäre er ein pures
Luftgebilde.
[GEJ.08_137,15] Da erschrak der Hauptmann und
sagte: „Höre, du bist ein seltsames Wesen! Mir wird es nun fürwahr ganz unheimlich
zumute! Ich sehe dich noch wie zuvor, und du hast keinen Leib mehr, sondern
bist nun ein pures Luftgebilde und stehst vor mir wie ein Phantom. Ah, das ist
stark, – das ist noch nie erhört worden! Man hat wohl schon davon gehört, daß
es zu einer gewissen Zeit Magier gegeben habe, die sich hätten unsichtbar
machen können, aber dabei doch ihre leibliche Festigkeit behielten; denn sie
hätten dann etwa in ihrer Unsichtbarkeit doch große Lasten von einem Orte zum
andern bewegen können. Du aber bist nun noch als ein vollkommener Mensch
sichtbar und bist es dabei gewisserart nicht, und es fragt sich nun sehr, ob du
nun als ein pures Luftgebilde noch jene Säule aufheben könntest!
[GEJ.08_137,16] Sagte Raphael: „So gut und
sicher wie zuvor! Aber damit du siehst, daß ich nun noch mehr vermag denn
zuvor, so werde ich jene Säule mit meinen Armen gar nicht mehr berühren,
sondern ich werde sie bloß mit meinem Willen aufheben, sie eine Zeitlang frei
in der Luft halten und sie dann wieder auf ihren Platz hinstellen.“
[GEJ.08_137,17] Als Raphael solches noch kaum
ausgesprochen hatte, da schwebte die Säule auch schon frei in der Luft, und dem
Hauptmanne wurde nun noch ängstlicher zumute. Er wußte nun nicht mehr, was er
dazu sagen sollte, und staunte bald die in der Luft schwebende Säule und bald
wieder den Raphael an.
[GEJ.08_137,18] Erst als Raphael die Säule
wieder an ihren alten festen Platz zurückstellte, da erst erholte sich der
Hauptmann und auch seine Gefährten von ihrem Staunen, und er sagte: „Nein,
jetzt ist meine Sprache zu Ende! Denn worüber einem Menschen alle natürlichen
Gedanken und Begriffe völlig fehlen, da fehlen ihm auch Worte und die
vernünftige Rede. Du solltest dich nun nur auch noch völlig unsichtbar machen
können, so würde ich darüber sicher ein blödester Narr werden!“
[GEJ.08_137,19] Sagte nun Raphael: „Auch das
könnte ich, so ich es nun wollte; aber damit du kein Narr werdest, so bleibe
ich wieder als ein leibhaftiger Mensch. Ich habe es dir aber nun nur zeigen
wollen, daß ein Mensch, der sich einmal im dritten und höchsten Schau- und
Seinsgrade befindet, keinen Tod mehr vor sich hat, sondern ein ganz
vollkommener und freiest selbständiger Herr über sein Leben und somit auch über
seinen Leib und dessen Tod ist. In dem Grade aber, wie ich es nun bin, können
es die Menschen auf dieser Erde wohl nur höchst selten und sehr schwer werden;
denn es sind die meisten schon zu verweltlicht und haben danach auch zu wenig
des festesten und beharrlichen Willens und lebendigen und ungezweifelten
Glaubens. Wenn sie aber einmal werden ihren Unglauben abgelegt haben, dann
werden sie, mir gleich, als reine und vollendete Geister das tun und
bewerkstelligen können, was ich tue und bewerkstellige!“
[GEJ.08_137,20] Sagte hier schnell der
Hauptmann: „Bist denn du schon ein reiner und vollendeter Geist?“
[GEJ.08_137,21] Sagte Raphael: „Allerdings,
denn ein unvollendeter Geist kann das nicht tun und bewirken, was ich tue und
bewirke.“
[GEJ.08_137,22] Sagte abermals der Hauptmann,
der nun schon ganz verwirrt war: „Ja, können denn die ganz reinen und
vollendeten Geister auch alle so essen und trinken wie du? Wozu das, wenn sie
durch die irdische Kost keinen Leib zu erhalten haben?“
[GEJ.08_137,23] Sagte Raphael: „Wohnt in
unserem Herrn und Meister nicht der allerhöchste Geist Gottes vollkommen, und
Er nimmt doch auch die diesirdische Nahrung zu Sich? Wenn es dir möglich ist,
irdische Kost zu dir zu nehmen, warum sollte es einem vollendeten Geiste, der
auch durchaus ein Mensch ist, nicht möglich oder für ihn irgend zwecklos sein,
auch dieser Erde Kost zu sich zu nehmen und sie in sich zu verkehren in sein
Element?
[GEJ.08_137,24] Ist denn nicht alles, was dem
Menschen zur Nahrung dient, Gottes Wort und Gottes Wille? So du, als noch ein Naturmensch,
deinen Leib sättigest mit der Naturkost, da nimmt davon die Seele auch ihren
substantiell geistigen Teil in sich auf und verwendet ihn zur Festigung ihrer
Form; tut aber das die noch unvollkommene Seele, wennschon auf eine ihr
unbewußte Weise, so wird das wohl auch ein sich seiner selbst höchst klar
bewußter vollendeter Geist um so mehr tun können, da es ihm möglich ist, alle
Materie plötzlich aufzulösen und in ihr Urgeistiges umzuwandeln. – Verstehest
du das?“
[GEJ.08_137,25] Sagte der Hauptmann: „O du
mein sehr sonderbarer und geheimnisvoller Freund, um das alles zu verstehen,
dazu gehört mehr als der Verstand eines römischen Hauptmanns! Mir genügt es nun
aber schon vollkommen, daß ich nur einmal vollkommen davon überzeugt bin, daß
des Menschen Seele nach dem Leibestode fortlebt, und daß ich die Wege nun
kenne, auf denen man sicher der stets helleren geistigen Vollendung
entgegenschreitet; alles andere hat für mich nun einen geringeren Wert.
[GEJ.08_137,26] Du magst nun noch ein
leiblicher oder auch ein schon lange leibloser, reiner und mächtiger Geist
sein, so geht mich das weiterhin wenig an. Aber das geht mich an, daß durch
einen rechten Lebenswandel auch ich das werde einst, was du nun schon bist, und
was du an der Seite des Herrn und Meisters auch sicher leichter hast werden
können, als ich es werde werden können; ich will aber auch zu deiner Höhe nicht
hinaufklimmen und werde mit viel wenigerem auch schon ganz vollkommen zufrieden
sein. Denn es ist einem jeden Menschen auch sicher schon von Gott aus nicht
gegeben, daß es ihm möglich wäre, sich zu deiner Höhe emporzuarbeiten; aber ein
jeder danke Gott auch um das, was Er ihm gegeben hat.
[GEJ.08_137,27] Ich danke aber nun auch dir
für deine Liebe, Geduld und Mühe, die du mir zu meiner Belehrung erwiesen hast,
und ich gebe dir dankbarst die volle Versicherung, daß ich mit dem, was ich von
dir empfangen habe, mehr als vollkommen zufrieden bin.“
[GEJ.08_137,28] Sagte nun Raphael: „Und ich
bin auch mit dir nun ganz zufrieden und will dir und auch deinen Gefährten, so
noch jemand etwas wünschet, mich dienlich erweisen. Hat jemand noch etwas, so
trete er hervor und gebe es vor allen kund!“
138. Kapitel
[GEJ.08_138,01] Hier trat ein Johannesjünger
zu Raphael und sagte: „Höre, du sonderbarer junger Mensch, ich hätte nun nur
noch die einzige Bitte dahin an dich zu stellen, daß du dich selbst über dein
eigentliches Wesen uns ein wenig näher enthüllen möchtest, als du dich uns bis
jetzt enthüllt hast! Denn daß du ein ganz geheimnisvolles Wesen bist, darüber
besteht in mir gar kein Zweifel mehr; denn das, was du nun schon alles in
kurzer Zeit bewirkt hast, kann kein natürlicher Mensch bewirken, und deine
Weisheit geht auch himmelhoch über alles bisherige menschliche Wissen. Daher
möchte denn ich doch näher wissen, wer du eigentlich bist! Ein ganz natürlicher
Mensch bist du in gar keinem Falle mehr, aber du kannst der Geist des Elias
oder auch eines andern großen Propheten sein; denn es stehet ja geschrieben,
daß zur Zeit, wenn der Messias zu den Menschen kommen werde, auch Elias an
seiner Seite einhergehen wird als ein treuer Zeuge für die blinden Menschen.
Und also stehet es auch geschrieben: ,In derselben Zeit werdet ihr sehen die
Engel Gottes auf- und niedersteigen zwischen Himmel und Erde, und sie werden
dienen Dem, der gekommen ist im Namen des Herrn, und auch den Menschen, die
eines guten Willens sind.‘
[GEJ.08_138,02] Du kannst demnach nun ganz
leicht entweder der Geist Mosis oder Elias oder ein reiner Engel Gottes selbst
sein und hast nun nur darum einen scheinbaren Leib angenommen, um dich uns
Menschen sichtbar dienlich erweisen zu können. Sage es wenigstens mir, ob ich
nun nicht vielleicht so ziemlich richtig geurteilt habe!“
[GEJ.08_138,03] Sagte nun Raphael: „Es mag
schon also sein, aber doch noch etwas anders! Wie es aber ist, das wirst du
schon zur rechten Zeit von den andern Jüngern erfahren. Ob du das nun schon
genau weißt oder auch nicht weißt, daran liegt das Heil deiner Seele nicht;
aber daran liegt es, daß du an den Herrn glaubst, Ihn über alles liebst und
nach Seiner Lehre lebst und handelst. In dem allein suche du das Reich Gottes
und seine Gerechtigkeit; alles andere wird dir dann schon ohnehin als eine
freie Gabe hinzugegeben werden.
[GEJ.08_138,04] So du mich aber für den Geist
Mosis oder Elias hältst, da bist du in einer Irre; denn des Elias Geist war in
Johannes, der euer Meister war. Moses aber hat schon sein Zeugnis dem Herrn vor
den Augen Seiner Jünger gegeben, und diese werden den andern Völkern kundgeben,
wann es an der Zeit sein wird. Und somit weißt du nun vorderhand zur Genüge.“
[GEJ.08_138,05] Hierauf setzte sich Raphael
wieder neben Mir nieder und nahm Brot und Wein zu sich. Auch der Hauptmann
setzte sich mit dem Johannesjünger zusammen und nahm auch noch Brot und Wein zu
sich. Der Jünger aber nahm kein Brot und keinen Wein, sowie auch seine
Mitjünger nicht; denn die Jünger des Johannes führten ein strenges Leben und
fasteten viel. Meine Jünger aber aßen und tranken noch.
[GEJ.08_138,06] Da sagte einer der bekehrten
Pharisäer zu Mir: „Herr und Meister, warum fasten denn deine Jünger nicht, da
doch des Johannes Jünger so viel fasten?“
[GEJ.08_138,07] Sagte Ich: „Ich bin ein
rechter Bräutigam denen, die an Mich halten, und die Ich erwählt habe. Warum
sollen sie denn fasten, so Ich bei ihnen bin? Wenn Ich als ein wahrer Bräutigam
ihrer Seelen aber persönlich nicht mehr bei ihnen sein werde, dann werden sie
schon auch fasten zur Zeit der Not. Übrigens aber wird niemand darum das ewige
Leben der Seele überkommen, weil er viel gefastet hat, sondern nur der, welcher
den Willen Dessen tut, der Mich gesandt hat.“
[GEJ.08_138,08] Das fiel dem Hauptmann auf,
und er fragte Mich eiligst, sagend: „Herr und Meister, wie sprachst Du nun, daß
nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut, der
Dich gesandt hat? Wer ist der, der Dich gesandt hat, und wie lautet sein Wille?
Erkläre Dich da klarer, ansonst ich über diesen Deinen Ausspruch in einen
offenbaren Zweifel geraten müßte! Denn einmal heißt es – wie ich das aus der Erklärung
der Psalmen im Hause unseres Wirtes ersehen habe –, daß Du Selbst und allein
der Herr bist, und daß der das ewige Leben der Seele überkommen werde, der
Deine Lehre annimmt und nach ihr lebt und handelt, und nun sagtest Du Selbst,
daß nur der das ewige Leben der Seele ernten wird, der den Willen dessen tut,
der Dich gesandt hat! – Siehe! – das ist nun sehr zweideutig, und ein Mensch
wie ich, dem es sicher um das ewige Leben seiner Seele ganz vollkommen
ernstlich zu tun ist, wird da offenbar irre und weiß nicht, an wen er sich
wenden soll, der ihm den Willen dessen, der Dich gesandt hat, treu und wahr
kundtun könnte! Ich bitte Dich darum, daß Du Dich über Deinen Ausspruch nun
deutlicher und bestimmter eröffnen möchtest!“
[GEJ.08_138,09] Sagte Ich: „Es ist wohl noch
viel Finsternis in euch! Der Mich gesandt hat, ist Mein ewiger Vater und ist in
Mir; und so habe denn auch Ich Selbst aus Meiner Liebe zu euch Menschen Mich
gesandt in diese Welt, um euch zu bringen und zu geben das ewige Leben.
[GEJ.08_138,10] Mein Wort und Meine Lehre,
die euch den Weg zum ewigen Leben zeigt, ist aber eben der Wille Dessen, der in
Mir ist, und der Mich gesandt hat. Denn der Vater, als die ewige Liebe, ist in
Mir, und Ich, als ihr Licht, bin in ihr.
[GEJ.08_138,11] Sieh aber die Flamme der hier
auf dem Tische leuchtenden Lampe an! Kannst du das Licht von der Flamme trennen
oder die Flamme vom Lichte? Die Flamme aber ist das, was Ich ,Vater‘ und
,Liebe‘ nenne, und das Licht ist ihr Sohn, der von der Flamme ausgesendet wird,
um zu erleuchten die Finsternis der Nacht. Sind da nicht die Flamme und ihr
Licht ein Wesen? Und ist da nicht die Flamme ebenso im Lichte, als das Licht in
der Flamme? Wenn aber also und unmöglich anders, so offenbart sich ja des
Vaters Wille in dem von Ihm ausgehenden Lichte.
[GEJ.08_138,12] Wer sonach in diesem Lichte
wandelt, der wandelt auch nach dem Willen Dessen, der Mich als Sein Licht in
diese Welt gesandt hat; und wer in diesem Lichte wandelt, der kann nicht
fehlgehen und muß das ewige Leben ernten, weil das Licht, nach und in welchem
er wandelt, das ewige Leben selbst ist.
[GEJ.08_138,13] Nur wer dieses Licht verläßt
und in der eigenen Weltnacht von neuem zu wandeln beginnt, der kann so lange
nicht das ewige freie Leben der Seele ernten, als er nicht in das Licht des
Lebens übergeht. Und nun wirst du, Hauptmann, Mich etwa wohl verstanden haben?“
[GEJ.08_138,14] Sagte der Hauptmann: „Ja, ja,
Herr und Meister, jetzt bin ich schon wieder im klaren und weiß nun, was ich zu
tun habe, um zum ewigen Leben zu gelangen, und ich danke Dir abermals für diese
gar gewichtige Belehrung. Ich habe Dich aber ehedem in Deiner Rede mit dem
Pharisäer unterbrochen und bitte Dich nun, daß Du da noch weiter reden
wollest!“
[GEJ.08_138,15] Sagte Ich: „Dem habe Ich
schon gesagt, was ihm not tat, und habe darum keine Fortsetzung für ihn!
[GEJ.08_138,16] Ich hätte euch allen aber
noch gar vieles zu sagen, doch jetzt könntet ihr es noch nicht ertragen; wenn
aber der Geist in euch erwachen wird, der Geist der Wahrheit, den Ich in euch
erwecken werde, der wird euch in alle Wahrheit und Weisheit leiten. Erst in
seinem Lichte werdet ihr alle Den erst vollends erkennen, der nun solches zu
euch geredet hat. – Nun aber überdenket das, was ihr vernommen habt, und
besprechet euch untereinander; Ich aber werde ein wenig ruhen.“
[GEJ.08_138,17] Nach diesen Worten ward es
eine kleine Weile still im Saale; denn ein jeder dachte eine Zeitlang über all
das Vernommene und Gesehene nach.
139. Kapitel
[GEJ.08_139,01] Es war aber bei dieser
Gelegenheit die Zeit schon gegen Mitternacht gekommen, und die Römer, von der
Tagesreise etwas ermüdet, fingen beim Tische zu schlummern an, auch einige
Meiner Jünger, da auch Ich Mich einem leichten Schlummer überließ; nur die
Bethlehemer und die etlichen Jünger des Johannes besprachen sich noch über ein
und das andere miteinander, und es kam also die volle Mitternacht herbei. Mit
ihr aber erhob sich auch ein sehr heftiger Sturmwind, der von Süden her kam,
der aber stets heftiger wurde und durch sein Toben, Brausen, Pfeifen und Heulen
alle die Schlummernden aufweckte und die noch Wachen aber mit Furcht, Angst und
Bangen erfüllte. Ich aber und etliche Meiner alten Jünger schlummerten noch
fort.
[GEJ.08_139,02] Lazarus wandte sich an den
Raphael und bat ihn, daß er dem Sturme gebieten möchte, daß dieser doch
wenigstens sanfter werden möchte, da er sonst für nichts und wieder nichts
einen großen Schaden anrichten werde in den Weinbergen, Gärten, an den Bäumen
und Häusern.
[GEJ.08_139,03] Auch der Hauptmann, der so
heftige Winde nicht leiden konnte, sagte ganz offen: „Da weiß man als ein
Mensch wieder nicht, was man aus der großen Liebe und Weisheit Gottes machen
soll! Wozu sollen solche heftigen Stürme wohl gut und nützlich sein? Oder hat
denn Gott Selbst eine Freude daran, wenn Er die schwachen Menschen durch solch
ein Toben und Wüten der Elemente erschreckt und sie in eine große Furcht und
Angst versetzt? Solch ein böser Sturm macht den Menschen auch stets einen oft
unberechenbaren Schaden, und zuallermeist den Armen, denen er ihre schwachen
Hütten zerstört, daß sie dann dach- und fachlos herumbetteln müssen, um doch
wieder zu irgendeiner armseligen Wohnhütte zu gelangen. Nein, dieser Akt der
göttlichen Liebe und Weisheit ist wahrlich etwas sonderbar!“
[GEJ.08_139,04] Hierauf wandte sich auch der
Hauptmann an den Raphael und sagte: „Höre du mein wundermächtiger Freund, der
du ehedem bloß durch deinen Willen jene schwere Säule in die Luft erhobst,
reicht deine Willensmacht nun gegen das stets heftiger werdende Wüten des
Sturmes nicht aus, um es zum Schweigen zu bringen? Wenn das so fortgeht, so
liegen morgen ganze Wälder entwurzelt und zusammengebrochen am Boden! Wer wird
den armen Menschen den angerichteten Schaden vergüten? Ich bitte dich, tue da
doch etwas entgegen!“
[GEJ.08_139,05] Sagte darauf Raphael: „O du
mein schwacher, sturmfürchtiger Mensch! Was haderst du da gegen die Liebe,
Weisheit und Ordnung Gottes! Meinst du denn, Gott lasse solch einen heftigen
Wind aus einer Art Unwillen gegen die Menschen wehen? Oh, wie schwach bist du
noch! Kennst du die dem Naturleben der Menschen und Tiere schädlichen
Naturgeister, die sich aus dem Innern des Erdkörpers oft, und besonders in der
Herbstzeit, in einem größeren Maße wegen der Befruchtung der Erdoberfläche zu
entwickeln haben?
[GEJ.08_139,06] Siehe, gerade in dieser Nacht
dringen große Massen aus dem Innern der Erde auf ihre Oberfläche herauf, auf
daß das kommende Jahr ein fruchtbares werde! Wenn nun diese noch sehr
ungegorenen Naturgeister in Gestalt eines grauen und modrigen Dunstes sich
ruhig über die Oberfläche der Erde lagern würden, so würde in solchem Dunste
keines Menschen Leibesleben auch nur ein paar Stunden lang bestehen können.
Welch anderes Mittel aber kannst du mir angeben, um die erwähnten aufsteigenden
rohen Naturgeister für die leibliche Gesundheit der Menschen unschädlich zu
machen, als eben nur den Wind, und das einen gegen die hartnäckige und
gewisserart klebrige Natur solcher Geister entsprechend heftigen?
[GEJ.08_139,07] Der Wind, der von reineren
Geistern dadurch bewirkt wird, daß sie die sonst ruhige Luft der Erde in eine
gewaltige Strömung versetzen, vermengt die rohen Naturgeister mit den reinen
Geistern in der Luft und im Wasser und macht sie dadurch unschädlich für die
Gesundheit der Menschen, der Tiere und der Pflanzen, was alles nach dem Willen
Gottes geschieht, weil es also geschehen muß; und du meinest da, daß durch
solche Winde Gott den schwachen Menschen einen Schaden zufügen wolle und
gewisserart eine Freude daran habe, so die schwachen Menschen bei solchen
Gelegenheiten vor Angst und Schrecken nahe zu verzweifeln anfangen? O du noch
sehr schwachsinniger Mensch!
[GEJ.08_139,08] Was liegt denn daran, wenn
bei einer für die Erde und ihre Geschöpfe heilsamen Gelegenheit auch einige
morsche Bäume und auch etliche schon sehr baufällige Wohnhütten der Menschen
und einige Vogelnester zerstört werden, wenn nur das Erdreich fruchtbar und die
Erdluft dem geschöpflichen Naturleben unschädlich wird?
[GEJ.08_139,09] Wenn hie und da einem Menschen
auch irgendein kleiner Weltschaden zugefügt wird, so wird es der Herr sicher
auf eine ganz beste Art demselben mehrfach entschädigen; zudem aber schadet es
den nur zu leicht und zu oft Gottes vergessenden Menschen gar nicht, so sie
dann und wann durch besondere Naturszenen aus ihren trägen Weltträumereien
aufgerüttelt werden und es erfahren, daß es höhere Kräfte und Mächte gibt,
gegen die der menschliche Hochmut keinen Sieg erfechten kann.
[GEJ.08_139,10] Darum lassen wir diesen Wind
nun nur noch ein paar Stunden lang arbeiten! Wenn er sein gutes Geschäft wird
verrichtet haben, dann wird er sich auch schon wieder legen. Ich könnte dem
Winde aus der Macht des Herrn in mir wohl gebieten, daß er sich augenblicklich
legen müßte, – aber wozu wäre das gut? Ich sage es dir: für gar nichts; denn
solch ein Zeichen würde nicht um ein Mal deinen Glauben an den Herrn erhöhen.
Denn stille ich den Wind dir zuliebe nur auf einige Augenblicke, so wirst du
dann geheim bei dir sagen: ,Ah, der Wind hat von selbst einige Augenblicke
ausgesetzt!‘ und meinen, ich sagte dir nur so dabei, daß dies Aussetzen infolge
der Macht meines Willens geschehen sei. Lasse ich aber den Wind sich ganz zur
Ruhe legen, so sterben schon morgen tausend Menschen an der bösen Ruhr, und das
würde dir denn doch auch sicher nicht angenehm sein; denn ich weiß es, daß du
und gar viele Menschen keine Freunde von Epidemien seid. Und so lassen wir, wie
schon gesagt, den Wind nur fortwehen; der kleine Schaden, den er hie und da
anrichten wird, wird leicht zu vergüten sein.
[GEJ.08_139,11] Oder schadet es etwa so
manchem allzu selbstsüchtigen Reichen, so er dann und wann durch die größere
Not eines und des andern armen Nebenmenschen zum Mitleid und zur Barmherzigkeit
aufgerüttelt wird? Ich bin der sicheren Meinung, daß so etwas der Seele des
Reichen sehr nützlich ist. Der Arme aber wird Gott um so mehr danken, weil er
ihm infolge seiner vor den Augen der reichen Menschen gesteigerten Not auch um
vieles kräftiger geholfen hat, als es sonst geschehen konnte. Denn der
früheren, schon lange gleichfort andauernden Armut und Not des armen Nachbarn
gedachten die Reichen kaum und ließen ihn unberücksichtigt fortdarben; aber da
Gott über ihn ein rechtes weltliches Unglück kommen ließ, so wurden die sonst
zumeist harten Reichen erweicht und beschenkten den Armen darauf ansehnlich,
daß ihm dann auf lange hin geholfen ward.
[GEJ.08_139,12] Sage du nun mir: Ist Gottes
Liebe und Weisheit da nicht als wirkend ersichtlicher unter den Menschen auf
der Erde als irgend in einer Gegend der Erde, wie es auch deren manche gibt,
die von keinem Sturmwind heimgesucht werden, darum aber auch völlig wüste und
unbewohnbar daliegen?!“
140. Kapitel
[GEJ.08_140,01] Sagte der Hauptmann: „O du
holder und wunderbarer Freund, mit dir sich in der Weisheit messen, wäre wohl
eine sehr vergebliche Mühe; denn du hast allzeit vollkommen recht, weil du auf
Grund deiner gottähnlichen Allwissenheit und Allkenntnis auch stets die
unbestreitbarste Wahrheit auf eine höchst klare Weise darstellen kannst. Aber
wo soll unsereiner das hernehmen, dessen Wissenschaft und Kenntnis in den
Dingen der Weltnatur von einer sicher nur höchst beschränkten Art ist?
[GEJ.08_140,02] Aber das weiß und fühlt auch
der schwache und beschränkte Mensch, wo es ihm wehe tut, und seufzet und klagt
oft lange vergeblich, und das kann ihm auch die höchste Liebe und Weisheit
Gottes niemals zu einer Sünde rechnen. Und so denn klagte ich auch über den
Wind, da ich schon oft nur zu empfindlich erfahren habe, welche Verheerungen er
hie und da angerichtet hat; denn ich wußte ja nicht um den Grund seines Wütens.
[GEJ.08_140,03] Nun aber hast du mir ihn gar
klar gezeigt, und ich erkenne jetzt die Wohltat seines Wirkens und gebe dir die
volle Versicherung, daß ich von nun an niemals mehr mit meinen Klagen gegen ihn
zu Felde ziehen werde, – auf dem festen Lande schon am allerwenigsten! Nur auf
dem Meere möchte mich, solange ich im Leibe zu leben haben werde, der Herr vor
solchen Winden beschützen; denn da ist es wohl erschrecklich, sich mitten im tobendsten
Kampfe des Meeres mit dem Winde auf einem gebrechlichen Schiffe zu befinden!
Ich habe das schon mehrere Male erlebt und bin den starken Winden eben darum
Feind geworden und habe als noch ein starrer Heide oft über solch ein Gebaren
der Götter losgezogen; aber da ein heftiger Wind sicher auch auf dem Meere eine
gleiche für die Erde und ihre Geschöpfe wohltätige Bestimmung haben wird, wie
auf dem festen Lande, so werde ich ihn auch über dem Meere lobend in Ruhe
lassen. – Holder Freund, ist es recht also?“
[GEJ.08_140,04] Sagte Raphael: „Das ganz
sicher; denn der Mensch, dessen Leben und Alles von Gott abhängt, soll Gottes
Anordnungen und Fügungen, so er Gott einmal erkannt hat, allzeit lobend und
preisend anerkennen und nicht darüber murren und hadern. Denn Gott der Herr
weiß es stets und ewig sicher am allerbesten, warum Er auf einem Erdkörper bald
dieses und bald jenes in Erscheinung treten läßt.
[GEJ.08_140,05] Der Mensch aber hat sich
dabei geduldig und voller Ergebung in den Willen Gottes zu verhalten und dabei
auch also zu denken: Das geschieht nach dem Willen Gottes zum Besten des
Menschen! Denn alles, was auf der Erde, im Monde, in der Sonne und in allen
Sternen geschieht, das geschieht alles zum alleinigen Besten der Menschen; denn
nur im Menschen liegt der Grund und der Zweck aller Schöpfung im endlosen
Raume.
[GEJ.08_140,06] Wenn ein Mensch also denkt
und fühlt, so wird er auch in allen Zuständen seines diesirdischen Freiheits-,
Bildungs- und Probelebens Ruhe finden und haben, und Gott wird ihn erretten aus
jeder Not und wird ihn finden lassen den Weg des wahren Lebens, den Weg des
Lichtes und aller Wahrheit.
[GEJ.08_140,07] Aber wer da ungeduldig wird
und über dies und jenes, das er doch nicht ändern kann, murrt und oft sogar in
seinem gemeinen Grimme Lästerungen über die ihm widrig vorkommenden
Erscheinungen in dieser Welt denkt und offen ausspricht, der eignet sich die
Liebe Gottes nicht an, sondern entfernt sich nur mehr und mehr von ihr, und das
gibt keinem Menschen weder eine irdische und noch weniger eine jenseitige Ruhe
und Glückseligkeit. Denn alles geschieht ja nur durch die Liebe Gottes, wie
schon gesagt, zum wahren Wohle des Menschen. Erkennt der Mensch das dankbar in
seinem Gemüte an, so nähert er sich auch stets der Liebe und der Ordnung Gottes
und geht dann bald und leicht ganz in dieselbe über und wird dadurch selbst
weise und mächtig; tut er aber das Gegenteil, so wird er denn auch stets dümmer
und in allem schwächer und machtloser.
[GEJ.08_140,08] Ich weiß es wohl, daß es auf
dieser Erde allerlei Vorkommnisse gibt, die dem Menschen nicht angenehm sein
können. So gibt es oft eine lästige Hitze, also auch eine große Kälte; es gibt
eine langweilige Nacht und manchen trüben Tag, das Feuer brennt und zerstört;
das Wasser, so es sich über seine Ufer erhebt, verwüstet die Länder und tötet
Menschen und Tiere, – und kurz: Alles, was du ansiehst in der ganzen Natur der
Welt, kann dir den Tod geben, wenn du es unweise benutzest und dich in die
Gefahr begibst.
[GEJ.08_140,09] Aber darum kann Gott doch
nichts ändern in Seiner wohlgeordneten Schöpfung! Sollte etwa das Feuer nicht
so glühheiß und brennend und zerstörend sein, wie es ist? Wozu würde es dann
wohl tauglich sein? Oder sollte das Wasser nicht flüssig sein, damit Menschen
und Tiere im selben, so sie hineinfallen, nicht des Leibes Tod fänden? Oder
sollen die Berge nicht hoch und steil sein, damit von ihren Zinnen niemand
herabfallen und dadurch auch den Tod finden möchte? Sollte es keine reißenden
Tiere geben, keine Schlangen und keine giftigen Pflanzen, weil alles das dem
Leben des Menschen gefährlich ist?
[GEJ.08_140,10] Ja, wenn der Mensch alles das
seinem Leben gefährlich werden Könnende von der Erde verbannt haben wollte, da
bliebe am Ende von der ganzen Erde auch kein Atom mehr übrig, und der Mensch
selbst auch nicht! Es muß denn schon alles so sein und bestehen, wie es ist und
besteht, und alles kann dem Menschen frommen, wenn er es nur weise benutzt;
aber wer es unweise benutzt und somit nicht mit der Ordnung Gottes im Einklange
wandelt, dem muß am Ende alles schädlich werden.
[GEJ.08_140,11] Wer sich dann über die
Schädlichkeit der Dinge und Einrichtungen in dieser Naturwelt ärgert und dabei
gegen die Weisheit und Macht Gottes zu Felde zieht, der ärgert sich offenbar
auch über Gott und verhöhnt Dessen Liebe und Weisheit; wer aber das tut, der
lebt sicher nicht in Freundschaft, sondern nur in einer wahren Feindschaft
Gottes des Herrn. Wird diese ihm wohl auch einen Segen bringen? Ich meine da,
daß solch eine blinde Anfeindung Gottes dem Menschen zuerst Gott verlieren
machen wird und der Mensch dann in seiner Gottlosigkeit kein Lebensglück mehr
wird zu erwarten haben, so lange hin, als er sich nicht bekehren und Gottes
Liebe, Weisheit und Ordnung in allem hochlobend anerkennen und mit der Zeit
auch klar einsehen wird.
[GEJ.08_140,12] So dich aber der Sturm auf
dem Meere ärgert, da bleibe auf dem festen Lande, so es auf dem Meere stürmt,
und besteige erst dann ein Schiff, so des Meeres Sturmzeiten vorüber sind; wann
aber diese am meisten und am heftigsten und anhaltendsten toben, das weiß ein
jeder Mensch schon, der in der Nähe des Meeres wohnt und mit demselben auch
immer zu tun hat.
[GEJ.08_140,13] Siehe, Freund, das sind auch
weise Regeln, wer sie weiß und beachtet, der wird glücklich sein auch schon auf
dieser Erde und wird Ruhe haben bei allen Erscheinungen und Begebnissen im
irdischen Leben.“
141. Kapitel
[GEJ.08_141,01] Nach dieser wohlbegründet
weisen Lehre aus dem Munde Raphaels dankte ihm der Hauptmann, die Jünger des
Johannes und der Wirt aus der Nähe Bethlehems; denn sie hatten alle Furcht und
Angst vor dem noch fortdauernden Toben und Wüten des Sturmwindes verloren. Aber
es dauerte nicht lange, als ein mächtiger Blitzstrahl aus dem durch den Wind
herbeigebrachten dicken und schweren Gewölke sich entlud und eine vom Hause
nicht ferne stehende alte Zeder sehr beschädigte. Diesem ersten Blitze folgten
nach allen Richtungen hin auch noch viele mit starkem Gekrache und den Erdboden
erbeben machendem Donner.
[GEJ.08_141,02] Unser Hauptmann war aber dem
Blitze und dem Donner noch weniger hold als dem starken Wind und geriet
abermals in eine große Angst und Furcht. Auch der Wirt und Lazarus und seine
Schwestern samt der Maria von Magdalon wurden ängstlich und fingen an, Mich zu
bitten, daß Ich dem bösen Gewitter gebieten möchte, daß es verzöge.
[GEJ.08_141,03] Da erwachte Ich aus Meinem
leichten Schlummer und sagte: „Fürchtet euch nicht, Kindlein; denn da Ich bin,
hat das Gewitter keine Macht zu schaden, sondern nur zu nützen! Es wird noch
eine kleine Stunde dauern, und Sturm und Gewitter werden verstummen, und morgen
werden wir darum einen reinen und heiteren Tag haben, und die frische und
gesunde Luft wird stärken unsere Glieder und Eingeweide.“
[GEJ.08_141,04] Diese Meine Worte beruhigten
die Gemüter der Furchtsamen, und Ich übergab Mich wieder einem leichten
Schlummer.
[GEJ.08_141,05] Als Ich da also schlummerte,
da betrachteten Mich alle, die da am Tische sitzend noch wach waren, und der
Hauptmann sagte: „Vom Herrn kann man wohl sagen: Si totus illabatur orbis,
impavidum ferient ruinae! (Wenn die ganze Erde zerbräche, so würden ihre
Trümmer über den Furchtlosen fallen!) Ja ja, wenn man der Herr und der Schöpfer
und Erhalter aller Kreatur ist, dann kann man vor derlei Erscheinungen freilich
wohl keine Furcht haben; aber unsereiner als nur ein schwacher und ohnmächtiger
Mensch kann sich bei solch einem Gewitter dennoch nicht aller Furcht
entledigen, obschon man hier festest überzeugt ist, daß einem in der nächsten
Nähe des Herrn sicher nichts geschehen kann. Aber merkwürdig ist und bleibt es,
daß gerade heute in der Nacht, nach einem reinsten Sonnenuntergange, solch ein
Gewitter losbrechen mochte! Ich bedauere nun alle jene, die sich nun auf irgendeinem
Wege, und gar besonders jene, die sich nun zu Schiffe auf dem großen Meere
befinden. Oh, da wird es nun ganz entsetzlich aussehen!“
[GEJ.08_141,06] Als der Hauptmann solche
Bedenken laut werden ließ, da stimmte ihm auch der durch das starke Gedonner erwachte
Agrikola bei und sagte: „Meine Schiffe in Sidon und Tyrus werden von diesem
sicher allgemeinen heftigsten Sturme auch übel hergenommen worden sein! Aber
sei ihm nun, wie ihm wolle, – der Herr schläft und achtet des Sturmes nicht,
und wir Menschen haben keine Gewalt wider das Ungetüm, und so sei es denn auch,
wie es ist! In einer kleinen Stunde, sagte der Herr, werde dieser Sturm sich
legen. Also wird es auch sicher werden; aber bis dahin kann noch viel Unglück
durch diesen Sturm angerichtet werden! Der Herr wolle gnädigst dafür sorgen,
daß des Unglücks und Schadens so wenig als möglich geschehen möchte!“
[GEJ.08_141,07] Sagte nun Raphael: „Seid doch
ruhig in eurem Gemüte, es wird da keinem Gerechten auch nur ein Haar gekrümmt
werden; für die Gottlosen aber ist es gut, daß sie durch einen solchen Sturm
ein wenig daran erinnert werden, daß es noch einen Herrn gibt, der über alle
Elemente gebietet und sie ihm auch gehorchen wie treue Diener ihrem Herrn.
Deinen Schiffen zu Tyrus und Sidon aber wird dieser Sturm nichts anhaben; denn
dafür sorgt schon der Herr. Und so möget ihr alle nun ganz ruhig sein; denn es
wird niemandem ein Haar zerstört werden!
[GEJ.08_141,08] Über Jerusalem aber wütet
dieser Sturm nun am heftigsten, und die Blitze verschonen das eitle Gold des
Tempels nicht. Es ist nun ein großes Heulen in und um den Tempel und um manches
Haus. Der Blitz zündet hier und da, und die Menschen haben vollauf mit dem
Löschen zu tun. Auch im Tempel hat der Blitz schon an einigen Stellen das dürre
Gebälk entzündet; aber man erdrückt den Brand gleich bei seinem Entstehen, und
so macht der Blitz auch im Tempel selbst keinen bedeutenden Schaden. Aber die
Angst der Pharisäer ist groß, und das Volk dringt in sie, bei Gott zu bewirken,
daß der Sturm sich legen möchte. Und die Pharisäer und Priester,
Schriftgelehrten und Leviten machen nun ein großes Geplärr; dieses aber bleibt
nun wirkungslos, und das Volk wird ungestümer und macht allerlei Drohungen und
macht sich mitten im Sturme ganz lustig über die Ohnmacht der Pharisäer, die
schon oft vorgegeben haben, daß sie sogar über Sonne, Mond und Sterne gleich
Josua und Aaron Gewalt haben und jetzt nicht einmal dem Nachtsturme gebieten
können.
[GEJ.08_141,09] Und sehet, so hat dieser
Sturm auch darin sein entschieden Gutes, daß er bei vielen Jerusalemern, die
noch Stocktempler sind, den alten finsteren Aberglauben ausfegt und sehr
vermindert und sie zur späteren Annahme der Wahrheit nötigt!
[GEJ.08_141,10] Ich zeigte euch das zu dem
Früheren, das ich über den Naturgrund dieses Sturmes euch schon erklärt habe,
darum noch hinzu, damit ihr daraus auch das ersehen könnet, wie des Herrn Liebe
und Weisheit bei solchen Gelegenheiten nicht nur für die bessere Befruchtung
des Erdreichs und für die Reinigung der Luft, sondern dabei auch für die
moralische höhere Befruchtung des Menschenherzens und für die Reinigung der
Seelenluft sorgt, und das hat sicher noch einen größeren Wert als die größere
Befruchtung des Erdreichs und die Reinigung der Erdluft.
[GEJ.08_141,11] Wer von euch aber nun Mut
hat, der erhebe sich und gehe mit mir ein wenig ins Freie, und er soll daselbst
so manches ersehen und erfahren, was er bisher sicher noch nie gesehen und
erfahren hat!“
[GEJ.08_141,12] Sagte Agrikola und auch der
Hauptmann: „Mit dir nun ins Freie zu gehen, wird wohl ein jeder von uns den Mut
haben; aber allein ohne dich ginge uns wohl der Mut aus. Mit dir wollen wir
denn nun auch ganz mutig hinaus in den ordentlichen Blitzregen gehen!“
[GEJ.08_141,13] Darauf erhoben sich alle
Römer, der Hauptmann mit seinen Gefährten, der Bethlehemer Wirt, die etlichen
Johannesjünger und auch der Lazarus.
142. Kapitel
[GEJ.08_142,01] Als sie aber ins Freie kamen,
da hielten sie sich eine Weile die Augen und die Ohren zu; denn es fuhren in
einem fort Blitze auf Blitze mit heftigstem Gekrache und Gedonner aus dem
schwarzen Gewölke auf die Erde herab.
[GEJ.08_142,02] Da ermahnte sie Raphael,
sagend: „Aber so haltet euch doch eure Ohren und Augen nicht zu; denn da werdet
ihr von der großartigen Sturmszene wenig sehen und von dem Geheul, das sogar
von Jerusalem bis zu diesem Hügel, auf dem wir nun stehen, von Zeit zu Zeit
gelangt, nichts vernehmen!“
[GEJ.08_142,03] Endlich faßten die Anwesenden
mehr Mut, öffneten Augen und Ohren und konnten nun nicht genug erstaunen über
die Heftigkeit des Windes, dem aber Raphael bald gebot, den Hügel zu umgehen,
und es ward darum auf dem Hügel auch plötzlich völlig windstill. Also durfte
auch kein Blitz in die Nähe des Hügels fahren, sondern mehr in der Ferne von
einigen Morgen Ackerlandes; aber da sah es einem wahren Feuerstrome gleich, der
sich im weiten Umkreise mit erdröhnendem Getöse und Gekrache aus den Wolken auf
die Erde stürzte.
[GEJ.08_142,04] Hier fragte Agrikola, sagend:
„Aber sage es uns doch, wie es denn kommt, daß dieses wahre Feuermeer, das in
einem fort auf die Erde herabstürzt, doch nirgends, wie man es sieht, Häuser
und Bäume und auch ganze Wälder anzündet und in Brand steckt! Ich habe einmal
ein ähnliches ganz trockenes Blitz- und Windgewitter in Hispania auch ungefähr
um diese Zeit herum erlebt. Aber dort hat es große und wahrhaft erschreckliche
Verheerungen angerichtet; doch hier sieht man wenig oder eigentlich gar nichts
von einem besonderen Brande. – Wie kann man sich das erklären?“
[GEJ.08_142,05] Sagte Raphael: „Das werdet
ihr euch dann schon ganz leicht erklären, so nun bald der ganze Sturm
verstummen wird. Das beständige, gar helle Licht der Blitze läßt das matte
Leuchten von manchem Brande nun nicht merklich werden; aber wenn die Blitze
mehr und mehr aufhören werden, dann werdet ihr schon auch mehrere starke Brände
bemerken, und das besonders über der Gegend um Jerusalem. Aber daran liegt eben
auch nicht viel, und wo ihr einen Brand merken werdet, da werdet darum nicht
ängstlich; denn wo es zugelassen ward, daß ein Blitz ein Haus oder eine Hütte
anzündet, oder auch eine Ortschaft oder den dürren Wald irgendeines Geizhalses,
der sein Holz lieber verfaulen ließ, als daß er einen Armen auch nur einige
dürre Reiser zu seinem Gebrauche nehmen ließ, da geschieht der guten Menschheit
wahrlich kein Schaden! Und so steht es mit den Hütten, Häusern und Ortschaften;
kurz und gut: Alles, was ihr nun sehet und später noch sehen werdet, geschieht
nicht zum Schaden, sondern nur zum großen Nutzen der Menschen, was ihr später
noch klarer fassen werdet.
[GEJ.08_142,06] Nun aber ist die Zeit auch
schon da, in der dies Gewitter aufzuhören hat; und so will ich aus dem Willen
Gottes des Herrn in mir, daß die Gewitter sich legen, – und sehet, das Blitzen
hat aufgehört und der Wind hat sich gelegt! Aber jetzt sehet rings umher, und
ihr werdet so manches ersehen, das eure Aufmerksamkeit erregen wird!“
[GEJ.08_142,07] Hier sahen sich die
Anwesenden nach allen Richtungen um und zählten in allem etliche zwanzig
Brände, darunter einen Waldbrand, der sich ganz besonders verheerend zeigte; er
wütete in einem großen Bergwald hinter Emmaus und gehörte einem Jerusalemer
Geizhalse, der noch nie einem Armen ein dürres Reis zum Geschenke gemacht
hatte. Das wußten die Anwesenden und lobten den Herrn, daß Er einmal den argen
Geizhals mit der Zuchtrute ereilt hatte. Es war aber auch südöstlich von
Jerusalem ein starker Brand zu sehen, und Lazarus fragte den Raphael, wen wohl
jener Brand am meisten treffe und schädige.
[GEJ.08_142,08] Sagte Raphael: „Das ist eine
Ortschaft, die zum größten Teile eben dem Geizhalse gehört, dem der brennende
Wald gehört. Er hat aber alles um ein kaum erschwingbares Geld an arme Pächter
hintangegeben. Diese sind denn, um ihren Pachtherrn zu befriedigen, auch
genötigt, ihre Nachbarn zu betrügen, und lassen mit ihren Töchtern um Geld und
allerlei andere Geschenke allerlei Hurerei treiben, wodurch jene Ortschaft zu
einem wahren Sodom herabgesunken ist, und das in dem kurzen Zeitraume von kaum
zwanzig Jahren, und das alles infolge des Gebarens eines reichen Geizhalses.
Daß solch eine Ortschaft denn doch auch einmal eine Züchtigung überkommt, das
wird von euch wohl sicher niemand für unbillig finden?“
[GEJ.08_142,09] Sagte Lazarus: „Was der Herr
tut, ist wohlgetan! Jenem Geizhalse, den ich nur zu gut kenne, habe ich selbst
schon mehrere Male eine rechte Strafe für seine himmelschreienden
Ungerechtigkeiten, die er zumeist an armen Menschen begangen hat, über den Hals
gewünscht, und nun ist über sein frevelhaftes Treiben auch dem Herrn einmal
Seine große Geduld ausgegangen, – und darum Ihm allein alles Lob! In jener
Ortschaft gibt es freilich wohl auch noch etliche wenige, die ihre Knie vor Gog
und Magog noch nicht gebeugt haben, – aber die wird der Herr auch sicher
beschirmen!“
[GEJ.08_142,10] Sagte Raphael: „Das kannst du
dir wohl vorstellen, und sie werden nach dem Brande bald besser stehen, als sie
je zuvor gestanden sind.“
[GEJ.08_142,11] Weiter südlich war auch eine
starke Feuerröte ersichtlich, und der Wirt bei Bethlehem sagte, den Raphael
fragend: „O du alles wissender Freund, was wird wohl dort durchs Feuer
zerstört? Bethlehem etwa doch nicht?“
[GEJ.08_142,12] Sagte Raphael: „O nein, es
ist ein Dorf der Griechen und der Sadduzäer, die mit den Schweinen einen
betrügerischen Handel treiben und dabei die Menschen von Gott ganz abwegig
machen durch ihre Beredsamkeit! Und da sie diese Sache nun zu bunt zu treiben
angefangen haben, um die Ausbreitung der Lehre des Herrn zu hindern und sie bei
den Weltmenschen möglichst zu verdächtigen, so hat ihnen nun auch der Herr bei
dieser Gelegenheit einen Riegel vorgeschoben. Sie werden nun auf Jahre lang zu
tun haben, um sich wieder aus dem Unglück zu erheben, und werden nun nicht Zeit
haben, daran zu denken, wie sie die Ausbreitung der Lehre des Herrn behindern
möchten. Sieh, mein Freund, so stehen die Sachen nun dort, und ich meine, daß
denn auch jenen gottesleugnerischen Wucherern kein Unrecht geschieht!“
[GEJ.08_142,13] Sagte der Wirt: „Oh, sicher
nicht, und dem Herrn nun wieder alles Lob darum, daß Er über jene mir
wohlbekannten Gottesleugner ein solches Ungemach hat kommen lassen, – denn die
haben das auch schon lange verdient; und so werden auch die andern kleinen
Brände, die wir von hier aus ersehen, nicht ohne Zulassung vom Herrn entstanden
sein!“
[GEJ.08_142,14] Sagte Raphael: „Allerdings;
darum ängstiget euch nicht! Seht aber nun die Äste der Bäume und das Gras auf
der Erde an!“
[GEJ.08_142,15] Alle besahen nun die Äste der
Bäume und das Gras, und alles glänzte wie faules Holz in einem Walde; auch die
Haare auf den Häuptern schimmerten stark. Da ward es den Anwesenden unheimlich
zumute, und sie fingen an zu fragen, was das sei.
[GEJ.08_142,16] Raphael aber sagte: „Nun
gehen wir wieder ins Haus, und ich werde euch im Saale den Grund dieser Erscheinung
erklären!“
[GEJ.08_142,17] Darauf begaben sich alle
wieder ins Haus.
[GEJ.08_142,18] Als die mit dem Raphael
Hinausgegangenen und nun wieder in den Saal Zurückgekehrten ihre Plätze wieder eingenommen
hatten, da fragte der Hauptmann alsbald den Raphael, was das Leuchten der
Bäume, des Grases und sogar der Menschenhaare denn doch bedeuten möge dem
wahren Grunde nach.
[GEJ.08_142,19] Und Raphael, der auch seinen
alten Platz eingenommen hatte, sagte: „Liebe Freunde, es wäre für dieser Sache
Erklärung zwar morgen auch noch Zeit, aber da ihr denn schon gar so wißbegierig
seid, so kann ich euch das denn auch jetzt erklären! Doch ich sage es euch, daß
daran nicht gar so viel liegt, wie ihr es euch nun der Erscheinlichkeit nach
vorstellt, und es hängt von dem völlig richtigen Erkennen dieser und anderer
ähnlicher Erscheinungen das Heil der Seele nicht ab; aber weil sich aus
Unkenntnis von derlei Erscheinungen leicht allerlei finsterer Aberglaube gestaltet,
so bin ich denn doch gewisserart genötigt, euch auch diese Erscheinung vom
rechten Standpunkte aus begreiflich zu machen.
[GEJ.08_142,20] Bevor ihr aber diese
Erscheinung erstens nur vom natürlichen Standpunkte aus verstehen könnet, ist
es notwendig, euch zuvor die Sache des Blitzes begreiflich zu machen, auf daß
besonders ihr Römer nicht noch neben der Lehre des Herrn an den fabelhaften
Blitzefabrikanten Vulkan und an dessen Ausspender Jupiter denket. Und so habet
denn wohl acht darauf, was ich euch nun zeigen und erklären werde!“
143. Kapitel
[GEJ.08_143,01] Hier stand Raphael auf, ging
vor die Türe, wo mehrere Hauskatzen auf eine Maus lauerten, nahm eine zu sich
und brachte sie in den Saal.
[GEJ.08_143,02] Da stellte er sie auf den
Tisch und sagte zum Hauptmanne (Raphael): „Siehe diese ganz zahme Katze an,
deren Haare auch noch den gewissen Schimmer haben! Nimm sie hin, und streiche
sie vom Schweife bis zum Kopfe, und wir werden bei dem nun schon schwach
gewordenen Lampenlichte sogleich eine Erscheinung bemerken, die euch auffallen
wird!“
[GEJ.08_143,03] Der Hauptmann tat das, und es
fingen, besonders in dieser noch höchst elektrizitätsschwangeren Luft, eine
Menge blitzheller Funken vom Rücken der Katze ordentlich knisternd zu springen
an.
[GEJ.08_143,04] Da sagte ein Jünger des
Johannes, der noch so manchen alten Brocken Aberglauben geheim in seinem Herzen
barg: „Ja, ja, da sieht man, und die Alten hatten recht, zu behaupten, daß eine
alte Katze den Teufel im Leibe hat!“
[GEJ.08_143,05] Raphael aber sagte: „O nein
Freund, das sieht man hier wahrlich nicht; aber aus deinen Worten erkennt man,
daß du, obwohl ein Jünger des Johannes, für dich doch noch nicht alles
Aberglaubens ledig geworden bist! Die gleiche Erscheinung könnte ich dir auch
bei andern Tieren und sogar an deinem Kopfe zeigen, und du wirst doch nicht
etwa darum behaupten wollen, daß du auch einen Teufel im Leibe hast?“
[GEJ.08_143,06] Sagte der Jünger: „Das glaube
und hoffe ich auch nicht; aber woher rührt denn dann das Funkensprühen aus dem
Rücken der Katze?“
[GEJ.08_143,07] Sagte Raphael: „Wärest du mit
deiner altabergläubischen Rede mir nicht ins Wort gefallen, so hätte ich die
Sache nun schon zur Hälfte erklärt. So aber muß ich mit der Weitererklärung
erst jetzt fortzufahren anfangen, und daher heißt es Geduld haben; denn auf
einen Axthieb fällt kein Baum, außer er wäre von der Stärke eines Strohhalmes
nur.
[GEJ.08_143,08] Seht, diese Funken kommen
nicht etwa aus dem Leibe der Katze zum Vorschein, sondern nur von der
Oberfläche ihrer Haare, an welcher sich das luftnaturgeistige Feuer gewisserart
gern anklebt, um für euch in dieser Richtung verständlich zu reden. Dieses
luftnaturgeistige Feuer wollen wir das sonst schlummernde, aber durch gewisse
Umstände leicht wachzurufende, in die wirkende Erscheinlichkeit tretende und
den alten Ägyptern, Phöniziern und Griechen wohlbekannte Elektron oder
elektrisches Feuer nennen.
[GEJ.08_143,09] Dieses Feuer ist das
eigentliche Lebenselement der Luft, durch das aus ihr am Ende die ganze Erde
selbst und alles, was auf ihr und in ihr ist, lebt und sich zu Wesen gestaltet,
sein natürliches Leben erhält sowie auch dessen Hauptnahrung. Doch in der
gewissen Ruhe der Luft, des Wassers, der Mineralien, der Pflanzen, der Tiere
und der Menschen entwickelt es sich nicht, sondern ruht auch so untätig mit,
und solch eine elektrische Ruhe könnte man füglich den Tod der Materie nennen.
[GEJ.08_143,10] Dieses Feuer erfüllt aber den
ganzen endlosen Schöpfungsraum Gottes und macht in seiner völligen Ruhe den
Äther aus, in dem alle die zahllosen großen Weltkörper herumschwimmen, wie
allenfalls die Fische im Wasser. Würden die Weltkörper in dem endlos großen
Schöpfungs- und somit Ätherraume irgend auf einem Punkte ohne alle Bewegung
weder nach vor- noch nach rückwärts, also in voller Ruhe stehenbleiben, so
würden sie bald wie ein toter Leichnam verkümmern, vermodern und sich ganz
auflösen und in den ruhigen Äther übergehen. Darum aber hat schon der Schöpfer
mit Seiner Weisheit und Macht dafür wohl gesorgt, daß alle die zahllos vielen
Weltkörper sich in einer steten und sehr vielfachen Bewegung im großen
Ätherraume befinden, denselben fort und fort im hohen Grade beunruhigen und
somit zur tätigen Erwachung nötigen.
[GEJ.08_143,11] Um euch aber das große Wie
klar darzustellen, würde uns hier zuviel Zeit rauben, und ihr könnet das alles,
genauest erklärt vom Herrn Selbst, von allen Seinen Jüngern vernehmen, die
allein in die großen Schöpfungsgeheimnisse eingeweiht sind. Wir wollen uns denn
nur bei dieser unserer Erde so im allgemeinen ein wenig näher umsehen!
[GEJ.08_143,12] Sehet, diese atmosphärische
Luft, in der wir hier atmen und naturmäßig dem Leibe nach leben, reicht über
die feste Oberfläche der Erde nach eurem Denken in die Höhe nur etliche Stunden
Weges weit hinaus! Auf dieser Luftoberfläche ruht dann schon der gewisserart
tote und somit ganz widerstandslose Äther.
[GEJ.08_143,13] Die Erde aber, um ganz wahr
und richtig zu reden und nicht nach der alten, höchst unrichtigen Art der alten
und blinden Astrologen und Astronomen und Jahresrechner zu denken, bewegt sich
in – sage – 365 Tagen und einer kleinen Zeit darüber um die große Sonne, und
dazu noch in etwa 24 Stunden und etwas Kleines darüber um ihre gewisserart
eigene Mittelpunktachse, was euch die Jünger auch alles noch näher erklären
werden; denn nun genügt es, daß ich euch nur auf die sehr rasche Bewegung der
Erde in ihrer weiten Bahn um die Sonne aufmerksam mache. Wenn ihr das nun mit
eurem Verstande auch noch nicht einsehen könnet, so könnet ihr es mir aber
vorderhand doch glauben, daß sich die Erde, durchschnittlich angenommen, in
einer Stunde Zeit wohl bei 5760 Stunden Weges in der weiten Kreisbahn
vorwärtsbewegt und dazu auch noch um ihre eigene Achse, besonders am Äquator,
den ihr die glühende Sonnenlinie nennet, in einer Stunde Zeit eine Vorrückung
von ungefähr 474 Stunden Weges macht.
[GEJ.08_143,14] Ihr könnet aus diesen euch
nun angegebenen Bewegungsraschheiten der Erde schon ersehen, daß allein dadurch
die um die Erde ruhenden Äthergeister schon in eine ganz bedeutende Unruhe und
aus ihr hervorgehende Tätigkeit versetzt werden. Dadurch wird die die Erde
umgebende Luft zunächst von ihnen fort und fort gesättigt, und durch die Luft
dann die ganze feste Erde selbst und alles, was auf ihr ist.
[GEJ.08_143,15] Zu den beiden euch gezeigten
Bewegungen gesellt sich noch die noch um gar vieles raschere Bewegung des
Lichtstrahles aus der Sonne, durch die die Äthergeister auch im hohen Grade
beunruhigt und in großen Massen zur Erde herabgetrieben werden. Dadurch
geschieht es aber, daß besonders in manchen Frühjahrs-, Sommer- und Herbsttagen
die Luft der Erde zu sehr gesättigt wird, und durch sie auch die Erde und mit
ihr ihre Bewohner. In solchen Tagen wird es dann gewöhnlich schwül, und
Menschen, Tiere und Pflanzen fühlen eine Abmattung, werden träge und sehnen
sich mehr nach Ruhe denn nach irgendeiner Tätigkeit.
[GEJ.08_143,16] Und sehet, dieses Gefühl
rührt eben von den schon in einem großen Maße vorhandenen Äthergeistern in der
Luft und in der Erde her, weil, wie schon gezeigt, diese Geister den ewig
gleich vorwiegenden Hang zur förmlichen Todruhe haben, obschon sie in sich
nicht tot sind!
[GEJ.08_143,17] Durch solche genötigte
Anhäufung aber fangen diese besagten Äthergeister stets mehr und mehr an, einen
sie belästigenden Druck zu fühlen, und fangen darum auch an, sich zu regen, um
sich des Druckes zu entledigen, um sodann wieder zu ihrer süßen und behaglichen
Ruhe zu gelangen. Dieses Regen gibt sich durch die Winde zuerst kund, welche
dann um so heftiger werden, wenn der gewisserart übersättigte Erdkörper seine
inneren, noch ungegorenen Naturäthergeister herauf auf die Oberfläche der Erde
und in deren niederere Luftschichten zu treiben anfängt.
[GEJ.08_143,18] Aus dieser
Durcheinandermengung der oberen und unteren Äthergeister in der Erdluft
entstehen dann stets dichtere Nebel und Wolken; deren zunehmende Schwere
belästigt die Äthergeister noch stets mehr, und diese fangen an, dahin einen
Ausweg zu suchen und zu nehmen, wo sie den geringsten Widerstand finden, und
diese Flucht der stets mehr gedrückten Äthergeister, die sich in ihrer
Gedrücktheit denn auch mit den schon dichteren Geistern der Erdluft gewisserart
unwillkürlich verbinden, erzeugen den heftigsten Sturmwind, der durch seine
fortströmende Gewalt Bäume und Häuser zerstört und das Meer zu berghohen Wogen
aufwühlt.
[GEJ.08_143,19] Wenn aber trotz solcher
Flucht die beschriebenen Äthergeister sich in einem Hintergrunde einer
Erdgegend noch gleichfort mehr und mehr anhäufen, was ihr durch das stets
Schwärzer- und Dichterwerden der Wolken wohl merken könnet, so wird ihnen solch
ein Druck unerträglich, und sie gehen dann in einer Art Grimmwut aus ihrer
Trägheit plötzlich in die größte Tätigkeit über, und diese ihre größte
Tätigkeit ist dann das zerstörende Feuer des Blitzes, der nahezu mit der
Schnelligkeit des Gedankens aus der ihm zu lästigen Wolke weit hinfährt mit
einem großen Getöse und alles, was ihm in den Weg tritt, mit unwiderstehlicher
Gewalt zerstört. Die Erd- und Luftgeister aber werden bei dieser Gelegenheit wie
durch gewaltigste Stöße derart aneinandergedrängt, daß sie sich notgedrungen
ergreifen müssen, dichter und dichter und materiell schwer werden und entweder
als ein starker Regen oder, wenn es sehr grimmig zugeht, auch als Hagel zur
Erde fallen.
[GEJ.08_143,20] So aber die reinen
Äthergeister, wie es ehedem der Fall war, durch die unreinen Erdäthergeister
weithin zu sehr beleidigt werden, so steigern sie ihre Tätigkeit auch bis auf
den höchsten Kulminationspunkt. In diesem Falle zerstören sie die Erdäther- und
Luftgeister durch ihre allgemeine Feuertätigkeit, und es kommt da bei solchen
selteneren Gelegenheiten weder ein Regen noch ein Hagelfall zum Vorschein.“
144. Kapitel
[GEJ.08_144,01] (Raphael): „Das Elektron ist
demnach, klar dargetan, nichts anderes als zuerst die durch einen Druck und
durch ein Reiben gestörte Ruhe und dann als zweites die erregte Tätigkeit der
Äthergeister, die als ein zum Teil rein geistiger und zum Teil auch als der
natürliche Licht- und Lebensstoff in der Erdluft, in dem ganzen Erdkörper
selbst und dadurch auch in allem, was er trägt und hervorbringt, enthalten sind
und sich erst dann auf eine auffallende Art zu äußern anfangen, wenn sie irgend
auf die obbeschriebene Art beleidigt werden.
[GEJ.08_144,02] Wenn ihr denn zwei Hölzer
nehmet und sie heftig aneinander zu reiben anfanget, so werden die besagten
Geister, die zum Teil im Holze selbst stecken und zum Teil durch die das Holz
umlagernde Erdluft auch mit ihr dasselbe umgeben, offenbar beleidigt, aus ihrer
Ruhe gebracht und dadurch zu ihrer stets gleichen Tätigkeit erregt, und ihr
werdet am zu stark geriebenen Holze nur zu bald ihrer Gegenwart und Tätigkeit
durch das Glühendwerden und endliche Verbrennen des Holzes gewahr werden.
[GEJ.08_144,03] Ist aber einmal ein bedeutender
Teil der Äthergeister tätig geworden, so werden dadurch auch die ehedem noch
ruhigen Geister mit erregt und tätig, und durch diese Tätigkeit wird dann das
ganze Stück Holz zerstört; und leget ihr dann auch ungeriebenes Holz dazu, so
werden dessen Geister auch tätig und zerstören es, und je reichhaltiger ein
Holz an derlei Geistern ist – was beim Harzholze der Fall ist –, desto eher und
schneller wird es zerstört.
[GEJ.08_144,04] Da habe ich euch nun einmal
schon ein handgreifliches Beispiel von dem gezeigt, was das eigentliche
Elektron ist. Gehen wir aber nun weiter!
[GEJ.08_144,05] Nehmen wir zwei harte Steine
und reiben diese recht gewaltig aneinander, und ihr werdet sogleich eine Menge
Funken mit großer Schnelligkeit und Lebhaftigkeit aus denselben weit
hintanspringend ersehen. Was anderes sind wieder diese Funken als die in den
und um die Steine vorhandenen beleidigten und dadurch tätig gewordenen
Äthergeister! Heftig aneinandergeriebene Metalle von sehr harter Beschaffenheit
werden euch dieselbe Erscheinung fühlen und sehen lassen.
[GEJ.08_144,06] So zwei Winde mit großer
Heftigkeit aneinanderzustoßen anfangen, was in solchen Gegenden, wo es hohe und
steile Felsgebirge gibt, leicht geschehen kann, weil da der Wind leicht an den
harten Wänden abprallt und dadurch mit großer Heftigkeit gegen sich selbst zu
wüten anfängt, da werdet ihr auch bald eine Menge Feuererscheinungen entdecken.
Ist die Heftigkeit minder groß, nun, so gleicht sich das mehr aus, und ihr
werdet dann und wann da, wo ein heftigerer Zusammenstoß geschah, einen Blitz
aus dem Winde zucken sehen und hier und da einen Windwirbel entdecken, der mit
großer Leichtigkeit einen oder auch mehrere starke Bäume entwurzeln wird.
Erreicht aber ein solcher sich selbst bekämpfender Wind die möglich höchste
Heftigkeit auf irgendeinem günstigen Punkte einer dazu geeigneten Gegend, dann
entzünden sich durch die Tätigkeit sämtliche darin anwesenden Äthergeister, und
eine früher beschriebene Windwirbelsäule wird dann zu einer alles verheerenden
Feuerwirbelsäule, vor deren Gewalt dann die mächtigsten Bäume, feste Burgen und
sogar Felsen erbeben und ihr zertrümmert weichen müssen.
[GEJ.08_144,07] Was ist da eine solche
verheerende Feuerwirbelsäule? Wieder nichts anderes als unser Elektron oder die
Tatäußerung der in ihrer Ruhe zu sehr gestörten Äthergeister. Diese auf die
höchste Weise tätig gewordenen Äthergeister ziehen dann auch alsbald aus der
weiten Umgegend von hoch und nach allen Richtungen breit gedehnt ihresgleichen
herbei, die ihnen gewisserart zu Hilfe eilen, und richten gewöhnlich oft eine
so arge Verwüstung in einer Erdgegend an, daß ihre Spuren dann oft viele Jahre,
ja hie und da wohl durch viele Jahrhunderte noch wohlersichtlich und bemerkbar
sind.
[GEJ.08_144,08] Kommt ein solcher Windkampf
auf dem Meere, am ehesten in der Nähe einer Küste vor, so wird durch den
Windwirbel natürlich auch das leicht mitbewegbare Wasser in Mitleidenschaft
gezogen, und es entstehen dadurch die sogenannten Wassersäulen, vor denen sich
ein jeder Schiffer zu hüten hat; denn geriete ein Schiff in solch eine Säule,
so würde es ohne Rettung zugrunde gerichtet werden. In den heißzonigen Gegenden
der Erde kommen oft auch Feuerwirbelsäulen über dem Meere vor, vor denen sich
ein jeder Schiffer noch mehr zu hüten hat.
[GEJ.08_144,09] Wir haben nun in den mehreren
von euch auf der Erde schon erlebten und gesehenen Erscheinungen abermals
gewahrt, wodurch sie hervorgebracht und bewirkt werden, was ihr Grund ist, und
was sie eigentlich der Wahrheit nach in sich selbst sind. Aber wir wollen zur
größeren Klärung eures Verstandes diese Sache noch weiter verfolgen und
ausbeuten, denn der Hauptgrundsatz der Lehre des Herrn an alle Menschen dieser
Erde und auch für alle Geister und Himmel für ewig gültig lautet: Nur die
reinste Wahrheit in allen Dingen kann und wird euch frei und lebendig machen!
Da aber derlei Erscheinungen auf dieser Erde notwendig unter allerlei Formen
und Gestalten und somit auch unter allerlei Wirkungen und Nachwirkungen in
Erscheinlichkeit treten und die blinden Menschen in allerlei falsche
Mutmaßungen über den Grund und somit auch in allerlei Aberglauben versetzen, so
ist es denn auch sicher gut, daß der Mensch neben der Erkenntnis und Annahme
des göttlichen Willens auch die Erscheinungen, die ihm auf der Erde oft
begegnen, vom Standpunkte der Wahrheit und nicht der finsteren Menschenfaselei
beurteilen und erkennen kann.“
145. Kapitel
[GEJ.08_145,01] (Raphael:) „Wir haben zuerst
gesehen, wie aus dem Rücken unserer Katze nach einigen gegen ihren Kopf
geführten Strichen hervorsprühende Funken ersichtlich geworden sind. Waren etwa
das auch beleidigte Äthergeister, die sich etwa an die Haare des Rückens der
Katze gewissermaßen angeklebt hatten? Ja, sage ich euch, also ist es! Das Haar
einer Katze ist sehr glatt und hat keine Unebenheiten, ist aber so wie eine
jede andere Materie von der Luft und somit auch von den in ihr ruhenden und
sicher vorhandenen Äthergeistern umlagert, und das gegen den Kopf hin darum
reichhaltiger, weil die Haare da, besonders am Rücken, dichter werden als gegen
den Schweif.
[GEJ.08_145,02] Streicht man nun das Tier vom
Kopfe gegen den Schweif hin, so verteilt man die gegen den Kopf hin stets
reichlicher vorhandenen Äthergeister in die weniger reichlich damit versehene
Gegend. Es geschieht dadurch mehr eine Begleichung als eine eigentliche
Beleidigung der gewissen Geister, und die Tätigkeitsäußerung derselben
unterbleibt oder wird wenigstens nicht ersichtlich; im Gegenteil aber vermehrt
man beim Streichen oder Reiben gegen den Kopf zu die bekannten Geister,
beleidigt sie dadurch in einem gewissen Grade, und sie lassen alsbald ihr
Vorhandensein durch ihre Tätigkeit merken.
[GEJ.08_145,03] Glatte Flächen, besonders von
sehr harten Edelsteinen und vom Glas, das schon die alten Phönizier, die
Philister und die Ägypter aus den Kieselsteinen zu bereiten verstanden haben,
sind ganz besonders geeignet, die Äthergeister zur Äußerung ihrer Gegenwart zu
nötigen, so man eben solche Flächen selbst nur mit trockenen Händen zu reiben
anfängt. Und das auf diese Weise erzeugte Feuer ist wieder nichts anderes als
das von mir euch beschriebene Elektron.
[GEJ.08_145,04] Weiter ist das Verbrennen des
Holzes, des Strohs, der Öle, der Harze, der Naphtha, des Schwefels und aller
brennbaren Stoffe nichts anderes als ein Akt des Elektrons. Das Erglühen und
Schmelzen und sogar mögliche Verbrennen der Metalle und aller Mineralien
geschieht auf demselben Wege nach den steigenden Graden der Tätigkeit der in
ihrer Ruhe gestörten Äthergeister. Wenn diese kontinuierlich in eine solche
Tätigkeit gebracht werden, wie sich ihre Tätigkeit in einem Blitze bekundet,
dann zerstören sie alle Materie und lösen sie völlig in ihr ursprüngliches
Äthergeisterelement auf. Aber beim Verbrennen des Holzes, des Öles und Harzes
erreichen sie niemals solch einen höchsten Tätigkeitsgrad, weil sie dabei stets
in einen ihre Tätigkeit hindernden Kampf mit den gröberen, in der Materie
gefesselten Naturgeistern treten.
[GEJ.08_145,05] Wenn aber beim Akt des
Verbrennens ihnen durch ein starkes Zuströmen der Luft immer größere Massen der
Äthergeister gewisserart zu Hilfe kommen, dann wird auch die Hitze des Holz-
und Kohlenfeuers um ein bedeutendes erhöht und kann auch die noch starreren
Naturgeister in der Materie der Metalle und Steine in Tätigkeit versetzen,
welche Tätigkeit dann gewöhnlich ihr Erglühen, Schmelzen, auch Verbrennen und
möglich auch ihr gänzliches Auflösen bewirken kann.
[GEJ.08_145,06] Das Wasser selbst hat in
großer Menge der nun schon vielfach euch erklärten Äthergeister in sich. Es
besteht als Stoff aus überaus kleinen runden Bläschen, in denen sich die
eigentlichen Äthergeister eingeschlossen befinden. Weil diese Bläschen, als
höchst rund und glatt, einander weniger drücken, da sie als höchst leicht
verschiebbar sich gegenseitig in einem fort ausweichen, so verhalten sich die
Äthergeister im Wasser auch gewöhnlich ruhig. Aber es darf das Wasser nur in
einem Gefäße zum Feuer gesetzt werden, so wird es bald unruhig werden; denn die
Äthergeister im Wasser werden durch die Außentätigkeit der ihnen ebenbürtigen
Äthergeister erregt, fangen an, mit stets größerer Heftigkeit die eigentlichen
Wasserstoffbläschen durcheinanderzutreiben und auszudehnen, und viele verlassen
beim Zerplatzen der zu sehr ausgedehnten Wasserstoffbläschen ihr Wohnelement und
entweichen und vereinigen sich mit den freien Äthergeistern entweder in der
Erdluft, oder sie steigen gar durch die ganze Luftschicht bis zu ihren
Urverwandten schnell in die Höhe.
[GEJ.08_145,07] Daß sonach das Sieden und
Verdampfen des Wassers bis auf den letzten Tropfen auch ein, um nach
diesweltlicher Weise zu sprechen, elektrischer Akt ist, werdet ihr aus dem nun
Gesagten wohl auch so ziemlich leicht begreifen können, und noch klarer aber
wird euch das, so ich euch dabei noch auf einige Erscheinungen, die euch allen
mehr oder weniger schon bekannt sind, aufmerksam mache.
[GEJ.08_145,08] Wir wissen nun, daß die aus
ihrer Ruhe gebrachten Äthergeister nur zu bald durch ihre Tätigwerdung die
ihnen eigene unwiderstehliche Gewalt und Macht zu erkennen geben, und seht, das
tun sie auch, so sie im Wasser durch eine stets zunehmende Außentätigkeit ihrer
Gefährten, also durchs Feuer, beunruhigt werden. Wenn sie da in ihrer
Aufwallung noch entweichen und sich in den Zustand der Ruhe versetzen können,
so ist ihnen das natürlich lieber; aber setzt ihr in einem festverschlossenen
Gefäße ein Wasser ans Feuer, so werden die im Wasser ruhenden Äthergeister es
euch bald zeigen, welche Gewalt sie in sich haben, so sie tätig zu werden
anfangen. Es wird nicht lange dauern, und wäre das Gefäß auch aus armdickem
Eisen angefertigt, so wird es in Stücke zerrissen, und die Geister werden sich
unter einem großen Knallgetöse frei machen und sich darauf in ihre angestammte
Ruhe zurückziehen. – Da habt ihr schon ein erscheinliches Beispiel, aus dem ihr
nun schon wieder und sicher noch klarer ersehen möget, daß auch im Wasser die
Äthergeister daheim sind.
[GEJ.08_145,09] Die reinen Äthergeister aber
kann nichts so sehr in eine große Tätigkeit versetzen, als wenn die unreinen
Naturgeister aus dem Innern des Erdkörpers in oft größeren Massen aufsteigen
und sich mit den Luftgeistern gewisserart zu vereinen oder sich unter dieselben
zu mengen anfangen, wie das soeben der Fall war. Da entsteht gleich ein großer
Kampf, bei dem die unreinen Geister stets besiegt, aber dadurch auch gereinigt
und fürs Leben der Pflanzen und Tiere nicht nur unschädlich, sondern sogar
wohldienlich werden.
[GEJ.08_145,10] Über dem festen Boden der
Erde wüten bei solchen Gelegenheiten stets große Stürme, wie wir nun einen
erlebt haben; geschieht aber eine solche massenhaftere Aufsteigung der unreinen
Naturgeister irgendwo unter dem Meere, so werden dadurch die reinen
Äthergeister im Wasser auch gleich höchst unruhig, und die Folge davon ist
gewöhnlich der Springflutsturm, der für die Schiffer am gefährlichsten ist,
weil dabei die Wogen oft zu ordentlichen Wasserbergen emporgehoben werden und
selbst mit den größten, festesten Schiffen wie ein Sturmwind mit der Spreu ein
arges Spiel treiben. Bei solchen Gelegenheiten werden die unreinen Geister
sicher auch sehr gereinigt; aber es ist da für die Menschen eben nicht geheuer,
sich dort auf dem Meere zu befinden, wo ein solcher Akt vor sich geht.
[GEJ.08_145,11] Erfahrene Schiffer kennen das
aus gewissen, solch einem Akte stets vorangehenden Warnungszeichen und begeben
sich nicht in die Gefahr; sind sie aber schon auf dem Meere, so werden sie sich
auch beeilen, sobald als möglich ein Ufer zu erreichen, und ist das nicht
tunlich, sich doch dem hohen Meere anzuvertrauen.
[GEJ.08_145,12] Nach einem solchen Sturme
werdet ihr, so das Meer wieder ruhig geworden ist, auch die Oberfläche des
Meeres, das Tauwerk des Schiffes, die Ruder und noch manches andere
lichtschimmernd ersehen, so wie ihr ehedem draußen das Gras, die Bäume und sogar
eure Haare leuchtend ersehen habt. Die Ursache davon ist natürlich wieder das
euch nun schon zur Genüge erklärte Elektron; aber es stammt das nun nicht so
sehr mehr von der besonderen Tätigkeit der Äthergeister, sondern vielmehr von
den geläuterten, ehedem unreinen Naturgeistern aus dem Innern der Erde her,
welche Geister sich auf diese Weise sichtbar den Pflanzen, Tieren, dem Wasser
und der Luft wohldienlich zu erweisen anfangen. Die alten Naturweisen haben
solchen Schimmer das Gegenelektron genannt.
[GEJ.08_145,13] Und damit habe ich euch nun
denn auch diese Erscheinung auf eine sicher begreifliche Weise erläutert, und
ihr könnet dasselbe auch andern Menschen tun, damit der finstere und
verderbliche Aberglaube bei den Menschen abnehme und verderbe; denn jeder
Aberglaube ist wie ein tödliches Gift für die reine und die Seele allein
belebende Wahrheit.“
146. Kapitel
[GEJ.08_146,01] (Raphael:) „Suchet daher die
Menschen in allem der von euch erkannten Wahrheit nach wohl zu unterweisen, so
werdet ihr das geistige Glaubensfeld wohl düngen, und der Same des Wortes
Gottes wird da bald und leicht feste Wurzeln treiben, und der aus dem Samen
emporkeimende Stamm wird sich zu einem wahren und kräftigen Lebensbaume
entfalten!
[GEJ.08_146,02] Nur Wahrheit und Licht in
allen Dingen muß ein Mensch, der zum Leben des Gottesgeistes in sich dringen
will, in sich lebendig und klar erfassen; denn jeder Schatten in der Seele kann
sie auf Irrwege bringen, auf denen sie sich dann schwer zurechtfinden wird.
[GEJ.08_146,03] So ihr aber den Menschen das
Evangelium predigen werdet, da befreiet sie zuvor von dem verderblichen
vielfachen Aberglauben, und sie werden dann bald der großen Segnungen des
Wortes Gottes gewahr werden und zu euren Freunden werden!
[GEJ.08_146,04] Nichts aber wird vom Herrn
und allen Engeln der Himmel mit größerer Liebe und Segnung angesehen als eben
die allgemeine, wahre Liebe und Freundschaft unter den Menschen; diese aber
kann nur dann zu walten anfangen, wenn die Menschen sich in aller Wahrheit und
im hellsten Lichte aus Gott entgegenkommen. Denn die reine Wahrheit befriedigt
das Herz und macht es sanft und demütig und dadurch gegen jedermann freundlich
und liebdienstlich beflissen, weich und barmherzig.
[GEJ.08_146,05] Nehmet euch diese Worte wohl
zu Gemüte und handelt danach, so werdet ihr viel Segen unter den Menschen
verbreiten, und des Herrn Gnade wird in euch lebendig werden! – Habt ihr dies
alles nun wohl aufgefaßt und begriffen?“
[GEJ.08_146,06] Hier dankten alle dem Raphael
und bejahten die Frage.
[GEJ.08_146,07] Der Hauptmann aber, über die
Weisheit Raphaels höchst erstaunt, sagte zu ihm: „O du holdester junger Freund,
wie hast du wohl zu solch einer großen Weisheit gelangen können? Denn die
Lehren, die du uns nun schon gegeben hast, und die Macht, die du besitzest, und
die du uns auch schon auf eine mehrfache und wunderbarste Weise gezeigt hast,
zeugen dahin, daß auch du offenbar mehr sein mußt als ein auf dieser Erde aus
dem Leibe eines Weibes geborener Mensch. Sage es uns doch, ob nicht auch du so
etwas von einem Gotte bist!“
[GEJ.08_146,08] Sagte Raphael: „O allerdings,
denn ein jeder Mensch, der nach dem Willen und nach der Ordnung Gottes lebt,
hat die Lebensmacht und Kraft Gottes in sich, ist darum ein Kind Gottes und
kann zu Gott ,Heiliger Vater‘ in aller Wahrheit und Klarheit rufen. Wer aber
das tut und tun kann, der wird ja wohl auch so ein starkes Etwas von dem einen
und allein wahren Gott in sich haben, nicht nur für diese Zeit, sondern für die
Ewigkeit!
[GEJ.08_146,09] Du staunest über mich, und
ich sage es dir, daß nun schon mehrere Jünger des Herrn, so es nötig wäre,
dasselbe zu leisten imstande wären, was ich vor euch geleistet habe. Ich bin
darum nichts mehr und nichts weniger als ein Mensch, der in einer Zeit aus dem
Leibe eines Weibes ist in die Welt geboren worden, aber nicht gestorben ist und
auch nie sterben, sondern ewig fortleben wird, weil er in sich als ein reiner
Geist ein Herr seines Lebens geworden ist, – was aber auch ihr alle werden
könnet und auch werdet, so ihr nach der Lehre des Herrn leben und handeln
werdet. Nun habe ich euch auch das, insoweit es für euch jetzt taugt, erklärt;
ein Weiteres werdet ihr zur rechten Zeit schon noch erfahren.“
[GEJ.08_146,10] Mit dem begnügten sich die
Fragenden und fragten nicht weiter, wer Raphael noch wäre.
[GEJ.08_146,11] Die zehn Hauptrömer aber, die
da wohl wußten, was es mit dem Raphael für eine Bewandtnis hat, sagten nichts
aus, da ihnen Raphael dahin einen Wink gegeben hatte, daß sie ihn nicht ruchbar
machen sollten, da die Neulinge sich an einem reinen Geiste in ihrem Herzen
gestoßen hätten und ihre Seele zu bald und für sie nicht heilsam den
Glaubenszwang überkommen hätte.
147. Kapitel
[GEJ.08_147,01] Nach einer Weile fragte der
Hauptmann abermals den Raphael, sagend: „Höre, du unser junger, allerholdester
und hochverehrtester Freund, mir ist nun soeben noch etwas in Hinsicht auf die
Wirkung des Elektrons eingefallen, und ich möchte es in Kürze von dir
vernehmen, ob die Erscheinungen des Winters auch von der Tätigkeit der Äthergeister
herrühren und wie.“
[GEJ.08_147,02] Sagte darauf Raphael:
„Allerdings! Im Winter, besonders in den mehr nördlichen Teilen der Erde, wie
im gleichen auch in den tief südlichen Landen, Inseln und Meeren, fallen die
Strahlen der Sonne stets schiefer auf die samt der atmosphärischen Luft
kugelförmig runde Erde. Dadurch werden denn auch die Äthergeister auf der
nördlichen und südlichen Erdhälfte gegen die Pole hin von den Strahlen der
Sonne, die da offenbar schwächer werden, wie auch durch die geringer werdende
Reibung der bis an den Äther hinaufreichenden Luft um vieles weniger denn im
Mittelgürtel der Erde in ihrer Ruhe gestört. Dadurch aber werden sie denn auch
untätiger und daher wirkungsloser.
[GEJ.08_147,03] Solche Untätigkeit aber hat
dann auch das zur Folge, daß die Luftgeister selbst untätiger werden und am
Ende auch ganz ohne alle Regung wie erstarrt einander drücken würden, so in
solchen Teilen der Erde nicht die inneren Erdgeister in größeren Massen
aufstiegen und sie in ihrer Ruhe störten. Diese gewisserart ungeladenen Gäste
verspüren die in der Luft vorhandenen Äthergeister und fangen an, zumeist
dorthin flüchtig zu werden, wo es weniger Erdgeister gibt, und das geschieht
nach der Richtung gegen den Mittelgürtel der Erde. Die flüchtigen Äthergeister
nötigen bei solchen Gelegenheiten denn auch die ihnen verwandten Luftgeister
zur Mitflucht, und es fangen daraus fürs Gefühl der Menschen, Tiere und
Pflanzen eisigkalte Winde zu wehen an, die ihrer um vieles geringeren Tätigkeit
wegen kalt sind; denn nur die erhöhte und vermehrte Tätigkeit erzeugt Wärme.
[GEJ.08_147,04] Wenn sich die unreinen
Geister in der Luft der Erde stets stärker und stärker mehren, so werden sich
dadurch auch Dünste und Wolken stets in dichteren Massen zu bilden und zu
zeigen anfangen, werden von den schon beschriebenen Winden mit fortgetragen und
sehr gedrückt. Dadurch entsteht ein Kampf, bei dem die unreinen Geister in der
Form des Schnees auf die Erde herabgeworfen und dabei auch gereinigt werden,
und das oft in großen Massen. Das ist dann für den Erdboden wieder gut und
dienlich, weil durch den Schnee die Erde gedüngt und ihre Fruchtbarkeit erhöht
wird.
[GEJ.08_147,05] Ich sehe aber in dir noch
eine Frage, und die besteht darin, daß du als ein Hauptmann durch den
Wissensdurst getrieben, von mir noch gerne erfahren möchtest, ob das Eis auf
den Flüssen, Seen, Teichen und auch auf den Meeren auch durch die gewissen
Geister erzeugt wird.
[GEJ.08_147,06] Ganz sicher! Durch zu geringe
Tätigkeit und durch ihren Trieb nach Ruhe werden sie enger aneinander,
gewisserart wie gepreßt, ohne sich dabei irgend tätig zu regen; dadurch werden
sie im Verein mit den Luftgeistern schwer, drücken auf die Geister des Wassers,
die dadurch auch in eine völlige Untätigkeit übergehen, und diese völlige Untätigkeit
ist hernach eben das, was sich dir am Wasser als Eis zeigt. Je weniger
Tätigkeit in sich demnach die euch nun zur Genüge gezeigten Geister entwickeln,
desto kälter muß es denn auch in den Gegenden werden, in denen den Geistern
eine zu geringe Gelegenheit zur erhöhteren Tätigkeit geboten wird. Darum
gefrieren im Winter denn auch rasch dahinfließende Ströme und Bäche um vieles
schwerer als ganz ruhig stehende Gewässer, weil die gewissen Geister in ihnen
notgedrungen tätiger sind als in den stehenden Gewässern.
[GEJ.08_147,07] Siehe, Menschen und auch
Tiere, so sie träge und untätig sind, kommen vor Wärme in keinen Schweiß, und
in einer kalten Jahreszeit schon gar nicht; aber Menschen, die sich recht tätig
herumtummeln, werden selbst im Winter noch an innerer Naturlebenswärme keinen
Mangel haben. Die Trägheit in allem ist gewisserart der Tod und das Gericht
eines jeden Wesens.
[GEJ.08_147,08] Darum denn ermuntert auch
eure Nebenmenschen zur Tätigkeit, denn in der Tätigkeit bildet sich das Leben,
in der Trägheit aber der Tod. Mit dem habe ich euch nun auch in dieser Richtung
ein gutes und wahres Licht gegeben; benützet es der Wahrheit gemäß, und es wird
euch gute Früchte tragen!“
[GEJ.08_147,09] Hierauf dankten wieder alle
dem Raphael auch für diese Belehrung und priesen seine Weisheit, die ihm auch
eigen sei in der Beleuchtung und gründlich klaren Darstellung aller früher von
keinem Naturweisen nur annähernd der Wahrheit nach erkannten und erklärten
Erscheinungen in der Naturwelt.
[GEJ.08_147,10] Es konnten sich aber diese
neuen Jünger von der Gestalt der Erde trotz der weisen Rede Raphaels dennoch
keinen richtigen Begriff machen.
[GEJ.08_147,11] Und der Hauptmann sagte darum
zu Raphael: „Ich kann mir nun schon das meiste, über das du uns belehrt hast,
recht gut vorstellen, da ich einsehe, wie die Geister oder die geheimen
Naturkräfte überall beschaffen sind, und wie sie wirken; aber von der Gestalt
der Erde fehlt mir noch eine richtige Vorstellung. Möchtest du mir nicht ein
faßlicheres Bild von ihrer Gestalt und Beschaffenheit entwerfen?“
[GEJ.08_147,12] Sagte Raphael: „Mein lieber
Freund, mit Worten geht das wohl durchaus nicht, denn da könnte ich dir die
Gestalt der Erde ein Jahr lang beschreiben, so hättest du noch keinen
vollkommen richtigen Begriff von ihr; aber ich will euch Neulingen etwas
anderes zu eurer helleren Aufklärung über die Gestalt der Erde tun, und zwar so
ihr es wollt, das, was ich euch zur Erklärung des Fortlebens der Seele nach des
Leibes Tode getan habe. Ihr werdet in solch einem erhöhten Sehzustande der
Seele in wenigen Augenblicken die ganze Erde übersehen und euch dann
sogestaltig den wahrsten Begriff von ihrer Gestalt selbst machen können.
[GEJ.08_147,13] Wir werden aber dazu nicht
des dritten Grades des inneren Seelen-Sehezustandes benötigen, sondern nur des
zweiten, und ihr werdet die Erde ganz, wie sie ist, vom Nord- bis zum Südpol
übersehen, und so ich euch aus solch einer Verzückung wieder wachrufen werde,
da werde ich auch dafür sorgen, daß euch das Geschaute in der möglichst klaren
Erinnerung bleiben wird. So ihr also das wollet, so will ich euch auch das
tun.“
[GEJ.08_147,14] Sagten alle: „Wir bitten dich
darum, tue uns das!“
[GEJ.08_147,15] Es traten aber auch die
andern Römer auf und sagten: „Höre! Wir haben wohl zwar schon vom Herrn eine
derartige und wundervolle mit Anschauung verbundene Erklärung über die Gestalt
der Erde überkommen, daß wir sie vom Nord- bis zum Südpol und dem ganzen
Umfange nach völlig genau kennen; aber wir meinen, daß es uns dennoch auch zum
Nutzen dienen würde, so du uns nun auch mit den Neulingen in die Verzückung
zögest, auf daß wir von dem Gesehenen mit in aller Wahrheit zeugen könnten!
Wenn du das für gut findest, so tue auch uns den Gefallen!“
[GEJ.08_147,16] Sagte Raphael: „Euch tut das
zwar nicht mehr not; aber des größeren Zeugnisses halber kann ich euch solchen
Gefallen ja auch mit erweisen, und so machet euch denn nun gefaßt darauf!“
148. Kapitel
[GEJ.08_148,01] Nach diesen Worten streckte
Raphael seine Hände über sie, und sie sahen, wie von einer Höhe von mehreren
hundert Stunden über der Erde sich befindend, die ganze Erde, nahmen auch ihre
Drehung um ihre Polarachse wahr, übersahen alle Länder und Reiche, das Meer und
die mit ewigem Schnee und Eis bedeckten Polargegenden und merkten auch der Erde
runde Gestaltung, der auch die höchsten Berge keinen Eintrag machten.
[GEJ.08_148,02] Diesmal aber ließ sie Raphael
bei einer Stunde lang in dem hellsehenden Zustande, damit sie auch die Drehung
der Erde entschiedener wahrnehmen konnten, wie auch die gegen den Äquator stets
zunehmende Tätigkeit der Äther-, Luft- und aller reineren und gröberen
Naturgeister, die sie in der Gestaltung von sehr kleinen, mehr oder weniger
schimmernden Würmchen wahrnahmen. Daß sie auch alle andern Dinge, Sachen und
Gegenstände auf der Erde nach allen Richtungen hin wohl ausnehmen konnten,
versteht sich von selbst.
[GEJ.08_148,03] Nach einer Stunde erweckte
sie Raphael wieder in den natürlichen Zustand zurück, und alle dankten zuerst
Mir, daß Ich so etwas zugelassen habe, und dann auch dem Raphael, daß er ihnen
diese sie über die wahre Gestalt und Bewegung der Erde sowie auch über das Sein
und Wirken der Naturgeister so klar und tief belehrende Wohltat erwiesen habe.
[GEJ.08_148,04] Darauf fing aber auch gleich Hals
über Kopf einer dem andern zu erzählen an, was er alles gesehen und
wahrgenommen hatte, und ein jeder hatte darob eine große Freude, weil alles,
was ein jeder gesehen und wahrgenommen hatte, bei allen genauest
übereinstimmte, und die zehn Hauptrömer freuten sich auch darum noch mehr, weil
das nun von neuem Gesehene und Wahrgenommene auch mit dem genauest
übereinstimmte, was sie schon früher über das Wesen der Erde gehört und gesehen
hatten.
[GEJ.08_148,05] Das gegenseitige Erzählen und
Wahrheitsbestätigen aber wollte nun schon nahe kein Ende nehmen und dauerte bis
zum Tagesgrauen fort, während Ich und alle die andern noch fortschlummerten.
[GEJ.08_148,06] Da ermannte sich Agrikola und
sagte: „Meine Freunde und nun wahren Brüder durch die Gnade des Herrn! Der Tag
unserer Abreise von hier ist im Anbrechen, und wir haben dafür noch so manches
zu ordnen und zu besorgen. Wie sieht es mit unseren Dienern, mit den
Lasttieren, mit unserem Reisegepäck aus? Wir sind nun schon nahe über zwölf
Tage in dieser Gegend und haben uns in dieser Zeit aber auch nicht einmal darum
bekümmert! Wir haben nun aber gar vieles mitzunehmen und werden deshalb auch
eine viel größere Anzahl von Lasttieren vonnöten haben. Woher werden wir solche
nehmen? Es ist nun im Ernste an der Zeit, daß wir dazu Vorkehrungen zu treffen
anfangen.“
[GEJ.08_148,07] Sagte Raphael: „Freunde, bis
zur Stunde sind alle eure Sachen in bester Weise besorgt worden und werden auch
bis zur Stunde eurer Abreise aufs beste und zweckdienlichste besorgt werden;
darum kümmert euch auch jetzt nicht um das, um was ihr euch bis jetzt nicht zu
kümmern nötig gehabt habt. Eure Diener und Knechte sind alle ohne euer Wissen
und Wollen schon lange hier in Bethanien untergebracht, und so auch alles
andere in der rechten Anzahl, denn der Herr wußte es sicher gar wohl, wessen
ihr zu eurer Rückreise bedürfen werdet, und hat eben durch mich denn auch schon
bestens dafür gesorgt. Darum könnet ihr in dieser weltlichen Hinsicht nun denn
auch schon ganz ruhig sein!“
[GEJ.08_148,08] Sagten die Römer: „O Freund,
das wäre zu viel Gnade des Herrn für uns Heiden; aber weil sich alles schon
also verhalten wird, wie du es uns nun gesagt hast, so ist es aber nun dennoch
an uns schon hoch an der Zeit, mit unserem Gastwirt und Freunde Lazarus die Rechnung
zu machen und ihm unsere große Schuld zu bezahlen!“
[GEJ.08_148,09] Sagte nun Lazarus: „Freunde!
Der für das eine gesorgt hat in Seiner großen Liebe und Erbarmung, der hat auch
schon für das andere allerreichlichst gesorgt! Ihr werdet auf dem Wege in euer
Heimatland noch eine Menge armer und notleidender Menschen hier und da treffen;
denen könnet ihr Barmherzigkeit erweisen im rechten Maße. Und so habt ihr euch
bis zur Stunde eurer Abreise von nun an um gar nichts mehr zu sorgen!“
[GEJ.08_148,10] Sagte Agrikola ganz gerührt:
„So geschieht hier doch ein Wunder der großen Liebe des Herrn ums andere, und
wir großen und mächtigen Römer können Ihm nichts dagegen irgend Verdienstliches
erweisen!“
149. Kapitel
[GEJ.08_149,01] Hier erwachte Ich, richtete Mich
auf und sagte: „So ihr an Mich glaubt und nach Meiner Lehre fortan lebt und
handelt, so tut ihr Mir gegenüber alles, was da Meiner Liebe, Gnade und
Erbarmung wert ist. Ihr werdet aber in Meinem Namen noch gar vieles zu tun
bekommen; werdet ihr alles aus Liebe zu Mir und zum Nächsten tun, was zu tun
euch Mein Geist in euch beheißen wird, so werdet ihr dadurch Mir auch alles
vergüten, was euch durch Meine Liebe und Gnade zuteil geworden ist.
[GEJ.08_149,02] Was ihr euren armen
Nebenmenschen Gutes tut, geistig und physisch, in Meinem Namen, das tut ihr
Mir.
[GEJ.08_149,03] Ihr nehmet nun auch die von
Mir euch anvertraute Jugend und noch mehrere hiesige Arme aus Liebe zu Mir mit
euch, die euch so manche irdischen Unkosten, Mühen und Sorgen bereiten werden,
und sehet, das nehme Ich auch so an, als würdet ihr dasselbe Mir tun, und Ich
werde euch dafür auch den Lohn im Himmel bereiten, und in dieser Welt werdet
ihr keinen Schaden erleiden!
[GEJ.08_149,04] So aber auch ihr, was in
dieser Welt schon also zu sein und zu geschehen hat, von so manchen Prüfungen
und Versuchungen heimgesucht werdet, so ertraget es in Geduld und werdet nicht
unwillig, und sie werden euch zum Segen gereichen; denn welche Ich liebhabe,
die prüfe ich auch und suche sie mit allerlei Proben heim.
[GEJ.08_149,05] Ich habe euch schon auf dem
Ölberge einmal zu verstehen gegeben, daß Ich in von nun an nicht gar ferner
Zeit es Selbst zulassen werde, zum Gerichte der Frevler und zum Heile der
Meinen, daß Mich eben die Frevler ergreifen und Meinen Leib töten werden, und
das am Kreuze wie einen gemeinsten Verbrecher. So ihr davon hören werdet, da
ärgert euch nicht über Mich, sondern bleibet im Glauben an Mich und in der
Liebe zu Mir, und ihr werdet dadurch einen großen Teil haben an Meinem Werke
der Erlösung der Menschen aus den alten und harten Banden und Fesseln der Nacht
des Todes, der Sünde und Sklaverei des finsteren und den Tod bringenden
Aberglaubens!
[GEJ.08_149,06] Ich sage es euch und auch
allen andern noch einmal, daß sich darob niemand ärgere und schwach werde im
Glauben! Denn obschon dieser Mein Leib von den Frevlern wird getötet werden, so
werde Ich aber dennoch schon am dritten Tage wieder den getöteten Leib beleben
und werde auferstehen als ein ewiger Sieger über den Tod und über alles Gericht!
Ich werde dann wieder zu euch kommen und werde euch geben die Kraft Meines
Geistes und Willens in euch zu eurer eigenen Lebendigmachung und Beseligung für
ewig!
[GEJ.08_149,07] Ich sagte euch dieses darum
nun schon zum zweiten Male und mit großer Bestimmtheit zum voraus, auf daß, so
es geschehen wird, sich von euch niemand ärgere an Mir.
[GEJ.08_149,08] Ich sage euch aber auch noch
etwas, da ihr in euch nun also fragend denket: ,Ja, muß denn das also
geschehen? Hat denn Er als der allweiseste und allmächtige Herr der Himmel und
dieser Erde im Ernste kein anderes Mittel, um erstens die vielen Frevler zu
bändigen, und zweitens, die an Ihn Gläubigen und Haltenden zu beseligen?‘
[GEJ.08_149,09] Und sehet, das, was Ich euch
darauf sage, besteht darin: Ich will es nicht, daß es also geschehe, und Ich
hätte der Mittel und Wege, Meine Kinder auch ohne das, was da geschehen wird,
zu erlösen und selig zu machen; aber die argen Menschen wollen es also, und
darum lasse Ich es denn auch zu, daß es also geschehen möge, auf daß sich eben
dadurch auch viele Frevler zur Reue, Buße und zum wahren Glauben an Mich
bekehren mögen! Denn die Brut im Tempel sagt und schreit es ja in einem fort:
,Lasset uns ihn nur ergreifen und töten! Wenn er vom Grabe wieder auferstehen
wird, dann wollen auch wir an ihn glauben!‘ Sie wollen also diese letzte Probe
an Mir machen, und so sei es denn endlich auch einmal zugelassen. Es werden
dadurch auch viele, die jetzt noch stockblind sind, sehend und an Mich gläubig
werden; doch die Grundargen werden eben dadurch ihr Sündenmaß voll machen und
fallen in ihr Gericht und in ihren ewigen Tod.
[GEJ.08_149,10] Wenn Ich wieder aus dem Grabe
erstehen werde, da werde Ich auch zu euch nach Rom kommen und euch selbst
überzeugen von dem, was Ich nun zu euch geredet habe.“
[GEJ.08_149,11] Hier fragte der Römer Markus,
sagend: „Herr und Meister, bis wann von nun an wird solches an Dir geschehen?“
[GEJ.08_149,12] Sagte Ich: „Bald! Eher noch,
als ein Jahr um sein wird, werde Ich zu euch kommen und euch geben, was Ich
euch verheißen habe. Aber nun wollen wir davon nichts Weiteres mehr verhandeln!
Es fängt schon stark zu tagen an, und wir wollen den Morgen wieder im Freien
zubringen!“
[GEJ.08_149,13] Damit waren alle zufrieden
und fingen an, sich mit Mir ins Freie auf den schon bekannten Hügel zu begeben.
150. Kapitel
[GEJ.08_150,01] Als wir uns auf dem Hügel
befanden bis auf einige Jünger, die der Schlaf noch gefangenhielt, da trat der
Römer Markus zu Mir und sagte: „Herr, wirst auch Du heute diesen Ort verlassen?
Und so Du ihn verlässest, möchtest Du es heute mir nicht bekanntgeben, wohin Du
Dich wenden wirst, auf daß wir Römer es wüßten und Dir im Geiste um so leichter
und bestimmter folgen könnten?“
[GEJ.08_150,02] Sagte Ich: „Was den ersten
Teil deiner Frage betrifft, so bin Ich da gleich einem Menschen, der viele
Äcker hat und dafür sorgen muß, daß alle seine Äcker wohl bebaut werden. So er
aber einen Acker einmal wohl bestellt hat, hieltest du ihn für weise, so er nun
aus lauter Freude auf dem wohlbestellten Acker stehenbliebe und nicht daran
dächte, daß er auch noch die andern Äcker zu bestellen hat? Siehe, Ich habe nun
auch diesen Acker, den ihr alle darstellet, wohl bestellt und habe darob denn
auch wahrlich eine rechte Freude!
[GEJ.08_150,03] Aber nun heißt es auf einen
andern, noch brachliegenden Acker übergehen und ihn auch wohl bebauen und
bestellen. Und so werde auch Ich nach dem Morgenmahle Mich mit Meinen Jüngern
von hier irgend weiter wohin begeben; doch das eigentliche Wohin sage Ich jetzt
noch nicht, auf daß es bei Gelegenheit nicht jemandem aus dem Munde falle und
Ich dann leichter vor der Zeit von Meinen vielen Feinden bald da- und bald
dorthin verfolgt werden könnte, was Mich in Meiner Arbeit nur stören würde,
weil Ich dabei stets für nichts und nichts mit Meinen Widersachern zu kämpfen
hätte. Und es ist also ganz gut, daß nur Ich allein es weiß, wohin Ich Mich
wenden will und werde; für jeden andern aber genügt es, daß er das erst
nachderhand erfahre, wo Ich war, und was Ich alldort gewirkt habe.
[GEJ.08_150,04] Ich will damit aber nicht
behaupten, als könntet ihr Römer nicht verschlossenen Mundes sein; aber es gibt
noch andere hier, die euch in dieser Tugend nicht gleichen, und es ist darum
schon besser, daß Ich Selbst nicht der bin, der sich verrät. Muß denn nicht ein
weiser Feldherr auch seine Kriegspläne manchmal sogar vor seinen nächsten
Obersten und Hauptleuten verborgen halten, so er eine Schlacht gewinnen will?
Und siehe, also tue es auch Ich! Darum machet euch nun nichts daraus, so Ich euch
den irdischen Ort nicht näher angebe, den Ich besuchen werde; überall gibt es
Römer und Griechen unter den Juden nun, diese werden euch dann schon bald die
Nachrichten nachsenden, wo und was Ich weiter gelehrt und gewirkt habe.
[GEJ.08_150,05] So ihr Mir aber im Geiste
folgen wollet, da denket nur so recht lebendig über alles nach, was ihr von Mir
vernommen und gesehen habt! Handelt und lebet im Geiste Meiner Lehre, welche
die Worte des Lebens in sich birgt, so werdet ihr Mir dadurch wahrhaft und
lebendig im Geiste folgen!“
[GEJ.08_150,06] Als Markus solches von Mir
vernahm, da war er mit diesem Bescheide denn auch ganz zufrieden, und auch alle
die andern, und es fragte Mich dann keiner mehr, wohin Ich an diesem Tage die Reise
mit den Jüngern machen werde.
[GEJ.08_150,07] Darauf aber winkte Ich dem
Raphael, daß er die Jugend versorgen und alles für die Abreise der Römer in
Bereitschaft halten solle. Und Raphael verschwand auf diesen Wink
augenblicklich aus Meiner Nähe. Das fiel den Neulingen schon wieder sehr auf,
besonders dem Hauptmann von Bethlehem und seinen Gefährten.
[GEJ.08_150,08] Der Hauptmann fragte Mich
denn auch sogleich und sagte: „Hatte ich in der Nacht denn nicht recht, so ich
den Jungen, der ein wahres lebendiges Wunder ist, für eine Art Gott hielt?
Seine große Weisheit, seine Kraft und nun dieses urplötzliche Verschwinden
bestätigen das doch auf eine kaum widerredbare Weise! Woher ist er denn, und
wer sind dieses seltenen Jungen Eltern? Herr und Meister, darüber könntest Du
uns wohl einen näheren Aufschluß geben, so Du das wolltest, und uns wäre das
wahrlich sehr lieb!“
[GEJ.08_150,09] Sagte Ich: „Das könnte Ich
wohl, so es zu eurem Seelenheil unbedingt notwendig wäre; aber das ist es
nicht, und so ist es vorderhand genug, daß ihr der Wahrheit nach von ihm selbst
über sein Wesen das wisset, was er euch gesagt hat, als ihr ihn darum befragt
habt. Glaubet ihr ihm nicht, der euch in dieser Nacht doch so manche Beweise
seiner Wahrhaftigkeit gegeben hat, so würdet ihr am Ende auch über das, was Ich
euch über ihn aussagen würde, die Achsel zucken und bei euch sagen: ,Ah, wie
kann denn das sein?!‘ Darum behaltet Meine Lehre, glaubet an Mich und handelt
danach, so werdet ihr auch bald hinter das Seinsgeheimnis Meines Raphael
kommen!
[GEJ.08_150,10] Viel wissen als noch ein
purer Naturmensch beschwert Kopf und Herz; aber nach vielen edlen Handlungen
viel des lebendigen Wahrheitslichtes in sein Inneres aufgenommen zu haben, das
erheitert das Herz und erspart der Seele die mühsame Arbeit, oft fruchtlos im
Gehirn ihres Leibeshauptes herumzuwühlen und das Wahre und Rechte doch nicht zu
finden.
[GEJ.08_150,11] Ich sage es euch: Im Geiste
des Menschen liegen alle und – sage – endlos viele Wahrheiten verborgen! Suchet
nur, daß ihr auf den euch nun schon bekannten Wegen zur vollen Einung mit dem
Geiste in euch gelanget, dann werdet ihr nicht mehr nötig haben zu fragen, wer
des Raphael Eltern seien oder waren; denn der Geist wird euch in alle Wahrheit
leiten.
[GEJ.08_150,12] Gehet hin in die Städte
Ägyptens, und leset dort die ganze Zeit eures Erdenlebens alle die nahe zahllos
vielen Bücher und Schriften mit allem Fleiße durch, und ihr werdet als
außerordentliche Vielwisser wieder in euer Heimatland zurückkehren; aber
deshalb wird euer innerer Geist noch lange nicht eins werden in euch, und ihr
werdet nach der Durchlesung von vielen tausend Büchern und Schriften von dem
Wesen Gottes, von eurem Geiste und von dem Fortleben der Seele ebensoviel
wissen, wie ihr bis jetzt gewußt habt. Hier habt ihr in wenigen Stunden mehr
gelernt und der vollsten Wahrheit nach erfahren, als euch alle Weisen der Welt
hätten sagen und zeigen können.
[GEJ.08_150,13] Darum bleibet nun auf diesem
Wege, der euch allein zur lebendigen Wahrheit und Weisheit in allen Dingen
führen kann, und forschet nicht zur Unzeit nach Dingen und ihren Verhältnissen,
zu deren richtigen Erfassung und Ergreifung ihr noch lange nicht zur Genüge
lebensreif seid; denn solch ein eitles Forschen hält die Seele nur auf,
wahrhaft stets tiefer und tiefer in ihren eigenen Geist zu dringen!
[GEJ.08_150,14] Suchet vor allem euer
Lebensgefühl nach Meiner Lehre zu bilden und zu stärken, fühlet mit dem Armen
seine Not und lindert sie nach euren Kräften und nach eurem Vermögen, tröstet
die Traurigen, bekleidet die Nackten, speiset die Hungrigen, tränket die
Durstigen, helfet, wo ihr könnet, den Kranken, erlöset die Gefangenen, und den
Armen im Geiste prediget Mein Evangelium, – das wird bis in die Himmel erheben
euer Gefühl, euer Gemüt, und eure Seele wird auf diesem wahrsten Lebenswege
bald und leicht eins werden mit ihrem Geiste aus Gott und dadurch auch
teilhaftig aller Seiner Weisheit und Macht! Und das wird doch sicher mehr sein
als um vieles in der Welt zu wissen, aber dabei ein gefühlloser Mensch gegen
seine Nebenmenschen zu sein und sich selbst durch sein zu wenig belebtes Gefühl
das Zeugnis zu geben, daß man vom wahren Leben im Geiste noch sehr ferne steht!
[GEJ.08_150,15] Ich sage es euch: Geist, der
allein lebendige im Menschen, ist pur Liebe und ihr zartestes und ewig
wohlwollendstes Gefühl. Wer demnach solche seine Liebe und deren zartestes und
ewig wohlwollendstes Gefühl in seine eigenliebige Seele stets mehr und mehr
aufzunehmen bemüht ist und in selben auch stets stärker, kräftiger, mutiger und
gefügiger wird, der befördert dadurch die volle Einung des Geistes mit der
Seele; und wird dann die Seele zu purer Liebe und Weisheit ihrem zartesten und
wohlwollendsten Gefühle nach, so ist solch eine Seele denn auch schon vollends
eins mit ihrem Geiste und ist dadurch denn auch im lebendigsten Besitze aller
der wunderbaren Lebens- und Seinsfähigkeiten ihres Geistes, und das ist denn
doch sicher mehr wert, als alle Schulen der Weltweisen der Erde durchgemacht zu
haben, dabei aber ein strenger und gefühlloser Mensch zu verbleiben.
[GEJ.08_150,16] Lasset daher vorderhand alles
unnötige Forschen um den Stand der vielen Verhältnisse der Dinge und ihrer
Erscheinungen, Ursachen und Wirkungen in der Welt, denn das bringt die Seele
selbst in hundert Jahren ihrem wahren Lebensziele nicht um ein Haarbreit näher,
weil sie dadurch zu keinem wahren, inneren Erkennen gelangen kann, sondern nur
zu einem äußeren, oberflächlichen und stückweisen Wissen und blinden Mutmaßen,
aus dem nie ein geordnetes und zusammenhängendes Wissen und Erkennen
hervorgehen kann und die Seele sich darum in einem fortwährenden ängstlichen
Suchen befindet, aus dem ihr wenig wahres Lebensheil erwächst.
[GEJ.08_150,17] Was euch zur Tilgung des
vielen Aberglaubens aus der Natur der Dinge dieser Welt zu wissen notwendig
war, das hat man euch denn auch nicht vorenthalten, sondern hat es euch treu
und wahr beschrieben und zum Zeugnisse der Wahrheit auch auf eine wunderbare
Weise anschaulich gemacht. Und das genüge euch vorderhand! Das Weitere bis ins
Unendliche aber suchet nun nur selbst auf dem euch klarst und wahrst gezeigten
Wege zu erreichen und zu erwerben, und ihr werdet dann wahrlich nicht mehr zu
fragen nötig haben, wer Raphael sei und wer seine Eltern! – Habt ihr das nun
wohl verstanden?“
151. Kapitel
[GEJ.08_151,01] Sagte der Hauptmann: „Ich für
meinen Teil bin nun schon ganz im klaren und meine, daß es auch die andern sein
werden. Es ist das freilich wohl eine ganz neue Lebenslehre, die vor Dir noch
keines Menschen Mund in solcher Klarheit ausgesprochen hat, obschon bei einigen
mir bekannten alten Weisen darauf auch schon Anspielungen gemacht worden sind,
die aber leider bei den Weltweisen selbst und noch weniger bei ihren Jüngern in
eine lebendige Übung übergegangen sind und somit auch erfolglos bleiben mußten.
Aber hier verhält sich die Sache ja himmelhoch anders! Denn da trittst Du als
ein Meister alles materiellen und geistigen Seins und Lebens unzweifelhaft auf
und lehrest uns solches klar, was sonst so manche Weltweisen nur so im Vorbeigehen
unklar und sehr verworren berührt haben; und so muß denn auch alles, was Du uns
hier gelehrt und gezeigt hast, wahr sein, und wer sich nach solcher Deiner
Lehre richten wird, der wird auch das allzeit und sicher erreichen müssen, was
Du uns als eine lebendig wahre Folge davon verheißen und best erklärt
versprochen hast, und wir alle werden darum auch nicht säumen, Deine Lehre ins
Werk umzugestalten.
[GEJ.08_151,02] Es ist damit aber freilich
eben keine kleine Sache, und die Erfüllung Deiner Lehre wird mit manchen
Schwierigkeiten zu kämpfen haben; aber wenn man – was uns Römern eigen ist –
etwas nur recht ernst will, so kann man auch das Schwierigste ins Werk setzen.
Bei mir wird es am ernsten Willen nicht fehlen; aber nun kommt es auch auf Dich,
Herr und Meister, an, daß Du einem treuen und ernst wollenden Befolger und
Täter Deiner Lehre mit der Allmacht Deines Geistes dann zu Hilfe kommst, so man
denn als nur ein Mensch doch dann und wann schwach und müde werden könnte. Wohl
kann ein Mensch mit großem Ernste seines Willens vieles und Großes erreichen;
aber alles gerade doch nicht! Mit Deiner Hilfe aber könnte man schon allzeit
des Erfolges sicher sein.“
[GEJ.08_151,03] Sagte Ich: „Was du wünschest,
das ist schon von Ewigkeit her Dessen Sache, der in Mir wohnt, denn ohne Mich
könnet ihr niemals etwas wahrhaft Verdienstliches zum ewigen Leben eurer Seele
wirken! Aber dennoch muß zuvor ein jeder so viel tun, als er kann aus seinem
freien Willen heraus; alles andere werde dann schon Ich ganz sicher und
zuverläßlich tun.
[GEJ.08_151,04] Du mußt aber zuvor selbst
ernst deine Augen von den Lockungen und Reizungen der Welt abwenden, und so
auch deine andern Fleischsinne, und mußt ein Meister deiner Weltbegierden
werden; wirst du das nicht, so werde Ich dich darum nicht blind, taub und stumm
an deinen Leibessinnen machen, und du wirst mit ihnen gleichfort zu kämpfen
haben. Aber so du es gegen deine Fleischsinne einmal nur zu einer halben
Meisterschaft wirst gebracht haben, so werde Ich dich dann schon auch ehest in
die ganze setzen, dessen du ganz versichert sein kannst.
[GEJ.08_151,05] Aber so ein Mensch sich auch
dann und wann recht ernst vornimmt und sagt: ,Herr, von nun an werde ich
unerschütterlich verharren bei meinem Vorsatze!‘, geht aber dann hinaus, und es
kommen ihm wieder so reizende Dinge in der Welt vor, daß er seine Sinne nicht
davon abwenden kann und er von neuem wieder schwach, wenn auch nicht böse wird,
– ja, solch ein Mensch kommt nicht weiter, bleibt stets auf dem gleichen Flecke
stehen und gelangt dadurch auch nicht zu einer Viertelsmeisterschaft über
seiner Sinne Begierden.
[GEJ.08_151,06] In diesem Falle, wo seine
Liebe zwischen den Reizen der Welt und Mir hin und her schwankt und nicht zu
einer halben Stärke auf Meiner Seite gelangt, ja, da kann Ich solch einer
Windfahne von einem Menschen noch nicht unter die Arme greifen und ihm eine
volle Festigkeit geben. Denn den guten Anfang muß der Mensch infolge des ihm zu
dem Lebensbehufe verliehenen freien Willens selbst machen; die volle Vollendung
ist dann erst Meine Sache! Wenn du das so recht aufgefaßt hast, dann tue
danach, und Meine Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!“
[GEJ.08_151,07] Mit dem war der Hauptmann
denn auch zufrieden und besprach sich darüber gleich sehr ernst mit seinen Gefährten
und auch mit den andern Römern.
152. Kapitel
[GEJ.08_152,01] Der Römer Markus, der auf
jedes Meiner an den Hauptmann gerichteten Worte aufmerksamst achtgegeben hatte,
trat zu Mir hin und sagte: „Herr und Meister! Ich habe die Bedeutung Deiner
Worte wohl erfaßt und habe ihren Sinn mir tief ins Herz geprägt; aber ich kann
dabei dennoch nicht umhin, hier offen zu bekennen, daß des Menschen Leben unter
solchen Selbstbildungsverhältnissen wahrlich durchaus kein Scherz ist. Die
Regel läßt sich bald und leicht aussprechen, aber nicht so bald und so leicht
ins Werk setzen!
[GEJ.08_152,02] Du sagtest, daß der Mensch in
der Besiegung seiner Sinne und Begierden und damit auch der besonders in den
jungen Jahren stets vorherrschenden Eingenommenheit für die Reize der Welt es
zu einer halben Meisterschaft bringen solle, bis er hoffen darf, daß Du ihm
helfend unter die Arme greifen und ihn sodann in die volle Lebensmeisterschaft
setzen werdest. Dieses hört sich wohl ganz gut, wahr und gewissermaßen auch
leicht an, und man sieht auch den Grund bald ein, daß es auch also schon ganz
Deiner schöpferischen Ordnung gemäß sein wird und auch sein muß; aber bedenkt
man dabei, daß es für beinahe jeden noch jüngeren Menschen, auf den die Reize
und Lockungen der Welt stets eine größere Gewalt ausüben denn auf unsereinen,
der schon mehr an der Neige seiner Jahre steht und den Reizen und Lockungen der
Welt ganz leicht den Rücken zukehrt, eine ganz außerordentlich schwere Sache
ist, sich mit allen seinen Sinnen und Begierden von der Welt abzuwenden und
männlich kräftig den geistigen Weg zu betreten und auf demselben fortzuwandeln,
da möchte ich denn hier, wo es sich um das Allerhöchste und Wichtigste des
Menschen handelt, doch diese mir nach meiner menschlichen Denkweise klug scheinende
Frage stellen, ob es denn für jeden nicht ersprießlicher wäre, so Du, o Herr
und Meister, ihm lieber zur Zeit seiner sicher größten Schwäche helfend unter
die Arme griffest und er sonach mit Deiner Hilfe es zur Hälfte in der
Lebensmeisterschaft brächte, wonach ihm dann die Erlangung der zweiten Hälfte
mit den eigenen Lebens- und Willenskräften keine so großen Schwierigkeiten
bieten würde wie die selbsttätige Erreichung der ersten Hälfte in der
Lebensmeisterschaft.
[GEJ.08_152,03] Ich weiß das ja aus meiner
höchsteigenen Lebenserfahrung, wie mächtig die Reize der Welt oft all mein
besseres Denken und Wollen rein zu Boden schlugen, meine Phantasie erhitzten
und mein ganzes Gemüt mit glühenden Leidenschaften erfüllten! Ja, Herr und
Meister, da wäre es gut gewesen, so Du das Ungestüm meiner Leidenschaften in
mir hättest dämpfen helfen! Jetzt dämpfe ich sie selbst schon ganz leicht mit
geringer Mühe, und die Selbstverleugnung in gar vielen Stücken gibt sich von
selbst. Freilich ist das eben wohl kein Lebensverdienst, so man mit seiner
Lebenskraft nur mehr mit wahren Zwergen von Weltleidenschaften zu kämpfen hat
und sie daher auch leichter bekämpft und besiegt als in der kräftigen
Jugendzeit, wo einem ein ganzes Heer gepanzerter Riesen von Leidenschaften entgegenstürmen
und den schwachen Kämpfer leicht und völlig erdrücken.
[GEJ.08_152,04] Wenn zum Beispiel in einem
Dorfe oder Flecken ein Haus in Brand geraten ist, so meine ich, daß es eben
während des Brandes wohl höchst an der Zeit sein dürfte, dem, dessen Haus in
Brand geraten ist, dasselbe löschen zu helfen; denn gelang es ihm, selbst
seinen Hausbrand zu bemeistern, und die Helfer kommen erst danach, wenn die
größte Gefahr schon gedämpft ist, da kommt mir ihr Zu-Hilfe-Kommen wahrlich
nicht zur rechten Zeit vor! Ich will aber diese meine Frage durch meine
ausgesprochene Ansicht nicht als irgend maßgebend nun schon selbst beantwortet
haben und bitte Dich darum nun um Deine Ansicht!“
[GEJ.08_152,05] Sagte Ich: „Mein Freund, du
hast auch diesmal ganz klug geredet und hast nach der diesirdischen Denkungs-
und auch damit zu verbindenden Handlungsweise ganz recht; aber Ich kenne den
Menschen und seinen Lebensprozeß offenbar besser als du und irgendein anderer
kluger Mensch und kann dir und euch allen darum die Sache der wahren
Lebensbildung denn auch nicht anders zeigen, darstellen und geben, als wie sie
der vollsten Wahrheit nach ist und auch nicht anders sein kann.
[GEJ.08_152,06] Nach der irdisch klugen
Menschendenkweise wäre in der ganzen Kreaturenschöpfung auf dieser Erde nahe
gar alles zu bekritteln; doch nach der höchsten Liebe und Weisheit Gottes muß
alles also werden und sein, wie es wird und ist.
[GEJ.08_152,07] Ist es gewisserart nicht sonderbar
von Gott, daß er dem Menschen einen schweren Leib gegeben hat, den er erstens
schwer und mühsam herumzutragen und -zuschleppen hat, und mit dem er von einer
Höhe jählings herabstürzen und offenbar den Tod finden kann? Wäre es nicht
klüger gewesen, dem Menschen einen ebenso leichten Leib zu geben wie einer
Mücke, – und der Mensch würde damit von der höchsten Höhe herabspringen können,
und es könnte ihm offenbar kein Leid geschehen, und fiele er ins Wasser, so
würde er auch nicht untergehen und ersaufen!
[GEJ.08_152,08] Wie würde es aber einem so
leichtleibigen Menschen im Sturm oder auch schon bei einem nur einigermaßen
heftigen Wind ergehen? Würde ihn derselbe nicht alsbald wie eine leichte
Federflaume emporheben und ihn davontragen, oft viele Tagereisen weit? Wo
könnten solche leichtleibigen Menschen auf der Erde dann ihre Heimat haben und
halten? Könnten sie mit ihren luftleichten und zarten Händen wohl die schwere
Erde bebauen und sich feste Wohnhäuser erbauen?
[GEJ.08_152,09] Du wirst nun durch dieses
Beispiel schon einsehen, warum ein Mensch auf dieser Erde einen schweren Leib
haben muß, wenn er mit demselben auch vielen Gefahren ausgesetzt ist, die er
aber durch seine Vernunft und durch seinen Verstand auch allzeit bekämpfen und
beseitigen kann, wenn er das nur ernstlich will; denn nur der kommt in der
Gefahr um, der sich in die Gefahr oft mutwillig begibt. Wir wollen aber unsere
Kritik über die Beschaffenheit so mancher Kreatur noch ein wenig fortführen!
[GEJ.08_152,10] Was dünket dich: Ist es klug,
daß zum Beispiel die Früchte in einer Zeit, die zumeist noch rauh und stürmisch
ist, in der größten Keimeszartheit sich über den Boden der Erde zu erheben
anfangen und von den Stürmen wegen ihrer Schwäche und Zartheit nur zu oft und
zu leicht stark beschädigt werden und dann nicht zum Nutzen der Menschen oder
Tiere heranwachsen und reifen können? Wäre es denn nicht klüger, entweder die
Gewächse gleich schon anfangs als völlig also erstarkt aus dem Boden der Erde
entstehen zu lassen, daß ihnen dann die rauhen Stürme nichts mehr anhaben
könnten, oder in dieser ersten Entwicklungszeit den rauhen und bösen Stürmen zu
gebieten, daß sie ruhen sollen? Siehe, das könnte die menschliche Klugheit ja
ganz wohlbegründet von dem weisen und allmächtigen Schöpfer aller Dinge
verlangen; denn wozu etwas zu einer Zeit werden lassen, in der das Werdende
noch tausend Feinden und Gefahren ausgesetzt ist?!
[GEJ.08_152,11] Siehe, so denken und klügeln
oft viele Tausende von Menschen mittels ihrer Vernunft und ihrem Weltverstande;
doch Gott kann darum dennoch nicht aus Seiner ewigen Ordnung treten und läßt
gleichfort alles, was da wird, einen höchst zarten und schwachen Anfang nehmen,
weil Er allein es weiß und sieht, unter welchen Bedingungen aus den
Naturgeistern ein festeres Werden und Sein bewerkstelligt werden kann.
[GEJ.08_152,12] Gott aber beschützt dabei
dennoch allzeit das zarte Werden eines kreatürlichen Dinges, und zur Zeit der
Ernte ist dann doch nahe stets von allem so viel da, daß die Menschen,
besonders die da Gott lieben und sich Ihm vertrauen, in allem genug haben und
Gott auch für alles danken. Ja, es kann da schon auch Zeiten und Jahre geben,
die da mager sind und den Menschen oft das Nötigste nicht geben; aber solche
Zeiten und Jahre läßt der Herr nur dann kommen, wenn die Menschen vor lauter
Welttum Seiner ganz zu vergessen angefangen haben. Doch die noch an Gott den
Herrn auch in den Tagen der Prüfungen und Heimsuchungen festhaltenden Menschen
werden auch in solchen Zeiten versorgt dastehen und sicher wenig Not zu leiden
haben, dessen Ich dich völlig versichern kann.
[GEJ.08_152,13] Und siehe, so könnte Ich dir
aus der Sphäre der Dinge dieser Naturwelt noch so manches nach der menschlichen
Weise beklügeln und bekritteln; aber darum könnte Ich die einmal von Ewigkeit
her bestehenden Gesetze Meiner Ordnung dennoch nicht aufheben oder anders
gestalten!
[GEJ.08_152,14] Und siehe nun weiter! Wie es
mit allem Kreatürlichen steht, so steht es auch nach Meiner Ordnung mit der
Gewinnung der Lebensmeisterschaft des Menschen. Er muß anfangs einmal
selbsttätig auftreten und gegen die ihn bestürmenden Leidenschaften mit den ihm
verliehenen Waffen zu kämpfen beginnen. Tut er das, so wird ihm nach dem Maße
seiner Siege über sie auch die Hilfe von Mir aus für weitere und ernstere
Kämpfe und Siege verliehen werden, und er wird also am Ende doch, trotz aller
Stürme, die ihm von allen Seiten in den Weg traten, das Ziel des Lebens
erreichen, so wie du als ein Heide, der du von vielen Leidenschaften bestürmt
worden bist, nun doch durch Mein dir Entgegenkommen das rechte Lebensziel schon
so gut wie völlig erreicht hast. – Hast du das nun wohl dem wahren Geiste nach
aufgefaßt?“
[GEJ.08_152,15] Sagte Markus: „Herr und
Meister, ich glaube, daß ich Deiner Rede Geist von der wahren Seite aus wohl
aufgefaßt und begriffen habe! Doch wenn ich an unser Rom denke und besonders an
seine verweichlichten und weltgenußsüchtigen Bewohner, so wird es mir
ordentlich bange; denn diese Weltmenschen kennen nunmehr nur ihren Gaumen,
ihren Bauch, den größten Luxus und haben einen unersättlichen Trieb nach
Vergnügungen aller Art und Gattung. Dabei ist bei den meisten der dickste
Hochmut in einem solchen Grade zu Hause, daß sie die ärmere Menschenklasse gar
nicht mehr zu den Menschen zählen und mit ihnen tun, was ihnen beliebt und
ihnen irgend Vergnügen verschafft, und wäre dieses von einer die Menschenwürde
noch so entehrenden und tiefst beleidigenden Art.
[GEJ.08_152,16] Es ist nicht genug, daß man
in den großen, überreichen Häusern und Palästen in einem fort ein Freßgelage
ums andere hält und sich dabei bis zum Wahnsinn berauscht, sondern man sorgt
dabei auch für aller Art frechste Augenweiden und Ohrenschmaus. Bei einem
solchen Festgelage werden auch Kämpfer bestellt, die zur größeren Belustigung
der Gäste entweder mit dem Schwerte so lange kämpfen müssen, bis einer tot auf
dem Platze bleibt, oder es müssen zwei Athleten so lange miteinander ringen,
bis der Stärkere und Gewandtere seinen Gegner durchs öftermalige Niederwerfen
und durch gewaltige Faustschläge derart beschädigt hat, daß er bald darauf
seinen Geist aushaucht; und da werden die Kämpfer vor dem Kampfe noch dringlich
darauf aufmerksam gemacht, daß sie erstens mit Anstand kämpfen sollen, und daß
zweitens der Getötete mit allem Anstande sterben solle.
[GEJ.08_152,17] Ja, Herr und Meister, so ich
nun an alles das zurückdenke und Deine göttliche Lehre daneben betrachte, so
muß es mir wahrlich bange werden! Und da meine ich denn, daß eben bei einem
solchen sittlich grausam entarteten Volke, das im Grunde freilich nicht darum
kann, Deine Hilfe auf eine wunderbare Weise vorauswirkend käme, auf daß wir
dann Dein Wort auf einen nur um ein weniges mehr gedüngten Boden ausstreuen
könnten, wo es sicherer gute Wurzeln triebe und zur segensreichen Frucht
heranwüchse. Denn so, wie es noch gar viele große und überreiche Römer nun
gibt, wird Deine Lehre bei ihnen schwer oder gar nicht Eingang finden, außer
nur vereinzelt in einem und dem andern den unsrigen ähnlichen Häusern. In
diesen meinen wohlbegründeten Bedenken liegt denn auch der Grund, warum ich
ehedem die gewisse Frage aufgestellt habe.“
153. Kapitel
[GEJ.08_153,01] Sagte darauf Ich: „Freund,
wie übel es in Rom und seinen anderwärtigen Ländern aussieht, weiß Ich wohl am
allerklarsten und habe darum euch auch schon auf diese bösen Zustände
aufmerksam gemacht, auf daß ihr, wo noch solche Dinge geschehen, die euch
anvertraute Jugend davon fernhalten möget! Aber darum gibt es in Rom dennoch
wieder Menschen, die gleich euch an allen solchen Greueln keine Freude haben
und sie verabscheuen; und diese brauchen nun nicht mehr auf eine wundersame
Weise zum voraus gedüngt zu werden, auf daß Mein Wort in ihnen Wurzel fasse,
denn diese sind schon dazu gedüngt.
[GEJ.08_153,02] Jene aber, die noch an den
alten, bösen Sitten und Gebräuchen hängen, sind mit keiner vorangehenden
wunderbaren Düngung für Meine Lehre irgend reifer und empfänglicher zu machen;
für diese muß etwas ganz anderes kommen, durch das sie aus ihrer alten
Betäubung erweckt werden! Dafür wird zur rechten Zeit und am rechten Orte schon
auch fürgesorgt werden.
[GEJ.08_153,03] Es werden sich aber auch
schon jetzt mehrere, die auf die alten, bösen Festspiele und wilden,
kriegerischen Volksbelustigungen noch große Stücke halten, davon fernzuhalten
anfangen, wenn sie mit euch über das, was ihr hier gehört, gesehen und erfahren
habt, in ein Gespräch kommen werden.
[GEJ.08_153,04] Auf daß ihr Römer aber nicht
ohne den von euch verlangten Wunderdünger zur Aussaat Meiner Lehre nach Rom
zurückkommet, so will Ich euch nun infolge eures starken Glaubens an Mich die
Macht erteilen, daß ihr durch die Auflegung eurer Hände alle Kranken und
bresthaften Menschen heilen könnet, und das wird euren Worten eine große Kraft
und Wirkung verleihen.
[GEJ.08_153,05] Doch wollet vor allem mit der
nun von Mir euch verliehenen Kraft keine Prunkerei treiben, und lasset euch
dafür von niemandem irgend bewundern und ehren, sondern saget und zeiget es den
Geheilten, wem sie im Grunde des Grundes ihre Heilung zu verdanken haben, und
wem allein dafür Ehre, Lob und Dank gebührt! Umsonst aber erteile Ich euch aus
der Macht Meines Willens solche Kraft, und so denn heilet auch ihr umsonst die
Menschen, die eurer Hilfe bedürfen werden!
[GEJ.08_153,06] Ich gebe euch aber diese
Kraft in der Weise noch erhöht, daß ihr die Menschen auch in jeder Ferne sich
befindend heilen könnet, so ihr in euren Gedanken und im festen Glauben und
Wollen in Meinem Namen ihnen die Hände aufleget.
[GEJ.08_153,07] Mit dieser Kraft nun
versehen, werdet ihr beim weisen Gebrauche derselben viele Finsterlinge zum
Glauben an einen allein wahren Gott, dadurch zum Lichte des Lebens, zur vollen
Wahrheit und somit auch ihre Seelen zum ewigen Leben bringen.
[GEJ.08_153,08] Nehmet aber selbst keinen
auch nur scheinbaren Anteil an den vielen alten, heidnischen Torheiten; denn
deren Anschauung würde eure Herzen mit Ärger erfüllen und gegen die Toren der
Welt erbittern, – und es ist der Seele nicht dienlich, so das Herz voll Galle
wird!
[GEJ.08_153,09] Denket es euch allzeit, daß
eben in der Liebe, Geduld, Sanftmut und Erbarmung die größte Macht und Kraft
des Geistes im Menschen sich offenbart und mächtig wirkend sich bekundet; denn
könnet ihr mit Liebe und Geduld einen Narren nicht zurechtbringen, so werdet
ihr das mit Ärger und Zorn noch um so weniger imstande sein. Es ist wohl auch
notwendig, daß man dann und wann, wo es sehr not tut, mit dem rechten Ernste
auftritt; aber hinter dem Ernste muß dennoch stets die Liebe mit dem Gewande
des wahren Wohlwollens hervorleuchten. Ist das nicht der Fall, so ist der Ernst
nichts als ein blinder und wirkungsloser Lärm, der viel mehr Schaden als Nutzen
anrichtet.
[GEJ.08_153,10] Wo ihr aber leicht auf den
ersten Blick merken werdet, daß irgend ein oder auch mehrere Menschen zu dick
und tief in aller götzenhaften Torheit der Welt vergraben sind und für die
Stimme der Wahrheit weder ein Ohr und noch weniger ein Herz haben, da wendet
euch von ihnen ab und habt mit ihnen keine Sache und keine Gemeinschaft, –
außer es käme ein solcher Tor zu euch und verlangte einen oder den andern von
euch zu hören, oder es fehlte ihm etwas und er möchte eine Hilfe von euch! So
das vorkäme, da stellet ihm mit vernünftiger und für ihn begreifbarer Rede
seine Torheiten vor, und hat er das angenommen, da lasset ihm denn auch die verlangte
Hilfe zukommen! Aber mit der Hilfe gebet ihm auch liebernst die Mahnung, daß er
in der Folge nicht mehr in der alten Torheit und ihren Sünden verharren solle;
denn da werde sein zweiter Leidenszustand ein noch um vieles ärgerer werden,
als wie da war sein erster, für den ihr ihm habt Hilfe angedeihen lassen. Wenn
ihr diesen Meinen Rat allzeit befolgen werdet, so werdet ihr in Meinem Namen
leicht zu wirken und zu handeln haben und werdet auch die besten Lebensfrüchte
reichlichst ernten.
[GEJ.08_153,11] Wenn ihr aber selbst gute
Jünger werdet in Meinem Namen gebildet haben, so könnet ihr ihnen denn auch
wieder in Meinem Namen die Hände auflegen, und sie werden dadurch auch der
Kraft in sich gewärtig werden, die Ich euch nun durch Meinen Willen schon erteilt
habe.
[GEJ.08_153,12] Aber vor allem mache Ich euch
noch einmal darauf sehr aufmerksam, daß weder einer von euch, noch späterhin
irgendeiner eurer Jünger je aus den Schranken der wahren Liebe, Mäßigung,
Geduld, Sanftmut und Erbarmung trete; denn ein solcher Austritt würde nur zu
bald allerlei Gegenhaß, Verfolgung und Krieg zur Folge haben! Darum beachtet
das vor allem, so ihr statt des Segens nicht Zwietracht, Ärger, Zorn, Haß und
Verfolgung unter den Menschen ausbreiten wollet!
[GEJ.08_153,13] Es wird zwar der Zwietracht
und ihrer bösen Folgen noch viel in dieser Welt unter den Menschen entstehen,
gleichwie auch viel des Unkrautes auf einem Acker unter dem reinen Weizen
emporkommt, aber der reine Weizen, wenn auch spärlicher gedeihend, soll und muß
doch reiner Weizen verbleiben, und euch muß das Zeugnis bleiben, daß ihr kein
Unkraut unter den Weizen auf den Acker des Lebens gesät habt. Diese Meine Worte
präget euch tiefst in euer Herz, und euer Wirken wird ein segensreiches sein! –
Habt ihr nun das alles wohl aufgefaßt?“
[GEJ.08_153,14] Sagten mit ganz erstaunlich
frohen Mienen die Hauptrömer: „Ja, Herr und Meister, und wir danken Dir auch
mit der größten Inbrunst unseres Herzens für solch große uns erteilte Gnade,
die Du uns nun, ohne daß wir Dich darum zu bitten uns getraut haben, aus der
endlosen Fülle Deiner Liebe frei erteilt hast! Daß wir aber die Kraft von Dir
nun auch wahrhaftigst überkommen haben, das haben wir in dem Augenblick, als Du
sie uns mit der Allmacht Deines Willens erteilt hast, auch auf das lebendigste
empfunden; denn es ergoß sich wie ein wahrer Feuerstrom in uns, und wir
empfanden sogleich eine mächtige Glaubens- und Willenskraft in uns, daß es uns
nun wie lebendigst überzeugend vorkommt, als könnten wir nun in Deinem Namen
mit unserem Willen auch schon gleich ganze Berge niederreißen und sie den
Tälern gleich machen. Aber dehne sich in uns Deine uns von Dir verliehene Kraft
aus, soweit sie nur immer mag, so werden wir von ihr stets nur im Falle der
rechten Not nur insoweit einen weisen Gebrauch machen, inwieweit Du sie zu
gebrauchen angeraten und nur darum auch allergnädigst verliehen hast! – O Herr
und Meister Jesus Jehova Zebaoth! Ist es recht also?“
154. Kapitel
[GEJ.08_154,01] Sagte Ich: „Allerdings! Doch so
jemand von euch noch eine höhere Kraft in sich fühlt, so kann er sie, wenn es
irgend zwecklich an der Zeit und am rechten Orte wäre, ja auch gebrauchen, aber
ja nicht und niemals, um zu zeigen, was ihm alles möglich sei, sondern nur, so
er damit geheim vor wenigen und weisen Zeugen irgend für die Menschen etwas
wahrhaft Gutes bezwecken kann! Denn Ich kann euch nicht nur die Kraft zur
Heilung aller leiblichen Krankheiten der Menschen erteilen; denn wer diese
Kraft so, wie ihr nun, vollkommen überkommen hat, der hat mit ihr auch die
Kraft über gar viele andere Dinge überkommen!
[GEJ.08_154,02] Aber er soll damit vor der
Welt sich nicht darum etwa zeigen, daß sie über ihn erstaune und ihm dann auch
aufs Wort alles fest glaube, was er ihr predigt, sondern im Besitze solch einer
höheren Geisteskraft aus Mir soll der Besitzer auch stets sich fragend an Mich
wenden und sagen: ,Herr, ist es auch Dein Wille, daß ich nun von der mir von
Dir verliehenen Kraft Gebrauch mache, so gib mir das kund in meinem Herzen, und
vereine Deinen allmächtigen Willen mit Deiner mir gnädig verliehenen Kraft! Ist
es aber nun nicht auch Dein Wille, so zeige mir auch solches an nach Deiner
Liebe, Weisheit und Gnade!‘ Und Ich werde solche demütige Frage allzeit
augenblicklich im Herzen des Fragestellers entweder mit Ja oder Nein
beantworten und werde ihm auch den Grund klar zeigen, aus dem entweder ein
Zeichen zu wirken oder zu unterlassen sei. Der Besitzer solcher Meiner ihm
verliehenen Kraft aber wird auch ohne Meine volle Einwilligung das
Wunderzeichen wohl wirken können, aber es wird weder ihm und noch weniger
denen, vor welchen er es gewirkt hat, etwas nützen, – was ihr euch auch gar
wohl merken könnet! Denn wer in allem völlig mit Mir wandeln und handeln wird,
dessen Wirken wird auch allzeit vom wahren Segen begleitet sein.
[GEJ.08_154,03] Vor allem aber merket euch
das, was Ich euch und allen Jüngern auf dem Ölberge angedeutet habe, daß ihr,
die ihr Mein Evangelium den Menschen überbringet, hauptsächlich nur durch die
Macht des Wortes zu wirken bestrebt seid! Denn ein Mensch, den das Wort zur
vollen Bekehrung führt, ist ein größerer Gewinn für Mein Gottesreich denn
tausend Menschen, die durch Zeichen und Wunderwerke Meine Lehre anzunehmen
genötigt worden sind. Denn das reine Wort und dessen Licht bleibt ewig, die
Zeichen aber vergehen und haben für die Nachkommen, die davon keine Zeugen
waren, nahe gar keinen Wert, weil sie nur blindlings als etwas
Außergewöhnliches geschichtlich wohl geglaubt werden, aber dem Glaubenden
dennoch keine volle Überzeugung von der Wahrheit Meiner Lehre verschaffen und
andere zum Betruge stets sehr geneigte Müßiggänger nur zu bald und zu leicht
zum Wirken falscher Zeichen und Wunder verleiten und die Zuschauer zum
finsteren Aberglauben.
[GEJ.08_154,04] Das reine Wort aber ist ein
Licht in und für sich und benötiget keines Zeichens zum Zeugnisse der Wahrheit
in sich, weil es selbst eben das größte Zeichen aller Zeichen und das höchste
Wunder aller Wunder ist.
[GEJ.08_154,05] So Ich vor euch nichts als
nur die erstaunlichsten Zeichen gewirkt hätte, so hätten euch dieselben
ebensowenig genützt wie diejenigen, die ihr schon gar oft von den Magiern und
Zauberern zu eurem Vergnügen habt wirken sehen; nur hättet ihr die von Mir
gewirkten sicher noch um vieles außerordentlicher gefunden als die, die ihr von
den Magiern und Zauberern habt wirken sehen, und hättet noch länger davon zu
erzählen gehabt.
[GEJ.08_154,06] Was euch aber nun innerlich
so hell erleuchtet und nun denn auch belebt hat, das war nur Mein Wort und nicht
die Zeichen, die Ich vor euren Augen so vielfach gewirkt habe. Wirkete Ich nun
noch mehrere Zeichen vor euren Augen, so würdet ihr zwar darüber abermals
staunen, aber hinterdrein Mich gleich fragen und zu Mir sagen: ,Herr, wie war
Dir dieses Zeichen doch wieder zu wirken möglich, und wie ging es zu, daß aus
Deinem Worte und Willen zum Beispiel Brot und Wein ward?‘ Ja, da müßte Ich dann
Selbst wieder das Wort ergreifen und euch das Wunderwerk so erklären, wie Ich
das vor euch auch stets getan habe, daß ihr es mit eurem Verstande begriffet,
wie Mir ein solches Wunder zu wirken möglich ist!
[GEJ.08_154,07] Nun, wenn da wieder nur das
Wort und nicht das Zeichen erleuchten kann, so kann das das reine und
wahrheitsvolle Wort ja für sich allein auch ohne ein vorangehendes Zeichen!
Darum liegt allzeit und ewig die Hauptsache und die Hauptlebensbedingung ja nur
im Worte und nicht im Zeichen!
[GEJ.08_154,08] Ein Zeichen zu wirken, so dem
Menschen dazu die Kraft, wie euch nun, verliehen ist, kann nur dann von einer
wahrhaft guten Wirkung in Meiner Ordnung sein, wenn der ein Zeichen zu wirken
fähige Mensch aus Liebe zum Nächsten es im geheimen tut, um demselben in Meinem
Namen zu nützen. Ich aber bin Der, der das sieht, wenn es auch noch so geheim
geschieht, und werde es dem geheimen Zeichenwirker auch eben in der Weise zu
belohnen verstehen, in welcher Weise er es in Meinem Namen gewirkt hat.
[GEJ.08_154,09] So ihr einem kranken Menschen
offen vor den Augen der Menschen die Hände aufleget, damit es besser werde mit
ihm, da habt ihr zum Behufe des Zeugnisses für die Wahrheit Meines Wortes mehr
als zur Genüge getan; doch im geheimen ohne offene Zeugen könnet ihr es am Tage
viele Male tun und arme Leidende von ihrer Not befreien, ohne daß es auch nur
einer von ihnen erfährt, wer ihn von seiner Qual erlöst hat. Ich sage es euch:
Eine solche Heilung gilt bei Mir mehr als hundert offenbare vor den Augen der
Welt! Darum gebrauchet auch ihr die nun von Mir euch gegebene Kraft allzeit
nach Meinem euch kundgegebenen Plane, und Ich werde euch dafür zu segnen
verstehen. – Habt ihr nun auch dieses wohl begriffen?“
[GEJ.08_154,10] Dankbarst bejahten auch das
alle und dachten nun sehr über alles nach, was sie nun von Mir vernommen
hatten.
[GEJ.08_154,11] Aber es trat nun auch der
Hauptmann von Bethlehem zu Mir und sagte: „Herr und Meister! Sieh, auch ich bin
ein Römer und glaube fest an Dich und habe Dich sehr lieb! Du hast nun den zehn
Römern etwas Großes gegeben und ihnen auch treuest gezeigt, wie sie alles das
zu benutzen haben. Wäre es Dir nicht genehm, nun auch mir eine gleiche Gnade
zukommen zu lassen? Wahrlich, ich würde sicher auch allzeit nur den rechten
Gebrauch davon machen, und besonders könnte ich solch eine Gnade den
maulreißerischen Pharisäern gegenüber sehr gut brauchen; denn diese Menschen
machen dem blinden Volke weis, daß sie im Notfalle sogar die Toten aus den
Gräbern wieder beleben könnten, so sie das nur wollten und dürften! Von selbst
wohlverständlich sind derlei Reden nichts als leerer Rauch und Dampf, hinter
dem noch nie eine Wahrheit sich vorgefunden hat! Hätte ich denn auch eine
solche geheime innere Kraft, so wüßte ich schon, was ich mit ihr diesen
Leerschreiern gegenüber machen sollte und auch würde!“
[GEJ.08_154,12] Sagte Ich: „Ich weiß das wohl
auch schon zum voraus, und eben darum gebe Ich dir jetzt solch eine Kraft noch
nicht; denn du hast noch nicht die rechte Reife dazu. Aber du hast nun auch das
reine Wort und kannst es benutzen, und das ist, wie Ich zuvor klar gezeigt
habe, um gar vieles mehr wert als die Zeichenwirkerei! Benutze also zuvor, was
du hast, mit Erfolg, dann wird dir auch das andere hinzugegeben werden.“
[GEJ.08_154,13] Als der Hauptmann das von Mir
vernommen hatte, da war er damit denn auch zufrieden und sagte: „Ist auch wahr
und gut also! Herr, es geschehe nur Dein Wille!“
[GEJ.08_154,14] Sagte Ich: „Das, Freund, ist
mehr wert als tausend Zeichen wirken!“
[GEJ.08_154,15] Als Ich das ausgesprochen
hatte, war es schon ziemlich taghell geworden und es kamen von Jerusalem drei
Essäer, die irgend vernommen hatten, daß es in Bethanien bei Lazarus zu
erfragen sein werde, wo Ich Mich etwa aufhalten dürfte.
155. Kapitel
[GEJ.08_155,01] Wir betrachteten nun ganz
ruhig und wie gewöhnlich die mannigfachen Szenen des Morgens; mehrere Jünger
aber besprachen sich über die Wundertatsgaben an die zehn Römer und beneideten
sie heimlich darum.
[GEJ.08_155,02] Währenddem aber brachte ein
Diener des Lazarus eben auch schon die drei aus Jerusalem angekommenen Essäer
zu Mir auf den Hügel, stellte sie zuerst dem Lazarus vor, und dieser brachte
sie dann erst vor Mich hin.
[GEJ.08_155,03] Ich fragte sie sogleich, was
da ihr Anliegen wäre, damit sie sich vor Zeugen desselben entäußern konnten;
denn Ich wußte für Mich sicher schon lange, warum sie Mich gesucht hatten, und
warum sie zu Mir nun gekommen waren.
[GEJ.08_155,04] Da verneigten sich alle drei
tief vor Mir, und einer sagte: „Herr und Meister, vor mehreren Monden Zeit
waren Abgesandte von uns auch zu Dir gekommen und hatten von Dir Weisungen
überkommen, wie wir in unserem nun in allgemeinem und großem Ansehen stehenden
Institute uns auf dem Wege der alleinigen Wahrheit wirkend verhalten sollen,
ansonst wir in Kürze der Zeiten erleben würden, daß alles Unheil über uns
hereinbrechen werde. Wir taten das denn auch also, wie es uns die etlichen
zurückgekehrten Abgesandten als Deinen Willen eindringlich bekanntgemacht
haben, und wirkten seitdem auch nicht ein falsches Wunder mehr, indem uns die
Abgesandten von Dir aus die volle Zusicherung gaben, daß wir, so wir selbst genau
nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln anfangen und ernstlichst dabei
verbleiben würden, in Deinem Namen, wo es nötig sein wird, schon ohnehin die
größten und wahrsten Zeichen werden zu bewerkstelligen imstande sein.
[GEJ.08_155,05] Aber wir sind nun dadurch in
eine vielseitige wahre Not versunken und wissen uns nicht zu raten und noch
weniger zu helfen; denn erstens kommen nun Tag für Tag aus allen Gegenden der
Erde allerlei Menschen, und viele bringen uns eine Menge verstorbener Kinder
zum Wiederbeleben und heulen und klagen ganz entsetzlich, so wir die Kinder zur
Wiederbelebung nicht annehmen, wofür sie uns mit Gold, Silber, Edelsteinen und
Perlen nahezu überschütten wollen. Alle noch so guten Gründe, die wir ihnen
darstellen, warum wir derart Wunder nicht mehr wirken dürfen und wollen,
bleiben fruchtlos, und wir sind unserer Ruhe und Sicherheit wegen genötigt, die
toten Kinder zu übernehmen, deren wir nun seit vier Monden Zeit wenigstens bei
fünfhundert zählen.
[GEJ.08_155,06] Bis wir nach unserer alten
Art diese Kinder von verschiedenem Alter wieder beleben werden, werden wohl
mehrere Jahre erforderlich sein, besonders so noch wöchentlich eins und oft
zwei bis drei dazukommen. Wir versuchten wohl, in Deinem Namen diese Toten
wieder ins Leben zurückzurufen; aber es geschah kein Wunder, und wir mußten für
diesmal wieder zu unserer alten Art zurückkehren.
[GEJ.08_155,07] Das ist nun, wie bemerkt, der
erste Grad unserer Not; der zweite und noch ärgere aber besteht darin, daß wir
nun, da wir nach Deiner Lehre zu wirken und zu handeln angefangen haben, viel
zuwenig Kinder für den Austausch in unseren Kinderzuchtanstalten mehr besitzen,
indem wir sie nach Deinem Worte, als der höchsten Lebenswahrheit zuliebe, samt
ihren Müttern und Ammen für eine bessere Bestimmung aus den Anstalten entlassen
haben, dafür Sorge tragend, daß sie an der nötigen Versorgung keinen Mangel
leiden sollen. Wir gaben den vielen Müttern und Ammen Geld und andere Schätze
und entließen sie, indem wir ihnen für solch unser neues Gebaren natürlich
einen rechten und für sie begreiflichen Grund mitteilten.
[GEJ.08_155,08] Das ist geschehen, und zwar
auf eine gute Art; aber woher nun in der Kürze in unserer Not andere Kinder
hernehmen, und wie dabei dennoch in Deiner Lehre, von deren Wahrheit wir
durchdrungen sind, verharren? Herr! Du siehst daraus, wie auch alle Deine
Jünger, in welch einer großen Verlegenheit wir uns nun befinden! Wie sollen,
wie können wir den uns von allen Seiten her drohenden Gefahren entrinnen?
[GEJ.08_155,09] Herr und Meister, wenn Du uns
da nicht auf eine wunderbare Weise hilfst, so gehen wir alle in Kürze zugrunde!
Wir haben auch alle die Menschenwiederbelebungsfeste eingestellt und alle die
anderen Zaubereien; aber die Menschen kommen dennoch von weit und breit und suchen
bei uns Rat und Hilfe. Wenige nur begnügen sich mit der puren Belehrung, die
meisten wollen Taten, wie wir sie früher gewirkt haben, – und das wollen wir
nicht, weil wir es uns einmal fest und ernst vorgenommen haben, streng und so
rein als möglich nach Deiner Lehre zu leben und zu handeln.
[GEJ.08_155,10] Ah, es ist also nun wohl
schwer, ein rechter Mensch in der Welt zu sein, wenn man einerseits mit der
riesenhaft großen Blindheit der Menschen, die von der Wahrheit auch nicht die
blasseste Idee haben, und anderseits bei sich mit der sonnenklarsten und
lebendigsten Wahrheit zu tun und wahrhaft zu kämpfen hat! Ich will nichts reden
von den materiellen Verlusten, die uns nun bei unserem Streben nach der reinen
Wahrheit zuteil werden, denn wir haben des materiellen Vermögens noch zur
Übergenüge; aber die andern Verlegenheiten, in die wir nun von Tag zu Tag immer
mehr und mehr geraten, machen uns nun gänzlich ratlos. Herr und Meister, wir
bitten Dich nun inständigst um Rat und um eine wahre Hilfe!“
156. Kapitel
[GEJ.08_156,01] Sagte Ich: „Ich weiß und sehe
es, daß ihr nun vor den Menschen in eine große Verlegenheit geraten seid und
auch habt geraten müssen; aber es muß das schon also kommen, wenn ein Mensch, der
früher durch allerlei List, Klugheit der Welt und durch Betrug sich vor den
Menschen geltend und wichtig gemacht hat, um von ihnen sich große Schätze zu
erschleichen, selbst die Wahrheit zu seiner inneren Besserung ergriffen hat.
Denn er will die Menschen nicht mehr täuschen und betrügen, die Wahrheit aber
getraut er sich ihnen nicht zu sagen, auf daß sie zu ihm nicht im Zorne sagen:
,O du elender Betrüger! So du nun die Wahrheit bekennst und nach ihr reden und
handeln kannst, warum hast du denn das nicht schon zu Anfang deines
Unternehmens getan? Was haben wir dir je zuvor Arges getan, daß du dich
jahrelang als ein schnöder Betrüger gegen uns erwiesen hast? Mache nun all den
an uns verübten Betrug gut, sonst wirst du unserer gerechten Rache nicht entgehen!‘
[GEJ.08_156,02] Ja, Freunde, diese sehr böse
Sprache spricht zwar das innere Gewissen stets zu dem, der sich durch List und
Betrug die leichtgläubige Menschheit zum Nutzen machen will und durch seine
verschlagene Weltklugheit auch macht; aber ein solcher Mensch betäubt am Ende
sein Gewissen, welches da ist der innerste Lebens- und Wahrheitsgeist im
Menschen, und betrügt dann die blind gemachten Menschen noch immer mehr und
mehr.
[GEJ.08_156,03] Aber was nachher dann, wenn
der Tag der vollen Wahrheit für alle Menschen aufgehen wird? Wohin werden sie
fliehen vor denen, die sie so oft und so schonungslos betrogen und angelogen
haben? Wahrlich, das wird eine arge Flucht sein, und die Fliehenden werden
schreien und werden sagen: ,Berge, fallet über uns her, auf daß uns nicht
ereile das Wahrheitslicht des großen Tages und uns enthülle vor den Augen
derer, die wir so oft auf die schnödeste Art betrogen und angelogen haben!‘
[GEJ.08_156,04] Ich sage es euch aber, die
ihr von den großen Betrügereien um der reinen Wahrheit willen nun
zurückgetreten seid; denn hier läßt sich noch gar manches durch die rechten
Werke der Liebe vollends ausgleichen, doch in der andern Welt, in der alles
offenbar wird, sogar der Seele geheimste Gedanken, wird das nicht mehr angehen,
und der Betrüger und Lügner wird sich dort die bittersten Demütigungen gefallen
lassen müssen und wird übergroß zuschanden werden vor den Augen aller
Gerechten.
[GEJ.08_156,05] Für euch nun einen rechten
Rat zu ermitteln und euch auch eine rechte Hilfe zu bieten, ist selbst Mir eine
schwere Sache; denn Ich als die lebendigste Wahrheit Selbst kann doch nicht
über euer vergangenes Tun und Treiben eine dasselbe beschönigende Decke werfen
und die Menschen in ihrem Wahne belassen, in den sie durch euch gebracht worden
sind! Redet die Wahrheit nun zu allen, die zu euch kommen, belehret sie recht,
und saget, daß Ich solches euch geboten habe, und gebet ihnen auch den wahren
Grund an, warum ihr nun anders denket, wollt und handelt als ehedem, wo ihr
selbst der Wahrheit noch ferne gestanden seid, und saget ihnen auch, daß euch
nicht ein böser Wille, sondern nur ein gewisses Wohlwollen für die lichtlose
und leidende Menschheit dazu bestimmt habe, durch eure Wissenschaft und
erlernte Geschicklichkeit Dinge, Künste und Lehren aufzustellen, in denen gar
viele Menschen ihren Trost gefunden haben! Da ihr aber nun durch Mich zur
reinen Wahrheit vorgedrungen seid, so wollet ihr ihnen, die allzeit ihr
Vertrauen auf euch gesetzt haben, denn nun auch die reine und lebendige Wahrheit
nicht vorenthalten, die ihnen für ewig mehr nützen wird als alles, was ihr
ihnen früher erwiesen habt.
[GEJ.08_156,06] Wenn ihr alle also die
Wahrheit den Menschen verkünden werdet, da werden sie nicht zornig von euch
scheiden, sondern werden euch hören und später als ihre wahren Freunde leben.
Denn was ihr ehedem selbst nicht hattet, das konntet ihr auch niemandem geben,
was ein jeder mit einiger Vernunft begabte Mensch einsehen wird, und er wird
euch darum auch nicht gram werden.
[GEJ.08_156,07] Haltet euch nun nur allein an
die Wahrheit, denn nur diese kann und wird euch frei machen und euch für die
Folge allen Schutz und alle Hilfe bieten! Aber einerseits selbst in der
Wahrheit sein, sich daneben aber doch das tägliche Brot mit der Lüge erwerben
wollen, das verträgt sich ebensowenig wie Tag und Nacht oder Leben und Tod. –
Habt ihr Mich wohl verstanden?“
[GEJ.08_156,08] Sagten die drei Essäer: „Herr
und Meister, verstanden haben wir Dich wohl und sehen es auch ein, daß Du in
allem völlig recht hast; aber was werden wir mit den fünfhundert toten Kindern
machen? Sollen wir sie beerdigen oder unter irgendeinem Vorwande den noch
zumeist im Orte harrenden Eltern oder Anverwandten zurückstellen? Denn das
drückt uns nun am meisten: Wir möchten einesteils die Hoffenden nicht
ungetröstet und voll Trauer wieder heimziehen lassen, andernteils aber sagt es
uns nun unser Gewissen, daß wir, die wir die reine Wahrheit überkommen haben,
die ohnehin von allen Seiten zu viel betrogene und gedrückte Menschheit nicht
noch weiter betrügen und drücken sollen. Geben wir ihnen nun aber auf einmal
die volle Wahrheit, so werden sie unglücklich, – üben wir aber nach Möglichkeit
noch das aus, was wir ehedem ausgeübt haben und machen dadurch die Traurigen
glücklich und vergnügt, so haben wir sie und durch sie viele andere von neuem
wieder im alten Aberglauben bestärkt und sie noch tiefer in die Finsternis
getrieben. Herr, was wäre denn da der goldene Mittelweg, auf daß die Harrenden
nicht trauernd und auch nicht von neuem betrogen von uns scheiden?“
[GEJ.08_156,09] Sagte Ich: „Auch da ist
schwer ein rechter Mittelweg zu finden; aber da ihr nun ernstlich alle eure
alten Betrügereien hintansetzen und weiterhin wandeln wollet auf den Wegen der
vollen Wahrheit aus Gott, die nun in Mir in diese Welt gekommen ist, so will
Ich Selbst etwas für euch tun. Ich werde in wenigen Tagen zu euch kommen, und
es wird sich dann schon zeigen, was sich da alles wird machen lassen. Nun aber
möget ihr gehen und das euren Brüdern verkünden, und sie werden dann schon das
Weitere der Wahrheit getreu anzuordnen verstehen!“
[GEJ.08_156,10] Mit diesen Meinen Worten
waren die drei vollends zufrieden, dankten Mir für die Belehrung, für den
wahren Rat und für die Verheißung, dernach Ich sie Selbst im Verlaufe von
wenigen Tagen besuchen werde, erhoben sich dann und zogen noch vor dem Aufgange
ihres Weges weiter. Sie nahmen in Bethanien denn auch kein Morgenbrot zu sich;
erst beim Talwirte kehrten sie ein, nahmen Brot und Wein zu sich und besprachen
sich daselbst mit den Dienstleuten über vieles, was diese ihnen von Mir
kundzugeben wußten, und zogen erst nach ein paar Stunden den Weg über Bethlehem
weiter.
157. Kapitel
[GEJ.08_157,01] Wir aber betrachteten nun
wieder ungestört die Morgenszenen weiter, da der Morgen diesmal überaus rein
und heiter war, weil der nächtliche Sturm die atmosphärische Luft überaus
gereinigt hatte.
[GEJ.08_157,02] Man konnte darum auch die
höchsten Spitzen gar ferner Alpen und Berge gut ausnehmen, was sonst bei einer
mehr mit Dünsten gesättigten Luft nicht möglich war, und so konnten wir uns an
diesem Morgen von unserem Hügel an einer selten herrlichen Aussicht vergnüglich
erquicken. Nur hier und da, wo die durch Nachtgewitter entstandenen größeren
Brände noch nicht erloschen waren, war die Luft durch den Rauch getrübt, was
aber der schönen Rundschau keinen Eintrag machte.
[GEJ.08_157,03] Als wir nun ganz ruhig von
unserem Hügel die Gegend betrachteten, da bemerkte unser Hauptmann, wie auf der
breiten Heerstraße, die von Bethanien hinauf gen Jerusalem führte, eine Menge
Menschen mit allerlei Lasttieren einherzogen, als Eseln, Saumrossen, Ochsen und
Kamelen. Er fragte den Lazarus, was wohl dieser Zug zu bedeuten habe, und wohin
er etwa seine Richtung nehmen werde.
[GEJ.08_157,04] Sagte Lazarus, von der großen
Anzahl daherziehender Menschen zu einer ungewöhnlichen Zeit selbst überrascht:
„Mein bester Freund, das weiß nun auch ich nicht; denn um diese Zeit eine so
starke Karawane ist etwas Ungewöhnliches. Der Zug ist auch noch zu ferne, als
daß man es bestimmen könnte, ob das Juden, Griechen, Perser oder Ägypter sind.
Etwas unangenehm aber wäre es mir nun wohl, wenn sie hier in Bethanien eine
Rast machten und etwa gar von meinen Herbergen einen Gebrauch machen möchten.
In dem Falle müßte ich sie heute schon ins Tal hinab zu meinem Freund und
Nachbar bescheiden!“
[GEJ.08_157,05] Sagte der eben auch anwesende
Talwirt: „O mein lieber Bruder, diese Karawane, deren Ende noch nicht irgend zu
ersehen ist, würde bei mir schwer zu bewirten und noch schwerer unterzubringen
sein! Du aber hast hier in diesem Orte, der ohnehin zum größten Teile dir
gehört, sieben große Herbergen, zu denen dein großes Stammhaus nicht einmal zu
rechnen ist; dazu gibt es hier noch mehrere kleine Herbergen, und so kann
dahier eine so starke Karawane schon um vieles eher und leichter bewirtet und
auf eine kurze Zeit untergebracht werden als bei mir im Tale. Übrigens ist ja
noch gar nicht irgend zum voraus anzunehmen, daß diese Karawane, die nun schon
vor dem Aufgange auf dem Wege ist, nun schon hier eine Rast halten wird. Warten
wir diese Sache ab, und es wird sich dann ja zeigen, was da zu machen sein
wird!“
[GEJ.08_157,06] Hier wandte sich Lazarus zu
Mir und sagte: „Herr und Meister, sage Du es uns doch, was diese große Karawane
zu bedeuten hat, wohin sie dieser Zeit zieht, und woher sie kommt!“
[GEJ.08_157,07] Sagte Ich: „Ei, ei, was
kümmern uns diese Damaszener Krämer, die mit allen Produkten ihres Fleißes hier
vorüber nach den Städten am Ufer des Meeres ziehen, um sie dort zu verkaufen?
Lassen wir sie ungestört weiterziehen!“
[GEJ.08_157,08] Mit diesen Worten hatte Ich
den Hauptmann, den Lazarus und den Talwirt ganz beruhigt, und wir betrachteten
nun wieder den Morgen ganz ruhig weiter und auch die sich dem Orte nähernde
Karawane, die aber freilich auf dem Wege auch eine ordentliche Wolke von Staub
auftrieb; denn die stets befahrenen und begangenen Heeresstraßen im Judenlande
litten nie einen Mangel an Staub, und hatte ihn der Sturmwind in der Nacht auch
zum größten Teile gehoben und weit fortgetragen, so blieb aber dennoch sehr
viel davon auf der Straße übrig.
[GEJ.08_157,09] Als nun der Vortrab den Ort
erreichte und auch unaufgehalten weiterzog, da tauchte auch schon die Sonne
über dem fernen Horizont hervor und verklärte die ganze Gegend mit ihrem
Lichte; auch der nun von den Sonnenstrahlen beleuchtete Straßenstaub war recht
schön anzusehen.
[GEJ.08_157,10] Und der Hauptmann sagte: „Ah,
das Licht verherrlicht aber doch alles, was von ihm erleuchtet wird! Auch der
Straßenstaub, der wahrlich nichts Anmutiges in sich hat, wird von einer
gewissen Ferne zu einer erquicklichen Erscheinung, so er in den Strahlen der
Sonne dahinschwimmt!“
[GEJ.08_157,11] Sagte Ich: „Ja, ja, du hast
nun eine recht gute und lehrreiche Bemerkung gemacht! Die Weltmenschen gleichen
auch dem Straßenstaube in mehrfacher Hinsicht; denn erstens sind sie träge im
Guthandeln und füllen des Lebens Wege mit ihrer Geringfügigkeit, die aber
trotzdem dem emsig beflissenen Lebenswanderer im Guthandeln sehr lästig werden.
Nur ein wahrer Gerichtssturm bringt solche Menschen in eine Tätigkeit, fegt
dadurch die Lebensstraßen rein und trägt den Staub auf weitgedehnte Fluren und
Äcker und Felder hin, wo dann auch aus ihm bald ein fruchtbares Erdreich wird.
[GEJ.08_157,12] Solche Weltstaubmenschen
nehmen sich auch gut aus, wenn sie vom Lebenslichte erleuchtet werden; aber mit
einem rechten Lebenswandler werden sie erst als ein fruchtbares Erdreich zu
vergleichen sein. Solange sie aber bloß als ein müßiger Weltstraßenstaub in der
reinen Lebensluft herumprunken und glitzeln in den Strahlen der Lebenssonne,
deren Licht nur ihr Äußeres und nicht auch ihr Inneres erleuchtet, da sind sie
für die rechten Lebenswandler stets eine Last und gleichen sehr den Pharisäern
und andern heidnischen Götzenpriestern, die allzeit, wenn irgend über und um
sie sich ein Lebenssturm oder eine andere Lebenstätigkeit erhebt, sich auch
erheben, die Lebenswege und die Wanderer belästigen und beschmutzen und das den
Weg erleuchtende Licht trüben und schwächen.
[GEJ.08_157,13] Von einer gewissen lichten
Ferne nehmen sie sich wohl als auch erleuchtet ganz erträglich aus, und mancher
möchte da denken und sagen: ,Ja, sie sind denn doch tätig und haben Licht!‘, –
aber dem ist nicht also! Denn ob sie ruhig auf der Straße liegen, oder ob sie
vom Winde in die Luft erhoben werden, so bleiben sie für sich dennoch träge und
untätig; aber durch ihr Sicherheben werden sie dem wahren Lebenswandler immer
lästig und womöglich auch schädlich. Daher beachtet auch ihr alle bei eurem
künftigen Wandeln auf Meinen Lebenswegen diese kluge Vorsicht, daß ihr die
gewissen breiten Weltheeresstraßen meidet und euch auf den mehr staublosen und
schmalen Fußsteigen fortbeweget und selbst da mit Ruhe, Geduld und Gelassenheit
auftretet, so werdet ihr mit dem Weltstraßenstaube wenig Unannehmlichkeiten zu
bestehen haben!
[GEJ.08_157,14] Aber so ihr es auf den
Lebenswegen machen werdet wie die da unten auf der breiten Heeresstraße
vorüberziehende Karawane, die mit aller Hast und vielem Lärm forteilt, um ja
bald an die Orte zu gelangen, wo für sie ein weltlicher Gewinn zu erhaschen
sein möchte, da werdet auch ihr mit dem gewissen Staube so manchen lästigen und
bösen Kampf zu bestehen bekommen. Diese euch bei dieser Gelegenheit erteilte
Lehre behaltet auch, und ihre Beachtung wird euch von großem Nutzen sein!“
[GEJ.08_157,15] Hierauf sagte der Hauptmann:
„Oh, wie wahr und treffend waren, o Herr und Meister, schon wieder diese Deine
Worte! Auf den Lebenswegen allenthalben gibt es nun wohl eine schon kaum mehr
zu ertragende Masse des lästigen Weltstaubes, und es gehört wahrlich eine große
Vorsicht dazu, daß man ihn beim Gehen nicht irgend zu sehr aufrüttelt! Oh,
diese Lehre werde ich mir ganz besonders ad notam nehmen!“
[GEJ.08_157,16] Sagte Ich: „Tue das, und du
wirst gut vorwärtskommen und eine reine Sehe behalten!“
[GEJ.08_157,17] Als Ich solches zu dem
Hauptmanne gesagt hatte, da kam auch schon ein Bote, der uns zum Morgenmahle
lud.
[GEJ.08_157,18] Da aber der Karawanenzug noch
nicht vorüber war, so sagte Ich: „Lassen wir diese bestaubte und lärmende Welt
nun vollends den ganzen Ort vorüberziehen; denn so wir nun sogleich uns
hinabbegeben würden, da würden so manche auf uns aufmerksam werden und uns um
dies und jenes angehen; so wir aber einige Augenblicke noch hier verweilen,
dann weichen wir dieser Gefahr aus.“
[GEJ.08_157,19] Damit waren natürlich alle
Anwesenden wieder vollkommen zufrieden, und wir verblieben sogestaltig noch
eine kleine halbe Stunde lang auf dem Hügel, in welcher Zeit die Karawane ganz
vorübergezogen war, und wir konnten uns denn auch sogleich ganz unbeirrt hinab
ins Haus zum Morgenmahle begeben.
[GEJ.08_157,20] Wir gingen denn in guter
Ordnung hinab, nahmen am großen Tische unsere Plätze ein und nahmen, nachdem
Ich zuvor Speise und Trank gesegnet hatte, das reichlich und wohlschmeckend
bereitete Morgenmahl zu uns, und die Römer ließen sich auch den Wein besonders
gut schmecken, so daß unser Lazarus einige Male ihre Becher voll zu füllen
bekam, worüber er eine rechte Freude hatte.
[GEJ.08_157,21] Agrikola, dem der Wein die
Zunge gelöst hatte, sagte zu Mir: „Herr und Meister, vergib es mir, daß ich
beim Morgenmahle nun schon ein paar Becher Weines mehr zu mir genommen habe;
aber ich tat das samt meinen Gefährten nur infolgedessen, damit mir der
sichtbare Abschied von Dir erträglicher werde! Oh, könnte ich doch lieber immer
bei Dir verbleiben! Alle meine Erdengüter und alle meine weltlichen Würden und
Ämter gäbe ich darum!“
[GEJ.08_157,22] Sagte Ich: „Dein Wunsch und
Wille gilt bei Mir so viel, als so du das auch getan haben würdest; du aber
erweisest Mir und gar vielen Menschen größere Dienste als Sachwalter der dir
anvertrauten Erdengüter und der euch allen hier zu eigen gegebenen
Geistesschätze. So ihr alles das nach Meinem Rate weise benützen werdet, da
werde auch Ich im Geiste bei euch sein und werde euch geben zu jeder Zeit,
dessen ihr bedürfen werdet; dereinst in Meinem Reiche aber werdet ihr als Meine
wahren Freunde ewig bei Mir wohnen und wirkend um Mich sein. Dieses nehmet auch
zu eurem rechten Troste und zur vollen Stärkung eurer Seelen in euer Herz!“
[GEJ.08_157,23] Hierauf erhoben wir uns vom
Tische, und Ich legte den Römern die Hände auf und segnete und stärkte sie.
Darauf wurden alle heiter und voll Mutes und dankten Mir noch einmal mündlich
für alles, was ihnen bei Mir in den etlichen Tagen zuteil geworden war.
158. Kapitel
[GEJ.08_158,01] Darauf berief Ich den Raphael
und gab ihm den Wink, daß er nun alles zur Abreise der Römer in Bereitschaft
halte.
[GEJ.08_158,02] Da sagte Raphael: „Herr! Dein
heiliger Wille voll der ewigen und endlosen Kraft und Macht in mir ist ein
schon vollbrachtes Werk! – Sehet hinaus in den großen Hofraum, und ihr werdet
alles in der besten Ordnung finden; auch die Jugend sitzt schon auf den
geeigneten Lasttieren und harrt auf den Augenblick der Abreise von hier, vor
allem aber den wahren Vater in diesem Leben noch einmal zu sehen und Ihm für
alles zu danken und Ihn zu bitten, daß Er ihrer in Seiner Vaterliebe allzeit
gnädig gedenken möchte.“
[GEJ.08_158,03] Nach diesen Worten Raphaels
erhob sich denn auch alles und eilte hinaus in den großen Hofraum, und alle
staunten über das reine Wunder.
[GEJ.08_158,04] Ich ging nun zu den Jungen
hin und erteilte ihnen den rechten Segen, und diese dankten Mir unter vielen
Tränen und wollten Mir danken mit lauten Worten, was ihnen aber vor lauter
Liebetränen kaum möglich war.
[GEJ.08_158,05] Ich aber sagte mit gar
freundlicher Stimme zu ihnen: „Kinder! Ich verstehe die innere, lebendige
Sprache eurer Herzen, die Mir um gar vieles lieber ist als die schönsten Worte
des Mundes; verharret in solcher Liebe, und Ich als euer wahrer Vater werde im
Geiste unter euch sein und euch lehren und erziehen durch Mein lebendiges Wort.
Amen.“
[GEJ.08_158,06] Hierauf gab Ich dem Raphael
abermals einen inneren Wink, und er bestieg ein Lasttier, stellte sich vor die
Jugend hin, und der Zug setzte sich unter der Anführung Raphaels in eine rechte
Bewegung, den Weg nach Tyrus einschlagend.
[GEJ.08_158,07] Darauf bestiegen denn auch
die Römer mit aller ihrer Dienerschaft ihre Lasttiere, und mit ihnen auch alle
die bekehrten Pharisäer mit ihren Weibern und Kindern und, wie bekannt, auch
alle die andern hier Anwesenden, die von den Römern an- und aufgenommen wurden;
diese dankten Mir auch unter vielen Tränen für alle die ihnen erwiesenen Gnaden
und großen Wohltaten.
[GEJ.08_158,08] Darauf ging Ich hin zu den
Römern, reichte ihnen die Hand und gab ihnen den Rat, nun dem Zuge Raphaels zu
folgen, der sie bis nach Tyrus sichtbar bis vor den Palast des Cyrenius
begleiten werde. Dort aber werde er ihnen schon die rechte Weisung geben, wie
sie das Meer zu benutzen haben werden.
[GEJ.08_158,09] Agrikola dankte Mir für diese
Bescheidung, fragte Mich aber noch in der Eile, was nachher Raphael machen
werde.
[GEJ.08_158,10] Ich aber sagte freundlich zu
ihm: „Kümmere dich seiner nicht, denn er ist ein Geist und weiß, was er nach
Meinem ihm klar bekannten Willen zu tun hat! Wenn ihr ihn irgend in Liebe zu
Mir rufen werdet, so wird er nicht ermangeln, euch mit Rat und Tat zu
unterstützen. – Und nun wollet auch ihr euch in Bewegung setzen!“
[GEJ.08_158,11] Hierauf nahmen alle auch noch
bei Lazarus Abschied, und so auch bei allen andern hier noch Zurückgebliebenen,
und begannen darauf sich in Bewegung zu setzen. Die Römer begleiteten auch der
Hauptmann, seine Gefährten und die drei Wirte, nachdem sie zuvor Mir auch
Liebe, Dank und Ehre bezeigt hatten; denn sie wußten, daß Ich Mich nun auch
nicht länger in Bethanien aufhalten werde.
[GEJ.08_158,12] Und so war nun Bethanien
wieder von den vielen Gästen verlassen; nur Ich mit Meinen alten Jüngern, mit
den Judgriechen und mit den etlichen Jüngern des Johannes waren noch auf eine
kurze Zeit zurückgeblieben. Und nun erst sagte Ich im Vertrauen, daß Ich nun in
die Gegend von Jericho und der bekannten zehn Städte Mich begeben werde, und
stellte es den Jüngern frei, mit Mir zu ziehen. Alle wollten mitziehen, und Ich
gebot ihnen, wie auch dem ganzen Hause des Lazarus, niemandem zu sagen, wohin
Ich Mich begeben habe. Und alle gelobten Mir aufs feierlichste, in allem Meinem
Willen gemäß zu handeln.
[GEJ.08_158,13] Es bat Mich nun aber auch die
Maria von Magdalon (Magdalena), daß sie Mich begleiten dürfe.
[GEJ.08_158,14] Ich aber sagte zu ihr:
„Maria, das steht dir frei, wie Ich es dir ja auch verheißen habe; doch auf daß
die blinde Welt an uns kein Ärgernis nehme, so würdest du besser tun, hier im
Hause des Bruders Lazarus zu verbleiben und Mir, anstatt zu Fuße, im Herzen zu
folgen. Die Schwestern des Bruders haben dich lieb, und du wirst ihnen manchen
guten Dienst zu erweisen die Gelegenheit bekommen, was Ich auch also ansehen
werde, als hättest du solchen Dienst Mir erwiesen. Doch Ich gebe dir damit
dennoch kein Gebot, sondern stelle es dir ganz frei, was du nun lieber tun
willst.“
[GEJ.08_158,15] Hierauf sagte die Magdalena:
„Herr! Ich werde von nun an nur stets das tun, was Dir lieber und angenehmer
ist, und somit werde ich bis zu Deiner baldigen Wiederhierherkunft bei Lazarus
verbleiben und Dir im Herzen folgen! Aber wir bitten Dich, o Herr und Meister,
alle, daß Du ja bald wieder zu uns hierher kommen wollest! Denn ohne Dich wird
unser Sein und Leben ein trauriges Aussehen haben.“
[GEJ.08_158,16] Sagte Ich: „Maria, so Ich
körperlich auch nicht bei euch und unter euch Mich befinden werde, da werde Ich
aber im Geiste dennoch bei euch sein und wirken; denn im Geiste bin Ich ja
gleichfort allgegenwärtig, da Ich alle Dinge in der ewigen Unendlichkeit
erhalten und leiten muß. Wäre Ich im Geiste aber nicht allgegenwärtig, so würde
alles Sein zunichte, und es bestünde keine Kreatur in der ganzen Unendlichkeit,
– was du nun schon begreifen wirst. Denn durch die Macht Meines
allerlebendigsten und allertätigsten Willens bin Ich Selbst ja von Ewigkeit her
Alles in Allem, und alles ist in Mir! Der Vater, der Mich als einen
Menschensohn in diese Welt gesandt hat, ist in Mir, und Ich und Er aber sind
nicht zwei, sondern vollkommen Eins; des Vaters Wille ist sonach auch Mein
Wille, und der wirket allenthalben.
[GEJ.08_158,17] Den Vater für Sich aber kann
freilich kein Mensch sehen; denn Er wäre ohne Mich nicht da und Ich nicht ohne
Ihn, weil Ich und Er vollkommen Ein Wesen sind! Wer aber nun Mich sieht und
hört, der sieht und hört auch den Vater; denn Ich als Vater habe Mich durch
Meinen Willen Selbst in diese Welt gesandt. Darum wohl euch, die ihr an Mich
glaubet; denn wer an Mich glaubet, der glaubt auch an den Vater, der Mich
gesandt hat, und Der wird ihm darum geben das ewige Leben!
[GEJ.08_158,18] Wenn ihr diese Worte recht
beherziget, so werdet ihr fröhlich sein in eurem Gemüte; denn ihr werdet es
wohl gewahr werden, daß Ich trotz Meiner leiblich persönlichen Abwesenheit
dennoch bei euch sein und bleiben werde. – Maria, hast du diese Meine Worte
wohl begriffen?“
[GEJ.08_158,19] Sagte Maria: „Ja, Herr und
Meister und Vater, Sohn und Geist! Darum werde ich Dir um so leichter und
entschiedener im Herzen folgen können.“
[GEJ.08_158,20] Hierauf wandte Ich Mich an
Meine Jünger und sagte: „Bis jetzt habe Ich als der Herr und Meister allein
gearbeitet, und ihr waret nur wie stumme Zeugen von allem, was Ich gelehrt und
gewirkt habe; doch von nun an werdet auch ihr mit Mir arbeiten, gleichwie auch
Raphael mit Mir gearbeitet hat sichtbar vor aller Welt Augen. Und so denn
lasset uns nun von dannen ziehen!“
[GEJ.08_158,21] Hierauf machten wir uns
gleich auf den Weg nach dem Tale, auf dem man leicht in einer halben Stunde zu
dem Wirte im Tale gelangt. Lazarus mit den beiden Schwestern und mit der Maria
von Magdalon gaben Mir das Geleite bis zum Talwirte, der, als er Mich schon von
weitem ankommend bemerkte, Mir sogleich mit offenen Armen samt seiner Familie
entgegeneilte und an Mich von den Römern noch viele Grüße auszurichten hatte.
Wir hielten bei seinem Hause ein wenig an, und Ich segnete auf des Wirtes Bitte
seine Kinder und sein ganzes Hauswesen, wofür Mir allseitig aus dem tiefsten
Herzensgrunde gedankt wurde.
[GEJ.08_158,22] Hierauf beurlaubte sich
Lazarus mit den Seinen und zog nach Bethanien nach Hause, wo schon so manche Arbeit
seiner wartete.
159. Kapitel
[GEJ.08_159,01] Es war aber auch noch der
Wirt von der großen Herberge an der Heerstraße, die nach Tyrus und auch nach
andern Städten am Meere führte, beim Talwirte gegenwärtig; denn die Römer
schlugen von hier den nach Norden führenden Weg ein, auf dem man nach Galiläa
gelangt – welchen Weg auch Raphael mit den Jungen genommen hatte –, und so
hatte der Wirt auf der südlichen Heerstraße eben nicht zu besonders nötig, nach
Hause zu eilen. Da Ich mit den Jüngern aber diesen Weg zu nehmen hatte, um in
die Orte, die Ich Mir diesmal erwählt hatte, zu gelangen, so zog der Wirt, der
sich nun schon bei sechzehn Tage lang nicht zu Hause befand, nun mit uns und
bat Mich schon zum voraus um die Gnade, an diesem Tage in seinem Hause von
seiner Gastfreundschaft Gebrauch machen zu wollen.
[GEJ.08_159,02] Und Ich sagte zu ihm: „Dessen
kannst du schon versichert sein; aber übernachten werden wir nicht bei dir;
denn Ich muß Mich beeilen, heute noch recht weit vorwärts zu kommen, da Meiner
noch gar wichtige Arbeiten harren!“
[GEJ.08_159,03] Der Wirt war mit dem
Bescheide zufrieden und fragte Mich, ob er etwa vorauseilen solle, auf daß bei
Meiner Ankunft alles in Bereitschaft wäre und Ich dann nicht Mich zu lange
aufzuhalten nötig hätte.
[GEJ.08_159,04] Und Ich sagte: „Ganz gut,
Freund, – so du um ein bedeutendes schneller gehen kannst, so magst du schon
vorauseilen; denn wir gehen alle nur eines gemäßigten Schrittes. Für solchen
deinen guten Willen aber will auch Ich, daß dir deine Füße den Dienst nicht
versagen, und so magst du nun schon versuchen, um wieviel du uns vorauskommen
wirst!“
[GEJ.08_159,05] Hierauf fing der Wirt, der
ein großer Mann war und lange Füße (Beine) hatte, seine Schritte sehr zu
beschleunigen an und kam uns schon nach einer halben Stunde Zeit so weit vor,
daß wir seiner gar nicht mehr ansichtig werden konnten; und so gelangte er denn
auch mehr als eine Stunde Zeit vor uns in seine Herberge.
[GEJ.08_159,06] Als er aber nach Hause kam,
da konnten ihm die Seinen nicht genug erzählen von allen den Schrecken und
Ängsten, die sie in seiner Abwesenheit zu bestehen gehabt hätten; besonders
aber hätte sie und alle Bewohner des Ortes der diesnächtliche wahre Feuersturm,
durch den auch mehrere Häuser in der Umgegend sehr übel zugerichtet worden
seien, in eine solche Angst versetzt, daß sie darob ganz ohnmächtig und beinahe
wie tot geworden seien.
[GEJ.08_159,07] Der Wirt aber sagte: „Ich
weiß um das alles, und wir werden davon reden, wenn wir dazu die rechte Zeit
haben werden; aber nun gibt es ein Wichtigeres zu tun! In etwa einer Stunde
kommt der große Herr und Meister mit Seinen Jüngern hier an, und da sorget nun
für ein gutes und reichliches Mittagsmahl für mindestens vierzig Personen, –
beeilet euch, auf daß Er, so Er kommen wird, schon alles in Bereitschaft finde!
Denn ihr alle wisset es, welche große Wohltat Er im vorigen Jahre unserem Hause
erwiesen hat, und so ist es nun auch unsere höchste Pflicht, sich Ihm auf das
tätigste dankbar zu erweisen!“
[GEJ.08_159,08] Als der Wirt solches kaum
ausgeredet hatte, da griff gleich jung und alt zu, und es ward bald alles also
geordnet, daß wir bei unserer Ankunft denn auch schon ein reichliches und
bestbereitetes Mittagsmahl antrafen.
[GEJ.08_159,09] Auf dem Wege bis zur besagten
Herberge aber hatte sich eben nichts irgend besonders Denkwürdiges ereignet,
und so ist es denn auch nicht nötig, dessen irgendeine besondere Erwähnung zu
machen. Die Jünger besprachen sich untereinander über alles, was sich in diesen
Tagen in und um Jerusalem zugetragen hatte, und fragten Mich auch bald über ein
und das andere um einen näheren Aufschluß, den Ich ihnen auch erteilte; und so
ward dieser sonst etwas langweilige Weg recht erheiternd zurückgelegt.
[GEJ.08_159,10] Etwa noch ein paar Morgen
Landes weit vor der Herberge saßen zwei wahre Professionsbettler und baten uns
um ein Almosen.
[GEJ.08_159,11] Ich aber sagte zu ihnen: „Es
ist nicht fein von euch, hier zu betteln; denn ihr habt keines Almosens
vonnöten! Warum habt ihr denn eure Häuser und Gründe in der Nähe von Samaria um
ein teures Geld verpachtet und habt dann das Geld mit Wucher in die Wechselbank
gelegt und seid reiche Leute geworden und bettelt nun in armer Kleidung auf
fremdem Boden, auf daß ihr eure großen Wucherzinsen ersparet und dabei den wahren
Armen dieser Gegend das ihnen Gebührende entzieht! Habt ihr als Juden denn
nicht aus dem Gesetze vernommen, daß man Gott über alles und seinen Nächsten
wie sich selbst lieben soll? Heißt das aber nach dem Gesetz leben und handeln,
wenn man also tut wie ihr nun? Erhebet euch von diesem Platze, ihr beiden
Heuchler und Betrüger, sonst soll es euch übel ergehen!
[GEJ.08_159,12] Nur wer wahrhaft arm und auch
keiner Arbeit mehr fähig ist wegen seines hohen Alters oder wegen Lähmung
seiner Glieder oder seiner Sinne, der hat von Gott aus das Recht, die
Barmherzigkeit seiner reicheren Mitmenschen in Anspruch zu nehmen. Und wer ihm
etwas gibt, dem wird es Gott auch vergelten, und dem Beteilten wird Er die Gabe
segnen und ihm auch den Lohn geben für seine Geduld, mit der er seine wahre
Armut ertragen hat. So aber Gott auch dem, der in seiner Unwissenheit euch
irgendein Almosen verabreicht hat, indem er euch für wirkliche Arme hielt,
seine Barmherzigkeit belohnen wird, da wird Er euch als Betrüger und Heuchler
desto mehr und schärfer züchtigen hier und jenseits.
[GEJ.08_159,13] Es heißt auch: ,Wer da guten
Herzens ist und einem Propheten und Lehrer einen Lohn gibt und ihm ein Opfer
darbringt, der wird dereinst auch den Lohn eines Propheten ernten!‘ Seid ihr
denn etwa Propheten, vom Geiste Gottes erleuchtet, auf daß ihr als ein Licht
aus den Himmeln den Menschen auf der Erde vorleuchtet, die in der Nacht ihrer
Sünden wandeln? Oh, das seid ihr niemals gewesen, obschon ihr schon mehrere
Male, um mehr Almosen von den leichtgläubigen Menschen zu erhaschen, euch also
gebärdet habt, ohne selbst bei euch an Gott zu glauben, da ihr beide schon
lange im Glauben der blinden Sadduzäer stecket! Darum aber seid ihr um so
strafbarer, weil ihr hier den wahren Armen dieser Gegend das ihnen Gebührende
entziehet! Darum hebet euch nun nur alsbald von hier, sonst sollet ihr die
Macht Dessen kennenlernen, der nun solches zu euch geredet hat!“
[GEJ.08_159,14] Hierauf erhoben sich die
beiden Bettler schnell von ihren Bettelsitzen, da sie sich höchst getroffen
fühlten.
[GEJ.08_159,15] Und einer, der Mir in seinem
Gemüte recht zu geben anfing, sagte (ein Bettler): „Herr! Du mußt ein großer
Weiser und gar ein Prophet sein, da du auf einem andern Wege wohl nicht leicht
möglich hättest erfahren können, wie es mit uns steht. Ich für meinen Teil
danke dir für diese Zurechtweisung und gebe dir auch hier treu und offen mein
Versprechen, daß ich nicht nur nie mehr betteln werde, sondern ich werde aller
Armen in dieser Gegend gedenken mit meinem Vermögen und werde ihnen zehnfach
ersetzen, um was sie durch mich verkürzt worden sind. So du aber ein Prophet
und somit ein Freund Gottes bist, da bitte auch du für mich, daß Er mir vergebe
meine Sünden!“
[GEJ.08_159,16] Sagte Ich: „Gehe hin und tue
nach deinem nun Mir gemachten Versprechen, und deine Sünden werden dir vergeben
sein!“
[GEJ.08_159,17] Hier sagte auch der zweite:
„Kann auch ich die Vergebung der Sünden erwarten, so ich das tue, was da tun
will mein Nachbar?“
[GEJ.08_159,18] Sagte Ich: „Du mußt wohl ein
um vieles größeres Opfer bringen, so du die Vergebung deiner schweren und
vielen Sünden erlangen willst; denn dein Nachbar hat das Vermögen, das er
besitzt, redlich geerbt, du aber hast es durch die schmählichste Bedrückung der
armen Witwen und Waisen an dich gerissen wie ein Straßenräuber. Darum siehe zu,
wie du solche Schuld vor Gott und den Menschen gutmachen und tilgen wirst; denn
ohne dieses wirst du die Vergebung deiner Sünden nicht erlangen!“
[GEJ.08_159,19] Als der zweite diese Meine
Sentenz vernommen hatte, ward er ganz verlegen und sagte am Ende: „Da wird mir
nichts übrigbleiben, als selbst ein wirklicher Bettler zu werden.“
[GEJ.08_159,20] Sagte Ich: „Das wird nicht
nötig sein, solange du noch gute Kräfte zum Arbeiten besitzest! Gehe hin und
arbeite, und du wirst dein tägliches Brot finden!“
[GEJ.08_159,21] Sagte nun der erste und
Bessere: „Gehen wir nun, und auch du tue nach dem Rate dieses wahren Propheten;
und hast du alles getan, so sollst du bei mir Aufnahme und Arbeit finden!“
[GEJ.08_159,22] Und Ich sagte: „Was dieser
bei dir finden wird, wenn er allen Schaden, den er angerichtet hat, wieder
gutgemacht haben wird, das sollst du auch zu seiner Zeit bei Mir finden! Aber
nun gehet und handelt nach eurem Mir gemachten Versprechen!“
[GEJ.08_159,23] Darauf verbeugten sich diese
beiden Bettler und zogen eiligen Schrittes übers Gebirge in ihr Land.
[GEJ.08_159,24] Wir aber gingen nun auch
weiter und erreichten bald die große Herberge. Als wir uns derselben nahten, da
entdeckte uns auch schon der überaus freundliche Wirt und zog uns mit offenen
Armen entgegen. Als er uns erreicht hatte, da dankte er Mir für die Gnade, die
seinem Hause durch Meinen Besuch zuteil geworden sei.
[GEJ.08_159,25] Ich aber sagte zu ihm: „Ja,
wahrlich ist deinem Hause nun ein großes Heil widerfahren; aber darum hättest
du nicht nötig gehabt, ein Kalb zu schlachten, um für Mich und Meine Jünger ein
Mittagsmahl zu bereiten; denn Ich sehe nur auf ein edles Herz und auf einen
vollkommen guten Willen; wo Ich das wie bei dir antreffe, da bedarf es keines
geschlachteten und gebratenen Kalbes und noch mehrerer anderer wohlbereiteter
Speisen. Aber du hast das aus Freude getan, weil du wußtest, daß Ich über den
Mittag dein Gast sein werde, und so nehme Ich deine Aufmerksamkeit denn auch freudig
auf. Aber lange werden wir uns in deinem Hause nicht aufhalten, da wir noch
einen gestreckten Weg vor uns haben.“
[GEJ.08_159,26] Sagte der Wirt: „O Herr und
Meister, alles geschehe nach Deinem Willen und Wohlgefallen! Ich hatte aber mit
meiner Familie mich ein wenig zu ängstigen angefangen, als hättest Du etwa doch
einen andern Weg eingeschlagen; denn nach meiner Rechnung hättest Du mit den
Jüngern schon vor einer guten halben Stunde hier eintreffen mögen.“
[GEJ.08_159,27] Sagte Ich: „Das wäre auch geschehen,
so Ich nicht eure Heerstraße von einer schon alten Unlauterkeit hätte zu
säubern bekommen. Solche gute und notwendige Arbeit hat uns denn ein wenig
aufgehalten, und so mußte Ich um eine kleine Zeit später hier eintreffen; aber
Ich traf nun dennoch zur rechten Zeit wie allzeit ein.“
[GEJ.08_159,28] Sagte der Wirt: „Aber, Herr
und Meister, wie möchtest Du Dich wohl mit der gemeinen Straßenreinigungsarbeit
abgeben, – denn das ist eine Arbeit für unsere untersten Knechte?“
[GEJ.08_159,29] Sagte Ich: „O Freund! So Ich
eure Lebenswege nicht reinigen, fegen und ordnen würde, so wäre es um das Heil
eurer Seelen geschehen! Ich bin sonach ein erster, bester und wahrster
Wegmacher und Wegreiniger. Wo Ich die Wege nicht bahne und reinige, da gibt es
entweder gar keine Wege, und so es schon irgend auch Scheinwege gibt, da sind
sie aber dennoch so voll Unrates und Morastes, daß auf denselben kein Wanderer
weiterkommen kann, sondern er ist genötigt, entweder umzukehren oder auf dem
Wege im tiefen Kote zu ersticken. – Verstehe dies Bild wohl, und du wirst dann
schon ins klare kommen, wie und warum Ich ein Wegmacher und ein wahrer
Wegmeister bin!“
[GEJ.08_159,30] Der Wirt verstand zwar dieses
Bild nicht, aber Meine Jünger hatten es ihm bald verdolmetscht, worauf wir uns
dann in das Haus begaben und im selben das wohlbereitete Mahl zu uns nahmen.
Der Wein machte den Wirt und seine Familie sehr heiter und beredt, darum er Mir
denn auch einen wärmsten Dank für die gewisse Straßenreinigung darbrachte. Wir
hielten uns hier in allem bei anderthalb Stunden auf und belehrten des Wirtes
Leute über manches und zogen fürbaß.
160. Kapitel
[GEJ.08_160,01] Da wir aber durch den Ort
zogen, so bemerkten uns viele und erkannten, daß Ich es war; denn mehrere
kannten Mich noch von Meinem vorjährigen Hiersein, und andere erkannten Mich,
weil sie Mich in Jerusalem gesehen hatten. Und sie traten zu Mir und baten
Mich, daß Ich im Orte verweilen und zum wenigsten eine Nacht bei ihnen
verbleiben und auch vielen Kranken helfen möchte. Denn es hätten die vor
etlichen Tagen zur Nachtzeit gesehenen Zeichen und der diesnächtlich wahre
Feuersturm auf mehrere schwachmütige und sehr furchtsame Menschen derart böse
eingewirkt, daß sie nun sehr krank darniederlägen und der Arzt des Ortes ihnen
nicht helfen könne, da er das Übel nicht erkenne und somit eine dasselbe
heilende Arznei auch nicht.
[GEJ.08_160,02] Da hielt Ich mit dem Gehen
inne und sagte zu denen, die Mich aufhielten: „Habt ihr denn nicht gehört, daß
Gott allmächtig und barmherzig ist? Warum betet ihr nicht zu Gott und bittet
Ihn um Hilfe, so ihr im Elend stecket?“
[GEJ.08_160,03] Sagte einer: „Lieber Meister,
du hast da gut reden, weil Gott dir alles gewährt, um was du Ihn in deiner
geheimen Weise angehest! Aber wir Menschen können opfern, beten und bitten,
soviel wir nur immer können und mögen, so nützet uns das alles nichts; denn
Gott achtet unser nicht, obschon wir die Gesetze Mosis noch soviel, als nur
immer möglich, treu halten und beachten. Es war aber zu den Zeiten der
Propheten auch nahe also: Gott hat nur allzeit die Bitten der auserwählten
Propheten erhört; die Laien haben beten und bitten können ihr Leben lang um ein
oder das andere, so haben sie dennoch nichts erhalten. Oh, uns wäre es um
tausend Male lieber, so Gott allzeit im Notfalle unsere Bitten erhörete, als
daß wir als von Gott Unerhörte dann bei den schwachen Menschen, die uns nur
selten helfen können, Hilfe suchen müssen! Aber was können und was sollen wir
anderes tun, so wir nur zu klar einsehen, daß all unser Beten und Bitten uns
keine Abhilfe in unseren großen Nöten verschafft?“
[GEJ.08_160,04] Sagte Ich: „Oh, mit dieser
eurer leeren Entschuldigung kommet ihr bei Mir wahrlich nicht an! Euch fehlt es
nahe gänzlich am Glauben und wahren lebendigen Vertrauen auf Gott, und darum
erhört Gott auch eure Bitten nicht und achtet nicht eurer Opfer. Warum betet
und bittet ihr denn nicht selbst glaubens- und vertrauensvoll? Weil euch das zu
unbequem vorkommt! Darum haltet ihr in der Gemeinde gewisse vom Tempel aus
bevollmächtigte Vorbeter und Fürbitter, und die bezahlet ihr, auf daß sie für
euch dies und jenes von Gott erflehen sollen. So ihr diesen Heuchlern euren
Glauben und euer Vertrauen schenken könnet, die sich für ihre angebliche Mühe
allzeit gut bezahlen lassen, und deren Gebet und Bitten euch noch nie eine
Hilfe gebracht haben, – warum schenket ihr euren Glauben und euer volles
Vertrauen denn nicht lieber Gott dem Herrn und Vater Selbst?
[GEJ.08_160,05] Ich sage es euch: Daran
schuldet eure Trägheit! Ihr als irdisch wohlhabende Güterbesitzer seid schon
von eurer Kindheit an gewohnt, eure Knechte und Mägde für euch um einen
spärlichen Lohn arbeiten zu lassen und dabei gestrenge Herren zu spielen, und
glaubet auch, daß die gewissen Vorbeter und Fürbitter auch bei Gott für euch wirksam
arbeiten sollen, weil ihr sie darum gut bezahlet. Aber da wendet Gott Sein
Antlitz von euch ab und horcht niemals auf das ekelhafte und sinn- und
geistlose Lippengeplärr eurer heuchlerischen Gottesdiener. Und darin liegt denn
auch der Grund, warum euch Gott nicht helfen kann, will und mag. Denn würde
Gott das tun, so würde Er als die höchste, ewige Weisheit, Liebe und Macht euch
noch tiefer in das volle Verderben, das euch nur eure zu große Trägheit
bereitet, hineinversenken.
[GEJ.08_160,06] Erwecket darum euren Glauben
an Gott und die wahre und lebendige Liebe und ein festes Vertrauen zu Ihm!
Betet und bittet selbst im Geiste und in der Wahrheit zu Ihm, und Er wird euch
dann auch sicher erhören! Betet also selbst ohne Unterlaß, tuet wahre Buße, und
ertraget auch die über euch aus gutem Grunde gekommenen Leiden mit Geduld und
wahrer Hingebung in den göttlichen Willen, wie ihr das aus der Geduld Hiobs
möget kennenlernen, und Gott wird euch helfen aus jeglicher Not, insoweit das
nur immer mit dem Heile eurer Seelen verträglich ist!
[GEJ.08_160,07] Ihr habt Mich nun zwar selbst
gebeten, daß Ich euch aus euren Nöten befreien möchte, denn ihr haltet Mich für
einen Propheten, dem Gott eine große Macht gegeben hat, – und sehet, Ich kann,
mag und will euch nun ebensowenig erhören und helfen wie Gott Selbst; denn Ich
und Gott, den ihr nicht kennet und an Ihn darum auch nicht glaubet, sind eines
Geistes, eines Willens und eines Sinnes! Was ihr nach eurer Bet- und Bittweise
bei Gott nie möglich erreichen könnet, das erreichet ihr auch bei Mir nicht!
Tut demnach zuvor das, was Ich euch nun angeraten habe, so werde Ich euch auch
helfen, wenn Ich heute auch nicht bei euch übernachte! Es sind Mir von euch
aber ja mehrere sogar bis nach Kapernaum in Galiläa gefolgt; warum haben sie
sich denn dort von Mir wieder entfernt?“
[GEJ.08_160,08] Sagte einer: „Meister! Du
hattest alldort in einer Synagoge eine sonderbare Lehre von deinem Fleischessen
und Bluttrinken gehalten und hast also herausgebracht, daß niemand das ewige
Leben seiner Seele überkommen könne, der da nicht äße deines Leibes Fleisch und
nicht tränke dessen Blut. Da befürchteten wir, daß du unsinnig werden würdest,
und wir zogen uns aus diesem Grunde denn auch zurück, auf daß wir nicht in den
Geruch kämen, Jünger eines irrsinnig gewordenen Propheten zu sein. Als wir dich
aber vor etlicher kurzer Zeit nun zu Jerusalem auf dem Feste im Tempel
wiedergefunden haben und uns mit unseren Augen und Ohren von neuem überzeugten,
daß du ebenso weise und mächtig warst, als wie wir dich schon ehedem hatten
kennengelernt, so glaubten wir denn auch wieder an dich, und da du nun durch
diesen unseren Ort ziehest und wir dich wohl erkannten, so kamen wir denn nun
auch vertrauensvoll zu dir und haben dir unsere Not vorgetragen. Kannst und
willst du uns helfen, so werden wir uns nicht undankbar erweisen; kannst und
willst du das aber nun aus dem von dir uns dargestellten Grunde nicht, so
gedenke unser, wenn du uns dafür tauglich und würdig finden wirst!“
[GEJ.08_160,09] Sagte Ich: „Tuet danach, und
die Hilfe wird nicht unterm Wege verbleiben!“
[GEJ.08_160,10] Hierauf winkte Ich den
Jüngern, weiterzuziehen, und wir zogen denn auch unaufhaltsam weiter.
[GEJ.08_160,11] Es folgten uns zwar etliche
aus dem Orte eine Zeitlang nach; da wir aber schnell vorwärtsschritten, so
blieben die, welche uns folgten, bald weit zurück, kehrten dann wieder um und
zogen in ihren Ort.
161. Kapitel
[GEJ.08_161,01] Als wir aber den Ort schon so
ziemlich ferne hinter uns hatten, da fragten Mich die Jünger, sagend: „Herr und
Meister! Warum hast Du denn so ganz eigentlich diesen Juden nicht geholfen, da
sie Dich doch selbst sicher recht inständig gebeten haben und haben nicht
Vorbeter und Fürbitter zu Dir gesandt?“
[GEJ.08_161,02] Sagte Ich: „Hätte Ich sie in
ihrer alten Trägheit und in ihrem Un- und Aberglauben noch mehr bestärken
sollen, als sie es ohnehin schon seit gar langem sind? Ich habe ihnen nur den
Weg gezeigt, auf dem sie zu wandeln haben. Werden sie das, so wird ihnen auch
schon zur rechten Zeit geholfen werden; tun sie das aber nicht, so mögen sie
denn auch bleiben, wie sie sind, und ihre Häuser auf dem Sande bauen! Uns wird
das wahrlich wenig beirren; denn einem Menschen, der sich selbst gegen den Rat
der Weisheit schaden will, dem geschieht kein Unrecht.
[GEJ.08_161,03] Bei diesen aber, deren Bitte
Ich unerhört ließ, tut eine Heimsuchung mit allerlei Not und Leid not; denn
dadurch werden sie aus ihrer alten Trägheit aufgerüttelt, werden in der Geduld
geübt, und ihre Herzen werden sanfter und barmherziger werden, als das bis
jetzt der Fall war. Denn Ich bin nicht nur allzeit ein Helfer, sondern da, wo
es not tut, auch ein gerechter Richter.
[GEJ.08_161,04] Höret aber nun ein Gleichnis,
aus dem ihr noch klarer ersehen möget, warum Ich den Bewohnern jenes von uns
nun durchwanderten Ortes ein selbständiges und vertrauensvolles Beten und
Bitten so ernstlich ans Herz gelegt habe! (Luk.18,1)
[GEJ.08_161,05] Es war einmal in einer Stadt
ein gerechter Richter, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich auch vor
keinem Menschen. (Luk.18,2) Es war aber in derselbigen Stadt eine Witwe; die
kam zum Richter und sprach: ,Rette mich vor meinem Widersacher!‘ (Luk.18,3) Der
Richter aber tat, als vernähme er das Wort der Witwe nicht und wollte lange
nicht dem Verlangen der Witwe nachkommen. Da aber die Witwe in ihrem Bitten
nicht nachließ, so dachte er also bei sich: ,Ob ich mich auch vor Gott nicht
fürchte und mich auch vor keinem Menschen scheue, so will ich sie aber doch
retten, indem sie mir nun schon so viel Mühe macht, ansonst kommt sie am Ende
und übertäubt mich ganz und gar mit ihrem Hilfegeschrei!‘“ (Luk.18,4.5)
[GEJ.08_161,06] Sagte hier Simon Juda: „Auf
diese Art muß also ein Mensch, der durch sein Beten und Bitten von Gott etwas
erreichen will, Ihm ordentlich lästig und unausstehlich werden? Ich dachte
aber, daß es bei Gott, der in Dir wohnt und voll der höchsten Liebe und
Erbarmung ist, nur allein eines lebendigen Glaubens und Vertrauens vonnöten
hätte, um erhört zu werden eher denn bei einem diesweltlichen Weltrichter?!
[GEJ.08_161,07] Du hast uns zwar einmal ein
ähnliches Bild gegeben, und zwar von jenem Hausvater, zu dem in tiefer Nacht
ein Hungriger kam, ihn weckte und ihn des großen Hungers wegen um Brot bat. Der
Hausvater hätte ihm in solcher Zeit aus Liebe und Erbarmung auch kein Brot
gegeben, sondern nur, weil er des unverschämten Geilens des nächtlichen
Brotbettlers los werden wollte.
[GEJ.08_161,08] Diese Sache kommt mir, offen
gesprochen, denn doch so ein wenig sonderbar vor! So wir Dich um etwas bitten,
da erhörst Du uns gleich ohne eines nahe unverschämten Geilens, und also hast
Du auch Heiden, Zöllner und eine Menge Sünder erhört und hast der Ehebrecherin
Schuld in den Sand gezeichnet; doch diese Deine Lehre, wie man von Gott etwas
erbitten solle, stimmt mit allem andern, was Du gelehrt hast, eben nicht zu
besonders fein zusammen. Wie sollen wir das nehmen?“
[GEJ.08_161,09] Sagte Ich: „So höret denn
weiter, was der nach eurem Dafürhalten ungerechte Richter sagt, der nota bene
Ich Selbst bin! (Luk.18,6) Dieser Richter sagt: Wenn denn nach dem Gleichnisse
ein Weltrichter der jammernden Witwe ihr Recht erteilt, um wieviel mehr wird
Gott retten Seine Auserwählten, wenn sie gewisserart Tag und Nacht rufen, daß
Er mit ihnen Geduld habe und ihnen gnädig und barmherzig sei! (Luk.18,7) Ich
sage es euch: Er wird sie erretten in Kürze! Doch wenn des Menschen Sohn
dereinst wiederkommen wird, meinst du, Simon Juda, daß Er Glauben finden werde
auf Erden? (Luk.18,8) Ja, Er wird, ebenso wie in dieser Zeit, nahe gar keinen
Glauben finden, und man wird die verlachen und verhöhnen, die noch an Ihn
glauben werden!
[GEJ.08_161,10] Aber es werden dennoch auch
wieder viele sein, die sich von der Weltweisheit nicht werden blenden lassen
und Mein Wort offen verkünden werden; und zu denen werde Ich denn auch kommen
bei Tag und Nacht, werde Mich ihnen offenbaren und werde sie beschützen vor den
Verfolgungen der Welt und werde ihnen auch geben die Wundergabe, durch die
Liebe zu helfen den Bedrängten, den Bresthaften und Kranken. Und es wird also
dann lichter und tröstlicher werden auf Erden. – Verstehet ihr diese
Weissagung?“
162. Kapitel
[GEJ.08_162,01] Sagte Simon Juda: „Herr, wann
der Zeit nach wird solches geschehen auf Erden?“
[GEJ.08_162,02] Sagte Ich: „Simon Juda, Ich habe
dir deines mächtigen Glaubens wegen die Schlüssel zum Reiche Gottes gegeben und
nannte dich einen Fels, auf dem Ich Meine Kirche bauen werde, die von den
Pforten der Hölle nicht besiegt werden solle. Du sollest ein neuer Aaron sein
und sitzen auf dessen Stuhle. Ja, du wirst das auch dadurch, daß du Meines
Wortes Verbreiter sein wirst mit den andern Brüdern.
[GEJ.08_162,03] Aber wenn man unter den
Heiden wird dessen kundig werden nach etlichen hundert Jahren, da wird man in
Rom vorgeben, daß du solchen daselbst gegründet habest. Und die Völker, die mit
Feuer und Schwert dazu gezwungen werden, werden den falschen Propheten auch
glauben, daß du als ein erster Glaubensfürst solchen Stuhl in Rom gestellet
habest und vom selben in Meinem Namen regierest die ganze Erde und ihre Fürsten
und Völker. Aber siehe, das wird ein falscher Stuhl sein, von dem aus viel
Unheil auf der weiten Erde wird ausgebreitet werden, und es wird da nahe
niemand mehr wissen, wo du den rechten Stuhl, den Stuhl der Liebe, der Wahrheit,
des lebendigen Glaubens und des Lebens aufgestellt hast, und wer dein rechter
Nachfolger ist.
[GEJ.08_162,04] Solch falscher Stuhl aber
wird sich zwar lange halten, viel über die tausend Jahre hinaus, wird aber
zweitausend Jahre Alters nicht erleben! Und nun rechne, wenn du rechnen kannst!
[GEJ.08_162,05] Wenn der falsche Stuhl wird
morsch geworden sein und keinen Halt mehr haben wird, dann werde Ich
wiederkommen und Mein Reich mit Mir. Dann werdet auch ihr mit Mir zur Erde
kommen und Meine Zeugen vor denen sein, bei denen wir noch den wahren und
reinen Glauben finden werden.
[GEJ.08_162,06] Aber in jener Zeit wird es
denn auch einer großen Läuterung bedürfen, auf daß die Menschen Mich wieder
erkennen und allein an Mich glauben werden. Doch was Ich euch nun im Vertrauen
geoffenbart habe, davon schweiget jetzt noch! Es wird schon die Zeit kommen, in
der solches laut von allen Dächern verkündet werden wird.“
[GEJ.08_162,07] Sagten die andern Jünger:
„Herr, kann denn so etwas nicht vermieden werden?“
[GEJ.08_162,08] Sagte Ich: „O ja, da müßten
die Menschen aber zu puren Maschinen umgeschaffen werden! Ihr saget auch: ,Aber
warum stets so heftige Winde und Stürme auf dem Meere?‘ Gut, sage Ich, so
nehmen wir diese weg, und das Meer wird keine gefährlichen Wellen und Wogen
mehr treiben, und die Schiffer werden in aller Ruhe und Gefahrlosigkeit die
Meere befahren können. Aber das gar sehr ruhige Meer wird dann faul werden und
mit Pestilenz alle Teile der Erde erfüllen, und es wird dabei kein natürliches
Leben mehr denkbar möglich sein weder auf dem trockenen Lande und ebensowenig
im Meere selbst.
[GEJ.08_162,09] Man müßte denn alles Wasser
in Stein verwandeln! Wenn aber das, woher werden dann alle belebten Geschöpfe,
als Pflanzen und Tiere, ihre erste und allernotwendigste Nahrung nehmen? Auf
daß aber das Meer bleibe, wie es ist, und auch alle andern Gewässer, so müssen
auch die Winde und Stürme bleiben, durch die das Meer beständig in der Unruhe
und der daraus hervorgehenden Tätigkeit erhalten wird, damit es sein Lebenssalz
nicht zu Grunde sinken lasse und faul und peststinkend werde.
[GEJ.08_162,10] Was aber beim Meere die Winde
und Stürme sind, das sind beim Menschen die zugelassenen geistigen Proben und
Kämpfe, die muß ein jeder Mensch auf dieser Erde mehr oder weniger bestehen und
sich durch sie zum wahren Leben emporkämpfen.
[GEJ.08_162,11] Was aber für die Zeit der
Lebensdauer für jeden einzelnen Menschen auf dieser Erde gilt im kleinen Maße,
das gilt einer gedehnteren Zeit nach denn auch für ganze Völkerstämme.
[GEJ.08_162,12] Ein kleines Bächlein
durchfließt nur eine kurze Strecke, bis es sich mit einem größeren Bache
vereint, der dann schon eine viel weiter gedehnte Strecke zu durchfließen hat,
bis er sich in einen großen Strom ergießt; der Strom aber muß dann schon weite
und große Länderstrecken durchwandern, bis er eins mit dem Weltmeere wird;
dieses aber umströmt und umflutet dann die ganze Erde und belebt mit seinem
Salze, das in feinster und dunstartiger Auflösung die ganze Erdluft erfüllt,
was die Winde und Stürme bewirken, auch das Festland und alle naturmäßige
Kreatur in und auf demselben.
[GEJ.08_162,13] Es fallen ins große Weltmeer
wohl tausenderleiartige Gewässer, reine und unreine, süße, sauere, bittere und
heilsame und unheilsame, aber im Meere werden alle einig und haben ein Salz,
aus dem ein zahllosfältiges organisches Naturleben seinen Grundstoff nimmt und
ihn in sich nach seiner Beschaffenheit verarbeitet.
[GEJ.08_162,14] Wie aber das große Weltmeer
sich verhält zur Gesamtkreatur der ganzen Erde, also verhält sich denn das
große Geisterreich zu den verschiedenen diesirdischen Lebensverhältnissen der
Menschen auf dieser Erde. Jeder einzelne Mensch ist gleich einem kleinen
Bächlein, eine Gemeinde ist ein etwas größerer Bach, ein großer Bach ist schon wie
eine Nation, der Strom ist ein Volk, und das Meer stellt vorerst und besonders
an den weiten Ufern alle Völker der Erde dar, die in ihm in ein gleiches
Element übergehen; das Haupt- und in sich uferlose Meer aber bezeichnet die
Menschen im Geisterreiche, das in sich Endloses birgt und sonach durch seine
durchgängig lebendige Beschaffenheit der Urgrund alles Seins ist.
[GEJ.08_162,15] Von der steten Bewegung des
Weltmeeres hängt, wie schon gezeigt, alles kreatürliche Naturleben ab; je mehr
das Meer durch große Stürme und Strömungen in eine größere Tätigkeit gelangt,
desto mehr Lebenstätigkeit erzeugt es auch bei aller Kreatur der festen Erde
und somit auch ein besseres Gedeihen.
[GEJ.08_162,16] Wenn nach dem
wohlentsprechend die Menschen in ihrer inneren Lebenstätigkeit lau, träge,
schläfrig und lichtloser werden, so gibt es in der endlos großen Geisterwelt
gleich große Bewegungen, und diese verursachen dann auch allerlei Bewegungen
und Wogungen unter den noch auf dieser Erde lebenden Menschen durch ihr Einfließen.
Da erhebt sich ein Volk wider das andere, eine Lehre bekämpft die andere, und
es geht dann lange Zeiten fort, bis die Menschen dadurch in eine möglich größte
Lebenstätigkeit versetzt werden.
[GEJ.08_162,17] Dadurch wird es dann denn
auch heller und lichter unter ihnen. Die scheinbare Not macht sie erfinderisch
und zwingt sie auf diese Art zu einer stets größeren und geordneteren
Tätigkeit. Durch solche werden dann die Völker, die ehedem voneinander kaum
etwas wußten, miteinander bekannt und mit der Zeit sich gegenseitig
nutzdienlich, und das Licht wächst unter ihnen von Zeit zu Zeit stets mehr und
mehr und erzeugt zum ersten ein stets größeres Bedürfnis nach einer nahe
greifbar erwiesenen Lebenswahrheit.
[GEJ.08_162,18] Wenn dieses Bedürfnis am Ende
ein stets allgemeineres wird und die Menschen sich mit dem puren
Autoritätsglauben, der immerfort ein Grund zum finsteren und trägen Aberglauben
ist, nicht mehr begnügen, dann auch ist es an der Zeit, ihnen ein großes und
greifbares Lebenslicht voll Klarheit und Wahrheit zu geben.
[GEJ.08_162,19] Und seht, also müssen die
jetzt gar vielen in allerlei Trägheit und Lebensfinsternis wie von einem tiefen
Schlafe behafteten Menschen auf der ganzen Erde in eine große und sturmreiche
Bewegung versetzt werden, bis sie nach einer längeren Zeitenfolge dahin geweckt
werden, daß sie in solchem Gewecktsein endlich zu fühlen anfangen, was ihnen
mangelt!“
163. Kapitel
[GEJ.08_163,01] (Der Herr:) „Wenn unter den
Menschen solch ein Zustand eintreten wird, dann auch wird es an der Zeit sein,
ihnen das zu geben, was ihnen mangelt, oder in solcher Zeit erst werde Ich
wieder zu den Menschen in diese Welt kommen und werde das im Allgemeinen tun,
was Ich nun tue im Sonderheitlichen nur vor wenigen Zeugen. Ich lege nun den
Samen ins Erdreich und bringe dadurch den Menschen nicht den Frieden, sondern
nur das Schwert zum Streite und zu großen Kämpfen und Kriegen.
[GEJ.08_163,02] Nur der Mensch für sich, der
Meine Lehre annehmen und nach ihr leben wird, wird in sich das Licht, die Wahrheit
und den wahren Lebensfrieden finden, obschon er dabei mit der Welt viele Kämpfe
und Verfolgungen um Meines Namens willen zu bestehen haben wird, was auch ihr
alle an euch erleben werdet. Wenn Ich aber zum zweiten Male in diese Welt
kommen werde, dann auch wird unter den Völkern der Erde das Gären, Kämpfen und
Verfolgen ein Ende haben, und das Urverhältnis der Menschen zwischen (zu) den
reinen Geistern der Himmel wird ein normales und bleibendes werden.
[GEJ.08_163,03] Aus dem euch nun Gesagten und
Gezeigten werdet ihr nun leicht erkennen und ersehen, warum es zugelassen wird,
daß sich mit der Zeit neben dem kleinen und wahren Stuhle Aarons, auf den Ich
nun euch setze, ein falscher und lange andauernder in der Mitte der Heiden
erheben wird, und wie und warum denn auch die falschen Propheten und Lehrer in
Meinem Namen sogar zugelassen werden.
[GEJ.08_163,04] Ihr aber und eure wahren
Nachkommen sollen nicht darauf achten, so sie auch den Ruf aus dem Munde der
Falschen vernehmen werden, nach dem Christus hier oder dort sei. Denn Ich werde
nie mehr in einem Tempel, aus Menschenhand erbaut, Wohnung nehmen, sondern nur
im Geiste und in der Wahrheit derer, die Mich suchen, bitten, an Mich allein
glauben und Mich also auch über alles lieben werden; ihr Herz wird Mein wahrer
Wohntempel sein, und in diesem werde Ich auch zu ihnen reden, sie lehren und
ziehen und führen. Dieses merket euch nun für euch ganz besonders wohl, auf
daß, so das alles also kommen wird, ihr euch nicht ärgert und daran denket, daß
Ich euch alles das schon zum voraus samt dem Grunde angezeigt habe!“
[GEJ.08_163,05] Sagte darauf Simon Juda:
„Herr, wir erkennen nun daraus wohl Deine Ordnung, die neben der vollsten
Willensfreiheit der Menschen der Erde auch keine andere Richtung nehmen kann,
als wie Du sie uns nun und schon auch zu andern Malen, wenn auch nicht so
offen, dargestellt hast; aber für die Menschheit schauen da im allgemeinen noch
lange keine goldenen Lebensfrüchte heraus! Aber weil die Sache schon einmal so
sein muß, um endlich diese Erde zu einer wahren Lebensschule Deiner Kinder
umzugestalten, so sei es denn auch also, wie Deine Weisheit es zulassen wird!
[GEJ.08_163,06] Wir aber werden alles
aufbieten, um soviel als möglich des lebendigen Wortsamens in das
Herzenserdreich der Menschen zu streuen, auf daß sich daraus ehest die größten
Kämpfe zwischen Licht und Finsternis unter den Menschen entwickeln mögen. Alle
Gräber sollen sich öffnen, und sogar den Toten soll Dein Evangelium gepredigt
werden, und das Meer soll die Toten, die es verschlungen hat, an das große
Licht herausliefern! Ich meine hier nicht die Gebeine und ihr schon lange
verwestes Fleisch, sondern die Seelen; auch diesen soll Dein Wort im Geiste
verkündet werden!“
[GEJ.08_163,07] Sagte Ich: „Du hast gut und recht
geredet. Was hier nun auf der Materiewelt geschieht, das wird der bis jetzt
auch noch sehr verkümmerten Geisterwelt wahrlich nicht vorenthalten werden.
Aber es gibt nun gar viele Menschen, die bei lebendigem Leibe in den Gräbern
der Lebensnacht im tiefen Grunde des großen Wahnmeeres begraben sind; diesen
werdet ihr wohl das Evangelium predigen, und es werden da denn auch viele aus
ihren alten Gräbern an das Licht des Lebens hervorgehen, und das gewisse Meer
wird seine Gefangenen losgeben.
[GEJ.08_163,08] Wenn das geschehen wird in
großer Allgemeinheit, dann wird auch der große und allgemeine Erlösungstag
allen Bewohnern der Erde hell zu tagen anfangen. Aber die Arbeit ist groß und
schwer, und der rechten Arbeiter gibt es noch wenige; darum strebet vor allem
auch danach, daß ihre Zahl bald eine große werde! Jeder Arbeiter in Meinem
Lebensweinberge wird auch nach seinem Fleiße und Eifer einen großen Lohn zu
gewärtigen haben. Hier auf dieser Erde wird er zwar stets nur ein magerer sein
für euren Leib, wie er es bisher war, aber ein desto größerer und fetterer für
Seele und Geist.
[GEJ.08_163,09] Denn die Güter dieser Erde
sind nur ein Schein und gleichen denen auf ein Haar, die so mancher Mensch in
einem Traume besitzt. Der kleine Unterschied besteht nur darin, daß der
Traumgüterbesitz die Seele des Menschen um etwas kürzer täuscht als der
Außengüterbesitz dieser materiellen Welt. Aber beide vergehen, und nach dem
Vergehen wird alles nur als ein Schein vor den geöffneten Augen des lebendigen
Geistes dastehen, der allein allem Scheine erst eine Realität wird zu geben im
wahrsten Stande sein.
[GEJ.08_163,10] Darum trachte ein jeder vor
allem nur nach den Besitztümern des Geistes, welcher ist das Licht, die
Wahrheit und das Leben in der Seele! Was der Leib in rechter Mäßigkeit bedarf,
das wird auf dieser Erde jedem treuen Arbeiter in Meinem Weinberge schon
ohnehin wie von selbst hinzufallen; denn Ich weiß es sicher wohl am besten, was
dem Menschen auch in jeder leiblichen Beziehung not tut. – Habt ihr alle Mich nun
wohl verstanden?“
[GEJ.08_163,11] Sagte Simon Juda: „Herr, ich
habe Dich verstanden, und die andern Brüder sicher auch, und wir sind denn nun
auch darüber vollends im klaren, warum Du ehedem die Bewohner des Ortes, den
wir durchzogen haben, nicht erhört hast, obschon sie Dir ihre Not vortrugen und
Dich, als wärest Du nur so ein weltlicher Arzt, um Abhilfe angingen! – Aber nun
gehen wir schon eine geraume Zeit, die Sonne fängt schon an, sich ganz merklich
dem Abende zuzuneigen, und ich kann noch nirgends etwas entdecken, was da einem
Hause gleich sähe. Seit wir vor einer halben Stunde diese nach Jericho führende
Straße betraten, sieht es sehr öde aus. Wälder und Gebüsche gibt es zur Genüge,
aber sonst gibt es da nichts, und es ist begreiflich, daß sich in solch einer
Gegend Diebe und Räuber aufhalten. Herr, dauert dieser Weg noch lange so fort?“
[GEJ.08_163,12] Sagte Ich: „Laß den Weg, wie
er ist, – für uns ist er ein sicherer! Ihr habt mit Mir doch die um vieles
öderen Gegenden am Euphrat durchwandert, und sie waren für uns sicher und sogar
sehr fruchtbar. Und so wird es auch mit diesem Wege der Fall sein. So wir über
diese vor uns liegende Anhöhe, die freilich hübsch gestreckt ist, kommen
werden, da werden wir auch alsbald in einen Ort gelangen, der zu den Zeiten
Lots eine der zehn Städte war, nun aber nur ein ganz elender Flecken ist; dort
werden wir sehen, ob es für uns etwas zu tun geben wird. Von dort weg gibt es
dann schon mehrere derlei Ortschaften, und wir werden sehen, wo man uns in eine
Herberge aufnehmen wird.“
[GEJ.08_163,13] Sagte der Jünger Andreas:
„Herr, das weißt Du zum voraus schon sicher als ganz bestimmt, nur willst Du es
uns nun nicht näher angeben, welcher Ort es sein wird, und wie die Herberge
bestellt sein wird.“
[GEJ.08_163,14] Sagte Ich: „Und wenn auch
also, was beirrt dich das? Ich aber will nun um euretwillen einmal nicht
voraussehen, sondern einem Menschen gleich die Sache nehmen, wie sie auch
kommen mag! Aber im ersten Orte werden wir allerlei Leute, Pharisäer, alte
Schriftgelehrte und auch solche, die sich für sehr fromm halten und sich viel
darauf zugute tun, antreffen. Mit diesen werden wir im Vorübergehen einiges zu
tun bekommen!“
164. Kapitel
[GEJ.08_164,01] Auf diese Meine Voraussage
gingen wir dann schweigend und eiligen Schrittes vorwärts, gelangten bald auf
die Anhöhe und ersahen von da auch schon ganz nahe liegend den Ort, den Ich zum
ersten angegeben hatte.
[GEJ.08_164,02] Wir kamen denn auch bald und
leicht dahin und nahmen Rast vor einer Herberge, von welcher der Besitzer
zugleich ein Zöllner war. Dieser fragte uns, ob wir Fremde oder Einheimische,
das heißt Juden, seien.
[GEJ.08_164,03] Und Ich sagte zu ihm: „So du
doch selbst ein Jude bist, da wirst du an uns wohl auch gewahren, daß wir keine
Fremden sind! Dein Weib ist wohl eine Griechin, obschon sie in jüdischer
Kleidung steckt; diese etlichen aber, die bei Mir sind, sind dennoch Juden,
wenn deren einige auch in griechischer Kleidung stecken.“
[GEJ.08_164,04] Hier machte der Zöllner große
Augen und sagte: „Dich hat noch nie jemand in dieser abgelegenen Gegend
gesehen; woher weißt Du es denn, daß mein gar liebes Weib eine Griechin sei?“
[GEJ.08_164,05] Sagte Ich: „Ich weiß noch gar
manches von dir und deinem Weibe, von deinen zwei Kindern, die Zwillinge sind,
und so auch von deinem Hause und vom ganzen Orte; aber wüßtest du, wer Der ist,
der nun mit dir redet, so würdest du sagen: ,Herr, bleibe bei mir, denn der Tag
neigt sich!‘
[GEJ.08_164,06] Auf diese Meine Worte stutzte
der Zöllner noch mehr und sagte: „Freund! Du bist ein sonderbarer Mensch!
Entweder bist du ein Wahrsager oder ein Essäer oder gar ein wirklicher Prophet!
Denn sonst könntest du denn doch unmöglich wissen, daß mein Weib eine Griechin
ist, und daß wir im Ernste nur zwei Kinder haben, die richtig ein Zwillingspaar
sind. Möchtest du mit deinen Gefährten denn nicht in dies mein Haus treten und
eine kleine Labung zu dir nehmen? Ich sehe, daß man von dir sicher gar manches
erfahren könnte, was einem von großem Nutzen wäre!“
[GEJ.08_164,07] Sagte Ich: „Du hast ja
ohnehin Gäste in deinem Hause, und es gibt wenig Raum darinnen. Zudem bin Ich
kein besonderer Freund von euren hierortigen Pharisäern, Schriftgelehrten,
Priestern und Frömmlern, und so bleibe Ich lieber im Freien.“
[GEJ.08_164,08] Hier staunte der Zöllner noch
mehr, da Ich ihm auch angab, welche Gäste sich in seinem Hause befänden. Darauf
ging er selbst ins Haus und sagte den darin befindlichen Gästen, daß soeben
eine sehr merkwürdige Gesellschaft von Menschen angekommen sei, darunter sich
einer befände, der um verborgene Dinge, trotzdem er ein Fremder sei, besser
wisse als so mancher Einheimische.
[GEJ.08_164,09] Als der Zöllner solches noch
kaum ausgesprochen hatte, da erhoben sich gleich alle im Hause und eilten zu
uns heraus, um uns, und besonders Mich, zu besichtigen und auch zu befragen.
[GEJ.08_164,10] Einer, der ein in den
Ruhestand versetzter Pharisäer war und sich viel auf seine Ehrlichkeit und
Frömmigkeit zugute tat, sagte zu Mir: „Höre, Freund, der Wirt dieser Herberge
hat uns gesagt, daß du um verborgene Dinge wissest und auch, als ein hier
Fremder, um dieses Ortes und dieser Gegend Verhältnisse besser wissest denn ein
Einheimischer! Sage es mir nun, wer ich bin, und wie mein Charakter beschaffen
ist!“
[GEJ.08_164,11] Sagte Ich: „Auf daß du und
auch noch etliche deinesgleichen, die sich samt dir für fromm und gerecht
halten, es sehen möget, daß Ich euch wohl kenne, so will Ich euch eine kleine
Begebenheit aus eurem Leben in aller Kürze erzählen. (Luk.18,9) Weil ihr euch
für fromm und gerecht haltet, aber andere Menschen, die ihr nicht so wie euch
selbst findet, verachtet, da ziehet ihr denn auch zu den Festen nach Jerusalem,
bringet dem Tempel die vorgeschriebenen Opfer und rechtfertiget euch
sogestaltig vor den Priestern des Tempels.
[GEJ.08_164,12] Am Osterfeste dieses Jahres
zog denn auch ein sich für fromm und gerecht haltender alter Pharisäer und eben
auch ein Zöllner hinauf in den Tempel. (Luk.18,10)
[GEJ.08_164,13] Der Pharisäer, ganz nahe an
den Opferaltar hintretend, um von mehreren und vornehmeren Menschen beobachtet
und bemerkt zu werden, betete bei sich, und zwar ziemlich laut, also: ,Gott,
ich danke Dir, daß ich nicht bin wie viele andere Leute, als da sind Diebe,
Räuber, Ungerechte, Ehebrecher, und wie auch der Zöllner, der mit mir heraufzog!
(Luk.18,11) Denn ich faste zweimal in der Woche und gebe selbst als ein
Pharisäer den Zehent von allem, was ich habe (Luk.18,12); so halte ich auch die
Gebote Mosis und habe dabei auch allzeit die Satzungen des Tempels in hohen
Ehren gehalten. Gib, o Gott, mir die Gnade, daß ich auch hinfort in dieser
Gerechtigkeit und Sündenlosigkeit verharre und am Ende auch diese Welt also
verlasse!‘
[GEJ.08_164,14] Der Zöllner aber blieb
rückwärts und recht ferne vom Opferaltare stehen und getraute sich nicht, auch
nur seine Augen zum Himmel emporzurichten, sondern er schlug an seine Brust und
sagte: ,O Herr, sei mir Sünder, der nicht wert ist, seine Augen hinauf zu
Deinem Heiligtume zu erheben, gnädig und barmherzig!‘ (Luk.18,13)
[GEJ.08_164,15] Wer, meinet ihr denn, verließ
den Tempel als wahrhaft vor Gott gerechtfertigt: der Pharisäer, der sich selbst
erhöht, oder der Zöllner, der sich vor Gott gedemütigt und erniedrigt hatte?“
[GEJ.08_164,16] Da sagten einige, die es wohl
merkten, daß Ich dies Bild auf den alten Pharisäer bezog, weil er wegen seines
oftmaligen Selbstrühmens und -lobens bei ihnen, die sich auch für fromm und
gerecht hielten, sehr bekannt war: „Freund, darüber kann nur Gott urteilen,
dessen allsehendes Auge Herz und Nieren des Menschen prüft; wir Menschen können
da kein endgültiges Urteil schöpfen! Weil dir als einem Fremden auch diese
Geschichte, wie sie sich auch also zugetragen hat, gar so genau und umständlich
bekannt ist, so sage du es uns, wer von den zweien den Tempel vor Gott gerechtfertigt
verlassen hat!“
[GEJ.08_164,17] Sagte Ich: „Oh, diesen
Gefallen kann Ich euch schon erweisen! Ich sage es euch: Eben dieser Zöllner
ging gerechtfertigt aus dem Tempel, weil er sich selbst erniedrigt und seine
Schuld vor Gott im Herzen treu und wahr bekannt hatte, und kehrte also auch vor
dem Pharisäer gerechtfertigt in sein Haus zurück. Wer sich selbst erhöht, der
wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!“
(Luk.18,14)
165. Kapitel
[GEJ.08_165,01] Als Ich solches diesen Menschen
gesagt hatte, da gedachten sie bei sich: ,Der hat wahr und recht geurteilt!‘
[GEJ.08_165,02] Der Zöllner aber
entschuldigte sich, zu Mir sagend: „Freund, du hast wohl ganz richtig
geurteilt, und es würde mich dein Urteil noch mehr erfreut haben, wenn nur
nicht gerade ich derselbe Zöllner gewesen wäre, der sich im Tempel vor Gott der
vollen Wahrheit nach also ausgesprochen hat! Aber sei's nun, wie es ist, so
kommt es mir von dir denn doch äußerst rätselhaft vor, wie dir derlei Dinge so
bekannt sein können. Ich für meine Person halte dich für einen Propheten und
bitte dich, daß du im Namen Dessen, der dich mit Seinem Geiste also erleuchtet
hat, mein Haus und meine Familie segnen wollest!“
[GEJ.08_165,03] Sagte Ich: „Das ist dir schon
dadurch widerfahren, da Ich vor deinem Hause anhielt und die Rast nahm. Daß du
aber auch erkennest, daß Ich nicht nur das Recht, sondern auch die Macht habe,
dein Haus und deine Familie zu segnen, so gehe nun in das Haus, das auch dein
ist und zu dieser deiner Herberge gehört!
[GEJ.08_165,04] Jenes Haus aber hast du
eingerichtet zur Beherbergung für allerlei arme, einheimische und auch fremde
Kranke, und hast es versehen mit einem Arzte und vielen und guten Heilmitteln.
Es befinden sich nun noch sieben schwerkranke Menschen in der Pflege, denen
aber dein Arzt, so erfahren und gutwillig er auch ist, nicht helfen kann. Ich
aber habe ihnen schon geholfen! Und so gehe du nun in jenes Haus, und überzeuge
dich selbst!“
[GEJ.08_165,05] Es war aber dieses Haus nur
wenige Schritte von dem Haupthause entfernt, und der Zöllner und alle die
andern gingen eiligst hin und fanden zum größten Erstaunen alle die sieben
völlig gesund, und sie befragten sie, wer sie gesund gemacht habe, denn es
müsse da ein großes Wunder geschehen sein. Denn solche Lahme, Krüppel, Blinde
und Gichtbrüchige hatte noch nie ein Arzt geheilt.
[GEJ.08_165,06] Da sagten die völlig
Geheilten: „Wer uns so plötzlich und so wunderbar geheilt hat, das wissen wir
nicht; denn es war niemand bei uns, auch unser Arzt nicht seit morgens. Wir
empfanden aber, wie vor wenigen Augenblicken uns eine Kraft wie ein Feuer
durchströmte, und wir waren gesund also, wie niemals je zuvor; wir trauten uns
aber unsere Lager doch nicht zu verlassen, weil wir ja gar nicht glauben
konnten, daß wir im Ernste also gesund geworden seien.
[GEJ.08_165,07] Die zwei Blinden dienten uns
wohl als ein erster Beweis, daß nicht nur sie als mit dem Augenlichte
Wiederbegabte, sondern auch wir vollkommen wieder zum Besitze unserer geraden
Glieder gelangt sind, aber wir glaubten dennoch nicht vollkommen an unsere noch
so klar empfundene Genesung; jetzt aber glauben wir, weil ihr darum zu uns
gekommen seid.
[GEJ.08_165,08] Euch muß es irgendein
wunderbarer Mensch und Heiland selbst gesagt haben, ansonst ihr nicht hierhergekommen
wäret, um euch zu überzeugen, ob der Wundermann die Wahrheit zu euch geredet
hat, – und so denn wisset ihr besser, wer uns geheilt hat, als wir es wissen
können. Lasset uns aber nun auch unsere Bekleidung zukommen, auf daß wir
hinausgehen können und unseren Dank dem wunderbaren Heilande darbringen!“
[GEJ.08_165,09] Es geschah das denn auch
alsbald auf die Anordnung des Zöllners.
[GEJ.08_165,10] Hier machten der alte
Pharisäer, ein Oberster und etliche andere Priester und Schriftgelehrte erstaunlich
große Augen und wußten nicht aus und nicht ein, und einer fragte den andern,
für wen er Mich hielte.
[GEJ.08_165,11] Aber die gemeineren Bürger
und auch die Geheilten sagten einstimmig: „Es ist doch sonderbar, daß Priester
und Schriftgelehrte da noch also fragen können, wer der sei, der durch die
Macht seines Willens die unheilbarsten Krankheiten in einem Augenblick heilen
kann! Solches ist nur Gott allein möglich und einem überfrommen Menschen, der
gleich den großen Propheten mit dem Geiste Gottes erfüllt ist!“
[GEJ.08_165,12] Aber die Priester und die
Schriftgelehrten bedrohten das Volk und sagten, daß es sich nicht gezieme, daß
die Laien die Priester Gottes zu belehren sich erdreisten.
[GEJ.08_165,13] Die Laien aber achteten nicht
darauf, sondern gingen mit den Geheilten aus dem Krankenzimmer, traten vor Mich
hin und sagten: „Heil dir, großer Meister, der du zu uns kamst im Namen des
Herrn! Hosianna in der Höhe und alles Lob Jehova dem Herrn, der dem Menschen
solche Macht verliehen hat!“
[GEJ.08_165,14] Darauf eilten viele der Väter
und Mütter in ihre Wohnungen und brachten bald eine Menge Kinder, die mehr oder
minder krank und schwach waren, und baten Mich, daß Ich sie alle segnen und
dadurch gesund machen möchte. (Luk.18,15a)
[GEJ.08_165,15] Es war aber die Anzahl der
herbeigebrachten Kindlein eine ganz bedeutende, und als die Jünger vernahmen,
daß Ich ein jegliches besonders anrühren möchte nach dem Wunsche der Eltern, da
sagten sie: „Nun, nun, der Tag wird kaum mehr zwei kleine Stunden währen. So der
Herr ein jedes dieser Kinder besonders anrühren und segnen soll, da wird der
Tag auch zu Ende sein; und wir sollen noch an einen andern Ort hinziehen! Denn
vom Hierbleiben ist keine Rede, weil Er schon ehedem auf dem Wege gesagt hat,
daß Er im ersten Orte nicht übernachten werde. Was Er aber einmal ausspricht,
von dem geht Er auch niemals um ein Haarbreit ab. Weisen wir den Zudrang der
Kinder zurück mit dem guten Bemerken, daß es nicht nötig sei, daß da ein jedes
der vielen Kinder besonders angerührt werde; es genüge, daß Er nur ein Wort
über sie ausspreche, und sie würden alle genesen und vollauf gesegnet und
gestärkt sein!“
[GEJ.08_165,16] Auf diese Besprechung
vertraten dann die Jünger den Zutritt zu Mir und bedrohten die, welche mit
Ungestüm zu Mir dringen wollten. (Luk.18,15b)
[GEJ.08_165,17] Ich aber rief dennoch all die
vielen Kindlein zu Mir und sagte zu den Jüngern: „Ei, so lasset doch alle die
Kindlein zu Mir kommen, und wehret ihnen das nicht; denn eben solcher Kinder
ist das Reich Gottes! Wahrlich sage Ich es euch: Wer das Reich Gottes nicht als
ein Kind einnimmt, der kommt nicht hinein!“ (Luk.18,16.17)
[GEJ.08_165,18] Hierauf ließen die Jünger
alle die Kindlein zu Mir kommen, und Ich rührte alle an, herzte und koste sie,
und alle wurden frisch, kräftig und gesund, und Ich entließ sie unter einem
nicht endenwollenden Danken der Eltern.
[GEJ.08_165,19] Da aber traten etliche Jünger
zu Mir und sagten: „Herr! Du hast hier schon wieder eine neue Bedingung zur
Überkommung des Reiches Gottes aufgestellt! Wie können wir nun schon zumeist
ergraute Männer wieder zu Kindern werden, um ins Gottesreich zu gelangen? Und
doch hast Du soeben fest ausgesprochen, daß ein Mensch, der das Gottesreich
nicht als ein Kind einnimmt, nicht hineinkommen werde! Wenn also, was nützt uns
da alle unsere Mühe, Entsagung und Selbstverleugnung?“
[GEJ.08_165,20] Sagte Ich: „Mit euch
umzugehen, dazu gehört wahrlich viel Geduld! Wie lange werde Ich euch noch
ertragen müssen, bis ihr reinen Verstandes werdet? So Ich sage, daß man nur als
ein Kind das Reich Gottes einnehmen könne, da verstehe Ich ja nicht die
leibliche, sondern nur die herzliche Kindschaft. Ein Kind hat keinen Hochmut,
keinen Zorn, keinen Haß, keinen Unzuchtssinn, keine bleibenden Leidenschaften
und auch keine Ungeduld; es weint wohl, so es ihm irgend zu hart geschieht,
aber es läßt sich auch bald vertrösten und vergißt das gehabte Leid und umfaßt
die Wohltäter mit aller Liebe. Und das soll auch ein jeder Mensch im Herzen und
Gemüte sein, und dann ist auch das Reich Gottes schon sein eigen. So ihr nun
das begreifet, da werdet ihr etwa doch wohl nicht mehr zu fragen nötig haben,
wie ein Mensch als ein Kind das Reich Gottes einzunehmen habe? – Habt ihr das
verstanden?“
[GEJ.08_165,21] Die Jünger bejahten das und
dankten Mir für diese Aufklärung.
[GEJ.08_165,22] Darauf fragte Mich der Wirt,
der bekanntlich auch Zöllner war: „Wunderbarer Heiland! Du hast nun diesem Orte
eine überschwenglich große Wohltat erwiesen, die wir von dir nicht umsonst
verlangen können. Sprich nun aus, wieviel wir dir schulden, und ich werde dich
bezahlen!“
[GEJ.08_165,23] Sagte Ich: „Und Ich werde
aber nichts annehmen; denn welcher Mensch hat etwas, das er nicht von Gott
empfangen hätte? Wie aber kann man dann Gott damit bezahlen, was ohnehin Gottes
ist?
[GEJ.08_165,24] Wenn du aber schon etwas tun
willst, so tue es den Armen, und Gott wird das also annehmen, als hättest du
das Ihm getan! Denn glaube es Mir, was Ich hier gewirkt habe, das habe nicht
Ich gewirkt, sondern der Geist Dessen, den ihr euren Gott und Vater nennet, Ihn
aber noch nie erkannt habt; Ich aber kenne Ihn und schaue allzeit Sein Antlitz.
Darum frage nicht mehr, was du Mir schuldig seiest! Bringe aber etwas Brot und
Wein!“
[GEJ.08_165,25] Darauf eilte der Wirt mit den
Seinen ins Haus und brachte uns Brot und Wein in rechter Genüge, und Ich und
die Jünger alle stärkten damit unsere Glieder.
166. Kapitel
[GEJ.08_166,01] Als wir da das Brot und den
Wein verzehrt hatten und etliche Meiner Jünger sich zu erkundigen anfingen, wie
weit es bis zum nächsten Orte wäre, und wir auch Miene zur Weiterreise machten,
da trat ein Oberster zu Mir und sagte: „Höre, du wahrhaft großer und guter
Meister in Deiner Sache! Da Du als ein vom Geiste Gottes erfüllter Mann das
Himmelreich besser zu kennen scheinst, als wir es kennen, so sage es mir, was
ich wohl tun soll, um das ewige Leben zu erreichen im Himmelreiche!“
(Luk.18,18)
[GEJ.08_166,02] Sagte Ich: „Da du Mich nur
für einen Menschen deinesgleichen hältst, wie magst du Mich für einen guten
Meister halten? Niemand ist gut als Gott allein nur! (Luk.18,19)
[GEJ.08_166,03] Da du ein Jude und dazu ein
Oberster der Synagoge bist, so wirst du ja wohl auch wissen, was Moses geboten
hat! Da stehet unter vielem andern: ,Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht
töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht falsches Zeugnis geben, und du
sollst Vater und Mutter ehren!‘ (Luk.18,20) Wer das beachtet, dem wird auch das
ewige Leben zuteil werden.“
[GEJ.08_166,04] Sagte hierauf der Oberste:
„Lieber Meister, das alles habe ich von meiner Jugend an gehalten, und das
genau und pünktlich (Luk.18,21); aber dessenungeachtet habe ich noch nichts
derartig Offenbarliches an mir selbst wahr genommen, das mir eine Versicherung
dahin gäbe, daß ich nach dem Tode des Leibes das ewige Leben im Himmelreiche
überkommen werde.
[GEJ.08_166,05] Man sagte mir von mehreren
wohlerfahrenen Seiten, daß Menschen, deren Seelen zum Himmelreiche sich würdig
gemacht haben, schon oft im Leibesleben Erscheinungen haben, aus denen sie wohl
innewerden können, daß sie nach dem Abfalle des Leibes alsbald ins Himmelreich
unter die Scharen der Engel aufgenommen werden. Ich aber bin nun schon ziemlich
alt geworden und habe alle Gesetze Mosis von meiner Kindheit an musterhaft
gehalten, – aber von einer besagten geistigen Erscheinung, die mir eine
vorerwähnte innere Versicherung vom ewigen Leben der Seele hätte geben können,
ist mir wahrlich noch nichts vorgekommen! Und so glaube ich wohl, was Moses und
die Propheten gelehrt haben, gewisserart blind; doch von einer Vorüberzeugung
ist da noch lange keine Rede!
[GEJ.08_166,06] Und siehe, lieber Meister,
aus diesem Grunde habe ich die Frage an dich gestellt; denn du als ein vom
Geiste Gottes vollsterfüllter Mann wirst wohl auch schier am besten wissen, wie
und ob ich für ein künftiges ewiges Leben der Seele in Gottes Himmelreiche
schon in diesem Leben wahre und verläßliche Vorandeutungen und Bürgschaften
haben kann! Denn der bloße Glaube nach den geschriebenen Worten ist eine
schwache Stütze zur Aufrechthaltung der wahren Tugend der Menschen. Also,
lieber Meister, sage mir darüber etwas Wahres!“
[GEJ.08_166,07] Sagte Ich: „Ja, Freund, was
du von den Bürgschaften und hellsten Vorandeutungen geredet hast, so hat es
damit wohl seine vollste Richtigkeit! Alle wahrhaft nach der Gotteslehre
lebenden, tugendhaften und frommen Menschen überkommen solche sie tröstenden
und stärkenden Bürgschaften, und du hättest sie vermöge deines sonst nach dem
Gesetze gerechten Lebenswandels auch schon überkommen können; aber es fehlt dir
dazu noch eines, und zwar für den Zweck von größter Wichtigkeit! (Luk.18,22a)
[GEJ.08_166,08] Siehe, du bist ein gar
reicher Mann und bist, wennschon gerade nicht geizig, aber doch ein sparsamer
Wirt, der es mit der Nächstenliebe stets kärglich zu drehen versteht! Dein Herz
und deine Seele hängen noch viel zu mächtig an den toten Schätzen dieser Welt,
und durch diese kann das sanfte Lebenslicht der Himmel nicht dringen. Solange
deine Seele durch ihre Liebe zu den toten Schätzen und Reizen dieser Welt gefangen
ist, solange ist sie auch wie mittot, weil ihre Liebe zu dem, was tot ist, auch
tot ist so lange, wie sie an den toten Gütern dieser Welt überwiegend stark
hängt.
[GEJ.08_166,09] In solcher deiner Lebenslage
kann von den inneren Lebenserscheinungen freilich wohl nie eine Rede sein! Aber
Ich will dir nun einen Rat geben; wenn du diesen befolgst, so wird dir alles
werden, was dir bis jetzt unmöglich hatte werden können.
[GEJ.08_166,10] Gehe hin, verkaufe alle deine
Güter und verteile den Erlös weise unter die Armen, und du wirst dir dadurch
einen Schatz im Himmelreich bereiten, aus dem dir ein rechtes Lebenslicht
werden wird; dann aber komme zu Mir und folge Mir nach, und du wirst da der
wahrsten Bürgschaften für ein ewiges Leben der Seele in Hülle und Fülle finden!
– Hast du Mich verstanden?“ (Luk.18,22b)
[GEJ.08_166,11] Als aber der Oberste, der
sehr reich war und viele Güter hatte, solches von Mir vernommen hatte, da ward
er alsbald traurig, kehrte Mir den Rücken und entfernte sich von Mir.
(Luk.18,23)
[GEJ.08_166,12] Als der Wirt und auch die
andern noch Anwesenden solches sahen, da sagten sie: „Ja, ja, Du lieber und
wunderbarst weiser Meister, Du hast auch da wieder den Nagel fest auf den Kopf
getroffen! Dieser Oberste ist sonst wohl ein gesetzlich ganz gerechter Mann,
und man kann ihn nirgends einer Ungerechtigkeit zeihen; aber zu den freigebigen
Menschen ist er noch nie zu zählen gewesen, und selbst alle seine Diener haben
einen sehr spärlichen Lohn und eine magere Kost. Wer für ihn etwas macht, der
hat selbst bei dem billigsten Verlangen einer Bezahlung für die geleistete
Arbeit seine entschiedene Not. Er findet überall Fehler und zieht deshalb denn
auch gleich selbst die bedungene Bezahlung oft bis über die Hälfte herab. Daher
aber mag auch schon beinahe kein Handwerker mit ihm mehr etwas zu tun haben.
[GEJ.08_166,13] Er und der alte Pharisäer,
der sich nun mit ihm aus dem Staube gemacht hat, weil Du, lieber Meister, auch
ihn sehr getroffen hast, taugen auf ein Haar zusammen, einer so ein Habefest wie
der andere; aber wenn sie von ihren guten Werken, die sie etwa im geheimen den
Dürftigen erweisen, reden, so müßte man auf den Glauben kommen, daß es schon
keine wohltätigeren Menschen auf der ganzen Erde gäbe. Und wir haben darum nun
eine große Freude darob, daß Du, o liebster Meister, diesen beiden die vollste
Wahrheit gesagt hast.“
[GEJ.08_166,14] Sagte Ich: „Ja, Ich habe
beiden die vollste Wahrheit gesagt, aber dadurch auch den Weg gezeigt, auf dem
allein sie zum ewigen Leben gelangen können; aber das sage Ich euch allen auch
als allzeit gültige Wahrheit noch hinzu, und die bestehet darin: Oh, wie schwer
werden solche Reichen ins Reich Gottes, welches ist das wahre, ewige Leben,
kommen! Ich sage es euch: Leichter geht ein Kamel durch ein Nadelöhr denn solch
ein Reicher ins Reich Gottes! (Luk.18,24.25)
[GEJ.08_166,15] Denn eine jede Seele nimmt
nach dem Abfalle ihres Leibes nichts mit sich hinüber als ihre Liebe, der ihre
Werke als Produkte ihres Willens nachfolgen. Hängt die Liebe der Seele aber an
den toten Dingen dieser Welt so sehr, daß sie mit ihnen vollends eins geworden
ist, so ist sie auch tot; und da ihr Wille gleich ist den gerichteten, toten
Dingen dieser Welt, so entbehrt er der vollsten Freiheit, ist sonach auch
gerichtet und somit als tot zu betrachten, – und das ist es, was man die Hölle
und den ewigen Tod nennt!
[GEJ.08_166,16] Hütet euch darum vor allem,
daß eure Seelen nicht die Liebe zur Welt, ihren Schätzen und Reizen
gefangennehme; denn wen die Welt einmal gefangengenommen hat, der wird sich
höchst schwer von ihrer Gewalt losmachen können.“
[GEJ.08_166,17] Darauf sagten alle, die das
gehört hatten: „O Du lieber und wahrhaftigster Meister! Wer wird bei so
bewandten Umständen dann selig werden? Denn mehr oder kaum um etwas weniger
sind alle uns bekannten Menschen selbst- und weltliebig, und wir selbst leiden
an diesem Übel.“ (Luk.18,26)
[GEJ.08_166,18] Sagte Ich: „Ja, ja, es ist
wohl leider also, und die Menschen selbst könnten sich auch ewig nimmer helfen!
Was aber jetzt wie allzeit bei den Menschen unmöglich ist, das ist jedoch bei
Gott möglich (Luk.18,27), und Ich bin eben darum Selbst als ein Mensch in diese
Welt gekommen, um den Menschen jene Hilfe zu bringen, die sie sich ewig nimmer
verschaffen könnten. Wer da nun an Mich glaubt und nach Meiner Lehre handelt,
der auch wird das ewige Leben überkommen; denn Ich Selbst bin der Weg, die
Wahrheit und das ewige Leben.“
[GEJ.08_166,19] Auf diese Meine Worte
stutzten alle, und der Wirt sagte: „Liebster und wunderbarster Meister! Daß
hinter Dir mehr verborgen steckt als etwa bloß hinter einem andern Propheten,
das habe Ich bei mir im geheimen gleich wahrgenommen, obschon ich es mich nicht
laut auszusprechen getraute; aber da Du nun Selbst ein großes und
inhaltsschwerstes Wort über Dich ausgesprochen hast, so kann ich nun auch
nichts Weiteres tun und sagen als: Herr, ich bin nun nimmer wert, meine Augen
zu Dir emporzurichten, sondern sei Du mir armem Sünder gnädig und barmherzig!“
[GEJ.08_166,20] Sagte Ich: „Sei getrost, Mein
Freund! Darum bin Ich ja zu dir gekommen, da Mir deine Werke um gar vieles
besser gefielen als jene des reichen Obersten und Pharisäers. Liebe du nur
gleichfort Gott über alles und deine Nächsten, das die Menschen sind ohne
Ausnahme ihres Standes und ihres Glaubens, wie dich selbst, tue ihnen, was du
vernünftigermaßen auch wünschen kannst, daß sie dasselbe auch dir tun möchten,
und du erfüllst dadurch das ganze Gesetz und auch alles, was die Propheten
gelehrt haben! Tust du aber das, dann sind dir auch alle Sünden vergeben, und
wäre ihre Zahl gleich der des Sandes im Meere und des Grases auf der Erde! Also
ist bei Gott alles wohl möglich, was bei den Menschen unmöglich ist.“
[GEJ.08_166,21] Für diese Belehrung dankte
der Zöllner und auch alle die andern, die da anwesend waren.
167. Kapitel
[GEJ.08_167,01] Es trat aber nun auch Simon
Juda zu Mir und sagte: „Herr, wir haben alles verlassen und sind Dir ohne allen
Rückhalt nachgefolgt auf den ersten Ruf, den Du an uns gerichtet hast
(Luk.18,28), und haben dafür von Dir noch nie eine diesirdische Entschädigung
verlangt; aber da hier schon einmal vom Himmelreiche und vom ewigen Leben gar
sehr geredet wird, so wolle denn auch uns dahin eine Versicherung geben, was
wir im andern Leben werden zu gewärtigen haben!“
[GEJ.08_167,02] Sagte Ich: „Wahrlich, es ist
niemand, der sein Haus verläßt oder seine Eltern oder Brüder, Schwestern, Weib
oder Kinder um des Reiches Gottes willen, der es nicht vielfach wieder
zurückempfinge schon in dieser Zeit, und in der zukünftigen Welt aber ernte das
ewige Leben! (Luk.18,29.30) So Ich euch das sage als Der, der da alles hat und
auch alles geben kann und wird, was Er verheißen hat, so könnet ihr es Ihm auch
glauben! Denn ihr habt es nun schon nahe ein paar Jahre hindurch gesehen,
erlebt und erfahren, daß Ich noch nie ein Wort geredet habe, das da wirkungslos
und unerfüllt geblieben wäre.
[GEJ.08_167,03] Wahrlich sage Ich euch allen:
Diese Erde, wie sie nun ist, und auch dieser ganze sichtbare und ebenfalls
materielle Himmel werden vergehen und es werden neue Schöpfungen an die Stelle
der alten treten, doch Meine Worte werden ewig bleiben und somit auch die
vollste Erfüllung aller von Mir offenst ausgesprochenen Verheißungen!
[GEJ.08_167,04] Wer an Mich glaubt und Meinen
Willen tut, der wird auch das ewige Leben haben, wie Ich euch das schon bei
vielen Gelegenheiten gesagt und auch klarst gezeigt habe, und es ist darum nun
etwas sonderbar, wie ihr Mich darum abermals fragen könnet, was euch für das
werden wird, darum ihr, alles verlassend, Mir nachgefolgt seid.“
[GEJ.08_167,05] Sagte Simon Juda: „Herr, Du
hast es ja doch gemerkt, daß ich diese Frage nun nicht so sehr unsertwegen
stellte, als vielmehr dieser wegen, die hier sind, die die Welt noch sehr
lieben und nun denn auch eben durch meine Frage erfahren sollen, daß wir eben
diejenigen sind, die um des Reiches Gottes willen alles verlassen haben und Dir
nachgefolgt sind.“
[GEJ.08_167,06] Sagte Ich: „So Ich solche
deine Absicht nicht gemerkt hätte, da hätte Ich darauf auch nicht also geredet,
wie Ich geredet habe. Was Ich aber geredet habe, das habe Ich nicht so sehr zu
euch, die ihr Meine Verheißungen schon lange kennet, als vielmehr zu allen
Menschen geredet. Wo ihr aber in der Folge Mein Evangelium predigen werdet, da
soll auch alles dessen erwähnt werden, was sich hier hauptsächlich ereignet
hat.“
[GEJ.08_167,07] Damit waren die Jünger
zufrieden, und wir erhoben uns, um unsere Reise fortzusetzen.
[GEJ.08_167,08] Der Zöllner und auch die
andern Anwesenden aber fingen an, Mich zu bitten, daß Ich wenigstens diese
Nacht hindurch allhier verbleiben möchte, da der Tag schon sehr an der Neige
stehe.
[GEJ.08_167,09] Ich aber sagte: „Was euch
hier wohlgeschmeckt hat durch Meine Gegenwart, das wird auch euren Ortsnachbarn
schmecken. Im Geiste aber werde Ich auch bei euch verbleiben, wenn ihr
lebendigen Glaubens und in der rechten Liebe Meiner gedenken werdet.“
[GEJ.08_167,10] Sie versprachen Mir das aufs
treuste, und Ich segnete sie darauf und zog dann weiter, und Ich lehnte es ab,
als sie Mir ein Geleit bis zum nächsten Orte, der noch eine starke Stunde Weges
von hier entfernt war, geben wollten. Und sie blieben denn auch alle hier und
besprachen sich die ganze Nacht über alles, was sich hier ereignet hatte. –
[GEJ.08_167,11] Es könnte aber hier, nota
bene, jemand fragen, wie es kommen mochte, daß dieses Ortes Bewohner, die denn
doch auch nach Jerusalem hinauf wallfahrteten, von Mir noch nahe gar nichts
sollten vernommen haben, indem doch Mein Ruf schon beinahe im ganzen Judenlande
erschollen war und Jerusalem voll von Meiner Lehre und Meinen Taten angefüllt
war.
[GEJ.08_167,12] Die Sache ist für diese Orte
ganz leicht zu erklären. Denn es kamen alle die Bewohner dieser Orte nur selten
nach Jerusalem, weil sie zumeist sehr verarmt waren; die wenigen Reichen aber
blieben auch lieber daheim, als daß sie ins teure Jerusalem eine Reise
unternehmen wollten; denn erstens scheuten sie die unnötigen Auslagen, und
zweitens fürchteten sie, in ihrer Abwesenheit von den vielen Armen entweder
betrogen, bestohlen oder gar beraubt zu werden.
[GEJ.08_167,13] Und so war denn von den
Bewohnern dieser Orte auch einige Jahre hindurch niemand in die Nähe von
Jerusalem gekommen, und es konnte denn auch, da diese Straße auch von andern
Reisenden ihrer Unsicherheit wegen nicht begangen ward, Mein Ruf in diese
Gegenden noch nicht verbreitet worden sein, da sie von Jerusalem denn doch
schon ziemlich entfernt lagen und dazu noch mehr von Griechen und Arabern als
von den Juden bewohnt waren. Und eben ihre völlige Unbekanntschaft mit Mir und
Meiner Lehre bestimmte Mich, denn auch zu ihnen zu kommen und Mich ihnen zu
offenbaren. Denn Ich bin ja hauptsächlich nur darum in die Welt gekommen, um zu
suchen das Verlorene und aufzurichten, was in den Staub niedergebeugt war.
[GEJ.08_167,14] Dies treu und wahrst Gesagte
möge jedem zu einer hellen Antwort dienen, der da fragen möchte, wie es sein
konnte, daß es im Judenlande zu Meiner Zeit und sogar späterhin auch noch Orte
hatte geben können, die von Mir wenig oder auch gar nichts wußten, während
anderseits bei Meinen Erdenlebzeiten Meine Lehre sogar bis nach Europa, nach
Persien und sogar bis nach Indien und Ägypten schon ziemlich laut vorgedrungen
war.
[GEJ.08_167,15] Diese Worte gelten den Lesern
dieses Meines nun wiedergegebenen Evangeliums. Wohl jedem, der sie in sein Herz
aufnimmt, Mir die Ehre gibt, und danach handelt!
[GEJ.08_167,16] Und nun wieder zu unserer
Reise zurück! –
168. Kapitel
[GEJ.08_168,01] Als wir uns so etwa einige
hundert Schritte schon außerhalb des Ortes befanden, unsere bekannten
Judgriechen und die etlichen Johannesjünger aber, von der Tagesreise ziemlich
müde geworden, etwas zurückgeblieben waren, weil sie unseren raschen Schritten
nicht wohl nachkommen konnten, da berief ich die Zwölfe näher zu Mir, und sie
fragten Mich, was es denn gäbe.
[GEJ.08_168,02] Und Ich sagte zu ihnen:
„Höret Mich nun an, und betrübet euch nicht, denn es muß an Mir ja alles
erfüllt werden, was die Propheten von Mir geweissagt haben!
[GEJ.08_168,03] Wie wir nun da miteinander
wandeln, so werden wir auch bald wieder nach Jerusalem ziehen, und es wird da
alles vollendet werden, was, wie schon gesagt, die Propheten von des Menschen
Sohn geschrieben haben. (Luk.18,31) Er wird überantwortet werden den Heiden,
und Er wird verspottet, geschmähet und verspeiet werden (Luk.18,32), und sie
werden Ihn geißeln und töten; aber am dritten Tage wird Er aus eigener Kraft
und Macht wieder auferstehen und wird dann wieder bei euch sein hinfort bis ans
Ende der Welt und ihrer Zeit, und ihr werdet bei Ihm in Seinem Reiche sein
ewig.“ (Luk.18,33)
[GEJ.08_168,04] Als Ich solches zu den
Jüngern gesagt hatte, da sahen sie sich untereinander groß an und fragten sich
gegenseitig, sagend (die Jünger): „Was hat Er denn nun schon wieder damit sagen
wollen? Einmal heißt es, die Templer werden Ihn angehen, und Er wird ihnen ihr
Sündenmaß zu ihrem Verderben an Sich voll machen lassen. Nun sagte Er aber von
den Templern nichts, sondern nur von den Heiden, die unseres Wissens bis jetzt
doch Seine noch immer besten und gläubigsten Freunde waren! Das verstehe, wer
es kann und mag, wahrlich – wir verstehen das einmal nicht!“ (Luk.18,34)
[GEJ.08_168,05] Darauf berieten sie sich
untereinander, ob sie Mich darüber um einen näheren Aufschluß fragen sollten.
[GEJ.08_168,06] Petrus aber meinte, daß Ich
so etwas etwa nicht gut aufnehmen würde, darum es denn geratener wäre, diese an
sich ganz unklare und leidige Sache vorderhand so, wie Ich sie ausgesprochen
habe, auf sich beruhen zu lassen.
[GEJ.08_168,07] Da Mich denn die Jünger
darüber nicht weiter befragen wollten, so sagte auch Ich nichts Weiteres mehr
über diese Sache.
[GEJ.08_168,08] Wir zogen dann weiter und
kamen an die Stelle, wo sich zwei Hauptstraßen durchkreuzten. Es führte zwar
unsere alte Straße, auf der wir von Jerusalem kamen, auch nach Jerusalem, aber
sie ging in einem fort in großen Krümmungen über Berge und Täler; die neue
Straße aber, die hier über die alte ging, führte auch, Bethlehem berührend,
nach Jerusalem, aber sie war ebener und besser hergestellt und ward von den
Fremden und auch Einheimischen häufiger begangen. Sie war aber darum auch stets
in der Nähe der Ortschaften von Bettlern besetzt, die hier die Reisenden um ein
Almosen angingen.
[GEJ.08_168,09] Wir bogen an der besagten
Stelle auf die Neustraße also über, als möchten wir wieder nach Jerusalem
ziehen, was jedoch nicht der Fall war; aber es lag eben der Ort, den wir
besuchen wollten, an der Neustraße, und wir fanden da unfern vom Orte einen
Bettler, der blind war. (Luk.18,35) Dieser und noch viele andere Bettler zogen
in den Festzeiten mit ihren sehenden Begleitern auch nach Jerusalem, um sich
daselbst eine größere Geldsumme zu erbetteln. Dieser Bettler war denn auch beim
letzten Feste in Jerusalem und hatte dort vernommen, wie Ich daselbst große
Zeichen gewirkt und Blinde sehend gemacht habe, und wußte auch um Meinen Namen.
[GEJ.08_168,10] Die Jünger aber, von denen
einige vorauseilten, um noch am Tage den Ort zu erreichen, wurden von dem
Blinden erstens um ein Almosen laut angegangen, und als sie ihm sagten, daß sie
kein Geld bei sich führten, wurden sie zweitens von ihm befragt, wer sie wären
und wer noch bei ihnen sei, und was sie als Selbstarme in dieser mageren und
ohnehin bettlerreichen Gegend suchten.
[GEJ.08_168,11] Da sagten sie (die Jünger):
„Wir sind Jünger des Herrn Jesus aus Nazareth, der mit uns zieht, damit auch
diese Gegend von Ihm gesegnet werde! Wir brauchen darum denn auch kein Geld,
denn Er, der Herr Jesus aus Nazareth, sorgt für uns!“
[GEJ.08_168,12] Als der blinde Bettler das
von den Jüngern vernommen hatte, die sich hier etwas verweilten, auf daß Ich
und auch alle andern Jünger nachkämen – und auch bald nachgekommen sind –, da
fragte der Bettler abermals, was das wäre, und ob Ich nun auch darunter sei,
denn er gewahre viel Volk in seiner Nähe. (Luk.18,36)
[GEJ.08_168,13] Da bejahten die Jünger des
Bettlers Frage, und er fing alsogleich an zu rufen und sagte laut (der
Bettler): „O Jesus von Nazareth, Du Sohn Davids – wie man mir das in Jerusalem
gesagt hat und ich es auch glaube –, erbarme Dich meiner!“ (Luk.18,37.38)
[GEJ.08_168,14] Die voranziehenden Jünger
aber bedrohten ihn und geboten ihm, daß er nicht gar so gewaltig schreien,
sondern nun schweigen solle, weil das nun in der Nähe des sichtlich bedeutenden
Ortes zu viel Aufsehen mache.
[GEJ.08_168,15] Der Bettler aber kehrte sich
nicht daran und schrie noch viel mehr: „O Jesus, Du Sohn Davids, erbarme Dich
meiner!“ (Luk.18,39)
[GEJ.08_168,16] Da blieb Ich denn stehen und
hieß dem sehenden Begleiter, daß er den Blinden zu Mir führen solle, was denn
auch alsogleich geschah. (Luk.18,40a)
[GEJ.08_168,17] Als er aber in Meine Nähe
gebracht wurde, da sagte Ich zu ihm: „Was willst du denn, daß Ich dir tun
soll?“
[GEJ.08_168,18] Da sprach der Blinde: „Herr,
daß ich sehen möge!“ (Luk.18,40b.41)
[GEJ.08_168,19] Da sagte Ich zu ihm: „So sei
denn sehend! Dein Glaube hat dir geholfen!“ (Luk.18,42)
[GEJ.08_168,20] Und es war der Blinde alsbald
sehend, folgte Mir nach und pries Gott laut, der Mir solche nie erhörte Macht verliehen
habe. (Luk.18,43)
169. Kapitel
[GEJ.08_169,01] Es kam aber auf der neuen
Straße auch mehr Volk nach uns und hatte gesehen, was Ich dem Blinden getan
hatte, verwunderte sich auch über die Maßen darob und lobte Gott und folgte Mir
nach in den Ort, der Jericho hieß, was die Jünger nicht eher erfuhren, als bis
wir in die alte Stadt gelangten, die sehr wüste und mager aussah und mehr
Ruinen als irgend gute und bewohnbare Häuser zählte.
[GEJ.08_169,02] Als wir schon so ziemlich in
der Dämmerung in die Stadt einzogen, da traten die Menschen, die uns bei der
Blindenheilung nachgekommen und zumeist Jerichoer waren, zu Mir und baten Mich,
daß Ich bei ihnen verbleiben möchte.
[GEJ.08_169,03] Ich aber sagte: „Das werde
Ich wohl, – aber ihr alle seid sehr beschränkt in euren Wohnungen, und wir sind
unser viele; darum führet uns lieber in eine Herberge, wo wir aufgenommen
werden können!“
[GEJ.08_169,04] Sagte ein Mann: „Herr und
Meister, es sind hier wohl zwei Herbergen; aber die Wirte derselben sind sehr
gewinnsüchtige Griechen, die die Gäste stets gehörig auszuziehen verstehen und
sich schon beim Eintritt in ihre eben nicht sehr anempfehlenswerten Zimmer bei
denselben fest zu erkundigen anfangen, wieviel Geld und welche anderen Schätze
sie mit sich führen. Und sagen die Reisenden, daß sie weder mit viel Geld und
noch weniger mit andern Schätzen versehen sind, so werden sie gar nicht
aufgenommen. Wir aber haben gesehen, wer du bist, und welche Macht dir von Gott
gegeben ist, und so täte es uns wahrlich leid, daß auch dir in dieser unserer
Stadt so etwas begegnen möchte. Wir aber werden schon trachten, daß du und
deine Jünger und Freunde bei uns eine möglich gute Unterkunft und Pflege
findest!“
[GEJ.08_169,05] Sagte Ich: „Euer guter Wille
gilt bei Mir schon als Werk; doch Ich habe in Mir den Geist Gottes, und der
sagt es Mir, was Ich zu tun habe, und so muß Ich nun in der ersten großen
Herberge des gewinnsüchtigen Griechen übernachten. Er wird sich zwar anfangs
sträuben, aber nachher doch das tun, was Ich werde haben wollen. Aber ihr
könnet Mich wohl dahin geleiten und auch noch ein paar Stunden lang um Mich
verweilen!“
[GEJ.08_169,06] Sagte der Mann: „Herr! Du
willst es also, und so geschehe denn auch dein Wille!“
[GEJ.08_169,07] Hierauf zogen wir in der
Stadt weiter und gelangten denn auch bald auf den Hauptplatz, auf dem sich die
große und teure Herberge befand, deren Wirt auch bald aus derselben kam und uns
fragte, ob wir bei ihm einkehren wollten.
[GEJ.08_169,08] Und Ich sagte: „Freund, des
bin Ich willens, doch Gold und Silber findest du bei Mir nicht; aber andere
Schätze, von denen du bis jetzt noch keine Ahnung hast, habe Ich in Hülle und
Fülle bei Mir! So du diese wirst kennenlernen, da wird dich vor deinem Golde
und Silber ganz gewaltig zu ekeln anfangen!“
[GEJ.08_169,09] Da sagte der Wirt, sich ganz
freundlich zeigend: „Nun, da kommet nur herein, denn ich kann alles ganz gut
gebrauchen!“
[GEJ.08_169,10] Wir gingen nun sogleich in
das Haus und nahmen Platz an mehreren Tischen. Als wir uns alle schon ganz wohlbehalten
bei den Tischen befanden und an jedem Tische Lampenlichter angezündet wurden,
da fragte der Wirt voll Artigkeit, was wir zu essen und zu trinken wünschten.
[GEJ.08_169,11] Und Ich sagte: „Brot und Wein
hast du wohl vorrätig, und eines Weiteren benötigen wir heute nicht. Aber du
mußt uns ein gutes Brot und den besten Wein geben; denn der gewöhnliche
Gastwein, den du den Gästen ums teure Geld aufzusetzen pflegst, ist kein Wein,
da er aus Äpfeln und Birnen bereitet ist, und den aus Stachelbeeren gewonnenen
trinke Ich nicht, sondern nur den, der aus den guten und reifen Trauben
gewonnen ist, die um den Libanon wachsen, und den du auch reichlich besitzest
in reinen Schläuchen, darfst du uns aufsetzen!“
[GEJ.08_169,12] Sagte der Wirt etwas
überrascht: „Freund, meines guten Wissens warst du noch nie in dieser Gegend
und kannst denn auch nicht wissen, was für Weine ich in meinen Kellern habe! Es
muß dir das ein hiesiger Bürger, der sicher mein Freund nicht ist, mit derlei
mich verleumden wollend, verraten haben! Sage mir seinen Namen, auf daß ich ihn
strafen kann, und ich schenke euch alles, was ihr hier verzehren werdet!“
[GEJ.08_169,13] Sagte Ich: „Freund, du irrst
dich; es hat dich kein Mensch verraten! Ich weiß noch um gar vieles in deinem
Hause und in deiner ganzen weit ausgebreiteten Wirtschaft; doch jetzt sorge du
dich nur darum, daß wir bald das Verlangte erhalten mögen!“
[GEJ.08_169,14] Sagte der Wirt: „Ich habe
meinen Dienern schon den Wink gegeben, und es wird alsbald alles nach deinem
Wunsche dasein!“
170. Kapitel
[GEJ.08_170,01] Hier bemerkte der Wirt an
Meiner Seite aber den ihm nur zu wohl bekannten blinden Bettler und sah, daß er
nun sehend war.
[GEJ.08_170,02] Er trat sogleich näher zum
Bettler, betrachtete ihn genauer und sagte dann (der Wirt): „Du warst ja ein
Blinder von Geburt an und siehst nun, wie ich es nur zu gut merke. Wer hat dir
denn deine Augen geöffnet und dich sehend gemacht?“
[GEJ.08_170,03] Sagte der Bettler: „Dieser
Herr hier, der von dir einen echten Wein und ein gutes Brot verlangt hat!
Frohlocke, denn dir ist ein großes Heil widerfahren, daß Er in deinem Hause
Herberge nahm, und du solltest Ihn denn auch mit der größten Achtung
behandeln!“
[GEJ.08_170,04] Sagte der Wirt, nun schon
voll Staunens: „Wie hat er denn dir die Augen geöffnet?“
[GEJ.08_170,05] Sagte der Bettler: „Er sagte
auf mein Bitten: ,Werde sehend!‘, und ich ward sehend, und das ist alles, was
ich dir sagen kann; du aber kannst dir nun selbst denken, wer der sein muß, in
dessen Wort und Willen eine solche Macht und Gewalt liegt!“
[GEJ.08_170,06] Der Wirt staunte nun stets
mehr und mehr und betrachtete Mich mit großer Aufmerksamkeit.
[GEJ.08_170,07] Nun brachten die Diener aber
auch Brot und Wein in rechter Menge und setzten alles in guter Ordnung auf die
Tische.
[GEJ.08_170,08] Und der Wirt fragte Mich nun
schon voll Ehrfurcht, sagend: „Herr, ist das Brot und der Wein wohl nach deinem
Wunsche?“
[GEJ.08_170,09] Sagte Ich: „Ganz vollkommen,
darum haben deine Diener ja auch länger zu tun gehabt, weil sie dies Brot und
auch diesen Wein aus einem andern Hause und Keller herbeischaffen mußten; denn
die guten Sachen hast du in einem andern deiner zehn Häuser in dieser Stadt
aufbewahrt. In diesem Hause aber hast du nur das, womit du gewöhnlich die
Fremden bedienst, was aber von dir, der du ein sehr reicher Mann bist, eben
nicht sehr löblich ist. Du bist zwar ein Grieche samt deiner ganzen Familie und
achtest nicht der Juden Gesetze, obschon sie dir nicht unbekannt sind; aber es
dient auch einem Heiden zur Ehre und zum Guten, wenn er ehrlich handelt und
nach euren Gesetzen jedem das Seinige gibt und bietet.“
[GEJ.08_170,10] Der Wirt wußte nun nicht, was
er Mir darauf hätte erwidern sollen; wir aber nahmen nun das Brot und aßen es,
und so auch den Wein und tranken ihn, und auch der Wirt aß und trank mit uns,
da Ich ihm Selbst Brot und Wein darreichte, und lobte Gott und Mich.
[GEJ.08_170,11] Der Wirt aber besprach sich
mit den andern Bürgern, die uns zu ihm hin und darauf auch ins Haus begleitet hatten.
Eben den Mann, der Mir zuerst eine Herberge anbot, fragte der Wirt, was er als
ein erfahrener Jude wohl von Mir hielte, wer Ich wäre, und von woher Ich
gekommen sei.
[GEJ.08_170,12] Der Mann aber sagte: „Ich
habe diesen wunderbaren Menschen zuvor sowenig wie du selbst gesehen! Aber von
dem geheilten Blinden, der von ihm schon in Jerusalem gehört hatte, habe ich
vernommen, daß er ihn mit dem Namen ,Jesus‘ und ,Sohn Davids‘ angerufen hat,
und schloß daraus, daß er denn auch irgend von dorther sein werde. Der Tracht
nach aber scheint er ein Galiläer zu sein, wie auch einige, die mit ihm kamen.
[GEJ.08_170,13] Allein, sei ihm nun, wie ihm
wolle, er ist einmal ein außerordentlicher Mensch, wie die Erde seit Moses und
Elias noch keinen getragen hat! Der vom Bettler ihm gegebene Titel ,Sohn
Davids‘ aber hat mich geheim auf den Gedanken gebracht, daß er nach den
Weissagungen der Propheten entweder der vor dem verheißenen Messias der Juden
kommen sollende Prophet Elias sei – oder am Ende gar der Messias selbst. Ich
möchte ihn eher fürs zweite als fürs erste halten! Denn alle Propheten haben
stets nur im Namen Jehovas gesprochen und gehandelt; dieser aber spricht und
handelt ganz wie aus eigener Macht, und der Titel ,Sohn Davids‘ – wie schon
gesagt – bestätigt diese meine geheime Ansicht noch mehr, denn also nennen die
alten Propheten den kommen sollenden Messias zu öfteren Malen. – Das ist nun
aber auch schon alles, was ich dir über ihn sagen kann!“
[GEJ.08_170,14] Sagte der Wirt: „Ich bin zwar
in eurer Gotteslehre zu wenig tief eingeweiht, aber um so manches weiß ich
doch, und so auch über den verheißenen und dereinst kommen sollenden Messias.
Doch den halten nun ja alle Juden für einen großen Kriegshelden und erwarten
ihn auch als solchen, der sie von der Herrschaft der Römer befreien und dann
ein großes und unbesiegbares Reich gründen werde. Du aber scheinst dem Messias
mehr eine göttliche als menschliche Würde beizulegen?“
[GEJ.08_170,15] Sagte der Mann: „Als das wird
er aber auch von den Propheten und von David selbst bezeichnet; und will er im
Ernste die Juden vom Joche der Römer befreien, so wird er zu solch einem Werke
wohl auch mit mehr als nur mit den diesweltlichen menschlichen Heldenkräften
ausgerüstet sein müssen.
[GEJ.08_170,16] Doch alles das ist noch immer
in ein großes Dunkel gehüllt, und kein Jude kann es mit irgendeiner
Bestimmtheit dartun, in welcher Form und Eigenschaftung der Messias kommen
wird. Und da sich das nicht bestimmen läßt, so kann der Messias auch ganz gut
in dieser Form und Eigenschaftung in diese Welt kommen, in der wir nun eben
diesen Wundermann vor uns sehen!
[GEJ.08_170,17] Das ist so meine Meinung. Du
aber kannst nun noch mehr Brot und Wein herbeischaffen; denn ich sehe, daß die
Gäste mit dem einmal Aufgetischten bald zu Ende sein werden!“
[GEJ.08_170,18] Darauf behieß der Wirt
sogleich seine Diener, das zu tun, was ihm der Mann angezeigt hatte, und wir
bekamen denn auch bald mehr Brot und Wein.
171. Kapitel
[GEJ.08_171,01] Darauf trat der Wirt zu Mir
hin und fragte Mich, ob auch Ich etwas vernommen habe, was er mit dem Bürger
von Jericho über Mich geurteilt habe!
[GEJ.08_171,02] Sagte Ich: „Du möchtest nun
auf eine feine Weise aus Mir herauslocken, was Ich so ganz eigentlich sei. Aber
auf diese Art wirst du das Gewünschte von Mir nicht leichtlich erfahren; denn
wer Mich versuchen will, der hält sich selbst für einen Narren! Weiß Ich doch
um gar alles, was du seit deiner Geburt getan hast, wie du von der Insel Patmos
hierher gekommen und wie du reich geworden bist; und also auch weiß Ich um dein
ganzes Hauswesen, um deine Familie, und so werde Ich auch wohl darum wissen,
was du und der andere Bürger über Mich geurteilt habt!“
[GEJ.08_171,03] Sagte darauf der Wirt: „Herr
und Meister, daß du eine Art Allwissenheit besitzest, das habe ich gleich
anfangs bemerkt; aber ich habe schon zu öfteren Malen mit derlei orakelhaften
Menschen zu tun gehabt, die mir auch Dinge, um die nur ich und die Götter
wissen konnten, offen aufgedeckt haben, und es wundert mich deshalb jetzt deine
weissagende Fähigkeit nicht so sehr, weil derlei schon, wie gesagt, zu öfteren
Malen da war. Aber ganz etwas anderes ist die Heilung des blinden Bettlers; das
ist meines Wissens noch nie dagewesen und auch noch nie erhört worden! Aus dem
kann ich schon für mich nun auch den Schluß machen, den ehedem der Bürger
gemacht hat, und kann da die Worte eines unserer alten Weisen in gute Anwendung
bringen.
[GEJ.08_171,04] Die Worte aber lauten: ,Es
bestehet kein großer und wahrhaft weiser Mann ohne einen göttlichen Anhauch.‘ Und
du aber scheinst mir von einem Gott am meisten angehaucht zu sein, darum du
auch solche Dinge zu bewirken imstande bist, die nur einem Gott möglich sein
können. Und weil das bei dir ganz unbestreitbar der Fall ist, so kannst du auch
ganz gut der den Juden verheißene Messias sein, welcher Meinung auch der
Bürger, der auch mein Nachbar ist, zu sein mir unverhohlen einbekennet hat.
Bist du aber das, so ist es für uns Heiden denn auch hoch an der Zeit, unser
altfabelhaftes Götterwesen über Bord zu werfen und uns zu der Lehre der Juden
zu kehren!
[GEJ.08_171,05] Bist du aber das, für was ich
und mein Nachbar dich halten, so ist deine Allwissenheit mehr als wohl
erklärbar, und du wirst auch ganz sicher und bestimmt sagen können, wo sich nun
mein ältester Sohn befindet, wie es ihm geht, und was er macht; denn ich möchte
das nun um so mehr und ganz bestimmt wissen, indem nun schon zwei volle Jahre
verflossen sind, ohne daß mir eine Kunde von ihm selbst oder von jemand anderm
über ihn zugekommen wäre. Kannst und willst du mir diesen Gefallen erweisen, so
sollst du und alle deine Gefährten durch drei volle Tage in meinem Hause
umsonst auf das köstlichste bewirtet werden!“
[GEJ.08_171,06] Sagte Ich, gleichsam zu den
Jüngern Mich wendend: „Es ist doch sonderbar, – nur ein Zeichen wirkte Ich, und
schon sind die Heiden zu der Mutmaßung gelangt, daß Ich der Messias sei! Wie
viele Zeichen aber habe Ich daheim in Galiläa und in Jerusalem gewirkt, und wie
wenige glauben an Mich, und wie viele sind Mir feind! Darum wird denn auch das
Licht den Juden genommen und den Heiden gegeben werden, wie Ich euch das schon
zu mehreren Malen gesagt habe.“
[GEJ.08_171,07] Hierauf erst wandte Ich Mich
an den Wirt und sagte: „Du wolltest von Mir erfahren, wo sich dein ältester
Sohn Kado befindet, was er macht, und wie es ihm geht? Dafür willst du uns
durch drei Tage umsonst bewirten! Aber wir bleiben nicht drei Tage hier, und so
wirst du dein Versprechen auch nicht halten können. Und wolltest du Mich dafür
etwa mit Geld belohnen, so würde Ich wahrlich keines annehmen, – und für das,
was du Mir heute tust, wirst du schon die volle Vergeltung überkommen! Und so
weiß Ich nun nicht, aus welchem Grunde Ich dir den gewünschten Gefallen
erweisen sollte! Wie Ich aber um den Namen deines Sohnes weiß, so weiß Ich auch
sicher um alles andere, was ihn betrifft; doch unter den von dir Mir gemachten
Bedingungen sage Ich es dir nicht!“
[GEJ.08_171,08] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister, so mache du mir Bedingungen, unter denen, so ich sie erfülle, du mir
wollest das Gewünschte offenbaren!“
[GEJ.08_171,09] Sagte Ich: „Gut, das läßt
sich hören! Siehe, du hast große Schätze und Reichtümer, die du dir eben nicht
auf die vor Mir allein gültig gerechte Weise erworben hast! Die Gesetze der
Weltrichter können dich freilich nicht verdammen, weil du dich vor ihnen nach
ihrem Buchstabensinne, der von euren Rechtsgelehrten aber auch sehr verschieden
gedeutet werden kann, gar wohl rechtfertigen kannst; aber vor Meinem
Richterstuhle würdest du mit allen deinen Rechtfertigungen nicht bestehen!
[GEJ.08_171,10] Meine Gesetze aber lauten:
Liebe den nur einen, wahren und lebendigen Gott über alles und deine Nächsten
und Mitmenschen wie dich selbst! Was du nicht willst, daß sie dir täten, das
tue du auch ihnen nicht; was du aber wünschest, daß es deine Mitmenschen dir
tun möchten, das tue du auch ihnen!
[GEJ.08_171,11] So dich jemand einmal arg
betrogen hätte, du aber konntest ihm nach dem Wortlaute eurer Gesetze nichts
anhaben, weil er offen mit dir verkehrt hatte, er aber wußte deine Schwäche zu
benutzen auf dem gesetzlichen Wege und hat dich durch den abgeschlossenen
Handel, Kauf oder Verkauf um tausend Pfunde betrogen – was dir um so
unangenehmer war, weil du ihn darum bei keinem Richter belangen konntest, da
ein jeder dir den Bescheid Volenti non fit iniuria gegeben hätte –, was würdest
du zu dem, der dich betrogen hat, sagen, so er zu dir käme und sagte: ,Freund,
ich bin zwar in allem meinem Tun und Handeln von den Gesetzen geschützt, und du
kannst mir nirgends zu, – aber ich bin ein rechter Mensch geworden und bin nun
gekommen, um dir alles zu ersetzen, um was ich dich je betrogen habe!‘, und er
stellte dir sodann die tausend Pfunde zurück und bezahlte dir dazu auch noch
die Zinsen, die dir sonst deine tausend Pfunde getragen hätten, so du sie
besessen hättest? Sage es Mir, wie du solch eine Handlung aufnehmen würdest!“
[GEJ.08_171,12] Sagte der Wirt: „Herr und
Meister, sicher auf das beste von der Welt, und ich würde solch einen Menschen
auch loben und rühmen vor aller Welt und würde sein bester Freund sein!“
[GEJ.08_171,13] Sagte Ich: „So gehe du hin
und tue selbst desgleichen, und du wirst dir alle, die nun geheim deine Feinde
sind, zu wahren Freunden machen! Und siehe, in dem bestehen die Bedingungen,
unter denen, so du sie wahr und ernstlich erfüllen willst, Ich dir auch deinen
Wunsch erfüllen werde!“
[GEJ.08_171,14] Sagte nun der Wirt: „Herr und
Meister, so wahr ich lebe, und so wahr ich dich nun auch als den ansehe und
bekenne, der du nach den Weissagungen eurer Propheten sicher bist, so wahr auch
will und werde ich die von dir mir nun gestellten Bedingungen erfüllen; aber
sage du mir nun, wie es mit meinem ältesten Sohne steht, der allzeit mein
Liebling war!“
[GEJ.08_171,15] Sagte Ich: „Gut denn also;
dieweil Ich nun in deinem Herzen lese, daß du das auch tun wirst, was du Mir
nun gelobt hast, so will Ich dir wohl sagen, daß dein Sohn Kado nach einer
Stunde mit seinem Weibe und drei Kindern und auch mit einem großen Gefolge hier
ankommen wird, und er wird dir dann selbst erzählen, wie er sich befindet, und
was er alles getan hat. Du aber kannst nun durch deine vielen Diener
Vorkehrungen treffen, damit dein Sohn in einem deiner zehn Häuser mit all dem
vielen, das er mit sich bringen wird, wohl untergebracht werden kann! So du Mir
glaubst, dann tue auch das, was Ich dir nun angeraten habe!“
[GEJ.08_171,16] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da konnte er sich vor lauter Freude nicht schnell genug fassen
und dankte Mir zuerst für das Mitgeteilte; dann befahl er sogleich seinen
Dienern, das zu tun, was Ich ihm angeraten hatte, und es ward denn auch auf
einmal sehr lebendig im Hause und auch im nächsten anstoßenden Hause.
[GEJ.08_171,17] Als nun alles vollauf tätig
war, berief er auch sein Weib und seine drei älteren Töchter, die mit ihren
Gehilfinnen die Küche zu besorgen hatten, und sagte (der Wirt): „In einer
Stunde schon kommt unser Kado an mit großem Gefolge, darum bietet nun alles
auf, damit für ihn alles in der besten Art bereitet sei, so er ankommt! In
dieser Nacht soll hier ein großes Gastmahl bereitet und verzehrt werden, und
ihr alle sollet Teil daran nehmen!“
[GEJ.08_171,18] Hierauf ward es denn auch in
der Küche gleich sehr lebendig.
172. Kapitel
[GEJ.08_172,01] Als alles nun über Hals und Kopf
beschäftigt war, da kam der Wirt wieder zu Mir, dankte Mir abermals für die
erhaltene Kunde und sagte überfreundlich: „Herr und Meister, ich bin der zweite
Blinde, den du nun auch sehend gemacht hast; denn ich fange nun an, die großen
Schätze, die über alles erhaben sind, zu sehen und wohl zu begreifen, wie
meinem Hause in dir das größte Heil widerfahren ist. Ja, wenn man diese Schätze
betrachtet mit dem Herzen und Verstande, da sieht man wohl, wie gar nichts alle
irdischen Schätze sind, und wie leer, wie ekelhaft! Aber was kann ein Mensch,
der schon in aller Nacht und vollster Unwissenheit ohne sein Wollen und Wissen
in diese Welt geboren worden ist, dafür, daß er das Wertloseste für kostbar
hält und sich Tag und Nacht abmüht, um des Erdunrates große Haufen
zusammenzubringen?
[GEJ.08_172,02] Gebet dem Menschen nur schon
von seiner Kindheit an ein rechtes Licht, und lehret ihn erkennen den wahren
Gott und sich selbst, und er wird dann nicht nach Erdschätzen gieren, sondern
nach den Schätzen des Lebens! Doch wo sind die Lehrer, die den Menschen das zu
zeigen imstande wären, was ihnen am nötigsten wäre? Daher bitte ich dich, du
lieber Herr und Meister, sende du Lehrer nach deiner Weise unter die Menschen,
auf daß sie durch sie wahre Menschen werden!“
[GEJ.08_172,03] Sagte Ich: „Nun hast du
wohlgesprochen, und was du vor Mir als einen Wunsch ausgesprochen hast, das
wird nun auch ins Werk gesetzt; aber mit einem Hiebe fällt kein Baum, und es
gehört da wie zu allen großen und guten Werken Zeit und Geduld nach der ewigen
Ordnung aus Gott. Ein jeder Mensch aber, so er die Wahrheit des Lebens für sich
erkannt hat, kann und soll diese auch seinen Nebenmenschen mitteilen, und es
wird dadurch leicht und bald lebenshelle unter den Menschen werden.
[GEJ.08_172,04] Wer die von Mir dir gezeigten
wahren Lebensgebote annehmen und sie auch treu beachten wird, der wird auch
bald und leicht zum vollsten Lebenslicht kommen. Mehr brauche Ich dir nicht zu
sagen; tue das, so wirst du das ewige Leben überkommen!
[GEJ.08_172,05] Nun aber magst du mit deinen
Leuten wohl nachsehen gehen bis zur Stelle, wo die alte und die neue Straße
sich kreuzen! Sowie du dahin kommen wirst, da wird auch dein Sohn Kado dir
entgegenkommen. Nimm aber eine Fackel mit dir, auf daß dich dein Sohn bald erkenne,
und du auch ihn! Dann aber bringe ihn hierher; denn auch Ich habe mit ihm zu
reden!“
[GEJ.08_172,06] Nach diesen Worten verließ
der Wirt eiligst das Gastzimmer und zog mit seinen Leuten und mehreren Nachbarn
seinem ankommenden Sohn entgegen. Als er bald an die bezeichnete Stelle kam, da
kam auch sein Kado, von einem Maultiere getragen, erkannte alsbald seinen
Vater, und es war da des Umarmens und Liebkosens nahe kein Ende.
[GEJ.08_172,07] Nach dem erst fing der Sohn
an, den Vater zu fragen, wie er es denn erfahren habe, daß er nun ankommen
werde.
[GEJ.08_172,08] Da sagte der Vater: „Liebster
Sohn, auf eine höchst wunderbare Weise! Doch kann ich dir nun das Weitere nicht
erzählen; wenn du im Hause sein wirst, da wirst du auch all das Weitere wohl
erfahren.“
[GEJ.08_172,09] Darauf zogen sie alle behende
in die Stadt und langten auch bald unter lautem Jubel bei uns an.
[GEJ.08_172,10] Als der Sohn Kado mit seinem
nur einen Weibe und seinen Kindern in unser Gastzimmer kam, da war sein erstes,
sich zu erkundigen, welcher von den anwesenden Gästen es sei, der um seine
Ankunft in Jericho gar so genau gewußt habe.
[GEJ.08_172,11] Und der Vater führte ihn
alsbald zu Mir hin und sagte: „Siehe, du mein geliebter Sohn, dieser Mann ist
der Herr und der große Meister! Siehe aber auch unseren alten, dir noch
wohlbekannten blinden Bettler an! Diesem hat der Herr und Meister das volle
Augenlicht wiedergegeben und bediente sich dazu keines andern Mittels als nur
seines Wortes und Willens. Was sagst du nun dazu, und was hältst du von einem
solchen Menschen?“
[GEJ.08_172,12] Der Sohn betrachtete bald
Mich und bald wieder den nun vollkommen sehenden Bettler eine kleine Weile mit
großer Aufmerksamkeit und sagte darauf: „Mein überaus geliebter Vater, ich
werde mich gar nicht irren, wenn ich diesen Mann alsogleich für eben den halte
und erkläre, von dem ich schon in Griechenland, in Kleinasien und sogar längs
der asiatischen Gestade des großen Pontus gar viel Außerordentliches vernommen
habe, und dessentwegen ich auch in Athen alles verkaufte und nach Palästina
zog, um mir hier etwas anzukaufen und hauptsächlich aber, um mit dem großen
Wundermanne persönliche Bekanntschaft zu machen, – und siehe nun, den ich vor
allem suchen wollte, den finde ich nun nahe schon ganz sicher in unserem Hause!
[GEJ.08_172,13] Du weißt es, lieber Vater,
daß ich in der über vierzehn Jahre langen Zeit einen großen Handel trieb und
mir dadurch auch große Reichtümer erworben habe. Daß ich dir aber nun schon
über zwei Jahre lang von mir keine Nachricht habe geben können, davon lag der
Grund darin, weil ich da meine Handelsgeschäfte in Kleinasien und am ganzen
Pontus trieb, wo ich eben von dem Wundermanne so vieles gehört und mich dann
auch bald entschlossen habe, alle meine Handelsgeschäfte samt den Häusern und
andern Gütern einem Bruder dieses meines lieben Weibes zu verkaufen, hierher
überzusiedeln und den berühmten Mann kennenzulernen.
[GEJ.08_172,14] In der letzten Zeit, vor kaum
einem halben Jahre, machte ich Handelsgeschäfte in Phrygia mit einem dortigen Könige
namens Abgarus und teilte ihm denn auch so manches mit, was ich bei meinen
großen Reisen zu Wasser und zu Lande alles erlebt habe. Unter anderm kamen wir
denn auch auf unseren großen Wundermann zu sprechen, und ich war nicht wenig
erstaunt, als jener obbenannte König mir von dem Manne, den er als ein
Gottwesen darstellte, mehr zu erzählen wußte als ich ihm und er mir sogar bei
aller seiner Ehre versicherte, daß er ihn persönlich kenne und sein Freund sei.
Er beschrieb mir auch des Wundermannes Gestalt und Kleidung, und dies stimmt
mit dem, was ich nun an diesem wahren Gottesmanne gefunden habe, genau überein.
Und eben das bestimmte mich denn ehedem auch zu sagen, daß er ganz sicher eben
der Mann sein werde, dem zuliebe ich das getan habe, was ich dir zuvor kundgab.
[GEJ.08_172,15] Nun aber kommt es noch auf
etwas an; stimmt auch das noch überein, so habe ich das, was zu suchen ich
hierher kam! Eben der vorbesagte König, dem ich die vollste Versicherung gab,
daß ich ehest alles aufbieten werde, um den großen Wundermann selbst
kennenzulernen, schrieb einen Brief unter der Aufschrift: ,An den guten Heiland
Jesus zu Nazareth in Galiläa‘. Diesen Brief habe ich bei mir und werde ihn
sogleich vorweisen. Zuvor aber muß ich noch eines Umstandes, der mir nicht unwesentlich
dünkt, erwähnen.“
173. Kapitel
[GEJ.08_173,01] (Kado:) „Als ich bald darauf
in Athen alles in Ordnung gebracht hatte und mich auch dann unaufgehalten zur
Heimreise anschickte, da nahm ich von Tyrus aus meinen Weg über das alte
Nazareth und erkundigte mich dort sorgfältigst nach dem guten Heilande Jesus.
Man zeigte mir denn auch bald eine kleine Behausung ganz nahe bei der Stadt.
Diese Behausung besuchte ich sogleich und fand darin einige recht fromme und
biedere Zimmerleute, die mir ein Weib namens Maria als schon eine Witwe
vorführten, die des von mir gesuchten Heilandes leibliche Mutter sei, die mir
aber dennoch nicht zu sagen wußte, wo sich ihr Sohn Jesus in jener Zeit und
auch jetzt aufhalte.
[GEJ.08_173,02] Sie bat mich aber
inständigst, daß ich ihn aufsuchen solle und, so ich ihn irgendwo träfe, sie
davon benachrichtigen möchte, – was ich zu tun denn auch auf Treue und Ehre
versprach. Sie und auch die Zimmerleute, die sich seine Brüder nannten, haben
mir eine Menge Wunderdinge über Jesus, ihren Liebling, zu erzählen gewußt,
wogegen aber auch ich ihnen das, was ich auf meinen Reisen von ihm erfahren, zu
ihrer sichtlich großen Freude kundgegeben habe.
[GEJ.08_173,03] Was jene Familie, die ich
auch beschenkte, mir von dem lieben Heilande aussagte, stimmte ganz mit dem
überein, was ich von dem Könige in Phrygia erfahren habe und, bevor ich noch
nach Nazareth kam, auch schon in Tyrus und in mehreren Orten an den Gestaden
des Meeres.
[GEJ.08_173,04] Jetzt also hängt es bloß noch
von dem Umstande ab, daß dieser von dir, mein lieber Vater, gezeigte Wundermann
eben der liebe Heiland Jesus aus Nazareth ist, an den ich den Brief bei mir
habe, und ich habe dann auch mein Heil gefunden!“
[GEJ.08_173,05] Hierauf verneigte sich Kado
vor Mir und sagte: „Herr und großer Meister, sage es mir doch, ob du vollwahr
eben der bist, an den ich den Brief bei mir habe!“
[GEJ.08_173,06] Sagte Ich: „Frage zuerst
diesen geheilten Bettler und dann auch alle diese Meine Jünger; denn diese alle
sind Meine nun treuen Zeugen, und sie werden dir die Wahrheit sagen und sie dir
nicht vorenthalten!“
[GEJ.08_173,07] Der Bettler aber sagte mit
vieler Freude: „O Kado, forsche nicht weiter; denn du hast den so eifrig
Gesuchten schon gefunden! Dieser ist der liebe und gute Heiland Jesus aus
Nazareth und als solcher ein Sohn Davids, wie ihn auch die alten Propheten und
Väter schon seit langem zum voraus also benamset haben.“
[GEJ.08_173,08] Als der Sohn solches von dem
Bettler vernommen hatte, da erkundigte er sich nicht mehr weiter, sondern zog
den Brief aus seinem Sacke hervor und übergab ihn Mir mit den Worten (Kado):
„Herr und Meister, du bist schon, den ich gesucht habe! Vergib es mir aber, daß
ich dich nun so lange mit meinen Reden und Erzählungen ermüden mochte!“
[GEJ.08_173,09] Sagte Ich: „Ich wäre heute
auch nicht hier, so Ich nicht gewußt hätte, daß du noch an diesem Abende, Mich
suchend, hier eintreffen würdest. Nun aber mache dir's bequem, da du von der
langen Reise etwas müde geworden bist; dann komme wieder, und wir werden uns dann
über noch gar manches zu besprechen haben!“
[GEJ.08_173,10] Der Sohn dankte Mir für
diesen Bescheid und ging dann sogleich mit dem Vater und mit den Seinen in ein
großes Nebenzimmer, wo er seine Kleider wechselte und seine bei sich tragenden
Reiseeffekten in Ordnung brachte; denn alle die vielen andern Dinge und Schätze
wurden von seinen Dienern und auch von denen seines Vaters in dem großen
Nebenhause untergebracht und die vielen Lasttiere versorgt.
[GEJ.08_173,11] Der Sohn kam denn mit den
Seinen und mit dem Vater auch bald wieder zu Mir zurück und bat Mich, an Meinem
Tische Platz nehmen zu dürfen, was Ich ihm auch allerfreundlichst sogleich
gewährte. Freilich mußten sich dafür einige Meiner Jünger dazu bequemen, an
einem andern Tische Platz zu nehmen, weil Mein Tisch nur ein mehr kleiner war;
aber es machte das nichts, weil ein zweiter Tisch ohnehin nicht weit von Meinem
entfernt war.
[GEJ.08_173,12] Wir saßen nun ganz fröhlich
beisammen, und Kado fragte Mich, ob Ich nun vor allem den Brief des Königs nicht
öffnen und durchsehen möchte.
[GEJ.08_173,13] Sagte Ich: „Freund, das hat
bei Mir keine Not; denn Ich wußte schon lange eher um den Inhalt, als der König
daran gedacht hatte, Mir einen Brief zu schreiben! Öffne aber du den Brief, und
lies ihn auch den andern vor; denn es werden hier wenige sein, die der
griechischen Sprache nicht kundig wären! Da ist der Brief, und du magst ihn
lesen!“
[GEJ.08_173,14] Sagte Kado: „O du lieber,
guter Heiland, das wäre eine zu große Frechheit von mir; denn was dich allein
angeht, das brauchen wir von dir nicht zu erfahren, und weil der Brief nur auf
dich lautet, so brauchen wir seinen Inhalt auch nicht zu wissen. Daß aber jener
König, der dich gar so überaus mächtig liebt und vor dir die höchste Achtung
hat, im Briefe auch solche seine Gefühle nur niedergeschrieben hat, wie er sie
vor mir laut ausgesprochen hat, das kann sich ein jeder von selbst denken, und
somit stelle ich diesen wertvollsten Brief dir allerachtungsvoll wieder
zurück.“
[GEJ.08_173,15] Hier nahm Ich den Brief,
übergab ihn dem Jünger Johannes mit dem Bedeuten, daß er ihn durchlesen und
dann in Meinem Namen auch beantworten solle, was Johannes auch tat, weil er in
der griechischen Schreibweise wohlbewandert war.
[GEJ.08_173,16] Und schon am nächsten Tage sandte
Kado das Antwortschreiben durch drei Boten an den König und schrieb auch selbst
einen Brief eben auch an denselben König, worin er ihn benachrichtigte, wie er
Mich gesucht und auch überbeglückt gefunden habe.
[GEJ.08_173,17] Nachdem Ich aber den Brief
dem Johannes übergeben hatte, fragte Ich den Kado, sagend: „Und nun, kannst du
der andern wegen noch vor dem Nachtessen eine kleine Erzählung zum besten
geben, was jener König so von Mir mit dir in der Hauptsache gesprochen hat?“
[GEJ.08_173,18] Sagte Kado: „O du lieber,
guter Heiland! So ich alles wiedergeben sollte, was Gutes und Erhabenstes jener
König von dir zu mir geredet hat, da hätte ich wohl tagelang zu tun; aber so
nur die Hauptsache davon berühren, wovon ich schon in meiner ersten Vorrede
einiges vorbrachte, das wird uns keine große Zeit in Anspruch nehmen.
[GEJ.08_173,19] Des Königs größte Sehnsucht
wäre, dich, o Herr und Meister, samt allen deinen Jüngern und Freunden bei sich
zu haben, und das nun darum um so mehr, da er aus sicheren Quellen vernommen
habe, daß dich die Hauptjuden und ihre stolzen und höchst herrsch- und
habsüchtigen Priester etwa alsosehr hassen und in ihrer unbegrenzten Blindheit
und Tollwut dir sogar nach dem Leben trachten. Der König aber beherrsche ein
gar friedliches Land und Volk, das dich bald erkennete und dich samt dem Könige
vor lauter Liebe, Hochachtung und Dankbarkeit auf den Händen trüge. In seinem
Lande wärest du vor jeder Verfolgung sicher und hättest Ruhe, wie etwa sonst
vielleicht nirgends.
[GEJ.08_173,20] So hat der König auch einen
Sohn, der von Zeit zu Zeit mehr oder weniger kränkelt. Daß er ihn von dir als
vollends geheilt haben möchte, das weißt du, lieber und guter Heiland, von
selbst sicher am besten. So hat er sich auch zu mir einmal dahin sehnend geäußert,
daß er wenigstens ein treues Bild von dir haben möchte und womöglich auch von
einigen deiner vorzüglichsten Jünger. Und das ist nach meiner Ansicht schon
auch so die Hauptsache der Wünsche des Königs, weil er darüber viel gesprochen
hat. Herr und Meister, vergib es mir, so ich mich etwa hie und da plump und
unziemlich ausgedrückt habe!“
[GEJ.08_173,21] Sagte Ich: „Du hast hier,
ganz kurz gefaßt, einen ganz überaus guten Vortrag gemacht, – und siehe,
dasselbe, wennschon mit etwas anders gestellten Worten nach dem
Briefschreibgebrauche, steht auch im Briefe, und vorzugsweise im gegenwärtigen
das, wie und warum er Mich bei sich haben möchte! Mich freut gar sehr des
Königs Wunsch, und Ich werde ihn, bevor von nun an ein volles Jahr vergehen
wird, im Geiste und in der vollsten Wahrheit auch realisieren; aber es werden
und müssen zuvor noch gar große Dinge geschehen, von denen ihm Mein Jünger
schon eine Erwähnung tun wird. Der König wird dadurch denn auch sehr beruhigt
und getröstet sein.“
174. Kapitel
[GEJ.08_174,01] Als Ich diese Worte beendet
hatte, da ward von der Küche denn auch angezeigt, daß das Gastmahl bereitet sei
und auch aufgetragen werde. Da gab der Wirt das Zeichen zum Auftragen der
Speisen. Und es wurden eine Menge sehr wohlbereiteter Speisen, teils nach
griechischer und teils auch nach jüdischer Weise, auf die Tische gesetzt in
silbernen und auf meinem Tische in goldenen Schüsseln, und der Wirt und der
Sohn und dessen Weib und Kinder, wie auch dessen Mutter und heimischen jüngeren
Geschwister baten Mich inständigst, an dem Nachtmahle, das nun ein wahres
Freudenmahl sei, teilnehmen zu wollen, da Ich, als die Speisen aufgetragen
wurden, Miene machte, Mich mit den Jüngern von dem Tische zu entfernen. Auf das
viele Bitten blieb Ich denn auch samt den Jüngern am Tische, und alles ward
darob überfroh und heiter im ganzen Hause. Wir aßen und tranken denn auch bei
einer Stunde lang.
[GEJ.08_174,02] Mir ward ein besonders guter
Fisch vorgesetzt, der in dieser Gegend etwas gar Seltenes und Kostspieliges war,
den Ich denn auch verzehrte, worüber Kado eine große Freude äußerte. Da aber
auch einige der Jünger, die Fischer waren, gewisserart mit zähnewäßrigem Munde
unter sich die Bemerkung über die große Köstlichkeit des von Mir verzehrten
Fisches machten und Kado solche Bemerkungen vernahm, so ward es ihm leid, daß
er nicht mehrere von solch edlen Fischen auch für die Jünger im Vorrate habe,
sich aber für morgen schon damit versehen werde.
[GEJ.08_174,03] Sagte Ich: „Freund, dessen
hat es wohl nicht not! Die Jünger, die zumeist Fischer am Galiläischen Meere
sind, haben sich nur so unter sich über den Wert des Mir vorgesetzten Fisches
ausgesprochen; denn derlei Fische sind selten und darum auch kostspielig.“
[GEJ.08_174,04] Auf diese Worte ward Kado und
auch dessen Vater wieder beruhigt, und die Jünger machten darauf auch keine
ähnlichen Bemerkungen mehr, sondern lobten die Köstlichkeit auch der andern
Speisen, von denen nicht einmal ein Drittel verzehrt werden konnte.
[GEJ.08_174,05] Als wir aber mit dem Gastmahl
zu Ende waren, da kamen mehrere Arme von Jericho, die vernommen hatten, was
sich hier ereignet hatte, und baten, daß man ihnen etwas von den Überbleibseln
möchte zukommen lassen, da sie sehr hungrig und durstig wären.
[GEJ.08_174,06] Kado fragte Mich, ob die
vorgeblichen Armen auch die Wahrheit sprächen.
[GEJ.08_174,07] Sagte Ich: „Die meisten wohl;
nur ein paar sind darunter, die mehr die Neugierde und Lüsternheit hierher
geführt als irgendeine Not. Doch enthaltet auch diesen nichts vor; denn seht,
der Vater im Himmel läßt Seine Sonne ja auch über Ungerechte wie über die
Gerechten scheinen!
[GEJ.08_174,08] Wer da seinen Freunden Gutes
erweist, der tut wohl, denn es ist ja doch eine von selbst begreifliche
Pflicht, daß man denen Gutes erweist, die uns auch nur Gutes erweisen. Aber ein
Größeres ist es, auch den Feinden Gutes zu erweisen. Wer das tut, der wird
dereinst eine große Vergeltung im Himmel zu erwarten haben, und auf dieser Erde
wird er dadurch glühende Kohlen über den Häuptern seiner Feinde sammeln, sie
dadurch zuerst von ihrem Unrecht überweisen ohne Richter und Gericht und sie zu
seinen Freunden umstalten (umwandeln).
[GEJ.08_174,09] Und seht, alle, die nun
hierher um die Überbleibsel bitten kamen, sind dieses Hauses Freunde nicht,
weil es ihnen als ein reichstes, aber dabei auch hartherziges bekannt ist!
Erfüllet ihnen denn nun auch ihr Verlangen, und sie werden morgen und fortan
anders über euch urteilen!“
[GEJ.08_174,10] Kado und sein Vater dankten
Mir für diesen Rat, und der Vater befahl, die Überbleibsel in einen großen Korb
zusammenzusammeln und sie also an die Bittenden auszuteilen, und ließ jedem
dazu auch ein irdenes Töpfchen guten Weines verabfolgen.
[GEJ.08_174,11] Als die Bittenden also wohl
beteiligt worden waren, da fingen sie auch alsbald des Wirtes Güte und
Gerechtigkeit hoch zu rühmen an, und mehrere baten ihn dazu noch freiwillig um
Vergebung, so sie je über ihn irgendeine unlöbliche Meinung ausgesprochen
hätten. Der Wirt aber entließ sie nun freundlich mit der Versicherung, daß er auf
gar keinen Menschen mehr irgendeinen Groll habe. Und alle entfernten sich
ruhig, und man vernahm noch von der Straße ins Zimmer herein ein Lob ums andere
über den Wirt und seinen Sohn Kado aussprechen.
[GEJ.08_174,12] Da sagte der Wirt zu Mir:
„Oh, wie vielen Dank bin ich dir nun abermals dafür von neuem schuldig, daß du
mich mit einem Male jetzt von recht vielen Feinden befreit hast durch deinen
allerweisesten Rat, den ich aber von nun an auch gleichfort streng beachten
werde! Aber nun will ich dir einen andern Vortrag machen, und du wirst mir auch
darin sicher den besten Rat erteilen!
[GEJ.08_174,13] Siehe, Herr und Meister, wir
alle, wie es dir ohnehin nur zu klar bekannt ist, sind Griechen, und somit
Heiden! Wir halten aber dennoch eure alte Gotteslehre in stets höheren Ehren,
je mehr wir den Moses und die Propheten durchblättern. Wir hatten denn auch
einige Male den Entschluß gefaßt, uns fest und unverbrüchlich an eure Lehre
anzuschließen und so denn ihren Grundsätzen und Gesetzen gemäß zu handeln und zu
leben. Aber es ging diese Sache nicht so leicht, wie wir uns das vorstellten.
[GEJ.08_174,14] Es wäre uns sonst alles
recht, was die reine Lehre selbst anbetrifft, und wir haben uns denn auch schon
zu öfteren Malen in dieser Hinsicht mit einem hiesigen Rabbi besprochen. Doch
dieser schwätzte uns da eine Menge von allerlei höchst lästigen und nach meinem
Dafürhalten ganz überflüssigen und alles besseren und vernünftigen Sinnes
völlig entbehrenden Übertrittszeremonien und, im Falle wir diese nicht an uns vollziehen
ließen, nach den Gesetzen des Tempels von einem großen Enthebungsgelde vor. Und
so blieben wir denn noch bis zur Stunde um so mehr Griechen, weil wir von euren
Priestern wahrlich noch niemals irgendein besonders erbauliches und anlockendes
Zeugnis vernommen haben.
[GEJ.08_174,15] Was sagst du nun dazu? Sind
die Übertrittszeremonien oder die großen Enthebungsgelder unbedingt notwendig,
um ein rechter Jude im Herzen, Willen und Verstande zu werden, und kann man auf
keine andere Weise ein vollkommener Jude werden?“
175. Kapitel
[GEJ.08_175,01] Sagte Ich: „O allerdings! Wer
die Gesetze Mosis kennt und danach lebt und handelt und vollwahr und ernst im
Herzen der nichtigen heidnischen Vielgötterei entsagt und also den nur einen wahren
Gott über alles und seinen Nächsten, wie Ich das dir schon gezeigt habe, liebt,
der ist auch schon ein vollkommener Jude und benötigt dazu keines Weiteren
mehr.
[GEJ.08_175,02] Was liegt da am Tempel zu
Jerusalem, und was an aller leeren Zeremonie, die nur vor Meiner Ankunft einen
vorbildlichen Sinn hatte und nun aber leer, eitel und sinnlos dasteht!
[GEJ.08_175,03] Statt eines Enthebungsgeldes
aber gedenket nur tatsächlich der Armen, und machet ein jegliches Unrecht gut,
und ihr seid vor Mir und vor Gott mehr denn vollkommene Juden und werdet als
solche auch den großen Teil an Meinem Reiche haben!
[GEJ.08_175,04] So Ich euch aber das sage, da
könnet ihr es Mir wohl glauben; denn der Gott, der dereinst auf Sinai zu Moses
redete, der redet nun durch Mich zu euch! So Ich aber nun etwas als vor Mir
recht und gültig erkläre, wer sollte euch dafür einen Gegenbeweis geben? – Hast
du Mich verstanden?“
[GEJ.08_175,05] Sagte der Wirt und auch voll
Freude sein Sohn Kado: „Wer sollte das, was nach der reinsten Vernunft und nach
dem schärfsten Verstande eines Menschen nur zu wahr ist, nicht verstehen? Wir
danken dir auch für diesen Lichtbescheid!
[GEJ.08_175,06] Da wir nun aber schon im
Reden sind und im Fragen, so möchten wir von deiner Weisheit es erfahren, warum
denn überhaupt je ein zeremonieller, sogenannter Gottesdienst eingeführt worden
ist, und warum Gott solchen je zugelassen hat. Denn nach unserem Dafürhalten
ist das eben stets der Grund zu allerlei Aberglauben, Vielgötterei, zum
Götzentum und am Ende zur vollen Gottlosigkeit gewesen, wie wir an den
Diogenischen Weltweisen ersehen. Wenn den Menschen gleich von Urbeginn an eine
reine Gottes- und Menschenpflicht-Lehre gegeben worden wäre, so einfach und
verständlich, wie du, o Herr und Meister, sie uns vorgetragen hast, so wäre ja
sicher viel Unheil auf dieser Erde ausgeblieben.
[GEJ.08_175,07] Moses ist unbestreitbar der
reinste und wahrste Gotteslehrer und treueste Verkünder des Willens Gottes an
die Menschen; aber ohne eine wenn auch noch so bedeutungsvolle Zeremonie ist
auch seine Lehre nicht; und eben die Zeremonie ist nun der sichtliche Verfall
des sonst so erhabenen Judentums, der mit der Zeit immer größer und größer
wird. Warum wurde in der Vorzeit mit der Offenbarung einer Gotteslehre denn
auch immer ein zeremonieller Kultus mit verkündet und auch zur Ausübung sogar
streng anbefohlen?“
[GEJ.08_175,08] Sagte Ich: „Freund, du hast
nach der menschlichen Weise nun ganz gut geredet, und es ist im Urbeginne der
Menschen auf dieser Erde ihnen die Gotteslehre auch ebenso rein gegeben worden,
wie Ich sie euch nun gebe; aber die Menschen, die in der Natur der Dinge und
Erscheinungen auf und über dieser Erde stets bei allem Geschehen und Werden
allerlei eine vorangehende Zeremonie nur zu bald entdeckten, verfielen dadurch
selbst bei allen ihren Handlungen auf eine denselben vorangehende Zeremonie und
wendeten solche denn auch bei ihren Gottesverehrungen an.
[GEJ.08_175,09] So erklärten sie, daß man
Gott nur an gewissen reinen Orten anbeten und verehren solle; wer das nicht
tue, der zeige, daß er vor Gott keine wahre Achtung und Ehrfurcht habe. Um
solche Orte den Menschen um so ehrwürdiger zu machen, verrichtete man daselbst
eine Art Opferdienst, im Anfange zwar unter wirklich reinen und vernünftig
guten Absichten, da die Menschen daselbst für die von Gott erweckten Lehrer von
dem Gewinn ihrer Arbeiten und ihres Fleißes einen kleinen Teil deshalb zu
opfern hatten, damit die mit dem Unterrichte sich beschäftigenden Lehrer davon
einen Lebensunterhalt hatten.
[GEJ.08_175,10] Als sich die Menschen nach
und nach auf der Erde mehr und mehr vermehrt und weiter und weiter ausgebreitet
hatten, da vermehrten sich auch die Lehrer und ihre gottverehrlichen und von
den Lehrern für rein und gotteswürdig erklärten Orte und Bet- und Opferanstalten,
und als die Menschen denn auch durch ihren Fleiß reicher und wohlhabender
geworden waren, so begnügten sie sich auch nicht mehr mit den nur als rein und
gotteswürdig erklärten Orten, als da waren gewisse Hügel, Haine, reine Quellen
und hie und da auch mit wohlriechenden Blumen angebaute Gärten, sondern
erbauten ansehnlichere Hütten, später Häuser und Tempel, in denen die Lehrer
das Volk belehrten, die ihnen dargebrachten Opfer annahmen und mit dem Volke
allda auch zu Gott beteten mit Worten, Gebärden und auch mit Gesängen; was sie
als besonders schön, herrlich und erhaben fanden, damit ehrten sie denn auch
Gott als den Schöpfer solch herrlicher Dinge und weihten sie auch Ihm.
[GEJ.08_175,11] Und siehe, so haben die
Menschen selbst und besonders ihre stets reicher, aber auch stets hab- und
herrschsüchtiger gewordenen Lehrer und Vorsteher nach und nach den
zeremoniellen, wahrlich sogenannten Gottesdienst selbst erfunden und
eingeführt, aus dem sich in der Folge nur zu bald ein wahres Götzentum erzeugt
hat!
[GEJ.08_175,12] Moses führte aber im Grunde
keine Zeremonie ein, sondern erläuterte sie nur und stellte sie auf den alten
und reinen Urzustand. Er zerstörte Bilder und Tempel, und nur eine Hütte war
dazu bestimmt, in welcher sich die Lade befand, in der die Gesetze und Bücher
Mosis und später auch die Schriften der anderen Propheten aufbewahrt waren
nebst noch anderen an die Taten Gottes erinnernden Gegenständen.
[GEJ.08_175,13] Moses aber hat nach der
Weisung von Gott aus mit allem, was einer Zeremonie gleichsah, stets einen
doppelten Zweck verbunden: Einer bestand darin, daß die Zeremonie in
wohlentsprechender Weise alles das gleich einer Zeichenschrift darstellte, was
unter Mir nun in der vollen Wirklichkeit geschieht und noch fürder geschehen wird;
und zweitens verband er damit aber auch politische und für die Erhaltung der
leiblichen Gesundheit und für diese Erdgegenden vollends heilsame Zwecke. Er
zeichnete ihnen vor, was sie essen und trinken dürfen, und wie, wann und wie
oft sie sich zu waschen und zu reinigen haben, wie ihre Wohnhäuser gebaut und
beschaffen sein und welche Bekleidung die Juden tragen sollten.
[GEJ.08_175,14] Und so hatte denn auch die
Beschneidung einen ähnlichen doppelten Zweck; denn erstens war dadurch einem
jeden neugeborenen Juden ein Name gegeben, das Jahr und der Tag und sogar die
Stunde seiner Geburt eingeschrieben in das große Beschneidungsbuch – was alles
notwendig war-, und dem neugeborenen Juden ist dadurch die Verpflichtung
auferlegt worden, sich zu einem vollkommenen Menschen auszubilden, Gott zu
erkennen, an Ihn zu glauben, Ihn über alles zu achten und zu lieben und Seine
Gebote zu halten. Und siehe, das war der geistig-moralische Zweck der
Beschneidung! Der andere Zweck aber war wieder ein staatlicher und so auch ein
auf die Gesundheit und Reinheit des Leibes Einfluß habender.
[GEJ.08_175,15] Du hast nun ein leichtes, das
ganz klar einzusehen, wie die alte sogenannte Zeremonie der Juden im Grunde
keine gottesdienstliche, sondern nur eine den Menschen allein wohldienliche
war; daß mit der Zeit auch sie in ein völliges Götzentum überging, das sieht
nun schon ein jeder nur einigermaßen heller sehende und denkende Heide ein,
geschweige ein reiner, von Gott erleuchteter Jude.
[GEJ.08_175,16] Übrigens aber geschieht in dieser
Welt schon alles unter einer gewissen Zeremonie, wie Ich das schon vorerwähnt
habe. Die Zeremonie ist an und für sich zwar wertlos, geht aber dennoch stets
einem jeden Hauptfaktum voran und begleitet dasselbe und folgt ihm auch als
sein wertloser Schatten nach.
[GEJ.08_175,17] Betrachte nur einmal so recht
aufmerksam einen werdenden Tag! Der erste Vorbote des Tages ist ein Grauen im
Osten und gewisse bekannte Sterne, die vor der Sonne über den Horizont
emporsteigen. Dem ersten Tagesgrauen folgt bald eine hellere Morgendämmerung,
dieser die Morgenröte und noch so manches mehrere. Alle diese Morgenvorangänge
sind denn gewisserart doch auch Zeremonien, die an und für sich wahrlich keinen
Wert haben, und schon gar keinen erst dann, wenn die Sonne vollends aufgegangen
ist.
[GEJ.08_175,18] Also ist nun allen Juden und
auch den Heiden in Mir die geistige Sonne aufgegangen, und es können sonach
alle die Mich zum voraus bezeichnenden und verkündenden, wenn an und für sich
noch so sinnreichen Bilder, Dinge und Zeremonien fürs wahre Leben des Menschen
keinen Wert mehr haben; denn am hellen Tage wird es doch keinem vernünftigen
Menschen in den Sinn kommen, eine Nachtlampe anzuzünden, um etwa dem Tage ein
noch stärkeres Licht zu verschaffen.
[GEJ.08_175,19] Wie Ich dir aber nun gezeigt
habe die Zeremonie des Tagwerdens, ohne dich auf die ähnliche vor der kommenden
Nacht besonders aufmerksam zu machen, so kannst du die Vorgänge des kommenden
Sommers oder des Herbstes, des Winters, wie auch des Frühlings als eine Zeremonie
ansehen und ebenso auch die Vorgänge beim Werden zum Beispiel eines
Fruchtbaumes und noch anderer Gewächse und Kreaturen auf dieser Erde; sie sind
zur Hervorbringung einer reifen und genießbaren Frucht zwar unumgänglich
notwendig, aber der eigentliche Wert liegt am Ende doch nur in der reifen und
guten Frucht.
[GEJ.08_175,20] Und so ist es nun hier in der
geistigen Lebenssphäre der Fall. Es gingen dieser Lichtzeit gar manche
Zeremonien voran, die nun aber wertlos und eitel geworden sind, weil die Sonne
des Lebens selbst aufgegangen ist und ein jeder nun die vollends reife Frucht
vom Baume des Lebens nehmen kann und sich sättigen und stärken fürs ewige Leben
der Seele. – So er aber das kann, wie sollte da für ihn all die vorangehende
Zeremonie noch irgendeinen Lebenswert haben?
[GEJ.08_175,21] Und so kannst du denn nun
auch ein vollkommener und vor Mir gültiger Jude sein ohne die Beschneidung und
ohne deren Entgelt. Denn wer am Tage wandelt, der braucht keine Morgendämmerung
als irgend lebensnötig zu begrüßen, und wer von einem Baume schon die
vollreifen Früchte eingeerntet vor sich hat, der hat sich doch auch wahrlich
nicht mehr darum zu kümmern, wie der Baum Knospen getrieben und hernach geblüht
hat, und ob er viel oder wenig Laub besaß. Denn die Hauptsache ist die Frucht;
ist diese da, dann ist alles Vorangehende ohne Wert geworden.
[GEJ.08_175,22] Ich meine nun, daß du und
alle andern hier Anwesenden wohl werdet begriffen haben, wie die Zeremonie
unter den Menschen entstanden ist, und welchen Wert sie in ihrer Reinheit
hatte. Also aber werdet ihr nun auch begreifen, wie die Zeremonie nach und nach
ausgeartet ist und nun keinen andern Wert hat und haben kann als der Schatten,
der dem Wanderer folgt, so er nach der Richtung und nach dem Stande der Sonne seinen
Lebensweg nimmt. – Habt ihr das nun alle wohl verstanden?“
[GEJ.08_175,23] Sagten alle: „Ja, Herr und
Meister; denn diesmal hast Du einmal wieder klar und offen geredet!“
[GEJ.08_175,24] Dies betonten besonders die
Jünger.
[GEJ.08_175,25] Und Ich sagte darauf: „Darum
lasset euch denn auch nicht mehr von irgendeiner Weltzeremonie gefangennehmen!
Bleibet alle bei und in der Wahrheit; sie allein ist das Licht des Lebens und
wird euch frei machen von jeglichem Wahne und Truge!“
176. Kapitel
[GEJ.08_176,01] Hierauf dankte Mir abermals
der Wirt und sein Sohn für diese Belehrung, sagte aber am Ende: „Daß der Mensch
nur durch die Wahrheit von jedem Wahne und Truge frei gemacht werden kann, das
ist gewiß eine große und heilige Wahrheit schon in und für sich; aber es haben
gar viele Weise bei allen uns bekannten Völkern beständig nach der Wahrheit
gefragt, sie auch emsig gesucht und haben sie nicht finden können, und noch
niemand hat es als völlig ausgemacht und für die Menschen begreiflich dartun
können, was die Wahrheit ist. Und so möchte ich denn nun von dir, du lieber
Herr und Meister, vernehmen, was im Grunde des Grundes die Wahrheit ist; denn
du wirst uns darüber wohl den besten Aufschluß geben können. Erst dann, wenn
der Mensch weiß, was die Wahrheit ist, und wie und wo er sie finden kann, kann
er sie auch zu seiner Lebensrichtschnur in sich aufnehmen und sich durch sie
von jedem Wahne und Truge frei machen. Was ist also die volle Wahrheit, und wie
und wo finden wir sie?“
[GEJ.08_176,02] Sagte Ich mit freundlicher
Miene: „Sieh Mich an, und vernimm es wohl, was Ich dir nun sagen werde: Gott,
der Eine und allein Wahre, ist die Wahrheit. Wer Gott, den allein Wahren,
gefunden hat, der hat auch die Wahrheit gefunden, die ihn frei und vollends
lebendig machen wird. Hat der Mensch aber Gott gefunden und erkannt Dessen treu
geoffenbarten Willen, und lebt und handelt danach, so ist auch der Mensch
selbst in sich zur Wahrheit geworden; ist der Mensch aber das, dann ist er auch
schon frei und ist vom Tode der Welt und ihrer Materie zum Leben aus Gott
vorgedrungen.
[GEJ.08_176,03] Ich sehe in dir zwar noch
eine Frage, die nicht so leicht zu beantworten ist wie diese, die Ich nun schon
beantwortet habe, aber Ich werde auch für deine neue, noch nicht ausgesprochene
Frage wohl eine für jedermann verständliche Antwort finden.
[GEJ.08_176,04] Deine noch nicht
ausgesprochene Frage aber lautet also: ,Gott ist schon ganz richtig allein die
Wahrheit, und wer Gott gefunden hat, der hat die Wahrheit gefunden, die ihn
frei machen kann; aber wo ist Gott, wer ist Er, wie lautet als vollkommen wahr
Sein Wille, und endlich: wie finde ich Gott, und wie erkenne ich Ihn, daß Er es
auch ist?‘
[GEJ.08_176,05] Ja siehe, du Mein lieber
Freund, diese Frage ganz lichtvoll zu beantworten, ist für Mich wohl wahrlich
keine schwere Sache, aber für dich dahin dennoch, um die gegebene Antwort auch
lichtvoll zu verstehen! Doch versuchen wir es!
[GEJ.08_176,06] Siehe, Gott ist ein reinster
und ewiger Geist! Dieser ewige Geist ist die purste und reinste Liebe und also
das ewige Leben Selbst. Die Liebe aber ist ein Feuer und in sich ein flammend
Licht, und alles das ist die Wahrheit.
[GEJ.08_176,07] In Gott als dem ewigen
Urgrunde alles Seins ist denn auch das vollkommenste Selbstbewußtsein, die
höchste Intelligenz, Weisheit und Macht, und wäre es nicht also, so wäre auch
nie etwas erschaffen worden; denn was in sich nichts ist, kann sich auch ewig
nie zu etwas gestalten.
[GEJ.08_176,08] In Gott ist denn auch die
höchste Intelligenz und das lichtvollste Selbstbewußtsein ewig vorhanden und
wirkend gegenwärtig. Und wäre es nicht also, – wer hätte da den Engeln und
Menschen ein Leben mit der Intelligenz und mit dem Selbstbewußtsein zu geben
vermocht? Oder ist es möglich, jemandem etwas auch dann zu geben, so man es
selbst nicht hat? Kann eine stumme und rohe Kraft ein vollendetes Leben geben?
[GEJ.08_176,09] Du hast in deinem Leben doch
schon zu öfteren Malen allerlei blinde und in sich stumme Kräfte
durcheinandertoben und -wüten sehen; aber hast du auch schon einmal irgendwo
einen Orkan wüten sehen, der mittels seiner größten Macht- und
Gewaltentwicklung auch nur einen noch so elenden Schaf- oder Schweinestall
zusammengewirbelt hätte? Oder hat etwa ein Blitz einmal, so er aus der Wolke
herab in die Erde schlug, je etwas anderes als nur eine höchst ungeordnete
Zerstörung bewirkt?
[GEJ.08_176,10] Betrachte du nun alle die
stummen Kräfte und Gewalten, und du wirst an ihnen als Produkte ihres rohen
Wirkens nie etwas entdecken, aus dem sich auch nur ein kleinstes Fünklein
irgendeiner Intelligenz und Vernunft in und für sich wahrnehmen ließe! Ja, ein
weiser Forscher wird auch in dem noch so rohen Wirken der blinden und stummen
Kräfte und Mächte eine gewisse Ordnung und einen weisen Plan entdecken; aber
das ist kein Eigentum der blinden und stummen Kräfte und Mächte, sondern ein
Eigentum Gottes, der aus Seiner höchsteigenen und endlos weisen Willensmacht
derlei Gewalten bewirkt, um für einen oder den andern Teil der Erde einen guten
Zweck zu erreichen.
[GEJ.08_176,11] Betrachte du die Pflanzen,
Tiere und besonders den Menschen, so wirst du in allem eine größte Ordnung,
einen weise angelegten Plan, verbunden mit der besten Zweckdienlichkeit,
finden, was alles sich diese lebendigen Dinge nicht selbst je haben geben können,
weil sie als zuvor etwa aus sich daseiend ja doch nicht und nie da waren! So
sie aber nun da sind und ihr Dasein sicher einen höchst weisen Urheber
vorweist, da ist es denn ja auch klar, daß nur Seine höchste Intelligenz, Seine
Macht und Sein vollkommenstes Selbstbewußtsein derlei mannigfachste Wesen aus
Sich Selbst hat ins Dasein rufen können.
[GEJ.08_176,12] Der Mensch hat selbst in
seiner geistig noch unentwickelten puren Naturlebenssphäre schon eine
lichtvolle, weithinreichende Intelligenz, daraus die Vernunft und der Verstand
wie ein Baum aus einem Samenkorne sich entfalten, mittels derer er bald sehr
beachtenswürdige und wohlgeordnete Werke ins Dasein bringt.
[GEJ.08_176,13] Wer außer Gott könnte denn
dem Menschen, dessen Leib schon ein kunstvollster Organismus und eine höchst
weise eingerichtete Lebensmaschine ist, Intelligenz, Selbstbewußtsein,
Vernunft, Verstand, Liebe und einen ganz freien Willen mit der entsprechenden
Tätigkeitskraft geben, erhalten und vollenden?! Freund, wenn du das, was Ich dir
nun nur so in aller Kürze vorgestellt habe, nur einigermaßen helle überdenkst,
so wirst du darin auch ganz leicht den natürlichen Weg finden, auf dem der
Mensch, so er es nur ernstlich will, Gott und mit Ihm die ewige Wahrheit finden
kann! Und so er diesen Weg mit aller Liebe zu Dem, den er sucht, betritt, so
wird er Ihn auch finden; und hat er Ihn gefunden, so wird der Gefundene ihm
auch alsbald Seinen Willen kundtun.
[GEJ.08_176,14] Handelt der Mensch dann
diesem gemäß, so wird es auch heller und lichtvoller in seiner Seele, die sich
durch die Liebe zu Gott, den sie gefunden und erkannt hat, eben mit dem Geiste
aus Gott stets mehr und mehr einigt.
[GEJ.08_176,15] Und siehe nun, wenn bei dem
Menschen dieser Umstand eingetreten ist, dann ist er selbst zur Wahrheit
geworden, weil er in sich die Wahrheit gefunden hat; und mit dem wirst du nun
wohl einsehen, was die Wahrheit ist, wie sie zu suchen und wie und wo sie auch
allzeit sicher zu finden ist.
[GEJ.08_176,16] Hast du aber die Wahrheit so
gefunden, und bist du dadurch denn auch frei und rein geworden, so wird dadurch
auch alles, was dich umgibt, zur Wahrheit, Reinheit und Freiheit; denn für den
Wahrhaftigen ist alles wahr, für den Reinen alles rein und für den Freien alles
frei. Ein mehreres benötigst du vorderhand noch nicht. Frage dich aber nun
selbst, ob du das alles auch wohl verstanden hast, was Ich dir nun dargestellt
habe!“
[GEJ.08_176,17] Sagte Kado: „O Du mein lieber
Heiland, Herr und Meister! Du hast mir und uns allen nun große Dinge und
Wahrheiten verkündet und lichtvoll enthüllt; der alte Isisschleier ist
gelüftet, der Augiasstall in mir von seinem alten Unrate gereinigt und der
gordische Knoten entzweigehauen, – und das alles verdanken wir nun Dir allein!
Ich bin nun zu einem wahren Herkules geworden, – aber nicht zu jenem, der
unentschlossen am Scheidewege stand, sondern der entschlossen den Weg der
wahren Tugend betreten hat und auf demselben auch bis ans lichtvolle Ziel
fortwandeln wird.
[GEJ.08_176,18] Ich habe Dich gesucht, wie Du
es weißt, und habe Dich auch gefunden, wennschon in der Nacht, was aber um so
besser und bezeichnender ist, da ich Dich am Tage wohl sehr schwerlich einmal
wo gefunden hätte, da es in mir selbst Nacht und finster war. Nun aber hat es
in mir schon ganz gewaltig zu morgendämmern angefangen, und die Morgenröte wird
folgen, und die Sonne wird sich auch über den Horizont meines Lebens erheben!
Und ich meine, daß sie demselben bereits schon jetzt näher steht, als das meine
Seele bis jetzt noch zu fassen imstande ist. Kurz und gut, ich habe Dich, o
lieber Herr und Meister, gesucht und habe Dich denn auch gefunden; und da ich
nun von Dir erfahren habe, wie man Gott und in Ihm die Wahrheit zu suchen und
auch zu finden hat, so wird mir auch das gelingen.
[GEJ.08_176,19] Und so ich die Sache nun so
ganz recht und klar überdenke, so sagt mir etwas in meinem Herzen: ,Kado, du
hast schon alles gefunden und wirst weiterhin nicht mehr viel zu suchen haben!‘
Ich meine: Du, o guter und liebster Herr und Meister, und Der, den ich noch suchen
soll, steht nach meinem nun in mir erwachten Gefühle so ziemlich ungezweifelt
auf einer und derselben Stufe, und wer Dich gesucht und auch gefunden hat, der
hat auch schon Den mit gefunden, den er noch suchen soll. Denn die Zeichen, die
Du wirkst, und die Worte, die Du redest, kann kein Mensch reden und wirken. Ich
möchte hiermit sagen: Herr und Meister, Du Selbst bist die Wahrheit, der Weg,
das Licht und das Leben! Wer Dich gefunden hat, der hat auch schon alles
gefunden! – Habe ich unrecht nun geurteilt?“
177. Kapitel
[GEJ.08_177,01] Sagte Ich: „Mein Freund, dein
Fleisch hat dir das nicht geoffenbart! Aber nun vorderhand nichts mehr davon;
wir werden später schon wieder darauf kommen! Nun aber erzähle uns du, Kado,
eine Begebenheit, die dir vor zwei Jahren auf Patmos begegnet ist!“
[GEJ.08_177,02] Als Ich das zu Kado gesagt
hatte, da sagte er darauf: „Lieber Heiland, Herr und Meister, das, was mir auf
Patmos, und zwar namentlich auf unserer großen Besitzung, begegnet ist, und das
dreimal nacheinander, ist allerdings an sich recht denkwürdig und
beachtenswert; doch ein jedes Wort aus Deinem Munde ist noch ums
Unaussprechliche denkwürdiger und beachtenswerter als tausend derlei noch so
gut und wahr erzählte Erlebnisse, wie da ist das meine. So ich die Sache etwas
umständlich erzähle, nehme ich Dir die Zeit, in der Du gar manches Belebende an
uns hättest gnädigst können ergehen lassen!“
[GEJ.08_177,03] Sagte Ich: „Die Hauptsache
habe Ich euch schon gesagt, und zu noch so manchem andern wird sich auch noch
die Zeit finden; denn wir haben fünf Stunden Zeit, bis wir für unsere Glieder
eine Ruhe zu nehmen nötig haben. Und so denn kannst du uns schon dein Erlebnis
ganz offen und umständlich erzählen, denn Ich weiß, daß du ein guter Redner
bist.“
[GEJ.08_177,04] Sagte Kado: „Weil Du, o Herr
und Meister, es haben willst, so sei es denn in Deinem Namen! Um diese Sache
allen Anwesenden anschaulicher und begreiflicher darzustellen, wird es nötig
sein, auch die Örtlichkeit, wo mir das Sonderbare begegnet ist, ein wenig näher
ersichtlich zu machen, da es hier unter den Anwesenden denn doch mehrere geben
dürfte, die sich von dieser Insel, die sich zum größten Teile bis jetzt noch in
unserem Besitz befindet, keine Vorstellung machen können. Und so denn nun zur
Sache!
[GEJ.08_177,05] Die in Rede stehende Insel
gehört zwar zu den kleinen, aber sie ist doch groß genug, um mehrere Hunderte
von tätigen Menschen recht gut und wohl zu ernähren. Diese Insel ist wohl
gleich vielen andern griechischen Inseln gebirgig, aber sie ist fruchtbar, wo
sie gut bearbeitet wird. Der Wein ist gut, so auch die Feigen, Datteln und noch
eine Menge anderer Baumfrüchte. Mit dem Ackerbau und mit der Viehzucht sieht es
nicht so gut aus; aber dafür ist um die ganze Insel der Fischfang ein sehr reicher
zu nennen. Das wäre nun so ein allgemeiner Überblick von der Insel Patmos.
[GEJ.08_177,06] Unsere Hauptbesitzung auf
dieser Insel aber befindet sich südöstlich. Sie stellt ein kleines Dorf vor,
das ganz am Meere, das allda eine kleine Einbuchtung hat, erbaut ist. Hinter
dem Dorfe landeinwärts erhebt sich ein nicht hohes und nicht steiles Gebirge,
das zumeist mit Reben und Ölbäumen wohl bepflanzt ist; östlich aber erhebt es
sich etwas, und da, wo es ganz an das Meer stößt, ist es am höchsten und fällt
dann ziemlich steil bis zum Meere ab.
[GEJ.08_177,07] Auf dieser Höhe befindet sich
ein alter und noch überaus fest erbauter Turm, den wir, da er auch unser
Eigentum ist, teils zu einer recht angenehmen Wohnung und seine unterirdischen,
sehr geräumigen Katakomben in einen Weinkeller umgestaltet haben.
[GEJ.08_177,08] Der Turm soll von den
Phöniziern erbaut worden sein. Wozu sie ihn benutzen mochten, wäre wohl etwas
schwer zu erraten, da er seiner Gestalt nach entweder ein Leuchtturm, wie auch
ein Tempel, oder am Ende auch eine Art Gefängnis für Verbrecher und ebensogut
auch ein Verwahrer und Behälter von geraubten Gütern aller Art sein konnte.
Kurz, das gehört nun schon einer grauen Vorzeit an, und es lohnte sich kaum der
Mühe, die Ursache zu ermitteln, aus welcher die Phönizier einst etwa unseren
Turm mochten erbaut haben.
[GEJ.08_177,09] Nun aber gewährt er durch
seine neue Einrichtung, wie schon gesagt, erstens eine herrliche Aussicht in
die weite Ferne über Land und Meer und dient darum zur angenehmsten Wohnung und
zweitens zur Aufbewahrung von Weinen und auch anderen Früchten. Und auf dem
höchsten Punkte ist von Erz eine große Leuchtpfanne errichtet, die in finsteren
und stürmischen Nächten mit Pech und Naphtha angefüllt und angezündet wird,
damit bedrängte Schiffer es schon von ferne merken können, nach welcher
Richtung sie zu steuern haben, um eine sichere und von den Stürmen beinahe nie
heimgesuchte Bucht erreichen zu können. – Das wäre nun eine nötige
Ortsbeschreibung, und ich kann denn jetzt auch schon mit der Erzählung des von
mir erlebten seltsamen Ereignisses beginnen.
[GEJ.08_177,10] Vor zwei Jahren, so ungefähr
in dieser Jahreszeit, befand ich mich mit meiner Familie und mehreren Dienern
am beschriebenen Orte und hatte eben auch den größten und besten Teil der guten
Ernte unters Dach gebracht. Und wie es nach getaner Arbeit stets gut ruhen ist,
so ruhten wir denn auch an einem schönen Abende auf dem geräumigen Söller
unseres Turmhauses und betrachteten von da das Meer mit seinem Wogenspiel, die
Fischerboote, die sich auf dem Meere herumtummelten, von denen einige auch mit
ihrem Fange rüstig dem Ufer zuruderten, und so gab es da bei der untergehenden
Sonne noch so manches Seltene zu betrachten, was unser Meer stets reichlich
produziert.
[GEJ.08_177,11] So saßen wir ganz fröhlich so
lange beisammen, bis die Nacht sich vollends über das Meer und übers Land
gelagert hatte mit ihrem Sternengewande. Das Meer ward denn auch so völlig
ruhig, daß wir weit die Sterne aus seinem ruhigen Spiegel beinahe ebenso rein
widerstrahlend ersahen, als wie sie am hohen und weiten Firmamente zu sehen
waren. Meine Familie begab sich nun, da es etwas kühl zu werden begann, ins
Haus; ich selbst aber verweilte mit ein paar Dienern noch auf dem Söller und
besprach mich mit ihnen über so manche Geschäfte und Arbeiten, die uns der
kommende Tag bieten werde.
[GEJ.08_177,12] Als ich noch so im Gespräche
mich befand, dabei aber mit den Augen dennoch auf der weiten und ruhigen Fläche
des Meeres herumschweifte, ob nicht hier oder da etwas zu entdecken wäre, dem
man eine größere Aufmerksamkeit widmen könnte, da ersah ich von Osten her ein
schneeweißes Wölkchen schnell sich unserer Insel zuziehen. Und je näher es kam,
desto heller und größer wurde es denn auch. Ganz nahe an der Insel aber ward es
so hell, daß von seinem Lichte das Meer weit- und breithin so stark erleuchtet
war, daß man alles um vieles genauer hat ausnehmen können als im Vollichte des
Mondes.
[GEJ.08_177,13] Als das besagte Wölkchen die
Insel vollends erreicht hatte, da erhob es sich plötzlich bis zur gleichen Höhe
unseres Turmhauses. Es war zur Zeit des Sicherhebens aber von unserem Turmhause
in gerader Richtung dennoch so weit entfernt, daß man eine Stunde Zeit zu gehen
gehabt hätte, bis man die Stelle erreicht hätte, über der das leuchtende
Wölkchen, nun ruhig schwebend und stille stehend, sich befand.
[GEJ.08_177,14] Es stand aber das Wölkchen
nur eine ganz kurze Zeit ruhig; dann aber fing es an, sich abermals und gerade
auf unser Turmhaus los zu bewegen, was auf mich und meine beiden Diener einen
eben nicht angenehmen Eindruck machte, und wir fanden es für geraten, uns so
schnell als möglich ins Haus zu flüchten und abzuwarten, was aus dieser
Erscheinung am Ende alles noch werden würde.
[GEJ.08_177,15] Wir hatten aber kaum noch das
große Zimmer erreicht, so war das Wölkchen auch schon am Turmhause und
verbreitete durch sein starkes Leuchten beinahe eine volle Tageshelle im ganzen
Hause, das es nach allen Seiten hin ganz eingehüllt hatte. Wir waren unser viele
im Hause und waren auch lauter mutige und sehr beherzte Leute, und es getraute
sich doch niemand ins Freie hinaus, um zu erforschen, was etwa doch am Wölkchen
von einer gar so seltsamen Art verborgen sein möchte. Ja, es hatte uns die
Neugierde und hier besonders meine Wißbegierde angetrieben, hinauszugehen, um
zu erforschen, wie weit sich das Wölkchen übers Haus hinaus ausgebreitet hatte,
und dennoch konnten wir nicht insoweit unserer Furcht Meister werden, daß wir
unserer Neu- und Wißbegierde hätten Genüge tun können.
[GEJ.08_177,16] Das seltsame Wölkchen aber
blieb nun unverändert um unser Haus und wich weder nach links noch nach rechts,
und es ward uns sehr bange, so daß wir uns nicht getrauten, das bereitete
Abendmahl zu verzehren.
[GEJ.08_177,17] Ein alter und treuer Diener
meines Hauses, der mit dem Meere und seinen mannigfachen Erscheinungen sehr
vertraut war, sagte nach längerem Nachdenken: ,Mir fällt nun etwas ein! Es hat
mir ein Schiffer aus Palästina, der hier anhielt und Wein und Süßwasser auf sein
Schiff nahm, vor einem Jahre erzählt, daß es nun im Judenreiche das Ansehen
habe, als wollte der alte Gott Zeus mit allen andern Göttern den Olymp
verlassen und daselbst irgend seine Residenz errichten.
[GEJ.08_177,18] Er, Schiffer, selbst habe in
einem Orte dieses Reiches Menschen gesehen und sie auch beobachtet –: was diese
nur wollen und aussprechen, das geschieht dann auch augenblicklich. Allerlei
böseste Krankheiten heilen sie durchs Wort allein, Blinde werden sehend, Taube
hörend, Lahme und Krüppel und Gichtbrüchige, jung und alt, werden gerade und
springen herum wie Hirsche und Gazellen, und sogar den Verstorbenen wird ein
neues Leben gegeben. Nebst dem aber werden noch Tausende von andern nie
erhörten Wundertaten verrichtet bloß durch den Willen und durchs Wort dieser
Gottmenschen.
[GEJ.08_177,19] Wer anderes als nur die hohen
Götter können diese Menschen wohl sein?! Die Erdenmenschen haben in unserer
Zeit allen Glauben an die Götter verloren, und der vornehme Teil hat sich schon
seit lange her den verschiedenen Philosophen und Weltweisen in die Arme
geworfen und das ganze Götterwesen zu einer leeren Fabel gemacht, die kaum für
den gemeinen Pöbel mehr taugt; aber die hohen Götter haben sich etwa nun der
blinden und glaubenslosen Menschen von neuem wieder einmal erbarmt, sind nun im
noch gläubigsten Reiche der Juden in Menschengestalten auf diese Erde
herabgestiegen, um ihnen zu zeigen, daß sie als die Ewigen fortbestehen,
trotzdem sie nun schon von einer zahllosen Menge der weltweisen Atheisten vollkommen
geleugnet werden. Gar viele Griechen und Römer reisen nun dahin und überzeugen
sich selbst von dieser wunderbaren Wahrheit. –
[GEJ.08_177,20] Nun – sprach mein alter,
treuer Diener weiter –, kann es nicht sein, daß die nun im Judenreiche
residierenden Götter in diesem Lichtwölkchen uns, die wir doch noch einigen
alten Glauben haben und ihn auch noch nach Möglichkeit pflegen, irgendeinen
Genius zugesandt haben, um dadurch auch uns ein Zeichen von ihrem Dasein auf
dieser Erde zu geben? Das ist nun so meine Meinung und kann auch aus dem
Umstande schon auch gleich als eine volle Wahrheit angesehen werden, weil mir
die Erzählung des erwähnten Schiffers seit einem Jahre nun zum ersten Male
eingefallen ist, da ich sonst wohl kaum je wieder mich ihrer erinnert hätte.
Dies Wölkchen hat offenbar meine Erinnerung geweckt.‘
[GEJ.08_177,21] Als mein Diener dies beendet
hatte, da bekamen wir Mut und gingen hinaus, um unser Wölkchen zu betrachten.
Als wir aber noch kaum das Freie erreicht hatten, da erhob sich auch schon das
Wölkchen und zog sich ebenso schnell dahin wieder zurück, von woher es gekommen
war. Wir sahen dem Wölkchen so lange nach, bis es in weiter Ferne vor unseren
Augen gänzlich verschwand. Wir gingen darauf merkwürdigermaßen wieder ins Haus,
verzehrten ganz wohlgemut unser Mahl und begaben uns darauf bald zur Ruhe.“
178. Kapitel
[GEJ.08_178,01] (Kado:) „Am nächstfolgenden
Tage, als wir wieder hinab in unser Dorf kamen, um unsere Geschäfte und
Arbeiten zu leiten und zu ordnen, da kamen auch schon drei große Schiffe in
unserem Hafen an, um wie gewöhnlich hier Wein und Süßwasser zu nehmen. Sie
kamen von Sizilien und erkundigten sich angelegentlich, mit welchem Lichtstoffe
wir unseren Turm auf eine Zeitlang beleuchtet hätten. Sie hätten noch nie ein
so weißes Licht gesehen; sie wären in der Zeit noch mehrere Stunden
Meeresfahrzeit von dem Hafen entfernt gewesen, und es wären ihre Schiffe doch
so gut beleuchtet gewesen, daß sie auf ihnen nahezu wie am Tage alles gut
hätten ausnehmen können.
[GEJ.08_178,02] Also befragten uns auch die
Bewohner des Dorfes kreuz und quer, was das für ein Leuchten gewesen wäre. Und
mein alter, treuer Diener, der sich nun hier im Hause meines Vaters befindet,
weil ich ihn auch auf allen meinen Reisen mitgenommen habe, hatte wieder seinen
Mund geöffnet und erzählte den Fragern den Hergang ganz der Wahrheit getreu und
gab am Ende auch wieder seine Meinung hinzu; und alle Hörer lobten sehr seine
Ansicht.
[GEJ.08_178,03] Die Schiffer aber sagten, daß
sie sich im Judenreiche, wohin sie ohnehin zuerst zu steuern hätten, über diese
Sache allereifrigst erkundigen würden, und so sie etwa in einem halben Jahre
wieder hierher kommen würden, so würden sie uns ihre gemachten Erfahrungen
getreust mitteilen. Die Schiffer fuhren darauf bald wieder ab, und wir gingen
an unsere Geschäfte und Arbeiten, und es ging uns an diesem Tage alles bestens
vonstatten, was einem ordentlichen Wunder gleichsah.
[GEJ.08_178,04] Daß diesen Tag über noch viel
von der vornächtlichen Erscheinung hin und her geredet worden ist, versteht
sich leicht von selbst.
[GEJ.08_178,05] An diesem Tage begab ich mich
mit meinen Hausleuten etwas früher hinauf in unser Turmhaus, erstens, da wir
unsere Geschäfte und Arbeiten auch ganz glücklichst eher beendet hatten als
sonst, und zweitens, aufrichtig gesagt, um abermals auch an diesem Abende
Beobachtungen anzustellen, ob nicht etwa wieder so ein Wölkchen von Osten her
sich werde sehen lassen. Mein Weib und auch meine Kinder freuten sich sehr
darauf.
[GEJ.08_178,06] An diesem Abende war das Meer
etwas unruhiger als am vergangenen, und die Fischer fuhren mit ihrem Fange denn
auch früher nach Hause. Auch ein paar andere Schiffe, die von Süden kamen und
dem ziemlich bewegten Meere nicht zu trauen schienen, steuerten unserem
sicheren Hafen zu, und die Schiffer hingen bald ihre Fahrzeuge an unsere festen
Uferstöcke, was ein sicheres Zeichen war, daß sie, einen Sturm befürchtend, zum
wenigsten die Nacht über in unserem Orte verweilen würden.
[GEJ.08_178,07] Das Meer ward gegen Abend hin
auch stets unruhiger, und so man die Augen in die weite Ferne hinaus richtete,
da nahm man auch recht gut wahr, daß das Meer sehr hohe Wogen trieb, darum man
auch kein Schiff mehr über den Fluten schwimmend entdecken konnte; denn die
Schiffer werden schon am Tage Zeichen bemerkt haben, daß das Meer die Nacht
hindurch sehr hoch gehen werde, und hatten darum auch schon frühzeitig
irgendeine ruhigere Bucht zu erreichen gesucht.
[GEJ.08_178,08] Es waren zwar am ganzen
weithin sichtbaren Himmel keine Wolken zu entdecken, und vom Süden her wehte
nur ein ganz schwacher Wind; aber es mußten sich unter dem Meere die gewissen
Tartaruswinde erhoben haben, die das Meer in eine solche Unruhe versetzten. Wir
nennen dergleichen unterirdische Winde Tartaruswinde, weil wir dafür keinen
andern Namen haben. Merkwürdig war es aber, daß sich trotz des stets heftiger
werdenden Stürmens des Meeres keine Sturmvögel sehen ließen, auch keine
Meerkälber ihren solchen Stürmen stets vorangehenden Tanz und ihr lustiges
Springen haben sehen lassen. Denn an derlei Meeresungetümen hat es in unserem
Meere wahrlich keinen Mangel.
[GEJ.08_178,09] Die Sonne fing auch an, ins
Meer zu tauchen, und ich befahl den Dienern, die Pfanne zu füllen und
anzuzünden, da denn doch noch irgendein größeres Schiff sich auf dem Meere
befinden konnte, das in der Nacht dann nicht hätte sehen können, wohin es sich
retten könnte. Die große Pfanne ward denn auch bald gefüllt und angezündet und
brannte schon vollauf lichterloh, als die Sonne völlig untergegangen war, und
es war das gut, da es nachher kaum eine Stunde dauerte, als noch ein großes
Schiff, vom etwas heftiger gewordenen Südwinde getrieben, wohlausnehmbar auf
unseren Hafen zusteuerte und denselben auch glücklich erreichte!
[GEJ.08_178,10] Diese Schiffer, auch aus Ägypten
ankommend, um hier unseren Wein zu kaufen, erzählten am nächsten Tage, daß sie
eine große Not mit den hochgehenden Wogen zu bestehen gehabt hätten, und daß
sie sehr erfreut worden seien, als sie das ihnen schon wohlbekannte Licht von
Patmos bemerkt hätten.
[GEJ.08_178,11] Wir aber saßen trotz des
großen Tobens und Brausens des Meeres ganz wohlgemut auf unserem Söller
beisammen und richteten unsere Blicke nach dem Osten, ob nicht etwa das
gestrige Lichtwölkchen irgendwo sich wieder möchte sehen lassen. Und es dauerte
wahrlich nicht lange mehr, da war das Wölkchen auch schon im weiten Osten
wieder ersichtlich geworden und machte die gleiche Bewegung, wie es gestern,
wie schon erzählt, der Fall war.
[GEJ.08_178,12] Sowie aber das wundersame
Wölkchen nur ersichtlich geworden war, da legte sich auch sogleich wunderbar
der Sturm des Meeres, und in wenigen Augenblicken ersah man schon wieder die
Sterne aus dem ruhigen Meeresspiegel zu uns emporschimmern.
[GEJ.08_178,13] Es dauerte denn nun auch gar
nicht lange mehr, und das Wölkchen hatte unser Turmhaus umlagert, und das
Leuchten kam mir dies zweite Mal noch stärker vor denn das erste Mal; denn das
Meer war weit hinaus wie am Tage erleuchtet, was wir wohl ausnehmen konnten,
weil diesmal das Wölkchen über unserem Turmhause schweben blieb und dasselbe
nicht so wie das erste Mal ganz eingehüllt hatte. Merkwürdig aber war dies
zweite Mal auch der Umstand, daß die Flamme in unserer Leuchtpfanne in dem
Augenblick völlig erlosch, als das Wölkchen das Haus bis zu seiner halben Höhe
herab umhüllt hatte.
[GEJ.08_178,14] Diesmal blieb das Wölkchen
sicher gut um eine Stunde länger ums Haus als das erste Mal, und uns ward dabei
so wohl zumute, als es einem Gotte im Gefühle seiner Macht und ewigen
Unsterblichkeit zumute sein kann; denn auch wir fühlten uns als vollends
mächtig und unsterblich.
[GEJ.08_178,15] Mein alter, getreuer Diener
sagte nach einer Weile, ganz zerknirscht vor Ehrfurcht, so vor sich hin: ,O du
altes, heiliges Götterlicht, das die Urmenschen hell und lebendig erleuchtet
und also auch zu ordentlichen Halbgöttern umgewandelt hat, leuchte nun den
Sterblichen wieder, und mache also ersticken ihr Weltlicht, wie du ersticken
machtest das matte Licht unserer Meererleuchtungspfanne! Dann werden die
Schiffer auf dem nur in unserer Nacht tobenden Meere des Erdenlebens Ruhe
finden und wieder zu der Einsicht gelangen, warum sie von den hohen Göttern in
diese Welt gesetzt worden sind.‘
[GEJ.08_178,16] Als mein Diener solche Worte
sicher ganz vollernstlich ausgesprochen hatte, da vernahmen wir alle ganz klar
und deutlich aus dem Wölkchen die Worte: ,Suchet, so werdet ihr es auch finden!
Das alte Lebenslicht der Himmel soll den Menschen, die eines guten Herzens und
Willens sind, wieder von neuem in Überfülle gegeben werden. Von woher aber ich
komme, von dorther wird auch bald das große Licht kommen.‘
[GEJ.08_178,17] Darauf erhob sich das
Wölkchen wieder und zog schnell wieder dahin, von woher es gekommen war.
[GEJ.08_178,18] Sowie aber das wundersame Wölkchen
unseren Blicken wieder völlig entschwunden war, da loderte wieder die Flamme in
der Leuchtpfanne von selbst hell auf und leuchtete ganz wohl die ganze Nacht
hindurch. Wir aber waren alle zerknirscht, besonders über die deutlich
vernommenen Worte, die gewisserart das Wölkchen zu uns gesprochen hatte.
[GEJ.08_178,19] Und mein alter Diener sagte:
,Oh, was würden nun unsere Weltweisen, die an nichts mehr glauben als nur an
ihre Vernunft, dazu sagen, so sie das mit uns hier erlebt und geschaut hätten!
Ja, ja, die Menschen, die die Götter und ihr wahres Lebenslicht suchen, mit
gutem Herzen und festem Willen, und sich nicht so leicht von allen
Weltzweiflern mitreißen lassen, die finden am Ende auch, was sie suchten, – was
aber kein Weltweiser findet. Die Götter aber sind dem sicher nicht zugetan, der
ihr Dasein leugnet, wir aber wollen von nun an den Göttern von ganzem Herzen
stets mehr zugetan bleiben und werden sie auch in das Reich, in dem sie nun als
sichtbare Menschen richten, walten und schalten sollen, selbst aufsuchen gehen
und werden ihnen dort unsere tiefste Verehrung und einen wahren Opferdank
darbringen für die Gnade, daß sie uns auf dieser verlassenen Insel durch das
Lichtwölkchen heimgesucht haben!‘
[GEJ.08_178,20] Wir alle stimmten in die guten
Worte unseres Alten, und ich versprach, das selbst zu tun, sobald ich in Athen
alles in die nötige Ordnung gebracht haben würde, worüber alle eine große
Freude äußerten und ich selbst mich denn auch fest entschlossen habe, meine
Handelsgeschäfte in Athen und auch an andern Orten zu verkaufen und dann die
Götter aufsuchen zu gehen.
[GEJ.08_178,21] Darauf begaben wir uns denn
wieder ins Haus und nahmen das schon bereitete Nachtmahl zu uns, was uns
diesmal besonders schmackhaft vorkam.“
179. Kapitel
[GEJ.08_179,01] (Kado:) „Wir wollten uns, wie
sonst, auch diesmal nach dem Mahle gleich zur Ruhe begeben, aber es ging das
diesmal nicht so ganz nach unserem Sinne; denn es kamen einige aus dem Dorfe
herauf und baten, mit mir zu reden. Darunter befand sich auch unser
Dorfpriester, der einem kleinen Apollo- und Zeustempel diente und daneben auch
die Tageszeiten, die Planeten, die Sternbilder und auch die Winde zu beobachten
hatte, um daraus gewisse nötige Weissagungen zu machen.
[GEJ.08_179,02] Dieser Priester, auch schon
ein ergrauter Mann, der nie je ein Weib und irgend Kinder hatte, weil er seinen
Göttern die lebenslängliche Keuschheit geschworen hatte, auf daß sie ihn dafür
mit der tiefen Weisheit in allen Dingen, denen er stets mit großem Eifer
vorstand, begaben möchten, war der erste, der sogleich allerlei Fragen an mich
richtete, natürlich in bezug auf die zweitmalige Erscheinung des
Lichtwölkchens; denn die erstmalige war ihm nicht so ganz besonders
aufgefallen, weil er der Meinung war, daß ich etwa das weiße Licht mittels des
bekannten indischen Leuchtmaterials zustande gebracht hätte. Da er aber nun den
Tag über mehrfach in die untrügliche Erfahrung gebracht hatte, wie das
Lichtwölkchen über unser Turmhaus am Berge gekommen ist, so ließ ihn die
heutige Erscheinung nicht ruhen und zog ihn zu mir auf den Berg und mit ihm
denn auch noch einige erste Fischer und Uferaufseher.
[GEJ.08_179,03] Also bei mir angelangt, sagte
er (der Dorfpriester): ,Freund Kado, was hat es denn mit dem nun schon zum
zweiten Male zur gleichen Zeit erschienenen Lichtwölkchen für eine Bewandtnis?
Ich habe heute Verschiedenes hin und her reden hören, legte aber bei meiner
vielfachen Erfahrung über allerlei Lichterzeugungen, die unsere alten Vorfahren
gar gut zu machen imstande waren, kein großes Gewicht darauf. Aber weil sich
die gestrige Erscheinung heute auf eine noch um vieles auffallendere Weise zur
gleichen Zeit wiederholt hat, so ließ mich das nun nimmer ruhen, und ich bin
darum heraufgekommen, um von dir selbst etwas Näheres darüber zu erfahren. Sei
denn im Namen unseres Zeus und Apoll so gut und sage mir die Wahrheit, die dir
hier schier bekannter sein wird als mir, weil die Erscheinung sich
hauptsächlich dein Berghaus zu ihrer Manifestation auserkoren zu haben
scheint!‘
[GEJ.08_179,04] Darauf sagte ich zum
Priester: ,Siehe, da ist mein alter treuer Diener, der ist in diesen Dingen um
vieles erfahrener denn ich; den frage, und er wird dir den besten Aufschluß zu
geben imstande sein!‘
[GEJ.08_179,05] Hierauf wandte sich der
Priester fragend an den Diener, und dieser erzählte dem Priester alles mit
großer Offenheit eine volle Stunde lang, was ihm bekannt war, und vergaß der
höchst gewichtigen Worte nicht, die wir alle aus der Lichtwolke vernommen
hatten.
[GEJ.08_179,06] Als unser alter Priester
alles das mit wahrhaft großer Würdigung erfahren hatte, da sagte er: ,Es ist
das nun wahrhaft etwas höchst Seltenes und somit auch Allerdenkwürdigstes! Es
ist ohne Zweifel, daß die Götter einst mit den Menschen in einem innigeren
Verbande und Verkehre gestanden sind als irgendwo in dieser Zeit, in der die
Menschen sich von ihnen nahe gänzlich abgewandt haben, und selbst bei den
wenigen, die noch einen Glauben haben, ist aber das dennoch kein wahrer
lebendiger Glaube, sondern nur ein Gewohnheitsglaube, – und so ist es nun in
dieser unserer gänzlich verdorbenen Welt und Zeit auch sicher unzweifelhaft
wahr, daß die allzeit guten und weisen Götter sich wieder einmal der Menschen
erbarmt haben und sie wieder auf den rechten und wahren Lebensweg bringen werden,
weil das alle Weisen auf der ganzen Erde nimmer imstande gewesen wären.
[GEJ.08_179,07] Aber nun muß ich bei dieser
Gelegenheit doch auch eines sonderbaren Traumes Erwähnung tun, den ich in der
vorigen Woche drei Tage nacheinander stets gleichgestaltig hatte, und das
sozusagen stets schon am hellen Tage. Ich pflege nämlich nach meinen
Morgenbeobachtungen der Sterne und der Winde, der Wolkenzüge und der Bewegungen
des Meeres, der Fische und auch der Vögel in der Luft, was allzeit gut ein paar
Stunden vor dem Aufgange zu geschehen hat, mich nach dem vollen Aufgange der
Sonne auch auf ein paar Stunden lang auf mein gutes Ruhebett zu legen und so
als ein schon alter und mühseliger Mann von meiner Arbeit und Mühe ein wenig
auszuruhen. Wie ich mich aber in den vorbenannten drei Tagen zur besagten
Morgenruhe begab, da schlief ich denn auch alsogleich ein und hatte, wie
gesagt, dreimal folgenden stets gleichen Traum:
[GEJ.08_179,08] Ich befand mich auf einer
unabsehbar weiten Ebene; diese war geschmückt mit einer Menge von allerlei
Göttertempeln, die in verschiedenen Entfernungen voneinander abstanden. Ich
bemerkte darunter alle unsere bekannten Göttertempel, aber auch eine große
Menge anderer, die fremden Völkern und Nationen, die mir ganz unbekannt waren,
angehörten. Ich betrachtete das mit Wohlbehagen, obschon die ganze Gegend nur
ungefähr also erleuchtet war wie bei uns ein ganz trüber Wintertag, wenn der
Regen dicht aus dem dunkelgrauen Gewölk zur Erde niederfällt. Menschen aber
bemerkte ich außer mir nicht, und das machte mit der Weile einen etwas düsteren
Eindruck, und ich fing an, den Zeus und Apoll zu bitten, daß sie doch einen
Menschen mir möchten zukommen lassen.
[GEJ.08_179,09] Darauf kam denn auch ein
Mann, der einem Juden gleichsah, zu mir und sagte mit ernster Stimme: ,O du
alter Narr, was betest du leer zu den Göttern, die niemals waren und niemals
sein werden? Bete du lieber zu dem einen, wahren Gott der Juden im Geiste und
in der Wahrheit, und es wird dir gegeben werden, um was du bitten wirst!
[GEJ.08_179,10] Siehe, alle diese Tempel mit
ihren toten, von Menschenhänden gemachten Göttern werden ehest von der Erde
weggefegt werden, und nur ein lebendiger Tempel für den nur einen und allein
wahren, lebendigen Gott wird verbleiben, und dieser Tempel wird nun von Gott
Selbst erbaut unter den Juden und Heiden und unter allen Völkern der Erde.
Dieser Tempel wird leuchten wie eine Sonne über die ganze Erde, und die von
seinem Lichte durchdrungen werden, werden überkommen das ewige Leben und werden
Kinder des Allerhöchsten heißen. Ich aber will dir nun nur ein Fünklein von dem
Lichte des neuen Tempels zeigen, und alle diese Tempel werden von der Macht
dieses Fünklein-Lichtes in Staub und Asche verwandelt werden.‘
[GEJ.08_179,11] Hierauf zog er ein kleines Buch
aus einer Tasche hervor, die er an seiner Brust trug, öffnete es, und ich sah
darin die Worte: ,Wer an Mich glaubt im Herzen, der wird das ewige Leben haben;
denn Ich, der allein ewige und wahre Gott, bin das Licht, die Wahrheit, der Weg
und das Leben.‘
[GEJ.08_179,12] Darauf erglänzten gewaltig
die von mir nun ausgesprochenen Worte, und über die ganze, weite Ebene ergoß
sich wie ein mächtigster Strom das Licht, – und seht, o Jammer, alle die
zahllos vielen Tempel stürzten samt ihren Göttern wahrlich in Staub und Asche
übereinander, und ich sah darauf Menschen, die wie wahre Brüder und Schwestern
miteinander wandelten in weißen Kleidern, und am Himmel ersah ich einen
Menschen voll Lichtes wie in einer Sonne stehend, und alle, die auf der weiten
Ebene miteinander wandelten, riefen zu diesem Einen Menschen: ,Lieber, heiliger
Vater!‘
[GEJ.08_179,13] Darauf erwachte ich alsbald
und war vollauf gestärkt und voll gesunden und guten Mutes, und es kam mir auch
in meinem Gefühle also vor, als wäre ich kein sterblicher Mensch mehr.
[GEJ.08_179,14] Dieses Traumgesicht hatte
ich, wie schon früher bemerkt, drei aufeinanderfolgende Tage unverändert gleich
und gestern und heute die Erscheinung des wundersamen Lichtwölkchens und auch
die Worte, die ihr aus dem Wölkchen vernommen habt, dazu, und es gestaltet sich
für die Folge ganz etwas anderes, als was wir nun in unserer alten Frömmigkeit
glauben. Die nahe Folge aber wird es zeigen, ob ich nun nicht richtig geurteilt
habe!‘
[GEJ.08_179,15] Darauf empfahl sich der
Priester und auch alle, die mit ihm zu uns herauf gekommen waren, und wir
hatten nun Ruhe, und mein alter Diener sagte: ,Es ist sonderbar, daß dem sehr
frommen und tätigen Priester, dem man wohl aufs Wort fest glauben kann, so
etwas drei Male hintereinander geträumt hat! Sollte es denn mit unseren alten
Göttern im Ernste durch ein neues Wortlicht zu Ende gehen? Hm – hm – hm! – Ja,
ja, – möglich ist alles! Merkwürdig ist es, daß nun derlei den Göttern gleiche
Menschen gerade im Judenreiche aufstehen; warum nicht auch bei uns, denen nach
dem Traume des Priesters die Erkenntnis des einen, wahren Gottes sicher
gänzlich mangelt, und wo wir auch um vieles glaubenswilliger sind denn die
Juden, deren Glaube an ihren einen Gott schon äußerst schwach geworden sein
soll, während wir noch mehr oder minder an viele Götter glauben und bei ihnen
Rat und Trost und Hilfe suchen?‘
[GEJ.08_179,16] Sagte ich: ,Freund, heute
wollen wir uns endlich einmal zur Ruhe begeben, die uns allen not tut; morgen
aber wird sich schon eine mehrfache Gelegenheit vorfinden, bei der wir über die
Sache noch so manches werden reden und urteilen können.‘
[GEJ.08_179,17] Darauf begaben wir uns alle
denn auch sogleich zur Ruhe und waren am nächsten Tage schon vor dem Aufgange
auf den Beinen und begaben uns auch bald an die Geschäfte und Arbeiten.“
180. Kapitel
[GEJ.08_180,01] (Kado:) „Als wir am Morgen in
unser Dorf hinabkamen, da hörten wir von nichts anderem reden als von dem
Lichtwölkchen. Und wie es bei solch wundersamen Gelegenheiten bei den einfachen
Naturmenschen, bei denen der liebe Verstand ganz kurz ist, aber desto länger
ihre Phantasie, schon zu gehen pflegt, so gab es denn auch an allerlei
Deutungen über die Erscheinung keinen Mangel, die nun wieder nur kurz und
anführungsweise hier wiederzugeben sich wohl nicht der Mühe lohnen würde.
[GEJ.08_180,02] Wir hatten unter unseren
Geschäften und Arbeiten auch diesen Tag beschlossen und uns noch etwas früher
zur Ruhe und Stärkung auf unseren Berg und in unser Turmhaus begeben, als wie
wir das gestern getan hatten, und machten uns wieder auf unserem Söller breit
und bequem in der sehnsüchtigen Erwartung, ob uns auch an diesem Abend
irgendeine wundersame Erscheinung zuteil werde.
[GEJ.08_180,03] Als wir kaum eine halbe
Stunde so auf dem Söller beisammensaßen und die munteren Szenen auf dem Meere
betrachteten, da kam mit noch drei Gefährten uns auch unser alter Priester nach
und bat mich, auch in unserer Gesellschaft den Abend zubringen zu dürfen, was
ihm auch zuvorkommend gerne gestattet wurde.
[GEJ.08_180,04] Er nahm Platz an meiner Seite
und erzählte uns, was er am frühen Morgen gesehen und beobachtet hatte, und
machte daraus den Schluß, daß wir auch an diesem Abende noch einmal die gleiche
Erscheinung sehen würden, und er sei denn auch hauptsächlich deshalb zu uns
heraufgekommen, um uns erstens darauf aufmerksam zu machen und zweitens aber
auch selbst als Zeuge gegenwärtig zu sein, wie das Lichtwölkchen entstehen und
von woher es den Weg zu diesem Turmhause nehmen werde. Denn er habe einen Plan
gefaßt, und der bestehe in dem, daß er dem Vielgötterdienste entsagen und den
Eingottesdienst einführen werde; denn es nötige ihn dazu erstens sein dreimalig
gleiches Traumgesicht und zweitens die sonderbare Erscheinung des
Lichtwölkchens; und erscheine das auch an diesem Abende – zum dritten Male –,
so werde er um so entschiedener seinen ausgesprochenen Plan in die volle
Ausführung bringen.
[GEJ.08_180,05] Ich und alle Anwesenden
lobten ihn darum, und auch mein alter, treuer Diener stimmte dem Plane des Priesters
bei.
[GEJ.08_180,06] Es wurde nun noch so manches
über die Ausführung des vom Priester gefaßten Planes gesprochen, und es ward
unter solchen Reden und Beschlüssen denn auch wie nahe ganz unbemerkt voller
Abend, und die Sterne fingen an, vom Himmel herabzuleuchten. Da an diesem Abend
das Meer ruhig war, so ließ ich die Leuchtpfanne nicht anzünden, was auch
meinen Hausdienern recht war, weil sie vor dem Anzünden des Leuchtmaterials in
der Pfanne stets eine Art Scheu hatten.
[GEJ.08_180,07] Als wir noch so manches unter
uns besprachen, aber dabei unsere Augen stets nach der Gegend gerichtet
hielten, von der das Lichtwölkchen schon zwei Male gekommen war, da entdeckten
wir es auch heute als zum dritten Male, und wir alle brachen in einen großen
Jubel aus, als das gleiche Lichtwölkchen sich über den fernen Horizont erhob
und sich abermals äußerst schnell zu uns her zu bewegen begann. In wenigen
Augenblicken hatte es auch wieder mein Turmhaus erreicht und so wie gestern bis
zur halben Höhe herab eingehüllt. Dies dritte Mal fühlten wir eine noch größere
Wonne und Stärkung, und das Gefühl der Sterblichkeit hatte uns gänzlich
verlassen. Das Wölkchen leuchtete an diesem Abend aber so stark, daß wir ob der
Stärke des Lichtes keinen Stern am Firmament mehr sehen konnten.
[GEJ.08_180,08] Als das Wölkchen aber sein
Leuchten verstärkte, da wurden wir alle auch aufs äußerste ergriffen, und unser
Priester hob seine Hände wie bittend zum Wölkchen empor und sagte: ,O du liebes
und heiliges Wölkchen, richte auch heute ein tröstendes Wörtchen an uns!‘
[GEJ.08_180,09] Und wir alle vernahmen
alsbald folgende klar ausgesprochenen Worte: ,Wer das Licht sucht, der findet
es auch, und es kommt zu ihm als Leben in der Nacht seines Todes und macht ihn
lebendig. Suchet das Licht fürderhin mit dem rechten Ernste, und ihr werdet es
dort finden, von woher ihr es nun zum dritten Male habt zu euch kommen sehen!
Diese Insel ist nun wohl eine noch unansehnliche; aber es wird von ihr aus
dennoch allen Völkern der Erde ein großes Licht gegeben werden, und sie wird
dann eine angesehene Stätte der Geheimnisse Gottes und Seiner Pläne mit den
Menschen werden und wird einen großen Namen haben. Du alter Priester aber führe
deinen Plan nur aus, und bereite Mir eine Wohnstätte in den Herzen der Menschen!‘
[GEJ.08_180,10] Nach diesen Worten verstummte
das Wölkchen wieder, verließ auch bald darauf mein Turmhaus und zog sich wieder
nach dem Osten zurück, also, wie es sich die zwei ersten Male zurückgezogen
hatte. Wir starrten mit unseren Augen noch eine volle Stunde nach der Gegend
hin, wo das Wölkchen unseren Blicken entschwand, und wollten es gleichsam noch
einmal zu Gesichte bekommen; aber es war vergeblich. Merkwürdig war aber bald
nach dem Verschwinden des wundersamen Wölkchens, daß sich ein starker Südostwind
erhob und das Meer in ein starkes Wogen brachte, was mich nötigte, die
Leuchtpfanne anzünden zu lassen. Wir wären noch länger auf dem Söller
versammelt geblieben, so der Wind nicht stets heftiger hätte zu wehen
angefangen; da er aber nach einer Stunde etwas zu heftig geworden war, so blieb
uns nichts anderes übrig, als uns wieder ins Haus zu begeben.
[GEJ.08_180,11] Ich lud den Priester samt
seinen Gefährten ein, mit mir zu nachtmahlen.
[GEJ.08_180,12] Er aber entschuldigte sich
und sagte: ,Ich habe heute noch vieles über die Ausführung meines Planes zu
denken, wie auch über die Bedeutung der aus dem Wölkchen vernommenen Worte, und
dazu darf ich den Magen nicht beschweren. Aber morgen werde ich zum Morgenmahle
hier erscheinen!‘
[GEJ.08_180,13] Mit dem empfahl er sich und
ging mit seinen Gefährten hinab ins Dorf. Wir aber setzten uns an unseren
Speisetisch und nahmen das Nachtmahl zu uns.
[GEJ.08_180,14] Es versteht sich von selbst,
daß wir viel über die dreimalige gleiche Erscheinung, die sich nachher nicht
mehr wiederholte, wie auch über die Ausführung des Planes unseres alten
Priesters miteinander geredet haben, nahe bis zur Mitternacht.
[GEJ.08_180,15] Darauf erst begaben wir uns
zur Ruhe, in der wir von den heftigen Windstößen mehrere Male gestört wurden,
aber am Morgen doch ganz gestärkt das Freie betraten.
[GEJ.08_180,16] Der Priester kam auch zum
Morgenmahle, wie er es versprochen, und teilte uns auch die Resultate seines
nächtlichen Nachdenkens mit. Und er ließ es nicht bei seiner Vornahme stehen,
sondern fing auch schon an diesem Tage an der Ausführung zu arbeiten an, wozu
die wundersame Erscheinung wohl die besten Dienste leistete. Und heute seht ihr
in meinem Dorfe keinen Zeus und Apoll mehr, und der Priester hat nun gleich
einem Plato schon viele Jünger, die er den Gott der Juden kennen lehrt. –
[GEJ.08_180,17] Da ist nun treu und wahr
erzählt das denkwürdige Ereignis, das auf Patmos von vielen ist gesehen worden.
Wie es aber eigentlich entstanden ist, und was es zu bedeuten hatte, das wirst
Du, lieber Herr und Meister, wohl am allerbesten wissen. So Du uns nun darüber
einige Aufhellungen geben wolltest, so würde uns das in hohem Grade glücklich
machen! – Herr, vergib mir die Langweiligkeit meiner Erzählungsweise!“
[GEJ.08_180,18] Sagte Ich: „Du hast alles
ganz gut erzählt; laß aber nun deinen alten Diener hierher kommen, und Ich
werde euch dann die Erscheinung auf Patmos beleuchten!“
[GEJ.08_180,19] Darauf ward der alte Diener
herbeigeholt und kam an unseren Tisch.
181. Kapitel
[GEJ.08_181,01] Als der alte Diener an Meinem
Tische sich befand, da fragte er alsbald den Kado, was es gäbe, und ob er nun
etwas zu tun bekäme.
[GEJ.08_181,02] Sagte Kado: „Alter Freund! Du
weißt es, warum ich im eigentlichen Griechenlande alles, mit Ausnahme der Besitzungen
auf Patmos, verkauft habe, und du weißt es auch, daß ich dazu hauptsächlich
durch die gewissen Erscheinungen und durch den Traum unseres alten Priesters
veranlaßt wurde. Wir haben die gewissen Gottmenschen denn auch mit allem Eifer
gesucht, dessen du auch ein treuer Zeuge bist; wir haben auch weit und breit
von ihnen reden hören, und besonders von Einem – dem guten Heilande aus
Nazareth in Galiläa, dessen Mutter und Brüder wir gesehen und gesprochen haben,
kurz, wir fanden tausend und abermals tausend Zeugen, – nur nicht ihn selbst!“
[GEJ.08_181,03] Hier fiel der alte Diener dem
Kado in die Rede und sagte: „Ja, nur ihn selbst haben wir noch nicht gefunden,
und das ist das eigentliche Traurige an der ganzen Sache! Das Lichtwölkchen,
das wir auf Patmos drei Abende hindurch gesehen und zwei Male sogar
wundersamsterweise auch gesprochen haben, will sich auch in diesem Lande, von
dem aus es zu uns kam, nicht auffinden oder irgendwo sehen lassen!
[GEJ.08_181,04] Ja, liebe Freunde, voll
Wunder und Herrlichkeiten ist die ganze Erde und legt damit zahllos viele
Zeugnisse ab, daß es nur einen, höchst guten, weisen und allmächtigen Gott als
Schöpfer und Regierer geben müsse! Alles findet der Mensch mit seinem Eifer,
mit seiner Liebe und mit seinem Verstande, nur den Schöpfer, der doch überall
daheim zu sein scheint, findet er nicht, und ruft er Ihn, so meldet Er Sich
nicht, obschon alles, was man ansieht, Seine stete Gegenwart zu verkünden
scheint. Und so, Freund Kado, werden wohl auch wir den Gottmenschen suchen und
nicht finden, wie es uns bisher ergangen ist. Aber darum sollen wir das Suchen
dennoch nicht aufgeben; denn aus dem Lichtwölkchen haben wir vernommen, daß wir
suchen sollen, und wir werden unser Heil finden!
[GEJ.08_181,05] Eines von mir hier klar empfundenen
Umstandes aber muß ich dennoch ganz unverhohlen Erwähnung tun. Du weißt es, wie
auf Patmos das Lichtwölkchen in uns ein eigentümliches Unsterblichkeitsgefühl
erweckte, das sich aber nach und nach leider wieder verlor, – und nun, als ich
in dieses Zimmer trat, bemächtigte sich meiner dasselbe Gefühl. Das Wölkchen
kann uns darum nicht ferne sein! Was fühlst du, Freund Kado, und was meinst
du?“
[GEJ.08_181,06] Sagte Kado: „Ja, da hast du
nun ganz recht geurteilt. Wir alle empfinden dasselbe und werden es von nun an
auch fortwährend empfinden; denn was wir suchten, das haben wir denn hier auch
gefunden! Siehe an den Mann, der mir zur Rechten sitzt, der hat offenbar das
Wölkchen zu uns gesandt!“
[GEJ.08_181,07] Als der alte Diener das
vernahm, da sah er Mich voll Ehrfurcht an und sagte: „O du große Gnade und
Erbarmung an uns armes, schwaches und sündiges Menschengeschlecht! Hätte mir
das nicht Kado, der Treue und allzeit Wahrhaftige, gesagt, so würde ich das
schwer glauben; aber so glaube ich es und begreife nun das von neuem in mir
wiedererwachte Unsterblichkeitsgefühl.
[GEJ.08_181,08] Also Du bist es, dessen
Geist, Liebe und Wille uns auf der einsamen Insel in der Gestalt eines
Lichtwölkchens dreimal heimsuchte? Wem anders als nur Dir allein können wir danken,
daß Du Dich von uns endlich hast finden lassen?! Da wir also aber nun Dich
Selbst gefunden haben, so haben wir aber auch alles gefunden, was ein Mensch
nur je als Erstes, Größtes, Glücklichstes und Erwünschtestes finden kann. Ich
kann nun nicht mehr reden, denn mein Herz ist zu glücklich und selig geworden.“
[GEJ.08_181,09] Diese Worte des alten Dieners
machten ein großes Aufsehen, und alle anwesenden Griechen und Juden fingen
darauf an, Mich mit ganz anderen Augen zu betrachten, und sagten unter sich:
„Da ist mehr denn ein mächtiger Nachkomme Davids!“
[GEJ.08_181,10] Darauf wandte sich Kado
wieder an Mich und sagte: „O Du lieber Heiland, Herr und Meister, was hat es
nun mit dem Lichtwölkchen für eine Bewandtnis?“
[GEJ.08_181,11] Sagte Ich: „Darüber brauche
Ich euch jetzt keine großen und weiten Erklärungen mehr zu machen, denn dein
alter Diener hat es dir bereits schon erklärt. Bin Ich auch hier nun körperlich
unter euch, so bin Ich aber im Geiste durch Meine Liebe und Meinen Willen
dennoch überall gegenwärtig.
[GEJ.08_181,12] Es hat aber der alte Priester
wohlgetan, daß er mit vielem Eifer den Götzendienst abbrachte (abschaffte) und
die Menschen an nur einen wahren Gott zu glauben treu und wahr belehrte; der große
Lohn im Himmel wird ihm dafür werden. Wie ihr Mich aber nun sehet und sprechet
körperlich, so sieht und spricht Mich nun auch der alte Priester im Geiste und
zeichnet sich die Worte auf in ein Buch. So ihr wieder nach Patmos kommen
werdet, da werdet ihr das aus seinem Munde vernehmen, und ihr möget es dann ihm
verkünden, daß Ich hier solches zu euch geredet habe. Wer an Mich glaubt und
tut nach Meiner Lehre, der wird das ewige Leben ernten.
[GEJ.08_181,13] Wohl gibt es nun viel Elend
und allerlei Not unter den Menschen auf dieser Erde. Es gibt allerlei leibliche
Krankheiten, die sich die Menschen selbst zumeist dadurch bereitet haben, weil
sie die ihnen von Gott aus treu geoffenbarten Lebenswege verließen und durch
ihre stets steigende Liebe zur Welt, zu ihrem Gerichte und Tode eben auch auf
den Wegen der Welt, ihres Gerichtes und Todes zu wandeln begannen und daher
denn auch notwendig all das viele Elend und alle Not über sich brachten.
[GEJ.08_181,14] Und es gab, es gibt jetzt,
und es wird auch fürderhin geben solche Weltweise, die da sagen: ,Es gibt
keinen Gott! Gott ist nichts denn eine alte Fabel, welche irgend klügere
Menschen einmal in einer Urzeit ausgeheckt haben, um die andern Menschen sich
dienstbar und untertänig zu machen. Die Welt und alles in ihr ist zwar klug und
weise und gut eingerichtet; so aber alles das irgendein von den Menschen
erdichteter Gott, als in der Wahrheit bestehend, also erschaffen hätte und den
Menschen als Sein sicher edelstes Geschöpf aber dabei nur darum ins Dasein gerufen
hätte, damit er von der Geburt an nichts als leiden und dulden solle, so höbe
dies Gottes Weisheit und Seine dieser nächst verbundene Güte und dadurch auch
Ihn Selbst auf, denn ohne Weisheit gibt es keine Macht und ohne Liebe und Güte
keinen Willen, je etwas in ein glückliches Dasein zu rufen.‘
[GEJ.08_181,15] Es sei demnach alles durch
die Kraft der Erde, der Sonne, der Elemente und der Planeten und all der andern
Gestirne entstanden. Diese seien in sich noch ganz derb und roh und nähmen erst
in ihren Produkten eine Art Sänftung und Bildung an; aber alle die noch so
geschmeidigen Produkte seien am Ende denn doch noch viel zu schwach, um sich
gegen die große Derb- und Roheit der vorbenannten Urkräfte zu behaupten, und
sie müßten es sich am Ende gefallen lassen, von denselben vernichtet zu werden.
Glücklich und weise könne nur der Mensch genannt werden, der es verstehe, sich
die Spanne Lebenszeit so angenehm als möglich zu machen und als ein Weltkluger
im ewigen Nichtsein das größte Glück zu suchen. Und darin liegt denn auch der
Sinn, nach dem einer eurer Weltklugen sagte: ,Gehe hin und iß, trinke und
tändle; denn nach dem Tode gibt es kein Vergnügen!‘
[GEJ.08_181,16] Seht ihr, als nun hier Meine
lieben Freunde, daß auch die Weltklugheit eurer Philosophen Mir gar wohl
bekannt ist und schon gar lange nur zu wohl bekannt war? Und Ich sage es euch,
daß es unter allem Elende und unter aller Not der Menschen nichts Ärgeres gibt
als die geistige Blindheit der Menschen. Denn aus ihr entspringen notwendig
alle anderen Übel unter den Menschen und werden auch so lange bestehen, als es
Epikure geben wird in allen Gemeinden der Menschen; denn der Naturweltsinn
solcher Weisen verdirbt nur zu bald durch sein sehr anlockendes Beispiel viele
Tausende von Menschen.
[GEJ.08_181,17] Denn ein Teil fängt an, alle
Mittel aufzubieten, um selbst nach der Weise Epikurs ein Leben führen zu
können; ein anderer und stets größerer Teil aber muß dabei offenbar in die
größte physische und noch größere geistige Not versinken, und alles Elend und
alle Not ist dann auf der Erde unter den Menschen fertig.
[GEJ.08_181,18] Wenn aber also, kann da Gott
dafür, so die Menschen im Besitze ihres vollkommen freien Willens sich von Gott
abwenden und ein Leben nach ihrer Weltliebe führen? Oder sollte Gott, als
infolge Seiner Liebe, Güte, Weisheit und Macht, etwa stets all das Elend und
alle die Not unter den Menschen nicht bestehen lassen? Höret, so Gott das nicht
zuließe, da würde es ehest noch greulicher unter den Menschen aussehen, als es
nun aussieht! Was würde da mit der Zeit aus den Menschen werden? Nichts als ein
rohestes und vollends geist- und lebensloses Klotzwerk gleich den heidnischen
Götzen aus Stein, Metall und Holz!“
182. Kapitel
[GEJ.08_182,01] (Der Herr:) „Ihr wisset es,
daß ein Mensch, der an irdischen Gütern reich geworden, zumeist auch in seinem
Herzen zu einem Steine von Gefühl- und Lieblosigkeit ward. Was kümmern den
viele Tausende anderer Menschen, die von Hunger, Durst und noch andern Übeln
gequält werden; denn er ist einmal bestens versorgt, hat nie Hunger und Durst
gefühlt und hat der Schätze in Hülle und Fülle, um sich auch ein jedes andere
Vergnügen zu verschaffen, damit er ja in einem fort niemals irgend je von einer
Langweiligkeit oder von einem andern Mißbehagen etwas zum Verkosten bekomme.
[GEJ.08_182,02] Wo steht ein solcher Mensch
dann in der inneren geistigen Lebenssphäre? Ich sage es euch: auf dem Punkte
des ewigen Gerichtes und dessen Todes, und alle seine Umgebung befindet sich
davon nicht ferne!
[GEJ.08_182,03] Merket es euch, was Ich euch
noch hinzu verkünde! So es auf der Erde einmal gar viele Epikure geben wird,
dann wird auch bald ein allgemeines Weltgericht über alle Menschen auf dieser
Erde von Gott aus zugelassen werden, und wir werden dann wohl sehen, ob sich wieder
irgend Menschen erheben werden, die mit dem Maßstabe in der Hand zu ihren
Nebenmenschen zu sagen sich getrauten: ,Sieh, dieses große Stück Land habe ich
ausgemessen, die Grenzsteine ausgestellt und erkläre es als mein völlig
unantastbares Eigentum, und wer sich erfrechen würde, mir da etwas streitig zu
machen oder nur zu sagen: ,Freund, da hat ein jeder von uns dasselbe Recht, so
er nur die Macht und die Mittel dazu besitzt, dein dir eingebildetes Recht aus
den Händen zu reißen!‘, den bestrafe ich mit dem Tode!‘
[GEJ.08_182,04] Ich sage es euch: Da wird es
nimmerdar einen solchen Menschen geben! Denn so Ich zum andern Male auf diese
Erde kommen werde, um Gericht zu halten über solche toten Epikureer, und aber
auch, um den Lohn des Lebens zu geben dem, der viel Elend und Not aus Liebe zu
Gott und zum Nächsten erduldet und ertragen hat, dann soll Mir die Erde mit
keinem Maßstabe mehr zu jemandes alleinigem Nutzen vermessen werden, sondern da
man stehen wird, da wird man auch ernten und seine Bedürfnisse befriedigen
können; und die Menschen werden einander wohl unterstützen, aber keiner wird
sagen: ,Siehe, das ist mein Eigentum, und ich bin darüber ein Herr!‘ Denn dann
werden die Menschen einsehen, daß Ich allein der Herr bin, sie alle aber sind
Brüder und Schwestern.
[GEJ.08_182,05] Es sollte wohl auch jetzt
also unter den Menschen sein; allein in dieser Mittelbildungsperiode der
Menschen, die noch nicht durch das große Lebensfeuer gereinigt sind, wird das
zugelassen bleiben, doch von jetzt an nicht mehr volle 2000 Jahre. Darauf aber
wird der Geist bei den Menschen das große Übergewicht bekommen, und man wird
auf der Erde kein gemessenes Mein und Dein mehr sehen, noch davon reden.
[GEJ.08_182,06] Ihr, als nun Meine Freunde,
habt einen euch zugemessenen großen Landteil der Erde. Fraget euch selbst, wer
ihn euch in euer gesetzliches Eigentum zugemessen hat, und die Antwort wird
sein: die von den Menschen gemachten Gesetze und euer Geld und andere Schätze,
denen eben nur wieder die Menschen einen eitlen Wert erteilt haben!
[GEJ.08_182,07] Von Gott aus gehört die ganze
Erde, so wie das im Anfange der Fall war, allen Menschen gleich; die Weisen
sollen sie einteilen nach dem Bedarf der Menschen und sollen sie lehren, diese
zu bebauen, und die Früchte sollen dann von den Weisen zum Teile verteilt und
der Überfluß in den dazu errichteten Kammern und Speichern aufbewahrt werden,
auf daß niemand in der Gemeinde Not zu leiden habe!
[GEJ.08_182,08] Aber so irgend die Reichen
und Mächtigen alles an sich ziehen, so müssen dadurch dann ja auch gar viele
tiefst verarmen und in allem Elende und großer Not ihr Leben dahinbringen, weil
alles nur den wenigen Reichen und Mächtigen, den Armen aber nichts gehört –
außer was ihnen die Reichen und Mächtigen für die für sie verrichtete schwere
Arbeit kärglichst geben wollen.
[GEJ.08_182,09] Es kann aber nun die Sache
nicht anders werden, daher seid ihr Reichen und Mächtigen wahre Freunde
gegenüber euren armen Brüdern und Schwestern und erweiset ihnen Liebe; speiset
die Hungrigen, tränket die Durstigen, bekleidet die Nackten, tröstet die
Traurigen und erlöset die Gefangenen, die durch eure Habsucht, durch eure Macht
und eure Gesetze unnötigerweise in den Kerkern dem Leibe nach schmachten, und
noch mehr aber in den Kerkern der Nacht ihrer Seelen! Gehet hin und befreiet
sie, und Ich werde euch erlösen aus der Macht des Todes und des Gerichts!
[GEJ.08_182,10] Seid in der Folge mit euren
Erdengütern nur Meine Sachwalter, und Ich werde euch dafür geben das ewige
Leben; denn Ich habe die Macht dazu und kann es geben, wem Ich es will! Mit dem
Maße ihr ausmessen werdet, mit dem Maße wird euch wieder von Mir zurückgemessen
werden.
[GEJ.08_182,11] Seht, das ist auch eine gute
und vollwahre Erklärung des Lichtwölkchens, das euch zum Suchen der Wahrheit und
des Lebens aufgefordert hat!
[GEJ.08_182,12] Ihr habt nun die Wahrheit in
Mir gefunden; machet sie euch aber nun durch die Tat auch zu eigen, und ihr
werdet leben, und der Tod der Materie wird euch nicht mehr in euren Seelen
daran mahnen, als wäret ihr sterbliche Menschen, sondern die Unsterblichkeit
wird hinfort euer Anteil verbleiben!“
183. Kapitel
[GEJ.08_183,01] (Der Herr:) „Es ist zwar
keines Menschen Seele mit all ihrem Sterblichkeitsgefühle als völlig tot
anzusehen, aber es ist das dennoch ein wahrer Tod der Seele, so sie in der
stets wachsenden Furcht steht, das ihr so angenehm gewordene Leben bald zu
verlieren oder dasselbe ewig in einem finstern Kerker qualvollst zuzubringen
ohne eine Hoffnung, je daraus erlöst zu werden.
[GEJ.08_183,02] Wisset ihr aber, was ein
solches zumeist den materiellen, selbstliebigen und stolzen Heiden eigene
Gefühl in ihren Seelen erzeugt, und sie darum auch nach allen möglichen
Vergnügungen und Zerstreuungen haschen, um nur dieses ihnen über alles
widerwärtige Gefühl soviel als möglich loszuwerden?
[GEJ.08_183,03] Seht, das erzeugt die Welt-
und Materieliebe! Solange eine Seele an den Besitz- und Reichtümern dieser Welt
hängt und sie als ein volles Eigentum von Rechts wegen betrachtet und darum
auch jeden Menschen, der sich seiner Armut wegen an ihnen im Notfalle
vergreifen könnte oder sich gar schon irgend einmal vergriffen hätte, straft,
solange auch wird sie dieses Gefühles weder in dieser noch in der andern Welt
je völlig ledig werden; denn alle Materie ist gerichtet und somit gegenüber dem
freien Geiste tot. So aber eine Seele an der toten Materie klebt, so kann sie
auch kein anderes Gefühl haben als nur das des Todes.
[GEJ.08_183,04] Kehrt sich aber eine Seele
von der Materie ab durch den wahren und lebendigen Glauben an den Einen Gott
und durch die Liebe zu Ihm und zum Nächsten in der Tat, dann wird sie solch
eines Gefühles, wie das bei euch nun der Fall ist, auch bald vollends ledig
werden, und das ist denn auch für jeden Menschen dann ein sicheres und untrügliches
Zeichen, daß das Gericht und der Tod aus der Seele entwichen ist.
[GEJ.08_183,05] Es ist aber das für eine
einmal mit der Weltliebe erfüllte Seele wahrlich keine leichte Arbeit, und es
gibt gar viele Reiche und Mächtige in der Welt, für die es schwerer ist, sich
von der Materie und ihrem eingebildeten Werte zu trennen, als wie schwer es für
ein Kamel wäre, durch ein Nadelöhr zu gehen. Aber es ist dennoch auch das durch
die Hilfe von Gott möglich, wie das nun bei euch Griechen der Fall ist und noch
immer mehr der Fall sein wird, so ihr das, was Ich euch nun angeraten habe,
freiwillig zur Tat erheben werdet!
[GEJ.08_183,06] So ihr nur glaubt, aber den
Glauben nicht zur Tat erhebt, so ist der Glaube selbst noch tot und kann der
Seele kein wahres Leben geben; aber durch die Tat wird der Glaube lebendig und
somit auch die Seele durch ihren lebendigen Glauben. Darum sage Ich euch noch
einmal: Seid denn sonach nicht pure Glauber dessen, was ihr von Mir hört,
sondern liebwillige und eifrige Täter, so werdet ihr in euch das wahre, ewige
Leben überkommen!
[GEJ.08_183,07] Ich sehe nun wohl, daß ihr
alle Mich als den Herrn und Meister anerkennet; aber das würde euch noch nicht
das Gefühl der vollen Unsterblichkeit in euren Seelen erwecken, sondern das hat
das Unsterblichkeitsgefühl in euren Seelen erweckt, daß ihr euch vollernstlich
in euren Herzen entschlossen habt, das allzeit zu tun, was Ich euch angeraten
habe.
[GEJ.08_183,08] Bleibet aber auch fortan
gleich nach diesem Entschlusse tätig in Meinem Namen, so wird auch das ewige
Leben aus Mir in euch verbleiben, und ihr werdet in Ewigkeit keinen Tod mehr
irgend fühlen noch schmecken!
[GEJ.08_183,09] Was nützte es aber einem
Menschen, so er auch der Besitzer aller Schätze der Erde wäre und sich damit
alle erdenklichen Lustbarkeiten verschaffen könnte, dadurch aber an seiner
Seele Schaden litte? Werden alle diese Schätze aus den harten Fesseln des Todes
zu erlösen wohl imstande sein?
[GEJ.08_183,10] Wahrlich! Der Tod kann dem
Tode kein Leben geben; das kann nur die lebendige Tat nach Meiner Lehre,
dieweil Ich Selbst gleichfort Liebe, Tat und Leben bin! Denn alles, was da ist
in der ganzen Unendlichkeit, ist ja ein Werk Meiner Liebe und Meines Lebens. –
Glaubet ihr das?“
[GEJ.08_183,11] Sagten alle: „Ja, größter
Herr und Meister aus Dir Selbst von Ewigkeit, wir glauben nun alles, und wir
werden unseren Glauben auch durch die Werke nach Deiner reinsten und wahrsten
Lehre beleben, so wahr Du uns, so wir je schwach werden könnten, allzeit helfen
wollest!
[GEJ.08_183,12] Aber nun noch eine kleine
Frage: Hat der alte Priester auf Patmos auch diese Deine an uns gerichtete
gedehntere Lehre ebenso ganz und vollständig vernommen im Geiste, wie wir sie
hier vernommen haben?“
[GEJ.08_183,13] Sagte Ich: „Allerdings, wie
Ich euch das schon gesagt habe! Was Ich hier zu euch geredet habe und noch
weiterhin reden werde, das lege Ich auch in den Sinn seines Herzens, und er
wird es daraus nehmen und aufzeichnen für sich und für euch und für viele
andere. Und so ihr nach Patmos kommen werdet, da werdet ihr euch davon selbst
überzeugen.
[GEJ.08_183,14] Nun aber gebe Ich jedem von
euch die Freiheit, Mich um ein oder das andere zu fragen. Wer da noch zu seinem
Heile etwas von Mir erfahren will, der frage darum; denn wer da sucht, der findet!“
[GEJ.08_183,15] Als alle das von Mir
vernommen hatten, da wurden sie sehr froh und heiter; denn sie hatten noch so
manches, worüber sie Fragen an Mich zu stellen gedachten. Aber als sie Mich
fragen wollten, da wußte keiner, um was er Mich eigentlich und hauptsächlich
fragen sollte; und so wußten sie denn auch nicht so ganz recht, wer von ihnen
zuerst eine Frage an Mich richten solle.
[GEJ.08_183,16] Da half Ich ihnen bald aus
dieser Verlegenheit, indem Ich sagte: „Nun, Kado, so frage du, so sich niemand
anders zu fragen getraut!“
184. Kapitel
[GEJ.08_184,01] Sagte nun Kado: „Ja, Herr und
Meister, ich habe in bezug auf Deine an uns gerichtete Rede und Lehre eine mir
wenigstens recht sehr gewichtig scheinende Frage; so es mir gestattet ist, Dich
mit einer Frage zu belästigen, da will ich wohl mit aller Freude meinen Mund
öffnen.
[GEJ.08_184,02] Sieh, o Du lieber Heiland,
Herr und Meister, Du hast uns in Deiner Rede die Seelenlebensschädlichkeit des
Epikureertums auf eine so höchst klare Weise dargestellt, daß wir uns denn auch
alle fest entschlossen haben, demselben für immerdar zu entsagen! Aber wir
haben neben dem Epikur auch noch einen anderen Weisen von einer ganz anderen
Richtung; es ist das der alle Welt und ihre Reize, Schönheiten und Schätze und
sogar dies Erdenleben tiefst verachtende Diogenes von Kyne.
[GEJ.08_184,03] Dieser ist das vollendetste
Gegenteil des Epikur, und weder er noch einer seiner Jünger glauben an die
Unsterblichkeit der Menschenseele, und für sie erzeugt das Sterblichkeitsgefühl
durchaus keine Furcht und kein Bangen, sondern alle können den Augenblick des
Nichtmehrseins kaum erwarten. Dabei aber sind sie dennoch ganz ehrliche, gute
und dienstfertige Menschen und halten ihr einmal gegebenes Versprechen auf das
pünktlichste. Ihre Nahrung ist so mager und einfach als möglich. Sie verachten
jede Bequemlichkeit, jede Pracht und leben sehr züchtig und eingezogen. Ja, sie
ehren sogar die Götter und erkennen ihre Güte, Weisheit und Macht an; aber sie
danken ihnen für nichts und verschmähen jede Art Belohnung, die sie irgend von
einem Gotte zu erhoffen hätten, auf das tiefste. Das ewige Nichtsein ist ihr
Wunsch; jede Art des Seins und Lebens aber betrachten sie als eine
unerträgliche Last und Qual.
[GEJ.08_184,04] Nun, diese Menschen sind in
ihrem Handeln nahe ganz das, was ein Mensch nach Deiner Lehre sein soll. Was
fehlt denn ihnen, daß sie würden, was wir nun durch Deine Gnade geworden? Und
so sie sterben, werden ihre Seelen nach des Leibes Tode irgend fortleben, und
wie, glücklich oder unglücklich? Ich habe diesen sonderbaren Menschen stets
meine Aufmerksamkeit geschenkt, obschon ich mich mit ihrer Lehre wahrlich nie
als für mich maßgebend befreunden konnte. Herr und Meister, gib uns auch
darüber einen Aufschluß und über die Art und Weise, wie sie zu Deiner Lehre
bekehrt werden könnten!“
[GEJ.08_184,05] Sagte Ich: „Ja, ihr Meine nun
lieben Freunde, diese Art Menschen sind darum noch schwerer auf den rechten
Lebensweg zu bringen als die Epikureer, weil sie keine Liebe zum Leben haben!
Die Epikureer haben sicher sehr viel Lebensliebe, nur ist sie Eigenliebe und
daher auch eine den Tod gebärende Materieliebe. Wird diese aber, wie bei euch
nun, durch den rechten Glauben an einen allein wahren Gott in Liebe zu Ihm und
zum Nächsten umgewandelt, so sind die Epikureer dann offenbar um gar vieles
besser daran als die lebensstumpfen Kyniker.
[GEJ.08_184,06] So aber diese zum wahren
Glauben an einen allein wahren Gott bekehrt werden können, so wird dadurch dann
schon auch die Liebe zu Ihm, zum Nächsten und dadurch auch zu sich selbst
belebt, weil Gott als die reinste und ewige Liebe durch den lebendigen Glauben
im Herzen des Menschen Wohnung nimmt und dadurch denn auch alles im Menschen in
Liebe und Leben umgestaltet.
[GEJ.08_184,07] Aber, wie schon bemerkt, es
sind derlei Menschen stets schwer zu bekehren hier auf dieser Erde, und also
auch in der Geisterwelt, weil ihnen eben die Liebe zum Leben mangelt. Sind sie
aber einmal bekehrt, dann sind sie wahre Helden im Glauben, in der Liebe und im
Handeln; denn sie haben vor andern Menschen die Selbstverleugnung, die Geduld
und einen großen Grad von Demut voraus, wodurch sie alle materielle Liebe, die
im Fleische wohnt, leicht beherrschen und auf dem Wege des Lichtes unbeirrt
fortwandeln können, was bei den andern Menschen um vieles schwerer geht.
[GEJ.08_184,08] So die Kyniker aber als
unbekehrt sterben, so leben ihre Seelen jenseits, trotz ihres Wunsches zum
Nichtsein, dennoch ewig fort, was ihnen freilich wohl nicht angenehm ist; sonst
aber erleiden sie keine Qual und Pein, sondern verhalten sich ganz so, wie sie
sich in dieser Welt verhalten haben. Sie werden aber auch im Geisterreiche von
den Engeln oft besucht und nach Tunlichkeit unbeschadet ihres freien Willens
erleuchtet. Aber es gehört dazu viel Liebe, Weisheit, Mühe, Geduld und
Ausharrung.
[GEJ.08_184,09] Übrigens gibt es von dieser
Art Menschen stets nur wenige, und so werden sie die andern Menschen auch
schwer in einer größeren Anzahl also verderben können wie die überzahlreichen
großen und kleinen Epikureer, die allenthalben zu Hause sind und ihr
eigenliebiges Wesen treiben, an Gott kaum denken vor lauter Trachten nach
Wohlleben und einen armen Nächsten gar nie ansehen, außer er kann zum Vorteile
des Epikureers arbeiten um einen kleinen Lohn.
[GEJ.08_184,10] Der wohllebende Epikureer
verdirbt viele Menschen durch sein Beispiel, der eine, bemittelte Teil der
Menschen trachtet auch nur, wohl zu leben, und der nicht Bemittelte wird dabei
voll Neid und Ärger, weil er nicht so leben kann wie der Bemittelte; und so ist
ein Epikureer um vieles schlechter als ein Kyniker. – Damit habe Ich dir deine
Frage nun beantwortet, und es kann nun ein anderer um etwas fragen.“
185. Kapitel
[GEJ.08_185,01] Darauf erhob sich der Wirt,
der Vater des Kado, und sagte: „O Herr und Meister, wie wird es denn in jener
Zeit aussehen, von der Du gesagt hast, daß in ihr die Menschen vor Deiner
abermaligen Ankunft durchs Feuer würden geläutert werden, und was für ein Feuer
wird das wohl sein?“
[GEJ.08_185,02] Sagte Ich: „Ja, Freund, das
Feuer wird heißen große und allgemeine Not, Elend und Trübsal, wie die Erde
eine größere noch nie gesehen hat. Der Glaube wird erlöschen und die Liebe
erkalten, und alle armen Geschlechter werden klagen und verschmachten, aber die
Großen und Mächtigen und die Könige dieser Welt werden den Bittenden dennoch
nicht helfen ob des zu großen Hochmutes und daraus auch ob der zu großen Härte
ihres Herzens!
[GEJ.08_185,03] Also wird auch ein Volk sich
erheben wider das andere und wird es bekriegen mit Feuerwaffen. Dadurch werden
die Herrscher in große, unerschwingbare Schulden geraten und werden ihre
Untertanen mit unerschwingbaren Steuern quälen. Es wird dadurch entstehen eine
übermäßige Teuerung, Hungersnot, viele böse Krankheiten und Seuchen und
Pestilenz unter den Menschen, Tieren und sogar Pflanzen!
[GEJ.08_185,04] Auch werden da sein große
Stürme auf dem trockenen Lande und auf dem Meere, und Erdbeben, und das Meer
wird an vielen Orten die Ufer überfluten, und da werden die Menschen in große
Furcht und Angst versetzt werden vor Erwartung der Dinge, die da über die Erde
kommen werden!
[GEJ.08_185,05] Das alles wird darum
zugelassen werden, um die Menschen von ihrem Hochmut und von ihrer Selbstsucht
und von ihrer großen Trägheit abzuwenden. Die Großen und sich mächtig Dünkenden
werden mit der Langweile gezüchtigt werden und werden durch sie, um diese Qual
loszuwerden, zur Tätigkeit sich anzuschicken genötigt sein.
[GEJ.08_185,06] Und siehe, das ist die erste Gattung
des Feuers, durch das die Menschen für Meine abermalige Ankunft werden
geläutert werden.
[GEJ.08_185,07] In derselben Zeit aber wird
auch das natürliche Feuer einen gewaltigen Dienst zu versehen überkommen. Das
Feuer wird die Schiffe auf allen Meeren mit mehr denn der Schnelligkeit der
Winde umhertreiben; auch werden die Menschen durch ihren scharfen Verstand
eherne Wagen und Straßen machen, und statt der Zugtiere werden sie Feuer vor
den Wagen einspannen und mit seiner Gewalt schneller denn ein abgeschossener
Pfeil über die Erde weit hinfahren.
[GEJ.08_185,08] Also werden sie auch den
Blitz zu bannen verstehen und denselben zum schnellsten Überbringer ihrer
Wünsche und ihres Willens von einem Ende der Erde zum andern machen. Und so
sie, die stolzen und habgierigen Könige, miteinander Krieg führen werden, so
wird dabei das Feuer auch den entscheidendsten Dienst zu versehen bekommen;
denn durch seine Gewalt werden eherne Massen in Kugelgestalt von großer Schwere
in Blitzesschnelle gegen den Feind, gegen die Städte und Festungen geschleudert
werden und große Verheerungen anrichten.
[GEJ.08_185,09] Und die erfinderischen
Menschen werden es mit diesen Waffen so weit treiben, daß dann bald kein Volk
gegen das andere mehr einen Krieg wird anfangen können. Denn werden zwei Völker
mit solchen Waffen sich anfallen, so werden sie sich auch leicht und bald bis
auf den letzten Mann aufreiben, was gewiß keinem Teile einen wahren Sieg und
Gewinn bringen wird. Das werden die Könige und ihre Heerführer bald einsehen und
werden sich daher lieber im Frieden und guter Freundschaft vertragen; und wird
sich irgend ein höchst stolzer und ehrgeizigster Störenfried erheben und gegen
seinen Nachbarn ziehen, so werden sich die Friedliebenden vereinen und ihn
züchtigen. Und auf diese Weise wird sich denn dann auch nach und nach der alte
Friede unter den Völkern der Erde einstellen und dauernd befestigen.
[GEJ.08_185,10] So man nach dieser Meiner
Gegenwart eintausend, achthundert und nahe neunzig Jahre zählen wird, da wird
es nahe keinen Krieg auf der Erde mehr geben, – und um diese Zeit herum wird
auch Meine persönliche Ankunft auf dieser Erde statthaben und die größte
Klärung der Menschen anfangen.
[GEJ.08_185,11] Unter den noch mehr wilden
Völkern der Erde werden wohl noch Kriege vorkommen, aber sie werden auch unter
ihnen dann bald zur Unmöglichkeit werden. Ich werde sie durch Meine gerechten
und mächtigen Könige und Heerführer zu Paaren treiben und unter sie Mein Licht
ausschütten lassen, und sie werden dann auch zu friedlichen und
lichtfreundlichen Völkern umgewandelt werden.
[GEJ.08_185,12] Und sieh, das ist die zweite
Art des Feuers, durch das die Menschen werden geläutert werden!“
186. Kapitel
[GEJ.08_186,01] (Der Herr:) „Eine dritte Art
Feuer aber wird darin bestehen, daß Ich schon etliche hundert Jahre vorher
stets heller erleuchtete Seher und Propheten und Knechte erwecken werde, die in
Meinem Namen die Völker allerorten ebenso klar und wahr über alles belehren und
dadurch befreien werden von allerlei Trug und Lüge, die sich durch die falschen
Propheten und Priester sogar in Meinem Namen den Weg bahnen werden zu ihrem
Untergange – und damit den bösen Anfang in nicht gar zu langer Zeit beginnen
werden und hie und da schon in dieser Meiner Zeit begonnen haben.
[GEJ.08_186,02] Diese werden falsche Zeichen
und Wunder gleich den heidnischen Priestern tun und werden viele Menschen
verführen und sich dabei große irdische Schätze, Reichtümer, Macht und ein
großes Ansehen bereiten; aber durch das dritte Feuer und sein hellstes Licht werden
sie um alles kommen und völlig zugrunde gerichtet werden. Und die Könige und
Fürsten, die ihnen werden helfen wollen, werden dabei um alle ihre Macht, um
ihr Vermögen und um ihre Throne kommen; denn Ich werde da Meine Könige und
Heerführer wider sie erwecken und ihnen den Sieg verleihen, und so wird die
alte Nacht der Hölle und ihrer Boten auf der Erde unter den Menschen ein Ende
nehmen.
[GEJ.08_186,03] Wie aber diese Nacht nun in
der heidnischen, blinden und sinnlosen Zeremonie, die man Gottesdienst nennt,
besteht, so wird sie auch in jenen Zeiten bestehen, aber durch die dritte Art
des Feuers aus den Himmeln gänzlich zerstört und vernichtet werden! Denn die
Lüge wird den Kampf mit dem Lichte der Wahrheit aus den Himmeln ebensowenig
siegreich zu bestehen imstande sein, wie die natürliche Nacht der aufgegangenen
Sonne Trotz bieten kann! Sie muß fliehen in ihre finsteren Höhlen und Tiefen,
und die einmal im Lichte stehen, werden die Nacht nicht mehr aufsuchen gehen.
[GEJ.08_186,04] Ich habe dir nun die dritte
Art des auf die Finsternis der Menschen höchst zerstörend einwirkenden Feuers
gezeigt, und so will Ich dir denn auch noch eine vierte Art des Feuers zeigen,
durch das die Erde und die Menschen und die gesamte Kreatur bei Meiner zweiten
Ankunft geläutert werden sollen; und diese Art Feuer wird bestehen in großen
natürlichen Erdrevolutionen aller Art und Gattung, und zwar namentlich an jenen
Punkten der Erde, auf denen sich die Menschen zu große und prachtvolle Städte
werden erbaut haben, darinnen herrschen wird der größte Hochmut, die
Lieblosigkeit, böse Sitten, falsche Gerichte, Macht, Ansehen, Trägheit, dabei
die größte Armut, allerlei Not und Elend, herbeigeführt durch das zu hoch
emporgewachsene Epikureertum der Großen und Mächtigen.
[GEJ.08_186,05] In solchen Städten werden aus
übertriebener Gewinnsucht auch allerlei Fabriken im größten Maßstabe errichtet
werden, und es werden in ihnen an Stelle der Menschenhände arbeiten Feuer und
Wasser im Verbande von tausenderlei kunstvollen, aus Erz angefertigten
Maschinen. Die Feuerung wird mittels der uralten Erdkohlen bewerkstelligt
werden, welche die derzeitigen Menschen sich in übergroßen Massen aus den
Tiefen der Erde verschaffen werden.
[GEJ.08_186,06] Wenn solches Tun und Treiben
durch die Gewalt des Feuers einmal seinen höchsten Punkt wird erreicht haben,
da wird denn auf solchen Punkten die Erdluft auch zu mächtig mit den brennbaren
Ätherarten erfüllt werden, die sich dann bald da und dort entzünden und solche
Städte und Gegenden in Schutt und Asche verwandeln werden samt vielen ihrer
Bewohner; und das wird dann wohl auch eine große und wirksame Läuterung sein.
Was aber das auf diese Art bewirkte Feuer nicht erreichen wird, das werden
andere große Erdstürme aller Art und Gattung dort erreichen, wo es von selbst
verständlich nötig sein wird; denn ohne Not wird da nichts verbrannt und
zerstört werden.
[GEJ.08_186,07] Dadurch aber wird dann auch
die Erdluft von ihren bösen Dünsten und Naturgeistern befreit werden, was dann
auf alle andere Kreatur der Erde einen segensreichen Einfluß ausüben wird, und
was dann auch der natürlichen Gesundheit der Menschen dahin dienen wird, daß
alle die vielen und bösen Leibeskrankheiten aufhören werden und die Menschen
ein gesundes, kräftiges und hohes Alter werden erreichen können.
[GEJ.08_186,08] Weil die also geläuterten
Menschen in Meinem Lichte stehen und lebendig und wahr die Gebote der Liebe für
immerdar beachten werden, so wird der irdische Grundbesitz auch so verteilt
sein unter den Menschen, daß da jedermann so viel haben wird, daß er bei einem
rechten Fleiße nie eine Not zu leiden haben wird; und die Vorsteher der
Gemeinden sowie die Könige werden, als völlig unter Meinem Willen und Lichte
stehend, dafür sorgen, daß in einem Lande bei einem Volke nie ein Mangel eintreten
soll. Und Ich Selbst werde bald da und bald dort die Menschen besuchen und sie
stärken und aufrichten, wo immer die Menschen die größte Sehnsucht nach und die
meiste Liebe zu Mir haben werden.
[GEJ.08_186,09] Und mit dem hast du denn nun
auch eine für euch Griechen wohlverständliche Antwort auf deine Frage. Sie ist
freilich eine Weissagung für eine noch ziemlich ferne Zukunft, die aber nicht
unerfüllt bleiben wird; denn alles kann eher vergehen, selbst diese Erde und
der ganze sichtbare Himmel, als daß eines Meiner Worte und Verheißungen
unerfüllt bliebe. – Hast du das nun wohl verstanden?“
187. Kapitel
[GEJ.08_187,01] Sagte der alte Wirt: „Ja,
Herr und Meister, das haben wir alle sicher ganz wohl verstanden! Es ist, was
die vier Arten des Feuers zur Läuterung der Menschen und der gesamten Erde
betrifft, zwar wohl nichts Erfreuliches und Angenehmes, und man könnte da
füglich fragen, warum von einem höchst weisen und höchst guten Gott so etwas
zugelassen wird. Aber weil Gott eben höchst weise und höchst gut ist, so wird
Er auch wohl am besten wissen, warum Er solches alles zuläßt. Wir aber danken
Dir dennoch für die Enthüllung der Zukunft und sind nun gar sehr froh darob,
daß wir jetzt schon auf dieser Erde leben bei Deiner diesmaligen ersten
Ankunft; denn soviel es mir nun ganz klar vorkommt, so ist in dieser Zeit denn
doch alles noch um ein Bedeutendes und Großes besser unter den Menschen auf der
Erde, als es bei Deiner abermaligen zweiten Ankunft sein wird.
[GEJ.08_187,02] Ich kann mir wohl freilich nun
keine Vorstellung von dem machen, wo und welche großen Städte die Menschen mit
der Zeit noch erbauen werden, und wie sie die Kraft der Elemente und sogar die
der Blitze zu ihrem Gebrauche regeln und zügeln werden, – allein ich und sicher
wir alle sind froh, daß wir das nicht begreifen und die Kraft der Elemente noch
von Deiner Weisheit und Macht leiten sehen; denn verstünden wir das nun schon,
so würde die arge Zeit der Läuterung durch die vier Arten Feuer sicher noch
eher eintreten, als Du, o Herr und Meister, sie uns nun angekündigt hast.
[GEJ.08_187,03] Aber da Du nun schon so
gnädig warst und hast uns als für vollends bestimmt zum voraus angezeigt, daß
Du noch ein zweites Mal persönlich auf diese Erde zu den Menschen für bleibend
kommen werdest, so könntest Du uns ja auch noch hinzu sagen, wo Du auf diese
Erde zu den Menschen wiederkommen wirst! Wie wird das Land, der Ort und das
glückliche Volk heißen?“
[GEJ.08_187,04] Sagte Ich: „Freund, auf diese
deine Frage kann Ich dir nun wohl keine für euch verständliche Antwort
erteilen, denn es werden in jener Zeit gar viele neue Orte, Länder und Völker
entstehen, die jetzt noch keinen Namen haben; daß Ich aber nur in einem solchen
Lande und an einem solchen Ort wieder zur Erde kommen werde, wo unter den Menschen
noch der meiste und lebendigste Glaube und die meiste und wahrste Liebe zu Gott
und zu den Nächsten bestehen wird, das kannst du als ganz sicher und vollwahr
annehmen und glauben.
[GEJ.08_187,05] Doch so Ich kommen werde, da
werde Ich nicht allein kommen, sondern all die Meinen, die schon lange in
Meinem Himmelreiche bei Mir sein werden, werden mit Mir in übergroßen Scharen
kommen und stärken ihre noch auf der Erde im Fleische wandelnden Brüder, und es
wird so eine wahre Gemeinschaft zwischen den schon seligsten Geistern der
Himmel und den Menschen dieser Erde bestehen, was den derzeit lebenden Menschen
sicher zum größten Troste gereichen wird.
[GEJ.08_187,06] Und nun wisset ihr alles, was
euch zu wissen nötig war. Tut danach, so werdet ihr das ewige Leben ernten;
denn Ich werde euch erwecken am jüngsten Tage!“
[GEJ.08_187,07] Da sagte Kado: „O Herr und
Meister, das geschähe dann ja schon morgen? Denn ein jeder neue Tag ist für uns
ein jüngster!“
[GEJ.08_187,08] Sagte Ich: „Ich meine da
keinen diesirdischen Tag, sondern einen geistigen im Jenseits. Wenn du den Leib
wirst verlassen haben und eintrittst in das Reich der Geister, dann auch wird
das dein jüngster Tag sein, und Ich werde dich aus dem Gerichte der Materie
erlösen, und dies ist das Erwecken am jüngsten Tage.
[GEJ.08_187,09] Da es nun aber schon um die
Mitte der Nacht geworden ist, und wir morgen eine weite Reise vor uns haben, so
werden wir uns für heute zur Ruhe begeben!“
[GEJ.08_187,10] Als Ich diesen Wunsch geäußert
hatte, da erhoben sich alle, dankten Mir noch einmal für alles, und der Wirt
führte uns selbst in ein großes und bestbestelltes Schlafgemach, allwo wir bis
zum Morgen eine erquickliche Ruhe nahmen. – Daß die Griechen noch lange unter
sich von all dem Vernommenen redeten, versteht sich leicht schon von selbst.
188. Kapitel
[GEJ.08_188,01] Wie gewöhnlich waren wir auch
diesmal schon vor dem Aufgange auf den Füßen und begaben uns sogleich ins Freie
hinaus. Der Wirt und dessen angekommener Sohn Kado aber, auch schon aufseiend,
bemerkten, daß Ich mit Meinen Jüngern Mich ins Freie begab, und es kam Mir
darum Kado auch schnell nach und bat Mich, daß Ich doch nicht eher abreisen
möchte, als bis Ich ein wohlbereitetes Morgenmahl mit Meinen Jüngern würde eingenommen
haben.
[GEJ.08_188,02] Und Ich sagte zu ihm: „Dies
hätte Ich auch ohnedies getan, wenn du Mir nun auch nicht nachgekommen wärest;
aber weil dich deine Liebe zu Mir dazu aufgefordert hat, so macht das Meinem
Herzen eine rechte Freude, und so lade auch Ich nun dich ein, mit uns auf den
Hügel zu gehen, auf dem einst Josua, der Prophet und der Führer des
israelitischen Volkes ins Gelobte Land, mit der Bundeslade stand und eben diese
Stadt, die in jener Zeit groß und mit einer nahezu unzerstörbaren Mauer
umfangen war, durch den mächtigen Schall der Posaunen zerstört und ihre
mächtigen Bewohner und Krieger, die Heiden waren und eine arge Abgötterei
trieben, bis auf den letzten Menschen besiegt und vernichtet hat.
[GEJ.08_188,03] Also auf diesen Hügel – der
eben nicht zu ferne von hier sich befindet, weil dieses nunmalige Jericho sich
dem Hügel näherstehend befindet denn das alte, das mehr denn um hundert Male
größer war denn das jetzige, das wohl den alten Namen führt, aber vom alten
Jericho nichts als etliche Ruinen aufzuweisen hat – begeben wir uns. Von dem
Hügel aus werde Ich dir den wahren Stand und den Umfang des alten Jericho
zeigen!“
[GEJ.08_188,04] Sagte Kado: „O Herr und
Meister! Das ist wahrlich zu viel Deiner göttlichen Gnade für mich sündigen Heiden!
Aber da Du schon einmal so gnädig sein willst, so wolle Du gnädigst erlauben,
daß auch mein Vater uns begleite; denn er ist ein großer Freund von solchen
Dingen, die das graue Altertum und die alles zerstörende Zeit verschlungen
haben. Ich werde ihn darum nun sogleich holen gehen.“
[GEJ.08_188,05] Sagte Ich: „Es hat dessen
nicht nötig, denn siehe, er kommt uns ohnehin schon nach, und der, den Ich
gestern sehend gemacht habe, geleitet ihn!“
[GEJ.08_188,06] Als Kado das sogleich auch
bemerkt hatte, da ward er sehr froh, und wir gingen gemächlich vorwärts, und
die beiden hatten uns denn auch bald und leicht eingeholt.
[GEJ.08_188,07] Nach einer halben Stunde Zeit
befanden wir uns denn auch schon auf dem besagten Hügel, dessen Fuß, mit
Ölbäumen bewachsen, ein Eigentum unseres Wirtes war, und von dessen höchstem
Punkte man eine weite Rundschau hatte.
[GEJ.08_188,08] Als wir uns sämtlich auf des
Hügels sehr geräumiger Höhe befanden, da bestieg Ich einen kleinen, in der
Mitte des Hügels befindlichen Felsblock, der gerade die Höhe eines halben
Mannes hatte, und auf diesem Punkte, von allen Anwesenden leicht gesehen und
gehört, sagte Ich: „Höret, auf diesem Steine, auf dem Ich nun stehe, stand
einst Mein Knecht Josua! Es hat das für den Menschen zwar keinen Lebenswert,
aber es schadet dennoch keiner Seele, so sie in der Geschichte der Vorzeit
bewandert ist; denn eine in der Geschichte der Zeiten und der Völker
wohlbewanderte Seele wird nicht so leicht in allerlei Aberglauben verfallen wie
eine, die von der Geschichte der Vorzeit gar keine richtige Kunde hat und darum
alles in das Reich entweder des Fabelhaften, das für sie keine Wahrheit ist,
oder in das Gebiet des Aberglaubens verweist, auf welchem Gebiete ein Mensch
dann bald und leicht alles für buchstäblich wahr annimmt, was er irgend als
etwas Besonderes vernommen hat.
[GEJ.08_188,09] Und sehet, also geht es nun
den meisten Juden, die entweder den Josua als einen Fabelmann betrachten und
unter sich sagen, daß er in der Wirklichkeit gar nie bestanden hat, und wieder
andere Blind-, Leicht- und Kleingläubige gibt es, die die Geschichte dieses
Propheten ganz buchstäblich also annehmen, wie sie im Buche geschrieben steht,
was aber auch eine gleich große Torheit ist, aus der sich schon gar große
Streitigkeiten und allerlei Unglaube, Aberglaube und eine Menge Irrtümer
entsponnen haben!
[GEJ.08_188,10] Wie euch vielen wohl bekannt
sein wird, so hat Josua, als er die Israeliten aus der Wüste ins Gelobte Land
führte im steten Geleite des Herrn, eine Menge Zeichen und Wunder gewirkt, was
erstens tatsächlich wahr ist, und zweitens aber haben seine Führungen und Taten
auch einen inneren geistigen Sinn, der nun leider von keinem Juden mehr
begriffen wird und darum denn auch über Josuas Handeln und Wirken so viel
Unsinniges von den Pharisäern allenthalben gepredigt und gelehrt wird, daß es
denn auch nicht zu hoch zu verwundern ist, wie die etwas heller denkenden Juden
sich vielfach an der Lehre Mosis und der Propheten sehr gestoßen haben. Darum
habe Ich euch nun denn auch auf diesen Hügel und eben auf diese Stätte geführt,
auf der Josua bei der Eroberung der alten Stadt Jericho seine ersten und großen
Wundertaten ausgeübt hat, wie sie ihm des Herrn Geist geboten hatte.
[GEJ.08_188,11] Seht! Das ist der Hügel
Araloth, und die Stätte, auf der wir nun stehen, heißt Gilgal und ist dieselbe,
auf der Josua auf Geheiß des Herrn die Kinder Israels zum zweiten Male mit den
steinernen Messern beschnitten hat!
[GEJ.08_188,12] Der Fels aber, auf dem Ich
nun stehe und euch die alte Geschichte wieder ins Gedächtnis rufe, besteht aus
eben jenen zwölf Steinen, welche die eben auch zwölf Priester bei der
Gelegenheit, als das Volk trockenen Fußes über den Jordan ging, aus der Mitte
desselben zum Zeichen der wunderbaren Führung durch die Macht Gottes hierher
gebracht und also, wie sie nun da sich noch vorfinden, aufgestellt und
aneinandergefügt haben, wodurch Josua dem Volke sinnbildlich andeutete, daß die
zwölf Stämme Israels, welche durch die hier zusammengelegten und – gefügten
zwölf Steine vorgestellt worden sind, auch einen festen Körper bilden und also
als ein einiges und mächtiges Volk unter den Gesetzen, dem Schutze und den
Führungen Gottes als ein Gericht allen Heiden gegenüberstehen sollen und auch
sein als ein harter Fels, an dem sich stoßen mögen alle, die wider den Willen
Gottes handeln.
[GEJ.08_188,13] Sehet! Auf eben diesem Punkte
hatte Josua die Lade aufgestellt, durch deren siebenmaliges Herumtragen um die
alte Stadt Jericho beim gewaltigen Schall der Posaunen die Mauern beim
siebenten Herumtragen am siebenten Tage zusammenstürzten, und die Israeliten
dann in die Stadt drangen und aufs Geheiß Gottes alles mit dem Schwerte
niederhieben, was darin lebte, bis auf die Hure Rahab, die nach dem Geheiß
Gottes samt ihrem Hause und Anverwandten verschont werden mußte, weil sie die
Kundschafter, die Josua in die Stadt gesandt hatte, vor der Verfolgung des
Heidenkönigs rettete, indem sie dieselben in ihrem Hause wohl verbarg!
[GEJ.08_188,14] Auf diesem Hügel ward auch
all das Gold und Silber und all die Edelsteine, die die Israeliten aus der
zerstörten Stadt brachten, vor der Lade des Bundes Gott zu Ehren niedergelegt,
und auf diesem Hügel erteilte Josua allen Israeliten auch das Gebot nach dem
Willen des Herrn, daß die zerstörte Stadt nimmer wieder erbaut werden solle,
und wer das dennoch täte und finge an, seine Hand ans Werk zu legen, darum von
Gott gestraft werde. – Und so wisset ihr nun, was dieser Hügel zu bedeuten hat.
[GEJ.08_188,15] Auf dem Punkte aber, wo einst
die Lade stand, auf demselben Punkte stehet leibhaftig Der, der als ein
gewaltiger Fürst mit einem Schwerte in der Hand zu Josua kam und zu ihm sagte:
,Josua, ziehe deine Schuhe aus, denn heilig ist die Stätte, auf der du stehst!‘
Da erst wurde Josua inne, wer der mächtige Fürst war, und betete Ihn darum auch
an.
[GEJ.08_188,16] Ihr wisset nun auch alle, wer
Ich bin, und es betet Mich von euch niemand an. Ihr tätet das wohl, aber Ich
Selbst will es nicht, weil Ich euch auf einen höheren Lebenspunkt stelle, als
Josua selbst in aller seiner Macht je gestanden ist, und weil Ich jedes
Lippengebet verabscheue; denn von nun an ist die Liebe zu Gott und zum Nächsten
das Mir allein wohlgefällige Gebet, auf das Ich sehe und horche!
[GEJ.08_188,17] Und so wisset ihr nun in
kurzgefaßter Darstellung, was es mit diesem Hügel für eine Bewandtnis hat, und
wir können nun unsere Augen gen Abend hin richten und sehen die große wüste
Fläche, auf der einst die alte Heidenstadt stand.“
189. Kapitel
[GEJ.08_189,01] Hier fragte Mich Petrus,
sagend: „Herr, das alte Jericho stand ja gen Morgen über dem Jordanstrom, und
ich weiß nicht, ob und wo wir gestern bei unserer Hierherreise den Strom
übersetzt haben; denn dieses Neujericho steht doch sicher noch mehr im Morgen
vom Strome, als einst das alte gestanden ist, weil Du uns nun die Stätte des
alten Jericho als von hier gen Abend gezeigt hast. Wir sind gestern zwar wohl
über eine sehr breite Steinbrücke gegangen, aber unter ihr im Flußbette befand
sich nach meiner Meinung denn doch nicht jene Menge Wassers, daß man es fürs
Wasser des Jordans hätte halten können.“
[GEJ.08_189,02] Hierauf nahm Kado das Wort
und sagte zu Petrus: „Und doch war das der Jordan! Er ist in dieser Zeit stets
sehr wasserarm und ist an der Stelle, wo eine Brücke erbaut ist, auch wegen der
Enge des Tales am schmalsten; aber eine halbe Stunde weiter unten gen Mittag
dehnt sich der Strom schon wieder sehr aus und wird in der von hier nicht
fernen Gegend des Toten Meeres gar sehr breit.“
[GEJ.08_189,03] Auf diese Worte des Kado war
Petrus und auch die andern Jünger, die gestern auch nicht gemerkt hatten, wo
und wann wir über den Jordan gekommen waren, ganz beruhigt.
[GEJ.08_189,04] Darauf aber besah sich Petrus
und auch die andern Jünger die Steine, auf denen Ich stand, etwas näher und
sagte nach einer kurzen Weile Nachdenkens: „Aber wie konnten die nur zwölf
Priester diese großen und überschweren Steine aus dem Strome ausheben und sie
dann die weite Strecke gar hierher bringen? Waren denn die zwölf Priester
Riesen gleich einem Simson?“
[GEJ.08_189,05] Sagte nun Ich: „Wie kannst
aber du nun noch also fragen, der du an Meiner Seite doch schon so viele
Zeichen von der Kraft des Geistes Gottes gesehen hast?! Hast du denn das
vergessen, was du alles beim alten Markus in der Nähe von Cäsarea Philippi gesehen
hast, und weißt du denn nicht mehr, wie Raphael erst vor ein paar Tagen im
Hause des Lazarus die alte, eherne Säule emporhob, und noch tausend andere
Zeichen?! Und da du solches alles gesehen hast, wie magst du da nun noch
fragen, wie Josuas zwölf Priester diese Steine aus dem Jordan haben hierher
bringen können? War denn Gottes Kraft zur Zeit Josuas etwa eine geringere, als
sie jetzt ist? Bedenke das, und frage Mich fürder nicht mehr um solche Dinge,
die schon ein geschmeidiges Kind in der Wiege begreifen kann!“
[GEJ.08_189,06] Auf diese Meine Äußerung
begriffen nun alle, wie es den zwölf Priestern wohl ganz leicht möglich war,
diese Steine aus dem Strome hierher zu schaffen.
[GEJ.08_189,07] Es trat aber darauf Kado zu
Mir und sagte: „O Du lieber Herr und Meister, wenn Du mir nicht gram werden
würdest, so hätte auch nun meine Wißbegierde eben in bezug auf das alte und
dieses neue Jericho eine Frage, die Du schier schon ohnehin kennst.“
[GEJ.08_189,08] Sagte Ich: „Ob Ich deine Frage
auch schon kenne, so kannst du sie aber der andern wegen doch laut
aussprechen!“
[GEJ.08_189,09] Hierauf fragte Kado: „Es ist
aus dem Buche Josua bekannt, und Du Selbst hast das nun in aller Kürze berührt,
daß Josua auf Gottes Geheiß jedermann mit unausweichlicher harter Strafe
bedroht hat, der es wagen würde, die zerstörte alte Stadt von neuem wieder
aufzubauen, – und siehe, doch wohnen wir im neuen Jericho! Wie ist das wohl
zugegangen, daß in dieser Zeit doch eine Stadt Jericho beinahe an derselben Stelle
steht, wo einst das alte Jericho gestanden ist? Hat denn Gott nachderhand Seine
Drohung zurückgenommen und also dennoch ein neues Jericho entstehen lassen?“
[GEJ.08_189,10] Sagte Ich: „Du irrst dich!
Gott hat da Sein Wort nicht zurückgenommen, und so steht an der weiten und
wüsten Stätte, auf der einst das alte Jericho gestanden ist, bis zur Stunde
noch kein Haus und nicht einmal eine elendste Hütte. Und warum habt ihr
Neujerichoer denn es noch nie versucht, irgend auf der Altjerichostätte aus dem
Schutte ein Haus aufzubauen oder doch zum wenigsten eine Hütte für eure Schafe,
Ziegen oder Schweine?“
[GEJ.08_189,11] Sagte Kado: „Ja, liebster
Herr und Meister, da hat es eine eigene Bewandtnis! Jene beinahe an zwei
Stunden Weges im Umfange habende völlig wüste Stätte hat eine bedeutende
Ähnlichkeit mit dem Toten Meere. Es wächst da nicht einmal ein Moospflänzchen,
geschweige etwas anderes. Zudem hat der sicher ganz bedeutende wüste Fleck
zuzeiten eine so wilde und böse Ausdünstung, daß sie Menschen und Tiere jeder
Art und Gattung töten würde, so sie sich besonders in der Nacht darauf
befänden, und so wäre es sehr unklug, auf jener Stätte sich ein Wohnhaus oder
auch nur eine Hütte zu erbauen.
[GEJ.08_189,12] Merkwürdig aber ist doch der
sonderbare Umstand, daß sich die arge Ausdünstung niemals über den Bereich der
wüsten Stätte ausbreitet, und so lebt sich's hier in Neujericho ganz gesund,
während ein Mensch, der sich nur einige Stunden auf der wüsten Stätte
aufhielte, sein Leben einbüßen würde. Man hat meines Wissens zu einer Zeit
diese Stätte auch dazu benutzt, daß man Verbrecher, die nach den Gesetzen den
Tod verdient hatten, in der bösen Ausdünstzeit auf jene Stätte hinaustrieb, auf
der sie über eine Stunde Zeit verweilen mußten. Die meisten sollen ums Leben
gekommen sein. Die aber noch lebend zurückkamen, von denen sagte man, daß ihnen
die Götter gnädig waren; aber sie blieben darauf dennoch siech und lebten nicht
lange. Und das ist ein leicht begreiflicher Grund, warum auf jener wüsten
Stätte sich bis jetzt noch kein Mensch eine Wohnstätte erbaut hat und
ebensowenig schwerlich je eine erbauen wird – wie in der Nähe des Meeres, an
dessen höchst wüsten Ufern es auch für keinen Menschen geheuer ist, sich irgend
zu lange zu verweilen, besonders wenn einem ein Wind über die Wasserfläche
gerade entgegenweht. Diese wüste Stätte aber hat doch noch das Gute, daß kein
Wind ihre arge Ausdünstung über ihre Steingrenzen hinaus verwehen kann.
[GEJ.08_189,13] Ob nun die arge Ausdünstung
eine Folge jener alten Gottesstrafdrohung oder von irgend noch etwas anderem
ist, das wüßte ich mir wohl nicht zu erklären; aber denkwürdig bleibt es immer,
daß nun eben auf jener Stätte, auf der sich doch im Alter eine so große und
mächtige Königsstadt befand – was man aus den vielen Ruinen nur zu gut erkennen
kann –, in der die Menschen wohnten und ihren Handel und ihr Gewerbe trieben,
nicht einmal Schlangen, Nattern und anderes giftiges Getier sein elendes
bißchen Leben erhalten kann. Und so ist es denn doch auch merkwürdig, daß trotz
des alten Gottesverbotes auch schon seit sehr langer Zeit von etwa einigen
hundert Jahren dennoch ein zweites und neues Jericho erbaut wurde.
[GEJ.08_189,14] O Herr und Meister! Siehe,
das sind so ganz sonderbare Dinge, die so manchen in der Judenschrift wohlbewanderten
Denker offenbar in bezug auf die Zeiten Josuas etwas bedenklich vorkommen
müssen, und es ist eben nicht zu sehr zu verwundern, daß darob schon so mancher
Jude seinen Glauben und auch sein Verständnis verloren hat. Wie ging es denn
doch zu, daß nun doch noch ein Jericho dasteht?“
[GEJ.08_189,15] Sagte Ich: „Das kommt daher,
Freund, weil an dem Namen nichts gelegen ist, sondern nur allein an der Stätte.
Warum aber also, darüber will Ich euch sogleich eine kleine Aufhellung geben.
[GEJ.08_189,16] Seht, auf der Erde gibt es
gewisse Punkte und oft gedehntere Flächen, die für Menschen und auch für Tiere
nicht wohl zu bewohnen sind, weil daselbst aus der Erde Innerem, um für euch
Griechen verständlich zu reden, zu gewissen Zeiten sich gewisse böse Dünste auf
die Oberfläche emporarbeiten, die den unterirdischen Schwefel-, Erdkohlen- und
giftigen Metallagern entstammen; und diese von hier bei einer halben Stunde
entfernte alte Stätte ist eben auch ein solcher Punkt und jetzt ärger, als er
zu den Zeiten Abrahams und Lots war, allwann beinahe zugleich mit Sodom und
Gomorra auch Jericho nebst noch anderen Städten erbaut worden ist, – freilich
wohl schon durch die Voreltern Lots, die damals über diese Gegend bis zum Meere
hin herrschten!
[GEJ.08_189,17] Schon die Voreltern Lots
waren gewarnt worden, sich in dieser Gegend anzusiedeln und gar Städte zu
erbauen. Da sie trotz der Warnung das doch taten, so ward ihnen aber
anbefohlen, ein möglich keusches und reines Leben zu führen; denn nur ein
keuscher und dadurch auch lebenskräftiger Mensch mit einer starken, von Gottes
Geiste erfüllten Seele kann allen argen und rohen Naturgeistern widerstehen,
und sie können seinem Leibe nicht schaden. Aber jene vorbenannten Menschen
befolgten auch diesen Rat nicht und gingen nur zu bald in allerlei Geilerei
über, wurden Götzendiener und führten ein höchst ausschweifendes und
unnatürliches Prasserleben.
[GEJ.08_189,18] Es wurden aber dennoch oft
und oft reine und von Gottes Geiste erfüllte Boten zu ihnen gesandt, die sie
belehrten und ihnen die sicheren Folgen zeigten, die aus ihrer Unbußfertigkeit
hervorgehen würden; aber man hörte die Boten nicht an, sondern bedrohte sie,
verfolgte sie und stieß sie von sich.
[GEJ.08_189,19] Zur Zeit Lots aber war der
Punkt unter den Stätten, wo die Städte standen, zum Ausbruche reif geworden,
teils, weil das schon in der inneren Natur der Erde also geordnet und begründet
war, und teils und zwar hauptsächlich aber auch darum, weil die besagten
Menschen aller inneren geistigen Kraft bar geworden waren und daher die argen
Geister der rohen und gerichteten Natur der Erde einen unbeschränkten Spielraum
gewannen und ihr Wesen stets ärger und ärger treiben konnten, was ihnen nicht
so leicht möglich gewesen wäre, so in einer der Städte nur noch zehn bis zwanzig
geistesstarke und reine Menschen bestanden wären.
[GEJ.08_189,20] Denn wahrlich sage Ich es
euch: Ein reiner und geistesstarker Mensch ist ein Herr der Naturgeister, also
ein Herr auch über die Elemente und auch über alle Tiere und über die Pflanzen
und Mineralien, welcher Art und Gattung sie auch sein mögen. Denn so seine
Seele mit dem Geiste Gottes erfüllt ist, in dem alle Macht und Kraft aus Gott
wohnt, so kann er auch aller Natur gebieten, und sogar die Berge müssen sich
beugen vor der Macht seines Willens und seines ungezweifelten Glaubens und
Vertrauens auf den einen, wahren, allmächtigen Gott.
[GEJ.08_189,21] Es bestand aber zur Zeit Lots
außer ihm auch nicht ein solcher Mensch mehr, und so bekam er die Mahnung, zu
fliehen, so er nicht mit allen anderen zugrunde gehen wolle. Und Lot floh und
ward gerettet; denn am selben Tage geschah der alles verheerende Ausbruch, und
das große Sodom und Gomorra ging an der Stelle unter, wo nun das Tote Meer sein
oft noch arges Wesen treibt und noch gar lange treiben wird.
[GEJ.08_189,22] Und seht nun, um nicht vieles
besser stand es zu Josuas Zeiten mit dem alten Jericho, allwo – sage – eine
Hure noch die reinste Seele hatte, darum sie auch erhalten ward, weil sie die
Boten, die von Josua in die Stadt gesandt worden waren, angehört, ihre Worte
beherzigt und sie in den Schutz genommen hatte!
[GEJ.08_189,23] Josua, als ein reiner, vom
Geiste Gottes erfüllter Mensch, so wie das auch seine Priester waren, hatte den
inneren, zerstörenden Ausbruch jener Stätte wohl verhüten können und hatte die
argen Naturgeister mehr und mehr von dieser Stätte für immer gebannt und ihnen
den Tätigkeitsraum unter dem Wassergrunde des Toten Meeres angewiesen; aber
dessenungeachtet mußte er den Menschen eindringlichst verbieten, auf jener
gefährlichen Stätte je mehr wieder eine Stadt zu erbauen, was bis auf diesen
Tag denn auch beachtet wurde und noch fernerhin beachtet werden wird.
[GEJ.08_189,24] Und so habe Ich euch nun denn
auch den Grund gezeigt, warum Josua so feierlichst geboten hatte, auf jener
Stätte nie mehr wieder eine Stadt – sage, unter was immer für Namen – zu
erbauen. Diese Stätte aber, wo nun dies Jericho steht, ist keine böse, obschon
in der Nähe der alten, bösen Stätte sich befindend, und so hat da auch eine
kleine Stadt erbaut werden können; der Name hat da gar nichts zu bedeuten.“
190. Kapitel
[GEJ.08_190,01] Hierauf dankte mir Kado für
diese Erklärung und bat Mich, daß nun auch Ich den argen Naturgeistern durch
Meine Macht gebieten möchte, daß sie sich über jene böse Stätte hinaus weder
den Menschen noch den Tieren und Pflanzen schädlich erweisen sollen.
[GEJ.08_190,02] Sagte Ich: „Das ist schon
lange zuvor geschehen, ehe du Mich darum zu bitten gedachtest; was Mein Geist
durch Josuas Mund gebannt hat, das bleibet also! So weit das Gras gedeiht, und
so weit Schafe und Ziegen und Ochsen und Esel weiden, ist das Land gut; doch
darüber hinaus ist es böse.“
[GEJ.08_190,03] Sagte nun der Wirt: „Es ist
aber wahrlich schade um ein so bedeutendes Stück Land, daß es nicht fruchtbar
gemacht werden kann; denn es könnte darauf für viele Menschen Brot in
Übergenüge geerntet werden. Dir, o Herr und Meister, wäre es ja doch leicht
möglich, dieses Stück Land aller seiner bösen Naturgeister ledig zu machen. Du
dürftest nur ein Wort sagen, und das Land wäre gut.“
[GEJ.08_190,04] Sagte Ich: „Freund, du hast
da ganz recht, und Ich lobe deinen Glauben, – aber da kann Ich nicht deinem
Wunsche gemäß handeln; denn täte Ich das, so würde Ich Meiner einmal gestellten
Ordnung zuwiderhandeln, was da wohl nicht und niemals stattfinden kann und
wird!
[GEJ.08_190,05] Denn wo die Erde Berge hat,
da müssen sie auch sein. Wo da Quellen, Seen und Bäche und Ströme und Meere
sind, da müssen sie auch also sein wie am menschlichen Leibe die verschiedenen
Sinne. Und wo sich derlei arge Flächen auf der Oberfläche der Erde vorfinden,
da müssen sie sein; denn das Erdreich, die Luft und das Wasser müssen eine
nahezu endlos große Anzahl von verschiedenartigen Naturgeistern in sich
vereinen, auf daß aus ihnen allerlei Mineralien, Metalle und Steine entstehen
und Pflanzen und Tiere, jegliches nach seiner Art, ihre Nahrung und ihren
Bestand finden und haben können.
[GEJ.08_190,06] Wo demnach die Menschen
solche Flächen auf der Erde finden, auf denen weder irgendwelche Pflanzen
wachsen, noch Tiere einer oder der andern Art vorkommen, da sollen sie sich
auch nicht ansiedeln; denn da ist unterirdisch sicher eine solche Quelle, durch
die die unlautersten Naturgeister auf die Oberfläche der Erde befördert werden,
um sich mit der Luft und mit dem Wasser zu einen.
[GEJ.08_190,07] Es gibt der gesunden Flächen
in Tälern und auf den Bergen zur Übergenüge, auf denen die Menschen, wenn sie
genügsam sind, ihren Unterhalt in Hülle und Fülle finden und haben können, und
sie haben nicht nötig, auch die bösen Wüsten zu bewohnen und urbar zu machen.
[GEJ.08_190,08] Siehe, das Meer bedeckt gar
große Flächen der Erde, und ebenso auch die Seen und Ströme, und einen großen
Teil der Erdoberfläche bilden auch jene Hochgebirge, die nicht nur ganz kahl
dastehen, sondern dazu noch ihre oft weiten und breiten Hochtäler und Flächen
mit stetigem Eise und Schnee bedeckt haben! Möchtest du da nicht auch zu Mir
sagen: ,Herr und Meister, da Dir nichts unmöglich ist und die Menschen sich
stets ganz gewaltig auf der Erde mehren und am Ende zu wenig guten Landes haben
dürften, auf dem sie ihr nötiges Nährbrot gewinnen könnten, so mache Du nun die
weiten Wasserflächen und die unfruchtbaren hohen Berge zum festen, guten und
fruchtbaren Lande, und es werden dann die Menschen, so ihrer auch um tausendmal
tausend mehr wären denn jetzt, hinreichend zur Genüge des Fruchtbodens
besitzen!‘? Und Ich müßte dir darauf entgegnen: ,So Ich das täte, da würde wohl
sehr viel festes Land entstehen; aber es würde nichts mehr wachsen auf solch
einem trockenen Festlande.‘
[GEJ.08_190,09] Es muß demnach schon alles
also sein, wie es ist, auf daß es auf der Erde fruchtbare Länder geben kann.
Wenn die Menschen nach dem ihnen geoffenbarten Willen Gottes lebten und
handelten, so hätten sie der Früchte zum Ernähren des Leibes mehr denn zur
Übergenüge. Denn den oft und oft unter den Menschen eintretenden Mangel an
Nährmitteln und die Hungersnot erzeugen nur die Menschen selbst durch ihre
Selbstliebe, Habsucht, Herrschgier, Trägheit und dabei durch einen daraus
hervorgehenden Hang zum übermäßigen Wohlleben und zum diesirdischen Reichtum.
[GEJ.08_190,10] Betrachte die vielen reichen
Prachtmüßiggänger in den Städten! Sie haben viele Güter und Schätze, – und was
tun sie den armen Menschen dafür, daß sie für sie im Schweiße ihres Angesichtes
nahe Tag und Nacht arbeiten? Nichts und noch einmal nichts tun sie ihnen; denn
der karge Tagelohn und eine schlechte und magere Nährkost steht in keinem
Verhältnisse zu dem, was die Armen für die großen und reichen Prachtmüßiggänger
tun, und wird von Mir aus denn auch als nichts angesehen.
[GEJ.08_190,11] Was Gutes tut wohl zum
Beispiel ein Herodes den Menschen, die ihm die ihnen auferlegten großen Steuern
bezahlen müssen und für ihn den harten Frondienst verrichten? Sieh, derlei
Herodesse gibt es nun in der Welt eine übergroße Menge; und diese machen die
Not und alles Elend unter den Menschen und erzeugen durch ihre nie zu
sättigende Habgier Teuerung und Hungersnot unter den Menschen, wofür sie aber
im Jenseits ihren wahrlich für sie nicht erfreulichen Lohn erhalten werden.
Denn wahrlich, wahrlich, ehe ein solcher Herodes ins Himmelreich eingeht, eher
wird ein Kamel durch ein Nadelöhr hindurchgehen!
[GEJ.08_190,12] Darum gedenket ihr Reichen
nur allzeit auch reichlich der Armen, und ihr werdet es finden, daß es auf der
Erde des guten Fruchtbodens mehr denn zur großen Übergenüge gibt! – Hast du,
Wirt und Besitzer großer Güter und Reichtümer, das nun wohl begriffen?“
[GEJ.08_190,13] Sagte der Wirt: „Ja, Herr und
Meister, ich habe das alles nun nicht nur ganz wohl begriffen, sondern habe
auch den festen und unwandelbaren Entschluß gefaßt, danach zu handeln, und es
wird auch mein Bestreben sein, viele meinesgleichen zu meiner nunmaligen
Ansicht zu bringen und sie danach zum Handeln zu bewegen.“
[GEJ.08_190,14] Sagte Ich: „Daran wirst du
wohltun, und der Lohn aus den Himmeln wird für dich nicht unterm Wege
verbleiben; denn wer jemanden, besonders aus der Klasse der Reichen, zum Lichte
des Lebens und zum freudigen und freundlichen Handeln danach bekehrt, der wird
einen gar großen Lohn des ewigen Lebens für seine Seele zu gewärtigen haben.
[GEJ.08_190,15] Aber nun wird sogleich die
Sonne vollends aufgehen, und wir wollen den Aufgang betrachten, und unsere
Seelen sollen sich daran erfreuen und erheitern!“
191. Kapitel
[GEJ.08_191,01] Als Ich solches gesagt hatte,
da wurden alle Anwesenden still und richteten ihre Augen nach dem Aufgange; nur
der alte Diener des Kado hatte seine Augen unverwandt nach Mir gewandt und sah
nur Mich an und kümmerte sich nicht um den Aufgang der Weltsonne.
[GEJ.08_191,02] Das bemerkte Kado, und er
fragte in der Stille den alten Diener: „Warum kehrest denn du dein Gesicht nun
nicht nach dem Rate des Herrn und Meisters von Ewigkeit nach dem Aufgange?“
[GEJ.08_191,03] Sagte der alte Diener: „Weil
der Herr und Meister von Ewigkeit für mich eine endlos größere und heiligere
Lebenssonne ist denn jene dort im fernen Osten, die ich ohnehin schon gar oft
auf- und untergehen gesehen habe und sie hoffentlich noch mehrere Male sehen
werde. Die Weltsonne wird für mich bald völlig für immer untergehen; doch diese
heiligste Sonne wird, da sie für uns nun einmal so wunderbar aufgegangen ist,
unseren Seelen leuchten für ewig wie am hellsten Mittage und wird nimmerdar
untergehen. Wehe aber denen, für welche diese Sonne untergehen wird! Die werden
lange auf einen wiederkehrenden Aufgang zu warten bekommen! Und siehe, darum
sehe ich lieber nun diese lebendige und heiligste Sonne mir an denn jene
Weltsonne im fernen Osten, die Sein Werk ist gleich wie diese Erde und alles,
was in, auf und über ihr ist!“
[GEJ.08_191,04] Als Kado von seinem alten
Diener solches vernommen hatte, lobte er ihn und kehrte sein Gesicht auch nach
Mir und achtete nicht der soeben aufgehenden Sonne.
[GEJ.08_191,05] Es war aber diesmal der
Aufgang besonders herrlich, weil der Horizont sehr rein war; nur gen Abend hin
schwebten leichte Lämmerwölkchen in der hohen Luft und belebten das Blau des Firmaments.
Auch kamen verschiedene Wandervögel aus dem Norden, hoch in der Luft über uns
hinwegfliegend, und richteten ihre Fluglinie nach Südwest und vermieden die
Gegend des Toten Meeres. Und es war somit der Morgen ein recht heiterer und
belebter, und alle Anwesenden wurden darob frohen und heiteren Mutes und lobten
Mich, daß Ich ihnen einen so schönen Morgen gegeben habe.
[GEJ.08_191,06] Als die Sonne sich aber schon
einige Spannen hoch über dem Horizonte befand, da fragte Mich der Wirt, sagend:
„O Herr und Meister, da Dir alle Dinge in und auf und über der Erde wohlbekannt
sind, so wird es Dir auch bekannt sein, wohin die Sonne in der Nacht sich
verbirgt, und von woher sie am Morgen kommt. Nach unserer sehr fabelhaften
Lehre soll sie ins Meer untersinken und am Morgen wieder auf der
entgegengesetzten Seite aus dem großen Meere, auf dem der Erdkreis schwimme,
emporsteigen. Für das Gesicht hat es wohl also den Schein, doch der Wahrheit
nach wird sich diese Sache sicher ganz anders verhalten.“
[GEJ.08_191,07] Sagte Ich: „Ganz gewiß sehr
anders, – doch es ist nun die Zeit nicht, euch das als für euch wohlbegreiflich
zu erklären! Aber es werden bald etliche Essäer zu euch kommen, die fraget
darum, und sie werden euch das erklären, denn sie haben darin schon von alters
her ganz richtige Kenntnisse. Nach ihnen aber werden auch Meine Jünger zu euch
kommen und werden euch stärken in Meinem Namen. Dann wird Mein Geist eure
Seelen erfüllen und euch in vielerlei Weisheit führen. Und so lassen wir nun
das noch bis dahin!“
[GEJ.08_191,08] Mit dem war der Wirt auch
wieder zufrieden und fragte Mich nicht weiter in dieser Angelegenheit.
[GEJ.08_191,09] Ein anderer Grieche, der uns
auch nachgekommen war, betrachtete vor allem den Flug der Vögel und sagte
dabei: „Oh, wie gut haben es doch diese Tiere! Schnell und leicht fliegen sie
durch die Luft in weite Fernen hin, wo sie ihre ihnen sicher zusagende Nahrung
reichlichst finden. Nur der Mensch ist in dem, was die Bewegung anbelangt, am
allerschlechtesten daran und muß sich, um bei einer weiteren Reise doch
schneller vorwärtszukommen, der Füße der verschiedenen Tiere bedienen; denn mit
seinen Füßen geht es immer nur langsam vorwärts. Hätte Gott ja doch auch dem
Menschen so ein Flügelpaar gegeben, daß er den lieben Vögeln gleich in der Luft
fortfliegen könnte, welch eine Seligkeit wäre das für den Menschen!“
[GEJ.08_191,10] Sagte Ich: „Danke du Gott,
daß Er den Menschen keine Flügel zum Fliegen gegeben hat; denn könnte der
Mensch auch noch fliegen, da wäre gar nichts mehr sicher vor ihm! Er würde mit
solcher Fähigkeit die Erde in kurzer Zeit leicht noch ärger zurichten als ein
ägyptisches Heuschreckenheer eine Wiese und ein Feld, auf das es sich hinwirft.
Darum beneide du die Vögel nicht um ihre Flugfähigkeit, und wünsche diese den Menschen
nicht! Für sie genügt die Bewegungsfähigkeit, die sie haben; denn sie kommen
noch schnell genug weiter, um einander zu bekriegen. Nur so ein Mensch seinem
Nächsten zu Hilfe kommen solle, da wäre es gut, daß er sich schneller bewege;
aber bei solchen Gelegenheiten lassen sich die Menschen sehr Zeit und wünschen
sich die Flugfähigkeit der Vögel nicht. Der Mensch aber kann mit seinem
Verstande und freien Willen fliegen, und dieses geistige Fliegen ist mehr wert
als das materielle der Vögel. – Bist du nicht auch dieser Meinung?“
[GEJ.08_191,11] Sagte der Grieche:
„Allerdings, Herr und Meister; aber es mußte dem Propheten Elias doch sehr
selig vorgekommen sein, als er im feurigen Wagen sich frei in die Luft erhob
und den hohen Himmeln zuschwebte, – vorausgesetzt, daß sich das im Ernste also
zugetragen hat, wie das in den Büchern der Juden zu lesen ist.“
[GEJ.08_191,12] Sagte Ich: „Ja ja, es hat
sich das wohl also zugetragen vor den Augen seiner Jünger, doch die Bedeutung
jenes seltenen Ereignisses ist eine tiefgeistige, die du nicht fassen kannst.
So du aber schon eine so große Lust zum Fliegen hast, da glaube nun und wolle,
und Ich werde es zulassen, daß du dich in die freie Luft wirst erheben können!
So du aber in der Luft schweben wirst, da siehe, daß du das Gleichgewicht
behältst, und daß dieses Morgenlüftchen nicht dir Meister wird!“
[GEJ.08_191,13] Als der Grieche das aus
Meinem Munde vernahm, da glaubte und wollte er, und schnell erhob er sich
mehrere Mannshöhen hoch in die freie Luft. Aber da er da keine Stützen hatte,
so war auch der leichte Morgenwind gleich sein Meister und drehte ihn bald nach
rechts und nach links und bald mit dem Kopfe nach abwärts und bald wieder nach
aufwärts, und der Wind trug ihn so eine ziemliche Strecke vom Hügel hinweg, und
er, der Grieche, schrie um Hilfe, da er sonst zugrunde gehe. Da wollte Ich, daß
der Wind sich wieder dem Hügel zuwende; und so kam der fluglustige Grieche
wieder über uns zu schweben.
[GEJ.08_191,14] Und Ich sagte zu ihm hinauf:
„So glaube und wolle nun wieder auf die feste Erde herabgelangen, und es wird
das geschehen, was du glaubst und willst!“
[GEJ.08_191,15] Und der Grieche glaubte und
wollte und senkte sich gemach wieder zur Erde herab.
[GEJ.08_191,16] Als er sich wieder auf der
festen Erde befand, da fragten ihn die andern, wie er sich in der Luft befunden
habe.
[GEJ.08_191,17] Da sagte der Grieche: „Es
steht in unseren alten Büchern geschrieben, daß die schwachen Menschen die
Götter nicht versuchen sollen! Ich aber habe nun dennoch den schier (rein)
wahren Gott versucht, und es geschah mir denn auch vollkommen recht, daß ich
solch meinen Aberwitz in der Luft teuer gebüßt habe. Es ist für den Menschen,
der nicht nach der Art der Vögel gebaut und die Luft nicht beherrschen kann,
etwas Erschreckliches, so er jeder festen Stütze beraubt ist und der Wind
zwischen ihm und einer Federflaume keinen Unterschied macht, wie ihr an mir das
bemerkt habt. O Herr und Meister, ich danke Dir, daß Du mir wieder auf die
liebe, feste Erde herabgeholfen hast! Es sollen die lieben Vögel sich in der
Luft vergnügen, wie sie können und mögen; in mir wird nimmer eine Begierde
danach erwachen, mich je mehr wieder einmal in der freien Luft zu befinden und
mit den Vögeln das Vergnügen des Fliegens zu teilen. Bleiben wir daher nur auf
dem festen Boden der Erde, der uns trägt und ernährt!“
[GEJ.08_191,18] Als der Grieche noch also
seine Empfindungen seinen Gefährten erzählte, da fragten Mich einige Jünger,
die Ich in Meinem ersten Lehrjahre auch einmal durch die Luft zu Mir auf den
Berg bei Kis kommen ließ, wie es denn damals mit ihnen zugegangen sei, daß sie
in der Luft aufrecht erhalten worden sind.
[GEJ.08_191,19] Sagte Ich: „Dort wirkte pur
Mein Wille; da aber sagte Ich zum fluggierigen Griechen: ,Glaube und wolle
selbst, und es wird dir geschehen, wie du glaubst und willst!‘ Und seht, der
Grieche glaubte ungezweifelt und wollte das auch ernstlichst, und so hat ihn
sein Glaube und sein Wille und nicht Mein Wille in die Luft gehoben! Aber als
er sich ohne Stütze frei in der Luft befand, so ward er alsbald ängstlich und
gedachte nicht daran, daß er wieder durch seinen Glauben und Willen hätte zur
Erde herabgelangen können, und da erst wollte Ich, daß ihn der Wind wieder
hierher trüge, wo Ich ihm dann sagte, was er zu tun habe, um wieder zur Erde
herabzugelangen. Er hätte sich aber durch den Glauben in der Luft schon auch
aufrechterhalten und dem Winde auch gebieten können, wie das gewisse Menschen
im tiefen und hohen Indien auch recht wohl vermögen in der Zeit ihrer
besonderen Begeisterung; doch derlei hat keinen Wert für die Seele des
Menschen.
[GEJ.08_191,20] Daß aber ein Mensch von einem
starken und ungezweifelten Glauben und festesten Willen alles bewirken kann,
sogar Berge versetzen, das habe Ich euch schon zu öfteren Malen gesagt und
gezeigt, und so wird diese Erscheinung für euch wohl nichts Neues und Fremdes
gewesen sein. Das Beste aber, was hier während des Aufganges der Sonne von den
Griechen geredet worden ist, war die Rede des alten Dieners des Kado, und Ich
werde ihn darum erwecken, und er soll ehest ein tüchtiger Arbeiter in Meinem
Weinberge werden.“
[GEJ.08_191,21] Als Meine Jünger dieses von
Mir vernommen hatten, gaben sie sich zufrieden und fragten auf dem Hügel um
nichts Weiteres mehr.
[GEJ.08_191,22] Es kam aber darauf ein Diener
der Herberge und lud uns zum schon bereiteten Morgenmahle; und wir verließen
denn auch alsbald den Hügel, begaben uns in die Herberge und nahmen das
Morgenmahl ein.
[GEJ.08_191,23] Es ward dabei noch so manches
besprochen; Ich jedoch redete nicht viel, und das nur mit dem alten Diener des
Kado, dem Ich nach dem Mahle die Hände auflegte und ihn stärkte und erweckte zu
einem Jünger und Ausbreiter des Evangeliums. Sein Name war Apollon. Dieser
wurde darauf bald Gründer einer Gemeinde, die seinen Namen annahm.
[GEJ.08_191,24] Wir begaben uns darauf auf
die Weiterreise, nachdem Ich zuvor noch das ganze Haus nach der Bitte des Kado
segnete und auch versprach, am dritten Tage wieder hier durchzureisen und mit
ihnen zu reden.
192. Kapitel
[GEJ.08_192,01] Darauf begaben wir uns
eiligen Schrittes auf den Weg und gingen wieder auf dem Wege weiter, auf dem
wir gestern nach Jericho gekommen waren. Kado gab uns das Geleit bis zur Brücke
über den Jordan, wo sich der Weg teilte; denn von da führte der alte nach
Jerusalem, und ein neuer führte von da in der Richtung nach Ägypten zu dem Orte
Essäa, der von hier noch eine gute Tagereise entfernt war. Dahin zog denn nun
auch Ich, wie Ich vor einem Tage den Essäern versprochen hatte. Der Weg dahin
führte über manche wüste Stätte und mundete den Jüngern nicht besonders; aber
sie murrten dennoch nicht, obschon wir auf diesem Wege Hitze und Durst zu
erleiden bekamen, da es auf dieser Strecke keine Herberge gab und wenig gute
Quellen. Spät am Abend hatten wir Essäa erreicht. Im Orte Essäa gab es der
Herbergen in Menge, weil dieser Ort von vielen Fremden stets reichlichst
besucht ward aus schon bekannten Gründen.
[GEJ.08_192,02] Wir traten gleich in die
nächste beste Herberge, und der Wirt nahm uns auch sogleich sehr freundlich auf
und fragte uns, womit wir bedient sein möchten.
[GEJ.08_192,03] Und Ich sagte: „So wir Brot,
Wein und etwas Salz haben, dann haben wir schon, was uns not tut!“
[GEJ.08_192,04] Und der Wirt ließ sogleich
einen großen Tisch herrichten, ließ Brot, Wein und Salz aufsetzen in rechter
Menge, und wir, als von der weiten Reise sehr ermüdet, setzten uns sogleich an
den Tisch, und Ich nahm die etlichen Laibe Brot, segnete sie, zerbrach sie
dann, und die Jünger verteilten sie dann unter sich und aßen und tranken. Und
wir wurden alsonach bald gestärkt, und die Müdigkeit wich denn auch mehr und
mehr von unseren Gliedern.
[GEJ.08_192,05] Als wir uns so nach einer
halben Stunde mit Brot und Wein recht wohl gestärkt hatten, da fragte Mich der
Wirt, ob wir auch Fleisch und Fische essen möchten, da er alles das vorrätig
habe.
[GEJ.08_192,06] Ich aber sagte: „Wir alle
haben uns nun hinreichend gestärkt und haben noch Brot und Wein genug auf dem
Tische vor uns. Morgen werden wir schon auch Fische zu uns nehmen. So du Mir
aber schon einen Gefallen erweisen magst, da entsende einen Boten in die Burg
der Essäer, und der soll ihnen sagen: ,Der Herr ist in deiner Herberge mit
Seinen Freunden angekommen!‘ Das genügt, und die Essäer werden alsbald hierher
kommen mit vielem Jubel und großer Freude.“
[GEJ.08_192,07] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, da begab er sich sogleich hinaus zu seinen Dienern und
entsandte einen sogleich in die Burg, die diesmal noch offen war, weil eine
Menge Fremder von allen Gegenden der Welt mit allerlei Kranken und auch mit
etlichen toten Kindern angekommen waren und die Essäer baten und beschworen,
daß sie ihnen helfen möchten. Die Essäer aber brachte das nun schon in
Verzweiflung; denn je mehr sie den Bittenden erklärten, ihren Bitten für
diesmal nicht nachkommen zu können und zu dürfen, desto mehr drangen die
Fremden in sie. Und so blieb die Burg denn auch länger offen, und der vom Wirte
entsandte Bote konnte ganz ungehindert zu den Essäern gelangen.
[GEJ.08_192,08] Als er von einem der Ersten
Essäer befragt wurde, was es gäbe, da sagte der Bote sogleich, was er zu sagen
hatte, und entfernte sich dann auch sogleich wieder. Als der Essäer das
vernommen hatte, verkündete er es sogleich seinen Brüdern, und aller Gesichter
wurden sogleich heiter.
[GEJ.08_192,09] Es hatten aber diese
Botschaft auch mehrere Fremde vernommen, und sie fragten die nun ganz heiter
gewordenen Essäer, was es gäbe, wer der angekündigte Herr sei, und wer seine
Freunde wären.
[GEJ.08_192,10] Die Essäer aber sagten:
„Heute ist keine Zeit mehr, euch dies große Geheimnis zu verkünden; morgen aber
wird alle Kreatur hoch erstaunen über die Macht und Weisheit dieses Einen
Herrn!“
[GEJ.08_192,11] Damit gaben sich die Fremden
zufrieden, verließen die Burg und begaben sich in die Herbergen. Die Essäer
aber eilten darauf selbst in die Herberge, in der Ich Mich befand, und als sie
Meiner ansichtig wurden, da entstand ein großer und freudigster Jubel unter
ihnen. Sie konnten Mir nicht genug danken, daß Ich nach Meinem Versprechen zu
ihnen gekommen sei, und baten Mich denn auch, daß Ich Mich samt allen Meinen
Jüngern mit ihnen in die Burg begeben möchte.
[GEJ.08_192,12] Ich aber sagte: „Wo Ich
einmal eingekehrt bin, da bleibe Ich denn auch! Bleibet lieber ihr hier bei
Mir, – das wird euch heilsamer sein! In die Burg aber werde Ich weder heute
noch morgen kommen; denn was Ich euch tun werde, das werde Ich hier offen tun
vor aller Welt Augen und Ohren; denn alle sollen das große Zeugnis Gottes aus
Meinem Munde vernehmen!“
[GEJ.08_192,13] Darauf dankten Mir aus voller
Brust die Essäer und sagten zum Wirte, daß er nun alles, was er als Bestes und
Ausgezeichnetstes in seiner Herberge besitze, auf den Tisch bringen solle.
[GEJ.08_192,14] Ich aber sagte: „Wozu das?
Wir haben uns schon mit Brot und Wein hinreichend gestärkt; tut dafür lieber
den armen Fremden etwas Gutes!“
[GEJ.08_192,15] Sagte der Erste der Essäer:
„Herr und Meister! Die Armen haben wir immer in großer Anzahl bei uns und
versorgen sie auch, und die nun in diesem unserem Hauptorte sich befinden, sind
auch schon versorgt, – Dich aber haben wir nicht immer bei uns, und so ist es
denn auch nun recht und billig, daß wir unsere möglich größte Liebe,
Freundschaft und Hochachtung vor allem Dir bezeigen!“
[GEJ.08_192,16] Und Ich sagte darauf: „Da
tuet nun immerhin, was euch das Herz gebietet!“
[GEJ.08_192,17] Da ward es gleich sehr
lebendig in der Herberge, und auf unserem Tische befanden sich bald gar
köstlich zubereitete Fische und auch andere Speisen. Ich Selbst nahm nur etwas
von den Fischen; aber Meine Jünger nahmen auch noch andere Speisen zu sich,
sowie auch die Essäer.
[GEJ.08_192,18] Und es ward auch noch Wein
genommen, aber mit Ziel und Maß; denn der Wein war stark. Und so sagte Ich denn
auch zu den Jüngern: „Sehet zu, daß ihr euch nicht betrinket! Denn ihr wisset
es, daß die Trunkenheit ein Laster ist, denn sie schwächt Herz und Seele und
erzeugt im Fleische den Geist der Unzucht und Geilheit. Eine betrunkene Seele
wird schwer ins Reich Gottes eingehen!“
[GEJ.08_192,19] Diese Worte wirkten bei den
Jüngern und bei den Essäern, und alle genossen darauf Speise und Wein in aller
Mäßigkeit.
[GEJ.08_192,20] Es ward aber bei Tische viel
geredet von allerlei guten Dingen und Begebenheiten, sowohl von seiten Meiner
Jünger als auch der Essäer. Ich aber redete wenig, weil Ich Mich vor dem Wirte,
seinen Leuten und auch vor mehreren Fremden, die aus Neugier auch in unser
Speisezimmer kamen, nicht vor der Zeit zu sehr enthüllen wollte.
[GEJ.08_192,21] Unter den Fremden aber befand
sich auch ein junger Ägypter, der sich bei einem Falle von einem Baume vor ein
paar Jahren einen Fuß gebrochen hatte und nun nur mit Hilfe der Krücken sich
mühsam fortbewegen konnte und dabei große Schmerzen litt. Seine Eltern brachten
ihn denn auch zu den Essäern und zahlten für ihn die Pflege, auf daß er von den
Essäern geheilt werde. Er befand sich aber schon ein halbes Jahr in der Pflege;
aber sein Übel blieb unverändert.
[GEJ.08_192,22] Dieser Mensch betrachtete
Mich unverwandt und faßte am Ende den Mut, Mich anzureden, und er bewegte sich
zu Mir hin und bat Mich, ob er mit Mir nur wenige Worte reden dürfte.
[GEJ.08_192,23] Und Ich sagte zu ihm: „Was
willst du denn, das Ich dir tun soll?“
[GEJ.08_192,24] Sagte der Junge: „O du guter
Herr, als ich dich betrachtete eine Weile, da ward es wie glühend in meinem
Herzen, und ich vernahm eine Stimme in mir, die da sagte: ,Nur dieser allein
kann dir helfen!‘ Auf das faßte ich dann den Mut, mich sogleich an dich zu
wenden und dich auch zu bitten, daß du mir helfest. Denn ich glaube fest, daß
du allein mir Armem helfen kannst!“
[GEJ.08_192,25] Sagte Ich: „Nun denn, – so du
glaubst, da geschehe dir nach deinem Glauben! – Aber so du geheilt bist, da
schweige heute davon, auf daß im Orte kein Auflauf geschehe!“
[GEJ.08_192,26] Auf diese Meine Worte ward
der junge Mensch plötzlich derart gesund und so völlig geheilt von seinem Übel,
daß er seine Krücken ganz zur Seite stellte und frei im Zimmer sich bewegte.
[GEJ.08_192,27] Er konnte sich aber vor lauter
Dankgefühl nicht helfen und trat zu Mir hin und sagte mit Dankestränen in
seinen Augen (der Geheilte): „O du wahrer und mächtigster Wunderheiland! Das
geht denn doch nicht, daß ich dir für deine mir nun erwiesene Wohltat erst
morgen danken soll! Mögen die hier Seienden einen oder keinen Auflauf machen,
so gebietet es mir nun mein Herz, dir aus der vollsten Brust offen zu danken,
daß du mich nun so urplötzlich geheilt hast.“
[GEJ.08_192,28] Sagte Ich: „Lasse du das nun
nur gut sein, denn dein stiller Dank im Herzen ist Mir um gar vieles lieber und
angenehmer als tausend der lautest ausgesprochenen Worte. Morgen kannst du zu
den Fremden, die dich kannten, schon auch laut werden.“
[GEJ.08_192,29] Mit dem stellte sich der
junge Mensch zufrieden und begab sich wieder an seinen früheren Tisch, und ließ
sich nun auch Brot und Wein geben und ward voll heiteren Mutes; denn den Wein
hatte er schon längere Zeit nach dem Rate der Ärzte meiden müssen.
[GEJ.08_192,30] Es fiel aber dem Wirte,
seinen Leuten und mehreren hier anwesenden Fremden diese plötzliche Heilung
dennoch sehr auf, und sie befragten den Geheilten, was Ich etwa so ganz geheim
ihm getan habe, wodurch er geheilt worden wäre.
[GEJ.08_192,31] Er aber sagte (der Geheilte):
„Waret ihr ja doch selbst hier im Zimmer und habt gehört, wie er zu mir also
gesagt hat: ,Dir geschehe nach deinem Glauben!‘ Und ich ward bei diesen seinen
Worten wie durch einen Zauberschlag geheilt und bin nun so gesund, wie ich es
zuvor niemals war. Das ist alles, was ich weiß und euch sagen kann; wollt ihr
ein mehreres wissen, da fraget ihn selbst!“
[GEJ.08_192,32] Als der Wirt das vernommen
hatte, da ging er hin zum Jünger Andreas, den er erkannt hatte, und fragte ihn
um so manches über Mich; aber Andreas beschied ihn auch auf den nächsten Tag
und machte Mich nicht ruchbar vor der Zeit.
193. Kapitel
[GEJ.08_193,01] Nun kam ein Fremder zu Mir
und sagte: „Herr und Meister, kannst du jede Krankheit der Menschen also
heilen, wie du nun die des jungen Ägypters geheilt hast, und von wem hast du
diese wunderbare Art, die Krankheiten zu heilen, gelernt?“
[GEJ.08_193,02] Sagte Ich: „Höre, du
neugieriger Araber, Mir ist kein Ding unmöglich, und was Ich habe, das habe Ich
von Meinem Vater im Himmel! Diesen Vater aber kennt niemand denn allein Ich,
und Mich kennt auch niemand also ganz, wie Mich da kennt Mein Vater! – Mit dem
begnüge dich, und frage Mich um nichts Weiteres, denn du und dein Stamm seid
noch ferne vom Gottesreich! Denn euer Himmel sind eure Weiber und Sklavinnen;
und die solchen Himmel für den Himmel preisen, die sind noch ferne von Mir und
Meinem Vater!“
[GEJ.08_193,03] Auf diese Worte schwieg der
Araber und fragte Mich um nichts Weiteres.
[GEJ.08_193,04] Als die anwesenden Essäer
aber merkten, wie Ich den Araber so ganz kurz abgefertigt hatte, da dachten
sie, ob Ich etwa nicht wohl gelaunt wäre, und ob Mich etwa jemand beleidigt
habe.
[GEJ.08_193,05] Ich aber sagte zu ihnen: „Wie
möget ihr solches von Mir denken, da ihr Mich nun doch kennet? Ich bin nicht
wie ein schwacher, mit allerlei Leidenschaften behafteter Mensch, sondern Ich
bin in diese Welt gekommen, um allen Menschen zu helfen, die an Mich glauben
und nach Meiner Lehre leben und handeln werden; und so bin Ich nun, wie Ich
war, bevor noch diese Erde erschaffen war, und liebe auch die Menschen, die
Mich noch nicht kennen und auch noch nie erkannt haben, und es soll zur rechten
Zeit auch ihnen das Evangelium gepredigt werden. Wer sich danach kehren wird,
der wird das ewige Leben überkommen; wer aber das Evangelium nicht annehmen
wird, der wird verbleiben im alten Gerichte und im alten Tode.
[GEJ.08_193,06] Sorget sonach in der Folge,
daß auch die vielen Toten, die zu euch kommen und bei euch allerlei Hilfe
suchen, Meine Lehre überkommen und im Geiste erwachen und lebendig werden
mögen, und ihr werdet ihnen dadurch wahrhaft helfen! Ich will aber, daß alle
Menschen selig werden sollen! Und so Ich das will und auch darum in diese Welt
gekommen bin, um allen Menschen das Tor zum ewigen Leben zu öffnen, so bin Ich
nicht heute so und morgen anders, sondern stets gleich wie der Vater im Himmel,
der in Mir ist, lebt, schafft, richtet und erhält.
[GEJ.08_193,07] Da Ich es aber mit allen
Menschen vollernstlich wohlwill, ohne Beschränkung ihres freien Willens, so
kann Ich mit ihnen auch nicht tändeln und scherzen, sondern nur ernst verkehren
und ihnen treu und wahr zeigen durch Lehre und Tat die Wege, auf denen sie zum
ewigen und wahren Leben ihrer Seelen gelangen können, so sie es wollen.
[GEJ.08_193,08] Wenn Ich aber in solchen
Absichten zu den Menschen in diese Welt gekommen bin, wie sollte Ich dann
dabei, gleich einem Menschen, jemals übel gelaunt sein, und wer kann Mich
beleidigen? Wer Mich erkannt hat und an Mich glaubt und nach Meiner Lehre tut,
der wird Mich sicher nicht beleidigen; wer Mich aber nicht erkannt hat oder
nicht erkennen will, so er Mich auch erkennen könnte, der kann Mich nicht
beleidigen, er beleidigt nur sich selbst, da er seinem eigenen Leben zum Feinde
wird.
[GEJ.08_193,09] Ich aber suche ja nur die
seelisch und leiblich Kranken, um ihnen zu helfen, und nicht die Gesunden, die
keiner Hilfe bedürfen. Welch einer Liebe, Weisheit und Gerechtigkeit würde man
den Arzt zeihen, der die Kranken darum haßte, verfolgte und züchtigte, weil sie
eben Kranke sind?! Darum besinnet euch eines Besseren über Mich, und denket,
daß Der, welcher nun also zu euch redet, ein wahrer und gerechter Arzt ist für
Seele und Geist und im Notfalle auch für den Leib.“
[GEJ.08_193,10] Als die Essäer das von Mir
vernommen hatten, baten sie Mich um Vergebung darum, daß sie so gemein
menschlich von Mir gedacht hatten.
[GEJ.08_193,11] Und die Fremden sagten unter
sich: „Das ist doch ein sonderbarer Wunderarzt! Der redet nicht wie irgend ein
Mensch, sondern wie ein Gott! Den muß man wohl hören und sich nach seinen
Worten richten!“
[GEJ.08_193,12] Ich aber sagte zu den
Essäern: „Warum bittet ihr Mich denn nun um Vergebung, so Ich es euch zuvor
doch klar genug gezeigt habe, wie und warum Mich kein Mensch jemals beleidigen
kann? Ich sage es euch: Vergebet euch selbst eure Sünden und Dummheiten
gegenseitig, erwecket eure Liebe zu Gott und zum Nächsten, so werden euch auch
von Mir aus eure Sünden vergeben sein!
[GEJ.08_193,13] So aber jemand ein Narr, ein
Blinder und ein Stummer ist, wird ihm das zu etwas nütze sein, so Ich zu ihm
sagte: Ich vergebe dir deine Narrheit, dir deine Blindheit und dir deine
Stummheit? Nein, das wird keinem zu etwas nütze sein; denn es wird dabei
dennoch der Narr ein Narr, der Blinde ein Blinder und der Stumme ein Stummer
verbleiben. So Ich aber den Narren von seinem Übel und den Blinden und den
Stummen von ihrem Übel heile durch Wort, Rat und Tat, so wird allen dadurch
wahrhaft geholfen sein.
[GEJ.08_193,14] Wer demnach eine Torheit
begeht, der erkenne die Torheit, lege sie ab und begehe sie nicht mehr, und sie
wird ihm vergeben sein auch im Himmel; aber solange er das nicht tut und
dennoch von Zeit zu Zeit Gott um die Vergebung seiner Sünden bittet, so werden
sie ihm nicht vergeben werden eher, als bis er durch die volle Ablegung seiner alten
Torheiten sich selbst seine Sünden vergeben hat. Ein jeder kehre daher zuerst
vor seiner Tür, dann kann er auch zu seinem Nächsten gehen und zu ihm sagen:
,Siehe, ich habe nun den Unflat von mir entfernt und bin mit mir in der
Ordnung; lasse denn auch, daß ich selbst nun deine Hausflur reinige dadurch,
daß ich alles dir zugefügte Unrecht auf die Weise gutmache, wie du es
wünschest!‘ Ja, wenn die beiden Nachbarn also ihre Sache gutmachen und
freundschaftlich schlichten, dann wird sie auch im Himmel gutgemacht und
geschlichtet sein! Wenn aber nicht also, dann nützet den Himmel um die
Vergebung seiner Sünden bitten nichts!“
194. Kapitel
[GEJ.08_194,01] (Der Herr:) „Wer da gut
sehend ist, der kann wohl zu seinem Bruder sagen, so er in dessen Auge einen Splitter
erschaut: ,Bruder, lasse es, daß ich dir den Splitter aus deinem Auge nehme!‘
Aber einer, der selbst nicht nur einen Splitter, sondern gar einen ganzen
Balken von Sünden und Torheiten im eigenen Auge trägt, der sehe, wie er den
Balken aus seinem Auge ziehen mag! Ist sein Auge rein, dann erst kann er auch
seinem Bruder den Splitter aus dem Auge nehmen helfen.
[GEJ.08_194,02] Wer da lehrt seine
Mitmenschen, der lehre sie nicht nur weise und feingefügte Worte, wie das auch
tun die Pharisäer und andere falsche Propheten, sondern vielmehr durch seine
Taten und Werke, so wird er seine Mitmenschen zur wahren und lebendigen
Befolgung bewegen! So er aber so und so lehrt, selbst aber seiner Lehre
zuwiderhandelt, so gleicht er einem Wolfe in Schafspelzkleidern, der nur darum
die kurzsichtigen und leichtgläubigen Schafe um sich vereinigt und ihnen weise
Lehren gibt, um sie sich für seinen Rachen gefügig zu machen.
[GEJ.08_194,03] Wird es solch einem Wolfe von
einem Lehrer wohl etwas nützen, so er, heimlich sein Unrecht einsehend, zu Gott
sagt: ,Herr, vergib mir meine Sünden; denn ich habe an Deinen Schafen gesündigt
oftmals!‘, bleibt aber dabei dennoch der alte Wolf? Oh, dieses Bitten und Beten
wird ihm gar nichts nützen; denn er ist ja noch der alte Wolf! Er lege den Wolf
ganz ab und werde ein Lamm, dann hat er sich selbst seine Sünden vergeben, und
sie werden ihm dann im Himmel vergeben sein!
[GEJ.08_194,04] Wenn dein Bruder dich
beleidigt und dir Übles zugefügt hat, so hast du durch die Liebe in deinem
Herzen das offenste Recht, deinem Bruder die an dir begangenen Sünden zu
vergeben; und so er dann auch freundlich zu dir kommt und dir dankt für deine
Liebe und dir Gutes zu tun ernstlich verspricht, so sind ihm seine an dir
begangenen Sünden auch im Himmel vergeben, auch dann, so du dich von ihm nicht
entschädigen läßt.
[GEJ.08_194,05] Sieht der Bruder sein an dir
begangenes Unrecht aber nicht ein und verharrt in seiner Bosheit, da wird wohl deine
Liebe und Geduld dir im Himmel hoch angerechnet werden, aber dem Bruder werden
seine Sünden bleiben, solange er sie sich selbst nicht gänzlich vergibt, was
dadurch geschehen kann, daß er sie völlig als Sünden erkennt, sie an sich
verabscheut und vollends ablegt und nicht mehr begeht.
[GEJ.08_194,06] Wie aber, wenn also und
unmöglich anders, können einige von euch Essäern zu den Menschen sagen: ,Wir
sind für die Menschen von dem höchsten Gott erwählt zu Seinen Stellvertretern
und haben das Recht, den Menschen die uns einbekannten Sünden und Laster, als
auch im Himmel gültig, zu vergeben, so der Bekenner die von uns ihm auferlegten
Bußen verrichtet und dies und jenes Opfer bringt!‘ – auf welch letzteres vor
allem gesehen wird?! So Ich Selbst aber keinem Menschen die Sünden zuvor
vergeben kann, als bis er sie sich selbst auf die euch gezeigte Art vergeben
hat, wie könnet dann ihr an Gottes Statt den Menschen gegen Opfer jene Sünden
vergeben, die sie an euch nie begangen haben?!
[GEJ.08_194,07] Ja, ihr könnet als rechte
Ärzte von jenen Menschen, die bei euch Hilfe suchen, schon wohl ganz ernstlich
auch verlangen, daß sie euch bekennen alle ihre Sünden und Gebrechen, auf daß
ihr ihnen dann einen rechten Rat fürs fernere Leben und mit dessen genauer
Befolgung auch die gewünschte Heilung der Seele und des Leibes verschaffen
könnet. Doch auch in diesem Falle seid keine sündenvergebende Stellvertreter
Gottes, sondern nur helfende Brüder und Freunde der an Leib und Seele leidenden
Mitmenschen, denen dann auch alle Sünden im Himmel vergeben sein werden, so
sie, euren Rat genau befolgend, sich selbst ihre Sünden völlig vergeben haben
werden!
[GEJ.08_194,08] Darum, wollt ihr in der Folge
den Menschen wahrhaft helfen, so lehret sie vor allem, wie sie sich vor allem
selbst zu helfen haben; denn ohne eine ernst vorangehende Selbsthilfe ist auch
keine Hilfe von Gott aus möglich! Vorzugsweise aber gilt das für die durch
allerlei Sünden schwach und krank und oft schon ganz tot gewordene Seele des
Menschen, die vermöge ihres freien Willens und rechten Verstandes von Gott aus
auf sich selbst angewiesen ist und sich selbst von allen Schlacken der Materie
und deren Gerichtes reinigen muß, auf daß sie dann auch vom Geiste gereinigt
und gestärkt werden kann.
[GEJ.08_194,09] Leget daher alle eure alten
Torheiten und leeren Trügereien ab, und machet euch frei von ihnen; reiniget
dadurch eure Seelen, und Ich werde dann zu euch auch sagen können: ,Nun seid
ihr auch rein vor Mir!‘ Ich werde euch dann stärken durch Meinen Geist, der
euch dann beleben wird zur höheren Tatkraft und euch zeihen wird zu wahren und
vollkommenen Menschen.
[GEJ.08_194,10] So ihr nun aber das wisset
und es vernommen habt aus Meinem Munde, so handelt auch danach; denn sonst
nützen euch diese Meine wahrsten und lebendigsten Worte ebensowenig, als den
Menschen eure leeren und unwahren und toten Worte jemals etwas genützt haben.
[GEJ.08_194,11] Es sind Meine Worte wohl die
Kraft und das Leben aus Gott Selbst, aber sie werden erst zu eurem
Lebensanteile durch euer Handeln danach. Seid darum allzeit wahre Täter und
nicht pure Hörer des Wortes, das Ich zu euch geredet habe, so werden euch alle
eure vielen Sünden vergeben werden auch im Himmel, und Ich werde euch dann
allzeit helfen können! – Habt ihr das wohl begriffen?“
[GEJ.08_194,12] Sagte der Erste und Oberste
der Essäer: „O Herr und Meister in Deinem Gottgeiste von Ewigkeit! Wer sollte
das auch nicht begriffen haben? Denn diese Wahrheit ist zu sonnenhelle
leuchtend, und wir haben in ihrem Lichte nun erst vollends erkannt, was der
Mensch sein und wie er leben und handeln soll, um ein wahrer Mensch zu sein
nach dem Willen und nach der Ordnung Gottes. Wir werden aber darum auch von nun
an nicht nur die Hörer, sondern auch die lebendigsten Täter Deines heiligen
Wortes sein und verbleiben bis ans Ende der Zeiten der Erde.
[GEJ.08_194,13] Diese unsere alte Sündenburg
soll materiell und geistig vom Grunde aus niedergerissen und zerstört werden,
und wir werden an ihrer Statt eine von allen Seiten freie und offene aufmauern.
In Zukunft sollen uns nicht mehr unserer alten Burg feste Mauern vor allerlei
Feinden schützen, sondern allein die Kraft und ewige Macht Deines Gotteswortes!
[GEJ.08_194,14] Und sollte je irgend Deine
Lehre unter den Menschen durch allerlei falsche Lehrer und Propheten
verunlautert werden, so soll sie in unseren freien Mauern und Herzen dennoch so
rein verbleiben im Sinne, Verständnisse, Geiste und voller Tat, als wie
göttlich rein sie aus Deinem heiligen Munde in unser Herz und unsere Seele
gedrungen ist. Du, o Herr und Meister, aber sprich Dein allmächtiges Amen dazu,
und wir Essäer als künftige freie Maurer und Erbauer Deiner Gottesburg unter
den Menschen auf Erden werden auch die treuesten Erhalter derselben
verbleiben!“
[GEJ.08_194,15] Sagte Ich: „Ja, dazu spreche
Ich das große Amen aus dem Munde des Vaters, der Sich in Meiner Person Selbst
zu euch aus den Himmeln herabgesandt hat, und morgen sollet ihr schon die
Wirkung dieses von Mir ausgesprochenen großen Amens verspüren! Doch für heute
wollen wir des Tages Werk als beendet ansehen. Wer aber noch etwas zu fragen
hat, der kann fragen, und Ich werde ihm die Antwort geben.“
195. Kapitel
[GEJ.08_195,01] Hier trat abermals ein Araber
zu Mir und fragte, ob auch den Arabern ihre sicher vielen Sünden vergeben werden
könnten, wenn auch sie danach täten, wie Ich das die Essäer nun gelehrt habe.
[GEJ.08_195,02] Sagte Ich: „Jeder Mensch kann
die Taufe des Geistes aus Gott überkommen, so er den allein wahren und ewigen
Gott erkennt, an Ihn lebendig glaubt, Ihn dann auch über alles liebt und den
Nebenmenschen wie sich selbst und also handelt, wie ihm das aus dem Munde
Gottes geoffenbart ist. Aber wer die Weiber mehr liebt als Gott, der bleibt in
seinen Sünden!“
[GEJ.08_195,03] Als der Araber samt mehreren
hier anwesenden Stammesgenossen solches aus Meinem Munde vernommen hatte, da
stutzte er anfangs, ermannte sich aber bald und sagte: „Ja, du allerweisester
und mächtigster Herr und Meister hast ganz einleuchtend gesprochen, und ich
erkenne die Wahrheit deiner Rede; aber es ist ihr in unserem Erdenleben nicht
so leicht nachzukommen, als wie man sich die Sache auf den ersten Augenblick
vorstellt. Gott über alles lieben und an Ihn sicher auch lebendig glauben und
darum auch seinen Nächsten lieben mehr denn sich selbst, wäre eben etwas ganz
leichtes und zugleich höchst Beseligendes, so zu all dem das rechte und wahre
Gotterkennen nicht vorausgehen müßte! Wie aber kann man einen allein wahren
Gott erkennen und Ihn sich also vorstellen, wie Er ist, und wo Er ist?
[GEJ.08_195,04] Wir sind von Geburt an
Heiden, wie uns die Juden nennen, und haben von einem allein wahren Gott, außer
von irgendeinem Juden in sehr unverständlichen Worten, niemals etwas vernommen,
und so sind wir denn auch gleichfort bei der Lehre stehengeblieben, die wir von
unseren Alten überkommen haben, und leben in den Sitten und Gebräuchen fort, in
denen wir von Geburt an erzogen worden sind, und dafür kann uns irgend nur ein
allein wahrer Gott nicht zur Verantwortung ziehen.
[GEJ.08_195,05] Daß wir unsere Weiber sehr
lieben, das ist wahr. Aber was sollen wir tun? Sie sind einmal da und fordern
mit Mund, Gebärde, Gestalt und Natur Liebe von uns, und unsere Natur selbst
gebietet uns, die schönen und zarten Weiber zu lieben, und so hätten wir es
wohl für eine Sünde gehalten, die Weiber, besonders so sie noch jung und schön
sind, nicht zu lieben; aber irgend einen allein wahren Gott für Sich über alles
zu lieben, wäre uns gar nie möglich gewesen, weil für uns außer der Sonne und
außer dem Lichte eines jeden Feuers nie einer als für uns erkenn- und
wahrnehmbar bestanden hat.
[GEJ.08_195,06] Wir haben auch Priester und
allerlei außerordentliche Dinge zu bewerkstelligen imstande seiende Magier, die
da sagen, daß sie solches durch geheime Kräfte der großen Natur und ihrer Geister
bewirken können und darum auch unsterblich seien. Diese Priester und Magier
aber wissen selbst von irgend nur einem wahren Gotte ebensowenig wie wir,
kennen Ihn nicht, können darum an Ihn auch nicht glauben und Ihn noch weniger
über alles lieben; denn was für uns Menschen so gut wie gar nicht da ist, das
können wir denn auch unmöglich über alles lieben.
[GEJ.08_195,07] Die Sonne als die größte
Wohltäterin der Erde und ihrer Wesen aber ist da, und wir beten sie an, so wie
auch das Feuer, ohne das ein Menschenleben so wenig bestehen könnte wie ohne
Wasser und Brot. Und so müssen wir auch die Weiber lieben, weil sie da sind,
uns die Menschen zur Welt bringen und sie als Mütter in der Kindheit mit aller
Liebe, Sorgfalt und Zartheit pflegen! Sie sind gewisserart die Schöpferinnen
der Menschen und haben mit ihnen viele Not und eine große Mühe und verdienen
darum auch alle unsere Liebe und Achtung.
[GEJ.08_195,08] Und das alles haben wir schon
von Kindheit an gelernt und dann auch mit unserem Verstande eingesehen, daß
sich die Sache also verhält, und lebten darum auch nach solcher Lehre, wofür
wir nicht können, wenn es also nicht recht war.
[GEJ.08_195,09] Wenn es aber irgend nur einen
wahren Gott schon von Ewigkeit her gegeben hat, der Sich den Juden zu erkennen
gegeben hat, so hätte Er Sich ja wohl auch uns Arabern, den Persern, den
Indiern, den Ägyptern, Griechen und Römern und noch vielen anderen Völkern
können zu erkennen geben, was meines Wissens aber bis jetzt noch nie der Fall
war. Und so kann es uns ein für uns nie da gewesener Gott nicht zur Sünde
rechnen, so wir nicht Seinem irgendwo und – wann geoffenbarten Willen gemäß
gelebt und gehandelt haben.
[GEJ.08_195,10] Mache uns nun Du, mächtigster
Herr und Meister, mit dem einen, wahren Gott bekannt, lasse uns Ihn also
erkennen, daß in uns über Sein Dasein kein Zweifel mehr haften bleiben wird, so
werden wir an Ihn nicht nur lebendig glauben, sondern Ihn auch über alles
lieben und Seinen Willen, so er uns bekanntgegeben würde, sicher auch
allergetreust erfüllen! Aber solange das nicht geschieht, können wir einen
allein wahren Gott nicht über alles lieben und Seinen uns nie bekanntgegebenen
Willen auch nicht erfüllen.
[GEJ.08_195,11] Bist du selbst der eine und
allein wahre Gott, wie das aus so manchem deiner Worte, wie auch aus deiner
Tatkraft nicht zu unklar zu entnehmen war, so sage und zeige uns das noch
heller, und wir werden an dich lebendigst glauben, dich über alles lieben und
gleich diesen Essäern deinen uns bekanntgegebenen Willen auf das genauste erfüllen!
Aber das von mir Verlangte muß zuvor geschehen!“
[GEJ.08_195,12] Sagte Ich: „Du hast nun ganz
klug geredet, und es wird morgen deinem Verlangen auch Genüge geleistet werden!
Aber deine Behauptung, es habe Sich Gott euch bis jetzt noch nie geoffenbart,
ist nicht richtig! Gott hat Sich auch euren Voreltern ebenso wahr, treu und
offen geoffenbart und ihnen kundgetan Seinen Willen; aber ihrer Nachkommen
stets wachsende Welt- und Selbstliebe ließ das reine Erkennen des nur einen
wahren Gottes gar bald sinken, schwächer und schwächer werden, und das Handeln
nach dem geoffenbarten Willen Gottes sank denn auch mit, weil es den Menschen,
die sich stets zur Welt hinaus kehrten, zu unbequem und zu sauer vorkam.
[GEJ.08_195,13] Da traten denn auch bald
solche Menschen auf, die für sich gar keinen Glauben hatten, aber als
Arbeitsscheue auf Kosten der Nebenmenschen in der Welt dennoch so gut und
ansehnlich als möglich leben wollten, und lehrten die leichtgläubigen Menschen
das, was diesen mundete und sie mehr unterhielt als das Erkennen des einen
wahren Gottes und das Handeln nach Seinem Willen; denn das Handeln nach dem
Willen Gottes verlangt eine starke Selbstverleugnung, ohne die niemand Gott
über alles und seinen Nächsten wie sich selbst lieben kann.
[GEJ.08_195,14] Sieh, so stehen der Wahrheit
nach die Sachen; aber wie du meinst, daß Sich der allein wahre Gott den Juden
allein nur geoffenbart habe, ist nicht richtig!“
196. Kapitel
[GEJ.08_196,01] (Der Herr:) „Es gibt kein Volk
auf der ganzen Erde, dem sich Gott nicht zur rechten Zeit geoffenbart hätte;
aber dann hätten nach dem Willen Gottes die Eltern ihre Kinder fortwährend also
erziehen sollen, daß diese unverwandt im lebendigen Glauben an den einen,
wahren Gott geblieben wären und dadurch auch im Handeln nach dem erkannten
Willen Gottes. Aber da nur zu bald den Menschen die rechte Demut und die
Selbstverleugnung aus der Liebe zu Gott, wie Ich das schon gesagt habe, zu
unbequem ward, so ließen sie davon ab und gingen in die Welt- und Selbstliebe
über, was ihre Seelen derart verfinsterte und mit der toten Materie vereinte,
daß sie alles Reingeistigen bar wurden; und es haben dann die falschen
Propheten ein leichtes Spiel gehabt, die ohnehin schon sehr verfinsterten
Menschen noch finsterer zu machen, als sie durch ihre Trägheit schon von der
Geburt an waren.
[GEJ.08_196,02] Denn ein jeder Mensch ist
infolge dessen, daß er einen völlig freien Willen hat und sich selbst zu
bestimmen und geistig auszubilden hat, in die Trägheit von Gott aus gelegt,
aber also, daß er dieselbe mit seinem Willen besiegen kann, was ihn anfangs
freilich wohl recht viele Mühe und ebenso viele Selbstverleugnung kostet.
[GEJ.08_196,03] Wird der Mensch schon von
seiner Kindheit an zur rechten Tätigkeit angehalten und erzogen im Gehorsam, in
der Demut, Sanftmut und in der rechten Selbstverleugnung, so wird er in der
reinen und wahren Erkenntnis Gottes und in der Liebe zu Ihm bald stark und
mächtig werden, und Gott wird Sich ihm dann unbeschadet seiner Willensfreiheit,
von neuem offenbaren können, und es wird dann heller und lebendiger in der
Seele; aber da die Menschen die ihnen angeborene Trägheit nicht bekämpfen und
besiegen lernen, weil dazu schon die Eltern zu lässig sind, so ersticken die
Menschen schon lange eher in der ihnen notwendig angeborenen Trägheit, bevor
sie nur einen Versuch gemacht haben, dieselbe in sich zu bekämpfen und zu
besiegen.
[GEJ.08_196,04] Und seht, so geht denn ein
Volk ums andere in die Nacht des Lebens über und verliert alles innere,
geistige Lebenslicht! Wo aber das verloren ist, wie kann da eine neue
Offenbarung Platz greifen? Da ist es von Gott aus weiser, solch ein Volk ohne
alle weitere Offenbarung zu lassen und es durch die bitteren Folgen, die aus
der Trägheit entstehen müssen, zu erziehen und in eine Tätigkeit zu versetzen;
denn die Menschen werden dann erst durch die Not zu irgendeiner nützlichen
Tätigkeit genötigt und können dadurch wieder die Fähigkeit erlangen, in der
sich ihnen Gott zeigen und von neuem offenbaren kann, wie das nun soeben der
Fall ist.
[GEJ.08_196,05] Und mit dem von Mir euch
allen, Heiden und Juden, nun Gezeigten werdet ihr wohl einsehen, daß Gott kein
Volk dieser Erde ohne eine Offenbarung gelassen hat; wenn es mit der Zeit aber
dennoch um dieselbe gekommen ist, so war es auf die gezeigte Weise nur allzeit
selbst schuld daran. Und du, blinder Araber, sage Mir nun, ob du das nun auch
mit deinem scharfen Weltverstande wohl begriffen hast!“
[GEJ.08_196,06] Sagte der Araber: „Herr und
Meister, ich habe das wohl begriffen, und es verhält sich die Sache auch genau
also; aber so schon die Trägheit das dem Menschen angeborene Übel ist, das er
mit der Kraft seines freien Willens zu bekämpfen und zu besiegen hat, so solle
ihm aber Gott dabei doch auf eine solche Art behilflich sein, daß der in sich
selbst schwache Mensch wenigstens in einer gewissen Zeit seines Lebens leichter
ein Meister und Herr seiner ihm angeborenen Trägheit werden könnte! Denn einen
Menschen eher in seiner Trägheit ganz zugrunde gehen lassen, als ihm eine Hilfe
zuteil wird, finde ich mit einer göttlichen Liebe, Weisheit und Erbarmung nicht
so ganz recht vereinbar!“
[GEJ.08_196,07] Sagte Ich: „Jetzt siehst du
das freilich wohl noch nicht ein; wenn du aber selbst im Geiste erweckt wirst,
dann wirst du auch den Grund von all dem einsehen und wohl begreifen. Aber da
es nun schon um die Mitte der Nacht geworden ist und Ich und Meine Jünger eine
weite Reise gemacht haben, so wollen wir unseren Gliedern eine nötige Nachtruhe
gönnen; und somit ist das Tagewerk für heute beendet!“
[GEJ.08_196,08] Als der Wirt solches von Mir
vernahm und Ich Mich vom Tische erhob, da führte er Mich samt Meinen alten
Jüngern in ein Schlafgemach, allwo wir uns sogleich zur Ruhe begaben.
[GEJ.08_196,09] Die andern Jünger, die Essäer
und die Fremden aber blieben noch ein paar Stunden beisammen, und es ward noch
vieles von Meinen Taten und Lehren gesprochen. Und die Araber wurden gläubiger
und fingen an einzusehen, wer Ich sei. Mit der Weile aber überfiel sie alle der
Schlaf, und sie hielten ihre Nachtruhe am Tische.
197. Kapitel
[GEJ.08_197,01] Als der Morgen kam, da war
Ich mit den Zwölfen schon wieder auf den Füßen und sagte zu Petrus: „Was dünket
dich, da heute der Vorsabbat ist, auf den die hier in diesem Orte wohnenden Altjuden
große Stücke halten, – soll Ich heute arbeiten zum Wohle der Menschen, oder
sollen wir diesen Tag über feiern?“
[GEJ.08_197,02] Sagte Petrus: „Herr, wie soll
ich als ein schwacher, sündiger Mensch Dir da einen Rat geben können? Denn Du
allein weißt es am besten, was da Rechtens ist! Es ist aber die Sonne noch
nicht aufgegangen, und Du kannst mit Deinem Willen nun alles verrichten, bevor
noch die Sonne diesen Ort beleuchten wird, und wir können dann, um den Altjuden
kein Ärgernis zu geben, diesen Vorsabbat feiern bis zum vollen Untergange. Das
Reden und Lehren aber verbietet dieser Tag ja nicht, obschon die Juden auf ihn
darum große Stücke halten, weil sie des Glaubens sind, daß eben dieser Tag des
Moses Geburtstag sei.“
[GEJ.08_197,03] Sagte Ich: „Das eben ist es,
warum Ich mit euch nun rede, und frage denn auch euch, ob ihr selbst auf des
Moses Tag etwas haltet?“
[GEJ.08_197,04] Sagte Petrus: „Herr, wir
halten auf die Lehre Mosis, aber auf seinen Tag selbst halten wir nichts, da es
ja doch nicht erwiesen ist, ob das wohl des großen Propheten Tag ist!“
[GEJ.08_197,05] Sagte Ich: „Es ist zwar
dieser Tag wohl der Tag des Propheten, aber das soll uns nicht im geringsten
beirren, eben heute so tätig als möglich zu sein, um die alten Traumdeuter aus
ihrem Wahne zu wecken und ihnen ihre Torheiten anschaulich zu machen. Gehen wir
nun wieder ins Freie und lassen alle die andern noch ruhen, und wir werden
sehen, was sich heute alles wird machen lassen!“
[GEJ.08_197,06] Damit waren die Jünger
zufrieden, und wir begaben uns sogleich ins Freie auf einen Hügel, von dem aus
man ganz Essäa übersehen konnte und die weitläufigen Mauern und Burgen der
Essäer. Von dem Hügel aus sah man auch die Straßen, die von vielen Seiten nach
Essäa führten, und auf den meisten sah man viele Menschen nach diesem Orte
ziehen, wo sie Hilfe suchten. Und so kam bald viel Volk in diesen Ort; doch
unsere Herberge ward für uns frei erhalten.
[GEJ.08_197,07] Wir betrachteten eine Weile
die Zuzüge der Menschen nach dem Orte, und es kam das Weiterkommen den Jüngern
sehr saumselig vor.
[GEJ.08_197,08] Und der Jünger Simon und
Jakobus der Größere sagten: „Herr, mit solch einer Vorwärtsbewegung brauchen
diese Menschen von da bis nach Jerusalem sieben bis acht volle Tage zu wandeln,
während wir mit dem Zwischenaufenthalt nur zwei Tage bis hierher benötigt
haben. Wie konnten denn wir so bald hierher kommen, und andere Menschen, die
sich dazu noch von den verschiedenen Lasttieren tragen lassen, brauchen dazu
eine auffallend längere Zeit? Sind wir denn zuweilen von unsichtbaren Mächten
getragen worden?“
[GEJ.08_197,09] Sagte Ich: „Es dürfte bei uns
auf den einsamen langen Wegstrecken wohl dies der Fall gewesen sein, wie das
auch der Fall war, als wir das weite Gebiet am Euphrat und das obere Syrien
durchzogen haben; denn mit der gewöhnlichen Fußbewegung hätten wir eine viel
längere Zeit zu jener Reise benötigt. Wenn ihr einst in Meinem Namen reisen
werdet, so werdet ihr euch auch mit größerer Schnelligkeit bewegen können über
öde und weite Erdstrecken, allwo keine Orte sind und keine Menschen wohnen.“
[GEJ.08_197,10] Hierauf fragte Andreas,
sagend: „Herr, wenn ich die Menschen, die schon seit sicher mehreren Tagen sich
hier aufhalten der Hilfe wegen, zu all diesen Neuzuziehenden zusammenzählen
könnte, so möchte das wohl die Zahl von mehreren Tausenden sein! So Du nach
Deiner Liebe und Erbarmung da jedem helfen wirst, der bei Dir Hilfe suchen
wird, so werden wir hier viele Tage zu tun bekommen; denn diese hier Hilfe
suchenden Zuzüge sind nach meiner Erfahrung beinahe alle Tage gleich. Es wird
den Essäern dafür immer auch schwer zu helfen sein; denn sie sind zu einem
allverbreiteten Weltrufe gekommen, den nun auf einmal zu vertilgen eine schwere
Sache sein wird.“
[GEJ.08_197,11] Sagte Ich: „Du denkst und
sprichst wohl nun noch also wie ein gewöhnlicher Mensch! Hast du denn nicht
vernommen, was Ich gestern dem Obersten der Essäer verheißen habe? Habe Ich
euch allen, als Ich euch einmal vor Mir in die Welt sandte, doch auch die Macht
erteilt, die Kranken zu heilen, die bösen Geister auszutreiben und den Armen
das Evangelium zu predigen, – und ihr habt euch von der Wahrheit der von Mir
empfangenen Macht vielfach tatsächlich überzeugt, da ihr durch das Auflegen
eurer Hände in Meinem Namen alle Krankheiten habt heilen können, bis auf den
mondsüchtigen Jüngling wegen Mangel des rechten Glaubens.
[GEJ.08_197,12] So Ich euch aber solch eine
Macht habe erteilen können, soll Ich sie nicht auch den Essäern erteilen
können, da sie sich doch allerernstlichst vorgenommen haben, Mir auf Erden eine
Himmelsburg, frei von allen Weltinteressen, aufzumauern? So sie aber eine
solche Macht von Mir überkommen werden, und eigentlich schon überkommen haben,
so werden sie auch nicht nötig haben, ihren alten Weltruf zu vertilgen, wohl
aber selben in ein anderes und wahres Licht zu stellen; und wir werden uns
demnach auch nicht lange hier aufzuhalten nötig haben, um etwa allen diesen
vielen Hilfesuchenden – als etwa jedem einzeln – zu helfen. Es wird ihnen schon
damit auch von Mir aus geholfen werden, so ihnen die Essäer in Meinem Namen
allzeit werden helfen können. Und siehe, da war deine Sorge eine eitle!
[GEJ.08_197,13] Es mögen nun nur recht viele
eben bei dieser Gelegenheit in diesen Ort kommen, damit sie von der neuen und
wahren Einrichtung dieses Ortes Kenntnis erhalten! Durch sie wird dann dieser
Ort bald und leicht und weit- und breithin im wahren Lichte bekannt werden, und
es wird gar nicht nötig sein, von da in alle Weltgegenden Boten auszusenden,
die die irrwähnigen Menschen von ihrem alten Aberglauben zu befreien hätten.
Wenn die Sache sich aber also und nicht anders verhalten wird, so haben wir von
den vielen Zuziehenden eben gar nichts zu besorgen.“
[GEJ.08_197,14] Sagte hierauf Petrus: „Herr,
das, was Du nun geredet hast, ist klar, und wir alle sind von der vollen
Wahrheit mehr denn lebendigst überzeugt, daß es also gehen wird! Aber wie wird
es mit der Erweckung der vielen toten Kinder und anderer Menschen aussehen?
Denn werden diese nicht erweckt, so werden die Essäer dennoch ihre alte Not
haben; werden sie aber, was Dir freilich möglich ist, erweckt, so werden dann
bald noch mehrere mit ihren Toten hierherziehen und diese nun bekehrten Essäer
nötigen, ihre Toten wieder zu erwecken. – Wie wird nun das zu verhindern sein?“
[GEJ.08_197,15] Sagte Ich: „Auch dafür wird
gesorgt werden, und ihr alle habt euch darum nicht zu sorgen und zu kümmern! Es
ist aber gut, daß dieser Ort so ganz abgeschieden von anderen Orten ist und
sich darum hier auch so manches wird tun lassen, wozu andere Orte in dieser
Zeit nicht geeignet gewesen wären. Und so wird sich auch dies, aber zum letzten
Male, mit den Toten tun lassen. Wie und auf welche Weise, das weiß schon Ich,
und ihr habt euch denn auch darum nicht zu kümmern!“
[GEJ.08_197,16] Mit dem waren Meine alten
Jünger denn auch zufrieden; nur der Judas Ischariot wollte noch einiges
bemerken.
[GEJ.08_197,17] Aber es fiel ihm gleich unser
Thomas ins Wort, sagend: „Der Herr hat geredet, und darauf haben wir erst dann
zu reden, wenn wir von Ihm gefragt werden, sonst aber haben wir nur zu
schweigen und zu horchen!“
[GEJ.08_197,18] Sagte Judas Ischariot: „Warum
reden denn die andern, die dazu doch auch nicht von Ihm aufgefordert sind?“
[GEJ.08_197,19] Sagte Thomas: „Das geht uns beide
wieder nichts an; denn wir können es nicht wissen, ob sie nicht innerlich dazu
vom Herrn aufgefordert worden sind. Denn in des Herrn Gegenwart geschieht
nichts irgend so ganz ohne Seinen Willen, da Er auch der Herr unserer Gedanken,
Wünsche und Begierden ist und auch fortan bleiben wird. Dem aber wird es nicht
wohl ergehen, der des Herrn Stimme und Willen im eigenen Herzen nicht achtet
und, so er das wohl vernimmt, sich nicht danach richtet. Das ist so meine
Ansicht, die mir aber auch der Herr in mein Herz gelegt hat; denn wir Menschen
vermögen aus pur unserem Wesen nichts wahrhaft Gutes zu denken und
auszusprechen.“
[GEJ.08_197,20] Darauf sagte Judas Ischariot
nichts mehr und betrachtete mit uns die ziemlich öde Gegend, die aber durch die
zahlreichen Menschenzuzüge nun doch sehr belebt war und daher, als an einem
heiteren Morgen, immer recht erquicklich anzusehen war.
198. Kapitel
[GEJ.08_198,01] Es führte aber auch über
unseren Hügel ein Fußsteig, der, von einem höheren Gebirge, das von Arabern
bewohnt war, ausgehend, denselben zum Wege nach Essäa und von da aus auch
weiterhin diente. Diese Araber aber lebten zumeist von einer Art Raub. Sie
hatten eine Art Recht schon seit lange her, demnach sie von den Reisenden einen
Tribut nehmen durften, und fügte sich der Reisende nicht gutwillig in die
Forderung, so ward ihm auch Gewalt angetan.
[GEJ.08_198,02] Als wir so ganz harmlos die
Szenen des Morgens betrachteten, da kamen bei zwanzig der vorbezeichneten
Bergaraber auf dem angezeigten Fußsteige vom Gebirge zu uns, blieben stehen und
fragten uns auf eine eben nicht sehr freundliche Weise, ob wir schon an
irgendwelche ihres Stammes den üblichen Tribut bezahlt hätten.
[GEJ.08_198,03] Sagte Ich: „Bis jetzt noch
nicht, und wir werden das auch jetzt und später nicht tun, und das aus
folgenden Gründen: Einmal führen wir nie Geld oder andere Erdschätze mit uns, –
dann habt ihr kein Recht, von uns wie auch von anderen Fremden einen Tribut zu
verlangen! Denn es steht geschrieben: ,Du sollst deinem Nächsten nicht tun, das
du nicht willst, daß es auch er dir täte!‘ –, und endlich sind wir höchst
mächtige Wesen, die solche unverschämten Tributerpresser von sich weisen und
sie auch auf das empfindlichste zu züchtigen imstande sind. Daher gebe Ich euch
den Rat, euch von hier alsogleich zu entfernen und von keinem Reisenden, außer
auf dem Wege der Bittenden einen Tribut zu verlangen. Werdet ihr dem nun von
Mir euch Geratenen Folge leisten, so werdet ihr wohl tun, widrigenfalls es euch
arg ergehen wird!“
[GEJ.08_198,04] Als die Araber das von Mir
vernommen hatten, wurden einige stutzig und sagten: „Das ist eine seltene
Erscheinung, daß Fremde, die uns wohlbewaffnet vor sich sehen, mit einer
solchen Rede uns begegnet hätten! Und diese dreizehn Männer würden das wohl
sicher auch nicht getan haben, so sie sich nicht irgendeiner besonderen
geheimen Kraft gewärtig wären! Es wird demnach für uns geraten sein, uns mit
diesen Menschen in nichts Weiteres mehr einzulassen!“
[GEJ.08_198,05] Die eine Hälfte war damit
einverstanden; aber die andere sagte: „Ja, so wir uns durch derlei Drohungen
allzeit werden einschüchtern lassen, so können wir unser altes Recht gleich
ganz aufgeben und uns aufs Betteln verlegen. So diese Fremden im Ernste weder
Geld noch andere Schätze bei sich führen, so sind sie ohnehin frei; haben sie
aber dennoch etwas bei sich, so werden sie uns auch den verlangten Tribut
bezahlen müssen. Wir wollen sie darum untersuchen und sehen, ob sie gar ohne
alles Geld und andere Schätze hier sind!“
[GEJ.08_198,06] Hierauf traten sie ganz nahe
zu Mir hin, und es versuchte einer denn auch, seine Hand an Mich zu legen. Wie
er aber Mein Kleid anrührte, da fuhr ein Feuer aus der Erde, und seine Hand
verbrannte. Da erschraken alle die andern derart, daß sie sogleich auf ihre
Angesichter vor Mir niederfielen und Mich um Schonung anflehten.
[GEJ.08_198,07] Ich aber sagte: „Ich habe es
euch zuvor gesagt, was der zu gewärtigen hat, der uns Gewalt antäte! Einer hat
es versucht und hat seinen Lohn bereits empfangen; wollet auch ihr andern denselben
Lohn empfangen, so tuet uns auch Gewalt an!“
[GEJ.08_198,08] Schrien alle: „O nein, o
nein, das werden wir nimmer tun, weder an euch, ihr gottähnlichen Wesen, noch
je mehr auch an einem andern, und wir werden uns an das halten, was Du uns
geraten hast; aber laß uns nun in Frieden weiterziehen und lasse kein weiteres
Arges über uns kommen!“
[GEJ.08_198,09] (Darauf erwiderte Ich:) „So
hebet euch denn von hinnen, und saget es auch euren Gefährten, was Ich euch
gesagt habe!“
[GEJ.08_198,10] Der aber, dem eine Hand
verbrannt war, heulte vor Schmerz und bat Mich, daß Ich ihm denselben nehmen
möchte; denn er glaube, daß Mir auch das möglich sei.
[GEJ.08_198,11] Ich aber sagte: „Möglich ist
es Mir sicher; aber da du der Ärgste deiner Rotte bist, so trage nun auch den
Lohn, den du schon lange verdient hast! Wenn du dich aber einmal völlig bessern
wirst, dann soll auch dein Leiden ein Ende haben. Unten im Orte aber wirst du
einen Brunnen antreffen; dahin gehe, und tauche deine Hand ins Wasser, und dein
Schmerz wird gemildert werden!“
[GEJ.08_198,12] Darauf erhoben sich diese
Bergaraber und eilten in den Ort hinab, und der mit der verbrannten Hand eilte
um so mehr, daß er alsbald käme zu dem Brunnen, der gerade vor jener Herberge
sich befand, in der wir eingekehrt waren, und begehrte Wasser aus dem Brunnen
von dem Wächter des Brunnens. Der gab ihm denn auch gegen ein kleines Entgelt
ein größeres Gefäß voll reinen Wassers, in das er sogleich seine Hand steckte
und auch sogleich einen bedeutenden Nachlaß des sonst unerträglich großen
Schmerzes empfand, und er lobte Mich darum, daß Ich ihm den Schmerz gelindert
habe.
[GEJ.08_198,13] Es kamen aber einige aus der
Herberge und vernahmen von den Arabern, was ihnen auf dem gewissen Hügel
begegnet ist. Dadurch erfuhren die Gäste der Herberge, wohin Ich am frühen
Morgen gezogen bin; und alle, samt dem Wirte, begaben sich denn auch sogleich
zu Mir auf den Hügel und äußerten große Freude, daß sie Mich wiedergefunden
hatten. Und der Oberste der Essäer erzählte Mir, wie und was er alles mit dem
Araber mit der stark verbrannten Hand gesprochen hatte, und sagte Mir auch, wie
Mich derselbe gelobt hatte ob der Milderung des Schmerzes durch das Wasser des
Brunnens.
[GEJ.08_198,14] Ich aber sagte: „Siehe, das
war eine ganz gute Lektion für die privilegierten Räuber dieser Gegend, durch
die ein Fremder schwer kommen konnte, ohne zum Dritteile seiner Habe beraubt zu
werden! Diese werden es nun auch ihren Gefährten, die auf den verschiedenen
Wegen auf die Fremden lauern, um ihnen den Tribut zu diktieren und dann
unbarmherzig zur Genüge abzunehmen, verkünden, was ihnen hier begegnet ist, und
die Gefährten werden sicher auch von ihrem Treiben abstehen und die Fremden
nicht mehr so quälen, wie das schon seit lange her der Fall war.
[GEJ.08_198,15] Ihr werdet aber in der Folge
auch dafür sorgen, daß dem alten Unfug gesteuert wird. Denn es solle nun nach
Mir unter den Menschen also werden, wie es war in den Zeiten der ersten
Menschen der Erde: Sie sollen als wahre Brüder freien Wandel haben auf dem Lande,
das ihnen eigen ist, und sollen sich allenthalben mit der wahren Liebe begegnen
und im Notfalle unterstützen nach Möglichkeit; aber sich gegenseitig in der
gerechten Freiheit durch allerlei Quälereien beschränken, das ist nicht mehr
himmlisch, sondern höllisch! Je mehr der Beschränkungen in der gerechten
Freizügigkeit unter den Menschen durch habgierige und herrschsüchtige Menschen
vorkommen werden, desto mehr der Hölle und desto weniger des Himmels wird unter
den Menschen daheim sein.
[GEJ.08_198,16] Wer aber hemmt die gerechte
und zur höheren Seelenbildung so notwendige Freizügigkeit der Menschen? Zuerst
die sogenannten Machthaber, deren Macht in feilen Söldlingen besteht. Diese
gestatten zwar den reichen Menschen wohl das Reisen, verlangen aber dafür ein
Lösegeld, geben ihm dann eine Reisekarte auf eine bestimmte Zeit, nach der er
sich eine neue kaufen muß, wenn er noch eine längere Zeit umherreisen will. Es
ist das aber in dieser Zeit wohl nicht anders tunlich, weil die blinden
Menschen sich schon lange von Gott und somit auch von allem, was des Himmels
ist, vollends abgewandt und in Knechtschaft der Sünden und der Hölle begeben
haben. – Aber also, wie es nun ist, soll es unter den rechten Menschen nicht
verbleiben.
[GEJ.08_198,17] Die zweiten und noch
hartnäckigeren Beschränker der gerechten Freizügigkeit der Menschen sind die
verschiedenen Priester, heidnische und jüdische, welch letztere in dieser Zeit
den Heiden völlig gleichkommen. Diesen ist die gerechte Freizügigkeit ihrer
Gläubigen ein Greuel, weil die Menschen durchs Reisen zu erfahren werden würden
und an die heimischen Betrügereien keinen Glauben mehr hätten, was auf die
Einkünfte dieser Volksbetrüger und Weltmüßiggänger mit der Zeit ja einen bösen
Einfluß ausüben müßte.
[GEJ.08_198,18] Damit aber eben die
bezeichneten Priester sogar jene Freizügigkeit der Menschen soviel als möglich
beschränken mögen, so erteilen sie mit heimlichem Einverständnis der nunmaligen
Weltregenten verschiedenen rohen Menschen gegen einen gewissen Zehent die Befugnis,
die Reisenden anzuhalten, um von ihnen einen solchen Tribut zu verlangen, daß
ihnen darauf das Weiterreisen entweder sehr erschwert oder oft ganz unmöglich
wird.
[GEJ.08_198,19] Und siehe, das ist dann schon
die vollkommene Hölle unter den Menschen! Denn es entstehen dadurch oft die
wildesten Kämpfe und Mord und Totschlägerei. Da die Reisenden es wohl schon zum
voraus wissen, was ihnen auf den einen und anderen Wegen und Gegenden begegnen
kann, so reisen sie in zahlreichen Karawanen und setzen sich zur hartnäckigen
Wehr gegen solche Räuber, wie sie eben in dieser Gegend gar so häufig vertreten
sind. Die Wirkungen und Erfolge solcher Kämpfe sind dir nur zu bekannt, und es
ist darum gar nicht nötig, sie dir näher zu beschreiben. Glaubst du wohl, daß
so etwas im Willen Gottes gelegen sein kann?
[GEJ.08_198,20] Es ist zwar wohl wahr, daß,
so die Freizügigkeit der Menschen nicht irgendwelche weisen Beschränkungen
hätte, die Menschen am Ende alle zu reisen anfangen würden, und die fürs
physische Leben der Menschen notwendige Kultur des Erdbodens würde großen
Schaden leiden. Aber siehe, dafür wird schon von Gott aus gesorgt, der den
Menschen, gleichwie den Bienen, verschiedene Talente gegeben hat!“
199. Kapitel
[GEJ.08_199,01] (Der Herr:) „Wenn du die
Bienen betrachtest, so wirst du unter ihnen verschiedene Gattungen antreffen.
Zuerst ist der Weisel, der die Hauptordnung im Hause leitet, dann gibt es
Arbeitsbienen, die im Hause arbeiten, und wieder gibt es Sammelbienen, die da
fleißig Reisen machen müssen, um zu sammeln Honig und Wachs, den Honig zur
Nahrung und das Wachs zum Bau der Zellen. Und sieh, so haben auch Menschen
schon angeboren den häuslichen Arbeitssinn und sind darum gar nicht
reisegierig. Wären alle Menschen also geeigenschaftet (beschaffen), so würden
sie nur zu bald ganz verkümmern und in ihren alten Sitten und Gewohnheiten den
Tieren gleich verwildern.
[GEJ.08_199,02] Daher gibt es selbst in einer
kleinen Gemeinde denn auch stets solche Menschen, die einen großen Hang zum
Reisen haben. Diese machen auf ihren Reisen allerlei gute und oft auch bittere
Erfahrungen, mit denen reichlich ausgestattet sie dann wieder heimkehren und
ihren Angehörigen dann allerlei geistigen Honigs und Wachses nach Hause bringen
und so zu Lehrern und Förderern aller heimatlichen Kultur werden, was gewiß
etwas ganz Gutes ist.
[GEJ.08_199,03] Wenn aber dann jenen
Menschen, die von Gott aus dazu erwählt sind, in alle Welt hinauszureisen, um
für die Heimischen allerlei Schätze zu sammeln, die Freizügigkeit durch alle
möglichen Hindernisse zu sehr beschränkt wird, so geschieht das sicher wider
den Willen Gottes, ist somit schlecht und ein Angehör der Hölle.
[GEJ.08_199,04] Was würde man zu Mir Selbst
sagen, so Ich nicht zu den Menschen reiste in viele und verschiedene Orte? Hätten
sie eine Schuld, so kein Lebenslicht unter sie käme?
[GEJ.08_199,05] Ich Selbst aber sagte und
sage noch zu allen Meinen Jüngern: ,Gehet hinaus in alle Welt zu den Völkern,
und prediget ihnen das Evangelium!‘ So Ich aber das sage, da kann Ich die zu
arge Beschränkung der gerechten Freizügigkeit der Menschen ja doch unmöglich
billigen, sondern sie euch nur in dem Lichte zeigen, in welchem sie vor Mir
steht! Denn bei der gänzlichen Beschränkung der gerechten Freizügigkeit der
Menschen ist die Ausbreitung Meiner Lehre doch sicher so gut wie völlig
unmöglich, und Ich werde darum auch jeden zu züchtigen verstehen, der solchem
Meinem Willen entgegenhandeln wird.
[GEJ.08_199,06] Und so denn tut ihr Essäer
von nun an auch das Eurige für diesen Zweck, und sehet, daß die Straßen und
Wege frei werden, und Ich werde euch darum desto mehr segnen und euch geben die
Macht wider alle bösen Geister, und es soll geschehen, was ihr in Meinem Namen
wollen werdet!
[GEJ.08_199,07] Denket, ob je ein Mensch
etwas finden kann, dem das Suchen verboten ist! Das Suchen, Bitten und Anpochen
an des Nächsten Tür muß jedem Menschen völlig freigelassen werden. – Dieses
nun, was Ich euch nun beim Aufgange der Sonne gesagt und gezeigt habe, merket
euch wohl, und handelt danach!“
[GEJ.08_199,08] Sagte der Oberste: „O Herr
und Meister! Was da nur immer in unseren Kräften, die Du in uns noch gnädigst
für alle Zeiten vermehren wollest, steht und stehen wird, werden wir tun! Wir
haben diesen alten Unfug besonders in dieser Gegend schon lange mit der größten
Mißbilligung betrachtet und sind demselben auch nach Möglichkeit
entgegengetreten. Aber es hat das stets wenig gefruchtet; denn wir haben uns
nur zu bald überzeugt, daß dahinter nicht so sehr Rom als Jerusalem mit dem
Herodes und den Templern, in deren Augen wir ein Dorn waren, steckt. Diese
haben stets ihre geheimen Boten zu diesen Arabern gesandt und haben ihnen
Raubbewilligungen zu verschaffen gewußt, gegen die wir selbst am Ende ein gutes
Gesicht machen mußten, um nicht selbst zu sehr gefährdet zu sein.
[GEJ.08_199,09] Aber von nun an, wo wir
wissen, was Dein Wille ist, werden wir gegen diesen alten Unfug schon auf eine
sicher sehr wirksame Weise zu Felde ziehen, und alle die vielen Straßen werden
von diesen Räubern sicher gereinigt werden. Auf vielen anderen Punkten aber, wo
wir nicht hinkommen, und von denen aus von den Templern nach unserem Wissen
noch ärgerer Unfug verübt wird, wirst schon Du, o Herr und Meister, sorgen, daß
ihnen mit aller Entschiedenheit begegnet wird!“
[GEJ.08_199,10] Sagte Ich: „Für das ist schon
gesorgt weit und breit, und wird in der Folge nach Bedarf noch um vieles mehr
gesorgt werden!
[GEJ.08_199,11] Ein jeder aber, der in Meinem
Namen in alle Welt hinausreisen wird, um zu verkünden den Völkern Meine Lehre
so rein, wie er sie von Mir vernommen hat, wird auf allen Wegen und Straßen
sicher reisen und wird von keinem Straßenräuber angefallen werden. Auf
Schlangen und Molchen und Skorpionen wird er einhergehen dürfen, und sie werden
ihm keinen Schaden zuzufügen vermögen, und so ihm jemand Gift in die Speise
oder in den Trank mischen wird, so wird es seinem Leibe und Blute keinen
Nachteil bringen. Und so er unter ganze Herden von Wölfen, Löwen, Tigern,
Panthern, Hyänen, Bären und Ebern geraten wird, so werden ihm diese bösen Tiere
nicht nur nichts zuleide tun, sondern ihm im Notfalle zu Diensten stehen; denn
ein Mensch, der vom Geiste Gottes erfüllt ist, ist auch ein Herr über den Grimm
und Zorn der argen Tiere eben also, wie er ein Herr über alle Elemente ist, so
er dafür den Glauben ohne Zweifel in seinem Herzen und also auch in seiner
Seele trägt.
[GEJ.08_199,12] Aber es werden mit der Zeit
auch gar viele falsche Propheten in Meinem Namen hinausreisen in alle Lande der
Erde zu den fremden Völkern – dem Scheine nach wohl, um auszubreiten Meine
Lehre unter allen Völkern, aber dem Hauptgrunde nach nur, um von den fremden
Völkern viele Erdengüter zu gewinnen, darum sie auch Meine Lehre also verkehren
und umgestalten werden, wie sie für ihre Gewinngier am meisten taugen wird.
[GEJ.08_199,13] Nun, derlei Boten werden
solchen euch hier von Mir verheißenen Schutz nicht zu gewärtigen haben! Denn
wer da nicht rein für Mich und für die wahre Verbreitung des Reiches Gottes auf
Erden unter den Menschen, sondern nur für sich und für seine Welt arbeiten
wird, der wird von Mir niemals anerkannt werden und von Mir auch keinen Schutz
und keinen Lohn zu gewärtigen haben; der mag in sich und in seiner Welt seinen
Schutz, seine Hilfe und seinen Lohn suchen!
[GEJ.08_199,14] Und wird er in seiner Not
auch zu Mir rufen: ,Herr, Herr, hilf mir nun in meiner großen Not!‘, so wird
ihm zur Antwort in sein Herz und Gewissen gelegt werden: ,Was rufst du,
Weltling, zu Mir um Hilfe?! Ich kenne dich nicht und habe dich auch noch
niemals als das anerkannt, als was du bei dir selbst, ohne allen Glauben an
Mich, nur des Weltgewinnes wegen als ein falscher Lehrer in Meinem von dir
vorgeschützten Namen in alle Welt hinausgereist bist. Steckst du nun in der Not
und im Elende, so hilf dir nur selbst; denn Ich bin dir keine Hilfe schuldig,
da du für Mich auch nichts getan hast und bist weder freiwillig durch den
Glauben an Mich, noch durch die wahre Liebe für das Seelenheil der Menschen,
sondern nur für dein Erdenwohl in die Welt hinausgerannt! Und noch weniger bist
du von Mir je dazu berufen und aufgefordert worden! Du hast dich deiner selbst
wegen in die Gefahr begeben, so hilf dir nun auch selbst, oder es mögen dir
diejenigen helfen, die dich hinausgesandt haben!‘
[GEJ.08_199,15] Es werden zwar auch Meine
wahren Jünger mit den Weltmenschen und in der Folge mit den vielen falschen
Propheten und Lehrern, vorgeblich in Meinem Namen, viel Ungemach und viele
Verfolgung um Meines wahren Namens willen zu bestehen haben, aber sie werden
dabei stets auf Meine Hilfe und auf Meinen besondern Schutz und Lohn rechnen
können, – aber die Welt und ihre Propheten niemals! Sie werden sich allein mit
dem Schwerte in der Hand schützen und vor den Gefahren sichern können; aber am
Ende wird es heißen: Wer mit dem Schwerte umgeht, der wird auch mit dem Schwert
zugrunde gehen!“
200. Kapitel
[GEJ.08_200,01] (Der Herr:) „Und siehe, so
sprach zu dir und zu euch allen hier Anwesenden nun Der, dem alle Macht im
Himmel und auf Erden von Ewigkeit aus Ihm Selbst gegeben ist, und so könnet ihr
es auch glauben, daß Ich alles das tun werde, was Ich euch verheißen habe; und
so habt ihr euch um nichts anderes zu sorgen, als daß ihr Meine Lehre ebenso
rein, wie ihr sie von Mir vernommen habt, den Völkern wiedergebet!
[GEJ.08_200,02] Umsonst aber habe Ich euch
die Lehre und die Macht, Wunderwerke in Meinem Namen zu wirken, gegeben, und so
sollet ihr das alles auch umsonst den Völkern tun! So euch aber die Menschen um
Meines Namens willen liebhaben werden und werden euch dienen wollen in allerlei
Freundlichkeit, da dürfet ihr die Freundlichkeit schon auch also annehmen, wie
sie so von Moses aus gestattet ist; denn wer der Liebe durch die Liebe und so
dem wahren Altare Gottes auf Erden dient, der soll auch vom Altare leben!
[GEJ.08_200,03] Wer aus wahrer Liebe einem
von Mir berufenen Lehrer, Knechte und Propheten etwas Gutes tun wird, das werde
Ich auch also annehmen, als hätte er das Mir getan, und er wird den Lohn eines
Propheten überkommen; denn so Ich schon denen, die in ihrer Unschuld und nicht
selbstverschuldeten Blindheit den falschen Lehrern und Propheten Opfer bringen,
es reichlich vergelte, weil sie des Glaubens sind, dadurch Gott wohlzugefallen,
so werde Ich es denen wohl um so reichlicher vergelten, die aus wahrer und
reiner Liebe zu Mir denen etwas Gutes erwiesen haben, die Ich zu ihnen gesandt
und für sie erweckt habe.
[GEJ.08_200,04] Und so könnet denn auch ihr
in der Folge zu denen, die bei euch Trost und Hilfe werden gefunden haben und
euch nach alter Sitte und Gewohnheit fragen werden, was für ein Opfer sie euch
dafür zu entrichten haben, sagen: ,Wir taten euch das aus der Liebe in Gott,
die uns umsonst solche mächtige Gnade verliehen hat! Habet ihr aber auch die
Liebe Gottes, den ihr durch uns habt kennengelernt, in euch, so tut, was euch
diese Liebe gebietet; denn wir haben viele Arme um uns, die eurer Liebe
bedürfen! Für das aber, was wir euch im Namen des Herrn getan haben, besteht
keine Taxe mehr, wie sie zuvor bestanden hat, sondern das tun wir von nun an
bis ans Ende der Zeiten umsonst, weil auch wir solche unschätzbarste Gnade von
Gott umsonst überkommen haben zum Wohle jedes Menschen, der an den von uns
gepredigten Gott lebendig glaubt, Seine Gebote hält, Ihn über alles liebt und
seinen Nächsten wie sich selbst.‘
[GEJ.08_200,05] Wenn die Menschen euch dann
freiwillig aus Liebe dies und jenes tun und geben werden, dann möget ihr es
auch ohne Bedenken in aller Liebe und Freundlichkeit annehmen. Doch von den
Armen sollet ihr auch unter dieser Bedingung nichts annehmen, sondern diese
unterstützet noch obendarauf in aller Liebe und Freundlichkeit, auf daß sie
vollends innewerden der ewigen Liebe und Freundlichkeit Gottes.
[GEJ.08_200,06] Nun habe Ich namentlich euch
Essäern das kundgemacht, wie sich in der Folge alles verhalten soll und auch wird,
und was Meine rechten Jünger zu tun und zu gewärtigen haben, und so denn können
wir nun diesen Hügel verlassen und uns zum schon bereiteten Morgenmahle hinab
in die Herberge begeben. Nach diesem werden wir uns dann erst an das Werk
begeben, um dessentwillen ihr Mich im vollsten Glauben gebeten habt, daß Ich zu
euch kommen möchte.
[GEJ.08_200,07] Was Ich aber hier zu euch
geredet habe, das behaltet vorderhand bei euch, da Ich euch auch das hier ohne
fremde Zeugen auf diesem einsamen Hügel anvertraut habe; doch jene, die auch in
eure Fußstapfen treten werden, sollet ihr davon in volle Kenntnis setzen! Denn
so da jemand in einem Amte nicht weiß, wie er demselben vorstehen soll, und
nicht kundig ist, worin das Amt besteht, wie wird er das Amt dann verwalten?
Daher soll ein jeder, der Mein Amt auf der Erde unter den Menschen verwalten
will, im selben wohlbewandert sein und selbst in allem die lebendigen
Überzeugungen haben, ansonst er ein toter und blinder Lehrer ist und bleibt!
[GEJ.08_200,08] Denn zu einem wahren und
lebendigen Lehrer in Meinem Namen gehört mehr als die Kenntnis, die Schrift zu
lesen und sie dann anderen Menschen laut vorzusagen. Ich sage es euch: Der
Buchstabe ist da tot, so wie auch der, welcher ihn nur liest, ihn selbst nicht
versteht und darum auch nicht danach handelt, auf daß er im Geiste erwache zum
Leben; der Geist allein macht lebendig und gibt das rechte Verständnis und die
Tatkraft.
[GEJ.08_200,09] Wie ihr aber nun von Gott aus
belehret seid, also soll in aller Folge auch ein jeder wahre Lehrer zuvor von
Gott belehrt sein, bis er in ein Gottesamt tritt; denn so ein Mensch in was
immer für einem Fache ein meisterhaft guter Arbeiter werden will, so muß er das
zuvor ja doch von einem Meister im Fache einer oder der andern Arbeit und Kunst
wohl erlernen. In diesem Fache aber, wo es sich um das Wichtigste und Heiligste
eines jeden Menschen handelt, bin Ich allein der Meister. Wer demnach die
Menschen in dem unterweisen will mit dem wahren Erfolge, der muß das zuvor denn
auch von Mir erlernen!
[GEJ.08_200,10] Und darum sagte Ich zu euch,
daß diejenigen, die in eure Fußstapfen treten werden und fortführen das von Mir
euch nun anvertraute Amt, in allem dem wohl unterwiesen sein sollen, was Ich
euch nun hier anvertraut habe. Für die andern Menschen aber genügt es, daß sie
an Mich lebendig glauben, Mich über alles lieben und den Nächsten wie sich
selbst. Denn darin ist enthalten der ganze Moses, das Gesetz und alle
Propheten; und der Erfolg von dem ist das ewige Leben und im entgegengesetzten
Falle der ewige Tod, aus dem eine Seele schwerlich zum Leben erwachen wird.“
[GEJ.08_200,11] Sagte nun noch der Oberste:
„O Herr und Meister, wir alle haben diese Deine gewichtigsten Lebensworte wohl
vernommen, begriffen und auch tiefst beherzigt; nur eines ist wenigstens mir
bis jetzt noch nicht völlig klar. Wir haben das, was wir in Deinem uns
anvertrauten Amte zu tun und zu beachten haben, nun wohl von Dir als von dem
allein wahren Meister vernommen und erlernt; wie aber werden das diejenigen
vermögen, die späterhin in unser Amt treten sollen, indem Du doch sicher nicht
allzeit also persönlich unter uns sein wirst, wie das eben jetzt der für uns so
überglückliche Fall ist?“
[GEJ.08_200,12] Sagte Ich, schon im Fortgehen
vom Hügel: „Ihr habt aber nun selbst noch lange nicht alles von Mir erlernt,
was ihr zur vollguten Verwaltung Meines euch anvertrauten Amtes benötigt, und
doch werdet ihr in Kürze ohne Meine persönliche Gegenwart alles Abgängige
dennoch von Mir erlernen! Denn bin Ich auch nicht in dieser Meiner nun
leiblichen Person irgend gegenwärtig, so bin Ich es aber im Geiste Meiner
Liebe, Weisheit, Macht und Kraft; und dieser Geist wird euch allzeit lehren,
was ihr zu tun und zu reden haben werdet. Er wird euch die Worte ins Herz und
in den Mund legen, die ihr zu reden haben werdet.
[GEJ.08_200,13] Und wie ihr allzeit also von
Meinem Geiste belehrt werdet in aller Weisheit aus Gott, also werden auch eure
gerechten Nachfolger ohne Dazwischenkunft Meiner leiblichen Persönlichkeit in
allem belehrt werden. Denn wahrlich sage Ich es euch: Wo Ich nun rede und
wirke, da redet und wirkt auch nur Mein Geist, der da ist Gott als der Vater in
Ewigkeit, und nicht diese Meine leibliche Person, die erst aufgelöst werden
muß, um vollends in des Vaters Herrlichkeit einzugehen.
[GEJ.08_200,14] So du aber nun das weißt, da
wirst du nun wohl auch begreifen, wie da ein Mensch von Mir allzeit auch ohne
diese Meine leibliche Persönlichkeit fürs ewige Leben belehrt werden kann und
auch werden wird!“
201. Kapitel
[GEJ.08_201,01] Als der Oberste solches von
Mir vernommen hatte, da dankte er Mir aus vollem Herzen; denn es war ihm
dadurch wie ein schwerer Stein von seiner Brust abgenommen worden. Wir
erreichten während dieser gar gewichtigen Unterredung denn auch unsere
Herberge, in der schon ein reichliches und wohlbereitetes Morgenmahl unser
harrte. Wir setzten uns denn sogleich an den großen für uns gedeckten und mit
Speisen und Getränken wohlbesetzten Tisch. Ich dankte und segnete die Speise
und den Wein, und wir nahmen dann das Morgenmahl mit Maß und Ziel fröhlichen
Mutes zu uns, worüber der Wirt und sein Weib, das das Mahl für uns bereitet
hatte, eine große Freude hatten.
[GEJ.08_201,02] Auch die etlichen Ersten
Essäer mit dem Obersten an der Spitze saßen an unserem Tische und aßen und
tranken mit vieler Lust und Freude, so daß das etlichen Fremden, die, an
anderen Tischen sitzend, auch ein Morgenbrot zu sich nahmen, derart auffiel,
daß sie unter sich sagten (die Fremden): „Das muß ja gar etwas Besonderes sein,
daß diese sonst immer so tiefernst aussehenden obersten Heilande nun gar so
heiter sind, wie sie nie von jemandem gesehen worden sind!“
[GEJ.08_201,03] Es hatte aber solche Rede der
Oberste wohl vernommen und sagte zu den Fremden: „Höret, die ihr nun solche Betrachtungen
über uns machet! Es ist genug, so die sterblichen Menschen, den Tod vor sich
sehend, mit traurigen und ernsten Gesichtern auf der Erde umherwandeln und
dadurch an den Tag legen, daß sie Freunde des Lebens und nicht des Todes sind.
So aber ein sterblicher Mensch, das auch wir waren, vom Tode zum Leben
durchgedrungen ist und angezogen hat das Kleid der vollen Unsterblichkeit, dann
kann er, als schon in den Himmeln Gottes seiend, auch wohl schon auf dieser
Erde voll Lust und Heiterkeit sein, was ihr nun freilich noch nicht einsehen
und begreifen werdet. Aber es kann schon auch für euch die Zeit kommen, in der
auch ihr das einsehen und begreifen werdet!“
[GEJ.08_201,04] Darauf sagten die Fremden
nichts mehr, und wir aßen und tranken fort.
[GEJ.08_201,05] Als wir aber mit dem Mahle zu
Ende kamen, da kam der junge Araber aus Ägypten, der von Mir am Abend geheilt
worden war, mit noch einigen, die da lahm und sehr verkrüppelt waren, trat zu
Mir hin und bat Mich, daß Ich auch sie heilen möchte; denn sie seien auch aus
seiner Gegend und seien sich und den Nebenmenschen zur Last, was sie am meisten
schmerze, weil sie in solch ihrem elenden Zustande niemandem etwas Gutes
erweisen könnten und sich gleichfort von den Mitleidigen müßten bedienen und
erhalten lassen.
[GEJ.08_201,06] Sagte Ich zu dem Araber: „Ich
habe es dir zwar gesagt, daß du und auch diejenigen, die gestern mit dir waren,
zu den Fremden nicht davon reden sollet, was Ich an dir getan habe; nun hast du
im allgemeinen das wohl beachtet und hast es aus Barmherzigkeit nur diesen
etlichen Leidenden mitgeteilt, wo und wie dir selbst geholfen worden ist,
brachtest sie nun her und batest selbst für sie, was deinem Herzen vor Mir ein
gutes Zeugnis gibt, und so soll deine rechte Bitte bei Mir auch nicht unerhört
bleiben! Denn die rechte, reine und uneigennützige Liebe und Erbarmung eines
Menschen für seine leidenden Brüder wird auch bei Mir allzeit Liebe, Erbarmung
und Erhörung finden; denn es steht geschrieben: ,Das Gebet eines guten, reinen,
gläubigen und frommen Herzens erhört Gott zu jeder Zeit.‘
[GEJ.08_201,07] Aber auf daß ihr in der
Folge, so ihr das glauben werdet, was euch die Essäer lehren werden, auch bei
ihnen eben die Hilfe finden möget, so habe Ich auch ihnen die Macht und Kraft
erteilt, die Übel also in Meinem Namen heilen zu können, wie Ich dich gestern
abend geheilt habe, und es soll nun der Oberste den Lahmen und Krüppeln die
Hände auflegen, und es soll ihnen geholfen sein!“
[GEJ.08_201,08] Als der Oberste das von Mir
vernahm, da bat er Mich, daß diesmal doch Ich Selbst den Elenden helfen möchte;
denn er fühle sich zu solch einem Werke noch viel zu unwürdig und in seinem
Gemüte auch noch zu ohnmächtig.
[GEJ.08_201,09] Sagte Ich: „Tue du nur, wie
Ich es gesagt habe! Denn ein rechter Jünger muß ja stets vor dem Meister ein
Werk beginnen, auf daß der Meister, so dem Jünger etwas mißlänge, ihn auf das
Mangelhafte und auf den Grund des Mißlingens aufmerksam machen kann. Denn kein
Jünger ist so vollkommen wie sein Meister; so er aber durch seinen Fleiß und
Eifer wird wie sein Meister sein, dann wird ihm auch, so wie dem Meister,
nichts mehr mißlingen. Und so tue du nun nur das, was Ich gesagt habe, und es
wird dann schon alles recht und vollends gut werden!“
[GEJ.08_201,10] Darauf erst faßte sich der Oberste
und sagte: „O Herr und Meister, so geschehe nun und allzeit allein nur Dein
Wille!“ Nach diesen Worten erhob er sich, trat mit großer Rührung unter die
Elenden hin und sagte: „Im Namen Dessen, der allein allmächtig, überheilig und
endlos gut, liebevoll und barmherzig ist, lege ich euch diese meine schwachen
Hände auf, und es wolle euch dadurch der große Herr und Meister helfen!“
[GEJ.08_201,11] Als der Oberste unter diesem
Spruche, den hernach auch alle Meine Jünger bei Heilungen der Kranken gebrauchten,
den Elenden die Hände auflegte, da ward ein jeder denn auch im Augenblick also
geheilt, als hätte ihm nie etwas gefehlt.
[GEJ.08_201,12] Nur einer, der durch einen
Fall beide Hände bis zu den Ellbogen verloren hatte, und der zwar, als auch an
den Füßen gelähmt, geheilt wurde, bekam seine Arme nicht und sagte zu dem
Obersten: „Da du mich durch den Willen jenes allein allmächtigen Herrn schon
von allen meinen anderen Übeln befreit hast, so glaube ich nun denn auch
ungezweifelt, daß du mir auch meine verlorenen Hände wieder schaffen könntest!“
[GEJ.08_201,13] Sagte der Oberste etwas
verlegen: „Ja, du mein Freund, das wird wohl der Herr und Meister Selbst
vermögen, da Seine Macht Welten aus nichts ins Dasein rufen kann, – ich aber
bin nur ein schwacher Jünger und vermag das nicht; denn es ist ein großer
Unterschied zwischen Heilen und Erschaffen.
[GEJ.08_201,14] Wenn eine Pflanze im Garten
verwelkt und krank dasteht, so kann man sie mit Wasser begießen, und sie wird
wieder frisch und gesund werden; und das heißt man heilen. So aber im Garten
auch nicht ein Pflänzchen steht, da nützt das Begießen des pflanzenleeren
Bodens nichts; denn wir Menschen vermögen auch mit dem besten Willen und mit
dem stärksten Glauben auch nicht ein kleinstes Moospflänzchen ins Dasein zu
setzen. Das kann allein nur Gottes allmächtiger Wille!
[GEJ.08_201,15] Und so wirst du, Freund, denn
nun auch klar einsehen, daß ich als ein Mensch dir wohl durch die Gnade des
Herrn und Meisters die daseienden, wenn auch noch so lahmen Glieder heilen
konnte, – aber deine gänzlich verlorenen Arme kann ich dir nicht neu wieder
erschaffen!“
[GEJ.08_201,16] Das sah der Armlose wohl ein,
sagte aber doch zum Obersten: „So dir aber jener große Herr und Meister schon
so viel Macht erteilt hat, solche Krüppel, wie wir zuvor waren, durch dein Wort
und durch die Auflegung deiner Hände wunderbar plötzlich zu heilen, was denn
doch auch einem völligen Neuerschaffen gleichkommt, so wäre es aber sicher doch
auch möglich, mir die verlorenen Hände wiederzugeben, was dir und jenem Meister
nicht minder möglich sein dürfte als die urplötzliche Heilung unserer lahmen
und gänzlich verkrüppelten Glieder, Sinne und der kranken Eingeweide! Denn
siehe, ich fühle meine beiden verlorenen Hände noch gleichfort also, als hätte
ich sie noch, und dann und wann fühle ich sogar noch wie einen brennenden
Schmerz eben in den beiden verlorenen Händen, und ich meine da, daß meine Seele
darum die Hände nicht verloren hat, wenn sie auch mein Leib verloren hat.
[GEJ.08_201,17] Ferner bin ich der Meinung,
daß auch einem Menschen ein verlorenes Fleischglied eben also von der Macht
eines wahren und allmächtigen Gottes wiedergegeben werden könnte wie dem
Elefanten seine abgeworfenen Zähne, dem Hirsch seine Geweihe, dem Krebse seine
Scheren und selbst uns Menschen die abgeschorenen Haare und die abgeschnittenen
Nägel. Es käme dabei ja nur auf den Willen Gottes und auf den rechten Glauben
eines wahren Gottesjüngers und auf den des Leidenden an!“
[GEJ.08_201,18] Auf diese sehr
bedeutungsvollen Worte des Händelosen, der ein ausgewanderter Jude war, wußte
der Oberste nicht, was er im Augenblick tun solle. Solle er dem Händelosen wohl
noch einmal die Hände festestgläubig auflegen, oder solle er sich vorher mit
Mir darüber besprechen, ob und wie möglich dem Verlangen des Händelosen
gewillfahrt werden könnte? Er zog das zweite vor und kam in dieser
Angelegenheit zu Mir.
[GEJ.08_201,19] Ich aber sagte zu ihm:
„Siehe, wie gut es war, daß du vor Mir ein erstes Werk vollführtest und dabei
auf einen kleinen Mangel im Glauben und Vertrauen an die Liebe, Weisheit und
Kraft Gottes gestoßen bist! Hättest du ungezweifelt auch die Ergänzung der
verlorenen Hände des ägyptischen Juden in deinen Glauben gezogen, so hätte er
seine Hände schon; aber du hast dich davor entsetzt und hieltest die Sache für
unmöglich, und so gewann der Mensch denn auch seine verlorenen Hände nicht. Nun
aber gehe hin und glaube fest, daß bei Mir alle Dinge möglich sind; lege ihm
noch einmal deine Hände auf, und er wird auch seine Hände wieder neu erhalten!“
[GEJ.08_201,20] Auf diese Meine Worte ging
der Oberste, namens Roklus, denn auch voll des festesten Glaubens abermals zum
Händelosen hin und sagte: „Da du selbst glaubst und als ein Jude die Allmacht
des allein wahren Gottes kennst, so geschehe dir im Namen jenes großen Herrn
und Meisters, in dem die Fülle des Geistes Gottes wohnet körperhaft, nach
deinem Wunsche und Glauben!“
[GEJ.08_201,21] Als der Oberste solches über
den Händelosen ausgesprochen hatte, da bekam dieser auch alsobald seine verlorenen
Hände wieder.
202. Kapitel
[GEJ.08_202,01] Alle die nun geheilten Juden
und Heiden dankten Mir und lobten und priesen Mich über alle Maßen!
[GEJ.08_202,02] Und der, welcher seine
verlorenen Arme wieder erhielt, sagte laut (der Geheilte): „Allen Dank, alles
Lob, alle Ehre und Liebe Gott in der Höhe, der nun einem Menschen solche Macht
und Kraft gegeben hat! Viele Tausende umlagern die große Wunderburg und
erhoffen dort Hilfe und Trost; doch dort wird ihnen nicht geholfen werden. Hier
ist nun die wahre Wunderburg, in der jedem geholfen werden kann. Und Dank denn
auch dem jungen Araber, der uns den Weg in diese wahre Wunderburg Gottes, des
Herrn und Meisters, gezeigt und auf diesem rechten Wege auch hierher geführt
hat!
[GEJ.08_202,03] Oh, wüßten das die vielen
Tausende, die nun schon mondelang die große Burg der anzuhoffenden Hilfe wegen
umlagern, – wie eilig würden sie die tote Burg verlassen und sich hierher
begeben, wo nun der ewige große Herr und Meister unter den Menschen als Selbst
Mensch weilt und Seinen Freunden ewiges Leben und die Kraft, alle Krankheiten
zu heilen, erteilt! Wäre für die vielen Leidenden und Trostlosen das nicht eine
Botschaft rein wie aus den Himmeln kommend, so wir Geheilten ihnen die
Nachricht bringen dürften, wo sich nun die wahre und lebendige Wunderburg
befindet?!“
[GEJ.08_202,04] Sagte Ich: „Weil du in dir
die Überzeugung gefunden hast, wer Ich bin, so magst du ja mit den anderen
Geheilten hingehen und vorderhand aber nur den Armen und Hilfebedürftigen
eröffnen, wo ihnen geholfen werden kann, so sie Glauben und ein rechtes
Vertrauen besitzen. Aber den Reichen, die zumeist ihre vielen toten Kinder in
den wohlverschlossenen Kästen zur Wiederbelebung hierher gebracht haben, sage
das noch nicht; denn denen zu helfen hat es schon noch Zeit, und es wird ihnen
zuvor noch eine Predigt gemacht werden!“
[GEJ.08_202,05] Als Ich solches diesen
Geheilten gesagt hatte, dankten Mir alle und eilten dann auf den großen, freien
Platz, der die große Burg und ihre weitgedehnten Ringmauern umgab und ,Der
große Wartplatz‘ hieß, und benachrichtigten die Armen von der wahren
Wunderburg, was ihnen um so leichter war, weil diese eine eigene, von der Burg
am meisten entfernte Stelle angewiesen bekommen hatten und darum nun denn auch
der wahren Wunderburg am nächsten standen.
[GEJ.08_202,06] Als die Geheilten zu ihnen
kamen und als völlig geheilt auch bald von allen erkannt wurden, da wurden sie
auch sogleich von all den vielen gefragt (Arme und Hilfsbedürftige): „Wo, wo, wie
und wann seid ihr geheilt worden? Vor kaum einer Stunde waret ihr noch als gar
die Letzten und Äußersten bei uns, und wir sahen nicht, daß euch jemand in die
Burg berufen, geführt und eingelassen hätte! Oh, führet uns auch an die Stelle
des Heils hin!“
[GEJ.08_202,07] Da sagte der Jude: „Glaubet
und vertrauet, und gebet dem allein wahren einen Gott der Juden die Ehre, und
folget uns, so gut ihr das könnet und möget, und es wird euch geholfen werden!
Denn wo wir geheilt wurden, dort befindet sich nun die wahre und lebendige
Wunderburg.“
[GEJ.08_202,08] Als die Armen, mit allerlei
Übeln, Seuchen und bösen Aussätzen Behafteten und Blinden, Tauben, Stummen,
Gichtbrüchigen und allerlei Lahme und Krüppel das vernahmen, da fingen sie an,
sich so gut es jedem möglich war, von dem Platze zu bewegen, und die Blinden
und zu stark Lahmen und Krüppelhaften wurden selbstverständlich von ihren
Begleitern geführt und auch getragen, um nur ehestmöglich an der Stelle des
Heils sich zu befinden.
[GEJ.08_202,09] Nach einer Stunde war der
ganze große Platz vor der Herberge von mehr denn tausend Elenden belagert, und
es kam der geheilte Jude alsbald zu uns in den Speisesaal und zeigte Mir
solches ehrfurchtsvollst an.
[GEJ.08_202,10] Da sagte Ich zum Obersten
Roklus: „Gehe nun hinaus, und breite deine Hände in Meinem Namen über alle auf
einmal aus, was so viel wirken wird, als hättest du jedem einzeln die Hände
aufgelegt, – und sie werden alle geheilt werden!“
[GEJ.08_202,11] Roklus tat das sogleich, und
siehe, alle wurden im Augenblick geheilt!
[GEJ.08_202,12] Als diese große Heilung
geschah, da entstand ein kaum enden wollender Jubel unter den Geheilten, und
viele drängten sich zum Obersten und sagten: „Oh, wie war dir das nun möglich
also, wie sonst noch niemals?“
[GEJ.08_202,13] Sagte Roklus: „Nicht mich
lobet darum; denn das hat der Gott der Juden, der eine und allein wahre, euch
getan! An Den glaubet und Den allein preiset darum!“
[GEJ.08_202,14] Da fragten alle: „Wo, wo ist
dieser eine und allein wahre Gott, auf daß wir vor Ihm niederfallen und Ihn
allein anbeten könnten?!“
[GEJ.08_202,15] Hier kam Ich zu Roklus hinaus
und sagte zu ihm: „Sage zu ihnen, daß sie dem Gott der Juden nun nur in ihren
Herzen danken sollen, was Er wohl vernehmen wird, und sich nun in ihre
Herbergen begeben sollen und sich stärken mit Speise und Trank. Am Nachmittage
erst sollen Mich diese Armen sehen.“
[GEJ.08_202,16] Als der Roklus solches zu den
Geheilten gesagt hatte, da gehorchten sie, erhoben sich behende vom Platze und
begaben sich alsogleich in ihre Herbergen, wo sie von den Wirten unter großem
Staunen sogleich auf das beste bedient wurden.
[GEJ.08_202,17] Die Wirte aber zerbrachen
sich ordentlich die Köpfe und sagten: „Da muß jemand Mächtigerer in unseren Ort
gekommen sein; denn so eine Heilung ist allhier noch nie erhört worden!“
203. Kapitel
[GEJ.08_203,01] Es bemerkten aber die nun
vielen gänzlich geheilten Armen auch viele Reiche, die auch hier schon seit
Monaten auf Hilfe harrten und sich's viel kosten ließen, und sagten: „Warum ist
denn euch Armen, die ihr von uns den Unterhalt hattet, eher geholfen worden
denn uns?“
[GEJ.08_203,02] Sagten diese (die Armen):
„Das wissen wir nicht! Wir sind aber nicht in der Burg, sondern im Freien vor
der letzten und unansehnlichsten Herberge dieses Ortes geheilt worden, und so
hatten wir keinen Vorzug vor euch in der großen Wunderburg! Wir glauben aber,
daß sich nun die wahre Wunderburg eben in jener Herberge befindet. Gehet aber
selbst hin und erkundigt euch, und es wird euch sicher Bescheid gegeben werden!“
[GEJ.08_203,03] Als die Reichen das von den
Armen vernommen hatten, wußten sie nicht, was sie im Augenblick tun und
unternehmen sollten. Nach einer Weile Nachdenkens aber entschlossen sie sich
dennoch und begaben sich in einer ziemlichen Anzahl zu unserer Herberge und
erkundigten sich da bei den Hausleuten um die Sache. Diese aber beschieden sie
zu uns in den Speisesaal.
[GEJ.08_203,04] Die Reichen aber sagten zu
den Hausleuten: „Höret! Wir sind Menschen von Welt- und anderer hoher Bildung
und können und wollen da nicht sogleich samt der Tür ins Haus fallen. Gehe doch
einer von euch hinein und bringe uns die Nachricht, ob es gestattet ist, nun zu
den Heilanden einzutreten, und wir werden dem Überbringer einer guten Nachricht
auch einen guten Lohn verabfolgen! Denn wir wissen es schon seit Jahren, daß
die Heilande von hier, und ganz besonders ihr Oberster, schwer zu sehen und
noch schwerer zu sprechen sind. So wir nun unangemeldet zu ihnen in das von
ihnen bewohnte Zimmer träten, so würden sie uns das gar leicht verargen, und
wir könnten dann noch länger warten, bis wir zu ihnen vorgelassen würden. Darum
bitten wir euch, daß ihr als Hausleute von hier uns vorher anmeldet und uns
auch den Eintritt zu ihnen, wie gesagt, gegen einen guten Lohn erwirket.“
[GEJ.08_203,05] Sagte einer der Diener: „Die
Heilande sind als Tischgäste im Speisesaale versammelt, und in den kann
jedermann frei eintreten, ob er reich oder arm ist, und kann sich etwas zur
Stärkung seines Leibes geben lassen; denn unser Wein ist gut und so auch unser
Brot samt allen anderen Speisen, und es wird in dieser unserer Herberge auch
niemals jemand überhalten (überfordert). Sind die Armen ohne Anmeldung in den
Speisesaal getreten und ihre Bitten alsbald erhört worden, warum soll es dann
euch Vornehme ungut bedünken, dasselbe zu tun? Gehet hinein, und tut, was die
Armen vor euch getan haben.“
[GEJ.08_203,06] Nach diesen Worten verließen
die Hausdiener die Reichen und gingen ihrer Arbeit nach.
[GEJ.08_203,07] Als die Reichen sahen, daß
mit solch uneigennützigen Dienern nichts zu machen war, da fingen sie unter
sich zu losen an, wer von ihnen als erster in den Saal treten solle. Da traf es
sich aber, daß gerade den Mutlosesten das Los traf.
[GEJ.08_203,08] Dieser aber fing an, sich zu
entschuldigen, und bat die andern, daß doch sie in den Saal zuerst treten
möchten, indem er dazu viel zuwenig Mut besitze. Und da schob einer den andern
vor, und keiner getraute sich, die Hand an den Riegel der Türe zu legen und sie
zu öffnen.
[GEJ.08_203,09] Und einer von ihnen (an der
Zahl dreißig Männer) sagte: „Es ist doch sonderbar! Ich bin doch schon oft
mutvollst mit dem Schwerte den erbittertsten Feinden kämpfend
gegenübergestanden und empfand in mir keine Furcht und kein Bangen, – und hier
habe ich Furcht und Bangen! Wie kommt das?“
[GEJ.08_203,10] Als die dreißig Reichen noch
also miteinander redeten, da sagte Ich zu Roklus, daß er den dreißig Vornehmen
die Tür öffnen und sie in den Saal zu treten beheißen solle.
[GEJ.08_203,11] Roklus tat das sogleich. Als
die dreißig aber des Obersten, den sie wohl kannten und nahe für einen Gott
hielten, ansichtig wurden, da erschraken sie, verneigten sich vor ihm bis zur
Erde, und keiner von ihnen hatte den Mut, ihn anzureden.
[GEJ.08_203,12] Roklus aber sagte: „Freunde!
Es ziemet dem Menschen die Demut und Bescheidenheit wohl; aber hier ist das
nicht am rechten Orte. Ich bin ein Mensch wie ihr und vermag aus mir selbst
ebensowenig wie irgendeiner von euch; so aber durch mein Wort und Gebet Gott,
der allein Eine und Wahrhaftige, an den die Juden glauben, jemandem eine Gnade
erweist, da gebührt ja auch nur Ihm allein alle Ehre und nicht mir, der ich
ohnmächtig bin und aus mir selbst nichts vermag. Tretet aber nun mutig in den
Saal zu uns, und bringet euer Anliegen vor!“
[GEJ.08_203,13] Darauf erst richteten sich
die dreißig mit den Köpfen wie auch mit dem ganzen Leibe wieder gerade empor
und gingen nun um etwas mutiger und entschlossener in den Saal, allwo ihnen der
freundliche Wirt alsbald einen Tisch anwies und sie auch befragte, ob sie Wein
und Brot wünschten. Und sie verlangten sogleich beides, weil sie an diesem
Morgen noch nichts zu sich genommen hatten.
[GEJ.08_203,14] Es waren diese dreißig Männer
aber aus Kahiro in Ägypten und gehörten auch dem Judenstamme an; aber ihre Voreltern
waren schon zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft nach Ägypten geflüchtet,
und so hatten diese dreißig Männer denn auch noch eine Wissenschaft (Kenntnis)
von Moses und einigen Propheten und hielten auf den Tag Mosis, so sie sich
unter den Juden befanden, – doch bei sich glaubten sie mehr an die Priester
Ägyptens, an ihre Mysterien und Gesetze. Und darum wollten sie, sich hier unter
vielen Juden wähnend, denn auch den Tag Mosis ehren und den ganzen Tag hindurch
fasten; da sie aber ersahen, wie sich auf unserem Tische Brot, Wein und
allerlei andere Speisen vorfanden, so ließen sie sich denn auch alsogleich Brot
und Wein geben und aßen und tranken mit vieler Lust.
[GEJ.08_203,15] Als sie sich sogestaltig bald
hinreichend gestärkt hatten, da bekamen sie auch Mut, und einer der Vornehmsten
von ihnen erhob sich von seinem Sitze, trat mit vieler Ehrfurcht vor Roklus hin
und sagte: „Vergib, du oberster Heiland dieser in aller Welt höchst berühmt
bekannten Burg! Wir und noch viele unseresgleichen harren schon bei zwei Monde
lang mit unseren toten Kindern, die in ehernen Särgen wohlverwahrt sind, hier
in diesem Orte und hätten dir schon lange gern unser Anliegen wegen der etwa
noch möglichen Wiederbelebung unserer Kinder vorgebracht und haben darum denn
auch unser Wartlager in der nächsten Nähe des Haupttores der Wunderburg
aufgerichtet. Die Diener der Burg gaben uns wohl die Versicherung, daß wir bald
an die glückliche Reihe kommen würden, – aber es war das bis jetzt ein
vergebliches Hoffen.
[GEJ.08_203,16] Weit unter uns lagerte ein
großer Haufe armer Bettler und Krüppel aller Art und Gattung, die wir mit
Almosen täglich bedachten. Nun, dieser Haufe hatte für sich doch gewiß die um
vieles geringere Hoffnung denn wir, so bald in die Wunderburg eingelassen zu
werden! Und siehe da, vor kaum einer Stunde Zeit erhob er sich, da er sicher
vor uns hierher berufen wurde, und wir sahen bald darauf alle die uns schon
wohlbekannten Elenden aller Art und Gattung als vollkommen geheilt von allen
ihren Übeln! Sie priesen Gott über die Maßen, gingen in die Herberge und
stärkten sich mit Brot und Wein. Als wir sie befragten, wo ihnen solche
außerordentliche Gnade zuteil geworden sei, da bezeichneten sie eben diese
Herberge als die neue und wahre Wunderburg und beschieden uns denn, auch
hierher zu gehen und uns von allem selbst zu überzeugen. Und so sind wir denn
nun auch hier, um endlich einmal unsere Bitten und Anliegen dir als dem
wundermächtigen Obersten der Essäer in tiefster Ehrfurcht zu unterbreiten.“
[GEJ.08_203,17] Sagte darauf Roklus: „Aber
Freunde, was fehlt euch denn? Ihr seid, soviel ich sehe, gesund, und euer Anzug
zeigt an, daß ihr auch sehr reiche Leute seid. Wo fehlt es denn bei euch, und
worin soll euch da geholfen werden?“
[GEJ.08_203,18] Sagte abermals einer aus der
Zahl der dreißig Männer: „Allen Dank dem alten und allein wahren Gott der
Juden, dem Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, gesund wären wir wohl noch, und an
allerlei Reichtümern hat es bei uns auch keinen Mangel, aber unsere Kinder sind
uns gestorben, und wir sind nun beinahe gänzlich kinderlos und haben somit
keine Nachkommen und keine Erben; wir wissen aber, daß hier verstorbene Kinder
wieder ins Leben gerufen worden sind schon zu gar vielen Malen, und so haben
wir denn auch unsere toten Kinder in verschlossenen Särgen, wie dir das schon
bekannt sein wird, hierher nach Essäa gebracht, um sie möglicherweise von euch
um ein verlangtes Opfer wieder ins Leben rufen zu lassen. Die Särge befinden
sich in der von euch dazu bestimmten Wiederbelebungsgruft, dahin wir sie schon
vor ein paar Monden abgegeben haben; und wir haben den dazu bestimmten Wärtern
auch den gewissen Zins schon bezahlt. Und nun sind wir da, dich zu bitten, daß
du uns die Gnade erweisen möchtest, uns unsere Kinder lebend wiederzugeben,
wofür wir jedes von dir verlangte Opfer dir zu Füßen legen wollen.“
[GEJ.08_203,19] Sagte nun Roklus: „Höret
mich, Freunde, nun an! Ich weiß, daß ihr eure Kinder, bei zweihundert an der
Zahl, hierher gebracht habt trotzdem, daß ich in alle mir auf der Erde
bekannten Orte schon vor einem Jahre Boten ausgesandt habe, daß sie
allenthalben den Menschen laut und ernst verkünden sollen, daß wir hier keine
toten Kinder mehr ins Leben rufen dürfen und auch nicht werden. So wie aber
unsere Boten das an vielen anderen Orten verkündet haben, also werden sie das
auch in Kahiro verkündet haben, wie wir das auch nur zu bestimmt wissen. So ihr
aber davon Kunde hattet, warum habt ihr euch denn die vergebliche Mühe und die
großen Unkosten gemacht?“
[GEJ.08_203,20] Sagten die dreißig: „Oberster
Meister, wir hatten diese Kunde wohl auch erhalten, aber unsere zu große Trauer
um unsere Kinder, die an einer Kinderseuche verstarben, wie eine ähnliche seit
Menschengedenken noch niemals in unserer Stadt und Gegend grassierte, hat uns
dazu genötigt, doch noch einmal zu versuchen, ob wir gegen große Opfer bei euch
vielleicht doch noch etwa zu einem letzten Male Erhörung und Erbarmung finden
möchten. Und sollte aber das trotz alles Bittens, Harrens und Opferns dennoch
nicht mehr der Fall sein können, so haben wir uns entschlossen, unsere toten
Kinder nach Galiläa zu dem neuen und großen Propheten zu bringen, von dem wir
aus dem Munde der Reisenden vernommen haben, daß er durch sein Wort und durch
die Macht seines Willens nicht nur alle Krankheiten heilt, sondern auch die
Toten erweckt. Wir bitten nun aber dennoch zuvor dich um solch eine Gnade, –
erhöre uns, und gib uns unsere Kinder lebendig wieder!“
204. Kapitel
[GEJ.08_204,01] Sagte Roklus: Seht, Freunde,
ich bin ein ebenso schwacher und ohnmächtiger Mensch, wie ihr selbst es seid,
und habe auch niemals die Kraft und Macht besessen, einen schon völlig toten
Menschen wieder ins Leben zu rufen oder einer ihres Leibes ledig gewordenen
Seele einen neuen Leib zu verschaffen! Das ist nur Gott allein möglich und
einem solchen Propheten, der darum vom Geiste Gottes erfüllt ist, daß er den
verirrten Menschen wieder zeige den verlorenen Weg zum ewigen Leben der Seele.
[GEJ.08_204,02] So uns aber Gott Selbst
gebietet, die verstorbenen Menschen in der von Ihm bestimmten Ruhe zu lassen
und den Lebenden durch allerlei magische Künste keine unnützen Hoffnungen und
leeren Freuden zu machen, so werdet ihr das auch nun einsehen, daß wir Essäer
Gott gehorchen müssen, da Er Selbst Sich uns geoffenbart und gezeigt hat und
wir Ihn nun erst also erkennen, daß Er ist, wie Er ist, und was Er mit uns
Menschen will. Und so können wir nun nicht mehr uns mit der alten und nichtigen
Magie befassen, wohl aber mit dem einen und allein wahren und allmächtigen Gott
durch unsere Liebe zu Ihm und zu unseren Nächsten und durch die genaueste
Erfüllung Seines uns geoffenbarten Willens; und so können und dürfen wir das
denn auch nimmer tun, was Er uns untersagt hat. Bittet Ihn, den ewig großen
Meister des Lebens, aber selbst! Was Er euch tun wird, das wird wahrhaft
wohlgetan sein.“
[GEJ.08_204,03] Sagte abermals ein
Hauptredner aus der Zahl der dreißig: „Meister und Oberster der mächtigen
Brüder! Du hattest aber doch etwa bloß nur durch die Auflegung deiner Hände und
durch das ausgesprochene Wort alle die vielen Elenden urplötzlich geheilt und
einem sogar die verlorenen Hände wiedergegeben und mehreren die Augen, Nasen
und Ohren, was mir noch mehr zu sein deucht, als ein totes, mit allen Gliedern
noch wohlversehenes Kind zu erwecken vom Todesschlafe. Konntest du das, da ist
es uns dann wohl kaum glaublich, daß du auf die gleiche Weise nicht auch unsere
Kinder wiederbeleben könntest, so du das nur wolltest.“
[GEJ.08_204,04] Sagte Roklus, nun ein wenig
verlegen: „Freunde, ich will euch nicht länger mehr hinhalten, sondern euch
sagen und zeigen unverhüllt die volle und reine Wahrheit! Sehet, ihr habt
ehedem selbst euren Entschluß dahin offen ausgesprochen, daß ihr nach Galiläa
zu dem neuen, großen Propheten der Juden ziehen wollet, so ihr hier keine Hilfe
finden würdet! Und ich sage es euch, daß ihr sehr recht tun würdet, so das nun
nötig wäre. Ihr kennet den Propheten nicht, ich aber kenne Ihn und sage euch,
daß Er endlos mehr ist als ein Prophet; denn Er ist eben Der, von dem alle
Propheten geweissagt haben, daß Er im Fleische in diese Welt kommen werde und
werde erlösen die Menschen, die an Ihn glauben und Ihn als den alleinigen Herrn
Himmels und der Erde und alles Lebens über alles lieben werden, von der
Knechtschaft der alten Sünde, des Teufels und des ewigen Todes!
[GEJ.08_204,05] Sehet, das ist nun der
Prophet, zu dem ihr hingehen wollet! Der könnte eure toten Kinder freilich wohl
wieder beleben, da Ihm allein nichts unmöglich ist – und sehet weiter –: Nur in
und durch Seinen Namen, der überheilig ist, habe ich auf Sein Geheiß den
Elenden geholfen; darum priesen die Geheilten auch nur Ihn und nicht irgend
mich! – Begreifet ihr nun diese höchst wunderbare Sache?“
[GEJ.08_204,06] Hier machten die dreißig
große Augen, und der Redner fragte ganz hastig den Roklus: „Wo, wo weilt Er,
der Allmächtige, nun denn, auf daß wir zu Ihm zögen und Ihm gäben die Ihm
allein gebührende Ehre?“
[GEJ.08_204,07] Sagte Roklus: „Höret,
Freunde! So ein Mensch oft unvermuteterweise einer großen Begebenheit nahe ist
und mit seinem Verstande und also auch oft mit seinen Augen und Ohren nicht
wahrnimmt, was Großes und Außerordentliches sich schon in seiner Nähe befindet,
da hat der Mensch im Herzen einen eigentümlichen Sinn, den man das Ahnungsvermögen
nennt. Ist das, was sich dem Menschen ohne sein Wissen ganz nahe befindet,
etwas außerordentlich Gutes und Glück- und Segenbringendes, so wird das Herz
durch das Ahnungsvermögen ganz fröhlich und heiter gestimmt, im Gegenteile aber
traurig und gedrückt. Fraget nun diesen euren inneren Ahnungssinn! Wie ist er
gestimmt? Was fühlen eure Herzen?“
[GEJ.08_204,08] Sagte der Redner: „Mir
wenigstens kommt es freudig also vor, als befände sich der Allererhabenste und
Heiligste irgend in unserer Nähe und – wie sogar in dieser Herberge, und ich
fühle darum eine besondere Freude in mir, obschon ich samt allen meinen
Gefährten gerade nicht die entfernteste Ursache haben könnte, im Herzen freudig
gestimmt zu sein; denn ich habe, sage, allein vier tote Kinder den weiten Weg
hierher in der Hoffnung gebracht, daß sie allda neu belebt werden, und habe
darauf nun volle zwei Monde vergeblich gewartet! Das ist doch sicher ein
Umstand, der aus leicht begreiflichen Gründen das Herz nicht fröhlich und
heiter stimmen kann; und dennoch sind wir heute schon vom frühesten Morgen an
merkwürdigermaßen ganz heiter und fröhlich und können uns nicht in unsere alte
Trauer zurückversetzen. Ja, es kommt mir im Herzen sogar also vor, als gäbe mir
jemand die Versicherung, daß ich meine vier Kinder lebend nach Kahiro
zurückbringen werde!“
[GEJ.08_204,09] Sagten darauf auch alle die
andern: „Auch wir empfinden das gleiche, und es kommt uns so vor, daß es schon
also und nicht anders sein werde! Aber, da nun unsere Herzen in
allerfreudigster Begierde erbrannt sind, so halte, o Meister, uns nicht länger
mehr hin und sage es uns, wo sich der Allererhabenste nun befindet in Seiner
Persönlichkeit! Im Geiste, was wir vom Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs als
alte Juden noch wohl wissen, ist Er überall gegenwärtig und sieht alles, hört
alles, weiß um alles und erschafft und erhält überall alles. Aber da Er Selbst
nun nach den alten Verheißungen in Menschengestalt Sich unter Menschen dieser
Erde aufhält und ihnen große Wohltaten erweist, so möchten wir – freilich
leider allzeit große Sünder vor Gott – den alten Schöpfer und Vater der
Menschen denn doch auch mit unseren leiblichen Augen sehen und mit unseren
schmutzigen Ohren Seine Vaterstimme vernehmen, auf daß wir daheim es allen
Menschen sagen könnten: ,Wir haben Gott gesehen und gesprochen und haben aus
Seinem Munde vernommen Seinen Willen, nach dem alle Menschen handeln und leben
sollen!‘ – Sage uns, du großer Meister und Oberster dieser altbekannten
Wunderheilanstalt, wo Sich Der nun etwa irgend gar in unserer Nähe befindet,
dessen Namen keine Menschenzunge auszusprechen vermag, wie auch die Zungen
aller Engel nicht!“
205. Kapitel
[GEJ.08_205,01] Sagte nun Roklus: „Nun denn,
hebet eure Herzen und Augen empor! Dieser Mann, der hier zu meiner Rechten am
Tische sitzet und unser aller Herzen und Nieren prüft, ist es, zu dem ihr nach
Galiläa ziehen wolltet!“
[GEJ.08_205,02] Als die dreißig das von
Roklus vernommen hatten, da fielen sie vor höchster Ehrfurcht auf ihre
Gesichter und schrien: „Ehre Dir, Gott in der Höhe! Heilig und über alles ewig
mächtig ist Dein Name! O Herr von Ewigkeit, verstoße uns Kinder Abrahams nicht,
und sei uns gnädig und barmherzig! Dein allein heiliger Wille sei für alle
Zukunft unser Gesetz, nach dem wir handeln, leben und sterben wollen!“
[GEJ.08_205,03] Hierauf sagte Ich: „Das ist
von euch nun wohl alles gar löblich vor Mir; aber in solcher eurer Stellung
kann Ich nicht reden mit euch. Erhebet euch als freie und vernünftig denkende
Menschen und laßt beiseite eure übertriebene Ehrfurcht! Denn Ich bin nicht zu
euch gekommen, um Mich einem Götzen gleich von den blinden Heiden anbeten und
verehren zu lassen, sondern um euch Gott, den ihr vergessen habt, und Seinen
Willen von neuem kennen zu lehren und auf Erden zu errichten das Reich Gottes,
das wahre Reich des ewigen Lebens, und zu zerstören die alten Fesseln und
Kerker der Sünde, des Teufels, des Gerichtes und des Todes der Seelen. Und da
will Ich, daß die Menschen vor Mir nicht in eitler Ehrfurcht den Würmern gleich
kriechen, sondern als werden könnende und sollende Kinder Gottes frei, offen
und aufrecht um Mich als wahre Freunde und Brüder sich sammeln, Mich hören und
auch mit Mir reden sollen. Und so ihr Meinen Wunsch und Willen nun vernommen
habt, da erhebet euch und redet frei und offen mit Mir!“
[GEJ.08_205,04] Als die noch auf ihren
Angesichtern liegenden dreißig das aus Meinem Munde vernommen hatten, da
erhoben sie sich gemach vom Boden, waren aber dabei dennoch ordentlich
schwindlig vor lauter Ehrfurcht, und es getraute sich keiner, Mich um etwas zu
fragen oder zu bitten.
[GEJ.08_205,05] Ich aber, solches wohl
sehend, sagte zu ihnen: „Ja, ihr Freunde, wenn ihr euch nun Mir gegenüber stets
so verhalten werdet, da werden wir miteinander keine großen Geschäfte zu machen
imstande sein! Wer hat euch denn solch eine lächerliche und zwecklose Ehrfurcht
vor Gott eingehaucht? Das habt ihr von den heidnischen Götzenpriestern gelernt!
Gott aber verlangt von den Menschen wahrlich nicht mehr, als daß sie an Ihn als
den einen, allein wahren und ewig lebendigen Gott glauben, Seinen Namen nicht
eitel nennen oder gar lästern und Ihn also als den guten Vater erkennen und
über alles lieben sollen und ihre Mitmenschen wie sich selbst. Alles, was
darüber ist, ist ebenso vom Übel, als was darunter ist! Darum leget nun eure
übertriebene Ehrfurcht vor Mir nieder, und redet frei und offen mit Mir! Oder
gefällt es euch, so ihr irgend sehet, daß die Eltern ihre Kinder also erziehen,
daß diese in aller Ehrfurcht in einem fort vor ihnen, ihren Eltern nämlich, kriechen
müssen?! Was wird aus solchen Kindern? Nichts als feige und am Ende dennoch
selbst- und herrschsüchtige Kriecher, von denen kein Nebenmensch je etwas Gutes
zu erwarten hat.
[GEJ.08_205,06] Weil denn auch ihr eure
Kinder also töricht erzogen habt, so war es denn auch ganz recht und billig,
daß sie euch genommen worden sind, noch ehe eure blinde Götzentorheit ihre
Seelen vollends knebeln und verderben konnte. Leget darum nun vor Mir diese
Torheit ab, ansonsten Ich euch wahrlich eure Kinder nimmer zurückgeben könnte
und würde!“
[GEJ.08_205,07] Diese Meine Worte wirkten,
und der Redner, zu Mir nähertretend, sagte: „O du Heiligster! Wie willst Du
denn, daß wir armen sündigen Menschen Dich anrufen sollen?“
[GEJ.08_205,08] Sagte Ich: „Herr und Meister
bin Ich, und also rufet und redet Mich auch an; eines Weiteren bedarf es da
wahrlich nicht! Mit dem Ausdruck ,Heiligster‘ aber kommet Mir nicht mehr! Denn
Ich bin hier gleich euch nur ein Mensch und sage euch, daß da niemand heilig
ist als der Geist Gottes allein! Wohl wohnt Dieser in Mir, doch der geht euch
vorderhand noch nichts an. Wenn ihr aber selbst in diesem Geiste wiedergeboren
sein werdet, dann erst wird Er euch auch angehen, und ihr werdet Seine
Heiligkeit verstehen!
[GEJ.08_205,09] Wenn die Menschen in ihrer
Blindheit zu Gott ,heilig, heilig, heilig‘ rufen werden, da wird es elend
aussehen unter ihnen! Wer zu Gott also rufen will, der muß zuvor selbst voll
dieses Geistes werden, ansonst ist sein Rufen ein eitel törichtes und gleicht
dem gleichen Rufen der Heiden, die, von allem Gerichte der Sünden der Welt
geknechtet und gefesselt, doch unmöglich die ewige und unendliche Freiheit in
Gott, was eben die Heiligkeit ist, fassen und begreifen können!
[GEJ.08_205,10] Darum bin Ich nun, solange
ihr noch im Gerichte der Welt wandelt, wohl euer Herr und Meister; wenn ihr
aber selbst in Meinem Geiste frei und lebendig sehend werdet geworden sein,
dann erst werdet ihr in Mir Gott erkennen und zu Ihm ,Heiliger Vater‘ rufen.
Doch da werdet ihr nicht also, wie jetzt, mit dem Munde rufen, sondern in euch
aus dem lebendigen Geiste; denn Gott in Sich ist ein Geist und kann daher auch
nur im Geiste und dessen lebendigster und lichtfreiester Wahrheit angerufen und
angebetet werden! – So ihr das nun begriffen habt, da ändert sofort euren
törichten Sinn, und redet frei und offen mit Mir, und saget, was man euch hier
tun soll!“
206. Kapitel
[GEJ.08_206,01] Sagte der Redner: „O Herr und
Meister! Du bist wahrlich endlos gut und weise und bist bei aller Deiner göttlichen
Herrlichkeit unaussprechlich sanftmütig, demutsvoll herablassend und voll der
höchsten und größten Geduld! Und das kräftigt unseren Glauben um so mehr dahin,
daß Du wahrhaftig Derjenige bist, der uns durch den Mund der Propheten
verheißen ward von Jehova, und daß und wie Er gründen wird ein wahres
Gottesreich auf dieser Erde. Und da wir nun das ungezweifelt glauben, so
glauben und erhoffen wir auch von Dir die Gnade, daß Du unsere toten Kinder uns
lebend wieder zurückgeben wirst, die wir fortan sicher weiser erziehen werden,
als das bis jetzt der Fall war!“
[GEJ.08_206,02] Sagte Ich: „Ja, Ich werde
euch das tun, – doch zuvor merket euch das wohl, was Ich euch nun sagen werde!
So eure toten Kinder euch lebend wiedergegeben werden, da machet weder hier
noch auf dem Rückwege, noch daheim ein Aufsehen, und machet Mich und auch die
Essäer nicht weiter ruchbar! Denn von nun an werden keine Toten dem Fleische
nach wieder ins irdische Leben erweckt werden, wohl aber viele geistig tote
Seelen ins ewige Leben, für das die Menschen erschaffen worden sind. Es soll
von dieser in diesem Orte letzten Tat außer diesen Meinen Jüngern, außer euch
und einigen wenigen anderen Zeugen niemand etwas erfahren! Denn Ich will es
nicht, daß derlei je mehr hier ausgeübt wird.
[GEJ.08_206,03] Wer in der Folge noch tote
Kinder oder auch andere Verstorbene hierher bringen wird, der wird sich nicht
nur eine vergebliche Mühe machen, sondern wird dabei allerlei andersartiges
Ungemach zu erleiden bekommen. So aber allerlei Kranke zur Heilung im wahren
Glauben an Meinen Namen hierher gebracht werden, die sollen auch ihre Heilung
finden. – Mit dem wisset ihr nun, was ihr zu tun und zu beachten habt!
[GEJ.08_206,04] Gehet aber am Abend hin, von
einem oder dem andern Essäer begleitet, in die Gruft, öffnet die verschlossenen
Särge, und eure Kinder werden euch sogleich als lebend und völlig gesund
folgen! Morgen früh aber reiset schnell, auf daß ihr den Tag über kein Aufsehen
erreget bei den vielen Menschen, die nun in diesem Orte sich befinden!
[GEJ.08_206,05] So euch auf dem Heimwege
Menschen mit toten Kindern begegnen werden und euch fragen, wie es hier zugeht,
da saget ihnen offen, was Ich euch in Hinsicht der künftig nicht mehr
stattfindenden Wiederbelebung der toten Kinder gesagt habe, und sie werden dann
keine weitere und vergebliche Reise hierher machen!
[GEJ.08_206,06] Besuchet daheim auch keine
Götzentempel mehr, und wird man euch zur Rede stellen, da saget, daß ihr den
nur einen, allein wahren und lebendigen Gott gesucht und auch gefunden habt,
und der habe euch treu, offen, hell und lebendig gezeigt, was ihr zu tun habet!
Wird man euch darauf in Ruhe lassen, so bleibet, wird man euch aber zwingen, so
ziehet weiter! Denn Der euch hier hilft, der kann euch auch allzeit und
allenthalben helfen, so ihr an Seinen Namen glaubet und Ihm volltrauet! Habt
ihr das nun verstanden, da könnet ihr nun diese Herberge wieder verlassen!“
[GEJ.08_206,07] Sagte darauf der Redner, Mir
im Herzen für alles dankend: „O Herr und Meister, da wir nun schon so viel
Gnade bei Dir gefunden haben, so möchten wir uns dafür nach unseren Kräften
werktätig dankbar bezeigen! Sage es uns gnädigst, was alles für Opfer wir aus
großer Liebe zu Dir hier verrichten und darbringen sollen!“
[GEJ.08_206,08] Sagte Ich: „Mir und auch den
Essäern habt ihr kein anderes Opfer zu bringen, als daß ihr fortan nur an den
einen wahren Gott glaubet und Ihn aus allen euren Kräften liebet und eure armen
Nächsten wie euch selbst, und daß ihr bewahret eure Herzen vor der Selbstsucht,
vor dem Geiz und Neide, vor der Weltliebe und vor dem Hochmute; denn alles, was
vor den Augen, Ohren und Herzen der Welt groß und glanzvoll ist, das – hört! –
ist vor Mir ein Greuel!
[GEJ.08_206,09] Nehmet euch an Mir ein
Beispiel! Ich allein bin der Herr und Meister, und Himmel und Erde liegen in
Meiner Macht und Gewalt, und Ich bin dennoch von ganzem Herzen sanftmütig, und
bin voll Demut, Geduld, Liebe und Erbarmung und lasse Mich von niemand also
ehren, wie das verlangen die Pharisäer, der Heiden Priester und andere
eingebildete Großen der Welt.
[GEJ.08_206,10] Also diese Opfer bringet Mir
dar, und ihr werdet euch fortwährend Meiner Liebe und Gnade zu erfreuen haben!
Was ihr aber in der Liebe den Armen in Meinem Namen tun werdet, das wird von
Mir stets also angesehen sein, als hättet ihr das Mir Selbst getan, und ihr
werdet euch dadurch in Meinen Himmeln für ewig große Schätze sammeln. Das sind
die Opfer, die Ich von euch verlange.“
[GEJ.08_206,11] Sagte der Redner: „O Herr und
Meister, diese Opfer werden wir denn auch, alles gewissenhaftest befolgend, Dir
allzeit darbringen! Sollen wir die ehernen Särge hierlassen, oder sollen wir
sie auch wieder mitnehmen?“
[GEJ.08_206,12] Sagte Ich: „Das war eine
törichte Frage! So ihr eure lebendig gewordenen Kinder wieder habt, wozu sollen
euch daneben die Särge nützen? So euch die Menschen begegneten und sähen die
leeren Särge, so würden diese es am ersten verraten, was euch hier zuteil
geworden, – und das ist es, was Ich euch strenge widerraten habe. Und so denn
versteht sich das ja von selbst, was da mit den eitlen Särgen zu geschehen hat.
Die Brüder Essäer sollen sie in ihren Erzwerkstätten in Pflugscharen und Spaten
umgestalten lassen und sie zu solchen besseren Zwecken benutzen. – Nun wisset
ihr alles, was ihr zu tun habt, und so denn verlasset voll Trostes diese
Herberge!“
[GEJ.08_206,13] Darauf dankten Mir alle noch
einmal laut und verließen uns.
[GEJ.08_206,14] Am Abend aber, als die
meisten Menschen sich schon in den Herbergen befanden, entsandte Ich einen
Essäer in die Gruft, bei der schon die dreißig harrten und noch mehrere, die
auch ihre toten Kinder nach Essäa gebracht hatten. Die dreißig aber meinten,
daß solches etwa Mir nicht angenehm sein werde. Aber es hatte der Essäer schon
geheim die Weisung von Mir, alle Särge öffnen zu lassen und allen aber auch zu
sagen, was Ich Selbst den dreißig gesagt hatte. – Und so wurden alle die toten
Kinder wieder zum Leben erweckt.
[GEJ.08_206,15] Daß diese Tat ein übergroßes
Aufsehen bei den Beteiligten erweckte, läßt sich leicht von selbst denken und
braucht nicht weiter beschrieben zu werden. Alle diese Väter und auch etliche
Mütter, Mir im Herzen dankend, aber stärkten sich in einer Herberge, außerhalb
des Ortes auf dem Wege gen Ägypten bei einer halben Stunde weit entlegen, um im
Orte selbst kein Aufsehen zu machen, und zogen am frühen Morgen in ihre Heimat.
[GEJ.08_206,16] Es wurden die wiederbelebten
Kinder auch vielseitig von den Eltern befragt, wie es ihnen in der Welt der
Geister ergangen sei, und ob sie sich dessen irgend rückerinnern könnten. Die
Kinder aber sagten, daß ihnen alle Rückerinnerung genommen worden sei und sie
daher den Fragenden auch keinen Aufschluß geben könnten; und so hatten die
Kinder denn auch Ruhe vor allem weiteren Befragtwerden. Und so ist diese Wundertat
ganz ruhig und für die noch andern im Orte seienden Menschen nahe spurlos
ausgeübt worden.
207. Kapitel
[GEJ.08_207,01] Als aber die dreißig die
Herberge, in der Ich wohnte, verließen, da waren wir wieder eine kleine Weile
unter uns allein, und Ich gab dem Roklus allerlei Weisungen, wie er sich
künftig benehmen solle, so doch noch irgendwelche sich sollten beifallen
lassen, ihre toten Kinder nach Essäa zur Wiederbelebung zu bringen. Ich verbot
ihm aber in einzelnen Fällen, wo die Bittenden einen starken Glauben an den Tag
legten, nicht, diesen oder einen andern wieder zu beleben; aber er solle sich
zuvor stets zu Mir im Geiste wenden, und Ich würde es ihm kundtun, ob die Tat
zu vollführen oder zu unterlassen sei. Solches nahm Roklus auch mit dem größten
Danke an.
[GEJ.08_207,02] Als wir aber noch also
redeten, da kam ein Bote, aus der Wunderburg entsandt, zu uns in die Herberge
und sagte, daß soeben zwei hohe Älteste und Pharisäer aus Jerusalem in die Burg
gekommen seien mit einem glänzenden Gefolge und sogleich mit dem Obersten
selbst höchst dringlich zu sprechen wünschten.
[GEJ.08_207,03] Ich aber sagte: „Gehe, du
Bote, hin zu den Blinden und sage es ihnen, daß sich gar viele Menschen nun in
Essäa aufhalten und auch den Obersten sprechen wollen; der Oberste aber weiß
schon, was er zu tun hat, und wo die Not am größten ist, und läßt sich darum
von einem Paar Pharisäer, die ihre Kebsweiber und einige geschändete Knaben zur
Heilung hierher gebracht haben, wenn auch in glänzenden Kleidern, nicht
irremachen in seinem ordnungsvollen Tagewerk. Sie sollen nur warten, wie das
sogar königliche Leute und Familien tun müssen.“
[GEJ.08_207,04] Da verneigte sich der Bote
und ging und hinterbrachte das wortgetreu den beiden Pharisäern, die sich
dadurch höchlichst beleidigt fanden und in den Boten drangen, ihnen zu sagen,
wo sich der Oberste aufhalte.
[GEJ.08_207,05] Der Bote aber sagte: „Ich bin
kein Herr, sondern nur ein Knecht und muß gehorchen meinem Herrn, von dem ich
die strengste Weisung habe, ohne seinen Willen niemandem, sogar einem Kaiser
nicht, anzuzeigen, wo sich der Herr aufhält und was er irgend tut; und so kann
und darf ich auch euch nicht sagen, wo sich nun der hohe Oberste befindet.
Gehet in eine Herberge, und wartet alldort, bis die Reihe an euch kommen wird!
Denn hier bei uns gilt jeder Mensch gleich, und ein Fürst hat vor einem Bettler
nicht den allergeringsten Vorzug!“
[GEJ.08_207,06] Da sagte einer der beiden
Pharisäer, dem das sehr in die stolze Nase gestiegen war: „Was redest du also
vor uns! Ist denn diese Zauberburg mehr als der Tempel Jehovas in Jerusalem?
Und dort wird dennoch ein Unterschied streng beachtet!“
[GEJ.08_207,07] Sagte der Bote: „Das geht
mich nichts an! Bei euch möget ihr als Herren schalten und walten nach eurem
Belieben und nach euren Gesetzen, und wir schalten und walten hier nach unseren
Gesetzen und erkennen niemand außer Gott als einen Herrn an und den auch, der
von Gott Selbst uns zu einem Obersten gegeben und gesetzt worden ist! Darum tut
Gott auch hier große Zeichen, und die Pharisäer selbst müssen hier Hilfe
suchen, weil sie in Jerusalem keine haben und irgend finden können. Und ich als
Bote habe nun geredet, und ihr könnet gehen, wie ihr gekommen seid, so ihr
nicht warten wollet oder könnet!“
[GEJ.08_207,08] Auf das kehrte der Bote den
Pharisäern und ihrem schönen Gefolge den Rücken, und diesen blieb nichts übrig,
als sich in eine Herberge zu begeben und dort zu warten, bis sie gerufen
würden.
[GEJ.08_207,09] Roklus aber dankte Mir
abermals, daß Ich ihn vor den Pharisäern nun behütet habe.
[GEJ.08_207,10] Darauf fragte Mich Simon
Juda, sagend: „Herr und Meister, wir haben nun noch etwa ein paar Stunden bis
zur Mitte des Tages! Wäre es denn nicht geraten, so wir uns abermals ins Freie
begäben? Denn so wir immer hier uns aufhalten, da wird bald wieder etwas
vorkommen, das uns unangenehm berühren kann. Und mir kommt es vor, als ob die
zwei Pharisäer es sich vorgenommen hätten, den Obersten von Herberge zu
Herberge aufsuchen zu gehen; und so sie hierher kämen, da wäre das für Dich,
für den Obersten und auch für uns nichts Angenehmes. Doch ich will damit etwa
ja keinen Rat gegeben haben, sondern fragte Dich nur um Deine Meinung.“
[GEJ.08_207,11] Sagte Ich: „Eben darum bleiben
wir hier, denn Ich will dem Unfuge des Raubtributnehmens ein völliges Ende
machen, wozu Ich schon heute morgen den Grund gelegt habe.
[GEJ.08_207,12] Diese zwei Pharisäer sind
auch unter anderm darum hierher gekommen, um von den Straßenräubern ihren
Anteil zu beheben, weil eben diese Straßenräuber unter dem Schutze der Templer
und des Herodes ihren Unfug als gesetzlich erlaubt treiben dürfen.
[GEJ.08_207,13] Die Heilung ihrer Kebsweiber
und der geschändeten Knaben ist also der eigentliche Grund der Hierherreise der
beiden Pharisäer nicht, sondern die Einhebung ihres Straßenraubanteils; haben
sie den, dann werden sie selbst sogleich abreisen und die Kranken in der
Behandlung hier lassen. Sie möchten aber eben darum mit Roklus geheim ein paar
Wörtlein reden, daß er die Kranken in unentgeltliche Pflege nehme und sie, wo
möglich oder tunlich, auch statt zu heilen lieber auf eine gute Art gar in die
liebe Ewigkeit befördern möchte, weil diese Menschen sie in Jerusalem mit der
Zeit leichtmöglicherweise doch in einen schlechten Ruf vor dem Volke bringen
könnten. Seien sie aber einmal begraben, da hätten die Templer von ihnen nichts
mehr zu befürchten und zu besorgen! Sollte sich aber der Oberste zu solch einem
Werke der echt satanischen Nächstenliebe trotz aller ihm dafür zugesicherten
Vorteile nicht herleihen wollen, so könne er sie zwar heilen, aber darauf nicht
mehr nach Jerusalem zurück, sondern irgendwo anders hin, als etwa nach Ägypten,
Persien oder gar nach Indien ziehen lassen.
[GEJ.08_207,14] Seht, das haben die beiden
Templer vor, und sie werden darum auch, sowie sie die mitgebrachten Kranken in
der Herberge werden untergebracht haben, den Obersten mit allem Eifer aufsuchen
gehen und ihn eben hier auch finden, weil sie durch einen hier Geheilten bald und
leicht erfahren werden, wo sich unser Freund Roklus befindet.“
[GEJ.08_207,15] Und seht, das wird dann eben
recht sein; denn eben bei dieser Gelegenheit wird ihnen der Oberste, wie Ich
ihm das ins Herz und in den Mund legen werde, das alles vorhalten können, und
es wird dabei dem Straßenraubunfug ein Ende gemacht, und die Kranken, die sich
nun hier in der Gewalt der Essäer befinden, werden wider sie und den ganzen
Tempel zeugen, und das sicher um so mehr, so sie vom Obersten erfahren werden,
welch löbliche Höllenabsichten die beiden Templer mit ihnen haben!
[GEJ.08_207,16] Darum soll sie Roklus auch
zuerst anhören, was sie ihm vorbringen werden, natürlich im Beisein der andern
nun hier anwesenden Brüder Essäer, die ihm dann bei den Kranken als treue Zeugen
gute Dienste leisten werden.
[GEJ.08_207,17] So die Templer auf diese
Weise enthüllt werden, da werden sie sehr gefügig sein und gern ein jedes noch
so große materielle Opfer bringen, um nur nicht vor einen römischen Richter
gestellt zu werden.
[GEJ.08_207,18] Und so ist das ganz gut, daß
sich das nun also fügt, wie Ich es schon lange vorgesehen habe; denn dadurch
wird sich Essäa einen lange bleibenden Schutz gegen die losen Verfolgungen des
Tempels gründen und sich von allen Seiten her einen sicheren Zugang bereiten.
[GEJ.08_207,19] Wenn die beiden aber zu
dieser Herberge kommen werden, da werde schon Ich dem Bruder Roklus anzeigen,
daß er mit den andern Brüdern zu ihnen hinaus in den Hofraum gehe und mit ihnen
die Sache auf die gehörige und fruchtbringende Weise abmache. Bis in einer
Stunde nach dem Mittage wird schon alles in der Ordnung sein, und wir werden
dann ganz ruhig unser Mittagsmahl einnehmen können und darauf erst ins Freie
gehen, wenn die beiden Templer diesen Ort mit aller Hast und Eile werden
verlassen haben. Verstehst du, Petrus, nun, warum Ich vor dem Mittagsmahle
nicht ins Freie gehen, sondern hier im Saale verweilen will?“
[GEJ.08_207,20] Sagte Petrus: „Jetzt verstehe
ich das nur zu gut, klar und rein. Wir danken Dir für diesen Aufschluß.“
[GEJ.08_207,21] Nun aber erhob sich erst
Roklus, der bei Meiner offenen Beschreibung des Grundes, aus dem die beiden
Templer nach Essäa mit ihren Kranken gekommen sind, beinahe vor Ärger hatte
aufspringen und voll Zorns die beiden gleich gefangennehmen wollen, und sagte
ganz durch und durch erregt: „O Herr und Meister! Hätte ich nun nur so ein
Teilchen von Deiner Macht in Mir, so würden die beiden wahrlich nicht so
leichten Kaufes von hier kommen! Wie möglich aber kannst Du, Allmächtiger und
Gerechtester, solchem Unfuge der wahrsten Teufel in Menschengestalt mit aller
Geduld so lange zusehen und ihnen noch oft genug gelingen lassen ihre echt
satanischen Pläne in voller Tat?
[GEJ.08_207,22] Den Tempel zu Jerusalem, der
schon lange zu einer wahren Räuberhöhle geworden ist, samt seinem elendesten
Priestergeschmeiß fortbestehen lassen, ist zu viel Geduld! Es werden dessen
Schändlichkeiten unter dem Volke ja von Tag zu Tag ersichtlicher und ruchbarer,
und das Volk fällt daher auch unverschuldetermaßen stets mehr vom Glauben an
einen allein wahren Gott ab und geht zu den weit vernünftigeren und besseren
Heiden über!
[GEJ.08_207,23] Aber Du, o Herr und Meister,
bist hochweise und weißt am besten, warum eben Du solches zulässest! So aber
die beiden kommen werden, da erfülle, o Herr, mein Herz mit Geduld, auf daß ich
das werde zu ertragen imstande sein, was sie mir vorbringen werden!“
[GEJ.08_207,24] Sagte Ich: „Sorge du dich
nicht darum; denn du wirst mit ihnen am Ende ganz wohl darauskommen und sie
möglicherweise für die Wahrheit und für die gute Sache des Lebens gewinnen!
Siehe, auch hier unter Meinen Jüngern befinden sich mehrere bekehrte Pharisäer,
die nun schon in aller Wahrheit des inneren Lebens stehen, und es ist eben noch
nicht zu lange seit dem, wo sie Mir nach Meinem Leibesleben strebten, weil
Meine Worte wider sie zeugten.
[GEJ.08_207,25] Es wird aber das Maß der
Tempelgreuel bald voll werden, und bevor noch sechsmal zehn Jahre vergehen
werden, wird man kaum die Stelle mehr finden, wo Jerusalem und der Tempel
gestanden sind. Meine Geduld und Langmut ist wohl groß und nahe unbegrenzt,
aber doch nicht unendlich auf den Weltkörpern! Mein Wille, der zu arg gewordene
Welten zerstört hat, kann auch Städte und Völker vernichten, so ihr Maß der
Greuel voll geworden ist. – Doch nun nichts Weiteres mehr davon. Du aber kannst
dich nun schon mit deinen Brüdern hinaus in den Vorhof begeben; denn die beiden
werden nicht lange auf sich warten lassen!“
[GEJ.08_207,26] Als Roklus das von Mir
vernommen hatte, da erhob er sich mit den andern Brüdern und begab sich
sogleich in den Vorhof. Der Wirt aber machte sich mit den Seinen an die
Bereitung eines guten Mittagsmahles.
208. Kapitel
[GEJ.08_208,01] Roklus aber brauchte nicht
lange auf die beiden Pharisäer zu warten; denn als sie, wie schon erwähnt, von
einem Geheilten erfahren hatten, wo der Oberste sich befinde und seine
Wunderheilungen ausübe, da überließen sie die mitgenommenen Kranken in der
Herberge dem Wirte zur Versorgung, wofür sie ihm etwas Geld gaben, und begaben sich
in Begleitung des Geheilten sogleich nach unserer Herberge, um vor allem mit
dem, was für sie und ihren argen Plan ihnen am wichtigsten deuchte, mit dem
Obersten in die von ihnen vorgefaßte Ordnung zu kommen.
[GEJ.08_208,02] Als sie nun in den Vorhof eintraten,
ging ihnen der Oberste sogleich entgegen, grüßte sie nach der Tempelsitte und
sagte: „Ihr suchet den Obersten der Essäer? Und der stehet in meiner geringen
und unansehnlichen Person vor euch! Was wollt ihr von mir? Ich sage es euch
aber zum voraus, daß ihr mir euer Anliegen offen und ohne allen Vorhalt
vortraget, ansonst ihr vergeblich zu mir gekommen wäret!“
[GEJ.08_208,03] Sagte einer der Pharisäer:
„Das wollen und müssen wir auch; aber wir möchten der etwas geheimen Sache
wegen ohne Zeugen mit dir reden und etwa in einem Gemache!“
[GEJ.08_208,04] Sagte Roklus: „Was bei uns
den Fürsten, Königen und Kaisern nicht gewährt wird, das wird auch euch nicht
gewährt! Denn bei uns gibt es keinen Hinterhalt und keine wie immer geartete
Geheimtuerei mehr, auf daß fürder niemand uns irgend eines oder des andern
Menschentruges zeihen könne. Darum heilen wir die Kranken denn auch offen vor
allen Menschen und nicht mehr in der alten, durch euch am meisten verschrienen
und verdächtigten Burg. Wollt ihr sonach etwas von uns, so saget uns das hier
offen! Denn wir Essäer alle sind so gut wie nur ein Mensch; was der eine weiß
und kann, darf allen andern nicht verschwiegen bleiben. Ihr wisset nun, wie ihr
mit uns daran seid; redet daher offen mit uns, oder gehet unverrichteterdinge
wieder dahin, von woher ihr gekommen seid! Das sei euch aber auch noch gesagt,
daß ihr nichts von uns verlangen wollet, das da irgend ungerecht wäre vor Gott
und den Menschen!“
[GEJ.08_208,05] Sagte der Pharisäer: „Ihr
habt euch ja gänzlich umgewandelt; denn vor kaum zwei Jahren habt ihr ganz
anders doch geredet und sicher auch gehandelt!“
[GEJ.08_208,06] Sagte Roklus: „Mag sein; aber
da es auf dieser Erde nichts so Vollkommenes gibt, das da keiner weiteren und
höheren Vervollkommnung bedürfte, so waren auch wir noch lange nicht so
vollkommen, daß wir uns nicht noch um ein gar Großes mehr hätten vervollkommnen
können. Wir haben uns denn auch, obgleich wir auch noch lange nicht am großen
Endvervollkommnungsziele stehen, seit etlichen Jahren um ein gar Großes
vervollkommnet, und so denken, wollen, reden und handeln wir nun denn auch ganz
anders!
[GEJ.08_208,07] Früher heilten wir die
Kranken unter allerlei eitel leerer Zeremonie, und das darum, weil die blinden
Menschen es also haben wollten, und der schwarze Grund lag darin, daß die
vielen, die hier Hilfe suchten und sie auch fanden, von ihren selbst-, herrsch-
und gewinnsüchtigen Priestern, die sich als Gottesdiener ausgaben und stets
überhoch ehren ließen, in allerlei zeremoniellen Aberglauben ordentlich
begraben worden sind!
[GEJ.08_208,08] Da wir es mit den Menschen,
die, hoch oder nieder, unsere Brüder sind, allzeit ehrlich meinten, so konnten
wir diesem alten und bösen Unfuge nicht länger mehr zusehen und haben fest
beschlossen, allen Menschen in sonnenheller Wahrheit ihre alten Torheiten zu
zeigen; und wir haben uns darum denn auch von allem vollends entfernt, was nur
den geringsten Anschein von einem leeren Truggeheimnisse haben könnte, und
reden und handeln darum nun ohne allen wie immer gearteten Hinterhalt mit
jedermann, und so denn auch mit euch ohne irgendwelche Scheu, Furcht oder
Rücksicht. Denn euer Tempel und ihr, als uns wohlbekannt oberste Priester im
selben, seid gleich so viel wie ein jeder andere Mensch.
[GEJ.08_208,09] Und so euer Anliegen an uns
etwas den Gesetzen Gottes Widerstrebendes hat, da stehet ihr samt eurem Tempel
und eurer hohen Priesterschaft weit und tief hinter den Tieren in unseren
Augen! Ich habe euch nun klar und offen dargestellt, wie wir nun bestellt sind,
und warum, und so werdet ihr denn nun auch hoffentlich begreifen, wie ihr euch
gegen uns zu benehmen habt, so ihr irgendeinen wahren und guten Zweck eurer
Mühe bei uns erreichen wollet.“
209. Kapitel
[GEJ.08_209,01] Diese Ansprache des Roklus taugte
freilich wohl nicht im geringsten für das, was die beiden Templer hier so ganz
eigentlich erreichen wollten; und so wußten sie nun nicht, wie sie da ihr
Anliegen vorbringen sollten.
[GEJ.08_209,02] Nach einer Weile aber fiel es
dem einen Pharisäer ein, den Obersten mit Drohungen anders zu stimmen und ihm
gewisserart die Hölle so glühheiß als möglich zu machen, und so sagte darum der
Pharisäer mit stark aufgeblähten Backen: „Höre du, dir auf deine Wahrheit und
Ehrlichkeit überaus viel zugute haltender Oberster! Du hast in deinem Eifer
vergessen – erstens, vor wem du stehst und redest, und zweitens hast du nicht
nur gegen uns als Oberste im Tempel, sondern auch gegen den Tempel eine arge
Lästerung offen ausgesprochen und hast dich dadurch im höchsten Grade sträflich
gemacht! So wir dich nun verfolgen wollten, so würde es dir und deinem ganzen
Anhange böse ergehen! Daher laß ohne Zeugen unter vier Augen mit dir reden, und
tue dann das, was wir von dir verlangen, so wollen wir keinen weiteren Gebrauch
von dem machen, was dich vor uns im höchsten Grade strafbar gemacht hat!“
[GEJ.08_209,03] Als Roklus diese Ansprache
vernommen hatte, da ward er nahe ganz glühend, sah die beiden mit einem
stechend forschenden Blicke an und sagte mit sehr lauter und kräftiger Stimme:
„Höret, ihr durch und durch verschmitzten Pharisäer! So wahr ein Gott lebt, den
ich wohl kenne und ihr ihn aber noch nicht erkannt habt, und so wahr nun ich
dastehe, rede und lebe, so wahr werde ich das nicht tun, was ihr von mir unter
vier Augen zur Deckung eurer Sünden verlangetet, das ich euch tun solle! Ihr
sagtet, daß ich euch und den Tempel gelästert habe und mich sohin im höchsten
Grade strafbar gemacht habe; in welchem Grade aber habt dann ihr euch strafbar
gemacht vor Gott, vor dem Tempel und vor dem Volke durch eure Hurerei,
Ehebrecherei und Knabenschändung im Tempel?!
[GEJ.08_209,04] Eure halb zu Tode
genotzüchtigten Dirnen, Mägde und durch euch ihren Männern treulos gewordenen
Weiber und geschändeten Knaben habt ihr unter dem Titel ,zur Heilung‘ hierher
gebracht; aber euer Sinn und Wille ist ein ganz anderer! Euer Sündenübermaß hat
für euch in Jerusalem sehr übelrüchig zu werden angefangen, und es hat euch
eine große Furcht, nicht etwa vor Gott, an den ihr niemals geglaubt hat,
sondern vor den Gesetzen Roms, angewandelt; und darum seid ihr mit denen, die
sich nun schlecht versorgt in der Herberge am großen Platze befinden, hierher
gekommen und wollet nun zur Deckung eurer übergroßen und vielen Sünden nicht,
daß die von euch krank und unglücklich gemachten Menschen hier geheilt, sondern
von uns ermordet und begraben oder doch zum mindesten in ein überfernes Land
unter wilde Menschen und Tiere verbannt werden sollen, – und so sollen wir für
euch noch den Schluß eurer Sünden machen, wofür ihr uns einen Teil eures hier
geheim unterhaltenen Straßenraubanteiles überlassen wollet.
[GEJ.08_209,05] Ihr sagtet, daß ich euch und
den Tempel gelästert und mich strafbar gemacht habe. Wie stehet es denn mit
euch nun? – Was ich aber, der ich die Fähigkeit von Gott überkommen habe, jeden
Menschen durch und durch zu blicken und zu prüfen Herz und Nieren, hier gesagt
habe, das kann ich euch mit tausend Zeugen vor Gott und allen ordentlichen
weltlichen Gerichten beweisen. Und so ich das tue, wie wird es dann mit euch
stehen? Ihr glaubtet mich durch euer oberpriesterliches Drohen zu einer
Greueltat zu zwingen; aber es hat sich nun für euch das Blatt gewendet, und ihr
stehet nun in meiner Gewalt! Was werdet ihr nun tun?“
[GEJ.08_209,06] Sagten die beiden, ganz verblüfft
über die Worte des Obersten: „Solltest du uns auch das erste beweisen können,
so wird es dir aber doch schwer werden, zu beweisen, daß wir die Kranken in
böser Absicht zu euch hierher gebracht haben! Solltest du etwa auf dem Wege der
altägyptischen Chiromantik (Handzeichenkunde) und sicher nicht mit der Hilfe
Gottes, dessen du dich sehr rühmest und nicht bedenkst, daß Gott mit Zauberern
keine Gemeinschaft hat, auch in uns eine böse Absicht entdeckt haben, so wird
das vor einem Gerichte keinen Wert haben; denn der pure Gedanke ist noch lange
keine Tat und wäre auch dann noch keine, wenn wir dir das selbst laut
anvertraut hätten, dessen du uns bezichtigt hast! Und du würdest in diesem
Punkte gegen uns wohl nichts ausrichten; im ersten Punkte aber sind nahe alle
Templer gleich, und es dürfte dir am Ende dann doch etwas schwer werden, wenn
du auch als ein Grieche und Halbheide bei den Römern in einem großen Ansehen
stehst; denn ein so großes und angesehenes Priesterkollegium, wie das unsere in
Jerusalem ist, und das eine große Macht besitzt, ist nicht so leicht und
wirksam anzugreifen. Daher stehe du ab von deinem Drohen, und wir wollen auch
von unserem keinen Gebrauch machen und dich nicht dazu auffordern, unsere
hierhergebrachten Kranken zu heilen; denn es gibt ja auch noch anderorts
Heilanstalten!“
[GEJ.08_209,07] Nach diesen Worten machten
die beiden Miene zum Fortgehen; aber Roklus sagte zu ihnen: „Hierher kommen ist
wohl leicht, doch von da wieder zurück- und heimkommen ist um ein sehr
Bedeutendes schwerer, und ihr werdet wahrlich nicht eher aus diesem Orte
gelassen werden, als bis ihr das erfüllt haben werdet, was wir euch im Namen
Jehovas diktieren werden. Ihr seid in unserer Gewalt, und es wird euch schwer
werden, der zu widerstreben.
[GEJ.08_209,08] Die Kranken werden hier
geheilt werden, und ihr werdet mit euren Schätzen für ihren Weiterunterhalt
sorgen! Wo aber die Geheilten ihren guten und sicheren Aufenthalt nehmen
werden, das wird meine Sorge sein.
[GEJ.08_209,09] Die von euch aus hier
unterhaltenen Straßenräubereien werden völlig eingestellt, und alle die
geraubten Schätze werden in diesen Ort gebracht und geschafft und den noch
vielen Hierseienden zurückgestellt werden! Denn es steht geschrieben: ,Du
sollst nicht stehlen und begehren deines Nächsten Gut!‘
[GEJ.08_209,10] Seid ihr nicht die ärgsten
Gotteslästerer, so ihr saget, daß ihr die ersten Gottesdiener seid, und daß Er
nur euer Gebet erhört, und daß euch die Macht gegeben ist, den Seelen der
Menschen die Tore des Himmelreiches zu öffnen? Für euch selbst aber habt ihr
noch nie an einen Gott geglaubt und Ihm in euren Herzen die rechte Ehre
gegeben; wohl aber habt noch jeden auf das wütendste verfolgt, der vom Geiste
Gottes erweckt und erfüllt, notwendigerweise wider euch zu zeugen angefangen hat!
[GEJ.08_209,11] Ich selbst bin nach der
kleinen Wüste am Jordan gezogen und habe angehört den Bußprediger Johannes und
habe jedes seiner Worte nur zu wahr gefunden und mich denn auch daran gekehrt;
ihr habt ihn wohl auch angehört, wurdet darauf voll Hasses, und er mußte eurer
unersättlichen Rachgier zum schnödesten Opfer werden. Nun aber ist der große
verheißene Messias voll der höchsten Weisheit und göttlichen Kraft und Macht
gekommen, was Er durch Worte und Taten zeigt, und ihr suchet auch Ihn zu töten!
Welches Geistes Kinder seid ihr alsogestaltig?!
[GEJ.08_209,12] Ihr prediget den Menschen
wohl die Gesetze Mosis, ihr selbst aber beachtet auch nicht eines und begehet
alle Sünden, die der Teufel, der euer wahrer Vater ist, euch nur immer in eure
argen Herzen legt; ihr lüget allzeit vor Gott und allen Menschen; ihr betrüget,
schwöret falschen Eid; ihr stehlet, raubet, tötet und mordet, wie ich euch das
vor Gott und jedem weltlichen Gerichte mit schon tausendmal tausend Zeugen
sonnenklar beweisen kann, und ihr waget den einen Gotteslästerer zu schelten
und dann auch zu verfolgen, der, vom wahren Geiste Gottes erweckt, wider euch
zeugt und euch selbst noch vom Abgrunde des ewigen Verderbens retten möchte?!
[GEJ.08_209,13] Saget und urteilet selbst, ob
die Sodomiten es je so arg getrieben haben wie ihr, – und dennoch hat Gott sie
durch Feuer vom Himmel herab von der Erde vertilgen lassen! Was wird Er wohl
jüngst mit euch tun?
[GEJ.08_209,14] Ihr werdet aus dem erkennen,
daß wir Essäer euch schwarze Templer nur gar zu gut kennen und auch wohl
wissen, wie gut und ehrlich ihr es mit uns meinet und den armen Juden mit dem
Bann beleget, der irgend erweislich bei uns eine Hilfe suchete und sie auch
fände; ihr selbst aber kommet dennoch, so es euch schlecht geht, zu uns, und
begehret Hilfe! Sollte das dem armen Juden nicht auch also frommen, wie es euch
selbst frommt? O ihr argen Heuchler und Gleisner, ihr Schlangenbrut und
Natterngezüchte! So ihr euch nicht von Grund aus bessert, da werdet ihr desto
mehr des Fluches und der ewigen Verdammnis über euch bekommen! Ihr wisset es
nun, was ihr wenigstens hier zu tun habt!
[GEJ.08_209,15] So ihr meinem vor Gott und
vor allen Menschen gerechten Verlangen nicht nachkommen werdet, da werde ich
euch mit der von Gott mir verliehenen Macht auf eine Weise zu züchtigen
anfangen, vor der sogar alle Teufel fliehen würden! – Habt ihr mich
verstanden?“
[GEJ.08_209,16] Sagten die innerlich ganz
ergrimmten Pharisäer: „O ja, Freund, das sicher, und wir werden wohl auch hier
deinem Verlangen nach Möglichkeit nachkommen; was aber später der ganze Tempel
für diese hier uns angetane Unbill tun wird, das wissen wir nicht. Denn wir
werden im großen Rate schier alles vorbringen, was uns hier begegnet ist, wie
auch – worüber uns erst jetzt ein Licht aufgegangen ist –, daß sowohl Johannes
der Scharfprediger und nun ganz besonders der berühmte Nazaräer von eurer
Anstalt herrühren und der Nazaräer von euch ausgegangen ist.
[GEJ.08_209,17] Wir aber sind nun bereit,
alles zu tun, was du von uns verlangt hast, und es wäre an der Zeit, uns
sogleich ans Werk zu machen, da wir heute noch den Rückweg antreten möchten.
Begeben wir uns denn in unsere Herberge, in der sich unsere Kranken befinden,
und es kann dort in Kürze alles geschlichtet werden!“
[GEJ.08_209,18] Sagte der Oberste Roklus:
„Ganz wohl; also ist es auch mein Wille, und so gehen wir dahin!“
210. Kapitel
[GEJ.08_210,01] Auf diese Worte begaben sich
alle in die Herberge am großen Platze.
[GEJ.08_210,02] Als sie dort in dem Saale
anlangten, in welchem sich die Kranken in einer bedeutend großen Anzahl
befanden, aber auch die Räuberhauptleute schon auf die beiden Pharisäer
harrten, um mit ihnen ihre Rechnungen abzumachen, da sagte Roklus zuerst zu den
Kranken: „Ich bin der Oberste dieses Ortes und habe die wunderbare Macht von
Gott dem Herrn, euch allen zu helfen, wie ich heute schon vielen geholfen habe,
wie ihr davon schon Kunde erhalten habt; doch saget es mir ohne Scheu, durch
was ihr hauptsächlich zu euren Leibesübeln gekommen seid!“
[GEJ.08_210,03] Als die Knaben diese
Aufforderung vernommen hatten, da sagten sie: „Herr, so wir nicht mehr nach
Jerusalem zurückkehren müssen und von dir in Schutz genommen werden, so wollen
wir alles sagen; aber müssen wir wieder nach Jerusalem zurück, da bringt uns die
geringste Aussage den sicheren Tod, mit dem wir alle auf das bestimmteste
bedroht sind!“
[GEJ.08_210,04] Sagte Roklus: „So, da habt
ihr alle nichts zu sorgen, wohl aber jene, die euch bedroht haben; ich werde
für euch sorgen! Redet daher ohne Furcht und Scheu!“
[GEJ.08_210,05] Hierauf fingen die Knaben
ganz offen zu erzählen an, welche Schändlichkeiten die Templer mit ihnen
getrieben haben und mit noch vielen ihresgleichen treiben, und daß dabei auch
schon viele um ihr Leben gekommen seien und noch fürder kommen würden.
[GEJ.08_210,06] Sagte Roklus abermals: „So! –
da hört man ja gar löbliche Dinge von dem Tempel Jehovas und Seinen Dienern! Es
ist aber nun schon gut, ihr lieben und armen Kinder, es wird euch schon
geholfen werden. Und nun, redet ihr Mägdlein und Weiber!“
[GEJ.08_210,07] Auch diese baten um Schutz
zum voraus, weil auch sie, gleich wie die Knaben, bedroht seien.
[GEJ.08_210,08] Sagte Roklus: „Was ich den
Knaben verheißen habe, das gilt auch für euch, und so möget ihr auch frei und
offen reden!“
[GEJ.08_210,09] Da fingen diese zu reden an,
daß sich dabei sogar den etlichen anwesenden Räuberhauptleuten die Haare gen
Berg zu sträuben anfingen, besonders als einige Mägde und Weiber sich
entblößten und gar grauenerregende Verstümmelungen an ihrem Leibe zeigten, die
ihnen die unbegrenzte Geilheit der Templer zugefügt hatte.
[GEJ.08_210,10] Als Roklus sich von allem vor
Zeugen überzeugt hatte, da sah er, im höchsten Grade ernst erregt, die beiden Pharisäer
und auch ihre ihnen treu ergebenen Diener, die auch anwesend waren, an und
sagte: „Nein, das ist denn doch seit Anbeginn der Welt nicht dagewesen! Bei
solch einem Gebaren und Treiben im Tempel sagtet ihr zu mir, daß ich den Tempel
gelästert habe, da ich ihn, wie er nun bestellt ist, mit vollstem Rechte eine
Räuberhöhle und eine Mördergrube nannte?! O ihr Elenden! Welch ein Teufel hat
euch denn in die Welt sogar zu Priestern Jehovas gezeugt, gesetzt und geweiht?
Nun wartet nur! Daß davon in Kürze sogar der Kaiser in volle Kenntnis gesetzt
wird, dessen kann ich euch schon hier versichern! Was er dann machen wird, das
werdet ihr vielleicht in Bälde erfahren. Doch mit euch wird von mir sehr wenig
mehr geredet werden!“
[GEJ.08_210,11] Hierauf wandte sich Roklus zu
den Kranken und sagte: „Im Namen Jehovas, Der nun in dieser Zeit in der Person
Jesu aus Nazareth zu uns Menschen gekommen ist, den aber die argen und blinden
Pharisäer hassen und verfolgen, weil Er wider sie zeugt, und Der mir auch die
Macht erteilt hat, alle Kranken bloß durch meinen Glauben und Willen zu heilen,
halte ich meine Hände über euch und sage: Seid vollkommen geheilt!“
[GEJ.08_210,12] Auf diesen Ruf wurden wie mit
einem Schlage alle also vollkommen geheilt, daß man an ihren Leibern auch nicht
eine Verstümmelungsnarbe hatte entdecken können, – und alle, die sie besahen,
selbst die Räuberhauptleute nicht ausgenommen, sagten laut und offen: „Das ist
nur der Kraft Gottes möglich und keinem Menschen. Lob, Preis und Ehre darum nur
Ihm allein und größter Dank darum, daß Er die Templer in Jerusalem vor uns
enthüllt hat und wir jetzt vollkommen wissen, was wir von ihnen zu halten
haben!“
[GEJ.08_210,13] Also dankten auch mit Tränen
in den Augen die Geheilten und wandten ihre Gesichter von den grimmigen
Pharisäern ab.
[GEJ.08_210,14] Darauf sagte Roklus zu den
beiden Pharisäern: „Dies wäre nun getan im Namen des Herrn, – und nun gehen wir
zum andern Geschäfte über!“
[GEJ.08_210,15] Da die beiden Pharisäer wohl
wußten, was Roklus noch Weiteres von ihnen verlangt hatte, so sagten sie zum
Obersten Roklus: „Wolle nun die Summe bestimmen, die du für den Unterhalt
dieser im Ganzen bei zwanzig Personen für nötig erachtest, und wir wollen sie
dir hier ausbezahlen! Was aber die Sache mit dem Straßentribute betrifft, so
bist du selbst ein Herr und kannst darüber mit den Männern, die hier anwesend
sind, selbst verhandeln. Von unserer Seite wird für alle Zeiten auf alles
Weitere verzichtet; denn auch wir fangen nun an, unser großes Unrecht
einzusehen, und werden nach aller Möglichkeit uns bemühen, dasselbe zu sühnen.
[GEJ.08_210,16] So wir nach Hause kommen
werden, so wird das unser erstes Trachten sein, uns vom Tempel zu entfernen;
denn von nun an, wo wir die Kraft Gottes augenscheinlichst haben wirken sehen und
von dir, du weiser und wahrlich mit Jehovas Geist erfüllter Mann, auch die uns
gebührendsten scharfen Mahnworte vernommen haben und das Licht des Glaubens
erwacht ist, werden wir den Rest unserer Lebenszeit denn auch anders verwenden,
als das bis jetzt der Fall war. Gott der Herr wolle uns vergeben unsere vielen
Sünden, die wir nicht mehr ungeschehen machen können! Und nun wolle du die
Unterhaltssumme für diese bestimmen, und wir werden sie dir alsogleich
einhändigen!“
[GEJ.08_210,17] Sagte Roklus: „Ihr habt
achthundert Pfunde Goldes bei euch und dazu noch zweitausend Pfunde Silbers. Zu
eurer Heimreise werdet ihr kaum den hundertsten Teil eures Silbers benötigen,
und so lasset die achthundert Pfunde Goldes und noch tausend Pfunde Silbers für
den Unterhalt dieser, sage, einundzwanzig Personen hier, auf daß ihr damit doch
in etwas eure Verbrechen an diesen vor Gott gesühnt habt! Wollet ihr aber
selbst mehr tun, so wird das ein Nutzen für euch vor den Augen Gottes sein.“
[GEJ.08_210,18] Sagten die beiden: „Wir
kommen mit hundert Pfunden nach Hause und lassen zu den tausend Pfunden Silbers
auch noch die neunhundert Pfunde hier; und sollten diese nun so wunderbar
geheilten Menschen mit der Zeit ein mehreres benötigen, so wollen wir ihnen das
von Jerusalem hierher übermitteln.“
[GEJ.08_210,19] Sagte Roklus: „Dessen wird es
nicht bedürfen, und ihr werdet daheim vieles gutzumachen haben! Die von euch
hier zurückgelassene Summe ist mehr denn hinreichend für diese Menschen, für
die ich auch dahin sorgen werde, daß sie sich auch durch den Fleiß ihrer Hände
ihr Brot recht wohl werden verdienen können; denn es ist für jeden Menschen
nützlicher, so er sich durch Arbeit einen Unterhalt verschafft, als so er durch
den bloßen Reichtum im Müßiggange seinen Nebenmenschen zur Last fällt.“
[GEJ.08_210,20] Damit waren auch die
Geheilten ganz vollkommen einverstanden, und die beiden begaben sich mit dem
Roklus in eine Nebenkammer, in der sie ihr Gold und Silber aufbewahrt hatten,
und übergaben ihm die vorbenannte Summe; für sich aber behielten sie nur die
hundert Pfunde.
[GEJ.08_210,21] Darauf kamen sie wieder in
den Saal und baten die Geheilten um Vergebung, wie auch den Roklus.
[GEJ.08_210,22] Und Roklus sagte darauf:
„Seinen Feinden auch dann vergeben, so sie ihr Unrecht nicht einsehen und
gutmachen wollen, ist Gott wohlgefällig, und so sind wir das zu tun nach dem
Willen Gottes um so mehr verpflichtet jenen Feinden, die ihr an uns begangenes
Unrecht reuig einsehen und den festen Willen fassen, es nach Möglichkeit wieder
gutzumachen. Daher werde euch beiden von uns aus alles vergeben; sehet aber
auch anderorts euch um, und machet gut jegliches Unrecht, das ihr irgend
jemandem zugefügt habt, und Gott der Herr wird euch dann auch dort
Barmherzigkeit erweisen, wo ihr eure an den Menschen begangenen großen Sünden
nicht mehr gutmachen könnet, weil sie sich nicht mehr unter den diesseits
Lebenden befinden!“
[GEJ.08_210,23] Die beiden versprachen alles
Mögliche zu tun, nahmen darauf das Ihrige und begaben sich mit ihrer
Dienerschaft sogleich auf den Rückweg.
211. Kapitel
[GEJ.08_211,01] Darauf nahm Roklus die noch
anwesenden Räuberhauptleute vor und sagte ihnen, was sie nun zu tun hätten, so
sie dem Zorne Gottes entgehen wollten. Und diese waren denn auch alsogleich
bereit, alles zu tun, was er als des Ortes Oberster von ihnen verlangen werde;
nur möge er von ihnen nichts Unmögliches verlangen.
[GEJ.08_211,02] Sagte darauf Roklus: „Ihr
habt besonders in den letzten sechs Wochen durch die schon lange auf unsern
Zuwegen ungerecht üblichen Tribute große Beuten gemacht und habt da auch selten
der Armen vollends geschont. Es befinden sich die meisten noch hier. Gehet und
bringet ihnen allen, den Reichen wie den Armen, den abgenommenen Tribut zurück
und begehret künftighin von niemandem je mehr irgendeine Abgabe, und es sollen
auch euch eure Sünden vergeben werden!“
[GEJ.08_211,03] Sagte einer von ihnen:
„Oberster des Ortes! Dies werden wir tun, wie du es uns nun geboten hast; aber
wir haben nun schon über dreißig Jahre dies ärgerliche Geschäft getrieben und
haben uns dadurch schon gar viele Schätze erworben, die wir beim besten Willen
den rechtmäßigen Eigentümern nicht mehr zurückstellen können, weil wir nicht
wissen, wo sie daheim sind, und ob sie irgend noch leben. Was sollen wir
Rechtens nun da tun?“
[GEJ.08_211,04] Sagte Roklus: „Das habt ihr
zuallermeist den Reichen abgenommen, die von hier in fernen Landen zu Hause und
daselbst mit irdischen Gütern ohnehin überschüttet sind. Solche älteren Schätze
aber verwaltet ordentlich, und betrachtet sie als ein Gut der Armen, die gar
oft hierher, Hilfe suchend, kommen; denen greifet unter die Arme nach Bedarf,
und der Herr Himmels und der Erde wird euch nachlassen eure Schulden!
[GEJ.08_211,05] Errichtet Herbergen für die
Armen, die sonst nur gar zu häufig unter dem freien Himmel wochenlang lagern
mußten, und ihr werdet damit Gutes stiften und euch Freunde im Himmel durch den
ungerechten Mammon sammeln! So ihr das alles nun verstanden habt, da ziehet
hin, und leget eure Hände ans Werk!“
[GEJ.08_211,06] Als Roklus das ausgesprochen
hatte, dankten ihm alle darum. Die Räuberhauptleute gingen und brachten schon
an diesem Tage das Verlangte, das denn auch durch die rechte Vermittlung den
Eigentümern zurückgegeben ward.
[GEJ.08_211,07] Nachdem aber die Räuberhauptleute
sich aus dem Saale des zu vollbringenden Werkes wegen entfernt hatten, da
wandte sich Roklus an den ihm bekannt stets ehrlichen und biederen Wirt und
sagte: „Die Geheilten verbleiben fortan in deiner Pflege; sorge dafür, daß sie
ihren Kräften gemäß auch eine Beschäftigung erhalten! Das für sie hier erlegte
Gold und Silber aber verwalte du gut und recht, und was dir gebührt, soll dir
aus den Zinsen werden; mit der Zeit werden wir damit schon eine rechte
Verfügung treffen. Also wird auch für den Unterricht der Jugend gesorgt werden.
[GEJ.08_211,08] Tue du das als ein ehrlicher
Jude nach der Art der Samariter aus Liebe zu unserem einen, allein wahren Gott
und auch aus Liebe zu den Menschen, und du wirst eine große Gnade von der Liebe
Gottes erhalten! Tue du aber das, was du tust, in aller Freundlichkeit; denn
ein freundlicher Liebtäter übt seine Wohltaten doppelt aus und wird bei Gott
für seine Tat auch den zehnfachen Lohn finden schon hier und jenseits sicher
den hundertfachen! Da ich nun im Namen des Herrn nach Seinem Willen diese gar
gewichtige Sache wohl geschlichtet habe und es nun schon um die Mitte des Tages
geworden ist, so werde ich mich nun mit meinen Brüdern in die Herberge, die du
wohl kennst, begeben; denn dort harret der große Herr und Meister unser. Wer
einer Hilfe benötigt, der begebe sich dorthin!“
[GEJ.08_211,09] Hierauf fragte der Wirt,
sagend: „Freund, ist das etwa gar der große Prophet aus Galiläa, dessen du
ehedem vor den Pharisäern bei der Auflegung deiner Hände über die Kranken wohl erwähntest
und in seinem Namen auch eben diese Kranken heiltest?“
[GEJ.08_211,10] Sagte Roklus: „Ja, Freund,
eben Derselbe ist es! Aber wohlgemerkt, Er ist kein Prophet, sondern Er ist
das, was ich von Ihm aussagte, nämlich – der Herr Selbst, was du und auch alle
diese Geheilten mir glauben könnet!
[GEJ.08_211,11] Sagte der Wirt: „O Freund,
Den möchte auch ich sehen und hören; denn ich habe schon von den vielen
Fremden, Juden und Heiden aller Art und Gattung, die hier durchgereist sind, ja
gar große Dinge vernommen! Die Heiden halten Ihn alle für einen Gott; nur die
Juden sagen, daß Er ein großer Prophet sei. O Freund! Den möchte ich wohl sehen
und hören, wie ich das schon gesagt habe, so es mir gestattet wäre!“
[GEJ.08_211,12] Sagte Roklus: „Nicht nur dir,
sondern jedermann ist es gestattet, zu Ihm zu kommen, und für die Geheilten ist
es mehr denn eine Pflicht, Ihm den Dank für die Heilung darzubringen; denn
nicht ich, sondern nur Er allein hat sie geheilt durch die Allmacht Seines
heiligen Willens. Doch verharret nun noch ein paar Stunden; nach dieser Zeit
möget ihr alle kommen!“
[GEJ.08_211,13] Sagten darauf auch die
Geheilten: „O du Freund des sogestaltig Allerhöchsten, wie mögen wir Sünder zu
Ihm kommen und anschauen Sein heiligstes Angesicht?! Solch einer Gnade werden
wir ja ewig nie würdig sein!“
[GEJ.08_211,14] Sagte Roklus, von der Demut
der Geheilten ganz gerührt: „Hätte Er euch eure Sünden, an denen die Templer
die Hauptschuld tragen, nicht vergeben, so hätte Er euch auch nicht geheilt; da
Er euch aber geheilt und euch sonach auch sicher eure Sünden vergeben hat, so
seid ihr um so mehr verpflichtet, in aller Liebe zu Ihm hinzukommen in der euch
angezeigten Zeit und Ihm allein darzubringen den Dank!“
[GEJ.08_211,15] Auf diese Worte des Roklus
faßten alle Mut und versprachen zu kommen und zu tun, was er ihnen angeraten
hatte.
[GEJ.08_211,16] Darauf empfahl Roklus
nochmals dem Wirte die Pflege der Geheilten, verließ dann mit seinen Brüdern
den Saal und begab sich eiligst wieder zu Mir.
212. Kapitel
[GEJ.08_212,01] Wir waren aber noch alle an
unserem Tische beisammen, und als Roklus mit seinen Brüdern uns also fand, da
hatte er darob eine große Freude; nur meinte er, daß Ich in der Zeit, die er
mit den Pharisäern zugebracht hatte, so manches heilbringende, lebendige Wort
würde geredet haben.
[GEJ.08_212,02] Sagte Ich: „Lieber Freund und
sogar Bruder! Es sei dir darob nicht bange; denn Ich habe Meinen Jüngern nur
das vorgetragen, wie und was du völlig nach Meinem Willen mit den Pharisäern,
mit den Kranken, mit den gewissen Hauptleuten und am Ende mit dem Wirte und
abermals mit den Geheilten verhandelt hast! Du bist Mir wahrlich zu einem
tüchtigen Rüstzeuge wider Meine Feinde geworden; und weil du Mir treu warst im
Kleinen, so werde Ich dich auch über Größeres setzen.
[GEJ.08_212,03] Aber nun setze dich mit den
Brüdern nur wieder zu Mir; denn es wird sogleich das Mittagsmahl aufgetragen
werden, das Ich Selbst bestellt habe aus Meiner nie erschöpfbaren Speisekammer,
und also auch der Wein aus Meinem Keller! Denn so Mir, dem Herrn, in dir und
deinen Brüdern gar tüchtige Arbeiter für Meine Äcker und Weinberge geworden
sind, so sollen sie denn auch von Mir bestens bewirtet werden an diesem Tage,
in dieser Zeit!“
[GEJ.08_212,04] Bei diesen Worten kam unser
Wirt in den Speisesaal und sagte etwas verlegen zu Mir: „Herr und Meister, als
ich Dich ehedem ergebenst fragte, was für ein Dir genehmes Mittagsmahl ich
bereiten solle, da sagtest Du gnädigst, daß ich mich darum für diesen Mittag
nicht kümmern solle, denn Du Selbst werdest diesmal ein Mittagsmahl bereiten.
Wir warteten aber nun über eine Stunde ganz vergeblich auf Dich in der Küche
und rührten für diesen Tisch nichts an. Nun aber wäre es schon an der Zeit, die
Speisen auf die Tische zu setzen, und noch ist nichts bereitet! Was soll ich
nun tun?“
[GEJ.08_212,05] Sagte Ich: „O Freund, wie
eitel ist doch deine Sorge! Meinst du denn, daß Ich etwa, euch Menschen gleich,
einer vollen Speisekammer, einer Küche und eines mit vollen Weinschläuchen
reichlich versehenen Kellers bedarf? Siehe, Ich bin nun unter Meinen Freunden,
die Mich wohl erkannt haben und auch also wohl gewirket in Meinem Namen, und
sie haben große Zeichen geleistet durch die Macht Meines Wortes und ihres
Glaubens an Mich, und so will Ich nun denn auch für sie ein Wunder stellen. In
der Küche steht freilich wohl nichts bereitet für uns, – aber besiehe nun die
Tische!“
[GEJ.08_212,06] Als Ich dieses ausgesprochen
hatte, da waren alle die noch vom Morgenmahle auf den Tischen stehengebliebenen
Schüsseln voll der besten Speisen, bestehend in Fischen der edelsten Art,
wohlbereitetem Kalb- und Lammfleische, allerlei süßen Früchten und in bestem
Brote; und also waren auch alle Krüge bis oben voll gefüllt mit dem besten
Weine, der das Herz stärkte und die Eingeweide erquickte.
[GEJ.08_212,07] Als der Wirt dies sah, da
schlug er sich mit den Händen an die Brust und sagte: „O Herr und Meister! Wer
das sieht und an Dich noch nicht glaubt, daß in Dir in aller Fülle wohnt der
Geist Gottes und Dessen Macht, Kraft und Gewalt, der müßte mit einer
tausendfachen Blindheit geschlagen sein in seiner Seele und in seinem
Verstande!
[GEJ.08_212,08] Es ist zwar alles ein Wunder,
Deiner Macht und Weisheit entstammend, und der Himmel und diese Erde sind voll
nur Deiner Werke, die uns aber als Wunder dennoch nicht so auffallen, weil wir
uns an deren zeitweiliges Entstehen, Bestehen und auch Wiedervergehen schon von
Geburt an gewöhnt haben; aber dieses plötzliche Entstehen solcher Speisen, die
sonst nur von der Menschen Hand bereitet werden, und so auch des Weines aus dem
pursten Nichts ist etwas ganz himmelhoch anderes!
[GEJ.08_212,09] Denn so ein Baum aus einem
Samenkorne nach und nach erwächst, groß und stark wird und Früchte zu tragen
anfängt, so ersieht man dabei allerlei Mittel als Ursachen der wie aus ihnen
hervorgehenden Wirkungen. Aber wo sind da die Mittel? Da gibt es keinen Baum,
auf dem diese verschiedenen Früchte gewachsen und im Lichte und in der Wärme
der Sonne gereift wären! Auf welchem Acker ist der Weizen zu diesem herrlichen
Brote geerntet worden? In welchem Wasser sind diese Fische gefangen worden, wo
sind die Lämmer und das Kalb geschlachtet worden und bei welchem Feuer so wohl
zubereitet, und in welchem Weinberge gedieh dieser Wein?
[GEJ.08_212,10] Alles entstand plötzlich nur
durch die endlose Macht Deines Willens! Und das eben ist's, was mich in ein
höchstes Erstaunen setzt, und zwar darum, weil nach meiner Erfahrung Du, als
unfehlbar der Urschöpfer aller Dinge im Himmel und auf Erden, alles nur in
einer unwandelbaren Ordnung so nach und nach entstehen läßt, und es geht da
eines aus dem andern hervor; hier aber war es ein Moment, und ein früheres
Nichts ward urplötzlich zu dem, was nun vor unseren staunenden Augen und Herzen
die Speisetische füllt! O Herr und Meister in Deinem Geiste schon von Ewigkeit,
wäre es Dir denn nicht auch möglich, eine ganze Welt also in ein vollendetes
Dasein zu setzen und auf derselben alles andere eben auch also in einem
Augenblick entstehen zu lassen, was den Menschen alle Arbeit und Mühe und gar
viele Sorgen ersparen würde?“
[GEJ.08_212,11] Sagte Ich: „O ja, Freund, das
könnte Ich sicher, so das dem Menschen frommen würde, so er in alle Trägheit
verfiele und also denn auch bald in alle Materie und in ihr Gericht versänke!
So Ich aber will, daß der Mensch in seinem weltlichen Freiheitsprobeleben nur
durch allerlei Tätigkeit sich an Erfahrungen und daraus hervorgehenden
Kenntnissen stets mehr und mehr bereichere und Gott und sich erkennen lerne, da
muß die Welt selbst und alles in und auf ihr gerade also entstehen und
bestehen, wie es eben entsteht und besteht.
[GEJ.08_212,12] Siehe, da hast du ganz kurz
den Grund, aus dem Ich auf den materiellen Welten alles nur nach und nach
entstehen und auch wieder vergehen lasse; denn die materiellen Welten mit
allem, was in, auf und über ihnen ist, sind nicht für den ewigen Bestand
erschaffen worden, sondern nur die Seelen der Menschen, die eben aus dem
Gerichte der Materie hervorgehen und sich im Menschen zum unvergänglichen,
ewigen Leben kräftigen und also auch in Meinem Geiste erstarken in aller Liebe
zu Mir!
[GEJ.08_212,13] Wenn Ich aber hier unter
Meinen geistig nun beinahe schon völlig vollendeten Jüngern und Freunden von
Meiner urewigen Ordnung eine kleine Ausnahme mache, so wird dadurch keine Seele
in eine ihr verderbliche Trägheit und bleibende Untätigkeit versetzt, und Ich
habe euch allen dadurch gezeigt, daß bei Gott alles möglich ist.
[GEJ.08_212,14] Nun aber setze auch du dich
her zu uns, und iß und trinke! Nach dem Essen werden wir schon noch Zeit
finden, so manches ganz wohl zu besprechen.“
[GEJ.08_212,15] Darauf setzte sich der Wirt
zu unserem Tische, aß und trank ganz wacker mit uns und konnte die Güte der
Speisen nicht genug rühmen und preisen, – was denn auch alle andern taten.
213. Kapitel
[GEJ.08_213,01] Es kam aber bald auch sein
Weib in den Speisesaal, um den ihr zu lange ausbleibenden Mann zu fragen, was
Ich für ein Mittagsmahl angeordnet hätte, und ob Ich wohl Selbst an der
Bereitung desselben in der Küche irgend auf eine wundersame Weise mitwirken
werde.
[GEJ.08_213,02] Als sie aber sogleich bemerkt
hatte, daß wir alle an den mit Speisen und Trank reich besetzten Tischen saßen
und aßen und tranken, da schlug sie die Hände über dem Haupte zusammen und
sagte (das Weib): „Aber um Moses willen, dessen Tag wir heute ehren, was ist
denn das?! Woher sind denn diese Speisen und woher der Wein geholt worden?“
[GEJ.08_213,03] Sagte der Wirt: „Frage da
nicht vergeblich! Denn so wir es dir auch sagten, da würdest du das dennoch
nicht fassen; später einmal wirst du es schon auch erfahren, woher diese
Speisen gekommen sind. Jetzt aber sieh du nur in der Küche darauf, daß alle die
anderen Gäste in den andern Speisezimmern ordentlich bedient werden!“
[GEJ.08_213,04] Darauf ging das Weib sogleich
wieder in die Küche und tat ihre Pflicht. Aber es ging ihr dennoch nicht aus
dem Kopfe, woher die Speisen gekommen seien, daher sie unter der Dienerschaft
des Hauses denn auch ein Hauptexamen dahin vornahm, durch wen, wie und wann und
von woher die Speisen geholt worden seien. Als aber alle auf das wahrste
beteuerten, daß sie das nicht wüßten, da hielt das Weib es vor Neugier nicht
mehr aus und kam abermals zu uns, um sich da etwa bei einem Meiner Jünger zu
erkundigen, was es mit den Speisen für eine Bewandtnis habe.
[GEJ.08_213,05] Da sagte ein Essäer zum
Weibe: „Wenn du nicht zu blind in deinem Verstande wärest, da hättest du ja
schon merken sollen, was alles für Wunder sich schon hier und auch außerhalb
dieses Hauses zugetragen haben, bloß durch den Willen des ewig großen Herrn und
Meisters, – und also sind auch diese Speisen entstanden. Sie sind wahrlich aus
den höchsten Himmeln hierher geschafft worden. Du aber tritt zu mir und
verkoste alles, und sage dann als eine gute Küchenmeisterin, wie dir diese Himmelskost
mundet!“
[GEJ.08_213,06] Da trat das Weib etwas
verlegen zum Essäer hin und verkostete die Speisen, das Brot und den Wein und
gestand, daß sie in ihrem ganzen Leben noch nie so etwas über alle Maßen
Wohlschmeckendes verkostet habe. Sie glaube nun schon selbst, daß diese Speisen
in keiner irdischen Küche bereitet worden seien.
[GEJ.08_213,07] Der Essäer aber wies mit der
Hand auf Mich und sagte: „Siehe, da sitzet der ewig große Speisenmeister, der
nun dieses herrliche Mittagsmahl wundervollst in einem Augenblick nicht irgend
nach menschlicher Art bereitet, sondern rein also erschaffen hat, wie Er auch
auf der ganzen Erde für alle Kreatur ewigfort die ihr zusagende Kost erschafft!
Und nun weißt du vorderhand genug; glaube, auf daß du selig werdest! Es ist
diesem Hause ein großes Heil widerfahren, und also auch dem ganzen Orte, und
wir werden Gott darum nie zur Genüge loben und preisen können. – Und nun kannst
du, Weib, schon wieder an deine Arbeit gehen; aber von dem, was du nun hier
erfahren hast, rede nicht zu andern Menschen, denn der Herr und Meister will es
nun also!“
[GEJ.08_213,08] Da ging das Weib zu Mir und
dankte Mir für das, was es genossen hatte, und begab sich dann wieder in die
Küche.
[GEJ.08_213,09] Ich aber sagte zu allen: „Es ist
zwar schon vom Anfange her kein Weib berufen worden, als eine Prophetin vor
einem Volke zu weissagen; aber so ein Weib frommen Herzens ist und hält die
Gebote und erzieht ihre Kinder weise in der wahren Gottesfurcht und Liebe, so
ist sie gleich auch einem Propheten, und der Geist aus Gott nimmt auch in ihrem
Herzen Wohnung.
[GEJ.08_213,10] Darum sollet ihr in der
Folge, so ihr Mein Wort predigen werdet, die Weiber nicht, wie es bis jetzt oft
der Fall war, ausschließen, sondern auch ihnen nichts vorenthalten, was euch
vom Gottesreich geoffenbart worden ist; denn was die Weiber als Mütter und
erste Erzieherinnen die Kinder lehren, ist bleibender und mehr wert als der
Unterricht aller hohen Schulen auf der Welt!
[GEJ.08_213,11] Wenn ein Weib weise ist, so werden
auch ihre Kinder weise; ist ein Weib aber dumm und ungebildet, so werden auch
die Kinder schwerlich zu Propheten gemacht werden können. Da gilt das
Sprichwort, laut dem ein Apfel nie weit vom Baume fällt.
[GEJ.08_213,12] Es ist schon ganz recht, daß ein
Weib eine gute und emsige Hauswirtschafterin ist und auch ihre Kinder in der
Hauswirtschaft bildet und übt; aber noch besser ist es, wenn sie als selbst vom
Geiste der Wahrheit aus Gott erfüllt auch ihrer Kinder Herzen mit demselben
Geiste erfüllt. Solchen Kindern wird dann leicht und wirksam Mein Evangelium zu
predigen sein. Dies beachtet in der Folge denn auch wohl!“
[GEJ.08_213,13] Roklus, die andern Essäer und
der Wirt dankten Mir für diese Belehrung, und Roklus sagte noch ganz besonders:
„Ja, Herr und Meister, das ist bei uns, und ganz besonders bei den Juden um
Jerusalem, stets der große Fehler gewesen, daß auf die wahre Herzens- und
Verstandesbildung der Weiber viel zuwenig Rücksicht genommen worden ist, worin
denn auch der Grund der völligen Verfinsterung und des Verfalls der Menschen im
reinen Glauben an einen Gott vor allem zu suchen ist! Wir werden daher denn von
nun an auch den Weibern nichts vorenthalten, was zu ihrer geistigen Bildung
gleichwie den Männern gehört.“
[GEJ.08_213,14] Sagte Ich: „Tuet das, und es
wird dann bald hell unter den Menschen werden! Wenn man aber irgendwann
späterhin diesen Meinen euch nun gegebenen Rat nicht befolgen wird und die
Weiber wieder weltlich und hoffärtig werden, dann wird die alte Finsternis
unter den Menschen wieder auftauchen, und der Glaube wird erlöschen und die
Liebe erkalten; und es wird also von neuem eine Trübsal unter den Menschen
sein, wie sie ehedem noch nie da war. Denn nun ist durch Mich allen Menschen
das hellste Licht aufgegangen. Wenn der Mond irgend verfinstert wird, so wird
darob die Nacht der Erde wohl auch größer, aber am Ende dennoch um gar vieles
erträglicher, als so am hellsten Mittage die Sonne völlig verfinstert werden
würde. Denket über dieses Bild bei euch wohl nach!“
[GEJ.08_213,15] Sagten Meine Jünger: „Herr
und Meister, dieses Bild ist für uns nicht klar! Was stellt der Mond vor, und
was die Sonne? Wie sollen wir das deuten?“
[GEJ.08_213,16] Sagte Ich: „Wie lange werde
Ich noch unter euch wandeln müssen, bis ihr vollends verständig werdet? – Die
Zeit von Adam an in bezug auf die geistige Bildung der Menschen durch die
vielen Propheten auf dem Wege der Offenbarungen ist gleich dem Lichte des
Mondes gewesen. Der Mond wechselt mit seinem Lichte und ist eine Zeitlang gar
nicht zu sehen, wächst darauf wieder, bis er voll wird. So ging es mit der
Erkenntnis Gottes bis auf diese Zeit. Sie stieg bei den verschiedenen Völkern
bis zum Vollichte durch das Wort und durch die Zeichen der Propheten. Diese
waren sonach stets gleich dem Vollichte des Mondes, der auch kein eigenes Licht
hat, sondern ein von der Sonne erborgtes, wie denn auch alle Propheten zu allen
Zeiten nur ein aus Gott als aus der Sonne der Engel und Geister erborgtes Licht
hatten und mit demselben den Menschen vorleuchteten.
[GEJ.08_213,17] Neben und nach den Propheten
erhoben sich auch andere Lehrer, machten allerlei Zusätze und Erklärungen und
verdunkelten soartig die Urlehre stets mehr und mehr, so, daß dann bald von ihr
nichts mehr da war. Da mußten sich die Menschen in ihrer Nacht mit dem
schwachen Schimmer der Sterne behelfen, bis wieder irgendein Prophet unter
ihnen erweckt wurde. Die also finster gewordene Geistesnacht wirkte auf das
Gemüt der Menschen sicher nicht so betrübend, da ihr Glaube an Einen Gott
gleich dem Schimmer der vielen Sterne nie völlig erlöschen konnte.
[GEJ.08_213,18] Aber nun ist in Mir den
Menschen die Sonne der Himmel selbst aufgegangen. Diese hat kein erborgtes,
sondern ihr höchsteigenes übermächtiges Licht, das in sich nicht zu- und
abnimmt. Und wer Mich erkannt hat, der wird Mich nicht einmal mehr und bald
darauf wieder weniger erkennen. Aber es ist sehr möglich, daß dieses helle
Licht im Menschen durch seinen Weltsinn und durch die Hoffart ganz erlischt,
und dann wird es mit ihm im Vergleiche also stehen, als wie es mit der Erde
stünde, so die Sonne, die alles hellst erleuchtet und erwärmt, am Himmel auf
einmal gänzlich ausgelöscht werden würde. Da wird der Sterne Schimmer den
Menschen keinen Trost mehr bieten können, da ohne die Sonne auf der Erde vor
Kälte alles erstarren und sterben müßte.
[GEJ.08_213,19] Wenn von nun an der Glaube an
Mich als Mein Lebenslicht im Menschen erlöschen wird, so wird mit ihm auch die
Liebe als die Lebenswärme vollends erkalten, und das wird dann eine solche
Trübsal unter den Menschen derart zur Folge haben, daß sie sich für um gar
vieles unglücklicher fühlen werden als ein zertretener Wurm, der sich im Staube
windet und krümmt. Und viele werden laut rufen: ,Wie glücklich sind doch die
Tiere gegen uns Menschen! Sie leben und kennen den Tod nicht; wir aber müssen
leben, um den Tod und seine Schrecken stets vor uns zu haben!‘
[GEJ.08_213,20] Seht, darin besteht die große
Trübsal unter den Menschen, so das Licht und die Liebe sie verlassen hat! Daher
suchet, daß die Menschen im Lichte verbleiben, dann werden sie auch in der
Liebe verbleiben und keinen Tod vor sich sehen, fühlen und schmecken! – Habt
ihr das nun wohl verstanden?“
[GEJ.08_213,21] Sagten alle: „Ja, Herr und
Meister; aber es ist dennoch traurig, daß das möglich ist!“
[GEJ.08_213,22] Sagte Ich: „Allerdings, –
aber Ich kann darum dem Menschen den freien Willen nicht nehmen, weil er ohne
den kein Mensch wäre. Doch nun nichts Weiteres mehr von dem! Nun essen und
trinken wir noch und stärken unsere Glieder, dann werden wir wieder arbeiten!“
[GEJ.08_213,23] Darauf aßen und tranken wir
ganz wohlgemut, und es ward noch so manche Bemerkung über den Wohlgeschmack der
Speisen, des Brotes und des Weines gemacht.
214. Kapitel
[GEJ.08_214,01] Als wir das Mahl beendet und
uns von den Tischen erhoben hatten, da fragte der Wirt einen Jünger, ob Ich
schon zu öfteren Malen ein solches Wunder gewirkt hätte.
[GEJ.08_214,02] Da sagte der befragte Jünger:
„Auf eine gleiche Weise sind schon oft mehrere Tausende von Menschen unter
freiem Himmel auf einmal gespeist worden! Also hat der Herr auch zu öfteren
Malen, wo man keinen Wein, sondern nur Wasser, und das nicht von der reinsten
Art, hatte, dasselbe durch Seinen Willen für uns und für viele andere in den
stets besten Wein verwandelt, gleichwie Er also durch Sein Wort und durch Seine
Lehre unser altes, faul und trüb gewordenes Glaubenswasser in ein dem besten
Weine gleich lebendiges umgestaltet. Wahrlich, der Herr hat seit kaum
zweieinhalb Jahren überaus viele und große Wunderwerke gewirkt, so daß sie kaum
mehr zu zählen und in Büchern beschrieben werden könnten! Doch das größte und
für ewig bleibende Wunder ist Sein Wort; wer sich nach dem richtet, der wird
das ewige Leben in sich haben.
[GEJ.08_214,03] Die Zeichen aber, die der
Herr nun wirkt, sind für uns nur Zeugen, daß Er eben der Herr ist. In der Folge
aber werden nicht mehr die jetzt von Ihm gewirkten Zeichen Zeugen von Seiner
Gottherrlichkeit sein, sondern Seine Lehre im Herzen der Menschen, die nach ihr
leben und handeln werden; denn sie wird in uns die beseligendsten Zeichen des
wahren und sich hellbewußten ewigen Lebens bewirken, – was mehr ist, als so der
Herr nun vor uns noch so viele und große Wunderzeichen wirkete, von denen wir
und unsere Nachfolger den späteren Nachkommen wohl erzählen könnten, die sie
uns aber dennoch nur halbwegs glauben und oft auch leicht gar nicht glauben
möchten. Und so werden die nun gewirkten Zeichen auf die Nachwelt wenig zur
Erhöhung ihres Glaubens wirken, wohl aber die auf sie übergegangene Lehre als
in sich die hellste und unbestreitbarste Wahrheit!
[GEJ.08_214,04] Freund, daß wir hier nun da
sind, ist wohl ganz sicher, wahr und gewiß, und daß der Herr nun vor unseren
Augen große Zeichen gewirkt hat, das bezweifelt von uns wohl keiner; doch in
etwa hundert Jahren wird das alles in das Reich der Weltgeschichte gehören und
wird – wie alles, was diesem Reiche angehört – zum großen Teile von vielen
bezweifelt und nicht geglaubt werden.
[GEJ.08_214,05] Aber die lichte Wahrheit, da
zwei und zwei die Summe vier ausmachen, wird bis ans Ende aller Zeiten
unbezweifelt stehenbleiben und so denn auch die Lehre aus dem Gottmunde des
Herrn, der nach ein jeder Mensch Gott erkennen, an Ihn allein glauben und Ihn
über alles lieben soll und seinen Nächsten wie sich selbst, eben also als eine
nie bestritten werden könnende Lebenswahrheit, weil ohne sie erstens kein nur
hier auf Erden zeitlich und materiell bestelltes gesellschaftliches
Beisammenleben der Menschen bestehen könnte, und zweitens, weil ohne sie und
ihre tätigste Beachtung keine Seele das ewige Leben aus Gott überkommen könnte.
Denn die Liebe ist der ewige Geist des Lebens und also das Leben selbst in und
für sich.
[GEJ.08_214,06] Wenn dann die Menschen unter
sich und gegen Gott aller Liebe bar geworden sind, so geht daraus auch die
mathematische Wahrheit hervor, daß sie auch des inneren und eigentlich allein
wahren Seelenlebens bar geworden sind. Darum kümmere du dich in der Folge nur
um des Herrn uns geoffenbarte Lehre und deren lichtesten Wahrheitsgeist, und
handle danach, auf daß dir das ewige Leben werde; denn die Zeichen können weder
dir noch jemand anderem das ewige Leben verschaffen.
[GEJ.08_214,07] Daß der Herr ewig in sich und
für sich allmächtig ist und höchst weise, das zeigen uns nicht nur die nun gewirkten
Wunderzeichen, sondern das bezeugt zu allen Zeiten vor aller Menschen Augen die
große Schöpfung, die stets allen denkenden Menschen laut zuruft: Hinter diesen
zahllos vielen und weise-großen Werken muß ein höchst weiser und allmächtiger
ewiger Werkmeister verborgen sein! Obschon aber der Mensch Seinen Ruf vernimmt
und den Werkmeister auf die eine oder auf die andere Weise zu suchen beginnt –
woran er wohltut –, so fühlt er dabei aber dennoch seine eigene Ohnmacht und
Schwäche, die er nicht in eine gottähnliche Kraft umwandeln kann.
[GEJ.08_214,08] Aber so du nun nach der uns
geoffenbarten Lehre des Herrn leben und handeln wirst, da wird deine Ohnmacht
und Schwäche durch die Gottesliebekraft in dir zur Selbstmacht und Stärke
umgewandelt werden, und das wird dir sicher heilsamer sein, als so du noch
weiterhin ein Zeuge von noch vielen tausend Zeichen wärest, aber bei dir doch
in deiner alten Ohnmacht und Schwäche verbliebest! Siehe, das ist so meine
wohlgegründete Ansicht!“
[GEJ.08_214,09] Sagte Ich zum Jünger, der nun
also geredet hatte: „Nathanael, zu dir habe Ich nicht mehr not zu sagen: ,Wie
lange werde Ich dich noch ertragen müssen, bis du verständig wirst in Meinem
Reiche!‘ Denn dir ist das rechte Verständnis schon geworden, und darum sage Ich
zu deiner Rede nun das Amen und bestätige alles von dir Gesagte als eine
vollste und reinste Wahrheit; denn also ist es, und also wird es auch bleiben
für immerdar.
[GEJ.08_214,10] Wer Mich suchen wird in
Meinen Werken und Zeichen, der wird eine sehr schwere und mühevolle Arbeit
haben und wird leicht erlahmen unter der großen Last und Bürde; wer Mich aber
suchen wird in und durch die Liebe, der wird Mich als die Kraft alles Lebens in
sich bald und leicht finden. Und hat er Mich gefunden, dann hat er auch schon
alles gefunden als das ewige Leben, dessen Macht, Kraft und Weisheit. Das
merket euch alle, und prediget es auch den andern Menschen!
[GEJ.08_214,11] Nun aber gehen wir hinaus ins
Freie und sehen uns ein wenig um, was es irgend hie und da gibt!“
215. Kapitel
[GEJ.08_215,01] Auf das verließen wir den
Speisesaal und begaben uns, vom Wirte begleitet, ins Freie, wo es an diesem
Tage recht angenehm war, weil durch einen Nordostwind des Tages Hitze sehr
gemildert wurde. Wir begingen von unserer Herberge aus den ganzen, ziemlich
gedehnten Ort und kamen denn auch vor die große Herberge, in der Roklus in
Meinem Namen die einundzwanzig Kranken geheilt hatte.
[GEJ.08_215,02] Der Wirt bemerkte uns und
eilte mit den Seinen und mit den Geheilten zu uns heraus und grüßte uns auf das
tiefste. Gleich darauf aber fragte er nach Mir, und Roklus zeigte ihm Meine
Person. Da umringten Mich alle und dankten Mir für die ihnen erwiesene große
Wohltat, und der Wirt selbst fand schon kein Ende seines Lobens und Preisens
mehr.
[GEJ.08_215,03] Ich aber sagte zu ihm und zu
allen: „Erhebet euch nun nur wieder vom Boden; denn es genügt, so ihr Mich in
euren Herzen wahrhaft lobet und preiset; was aber das Herz beschließt und tut,
daran nehmen und haben auch alle andern Glieder teil!“
[GEJ.08_215,04] Hierauf erhoben sich alle vom
Boden und baten Mich, daß Ich mit solch Meiner allmächtigen Gnade sie nimmerdar
verlassen möchte.
[GEJ.08_215,05] Und Ich sagte zu ihnen: „So
behaltet Mich denn auch fortan in euren Herzen durch die Liebe zu Gott und zu
euren Nächsten lebendig, sodann wird auch Meine Gnade gleichfort bei euch
verbleiben. Solltet ihr aber in der bezeichneten Liebe in euren Herzen je
schwach oder gar lau und kalt werden, so wird desgleichen auch Meine Liebe und
aus ihr hervorgehende Gnade auch schwach, lau und kalt werden.
[GEJ.08_215,06] Hütet euch vor Fraß und
Völlerei; denn durch das wird die Liebe zu Gott vermindert und die Welt- und
Selbstliebe genährt und gestärkt, und mit ihr das Gericht der Materie und ihres
Todes! Also hütet euch auch vor der Unkeuschheit und aller Hurerei; denn
Unkeusche, Hurer und Ehebrecher werden in Mein Lebensreich nicht eingehen!
[GEJ.08_215,07] Die ihr aber nun von euren
Leibesübeln geheilt worden seid, zu euch sage Ich, daß ihr hinfort euch zu keiner
Sünde mehr verleiten lasset; denn dann würde euch Meine Gnade wieder entzogen
werden, und ihr würdet in noch größere Übel verfallen!
[GEJ.08_215,08] Hütet euch aber auch vor der
Trägheit und vor dem Müßiggange; denn der ist die Wurzel von allen Lastern und
Übeln der Menschen!
[GEJ.08_215,09] Da ihr das nun aus Meinem
Munde vernommen habt, so haltet es, und lebet und handelt danach, und Meine
Gnade wird nicht von euch weichen! Amen.“
[GEJ.08_215,10] Als Ich solches geredet
hatte, da dankten Mir wieder alle darum.
[GEJ.08_215,11] Und der Wirt sagte darauf zu
Mir: „O Du ewig großer Herr und Meister, möchtest Du denn nicht auch mein Haus
betreten, auf daß es gesegnet würde durch die Tritte Deiner gebenedeiten Füße?“
[GEJ.08_215,12] Sagte Ich: „Höre du, der du
eine gute Meinung von Meinen Füßen hast, Meine Fußtritte werden deinem Hause
keinen Segen hinterlassen; aber so du mit den Deinen nach Meinem Willen lebst
und handelst, so wird das deinem ganzen Hause zum wahren und bleibenden Segen
werden! An derlei glaubten und glauben noch jene, die von allerlei finsterem
Aberglauben gefangengehalten werden, der in sich tot ist und keine Lebensmacht
hat. Was können jemandem gewisse Zeichen oder Reliquien, gewisse Steine, Zahlen
und die Neumonde und Sternzeichen nützen? Sie nützen nicht nur nichts, sondern
schaden nur der Seele und durch sie auch dem Leibe! Und so können auch meines
Leibes Fußtritte weder diesem Orte, den Ich nun auch betrete, noch einem Hause
etwas nützen; aber das nützet euch allen, daß Ich zu euch gekommen bin und habe
euch kundgetan Meinen Willen und euch gezeigt die Wege, die ihr zu wandeln
habt, um auf ihnen zu gelangen zum ewigen Leben.
[GEJ.08_215,13] Es liegt aber wohl auch in
den Steinen, Metallen, Kräutern, ihren Wurzeln und Früchten eine heilsame Kraft
für gar manche Leibeskrankheiten; aber man muß sie ordentlich erkennen und sie
dann bei gewissen Krankheiten vernünftig anzuwenden verstehen. Aber wer derlei
als ein Zaubermittel gebraucht, der sündigt wider die Vernunft und wider die
weise Ordnung Gottes!
[GEJ.08_215,14] Siehe, du Mir sonst recht
lieber und freundlicher Wirt! Ich kenne dich und weiß es recht wohl, daß du ein
recht ehrlicher und billiger Mann bist; aber Ich habe dennoch auch etwas wider
dich.
[GEJ.08_215,15] Du verwahrest in deinem Hause
gewisse Steine und Hölzer und bist des Glaubens, daß darob kein Feind in dein
Haus kommen kann. Also hast du auch in deinem Stalle allerlei Dinge unter der
Türschwelle verscharrt, als etwas Eisen, Schwefel, Eierschalen und ein gewisses
Holz, woraus die Magier ihre Zauberstäbe machen, – und das hülfe nach deinem
Glauben wider die Zauberei der Hexen und erhalte die Tiere gesund. So müssen
auch deine Kinder, dein Weib, alle deine Diener und Mägde gewisse Paketchen
tragen, damit sie vor gar allen Übeln bewahrt werden, und du selbst trägst auch
solches stets bei dir aus dem gleichen Grunde.
[GEJ.08_215,16] Und vor einiger Zeit waren
etliche sehr mystisch tuende Araber bei dir, die dir angaben, daß ein jeder von
ihnen bei dreitausend Jahre alt sei, denn sie hätten das wahre
Schlangenkräutlein gefunden, hätten es verzehrt und seien darob unsterblich
geworden. Um ihrer pfiffig ausgedachten Lüge aber desto mehr den Schein der
Wahrheit zu verleihen, haben sie dir aus ihrer sehr regen Phantasie eine Menge
gar wunderseltsamer Märchen und Fabeln erzählt, die durch ihr schon dreitausend
Jahre langes Leben sich auf der Erde unter Menschen, Tieren, Pflanzen und
Steinen zugetragen hätten, – was du alles als wahr angenommen hast.
[GEJ.08_215,17] So hast du von den erwähnten
Lügnern auch allerlei Zaubermittel um ein teures Geld gekauft und hast ihnen
noch eine Summe Goldes hinzugelegt, damit sie dir das Schlangenkräutlein
verschafften, das sie dir aber erst in sieben Jahren bringen könnten, weil
dasselbe gar überaus weit von hier auf einem Berge zu finden sei, und das nur
an einem gewissen Tage und selbst an dem gewissen Tage in einer bestimmten
Stunde! Und sieh, das alles glaubtest du fest!
[GEJ.08_215,18] Ich sage dir nun aber: Lege
du allen solchen finsteren Aberglauben ab; denn das alles ist ein von
verschiedenen Priestern unter den eben so verschiedenen Völkern der Erde fein
ausgedachter Betrug, und es klebt daran nicht ein Sonnenstäubchen groß von
irgendeiner Wahrheit!
[GEJ.08_215,19] Von den dreitausend Jahre alt
sein wollenden Arabern ist auch nicht einer nur fünfzig Jahre alt, vom Dasein
eines den Menschen unsterblich machen sollenden Schlangenkräutleins weiß Ich
als der Schöpfer Himmels und der Erde nichts, und deine Wunderpakete sind nicht
wert, in eine Kloake geworfen zu werden.
[GEJ.08_215,20] Und so halte du in der Folge
denn auch nichts mehr darauf; alles aber halte darauf, was Ich dir durch den
Mund des Roklus gesagt habe, und lebe und handle danach, so wirst du bald in
dir selbst ein ganz anderes Unsterblichkeitskräutlein finden, als welches dir
die betrügerischen Araber erst in sieben Jahren zu bringen versprochen haben,
das sie dir aber auch in tausend Jahren nicht bringen würden, so auch sie und
du so lange auf dieser Erde leben möchtet oder könntet.
[GEJ.08_215,21] Siehe, das ist es, was Ich
wider dich hatte! So du das alles für immer beiseite schaffen wirst, so wird
Mein Segen vollends in dein Haus einziehen, sonst aber nicht, wenn Ich
persönlich Mich auch noch so oft in deinem Hause befände!“
[GEJ.08_215,22] Als der Wirt solches von Mir
vernommen hatte, dankte er Mir für diese Belehrung und versprach Mir auf das
feierlichste, alles zu tun, was Ich ihm angeraten habe; denn er war bei sich
darob nicht wenig erstaunt, als er es nur zu klar wahrnahm, wie Mir auch die
geheimsten Dinge nicht unbekannt sind. Darauf aber bat er Mich dennoch
abermals, daß Ich sein Haus betreten und bei ihm nehmen möchte etwas Brot und
Wein.
[GEJ.08_215,23] Und Ich sagte: „Sei du völlig
versichert, daß Ich deinen Willen fürs Werk annehme; was du aber nun Mir tun
willst, das tue du den Armen, und Ich werde es also nehmen, als hättest du das
Mir getan! Wir aber haben hier vor dem Abende noch gar manches zu schlichten
und zu berichtigen, und so müssen wir arbeiten, solange der Tag währt. Willst
du aber am Abend Mein Gast sein, da komme in die Herberge, in der Ich nun
wohne!“
[GEJ.08_215,24] Der Wirt dankte Mir für diese
Einladung. Wir zogen darauf im Orte weiter, und der Wirt begab sich mit all den
Seinen wieder ganz frohen Mutes in sein Haus und besprach sich über alles aus
Meinem Munde Vernommene mit den Seinen.
216. Kapitel
[GEJ.08_216,01] Wir aber gerieten bald zu
einer andern Herberge, in der eine Menge Armer waren, die erst seit ein paar
Stunden vor der Herberge lagerten, weil darin kein Platz für sie hergestellt
war; denn diese Herberge war zumeist für die Armen bestellt.
[GEJ.08_216,02] Hier fragte Ich den Roklus,
sagend: „Warum ist diese Herberge allein für die Armen verpflichtet? Könnten denn
nicht auch die andern Herbergen einen Teil solcher Verpflichtung übernehmen?“
[GEJ.08_216,03] Sagte Roklus: „Herr und
Meister, Dir brauche ich den mir schon lange widerwärtigen Grund dieses Unfuges
nicht zu beschreiben, indem Dir ohnehin alle noch so geheimen Dinge und
Verhältnisse nur zu bekannt sind; aber um einen Rat bitte ich Dich, wie dem
wirksam begegnet werden könnte!“
[GEJ.08_216,04] Sagte Ich: „Oh, dem kann doch
auf die allerleichteste Weise abgeholfen werden! Sage nun du, als der Oberste
dieses Ortes, durch einen deiner Brüder allen hiesigen Herbergshaltern: ,Der
Herr hat es befohlen, daß eine jede Herberge für mindestens zehn Arme einen
Platz im Hause in der steten Bereitschaft zu halten hat; welche Herberge aber
aus gutem Willen mehr tun will, die wird auch dafür ihres Lohnes gewärtig
werden!‘, – und in einer kleinen Stunde wirst du keinen Armen im Freien lagernd
antreffen!
[GEJ.08_216,05] Warum soll denn dieser Wirt
allein von euch ein Stipendium der unterzubringenden Armen wegen überkommen,
der wohl zehn beherbergt und also dann und wann auch hundert, euch aber statt
zehn stets ums Doppelte soviel angibt und sich dafür von euch überzahlen und
dann aber selbst die wirklich beherbergten Armen dennoch darben und hungern
läßt?! Diesem Übel muß demnach ganz vom Grunde aus gesteuert werden!“
[GEJ.08_216,06] Auf diese Meine Worte
entsandte Roklus sogleich vier seiner Brüder in alle Herbergen des Ortes, mit
Ausnahme der einzigen, in der wir wohnten. Und es dauerte kaum eine kleine
halbe Stunde, da kamen von allen Herbergen abgesandte Diener, sagten den Armen,
warum sie gekommen seien, und die Armen erhoben sich sogleich vom harten Boden
und ließen sich dankbar von den Dienern in die Herbergen führen.
[GEJ.08_216,07] Der Wirt der Armenherberge
aber, das bemerkend, wie die ihm bekannten Diener anderer Herbergen die Armen
wegführten, ward darüber unwillig und wollte das verhindern.
[GEJ.08_216,08] Er trat darum ganz barsch zum
Roklus hin und sagte (der Wirt): „Oberster! Ich stehe mit dir ja in einem Kontrakte,
laut dem ich allein die Armen zu versorgen habe. Warum werden sie mir jetzt
entzogen?“
[GEJ.08_216,09] Sagte Roklus: „Höre, ist denn
das eine Versorgung, so man die vielen mit allerlei Übeln behafteten Armen,
gleichwie die Griechen ihre Schweine, hier auf offenem Platze ohne Betten und
ohne Nahrung und Trank lagern und schmachten läßt, während man im ziemlich
geräumigen Hause leere Zimmer für reiche Ankömmlinge in Bereitschaft hält?! Du
hast dich von uns schon für gar viele Arme die Versorgung bezahlen lassen und
hast von den vielen in deiner Rechnung Angeführten kaum die Hälfte stets nur
schlecht versorgt! Darum wird von dieser Stunde an dies Verhältnis geändert
werden und das Stipendium am Ende unter alle verteilt. – Hast du das nun
verstanden?“
[GEJ.08_216,10] Der Wirt machte dazu ein
grimmiges Gesicht und sagte: „Oberster, welcher Leumund hat mich bei dir also
grausamlichst verleumdet?“
[GEJ.08_216,11] Sagte Roklus: „Kein Leumund,
sondern der Mund eines höchst Wahrhaftigen, vor dessen allsehenden Augen auch
unsere geheimsten Gedanken, Wünsche und Begierden nicht verborgen sind, und der
ein Herr ist, groß und erhaben über alles im Himmel und auf Erden, und der
alles erhält, leitet und regiert – ein Herr alles Lebens und Seins –, und Der
hat es mir auch aufgetragen, dich dafür zu strafen! Dir bleibt denn von nun an
auch nichts übrig, als deine vielen Sünden zu bereuen, dich völlig zu bessern
und alles Unrecht nach Möglichkeit gutzumachen, ansonst du von Gott dem Herrn
eine ärgere Züchtigung zu gewärtigen haben wirst.
[GEJ.08_216,12] Daß du aber uns und die Armen
betrogen hast, das hat sich ja soeben gezeigt; denn statt sie, wenigstens die
gar Elenden, in den für Kranke hergerichteten Gemächern unterzubringen, ließest
du alle auf dem harten Boden lagern. Darum bessere dich, und frage nicht mehr
nach dem, der dich irgend verraten hätte!“
[GEJ.08_216,13] Als der Wirt solch eine
ernste Rüge und Mahnung von Roklus erhalten hatte, da ward es ihm bange, und er
fing an, sehr in sein Gewissen zu gehen, und versprach dem Roklus denn auch,
alles, was er ungerechterweise an sich gebracht hatte, an ihn zurückzubezahlen
und in der Zukunft für die Beherbergung der Armen kein Stipendium mehr zu
verlangen.
[GEJ.08_216,14] Darauf sagte Roklus zu ihm:
„Tue das, so wird Gott der Herr dir auch vergeben deine Sünden, und deine Seele
wird Barmherzigkeit vor Ihm finden! Wärest du ein Grieche oder ein Römer, und
somit ein Heide, der von dem einen, wahren Gotte nie etwas vernommen hat und
auch nicht weiß um Seinen den Menschen durch den Mund der Propheten
geoffenbarten Willen, so wäre dein Handeln zu entschuldigen; denn wer das
Gesetz nicht kennt, der kann es auch nicht beachten. Aber du bist ein Jude, und
dazu meines guten Wissens noch ein Schriftgelehrter! Und es war denn von dir aus
auch um so sträflicher, an allerlei Betrügereien die Heiden im hohen Grade zu
übertreffen. Aber so du dich nach deinem Worte wahrhaft und ernstlichst bessern
willst und wirst, so seien dir im Namen des Herrn denn auch vergeben deine
Sünden!“
[GEJ.08_216,15] Dafür dankte der Wirt,
verneigte sich vor dem Roklus und ging in sein Haus.
[GEJ.08_216,16] Wir aber begaben uns auch
weiter in dem Orte, und Ich sagte zu Roklus: „Du hast deine Aufgabe abermals
gut gelöst, und wir haben eine gute Arbeit beendet. Daß du Mich vor dem
schriftgelehrten Wirte nicht ruchbar gemacht hast, war auch ganz wohl; denn der
ist noch nicht reif, Meine Persönlichkeit, als von ihm erkannt, zu ertragen.
Wenn Ich aber morgen diesen Ort verlassen habe und der Wirt zu dir kommen wird,
sein Unrecht zu bezahlen, dann kannst du ihm denn auch sagen, wie Ich Mich in
deiner Gesellschaft befand, und welche Lehre und Macht Ich euch erteilt habe,
wovon ihr ihn überzeugen könnet, und er wird euch dann noch gute Dienste
leisten.“
[GEJ.08_216,17] Roklus, das von Mir
vernehmend, dankte Mir für solch ein Zeugnis und für solch einen Trost, was
alles er nicht im geringsten verdient habe, und sagte darauf: „O Herr und
Meister! Willst Du uns denn im Ernste schon morgen verlassen?“
[GEJ.08_216,18] Sagte Ich: „Mit Meiner
Persönlichkeit allerdings, doch mit Meinem Geiste nicht; denn Ich habe
andernorts noch vieles zu tun, auf daß alles erfüllt werde, was von Mir die
Propheten geweissagt haben! Ihr aber werdet ohne Meine persönliche Gegenwart
auch ungehinderter in Meinem Namen lehren und handeln können, als so Ich
persönlich gegenwärtig wäre; der Grund davon ist leicht zu begreifen.“
[GEJ.08_216,19] Roklus sah den Grund auch
bald ein, und wir gelangten während dieses Besprechens wieder an eine Stelle im
Orte, und zwar in der Straße, die nach Ägypten führte, allwo es für uns wieder
eine Arbeit gab.
217. Kapitel
[GEJ.08_217,01] Es war das eine Stelle schon
außerhalb des Tores des geschlossenen Ortes, der selbstverständlich mit einer
starken Mauer nach allen Richtungen hin umfangen war. Außerhalb der Mauer und
ihren Toren aber gab es auch noch Häuser und Herbergen, in denen die
Zureisenden zumeist ihre Lasttiere unterzubringen pflegten und oft auch selbst
Herberge nahmen. Auf der vorbezeichneten Straße befand sich in der Entfernung
von gut siebenhundert Schritten außerhalb des Tores denn auch eine solche
Herberge, in der eine Menge Gäste sich befanden; darunter waren viele Ägypter,
Griechen, Römer und auch einige Juden, die mit den Heiden allerlei Handel
trieben.
[GEJ.08_217,02] Vor der Herberge war ein
großer Platz, gut mit Gras bewachsen. Auf diesem lagen eine große Menge Särge,
in denen tote Kinder sich befanden, deren Väter und Mütter in der Herberge
warteten, ob sie von den Essäern die erwünschte Bewilligung erhalten würden,
ihre Toten in den wohlverschlossenen Särgen in die Burg bringen zu dürfen. Die
Eltern hatten zwar um die Bewilligung zu öfteren Malen nachgesucht, erhielten
aber aus dem Grunde keine, weil die schon bekannte Wiederbelebungskammer mit
derlei Särgen ohnehin überfüllt war, und weil die Essäer derlei nicht mehr
annehmen konnten und durften.
[GEJ.08_217,03] Aber die in der bezeichneten
Herberge Harrenden waren von weither gekommen in der Hoffnung, ihre toten
Kinder wieder neu belebt nach Hause zu führen, und konnten daher denn auch
nicht wissen, daß die Essäer keine toten Kinder mehr lebendig machten; es war
daher für die Eltern um so bitterer, hier zu vernehmen, daß sie ihre weite
Reise umsonst gemacht hatten.
[GEJ.08_217,04] Als wir die Särge, hundertzehn
an der Zahl, betrachteten, ersah uns der Wirt, der den Obersten gar wohl
kannte, und sagte das alsogleich den traurigen Gästen, daß der Oberste mit
seinen Brüdern unter den Särgen umhergehe und sie betrachte, was für die
Traurigen ein gutes Zeichen sei; denn so der Oberste selbst eine solche
Besichtigung vornehme, da könnten die Harrenden sich schon der besten Hoffnung
hingeben, daß ihre Bitten erhört würden.
[GEJ.08_217,05] Auf solche Vertröstung
erhoben sich eiligst alle Gäste und gingen zu uns heraus, die wir die
Aufschriften der Särge lasen, und alle baten den Obersten mit Tränen in den
Augen, daß er sie doch nicht unverrichteterdinge in ihre fernen Heimaten
zurückreisen lassen möchte; denn sie wußten es ja doch nicht, daß in diesem
alten Wunderorte keine toten Kinder mehr wiederbelebt werden.
[GEJ.08_217,06] Sagte Roklus zu den
Bittenden: „Es sind aber schon seit einem Jahre und darüber von hier aus Boten
nach allen Richtungen gesandt worden, um den Menschen kundzutun, daß hier keine
Toten mehr wiederbelebt werden! Habt ihr davon denn keine Kunde erhalten?“
[GEJ.08_217,07] Sagten die Befragten: „Nein,
mächtiger Oberster! Nicht einmal nur so von weitem her haben wir von jemandem
eine Kunde erhalten; denn hätten wir davon etwas reden hören, so wären wir
sicher daheim geblieben und hätten uns nicht so große Unkosten gemacht! Wir
sind zum größten Teile freilich erst vor einigen Tagen hier angekommen und
haben in der Herberge noch wenig verzehrt, auch haben wir vor ein paar Stunden
Zeit den uns auf dem Wege hierher abgenommenen Tribut wieder zurückerhalten,
was uns eine rechte Freude gemacht hat, – aber so wir nun etwa darum sollen
unverrichteterdinge von hier umkehren, da möchten wir lieber einen zehnfachen
Tribut bezahlen. O mächtigster Oberster! Nur diesmal erhöre noch unsere Bitten!
Wir wollen ja gerne warten und uns zu jeglichem Opfer bekennen, wenn du uns nur
gnädigst erhören wollest!“
[GEJ.08_217,08] Sagte Roklus: „Ja, ihr meine
lieben Freunde, ihr seid in der Ferne darin etwas irrig berichtet worden, daß
hier Kinder, die oft schon Monde lang völlig tot in den Särgen liegen, wieder
belebt werden können! Das ist dann und wann bei frisch verstorbenen wohl
möglich, wenn sie scheintot sind; aber Kinder, wie die in den Särgen, kann nur
ein Gott allein wieder beleben!“
[GEJ.08_217,09] Hier fragte schnell ein
Grieche, sagend: „Welchen Gott meinst du wohl? Denn wir zählen der Götter
viele! Welcher unter ihnen ist da wohl der Mächtigste? Sage es uns, und wir
wollen ihm opfern, und du bitte ihn für uns!“
[GEJ.08_217,10] Sagte Roklus: „Unter euren
Göttern gibt es ewighin keinen, da alle eure Götter nur erdichtet und ihre
Bildnisse nur von Menschenhänden gemacht sind. Der allein wahre und allmächtige
Gott ist nur Der, den die Juden anrufen; Dem allein ist alles möglich!“
[GEJ.08_217,11] Sagte wieder der Grieche:
„Das haben unter uns lebende und Handel treibende Juden auch gesagt, und wir
haben denn auch dem Gott der Juden große Opfer allerbereitwilligst dargebracht,
die von einem Judenpriester auch in Empfang genommen worden sind, mit dem
Bedeuten, daß die Opfer alsbald nach Jerusalem gebracht würden, wo der allein
wahre Gott fortwährend in einem übergroßen und prachtvollsten Tempel wohnt.
[GEJ.08_217,12] Aber trotz unserer
bedeutenden Opfer und trotz der Versicherung des Judenpriesters, daß uns sein
allein wahrer Gott sicher helfen werde, blieben unsere Kinder dennoch
gleichfort tot; und so meine ich denn nun, daß auch diesmal mit dem Gott der
Juden nicht besonders viel auszurichten sein dürfte. Doch du wirst das hier
vielleicht wohl besser wissen als der ehedem bezeichnete Judenpriester, der,
offen gesagt, bei sich selbst kein zu großes Vertrauen zu seinem Gott zu haben
schien, weil er dessen uns vorgesagte Gebote nach meiner Beobachtung am
wenigsten beachtete. Was hätten wir denn nach deinem Dafürhalten zu tun, auf
daß uns der allein wahre Gott der Juden hülfe?“
[GEJ.08_217,13] Sagte Roklus: „Ja, ihr meine
lieben Freunde, da heißt es, zuvor an diesen Gott lebendig im Herzen glauben,
Seine Gebote unter allen Umständen halten, Ihn dann über alles lieben und seine
Mitmenschen wie sich selbst! Wer das nicht tut, den erhört Gott nicht.
[GEJ.08_217,14] Ich und meine Brüder aber tun
das und haben denn auch die untrüglichsten Beweise, daß unser allein wahrer
Gott allzeit gerne unsere Bitten erhört, vorausgesetzt, daß wir Ihn um nichts
Törichtes bitten! Wendet euch denn im Herzen gläubigst an unseren Gott wie an
einen allerbesten Vater, und gelobet Ihm denn auch, daß ihr eure toten Götzen
verlassen und genau halten werdet Seine Gebote, und es soll sich zeigen, ob
euch unser Gott erhört hat!“
[GEJ.08_217,15] Alle, Ägypter, Römer und
Griechen, gelobten das feierlichst.
[GEJ.08_217,16] Roklus aber setzte noch eine
Bedingung hinzu, sagend: „Ich habe nun eurem feierlichen Gelöbnisse entnommen,
daß es euch allen vollkommen ernst ist, zu dem einen, allein wahren Gott der
Juden zurückzukehren, von dem sich eure Urväter schon vor nahe an 1700 Jahren
abgewandt haben, und ich habe darum nun in mir schon die volle Gewißheit, daß
Gott eure Wünsche befriedigen wird. Aber, was hier geschehen wird, das behaltet
bei euch, und machet uns nicht noch mehr ruchbar, als wir ohnedem es schon
sind; denn was nun heute hier geschieht, das wird fürderhin nicht mehr
geschehen!
[GEJ.08_217,17] Aber Kranke aller Art und
Gattung, Blinde, Taube, Stumme, Lahme, Krüppel, Gichtbrüchige, Aussätzige,
Besessene, mit bösen Fiebern Behaftete und Narren können hier ihr Heil finden.
Wollet ihr auch diese Bedingung erfüllen, so möget ihr eure Särge öffnen und
eure nun schon belebten Toten herausnehmen und ihnen zu essen geben, im Anfange
Milch und dann erst eine frische Fleischbrühe mit etwas Brot und gen Abend auch
etwas Wein!
[GEJ.08_217,18] Glaubet ihr nun aber auch
alle ungezweifelt, daß alle die Kinder in den Särgen schon leben?“
[GEJ.08_217,19] Sagten alle: „Ja, dir, du
mächtiger Freund des einen, allein wahren und allmächtigen Gottes, glauben wir
ohne den allergeringsten Zweifel!“
[GEJ.08_217,20] Sagte Roklus darauf auf Meine
innere Beheißung: „So geschehe euch denn nach eurem Glauben im Namen Jesus
Jehova Zebaoth! Und nun öffnet die Särge!“
[GEJ.08_217,21] Auf diese Worte sprangen alle
zu ihren Särgen, öffneten sie, und ihre Kinder, von denen einige schon über ein
Jahr in den Särgen verschlossen waren, erhoben sich frisch und gesund aus
denselben.
[GEJ.08_217,22] Die Freude, die darob die
Eltern hatten, die zumeist sehr wohlhabend waren, war leichtbegreiflich eine
unbeschreibliche, und es war da des Dankens, Lobens und Preisens nahe kein
Ende. Die Kinder wurden bald darauf versorgt, wie es den Eltern zuvor
anbefohlen ward.
[GEJ.08_217,23] Nota bene: Es könnte nun nach
nahe zweitausend Jahren jemand fragen: ,Ja, wie möglich konnte denn solch eine
Wundertat so ganz verschwiegen bleiben, wie noch eine Menge anderer?‘
[GEJ.08_217,24] Die Antwort lautet ganz kurz
also: Weil Ich Selbst es also verordnet habe, damit für die Folge nur allein
die reine Lehre die Menschen leite und führe und nicht die den freien Willen
des Menschen hemmende Macht der Wundertaten, wie Ich das schon oft gezeigt
habe. Hier am Orte zur Zeit Meiner nur wenigen bekannten kurzen Gegenwart in
Essäa aber machten derlei große Wundertaten darum kein so großes Aufsehen, weil
eben dieser Ort schon seit langem weit und breit als ein Wunderort nur zu bekannt
war. Ein Nichtgelingen einer Wundertat hätte da offenbar ein größeres Aufsehen
gemacht als ein vollkommenes Gelingen, das da ein jeder Mensch schon so sicher
erwartete wie die Nacht auf den Tag und den Tag auf die vorübergehende Nacht.
Zudem ist es da allen, die hier Hilfe fanden, von Meiner Zeit an stets auf das
ernsteste geboten worden, das Wunder nicht ruchbar zu machen.
[GEJ.08_217,25] Es sind aber von Meinen und
der Essäer Taten dennoch viele Aufzeichnungen geschehen, die vielfach in
Ägypten in den großen Bibliotheken aufbewahrt, aber später von den blinden
Mohammedanern, wie bekannt, vernichtet worden sind. Und so kam es, daß die
Menschen in dieser Zeit von den großen Wundern, die in jener Zeit geschehen
sind, beinahe nichts mehr wissen, wozu aber auch die alte Hure Babels ihr
Entschiedenstes beigetragen hat. Das Wie wird in diesen Zeiten jedem denkenden
Forscher ohnehin bekannt sein!
[GEJ.08_217,26] Es bestehen aber im Orient
dennoch auch noch große Aufzeichnungen, und es werden zur rechten Zeit schon
auch welche an das Tageslicht gefördert werden. In denen steht noch gar
manches, was in den nunmalig bekannten vier Evangelien nicht vorkommt; doch
findet sich in jenen eine chronologische Ordnung nicht vor, gleichwie auch in
den vieren nicht, was aber nichts macht. Denn die Hauptsache ist und bleibt ja
doch nur immer die reine Lebenslehre; wer diese annimmt und an Mich glaubt, der
wird durch den Geist auch in alles andere geführt werden.
[GEJ.08_217,27] Dieses Nebenhergesagte diene
und genüge jedem, der noch irgendeinen Zweifel über Mich und über Mein Walten
in jener Zeit hatte, als ein tröstender und beruhigender Beweis für die
Wahrheit des in diesen nun schon vielen Büchlein Gesagten und Gezeigten.
[GEJ.08_217,28] Und nun wieder zu unserer
Sache zurück!
218. Kapitel
[GEJ.08_218,01] Als das beschriebene
Wunderwerk vollbracht war und die Eltern sich mit ihren Kindern in der Herberge
befanden, da kam der Wirt, dem dies Wunderwerk auch als etwas in diesem Orte
ganz Natürliches vorkam, gleichwie auch seinen Hausleuten, zu uns und fragte
den Roklus, ob und wieviel er von ihnen zum Besten der vielen Armen, die sich
von Tag zu Tag in diesem Orte mehrten, für die große Wundertat anrechnen solle,
welches Geld er dann, wie allzeit, gewissenhaft an den Verwalter der
Armenversorgung abgeben würde.
[GEJ.08_218,02] Sagte Roklus, wie Ich es ihm
geheim ins Herz gelegt hatte: „Mir ist diese Gnade von Gott umsonst verliehen
worden, und so verlange ich denn auch von niemandem irgendein Opfer. Wer aber
selbst aus seinem freien Willen für die vielen Armen, an denen es bei uns
keinen Mangel hat, etwas tun will, das nehme und übergebe es der Anstalt! Die
ehernen Särge aber lasse sogleich in die Burg schaffen, auf daß sie hier zur
offenen Schau nicht zu lange liegenbleiben!“
[GEJ.08_218,03] Sagte der Wirt: „Wie aber
dann, wenn etwa die Fremden die Särge zum Gedächtnisse wieder werden nach Hause
mitnehmen wollen?“
[GEJ.08_218,04] Sagte Roklus: „Dann sage
ihnen, daß ich das also befohlen habe! Wer aber dennoch einen Sarg mitnehmen wollte,
dem sage, daß ihm darum auf dem Heimwege sein Kind sterben werde, und es wird
sich dann keiner weigern, den Sarg hier zu lassen!“
[GEJ.08_218,05] Als der Wirt solches von
Roklus vernommen hatte, da verneigte er sich vor uns und eilte darauf ins Haus,
um alles zu veranlassen, was Roklus ihm geboten hatte.
[GEJ.08_218,06] Wir aber verließen diese
Stelle darauf gleich, zogen uns in den Ort zurück und begaben uns an ein
anderes Tor, außerhalb dessen sich eine von den Essäern schon seit langem
gestiftete Freiherberge befand. Es war das nach der Burg wohl das größte
Gebäude im Orte, bei dem sich auch viele und große Gärten befanden, die samt
dem Gebäude eigens mit einer hohen und starken Mauer umfangen waren, die von
hundert zu hundert Schritten mit einem Wachturme versehen war. In dieser
Herberge, die vom Orte aus zwischen Morgen und Mittag gelegen war, befanden
sich nebst einer Menge von allerlei Krüppeln aber auch noch eine Menge
Hegekinder, die nach dem früheren, schon bekannten Gebrauche der Essäer den Eltern
als ihre wiederbelebten Kinder gegeben wurden.
[GEJ.08_218,07] Als wir in dieser Herberge
ankamen, da sagte Roklus zu Mir: „O Herr und Meister! Siehe, da ist nun noch
mein größter Sorgenpunkt! Die vielen Krüppel heilen und sie dann für
irgendeinen andern Dienst verwenden, wäre nun besonders bei Deiner Gegenwart
ein leichtes; aber diese vielen Krüppel waren in den früheren Zeiten besonders
bei den großen Totenerweckungsszenen einverstandene Helfershelfer und wissen
auch, wie die verstorbenen Kinder hier wieder belebt worden sind! Machen wir
sie nun gesund und verschaffen ihnen irgendwo anders in der Welt eine
Bedienstung, so kann es leicht geschehen, daß einer oder der andere in einer
gewissen guten Stunde unsern alten Betrug verrät, und wir dürften dann in große
Verlegenheiten kommen, durch die weder uns noch irgendeinem andern Menschen zu
Nutz und Frommen gedient sein würde.
[GEJ.08_218,08] Diese zumeist nun
krüppelhaften und siechen Menschen beiderlei Geschlechtes aber, die zu ihren
Leiden durch die vielen Anstrengungen gekommen sind, die sie zu bestehen
hatten, dauern mich nun, und ich möchte ihnen helfen durch Deine Gnade. So sie
aber gesund geworden sein werden, da werden sie wieder in ihr altes Amt
eintreten wollen, was ihnen früher manchen Gewinn abwarf, da sie von den vielen
Fremden als Wiedererweckte oft reichlich beschenkt worden sind. Dieses Amt aber
besteht nun nicht mehr, und wir sind mit ihnen somit in einer rechten
Verlegenheit. Ein Rat von Dir könnte uns da allein helfen.
[GEJ.08_218,09] Mit den Hegekindern ist da
leichter eine gute Verfügung zu treffen, weil diese den Grund nicht kennen,
warum sie da sind. Wohl aber kennen solchen ihre Pfleger und Erzieher; allein,
diese gehören zu uns und wissen schon, wie nun die Sachen in diesem Orte
stehen. Und so haben wir von ihnen nichts zu befürchten; denn sie sind auch
durch mich über Dich unterrichtet und halten, obgleich sie auch zumeist Heiden
sind, alles auf Dich und Deine Lehre. Nur die Krüppel und Siechen liegen uns,
wie schon gesagt, zumeist am Herzen!“
[GEJ.08_218,10] Sagte Ich: „Die Krüppel und
Siechen sind pur Heiden und hängen noch an ihren alten Götzen. Machet sie zu
Bekennern des einen, wahren Gottes, und zeiget ihnen die Kraft des Geistes aus
Gott im Menschen, erwecket in ihnen den Glauben und die Liebe nach Meiner
Lehre, und heilet sie dann, so werdet ihr von ihnen nichts mehr zu befürchten
haben; sie werden euch dann noch gar manchen guten Dienst erweisen. Da sie aber
einmal schon zu euch gehören, so sollen sie denn auch bei euch verbleiben! Ihr
aber wollet hier ja ohnehin vieles umgestalten, damit von den alten, falschen
Dingen nichts mehr vorhanden sein solle; da werdet ihr vieler Arbeiter
benötigen und werdet alle, die in diesen Mauern hausen, gar wohl brauchen können.
Zudem habt ihr der irdischen Güter in solcher Hülle und Fülle, daß ihr damit
leicht zehntausend Menschen erhalten und ernähren könnet tausend Jahre
hindurch, und so werdet ihr auch alles, was nun hier in diesen Mauern weilt,
gar wohl auf eine ganz kurze Zeit hin wohl erhalten und ernähren können. – Bist
du damit nicht auch vollkommen einverstanden?“
[GEJ.08_218,11] Sagte Roklus: „O Herr und
Meister, Du ewige Liebe, Güte und Erbarmung! Das war auch heimlich schon lange
mein Plan; aber meine Brüder wollten gerade in dieser Beziehung meine Ansicht
nicht teilen. Da sie das aber nun aus Deinem Munde ganz klar und deutlich
vernommen haben, so werden wir mit Deiner Gnade und Hilfe auch in diesem Punkte
leicht in die beste Ordnung gelangen, und mir ist nun eine wahre
Tausendpfundelast von der Brust genommen worden. Willst Du, o Herr, Selbst
diese Herberge und deren innere Einrichtungen in Augenschein nehmen?“
[GEJ.08_218,12] Sagte Ich: „Freund, für Mich
sicher nicht, da Ich darin alles vom Größten bis zum Kleinsten nur zu genau
kenne; aber um euer selbst willen und um Meiner Jünger willen will Ich schon
auch in diese eure Anstalt gehen und sie mit euch durchwandern in den
wichtigeren Teilen!“
219. Kapitel
[GEJ.08_219,01] Darauf erst betraten wir die
inneren Räumlichkeiten, die in jeder Hinsicht, weltlich genommen, sehr
großartig waren. Wir kamen also denn auch zu den Kindern, die uns gar
freundlich entgegeneilten, um uns zu begrüßen nach der Art und Sitte, die ihnen
hier durch die Erziehung beigebracht worden ist, und Ich befragte mehrere, wie
es ihnen hier gefalle.
[GEJ.08_219,02] Da antworteten mehrere
Knaben, sagend: „O du bester Herr, hier geht es uns gut; aber es geschieht dann
und wann, daß einer oder der andere, den wir liebhatten, aus unserer Mitte
genommen wird – und kommt aber dann nimmer wieder zurück –, und das macht uns
oft sehr traurig, weil wir von niemandem erfahren können, was mit ihm geschehen
ist. Ist er umgebracht oder verkauft worden, oder ist sonst etwas mit ihm
geschehen? Kurz, wir älteren Kinder, die wir auch schon denken können, werden
dadurch sehr oft in unseren Herzen beunruhigt, und unser Zustand ist dann ein
martervoller. Sage doch du uns, was mit jenen Kindern geschieht, die von uns
für immer genommen werden!“
[GEJ.08_219,03] Sagte Ich: „Ihr lieben
Kleinen, habet da keine Furcht! Allen Kindern, die von hier genommen wurden,
geht es irdisch genommen gut; denn sie sind bestens untergebracht und werden
von denen, die sie übernahmen, als Kinder geliebt und gepflegt. Doch in der
geistigen Hinsicht geht es den meisten darum übler, weil sie zumeist an die
reichen Heiden hintangegeben werden.
[GEJ.08_219,04] Das größte Glück der Menschen
aber besteht einzig und allein nur darin, daß sie schon in den frühen
Kinderjahren den einen und allein wahren Gott kennen und Ihn als den wahrsten
und besten Vater aller Menschen über alles lieben lernen. Die Heiden aber
kennen diesen Vater nicht, weil sie von solchen Eltern abstammen, die Ihn auch
nicht erkannt hatten. Und seht, darum sind solche Kinder, die aus eurer Mitte
an die finsteren Heiden hintangegeben worden sind, in der geistigen Hinsicht
übel daran, weil sie unter den Heiden ihren wahren Vater im Himmel, der ein
ewiger Geist ist voll Güte, Liebe, Weisheit und endloser Macht, nicht erkennen
und über alles lieben lernen können.
[GEJ.08_219,05] Doch von nun an, ihr Meine
gar lieben Kindlein, dürfet ihr keine Furcht mehr haben; denn es wird fortan
niemand mehr aus eurer Mitte hintangegeben werden, sondern ihr werdet alle hier
verbleiben und den wahren Vater aller Menschen kennen und über alles lieben
lernen und werdet darauf als freie und weise Menschen unter den andern Menschen
viel Gutes und daneben viel Nützliches stiften können. Darum seid alle nun
heiter und fröhlich und folgsam gegen eure Lehrer, so wird der Vater im Himmel
für euch sorgen, daß ihr zeitlich und ewig im Reiche des Vaters im Himmel
überaus glücklich werdet! Daß es euch aber also ergehen wird, das wird euch
euer Oberster Roklus auch selbst verkünden. – Seid ihr, Meine lieben Kindlein,
nun damit zufrieden?“
[GEJ.08_219,06] Sagte ein Knabe, der viel
Geist hatte: „O du bester Herr, mit dir wären wir wohl ganz zufrieden; aber
das, was du nun ausgesprochen hast, hat der strenge Oberste noch nicht
ausgesprochen, und solange der schweigt, sind wir noch nicht sicher daran. Sage
du ihm, daß er uns auch treu und wahr solch einen Trost gibt, dann erst werden
wir ganz fröhlich sein können!“
[GEJ.08_219,07] Sagte Ich: „Er wird es euch
schon sagen zur rechten Zeit. Ich aber bin ja ein Herr, gar mächtig auch über
euren Obersten, und was Ich sage und will, das wird er auch tun. Dessen könnet
ihr ganz volltrauigst versichert sein.“
[GEJ.08_219,08] Sagte der Knabe: „Bist du
etwa gar der Kaiser von Rom, weil du ein Herr gar mächtig auch über unsern
Herrn bist?“
[GEJ.08_219,09] Sagte Ich: „Ja, ihr Meine
lieben Kindlein, Ich bin noch um ein gar ungeheures ein größerer Herr als der
Kaiser Roms; doch solche Meine Herrlichkeitsgröße könntet ihr nun noch nicht
fassen! Roklus selbst wird euch alles zur rechten Zeit schon ganz klar zeigen,
und ihr werdet dann schon begreifen, wie Ich ein rechter Herr über euren
Obersten und ebenso über den Kaiser Roms bin, und ihr werdet Mich erst dann
recht loben und preisen und eine übergroße Freude haben darob, daß Ich euch nun
Selbst besucht habe.“
[GEJ.08_219,10] Hierauf versicherte denn auch
Roklus mit freundlichster Miene, daß er alles das allergenauest tun werde, was
Ich ihnen vorher verheißen habe.
[GEJ.08_219,11] Auf dieses Versprechen des
Roklus erst wurden die Kindlein ganz ruhig und glaubten, daß es nun also werde.
[GEJ.08_219,12] Ich segnete darauf die
Kindlein und herzte und koste sie, und wollte nun gehen; aber diese, zu Mir
Liebe und Vertrauen fassend, umringten Mich und baten, daß Ich doch nur noch
eine kurze Zeit bei ihnen verweilen möchte.
[GEJ.08_219,13] Und Ich sagte: „Ja, diesen
Bittstellern kann Ich nichts abschlagen, und will darum noch eine halbe Stunde
lang bei ihnen verweilen.“
[GEJ.08_219,14] Als die Kindlein solches von
Mir vernahmen, da wurden sie überfröhlich, und der Knabe fragte Mich ganz
zutrauensvoll, sagend: „O du lieber und höchst guter, größter Herr! Du hast uns
ehedem von dem überguten Geistvater im Himmel etwas gesagt, daß wir Ihn kennen
und über alles lieben lernen sollen. Ja, das werden wir auch ganz sicher, so
wir Ihn einmal werden erkannt haben! Aber wie werden wir Ihn erkennen, wer wird
Ihn uns zeigen? Kennst du Ihn etwa so recht gut? Wenn du Ihn kennst, da
beschreibe du Ihn uns, und wir werden Ihn denn auch gleich über alles zu lieben
anfangen, wenn wir Ihn Selbst auch noch nicht kennen!“
[GEJ.08_219,15] Sagte Ich: „Ja, Meine lieben
Kindlein, diese Sache ist nun freilich noch ein wenig schwer, weil ihr von Ihm
noch gar keine Vorbegriffe habt; aber Ich werde es dennoch versuchen, euch
welche zu geben, und so höret Mich nun nur recht aufmerksam an!
[GEJ.08_219,16] Der Vater im Himmel ist der
reinste, vollkommenste und ewige, überlebendige Geist, der nie einen Anfang
genommen hat und auch nie ein Ende nehmen wird. Er hat schon von Ewigkeit her
aus Sich Himmel und diese Erde und alles, was auf ihr ist, mittels Seiner
Allmacht erschaffen.
[GEJ.08_219,17] Wenn ein Mensch auf dieser
Erde etwas schaffen will, so muß er dazu Materie und allerlei Werkzeuge haben;
der Vater im Himmel aber benötigt, so Er etwas erschafft, weder einer schon
daseienden Materie, noch eines Werkzeuges, um mittels desselben aus der rohen
Materie etwas zu machen, – Sein allmächtiger Wille ist Sein Werkzeug.
[GEJ.08_219,18] Er hat denn auch die Menschen
erschaffen, daß sie Ihn erkennen und über alles lieben sollen, auf daß sie von
Ihm erhielten das ewige Leben.
[GEJ.08_219,19] Damit aber die Menschen
wissen, wie sie untereinander zu leben haben, so hat ihnen der Vater im Himmel
durch gewisse Propheten Seinen Willen geoffenbart. Wer danach lebt und handelt,
der überkommt das ewige Leben.
[GEJ.08_219,20] Menschen, die recht fromm
sind und den Vater über alles lieben und nach Seinen Geboten leben, bekommen
schon in dieser Welt die Stimme des Vaters zu hören und auch zu sehen Sein
Angesicht. Seid ihr, Meine lieben Kindlein, darum nur recht fromm, so werdet
ihr solch ein größtes Glück auch schon auf dieser Welt genießen!“
[GEJ.08_219,21] Die Kindlein versprachen,
alles das zu tun, was Ich ihnen angeraten habe, wenn sie nur einmal den Vater
im Himmel hören und sehen könnten, und fragten Mich, ob Ich den Vater im Himmel
schon oft gehört und gesehen habe, und wie Er wohl aussehe.
[GEJ.08_219,22] Sagte Ich mit sehr
freundlicher Miene: „Meine lieben Kindlein! Ich höre und sehe den Vater immer,
und Er sieht geradeso aus wie Ich, und Seine Stimme klingt auch so wie die
Meine; wer sonach Mich sieht und hört, der sieht und hört auch den Vater im
Himmel. Seht Mich daher nur recht gut an, und ihr könnet dann sagen, daß ihr
den Vater im Himmel schon gesehen und gehört habt!“
[GEJ.08_219,23] Hier schauten die Kinder Mich
fest an und sagten nach einer Weile: „Wenn der Vater im Himmel so aussieht wie
du, da muß Er sehr gut sein, und wir lieben ihn schon jetzt über alles! Wenn du
als ein höchster Herr auf dieser Welt auch so allmächtig wärest wie der Vater
im Himmel, da wäre nachher ja gar kein Unterschied zwischen dir und Ihm?“
[GEJ.08_219,24] Sagte Ich: „Ja wohl, das wäre
dann schon also, – und wer weiß es, ob Ich nicht auch so dann und wann ein wenig
allmächtig bin?“
[GEJ.08_219,25] Sagte der Knabe: „O du
allerbester, größter Herr auf der Welt! Möchtest du uns denn nicht auch etwas
zeigen von deiner kleinen Allmacht?“
[GEJ.08_219,26] Sagte Ich: „O ja, Meine
liebsten Kindlein; aber da müssen wir hinaus in den großen Garten uns begeben!“
[GEJ.08_219,27] Das war den Kindlein recht,
und wir begaben uns in den großen Garten, der recht viele freie Plätze hatte,
auf denen nichts angepflanzt war.
[GEJ.08_219,28] Als wir in dem Garten waren,
fragte Ich die Kindlein, sagend: „Höret, möchtet ihr auf den vielen freien
Plätzen, auf denen nichts angepflanzt ist, nicht allerlei Bäume mit süßen
Früchten haben?“
[GEJ.08_219,29] Sagten die Kindlein: „Ja,
wenn das zu machen möglich wäre, so wäre das wohl überaus gut! O wir bitten
dich darum, so du das vermagst!“
[GEJ.08_219,30] Sagte Ich: „So gehet denn
hin, und ehe ihr hinkommen werdet, werden für euch die erwünschten Bäume auch
schon auf allen freien Plätzen, mit Früchten voll beladen, in Bereitschaft
stehen!“
[GEJ.08_219,31] Die Kindlein eilten darauf
sogleich nach den freien Plätzen, die auch schon voll bestellt waren mit
allerlei Fruchtbäumen, worüber die Kinder eine große Freude hatten und auch
gleich die Früchte, die am Boden lagen, aufklaubten und verkosteten; und da
ihnen die Früchte gar so vortrefflich schmeckten, so fingen sie auch gleich
ordentlich an, dieselben zu verzehren.
[GEJ.08_219,32] Wir aber verließen den Garten
bei dieser Gelegenheit und begaben uns, da es schon gen Abend mit dem Tage
gekommen war, von den Kindlein unbemerkt, in unsere Herberge.
220. Kapitel
[GEJ.08_220,01] Hier angelangt, sagte Ich zum
Wirte: „Nun kannst du für ein Abendmahl sorgen; denn wir haben nun tüchtig
gearbeitet, und wer da arbeitet, der soll auch essen!“
[GEJ.08_220,02] Der Wirt ging denn auch
sogleich, ein Abendmahl zu bestellen.
[GEJ.08_220,03] Ich aber gab dem Roklus noch
allerlei Weisungen, was er alles zu tun haben werde, so er die stets besten
Zwecke erreichen wolle. Und so gab Ich ihm auch den Rat, wie er es den Kindlein
beibringen solle, daß sie in Mir den Vater im Himmel gesehen und gesprochen
haben.
[GEJ.08_220,04] Es wurden nun auch einige
Essäer in die Burg entsendet wegen der schon bekannten Wiederbelebung der toten
Kinder. Und als sie bald zurückkamen, war auch das Abendmahl schon bereitet,
und wir setzten uns denn auch alsogleich zu den Tischen und nahmen wohlgemut
dasselbe zu uns.
[GEJ.08_220,05] Nach dem Mahle entließ Ich
die Essäer alle mit den Weisungen, was sie noch in dieser Nacht tun sollten.
Sie dankten Mir und begaben sich an ihr Geschäft. –
[GEJ.08_220,06] Als die Essäer, bis auf
Roklus, uns nach Meinem Willen verlassen hatten, da besprachen wir uns noch
über gar manches bis nahe gen Mitternacht hin, und Roklus zeichnete sich dabei
auch alles ganz kurz in sein Gedenkbuch, was sich alles an diesem für diesen
Ort sicher denkwürdigsten Tage vom Morgen bis zum Abende hin ereignet hatte.
Gen Mitternacht aber erhob er sich auch vom Tische, dankte Mir für alles aufs
inbrünstigste und bat Mich, daß Ich am Morgen ihm gestatten möchte, Mich vor
Meiner Abreise noch einmal zu besuchen und eine gute Strecke Weges zu
begleiten.
[GEJ.08_220,07] Ich aber sagte zu ihm:
„Freund, du kannst tun, was du willst, und was deine wahre und lebendige Liebe
zu Mir tut, ist allzeit wohlgetan! Doch du wirst morgen schon sehr früh
wichtige Dinge zu tun und zu schlichten bekommen, die sich schwer werden
aufschieben und überlegen lassen; daher nehme Ich deinen Willen, Mich am Morgen
noch einmal zu besuchen und eine Strecke weit zu begleiten, fürs Werk an.
[GEJ.08_220,08] Ich Selbst aber werde am
frühen Morgen mit Meinen Jüngern Mich auf den Weg nach Jericho machen, um nach
dem Untergange an Ort und Stelle zu sein. Du meinst freilich wohl, daß dieser
weite Weg sich auf eine natürliche Weise in einem Tage wohl nicht werde
zurücklegen lassen. Ich aber sage es dir, daß bei Mir alle Dinge möglich sind.
Es ist morgen freilich wohl ein Sabbat, an dem ein Jude auch nicht reisen
sollte. Ich aber bin ein Herr auch über den Sabbat und sage es dir, daß ein
jeder Mensch auch an einem Sabbat Gutes wirken kann und soll! Ich aber will
dadurch den Sabbat nicht irgend aufheben; doch der Juden alte Sabbatsträgheit
hebe Ich auf, und Meine Jünger sollen denn auch an jeglichem Sabbate tätig sein
in Meinem Namen! Denn durch die Trägheit am Sabbat wird Gott eine schlechte
Ehre erwiesen.
[GEJ.08_220,09] Ich sagte dir das, auf daß du
auch in dieser Hinsicht den Brüdern Meinen Willen kundmachest, weil einige
unter ihnen bei sich noch große Stücke auf des Sabbats Trägheit halten.
[GEJ.08_220,10] Und so weißt du nun alles,
was euch allen vorderhand not tut. So ihr aber bei verschiedenen Gelegenheiten
in Meinem Namen lehren und wirken werdet, da denket nicht, wie und was ihr
reden und wie ihr ein Werk beginnen und beenden sollet; denn Ich Selbst werde
euch stets alles ins Herz und in den Mund legen und wohl erleuchten euren
Verstand und stärken euren Mut und Willen! Mit dieser Versicherung kannst du
dich nun denn auch voll Trostes zur nötigen Leibesruhe begeben, auf daß du
morgen unverdrossen wirken kannst.“
[GEJ.08_220,11] Nach diesen Meinen Worten
begab sich nach einem nochmaligen herzlichsten Gruße an Mich und Meine Jünger
Roklus mit Liebetränen in den Augen aus der Herberge in die Burg, und wir
begaben uns denn auch zur Ruhe.
[GEJ.08_220,12] Am frühen Morgen verließen
wir unsere Ruhestätten und richteten uns zur Abreise.
[GEJ.08_220,13] Es trat aber der freundliche
Wirt zu Mir und bat Mich, daß Ich denn doch vor der Abreise ein Morgenmahl zu
Mir nehmen möchte, weil der Weg ein weiter und öder sei, auf dem man eine volle
Tagesreise weit keine Herberge antreffe.
[GEJ.08_220,14] Sagte Ich: „Freund, deren
bedürfen wir auch nicht; denn Ich Selbst bin die Herberge aller Herbergen! Du
hast es gestern zu Mittag gesehen, wie wir alle ohne Deine Küche sicher bestens
versorgt worden sind, – und sieh, also kann Ich es denn auch auf dem
herbergslosen Wege tun!
[GEJ.08_220,15] Es werden aber nach unserer
Abreise bald Arme eben aus der Gegend um Jericho hier Hilfe suchend in dieser
Herberge einkehren; diese bewirte du an unserer Statt, und du wirst dadurch ein
Mir wohlgefälliges Werk ausüben!“
[GEJ.08_220,16] Der Wirt versprach Mir, alles
zu tun, wie Ich es allen gesagt und geraten habe, und bat Mich, daß Ich seiner
stets gnädig gedenken möchte.
[GEJ.08_220,17] Und Ich versicherte ihn
dessen und sagte: „Bleibe du unverwandten Sinnes und Herzens durch die tätige
Befolgung Meiner Lehre in Mir, und Ich werde mit Meiner Gnade und Liebe bleiben
in dir geistig kräftig und tätig! Amen.“
[GEJ.08_220,18] Darauf traten wir schnell ins
Freie und zogen vom Orte ab.